diff options
| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-04-12 06:21:03 -0700 |
|---|---|---|
| committer | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-04-12 06:21:03 -0700 |
| commit | 48bbc73855688b7b13c43e4f5f19361ee611871a (patch) | |
| tree | bf1188f4d2d1cc0d00bbd2b00477e046c6d58272 | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 4 | ||||
| -rw-r--r-- | 75838-0.txt | 19247 | ||||
| -rw-r--r-- | 75838-h/75838-h.htm | 25267 | ||||
| -rw-r--r-- | 75838-h/images/cover.jpg | bin | 0 -> 204692 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 75838-h/images/logo.jpg | bin | 0 -> 36372 bytes | |||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
7 files changed, 44531 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/75838-0.txt b/75838-0.txt new file mode 100644 index 0000000..b9e05f3 --- /dev/null +++ b/75838-0.txt @@ -0,0 +1,19247 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75838 *** + + + + + + Berge + Meere und Giganten + + + Roman + + von + Alfred Döblin + + + 1924 + S. Fischer / Verlag / Berlin + + + Sechste bis neunte Auflage + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten + Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag A.-G., Berlin + + + + + Zueignung + + +Was tue ich, wenn ich von dir spreche. Ich habe das Gefühl, als dürfte +ich kein Wort von dir verlauten lassen, ja, nicht zu deutlich an dich +denken. Ich nenne dich „du“, als wärst du ein Wesen, Tier Pflanze Stein +wie ich. Da sehe ich schon meine Hilflosigkeit und daß jedes Wort +vergebens ist. Ich will nicht wagen euch nahe zu treten, ihr Ungeheuren, +Ungeheuer, die mich auf die Welt getragen haben, dahin, wo ich bin und +wie ich bin. Ich bin nur eine Karte, die auf dem Wasser schwimmt. Ihr +Tausendnamigen Namenlosen hebt mich, bewegt mich, tragt mich, zerreibt +mich. + +Ich habe schon Vieles geschrieben. Nur herumgegangen bin ich um euch. +Mit Angst habe ich mich vor euch entfernt. In meiner Demut vor euch war +Angst vor Lähmung und Betäubung. Immer habe ich euch, ich gestehe es, +als Schreckliches in einem dunklen Winkel des Herzens gehabt. Da hatte +ich euch verborgen, hielt die Türe zu. + +Jetzt spreche ich – ich will nicht du und ihr sagen – von ihm, dem +Tausendfuß Tausendarm Tausendkopf. Dem, was schwirrender Wind ist. Was +im Feuer brennt, dem Züngelnden Heißen Bläulichen Weißen Roten. Was kalt +und warm ist, blitzt, Wolken häuft, Wasser heruntergießt, magnetisch +hin- und herschleicht. Was sich in Tieren sammelt, in ihnen die +Schlitzaugen nach rechts und links bewegt auf ein Reh, daß sie springen +schnappen, die Kiefern öffnen und schließen. Von dem, was dem Reh Furcht +macht. Von seinem Blut, das fließt und das das andere Tier trinkt. Von +dem Tausendwesen, das in den Stoffen Steinen Gasen haucht, raucht, sich +löst, verbindet, verweht. Immer neuer Hauch und Rauch. Immer neues +Prasseln Verschmelzen Verwehen. + +Jede Minute eine Veränderung. Hier wo ich schreibe, auf dem Papier, in +der fließenden Tinte, in dem Tageslicht, das auf das weiße knisternde +Papier fällt. Wie sich das Papier biegt, Falten wirft unter der Feder. +Wie die Feder sich biegt, streckt. Meine führende Hand wandert von links +nach rechts, nach links vom Zeilenende zurück. Ich spüre am Finger den +Halter: das sind Nerven, sie sind vom Blut umspült. Das Blut läuft durch +den Finger, durch alle Finger, durch die Hand, beide Hände, die Arme, +die Brust, den ganzen Körper, seine Haut Muskeln Eingeweide, in alle +Flächen Ecken Nischen. So viel Veränderung in diesem hier. Und ich bin +nur ein Einzelnes, ein winziges Stück Raum. Auf meinem Tisch, dem weißen +Tuch verwelken drei gelbe Tulpen, jedes Blatt daran unübersehbar reich. +Daneben grüne Blätter von Weißdorn Rotdorn. Unten auf dem Rasen +Stiefmütterchen Vergißmeinnicht Veilchen. Es ist Mai. Ich habe nicht +gezählt, wie viele Bäume Blumen Gräser in den Anlagen stehen. An jedem +Blatt Stengel Wurzelschaft geschieht sekundlich etwas. + +Da arbeitet das Tausendnamige. Da ist es. + +Singen der Drosseln, Rasseln Schmettern der Schienen: da ist es. + +Stille, mit einer Bewegung gefüllt, die ich nicht höre, von der ich doch +weiß, daß sie abläuft: da ist es. Das Tausendnamige. Sich unaufhörlich +Wälzende Drehende Aufsteigende Zurückfallende sich Kreuzende. + +Ich gehe auf dem weichen wippenden Boden am flachen Ende des +Schlachtensees. Drüben die Tische Stühle der Alten Fischerhütte, Dunst +über dem Wasser und Schilf. Am Boden der Luft gehe ich. Eingeschlossen +in diesem Augenblick mit Myriaden Dingen an dieser Ecke der Welt. Wir +sind zusammen diese Welt: weicher Boden Schilf See Stühle Tische der +Fischerhütte, Karpfen im Wasser, Mücken darüber, Vögel in den Gärten der +Villen von Zehlendorf, Kuckucksruf Gräser Sand Sonnenlicht Wolken Angler +Angelrute Leinen Haken Köder Kindergesang Wärme elektrische Spannung der +Luft. Wie blendend tobt oben die Sonne. Wer ist das. Welche Masse Sterne +toben neben ihr, ich seh’ sie nicht. + +Die dunkle rollende tosende Gewalt. Ihr dunklen rasenden, ineinander +verschränkten, ihr sanften wonnigen kaum ausdenkbar schönen, kaum +ertragbar schweren nicht anhaltenden Gewalten. Zitternder greifender +flirrender Tausendfuß Tausendgeist Tausendkopf. + +Was habt ihr mit mir vor. Was bin ich in euch. Ich muß sprechen von +euch, was ich fühle. Denn wer weiß wie lange ich noch lebe. + +Ich will nicht aus diesem Leben gegangen sein, ohne daß sich meine Kehle +geöffnet hat für das, was ich oft mit Schrecken, jetzt stille, +lauschend, ahnend empfinde. + + + + + Erstes Buch. + + Die westlichen Kontinente + + +Es lebte niemand mehr von denen, die den Krieg überstanden hatten, den +man den Weltkrieg nannte. In die Gräber gestürzt waren die jungen +Männer, die aus den Schlachten zurückkehrten, die Häuser übernahmen, +welche die Toten hinterlassen hatten, in ihren Wagen fuhren, in ihren +Ämtern dienten, den Sieg ausnutzten, die Niederlage überstanden. In die +Gräber gestürzt die jungen Mädchen, die so schlank und blank über die +Straßen gingen, als wäre nie ein Krieg zwischen Männern in Europa +gewesen. In die Gräber gestürzt die Kinder dieser Männer und dieser +Frauen, die heranwuchsen, an den Häusern bauten, die sie übernommen +hatten, die Fabriken bevölkerten, die die Toten errichtet und stehen +gelassen hatten. + +Geschlecht um Geschlecht war wie von einer langsam rutschenden Wand +umgelegt worden. Sie begaben sich in die dunklen Wohnungen, die die +Elemente bereiteten. Hinter ihnen wurden schon die neuen Geschlechter +emporgehoben, fluteten aus geöffneten Schleusen über die verlassene +Welt. + +Immer waren wieder blanke junge Mädchen da. Junge Männer mit glänzendem +zurückgekämmtem Haar, lebhaften Augen, frischen Mündern und Backen, die +gern lächelten. In den Alleen Alte an Stöcken mit abwesenden Blicken, +und winzige Geschöpfe in weißem Leinenzeug, die mit schrumpfligen +Fingerchen sich vor das blinzelnde rosige Gesicht griffen. Am Himmel +bewegte sich das stille blitzende Licht, das morgens erschien und abends +unterging. Die Erde drehte sich in Tag und Nacht. Trug Erdteile Meere +Gebirge Flüsse mit sich. Gab von Jahr zu Jahr neuen Sommer und Winter +von sich. Wälder wurden von ihr hochgewälzt; sie stürzten ein; sie trieb +neue auf. Schmetterlinge hauchte sie für ein paar Tage hin. Fische +Landtiere Vögel Ameisen Käfer Schnecken wuchsen und zerfielen. + +Die Menschen der westlichen Völker hinterließen ihren Nachkommen das +Eisen die Maschinen, Elektrizität, die unsichtbaren stark wirkenden +Strahlungen, die Berechnung zahlloser Naturkräfte. Man hatte Apparate +von ungeheurer Macht. Wie die neuen Menschen ins Leben traten, jubelten +sie über die Aufgabe, die vor ihnen lag. Es war ihnen gleich, daß ihnen +der Weg vorgezeichnet war; sie und dieser Weg konnten sich nicht +trennen. Diese Maschinen, Apparate, für die die glanzvollsten reichsten +Lehrstätten gegründet wurden, die die anderen Wissenschaften verdrängt +und banal gemacht hatten, unernst und ärmlich, wurden Saugapparate, die +von Jahrhundert zu Jahrhundert, zuletzt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt +intensivere Kraft entfalteten. + +Wie die Apparate und Einrichtungen da standen, sprühend an Vermögen, +wurden die Menschen gedrängt, sie über die Länder zu führen. Die +Erfindungen waren Zauberwesen, die ihnen aus den Händen glitten und sie +hinter sich herzogen. Die Menschen fühlten, es war ihr Wille, der vor +ihnen flog. + +Um Europa und Amerika lagen die Länder, denen man die Macht der Apparate +zeigen mußte, wie ein Liebhaber seine süße Geliebte strahlend über die +Straßen führt. Jeder bewundernde Blick fährt ihm wonnig ins Herz; er +geht neben ihr, ihren Arm haltend, die ihn verschämt anblickt, blickt +stolz nach allen Seiten. Sie drangen in die östlichen und südlichen +Kontinente ein. Die Winde der Atmosphäre flossen um die Erdkugel, +strömten von wärmerer nach kälterer Erde, stiegen auf, flossen oben ab. +Sie wehten, die heiße Zone verlassend, nach Süden und Norden hin; die +drehende Erde bog sie zur Seite. Gewaltig die Meeresströmungen, die das +gleichmäßige Wasser durchdrangen. Von regelmäßigen breiten Furchungen +waren die küstennahen Meere durchzogen, den Strandlinien parallel: +Wellen in ungeheurer Bewegung setzten an, unablässig aus der Ferne +nachdrängend; einförmig ihr Weg; sie schmetterten gegen den Strand. Den +Apparaten der Menschen war nicht vorgeschrieben, wohin sie sich zu +wenden hatten. Die fliegenden Menschen durchzuckten jede warme und kalte +Luft, mochte sie über dem Boden östlich oder westlich schwimmen, oder in +dem Kalmengürtel sich langsam über dem tropischen Boden erheben. +Ölschiffe Unterwasserboote sausten fegten durch jedes Wasser; wie ein +Messer in der Hand des Chirurgen, das das Gefäß umschneidet +überschneidet. Die Menschen drangen in die weiträumigen Landschaften +ein, Gebirge und Tiefebenen, heiße und kalte Gegenden tragend, die Asien +heißen. Die schweifenden fellbekleideten Wogulen Ostjaken Jakuten +Tungusen wichen von ihnen erschreckt und höhnisch ab. Die gelben Völker, +Chinesen Japaner, wehrten sich nicht, aber nahmen ihnen die Apparate aus +der Hand. + +Auf Afrika richteten die blassen eisengetriebenen Männer und Frauen ihre +Augen. Der uralte noch immer traumverlorene Erdteil. Über die blaugrüne +Fläche des Mittelmeeres fuhren von Norden her wie Geschosse die Schiffe +der weißen Völker. Die Randgebirge überflogen die leichten Menschen. +Siebzig Breitengrade überdeckte der plumpe Erdkoloß. + +Am Mittelmeer lagen die Reste der kleinen arabischen Siedlungen, noch +von Räubern Entarteten Ungezähmten bewohnt, die Zufluchtsstätte der +nordischen Verbrecher, Kampfzentra gegen die erdumspannende Gesellschaft +und ihre knebelnde Sicherheit, auch Schmarotzerherde, wie Polizisten und +Richter die Blößen der Gesellschaft erspähend, um sie auszubeuten. Sie +züngelten viperartig vor. Aus den Jammerlöchern um die Große Syrta, aus +Trabulus Lebda Masrata, die verfallen waren wie altbabylonische und +ägyptische Städte, stiegen die zahllosen Männer und Frauen, die während +vieler Jahrzehnte den europäischen Stier stichelten und quälten. Über +sie brausten die weißen Männer und Frauen in kleinen fliegenden +Apparaten weg, über die Randgebirge in die heiße große Wüste. + +Die Wüste, das mächtige Wesen, zog sich fünfzehn Breitengrade hin, +hinter den Bergketten von Marokko bis Tunis versteckt, von Mauretanien +und den Zugstraßen der braunen Tuaregs bis zu alten Weideplätzen der +berberischen Aulad Soliman. Sie streckte sich, von den Küstenterrassen +herwachsend, mit Ebenen Gebirgsstöcken Dünen grau und weiß unter der +Sonne aus, die fast gesichtsnah auf ihr lag. Kiesebenen und Steinwüsten +ließ sie wechseln. Der Wind zehrte an den nackten glühenden Hügeln, +zerrieb mit Sand die Felsen, die Hitze zersprengte zermürbte die Felsen. +Wirbelstürme arbeiteten wetzend. Langsam zerfielen die uralten Gebirge +der Erde. Aus der Masse des gelben und weißen Flugsandes stiegen +schwarze Hügel Klippen hervor. Neben den Steinplateaus der Hammada +al-Hamra lagen die niederbrechenden niedersinternden Trümmerfelder des +zernagten Serirs. Der Kalk trat zutage, der den schwarzen zerriebenen +Sandstein trug; in Dünen wurde alles zu Sand hingelegt. Tibesti das +wilde Gebirge, das im Süden zwei Breitengrade überdeckte; dunkelfarbige +Blöcke, massig aufeinander gestuft, kahl und nackt. Aus den senkrechten +Wänden rieselte stäubte unter dem saugenden Gluthauch der bläuliche +grüne weiße Kalkstein. Riesenwürfel bröckelten glitten langsam von den +skelettierten Bergen ab, die Hügel flachten sich ab, schoben sich zu +Steinflächen aus mit schwankenden Pfeilern und Säulen. Sechshundert öde +Kilometer von Ost nach West das Steinland, die Hammada al-Hamra; der +Boden gab sich nur dem Wind und der Sonne her; dünner Sand trieb über +ihn hin. Zweihundert tote Kilometer wogte das Land südwärts. Wasserlose +Ebenen nach Südosten hin. Dies war Fessan. In den kahlen Kalkebenen +zwischen den schwarzen Bergen des Tibesti wohnten die Tedas. Lebten mit +dem rasenden Wind, der in Wirbeln über die Platten ihres Landes strich, +unter den graugelben Sandhosen, die über den Ebenen hinschwebten. +Nadlige Tamariskenbüsche stiegen aus dem gedörrten Boden auf, +Sajalakazien, breitkronige Bäume. Selten quoll trübes Wasser zur +Oberfläche auf, zu den Disteln Dornbüschen Halfagras. In den zerstreuten +spärlichen Pflanzungen stand die Dattelpalme; tief ließ das schlanke +anmutige Pflanzengeschöpf seine saugenden Wurzeln in die feuchte +Bodenschicht hängen, wiegte auf dem hohen Stamm seine buschige Krone. +Die Tedas der Wüste hatten zierliche magere Leiber, dunkelgelblich ihre +Haut, die platte Nase hing herab, wulstig die Lippen, der falsche +lauernde Blick, nicht haftend wie der der Zwergvölker der Büsche. In +ihren dunklen Hemden, den dunklen Schal vor Mund und Nase, Ledersäckchen +mit Zauber an Turban Hals Arm zogen sie mit Kamelen von Brunnen zu +Brunnen. Kamelmilch und Datteln ihre Nahrung, die ihre Zähne zu braunen +Stummeln auflöste. Die Haut unter ihren Sohlen so hornig, daß sie über +Kiesel und heißes Schiefergestein laufen konnten. Gebleichte +Kamelknochen, die sie fanden, pulverten sie, rührten das Pulver mit +Blut, das sie einer Ader der Tiere entnahmen zu Teig; daran sättigten +sie ihren Leib. Die Lederringe an ihren Messern zerklöppelten sie mit +Steinen, kochten zerschnitten sie, sättigten sich. Nachts schwieg der +Sandwind. Wenn an dem tiefdunklen klaren Himmel glänzende Lichter +hervortraten, die große Mondkugel im silbernen Äther hoch schwebte, +erhoben sie sich stumm aus dem Felsschatten, ein Fatifa murmelnd, +wanderten stumm unverschleiert weiter. Tuaregs wuchsen wie sie auf den +Flächen der westlichen Wüste; magere mißtrauische Menschen mit +zweizinkigen kurzen Wurfeisen und Speeren. + +Über den Wellen und Bergketten der Wüste erschienen die weißen +getriebenen Flieger. Von den Lagerplätzen der Nomaden trugen sie +ängstliche junge mit Gewalt mit sich fort, setzten sie nach Stunden +wieder bei ihrer hinstürzenden Horde aus. Die Tedaleute ließen sie bei +sich übernachten. Wie der Mond aber sein weißes Licht über die +Landschaft goß, lagen die bronzehäutigen Männer vor den Zelten der +Fremden, im Schatten, lüfteten lautlos die Wand, warfen Speere. Kaum +eine Handbreit flogen die ins Dunkle. Zum Entsetzen der sich +hinwerfenden Tedas prallten die eisernen Spitzen wie von einer Wand ab; +der lange vibrierende Stab rollte rückwärts. Wenn sich drin bei den +schlafenden Männern nichts rührte, schlichen überall geduckt verhüllte +Nomaden an die Lagerstätten der Fremden, Revolver in den Händen, die sie +von ihnen geschenkt erhalten hatten zu dem roten Tarbusch, dem +blauschwarzen Sudanhemd und Beinkleid, dem blauschwarzen Schal für Mund +und Nase. Je dichter sie an die Fremden herankamen, um so gewichtiger +wurden die Waffen in ihren Fingern. Sie mußten mit Gewalt die Revolver +vorwärtsdrängen, die sich vor der Annäherung an ihren früheren Besitzer +zu fürchten schienen. Wie aber der gespannte Hahn einschnappte und das +Pulver krachte, warf das Explosionsgas das Geschoß nur wenig im Rohr +vorwärts, dann drückte die Kugel rückwärts, das Rohr zersprang +knatternd, zerriß den Angreifern die Hände. Die Fremden standen ruhig +auf. Die kleinen Lederkästchen, die die eisenabstoßende Ladung +enthielten, schnallten sie fester über ihren Brüsten, verbanden die +Verwundeten, sprachen den Angreifern, die sich im Sand vor ihnen +vergruben, zu, und denen, die im schwarzen Tamariskenschatten im +Hinterhalt bewegungslos lagen. + +Über Horden, die mit ihren Kamelen von versiegenden Brunnen zu +versiegenden Brunnen sich schlugen, senkten sich fliegende Fremde, +legten gefüllte Schläuche unter sie. Da kam Unruhe Ungeduld unter die +Stämme von der Großen Syrta bis zum Tsadsee. Mehr und mehr von den +Männern und den zierlichen Frauen blickten verlangend auf die weißen +fliegenden Menschen, verschwanden mit ihnen. Die Alten saßen an ihren +Lagerplätzen, in den Dattelpflanzungen, fühlten Grimm Haß Trauer +Ohnmacht. Stämme im südlichen Tibestigebirge ließen ihre Pflanzungen im +Stich, flohen in die Wüste bei der Annäherung der Weißen, zerrissen die +Schläuche, die ihnen die fremden Zauberer zuwarfen, schlugen sich, vom +Haß getragen, vorwärts. Das Abbröckeln unter der Verlockung der Europäer +war nicht zu verhindern. Fessan, die Hammada von Murzug, das westliche +Steinplateau der Wüste leerte sich von den dürren braunen Menschen, die +sie gezeugt hatte. Sie schwammen durch die Luft, dienten den weißen +Meistern, die Diener einer geheimnisvollen abenteuerlichen Weisheit, +eines Zauberwesens waren, das sich in der kalten feuchten Region +angesiedelt hatte. Die ernsten Wüstensöhne wurden in die warmen +Küstenlandschaften des Mittelmeers, nach Sizilien, Unteritalien, dem +Balkan, Spanien geworfen. Viele flohen nach Freiheit verlangend zurück, +verkamen, unfähig die alten Sitten zu lieben, die neuen anzunehmen, von +den einschmelzenden Resten ihrer Stämme geächtet. + +Die Große Wüste dehnte sich unbewegt, stumm von den Küstenterrassen, mit +Steinflächen Kiesebenen Dünen und Hochplateaus, mit Natronseen grünen +Oasen über das heiße Festland bis zum Tsadsee, aus dem die Elefanten +soffen, an dem die Antilopen sprangen, Pelikane flogen. + +Die Massen des Sudan wurden ergriffen, Wangela Aschanti Sokoto Fallata, +die vom Kongo Mantema Urua und südlich am Tanganika. Diesmal gab man +ihnen nicht bunte Stoffe Glasperlen, nahm ihnen Elfenbein Kautschuk. Die +Völker schmolzen nicht zusammen, als die Nordmänner und -frauen bei +ihnen erschienen. Es hatte die längste Zeit Buschvölker Akkahs Pygmäen +gegeben. Die kaffeebraunen Waldkobolde mit den tiefeingesenkten +verkniffenen Augen, den großen Rundköpfen, den affenartigen Fratzen, die +gehaßten scheuen Zwerge waren in Kürze von ihren Nachbarn, den Monbuttu, +ausgerottet; und wo sie auf der Wanderschaft erschienen, saß man hinter +ihnen her, tötete sie. Die gekrümmten Säbelmesser die Lanzen +Pfeilspitzen mit Blutrinnen, die Bogen aus Rohr fielen den dunklen +Männern zuerst aus der Hand. Es hatte keinen Sinn mit den alten Waffen +umzugehen, die Weißen boten stärkere, leicht handliche. Sie brachten +nicht nur die Waffen, sondern setzten sich unter die dunklen Männer und +Frauen, zeigten, wie man gefährliche Kräfte aus der Luft und Erde holt, +wie man sie steigern und anreichern kann. Auf nichts waren die Schwarz- +und Braunhäute so aus wie auf Gewinnung der neuen Geschosse Gase +Abwehrschilde und Masken. Und wie sie die Geschosse hatten und ihren +Nachbarn überlegen wurden, – die zuerst ergriffenen von der Guineaküste, +die von Joruba und Benin über die westlichen Aschantis, die +Mandingoleute über die von Futa Djallon und die Gebirgsvölker am oberen +Niger, die Makua von Mozambique über das Gasaland Matebelereich Lobise +Uamba Batonga – gaben sie, sich kriegerisch ansiedelnd, die Holzscheunen +die Rundhütten aus Lehm Akazienästen Strohdächern auf. Die eisernen +gläsernen rasch zerlegbaren Wohnungen der nördlichen Striche zogen +unwiderstehlich ein. Und die Menschen drängte es, zu wissen, wie man sie +baute, um neue zu bauen, die entfernten Stämme zu unterwerfen. An der +Westküste, am mittleren Niger, Tanganikasee, Senegal, wo feste +Negerstaaten entstanden, gingen die ersten Bergwerke in den +unerschlossenen Boden, getrieben von den kriegerischen Einheimischen. +Stämme über Stämme wurden ausgerottet. Immer kämpfte die lähmende reiche +Schönheit, üppige Fruchtbarkeit der Länder mit dem Ehrgeiz der Menschen, +hinter denen die Wunderapparate der Nordleute standen. Da entstanden die +ungeheuerlichen Reiche der Eingeborenen, wie die Gewächse des Landes +sich rapid ausbreitend, andere umschlingend und in sich +zusammenstürzend. + +Und wie die Reiche stürzten sich befestigten, flogen und fuhren neue +stolze Scharen Weißer, die Erfinder Entdecker, Herren der Gewalten, ein, +gaben ihr Werk hin, schmolzen selbst unter den Farben und der Wärme des +Landes. Die Braunen Schwarzen Graubraunen aber wurden verlockt, an die +Quellen dieser Kräfte zu gehen; sie drängten nach Norden. Und es war ein +sonderbares Geschick, das damals die eisernen weißen Volksstämme traf: +ihre Fruchtbarkeit ließ nach. Während ihr Hirn zu immer glänzenderen +Taten vordrang, verdorrte die Wurzel. Gleichmäßig sanken im Laufe der +Jahrzehnte bei den europäischen Völkern die Kinderzahlen. Es war nicht +erkenntlich, ob es die Berührung mit den neugefundenen strahlen- und +gasförmigen Substanzen war, die dies verursachte, oder die Ernährung mit +den sehr erregenden reizenden künstlichen Mitteln, die neuen Rausch- und +Betäubungsstoffe. Um so fruchtbarer waren die lüstern an die strahlenden +Zentren drängenden Farbigen, die schweißdunstenden Männer und Frauen mit +den blitzenden und melancholischen Augen, die wie Dienende und +Unterworfene erschienen und in einigen Generationen alles überfluteten. + + * * * * * + +Wie Dämonenscharen durchzogen Einpeitscher die Kontinente Afrikas +Amerikas Europas. Das waren Männer und Frauen, die die Menschen reizten +mit Dingen, die sie ihnen boten, – reizten, versuchten, gegeneinander +stachelten. Die Menschen waren ein wachsendes Bündel, ein Sandhaufen von +Bedürfnissen, auf die die Einpeitscher neuen Sand bliesen. Durchzittert +von Spannungen wurden die Menschen wie erhitzte Luft über Feuer. Von +allen großen Stadtlandschaften nach allen Orten kamen Männer und Frauen, +beobachteten, trugen Dinge Freuden Schmeicheleien Wohliges Mildes heran. +Man sah die Wesen in den Städten und auf dem freieren Lande sich +verändern. Die Einpeitscher hatten das Spiel in der Hand, hatten die +Bewegung nur einzuleiten; dann drängten die Gehetzten schon, schrien +nach ihren Hieben. Die früheren Generationen hatten sich damit begnügt, +genährt gekleidet gewärmt mäßig unterhalten zu werden. Es war den +Menschen an den Apparaten klar, daß dies nicht genügte. Die westlichen +Menschen begehrten viel; es mußte ihnen noch mehr gegeben werden. + +Nachrichten wurden verbreitet. Man hatte in den Stadtschaften kunstvolle +zauberhafte Apparate, die nach allen anderen Orten meldeten, womit sich +die Menschen hier befaßten, was sie zueinander sagten, wie sie ihre +Einrichtungen veränderten, was sich bei ihnen hervortat. Fernbilder +trugen die Gestalten der Menschen, der Gegenstände weiter. Ein Reiz, der +aufstand, war eine Feuersbrunst, die eben noch Funken einer Flamme, +jetzt das ganze Viertel, die Stadt einhüllte. In fernen Ländern, auf +Gebirgen, an wilden wassertosenden Strömen, auf tropischen +hitzeübergossenen tierwimmelnden Steppen saßen Menschen, Stämme, die in +sich ruhten. Zu ihnen fuhr der Reiz das Wort die Gestalt. Die Bilder +standen vor ihnen, traten immer wieder vor sie, rissen an ihnen. Daß sie +sich vom Wasser lösten, aus der einwiegenden Hitze drängten. Wie eine +Schaufel unter einen Steinhaufen, der am Boden liegt und bemoost ist, +drang die Erregung knirschend unter die Menschen, hob sie an, zerstreute +sie. + + * * * * * + +Die alten politischen Staaten bestanden noch dem Namen nach. Wie die +Hautfarben, die Gesichter arabisch ägyptisch negerhaft sich veränderten, +die Sprachen zu einem Kauderwelsch wurden, in dem sich nördliche und +südliche Zonen berührten, so verloren die Staaten ihren alten strengen +Charakter. Eine fast gleichförmige Menschenmasse bevölkerte das Gebiet +von Christiania bis Madrid und Konstantinopel. Wie im Sprachlichen so +überwog hier die, dort die Art. + +Langsam war in zwei neuen Jahrhunderten der westliche Völkerkreis unter +das Imperium London-Neuyork gekommen. Das angelsächsische Imperium war +es, in dem sich die Ströme dunkler grauer schwarzer brauner weißer +Menschen miteinander langsam mischten. Dann zermorschten die politischen +Gewalten. Als die Apparate und Erfindungen sich häuften, wuchs der +allgemeine Reichtum. Eine Erleichterung, Abkürzung fast aller +Tätigkeiten trat ein. Zugleich zeigte sich die Gefahr dieser +Menschheitsperiode, deren Ungeheuerlichkeit sich erst nach weiteren +Jahrhunderten entfalten sollte. Man bedurfte nicht vieler Menschen für +die Apparate. Der Krieg früherer Zeiten ernährte sich selbst; jetzt +konnte man die Menschen nur in Bewegung erhalten durch immer neue +Erfindungen, die den Niederbruch alter Industrien, den Aufbau neuer mit +sich führten. In einer Erschlaffungsperiode, als man von den +Entdeckungen der vergangenen Jahrzehnte lebte und sie sich ungehindert +auswirken ließ, setzte die erste große, nicht lärmende Katastrophe ein. +Die Besitzer der Werke Erfindungen, denen die Reichtümer zuströmten, +streckten zuerst, um die Menschen festzuhalten, die Arbeiten, fügten +Zwischenarbeiten ein, ja legten wichtige Maschinen still, um Arbeit zu +schaffen. Sie entwickelten für Aufsicht, Berechnung eine ungeheure +völlig luxushafte Bureaukratie. Aber all diese krampfhaften ängstlichen +und hilflosen Maßnahmen genügten nicht. Die Betriebe wurden fast +erdrückt, aber noch stärker war der Zustrom der Menschen, die sich in +den Städten versammelten. Die Beherrscher der Apparate wußten nicht +mehr, wie sie den Schein der Arbeit aufrechterhalten sollten. Sie wußten +nicht, ob sie ihre technischen Gefährten und Wissenschaftler zu neuen +Erfindungen anspornen sollten oder nicht vielmehr selbst ihre Betriebe +demolieren. Mit Grauen sahen sie die Reichtümer auf sich zufließen; ein +sonderbares Schuldgefühl drängte sie, die Güter von sich abzulenken. Sie +kämpften entsetzt mit der Technik, die über sie hergewachsen war, und +mit den Menschen, deren Zahl und Furchtbarkeit wuchs. Es gab eine Zeit, +wo die Industrien erst selbständig, dann mit Hilfe des Staates ein +riesiges alle umspannendes System der Geld- und Warenverteilung +organisierten. Das waren die freiwillig von den Industrien abgeworfenen +Güter. Die Industrien ernährten den Staat, aber versteckten sich. Es +war, als wollten sie Entscheidungen aus dem Weg gehen und sich +loskaufen. Dann wuchsen sie in ihre Rolle hinein. Als Gelder und Waren +aus ihren Becken wegschwammen, fühlten sie, wer sie waren und was sie +hatten. Eine kleine Anzahl Industrieherren warf, unfähig die +Verantwortung zu tragen, die Werke dem Staat in die Hände. Die Mehrzahl +aber griff in die schon automatisch laufende Verteilungsmaschinerie. Mit +zwei drei Zügen kämmten sie ihre gewaltigen Anlagen fast menschenleer. +Sie wollten eine Regelung der Zuwanderung, selbständige Bestimmung über +die Verteilung der Güter. Da auch der Staat und die politische Regierung +nur durch sie lebte, wollten sie Macht über die Regierung. Während +Hungersnot Menschenflucht einsetzte, stapelten die Maschinenherren Geld +und Waren auf. Die Regierungen traten hervor. Sie wollten sich der +gefahrdrohenden fluktuierenden Massen annehmen. Diesen Augenblick hatten +die Industrien erwartet. Sie lehnten das alte Almosensystem ab. In allen +Staaten näherten sich die politischen Machthaber den Industrieherren. +Wie einen abgemagerten Fuchs hatten sie die Regierung aus ihrem Bau +aufgestöbert. Es gab, wie man sich offen, der Besitzende und der +Ausgehaltene, gegenüberstand, kein Halten mehr. Im Belgischen, in +Brüssel, wurde zuerst der Schlag geführt, der längst erwartet war. Im +Parlament erklärte zynisch ein Vertreter der Werkherren, den man geladen +hatte, er lehne es ab, zu verhandeln oder die sogenannt öffentlichen +Institutionen anzuerkennen. Dies Parlament sei vom sogenannten Volk +gewählt; er kenne nur Werkherren und ferner Arbeiter und Ausgehaltene. +Man möge den Ministern untersagen, vom öffentlichen Wohl zu reden; das +seien Dinge, von denen ein Minister nichts verstehe. + +Am Tage drauf wurden die Minister dieses Landes beiseite geschleppt. Das +Heer war längst in der Hand der großen technischen industriellen +Gruppen. Es bestand, wie überall in Europa, aus jungen Menschen, die aus +den Fabriken Werkstätten stammten, in denen sie die Herstellung und +Bedienung ihrer Waffen erlernt hatten. Sie hatten nur Ehrfurcht vor den +Männern und Frauen in den Werken, faßten nicht, was die sogenannten +Politiker taten. Die Massen in den Städten rebellierten nicht; wurden +rasch beruhigt. Sie waren alle selbst innigst nur an die Maschinen +gebunden, verlangten Luxus Brot und freie Bahn für die Kräfte der +Maschinen. Die politischen Ministerien wurden zur Durchforschung ihrer +Arbeit von den technischen und Industriezentralen beschickt. Dann +wurden die Baulichkeiten für andere Zwecke verwandt. Die +Wohlfahrtseinrichtungen wurden der Arbeitsüberwachungs- und +Verteilungsstelle der großen Verbände angegliedert. Der Verkehr mit +anderen Staaten war schon vorher im angelsächsischen Imperium +vertrauliche Sache der großen Verbände. + +Ungeheuer wirkte der in Belgien fast lautlos sich abspielende Vorgang +auf die Nachbarstaaten. Es verlief kein Jahrzehnt, da hatten freiwillig +oder unfreiwillig, zum Teil dem Druck Englands folgend, die politischen +Regierungen, die nur hemmende und dekorative Rudimente waren, den +Industriekörpern Platz gemacht. Scheinparlamente, bedeutungslose +ordnende Selbstverwaltungskörper liefen neben ihnen her. In den großen +Reservoirs der Menschen, den Stadtreichen Stadtschaften, bildeten sich +Senate, deren Hauptsitz die Menschen der Apparate einnahmen. + + * * * * * + +Die Stadtschaften lagen frei da. Aber unsichtbar umgab sich jede mit +einem System von Verteidigungsanlagen. Die Peripherie der unübersehbaren +Gebiete von Bergen und Niederungen Flüssen Seen Sümpfen, überrieselt wie +mit einer Zuckerglasur von flachen Häusern, kilometerlangen Werken, +dichten und lockeren Menschensiedelungen, war überall unscheinbar +umzogen mit Reihen von Masten aus Holz. Sie standen ohne Verbindung +miteinander im Gelände, glichen abgeästeten sehr hohen Pappeln. Sie +schienen Wegweiser zu sein, trugen Tafeln von Straßen, maskierten sich +als Telegraphenstangen. Im Innern waren die Masten hohl und als +Eingeweide trugen sie Bündel meterlanger zusammengebogener elastischer +Metalldrähte. Die Masten waren auf Granitplatten montiert, welche das +Endstück eines Kabels enthielten. Die Metalldrähte waren verschieden +geformt. Das Drahtbündel konnte durch eine Schalterbewegung in der Stadt +aus dem Mast heraus in die Höhe geschnellt werden. Wie ein lebendiges +Band konnte es sich steif in die Höhe strecken, und im Moment, wie es +aufrecht stand, warf es einen tötenden Wirbel von Strahlen um sich. + +Die Stadtlandschaften hatten, was wenige wußten, Verteidigungswerke und +Abwehrgürtel schon in der Zeit vor dem Uralischen Krieg. + +Die Beherrscher der stärksten Industrieanlagen und Riesenwerke hatten +sie in geheimer Gemeinschaft mit den Senaten angelegt, als die +einzelstaatliche Gewalt in dem europäisch-amerikanischen Völkerverband +erlosch und in Südamerika, in dem ehemaligen Griechenland, in Kapland +Südfrankreich, zuletzt in Dänemark militärische anarchische Gebilde +hochschossen. Die Rebellionsschläge ängstigten die Kontinente. + +Mit Bangen erfuhr man von der geradezu höhnenden Leichtigkeit, mit der +der Franzose Bourdieu, ein einfacher Techniker, sich des +Mittelmeerzentrums Marseille bemächtigte. Im Nu waren Tausende, aus dem +Dunkel der Städte auftauchend, wie magisch gerufen um ihn versammelt +gewesen. Er hatte nichts getan als eine Anzahl krafterzeugender Fabriken +und Sammelstationen mit einer Handvoll trotzigen Gesindels besetzt. Aus +den Stoffen, die die Zeit lieferte, verstand er im Augenblick furchtbare +Abwehr- und Angriffswaffen zu schaffen, die herzustellen man bisher +keine Veranlassung gehabt hatte. Er gab das erste Beispiel +einer systematischen Störung der den Erdball umlaufenden +Verständigungsapparate. Schlag um Schlag hatte er nun, im geheimen +arbeitend, die Siedlungen und Wirtschaftsanlagen der Provence, ganz +Südfrankreichs bis vor Bordeaux besetzt. Vor Bordeaux kam der flinke +Mann durch seine eigenen Waffen um, indem er einen der Blitze, die seine +Maschinen erzeugen konnten und die Brand auf Kilometer in das getroffene +Objekt warfen, statt im Winkel nach oben tief auf den Boden richtete. +Der Blitz, ohne durch den schon abgesandten zweiten wolkenhochlaufenden +Strom nach unten reflektiert zu werden, funkelte breit vorwärts, +veraschte den blassen Bourdieu und eine Anzahl seiner Leute, die vor +seinem Lager schlenderten und in deren Rücken das heiße Ungetüm kam. Es +verlohte auseinander rauschend an einer Zypressenwaldung. Dies war bei +Begles in der Garonne. Der Kerntrupp Bourdieus ließ kostbare Zeit +verstreichen; das rückwärtige eroberte Land, aus dem Wirtschaftsverband +mit der übrigen Welt gerissen, lag wartend kritisierend lachend. Bis von +Marseille selber ein unbeobachteter Trupp junger Einwohner, die von +Kampfstimmung angesteckt waren, dazu eine Schar gemieteter +überfalldurstiger Marokkaner von der Küste aufbrach, die Fernsprüche und +Weisungen der Truppe Bourdieus täuschend aufnahm, die fünfhundert +Menschen, aus denen Bourdieus Korps bestand, zu einer bestimmten +Morgenstunde auf ein Feld südlich Begles lockte und während jene da +warteten, ihre Flammen-Wurf- und Verteidigungsmaschinen vernichteten, +sie selbst mit dem Rest der Apparate massakrierte. Der siegreiche Trupp, +der den Handstreich verübt hatte, kam aber nicht vollzählig in Marseille +an. Man hatte dort beim Anrücken der Schar vor ihr nicht weniger Furcht +wie vor dem beseitigten Bourdieu. Unterwegs kam die Weisung an den +Führer der Mannschaft, sich der Marokkaner, soweit sie in den Besitz +gewisser Geheimnisse oder gar Apparate gekommen seien, rasch und lautlos +zu entledigen. Er ließ sie nach einigen Tagen vor sich her die schöne +starkfließende Loire in sechs bewimpelten, freudig musikschmetternden +Schiffen in großem Abstand fahren. Während der Fahrt setzte er wie +Blutegel die kleinen Versenkerkasten unter der Wasserlinie an die +Schiffe an. So daß einem unwiderstehlichen Antrieb folgend Schiff auf +Schiff sich ins Wasser drängte, gezogen von den lautlos neben sie +geführten, rasend neben sie niedergehenden, dicht an sie geschmiegten +Unterwasserbooten, die sich mit Ketten Saugern Tastern an sie hängten. +Die leeren biegsamen gläsernen Gehäuse, abwärts gestoßen durch den +wütenden mit Hammergewalt einsetzenden Druck komprimierter Gase, der von +rückwärts auf ihre Deckplatten niederfuhr, zwängten im Nu die +Marokkanerschiffe unter den Wasserspiegel, ihre Kraft von Sekunde zu +Sekunde steigernd, angeklammert und die Umklammerung nicht loslassend, +bis Schiff und Boot, die aufgerissene weiß zusammenklatschende +Wasseroberfläche verlassend sturzartig auf den Grund des dunklen Stromes +stießen, verkrampft den Sand aufrührten, sich ruckweise warfen zuckten +strudelten. Die restliche Führerschaft sah ihr eigenes Schicksal voraus. +Sie riet den übrigen Truppen sich zu zerstreuen. Sie selbst erschienen +unaufgefordert einzeln auf den Hügeln vor Marseille, vernichteten im +Freien von Apparaten, was sie besaßen, vor den Augen des zugezogenen +Senats. Entgingen dadurch dem Tode, nicht aber dem Schicksal, in der +Stadt sogleich aus ihrem Arbeitsbereich gedrängt zu werden. Der Senat +war wachsam geworden. + +Für einige Zeit war seit dieser Epoche jedes Zentrum der +afrikanisch-europäisch-amerikanischen Erde vor bestimmten Bedrohungen +sicher. Wenige feste, geheim gehaltene Hauptstellen für die Verteilung +der Energie hatte man überall eingerichtet. Man war immer im unklaren +darüber, ob man zu viel oder zu wenig Menschen mit dem Vorhandensein der +stärksten Kraftanhäufung vertraut machte. Man hatte keine Furcht mehr +wie in früheren Zeiten vor Fernbeschießungen Bomben- und Kanonenkugeln. +Die eisernen Geschosse konnten mit voller Wucht in die energiegeladene +Luft stürzen. Sie war verdichtet wie die Luft des Erdballs für den +Meteor, der aus dem dünnen Äther saust. Schon kilometerweit vor den +Städten verlangsamte sich unter dem entgegentosenden elektrischen Orkan +der Masten der Lauf des Geschosses, um zuletzt zerrieben, glühend +pulverförmig abzufallen. Die Schwäche dieser größten Anlagen bestand +darin, daß der Stromwirbel sich geradeaus pflanzte, mit einer Schicht +die Städte von oben her abschloß, aber in der Tiefe bis zur Häuserhöhe +kein weitreichender Dauerschutz möglich war. Denn diese ausgeworfene +Energie wirkte zerstörend und verbrennend auf alles was in seinen +Bereich fiel. Eine Sekunde nach Anschalten der Masten in Höhe der Häuser +wäre alles, Stein Holz Fleisch Metall in einen glühenden Brei verwandelt +verkohlt verkrümelt, als hätte sich Ätzlauge über die Stadt geworfen. + +Von einer leisen, spielerisch abgelehnten, innerlich nie verhehlten +Furcht wurden seit den Rebellionen alle Länder und Kantone durchzittert, +es könnten im geheimen Menschen die Wissenschaft auf gefährliche Dinge +durchstudieren und zähere ernstere härtere Männer als Bourdieu möchten +darauf zu Entschlüssen kommen. Langsam bildete sich in den Städten eine +Herrenklasse heraus. Sie kannten alles; saßen über Zeichenbrettern +konstruierten standen vor Modellen arbeiteten mit Gasen erdigen Stoffen +in den Laboratorien. Aus ihnen stammten die Errichter der Anlagen und +Werke, Besitzer der Werke. Sie begannen, mit der Verbreitung bestimmter +Kenntnisse anzuhalten. Fremde, ihnen nicht Sichere mühten sich +vergeblich in den Spezialschulen Zugang zu gewinnen. Lächelnd wurden sie +mit alten Kenntnissen abgespeist, mit Teilarbeit beschäftigt. Der Besitz +der angeschwollenen gefahrvollen Kenntnisse konnte nicht allen gestattet +werden. Mathematik Ingenieurwissenschaft Chemie Elektrotechnik Biologie +Radiotechnik waren nur Ausgewählten gestattet, deren Zahl man von +Jahrzehnt zu Jahrzehnt verringerte. Diese standen unter strenger +Aufsicht. Die politischen Behörden übten die Aufsicht selbst aus. Mit +einem Geheimnis umgab man die theoretischen Wissenschaften. Man +zerstückelte die Disziplinen, um keinem, der nicht bestellt war, eine +Übersicht zu gestatten. + + * * * * * + +Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob man zur Einführung der +Sklaverei schreiten würde. Das schwallartige Heranwogen unermeßlicher +Scharen Farbiger und Mischlinge aus den Ländern Afrikas, die sich mit +der Aufnahme der freigestellten Kenntnisse und Genüsse begnügten, +begünstigte die Neigung dazu. Bald kam es in spanischen und +italienischen Stadtlandschaften, die den wildesten Andrang der Massen zu +bewältigen hatten, die auch ein außerordentlich leidenschaftliches +unduldsames Herrengeschlecht erzeugten, zu Vorfällen, die zu einer +raschen Änderung in der Behandlung der Massen aufforderten. San +Francisco wie London rieten schon längst den Herren von Barcelona Madrid +Mailand Palermo zu größter Strenge und Aufmerksamkeit. Man könnte +Fremde, sagten sie, denen der Mondgottesdienst noch im Blut steckte, die +für einen Schluck kalten Biers ihre Habe und Arbeitskraft verkauften, +nicht behandeln wie Menschen nördlicher Herkunft. Die westliche und +nördliche Kultur war von ihnen aufzunehmen, nicht aber zu verschlucken. +Ungestüm und aufdrängend, wie die Abkömmlinge der Berber und Haussa +waren, waren sie geneigt im Grunde nichts zu achten. + +Der wulstnackige schmerbäuchige Mailänder Ravano della Carceri, dessen +Großvater noch Elefanten mit schwarzen Sklaven gejagt hatte, hatte in +seinem Glaswerk den ersten von ihm provozierten Ausbruch der +Arbeitermassen nur erwartet. Er ließ, um ein warnendes Beispiel seinen +lauen Freunden in der Stadt zu geben, die Zügel schleifen. Man +zertrümmerte, als er zwei Mulatten niederschoß, seinen Direktionssitz im +Stadtzentrum. Er tat, als ob er erschreckt floh und alles im Stich ließ. +Er hatte noch Zeit, unter Hohn die Verflutung seiner Werke mit dem +erhitzten Volk zu beobachten. Die Revolte blieb in den Anfängen stecken. +Bei dem Getümmel der Leute Carceris wurden die angegliederten Werke +Sanudos und Horzis unruhig; dann die angrenzenden in der Landschaft +Pisa. Fremdenviertel wurden alarmiert, die Massen wogten durcheinander, +sie sangen ihre Heimatlieder, Landsmannschaften gliederten sich, in +alberner Erregtheit rief man Frauen und Kinder. Das strahlte ahnungslos +festlich. Glücklich sahen sie zu den endlosen niedrigen zauberhaften +Werkfronten auf, die sie einst bestaunt hatten, an denen sie furchtsam +wie unter Dämonenblicken gekrochen waren; dort liefen jetzt auf dem Dach +schwarze Plattgesichter, machten Männchen. + +Als noch Morosinis Lebensmittelwerk und zwei unterirdische Linien die +afrikanischen Sprünge erduldet hatten, lief ein bunter Wirrwarr von +Schreiern in langen Sätzen zum Senat der Stadt, um seine Demission zu +erzwingen. Sie rannten, als käme es darauf an zu zeigen, wer der erste +war. Ravano della Carceri war bei dieser Audienz anwesend. Die +Hauptlärmer der Deputation, zwei Mulatten, schon im heimatlichen Hemd +über dem europäischen Arbeitskittel, beachteten oder erkannten ihn +nicht, den Herrn ihres Werks. Das versetzte ihn in große Wut und +hinderte ihn, wie er sich vorgesetzt hatte, weiter im Hintergrund hinter +dem hohen Lehnstuhl des Vorsitzenden zu bleiben. Er stellte sich +stampfend vor die beiden, die er anfaßte, denen er das Hemd über der +Brust lüftete; ob sie wüßten wer er sei. Und dann, was sie zu dieser +Zeit hier zu suchen hätten. Auf ihre ungläubige schüchterne Lache und +die kichernde Bemerkung, er solle sich nach seinem Werk umsehen, – was +hinge zum Beispiel jetzt auf dem Dache? die Mulatten grinsten sich an +und brüllten vor Spaß – griff er dem einen heiser an den Schlips auf dem +Arbeitskittel, sie sollten sich ihrer Wege scheren. Da war er von dem +starken Farbigen abgeschüttelt, lag am Boden. Im Nu auf den Beinen hing +er sich dem Mann an den Hals, wurde mit einem Ruck an den Boden +geschleudert, mit Fußstößen traktiert, von den anlaufenden Farbigen am +Boden vor den Herren, die wegsahen, die Hände rangen, sich blaß auf die +Lippen bissen, mit Riemen verwalkt. Die Riemen in der Hand, unflätig +schimpfend, traten sie vor die Herren, denen niemand beistand; was sie +nun dächten. Die erbaten sich nicht aufsehend Bedenkzeit, mußten auf das +grobe Drohen der Farbigen das Zimmer räumen. Den halb besinnungslosen +Carceri durften sie unter dem Gespött der Deputation, die sich auf den +Senatssitzen, an den Sprechapparaten breit machte, aufheben. Ein +fürchterlicher Stockhieb sauste noch über sie an der Türschwelle; der +zerbrach dem grauen schweren Sanudo, der Carceri um die Hüfte führte, +den Unterarm, so daß er den schwankenden Mann fallen ließ, den die +Farbigen aus dem Zimmer rollten, um knallend die Tür hinter ihnen +zuzuschlagen und ein prahlendes Fernsprechen in die Nachbarorte zu +beginnen. Carceri kam in dem Erdgeschoßzimmer, in das sie sich auf einer +Hintertreppe geflüchtet hatten, zur Besinnung. Er sah schrecklich aus; +die Zähne waren ihm ausgeschlagen; er lallte, ein Zahn hatte seine Zunge +durchbohrt; er lehnte luftschnappend mit fausthohen Stirnbeulen auf der +Bank, spie Blut, schluckte einen Branntwein nach dem andern. Verfluchte +sich innerlich, daß er sich für die anderen hergegeben hätte. + +Der alte Sanudo saß auf der Erde. Sie schnitten ihm den Ärmel auf; er +weinte. Carceri stöhnte aus seinem verschwollenen Gesicht zu den +anderen, die ihn hielten: „Tut ihr nur, was ihr wollt. Ich tue was ich +werde.“ Und dann, als sie flüsternd zu diskutieren anfingen, er steif +zurückgelehnt: „Tut was ihr wollt. Was ihr wollt.“ Sie berieten, während +es in den Gängen hinter der verriegelten Tür von Liedern hallte, wohin +man sich zurückziehen sollte, um das Weitere abzuwarten. Sowohl die +jungen wie die älteren waren einig, daß die Revolte noch rascher als die +früheren militärischen abklingen werde. Man zuckte mit den Achseln; sie +dachten, wie sie sich bleich ansahen und an den Wänden zusammendrängten: +einmal werde sie doch ihr Schicksal erreichen; es sei im Grunde viel, +daß sie sich bis jetzt gehalten hätten. „Und was kommt nachher?“ +wimmerte Sanudo. „Wann?“ Carceri riß hinten die Augen auf, sie quollen +ihm zu. „Wenn wir nicht mehr sind. Sie sagen doch, es sei schon viel, +wenn wir uns so lange halten. Also was ist dann? Was werden sie können? +Wir werden ihnen alles übergeben, den Säufern. Und was werden sie daraus +machen?“ Carceri versuchte zu lächeln: „Ich kanns mir ausdenken. Wir +werden dann auch noch ein paar Jahre leben, wofern sie uns nicht vorher +zum Zeitvertreib totgeschlagen haben. Sie kehren vielleicht in ihrer +Begeisterung wieder zu den heimatlichen Sitten zurück und fressen uns +auf. Ich gratuliere euch allen zu dem warmen Wohnsitz, der euch +bevorsteht. Neben Knoblauch und Sellerie und Branntwein.“ Sie machten +sich, als der Lärm draußen verklang, heimlich davon. Erreichten den +Platz vor dem Ratsgebäude. Man erkannte sie nicht. Das Tosen auf den +nahen Straßen war ein Gemisch von Freude kindlicher Gutmütigkeit +Blutrünstigkeit. Der Aufruhr war noch nicht über ganz Mailand +ausgedehnt, aber man schlug sich schon auf den Straßen um Rang und +Beute. Man sah schon schlaue Europäer, die zu den Farbigen hielten, auf +und daran, sich der Bewegung zu bemächtigen, in den überall gebildeten +Konventikeln horchen, die klügsten der Redner beiseite ziehen, den und +jenen mit sich vor die gebrüllerfüllten Ratszimmer führen. + +Ravano della Carceri erlebte eine feierliche, sicher ihn durchsteigende +Wut, als auf den Straßen nördlich Mailands Peitschen knallten, und +Farbige aufrecht auf den Pferderücken stehend ihre Tiere jagten, die +Arme warfen, die Pferde schnaubten. Wagerecht warfen sie ihre Beine, die +braunen Rümpfe dicht über dem Boden hängend. Diese Menschen würden nicht +die italienischen Menschen und Werke beherrschen; es ging alles seinen +guten Weg. Er kniff dem jungen Guistiniani, schwarzhaarig und +gelbblasses nervös zitterndes Gesicht, in den Arm, wie sie seitwärts in +eine Pinienschonung umbogen, wies ihm schweigend die vorüberstürmende +Jagd. Guistiniani bebte, blickte weg: „Das muß ich mit ansehen. Ich +schäme mich. Ich werde nicht lange leben, um dies anzusehen.“ „Du bist +jung. Blick mein Gesicht an. Hast du das heute morgen noch für möglich +gehalten. Weine nicht. Weine ich denn. Wie sie mich auf den Boden +geworfen haben. Wer war es eigentlich, der mich mit dem Fuß getreten +hat.“ „Ich weiß nicht.“ „Hätt es gerne gewußt. Ein tüchtiger Mann. +Möchte ihn weniger einen Kopf als einen Fuß kürzer machen.“ Der junge +schlug den linken Arm um Carceris Brust, klammerte sich mit seinem +rechten an ihn an, stöhnte: „Dann weine ich für dich, weil es meine Art +ist. Und ich sage dir, Carceri, du magst von mir denken, was du willst, +weil ich weine; ich werde aber gewiß nicht stille halten. Ich stand mit +den andern im Gedränge, als sie dich anpackten und das Gräßliche +losging. Wir waren alle ja – hilflos. Nein, ich war nicht hilflos. Aber +von den anderen ging dieses Gefühl, dieses niederträchtige auf mich +über; ich hätte allein stehen können neben denen, ich hätte mich auch +nicht für dich bewegen können. Aber: ich bin bestraft genug worden, daß +ich zusah. Es ist einmal geschehen, wird nicht wieder geschehen.“ „An +mir wird es nicht wieder geschehen, Guistiniani. Danach haben sie auch +keinen Appetit mehr. Sie werden annehmen, ich habe fürs erste genug. +Aber da sind ja noch andere, an denen sich allerhand versuchen läßt. Was +meinst du zum Beispiel, Guistiniani, zu einem schlanken jungen Mann mit +schwarzem Haar und unruhigem unzufriedenem Ausdruck, der den verdammten +Ravano della Carceri nach Hause begleitet. Sie werden dir dein +Gesichtchen, das dein Mütterchen immer gewaschen gepudert gesalbt +gestrichen hat noch einmal salben und streichen. Ein feines Pulver haben +sie, afrikanischer Wüstensand, Kieselsteine aus dem Atlasgebirge, das +wirst du erleben. Soll ich dich küssen, Bübchen Guistiniani, auf dein +zartes Gesicht. Ich glaube, morgen tue ich es nicht mehr.“ Sie gingen; +Guistiniani, den Kopf gesenkt, den Blick auf das Gras, strenge +Stirnfalten: „Du bist ein so unbändiger Mann, Carceri. Du mußt mir Farbe +bekennen. Du mußt sagen, was du meinst. Ich bin aus dem ältesten +Geschlecht unseres Landes, du mit mir. Ich gebe nicht nach. Den +stinkigen Afrikanern. Dem Gesindel, dessen Kraft worin liegt? In den +Lenden. In den Hoden der Männer, im Bauch der Weiber. Diese Plapperaffen +Fettwanste Papageien. Ich schäme mich, von Menschen zu sprechen. Sie +sind von den Bäumen gekrochen und spucken auf uns.“ „Und mein Gesicht? +Und der Arm von Sanudo?“ „Ich will nicht, Carceri. Oh lieber Carceri, +höre auf und sprich nicht so.“ + +Da zog Carceri den jungen Menschen beiseite, setzte sich mit ihm unter +einen Baum, fragte ob jemand in der Nähe sei. Und dann, dicht an +Guistiniani gelehnt, murmelte er, gestikulierte. Es sei gut, nicht zu +laut zu reden. Der Junge solle sich vorsehen. Vor den anderen Männern +und Frauen ihrer Kreise. Wenn die hörten, was er von Blut, altem +Geschlecht und so weiter gesagt habe, so würde er etwas bemerken. „Wie +viel altes Blut gibt es. Wer hat nicht ein Tröpfchen Afrika in der Ader. +Nicht drüber reden. In ein zwei Generationen sind wir hops. Sind +Nachspeise, Dessert, Schokolade, Käsebrötchen im Lande; das Hauptfutter +sieht gelb und schwarz aus. Vom Tiber zum Po werden Kamele getrieben. +Ich wollte auch, sie wären grün wie Gras und ich könnte sie zertrampeln; +sieh mal, so. Aber deine Freunde, die Schufte geben schon nach. Ihr Blut +taugt nichts. Es ist ihnen gleich, ob sie morgen noch da sind, wenn sie +nur leben. Die Schufte, ja, die mit der Hilflosigkeit von vorhin. Ein +Segen, daß sie dem Sanudo den Arm zerschmettert haben. Das merken sie +besser als mein Gesicht, das ist für sie dickere Galle. Unsere Brüder, +unsere Freunde! Mutloses Gesindel, Pack, das sein Los verdient. Weißt +du, was ich täte, jetzt, wenn ich nicht das Gesicht schon hätte?“ Er +schrie; der junge neben ihm im Gras hielt ihm ängstlich den Mund zu. +„Ich ginge zu den Kannibalen. Stellte mich auf ihre Seite. Ja. Ich +zeigte diesem Stinkvolk, was sie tun müßten. Tu dus doch! Ratzekahl +alles! Das sollten sie tun! Schwamm drüber. Ein Volk, ein Pack.“ „Still“ +schmiegte sich Guistiniani an, „nun ist gut. Nun hast du gesprochen. Nun +ist alles gesprochen. Du darfst nichts mehr sagen. Nun will ich dir +etwas von dem Gras erzählen. Sieh mal, ich bitte dich, sieh her, +Carceri, das Moos an der Rinde. Und hier wieder Gras. Es ist ganz +hellgrün, du kannst es wohl nicht sehen. Ich will es dir genau +beschreiben. Es sind, fühle, ganz lange kurze mittelgroße Halme. Man +kann sie zwischen den Fingern ziehen, ja nimm nur, nimm doch nur, ich +will dir alles sagen. Zieh sie ganz lang zwischen den Fingern aus, bis +zur Spitze, aber nicht daran schneiden, sie haben einen scharfen Rand. +So, das ist lauter Grashalm. So sind alle Grashalme. Und weißt du, wo +ich sie herhabe, die du eben da hältst? Alle? Ein paar von den Füßen, wo +du eben draufgetreten hast, die Afrikaner, die du zuerst zertreten +wolltest. Sie sind noch glatt, sie haben sich wieder aufgerichtet, +einige sind geknickt, es sind ganz wenige. Und hier die – sind von +deinem Kopf: da hast du doch, Carceri, wütend mit dem Kopf +gegengedrückt; sie haben eins abbekommen, sind aber noch lebendig. Was +glaubst du, sind das Afrikaner? Vielleicht. Aber vor allem: ich bin es +auch und du bist es auch, Carceri. Ich geh nicht zu den Farbigen den +Kannibalen. Denn warum sollte ich nicht auf das Grashälmchen hören, das +unter dem Fuß ruhig weiter wächst. In den alten Liedern, die die Frommen +haben, heißt es immer vom Gras, es hätte Ähnlichkeit mit dem Menschen, +oder der Mensch mit dem Gras. Und wenn der Wind über sie weht, +verschwindet ihre Spur. Ist schon richtig. Aber das Gras ist auch immer +wieder da. Was ist mehr: das Weggehen oder das Wiederkommen? Ich halte +mich an das Wiederkommen.“ Der unten hatte die Arme unter den seitlich +gesunkenen Kopf verschränkt. „Und so denkst du, Guistiniani, mit den +Bunthemdigen fertig zu werden. Sehen möchte ich dich einmal, wenn die +Angst aus dem Gedränge kommt. Sehen werde ich dich einmal.“ Carceri +kroch auf allen vieren hoch; der andere half, während der mächtige Mann +knurrte: „Ihr seid alle nicht viel wert. Was meinst du“, er wankte +vorwärts, sprach, die Hand vor dem Mund, „du glaubst, mir machen die +Bunthemden angst. Weil sie die Werke haben. Ich habe schon noch abseits +für alle Notfälle ein paar kleine Waffen, und Sanudo hat welche; schöne +Geräte. Sieht aus wie nichts, und wenn du sie ansiehst, bist du schon +nichts. Der beste Spiegel für gewisse Menschen: sie blicken hinein und +finden nichts. Wir könnten damit so in der Nacht oder spät abends, wenn +das Gedränge groß ist, auf den Senat spazieren. Magistrat sagen sie; sie +halten das glaub ich, für eine nordische Suppe. Wir könnten ihnen eine +Einlage in die Suppe machen. Nur den Sanudo und Morosini und unsere +anderen lieben Freunde möchte ich von der Suppe nicht ausschließen. Du +bist von der Partie? Sag ja. Bist doch von der Art der Grashalme; +unvergänglich aber naiv.“ + +Sie saßen Meilen weg vom Zentrum Mailands in einem unterirdischen kühlen +Haus. Eine Marmorsäule stand auf dem Treppenpodest des gewölbeartigen +ganz mit Rankenblumen bewachsenen und behangenen Zimmers. Die +Marmorsäule leuchtete mattweiß sonnenartig gelb. Bald leuchteten nur die +Augen im Kopf, bald silbern und golden der Schulterschal und die Hände, +die ihn hielten. Während alles im Dunkel lag, überlief eine rosa Röte +die Brüste; ihre Kugeln versendeten das Licht auf das weiche Kinn, das +von unten angestrahlt wurde, auf den schalverhüllten gewölbten Leib, die +bloßen im Dämmer tretenden Füße. Der über sich gebeugte tücherbedeckte +weißhaarige Sanudo schlug seinen stummen Gästen, die auf bettartigen +Lagern ruhten, vor, sich der Waffen zu bedienen, die man hätte, und +freies Feld um sich zu machen. „Wir müssen es“ stöhnte er, „ich tu es +nicht leicht.“ Man fragte nach der Art der Waffen, lag wieder dumpf da. +Sanudo, gezwungen lächelnd stand auf, während er hinwarf: „man muß ihnen +noch danken, daß sie uns die Zeit dazu lassen“, wankte zur Tür, um durch +einen Griff an den Ranken ein leises Weben am Gewölbe herauf zu erregen, +fern verschwebendes Kindersingen. Sanudo: „Es sind, wie ich weiß, noch +Herren hier, die ihre Meinung zurückhalten und denen man vielleicht +etwas Zeit lassen muß, sich zu äußern. Es wäre schade, wenn man sie +schweigen ließe. Ich wüßte gern zum Beispiel, was Carceri verschweigt.“ +Carceri grob lachend: „Was denkst du, mein Süßer?“ „Daß du lauerst und +abwartest, was wir machen werden. Ich bin so gut mit im Spiel wie du. Du +machst dir nichts aus mir und den andern, aber allein wirst du auch +nicht stehen können.“ Carceri knurrte, mit beiden Armen sich von seinem +Lager hochstemmend: „Ich mach mir nichts aus den andern. Machen sie sich +etwas aus mir? Hab ich nicht vor Jahren gewarnt, als Schiff nach Schiff +von Algier von Senegal von Tripolis kam und jedes warf wie eine Kloake +diese Menschen über uns aus. Hab ich Euch nicht in diesem selben Raum +gewarnt. Da kam dasselbe: im äußersten Fall haben wir Waffen! Davon weiß +niemand! Die geheimen Geräte! Oh Eure geheimen geheimnisvollen Geräte. +Ich weiß schon nicht, ob es unter den Bunthemden nicht Leute gibt, die +noch andere haben; Gott schenkt sie ihnen im Schlaf, Ihr werdet Eure +Entdeckungen machen.“ Sanudo schüttelte den Kopf; Michieli und +Faskarini, zwei stolze schnauzbärtige Gesichter, richteten sich von den +Lagern auf neben Carceri, warfen sich Blicke zu. „Wir sollten“ Sanudo +streichelte resigniert seinen kranken Arm, „keine Schiffe mehr zulassen, +vielleicht die Schiffe versenken? Du hattest sonderbare Pläne, von denen +du nicht deutlich sprachst. Wir leben schließlich nicht im alten +Mittelafrika. Wir haben es mit Menschen zu tun.“ Carceri sprang auf, die +Arme hoch: „Da ist es! Wir haben es mit Menschen zu tun. Seid mir recht +zahm. Caressiert sie, damit sie Euch Zucker aus der Hand fressen. Seht, +nicht mal das tun sie. Wir füttern sie genug. Sie wollen mehr. Sie +wollen uns gar nicht. Sie wollen einfach nichts, als uns weghaben. Nun +tut ihnen doch den Gefallen. Sie sind Menschen. Man wird ihnen doch +ihren Willen nicht nehmen. Und wir sind doch Klügere. Der Klügere gibt +nach.“ „So gehts nicht weiter.“ Michieli, der kleine Schwarzbärtige, +sprang auf: „Wohin soll das. Sprich was du meinst. Warum sollen wir +nicht die Mittel anwenden, die wir haben.“ „Das sag ich ja auch“ der +dicke prustende Mann mit dem verschwollenen Gesicht. „Das sagst du +nicht. Du sagst, die Waffen seien lächerlich, sinnlos. Du willst nicht +auf den Busch klopfen.“ „Das werde ich auch nicht. Den Gefallen tue ich +ihnen nicht.“ „Also“ Michieli brüllte vor ihm, die Hände fuchtelnd vor +der Stirn, „was ist denn das für ein Hin und Her. Die Waffen, die du +hast, wendest du nicht an. Die Mittel, die du hast, willst du anwenden. +Was ist das für ein Unsinn, Carceri. Wir sind hier keine Kinder.“ + +Nach einem Schweigen, während er den springenden Schwarzbärtigen +fixierte, hob der listige Carceri die breiten Schultern, seufzte offen +apathisch, ließ sich seinen langen Mantel raffend auf sein Lager fallen, +flüsterte mit Guistiniani. Die Säule strahlte sehr weiß, gab Tageslicht. +Sanudo blickte zu Carceri hinüber: „Ich sehe, Carceri ist seiner alten +Ansicht, dies und das hätte geschehen müssen. Einen Vorschlag, was jetzt +geschehen soll, macht er nicht. Ich bin ein alter Mann, Carceri. Ich bin +nicht aus europäischem Geschlecht wie du. Es ist noch nicht gar so weit +her, einige Handvoll Jahrzehnte, da waren meine Väter Läufer +Kameltreiber Dattelpflanzer Brunnensucher wie die draußen, die uns in +der Hand haben. Mir würde es leichter sein, müßte es doch leichter sein, +vor ihnen zu kapitulieren. Es wäre nicht einmal eine Kapitulation. Ich +könnte mir den Weg zu ihnen leicht machen. Aber so geht es doch nicht. +Etwas hab ich inzwischen gelernt. Es ist mir einiges ins Blut +übergegangen. Ich bin entschlossen, ihnen nicht zu überlassen, was wir +und die vor uns geschaffen haben. Und wenn ich sie zwischen den Fingern +zerreiben müßte.“ Carceri widerwillig und scheinbar schlafsüchtig: er +wolle nicht weiter diskutieren. Er hätte gesagt, was er sagen könnte. +Guistiniani schwieg auf die Blicke, die ihm Carceri zuwarf. Carceri +wollte ersichtlich mit den andern nicht mitmachen. Sanudo wurde +aufgefordert, alle Zuverlässigen rasch mit den Waffen vertraut zu +machen. Man wollte noch in der Nacht, die Verwirrung bei dem siegreichen +Gesindel bringen werde, vorgehen. Sanudo beschwor den liegenden Ravano +della Carceri sich an dem Werk zu beteiligen. Der lehnte stumm wie +Guistiniani ab. + +Sie benutzten, etwa zweihundert der Herrenschicht, in der Nacht die +Freudenfeiern der Farbigen, die sich im Besitz von ganz Mailand +befanden, zu einem Angriff. Erlebten, wie sie sich um den ausersehenen +Zentralbezirk der Stadt gruppierten auf abseits liegenden Plätzen, +hinter Büschen von Parkanlagen, einen vollkommenen Mißerfolg. Die +Apparate, verschiedener Konstruktion und mit verschiedenen +Angriffspunkten, Fernwirker und Durchdringer auf geradem oder durch +Zwischenlenker zackigem Weg, versagten. Der Gleichgewichtszustand der +unteren Luftschicht war gestört durch Farbige, die halb verspielt, halb +furchtsam hinter allen Energieumformern und Umschaltern standen, sinnlos +alle Apparate spielen ließen. Heimliche Versuche des nächsten Tages +ergaben dasselbe Resultat; es kam hinzu, daß die transportabeln Waffen, +sehr empfindlich, durch die intensive Sonnenstrahlung des Tages +gehindert wurden. Sie sollten lautlos strichweise Häuserreihen lähmen +und arbeiteten leer. + +Damals gehörten in den südlichen Landschaften Europas die Frauen zu +den aktivsten Elementen. Sie waren durch den furchtbaren +Wirtschaftskampf der vorangegangenen Epochen, der ein Überangebot von +Menschenmaterial vorfand, stark gezüchtet. Überall waren die Ehen und +Untertänigkeitsverbände zwischen Mann und Weib zerstört worden durch den +Zwang, der auf die Männer ausgeübt wurde, Frauen und Töchter in den +Wirtschaftskampf herzugeben. Grausam scharfe Jahrzehnte waren gewesen, +in denen man in allen Ländern der ineinandergeflochtenen Völker Messer +auf Messer sich gegenüberstand, während gleichzeitig die Erfindungen und +die Bewältigung der Naturkräfte beispiellos vorwärtstrieben. Als die +Spannung nachließ, die großen Entdeckungen kamen, die Güter auf breite +Massen überflossen, waren Männer und Frauen verändert. Die weißen Männer +fanden zu den hemmungslos zuströmenden und herbeigerufenen Farbigen +Afrikas einen Stamm weißer Wesen neben sich, der sie waren und nicht +waren. Von denen sie nicht wußten, ob sie mit ihnen zu kämpfen oder sich +zu verbinden hatten. Es geschah nichts von beiden. Die Frauen taten was +sie mochten, und mit geringerem Sentiment als die Männer. Sie hatten zur +Wut der weißen Männer keinen Sinn für die weißen, sondern mischten sich +unter die Fremden. Die Männer verpönten die in den Tropen gewöhnliche +Verbindung mit farbigen, aber die Frauen entwichen ihnen, taten im +Lande, was die Männer in den Tropen getan hatten. Taten es kaum +anderthalb Jahrhundert. Dann war die Gefahr der neu aufgekommenen Typen +klar. Irgendwie mußte man sich, um nicht zu ertrinken, abschließen. +Damals mischten sich nur gewöhnliche Frauen mit den zuströmenden +Fremden. Die stärkeren, die Organisatorinnen, die mächtigen Herrinnen +und Schöpferinnen von Riesenanlagen, die geschickten und waghalsigen +weiblichen Experimentatoren, die kräftigen großen muskulösen Menschen +mit den langen Schritten und den prüfenden harten Zügen bildeten unter +sich die Vorstellung aus, eine überlegenere Rasse zu sein. Sie zogen +sich dahin zurück, wo sie vor einem erneuten Sturz sicher waren; sie +wurden die Avantgarde des Kampfes für die aufgeblühte, riesenhaft +entfaltete und sich entfaltende Technik. Wenig Mutterliebe sahen sie; +wenig Mutterliebe konnten sie geben. + +Sie sprangen, als im Mailändischen die vernichtende Niederlage drohte, +zuerst ein. Jene zögernden Bedenken, die von Männern, besonders den +lahmen älteren geäußert wurden, Gleichgültigkeit gegen das Erliegen, +kannten sie nicht. Sie hatten ein ungeheures Mißtrauen gegen die +Fremden. Ein beinah nicht geringeres gegen die Männer ihrer Schicht und +Volksart. Es war ihnen furchtbar, diesen Männern, gegen die sie als +Gleichgestellte, aber doch als siegreiche Empörer öfter Haß, bisweilen +Verachtung empfanden, Dinge zu überlassen, die für sie selbst +verhängnisvoll werden konnten. In nicht wenigen Frauen stieg der +schreckliche Gedanke auf, die Männer könnten sie aus Rache an die +Fremden preisgeben und vermuteten, die Männer gäben nach, weil sie sich +der Weibsherrschaft entziehen wollten, der Weibsherrschaft, die sie +beschämt, noch immer im Herrengefühl, heraufkommen sahen. Die Frauen +sprangen zu. Die Weiber, jetzt nicht im Besitz der tödlichen +Angriffswaffen, gingen, wie sie waren, in den roten und blauen Togen, +die vornehme Frauen trugen, an die Stätten, wo die lautlosen und doch +tosenden Energiemassen erzeugt umgeformt weitergeleitet wurden, suchten, +wie man sie vergnügt und hämisch an die feinen und gewaltigen Maschinen, +die ihnen nicht mehr gehörten, heranließ, die Kundigen unter den +Usurpatoren zu erstechen und zu erschießen. Das gelang in mehreren +Fällen. Die Frauen wurden darauf an Ort und Stelle getötet; die +Kraftstelle ruhte eine kurze Weile oder zerbrach; die Usurpatoren ließen +es darauf ankommen, ließen keinen, dessen sie nicht sicher waren heran; +der tiefe Argwohn, der den nomadisierenden Völkerstämmen innewohnte, +wirkte sich aus. Darauf sich demütigend schickten die Frauen sehr junge +verlockende Wesen ihrer Art zu Scheinverhandlungen zu den neuen Herren. +Die Mädchen sollten bei Ablehnung aller Vorschläge zu den Farbigen +übergehen, rasch die lüsternen Fremden gefügig machen, sie vor die +Leitungen und Umformungen zu lassen. Die Herrinnen gaben ihnen den +Spruch, mit dem sie ein halbes Geheimnis verrieten: die Frauen seien +bereit den Siegern Dienst zu leisten, wenn die Fremden davon absähen sie +zu knechten. Das Geschick Mailands, im Grunde ganz Südeuropas hing +damals an einem Haar. Uneingestanden hatten die Frauen, die schon damals +halb bundartig zusammenhingen, die Absicht, die Männer ihrer Farbe +fallen zu lassen und sich der Fremden zu bedienen. Die jungen Wesen in +Mailand gaben ihre gefährliche Halbwahrheit den braunen und +bronzefarbigen Männern weiter, denen sie angenehm klang. Die abgesandten +klugen Geschöpfe erlebten dann aber ein Schicksal, das sie in die +grauste Zeit der weiblichen Vergangenheit zurückführte: nach Mißbrauch +und Schändung vor vielen Männern und jauchzenden Weibern wurden sie +alten Männern als Sklavinnen beigegeben. + +Ravano della Carceri, Guistiniani, Sanudo verließen eine Woche nach dem +Ausbruch die Mailänder Landschaft, kamen zu Fuß wandernd unter Gefahren +nach Alessandria, von da fliegend nach Genua. Riefen Genua Marseille +Bordeaux um Hilfe. Guistiniani flog nach London, an den Zentralsitz der +westlichen Regierungsmacht. London erklärte, wie vorauszusehen, daß an +ein zentrales Eingreifen erst zu denken sei, wenn zugestandenermaßen die +örtlichen Schutzmaßnahmen versagten. Böse Blicke bekam der sehr still +berichtende Guistiniani zu sehen. Die Londoner hatten gesagt, man sei +offenbar unfähig im Mailändischen; ob man wieder zur Einrichtung von +London bestellter Magistrate zurückkehren solle; ob man nicht wisse, was +man riskiere nicht für sich allein, sondern für alle, wenn man wichtige +Dinge den Gegnern und Unbotmäßigen überließe oder ausliefere; wie einen +Giftschrank einem verrückten Apotheker, der einen halben Ort damit +umbringt; oder wie früher ein Regiment, das nicht aufpaßt und seine +Artillerie vor dem Feind stehen läßt. Rom Marseille Bordeaux, selbst +noch frei aber schon bedroht erklärten sich bereit zur Hilfe, verlangten +aber zugleich Sicherung vor der Wiederkehr solcher Unfälle im eigenen +Interesse. In Rom erregte der zurückgekehrte Guistiniani mit seinem +Bericht aus London Aufsehen; der Tadel erschien berechtigt und machte +wütend auf Mailand wie auf London. Rom, durch Mailand stark gefährdet, +ebenso Genua und Bordeaux verlangten Kontrolle Mailands und seiner +Adnexe. Die Mailänder Deputation mußte das zugeben und unterschreiben; +sie wurde nur anerkannt als Stadtvertretung unter diesem Vorbehalt. Im +übrigen gab es, was Mailand anlangte, angesichts der Kraftquellen, die +die Revoltierenden in der Hand hatten, keine Möglichkeit als die +Vernichtung des größten und wichtigsten Teils der Stadtschaft. Sie +erfolgte nach weiteren vier Tagen, im ganzen zwanzig Tage nach dem +Ausbruch der Revolte. Die verbrannte erstickte Stadt wurde ihren Herren +wieder übergeben. + +Der schwer leidende vergrämte Sanudo spielte im neuen Mailand dann keine +Rolle mehr. Ein Kontrolleur, Emissär Londons, wurde neben den Senat +Mailands gestellt. Carceris Augenblick war gekommen. Er suchte die +Oberhand in Mailand zu gewinnen, stieß auf den Widerstand der Frauen, +die ihm die Zähne zeigten. Der junge Guistiniani unterstützte erst den +bärenhaften Carceri, der offen zugab, daß er die Sache auf die Spitze +getrieben habe und nun zeigen werde, wie zu verfahren sei. Diese +Zynismen machten ihn bei vielen Männern, durchaus bei allen Frauen +unmöglich, die im ganzen enttäuscht, sich vor seiner Tücke und +Gewalttätigkeit fürchteten. Ravano della Carceri hatte auf die folgende +Entwicklung von Südeuropa nur kurze Zeit Einfluß; er geriet in Streit +mit Guistiniani, der sich ihm nicht fügen wollte. Ein Mordanschlag +Carceris auf Guistiniani, auf den er plötzlich seinen ganzen Groll +richtete, mißlang. Am Tage darauf erlag Carceri den Verletzungen, die er +beim Einsturz seines Hauses erlitt; die Sprengung hatten Frauen +vorgenommen. Schneidig und kühn stellte Guistiniani, ein stählerner +gelbblasser Mann, die Verdächtigen vor Gericht. Seine Hand, die die +südlichen Stadtschaften nun zwei Jahrzehnte spürten, war nicht weniger +hart als die seines erschlagenen Freundes Carceri, um dessen +eingefallenes Haus er ein Gitter zog und das nicht berührt werden +durfte. Er schlug den Ansturm der Frauen zurück, hielt sie lange im +Zaum. Bis er verzweifelnd, in seiner Vereinsamung durchschauert sich +zurückzog wie Hunderte seiner Zeit, nach den lockenden Abfallstätten +Europas und Amerikas, an die Mittelmeer- und atlantischen Küsten. Es war +die Zeit der Frauenbünde, der übermütigen unwiderstehlichen Verbände, +der hinsterbenden Mannesgewalt. Die Wut der Frauen verfolgte Guistiniani +nach Trabulus an der Großen Syrte. + + * * * * * + +Der Fall Mailands im Beginn des dreiundzwanzigsten Jahrhunderts löste +zuerst in Rom, dann in den angeschlossenen Zentren Südeuropas eine +Bewegung aus zur Verschärfung der Bestimmungen für die Verbreitung von +Herrschaftsmitteln und Kenntnissen, die die Bildung von sehr kleinen +Herrenklassen und einer riesigen beherrschten Schicht nach sich zog. Die +Leichen der hunderttausend Farbigen und Mischlinge in der Poebene waren +noch nicht in der stummen Erde verwest, da begegneten sich vor der +brausenden Nordsee bei Dünkirchen die Männer und Frauen der Länder und +Stadtschaften, die London hergefordert hatte. Heimlich kamen sie an der +stürmischen herbstkalten Küste zusammen. London wußte, was es vorhatte, +die Delegationen wußten es auch bald. Herumgehend in den Spielhäusern, +bei Segelfahrten, in Dünenwanderungen, Lagerungen in Picknickzelten +kamen sie zu den Resultaten, die sie nicht den Ferntönern anvertrauten. +Alle waren in kurzer Zeit von dem furchtbaren Ernst ergriffen, den die +Haltung Londons und Neuyorks ausströmte. London pessimistisch wie immer, +sah das Ende der westlichen Welt voraus. + +Die Männer und Frauen dieser Regierung, die sich hier fordernd bewegten, +trugen die Zeichen einer sehr westlichen Einwanderung. Nord- und +südamerikanische Indianerstämme hatten sich im vorletzten Jahrhundert +bei dem rapiden Nachlaß der weißen Fruchtbarkeit über Kanada und +Brasilien ausgedehnt. Als arbeitende Hilfsvölker traten sie vornehmlich +bei der angelsächsischen Durchdringung Südamerikas in die Dienste +Londons, wogten dann zum Teil nach dem westlichen europäischen +Kontinent, zum Teil nach Schottland. Eigentümliche dünne schwarze Bärte, +nach vorn stehende runde Backenknochen sahen die südlichen Europäer bei +den Herren aus London, straffe Gestalten, die einen trüben schwarzen +Blick warfen und an Menschen, mit denen sie redeten, vorbeisahen. Sie +sprachen mit sanften hohen Stimmen, ihre Sprache spanisch verwelscht. +Sie gaben, die die Erben der Weltbeherrscher waren, zu erkennen, daß sie +nicht beabsichtigten, die Fähigkeit der Nationen und Landschaften +durchzuprüfen; verlangten Aufschluß darüber, was man getan hätte, um +seine Nachbarn und das Reich nicht zu schädigen. Als im Laufe der +Besprechungen am Dünkircher Strand Guistiniani auftauchte, kam es zu der +heftigsten Auseinandersetzung zwischen ihm und der Londoner Gruppe. Wie +Mailand und die südlichen Städte, die eben erst gerettet seien, es wagen +könnten, einen Mann wie diesen aus den unfähigsten Kreisen Mailands +herzuschicken. Guistiniani hielt sie mit scharfen Worten nieder. Sie +erkannten seine Gefährlichkeit, lernten den Mann bald genauer kennen. +Die Londoner Herren gaben ihren weiblichen Kameraden nicht nach, die von +Mailänder Freundinnen angestachelt, die Beseitigung des geschmeidigen +und eisigen Mannes verlangten. Der Mensch aber war es selbst, der hier +Carceris Plan der Sklaverei vortrug. Der Plan war unwiderstehlich. Er +schlug bei London augenblicklich ein. Die Kommissionen machten sich den +Plan rasch zueigen. + +Die Dünkircher Begegnung, für das Geschick des westlichen Völkerkreises +von entscheidender Bedeutung, endete nach zwei Wochen mit dem Anspruch +der erschienenen Kommissare an ihre Regierungen Senate und tatsächlichen +Machthaber, die vorhandene Zivilisation mit allen erdenklichen Mitteln +und um jeden Preis zu verteidigen. Sie stellten die Gefährlichkeit des +Erliegens irgendeiner örtlichen Machtgruppe, sei sie Nation oder +Stadtschaft, fest. Folgerten daraus das Recht der Nachbarstaaten und +weiter der London-Neuyorker Zentralgewalt, die überall bereitgestellten +Verteidigungsmittel und Maßnahmen nachzuprüfen. Die Londoner +langbärtigen Herren erklärten, im Interesse der Gesamtheit gezwungen zu +sein, zu der aufgegebenen Einrichtung der örtlichen Kommission und +Beobachtungsposten zurückzukehren. Die einzelnen Machtgruppen möchten +dies nicht auffassen als ein Bestreben Londons seine Gewalt zu +erweitern, sondern als Sicherheitsmaßnahme im Interesse aller. Man hatte +damit das, was man in langen Jahrzehnten, ja in mehr als einem +Jahrhundert abgeschüttelt hatte, wieder. Man konnte nicht widersprechen, +denn der schwere Ernst Englands schien berechtigt; eine Möglichkeit der +Durchführung der kommenden Maßnahmen ohne Zusammenschluß war nicht +gegeben. + +Von Dünkirchen strömte auf Europa Afrika Amerika der Geist der +Helotenwirtschaft. Die Delegationen und Senate hatten sich verpflichtet +in ihren Ländern Staaten Stadtschaften Wissenschaft Technik und alle +denklichen konkreten Kenntnisse abzuriegeln. Die Vernachlässigung dieser +Verpflichtung war mit dem Verlust der Selbständigkeit für das +Staatswesen verbunden. In allen Zentren galt es nach Dünkirchen +geheimste Pläne auszuarbeiten zur Feststellung der wichtigsten Dinge, +betreffend Krafterzeugung Lebensmittel Beförderung Angriffs- und +Abwehrwaffen, Feststellung der nötigen Zahl von Personen an den +arbeitenden und ausführenden Stellen und an den zusammenfassenden. Unter +Verzicht auf allzu stürmischen Fortschritt, ja bei voller Klarheit über +eine mögliche Stagnation wurde die Zahl der Personen gefunden, ihre +Herkunft war auf einen Kreis beschränkt. Die Senate bezeichneten die +zuverlässigen Familien. Überall waren Machthaber ihnen zu entnehmen. Bei +der Strenge des anfänglichen Vorgehens taten sich in den meisten +Staatskörpern sehr kleine Gruppen zusammen, die in Fühlung mit den +Londoner Beobachtungsposten eine Art Wohlfahrtsausschuß bildeten und +dauernd das öffentliche Leben und die herrschenden Familien +kontrollierten. + +Dies alles geschah geheim und niemand im Volk bemerkte sogleich etwas. +Man übte in der Tat nur gesteigert streng die alte Methode. Den +Fragenden wurde die mit Beispielen zu belegende Gefährlichkeit der +Situation vorgehalten. Aufdrängende wurden hingehalten abgeschoben. +London Berlin Paris Mailand Marseille Neuyork sah einen neuen Adel, der +sich um die furchtbaren technischen Einrichtungen gruppierte. + +Diese Männer und Frauen waren die eigentlichen Machthaber der westlichen +Erde, waren mißtrauisch unter sich, immer gejagt, Vergnügungen +verachtend, durchweg einsam. Keiner von ihnen ging ohne die leichten +Waffen, die sie nur für sich reservierten. Sie erschienen überall +überraschend. Der Wohlfahrtsausschuß der Einzelstaaten, die Beobachter, +waren wie sie ausgestattet, mit Lampen, deren Licht durch einen Spiegel- +und Blendmechanismus so reflektiert wurde, daß die Menschen faktisch +unsichtbar waren. Sie waren wie eine Wand, die man mit Spiegeln +bekleidet; man glaubte in sie hineingehen zu können. So konnten sie +scheinbar durchsichtig auf offenen Straßen, oft auch in Häusern sich +bewegen. Sie ritten fuhren flogen ungesehen. In den Massen ging das +Gerücht von ihnen. Denn sie beseitigten ungewünschte oder gefährliche +Personen, die eine Zusammenkunft verließen, ebenso wunderbar wie sie +selbst erschienen. Die Toten waren nicht auffindbar, wie man die +Lebenden auf ihrem Wege nicht hatte verschwinden sehen. Es trat +vielleicht ein Mann, ein junges Weib an einen Baum, ging um eine +Häuserecke, bückte sich, faßte sich an die Brust, griff nach seinem +Rücken, machte einige sonderbare Bewegungen, als ob etwas juckte oder +kniffe, und war weg. Nichts war an der Stelle, als ein stärkeres Blitzen +des Sonnenlichts, ein Staub wie von einem Windstoß. Öfter wurden +ähnliche Vorgänge beobachtet, man munkelte davon, Gerichte befaßten sich +damit, Aufklärung erfolgte nie, da die Verschwundenen nie gefunden +wurden. Die Klagesteller hatten schon Recht mit ihrer Behauptung, die +Verschwundenen seien beseitigt oder gut verborgen worden. Sie wurden +noch in dem Spiegelkleid, das über sie geworfen war und in dessen Mantel +sie neben dem Entführer und der Entführerin gingen, gezerrt und rasch +gelähmt, an die geheimen Stellen der Laboratorien getragen, wo sie nicht +einmal den Blitz sahen, der aus der Wand, an die man sie mit dem irr +lächelnden Gesicht lehnte, fuhr. Zusammensinkend, weiche Massen, lohten +sie auf dem sprühenden Boden. Dessen Funken nicht aufhörten, bis weiße +Asche wie Flugsand auf ihm tanzte. + +Früh sahen die Machthaber die Gefährlichkeit ihrer Waffen für sich +selbst ein. Suchten über das Mißtrauen, das sie gegeneinander hegten, +hinwegzukommen. Niemand konnte wissen, wohin den einen Eifersucht +plötzlicher Zorn Erbitterung treiben konnte. Man sah sich und den andern +seinen Trieben wehrlos ausgesetzt wie einen Träumer seinen Einfällen. +Wie sie oft finster vor Wäldern standen, auf einem Balkon die +hellbestrahlten Wipfel der Bäume betrachteten; diese tiefgrünen +Nadelhölzer, die in riesige schweigsame Höhe ihre gelbbraunen Zapfen +streckten, ruhig hinwuchsen: und der Mensch in sich wühlt, bewegt sich, +wühlt. + +Furchtbar wurden Annäherungsversuche unter ihnen erschwert durch das +Zusammendrängen der Frauen zueinander, durch den nicht nachlassenden +Kampf der Frauen um die Vorherrschaft. Die Männer der Staatskörper, die +Überwachungsausschüsse konnten sich nicht verhehlen, daß sie ihres +Lebens nicht sicher waren. Es war nicht ruchbar geworden, was die +Mailänder Frauen bei der großen Farbigenrevolte den Fremden +vorgeschlagen hatten; es war aber klar, daß überall verräterische +Gedanken bei den Weibern umliefen. Keine Möglichkeit bestand, die Frauen +aus den Senaten auszuschließen, ja die Männer dachten nicht daran. +Kraftvoll sicher zäh waren die Frauen, ihre Stärke ihr Wille Geist waren +unentbehrlich. Bei zahllosen Männern dieser Periode bestand schon voll +die Neigung vor den Weibern den Rückzug anzutreten. Aus den mächtigsten +Familien zogen sich Männer von Ämtern und wichtigen Dienststellen +zurück, um nicht mit Frauen zusammenzustoßen. Die Überwachungsausschüsse +waren der gefährlichste Ort; hier durfte man einer Auseinandersetzung +nicht ausweichen. Man machte offen einen Burgfrieden. Im geheimen +blieben beide Parteien auf der Hut, sannen darauf sich Waffen zu +reservieren. + +Das drei- und vierundzwanzigste Jahrhundert brachte die große +Veränderung Afrikas: den ostwestlichen breiten Durchstich der Küste +südlich der Kanarischen Inseln in der Linie Cap Blanco und Bojador, die +Wasserüberflutung der tiefliegenden Wüsten von Igidi Tamesruft Afelele +bis zum Westrand des Tümmogebirges. Der schwere afrikanische Kontinent +wurde aufgelockert und getrennt durch das Saharische Meer. + +Schon waren die Weltmächte auf zwei reduziert, die Londoner und die +indisch-japanisch-chinesische. Die Stadtschaften waren Wesen geworden, +durch die die Sonne scheint; an dem Boden liegt das Licht überall um +sie, aber sie haben nicht aufgehört zu sein. Wie die Stadtschaften sich +ausdehnten, erhöhte sich überall der nationale Glanz. Prunkhaft erhöhte +er sich unter dem abgestorbenen absterbenden politischen Leben. Die +Mächte der Landschaften und Staatskörper wandten überall dieselbe +Methode an, zu der sie getrieben wurden durch den Drang sich zu +behaupten und die Apparate, um die sie sich gruppierten: die Methode des +Erregens Sättigens Mästens Überfütterns. Die Fette nach der Kastration, +die Gespreiztheit Sanftmut Huld und Süße der Eunuchen stellte sich ein, +der fratzenhafte ohnmächtige Impuls. Man schonte die Eigenliebe der +Massen. Die Überwachungsausschüsse gingen geheimnisvoll durch die +Völker, aber schon aßen die strengen herrscherischen Familien selbst von +dem Gift, das sie auslegten. Die Fülle der Erfindungen ließ nach, man +lebte vom Überkommenen, ordnete unter sich zukommende Rechte Aufgaben. +Und am raschesten entarteten die Frauen. Gigantische Figuren gab es um +diese Zeit unter ihnen, großartig in Wollust und Herrschsucht. Was +früher in phantastischer Weise aufkommende Negerschläge leisteten, wurde +jetzt ihr Werk: Staaten der willigen kapaunenhaften Menschen +zusammenschließen, rasch und hitzig sie aufbauen, sich in Glorie wiegen, +um früher oder später von einer Kleinigkeit, etwas Übersehenem sehr +Sichtbarem, von einem Nachbarstaat oder von London beseitigt zu werden. + + * * * * * + +Wie ungeheuer hat Melise von Bordeaux gewütet. Das Weib, in dessen Adern +Nigritierblut floß, gemischt mit dem der italienischen und +westfranzösischen Landschaft, übersprang alle Abkommen, die ihre +marklose kindische Umgebung unter sich schloß. Sie beobachtete, wie man +sich Genüssen überantwortete, dabei weich und weicher wurde und zog eine +Gruppe Menschen um sich zusammen. Sie war von wildester sinnlicher +Leidenschaft, zugleich kalt und abstoßend, selber leidend. Wie eine +Riesenschlange umfaßte sie ihre Liebhaber und Liebhaberinnen, +zerknirschte sie gesättigt, ließ sie geängstigt liegen. Man wußte nie, +womit es ihr ernst war, die kraushaarige dicklippige mit dem glänzenden +schwarzen Blick, die viel und heftig weinte, sich und ihr Schicksal +beklagte. Ihr Weinen war von der Art der Betrunkenen, sehr tonreich und +ohne Hintergrund, mit Ungnade und ärgerlichem Lachen endend. Sie bewog +alle Familien ihrer Stadtschaften die wichtigsten Waffen und Anlagen ihr +und ihrem Anhang zu übergeben. Sie legte eine Zahl Anlagen nieder, weil +sie nicht wußte, wie sie sich ihrer bedienen sollte und hielt sie daher +für überflüssig. Sie unterschied bald eine Reihe Landschaften mit ihrer +Herrschaft überziehend, Lieblingslandschaften und Dienerlandschaften. In +die Dienerlandschaften legte sie die ernährenden und unterhaltswichtigen +Einrichtungen; ihre Residenzen machte sie zu Leitern und Genießern +dieser Arbeit. + +Sie und ihre Umgebung nahmen großartige Manieren an. Sie spielten sich +offen als Herrscher und Könige auf, erschienen, Erstaunen und Wut +auskostend, mit kostbarem Gefolge und strahlend in den gemeinsamen +Versammlungen der westlichen Stadtschaften. Wut erregten sie, aber auch +ansteckend wirkten sie. Und sie waren, Melise von Bordeaux, die +schwerlockige adlernasige gelbbraune Frau, und ihr Anhang der Anstoß zur +Zertrümmerung vieler Herrschaftsgruppen, für gefährliche Umwälzungen in +mitteleuropäischen Landschaften, die zwar den Willen zu ähnlichem Glanz +und wilder Glorie hatten, aber nicht die Verteilung von Kraft dort und +Schwäche hier. Es ging in diesen mitteleuropäischen Stadtschaften, wo +ein Kapaun wild werden wollte oder eine Henne sich für einen Pfau +ausgab, hart auf hart. Mit heimlichen Tötungen, tückischer +Gewalttätigkeit zermürbten sich die Herrschaftskreise; gewaltsam mußte +die Ordnung wiederhergestellt werden. Bisweilen tat dies London. London +hatte immer die Gefahr der Massenrevolte vor Augen. Es ließ eine Weile +das Spiel gehen, dann stieß es wie ein Geier auf die Streitenden nieder, +zwang sie stille zu halten. Ja es kam im Herzen von Mitteleuropa, wo man +nicht zur Ruhe kommen konnte, zum Zugriff von London: vor dem Ausbruch +des Uralischen Krieges hatten sechs machtvolle Stadtlandschaften +Mitteleuropas, darunter München und Preßburg, ihre Selbständigkeit +verloren und duldeten das Dominat englischer Familien. + +Melise war in Bordeaux Toulouse königinartig Alleinherrscherin, ließ +sich eine Kathedrale an der Garonne südöstlich Bordeaux’ in der freien +Landschaft anlegen, wo sie betete und sich verehren ließ. Denn es war +nicht ganz klar, was sie und der Priester tat, den sie feierlich +eingesetzt hatte, wenn sie sich neben dem Priester auf dem Altarraum +hinsetzte, den Blick geradeaus schweifen ließ, die schwerberingten Hände +nebeneinander, die fleischquellenden Arme bis zur Schulter bloß, +Goldbrokat und elfenbeinernen Tierbehang vor der mächtigen langsam +atmenden Brust. Sie war, wie ihr die süd- und ostfranzösischen +Stadtschaften zufielen, niemals so vermessen, von selbst die Hand nach +mehr auszustrecken. Erwies sich auch immer unterwürfig, ja kriecherisch +gegen London. Ihre Macht verlockte sie nie, mit den Frauenbünden, die so +üppig vegetierten, zu paktieren; sie liebte Frauen so wenig wie Männer +und man konnte sie nicht auf diesen Boden herabziehen. Glorie und +Unterwerfung war ihr Verlangen; darin konnte man ihr nicht genug tun. +Sie tötete und entmannte Dutzende Männer, von denen sie annahm, sie +wären ihr untreu. Zugleich getötet und geschlechtsunfähig gemacht wurden +Frauen, die mit diesen Männern verdächtigt wurden. Sie schwankte einige +Zeit in ihrer Stellung zu den Frauen hin und her; es schien als ob sie +den Frauen in ihrer Eifersucht und Stolz feindlich werden würde. Da +wurde diese Königin gebrochen durch ein Weib, ein Mädchen ihrer Sippe, +die ihre Tochter sein konnte. + +Das weißgelbe liebliche Persönchen wurde nach der Beseitigung ihres +Liebhabers vor Melise gebracht. Melise trank viel. In ihrem heulenden +Elend hielt sie die weiche Person bei sich fest, die verschüchtert +stille hielt. Melise schlug mit ihrer stählernen Kopfbürste auf sie ein, +auf die Arme, die jenen Mann umschlungen hatten, auf die Backen, die sie +sich hatte küssen lassen, auf die Lippen, die sie mit den Fingern anzog, +die sie mit der scharfen Bürste rasch klöppelte. Das Mädchen hielt +weinend inne, kreischte, bat immer um Verzeihung und um Gnade. Sie hatte +ja in der Tat nicht gewußt, wer der Mann war, der sie genommen hatte. Er +hatte sie genommen, denn sie wollte von Männern nichts wissen. Melise, +die Fäuste mit der Bürste und einer langen Nadel in die breiten Hüften +stemmend, stand speichelnd, rot- und dickgesichtig vor dem über den +Teppich gekrümmten halbnackten Mädchen, dem sie die Kleider abgerissen +hatte, um zu sehen was an ihr war. Das blutende verängstigte Wesen, dem +die Tränen schmierig auf den Teppich liefen über die zerstichelten +Backen und aus der Nase mit den Blutstropfen, blickte hilflos und +jammernd, speiend und sich verschluckend, am Teppich sich abtrocknend +und hingewunden zu der rasselnden gewaltigen Frau auf. Plötzlich wurde +diese Frau unter einem Blicke von dem Gefühl des Abscheus vor sich +selbst getroffen. Sie nahm die Fäuste aus den Weichen, besah sich Bürste +und Nadel, legte sie nachsinnend langsam auf einen Tisch. Seitlich +blickte sie zu dem Mädchen herunter, das ihr aufmerksam, stärker +verängstigt mit den Blicken folgte. Das Wesen, fühlte Melise, konnte für +nichts, sie war nicht schuldig; der Mann hatte sie genommen, der Mann +tat mit dem dummen Wesen, wie früher immer Männer mit Frauen taten. Der +Mann schweifte herum, nahm die, morgen die, ein verfluchtes Geschöpf. +Melise dachte keinen Augenblick an sich. Grollend kniff sie die Augen +zu, schlug ein paarmal mit der Bürste auf das Mädchen ein, zog sie dann, +die sich sträubte und zappelte, und stach sie mit der langen Nadel durch +den Handteller, die Hand des Mädchens zwischen ihre Knie klemmend. Die +Nadel ging durch die Hand der kreischenden wühlenden augenaufreißenden +Person, ging in Melises Knie, die den Schmerz sich zusammenkrampfend +einsog und wie das Mädchen stöhnte aus offenem Mund mit zurückgebogenem +Hals. Die Nadel hervorziehend wegwerfend sank sie auf den Teppich, +stöhnte. Nach dem jungen wegschnellenden Wesen hangelte sie ins Leere +mit den Armen, schlüpfte ihr dann, sich am Boden hinziehend nach, +drückte den zurückzuckenden Kopf, den sie an den Haaren erfaßte, unter +ihren auf den nassen Teppich, heulte, ahmte das Wimmern des Mädchens +nach. „Komm“ seufzte Melise „du bist mein. Es geschieht dir nichts. Sie +sollen uns nichts tun. Es soll uns niemand etwas tun. Dir nicht und mir +nicht. Es soll keiner etwas wagen. Oh tut das weh. Ich bin es satt. Hab +ich dir weh getan. Bleib hier. Bleib bei mir.“ Und das zerschlagene +gepeinigte Mädchen mußte das aufgelöste stöhnende bettelnde Weib +hochziehen, sie an einen Sessel führen, wo Melise hinsank, sie an sich +zog, auf die Knie an den Leib zog, das Gesicht an den zerstochenen +kleinen Brüsten rieb: „Oh. Was ist das für ein Leben. Solche Mörder +haben wir um uns. Wenn ich die Mörder beseitigen könnte. Sei mir nicht +böse. Bist du mir böse, seid ihr mir böse, schlimme Lippen, armes +Händchen. Heilt alles. Wir werden Rache nehmen.“ Und das Kind schlang +einen Arm um die Frau. Die Frau fühlte eine Zärtlichkeit, die sie +erstaunen machte, eine wohltuende erweichende Zärtlichkeit unter dem +lächelnden Blick aus diesem zerschrammten hochgequollenen Gesicht über +sich heraufziehen. Ein Kind, fühlte sie, das ist ein Kind. Was bin ich +auch für ein Kind. Blieb das Gesicht andrückend an den Quell der +aufsteigenden Zärtlichkeit. + +Diese mißlungene Tötung besiegelte Melises Schicksal. Sie wurde +jähzorniger herausfordernder als je. Hatte kein Gleichgewicht mehr +zwischen Männern und Frauen. Unverändert lehnte sie die Lockungen der +Frauenbünde finster ab; Männer mochte sie nicht. + +Sie hatte die Laune sich aus einem dunklen Grunde Persephone zu nennen. +Dies geschah lange Zeit bevor irgendeiner und auch sie wußte, was sie +damit meinte. Persephone war sie, die Königin des Totenreichs, die ein +schlimmes totes und todwürdiges Wesen von der Erde geraubt hatte und in +die Finsternis zog. Sie wollte Persephone sein. Ihre Totengerichte in +der Kathedrale bei Toulouse wurden berüchtigt. Die Priester waren +erschreckt und konnten nicht mitmachen. Melise lachte, versteckte Frauen +in die Priesterkleider, die mußten neben ihr stehen; aber doch konnte +sie immer einige und gerade die mächtigsten der Priester neben sich +sehen, die sich vor ihr fürchteten und die sie im Zaume hielt. Sie ließ +Bauern Arbeiter auf der Straße in den Häusern auf den Äckern aufgreifen. +Verlangte, violett und schwarz am Altar thronend, bunt geschminkt, +blutrot grell beide dicke Lippen, blau umrandet die Augen, von ihnen +Rechenschaft. Sie hatte wie ein mittelalterlicher Fürst eine gefürchtete +Garde von Bewaffneten um sich. Die trugen Kappen und Masken, +Stiefelschäfte bis an den Leib, waren Männer und Frauen. Tornister +trugen sie auf dem Rücken, lanzenartige drahtumwickelte Stäbe in den +Händen, standen an den Wänden und schienen keine Menschen zu sein. Die +Königin hörte an, wer vor sie gebracht wurde. Wer sprach, mußte erzählen +von sich, was er wußte. Darauf wurde er entkleidet und mußte weiter +sprechen. Persephone besah und hörte die Menschen, Männer Frauen Mädchen +Jünglinge, die vor sie gebracht wurden, von Schreck und Wut ergriffen +waren, weinten, um Gnade flehten. Sie sagte: sie sei Persephone, die +Königin der Unterwelt. Ob sie das Zepter in ihrer Hand nicht erkennten, +ob sie nicht wüßten, daß man rasch erscheinen und da sein müsse, und daß +zwischen jetzt und jetzt, Tod und Leben, Acker und Tod, Straße und Tod +nur eine Sekunde liege. Die Sekunde sei übersprungen im Augenblick, wo +sie die Kathedrale betreten hätten. Sie hätten ihre Arbeit zu lassen; +die ginge weiter auch ohne sie; die sei ihre Hände nicht wert. Jetzt sei +die Stunde für sie, die Königin Persephone, da. Ihr müßten gezeigt +werden die Glieder, die Stimme, die Bewegungen; ob sie noch das Recht +hätten zu leben oder herunterkommen müßten. Sie schrie, sich vom Sitz +erhebend, das Zepter schwenkend, finster: „Es ist vorbei. Die Häuser +Straßen Maschinen Äcker haben genug von Euch. Ihr habt ihnen genug +gegeben. Jetzt ist meine Stunde.“ Aber wie sie sich setzte anhörte sah +prüfte, nahm sie mit sich, was ihr behagte. Sie nahm aus ihrem schwarzen +hochgetriebenen Haar die langen Nadeln, die zu beiden Seiten drin +staken. Die warf sie zur Seite vor dem violetten Priesterwesen. Und vor +wen die Nadel gefallen war, der wurde die Stufen hinaufgezogen vor sie. + +Es waren die starken Männer, die schönen schlanken weißen, Gatten und +braune Jünglinge, üppige strotzende Mädchen und Frauen, die sie zu sich +nahm und von der Erde verbannte. War eine tiefe Seligkeit, die Melise +empfand, ihr Zepter zur Seite der Priesterin gebend, wenn sie den Mann, +das Weib empfing, umarmte. Wie es sich wand, warm weich; sie wußten +nicht, waren sie begnadigt oder verurteilt. Aber sie waren begnadigt. +Die Königin zog sie an sich, war aufgestanden. Drückte die Gesichter an +ihre Arme, die offenen schweren Brüste. Ihre Hände glitten an den +Gesichtern Schultern Leib Schenkeln entlang. Sie berührte liebkosend die +Heimlichkeiten der Leiber. Die Priester und Priesterinnen hingefallen +auf die Knie sangen abgewandt Lieder. In dem Menschen, den sie +umschlang, entstand eine sanfte Verwirrung. Träumend wild griff das an +den Hals, der sich ihm bot, wühlte sich gegen den festlich grausigen +Kopf, die starken Schultern. Da war sein Schicksal da. Der Kopf, der +eben noch nach dem Mund Melisens gesucht hatte, bog sich leicht stöhnend +beiseite. Der nackte Leib wogte hin und her, wie auf der Suche nach +einer Bewegung, die er nicht fand. Während Persephone sich in ihren +Stuhl fallen ließ, trunkene Augen, das Gesicht in schluchzender +Verzückung, unter der düsteren und wimmernden Musik, die wellenartig +aufquoll und toste, rollte von ihr der Mensch ab, der einer gewesen war +und den sie jetzt beherrschte, in sich trug. Ein Leib in sie +eingegangen, hergerissen von den Äckern, der Erde. + +Melise quoll auf von Wesen, die sie in sich aufgenommen hatte. Nicht +mehr Persephone war sie, sondern Hades, die Unterwelt selbst. Ihr +Gebiet, von Bordeaux bis über Toulouse reichend, hatte noch Bestand und +England unterstützte die wachsende Kraft dieses Staates, als sie +übersättigt ungesättigt hinschmolz. Die zarte kindliche feine, die sie +zuerst gepeinigt hatte, die weiche Betise war die letzte, die sich ihr +zu opfern hatte. Und die sich der Königin lange hingegeben hätte, wenn +Melise, die wilde rastlose, sie gewollt hätte. Melise spielte mit ihr, +schützte sie, ging um sie herum. Betise durfte auf keinem ihrer Züge +zugegen sein, saß in einem schloßartigen Haus bei Bordeaux, bewacht von +Frauen der Königin. Lange Monate suchte die Königin sie nicht auf. Auf +abwesende liebevoll zerstreute halbstumme Stunden kam sie dann. Das +zarte Wesen wußte, wenn Melise kopfsenkend verträumt vor ihr stand, daß +sie nicht sprechen fragen durfte. Obwohl sie sie anbetete. + +Die Königin trat bei Betise ein, die auf einem Kissenbündel am Boden +lag, schlafend von der Sonne bestrahlt wurde. Erst wie die mächtige +stark ausschreitende Frau an die Kissen stieß, fuhr Betise hoch. +Kicherte reckte sich süß, hielt inne erstarrend. Daß die Frau, ein +brauner fast nackter Leib, von Blutströmen Blutkrusten bedeckt war. Die +Arme voll Blut, die Finger von schwarzer Borke überzogen, Brüste und +Schenkel überrieselt, die Augen ausgegossen leer; trübe das Gesicht. +Persephone sah das Kind an, verzog das Gesicht. Greinte, während sie +dastand, die Hände schlaff an ihr herunterhingen, die Finger zuckten +zitterten. Mit Blut von den Menschen, die sie umfaßte, berieselt. +Unauslöschlich in ihr der Drang mehr zu tun; sie war in tiefe +Verzweiflung gesunken, hatte schon Priesterinnen neben sich zu Göttinnen +erhoben. „Man muß die Erde entvölkern“ sagte sie; griff die +Priesterinnen, die Göttinnen, die schrien, sich wehrten, nahm sie selbst +zu sich. Da stand sie stöhnend vor Betise, die sie nie gesehen hatte, +ließ sich, während das Kind aufsprang, auf die warmen duftatmenden +Kissen. „Ich werde dich abwaschen“, streichelte Betise, hinter ihr +knieend, ihre Haare. „Warum willst du mich abwaschen. Siehst du mich. +Ich bin Persephone“, sie zerbiß die Kissen, „ich bin nicht Melise. Nicht +Melise.“ „Du bist Melise. Melise, du bist es. Ich werde dich abwaschen.“ +„Nicht. Du wirst es nicht tun. Laß es.“ „Weg soll es. Ich will dir doch +zeigen, Melise, ma douce Melise, Melise, ma pauvre fille, – wie süß, daß +du zu mir kommst –, ich will dir zeigen, was du unter dem Blut hast. Was +sich da versteckt hat. Sieh den Schwamm. Es ist nur ein Schwamm. Es ist +Wasser daran. Paß auf, du Schöne, was die alles machen können, der gelbe +Schwamm, das weiße Wasser. Das nehmen wir alles herunter, das Rote das +Schwarze das Schmierige das Borkige. Das gehört nicht zu meiner dunklen +schönen Königin. Sieh, was eine Königin für eine blanke glatte Haut hat, +da kommt sie schon hervor, braun, wie meine, nein, noch dunkler. Sie hat +nur gewartet. Wie das spiegelt in der Nässe, ei. Lieg nur ruhig. Alles +nehme ich dir weg. Du brauchst kein Glied bewegen.“ „Betise, du dumme, +weißt du, was hier liegt? Hast du von dem gehört.“ „Ja. Aber lieg still. +Ich habe von dem gehört. Daß du die schönste braune Haut hast, die +besser als meine ist. Daß du meine Königin bist und – Späße machst wie +du darfst. Komm, tu die Füße voneinander. Bis über die Knie ist es dir +gelaufen. Sie haben dich eingewickelt, damit man dich nicht sehen kann. +War das so schön, Melise?“ „Solange, oh solange ich es fühle, Betise. +Solange ich das Lebendige der Menschen umfasse, ist es schön. Solange +mich das Blut berieselt, ist es schön.“ „Und mein Wasser? Schön?“ „Dein +Wasser, dein Wasser“, Melise richtete sich müde auf, „bin ich jetzt +fertig?“ „Dein Gürtel ist noch ganz schmierig. Und jetzt nehm’ ich dir +auch deinen Gürtel ab.“ „Das tust du nicht.“ „Warum nicht. Schämst du +dich vor mir. Bin ich nicht eine Frau. Jetzt bist du ganz sauber. Ich +trockne dich ab. Eins nach dem andern, Betise.“ Betise lachte: „Zu dir +hab ich Betise jetzt gesagt. Ja jetzt sag ich zu dir Betise.“ „Und du +wirst Melise.“ „Ja, ich bin selber _ma pauvre fille_ Melise. Ich diene, +weißt du wem? Der armen Betise, die in einem Zimmer sitzen mußte, immer +auf Kissen schlafen mußte, trauern und warten, bis einer kam, der ihr +etwas erzählte. Von der großen Königin. Hätte sie nur gewußt, was die +Königin tut. Hätte die Königin sie einmal mitgenommen.“ „Ach, Betise.“ +Langsam hob sich Melise, die braune schwere Frau auf, stellte sich an +die blaßblauen Vorhänge neben dem Fenster. Der warme Sonnenschein fiel +auf ihre Haut. Sie hielt den haarbehangenen Kopf, das leere tote Gesicht +abwärts, befühlte mit den Handflächen ihre eigenen Schultern ihre Arme +die Hüften den Leib, ließ sich bescheinen. Zitternd nahte ihr die Zarte: +„Jetzt führe ich dich in meinen Garten. Da sollst du unter meinen lieben +Ulmen gehen. Sie warten schon lange auf dich.“ + +Und wie sie sie um die Hüften faßte und durch die Fenstertür ins Freie +auf den Sandweg führte, erzitterte das junge Geschöpf noch heftiger: +„Ich schäme mich, daß ich ein Kleid neben dir trage.“ Und hatte, nachdem +sie einen Augenblick das Gesicht in den Händen verborgen hatte, ganz +hoch winselnd, ihr Kleid fallen lassen, die Strümpfe abgestreift und +Melises Hüfte umfaßt: „Hier gehen wir; ich zeige es dir. Es ist niemand +in meinem Garten. Die Frauen passen gut auf.“ „Wohin führst du mich, +Betise?“ „Es ist mein Garten. Fürchte dich nicht. Die Sonne ist noch +wärmer hier als drin. Wie waren doch unsere Voreltern gut daran, die im +heißen Land liefen und sich nur von der Sonne anziehen ließen.“ Aus +Melise kam nach einer Weile, als sie auf einer Wiese mit rotem Klee +gingen und das Zittern der angeschmiegten Jungen nicht nachließ: „Und +wer geht da neben mir. Sieh da, Betise. Du hast keine Furcht vor mir?“ +„Wie soll ich Furcht vor dir haben“, sie zog Melise, die folgte, auf das +sanfte Grün. „Weißt du, was ich tue, weil ich, ich, Melise bin?“ „Du +Melise?“ „Ja, ich.“ Es blitzte in den schwarzen Augen Melises; ihr +Gesicht belebte sich: „Ja, sei nur Melise. Ich hab’ dich gern. Tu +einmal, tu’s an mir“, sie schrie, „sei Melise.“ „Was soll ich tun?“ „Was +du magst. Wenn dus kannst.“ Tränen stürzten aus dem Gesicht der Jungen: +„Lieg still. Lieg still.“ Wie ein Blockstumpf legte sich die braune Frau +um. Die Junge streichelte ihre Füße die Hände, um sie kriechend. Sie +streifte, während sie das Gesicht der Frau beobachtete, einen Ring von +Melises kleinem Finger, den Ring, mit dem Melise ihre Liebsten tötete. +Schon hing sie an Melises Hals, küßte sie, rieb die Wangen an ihr: +„Persephone.“ „Ich bin es nicht.“ „Seis noch einmal. Für mich.“ „Ich +kann es nicht.“ „Noch einmal.“ „Ich kann nicht.“ „Ich will aber, +Persephone. Ich muß zu dir.“ „Ich kann nicht. Ich bin nicht Persephone.“ +„Komm doch. Sieh mich an.“ Melise öffnete die Augen, ließ sich +hochrichten. + +Die schwere braungelbe Frau ließ sich durch den Garten führen. +Feistschenklig brustschaukelnd ging sie, von Betise umschlungen; der +wilde schwarzhaarige Kopf schwankte vor der Brust. Sie seufzte im Gehen: +„Es brennt. Die Füße brennen mich.“ „Die Sonne ist hier heiß. Komm zum +Bach. Da ist die Brücke. Da willst du hin.“ + +„Melise“ die zarte hellere, wie sie am Wasser unter der Brücke saßen, +klammerte sich an die prallen Arme, die die Frau neben ihr hängen ließ, +preßte den Kopf an ihren Hals. Die dämmernd stöhnte brusttief: „Was +willst du also?“ Betise fuhr fühlend, beglückt aufbebend, mit den Händen +Gesicht über den Leib der Königin, die sich abwesend lang umlegte. „Ich +lieb dich. Ich lieb dich, Melise. Ich will dir nur sagen, daß ich dich +liebe. Daß ich dich so lange, ohne Anfang und Ende lange erwartet habe. +Und daß du da bist. Gib mir deinen Mund, sag: du bist meine Freundin.“ +„Deine Freundin“, murmelte die andere. Betise: „Deine Freundin, ich bin +es, du Hals du Kopf und Haar du nasses Haar du Brust du Arm hier und da, +du Leib. Kommt, liebe Augen beide, ich will euch wohltun. Ihr seid +trübe. Ich muß weinen, schreien, wenn ich euch sehe. Geht nicht auf.“ +Und schob, eine Hand über Melises Augen und Nase gelegt, an dem schweren +Körper. Er regte sich nicht. Da kreischte sie: „Ich rolle dich, rolle +dich, Melise.“ Und stach ihr drehend rollend die Nadel des Ringes +zwischen die Rippen. Widerstandslos rollte der schlaffe Leib auf das +Gesicht auf den Rücken auf das Gesicht, rutschte die graue Böschung ins +Wasser ab. Der Kopf Melises hob sich schnappend noch im Wasser auf. Die +andere drückte, ihr nachspringend, an ihr liegend, den Kopf zurück, +überschrie Schmerz und Angst: „Nicht wieder aufgehen, Augen. Bist im +Wasser. Bist im Wasser. Es ist ja gut. Ich singe über dir. Hör mich, +Melise. Ich bin ein Hänfling. Du fliegst mit mir. Jetzt, jetzt, wir +fliegen ganz hoch, so weit meine Stimme reicht. Höher. Ja, wir fliegen +riesenhoch. – Süße Melise, ich bitte dich. Du machst mich nicht mehr +weinen. Deine Augen gehen nicht mehr auf.“ Sie zog ihre Hand ab, aus dem +Wasser, küßte sich die nassen Finger: „Genug, arme Hand. Zitterst so. +Ich auch. Genug.“ Warf sich über die verschattete Böschung zurück, das +Gesicht am Gras reibend, mit den Zähnen Gras mahlend: „Wir zittern +allesamt. Meine süße Königin, ich habe dir das getan.“ Sie kauerte unter +der Brücke, die Kniee angezogen: „Diese Brücke haben ihre Augen zuletzt +gesehen. Ich bleibe unter der Brücke. Ich kann sie liegen sehen, der +glatte braune Rücken, die blanken Beine. Das Wasser springt daran hoch. +Da liegt meine süße Königin. Oh wohl habe ich ihr getan.“ Lange saß sie +still da, manchmal ihre Finger betrachtend, die trockneten, sich die +Haare streichend: „Sag nicht so. Sag nicht so. Warum soll ich mich +ertränken. Ich lieb sie ja. Es muß einer da sein auf der Welt, der +Melise liebt. Bleibe alles, wie es hier ist: Brücke Schatten Sonne +Garten Melise. Bleibe alles, wie es ist.“ Die Schatten wurden tiefer, +Betise saß noch im Gras zwischen dem Klee: „Sie werden mich greifen. Sie +werden nach ihr suchen. Mich greifen sie nicht. Ich muß leben bleiben. +Es muß einer leben bleiben, der Melise liebt. Sie sollen sie nicht +töten.“ + +Sie schmiegte sich unten zärtlich an den braunen kühlen +wasserüberrieselten Leib, warf den Ring in das Wasser, huschte unter der +Brücke vor, über den Klee die roten Mehlprimeln und Enziane der Wiese. +Durch die offne Fenstertür schlüpfte sie ein, rieb sich den Sand von den +Fußsohlen. Legte sich über den zitternden feinen Körper die +buntgestreiften Hosen, die ihr Melise zuletzt geschenkt hatte, das weite +blaue lange Hemd, das hellgelbe seidene mantelartige Oberkleid. Aus +einem weißen Baumwolltuch band sie sich um den Kopf eine Haube. Sie warf +Handküsse um sich, in den abendlichen Garten. Und schritt ruhig aus dem +stillen Haus, an den Haufen der Wächter Melises vorbei, denen sie sagte, +sie ginge, weil die Königin sie schicke. Blieb verschwunden, obwohl +Sichtbares und Unsichtbares gegen sie aufgeboten wurde. – + + + + + Zweites Buch. + + Der Uralische Krieg + + +Die Massen wurden gesättigt verweichlicht. Man war auf der Suche nach +neuen Bedürfnissen. Ließ neue Fremdenmassen heran, erweiterte die +Stadtlandschaften. Wie die Strenge unter der Herrscherschicht nachließ, +kam Verrat von Geheimnissen aus Leichtsinn Prahlerei, im Trunk vor. +Häufiger zeigten sich wilde schreckliche und dumme schwerfällige +lenksame Figuren unter ihnen. Weiber und Männer, in der Herrscherschicht +verbündet, fielen sich heftiger an. Dann stürzten sie wieder zum +gemeinsamen Schutz ihrer Hoheit und Apparate heraus. + +Die gefährlichen großen grausamen Gestalten stiegen nicht nur aus der +Herrenschicht, sondern nun auch aus der üppigen vielformigen Masse. + +Es kam am Ende des vierundzwanzigsten Jahrhunderts zu den ersten +Verzweiflungsschlägen gegen die Maschine. Noch ein Jahrhundert später +erzählte man von den mächtigen Taten. Die Richtung war von der +Peripherie des Völkerkreises auf das Zentrum: Timbuktu gegen Rom, Sidney +gegen San Franzisko, Nordafrika gegen Messina Palermo. In den +außenliegenden Landschaften gedieh der Übermut und seine Reaktion am +heftigsten. Niemals wurde wie einmal in Mailand der Herrscherschicht, +die von London gestützt war, die Macht entrissen. Aber es ging +gefährlich gegen die Machtmittel selbst. Die Bibel erzählt von den +Makkabäern. Die Namen Targuniasch, Zuklati sind ihnen gleichzustellen. +Die Europäerreste an der nordafrikanischen Küste, dem Zugriff der +Europäer entzogen, offenbarten ihre Kraft. In den dudelnden verträumten +Städten trieben sich plötzlich hetzende Menschen herum. Die Wut wurde +aufgepeitscht. Die Apparate, die man hatte für Belustigung, die +Gestaltenentwickler, wurden benutzt zur höhnenden Darstellung des Lebens +der Königin Melise und anderer. Da war die Kathedrale bei Bordeaux, ihre +Priester und Priesterinnen, die Lanzen der Söldner. Die bestialischen +Totengerichte spielten sich ab, Männer Frauen von den Straßen Äckern, +aus den Häusern gerissen. Die stummen gewaltigen Apparate zerstören. Die +Köpfe zerstören, aus denen sie kamen. + +Es fanden sich in den Landschaften, wie von einem Wind getroffen, Männer +und Frauen, die gegen die Gehirne vorgingen, aus denen die Apparate +wuchsen. In hinterlistiger Weise, durch Liebende Freunde Kumpane beim +Trunk wurden in den gewaltigsten Stadtlandschaften Menschen der +Herrscherschicht weggerafft. Der Mähende und seine Saat kam meist +zugleich um: so wild war der Trieb die Apparate zu beseitigen, daß kein +Angreifer an sich dachte. Oft schlummerte man unter Kokain und +brasilianischen Giften ein, Angreifer und Angegriffene. Der Boden unter +den Apparaten sank. Die Männer und Frauen, die sich so opferten, waren +nicht zu zählen. + +Targuniasch und Zuklati sind die Männer gewesen, die ohne Macht zu +besitzen, ohne Menschenmassen hinter sich, an die Senate ihrer Staaten +geradeaus die Forderung stellten, die Maschinen herzugeben und sich dem +Volksspruch zu unterwerfen, welche Apparate zu erhalten seien. Die +wandernden unsichtbaren Überwachungsausschüsse und Kommissare konnten +sie nicht ermitteln. Denn beide Männer sprachen zu niemand, waren ihrer +Umgebung selbst verhüllt. + +Es kam die Zeit der schweren Erlebnisse für Antwerpen und Calais. Dort +hielten die beiden sich auf. Eine Kraft, die man nicht kannte, arbeitete +sich rasch in die gefährlichsten Geheimnisse ein. Die erschlaffte +Herrscherschicht zuckte zusammen, merkte auf. Kein verdächtiges +plötzliches Hinsterben beim Tafeln, kein fremder Zugriff; sie hatten +Verräter unter sich. Die eintreffenden Kommissare Londons fanden nichts. +In Antwerpen waren eines Tages alle Schalter der Zentralstadt zerstört, +die Schutzwaffen der meisten Herren verschwunden. Die Stadt war wehrlos. +Targuniasch rief zum Angriff. Die Masse hörte ihn erstaunt an, lärmte +verlief sich. Als London erschien, war er untergetaucht. Targuniasch +wühlte weiter. Vergebens. Die Oberen warfen neue Vergnügungen über die +Menschen. Da stand eines Tages das Triebwerk Antwerpens still. Am Abend +lief noch nichts. Zwei Tage nicht. Der Name Targuniasch war auf allen +Lippen. Man fand den Mann verkohlt zwischen den Leitungen eines +Hauptkraftspenders, den er damit zerstört hatte. + +Zuklati endete ähnlich in Calais. + +Die Besorgnis der Herrscher war aufs Höchste gestiegen. Man saß da, +wußte keinen Rat. + +Timbuktu spie Verzweifelte Attentäter auf Rom. Die zwei Frauen, die aufs +tiefste erregend in Francisko am Großen Ozean erschienen, stammten aus +dem kampfzerrissenen Sidney. + + * * * * * + +Der Umschwung erfolgte nach Jahrzehnten der Attentate und Repressalien +durch die heraufsteigende Generation der Herrschenden. Die alten Köpfe, +mißtrauisch traurig vergrämt unfruchtbar, waren schon auf Paktieren aus. +Da warfen die Jungen sie um, setzten sich an ihren Platz. Die Jungen +hatten das Gefühl der verlorenen verhängnisvollen Situation. Sie griffen +ein, bundartig in den meisten Kapitalen zusammenhängend. Eng an die +Massen schlossen sie sich an, die sie unfeindlich aufmerksam +durchstreiften. Die Massen, gärend führungslos, nahmen enthusiasmiert +den Wechsel hin. Erst wurden einige Stadtschaften von dem neuen Geist +ergriffen, dann viele andere. In Europa vollzog sich der Bruch mit der +Dünkircher Direktive in einer Schroffheit, die die ganze Spannung der +Massen offenbarte. Die Überwachungsausschüsse mit ihren schrecklichen +Geheimnissen verschwanden, die Abriegelung der Kenntnisse gab man preis, +die Senate wurden geöffnet. Die aufrührende Kraft des Ereignisses war +geheimnisvoll. Und dahinter fühlte man lockend fordernd in die Knie +zwingend das Neue. + +Und das Neue kam so rasch wie die junge Generation. Begrüßt von den +Massen bewegten sich jetzt durch die Straßen Anlagen Werke +Regierungsgebäude blühende Männer und Frauen. Ritten durch die Länder, +erregten durch ihr Erscheinen maßlose Freude. Sie waren sachverständig +wie die Alten. + +Zum ersten Male seit vielen Jahrzehnten tauchten in Städten Frankreichs +Deutschlands Italiens Fahnen auf, an Häusern Flugzeugen Wagen. Wie aus +dem Dunkeln stiegen diese Zeichen mit den Jungen auf. Die noch lebenden +Alten staunten, waren hingerissen, fürchteten sich, warnten. + +Etwas Mächtiges war im Begriff auf dem Kontinent zu werden. Die Fahnen +der neuen Demokratie, die in London Paris Calais Berlin und rasch über +allen Landschaften erschienen, sehnsüchtig begrüßt, so daß die Frauen +sich in sie hüllten, die öffentlichen Gebäude wie die Fabriken und +Wohnhäuser ihre Fassaden dahinter versteckten, waren nicht von gleichen +Farben. Oft üppige Zusammenstellungen, die an die alten Nationalfarben +anklangen. Aber überall silbern weiße und goldene Sterne Sonnen und +Monde. Die blühenden jungen Männer und Frauen der Herrscherschicht +trugen die Fahnen über die Landschaften. Die Massen fielen der Sonne dem +Mond den Sternen zu. Diese Sterne und der Mond blitzten an dem alten +Himmel. Von der Erde schlugen jetzt Millionen Herzen heftiger bei ihrem +Anblick. Dies waren keine Frühlingsträume Liebeslieder, was sie bewegte. +Es legte ihnen nicht den Kopf auf die Seite, formte ihre Lippen nicht +zum Seufzer, machte ihr Gesicht schmal, die Beine schwer. Hingezogen +hinkrampfend: sie wußten nicht, was sie wollten. Aber aufs Innigste +wußten sie: das waren ihre Zeichen. Die Wühlereien Insulte Attentate auf +die Senate hörten auf. Die Menschen verschworen sich den Zeichen. +Begehrten sich für sie zu zeigen. + +Im Momente, wo die himmlischen Abbilder auf den Fahnen der Kontinente +erschienen, brausten die Wasserstürze, die fern von den Zentren die +Dynamos antrieben, heftiger siegreicher. Die Sonderturbinen der +alleenlangen Werke sangen hoch und tief wie in Chören. Die +Transmissionen die Drähte, rasselnd schnarrend, dumpf stöhnten +kreischten. Etwas Lächelndes Freches blitzte aus den Kabelwerken den +Rohrleitungen der Werkstätten. + +In die Menschen der Städte, die um diese tonnenschweren Untiere von +Maschinen liefen, ihre Hebel und Gestänge angriffen, über die Gestänge +sich zogen, war eine Liebe zu diesen eisernen Wesen gefahren. Ihr +Dröhnen Schnattern Einschnappen tat ihnen wohl. Es labte erregte sie wie +eine Liebesbegegnung. + +Es war nach dem Mißtrauen und Eigenbrödeln des vergangenen Jahrhunderts, +dem Wuchern Vorsichhocken der Städte und Landschaften eine Verbindung +hergestellt über Europa und bald über die großen drei Kontinente. In die +Senate traten zu den Jungen der Herrscherschicht kraftvolle Männer und +Frauen der fremden Massen der Völker der Versklavten. Die Massen waren +Hände der anderen gewesen, genießende Münder gestreichelte gewärmte +Haut. Über sie brauste der Geist so wild, daß sie, wie sie ihn fühlten, +zu zerstörerischen Angriffen auf die getrieben wurden, die sie so lange +davon zurückgehalten hatten. Die von den Alten vieler Stadtschaften +befürchtete Ausrottung der Herrengeschlechter erfolgte an vielen Orten; +das waren belanglose Vorgänge, die den Verlauf der Dinge nicht änderten. +Die Menschen, die sich jetzt neu an die Apparate warfen, die Mysterien +der Kenntnisse aufnahmen, waren heißer, als die sie ablösten. Kosend, in +stürmischem Überschwang, glückschwellend krochen Männer und Frauen an +die Maschinen, die jetzt ihre waren. Das Eisen erschien ihnen beseelt +wie ihr eigenes Fleisch. + +Während ein Branden die Kontinente erfüllte, die letzten Alten der +Herrscherschicht alles verloren gebend ins Grab sanken, zeigte sich +eines Tages in Süddeutschland eine junge Frau auf den Straßen einer +großen Stadtschaft. Trug ein riesiges Banner mit den Zeichen der +Gestirne. Aber es waren nicht nur Sterne Sonne Mond auf dem Banner, +sondern ein Feuer, das von den Gestirnen ausging, die wie Früchte +aufgebrochen waren und Flammen hochwarfen. Das Banner lehnte sie auf +einem Platz an einen Baum, sprang vor den jäh erregten Tausenden, die +mit ihr gezogen waren in einem ausbruchsüchtigen Drang, auf die +Granitschale des Brunnens. Das Wasser der Fontäne stäubte im Wind über +sie, ihre Füße standen im Becken. Oben schwang sie, gelbes sanftes +rundes Gesicht braune Augen, die dünnen Arme, riß sich die Brust auf: +„Wie lange wollen wir herumgehen? Die Straßen betreten? Den Staub, die +Steine? Wozu? Wozu sind wir da, wozu bin ich da? Wißt Ihrs nicht? Ich +weiß es. Wir lieben das Eisen; die Kraft ist in uns, die Stärke, die +keine Zeit hatte. Man hatte uns davon abgesperrt. Jetzt haben wir sie. +Jetzt fühlen wir sie. Sie ist unser Blut unser Leben. Es ist nicht die +Erde. Was soll die Sonne auf unseren Fahnen, Mond Sterne. Nicht Sonne +Erde Sterne. Wir! Wir! Wir! Wir Menschen! Die Sterne aufbrechen! Die +Sonne aufbrechen! Wir können es! Wir haben ein Hirn im Kopf. Da stehen +unsere Maschinen. Unser Fleisch. Ich liebe sie. Was ist kräftiger als +sie. Was ist kräftiger als wir mit ihnen. Meine Seligkeit. Ich will +nicht an mich halten. Kommt, Freunde Freundinnen, zu unserer Kraft! Zu +unseren Kindern! Zu unserem Herz.“ Sie war mit dem Banner, geführt von +ekstatischen Menschen zum nächsten Kraftwerk getragen worden. Ein +Zittern befiel die Arbeiter beim Heranrauschen der Scharen. Durch den +Riesenraum wogte das Banner, das ihnen an die Seele griff. Das Lied von +Targuniasch, dem Befreier brauste. Die Frau schrie vor einem surrenden +rastlosen Ungetüm: „Targuniasch, der Befreier. Er wollte die Werke +zerstören. Wir wollen sie für uns erobern. Unser Blut ist bei uns. Meine +Seligkeit! Meine Seligkeit! Wir wollen uns nicht zurückhalten vor ihnen. +Hin! Ich muß hin!“ Und unter Aufschrei Hinsinken von Frauen und Männern, +besinnungslosem tobsüchtigem Stöhnen und Kreischen stürzte sie sich von +der steinernen Umfassung des Maschinenkörpers in seinen blitzenden +wogenden eisenschmetternden Leib. Keinen Augenblick änderte die Maschine +ihren Lauf, herrisch dröhnte sie in ihrer steinernen Umfassung. Sie +wühlte in ihrem Bett, schlang den Frauenleib, salbte sich mit seinem +gießenden hellroten Blut. Riesig überschmetterte sie Kreischen und +Schreckensstille der Menschen. Ein Mann auf der Umfassung, klein +geduckt, Gesicht, das nicht zeigte ob es lächelte oder weinte: „Hin ist +hin. Was ist ein Leib für eine Maschine. Wieviel muß eine Maschine +fressen, um ein Mensch zu sein. Sie muß nicht glauben, ihr genug getan +zu haben. Das war für das Maschinchen ein Tropfen. Hört an, wenn ich +‚hi‘ schreie, was das Maschinchen dazu sagt. Hi! Hi! Da bin ich nichts; +sie ist lauter. Das braucht mehr als einen Menschen. Wer will mit auf +die Reise. Gurre, gurre, gurre!“ Er lockte. Zu zwei, drei, vier standen +sie oben, blickten von der Umfassung. Der verzerrte kleine schrie: „Ein +Sprung.“ Sie hatten sich angefaßt, waren hin. Die Körper warf die +Maschine im Bogen über sich; es war, als spie sie sie noch mal aus, bis +sie die Überkugelten Zurückstürzenden schluckte. Einen Moment schnurrte +sie, als wenn sie sich innerlich riebe und zögerte; donnerschmetterte +eisentoste weiter. Die Fahne der Frau hob am Schaft eine andere Frau, +der die Zähne schnarrten. Sie war sehr groß; die Fahne hielt sie vor +sich in gefalteten Händen; angstvolle Miene, die Knie vibrierten unter +ihr; sie trat auf die Umrandung. „Keiner mehr heran. Laßt die Maschine +ruhn. Sie schluckt. Für heute genug.“ So donnerwetterte die Maschine, +daß sie flohen. + +Sie waren in vielen Städten so hingenommen. Sie sprangen auf die Beute. +Die Fahnen der jungen befreienden Männer und Frauen wehten über den +Landschaften. Knechtend hinzwingend wehten sie über den Landschaften. +Sie rissen die Blicke weg von den Äckern Straßen Fabriken. Wie ein Wurm +schlich es hin zu den Männern und Frauen, die fühlen konnten; aus der +Berührung der Werkzeuge, dem Blick auf die Werkfronten, den Reden der +Menschen, den Gesten schlich es in ihre Arme, hob sie an die Brust, ließ +sie an die eigene Brust sich legen, ließ die Kniee sich +aneinanderdrücken, die Füße Knöchel sich aneinanderpressen, drückte das +Kinn auf die Brust, daß sie standen und sich wieder frei machten sich +schüttelten wild räkelten. + +Um die großen Anlagen die Werften Fabriken, um die Lager der Flugzeuge, +neben den Schienen den wandernden Häusern gingen in Dunkelheit die +Menschen, die farbigen heißen die weißen gelben, schielten, waren +bezwungen, wanden sich, barmten: „Was sollen wir tun?“ Sie trugen die +losen und engen Arbeitskleider. Die Ruhe hatten, hatten bauschige Jacken +Überwürfe an sich hängen, wallende Hüte Schärpen, schleppten sie die +Dämme und Mauern entlang. Wie sie sich duckten: „Tu uns nichts. Was +sollen wir tun. Sag uns: was. Sprich: was. Her den Mund zu uns, an +unsere Ohren. Wie es uns knirscht in der Brust; wie wir klein sind. +Nein, wir sind groß. Zeig uns, wie wir springen sollen; wir werden +springen.“ Bäumten sich: „Wo ist Rettung.“ + +Sie litten unter dem Drang. Durcheinander von Liebe Inbrunst +Zerstörungswut. Zerstören mußten sie die Apparate, die sie liebten. An +vielen Orten taten sie es. Sie taten es nicht gern. Sie waren nicht +anders als die Männer und Frauen, Herren und Herrinnen, die dann in +großen Schleiern und Schatten, sichtbar und unsichtbar hinter ihnen +waren, sie beim Nacken ergriffen, zum Hinrichten und Vernichten +fortschleppten. Von diesen Händen, die sie steif hielten, hingen sie +herunter. Sie waren eins mit ihnen, lachten und wanden sich zappelten +tobten: „Tötet uns. Was macht es aus. Es wird uns nicht ändern.“ Die +Leiber, die sie schleppten, – die Schatten, sichtbar und unsichtbar +hinter ihnen, – schrien: „Warum habt Ihr Euch an unserem Blut +vergriffen. Warum an unserem Blut. Ihr sollt es sagen. Dies sollt Ihr +sagen.“ Von denen, die an ihren Händen hingen, lachend zuckend: „Sar +Tiglat! Iddiu! Ihr wollt es wissen. Was wollt Ihr von uns wissen. Wir +sind Euch voraus. Ihr werdet uns töten. Ihr nehmt uns das Leben ab. Wir +danken Euch.“ Man warf sie in keine Maschine, um das Werk nicht zu +schänden. Nahm keinen Stahl, um ihn nicht zu beschmutzen und zu kränken. +Suchte Felsen Wasser Sümpfe Flußlachen auf, zerwarf erstickte sie. „Oh +hätte ich mehr Hände“ schrieen die Richter. „Oh hätte ich mehr Leiber“, +die Vernichteten. Wut und Entzücken in beiden. + +Was war mit den Männern und Frauen. Wie sie tausendmal kampflos +nebeneinander stiegen, von Inbrunst und Verwirrung vor dasselbe Ziel +getragen, so hielten sie sich tausendmal bei den Fingern, an den Daumen +Knöcheln Ellbogen Schultern. Die Finger zogen sich weg, krampften +zusammen. Die Daumen stellten sich auf, bohrten sich ein. Die Ellbogen +spreizten sich, stemmten sich, zuckten wie Scharniere zusammen, schlugen +wie Türen zusammen. Die Schultern waren nicht anders wie Wasser. Wie ist +das Wasser. Das Wasser ist weich. Faßt man auf das Wasser, so weicht es +aus, schwindet hin, ist nicht da, schlägt über die Finger und ist da und +nicht weg, hat Finger Hände Knöchel verschlungen. Die Schultern nahmen +die Hände, sanken wie Tasten unter den Fingern herunter, bebten auf, +wogten tiefer, schwankten wie ein Boot rechts und links, fegten wie +Segler zur Wasserfläche herunter. Fuhren rechts aus, links aus. Das war +wie Schilf unter dem Wind, flatterte ab, schnellte auf, schwamm in Ruhe. +Spritzte wie Milch in Röhren herunter, drang hochgesogen empor. Die +Schultern, – bis ihre Muskeln sich verfestigten aufsprangen sich +versteinten und es hieß: leben oder sterben. Kein Geschlecht begehrte +vom andern, es möchte schwächer sein. Jedes begehrte vom andern, es +möchte stärker sein. Damit man es wilder eiserner fürchterlicher tiefer +fassen und daran verderben könnte. + + * * * * * + +Von Italien begann es. Die Landschaften waren plötzlich erfüllt von +Scharen, die sich aus den Werken Siedlungen lösten. Die gaben vor, der +Geist der Maschinen Apparate zu sein und ergossen sich über die Gebiete +der Städte. Es waren wilde halbverwirrte Scharen. Mit Maschinenrädern +schwarz blau rot ihre Brüste bemalt, die sie offen trugen. Die +knatternden Riesenbanner mit Sonne Mond Gestirnen über und vor ihnen. +Feuer brach aus den Gestirnen. Oft, viel öfter aber brach es nicht aus +ihnen, sondern stieg Feuer aus der Dunkelheit unter ihnen. Der feurige +Schwalch schlug zum Himmel, hüllte die erblassenden Zeichen ein. Die +Dunkelheit war nichts als eine Wolke. Manchmal war sie ein Kopf eine +Brust der schwarze Raum zwischen zwei hochgehobenen Menschenhänden. +Zwischen denen brunstete knisterte flutwogte schwoll das Feuer auf, zur +Seite, leckte herunter. Diese Menschen waren Mordsenger. Sie zogen +autonom hin. Man wagte ihnen, die furchtbar finster durch Deutschland +Frankreich Italien Irland schritten, nicht zu widerstehen. In Amerika, +an der Ostküste zerstörten sie kleine Siedlungen. Dann äscherten sie +große Teile von Chicago Washington ein. Wie der Blizzard erschienen sie, +wie der Heerwurm machten sie unter sich den Boden kahl. Stiegen über +Gebirge, hielten nicht vor Wüsteneien. Es war kein einziger unter ihnen +Mörder Mordbrenner Mordsenger. Immer wurden sie, was sie waren, wenn sie +zu den wandernden getriebenen schäumenden brandenden Scharen stießen. +Sie schmolzen zusammen mit ihnen. + +Stolz trieben sie an Flüssen vorbei, die sie austrockneten zerrissen +umlenkten. Zu nichts trugen sie schwere Apparate mit sich, als um Erde +und Himmel anzufassen. Sie suchten Widerstände auf. Rasierten vor sich +mit zwei drei ihrer Flammenschleuderer Haine und Forsten, die ihnen im +Wege standen, stampften über die heiße kahle Landschaft. Kinder, die +geboren wurden, warfen die Mütter widerwillig hinter sich. Diese +Menschen erstickten an sich selbst. Denn zuletzt drangen sie auf sich +selbst ein. Die Gewalt, die sie hatten, mußten sie auch an sich zeigen. +Aus Massenopfern wurden Massenselbstmorde. Es waren Ereignisse, die in +den durchschrittenen Landschaften furchtbar und ansteckend wirkten. +Zahllose wurden in den Wirbel hineingezogen. Grimmig fordernd blickten +die brennenden Fahnen auf die Gebiete herunter. Ihr Knattern klang +erregender als Kriegsgeheul. Die Fahnen riefen die Männer und Frauen aus +den Häusern. Sie mußten sich stellen, in Reih und Glied, als wenn es zum +Kampf ginge. Und dann wurden sie über fremde Stadtschaften geworfen, +zerbrachen Wälder, rissen Flüsse auseinander, traten sich gegenüber, +Mann und Frau, um sich hin zu ringen, den Strick von eigener Hand um den +Hals, das Messer in eigener Hand, den Strahl den man selbst gerichtet +hatte, gegen die bemalte Brust, schweißige Stirn, das heißblickende +erwartende Auge. + +Jahrelang fluteten und ebbten die Mordsenger und Scharen der +Selbstmörder über die westlichen Landschaften. Bis aus ihren eigenen +Massen die Gewalten entstanden, die sie vernichteten. Inka Stochod, ein +Pole, dämmte die Welle, von der er selbst eine Zeit getragen war. Mit +einer Handvoll Ergebener, kraftvoll nüchtern, dabei ekstatisch heiß wie +er, tötete er im Ostdeutschen an einem Pfingsttage eine Anzahl der +turbulentesten Menschen neben sich, Männer und Frauen, die schon +übereingekommen waren, sich zu opfern. Stochod beseitigte sie, ehe sie +es konnten. Den Scharen, die in der schlesischen und mährischen +Landschaft in seiner Nähe waren, berichtete er das Geschehene, überzog +sie, warf sie hin. Mit einigen weiteren Schlägen erstickte Stochod, +Menschen und Waffen aus Berlin Hamburg heranziehend, die Erregung in +Ost- und Mitteldeutschland. Schwankende Senate der südlichen deutschen +Landschaften gewannen Kraft, gegen die Banden in ihrem Gebiet +vorzugehen. Stochod konnte zur selben Zeit in London von der Befriedung +des großen mitteleuropäischen Gebiets berichten, wo die mit ihm +erschienenen Skandinavier und Italiener fassungslos von dem Schreckwesen +sprachen, das ihr Gebiet heimsuchte. + +Auf dieser Konferenz in London waren Stochod und Arsen Yorre aus Lyon +sich gegenübergetreten. Stochod mittelalterlich lockenwallend, in der +bunten prächtigen Tracht seiner Zeit, mit Pelzmütze und steiler Feder, +ein schwerer immer lachender Mensch, der, dem furchtbaren Treiben +entrissen, von Späßen übersprudelte, mit seinen fleischigen Händen sich +selbst Beifall klatschend, listig aus seinen gelblichen Augen blinzelnd. +Er umarmte Yorre, den sehnigen aus Eisen gegossenen Südfranzosen, der in +Frankreich begonnen hatte, was Stochod schon beendet hatte. + +Stochod sich dehnend brüllte von seinen einfachen Methoden. Sie standen +im Nebel auf dem Balkon in der Downing Street. Das heraufknatternde +Leben unter sich konnten sie nicht erkennen. Sie schwuren sich Hilfe. +Stochods Geliebte und Mitregentin, eine junge aalglatte Polin, schwarz +umrahmtes mit einfachen Linien gezogenes Gesicht, ließ ihre Augen +blitzen, als sie die beiden zusammenfand. Sie sah Yorre streng an; als +sie aber eine Weile zugehört hatte, griff sie den Franzosen bei den +Schultern an. Er ließ sich betasten und spannte seine Muskeln an. Sie +konnte ihre Finger nicht von seinen Armen lösen; er klemmte ihre Hände +an seinem Brustkorb fest, daß sie schrie. Sie ließ sich dann von ihm +umarmen und auf den Mund küssen, hängte sich rasch wieder an Stochods +mächtige Brust, der ihnen strahlend zugesehen hatte, und ihren biegsamen +schlanken Rücken unter freudigem Brüllen streichelte. Von Lyon aus warf +Yorre in wenigen Wochen die zerstörerischen Fanatiker nieder. Vor Paris, +wo sich die restlichen Banden eingeschlossen hatten, erschien er in +einem märchenhaften Aufzuge. Er lagerte sich zehn Tage vor der Stadt. +Die Fernwaffen von Paris konnten ihm nichts antun. Hinter ihm waren die +Kenntnisse Londons Amerikas Deutschlands. Er ließ alle in seine +Stellungen, die hereinwollten. In der Stadt Paris war die Tobsucht des +Mordens und Selbstmordens nicht zum Stillstand gekommen; Yorre ließ sie +ohne Bewegung sich ausrasen. Schauernd standen seine Massen vor der +Stadt, hinter deren machtlosen Masten und magnetischen Riegeln das Feuer +brannte, das von den Ebenen weggetrieben war. Draußen zuckte es in ihnen +noch. Sie spannten die Muskeln an, drängten es herunter. + + * * * * * + +Unter dem starren großartigen Zwang der Technik und ihrer bestrickenden +Wirkung auf die Massen kam in der Mitte des fünfundzwanzigsten +Jahrhunderts die Wasser- und Sturmlehre auf. Es wurde von einigen Köpfen +der Masse, – unter ihnen besonders der Indianerabkömmling Surrur in +Edinburg, ein Guato von Paraguay, und der Norweger Sörensen – +hingewiesen auf die sehr große Zweckmäßigkeit und das fast maschinelle +Zusammenarbeiten in den Tierstaaten. Hier folge jedes Tier einem ganz +bestimmten Arbeitsdrang, der für alle nützlich sei, trage Halme +zusammen, zerbeiße Pilze, baue Waben. Dies seien Dinge, die eine Gruppe +und Arbeitskategorie gleichmäßig nach ihrer Kraft verrichtete, +unpersönlich triebmäßig reflexartig. Man könne nicht sagen, daß der +menschliche Zustand der Zersplitterung dem gegenüber einen Fortschritt +bedeute. Es sei unrecht ein Privatleben zu führen und Individuen zu +dulden. Sie führten aus, es genüge, wenn eine gewisse kleine Anzahl +Menschen sich dazu hergebe, bestimmte Sonderfunktionen auszuüben, zu +denken planen Personen zu sein. Im übrigen sei es im Interesse der +Menschheit, für die ungeheure Masse einen gleichmäßigen Dauerzustand +herzustellen, ihnen das doch nie ausgelebte Eigenleben zu nehmen, sie +vegetativ einzuebnen. So garantiere man Gleichmäßigkeit und Glück des +Einzelwesens. Und nur so. Denn sicher könne weder durch Lehre noch durch +private Bemühung der Einzelne zu einem Glück kommen oder vor Unglück +bewahrt werden. Sie wiesen auf das Fluktuieren, das bekannte ganz +ziellose Schaukeln der Weltgeschichte. Die Ursache für dieses Hin und +Her, das Aufsteigen und Abstürzen großer Reiche, blühender Zentren liegt +in der guten Absicht der Individuen und Völker, von sich aus etwas zu +leisten. Die Massen sind aber zerspalten in Schichten Parteien bis herab +zu Einzelpersonen; einiges gelangt zu dem, einiges zu dem, man versteht +sich nicht, bekämpft sich, das ist der Keim des Untergangs. Die +Einebnung zu einer Menschenmasse muß jeder anderen Bemühung vorangehen. +Ein Soldat ist gesättigt, jenseits von Glück und Unglück, in seinem +Dienst. Verläßt er Reih und Glied, geht er allein mit den Kameraden oder +in eine Familie, so beginnt das Schwanken seine Unbrauchbarkeit +Gefährlichkeit. + +Die Wasser- und Sturmlehre Sörensens und Surrurs zeigte auf die +Einförmigkeit der Wasser- und Luftteilchen; man könne nur als Phantast +annehmen, daß es Luftpersonen und Wasserpersonen gäbe. Milliarden Luft- +und Wasserteilchen sind völlig gleichartig zusammengeschoben, bilden +Luft und Wasser. Luft und Wasser aber sind Dinge, gewaltiger an Kraft +als Staaten und Menschenhaufen und von unglaublicher Beständigkeit. +Surrur, dem die Technik der Lebensmittelsynthese Außerordentliches zu +verdanken hatte, behauptete ernsthaft und nachdrücklich von Edinburg +aus: es bliebe den Menschen nichts weiter übrig als Einzeltier oder +vegetative Masse zu werden. Das Einzeltier sei unmöglich. Bliebe nur die +vegetative Masse. Damit sei gegeben: Aufhören der Geschichte, Sicherheit +der Art Mensch. Er dachte das durch staatliche Züchtung, über +Jahrhunderte fortgesetzt, durch biologische Eingriffe, besonders +Ernährung zu erreichen. + +Mit Lehren dieser Art wurde ausgesprochen, was sich im europäischen +Völkerkreis schon bewegte. Es sollte sich zeigen, daß sie +ununterdrückbar immer wieder auftauchten und einem tiefen Drang der +gehetzten Wesen entsprachen. + +Dem aufkommenden einförmig strengen Massenideal konnten sich die Frauen +am leichtesten unterwerfen. Damals forderte niemand Milde. +Erbarmungsloses Sichten und Ausscheiden wurde als selbstverständlich +angesehen. Man vernachlässigte planmäßig den Schutz der Schwachen. +Unglückliche wurden nicht bedauert, sondern verachtet. Das +Humanitätsgefühl, das ererbt war, schwand. Überall blieben am Rand der +großen Menschengesellschaften, in den größten Städten, Organisationen +zurück, die, von Abkömmlingen der alten Herrengeschlechter geführt, es +sich nicht nehmen ließen, Sieche Greise Kranke zu pflegen. Sie waren in +vielen Landschaften, in manchen Jahrzehnten, verfemt, konnten sich nur +unter Decknamen im tiefsten Dunkel am Leben erhalten. Und besonders das +anströmende Volk war es, das diese Wohlfahrtsgesellschaften haßte, ihre +Niederlassungen oft sturmartig vernichtete. Einzig am Glanz der Apparate +teilzunehmen, ihre Kraft vorwärts zu treiben, beseelte die Menschen: +hier gediehen die Frauen. Der schwächliche Typ der westlichen Frau +verschwand. Die neu aufkommenden Frauen haßten nichts so als zarte +Frauen, die die Wonne der Männer gewesen waren. Sie mißbrauchten sie, +machten sie zu Dienerinnen, demütigten sie grausam, deren Art nach +wenigen Generationen einging. Überall taten sich die Frauen beim +Absterben der Familie zusammen, übernahmen die Initiative für den Schutz +und die Aufziehung der Säuglinge und kleinen Kinder. Sie hatten die +gleiche Sachlichkeit und Kälte wie die Männer, dazu größere Brutalität. +Lebten in gewaltigen Kameraderieen, die sich über die größten +Stadtlandschaften ausdehnten, saßen aber auch in den einzelnen Werken +und rangen mit den Männern, die sich gegen die Frauen wehrten wie gegen +andere Männer. Die Männergesellschaften, die sich dann bildeten, konnten +an Kraft nicht mit den Frauenbünden wetteifern. + +In diesen Bünden organisierten die Frauen den Dienst und die Verteilung +der Geburten. Sie waren sich bewußt, welche Einbuße ihr Geschlecht durch +Schwangerschaft Geburt Stillen der Kinder erlitt. Es hieß den Nachteil +möglichst gering gestalten, die Fähigkeit der Frau, Kinder zu gebären, +aus einer Schwäche zu einer Stärke zu gestalten. Die Frauen waren es, +welche lange Zeit allein unter sich bestimmten, wer von ihnen und wie +viele sich zum Gebärakt herzugeben hatten. Denn es war klar, daß man +ebensoviel Kampfeinheiten verlor. Erst in diesem Augenblick wurde die +jahrhundertelang diskutierte Frage der Menschenzüchtung beantwortet, +gelegentlich der Lösung einer anderen Aufgabe. Die Frauen stellten sehr +widerstandsfähige starke ihnen genehme Exemplare für die Kindererzeugung +bereit, von denen sie erwarten konnten, daß sie durch Geburten nicht +niedergebrochen wurden und daß sie kräftige Kinder bringen würden, an +die nicht überflüssige Kraft vergeudet wurde. Die Einrichtungen, die die +Frauen aller Kapitalen nach Absterben der Familien für die Mutterweiber +schufen, waren die einzigen von humanitärem Anstrich und gehörten zu den +großartigsten und bestgeschützten Gesellschaftserzeugnissen der Epoche. +Allein die Frauen, und zwar eine lange Zeit die der Bünde, bestimmten +und gaben bekannt die zur Vaterschaft geeigneten Männer. Früchte +unbekannter Herkunft wurden rigoros vernichtet. + +Hätte diese Epoche der westlichen Menschheit länger gedauert, so wäre +die weibliche Vorherrschaft besiegelt gewesen. Denn die Frauen hatten es +in der Hand, und erfaßten es rasch, daß nach Verfall des sanften Hin und +Her zwischen Mann und Weib das Gebären der Kinder die furchtbarste Waffe +gegen die Männer war. Frauen konnten zwar vergewaltigt, aber nicht zum +Gebären gezwungen werden. Sie hatten es in der Hand, die Zahl der +heranwachsenden Männer zu vermindern. In den Frauenbünden lebte schon +der Gedanke, nur eine geringe Zahl männlicher Kinder am Leben zu +erhalten. Sie hatten vor, das Andrängen fremder Volksmassen abzuwarten, +dann diese Waffen gnadenlos zu gebrauchen. Man hörte schon aus +nördlichen Stadtschaften, in die langsamer Fremde eingeschwemmt wurden, +daß die Frau in den Senaten die Oberhand hatte, in ihrem Gebiet +Vielmännerei durch ihre Geburtenpolitik erzwang. + +Da machte das Übermaß plötzlich auftauchender Entdeckungen und +Erfindungen, dieser so leidenschaftlich und streng von allen betriebene +Fortschritt, allen Plänen ein Ende. + + * * * * * + +Wilder als je erhob sich um das Ende des fünfundzwanzigsten Jahrhunderts +und den Beginn des neuen das Gespenst der neuen Erfindung, des +vernichtenden Fortschritts. Erfindungen nahmen ganzen Industrieen den +Boden, leerten wie ein Krieg ein Dutzend blühender Städte aus, die sich +auf die Wanderschaft begeben mußten. Es war eine Wanderung von Völkern, +derer sich die Nachbarstaaten annehmen mußten, falls sie sich nicht +kriegerischer Überflutung aussetzen sollten. + +Nichts ist an Wut zu vergleichen dem Kampf, der gegen die Erfindung des +Lichtanstrichs geführt wurde. In dem dunklen Helsingfors wurde einmal +das Geheimnis des Anstrichs von einem Mann gefunden, den das +Fluoreszieren der Fluorite, Sodalithe, des Berylls nicht losgelassen +hatte. + +Frau Garner, deren Sklave er war, oder Freund oder Gehilfe, griff die +schwärmerischen träumerischen Einfälle Tikkanens auf, mit scharfem +Durchschauen. Zielbewußt arbeitete sie jahrelang, ohne Tikkanen davon zu +sagen. Als sie Tikkanen in ihr völlig finsteres Versuchslaboratorium +kommen ließ, aus einer Stahlbombe an der Tür die Wand neben sich +anspritzte, und ohne daß der stumm und sanft wartende Mann einen Apparat +sah, die bereitgestellten Gasflaschen gegen die feuchte Wand hauchen +ließ, schwoll zu seiner maßlosen Verwunderung eine Helligkeit neben ihm +auf, grünlich, dann rötlich, gelb, zuletzt ein Weiß, das alle +Gegenstände Gestalt, Farbe annehmen ließ. Das Staunen des bezwungenen +Mannes war grenzenlos. + +Tikkanen erkannte nicht die Elemente der Erfindung. Erst wie die Frau +ihm die Analyse der Spritzmasse gab, fand er sich zurecht. Ihm dämmerte +schwermütig etwas. Er sprach es aus, als sie die Verbesserung und +Vereinfachung der Methode überdachten: im Grunde schiene ihm die +Entdeckung mit seiner Beobachtung am Strand der Insel Smölen +zusammenzuhängen. Er lächelte dabei diskret. Sie hatte dies Lächeln +schon lange erwartet. Sie ging mit ihm ohne ein Wort zu sprechen in den +Versuchen weiter. Sie forderte ihn auf, die Verstärkung der Leuchtkraft +beim Auftreffen der Masse auf pflanzliche oder tierische Gewebe zu +prüfen. Die Hunde, deren sie sich bediente, reagierten, wie sie schon +wußte; sie husteten ihn an. Der Mann überlebte die Hunde nicht lange. +Nach einem Jahrzehnt war die Substanz fertig. Sie bedurfte einer großen +Zahl geübter Sonderarbeiter und Sonderfabriken. Aber hebelte hundert +Werke aus, die Licht Lichtträger Lichtfortführer erzeugten. Es war so +geworden: niemand war vor Erfindungen sicher, die aus dem Hinterhalt auf +die Menschen fielen. Wie früher Epidemien die Menschen verheerten, +Städte ausrotteten, so jetzt das ruckweise Anwogen neuer Erfindungen. +Werke Anlagen Städte Landschaften wurden auf Grund von Erfindungen von +den überterritorialen, meist London–New-Yorker Konzernen hingestellt, +die Menschen aus allen Erdteilen für den bestimmten Zweck ansiedelten. +Bis ein neuer Fortschritt sie niederwarf verschwinden ließ. Die planende +Industriegruppe zog sich von ihrer Gründung zurück; auf dem Kontinent +aber wallten ziellos neue Hunderttausend. Wie sie drohend entwurzelt +ausgehalten von den Nachbarstädten und Landschaften über ihren Boden +fluteten, verlangten sie Schutz vor den Erfindern, oder wie sie sagten: +vor den Konzernen. + +Da griffen die örtlichen längst verblaßten Senate dies Stichwort auf. +Sie kamen den Massen entgegen. Die Senate schworen, jeder Zertrümmerung +der Stadtschaften durch fremde kriegerische oder technische Angriffe +Widerstand zu leisten. Dann stellten sich die Stadtschaften, stolzer als +je aufwachsend, auf eigene Beine. Die zertrümmerte Gewalt der großen +Familien wurde neu gekräftigt. Die Stadtschaften mußten sich zum Teil +nach rückwärts entwickeln, vielseitig arbeiten und erzeugen, um nicht +durch einen Stoß umgeworfen zu werden. In den Stadtschaften bewegten +sich die gezügelten Massen sehr ruhig. Sie durften brüllen: „Weg mit +neuen Erfindungen!“ Dieser Haß war es auch, der den neuen Herren es +erleichterte, die Zahl der zur Technik und Wissenschaft zugelassenen +Menschen wieder zu rationieren und sich selbst zu befestigen. Die Senate +ließen sich offen das Mandat geben, neuaufkommende Techniken zu prüfen +und ihre Verwendung zu genehmigen. Die Stadtschaften hängten sich eng +aneinander. Es bestand ein Ring der Stadt- und Landschaften. London, +sehr aufmerksam, kontrollierte sie mit ihrem eigenen Einverständnis. + +Die Herren der Städte aber, mit Volkszustimmung zu großer Macht gelangt, +saßen hohnvoll hoheitsvoll da, Männer und Frauen, und lachten. Lachten, +wie die Völker ihnen vertrauten; sie wollten gewiß helfen, daß den +Städten nicht der Boden durch neue Erfindungen entzogen wurde. Lachten: +„Wir werden euch nicht den Boden wegziehen lassen. Wenn Ihr nur wüßtet, +auf welchem Boden Ihr steht.“ + +Es liefen damals Vertreter von Sekten und Kirchen in allen Landschaften +herum, warnend vor Fortschritten, vor den schamlosen Weltkonzernen und +ihrem zerstörenden Wirken. Sie warnten, wie sie wieder starke Männer und +Frauen an der Spitze der Städte und Landschaften sahen, vor diesen +Geschwistern der Melise von Bordeaux, den immer wiederkehrenden Bösen. +Man könne nicht erraten, was die Macht, dieses höllische Untier, das +diese überfallen habe, mit ihnen anfangen werde. Die Oberen strahlten. +Gaben allen Sicherheit Beschäftigung Glanz. + + * * * * * + +Mit dem Aufkommen der künstlichen Lebensmittelsynthese im +sechsundzwanzigsten Jahrhundert trat ein beispielloser allgemeiner +Umschwung ein. Es erfolgte eine Veränderung aller Lebensverhältnisse, +zugleich die Nötigung, zu strengen ja strengsten Herrschaftsformen +zurückzukehren. Der Gewalt dieser Nötigung konnte kein gutgemeintes +Protestieren standhalten. Die aus den Massen Kommenden waren es, die am +intensivsten die furchtbare Entdeckung betrieben und die Reaktion +herbeiführten. Die führenden Senate hatten vehement die Arbeiten +betreiben lassen; ihr Fortschritt stürzte sie in Verwirrung. Als die +ersten glücklichen Resultate nach Jahrzehnten des Tastens vorlagen, +erschraken sie. Ließen die Arbeiten erst unterbrechen, neu beginnen; +dann hielten sie die Resultate zurück. Die Erfindungen durften nicht +heraus, die Erfinder saßen in ihren eigenen Reihen. Jahrzehntelang lagen +in den Laboratorien von Chicago und Edinburg die Versuchsanordnungen +fertig, deren Ausführung katastrophale Wirkungen auf das Zusammenleben +der Menschen üben mußte. + +Man war nicht den Weg der einfachen anorganischen Zusammenstellung +gegangen, sondern drang von Beobachtungen des pflanzlichen und +tierischen Organismus aus vor. Die ultramikroskopische Beobachtung und +Feinregistrierung an überlebenden Organen hatte nach ungeheuren +Schwierigkeiten Fehlgehen, bei unermüdlicher Arbeit ganzer Bataillone +von Chemikern Physikern Physiologen Klarheit geschaffen über die +Umsetzungsvorgänge im lebenden Körper. Es hatte der größten Fortschritte +in der Physik, im Bau der Ultramikroskope, der elektrischen Maßapparate +bedurft. Von Alice Layard in Chicago, einer weißen Frau, einem +Wunderexemplar der Menschheit, die von phantastischer Schönheit war, +kamen entscheidende Anregungen, in der Registrierung, der automatischen +Aufzeichnung von begleitenden mikroelektrischen und Wärmevorgängen in +den Organzellen. Darauf lief die Zerlegung der komplizierten Aufbau- und +Abbaumechanismen rasch ans Ziel. + +Die Physiker und Chemiker emanzipierten sich vom Tier- und +Pflanzenkörper. Man dachte längst mit Widerwillen und halbem Lachen an +die Hungersnöte, die ein einziger dürrer Sommer über ganze Landstriche +bringen konnte; diese absurde Abhängigkeit der Menschen von Hitze und +Trockenheit. Diese Chemiker und Physiker haßten nichts so wie grüne +Saatfelder Wiesen, die burleske Ansammlung von Viehherden. Wie aus +früheren Erdperioden ragten noch in diese Zeit Schlachthöfe Wurstläden +Bäckereien hinein. Bäckereien: das waren Dinge, die man auf +altassyrischen Tontafeln meldete. + +Der große Meki in der Stadtlandschaft Edinburg hatte das führende +Laboratorium. In ihm arbeiteten zweihundert ausgewählte Menschen. Wer +nicht mit belangloser Teilarbeit beschäftigt war, verließ das Gebiet +jahrelang nicht. Meki, der dem Edinburger Senat angehörte, war vom Senat +gehalten, die Bewachung seiner Gehilfen streng durchzuführen, bei +Verdacht auch nicht vor Internierung sich zu scheuen. Man erzählte +damals und später viel von der grünen Tafelrunde Mekis. Grüne +gleichmäßige Kleider trugen die Männer und Frauen Mekis. Sie saßen +zweihundert an ihren Tischen in dem großen Wohngebäude hinter den +Instituten. Im selben Raum standen, in dem hufeisenförmigen Zwischenraum +ihrer Tische, kleine Tafeln, an denen in violetten Kostümen Menschen +aßen und tranken, die man Gäste nannte. Sagte man „Gäste“, so zog man, +wenn man frisch in das Institut kam, leicht die Oberlippe zum Lächeln +an; ältere runzelten die Stirn. Es waren die Menschenopfer, die man für +die Versuche brauchte, sobald sie in ein gewisses Stadium getreten +waren. Sie sahen aus wie die anderen; allmählich veränderte sich ihr +Anblick, sie wurden durch andere ersetzt. Der Senat schickte aus der +Stadt auf einen Hinweis die Menschen herauf, niemals unruhige +ängstliche, noch Menschen, die Verdacht schöpften, sondern stets +Beliebige, unter dem Schein der gewünschten Mithilfe und Einweihung in +die Geheimnisse. Aber man weihte sie nicht ein, diese hundert Menschen, +die sich wunderten, wie man sie täglich wog, ihre Körperwärme maß, sie +in Gastzimmer tat; aber sie nahmen keinen Anstoß daran, denn sie sahen, +daß auch die Grünen sich selbst untereinander so wogen und +kontrollierten. Sie gingen in den Wäldern mit den anderen, liefen +trieben Sport, aber immer wieder verschwanden welche. Sie kannten nicht +das weit zurückliegende riesige Lazarett, das neben den Stallungen für +kranke Pferde und Hunde tausend Betten für Menschen hatte. Denn so viel +Leidende häuften sich von Zeit zu Zeit an. In Einzelräumen lagen sie; zu +keiner Zeit sprach einer den anderen; und wer genesen war, wurde nach +Chicago gesetzt in die Nähe der Station Alice Layards, die die Menschen +unter Augen behielt. + +Die Violetten Mekis kannten auch nicht den weiten sonderbaren Friedhof. +Das waren in den Boden gebaute kleine Betonkeller, die hell zu +beleuchten waren. Ging man die Treppe herunter, so stand vor einer tief +ausgekehlten Wand eine Zahl von Kolben Gläsern Becken, die Öffnungen +teils verschlossen, teils mit Hähnen versehen, durch die zischend +Gasartiges ein und aus lief. Kleine Ventilatoren trieben surrend die +scharf säuerliche Luft des Kellers durch ein Schornsteinrohr aus. Jedes +Glas und Becken war signiert; angekettet an der Wand hing ein mächtiges +Buch voller Eintragungen. Über ihren Tod hinaus wurden die Violetten +verfolgt, die Veränderungen ihrer Organe nach dem Aufhören der +Verbindung mit den andern weiter geprüft. Es wurde niemand den Grünen +gleichgültig, wenn er starb und das verlor, was man oberflächlich seinen +„Geist“, sein „Leben“ nannte. Aus den Speisesälen und Laboratorien +stiegen sie auf den Friedhof, maßen weiter Wärme, entnahmen +Flüssigkeiten, setzten Stoffe zu, regulierten die Gaszuführung, führten +elektrische Ströme durch, jagten Strahlen durch die ruhenden Teile. Die +Violetten wußten nie, was mit ihnen geschah. Sie glaubten zu leben zu +essen zu trinken zu atmen wie die anderen. Aber sie aßen Scheinspeise, +tranken Scheingetränke, atmeten Luft in ihren Zimmern, in ihren gut +abgesonderten, verschlossenen Gastzimmern, die mit geheimen Substanzen +gesättigt war. Was man ihnen vorlegte, im hufeisenförmigen Zwischenraum +zwischen den plaudernden Tischen der Grünen, sah aus wie Braten, +schmeckte wie Soße Wein Kuchen Kaffee Schokolade. Bisweilen und fast +immer im Beginn war auch der Braten, die Soße da, Träger der Prüfstoffe. +Später gab man nur Scheinnahrung: fleischähnliche Massen Gallerte, die +gehärtet war oder leberartige Dichte hatte. Sie war angereichert je nach +dem Versuch mit den Substanzen, die man prüfte. + +Hier gingen, in den Wäldern Zimmern Sälen, die Violetten, die Gäste, +junge Männer und Frauen aller Rassen, als wäre nichts. Bisweilen abends +wurde einer geholt, ein Mann und eine Frau. Zwei drei der Grünen standen +in der stillen Schlafkammer vor dem aufgerichteten Wesen, das seine +bunten Kleider an den Boden geworfen hatte, fragten das Weib den Mann, +ob es bereit sei eins seiner Glieder zu opfern. Das zuckte zusammen +schrie, war im Moment narkotisch betäubt. Oder es senkte langsam, Blick +um Blick mit den ernsten Grünen tauschend, den Kopf, sann und fragte +zitternd. Es gab viele, die nicht schrien, sondern sannen und fragten. +Sie erhielten jede Aufklärung. „Warum nicht, warum nicht?“ knirschte es +zwischen den Zähnen „wenn es Euch nur gelingt“. Und sie gingen zwischen +den Grünen in einer Auflockerung ihres Inneren, ganz schwebend und +abwesend, weggetrieben durch die Korridore. „An mir soll’s nicht liegen. +Zeigt, was ihr könnt.“ Und triumphierend überflogen sie, als hätten sie +es selbst hergerichtet, die blendend erleuchteten weißgekachelten +Beobachtungshallen mit ihren Blicken, die Tische, auf denen Apparate +standen, die eigentümlichen Glaskästen, Särgen ähnlich, in denen +Menschen und leinenbedeckte Gliedmaßen lagen, die sich bewegten, +sonderbar die Finger spreizten, griffen. Freudig nahmen sie den Anblick +auf. Es surrte rauschte um sie. Eigentümliche Hitze wehte überall, kam +aus den Spalten der Glaskästen, in denen Menschen, von Röhren Drähten +umgeben, von Flüssigkeiten umrieselt lagen, geschlossenen Auges, hell +beleuchtet, deutlich die Brust hoben und senkten. Sie hatten selbst +bald, glückgeschwellt wie sie waren, die entrückende Maske vor dem +Gesicht. + +Um sie, in gläsernen Schränken, in Kästen Wasserbetten, bei wechselnder +Temperatur von Erdkälte bis zu hoher Wärme lagen auf Watte, schwammen in +Behältern umhüllt und bloß, weiße und rote Organe und Organteile. Aus +Standgefäßen floß ihnen in dünnen Röhren die ernährende +Durchblutungsflüssigkeit zu. Sie rieselte auch in die Leiber die Muskeln +der bewußtlosen schlafenden geöffneten Menschen, der Männer und Frauen +aus Uganda aus Kapstadt London, wie sie herangetrieben waren. An alle, +lebende Organismen, lebende Organe, durchpulste Organteile waren die +beobachtenden Apparate herangeschoben. Die Grünen gingen hin und her, +entnahmen Zellen, trugen sie in Schalen an andere Kästen. Die ungeheuer +hohen Glaszylinder, in denen sich weiße rotgeäderte Därme an ihrem +Gekröse langsam wurmartig bewegten, getrennt oder verbunden mit dem +Organismus. Substanzen goß stäubte strich man auf sie, beobachtete die +Verwandlung, die sie auf der triefenden Schleimhaut, an der dünnen +Darmwand erfuhren. Die Schädel waren manchen der Menschen geöffnet, die +behaarte Kapsel lag neben ihnen. In ein flüssiges warmes Bett war nach +rückwärts das vorquellende pulsierende Gehirn gelagert. Dick zogen sich +die blauen strotzenden Venen über die weißliche gefurchte Masse; sie war +auseinander gezogen, Drähte und Röhrchen führten in ihr Inneres. Drähte +und Röhrchen führten auch zu den Därmen, in das Blut, in die Leber. Mit +blitzenden Metallapparaten, schickenden registrierenden, war alles +verbunden. Auf Gummisohlen gingen Männer und Frauen mit schützenden +Gesichtsmasken durch die Räume, in denen kein Laut gehört wurde außer +dem gelegentlichen gesangartigen Stöhnen, das aus den Glassärgen kam. + +Schwere Eisenwände, verschiebbar, trennten die gekachelten Räume von +stark gemauerten, in denen auf Beeten Erdaufschüttungen Pflanzen, +niedrige und hohe Bäume wuchsen. Auch sie waren umgeben von einem +Wirrsal von Drähten und Röhren. Sie waren gespalten, angebohrt; in die +Kronen Stämme Wurzeln führten Leitungen. Kühl waren einzelne hohe Säle +durchweht; in anderen brütete die Luft; rote grüne phosphoreszierende +Lichter lagen auf den Pflanzen. + +In kleinen und unscheinbaren fabrikartig finsteren Seitenräumen und +Kellern, in Bottichen, hitzeschwebenden Kesseln und Schranken geschah +die Hauptarbeit dieser Anlage: die Nachahmung Nachbildung der +beobachteten Vorgänge, erst mit reichem lebendigem Hilfsmaterial aus +Tieren und Pflanzen der Nachbarräume, dann mit immer weniger. Die +Hilfssäfte und Zellen wurden aufs äußerste eingeschränkt; es ging so +weit, daß Meki sagte, er brauche zur Erzeugung einer Fettsorte, einer +Eiweißgruppe, nicht mehr lebender Substanz als der frühere Bierbrauer +Hefe zu seinem Getränk. In der Tat vermochte auch Meki nie ganz +organisches Material auszuschalten. Und die Arbeit, die den ersten +Schritt des Unternehmens in die Praxis bedeutete, war die Errichtung +riesiger Hallen zur Konservierung und Züchtung bestimmten +Zellenmaterials aus tierischen und pflanzlichen Leibern. + +Zuletzt ließ sich der kleine langbärtige Mann, der ein skeptischer +Philosoph war, Meki, der mit den Augen zwinkerte und wenn er jemanden +sprach, seitlich zu Boden blickte, im Wald seiner Anlagen, entfernt von +den Prüf- und Wohngebäuden, ein Haus errichten, das zum freudigen +Schreck der nicht eingeweihten Gehilfen völlig den Charakter einer +Fabrik hatte. Sie sahen die Apparate, die sie für die Organe in den +Hallen der Lebenden und in den Friedhofshallen benutzten, +antransportiert in die hundert zellenartigen Räume des Gebäudes; man +schleppte Tonnen chemischer Stoffe an, stellte Gaserzeuger. Man sah, wie +die Räume, Stock um Stock, eine Einheit bildeten, wie Substanzen, +schlüpfend von einem Raum in den anderen, unter Wechsel der +Temperaturen, einen Weg gingen, dort kürzer, dort länger verweilend, mit +anderen gemischt geschmolzen gelöst sich veränderten. Das kleine, von +Gärten und Mauern umschlossene Gebäude, das völlig fensterlos war und +nur in einzelnen Zimmern Luft durch Röhren erhielt, das gegen Licht und +Luft abgedichtete Haus war von einem Durcheinander schniefender +blasender rumpelnder Geräusche erfüllt. Es knurrte, wenn man sich ihm +von außen näherte, in allen Ritzen wie ein böses Tier; die gemauerten +Wände waren außen zum Abschluß der Lichtstrahlung mit einer schwarzen +zusammenhängenden Glasmasse überzogen. + +Als in Chicago zuerst Einzelheiten der künstlichen Lebensmittelsynthese +bekannt wurden, unter stärkster Erregung der Stadt, machten Neuyork und +London alle angegliederten Staaten und Stadtverbände auf die +Gefährlichkeit rascher Entschlüsse aufmerksam, warnten vor übereilter +Herausgabe der Arbeitsmethode. Da Chicago aber schon selbständig +vorgegangen war, auch Alice Layard offen erklärte, sie habe die Mittel +in der Hand, um ganze Völker ackerlos und sonnenlos jahrzehntelang zu +ernähren, so blieb nichts übrig, als die Gefahren der neuen Entdeckungen +möglichst gering zu gestalten. Von Alice Layard wurde bekannt, daß sie +an der Spitze der nordamerikanischen Frauenkameraderie stand. Sie war +von ihren Verbänden auf die Furchtbarkeit der Waffen hingewiesen, die +die Frauen sich schaffen könnten, wenn sie sich die Synthese +reservierten; man wollte Alice, dieses kapriziöse Wesen veranlassen, die +Arbeitsmethode zu verheimlichen und Chicago zum Zentrum eines +Weiberstaates zu machen. Alice konnte sich den Triumph des Siegs über +Millionen Männer nicht entgehen lassen; sie konnte nicht schweigen. Im +Chicagoer Senat aber war sie dann bald allein neben den Männern. Das +ertrug sie nicht. Sie verlangte ihren Einfluß in der Kameraderie wieder; +die Frauen verfolgten sie aber mit Haß. Da leistete sie sich eines der +Stücke, wie man sie viel von Frauen hörte. Sie trat in ihrer Kameraderie +auf, redete dunkel davon, daß man sie und ihr Handeln jetzt mißverstehe, +daß man später klar sehen werde. Darauf hörte man monatelang nichts von +ihr. Im Bereich der Stadtschaft Chicago aber, nach der ein unerhörter +Zustrom von Menschen stattfand, stellte sich bald Siechtum unter den +künstlich ernährten Menschen ein. Meki wurde von dem Senat nach Chicago +zur Aufklärung der Vorgänge berufen. Meki war ein ruhiger Mann, an +rasches Handeln gewöhnt. Er hatte von weitem geglaubt, es handle sich um +Beri-beri oder Skorbut; als er aber die Menschen auf den Straßen und in +den Häusern sah, die Tausende, die von Zuckungen und Lähmungen befallen +waren, wurde ihm klar, daß planmäßig an einer Diskreditierung des +Verfahrens gearbeitet wurde. Die Giftstufe einiger Eiweißkörper wurde +immer beibehalten. Beobachtend erkannte er Alice Layard, zu seiner +Verblüffung, als die planmäßige Störerin der Arbeit. Er fand das schöne +weiße scharfsinnige Weib traurig liegen in ihrer Wohnung; sie war +verstört, versunken, nicht geneigt ihm Rede zu stehen. Sie war nicht +getroffen von dem Unglück, das sie anrichtete, sondern von der +rachsüchtigen Härte ihrer Geschlechtsgenossinnen, die sie auch jetzt +zurückwiesen. Sie konnte sich nicht rein waschen; sie grub sich noch +tiefer ein. Der benachrichtigte Chicagoer Senat, bestürzt und tief +ergriffen, ließ das schöne Wesen, das großen Ruhm genossen hatte und der +Stolz der halben Welt gewesen war, in ihrer Wohnung von fünf Negern +totknütteln. Die Frauen schwiegen. + + * * * * * + +Nicht wie einen Regen, den man aus einer Berieselungsanlage auf das +trockene Beet fallen läßt, sondern wie eine Bestie, die man auf die +Straße führt, mit eisernen Stangen rechts und links gehalten, so, +zwingend fesselnd, ließen im zweiten Drittel des sechsundzwanzigsten +Jahrhunderts die großen westländischen Stadtschaften die ungeheure +Neuerung unter ihre Menschen hinaus. Senate, neue Herrenschichten wurden +wie durch kein früheres und späteres Ereignis in diesem Moment +zusammengeschweißt, zu Stein befestigt. Jetzt mußte man zur Erkenntnis +kommen, wer man war. Vor aller Augen stand das großartige Beispiel +Englands selbst, der weisen erfahrenen Führerin dieser Völkermasse, die +den großen Meki behandelte wie einmal Spanien den viel kleineren +Christoph Kolumbus: sie kerkerte ihn fast zehn Jahre in seiner +Edinburger Anlage ein. Meki selbst legte, freigelassen und nach London +zu einer Besprechung geladen, Hand an sich. + +London faßte, daß man sich in den alleinigen Besitz aller Geheimnisse +der Synthese und aller Anlagen setzen mußte und daß man damit in den +Besitz eines beispiellosen Machtmittels kam. Während die Schwesterstadt +Neuyork noch zögerte, hatten Londons ruhige stille Männer und lächelnde +langsame Frauen schon Anlagen nach Anlagen in Wales und Cornwall +errichten lassen. Und während die Senate der Kontinente die +Verzögerungsmaßnahmen berieten, die Dosierung der Herausgabe an die +Massen, gab plötzlich an einem bestimmten Maitag der Londoner Senat +allen ihm direkt unterstehenden und befreundeten Landschaften die +bedrohende Neuigkeit bekannt, gab bekannt die Zahl und den Ort der stark +geschützten Fabriken, nannte den Namen des toten ruhmreichen Meki, dem +der Senat zum Jahrestag seines Freitodes Säulen in allen großen Zentren +zu errichten befahl. + +Wie einen Schlag ließ der kühle Senat auf seine europäischen und +afrikanischen Gebiete die Nachricht niedersausen. Er zeigte auf die sehr +geringe Arbeitsleistung für den synthetischen Zucker Fette und +Fleischmassen, ermahnte sich der Neuerung zu bemächtigen und äußerlich +die von der Wissenschaft hergestellten Substanzen zu erfreulichen +Genußmitteln zu machen; kündigte an, daß eine neue Ära in der +menschlichen Arbeit beginne: dieser Triumph entlaste die nach Freiheit +und Würde ringende Menschheit. + +London wußte, daß Verwirrungen und Unruhen in allen Gebieten seines +Einflusses einsetzen würden, auch, daß es zuletzt Herr der Situation +sein würde. Den Atem verhaltend sahen die kontinentalen Staaten und +großen Stadtschaften dem Vorgehen Londons zu, das entschlossen war, weit +über Jahrhunderte voraussehend, den schwächeren Tochterstaaten zu +zeigen, welcher Weg zu gehen war: der der absoluten Inbesitznahme der +Machtmittel durch eine sichere Schar Menschen. Über die von England +beherrschten Gebiete der britischen Inseln und Afrikas kam ein Taumel. +Es ist nichts dem angstvollen Tumult zu vergleichen, der, rasch +gesteigert, sich nach einigen Wochen in den Landstrichen entwickelte, +die, in Südafrika vornehmlich, dem Ackerbau und der Viehzucht dienten. +Als die großen Stadtschaften den Auftrieb der Viehherden ablehnten und +man Viehhöfe Schlachthäuser schloß. Als man die Bewachung der +Getreidespeicher aufgab; die Tore der Speicher offen ließ, das Mehl in +Säcken auf die Höfe schüttete. An vielen Orten waren vor kaum einem +Jahrzehnt starke Mühlenanlagen nach neuen Prinzipien errichtet worden; +sie bedeckten das Areal großer Dörfer; umgeben waren die Gebiete von +Spielplätzen Wohnhäusern Verkaufsstätten. Die Speicher ließ man +geschlossen, dann wurden sie von lungernden Massen angezündet; die +Mühlen gesprengt. Es war eine falsche bewußtlose Richtung, in der die +Erregung, die flackernde oft mit Wut geladene Fassungslosigkeit der +herumlagernden Massen ablief. Sie brachen von ihren Wohnsitzen auf, +gingen zielsuchend an die Zentren heran. Die Stadtschaften selbst waren +unterminiert, die Hallen großer Fabriken leer. Draußen trieb die +Landbevölkerung an, trollten die Bauern, die durch Gerüchte erschreckt +waren, wogten die Männer und Frauen, die die Eisenwerkzeuge für die +Äcker gearbeitet hatten, geschmolzen gehärtet geschmiedet geschnitten +erkaltet geputzt. In dem Gewühl der Menschen war ein Hin und Her der +Gefühle. Niemand entbehrte Nahrung, niemand konnte sagen, daß ihm etwas +entzogen war und doch bluteten sie, waren widerwillig finster, als sie +von den Öfen getrieben wurden, die Mühlen stehen ließen. Man würde ihnen +sagen, erfuhren sie an den Zentren, was sie zu verrichten hätten, es +würde ihnen an nichts fehlen. Und der anfängliche Zweifel wurde durch +die Tatsache widerlegt: die Eisenzüge mit Tonnen und Säcken rollten Tag +um Tag in dieselben Schuppen, in denen das Mehl abgeladen war. Während +schon alle Speicher ohne Widerspruch der Senate, ja sichtlich von ihnen +begünstigt, ausgeleert und von johlenden Horden abgesengt waren, waren +die Auslagen der Bäckereien mit Brot und Kuchen im Übermaß gefüllt. Ja, +London wies die Senate an, auf Wochen Mehl zu verschenken, um den +Eindruck zu verstärken und seinen Schlag verwirrender und wuchtiger zu +führen. Die großen Hallen für Butter Öle Speisefette boten die +künstlichen Stoffe aus; man hatte sie den natürlichen zum Verwechseln +ähnlich gemacht im Schnitt und Strich, ihre Festigkeit war stärker als +die der natürlichen. Lachend, Arm in Arm gingen in den englischen und +südafrikanischen Zentralen die weißen braunen schwarzen Menschen durch +die Hallen. Man träumte, war in einem Schlaraffenland. „Sie haben +künstliche Tiere. Sie können Bäume machen.“ Allein die fleischartige +gehärtete Gallerte, die Trägerin der Eiweißstoffe, wurde verspottet. Was +überall aus den Fabriken in Waggons angefahren wurde, die schneidbare +bald leber- bald knochenartige braune und rosa Grundmasse, die sich auf +Kochen erweichte, bisweilen bis zur Weiche des Leims, wurde ausgespien, +behagte den starken Zähnen, die reißen und zerren wollten, den +Backenmuskeln, die knirsch- und mahlbegierig waren, nicht. Der Geschmack +wich von dem tierischer Muskulatur ab. Den Viehzüchtern Viehhaltern war +so Schonzeit gegeben, bis auch sie wichen dem Mekifleisch. Dessert für +Feinschmecker wurde das gesottene gebratene gebackene gedünstete Fleisch +natürlicher Vögel Fische Rinder Schalentiere. + +Die Äcker verlassen, die ungeheuren Flächen Bodens, jahrtausendelang von +Generation auf Generation gepflegt gebaut geliebt. Die Urwälder waren +niedergebrochen worden, die umschlingenden Lianen abgerissen. + +Wilde Tiere hatten abgeschossen werden müssen, der gelbe Löwe der +Panther. Die Termiten waren verjagt worden; Bäche umgeleitet, Hütten +gebaut, feste Häuser, Dörfer und Hunde dazu, Stallungen für Hühner Gänse +Kühe. + +In den südlichen Zonen gab es Gebiete, die erst vor ein zwei +Jahrhunderten freigelegt abgeholzt waren. Die eiserne Pracht der +Nordländer war angezogen, hatte gezerrt gerissen gewürgt an dem Boden, +die Pflanzen und Wurzeln geschluckt zerbissen zerkaut. Die Steine, die +der Boden barg, waren aufgehoben worden, fortgeschleudert auf +Trümmerhaufen. Man hatte in das schwarze Bett, das die Baum- und +Pflanzenleichen verlassen hatten, Millionen blasser zarter Keime gelegt. +Der Boden nahm sie willig auf; die Keime trieben mit grünen Spitzen über +die Oberfläche. Grüne weite Felder, dichte Wälder der Halme, der sanft +im Wind schaukelnden Ähren erhoben sich. Sie standen jetzt mit den +Scheunen Schuppen Wohngebäuden, die man zu räumen begann, da. Die +Menschen zogen sich in die Riesenstädte zurück. Sie kapselten sich in +den Städten ein. Gaben den größten Teil der Erde frei. Der Boden ruhte +aus. Die Halme wuchsen wild, welkten; bunte Blumen, die man vorher +Unkraut nannte, wucherten dazwischen, Tiere schlichen ein, die Feldmäuse +sprangen offen am Boden. + +Der uralte Boden lag stumm unter den auf- und abgehenden Lichtern des +Himmels, mit den Winden der Wärme den Gewittern den Regenstürzen. Bezog +seine Nacktheit mit Blumen Pflanzen Tieren, rollte sich wie ein Igel +ein. + +Die Menschenmassen, in die Städte gelockt, kamen fest in die Hände ihrer +eisernen Regenten. + + * * * * * + +Das Spiel, das London begonnen hatte, wurde von den andern Zentralen +fortgeführt. Nach einem Jahrzehnt war im westlichen Völkerkreis der Ring +der großen Herrengeschlechter geschmiedet. + +Das strenge leidenschaftliche Ringen der Arbeitenden konnte aufhören. +Immer war seit da die westländische Bevölkerung, fast völlig von den +Stadtschaften verschlungen, geteilt in die kleine Masse der Schaffenden +und die Riesenmenge der Untätigen. Die Menschen der Gruppen wechselten +nach Neigung und Bedarf. Mit Vergnügungen Scheinarbeiten mußte man die +Massen der Lungernden beschäftigen, deren Zahl stieg. Die einförmige +Zucht verlor sich schnell. Eine wüste Vielförmigkeit entfaltete sich. +Die Herrschenden hatten neben sich große Stäbe von Kundigen und +Scheinparlamenten, die sich mit der Ablenkung der untätigen Massen +befaßten. + +Noch immer erweiterten sich die großen Stadtschaften. Der Zustrom der +Fremden, das Wallen hin und her nahm kein Ende. + + * * * * * + +Leuchtmar und Rallignon, Männer vom Schlage Inka Stochods und Yorres, +die die Herrschaft in den westeuropäischen Senaten an sich +gerissen hatten, fühlten, was sich unter ihren Füßen regte. Das +siebenundzwanzigste Jahrhundert, das Jahrhundert der Verhängnisse für +den westlichen Völkerkreis, war heraufgezogen. Dieses Sieden, +unbefriedigte Rollen. Gefährliche Gleichgültigkeit, plötzlich +aufgetaucht und alles zermorschend. Nichts geschah isoliert. Die Horden +Menschen, die in London an den Maschinen und dem Industriekörper hingen, +erlahmten zusehends unter denselben Gefühlen wie die in Paris Berlin +Neuyork. Die wilden Erregungen, heftigen Reize flossen von allen ab. Man +ließ in Mißtrauen Apathie von den lockenden Dingen ab, an denen man +gehangen hatte. Prunk Spiele Gelage entfalteten wenig Wirkungen mehr. +Modische schöne lebenpeitschende entzückenheischende Gegenstände, von +den Maschinen erzeugt, standen vor den Menschen, die stumm die Lippe +sinken ließen. Das wühlte herum in alten vergessenen Kostümen. +Völkerschaften, gemischte, gaben sich zu erkennen, wie Kinder die müde +werden, in der Zimmerecke stehen und anfangen an einem Finger zu +lutschen. Deutsche hielten die schwere Bibel in der Hand, blätterten im +Gesangbuch, sangen trübe im Wald. Träge ließen die schwärzlichen braunen +Menschen in den südlichen Gebieten sich fallen: da lebte in ihnen das +Gefühl der reichen ernährenden Landschaften auf; sie konnten das Gefühl, +das wie Rauch im Regen durch sie schwelte, nicht erreichen, kamen zu +keinem Frieden. Arabische Stämme, in den wallenden verschlingenden +Strudel der Westvölker gezogen, wurden vom Drang zu den Apparaten, den +tosenden Maschinenhäusern losgelassen. Mit verhängten Augen blickten sie +auf stille Ebenen, bestiegen Pferde. Und wie sie darauf hingen, war es +dumm, was sie taten; Pferde waren dumm. Die Maschinen arbeiteten wie +sonst. Die Wasserfälle warfen ihre Hochspannungen über Meere Gebirge in +die Städte. Es war, als wäre die Verbindung zu ihnen durch eine +feindliche Gewalt gestört. Die man wegschieben mußte. + +Die riesigen Massen, mit denen fast ruckartig nach der Freigabe der +Entdeckung Mekis die Stadtschaften sich vollsogen und die sich untätig +um die ernährenden Werke versammelten, warfen sich. Aus den Werken +gingen immer kleine Scharen, müde wie sie, blinzelten, waren einsilbig. +Phantastische Spiele in den Städten, um die Städte Blumen- und +Tierzuchten, waren aufgeblüht; sie lockten wenige. Die Massen in allen +Zentren des westlichen Völkerkreises wurden fetter träger, zuckten +exotisch heftig launenhaft. Ein unterirdischer Groll wuchs in allen +Zentren, in diesen hier weißen, dort negerhaften, dort bräunlichgelben +üppigen Menschen, die sich Tempel Moscheen Kirchen bauten, zu dunklen +Göttern mit halbem Herzen beteten, im Grunde von keinem der +Wanderprediger und Propheten gefaßt wurden. Es geschah, daß an manchen +Orten sich nicht genug Menschen fanden, die geneigt waren, die Werke zu +betreten. + +Trägheit wucherte über allen Landschaften, zusammen mit einer +eigentümlichen Finsternis. Wie man in einem unsäglich sich tiefer und +tiefer auswirkenden Überdrußgefühl lagerte, schwoll alte Gehässigkeit +zwischen den in den Stadtschaften beisammen wohnenden Stammesresten an. +Da war es Bogumil Leuchtmar aus der hamburgischen Stadtlandschaft, der +mit einer Gruppe junger Regenten und Regentinnen den Anfang machte. Die +Wieschinska, seine ehemalige Mitregentin in Heraklopolis, der +schlesischen Stadtlandschaft, die von Berlin ihren Ausgang genommen +hatte, war mit ihm; ein Weib namens Azagga, die in der bayrischen +Stadtlandschaft dominierte, ferner Uru aus Palermo und der Dongod-dulu +aus dem ägyptischen Zentrum. Sie waren sich klar, wie sie in +Heraklopolis bei der Wieschinska zusammentrafen, daß sie einer langsamen +Zersetzung oder erneuten Ausbrüchen zuvorkommen mußten. In ihnen war die +Kraft der Apparate das Glück der prangende stierartige Stolz der +Maschine; wie in Palmen lebte er in ihnen, suchte nach Auftrieb und +Krone. Der Italiener Uru verfiel der Wieschinska; die spöttische Frau +mußte das übersprudelnde Geschöpf zur Besinnung bringen, ihn, der unter +ihre dienenden Männer treten wollte. Es gab Lachen unter den fünf +Regenten in Heraklopolis, als der stämmige Uru in der blaugelben Schärpe +des Männerharems der Wieschinska zu einer Besprechung erschien. Die +Schärpe hatte er gestohlen; die Wieschinska riß sie ihm ab. Einen +Augenblick zuckte in der kleinen Gruppe der fremdartige Geschlechtshaß +auf; der Wieschinska schien es, als wollte Uru sie verhöhnen; die Männer +blähten sich heimlich über die Niederlage der Frau. Nach zehn sachlichen +Worten war der Strom abgelenkt. Sie brauchten nicht durch Heraklopolis +wandern, um zu wissen, daß unberührt gefeiert vergöttert die schaffenden +Apparate stehen bleiben mußten. Unberührt gefeiert vergöttert ihr Blut. + +Die lohenden Standarten nahmen sie auf. + +Wie Bogumil Leuchtmar, Wieschinska aus Heraklopolis, Azagga, Uru und +Dongod Dulu über die norddeutsche Tiefebene flogen – Landschaft neben +Landschaft ausgegossen, murrende gärende Menschenmasse getrieben +zwischen Häuserreihen, unkenntliche Beobachtungs- und Bewachungsposten +zwischen ihnen – da fühlten die Massen noch nicht ihr Schicksal. Wie +Menschen, die feindlich in der Liebe aneinander gekettet sind, +zusammengeflochten, um sich zu zerreißen zu quälen zu beißen, so +umwanderten sie kopfsenkend noch die verborgenen geschützten Orte der +Apparate, angriffsbereit liebesbereit umschlingensbereit. Den fliegenden +Regenten war nichts unsicher. Die Standarten mit den Gestirnen und dem +Feuer wehten vor ihren Apparaten. + +Sie trafen nicht in London ein, wohin sie geladen waren. In Brüssel +hielten sie. Leuchtmar war es, der die Fahrt hemmte. Er war es, der +plötzlich die Fahne noch bevor er landete, scheinbar unabsichtlich +einzog zerriß, in Fetzen fallen ließ. Die anderen waren schon in +Brüssel, da schwamm er noch, gehemmt unschlüssig in der Luft, umkreiste +die Stadt bis an die Nordsee, fuhr an, zurück, als müßte er sich durch +ein Gestrüpp Bahn brechen. Wie auf schwellendem Moor fuhr er, ratlos. +Und ratlos, – als hätten sie sich verabredet, begegneten sie sich – +hielt bei Dünkirchen Rallignon. Auf dem Boden der Konferenz, die vor +vier Jahrhunderten nach dem Fall Mailands den Herrengeschlechtern die +unbedingte Macht in den Staaten und Städten gegeben hatte, wanderten sie +nebeneinander, sahen sich nicht an. Denn auch Rallignon dachte an Krieg. + +In ihm war der Kriegsgedanke berauschend aufgegangen. Aus den Apparaten +wie aus Wein war er zu ihm aufgestiegen. Niemand sollte ihnen +widerstehen. Man wollte sie haben, ihren Preis singen, der Welt +offenbaren. An die Grenzen des Wirklichen und Möglichen sollten sie, +über das Erdenkbare hinaus mußten sie fahren. Man wollte die Waffen die +Kräfte nicht gegen sich, sondern um sich führen. Rallignon durchfühlte +es lüstern angstvoll wie Leuchtmar. Es mußte Staat gegen Staat gehen. +Welcher Staat gegen welchen Staat? Darum sahen sich Leuchtmar und +Rallignon nicht an. Ein Belgier holte sie von Brüssel ein. Verstört wie +sie. Diese Gedanken gingen wie Gespenster um. Wer an die Apparate +rührte, jetzt, in diesem Augenblick, wurde von ihnen getroffen. + +Im Wagen fuhren sie zu dritt auf Brüssel. Bogumil brusteingesunken im +Wagen stöhnend höhnend: es sei sinnlos nach Brüssel zu fahren: er werde +umkehren; sie müßten bedenken, was sie vorhätten. Der sehnige Rallignon +neben ihm war fleckig rot, verändert. Furchtsam blickte er rechts und +links zum Wagen hinaus: es sei nicht ungefährlich für sie auf dem Land +zu fahren; man werde sie erkennen; wenn man sie erkannte. Er glaubte +schon, man wüßte, was er in sich trug; drückte sich in die dunkle Ecke +des leichten flotten Gefährts, zog die Mütze über sich: man werde sie +erwürgen. Leuchtmar zu ihm gedreht: „Warum denn? Was haben wir getan?“ +Aber er faßte schon nach seiner Brust, erblich: „Ich habe keine Waffen.“ +Der Flame saß mit offenem Mund, drängte auszusteigen. Als der Wagen in +einer Schonung hielt, hatte sich der schwere Leuchtmar über seine Knie +nach vorn gelegt; nach den Händen Rallignons tastete er: „Rallignon, +mein Freund. Mein Freund. Nicht mein Feind. Sag ja.“ „Ich kann nichts +sagen, Bogumil. Komm. Was soll werden.“ Leuchtmar faßte sich mit den +Händen an die Schläfe: „Mag sich Europa selbst zerstören. Wir wollen +nichts tun. Wir wollen es nicht tun. Wir wollen uns nicht dazu +hergeben.“ Rallignon war herausgesprungen. Leuchtmar ging hinter ihnen: +Er hielt wie die beiden andern die Augen niedergeschlagen, konnte die +Häuser Felder nicht sehen, stöhnte. Flüsterte hinter den beiden: „Nichts +davon sprechen. Ich behalt es bei mir. Ich gebe nichts von mir. Man soll +mich nicht dazu bekommen.“ Einzeln gingen sie in Häuser, kleideten sich +um. Verkleidet kamen sie in Brüssel an. + +Da hatte die Wieschinska schon erklärt: sie werde nicht nach London +gehen. Die Azagga, in deren Senat englische Aufsicht überwog, schloß +sich stürmisch an. Der aus Palermo und aus Kairo waren nicht weit sich +der Wieschinska anzuschließen: man würde zusammenziehen was man hätte +und gegen England richten. Leuchtmar, eingefallen, bat nichts zu +beschließen. Man solle nach London. Die Wieschinska erkannte, daß er, +der nicht von der Tischplatte aufblickte, Aufschub wollte. Sie wetterte +forderte Entschluß. Leuchtmar und Rallignon, wie sie aufstanden und +zurücktraten, wirkten erschütternd. Der Flame flehte: „Wir wollen nichts +beschließen.“ Leuchtmar und Rallignon schienen gelähmt. Die Wieschinska +wollte sie mit Fäusten angreifen. Vor dem bösen Blick Leuchtmars wich +sie zurück. Ohne ihn und Rallignon war nichts zu unternehmen. Plänkelnd +gab sie nach. + +In London, in den geheizten Glashäusern, waren asiatische Fremde +erschienen. Zufällig waren sie da. Die Mongolen hatten eine Erkundung +Londons und des Zustandes der westlichen Staaten vor. Die Kontinentalen +umzogen die fremde Deputation wie Hunde den Knochen. Stellten sich, +sonderbar gelockt, vor sie, befragten besahen behorchten sie. Die +melancholischen klugen Engländer traten beobachtend hinter ihre +östlichen Gastfreunde. Wie ein Blitz senkte es sich in Bogumil, den +trüben plumpen, daß er die Mongolen, die starkknochigen weichen +schmunzelnden, diese für sich kichernden Japaner, diese beiden wuchtigen +weithosigen Russen haßte. Seine Augen waren stier. Er haßte sie. +Rallignons Backenmuskeln wie Balken; er knirschte mit den Zähnen. Sie +fingen, sich bewegend, wilde Hänseleien mit den Östlichen an, die die +Londoner zu schlichten suchten. Die üppige Wieschinska begriff, was in +den beiden Männern vorging, kniff die Augen zu, jubelte. Azagga, der +glotzäugige weibliche Koloß, Uru und der schwarzhäutige Dongod Dulu +ließen sich schleppen. Die stillen Engländer brachen die Besprechungen +für Tage ab, um die merkwürdige Stimmung der kontinentalen Freunde zu +erkunden. Sie trafen bei denen keine Überlegung mehr an. Keine Nachricht +war zu den Engländern gekommen von dem Plan, sie selbst anzugreifen. +Aber vor diesem starken bluttiefen Verlangen, das sie sahen, fuhren sie +zurück, dachten nach, erschraken, lenkten ein. Unten sprühte die Stadt, +in dieser Minute, der nächsten, folgenden. Da zogen sich die Engländer +zurück, um die Dinge zu überblicken. Die kontinentalen Gäste wußten, daß +sie bis zur Entscheidung in Gefangenschaft und unsichtbarer Aufsicht der +Londoner waren. Keiner unter ihnen hatte jetzt Furcht. Die Engländer +erwogen nur kurze Zeit, ihre Freunde zu töten. Sie wußten, daß +Kampfobjekte gesucht wurden und daß sie selbst das nächste wären. Sie +setzten sich zu der Delegation Leuchtmars. Zu keiner neuen Besprechung +luden sie die Asiaten. Sie seien, erklärten sie denen, durch +Angelegenheiten des nahen Kontinents stark beschäftigt. Freundlich +geleiteten sie die Asiaten zu ihren mächtigen Luftschiffen. Schon aus +Paris wurde gemeldet, daß die asiatische Kommission in der Nähe der +Stadt die Luftschiffe verlassen und, offenbar um unkenntlich zu sein, +sich auf kleinen Fahrzeugen zerstreut hatte. + + * * * * * + +Der östliche Menschheitskreis lag stumm auf dem uralten Riesenkontinent. +Die dunklen Massen Asiens hatten die Maschinen empfangen; es war etwas +Fremdes, lief wie eine Raupe über sie. Sie ließen die feinen Apparate, +die schweren dumpfen Eisenwesen auf ihrer Erde stehen, die griffen ihr +Herz nicht an. Immer waren von den vielen hundert Millionen Menschen +Scharen im Westen, sogen mißtrauisch aufmerksam die fremden Kenntnisse +ein. In der Zeit der strengsten Herrengeschlechter nahm eine ausgewählte +Schar der Asiaten an den verbotenen Studien teil, wurde in den Besitz +der Materialien und Modelle gesetzt. Dies duldete England, weil es +friedlich war und die Asiaten sich verbinden wollte. In Asien welkten +blühten Rassen; kaum, daß die Westler Kenntnis von ihrem Ergehen hatten. +Bombay Kalkutta hatten ihr europäisches Gesicht abgelegt. In China waren +große neu entstandene europäische Städte weggefegt worden; Einheimische +hausten handelten in den Ruinen Gewölben der Europäer. Es war nicht +möglich gewesen, den gelben braunen Millionen westliche Bedürfnisse +einzuimpfen; sie hatten Gewehre und Waffen genommen, um die Fremden zu +vertreiben. Langsame Berührungen, zögernde Verhandlungen fanden mit dem +immer besorgten London statt. Als in Bombay Lhassa Peking Tokio Kasan +Tobolsk die nach London entsandte Kommission erschien, war man für alles +gerüstet. In den westlichen Kapitalen war die Bewaffnung der Asiaten +bekannt; man glaubte sich voraus. Es gab schließlich keine Bedenken. Man +mußte losbrechen. + +Die Apparate hatten sich in den vergangenen Jahrhunderten völlig +verändert. Aus Maschinen, in Hallen durcheinander gestreut, waren +Maschinenblöcke Maschinenhäuser Kolosse Pyramiden von Anordnung, +Maschinenorganismen geworden. Große Menschenmassen der Periode nach +Dünkirchen bis zur Zeit der Rebellen Targuniasch und Zuklati hatten sie +auftürmen und bedienen müssen. Die Energiewirtschaft hatte zur +Verkuppelung der Kraftwerke untereinander geführt. Der Aktionsradius für +die erzeugten und transformierten Energien war ins Riesige gewachsen. +Die Energien wurden an wenigen Punkten gespeichert. Neben den +Krafterzeugungsblock traten die Kolosse der Sondermaschinen, für +einzelne Landstriche arbeitend, im ganzen Land waren keine vereinzelten +Maschinen. Dies war – gegen Ende des fünfundzwanzigsten demokratischen +Jahrhunderts – die Zeit, wo die Sonderung unter den Stadtlandschaften +sich unwiderstehlich durchsetzte, Glasstädte Lichtstädte Nahrungsstädte +Kleidungsstädte entstanden. In den Versuchsstädten und abseits von den +Sonderstädten begannen sich die Erfindungen zu häufen. Da stürzten in +wenigen Jahrzehnten Blöcke und Pyramiden der Maschinen zusammen. Neue +Naturkräfte, gasförmige strahlende, schon vor einem Jahrhundert +aufgespürt, waren von den Zeitgenossen Mekis gefaßt, in Apparate +gespannt worden. Die polternden Kolosse wurden durch Liliputapparate +beschämt. Jahrzehnte Jahrhunderte von Kraft wurden wehrlos, gelähmt von +dem Blick dieser Minuten. Man legte die großen Maschinenstädte nieder. +Unscheinbar in geschützten Gewölben die feinen zierlichen Apparate, in +denen die Naturkräfte gefangen waren wie Gespenster in der Flasche. +Wenige Hände brauchten sie zu bedienen. Das Herz stand den ersten +Menschen still, als sie die Apparate sahen. Gewöhnten sich an sie, +lebten unter ihrer Obhut, bequem, kaum dankbar, Kinder einer reichen +Familie. + +Diese wunderbaren streng behüteten Apparate, die Kraft der westlichen +Herrengeschlechter, waren im Besitz des Abendlandes wie der Asiaten. + +Im Westen flog ein Rausch über die wimmelnden Menschenmassen, als man +ihnen Kenntnis gab von den Dingen, die sich vorbereiteten. Schlagartig +sank die tiefe zweifelnde Unruhe hin. Als hätte man einem schlaffen +Körper Äther und Kampfer eingespritzt. + +Die Asiaten riefen ihre Völker auf. Zeigten die Macht der Weißen. „Sie +kommen mit Maschinen. Sollen wir uns wehren? Unterwerfen?“ Man kannte +die Antwort voraus. Die Inder wußten, wie man Elefanten zähmt, Flüsse +überschreitet, betet; die Chinesen, wie man Felder bestellt, Schiffe +zieht, handelt; die sibirischen Steppenvölker konnten melken jagen. Sie +dachten, ihren Zauber gegen die Europäer aufzubieten. Da fuhren +Luftschiffe von Süden und Osten her über ihnen und alle fuhren nach +Norden und Westen. Wie sich die Schiffe, bei deren Anblick ihr Herz +erstarrte, tiefer senkten, winkten ihnen Inder Chinesen zu, die Blüte +ihrer Länder, feine junge Männer, die lachten: „Wir fahren ihnen +entgegen nach Westen und Norden.“ Die Sibirier grinsten. Die Mongolen +kollerten ihr Lachen, hoben ihre Kinder hoch. Millionen Zauberformeln +gingen hinter den Kämpfern. + +Es war ein Kampf, der von London mit tiefer Apathie begonnen wurde. +Wechselnd zwischen Verzweiflung und Resignation stimmte London dem +Beginn des Krieges zu. Es gab keinen anderen Weg. Man konnte zusehen, +was sich bei dem Ringen entwickeln würde. Vielleicht half man sich über +Jahrzehnte weg, vielleicht ließ sich noch ein Jahrhundert plänkeln. Sie +hatten begrüßt, daß man unerhörte Erfindungen unterdrückte und sich +selbst behauptende Stadtschaften schuf. Aber sie sahen das Aussichtslose +dieser Versuche. Die Maschine war nicht aufzuhalten, das westliche +Gehirn nicht umzustellen. Als Leuchtmar Rallignon und ihre kontinentalen +Freunde in London erschienen, staunten die Engländer, strichen ihre +schwarzen dünnen Bärte. Diese waren unbelehrbar, Kinder. Sie freuten +sich an ihnen. Die Männer und diese wilde kraftvolle Wieschinska wollten +Krieg, einen Krieg für ihre Massen. Die alten Herrengeschlechter waren +doch klüger. Sie hätten in diesem Augenblick alle Waffen und Apparate +eingezogen, deren sie habhaft werden konnten; hätten hunderttausend +Menschen, Millionen um sich massakriert. Diese hier hatten sich mit den +Massen verbrüdert, es gab keine Grenze zwischen ihnen und dem „Volk“. +Sie dachten nicht daran, es sich leicht zu machen: zu Hause bleiben und +alles erledigen. Sie ließen sich erregen jagen. Ja, die Buben und Puppen +hatten geheim vor, gegen sie, die Engländer, das große weise +Mutterreich, zu kämpfen. Vielleicht mit den Parolen der alten +Geschichtsbücher: Freiheit, Unabhängigkeit. Waren dumme Eintagsmenschen. +Man mußte mit ihnen den törichten Weg gehen: kämpfen. Es war vielleicht +ermunternd. Diese Kontinentalen hatten noch den Glauben, einen +lächerlichen Glauben an die abscheulichen Instrumente, die man versenken +sollte. + +Leuchtmar Rallignon Gru Wieschinska Azagga Dongod Dulu setzten nach dem +Kontinent über. Die östliche Erdhälfte war zu bezwingen. Man konnte +nicht Feuer nach Gestirnen werfen, wenn man nicht einmal den Erdball +bezwungen hatte und hundert Meilen hinter der Weichsel eine ablehnende +Welt lag. Es war ein neuer Impuls, der in die tändelnden schwelenden +Massen fuhr: das Bild einer riesigen Fläche, maßlos hoher Gebirge, +wimmelnder exotischer Landschaften und Städte. Über diese sollten sie +fallen, in die sich mischen einschwemmen. Es sollte geschehen. Sie +hatten die Apparate. Jetzt sollte dies geschehen. Man hörte von der +ungeheuren unausgeschöpften Kraft der Apparate. Mit anderer Seele als +vorher wurden die Fahnen, Feuer und Gestirne, über die Landschaften der +westlichen Kontinente getragen. Fiebernde Kraft heizte die Herzen, +machte die Muskeln steif. Man hielt die Fahne; sie warf alle Willen +zusammen. + +Die Stadtlandschaften bewegten sich. Scharen über Scharen von Männern +Frauen begehrten Einstellung zum Kampf. Mit einigen zehntausend +Menschen, sachgeübten, war der Krieg zu führen. Die Überlegung riet, +viele heranzuziehen, zum Beschäftigen und Vernichten. In allen Ländern +wurde von der Führung eine Stelle abgezweigt, die sich mit dem Erdenken +sinnloser Arbeit für die Soldaten befaßte, die Stelle B, wie sie London +im Unterschied zu der wirklich kriegführenden Stelle A nannte. Die +Stelle B wurde rasch mit den klügsten politischen Köpfen besetzt, die +mit Technikern und militärischen Fachleuten in losem Zusammenhang +standen. Der Andrang zu dem Scheinheere B war in den westlichen +Kontinenten so stark, daß die anfänglichen Pläne der Leitung nicht +ausreichten. Sie sahen vor Kriegsdienste nach früherer Methode; man +stellte Kanonen her, ließ Verteidigungslinien aufwerfen befestigen, +baute auf Festungswerken Apparate, von denen man den Kämpfern Wunder +versprach, an denen sie üben mußten: mörderische Modelle. London ging +weiter, im Sinn seiner früheren Überlegungen. Seine B-Leitung führte +starke Menschenmassen, Regimenter begeisterter und gefährlicher Männer +und Frauen auf den wirklichen Kriegsschauplatz, die russische Tiefebene; +sie hatten furchtbare vergebliche Arbeit zu leisten. + +Die Asiaten gaben die russische Tiefebene nicht frei. In drei Staffeln +rückten die Westländer vor, überflogen überrannten auf Brücken Schienen, +die sie in wenigen Tagen vor sich auswarfen, aus Polen Rumänien Galizien +dringend, Witebsk Mohilew Poltawa Cherson. Der Dnjepr und seine Sümpfe +lagen hinter ihnen. Die Städte dieses Abschnittes waren ihnen nicht +fremd. Dichter wurde vor ihnen, unter ihnen das Maschennetz der Dörfer, +Gehöfte, verstreuten Siedlungen. Jenseits Jaroslaw Wladimir Woronez +Charkow näherten sie sich den Flußläufen, die die große Wolga aufnahm, +dem Jergenihügel, dem breiten Bergufer der Wolga selbst. Im Norden +stießen sie auf Wjätka Wologda. Da verbrannten stürzten die ersten +Fliegerreihen, stürzten im Flug aus dem weißen Himmel auf die stille +Ackererde. Neue rückten nach. Stürzten. Durchschritten nicht eine +unsichtbar vor ihnen aufgerichtete Barriere. Als Erkundungstechniker +folgten, stellten sie die Wellen fest, die die Motore in Unordnung +brachten. Und wie sie noch nach der Art der Wellen, Ausgangsort Formel +forschten, fuhr am Boden gegen sie das Ungetüm aufgewühlter +Menschenmassen an. Auf Pferden Wagen Karren, die Flüsse +herunterschleifend auf Schiffen Booten Kähnen, rollten strömten von +Osten nach Westen, spülten drangen quollen von Norden nach Süden +Menschen- und Tierleiber. Bestürzte klagende verwirrte Menschen, Männer +Frauen Kinder Pferde Rinder Schweine, die sie trieben, Hühner, die +getragen gejagt wurden. Jammernde schreiende zerlumpte nackte +Einzelläufer. Große stumme drängende Horden, Dorfgemeinschaften, die +sich nicht fragen ließen. Betäubt, die Gesichter Decken Kleider +schmierig. Übernächtig schleppten sie sich vorwärts. Konnten nicht +achthaben auf die sterbenden Säuglinge. Das warf sich am Boden hin, +weinte zerkratzte sich Stirn und Backen, ließ das Tote mit Erde bestreut +liegen, konnte nichts begraben in dem nassen Boden, rannte traumhaft +gestoßen. Das griff, was es hatte und fand, an: Bäume Hütten Bretter, +warf sich aufs Wasser, schwamm strampelte stöhnte ruderte. Das seufzte +kreischte, waren Weibermassen, löste sich die Haare, riß an ihnen, biß +an ihnen, blickte rückwärts: weite wimmernde Blicke auf den grauen +trüben Himmel, der nichts als Wolken zeigte. Hinter ihnen brannte es. +Sie schrien. Hatten es nicht brennen sehen, aus anderen Dörfern waren +Menschen gekommen, von weither hatten alle es gehört. Da gewahrten die +Fremden wogende himmelbedeckende Massen von Vögeln, die lärmend und +still in gleichmäßigem Zug oder stiebend von Osten nach Westen, von +Norden nach Süden stießen, dichte Ballen von Raben, Heerscharen kleiner +Vögel, Bergfinken Tannenhäher, vorüberrauschend, mit Zwitschern Rufen +Flöten die Nächte erfüllend. Der Boden besät mit abstürzenden +erlahmenden kleinen Körpern. Sie rauschten flirrten pfiffen flibberten +in großer Höhe. Und das Lebendige der Erde setzte sich mit den Menschen +in Bewegung. An den Karren hingen Scharen von Fledermäusen. Griff man +sie, stoben sie hoch, schwirrten mit ausgespannten Armen, setzten sich. +Am Boden rieselte es zwischen den Füßen der wandernden Menschen und +Tiere. Die schwarzen und grauen Mäuse wimmelten über die Wege, die +nassen Äcker. An manchen Flüssen bedeckten sie pfeifend die Oberfläche, +kleine glatte zuckende Rücken, schlagende spiralige Schwänze. Liefen +Felsen hoch, stürzten herunter, rutschten Rinnen herab, ließen sich an +Bäumen herunter. Auf und ab die raschen Schatten der Jarboamäuse. +Menschen, durch Wologda und Wjätka drängend, trugen Beile Messer, +blutige Wolfspelze an den Wagen. Während sie vorwärts trieben, liefen +die Bären Füchse Vielfraße aus den Strichen hinter ihnen. Das zickzackte +huschte kaperte schwarz braun grau in Sätzen über die Wege, legte +knurrend sich in den Staub, verendete lechzend, taumelte, wurde +erschlagen. Auf kleinen schwimmfreudigen braunen Pferden Kirgisen, +bukajewsche Horde von den Salzsümpfen, Gesichter schwarz und stumpf. +Schnalzten, gaben keine Antwort, peitschten die Pferde. + +Als die Weißen nicht vorwärts kamen, vom Brand gestammelt wurde, Dörfer +und Siedlungen anschwammen, trieben die Erkunder durch die schrecklichen +Tier- und Menschenscharen, bewaffnet geschützt, auf Pferden. Bevor der +nicht zerriebene Rest dieser Posten zurückkehrte, war die Barriere in +der Luft gesprengt. In der Luft über der Wolga schwebend, die dunstende +Kirgisensteppe, Samara Perm überschauend, sahen sie die von Menschen und +Tieren wühlende Ebene. + +Im Rücken der Menschen und Tiere aber den großen und unmeßbar weit nach +Norden und Süden sich umbiegenden Rauch- und Flammenwall, der mit +sichtbarer Bewegung, langsam und kaum pausierend in kleinen Pulsschlägen +hinter ihnen herwanderte. + +Feuer Rauch, den Horizont abschließend, keine Lücke lassend, die +rollende Mauer. + +Soweit sie konnten, näherten sich die Flieger dem Brand, in Furcht, von +Strahlen gefaßt zu werden. Sahen zuletzt das Feuer sich von der Erde mit +der Erde erheben, aus dem Boden spritzen, Hügel Berghöhen überklimmen, +über flaches Land Gebirge hochrennen. Es hielt vor keinem Flußlauf. + +Da warfen die Westler sich rückwärts, verließen fliegend fahrend die +Linie der Wolga. Von Cherson bis zur Waldaihöhe im Norden bauten sie +sich auf. Sie kannten die Millionen Menschen, die in der reichen +wasserdurchlaufenen ackerbestandenen Ebene wohnten und die, die vor der +Feuerwand einherliefen. Sie hatten überflogen Mohilew Smolensk +Tschernikow Poltawa Kiew Jekaterinoslaw; Orel Kursk Kaluga Tula Twer +Nowgorod Tambow. Das Feuer wanderte von Osten gegen sie, vom Uralgebirge +stieg es, die Asiaten opferten das Land vor sich, dachten, die Westler +würden die Woge der Lebendigen aufnehmen, und die Feuerwand würde über +Europa, zum Balkan, nach Polen, an die Ostsee ziehen. Man mußte sich +wehren. + +Und wie vom Ural Feuer lief, lief nach fünf Tagen Feuer entgegen, von +Cherson über Poltawa Mohilew Pskow zu den Waldaihöhen. + +In die Erde metertiefe Stollen gestoßen, Stollen neben Stollen. Blöcke +bohrten sich ein, rissen den Boden auseinander, die Linie vom grünen +Ladogasee bis zum Toten Meer. Wie eine große Egge griff es in die Erde, +hielt den Kopf gesenkt. Die Blöcke warfen unten Sprengstoffe Gase Salze +vor sich aus. Blöcke über ihnen durchlockerten die Erde, mischten sie +mit Gasen Salzen, durchdrangen sie mit Hitze. Hochgeschleudert unter +Donnerschlag rauchte blutflammte die Erde, verzehrte sich geifernd in +die Luft, aufgehoben in einem wirbelnden puffenden Qualm. Lohe +Flammengarben sprangen in Säulen aus dem bloßgelegten Boden, brannten +hinter der qualmenden niederregnenden Masse weiß und grün steil in +Riesenhöhe auf. Flamme neben Flamme wie die Blockzähne der großen Egge, +über Wiesen Ackerboden, zwischen Dörfern Landstraßen, vom Toten Meer zum +Ladogasee Cherson Poltawa Mohilew Pskow Waldai. Den gleichen +wolkenbezogenen Himmel angrellend Tag und Nacht, ihn rüttelnd +erschütternd mit Stößen zu Donner und Widerdonner. Menschen Häuser +Steine Hügel Tiere Wälder restlos zerklafternd aufhebend hochwerfend +verschüttend, Flußtäler zerreißend ausfüllend. Die Betten der Seen +Ströme sprengte das wandernde, Minute um Minute vorrückende, Qualm +speiende, regnende, sich in Hitze sielende Wesen. In den Sümpfen sprühte +es, auf dem Moor sprangen die Kreuzkröten, die listigen Salamander in +die Höhe. Die Wasserfrösche im Schilf duckten sich vor dem Rauch, der +über die Sumpffläche strich. Es klatschte um sie. Wie sie einen Satz +nach rückwärts machten, waren sie mit Schlamm unter den kolbigen Zehen +aufgehoben, um sich gedreht, Giftdunst um sie, trockene Flamme, +vergasende Erde grün aus dem Moor gegen ihre platzenden Leiber. + +Die Egge über Wolhynien und den Bug. Das Landvolk wich nach Süden über +Jekaterinoslaw auf das Meer, auf die Krim zu. Die Egge stach den Dnjepr +an. Das mächtige Gewässer stürzte randlos nach Osten Westen, schwemmte +sprudelte rauschte über die zerschnittene abgehäutete Erde, den +brodelnden Sumpf. Ströme Bäche Seen, ihrer Umfassungen beraubt, +kenterten über den neuen Boden, Lehm und Morast wälzend. Hinter den +Eggen liefen die Röhren Gasspender Salzmischer Hitzeatmer. Selbsttätig +zog das schnaubende Bergwerk sie hinter sich, entleerte sich seiner +Spannung und Ladung, nahm ruhend unter der vibrierenden Luft, von der +Erdlast befreit, die in Geheul und Rauch verging, neue Nahrung ein. +Stemmte spießte bohrte sich unter die Erdmassen, die ihm vorlagen, brach +gasend heizend explodierend aschend durch unter Bergen Baumwurzeln +Stadtfundamenten. + +Blauschwarze Schwaden, niedrighängende, zogen nach Polen Galizien +Rumänien, wo das Laub an den Bäumen schwarz wurde, das Vieh auf den +Weiden starb, die Menschen sich nach Westen wandten. Im leeren Osten +schäumte die grüne Flut über der abgetragenen Erde. Unter dem Wasser +schütterte, bohrte das Bergwerk, riß, riß. In Stößen wallte das trübe +Element ostwärts. Die Erde in Sprüngen geöffnet, das Wasser in die Risse +stürzend. Flammen brausten; die Nässe klatschend im Schwall dazwischen. + +Im warmen üppigen Taurien tauchten Regimenter englischer Soldaten der +B-Armee auf. Sie wurden auf Schiffen vom Süden durch den Bosporus und +das Schwarze Meer getragen. Das Schwarze Meer war von Tausenden Seglern +Booten Lastdampfern bedeckt. Flöße schwammen dazwischen. Im Norden nahe +den Ufern Herden schwimmender ertrinkender Pferde. Vom Asowschen und +Toten Meer, aus dem Kaukasus, von der Krim selbst quollen die Massen, +gestopft durcheinander die Ufer erfüllend. Kosaken Kirgisen Slawen mit +Bauern Priestern Männern und Kindern Weibern, die blauschwarze +Wasserfläche anstarrend, über sie herfallend. Der Boden unter ihnen, +Sand Wiesen, schon weggenommen von dem schrecklichen pfeifenden Gewühl +der wandernden Springmäuse. Bei Tag und Nacht kämpften sie mit den +Wölfen und Füchsen, die hinter ihnen, unter ihnen auf der Flucht waren, +sich an den Erliegenden mästeten. + +Erschauernd, ihr Grausen nicht überwindend, schlugen sich die +angefahrenen Soldaten, ihre Schiffe den Flüchtenden preisgebend, nach +Norden durch, um eine Linie zu ziehen zwischen Cherson und Taganrog. +Immer wieder auseinandergerissen durch das scheußliche über sie fallende +Gewühl der Springmäuse, Rudel der tobsüchtigen Wölfe, zuletzt durch die +Völkerwanderung der Menschen, die sich bei der dichten Annäherung des +Erdbrandes in Vertierung selbst anfielen. Die Flüchtigen ließen es auf +einen Kampf auf Tod und Leben mit den Soldaten ankommen; sie waren ohne +Nahrung, von Schrecken Erbitterung Haß verwüstet. Schlecht bewaffnet +wurden die Truppen zertrümmert. Aber neue aus dem menschenfließenden +Westreich kamen hinter ihnen und brachen sich, immer fast zergehend, +Bahn. Sie wollten, zwischen Cherson und Taganrog auf der noch +unversehrten Erde zwischen den beiden Feuerlinien vorgehend, den Brand +vom Ural aufhalten. London befürchtete, daß nach Ersäufung der ganzen +Ebene zwischen Ural und Düna keine Angriffsmöglichkeit zu Land bestand; +die kontinentalen Massen brauchten Angriff und Sieg. Eine Erdmasse als +Kampftribüne sollte zwischen der östlichen und westlichen Wüste, dem +ersäuften und erstickten Land, erhalten bleiben. Den B-Truppen waren zum +Schutz nur wenige technische Einheiten beigegeben worden; die Führer +hielten den Versuch für fast aussichtslos. Das todesmutige dichte +Herantreiben von Stollen an die uralische Feuerwoge, während die +westliche verharrte, das Aushauchen reaktionshemmender Gase, Auswerfen +löschender und vereisender Salze glückte nur an wenigen Stellen. Das +Tempo des östlichen Vorrückens wurde zuletzt unerhört wütend. Die +russische Tier- und Menschenwelt, von Osten und Norden andringend, im +Westen eingeengt, ertrinkend verhungernd verbrennend, behinderte an den +meisten Orten das Ansetzen der Gegenstollen, zerstörte die vom südlichen +Wasser nachgezogenen Röhren und Kabel. Zu dem Widerwillen gegen die +Westler trat bei den noch kräftigen Einheimischen blindmachende +Verzweiflung, Abscheu vor allem Menschlichen, ja Lebendigen. Eine Woge +von Barbaren und Kannibalen rollte nach Süden. Mitgerissen von ihnen, +eingekeilt zwischen sie, die Truppen der Westler. + +Noch auf der Flucht, nach rechts und links kämpfend, sahen die Truppen +die westliche Feuerwoge sprengend und lohend sich in großen Sätzen +erheben und grün der östlichen zulaufen. Sie schrien im Bereich der +grünen und gelben Schwaden wie die schwarzen Kirgisen und Slawen. +Niemand sah mehr den andern. Hunderte von der eigenen Feuerwoge im +Rücken gefaßt, geröstet. + +In der Linie Bardjansk Charkow Orel Kaluga Twer packten sich die +springenden Reihen der Bergwerke, stießen knallten grimmten in einem +einzigen Feuertosen zusammen. Verdonnerten verzitterten die Bohrer +Sprenger Gaser Heizer. + +Dickes schlammiges Wasser sprudelwallte brodelte über ihnen. Sie +vergifteten es, brachten es zum Sieden Bäumen Spritzen, warfen es in +Säulen über sich. Es klatschte gischend zurück. Sie mußten Ruhe geben. +Die Kabel rissen. Die Ladungen rieselten lehmig tintig aus. + +Während vom Ural das Feuer lief, vom hohen nördlichen Töl-pos-is, dem +Kamme des Jamentau, Iremal, beschickt von den Gelben, die aus den +unendlichen Tannenwaldungen und Klüften des Ostabhanges herstiegen, +lagen Gasschiffe Riesenboote Luftschiffe über dem Ozean im Westen, +aufgebrochen aus England Irland, dem Golf von Biskaya, von den +Kapverdischen Inseln, der Guineaküste. Kreuzten das atlantische Wasser +Karaibische Meer, breiteten sich, die Durchfahrt von Panama verlassend, +an der weiten Westküste des amerikanischen Kontinents im Süden und +Norden aus, um dem asiatischen Angriff von Westen zuvorzukommen. Die +amerikanischen Geschwader schlossen sich ihnen an. Unterwasserboote +Gasboote, in breiter Front die plumpen Arbeitsschiffe zwischen sich +fassend, von Abwehr- und Kundschafterbooten umschwärmt, durchschnitten +das große westliche Gewässer, dröhnten an Hawai Paumotu Tubai vorüber, +zogen bei Neuseeland die südliche Front ein, verdichteten sich im +Norden, von Neuguinea bis Kamtschatka. + +Da waren sie in ein zauberhaftes Meer gestiegen. Erfuhren +Beunruhigungen, die sie auf Fehlleistungen der Schiffe, +Täuschungsmanöver der Kommandanten bezogen. Tauchboote Überwasserschiffe +begannen ihr Tempo zu ändern, rascher zu fahren, rascher rasend, die +Richtung zu verändern, zu stocken, stillezustehen. Ganz unregelmäßig +wiederholte sich das, trat hier auf, dort auf an der Riesenfront, die +langsam vorrückte, einen Gürtel um den Ostabfall des asiatischen +Kontinents legte. Dann fing es mit einem plötzlichen Ruck, dem +Stillstand einzelner Schiffe an. Im Wasser hielten Schiffe, wühlten +rechts links mit Schrauben, bäumten sich, kamen nicht los. Langsam +wurden sie frei, freier, brausten pirschten auf ihren Gegner, rasten in +entfesselter Geschwindigkeit, unter dem Wasser, auf der gischenden +Fläche, fühlten plötzlich, daß sie sich nicht halten konnten, daß sie +stürzten, eine Kraft über ihnen. Man zog sie, riß sie von vorn. Vorn zog +man sie, saugte saugte sie. Tosend die Schiffe, wahnsinnig, nicht +gebunden an das Wasser, von keinem Motor gejagt, über die Wasserfläche +rauschend holpernd, mit den Seitenflächen vorbiegend, fast kenternd, +sich überwerfend, schleifend geschleift. Bis sie die weiße schwarze +Masse sahen, auf die sie flogen, die sie bannte, die selbst auf sie +flog, die weiße schwarze Bank, durch das gischende Wasser anschießend +wie sie, das eiserne Schiff, mit ihnen Spitze gegen Spitze +zusammenprallend, prasselnd sich mit ihnen vermählend, schmetternd mit +ihnen verschnürt zerfallend absinkend. + +Das Geschwader der Philippinen hatte sich Mindanao genähert. Deutlich +bewegte sich von Osten eine Gruppe flacher feindlicher Schiffe. Die +Westlichen hatten im Augenblick die Motore des asiatischen Geschwaders +gelähmt; die flachen Schiffe küstennah standen unbewegt wie eine Linie +Soldaten. Wie Reiter stolz aufgebäumt raste das weiße Geschwader gegen +sie im Keil. Die Wellen geschlagen schäumten festlich. Das vorderste +Schiff stürzte plötzlich, die Spitze des Keils. Knickte ein, stand nicht +auf, sank ins Leere. Die nächsten Schiffe rückten an, knickten, ihr Deck +unter der Meeresoberfläche. Verschwanden wie in Löchern des Meeres. Als +wären sie Pferde, empfingen Schnitte in die Sehnen der Knie, waren, auf +dem Bauch liegend, verschwunden. Schiff nach Schiff. An der Küste die +Linie des gelben Geschwaders. Der Keil stürzte weiter. Das Wasser wurde +unter den Schiffen weggerissen. Das Fahrzeug sank in die Wasserspalte. +Die Spalte, ein Trichter, weitete sich rechts und links kugelförmig. Das +Schiff, stürzend torkelnd, am Boden der Wasserschlucht von den +herabschießenden Wellen umgeschlagen, wurde begraben, während das Wasser +über ihm sich zusammentat, stürmisch aufhob und glättete. + +Das rollende Meer wurde ihnen unter dem Kiel weggerissen. Stürzend ins +Leere, in die Lichte von weiten Schornsteinen kamen sie nicht wieder +hoch. Das weiße Geschwader fing zu stutzen an. Während es zögerte, riß +das Meer weiter rechts und links auf. Sie schlichen um die tosenden +Abgründe. Dies und jenes stürzte noch. Wenige rasten rückwärts. + +Vom westlichen Kontinent kamen über Amerika Berichte. Der Feuerkrieg am +Ural stieg vor ihren Augen auf. Unruhe über den Geschwadern. Die Führer +berieten über Maßnahmen gegen den auffälligen Druck, der sich der +Besatzungen bemächtigte, als Befehle von London über Neuyork liefen, +zurückzukehren bis auf den Küstenschutz. Den Pazifik überflohen sie in +breiter Linie. Am Ostabfall Amerikas hielten sie; asiatische Angreifer +hingen auflauernd über der Küste. Die Westlichen waren froh; sie gönnten +ihren trüben Besatzungen das Abenteuer. Die Gelben flogen; man ließ sie +sich nähern. Wie die Gelben das Meer den Schiffen unter dem Kiel +weggerissen hatten, dachte man ihnen die Luft wegzureißen. Raketen in +der Finsternis von den Borden der weißen Geschwader vor der Küste. Sie +tasteten die kleinen Flieger ab, die im Schutz ihrer Abwehrwaffen in der +Luft leicht pendelten, die schwebenden breiten Bollwerke der +Lastluftschiffe, die die Größe der weißen Arbeitsschiffe hatten. Von dem +Kranz der Raketen wurden schwarze Gebilde hochgetragen, die wie Ketten +zwischen ihnen schwankten. Wie die Raketen zu glühen begannen, dumpften +Schläge: die Böenbomben an den Ketten explodierten. Von oben nach unten +zersprangen sie, wühlten die Luft beiseite, mit jedem Schlag sekundlich +dem früheren folgend, stießen keilten sie die Luft weg. Wie ein +Schwimmer, der auf dem wippenden Sprungbrett steht, die Knie beugt, sich +zum stolzen Niedertauchen rüstet, das Brett kracht, er torkelt kippt +sich überschlagend, mit den Armen leer greifend, klatscht bäuchlings +unter Stöhnen auf die spritzende Wasserfläche, so hingen die gelben +Flieger und Luftschiffe, sprung- und wurfbereit. Die Füße ihnen +abgeschlagen. Wehrlos unwissend, was mit ihnen geschah, klafterten sie +abwärts, wirbelten um sich in der finsteren brausenden Luft, schlugen +ins Meer, Münder geöffnet, Finger gekrümmt, träumend erwartend. + +Die gelben Flieger, sich zurückziehend, sammelten sich bei Tag wie Raben +am Panamagolf. Finsteres Gewimmel den Rio Chagras entlang, von der +Limonbucht bis Panama. Sie wechselten jeden Augenblick die Höhe; die +Schiffe des weißen Geschwaders traten in die Schleuse von Miraflores, +Padro Migual. Man riß aus den Fliegern mit tosenden Böen Punkte Ballen +heraus; sie drangen verstärkt zusammen, auseinander. Einzeln tauchten +sie herunter, schienen sich bald auf Colon, den Endpunkt des Kanals, +bald auf die erste Schleuse zu konzentrieren. Dann sausten die Raben in +ganzen Scharen auf die Hügelketten um den Kanal, im Angesicht der +fahrenden Schiffe. Hockten rechts und links, als täten sie nichts. +Hastig die Schiffe durchgeschleust, Paraiso San Pablo Soldado passiert. +Unbelästigt liefen die Weißen an Bohio Soldado vorbei, bei Colon aus, +sammelten sich, warteten in der Limonbucht. Schiff um Schiff schleuste +durch. Die neu auslaufenden empfingen da zu ihrem Staunen kein Zeichen +von den wartenden. Eine stumme Schar von Schiffen sammelte sich, +wartete; immer mehr verstummten. Die neuen glaubten, die Maschinen der +anderen seien gestört, booteten, flogen zu ihnen herüber. Und wie sie +anstiegen, landeten aus der Luft, lagen und gingen da – lachende +Menschen. Salven Gelächter schlugen ihnen entgegen. An den Masten, über +den Bordrand hingen sie, ausgestreckt, hier und da, schlafend +schnaubend. Sie winkten sprangen herum mit eingezogenem Leib, als würden +sie von einem fürchterlichen Kitzel gereizt, brüllten aus vollem Halse +ihr Gelächter aus, auf Fußspitzen tanzend. Mit dem Kopf an den Masten +standen welche, den Kopf auf die Brust gesenkt, nach rückwärts gegen das +Holz gedrückt. Seitwärts mit den Fahrtbewegungen ihr Rumpf schwankend. +Sie schmunzelten in süßer Lähmung, spielten mit den Fingern, rutschten +sachte mit den Füßen aus, saßen fielen um, lagen prusteten. Die Mehrzahl +der Männer und Frauen schlief in einer irren Wonne. Die angebootet +kamen, konnten die schlafsüchtigen Leiber schütteln; sie rissen die +Augen auf, blutunterlaufene Augen, geplatzte Adern in der Weiße, plump +verzogen das gedunsene Gesicht zu einem vertraulichen Grinsen. Kichern +Gurgeln Grunzen aus dem verklebten weit geöffneten Mund; sie legten sich +sanft um. Die Menschen, die sie rüttelten, gingen nur eine kurze Weile, +fühlten sich genötigt, selbst zu bleiben, zu grinsen gähnen, vor sich +hin zu lächeln, zu niesen kichern und dann zu lachen, daß das Zwerchfell +schmerzte. Sie schmetterten ihr Lachen von neuem, von neuem, husteten +verschütteten ihre Lungen, fühlten sich selig, müde und müder. Einige +fanden die Kraft, auf ihre Schiffe zurückzukehren, wo das Kichern schon +begann. Dann flogen Meldungen über die Meerenge. Auf den Hügelketten um +den Kanal hockten die Raben, wechselten gelegentlich ihren Sitz. Flieger +der weißen Geschwader warfen sich über sie. Wild schwirrten sie hoch, +auf der Flucht vor den Böen. Das Kraftwerk von Cartagena setzte ein. Die +gelben Flieger waren im Bereich seines elektrischen Feuers, im +sprühenden Geflecht der Wellen Cartagenas. Ein unsichtbares Gewitter +umfaßte sie, schleuderte sie auseinander. Als wären sie sehnsüchtige +verliebte Tiere, benahmen sich die Apparate, die unterhalb der +Strommassen liefen. Schwankten zitterten stiegen auf unter, rissen sich +ab, zuckten hoch. Sie schlingerten warfen drehten sich, ihre Propeller +arbeiteten blind. Sie waren gefangen wie Fliegen im Spinngewebe. Die +Gelben stellten ihre Motore ab; nur wenig sackte die Maschine, dann hing +sie fest, ja stieg stieg. Sie sahen von unten das Schauspiel der +Maschinen, die bewegungslos in der Luft hielten, als lägen sie auf dem +Meeresgrund. Motore sah man laufen und stehen. Unwiderstehlich die +Randstrahlung des Gewitters. Sie vermochten, nach stundenlangem Drängen +Spannen, die schweren apparatebeladenen Flieger, die den Kanal zerniert +hatten, nicht in das Meer zu stürzen. Nur einige schnallten sich los, +warfen Kleider in die Luft, sprangen nackt aus ihrem Apparat, der im +Schwung nach oben schoß. Willenlos schaukelten die übrigen in den +stählernen Kästen. Stiegen ruckweise höher höher in die aschestreuende +Zone, waren urplötzlich gefaßt, kilometerweit nach vorn gestoßen, +durchbohrt, durchlöchert, zerfressen, mit kleinem weißen Licht +aufflammend, zerfallen. + + * * * * * + +Aus Rumänien Polen Deutschland fuhren Beobachter nach dem Osten. Über +das Atlantische Meer kamen die trüben Geschwader. Zahlreich die Schiffe, +die auf der Einfahrt zugrunde gingen, an den Antillen den Bahamainseln. +Tiefer Mißmut zwang sie zurückzubleiben. Weigerten sich nach dem alten +Kontinent oder Amerika zurückzukehren. Angriffe von Teilen des +Geschwaders, Schiff gegen Schiff, wurden beobachtet. + +Die Westgrenze der Verwüstungszone fuhren Kundschafter ab. Sie flogen +wanderten fuhren auf Booten. Das unabsehbare Überschwemmungsgebiet. +Einebnung der Landschaften. Wo die Wälder Wiesen Blatt- und Grasgrün +Ähre Blüte laufendes Tier singender Vogel? Schwarzbraun grünlich +fließende Seen, auf denen gesplitterte Baumstämme mit Wipfeln Wurzelwerk +schwammen, Teile von Tieren und Menschen, unter der Giftwirkung mit +hellroter und rosa Farbe. Gelb verbrannte zerbrochene Bettladen +Schaufeln Schlittenkufen im dicken Gewirr der Oberfläche hinziehend, zu +weiten Anhöhen über dem Morast aufgestapelt, spitze Kegel, abgeplattete +kilometerbreite Pyramiden: der Ort von Städten und Dörfern. +Zusammengepflastert Steinblöcke Häuserreste Lehmmassen Eisenteile Räder +Fensterladen. Die breiten Krater der Schwarzerde, wüste Steinhaufen um +Charkow und Kursk. Unterpflügt umgeworfen fein gemahlen der Boden, der +ruhte, aus dem kein Halm trieb, über dem kein Regenwurm sich bewegte, +keine Ameise lief. Starke Hügelgruppen am westlichen Ufer der südlichen +Wolga von der Egge der Bergwerke gefaßt; die Wolga, im Osten meilenweit +ins ehemalige Kirgisenland flutend, spritzend nach Westen aus +Sieböffnungen über das tiefliegende Land. Die Wandungen des Siebes +bröckelten ab; die Wolga brach nach Westen durch. + +Über die Wolga drang kein Kundschafter. Manche verkamen, ließen die +Vorsichtsmaßregeln außer acht. Schwer mit unklarem Schmerz beladen +kehrte Gruppe nach Gruppe zurück. Trübsinnig grambepackt fielen sie in +die östlichen Städte wie Meteore, die im Niedergehen ihr Feuer von sich +geben. + +Englische und kontinentale Stadtreiche hatten gegen Ende des Krieges +getan, was zu tun war: Massen ihrer Bevölkerung von sich geworfen, in +die unmäßig anwachsende B-Armee, die man erbarmenlos dezimierte. Man +markierte asiatische Angriffe durch Fliegermassen, riß tausende Wehrlose +auf den brachliegenden Feldern Rumäniens und Polens hin. Man erprobte +auftauchende Waffen am lebenden Objekt. Auf zehn gelbe Flieger, die vor +Panama an der Küste unter Böen und Raketen herabgerissen wurden, kamen +hunderttausende weiße, die die Kraft der Böen erprobten. Schneidend und +bedenkenlos die Diktatur der verzweifelten Herrscherschichten. Als +zwischen dem Toten Meer und dem Ladogasee, über Cherson Poltawa Mohilew +Pskow Waldai der sprengende Bergwerkgürtel gelegt wurde, dem asiatischen +gegenüber, war er in der Walachei der Poebene Westfalen Wales schon +mehrmals über den Boden gegangen, hatte mit Gift und Explosion +Regimenter der Überflüssigen gefordert. + +Über die unerschöpflichen spielklügelnden Städte fielen da die +Nachrichten vom Krieg. Die Kundschafter, finsternistriefend, ließen sich +in die Menschenmassen nieder. In London, englischen und kontinentalen +Stadtschaften wurde in diesem Augenblick die Diktatur offenkundig. In +London bedurfte es keines Kampfes. Mit zwei drei Schlägen bemächtigte +sich Rallignon und seine Kampftruppe der gesamten Ernährungs- und +Bewaffnungsanlagen von Paris Lille Châlons Orleans. Die Wieschinska, das +Weib, bei der Durchschleusung des Panamakanals unter die nervenlähmenden +Strahlen der Japaner gekommen, gehörte zu den wenigen, die sich nach +kurzem Siechtum erholten. Sie behielt Geist und Willen: Beine hingen im +Stuhl schlaff von ihr; sie beseitigte, mit ihrem noch gespannten +strahlenden Gesicht, ihrer machtvollen tiefen Stimme die Menschen an +sich fesselnd, den zögernden Senat ihres Gebietes, vereinigte Werke und +Waffen in ihrer Hand. + +Über allen wartenden getöserfüllten Städten erschien in diesem +Augenblick das Gesicht der toten Landschaften. Unverhüllt erschien es. +Hatte niemand Lust, etwas zu verbergen. Keine Niederlage war gemeldet. +Sondern nur: es hatte sich nichts geändert. Die Jungen, Männer und +Frauen, die Führer hatten die Fahne erhoben, geschrien von ihrer Kraft. +Das Feuer aus der Erde, zwischen den Händen der Menschen, zu den +Gestirnen aufbrennend: da war es, in der russischen Ebene, vom Ural bis +zu den Waldaihöhen. Das Land zerrissen, Flüsse entleert, Menschen Bäume +Tiere verzehrt. Das grauenvolle tote Land. Das war das Werk der Jungen +mit den Standarten. Das konnten sie. Das war das Geheimnis der Apparate, +die wunderbaren eingesperrten Naturkräfte in den Gewölben. Die +Rückkehrer der Flotte meldeten, daß es keine Fabel war, was die +Techniker und Gelehrten erzählt hatten von den Luftböen den Wasserböen +Kurz- und Langstrahlern Brandsprengern. Aber nichts war zu leisten +damit. Man lief um die Städte wie vorher, hatte Treibhäuser für Blumen +Spiele Zirkus. Was sollte man damit? Versagt hatten die Jungen, die +Herren und Herrinnen. Lächerlich ihre Fahnen. Die Erde konnten sie +zerreißen, Städte vergiften. Wenn sie wollten, konnten sie auch die +westlichen Landschaften vernichten. + +Die Kundschafter vom Osten waren Menschen aus der Mitte dieser Städte. +Man ließ sie ruhig unter die Massen. Es waren die Träger dieser Augen, +sie hatten solche Gesichter, flüsterten wie Wahnsinnige, gellten warfen +die Arme, bedeckten die Augen. Diese Landschaften, die aus den Betten +gerissenen Riesenströme. Wälder Äcker Gewimmel von Tieren und Menschen: +weg. Es gab Städte, in denen Attentate auf die Boten gemacht wurden, in +hilfloser giftiger sich selbst zerreißender Wut, weil sie ihnen dies +angetan hatten. So tief waren manche Boten, frieden- und spielgewöhnt, +weich wie die Massen, von Grauen und Angst ausgehöhlt, daß sie durch die +Straßen nur liefen weinten. Als hätte man sie bestraft und sie klagten +deshalb, forderten Sühne, erzählten ihr Unglück, so liefen sie auf die +Bühnen, in die Säle Ratshäuser und riefen. So hat der Held in dem alten +Gedicht geschrien, als ihm sein lieber Freund erschlagen war, die Leiche +geschändet und entblößt. Es war ein Rest des Schreies der fliehenden +Tier- und Menschenscharen vor der Feuerwoge vom Ural, der Tausende vom +Asowschen und Toten Meer, die zusammengedrängt, Kosaken Kirgisen Slawen, +Bauern Weiber, die blauschwarze Meeresfläche anstarrten, während unter +ihnen der Boden von dem wandernden Getier fortgenommen wurde, klatschend +lohend in ihrem Rücken die Brandlinien anrollten. Überall schüttelten +sich die trüben gemästeten Massen in der Qual des Verlorenseins. So tost +der Vulkan und rast glücklich, voll Hohn und Wonne, daß schmerzliche +Kräfte in ihm aufsteigen, die glühende Lava, von der er sich befreit, +die er breit deckend über die Erde gießt. Die Landschaften hätten die +Herren verbrennen können; sie wollten sich über die Herren gießen, Rache +nehmen. Wo Stadtlandschaften nicht durch starke Senate gesichert waren, +erfolgten lauffeuerartig Revolten Zertrümmungen von Straßenzügen Werken. + +Nach diesen Vorgängen wurde kein Friede zwischen dem westlichen +Völkerkreis und den Asiaten geschlossen. Es geschah nichts. Der Krieg +war zu Ende, wie ein Tier, das einen Beilhieb in die Halswirbelsäule +empfängt. + +Die Staaten schnurrten zusammen. Jede Stadtlandschaft kämpfte um ihr +Dasein. + + + + + Drittes Buch. + + Marduk + + +Zuerst kam in Berlin der Konsul Marke auf. Er war Erkunder bei den +technischen Truppen des Uralischen Krieges gewesen. Anfliegend aus der +schwarzen Krim, die beladen war mit Sterbenden, verendenden Pferden +Hunden Füchsen Katzen, über das verödete Bessarabien, die stillen +Beskiden fuhr er. Als er sich Berlin näherte, sich über dem alten Bernau +senkte, hatten sich da Massen angesammelt, ihn erwartend in den +herbstlichen Alleen, zwischen den Plantagen und Baumschulen. Megaphone +waren aufgestellt. Er vor dem Haus sich niederlassend, ging unter dem +Gebrüll der Menschen wortlos zur Tür, schloß sie hinter sich. Rief, +dessen braune Kleider den scharfen Geruch der Gase und des Brandes von +sich gaben, seine beiden Töchter, forderte von ihnen, nachdem er sie +unbewegt lange beschaut hatte, – sie weinten strichen Hände Gesicht des +starren Mannes, – daß sie sich entleiben sollten. Gelegentlich wurde +seine Starre durch Schluchzen Aufstöhnen durchbrochen. + +„Ihr wollt euch nicht töten? Wollt ihr euch nicht töten?“ Eintönig und +immer wiederholt seine Frage. Er sprach das hier übliche +Englisch-Deutsch; bisweilen murmelte er in einem unverständlichen +Jargon: russisch, der Leute zwischen den Feuerlinien. Die Töchter warfen +sich vor ihn auf den Boden, weinten ratlos. Zwei alte Hausgehilfinnen +holten sie; er sah sie nicht an. Der starkrückige Mann, die Fliegerkappe +über die Stirn hochgeschoben, drängte weiter: „Ihr müßt euch töten.“ +„Warum? Warum nur? Was haben wir getan?“ Er murmelte russisch. Dann +stand er zitternd, zog die Kappe ganz über das Gesicht: „Ihr – habt +nichts getan. Was soll einer getan haben. Oder zwei. Ich auch nicht. Wir +haben nichts getan. Alle müssen hin.“ Er fuchtelte mit dem Stahlgürtel, +den er sich abgeschnallt hatte, schlug auf den Boden, als ob er etwas +niederpeitschte. Jourdane, die jüngere, bot ihm zu trinken. Er kippte +das Weinglas, das er in seiner linken Hand hielt und anschaute, dem +blonden schmächtigen Mädchen über die Brust. Sie wollte in einer +Mischung von Zorn und Angst seinen Arm packen. Die Ältere hielt sie +zurück. „Ich will dein Gift nicht nehmen, Weib.“ Marke stellte das Glas +vor sich auf den Tisch, fuhr mit dem Gürtel wagerecht hin und her, +schlug es vom Tisch herunter. „Ich will keine Luft mit euch. Es war +nicht nötig, daß ihr in mein Haus kamt, wenn ihr nicht auf mich hört. +Hier ist meine Luft. Ihr müßt weg. Alle. Tötet euch.“ + +Die Megaphone dröhnten über die Straßen. Marke schrie, an sein Fenster +tretend: „Worauf wartet ihr. Ihr müßt weg. Weg müßt ihr, sag ich euch.“ +Er gehörte nicht zu den Herrschenden, Leuchtmar, der in Hamburg +getötete, hatte ihn nie gesehen. Die Menschen unten liefen ängstlich +voneinander, verstanden nicht, was er wollte. + +Jourdane blieb in der Nacht am Bett Markes, der wenig schlief. Sie +glaubte, er sei von einem Gift des Krieges getroffen. Während sie sich +über die Stuhllehne zu ihm bückte, schwoll ein Grauen von ihm auf sie +über. Eine Weile saß sie noch, dann konnte sie nicht widerstehen. Mußte +den Kopf heben, die Arme auf die Stuhllehne stützen, die Füße +aufdrücken, aufstehen, gehen. Den Mann im Bett sah sie nicht mehr. Sie +ging zur Tür. Nahm Markes dünnen Stahlgürtel ab, band ihn um einen +Riegel, steckte, einen Stuhl besteigend, den Stuhl mit Freude unter sich +wegstoßend, den Kopf in die Schlinge. Der Kopf mußte in die Schlinge +gesteckt werden. Sie empfand, wie sie die Füße gegen den wankenden Stuhl +stieß, eine tiefrieselnde Lust über den Leib die Knie und die Arme. Zum +dargebotenen Hals, der sich an die kühle anschnellende Schlinge legte, +rann die schreckliche Lust herauf. + +Der Mann, im Fall des Stuhls zuckend, sah sie hängen. Er wollte vom Bett +hin um sie zu retten, aber seine Beine kamen nicht auf. Seine Arme, die +nach der Bettkante griffen, knickten krampften zusammen. Er hielt den +Kopf in der Richtung auf die Hängende. Lauschte nach ihr. Langsam +vermochte er zu schlucken, tönend die Luft durch Mund Nase einzuziehen, +zu schnarchen, zu stöhnen. + +Sein lautes wildes immer wilderes Stöhnen, – er saß gebunden auf der +Bettkante, den Kopf starr nach der Hängenden, – rief die Tochter, die im +Nebenraum schlief, herbei. Sie sah nicht, warum er keuchte lallte. +Verfolgte seinen Blick. Schwankend, hoch die Luft aufziehend, +hinsinkend, sich hinschleifend war sie an der Tür. Stürzte mit der +abgehobenen Schwester vom Stuhl, über sie her. Marke im Hemd auf der +Bettkante. Seine nackten Füße vibrierten auf dem Teppich. Weinend warf +sich die Tochter, als Jourdane leblos dalag, an ihn, umschlang seinen +Rumpf. Und während ihr verzerrtes Gesicht von Tränen überflossen wurde, +blickte sie nach oben, zu dem Gesicht des Vaters. Der war stürmisch +durchzuckt. In seinen Beinen Armen, dem Rücken krampften die Zuckungen +Jourdanes nach, während sie hing. Immer schnellten seine Beine an, +wollten sich seine Knie krümmen, die Füße stoßen. Er drückte sich fest, +fester. + +Das Aufwühlen seiner Muskeln bezwang er. Sein wieder erstarrender +drohender verlangender Ausdruck gegen Janina. Die ließ ihn los. Ihr +Entsetzen Abscheu vor diesem Wesen. Auf die Schwester lief sie, löste +ihr den Gürtel vom Hals, hielt ihn, kniend, über die Schwester +wegblickend, in der geballten Faust gedrückt, wie eine Peitsche, mit der +sie auf den Mann losgehen wollte. Und stand, den Gürtel pressend in der +Rechten, um den stummen Mann, den lippenbeißenden, der hörbar durch das +Zimmer atmete, auf das Bett zurückzuwerfen, ihm anzutun, was sie konnte. +Das Scheusal, das die junge süße Erhängte getrieben hatte. Da fühlte sie +seine Augen. Er saß noch immer auf dem Bett. Sein Ausdruck so wechselnd: +bald zitternd zerfließend, bald starr und unerbittlich befehlend, bald +schmerzgespannt. Die Fäuste hatte er sich zum bloßen Hals erhoben, sie +krallten in die Haut. Er war von der Verzweiflung verschluckt, +verstrudelt, geschlagen an jedem Glied. Vor ihm kniete sie einen Moment. +Horchte, sah zu ihm auf. Berührte seine Hände. Sein Ausdruck wurde +drängender. Sie stand, getrieben, Muskel und Spannung, vor der +Schwester, die auf dem Teppich lag, das Gesicht mit dem offenen Mund +nach oben, die Knie an den Leib gezogen. Der Gürtel fiel Janina aus der +weißen Hand; sie hatte die Hände wie die Tote geöffnet. Was saß hinter +ihrem Rücken auf dem Bett. Der Stuhl. Sie zog ihn her. Der dünne Gürtel. +Der Riegel. Verschließen des Gesichts. Der Stuhl polterte. Sie sollte +erst, Janina, nach langen Stunden in der Helle des Vormittags neben +Jourdane liegen, das Kinn nahe der zarten Brust, die Beine angezogen. +Umschrien von den beiden alten Frauen. Marke saß noch immer auf der +Bettkante. Stöhnte leise, antwortete nicht, als Männer ihn befragten. +Zog sich gegen Mittag an. Mit dem Stahlgürtel rieb er sich die behaarte +Brust aufs Fleisch blutig. Unter dem Hemd auf dem blutigen Fleisch +schnürte er sich den Gürtel. Unheimlich stand er stundenlang wortlos im +Zimmer, die Faust an der Brust. + +Man hatte damals ein Verfahren, auf großen Plätzen, offenen Straßen im +aufwirbelnden farbigen Rauch Gestalten und Landschaften sichtbar werden +zu lassen. Die spiegelnde Fata Morgana der Wüsten war das Vorbild +gewesen. Die Wissenschaft hatte ihr Geheimnis entdeckt; künstliche +Wolken waren die Träger der Erscheinungen, Empfänger der über Prismen +und Spiegel hingeworfenen lebenden Abbilder. Die Fernseher übertrugen +augenblicklich auf jede Entfernung Vorgänge, die im beleuchteten Rauch +der Fata Morgana leibhaftig erschienen. Die Megaphone dröhnten an diesem +Abend. Der Bildrauch wirbelte auf den Plätzen, in den Anlagen, im +Zirkus. Marke erschien. Sein vielen bekanntes Gesicht, aber die Haare +grau, Strähnen wirr über Ohren Stirn; gramumwuchert sein Gesicht. +Vernichtetes Gesicht, bald starr, bald zuckend, bald in Zittern +aufgelöst. Er stand auf dem Balkon seines Hauses. Die Faust hielt er +lange wortlos gegen die Brust. Unter seinen schlagenden verwünschenden +Handbewegungen, seinen heißen Haßblicken stoben viele Menschen davon. +Sein Mund öffnete sich. Ein Rollen Poltern Tosen aus dem Megaphon: „Ich +lebe. Meine Töchter sind tot. Sie haben wohl getan. Weg auch ihr.“ Er +schrie: „Das bin ich“, schlug sich die Brust, riß die Jacke auf, das +Hemd weg. Den stählernen Gürtel packte er mit beiden Fäusten, +schmetterte ihn gegen die aufgerissene zottige Brust, ohne daß sich sein +Gesicht veränderte und ließ von diesem flutenden Hin und Her der Starre, +des aufgelösten flimmernden Vibrierens. „Das bin ich.“ Die Menschen, die +am Boden die Rauchapparate bedienten, lagen in halber Betäubung. Oft +verschwand Markes Balkon, die Front seines Hauses, seine Figur im dicken +unaufgelösten Qualm. Angstvoll schrie die Menge; immer trat die Figur +wieder hervor. Man sah das Eisenstück, das er vom Gitter seines Balkons +brach, das er gegen seinen eigenen Hals richtete, in diesem Augenblick, +das er gegen seine eigenen Augen richtete. Jetzt Schläge über die Stirn +rechts links. Tausend aufgreifende Hände aus den Mengen. Gurgeln Gröhlen +Röcheln aus dem Megaphon. + +Der blinde Marke lebte. Neue Boten kamen. Brachten Bilder vom Uralischen +Krieg. + + * * * * * + +Im Kreis dieser Stadtlandschaft breitete sich eine Finsternis +Lebenssattheit Todesverlangen aus. Die meisten Werke standen. Nur die +notdürftigste Verbindung mit den Nachbarstädten wurde gepflegt. Wie +abgehetzte Hunde mit lechzenden Zungen und grade von sich gestreckten +Gliedern lagen die Herren der großen Werke, rührten sich nicht. Es +konnte keiner verhindern, daß von den Massen nur dieser Anblick begehrt +wurde: Marke, sein drohendes Stehen, seine Blendung. Er sprach nicht. +Fuhr mit der Hand und seinem Gürtel durch die Luft, verlangte eintönig +und stumpf: „Tötet Euch.“ Gleichmütig erhängten sich in diesen Wochen, +hier wie in anderen westlichen Städten, kräftige Männer und Frauen. + +Wie noch die Todessehnsucht durch die Menschen brauste, saß Marke in +seinem Zimmer. Er richtete in der schweren Schwärze, die ihn umgab, +seinen Kopf wie immer nach der Tür, neben der der Riegel war. + +Da fühlte er sich an Knien und Hüften berührt. Er tastete hin, griff +nichts. Ließ die Hände fort. Wieder berührte es ihn an Knien und Hüften. +Tastete sich langsam langsam an seiner Brust hoch mit so großer Weiche. +Wonnig ließ er es geschehen. Er hatte gar keine Furcht. + +Es war die tote Jourdane, die schmächtige junge Tochter. Die streichelte +über seine Augenhöhlen. Ein Fliedergeruch kam mit ihr. Sie hatte mit +beiden Armen seinen Hals umschlungen, saß auf der Bettkante neben ihm. +Er fühlte ihre kühle Wange. „Vater“ hauchte es. Er saß im Glück, rührte +sich nicht. „Vater. Du bist blind. Ich bin nicht mehr bei dir.“ Er hielt +immer still. Sein Oberkörper schwankte von rechts nach links. Sie ließ +nicht von ihm. „Vater, wie viele Blumen Käfer Menschen und Kinder sind +durch uns gestorben. Ich lebe nicht mehr. Du bist blind, Vater. Ihr +guten Augen seht nicht mehr. Wieviel sollen noch sterben, Vater.“ + +Er fragte: „Wo ist Janina? Ist Janina bei dir?“ „Ich will sie rufen, +Vater.“ + +Und da fühlte er sich losgelassen. Eine lange Minute saß er allein. +Wehen Hauchen. Sehnsüchtig empfing er die Berührung an seinen Schultern, +seiner Stirn, ein langes zitterndes Anpressen an sein Gesicht. „Janina, +bist du Janina?“ Das antwortete lange nicht, ließ nicht von seinem Kopf, +schluchzte: „Ja, ich bin Janina.“ „Liebe Janina. Liebe Janina.“ „Vater.“ +„Bist du da, Janina. Bist du wirklich da. Mein süßes Kind.“ An seinem +Körper neben ihm schwang es, hielt sich fest. „Wo hast du Jourdane +gelassen?“ „Wir können nur einzeln kommen.“ „Komm öfter, Janina.“ „Wir +sind so oft da, Vater. Du siehst uns nicht, du hörst uns nicht, du +fühlst uns nicht.“ „Ich fühl’ dich ja.“ Da schwankte sein Oberkörper wie +ein Mast im Sturm. Sein Rückgrat hielt nicht mehr. Er fiel zurück. + +Am andern Morgen ließ er die beiden Frauen, die mit den Töchtern +zusammen waren, zu sich kommen. Er war verwandelt, sprach sanft zu +ihnen. Sie möchten öfter im Haus bei ihm sein. Aber leise gehen, damit +er Jourdane und Janina höre, wenn sie kämen. + +Sie kamen öfter. Die zarten abgeschiedenen Seelchen. Lächelnd saß er im +Stuhl, bewegte sich nicht. Er streichelte den alten weinenden Frauen die +Hände. + +Den Werktätigen und Ruhenden, Fabrikherren, Weißen und Farbigen ließ er +sagen, daß er zu ihnen sprechen wolle. Marke gab nach kurzem Zögern dem +Drängen des Senats nach. + + * * * * * + +Mit ihm begann die Reihe der Konsuln in Berlin. + +Er wirkte klar, allen sichtbar und verständlich. Gelöst wurden die +Verbindungen mit anderen Stadtlandschaften und fremden Staaten. Nur die +wurden aufrecht erhalten, die der unmittelbaren Erhaltung der +Volksmassen dienten. So die für die dynamische Kraft, die, in +Skandinavien und den Alpen aus Wasserstürzen für den ganzen Kontinent +gewonnen, herströmte. Die Lebensmittelsynthese, – Marke wollte zuerst +die chemischen Laboratorien, die großen Pilz- und Organanstalten +niederlegen, – vermochte er nicht zu beseitigen, da die Äcker nicht +genügten. Aber er trieb massenhaft Menschen aus der Stadt heraus auf die +Felder zur Bebauung, drängte auf Entfernung aller Überflüssigen. Sein +Konsulat begann mit der Wehrlosmachung der Stadt. Den Mastenwald an der +Peripherie zum Fernschutz brach er ab. Alle Apparate, die der Bewaffnung +und Verteidigung dienten, zerstörte er. Darauf erfolgte die +staunenswerte, das Herz der Stadt zerreißende, Millionen Menschen, Senat +und Volk aufs tiefste erschütternde Sprengung der zentralen +Schaltanlagen und Kraftsammelstellen, der unnahbar geschützten, für +heilig gehaltenen Energiespeicher. Erst als dies geschah, wußte Senat +und Volk, daß sie eine Gewalt über sich gesetzt hatten. Die von fernher +laufende Kraft wurde schon außerhalb des Weichbildes der Stadt +zersplittert; sie lief von mehreren Seiten an; keine Anlage hatte mehr +zur Verfügung als ihre Arbeit erforderte. Der Tod stand auf jeden +Versuch eigenmächtiger Kraftspeicherung. Als dies geschah, gaben mehrere +der stärksten Herrenfamilien ihre Werke selbst aus der Hand, verloren +sich unter die Mengen der Ernährten und Arbeitenden. Aus diesen Kreisen +Verstörter wuchsen die späteren Feinde des neuen Stadtwesens. + +Berlin erstreckte sich über die meilenweite wellige Ebene zwischen dem +unteren Elbetal und der Oder. Es überlagerte die lehmige tonige sandige +Fläche, die die letzte Eiszeit bereitet hatte, vom roggentreibenden +Fläming, dem Lausitzer Wall im Süden bis zu den wiesenreichen +seenbestandenen baltischen Landrücken an der Ostsee. Es schloß Sümpfe +Wälder Flußläufe in sich ein, Forsten Talzüge, die Baruth-Brücker +Niederung, die Duberower Berge, die Kiefern Eichen Birken hochtrieben, +das Höhenland der Havel, die dürre Zauche mit dem Schwielow- und Rietzer +See. Den Oderbruch und Küstrin erreichte es im Osten. Das flache +Rhinluch, das Havelländische Luch umzogen seine Anlagen, Schwedt und +Prenzlau im Nordosten, die das sumpfige Höhenland der Uckermark im +Nordosten trug, überlief es mit seinen Außenmarken. + +Die Stadtschaft hatte zahllose weite Plätze und riesige +Straßenkreuzungen. Mächtig wirkte an den großen öffentlichen Stellen das +feierliche Bild eines Stiers, der in die Knie gebrochen war. Ein +armlanges Messer stak in seiner linken Flanke. Einmal am Vor- und +Nachmittag brüllte die Säule, stark wie eine Schiffsirene, täuschend +ähnlich in Schrei und gliederlähmender Angst dem Ton eines sterbenden +großen Tiers. Sie brüllte unregelmäßig unvermittelt in dieser und jener +Stadtgegend. Dann mußte jeder auf Minuten die Arbeit verlassen, die +nicht dringend war. + +Unüberwindlich lang waren die Jahre der Lethargie, die heraufzogen. Nach +Vernichtung der Bewaffnung der Stadt, Sprengung der Zentralen, Eröffnung +der Äcker überließ Marke, mit dem Senat nur der Kontrolle dienend, die +Stadt sich. Jeder lebte für sich. Mystische Bünde machten sich breit. +Ihnen boten sich viele Menschen an; die Zahl der Untätigen +Herumlungernden war nach der Sprengung der Zentralen, der Ablösung von +der Umwelt gestiegen. In den Sekten wurde gegen die höllische Ernährung, +das teuflische Menschenwerk gepredigt; die Wut finsterer Lehrer richtete +sich gegen die geschonten Laboratorien, in die Tonnen mit Salzen Säuren +Metallen einfuhren, aus denen Zucker und Fette geworfen wurden, Tiere +und Pflanzenleiber, in denen Organteile Organsäfte als Arbeitskräfte +dienten. + +Am Müritzsee hatten sich Siedlungen aufgetan. Täglich wallten Menschen +dahin, wo der hagere skeptische weiße James Maikotten mit ihnen sein +Frage- und Antwortspiel anfing: Was sie vorhätten. Was sie von diesem +blinden Konsul Marke erwarteten. Ob sie glaubten, daß die Welt besser +würde, wenn ein paar Werke in die Luft flögen. Ein paar Werke. Er +empfehle Kastration. Sie müßten den neugeborenen Knaben die Hoden +abschneiden, dann könne man hoffen, daß in fünfzig Jahren die Erde +besser aussehe: Unkraut auf den Wiesen, ein paar Häuser noch von alten +Leuten bewohnt, aber wilde Tiere kommen schon wieder; die Erde beruhigt +sich, die verkehrte Art Mensch ist erledigt. Die ganze Erde braucht +Erholung von den Menschen. Nicht bloß Rußland. Eine Fehlart ist der +Mensch. Surrur hat recht; aber seine Wind- und Wasserlehre war zu +hoffnungsvoll. Es sei kein Zweifel, die Art Mensch hat keinen Bestand. +Sie vernichtet sich, frißt sich selbst auf; ihre Gaben drängen sie dazu. +Was tut der Konsul Marke? Eine Krankenheilung mittels Halsumschlags; der +Kranke hat Gift in sich; ein Halsumschlag! Warum nicht gar gute Worte? +Das Gift wird doch deutsch und englisch verstehen und sich zureden +lassen und seiner Wege gehen. Sie hätten sich den neuen Putz eines +blinden Konsuls sparen können. Aber schließlich, es schade nichts; er +kleide sie gut. Es sei ein netter würdiger Konsul vor dem Schlafengehen. + +Sie hatten sich längst an die künstlichen, sehr raffiniert aufgemachten +Stoffe gewöhnt, die in jedem Überfluß zu jeder Zeit vorhanden waren. Der +Geschmack reiner tierischer und pflanzlicher Nahrung stieß sie ab. Sie +lachten in allen westlichen Stadtlandschaften, schüttelten die Köpfe, +wenn sie den zarten und nach Belieben abwechselnden Geschmack ihrer +Mekispeisen verglichen mit dem penetranten Geruch eines gebratenen +Tiermuskels, eines Fischstückes. Zauberhaft konnten die Herrichter der +Mekispeisen, die den Nährstoffabriken angegliedert waren, Geschmack +Derbheit Zerreißbarkeit Geruch Farbe der Gerichte ändern. Es wäre den +Menschen, die schon in dritter und vierter Generation künstliche Nahrung +zu sich nahmen, schwer geworden, zur natürlichen Kost zurückzukehren. +Ihre Mägen sonderten schon nicht mehr genug Säure ab für die Aufspaltung +tierischer Muskeln, die Därme waren träge und schlaff geworden, die +großen unbeschäftigten Bauchdrüsen eingeschrumpft. Leicht hätte die +Menschheit dieser Epoche ihre Arme und Beine kraftvoll, ja eisern machen +können. Aber ohne zu wissen, was sie taten, wählten sie, wie sie +herumlagen spielten sich wenig bewegten, die mästende lähmende fette +süße Nahrung. Ihre Glieder wurden plump schwach. Fremde Massen, die neu +in den westlichen Kreis einstießen, staunten und lachten: so sehen die +Meister aus, diese Herren der Erde. In einer instinktiven Furcht flohen +immer wieder Negerstämme, hamitische und indianische Gruppen, und +verbarrikadierten sich gegen die Europäer: sie mochten nicht so werden. + +Auf den Tod des Konsul Marke warteten viele. Der Blinde umgab sich mit +wenigen Männern, die er oft in steigendem Mißtrauen wechselte. Frauen +wies er von sich, aber gerade Frauen hingen ihm viel an. Er entwickelte +sich in eine apostolische Starre hinein. Seine Zustände mystischer +Verworrenheit wurden viel besprochen. Die Nachwirkungen des Krieges +waren bei ihm nicht auszulöschen. Er ging spiritistischen Neigungen +nach. Zog durch das Gebiet der Stadtlandschaft mit einigen Vertrauten +und Frauen, kümmerte sich um die Bekenntnisse Kirchen Tempel der Sekten. +Er hielt diese Dinge für so wichtig, daß er zuletzt fast wöchentlich die +Prediger und Lehrer um sich versammelte, sie anhörte, sie darauf +hinwies, das Volk mit den frommen überirdischen Gedanken zu +durchdringen. Er, dem die weißen Haare lang in den Nacken und seitlich +über die Ohren fielen, war ängstlich, daß hierin etwas versäumt würde. +Nichts hielt er für so wichtig wie dies. + +Er wußte nicht, daß seine Haltung die Zahl der Opponierenden vermehrte. +Die Männer und Frauen, die in den Laboratorien prüften und studierten, +hielten ihre alten Vorstellungen verschwiegen fest. Eine Fronde bildete +sich aus ihnen, Angehörigen der Herrengeschlechter. Diese Geduldeten, +besonders in den Mekifabriken, von deren Gutwilligkeit man eigentlich +lebte, führten zuletzt eine Art Nebenregierung. Sie hielten die Dekrete +zur Überwachung der sich wieder regenden Technik, zur Ausbreitung der +Frömmigkeit, zur fortschreitenden Zerstörung der Fabriken und Rückkehr +zum Ackerbau, zur Viehzucht an der Quelle fest. Markes rechte Hand, den +Chef seiner Spitzelpolizei, einen eisernen umsichtigen Mann, gewannen +sie zu ihrem eigenen Erstaunen. Sie hatten bald leichtes Spiel. Die +Kerker, in denen Saboteure der Verordnungen Markes saßen, Besitzer und +Hersteller von Waffen, aufsässige Konstrukteure, die sich heimlich +Kraftleitungen verschafften, wurden unauffällig nach und nach geöffnet. +Man ließ aus fremden Stadtgebieten Verbannte hinein. + +In dieser Zeit starb Marke, verwahrlost. Man hatte ihn wochenlang unter +dem Vorwand ärztlichen Befehls nicht herausgelassen. Er war eigentlich +Gefangener des Chefs seiner Spitzelpolizei. Tagelang lag er, dem ein +weißer Bart wild das pergamentene Gesicht umwucherte, quer über dem +Bett, diktierte, gab Anweisungen. Nur Frauen waren zuletzt bei ihm. Er +träumte von den Ergebnissen seiner Regierung. Glaubte die Stadt in +sichere feste Bahnen gelenkt. Tyrannisierte die Frauen mit Forderungen +nach Speisen Milch Kräutern Packungen Umlagerung. Ließ keinen Arzt zu +sich. Ein endloser Todeskampf. + + * * * * * + +Die Megaphone Glocken Flammenzeichen riefen zu Versammlungen. Die Fronde +trat überall hervor. Sie erlebte eine ungeheure Enttäuschung. + +Ligbau, ein uralter Mann, ließ sich an ein Megaphon vor dem Ratsgebäude +führen, gestikulierte mit dem Ausdruck des Abscheus: „Ihr seid entlarvt. +Wir haben euch schon gesehen und erwartet. Es soll alles noch einmal +anfangen. Ihr glaubt, ihr seid dicht daran es durchzusetzen. Und ihr +werdet es durchsetzen. Murrt nicht; sie werden es durchsetzen. Es ist +unser Geschick. Ich rate euch, die ihr hier steht, nehmt es hin. Es hat +keinen Zweck. Haltet es nicht auf. Es ist uns beschieden, so sind wir, +so tragen wir uns. Setzt alle Verbannten und Gefangenen wieder ein. +Macht keine halbe Arbeit. Die Zeit ist geschwind, haltet euch nicht mit +Versuchen und Prüfungen auf. Wir wissen ja doch, wohin der Weg geht. Und +es ist gut vorgesorgt, daß es diesmal rascher geht als zur Zeit des +Krieges, des letzten Krieges, des vorletzten Krieges. Ich bin achtzig +Jahr. Ich freue mich, ich bin glücklich, daß ich nicht im Bett zu +sterben brauche. Ich brauch mich nicht anzustrengen um zu sterben; es +wird mir abgenommen werden. Eine schöne Zeit; was wird es für +Überraschungen geben! Juchhei! Freut euch! Sie haben schon alles +durchdacht. Fragt sie nur; sie haben es schon in ihren Büchern, auf +ihren Zeichenbrettern und Tafeln. Seht euch ihre Köpfe an. Da steckt es +drin, was es bald regnen wird.“ Er raste und zischte. „Kennt ihr die +Spree und die Havel die Oder die Elbe? Ich denke, das ist es, was sie +anbeten. Das sind die Götter dieser neuen Regenten. So sollen wir +werden. Matsch und Lehm, dickes und dünnes Wasser. Recht +auseinandergerissen zerpreßt. Bin ich kein Hellseher, habe ich es euch +nicht aus dem Kopf genommen? Ich kann es euch sagen, weil ich ein alter +Mann bin. So, wie ihr, so haben vor dreißig Jahren andere ausgesehen, so +haben sie gelacht. Leuchtmar und Rallignon. Ihr seid keine Neuigkeit. +Eure Erfindungen sind neu; was ihr vorhabt, wird ganz neu sein, aber ihr +seid sehr alt. Da seid ihr wieder, du da, du bist doch schon tot, am +Asowschen Meer bist du gestorben mit der B-Armee, es war eine schöne +Armee, sie war deiner würdig. Da bist du schon wieder lebendig. Deine +eigenen Entdeckungen, dachte ich, hätten dich totgeschlagen. Aber es +gefällt dir so gut, du kannst dir keine fünfzig Jahre Schlaf gönnen. Ist +nicht die Frau da, die im Süddeutschen sich in die Maschine stürzte? +Elise Frangani, die halbe Italienerin, die ja, ist sie nicht hier, ha, +wer bist du sonst? Versteckst dich hinter seinem Rücken. Es ist nicht +nötig. Du sitzt in seinem Kopf und seinem Leib, in vielen Köpfen hier; +du bist drauf und dran zu zeigen, daß du wieder da bist. Welche +Neuigkeiten für einen alten Mann. Ha, welche Überraschungen. Wie komm +ich nur zu solchem Glück! Mit meinen weißen Haaren noch solches Glück!“ +Er gestikulierte neben dem Megaphon; man verstand ihn nicht. Man +begütigte ihn; unten standen manche, die nicht die Augen heben konnten. +Er schrie: „Ich soll weiter reden. Sagt mir doch erst: ist Marke tot? +Ist er in der Krim gestorben, konnte er nicht nach Hause kommen, oder +ist er hergekommen. Seine Töchter haben sich erhängt. Er hat sich die +Augen ausgeschlagen.“ Er tastete um sich, während sein lappiges Gesicht +glührot überflammt war, die Augen ihm hervorquollen, fuchtelte krächzte: +„Zur Wahl! Der neue Konsul! Wir haben einen Krieg geführt. Der Krieg ist +eben zu Ende. Wir sind von der Grenze gekommen. Da war – Wüste! Wüste! +Die Ruinen von Ninive sind Paläste gegen das, was wir gesehen haben. Der +Euphrat fließt noch, die Grundmauern stehen da, man findet noch Ziegel, +es gibt alles. Das Land aber in Rußland ist verwüstet, das Land ist +nicht mehr da. Die Erde ist weggerissen. Die Krater gehen bis an die +heiße Flüssigkeit in der Erde. Ich wähle – Marke! Wählt mit! Marke! +Bürger, niemand als Marke soll Konsul sein.“ + +Dieser wurde beiseite geführt. Ein kühler sachlicher Mann sprach nach +ihm. Ligbau im Krankenstuhl in seiner Nähe. Vornübergebeugt beobachtete +der alte Mann mit weißen Augen den Redner; rief zu ihm herauf: „Was hast +du im Kopf? Woran werden wir sterben, Giftströme, Gasströme! Sprich +doch!“ Wie er fertig war, schrie er: „Wählt ihn! Er führt den nächsten +Weg. Noch einmal werden wir uns nicht auf diesem Platz wiedersehen.“ Das +Weib, das mit dem Mann gestanden hatte, sprang hinauf, schmähte den +Alten, zeigte die Fäuste. Der Alte erhob sich vom Stuhl, stieg auf das +Podium, schlug ihr mit den Fäusten gegen den Hals: „Das hast du damals +nicht gewagt.“ Sie warf sich weinend auf das Podium; der Mann führte sie +finster herunter. + + * * * * * + +Darauf wurde Marduk Konsul des Stadtwesens. Er war ein hochstirniger +blasser Mann in den dreißig, mit großen ernsten Augen. Ein langes +knochiges Gesicht, ruhiger gleichmäßiger Gang auf unsicheren +muskelschwachen Beinen. Er hatte sich bis da nicht hervorgetan, aber in +den Tagen der sich hinzögernden Wahl, während schon Zeichen der Anarchie +hervortraten, – in Mecklenburg standen die Sprosse der alten +Herrschaftsgeschlechter auf, im Magdeburgischen sammelten sich um den +greisen fanatischen Ligbau Maschinenstürmer, – damals besaß er den Mut, +aus Bernau, wo er saß, mit einer Freischar von zweihundert Menschen in +eine Beratung der Eisenfreunde einzutreten bei Löwenberg, die gesamte +anwesende Führerschaft dieser Bewegung aufzuheben und an einem einzigen +Tage samt und sonders verschwinden zu lassen. Es ist bis zum Schluß +seines langen Konsulats – er herrschte bis über die Mitte des +siebenundzwanzigsten Jahrhunderts – wenigen bekannt geworden, wohin +diese zweiundvierzig Männer und Frauen gelangt sind. + +Marduk, selbst ein Mann vom Schlage derer, die er festgenommen hatte, +hauste in den Waldungen um Löwenberg, an der mecklenburgischen Grenze, +nahe dem Haupteiweißwerk. Ein kleiner Wald von Buchen stand neben seiner +Arbeitsstätte hinter Mauern. Zwischen diese grünen Buchen ließ er die +zweiundvierzig Gefangenen treiben. Ihnen fielen schon, wie sie durch die +kleine Tür hereinwanderten, die geborstenen Stämme auf. Vor den Rissen +der Stämme, auf den breiten Wunden stand dicker blasig erstarrter +gelblicher Schlamm. Wo er am Baum zur Wurzel herunterrann, war er +vertrocknet wie zu einem pulvrigen Rostbelag. Dunkel erinnerten sich die +Männer an die Pflanzenversuche dieses Marduk, der sich stets abseits +hielt. Er sollte in den Mekilaboratorien an tierischen Organteilen, +besonders an Pflanzenstücken eigentümliche Wachstumsveränderungen +erzeugt haben. + +Finster gingen die Gefangenen in Marduks Park umher, begriffen nicht, +was Gefangennahme Hertransport diese Internierung bedeutete. Marduk war +einer der ihren. Es konnte möglich sein, daß er bestimmte Informationen +hatte über Angriffe auf sie, sich seiner Bundesgenossen versicherte und +sie vorläufig festnahm. Sie erwarteten stündlich, daß er unter ihnen +erschiene und sie aufkläre. Sie hatten, von dem rauhen Frühlingswind +umweht, das Gefühl, als ob sich von Zeit zu Zeit neben ihnen, an ihrer +Schulter, hinter ihrem Rücken etwas bewegte. Suchten, fanden nichts. Sie +setzten sich bald zusammen, bald auseinander. In der Luft war etwas +Eigentümliches von der Schärfe eines dünnen Rauches. Aus den Bäumen +schien Hitze zu steigen; die Bäume fühlten sich an einigen Stellen warm +an. Beunruhigt wandten sie ihre Aufmerksamkeit auf die Bäume. Wie sie +die Köpfe an die Rinden legten, schnurrte surrte summte es drin. Das +waren die Säfte; es war Frühling. Nur war es merkwürdig, wie scharf es +sich im Mark und im Holz bewegte. Verwundert ließen sie das Ohr nicht +von den Bäumen, horchten da und da. Es zischte in manchen Bäumen, als ob +sie kochten. Ohne daß einer den Baum berührt hätte, fiel ein begrünter +Ast herunter. Ein kleines Fauchen gab es oben, als ob Säfte sich +entleerten. Der scharfe Geruch, der feine dünne, wurde stärker an diesem +Stamm; sie konnten sich in seiner Nähe nicht aufhalten. Der Geruch war +stechend wie Ammoniak. + +In ihrer Unruhe kamen einige auf den Einfall, sich gegen die Bäume zu +wehren und sie umzubrechen; es war eine junge Pflanzung. Sie gingen ein +zwei Bäume an, zerrten stießen an den Stämmen; einer kletterte hoch, riß +brach große Äste ab, entlaubte den Baum, fiel plötzlich betäubt +rücklings auf den Boden über das Laub. Der Baum atmete in Stößen einen +heißen Dampf aus. Man schleppte den Bewußtlosen davon, zog sich zurück. +Marduk erschien nicht. Man schob ihnen gegen Abend in Körben Nahrung und +Getränke herüber über die Drahtspitzen der Mauer. Sie schliefen ein. + +Gegen vier Uhr früh, als es hell wurde, suchten sie einander, wunderten +sich. Der Wald war so dicht geworden, der Weg zwischen den Stämmen so +eng. Die Bäume hatten ihre Massen unförmig verbreitert. Sie konnten kaum +zu zweien zwischen den Bäumen gehen. Ein surrendes Geräusch, ähnlich dem +von gestern, hatten sie in den Ohren. Sie zweifelten, woher es kam; die +Bäume wagten sie nicht zu berühren. Man konnte, obwohl von oben deutlich +Morgenlicht hereinfiel, in der Nachbarschaft Hähne krähten, die +unterirdisch laufenden Wagen polterten, wenig rechts und links sehen. +Ängstliches Stöhnen hier, Stöhnen da. Mancher entledigte sich seiner +Jacke, seiner Bluse, um besser zu atmen. Es war sicher, der Wald wuchs. +Während einige ohnmächtig lagen von Frauen und Männern, die geängstigten +anderen suchend gedankenlos über sie herstiegen, während allen die Knie +zitterten und sie sich durch das Dickicht wanden, wie in einem Keller +sich zurechttasteten, schrien an der Mauer welche den Namen Marduk: +„Erbarmen, Marduk!“ Einige suchten immer von neuem die Gänge, die sich +von Stunde zu Stunde verengerten. Manche sogen an den Fingern Beeren, +kauten spien Blut aus. + +Um neun Uhr morgens, als schon blendend hell die Sonne schien, dieselbe +Sonne, die über den Schiffen im Atlantischen Ozean, über dem weiten +Ozean leuchtete, dieselbe Sonne, die ganz nah in Bernau über den +Sandplätzen der Kinder stand, da gellten wahnsinnige Hilferufe, nicht +abbrechend, in dem Park, wildes Wehgeschrei, als hätten Tiere einen +Menschen angefallen. Die meisten sanken im Augenblick mit weißen +Gesichtern auf den Boden. Die in der Nähe des Geschreis streckten die +Hälse; im Halbdunkel sahen sie etwas zappeln, mit den Beinen stoßen. +Füße, um die ein Rock wogte. Eine Frau; oben saß sie fest; ihr Arm wie +eine Planke am Ellbogen, am halben Ober- und Unterarm festgeklemmt +zwischen zwei zusammengeifernden Bäumen. Sie stand an den drängenden +schwellenden Wesen, mit dem Rücken gegen sie, suchte ihnen auszuweichen, +bog sich, ihr Rock saß unten fest, sie wand sich, heulte klagte brüllte: +„Kommt her. Kommt. Ein Messer.“ + +Der Wald knackte unaufhörlich. Die unten standen lagen liefen sich +zusammendrängten auflösten, wurden überspritzt von der klebrigen +leimartigen Feuchtigkeit, die wie Schleimpatzen aus Vogelschnäbeln auf +Gesichter und Hände fiel, oft fein wie aus Röhren sprühte. Zu dem +Knistern trat immer wieder ein Sausen und Sprudeln, wie aus einer +geöffneten Flasche, das zuletzt erstickte. Die Bäume verschränkten Ast +in Ast, verschoben sich umeinander. Die Dunkelheit nahm zu. Ein Dach, +eine hölzerne Decke bildete sich langsam über den Menschen. Der Wald +verdichtete sich zu einer engen, immer engeren Kiste, von deren Deckel +es heruntersickerte. Die Luft gärend bitter muffig, mit Schwaden der +stechenden reizenden Gase. Der Boden aber, vorher noch eben, wellte +sich, ringelte, schlängelte sich. In Wülsten schwollen die Wurzeln +hervor, armdicke Adern, von denen der Sand abrollte. Der Boden wurde +höher. + +Die offenen Plätze suchten sie zwischen den dicken, immer dickeren +Bäumen, als wenn sie nicht wüßten, daß jeder Raum vor Stunden noch offen +war. Sie keuchten, wenn aus dem Halbdunkel sich einer zu ihnen durchwand +ins Hellere, gifteten. Oft sprang einer auf, Mann, Weib, die Kleider +abgeworfen, sprang einen Baum an, krallte, biß sich ein. Aber der Baum +sonderte widrig ab, sabberte, war so feucht, so warm; die Zunge verätzte +er ihnen. + +Um zehn Uhr, – die Glocke von Marduks Haus scholl laut herüber, – +erdrosselten sich zwei Männer mit ihren Gürteln. Die Frau, deren Arm +abgequetscht war, die lechzend zwischen den Bäumen nach vorn überhing, +hatten sie zuvor stumm gemacht. Stockfinster war es an den meisten +Stellen des Parks. Um sie knarrten krachten wucherten die Bäume. Ein +furchtbares inneres Leben dehnte die brünstigen aufgeregten +Pflanzenwesen. Man sah die ungeheuren tonnigen Massen wie in Krämpfen +sich langsam spiralig um sich drehen, längs klaffen und noch immer in +die Breite wachsen, in die Höhe aufsteigen, bluten und noch immer +wachsen, dabei rauchen; bersten, einer den andern aufschneidend und mit +ihm verschmelzend, dabei zischen und prasseln. Und wo zwei Bäume Raum +fanden, nieder nach vorn in die Lücke zwischen andere zu fallen mit +überschweren Kronen, erhob sich vom Boden wieder der Stumpf; er trieb +und wuchs. Zwischen den Ästen in den Kronen flatterten verirrte Vögel; +von oben stießen sie abwärts. Riefen kratzten schlugen um sich, sobald +sie sich gesetzt hatten; lösten Flügel und Füße von den klebrigen Ästen +und Blättern ab, schwirrten schreiend federstreuend senkrecht hoch, +suchten Lücken. Andere hingen fest, wühlten hieben mit den Schnäbeln +gegen das schwellende Holz, das gierig den eingestoßenen Schnabel +festhielt, ihn nicht losgab, ihn rasch umwuchernd, ihm Herz Nüstern und +Augen umgießend, einleimend einsargend, wie auch der kleine Körper sich +abstemmte zappelte sich nach hinten seitlich bog. An ihren tanzenden +Füßen, mit ihren schlagenden Flügeln zogen sie dicke Gallerte hoch, +suchten sie herunterzutreten. Abgleitend wälzten sie sich um die Stämme +herum, wurden eingebettet. Den Kopf nach unten hingen sie. Der Saft lief +über sie. Da tropften sie in der Masse von Ast zu Ast, noch zappelnd, +klatschten auf den Boden neben einen Menschen, der sich wand, auf seine +Schulter, neben seinen Hals, blieben schnabelsperrend tretend liegen. +Manche festgekittet nach einigem Aufklettern und Drehen hielten gelähmt +betäubt still an ihrem Ast. Sie wurden vom Holz aufgenommen, waren ein +runder stoßender Wulst auf ihm, von dem Saft sprühte, ein ruhiger +kleiner Knoten, ein flacher Knopf. + +Das mammutische triefende krachende Wachsen zerpreßte klemmte malmte +manschte die Menschen, knackte die Brustkörbe, brach die Wirbel, schob +die Schädelknochen zusammen, goß die weißen Gehirne über die Wurzeln. +Die Stämme berührten sich. Wurzel Stamm Krone eine Masse, ein +verschmolzener wogender wühlender dampfender Klotz. Oben barst er, +zischte. Unten trieb schluckte drang es auf, drang seitwärts bis an die +Mauer. + + * * * * * + +Den übergroßen Kopf drückte Marduk gegen das Fenster: „Jetzt ist es +vorbei. Ihr könnt nichts mehr.“ + +Jonathan Hatton, der viel jüngere, sein Freund, den man mit ergriffen +hatte, stand vor ihm, lächelte: „Nun, so möge es so sein.“ + +„Ich weiß, du glaubst mir nicht.“ + +„Doch. Bei allen Dingen bei denen man schwört, Marduk, verzeih mir, ich +glaub es.“ + +„Lach nicht, Jonathan. Lächle auch nicht. Es ist gar nicht nötig, daß du +lächelst. Du hast dich lange nicht um mich gekümmert, die andern auch +nicht; ihr glaubtet, es ginge auch ohne mich.“ + +„Marduk“ der andere trat ernst näher, „du hattest dich, du, von uns +zurückgezogen.“ + +„Du wirst sehen, ihr hättet gut getan, euch um mich zu kümmern und +anzusehen, was ich tue.“ + +„Was soll das.“ + +„Nichts. Du wirst sehen.“ + +„Du schließt dich uns nicht an und jetzt klagst du.“ + +Marduk verzog das Gesicht hart: „Ich habe nicht nötig, mich euch +anzuschließen. Du, damit ist es jetzt aus, mit diesen Dingen. Ja, +Jonathan. Ihr werdet jetzt alle still werden, ganz still. Ich nehme euch +aus den Händen, was ihr habt. Ich will nicht, daß ihr arbeitet. Ich will +nicht. Verstehst du das?“ + +„Nein und ja. Sag mir, Marduk, alles was du weißt und kannst. Ja sage es +mir. Du wirst mich nicht überraschen. Ich bin auf Stärkeres gefaßt. Mit +dem Stärksten wirst du mich nicht umwerfen.“ + +Strahlend stand Jonathan: „Was ich – gefunden habe, hat noch niemand +gefunden.“ + +„Hat noch niemand gefunden“ höhnte der verhüllte Marduk. + +„Wenn ich – niemand – sage, Marduk, so weißt du, daß ich nicht Schaum +blase! Ich leugne so wenig gearbeitet zu haben, wie du es leugnen wirst. +Warum? Das Sehen ist mir erlaubt, das Hören ist mir erlaubt. Was soll +mir verbieten zu denken.“ + +„Weiter.“ + +„Nein, ich spreche nicht.“ + +„Schaffe deine Freunde hierher, Jonathan.“ + +„Ich?“ + +„Ja. Bring sie, Jonathan.“ + +„Siehst du, sie hast du gefangen genommen. Sie alle. Du kannst dich +nicht mehr auf sie besinnen. Ich möchte dir beschreiben, wie wir +zueinander waren. Ich träumte heute nacht, ich fühlte mich so wohl, wie +auf einer Luftfahrt, ich glitt mit einem Wesen durch die Luft, ich weiß +nicht, ob es Mann oder Weib oder beides war. Wie dem schönen Geschöpf +die Augen strahlten. Wonnig war es. So rasch glitten wir hin. Fast war +es keine Bewegung. Unten standen die Menschen und wunderten sich. So +glücklich waren wir.“ + +Marduk warf sich unruhig in seinem Stuhl. Sein Gesicht hatte er ganz auf +die Brust gedrückt. Er hob den Kopf, blickte Jonathan finster an: „Komm, +ich will sie dir zeigen.“ + +Die Wachen vor der Haustür wies er ab. Er ging barhäuptig allein mit +Jonathan der ungefesselt war. Hinter einer Wiese zog sich ein flaches +langes Gebäude hin, in das sie traten. Sie gingen durch die glasgedeckte +Halle der muffig warmen Anlage, in der Pflanzenreste geschichtet lagen, +Körbe, niedrige Kisten. Auf einen weiten ungepflasterten Hof stiegen sie +herunter; oberflächliche Röhrenleitungen traten am Boden hervor. Marduk +öffnete ein Gitter; da war ein Feld, in dem viele einzelne Stücke +abgezäunt waren; manche waren grün und bunt bewachsen, manche +scheunenartig überdacht; auf einigen Stücken verwesten ganze Stapel +unkrautartiger Gewächse. Dann senkte sich das Gelände; über den Hang, um +den Boden der Senkung zog sich eine abschließende Mauer, darüber +dahinter eine hohe schwarze und grüne Masse. „Sieh da. Du baust, +Marduk.“ + +„Komm.“ + +Er zog eine kleine Eisentür der Mauer. Dunst schlug ihnen entgegen. +Keine Öffnung, keine Helligkeit. Der Wald war an die Steinfliesen +herangetreten, hatte sie nach der Tür zu umgeschoben. Zwei Stufen +konnten sie heruntergehen. Jonathan hatte Marduk seine Hände entzogen, +lächelte den Mann, der ihn führte, blaß mit übergroßen Blicken an: „Was +machen wir hier.“ + +„Weiter gehen. Geradeaus.“ + +„Was soll das. Ich geh nicht mit dir.“ + +„Ich wollte dich bitten, wenn ich kurzsichtig bin und mich nicht +zurechtfinde, du möchtest mich führen. Du sollst mir deine Freunde +zeigen. Du hast sie besser in Erinnerung als ich. Hier meine Hand, +Jonathan. Der Weg geht geradeaus.“ + +Der war die Stufen zurückgetreten, hatte an der Eisentür den Kopf +zurückgeworfen: „Du bist verrückt, Marduk.“ + +„Nicht doch, Jonathan. Sie müssen alle hier sein.“ + +Jonathan war nach einem Blick auf das ihm zugewandte vibrierende Gesicht +mit einem Sprung unten. Tastete an der klebrigen dunstenden Holzwand: +„Ja. Das sind Stämme. Das sind dicke Bäume. Wo ist denn der Eingang. +Hier komme ich nicht weiter.“ + +„Versuch einmal von hier. Versuch es. Sie versuchen es von drinnen.“ + +„Das ist eine Wand, eine Holzwand, Marduk. Mach doch auf. Wo ist die +Tür.“ + +Er lief seitlich rechts und links über den harztriefenden Boden. Der +Wald trat an die Mauer heran, ließ ihn nicht ein: „Es ist alles so +schmierig, mit Harz, mit Leim. Warum tut ihr das? Wo ist denn die Tür.“ + +„Ruf sie einmal. Ruf sie.“ + +„Soll ich? Wirklich?“ Er rief. Der andere schüttelte sich: „Sie +antworten nicht.“ + +Jonathan stürzte sich auf ihn: „Du hältst mich zum Narren.“ + +„Wie sehen, Jonathan, deine Freunde aus, wenn sie müde sind oder lustig +sind?“ Der, stöhnend, nahm ihm jedes Wort von den Lippen. + +„Zwischen den Bäumen – lächeln sie. In den Blättern – sitzen sie. Sie +sind Vögel geworden. Sie sind so schön, daß ich sie verfolgte. Sie haben +sich auf der Flucht vor mir in – Bäume verwandelt.“ + +„Das hast du – Marduk?“ + +„Das habe ich gekonnt. So stark bin ich gewesen.“ Strahlend erregt zog +er den im blauen Mantel, der nicht sprach, sich schwer bewegte, durch +die Eisentür, über das helle Feld in das lange Gebäude. Der Dunst, der +ihnen aus dem Park entgegenschlug, auch hier. Ein Pulver lag neben einer +geöffneten Kiste am Boden; Jonathan faßte automatisch danach; Marduk +hielt seine Hand fest: „Faß nicht an. Du hast nichts geschluckt davon? +Es ist für Menschen und Tiere Gift.“ Die verwelkten verwesenden +Pflanzenhaufen starrte Jonathan an; Marduk verfolgte seinen Blick: „Ich +kann sie auftreiben. In einer Stunde. Von einer halben Stunde zur +nächsten.“ Phantastische getrocknete Gräser lagen auf Steinfliesen +nebeneinander: „Kann ich nichts?“ Er streckte die Arme aus, bog die +Fäuste: „So viel kann ich. So viel kann ich. – Jetzt will ich deine +Freunde begraben. Wohl ihnen, daß sie nicht mehr Menschengestalt haben +und wie wir sind. Sie sind in den Bäumen. Ich will sie begraben.“ + +Jonathan war schon zurück durch die Halle gegangen, er rieb gedankenlos, +den Blick auf die Erde, die Handteller aneinander. Sie liefen über das +von der Frühlingssonne beschienene Feld, Jonathan fiel der Umhang von +der Schulter, Marduk wollte ihn aufheben, zuckte, lief weiter. An den +Hang zur Mauer wollte Jonathan herunter; der andere aber, auf einen +Erdhaufen sich setzend, zog ihn neben sich. Marduk griff ihn an: „Nun +zeig du mir, was du kannst. Du mußt mir jetzt etwas zeigen.“ + +Der saß starr, stammelte mit verzerrtem offen zugewandten Gesicht. + +„Hab keine Furcht, Jonathan, dir wird nichts geschehen. Du kannst es mir +zeigen. Ich bin Kenner, ich bin Fachmann. Ich weiß es zu würdigen.“ + +„Marduk. Wen habt ihr in den Wald getrieben? Ihr habt Frauen mit +hereingetrieben? Es sind alle drin, die festgenommen sind?“ + +„Alle. In den Löwenkäfig. In die Arena.“ + +„Alle? Alle Frauen?“ + +„Alle. Zweiundvierzig. Da haben sie fechten können. Es waren keine Löwen +und Tiger da. Es waren bloß Bäume, gegen die sie kämpften. Sie haben für +einen neuen Glauben gekämpft. Das war eine neue Christenverfolgung. +Nein, eine Antichristenverfolgung.“ + +„Marduk“ schrie Jonathan besinnungslos, weinte, erhob den Arm. + +Der Ältere fuhr fort: „Ja. Antichristen. Ich spiele den Christen. Ich +laß sie mit ihren Götzen nicht aufkommen. Sie müssen alle ins Gras +beißen.“ + +„Marduk. Meine Mutter war dabei.“ + +Der mit rollenden Augen stand auf, ballte die Fäuste, wog sie gegen ihn: +„Und wenn deine Mutter dabei war. Und wenn deine Frau und dein Kind +dabei war. Wenn du dabei warst. Es wird nicht besser. Ihr sollt es +spüren. Ihr müßt es spüren. Es soll keiner entgehen. Ich wohl auch +nicht. Es ist gut, daß es so über uns verhängt ist, daß wir es nahe +spüren. Ha, jetzt spürst du, du es dicht, dicht unter der Haut. Gut so. +Gut so. Wie gut, daß sie alle dabei waren.“ + +Und dabei klapperten seine Zähne, ein schrecklicher Frost hatte ihn +ergriffen. Er hatte dies nicht gewollt, so wandte es sich gegen ihn, so +griff ihn die Waffe, die er auf andere gerichtet hatte, selbst an. Er +wehrte sich, die Schlange umwand ihm Füße und Arme. Jetzt würde er +Jonathan verlieren. + +Er stolperte auf ihn zu, bückte sich zu ihm herunter: „Ist meine +Erfindung nicht herrlich. Sprich doch. Wir sind doch Kenner. Da kommt +keiner mit. Was sagst du zu dem Wald unten. Keine Lücke ist mit der Hand +zu finden. Wie ein Schrank, paßt Fuge an Fuge. Ist meine Erfindung nicht +herrlich?“ + +Er rüttelte ihn. + +„Ich will dir sagen, wenn du mir nicht antwortest, wird es dir nicht gut +gehen. Ich werde dich dann – leben lassen. So werde ich dich wenigstens +umbringen können.“ + +„Tu es. Marduk. Du Verdammter! Du Teufel!“ + +„Ich verdammt? Ich Teufel?“ + +Jonathan sank seitlich, ohnmächtig hin. Marduk hatte eine graue Kapsel +auf seiner Brust an einem Kettchen. Daran zerrte er, öffnete die Kapsel, +schüttete sich grünes Pulver auf die Finger. Er bückte sich, um es +Jonathan zwischen die weißen Lippen zu schieben. Dann streute er jäh das +ganze Pulver von sich, warf sich an den Ohnmächtigen, grub sein Gesicht +an seinen Hals, stöhnte haßwütete noch, als der sich schon räkelte, sich +aufzusetzen bemühte. + +Sie standen sich an den Erdhaufen gegenüber. Schwarz vor ihnen die Masse +des Waldes hinter der Mauer. Als sie sich anblickten, preßte Marduk die +Lippen: „Ich bin bereit, bereit, mich dir zu stellen. Ich – tue es ohne +Bedingungen.“ + +Heiser Jonathan: „Ich habe nichts davon, wenn du tot bist.“ + +„Tu, was du willst.“ + +Zwei Wochen fuhr Jonathan an der Ostsee hin und her. Er konnte keine +Erde und keinen Baum sehen. Marduk hatte die Stadtlandschaft fest in +Besitz genommen. Dann trat Jonathan in sein Haus, der schlanke braune, +blaß mager ruhig, gab ihm die Hand, bot ihm seine Dienste an. Marduk +betrachtete ihn lange: „Ich habe kein Recht über die Stadt. Ich habe nur +Recht über mich. Willst du Recht über mich.“ + +„Ich will nichts, als dir beistehen.“ + +Wieder schwieg der Ältere; äußerte langsam: „Du wirst, Jonathan, die +Häuser und Anlagen zerstören, in denen noch Apparate und Einrichtungen +von uns, von euch stehen. Sie sind noch nicht völlig vernichtet. Auch +nicht völlig gefunden. Und du wirst mir die Namen der Männer und Frauen +angeben, die dir bekannt sind, die mit euch gearbeitet haben und noch am +Leben sind.“ Der magere junge Mensch hielt seinen Blick aus. Er nannte +mehrere Namen. Marduk gab ihm dreißig Bewaffnete, die gingen mit ihm. +Nach einigen Stunden, am hellen Nachmittag stand er mit fünfzehn Männern +und sechs Frauen vor dem Konsul. Der Jüngere trug den grünen Rock und +den hellblauen Mantel, die er angehabt hatte, als er vor Marduk geführt +war, und die noch die Flecke der Erde von Marduks Park trugen. + +In der sanften gehaltenen Art, die Jonathan seit seiner Rückkehr von der +See hatte, setzte er sich neben Marduk hin, öffnete seinen Mantel, +sprach jeden bei Namen an. Bevor die Vernehmung zu Ende war, verfärbte +er sich, fiel blaß vornüber. Er war am Abend nicht dabei, als die +fünfzehn Männer und sechs Frauen seitwärts geführt und erledigt wurden. + +Der Konsul, im schwarzen Seidenmantel, die großen ernsten Augen gesenkt, +zog am frühen Morgen gleichmäßig seine Schritte durch die Stadt. Es +wehte heißer Wind. Flieger jagten mit dumpfem Rollen in der Luft. Die +riesenhaften Plätze. Die metallenen Riesentiere, Messer in den Flanken, +hingesunken schweigend auf den Steinpiedestalen. Das Gewühl umspülte +ihn. Die halb in der Luft schwebenden Tribünen, offenen Hallen, auf +denen Mädchen und Männer Bälle mit Stöcken trieben. Es hatte sich nichts +seit dem Beginn seines Konsulats geändert. Die grellrot bemalten, mit +Masten und Wimpeln versehenen Häuser, in denen die künstlichen +Nährstoffe ausgegeben wurden, auf den Dächern liegende gewundene +Kennzeichen für die Frachtflieger. Die Hauptausgänge der unterirdischen +Bahnen in der Nähe des Nahrungsspeichers; Heraufdröhnen und Surren der +Züge, die aus Fabriken und zentralen Speichern liefen, der Züge, die in +tieferen Stockwerken radial und peripher die Versorgungsbezirke +abstreiften, Schacht und Aufzug zu jedem Haus. Das kecke Wandeln der +Männer von südlichem Typus. Nonchalantes Trotten Pfeifen Rauchen von +Mulattennachkömmlingen mit grauen Gesichtern, gedrückten Nasen; das +sieghafte Strahlen der weißen Frauen; stumpfes geschäftsmäßiges +Herumgehen der lange Ansässigen, ihre apathische Ruhe im Dasitzen vor +den Trink- und Rauchstätten, leise Stimmen, wenig veränderlicher +Gesichtsausdruck. In goldgelben Talaren gingen die Priester durch die +Straßen, singend rufend lockend. Marduks Augen brennend auf allen. +Unsicher stockend sein Atem. Wie sonderbar die Frauen zurückgetreten +waren. Sie waren am raschesten verändert; es schien, sie hatten mit dem +Nachlaß der großen Erregungen auch ihre Spannung verloren, hatten sich +viel in Mütter, ja in Dienerinnen von Männern zurückgebildet. Jonathan, +goldgelb in Seide wie ein Priester, den braunen Kopf bloß, trat leicht +neben Marduk, lächelte, als der ihn fremd ansah. Jonathan wollte zur +Stadt hinausfahren; Marduk hielt ihn: „Erdulde dies. Entzieh dich nicht, +Jonathan. Ich verstehe dies. Der ungeheure unausdenkbare Bann, in dem +wir leben. Blicke um dich.“ + +In der Ferne hörte man das schaurige Gebrüll eines Metallstieres. Es +wurde im Augenblick auf den Straßen still, die Menschen verlangsamten +die Schritte, standen; sahen auf die Steinplatten des Bodens. Marduk +blickte zwischen sie, hielt Jonathans Arm, war sichtlich seiner nicht +Herr; seine Schultern zitterten, die Augen blickten verschwommen: „Du +kennst das nicht. Kennst du nicht die Stadt? Das ist wie ein Wind, der +mir an den Mund fährt und mein Gesicht faßt. Ich fahre durch den Wind. +Sieh diese Männer an, die Frauen die Bahn die Flieger die Straßen, du +hast den Stier gehört. Das Mekihaus, Marke, der blinde Konsul, ich hier, +du; wie das beglückt. Wie es mich beglückt, füllt, seelenselig macht. +Trunken, Jonathan.“ + +Jonathan führte ihn schweigend am Arm. Der Ältere mit den großen +brennenden Augen redete weiter. Plötzlich drehte Jonathan den Kopf zur +Seite, ließ den Arm los, seine Schultern bebten lautlos. Er schluchzte. +Marduk stand an einem Vorgartengitter, wartete, bis er endete. „Du bist +zu früh nach Hause gekommen, Jonathan. Du hättest länger an der Ostsee +bleiben sollen.“ + +Der sah ihn mit verdunkelten Augen an: „Hab ich dir nicht genug Beweise +gegeben?“ + +„Ich – brauch meine Mutter nicht vergessen“, Jonathan sah den andern +fast zärtlich an „Ich habe sie mit Schmerzen – wieder geboren. Wie sie +mich geboren hat.“ Er hauchte: „Sieh auf die Eiche da. Sieh immer in das +Laub der Eiche hinein. Dann erzähle ich dir. Du darfst aber nicht +wegsehen. Sie ist zu mir gekommen. Meine Mutter. An der See. Stückweise. +Ich habe sie deutlich am Wasser gesehen. Erst sah ich – ihren Arm. Oh +der Arm, – er war zerpreßt. Was hab ich mich gewunden. Er bewegte sich, +die Finger griffen auf und zu. Er krampfte. Aber ich, ich, Marduk, ich +konnte ihn stillhalten. Er hielt still. Ich konnte das, Marduk. Und beim +andern Arm auch. Ich konnte alle Finger langsam bewegen machen. Und dann +kamen die Schultern, die Schultern meiner Mutter. Ich habe oft meinen +Kopf auf die Schultern gelegt. Ich war zu Hause, wenn ich ihre Schulter +berührte. Die Schulter – konnte ich – nicht erkennen. Du mußt in das +Laub sehen, Marduk. Du tust es. Die Schulter war gespalten. Als wenn sie +einer in der Mitte zertrennt hätte. Oder sie wäre auseinandergefallen. +Das konnte ich nicht gut machen. Was ich mich anstrengte dabei. Ich habe +lange Stunden verbracht, Marduk, um nur die Schulter heil zu machen. +Diese Lücke. Ehe die Teile zusammengingen. Aber sie gingen dann +zusammen. Und die Arme waren dabei und die Finger bewegten sich ruhig. +Und zuerst konnte ich den Kopf nicht sehen. Es machte mir auch gar keine +Sorge, daß sie statt eines Kopfes eine Blume zwischen den Schultern +hatte, Klatschmohn, die schlaffen roten glanzigen Blätter, von denen +welche herunterhingen, und ich konnte eine dunkle Kapsel drin sehen, die +stäubte. Es kam mir vor, als wenn das ein Auge war. Sie hatte so +schwarze Augen. Und am Abend waren es auch ihre Augen. Sie waren es +wirklich. Sie hatte einen roten Hut auf mit roten Bändern und war so +freundlich mit mir. Ich konnte mich stundenlang am Strand nicht bewegen, +denn ich fürchtete, die Schultern würden wieder auseinanderfallen. Aber +ich konnte alles gut zusammenhalten. Nur den Atem durfte ich lange +Sekunden nicht von mir geben. Ich bin dann ohne zu essen schlafen +gegangen. Lag die Nacht wie im Starrkrampf, war wie ein Toter. Als ich +aufwachte und zur Türe hinausging an das Wasser, hielt ich gerade da, wo +ich gestern aufgehört hatte. Stört dich, daß du immer in die Blätter +sehen mußt? Aber ich kann dann besser erzählen. Ich habe sie dann +schließlich ganz gemacht, lebend beweglich, in ihrem Kleid. So kam sie +aus deinem Wald heraus. Durch eine Lücke. Ich habe entsetzlich darum +kämpfen müssen. Es ist gelungen. Jetzt ist alles wieder gut.“ + +„Spricht sie nicht?“ + +„Noch nicht. Ich werde sie schon zum Sprechen bringen. Ich traue mir +alles zu.“ + +„Du wirst sehen, sie wird mich verfluchen.“ + +„Ich glaub es nicht. Sie sieht mich doch. Sie weiß doch, wo ich bin.“ +Stolz blickte Jonathan vor sich. Einen Augenblick, als er den Jüngeren +so leiden sah, hatte Marduk vorgehabt, ihn von sich wegzuschieben. Er +fürchtete, der Jüngling würde ihn schwach machen und zum Erliegen +bringen. Jetzt – sah er von der Eiche weg, legte den Arm um die Hüfte +des zitternden Menschen, dessen Augen in grauen Höhlen lagen. Beklommen, +fast wonnig fühlte er das leise Vibrieren und das atmende Auf und Ab der +Flanken. Er dachte: „Ich fühle ihn nach und halte mich. Er ist mein +Schmerz und mein Führer. Ich will ihn behalten, solange er so bleibt. +Solange er leidet und sich nicht helfen kann, soll er leben bleiben, – +damit ich nicht vergesse.“ + +Zu Jonathan, an dessen grünem bauschigen Kleid er herabblickte, sagte +er: „Wärst du ein Mädchen, eine Frau, würde ich dich zur Frau haben +wollen. So aber habe ich Glück, daß du kein Weib bist. Du wirst keine +Kinder gebären, für dich, gegen mich; wirst ungebunden gehen, wohin du +willst. Du wirst nicht aus einer tierischen Laune über mich fallen, +damit ich fühle: ich bin noch etwas anderes als dieser Marduk, dein +Freund, der dich braucht und dir folgt; ich bin noch eine dumpfe Kraft, +nein, ein dumpfes Leiden von irgendwoher, wie diese tausend Menschen, +wie die Blätter die Steine.“ + +„Bedauerst du mich, Marduk? Du brauchst mich nicht zu bedauern.“ + +„Komm in den Garten.“ + +Sie gingen ungehindert in den Garten. Marduk stellte einen Fuß auf die +Sitzbank unter der Eiche. Er hatte einen ruhigen kummerlosen Ausdruck; +es schien, als wenn sie gar nichts miteinander gesprochen hätten. Er zog +die Riemen seines silberbeschlagenen Halbschuhs fest. Jonathan sah erst +zu, dann, während Marduk einen Ellbogen auf das Knie stemmte, legte er +die Schnalle fest. „Das kannst du gut, Jonathan. Und du kannst noch +anderes gut. Willst du durchaus ein toter oder schwacher Mann sein? So +ein Ast, den man abgerissen hat und der nur so lange lebt wie er noch +feucht ist? Willst du nicht noch eine Weile mit deiner Mutter +zusammenleben? Du hast dich gestern gut gegen deine ehemaligen Freunde +benommen. Sie leben nicht mehr. Nein. Ich habe deinen Willen ausgeführt. +Es war dein Wille.“ + +Der Jüngere, dem die Hände heruntergefallen waren, legte den Kopf an +Marduks Knie. Er hielt sich mit den Armen an diesem Knie fest. + +„Ich biete dir eine Ehe mit mir an, Jonathan. Wie denkst du darüber. Du +hättest keine Pflicht weiter als da zu sein, mir dein Gesicht zu zeigen. +Es ist nicht nötig, daß du mit mir sprichst. Regen und Wärme sprechen +auch nicht, und man braucht sie doch. Du sollst auch nicht mein Diener +sein. Nicht einmal mein Gehilfe. Und nicht einmal mein Tischgefährte. +Sondern, wie ich schon sagte: nur da sein. Es ist nicht nötig, hier. +Aber doch oft bei mir.“ + +„Sonderbar, Marduk. Ich dachte, du willst mich als Gehilfen.“ Marduk +nahm den Fuß nicht herunter. Er gähnte: „Also, es ist abgemacht.“ + + * * * * * + +Marduk war mit einigen hundert Mann in die unverteidigte Stadt +eingezogen. Er ließ noch am Tage seines Einmarschs eine Kraftzentrale in +dem ersten, sogenannt Grünen Rathaus der Stadt errichten, in dem er sein +Quartier aufschlug. Angriffs- und Abwehrwaffen, die er mit anderen +seiner Gruppen aufbewahrt und vorbereitet hatte, wurden im Augenblick in +der Nähe des Rathauses versteckt und an Marduks Zentrale angeschlossen. + +Der Usurpator rief die Leiter der noch bestehenden Industrien, die +Besitzer der Ländereien, Männer Frauen, in das Rathaus und gab ihnen, +wie sie den Haupthof durchschritten, den Anblick der fünfzehn +erschossenen Männer und sechs Frauen, dazu von dreißig lebenden +Neuverhafteten, die unruhig auf dem Hof herumgingen. Er redete die +Erschienenen an. Es waren graue und junge buntgekleidete Tiere, die sich +neugierig hochmütig verschüchtert vor ihm drängten. + +Glossing, der alte Mann aus englischem Stamme, der Lehrer Marduks in den +chemischen und physiologischen Versuchen, der feine Botaniker, sah +mokant und gelangweilt zu der hohen Kuppel des Saals und den +herunterwogenden Seidenfahnen auf, den alten Verbrüderungszeichen, den +Fahnen des englisch-amerikanischen Mutterreichs, denen des Uralischen +Kriegs mit den Gestirnen, die vom Feuer der Erde gefaßt werden. Er +dachte: Marduk wird reden: er möge reden; es mögen andere reden und +handeln, sie werden nichts ändern. Er dachte zäh ruhig sicher: es wird +niemand vermögen, mich und meinesgleichen auszurotten. Kühl betrachtete +er die um sich; was war Marduk für ein Narr, daß er sich unter diese +begab; er war gut im Zuge; wen lockt es, sich mit diesem einzulassen. + +Mild bewegte sich im Gedränge, die große Brille auf der stumpfen Nase +hin und her schiebend, Blue Sittard, von kreolischem Blut. Er sonnte +sich an den Gesichtern seiner Umgebung, der heimliche Kristallforscher, +von dem man sich wunderbare Dinge erzählte. Die rechte Hand war ihm in +eine seiner Steinzertrümmerungsmaschinen geraten und bis auf die +Mittelhandknochen abgepreßt worden. Er konnte mit den Stümpfen, die er +sich wie Finger hatte präparieren lassen, kleine nickende Bewegungen +machen und erschreckte Unbekannte, wenn er im Gespräch den hellgrauen +Lederhandschuh scheinbar unabsichtlich abzog und mit der Hand +gestikulierte, die sogar künstliche rosa Nägel an den Spitzen hatte und +Glied um Glied mit Brillantreifen besetzt war. Eine kühle und laszive +Seele. Marduk würde reden. Er möge reden. + +Der schäumende Ekbert, der junge überlange gebückte Mann in schlottriger +Arbeitstracht, ein höhnischer Mensch von großer Weichheit, der dazu +bestimmt war, irgendeinem seiner Impulse zum Opfer zu fallen. + +Die blonde ernste weiße Marion Divoise, die üppig, teilnahmslos an einer +Fensternische stand, ihre graugrünen Augen schweifen ließ. Viele Mädchen +und Jünglinge hingen ihr an. Sie war von einer großen Keuschheit, +schmerzliche und sonderbare Liebesgeschichten wurden von ihr erzählt, La +Balladeuse hieß sie. Sie hatte von den Industrien ihrer Familie nur noch +den Boden in Besitz, kannte Marduk nicht. Wer ist es, dachte sie. Wenn +er mich bewegen erregen könnte. + +Am Boden, an den Fingern kauend, auf einer Steinstufe Drüttchen, die +lange schwarze Weibsperson, die fanatisch für Marke gekämpft hatte, an +der Zertrümmerung der großen noch bestehenden Frauenbünde arbeitete. +Dutzende Männer nagte sie an, daher hatte Drüttchen, das vielbeachtete +und gehaßte Weib, den Spitznamen die Landratte. + +Sie sahen alle erstaunt den hochstirnigen Abenteurer eintreten, der mit +Hilfe einiger Männer und Waffen diesen Streich verübt hatte, um ihn +wohl nach einem Monat zu bereuen. Marduk, auf dem Platz des +Senatsvorsitzenden, nahm den rotfedrigen breiten Hut vor ihnen ab, hieß +sie willkommen. Als er sich setzte, stand seitlich von ihm Jonathan, den +alle gut kannten, von dessen Zugehörigkeit zu Marduk noch wenige wußten. +Eine starke Bewegung entstand unter den Menschen, als Jonathan auf ein +Zeichen Marduks sich neben ihn setzte. Marduk gab ihnen von seinem Sitz +aus Bericht. Markes Werk werde weitergeführt. Die Lehren des Uralischen +Krieges sind voll und nachsichtslos zu ziehen. Er bestätigt den +bisherigen Senat, werde sich seiner Mitarbeit bedienen. Dann schwieg er, +Schweißtropfen vor der Stirn, schielte auf den Lederbezug des Tisches. +Wie sich unten nichts regte, bat er den greisen Glossing, den Botaniker, +den bisherigen Vorsitzenden, herauf. Er versprach sich, nannte Blue +Sittard mit der großen Brille, der sich an die Tribüne gedrängt hatte, +ihn mit einem ironischen Lächeln festhielt. + +Glossing stellte sich nach einem gleichmütigen Kopfnicken neben Marduk, +murmelte, so daß er sich unterbrechen mußte, während die Einberufenen +sich vor ihm ballten. Die Sitzung werde kurz sein; sie sei nicht von ihm +einberufen, sein Platz sei besetzt – Marduk erhob sich stürmisch; +Glossing ablehnend: er danke – ob jemand sprechen wolle, ob jemand die +Neigung habe etwas zu sagen. + +Blue Sittard erhob den Arm; ging nur eine Stufe zur Rednertribüne +herauf, lächelte ironisch bald Marduk bald Jonathan an, schmunzelte in +die Versammlung: „Wir sind ja alle Marduk und dir, Jonathan, sehr +dankbar, daß wir eingeladen sind, diesen Raum hier zu betreten, hier zu +stehen zuzuhören. Wir sind alle gern hier. Seien Sie uns nicht böse, +Marduk und du, Jonathan, wir sind beinah noch lieber in diesem Saal als +mit Ihnen. Das soll keine Spitze und Feindseligkeit gegen Euch sein, wie +es sich versteht zwischen guten Bekannten Arbeitsgefährten wie wir, fast +möchte ich sagen: zwischen Brüdern in der Gefahr. Denn wir können es ja +jetzt aussprechen: wir haben unter Marke manches Ding gemeinsam +betrieben, das nicht beliebt war. Und warum sind wir lieber in diesem +Saal, als mit Ihnen beiden? Weil wir schon oft diesen Saal betreten +haben und jedesmal saß oder stand dort, wo Marduk sitzt, ein –; jetzt +wirst du wieder lachen, Jonathan. Wir sehen dich gern lachen, übrigens. +Wir haben gehört, welche Trauer über dich gekommen ist durch den Verlust +eines Menschen, den auch mancher unter uns verehrt und geliebt hat. Es +ist uns eine Wohltat zu wissen, wie rasch sich eine gesunde Natur über +Unglück und Mißgeschick erhebt; wir können daraus Kraft für uns selbst +schöpfen. Wer stand da, wollte ich sagen, wo jetzt Herr Marduk sitzt? +Ein Konsul, den wir gewählt haben. Ganz recht, der war da. Wahrhaftig. +Und das erfreut uns. Nun werden Sie fragen, Marduk, nachdem Sie uns so +liebenswürdig angeredet haben: welcher Unterschied denn besteht zwischen +Ihnen und dem Konsul Marke. Das ist eine Frage eine Sache, die über das +Formale hinaus Interesse hat. Ich wartete jeden Augenblick, Sie werden +mich unterbrechen. Aber Sie besitzen die große Güte mir zuzuhören, fast +wie einem Freunde. Und ehrlich gesagt, Marduk: nehmen Sie an, Sie hätten +nicht die Geduld und machten von ihrem unzweifelhaften Rechte Gebrauch, +so wüßte ich doch nicht, wie ich der Frage ausweichen sollte.“ + +Er drehte sein stumpfnäsiges Gesicht voll dem Saal zu, sonnte sich am +Anblick der Versammlung; manche sahen weg. „Also sprechen Sie, Blue +Sittard“ gab Marduk herunter. Der verneigte sich, stärker grinsend gegen +Marduk und den Vorsitzenden: „Ich danke. Danke auch dem Herrn +Vorsitzenden, für den Marduk eben sprach, in Stellvertretung. Wir sind +alle, die hierher gekommen sind, hocherfreut, daß wir sprechen und so +sprechen dürfen. Es heißt sonst: unter den Schwertern schweigen die +Musen, aber man sieht die Ausnahmen. Das will nicht sagen: ich sei eine +Muse; Blue Sittard mit seiner Brille und seiner schlechten Hand hält +sich nicht für eine Muse. Aber vor einer halben Stunde war ich alter +Mann doch stark musisch gestimmt; ich will mich nicht schämen, es vor +Euch zu bekennen. Das war, als ich in diesen Saal über den Hof ging und +dort einige mir wohlbekannte Männer und Frauen traf. Diese Männer und +Frauen, die ich wohl kannte, oft getroffen und gesprochen habe, von +denen manche mit mir an einem Tisch gegessen haben, – einige habe ich +erst vor einigen Tagen begrüßt und ihnen die Hand gedrückt, – die +schwiegen plötzlich bei meinem Anblick. Ich habe nichts verbrochen +inzwischen, es ist zwischen uns nicht das Geringste vorgefallen. Sie +schwiegen so intensiv, sie hatten so hartnäckige, fast böswillige +Gebärden an sich, daß ich annahm: diese Männer werden, und diese Frauen +werden niemals mehr reden. Dabei hatten sie die Münder weit offen; sie +lagen sehr bequem wagerecht auf dem Boden; das Steinpflaster schien sie +gar nicht zu drücken. Sie schienen so entschlossen zu sein, diese unsere +Freunde, daß sie nicht einmal einen Atemzug von sich gaben. Nun ist das +zwar Privatangelegenheit dieser schweigenden Herrschaften. Jedoch wollte +ich Sie bitten, Marduk, Sie möchten, da Sie von einer anderen Seite +hereinkamen, nicht bloß durch das Fenster sehen, sondern ein paar Herren +und Damen herunterschicken, um nachzuforschen, ob die Schweigenden da +etwas Schlimmes, vielleicht ein Unglück betroffen hat.“ + +Marduk schwieg. Glossing neben ihm hielt die Augen gesenkt. „Wollen Sie +uns erlauben, Herr Marduk, nachzuforschen, was die fünfzehn Männer und +sechs Frauen bewegt, so hartnäckig zu schweigen. Besonders da Sie so +gütig sind, uns sprechen zu lassen.“ + +Marduk schien von dem Ton Blue Sittards unberührt. Die Männer und Frauen +seien heute nacht auf seine Anweisung erschossen worden. + +Blue Sittard hob freundlich, fast entzückt die Arme: „Gut. Gut. Dacht +ich mirs doch. Es ist ja auch einigermaßen wunderbar, daß einer so lange +den Atem anhält. Machte mich schon ganz verwirrt, brachte mich in +lyrische Erregung, diese Fähigkeit, diese Ausdauer der einundzwanzig. +Nur entsetzt die Frage: was tun wir hier. Auf dem Hofe liegen +einundzwanzig Erschossene. Und wir –“ + +Er lachte heftig, sah sehr blaß aus, rupfte seinen grauen Backenbart, +streckte plötzlich weit die Arme aus, beugte sich schief und oft vor +Marduk: „So steht es. Verzeihung. Verzeiht. Verzeiht mir. Dies wollte +ich berichten.“ Er wandte sich zu seinen Freunden, buckelte wieder, +verwirrt, wollte sich zwischen die Menge drängen. Aus dem unbewegt +sitzenden Marduk war plötzlich etwas auf ihn gezuckt. Von der Tür bis +zum Sitz Jonathans drängten sich die Freunde. Er schob sich, ein +ärmliches Lächeln um den Mund, zwischen sie. Und wie er erst unter ihnen +war, viele vor sich, zwei hinter sich, zwei neben sich, da zog er den +Hals ein, hob die Schultern, gab helle winselnde Angstlaute von sich, +quietschte aus geschnürter Kehle, die Hände vor dem Mund, um die Laute +zurückzupressen, rieb sich das Gesicht, daß die Brille über die Stirn +stieg. Wie ein Kind, das eine lange finstere Treppe heruntergehen soll, +erst ruhig und tapfer steigt, Stufe um Stufe, bei jedem Absatz stehen +bleibt, den Atem anhält, um sich schaut, zurückschaut, schon rascher +läuft, rascher, seine Schulmappe hält es fest, es gleitet am Geländer +entlang, die Angst, die panische Angst ist hinter ihm. Es läuft, es kann +sich nicht halten, stürzt schreit stürzt weiter, gellt durch das hohe +Treppenhaus. Und wie man mit Lampen aus den Wohnungen kommt, steht es an +einem Fenster, späht zeigt um sich, keucht entgeistert, weiß nichts zu +sagen, das Herz klopft ihm zum Mund, in die Lippen, in die Augen, über +den Scheitel; es würgt, stößt auf, heult im Licht. So winselte Blue +Sittard. Bestürzt umfaßten ihn die Freunde. Marduk ruhig von oben: +„Macht Platz um ihn.“ + +„Nein“, winselte der, drängte tiefer. + +„Ich will ihn sehen.“ + +Er wühlte sich unter die Freunde, die ihn nicht verstanden, in denen es +vibrierte. Hinten öffneten welche die Türen. Sie strichen an dem +besessenen Blue Sittard: „Was tust du uns an. Beherrsche dich.“ + +Leicht schäumte schon Angst aus ihnen selber, trieb sie zu fragen. Sie +stolperten, drehten sich um sich, stießen nach den Türen. Was sie +sprachen, war für niemanden gesprochen. Jonathan näherte sich Marduk, +der seine aschgraue Maske zur Seite drehte. Keinen Blick konnte er von +ihm erhaschen. „Halt sie in Schach“ ächzte Jonathan. Unten wälzte sich +die blonde üppige Balladeuse, durch die erst Stürme von Zittern gelaufen +waren, in Krämpfen, in denen sie ganz rasch sprach, mit mehreren +Unsichtbaren gegen den Boden hin eine heftige Unterhaltung führte, +wieder sich lang ausdehnte. Sie lag mit ausstoßenden Beinen seitwärts +allein auf dem Parkett, während die Knäuel die Türen verstopften. + +Marduk drohte am Tisch: „Was ist, Blue Sittard. – Was ist mit den +Toten?“ Der winselte: „Er kann –; er kann –“ Und jetzt hatte er es; er +schwang die Arme, heulte: „Er kann es. Er wird sie lebendig machen. Die +Toten.“ + +Und schallend lachte Marduk, der aufgestanden war: „Ich werde es euch +zeigen. Ich kann sie lebendig machen.“ + +Sie fluteten in Panik hinaus. Der Graus des Uralischen Krieges. + +Marduk saß hin, mahlte mit den Zähnen, knipste die Finger der linken +herabhängenden Hand am Daumen. La Balladeuse lag auf den Ellbogen über +dem Parkett, drohte: „Das soll nur sein. Wenn sie es wagt, ist es ihre +Sache. Aber an mir hat sie keine Hilfe, das soll sie wissen. Zum +hundertsten Male, zum tausendsten Male. Ich habe es ihr gesagt, kurz und +bündig. Ravaillac hat damit nichts zu tun. Was kommt ihr mit dem. Das +ist ein übles Manöver. Geh weg, Ravaillac. Deine Schuhe? Habe ich +nicht.“ Sie setzte sich auf, betrachtete ihre blauen Strümpfe, stand +taumelnd, blickte vorwärts und rückwärts. Das Haar hing ihr um den Kopf. +Ging wie eine Blinde im Zickzack, in den Saal hinein, bog ganz weit nach +rückwärts den Kopf, steuerte auf das Podium mit den beiden Männern, oft +tief Luft schöpfend, beide Hände auf die Brust gelegt. + +Marduk zog sich zusammen, schwoll auf. Er blickte mit scheinbar +lächelndem Ausdruck auf Jonathan, der eine Stufe unter ihm stand. „Bist +du hier?“ er knipste unter dem Tisch weiter, „ich glaube, ich habe eine +Schwachheit getan. Als ich hier hineinging. Die Erbschaft Markes antrat. +Was geht mich Marke an. Ich hätte bei meinen Arbeiten bleiben sollen. +Die Flammenbergwerke waren nichts.“ + +La Balladeuse torkelte in die Mitte des Saals, horchte dahin und dahin; +schien nicht zu wissen, von wo das Gespräch kam; ab und zu zeigte sie +mit der Hand nach einer Richtung, in der sie weiterspazierte. + +„Sie sind wie Hasen davongelaufen. Haha, bin ich ein Dummkopf und sitze +hier. Ich werde Tote lebendig machen. Und alle Lebenden tot. Haha. Komm +einmal. Ich will die im Hof ansehen.“ + +Der andere blieb neben ihm stehen. Marduk ging an ihnen vorbei. Er +polterte finster strahlend, prustend die Stufen herunter ohne Jonathan +zu beachten: „Wir haben große Macht; er hat es von mir geglaubt, Blue +Sittard, der Dicke. Ich will nicht versäumen, ihm zu gehorchen. Soll ihm +nicht widersprochen werden.“ + +Die Blonde Flüsternde Gestikulierende rumorte auf ihn zu, wie er über +das Parkett strich. Sie standen sich gegenüber: „Mein Junge. Ich will +dir sagen, wir lassen uns in keine Debatten ein.“ Er schüttelte sie von +sich. „Keine Debatten, mein Junge. Hirn muß man haben im Kopf. Wenn man +Hirn hat, muß man wissen, was die Hühner für Eier legen. Wirst du mir +das ausreden?“ „Was will das dumme Weib?“ Sie stopfte taumelnd die +Fäuste in die Weichen: „Das sag ich dir, wer du bist, Ravaillac, der +Trompeter oder die Balladeuse selbst, ich werde mit dir fertig. Mich +kriegst du nicht unter. Versuchs mal, Herzchen. Hopp. Du kommst an meine +Schuhe nicht heran. Die sitzen fest. Frag den Trompeter, was mit seiner +Lampe geschehen ist. Schaum, nur Schaum.“ Marduk war vorbei. „Schaum“, +schrie sie und torkelte hinter ihm, kam nicht von der Stelle. Sie ging +in falscher Richtung, fuchtelte mit den Armen: „Greif ihn, das ist +Ravaillac. Ich hab noch Waffen, er soll mir nicht entgehen. Marion, das +ist ein Schuft.“ + +Jonathan löste sich von der Stufe, auf der er stand, lief hinter Marduk, +der aus der Türe ging. Marduk drängte auf den Hof, war verzaubert: „Ich +habe es nicht von den Menschen. Das hat in mir unter einer Decke +gelegen. Die Propheten und Heiligen sprachen davon. Ich werde Wunder +geschehen lassen. Es ist zum Schütteln. Nicht sterben lassen. Dann müßte +man noch mehr tun: frisches Leben hinzutun, frisches anderes Leben +aufgießen. Die Natur kann die Zähne fletschen.“ + +Sie standen auf dem Hof. Die lebenden Gefangenen wurden davongetrieben. +Rasch ging er auf die Leichen zu. Sie lagen auf den Steinplatten in drei +Reihen hintereinander. Eine weibliche Leiche, die Beine bis über die +Knie bloß. Dünne, unter der Lederdecke leicht angezogene gelbweiße +Beine, die Zehen gespreizt und nach oben gestreckt. Marduk bückte sich, +einen Fuß zu berühren. Er umfaßte mit der ganzen Hand den Fuß um den +Spann, ließ ihn nach einer Weile los; der Fuß war von einer +hochsteigenden durchdringenden Kälte. Er verschränkte, sich aufrichtend, +die Arme. Ging um die Köpfe der letzten Reihe herum. Ein Mann, dem ein +Strohhut über dem Gesicht lag, hatte die Ellbogen seitlich ausgestoßen, +als ob er etwas in den Händen hielt und nähte. Marduk faßte einen +Ellbogen. Der ließ sich anheben. Und als er ihn stärker aufzog, drehte +sich der ganze Mensch an dem Ellbogen auf die Seite, als wäre er ein +Stück, rollte losgelassen wieder zurück. Der Hut war von seinem Gesicht +gerutscht; ein älterer vollwampiger Mann mit kahlem Schädel; sorgenvoll +runzelte er die Stirn, mit dem halboffenen Auge schielte er an seiner +Nase herunter; da war seine Oberlippe zerrissen, der blutige +Kieferknochen lag splittrig bloß. Als Marduk sich die Hand vom Gesicht +nahm, runzelte der alte Mann noch immer die Stirn, schielte. + +Marduk zog das Ledertuch über den Hals hoch. Blendend die Sonne von +oben. Scharfe schwarze Schatten über dem Hof. Er wollte sich abwenden, +da stöhnte es hinter ihm. Jonathan stand da, mit dem vollen Blick auf +den bedeckten toten Mann, wischte sich die Tränen von den Backen, ging +vor Marduk zum Hoftor. + +Der Ältere, den Korridor betretend, murmelte vor sich: „Es war schon +gut, daß ich davon gelassen habe. Wir werden weiter so machen.“ + +Schnürte den Rock fester, schlich, von Wachen gefolgt, weiter. Voll +Abscheu sah ihm Jonathan nach. + + * * * * * + +Jonathan trat morgens in Marduks Empfangszimmer im Stadtgebäude, gab ihm +die Hand: „Wunderst du dich, daß ich komme, Marduk? Nein, nicht wahr, du +wunderst dich nicht; du darfst dich nicht wundern.“ + +Ein schönes saalartiges Zimmer hatte Marduk; Marke hatte es herrichten +lassen. Links und rechts Riesengemälde vom Boden bis zur Decke. Auf der +einen Seite farbige Massen, Balken Drähte Maschinenteile, die, als wenn +sie nicht zu halten wären, plastisch aus der Wand heraustraten. Auf der +anderen die Überschwemmungen Schuttanhäufungen, versinkende Tiere und +Menschen. Eine Knochen- und Schädelpyramide in der Mitte des Zimmers. +Jonathan zuckte: „Hier wohnst du, Marduk.“ Der gab keine Antwort. Dann, +hinter dem Tisch: „Was bringst du.“ „Ich weiß es nicht. Aber ich kann +nicht mit dir in Unfrieden leben,“ seine Augen schielten, „und bitte dir +alles ab, was ich gestern gedacht habe. Und bitte dich inständigst, du +möchtest nicht davon sprechen, nichts zu mir davon erwähnen.“ + +„Ich glaube, Jonathan, du kommst nicht meinetwegen, sondern deinetwegen +her.“ + +„Ich kann nicht mit dir Ruhe finden, Marduk. Du wünschest, daß ich dein +Spiegel sei. Ich will mehr als dein Spiegel sein. Ich habe zwei Hände +einen Kopf ein Gefühl; ich bin ja dein Freund.“ + +„Wir wollen zusammen essen. Nicht mehr sprechen.“ + +Marduk faßte den Jungen unter den Arm; sie gingen in das kleine schmale +Nachbarzimmer, sprachen bei der Tafel lange nichts. Marduk dachte: „So +unterwürfig ist er, weil er um seine Mutter leidet. Er ißt viel, weil +ich neben ihm sitze. Er sitzt ruhig. Er schielt nicht. Er lächelt mich +immer an. Was für ein gequältes Wesen ist er. Und solch kaltes Tier wie +mich muß er zu seinem Freund haben. Freund sagte er; ich bin ihm so +Freund, wie ihm das Brot der Wein da Freund ist. Ich bin ihm +Lebensbedingung. Er war auf einem Fluchtversuch.“ Marduk lehnte sich +zurück, die Hände vor der Stirn: „Ich habe heute vor, mich mit einigen, +die ich erschreckt habe, zu unterhalten. Ich muß sie beruhigen. Ich will +selbst in mein Landhaus fliegen, ihnen einige Anordnungen vorführen.“ Er +unterbrach sich; ihm flog durch den Kopf: „Was nutzt es, daß ich alle +Weisheiten der Erde besäße und hätte der Liebe nicht.“ Gleichmütig sanft +Jonathan, die Serviette faltend: „Ich komm gern mit.“ + +Marduk, weiter zielend: „Wir begleiten die Herren zu den Versuchen über +Wachstumsunterbrechung und -antriebe bei jungen und älteren Tieren.“ + +„Wie du magst“, nickte Jonathan zum tiefen Erstaunen Marduks; „ich bin +nur froh, daß du mir nichts nachträgst.“ + +Als der Konsul, wie um etwas abzuschütteln, aufstand, hatte er das +Gefühl allein zu sein: „Ich habe einen Freund verloren. Ich bin allein. +Wer hilft mir weiter.“ Er summte, den leeren Blick gegen das +regentriefende Fenster, eine traurige Melodie. Als der Jüngere +leuchtenden Gesichts einfiel, schlug sich Marduk die Brust mit kurzen +drückenden Schlägen, hielt sich verzweifelt den Kopf: „Ich bin allein. +Hier sitze ich. Wer hilft mir weiter. Wer hilft mir weiter.“ Er ließ +sich auf einen Schemel neben dem kleinen runden Weintisch fallen; um die +anderen niederzuschlagen, um über ihnen zu stehen, war er aufgebrochen, +hatte alles gelassen. Was ließ er zurück, was war dies Neue, das er +gewann. Die Macht über diese. Über alle. Was. Was. „Verflucht“ stöhnte +er; sein Glas in der losen Hand kippte um, der rote Wein rieselte auf +den Teppich. Den Widerwillen, die Selbstverstoßung, Empörung, die die +Fingernägel in die Handteller einbohrt, sah Jonathan, der sich nach ihm +weit vorbeugte. Fahl matt wurde plötzlich sein Gesicht, die Schultern +sanken ihm langsam herunter, die Unterlippe hing sehnsüchtig traurig; +der Schlimme saß da, der Schlimme, wieder der Schlimme, rang mit sich. +Und Marduk kam herüber zu ihm; das Glas stellte er auf den Tisch; in +Brust Schultern Armen fühlte er sich durchbebt: „Mein Spiegel“, dachte +er, „er ist es.“ Gierig blickte er ihn an, sog seinen Anblick ein. Nein, +er war nicht, vielleicht nicht verloren. Dies war ein Schmerz; dieser +litt. Dies war Jonathan, sein Freund sein Kind sein Herz. Traurig +berührte Jonathan, bittend, als er ihn fühlte, seinen Arm: „Soll ich?“ +wühlte es erstickt, schluckte es in Marduk. Er hörte wie ihn der Jüngere +Sanfte mit verschleierter zarter Stimme ansprach: „Du mußt mir von +deinen Versuchen, den letzten, erzählen. Du kannst es ruhig tun.“ Marduk +wand sich; es war nicht möglich, daß einer so sprach; dies war Jonathan. +Er hielt sich, die Hände rückwärts aufstemmend, an der Tischplatte fest, +stieß, die Augen schließend, durchflutet, von einer Kühle übergossen als +wäre er entblößt, einen tiefen Seufzer aus. „Mach das Fenster auf“ bat +er Jonathan. Wie der Regen draußen trommelte; nasser Wind flog herein. +Nur mit Mühe arbeitete Marduk eine Stunde. Dann legte er sich, nicht +einmal über sich erstaunt, am hellen Mittag in sein Bett. Wühlte sich +tief und tiefer in das Kissen, schlang die Decke als wenn er sich +verkröche, fest über sich. Wie von einem Zauberfinger berührt schlief er +ein, fest. Ein Schlaf, der sein Mark durchfloß. + + * * * * * + +Die Toten wurden am folgenden Tage öffentlich beerdigt. Der Konsul +beteiligte sich an dem feierlichen Zug. Er erklärte keine Rache üben, +keinen Schrecken verbreiten zu wollen. Abends bebte die Erde wie im +Beginn von Markes Konsulat: zahlreiche entdeckte Anlagen und +Versuchsstätten, auch Marduks eigene wurden in die Luft gesprengt. + +Er selbst sammelte um sich eine große Anzahl von Männern und Frauen, die +ihm ergeben waren, Waffen trugen, Angriffs- und Abwehrapparate +herstellten und vervollkommneten. Er umgab sich wie ein Tyrann mit +Hunderten Spionen und Wächtern. + +In der Zeit seines Konsulats verminderte sich die Einwohnerzahl des +Stadtgebiets um Millionen. Der Zuzug hörte ganz auf. Nicht nur Versuchs- +und Arbeitsstätten sprengte Marduk, sondern in rascher Folge eine Zahl +von Fabriken und Anlagen, die er für unnütz hielt. Er griff damit in den +Besitz der stärksten Herrschaftsgruppen ein, die er verelendete. Die +planmäßige Zerstörung dieser Einrichtungen, die der Bequemlichkeit und +Annehmlichkeit, aber auch dem Austausch mit anderen Stadtschaften +dienten, hatte zur Folge die Herauslösung der märkischen Stadtschaft aus +dem allgemeinen großen Verkehr der Industrien und damit weitere +Entblößung des Landes. Die Mekifabriken hielt Marduk in der Hand, stieß +die Menschen aber mit Gewalt in die Wildnis der Forsten und Felder. Es +entstand die erste wirkliche Revolte, als er ohne Befragen des Senats +auch eine Anzahl Nahrungsspeicher sprengte. Er zerstörte diese +kunstvollen Anlagen, ließ sie nicht zerfallen, um durch die tosende +Zertrümmerung seinen Willen zur glatten Abwendung von ihnen +bekanntzugeben. Der Senat, der bald aus einer Mehrheit ernster Anhänger +des Konsuls bestand, – viele Frondierende zogen sich verzagt, +überdrüssig in die näheren und ferneren Landschaften zurück, – stellte +sich gegen ihn. Aus allen Gegenden der Stadtschaft rückten damals gegen +die Ratsgebäude die Menschen mit den schlaffen apathischen Zügen, den +unsicheren dünnen Gliedmaßen, den starken Leibern, auch härtere +Ackerbauern. Kinderscharen wurden losgelassen. Entsetzen unter ihnen. +Sie sollten umkommen; wer nicht Boden und Vieh besaß, sollte verhungern. +Man verlangte vor dem burgartig gesicherten Stadtgebäude nach Marduk, +der sich nicht sehen ließ, forderte seine Absetzung. Die Menschen +zerstreuten sich zum Schutz der noch unversehrten Mekifabriken und +Anlagen, organisierten ihre Bewachung. Marduk ließ wochenlang diesen +Zustand. Als der Senat sich weigerte, die Menschen zu beruhigen, gab der +Konsul bekannt, daß er selbst die Anlagen schütze. Das Recht der +Auswanderung stünde jedem frei. Die Erregten kehrten sich nicht an +Marduks Warnung. Da kamen ihm Haufen Landsiedler zu Hilfe. Nachdem eine +Zahl der Unruhigen von den Speichern und Anlagen verdrängt war, ein Teil +von Marduks Wache im Innern der Anlagen unschädlich gemacht war, zerfloß +die Revolte. Ein neuer Strom Menschen ergoß sich aus dem immer wüsteren +Land. + + * * * * * + +Die blonde ernste weißhäutige Marion Divoise stand bei dem Streit des +Konsuls Marduk mit den Senatoren in einer Fensternische des Saales, ließ +ihre graugrünen Augen schweifen. Viele Mädchen und Jünglinge hingen an +ihr. Sie dachte, als sie Marduk oben sah: wer ist es; wenn er mich +bewegen erregen könnte. Bei dem folgenden schrecklichen Tumult brach sie +zusammen, wurde verwirrt nach Hause gebracht. + +Marion Divoise, die üppige vollbusige Blonde, die Freude vieler Männer +und Frauen, drängte seit da zu Marduk. Sie verlangte, wie viele, +vergeblich Zutritt zum Konsul. Der lebte eingeschlossen bald im +Stadtgebäude, bald in seinem ärmlichen Landhaus; es war nie sicher, wann +er da und dort mit seiner schwer bewaffneten Wache erschien. Marion +hörte auf, die Strenge zu sein, die Männer und Frauen durch ihre geheime +Süße anlockte, die sich ernst und verstehend, warm und dann wieder fremd +unter ihnen bewegte. Der schauerliche Tumult bei der Parlamentsrede +Glossings am Tage nach Marduks Staatsstreich war ihr nicht aus der Seele +gegangen. Sie suchte sich beängstigt davon wegzuziehen. Weder Männer +noch Frauen hatte sie bis dahin ernsthaft angehört. Sie folgte immer +Lockungen und Erklärungen mit ihrer Güte und Sanftheit, aber leicht +obenhin. „Was ihr alle sonderbar seid“ war ihr heimlicher Gedanke bei +den Begegnungen mit ihren Freunden; allein saß sie oft zu Hause in ihrem +Schlafzimmer und lachte, lachte über die Menschen. Bisweilen riß sie +einer in seiner glühenden Neigung weit hin. Aber wenn die jungen +Menschen dringlicher nach ihren schönen Armen, ihrem Hals, ihren Hüften +griffen, stieg der Widerwille in ihr auf. Ohne Maß beleidigt war sie, +mit Haß und Demütigung überfiel sie den schmerzlich Getroffenen, der +sich wand. Ein Vieh nannte sie ihn. Es hieß, daß sie sich früherer +Liebhaber bediente, um einen Menschen, der ihr zu nahe gekommen war, +tief und raffiniert zu kränken, ihn nackt aus dem Bett seines Hauses auf +die offene Straße zu werfen. + +Sie hatte, wie Marduk seine gefürchtete Wache, eine Schar von Männern +und Frauen, die der weißen strengen Person jeden Dienst leisteten. Aus +ihnen suchte sie sich jetzt zum ungläubigen Staunen der anderen, denen +es zugeflüstert wurde, selbst Freunde Liebhaber aus. In Scham zwang sich +die Balladeuse dazu. Sie wollte zu einem Mann. Es waren für sie Szenen +furchtbaren Leidens, wo sie neben einem freudigen glücküberschwellenden +jungen Wesen saß, das sich ihr zu Füßen warf, ihre Zehen küßte, und dann +von ihrem Hals, ihren Armen, ihrer Brust nicht ließ. Sie fror und +glühte, bebte am ganzen Rumpf. Das sprang wie ein Käfer an ihr herum, +suchte seinen Speichel mit ihrem zu vermischen; sie wandte durchschauert +ihr Gesicht ab, das sich versteinte. Sie litt, wollte es dulden, wenn +sie auch zerbrach. Sie wich zurück, versuchte es mit neuen. + +Und dann saß sie einmal mit einem Mann zusammen, den sie nie gesehen +hatte, einem farbigen sie selbst anwidernden Mann, der eine Viehherde +angetrieben hatte. Im Augenblick, wo sie ihn sah, verlangte sie nach +ihm. Starr stand in ihr fest, sie wollte nicht zurückweichen. Ohne +Narkose; ganz gewiß von diesem Kerl. Er trank schon nach einer halben +Stunde neben ihr. Sie rührte kein Glas an; umschlang erschauernd seinen +runden Wollkopf. Er verstand. Er dachte eine Canaille zu vergewaltigen; +trug sie in seinem Kittel vorsichtig auf ihr Bett. Da hatte sie sich ein +Kissen vor das Gesicht gedrückt, bettelte um Gnade. Weinend betäubt +rasend vor Selbstverachtung gab sie sich der Schändung hin. Sie stand +den Kopf zurückgelehnt an einem Schrank, schluchzend flehend: „Ist jetzt +fertig? Ist jetzt gut?“ Reichte dem Mulatten, ohne ihn anzusehen, die +feine zitternde Hand, die eiskalt und bis zum Gelenk abgestorben war. +Und sonderbar, wie sie seine hitzigen Finger fühlte, der schreckliche +Dunst dieses Tieres, das vor ihr stand, zu ihr herüberschwoll, fühlte +sie sich bewegt, die Augen zu öffnen, ihn, wie er zärtlich süßlich und +dienerhaft gemein grinste, mit dem Blick zu umfassen, ganz ruhig zwei +Schritt auf ihn hin zu tun, den weißblonden Kopf an seine Brust zu +senken. Mitten in den schrecklichen Dunst hinein. „Geh jetzt“ flüsterte +sie, wie er es wagte, leicht über ihre Schultern zu streicheln. Sie +zuckte hoch. Er war fort; sie hatte nun dies getan, hatte es hinter +sich. Sie blies wehte die Luft von sich. Und wie sie an das Tier dachte, +rutschte rauschte sie mit einem leisen Ton aus, zu Boden, lachte +flüsterte schimpfte verwirrt gegen den Boden hin, wie im Saal des +Ratsgebäudes. + +In ihren Gliedern, ihrem erlahmenden Rückgrat blieb die ungeheure +Erregtheit stecken, die sie nicht schlafen ließ, die mit einem hohen +gequälten Ton in ihre Stimme stieg. Nun wagte sie es mit anderen Frauen +ihres Hauses über sich zu sprechen; die jungen und älteren zarten und +starken Männer aber, die um sie waren, betrachtete sie jetzt +aufmerksamer. Sie versuchte die Männer, versuchte sich an den Männern. +Sie saßen neben ihr, hängten sich glücklich und fiebernd an ihren weißen +schamüberglühten Hals. Es regte sich nichts in ihr; sie streichelte sie, +tiefer und tiefer geängstigt vor sich. Weinend mußte sie ihren Kopf auf +die Kissen und Polster legen; man sollte sie nicht quälen, sie seien ja +alle so gut. Nur nach dem Mulatten hatte sie öfter ein bitteres +schauriges fast kindliches Verlangen. Der durfte nicht gehen, wenn er +sich in der Nähe ihres Hauses zeigte. Es zog sie etwas zu ihm, etwas +Vertrautes, er mußte zu ihr kommen. Es war schrecklich, wie sie ihn +einmal auf ihr feines einfaches Zimmer nahm, ihn, was sie nie tat, mit +Kuchen und Likören bediente, den farbigen Mann in der gelben +Viehtreiberjacke, der sich grinsend breit machte vor der demütig ernsten +Frau, wie er ihr den Rest seines Likörglases an die Stirn spritzte, sie +im Moment herriß. Sie schrie im Schreck. Die starke Frau rang und schlug +sich besessen mit ihm, zerbiß seine Hände und lag dann, krachend auf den +Boden gestaucht, winselnd still. Er ließ sie grimmig atemlos, Glas um +Glas des Likörs herunterstürzend, den Mund mit Kuchen vollstopfend, +liegen. Diesen Mann ließ sie noch manchmal zu sich rufen; sie wußte +nicht, was sie zu ihm trieb; er tat mit ihr wie mit einer Sache, sie +erduldete alles. + +An einen jungen fast knabenhaften Mann, den sie Desir nannte, hängte sie +sich, war ihm öfter aufgelöst, Trost suchend, abwesend, bettelnd, gut. +Sie träumte in dieser Zeit oft von einem Wasser, auf dem sie fuhr. Desir +war ein weißer Schwan, der vor ihr schwamm; sie lag in einem Boot, er +zog sie, zog sie immer weiter, weit fort. + +Als Marduk die stärkere Nutzbarmachung des Landes betrieb, das ihr +gehörte, verlangte sie wieder mit ihm zu sprechen. Und als es ihr +abgeschlagen wurde wie jedem sonst, wandte sie sich an Marduks jungen +Freund Jonathan. Die schöne weiße Balladeuse war erschreckt, als nach +einem durch Kurier überbrachten Brief, sie hätte mit ihm zu verhandeln, +eines Mittags Jonathan selbst im Flugzeug auf dem Dach ihres Hauses +erschien. Oben neben seinem leichten Apparat, den er sicherte und +abstellte, stand sie, betrachtete den feinen braunhaarigen Jüngling, der +sich an das Dachgitter lehnte, lächelnd sagte, er sei gekommen. Er wisse +wenig, was er mit seiner Zeit anfangen solle; ob sie ihm böse sei, daß +er gekommen sei. Wie hatte sich dieser Mensch, den sie kannte, in den +letzten Jahren geändert! Wie gleichmütig versunken lächelte er, wie hob +sich manchmal seine linke Augenbraue und zuckte schmerzlich. Er sprach +so leise und freundlich, und wenn sie antwortete, so wußte sie aus +seinem leeren Blick, seinem Mund, der sich bewußtlos öffnete, dem Kopf, +der sich zur Seite bog, daß er meist nicht zuhörte. Dies war der Freund +Marduks. Sie nahm ihn in ihr Haus herunter; er wollte kein Zimmer, im +Garten saßen sie. Bald sagte sie, sie wolle Marduk sprechen. Er zog +Holunderäste über sich: „Warum wollen Sie Marduk sprechen? Er hat so +wenig Zeit. Lassen Sie ihn doch, Marion.“ Sie saß aufrecht, war, je mehr +sie Jonathan sah, stier und steif in ihrem Begehren, den Konsul zu +sprechen. Sie wurde zornig. „Ist er mehr als ich. Warum versteckt er +sich? Er ist Konsul, er nennt sich so, er muß hören, was man von ihm +will.“ „Muß er das, Marion? Er meint es nicht. Er denkt umgekehrt, wir +müssen hören, was er will.“ Sie stand blaß auf: „Das wußte ich, daß es +so ist. Es ist mir recht, daß Sie hergekommen sind, Jonathan, und daß +Sie es mir noch sagen. Ich will ihn sprechen, so steht es, ich muß es, +und das verlange ich.“ „Seien Sie nicht wild, Marion. Es sind schon +manche wild gewesen und sind nicht mehr wild.“ „Nicht ich. Nicht ich.“ +Sie stand und flüsterte. Jonathan drückte sie auf ihren Sessel: „Sagen +Sie, Marion, was ist. Ich will mit ihm sprechen.“ Sie schwieg; dann: +„Gut.“ Und wie sie fertig gesprochen hatte, dachte Jonathan: wie recht +hat Marduk, daß er sie nicht hört; Weiber sind Räuber. „Gut Marion, ich +wills ihm sagen. Gehen wir.“ Wie sie aber ein paar Schritt gegangen +waren, drückte ihm Marion plötzlich heftig die Hand, sah ihn so +dringlich an, daß er ein Erstaunen fühlte und ihm der Einfall kam, zu +Marduk von ihr zu reden. + +Man ließ die schöne Balladeuse vor Marduk. Als er in seinem Zimmer des +Ratsgebäudes von dem ungeheuren Wandgemälde der Uralischen +Flammenbergwerke und der flüchtenden versinkenden Menschen sich +herbewegte, braunschwarz wie die Menschen des Bildes, zitterte sie zum +ersten Male. Er schien mit seinen unsicheren Beinen dem Riesenkopf den +dunklen ernsten Augen aus dem Bild herauszuwackeln. Jonathan führte sie. +Marduk gab ihm die Hand, lächelte: „Wen bringst du mir.“ Er sah nur +Jonathan an, bat, als der gehen wollte, er möchte bleiben, lächelte +schweigend, als er gegangen war, noch in der Richtung seines Weges. Mit +demselben Lächeln drehte er sich automatisch Marion zu, die Jonathan auf +eine Sitzbank geführt hatte: „Was willst du, Marion. Was tust du?“ +Geheimnisvoll fühlte sie sich berührt, entwaffnet. Schwach und still +sagte sie, sich verwirrend, wieder zitternd, es müßten die Ländereien +der Stadt nach Norden und Nordwesten ausgedehnt werden. Marduk fragte, +ob der Senat sie dabei im Stich ließe. Sie mußte es verneinen, log, sie +fürchte sich vor dem Widerstand ihrer eigenen Leute, wollte Bewaffnung +und Schutz auf ihrem Besitz. Dies sei unmöglich, gab Marduk von sich, +versprach, mißtrauisch sie anblickend, seine Hilfe für weiterhin, stand +auf, wieder auf seinen Platz zwischen den braunschwarzen Versinkenden +zurückzukehren. + +Sie war nur wenige Minuten bei Marduk gewesen, da ging sie langsam durch +mehrere Türen, über Treppen hinaus. Jonathan sonnte sich auf der großen +Freitreppe; er hielt einen Schmetterling auf seiner Kappe, schaukelte +ihn; sie wich ihm aus. Von der Begegnung mit Marduk brachte sie nichts +mit als einen Groll auf Jonathan, eine bis zum Zorn gesteigerte dumpfe +Wut auf diesen, auf diesen. Sie ging aufgelöst in ihrem Zimmer umher; +nachmittags ritt sie mit Desir aus, unterwegs liebkoste sie ihn, weinte +wild, neben ihrem Pferde über die Felder gehend. + +Die starke Frau arrangierte Gehässigkeiten gegen Marduk. Die +Frauenbünde, fast zerfallen, waren damals in den fremden Stadtschaften +erneut rege; sie streckten ihre Arme nach der Mark aus, wo sie heimliche +Frondeure unterstützten. Die Berührung mit ihnen tat der Balladeuse +wohl. Sie machte sich Mut, unterstützte Frondeure. Dann spielte sie +wieder mit Desir. In das Leben dieses Desir wurde sie eigentümlich +hineingezogen. Der Feine fesselte sie nicht. Erst, wie sich an ihn +andere begehrliche Frauen hingen, merkte sie auf, wollte seine +Zärtlichkeit nicht vermissen, las mit Beklemmung die Zettel, die er von +anderen Frauen erhielt, sah die Blumenkränze, mit denen sie ihn +behingen. Und sie seufzte und wollte es nicht dulden. Sie fühlte sich +gedrängt, auf diese Frauen loszugehen mit einer Erregung; aber dahinter +stand schon die Trauer. Sanft ließ sie Desir mit einer anderen Frau, +sanft hängte sie sich selbst an die andere Frau, forschte sie aus, sah +ihre Neigung Glück, ging wieder zu Desir, stand kopfsenkend da, fiel +neben ihn, der sie verlangte, seufzte mit leeren Augen, eingehüllt von +seiner Weichheit, den unaufhörlichen Flüsterworten, von den Händen an +Stirn und Hals gefaßt, die in sie nichts strömten. Sie tat froh auf den +Fahrten, Desir war ihr Mann, von ihm wollte sie ein Kind. Nein, nicht +ein Kind, viele Kinder. Ihre Ruhe wollte sie vor Augen haben, +festhalten. Es sollte alle Vergangenheit ruhen. + +In dieser Zeit gebar sie zwei Kinder, zwei Mädchen, die sie selbst an +der Brust aufzog und pflegte. Groß war die Zärtlichkeit der mütterlichen +Divoise zu ihren Kindern; sie hatte von ihrer Schönheit und Art nichts +verloren. Und eines Tages erkrankte das jüngere Kind. Die Erregung der +Divoise; blitzrasch veränderte sie sich. Wen sie erreichen konnte von +Ärzten zog sie herbei. Geschüttelt saß die dunkel verhüllte Divoise am +Bette des Kindes, schrie nach Hilfe. Mit Angst Haß Bangigkeit verfolgte +sie das Agieren der stillen Männer und Frauen am Bett. Saß zuletzt nicht +mehr in der Nähe des klagenden und heftig atmenden Kindes, saß nahe der +Wand, wo sie niemand sah, über sich gebeugt, ein Tuch, das ihr Desir auf +die Schultern gelegt hatte, über dem Kopf. + +Das Kind zog die Luft gleichmäßig mit hohem Tönen ein, gab sie rasch von +sich. Eine Pause. Wieder hohes Tönen Blasen. Die Ärzte hielten das +Vergehen der kleinen Seele nicht auf. Als es frühmorgens nicht mehr +blitzrasch das Köpfchen warf und mit suchenden Augen nach rechts und +links fuhr, und ohne die Wimper zu bewegen aus großen runden Augäpfeln, +trübe überhauchten, die in Schwärze liegende Decke betrachtete, bewegte +sich die mütterliche Divoise, das violette Seidentuch über Rumpf und +Gesicht, heran an das Bett, lag eine Weile zu Füßen des schweigenden +Wesens. Mit dem Gesicht aufliegend nahm sie finster schluchzend das +Füßchen des Kindes in den Mund, sog daran, legte es sich an den Hals. +Trug das tote Wesen im Zimmer herum, setzte sich, während das Tuch +rückwärts von ihr abfiel, auf den Stuhl, den eben der Arzt verlassen +hatte, hielt das Erstorbene auf dem Schoß, setzte es auf; die Arme +schlenkerten an dem kleinen hemdbekleideten Mädchenkörper. Marion, nicht +hörend, was man ihr sagte, hielt das Kind fest, wickelte es in ihr +wieder aufgerafftes Tuch, schleppte es durch das Zimmer, summend, mit +festem Schritt. Dies tat sie stundenlang bis zum Morgengrauen: gehen, +das Kind wickeln aufsetzen, bis es steif geworden war und aufrecht auf +ihrem Knie saß mit gesunkenem Kopf. Eine Frau nahm ihr das kalte +wachsfarbene Wesen aus den Händen: „Nun ist’s gut, Marion! Nicht wahr, +nun ist’s gut?“ „Ich hab es nicht weggegeben“ zitterte Marion mit leeren +Händen, „du hast es mir weggenommen, das mußt du wissen.“ Saß noch da, +wie das Erstorbene zugedeckt wurde. „Mein Tuch drüber, mein Seidentuch. +Nun hast dus weggenommen. Nun ist es geschehen.“ + +Aus dem stillen Zimmer ging sie. Über einen Flur. Wie sie eine Tür +öffnete, schlief drin das ältere Kind. Das Morgenrot schien herein. +„Warum nur das eine? Warum nur? Es könnte auch das andere sein. Soll ich +warten?“ Sie zitterte von den Knien aufwärts in Wellen bis in den Hals; +nahm das schlafende Kind mit zwei besinnungslosen Griffen hoch. Schon +schrie es aus ihrem Mund: „Desir, Desir.“ So bündig scharf schrie es aus +ihrem Hals, er war in wenigen Augenblicken bei ihr. Sie preßte, den Mund +schließend, zwischen den Zähnen, sich vom Licht abwendend: „Da ist das +Kind. Da hast du es. Leg es hin.“ Er mußte ihr die Finger ablösen von +den Ärmchen des Kindes, das schlafend über ihrer Schulter hing, einen +kalten verklammten Finger nach dem andern. + +Sie haßte von da ab Marduk. Nichts beglückte sie so, nichts war ihr +inniger als der Haß auf Marduk, den langen Menschen, braunschwarz, mit +dem Riesenkopf, den dunklen ernsten Augen, den unsicheren Beinen. Wenn +sie heimfuhr von dem Kind, von ihrem Mann aufstand: dies empfing sie +doch und hüllte sie gewaltsam ein. Es war etwas wie ein Rachegefühl in +ihrem Haß. Ruhig hielt sie damit an. Sie war ihrer Dinge gewiß. + +Sie stand eines Tages vor Marduk, der aus der Wand der Uralischen +Flammen hervortrat zwischen den flüchtenden versinkenden Menschen. „Komm +da weg“ herrschte sie ihn an „du stehst da schlecht.“ Sie zog ihn an die +Schädelpyramide: „Da stehst du gut, Marduk. Bleib da stehen.“ „Was +willst du, Balladeuse.“ „Balladeuse, Balladeuse. Mir liegt an Balladen +nicht. Es waren nicht meine Balladen. Ich kann nur sagen, daß –“ „Daß du +mich liebst.“ „Daß ich dich liebe? Bist du verrückt, Marduk. Ich dich +lieben? Wofür denn? Um was?“ „Lach nur. Darum bist du hergekommen, darum +habe ich dich ohne Wachen hereingelassen. Es kommen öfter welche herein. +Ich merke es gleich. Es macht mir nichts aus.“ Sie trat an ihn heran: +„Du bist wahnsinnig, Marduk. Ich verbiete dir so zu sprechen. Es ist +schamlos. Ich habe dir nichts getan, daß du mich beleidigst.“ „Dir sind +deine Kinder gestorben, Marion, du bist hergekommen, daß ich dich +tröste.“ „Mein Kind lebt, eins ist gestorben.“ „So lieb dein Kind.“ „Was +geht dich mein Kind an? Steh bei den Schädeln. Wenn es nach dir ginge, +wäre die ganze Erde eine Schädelpyramide.“ „Ich muß die Wache rufen.“ +„Ruf sie, ruf sie nicht, Marduk. Tus. Tus nicht. Mein Himmel, was soll +ich sagen.“ Sie war plötzlich bläulich blaß geworden. Zitterte bis zum +Schwanken. Sie war in schrecklicher Bedrängnis, sah an sich herunter, +kratzte, rieb sich die Finger: „Ich hab mit dir nichts zu tun. Ich weiß +nicht, was ich von dir will. Du tust mir unrecht, wenn du sagst, ich +liebe dich. Ich werde nicht von hier weggehen. Du darfst deine Wache +nicht rufen. Laß laß mich noch hier stehen. Ich sterbe noch früh genug. +Du kennst mich nicht.“ + +Ganz still stand der lange Marduk. Die Divoise warb um ihn. Er fühlte +nichts, aber ganz im Innern erbebte etwas in ihm, wie in einer Stadt die +Scheiben leise klirren von den Donnerstößen einer sehr fernen Schlacht. +Sein Mund fing an sich zu einem Lächeln zu verziehen: „Ich habe manche +Geschäfte, Marion Divoise.“ „Ich auch.“ „Was soll geschehen?“ „Laß mich +–“ sie war am Schwanken, schloß den Kopf zurückbiegend die Augen, +schluckte, „– laß mich – in dem Hause bleiben. Ein paar Stunden.“ Sein +Inneres erbebte stärker, tiefer innen; er zog die Muskeln seiner Arme +zusammen, ballte die herabhängenden Hände, leise: „Das ist bei mir nicht +üblich. Ich habe keine Frauen bei mir.“ „Laß mich – in deiner Nähe – +sein, Marduk.“ + +Er mußte um die Pyramide herumgehen; trat unter das große Flammenbild, +kam wieder hervor, im braunschwarzen offenen Mantel. Die Divoise hatte +die Augen geschlossen, bewegte sich nicht, unkenntlicher Ausdruck über +ihrem Gesicht. Die Augen riß Marduk auf, biß sich auf die Unterlippe. Er +wußte nicht, was in dem Raum umging, was seine Schulterhaut mit Hitze +und Kälte überschüttete. Er fühlte seine Beine gedrängt, sich nach ihr +hinzubewegen, lachte leicht, wie er ihre Hand anrührte: „Also, ich werde +dir ein Zimmer geben lassen hier. Verbreite es nicht. Es ist nicht meine +Art.“ Ihre Hand zuckte zurück; tonlos sagte sie: „Dies ist gut von dir, +Marduk.“ Er sah, wie sehr sie litt, faßte sie, die betäubt schien, am +Arm, führte sie durch einen Gang in ein Zimmer, wo sie sich von ihm +losmachte, sich setzte. „Ich bin, Marion Divoise, nicht weit von hier. +Du hebst diesen Griff. Man sagt dir, wo ich bin.“ + +Die blonde Balladeuse lag mit dem Gesicht auf dem Tisch. Erst als er +hinaus war, stieß sie das tierartige Stöhnen aus, das schon lange in ihr +gesteckt hatte, schlug sich die Brust, zerzupfte die Fransen der +Tischdecke. Um – plötzlich – anzuhalten, die Hände herabfallen zu +lassen. Matt wurden die Schultern, weich sank sie über sich zusammen, +lächelte eingedeckt hingedrückt vor sich, stützte den Kopf auf den Arm, +hingebend: „Ich bin hier. Gelandet. Oder gestrandet. Oder. Oder. Marduk +kann jeden Augenblick kommen; wenn ich den Griff hebe, wird er kommen. +Meine Hand kann das, meine liebe kleine Hand. Ich in seinem Haus, unter +seinem Dach. Marion Divoise, du Süße, jetzt ist das beste: du schläfst!“ +Dachte nicht an ihr Kind, Desir, die Menschen, die an ihr hingen. Kam +sich vor wie am Ende eines langen Wegs. Und die Arme unter den Kopf +gekreuzt schlief sie eine süße Stunde. Fühlte, wie sie sich aufsetzte: +„Welch verzaubertes Haus. Was ist mit mir geschehen. Ich kann mir nichts +denken, was so schön ist wie dies jetzt. Marduk soll kommen. Marduk soll +kommen.“ + +Man sagte ihr, wie sie den Griff hob, daß Marduk auf seinem Zimmer +schliefe. „Auch er. Er auch.“ Sie faßte sich an die Brust, ihre Augen +leuchteten. Wie es dunkel wurde, hob sie wieder den Griff. Da schlief +Marduk noch. Verwirrt ging sie an den Apparat. Die ruhige Männerstimme +kam heraus, der Konsul liege im Schlaf auf seinem Zimmer. + +„Ich bettle, ich bin versklavt. Ich muß mich rüsten.“ Laut sprach sie +sich vor: „Er kommt bald“, die zerzupften Fransen des Tischtuchs vom +Boden sammelnd und in einem Haufen auf dem Tisch bergend; daneben setzte +sie sich. Sie drückte den Lichtknopf. + +Wie die Tür aufging, stand Jonathan in weißer Seide da. „Ich war bei +Marduk. Er sagte mir, daß du hier wärst. Ich freue mich dich zu sehen.“ +„Er hat dich geschickt.“ Jonathans Stimme war erfüllter, klangreicher, +fester als sonst: „Nein. Ich bin selbst hergekommen. Er warf es nur +nebenbei hin. Ich wollte dich sehen.“ „Was ist an mir zu – sehen, +Jonathan. Du kennst mich doch. Du wolltest vielleicht etwas anderes. Von +dir hatte ich es nicht geglaubt.“ „Was ist, Marion?“ „Daß du dich +täuschen wirst. Daß ich hier bin, kann ich nicht verheimlichen. Ich +schäme mich aber nicht. Garnicht. Daß dus genau weißt.“ „Ich höre, +Marion Divoise.“ „Ich habe nichts zu verbergen. Da bin ich. Und jetzt +schäme du dich, daß du hier hereinkamst.“ + +Jonathan, die Arme an der Tür verschränkend, schlug das rechte Bein vor +das linke: „Ich bin hier, um dich anzusehen, Marion Divoise. Wenn du +noch mehr sprechen willst, sprich.“ Sie bog glühend den Kopf über die +Seidenfasern auf dem Tisch: „Was wollt ihr mit mir machen.“ Und langsam +ging der weiße junge Mensch von der Tür weg auf sie zu: „Komm, steh +auf.“ Und nochmal: „Komm.“ Und wie sie finster aufstand, legte er beide +Arme um ihre Hüften. Rutschte, plötzlich schluchzend, von innen +gestoßen, an ihr herunter: „Tu an ihm, was du willst. Tus, Marion. Ich +bin nicht dein Feind.“ Und wie sie die Hände herunterließ, zog er sie +vor seinen Mund, küßte sie. Sie hob den jungen Menschen an sich hoch, +der immer stammelte: „Du bist hier, bei ihm; du bist hier“ und ganz +außer sich war. Er umschlang ihren Hals. Seine Augen brannten und +irrten: „Ich weiß nicht, Marion, was es auf sich hat, daß du hier bist +und wer dies gefügt hat. Aber es kann geschehen, daß du mit einem +Schlage mich und ihn tötest.“ + +Wie sie ihn von sich abdrängen wollte, lachte stöhnte er an ihrem Hals: +„Du kennst das Menschenleben nicht, Divoise. Du siehst nur immer zu. +Vielleicht jetzt nicht so. Du weißt nicht, was hier geschieht. Und durch +dich. Es ist gut. Ich sage dir, es ist gut. Ich habe dich nicht +hergerufen, aber nun bist du da, nun ist es geschehen, ich begrüße dich, +ich segne dich, daß du herein kamst, Divoise.“ So stammelte er, ließ in +trunkener Schwelgerei von ihr. Die Hände gegen sein eigenes lächelnd +angehobenes Gesicht gelegt, ohne ihre Fragen zu beantworten, stolz, fast +feindselig ging er hinaus. + +Eine Wache führte sie auf Marduks Zimmer. Das war ein halbdunkler +schmaler hoher Raum, weißlich von allen Seiten blinkend, als sei er mit +Blech ausgeschlagen. Schalter Kästen Hebel in Fuß- und Brusthöhe +angebracht. Auf dem Tisch, der im Dunkel lag, flammten Tafeln mit +Ziffern und Schriftzeichen auf. Trübe blickte sie Marduk, auf einer +niedrigen Bank hockend, an, wie sie im helleren Türlicht stand. „Marion, +tritt ein.“ Sie schöpfte Luft: „Kann ich mich setzen?“ Sie saß auf der +Bank an der Tür, und wie sie eine Weile den Kopf nach unten gebogen +hatte, hielt sie seinen Augen stand: „Marduk, ich will dir etwas von mir +sagen. Ich habe ein Kind verloren. Das war ein Schild vor mir. Es ist +hin. Auch von dem andern weiß ich nichts mehr. Ich bin schutzlos. Du +siehst meine Schande. Ja Schande. Wenn etwas Schande ist, so ist es +dies, daß ich hier vor dir auf der Bank sitze.“ „Es hat noch keine +dagesessen.“ „Das tut mir nichts. Ob eine oder keine dagesessen hat. Ich +bin nicht eine oder keine. Ich hätte hier nicht sitzen dürfen und nun +ist es geschehen und da bin ich.“ + +Sie bog ihren Leib nach vorn, ballte die Hände vor dem Mund. Vom Tisch +kam es: „Was hast du dahin geworfen, an den Boden?“ „Was?“ „Das da. Das +Dünne. Die Fasern.“ „Fasern von dem Tischtuch drüben. Ich hatte sie in +der Hand behalten.“ „Tu sie weg.“ „Was?“ „Heb die Fetzen auf, Marion. +Sie sollen da nicht liegen.“ „Die Fetzen?“ „Ja, du sollst sie aufheben. +Du hast sie hingeworfen. Wozu wirfst du sie hin.“ „Ich heb sie auf, +Marduk.“ „So tus.“ Sie weinte am Boden, die Fasern zusammenlesend: „Ich +kann nicht aufstehen. Oh meine armen Hände. Ich kann nicht mehr.“ Sie +sank mit dem Gesicht auf den Boden. „Marion, erbittere mich nicht, du +sollst die Fetzen aufheben und hierher auf den Tisch legen.“ „Ich tus +ja, Marduk. Ich kann jetzt nicht. Da, da, das sind alle. Jetzt sinds +alle.“ Sie legte sie vor ihn, stand auf und ab zitternd neben ihm. Er +betrachtete sie, erst ungehalten, dann mit freudiger Verachtung, legte +die Hand an ihre Hüfte. „Laß das, Marduk. Du denkst, du hast gewonnenes +Spiel. Du willst mich wegwerfen. Nimm den Arm weg.“ Und eben noch trübe +vor sich stierend wogte sie auf und ab, warf sich an ihn auf der Bank, +umschlingend, ihn niederziehend: „Doch. Es ist gut. Da bist du. Es ist +gut. Jetzt ist es gut. Mir ist wohl. Ach ist meinen Armen wohl. Ach ist +meinem Kopf wohl. Ich bin gesund. Da, ich zittre nicht mehr. Mir ist +ganz gut vom Kopf bis zu den Füßen. Wie hätte ich das geglaubt! Beweg +dich. Jetzt kann mir nichts mehr geschehen. Jetzt zerreiß mich, schlag +mich, wirf mich zum Fenster hinaus.“ Und sie ließ von ihm, dehnte sich +selig allein: „Dies ist das Leben, Marduk, sag ich dir. Dies hab ich nun +geschenkt bekommen. Du hast es mir geschenkt.“ + +In ihm klirrte es. Von der Brust stieg in den Hals eine Verschnürung, +seine Arme waren in Eis getaucht. Er hatte einen Widerwillen, eine Wut +auf diese Frau. Sie griff ihn an. Man mußte sie belehren. Das saß neben +ihm auf der Bank, reckte sich, sprach, Fasern lagen auf dem Tisch +zerstreut. Seine Hand griff nach den Fasern, er drehte die Augen nach +der Frau: „Dein Gesicht her.“ Sie ließ sich die Hände abheben. Ihr Kopf +hing nach hinten wie eines schlafenden Kindes. Sie blinzelte, als wenn +sie ins Licht blickte. „Laß mich dich ansehn, Marion.“ „Ich kann nicht, +ich kann nicht, Marduk. Jetzt kann ich doch nicht. Ruf mich an, ruf mich +bei Namen. Wie ich heiße.“ Als er rief, lächelte sie, lachte träumte. +Sie horchte, umfaßte mit dem linken Arm seine Schultern. Marduks Gesicht +verzerrte sich. Er mußte mit Gewalt seine Wut festhalten. Während er +sich spannte, dachte er: dies ist merkwürdig, was hier geschieht. Durch +ihn trieb ein Gefühl, das zuckte bis in seine Zähne: man muß sich auf +ein Flugzeug setzen, die Steuerung fallenlassen und durch die Wolken +hin. Man muß tollkühn sein. Und dabei war eine Schwäche in seinen Lippen +Armen. Und noch tiefer in der Brust. Das bewältigen. Sein Grimm stieg. +Er schluckte und schlang. Er hatte schon den rechten Arm um sie gelegt, +die weiche durchwogte lachende Balladeuse. Da veränderte sich sein +Gesicht. Die Spannung war verschlungen, versunken. Er ließ den Arm nicht +los, der linke Arm legte sich über ihre vor- und rückwärts schwebende +Brust. Das steuerlose Flugzeug war da, das ihn forttragen sollte. + +„Marion“ ließ er sich sprechen, verzweifelt, die kalte Nase neben ihrem +Ohr, „das ist ein sonderbares Abenteuer, in das du mich führst. Ich +weiß, es macht dir Spaß, mich dahin zu führen. Du bist ein tolles Wesen, +ich habe viel von dir gehört. Ich soll auch einer von den vielen sein, +die auf deiner Strecke liegen. Das willst du, daß das geschehen soll. +Ich weiß es.“ „Was weißt du, Marduk“, lachte die Balladeuse. „Daß du +hergekommen bist, mich zu unterwerfen. Mich unter deine Füße zu +kriegen.“ Er wollte es, versunken verschlungen, wie er war, hören. Er +spitzte seinen Mund, sprach ihr in Gedanken die Antwort vor. Aber sie +gehorchte nicht, bewegte sich in seinen Armen: „Es ist die Seligkeit. Du +kannst mir sagen, was du willst. Es hat sich erfüllt.“ Er rüttelte in +einem fragenden Widerstreben an ihr, aber sie wich nicht. Da mußte er +nach ihren Schläfen greifen, um ihren Mund mit seinen trockenen Lippen +zu berühren; fest drückte er seine Lippen, gewaltsam auf. Aber wie von +einer Feueresse prallte er zurück, vor diesem heißen Atem, der langsam +strömte aus diesem ruhenden Leib. Die Luft strömte ein. Feucht glänzten +die weißen Zähne. Er bettelte in höchster Bestürzung; jetzt war er +verloren; seufzte, sich an sie pressend: „Nun ist gut, Marion. Nun hab +ich dir gegeben, was du wolltest. Geh jetzt weg. Lebwohl. Nicht wahr, du +gehst, du wirst gehen, gleich aus diesem Zimmer. Ich habe viele +Geschäfte, wir sitzen hier. Oh, Marion, geh doch. Warum sitzest du hier, +was sitzest du hier.“ Dabei hielt er sie gepreßt. Von einem Dunst fühlte +er sein Gesicht überzogen, als wenn es auftaute. Seine Hände schwollen +schwer und heiß an, wuchsen zusammen. Die blonde Divoise richtete sich +auf, löste seine Hände von ihrem Hals ab, lächelte, von ihm abrückend, +ihm zugewandt, mit kaum gehobenen Lidern: „Jetzt werde ich gehen? Jetzt +werde ich gehen? Wohin soll sie denn gehen, die Divoise, Marion. Sie +weiß nicht. Komm her, Marduk, steh auf. Steh auf. Deine Beine sind nicht +stark, aber stehen kannst du. Da stehst du. Warum soll sie denn gehen. +Sie will nicht gehen.“ „Was willst du denn. Du sollst gehen.“ „Ich +bleibe.“ Da war er von dem glühenden Hauch überströmt, der Sturm raste +durch ihn, er stand da und sah zu, knirschte: „Bleib hier.“ Und sie +ruhig: „Ich bleibe. Da bist du. Bist du nicht da.“ Er sie umschlingend, +die stand, er stöhnte lachte wütete: „Ich bin da. Da hast du mich. Da +hast du mich.“ Sein ganz offenes glührotes Gesicht, sein Kopf, der hin +und her schleuderte, die Mienen aufgelöst. + +„Du, Marduk, sieh mich an. Ich habe schon viele Männer gehabt, weiße und +farbige. Ich möchte mit dir eine Wette eingehen. Ich weiß, du willst mit +mir kämpfen. Ich werde mit dir kämpfen. Wenn du mich zur Lust bewegst, +wenn du Lust in mich bringst, wenn ich erliege –“ – Sie hatte ihm das +Gesicht voll zugewandt, ihre Augen flimmerten, sie warf sich lachend auf +die Bank, klatschte die Hände zusammen, ganz leise klang ihr Lachen. +„Was ist dann?“ „Wer erliegt, Marduk, der muß weg.“ „Was meinst du?“ „Es +ist eine große Wette.“ Ihre blaugrauen Augen flimmerten und drehten +sich. In ihm schluchzte schlingerte es hin und her. Er war ihr dankbar; +ah, sie war ein Weib. „Nimmst du den Kampf auf?“ „Wohl, wohl, Marion.“ + +Sie standen in Umschlingung, sie kicherte zitterte: „Wir müssen die +Wette schließen. Ich glaube nichts. Ich weiß nichts. Dies ist die +Seligkeit, die ich habe. Wenn ich lache, so mußt du nicht glauben, daß +ich selig bin, weil ich am Ziel bin. Ja, ich bin selig, – und auch, weil +hier mein Kampfplatz ist. Weil du mein Kampfplatz bist. Hier bin ich zu +Haus. Dich wollte ich. Ich habe, habe dich unendlich gehaßt, ganz ohne +Maß. Mein Haß war mein Rückgrat. Jetzt hast du dich gestellt. Ich kann +dich nicht loslassen, ohne daß ich dich ganz bis in mein Mark hinein +gefühlt habe. Ohne daß du mit mir gekämpft hast. Wenn du mich nicht +zwingst, mußt du weg. Wer erliegt, muß weg.“ „Ja.“ „Verstehst du das; +der muß weg. So will ich es. Wenn ich dir erliege, wenn ich an dir +vergehe, sollst du mich bei der Kehle nehmen und umbringen. Oder was du +willst. Das soll geschehen. Es gibt keine Gnade. – Ich bin schon da.“ + +Sie hatte den Lichtknopf geschlagen, das Licht war erloschen, das Kleid +raschelte von ihr. „Ich bin da, Marduk, wo bleibst du.“ Eine ganz andere +Stimme klang aus ihm, er hörte sie nicht: „Du sollst nicht auf mich +warten.“ Sie griffen sich im Dunkeln an, warfen sich auf sein Bett. Das +hilflose Geschrei in ihm war verstummt, er hatte sichere Arme, er +wunderte sich nicht, woher er sie hatte, seine Hände waren fest wie sein +Nacken. „Du hältst das wohl für ein Spiel“, stöhnte sie, „mein Lieber, +da irrst du. Du glaubst wohl, ich sei ein verliebtes Weib, das sich +hinwirft. Du irrst. Ich habe Dutzende Männer gehabt, sage ich dir, +farbige und weiße, schöne zarte und starke. Die haben mich alle angefaßt +wie du. Ihr seid mir nichts. Ich habe sie weggeworfen. Ich gebe dir +meinen Schoß, du brauchst mich nicht zu zwingen. Du brauchst nicht +danach zu drängen. Ich rate dir, Marduk, habe Geduld, dir liegt daran zu +leben. Nicht wahr, du möchtest in diesem Zimmer sitzen, die Tafeln da +blinken auf, du gibst deine Zeichen, du hast deine Waffen, man kann +nichts gegen dich. Das – ist – in drei Minuten vorbei, Marduk!“ Der +Mensch, der sich sonst Marduk nannte, gab zurück: „Ich habe keine +Geduld. Du wagst es nicht.“ „Ich wag es nicht. Ich wag es nicht. +Vielleicht will ich mir noch den Augenblick verlängern mit dir. Zittere +ich etwa. Mit dir will ich ringen. Mit dir werde ich ringen.“ „Du hast +das Licht ausgeschlagen.“ Sie hatte seinen Mund gepackt, ihr Mund lag +auf seinem; sie stammelte zwischen seinen Zähnen. „Ich will mit dir +ringen, nicht mit dir sprechen. Du dummes Mannstier. Du, was bist du +denn. Haha, ich fühle dich, zottiger Kerl, bist du stolz auf diese wüste +Brust, daß dir ein Bart an den Lippen wächst. Laß dich in den Bart ganz +einhüllen. Ich habe schönere Dinge als du. Ich habe einen Busen, an dem +Kinder getrunken haben. Meine Haare sind lang. Fein und lang und weich +sind sie. Ich hab überall glatte Haut. Wenn ich gehe, auf meinen schönen +festen Schenkeln, sehen die dicken unflätigen Mannstiere hinter mir +her.“ „Warum hast du das Licht ausgeschlagen?“ „So ist es. Du kannst +sprechen, was du willst.“ „Ich werde dir sagen, wer ich bin. Laß meinen +Mund frei. Ich küsse dich nicht.“ „So sag es mir, so lang du noch +lebst.“ „Du Unband, du weiches warmes Wesen, ich hab nicht nötig dir zu +sagen wer ich bin. Du willst dich vor mir verstecken.“ Eine rasende +Angst zuckte, dunkelte in ihr auf: „Mein Gott, wer spricht da, mit wem +hab ich mich eingelassen? Was hab ich getan? Das wollte ich nicht.“ Und +dann wieder flutend: „Das wollte ich doch. Das will ich. Das willst du, +o Marion Divoise.“ Sie flehte: „Bist du, Marduk, der den Saal vertrieben +hat, ich will es hören.“ „Du weißt es.“ „Und willst du nicht fragen, +Marduk, o Marduk, wer ich bin. Willst du es nicht?“ „Balladeuse, wer du +bist, die Dutzende Männer gehabt hat, farbige und weiße, starke und +zarte, werde ich bald erfahren haben.“ + +Da schrie sie. Und wie er seine Lippen zwingend gegen ihren Mund preßte, +umschlang sie ihn. Eine dunkle wallende Verschwommenheit war in ihm, war +Marduk. Und in dem Weinen Toben Grimmen war die Gnade, die Seligkeit aus +der Balladeuse genommen. Sie hielten sich bewegungslos. „Ich habe dich, +Marduk. Du hast mich. Du willst es so. Wir entgehen einander nicht. Ich +habe dir die Wette angeboten; ich werde dich nicht um Gnade anflehen. +Ich bin gewappnet. Du möchtest mich mit deinen Knochen zermalmen. Du +mußt nicht glauben, daß du stärker bist als ich, du feiger Marduk, +schwacher Marduk; mich begnadigst du nicht.“ „Wenn ich dich sehen +könnte, Balladeuse. Wie gut, daß ich deine Stimme höre. Sprich nur +weiter.“ „Wie gut, daß ich dich höre, Marduk. Ich besinne mich wieder. +Daß ich dich nicht vergesse. Weißt du schon, warum ich dich +herausgefordert habe? Um dich zu demütigen. Um dich erbärmlich zu sehen. +Es wird mir in drei Minuten gelungen sein. Jetzt erschreckst du mich +nicht. Jetzt reiße ich den Vorhang von dir herunter.“ „Sprich nur +weiter, Balladeuse.“ „Jetzt willst du meinen Mund. Weil du ein Mörder +bist. Weil du nur Mord kennst. Und mich ersticken willst. Mein Mund ist +nicht für dich. Du möchtest träumen.“ „Ich werde aufstehen und einen +Dolch gegen deine feigen Worte nehmen.“ Sie jubelte: „Darauf wartete ich +schon. Darauf wartete ich. Marduk, tus doch. O tus doch.“ Er schlug mit +der Faust gegen die Wand; leiser Lichtschein kam von der Tür her. + +Sein großer zerwühlter Kopf erhob sich, schnaubend, das verzerrte +Gesicht, die brennenden sie suchenden Augen. „Wer, wer will träumen, +Divoise? Wer träumt?“ Ihr Blick wurde starr. Dies war er, Marduk. An +diesem Leib hing sie. Diesen Rumpf hielten ihre Arme. + +Und sie. Die Feueresse sie, die stumme überflutete, sagte nicht +„Seligkeit“; der heiße Atem strömte langsam aus ihr, aus diesem ruhenden +Leib, die Luft strömte ein, feucht glänzten die weißen Zähne. Weg riß es +ihn im Nu. Er schmolz. Das blitzrasch im Zickzack durch die grauen +Wolken irrende Flugzeug. Was ist Leben und Sterben. Sein Mund stand +offen. „Jetzt stirbst du, Marduk.“ „O Marion“, sagte es aus dem heraus, +der Marduk geheißen hatte, „ich werde jetzt sterben. Du – bist die +Seligkeit. Gott verzeih uns beiden.“ + +Nichts hörte und sah sie. Ein Zittern durchfloß sie, ein Schwirren +Dröhnen durch ihren Kopf. Er fühlte nicht, wie ihre Hände ihn von sich +stemmten, wie eine Kraft in ihre Muskeln trat, die sie nie gezeigt +hatten. Der dunkle brennende Kopf, der schnaubende sich erhebende Kopf, +Marduks Kopf war vor ihren Augen stehengeblieben. Ihre erblindeten Augen +hielten nur ihn fest. Die Seligkeit überstieg überschritt durchbrach es. +Der Kopf senkte sich über ihren Hals, an ihre Brust, durch die Rippen, +in ihre Brust hinein. Hinein in ihre Brust. Sie biß sich die gefühllose +Lippe durch. Schluckte schluchzte kurz auf. Dies war die Wette. Der +Schauer. Der Graus. Die Arme fielen von ihr. Tiefe Schwärze. Die +furchtbare eisenklirrende zerreißende Qual der Lust. Die streckte sie +auf das Laken hin. + +Sie saß neben Marduk auf. Sie schüttelte sich. Im Dunkeln tastete sie +sich an die Bank. Marduks Stimme: „Wer geht?“ „Ich. Ich sitze hier. Ich +sitze auf der Bank.“ Nein, sie war nicht vor Marduk erlegen. Das, das +mußte etwas anderes sein. Das war etwas anderes, Entsetzliches. Sie sank +vor der Bank auf die Knie, sank flach über den Boden hin. In den Händen +etwas zu haben, etwas Weiches eine Puppe ein Kind. Sie streichelte den +Boden. „Auf, auf“, weinte es in ihr; „ich will nicht leben.“ + +Sie taumelte, ging sehr leise auf den nackten Sohlen. + +„Wer geht da? Du, sieh dich vor an den Wänden.“ „Ich will nur an das +Fenster gehen.“ Am Fenster aber stand sie, winselte schluchzte die +Balladeuse im geschlossenen Mund, trommelte mit den Fäusten gegen die +Wand. Wimmernd ächzend riß sie das Fenster gegen die schwarze Nacht auf, +lag mit dem Leib halb über der Umrahmung; tauchte, den Kopf voran, sich +tiefer. Hob die Beine an, kreischend. Als Marduk anlief, kippte sie; +schlugen die Beine hoch. Das schwarze große Fenster war leer. + + * * * * * + +Marduk stand mitten im Zimmer. Schüttelte den Kopf. Ging zum Fenster, +strich am Brett. Schüttelte an sich. Dann. Runzelte die Stirn, hob die +Fäuste, zog sich, das Kinn anhebend, knirschend auf den Boden ein. Er +bückte sich mit dem Mund auf den Boden, drückte den Mund an. Sein +Kreischen drang durch. Die Wache lief an auf dem Gange. Der Hauptmann +der Wache klopfte schlug an die Tür, öffnete trat ein. Hob Marduk, +zuspringend, auf, der mit gerunzelter Stirn an ihm hing, vor sich +stierte und schrie. Er setzte ihn auf das Bett, kleidete ihn an. Führte +den schüttelnden zitternden drängenden Mann durch das Zimmer. Der ging +nur bis zur Zimmermitte und dann rasch zurück, fragte immer: „Was tu ich +hier.“ Plötzlich krampfte er sich zusammen, machte sich steif, ließ den +Hauptmann los, schrie die Arme weitend: „Wache, Wache!“ „Konsul, ich bin +hier.“ „Lärm. Lärm. Ich will Lärm.“ Und gegen die Metallrückwand seines +Tisches schlug er mit der Faust: „Ich will Lärm. So. Lärm.“ + +Er stürzte neben dem Hauptmann auf den nächtigen Hof. Man hatte die +Zerschmetterte fortgetragen. Er schüttelte brüllte: „Lärm, Lärm.“ Die +Soldaten schlugen gegen Blechschirme. Sie schmetterten mit Eisenstäben +gegen die Platten. Es war nicht genug. In einem schwarzen engen, immer +dichteren Kreis Männer stand er, die die Platten schlugen. Wehklagend, +die Arme hochstreckend stürzte er über sich. Sie durften den Rest der +Nacht nicht nachgeben. Gespannt stand er in dem Kreis, zitterte schrie +näherte sich den Männern im Zickzack. Das Tosen scholl in die Stadt +hinein. + +Als es hell wurde, ließ er ein Bett in ein leeres Zimmer tragen. Da lag +er bis zum Mittag; der schwarze stille Hauptmann wartete bei ihm. Diesen +Mann ließ Marduk nicht aus dem Zimmer. Vor ihm weinte keuchte lechzte er +sich aus ohne Scham. Am Mittag verließen sie das Zimmer. + +Die schneeige Gestalt Jonathans an der ersten Treppe. Jonathan stürzte +an Marduk, der die Zähne zusammenbiß, herunter, hielt sein Knie umfaßt. +Es war, wie er den Kopf anlegte, als ob er um Verzeihung oder Gnade +flehte. Ungeduldig bewegte der Mann oben die Knie, dachte nicht, warum +der junge Mensch niederfiel. Den Umhang raffend stieg er auf sein +Zimmer. „Wir werden – arbeiten“ sagte er mit übergroßen glasigen Augen +zu dem Hauptmann. Sprach empfing ordnete. Dachte zwischendurch: „Ich +höre nichts. Ich sehe nichts. Was geht vor.“ + +Leichenblaß matt schlich gegen Abend Desir, der sanfte Freund der +Balladeuse, in das Gebäude. Er wollte nicht zu Marduk. Als der von ihm +hörte, ließ er ihn holen. Sie standen sich gegenüber. Dem stummen Desir +quollen die Tränen aus den Augen. Er ging zum Fenster, aus dem sie +gefallen war, streichelte das Brett daran, warf sich am Fenster auf die +Knie, schluchzte von Marduk abgewandt. „Du denkst, Desir“ zischte er +plötzlich, „ich hätte Marion umgebracht.“ Der stammelte: „Ich weiß +nicht, was ich denken soll.“ „Komm her, Desir, komm.“ Und wie er +anschlich, betrachtete ihn Marduk lange, hielt sich, den Mann +umschlingend, an ihm fest, murmelte: „Sie, sie – war gut zu dir. Du hast +ihr wohlgetan. Es war gut, Desir.“ „Warum ist sie gestorben?“ „Nicht +fragen, Desir. Nicht fragen.“ Und hatte den andern schon losgelassen, +war schüttelnd auf den Boden gefallen, schrie stopfte sich hilflos ein +Tuch in den Mund; Desir hielt ihn kniend, selber weinend. + +Am nächsten Morgen wurde der zerbrochene Körper der Balladeuse +verbrannt. Marduk mit dem schwarzen Hauptmann und Desir wohnten der +Verbrennung bei. „Ich möchte dir etwas Gutes antun“ preßte, wie sie die +Halle verließen, Marduk hervor neben dem leichenähnlichen Desir. „Du +wirst dann, ich möchte dich darum bitten, die Stadt verlassen. Geh weit +weg, mit dem Kinde. Ich werde es dir ermöglichen.“ „Was habe ich dir +getan, Marduk?“ „Nichts. Du wirst mir die Liebe antun, da dich nichts an +die Stadt bindet, wegzugehen. Du machst mir eine Freude, Desir. Du wirst +es tun.“ Der blickte den Konsul an, der obwohl er starr ging, so weich +zu ihm sprach wie nie. An der Treppe des Ratsgebäudes stürzte Desir an +Marduk herunter: „Mir ist ein großes Leid geschehn.“ „Ich weiß, ich +weiß“ flüsterte Marduk „aber du wirst die Stadt verlassen.“ Er nahm den +andern beim Arm. Im Vorraum, in der einsamen blumenbestellten Glashalle, +drückte er ihn an sich, hauchend: „Jetzt ist sie weg, weg, Desir. Die +Balladeuse ist weg. Jetzt ist es leer. Sie ist Asche. Asche. Asche. Zu +mir ist sie gekommen.“ Er zitterte fror knirschte mit den Zähnen: „Warum +ist sie zu mir gekommen? Was hab ich ihr getan, daß sie – wegging? Ich +habe ihr nichts getan. Sag mir, du hast sie gekannt: was hat sie von mir +gewollt. Sie hat mich zerbrochen und dann ist sie weggegangen. Warum, +warum?“ „Sie sagte, daß sie dich haßte, Marduk.“ „Ich habe ihr nichts +getan. Sie ist dagewesen. Sie hätte gehen können.“ Marduk hatte den +andern losgelassen, schüttelte mit den Armen: „Geh weg, Desir. Ich will +gar keine Antwort. Steh hier nicht.“ Desir mit verträumten Augen wankte +zur Tür. Marduk rang sich hinter ihm ab: „Desir. Trage es mir nicht +nach. Komm noch einmal. Komm.“ Er umarmte ihn. „Du hast sie nicht +geschickt. Meine Feinde haben sie nicht geschickt, Desir. Was war in +ihr. Warum mußte sie davongehen. Und du hast sie lieb gehabt. Lieb. +Lieb. Bist jahrelang bei ihr gewesen.“ „Was hast du mit ihr gemacht, +Marduk?“ „Nichts, nichts, ich schwöre. Ich bin ja zerbrochen, +zerbrochen. Siehst du es nicht.“ Und das hilflose Zittern. Desir löste +sich, ging. Verließ die Stadtlandschaft, wanderte im Westen herum. Man +hörte sehr früh davon, daß er gegen den verbrecherischen Marduk +agitierte. + +Die Politik des geschlagenen Marduk änderte sich nicht. Schwächer fühlte +man ein Jahr lang seine Hand über der Stadt. In grämlicher Bitterkeit +vegetierte er, fast von Monat zu Monat stärker ergrauend. Er schien ohne +innere Anteilnahme, nur aus Gewohnheit die Dinge weiterzutreiben. Die +näher bei ihm waren, wußten, daß er auf seinem Zimmer oft verzweifelt +winselte. Einige hatten damals den Eindruck, es genüge, ihm auf die +Finger zu schlagen, um seine Richtung zu verändern. Man vernachlässigte +herausfordernd den Abbau der Mekifabriken, betrieb die Niederlegung von +Gebäudereihen, den Aufschluß der Bodenerträge. + +Er hatte schon lange nichts von Jonathan gehört. In dem Zorn seiner +Tätigkeit hatte er nicht mehr den Hinweis auf diesen Schmerz bedurft. +Breiter schwerer war Marduk geworden, mit eingezogenem Kopf, kleinen +zwinkernden Augen, grauen Haarbüscheln an den Schläfen. „Ich bin schon +grau, Jonathan, findest du. Und du, laß dich sehen.“ Schlank und reif +Jonathan, im langen Silbermantel; zögernd leicht furchtsam bot er dem +Älteren die Hand. „Du sollst mir helfen, Jonathan. Ich hab wenig Hilfe.“ +Ob er bedroht sei. „Nein, man bedroht mich nicht.“ Lächelnd matt setzte +sich Marduk; seine Zimmerwand schimmerte weißlich, als sei sie mit Blech +beschlagen: „Was treibst du Jonathan, den Tag über, den Monat über.“ +„Den Tag über?“ Er arbeitete wie viele andere an einem Moor; es sei +keine kleine Arbeit. „Du machst mir einen Vorwurf. Du meinst, es sei +eigentlich nicht nötig, ich könnte die Fabriken erweitern.“ „Nicht, +Marduk. Ich meine das nicht.“ „Hast du andere Wünsche?“ Als Jonathan +schwieg, ihn staunend ansah, saß Marduk schweigend matt da. Die Wache +öffnete die Tür; ein bräunlicher Mann, Senator einer westlichen +Stadtschaft, trat ein, verneigte sich tief vor Marduk, wagte kaum, sich +aufzurichten. Marduk fragte ihn in seiner grämlichen Art nach Namen +Absichten. Er wollte nur Marduk sehen, sich vor ihm verneigen. „So“ +lächelte Marduk bitter „dazu kommst du her. Das nützt mir nichts, mein +Freund. Das stört mich. Ihr braucht euch vor mir nicht sehen zu lassen. +Ich will dir etwas sagen: ihr taugt nichts.“ Und als der gegangen war, +murrte er, er werde sich in Stein aushauen lassen: dann hätten sie den +Stoff, der sie seien, und sie könnten sich davor verbeugen, soviel sie +wollten. Es ereignete sich, daß nach Jahren zum erstenmal Marduk in +einer Senatssitzung erschien, unangemeldet, ohne ein Wort zu sprechen +saß und wieder ging. Öfter kam er, horchte ging. Sein sorgenvolles +ruheloses Umherwandern in der Stadtschaft. Er wurde einmal auf eine +ungeklärte Weise, wahrscheinlich durch ein ungesehenes Gas, im Nordteil +der Stadt betäubt und noch rechtzeitig von der ihm nachspürenden Wache +aufgefunden. Als Jonathan ihn besuchte, seine helle Verzweiflung: „Sitz +ich nicht wie in einer Falle. Wie lange dauert es und sie schlägt zu. +Sie belauern mich von allen Seiten. Sie haben Waffen. Sie arbeiten. Ich +kann nichts tun. Nicht einmal das kann ich.“ + +Und immer wieder: „Nicht einmal das.“ Er drängte Jonathan plötzlich +ängstlich zu sehen, ob jemand vor der Tür sei, und als Jonathan +zurückkam, brach er in einen Weinkrampf aus. „Sie können nichts. Ich +wache über sie. Vor dem Uralischen Krieg war es nichts und jetzt ist es +nichts. Wir sollen alle verderben. Weißt du, daß ich dich schon lange +nicht gesehen habe. Weißt du, welchen Tag wir heut schreiben.“ Er +studierte, auf dem Bett sitzend, Jonathans Gesicht. „Heute ist der +Jahrestag meines Einzugs in die Stadt.“ „Ja.“ „Komm näher, Jonathan. Was +war noch damals. Laß mich besinnen. Damals ließ ich dich rufen, ich ließ +dich nicht fesseln. Dann habe ich mit dir eine – Ehe geschlossen.“ „Laß +das, Marduk.“ „Ich weiß es noch gut. Es tut mir wohl daran zu denken, +lieber Bruder. Es war eine finstere schreckliche Zeit. Aber sie war gut. +Ich war der Nachfolger Markes.“ „Ich will gehen, Marduk, ich will gehen. +Ich bitte dich, laß mich gehen.“ Marduk der Graubärtige zitterte. Er sah +begierig bang den Jungen an, fühlte, daß er sich den Tod wollte, daß er +ihn schon halb litt. Sein Körper schüttelte; er murmelte: „Wie die +Versuchung sich mir immer wieder nähert. Jetzt kommt sie von dieser +Seite. Ich hab es nicht erwartet.“ Stark atmend schob er an einer Vase +hin und her, drückte sie dann klammernd fest auf den Tisch. Jonathans +zarthäutiges Gesicht loderte, die linke Hand hielt er sich vor die +Stirn. „Es ist gut, Jonathan, laß nur sein. Ich will dir zu Hilfe +kommen. Ich will dir zeigen, warum du nicht gut von mir denkst.“ Er zog +ihn durch die Tür über den Gang ans Fenster: „Hier siehst du es. Da +liegt die Stadt. Du denkst, wie die Straßen früher gefüllt waren. Wie +die Häuser aussahen und was ich alles angerichtet habe. Dies ist die +Stadt. Sie versumpft verwahrlost verfällt. Das ist Marduks Gesicht. Sag +es mir geradeheraus. Ich bin ein geduldiger Zuhörer.“ Stiller blickte +ihn der Jüngere an, wie auf den bitteren bartumwucherten Mund ein +grellroter Sonnenstrahl fiel. „Was du denkst, Jonathan, ist mir keine +Neuigkeit. Ist kein Geheimnis. Viele denken es. Wenn ich keine Waffen +hätte, wäre ich seit Jahren verschwunden. Sie beschuldigen mich, daß ich +sie zugrunde richte, weil ich sie auf die Äcker treibe.“ „Ich +beschuldige dich nicht, Marduk. Ich bitte dich ja, daß du mir +verzeihst.“ „Ja ich weiß, du hattest mich schon einmal um Verzeihung +gebeten. Auf der Treppe. Oder was war es. Damals. Du fielst, glaub ich, +vor mir nieder. Laß gut sein.“ Er zog sich vom Fenster zurück, in das +Zimmer, hielt eine Stuhllehne stumm eine Zeit gepackt; aus seinem Mund +kam dann: „Ich sage dir, ich bin nicht schuld an dieser Erbärmlichkeit. +Nicht ich. Ich kann nicht mehr tun. Wie ich den Stuhl in das Zimmer +werfe, so sind die Menschen: sie können nichts als poltern und +hinfallen, wenn man sie anfaßt. Uns fehlt etwas. Was fehlt uns. Mir ist +ja nichts mehr gegeben, Jonathan. Ich kann ja nicht mehr. Sie sind schon +zu Tausenden weggelaufen. Zum Schluß werden sie meinen Kopf nehmen. Als +wenn sie dann etwas hätten. Ich bin imstande ihnen nachzugeben. Aber – +ich tu es nicht. Bin ich schlecht, so gibt es noch Schlechteres als +mich. Ich irre herum, aber über ihnen bin ich doch. – Ich bin schlecht, +nicht wahr Jonathan?“ Er legte hauchend seine Stirn auf die Schulter des +andern. „Du bist nicht schlecht. Wenn ich wüßte, wie ich helfen könnte.“ +„Du zwingst dich. Du sagst mir etwas Gutes, Jonathan, weil ich dir leid +tue. Im Grunde meinst du etwas anderes. Bleib bei mir stehen. Du mein +Bruder, der mich haßt.“ „Ich möchte dir helfen, Marduk, mit allem, was +ich kann. Du mußt mir zeigen. Ich will zu dir kommen und neben dir +sitzen, Marduk, halt mich nicht für ein Kind. Ich bin dir nicht gram. +Ich finde, wahrhaft, in mir nichts an Gram gegen dich. Ich habe dir +vieles abzubitten. Gib mir Gelegenheit, Marduk, mich dir gut zu +erweisen. Wer bist du, wer bist du, du armer Mensch.“ „Nicht so +sprechen, nicht so sprechen“, zitterte der andere, „bleib immer so +stehen bei mir. Hab ich mich vor dir enthüllt als Armer. Es sind alle +arm. Nicht ich allein. Wir verderben alle. Wo ist Rettung.“ Er löste +sich von Jonathan. Mit vibrierendem Gesicht, zwinkernden Augen, bösen +kleinen Blicken auf den Jungen ging er um den runden Tisch, stierte von +drüben den andern an: „Es ist etwas faul bei mir. Ich bleibe noch eine +Weile hier im Haus. Das ist mein Mauseloch. Ich helf mir schon. +Jonathan, ich helf mir schon allein. Sieh meine grauen Haare an. Vor +einigen Jahren waren sie wellig und glatt. Jetzt stehen sie wie Borsten +auf. Das ist das Schicksal dieses Landes. Man wird mich vielleicht bald +aus dem Haus heraustragen. – Es ist genug jetzt. Ich fürchte, ich werde +zum Schluß meines Lebens noch sehr böse.“ + +Als Jonathan ihm zum Abschied die Hand gab, hielt Marduk diese glatte +warme Hand eine Weile mit seinen beiden fest. Mit einer leichten +zwangmäßigen Gegenbewegung entzog sie ihm der Jüngere. „Ich werde ihn +nicht mehr besuchen“, dachte Jonathan, als er frierend die Treppe +herunterstieg. Entschlossen in tiefer Seele war er. „Niemals, niemals +mehr werde ich ihn besuchen. Und wenn er mich tötet, mich ins Gefängnis +steckt, alle Martern an mir vollstrecken läßt. Ich werde ihn nie +besuchen.“ Ein riesengroßer Abscheu vor Marduk ging durch ihn. Er war +hingerissen von der Gewalt dieses Abscheus. Und als er draußen war, lief +er seitlich in stille Parkanlagen. Lief weinte schlug sich die Brust vor +Widerwillen Empörung grenzenloser Scham. „Die Schmach“, dachte er, „die +mir dieser Mensch angetan hat.“ Ein Ekel schwamm in seinem Mund. Er spie +es von sich. Drängte langsamer zum Park hinaus. Als er wieder Menschen +sah, konnte seine Brust tief und voll atmen. Er verachtete Marduk. „Ich +gehe niemals zu ihm. Es wäre wirklich gut, man beseitigte diesen +Graukopf. Der Staat könnte nur gewinnen. Alle könnten dabei gewinnen.“ + +In der Tat wankte Marduk damals. Er, der sonst einsam auf den Zentralen +saß, ging mit deutlicher Unsicherheit herum, sah hier zu, dort zu, +fragte. Es geschah oft, daß er von seinen Wachen gebeten wurde, auf sich +zu achten, weil er sich in schlimme Lagen begab. Man sah den Konsul mit +einem Hund durch die Straßen gehen, einem großen starken Wesen. Das +Verschwinden des Tieres beendete diese gefährliche Epoche Marduks. Da +verließ er die Straßen. Er war der alte immer Entschlossene, dem, wie +viele sagten, an nichts so gelegen war wie an der raschen Entvölkerung +der Stadtlandschaft. + + + + + Viertes Buch. + + Die Täuscher + + +Weich und schlank, mit einer gebundenen, oft sprühenden, leicht sich +erhebenden Freudigkeit ging Jonathan durch das Ratsgebäude. Bänder und +Federn hingen an ihm. Er galt als der Trabant Marduks. Etwas von dem +Schrecken, den der Konsul einflößte, ging auf ihn über. Es machte ihm +Freude, den Schrecken zu gebrauchen. Wenn er in der Dämmerung durch die +Straßen schlenderte, die leerer lichtloser lärmloser waren als früher, +fiel ihm öfter seine Mutter ein. Vor seinem stolzen in sich gekehrten +Blick stand sie, nicht mehr mit klaffenden Schultern, bewegungslos +hängenden Armen. Unter seinen stolzen schmelzenden Blicken, unter den +leidenden schmerzgesättigten heischenden bewußten Blicken gab sie nach. +Von seinem Mund, seinen Wangen floß es her: sie war eine ferne sich weit +hinbreitende grüne Landschaft, Wipfel Äste und Laub, Himmel darüber. Das +war, er fühlte gesättigt, seine Mutter. + +Als er einmal dem Ratsgebäude sich näherte, – der Ernst umschwebte ihn, +seinen silbernen Mantel hatte er eng an sich gezogen, – saß da eine +gelbbraune junge Person, die geschlafen hatte und ihn gerade auf sich +zukommen sah. In einem jähen unsinnigen Schrecken wollte sie in das +Gebäude. Das war verschlossen. Sie lief im Augenblick, stürzte die +Straße entlang. Erst da achtete Jonathan auf, sah sich nach allen Seiten +um, wer das Mädchen verfolgte. Verblüfft sah er nichts. Er war es +selbst. Er rannte halb hinter ihr her ohne zu wollen. Straßen nach +Straßen. Das Mädchen lief angstvoll, schrie. Seitlich Gehende erkannten +Jonathan, blieben lachend stehen. Er stürzte lang hin. Sie stand im +Augenblick erschreckt, rannte zaghaft, sich oft umdrehend, weiter. Er +war verärgert, sein Knie brannte. Er verstand das Ganze nicht. Jäh +stürzte er nach. Sie lief langsamer im Kreise. Er warf sie von rückwärts +auf das Pflaster. Erbittert bückte er sich über sie, die auf dem Gesicht +lag, zog sie an dem Kragenausschnitt hoch. Sie wehrte sich nicht, hielt +den Arm vor das Gesicht. Er schrie, was sie am Ratsgebäude zu tun gehabt +hätte. Sie wimmerte, ohne das Gesicht zu zeigen, daß sie Hausgehilfin +sei und den Hund der Frau beschädigt hätte und die Frau hätte +geschworen, sie gehe direkt zu Marduk und werde Anzeige erstatten. +Jonathan fiel es ein zu sagen, die Frau hätte schon Anzeige erstattet +und er werde sie vor Marduk führen. Sie kam nicht von der Stelle, +bettelte, zeigte ihr fremdländisch faltenlos linienlos glattes Gesicht, +die leicht abgeplattete Nase, einen weiten törichten Mund. Er verbat +sich ihr Reden, sie mußte mit. Mit heimlicher Freude führte er sie +streng durch die Straßen. Dann gab er sie in ihrem Hause ab, wo er +Furcht erregte durch die Bemerkung, er sei von Marduk geschickt. Wie es +dem Hunde gehe. Die Leute zeigten furchtsam das Tier, das hinkte. Er +erklärte, daß Marduk sein Augenmerk neuerdings stark auf Hunde richte. +Man dürfe nicht glauben mit dem Vieh umzugehen, als sei es beliebiges +Sacheigentum. Einige Tage ging er noch hin, ließ sich, scheinbar +sachverständig, den Hund zeigen. Einen Heilkundigen brachte er mit. Der +katzbuckelte vor Jonathan, konstatierte an dem Tier mehrere Krankheiten; +Jonathan wünschte, daß er das Tier behandle. + +Abende und Nachmittage verbrachte Marduks Freund jetzt in dieser +Gesellschaft. Eine ganze Zahl zerlumpter Frauen und Männer saßen da +zusammen, rauchten diskutierten. Es waren Leute, die sich nicht der +schweren Arbeit zuwenden wollten, nicht den Entschluß aufbrachten +auszuwandern, auch viele Kranke. Solche Ansammlungen waren viel in der +Stadt. In den Jahren von Marduk war die Stadtlandschaft ein halbes +Feldlager. Es kam wenig zu Gewalttätigkeiten; Marduks Horden zogen stark +durch die Anlagen. + +Damals trat Berlin, das sonst in Häusern und Fabriken hockte, ganz auf +die Felder und Plätze. Die Menschen nahmen Fühlung zueinander. Ein +Gefühl der Unsicherheit und Unwirklichkeit lag auf allen. + +In diesem Jahr erlebte Jonathan Dinge von einer Schönheit und Süße, wie +er sie nie gekannt hatte. Er nahm Elina, das Mädchen, das er verfolgt +hatte, zu sich, verließ mit ihr die Stadt. Durch Hamburg Frankfurt Genf, +die südlichen Stadtlandschaften fuhr er. Die erregtere Luft. Die +heftigen ungebundenen umeinander wallenden Menschen. Spöttisch hörte er +überall die tiefe Ehrfurcht vor Marduk. Mit ängstlicher Neugier wurde er +nach den Dingen Berlins befragt. Von dem Augenblick an, wo das junge +zahme Wesen, Elina, sich an ihn hielt, hatte er keinen Sinn mehr für die +Dinge der Stadt. Er war nach einem Monat, als er am Mainufer mit ihr +saß, erschüttert von dem Gedanken an die Ereignisse, die hinter ihm +lagen, von dem Segen, der sich an ihm erfüllte. „In was für Schrecken +hat er mich hineingezwungen“, flüsterte er, während sie in der +sommerlichen Luft sich neben ihm auf der Uferwiese ausstreckte und seine +Hand mitzog, „ich kann sie kaum ausdenken, Elina. Sag, Elina, kommt es +wohl vor, daß Menschen aus der Hölle entlassen werden, in ein anderes +Stück der Ewigkeit, und daß sie das Gedächtnis an das Frühere behalten? +So geht es mir.“ „Aber du vergißt doch schon, Jonathan.“ „Ja, es scheint +mir ganz unglaubhaft, was ich getrieben habe, Elina. Laß mich einmal die +Augen zumachen; gib mir auch deine andere Hand. Es ist wunderschön hier. +Wie ist es möglich, daß solche Dinge geschehen wie die, die ich erlebt +habe! Wie können Menschen sich so bewegen! Ich! Ich verstehe nichts, +nichts mehr davon. Daß ich in der Stadt bleiben konnte, daß ich mit ihm +umging. Wahrhaftig, er hat recht: ich wollte ihn sogar umbringen. Was +ging er mich nur an. Ich brauchte doch nur ein paar Schritt +vorbeizugehen.“ „Sprich doch nicht von ihm. Warum sprichst du nur von +ihm, Jonathan. Ich kann dir viel schöne Dinge erzählen. Ich werde dir +erzählen – von der armen dummen Elina, die einmal auf einer Steintreppe +saß und an einen Hund dachte.“ „Nein, es ist nicht nötig, Elina. Es ist +ja alles vorbei. Wie vorbei. Ich traure ja beinah um ihn. Er ist noch +drin, in der Hölle.“ „Leg dich zu mir herunter. Du bist viel schöner als +ich bin. Sag mir, was ich bin. Erzähl mir von mir. Ich möchte etwas von +mir hören.“ Jonathan, dem sie den Kopf auf den Schoß legte, lachte +herunter: „Wir sitzen wie ein Märchen auf der Wiese.“ „Wie heißt das +Märchen?“ „Ich weiß noch nicht. Früher habe ich oft mit Frauen gespielt. +Es war nicht wie mit dir.“ „Ich bin anders, ich bin besser?“ „Viel +besser. Warum siehst du mich an. Du glaubst es nicht. Die Frauen –“ +„Nun? Sie waren viel schöner als ich.“ „Ich kann mich nicht mehr +besinnen, wie sie waren. Aber du bist wie eine Glocke in einer Kirche am +Sonntag. Man sieht sie nicht, man hört nur etwas Luftartiges von ihr. +Man sagt, es ist die Glocke, die läutet. Und wer fromm ist, geht drauf +zu, wo der Klang herkommt. Und selbst wenn man in der Kirche sitzt, +sieht man die Glocke nicht, die läutet, kann eigentlich gar nicht sagen, +daß es die Glocke ist, die läutet. Du bist da, ich höre und sehe dich; +ich sitze auf der Wiese am Main. Ich kann dich genau beschreiben. Das +bist du.“ + +Sie richtete sich auf, zog die Unterlippe herunter, nahm ihre Hände weg: +„Im Grunde ist es dir dann gleich, wer ich bin. Brauchst dich doch nicht +um mich kümmern. Bimmele dir etwas vor, und du sagst: es bimmelt und +bist zufrieden.“ „Eben.“ „So kann ich sagen was ich will? Auch nichts +sagen? Vielleicht auch weggehen?“ „Nicht weggehen. Du kannst dich rühren +und bewegen und du erfreust mich. Gott, sagt der und der, hat jedes Haar +auf dem Kopfe gezählt. Ich auch. Komm her. Ich habe jedes Haar, jede +Strähne gezählt, kenne sie ganz genau, besser als der Gott, denn sie +sind mein. Und deine Nase und dein Mund und deine Füße in roten +Strümpfen und dein Kleid: das bist alles du und ich brauch gar nicht +drüber nachdenken.“ + +„Von dir aber kann ich sagen, Jonathan, wer du bist.“ „Ach tu es nicht.“ +„Warum nicht. Ich kann es doch. Ich kann es dir mit zwei drei Worten +ganz genau beschreiben. So genau, daß jeder gleich weiß, wer es ist und +sagt, das bist du.“ „So sag.“ „Du bist Elinens liebster Mensch. Du bist +meine Freude. Mein trüber Himmel und mein sonniger Himmel. Mein Jäger +mein Räuber mein Wald mein Haus meine Stube mein kleines Kissen. Meine +zerbrochene Scheibe, meine ganze Scheibe. Ich kann dich streicheln und +du gehörst zu meiner Haut zu meiner Hand. Mein Auge mein Ohr meine Stirn +meine Brust. Du alles. Nun weißt du, wer du bist.“ Sie hielten sich. Er +lächelte, während sie die Linien seines feinen Gesichts mit Küssen +nachzog und über seinen Augen lange stillhielt. „Mach die Augen auf“, +rief sie, „du träumst ja schon wieder.“ „Nur schöne Dinge, Elina. Ich +dachte, wie du mich in das Haus gesperrt hast, als die Leute auf mich +losgingen, weil sie Marduks Freund nicht wollten. Da hast du den +Schlüssel verloren und mußtest mir zum Fenster hinaushelfen. Ich bin +statt auf deine Schulter zu steigen an dir vorbeigesprungen, auf meinen +Arm.“ „Der wieder gut ist.“ „Damals habe ich mich zum ersten Male, in +deinem Zimmer, nach dir gesehnt. Du solltest kommen, dacht ich mir; +Marduk verdirbt mich. Jetzt ist die Stunde für dich, die mich schon +eingesperrt hat für sich. Aber es war still. Du kamst nicht.“ „Ich hab +die Schlüssel nie wiedergefunden.“ „Und ich freute mich, wie ich dich +weinen und betteln hörte draußen. Kein Wort hab ich gesagt. Mit dem +Gesicht lag ich an dem Türholz. Eingesperrt war ich, aber frei. Freier +Jonathan. Nach einigen Stunden war er auch frei.“ „Nun sind die Augen +wieder auf.“ + +Sie wohnten nahe dieser Wiese in einem Gehölz, zwei Tage, in einem +künstlichen Haus, wie es Lustreisende damals viel brauchten. Das Haus +oder Zelt bestand aus gazeartigen Tüchern, die man an einem Gestell +befestigte, das nicht dicker als ein Streichholz war. Das Gestell war +aus leichtestem starken Metall. Sie setzten, wo es ihnen wohlgefiel, aus +ihren Tornistern das Gestell auf den Boden. Eine Gasflasche wurde +angeschraubt und leicht erwärmt. Die doppelwandige Gaze prallte Seite an +Seite hoch, stand fest und hart wie aus Beton. Fußboden und Decken +wurden so errichtet. Fenster und Türen, schwarz oder durchsichtig, +konnten eingefügt werden. Das einzimmrige Häuschen wurde wie ein Schiff +verankert. Und überall in schönen Gegenden fand man Pflöcke mit Ketten +und Zeichen, die die nächsten Ankerplätze angaben. Aus Fußboden und Wand +konnten bei manchen dieser Häuser Betterhebungen vorgetrieben werden aus +polsterartiger Substanz, Schrankvertiefungen Bankerhöhungen. + +Jonathan wohnte da mit Elina. Sie trug an ihrem Körper mit Freuden ein +Hemd, das sie sich in Frankfurt gekauft hatte. Sie hatte es unbemerkt +vor Jonathan gekauft. Es war in der Stadtschaft als ein zauberhafter +feiner Stoff von den Frauen geheimnisvoll angepriesen. Ein weicher Stoff +war es, vom Aussehen dünnster Fischschuppen, ein lebendes Gewebe, das +man wie Perlen auf warmer feuchter Haut trug, mit deren Atmung es +gedieh. Dann teilten sich die Zellen, Myriaden. Eine Haut unter der +ersten erschien, dichter enger an der menschlichen Haut, der sie auflag, +über der sie kaum ablösbar hing. Die obere Haut trocknete ein, stäubte +ab. Weiß war die Farbe des Hemdes, das man kaufte. Nach einer Woche trat +unter dem Ergrauen und Abschilfern des Mutterhemdes eine grüne Farbe +hervor. Dann vollzog sich der Vorgang, der ein Generationswechsel war, +weiter; rot trat hinzu, violettes Schillern. Die Moosstoffe, aus +botanischen Versuchsstätten, waren sehr sorgsam zu pflegen. + +Er saß bei ihr am Bett. „Elina, komm nach Berlin.“ Elina war heißer und +fremder geworden. „Ich mag nicht. Es ist hier viel schöner. Du brauchst +längere Zeit, um alles zu vergessen.“ „Komm Elina.“ „Ich mag nicht. Was +forderst du von mir;“ sie warf den Kopf zurück. „Hätte ich die Reise +nicht mit dir gemacht.“ Sie lachte gurrend: „Seid Ihr ängstlich, daß Ihr +Euch nicht in fremde Städte wagt. Du und Marduk. Aber Marduk weiß noch, +was er tut. Er hat seine Waffen seine Maschinen. Von uns fordert er +Dummheit. Werdet wie die Kinder. Ich mag nicht nach Berlin.“ Sie trug +über dem fremdartigen Hemd ihr eigenes aus Leinen. Die Haut ihrer bloßen +schlanken Arme war bräunlich; die Härchen darauf schimmerten golden. Und +wie sie den Arm abhob, das weite Hemd zurückfiel, die Schulter freigab, +bückte sich Jonathan vor: „Was hast du da? Was trägst du für eine +Jacke?“ „Eine Jacke? Ach!“ Sie lachte; zugleich wurde ihr Hals rot. „Es +ist mein Hemd. Du hast es noch nicht gesehen. Ich habe es in der Stadt +gekauft.“ „Ein grünes Hemd. Du hast es gekauft. Ich sagte, ich mag es +nicht.“ „Jetzt ist es grün. Dann wird es rot, vielleicht blau. Das Obere +schilfert immer mehr ab. Weißt du, es legt sich immer dichter an. Als +wenn es mit Gummi angeklebt wird. Man merkt es gar nicht. Es wächst fast +an.“ „Ach.“ Er staunte. Sie saß hoch, ihre Brust lächelnd entblößend. Er +ging still herum. Am Abend wurde er heftiger und sie gab nach. Sie +dachte an nichts, freute sich über seine Gereiztheit: „Bist du ein Kind. +Ich soll hier weg. Es beißt uns keiner.“ „Ja, ja“, er schüttelte sich, +„ich bitte dich, ich flehe, komm weg.“ + +Sie legten das Haus zusammen. Und wie sie nach Berlin geflogen waren, in +seinem Zimmer saßen, zog er ihr die Armspange ab, küßte die Spange, +legte sie an seine Wange, band sie sich um. Ihre Schuhe knöpfte er auf, +die Strümpfe zog er herunter, rieb die kalten Füße zwischen seinen Knien +mit den Händen warm. Sie sah vergnügt, zum Kichern geneigt, von oben zu. +Den Rücken machte sie krumm, die Arme schlug sie sich vor Lust an den +Hals, als er ihr das Mieder öffnen wollte. Sie sprang davon. Lag im +Bett, zugedeckt bis an die Ohren. Und als er „Elina“ rief, sang sie +unter der Decke: „Ich höre nichts. Leg dich schlafen.“ Sie trällerte +„Jonathan“, als er sich neben sie hinstreckte, ihren Hals umschlang. +Seine Hand lag auf ihrem Nacken. „Was hast du an?“ „Ein Hemd.“ „Das ist +das Hemd.“ „Das grüne. Vielleicht ist es schon rot.“ „Wozu hat es denn +Farben, wenn ich sie nun nicht sehen soll. Du bist so lustig geworden.“ +„Nicht? Und das ist doch schön.“ „Warum bist du so lustig?“ „Weil ich’s +sein will. Mein Hemd zeig ich dir nicht.“ Sein Arm zog sich zurück, +traurig sagte er: „Wie bist du zu mir.“ Und wie seine Stimme verklungen +war, horchte sie, ob er noch etwas sagte. Aber er schwieg von da. Sie +tastete mit ihrer Hand nach ihm. Er lag auf dem Rücken. Sie fuhr über +sein Gesicht, fühlte das Zwinkern seiner Lider. Welchen Ausdruck er +haben mochte. Erinnerungen? Sie wälzte sich an ihn, drückte ihr Gesicht +an seins. Da hoben sich seine Arme wieder, heftig preßte er ihren Kopf +an seinen, stammelte „Braunes“ in ihren Mund. Und als sie ihre Wonne +ausgeatmet hatten und ihre Rücken zurücksanken, streichelte Elina sein +warmes Gesicht. Ihre kleinen Finger biß er; sie summte: „Möchtest du +mein Hemd sehen.“ „Was soll mir dein Hemd. Was geht mich dein Hemd an. +Du bist Elina.“ „Warum willst du es nicht sehen, Jonathan. Es ist +schön.“ „Es ist schön. Ich glaub dir’s. Du bist viel schöner.“ „Ich +will’s dir zeigen, Jonathan.“ Sie hatte sich im Bette aufgesetzt, +tastete um sich. „Was suchst du denn?“ „Das Licht.“ Es flammte schon +weiß um und über ihnen. „Ich zeig dir’s. Da. Du kannst es sehen.“ Sie +saß auf der Bettkante, drehte den Kopf nach ihm. Die braunen Haare +hingen dicht von ihr herab. Um Brust Leib Schultern schlang es sich. Als +wenn es naß oder aus zartestem Gummi wäre. Grünlich blau schillerte es +an den Flanken; an manchen Partien des Rückens und der Brust war es +stumpf, mehlig weiß. Sie lächelte eitel, strich an sich. Es glitzerte +leicht; der Glanz über den Schultern war opalen. Er hielt sich unter +einem Schmerz die Hand vor die Augen. Lecker flüsterte sie: „Ich will es +ausziehen. Ich werde es dir zeigen.“ Und sehr vorsichtig rollte sie sich +das Hemd vom Leibe hoch. Es drehte sich, als wenn es eine Gummihaut +wäre. An den Hals rollte sie es, langsam, aufmerksam zog sie den rechten +Arm, den linken Arm heraus, bog sich. Beim Rollen wickelten sich +Achselhaare ein; sie kreischte, streckte die rote Zungenspitze ängstlich +heraus. Er machte sie frei; sie schrie sofort: „Gib her. Du drückst es.“ +Ihre Tränen flossen; er hatte es schon hinter sich auf die Erde +geworfen, über ihre rote leichtgeschwollene Haut strich er. „Bitte, +lieber Jonathan, bitte. Es kann keine Viertelstunde liegen, keine +Minute. Ich habe dich doch gern.“ „Hast du mich gern, so laß es liegen.“ +„Du gibst es her. Du gibst es.“ „Und wenn ich es zerdrücke. Wenn. Sieh +einmal, Elina.“ Sie war so blaß, so süchtig; rote Flecken auf dem +Gesicht. Er liebte sie plötzlich eigentümlich. So daß er mit der Rechten +ihr den Stoff gab, mit der Linken, während er niedersaß, sich die Augen +beschattete; er öffnete den Mund. Sehnsüchtig inbrünstig liebte er sie, +während er neben ihr saß, Tränen stiegen ihm in die Augen. Er drückte +sie an sich, die ihn abwehrte. Und wie sie glücklich war, als sie das +raschelnde Gewebe, das leicht wie ein Blatt war, in den Händen hielt, es +gleich an ihre Brüste drückte, es tief anhauchte. Aus dunkel umränderten +Augen blickte sie Jonathan an; ihre Backenknochen traten sonderbar +schattenhaft hervor. Sie kniete im Bett, während sie sich die Haut +überrollte; unter den Stößen ihres kurzen erregten Kicherns erzitterten +ihre Flanken und die vorgewölbte Magengrube. Dann streckte sie sich, +atmete aus: „Ich bin froh.“ + +In der Nacht wachte Jonathan auf. Er hatte von einem sehr leichten +Federball geträumt, den er greifen wollte: er sprang vom Boden aber +rastlos auf und ab, von selbst, es war ein unsäglich mühsames Begehren. +Der Ball ging springend vor ihm weg, einem Fenster zu, das sehr helles +Licht warf. Der Ball war weiß, immer schwächer zu sehen, blinkte nur +noch an der Decke, am Fußboden, und er mußte ihn fassen, diesen +lautlosen Federball. Er horchte aufwachend im Dunkeln. Sein Herz schlug +wuchtig. Mit jedem Schlag trieb es einen Feuerschein vor seine Augen, +stieß einen Hammer gegen seine Kehle. Die Decke schob er zurück. Elina +stöhnte laut. Elina stöhnte. Sie griff um sich. Jonathan drückte auf den +Lichtknopf. Ihre flammende Röte. „Elina, hast du Schmerzen?“ „Oh mir ist +gut.“ Und warf den Kopf beiseite, krümmte sich. Er sprang auf. Sie +verfolgte ihn mit fliegenden Blicken, als er sich anzog. „Was willst du +tun, Jonathan. Ich habe gar keinen Schmerz.“ „Ich will dir zu trinken +holen. Du fieberst.“ „Ich habe keinen Schmerz. Ich will keinen Arzt.“ +„Ich bleibe.“ „Mir fehlt nichts. Mir ist ganz gut. Komm her. Bleib bei +mir.“ Ihre zurückgesunkenen angstvoll suchenden Augen. „Dein Hemd ist +es.“ „Laß mich los. Ich befehle es dir. Wenn du mir mein Hemd nimmst, +lauf ich weg. So wie ich bin.“ „Ich tu’s ja nicht.“ „Du schwörst es +mir.“ „Ja.“ „In die Hand.“ „Ja.“ „Jetzt küsse mich.“ Ihre Münder lagen +aufeinander. Er weinte vor unausfühlbarer Sehnsucht. Ihm fuhr durch den +Kopf, wie der Federball sprang und blinkte am weißen Fenster. + +Fünf Tage diente Jonathan seiner Geliebten. Er hörte aus ihren Träumen: +wie sie sich zusprach; es werde alles gut werden; sie fürchtete sich zu +sterben. Das Hemd senkte seine feinsten Sprossen in ihre Haut, wieder +schilferte eine Lage, bläulich schimmerte die neue. Während sie in +tiefem dauerndem Schlaf lag, zog ein leuchtendes Meeresblau über ihre +Schulter und Brust. Ihre Atmung wurde ruhiger. + +Elinas Augen blitzten seit der Zeit. Ihre Bewegungen waren glatt, +schmeichelnd erregt. Ihr Lachen härter. Und wenn er sie umhalste, so +fühlte er sich tief bewegt, nie beruhigt, nie gesättigt. An seiner +Unterlippe sog sie sich im Kuß fest, hielt sich ganz dicht an ihn, die +Knie zitterten unter ihr. Als wenn sie aus dem Schlaf erwachte, öffnete +sie die Augen, lachte, gab ihm einen Schlag auf die Schulter, ließ ihn +stehen. + + * * * * * + +Spöttisch durchstreifte sie mit Jonathan die Stadtlandschaft. Sie fuhren +auf drolligen schaukelnden und springenden Wagen. Die Gefährte hatten +unter ihren Sitzkästen stengelartig lange Beine, die spiralig mit Metall +umwickelt waren. Sanft knickten und schnurrten diese Beine bei der +Berührung mit dem Boden ein, um gleich darauf völlig zusammensinkend +aufzuschwirren und schräg nach vorn zu schießen. Heuschrecken hießen die +Gefährte, weil sie wie Heuschrecken kräftige lange Hinterbeine mit einem +starken Scharniergelenk hatten. Zum Aufsetzen dienten vorn zwei wenig +nachgiebige Vorderbeine und seitlich elastische Streben, wie Tastorgane, +um einen Anprall abzuschwächen. Elina und Jonathan unter bunten Tüchern +tänzelten in ihrem Gefährt über den Waldboden, waren im Begriff, sich zu +senken, um einen Bach zu überqueren, der dicht hinter einem niedrigen +Gehölz floß. Sie überblickten die Landschaft nicht, und wie sie +aufsetzten, tönte ein Schrei unter ihnen. Schon schwirrte der Apparat +wieder hoch, Jonathan beugte sich vornüber, um zu sehen. Sie machten +einen Sprung, sich drehend, zurück; die Bremse schlug an; hart setzten +sie an der Stelle des Schreis auf. Da schleppte ein Mann eine Frau an +den Bach. Sie trugen beide dunkelgrüne Kleider, nur wenn sie sich +bewegten, unterschieden sie sich vom Gras. Jonathan sprang aus dem +Gestell; Elina, die nachspringen wollte, mußte er zurückhalten, bis er +die Füße des Apparats verschraubt hatte; der gewicht- und führerlose +Apparat wäre davongetänzelt und an einem Baum zerschellt. + +Der Frau, die am Bach lag, hatte der Mann das Kleid über dem weißen +Rücken aufgerissen. Eine krallenartige Fleischwunde spritzte da rotes +helles Blut. Der Kopf der Frau lag schräg über dem Uferabfall, gelbweiß +ihr Gesicht; der Mensch hantierte mit einem grünen Tuchfetzen. Er +murmelte, wie Jonathan neben ihn trat: „Was habt Ihr gemacht. Was soll +ich tun.“ Jonathan stammelte: „Ihr liegt hier im Gras. Wir haben Euch +nicht gesehen. Ihr habt kein Zeichen gegeben.“ Elina: „Sie stirbt ja, +Jonathan.“ Sie warf sich über die Frau, öffnete ihr Kleid, drückte ihre +Brust an die Wunde. „Mein Hemd ist lebendig, das hilft.“ Blut +überrieselte ihre Brust. Sie kniff in Ekel und Schauer die Lippen ein. +Mit starren Mienen lag sie da. Als die Äste unter dem Wind knackten, +drehte sie den Kopf: „Sieh zu, Jonathan, daß keiner kommt“, und zupfte +an ihren Röcken, die über die Waden aufgeschoben waren. Nach einer Weile +hob sie sich sachte von der Frau. Ihr Gesicht erhellt; das Blut spritzte +nicht mehr. Bis an den Hals war sie blutbelaufen; Oberlippe und Stirn +trugen Spritzer. + +Der Mann trug, als Jonathan auf ihn einredete, die Frau in den Apparat. +Jonathan löste die Verschraubungen, sprang ein. Der Mann trat zurück; +der Apparat streckte die Beine, zog sie an, streckte sie, schwirrte mit +hohem Metallgesang auf. Zierlich schwebte er in Manneshöhe über dem +Bach, wendete in einem Kreis, flog wippend über die Unglücksstelle den +Häusern der großen Stadt zu. + +Elina hatte sich zwanzig Schritt aufwärts der Stelle am Bach gewaschen, +gebeugt über dem Wasser kniend. Hand um Hand schöpfte sie Wasser, das +sie erst anhauchte, als wenn sie es wärmen wollte, goß es gegen die +Brust. Sie strich zu dem grünen Mann hin: „Ich möchte meinen Freund hier +nicht erwarten. Wenn Sie wollen, gehen wir in die Stadt und sehen, wie +es der Kranken geht.“ Der lag am Wasser. „Kommen Sie. Suchen Sie etwas?“ +Mißtrauisch blickte er sie von unten an: „Ich werde noch hier bleiben. +Wenn der Herr wiederkommt, werde ich hören, was sie macht.“ „Sie wollen +also warten.“ An einem Baum stehend betrachtete Elina den Mann. Sie +zweifelte nicht, als sie eine Weile gestanden hatte, daß er etwas suchte +am Wasser und daß er an seiner Brust etwas verbergen wollte. Sie +schlenderte seitlich zurück. Und als sie langsam summend wiederkam, ging +er ihr entgegen. Da wußte sie, es war ein Vertriebener, der heimlich +zurückgekehrt war und Versuche machte, ein Täuscher. „Mein Fleisch, mein +Blut“ zitterte es in ihr, mit einem verborgenen stachelnden Entzücken. +Ein fürchterlicher Haßblick aus seinem traurigen Gesicht traf sie. Sein +grünes blutgesprenkeltes Kleid war von Art der Bergleute; eine Kappe +hatte er über die Ohren und tief in die Stirn gezogen. Stämmig und breit +trabte er. Sie war immer einige Schritte hinter ihm: „Laufen Sie doch +nicht so; ich komme nicht mit.“ Er zwang sich, ging langsamer. Sie +trieben durch das Buchenholz. Der Boden war braun. Und wie Elina den +Mann suchte zwischen den Stämmen, fand sie ihn nicht. Sie lief. Da ging +ein Mann, ein brauner, er ging ganz dicht bei ihr, sie hatte ihn nicht +gesehen. Aber wo war der grüne. Sie wollte an dem braunen vorbeilaufen, +da drehte sie sich zurück. Er hatte die Kappe ins Gesicht gezogen wie +der grüne. Sie stand angewurzelt, als sie das vergrämte stumme Gesicht +sah. Das war der grüne. Sie hastete hinter ihm. Das war sein Schritt. +Der kurze stämmige Körper. Was war das. Wenn sie stehen blieb und er +sich entfernte, erkannte sie ihn nicht zwischen Stämmen und brauner +Erde. Sie rieb ihre Augen, lief an ihn heran. Das geradeausblickende +Gesicht des Mannes. „Sagen Sie, ich bin erschrocken. Ich glaubte, Sie +hatten eben ein grünes Kleid an.“ Er drehte ihr seine Augen zu: „Ja. +Und?“ „Jetzt?“ Er fuhr zusammen. Blieb stehen, sah an sich herunter. Er +hob die Fäuste vor die Augen, stöhnte: „Jetzt laufen Sie. Verraten Sie +mich. Was für einer ich bin. Was ich für ein Kleid trage. Ich heiße +Lorenz. Und Sie?“ „Elina.“ „Elina, Sie dürfen nicht weiter. Sie haben +mich in der Hand; ich muß mich schützen.“ „Sie wollen mich halten?“ „Ich +sagte es schon.“ „Ich sehe nichts ein, Lorenz. Aber ich trage auch +etwas.“ Sie lachte ihn siegreich an. „Sie glauben, man müsse ein +farbiges Kleid tragen, um ein Täuscher zu sein. Ich täusche auch so. +Dicht neben Marduk. Glauben Sie’s nicht? Sehen Sie meine Schulter.“ Sie +zog, dicht an ihn tretend, ihren Brustausschnitt zurück; bläulich war +die Schulter überlaufen. Er blickte noch hin, als sie die Schulter schon +wieder bedeckt hatte. „Sie wundern sich. Werden Sie mich angreifen?“ Er +griff nach ihrer Hand, drängte sich an sie, das Staunen hatte sein +Gesicht geöffnet, langsam brachte er heraus: „Nein. Ich kenne Sie nicht. +Heißen Sie wirklich Elina. Ich weiß nicht, was Sie treiben. Seit wann +sind Sie hier. Wo sind Sie.“ „Ich bin Jonathans Freundin. Er ist mein +Freund. Er ist doch nicht Marduk. Fürchten Sie sich nicht. Ich bin froh, +ich bin glücklich, daß ich Sie gefunden habe.“ + +Sanft flog Jonathan mit der ächzenden Frau durch Waldlichtungen, über +Wiesen Alleen. Sie lag hinter ihm unter Elinas Schal. Zierlich erhob +sich die Heuschrecke, abwechselnd schnurrten und klangen die spiralenen +Beinchen. Er wagte sich kaum nach ihr umzusehen; er fürchtete, sie +könnte sterben. In wachsender Besorgnis fuhr er, verbog die Hebel, aber +immer gleichmäßig schwebte und taumelte die Heuschrecke. Die Kinder +lachten auf den Chausseen dem ansummenden Liebesgefährt zu. Er seufzte, +als wenn ihm selbst eine Gefahr drohe. Das kleine rosa Krankenhaus auf +einer baumumstandenen Wiese. Als die Schwestern die Frau herausgehoben +hatten, blieb Jonathan lippenkauend bei seinem Apparat, stieg dann +langsam die Treppe nach. „Sie werden sagen, sie ist tot. Sie werden aus +einer Tür, aus einem Aufzug hervortreten und mir erklären, daß sie +nichts mehr tun können.“ Er stellte sich an ein Fenster. „Es kommt +niemand heraus. Ich kann hier lange stehen. Wie viele Menschen haben +hier gestanden und die Bäume drüben angesehen. Die Bäume abgezählt. +Sechs in einer Linie, fünf dahinter. Es sind gar nicht die Bäume, die +sie gesehen haben; sie haben etwas anderes gesehen; die Bäume sind nur +darin eingetragen, wandeln darin herum, kommen und gehen.“ Er stemmte +den Kopf gegen den Fensterrahmen, stöhnte: „Ich wollte nicht nach +Berlin. Ich wollte nicht hierher. Wenn ich hier weg wäre. Oh, wenn es +eine Kraft in der Welt gäbe, die mir helfen könnte. Die mich forttrüge +und dies alles rasch beendete. Daß ich die Bäume nicht mehr zu sehen +brauch, daß ich dieses Haus vergesse und wie ich hier stehe. O du große +Kraft, gib, daß hier nichts geschehen ist, hilf mir. Sie soll nicht +sterben, es soll alles wieder gut sein, ich will ja weg von Berlin.“ Und +hinter seinen Gedanken tauchte schon, er wußte nicht wie, Marduk auf, +finster beängstigend, und hinter ihm, mit ihm noch Schlimmeres, so +Schlimmes Dunkles Verhülltes. Gebunden stand er; er drohte ohne sich zu +bewegen: „Wenn ich diesmal frei komme, kommen sie nicht so leichten +Kaufs davon. Dann soll etwas geschehen. Ich will es nicht leiden. Ich +will nicht. Ich will nicht. Ich setze mich zur Wehr.“ Er rekelte sich, +er wußte nicht was er tat, keuchte mit vortretenden Augen, rang sich von +dem Alp los. Eine Schwester rauschte sanft und tief ihn anblickend, +neben ihn. Sie stand erst stumm vor dem Entsetzten, dann: die Frau sei +durch den Blutverlust geschwächt; in zwei drei Wochen werde sie +hergestellt sein. Finster wortlos zog sich Jonathan die Treppe herunter. +Dann stürzte er, lief. Als er in seiner Heuschrecke saß und flog, schrie +er und tobte, brüllte und weinte, während er auf und ab flirrte, wußte +tränengeblendet nicht warum. „Es ist wieder gut“ ging es schwellend +betäubend durch ihn, „es ist ja wieder gut. Jonathan, sei still. Jetzt +fährst du ja zu ihr, zu Elina. Es geht vorüber. Jetzt ist alles vorbei.“ +Und wie er ihren purpurroten Rock im Gehölz wehen sah an dem Wege, den +sie hergefahren waren, streckte er aus dem Fahrzeug den Arm nach ihr +aus: „Elina! Elina!“ Sie hielten sich umschlungen. Dachten nicht an den +Mann, der stumm zur Seite blickte. Stammelten sich Liebesworte zu, als +hätten sie sich monatelang nicht gesehen und fänden sich nach einer +schrecklichen Trennung wieder. Sie wurden glücklich und matt zum +Umsinken. Zu Füßen eines Baumes ließen sie sich nieder. Erst jetzt +fühlte Jonathan, was ihm Elina war. Er sonnte sich an ihrem Gesicht. +„Jonathan.“ Elina drehte den Kopf nach oben, „du hast nicht gesehen, wer +da steht.“ Er blickte auf, erkannte den Mann, dessen Kleid bräunlich +war. Elina beobachtete lächelnd Jonathan, flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist +ein Täuscher. Er ist verbannt.“ „Sonderbar.“ Jonathan blickte ihn weiter +an, „ich hab es mir gedacht.“ Er stand auf: „Der Frau geht es nicht +schlecht. Sie wird in einigen Wochen wieder gesund sein. Man braucht +nicht für sie zu fürchten.“ Elina trat vor Jonathan: „Er glaubt, du +verrätst ihn. Du sagst ihm etwas.“ Lange wiegte sich Jonathan hin und +her; er fühlte: „So rasch erfüllt sich alles.“ „Ich bin Ihnen einiges +schuldig. Ich werde Sie gewiß nicht verraten.“ „Zwingen Sie sich nicht, +Jonathan. Ich brauche keine Hilfe. Es genügt mir, wenn Sie mir +versprechen, mich nicht zu verraten.“ „Nein. Warum lachst du, Elina?“ +„Ich freue mich über dich, weil du zu ihm gesprochen hast. Wie ich dir +danke. Du bist mein Jonathan.“ + + * * * * * + +Nicht lange darauf wurde von einer Anzahl rachsüchtiger Verbannter +Magdeburg zum bewaffneten Standquartier gegen Berlin gemacht. Marduk, +der finstere Herumlungerer, schlug mit Wut zu. Rapide und mit rasender +Verachtung der Verbannten organisierte er den Angriff. Man erzählte sich +in der Stadtschaft, er hätte nur auf die Verräter gewartet. Sie hätten +kommen müssen, die Esel die erbärmlichen Gerippe die Strohköpfe. Es war +sicher, daß es ihm eine Freude machte, auf sie loszuschlagen, und daß es +ihn, der schon halb hingesunken war, wieder erhob. Während er in Berlin +hielt, ließ er Lucio Angelelli, den schwarzen stillen Hauptmann seiner +Wache, auf Magdeburg. Die Fernbrenner machte er wirkungslos, gegen seine +Besen, die menschenverdrängenden Lichter, kamen sie nicht auf. Nach dem +Auseinanderfall des großen Staatenkreises bestand keine Einheitlichkeit +in den Kampfmitteln. Der Austausch, die gegenseitige Beobachtung war +mangelhaft, man konnte wieder kämpfen. Lucio Angelelli fuhr mit den +gefangenen Hauptverschwörern, über fünfhundert Männer und Frauen, rund +um und quer durch die Stadtlandschaft. Zwei Wochen lang wanderte er +durch Straßen Alleen, über Plätze Berge, fuhr Flüsse ab, rief auf Äckern +und in Anlagen die Menschen zusammen. In dem Fatamorganarauch der +Markezeit zeigte er überall, wie er eine Verschwörergruppe am Tage zuvor +beseitigt hatte. Darauf vollzog er sein Gericht an der nächsten, während +in der ganzen Stadtschaft die metallenen Stiersäulen ununterbrochen +brüllten. Auf die einfache Köpfung, das Zerschlagen der Glieder, die +Erstickung kamen andere Methoden. Einzeln ließ er sie in die Luft +sprengen, aus führerlosen Flugzeugen zerschmettern. Er übte die langsame +Vereisung durch sprühenden Regen, der auf Schulter und Hals und nach und +nach alle Gliedmaßen des Delinquenten fiel. Er, die rechte Hand Marduks, +wies, im Besitz welcher Macht man war. Er war es, der auf offenem Platz +vor seinem Zelt eine der hingebrochenen vereisten weißen Figuren auf +unerhörte Weise sich bewegen ließ. Sie zog ein Bein an, das andere, den +Rumpf schräg aufrichtend schwankend; unter tiefer Stille ließ er sie auf +sich zu spazieren; sie schlug den schneeigen Kopf rückwärts, neigte ihn +vor ihm, senkte sich auf die Knie und lag auf der Seite, kollernd auf +dem Rücken, eine weiße vereiste Menschenfigur, ein Toter, eine Tote. Er +ließ sie aufschnellen, drohend gegen die auseinanderstiebenden Menschen +anwandern. + +Um diese Zeit hatte Marduk es für nötig gehalten, um Ackerflächen zu +erlangen, das Gebiet der Stadtlandschaft Berlin nach Norden gegen +Mecklenburg hin über Güstrow Demmin Anklam hinzuziehen. Schon kurze Zeit +darauf erachtete der Senat, der mit ihm Hand in Hand arbeitete, es für +ratsam, über Demmin Anklam hinauszustoßen und sich über die sehr +fruchtbare brache Gegend von Stralsund bis Anklam auszudehnen. Erst +damals trat bei Marduk und dem Senat der Gedanke mehr in den +Vordergrund, wie willkürlich geschnitten das Gebiet der Stadtlandschaft +war, wie ungeheure Landmassen bis zu den Nachbarstadtschaften ungenützt +dalagen. Mächtig wogte südlich der Elbe die Stadtschaft Leipzig. +Westlich von Magdeburg folgten Stadtreste auf Stadtreste, abgebaute +ausgeleerte Städte, ehemals Sonderstädte überwundener Industriezweige. +Hannover neben Hamburg war die nächste westliche Stadtschaft, im Besitz +eigener Mekianlagen, stärkster Kraftapparate, gefüllt von erschlaffenden +erlahmenden Millionen Menschen, unter der Obhut von eifersüchtigen +Senatsgruppen, Abkömmlingen der großen Herrengeschlechter, jeder bedacht +auf Errichtung einer Tyrannei. Während die Masse des Volkes vergnüglich +höhnisch und fast verächtlich ihre Herren beobachtete wie einen gemeinen +Spaß. Ohne gehemmt zu werden griff der Berliner Senat bis dicht vor +Hannover, das Braunschweig und Wolfenbüttel, Hildesheim und Celle +überlagerte. Die im Westen ließen es fast mit Neugier geschehen, wie vom +Osten her Menschen die leeren Landstriche besiedelten und arbeiteten, +als gäbe es keine Mekifabriken, keine Kraftapparate. + +Damals stieß man auf die längst verlassenen Kohlenbergwerke einer +vergangenen Periode. Die schwarzen Halden und Schächte, die offen +liegenden Gruben umwanderten die Männer und Frauen, die das Land +bestellten; Stiere Kühe Schafe konnten hier nicht weiden; Weizen Roggen +Hafer konnte nicht wachsen; von dem mächtigen finsteren Gelände wandten +sie sich ab. Aber hinter ihnen zogen prüfend und beobachtend Marduks +Gehilfen. Sie hatten noch nicht gedacht, auch die Kraftzufuhr abzubauen. +Mit unsäglicher Kraft lockte sie augenblicklich die schwarze Grube und +der Abgrund. Dahinunter Menschen zu werfen, hier, auf der Stelle, die +Last herauftragen zu lassen, wo sie gewachsen war: weg von den +Wasserfällen Skandinaviens. + +Wie ein Wunder staunten die Menschen, die mit ihren Tieren herumzogen, +die glitzernden zerbröckelnden Steinlagen an, aus denen sich Wärme und +Licht schlagen ließ. Die Stadtlandschaft war groß und menschenarm. „Wir +werden sie zwingen. Wer friert sucht Wärme. Sie werden in der Nacht +sitzen.“ Sie zerschnitten Teile der Riesenkabel von den skandinavischen +Wasserfällen, die fanatischen Feinde der Apparate. Sie sprengten +Gerüchte aus, man wolle sie zwingen, in den neu sich bildenden +Völkerkreis einzutreten. + +Die märkische Stadtlandschaft warf sich dann auf das anlagernde Straßen- +und Fabrikungetüm Hannover. Rasierte in wenigen Tagen weg, was diese +Stadt mächtig machte. Sprengte verwüstete vertrieb Zehntausende. +Braunschweig Hildesheim Wolfenbüttel Celle durchschritten die Grauen und +Abscheu erregenden märkischen Männer und Frauen, die von der Kultur der +Umländer nichts hatten als Bewaffnung und Sprengstoffe. Hunger und Tod +gingen mit ihnen in die überfluteten Stadtlandschaften. Sie waren nicht +viel, aber ausgesucht stark an Muskeln und Knochen, grob bekleidet. In +verfallenden Städten lebten sie. Ihre Gesinnung roh. Trübe Geschöpfe, +aus vielen Rassen, durch Markes Marduks Regiment eine Art geworden. Die +aus westlichen Stadtschaften sich ihnen näherten, erkannten: sie waren +bekümmert finster, zu Streit geneigt, eine gärende furchteinflößende +Menschenmasse. Die Lüneburger Heide, Aller und Weser entlang wanderten +ritten fuhren die Märkischen. Überwältigten Menschenhaufen selten mit +Waffen und Apparaten, die sie hinter sich schleppten, liebten Listen +Verwegenheiten roheste Kraft. In dieser Zeit überließ der Berliner Senat +die Gewalt an Hordenführer. + + * * * * * + +Die Stadtschaften des Kontinents waren im siebenundzwanzigsten +Jahrhundert allgemein in wilde Bewegung geraten. Was in Berlin unter +Markes Konsulat begann, die Abtrennung von den Umstaaten, die +Sprengung der Zentralen, erfolgte gleichzeitig in den westlichen +Stadtlandschaften, hier intensiver, dort sehr oberflächlich. Immer +blieben starke Verbindungen mit den Umstaaten bestehen, wenn sie auch +nicht zahlreich waren, das Skelett des Riesengebäudes stürzte nicht mit +ein. Ungeheuer die Schicksale von Stadtschaften im Süden und Westen in +der Folgezeit; Vernichtungen Verderben großer Menschenmassen, +verzweifelte Bündnisse von Staaten gegen andere tyrannische. Aber +überall setzten rückläufige Bewegungen ein. Kluge bedenkenlose aktive +Männer und Frauen in London verstanden die Bewegung auf dem Kontinent in +Fluß zu erhalten. Es konnte sich, als zwanzig dreißig Jahre nach dem +Uralischen Krieg vergangen waren, nur darum handeln, einen +Völkerzusammenhang in neuer Weise herzustellen. + +London suchte den gefährlichen Marduk zu gewinnen. Er, selber durch +technische Gehilfen in Verbindung mit den anderen Kapitalen, genoß bei +den schwer kämpfenden Senaten des Kontinents das größte Ansehen. Die +Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen lag allen vor Augen. Als er aber +das Gebiet seiner Stadtschaft ausdehnte, wuchs die Furcht. Francis +Delvil und Nelson Pember aus dem Londoner Senat suchten ihn zusammen mit +Frau White Baker auf. Alle drei starke und verschlagene Menschen, im +Kampf mit einer gefährlichen Bevölkerung aufgewachsen, begierig, Marduk +auf ihre Seite zu ziehen, nicht aber, seine Gewalt zu dulden. Sie fanden +in dem staatartig weiten Gebiet der Stadtlandschaft Berlin nicht, wie +sie erwarteten, eine unterjochte kleine waffenlose Bevölkerung, +mürrische stumpfe Knechte. Man sprach mit Stolz und Liebe von ihm. Das +gefahrvolle Feuer, das von den Grenzen ins Land strahlte, weckte ein +anderes Feuer im Land. Wie die drei Fremden das Land überflogen, sahen +sie unter sich eine Reihe festungsartiger Lager, dazu eine Anzahl +eigentümlicher ihnen unbekannter Vorkehrungen, die zweifellos +kriegerischen Absichten dienten. Längst brüllten nicht mehr in anderen +Stadtschaften die metallenen Stiere, die im Gefolge des Uralischen +Krieges aufgekommen waren; hier grollten sie rechts und links, war die +Zeit stehen geblieben. Nur geringe Haufen der verkommenden Müßiggänger, +der teilnahmslosen und abenteuernden Menschen gab es. Das dünn +bevölkerte Gebiet zwischen Elbe und Oder durchzogen erstaunlich +energische Männer und Frauen, die sich den fanatischen Ansichten Marduks +angepaßt hatten, seine Tyrannei nicht empfanden, denen er unbedenklich +Waffen anvertraute. + +Im Ratsgebäude, das kriegerische Männer erfüllten, traten sie dem +grauhaarigen großen Menschen gegenüber, der wie immer in dem berühmten +Empfangsraume des Konsuls Marke stand neben der Schädelpyramide, vor den +Wandgemälden vom Uralischen Flammenkrieg. Francis Delvil meinte, auf die +Schädel weisend, es scheine, man vergesse hier im Lande nicht. Marduk, +ihm die magere Hand reichend, lächelte kalt; es läge nicht an ihnen, +wenn sie nicht vergäßen. Er trug ein braunes Wams, um den Hals einen +bauschig gebundenen Seidenschal, der ihm breit über die Brust fiel. So +wenig das Braun hier jemals vergäße, wenn das Licht auf das Wams fiele, +braun zu sein, so wenig vergäße er, wenn er aufwache, der vergangenen +Dinge. Aber das Braune blasse ab, – Francis Delvil schlug, wie sie sich +setzten, die Arme zusammen, – es werde grau, auch der Tuchstoff +zerfiele. „So bin ich kein Mensch, wenn ich tun müßte wie sie“ +gleichmütig und ohne aufzublicken der Konsul. Und nach einer Weile, +während sie zu viert auf die schreckliche Wand der Flammenbergwerke +blickten, Marduk wieder: „Und wenn ich es könnte, vergessen: wofür +sollte ich vergessen. Ihr seid gekommen, um mir zuzusprechen. Wozu wollt +ihr mich überreden?“ Delvil: „Es ist etwas, dich zu sehen, Marduk.“ +„Nein, nicht so“ knirschte unterbrechend den Arm ausstreckend Marduk. +Delvil: „Marduk. Wir sind durch die ganze Stadtschaft geflogen. Man hat +uns nirgends gehindert zu sehen, was wir wollten. Du hast die Grenzen +deines Gebiets erweitert. Wir sahen Männer und Frauen arbeiten. Es hat +uns ergriffen. Nur eins haben wir nicht verstanden: wozu dies ist. Du +bist klug. Das alles ist vergeblich. Wir haben dich und diese Leute +bedauert. Wir sehen keinen Sinn in dem, was ihr tut.“ „Sprich weiter.“ +„Was in Marseille Florenz Chicago geschehen ist, die dauernden Kämpfe, +dieses Hin und Her von Ausruhen und Losspringen, das ist dir bekannt. +Wie wir uns ja immer gefreut haben, daß du in Fühlung mit uns geblieben +bist und gar nicht so abgeschlossen für dich gelebt hast, wie andere +berichten. Sind diese Kämpfe nun gut? Welches Mittel willst du uns +dagegen sagen?“ „Wodurch seid ihr legitimiert für Chicago und Florenz zu +sorgen?“ Frau White Baker bat Delvil sprechen zu dürfen: „Ich will dir +antworten, Marduk. Gewiß nicht sind wir dadurch legitimiert, weil wir +Chicago und Florenz beherrschen, vielleicht vernichten können. Die +Städte ruinieren sich. Man kann sie sich nicht selbst überlassen.“ „So +laß sie sich ruinieren. Hast du, White Baker, nicht davon gehört, daß es +einen Tod gibt? Wie stellst du dir den Tod vor? Unter welchen +Erscheinungen tritt Tod ein, wie ist Sterben? Sieh diese Städte an, und +andere, die du nicht genannt hast, die die schlimmsten schwersten +Todeszeichen noch nicht zeigen. So sieht Tod aus. Laßt sie sterben.“ Die +stämmige breite rotgesichtige Frau trat auf Marduk zu: „Es richtet sich +zuletzt gegen uns. Wir können uns doch gegen den Tod wehren.“ Marduk +schlug auf den Tisch: „So wehr dich doch. Ihr könnt es nicht. Keiner von +uns kann es. Selbst wenn ich zu euch trete, kann ich es nicht. Ich dreh +es nicht zurück. Ich kurbele nicht ab. Ich will nicht.“ „Du meinst, wir +liegen im Sterben. Nein, du, du Marduk, bist hilflos. Hier ist der Tod.“ +„Das meinst du. Ich glaube nicht einmal, daß dus meinst.“ Die Frau +richtete, sich bezwingend, auf: „Du mußt nicht lachen, Marduk. Du +siehst, daß wir zusammen hier sind.“ „Um mir zu helfen? Ihr seid meine +Gäste. Ich habe euch gewiß nicht gerufen.“ „Die Welt schließt sich +zusammen.“ „Um mich auf die Knie zu kriegen? Nur zu.“ „Wir sind nicht +dazu da, für die Ewigkeit zu sorgen. Vielleicht hast du recht, wenn du +sagst, wir tragen Todeszeichen an uns. Wir sehen sie nicht, fühlen sie +nicht, helfen uns von heute auf morgen weiter. Laß dich von uns bitten, +Marduk, an unserer Arbeit teilzunehmen, wenn sie auch sehr vergänglich +ist. Und – Delvil lacht so freudig: sprich du für mich.“ „Ich halte es +nicht für Kleinarbeit, was wir tun, Marduk. Ich freue mich der Dinge, +wie sie jetzt laufen. Wir sind Schwärmer, wir drei. Gut werden die Dinge +laufen, gut.“ „Delvil, Pember, Baker, ich danke euch, daß ihr gekommen +seid, mir das zu sagen. Ihr werdet an mir Widerstand finden, ich sage es +euch heraus, so daß die Dinge nicht gut laufen.“ + +Delvil senkte den Kopf, erhob sich langsam. Marduk ging schon rückwärts. +„Wir werden keinen Krieg gegen dich führen, Marduk. Es ist nicht nötig, +daß wir mit dir Krieg führen. Du erliegst ohne Krieg.“ „Dessen bist du +sicher, Delvil.“ „Ja.“ Marduk trat dicht vor Delvils Stuhl heran: „Wie +kommst du dazu, dies zu mir zu sagen. Durchschaust du mich so, achtest +du mich so wenig, daß du so sprichst.“ + +Die Fremden waren weiter in den Saal getreten. Marduk hatte sich +umgewandt, war sich verneigend an seinen alten schützenden Platz +zwischen den Flammenbergwerken zurückgewichen. + +Pember, der spitzbärtige schlanke, der mit den andern geschwiegen hatte, +pfiff vor dem Ratsgebäude: „Er ist verrückt. Habt ihr ihn gesehen. Er +ist vollkommen hin. Was wollen wir mit ihm. Zieh in Frieden, liebe +Seele.“ Die Frau zog sich einen braunen Schleier vor das verfinsterte +Gesicht: „Pember, es gibt da nichts zu lachen. Er ist ein böser Mensch. +Wir dürfen ihn nicht lassen.“ „Was willst du tun, liebe Freundin.“ „Er +fürchtet sich vor uns und wird gegen uns ausfallen. Er ist ein Bube, ein +Barbar.“ Delvil lachte und streichelte den Arm der Frau: „Ich zweifle, +daß er Dummheiten machen wird. Sie würden uns auch nur nützen.“ Die +breitschultrige stand still, blickte Delvil glühend hinter ihrem +Schleier an. + +Der krümmte den linken Arm, wog ihn wie ein Boxer: „Ich täusche mich +über nichts. Ist dies Land still, so sind wir ein Regen, der es begießt +und ihm wohltut. Wir sind ruhig und sanft. Will der Konsul es anders, so +kann er es haben. Wir können auch Gewitter spielen. Ich hab keine Sorge, +daß wir ihn nicht in die Hand bekommen.“ + +Im Befehlszimmer Marduks standen am Morgen die Senatoren. Der Konsul, +Wachen vor sich, gestikulierte über die Schweigenden: „Man will uns +ausrotten. Man wird uns offen und geheim bekriegen. Sie wollen uns in +ihren neuen Völkerkreis hinein. Ich rate allen, die ihrer Sache unsicher +sind, das Land zu verlassen. Ich warne die Lauen im Land zu verbleiben.“ +Das Gerücht von der Absicht der kontinentalen Beherrscher hatte er +verbreiten lassen. In die Höfe des Ratsgebäudes waren Menschen +eingeströmt. Grüne Fahnen, darauf goldene Ähren, wurden ihnen +vorausgetragen. Der Gesang „Ein friedlich Volk“ hallte gegen die +Fenster, feierlich durch die heiße Luft. „Wir werden siegen. Man will +uns vernichten“ es kam aus Marduk, tobte im Saal, auf den Höfen, durch +die gewölbeartigen Räume. Er selbst riß sich aus dem Lärm. Das Gesicht +der drei Abgesandten stand vor seinen Augen, die Macht des halben +Erdkreises hinter ihnen. Unten auf dem Haupthof preßte man sich dichter. +Völlige Stille trat ein. Plötzlich ein Tosen Zittern Armeausstrecken. +Marduk am Tor des Hofes, ohne Hut. Schweißperlen auf der Nase. Sein +Gesicht von einer bläulichen Weiße. Er machte einen erschöpften +Eindruck. Seine Stimme war undeutlich. Er werde von jetzt ab das +Ratsgebäude offen halten; der Schutz des Gebäudes werde aufgegeben. +Seine linke Hand fuhr rasch nach dem Kopf; sie schien eine Hutkrempe +herabziehen zu wollen, blieb dann, das Haar berührend, auf der Schläfe +liegen. + +„Ich werde mit ihnen gehen“ war es durch den grauen Mann gezuckt, „es +ist auch meine Sache.“ Mit Macht schrie das durch ihn, war da. Er fühlte +eine Schwäche; aber er war es, der es schrie. Er sah Delvil vor sich, +dachte: „Er ist mein Feind. Ich werde mich diesen Jubelnden hingeben.“ +Es bebte in ihm fern, wie damals, als die Balladeuse ihn anfaßte. Und +während das gleichmäßige Singen wieder begann, stieg er allein die +Treppe zum fünften Raum im Turm hinauf. Neben ihm, durch das Fenster, +zitterten feine starre Drähte hinaus. Er sah unten die schwarze Masse, +die bunten Fahnen: „Gewalt, Marduk! Sieh deinen Boden, Marduk! Dein +Leben! Willst du dich hinunterstürzen?“ + +Seine Verwirrung Verzweiflung merkte niemand, wie er stark die Anlagen +und Posten im Lande beging, fast täglich mit dem Senat sich besprach. +Ein furchtbarer Abscheu stieg mit Gewalt von Zeit zu Zeit in ihm auf, +vor dem Ratsgebäude der Schädelpyramide dem Senat dem Volk. Ein zum Ekel +gesteigerter Widerwille vor sich und aller Welt, den er mit äußerster +Anstrengung herunterdrückte. Inzwischen strahlte er nach außen und +strömte Kraft aus. Als er eines Nachts einen Traum von einem Spiegel +hatte, – er blickte in einen Spiegel, sah mit Schrecken seine weißen +Lippen, die in der Mitte geplatzt waren, Blut verspritzten; er näherte +sich der Spiegelfläche, rieb sie, daß sie warm würde, das Blut stünde, – +verlangte ihn nach Jonathan. Er sprach sich vor: es fängt alles von vorn +an. Plötzlich ganz unvermutet erhob sich vor ihm mit Gewalt das Bild +Jonathans: er konnte nicht verstehen, welche tiefe Inbrunst ihn erfüllte +und wie er mit tiefer Inbrunst an Jonathan dachte. Die Dinge liefen so +schlimm in der Stadtschaft, dachte er, das wußte Jonathan, mußte er +wissen: dies war sein Freund, er erfuhr nichts von ihm, er sollte ihm +zur Seite stehen. Er zog sich an, einen hellgelben Überwurf trug er mit +Silber bestickt. So erwartete er stundenlang Jonathan; an die Wand +seines Befehlszimmers gelehnt, der graubärtige Mann. Er empfand +zwischendurch einen Grimm auf sich, daß er die englischen Abgesandten +frei aus dem Land gelassen hatte; man hätte sie zerschmettern hinwerfen +massakrieren müssen. Jonathan, Jonathan würde kommen. + +Trompetenblasen von unten. Das Land bewegte sich. Wie Marduk auf das +Blasen sich vorwärts bewegte, stand der weiße jünglinghafte Mensch vor +ihm. So unversehens stand Jonathan vor ihm, daß Marduk Sekunden anhielt, +auf den blau und schwarz gemusterten Teppich blickte und dann die Augen +auf die Menschenfigur gleiten ließ, weil er nicht sicher war, ob dies +ein lebender oder ein aus seinen Träumen gequollener Jonathan war. +Weißgekleidet wie immer stand Jonathan im Zimmer mitten unter einem +Lichtträger, mit zartblauen Stickereien an Kragen und Ärmeln, die Arme +gekreuzt und sich verneigend, blühend lächelnd, die Augen dunkel, die +Brauen schwärzlich dicht, als ob Raupen im Bogen über die Lider krochen. +Da setzte sich der Gelbgekleidete in den Schatten. Nahm eine schwarze +zusammengelegte Samtdecke von der Lehne des Sessels, zog sie sich über +die Knie, betrachtete den Menschen. Und länger immer länger starrte er +diese bewegliche Erscheinung an, blühende Wangen, weißen umgebogenen +Seidenkragen. Bewegte die Lippen: „Ich habe an dich gedacht, Jonathan.“ +„Du erlaubst, daß ich mich setze.“ „Was treibst du, Jonathan.“ „Wir +haben uns lange nicht gesehen, Marduk. Ich habe nicht das Gefühl gehabt, +als ob du Verlangen nach mir hattest.“ „Ich freue mich, dich zu sehen. +Wie herrlich jung du geblieben bist.“ „Mein Tag vergeht einer wie der +andere. Ach, wenn ich mich hier umblicke –“ „Blick dich nur um.“ „Ich +kann hier stehen gehen mich umblicken: es beunruhigt mich nichts.“ „So +fern bist du mir. Das willst du mir sagen.“ „Ich bin dir Freund wie noch +nie. Ich kann dich jetzt erst ansehen. Ich sehe dich jetzt zum ersten +Male. Ich bin dir dankbar, daß du mich hast rufen lassen, daß ich dies +fühle.“ „Dies willst du mir sagen.“ Und Marduks Inbrunst wuchs, wie er +das hörte. „Auch ich, Jonathan, bin dir noch nie so wohlgesinnt gewesen +wie jetzt. Ich freute mich schon seit Stunden dich zu sehen. Ich glaube, +ich habe heute nacht von dir geträumt.“ „Soll ich dir sagen, wovon ich +heute nacht geträumt habe, Marduk. Ich träumte von Elina, meiner +Freundin. Ich hätte sie wochenlang nicht gesehen, sie sei mir entrissen, +oder ist sie selbst fortgegangen. Ich traf sie schwebend über einer +Straße, die ich selbst ging; sie konnte nicht herunterkommen. Ich ging +und ging, streckte die Arme nach ihr aus, sie glitt weiter. Aber da +wurden meine Arme lang, wie Ballons wurden sie, die mich zogen und +trugen. Erst hing ich unter und hinter ihr, dann wurde ich höher +gezogen. Sie hatte sich zu mir umgedreht. Und wie ich gerade aufwachte, +in Frieden und Glück –“ „Was war, Jonathan?“ Der schwieg, lächelte zu +Boden. Leise Marduk: „Ich weiß doch, was war. Da lagst du an ihrer +Brust. An der Brust dieser Frau.“ Freundlich lächelte Jonathan. „Was +erzähl ich dir da.“ „Ich wollte nichts anderes von dir.“ Sie sprachen +noch eine Weile weiter; Marduk wurde einsilbig, aber er ließ die Augen +nicht von Jonathan. Er schien aufzuatmen, als der Jüngere sich erhob. +Das Sprechen beim Abschied schien ihm schwer zu werden, sein +Gesichtsausdruck war ganz unkenntlich, ein Lächeln kämpfte mit einer +Erstarrung. + +Und kaum der weiße selige Mensch, freudestrahlend rosengesichtig, +gegangen war, schlug Marduk, sich gegen die Wand pressend wild um sich +starrend, von seinem Drang überwältigt, die Glocke. Die Wache erschien +lautlos. „Jonathan soll eine Stunde zurückgehalten werden. Man soll in +seine Wohnung schicken. Eine Frau ist da, ich will sie sehen.“ + +Nach einer halben Stunde senkten sich Flieger vor dem kleinen +hügelversenkten Haus Jonathans, fragten nach der Frau. Als Elina sich +verwundert, eine Rose in den Mund nehmend, vor das Tor begab, baten sie +sie im Namen Marduks, ins Ratsgebäude zu folgen. Sie geleiteten die +Verwirrte, die an dem Blumenstengel wortlos kaute, schon hinaus. + +Im selben Raum, wo Jonathan, wie aus Träumen quellend, glückselig weiß +gekleidet vor ihm aufgetaucht war, empfing sie Marduk, der graue, sein +zitronengelbes Kleid dicht um sich ziehend, sah ihr entgegen: „Du bist +die Frau, die Jonathans Freundin ist.“ „Ja. Ich heiße Elina.“ „Du +ängstigst dich vor mir ohne Grund. Da ist ein Sessel, setze dich.“ „Ist +Jonathan hier.“ „Er war hier. Ich habe mit ihm gesprochen. Er ist mein +Freund. Er hat mir von dir erzählt.“ Sie saß, blickte an sich herunter. +Nach einer Weile strich sie das Kleid unter ihren Knien zurecht: „Ist +Ihre Neugierde nun befriedigt?“ „Nein, Elina. Ich weiß, Jonathan wird +mir zürnen. Ich kann mir nicht helfen. Man hätte dir Zeit lassen sollen, +dich anzuziehen. Du frierst. Du bleibst heute bei mir?“ „Was.“ Mit +tiefer Sicherheit gab Marduk von sich: „Ja. Es bleibt nichts übrig. Du +brauchst nicht zu widersprechen. Du bleibst hier. Sei nur still, Elina. +Nichts geschieht dir, was dich ängstigen muß. Fürchte dich gar nicht vor +mir.“ Stürmisch erhob sie sich: „Ich bleibe nicht.“ „Jonathan weiß, wo +du bist. Er wird es erfahren. Du mußt hierbleiben. Sei nur nicht +erregt.“ „Laß mich hinaus. Marduk. Du bist schlecht. Ich hab es schon +gewußt, daß du schlecht bist. Du hast mit ihm gesprochen, daß du mich +holst?“ „Nein, Elina.“ „Siehst du, wie niederträchtig du bist.“ + +Sie rüttelte an der Tür. Die bewegte sich nicht. Sie stand, die Fäuste +hebend, einen Schrei ausstoßend, vor ihm, rüttelte an seinen Schultern: +„Laß mich hinaus.“ Er bewegte sich nicht. + +Das Fenster riß sie auf. Da zuckte er hoch, wich zurück, hob den Arm vor +die Augen. Sie rief am Fenster: „Ich tue es, Marduk. Wenn du mich nicht +fortläßt, ich tue es.“ Tiefblaß war er plötzlich geworden, seine +Gesichtsmuskeln zuckten, die Augen geschlossen. Er brachte seine Lippen +zu einer Bewegung; seine Stimme tonlos: „Elina. Tu es nicht. Tu es +nicht.“ Sie wurde stiller, warf sich zu Boden, wimmerte, sonderbar +verwirrt und angerührt: „Ich will fort. Ich will Hilfe. Jonathan, hilf +mir!“ Langsam ließ Marduk seinen Arm herunter. Er öffnete seine Augen, +sie lag ausgestreckt da. „Ich hab dich nicht hingeworfen. Du hast es +allein getan.“ + +Er sah sie nicht mehr an. Sie suchte, wie sie sich aufrichtete und +stand, seinen immer abgewandten Blick zu haschen. Ein unsicheres Gefühl +war in ihr, als hätte sie ein Unrecht getan. Nichts sagte sie mehr. Ein +leiser Schmerz war in ihrer Brust, als er sich stumm zur Tür bewegte. +Sie war bestürzt, aber leicht befriedigt, als sie hörte, wie er leise +sagte, den Blick am Boden: „Sei unbesorgt. Es geschieht dir nichts. Man +wird dich auf ein Zimmer bringen.“ Und noch während sie von einer Wache +hinausgeleitet wurde, flüsterte er: „Keine Angst. Es geschieht dir +nichts.“ + +Auf dem Zimmer, auf dem die Balladeuse gewartet hatte, die Decke +zerzupfend, mit Jonathan sprechend, wartete Elina zwei lange Tage. Sie +weinte, hatte Sehnsucht nach Jonathan, nachts wilde Angst. Stundenlang +dachte fühlte sie über Marduk nach und war gequält. Zwei Tage lang kam +Marduk nicht. + +Aber was war das für ein Mensch, der den dritten Morgen ihre Türe +öffnete, an der Wand stehen blieb, sich ihr näherte, im gelben langen +geschnürten Mantel, den grauen Kopf senkend, sanft: „Elina, willst du +mir gestatten, daß ich hier sitze.“ Sie hatte unendliche Furcht vor ihm. +„Du wirst in einer Stunde das Haus verlassen können. Und wirst hingehen, +wo du willst. Nimm einen Gruß an Jonathan mit. Grüß ihn von mir. Er war +ohne Grund besorgt um dich. Ich habe mich vergriffen. Ich habe es schon +erkannt.“ + +Sie fühlte sich, auf dem Bettrand sitzend, bewegt, zu sagen, er möge +doch nicht stehen. Es sei sein Zimmer, er möge sich setzen. Da fing er +aus seinen großen braunen Augen sie betrachtend an: „Du liebst Jonathan. +Sag mir, wie liebt ihr euch?“ Sie blickte erstaunt, dann lächelte sie +auf ihren Schoß herunter: „Er ist ja mein. Ich bin ihm von Herzen +zugetan. Willst du das wissen? Seit ich ihn habe, ist mir die Erde +schöner geworden. Seit ich ihn habe, ist alles gut geworden. Ich selbst +bin gut geworden. Er brauchte es nicht werden, Jonathan, er war immer +gut. Was soll ich dir sagen, Marduk. Ich vermisse ihn jede Stunde.“ Er +hielt den Kopf gesenkt: „Kannst du noch mehr sprechen.“ „Von Jonathan? +Immerfort könnte ich von ihm sprechen. Du glaubst gewiß nicht, was ich +sage.“ „Sprich doch weiter, Elina.“ „Du kennst ihn ja selber. Du mußt +nicht glauben, daß ich seiner unwert bin. Aber er weiß es selbst. Wenn +man sich liebt, glaubt man das nicht. Ich liebe ihn nicht von gestern +auf heute, und morgen ist nichts mehr. So innig, so innerlich bin ich +ihm zugetan, daß ich mir gar nicht denken kann, daß dies erlischt. Ja, +daß dies mit mir und Jonathan stirbt. Du magst lachen, Marduk; ich +glaube, wenn du mich umbringst mit Jonathan –“ „Was ist dann? Sprich +nur. Ich bring euch gewiß nicht um.“ Sie saß mit geschlossenen Augen, +flüsterte nach einem Schweigen: „Die Welt wird dann schöner werden. Die +Erde wird dann schöner. Wir werden nicht mehr zwei Menschen sein, die an +einem Fleckchen, in einem Zimmerchen sind. Wir werden wandern, hier +beseelen, da beseelen, wie eine Wolke. Wir werden viele glücklich +machen. Wir sind auch vielleicht bei dir. Ich dachte schon manchmal, +wessen Glück auf mich übergegangen ist, welchem süßen Abgeschiedenen ich +zu danken habe.“ + +Tränen liefen ihr aus den Augen. Er fragte nicht. „Ich weine um ihn, +Marduk. Was hat er in diesen Tagen gelitten. Du bist nicht schlimm. Wie +ist es ihm gegangen, bevor wir uns fanden. Er hat solche Kraft zu +leiden.“ „Ich habe sie früh an ihm erkannt. Sie wird nicht absterben wie +die andere Kraft, von der du sprichst.“ Sie lächelte: „So viele Menschen +haben Liebe, Marduk. Auch Tiere und Vögel und Schmetterlinge. Sogar +Löwen und Bären.“ Er lächelte nicht, als sie ihn anlächelte. „Du machst +einen Scherz mit mir, Marduk? Ich weiß nicht recht, was du mit mir +tust.“ „Geh jetzt, Elina. Ich danke dir, daß du zu mir gesprochen hast. +Du bist mir nicht böse.“ „Nein, nein. Und ich kann jetzt gehen.“ „Ich +öffne dir.“ Sie gab ihm die Hand, blickte ihn von der Seite an: +„Lebewohl, Marduk. Leb’ recht wohl. Wovon bist du so grau? Und warum +trägst du einen Bart?“ „Jonathan soll mir nicht grollen.“ + +Wie sie im Hause ihres Freundes war und sie sich besänftigt hatten, +drang Jonathan in sie: „Flieh mit mir.“ Sie konnte nicht. „Du, Elina, +ich sehe mein Geschick.“ „Was ist das?“ „Es ist das des flüchtigen +Desir, des Freundes der Marion Divoise. Er haßt mich jetzt. Er will mich +treffen. Er hat sich geschämt; er war zu rasch, er war zu deutlich. Aber +er will mich treffen, mit dir, meiner Geliebten.“ „Ich werde nie zu ihm +gehen. Ich bin nicht die Balladeuse. Ich habe nur dich, ich habe es ihm +gesagt, er hat es gehört. Mit dir zusammen sein ist mein Leben. Er weiß +es und es ist wahr. An ihm – ist etwas Schauerliches. Zuerst hielt ich +ihn sogar für schändlich. Ich weiß nicht, wie du sein Freund sein +konntest. Du, mein wonniger Jonathan.“ „War ich sein Freund? War ichs +oder bin ichs? Er hat meine Mutter gemordet, ich habe es dir erzählt. So +fing sein Konsulat an. Da stand er und wußte nicht weiter. Er schwankte, +er schwankte noch oft; er wollte immer weg von seinem Konsulat; an mich +hat er sich gehalten. Dazu war ich sein Freund. Den Schmerz in mir hat +er gezüchtet, um nicht zu verzagen, nachdem er alles vernichtet hatte, +woran er selbst hing, seine Pflanzen seine Bäume, die wunderbaren Dinge, +die er trieb. Was will Marduk von mir? Ich bin ihm einer der Stiere, der +Metallstiere Markes: ich soll ihn erinnern. Ich soll brüllen. Vor +Schmerz brüllen. Sonst wird alles sinnlos, was er treibt. Sein Konsulat +fällt ihm aus den Händen. Vielleicht treibt ihn jetzt die Gewalt allein +und er merkt, daß er überhaupt gar nichts mehr ist. Daß er mitmachen +muß, mitheulen muß. Und er möchte ja nicht, ich sage es dir, Elina, +darum verfällt er auf alles mögliche, darum hat er das Land ausgedehnt +und was sonst. Was wollte er denn mit dir? Die Maus in der Falle!“ Elina +wich von ihm, hob die Hände: „Wie ist mein Jonathan böse! Das bist du ja +gar nicht.“ „Ich bin es doch. Ich kann auch böse sein. Ich ohne +Schleier. Er hat mir Schleier vorgelegt, mich nach seinem Willen +gezüchtet. Ich ohne Schleier. Vor Schmerz habe ich brüllen müssen, an +der Ostsee hab ich fast sterben müssen, und später gab es fast keine +Woche, wo ich nicht einen halben Tag mit dem Tode rang. Das wußte er und +das tat ihm wohl. Der Uralische Krieg war ich. Den preßte er in mich +hinein und sättigte sich daran. Die Bilder genügten ihm nicht, Markes +Schädelpyramide reichte nicht. Sieht er mich, brülle ich, so weiß er +etwas, so hat er Sättigung, so kann er seinen Wahnsinn leichter +herunterschlucken. Dann schmeckt er ihm.“ + +Sie hing ängstlich an ihrer Stuhllehne, schaute ihn mit großen Augen an: +„Von dem, was du sagst, verstehe ich das meiste nicht. Aber du mußt weg +hier. Das seh ich. Warum bist du nur solange hiergeblieben mit mir?“ Der +weiße Jonathan stand still; langsam ließ er den Kopf sinken. Leise +Elina, einen Schritt näher zu ihm: „Doch seinetwegen.“ Er schwieg, den +Kopf vor der Brust, die Hände gefaltet vor die Stirn drückend. „Ich weiß +es doch, Jonathan; seinetwegen.“ Er ließ die Hände, blitzschnell warf er +den Kopf zurück, war er bei ihr, umschlang sie: „Ich habe dich. Ich +liebe dich. Komm. Du bist mein Leben und mein Licht. Ihr Haare seid mein +Glück. Die süße Haut. Du nasser Mund. Mein Hals. Du feine Brust; ich +krieche in dich hinein. Und nun küß mich. Ich habe dich wieder, Elina. +Elina.“ Seine Knie knickten ein: „Ich bete.“ Sie sank zu ihm herunter: +„Jonathan. Nichts kann ich dir sagen. Ich bin dir ja so nahe.“ + +Sie gingen nach dieser Stunde wie sonst nebeneinander. Fester drückten +sich ihre Arme aneinander. + + * * * * * + +Zerstreute Menschenherden schoben sich über die öden Flächen der +Kontinente. Ein besonderes trübes Verlangen trieb Massen aus gestopft +vollen Stadtschaften nach Osten in die russische verwüstete Ebene. Auf +dem ungeheuren Schlachtfeld des Feuers der Gifte der Ströme kletterten +sie über Schuttberge, umgingen grünlich behäutete Sümpfe, hoben Reste +von Menschen- und Tierknochen auf. Die weite Tiefebene hauchte nicht +mehr Gas. Regen Wind Schnee Sonne hatten lange Jahre gearbeitet. Über +einen abenteuerlichen dünn übergrünten Friedhof fuhren und gingen sie. +Gerste Roggen wuchs in wilden Halmen. In das verstümmelte Riesengebiet, +das von Wassern sprudelte, über das der Wolgastrom der Don Dnjepr +ausgekentert war, waren Pflanzenkeime, leicht schlafende Wesen, den +Menschen und Tieren vorausgeeilt. Pilze, kurze stämmige Boviste und +Erdsterne hatten sich an den südlichen Flußmündungen, an den Meeren und +Sümpfen geöffnet, Herbststürme trugen die leichten Kugeln in das wüste +nördliche Land, streuten ihr Sporenpulver auf den losen nackten Boden. +Die Kiefern und Lärchen des Südens schickten geflügelte Samen her. +Gräser tanzten mit Flügeln wolligem Bausch Haarschöpfen, auf Windsäcken +lautlos her von dem bewachsenen Abhang des Ural, aus der Krim und von +Astrachan, von Polen Galizien, in das zerwirbelte zerknirschte russische +Land trieb sie die Luft; sie stiegen und sanken mit Wärme und Kälte. +Drehten sich, schleierten über den Boden. Flogen mit drehenden Scheiben +Platten Walzen Schrauben, waren Staubkörner, zogen hoch über endlose +Strecken mit Schirmen und Segeln. Sie fielen; Blumen Gräser Halme +keimten aus der behauchten Erde. Von den grünen Grenzen drangen die +Pflanzen Blumen und Bäume tiefer und tiefer in das tote Innere. Die +Sprengkraft der furchtbaren Flammenbergwerke hatte das Erdfundament +nicht erschüttert. Die uralte Erde lag da, atmete empfing. Die +wandernden Bergwerke hatten die Sonne nicht erreicht; die zog morgens +vom Uralgebirge her, wärmte vergoldete die Wolken. Der Mond, oft rot, +oft tief vergilbend, weiß wie ein angestrahlter Spiegel zog in den +Nächten hinter der Sonne her, in der schwarzblauen Unermeßlichkeit des +sternezitternden Himmels. Es gab noch alles. Die scharfen Klüfte, die +die Flammenbergwerke in den Boden gerissen hatten, flachten ab, sanken +zusammen. Die Schwaden verdunsteten. Und mehr und mehr zogen sich bunte +Tupfen die Flüsse entlang. Als aus griechischen und rumänischen +Stadtschaften kleines Menschenvolk, wagenführend, mit Kindern und Vieh +suchend das holprige rissige abgründige Gebiet durchzog, stießen sie auf +Menschen, die sie noch nicht gesehen hatten. Wesen, die sich wie sie +bewegten, den Pflug führten, Pferde und Rinder trieben, Hunde neben +ihnen, Männer und Frauen mit breiten gelben Gesichtern; sie beobachteten +einander, taten sich nichts. Oft stießen sie auf solche Menschen. +Chinesen Burjaken Mongolen, die die Pässe des Ural durchwandert hatten. +Griechen und Rumänen besiedelten neben ihnen das Land. + +An der Nordsee zog sich die ungeheure Stadtschaft Hamburg hin, schloß +Lübeck Itzehoe im Norden, Bremen im Süden ein. Sie hatte, mit London +verbunden, keine Umwälzung in sich geduldet, die Gewalt ihrer +Herrengeschlechter nach einigen Revolten stärker befestigt. Die große +Seelandschaft erschauerte bei der Annäherung der Märker. Ihre trägen +Massen verlangten nach einem Wall im Westen und Süden; man sollte die +feindselig Andrängenden rasch attackieren und zurückschleudern. London +sah die Gefahr Hamburgs, aber die englischen senatorischen Sippen +liebten die Männer und Frauen der neuen Art. Vergeblich schickte London +Botschaften an Marduk, den Senat, die Führer einzelner Horden. Die +britische Zentrale wollte die Märker vor einem Angriff Hamburgs +bewahren. Dann verfiel man darauf, sich der Frondeure und Täuscher im +märkischen Gebiet zu bedienen. Sie waren geheim vom Ausland mit Material +versorgt, die Mekilaboratorien waren mit ihnen auf Weisung der fremden +Senate in Zusammenhang geblieben. Früh fingen diese Täuscher, die großen +gestürzten Geschlechter, an, sich zu bewaffnen. Wie Marduks Regiment +wider Erwarten sich befestigte, eine unglaubliche Energie das Volk in +Bewegung setzte, mischten sich die Täuscher unter die Horden. Sie +bildeten eigene Gruppen, bei der allgemeinen Lockerung wenig beobachtet. + +Nahe dem im Hannöverschen gelegenen Quartier des Täuschers und +Hordenführers Lorenz landeten Flugzeuge. Englische Männer suchten ihn. +Mit ihnen ein gigantisches Wesen, von negerischem Aussehen, +schwarzbrauner Hautfarbe. Während die blassen Engländer unter Ten Kates +mit dem märkischen Bandenführer verhandelten, zwischen Tannen +herumgingen, mittags an einem Wasser lagerten und eine zähe barbarische +Speise einzunehmen gezwungen wurden, Schenkel geschossenen Wilds, +bewegte sich der Schwarze, den sie nicht ins Gespräch zogen, unauffällig +unter ihnen, saß mit halb geschlossenen Augen auf dem Sandboden, die +Beine untergeschlagen, schien nur begierig, eine von den schweren bunten +Felddecken an sich zu ziehen, die die Engländer um sich ausbreiteten. +Die nahmen lächelnd und dankend die derben Kupferschalen und +Mörserkeulen an, die man ihnen bot, als sie vergeblich mit ihren +schwachen Kiefern, bröckligen schwarzen Zahnstummeln das gesottene +Muskelgewebe zu zerreißen suchten. Zerschnitten stampften es zu einem +Brei, den sie schluckten. Den Märkern, die ihnen zuschauten, blitzten +die Augen. Sie kauten bissen schnalzten; sie knackten Knochen. Nicht +einmal dann mischte sich der Schwarze, der Fleisch wie die Märker +schlang, ins Gespräch, als Ten Kates bei Sonnenuntergang von der Erde +sich erhob und beim Herumschlendern mit den andern, den schmalen Lorenz +umfassend, auf Zimbo zeigte: sie würden den hier lassen, er würde ihnen +gut zur Hand gehen. + +Wie ein Krokodil, das lautlos an der Oberfläche des lauwarmen Wassers +treibt, sich der Sonnenwärme freut, gleichmütig von der Strömung über +und über gerollt wird, in der Nähe und von weitem wie ein +grünlichbrauner abgedrehter Baumstamm, am Sandufer trocknend grau und +rauh wie eine Steinmasse, so unkenntlich trieb Zimbo zwischen den +andern. Abends, wie die Engländer abflogen, hatte er sich entfernt. Am +Morgen klopfte er an Lorenz’ Haus, setzte sich, eingelassen ungeschickt +auf einen Stuhl, den man ihm bot. Legte den linken Arm auf den Tisch, +fragte, womit man hier schösse. Sein Arm blutete. Lorenz bückte sich +über den Tisch; der Schwarze war an einen Posten geraten, der mit Schrot +schoß. Der plattnasige Mann murmelte: „Es sticht“ ließ sich verbinden. +Er fragte mit seiner baßtiefen gurgelnden und rieselnden Stimme, was sie +hier täten. Das Weiße seiner Augen ließ er aufschimmern. Er lachte und +nickte, als Lorenz erzählte, sie hielten sich zum Schein für einen +Angriff bereit, spionierten inzwischen, sorgten dafür, daß nicht zu viel +in den neuen Gebieten demoliert wurde. Sie gossen sich Branntwein +hinter. Was der Konsul Marduk täte, wo er sei; gibt es einen Senat. Der +elastische Weiße schloß die Tür; Marduk hielte sich im Hintertreffen: zu +trauen sei ihm nicht, er schiene gleichgültig zu sein, aber der Mann sei +gefährlich. Wieder knurrte Zimbo, zeigte das blutig durchlaufene Weiß +seiner Augen. Lorenz drang auf rasche englische Hilfe. Zimbo blickte ihn +nur zwischen den verquollenen Augenlidern an, schlich die gelben starken +Zähne zeigend, hinaus. Eine ganze Woche hörten die Gruppen der Täuscher, +die glaubten, ihre Stunde schlüge bald, nichts von dem englischen +Funktionär. Dann erfuhren sie, er triebe sich in der alten Innenstadt +herum, habe sich einmal an Marduk herangemacht, sei bei den Bergwerken +in der Lausitz. Wie die Zeit vorrückte und Lorenz schon verzagte, +erschien Zimbo im Arbeiterkittel, von der Verden-Celler Straße her, in +die sich die äußersten märkischen Posten schoben. Wieder lungerte er nur +herum. + +Der hamburgische Vorstoß setzte ein. Ein trüber Septembermonat. Der +hamburgische Senat hatte sich nach der Infiltration der Lüneburger Heide +neu konstruiert und folgte dem Druck seiner Bevölkerung, die durch +Schreckensnachrichten über die Natur der östlichen Angreifer gepeinigt +wurde. Man glaubte in der Seestadt rasch mit den Östlichen fertig zu +werden. Heimlich vor den beobachtenden englisch-kontinentalen Freunden +schickte der Senat eine Handvoll technischer Truppen mit +Angriffseinrichtungen vor, die den früheren Brandmasten ähnelten, +transportabel waren und kleinere Flächen bestrichen. Diese Truppen, von +Bremen vorgehend, erreichten in wenigen Tagen eine radikale Säuberung +der durchschrittenen Landstreifen. Nicht sehr tief und nicht in großer +Breite gingen sie vor, denn man dachte durch Abschreckung das Weitere zu +erreichen. Die Truppen aber, nachdem sie die schreckliche restierende +Ergiebigkeit ihrer Einäscherer sahen, waren nicht zu halten. In Hamburg +schlug sich der Senat noch den zweiten Tag über die Frage der +Kriegsverlängerung, die Art seiner Weiterführung herum. Da legten die +angreifenden Techniker schon wieder die Drähte an die großen Fernkabel, +stellten die Transformatoren Blenden Konzentratoren auf die kreisrunden +Wagengestelle, stießen auf ihnen nach Nordosten in die Heide hinein. Die +herumvagierenden nördlichen Horden der Märker wurden vernichtet, +dahinterstehende wichen gegen die Aller nach Hannover zu aus. Der +Außenteil der Heide war von der östlichen Invasion befreit. Die +Seelandschaft Hamburg erzitterte. Die Herrschenden stellten sich +kriegerisch um; die Märker sollten ganz ausgerottet werden. Auf Hannover +Hildesheim Braunschweig zogen sich die märkischen Banden zurück. Es +wurde, da eine größere Zahl Männer und Frauen sich unter Waffen stellte, +damals nötig, daß die Mekifabriken der künstlichen Nahrung stärker +arbeiteten. Mit Widerwillen mußten sie die schon halb entwöhnte zarte +mästende Nahrung nehmen. Mit Schmerz konstatierte der Senat, daß die +Äcker und Kohlenbergwerke durch den Krieg ihrer Menschen beraubt wurden; +er stellte auch mit Stolz und Zuversicht fest, daß man diese Periode +überwinden werde. + +Wie sie sich auf Hannover und östlicher zurückzogen, hielten die +Täuscher den Augenblick für gekommen zu einem Schlag. An ihnen lag es, +eine furchtbare rasche Aushungerung des Landes vorzunehmen. Und damit +begannen sie. Fünfzehnhundert Menschen waren es, die in den Fabriken der +synthetischen Nährstoffe drei Wochen nach dem Hamburger Rückschlag die +Fabriken verließen, bei einer Kampftruppe auftauchten und zu erkennen +gaben, daß ihre Kriegsbegeisterung sie nicht in den Fabriken dulde. Sie +suchten damit Zeit zu gewinnen und ihr Leben zu retten; die Katastrophe +konnte bei den geringen Vorräten nicht lange ausbleiben. Einzeln wurden +sie vor den verblüfften Senat gestellt, der sie halb durchschaute. Bei +den Horden erregte ihr Erscheinen im ersten Augenblick Jubel. Dann kamen +die warnenden Aufklärungen des Senats. + +Und schon war Marduk selbst auf dem Plan erschienen. Der graue Konsul +trat in diesem Moment auf, als hätte er sein Stichwort abgewartet. Seine +alten Feinde, die Männer und Frauen der Apparate, der hohen +Wissenschaft, wollten dem Land an die Gurgel, sein Werk zerstören. Sein +Ansehen und seine Wache verschafften ihm sofort die Führung im Senat. Er +fragte die Gefangenen aus, sagte ihnen, daß sie zu den versteckten +Täuschern gehörten und was sie planten. Alle fünfzehnhundert aus den +Fabriken Entflohenen ließ er dann in Linden bei Hannover +zusammentreiben. In Gegenwart von Abordnungen aller Horden ließ er +hundert von ihnen grausam auf einer herbstlichen Wiese foltern. Dies zog +er einen Nachmittag hin. + +Als sie am folgenden Vormittag und den Nachmittag nicht eingestanden, +gab er sie den Kriegern am Abend zum Mord frei. Man hat von diesem Mord +im Ausland nichts gehört, nur nach Hamburg sickerte es durch. Es ist +Tatsache, daß an diesem Abend auf dem europäischen Kontinent wieder +Menschenzähne Menschenfleisch zerrissen und Menschenlippen Blut tranken. +Das Rasen der Krieger um die Gefangenen, die sie sich zu entreißen +suchten, war beispiellos. Die Tötung wurde lange hingezogen. Die +afrikanische Durchflutung des europäischen Blutes wurde deutlich. Aus +zertrümmerten Schädelschalen tranken Krieger, Männer und Frauen, noch am +nächsten Tage. Unter den benachbarten Horden wuchs mit der Kriegswut ein +wollüstiger Drang, der sie schwächte und Marduk veranlaßte, andere +Methoden gegen die lebenden Gefangenen anzuwenden. Es ist sicher, daß +sich damals der Konsul Marduk, der als grauer matter Mann aufgetaucht +war, verjüngte. Er ließ die Gefangenen fesseln. Die Lebensmittel waren +zu strecken, Krieger, wo es anging, hatten auf die Äcker zurückzukehren. +Den Horden und Häuptlingen gab er Kenntnis vom Stand der Dinge und gab +ihnen Auftrag: da wo sich Hunger einstellte, sollten sie sich Nahrung +holen. Der Hauptteil seiner bewaffneten Wache ging an die Grenze. + +Es waren nicht alle Flüchtige aus den Mekifabriken, die Marduk fesseln +und töten ließ. Nahe der Horde Lorenz lag in der Nähe von Ülzen an der +Ilmenau die Truppe Jan Lubbocks, und nördlich davon, in der Gegend des +alten Bewensee, die stark mit Weibern durchsetzte Truppe der Angela +Castel, einer stillen harten Frau, die zu den Liebhaberinnen der +Balladeuse gehört hatte, der Marion Divoise, von der es hieß, daß Marduk +sie in Liebesscham zum Fenster hinausgeworfen hatte. Die hellbraune +glattgescheitelte kleine Castel war die einzige Frau, die sich in der +männlich verwandelten märkischen Stadtlandschaft unter den Führern +hielt, sie, die sich und ihre Truppe mit Tannenzweigen an der Brust +schmückte und verbitterte Frauen unter sich versammelt hatte. Spott lag +auf dieser Schar; man ließ sie gewähren. Sie hielt die Flüchtigen aus +den Mekifabriken mit Stolz bei sich. Und als klar wurde aus Bewegungen +südlicher und östlicher Gruppen, daß der gehaßte Marduk gegen sie etwas +im Schilde führte, brach sie los. Sie schuf sich erst Platz durch einen +Angriff auf die Hamburger im Norden. Dicht an Lauenburg drang sie heran. +Gegen die Hamburger wandte sie zum erstenmal ihre eigenen Fernwaffen. +Zuerst den Wolkenbläser. Dies war ein Vergaser, der eine schwere +schwarze wie kohlegesättigte Luftmasse von sich gab, die sich auch unter +Wind kaum vom Boden und der eingeschlagenen Triebrichtung entfernte. +Ohne giftig zu wirken und zu schädigen, hüllte die schwarze anschwebende +bodenentlang kriechende Wolke jeden Menschen Gegenstand Baum Weg Berg +Wagen Pferd dicht ein, so daß augenblicklich alles, was in ihren +finstern Bereich kam, genötigt war halt zu machen, von tiefer Angst +erfüllt. So dick war die Schwärze, daß Menschen, die sich bei den Händen +berührten, sich nicht sahen, daß sie Auge an Auge drängend in Nacht +hilflos dastanden. + +Das Unheil, das unter den Gegnern entstand, als die erste Wolke, die sie +für giftig hielten, bei Lauenburg am Boden in undurchdringlichen +meterhohen Schwaden bauchig sich vorwölbend gegen sie anschwoll und sie +überwogte, sie versenkte. Fahrende Wagen suchten zu entkommen; schrill +und dumpf stießen sie Warnrufe aus. In Nacht vorrasend fuhren sie gegen +laufende irrende stehende Menschen, rannten an Bäume Häuserwände auf, +wuchteten zerschmetterten aneinander. Pferde auf den Weideplätzen +brachen los, galoppierten hell und heiß wiehernd, warfen Menschen +nieder, stürzten Stufen herunter, bissen entsetzt nach anderen Tieren, +nach schlagenden Menschen, an Baumstämme, die vor ihnen nicht auswichen. +Die Menschen, wo sie betroffen wurden, in Häusern auf Straßen auf Wiesen +suchten zu entkommen. Liefen, riefen sich an, faßten sich, sahen sich +nicht, tasteten blind weiter. Dann rasten Tiere und Wagen unter sie. Sie +warfen sich hin. Wo sie ein Erdloch fanden, krochen sie hinein. Auf +Geräusche lauschten sie nach allen Seiten, um zu wissen, wohin sie +flüchten sollten. Und wie sie ruhig anhielten, in die Nacht gebannt, +hatte sie die feindliche Truppe gefaßt. Wie man Sand in einem Sieb +schüttelt, wurden sie von den Feinden ergriffen, mit Kugeln und +Geschossen von oben und den Seiten durchlöchert. Blitze ließ man durch +sie laufen. Einen brennenden, einen tötenden Augenblick war Licht unter +ihnen. + +Vor Lauenburg schickte die hellbraune Castel gegen eine dichtbesiedelte +truppenbesetzte Landschaft einen Flußlauf. Das Wasser der Elbe, breit +fließend, viele Meter tief in die Erde eingegraben, erhob sich wie +abgerahmt aus seinem Bett, übersetzte in meterbreiter Ausdehnung den +baumbestandenen steingefaßten Uferrand, stäubte spritzte hin wie +unwillig, dann heftiger, schwemmte brauste mächtig wogend in die wiesen- +park- straßenbezogene Landschaft. Flach ausgebreitet wälzte sie sich +südwärts in die offene Heide ein. In die Häuser Zimmer, durch die +Fenster sprang der Strom, Menschen Geräte Tiere Zäune aufhebend. Gärten +Ställe Fabriken demolierte er, unablässig weiter schwellend, getrieben +von der bald lautlosen bald orkanartig heulenden gegen das Flußbett +gerichteten Gewalt, die das Wasser angefallen hatte. Man erfuhr später, +daß Frauen der Gruppe Castels im Besitz der Erfahrungen waren, die bei +der Insel Jan Mayen in so ungeheure Erscheinung traten und einen neuen +Abschnitt in der Bezwingung des Wassers darstellten. Die Elbe war +abgeschnitten bis zur halben Tiefe durch die sprühenden vergasenden +Ketten, die ins Wasser tauchten aus starr überhängenden Drähten. Sie +floß flach unterhalb dieser Sperre. Jenseits der Sperre aber wuchs sie +wie geschleust mauerartig hoch, überlief, die schwere schlammwälzende +Elbe, das Land, füllte es klatschend. + +Die Castel legte um ihre bis zur Elbe vorgebrachte Truppe einen +Verteidigungsgürtel mit Fernwaffen, wartete die Wirkung ihres Vorgehens +auf Marduk ab. Wie der bei Ülzen stehende Jan Lubbock und Lorenz, über +die Tat der schweigsamen Castel entsetzt nach Zimbo suchten, erschien +der schwarze schmalköpfige Zimbo bei Lauenburg, fragte die Castel, die +ihn kannte, nach ihren Absichten. Die gab ihm zurück, sie werde genau +das tun, was sie erreichen könne. Er wollte bei ihr eintreten, die +weiteren Operationen leiten. Sie lehnte ohne eine Miene zu bewegen ab. +Zimbo röchelte einen Augenblick in Wut vor ihr, dann schlug er sich auf +die Brust, nahm ihre geschlossene Hand, als sie lächelte, wünschte ihr +Glück. Während die Castel sich um Lauenburg befestigte, hielt Zimbo +Lorenz und Lubbock in der Gewalt, daß sie davon absahen, sich der +gefährlichen Frau anzuschließen. Sie taten, was der schlaue Mann vom +Kongo ihnen vorschrieb. Lieferten die siebzig Flüchtigen aus den +Mekifabriken nach Berlin an Marduk ab, der sie zu den übrigen tat, +versteckten ihre Waffen, gebärdeten sich unterwürfig gegen den grauen +Konsul und den Senat. Der graue hohe Marduk legte sich wieder die Waffen +an, die er im Beginn seines Konsulats trug. Die Wache des Ratsgebäudes +und um ihn verstärkte er um Hunderte. Der schwarze schweigende Lucio +Angelelli bezog seinen alten Posten. + +Das weite Land, das die Stadtschaft an sich gerissen hatte, überflog +Marduk mit Angelelli. Die wieder vorstoßenden Brandwerfer der Lüneburger +Heide sahen sie, die Flammen in Celle, das Wallen und Schwemmen der Elbe +am Standort der verräterischen Angela Castel, im Land verstreut halb +aufgelöste plündernde Horden, Ackerbauern, die sich gegen Nachbarn +verteidigten. Warnende Nachrichten erreichten sie in Hannover: die +verfemte Castel bereitete einen Angriff auf Berlin vor, Hamburg und +England stünden hinter ihr. Ein weiblicher Bote von ihr kam in Hannover +an auf der Suche nach Marduk; in einem kurzen Brief ermahnte die Castel +den Konsul, seine Waffen niederzulegen und sich außer Landes zu begeben; +sie sei nicht die einzige gegen ihn in der märkischen Landschaft. Das +wußte Marduk. Es kam ihm nicht darauf an. Er war, und ebenso Angelelli, +sein stiller schwarzer Gefährte, geschüttelt von einem heftigen Gefühl, +als er das schneebedeckte Land sah, die Flächen, die schon zum Acker +aufgebrochen waren, Menschen beim Bohren von Brunnen, niedergebrochene +Häuser und Fabriken und hinter dem stummen sich bäumenden Land die +westlichen Riesenstadtschaften, die eindringenden Flammenschießer in der +Heide, die Überschwemmung bei Lauenburg. Wie von einem Blitz war er +getroffen, als er dies sah. Ein Schmerz und Glück: sein Werk! + +„Angelelli, du kennst die Castel. Das ist ein anmaßliches Weib, die +nichts vorhat, als die verruchte Frauenherrschaft über uns zu verhängen. +Ihr liegt nichts an dem Land. Sie versteht nichts. Noch weniger als die +Londoner, die doch etwas ahnen. Aber wenn sie für nichts, für ihre +dummen Pläne sich der Vernichtung durch mich und die andern aussetzt, +soll ich mich beschämen lassen. Willst du dich beschämen lassen, Lucio +Angelelli.“ Der legte seinen strengen Kopf nach rückwärts: „Ich nicht, +Marduk.“ Marduk hob die Arme: „Und ich!“ + +Ein Teil seiner Wache flog ihm nach auf Hannover. Als Marduk sie sich +westlich von den letzten Ausläufern der Stadt setzen hieß, wurde +Jonathan bei ihm gemeldet. In einem qualmigen mit Kohle geheizten Raum +einer halb abgebrannten Fabrik stand Marduk, den ruhigen ernsten Blick +gegen den blassen weichen Mann. „Marduk, ich suche dich seit drei Tagen. +Ich freue mich, dich zu treffen.“ „Auch ich, Jonathan.“ „Du fragst, was +ich will.“ „Nein, ich frage nicht. Du kommst doch zu mir.“ „Ich will +nichts von dir, Marduk. Ich habe früher nichts gewollt und will jetzt +nichts. Ich möchte dich warnen.“ Jonathan verschattete sich die Augen +mit der Linken. „Von der Castel war ein Bote schon bei mir.“ Der Blasse +flüsterte: „Kann sein. Du scheinst dich nicht darum zu kümmern. Geh +außer Landes.“ „Gehörst du auch zu den Täuschern?“ Der jüngere verstörte +zitterte wenig, dann bezwang er sich, richtete sich auf: „Ja.“ Marduks +Hände hingen schlaff herunter. Die Augen in seinem Kopf waren +geschlossen. Er stand eine Weile, als ob er schlief. Wie er die Augen +öffnete, stand Jonathan noch da. Der Mann, sein einziges Glück einmal, +war drängend näher an ihn gekommen. Marduk schüttelte den Kopf: „Du +sagst mir keine Neuigkeit, Jonathan. Willst du mich warnen vor dir?“ +„Ich weiß, daß du keine Furcht vor mir hast.“ „Nein.“ „Ich warne dich. +Geh außer Landes.“ Marduk faßte den Jungen um die Brust: „Du willst mir +das anbieten? So erbärmlich denkst du von mir? So fremd bist du mir?“ +„Ich muß es tun.“ Marduk hauchte wie gelähmt: „Ein Täuscher. Es lohnte +nicht, daß ich ein Wort an ihn verliere. Die Castel ist frech. Er, +seinen Namen sprech ich nicht aus.“ „Marduk, ich hasse dich ja nicht.“ +„Sitzt du bei deinen Maschinen gegen mich? Geht es dir gut dabei. +Jonathan. Aber leb wohl! Du! Leb recht herzlich wohl.“ „Mir nützt es +nicht, was du sagst. Darum kam ich nicht. Ich warne dich, Marduk! Wir +sind viele.“ Marduk grimmig: „Laß mich los. Sprich nicht mehr zu mir. +Ich verachte mich, wenn ich dich sehe.“ „Marduk.“ „Weg, weg! Es +schüttelt mich. Daß du mir unter die Augen trittst! Daß du es wagst. +Warum? Das heißt nicht, mich vor dem Tod bewahren. Du hast doch eine +Geliebte. Geh zu ihr.“ „Ich will dir sagen, Marduk: erst hast du meine +Mutter getötet, ich bin dir gefolgt, dann mußte ich von dir gehen. Ich +warne dich jetzt. Schmäh mich nicht.“ „Sag mir du, bist du gekommen, um +mir das von deiner Mutter zu erzählen? Weil es deine ganze Armut, +Jonathan, deine ganze Trostlosigkeit enthüllt. Du hättest um deiner +Mutter willen jetzt schweigen sollen. Von deiner Mutter hättest du +nichts sagen sollen. Ich weiß, sie hat dich mit mir verbunden. Sie ist +jetzt – gegen dich!“ Jonathan faßte sich an den Hals, wie gewürgt +stöhnend, die Augen waren ihm vorgetreten: „Sprich nicht weiter, +Marduk.“ „Ich spreche schon nicht. Warum erlöst du mich nicht? Warum +gehst du nicht.“ „Ich habe mich schwer hergezogen, Marduk. Ich habe mich +gewunden und geschämt herzukommen. Ich habe um dich und durch dich +grenzenlos gelitten, Marduk. Du weißt es. Ich hänge an dir. Ich kann +dich nicht loslassen. Ach ich warne dich, Marduk. Stirb nicht und stirb +nicht mit meiner Hilfe. Ich bitte dich, flieh. Ich flehe dich an, hör +auf mich. Ich flehe. Ich flehe. Marduk.“ + +Der wandte ihm den Rücken. „Du wirst außer Landes gehen, Marduk?“ Lucio +Angelelli trat neben Marduk. „Du wirst meinem Rat folgen, Marduk? Gib +mir eine Antwort.“ Dessen Augen blickten auf den Hauptmann. Der griff +von hinten Jonathan um den Leib, schleppte den wimmernden aufheulenden +schlagenden vor die Tür, warf ihn auf die Treppe. Ein zuspringender +Krieger lähmte den Hingestürzten durch einen Kolbenschlag. Marduk, +selbst vor die Tür tretend, wehrte dem Krieger, der zurückwich. + +Wieder wurde der Konsul, wie er am nächsten Tage die Wache beging, +verzaubert von den Schneefeldern. Über Ruinen legte sich der endlos +rieselnde Schnee. Hing weiß an Vorsprüngen und Kanten der Gemäuer wie +ein Vogelnest, wölbte sich zum Balkon, floß Stufen herunter, überlagerte +in einem breiten leichten Schwung Mauerreste Treppen Erdboden. Die +Flocken stiebend vom grauen Himmel. Verschüttete Bäume Häuser Wege. Der +Anblick rührte Marduk, wie er im dicken schwarzen Lederumhang neben dem +Hauptmann ging, heftiger und heftiger: „Es ist die Frage, Angelelli, ob +wir feige sein wollen und unsere Zeit abwarten oder ob wir standhalten. +Ich will deine Antwort nicht herausfordern. Ich habe keine Lust noch +irgendetwas abzuwarten. Ich bin vollkommen da.“ „Sie müssen uns das Land +aus den Zähnen herausziehen.“ + +Angelelli ordnete für die Horde eine Feierlichkeit an, die von England +herübergekommen an die indianische Sitte des Medizintanzes erinnerte. +Die dreißig kräftigsten Männer der Truppe suchte er aus; sie hatten +einen nahgelegenen Berg zu umkreisen und zu überqueren, bis sie +erschöpft zusammenbrachen. Zwei Tage und zwei Nächte gingen die Männer +ohne Speise und Trank; ein großer Teil der Truppe lagerte, bald stumm, +bald singend an dem Wege. Zwei Tage und zwei Nächte hatten die Führer +vorgeschrieben. Kein einziger der dreißig Männer, die sich zuletzt +schleppten und wanden, kaum die Füße hoben, mit stieren Blicken, die +Köpfe hängend, sich über die weiße Fläche, selbst schneebeladen, +vorwärtsschoben, keiner versagte unter dem letzten Schmettern der +Bläser, dem Brausen des Männergesangs auf den begangenen Wegen. + +Der schwarze Zimbo stand unbeachtet an einem dieser Wege. Grübelnd +schlenderte er am Abend des letzten Tages davon, pfiff vor sich. Er +schnellte mit den Füßen Steine hoch. Das war bei der Horde ein schönes +Spiel gewesen. An den Yellalafällen hatte er so eins gesehen. Er lachte +und knurrte vergnügt. Eine junge Birke faßte er mit beiden Händen an, +bog den Stamm hin und her. Die Männer hatten schöne Muskeln. Und Lungen. +Wie sie sich fortschleppten, als hätten sie einen Tritt ins Kreuz +bekommen; aber es ging; sie machten es. Warum sollte man ihnen etwas +tun. Er bog und drehte vergnügt an der Birke. Herr Delvil und die +Brüsseler gingen ihn nichts an. Die Dicken in ihren Städten, die +Dickköpfe. Sie wackelten mit den Köpfen, hatten Kürbisse oben; sie +mußten behutsam laufen, sonst fielen sie ihnen herunter. Er kicherte: +wenn ein Sturm kommt, fliegen ihnen die Hüte mit den Köpfen zusammen +herunter. Sie müssen sich einen Haken am Kopf machen und eine Kette, +damit sie ihren wiederfinden. Die Birke ließ er hin und her schießen. +Welchen Grund hatte er, sich für die Glotzaugen und Kürbisse +anzustrengen. Die Läufer gefielen ihm. Mit denen konnte man den anderen +schon um die Nase blasen. Er trollte weiter in den Abend, rieb sich die +Hände, sah sich nach der schmächtigen Birke um, die noch schwankte, nahm +Steinchen zielte nach ihr, warf. Da war bloß noch Marduk. Er brüllte vor +Vergnügen, warf eine ganze Hand Steine. Das war ein dummer verzagter +Kerl. Den muß man umlegen. Das wird nicht schwer halten. Ladung auf +Ladung gegen das Stämmchen. + + * * * * * + +Marduks Ende begann mit dem Vorstoß der unbezähmten Castel. Offen zeigte +sie die Fahne der Täuscher, die verhaßte westliche der brennenden Erde. +Das halbleere von Hungernden Räubern Flüchtigen durchstreifte Land +südöstlich Lauenburgs durchzog sie rasch. Ülzen, wo die intakten Horden +Lubbocks und Lorenz’ sich gesammelt hatten, ließ sie in ihrem Rücken +liegen. Sie war im Besitz von Brandwerfern, die sie den Hamburgern +abgenommen hatte. Weder Boten noch Briefe liefen zwischen ihr und den +beiden früher befreundeten anderen Täuschergruppen. Überall übte sie, +durch das Schneegebiet wandernd, die Methode der schwarzen Einkesselung: +Einhüllung der gefahrdrohenden Gegenden in Wolken, darauf Vergasung oder +Veräscherung. Über Salzwedel stieß sie. Auf ihren Wegen zertrümmerte sie +zweitausend Menschen, rechts und links hinschießend, die metallenen +Stiere, das Zeichen der märkischen Revolution, die brüllenden bronzenen +Wesen mit der aufgerissenen Flanke, die der blinde Konsul Marke +aufgerichtet hatte. Zum Hohn umstellten männliche und weibliche +Streifkommandos die Metallsäulen, warteten den Augenblick des +furchtbaren langhingezogenen sich wiederholenden Klageschreis. Mitten im +Schrei, im grausigsten Sterbelaut zerriß eine Granate den starren +Riesenleib, warf zum Entsetzen, zum Abscheu der zugelaufenen +Landbevölkerung Säulen und Erzstücke dumpfend auf den Boden. Das +Sprengen der heiligen Stiersäulen fachte eine stumme Wut in den +Umwohnern an. Ihre Tannenzweige breiteten Kolonnen nach der +Zertrümmerung der Säulen über die Bruchstücke aus. Sie hätten schon, +wenn sie nicht immer stürmisch abgerückt wären, schon eine Stunde später +überall das Feuer an den Sprengorten sehen können, von den Holzhaufen, +auf denen die trauernden Menschen die feindlichen grünen Nadelzweige +verbrannten, nachdem sie inbrünstig, oft unter Weinen, die Bruchstücke +aus Erz und Stein zusammengetragen und in den Boden vergraben hatten. + +Zu ihrer Befremdung sah die sehr sichere kleine Castel, wie die +Menschen, die sie zu kennen glaubte, vor ihrer Schar finster auswichen. +Die durch Einzelläufer hingetragenen Worte von Befreiung und allgemeinem +Zusammenschluß der westlichen Menschen fruchteten nichts. Sie erlebte +dasselbe Erstaunen, das die Anhänger der alten Herrengeschlechter nach +dem Tode Markes vor dem Einbruch Marduks erlebt hatten: der zuckende +tiefe Widerwille der Masse vor den Apparaten, ihr zäher Hang an Markes +Maßnahmen und seinem Weg. Die Bevölkerung hatte keine Möglichkeit, die +Castelsche Horde anzufassen, aber in Irreführung auf Landwegen, +massenhaften Einzelschikanen machten sie sich Luft. In der sehr +männlichen Masse wechselte Spott auf die freche Weiberhorde der Castel +mit Ausbrüchen der Erbitterung. Die Erinnerung an alte Weiberherrschaft +lebte noch, reizte die vor den Pflug gejagten Männer aufs Blut. Die +Horde der Castel, vorrückend, war wie von Spürhunden umgeben. Die Märker +belauerten sie, warteten auf menschliche Beute. Die Frauen und Mädchen +dieser Männer haßten die Castelschen Weiber am wildesten; blutgierig +lauerten sie auf sie, griffen Zurückbleibende und sich Verirrende an. +Zerschlugen sie, taten ihnen Schande an, sperrten sie in Ställe. In +zynischer Weise vergriffen sie sich an jungen Geschöpfen, die kurz +hinter Salzwedel, durch scheinbare Neugier der Umwohner verlockt, sich +darauf einließen, vor ihnen zu sprechen. Kaum war der Hauptzug außer +Sicht, warfen sich Frauen auf die Fremden, entkleideten sie vor den +hohnlachenden Männern, zogen ihnen knappe Knabenhosen an, die in der +Schamgegend geöffnet waren. Vorgebunden war da kein Feigenblatt, sondern +eine derbe rote Rübe mit grünem Kraut. Die Hände wurden ihnen auf den +Rücken gebunden; so mußten sie zu ihrem Hauptzug durch den Schnee. Und +als ein Straftrupp zurückkam, die nahegelegenen Häuser verbrannte, da +liefen hinter dem rückkehrenden Trupp, der keine Menschenbeute machen +konnte, eine Schar Rinder her. Auf ihnen waren Leichen von gefangenen +Kriegerinnen gebunden; den schamlosen Rübenschmuck hatte man zwischen +ihre blanken Schenkel gepflanzt. Getrieben wurden die Rinder von zwei +Frauen, die die Hände auf dem Rücken hatten. In kurzen Knabenhosen mit +den schwankenden Rüben gingen auch sie, aber nicht stumm mit gesenkten +Köpfen wie die früher losgelassenen: ihre Brüste waren entblößt, in +einem Sack hatte man rechts und links an ihren Rumpf kleine wimmernde +Schweine angebunden, deren Schnauzen hervorsahen und gegen die Brüste +schnappten. + +Die Castel wurde nicht unsicher gemacht. Bei Stendal näherte sie sich +der Peripherie der alten Stadtschaft Berlin. Von zwei Seiten war sie +belauert, von Marduk, der selbst bei Hannover stand, während sein +Hauptmann die Hälfte der Wache in der alten Stadtschaft selbst +befehligte, und vom schwarzen schmalköpfigen Zimbo. Und während noch der +Hauptmann Marduks von Magdeburg heraufzog, um sie anzufallen, erschien +Zimbo mit der Horde des Lorenz unerwartet bei Stendal neben der weit +ausschwärmenden Horde der Frau, die sofort Halt machen ließ. Zimbo +verlangte noch einmal offen die Führung bei der ganzen Aktion als +Beauftragter des Völkerkreises. Dann führte er eine Unterredung herbei +mit dem hellbraunen starken Weib, während er zugleich durch Ausbreitung +seiner Horde die gegnerische zwang sich auszudehnen. Und wie die +siegessichere Castel mit Zimbo verhandelte, ihren Tannenzweig in der +linken Hand, wurde ihr Schicksal besiegelt. + +Plötzlich, im Gehen und Fahren durch die knietiefen Schneefelder, war +der Horde Castels, als ob alles vor ihnen und um sie auswiche umböge. Es +war, als ob sie plötzlich in ein Element wie Wasser eingetaucht waren, +in dem sie keine Fähigkeit, zu blicken und sich zurechtzufinden, hätten. +Die in den schwarzen Rauch der Castel Gehüllten konnten, wenn sie sich +Auge um Auge aneinanderdrängten, sich nicht sehen; jetzt hoben die +Menschen, die Einzelläufer oder die in Gruppen, die hinter Wagen oder +neben fahrenden Maschinen, Schnee auf, und die Hand, die den weichen +kalten zusammenballbaren Schnee griff, – näherte sich ihnen nicht. Die +Hand schien in Riesengröße ungeheuer weit entfernt. Sie zogen daran; +ungeheuer und langsam, den halben Horizont bedeckend rückte sie näher. +Etwas Schwarzes reckte sich vor den Menschen auf, die an den Apparaten +standen. In den Himmel gewachsen waren sie. Die Menschen betasteten die +Treppenstufen, die zu der Plattform der Apparate führten und die ein +halbes Haus hoch schienen; mit mächtigen Händen konnten sie Stufe um +Stufe angreifen, die Füße stellten sie, ängstlich, immer ängstlicher +auf, sie konnten die Stufen hochsteigen und oben türmten sich die +Apparate wie Kathedralen auf. Sie gingen am Boden wankend vorwärts. Sie +hatten das Gefühl, die Erde wiche unter ihren Füßen aus, riesig ragte +ihr Kopf in die Luft; ein fremder schwarzer Riesenkopf schwankte zu +ihnen her. Die Menschen stöhnten in fürchterlicher Bangigkeit, rieben +und kneteten an ihren wie gequollenen Armen, an ihrem Kopf, glaubten, +sie müßten an sich schieben, sich zurechtdrücken und zusammenrecken. Wie +die Menschen in den schwarzen Wolken standen sie da oder warfen sich +hin, hielten sich die Augen zu. Sie riefen einander zu, hörten, daß +andere in der nächsten Nähe waren, aber wagten nicht hinzuschauen. Und +während sie lagen standen, entsetzt wieder zu blicken und schreiten +versuchten, immer in Abgründe hinein, auf Felsgebirge hinauf, über +Häuser her, liefen die Männer Zimbos, gegen die verzerrenden +Lichtstrahlen geschützt, zwischen ihnen, stießen sie wie plumpe Hammel +beiseite, nahmen ihnen die Wagen und Apparate weg, die sich an sie +klammerten und brüllend um Gnade flehten. + +Drei lange Stunden währte die Unterredung der hellbraunen Angela Castel +mit den Führern der gegnerischen Täuschergruppe. Da trat ohne ein Wort +zu sprechen der schlanke ernste Lorenz mit einer kleinen Zahl Männer in +das Zelt der Castel. Die stand auf, wies die Männer hinaus. Lorenz, den +Türausgang haltend, nickte Zimbo, der auch aufgestanden war, stumm zu. +Da ging der Neger, der eine lose Pelzjacke trug, auf die befehlende +stirnrunzelnde Frau zu, nahm ihr, die zurückwich und den Mund öffnete, +den Tannenzweig aus der Hand, tat ihn mit zärtlichem Gebaren unter seine +Jacke und knurrte lachend. Die Frau wollte zur Tür mit den anderen +Frauen. Zimbo machte ihr selbst am Ausgang Platz. Die Castel schrie +noch, warum ihre Wache, die versteinert schien, die Fremden nicht +angriff, da stand sie neben Zimbo in der weißen Landschaft. Männer auf +Männer zogen vorbei, schoben und trugen ihre eigenen Kriegsgeräte. Man +trieb eine kleine Schar Frauen vorbei, die entgeistert blickten; allen +waren die Hände auf den Rücken gebunden. Zimbo grinste; seine Leute +hatten einigen schon das Rübenzeichen angesteckt. Angela Castel, tief +erblassend, verbarg das Gesicht hinter ihren Händen. + +Sie knirschte: „Du bist ein niederträchtiger Betrüger.“ „Was macht es.“ +„Wirst du auch mich fesseln.“ „Ich weiß noch nicht. Ich werde wohl +genötigt sein es zu tun.“ Sie atmete, die Hände herunternehmend: „Dann +bitte ich, daß ich bald getötet werde.“ „Vielleicht wird das geschehn.“ +„Ich will es selbst tun.“ Er wiegte den Kopf: „Überleg, Angela Castel, +ob das gut für mich ist. Wie soll ich denn Marduk meine Ergebenheit und +Treue beweisen. Ich kann es doch nicht besser, als wenn ich – dich zu +ihm schicke.“ Sie sah ihn, vor Raserei vergehend, an. „Komm lieber ins +Zelt, Angela Castel. Meine Leute sehen uns. Sie bringen dir vielleicht +eine zudringliche Ovation. Sie haben noch Rüben übrig. Binde sie, +Lorenz. Sei ruhig, Angela. Marduk wird mir sehr danken für meine sinnige +Aufmerksamkeit.“ + +Und sofort benachrichtigte Zimbo den von Magdeburg anrückenden +Angelelli, daß er die Aufrührerbande der Castel entwaffnet und +gefangengenommen habe. Die Castel und drei Unterführerinnen schickte er +mit einer sehr kleinen Bedeckung gegen Hannover zu Marduk. In einem +Begleitbrief erklärte er, er stelle sich, im Besitz starker Waffen, die +er den Aufrührern durch List abgenommen hätte, zu Marduks Verfügung. Er +schüttelte sich freudig, als der Transport mit der Castel sich von ihm +verabschiedete: „Du bekommst keine Rübe, Angela Castel. Du bist für +Höheres ausersehn. Laß dir von Marduk das Fenster zeigen, durch das die +Balladeuse gesprungen ist.“ + + * * * * * + +Wie Jonathan wiedererwachte, war sein leichter Metallflieger +zertrümmert. Er mußte in tagelangem Marsch durch das gefährliche +winterliche Land. Im Mecklenburgischen war sein Sitz. Er wanderte +zuletzt auf den Wegen, die die Castelsche Horde von Lauenburg her +genommen hatte; den Treibjagden der Bauern auf verdächtige Menschen sah +er zu. In ein weißes Schafsfell gehüllt wanderte der stille Mann; +geängstigt wie unter einer Verfolgung war er. Die Flüche der Leute +hetzten ihn. In einer dunklen Weise kam ihm vor, daß er mit diesen +Bauern verbunden war, und er wollte sie nicht lassen. Und zitternd +fühlte er, daß er sie verraten hatte. Ein Verhängnis hatte ihn bewogen, +sich den Täuschern an die Brust zu werfen. Er sah sich plötzlich in +Gedanken laufen von den Rathausstufen hinter einem zerlumpten Mädchen: +Elina. Mit ihr fing es an. Dann die Flucht, die Reise mit ihr, die +Verlockungen, die Liebe zu ihr. Er blieb, kaum eine Stunde von seinem +Haus entfernt, bei einem befreundeten Täuscher, einem alten Mann, der +verwundert um ihn herumging, weil er bedrückt war, während ihnen die +Stadtschaft schon zufiel. Giftig entfernte sich Jonathan aus seinem +Zimmer, schloß sich in einer Versuchskammer ein. Er saß auf einer Kiste, +saß von Mittag bis in die Finsternis. In der Nacht zuckte er, wie er nur +eine unruhige Stunde geschlafen hatte, auf und saß hoch: Flammen waren +vor seinen Augen, in den Flammen brannten Teile von Menschen, Schultern +Arme, ein sich windender Leib mit bloßem Nabel: das regte sich, loderte +grellrot. Seine Mutter. Seine Mutter brannte. „Zu Marduk, zu Marduk“, +schrie es in ihm. „Ich muß hin. Ich kann nicht. O Hilfe.“ Und wie er +sich ankleidete mit klammen Fingern, wimmerte er: „O Hilfe.“ Er lief aus +dem Haus. Im Finstern fand er sich nicht zurück. Er wollte nach Hause. +In einer Ackerfurche mußte er in der tiefen Finsternis zwei Stunden +warten, bis das graue Licht am Himmel erschien. Da begann er zu stampfen +und zu wandern. Er schlug gegen die Tür seines Hauses: „Ist wer da? Ist +wer da?“ Und immer brüllte er, ohne die Antwort abzuwarten: „Ist wer +da?“ Auch noch als Elina erschrocken heraustrat, schrie er und schlug +gegen die Tür: „Ist wer da?“ Hereingezogen hörte er nicht auf zu rufen, +bis sie ihm mit der Hand den Mund verschloß, ihn auf eine Bank +herunterzog, wo er stier saß und die Fäuste ballte, ohne zu sprechen. +Sie hatte nur einen dünnen Überwurf an; wie sie seinen Kopf an ihre +Brust zog, fühlte er die Wärme, bog sich ab, murmelte wieder fremd: „Wer +ist da?“ Und ging stürmisch mit wilden Blicken herum. „Bleib sitzen“ bat +er sie nach einer Weile, wie er einen Schemel heranziehend sich vor sie +setzte, die auf der Bank das Gesicht verhüllte. „Ich bin ohne Hilfe, +Elina. Ich weiß, wenn ich mit dir spreche, auch du kannst mir nicht +helfen. Marduk hat mich, als ich zu ihm kam, ergreifen lassen. Man hat +mich hochgehoben. Ich bin betäubt worden.“ Sie weinte auf, er ließ sie +nicht an sich kommen. „Wo soll ich jetzt hin, Elina. Ich kann nicht +allein sein. Ich muß zu ihm.“ „Was hast du ihm gesagt, Jonathan.“ „Daß +ich ein Täuscher bin. Es mußte heraus aus mir. Ich schämte mich meiner. +Es ist heraus. Es ist gut. Ich habe mit den Täuschern nichts zu tun. Ich +hatte nie etwas mit ihnen zu tun. Nie. Ich verfluche sie.“ + +Seine Augen brannten fremd und feindlich gegen sie. „Und Marduk?“ „Hat +an mir getan, was recht ist. Nur nicht genug. Gepeitscht und gebrannt +hätte ich werden müssen. Das hätte mir zugestanden. Oder mich +auslöschen. Jetzt bin ich ohne Hilfe. Oh. Oh.“ „Du bist doch bei mir, +Jonathan. Wir wollen fort aus dem Land.“ „Ich will nicht. Ich trag mich +ja nicht weg. Ich geh nicht von ihm. Ich geh nicht weg von ihm. Ich – +kann auch nicht. Jetzt weißt du’s.“ „Ich hab es schon immer gewußt.“ +„Jetzt weißt du’s.“ Sein Gesicht hob sich leidend vor ihr: „Und was +sagst du, Elina?“ „Du willst ja keine Hilfe von mir. Ich bin ja deine +Feindin.“ „Nein. Sag das nicht. Komm doch wieder her zu mir. Laß mich +vergessen.“ + +Er war aufgestanden. Er hatte sie umschlungen, die mit einem abwesenden +suchenden Ausdruck ihr nasses Gesicht an seins lehnte. Er flüsterte: +„Ich habe dir von meiner Mutter erzählt. Die hat er umgebracht. Aber mir +ist nie, als ob er sie umgebracht hätte. Nein, sag nichts dazu, lach +mich nicht aus. Mir ist, als ob er mit ihr zusammen etwas wäre, als ob +er mit meiner Mutter verbunden wäre, wie mein Vater, den ich nicht +kannte! Er. Er. So ist er mit ihr zusammen. Ich kann nur bei ihm ruhig +werden. Bin ich von ihm, bin ich zerrissen.“ Sie flüsterte zur Seite +blickend: „Und wie stehst du zu mir.“ „Ich weiß nicht, Elina. Mir ist +jetzt wohl bei dir.“ „Es geht wohl zu Ende mit Marduk?“ „Sag das nicht, +ich fleh dich an, sag das nicht.“ Er ließ sie los, schlenderte im Zimmer +herum, stand am Fenster. Rotes Licht blitzte über den grauen Himmel. + +Wie er eine Zeit ruhig stand und nicht sprach, hatte sie ein Knie auf +den Stuhl geschoben, den Kopf gesenkt und gesonnen. Ohne ihre Haltung zu +verändern, rief sie: „Jonathan.“ „Ja.“ „Jonathan, ich weiß einen Rat.“ +Er drehte sich rasch um, schritt auf sie zu, die sich nicht bewegte, +griff an ihre Schultern: „Nichts sagen, Elina. Ich bitte dich, nicht +auch du. Gib mir keinen Rat. Quäl mich du nicht auch.“ Sie gab klar von +sich: „Du brauchst einen Rat. Du brauchst Hilfe. Ich quäle dich doch +nicht.“ „Ich sehe, ich sehe, jetzt wirst du dich gegen mich erheben.“ +„Ich weiß einen Rat, Jonathan. Aber ich bitte dich, mich tun zu lassen, +was nötig ist.“ „Du glaubst, ich muß allein sein. Du willst mich +verlassen.“ „Nein, ich werde zu Marduk gehen.“ Er ließ von ihren +Schultern, bückte sich, suchte ihr von unten in das herabhängende +Gesicht zu sehen. Er hauchte zurückweichend: „Zu Marduk willst du +gehen.“ „Ja.“ „Weil ich geschlagen bin?“ „Jonathan, ich werde es tun. +Laß mich es tun.“ + +Er ging an die Wand. Auf eine Fensterbank ließ er sich nieder: „Marduk +hat mich greifen lassen und fortgestoßen. Jetzt du.“ „Was soll ich +sagen. Ich kann dir keine klare Antwort geben. Ich bin – dir innig gut. +Mich schmerzt es, daß ich dich so sehe. Ich glaube, ich will, ich will – +an ihm tun, was du wolltest.“ Und den Kopf hebend, immer sinnend, in die +Ferne mit einem Lächeln hörend, atmete sie: „Ich muß zu ihm. Glaubst du +nicht, daß er jetzt auf mich wartet? Es war mir sicher, daß er dich +zurückweisen würde. Ich helfe ihm. Du kommst – dann noch einmal zu ihm. +Wenn du noch einmal kommst und ich bin es, so wird er dich nicht +zurückweisen.“ Sie lockte Jonathan: „So ist es. Komm doch, Jonathan. +Komm. Sieh, ob ich nicht du bin. Ob ich dich nicht zu ihm tragen kann +mit meinem Körper. Komm, habe doch keine Furcht vor mir. Wir haben ja +hundertmal zusammengelegen.“ Und sie ging ihm entgegen, der sich +verwirrt erhoben hatte, umschlang ihn: „Mein Jonathan. Meine Wonne. +Umschling mich, damit ich ganz du bin. Mir ist mit einmal so wohl. Gib +mir. Halt nicht zurück. Mach deine Lippen auf, mach deine Augen auf. Ich +bin Elina. Ach! Ich habe Sehnsucht Sehnsucht Sehnsucht nach dir. +Namenlose Sehnsucht.“ Er hatte den Kopf auf ihrer Schulter, flüsterte: +„Wie bist du sonderbar.“ Fester hielt er sie. „Jonathan, ich bin dein +Hafen. Du bist ruhig. Es geschieht dir nichts. Du bist wohl bei mir.“ „O +wie bist du.“ „Komm, ich muß dich küssen. Ich bin sehnsüchtig nach dir. +Deinen Mund. Deine Augen. Wie liebe ich dich. Halte dich nicht zurück.“ +„Ich tu es nicht. Ich halte mich nicht zurück vor dir.“ „Erkennst du +mich wieder. Elina, deine Freude. Und du bist meine Glückseligkeit. Ich +kann dir gar nichts schenken. Ich muß deine Hände küssen. Deine Füße.“ +„Nicht, Elina.“ „Bin ich nicht deine Elina?“ „Du bist so rasend.“ „Nach +dir. Ich kann dich nicht stehen sehen. Ich möchte dich ganz verschlingen +in mich. Jeden Teil, den ich von dir sehe, beneide ich um dich. Deine +Jacke, deine Haare, ich kann sie nicht außer mir dulden. Ach küsse mich +auch. Bin ich nicht deine Elina?“ „Du bist es und bist es nicht. So wild +bist du.“ „Mir kommt vor, als hätte ich dich nie geliebt. Jetzt liebe +ich dich erst. Zum erstenmal. Als hätte ich bis jetzt mit dir gespielt. +So unersättlich unersättlich, Jonathan, so unersättlich bin ich nach +dir. Komm. Die Sonne geht auf. Es ist so hell. Leg dich zu mir.“ „Ich +weiß nicht, wie mir ist, wenn ich dich sehe.“ „So steh nicht still. +Liebst du mich nicht?“ „Ich ängstige mich, nein, mich graust es vor +dir.“ „Vor mir, vor mir?“ sie lachte, ihn heftig umschlingend, „aber ach +sprich nicht so, ich habe solche Sehnsucht nach dir.“ + +Er wollte sich von ihr lösen, aber sie hielt ihn fester. Er bettelte: +„Süße Elina, was ist dir. Habe ich dich gekränkt. Hab’ ich dir weh +getan.“ „Ich bin gut. Mehr als gut. Wie du süß bittest. Peinige peinige +mich nicht.“ „Nicht peinigen. Meine Elina. Deine übermüdeten Augen.“ +„Jetzt bist du mein Jonathan.“ Sie warfen sich auf ihr noch offenes noch +warmes Bett. Unersättlich war sie in ihrer Raserei. Sie weinte immer: +„Ich habe dich so entbehrt.“ Er tröstete sie; es tat ihm tief wohl sie +zu trösten. + +Nach Stunden, am hellen Vormittag, stand sie vor ihm, der geschlafen +hatte. Er zog sich rasch an. Sie küßte ihn, während er sich anzog; er +mußte sie abwehren. Sie bat und drängte, er möchte sie doch lassen. Und +als sie vor dem schneebedeckten Garten standen, die winterlichen Felder +rechts und links, erblaßte sie, klammerte sich an ihn. „Jetzt geh’ ich +bald weg.“ „Nicht zu Marduk.“ „Ich muß.“ + +Sie ließ ihn los, stürzte ins Zimmer. Wie sie im weißen Pelzmantel, die +Pelzkappe auf dem Haar, neben ihm war, blickte sie ihn an, dem der Kopf +auf die Brust gesunken war. Sie hob die Arme: „Ich kann nicht.“ Sie +lief, während er sich nicht bewegte, durch den weißen Garten weg auf die +Allee, schluchzend: „Ich kann nicht.“ + +Und erst, als sie eine Stunde gelaufen war, hörte sie auf zu weinen. Sie +sah die schneebeladenen Bäume, die endlos weiten Felder. Matter war sie. +Sie atmete tief. Sie fühlte: „Ist dies schön!“ Und dann immer: „Ich geh’ +zu Marduk.“ + + * * * * * + +Die Horden bildeten in den Lagern ihre barbarischen Sitten aus. Sie +zwangen sich zu hungern, in der Kälte sich halbnackt zu bewegen, gröbste +Ackerdienste zu tun. Die Äcker der Krieger, von Tag zu Tag neu mit +Steinen besät, waren berüchtigt. Folterspiele, die dicht an den Tod des +Gefolterten führten, waren im Schwange. Laufen über spitze Kiesel mit +nackten Sohlen leitete ein. Dann nächtiges unerwartetes Kämpfen mit +einem starken Menschen, der die Schlafenden überfiel. Keiner kam dem +Schreienden zu Hilfe; bis zum Tode hatte er sich zu behaupten und oft +führte die Wildheit des Kampfes zum Tode eines, meist des Neulings. In +den Horden hatte man verschiedene Abzeichen, aber nirgends herrschte +despotischer Gehorsam. Die Gesiebten führten eine Art Ratsversammlung, +wobei sie finsteren Ernst bewahrten, über Neulinge berichteten, +Aufnahmen bestimmten. Vor diesen Versammlungen fanden auch die +sogenannten „Zeichnungen“ der Neuen statt. Das waren in den Horden, je +nach dem Vorwiegen barbarischer oder weißer Elemente, verschiedene +Prozeduren; man wechselte auch in den Horden selbst damit: Einbrennen +von Brustschildern, Zertrümmerung einer oder beider kleinen Zehen, +Ausschlagen von Zähnen. Bisweilen wurden diese Maßnahmen abseits +vollzogen, in der Regel vor der schweigenden Ratsversammlung, die in +erhaltenen Lagerräumen, alten noch kostbar ausgeputzten +Vergnügungsbauten stattfand. Sitten dieser Art waren seit dem Umschwung +im Märkischen nach dem Uralischen Krieg allgemein geworden. Die +„verlängerte Taufe“ war eine Prozedur, die viele Mütter an ihren +Neugeborenen übten: Unterwasserhalten der Säuglinge bis zu einem +gegebenen Zeichen. Diese „Taufe“ forderte zahlreiche Opfer und war ein +Mittel, überflüssige und ungewünschte Kinder, besonders weibliche, aus +der Welt zu schaffen. An „Tölpelspielen“ übten sie sich, höchst +gefährlichen Spielen, bei denen Gefangene an nicht sehr wirksame +Nahapparate gestellt wurden. Den Gefangenen gab man zu ihrem Erstaunen +solche Apparate in ihr Gefängnis, das sie burgartig ausrüsten durften. +Aber rasch erlebten sie, was man mit ihnen vorhatte: nächtliches +Fortnehmen der Apparate durch Männer, die sich einschlichen; denn sie +hatten ihre Gefängnisse selbst zu bewachen; an Ausbruch dachte niemand +bei der Nähe der stärksten und listigsten Menschen und der nicht weit +entfernten schweren Fernapparate, Nebelwerfer Wolkenentwickler +Verzauberer Veräscherer. Plötzlich stand jemand neben ihnen, tat, als +wenn er sie besuchen wollte, vielleicht verräterische Freundschaft mit +ihnen anknüpfen. Und bald stieß er das gelle Hordengeschrei aus, lag auf +dem erbeuteten unscheinbaren, mit Hebeln Knöpfen Schiebern versehenen +Kasten, blitzte durch den Raum. Bisweilen kam es zu Schlachten in +größeren Gefängnissen. Die Angreifer mußten sich durch Sprünge aus dem +Fenster retten, büßten ihre Kühnheit mit dem Leben. Von außen kam ihnen +niemand zu Hilfe. + +In solch Gefängnis, im Hordenbereich bei Linden, wurde Angela Castel mit +ihren Frauen und einer Anzahl Täuscher verbracht. Die hellbraune +Führerin glaubte, Marduk werde sie vernehmen; ganz leise hoffte sie, +Marduk werde sich ihrer bedienen gegen Zimbo. Aber er kam nicht. Nur in +beschämender Weise wurden ihre Frauen vor Hordenversammlungen gezogen, +Selbstmorde fanden statt. Darauf setzten die Überfälle ein, die zuerst +in dem Gefängnis niemand verstand, und die Ausrüstung der Gefängnisse +mit Nahwaffen. Eine Ermahnung an die Gefangenen kam: sie seien selbst +Hüter ihres Lebens, es würde ihnen in Gefahr niemand beistehen. Dann +wurde klar: die Horde betrachtete sich in Kriegszustand mit den +Gefangenen. Entwürdigungen der Frauen ließen nach; man bewahrte sie für +Kämpfe auf. Da begann die Castel mit ihren Frauen sich auf Krieg +einzurichten. Nach zwei Wochen galt ihr Gefängnis als unnahbar. Die +Castel wußte, daß sie unter der Aufsicht von Fernwaffen stand, aber daß +sie vor ihnen unbesorgt sein konnte. Die Frauen im Gefängnis waren von +der größten Wachsamkeit, das Gerücht von dieser Festung lief zu +entfernten Gruppen. Starke Überfälle wurden auf diese Burg verabredet; +viele Männer kamen um; nur List und waffenlose Gewalt war den Männern +erlaubt. + +Da erschien Marduk, wie Tauwetter eintrat, mit seiner Wache auf dem +Platz vor dem Gefängnis am späten Nachmittag, ließ Frauen und Männer +heraustreiben. Er fragte nach der Castel. Ging schon, als man sie rief, +zwischen dem Haufen hindurch, betrachtete die Menschen, die stumm die +Arme hängen ließen oder sich mit einem Gruß verbeugten. Blasse +schwächliche und starke Frauen; wilde südliche Gesichter, feine weiße +Züge der Menschen aus den alten Herrengeschlechtern, zornige und kalte +herausfordernde, weichliche Mienen, Augen, die keine Kenntnis von ihm +nahmen. Er kannte sie, die aus den heimlichen Versuchsstätten +hergescheucht waren; besser als seine jahrzehntelange Beobachtung hatte +der westliche Vorstoß, der Krieg, ihre Hoffnung sie herausgetrieben. Sie +konnten ihrem hochmütigen Drang nicht entsagen; es war ihnen recht, daß +sie hier standen. Ein Hauptmann ging neben Marduk durch die Schar, die +sich überall rasch öffnete und um ihn weit Platz ließ. Sie schienen, wie +die Blicke, die sie sich zuwarfen, das rasche Anstoßen mit den Schultern +zeigten, Furcht vor einem unvermuteten Angriff zu haben. Aber Marduk +ging, während die Castel ihn seitlich erwartete, durch die Schar. „Was +willst du?“ hob Marduk die pelzbeladenen Schultern, als die Castel sich +vor ihn stellte, klein, mit strengem ernsten Ausdruck. „Du hast nach mir +gefragt. Ich bin Angela Castel.“ Marduk, den ein Windstoß traf, drehte +sich um; er ging hustend mit ihr zwei Schritt seitwärts: „Es ist eine +Frau ins Lager gekommen, eine Täuscherin wie du, oder doch die Gefährtin +eines Täuschers. Sie heißt Elina.“ „Ich kenne sie nicht.“ „Sie ist +wahrscheinlich selbst eine Täuscherin, obwohl sie aus irgendwelchen +Gründen behauptet es nicht zu sein. Ich habe Veranlassung sie +festzuhalten. Sie kommt in dein Gefängnis.“ Dann drehte er sich ihr voll +zu: „Im übrigen habe ich gehört, daß ihr euch bei Überfällen gut haltet. +Ich möchte dir raten, es nicht zu weit zu treiben.“ + +Die Castel gab den andern, über die sie Gewalt wie früher hatte, keine +Auskunft über das Gespräch mit Marduk. Während sie ins Gefängnis +zurückkehrte, mit zusammengepreßten Lippen, war ihr klar, daß Marduk +wegen dieser Frau gekommen war und ihm an ihr gelegen war. Sie ballte +die Faust. Und als Elina nach einer Stunde eingebracht wurde, erfuhr +Angela Castel, daß dies die Gefährtin Jonathans, Marduks Freundes, aus +dem Mecklenburgischen sei: So hatte man Jonathan, den leichtsinnigen von +allen geliebten, auch entdeckt. Viele weinten an dem Abend im Gefängnis. +Elina, bei der Castel sitzend, sah es mit Verwunderung und leiser +Freude. „Wir werden Opfer sein. Was kann sich der kleine Marduk gegen +die Welt behaupten“ weinten sie trotzig. Elina dachte: „Ich könnte nicht +über Jonathan weinen, selbst wenn er eingesperrt wäre. Dabei bin ich ihm +gut. Was tut Marduk mit mir.“ + +Sie erlebte noch in derselben Nacht einen furchtbaren Angriff der +Barbaren auf die Gefangenen. Sie hörte das Todesröcheln einer erwürgten +Frau in ihrer Nähe, das Knattern der kleinen Glutschleuderer, sah die +erleuchteten tobenden entdeckten Männer, halbnackte, mit bloßen Füßen, +über deren Körper die entzündete Masse wie ein Schleier lief. Unter +trockene Lederschürzen warf man sich; sie lag neben der Castel. „Muß ich +das oft erleben“ fragte sie am grauen Morgen die Castel. Die lächelte +böse, noch liegend: „Solange es den Hunden gefällt, uns anzugreifen.“ +„Weiß Marduk davon?“ „Gut, mein Hühnchen. Schlaf noch, damit du in der +Nacht munter bist.“ „Was hat er mit mir vor?“ sann Elina. „Er hat mich +wie eine Fremde angesehen.“ Sie mußte tagsüber dauernd zusehen, wie man +tote Männer zum Fenster hinauswarf. Die Zahl der Frauen verminderte +sich. Nacht um Nacht, Tag um Tag wurden welche geraubt erwürgt +erschlagen, kamen von Nachbarapparaten um. Die angreifenden Horden +liebten es Gefangene zu machen; es galt als besondere Ehre eins von den +starken Weibern lebend zu fesseln. Zum Hohn wurden sie vor dem Gefängnis +mit Stricken geschlagen, um die Gebäude herumgejagt, an einen erhöhten +Pfahl mit geschlitzten Röcken und eingepflanztem Rübenkraut gebunden. +Regelmäßig endete dieser Vorgang mit einer gewaltsamen echt märkischen +Prozedur: mit Ketten hingen die Gefangenen, während ein Feuer lohte, an +dem Eisenpfahl in der Mitte des Platzes. Sie setzten sich der Erstickung +oder Verbrennung aus, wenn sie sich nicht losrissen. Die Ketten aber +endeten nicht an den Händen Füßen Knien Leibern der Gefangenen, sondern +gingen in Roßhaare aus, die durch die Zunge Armmuskeln Brustmuskeln +gezogen waren. Es war Sache des Mutes oder der Todesangst der Gefangenen +sich loszureißen, das Fleisch zu zerreißen. Mit Bewunderung +oder Verachtung sahen die Männer dem kämpfenden schreienden +zusammenbrechenden oder davonstürzenden, blutend hinrollenden Wesen zu. + +Die Apparate in den Gefängnissen wurden weniger. Und als es klar wurde, +daß man zu Ende war, fingen die Frauen an, ihr Augenmerk auf Elina zu +richten. Die Castel hielt sie immer dicht bei sich, beobachtete sie. +Elina hatte sich nie für eine Täuscherin ausgegeben. Die Weiber haßten +sie, die Castel mußte sie schützen. Jetzt bestürmte sie Elina; sie sei +eine Freundin Marduks, sie solle ihnen beistehen. Elina wich aus; sie +sei von Marduk nur eingesperrt worden. + +Da fingen die Weiber an sie zu martern. An ein Fensterkreuz banden sie +sie, damit die Krieger draußen sie sähen. Die draußen kannten Elina +nicht, wußten aber, daß der Konsul sie hergeführt hatte. Sie faßten die +Marterung Elinas so auf: die Weiber wollten den Konsul verspotten. Man +machte besondere Jagd auf Elina. + +Eine Horde hatte sich bei Linden festgesetzt; deren junge Mannschaft +setzte sich die Ausräumung des Weibergefängnisses als Ziel. List bei +Überfällen gab es nicht mehr. Türen und Fenster waren mit den letzten +Apparaten verbarrikadiert; unter den Fenstersimsen lagen die +haßgepeitschten Weiber. Es geschah in diesen grausigen Tagen, daß sie +unerwartete Hilfe bekamen: Männer aus der Angreiferhorde selbst, +fanatische, die im halben Einverständnis mit ihrer Horde sich hatten +überwältigen lassen und mörderisch ringend gegen die Angreifer +vorgingen. Der Kampf war hier schwer: das lockte sie. Die Angreifer +hatten es auf die zarte, allen bekannte, Tag um Tag ans Fensterkreuz +gebundene Elina abgesehen. Bei den wütenden Angriffen erlag Weib um +Weib; zu Angela Castel und Elina drangen sie nicht vor. + +Als noch ein kleiner Haufen Weiber übrig war, erbittert eiskalt schwer +erschöpft, kaum imstande die Apparate zu bedienen, kaum stark genug, in +der üblen Luft die Leichen der Männer und Frauen fortzutragen, gaben sie +zuerst den zugekommenen Männern auf, sich zu entfernen; sie wollten sie +nicht mehr. Darauf hieß es mit der Angela Castel und Elina fertig +werden. Es war, da die Castel sich weigerte, Elina freizugeben, +unzweifelhaft, daß man beide beiseite bringen mußte. Die Castel war +täglich auf die stumme Elina eingedrungen; sie sollte zum Konsul, nicht +um gegen den Tod zu protestieren, aber gegen die beispiellose Barbarei. +Sie hatte nur einmal eine Antwort bekommen. Aus gequälten Augen hatte +sie die zarte Person angesehen, ihre Hand genommen: „Er ist kein Mensch; +er ist ja selbst ein Tier.“ Die vertrocknete kleine Angela gab sie nicht +frei. + +Als die Führerin das Gewisper unter den andern merkte und beunruhigt +verzweifelnd, selbst vorschlug, nach den Männern vor dem Ende noch dies +Weib hinzustrecken, war es schon zu spät. Die Frauen erfuhren kurz +darauf den letzten vernichtenden Angriff. Die Horden waren, wie man von +den Fenstern schon bemerkt hatte, seit Tagen in ständiger Bewegung, +deren Ursache unbekannt war. Neue Haufen zogen durch den Ort. Geräte und +Fernwaffen wurden vorbeigefahren. Kleine Reiterabteilungen trabten +durch. Die Horde selbst, in deren Bereich das Gefängnis lag, brannte +rückwärts liegende Häuserreihen ab. Ihre jüngste Mannschaft überfiel vor +dem Abrücken noch das Gefängnis, das eine vorüberziehende Truppe mit +einer Fernwaffe hatte ersticken oder einäschern wollen. In wilder +Trunkenheit drangen sie einzeln vor Nacht ein, nachdem sie unter Gebrüll +auf dem Platz vor der Halle einen riesigen Strick vorbereitet hatten. +Daran banden sie herausstürzende verzweifelt angreifende +niedergezwungene Weiber eins neben dem andern an den Haaren. Kein +Verlust konnte die sinnlos brüllenden, glotzäugig geifernden, steigenden +kletternden drängenden zurückhalten. Alles was die Truppe hatte quoll +ein. Über das Dach und durch hohe Fenster stiegen sie. Hinter den +verbarrikadierten, zwischen ihnen tauchten sie auf. + +Der Strick war auf dem finsteren Platz zwischen zwei Steinpfeilern +ausgespannt, wartete. Aber die drin waren vom Blutrausch befallen, +Männer wie Weiber, kannten und wollten kein Erbarmen. Das Ringen Würgen +Stöhnen Niederkrachen. Die Männer standen, als sie keinen Gegner mehr +fanden und noch eine Handvoll Weiber für den Strick hinausgetrieben +wurden, da, tobten, schäumten herum, zerschlugen was sie fanden, Betten +Geräte, sprangen aus dem Fenster, zündeten Türen Fensterrahmen an. + +Im lohenden Licht des Feuers unter den stiebenden Funken die Gefangenen. +Dazwischen die halbtote Elina, die schon sterbende Castel, der der Bauch +aufgerissen war, auf der lehmigen Erde. Der Strick war zwischen sechs +Pferden an beiden Enden ausgespannt. Er hing am Mundzaum der zerrenden +Tiere. Finstere Nacht zwischen den Ruinen bei Linden. Ein Trupp von +berittenen peitschenbewaffneten Kriegern machte sich auf, während die +Horde johlend abzog, die Gefangenen zu Marduk zu treiben. Auf die sechs +Pferde setzten sich Krieger. Mit Hott und Hüh, bald langsam, bald im +Galopp, über Straßen Baumwurzeln ging der Weg. + + * * * * * + +Marduk hatte seine gefährliche Situation erkannt. Er sah die rätselhafte +Haltung Zimbos, des Mannes, den England im Land abgesetzt hatte, und der +sich der feindlichen Triebkräfte in der Mark bediente. Und zum erstenmal +in seinem langen Konsulat hatte er gefühlt, daß Markes Werk und seines +gut war; es sollte nicht untergehen. + +In dem starken Menschen war ein Wohlgefühl aufgebrochen: Freude an dem +Land. Der böse Rest aus seiner Vergangenheit, Jonathan, einmal in +schwerer dunkler nicht zu durchdringender Zeit, – niemand sollte daran +rühren – sein Freund, war zu ihm gekommen, hatte ihn angespien. Ein +Grabstein war darüber zu wälzen. Dieser Jonathan der sanfte +schmerzliche, hatte zuletzt geglaubt, einen Giftpfeil auf ihn richten zu +müssen, hatte die Elina geschickt. Einmal hatte ihn etwas zu dieser +liebenden Frau gelockt; sie blickte ihn, wie die Horden sie auf der +Straße aufgriffen und herschleppten, sonderbar zage an. Sie wußte nichts +zu sagen, als er sie fragte, was sie wolle. Sie durchschaute offenbar +das Spiel, zu dem sie der rachsüchtig triumphierende Jonathan +mißbrauchte. Vielleicht hatte sie sich selbst dazu hergegeben. Wie böse +dieser Jonathan geworden war. Ein Grabstein über Jonathan. Die Frau weg. +Ins Gefängnis. Zu den anderen Weibern. Martern über sie. + +Zu einem Zeitpunkt, wo niemand es erwartete, knüpfte der Konsul des +machtvollen märkischen Stadtreiches Verhandlungen mit London an. Nach +Frankfurt Bordeaux London ließ er Boten fliegen, die seine +Bereitwilligkeit zu einem Waffenstillstand kundgaben. Er werde das +Vordringen seiner Männer aufhalten, die Feindseligkeiten von drüben +seien einzustellen. Eine zustimmende, fast freudige Antwort wurde ihm. +Zimbo, erfuhr Marduk noch aus London, war nicht sicher in der Hand des +neuen Völkerkreises. Wie Marduk seine Verhandlungen den Hordenführern +bekanntgab, wurde er mit Stummheit und Widerspruch angehört. Mit Kälte +erklärte er, er sei noch im Besitz seiner Garde und unüberwindlicher +Apparate. Senat und Hordenführer vergaßen es ihm nicht. + +Sie verbreiteten trotz seines Verbots die Nachricht von den +Verhandlungen mit den Westlichen. Auch seine Worte gegen sie machten sie +bekannt. Unerwartet erfolgten da geheime, dem Konsul bald nicht +verborgene Besprechungen bei den Horden. Eine auffällige Zahl von +Kampfspielen fand statt. Und dann ein Loswandern aus dem westlichen +Gebiet, ein wachsendes spontanes Fortziehen aus dem Hannoverschen, eine +um sich greifende Unruhe, ein panisches Strömen ostwärts. Marduk hatte +eben erst Kenntnis von den ersten Abwanderungen der Horden und kleinen +Gruppen nach Osten bekommen, da flossen Massen bis herauf zur +hamburgischen Grenze wie eine Schneeschmelze auf Berlin zu. In einem +Sturm, unter Verbrennen aller rückwärtigen Gebäude, Verschütten der +Straßen, bewegten sie sich auf dieses Zentrum. + +Eine Warnung zu Beginn der Bewegung kam von Angelelli. Er hieß Marduk +sich seiner Wache versichern. Dann hörte die Verbindung mit Angelelli +auf. Schwere Waffen mußten die Horden an sich gerissen haben. Marduk +wollte mit einem Teil seiner treuen Wache auf Berlin fliegen. Die +Avantgarde geriet an eine Strahlensperre. Es konnte Tage dauern, bis sie +aufgedeckt war. + +Wie Marduk aus seinem Flugzeug bei Hannover auf die nasse kalte Erde +stieg, hielt an seinem Haus eine kleine unbekannte Reiterschar. Eine +Zahl unberittener Pferde hinter ihr. Auf einem schmutzigen +flankenschlagenden Pferd saß Angelelli, der schwarze Hauptmann, sprang +ab, folgte Marduk ins Haus. Er drängte heftig mit ungewohnter Erregtheit +Marduk zu fliehen. Ein großer Teil seiner eigenen Schwerwaffen hielte +nicht mehr zu ihm. Marduks Fernwaffen und seine Wache sei, soweit sie +nicht dicht um ihn sei, verloren. Der eigenen Leibwache Marduks sei +nicht zu trauen. Der Besieger der Castel, Zimbo, der Schwarze, führe +selbst Täuscherhorden. Dies sei nun erwiesen. Er zeige ein doppeltes +Gesicht; gegen seine Krieger das eines Täuschers wie sie selbst, gegen +Fremde das eines Freundes Marduks. Die Horden strömten Zimbo zu, der +Marduks Verrat trompete. Die panisch verwirrten Horden lockte er an +sich. Marduk solle fliehen. Draußen ständen Pferde. Er, Angelelli, +fliehe. + +In dem leeren abendlichterhellten Zimmer warf Marduk seinen schweren +Ledermantel auf den Boden. Auch die Lederkappe mit dem Stierzeichen des +Konsuls zog er ab und warf sie hin. Die Jacke knöpfte er sich langsam +auf. Er atmete die Hitze seiner Brust aus. Dies hatte Jonathan gesagt, – +mit einmal brannten die verschleierten Augen dieses jünglinghaften +schrecklichen Menschen wieder vor ihm –: er solle fliehen. Die Horden +zogen einen Reifen um sich und liefen diesem Zimbo in die Arme. Hart sah +er an dem schwarzhaarigen Hauptmann vorbei: wohin er flüchte und wozu. +Der, sehr leise, achselzuckend: wir können nur das Leben retten; sie +müßten nach London. Da entließ Marduk den Hauptmann, nachdem er gefragt +hatte, ob man bis morgen warten könne. + +Kurz darauf, in der rasch niederfallenden Dunkelheit, wurde +Pferdetrappeln und Gejohl vor dem Haus laut. Der Hauptmann klopfte an +das Zimmer, in dem Marduk, sein Herz zerreißend, lag. Marduk möchte +herauskommen, dies draußen sehen. Schnaufend, krank und lahm, mit +halbgeschlossenen Augen schleppte sich Marduk an die Tür, ließ sich, wie +gerichtet, kaum vom Boden aufsehend, ins Freie führen. Fackeln brannten. +Es waren Männer einer Horde. Zwischen ihnen Pferde, die sie, wie Marduk +sichtbar wurde, auseinanderscheuchten. Ein Strick wurde sichtbar +zwischen den Pferden. Daran hingen ein paar Dutzend Weiberkörper. +Langgezogenes Klagen Wimmern. Die meisten hingen stumm. Ein Kerl rief +von seinem Pferd herunter: dies seien die letzten aus dem Gefängnis von +Linden; sie seien mit der bloßen Hand, ohne Waffen, gefaßt worden. Ein +anderer schrie: die Castel und die vom Konsul seien dabei. Die hingen in +der Mitte, sagten aber gar nichts mehr. Marduk stöhnte, sein Gesicht +eine tote Bitterkeit. Man solle die Kerls verjagen. Den Strick +losmachen. Die Pferde weg. + +Die Castel war tot. Man brachte nach einer halben Stunde auf den Gang +ihre völlig zerbrochene und zertretene Leiche; sie war völlig +ausgeweidet, der Kopf, zertreten, begann erst in der Mitte der Nase. +Dann legte man drei Körper hin, die zusammenhingen. Die beiden außen +waren tot oder sterbend. Ihre Rümpfe von innen mit ihren eigenen +Kleidern zusammengebunden und verknotet; drin zwischen ihnen hing Elina, +zwischen den weichen triefenden Massen eingekauert. Sie schrie, wie man +die Körper trennte, das Bündel öffnete. Ihr einer Arm hing. Sie war +blutbegossen, das Haar vor ihrem Gesicht und an Mund und Nase lehmig +angebacken. Die stark gekrümmten Beine konnte sie nicht strecken. + +Marduk im langen Schafspelz bloßhäuptig stand an der Tür, nahm mit +weiten Augen Kenntnis von den Dingen in dem trüben Gang. Das war ein +Zeichen der abziehenden Horden. Hohn, Hohn wollten sie ihm antun. + +Elina wurde aufgehoben; von draußen liefen Männer herein, trugen sie +fort. Bevor Marduk ins Zimmer ging, blickte er Angelelli an: „Ich habe +gesagt: bis morgen. Nicht wahr?“ „Es wird morgen noch möglich sein.“ + +Im Mondlicht bückte sich nach Mitternacht Marduk über das Strohlager +Elinas, neben der eine junge Frau wachte. Der pelzvermummte Mann +betrachtete sie stumm, suchend, suchend, suchend. Er stöhnte auf dem +Stuhl neben dem Bett; die junge Frau ging ins Dunkel. + +Draußen klapperten die Pferde. Der Wächter gab ihm auf seinen Anruf ein +braunes schweres Tier. Zwischen den Häuserreihen, die niedergebrannt, +gesprengt waren, jagte auf dem Tierrücken auf und ab gestoßen Marduk. Im +Norden der Stadt, auf einem Feld, das die Märker angelegt hatten, hielt +er. + +Sehr helles gelbweißes blankes gießendes Mondlicht durch die Luft auf +den Boden. Neben dem braunen Tier ging Marduk. Stöhnte noch immer. Hätte +er Täuscher werden sollen, hatte Jonathan recht? Die Täuscher siegten, +England und Amerika siegten? Er griff in die kalte bröcklige Nässe der +Erde. Legte sie sich beruhigend auf die Lippen, leckte daran. Das Pferd +neben ihm, der Braune. Der Braune und er standen zusammen. Er war nicht +verloren. Nicht er war verloren. Marduks Zähne knirschten. Sein Kopf +wurde an den Pferdehals gedrückt. Dies alles Neueroberte, Land und Tier +und Mondschein, hatten die Krieger stehen lassen. In Zimbos, eines +gerissenen Betrügers, Netz liefen sie. Ah, die tobsüchtigen Apparate +mußten weg. Ganz weg. Marduk schwang sich auf seinen Braunen und pfiff. +Die tobsüchtigen Apparate mußten ewig weg. + +Angelelli blieb noch einen Tag, suchte den Konsul. Abends floh er, +westwärts, überzeugt, Zimbo hatte den Konsul wegführen lassen, Marduks +eigene Wache hätte dabei geholfen. + + * * * * * + +Auf Wittenberg Stendal Magdeburg schoben sich die Banden. Zimbos Boten +empfingen sie auf den Wegen, die von der Elbe herführten: der Konsul +Marduk hat die Stadtlandschaft und die Sache der Mark verraten wollen; +Angelelli ist flüchtig; er werde das Land beschützen. + +Die Horden lagen mißtrauisch am linken Elbufer. Zimbo kämpfte in seinem +Lager mit der stärkeren, schon kaum zu bändigenden Erregung seiner +Krieger. Sie waren in Wut über die infame Behandlung, die die Castel bei +Marduk erfahren hatte; Zimbo hatte sie ihm ausgeliefert; sie verlangten: +Zimbo solle sein englisches Mandat ausüben und nicht länger hinter dem +Zaun halten. Zimbo sandte Kuriere zu den Horden; dann erschien er selbst +zu einer Führerversammlung bei Wittenberg. Den Hordenführern war der +Kamm geschwollen, seitdem die schweren Apparate Marduks, die +gefährlichsten des Kontinents, in ihrer Hand waren. Sie verlangten von +ihm Beweise, daß er sie nicht verriet und sich ihnen unterwerfe, bevor +sie sich mit ihm zusammentaten. Er flog, finster sinnend, zurück, +bereit, seiner Truppe den Willen zu tun und sie rasch zu überfallen. + +Da erfolgten in seinem eigenen Lager und im engeren Umkreis Berlins +furchtbare Dinge. Eine teuflische Verräterschar schien es auf den +Untergang der ganzen Stadtlandschaft abgesehen zu haben. Große Teile der +Mekifabriken, sowohl leere wie eben wieder in Gang gesetzte, flogen in +die Luft, wurden durch künstliche Blitze eingeäschert. Rätselhafte +Überfälle auf Apparate innerhalb des Lagers fanden statt, mit +gelegentlicher Vernichtung wichtigster Teile. Und dieses Unheil betraf +sowohl Zimbo wie die Horden jenseits der Elbe. Es mußten Teile der +Marduk treu gebliebenen Wache sein, Zimbo fürchtete in manchen +Augenblicken, es war ein neuer und zuverlässiger Delegierter des +Völkerkreises. Er ließ den Führern geheim sagen: der Völkerkreis wolle +sie kirr machen, man müsse sich bald einigen. Inzwischen ließ er Jagd +auf die Unwesen machen. + +Aber Marduk selbst mit zwei Dutzend Ergebener leistete alles. Sie hatten +Apparate Spiegelkleidung Blender. Marduk kämpfte für seine Sache. Er +vertraute auf die Besinnung seiner Horden. England würde ihnen nichts +antun, die Not würden sie überwinden. Er kämpfte mit einer ihn selbst +durchschauernden Kraft. Die alten Namen Targuniasch und Zuklati, der +makkabäerhaften Kämpfer früherer Jahrhunderte gegen die Apparate, wurden +in ihm wach; er sprach sie aus. Jetzt erkannte er sie. Auf diesem Boden +stand er. Ihm war, als wenn Schuppen von seinen Augen fielen. Wie ein +Werkzeug, ein störrisch widerstrebendes, ein Hobel über einem Knollen +und Baumstrunk hatte er sein Konsulat geführt. Alles war gut daran. Er +hatte gelitten, nicht gewußt, wie wohl er tat. + +Er dachte immer an die Menschen, die sich in die Maschinen gestürzt +hatten, um sie zu vernichten, die Toten von Calais, Targuniasch und +Zuklati. + +Hart sicher und rasch handelte er. Strenger Frost. Zwischen den sich +belauernden Reihen der märkischen Horden und Zimbos schlug sich Marduk +mit seinen Leuten durch, immer zurück ins Hannoversche kehrend, in sein +Quartier. Diese Ortschaften waren verödet, wenige Menschen hausten noch +hier, die Landschaft fiel in ihre alte Versunkenheit. Zwei Wochen nach +der Flucht Angelellis und dem Abfall seiner Wache ritt er zum erstenmal +in die Moore südlich des Grinderwaldes. Nach zehn Tagen kam er das +zweite Mal. Rechts und links hatte sich in die Einöde, bei seinem alten +Standort, die Kunde von seiner Anwesenheit verbreitet. Seine Mannschaft +suchte zuverlässige Gefährten, verheimlichte sich nicht. Marduk selbst +erklärte, man müsse Menschen sammeln, nicht verzagen. + +Und er suchte und sammelte in der Gegend seines alten Standortes. Ein +dunkles Gefühl hielt ihn fest, ließ ihn nicht erschlaffen, trieb ihn +weiter. Was war es. Er mußte es vollenden. Jonathan fiel ihm in stillen +Augenblicken ein. Die Treppe heruntergestürzt. Und gleich hinterher +Elina. Diese Frau bei den Pferden, zwischen den Pferden, an einem Strick +hängend. Die Pferde geiferten, die Krieger höhnten. An dem Strick die +Leiche der Castel, der verruchten, zwischen zwei Toten die andere, die +noch zappelte. Das Haus, in das man die Opfer der Horde gebracht hatte, +war ausgestorben; auf den Gängen braunschwarze Blutspuren. + +Wie einmal Marduk, die großen Augen nach innen gerichtet, leicht +verdunkelt, den langen goldweißen Theatersaal betrat, den sich ein +flüchtiger Herr hier hatte bauen lassen, jetzt mit Proviant Flaschen +Kisten Röhren gefüllt, klang neben ihm die Stimme eines Mannes, der +einen Gürtel in der Hand trug: ob sie Frauen annehmen dürften. „Nein“ +schüttelte Marduk den Kopf; nicht mehr Frauen, nicht mehr dies. Sie +wollten aufbrechen, sie sollten das Quartier verlegen, östlicher, an die +Elbe heran, sie sollten sich beeilen. Er ging, ohne den weißen Gürtel +anzusehen, den der Mann ihm vorhielt. + +Marduk stand auf dem Hügel, auf dem hartgefrorenen Boden, vor dem +starren geborstenen Riesenskelett einer Esche. Die eisige Luft flog in +Stößen über ihn. „Alle Dinge in der Welt müssen einmal beendet sein“, +dachte er, „ich will aufbrechen.“ Er packte im Haus an einer Bank seinen +Tornister. Da hatte ihm der Mann den Gürtel hingelegt, den er vorhin in +der Hand hielt. Marduk wollte schon die Lippen öffnen, den Mann zu +rufen, da führte er die linke Hand zum Mund, bedeckte ihn. Wessen, +wessen, wessen Gürtel war das: weiß, mit silbernem Zierat. Das war, – +seine Augen erweiterten sich – Jonathans Gürtel. „Woher hast du den +Gürtel?“ „Eine Frau gab ihn mir; ich sollte ihn dir zeigen; sie wollte +uns helfen.“ + +Nach einer Stunde Ritt hielten sie in einer Häuserreihe, die durch Brand +und Sprengungen verschüttet war, vor einem niedrigen Gebäude, auf dessen +flachem Dach Geröll eines niedergestürzten Nachbarturmes lag. Der Schutt +häufte sich vor dem Eingang. Sie umgingen den Trümmerberg, ein Hund fiel +sie an. Während der Krieger das bellende bissige starke Tier schlug, – +es geiferte zuletzt oben auf den ungangbaren Steinmassen – rüttelte +Marduk an der verschlossenen Tür. Neben der Tür war ein kleines Fenster. +Marduk, im Gefühl, daß ihn seitlich einer anblicke, zuckte zusammen. +Eine Frau streckte den zerzausten Kopf heraus. Ein blasses mageres +Gesicht, das sich verzerrte und aufflammte. Im Augenblick zog sie den +Kopf zurück. Marduk trommelte gegen die Füllung: „Mach auf.“ Zwischen +dem Hundegekläff hörte er drin rumoren und dann dicht an der Tür eine +leise Stimme: „Du meinst, ich mach dir auf. Ich mach dir nicht auf.“ +„Mach auf.“ Jetzt erkannte er, es war Elina. „Warum willst du nicht +aufmachen?“ „Glaubst du, ich werde mich noch einmal von dir in ein +Gefängnis stecken lassen, du Hund. Ich bin da, damit du mich quälen +kannst?“ „Mach auf, Elina.“ „Ja mach auf. Mach selber auf. Es wird dir +gut bekommen. Versuch es.“ „Ich will dich sprechen, Elina.“ „Warte, ich +will dich auch sprechen. Geh von der Tür zurück.“ „Was soll ich. Jag +deinen Hund weg.“ „Geh von der Tür weg. Geh bis an den Schutt.“ + +Marduk trat, während der Krieger mit dem Hund kämpfte, der blitzschnell +um den Haufen herumsauste, an den Rand der Steinmasse. Die Tür sprang +auf. In der Öffnung wurde ein mannshohes schmales Gestell sichtbar, das, +auf Rädern geschoben, metallen und gläsern blitzte. Ein Angriffsapparat. +Die Hand an einem Glasgriff bewegte sich das Weib neben ihn; gerunzelte +Stirn, sprühende Augen, ein Mund, der den Atem zwischen abgezogenen +Lippen, zubeißenden Zähnen entweichen ließ und einsog. Der linke Arm +hing schlaff. Sie trug ein weißes verschnürtes Schaffell wie Marduk. + +„Nun, Marduk? Wie ist Ihnen jetzt? Da stehen Sie. Sie wollen mich etwas +fragen. Sie sind wohl geneigt, erst mir zu antworten.“ Durch Marduk lief +der Gedanke: Schade. Sie ist eine Täuscherin. Ich bin in eine Falle +gegangen. So muß ich enden. „Ich wollte dich fragen, was mit diesem +Gürtel ist.“ „Jetzt ist Ihnen bang, Marduk. Aber mich haben Sie in das +Gefängnis gesteckt, zur Castel. Ihren Banden haben Sie befohlen, mit uns +zu tun, was sie wollen. Sie wissen, wie es ausgelaufen ist.“ „Man ist +wild mit Euch umgesprungen.“ „Ist man das? Feige sind Sie also auch. Hat +es Ihnen nicht eine Freude gemacht, als man uns anbrachte, am Strick, +hinter Pferden. War das nicht ein besonderes Vergnügen für Sie? Da +hingen wir. Gestehen Sie’s.“ Das Schreien des Kriegers, das Heulen des +Hundes war so stark, daß beide schwiegen. „Du bist eine Täuscherin, +Elina. Du kommst von Jonathan. Ich bedaure nichts. Ich mußte dich +festsetzen.“ „Weiter.“ „Was dann geschah, ist nicht meine Sache.“ „Was +sprichst du von Jonathan. Seinen Namen, Bestie, Bestie.“ Und nahm die +Hand von dem Griff, weinte laut in ihre Höhlung. Der linke Arm krümmte +sich im Ellbogen; seine Finger drückten an die Brust. + +Diesen Augenblick während des ununterbrochenen Tier- und Menschentobens +zwischen ihnen benutzte Marduk, um im raschen Anlauf den Apparat zur Tür +herauszureißen. Der rollte polterte die fünf Stufen herunter, stürzte +vornüber, krachte, Glas- und Metallplättchen streuend. Elina hatte den +rechten Arm sinken lassen, war zwei Stufen dem Apparat nachgesprungen, +stand schlaff da, blickte entsetzt auf Marduk; die Tränen quollen noch +aus den Augen. „So. Also das hast du erreicht.“ Marduk, der gebückt +angelaufen war, richtete sich auf, einen Fuß auf der untersten Stufe: +„Wir können so besser verhandeln.“ „Erst Jonathan. Dann mich. Daß +Menschen wie du geschaffen werden.“ „Was wolltest du mit diesem Gürtel.“ +„Jetzt fragst du. Ich habe es dir sagen lassen.“ „Du wolltest dich mir +anschließen. Sag selbst, Elina, verdienst du nicht, daß ich dich +umbringen lasse.“ + +Stumm blickte sie ihn lange an, sie weinte nicht mehr; ihr Kopf bewegte +sich wie unwillkürlich auf und ab. Mit leiser Stimme: „Ich will dich +nicht auffordern, in das Haus zu kommen. Warte. Ich will mir eine Kappe +aufsetzen.“ Gleich erschien sie wieder; lächelte leicht, als sie Marduk +nicht an der Treppe sah. Er rief hinter der Schuttmasse: „Heb deine Arme +hoch, Elina.“ Sie ging die Stufen herunter: „Einen will ich hochheben, +wenn es dir Spaß macht. Den andern hast du mir festgebunden. Komm nur +vor.“ Sie ging, während die beiden Männer auswichen, frei an ihnen +vorbei in der kalten Luft. Marduk hinter ihr: „Du hast nichts?“ Sie ging +mit gesenktem Kopf weiter: „Komm. Geh mit.“ Erst nach einer Anzahl +Schritte war er neben ihr. „Du willst wissen, Marduk, was ich mit dem +weißen Gürtel wollte. Weißt du, was – ich – überhaupt – von dir wollte?“ +„Wann?“ „Als ich in dein Quartier kam. Schick den Mann weg. Ich habe +keine Waffen. Wenn du mich umbringen willst, kannst du es zur Not auch +allein.“ Er ließ den Mann, der den Hund getötet hatte und den blutigen +Körper an einem Strick hinter sich herzog, ein Stück zurück. „Du weißt +nicht, warum ich kam, Marduk“, sie sprach seitwärts in ihren Pelz sich +verkriechend, immer von ihm wegsehend, „es ist auch nicht nötig.“ +„Jonathan hat dich geschickt.“ „Nicht sprechen, nicht sprechen“ ihr Kopf +fuhr herum, ihre Augen glühten, „ich hab dir gesagt, du sollst ihn nicht +nennen. Du sollst es nicht. Nein, du sollst es nicht.“ Und wie sie +bitter krampfhaft den Mund schloß, füllten sich ihre Augen wieder. Sie +sah weg, schluchzte. + +„Wo führst du mich hin?“ „Komm.“ Der Straßenweg war zu Ende. Über einer +gefrorenen Wiese, – das Eis, über Tümpel ausgespannt, knisterte – gingen +sie. Ein lichter schmaler lang hingezogener Wald kam. „Hier. Laß den +Mann draußen. Er kann auf der Wiese warten. Er darf mit dem toten Tier +nicht her.“ Sie wanderten zwischen den Stämmen, unter dem Liniengewirr +der Äste. An einer kleinen mit trockenen braunen Blättern überschütteten +Bodenwelle stand Elina. „Komm.“ „Bist du müde? Willst du dich setzen?“ +Elina den Kopf tief auf die Brust gedrückt zog sich die Kappe ins +Gesicht. Sie hauchte: „Gib den Gürtel.“ „Hier.“ „Nein. Leg ihn selbst +hin.“ „Wo soll ich ihn hinlegen?“ Elinas Knie sanken; sie drückte den +Kopf in das kalte herunterraschelnde Laub. „Was denn, Elina?“ Sie weinte +unten ganz leise, ihre Hände griffen in die Blätter: „Ja hierhin.“ + +Marduk seufzte, zwischen die Stämme blickend: „Was ist mit Jonathan?“ +„Du siehst es ja. Dein Freund. Unser Freund. Mein Freund. Mit dem weißen +Gürtel. Du trugst immer den weißen Gürtel. Einen weißen Mantel, deinen +weißen Mantel trugst du immer so gern.“ „Was ist mit Jonathan?“ Sie +schluckte unten, hell weinte wimmerte sie, zog die klagende Stimme: +„Nicht fragen. Oh, oh. Nicht fragen.“ + +Er erzitterte, es überlief ihn. Vom Kopf bis zu den Füßen lief das +Zittern. Er wehrte sich. Es rollte von den Knien und Schultern, es warf +ihn hoch, zog ihn herunter. Er schüttelte seine Arme, wirbelte und riß +an seinen Ellbogen, stieß seine leeren greifenden Hände nach vorn und +rückwärts. Wie er den Kopf nach hinten bog, um seine übervolle Kehle zu +entladen, schleuderte es ihn auf den Boden, dicht neben die +klagesingende wimmernde sich einwühlende Elina, schräg über den +Grabhügel. Laubwolken flogen über sie beide. Und da lag im weißen Pelz +der große grauhaarige Marduk; die Kappe rollte den Hügel herunter. Er +tobte, streckte die Arme aus: „Nein, nein, nein.“ Flehte zu Jonathan, +rief ihn mit Kosenamen, suchte ihn. Auf den Rücken warf er sich herum; +die Blätter hatte er in den Händen, rieb sein glühendes aufgedunsenes +Gesicht. Er warf sich auf, am Fuß des Hügels kniete er auf dem +Waldboden, den Rumpf hin und her biegend, im Flüstergespräch mit dem +Hügel, den Kopf immer wieder tief einpressend. Und Marduk pries +Jonathan, umarmte ihn, ließ den Sand das Moos das trockene Laub nicht +los. + +Sein Zittern ließ nach, den Kopf hob er, die Hände nahm er von dem +blattbedeckten aufgerissenen zuckenden Gesicht. Elina, leeren Blicks, +stand neben ihm, ein Knie gebeugt auf dem Hügel, hielt ihm die Hand hin, +daß er aufstehe. „Nimm den Gürtel vom Grabe weg.“ Er suchte sie zu +erblicken. „Komm, häng ihn hier auf. Neben dem – andern da.“ Marduk ließ +sich zehn Schritt führen. Da war eine Eiche. Von einem knorrigen Ast +hing ein kurzer Strick herunter. „Hierher ist er gegangen, Marduk. Ich +weiß nicht wann. Ich lag noch bewußtlos in dem Haus. Er soll am Haus +nach mir gefragt haben. Und nach dir. Du – warst auf der Flucht. Ich +konnte nichts sagen.“ „Er hat sich – erhängt.“ + +Ihre klangreiche ruhige Stimme: „Er sprach bevor ich wegging, von dir. +Und von seiner Mutter. Darum ist er zu dir gekommen. Er sagte, er könne +dich nicht lassen. Er ist in den Wald gegangen, als du ihn nicht +annahmst.“ „Wie sah er aus, als man ihn fand?“ „Ich weiß nicht genau. – +Ich habe sein Gesicht noch gesehen. Es war – Marduk, Marduk, – als wenn +– ein Mensch – im Feuer brennt.“ Ihre Schultern zuckten, sie stieß +wieder die hohen Töne aus: „Er brannte. Es ist wahr. Ich konnte ihm +nicht helfen. Ich habe ihm nicht geholfen. Hätte ich ihm doch geholfen. +Und du.“ Marduk stand still. Er hatte die Augen geschlossen. + +Den Gürtel hielt er in der Hand. Als er die Augen geöffnet hatte, hatte +er einen gebundenen zärtlichen Ausdruck. Er schlang den Gürtel um den +Ast, seine Muskeln waren ganz fest, die Augen hielt er starr auf den +Strick, die Finger hielt er zusammengekrampft. So stand er. Als er den +Mund öffnen konnte, flüsterte er mit noch unbeweglichen Augen: „Und +jetzt ist alles vorbei, Jonathan. Jetzt ist es vorbei.“ Er wiederholte +es tonlos. Den Hals konnte er bewegen, das starre Gesicht Elina +zuwenden. Da fiel er gegen ihre Schulter. Sie hielt ihn mit ihrem +rechten Arm, drängte sich mit der Brust gegen ihn. Er sank sank gegen +ihre Brust; sie mußte sich anstrengen, den weichen absinkenden Körper +hochzuziehen. Er war wie ein Schlafsüchtiger. + +Sie ließ ihn vorsichtig auf die Erde herunter, sein Rumpf hielt am Stamm +des Baumes nicht aus, streckte sich lang neben den pendelnden Armen auf +den eisigen Waldboden. Schwer lag er. Atmete gleichmäßig, seine Züge +lose. Elina neben ihm kniend sprach ihm zu. Dann öffnete er die Augen; +die blickten ins Leere. Sie stützte seinen Kopf, rückte seine Kappe +zurecht. Er ließ sich hochziehen, ging gleich. Sie führte ihn. + +Sie kamen zu der Wiese. Der Mann mit dem Hund stand noch da. Stumm +gingen sie über dem knackenden Eis an ihm vorbei. Kein Wort sprach +Marduk, der noch zu schlafen schien, zu Elina, die seinen linken Arm +festhielt. Die Reihe der demolierten Häuser. Der Mann mit dem toten Hund +schurrte hinter ihnen. + +Wie sie um den Schutthaufen vor Elinas Hause gingen, sprang der Mann +warnend vor sie, stellte sich vor Marduk: „Wohin gehst du?“ Der sah ihn +suchend lange an: „Warte hier draußen. Warte auf mich.“ Sehr langsam +stieg er die Stufen hinauf, Elina hinter ihm. + +Lange Minuten schwieg Marduk auf der Polsterbank an der Wand. Er schien, +den Kopf zurückgelegt, immer wieder einzuschlafen. Der Kopf sank ihm auf +die Schulter. Dann suchten seine großen Augen sie. Sie saß seitlich von +ihm am Fenster. „Du, Elina.“ „Was, Marduk?“ „Was tust du, was tust du +hier?“ „Ich wohne hier.“ „Es wohnt sich hier nicht schön.“ Er suchte +einen Gedanken: „Der Schutt liegt so hoch. Es ist kalt. Sehr kalt ist +es. Der Winter hört nicht auf. Was tust du eigentlich hier, Elina.“ „Ich +wohne hier.“ „Du wohnst hier. Du müßtest hier nicht wohnen. Du müßtest +das Haus abbrechen lassen. – Jonathan ist tot. Also auch. Das war ein +schöner Jüngling, den ich kannte. Und du hast ihm verziehen, Elina. Du +hast ihm verziehen.“ Sie sah fragend zu ihm herüber. „Du hast ihm +verziehen. Sag’ ja.“ „Ich hatte nichts zu verzeihen.“ „Er wußte nicht, +was er tat, bevor er starb. Als er dich wegschickte.“ „Er hat mich nicht +weggeschickt.“ „Doch. Du sagtest, – sagtest du nicht, er ist allein +gestorben.“ „Ja.“ „Dann hat er dich doch weggeschickt.“ „Nein.“ „Er +wußte nicht, was er tat, Elina.“ + +„Er hat mich nicht weggeschickt.“ Marduk hob den Hinterkopf von der Wand +ab, unsicher: „Du bist doch zu mir gekommen. Bist du nicht –?“ „Ja. Du +hast mich dann ins Gefängnis gesteckt.“ „So bist du doch zu mir +gekommen.“ „Ja, aber er hat mich nicht weggeschickt.“ „Und was ist denn +geschehen?“ „Ich – bin – selbst fortgegangen.“ „Von ihm? Wie er – wie +sagtest du noch – wie er brannte? Bist du fortgegangen. Nein, Elina, das +sagst du nur.“ „Ich bin fortgegangen, Marduk. Ich sag’ es dir. Ich +verberg es nicht.“ „Du hast ihn verlassen“ er stierte sie an. Jetzt +bebte sein Mund. Er stützte die Arme auf die Knie. Er hob beide Arme +über sich: „Das hast du ihm angetan. Du hast ihn verlassen. Wider seinen +Willen.“ Sie knirschte: „Ja.“ + +Ihre Finger krallten sich, ihre Augen funkelten zu ihm herüber; in Grimm +und Schmerz war ihr Mund verzogen: „Hätte ich es nicht getan! Hätte ich +es nicht getan.“ Ihre Füße stießen sie hoch; sie drängte an die Tür, +preßte sich an den Pfosten, stöhnte zum Boden: „Weißt du, Marduk. Weißt +du. Es ist gut, daß das Haus feststeht. Und daß ich kein Riese bin und +es umreißen kann. Ich würde es jetzt machen. Ich würde, ich müßte das +Haus anfassen, und – und – umreißen. Und über mich schütten. Über mich. +Und – über dich – auch.“ Sie griff in das Holz des Pfostens. Er sah ihr +rasendes Gesicht an, sie schluchzte: „Hin. Hin.“ + +Dann lief sie in kleinen Schritten, immer wieder anhaltend, in das weite +Zimmer. + +Marduk fühlte, wie ihn etwas hochschob. Eine ferne Angst zuckte pucherte +über sein Herz. Er wankte hinter ihr her, er mußte hinter ihr herwanken. +Ungleichmäßig, traumbefangen atmete er. Der Schlaf in allen seinen +Bewegungen. Wollte sich nicht ein alter wohlbekannter Schleier über ihn +legen. „Lauf mir nicht weg, Elina. Warum tust du das. Ich bin kein +Mörder. Ich habe, habe keine Waffen. Ich tue dir nichts. Halt einen +Augenblick still. Ich komme nicht mit. Damit ich dich sehen kann. Ich tu +dir nichts. Lauf nicht. Ich muß dir etwas sagen. Du mußt mir etwas +sagen. So. Du stehst. Du stehst, du. Setz dich. Ich kann nicht stehen.“ +In ihm klirrte es ganz dunkel. Scheiben einer Stadt bei einer fernen +Schlacht. Aber es hielt nicht an. Es war wie hinter einem Berg. Es wurde +keine Qual. + +„Laß mich dein Gesicht sehen, Elina.“ + +„Was willst du von meinem Gesicht.“ „Ich muß dein Gesicht sehen.“ In ihm +klirrte es nicht mehr. Er fühlte die Ruhe seiner Muskeln, die +abweichende Beängstigung, die tiefe fast drückende Besänftigung seines +Herzens. Wie sanft der Schlaf war, der sich über ihn ausbreitete. Er +nahm ihn hin; er wehrte sich nicht gegen ihn. Er konnte neben ihr +sitzen. Er konnte neben ihr sitzend, die ihm den Rücken zuwandte, +träumen. Es träumte in ihm: „Ich habe schon einmal bei dir gesessen, +Elina. Auf meiner Burg. In der Stadt. Ich war Konsul. Wenn du dich an +mir rächen willst, tu es. Ich kann es nicht verhindern. Lehne dich an +mich. O lehne dich an mich.“ Sie drehte sich langsam um. Tief erzitternd +murmelte sie: „Warum? Warum soll ich mich an dich lehnen.“ + +Und dann beugte sie ihren Kopf gegen seine Brust, zitterte und stöhnte +stärker. „Lehn dich an mich, Elina.“ „Ich kann es nicht, Marduk. Warum +soll ich mich an dich lehnen. Ich kann, ich kann dich – ja – umfassen.“ + +Und preßte sich an ihn. Drückte seinen Kopf von rückwärts an ihren. Er +unverändert hielt sie schlaff, blinzelte in ihr Haar: „Das tust du. Das +tust du.“ „Das – ja jetzt. Und du bist da. Du läßt dich von mir +umfassen.“ „Ich will nicht. Es hat keinen Sinn.“ + +„Hab Gnade mit mir, Marduk. Blick mich an.“ Es war schwarz über seinen +Nacken und seinen Kopf heraufgelaufen. Sein Gehirn wurde von einer +dichten, immer dichteren Schwärze erfüllt. Seine blassen Lippen sprachen +halbbewußte Worte: „Zum Fenster hinaus. Ich bin zum Fenster +hinausgesprungen. Halt mich. Fest. Ich falle.“ + +Sie schüttelte an ihm. Sein Körper war weich. Der Kopf lag auf ihrer +Schulter. Sie fühlte, wie sie hintastete, Nässe auf ihrer Schulter. Es +war geschehen, daß Marduk auf ihrer Schulter weinte. + +Sie konnte seinen Kopf nicht hochheben. Durch ihn träumte es: „Ich +falle. Radspuren entlang. Einen Feldweg entlang.“ + +Er bewegte sich. Richtete sich auf. Sie sah ihm in die weiten Augen. Er +wußte, daß er auf ihrer Spur gewesen war seit dem Lager in Linden, seit +er sie ins Gefängnis schickte. + +Sie hielt ihn ganz fest, studierte sein bartüberwuchertes erloschenes +Gesicht. Hauchte drängte: „Marduk. Verzeihung. Sieh mich an.“ „Ich +sehe.“ Seine harte Wange an ihrer, sein Hals gab weiter nach: +„Versucherin.“ „Nicht Versucherin. Ich bin keine Schlange. Hab Erbarmen +mit dir. Hab Gnade mit dir. Du, mit dir.“ + +Er machte sich los. Sah ihr gespannt in die Augen. Stand auf, stotterte +tief erblassend, zu ihr herunterblickend: „Jetzt, jetzt, jetzt, – Elina! +Jetzt falle ich um!“ + +Und schwankte vorwärts rückwärts. Polterte, ohne einzuknicken, nach +hinten über einen Schemel, riß ihn seitwärts mit sich hin. Er lag +ausgestreckt am Boden, auf der Schemellehne. Tief bewußtlos. Sie zog den +Schemel unter ihm weg. Hielt die Hand an seinen Mund; der warme Hauch +kam. Fahl seine Backen, der Mund offen. + +Zum zweiten Male lag er da. Sie tastete unter seinen Kopf. Kein Blut. +Die Mütze schob sie ihm unter. + +Sie hastete zusammenfahrend an die Tür, lauschte. Der Krieger stand +draußen unbeweglich am Schutthaufen, er hatte nichts gehört. + +Und wie sie Schritt für Schritt zurückkehrte, ihn liegen sah, das graue +bärtige Gesicht, den langen Körper im weißen Fell, auf der Diele ihres +Hauses, warf sie sich, den Kopf zurückbiegend, die Arme aufhebend, in +wilder überflutender Wonne auf ihn. Den Pelz riß sie von sich. Die +Jacke, das Hemd riß sie von ihrer Brust, drückte die nackte Haut an sein +kaltes feuchtes Fell. Eng preßte sie sich mit Leib, Armen, Beinen an +ihn, umschnürte, überwogte ihn. Sie achtete nicht, was mit ihm war. +Herzte seine Hände, deckte das Fell auf, küßte sein Knie. Sie öffnete +zerrte den Pelz von seiner Brust. Küßte die Reihe seiner Rippen entlang, +wühlte rieb ihre Brust gegen seine. + +Sie sprang glühend auf, an das Fenster. Das öffnete sie still rasch, +nahm eine Hand voll Schnee, klemmte das Fenster zu, wärmte den Schnee an +ihrem Mund, blies ihn an, rieb ihn, hinlaufend auf Spitzen, über Marduk +kniend gegen seine Stirn Augen seine Lippen. + +Es war ihr eine zerreißende Süße, als er im Traum seine Lippen spitzte, +an dem Schnee sog. Sie ließ ihn saugen. Hielt den Schnee in ihrem Mund. +Er sog an ihrem Mund. + + * * * * * + +Nach einer Stunde schob sich Marduk aus der Tür, schickte den Mann weg. +Er selbst ging langsam mit Elina die Straße hinter dem Mann. Es +dämmerte. Die Wiese den Wald durchzogen sie. Am Waldausgang, sie sahen +den Mann kaum, wurden Marduks Knie weich. Er ließ sich herunter auf den +Boden. Nebel in Schwaden von dem nahen Flusse her. Trübe kleine Augen +machte Marduk, den Kopf drehte er beiseite. „Schönes Leben“ flüsterte +er, „schöne Bäume, schöne Nebel.“ Sie hob ihn, er strich über ihre +Schultern: „Warum stierst du mich an, Marduk?“ „Das ist mehr, als ich +für möglich hielt.“ Sie hatte leuchtende Augen; er hatte noch immer den +Hang, in Schwindel zu verfallen, sah von ihren gefährlichen Augen weg. +„Schöner Nebel, schöner Baum“, er hielt sie an sich, „schöner Mensch. +Schöner Mensch. Menschenhaare. Menschenfinger. Menschenohren. +Menschenhals.“ „Sie waren immer da.“ „Menschenhaare. Menschenhand. +Kranke Schulter. Was hab ich gesündigt.“ „Ich habe noch eine Schulter, +Marduk.“ „Gute Schulter, armes Gelenk, Marduk bittet euch ab.“ + +In den Mooren südlich des Grinderwaldes begann Marduk wieder seine +Arbeit. Die Truppe hatte sich, wegen der Gefährlichkeit der Arbeit und +des verdächtigen Namens des Konsuls in dieser Landschaft nicht vermehrt. +Sollte ein Resultat erzielt werden, mußte jetzt rasch Zimbo und die +Horden ihrer Waffen beraubt werden. Marduks hannoversche Truppe war +einer Anzahl von Unglücksfällen ausgesetzt. Der Erfolg ging hin und her. +Die zarte Elina kämpfte mit. + +Bei dem großen Vorstoß, der von Marduk geführt, mit der Zertrümmerung +fast aller schweren Waffen bei den ostelbischen Banden, der alten Horde, +endete, rüstete Marduk, der stark und kalt wie ein Hirsch herumging, +Elina selbst aus. Spiegelkleider trugen sie alle, an hellen sonnigen +Tagen mußten sie vorgehen. + +Wie Marduk die Spiegelfacetten am Gewand Elinas ordnete, die +dachziegelartig übereinandergeschobenen blechernen Streifen, die nach +dem Licht auseinandergezogen und wie Segel gedreht werden mußten, +häkelte sie mit ihrer Hand an ihrem schon geschlossenen Kragen, warf die +gesichtverhängende Kappe hoch. „Steh ruhig“, bat Marduk. + +Sie hob die Kappe ab, zog sich von Marduk weg, schloß die Tür seiner +Kammer: „Nicht das Kleid. Nicht das Kleid. Mich.“ „Wir kämpfen, Elina.“ +„Kämpfen. Aber wir. Und wofür kämpfen wir.“ „Du weißt es.“ Sie hauchte +dicht bei ihm: „Ich noch – um dich. Du mußt mich kennen.“ „Nicht jetzt, +Elina.“ „Jetzt oder wann sonst. Jetzt.“ + +Wie sie sich im Stroh umarmten, sah er die ersten Augen Arme. Sie, den +harten sehnigen behaarten Leib umklammernd, stammelte: „Nichts an mir, +was nicht dir gehörte. Laß nichts an mir. Alles, nimm alles weg. Laß +nichts zurück.“ Sie tauchte in ihm unter, erweichte verwehte. Er atmete: +„Sag nicht Marduk zu mir. Wer ist das.“ + +Sie starb fast in der Umarmung, wünschte zu sterben. Er stammelte an +ihrem Hals: „Ich lebe ewig. Ich lebe ewig.“ + + * * * * * + +Der große Vorstoß, der auf die Gegend von Helmstedt und Gardelegen +erfolgte und den abtrünnigen Banden den Verlust fast aller schweren +Waffen brachte, verminderte die Zahl der Mitläufer Marduks um die +Hälfte. Hier kam Elina um. Wie sie, selbst unsichtbar, einen unbewacht +stehenden Riesenbrandwerfer, von der Art derer aus dem Gefängnis, auf +eine dicht vorüberziehende Führergruppe der Horde richtete, – im +Übermut, denn nichts hinderte sie an der Zerstörung des Apparates, – +schlug die Flamme auf sie zurück, äscherte sie mit den Männern ein. + +Marduk spornte die Zurückkehrenden an. Man mußte sich beeilen. Nun war +Zimbo, noch im Besitz von Waffen, ungeheuer den Horden überlegen und +konnte sie in die Knie zwingen. Wenig Apparate hatte man beim letzten +Vorstoß erbeutet, die Spiegelhüllen sehr beschädigt. Es war ein +verzweifeltes Wagnis, das Lager Zimbos, der sich mit starken Sicherungen +versehen hatte, anzugreifen. + +Der Versuch mißlang. Mit selbstmörderischem Mut kämpften die +überfallenden Männer, kaum fünfzig, die noch zu Marduk hielten. Wie eine +Maschine, eine Lokomotive nicht an eigenen Schutz denkt, sondern auf +ihren Schienen losrast, sich und fremde Züge zerschmettert, so drangen +sie tollkühn, oft deutlich in ihren zerrissenen Masken sichtbar, an, +zertrümmerten mit Hieben und Schüssen die empfindlichen Eingeweide der +Apparate, die sie erwischten. Der Hauptteil dieser Leute verendete unter +dem Strahlenschutz vor den feindlichen Apparaten, gegen die keine Maske +half. + +Marduk lief in den Bereich einer Maschine, deren Anwesenheit er aus den +eigentümlichen Kappen und Schutzmänteln der herumspürenden Männer +erschlossen hatte. Nicht weit entfernt von dieser Maschine stand aber +eine zweite, die er nicht erkannte. + +Plötzlich, aufrecht über den gefrorenen Lehmboden schleifend, fühlte +sich der lange unerbittliche Mensch an den Beinen gehindert, seine Knie +zurückgedrängt, die Füße auf den Boden gedrückt. Weiter drängte er vor, +schob sich an, suchte, sich drehend mit der Flanke durchzubrechen. Dann +ablassend, machte er einen Ruck, um sich loszureißen und loszuprallen +oder zu entweichen. Er fühlte sich federnd, dann starrer pressender +festgehalten. Er senkte den Kopf, trieb keilte das Knie abwärts. Das +gelang. Gesicht und Hals glühten und schwollen ihm unter der Anstrengung +auf. Und langsam langsam konnte er das eine Knie krümmen. Konnte langsam +langsam, als wollte er schweben und fliegen, den Arm vom Rumpf +abspreizen. Er arbeitete wie gegen Stein. Das andere Knie krümmte er, um +sich auf den Boden herunterzulassen. An der Brust war er festgehalten. +War oben so eng gewaltig verklammert, daß er ringend dagegen die Füße +vom Boden abhob, beide Füße vom Boden abzog. Quer gedreht erblickte er +sie unten und ächzte; quer hingen seine Füße unten handbreit über dem +harten Lehm. Ein Schuh hing über der Erde, vom Fuß abgezogen; er stand +deutlich sichtbar in der Luft, auf der Spitze, unter dem nackten weißen +Fuß, unter leicht spielenden Zehen. Marduk schwebte. Er sackte langsam +abwärts. Und wie er sich auch mühte durch Stunden zähen Wühlens +Schlagens Stemmens, er drückte seinen Rumpf nicht auf die Erde herunter. + +Vornüber mit Hals und Rumpf schwebte er über dem Boden wie im Sturz, +nach dem Boden drängend, den er nicht erreichte. Die Arme, gekrümmt +erlahmend erschlaffend, lagen wie auf Kissen, und doch fest wie zwischen +Zangen. Nicht die Finger der flach hingestreckten Hände vermochte er zu +krümmen. Und als er sich im Beginn neuen Anringens wütend um sich selbst +werfen wollte, hielt er unter schrecklichem Schmerz inne. Er suchte auf +seine linke Hand zu blicken. Von da, da kam der brennende heulende +Schmerz. Die Finger, er sah sie, standen unnatürlich gestreckt, nach +oben abgebogen über dem Handrücken, so wie sie vorher gestanden hatten. +Sie waren gebrochen umgeknickt. Leise stöhnte Marduk. + +Er rang mit seinen Augenlidern. Die Hornhäute vertrockneten ihm, die +Lider, die Lider waren nicht zu schließen. Oh sie schließen können. Er +hielt seinen Rumpf still, er kämpfte nur mit diesen kleinen Muskeln, den +Lidern. Millimeter um Millimeter drückte er sie herunter, bis nur noch +ein Spalt da war. Jetzt, das Glück, er sah nichts mehr. + +Hinter seiner Stirn taumelten Gedanken: „Sie, sie, sie haben mich. Zimbo +hat mich. Ich bin verloren. Die Verbrecher haben mich. Alles war +umsonst.“ Heißer wütender namenloser Schmerz über ihn. Hinter den +blinkenden Streifen des Spiegelschutzes erzitterte sein blau +anlaufendes, dick hochschwellendes Gesicht. Die Lidspalten füllten sich +mit Tränen. Der Brustkorb, der Hals suchte zu schluchzen. Aber nur ein +Heulen Röcheln kam durch die gepreßten Zähne. Elina war gestorben. Warum +war er nicht mit ihr zur Seite gegangen, nach Westen, nach Süden, und +lebte mit ihr. Warum wollte er nicht mit ihr leben. Die süße Elina war +hingegangen, für nichts, ins Dunkle Leere, und er ging nach. Jonathan, +auch der war gestorben. + +Die Gedanken schwollen wirr hinter seiner Stirn. Ein wachsender Wald war +da, Pferde mit gefangenen Frauen an einem Strick; man schleifte sie +durch die Luft herunter, an dem endlos langen Strick, über Feldspuren. + +Mühsam zog er Luft ein. Der Spiegelschutz scharrte gegen seine Kehle. Er +wollte ihn abreißen. Rüttelte, zuckte gegen seine schon toten Hände, +konnte nicht zu ihnen hinfinden. Wollte seinen schwarzen Hauptmann, +Angelelli, rufen. Die Zunge rührte sich nicht. + +Eingeschlossen eingespannt in einen Sarg war er. + +Er weinte bewußtlos immer wilder um Elina. Durcheinander stürzten über +einen Wasserfall, ein Rad, seine Gedanken. Das Rathaus Schnee-Ebenen +Pferde. Und immer wieder Elina. + +Sein Mund lutschte. Er sog, wärmer summend brummend knurrend schnalzend +an etwas, das man ihm in den Mund steckte. Elina steckte ihm etwas in +den Mund, gab ihm zu trinken. Er sog schnarchte im Schlaf. + +In tiefster Betäubung der hängende, langsam abgleitende Körper, als auch +der Brustkorb sich nicht mehr erweitern konnte, im Innern das Herz seine +Schläge verlangsamte. + +Es war Nacht. Der Schuh hing mit der Spitze neben dem gekrümmten Bein. +Da froren die langsam abwärts geronnenen Tränen über dem verhängten +unbeweglichen Gesicht, froren die Lider zu. Die beiden dünnen Eislagen +senkten sich über die Lippe in den klaffenden Mund. Die Zunge umwuchsen +sie. Den Rachen kleideten sie aus. + +Gegen Morgen prüften Männer des Zimbo den Apparat, verschoben ihn. Da +dumpfte und knallte im Nebel der Körper des zweiten Konsuls auf die +gefrorene Erde. Sein Kleid zersprang. Die aufhorchenden Männer Zimbos +sahen auf dem Feld eine schwarze Masse liegen. Und wie sie näher +schlichen, war es ein Menschenkörper, wie ein Tier starr auf Knien und +Händen unbeweglich am Boden. Vom Kopf hingen ihm metallene Bänder. Ganz +langsam sickerten Blutstropfen aus dem offenen Mund. + +Eine schwarze Lache unter ihm. + + * * * * * + +Das Gerücht von Marduks Tod wurde von Zimbo unterdrückt. Als er die +Waffenlosigkeit der märkischen Horden festgestellt hatte, ließ er einen +starken Teil seiner bewaffneten Krieger gegen das märkische Lager nahe +Magdeburg marschieren. Er selbst zog unbemerkt hinter ihnen mit seiner +Horde her. Und als die Krieger sich in einem langen sumpfigen Tal +unterhalb des Lagers der märkischen Führer sammelten, – Zimbo war schon +unter den Führern – gab er seine eigenen Truppen den Horden in die Hand. +Er ließ zu, daß seine Männer, die vertrauensselig folgten, entwaffnet, +gefangengenommen wurden. Am Abend trieb man sie auf einen Haufen, wollte +sie zum Hohn an Marduk schicken. Zimbo hielt da an und warf seinen +Trumpf. Er zeigte ihnen den gefrorenen Körper Marduks. + +Tief erschreckt standen sie mit Fackeln vor der Leiche, vor dem +sonderbar und unheimlich verbogenen Leib, an dem Zimbo die Kraft seiner +Apparate demonstrierte. + +Sie kamen in Beratungen der ganzen Nacht zu keinem Resultat. Finster +forderten sie zurückkehrend von Zimbo, er solle den größten Teil der +Waffen vernichten oder ihnen übergeben. Sie haßten Zimbo, weil er Marduk +getötet hatte. An ihm sich zu vergreifen war nicht seine Sache. Sie +sprachen nicht viel mit dem schwarzen Plattnasigen, der sich in seinem +Zelt hinter seiner Horde und einem unbezwinglichen Waffenschutz +versteckte. Er fühlte, daß sie knirschten. Die Waffen versprach er ihnen +lächelnd. Nur sei es, mit Rücksicht auf die Gefahr von Hannover und +Hamburg, unklug, sie zu zerstören. + +Zwischen Stendal und Wittenberg wurden große Hordenversammlungen +veranstaltet, bei Stendal eine Führerversammlung. Zimbo, nur selten um +sich aus engen Lidspalten blickend, erschien hier demütig ruhig glatt +wie immer. Die märkischen Führer staunten seine List und seinen +Riesenkörper an. Er murmelte, er verlange keine Unterwerfung, sondern +seine Wahl zum Konsul. Er sei von England geschickt, um das Land für den +Völkerkreis zu gewinnen, habe umgelernt. Er werde die Politik Markes und +Marduks weiterführen. + +Marduks Körper war einbalsamiert worden. Bei Stendal mußte Zimbo auf den +eisigen Körper schwören, – der war in der gekrümmten Haltung balsamiert, +wie er auf dem Feld verendet war –: er werde die nachuralische Tradition +fortführen, die Ausbreitung der Märker betreiben, die Mekifabriken +sobald als möglich vernichten. Das Murren unter den Horden hörte auch +nach dem Schwur und den Besprechungen nicht auf. Bis Zimbo sich durch +zwei Handlungen legitimierte: rasches brutales Niederwerfen +eingedrungener Hamburger in der Lauenburger Gegend, und nach der +Rückkehr Beseitigung von zwanzig widerstrebenden Hordenhäuptlingen. + + * * * * * + +Vor Ausgang des Winters bezog Zimbo das Ratsgebäude der Stadtschaft +Berlin. Er war der dritte Konsul der Stadtschaft, der erste, der nicht +hier aufgewachsen war. Zu der Zeit, wo der listige herrschsüchtige +Afrikaner den Saal des Ratsgebäudes betrat und den Raum mit der +Schädelpyramide bewohnte, die er mit den Knochen der getöteten Täuscher +und Hordenführer erhöhte, lösten sich die kriegerischen Märker aus dem +engeren Felde der Stadt, schwemmten wieder über Stendal Wittenberg ins +Hannoversche, reinigten durch Überfälle die Lüneburger Heide. Noch im +Winter zogen Siedlermassen, die sich ins Ausland unter den Schutz der +Mekifabriken geflüchtet hatten, hinter ihnen her. Zimbo selbst besetzte +die restlichen Mekifabriken mit Männern und Frauen, die ihm durch den +Feldzug gefolgt waren, und hielt sie in Stand, so daß eine große Zahl +Menschen, die sich vergrämt und zur Arbeit auf die östlichen Äcker +geworfen hatte, für den Westen frei wurde und Kriegsdienst tat. + +Das gefahrdrohende Treiben an der Grenze der hamburgischen Seelandschaft +hatte wieder begonnen. Statt des fanatischen zum Ausgleich geneigten +Marduk saß ein Renegat des Völkerkreises, ein machtdurstender listiger +falscher brutaler Mann im Zentrum des märkischen Reichs. + +Die kontinentalen großen Zentralen südlich und westlich Berlins +verlangten Ausrottung der märkischen Pest, Beruhigung des Erdteils. Ihr +Aufbäumen war angstvoll, aber lahm. Es war der hitzige Trieb erliegender +Wesen. + + + + + Fünftes Buch. + + Das Auslaufen der Städte + + +Unaufhaltsam auf allen Kontinenten des Völkerkreises der nachuralische +Drang. Die Kämpfe der Stadtschaften gegeneinander waren lärmvoll und +gefährlich gewesen; in der Tiefe und Breite liefen andere mächtige +Wünsche. Der heiße afrikanische Kontinent, von einer unbeständigen +Menschenmasse erfüllt, zuckte zuerst auf. Überfälle, wie in der Mark auf +die westliche Umgebung, erfolgten hier auf die Zentren von allen Seiten. +Die Riesenländer Ebenen Gebirge Haine Flußufer waren nie völlig leer +geworden. Immer tauchten neue Menschenmassen aus ihnen hervor; die +Städte entleerten in die überreichen Steppen und Urwälder ihre Massen, +die gefährlich stöhnend von Zeit zu Zeit zurückkehrten. Die Schwächung +und Entartung der Stadtmassen gelang nie tief; unterlaufen durchrieselt +waren die afrikanischen Küstenzentralen im Westen Osten Süden, an der +Mittelmeerküste von den Männern und Frauen aus dem wilden Hinterland. + +Die Brotbäume Ölpalmen Wassermelonen hatten nie Erholung gebraucht, +jetzt wuchsen sie in toller Üppigkeit. Das große Nilland trieb wuchernd +Felder von Reis Weizen sechszeiliger Gerste. Das Sorghumkorn schoß hoch +von Ägypten bis zum Kapland. Die Tiere, Störche Rohrdommeln Papageien +Reiher Halsvögel flogen in Scharen herum, Leoparden und Löwen trieben +sich herum, das rötliche Buschschwein Antilopen hausten zwischen den +Bananen. Die Rudel grauweißer Elefanten; sie fraßen die gelben runden +Palmfrüchte. Ein Heer von gierigen Affen hockte auf den Bäumen. Regen +Stürme Hitze. Die trägen, von Haschisch Opium, neuen Giften geschwächten +Herren schüttelten sich vor diesen Menschentieren, die aus den Wäldern +und Wüsten unter ihnen auftauchten. Suchten sie zurückzujagen, wollten +sie gefügig machen, nahmen sie auf, ließen die Städte vor ihnen +beschützen. Zentrale auf Zentrale wurde von den Unwesen zerstört. Die +aus den Wäldern herangetriebenen Geschöpfe gingen satanisch mit den +schwachen hilflosen Massen um. Es gab Städte, die sich den starken +listigen Stämmen rasch ergaben, und ebenso rasch zerrissen und +zertrümmerten die bösen stolzen Geschöpfe das Gerüst der +vertrauensseligen Städte. Dann irrten Hunderttausende in die offene +Wildnis hinein, erlebten eine kurze Zeit Tag Nacht Sturm Hitze wilde +Tiere, ehe sie verkamen. Auf dem stürmisch lebenden heißen Erdteil waren +längst die Stadtschaften auf das wuchernd reiche Land ausgelaufen, als +in den nördlichen westlichen Kontinenten die Stadtschaften noch dumpf +zerfallen nebeneinanderlagen und nach sich griffen. In Süd- und +Nordamerika tosten die großen Stadtschaften, voll des höchsten +Schmuckes, zugleich lecke Fässer, die ihren Inhalt nicht mehr hielten. +Überall kämpfend oder getragen Senate Herrengeschlechter Tyrannen, die +die Zügel hielten und nicht wußten, wohin sie lenken sollten. + + * * * * * + +An der gebirgigen Nordwestküste Nordamerikas loderte es um die Zeit, wo +der alte Kontinent auf die märkischen Konsulate blickte. Von den +Japanischen Inseln her, Kiuschiu Schikoku Hokkaido Sachalin Formosa +waren in dem Uralischen Krieg asiatische Scharen, angreifende Mongolen +und Sibirier über das Riesenwasser gefahren. Sie hatten, nur wenige +Tausend, die alte westliche Stadtlandschaft Franzisko und nördlicher +Portland am Kolumbiafluß besetzt, waren, rasch überfallend, über den +Salzsee nach Cheyenne und Denver gedrungen. Die überraschten Senate +hatten kaum Widerstand geleistet. Was an geübten Männern und Frauen zu +den Städten gehörte, stand zwischen Ural und Wolga, flog und fuhr mit +dem Geschwader. + +Die Japaner, die Herrschaftssippen verjagend ausrottend, verließen beim +Erlöschen des Krieges nicht den Kontinent. Sie saßen da, nicht im +Auftrag ihrer Völker, auf eigene Faust, zum Hohn den Westlichen, unter +Billigung ihrer Völker, durchschauten das ihnen fremde eigentümliche +Gefüge dieser großen Städte mit Neugier. Und wie die Asiaten unter dem +Schutz ihrer Waffen einige Jahre durch die lungernden schlaffen +läppischen Volksmassen geschlichen waren, dachten sie die Städte und um +die Städte herum alles zu verderben. Sie waren frei von der Sorge der +westlichen Senate. Die Völkerstämme, die in diese großen Stadtreiche des +Westens eingeströmt waren, arbeitend genießend schmarotzend sich +vermehrend, stammten aus den Prärien von Nebraska Dakota Nevada, – Reste +von Weißen Mestizen Zambos Negerabkömmlingen indianischen Mischlingen. +Es wäre nach dem Zerreißen des alten Völkerkreises in den Städten alles +neu einzurichten gewesen. In diesen pazifischen Zentralen unter +mongolischer Oberhoheit stockte bald alles. Die Asiaten setzten die +Selbstverwaltungen von Franzisko Portland und die im Hinterland +Okkupierten unter Druck. Die letzten großen Sippen, deren Familiengut +technische Mysterien waren, hielten noch die Mekifabriken in Betrieb, +suchten Zusammenhang mit den Massen. Die Städte, desorganisiert hungernd +sich stärker zersetzend, gärten. Man saß gefangen in einer fremden +Festung, in einer Belagerung; der Feind mitten unter ihnen. Eine +wutgeheizte unbeschäftigte Masse trieb sich in den Riesenstraßen herum, +spärlich aufgeklärt über die Dinge, die draußen abliefen, auf der Suche +nach Bundesgenossen. + +In der Masse herrschte der alte indianische Glaube von einer guten und +bösen Macht; das Volk befragte Erde Aschen Vogelknochen. Es traten in +Dakota – und wurde rasch über die Westküste verbreitet – Gerüchte auf: +man müsse ausbrechen aus den Städten, nach Norden, ins Kanadische, ins +Land der Irokesen, an die zerklüftete Küste, auf den Archipel der großen +Inseln, in das Yukonbergland. In den Anlagen von Franzisko erschienen +Männer aus westlichen Städten, die rote runde fremdartige Steine aus +ihren Bergen mit weißen zerschlugen, aus den Splittern überraschend über +die nächsten Vorkommnisse aussagten, den Durchbruch nach Norden +prophezeiten. Wie in der märkischen Landschaft warfen die Gefesselten in +diesen Städten sich auf Ringen Jagen Anschleichen List und Wildheit, +bildeten kriegerische Geheimbünde. Der Krieg Marduks mit dem Völkerkreis +wurde dunkel bekannt; der Name Marduk lief als Geheimzeichen um. Die +Asiaten hörten ihn, lachten verspotteten die Städter: „Marduks!“ + +Sie wurden still, als eines Tages die angesammelten Lebensmittelvorräte, +auch ihre eigenen, in Franzisko und Portland Flammen zum Opfer fielen. +Sie standen vor der Frage, ob sie Millionen verhungern lassen sollten +oder ihre Herrschaft aufgeben. Sie warfen Funken nach Westen in ihre +Heimat. Man beruhigte sie: ob sie Furcht hätten oder Sachwalter +amerikanischer Wilder seien. Sie verdoppelten die Massensicherung um die +Städte. + +Drei Wochen nach der ersten Vernichtung der Nahrungslager erfolgte in +Franzisko und Portland am gleichen Tage das Niedersengen der Fabriken +selbst. Geheim eingeführte Sprengstoffe wurden verwandt. Zugleich +erfolgte ein Angriff auf die Wohnsitze der mongolischen Eroberer, der +sich zu einem Sturm der ganzen Stadt auf diese Wohnsitze gestaltete. Nur +eine Stunde war nach der Sprengung der Fabriken vergangen, als die +ersten geängstigten, das Leben wagenden Menschenmassen von der +Brandstätte der Fabriken gegen die Strahlenbarriere der Fremden um das +Ratsgebäude liefen. Sie waren halbnackt verwahrlost dem Tode nah, +Menschenfresser, gehässig auf sich. Sie erstickten in den Strahlen, +fielen auf den gelben welken Wiesenflächen um die Gebäude. Neue Massen +stürmten. Ein Teil der Haufen kam spät, wollte nach der Peripherie, sah +sich gefangen wie sonst, setzte sich gegen das Zentrum in Bewegung. Um +die Gebäude der Mongolen bildete sich ein Ring von Toten, der sich von +Minute zu Minute erhöhte. Die schmierigen Menschen, Weiber, die noch +Kinder trugen, die gereizten rasenden Männer, wußten, daß es kein +Erbarmen für sie gab und daß das Mildeste, das sie gegen sich tun +konnten, war, hier zu verenden. Die gefährdeten Krieger, die Mitglieder +der Geheimbünde, hielten noch im Hintergrunde, hetzend: „Fangt sie, +fangt sie!“ Ihr Geschrei brauste in Wellen stundenlang gegen die stummen +Gebäude der Mongolen. Schon war der Berg der Leichen auf allen Seiten um +die freiliegenden Gebäude so hoch, daß man ihn nur auf Leitern +erklettern konnte. + +Da begannen unbemerkt Klansbündler sich unter die Menschen zu mischen. +Plötzlich in der Raserei ein Krach: Krach und Schlag. Krieger, einzeln +vorgehend, den Berg als Deckung vor sich, warfen Sprengstoffe herunter, +herüber, wie sie sie morgens gegen die Fabriken gebraucht hatten. Die +Mongolen, gereizt, verloren ihre Ruhe nicht. Jetzt war ihnen sicher, die +Unterworfenen wollten Entscheidung. + +Da rollten sie die eisernen Tore der Gebäude auseinander. Die +Unterjocher traten sichtbar für die, die oben auf dem Leichenwall +verendeten, heraus. Nur für Sekunden sichtbar. Sie wechselten ihre +Farben mit dem Boden, den sie berührten, mit dem Hintergrund. +Schillernde graugrünliche Körper, von rollenden blitzenden und +flimmernden Gestellen umgeben. Sehr rasch, kaum den Boden berührend, +fuhren sie über die welke Wiesenebene vor dem Gebäude. Bei ihrer +Annäherung rauchte der Leichenwall, schwelte schmolz. Die Andrängenden +hinter ihm wichen. Aber nur die nächsten. Hinter ihnen lebte die ganze +Stadt. Durch den rauchenden fließenden Leichenwall, durch die brandenden +Menschen gingen die Japaner, die grünlich schillernden Körper, ab und zu +anhaltend und sich vermindernd unter einem Donnerschlag, aber immer +rascher sich bewegend, nach allen Seiten zuckend. Räumten die Stadt fast +aus, leerten die Straßen. Flogen über die Straßenzüge, schleuderten +Feuer herunter. Sie besänftigten die Menschen nicht, die ihnen +nachliefen, neu auf den dampfüberlagerten Plätzen auftauchten. + +Die glitzernden Körper fuhren bis zum Abend. Im Dunkeln sausten sie über +die schwelenden Anlagen hinunter, tauchten in das Ratsgebäude. + +Die Kleider warfen sie ab, stiegen in die heißen Badebassins. Sie +kicherten, machten Späße. Ihre Frauen erschienen mit Wein bei ihnen; sie +liefen durch das Haus her, umarmten die Männer. Und als sie sich +voneinander gelöst hatten, schlug ein Tamtam. Sie gingen in bunten +langen Kleidern langsam, Blumen auf den Händen in die große Halle des +Erdgeschosses, den Sitzungssaal. Ein farbiges Buddhabild hing an der +Wand. Sie legten die Blumen vor sich, verneigten sich auf den Boden, +gingen hinaus. Ernst stumm saßen sie im geschmückten Speisesaal an +niedrigen Tafeln, tranken aßen. Der beizende beklemmende Rauch zog von +dem mächtigen Platz herein, obwohl Fenster und Türen geschlossen waren. +Nach halbstündigem Schweigen wies der am Kopf der Tafel sitzende +Kahlkopf die beiden Sängerinnen hinaus, die mit ihren Lauten eintraten. + +Das Kinn auf die Hand stützend blickte er die Männer in seiner Nähe an: +„Wie alt sind meine Freunde? Sehr jung. Ist es schade, daß sie die +Heimat verlassen haben, über das Wasser hergeflogen sind? Sie sind sehr +jung; da ist nichts schade. Wann sind Dinge schade, die man in der +Jugend begeht? Wenn sie zu lange dauern.“ Nach erneutem Schweigen +blickte der untersetzte Yari an sich herunter: „Dank, daß du gesprochen +hast. Ich hab’ ein buntes Kleid an; das trägt der Sieger. Ich möchte +Sieger bleiben. Du hast gesagt, was ich tun muß.“ Sie murmelten und +nickten an den Tischen. Nach und nach standen alle auf. Waren nicht mehr +ernst. Lächelten sich an. Einer rief: „Mögen die Sängerinnen kommen.“ +Der Kahlköpfige strahlte. Und als fünf Mädchen, zierlich, mit roten +Schärpen, augenglitzernd zwischen den Tischen gingen, faßten die jungen +Männer sie bei den Händen. Vor dem zusammengedrängten Saal, der sich +kaum ruhig halten konnte, der summte flüsterte kicherte, sangen sie zu +zweien dreien fünfen. + +Im Vollmondlicht durchschnitten sie nach zwei Stunden die Luft über der +dumpfen flammenerhellten Stadtschaft. Lautlos zerstörten sie die Sperre +an der Peripherie, wogten nach Westen, gegen das uralte rauschende Meer. + +Wellen, Wellen, mondbeschienene flinkernde rollende sich verschlingende +Flächen, schwellender tragender Wind. In diesen Tagen verzogen sich die +asiatischen Besatzungen aller amerikanischen Stadtschaften. + +Die Küste aber entlang ergossen sich nach Norden in das Gebirge hinein +die noch lebenden Menschenmassen, die die zurückgelassenen Städte +zuletzt verwüstet hatten. Führer der jetzt nicht mehr geheimen Bünde +rissen die Massen in das freie Land. Nevada Washington Oregon Idaho +ließen sie hinter sich, in Columbia traten sie wandernd ein, erfüllten, +Städte auf Städte nach sich ziehend, die Flächen zwischen der +inselreichen Küste und den felsigen öden Rocky Mountains. Bis nach Yukon +herauf, wo sich der Eisgipfel des gewaltigen Eliasberges reckte, +schwollen sie. Manche überstiegen die Pässe des Gebirges nach Osten, +sahen Athabaska vor sich liegen. Tausende versagten unterwegs und +schlugen sich rückwärts. Vorn trieben und zogen die anfeuernden Steine +und Erde befragenden Führer unaufhaltsam. Ohne Mißtrauen, oft freudig +wurden sie von den Resten der an der Nordwestküste hausenden +Muttervölker, den in kleinen Dörfern hausenden Tlinkit Haidas +Tschimssiwas Biballas empfangen gepflegt geleitet. Viele verelendeten +verunglückten in den nächsten Jahren. Der jähe Übergang aus der Fürsorge +der Riesenstädte an die wilde Kraft des Meeres, an den Kampf mit Tieren +war gnadenlos. Holzfällen, Jagd auf Lachse mit Speeren und Fallen, Fang +von Dorsch Stint Heilbutten zwischen Inseln, an der Dixoneinfahrt, in +der Chatamstraße, Bärenjagden hieß jetzt das Leben. Trinken von rohem +warmen Blut, Essen von rohen Lebern wurde heilig. Marduk war schon tot, +der machtdürstende Zimbo saß in dem Ratsgebäude der märkischen +Stadtlandschaft, als die ersten dumpfen Warnungen und Drohungen von +diesen indianisierten unter Propheten stehenden Horden der +amerikanischen Nordwestküste ausgingen. + + * * * * * + +Der Völkerkreis aber, sich schließend und eben erst festigend, +bewältigte diese beiden Feuer, das märkische und westamerikanische, +nicht. Im Londoner Senat erschienen amerikanische Vertreter. Sie waren +in der schwelenden Landschaft des Nordwestens zu Hause. Man hatte sie in +Washington ausgewählt zu sprechen. Klokwan war der älteste dieser vier +langsamen Menschen, die in Wolldecken auf den Bänken der Londoner saßen, +die Straßen stumpf betrachteten. Sie hockten stundenlang. Erst bei ihrem +Stäbchenspiel, dem die Östlichen verwundert zusahen, wurden sie +lebendig. Sklaven hatten sie bei sich, Mestizen, und eine Anzahl +tabakkauender Frauen, die hinter ihnen herliefen, bei den Besprechungen +auf Matten an der Erde lagen, mit Otterfellen bedeckt, den Kopf auf +einen Arm stützend. Man mußte sich mit ihnen in Gärten, im Park +unterhalten. Geschlossene Räume, besonders die Londoner Riesentürme, +ängstigten sie. + +Francis Delvil, der Londoner Senator, ließ ihnen oft zum Wärmen Weine +reichen. Der hagere wohlwollende Mann hatte ein schlaffes müdes Gesicht +bekommen. Sie saßen im herbstlichen Park von Aldershot zusammen. Seine +englischen Freunde lächelte er melancholisch an, kniff die Lider: „Seh +ich recht, sind wir in derselben Lage wie – soll ich es sagen? – zu +einer schlimmen Zeit. Wie damals als Rallignon, der große Franzose +Rallignon, und Leuchtmar über das Festland fuhren. Dann kam der Krieg am +Ural.“ „Wer ist unser Feind?“ der rundgesichtige Klokwan, mit +tiefbraunem welken Laub spielend, das man vor ihm aufhäufte, wischte +sich die langen grauen Haarsträhnen von der Nase zurück. „Der Feind, +Klokwan, gewiß, den zu bestimmen ist jetzt schwer. Du hast es gefunden.“ + +„Ich weiß nicht, ob es das Schwerste ist. Wir kommen aus Amerika, wir +flogen auch an der Westküste von Afrika entlang. Wir sahen da nichts +anderes als bei uns, vielleicht schärfer, es ging wild zu. Die +Stadtschaften brennen, sie schlagen sich. Viele stehen halb leer. Die +Menschen sehen ihr Verderben. Sie fürchten sich davor. Das Mekibrot das +Mekifleisch schmeckt ihnen nicht.“ + +„Sie wollen sich in der Wildnis von den Tieren zerreißen lassen?“ „Es +scheint, Delvil. Ich weiß es nicht. Es geht in Dakota am Mississippi in +Mexiko am Salzsee und ganz im Süden bei uns nicht anders. Ich meine: man +muß dies nicht vergessen. Wie soll man diese Menschen halten. Sie kommen +nicht mehr zu uns. Es liegt eigentlich, verzeih mir, gerade umgekehrt +wie zu der Zeit Rallignons und Leuchtmars, die einen Krieg anstifteten +um ihre Menschen wegzuschleudern, – es ist doch so? Wir wissen aber +nicht, wie sie festhalten.“ + +Delvil riß finster an seiner starken Halskette: „Also wo liegt der +Fehler? Welchen Fehler machen wir?“ + +Die stämmige breite rotbäckige White Baker: „Erinnerst du dich, Delvil, +und – wo ist Pember? ah du, – du Pember, unseres Besuchs bei Marduk? In +diesem sonderbaren Stadthaus in der Mark, an der Schädelpyramide, vor +den schrecklichen Bildern. Mich schauert, wenn ich daran denke. Marduk +wollte nicht nachgeben. Wir sagten ihm, es sei kein Sinn in dem, was er +täte. Er blieb hart. Zuletzt riet ich zum – zum Zugreifen. Delvil, da +warst du es, der den Arm wie ein Boxer krümmte und sagte: Ist das Land +still, so sind wir auch still und sanft. Wir begießen es wie Regen. Das +sagtest du. Ich erinnere mich gut. Will der Konsul aber anders, so +können wir auch Gewitter spielen. Sagtest du. Wir halten den Marduk +zwischen den Fingern.“ „Das sagte ich. Was willst du damit?“ „Nichts, +Delvil, über deinen Irrtum und über Pember. Was nützt es jetzt. Wir +haben darüber oft gesprochen. Aber ich wiederhole nun dasselbe wie +damals: zugreifen.“ Delvil bog wieder den Arm: „So hab’ ich damals +gemacht, White Baker, nicht wahr? Aber unser Freund Klokwan hat schon +die entscheidende Frage gestellt. Und sag’ du mir: wo, wenn ich schieße +und schlage, wo ist das Ziel?“ „Es gibt nur den Völkerkreis oder die +anderen. Delvil und ihr, ihr könnt doch nicht daran zweifeln. Und daß +sie uns an den Hals wollen. Daß wir im Begriffe sind, vernichtet +aufgelöst zu werden.“ + +Klokwan hatte seine Decke fallen gelassen, gespannt zugehört: „Ich frage +die Frau nochmal, wie der Herr Delvil, wohin sie ihren Bogen richtet. +Francis Delvil, mein großer Freund, meinte zuerst, wir stünden wie +unsere Voreltern vor dem Uralischen Krieg. Ich sagte nicht so. Wir +stehen schlimmer. Er sieht es selbst. Weil wir doch den Feind nicht +haben.“ White Baker lachte stolz: „Unsere Voreltern hatten auch keinen +Feind. Wahrhaftig sie hatten ihn nicht. Sie machten ihn. Es ist leicht +Menschen zu Feinden zu machen, wenn man überlegen ist. Sie hatten einen +Schmerz in der Brust und dann schlugen sie – auf die andere Brust!“ Die +Frauen auf den Matten lachten ihr mit blinkenden Augen zu. Klokwan hob +seine Decke wieder, blickte stumm über die Frauen. Seine drei männlichen +Gefährten saßen verhüllt, die Decken über dem Kopf, nur Mund und Nase +freilassend. Klokwan: „Und ihre eigene Brust? Der Schmerz in ihrer +eigenen Brust war dann vergangen?“ White Baker: „Ja.“ + +Einer der Männer neben Klokwan hatte seine Decke auf die Schulter +heruntergezogen. Er tuschelte mit einer Frau zu seinen Füßen; der Mann +flüsterte dann mit Klokwan. Alle in dem kleinen winddurchhauchten Zelt +blickten ihn an. Klokwan senkte den Kopf zu seinem Nachbarn, bat dann +sprechen zu dürfen. Eine Frau seiner Sippe, die Ratschenila, wüßte +etwas, sie möchte es erzählen. + +Die Frau am Boden spuckte den Tabak neben sich, richtete sich auf, +strich sich ihr schwarzes Haar glatt, redete leise und langsam, während +sie die Hände bald auf dem Schoß hielt, bald rechts und links an ihren +Ohrringen. Sie blickte nur die Frauen neben sich an. Man erzähle bei +ihnen in den amerikanischen Städten eine Geschichte aus der Zeit, wo +noch ihr Volk in den Bergen jagte. Es seien einmal mehrere Mädchen zum +Früchtesuchen in den Wald gegangen, die Tochter eines Vornehmen war +dabei. Sie kamen an einer Tierspur vorbei und da lag Losung eines Bären. +Die Tochter des Vornehmen fing da an, über das wilde Tier zu spotten: es +sei ein langsamer blinder dicker dummer Gesell. Gegen Abend gingen sie +wieder zurück. Da fiel der Häuptlingstochter der Korb mit den Früchten +aus der Hand. Sie schüttete sie aus, sammelte sie ein; die Gefährtinnen +halfen ihr. Aber nach hundert Schritt fiel ihr wieder der Korb weg, und +nach hundert Schritt wieder. Da wurden die anderen Mädchen ärgerlich, +gingen weiter, ließen sie allein sammeln. Und wie die Häuptlingstochter +zuletzt die Früchte wieder eingesammelt hatte, waren ihr die anderen aus +den Augen gekommen. Sie stand allein an einem Baum, in der Dämmerung, +fand nicht den Weg. Da kam von der Seite ein junger schlanker Mann auf +sie zu, in einer schwarzen Pelzkappe, ein ernster ruhiger Mann. Der bat +sie, ob er von ihren Früchten essen könne. Sie gab ihm, erzählte, wie es +ihr ginge und daß sie sich verlaufen hätte. „Warum hast du dich denn +verlaufen.“ „Die andern sind so rasch gegangen, sie haben mir nicht +geholfen.“ Und gleich erzählte sie von der Bärenspur und der Losung am +Weg, lachte und spottete wieder. Der Jüngling aß nicht mehr von ihren +Früchten, kaute an seinen Nägeln, sagte er wisse den Weg, sie solle +kommen. Sie gingen lange; es war schon ganz dunkel. Da fragte der +hübsche Mann nach einiger Zeit, ob sie noch den Korb trage, und dann +nahm er ihn und warf ihn weg. Sie schlug nach ihm, weinte. Er sagte, man +könne so besser und rascher gehen, es sei noch weit. Sie wollte +weglaufen. Er nahm sie aber bei der Hand. Da bekam sie Angst, weil sie +jetzt erst merkte, wie er sonderbar ging, der junge Mann, plump und +langsam, so wacklig watschlig. Sie schrie, sie hätte Herzstiche, sie +könne nicht mehr gehen. Und dann: der Leib täte ihr weh vom Beerenessen. +Er sagte, sie solle nur kommen; sie seien bald da. Da wo das Licht +brenne, sei seine Wohnung. Er sagte aber nicht Wohnung, er sagte: Wohne. +Sie kicherte, faßte ihn an seine Brust, sah ihn an: es heiße doch nicht +„Wohne“, es heiße „Wohnung“. „Doch. Wir sagen Wohne.“ „Das ist ja +Unsinn. Wer seid Ihr denn?“ „Wir? Du kennst uns doch. Du wirst gleich +sehen. Komm nur rasch.“ + +Und da war schon ein riesiger gespaltener Baumstamm da, ein alter toter +Ahorn. Aus dem kam rotes Licht und Qualm. Sie stiegen wie in eine +Dachluke ein, gingen vorsichtig tief herunter, bis sie zu den Wurzeln +unter der Erde kamen. Ein kleines Feuer brannte. Zwei schwarze +Grislybären schliefen da nebeneinander, ein junger und ein alter. Die +schnarchten. Ein großer alter aber kam grunzend mit aufgehobenen +Vorderpfoten auf den jungen Mann und die Häuptlingstochter zu. Die +schrie, wollte kreischend weglaufen. Der Mann hielt sie fest; sie +stürzte über eine Wurzel und riß die Erde herunter. Davon erwachten auch +die beiden anderen Bären. Standen brummend auf, rieben sich die Augen, +schüttelten schwarze Erde von sich, fragten: wer ihnen ihre Wohne +zerstöre. Sie schrien: „Wer zerstört unsere Wohne?“ Das Mädchen lachte, +trotz seiner Angst, über den Ausdruck, das tölpische Knurren Getue der +Grislys. Der junge Mann nahm da rasch ihren Fuß, warf sie um. Die beiden +Bären taperten an. Da wurde sie ohnmächtig. Und wie sie aufwachte, saß +bei dem Freund ein alter Mann und eine alte Frau. Die hatten traurige +Gesichter. Der junge hübsche Mann saß neben ihnen, aß Fisch. Die +Häuptlingstochter fragte, wo sie sei. Sie sah ihren Korb, wollte ihn +haben und nach Hause gehen. Der alte Mann und die alte Frau blickten sie +aber so traurig an und sagten, sie sei zu ihnen gegingt in ihre Wohne; +ob sie nicht bei ihnen bleiben wolle. Sie sprachen falsch wie kleine +Kinder, stießen mit der Zunge an. Der hübsche junge Mann gab ihr den +Korb zurück. Sie solle die Früchte mit ihm zusammen futtern. Die Eltern +hätten auch schon davon gefuttert, er ließe sie nicht fort. Sie wollte +erst nicht, weinte. Sie sah, daß das die dummen schwarzen Grislys von +gestern waren, und der hübsche junge war nur ein junger Bär. Aber sie +konnte nicht weg. Der junge Bär nahm sie zu seiner Frau. Und – und – und +–: sie blieb da wohnen. + +Die Frau lachte die andern an, legte sich auf ihren Arm am Boden zurück. +Der grauhaarige Klokwan sah zu ihnen herunter: „Und nun spottet ihr +nicht mehr über den dicken dummen schwarzen Bär. Er war doch nicht so +dumm.“ „Eine sonderbare Geschichte, die du uns erzählt hast“, lächelte +nach einem Schweigen Francis Delvil. Dann sah er zu White Baker herüber, +die ihr ernstes Gesicht keinen Augenblick verzogen hatte, ja deren +Gesicht während der Erzählung tiefrot aufgeblüht war: „White Baker.“ +„Was willst du?“ „Ich möchte dich hören.“ „Wir sprechen ein andermal.“ +„Du kannst ruhig hier sprechen. Wir sind noch bei unserer Frage von +vorhin.“ Sie hob abwehrend beide Arme, schüttelte den Kopf: „Laß, +Delvil.“ „Ja, wo ist das Ziel, auf das ich schießen soll. Blick doch +hin, unsere eigene Brust.“ White Baker stand auf. Sie war blaß geworden. +Die Art der fremden Frau hatte sie offenbar verwirrt. + +Als sie später draußen mit Delvil allein ging, sagte sie stockend, diese +Männer und Frauen könne sie nicht als Vertreter Amerikas anerkennen. Es +seien mehr Angehörige der gefährlichen Wilden aus der Yukon- und +Alaskagegend als Amerikaner. Sie redete erregt und unklar. „Das mag +sein“, fand Delvil sie anblickend, „aber Washington und Neuyork hat sie +ausgesucht und läßt uns durch sie informieren. Das will allerdings +verstanden sein. Es heißt, so sind schon unsere Leute. Wir sind dankbar +für den Wink. Wir sehen. Es ist dieselbe Nuß, die unseren Zähnen +Schwierigkeiten macht.“ White Bakers Augen blitzten: „Zuschlagen, sage +ich. Ich bleibe dabei. Abtrennen. Ja oder nein. Marduk oder wir. Glaubst +du“, und sie stemmte die Arme in die Hüften, sah ihn erschreckt an, „ja +ich glaube, du torkelst in den toten Baum, in den Ahorn, zu den Bären.“ + +Bei den Unterhaltungen mit Klokwan und in Ferngesprächen mit Washington +und Neuyork wurde klarer, daß man dort schon keine Möglichkeit für einen +neuen Völkerkreis sah. Die Vorgänge an der Westküste hatten ungeheuren +Eindruck gemacht. Die fürchterliche Bewegung stand noch nicht. Das +Auslaufen ganzer großer Stadtschaften in Afrika erregte Europa und +Amerika aufs tiefste. Die amerikanische Deputation, immer geneigt +abzureisen, wurde von den ängstlich gewordenen Engländern in London +festgehalten. Ein heftiger Streit begann zwischen London und Neuyork. +London ließ durchblicken, daß nach seiner Ansicht drüben den Industrien +und Senaten Männer und Frauen vorstünden, die aus schwächlichen Sippen +wären. Die alte Tradition sei unterbrochen. Sie fochten mit Worten über +dem Meer hin. Die tücherbehangene Deputation der Männer Frauen und +Sklaven spazierte indessen in den Anlagen der Stadt, drängte: sie könne +nichts weiter sagen und was sie nach ihrem Kontinent melden sollten. + +Es war in diesen kritischen Monaten, in denen der Völkerkreis schon +wieder sich zu lösen begann, wo eben dieselbe White Baker, die kluge und +tatkräftige Frau, umschwenkte, sich auf seiten Delvils stellte. Aufs +heftigste waren Delvil wie Pember ergriffen, als sehr blaß und still die +White Baker eines Morgens zu ihnen in das Senatszimmer trat, jene +bräunliche tuchverhängte Ratschenila an der Hand, sich setzte und lange +nicht sprach. Die Ratschenila lachte die weiße Frau an, streichelte ihr +die Backen, lehnte den Scheitel an ihren Hals. White Baker sah wie ein +verschämtes junges Mädchen auf ihren Schoß und ließ es sich gefallen. +Auch als sie mit den beiden Männern sprach, hielt sie die +ringgeschmückte Hand der fremden Frau fest. Ratschenila lächelte die +Männer an: „Glaubt ihr, ich sei schuld, daß White Baker trübe ist und +anders redet? Man erzählt bei uns, es habe einer, ein Mann einen andern, +der Jelch den Kanuk, ärgern wollen und ihm in der Nacht Hundekot unter +die Decke geschoben. Er weckte ihn und sagte: es stinkt hier. Du Kanuk, +steh auf, du hast dich schmutzig gemacht. Ich – hab’ der White Baker +nichts getan.“ Die weiße Frau drückte ihr fester die Hand, machte kleine +Augen: „Wie kommt es, Delvil, daß ihr schon viel früher wußtet als ich, +was man tun soll? Wie seid ihr Männer. Oder liegt es nur an mir. Ich bin +jetzt“, und sie senkte den starken braunhaarigen Kopf, „fast bin ich +jetzt mehr geneigt, zu Marduk, zu Zimbo zu gehen als in London zu sein.“ +Der ruhige Pember klopfte ihr Knie: „Es ist gut, daß es so ist. Man +kämpft besser, wenn man weiß, wie stark der Feind ist.“ „Ich sehe keinen +Feind, Pember.“ „Doch. Heute nicht und morgen doch.“ + +Von nichts war die White Baker, die in diesen Tagen einen kranken +gebrochenen Eindruck machte, getroffen worden, als von der Berührung mit +den Frauen dieser Deputation. Zu ihrer Art, ihren Gesprächen Spielen +wurde sie unter Widerstreben, zu ihrer eigenen Verblüffung gezogen. Als +die Ratschenila die wachsende Neugier und Zugänglichkeit der weißen Frau +sah, näherte sie sich ihr und fesselte fällte sie mit einigen +Liebkosungen. White Baker, deren Backen plötzlich eingefallen waren und +die langsamer sprach, bat, Delvil in seinem Haus aufsuchend, Delvil +Pember und die andern möchten auf sie keine Rücksicht nehmen. Möchten +sich gar nicht von ihr beeinflussen lassen. Sie sei ein pathologischer +Fall. Sehr nachsichtig streichelte ihr der schlanke Delvil oft die Hand: +„Wie denn, White Baker, bist du ein pathologischer Fall. Wir sind alle +pathologische Fälle. Sieh dir Klokwan an, deine Freundin Ratschenila, +die junge gelbe Kaskon neben ihr: es wackelt bei allen. Warum bist du +ein pathologischer Fall. Es ist nichts weiter, als daß du, soll ich es +sagen, etwas rückständig warst. Ja, White Baker; jetzt heißt du mit +Recht White. Aber ich schenke dir rote Nelken, rote Tulpen: da spiegelst +du dir wieder deine Farbe an.“ „Warum war ich rückständig, Delvil?“ „Ja. +Du warst ein Anachronismus. Wir weniger als du. Aber auch wir noch ein +klein bißchen. Es heißt, sich immer in die Zeit einfinden. Sonst ist man +töricht störrisch widerspenstig. Es nützt auch gar nichts. Man ist so +nur Stoff für Tragödien.“ „Ich hätte doch stark bleiben müssen. Marduk +war stark.“ Delvil umschlang ihre Schultern: „Undankbare. Fabelhaftes +Seeungeheuer Walfisch, der immer unter der Oberfläche schwamm und sich +jetzt wundert, wie es oben aussieht. Was hättest du damit geschafft. Du +bist nicht schwach, weil du gelernt hast, deine Augen zu benutzen. Ich +will dir sagen: Marduk war stark. Seine Bäume und Zimbos wachsen nicht +in den Himmel. Wer sehen kann, White Baker, schwimmt gern mit dem Strom. +Der Strom hat aber seine Grenzen; es gibt Klippen, der Strom hat auch +einmal ein Ende.“ „Ich kann jetzt gar nichts hören, Delvil.“ Die Frau +löste sich von seinem Arm: „Mir kommt vor, als wenn ich gar nicht aus +dem Wasser an die Oberfläche gekommen bin, sondern umgekehrt. Aber ich +muß vielleicht meine Augen erst gewöhnen.“ Und sie ging langsam fort. +Trübe blieb Delvil sitzen. + +Der einige Londoner Senat, des Widerstandes der starken Frau entledigt, +trat von diesem Zeitpunkt an härter gegen die unsicheren amerikanischen +Kapitalen auf. „Nicht die Zügel verlieren, nicht nachgeben“ fühlten sie; +man durfte nicht ausgleiten hinrutschen. + + * * * * * + +Auf den britischen Inseln breitete sich damals, nach dem Zurücktreten +der großen Eingottreligionen, aus den Kreisen der Herrschenden her die +Vorstellung von guten und bösen Gewalten aus, die man erkunden und +geschickt benutzen mußte. Es beteten noch vereinzelte und ganze +Landschaften zum alten Eingott, aber großes Ansehen genossen auf den +Inseln wie in zahlreichen Stadtschaften des europäischen Kontinents +schlaue Männer, die sich den Schein von Zauberern gaben und eine Technik +der Zukunftserforschung ausgebildet hatten. Schon die früheren fremd und +halbwild hin- und herflottierenden Massen waren dem zauberischen Wesen +zugetan, das sich mit dem imposanten Schein wissenschaftlichen +Geheimnisses umgab. Die jetzt stagnierenden Massen, bald träge, bald +geängstigt, durch ihr eigenes Verkommen, die barbarischen Ereignisse in +der Mark und an der amerikanischen Nordwestküste erschreckt, jedem Krieg +abhold, heimgesucht von einem tiefen Drang sich von der künstlichen +Nahrung, von Maschinen, senatorischer Obhut und Entmündigung zu +entfernen, verlangten nach Wissen um die Zukunft, vor der sie sich +fürchteten. Und um so mehr fürchteten, je weniger sie ihre Lage zu +verändern wagten. + +Totenbefrager Orakelkünder aus Aschen Erden Trankmischungen saßen +damals, als wären sie Priester, in tempelartigen Häusern, wo sie mit +Gehilfen kultartige Handlungen vollzogen, Heilungsversuche vornahmen. In +lautlosen Räumen unter Tier- und Pflanzenzeichen saßen sie in kleinen +Treibhäusern, flache Wasserbecken vor sich mit Schilf, horchten, den +Wind einlassend, auf das Geräusch der Halme, die scharrten. Sie hatten, +auf Hügeln gelegen, hinter den Tempeln offene Hallen. Den Boden +bedeckten sie mit silberunterlegtem Glas. Auf die blanke Fläche warfen +sie gleichmäßig dünnen Sand, ließen an bestimmten Tagen den frei +herkommenden Wind darüber. Sagten aus Linien und Anhäufungen wahr. +Träume trug man ihnen zu. Diese Beschwörer und Zeichendeuter hörten die +Träume an, dachten darüber nach, spürten den Mächten nach, die in die +Träume hineinragen, wie eine Walfischherde, die das Meer beunruhigen, +wenn sie hochgehen, und kleine Boote zum Schwanken bringen. Erfüllt +waren um diese Zeit die Städte vom Glauben an Geister. Je sicherer die +herrschenden Sippen in der Bewältigung der Naturkräfte wurden und ihre +Kenntnisse zu Geheimnissen machten, um so üppiger wucherten +phantastische Vorstellungen. + +Von den Schamanen, die sich in ihren finsteren Kapellen astrologisch, in +phosphoreszierenden, oft flammenden Röcken und langen Haaren, +lilienartig weiten Hüten, gaben, in Vogel- Tier- Pflanzentracht dumpf +orakelten, wurden abenteuerliche Gedanken in die unruhigen Stadtschaften +geworfen. Wagen mit den Ballen Fässern Säcken der Mekinahrung fuhren aus +den unterirdischen Schächten noch täglich in alle Häuser. Arbeitsgruppen +lösten sich ab. Gedunsene fette schwache Menschen, Gemische weißer und +roter Stämme, Scharen dunkler Bastarde trieben sich herum, kleideten +sich prächtig, verlumpten. Die ängstlichen Menschen waren von Geistern +umgeben. Die Schamanen wisperten: In den Riesenanlagen der Mekifabriken +ginge es abenteuerlich grauenhaft zu: man triebe Steine Sand Erde Salze +in die Höfe der Anstalten. Mahl- und Zertrümmerungsmaschinen arbeiteten +da; in die Häuser wird Wind geblasen; an ungeheure Becken mit halbtoten +Pflanzen, Moos und Algen werden die Stoffe geschlämmt, über sterbende +Tiere gerieselt. Die lebten immer weiter, immer weiter. Schon seit der +Zeit vor dem Uralischen Krieg lebten Pflanzen, die grünen Lagen über den +Teichen der Anlagen, zwischen die man Salze und Erde leitete. Da liegen +und zucken Glieder von Menschen, von Negern und Weißen, die hundert +Jahre alt seien und noch älter. Von dem Geist dieser halb toten und +sterbenden Moose Algen Tiere Menschen, dieser fettzeugenden Därme Lebern +Fischrümpfe Schafsmägen, lebten sie. Wie könnten aus Steinen Erde Salzen +Kreiden Kieseln Wasser Säuren Luft – Speisen werden, die sie aßen. Die +halbtoten, nicht sterbenden hätte man in den Mekifabriken aufbewahrt. +Kein Licht Mond Sonne scheint drin. Kein Regen fällt. Es gibt nicht +Frühling Sommer Herbst Winter. Nur gläserne Apparate, brennende Öfen, +Schlammtröge, Marmor- und Metallbecken, auf denen unsichtbare Strahlen +liegen, und drin zwingen sie die Stoffe zusammen. Aber die nicht +sterbenden Pflanzen und Tiere werden immer gejagt zu arbeiten und nicht +nachzugeben. Wie ein Müder, ein rippendürres Geschöpf noch zu Laufen +Laufen Laufen gepeitscht wird, es läßt sich treiben, wimmert mit +eingesunkenen Augen schon nicht mehr unter den Schlägen, so arbeiten +diese erlahmenden Geister. Ob sie nicht schmeckten, wie bitter diese +Speisen an manchen Tagen seien. Und doch sei dieser Geist das einzige, +was sonst in sie käme. Sonst fräßen und söffen sie Erde Sand Salz Luft. +Inzwischen ginge es ihnen nicht anders wie jenen gefesselten Pflanzen +und Tieren. Was nicht lebt, kann nicht sterben. Sterben ist eine +Fähigkeit wie Leben. Sterben können ist eine Kraft, die nur jemand hat, +der leben kann. + +Und nun kam das Hauptstück der schamanischen Lehre. Es sei von ihnen +beobachtet und auf tausenderlei Weise festgestellt, daß die +Stadtschaften, Häuser Anlagen Plätze Straßen Treppen Wege Dächer, über +und überfüllt von Geistern seien. Wenn sie, die Schamanen, sich mit +ihren Tüchern einhüllten, so daß sie nicht geschädigt würden, und dann +zu bestimmter Stunde durch die Straßen zögen und die alten indianischen +Worte: „Oh Igak-chuati“ riefen, „für dich!“ dann könnten sie unter ihren +Gläsern es um sich wimmeln sehen. Im Tempel, auf dem Hof, vor der Tür +drängten sich die Geister immer. In der Nähe der Tempel mehr als +sonstwo. Hingen da an den Türpfosten wie Handtücher; lang wie Würmer +ziehen sie sich durch die Schlüssellöcher; wie Rauch fließen sie in die +Wände. Man hält sie für Dampf, durch den man schreiten könne. Aber das +regt sich so kalt unheimlich, kritzelt und kriebelt, läßt Feuchtigkeit +und Nässe auf der Haut zurück; man kann schwer atmen zwischen ihnen. +Sind zahllose Geschöpfe, Menschen Weiße Mischlinge Farbige Kinder Männer +Mädchen, auch Hunde Ziervögel Katzen. Geht man die Straßen, so werden es +Tausende. In den Parks ist ihr Getümmel furchtbar. Sie verschlingen +sich, hängen schaukeln um Baumkronen. Im Herbst kriechen sie in die +Spalten der Rinden, in Erdlöcher, suchen an die Wurzeln heranzukommen. +Manche Bäume sind von ihnen überlagert wie von einem Bienenschwarm. Nur +wenn die Schamanen kommen, lösen sie sich ab, schwirren ab, mit einem +Geräusch ganz hoch, als wenn man eine Saite mit einem feuchten Finger +herunterfährt. + +„Rufen wir ‚Für dich, für dich!‘ sind sie still, tun so, als wenn wir +nicht da wären, sind emsig wie Ameisen. Was sind das für Menschen Hunde +Ziervögel Katzen? Wir haben welche erkannt von ihnen. Manche sind nicht +von hier, sind weither gewandert geflattert geschwommen. Aus fremden +Stadtlandschaften, östlichen südlichen Ländern. Viele müssen über das +Meer gekommen sein, wie muß ihnen die Fahrt beschwerlich geworden sein. +Mußten sich an Schiffsmasten hängen, vom Wind sich werfen lassen, in das +salzige Meerwasser schütten und wieder erheben. Uralte sind dabei. Die +Luft und der Drang scheint vom Süden und Osten zum Westen +herüberzugehen. Wir haben Geister, Schatten aus dem Uralischen Krieg in +großen ungeheuren Zügen angetroffen. Es hat niemand in den westlichen +Städten gemerkt, was da war, das ihn bewegt verstimmt hat. Sie haben +überall, wo sie vorbeigezogen sind, die Menschen schwach gemacht, ihre +Seelen auf Tage gelähmt. Sie irren immer weiter westlich, über den +Ozean, nach Amerika, auf die großen Gebirge, über Prärien, durch die +Städte. Kein asiatischer Mensch, kein asiatisches Tier ist bei ihnen, +obwohl die die halbe russische Ebene bevölkern. Wir sind so nah am +mittleren Europa, aber wir haben noch nie einen Menschen gesehen, einen +Geist, der aus Marduks oder Zimbos Land war. Was sind das für Geister? +Nicht sterbende, nicht lebende! Geister von Wesen, wie wir, die nur +geboren sind, nie gediehen sind.“ + +Und sie zeigten auf ihre Gläubigen, die dünne Muskeln hatten, lange +trockene Arme. Die Haare fielen ihnen aus, sobald sie einige Jahre +mannbar waren. Die Zeit einer heftigen überhitzten Brunst war da. Sie +verbrannten und konnten nach fünf Jahren nicht mehr zeugen. Wie die +Weiber in ihrem Fett schmolzen und kaum ein Kind austrugen. Nur dreißig +Jahre verdämmerten sie, dann fielen sie. Ihre Geister, die Geister ihrer +eigenen Eltern Voreltern Geschwister sind es, die die Städte drängend +drückend erfüllen, die sich nicht von den Mauern Türen Straßen lösen +können, wie sie sich schon bei Lebzeiten nicht lösen konnten. Auf die +Bäume fliegen sie, an die Teiche Seen. Aber die Stadt bringt immer neue +hervor. + +So schreckten die Schamanen in den Städten. Steigerten die Angst, die +alle vor dem Wohnen Kränkeln Siechen in diesen Städten hatten. Die +Menschen weinten. Vor Jahrzehnten weinten einzelne, jetzt klagewinselten +ganze Städte. Sahen sich sterben und verwesen. Ihr Leben wurde kürzer. +Ihre Leiber hinfällig. Die Zähne konnten sie mit zwanzig Jahren +schmerzlos mit zwei Fingern aus den Kiefern heben. Die Menschen wuchsen +nicht zur Größe derer, von denen sie abstammten. Riesig wölbten sich nur +überall die Köpfe; die Stirnen der späten Generationen waren +vorgetrieben, die Augen wichen darunter zurück. In manchen Gegenden +wuchsen die Menschen übermäßig hoch, trieben ihre Knochen zwei Meter +auf; dünne platte Muskeln klebten daran; ihr Gang war langsam; das Herz +sehr klein; diese zerbrachen besonders früh. + +Die Menschen, die die Zwanzig überlebten, setzten übermäßig Fett an. Es +gab in den westlichen Landschaften Menschen, die magere große Köpfe +hatten, deren Hals zwischen Fettwampen schwankte, aber an Arme Beine +hängte sich das Fett in förmlichen Kloben und Säcken, die über ihre +Finger und Zehen quollen, schwerbeweglich zum Gehen Greifen machte. Bei +manchen wuchs das Fett wie ein bösartiger Parasit über sie her, mit +zunehmender Gewalt von oben nach unten: der Hals und die Brust blieben +noch schmal, freundlich und hilflos blickte oben ein Kopf her. Von den +Brüsten ab schwollen sie an, dicker polsterten sich die Fettschwarten +auf; der Leib warf sich auf den dreifachen Umfang der Brust, schwankte +nicht bei Bewegungen, stand prall in seiner Masse. Schenkel und Füße +paketartig zementiert, von Wülsten umwickelt. Darin stampften die +Menschen, stöhnten starrten wie Fleischpyramiden. Nach ihren Rassen +setzten sie an oder blieben dünn, wuchsen hoch; Negerabkömmlinge +verfetteten am raschesten. Es wuchsen welche auf in einigen Gegenden mit +kolbenartigen Anschwellungen und Knoten der Gelenke wie Pflanzen. +Schlanke zarte Glieder bewegten sich in ungeheuren kuglig runden +Scharnieren, zitterten daran. Knotig dick die Ellbogen, kleinen +Fingergelenke, Knie, die Knöchel der Füße und Hände. Rasch konnten sich +diese Menschen bewegen, ihre Muskeln waren die stärksten, aber stockten +erlahmten erstarrten rasch. Sie fühlten alle, dies mochte von den süßen +sonderbaren reichen Speisen kommen, die man ihnen zutrug, nach denen +ihre Eltern und Voreltern verlangt hatten, von der Untätigkeit, dem +Lungern in geschützten Häusern, auf verdeckten Plätzen und Straßen. Aber +es war wie ein Pferd, das durchging. Man konnte es nicht aufhalten. + +Um die Zauberer herum standen Menschen, weinten, die von Lähmungen +befallen waren, die keiner deuten und heilen konnte. In Massen waren sie +gelähmt. Arme und Beine wurden schlaff, die Augenlider konnten sie nicht +anheben, zuletzt lallten sie, andere fütterten sie. Sie fühlten die +Speisen nicht im Mund, verschluckten sich, erstickten. Es gab keine +Ärzte für diese Menschen. Die Ärzte gehörten den senatorischen Kreisen +an, schwiegen. Hingerissen hörten die Kranken Verelendeten die Mysterien +der Zauberer an. In langen Zügen fuhren und flogen sie auf die Hügel, wo +die Tempelchen standen. Wie Vögel im Winter um die Näpfe sammelten sie +sich hier. Zeigten sich ihre Arme und Beine. Schrecklich unter dem +grellen Tageslicht die Körper und Blicke. Bei diesen Begegnungen starben +manche. Manche ließen sich nicht zurücktragen. Die Zauberer mußten nahe +Siedler rufen, die Hütten für diese Verzweifelten errichteten. Manche +erholten sich. Wie sich die Menschen, aus den warmen künstlichen Städten +hergestiegen, auf den Feldern und Hügelchen ansahen, war ihre Trübsal +groß. Auch grimmige leise und fäusteschüttelnde Anklagen wurden +ausgestoßen gezischt geschluckt. + +Bei Bedford sang und schrie eine Frau: „Ich bin ein Weib. Meine Eltern +haben in London gewohnt, meine Großeltern haben in London gewohnt. Sie +kamen aus Afrika oder Amerika, waren stark. Dann wurde ein Zauber auf +sie geübt. Sie waren schwach. Sie gingen in das Haus der Zauberer. Sie +brauchten keine Furcht mehr haben, zu verdursten und zu verhungern, es +konnte sie keiner mehr über den Haufen rennen. Keiner konnte sie mehr +mit Lanzen Dolchen Gewehren umbringen. Seht meine Finger, meinen Hals, +meine Brüste. Ich bin ein Weib. Zwanzig Jahr. Zwei Kinder hatte ich. +Sind beide gestorben. Und bin ich lebendig? Jetzt bringt mich kein +Gewehr um. Aber was nun. Bin ich fett? Bin ich ein Mensch? Muß ich jetzt +verenden? Ich will sterben, ich möchte nicht so leben. Ich verfluche +mich, wenn ich mich jeden Morgen sehe. Wer hat mich so gemacht? Ich +selbst. Ich selbst. Ich habe es nicht besser gewußt. Die Herren in den +Städten wissen was sie tun. Sie sind die Bösen. Die Bösen an mir, an +allen. Vor Jahrzehnten haben sie einen Krieg gemacht. Jetzt führen sie +Krieg gegen mich. Und sagt, ob sie nicht siegen und böse sind. Böse sind +sie. Böse sind sie.“ Die Frau stammelte, lag bei einem Siedler auf dem +Boden, schluckte grünes Gras: „Wären wir alle in die Erde gesunken mit +den Menschen, die in den Krieg zogen. Welches Leiden ist das. Wäre ich +mit meinen Kindern in die Erde gesunken. Nichts bin ich. Nicht fruchtbar +bin ich, nicht laufen kann ich, nicht greifen kann ich, nicht kann ich +schlucken. Ich bin lebendig begraben. Ich schreie. Ich schreie.“ + +Und doch wie die Menschen sich hinwarfen: ihre Angst war groß, sie +könnten die Städte verlieren, müßten aus den Häusern heraus, man brächte +ihnen keine Nahrung mehr, triebe sie, für den Tag selbst zu denken. +Nicht mehr erregt zu Wildheiten wie die voruralischen Menschen waren +sie. Sondern weich zärtlich frühreif gedankentief, von Empfindungen +durchstrudelt, nach Reizen gierig, prunksüchtig demütig. Zur Anbetung, +zum Dienen bereit, flatternd von Stunde zu Stunde, lecker, wollüstig am +Leben hängend. Von Zeit zu Zeit liefen Vorstellungen über die +Kontinente, die Verfolgungsideen waren, unter denen sich diese Menschen +bogen, die sie entsetzt nachsprachen, nach einiger Zeit von sich +abschüttelten, schreckhaft vertiefter als vorher. + +Und immer neue Menschen unter ihnen. Der Hang des afrikanischen +Erdteils, seine Kinder herüberzuschicken nach Norden und Westen hatte +nicht aufgehört. Der südliche Erdteil, der seine Häusersiedlungen fast +vernichtet hatte, strömte Menschen aus wie die Sonne Wärme. + +Vom westlichen Afrika kamen damals die Menschen, die am tiefsten und +eigentümlichsten in den Städten Europas wirkten. Das waren Fulbe aus der +Gegend der Guineaküste, waren Mandarah Bagirmi Wadey Ibo Yoruba, kleine +Pilgergemeinden aus Kordofan und Samoa. Sie waren von zierlichem Wuchs +mit gewölbter hoher Stirn, großen offenen ausdrucksvollen Augen, rötlich +braun bis zum Gelblichen die Hautfarbe, immer auf Taten aus, spielerisch +wild, sonderbar gebrochene Charaktere, bald weich schmelzend, bald +unnachgiebig. Diese waren in alle Städte rasch eingedrungen; ihre +Anwesenheit gab dem ganzen Leben der Städte ein besonderes Gepräge. Bald +wollte niemand den Glanz und die Munterkeit, die unbezwingliche Naivität +dieser rötlichen und braunen Menschen entbehren, die sich gar nicht +geneigt zeigten zu streiten. Sie hielten sich in Europa auf, als wären +sie Regentropfen, die selbstverständlich da sind, waren betrübt über die +Angriffe, versteckten sich für einige Zeit, kamen wieder hervor. Wie +diese Männer und Frauen von Mandarah und Bagirmi zu singen und zu +erzählen verstanden, war den Europäern unerhört. Die Lieblichkeit ihrer +Erzählungen und Lieder schmolz alle Herzen. Sie sangen und sprachen wie +vor vielen Jahrhunderten Gaukler und Spielleute im südlichen Frankreich +und der Po-Ebene. Von Bäumen, vom Himmel, den Lüften, der Liebe zu +Weibern, von kleinen Kindern, den Regenröhren, Hirschen, Tigern, Löwen, +der Kälte und Wärme, Schlingpflanzen, bösem Zauber. Von Wasserfällen +Pelikanen Krokodilen. Dazu von der Schönheit der großen Städte, in die +sie eingetreten waren und die sie alle mit Namen benannten, was sehr +sonderbar wirkte. Sie umgaben die Straßen Schaufenster Kostüme +Automobile Flugzeuge elektrische und magnetische Apparate der Städte die +Speisen mit Zärtlichkeit, brauchten für sie Ausdrücke, die den Städtern +zuerst lächerlich erschienen, weil man solche Worte nur an verschollene +Dinge zu richten pflegte. Aber ihre Art enthielt süße Lockung. Man ließ +sie ihr Herz auszwitschern. Sie waren eitel, überaus glücklich, wenn man +ihnen Gelegenheit gab sich zu zeigen. Männer und Frauen strahlten vor +Glück, wenn man ihnen zuklatschte. Dann waren sie nach einiger Zeit +überall zu finden. Und wie sie überall grasartig ausgewuchert waren, +hatten sie ein neues noch nicht faßbares Element in die klappernden, +schon lahmen, noch brausenden heulenden maschinengewaltigen Weststädte +getragen. Die Männer und Frauen, die die Technik fortführten, die +Industrien leiteten, die stark zusammengeschmolzenen und selbst +erlahmenden Geschlechter an den Mekiwerken, wurden bewegt von diesen +jugendartigen Wesen, um die herum alles wogte. + +Aber bald sollten sie, die Herrscher und Leiter, Seelen dieser sich +windenden, schlagartig erzuckenden, weich nachlassenden +Riesensiedlungen, ein anderes Gefühl vor diesen drolligen Menschen +haben. Bei London Havre Hamburg bauten die schauspielernden Fulbe ihre +kleinen Theater. Bauten sie, von den Lehren ihrer Priester geängstigt, +abseits der Städte, in Wäldern, spielten eindringend und zart, unter +ihren Zuhörern und Zuschauern, Komödien Zauber- und Liebesmärchen. Sehr +selten kam es zu jubelnden lachenden, auch angstvollen Ausbrüchen. Denn +diese zierlichen Fremden wurden langsam mitergriffen von der allgemeinen +Furcht in den riesigen Stadtkörpern. + + * * * * * + +Sie spielten das Geschick eines großen Königs. Er bezwang alle +Nachbarkönige und trieb sie schwerleibig mit Siegestrompeten in sein +Haus, gekettet. Die Flüsse und Bäche konnte er bändigen. Sie mußten +laufen, wohin er wollte, mußten seine Steppe bewässern, daß Palmen und +Brotbäume da wuchsen, mußten gegen Felsen laufen, bis sie sie unterwühlt +und weggespült hatten, wie er ihnen befahl, mußten in seine Häuser +steigen, durch enge Röhren kriechen, alle seine Stuben durchkriechen, +die wilden Gewässer von den Katarakten. Zuletzt hatte er soviel Gold und +Geschmeide aufgestapelt von seinen Siegen und Beutezügen, Spangen Ringe +Wagen, daß seine Speicher und Schuppen nicht ausreichten. Die zierlichen +Fulbe, die spielenden braunen Männer und Mädchen, die kraushaarigen, +zeigten, was dann geschah. + +Wie der große Herrscher in der Halle seiner Palastwohnung saß und die +Dinge ihm auf den Leib rückten, weil er sie nicht weglassen wollte, sie +immer sehen mußte, um sich in seiner Macht zu spiegeln. Sie schilderten +das Paradies dieses Mombuttilandes im Innern Afrikas, die sanft +gewellten Talniederungen, deren Gehänge Bananen und Ölpalmen bedeckten, +die Haine, unzähligen Quellen. Dicht wuchs in den Uferwaldungen +Zuckerrohr, süße Bataten auf den sonnenbeschienenen höheren +Hügelflächen, Erdnuß Sesam Tabak auf den weiten Äckern. Der König aber, +wulstiges schwarzbärtiges Gesicht, die großen Ohrmuscheln mitten von +dicken blanken Kupferstäben durchbohrt, riesig der Hut mit Pfauen- und +Papageienfedern schaukelnd auf dem Kopf, nackt die frauenhaft weiche +Brust, darüber die Zentnerlast der Gold- und Silberketten, Kupferringe, +geschnitzten Amulette, schwere Kupferschienen an den prallen +flachliegenden Unterarmen, um die quellenden aderstrotzenden Waden; in +der herabhängenden Rechten der sichelförmige ziselierte perlenbesetzte +Säbel, – Mansu, der König, hinter seinem Pallisadenzaun ging nicht mehr +aus seinem Palast. Fetter und fetter wurde er in seinem Prunkstuhl. +Seine Frauen massierten ihn. Jeden Tag mußte eine neue kommen. Es machte +ihm Spaß um sich Bewegung zu schaffen, sie zu köpfen, wenn sie mit ihrer +Arbeit fertig waren und er sich zufrieden fühlte auf seinem Stuhl. Die +Schmuckgehänge wurden dichter und dichter um ihn aufgestapelt, Reißzähne +von Löwen, Civetten- und Hewattrenfelle in hohen Lagen, +Giraffenschwänze. Neben seiner Halle waren die Vorratskammern und +Kornmagazine, seinem Blick gegenüber seitlich vom Gang zur Tür die +Rüstkammer mit Lanzenspitzen Dolchen Schilden Säbelklingen Hackmessern. + +Immer mehr schwoll er, Mansu. Unbeweglich wuchtete und hing er auf +seinem geflochtenen Stuhl, der sein Bett und sein Tisch geworden war. +Immer neue Schmucksachen ließ er sich um den Nacken an Riemen binden. An +seinen Zähnen, jedem einzelnen hing ein Kupferring an einem Hanffaden. +Unter seinem Hut ließ er das Haar in kleinen Strähnen drehen, an jede +Strähne ein krankheitsbannendes Amulett. Die Haut der Oberarme und der +Schenkel war durchbohrt; Riemen hatte er sich durchziehen lassen für die +Köpfe der Nachbarkönige, die seine Krieger erlegt hatten. Sein enger +Thronsaal, festgezimmert, nur mit einem Fenster und einer Tür geöffnet, +wurde finster durch die Reichtümer, mit denen er vollgestopft war. Nur +eine kleine Gasse durfte man freilassen. + +Da schwang eines Morgens der feiste König Mansu, wie er gähnend erwachte +und den Palmwein neben sich schluckte, sein Sichelschwert, schrie nach +seinen Frauen. Es war noch Dämmerung draußen. Hinter den Bergen der +Löwenzähne und Felle hörte er seine Horn- und Flötenbläser spielen und +die Weiber singen: „Ih, ih, Mansu tschupi, tschupi ih.“ Er rief wartend, +wieder schluckend, blau vor Wut auflaufend, sich umwerfend, noch einmal. +Vor ihm schwangen in der Luft die großen hängenden Fliegenwedel, runde +Büsche roter Papageienfedern. Hinter den Fellen tönte das Blasen und +Singen weiter. + +Aber plötzlich bewegte sich etwas in dem Gang. Durch den engen Gang kam +ein kleiner zierlicher Mann langsam gegangen. Er zog hinter sich einen +Wagen. Verbeugte sich: er hätte Geschenke von den Babukern zu bringen, +die ihm dienstbar wären, wie der große König wüßte. Und er holte von dem +Wägelchen große runde Klötze herunter, in Blätter gewickelt. Die legte +er neben den König auf die Stapel. Der richtete sich hoch, stierte ihn +an, brüllte: „Ich will meine Frauen“ hieb mit dem Messer seitlich nach +dem niedrigen Mann, der geschickt wegsprang, ruhig einen Klotz nach dem +andern ablud. „Käse. Es sind Käse“ flüsterte er, „wir sind arme Leute, +Ziegenhirten: die Massansa haben mehr, die Maoggu haben mehr; wir sind +nur Ziegenhirten. Es ist Ziegenkäse, er wird dir wohlschmecken.“ Mansu +halbaufgerichtet öffnete luftschnappend den Mund, riß an seinen +Amuletten. Immer sangen die Weiber nebenan hinter den Civettenfellen +noch das grelle: „Ih, ih, Mansu tschupi, tschupi ih“. Und wie der +schweißtriefende König vor Gram halb betäubt ein Amulett an die Stirn +drückte, verschwand der niedrige Mann, meckerte: „Sie schmecken gut, du +mußt sie essen. Die Babuker sind dir treu.“ + +Die Fliegenwedel bewegten sich vor dem König. Er riß die Augen auf, +rief. Hinter den Federn wankte nach links und rechts sich wiegend in dem +Gang ein alter Mann, eine große Strohmatte über Kopf und Leib, die nur +seine Augen und seine Nase freiließ. Er hatte das Aussehen den Gang die +Stimme des Zauberers des Königs. Wollte nicht näher kommen, obwohl Mansu +es befahl. „Du bist krank, Mansu“ flüsterte er von weitem, warf sich hin +aufs Gesicht. „Bring mir einen Trank, daß ich gesund werde. Sonst schlag +ich dich tot.“ Der Zauberer flüsterte an der Erde: „Ich habe den Trank. +Ich habe gewußt, daß du krank bist. Ich hab ihn mitgebracht. Hier ist +er, an meiner Brust. Vor einer Stunde habe ich ihn im Tempel gemischt.“ +„Gib.“ „Ich kann nicht.“ „Gib. Gib her. Ich schlage dir den Kopf ab.“ +„Du mußt ihn am Wasser trinken, bei Sonnenaufgang, draußen am Tempel.“ +„Gib ihn her. Ich will nicht draußen.“ „Komm“ lockte der Zauberer, der +zurückgewichen war, „er wirkt sonst nicht.“ Prustend erhob sich der +König, schrie Hilfe nach seinen Weibern. „Du mußt kommen“, flüsterte der +im Strohmantel am Boden. „Die Sonne geht bald auf, der Trank verdirbt, +du kannst sterben.“ „Warte, warte“ drohte Mansu stehend, fuchtelte vom +Thronsitz heruntertorkelnd sein Sichelschwert. Der Zauberer lockte: +„Komm, komm. Ich stell dir den Trank hierher. Neben die Tür. Hier. Du +kannst ihn sehen.“ + +Da war Mansu die Stufe des Thronsessels heruntergestolpert. Er raffte +sich auf. Die schweren Riemen mit dem Prunkgehänge wollte er sich +abreißen. Es gelang ihm nicht. Sein Arm verhäkelte sich in den Massen +der Ringe und Ketten. „Hier steht der Trank. Neben der Tür. Beeil’ dich. +Die Sonne geht bald auf.“ Der König ächzte, der Gang war zu eng. Die +Löwenzähne rissen ihm seinen hohen Hut herunter, schlugen ihm vor den +Mund. Er drehte sich zur Seite, er war zu dick, er kam nicht durch. Er +brüllte nach dem Zauberer, nach seinen Weibern: „Ich kann nicht durch.“ +Der Zauberer war verschwunden. Ganz lustig und leise summten sie hinter +den Fellbergen die Hymne; sie klapperten; der König hörte es gern im +Halbschlaf. Er rang mit den Massen der Tierfelle und Schwänze, die auf +ihn niederrollten. Mit seinem Sichelschwert schlug er auf sie ein. Er +focht mit ihnen. Immer neue fielen herunter. Er schob an ihnen. Der +Trunk war da, die Tür war nicht weit. Er ließ sein Sichelschwert fallen. +Die linke Hand war ihm im Halsgehänge gefangen; er bekam sie nicht ab. +Da drang er wütend kreischend, mit den Beinen stampfend nach vorn vor. +Mit dem Kopf wollte er sich durch die Berge wühlen. Er drehte sich um +sich. Die schwere Masse der Giraffenschwänze rollte knatternd über ihn. +Er machte sich frei, taumelte in einen Haufen getrockneter Bananen. Und +wie er um sich griff, riß er die Riemen mit den Löwenzähnen und einen +starken Elfenbeinzahn von der Decke. Die schlugen drückten auf ihn +herunter. Sein Kopf wurde festgepreßt. Die Bananen zerpreßte sein Hals +sein schreiendes Gesicht. Das weiche sämige Mehl quoll neben seinen +Ohren hoch, rann in seine blasenden Nasenlöcher, stopfte seinen weit +aufgerissenen Mund aus. Er schluckte, schluckte dran, spie, spie, wollte +es mit den Händen wegräumen; die waren neben den Knien festgeklemmt, er +fühlte sie nicht. Den Kopf warf er noch wie ein zappelnder Fisch hin und +her. Dann überrieselte ihn das süße Mehl. Seine Kiefer standen still; +der Krampf in seinen Augen ließ nach. Er erstickte zwischen den mehligen +Früchten, in die seine tretenden Beine sich wie in ein Moor einwühlten. +Seine Frauen fanden ihn nach Stunden, wie sie mit Flöten anzogen, völlig +vergraben in der weichen zerwühlten Masse. Die Frauen, die Söhne priesen +seinen Tod; sie weinten: es sei der Tod eines Königs gewesen. + +Und die braunen Spieler holten den Erstickten aus seinem gelbweißen +Sarg, stäubten ihn ab, stellten ihn auf seine Beine. Er stülpte sich +seinen Riesenhut auf. Sie tanzten zusammen um den Hüttenbau herum, +bliesen das Mehl fort. Der König war in einem Lachen, wie er auf seinen +Fettbeinen tanzte. + + * * * * * + +Auf den waldigen Hügeln im Südteil der Stadtschaft London, bei Guildford +am Wayriver, und bei Tunbadge, östlich davon, spielten sie. Viele kamen +zu ihnen heraus. Bald zogen sie südlicher, ganz außerhalb der +Stadtschaft. Im Westen der Stadt machten sich die kleinen von vielen +geliebten Bühnen auf. Sie trugen die Possenstreiche des Hubeane vor. + +Das waren Szenenreihen, bei denen die Spieler improvisierten. Der Knabe +Hubeane zeigte seine Wunderlichkeit. Seine Mutter geht über ein Feld, +den Krug auf dem Kopf. Da schläft in den Schoten eine Antilope, das +kleine Tier. Sie nimmt einen Stein, erschlägt das Tierchen. Singend +schlendert Hubeane an, schießt mit Schotenkörnern nach der Mutter. Sie +schimpft. Er solle die Erbsen wenigstens essen, wenn er so junge Schoten +abbreche. Da meint er erstaunt, deswegen schieße er ja nach der Mutter; +er traue sich nicht Dinge zu essen, die nicht bei der Mutter gewesen +sind. Sie gab ihm ihren Tragkorb, zeigte ihm die junge Antilope: +„Hubeane, mein Kind, hilf mir die Antilope in den Korb legen. Und hole +Schoten, damit wir sie ganz zudecken können.“ Er brachte einen Berg von +Schoten, und ob man einem jungen Tier wirklich so viel Schoten geben +solle. Die Mutter sagte, sie wollten das Wild damit bedecken. Sonst +sähen es die Leute und nähmen es ihnen weg. „Trag die Antilope nach +Hause. Und wenn du Leuten begegnest, die dich fragen, was du trägst, so +sage: Ich trage meiner Mutter Schoten. Aber in deinem Herzen ist es eine +Puti-Antilope.“ Hubeane nahm den Korb, wanderte los. Es kamen Leute, die +fragten, was er trage. Er guckte einen nach dem andern an, lachte, +lachte immer heftiger. Sie fragten, warum er lache. „Ihr habt wohl meine +Mutter getroffen. Euch hat meine Mutter geschickt.“ + +„Deine Mutter ist mit einem Krug über das Feld zum Wasserholen.“ „Euch +hat meine Mutter geschickt. Sie hat mir gleich gesagt, daß ich Leute +treffen werde, die mich fragen, was ich in dem Korb trage.“ Und er +schüttelte ihnen die Hände, freute sich über die Klugheit seiner Mutter. +Die Leute gingen ihm aufmerksam nach: „Was trägst du in dem Korb.“ „Ich +trage meiner Mutter Schoten. Aber in meinem Herzen ist es eine +Puti-Antilope.“ Die Leute lachten; was der Junge für Zeug rede. Dann +strichen einige Böse hinter ihm her, deckten die Schoten ab, sahen das +junge Wild, wollten es ihm aus dem Korb nehmen. Er ließ es aber nicht +zu. „Ich muß sie nach Haus tragen.“ „Trag sie doch zu uns nach Haus.“ +Das wollte er gern. „So, jetzt habe ich die Puti-Antilope nach Haus +gebracht“ seufzte er beruhigt und zufrieden, als er den Korb bei ihnen +absetzte. Sie taten das Wild an den Spieß. Er durfte ein Stück mitessen, +dankte oft. Eine Banane gaben sie ihm in die Hand. Seiner Mutter ging er +entgegen: „Mutter, diese halbe Banane ist für dich, weil du so klug bist +und alles vorausgewußt hast. Vielleicht, ja vielleicht gibst du sie mir +aber wieder, damit ich sie den Leuten bringe. Sie ließen mich ja auch +von der Puti-Antilope mitessen. Unsere Schoten, sagten sie höflich, +schmeckten so schön.“ + +Man gab Hubeane Schafe. Er sollte immer an einem Stein sitzen, sie +hüten. Einmal lag auf dem Wiesenplan ein totes Zebra. Am Abend trieb er +die Schafe heim. Die Männer fragten ihn, wo er gehütet habe. Er dachte +nach: „Heute – hab’ ich bei einem Stein gehütet, der lauter bunte +Streifen hat.“ Die Leute lachten; einen buntstreifigen Stein gab es in +der Nachbarschaft nicht. Am nächsten Morgen zog Hubeane wieder auf die +Weide, setzte sich zu dem toten Zebra. Das war inzwischen angefault. +Hyänen sprangen um den Kadaver. Und als der Junge abends nach Hause kam, +sagte er, heute habe er am Hyänenstein gehütet. Die Männer wunderten +sich, wie er spreche: gestern vom buntstreifigen Stein, heute vom +Hyänenstein. Sie gingen mit ihm aufs Feld, fanden das faulende Zebra. +Die Hyänen sprangen davon. Sie schüttelten den Kopf: „Was tust du, +Hubeane. Das ist ein Wild, das gut schmeckt. Wenn du es liegen siehst, +und es ist gefallen, so mußt du rasch Zweige abhauen, damit es keiner +wegnimmt, damit es der Geier und die Hyänen nicht holen. Und dann lauf +rasch nach Haus und schreie. Schreie. Wir kommen dann und holen es.“ Der +Junge spitzte den Mund pfiff dankte. Und wie ein kleiner lahmer Vogel +vor seinen Füßen sprang auf der Weide, setzte sich Hubeane auf ein +Schaf, den schweren Stecken in der Hand, trieb es mit Gejohl auf das +Vögelchen, Motantasana genannt, zu. Das Wild wollte er erlegen. Aber das +Schaf wollte nicht rennen. Da trat ihm Hubeane in die Weiche, sprang ab, +warf eine kleine Grube auf, versteckte sich hinter Laubwerk, das er +abgebrochen hatte, und drang brüllend vor auf das lahme Vögelchen, das +in die Grube hüpfte. Hubeane stieß ein Triumphgebrüll aus. Er stand +schreiend vor der Grube, schlug blind hinein, schaufelte Erde mit den +Händen in das Loch, warf seine Zweige hin, lief nach Hause. Aus vollem +Halse johlte er: „Das Wild! Das Wild! Ich hab das Wild getötet. Mit +eigener Hand getötet. Kommt. Tragen! Bringt. Tragen!“ Die Männer liefen +mit Messern an, die Frauen schleppten Körbe, liefen auf den Wiesenplan +hinter dem stolz hüpfenden Hubeane. „Hier ist es. Hier liegt es. Unter +den Zweigen. Da!“ Die Männer arbeiteten, Zweig auf Zweig räumten sie +weg. Die Frauen standen mit Tragkörben, warteten freudig. Hubeane +johlte, kommandierte: „Alle Zweige weg! Und die Erde müßt ihr wegraffen. +Ich habe das Wild in die Grube gescheucht. Es hat mich nicht gesehen. +Hinter dem Laub war ich versteckt. In die Grube hab ichs gehetzt, hab es +erschlagen und erstickt.“ Und von der Erde, die sie wegräumten, fielen +Steine um Steine. Hubeane haschte nach jedem Stein: „Das ist es nicht. +Das ist es nicht.“ Das Vögelchen fiel. Er juchzte tanzte: „Da, es zuckt. +Da ist es. Es lebt noch. Nehmt die Messer! Schlagt es tot.“ Die Männer +ließen die Hände sinken. Sahen ihn an, wie er mit seinem Stecken sprang +focht. Sahen sich an. Betrübt schlenderten sie zurück. Die Mutter nahm +ihn beiseite: „Kind. Das ist ein Vögelchen. Das ist ja kein Wild. Wenn +man ein Vögelchen fängt oder man hat es getötet, so sagt man gar nichts, +ruft gar nicht. Man bringt es ganz still abends nach Haus.“ Er stand mit +gespitzten Ohren: „Ich will es tun, Mutter.“ + +Und einmal kam ein großer Lämmergeier aus der Luft, warf sich auf ein +junges Tier, Hubeane sah freundlich zu unter seinem Baume, wie der Geier +das Tierchen packte und davonflog. Er lachte über das schreiende +Lämmchen: „Warum schreit das Lämmchen. Jetzt fliegt es mit dem Vögelchen +durch die Luft und schreit noch.“ Der Geier kam nachmittags wieder. +Strich sehr nahe über Hubeanes Sitz. Da dachte der: „Ich fang ihn.“ +Machte seinen Gürtel ab, hielt den dicken Stecken in der Hand, schlug +zweimal dreimal auf den herunterstoßenden Geier, schlug ihn nieder. Dann +band er ihn an seine Jacke. Der Geier an der Schnur fuhr hackend gegen +ihn an, zerbiß ihm die Arme, riß ihm die Kleider entzwei. Hubeane +kämpfte den ganzen Nachmittag, erschöpfte sich. Er hatte Mühe abends, +mit dem Raubtier springend fallend und es niederdrückend, seine Herde +nach Hause zu treiben. Die Hunde liefen bläffend um ihn. Kreischend +empfingen ihn, der blutete, die Kleider zerrissen hatte, die Frauen am +Eingang des Dorfes. Er, immer schlagend, keuchte stürzte: „Es ist +nichts. Es ist nichts. Ein Vögelchen. Man darf nicht schreien. Ich hab +es angebunden.“ Und ließ sich auch nachher nicht davon abbringen, als +man ihm sagte, daß der Vogel ein Lämmchen davongetragen und ihn fast +umgebracht hatte. „Das Vögelchen?“ Hubeane ließ sich staunend verbinden, +betrachtete vorwurfsvoll seine Mutter. + +Der Vater hatte seine bösen Streiche über, nachdem Hubeane ihn vor der +Dorfgemeinde durch Übermittelung falscher Aufträge, durch Berichte von +nie stattgehabten Vorfällen lächerlich gemacht hatte. Er suchte sich +Hubeanes zu entledigen. Er nahm ihn auf einer Tigerjagd mit, versteckte +ihn, als man das Tier umzingelt hatte, in einem ausgehöhlten +Termitenhügel, hoffte, der Tiger würde gejagt in den Hügel stürzen und +Hubeane zerreißen. Das gereizte Tier wurde gegen den Hügel gedrängt. Der +Vater brüllte scheinbar entsetzt: „Hubeane, Hubeane. Der Tiger!“ Hubeane +kam nicht. Auch der Tiger war in dem großen Bau verschwunden. Die Männer +drangen nach einiger Zeit unter Getrommel gegen den Bau vor. Über und +über mit Erde bedeckt zeigte sich da in der Öffnung des Baus Hubeane. +„Der Tiger ist nicht drin, ich habe gewartet, daß er hereinkommen würde. +Hab ihm auf der anderen Seite ein Loch gegraben. Und wie er +hereinstürzte, sah er das Loch. Flitz, schoß er gegen das Loch. War +hinaus.“ Er gab dem Vater und den anderen dankend die Hand: „Wie habt +ihr schön gebrüllt. Hättet ihr nicht so gebrüllt, so wäre er in der +Höhle geblieben und hätte mich gefressen.“ + +Der Vater ließ nicht nach. Trieb ihn aufs Feld, verkleidete sich als +Fuchs, der Hubeane angriff. Aber Hubeane riß aus, lockte, ließ den +nachsetzenden Fuchs in eine Mistgrube. Wie der Fuchs drin zappelte, rief +Hubeane die Leute zusammen, schlug von oben auf das Tier ein: „Ein +Teufel!“ Bis die Männer den halberstickten Mann mit Stangen herauszogen +und der Sohn ihn streichelte: „Es war ein Teufel, seine Haut schwimmt +da, er hatte dich verschluckt. Nächstes Mal schlage ich ihn ganz tot.“ + +Um die Zeit des Vollmonds kam das Ende. Da stellte der Vater, der sich +vor Wut nicht halten konnte, eine Leiter an die Hütte, in der Hubeane +schlief, blickte durch ein Loch in den finsteren Raum herunter. Ein +gelbes riesiges Mondgesicht hatte sich der Vater vorgebunden, das +verhüllte seinen Kopf und die ganze Brust. In den Händen hielt er +verborgen ein Bündel Speere. Grimmig war der Vater; mühsam stieg er die +Leiter hinauf, noch lahm von den Schlägen des Sohnes. Er murrte drohend: +„He! Da unten! Herauf! Herauf! Hubeane!“ Der richtete sich zitternd im +Stroh auf: „Wer ist da.“ „Der Mond vom Himmel. Willst du nicht kommen, +mich anbeten.“ „Der Mond. Zu mir! Oh ich fürchte mich. Ich will ihn +nicht sehen.“ „Komm, daß du mich siehst.“ Und wie Hubeane aus dem Stroh +langsam ankroch, sauste die erste Lanze gegen ihn. Er fuhr kreischend +zurück. Der Mond dröhnte: „Her zu mir! Willst du mich anbeten! Das sind +meine Strahlen. Meine Strahlen. He! Heran. Sonst verschlucke ich dich.“ +„Ich fürchte mich nicht vor dir, guter Geist. Gewiß nicht. Ich komme +gleich. Ich hole mir nur einen Schirm, weil deine Strahlen so brennen.“ +„Sie brennen nicht. Komm heran.“ Der Vater lauerte, lugte herunter, sah +den Sohn nicht. Er blies durch ein Horn herunter, drohte: „Auf! Auf! +Steh auf, Hubeane!“ Da fühlte er die Leiter unter sich zittern. Sie +schwankte. Und wie er sich umdrehte, hielt ihn einer an den Armen fest, +umschlang ihm von rückwärts den Brustkorb. Der Vater schrie: „Hilfe! +Hilfe!“ „Schrei nicht, lieber Mond. Die Leute bekommen Angst.“ +„Hubeane.“ „Du kennst mich bei Namen, lieber Mond. Du siehst alle, +kennst alle Menschen aus unserem Dorf, alle Hühner, alle Hunde. Ich hab +meinen Schirm nicht finden können. Kann dich nur von hinten betrachten; +von vorn brennst du so. Geh solang in meine Hütte, bis ich meinen Schirm +habe.“ Und hob den um sich schlagenden Mann auf der Leiter hoch, stürzte +ihn durch das Loch in die finstere Hütte, riß ihm im Fall das +Lanzenbündel aus der Hand. „Jetzt will ich Licht machen, lieber Mond, +damit du meinen Schirm suchen kannst. Du liegst auf dem Gesicht. Ich +leuchte.“ Und schleuderte Speer auf Speer senkrecht herunter, raffte +Steine, schmetterte sie durch das Loch in die Hütte: „Hier neue +Strahlen. Sieh jetzt! Kannst du sehen. Noch nicht. Noch nicht.“ + +Er holte sich vom Nachbarhaus eine Strohmatte, kehlte ächzte die Leute +zusammen: „Der Mond ist in meiner Hütte. Ihr sollt ihn verehren. Nehmt +einen Schirm mit. Die Strahlen sind scharf.“ Verwundert liefen sie aus +den Häusern, mit Laternen und Fackeln. Hubeane winkte vor der Hütte: +„Nehmt einen Schirm mit. Er liegt drin auf dem Gesicht. Der Mond. Durch +das Loch ist er vom Himmel in meine Hütte gefallen. Wenn er sich +umdreht, brennt er.“ + +Und wie sie in die Hütte eindrangen, an Hubeanes Possen gewöhnt, doch +ängstlich, lag da angespießt, von Steinen zertrümmert auf dem Gesicht +ein Mann in einer großen Mondmaske. Sie machten den Blutbegossenen los, +wandten ihn um. Der Tote war Hubeanes Vater, die Brust durchbohrt, der +Schädel zerbrochen. Hubeane stand stumm, ließ heulend geifernd den Kopf +hängen: „Ach, mein Vater.“ Sie faßten ihn: „Du hast ihn totgeschlagen, +Hubeane.“ Er zeigte die Zähne, schlug die Leute: „Es war der Mond. Es +war nicht mein Vater. Wenn mein Vater lebte, würde er es euch bezeugen. +Der Mond hat mich mit Strahlen gebrannt. Er wollte mich verbrennen.“ Die +Männer wußten, wie die Sache verlaufen war. Hubeane hockte in der Ecke, +zerkratzte sich die Brust: „Was wird meine Mutter sagen. Sie wird mich +vor dem Mond schützen.“ Sie taten ihm, der nach ihnen die Fäuste hob, +nichts mehr von da ab. + + * * * * * + +Zu Spielen dieser Art, Tänzen, erregter Geselligkeit auf den Wiesen, in +den Wäldern, erschienen große Massen aus den Städten. Teile kehrten +nicht in ihre Häuser zurück, hielten sich erst tagelang in der Nähe der +Spiel- und Unterhaltungsstätten auf, siedelten sich dann an. Hatten die +Städte noch im Rücken, aber bewegten sich gefesselt in diesen +Landschaften, in denen es Tag und Nacht wurde, von deren dunkelblauem +Himmel nachts die wimmelnde Unzahl der Sterne herunterblickte. Sie sahen +die früheren Siedler, Zügel in der Hand hinter Pferden und Ochsenwagen +fahren, Vieh treiben. Die Felder waren gleichmäßig mit einer Waldung von +Ähren bewachsen, aus denen die Menschen sich Brot machten. Immer das +flache Land Forsten Seen Wiesen überflogen von dem stoßenden Wind. +Regengüsse Wolken in der hohen Luft. + +In der Londoner Stadtlandschaft herrschte während der Neuorganisation +des Völkerkreises straffe Arbeitswirtschaft. Neue Fabrikanlagen wurden +geschaffen, große Scharen von Arbeitern benötigt, wachsende Mengen von +Monat zu Monat. Um diese Zeit war es, wo das Fluten der Menschen an die +Peripherie und über die Grenzen hinaus zunahm. Im Londoner Senat wurde +festgestellt: es sind nicht genug Menschen für die projektierten Anlagen +da. Delvil sprach mit Empörung. Es sei beispiellos, was jetzt geschehe. +Man füttere dreiviertel der Bevölkerung. Im Augenblick, wo man ihrer +Kraft, nur teilweise ihrer Kraft bedarf, weigern sie sich. Es kam in +dieser und den folgenden Beratungen zwischen Delvil, der empfindlich +geworden war, und der breitschultrigen White Baker zu ernsthaften +Zusammenstößen. Sie hatte, wie man argwöhnte, um die gefährlichen +Bewegungen dicht an die Stadt heranzuziehen, ihre eigenen Liegenschaften +Siedlungsgruppen zur Verfügung gestellt. Ohne den Senat zu befragen oder +ihm Mitteilung zu machen, hatte sie die Förderung von wichtigen Erden +und Kalksalzen aus ihren Gruben untersagt und den Mekianstalten +Schwierigkeiten gemacht. Sie verteidigte die Untätigen, die durch die +lange Muße schlaff geworden wären; man könne sie nicht im Moment +umschaffen. Delvil brauste: sie seien nicht schwach, seien erbärmlich, +ohne Gefühl für das, was der Gesamtheit nottue. + +Und seiner Macht und Kraft gemäß beschloß der Londoner Senat, wie er +erklärte, im Bewußtsein seiner Verantwortung für die westliche +Menschheit, die an neue Aufgaben heranginge: der Senat fordert die ganze +Bevölkerung auf, am Wiederaufbau der durch Krieg und die allgemeine +Resignation verfallenen Stadtlandschaft mitzuarbeiten. Man müsse ein +Vorbild, ein fortreißendes Beispiel den andern Gliedern des neuen +Völkerkreises geben. Hinter den Stadtschaften, die schon aufgerichtet +seien, dürfe man nicht zurückstehen. Treulose und Entartete müssen +wissen, daß der Senat über Machtmittel verfügt. Der Beschluß wurde von +allen Senatoren unterschrieben bis auf die White Baker, die damals zum +letztenmal im Senat erschien. Man trauerte nicht hinter der +Eigenbrödlerin; nur Delvil war besorgt. + +Mit Spott und Grimm wurde die senatorische Verfügung aufgenommen. +Agitatoren Priester Landsiedler, in die Stadt eindringend, nahmen +höhnend den Beschluß vor: „Was faselt der Senat von Verantwortung an der +westlichen Menschheit. An welche Aufgaben soll die westliche Menschheit +geführt werden. Man hat vielleicht in den Laboratorien eine Handvoll +neuer Erfindungen, die an den Menschen exekutiert werden sollen. Der +Uralische Krieg ist ergebnislos verlaufen? Wer das sagt! Er hat ein +Ergebnis gehabt! Herrengeschlechter, senatorische Gewalten, Völkerkreise +haben ihre Ohnmacht bewiesen. Und sie glauben, man hat es vergessen. +Konnten es mit Marduk nicht aufnehmen, obwohl sie Waffen hatten und ihn +hätten ausrotten können. Aber wagten es nicht. Hätten die Auswanderer +nach Yukon und Alaska zerschmelzen und zerblasen können. Aber haben die +Yukon- und Alaskamänner gelassen! Warum? Weil sie im Innersten gelähmt +sind. Das Gewitter wird mit Hagelschlag und Donner auf sie fallen. Was +können sie als drohen, ihre Angst verbergen!“ + +White Baker ließ dem Senat erklären, sie verzichte auf die senatorischen +Rechte, die sich aus ihrem Besitz und ihrer Herkunft ableiteten. Sie +hatte die Ratschenila bei sich. Die amerikanische Kommission war noch in +London. Delvil äußerte in Unruhe, die Kommission möchte abreisen. Aber +die Fremden sahen mit Vergnügen die Schwierigkeiten der Europäer, die +Träger des Gedankens an einen neuen Völkerkreis waren. Sie gingen nicht +einmal, als Delvil sie vernachlässigte. Der alte Klokwan sprach mit +Neuyork: London werde niemanden zum Völkerkreis zwingen; die +herrschenden Geschlechter Londons hätten Gelegenheit, ihre Kraft zu +zeigen; man könne sie jetzt dabei beobachten. + +White Baker, die nicht mehr junge Frau, schien gebrochen. Den Verzicht +auf den Senatsitz, die Übergabe ihrer Liegenschaften an die Spieler und +Siedler faßte man im Senat als eine träumerische franziskanische +Handlung auf. Immer aber ging die kleine stolze elastische Ratschenila +neben ihr, vorstehende Backenknochen, feurige dunkelbraune tiefliegende +Augen unter schwarzen dünnen Brauen, pechschwarze Haare mit rötlichem +Schimmer im Licht, die schlicht auf den Nacken fielen. Die Ränder der +Ohrmuscheln vierfach durchbohrt; in den Löchern hingen Silberringe mit +Federn Perlmutterstücken. Sie liebte ihr rundes Kinn rot zu färben, +zinnoberrote Ringe um die Augen zu ziehen. Wo sie ging, trug sie über +dem blauen Hemd, dem Oberkleid aus feinem gezackten Leder, eine bunte +Wolldecke, ein breites Tuch, das sie bald um die Hüften, bald um die +Schultern wickelte. Sie nahm nichts von den Schmuckstücken an, die ihr +White Baker schenken wollte; nur hob sie der englischen Frau selbst +einmal eine Perlenkette vom Hals, bat, sie behalten zu dürfen. Und +lachte und drohte, als die Europäerin sie ihr freudig umlegte: man dürfe +Perlen nicht leicht weggeben; man verliere etwas mit ihnen; sie sind +versteinertes Wasser; in ihrer Höhle sitzen Geister, die von dem +Menschen etwas mitnehmen. White Baker blieb aber glücklich; sie freute +sich, ihre Perlen über Ratschenilas Brust zu sehen. Aus weißer Seide +machte die Fremde für White Baker ein langes faltiges hemdartiges +Gewand, hing ihr ein kleines Knochenstück von der Gestalt eines +Krähenschnabels an einer Lederschnur um. + +Nach Ashdown Forest, in den Bergen südlich der Stadtlandschaft, zog +White Baker und die Ratschenila. Eine kleine Menschengruppe wohnte hier. +Sie trugen oberhalb des linken Schuhs auf dem Strumpf oder am bloßen +Knöchel schlangenförmige Metallringe, nach denen sie sich die +„Schlangen“ nannten. Diese Schlangen suchten sich auszugleichen. Wie +ihre Blicke hilflos staunend entzückt über Hügel, neu gerodete Äcker, +Bäume liefen, wie sie sich in Arbeit erschöpften, so hatten sie +angefangen sich selbst zu betrachten, einer den andern. Stumpf und mit +überscharfer gereizter Erregung hatten sie in den Stadtschaften +aneinander gehangen, kaum Mann, kaum Weib. Dann hatte sie das Wunder des +Männlichen Weiblichen entzückt; sie waren, die „Schlangen“ in den +Ashdownbergen, aus der Stadt gezogen, hatten sich zärtlich und ganz ohne +Hohn offen das Zeichen der verführenden Paradiesesschlange angelegt. Sie +hatten warme Hütten, aus Holz gebaut; die standen unter besonderer Hut +der Schlangen. In denen trafen sich männliche und weibliche Schlangen, +nackt und bekleidet, betrachteten sich, lagen sich in den Armen, +berührten bestrichen einander die Haut. Auf hohen Blatt- und Heulagern, +in Helle und Dunkelheit, erzitterten sie liegend in der tief +geheimnisvollen Verwirrung, die ein warmer Leib in den andern warf. Und +wie sie sich wanden, waren sie verschwunden, auf einer Reise oder +Wanderung, wie sie sagten, von der sie seufzend wiederkehrten, liegend +auf Blättern, in den Armen eines Menschen, der wie sie seufzte. Wegen +dieser Wanderschaft ehrten die Schlangen einander aufs tiefste. Nichts +wurde für heiliger von ihnen erachtet. In entlegener Forststille, +abseits, standen die festgebauten Holzstätten, in die sich die +Menschenpaare zurückzogen, die fühlten, daß sie auf die geheime Fahrt +geschickt werden sollten. Wo ein Mensch ihnen begegnete, warf er Blumen +Blätter hin, ließ sich von ihnen berühren. + +In die Absonderung dieser Schlangen tauchten White Baker und Ratschenila +ein. Die beiden Frauen küßten sich: „Wie bin ich glücklich dich gefunden +zu haben, Ratschenila. Und daß wir herfanden.“ „Liebst du keinen Mann, +White Baker?“ „Ich weiß nicht. Dich liebe ich. Deine Haare deine Zähne +deine Zunge deinen Gaumen deine Wangen deine Finger deine Zehen, was +alles an dir ist. Wenn du atmest, die Augen aufmachst und sie schließt. +Dein Kleid deine Ketten. Ich muß dir wie ein glücklich demütiges Tier +nachlaufen und bin selig, wenn du mich anfaßt. Du glaubst nicht, +Ratschenila, wie es mir wohltut, daß du meine Perlen trägst.“ „Ich sehe, +White Baker. Daß du dich gar nicht fürchtest.“ „Wovor.“ Ratschenilas +Mundwinkel zuckten, ihre dunkelbraunen Augen bewegten sich. Sie zog ihre +Schultern zurück: „Ich würde es zu Hause und in London nicht sagen. +Hier, bei den Schlangen, ist eine gefährliche Luft.“ + +„Ja.“ „Du sagst so erwartungsvoll ‚ja‘, White Baker. Sieh, es könnte +doch sein, daß ich auch –“ Die kreischte leise, wollte ihre Arme um den +Hals der rötlichen Frau legen, die auswich: „Nicht, Baker. Wenn du dich +nicht fürchtest, könnte ich mich doch fürchten.“ White Baker gurrte: +„Wirst dich nicht fürchten vor mir.“ „Nicht vor dir. Vor dir.“ „Vor dir. +Meine Freundin. Herzensfreundin.“ Die rötliche Frau drückte die Augen +zu, ihre Knie zitterten. Hing mit geschlossenen Augen, tiefatmend an dem +Hals der weißen starken Frau, der glücklichen, die ihr Gesicht mit +Küssen bedeckte, liebestammelte. „Ach in die nächste Hütte, +Ratschenila.“ „Ich fürchte mich. Daß ich dir etwas antue.“ „Meine +Freundin, meine Geliebte.“ „White Baker. Bin ich das, deine Geliebte?“ + +Inbrünstig umschlang White Baker sie. Ratschenila ließ es sich gefallen; +ja die Hände krallte sie in White Bakers Gesicht und Hals, die Augen +nicht öffnend. Mund lag auf Mund. Es waren die versunkensten und +hellsten Wochen der White Baker. Sie und Ratschenila ließen sich Äcker +bei den Schlangen zuweisen. Mit Lachen nahmen alle das Locken und Drohen +des Senats auf, in die Stadt zu kommen. Glücklich war White Baker. Sie +sah die Freundin nicht. Bemerkte ihre Starre, ihre Kühle, ihr träumendes +böses und fremdes Gesicht nicht; sie hatte sie. Die Fremde ächzte viel +für sich, ging doch zu der Weißen, war hilflos sanft zu ihr. Eines Tages +fand White Baker die rötliche Frau nicht in ihrem Blockhaus. Sie suchte +in der Nacht, fragte. Sie erfuhr, Ratschenila war zu dem weiblichen +Führer der Schlangen gelaufen. Und von der blonden sehr jungen schönen +Frau hörte die erschauernde White Baker, Ratschenila hat gebeichtet und +sich beschuldigt, nicht an den Sitten der Schlangen teilzunehmen. Sie +beschuldigt sich, Sklavin einer andern Frau zu sein. Sie wolle frei +sein, sie müsse sonst Gewalt gebrauchen. Die helle schöne Frau +streichelte die kalten Hände ihrer Besucherin. Ratschenila hätte +geweint, sie könne nicht anders, sie ginge nach London zurück zu ihren +Landsleuten. + +Die langen Tage, die Baker verwirrt und sich zerreißend im Haus dieser +Führerin lag, immer nach Ratschenila verlangend, wachträumend von ihrem +Gesicht ihren Händen Füßen Brüsten Lippen, an dem knöchernen +Krähenschnabel kauend. Die rötliche Frau hatte die Siedlung verlassen, +war allein in ihre amerikanische Heimat zurückgekehrt. Die Führerin, die +schöne helle Frau saß bei Baker, mit in ihr Schluchzen gerissen. Ja, +furchtbar sei die Gewalt, die in ihnen allen lebe. Es sei gut, sie zu +verehren und zu besänftigen. Sie fragte nach Wochen die ruhigere +ernstblickende blasse Baker, ob sie sie verlassen wolle. Die drückte +ihre Hand: „Ich habe dir zu danken, euch Schlangen zu danken. Ich will – +lieber nicht zurückkehren. Ich will – gewiß nicht zurückkehren. Sicherer +und bestimmter bleibe ich hier als ich herkam. Wenn du mich hier läßt.“ +„Das ist wahr, White Baker?“ Die war gezwungen sich auf die Knie +herunterzulassen, an den streichelnden Händen der Frau entlang. Sie +küßte den Boden zu ihren Füßen: „Und wenn ich, du Junge, bei euch nichts +weiter gefunden hätte, als mein Verlangen, mich vor dir niederzulassen, +und daß mich einer anspricht wie du, so bliebe ich hier.“ + +Es hielt White Baker, die die weißen Seidenkleider, die bunten +Wolltücher der Ratschenila nicht ablegte, aber nicht bei den Schlangen. +Sie wanderte mit einem jungen braunschwarzen Mann, der ihr als Kutscher +diente, im Süden und Westen der Stadtschaft London herum. Die Insel war +schon weit nach Norden von Menschen besiedelt. Immer neue Gruppen, +Absonderungen. Massen, die kriegerisch wie Marduks Barbaren übten, viel +Fleisch aßen. Gruppen dann nur aus Weibern bestehend, die auf den +Feldern arbeiteten, noch Mekispeisen nahmen, und alles Unheil auf die +Übermacht der Männer schoben; faustgroße Steine trugen sie am Hals zum +Zeichen, daß sie sich unfrei fühlten. Im Norden, ganz zerstreut wohnend, +Schweiger; Menschen, die sich jede Sprache versagten, nur frühmorgens +sangen nach dem Sonnenaufgang; bei einer gewissen Höhe der Sonne begann +das demütige Verstummen. Sie waren mit Erde beschmiert, wuschen sich nur +einmal in der Woche, gingen Fremden aus dem Wege. + +Die Befehle der Stadtherren wurden dringender. Da sammelten sich bei +Bedford am Ouseriver eine Anzahl der Fulbe, spielten neue Possenstreiche +des Tolpatsches Hubeane. Dann in wechselnden Gegenden, am Rande von +Wäldern, auf Bergplateaus, auf Brachfeldern begannen sie ihre +Liebesspiele. Eine dichte Menschenmenge um sie; fröhliche Schlangen, +finstere fellbehangene Krieger, schmutzige Schweiger, trübe schlaffe +Städter, Ängstliche, die die Zauberer herumgejagt hatten. White Baker +unter ihnen. Die braunen zärtlichen Menschen spielten in Masken. + + * * * * * + +Das war die Fabel vom Löwen und dem wilden Hund. Das Haus eines +Häuptlings war mit Stroh bedeckt. Vor der Tür saß der festlich +geschmückte Mann mit einem jungen rottätowierten Mädchen, einem schönen +Wesen, seiner Tochter. Eine kleine Schar Menschen um sie. Der Häuptling +nahm die Hand vor den Mund, machte sie hohl: „Dies ist meine Tochter +Mutiyamba. Ich will sie verheiraten an den stärksten und schönsten Mann. +Ich bin reich. Er braucht mir nichts zahlen. Ihr sollt überall ausrufen, +in der Steppe, am Fluß, in den Bananengebüschen, auf der Sandinsel: der +Häuptling Kassangi will seine Tochter Mutiyamba dem Schönsten und +Stärksten geben.“ Da war ein zarter Jüngling, Liongo, ein Waisenkind, +der liebte das Mädchen. Er trug einen Lendenschurz aus Stroh, die Lanze +konnte er nicht werfen. Ging mit in die Steppe, an den Fluß, in die +Bananengebüsche, auf die Sandinsel, zu rufen, daß Kassangi die schöne +schlanke Mutiyamba dem Schönsten und Stärksten geben wolle. Er tröstete +sich, sang vor sich. „Die Fasern meines Herzens schwirren. Warum? Ich +habe eine hohe Nelke gesehen; eine weiße Ameise zersticht sie an der +Wurzel. Ich muß die hohe Nelke heilen.“ Er ging, der Zarte, den übrigen +Trommlern voraus. An den Regenteichen, zwischen den lianenumstrickten +großen Bäumen im Buschwald, unter Butterbäumen, auf denen kleine Affen +sprangen, an den lederblättrigen Feigenbäumen, an Schluchten, aus denen +dunkle Fledermäuse und dicke Wespen surrten, im wildaufgeschossenen +tiefdurchstreiften Dickicht des Sorghumgrases, vor grünen Sümpfen, an +denen wilde Kürbisse und Luffagurken ihr Gewinde trieben, von Würmern +und Schnecken überlaufen, sang der arme Liongo schmetternd das Lob +Mutiyambas, um die Stärksten und Schönsten zu locken. Besang die +Bemalung ihres Körpers. „Wie junge Zwiebelknollen sind ihre Brüste; kein +Baum trägt soviel Früchte wie sie Kleider trägt. Am Kopf, an den Ohren, +den Lippen, den Armen hängt Schmuck, wie Blitze aus einem Gewitter +zucken. Ihr Blick ist sanft und schmachtet. Ihre Beine sind schlank wie +Kupfernadeln. Man kann sie nicht ansehen, ohne von Sehnsucht nach ihr +verzehrt zu werden. Die Augen muß man schließen, als hätte man in einen +Topf mit heißen Dämpfen geblickt. Und wenn man sie geschlossen hat, +findet man keine Ruhe, weil die Augen weiter brennen. Wer Mutiyamba +sieht, muß zeigen, daß er ein starkes Herz hat. In ein Gefängnis ist er +geworfen, mit ihrem Bild allein. Sein Herz muß stark sein, um die Türen +zu zerbrechen und sich zu ihr zu retten. Hundert werden um sie werben! +Kassangi ist ein mächtiger Häuptling, einen starken Pfahlbau hat er um +sie erbaut. Nur wer Schultern wie ein Berg, Hunger wie ein Schakal hat, +kann den Pfahlbau einrennen.“ + +In der Steppe hörte den Gesang Liongos ein junger gelber Löwe. Und wie +Liongo an der Fledermausschlucht das Mädchen pries, kroch auch ein +wilder Hund hervor. Als der zarte Bote des Häuptlings vor seinen Palast +zurückkehrte, waren schon viele Jünglinge dagewesen, hatten Proben ihrer +Kraft abgelegt, waren von Kassangi verworfen. Mit dem armen heiseren +Liongo zogen der Löwe und der wilde Hund an. Der Löwe warf die beiden +stärksten Jünglinge um, übersprang mit einem Satz die höchste Einzäunung +von Kassangis Gehöft, einen Eimer Palmwein soff er in einem Zuge, +nachher schritt er gerade wie vorher. Kassangi gab ihm die Tochter; der +prächtige gelbmähnige Löwe setzte sich neben sie. Mutiyamba erschrak, +als das aufgrollende Untier ihr Mann geworden war. Aber sie war stolz +über seine Kraft. + +Tags darauf feierten sie Hochzeit in Kassangis großem Haus. Der wilde +Hund Kri hatte sich nicht vor den Häuptling gewagt, als der gelbe Löwe +erschien. Nun kauerte er im Saal neben dem jungen Löwen, der sich nicht +wohl zwischen den Menschen an der Tafel fühlte. „Du kennst die Sitten +hier nicht, Löwe. Du mußt den Brei zu dir herüberziehen, wenn du essen +willst“, flüsterte der Hund herauf. Hintatzte der Löwe nach dem großen +Napf, in der Mitte des Tisches, schlang ihn herunter. Die Gäste, die +zulangen wollten, blickten betreten vor sich. Kassangi, der Häuptling, +ließ sich nichts merken, befahl einen neuen Napf. Er nahm, schob ihn vor +die Tochter, den jungen Bräutigam. Kri lauerte auf den Hinterbeinen: „Du +bist Bräutigam. Du mußt Geschenke machen. Jedem Gast mußt du zur +Erinnerung einen Löffel Brei in die Hand schütten.“ Der Löwe wischte +sich das Maul, erhob sich, drückte sich den großen Napf vor die Brust, +und die Tafel abwandernd goß er jedem Gast einen Löffel Hirsebrei auf +die Hand oder klatschte ihn ihm plump vor die Brust. Die ersten hielten +still, die nächsten warteten nicht. Sie liefen vor die Tür, platzten ihr +Lachen heraus, schüttelten sich über das Untier, das zaghaft zu ihnen +herübersah. Finster runzelte Kassangi auf seinem Platz die Stirn. Die +Gäste ließ er säubern; die von draußen hereinrufen. Stumm verlief das +Mahl. „Eine alberne Gesellschaft“, flüsterte Kri, als sie allein saßen, +„du mußt dich nicht daran stoßen. Sie sind neidisch.“ + +Der Brautzug fuhr durch das Dorf. Neben Mutiyamba saß der prächtige +Bräutigam auf dem bändergeschmückten Ochsenwagen. Man blies vor und +hinter ihnen und trommelte. Sie kamen vor Kassangis Haus, wo der +Häuptling mit seinen Frauen stand und winkte. Einen Satz von rückwärts +auf den Wagen machte der wilde Hund, kletterte auf die Planke zwischen +dem Paar: „Mutiyamba, dein Bräutigam ist so finster. Streichle mich, +liebkose mich, ich bin sein Freund. Das wird ihn erheitern.“ Und sie +umarmte Kri, küßte seine Schnauze, blickte ihn zärtlich an. Im Zug +kicherte man, Kassangi erschrak. In seinem Zimmer nahm der Löwe rasch +den Hund beiseite. „Wie hast du es gemacht, daß dich Mutiyamba, meine +Braut, geküßt hat. Sie hat mich noch nie geküßt.“ „Sei nicht traurig +Löwe. Tu ihr nichts. Ich will dir das Geheimnis verraten, aber du +versprichst zu schweigen. Sieh her, ich habe mir beim Laufen einen +Vorderfuß verstaucht. Das hat sie gesehen, Mutiyamba die Schöne. Sie ist +so mitleidig, so zart. Da hat sie mich Armen gestreichelt und geküßt.“ + +Kassangi mit den Gästen erwartete den Bräutigam zum Trunk. Da hinkte der +junge Löwe, der starke prächtige, zur Tür herein. Hinkte rechts, hinkte +links. Und wie er bei Mutiyamba stand, quollen ihm die Tränen aus den +Augen: „Ich habe mir die Beine verrenkt, beide Hinterbeine, gestern als +ich dir zu Ehren sprang.“ Er blickte sie kläglich an. Sie zog das +Brusttuch über das Gesicht, flüsterte beschämt dem Vater etwas zu, +huschte, ihre beiden Mädchen hinter sich, aus dem Saal. Die qualmenden +Männer rümpften die Nasen, schnitten spöttische Mienen, spuckten in die +Luft. Da bot der Häuptling dem Bräutigam den Krug: „Trink, Löwe. Meine +Tochter Mutiyamba, das schönste Mädchen, ist dir zugefallen. Wir +wünschen dir Glück. Du hast keinen Kaufpreis zu zahlen. Deine Füße +werden wieder heilen. Aber Geschenke wirst du ihr machen. Das ist Sitte +bei uns.“ Der Löwe auf der Matte nahm den Trunk, verbeugte sich stumm +vor dem Häuptling, stieg hinaus. Er wanderte durch das Dorf, in die +Steppe, Kri hinter ihm. „Löwe, was läufst du so weit? Du mußt doch +hinken, sonst erbarmt sich die Braut deiner nicht. Hinke hinter mir her +ins Dorf zurück, gleich, damit der König sieht, wie demütig du bist, +obwohl du Schultern wie Berge hast, wie der arme Liongo sang.“ „Und was +soll ich ihr schenken, ihr und dem Vater Kassangi?“ „Daß du darüber +nachdenkst. Zeige nur nicht, daß du reich bist, sonst ist er und das +ganze Dorf beschämt. Bring ihm keine Antilopen, sonst fürchten sie sich +vor denen. Was läufst du überhaupt so weit in die Steppe. Mach am Boden +hier – deinen Kot hin. Ja deinen Kot. Ich will ein Körbchen aus Gras +flechten, da tun wir den Kot hinein. Die Körbchen trage ich vor Kassangi +und Mutiyamba. Sie haben gesehen wie stark und schön du bist; sie müssen +deine Demut sehen und daß du sie gar nicht beschämen willst.“ Der Löwe +setzte sich neben dem Feldrain in einen Acker Jams und preßte seinen Kot +aus. Der Hund wühlte Jamsknollen aus dem Boden, die Zehen wie ein +Menschenfuß hatten, raffte Blätter zusammen, schichtete den warmen Kot +über Blätter und Knollen, glättete ihn, bedeckte ihn gegen Fliegen. Dann +flocht er zwei Graskörbchen, hob den geschmückten Kot hinein, spazierte +ins Dorf. Hinkend, den mächtigen gelben Kopf senkend, folgte der Löwe, +stieß ab und zu einen jämmerlichen Ruf aus. Würdevoll knurrend betrat +der wilde Hund die Halle Kassangis. Auf seinen Wink blieb der Löwe am +Türpfosten, schielte hinein. Die Körbchen überreichte Kri mit strengem +undurchdringlichem Ausdruck. In Weinen brach Mutiyamba aus. Vor dem +Löwen, der sich ihr zärtlich näherte, floh sie. Der Häuptling warf das +Körbchen von sich. Lächelnd und bescheiden anschleichend verneigte sich +der Löwe. Unsicher setzte er sich auf seinen beschmutzten Platz. Saß +noch allein, als Kassangi und die Gäste die Halle verlassen hatten. + +Sie berieten draußen, was gegen den Löwen zu tun sei, der so stark war +und dem die Braut schon zugesprochen war. Bewaffneten sich mit Speeren, +wollten ihm sagen: er müsse nach Sitte dieses Dorfs noch einmal die +Probe bestehen, und dann am dritten Tag noch einmal, um zu zeigen, daß +ihm kein Zauberer beigestanden habe. Sie dachten, er würde das Spiel bei +seinen kranken Gliedern verlieren. Den Hund Kri, der unter ihnen war, +überhäuften sie mit Schimpfworten wegen seines Freundes. Er redete +gewandt, warf hin, es werde alles zu ihrer Zufriedenheit ablaufen, +zeigte ein gelehrtes geheimnisvolles Wesen: „Die Weisheit, wo sitzt sie? +Im Auge? Nein, im Kopf. Herr Kassangi weiß das jetzt. Er wußte es nicht. +Ich, Kri, bin nur ein Küchlein, aber man braucht mir das Scharren nicht +beibringen.“ Die Männer waren erstaunt über seine Klugheit. „Warum seid +ihr betrübt, liebe Herren? Hoffnung ist die Säule der Welt. Auf dem +Grunde der Geduld ist der Himmel.“ Sie sollten, verwies er sie, ihren +Plan jetzt nicht ausführen. Er bat sie im Vertrauen: er werde den Löwen +besiegen. Sie schüttelten die Köpfe: „Er wird bezahlen, wenn die Vögel +Zähne bekommen.“ Aber Kassangi reichte dem sehr würdigen Kri die Hand. + +Und als am nächsten Tag Kri und der Löwe ihr Zelt verließen, war der +Löwe erstaunt, wie alle sich vor Kri verneigten, Platz vor ihm machten, +ihn selbst aber nicht beachteten und das Gesicht verzogen. „Du siehst, +Löwe, was in meiner Macht steht und wer ich bin.“ „Kri, wie hast du das +angestellt. Ich bin dein Freund, du wirst mich nicht im Stich lassen.“ +Der Hund zog ihn zwischen zwei Zelte. Da stellte er sich hin, zuckte +zappelte mit seinem Leib. Verwundert der Löwe: „Was machst du?“ „Merkst +du nichts? Hör, jetzt, hör einmal.“ Der Löwe trat näher: „Ich höre +nichts, ich höre nichts, Kri.“ „Du mußt auf meinen Bauch hören. Alle +hören es. Darum verneigen sie sich vor mir. Ich habe über Nacht bewirkt, +daß mich alle wie einen König begrüßen.“ „Was hast du gemacht?“ „Du +hörst es noch nicht.“ Der Hund zappelte, sprang weiter hoch, „aber du +wirst es bald hören, dein furchtbares Brüllen hat dich schwerhörig +gemacht. Ich habe ja eine Glocke in meinem Leib.“ „Eine Glocke.“ „Eine +klingende Glocke. Bei jedem Schritt schlägt sie an. Darum verneigen sie +sich vor mir.“ „Wo hast du die Glocke her, Kri?“ „Kassangi, lach nicht, +Kassangi, dem hab ich sie selbst gestohlen. Er weiß es noch nicht“ und +Kri kicherte, der Löwe brüllte freudig mit, „nun habe ich seine Glocke +im Leibe und er merkt es nicht. Drei, vier habe ich ihm gestern +gestohlen. Die Häuptlingsglocken. Noch drei hab ich. Aber zeig mich +nicht an. Ich vertraue dir.“ „Ich habe dir vertraut, du kannst auch mir +vertrauen.“ „Nun wollen wir weiter gehen.“ Aber der Löwe hielt Kri +zurück: „Sag mir, Kri, könntest du mir auch die Glocke einsetzen.“ Kri +zuckte die Schultern, tat mürrisch, wiegte zweifelnd den Kopf; der Löwe +werde die Schmerzen nicht aushalten, wenn man ihm die Glocke in den Leib +versenke. Der Löwe bettelte: „Oh doch“, versprach ihm hohe Ehrungen, +erklärte, er gebe die Glocken, die zwischen den Zelten standen, nicht +zurück. Da ließ sich Kri herbei, nachdem sie sich geschworen hatten, +sich gegenseitig nicht zu verraten. Er versprach heute nacht mit einigen +Vertrauten die Glocke in den Bauch des Löwen zu versenken. Und beglückt +zogen sie auf die Dorfstraße. + +Mittags im Zimmer erklärte Kri, der sich schon siegesgewiß spreizte, dem +die schöne Mutiyamba zulächelte: der Löwe müsse ihm vor Nacht noch einen +Beweis seiner Widerstandskraft geben. Der Löwe fand sich zu allem +bereit. Und als man zu Tisch in der großen Halle Matten ausgebreitet +hatte und mit Perlschnüren und Brustgehängen beim Fleisch saß, verlangte +Kri von Kassangi eine glühende Eisenstange. Dann mußte der Löwe, seine +Angst verbeißend, sich Kri nähern. Ein zorniges Bellen ausstoßend schlug +Kri ihm das heiße Eisen über die Hinterbeine. Nur einen kleinen +Augenblick heulte Entsetzen verbreitend der Löwe, sperrte den Rachen +gegen den Hund, der zur Tür huschte, dann zog er den Leib krumm, +lächelte fade unter Schmerzen winselnd gegen Kri, der langsam +näherkroch. Die Gäste, Kassangi und seine Tochter, sahen den beiden mit +Staunen zu. + +Von diesem Augenblick an war das Gesicht des Löwen verändert. Die +Zuschauer bei den Spielen in Bedford sahen es. Sie fühlten sich tief +berührt. Sie wußten nicht worin die Veränderung lag. Ihnen selbst war +dieser Löwe ähnlich geworden. Wie ein Städter wackelte er hilflos mit +dem großen Kopf, schnaufte nach wenigen Schritten ohne Atem. Seine Füße +zitterten: grauenvoll und besorgt blickte er nach allen Seiten. Und der +Hund war nicht mehr Kri. Er trug eine rote Kappe, von der goldene Bänder +über Ohren und Hinterkopf herabhingen, die senatorische Kappe. + +Still hockte der Löwe auf der Matte. Man bot ihm zu essen an. Er blickte +mit schlaff hängenden Lippen nur auf Kri, der ihn ansah. Da schlang der +Löwe gequält und wieder lächelnd seinen Teil herunter. Höhnisch boten +ihm die Gäste mehr. Er wollte sich zurückziehen, um seine Schmerzen +auszubrüllen, wollte trinken, hatte furchtbare Trockenheit im Rachen. +Aber über den kleinen Krug hinaus bot man ihm nichts. Man spielte, +speiste lustig, beachtete ihn nicht. Und bevor man aufstand, flüsterte +Kri wieder mit Kassangi. Ein Diener brachte die glühende Stange. Der +Löwe sah sie nicht, dumpf lag er über seiner Matte. Da schlug das Feuer +auf sein Vorderbein. So brüllte er, so warf er aus dem Rachen sein +Donnerrollen, daß im Augenblick der Saal geleert war. Er wollte +springen. Er konnte nicht. Da erst erinnerte er sich, daß dies eine +Probe Kris war. Er biß sich die Zunge, schielte um sich, lahmte zur Tür, +sank platt hin. Die Gäste näherten sich lange nicht. Kri wischte +seitlich herein, horchte auf das Stöhnen des Freundes, das Flüstern: +„Kri! Kri! Nicht böse sein. Komm näher. Ich war nicht vorbereitet. Es +ging so plötzlich. Sonst hätte ich nicht gebrüllt. Ich hätte es nicht +getan. Verlaß dich drauf! Kri, verlaß dich drauf!“ + +Dies war eine Stelle im Spiel, wobei die Hörer in Wut gerieten. „Verlaß +dich drauf, Kri. Hund, Hund!“ Drohten um sich, ihre Augen funkelten. +Manche weinten. + +Kri ließ sich herbei. Die Gäste vor der Tür sahen, wie der Löwe sanft +den Kopf an dem elenden grauen Hund rieb. Ihre Angst legte sich, sie +fingen wieder zu kichern an. Der Löwe beachtete es nicht, dachte an +heute Nacht und die Glocken. Es waren auch Glocken, die im letzten Teil +des Stücks ununterbrochen geläutet wurden. Unter den Gästen aber, die +langsam mit Kassangi und Mutiyamba zurückkehrten, demütig vom Löwen +begrüßt, der für seine Unart um Verzeihung bat, lachte einer nicht mit, +der zarte arme Liongo. Ihm ging durch den Kopf: „Trüb ist mein Sinn. Die +Fasern meines Herzens schwirren. Warum? Ich habe die stolze Nelke +gesehen. Eine weiße Ameise zerbeißt zersticht ihre Wurzel. Die stolze +Nelke ist bald hin.“ Liongo, wie es Abend geworden war und die Gäste mit +dem frechen Kri schmausten, trat in das dunkle Gemach des Löwen, +verneigte sich vor ihm. Der empfing ihn freudig in seiner trauervollen +Einsamkeit. Der Löwe erkannte in Liongo den jungen Sänger des +Häuptlings, der das Lob der schönen Mutiyamba in der Steppe Menschen +Tieren Bäumen und Seen verkündet hatte. Er schüttelte seine Hand. Nicht +zu viel hätte er verkündet von Kassangis Tochter; er sei ihm +wohlgesinnt. Liongo strich ihm die Mähne: Ob er sich nicht wohl befinde. +Er brachte ihm zwei Krüge kalten Wassers, in die der Löwe wonnig +grunzend die Pfoten steckte. „Man hat nicht wohl an dir getan, Löwe.“ +„Oh“ schüttelte der das Haupt, schwieg dann, denn er erinnerte sich +seines Versprechens. So sehr Liongo in ihn drang, sich ihm zu +offenbaren, der Löwe ging nicht aus sich heraus. Er zeigte dem jungen +Menschen mit Lächeln und Worten seine Dankbarkeit. Er werde nicht +vergessen, wie schön Liongo die Braut gepriesen hatte, wies +geheimnisvoll auf die kommende Nacht hin. + +Da wagte Liongo von Kri deutlicher zu werden, tuschelte: was Kri wohl +jetzt täte, wer jetzt bei der schönen Mutiyamba säße, sie streichele, +welcher schlaue schmutzige Steppenhund, der in Schluchten neben +Fledermäusen Wespen Schakalen schnüffele. Der Löwe grunzte gleichgültig, +zog dann die Stirn zusammen, blickte seitlich auf Liongo. Der gab nicht +nach, warnte vor Schelmen. Versunken der Löwe: er wüßte, was er selbst +gesehen hätte. Er hielte sich nicht für klug, aber Kri sei sein Freund. +Da fragte Liongo bitter, ob sich der Löwe auch töten lassen würde, wenn +Kri es befehle; gebrannt hätte er ihn schon, gelähmt hätte er ihn schon. +„Proben, Proben“ murmelte der Löwe. „Was will er mit dir probieren, +Löwe?“ „Was mir Freude und Ehre bringt.“ + +„Er wird dich beseitigen. Mutiyamba will er. Für ihn habe ich nicht +gesungen.“ „Ach meine Braut“ sonnte sich der Löwe „ich nehme alles auf +mich für sie.“ „Morden wird er dich.“ „Gib mir Wasser. Morgen redest du +anders.“ Weinend ließ ihn Liongo im Dunkel. + +Mit Sehnsucht erwartete der Löwe den wilden Hund. Finsternis. Die +verging. Der Löwe drehte sich um. Mit einer Fackel stand Kri da. +Flüsterte an der Tür, ohne sich zu nähern: „Löwe! He! Wie geht’s, Löwe?“ +„Gut, Kri. Ich erwarte dich. Komm doch herein.“ „Ich komm schon. Wo sind +die Glocken?“ Der Hund taumelte, hatte lange mit dem Häuptling und den +Gästen pokuliert. Lallte: „Da sind sie ja. Die lieben Glocken. Wird eine +schöne Sache werden. Wird alles gehen wie geschmiert. Was meinst du, +Löwe? Tun dir noch die Pfoten weh?“ „Nicht sehr.“ Kri lachte schrill: +„Siehst du, wie es ging. Herrlich. Die Stange genommen, hupp, auf die +Pfoten: eins hupp, zwei hupp, drei hupp!“ „Da stehn die Glocken.“ Kri +kraute ihm rülpsend die Schulter: „Halt still, mein Söhnchen. Liebes +strammes Söhnchen. Wir werden alles machen.“ Und er sang: „Mutiyamba, +Mutiyamba. Kein Baum trägt Früchte wie du Kleider trägst. Wer dich +ansieht, Mutiyamba, muß die Augen schließen, aus Sehnsucht nach dir, als +säße er vor einem Topf mit heißen Dämpfen.“ „Was singst du von meiner +Braut.“ „Kein Baum trägt so viel Früchte wie sie Kleider trägt. Ihre +Beine sind feine feine schlanke Kupfernadeln. – Kommt herein zu mir, +hupp, ihr lieben Freunde.“ Er wirtschaftete im Raum, legte Stricke hin: +der Löwe sah ihm beklommen zu. + +Durch die Tür trippelten Menschen, hielten sich an der Wand. „Was wollen +die bei uns.“ „Das sind meine Freunde, allesamt. Sie haben mit mir +geschluckt den ganzen Tag. Geschluckt gespuckt gekotzt. Ein herrlicher +Nachmittag. He, war es kein herrlicher Nachmittag?“ „Und ein herrlicher +Abend.“ „Und erst die Nacht. Ihr werdet staunen, was Kri kann. He, Löwe, +aufgesessen.“ „Was redest du so grob mit mir.“ „Wird mir der Dickschädel +vorschreiben, wie ich mit ihm zu reden habe.“ Den Atem hielt der Löwe +an. Aufbrüllte er. Der Hund torkelte an die Tür, die Menschen schoben +sich zusammen. „Dickschädel, ich Dickschädel?“ Kri kniff den Schwanz +ein, machte sich Mut, torkelte an: „Löwe, wir verstehen uns.“ Er konnte +seine Gedanken nicht zusammenhalten, knurrte wütend: „Jetzt angefangen. +Man wird fertig mit Essen, mit Reden. Heran. Du willst doch, Löwe.“ Der +blickte ihn lange an: „Ja.“ Der Hund böse: „Also.“ + +Die Gäste trugen Holzpflöcke unter den Armen, die spitz zuliefen, +schlugen sie mit Beilen in den dröhnenden Boden der Hütte. Der Löwe +erschauerte, seine Lippen wurden schlaff: „Was machen sie?“ Kri +nachäffend: „Was machen sie? Was machen sie? Stöcke her. Glocken her. +Beeile dich.“ Aus Liongos Krügen zog der Löwe die Pfoten, schleppte sich +näher. Kri schnupperte an den Krügen: „Wer hat die hergebracht?“ +„Liongo.“ „Ah, Liongo. Der. Der zarte. Der Schuft.“ Wieder hielt der +Löwe den Atem an, brüllte grauenhaft. Der Raum war leer. Kri hielt sich +an der Schwelle, zitterte vor Angst, daß er am Umsinken war. Scham und +Wut hielten ihn fest. Herankriechend bettelte er süß verlogen: „Also +dies sind die Pflöcke für die Pfötchen, dies die Stricke, in die du die +Beine steckst. Kommt nur, der Löwe weiß, daß Ihr verschwiegen seid. Er +wird solche Glocke im Bauch haben, wie ich, die Klingkling macht, wenn +man geht. Ihr werdet vor ihm hinfallen. Und Mutiyamba, oh!“ + +Die Fackeln brannten in dem Raum. Die Leute lüstern eifrig. Der Löwe +schleppte sich zwischen die Pflöcke. Senkte den ungeheuren +mähnewallenden Kopf. An Mutiyamba dachte er. Dieser schlaue widrige Kri, +der wilde Hund, würde machen, daß sie ihn küßte. Den hatte sie im Wagen +geküßt, auf die Schnauze den. Den Kopf seitlich drehend weinte der Löwe +im Finstern. Wo war Liongo? Der Löwe stand zwischen den Pflöcken. Das +Ohr des Hundes zog er zu sich heran: „Tu mir nicht zu weh.“ Der Hund +grinste heimtückisch, wedelte streichelte ihn. + +Mit Seilen umschlangen sie die Beine des Löwen. Er legte sich auf die +Seite, rollte auf den Rücken. Mit Gewalt rissen sie seine Beine +auseinander nach vorn und hinten. Er knurrte, warf sich vor Angst. Die +Gäste glucksten vor Freude, wie sie den weißen nackten Bauch des jungen +Löwen sahen; die Angstwellen liefen über ihn. Betrunken warfen sie die +Hälse zurück, torkelten um das liegende Untier. So laut war ihr +Hohngelächter, daß Kassangi und Mutiyamba vor dem Haus erschienen und +die Köpfe durch das Fenster steckten. Kri sprang herum, wetzte das +Messer. Der Löwe, wie er das Scharren hörte, wilder vor Angst: „Und was +tust du jetzt? Kri. Und was tust du jetzt? Und was jetzt?“ „Merkst du +was?“ „Nein.“ „Jetzt was?“ „Nein.“ „Jetzt was?“ „Nein.“ „Jetzt?“ „Was +tust du?“ Da hatte der Hund das Messer scharf. Mit einem Satz sprang er +dem Löwen auf die Brust, knirschte: „Jetzt, jetzt Mut, Löwe.“ + +Und im Augenblick hieb er das Messer in den Leib, schlitzte stieß +wühlte. Das heiße helle Blut spritzte ihm ins Gesicht, daß er spie und +geblendet war. Unter ihm der Löwe wühlte sich, zerrte nach rechts, nach +links. Liongo war am Kopf des Löwen: „Löwe auf! Sie töten dich! Löwe, er +tötet dich.“ „Er tötet mich. Er tötet mich. Es ist wahr“ tobte es durch +den Kopf des Löwen. Er schleuderte sich herum, die Pflöcke brach er ab. +Das Fell riß er sich von den Füßen. Sein markerschütterndes Wehgebrüll. +Kri erschlagen! Kri zerreißen! Kri mußte er erschlagen. Er toste, Seile +und Pflöcke nach sich wirbelnd, in den Haufen der Gäste. Schlug +erdrückte knackte riß biß. War Kri schon hin. Es war stockfinster in der +Gasse. Mehr töten. Kassangi, Kassangi, den sah er fliehen. Schnapp ihm +am Rücken, schnapp ihm ins Genick, stürzte ihn aus dem Leben. + +Der Jubel das Weinen der Zuschauer! Jetzt weg, Löwe, aus dem Dorf, in +die Steppe, weite grüne Steppe. + +Sein rollendes unaufhörliches Brüllen. Er hatzte gegen die Pfahlmauer. +Er kam nicht herauf. Was floß floß ihm heiß aus dem Leib, was hielt ihn +zurück, was schleppte er zwischen den Beinen. Das schmerzte. Oh. Er trat +darauf. Vor Schmerz, vor schwerem Weh verstummte er. Er trat auf die +eigenen Därme. Noch einen furchtbaren Satz machte er. Grausiges +abschnappendes Gebrüll. Auf den Pallisadenspitzen blieb er hängen. +Stöhnend drehte und zerrte er da. Seine Augen rollte er; sie waren +blind. Speere von unten gegen ihn. Er verblutete. Die Zuschauer weinten, +als sie den jungen prächtigen Löwen oben auf den Pallisadenspitzen den +sterbenden aufgerissenen Leib strecken sahen. Sie warfen Steine, als die +Beerdigung der Opfer stattfand. Kassangi war tot. Den Hund schleppte man +am Schwanz durch das Dorf. Eselskot hatte man in seinen Bauch getan; die +rote senatorische Kappe mit den goldenen Bändern trug er vor dem Maul. +Mutiyamba, die weinte. Allen Schmuck hatte sie abgelegt. Sie trat aus +ihrem Haus. Ein neuer Häuptling stieß sie hinaus. Liongos Füße wollte +sie hilfeflehend küssen. Er nahm sie in seine Hütte, auf sein Feld. Die +Häuptlingstochter hörte nicht auf zu weinen. Er sang: „Erst hast du mich +vergiftet, jetzt kann ich dich essen. Erst hast du meine Augen verbrüht, +jetzt kann ich dich ansehen. Hast mich nicht schlafen lassen. Jetzt +schlafe ich bei dir. Ich schwankte wie ein Boot, Mutiyamba, du hältst +mich fest. Du hast keine Armspangen Brustgehänge Ohrringe. Mein Mund ist +für dein Ohr, mein Mund für die Brust, mein Mund für die Arme.“ + + * * * * * + +Sie spielten am Ouseriver sanfte Szenen vom Scheiden und Wiederfinden, +die alte festländische Fabel von Melise von Bordeaux und ihrer Freundin +Betise. Mit Schmerz und Wonne gingen die Fabeln in White Baker ein. Die +Augen verhüllte sie. Sie sprach sich vor: dies ist das Leben. + +Ohnmächtig der Senat bei dem Auslaufen der Stadtschaft. Die ersten Fälle +von Eindringen der Siedler in die Stadt ereigneten sich, ungeklärte +Brände von Fabriken. Delvil, belauert von der amerikanischen Deputation, +schickte nach White Baker. Sie ließ sagen, daß das Fahrzeug nicht gebaut +sei, das sie zurück trüge. Sie lockte Städter aufs Land, trieb +Kampforganisationen bei allen Absonderungen zusammen. Verzweifelt höhnte +Delvil im Senat: „Der weibliche Marduk!“ Man kam nicht weiter, war in +der Defensive. + +Aus amerikanischen Stadtschaften hatten sich nach Canada und Labrador +Menschenmassen ergossen, von starken Männern und Frauen geführt. In +Labrador entwickelte sich ein ländliches Reich an der Ungavabucht. + +Die Menschen strömten aus den Stadtschaften Neuyork Quebec Ohio. Ein +merkwürdiger Drang bestimmte alle Wanderer nach Norden; die großen Seen +ließen sie hinter sich, östlich der Hudsonbai schoben sie sich vor. Ganz +ohne Lärm vollzog sich die Bewegung auf dem nordamerikanischen +Kontinent, nirgends sah man fanatischwilde Figuren wie Marke und Marduk. +Aus dem Zentrum Europas drang Zimbo vor; die böhmischen Stadtschaften, +die deutschen Nürnberg und Frankfurt schickten ihm aufgelockerte Massen +zu. + +Keine Bewegung machten die großen Senate. Aus London reiste während der +sturzartigen Vorgänge die Kommission des Klokwan schweigend ab, nicht +mehr lächelnd. In London Glasgow Newcastle, auf den festländischen +Toulouse Nantes Lyon, die ruhig geblieben waren, wurden Straßenzüge +leer, erfroren verdorrten in den Treibhäusern die Blumen, fielen die +durchsichtigen Straßenbekleidungen; Wind Regen sauste wieder über die +Plätze. Flugzeuge Wagen standen herum, als wäre ein Feind im Anmarsch. +Eine Lähmung breitete sich über die westlichen Stadtschaften aus; +unkenntlich, was ihre Ausbreitung beförderte. Sie wirkte in die Senate +hinein. Es war eine zum Grauen auftreibende Erschütterung, als der +schwarze Zimbo ohne Waffen zu gebrauchen mit rohen Schwärmen in der +Hamburg-Bremer Landschaft und ruhig fortziehend am Meer erschien, Senate +vertrieb, Lager und Anlagen zerstörte. Er drohte über den Kanal. Die +Menschen der Seelandschaft bedeckten die Küste bis ins Holländische zum +Zuidersee, wurden nach Westfalen, zum Rhein herunter gestoßen. + +Der belgische Senat trat in Brüssel zusammen. Diese Stadtschaft +bröckelte nicht. Man sah das Hungerverderben der über das Land +Geschütteten Schwachen nichts als Willigen Sehnsüchtigen, ihr +Liegenbleiben Erfrieren, das Wüten der Seuchen. Die Senatoren riefen +lächelnd nach England. Betrübt zogen die Londoner sich aus dem Orkan +ihres Landes, standen mit matten Gliedern in dem strahlenden Ratsgebäude +der Belgier. Durch die Luft zuckten hier Fahrzeuge, buntes lärmvolles +bewußtloses Wimmeln in den breiten winterlichen Straßen Brüssels. Die +blassen Lippen verzog Delvil, als er aus dem überheizten Saal +herunterblickte. Den Arm des breitschultrigen Belgiers Ten Keir drückte +er: „Wie sieht die Welt bei Euch aus! Noch! Noch!“ + +„Noch lange! Noch immer!“ „So hat auch White Baker gesprochen. Es sind +nicht viel Jahre her: Marduk müsse erschlagen werden, die Mark +ausgeräuchert. Wo ist White Baker?“ „Ihr, Delvil! Wascht Eure Wäsche bei +Euch.“ + +„Bin ich schlaff? Ist keine Schwäche, jetzt schlaff zu sein. Wenn ich +deine Häuser und diese Menschenscharen sehe, so sehe ich sie und – sehe +sie schon nicht mehr.“ Ten Keir machte sich von ihm los, betrachtete aus +seinem kantigen Kopf den seufzenden Londoner, ließ ihn am Fenster. Die +Belgier, zwanzig Männer und Frauen aus frisch heraufgekommenen +Geschlechtern, nicht einheitlich in Rasse, nahmen auf die Engländer +keine Rücksicht. + +Von den durchwandernden Hamburger Flüchtlingen und Siedlern griffen sie +welche auf, abgemagerte zerlumpte, stellten sie vor die Engländer. Ten +Keir lachte: „Euer Ideal, liebe Gäste. Wie gefallen sie euch? Habt ihr +Lust, eine Luftreise über Holland, an der Küste entlang zu machen? Ihr +könnt etwas sehr Altes und Neues sehen. Kampf aller gegen alle. Das +Spiel ist wieder aufgenommen: man genießt es, als sei es heute erfunden. +Wozu gibt es Elend Tod Hunger? Doch nicht bloß für Erzählungen +Geschichten Theateraufführungen. Heran an das Leben! Dichter, Dichter! +Man lebt nur einmal und dann gründlich. Wer sich nicht zehn Zehen +erfroren hat, weiß nicht, was Leben ist. Wer nicht morgens aufwacht im +Wagen, – aber er liegt nicht in seinem Wagen, den Wagen hat einer über +Nacht gestohlen, er liegt zwischen den Radspuren im Lehm, einen dösigen +leicht angestoßenen Schädel hat, einen kleinen Schädelbruch, der +versteht sich auf das Dasein nicht. Hat die Fülle der Existenz nicht +durchdrungen. Steht, huhu, als Bettler vor dem Tor.“ Er wies mit beiden +Händen auf die Aufgegriffenen, die blauen weiten Ärmel wehten zur +Schulter zurück: „Hier haben wir Bewohner des Paradieses! Des +wiedergeöffneten wiedereroberten Paradieses! Preis uns, die sie sehen! +Der liebe Gott, von dem unsere Ureltern gesprochen haben, hat sich +erweichen lassen. Er hat eine Ausnahme gemacht. Sie hat er wieder +aufgenommen. Und nun: wie geht es euch, liebe Damen? Liebe Herren? Wie +sieht der liebe Gott aus, nach so langer Zeit, befindet er sich wohl, +donnert er sympathisch, hat er euch in seine Arme geschlossen? War es im +ganzen großen ein schönes Wiedersehen? Gedeckter Tisch, wohlige Heizung? +Was sagt ihr englischen Freunde, Delvil du, zu unsern Paradiesbewohnern? +Es ist doch reizend, daß sie sich herbeigefunden haben, ein Stündchen +bei uns zu verweilen. Uns zu beglücken. Sie hatten Mitleid mit uns, +wollten erzählen. Aber ich errate alles, auch ohne daß sie sprechen. +Diese Geheimnisse! Diese ätherische Schönheit der Gesichter, betrachtet +sie, dieser perlmutterartige Glanz der Haut, an den Füßen Händen, im +Gesicht. Sie haben dicken Schmutz aufgelegt, um uns nicht weh zu tun, +durch ihren Anblick. Sie sind feinfühlig. Das ist Schmutz als Schminke. +Ihr meint, sie tragen Lumpen? Delvil, Lumpen? Paradiesesbewohner und +Lumpen! Haha! Ihr glaubt, sie sehen wie Skelette aus, wie Menschen, die +seit Wochen Stoppeln von den Feldern, oder Baumborke essen und reichlich +Flußwasser trinken. Und da nicken sie auch, unsere Gäste aus dem +Paradies. Ach diese Feinfühligkeit! Die Übertreibung der Empfindungen! +Warum seid ihr so bescheiden. Wir sind kräftige Männer und Frauen; wir +vertragen schon einen Stoß. Ihr kommt aus dem Paradies. Habt unsere +erbärmlichen Stadtschaften verlassen, in denen wir euch totregieren mit +Essen, Trinken, mit überlebten Erbärmlichkeiten wie Essen Trinken, in +denen wir euch geschunden haben mit wochenlangem Ruhen. Ihr seid ins +Paradies zum leibhaftigen – nicht wegzuradierenden lieben Gott gegangen, +fort aus den Nichtswürdigkeiten dieses städtischen Daseins, mit seinen +bunten Lichtern Waren Flugzeugen Spielen Soßen, hundertfachen Speisen, +Weinen, dem ganzen sonstigen Ekel und Folterzeug, auf dem ihr euch +gewunden habt von Morgen bis Abend. Und es nahm kein Ende. Unerträgliche +Pein, unerträgliche Pein. Das Paradies ging auf, die Straßen brannten +ab, die Herren flogen in die Luft, explodierten Freudenfeuerwerk zum +großen Einzuge. Ein bibelwürdiges Ereignis. Ihr habt es umschlungen, das +Paradies! Habt alles wiedergefunden, wie es Adam stehen gelassen hat. +Die ganze Einrichtung habt ihr übernommen. Man sieht euch an, wie ihr +vor Rührung schluchztet bei dem Einzug. Eure Augen sind noch ganz rot. +Wie habt ihr den Regen begrüßt, die Nässe, unermeßliche Nässe vom +Himmel, an die Sintflut erinnernd, vom wirklich richtigen nicht gemalten +Himmel. Nässe, die fiel, echt war, mehr, immer mehr. Es wurde euch +wonnig klar, daß der Mensch aus dem Wasser stammt und ihr erschauertet! +Ihr wolltet Tag und Nacht nicht aus dem Wasser heraus, ihr Glücklichen +schwammt, plätschertet darin. An Gräsern und Halmen habt ihr gebissen. +Wie hat es geschmeckt. Endlich, endlich eine Speise, unmittelbar wie aus +dem Handteller aus der Erde, der alles tragenden gebärenden. Sie ist und +bleibt eben die Urmutter! Sie wird es ewig bleiben! Weh dem, der es +vergißt. Und dann immer mehr für euch. Krank seid ihr geworden, krank +durftet ihr werden. Die Wohltat des Fiebers, die Gnade der Schmerzen, +der Schlaflosigkeit kam. Diese Wonne! Kein Mensch, kein Herr, keine +Fabrik hat sie euch in solcher Fülle und Ausgewachsenheit schicken +können. Ihr wart selig im Gefühl: ich kann nicht schlafen, ich zittere +vor Fieber, der Schmerz zerreißt meinen Kopf, mein Kinn, meine Knochen. +Wie gut: niemand hilft mir, auf mich selbst bin ich gestellt, ich bin +ein Mensch, im Paradies, an der Brust der Natur. Und ich selbst, Ten +Keir, was hab ich Verbrecher getan? Ich laß euch aufgreifen! Verzeiht +mir, liebe Freunde. Wir hatten Sehnsucht nach euch! Wir geben euch bald +wieder hin an das Zauberreich. Denkt an uns Arme, die gesund und kräftig +sind, zu essen, zu trinken haben, warm angezogen sind. Die dies alles +erleiden müssen.“ + +Frau Atorai, füllig und ruhig, in rotem Samt, nickte, während man noch +lachte: „Wir haben sehr Entsetzliches verbrochen.“ Der unerschöpfliche +Ten Keir sprudelte: „Gott will uns strafen mit Milch und Honig. Die +Strafmethoden haben sich im Lauf der Jahrhunderte geändert. Die Menschen +haben sich auf Pech und Schwefel nicht gebessert, jetzt versucht es Gott +so.“ Frau Atorai unverändert ernst: „Und er hat recht. Wir bessern uns +schon. Aber noch nicht genug. Die Kur muß intensiver durchgeführt +werden. Ich fürchte, er wird gegen uns nicht vor dem Äußersten +zurückschrecken.“ „Was ist das, Atorai?“ Sie verdrehte die Augen, +spitzte den Mund: „Ich möchte gerne, – ich möchte gerne – je nach Laune +– Mann oder Frau sein.“ Sie tosten ein Gelächter. „Kommt!“ „Man hat +schon etwas läuten hören.“ Und im Lachen immer ernst Frau Atorai, den +Mund vorwurfsvoll spitzend: „Läuten! Ich möchte doch in diese Kirche +gehen. Bin so sündig.“ + +Die gute Laune der Belgier schlug um, als später der stille Londoner +Pember sprach. Es sei, gab der dicke von sich, über diese Leute nicht +nur zu lächeln. Man müßte in der Tat ihre Haut, ihre Köpfe, die Leiber +ansehen. Die seien nicht nur von der kurzen jämmerlichen Flucht so +ruiniert. Wovon seien diese Menschen wohl so ruiniert. „Nun“ forderte +ihn Ten Keir heraus. Pember schüttelte den Kopf: „Du mußt nicht so wild +und sicher sein. Wir haben in London die Dinge näher betrachtet als ihr. +Nicht freiwillig, sie kamen an uns heran. Ihr hättet sehen und hören +sollen, was sich am Ouseriver ereignete. Trübsal, die ich nicht +beschreiben kann. Fragt, ob die Menschen recht hatten betrübt zu sein.“ +„Und?“ „Das ist alles. Wie können wir das Elend beenden?“ Ten Keir +breitete hohnlachend, die Schultern hebend, die Arme aus: „Dazu sind wir +hier versammelt, den Jammer der Leute zu diskutieren! Wir werden sie +bitten, uns lyrische Gedichte vorzutragen mit Lautenbegleitung und Chor. +Dazu sind wir versammelt. Und unsere Städte? Wir, was wir treiben, +unsere Stadtschaften, das ist Schund! Was? Nichts! Nichts!“ + +Delvil und Pember schwiegen vor dem unerschütterlichen harten Belgier. +Auch die amerikanische Kommission, die von London den Engländern +nachgereist war, hielt vor den Belgiern still. Stachelnde Worte der +Brüsseler standen sie aus, Wutausbrüche des unbeherrschten Ten Keir, der +ein Pferd in einem Gespann war, in dem er nicht mitziehen wollte. Sein +Groll auf die Stadtflüchtigen. Die beiden Kommissionen hieß er jeden Tag +gehen, wo sie hingehörten. Die Fremden zitterten beim Gedanken an eine +Begegnung mit ihm. + +Man führte sie durch die Straßen Brüssels. Nach Norden die Häuserreihen +Anlagen Waldungen bis an die Schelde, das alte Antwerpen ausschließend, +die Schelde, die Brüssel im Westen bei der Vorstadt Oudenaarde +erreichte. Nivelles und Soignies die südlichen Ausläufer der +Stadtschaft. Man war nicht fern von dem Zentrum Mons. Halb widerwillig +ließen sich die Fremden über das prunkende Gebiet tragen; den Belgiern +weitete sich das Herz. In Sänften wurden die Fremden stundenlang durch +die gewaltigen Hallen getragen, ausgesucht demütige Menschen neben sich, +Bewaffnete im Zug. So fest war die Herrschaft der Belgier, daß sie sich +von Schultern auf Schultern in voller Sicherheit gleiten lassen konnten. +Dies Land hatte wenig Acker und Weide, Entartende Schwächliche wurden +rasch beseitigt; in das Land strömten immer Fremde. In den Hallen lagen +die erheiternden beglückenden Dinge. Es waren berauschende Schauhäuser. +Und was auslag stand jedem der Menschen zur Verfügung, die sich den +Herrschenden unterwarfen. Sie hatten außer den Gesetzen nichts +anzuerkennen als die wechselnde Arbeit und die langen Pausen. Damit +erhielten sich die Stadtschaften, erzeugten wie tropische Bäume ihre +Früchte im Überfluß. Die senatorischen Herren und Frauen blickten, durch +die Menge getragen, wenig auf die ausweichenden Menschen. Kundige +gewandte junge Wesen gingen neben ihnen, traten zu ihnen, Einpeitscher +und Einpeitscherinnen, Erforscher und Erfinder von Bedürfnissen, Wesen, +die Aussicht hatten, selbst Herren zu werden. Die Lichtmassen Teppiche +Kleider, erregende und einschläfernde Getränke, die Speisemischungen +Speiseerfindungen der Mekifabriken, Badewasser mit erregender treibender +einschläfernder Wirkung, Streichler Haucher für die Stirn die Backen die +Brust die Arme. Forschend und kalt fuhren die Augen der herrschenden +Männer und Frauen über die Dinge. Die Menschen standen gefangen davor, +lösten sich von dem Anblick schwer, als wären ihre Blicke angebannt. Der +stolze Ausdruck Ten Keirs, des üppigen, gegen Delvil und Pember. Der +Ausdruck hieß: „Welche Pracht, welche Wonne für Menschen.“ Delvil +dachte: „Was haben sie im Westen Londons geschrien, als sie die Hallen +abbrannten? Hin die Kerker, Festungen der Herren. So haben Schweiger +Krieger Schlangen gerufen.“ + +Am Abend dieser Fahrt hielten sie in einem unterirdischen Gewölbe nahe +einer Aufschließungsstelle der synthetischen Fabriken. Hier wurde +physikalisch und theoretisch gearbeitet. Mehrere der Senatoren hatten +ihren Platz, begrüßten die arbeitenden schweigenden erschreckt +auffahrenden Männer und Frauen, die von ihnen adoptiert wurden, wenn sie +kenntnisreich stark und stolz genug waren. An den Wänden waren magische +runde Lichtflecken, die von schwarzen Blenden umschlossen waren, Augen +bunten Lichts, die man verkleinerte verstellte verschob schloß. +Kristalle studierte man hier. Gesteinsstaub lag über den schwarzen +Tischen. Große Tafeln mit merkwürdigen Zeichen Pfeilen Zahlen hingen von +den Decken. Rasch schritt man durch, an niedrigen Türen vorbei, die in +tiefere Keller führten zu ganz abgesonderten, der Oberflächenbewegung, +den Wärme- und Lichtstrahlungen der Gestirne entzogenen Kammern. + +An einer bezifferten Tür hielt Ten Keir. Sie fuhren auf einem Fahrstuhl +abwärts. „Es braucht niemand zu wissen“ erklärte der sehr ruhig +gewordene Ten Keir in dem völlig leeren Raum, an dessen Wand eine Zahl +ungeöffneter flacher und hoher Kisten standen, „braucht niemand zu +hören, was wir besprechen. Vielleicht äußern die englischen und +amerikanischen Freunde, was sie zu sagen haben.“ Man kauerte sich hin in +dem Raum, dessen Schwärze von einem Lichtbüschel durchzogen war, das wie +aus einem Loch aus der Wand von einem Lichtfleck kegelförmig +ausgestrahlt wurde. Als nicht gleich einer sprach, fuhr Ten Keir, neben +dem Lichtfleck im Dunkeln stehend, fort: „Ich wiederhole, was ich gesagt +habe: freiwillig danken wir nicht ab. Man wird uns zwingen müssen. Wie +man das tun wird, will ich erwarten.“ Delvil: „Es wird dich und uns alle +niemand zwingen.“ „Dann bleiben wir.“ Seufzte Delvil, ließ die Schultern +sinken: „Es geht nicht. Wir kommen nicht weiter.“ „Wir kommen weiter. +Seht auf uns und ihr kommt weiter.“ Bittend sah sich noch Delvil nach +beiden Seiten um: „Will nicht ein anderer sprechen. Und will nicht, – +verzeih mir, Ten Keir, – ein anderer Ten Keir ablösen.“ „Für mich +braucht niemand zu sprechen. Meine Auffassung ist die der anderen.“ +„Aber wir kommen nicht weiter.“ Schrie Ten Keir, fuchtelte: „Delvil, +Euch ist nicht zu helfen. Wo stehst du eigentlich. Bist du auch ein +halber Paradiesbruder? Wo ist dein Herz?“ „Mäßige dich, Ten Keir“ bat +auch Frau Atorai. „Warum mäßigen? Ihr meint es ja auch. Delvil ist ein +hoffnungsloser Fall. Er zerrt und zieht. Er weiß nicht, was er will. Er +ist hilflos. Es ist ein Verbrechen, Delvil, in dieser Zeit hilflos zu +sein. Wenn du hilflos bist, tu wie White Baker.“ Heiser Delvil: „Rate +mir nicht. Laß mich aus dem Spiel.“ „Ich kann niemanden aus dem Spiel +lassen, der hier ist.“ Heiser Delvil: „Ich will, daß du mich aus dem +Spiel läßt.“ „Ah du grollst. Das ist ja recht. So kommst du zur +Besinnung. Ich denke, so wird es den andern Paradiesbrüdern auch gehen. +Dann werden sie sich wehren und dann wird sich zeigen, wer der Stärkere +ist.“ „Wer der Stärkere ist. Wer der Stärkere ist. Es ist nichts damit +geschafft, daß einer der Stärkere ist.“ „Weggerafft ist der andere. Und +damit ist es geschafft!“ „Nein es ist nichts geschafft.“ Ten Keir trat +an Delvil heran: „Was suchst du eigentlich hier. Bist du ein Spion?“ +„Sei still, Ten Keir. Ich bin bewaffnet wie du. Du tust mir nichts.“ „Du +bist in meinem Haus.“ Pember trennte sie mit seinem schwarzen kurzen +Körper. Als wäre nichts geschehen, näselte er phlegmatisch: „Wir sind +einig darüber, worin die Not besteht. Wollen wir nun unsere Stellung +dazu verhandeln.“ Delvil hob die Hand: „Ich bin schon ruhig, Pember. Wir +sind uns nicht darüber einig, worin die Not besteht. Wir sind uns nicht +darüber einig.“ Erstaunt wich der schwere Mann zurück, blickte hin und +her zwischen Delvil und dem andern. Triumphierend Ten Keir: „Laß ihn +also ausreden.“ Pember: „Ja. Willst du die Schlangen und die Schweiger +und wie sie heißen?“ Frau Atorai schlank und ruhig überlegen an der Wand +gegenüber Delvil, öffnete die lächelnden Augen: „Er will ja die +Schlangen.“ Mit plötzlich erschlaffendem Gesicht, klagend Delvil: „Das +weißt du nicht. Das wißt ihr doch nicht.“ Er sank auf die Knie, hielt +den gesenkten Kopf in den Händen; man hörte ihn schluchzen. + +Grimmig kehrte Ten Keir zu dem Lichtfleck zurück, knurrend: „Da ist es. +Er ist hin.“ Lächelnd und gleichgültig durch die Stille Frau Atorai: +„Laßt ihn sich ausweinen.“ + +Ein Mann bewegte sich neben Ten Keir seitlich von der Lichtquelle, +stellte die Iris des Strahls enger. De Barros, ein erst aufgenommener +Wärmeforscher, leicht eingedrückte Nase, aufgeworfene Lippen, dunkle +Hautfarbe. Er redete hart, ohne einen anzublicken: „Ich sehe, was Delvil +will. Die Dinge, die er bezweifelt, bezweifle ich nicht. Die Führung +durch die Stadtschaft sollte ihm zeigen, was wir verteidigen. Das ist +mißglückt. Wir geben uns aber nicht auf. Und dann: Es sind Hunnen vor +zwei Jahrtausenden gekommen, die alles wegrafften. Dann war Jammer und +alles begann von vorn. Wir lieben das nicht. Warum nicht? Wir wollen +nicht.“ „Eine einfache Rede, De Barros“, lächelte unverändert Frau +Atorai. Pember bemühte sich um den hingesunkenen Delvil: „Es scheint, +wir müssen unsere Unterhaltung abbrechen.“ + +Am frühen Morgen suchte Delvil Ten Keir auf, in dessen Haus schon De +Barros saß. Beide Herren finster. Delvil gab Ten Keir die Hand: „Ich bin +in deinem Wohnhaus und bin waffenlos.“ „Setz dich.“ Ten Keir wanderte, +stellte sich vor Delvil, hob die gefalteten gepreßten Hände vor die +Stirn: „Also – kapitulieren sollen wir? Kapitulieren. Weißt du, ich bin +nicht weit entfernt davon, mit dir die Rolle zu tauschen.“ Und knirschte +stampfte am Fenster, lachte gallig: „Gut, daß du gekommen bist. Hast du +dich nach den Amerikanern erkundigt? Sie schwiegen gestern so +ausdrucksvoll. Sie sind abgereist.“ Delvil zuckte: „Ach.“ „Was gibt’s zu +ächzen? Kannst jauchzen. Du wolltest den neuen Völkerkreis machen. Lauf +ihnen nach. Ich habe sie gleich erkannt. Sie sind reif.“ „Wozu.“ „Zum +Abdanken. Zum Kapitulieren. Eure White Baker sitzt ihnen in den Knochen. +Das sind keine Herren. Nicht einmal Diener. Das sind Hunde. De Barros, +ich schäme mich.“ Der stand, schloß vor Erregung die Augen: „Und ich. +Sie haben es nicht verdient an unserm Tisch zu sitzen. Es scheint, daß +nur wenig es verdienen. Dann müssen die wenigen Mut haben, die Tafel zu +säubern. Ja. Und den Platz zu behaupten.“ Ten Keir höhnte: „Eine große +Zeit, ein kleines Geschlecht. Nein, wir sind kein kleines Geschlecht. De +Barros, wir sind nicht klein. Jevaroz ist nicht klein, Frau Atorai ist +nicht klein. Für Gras werf ich kein Jahrtausend Gedanken hin. Wir können +die Zähne zusammenbeißen und kämpfen. Ich kann auch sterben.“ „Es wird +eine Schlacht geben.“ „De Barros, wir sind noch fest. Man wird versuchen +uns zu unterhöhlen. Wir werden es nicht so weit kommen lassen.“ Delvil +saß mit aufgestütztem Kopf: „Was wollt Ihr tun?“ „Der Uralische Krieg im +Land, Herr Delvil! Delvil“ er schüttelte ihn „die Augen auf. Es bleibt +nichts weiter übrig.“ + +Öfter trieb es Delvil und Pember durch die Versuchsanstalten der +Belgier. Sie sahen die Schar starker Männer und Frauen, gingen neben De +Barros. In manchen Augenblicken kam es Delvil vor, als wenn er träume +von einer Gefahr. Wie weit war White Baker, wie unbegreiflich, widerlich +diese Schlangen, Krieger, Barbaren, Marduks, Zimbos. Ob es nicht +wirklich richtig war sie niederzurennen. Aber auch hier schon das +Wimmeln auf den überdachten Straßen. Die vielen Tempel und Zauberer. Von +draußen schlugen Flüchtige Verirrte hinein. + +Die belgischen Senate gaben die Parole aus, heimlich zuverlässige +Stadtschaften zu gewinnen, sie sich anzuschließen, wo man sie finde, +schwächliche Senate durch Handstreiche zu stürzen, auf dem Festland, +später in Amerika; auch die afrikanischen Küsten zu besetzen. Ihre aufs +stärkste bewaffneten Vertrauensleute wiegelten französische spanische +italienische süddeutsche westdeutsche Stadtschaften auf. Man hörte von +Revolten in einigen dieser Städte, von Umsturz der Herrschaft, dem +Aufkommen neuer Senatsgeschlechter, die von den Belgiern geschützt +waren. In Brüssel Antwerpen Mons setzte die Erweiterung der +Mekifabriken, die Vervollkommnung der Waffen, Aufstapelung großer +Waffenmengen ein. Es gab Augenblicke, wo Delvil und Pember, die immer +wieder nach Brüssel zurückkehrten, unter den frischen Impulsen +aufatmeten. Die Belgier sprachen dann offen mit den Londonern. Ten Keir +hatte nichts weniger vor als die Besetzung Londons. Er verlangte mit +Einverständnis der belgischen Senate von Delvil eine bestimmte Erklärung +über die Maßnahmen, die gegen die drohende Vernichtung der britischen +Stadtschaften und zur Säuberung der englischen Inseln getroffen würden. + +London hatte diesen Schritt längst erwartet. Man konnte nicht +verhindern, daß geübte Scharen aus Belgien und Holland überführt wurden, +die am Bau neuer Fabriken und Waffenherstellung arbeiteten. Zeit +verlief. Delvil war nur fest in dem Entschluß geworden, nicht zu fallen +wie White Baker, die in London erschienen war und ihn ermahnt hatte, +sein Amt niederzulegen, das Rad des Geschicks nicht aufzuhalten. Sie +sahen sich an. Noch immer trug die sehr mager gewordene Frau weiße +Stoffe und wollene schwere Schultertücher, wie jene Ratschenila; der +knöcherne Krähenschnabel hing an ihrem Hals; sanft, ungewohnt zart +sprach sie zu Delvil, dessen Hand sie lange hielt. Er fühlte sich durch +Stunden verwirrt und unruhig nach den leise eindringlichen Reden, dem +Schweigen der früher so stolzen starken White Baker, die zum Krieg gegen +Marduk gerufen hatte. Unter Trauer wurde ihm klar: sie begriff nichts +von den Dingen, die auf dem Spiele standen, erinnerte sich nicht mehr. +Sie hätte die starken strengen belgischen Menschen und ihre Werke sehen +müssen. + +Schon verbreitete sich zu den Massen des englischen Landes im Westen und +Norden, was vorging. Sie berührten sich mit den eingeführten Völkern. +Die Angst der Siedler. Nur die kriegerischen Gruppen hörten mit Lust, +was der Senat bereitete; London wurde reif, wühlte sich sein Grab. Sie +sangen Lieder vom Schicksal Hamburgs Hannovers, von dem feinen +mißglückten Plan mit Zimbo, der märkischer Konsul geworden war. +Brandstifter schlichen zwischen die Häuserreihen. Die fremden Belgier +hatten so listige rohe Menschen noch nicht gesehen. Man war in einem +lautlosen von Woche zu Woche sich steigernden Krieg. + + * * * * * + +Damals trugen die friedlichen Schlangen eine Fabel mit sich herum. Es +gab ein fernes Land, das unter warmem Himmel mit fruchtbaren Bäumen in +tiefster Ruhe lag. Die Menschen glänzten und verblichen wie +Sonnenstrahlen. In diesem Land lebte ein großes sanftes Tier. Dicht und +schwarz war es von einem Pelz umhüllt. Es lagerte träge, ein Bär, in +seiner Höhle. Da drangen Ungetüme mit Wut, Wagen Waffen Geräte hinter +sich, in das Land. Mit Keulen und Beilen schlugen die Ungetüme auf das +träge sanfte Tier. Sein Fell war so dick, daß er nicht einmal knurrte. +Man stieß es und zwickte es mit feurigen Zangen: es zitterte, hob sich +auf. Als man die Höhle um den Bären zum Einsturz brachte, machte er sich +auf die Wanderung. Schleppte sich davon. An ein brausendes großes Wasser +kam er. Da konnten die wütenden Verfolger nicht nach. Das Tier war fast +blind, die scharfe Seeluft hatte es geschnuppert, warf sich aufs Wasser, +schwamm. Schwamm, bis es Klippen berührte und gegen eine Insel stieß. + +Und wie es in der Schlucht lag, fingen über ihm die Felsen zu wanken an. +Blöcke polterten in die Schlucht. Der Bär kroch hoch, kroch herum, +duckte sich, wußte nicht was war. Die fremden Ungetüme hatten die +Ameisen bestochen den Sand von dem Berg zu schleppen, die Felsen zu +untergraben. Ein junges Wiesel schlüpfte zwischen den Trümmern auf, lief +dem Bär voraus. Der Bär hielt den zappelnden Schwanz des Tierchens +zwischen den Lippen, das Wiesel kroch ans Meer, setzte sich steuernd auf +den Rücken des Bären. Der schwamm, schwamm. Bäume sah das Wiesel, eine +neue Insel tauchte auf. Sie gruben sich zwischen Schilf in die nasse +Ufererde ein. Am Abend dampfte es um sie, die Erde fing an warm zu +werden, von Stunde zu Stunde blies heißere Luft herunter. Das Wiesel +zuckte, warf sich quiekend um das große schwarze Tier. Das schnappte +lechzte stöhnte beengt. Die Ungetüme waren zum Himmel aufgestiegen, +hatten sich mit Leitern und Haken der gewaltigen Sonne bemächtigt, sie +gezwungen, die Insel zu erhitzen. Die schmolz schon dahin. In einem +feurigen Brei lag der Bär. Mit trockenem Rachen, nach Luft beißend, +schob er sich hoch. Sein Fell flammte. Er brach die Grube auf. Sprang +und rannte. Wo war das Wasser, das Wasser. Das Wiesel lief nicht mit, +der Bär hatte es nicht retten können, hatte es selbst von seinem Rücken +in die Glut aufgeschleudert. Brüllend trieb er vorwärts, drehte sich, +stand auf den Hinterbeinen vor Schmerz. Die Glut hetzte ihn. Der kalte +Wind fuhr an. Da war der Wind. In das Meer stürzte das große Tier von +einem Felsen. Winselte im Fall, wollte nicht mehr schwimmen, wollte +hinuntertauchen auf den Meeresgrund, ertrinken. + +Ein grüner Wassergeist sprudelte auf, wie er das Meer berührte. +Bespritzte sein Fell. Die Schmerzen des Bären ließen nach. „Ich will dir +zeigen“ sang der Wassergeist, „wohin du schwimmen sollst. Du kannst +allein hinfinden. Du mußt weiter schwimmen, nach Norden, wo es eiskalt +ist, wo kein Sand ist, wo auch nichts wächst. Wo die Sonne nicht scheint +und immer Nacht ist, dahin mußt du schwimmen.“ Der Bär grunzte müde und +lahm. Er lag auf dem Wasser, ließ sich treiben. Sein schwarzer dicker +Pelz wuchs wieder, wie ihn die Wellen trugen Woche auf Woche. Es war +finster vor seinen halbblinden Augen. Jetzt spürte er manchmal eine +leichte Helligkeit. Er schwamm ihr nach. Vom weißen unermeßlichen Eis +ging die Helligkeit aus. Er stieg aus dem Meer, schüttelte sich. +Trottete, den Kopf abwärts, über die Eisplatte, vor eine Grotte, die +eben zufror. Da kroch er hinein, legte sich. Er lag völlig ruhig. Keinen +Schritt kam er über das Eis. Nur wenn er Hunger hat, bricht er ein Loch +in die Grotte, fängt sich Fische auf dem Meer. + + * * * * * + +Die Siedler trugen das Märchen herum. Es mochte mit dem bewunderten Zug +der Stadtflüchtigen Amerikas nach Labrador, an die kalte Hudsonbai +zusammenhängen. Sie wollten fort von den Stadtschaften. Krieger griffen +London an, andere Siedler suchten sie zu hindern. Die Furcht vor einer +zerstörenden Entladung der Stadtschaft wuchs. Währenddessen trieb sich +Delvil, bitter, ratlos, auf den Chittern-Hills herum. Die Sehnsucht, der +angstgetriebene Wunsch nach einer Ferne, Fremde war allgemein. Diese +Menschen ernst, sanft, viele krank und entstellt, stumme Arbeiter, +fröhliche Beter. Von Marduk sprachen sie zueinander, aber nicht von dem +gefährlichen Konsul; nur von seinem Ringen mit der armen hilflosen +Balladeuse, von seiner Freundschaft mit dem weißen Jonathan, und der +Liebe zu der süßen rettenden Elina. + +Eines Mittags, wie Delvil aus dem verschneiten Bedford aufbrach, um in +die Stadt zurückzukehren, lief eine weiße Katze im Sonnenschein vor +seinen Füßen. Lief den Feldweg hin und her, im Blitzen des Lichts, saß +leckte sich das Fell. Sie mußte sich verlaufen haben. Oft verschwand +sie, dann kehrte sie zu ihm mit langen Sätzen zurück. Sie schnurrte +putzte sich am Boden zu seinen Füßen. Es zuckte in ihm auf. Seine Augen +weiteten sich. Ein Frost lief über ihn. Man mußte die Menschen +wegführen, wo sie Ruhe hatten. Man mußte sie weit weg in Sicherheit +bringen. Mit einmal dachte es so in ihm. Die weiße Katze saß auf seinem +Stiefel. Er stand still, bückte sich zögernd herunter, strich über ihr +Fell. Sie krümmte den Buckel hoch, blieb ruhig. Vorsichtig richtete er +sich auf. Sie huschte davon. Er schleifte ihr nach. Man mußte die +Menschen in eine ferne Sicherheit bringen. + +In London sprach er es aus. Man verstand ihn schwer; was sollte man mit +lächerlich humanitären Gedanken, während man bedroht war. Nur Pember, +der schwere, achtete auf. In Brüssel hörten sie ruhiger zu. Man konnte +die Städte von den Neuerern befreien. Man konnte den Städten ein +Abflußbassin verschaffen. Ein sehr entlegenes Abflußbassin, ein Land für +Deportationen. Delvil hatte volle Sicherheit; seine Krise hatte er in +Bedford überwunden. Er zeigte den Belgiern: die Stadtschaften verlangten +nach Bewegung Aufschwung. Von der Beseitigung der Unruhe, der Bedrohung +zu schweigen. Sie könnten jetzt ihre Kraft zeigen. Anders als im +Uralischen Krieg. Das Land, das fern von den westlichen Städten liegt +und den Siedlern alle Ruhe gibt, sollten die Stadtschaften selbst +schaffen. Es mußte ein Becken für neue kraftvolle Menschenrassen werden. +Wohin also, zweifelten die Brüsseler. Delvil: Man könne sie nicht +führen, wohin sie nicht wollten. Man müsse ihren Sinn ergründen. Es gäbe +eine Fabel unter ihnen. „Der schwimmende Bär“ schmunzelten die +Senatoren. Sie wollten, sie drängten nach Norden; dort müsse man ihnen +ein großes Land schaffen. Die Belgier blieben im Staunen. Es war ein +Experiment, das der Londoner zeigte. Delvil war in Nöten. Sein Plan war +kurios, aber nicht schlecht. + +Und der schlanke Mann brachte mehr Menschen in sein Netz. Er sprach erst +von Rußland, das man den Siedlern geben sollte. Dann wurde er +phantastischer, und nun wurde er allen, die ihm von den wegekundigen +Fachleuten, den Kopf stützend, zuhörten, erregend. Er wies auf ein Land, +das man an einer hochnördlichen Stelle des Stillen Ozeans westlich vom +amerikanischen Kontinent aus dem Meer graben müßte. Es müsse ein neuer +Erdteil geschaffen werden. Die Stadtreiche werfen dahin ihren +Menschenüberfluß und ihr krankes Material ab. Die Belgier waren +fasziniert: Einen Erdteil, ein ganzes Land aus dem Ozean graben; das war +ein Plan. Er wirkte so stark, daß die Brüsseler, als sie die Sache +verzaubert unter sich erörterten, Kontinentale aus anderen Stadtreichen +herbeiriefen. Wollten die der Wirkung dieses kolossalen Einfalls +aussetzen. Und auch hier Staunen Erregung Blendung. + +Zu den Siedlern auf dem Kontinent, den britischen Inseln lief das +unglaubliche Gerücht, von Brüssel her verbreitet. Wie die Siedler +erschraken. Das war der Angriff; es war die Art, wie die Senate sich den +Frieden dachten. Aber dann sah man: Sie wollten die Siedler schonen. Man +würde bewahrt werden vor ihren Waffen. Man konnte ausgerottet werden; +die Stadtreiche dachten an Siedlung. Die grausamen Senate suchten die +Gedanken der Neuerer selbst zu denken. Es war ein Nachgeben, Erweichen +der Senate. + +Noch ehe Bestimmtes bekannt wurde, schliefen die Überfälle auf die +Londoner Außenstädte ein. Und über die Stadtreiche legte sich ein Bann. +Man wurde träge mit der Waffenherstellung, der Ausdehnung, dem Aufbau +alter Fabriken. Wartete auf etwas Neues Geheimnisvolles. Man spannte +sich. Ein eigentümliches Hin und Her zwischen den friedlichen Zentren +den Stadtschaften und den weiteren Siedlungen, begann. Man trat fragend +zueinander. Erregt horchten die nomadenhaft Wandernden. Die träumende +Erzählung der Schlangen von dem Tier in der fernen Eishöhle wehte über +die britischen Inseln nach dem Kontinent. Die Senate sannen. Sie +fühlten, eine glückliche, ja wunderbare Lösung gefunden zu haben. Man +stand an einem Wendepunkt. Das Siechtum der nachuralischen Zeit würde +beendet werden. + +Man war noch im ungewissen über Einzelheiten des neuen Plans. Als eines +Tages bei einer Beratung zu London das Wort Grönland fiel und +augenblicklich die Seelen bezwang. Der Schleier war gefallen. Das +Zauberland. Wer das Wort ausgesprochen hatte, war bald vergessen. Delvil +hatte es im Moment ergriffen, als erster die Fahne geschwungen. Er war +vom Augenblick an, wo bei Bedford das weiße verirrte Kätzchen vor ihm +sprang und ihn erlöst hatte, der entschlossenste von allen. Er sprach zu +den aktionsgierigen Gruppen seines Senats: man wisse nun, dies werde das +Ziel sein. Man werde es erforschen. Man werde einen langen Anlauf dahin +nehmen müssen. Das Ziel sei da, für die Senate und die Feinde der +Städte. Der Federball sei auf den Boden geworfen, er werde springen. Der +Völkerkreis würde auf neuer Grundlage entstehen. Der Glanz einer +heldenhaften Arbeit werde sie vereinen. Die Städte würden den Erdteil +Grönland schaffen. Man werde sehen, was der neuerstarkte Menschengeist +leisten könne. Seine ursprüngliche Glorie würde der in den Stadtschaften +eingekrustete Menschengeist beweisen. Nie hätte er es dringender nötig +gehabt, sie zu beweisen. Aber von dem, was jetzt geschehen würde, würden +Jahrtausende sprechen. In Hader hätten alle Menschen seit dem Uralischen +Krieg gelegen. Ihre Kräfte seien inzwischen, das wisse er, nicht +verkümmert, nur geschwiegen hätten sie. Sie würden auf eine nie geahnte +Art den Mund öffnen. + +Und über die Siedler ergoß sich Frieden. Wenig mißtönende warnende +höhnende Stimmen; sie wurden unterdrückt. Das Lachen der Krieger: man +hätte Land genug. White Baker erschien in London bei Delvil; sie war +erregt. Faßte den Mann bei den Schultern: „Was wollt Ihr tun? Das Meer +ablassen, die Gletscher zertrümmern? Ich trau’ es Euch zu. Es ist +entsetzlich. Wer drängt Euch dazu? Doch nicht wir! Wir sind es nicht, +Delvil, sag nein.“ „Es geschieht für Euch.“ + +Sie rang die Arme: „Sag nein. Beim Himmel, bei der Erde, Delvil, sag +nein. Es ist entsetzlich. Laß die Erde ruhen. Sieh doch an, was habt Ihr +schon –, ich mit –, an den Menschen getan. Wie sehen sie aus, wie gehen +sie zugrunde. Wie geht Ihr zugrunde. Was habt Ihr im Krieg in Rußland +getan.“ „Es ist nicht dasselbe.“ „Dasselbe, Delvil. Es ist abscheulich, +grausig, was Ihr vorhabt. Tut es nicht, rede es ihnen aus. Nicht für +uns.“ Delvil finster: „Es gibt nichts anderes. White Baker, du weißt +nichts. Es gibt nur: zurück zu Euch oder der neue Plan.“ „So schlag doch +zu. Töte doch alle. Glaubst du, du rettest – Euch damit?“ „Uns?“ „Ja, es +ist nur für Euch, was Ihr plant! Uns nennt Ihr nur. Wir wollen Euch gar +nicht. Wir brauchen Euch nicht. Und es nützt Euch doch nichts.“ Delvil +zog sich murmelnd mit hängendem Kopf von ihr zurück: „Ich dachte, du +würdest anders zu mir sprechen.“ „Du sollst uns töten. Greif Zimbo und +Alaska an. Ihr könnt es doch.“ „Still, White Baker.“ „Ihr seid +erbärmlich. Ihr wollt Euch unter zehntausend Pyramiden begraben. Wären +die Städte schon weg.“ + +Leise Delvil: „Geh. Geh.“ + +Unter der starken Herrschaft des schwarzen Zimbo stand das +märkisch-norddeutsche Land. Nie war hier Bangigkeit gewesen. Von rohen +Menschen war das große Gebiet erfüllt, längst kannte man keine +Mekispeisen mehr. Mit Verwunderung und Verachtung vernahmen sie hier von +den Träumen der britischen Siedler, der Sehnsucht nach dem fernen +Paradies, hörten die sonderbare Fabel. Die fremden herrschsüchtigen +Senate sahen sie sich straffen. Sie spitzten die Ohren, warnten die +Horden auf den britischen Inseln, rieten ihnen zum Krieg. Unbemerkt von +London trat Zimbo, in dem die Wut kochte, bei Bedford im Frühjahr selbst +vor White Baker und Diuwa, die Führerin der Schlangen. Fragte vorher +nach Männern; man wies ihn an diese Frauen. Grollend mußte er mit ihnen +verhandeln. White Baker weinte bei der Besprechung, aber sie waren zu +nichts bereit. Sie zeigten auf die furchtbare Stärke der Belgier, auf +die bewiesene grausame Entschlossenheit und ihre eigene Hilflosigkeit. +Ob man es auf einen ganz aussichtslosen Waffenkampf ankommen lassen +sollte. Zimbo brüllte: „Ja ja“; die Senate würden unterliegen; sie seien +schon erlegen in Amerika, da liefen sie den Stadtflüchtigen nach. Man +müsse sie unterwühlen, zuletzt erliegen sie hier auch. Und immer +dieselbe bettelnde Entgegnung: „Wir sind nicht stark genug, wir sind +keine Krieger. Nur Schwache Kranke sind bei uns. Es braucht Jahrzehnte, +bis wir uns bewegen können.“ + +Mit Abscheu sah Zimbo, wie er sich von den trüben Frauen trennte, daß +sie recht hatten. Er überlegte, ob er einige seiner tapferen Freunde +hier einsetzen sollte. Aber wie er das sanftmütige hingegebene Gebaren +in den Gruppen beobachtete, zog er sich angewidert zurück. Diese +Menschen mußten durch eine harte Schule gehen. Die Herrschaft eines +Marke und Marduk war ihnen erst nötig. Er flog nach Hamburg. So stark +war damals das märkisch-norddeutsche Land, so verändert die Bevölkerung, +daß nur noch Zimbo und seine Gehilfen westliche Waffen um sich hatten. +Das Volk war rüstig kriegerisch gefürchtet. Was sie nicht in Schmiede +und Zimmerwerkstätten mit der Hand und dem Feuer hervorbrachten, +verachteten sie. Zimbo ließ alle aufklären über die drohenden Gefahren. +Keinen Schrecken sah er. Die jetzt nicht mehr brüllenden metallenen +Stiersäulen wurden mit frischem Laub bekränzt. Vor der Steinnische, in +der angekleidet der Leib des großen weißgesichtigen Konsul Marduk mit +einem Holzszepter saß, wurden bunte Wimpel aufgezogen. Zimbo selbst +legte unauffällig zwischen den einsinkenden Stadtresten von Hamburg und +Hannover Waffenlager an. + +Die Massen der westlichen Erdteile horchten auf. Die Fahrt nach Grönland +sollte beginnen. Im Norden lag das große ruhige Land, der neue +Kontinent, der für sie aus dem Eis, dem triefenden Ozean, der schweren +Nacht gehoben wurde. Friedlich würden sie dorthin ziehen erstarken +genesen. Die Herren, die Gewaltigen der Apparate, ließen von ihnen. +Ungestört würden sie sich über die weichen aufgetauchten Bodenflächen +bewegen, unter aufsprießenden Bäumen Pflanzen, zwischen Tieren, +flatternden Vögeln, das Licht der alten Gestirne vom Himmel. + +Die Stadtschaften trafen ihre ersten Vorkehrungen. + + + + + Sechstes Buch. + + Island + + +Der Plan der Enteisung Grönlands wirkte wie ein Bergsturz erschütternd +auf die Städter. Ein an Grausen grenzendes Staunen warf die Gedanken um. +Ingenieure Physiker vertieften sich in den Plan. Die Senate nahmen +überall vollzählig an den Erörterungen teil. Man hatte das Gefühl vor +einer Entscheidung der ganzen Existenz zu stehen. Die Senate spannten +sich, waren auf der Hut, wie bei der Freigabe der synthetischen +Ernährung. + +Die Fachleute hatten vor, die beispiellose Gewalt der schmelzenden +Gletscher für sich arbeiten zu lassen. Sie griffen weiter aus; man +wollte bei der Enteisung Grönlands nicht stehen bleiben, sondern eine +klimatische Änderung der ganzen nördlichen Halbkugel herbeiführen. Man +mußte im Verlauf der grönländischen Affäre zu ungewöhnlichen +ausgedehnten Heizmaßnahmen greifen; es lag kein Grund vor, sie auf +Grönland zu lokalisieren. Man konnte die Attacken ausdehnen auf die Zone +der arktischen Länder mit Spitzbergen Nowaja Semlja Baffinland +Grantland, den Perryinseln. Delvils physikalischer und hydrographischer +Berater, Escoyez, ein aus Spanien gebürtiger Mann mit berberischem +Einschlag, ein halbes Wasserwesen, der in selbstkonstruierten Gehäusen +abenteuerliche ozeanische Tiefen durchsuchte, schlug eine Änderung im +Salzgehalt der atlantischen Gewässer vor. Er hatte die Golfstromdrift an +der englischen und skandinavischen Küste studiert. Er meinte: der warme +Golfstrom ist reicher an Salz als das Meereswasser, das er durchfließt. +Die treibende Kraft der Golfstromdrift selbst ist der Wechsel der +Jahreszeiten: die sommerliche Wärme dehnt das Salzwasser aus, schwemmt +es, gießt es über das kalte. Das ist alles, das ist die Drift. +Salzwasser reißt aber Salzwasser, eine Zähigkeit die andere mit. Man +möge die warme Wassermenge, die vom Äquator dem Norden zuströmt, +vermehren, indem man das große ozeanische Flußbett selbst mit Salz +anreichert und zwar vom Boden aus. Die Meeresböden in der Nachbarschaft +der großen Drift werden in weiten Abständen aufgesprengt, das +hochgehende Gestein zertrümmert. Der Auslaugungsstoff, Chlornatrium +Magnesium Magnesiumsulfat schwefelsaurer Kalk Chlorkalium kohlensaurer +Kalk, geht in das Wasser über. Man hat das Bett des Golfstroms durch +solche salzspürende Sprengungen systematisch zu erweitern, von den +Küsten Kubas Floridas Neufundlands an. Der sommerliche Andrang, die +Überschwemmung mit warmem salzreichen Wasser, die Transgression, das +benachbarte Salzwasser mitreißend, wird an Umfang verzehnfacht, wird +sich weit über die Nordsee und Neufundland erstrecken. Escoyez, das zähe +braune Wasserwesen, erklärte: man hätte eigentlich nur nötig, den +äquatorialen Kochtopf zu vergrößern. Wenn die Leutchen in Grönland bis +jetzt frieren und auf Spitzbergen kalte Nasen hätten, so dürften sie +sich darüber nicht wundern. Wer glaubt, die Natur ließe den Menschen +gebratene Krammetsvögel in den Mund fliegen, irre sich. Freilich zeuge +es im Grunde nur von der fürchterlichen Stupidität des Menschen, daß er +sich mit Klima und anderen irdischen Dingen wie mit göttlichen +Verordnungen abfinde. Es gibt auch eine göttliche Verordnung, daß man +verhungert, wenn man sich sein Brot nicht holt. Es gibt auch eine +göttliche Verordnung, daß man seinen Verstand gebraucht. Wie man sich +bettet, so liegt man. Der Spottvogel meinte: das gelte auch vom Fluß in +seinem Bett. Aber nur bis jetzt. Man kann göttliche Verordnung beim +Flußbett des Golfstroms spielen. Der Golfstrom werde nicht schlauer sein +als die Menschen. Man streut ihm Salz auf den Schwanz, und dann kommt er +schon und macht piep. Hinter den Scherzen Escoyez’ stand kalter Ernst. +Man ließ ihn und seine Mitarbeiter Karten entwerfen, Schürfungen +vornehmen. Vor allem, man ließ ihn das bezaubernde Gerücht von der +Veränderung des nördlichen Klimas verbreiten. + +Die Augen anderer Männer hingen an Grönland, an den niedergehenden +Gletschern. Ihnen war gleichgültig, was aus dem neuen Erdteil wurde und +was von dem ganzen Plan gelang. Sie dachten nur daran, wie sie die +entbundenen Gewalten angreifen sollten. Die Gewalten, die sie sich gar +nicht ungeheuer genug vorstellen konnten. Sie stellten Rechnungen an +über Umfang und Gewicht der niedergehenden Gletscher, der zu Tal +steigenden Lawinen, über ihren Inhalt an drängender Wassermasse. Die +rasch ins Meer stürzende Menge mußte ein abenteuerliches Gefälle, ein +noch unausdenkbares Triebwerk darstellen. Techniker der Kraft warfen +sich über Pläne zur Ausnützung der grönländischen Gefälle. Sie erregten +den Kreis der Senate leidenschaftlich. Man kannte Lawinen, +Lawinenstücke, die niedergehend durch den bloßen Luftdruck starke Wälder +umbrachen. Hier sollte im Umfang eines Erdteils, der Australien +gleichkam, zu etwa gleicher Zeit ein Lawinenfeld niedergerissen werden, +wie es kein Kontinent hatte. Das Gefälle durfte nicht verpuffen; es war +absurd, Lawinen und ganze Meere unbezwungen in den Ozean stürzen zu +lassen. Sie mußten gefaßt werden, ihre Kräfte hergeben. Es war +gleichgültig für welche Zwecke sie sie hergaben. Niemand im Brüsseler +Senat, dem der alte phlegmatische Danois aus der Gruppe der +Krafttechniker berichtete, fragte danach. Niemand dachte an das Wogen +und Träumen der Siedler. Gewiß war, daß man die ungeheuren Gefälle rings +um den grönländischen Kontinent bezwingen mußte. Das Pferd durfte nicht +aus der Wildnis jagen ohne gebändigt zu werden, mochte man auch Überfluß +an Kräften haben. + +Ehe noch ein Plan durchgearbeitet war, fühlte man in den Stadtschaften +den ängstlichen Drang, alles von sich zu geben und über die benachbarten +Völker hinzubreiten. Es war wie eine Sicherung, ein Verlangen sich +anzuschließen, ein hinsinkendes Gefühl: wir wollen nicht allein sein. +Über die Stadtschaften der nördlichen Kontinente flitzten Agenten der +Senate; heftiges immer wiederholendes Erzählen Berichten Ausmalen Hin- +und Herhorchen. Überall leuchteten Augen auf. In Algerien lösten sich +aus der Landschaft um Konstantin und südlich des Atlasgebirges vom +Gestade des Schottdjerid magnetisch gezogene arabische Scharen, zogen +nach dem Norden. Aus Sizilien, aus der noch wimmelnden Stadt Raha +südlich der saharischen See am Niger stiegen dunkle Gandus auf; mit +ihren Flugwagen durchschnitten sie die Luft, ließen sich in London +nieder. Ein Zucken ging durch sie, wie sie sich niederließen, genauer +hörten, was geplant wurde. + + * * * * * + +Vor der schottischen Nordküste zackten übersprühte wüste Steininseln aus +einem tobenden Meer: dort war der Sammelplatz der Schiffe Maschinen +Menschen. In London Brüssel zentrierten sich die Ingenieure Mathematiker +Physiker Geologen und ihre Gehilfen. Sie wehten immer von neuem Pläne +über die Menschen, lockten erregten. Alle sahen die Erscheinung +Grönlands, des Erdteils, der hinter Meeresbergen stand. Die Meeresberge +waren niederzuwerfen wie Quadern einer Burg. Grönland war eine +verwunschene Prinzessin, von Drachen umgeben. Die Berge sanken; etwas +Stolzes, ein Fabelbild würde sichtbar werden. Niederbrechen von Eis auf +tausenden Quadratmeilen, Auftauchen einer alten verhüllten Erde. + +Schon begannen im Frühjahr die ersten vorbereitenden Arbeiten, die auch +den letzten Teil des kommenden großen Kampfes bedachten. Sie fingen an, +in Talsenken von Wales, im Flachland bei dem belgischen Nivelle Fabriken +anzulegen, in denen sie Kraftspeicher bauten für die elektrischen und +neustrahligen Kräfte, die aus dem niedergehenden Eisland zu gewinnen +waren. Käfige für Vögel, die gefangen werden sollten; Riesennetze; die +Schmetterlinge sollten vom Ozean herübergejagt werden; Europa und die +Hitze würden über sie kommen. In die lehmige holländische Erde gruben +sie Wälle Dünen Betonkanäle, als hätte man vor, für Untiere Fallen zu +bereiten. Sprengten an der Irischen See in den Berwynbergen dem Deefluß +folgend Gänge Höhlen, kilometerlange unterirdische Läufe in die Felsen +zur Aufnahme der Unwesen, die man fesseln wollte. Wie Garben auf dem +Felde wuchsen Gebäude in Chester Stafford Dembigh. Zwischen den +Siedlungen der Stadtflüchtigen zogen sie sich hin, die sie mit Blättern +Steinen geheimnisvollen Sprüchen schmückten. Im Brabanter Tiefland, an +der wühlenden Maas, neben dem feuchten Flußbett des breiten +wasserwälzenden Rheins wurden versenkte Gewölbe, flache Anlagen +errichtet. + +Zu einer Hochzeit bereitete man sich. Man warf sich in Plänen. Die lange +düster enthaltsame Zeit hatte eine Unmasse Erfindungen reif gemacht. Das +Einfache umging man; Kräfte wollten sich zeigen; man machte Proben auf +die Dinge, die man vorhatte. In den Stadtschaften erinnerten sie sich +des Märchens vom ägyptischen Pharao: sieben Kühe magere Jahre, sieben +Kühe fette Jahre. Es galt Vorratshäuser für eine endlose Zeit zu bauen. +Neue Kräfte würde man finden. Jetzt würde das menschliche Vermögen +entbunden werden, sich unerhört über die Erde tummeln und die Arme +wiegen. + + * * * * * + +Das atlantische Wasser schwemmte zwischen den langgezogenen Küsten +Amerikas und denen der östlichen Kontinente. In die ungeheure Spalte +zwischen den auseinandergezerrten Erden warf es seine flüssigen Massen. +Die Gneisgebirge von Kanada und Labrador jenseits waren gelöst von den +schottischen Bergen. Zerfetzt zerbröckelt standen die Inseln an der +schottischen Spitze, Shetland und Orkney. Hundert Inseln die Shetlands. +Sie stiegen aus dem bleiernen rollenden Wasser auf der unterseeischen +Scholle auf, die die irische Erde, das gebirgebestandene englische +Hochland, die Ebenen des Südens trug. Nach den Shetlands nahmen die +Schiffe der westlichen Stadtreiche ihren Kurs. Am sechzigsten +Breitengrad in den Buchten des Mainlandes legten sie an. Immer neue +Fahrzeuge liefen ein. Hohe Flut rollte über die spitzen Schären. Die +Ebbe entblößte die Tausende schwarzen Klippeninseln, die ihre Zähne, ihr +Steingebiß zeigten. Dann begrub sie das anspielende anwankende türmende +überkippende überprasselnde Wasser, Gischt über sie wehend. Über den +stein- und muschelrollenden Strand, die wilden Felsstapel der Ufer warf +sich die Brandung. Es war eine Haarsträhne des Meers, das draußen seine +Brust zeigte, sich zur finsteren Erde niederbuckelte. Klirrend schlug +das Wasser mit Steinschotter gegen das entblößte Land, wusch rieb +knirschte wühlte mahlte. Es zermürbte die Vorsprünge Kanten Ecken +Zungen, um draußen im Freien sich huldvoll zu wiegen, hin und her, +Ozean, breites hundertmeiliges atlantisches Wasser, schwarzes +festverbundenes Wesen, in sich vergittert wellenüberlaufen sich hebend. +Am Rand der kleinen Klippen Inseln Festländer nahm es sich hundert Meter +Tiefe zum Hinwogen und Wühlen, dann stieg es tausende Meter in das +Lichtlose herab, hing an den Rändern der Steinsockel der Erde herunter, +gleichmäßiges rieselndes schiebendes Wasser, vom dünnen Wind überzogen +gekräuselt gedrängt, von fliegenden pfeifenden Tieren überflattert, von +Fahrzeugen geritzt, von Schrauben Rudern Rädern gestreichelt. Menschen +über seinem Rücken. Mit der Luft war es im Gespräch. Donner und Heulen +um Riffe, Wirbeln um Schiffe. Drohendes Murren Rollen Strudeln Gurgeln +Klatschen Schlingen Schlenkern Bersten Zerknattern Zerschellen loderndes +Zerknallen unter der wolkenverhüllten Sonne, Plätschern Peitschen +Schwingen an der Sonne, Aufheben in die Wärme, Aufdunsten Schmelzen +wolkiges Vergehen an der weißen hochstrahlenden Sonne. + +An einem Maitage gab Kylin, ein Mann, der an den skandinavischen Fjorden +aufgewachsen war, das grüne Lichtzeichen vom Hauptmaste seines hohen +Schiffes. Da ließen die zweihundert ersten Fahrzeuge den sechzigsten +Meridian, die steilen Abhänge des Simburg Haad. Nach einer Stunde +verschwand der Gipfel des Rona auf Mainland. Das Surren und Schwirren +der letzten Vogelberge verklang. Hinter ihnen lagen Munkle Roon und +Toul, die zackigen Inseln Yell Haskosea Samphyra Fellar Uya Umst. + +Eingehüllt waren sie, schwebend auf zweihundert Schiffen, Boden aus Holz +und Stahl, in das sanfte Sausen des Windes. Plätschern klang herauf. +Murren aus der Ferne. + +Eingehüllt, eingerundet waren sie. Oben schoben sich dünne flattrige +Wolkenbänke. Die weiße mit Blitzen im Wasserspiegel aufgefangene Sonne. +Im Flinkern Glitzen Scheinen schwebten sie. + + * * * * * + +Sechzig Kilometer Sauerstoff-Stickstoffwellen, Meilen Wasserstoff +wirbelte der Erdball durch den schwarzen kraftdurchfluteten hauchfeinen +Äther. Der höchste Saum der gasigen Masse schlierte, verlor sich wie +Dunst einer Fackel. Kein Ohr hörte das Schlürfen Schleifen, das seidig +volle Wehen an dem fernen Saum. Geschüttelt wurde die Luft im Rollen und +Stürzen der Kugel, die sie mitschleppte. Lag gedreht an der Erde, +schmiegte sich gedrückt dem rasenden Körper an, wehte hinter ihm wie ein +aufgelöster Zopf. + +Der Unband von Feuer, die einäschernde Hölle alles Kriechenden +Fliegenden Hüpfenden, die Sonne in abenteuerlicher Ferne durch den +eisigen Äther hin. Das weiße wallende Flammenmeer. Durch die Wolkenbänke +flimmerte es, wärmte. Das feuertosende weiße Flammenchaos stand wie eine +brennende Stadt in der Ferne still, Brand, der nicht ausbrannte. Die +Erde zog um das Chaos herum. Gasmassen, sternenweit dunstend, strahlend, +warf die kochende Sonne von sich, zog sie wieder an. Eine klirrende +Geistererscheinung stand sie, in der Finsternis, die von ihr abwich, +geballt andrang. Metalle brannten in ihrem Leib, metallene Wolken fielen +auf sie zurück, Zink Eisen Nickel Kobalt, die sich durch die Gesteine +der erstarrten Erde zogen, Barium Natrium. In Schlacken fielen sie +zurück. Fackeln brunsteten auf; im Wirbel wurden sie aus dem Flammenmeer +herausgekehlt, gestoßen in den vibrierenden Äther, glühender +Wasserstoff. Siebzigtausend Meilen erhob er sich. Der Sonnenleib +spritzte nicht, wenn die Güsse in ihn zurückschossen, wiederschmelzend +aufglühend. Wie ein Ährenfeld unter dem Regen beulten sich die +empfangenden stehenden Flammen, strafften sich. Kein Donnern ging von +den Urgewalten aus. Kein Bergsturz und Orkan bringt solch Geräusch +hervor wie die lebend hinziehende Sonne. Das rasende Flammenmeer, +gleichmäßig brodelnd und siedend, explodierend und Garben werfend, – bei +seiner Annäherung würden die Planeten veraschen und verdunsten, – mit +seinem Tönen verschlang es jedes ferne und nahe Geräusch. Dies +millionenfach gesteigerte Zischen und Zirpen von Zikaden. Dieses +Zwitschern der Metalle. Dazwischen das nie verhallende Klatschen +Trommelwirbeln, das sich rasselnd über erdweite Glutmassen fortpflanzte +und hinter allem Gebrüll lagerte. Strontium, das hell purpurrote, +Magnesium, gequetscht unter den schweren Gebirgen der Erde, Gluthauch +neben Gluthauch, frei blühend und lodernd die Urwesen Helium Mangan +Kalzium, leuchtend weiß blendend in Lichtern, für die keine Augen sind, +unter denen die Farben auslöschen. Strahlend gasend das hunderttönig +zwitschernde Feuermeer, die fackelschleudernde Urwelt im Äther. + +Fern von den Wallungen Stürzen Strömungen Bränden der Sonne die kleine +graue Erde. Wie ein Wiesel über das Feld lief sie. Von Dünsten, nassen +Dämpfen war sie umgittert, von einer Schlackenkruste ihre Glut umfaßt, +von Meeren Flüssen Eis belagert. Keine Wolken der glühenden Metalle +prasselten, von ihrer Wildheit geprescht, auf sie nieder. So wie ein +Glaser den Kitt mit Gewalt auf das Holz und das Glas drückt und sie +halten fest, wie eine Faust den Schnee ballt, zwischen gekrümmten +Fingern und Handteller umschließt, zu einem harten Ball preßt, der +Schnee flattert nicht mehr: so war die Erde verglühend, sich hilflos +abstrahlend von dem Äthereis angefaßt, gab knirschend nach. Im Innern +das Sieden und Glühen; der Leib unter Aschen verfestigt. + +Dies ist die Erde. Die leuchtende brennende Urwelt geht über ihr auf und +unter. Ein welliger Mantel aus Gesteinen bedeckt ihren Rumpf. Tausend +Meter tief und tausend hoch geht das Gestein. Kontinente und Inseln +strecken Gebirge Ebenen Steppen Wüsten aus. Das Wasser bricht in Quellen +aus den Bergen. Meere überfluten die Talmulden. Schwer schwimmen Gebirge +Gneis Schiefer auf der schmelzflüssigen glühheißen Masse, die von Zeit +zu Zeit die steinerne Kruste durchbricht, sie mit Stichflammen erweicht +und hin und her wiegt. + +Breit besetzt der Leib Asiens die nördliche Hälfte der Erde, mit +einhundertvierundsechzig Längengraden und siebenundachtzig +Breitengraden. Mit Gondwana, Angara, der Scholle Chinas hat es sich über +den Spiegel der großen Ozeane erhoben, seine Seen ließ es versickern. +Sein Rückgrat ist der Altai, das Massiv des Himalaya vom Chingan nach +Pamir, vom Karakorum bis Bhutan und zur Krümmung des Dihung. Die +kaspische und uralische Senkung hat das Meer verlassen; sie saugt den +Ural und die Wolga an, schlammt sich mit ihnen voll. Gletscher bedecken +den Kuenlun. Umrandet von den Schneegebirgen sind die östlichen +Sandwüsten, das Tibet der Jaks, die grünen Hügel und Lößflächen Chinas, +mandschurische Wiesen. Das steile Gebirge stürzt nach Süden zu den +sumpffeuchten Ebenen Hindostans ab, zum warmen bengalischen Boden. +Blühende Gestade Indiens, Reisfluren, Felder des Zuckerrohres, Sago und +Kokospalmen. Die Sumpfwaldungen, der Sunderban, das Tarai durchlaufen +von den bunten Königstigern, langohrigen Elefanten, vierhändigen +Gibbons. Flüsse auf Flüsse nach Norden ins Eismeer durch die sibirischen +Grasflächen, morastige Tundren frierende Steppen. Bis zur Lena streift +der langhaarige Panther von Kaschgar. + +Hängend am Massiv der Ostfeste das vielgliedrige kleine Europa. Die +jungen aufragenden Alpen, Horste der alten Gebirge in Thrazien Korsika +Spanien. Gesteinsdecken in die Höhe gepreßt, von Trümmern überwälzt. +Versunkenes Land im Süden; eingestürzt das Mittelmeer in das klaffende +Becken. + +Von Regengüssen Sonnenhitze wird Afrika belagert. Neunundzwanzig +Millionen Quadratkilometer wächst der Boden hin, platt liegt die Tafel +des Landes. Reis Durra Kaffee Mais feurige Gewürze schießen aus der +Erde. Unverhüllt erheben sich die Massen des alten Granits und +Glimmerschiefers, zieht sich eine Sandsteindecke hin. Unter dem Brand +der Sonne zerfallen die Gesteine zu Schutt, zersetzen sich in Erde und +Lehm, den das Eisen rot färbt. Der Tanganjika- und Njassasee füllen die +Gruben des Hochlandes, Vulkanreihen besetzen die Ränder der Spalte. Zehn +große Seen speisen den Kongo Niger Sambesi. Savannenflächen treiben +ungeheure Hochgräser. Galeriewälder entlang den Ufern. Lemuriden und +Affen, das zierliche Zebra, Okapi in den Wäldern. Die baumartige Staude +der Banane treibt sechs Meter lange Blätter; scheidenartig umschließen +sich die mächtigen Blätter; dicht gedrängt hängen die großen +Beerenfrüchte herunter. + +Vom Kap Murchison bis Kap Horn auf Feuerland die amerikanische +Westfeste. Eine hartgefaltete Gebirgsschwelle durchzieht den Kontinent +von der Südspitze bis zum Mackenziefluß, eine Flachlandmulde vom Eismeer +zum warmen Mexikanischen Golf. Mit fünf großen Seen vertieft sich das +nördliche Land. Die Ebene durchwallt nach Süden der starke Mississippi, +hinter sich her den Ohio von den Appalachen, den Missouri von den +Kordilleren ziehend. Ihre Falten hat die starre Erdhaut im Westen +aufgerollt; die Doppelkette der Gebirge begleitet wie eine Mauer im +Westen den Ozean. Urwälder umgeben den Amazonenstrom; erst heißt er +Tunguragua, dann Marañon. Die Erde gibt ihn aus dem Laurikochasee her; +zweihundert Flüsse, schwarz und weiß von Kalk- und Eisenflächen hat er +mitgenommen, bis er in den Ozean taucht. + +In den Meeren haben sich die Urwesen verfestigt, Wasserstoff und +Sauerstoff. Sie überströmen den Ball, arktisches atlantisches +pazifisches Gewässer. Wasser, gleichmäßig hinfließendes Gebilde, +lastendes schwingendes Wesen, das spritzt dunstet, Wolken bildet, im +Schnee weht, zitterndes Wesen vor den Flachküsten, dröhnende schwarz +zottige Erscheinung der Orkane und Sturmfluten. Mit Salzen saugt es sich +voll, Chlornatrium Magnesium Kalk, macht sich schwer, färbt milchweiß +den Golf von Guinea, zimtfarben den Busen von Kalifornien, gelbbraun den +Indischen Ozean. Warme und kalte Ströme durchwallen die Ozeane, farbige +Bänder; Silbernebel erheben sich über ihnen, wo sie sich mischen. + +Die Urwesen hauchen um den Erdball, brennen und fließen in seinem Rumpf, +überlasten ihn in festen und beweglichen Massen, sind Spannungen +Schwerkraft Hitze Licht, sind Schwefel Chrom Mangan Silizium Phosphor. +Sie sind Erde Sand. Sind stumme Kristalle, aufdrängende keimende Blumen, +Flechten über dem Boden, Blütenpflanzen, schwimmende Fische, Vögel die +pfeifen und sich locken, anschleichende Raubtiere, hämmernde und +kämpfende Menschen, Schneckengehäuse an Seeufern, Bakterien +Schlingpflanzen erstorbene Bäume, faulende Wurzeln, Würmer, eierlegende +Käfer. + +Vom sechzigsten Meridian brachen die zweihundert Schiffe Kylins auf, +ließen die Shetlandsinseln hinter sich, schwebten über dem Ozean. Sie +fuhren in dem warmen Driftstreifen, der Norwegen bespülte, das Eis +Finnmarkens schmolz. Unter ihnen zog sich lang durch den Atlantik ein +unterseeischer Bergrücken, zog nach Süden, wurde breit bei den Inseln +Ascension und Sankt Helena, zweigte eine Kette nach Amerika und Afrika +ab. Schweigendes Meer lag über den Tälern und Bergen, ins Schwarze waren +sie versenkt. Der Ozean fiel unter den Schiffen dreitausend Meter tief +ab. Über dem sausenden Wasser, im Wind schwirrten die Vögel neben den +Riesenschiffen, die tierischen Geschlechter, mit Augen Knochen Därmen +wie die Menschen. Die Sturmschwalben, die auf zappelnde Fische stießen, +Silbermöwen mit gezackten Schwänzen, spitzen Flügeln. Das Wasser, das +sich unter den schwebenden Riesenschiffen hob, die schwarzgrüne glasige +zerlaufene Masse, quoll von Tieren und Pflanzen, folgte den Schiffen mit +jedem Meter. Schleimklümpchen der Urtiere klebten an den Wänden der +Schiffe, hingen an den Schrauben, befuhren mit ihnen das Meer, +fadenförmige Füßchen ausstreckend. Wie Schmetterlinge stiegen +Ruderschnecken aus der nassen Finsternis am Abend auf, die unermeßlichen +Scharen der Klio, sanken mit dem Tageslicht herab. Am Meeresboden +lauerten und lagen fest mit Saugern die Scheibenbäuche. Zarte Seewalzen, +Schwänze wuchsen auf tiefen Riffen, neben Klipprosen. Skelette +hingesunkener Tiere kleideten den Meeresboden mit Schlamm aus; +kleinäugige Borstenwürmer, schlanke Glyzeriden krochen darauf herum +zwischen Tangbüscheln. An der beschienenen Oberfläche zogen +Rippenquallen ihren Weg, stumme gefräßige Geschöpfe, Siphonophoren, die +wie Blumengirlanden leuchteten, Städte von glasartig durchsichtigen +unzähligen Tieren, an einen Faden gereiht, der sie nährte. Lachse +schossen unter dem Kiel der Schiffe herum, auf der Haut, an den Kiemen +feine Krebse, die sich anklammerten. Das Geschwader übersetzte die +unterseeische Schwelle, den stillen Thomsenrücken. Es nahm den zehnten +östlichen Meridian. + + * * * * * + +Island war eine Insel unter dem fünfundsechzigsten Breitengrad an dem +fünfzehnten östlicher Länge; der Polarkreis schnitt ihre nördlichen +Vorsprünge. Zwei Inseln hatten Laven aus Vulkanen werfend diese bergige +Platte geschaffen, die ihre zerrissenen Wände, Scheren eines +Riesenkrebses, in das neblige brandende Meer streckte. Die Menschen auf +den Schiffen näherten sich ihr. Sie hatten vor, die Vulkane der Insel zu +zerreißen, ihr Feuer über Grönland zu tragen. + +Vergletschert lag der Süden der Insel. Hekla und Skapeterjökul hießen +die Berge, die Schwefeldämpfe aus ihren Spalten von sich gaben. Der +Mückensee dunstete im Norden mit vierunddreißig schwarzen Lavainseln; an +ihm warfen aus weiten Bassins der Krabla und Leirhukr tiefblaue und +honiggelbe Massen. Haushoch schossen die, prasselten in den Krater +zurück, wälzten sich, gasten über die Abhänge. Meilenweit war die Wüste +der Insel; Lavafelder, runzlig erstarrte Steinströme, nackte braune +Blöcke, zerborstene Felsen. Verbrannte tote Ebene. In den Klüften der +Laven standen spiegelnde Wasser. Springquellen warfen heiße +Wassermassen. Am südlichen Rand der Wüste standen der Geysir und +Strocker; in ihren weiten Wannen trugen sie helles grünes Wasser, das +pulsierte. Von Zeit zu Zeit tosten die Wannen. Blasenwerfend richtete +sich das Wasser auf, wölbte sich über den Rand der Krater, warf sich +schluchzend zurück. + +Als die Kolonne des ruhigen blonden Schweden Kylin an der Spitze des +Eyjafjords landete und die Insel überflog, – Wirbelwinde gingen über das +Land, die brennenden Berge, die narbigen Felder, – fanden sie +Menschenansiedlungen in der Nähe der Küste. Nahe dem Landungsplatz war +eine Siedlung; Schafe und kleine Rinder wanderten auf Hügeln. Man mußte, +was man vorhatte, ohne sie verrichten. Es war vorauszusehen, daß sie der +Expedition feindlich gegenüberstanden. Kylin und seine Begleiter +umschwärmten den Krabla am Mückensee. Er war tätig; auf Meilen dröhnte +die Insel unter den Schlägen, mit denen das heiße Magma den felsigen +Untergrund durchbrach. Die Beben rollten über die Insel. An toten +Bergwänden sahen die hochkreisenden Flieger plötzlich Schlünde und lange +schwarze Kluftreihen sich auftun. Oft mußten sie sich senken, von dünnen +Schwaden eingewickelt, blitzrasch aufzucken unter dem erstickenden +Andrang der Schwefelgase. Mit Wonne umflogen sie das stampfende gähnende +Untier, das sich da unter ihnen am See hingesetzt hatte, das Land +aufwühlte, die Oberfläche des Wassers wiehernd prustend zum Schäumen +brachte. In diesen Schlünden wogte die unermeßliche Glut, nach der sie +begehrten, die sie herausschaffen mußten. Um sie über Grönland zu +werfen, auf den weißen bergetiefen Eispanzer, der trübe anlaufen dampfen +zerreißen würde, die Gletscher vom Kap Grival, der Kangardlutsuak, die +Aggasinsel. Island brannte. Es mußte stärker brennen. Eine +wolkenschleudernde donnerlohende Feueresse war für sie bereitet. + +Wie Kylin östlich drehend in abendlichem Dunkel sich der Gegend des +Landungsplatzes näherte, flammten und erloschen an der Küste kleine wie +wimmernde Warnungszeichen. Zweieinehalbe Stunde sah Kylin mit seinen +Gefährten, unruhig fliegend, auf einer Schutthalde landend, wieder +hochjagend, die zitternden Signale aus der Nacht. Dann erloschen sie. In +langer Kette, langsam, sehr hoch fliegend näherten sich die Kundschafter +rauschend den schwarz im Mondlicht ragenden Klippen des Fjords. Die +Wellen murrten herauf. Bei den schimmernden Zelthäusern des +Landungsplatzes, auf einer sanft geneigten Wiese faßten sie Fuß. Sie +liefen in der Helligkeit bergab. Stürzten über weiche Körper. Wie sie +sich bückten zugriffen, die Leiber drehten, blickten sie auf dicke +unbewegliche fremde Gesichter. Die Zähne waren zum Lachen entblößt, die +Zungenspitze vorgestreckt. Losgelassen fielen die Körper zurück, rollten +auf den Rücken, die andere Schulter. Eine Gestalt löste sich von einem +Zelt, lief auf sie zu, führte sie abwärts. Die Eingeborenen des nahen +Dorfes waren zudringlich geworden, hatten nach den Absichten der +Expedition gefragt, hatten vier Seefahrer weggeführt als Geiseln, daß +nichts geschehe und die Fremden rasch wieder abführen. Da hätten die +Seeleute zum Schein die Schiffe bestiegen, die Geiseln zurückgenommen +und bei Einbruch der Dunkelheit mit dem balearischen Licht die Küste +abgetastet. Das war das Licht, das durch die Haut der Menschen drang, +sie wie eine Schellackmasse umgab und abschloß. Von ungeheurem Hunger +nach Sauerstoff wurde das Blut erfüllt. Ins Zittern gerieten die +Menschen, ihr Herz stürmte, die Atmung vermochte nicht zu folgen. Sich +selbst verzehrend, während das Blut aus den Gefäßen trat, hellrot, +rosarot aus Mund und Nase, stürzten die Menschen hin in die Blutlachen, +die noch am Boden quirlten, Blasen warfen und nicht gerinnen wollten. Am +Morgen nach dieser Nacht warf man die fünfhundert Leichen, dazu Kadaver +der Rinder und Schafe in den plätschernden Fjord. Finster saß der blonde +Kylin vor seinem Zelthaus, den Blick auf den purpurnen Boden, hörte das +endlose Traben der Leute, die immer wieder Körper vorbeischleppten, +jetzt Säuglinge und Kinder aus dem Dorf, die sie von einer Klippe im +Schwung in das aufspritzende Wasser sausen ließen. Als ein Windstoß ihm +spitzen Sand ins Gesicht warf, den flachen Hut seitlich hinlegte, stand +Kylin auf, rief Begleitung, schlenderte seewärts. Von den Schiffen +stiegen neue Menschen herauf. Kylin lief in Zorn und Widerwillen. Der +starke Prouvas fing ihn bei den Schultern auf. + +„Kylin“ brüllte der lustige Mann, „das ist ein Tag. Ihr seid noch am +Leben. Wir glaubten, Ihr seid die ersten, die über den Feuertopf +stolpern werden. Noch vor dem schönen Grönland.“ „Prouvas, ich bin nicht +lustig.“ „Es scheint. Wärest uns auch beinah in das Licht geflogen.“ Ein +noch fetterer ganz in schwarzes Leder gehüllter Mann umarmte Kylin: +„Huah. Wind auf Island. Der Boden wackelt erbärmlich. Auf den Schiffen +ist es lustiger. Wir freuen uns, daß du lebst.“ Kylin konnte nicht vom +Boden aufsehen: „Wie ist das gekommen, Prouvas. Mit dem Licht. Wer hat +befohlen, das Licht anzuwenden.“ Prouvas trat erstaunt zurück: „Das +Licht? Hat es nicht gewirkt? Sie schleppen schon den ganzen Morgen. Komm +rüber.“ Der im schwarzen Leder: „Keine Maus ist davon. Kylin scheint +eine kleine Ladung abbekommen zu haben.“ „Ich bin nicht im Bereich des +Lichts gewesen, Prouvas und Wollaston. Es sind sehr viele umgekommen. +Das ganze Dorf.“ „Allesamt. Tiere mit. Das Licht hat keine Augen, sucht +nicht aus.“ Kylin reckte sich, legte beide Arme über das Gesicht, +schüttelte sich, spie. Leise gab er von sich: „Pfui. Es ist gut.“ Die +beiden anderen schmetterten ihr langes Lachen heraus: „Nun ja, Kylin. Es +ist gut.“ „Es war roh.“ Prouvas umfaßte den im Leder: „Da haben wir +Marduk den Zweiten. Gründe ein Königreich, mein Sohn, aber nimm die Arme +herunter.“ + +Der ließ sie sinken: „Erst kommt weg. Wieviel werden sie noch +herausschleppen.“ Prouvas: „Du hättest es ansehen sollen. Es war mit den +Scheinwerfern gut zu sehen. Eine Minute rannten sie, als wenn sie niesen +wollten. Dann setzten sie sich ganz ganz langsam, einer wie der andere. +Ich glaubte, sie weinten oder das Wasser lief ihnen aus den Augen. Und +dann waren sie tot.“ Wollaston: „Sind es fünfzig, die hin sind, sind es +fünfzig. Sind es hundert, sind es hundert. Sind sie tot, sind sie tot. +Dableiben konnten sie nicht.“ Blinzelnd Kylin aus seinen grünblauen +Augen: „Ich habe die Leitung.“ „Freut uns zu hören.“ „Ich habe die +Leitung.“ „Es freut uns.“ „Ich habe von Menschenausrottung nichts +gesagt.“ Brüllend Wollaston: „Haben wir es uns vorgenommen? Ich? Oder +Prouvas? Haben wir Menschen ausgerottet? Die Leute mußten weg. Sie +werden die letzten nicht sein. Wenn du schwach wirst, gib die Leitung +ab.“ Ruhig Kylin: „Was meinst du, Prouvas?“ „Nicht Wort für Wort wie +Wollaston. Aber ich habe die Lichtröhren bedient.“ Der im wattierten +Fliegeranzug öffnete die Hände: „Einen halben Tag. Vertretet mich.“ + +Gegen Abend flog Kylin an das draußen liegende Geschwader. Seine +Schwester, die mit der Expedition fuhr, hatte den Tobenden beruhigt, der +immer beteuerte, er ekle sich, hätte sich mit Vieh eingelassen; er +schließe sich den englischen Siedlern an, gehe zu Zimbo. Auf Stunden war +Kylin der Sinn der Expedition entschwunden. Er heulte, es sei Lüge, was +sie trieben. Beim ersten Schritt, den sie täten, sei es klar geworden. +Wie er vor seinem Flugzeug stand, faßte er sich fragend lächelnd an die +Stirn: „Schwester, sie müßten mich in Brüssel sehen. So müßten sie mich +sehen. Wie einem in den Knochen steckt, was Marduk und die andern sagen. +Treiben wir Unfug?“ Aber die Schwester umfaßte ihn, ihre Augen +funkelten: „Es ist vielleicht ein Unfug, Brüderlein. Aber auch noch +mehr. In manchen Augenblicken weißt du es auch. Nachher wirst du es +wieder wissen. Hörst du die Vulkane? Sieh sie an. Wir werden sie fassen. +Denk, Brüderlein, wir werden sie fassen.“ Sie schob ihn auf seinen Sitz, +griff nach dem Steuer, lachte: „Gönn mir die Freude zu steuern.“ + +Die Schiffe umfuhren Island in nordwestlicher Richtung. In der Höhe der +stoßenden Krabla und Leirhukr ankerten sie weit in See. Der Anblick +labte das Geschwader. Die Küste von Ingolfs-Höfdi bis herauf nach +Glettinge Nes strichen die Flieger ab. Ufer Inseln Hinterland waren frei +von Menschen, die Lavawüste südlich rauchüberschwemmt. Von den +Mutterschiffen jagten die Flieger auf, maskengeschützt, darunter +Dutzende Frauen, immer in Gefahr, von dem aufblasenden Feuer verbrannt +oder gesengt zu werden. Sie nahmen Bilder der furchtbaren Landschaft an +der wirbelnden See auf, durchsegelten mit ihren Metallflügeln die Lohe, +senkten sich in Pausen herab, schossen davon. Weiter südlich stellten +sie neue Schwefeldämpfe Kraterbildungen an Punkten des Mittellandes +fest. Springquellen stellten ihre Tätigkeit ein. Statt dessen rieselte +schmauchte Gas aus Rissen Klüften; dazu Rumoren, dumpfes hohles Rollen. +Kylins Expedition konnte ohne Furcht vor menschlicher Störung angreifen. +Es war sicher, der Vulkan stand über einem ungeheuren feurigen +Magmaherd. Man brauchte sich nicht drum zu bekümmern, ob die Herde +abgekapselt in der harten Erdrinde, in einer Höhle steckten, eine Blase +des großen schmelzflüssigen Magmas, oder ob das Erdmagma selbst, der +Nickelstahl des Erdleibs das ihn umkrustende, auf ihm schwimmende +Siliziummagnesium durchbrach. Man mußte darauf losstoßen. + +Und die Erde kam ihnen entgegen; das Geschwür war im Begriff zu platzen. +Man verständigte sich mit den nachfolgenden Geschwadern. Unter dem +Brüllen des gähnenden Krabla, zischendem Aschenregen fand am Hunafjord +in einer Bucht eine Begegnung der Führer der Kolonnen statt. Kylin hielt +sich zurück. De Barros vom zweiten Geschwader wies in die Richtung des +Krabla: „Da hört euch das Ding an und meine Stimme. Können die beiden +gegeneinander aufkommen? Nein. Seht meinen Kopf an oder meine Hand und +den Krabla. Oha, der ist groß, der Krabla. Schluckt sechstausend, sechs +Millionen Menschen und wird davon nicht dicker. Wir wollen mit dem +Goliath reden. Er wird prahlen mit seinem Kopf, mit dem Wanst, wird +toben. Indianergeschrei. Eins in die Flanken und er ist hin. Bleibt +nichts von ihm wie ein Schutthaufen.“ Der biegsame Kylin, der lange +elastische oft finstere Hauptführer der Expedition, hatte sich wieder +gefunden. Er war ein stolzes klares Wesen. Er zog, auf den Rauch +schielend, die glatte kurze Oberlippe hoch: „Dies wird der Anfang sein. +Es ist gut, ja es ist gut, daß wir uns zusammengefunden haben. Schlimm, +so weit von den Kontinenten. Aber kein Schade. Wir werden vielleicht +selber – wie Vulkane uns über die schlafenden und blödsinnigen +Kontinente machen, samt ihrem Inhalt und ihrer Auflagerung.“ Und er +träumte: Besinnung, endlich, bei Island. + +In der Breite von sechzig Kilometer Luftlinie nahmen die Arbeitsschiffe +Stellung an der Nordostküste der Insel. In den Tistillfjord fuhr eine +östliche Gruppe. Vor der Halbinsel Rifstangi angesichts des kahlen +Svalbardberges ankerten Kylins Mannschaftsschiffe. Bis zum Eyjafjord +unter den Schneestürzen des Rimar dehnte sich die westliche Gruppe. Der +Sturm peitschte unablässig das Meer. Die Schiffe waren Kolosse von der +Höhe eines Berges. Rückwärts und getrennt von ihnen schwankten flachere +runde kleinere: hier lagerten Maschinen Apparate Vorräte Erden +Sprengmaterialien Metalle; dies waren die technischen Beischiffe. Die +Geschwader entnahmen ihre Antriebskräfte den gewaltigen Kabeln, die die +Arbeitsschiffe selbst auf ihrem Weg hinter sich herzogen und von +Skandinavien über den Schelf des Festlandes, den Abgrund der Tiefsee, +die arktisch-schottische Bodenschwelle gespannt hatten. Die Kabel, in +Isolatoren gebettet, trugen von Strecke zu Strecke Entnahmewülste. Der +Draht, der von oben nach ihm suchte, das Kabel abtastete, in der +Flachsee von Booten geführt, hakte und haftete mit seinem Kopf in dem +Wulst fest. Wühler und Reiniger liefen dem Ladedraht vorauf, schoben die +Sandmassen vor dem Draht beiseite, glitten anhebend an dem Kabel +entlang. Ein Ladestrom vom Ort eröffnete den Wulst. Und schon schwollen +die Energien der fernen Länder, die Gewalt der Katarakte in dem +erzitternden Kabel hoch, warfen sich über die aufschmetternden +Maschinen, tosten durch die Schiffe. + +Nördlich vom schwarzen aschenbestreuten Myvatn, dem Mückensee, raste und +fauchte unsichtbar der Krabla. Und neben ihm Leirhukr. Jubelnd blickte +Prouvas von der Höhe des Svalbard über die Schnellen und Wirbel des +klippenversenkten Jakutsa zu dem Vulkan herüber. Zur selben Zeit lachte +zehn Meilen von ihm am Rimar, auf der Höhe des stummen staubbesäten +Myrkarrgletschers der breite Wollaston. Er trampelte auf dem Boden, bis +das Weiß des Schnees hervorkam. Stieß mit seinem Stock in den Schutt: +„Daß du herauskommst, Gletscher! Myrkarr, großer Myrkarr! Daß du uns +ansiehst. Es gibt ein Spektakel. Seitdem du auf den Beinen bist, hast du +so eins nicht gesehen. Der Krabla spuckt noch. Bald ist es kein Spucken +mehr. Er streckt die Zunge aus dem Hals. Hat sich ausgejagt.“ Er +erstickte fast im Qualm: „Bald sieht keiner was von euch, Krabla und +Leirhukr.“ + +Als das mittlere Geschwader zum Brückenbau schritt, hatte der Sturm +aufgehört, Windstille mit Regen war gekommen. Die Insel rollte wie +sonst. Der Qualm zog hoch nach Osten ab. Die Feuersäulen leuchteten +durch die Nacht. Sie schlugen Brücken von Axarfjord herauf zur Höhe des +Burfell, von der Spitze der Rimarhalbinsel über die Hügel weg auf den +Gipfel des Rimar, von der Rifstangihalbinsel am Tistillfjord auf den +Svalbard. Die Brücken stiegen schräg auf aus der Meeresbrandung, dann +schwangen sich die weiten lichten Fluchten der Viadukte ins Land, über +Bäche die von Bergen schäumten, über Geröllhalden Moore tote Laven, +durch die nebeldurchzogene regenverhangene kühle Luft zum hohen +Svalbard, zum großen Myrkarrgletscher, zum zackigen Rimargipfel. + +Die Pfeiler und Widerlager rammten sie nicht in den Boden. Metallflieger +stiegen auf, ließen sich zu zwanzig dreißig auf den Klippen, an den +Abhängen nieder. Sie schlugen grob Schutt und Steine beiseite, wühlten +mit Spitzhacken und Hämmern, brannten flache Löcher in dem Felsen frei. +Da hinein legten sie die dünnen Platten, die, unscheinbare blaugrüne +leichte Scheiben handgroß viereckig, kleine Schilder, vor ihrem +Brustleder hingen. Die Scheiben schlossen sie zum Laden an den Zweig des +Kabeldrahtes an, den sie mit sich führten. Und schon, wenn es in den +Platten knackte, ließen sie sie los, auf das flache Loch fallen, +schwirrten davon. Die Platten, aufeinander gepreßte Blätter, glühten. +Das oberste geladene Blatt strahlte schmolz. Und wie sich seine Masse +mit der des zweiten Blattes mischte, stieg ihre Hitze. Die brünstig +ineinander brennenden ersten und zweiten rissen das starre dritte in den +Brand. Knisternd spaltete sich das, tropfte seitlich und an der +Bruchstelle, um plötzlich erweichend mit einem Schrei sich in das Feuer +zu geben, das weiß niedrig immer bläulich durchsichtiger wurde. Und wie +die pfeifenden keuchenden streng und starr sengenden saugenden sich rund +rollten, bog sich das letzte Blatt, streckte sich wie in einem Krampf, +schlug sich um, gezogen gespannt zu einem haarfeinen Glas, einer +schillernden Haut um die singenden drei. Die Kugel wuchs hoch, weiß, +blauweiß, hellblau, dehnte sich, dehnte sich. Schmelzend zersprang sie +und im Augenblick war jede Farbe aus dem armhohen Brand verschwunden. +War nichts da als ein strenger starrer befehlender Hauch, ein Röcheln. +Und schon war alles weggerutscht von der Felsplatte, abwärts gesunken in +den Fels hinein, metertief gestürzt. Sein Leben im Brand von sich gebend +verdampfte verstöhnte es in der Tiefe, während über ihm gallertig der +geschmolzene Fels auslief. + +Die kreisenden Flieger stießen auf die schmelzenden wieder gerinnenden +Felsen herunter. Rammwagen fuhren an die gischenden Öffnungen, bohrten +hochausholend Pfeiler in die schmorende Masse, hielten sie, bis das +Zittern der Luft nachließ, der Felsbrei glasartig die Pfeilerfüße +umklammerte. + +Pfeiler auf Pfeiler wurden über das Land im Gestein gegründet. Eine +Pfeilerreihe vom Lager Kylins überquerte den Jakutsa. Eine Reihe stieg +vom Axarfjord über den Burfell. Eine Reihe wuchs gewaltig vom Rimar her, +griff über den Myrkarrgletscher, stieß zum Skjalfanda; auf dem +qualmschweren Odadablachfeld machte sie halt. Es war ein breites +steingegossenes Wesen, das hier wuchs; Nachbarstück berührte +Nachbarstück. Über dem Fundament waren aufgepflanzt ringförmige +Trommelträger, die Rollenlager trugen. Von Strecke zu Strecke konnte das +bewegliche Tragwerk, eine Pfeilergruppe bedeckend, auf seinem Drehtisch +hereingeschwenkt herumgeworfen werden, das Fahrgut gerettet, die Pfeiler +entblößt werden. Mit mächtiger Lichtweite übersetzten die fliegenden +Brücken das Gebiet von dem tosenden Meer bis zum schwarzen Myvatn, dem +See. Unter ihnen lagen tief im Rauchschwall die gespaltenen graublauen +Gletscher, die Geröllebenen, Täler mit schmaler Sohle und felsig +abstürzender Lehne. Furchtlos rannten die Pfeiler vor gegen das speiende +Plateau der Vulkane. + +Es war keine Woche um, da sausten die ersten Wagen auf Schienen, die sie +selbst um sich warfen, über die glatte Fahrbahntafel. Überrollt war der +Zug und unterrollt von dem bogenförmig langgespannten, hoch vor- und +zurückgedehnten Paar Schienen, die als langgezogenes Oval die +Wagenreihen zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe umsauste sie +der Zug, der die stählernen um sich drehte, immer neu überrannte, von +oben her zu seinen tretenden Füßen herabriß. So überdonnerten sie die +Brücken, blendende Lichter vor sich werfend, bei Tag und in der völligen +Finsternis des Rauchs und der Nacht, den magnetisch in die Brückentafel +eingetragenen Spuren folgend. Unter den frisch einsetzenden Böen wurden +aus den Schiffsbäuchen der drei Geschwader geschleppt, auf Wagen +geschoben und montiert die Maschinen, vor denen vergehen sollten der +Krabla, der gurgelnde Vulkan, und der Leirhukr, das dampfende +bergezerreißende gasende Unwesen. + +Kylin hatte in die Maschinen neue Kräfte eingespannt. Er war aus Marduks +Schule. Wie Marduk die Bäume auftrieb, ihr Leben in furchtbarster Weise +reizte, so zu tosendem Wuchs und Überwuchs zwang, so hatte der +schwedische Schüler die Gesteine und Kristalle bewältigt. Er hatte das +Futter gefunden, mit dem man Gesteine speist. In hingerissenen Stunden +hatte er das Sprießen und Sichfügen der Kristalle geschaut. Das Wachsen +der Schneenadeln der Eisblumen auf der Glasscheibe aus dem hauchenden +Atem war sein erstes Wunder gewesen. Und wie er den langen großen +Marduk, den Botaniker, mit trockenem Samen Keimlingen langhaarigen +Wurzeln Reisern abgeschnittenen Laubblättern arbeiten sah, – unter dem +Anhauch der Nährgase und Reizlösungen streckten sich in den Stengeln die +Gewebsstränge, Siebe und Gefäße, die Vegetationskegel der blassen +Tannennadel trieben ihre Wülste aus, Zellhaut legte sich über Zellhaut, +– überfiel Kylin der Wunsch, auch mit seinen Steinen und Kristallen so +zu spielen. Es war etwas Üppiges Freches Niedriges in dem Wunsch, aber +es zog ihn dahin; das hitzig trübe Gefühl lag über ihm. Ja, er fühlte +sich, vor den Schwemmkästen und Heizröhren liegend, in die er seine +Kristalle eingespannt hatte, herausgefordert; sie gediehen nicht wie er +wollte; er mußte Herr werden. Mußte sie wie Tiere jagen können; ist ein +Stein mehr als ein Pferd? Hitze, wechselnde Lösungen, elektromagnetische +Kräfte verhängte er über sie. Bis hier und da etwas anfing in ihnen +biegsam zu werden. Dann tastete er sie mit Strahlen ab, die von ihnen +abprallten, die sie durchließen, sie kalt ließen, zum Erhitzen brachten. +Er erkannte, daß diese Steine empfindlich waren und sich auswählen +ließen von Hitze Druck und Strahlen wie Tierrassen von einem Blutserum. +Es kam nicht auf die zufällige Kristallgestalt an, sondern auf die +kleinsten Teile, auf die Urwesen, die sich in den Kristallen gefesselt +hatten, auf die Art, wie sie sich verschränkt, gelagert, gebunden +hatten. So konnte man sie auftreiben, ihre Verwandlung durchspüren, wie +man wollte. + +Auf den rundlaufenden, brummend anziehenden, höher und höher singenden +Schienen jagten an einem Nebelmorgen die schlanken Maschinen über die +weitgespannten Brücken. Kaum zwei Meter hoch waren die Maschinen, flach +und lang wie die Wagen, auf denen sie montiert waren. Sie hatten am Kopf +Durchbohrungen, Augenlöcher, die sich mit dem Kopf zur Seite, nach oben +und unten wenden konnten. An fünfzig erwählte Männer und Frauen lagen an +jeder Maschine. Die Luft war von schwirrenden Fliegern erfüllt, die +weder der Aschenregen noch die Furcht vor dem Kommenden zurückhielt. Der +Jökulsafluß mit seinen Schnellen brauste in seinem sandigen Bett. +Weither von einem Laufgletscher kam er, schmutziggrau wälzte er sein +Wasser an dem tobenden Krabla vorüber. Wenn sich der Rauch vom Myvatn, +dem See, hob, wurde die Linie des dunklen Lachsflusses sichtbar, der wie +ein gepeitschter schreiender geifernder Dämon aus dem See fuhr, +hochgebäumt, von Lavabomben überschüttet. Er überrannte zertrat sie, +ließ sie seitwärts fallen. Man hörte bis zur Höhe das kehlige Röcheln +des rüttelnden Wassers, sah die ingrimmige Gischt über die Blöcke +spritzen. Schwarz und still lagen hinter ihnen die Spitzen der +Fiski-Ebene. Die Berge ruhten um die Vulkane. + +Da kam, während sie eben noch ruhten, ein sonderbares Leben über sie. +Als zuckten sie leicht mit den Wimpern, schlossen die Lider, zuckten +wieder mit den Wimpern. Der Krabla begann. Und bald fing der Leirhukr +an. Ihre Ostwand Nordwand Westwand verschob sich, ihre Lasten ruckten, +ruckten höher, als jucke sie etwas. Ihre schweren Wände, den zierlichen +Brückenpfeilern zugewandt, wurden überrieselt von einem Steinsturz, der +nicht nachließ, der die Wände mit einem Nebel umhüllte. Der Nebel nahm +zu. Und während er sich im Kreis ausdehnte, von den Bergen wegwuchs, +hörten sie auf den Brücken ein Krachen, das über alles irdische Ausmaß +war. Ein unendliches Schurren Grollen Dröhnen, das mit seinem +gleichmäßigen Anwachsen das Schnattern und Prasseln des Vulkans +überscholl überstieg, so überstieg, daß niemand wußte, wie es zum Himmel +aufwuchs, aus welcher Richtung es kam. Es brummte und brüllte aus Süden +Westen Osten Norden, und doch brüllte es nur von den Wänden der Vulkane, +die hinter den Steinstürzen langsam in die Höhe stiegen, als höben sie +sich, von einem Beben gehoben, aus dem weichen Boden empor. So wuchsen +die Wände, wie wenn einer langsam den Finger hebt. Wie ein Schlafender +sich aufrichtet, langsam den Rücken gerade biegt, die Arme aufstemmt, +den Blick noch nach unten, träumend; die Zunge drückt er an den Gaumen +und schmatzt. + +Unter den Blicken von Kylins Maschinen wuchsen sie, von ihnen gesteigert +gebläht. Hinter den wallenden immer tieferen Steinschleiern, an den +hebenden Wänden stürzten die toten Lavablöcke, die die Blicke nicht +anfaßten, rannen abgeschüttet die gefalteten krustigen Lavaströme, +zerbrechend, wie Schiefer polternd, knirschend, sich an sich selbst +zerreibend. Die Wände dehnten sich hoch und hoben sich von einem +unsichtbaren Kern ab wie Blasen. + +Der Krabla, der träge, bekam Beine. Sein Steinmantel überrieselte schon +den schmutzigen Jakutse, der von dem Askjagletscher abschmolz und +heranfloß. Die Steine und Laven, die schwarzen porösen Auswürflinge +tanzten noch eben über die Wasserfläche, wühlten die sprühende Fläche +auf, und schon hatten sie den Fluß in Kilometerbreite überlaufen, ihn +bedeckt, schon wulsteten die Steinmassen aus dem Flutendrang empor, war +der Fluß verschüttet, verbarrikadiert, vom Meer abgeschnitten. Im Norden +und Westen umging der Steinschleier die Bergwände. Westlich des Krabla +rauchten die Wände des Leirhukr. Die Löcher in den alten Schuttfeldern +stopfte der Steinregen aus, drückte und trümmerte nieder die mannshohen +Tuffhöhlen. + +Da knickte die Spitze des Krabla, stürzte ab. Keinen Laut hörte man +davon unter dem gleichmäßigen Brüllen und Rollen der sich dehnenden +Berge. Und zugleich erlosch der steile Feuerstrahl des Krabla. Schwarzer +Qualm wirbelte an seiner Stelle, der sich heftiger und heftiger ballte, +in rauschenden Stößen hochschnellte, meilenhoch den erstickten Krabla +überlagerte. Da waren zugleich die Wände des Vulkans, die wachsenden, +immer höher sich hebenden, von neuem abstürzenden, hinter den +Steinschleiern schattenschwarz in ein Wiegen und Rollen gekommen, wie +ein Laken, an das der Wind schlägt. Diese Berge wandernd waren keine +Berge mehr. Wuchsen in die Höhe, rückten in das Land, über die +splitternden Lavafelder, an die Ufer des Myvatn. Dampften und flammten. +Flämmchen, bläulich und grün, erschienen zauberhaft verstreut auf ihnen. +Das blitzte wie Bergmannslampen auf, erlosch, blitzte wieder. Darunter +wogte rollte die Wand des Vulkans, des wolkenhohen Riesenschiffs, das in +das schwarze Land einbrach. Häufiger, massenhaft, während die Berge sich +dehnten, züngelten die Flämmchen; oben neigte sich von neuem die +aufgetriebene aufgetürmte Bergmasse, stürzte in den Krater, den +qualmbrodelnden, lautlos ab. + +Urplötzlich mischte sich in das ungeheure Dröhnen und Murren ein +tiefurtiefes abgrundtiefes bodenentstandenes Schnauben Hauchen. Ein +Schmauchen Blasen wie aus einem Kessel. Langsam ließ es nach, lähmend +schwoll es an. Dabei flammten ununterbrochen die grünblauen Lichter auf +den schreitenden Bergwänden. Gelbe Flammen brachen zwischen den grünen +hervor, zuckten stachen geradeaus, drehten sich um sich selbst. +Ungeheuer schwarz wirbelte der Rauch über den verschütteten Vulkanen. + +Da Riß Schlag Schlag Knall. + +Zerschleudert die Bergmasse, zerstäubt Krabla und Leirhukr. + +Glühendes erdweites Auflohen, feuriges Anblaffen des Himmels. + +Fliegende Basalt- und Granitblöcke, auf- und abschießende Lavabomben. +Unter Tosen Absinken der Bergmassen. + +Es war niemand mehr von den Menschen in der Nähe. Die Züge +zurückgerasselt, die Brücken abgeschwenkt. Der Krabla und Leirhukr waren +noch eben zwei Vulkane; der Erdboden zwischen ihnen war verschwunden. +Ein Feuersee lag zutage. Ein Spalt war in der Erdhaut. Der Feuersee lief +in den Myvatn, ihn auszudörren. Aus dem Riß der Erde ergossen sich +Glutströme, geschmolzenes Gestein aus dem Erdinnern, dazu der brennende +Leib der zerrissenen Vulkane. Brüllend nahmen die Flammenströme ihren +Weg ins Land. Im Süden standen noch schwankende angestrahlte Wände der +Vulkane, zerklüftet verstümmelt. Sie bröckelten stürzten über, legten +sich in das heiße saugende Bett. Nach Süden überrannte der Feuerstrom +das Land bis zum Fuß des mächtigen Blaffjal. In den schwarzen Myvatn +wälzte sich der Feuerstrom; drang in das Wasser bis auf die Tiefe des +Sees, die er entlang kroch, ohne zu erlöschen. Das Wasser faßte er mit +seinen Zähnen an, verschluckte es. Es siedete und verdampfte auf seinem +Rücken. Er sprang am Boden des Sees herum. Zerschleuderte zerfaserte +zerpaffte sengte, was ihm in den Weg kam. Blutrot sein langer +Schlangenleib. Er raste durch die ganze Seenbreite an das südliche Ufer. + +Während an dem verfinsterten Himmel der Glutschein sich ausbreitete, +weißer und weißer wurde, sammelten sich die Führer auf dem Schiffe De +Barros’ an der Nordküste im Axarfjord. De Barros grunzte vor Freude, +umarmte Kylin, den blonden schweigenden: „Kylin, die Welt wird von dir +reden. Die Erde redet schon von dir. Hör diesen Dialekt. Bist du noch +traurig über die Weiblein und Kindlein?“ Das harte glatte Gesicht des +Schweden: „Ich bin nicht traurig, De Barros.“ De Barros tanzte mit dem +dicken Prouvas: „Kylin, was ist mehr: ein Mensch oder ein Berg? Ein +Mensch oder ein Vulkan? Ist ein Vulkan nichts? Wir klagen dich an des +Mordes! Haha! Des Mordes an zwei Vulkanen. Alsdann an einem niedlichen +schwarzen See, ferner an einem ausgewachsenen Fluß.“ + +„Laß das, De Barros.“ „Ich bin für Ordnung und Gerechtigkeit. Und +wieviel Tiere hast du geröstet erstickt erdrückt verstümmelt und läßt +sie unbeerdigt und bringst ihnen keine Hilfe. Da sind die Spinnen, die +in den Bergritzen saßen, eine halbe Million an der Zahl. +Sechsunddreißigtausend junge und erwachsene Fliegen, nebst ihrer noch +lebendigen Vor- und Nachkommenschaft. Familien, Mütter. Hingemordet, +erloschen. Wie konntest du das, wer konnte das! Und in den Flüssen die +Lachse, die Mücken auf dem See, und der Farn, Moos, das Gras auf dem +Boden: vorbei. Ruchlosigkeit, Ruchlosigkeit. Haha! Kylin, vor dem Gott +der Mücken wirst du einst erscheinen, vor dem Gott der Lachse der +Fliegen der Spinnen.“ „Ich lach’ ja gar nicht, De Barros“, Kylins +Schwester blickte glückselig auf den flammenden Himmel, nach rückwärts +sich überbiegend. Sie lachte, ohne Kylin anzusehen, stolz: „Ja, was ist +mehr, ein Vulkan oder ein Mensch?“ „Ein Vulkan.“ + +Den Tag über quollen die weißen heißen Massen aus dem Leib der Erde in +Bächen und überschwappenden Katarakten. In wütendem Rasseln übergossen +sie die alten starren Lavafelder am Skalfandafluß. Die kurze fauchende +Nacht verging. Das fahle Sonnenlicht war wieder am Rand der schwarzen +und braunroten Wolken. Durch die rote und schwarze Finsternis der Insel +schlugen die brennenden Aschen, rieselten durch die heiße schwefel- und +ammoniakgeschwängerte Luft. In den Eyjafjord versteckten sich die +menschlichen Angreifer. Von den Felswänden begannen Lawinen zu rutschen, +das Meer aufzupeitschen. In die Luft mit Masken aufsteigend warfen die +Angreifer Böen vor sich, unter sich gegen die verstümmelte heulende +Erde. Weggerissen wurden die trägen Rauchwolken vom Boden; sie sahen und +maßen die Weite der nackten Feuerschlote unten, der zackigen +Riesenschlünde, die senkrecht in die Tiefe des geborstenen Bodens +führten. + +Die Insel zitterte, schüttelte sich angstvoll, gepeinigt. Zwischen dem +ausgedörrten Myvatn und dem atemlos hintosenden von Schmelzwasser +überladenen Skalfanda tat sich, während sie flogen, plötzlich ein +meilenlanger, das alte Seebett durchquerender Spalt auf, neben dem +niedrige Kegel in Reihen hochstiegen, wie von einer Faust aufgetrieben. +Braunen Schlamm und Dampf keuchten sie. Das Wogen Stoßen des Bodens ließ +nicht nach. Knarren und Knistern rollte die Spaltenränder entlang. Sie +sanken wie schmollende Lippen ein. Die Kegel gaben minutenlang keinen +Atem von sich. Und während die Spalte sich wurmartig warf, wuchs +geräuschlos an ihr ein Kegel auf, breit, breiter, nahm an seinen +steigenden Wänden die anderen mit, überstieg mit seinem Fuß die +ausgefüllte Spalte. Das Land zog der unaufhörlich getriebene Kegel +rechts vom Ufer des Salmflusses mit. Und hundert Meter, tausend Meter +ansteigend, schwefeldampfumhellt, zerriß die Spitze des neuen Vulkans, +wie ein Kanonenrohr zerreißt. Der Himmel heulte, gelb und schwarz, mit +einem viertelstundenlangen Schrei, von Laven- und Feuerauswurf in +mächtigen senkrechten Strahlen angespritzt. Der Salmfluß verdampfte in +den Lavaströmen, wie der Jökulsa östlich vom Myvatn verdampfte. Der +gewaltige Skalfandafluß, von den ewigen Gletschern des Trölladyngja +genährt, warf seine breiten eisigen Massen gegen die neuen Feuerläufe: +auflohte der Strom zu weißem Dampf. Das Feuer lief sein Bett entlang; +sie fuhren dem gewaltigen Strom in den Rachen und machten ihn hin. Er +staute sich, vom Meer abgesperrt, nicht auf zu einem See. Als Luft jagte +er in die Höhe; die unauslöschliche Hitze trieb ihn, er mochte stürzen +wie er wollte, kilometerhoch über sich; der eisige Sturm oben trug ihn +nach Westen an die ungeheure See. + +Island war verschwunden vom Jökulsa bis zum Skalfanda. Vor den beiden +tobsüchtig anzüngelnden Strömen aber war das heiße Erdinnere +hochgestiegen. Hatte wie ein Riese erst einen Fuß auf die Treppe +gesetzt; die tastende Hand war sichtbar, er war im Begriff höher zu +steigen, durch die Luke zu treten, sich sprengend nach allen Seiten +Platz zu machen. + +Noch war nicht ein Tag vergangen, seit die kleinen fleischernen +Angreifer die Berge Krabla und Leirhukr zusammengestürzt hatten. Da +lohte Island auf Meilen im Geviert aus zwei strahlenden Riesenbecken, +östlich und westlich des Skalfanda. + + * * * * * + +Das Odadahraun, das Lavafeld der Missetaten, lag zwischen den +strahlenden Becken. Es war hundert Quadratmeilen groß, zog sich im Süden +des schwarzen Myvatn zwischen dem Skalfanda und Jökulsa hin. +Kohlschwarze Lava war sein Boden. Schwarzer vulkanischer Sand überflog +ihn. Die Brandschlacken waren wie Eisschollen übereinander verschoben. +Stumm standen in seinem Süden die Krater des Dyngjafjölls und das weite +Gebirgstal Askja mit einem dunkelgrünen See. Die Krater des Dyngjafjölls +murrten schon längst; das Tal Askja hatte seinen See verschluckt. Dafür +war Feuer aus seinem Boden getreten, der Schein erlosch manchmal, in das +wüste Odadahraun zischten dünne Aschen herunter. + +Die Geschwader verließen die Nordküste, gingen von Osten die Vulkane des +Odadahraun an, in das die Feuerströme der geborstenen Krabla und +Leirhukr sich entleerten. Der Vopnafjord schnitt tief ins Land; aus dem +Vopnafjord warfen sich die ersten Brückenreihen vor. Die Brücken hatten +einen ungeheuren Weg zu durchlaufen. Von Süden kamen andere hervor, aus +dem Mjosifjord, aus dem Reidarfjord. Die Menschen drangen, während die +Insel unter dem Schlagen der Vulkane erzitterte, über die Gletscher der +Ostküste, deren Höhen von Aschen bestreut waren. Vulkan neben Vulkan zog +sich in nördlich-nordöstlicher Richtung nach dem lebenden Lavafeld der +Missetaten. Erwacht waren der große Dyngja Herdubreid Tögl. Der große +Dyngja hatte einen Krater von sechzehnhundert Meter im Durchmesser, den +sein eigenes Geröll verstopfte. Er brannte aus einem Schlot in der +Mitte. Freistehend mit steilen dunklen Wänden der breitschultrige +Herdubreid. Mit einem Schneedach war der Bergriese belegt; Flüsse +rannten daraus hervor. Der uralte Skjaldbreidur; sein Krater +schachtelförmig, maß zweihundert Fuß im Durchmesser; er war seit einem +Erdzeitalter erloschen; Eis hatte sich über ihn gelegt, von dem waren +Wasserfluten zu Tal gefahren. Der Berg schnob und gurgelte. Er hatte die +Lava hergegeben, aus dem das schwarze gewaltige unheimliche Odadahraun +geschaffen war. Er zischte, aus Rissen seiner östlichen Wände kamen +lange Rauchfäden. Er rollte und stieß. + +Die Angriffszüge überrollten die eisigen aschendurchwehten östlichen +Bergketten. Die Brücken waren untereinander verbunden; alle Züge +konnten, wenn Brücken hinter ihnen zerrissen oder verschüttet wurden, +Nachbargleise suchen. Die Angreifer hatten einen Schutz der Wagen und +kostbaren Maschinen vor den heißen Auswürflingen geplant. Aber man sah, +daß auf dem wogenden flammenbergenden Boden weder Pfeiler noch Wagen +ernsthaft zu schützen waren. Die Schiffe zentrierten sich nach Ablassen +der Zerstörerzüge südlich des Vopnafjords hinter Gebirgsvorlagerungen in +der Heraldsbucht. In diese Bucht wälzte sich schmutziggrau herunter der +Brückenfluß. Aus drei Gletscherquellen gespeist zwang er sich durch die +Klüfte; Bäche stürzten von rechts her in sein Bett, Sand häufte er neben +sich auf; sandig glatt waren seine Ufer, wo er sich dem Meer im Osten +näherte. Neben ihm lief der Lagarfluß, aus einem viertausend Meter hohen +Gletscher quoll sein milchig weißes Wasser. In Katarakten ergoß er sich, +seenbreit erweiterte er sich, schüttete, wie er in die Heraldsbucht +trat, Gletscherkies und Lehm von sich. Vor die weiten Mündungen der +beiden Flüsse legten sich die Schiffe der Geschwader, warfen nicht +Anker; ihre Antriebsmaschinen blieben in voller Arbeit. Der Wind ging +scharf vom Land her. Der feine Aschenstaub flog über das Gebirge an das +Wasser. + +Weit hinten in See dämmerte der Morgen. Mit Ruck und Stoß betraten die +Wagen ihren gezeichneten Weg auf den Brückentafeln. Krachend zogen sie +an, schmetterten Pfeiler auf Pfeiler ab. Die Schiffe in der finsteren +Heraldsbucht steuerten langsam ostwärts in See hinaus. + + * * * * * + +Das Gestein der Berge jenseits der Küstengletscher, im Süden des +schwarzen zitternden Odadahrauns, trank noch gierig die Säfte, die ihm +der Schnee eingab, der mit Tonnengewichten auf ihm lag. Die Quellen der +Ströme ließen sie über sich herlaufen; die Kraft, die aus der Erde kam, +schüttelte an ihnen, tot lagen sie, verwitterten; unendlich lange Zeit +hatten sie, dünne Dämpfe ringelten zwischen ihren Körpern hoch. Da war +den Steinen, als wäre jeder von ihnen bei seinem Namen aufgerufen. + +Basalt war die mächtige Decke, die über dem Boden des Atlantischen +Meeres erstarrt war. Sie bedeckte fünfhunderttausend Quadratkilometer. +Schottland Island Grönland erhoben sich auf ihr, tausend Meter war sie +dick. In Treppen und Bänken lagerte sie hin, mit verkittetem +zertrümmertem Tuff bestreut. Sturm und Wasser verwitterten ihre +Oberfläche zu brauner gelber Wacke. Auf Island, der Insel des +fünfundsechzigsten Breitengrades, hatte sie die Kegel und Kuppen der +Berge gebildet, Gjaus, die Spalten gezogen, die von Süden nach Nordosten +strichen, der steilwandige Spalt am Myrdalsjökull, die Lakispalten mit +hundert Kratern. So standen die Berge da, Gemenge geknetet mit Gemenge +wie eine Wiese, über die ein Sämann hundert Keime von hundert Arten +wirft, die aufschießen, sich verfilzen. Die Gesteine waren +zusammengeknirscht, zusammengeschauert, nachdem das Feuer sie +losgelassen hatte. Nichts wuchs in dem wüsten Gemenge; sie wucherten +noch unmerklich leise, das langsam lösende Wasser tat mit ihnen, Hitze +und Kälte, der Druck der Schwere über ihnen, um sie. Chalcedon und +Zeolith lag in den Blasenräumen des Basaltes. Seine dunklen Massen, +meterdicke Kugeln Platten Fächer hielten fest die zerdrückten +grünschwarzen Olivine, das Titaneisenerz, den eingewühlten Augit, +Plagioklas. In den Bändern der tiefen Gesteinsgänge verschränkten sie +sich glasig ineinander. + +Jetzt kam über die geronnenen Wesen etwas, das von Art der Flamme war. +Wie wenn ein Mensch, der jahrzehntelang in der Fremde herumgeworfen +wurde, um die bittere Notdurft des Lebens Tag um Tag rang und nichts als +das Ringen Rudern Schlagen unter den Fremden mehr kennt, eines Mittags +einem unbekannten Mann begegnet. Der übergibt ihm einen Brief von Hause, +spricht ihn in der heimatlichen Sprache an und fragt ihn, was er so +lange getrieben habe, er möge doch wiederkommen. + +Oder wie eine ungeliebt verheiratete Frau, die lange Zeit neben dem +widerspenstigen rohen Mann lebt, ihm Kinder auf Kinder trägt, schon +selber stumpf und gehässig ist, wie wenn sie sich plötzlich in einer +Krankheit eines Jugendfreundes besinnt. Und er kommt, – es ist einer da, +oh Wunder, der ihr die Bettdecke zurechtrückt, der ihr die Schnabeltasse +an den Mund hält, während er mit der rechten Hand den schwachen Rücken +stützt. Sie atmet stürmisch, und wie sie gesund wird, ist eine Stunde +da, wo sie inmitten der kleinen Kinder in der Stube sich dem fremden +Onkel an die Brust drückt, ihn küßt, ruhig küßt, und er führt sie mit +den Kindern aus der Tür hinaus. + +Wie ein Volk, das vor Jahrhunderten besiegt und zerschlagen wurde, +dessen Männer und Frauen sich zerstreuten, die Sprache wurde verboten, +der Volksstamm verhöhnt, seine Sitten lächerlich gemacht; als Sklaven +gingen die Männer in fremde Dienste, ließen sich in fremde Kriege +führen. Und eine Anzahl fiel ab, glänzte in den fremden Völkern, die sie +verachteten. Wie in einem solchen Volk heimlich junge Männer und Frauen +auftreten, halbe Kinder; die treten zornig leidenschaftlich den Alten +ihres Volkes unter die Augen in geheimen Zimmern und sagen: sie hätten +genug von ihrer Feigheit, von den Beschwichtigungen, womit man sie +füttere, von dem Beschimpftsein und Getretensein. Sie würden ihr Leben +gegen die Schande einsetzen. Und sie wandern herum, verteilen Blätter, +reden heimlich. Ein Rauschen geht durch das Volk, durch alle kleinen +Familien, durch die Mädchen, die fremde Stuben sauber machen müssen und +den fremden Männern zum Opfer fallen. Und eines Tages ist ein Krieg da. +Und eines Tages sind die Straßen frei. Und eines Tages weht eine Fahne +von den Dächern, eine neue Fahne. Und durch die Straßen jubeln Züge in +einer Sprache, – in welcher Sprache, – in der verspotteten siegreichen +Sprache. Und alles weint hinter den Fenstern und auf den Straßen. Dies +ist eine Stunde, wo die Toten der vergangenen Jahrhunderte ein Zittern +befällt. Und sie flattern zu den Lebenden aus ihren wüsten +unbezeichneten Gräbern in ungeheuren Scharen und sie ziehen mit in dem +singenden Zug. Tausende, Tausende singen mit, fliegen den Fahnen voran +und halten die Fahnenbänder und küssen den jungen Marschierenden die +schmutzigen Stiefel und die Mützen. + +Wie diese, Männer und Frauen und Volk, wurden die Felsen Bergkämme +Krater Höhenzüge die todesstummen eisbedeckten riesigen Häupter +ergriffen. Wurden angefaßt wie das Schloß von dem Schlüssel und mußten +gehorchen. Folgten summend und alles wurde im Bersten licht um sie. + +Erweicht wurden der große Dyngja Herdubreid Tögl Skjaldbreidur. + +Und wie murrend der Einsturz der Berge begann, die Angreiferzüge die +Berge losließen, Brückenweite auf Brückenweite überflogen, war es auch +schon zu spät. Die Luft, noch schwarz und eisig hauchend, wurde rot +aufgespalten. Glut und Blockauswürfe. Finsternis von tiefster Schwärze +legte sich über die Hochflächen. Rütteln Rollen Wallen der Erde. In der +Schwärze unter sich sahen die fliehenden Züge noch die braun +überschütteten Schneefelder vor dem Senorfjall sich heben und senken, +von Wasser schäumen wie einen schlammigen See. Dann zerriß die Insel vom +Fuß des Herdubreid nach Osten bis zur Heraldsbucht. Das Sandtal zwischen +Brücken- und Lagarfluß sank. Das Meer durchsetzte die meilenweite Fläche +von der Heraldsbucht bis zum Kyarkfjöll vor dem Angesicht des gewaltigen +Vatnagletschers, begrub sie in einem einzigen Schwall. Verschlungen die +Züge, die von den Kyarkfjöll und Askja die Heraldsbucht erreichen +wollten. Mit Brücken Pfeilern Trommelträgern Fahrbahntafeln ins Meer +gefahren. + +Das Beben lief über die Heraldsbucht hinaus. Lief, eine mauerhohe +meilenweite Flutwelle hochbäumend, einen Orkan vor sich drängend, über +die springende eiskäuende See. Zwanzig Längengrade lief es nach Osten, +drang in die aufdonnernden skandinavischen Fjorde ein. Das Wasser +stürmte schwarz in Bänken mit ungeheurer Geschwindigkeit. Lautlos +versanken in dem Schäumen und Rasen Teile der Fär Öer. Die häuserhohe +Flutwelle schlug an die schottische und irische Küste, brüllte gegen +Dänemark, staute in den Kanal laufend die Elbe auf. Sie rollte um +Jütland durch das Kattegatt. Die flache Ostsee schwankte bis in die +Finnische Bucht. Der schrille aschenwerfende Wirbelwind strandete vor +den skandinavischen Bergen. + +Über Island aber war die Finsternis vergangen. Der Feuerstrahl, der aus +den Herzen der Dyngja Herdubreid Askja fuhr, ließ es sich nicht genug +sein, das weite nördlich hingedehnte dem Skalfanda angelagerte +Odadahraun zu verbrennen. Die westlichen Gletscher des Hofjoküll und des +Langjoküll hauchte er an. Und wie ihr Eis zu Tal fuhr, riß, durch Dämpfe +gelockert, der schwere Basalt über ihnen. Sie lohten wie der Krabla und +Leirhukr. Ihre schwer wankenden Köpfe stürzten ab in die vom Meer +aufberstende Spalte. + + * * * * * + +In der Stunde, wo die Insel vom Fuß des Vatnagletschers bis zur +Heraldsbucht aufriß, wußten die Männer und Frauen auf dem europäischen +Kontinent, daß etwas Ungeheures Vernichtendes geschehen war. In dieser +Stunde liefen plötzlich die Maschinen, die Kraft in die untermeerischen +Kabel warfen, leer. Die Kabel, die die Expedition versorgten, +zerbröckelten auf Kilometer unter dem aufkommenden Tiefengestein der +See, von untermeerischen Lavamassen zerrieben. Wie ein Stier mit +aufgeschnittener Kehle, mit peitschendem Schwanz daliegt und noch +fürchterlich röchelt, so hauchten die Kräfte aus den Kabeln über die +kantigen Steine und das Wasser. Milchig quoll vom Boden das Wasser hoch. +Pflanzen Quallen Fische lähmte der Strahl. Es röchelte in der Tiefe aus +dem Kabel, beruhigte sich nicht. + +Einen Tag war Totenstille in den festländischen Stadtschaften. Da wurden +in Höhe Kopenhagens die ersten Flieger gesichtet. Sie kamen, schwarz von +dem vulkanischen Staub, der in großer Höhe über Europa getragen wurde, +forderten neue Schiffe Flugzeuge Menschen. Angst hatte sich der Senate +und städtischen Völker bemächtigt, wie das See- und Erdbeben anlief, der +finstere Staub unablässig aus großen Höhen herabrieselte und es nicht +Tag werden wollte. Die Boten schlugen die Furcht nieder. Kaum +berichteten sie von den Vorgängen. Sie sprachen für Kylin De Barros +Prouvas, die alle drei noch lebten. Die Senatoren waren verblüfft von +der strengen verschlossenen Art der Boten. Sie waren selbst kampfgierig; +der kalte Ernst der Boten beunruhigte sie leise. + +Ein neues Geschwader verließ die Shetlandsinseln. Das +schlackenschwemmende Meer überfahrend, in die Schwefeldünste einlaufend +längs der Ostküste Islands, – eine dampfende, grün und gelb zuckende +Masse im Ozean, – gerieten sie in eigentümliche neue Strömungen und +Strudel. In der Höhe des fünfundsechzigsten Breitengrades, bei der +zwölften Länge wurde das Wasser flach, Riffe Klippen ragten über den +Spiegel. Sie bogen östlich aus. Heiße Luftströme schlugen in die +gleichmäßige Meereskühle ein. Meilenweit bogen sie aus, nach Norden +dringend, schwankten unter ständigem Sandregen vorsichtig westlich, +umfuhren eine unbekannte breite Bodenwelle, die ihnen bankartig den Weg +sperrte. Mühsam tasteten sie sich nordwestlich vor. Der Sockel der Insel +hatte sich unregelmäßig gehoben, dabei dünenartig ins Meer verbreitert. +Nördlich der unglücklichen Heraldsbucht trieben sie. Vergeblich hielten +sie Umschau nach Trümmern des letzten Angriffsgeschwaders. Der +finsterrote Brand durchbrach den schweren Qualm, leuchtete ihnen die +Nächte, die immer länger wurden. Obwohl der Mond schien, von dem die +mitfahrenden Boten sagten, er leuchte auf Island fast so hell wie +Sonnenlicht, war eine zum Schneiden dicke Finsternis um sie ohne die +Vulkanfackel. Dünste zogen ohne Nachlaß von der Insel ab über das Meer. + +Sie wollten von dem Vorgebirge Langanes, der nordöstlichen Ecke der +Insel mit einem schwachen Kabel, das sie hinter sich zogen, Funkzeichen +und Worte nach dem Festland geben. Da merkten sie, daß das Entsenden der +Sprachzeichen durch die veränderte Luft nicht gelang. Antwortzeichen +trafen nicht ein; schon bei Proben auf wenige Kilometer verstanden sie +sich selbst nicht. Die Luft war nahe den heißen Ascheausbrüchen, den +vulkanischen Feuerstürzen von Strahlen durchwirbelt. Sie mußten Flieger +aussenden aufs offene Meer, die viele Meilen ostwärts flogen, ehe sie +die rings die Insel umflutende Spannungszone durchbrachen und Standorte +für Meldungen nach dem Kontinent ermittelten. Die Schiffe suchten die +gebrochenen großen Energiekabel ab. Jenseits des Ozeans ließen die +Menschen Kraft in die Kabel einlaufen. Langsam mußten von Süden die +Sucherschiffe das Kabel abtasten; sie stießen, im Norden es ergreifend, +auf die Sandbank, die sie umfahren hatten. Ohne Zeichen verströmte die +eingeworfene Kraft jetzt in die Bodenwelle. Eingeklemmt gewürgt +gebrochen lag das große Kabel zwischen den Tiefengesteinen, glühte +zerfraß den Sand. Die Sucherschiffe, von Süden vordringend, brannten mit +eigener Kraft das Kabel aus dem Gestein, daß das hochsteigende Wasser +sie von der Bruchstelle abtrieb. Zogen dann in weiten Bogen um die +Insel, das Kabel verlängernd, bis sie westlicher des Langanesvorsprungs +in den ruhigen Thistillfjord kamen, wo De Barros den Rest des +Geschwaders massiert hatte. + +Die neuen Schiffe hatten erwartet, man würde ihnen entgegenfahren. +Einsilbig fanden sie Führer und Mannschaften bei der Ausbesserung von +Schiffen und Maschinen, bei der Zählung der Vorräte; sachliche Worte +wurden gewechselt. Die Gesichter dieser Islandfahrer waren völlig +schwarz, verschwollen. Das kleine pulverförmige Steinpigment, das die +Vulkane von sich gaben, hatte sich in die bloßliegende Haut der Arme +Hände Gesichter wie Tusche an tätowierenden Nadeln eingebohrt. Heftige +Entzündungen waren davon ausgegangen. Am furchtbarsten waren die +betroffen, die in den ersten Angriffstagen ungeschützt durch den Staub +geflogen waren. Sie lagen und standen in den Schiffsbäuchen, stöhnend im +Finstern; Backen Stirnen Lippen wulstig dick, Augenlider zugeschwollen. +Und wo einige die Lider offen hatten, war die Hornhaut schwarz wie das +Gesicht; die Bindehaut mit dem Steinstaub gespickt. Sie wagten nicht zu +zwinkern, rissen sich mit dem Lidschlag das Innere der Lider wund; in +den Augenwinkeln standen ihnen Blutstropfen. + +Das zweite Geschwader erfuhr, daß die Insel in ostwestlicher Richtung +von der Heraldsbucht bis zum Kyarkfjöll, dann in südwestlicher von der +Vopnabucht bis an das Vulkanfeld des Dyngja aufgerissen war. Das +dazwischenliegende keilförmige Stück war überflutet. Die Vulkane hatten +im Zentrum der Insel um das Odadahraun herum das Grundgebirge +durchbrochen, mit Spalten Sprengtrichtern Explosionsgräben ihre Schlote +riesenhaft erweitert. Die alten Krater waren eingeebnet. Neue Lavenkegel +entstanden und versanken unaufhörlich. Die Kundschafter des alten +Geschwaders hatten festgestellt, daß schon dickere Lavakrusten sich über +das bloßgelegte Feuer breiteten. Wie Blut aus spritzenden Gefäßen gerann +das Feuer. Aber aus der Tiefe der Insel und dem benachbarten Meer wurden +immer wieder brennende losbrechende Massen ausgeschleudert. + +Die Geschwader teilten sich. Gruppen der alten und neuen Islandfahrer +wurden unter neu gegliederte Züge gemischt. Eine Möglichkeit das +zentrale Inselfeuer nach Westen zu erweitern bestand nicht. Der im +Thistillfjord zurückbleibende Schiffstrupp übernahm die Aufgabe, die +stärkere Verkrustung des ausgeworfenen Magmas zu verhüten, durch +Aufsprengung das Feuerfeld zugänglich zu machen, das flammende Land zu +überwachen zwischen Myvatn Odadahraun und Vatnagletscher. + +Anfang Juni verließ das Südgeschwader, geführt von dem strengen Kylin, +den ruhigen Thistillfjord, ostwärts, dann südlich umbiegend. Hart und +stumm war der blonde Kylin wie die andern. Hätte man ihn nach seinen +Worten und Klagen bei der Beseitigung der Eingeborenen gefragt, er hätte +sich nicht darauf besonnen. Die Wimpel, bunten Kostüme, mit denen die +neuen angefahren kamen, waren abgelagert. Still waren die Transporter. +Auf den technischen Schiffen fauchten die Maschinen. Maskierte +rußbedeckte Menschen gingen herum auf dem ruhenden und fahrenden +Geschwader. In Schlamm verwandelte sich das Wasser, das sie im Freien +trinken wollten. Wenn einer ein Stück Brot im Freien in den Mund +steckte, war es mit den spitzen Nadeln der Vulkane besetzt. Sie spien +beim Essen. Aus den Schiffsbäuchen wimmerte es; die Blinden Hautkranken, +dann die, die von den Schwefeldämpfen und der Einatmung des Staubes +erkrankt waren, sich schmerzvoll die Brust faßten, husteten, husteten, +Blut unter Räuspern und Winden aus sich warfen. Niemand sprach vom +Kontinent. Man hielt stumm, sich verhärtend zusammen. + +Die Schiffe des Südgeschwaders passierten in langsamer Fahrt weit +außerhalb der Rauchlinie der Vulkane die Höhe der Heraldsbucht. Sie +sahen – die Masken nahmen sie nicht ab – die glühende Sonne am Horizonte +aufstehen, von einem Ring umgeben. Mit blendendem Gold stieg sie hoch. +Wolken loderten unter ihr in wilden Farben. Die Menschen schwebten über +dem unermeßlichen stahlgrauen Meer. Und erkannten es nicht wieder. Es +war nicht das Wasser, das sie auf der Herfahrt genommen hatten, das sie +unter die Kiele ihrer Schiffe geworfen hatten. Sie spannten ihre Blicke +auf das Wasser, das riesengroße wellige Ungetüm, suchten seine Tiefe zu +durchbohren. Und schwiegen. Wenn die Nässe sie anspritzte, lachten sie +nicht. Wischten sich ab, zogen sich zurück. Im Innern der Schiffe +hockten sie, Männer und Frauen, die mit den furchtbaren Kräften der +Maschinen umzugehen verstanden, träumten spielten schliefen. Ein +aufschnellender Fisch erschreckte sie, machte sie nachdenklich, böse. + +Von Osten her umringten sie die Insel. Das Tosen hatte sich +abgeschwächt. Es war, als ob sie hinter einer großen Schutzmauer liefen. +Eine weiße Masse schimmerte Island herüber, in die wagerecht +hinziehenden Wolken verlief es, das Meer trug diese weiße hingedehnte +Masse. Dies war das Eisgebirge des Vatna; es hielt alle Schwärze und den +Schall der Vulkane ab, der Staub überschritt seinen Grat nicht. Die +Fahrzeuge der stummen Menschen westwärts steuernd näherten sich im +aufschäumenden Wasser der Küste. Die Luft fing wieder an zu vibrieren. +Aus den Schiffsbäuchen stiegen die Menschen. Die Zähne beißend hörten +sie das entfernte Grollen. + +Flaches tiefbuchtiges Land. Das gelbe Sonnenlicht trübe umflossen. Ein +eigentümliches fremdes Rot, das die Herzen der Menschen mit Trotz und +Wildheit erfüllte, mischte sich, ohne zu weichen, im Nordwesten in die +wechselnde Farbe der Wolken. Und wie die Dunkelheit einsetzte, stand +allein dieses düstere erregende Rot am Himmel, das alle Menschen auf das +Deck lockte, immer größer weiter heller, je westlicher sie fuhren. Die +Fäuste ballten sie, wie sie das Rot sahen. Mit Triumphgefühl +betrachteten sie das Wasser; sie zitterten, spannten sich, hatten die +Zähne aufeinander. Ein wirbelnder Landwind jagte Wolken nach Süden, die +Rauch von den Feuerherden schleppten. + +Nacht. Da scholl das tiefe Murren und Rollen an ihr Ohr, das sie seit +dem aschenverhüllten Thistillfjord nicht gehört hatten. Brustbeklemmend, +daß sie aufhörten zu lächeln, klein herumgingen, den Atem langsam +entließen und einnahmen, so fiel sie das Murren an. Sie hatten es fast +vergessen. Sie wurden herumgetragen durch die Kraft der +schraubendrehenden Schiffe und ihren eigenen Willen. Und wollten näher +heran. Da war es schon kein Rollen mehr. Es sprang knallend an, fiel +polternd hin. Rummste an unsichtbaren Orten am roten Horizont. Aber von +Zeit zu Zeit verschwand es hinter einem erstickenden, alles +überschattenden, Schiff Meer Meer Feuerschein in Nichts verwerfenden +Aufkrachen, hinter einem aufwühlenden grundgeborenen Getose, das nicht +aufhörte, Meer und Land minutenlang rüttelte. Und wie es abbullerte, +ließ es Meer und Land in Betäubung. Tobsüchtiges Klatschen der Brandung, +grauer zuckender Himmel. An Deck geklammert, neben Masten Drähten +Maschinengittern, sahen sie das Zusammenziehen der Küste, sahen, wie das +Land aufhörte, Land zu sein. Die Ufer, langgestreckte Hügelreihen, der +flache Strand tauchten in das anrasende Meer ein, das sich turmhoch +aufhob, in einer schnurgraden schwarzen Flutlinie über sie +herschmetterte, unter Johlen der fortgerissenen Luft. Dann war das +schwarze nackte Land wieder da; die Hügel rollten von seinem Rücken +herunter; der Boden zuckte, glättete sich gegen das Wasser hin. + +Die Schiffe drehten stärker seewärts. Als die Nacht vorüber war, waren +sie in die Zone der Hekla und Katla getreten, der Feuerberge des +Südwestens. Sie wurden ihrer nur angesichtig, wenn ein Seewind die +Schwärze des Rauchs zerteilte. Heimvayz hieß eine von den vierzehn +klippigen Westmannsinseln; vor dem seenartigen Erguß des Markerflusses +ins Meer lag sie. Heimvayz war die größte der Inseln, eine halbe +Quadratmeile im Umfang. Sie war früher von Menschen bewohnt; unter +Schutt, zwischen den Lavabomben lagen zerschmetterte Hütten, eine Kirche +stand weit offen da, die Türen unversehrt, der Dachstuhl eingebrochen, +das Innere von Geröll wie ein Kasten erfüllt. In den Buchten Heimvayz’, +einige Meilen vor der isländischen Südküste, schoben sich die hohen +schweren Transporter obdachsuchend, in stickiger Luft. + +Dann stießen leichte Angriffsschiffe gegen die Küste vor. Der +Myrdalsjökull stand ihnen gegenüber, das Sumpftalgebirge, achtzehn +Quadratmeilen bedeckend, einstmals unter einer Eisschicht verborgen. +Mächtig stand der Myrdal da, eine erwachte Vulkanmasse. Seine Rippen +klafften, nach allen Seiten war der Bergblock aufgerissen. Dampf und +Aschesäulen spie er und verhüllte sich. Die Katla hinter ihm im Land +flammte düster; oft versank sie in ihrem Qualm. Sie brauchten nicht +viele Brücken zu schlagen. Die Küste entlang schwärmend, von den heiß +aschigen schwelenden Ufern drangen sie vor. Nahmen sich zum Ziel die +feuerbrünstige Reihe der Vulkane am Skaptarfluß, vom Rand des Vatnaeises +bis zum Thjorsar, wo die achtkuppige Hekla ihre Mauern und Terrassen, +Schlund bei Schlund aufbaute. Der Herkules, der nahte, kam nicht um den +Drachen zu ersticken, ihm anspringend nicht ermüdend Kopf um Kopf +abzuschlagen, ihn unter die Füße zu nehmen, zu zerschlitzen, die +geblähten Eingeweide in die Luft zu streuen. Er wollte das Untier +reizen, Mäuler um Mäuler aufzusperren, Hals um Hals hochzustrecken. +Seine Wut sollte es zeigen für ihn, seine Kraft wollte er ihm entlocken. +Er hielt es an einem Band fest, zog es hinter sich her. Und eines +Morgens machten sich die Transporter von der kleinen Heimvayzinsel los, +setzten sich meerwärts in Fahrt. Zugleich richteten sich die stillen +Augen von Kylins Apparaten auf die Gebirge. + +Die Hekla, den Kopf in den Wolken, machte einen Sprung, als wollte sie +sich ins Meer stürzen. Ihre Wände, die sich getrieben aufgestellt +hatten, die Mauern des Marklidar, die höheren Hilfall Grefjöll Malfall +wurden zur Seite geschleudert. Über das brennende Land flog der +Marklidar, der Bjölfall Grefjöll Malfall. Da versank der Torissee. +Umgeschleudert wurde in derselben Stunde die Katla. Den Tjörsarfluß +bedeckte der Tungna. Als am Vatnarand der Öräfaberg sich in seinem +eigenen Feuer bog und drin verschmolz, stand keiner der Menschen, die +das Geschwader um die Insel getragen hatte, mehr auf seinen Füßen, weder +von denen, die jenseits der Westmannsinseln ins Meer flohen, noch von +denen, die das Gestade entlang fuhren. Die auf den flüchtigen Schiffen +wurden gegen Drähte Gestänge gestoßen, flogen über Bretter. Mit Masten +Seilen Treppen, an die sie sich hielten schwirrten sie über die Böden. +Die Schiffe machten plötzlich einen Satz nach vorwärts und dann noch +einen, und einen zur Seite, wie ein Hund, der nach einem vorgehaltenen +Bissen schnappt. Ihre Hinterleiber schnellten aus dem platten Wasser, +die Schrauben surrten leer in der Luft, die Spitzen wühlten mit den +Nasen in der See. Wühlten bei den landnahen Schiffen so tief in der See, +daß die Leiber rückwärts sich schräg, fast senkrecht hochstellten, sich +seitlich und nach vorwärts überschlugen, Menschen Tonnen Balken im +Strudel hinterdrein. Die See hob sich auf den Druck der zerrissenen Luft +langsamer, breit am Boden schleppend, schwer schwer über der Untiefe +hängend. Die Schaumkämme der Wellen wurden angefaßt. Von den Ufern +weggeblasen rollte sich die See wie ein Wurm zusammen, wulstete sich +riesenhoch, lief, während es nächtig wurde, ein Schatten durch die Nacht +auf das Land zu, loderte über Klippen, entblößten Strand, breite +kochende Lavaströme, streckte sich über sie, zog sich entladen +auseinander, gab alles frei, rollte sich wieder ein und, Trümmer Blöcke +Geröll Aschen an sich nehmend, stellte sie sich auf, gebäumt höher höher +wachsend, schlagprasselte in einem wallenden Sturz über das geifernde +Land. + +Die Menschen, die von Europa aus den wimmelnden Stadtschaften +herübergekommen waren und, um das Feuer aus den Vulkanen zu holen, auf +den Angriffsschiffen die Küste entlang fuhren mit den zauberhaften +Apparaten, in der Stille hergestellten listigen Maschinen, wandten sich +ostwärts im Augenblick, als die Feuersäulen der Vulkanschlote erloschen. +Da wurden ihre zarten Schiffe, Gebilde aus Stahl und Holz, während ein +Urlaut vom Firmament herunterscholl, im Wirbel um sich gedreht. Auf die +fluchtbereiten Flugzeuge warfen sich die kleinen taumelnden +Menschenwesen, die der europäische Kontinent geschickt hatte. Sie flogen +auf dem winzigen arbeitenden Gerät über den drehenden Schiffsrand +seewärts, ostwärts, dem unbewegt stehenden Eisgebirge des Vatna zu. Sie +fühlten noch über dem Wasser schwebend, wie sie etwas anfaßte, rückwärts +seitwärts, an Hals und Nacken. Blitzrasch waren sie geknickt, wie Bälle +in die Luft geworfen, hochgeweht zwischen die flirrenden knatternden +heißen Gesteine. Von den rotglühenden Backen der Bomben zerdrückt, vom +spitzen Sand zerknabbert durchlöchert. Auf den Vatnajökull, nach dem sie +verlangten, wurden viele gesprengt, gebunden an ihre lustig laufenden +Apparate. In das blauweiße Eis des Gletschers wurden die verschobenen +verknäulten Leiber getrieben, fellgeschützte Hände, durch die noch ein +Zittern lief, weitgeöffnete Augen Ohren, die nach jenem Urlaut nichts +mehr hören wollten. Das Eis sprang unter dem schußartigen Anprall der +ungestümen Menschengäste auf. Die Gäste, zu blutenden Kugeln +zusammengepreßt, machten sich selbst einen metertiefen Gang, an dessen +Ende sie ausruhten. Steine Aschen stopften sich neben sie. Auf Brücken +hatten fünftausend Menschengeschöpfe, die Europa hervorgebracht hatte, +den Lakivulkan, den Katlaberg, die Hekla wachsen, sich mit einem +Steinregen umgeben sehen, wachsen, sich erweitern, wachsen, sich heben, +zerbersten. Sie waren vom Feuer verschlungen worden. Sie lagen, als die +Nacht um sie zerfetzt wurde von einem überweißen Schein, greller als +nahes Sonnenlicht, sekundenlang rechts und links bei ihren Maschinen, +gekrampft verschrumpelt, in sich geschlüpft. Brauchten dann ihre Muskeln +nicht mehr. Schwebten wie Dampfsäulen auf mit Pfeilern Brückentafeln +Rollenträgern Fahrgut Schienenwerk. Wurden von dem Feuer angenommen, +ihrer Gedanken, menschlichen Natur, Leiblichkeit entkleidet, waren nach +drei Sekunden nichts anderes als die gasende Lava: Wasserdampf +Kohlensäure glühender Kalk. + +Das Land war in dem Augenblick, den Himmel Meer Schiffe Brücken +Menschenwesen mit Tosen und rasenden Verwandlungen erfüllt hatten, +antwortend auf die Frage der großen Glut, zu einem Feuersee geworden. +Der See floß von der Linie des Tjörsarflusses bis zu dem Lakivulkane im +Osten, nach Norden zum flammenden Tröllardyngar. Eingesunken in Flammen +die Hekla, siebenhundert Quadratkilometer bedeckend, das ewige +Schneefeld, von schwarzen Schlackenmauern gefeldert, in fünf +Hügelreihen, sechs Terrassen sich aufbauend, Felsmauern längs der +Vestri-Ranga, der Marklidar, dahinter der höhere Bjölfall der Malfall +Grefjöll der Hauptgrat, die braunen verwitterten Schlünde. Der +Raudukambur am rechten Ufer der Tjörsar versunken. Das Haupt des +Myrdalsjökull. Der schreckliche Eyafjallarjökull. + +In die Katla hatte sich einmal eine Hexe geworfen. Da war der Vulkan +ausgebrochen, hatte das Gletschereis zum Schmelzen gebracht. Das Land +unter dem Katlagletscher war fruchtbar, Kühe weideten, kleine Pferdchen +überschritten die Furten, schüttelten sich, warfen sich in den Sand. Der +Berg hatte seine Sand- und Bimssteinmassen und die schwarzen toten +Landschaften geschaffen, das Myrdalssandur, das Kötlisandur. Dann +brodelten warme Schlammflüsse von ihm herunter, zuletzt löste sich das +Eis selber, rasierte die grünen südlichen Hügel, schwenkte sie in die +See. In Flammen eingesunken die Katla, Fjorde Buchten Seen verdampften, +mit Schmelzfluß ausgefüllt. + +Der Brand überlief zwei Breitengrade, rauchte von der Skalfandabucht bis +zum südlichen Vorgebirge am Myrdalsjökull. Die feurigen Massen gluteten +im Osten den gewaltigen Vatna an, stießen ihren Hauch an die Ostküste, +wo der Brücken- und Lagerfluß im Meer ertrunken war. + + * * * * * + +Als die Stöße der Luft nachließen, die Wasser gurgelten und richtungslos +pendelten, warfen die nach Süden vorgestoßenen Führerschiffe Flammen und +Farbensignale über das Meer. Durch den Hagel der Steine, die schweren +Schatten der Aschengüsse leuchteten die Zeichen. Vergeblich. Weiter in +See sausend, ihre Schiffe suchend, die farbigen Rufe in aufhellender +Luft wiederholend, sahen sie eine Gruppe von Schiffen sich ihnen von +Süden her nähern. Sie wurden aufgeklärt von der Flottille, daß weiter +westlich nur ein kleiner Haufen Schiffe zu sichten sei, schwer durch +Blöcke verletzte Gefährte, die mit den Wellen kämpften. Die Führer gaben +Weisung, mit ihnen in Fühlung zu bleiben, stürzten südwärts, entsetzt +über die Verluste. Sandten Flieger vor sich. Die berichteten nach kurzem +Suchen: eine ganze Abteilung Schiffe fahre in Kiellinie ihnen voraus, +biege eben westsüdwestlich um. Eine zweite Meldung lautete: es sind +unbeschädigte Schiffe des Geschwaders, Transporter und technische +Schiffe. Mit Flammensignalen Sirenenrufen suchten Führer und Flieger das +wildfahrende vordere Geschwader zu verständigen, daß es zu halten habe, +um in Fühlung mit den Führern zu treten. Das Geschwader antwortete +nicht, raste gejagt mit höchster Kraft vorwärts. Da warfen die +Führerschiffe ihre geübtesten Flugzeuge aus, die nach wenigen Minuten +das vordere Geschwader kreuzten, sich in laufender Fahrt auf Schiffe +niederließen. Die Flieger, die Weisung hatten nach erfolgter Erkundung +und Abgabe von Befehlen Bericht zu erstatten, kehrten nicht zurück. Die +Schiffe wandten nicht. Das Tempo der Fahrt verringerte sich nicht. Ein +Einzelflieger, ein Kapitän, von den bestürzten Führern bestimmt, ein +Raketensignal zu geben, wenn ihm irgend etwas bei der abgesprengten +Flotte rätselhaft oder verdächtig erschiene, gab eine lange Stunde nach +seiner Ankunft kein Zeichen; dann brannte das Signal auf. Die Flotte +vorn war auf der Flucht. + +Die Führer versammelten sich auf De Barros’ Schiff. Der schwere De +Barros erfuhr vom Zustand seines eigenen Geschwaders. Die Menschen, +Männer und Frauen, vom Entsetzen betäubt. Sie standen herum, weinten, +lagen apathisch, krochen in die Kabinen, zitterten sperrten die Münder +auf. Eine kleine Anzahl war frisch, beriet sich überall flüsternd. Sie +erklärten, als der Verdacht der Flucht der Südflotte bekannt wurde, sie +gingen nicht davon; sie würden die Fliehenden zurückholen. Prouvas, +still wie die anderen Führer, vernahm Wendungen wie nach dem Unglück in +der Heraldsbucht und noch gesteigert: man werde die Arbeit verrichten, +man ließe davon nicht los. Er hörte sie einen nach dem andern an; er +prüfte sich selbst; ihre Worte kamen ihm übertrieben und nicht ganz +richtig vor. Er zitterte nicht, fand sich gewillt nicht loszulassen, +aber etwas war nicht ausgesprochen. Besser war der Satz eines der +Männer: er ginge nicht von dem Feuer, er wolle zurück. Das war etwas. +Ingrimmig bestimmte De Barros: die südliche Flotte wird nicht nach +Europa entweichen. Man war weit in See, hatte die Rauch- und Aschenzone +verlassen. Es war möglich über den östlichen Verbinderschiffen, dem +Standort für Kontinentalmeldungen, sich mit dem Geschwader im +Thistillfjord zu verständigen, beruhigende Aufklärung zu geben, zugleich +um Hilfe beim Einfangen und Abriegeln des flüchtigen Geschwaders zu +bitten. Wie man weiter vorwärtsstieß, lag vor ihnen eines der großen +Transportschiffe der Flüchtigen, leck, im Begriff zu sinken. Der Kapitän +dieses Fahrzeuges gab Zeichen: man solle sie nicht verfolgen; die +Bemannung hätte selbst das Leck gebohrt. De Barros betrat das Schiff. +Die Gebrochenen hatten die Oberhand. Die Menschen bewegten sich wie +Betrunkene. Niemand weinte hier. Sie blickten von den neu Ankommenden +weg oder stierten sie ausdruckslos an. Einige waren geneigt jeden, der +sie fragte und berührte, anzufallen. Viele standen grinsend, manche +gähnten. Es stank auf Deck und auf den Treppen: Überall lagen Haufen +braunen und gelben frischen Menschenkots; die Menschen rochen nach Kot. +Einige standen in Urintümpeln und hockten darin; aus ihren Hosen, über +die Schuhe lief es. De Barros fragte, wer das Leck gemacht hätte. Der +Kapitän schloß die Augen: „Ich. Mit anderen.“ „Warum?“ „Es ging nicht +anders.“ De Barros trat näher an ihn: „Es ging nicht? Es geht. Sieh mich +an.“ Der junge Mensch machte die Augen nicht auf. „Ich will, ich will +nicht.“ De Barros wurde gedrängt ihn zu nehmen und zu umfassen: „Du +willst doch.“ „Nein, ich will nicht. Ich ertrag nichts mehr. Nicht +nochmal.“ „Wir ertragen es alle. Sag, ob du willst.“ Mit den Stumpfen +fast Vertierten konnte De Barros nichts anfangen. Er mußte sich +vorsehen, daß man ihn nicht niederschlug wie vorher seine Flieger. Er +hielt den Kapitän am Arm: „Sie haben eins auf den Kopf gekriegt. Sie +haben nichts ausgehalten. Sieh nicht hin.“ Der ging entsetzt mit ihm. + +Das Gros der fliehenden Schiffe hatte inzwischen weiten Vorsprung und +war im Begriff sich mit den Sprechstationen Skandinaviens und des +Festlands in Verbindung zu setzen. Angriffsschiffe De Barros’ flogen +hinter ihnen her. Die Angreifer warnten durch Zeichen: „Ergebt Euch!“ De +Barros trieb die Angreifer in Wut vor. Neue Warnungszeichen. Und dann +sahen die Todmüden Verwirrten auf den fliehenden Schiffen das ruhige +Meer, das sie eben nach Frieden lechzend befuhren, sich gegen sie +erheben. Es knatterte auf der Wasseroberfläche; der trübe Himmel +erleuchtete sich hinter ihnen. Nach einer zuckenden Erhellung sahen sie, +das Grauen der Vulkane noch im Blut, eine schwarze breite Wolkenmasse +über dem Wasser begehrlich auf sich zu ringeln. Das Meer, eben ihre +Zuflucht, war klirrend von De Barros aufgerührt; die Wolken auf das Meer +heruntergebogen rasten schwarz und steinern, Schaum vor sich rollend an. +Dieses Meer, das sie trug, schüttelte an ihnen. In der schweren +Finsternis warfen sich die Flüchtlingsschiffe. Erduldeten das dröhnende +kerzengrad in Strudeln um sie aufstehende Wasser. Durch die brausende +Finsternis schlichen, Helligkeit um sich streuend, die Erkunderboote De +Barros’. In einer knappen Stunde war das Geschwader besetzt. Scharen der +Besatzung sprangen kopfüber in die See. Mehrere Schiffe sanken, bevor +man sie erreichte. + +Man wandte zurück nach Nordwesten. Das Winseln auf den gefesselten +Schiffen. So brüllten die gebundenen widerspenstigen Menschen unter +Deck, daß De Barros auf offener See halten ließ und mit einer Handvoll +Männer und Frauen die tobsüchtigen Fahrzeuge betrat. Er mußte eine +Anzahl erbitterter Menschen ins Meer stürzen lassen. Den Unterführern +gab er Befehl, weiter Ordnung zu schaffen. In Haufen wurden die +Weinenden und Verängstigten, zusammengebunden, auf zwei besondere +Transporter geschleppt. Inmitten des Geschwaders fuhren die beiden +Transporter unter weißen Fahnen. + +In die Zone der glühenden tosenden Insel traten sie wieder ein. In +steigender Erregung umfuhren sie die Ostküste Islands. Sie wußten, was +sie beim letzten Angriff bezahlt hatten; sie wollten den Gewinn kennen. +Schweigend begegneten sich an der Nordostküste die Hauptmassen beider +Flotten. Keine Kenntnis nahmen die Zurückgebliebenen von den beiden +weißbeflaggten beiseite in einen Fjord gesteuerten Schiffen. Und wie sie +noch von Schiff zu Schiff Mitteilungen austauschten, wurde von der +norwegischen Küste gemeldet, es seien einige hundert Lastflugzeuge mit +Besatzung unterwegs; und darauf: eine neue Flotte verläßt eben die +Häfen. + +Das Festland hatte in den Stadtschaften mit Schmerz Zittern Verwirrung +die alarmierenden Rufe der fliehenden Südflotte empfangen. Die Senate +nahmen den Tod der Führer an. Einsilbige Meldungen der Nordflotte unter +Kylin klärten sie dann auf; nichts als neues Menschen- und Sachmaterial +wurde gefordert. Befreit und doch zögernd gaben sie es her. Man wußte +nicht, was dort oben vorging. Großartige halberfundene Gerüchte von der +isländischen Operation streuten sie aus. Von den Stadtflüchtigen ballten +sich mehr und mehr in Erwartung in den Zentren. Die Senate selbst hatten +das Gefühl, daß die Ereignisse im Norden trotz aller Verluste die +Gerüchte noch übertrafen. Aber der zitternde Schrei des flüchtenden +Islandgeschwaders lähmte sie, und tiefer erregte sie, wie die Führer und +die Masse der Expedition sich jetzt verhalten würde. Heimlich hofften +sie, sie würden mit fortgerissen werden, diese gefährlich +Stillgewordenen würden weggeschwemmt werden. Da kamen die Rufe der +unerschüttert weiter drängenden Nordflotte. Das neue Geschwader ging ab. +Die Senate fingen an, auch schweigsam zu werden. + +Bei der Nachricht von der Ankunft der neuen Schiffe gab De Barros +Befehl, die beiden Weißflagger sich zu überlassen, jede Berührung mit +ihnen zu vermeiden; und dann: er habe an diesen beiden Schiffen kein +Interesse. Die Unterführer begriffen die Gefahr, die von den +entgeisterten anklagenden wirren höhnenden Menschenrufen ausging. Sie +entfernten die bewachende Mannschaft von den Fahrzeugen. Eines Nachts +waren beide Schiffe im Thistillfjord verschwunden; man hörte nichts mehr +von ihnen. + + * * * * * + +Turmalin hießen die Steingeschlechter, die der grobkörnige Granit in +Gängen und Adern hielt. Magnesium nahmen sie auf, dann wurden sie braune +Dravite; pechschwarz unter dem Eisen zu Schörlen; gelb blaßgrün waren +sie Achroite, die Natrium in sich trugen. Sie lagerten im +Albanygranitgebiet, in Neuhampshire, am Dach des englischen Dartmoor. +Bor Kieselsäure und andere Urwesen hatten sich in ihnen angesiedelt und +mit ihnen auf dem Erdboden niedergelassen und hingebreitet. Wenn Wasser +Dämpfe Gase auf diese Geschöpfe eindrangen, verwandelten sie sich in +hellen Glimmer, wucherten über Saphire weg. Man kannte die säuligen +langgestreckten streifigen Glieder dieser Geschlechter, wie sie aus den +Felsgängen kamen, gebogen geknickt spröde brechend, mit Pyramiden an den +Enden ihrer Körper. Strahlenförmig hatten sie sich im Gestein +versammelt; oft saßen sie lose eingesprengt neben den Familien der +Topase und Quarze. Sie waren von eigentümlicher Empfindlichkeit und +Reizbarkeit. Die Wärme ließ sie elektrisch aufzittern; dies hatte man +schon lange beobachtet; über die Enden ihrer Leiber dehnte sich die +strahlende Spannung. Man war darauf gekommen, sich der Turmaline zu +bedienen um Wärme, die lose verschwimmende flüchtige Kraft, in die +strengere feste der Elektrizität zu drängen. In Texas Brasilien, auf den +britischen Inseln hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition +Felsen abgetragen, Ganggranite sprengen, Turmalinlager aufstapeln lassen +zur Verarbeitung bei dem belgischen Mons. Das zertrümmerte Gestein wurde +gereinigt, die getrennten Bergarten geschmolzen, umkristallisiert. Man +fertigte schleierartige Gebilde aus ihnen an. Die Völker der Turmaline +hingen, Geschöpf neben Geschöpf, elastisch schwingend da aneinander, in +schlanken Säulen; fremdes Mineral trennte Kristall von Kristall. Sie +waren es, die das strahlende Feuer der Vulkane an sich saugen sollten, +ihre Glut in den Fluß der Elektrizität verwandeln, den sie dann später +wieder auf Grönland in lockerer Glut aushauchen sollten. Schleier auf +Schleier des Gewebes wurde bei Mons gegossen. Die Lager der +zertrümmerten Ganggranite verminderten sich. In die Hallen ungeheurer +Schiffe wurden die elastischen scheckigen Kristallgespinste verfrachtet. +Sie konnten jedes Feuer der Erdoberfläche fassen. In den Frachtern, die +nach Island fuhren, hingen sie ausgespannt. + +Eine gabelförmige Spalte teilte auf, was von Island übriggeblieben war. +Sie zog von Süden zum Trölladyngja, legte sich nach Norden dem +Skalfandar entlang, nach Osten parallel dem Kyarkjöll. Wo der Krabla und +Leirhukr gestanden hatten, im Süden die achtkuppige Hekla, die +entsetzliche Katla wogte ein Feuersee. Unregelmäßig schossen aus +seitlichen Explosionsgräben Feuergarben. Die ganze zu Tag liegende Masse +hob und senkte sich gleichmäßig; sie pulsierte, wogte dröhnend, den +frischen Steinpanzer zerreißend, lavengischend, stieg rieselnd in die +Erde zurück, schwarze Klüfte freilegend. Lichtweiße Dampfballen traten +an die Oberfläche, die wie flüssiges Metall gelbrot gelbbraun schwer +wallte. Mit den Dampfballen tanzten glühende Lavastücke auf dem See. +Eine Weile trieben sie über dem verhüllten Spiegel, nach Süden und +Norden. Dann während sie rechts und links zerflossen, ballten sie sich +an einer Stelle, blieben stehen, wurden dichter höher, schwollen zu +Bergumfang an; der ganze See erzitterte, der Boden der Insel schwankte. +Der See erhob sich wie ausgebeult unter dem weißen Dampfberg. +Tumultuarisch regte er sich, peitschenartig schlugen fliegende Steine +aneinander. Zu ihrem hellen Getön trat Poltern, Rücken, orgeltiefes +Murren. Mit einem Donnerlaut platzte die Dampfmasse auseinander, wurde +über den See und die Berge der Insel getrieben. Lavamassen stürzten aus +dem rüsselförmig aufgestürtzten See; in Säulen und Garben wurden sie +hochgetrieben, fächerartig ausgedehnt. Das wogende Feuer sank, mit +weißen Wölkchen spielend, wieder ein. + +Die Geschwader beim Thistillfjord und südlichen Myrdalsjökull ankernd, +die Frachtschiffe mit den Turmalinnetzen hinter sich, vermochten unter +den Bombenauswürfen, den Gas- und Lavaexplosionen der glühenden See sich +nicht seiner Oberfläche zu nähern. Man schickte von verschiedenen Seiten +Fliegerflottillen gegen den See vor, die ihn erst ohne Last, dann mit +ausgespanntem Turmalinschleier kreuzten. Von Rifstangi im Norden drangen +Flottillen vor, aus der Vopnabucht von Osten in die Gegend des alten +Herdubreid, dessen randliche Trümmermassen in das Feuer absickerten. Die +Flieger hatten schreckliche Verluste; jedoch litt niemand zum Verzagen +darunter. Zu jeder Tätigkeit drängten sich die Männer und Frauen; die +Verluste waren schmerzlich, wurden aber fast begierig zur Kenntnis +genommen. Alte und neue Islandfahrer waren in einem Gefühl +zusammengeschweißt. Die Schleier, über der wühlenden Erde, dem +aufberstenden und zurückfallenden See durch keine Pfeiler ausspannbar, +mußten über die Oberfläche feuernah geschleift werden. Sie zerrissen, +tauchten ein und schmolzen, stürzten mit den Fliegern ab. Dazu +veränderten sich schon Seeteile in beängstigender Weise. Die Vulkane, +erst erfüllte einheitliche Feuerbecken, zogen Schlackenmauern zwischen +sich, häuften Wälle im See auf. Es schien als ob in der Tiefe Reste der +alten Vulkane lagerten, die im Begriff waren ihre Leiber neu aufzubauen. +Die Einbruchsfelder der Berge traten um den Myvatn in verschwommenen +Linien schon wieder hervor. Unabsehbar weit ergossen sich die Lavaströme +über das Land. Durch die Dämmerung des Tages quollen sie schwarzblau, +die Nächte durchstrahlten sie weiß. Sie liefen sich in steinernen Säcken +fest, die sie selbst um sich legten. Teile des alten Thistillgeschwaders +rissen die Säcke auf, trieben Gase unter die Sackhaut, mit denen sich +die glutende Lava freisprengte. Und wie die Ströme quollen, meilenbreite +Bänder, über die sich neue schoben bis zur Höhe mehrerer Häuser, so daß +der Boden im durchflossenen Gebiet sich anhob, versahen sich die +Fliegergeschwader mit Böenbomben, die ihnen den Rücken gegen Aschen und +Blöcke freimachen mußten, und mit Eis dunstenden Masken. + +Sie zogen ein Netz von Pfeilern am Skalfandar entlang nach Süden, über +den Hofsjökull, parallel dem verschütteten Tjörsarfluß nahe der +gestürzten Hekla. Eine zweite Pfeilerreihe richteten sie am +Gletscherwestabhang des Vatnamassivs auf, nach Norden über den +Kyarkfjöll das Meer erreichend, wo es aus der Heraldsbucht den Lauf des +alten Lagarflusses bedeckte. Eine dritte Pfeilerreihe lief im Halbkreis +vom Axarfjord im Norden zur Gegend des Myvatn, am Dyngjafjöll, +Herdubreid vorbei. Sie hatten den Feuersee mit den Pfeilern allseitig +dicht umspannt. Es begann die fürchterliche todheischende Arbeit über +der dampfenden immer wieder aufspringenden Masse, den kochenden See mit +den Schleiern geschwaderweise zu überfliegen, die Schleier an den +Pfeilern aufzuhängen. Blitzrasch mußte man vorgehen, besondere +Augenblicke an jedem Ort abwarten bei dem Vorstoß von Westen zu den +Pfeilern nach Osten, von der Myvatngegend zu den Pfeilern am +Vatnanordabhang und am Kyarkfjöll. Häuserhoch schwebte der ausgespannte +blinkende Kristallschleier über dem Magmasee. Darunter fuhren zu seinem +Schutz, Böen um sich schleudernd, die Menschen der alten Nordflotte, +sprengten erweichten die grauen rahmartigen Schalen, daß der weiß und +gelb gleitende Strom zutage trat. Und schon zuckten von den Pfeilern die +Gurte mit den Turmalinvölkern herunter, wie Möwen auf den Fisch, der an +der durchsichtigen Oberfläche schwimmt, schnellten gedehnt geschwellt +knisternd hoch, wurden seewärts von den Pfeilern abgezogen, schwebten +auf kaltes Land und auf Schiffe, während schon neue Fluggeschwader sich +zum Vorstoß anschickten. Aschen und Gase brunsteten aus dem +Feuerabgrund, die weißen Wolken perlten auf ihm wie Schweißtropfen, +zerflossen unter den Böen. + +Jenseits der Pfeilerreihen, in Meeresnähe, hatte man Hallen zur Aufnahme +der geladenen Turmaline erbaut. So groß war die Spannung der geladenen +Schleier, daß die ersten abschwirrenden nicht gesicherten Flieger mit +ihnen gelähmt ins Meer stürzten. Die Schleier sprühten auf dem nur +minutenlangen Weg durch die Kälte einen Teil ihrer Spannung wieder aus. +Man blies, wie sie die Feuerregion verließen, aus Drahtnetzen, auf denen +sie beim Fliegen lagen, Hitze auf sie; die Netze verdampften bei der +Berührung mit den geladenen Schleiern. Man mußte die Hallen sehr nah den +Vulkanen legen. Dahinein rauschten die Kraft um sich streuenden +Schleier. Klingen und Schwirren ging von ihnen aus. In eine trägflüssige +zitronengelbe Masse wurden sie gestürzt, in die Riesenwannen der Hallen. +Bis auf den Wannengrund war die Masse durchsichtig, sie opalisierte; +apfelgroße Blasen stiegen langsam in ihr auf. Schwere wallende Schlieren +legten sich wie Fäden eines Strickwerkes um den eingehängten Schleier. +Er war, wie er das heiße dickölige Bad verließ, in allen Maschen +graugelb umzogen, verglast. Sein Schwirren hatte aufgehört; man konnte +ihn ruhig berühren, die klebrigen Anhängsel abstreichen. + +In gleichen Abständen liefen inzwischen weiter die Frachtschiffe mit +Turmalinen vom Kontinent herüber, befuhren das große atlantische Wasser. +Eingehüllt wurden sie in das Sausen des Windes, Plätschern klang herauf, +Murren aus der Ferne. Fuhren in der wolkendurchflatterten Luft, +Sturmschwalben Silbermöwen mit gezackten Schwänzen, Stoßtaucher neben +sich. Das Meer fiel dreitausend Meter tief unter ihnen. Mit Fischen +Algen Quallen Schleimtieren war es gefüllt. Es warf sich in Ebbe und +Flut. In Glitzern und Scheinen schwebten die Schiffe. + + * * * * * + +Der Kontinent wünschte von den geladenen Schleiern zu haben. Brüssel und +London waren gleichzeitig darauf gekommen. Sie waren auf der Suche nach +neuen Machtmitteln, fürchteten, die Islandfahrer könnten sich selbst +diese Schleier aneignen, die man nicht kannte, die aber gefährlich +schienen. Sie schickten mit jedem neuen Schiff Vertrauensleute, die die +geladenen Schleier zählten, über ihren Verbleib berichteten. Als der +Kontinent Schleier für sich forderte, lehnten Kylin De Barros Wollaston +Prouvas es ohne Erklärung ab. Die Senate, stärker beunruhigt, nach außen +nichts von sich gebend, beauftragten darauf neue Führer, für sie +Schleier zu beschaffen. Ein stark ausgerüstetes Geschwader erschien vor +Island. De Barros verstand, es tagelang irrezuführen. Er drohte den +neuen Führern. Die Islandflotte erhielt Kenntnis von den Vorgängen; sie +stand auf Seiten Kylins und De Barros’. Heftige Schmähworte auf die +Senate hörten die neuen ahnungslosen Männer; ungehemmt äußerten Führer +und Besatzungen ihre Verachtung für die Senate, ja für die Stadtschaften +selbst, so daß die Abgesandten verwirrt wurden und nicht faßten, wen sie +vor sich hatten. Sie berichteten zurück; die Senate bedeuteten ihnen, +sich um die Ladung der Schleier zu kümmern und dann Island zu verlassen, +im übrigen Kylin und De Barros zu erkennen zu geben, daß man sie ohne +Zufuhr lassen würde, wenn sie die Beschlüsse der Senate ignorierten. +Erbittert gaben Kylin und De Barros nach. Spät erst dämmerte ihnen, die +Stadtschaften könnten Furcht vor ihnen haben. Und sie staunten, und +ihnen wurde klar, wie merkwürdig es dabei war, daß sie staunten. +Vielleicht hatten die Senate doch Grund, sich vor ihnen zu fürchten. +Nein, sie hatten keinen Grund sich zu fürchten. Wer waren, wie fremd, +weit abgelegen waren diese Senate, diese Stadtschaften, die sie +hergeschickt hatten. + +Als Kylin an die Tür seines Zelthauses trat und durch die Rauchschwaden +die ersten städtischen Flieger sich um die Pfeiler bemühen sah mit +Schleiern und Böen, hatte er Tränen in den Augen. Beschmutzt kam sich +das ganze alte Geschwader vor. Man beschleunigte die Arbeiten. Die +beiden Flotten suchten keine Berührung zueinander. Gefahrvollen +Böswilligkeiten wurden die städtischen ausgesetzt. Die alten Flotten +hatten schon die ungeheuren Turmalinmassen in ihren Schiffen verstaut, +deren sie bedurften, als sie noch untätig bei der brüllenden Insel +hielten, die neuen beobachteten und sich zu einem Entschluß durchrangen. +Sie zerstörten eines Tages alle Pfeiler, zerstörten die Hallen mit den +Isoliereinrichtungen, vertrieben die neuen, jagten sie mit ihren +Schiffen über das Meer. Die ließen sich auf keinen Kampf mit den +erbitterten ein. In Kopenhagen Hamburg empfingen die Senate die +Rückkehrerflotte mit scheinheiliger Gelassenheit. Sie dankten den +Führern für ihre Mühe, lachten über die Klagen gegen De Barros, taten +übermäßig beglückt durch die mitgebrachten schon geschickten Schleier. +Sie ließen verbreiten, die abgesandten Unterführer hätten sich +ungeschickt gegen Kylin und De Barros benommen, aber es sei gleich: man +hätte die geheimnisvollen Schleier in der Hand. Ihre Kräfte würden jetzt +studiert. Dies ließen sie bald auf Umwegen an die Islandflotte gelangen: +man hätte durch einige Prozeduren eine merkwürdige Kraft aus dem +beschickten Turmalin isoliert. In der Tat warfen sich angstvoll die +Physiker und Techniker der Senate an die geladenen Kristallgewebe, ob +etwas Bedrohliches in ihnen stecke. + +Die Islandflotte aber nahm wenig Kenntnis von den Gerüchten des +Kontinents. Nach der Halbinsel Rifstangi im Norden zogen sich um das +dröhnende wolkenschleudernde Island die Schiffe aller Geschwader. Von +Rifstangi über den schmierigen Svalbard waren die ersten Angriffe gegen +die Insel auf Brücken vorgetragen worden. Alle Schiffe setzten kleine +Scharen in Boote, die die Klippen umfuhren. Auf einem Schneefeld des +aschebestreuten Svalbard wurde die Totenfeier für die Opfer der Angriffe +abgehalten. Es geschah, daß nach den Worten Kylins, der gegen den +Sandwirbel sich die braune Pelzmütze vor die Augen hielt, die +zweitausend Menschen in den Schnee knieten. Sie griffen die Asche unter +sich an, tasteten in den schmelzenden Schnee. Viele krampften die Hände +beim Gedanken an die beiden traurigen grausigen Schiffe mit den weißen +Flaggen. Sie träumten stumm. Kopfgesenkt, bei den Händen angefaßt ging +man, langsam, zu den Booten herunter. Und langsam umfuhren die Schiffe +ohne Verabredung die ganze Insel. Der Thistillfjord kam, in dem eine +Flotte lange gelegen hatte, das Vorgebirge Langanes, der Vopnafjord, die +Vulkane schütterten herüber, schwarze qualmgedrehte Riesenwirbel +Spiralen, rot durchzuckt, von unten aufgeblafft. Da war die Sandbank, +die sich nach Osten schob; man mußte sie umfahren; das Unglück in der +Heraldsbucht hatte sie aufgeworfen. Die Insel trat wieder hervor; +Buchten und Vorgebirge, der Eiskoloß des Vatna, strahlend breit aus dem +Meer aufsteigend, die lohende menschenverlassene Südküste, kleine tote +Inseln, die Ostküste und noch einmal der Rimarberg, der Myokarrjökull im +Norden, die Bucht des verdampften Skalfandar, Rifstangi die Halbinsel, +der Thistillfjord. Hinter Bergsätteln, langgezogenen Graten fuhren sie, +der Wind trug nichts herüber, der Schall der Vulkane war gedämpft. Sie +bogen oft aus, der Meeresboden schien sich zu heben und dampfte. +Lavenstürze drängten sie vom Land ab. Sie näherten sich immer wieder der +Insel, willig gespannt hingegeben. + + + + + Siebentes Buch. + + Die Enteisung Grönlands + + +Sehr zögernd lösten sich die Schiffe von Island. Sehr langsam kreuzten +sie das starke atlantische Wasser. Das dumpfe abgründige Schollern +füllte noch ihre Ohren. Sie hörten es, als wenn eine Muschel auf ihren +Ohren läge. Lagen auf dem Meer, das sie vor Monaten, endlos langen +Monaten betreten hatten, von den Shetlandinseln her am sechzigsten +Breitengrad. Das Meer, mit Steinschotter die Küsten schlagend, Ozean, +breites hundertmeiliges Wasser, schwarzes wellenüberlaufenes Wesen, von +dünnen Winden geschoben, überflattert von fliegenden pfeifenden Tieren. +Sie hatten einmal Mukla Ron und Foul, das Mainland, die zackigen Inseln +Yall, Samphyra, Uya, Umst verlassen, Vogelberge waren verschwirrt. Die +Sonne sahen sie wieder, mit fremden großen forschenden Augen, Unband von +Feuer, einäschernde Hölle alles Kriechenden Fliegenden Hüpfenden, das +weiße wallende Flammenmeer, metallene Wolken von sich werfend, die in +Schlacken zurückfielen. Zwitschernde Metalle, Gluthauch an Gluthauch, +die Urwesen frei blühend, Helium Mangan Kalzium Strontium. Sie gingen +hin und her zwischen Deck und Kajüten, spürten dem Aufblasen des kalten +Nordostwindes nach, staunten die Wellen an. Unklar erinnerten sie sich, +was hinter ihnen lag. Sie waren aus Brüssel London, südlichen +Stadtreichen gekommen; man hatte sie gesammelt. Man hatte Brücken über +Island geworfen. Die Städte, sie erinnerten sich der Städte. Wie +sonderbar die Siedler. Ihretwegen hatte man sie hergeschickt. Das Meer +floß unter ihnen. Gut, daß es da lief. Sie wollten nicht in die Städte. +Wie merkwürdig alles durchhellt wurde, Senate Stadtschaften Fabriken +Apparate. In der Mark hatte Marduk, der große Tyrann, gekämpft; Zimbo +kam nach ihm. Die Stadtschaften hatten den Siedlern nachgeben müssen; +darum schickte man sie her, nach Island, Grönland. Was für Menschen +waren da hinten. Nichts hören. Weiter Meer fahren. Grönland, nach +Grönland. + +Das arktische Mittelmeer lagerte auf zwei Tiefenmulden. Zwischen +Spitzbergen und Grönland sank die Nordmeertiefe fünftausend Meter tief +ein. Eine unterseeische Bodenschwelle, die kaum dreihundert Meter unter +dem Wasserspiegel verlief, der Thomsonrücken, trennte breit die +Nordmeertiefe vom Atlantischen Ozean. Von Ostgrönland lief die Schwelle +auf Island. Im Nordosten trennte eine Schwelle die Nordmeertiefe von der +Meeressenke um die neusibirischen Inseln. Der grönländischen Ostküste +fern folgend fuhren die Schiffe der Stadtschaften über das eisige Meer. +Die warme tropische Golfstromdrift, die den Ozean hinter sich hatte, +sandte ihr Wasser herüber auf Island, umkreiste die Insel, lief an der +Südspitze Grönlands vorbei. Von Norden und Osten schwamm neben ihm, +bedeckte ihn, mit Treibholz und Eis beladen, der Ostgrönlandstrom; der +eisige Labradorstrom kam von Westen, vereinigte sich mit ihm. Sie fuhren +über die schweigenden Untiefen. + +Und plötzlich wurden sie der Turmalinschiffe, der schwimmenden Fracht +unter sich gewahr. In den Bäuchen der Schiffe ruhten die Schleier, die +mit der Glut der Vulkane geladen waren. Im Stoß den rasenden hauchenden +Feuerflächen entrissen. Da fuhr mit ihnen das dröhnende geliebte Island. +Die achtkuppige Hekla, sprudelnd die Lava von der Thorsar bis zum +aufgischenden Meer. Die Schiffe des Myvatngeschwaders fuhren mit ihnen. +Sie hatten die Gruppe der Turmalinschiffe nach den Vulkanen benannt, +denen ihre Kraft entstammte. Das war die Klasse der Leirhukrschiffe. Der +breitschultrige Herdubreid, der schreckliche Dyngja. Die Katla, am +Südhang des Vatnagletschers der gigantische Öräfa. Es war, wie die +Menschen es bedachten, ein Widerwillen in ihnen nach Grönland zu fahren, +diese Schleier, dies Leben und Blut wegzugeben, über das Land zu breiten +nach dem Befehl der Stadtschaften. Herdubreid Katla Hekla Myvatn fuhren +mit ihnen; sie waren ihrer Obhut übergeben. Kein Führer erriet, daß eine +Anzahl der Menschen, die mit ihnen über dem Meer, dem südwärts +treibenden Ostgrönlandstrom hingen, im Kopf hatten, die Turmalinschiffe +mit ihrer Liebe zu decken. Sie wollten die Frachthallen sprengen. +Geschützt von den Menschentransportern fuhren die Turmalinklassen, in +langem Zug. Leichte Fahrzeuge bahnten ihnen den Weg durch das Packeis. +Vorsichtig zwischen Eisbergen führten sie sie hindurch. Aus allen +Schiffen umschwärmten die Turmalingebäude immer Boote; immer waren sie +ihnen nahe wie die Hand einer Pflegerin. Da kam, nachdem sie ziellos +eine Woche gekreuzt hatten, unerwartet der Befehl, alle Maschinen +anzusetzen und sich nach einem Plan um Grönland zu verteilen, vom +Melvilleland jenseits des achtzigsten Breitengrades bis zum Kap Farwel +unter der sechzigsten Breite. Sie sollten die Dänemarkstraße im Osten +durchziehen, im Westen die Baffinbai bis zum Ellesmereland. Es kam auch +der Befehl, nur wenige Schutzschiffe für die Turmalinschiffe zu stellen, +niemand sollte sich zu dicht den großen Frachtern nähern. Die an die +Versenkung der Frachter gedacht hatten, fühlten sich im Augenblick +ertappt. Sie erfuhren bald, was die Führer zu der Warnung bewogen hatte. + +Ruhig schwammen die Hallen mit der Last der Vulkangluten über dem +Wasser. Die Schiffe begannen eine merkwürdige Gesellschaft zu bekommen. +Bald hinter Island bemerkten die Menschen der Begleit- und Wachtschiffe +die große Zahl von Fischen, die sich um die Flotte sammelte. Sie schoben +es auf die besonderen Fahrrinnen, die sie gerade nahmen. Schon nach zwei +drei Tagen erkannten sie, daß die Fische hinter den Turmalinfrachtern +her waren. Der braune Tang löste sich nicht von dem Schiffskörper. +Wellen schlugen ihn nicht ab. Wenn Eisschollen eben einen Teil des Bugs +glatt gescheuert hatten, so hingen fast im Augenblick, wie magnetisch +gezogen, fast wie aus dem Schiffe sprießend, neue Tangbüschel an seinem +schweren Rumpf. Die Turmalinfrachter zogen den Tang wie Barthaare hinter +sich. Bei langsamer Fahrt waren die Schiffsleiber von den braunen +grünlichen nassen Büscheln ungeheuer umwallt. Die Schrauben schmetterten +und schlugen sich ihre Drehflächen frei; aber in den langen +Schraubentunnel wucherten die Pflanzen ein, tauchten in den dunklen +engen Kanal am Boden der gewaltigen Fahrzeuge, umwanden die schweren +glatten rollenden Metallbalken. Die Männer mußten herunter in die +eisigen Räume, mit Haken und Messern die bunten Büschel abziehen, die im +Begriff waren, das Schiff zu ersticken. Sie brachten zum Erstaunen der +Besatzungen den schweren Pflanzenfilz herauf. Es waren nicht die +gallertigen Gebilde der zierlichen Algen, die auf den Wellen unter ihnen +schaukelten, wiesenartig dicht beieinander, das Meer olivgrün färbend. +Sondern armdick quellende Sträucher, vielfach verästelt, mit zollangen +scharfgezähnten Blättern; apfelgroße Beeren trieben sie, die ihnen als +Schwimmblasen dienten; wie Köpfe erhoben sie sie. Reinigungskommandos +traten auf allen Frachtern in Tätigkeit. Mit Besen mußten sie die +Algenbüschel von den Treppen herunterstoßen; mit Stöcken schlugen sie +sie vom Gestänge ab. Um die Turmalinfrachter, als wären sie durch +Signale, durch einen Ton, einen Geruch bezeichnet, schwammen Wale. In +wellenförmigem Auf- und Absteigen begleiteten sie die großen Frachter, +drängten sich blind durch die Wachschiffe. Man sah sie mit offenem +Rachen schwimmen, von den rasch stoßenden Schwanzflossen getrieben. +Sensenförmig gebogene lange schmale Zähne standen zu Hunderten honiggelb +auf den großen Kiefern; das Wasser quoll zwischen den Zähnen in den +Schlund; wurde in Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf den +schwarzen Scheitel gespritzt. Das Gewimmel der glänzenden dunklen +Rücken, die hohen Wasserstrahlen. Die scheuen Tiere fuhren wie verbissen +hinter den Transportern her. Als die Begleitschiffe Boote gegen sie +aussetzten mit Harpunen, die sie sich zur Unterhaltung anfertigten, +wichen die Tiere aus. Wie man ihnen aber den Weg hinter den Frachtern +verstellte, gingen sie schwanzschlagend mit Zorn auf die Boote los. Die +Lichtanlagen und der Verständigungsdienst von den Frachtern wurde in +diesen Tagen schwächer. Die Ingenieure erkannten, daß die Vulkanschiffe +die Störung in sich selbst tragen mußten. Keine Hitze strömten die Berge +der Steinschleier aus. Man beging die Hallen, durch deren ganze Weite +die Schleier ausgespannt waren. Die ölige Isolierung war nirgends +durchbrochen. Es waren andere Substanzen, unbekannte, die ausgeströmt +wurden. Düster brannten nachts die Vulkanschiffe, hinter einem Nebel +fuhren sie; die Lampen zuckten erloschen zu manchen Stunden. Da gaben +die Führer, in Unruhe geratend, die Weisung, das ziellose Kreuzen zu +beenden, alles bereit zu halten, den Angriff auf Grönland vorzunehmen. + +Die Vulkanschiffe aber, schwer sich durch die Eiswüste wälzend, waren +von einem Zauber berührt. Sie fuhren, als wollten sie im Eis versinken. +Eine Nacht langsamer Fahrt genügte, um die Schiffe wie mit Tauen an das +Meer zu fesseln. Der schwimmende abgerissene sterbende Tang wuchs auf, +trieb neue Stiele und Blätter. Die Kanten der Eisschollen waren mit den +Algenvölkern überzogen, die sich an die Schiffsleiber mit langen +Stengeln, palmblattartigen Organen hefteten und die Schiffe mit dem Eis +verklammerten. Mit Brennen und Sprengen wurden die Frachter freigemacht. +Die Menschen auf den Schiffen selbst und in ihrer Nähe wurden +eigentümlich mitgenommen. Nur für wenige Tage konnten Menschen zu den +Turmalinfrachtern abkommandiert werden. Nach kaum einem Tag gingen sie +in einer Müdigkeit herum, die zwangsartig war und die sie vergeblich +durch Bewegungen Waschen von sich entfernten. Wie Opiumraucher setzten +sie sich hierhin, dorthin, taten mühselig ihre Arbeit. Es wurde ihnen +schwer das Gesicht zu bewegen. Mit diesem maskenartigen Ausdruck brach +der Zustand aus. Dabei war ihr Inneres süß bewegt; sie blickten oft +zwischen den Leitern Türen hindurch die Wände Decken, den Himmel an, +sahen Landschaften, in denen sich Bäume überpurzelten, die Wolken sich +lang auszogen, warm heruntertropften, ihnen auf die Brust, die Lippen; +sie leckten, schluckten. Ein heftiges bald unbezwingbares +Liebesempfinden durchlief sie. Die Männer zitterten im Frost der +Erregung, die Frauen schüttelten sich, gingen zuckend langsam. Jedes +Glied an ihnen war mit Wollust geladen, jede Bewegung brachte sie dem +ausbrechenden Taumel näher. Sie umschlangen sich, und wenn sie ihre +Leiber vermischt hatten und voneinander ließen, waren sie ungesättigt. +Sie küßten und umarmten Seile, rieben und schlugen Arme und Beine, den +Rumpf an Treppenstufen. Über Bord ragten die mächtigen Algenstiele; die +zogen sie her, zu denen fühlten sie Verlangen. Das wonnige Wimmern, das +ratlose Seufzen, angstvolle Stöhnen der Nichtzuberuhigenden. Dann +lachten sie wieder, ließen sich und die Dinge los, taten dämmernd eine +Arbeit. Aber der Speichel lief ihnen aus dem Mund, es drehte so weich +hinter ihren Stirnen; sie warfen die Köpfe in den Nacken. Man mußte beim +Fortgang der Eisfahrt schon am Ende des zweiten Tages die Menschen von +Bord reißen. Alle entbehrlichen Kräfte wurden von den Vulkanschiffen +genommen. Die Flotten stürmten durch den Ozean ihren Bestimmungsorten +zu. + +Jetzt sah man schon nachts mit bloßen Augen, was in den Riesengebäuden +der Vulkanfrachter lag. Wenn die Sonne versank, Lichter auf den andern +Schiffen aufflammten, fuhren die Hekla Leirhukr Dyngja Katla Myvatn, als +wären sie, auf denen keine Lampe brannte, in ein dünnes Licht gehüllt. +Man konnte die Schiffe im schwarzen Wasser im ganzen Umfang bis zum Kiel +herab erkennen; Schrauben Masten Seile, die andrängenden Pflanzenmassen +zitterten ein feines weißes Licht. Von Stunde zu Stunde wuchs die +Intensität des Hauches. Im Finstern sah man, daß das Wasser viele Meter +um die Schiffe leuchtete. Weiter und weiter entfernten sich die +Menschentransporte und Begleitschiffe von den schwimmenden Speichern; +nur für Stunden wagten sich kleine Mannschaften herüber. Ein Schrecken +hatte alle befallen. Sie lagen zerknirscht auf den Schiffen herum. Was +sollten sie tun? Was sollte man tun mit den schrecklichen Vulkanhallen, +die man hinter sich herzog, die wie Ungeheuer über sie herwuchsen. +Keiner dachte mehr an Sprengung. Die Führer wurden angefleht, die +Turmalinhallen in das hohe Eis hinaufzuführen und dann zu fliehen. Aber +was würde geschehen mit den Schleiern. Die Speicher konnten lostauen, +ins Meer nach Süden getrieben werden, ihre Isolierung konnte zerbrechen; +sie konnten als furchtbare Flammen- und Strahlenwesen gegen die +Kontinente vorgehen. Man mußte sich ihrer entledigen, aber man konnte +nicht fliehen. Nach Grönland. Und die Führer und Besatzungen zitterten, +was geschehen würde, wie es verlaufen würde. Man fuhr. Metallisch +blitzten im Wasser die Scharen der Fische auf. Die Lachse blaugrau mit +dunklen wedelnden Flossen. Der Schwarm der scheuen Makrelenhechte +gefolgt von Thunen und aufspringenden jagenden Boniten. Es war, als wenn +sich die Pflanzenwiesen vom Meeresboden hochhoben losrissen, an die +Schiffskörper hingen. Mit ihrem lebenden Gewichte beschwerten sie die +riesigen Turmalinfrachter. Die schienen nichts davon zu fühlen. Ihr Bug +hob sich von Stunde zu Stunde höher aus dem spritzenden Ozeanwasser. In +den Nächten liefen sie wie glühende Wesen über dem Wasser. Das +Mittschiff folgte, das Achterschiff. Die Schiffe schienen sich bereit zu +machen über den Ozean zu fliegen. In nicht ausdenkbarer Weise, ein Graus +der begleitenden Menschenflotte, überragten die Vulkanklassen die +anderen Schiffe. Mit Bug und Steven, entblößter Außenhaut, liefen sie +ohne zu schwanken auf der Meeresoberfläche wie auf Schienen. Bald mußte +der Kiel die Wasserlinie erreicht haben, die Schiffsschrauben leer in +die Luft schlagen. Und wie sie bergig hoch über den andern in den +Geschwadern rollten, begannen ihre Rümpfe zu torkeln. Wild und brünstig +hoben sich die Schiffe an. Toben und Klatschen war um sie; die Maschinen +in ihren Leibern arbeiteten; eine todesmutige alle Angst verbeißende +Besatzung, stündlich wechselnd, hielt sie in Gang. Die seilartigen +Stiele der Pflanzen, die sich über die Planken und Masten legten, rissen +die fahrenden Schiffe entzwei. Die Eismassen, die sich an ihre Leiber +schmiegten, sich mit ihnen verlöteten, schüttelten sie von sich. +Kilometerweit um die Frachter stießen Vögel auf sie zu; sie fielen über +die Gebäude her, setzten sich auf die kriechenden Algen, auf Stengeln +Blättern an der Außenverschalung krabbelten sie pfeifend zwitschernd +schreiend herum. Tausende von Eistauchern, hell schreiend, flatterten +auf Drähten Tauen, durch die Luken Deckfenster, bedeckten mit ihren +zuckenden befiederten Leibern die Außenbordstreppen, unbehilflich +springend, hielten sich dicht über dem Kiel am Schiffsrumpf +angeklammert. Andrängende aufschnellende Fische jagten sie hoch, der +starke Strahl der Wale wirbelte sie betäubend in die Luft. Über das Eis +von Grönland kamen Vögel herübergeweht. + +Es waren keine Schiffe mehr. Es waren Berge Wiesen. Und die Schiffe +klangen. Sie klangen mit demselben hohen Ton, den die Schleier von sich +gegeben hatten, als die Fluggeschwader sie von den Feuerseen Islands +abzogen. Durch das Flügelschlagen Krächzen Zwitschern drang unheimlich +der helle gleichmäßige Ton, der leise sanft aufsurrte, wie der Dampf aus +den Düsen einer Turbine. + +Das Land, das die Seefahrer zwischen dem dreißigsten und vierzigsten +Längengrad suchten, war nicht zu sehen. Eine starke Eisbarriere hatte es +um sich gelegt. Aus der Richtung, in der es lag, schwoll scharfe Kälte +und immer neues weißes Eis. Das helle glasige Eis schob sich über die +ozeanische Fläche in Blöcken Schollen Bergen. Je mehr sich die +Geschwader auf der östlichen und westlichen Seite dem grönländischen +Erdteil näherten, um so höhere Berge hatten sie zu umwandeln. Von +Küsten, die man nicht sah, segelten die weißen und bläulichen Massen an. +Eisschollen flogen vor dem Nordsturm her, mit Höckern und Zacken, +drehten sich, knirschten und krachten gegeneinandergeschoben, eine auf +die andere getürmt, kippten überlastet um, schwappten im offenen Wasser +auf und ab. Burgen und Zinnen näherten sich, übereinander gerammte hohe +Stockwerke der Schollen. Durch die Nächte schimmerten sie. Das Wasser, +aus dem sie entstanden waren, spülte an ihnen hoch, troff von ihnen +herunter. Es fiel im Schwall über sie, nagte Spalten in sie hinein. Sie +zogen durch die dämmrigen Nächte wie Fabelwesen, armlange Zapfen hingen +an ihren Balkons, gläsern klirrten sie; mit einem Schlag fielen die +zerbrechlichen Galerien auf die treibenden Schollen. + +Die Seefahrer suchten Grönland. Sie waren, wie sie hinter den +sprengenden und rammenden Hilfsschiffen fuhren, schon im Bereich des +Landes; das waren die Vorboten der Gletscher. Wie ein reicher alter Baum +wachsend Jahr um Jahr seine Früchte trägt, die Äpfel, die immer neu aus +diesem Boden steigen, von demselben Stamm, demselben Wesen gebildet und +geboren werden, so lag Grönland jenseits in der Dämmerung, Millionen +Meter breit, trächtig, auf dem schwarzen Meer; Eis wuchs auf ihm, das +Land schüttelte sich nicht. Schweigend, aus der Überfülle glitten die +Massen ins Meer. + +Im Osten hinter der breiten Eisbarre trat die Küste, wildes Alpenland +hervor. Dunkle Wasserspiegel der Fjords, schwarze Berggipfel. Von allen +Bergstufen stiegen Gletscher in die Tiefe der Felsgassen. Über die +Gebirgskämme schoben sich Eispyramiden. Die Talfurchen von den weißen +Trümmern gefüllt. In Gaal Hanikas Bai am vierundsiebzigsten Breitengrad +fuhr ein Geschwader ein, in panischer Furcht vor den Turmalinfrachtern, +die sie eskortierten. Sie hatten nur das rasende Gefühl, vor diesen +Schiffen fliehen zu müssen. Sich der Turmaline um jeden Preis +entledigen. Insel Clavering lag in der Bai, gebirgig vergletschert wie +das Land. In den Felsboden der Küste brannten diese Menschen, ihrer +Sinne nicht mächtig, hohe leichte Stangen und Pfeiler ein. Auf Klippen +des flachen Wassers nahe der Küste setzten sie Hilfsträger. Über Pfeiler +Stangen Träger warfen sie die Kristallschleier ihrer Schiffe, +verbrannten augenblicklich die Frachter, die sie entleert hatten. Sie +waren wie Menschen, die Blut an den Fingern nach einem Mord haben und +sich keinen Rat wissen, als sich rasch die Finger abzuhacken. Unter die +Schleier breiteten sie fiebernd die Platten zur Aufnahme der +elektrischen Spannung; zweigten, sich überstürzend, Drähte von dem +großen Kabel ab, das die Expedition hinter sich zog. In einer Nacht fuhr +der Strom aus dem Kabel über die Platten. Die Isolierung der Schleier +schmolz. Weißrote Grelle. Erderschütterndes Donnern. Die Insel warf +weiße Wolken hoch, Dampf rot von unten angeglüht; er schoß wild in +unablässigem Sprudeln auf. Die Anlage zerstört, Pfeiler und Hilfsträger +geschmolzen. Der Schleier quer wirr auf dem Gletscher, fraß sich in ihn +ein. Der hielt nicht still, riß Spalten auf, der Schleier senkte sich in +die Schluchten. Der Gletscher stürzte über den Schleier; das Eis +verdampfte. Dann aber wogten zwei Berghäupter gegen den Schleier an, der +von den angeglühten niedergehenden Gletscherblöcken eingerissen war. Und +wie sie über den lohenden surrenden Kristallen, in das Wolkengebrodel +klafterten und sich breit schleudernd über das Gewebe senkten, wie ein +Ringkämpfer über die Brust des niedergeworfenen Gegners, zersprangen +verbrausten die Kristalle. Die Bergmassen rutschend begannen sich zu +bewegen, als wäre etwas Lebendiges unter ihnen. Sie drückten die +knisternden Schleiertrümmer herunter, rollten überschoben sich fielen +zusammen. Krachend öffneten sie sich über dem begrabenen erloschenen +Gewebe; wie aus einem Schlot gischten Dämpfe aus ihnen. Stundenlang +gischten die weißen und schwarzen Schmelzdünste über der Insel in hohen +auf- und abschwellenden Strahlen. Die besinnungslose nahe Mannschaft des +Geschwaders war mit ihren Schiffen über die Bai geworfen, auf die +Klippen, zwischen die Schollen gestaucht. + +Um die Zeit des Vorgehens dieser Schiffe schien eine Panik sich bei +allen Flotten auszubreiten. Man drängte trotz des schweren Ausgangs der +Affäre in Gaal Hanikas Bai auf zahlreichen Schiffen zu ähnlichen +gewaltsamen Akten. Rückwärtsbewegung einzelner Flottenteile, +zersprengtes Vordringen auf das Festland wurde gemeldet. Steinern +blieben De Barros Kylin Wollaston; sie erschienen unter den Besatzungen, +die nach einem Halt suchten. Beschwörend bezaubernd gingen Frauen mit +ihnen über die Flotte; griffen die Verwirrten an: „Denkt an den Myvatn, +an den Herdubreid. Denkt, was ihr schon verrichtet und bewältigt habt, +was hinter euch liegt. Wir geben nicht nach. Niemand von uns wird +nachgeben. Wir erliegen nicht. Ihr vergeßt nicht, wer ihr seid.“ Die +keuchenden Menschen schluckten bissen die Zähne zusammen. Eine +entsetzliche Zeit verlief bis zur Ankunft der Ölwolkenschiffe. + + * * * * * + +An dem europäischen Sammelplatz der Geschwader, den Shetlandinseln und +Färöer, wurde der Gedanke gefaßt, der die Fortführung der Expedition und +die Ausbreitung der Turmalinschleier erst ermöglichte. Hier arbeiteten +auf den technischen Schiffen, in ihren Laboratorien, Männer, die den +Gedanken der märkischen Angela Castel nachgingen, der Erfinderin der +kriegerischen Rauchbläser. Sie hatte zuerst im großen die trägen Wolken +hergestellt, die sie zur Einhüllung und Fesselung von Heeresmassen +brauchte. Diese schwarzen schweren und violetten Rauchmassen der Castel +waren ohne Zähigkeit; sie zerflossen nach einiger Zeit; Tragkraft +besaßen sie nicht; die Castel hatte sich sehr bemüht, aber vergeblich, +die Massen so kompakt zu machen, daß sie die eingehüllten und gefangenen +Heeresteile zugleich erstickten. In diesen Wochen nun, während die +westlichen Physiker Biologen Chemiker schon schlaff herumgingen unter +den schweren Ereignissen auf Island, unter den gefährlichen Nachrichten +von der Flotte, wurde die Sache des trägen Rauches durch den Londoner +Holyhead, der bald verscholl, weit vorwärts getrieben. Er kam durch +besondere Antriebe dazu, das eigentümliche Gemisch zu finden, das +luftähnlich gasartig sich in der Luft bewegte, sehr zäh zusammenhing wie +eine Gallerte, und mit eigener spezifischer Spannung den Raum erfüllte, +in einer bestimmten Lufthöhe verblieb, ein Zwischending von Gas und +Flüssigkeit. + +Ein Syrier Bou Jeloud war auf die erregende Nachricht von dem Plan +dieser Expedition mit Leuten seiner Sippe in den Bereich der nördlichen +Stadtschaften geflogen. Er kam aus der Steppe südlich von Damaskus. Die +Wüsten Il Horra, Il Ledscha und Diret il Filul hatten ihn getragen. Über +die flachen Kegel, schwarzen Blöcke der trockenen heißen Landschaft war +er mit den Anaze, seinem Stamme, dessen Reste sich erhoben hatten, im +Sommer wie ein Vogel geschossen. Im Winter ritten sie durch die Steppe +nach Arabien, die Ortschaften zu brandschatzen. Er war nur einmal an ein +Wasser gekommen, an das Tote Meer. Nur Pferde und Kamele hatte er +bestiegen. Die braungelben Männer, sehnig, mit spärlichen schwarzen +Bärten, fuhren mit Entzücken über das sturmbestrichene Meer nach dem +Sammelort, den nördlichen Shetlands. Sie zeigten sich die Wellen am Bug +ihres Schiffes, die Streifen an den Seiten, die Gischt am Ruder. Es war +die Wüste, eine andere Wüste. Nicht satt zu sehen an diesem Rieseln +Überschaukeln Sichdurchkreuzen Schwingen. Dünen, die der Wind schnob und +ebnete. Sie verstanden sie gut, die Wellen. Dann tauchten Quallen im +Wasser auf, braunschwarze vielarmige Kopffüßler, Fischschwärme +zickzackten. Sie hatten keinen Wunsch, dies zu ändern. Auf den +Schiffdecks stehen gefiel ihnen, und die Sucht unten zu sein, auf dem +Wasser selbst, das der Wind strich. + +Gäbe es ein Pferd, ein Kamel, das darauf reiten könnte, über das Wasser +weg. Und die braungelben Männer, wie sie sich im weißen Burnus über das +Eisengeländer legten, kniffen die Augen, lächelten: „Die schwarzen +Steppen von Diret il Filul. Ah, die Luft ist hier kalt. Ei, es wäre +schön, schön, über das Wasser zu reiten in einer langen Linie.“ Sie +summten unter sich. + +Holyhead, ein stiller Londoner Ingenieur, lächelte Bou Jeloud an: „Ich +mache dir Eis. Dann kannst du über dem Wasser reiten, soweit du willst.“ +„Weißt du, was ich will?“ „Ich blase dir Sand unter die Füße. Ich streue +Sand auf das gefrorene Wasser. Ihr könnt, wenn ihr wollt, zu Fuß oder +reitend nach Grönland.“ + +„Du machst mir Mondlandschaften vor. Hah! Was seid ihr für Krämer. Will +ich Theater! Ich glaube schon, daß ihr alles könnt. Aber mir liegt +nichts an dem, was ihr könnt. Nicht soviel.“ + +Holyhead lächelte ernst und freundlich, als die Gelbbraunen feierlich +davongegangen waren. In seinem Innern aber schwieg etwas. Er hatte den +Wunsch, dem schlanken Bou Jeloud wohlzutun. Welche kindlichen schönen +Wesen sie waren. Er wollte ihnen gewähren schenken, was er konnte. Sie +sollten ihn wieder anlächeln. Holyhead, der plumpe schwarzbärtige +melancholisch über sich hängende Mann, war schon gelähmt wie viele auf +den Schiffen, die sich ansammelten. Das Schweigen der Senate über den +Verlauf der Expedition täuschte ihn nicht. Die furchtbaren Vorgänge auf +Island, das menschenverschlingende geheimnisvolle Geschehen +erschütterte, schwächte ihn, machte ihn müde. Was war noch das Leben. Er +fuhr auf sein Arbeitsschiff. Bou Jeloud sollte lächeln. + +Er traf eines Morgens die Beduinen in ihrer gewohnten Haltung, neugierig +freundlich zärtlich an dem Geländer ihres Schiffes liegen. Das Wasser +flutete unten, Wind floß um sie. Eisschollen von Norden angetrieben. Bou +Jeloud schob die Hände unter seinen Gürtel: „Nicht auf dem Schiff sein. +Wir warten noch eine Woche, vielleicht zwei, bis unsere Flotte zusammen +ist. Das soll ich ertragen. Und dann die Seefahrt.“ Der ältere breite El +Irak: „Wir werden Geduld haben.“ „Wozu, El Irak? Niemand zwingt uns +Geduld zu haben.“ „Was meinst du?“ „Es ist nicht meine Sache. El Irak, +ich bin ein Gefangener. Ich steh am Gitter und blicke herunter. Ich mag +ein Schiff nicht.“ „Nun, Jeloud.“ „Ich bleibe nicht lange hier.“ Sie +flüsterten finster zusammen. Plötzlich war der auflachende El Irak +verschwunden. Und wie sich der weiße Holyhead dem jungen Jeloud näherte, +starrte der schlanke Mann im Burnus gespannt auf das Wasser, schrie, +warf die Arme hoch: „Seht! Da! Da Irak! El Irak! El Irak!“ Das Geländer +umsäumt von gurrenden schwatzenden Menschen. Unten ein leeres Boot. Auf +einer Eisscholle gebückt der breite Irak, Wasser schöpfend; er spritzte +es hoch um sich. Er spazierte lachend am Rand, der Scholle entlang. +Glücklich kreischend winkten sie ihm von oben, traten mit den Füßen. Die +Scholle fuhr, umfuhr eine Klippe. Rasch entfernte sie sich seitwärts. +Sie streckten die Hälse. Da wurde wieder Irak auf der Scholle sichtbar; +er war gestürzt, kletterte hoch. Mit dem abgerissenen Burnus winkte er +nach dem Schiff herüber angstvoll. Die Beduinen schrien. Auf dem +Hinterdeck machte sich ein Flieger los. Da hatte sich auf dem freien +Wasser der Scholle Iraks eine möwenbesetzte zweite Scholle genähert, +eine kantige bergartige. Iraks überflutete Eisplatte krachte gegen den +trägen weißen Berg, schob sich splitternd an ihm hoch; die Möwen +schossen pfeifend auf. Unter den gläsernen Trümmern El Irak +verschwunden. Flieger Boote im Wasser. Schollenlager und Eisbröckel +segelten feierlich im Meer. Die Möwen senkten sich, liefen die +Randlinien des Blocks ab. + +Holyhead verbarg sich die nächsten Tage vor den Syriern, die stundenlang +auf einem umzäunten Deckteil Gebete verrichteten. Eine Frau mit vollen +braunen Armen stand bei dem finsteren Jeloud. „Dir ist nicht wohl bei +uns, Djedaida. Du möchtest lieber in Il Horra sein.“ „Ach, Jeloud, ich +möchte lieber in Il Horra sein.“ „Ich auch, Djedaida. Wir sind eine +Handvoll Esel. Die Stadtschaften wollen einen neuen Erdteil machen. Was +geht es mich an.“ Djedaida warf die üppigen Lippen auf: „Der Wind ist +schön. Das Wasser könnte so schön sein. Es ist nicht sehr kalt.“ Die +Fäuste ballte Jeloud: „Ich geh vom Schiff. Wir wollen von den Schiffen. +Ich laß mich nicht verhöhnen und versuchen wie El Irak. Ich fahre nach +Hause. Spring ins Wasser. Ich hasse das Schiff. Vielleicht wollen sie +uns verführen, daß wir ins Wasser springen. Ich lieg nicht wie ein +angebundenes Pferd. Es ist genug, Djedaida.“ Sie machte trübe Augen. Das +Meer klatschte rollte schwer, züngelte über Riffe. + +„Ich will ihn zum Lächeln bringen“, dachte der schwarzbärtige Holyhead. +Djedaida von Damaskus, in ihrem gelben Kleid, das feine gelbe Gesicht +blickte ihn verächtlich an; sie zog den Schleier über den Mund. „Auch +sie ist lieblich, diese Djedaida. Sie trauern. Oh, wenn sie nicht +weggehen. Wieviel schöner ist es, ihnen wohlzutun, als an Grönland zu +denken.“ + +Der weiße Ingenieur berührte den Arm Bou Jelouds, der sich ihm zudrehte. +„Ich habe dich seit dem Unglück El Iraks nicht gesehen, Jeloud. Gehst du +mir aus dem Wege?“ „Dir? Wer bist du?“ „Es macht dir keine Freude, +sagtest du, wenn ich dir Sand unter die Füße blase, auf dem gefrorenen +Wasser. Daran liegt dir nicht, sagtest du.“ Bou Jeloud legte den Arm um +den Hals Djedaidas: „Sieh diesen Mann an, Djedaida. Er wird Grönland +enteisen. Mit mir will er spaßen.“ Die Frau den Blick zu Boden: „Komm. +Wir gehen von Deck.“ Auch der Weiße blickte zu Boden: „Ich konnte El +Irak nicht retten, Jeloud. Aber ich möchte dich fragen, ob du Geduld +haben willst. Willst du Geduld haben, Jeloud, und du, Djedaida?“ Der +gelbbraune Syrier, die Augen gelangweilt schließend: „Was will der +gelehrte Mann aus London?“ Holyhead hob den Blick; er freute sich über +den Schmerz Jelouds: „Komm auf mein Arbeitsschiff, Bou Jeloud. Ich will +dir etwas zeigen.“ Djedaida hielt zuckend Jelouds Arm: „Geh nicht.“ „Ich +komme nicht, Holyhead. Du willst mich verführen, ins Wasser zu springen, +wie Irak.“ „Ich bin euch wohlgesinnt, dir und deiner Frau Djedaida. Mir +liegt nicht viel an Grönland. Die Sache der großen Stadtschaften, wem +ist sie noch etwas. Komm, und wenn du willst, du auch, Djedaida. Wir +wollen etwas tun, damit ihr eure Sehnsucht nach der Wüste El Horra +verliert. Das Meer ist auch schön. Ihr werdet froher sein.“ „Ich will +dir etwas sagen, Holyhead, weißer schlauer Ingenieur. Du glaubst, ich +bin ein brauner Tölpel und mit zehn Worten zu verwirren. Ich werde auf +dein Schiff kommen. Ich fürchte mich nicht.“ Djedaida ließ seinen Arm +los. „Ja, ich werde auf dein Schiff kommen. Ich fürchte dich nicht. Ich +fürchte mich nicht vor ihm, Djedaida. Er hält mich für den und jenen. +Ich komme mit, Holyhead.“ Djedaida war zurückgetreten. Sie hielt den +Kopf gesenkt, den Arm über der Brust gekreuzt. Flüsterte: „Versprich +mir, Holyhead, daß ihm nichts geschieht.“ Der schwarzbärtige Ingenieur: +„Komm doch mit, Djedaida.“ „Versprich mir, daß ihm nichts geschieht.“ + +Mit dem beglückten im Innersten erzitternden Weißen ging Bou Jeloud. +Seine Stammesgenossen sahen ihn ganze Tage nicht. Er warf sich eines +Abends vor Djedaida, grub seinen Kopf in ihren Schoß. Drückte seinen +Mund gegen ihre Brust, rieb sein Gesicht an ihren kalten Wangen, +stöhnte. Es ging ihm gut. „Süße Heimat. Liebe Wüste. Lieber Felsen. +Lieber Sand. Wir kommen, Djedaida, auf die Wellen, die Wellen, denk dir, +die Wellen. Es wird geschehen.“ Sie sah zu ihm herunter: „Was hat er aus +ihm gemacht.“ Aber Bou Jeloud zog sie in seine Kammer, umarmte sie, bis +sie schmolz. Er schlief stundenlang in der Kammer bei ihr, fest wie nie +seit sie auf dem Schiffe waren. + +Sie ließ ihn, wie er schlief, liegen, huschte zu Holyhead: „Was ist mit +Jeloud?“ „Sag du, Djedaida.“ „Er stöhnt. Er ist wild. Er liegt in seiner +Kammer.“ „Er war froh. Er klagt mich nicht an.“ „Du hast mir +versprochen, es soll nichts mit ihm geschehen. Ich – freue mich nicht +über ihn.“ Sie ging in die Kammer zurück, wo er noch schlief, legte sich +zögernd neben ihn. Als sie seine Atmung belauscht hatte, drückte sie +sich an ihn. „Djedaida“, flüsterte er träumend in der Finsternis, „ich +werde über das Wasser reiten. Das Wasser treten wir mit den Hufen. Wir +können es. Das Wasser. Wir werden nach Grönland reiten.“ Sie wand sich. + +Bou Jeloud lag nur noch im Schiff des Ingenieurs. Einmal schlich die +Frau herüber, ihn zu beobachten. Da stand dünner Rauch vor einer Tür. +Der Rauch war zerflossen wie ein Spinngewebe, aber er verschob Djedaidas +Schleier über dem Scheitel. Sie faßte hinein. Er war wie Gummi, +widerstrebend, ließ sich hochdrängen, stellte sich nachgiebig wieder +her. Der schwarzbärtige weiße Holyhead trat im Arbeitsmantel vor die +Tür, sah, die Lippen verziehend, der Frau zu. Er faßte, die Frau +anblickend, mit zwei Bewegungen hinauf, zog den Rauch, als wäre es ein +sanfter tierischer Körper, zu sich herunter an die Brust, wo er ihn wie +eine Katze drückte und verwahrte. Kleine Fetzen hatten sich bei dem +raschen Zugriff gelöst, die zog seine linke hohle Hand sanft nach, schob +sie gegen seine Brust. „Komm, Djedaida. Jeloud ist hier. Wir freuen uns, +dich zu sehen. Wir verbergen dir nichts.“ Sie blieb unsicher vor der +Tür, die er offen hielt, blickte in die Luft, an Holyheads Brust: „Was +war das? Der Rauch. Was war das?“ „Komm, Djedaida, wir bitten dich zu +uns. Bleibe nicht vor der Tür.“ „Was ist der Rauch? Was machst du damit? +Du hast ihn an der Brust.“ Der Weiße lächelte: „Ja, siehst du. Das ist +der Rauch, und das ist kein Rauch. Wir haben es gemacht. Jeloud und ich. +Es ist schön, nicht wahr? Aber komm herein zu uns.“ Die gelbbraune, +schmalschultrige Frau stand da, bekam den Blick nicht frei von seiner +Brust, die Stirne hochgezogen. Tonlos stieß sie hervor: „Ich danke. Ich +will gehen. Ich kam ja nur für einen Augenblick.“ Und als Jelouds Stimme +aus dem brodelnden Raum sang, drehte sie sich rasch um, rannte die +Treppe hinauf, neben einem Rauchballen, vor dem sie schreiend abwich. +Zwei Seeleute machten Jagd auf diesen Ballen. Sie haschten ihn. Er +schwebte plötzlich unbeweglich über einer Stufe. Die lachenden Männer +suchten ihn zu zertreten, höher zu pressen. Mit den Schultern drängten, +schoben sie an ihm. Djedaida, stehengeblieben in einem unbezwinglichen +Drang, angstbeklommen, einer Verwirrung nahe, sah ihnen von oben zu, +beide Hände an dem verschleierten Hals, sah, wie sie spaßend mit einem +Brecheisen auf den Rauchballen schlugen, das Eisen von unten in die +weiche Masse stießen, die Stange gegen die Treppenstufe stemmten. Wie +ein Pendel bewegte sich das Eisen ohne Stütze mit den Schwankungen des +Schiffes. Vor Lachen schütteten sich die Männer aus, auf die Knie +gebückt, winkten der Frau herunter. Sie hastete über das Deck. + +Jeloud, der junge stolze Beduine, ihr Mann, fragte nicht nach ihr, sah +sie wenig. Glühend prahlend stand er unter den anderen Beduinen. Wild +freudig, mit schweifenden Augen wie ein Betrunkener lief er manchmal der +Frau nach, suchte sie zu fangen, die sich ganz verschleiert hatte. Sie +rang von ihm ab, bat hinterhältig leise: er möchte sich doch nicht +seinem Werk entziehen, er möchte sich doch nicht unwürdigen +Zerstreuungen hingeben. Jeloud klatschte in die Hände: „Habt ihr gehört? +Mein Werk hat Djedaida gesagt. Ja, es ist mein Werk und Holyheads auch. +Du bist süß, meine Frau Djedaida. Bald werden alle alle sehen, was wir +geleistet haben.“ „Wer sind ‚wir‘?“ „Holyhead, mein Freund Holyhead und +ich. O, er kann viel. Wir werden etwas Wunderwunderbares schaffen.“ Sie +hauchte: „Ja, ich bin stolz auf dich.“ Ihre Zähne knirschten. „Wir +werden über das Meer reiten, Djedaida. Das wird geschehen. Was meinst +du. Ich füttere schon mein Pferd unten im Schiff mit doppelter, +dreifacher Ration. Es soll sich mit mir freuen auf die große Stunde. Da, +sieh das Wasser an.“ „Ich sah es schon, Jeloud.“ „Nimm den Schleier +herunter. Du kannst durch den Schleier nicht sehen.“ „Ich kann durch den +Schleier sehen.“ „Nein, nicht genug. Gib doch, gib doch. Siehst du, da +ist er. Nun wirst du sehen. Sieh da, Djedaida, meine süße Frau, mein +Honig, mein Labsal, dies sind die Wellen. Das sind sie. Die grauen und +grünen und weißen. Sie sind noch schöner als unser Sand in Il Horra. Da +werde ich eines Tages heruntersteigen, mein Pferd mit mir. Denk dir, das +wird geschehen. Wie El Irak werde ich heruntersteigen, aber nicht +stürzen. Ich nicht. Bei Allah, ich nicht. Auf meinen Braunen werde ich +springen, auf meinem Sattel werde ich sitzen, wie damals, Djedaida, als +ich dich holte. – Aber warum weinst du?“ „Ich weine? Gib mir meinen +Schleier wieder.“ + +„Du meinst, ich stürze, Djedaida? Ich stürze, es geht mir wie El Irak! +Oha! Keine Furcht, du Süße. Ich werde nicht stürzen. Wie schön du bist. +Weine doch nicht. Wir erproben alles gut, Holyhead und ich.“ „Gib mir +meinen Schleier!“ sie schrie, „gib mir meinen Schleier. Du bist mein +Mann. Du kannst mir meinen Schleier nicht verweigern.“ „Was ist, +Djedaida?“ „Meinen Schleier. Ich bitte dich.“ „Da. Da ist er. Da hast du +ihn. Ich wollte dir das Meer zeigen. Nun habe ich dich gekränkt? Was +habe ich getan? Jetzt seh ich dein Gesicht nicht. Jetzt muß ich träumen, +wie lieblich du bist.“ Sie ließ ihm ihre Hand. Ihre Schultern zitterten +heftig. Er aber warf, als sie ging, selig die Arme hoch: „Sie trauert! +Sie hat Furcht um mich! Und ich werde es doch können!“ + +Ein neuer Menschentransport nach Grönland war abgegangen. Holyheads +Versuchsschiffe blieben zurück. An dem Sammelplatz wurde bekannt, daß +Holyhead, dem Engländer, etwas Besonderes Unerhörtes geglückt sei, ein +Syrier sei sein Gehilfe gewesen. Eines Nachmittags ordneten sich Boote +vor Holyheads Arbeitsschiff von allen Fahrzeugen. Die Luken von +Holyheads Sitz wurden mittschiffs geöffnet, dicht über der Wasserlinie +weite schornsteinartige Röhren aus den Luken geschoben. Aus ihren +trichterartigen Mündern quollen in breiten vollen Lagen weiße +Dampfmassen, die sich, wie sie die Trichter verließen, senkten, +auseinandergingen, über dem Wasser sich ausbreiteten, die +Wasseroberfläche überzogen. Flach und dicht legte sich der Dampf auf das +Wasser, an das Wasser. Mit den Schlägen des Meeres hob er sich. Nach den +Seiten quoll und flatterte die schwebende Watte, der Nebel in Fetzen +auseinander; die Boote in der Nähe schob der Dunst unwiderstehlich +beiseite. Sie schlugen mit Rudern gegen ihn; als wenn sie auf starken +Kautschuk oder Kork schlügen, prallten die Hölzer von dem weißen +andrängenden Hauch ab. + +Eine schräge Holzbahn wurde auf das Wasser geworfen. Ein Pferd +heruntergejagt, stand angstvoll wiehernd, im Kreis um sich springend, +auf der nicht weichenden, sich dellenden Nebellage. Ein gelbbrauner Mann +im Burnus mit bunten Bändern am Gürtel stolzierte winkend die Holzbahn +herunter. Streichelte das scheue Tier, das sich hinwarf, zog es auf, +bestieg es, ritt einen Kreis auf der Nebellage. Jubelndes Pfeifen, +Sirenenschreie von den Schiffen. + +Glücklich hielt am Abend der ernste Holyhead die Hand des Syriers. +Jeloud umarmte ihn. Es war fast mehr, als der Weiße ertrug. Sie feierten +die Nacht durch. Jeloud wollte am Morgen von Schiffen begleitet seinen +Plan ausführen: über das Meer reiten; wenn es ging, wenn es ging bis an +das arktische Wasser. + +Am Morgen dieses Tages verließ Djedaida, die sich eingeschlossen hatte, +ihre Kammer. Suchte Holyhead, der noch von der Nacht schlief. Sie +wartete geduldig auf dem Deck seines Schiffes. Um Mittag sah sie ihn, +zog ihn, im Gang beiseite: „Wie lange denkst du noch zu leben, Holyhead? +Schwarzbärtiger Teufel, was hast du noch vor? Du hast keine Furcht vor +mir.“ + +„Djedaida, ich kann nicht hinter deinen Schleier sehen, ob du ernst +bist.“ „Ich mache solchen Spaß mit dir, wie du mit mir gemacht hast.“ +„Djedaida.“ „Der Name ist nicht für dich bestimmt. Der ist nicht für +dich.“ Wortlos betrachtete Holyhead die Zitternde. Heiser, sich an die +Brust fassend: „Komm auf meine Kammer. Steh nicht hier.“ Sie schlich +hinter ihm, schloß die Tür, warf tief atmend den Schleier über die +Schulter ab, an der Wand stehend. Er kauerte auf einem Schemel: „Was +habe ich getan? Habe ich dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese Freude +bereitete?“ + +„Du bist ein Teufel, dem ich keine Antwort schuldig bin. Man sollte dich +zurückjagen in deine Stadtschaft. Aber jetzt hast du dich verfangen. +Jetzt ist es vorbei.“ Holyhead betrachtete sie, betrachtete seine Hände, +seufzte: „Oh bin ich traurig.“ „Sprich nichts. Deine verfluchte sanfte +Stimme. Du Heuchler. Hinterlistiger Bösewicht. Verführer, +Menschenverderber, wie die Weißen alle.“ „Frau des Jeloud, wenn ich dich +bitten könnte, mir zu verzeihen.“ „Höhne, höhne nur, Holyhead. Ich +ertrag es. Bereuen wirst du, bereuen, bei Allah.“ + +Er hob den bärtigen Kopf, seine Hände fielen neben die Knie: „Was soll +geschehen?“ Sie glühte aus dem Winkel: „Ich betrachte dich noch. Hab +Geduld.“ Durch die Kammer lief sie, der Schleier fiel hinter ihr. Sie +suchte mit den Händen auf dem Tisch; in dem Wandschrank: „Was hast du +hier? Du hast doch eine Waffe. Womit du mich vergiften oder verwirren +oder verführen oder erschlagen willst. Zeig. Wo hast du sie?“ Sie lief +auf ihn zu, zerrte ihn hoch: „Du hast sie auf der Brust. Mach auf. Nimm +das Leder weg. Da.“ Sie griff die revolverartige Waffe, drehte sie. Er +hielt die Augen geschlossen. Sie wartete. Er öffnete sie nicht. Sie +schüttelte sich verächtlich: „Was hattest du gegen mich vor?“ Die Waffe +fiel vor seine Füße. Da sank Holyhead noch tiefer zusammen, öffnete +seine ganz fernen nicht sehenden Augen, die in die äußeren Außenwinkel +auseinanderwichen, bückte sich nach der Waffe: „Ich werde mich +auslöschen.“ Ihre Hände krampften sich: „Tu’s. Du verdienst es.“ Er +stand, hauchte, das Metall in der Hand: „Ich verdiene es. Wer weiß etwas +davon? Im Leben vom Tode umschlungen. Ich weiß nicht, ob ich den Tod +verdiene. Nun habe ich auch mit dir eine Berührung gehabt.“ Sie irrte +durch seinen Raum: „Was hat er hier? Was hat er hier? Maschinen zum +Verführen, zum Verzaubern. Zeig sie mir. Mach mir die Schränke auf, ich +will alles sehen. So. Das hat Jeloud gesehen. Muß ich jetzt ins Wasser +springen? Das hast du alles gemacht. Laß dich ansehen.“ Sie stierte ihn +an, suchte in das fremde Gesicht einzudringen: „Allah. Ein Weißer mit +einem langen Bart. Ich muß zu Jeloud.“ Sie ächzte, lehnte matt an einem +Schrank, wimmerte: „Ich bin verloren. Was soll ich tun?“ Und winselte +eine Zeitlang, bis sie plötzlich innehielt, ihr Gesicht leer wurde; +gedankenlos lächelte sie: „Was tu ich. Es ist ja schon gut.“ Und +wiederholte: „Es ist schon gut. Gut. Ja, es ist schon gut.“ Unter einem +öden Gefühl, einer aufsteigenden Finsterheit, einer Furcht, – was für +einer Furcht –, bewegte sie den heißen Kopf. Holyhead stand an der Tür. +„Ich will dir sagen, Holyhead, was jetzt geschehen wird. Du hast ihn +verführt. Warum hast du das getan? Warum hast du ihn von unserem Schiff +geholt?“ „Er sollte mich anlächeln.“ „Und ich?“ „Was?“ „Ich war seine +Frau.“ „Ich habe dir nichts genommen. Bin ich ein Weib?“ + +„Gut!“ schrie sie, „das hast du gut gesagt. Hast du ihn gesehen? Hast du +Jeloud nicht gesehen? Ein stolzer Beduine, ein Anaze, ha! Glühend, +tanzend; auf Wolken reitend! Hast du gesehen, bist du selbst verzaubert? +Das war mein Mann. Ich bin auch kein Weib. Gut hast du gesprochen. Ich +hasse, hasse ihn. Morgen wird er mit seinem Pferd unten reiten. Er +füttert es selbst. Wenn es ihm vorher krepiert. Wenn das Brett bricht, +auf dem sie herunterlaufen. Wenn deine Nebel nichts taugen und er +verschlungen wird mit dem Pferd und weg ist.“ + +Sie hielt sich den Schleier vor das Gesicht. Holyhead atmete heftig, +stützte sich am Tisch: „Ich will gehen. Oh ich mag nicht mehr. Ich will +gehen, Djedaida.“ + +Sie schluchzte krümmte sich über dem Boden, zerriß sich die Haare: „Ich +kann nicht leben.“ „Oh. Ich gehe schon.“ Sie hielt ihn an den Händen, +zog sich an ihm hoch, winselte stöhnte: „Warte einen Augenblick, sanfter +Tiger. Ich sehe dich noch an, sanfter Tiger. Lauf mir nicht weg. Du hast +mich arm gemacht. Du bist mir von ihm zurückgeblieben. Bereu, was du +getan hast.“ „Ich kann nicht bereuen. Ich kann jetzt nicht lügen. Er war +mir ein Glück. Eine süße Freude.“ „Siehst du. Das sagst du mir noch. +Wirst du tun, was ich will?“ „Ja, Djedaida.“ „Alles?“ + +„Alles.“ „Willst du den Jeloud umbringen?“ „Du bist irrsinnig.“ „Den +Jeloud umbringen.“ „Nein.“ „Tu es“, sie keuchte, „ja tu es.“ „Ich tu es +nicht.“ + +„Für mich, Holyhead, bring ihn um. Ich bitte dich drum. Du kannst alles. +Du hast die Wolken gemacht. Bring ihn um, mach ihn weg. Für mich.“ „Ich +tue es nicht.“ Erst brach ihr Schluchzen hemmungslos auf. „Für mich. Für +mich.“ Dann griff sie ihm an den Bart. Haßstarre Züge, leere nicht +sehende Augen. Sie preßte seine Hände: „Du mußt, – du mußt mit, mit mir. +Es bleibt nichts übrig. Dann mußt du mit mir. Dann laß ich dich nicht +los. Dann kommst du mit. Was – sagst du?“ „Du verlangst, ich soll mit +dir.“ „Ja du kommst mit. Wir fahren heute. Oder morgen. In meine Heimat. +Du wirst Jeloud nicht mehr sehen.“ + +Und am Abend verabschiedete sich Holyhead von seinen Ingenieuren +Technikern Physikern. Die Shetlandinseln bekämen ihm nicht gut. Er ginge +sich erholen. Nicht mehr brachte er hervor. Verfallen, wie vergiftet sah +er aus; vielleicht hatte er zuviel mit den neuen Stoffen gearbeitet. Als +am Vormittag Bou Jeloud, der Syrier, von Booten und Schiffen begleitet, +den ersten Ritt über dem Meere antrat, – nach allen Stadtschaften der +Kontinente wurden die stolzen erschütternden Bilder geleitet, – flogen +Djedaida und Holyhead schon über die deutsche Tiefebene. Nach Süden und +Osten flogen sie. Die Menschenansammlungen und Riesenstädte wurden +seltener. Das blaue warme Meer kam, kleine Inseln. Die Küsten eines +neuen Landes tauchten auf, gelbe Berge, weite leere Sandflächen. Bei +Damaskus bestiegen sie Pferde. Während der ganzen Fahrt hatte der Weiße +nicht das Gesicht Djedaidas gesehen. Als ein Trupp schwärmender Beduinen +sie auf der steinigen Hochebene anhielt, Djedaida sich nannte, wurde der +Weiße von ihr getrennt, zwischen die Männer genommen. Anaze mit +Djedaidas Sippe lagerten bei Ed Daba. + +Die Frau bestellte ein Gericht, erklärte vor dem Scheich: „Bou Jeloud, +meinen Mann, wollt ihr sehen. Ich hab’ ihn nicht. Er hat sich mit Wolken +beschäftigt, auf denen er reiten will. Er hält nicht mehr zu uns. Ist +kein Anaze.“ „Wo ist er jetzt?“ „Ich hoffe, er ist tot. Er wollte nach +Island reiten, wo die Städte die Erde zerreißen. Ich hoffe, er ertrinkt +mit seinem Pferd oder er verbrennt.“ „Du haßt ihn sehr.“ „Ich war seine +Frau. Er hat mich verraten.“ Der Richter blickte Holyhead an: „Berühr +den Sand mit der Stirn, bevor du sprichst. Wer ist der Mann?“ „Der +Jeloud verführt hat. Ein Wesen –“ sie brach in leidenschaftliches Weinen +aus – „ich wünschte, das Meer hätte ihn verschlungen, bevor wir ihm +begegneten. Wir hatten nichts als die Reise vor, Jeloud war neugierig, +ich konnte ihn nicht zähmen. Der Mann hat sich Jelouds bemächtigt und +sich alles Schlechten in Jeloud bedient. Bis er nicht mehr mein Mann +war, sondern sein Diener, dieses Affen Diener, dieses Affen, der Spiegel +für sein häßliches ziegenbärtiges Gesicht. Du Hund, sag belle, warum ich +dich hergebracht habe. Bring es heraus, wenn du es fertig kriegst. Da +steht der Richter.“ + +Holyhead, die Hände auf den Rücken gebunden, zwischen zwei +Lanzenträgern, betrachtete aus leeren braunen Augen die Frau. Sprach +nichts. Sie warf sich auf den Boden: „Gib ihn mir. Ich will mich rächen. +Muß ich mich nicht schämen, an diesen habe ich Jeloud verloren. +Seinetwegen hat er mich verlassen. Gebt ihn mir.“ Der Richter flüsterte +lange mit den Männern: „Djedaida. Es tut uns leid, daß du ohne Bou +Jeloud zurückgekehrt bist und uns nicht berichten kannst, wie lächerlich +sich die Städter benehmen. Und wie die große Expedition nach Grönland, +von der sie solch Aufhebens machen, verläuft. Deine Brüder sagen, es +würde dich trösten, wenn du diesen Mann umbringst. Wir wollen ihn gar +nicht ausfragen. Es lohnt nicht zu hören, was ein Ungläubiger sagt. Nimm +ihn. Was du willst, tu mit ihm.“ + +Darauf stellten die Brüder der Djedaida zwei Mann, die ritten und +Trommeln an ihren Sätteln hatten. Auf einen Klepper hoben und banden sie +Holyhead. Mit ihm ritten sie durch die Wüste und Hochebene, nach +Südosten in der Richtung auf Beni-Sochr, trommelten durch die Ansiedlung +und Lagerplätze. + +Djedaida in Witwentracht ritt neben ihnen. Der gebundene Weiße stöhnte. +Einen Mundschleier trug er, fast nie öffnete er die Augen. Verlangte +nichts zu trinken und zu essen. Schräg nach vorn abgesunken saß er, die +Beine mußte man ihm unten zusammenbinden, das Pferd schaukelte ihn hin +und her, kippte ihn fast um. Man flößte ihm abends Wasser und breiige +Datteln ein. Er schlief nicht. Kniete halbe Nächte, verfluchte sich, +Holyhead, sein Schicksal, die Städte, in denen er gelebt hatte, seine +Eltern, seinen Leib und seine Seele. Der schwarze Bart wuchs ihm lang, +die Backen fielen ihm ein. Wenn er sich zerrissen hatte, strömten ihm +Tränen über das Gesicht. Bei Tag rüttelte ihn Djedaida wach, betrachtete +ihn. Er sah nicht, daß sie manchmal von ihm weglief, sich versteckte, +Gesicht und Brust schlug, sich in die Finger biß und nicht zum Weinen +kam. Wenn er sich wie einen Klotz rütteln ließ und torkelnd dastand, +zischte sie: „So will ich dich nicht. Was ist mit dir? Bist du ein Mann? +Ha, du. Wir reiten weiter. Sieh mich an.“ Aber er sah sie nicht an. Man +trieb ihn auf den Klepper. Die Frau ritt neben dem zerlumpten hängenden +Weißen. Kinder auf den Lagerplätzen warfen Sand und Hölzer nach ihm. Der +Haß der Beduinenfrauen war groß, sie ohrfeigten ihn, hetzten ihn +aufzuhängen, bespritzten ihn mit Pferdejauche. Wie sein Schatten +Djedaida neben ihm. Bewachte jede Bewegung, die an ihm geschah. +Mißtrauisch, die Lider senkend, drohend still. + +Die Männer von Beni-Sochr, als sie das hängende stumme Menschengerüst +auf dem Klepper sahen, wollten ein Ende machen, die unersättlich +rachsüchtige Frau von ihm unter einem Vorwand entfernen und ihn +beseitigen. Djedaida fiel das Flüstern und Abseitsstehen auf. Sie hockte +mit einem Hund in der Nacht vor dem Zelt, in dem der Weiße lag. Da +wagten sich die Männer nicht an sie heran, wurden erbittert. Sie hielten +sie durch falsche Wegangaben einige Tage in ihrer Nähe. Durch einen +Trommler erfuhr die Frau, man hatte sich verabredet, den Weißen bei Tal +Reinah zu erschießen. „Erschießen. Von weitem erschießen. Das glaub ich. +Die Räuber.“ Wie es finster war, weckte sie die Trommler, sie sollten +die Pferde rüsten. Sie tastete sich im Dunkeln zu Holyheads Lager, +schüttelte ihn. Er stammelte: „Wer schüttelt mich. Ich bin ja wach.“ +„Holyhead. Ich bins, – Djedaida. Steh auf. Wir müssen weg.“ „Was ist?“ +„Auf. Wir müssen weg. Sie wollen dir ans Leben.“ „Wer bist du?“ +„Djedaida. Oh Allah. So hör doch. Mach dich auf. Wir sind in einem +Räubernest.“ „Sie wollen mich töten? Sie wollen mich töten?“ „Die +Minute, die Minute, komm rasch Holyhead, wir können nicht warten. Wer +weiß, was dir geschieht.“ „Sie wollen mich töten? Oh guter Ort! Oh +liebreicher Ort. Meine Segensstunde. Meine selige Nacht.“ Er kniete in +dem Sand. Sie packte seine Hand, griff an seine Schulter, faßte über +seinen Mund! „Ich will nicht. Oh Allah. Erheb dich. Schrei nur nicht, +Holyhead. Nur nicht. Nur nicht. Du wirst nicht schreien. Sie horchen. Du +bist im Fieber, du weißt nicht, was ist und was du sprichst. Du wolltest +nie essen; jetzt bist du so schwach. Sie wollen dich erschießen, es sind +Anaze, aber Räuber, von fernher erschießen. Ich weiß nicht warum und +wann. Vielleicht weil du ein Weißer bist. Sie sind schlecht. Mach dich +auf.“ „Ich will nicht! Ich will nicht. Ich werde nicht.“ „Komm.“ „Ich +will nicht.“ „Warum willst du nicht? Allah, Allah, was soll ich tun?“ +Sie lag auf dem Boden im Finstern, warf Sand über sich. Er tastete mit +den gefesselten Händen nach ihr, die Haare hingen ihr verklebt vor dem +Gesicht. Er stammelte, seine Stimme gebrochen, er lallte fast: „Das +Spiel ist aus. Soll ich jetzt lachen? Jetzt läßt du mich los. Jetzt ist +es zu Ende. Sie werden mich erschießen. Und ich soll dir helfen, daß +alles weiter geht. Du bist süß, bist süß, Djedaida. Jetzt mußt du mich +loslassen. Sie werden mich erschießen. Du kannst es nicht verhindern. Da +fühl mich an. Ich bin es noch: Holyhead aus London, das ist er, +Ingenieur Physiker, der die Ölwolken gemacht hat. Bald liegt er, war +nichts, wie seine glänzenden Städte. Aber ich freue mich doch. Ich kann +befehlen. Wenn ich schreie: Eins zwei drei, – bin – ich erschossen.“ Er +tastete nach der Zeltwand, stellte sich ganz auf die Beine: „Und du – +bist gesättigt, meine Djedaida?“ + +Sie ließ sich von ihm hochziehen, murmelte zitterte: „Schreckliches hat +Allah über mich verhängt. Ich kann nicht von dir lassen. Ich kann nicht. +Ich kann nicht. Du mußt leben. Ich muß dich bei mir behalten. +Schreckliches hat Allah mit mir vor.“ Er schwankte stöhnte: „Was ist +das, mein Gott. Ich sagte, es ist aus. Du willst mich nicht loslassen.“ +Und er zog an der Zeltdecke, riß den Mund auf, mit gräßlich +überschlagender Stimme gröhlte er: „Ich – will – nicht.“ + +Da war die Raserei durch die Frau gezuckt, aus dem Herzen in ihre Arme +und Beine gestürzt. Ächzend schnellte sie sich hoch, gegen den +schaukelnden Rumpf des Mannes, rang stieß riß ihn um, zappelte winselnd +an ihm: „Schrei nicht. Du kommst mit mir. Ich kann dich nicht lassen. +Und wenn ich dich ersticke.“ Sie stopfte ihren Schleier in seinen Mund, +während sie ihn preßte: sie weinte streichelte küßte: „Allah, hilf mir. +Verzeih mir, was ich tue. Allah, hilf. Komm mit, komm mit, sag ja. Du +bist ja meine Seele. Du bist es. Schlag mich nicht. Ich will dich nicht +töten. Allah, hilf.“ + +Den Trommler holte sie, auf ein Pferd trugen sie den gebundenen Mann. +Die Pferdehufe umwickelte sie. Durch die Nacht wehten sie davon. + +Zwei Tage irrten sie auf der Steinebene herum. Bis sie den El Habis +hinter sich hatten, die Häuser von Damaskus auftauchten. + +Und so verängstigt war die Frau, in Furcht vor den Anaze, die ihr den +Mann rauben konnten, daß sie noch lange in dem mächtigen Stadtreich +herumzog, das Quartier wechselte, bis sie der Trommler zu dem Freund +ihres Bruders führte. + +Einen Halbtoten hatte sie von Beni-Sochr nach Damaskus gebracht. Er lag +verwirrt auf dem Zimmer, das sie ihm bereitete. Amulette von ihr aus +blauen Perlen, Zauberfische Zauberschwerter um den Hals. Sie durfte sich +ihm nicht nähern, der Trommler pflegte ihn. Sein Gebrüll, wenn sie +eintrat: „Da kommt sie, da kommt sie.“ + +Als er stehen, klar blicken konnte, wandte er eines Morgens das +geisternde Gesicht auf sie, wie sie an der Türspalte erschien: +„Djedaida! Djedaida! Komm herein. Bin ich gefangen? Hältst du mich +gefangen?“ Sie, eintretend, sich verneigend, murmelte, hell erblassend: +„Du kannst gehen, wohin du willst.“ „Ich kann. Ist das wahr?“ Und +schleppte sich, mit Stöcken stampfend, an ihr vorbei, die Stufen +herunter, ohne ein Wort. Wild weinend knirschend winselnd lag sie +zertreten auf der Schwelle. + +Wie er nach Tagen anklopfte, hatte sie den breiten Kragen ihres dunklen +Mantels über den Kopf geschlagen, begrüßte ihn demütig. Stumm nahm er es +an, saß am Fenster. Er war versteinert. Sie zaghaft bettelnd hängte sich +an ihn, trieb ihn zum Leben zurück. Riß an ihm. Eine Wonne, fast von Art +eines Schreckens, dämmerte in ihm auf. Wie sie den schwarzbärtigen +braungebrannten Mann in seinem Stuhl betrachtete, zitterte durch sie – +sie mußte den Kopf senken – das Bild des Lagers der Anaze und wie er auf +den Klepper gebunden war, bei den Tieren lag, wie er geschrien hatte, +sterben wollte in der Nacht. Und das durch sie. Was war sie? Sie konnte +den qualvoll süßen Gedanken nicht abweisen. Und Bou Jeloud selber kam +herauf, der schöne stolze Anaze, den dieser Mann geliebt hatte. Kam er +nicht über das Meer, war er das nicht? Wie schwoll es über ihr Herz. +Jeloud, der junge kindliche, über dem Wasser. Er ritt zu ihr, er kam: +sie war bei ihm, sie waren verbunden, Jeloud und sie, ritten in eins, +umschlungen verschmolzen nach Damaskus, wo etwas Dunkles, gewalttätig +Wonniges saß, sie erwartete, das Ungetüm von Freude, das sie verschlang. + +An den Hüften des langbärtigen Weißen hing sie: „Lieb mich, Holyhead. +Wie du Jeloud geliebt hast. So lieb mich auch. Ich will dir geben, was +er dir gegeben hat. Ich will dir sein, was er dir gewesen ist. Lieb +mich, wie du ihn geliebt hast. Geradeso. Umarme mich!“ + +Und während er sie umfaßte, stöhnte sie selig: „Gut. Gut. Das erleiden +wir von dir. Wie gut du lieben kannst. Wie süß du uns bestrafst.“ + +Mit Beben nahm der Mann aus den großen westlichen Stadtschaften ihre +Zärtlichkeiten an, vertiefte sich in ihr Gesicht, tastete ihre schmale +Gestalt ab: „Zwei Arme, zwei Brüste, zwei Schenkel. Wessen Arme, wessen +Brüste? Eines Menschen. Zwei Arme, ein Hals, nichts als dies. Und das +ist Sättigung bei den Menschen.“ + +Und dann ging sie auf den Straßen herum, seine Sklavin. Eine spitze +vergoldete Kappe hatte er ihr geschenkt, über die sie einen weißen Schal +zog. Eine farbige Jacke trug sie über dem weißen Musselinhemd. Die +Messingwalze zwischen sanften dunklen Augen. Sie blickte auf ihre feinen +Sandalen, kniete neben die Nachbarn hin, zeigte lächelnd ihre blitzenden +Zahnreihen, atmete tief: „Ach Bahdudah, ich bleibe hier, ich wandere +nicht mehr. Schenk mir noch ein Pferdehaar, daß mir nichts geschieht. +Ach, Bahdudah, es ist nichts Süßeres, als einem Mann dienen zu können.“ + + * * * * * + +Grönland, das Massiv aus Gneis und Granit, schob sich, ein Keil, vom Pol +in das atlantische Wasser. Zwei Millionen Quadratkilometer Fläche +bedeckte es. Das Urgebirge seines Körpers hatten der Wind, strömende +Wasser, Kälte, schauernde Gletscher verstrichen. Die mächtigen Falten +waren abgetragen eingeebnet. Weiter rissen die Elemente an dem starken +Rumpf. Einen Eisschild von tausend Fuß Dicke trug das Land. Seinen +Ostrand umzog ein hoher Bergkamm, Eisdrift versperrte die Küste; Bäche +stürzten über die Talboden die Gehänge. Im Westen stand ein Bergland mit +scharfen Gipfeln und Graten. Ungeheure Gletscher drangen über die Berge +an die Küsten. Durch Talkrümmungen wanden sie sich herunter, stiegen +zerklüftet über Steilstufen. Wulstig wellenförmig ihre Oberfläche. Aus +den Firnmulden flossen sie ab, langsam wie Schnecken bewegten sie sich +zum Meer, brachen in die Fjorde ein, verstopften die Buchten. + +Zwölf Kilometer breit, sechzig lang, stieß der Frederikshaabgletscher in +den Ozean; seine Schuttfläche warf er breit vor sich auf. + +Der Store Karajak. Er hatte eine Geschwindigkeit von zwölf Metern am +Tag. + +Unter dem siebzigsten Grad der Jakobshavngletscher, der Uparmwick unter +dem dreiundsiebzigsten, Ullaksoak unter dem achtundsiebzigsten. + +Der Torsukatak Assatak Tuarparsuk Tasarmiant Umartorsik Kangardluksuak +Itliarsuak Alangordlak. + +Die Erde schoben sie in Dämmen vor sich, warfen den Abbruch der Berge, +Schutt ihres Grundes, in Moränen um sich auf, schliffen Felsen ab. Unter +ihnen kamen weiße Flüsse zum Vorschein, ließen Lehm und Kies auf die +Böden der Fjorde sinken. + +Mit dieser Aufschwellung der Erde am Nordpol hatte sich das Wasser +vermählt; es hatte das Land nicht wie die andern Kontinente losgelassen +und sich zur Meeresfläche zurückgezogen. Es wühlte hämmerte riß an dem +uralten Gestein. Fiel wirbelnd unaufhörlich aus der dunklen und +erhellten Luft, Schnee, Milliarden flimmernder sechsstrahliger Kristalle +Sternchen Stäubchen, überschütteten erdrückten lautlos weich die +riesigen starren Kuppen Zacken Mulden. Und wie sie sinterten und +gefroren, geronnen sie, wurden zusammenzementiert zu dem grünlichen +glasigen Eis, das die alte Eisdecke überschichtete. Und durch seine +Spalten floß neues Wasser, gefror weiter in der Tiefe. Das Eisgebirge +wuchs. Überall wuchs still Eis auf dem großen öden Land. Eiswüsten +breiteten sich über das Inland hin. Schwarze Berggipfel, die Nunataks, +ragten aus dem gefrorenen großen Wasser auf. Das stieg an und gedieh +in den Firnen, auf den Hochflächen, zog nach den Fjorden, +gletscherschiebend, ab. Nach Norden buckelte sich die Ebene des Eises +hoch. Wellig unermeßlich zog sie sich hin vom sechzigsten bis über den +achtzigsten Breitengrad, zwischen der zwanzigsten und sechzigsten Länge. +Sie überdeckten Schneebreiflächen, trockene Schneewüsten, auf Höhenzügen +das Höckereis. Wassergefüllte Senken waren in sie eingetragen, im Kreis +von Haufen des wilden tiefen Schnees umgeben. In ihre Seen entleerten +sich Gletscherbäche und tosten über Rissen des Eises in bodenlose Klüfte +Brunnen, deren blaue Wände senkrecht abfielen. + +Weißblau der Himmel über diesem Kontinent. Der glühende Gasball der +Sonne belichtete wärmte hier nur wenige Monate. In einer Dämmerung lag +das Land, durch die der stumme Mond und die fernen zuckenden Sterne +blickten, in der märchenhaft das wechselnde Nordlicht tanzte. Winde +wurden über Gebirge Ebenen Gletscher des Landes geworfen, Föhne mit +Wärme, Nordweststürme, die den Schnee zu Wolken peitschten, ihn wie +einen Vorhang vor sich trieben. Der fegende Sturm schmolz Kehlen in die +Firne und Gletscher, modellierte die Eismassen, zog Dünen in sie ein mit +flachen Böschungen. Den gefrorenen Boden hobelte er zu einer Platte +glatt. + +Tiere und Pflanzen wagten sich in die Einöde vor. Tangwälder wuchsen in +den Tiefen des polaren Meeres. Der bellende Eisfuchs, wandernde +Renntiere, braun im Sommer, Eisbären, die auf den Inseln nach Vogeleiern +suchten, Lemminge Eulen der zottige Moschusochse Robben Alken Lumme. + +Als Rasen krochen Moose an windfreien Abhängen über den Boden. Graue +Flechten hingen an den Felsen. Den Schnee, die Sternchen Stäbchen des +Wassers, überzogen Völker einzelliger Algen; grau braun rosa violett +färbten sie den Boden. + +Von Europa kamen, von der belgischen und britischen Küste in nicht +endendem Zug die Meeresstraßen herauf die schwarz beteerten +Arbeitsschiffe, die schwimmenden Fabriken, Ölwolkenschiffe, stampften +durch den Ozean. Eisbrecher ihnen zur Seite und voraus. Schweigend +schoren sie das Wasser. Sie verteilten sich, das brennende Island +passierend, nach Norden und Süden, umringten Grönland. Und wie das Eis +Grönland mit einer Barriere umzog, umzogen sie es mit ihren schwarzen +tiefeintauchenden Gebäuden. Immer neue quollen nach. Sie bliesen, wie +sie an ihren Standorten hielten, empfangen von der schweigenden +Besatzung der Islandflotte, aus ihren Luken den schweren Rauch von sich, +den Ölhauch Holyheads, in dem sich mit einer weißen Masse grünliche +blaue rote Schwaden vermischten. Die Schiffe setzten versuchend bald von +dieser, bald von jener Schwadenart zu. Langsam und kaum vom Wind zur +Seite getrieben erhob sich der Rauch, dem immer neuer nachquoll, +verstärkte sich, blieb, als wenn er ein Tier wäre, das vor seinem Stall +ist, gleichmäßig in einer Höhe stehen. Die farbigen Gasmassen stiegen +senkrecht auf, verlangsamten mit zunehmender Höhe ihre Bewegung, dann +bei einer bestimmten Höhe war ihr Auftrieb erlahmt. Sie sammelten sich +an, breiteten sich wagerecht allmählich aus, als wären sie Öl auf einer +Wasserschicht. + +Am Scoresbysund der Ostküste, an der Südspitze, an der Diskobai im +Westen wurden Proben für die Höhe der Ölwolken bestimmter +Zusammensetzung gemacht. Sie sollten die höchsten Gletscher überragen, +annähernd gleichmäßig den ganzen Kontinent bedecken. Als das Gemisch der +Gase bestimmt war, begann der um Grönland versammelte Ring der Schiffe +seine Arbeit. Ohne auf Föhne und kalte Stürme Rücksicht zu nehmen, +stießen sie die dunkelfarbigen Dämpfe aus, die sich in der ungeheuren +Höhe ansammelten, von den nachfolgenden über das Land hingetrieben +wurden. Die seewärts drängenden Wolken dirigierten Fliegerreihen mit +Böenbomben. Die zusammengeschleuderten Gasballen hingen zähklebig +aneinander. Flächig plattenartig lagerten sich immer dunklere Massen +hin, wurden fester, je dichter sie sich anhäuften. Sie waren ein +unnachgiebiges den Raum erfüllendes Zwischending von Gas und starrem +Körper. Regen, der über sie fiel, konnte die starken aufwachsenden +Wolkenbänke nicht durchdringen. Wasser Schnee lagerte sich in Buchten +des Gases, stürzte in der randlichen Schiffsgegend herab, vermochte aber +das Gas nicht herunterzudrücken. Das seitliche Ausweichen blieb die +größte Gefahr. Scharen von Fliegern und Frachtluftschiffen wurden in der +grausigen Höhe stationiert, die immer in Gefahr waren, von den +aufrollenden Wolken erfaßt zu werden, zu kentern und abzustürzen. Eine +ganze ununterbrochene Barre von Explosionen mußte man um die Gaszone +legen, das Verschwimmen Zerkrümeln Verbröckeln der Dämpfe aufzuhalten. +Die Furcht der Ingenieure, die Auftriebskraft der Gase könnte in der +Höhe allmählich nachlassen, die Wolkenmasse sich langsam senken, +bestätigte sich nicht. Die dunkle gewaltige Luftbank über Grönland blieb +in ihrer Höhe; man konnte ihr vertrauen, Flöße wie auf ein Meer auf sie +werfen. + +Mit ihrer finsteren stummen Entschlossenheit gingen die Islandfahrer an +diese Arbeit in der Luft. Von dem Grauen der leuchtenden Turmalinschiffe +sahen sie weg; keiner rührte mit einem Wort daran. Die Schiffe lagen +fest. Die Neuanfahrenden hielten die Ungetüme nicht für Schiffe, wie sie +überwuchert waren von baumartigen bunten Algengewächsen, von +Vogelscharen belagert. Dicht beieinander hatte man an den Standorten die +Turmalinfrachten geschoben, abseits von dem übrigen Geschwader, +als wären sie verseucht. Die ruhenden Gebäude waren längst +zusammengewachsen: die Gewächse hatten Brücken zwischen ihnen +geschlagen, die nur selten von segelnden Eisblöcken zerrissen wurden. +Vögel spazierten und nisteten auf den grauen roten Brücken, in denen +sich Mollusken und Fische fingen, spielten und verendeten. Wie besäte +Hügel wuchsen die ruhenden Schiffe in der eisigen Luft auf. Wie sie +nebeneinander lagerten in den Buchten, am Eingang der Fjorde, schienen +sie steile und bucklige Inseln zu sein. Man sah manchmal die grauen und +roten Massen zucken und schaukeln. + +Die Islandfahrer warfen Planken von riesiger Breite auf die Ölwolken +herab. Und wie sie sie bestiegen, zogen sie benachbarte heran, richteten +sie auf, nieteten sie zusammen. Bisweilen schwankten die Flöße, auf die +sie sprangen, sanken schräg abwärts in ein Wolkenloch, stellten sich +hoch, kenterten. Im grauen rosa violetten Rauch zappelten die +abgerutschten Menschen. Sie suchten sich aus dem gallertartigen +schwammigen morastigen Gewebe hochzuarbeiten, schlugen um sich, +hangelten, unfähig sich abzustoßen, nach den Brettern. Neue Gasmassen, +von seitwärts anschwebend, schoben sich um sie, über sie. Sie wurden +eingebettet verkittet, griffen sich nach Brust Nase Mund, aus denen Blut +schoß; wurden japsend den Kopf zur Seite legend, erdrückt. Dort oben +stolperten im Beginn viele, lagen schräg mit hängenden Armen über dem +prallen Gas. Das dunkle Quellen schob an ihren Leibern, klemmte hier ein +Glied fest, riß es vom Körper; dehnte, wie die Hände zugriffen, die Füße +tretend eingetrieben waren, die Leiber mit sich, länger, länger. An den +Grenzen zog sich das Gewebe auseinander; da fiel ein erstickter Flieger, +schwarzgesichtig, ein abgerissener abgedrehter Körperteil auf das Eis +oder in das Wasser. Sie liefen oben, warfen Planken neben Planken. + +Der Kampf gegen die Winde begann. Der Nordoststurm, mit Nebel und +dichtwirbelndem Schnee, riß an den Außenseiten der wachsenden +Wolkenbänke, jagte Fetzen. Kleine Scharen und Einzelne segelten mit den +Abrissen über das abgrundtief liegende Land, verkamen. Auf den Platten +standen sie, taumelten; es war schlimmer als auf der See. Schwankten mit +den Brettern meterweit auf und nieder, hin und her. Es hieß in +furchtbarer Eile Platte neben Platte auf den dampfenden ins Land +wachsenden Boden werfen. Besinnungslos standen sie oft oben, warfen sich +hin, erbrachen, geschaukelt zerwirbelt, von den flutenden rollenden +Brettern getragen, die manchmal wie ein Spiel sich voneinander +entfernten, von einem Wolkenknäuel übereinandergehoben und +aufeinandergeklatscht wurden. Sie hingen an den Rändern über dem +unermeßlichen Eisland. Dunkel lagen die Wasserspiegel der Fjorde unter +ihnen, im Osten stiegen die Gipfel todesstarr bis dicht unter sie, die +Kämme der Gebirge berührten sie fast. Der Eishauch der Firne wehte zu +ihnen auf. Die blauweißen Gletscher bewegten sich träge nach unten in +die weiße Ebene, durch die eingerissenen Felsgassen. Ihre Trümmer und +Lawinen hingen über Bergstufen quer wie Riesenleichname. Wie sie auf +Island Brücken von der Küste warfen am Myvatn Krabla Leirhukr, an der +Eyafsbucht, von der unglücklichen Heraldsbucht her, auf den +schmetternden Brücken in der ascheschwirrenden Luft schwebten, über dem +Jökulsa, an der Fiski-Ebene, über den Gletschern des Ostens, wie sie den +gewaltigen Vatna erklommen, bevor sie von den himmelzerreißenden +auflohenden Vulkanen verbrannt und zerblasen wurden, so stiegen sie +jetzt über das stumme Land. Die Winde tobten über dem Eis. Das Land +ruhte, wie ein Blinder, über den ein Geschick heraufzieht. Von allen +Küsten schwollen sich sehnsüchtig die Wolkenschichten entgegen. Die +Menschen wollten die wogenden Massen bis auf eine inselartige Lücke +gegeneinander vortreiben. + +An der Diskobucht, über dem Onemokfjord erschienen unter den finsteren +Bänken der Ölgase bläuliche ovale Wolken, die ein Föhn vor sich trieb. +Die auffahrenden Frachtflieger sahen sie. Die Luft wurde still und warm. +Die Gasmassen senkten sich, erst langsam, dann im Sturz. Wie auf Kähnen, +die in einer wilden Strömung fahren, die Schiffer mit langen Stangen +stehen, sich von den gefährlichen Ufern abstoßen, sich unten abstemmen, +hin und her springen, so warfen sich die himmelhoch schwebenden Arbeiter +auf die Planken, hielten sich mit Balken frei, preßten die +Nachbarplatten zur Seite. Auf und ab stiegen die Gasmassen, auf und ab +taumelten rollten die Menschen. Die Schichten noch nicht schwer und +dicht genug, beulten sich. Die Menschen hin- und hergerissen schlugen +sich mit den Planken. Auf dem Boden tief unter ihnen bewegte es sich. +Der dicke ballige Schnee geriet ins Laufen, er wich dem blasenden Föhn +aus. An der Eisfläche arbeitete etwas mit großer wachsender Gewalt, +schrubberte die Fläche Stoß auf Stoß, Schub auf Schub. In kleinen großen +unregelmäßigen Würfen flog der Schnee. Die Schnee-Ebene brandete. +Dampfartig stieg es vom Boden auf und zerwehte. Wie sie sich oben +verklammerten. Wie von den Arbeitsschiffen an der Küste der träge Qualm +herblies, hilflos langsam, herüberblies, abgebogen wurde in der +trommelnden Luft, sich spiralig um sich selbst drehte und abgeknickt +wurde. Am Rand oben wurden zersprengt die himmelhoch schwebenden +Wolkenballen, über den Himmel im Föhn schossen sie hin wie kleine +Lämmerwolken, wurden rettungslos geschleudert. Der Föhn hetzte die +dünnen sich verflüchtigenden Gasschichten auf das Meer. Die Platten, +lose aufgeworfen, abgehoben wirbelten wie Papier im Sturm. Menschen +Balken Bretter trieb der Sturm geradewegs vor sich, trug sie auf dem +zergehenden Gas kilometerweit wie ein Löwe im Maul mit sich fort, ließ +sie dann unter sich fallen in das tosende schwarze Wasser, auf die +jagenden Eisschollen. Flieger zuckten hinterher, raketenartig stiegen +sie auf, wurden vom Wind zur Seite gestoßen. In dem Tosen hob sich noch +aus den Arbeitsschiffen der armselige Rauch, den der Sturm brach. Die +Schiffe selbst wurden gerüttelt gehoben ergriffen gedrängt. Krochen +erzitternd um sich, stellten sich hin, wehrten sich, während oben der +bleierne Himmel sichtbar wurde, in dessen Leere rote und blauschwarze +Wolken, bunte Fetzen blitzten und sich auflösten. Zerblasen die +Wolkenbank der Diskobucht, im Süden Norden; die Bänke bis tief ins Land +aufgeschlitzt. Draußen torkelten die Menschen, glitten ab, wurden an +Beinen schlagenden Armen kneifenden Augen züngelnden beißenden +spuckenden Mündern von dem Gas überzogen. Wie eine Haut streiften +stießen sie es weg. In der Luft, im heulenden Föhn, balgten sie sich mit +dem Gas herum, waren eingewickelt darin, rund wie ein Igel +zusammengebogen. Sie sausten abwärts, auf Eis, legten sich langsam, vom +Eis entlassen, hin. + +Von den Färöer und Shetlands stampften neue Ölwolkenschiffe herüber, +zogen einen zweiten Ring um das grönländische Massiv. Meterdick lag über +dem Land schon die schillernde Wolkenmasse, leicht auf und ab pendelnd, +in sich verbacken. Die Stürme pfiffen wie an Steinmauern dagegen. Über +der Bank ging wie seit Jahrtausenden für wenige Stunden die Sonne auf. +Ihr Licht drang nicht mehr durch. Der Kontinent war von dem alten weißen +Himmel, dem stummen Mond, dem sprühenden Nordlicht, den kleinen +funkelnden Gestirnen abgeschnitten. Die Wasserdämpfe des Landes +sammelten sich an der Unterfläche der Wolkenbank, zerstreuten sich sehr +langsam, entleerten sich im Schneegestöber, in Schlammregen. Sie konnten +nicht abziehen; mit schwerem Wasserdunst bedeckte sich das Land, die +Temperatur stieg. Zugleich wuchs die Finsternis. Der Tiere bemächtigte +sich eine Unruhe. Renntiere zogen in Scharen über das Eis, ihre +Weideplätze verließen sie, sie irrten umher. Die Scharen fanden keine +Führung, Rudel trieben zusammen, ängstlich hielten sie auf den +Küsteninseln. Die Bären und Füchse wurden aus ihren Höhlen gejagt. Ihnen +war beklommen, sie liefen und schnupperten, fanden nichts verändert, +waren nicht beruhigt. Das ängstliche Schreien der Raben. Glatte Robben +tauchten auf, zogen sich über das Eis, suchten neues Wasser. Die Tiere +wurden wachsamer eins auf das andere, griffen sich, wo sie sich +befeindeten, gereizter an. Über den Gebirgen und Eiswüsten schwamm von +Osten Süden Westen Wolkenschicht auf Wolkenschicht zu. Fetzen von der +Gegenseite flatterten schon an. Auf losgelösten Wolken fuhren einzelne +verunglückte Plankenwerfer über das Land, kamen unbeschädigt auf der +Bank jenseits an. Als die aber auf den Platten im Westen und Osten sich +mit bloßen Augen sahen, schrien sie nicht auf, winkten nicht. Manche +sanken schlaff hin. + +Die Gasschiffe verstärkten die Wolken. Gegen Ende August zogen sie sich +zurück. Die menschenverlassenen Turmalinschiffe mußten angefaßt werden. +Es machte keine Schwierigkeiten, von allen Geschwadern Menschen zu ihnen +zu kommandieren; straff, wie unter einer Blendung, taten die +Grönlandfahrer alles was nötig war, ohne Befehl. + +Aber das überstürzende Grauen, wie sie sich auf kleinen Schiffen den +bunten schwirrenden Inseln näherten. Keine Umrisse von Schiffen waren zu +erkennen. Wale erschwerten die Annäherung an die Inseln. Man mußte +Sprengstoffe gegen sie werfen; das Wasser rötete sich gräßlich; die +dunklen Leiber schwammen eine Weile auf dem Wasser. Wie das Fangnetz +eines Schleppers hingen Tangmassen um die Inseln. Man mußte sich +schneidend hauend brennend durch sie arbeiten. Boote zogen die +abgelösten Stiele und Geflechte ins offene Meer. Schritt für Schritt +rissen sie das wuchernde Kraut los; Schicht auf Schicht mußten sie +abtragen. Die Boote wechselten stundenweise; es gab immer wieder +Menschen, die den Trieb nicht überwanden sich hinzugeben und mit Gewalt +zurückgeführt werden mußten. Man drang schließlich, nach Sprengung der +Algenbrücken und Reinigung des Wassers, an die Schiffsrümpfe heran. Wie +sonderbar sie verändert waren. Die Außenhaut der Frachter legte man oben +bloß; man sah schon, wie die Brücken und schwersten Tangmassen beseitigt +waren, daß die Frachter wie befreit heftig zuckten, sich langsam von der +Stelle bewegten, ruckweise zerrende Bewegungen nach oben machten. Schon +glitten die Schiffe leicht, die Boote hinterher; man mußte fürchten, daß +sie sich über das Wasser, aus dem Wasser herausheben würden. Oben am +Bordrand waren alle Bleche gelöst, die Verschalungen geborsten. Von +außen, von innen trieben Sprossen Äste dünne Balken durch die +Schiffswand. Die wenigen Kabinen des Oberdecks waren von einem Dampf +erfüllt; aber das schien nur so, als man die Türe öffnete. Sie waren +ausgefüllt von einer Art Spinngewebe. An ihrem Rand, den Aufhängseln der +grauweißen Gewebe hatten sich die wuchernden Hölzer der Wände, die Äste +der Türen Luken selbst beteiligt, mit einem Flechtwerk von Fasern. Man +sah aber keine Spinnen in den Räumen. Und wie man das dünne Gewebe mit +der Hand und Stöcken zerriß, erkannte man es als feinste haarartige +grasartige Austreibung der gequollenen Blätter, Röhren Stränge der +Hölzer der Spinde der Decken des Bodens. Außerhalb der Hölzer und weit +von ihnen entfernt hatten die Pflanzen mauerartige Organe gebildet. Jede +Kabine war hauchdünn wie Mark aufgelockerter Stämme; in längerer Zeit +mußte der Raum zuquellen verholzen. Man ging auf schaukelnden Lagen. Wie +man den Boden aufschlug, um in die Speicher zu kommen, schlugen stickige +Gase heraus. Schwammartig erweicht und verwoben waren die Decken. Aus +den tiefen Knorren der Masten sprangen frische wulstige Äste hervor, die +sonderbar behaarte samtene Blätter trugen; sie schlossen sich oft dicht +blütenartig zusammen. Wimmelnde Käfer und Ameisen. Man brauchte nicht +nach den Speichern suchen. Von ihnen aus den Tiefen der Schiffe ging das +intensive ruckweise sich verstärkende Leuchten aus, das oft blendende +Aufglimmen, das in der allgemeinen gleichmäßigen Dunkelheit das +Kabellicht überflüssig machte. Die Decke zu den Hallen schlugen sie ein, +mit Beilen Sägen Feuer brachen sie durch; seitlich rissen sie die Wände +des ganz verfilzten Gebäudes ein. Ins Wasser wurden Balken und Bleche +geworfen, die Fische schwammen hinter den Hölzern her, bewegten sie mit +den Mäulern vorwärts, kauten an ihnen, trugen sie auf ihren Rücken in +See. + +Frei lagen die Berge der Netze. Zauberhaft ihr Anblick, wie sie sich +durch die Buchten der Schiffe spannten. Mit glattem gewalzten Metall +waren die Wände der Hallen bekleidet gewesen. Märchenhaft hatte sich das +Metall bewegt. Seine ebene Glätte war verschwunden. Wellig hatte es sich +geworfen, Beulen Wülste Kugeln vorgewölbt. Aus der Ebene der Wellen und +Wölbungen stachen strahlige glitzernde Kristalle lang vor, die das +Metall um sich aufzogen, so daß um sie die Platten rissig wurden. Das +Eisen blühte von den Wänden den leuchtenden Schleiern entgegen. Der +schreckliche Glanz der Schleier. Ihr Verdunkeln Aufstrahlen. Der +Modergeruch, die anschwellende Wärme. Die Haken der Flieger griffen nach +ihnen, die ruhig hingen, wie man sie aufgehängt hatte. Schleier um +Schleier wurde durch die dunkle regentriefende Luft hochgetragen. Auf +den Ölwolken lagen schon die Platten, die sie zum Glühen bringen +sollten. + +Von den Schiffen herauf wurden an Hunderten Punkten die Drähte auf das +Wolkenlager gezogen, die das große Kabel mit den Schleiern verbanden. +Man arbeitete stürmisch, war der Erschöpfung nahe. Anfang September +waren die Turmalingebäude entleert. Die leeren Frachter waren schon +wieder verfilzt; manche zerfielen. + +Da rissen sich die Ölwolkenschiffe Menschentransporter von den Küsten +des finsteren eisumlagerten eisdrängenden Landes, sausten süd- west- +ostwärts. Stoben ab von Grönland, das sie in schwere Nacht geworfen +hatten, das einsam mit seinen wimmernden unruhigen Tieren hinter ihnen +lag unter der Ölwolkenbank und den glimmenden Schleiern. Scharen der +Flieger und Luftschiffe rasten wild den Meeresschiffen voraus. So rasch +mußte man den Ozean überqueren, wie man konnte. Zwei Tage fuhren die +Meeresschiffe; die Küste des Baffinlandes streiften die westlichen, die +im Osten hatten den zehnten Längengrad überschritten. + +In der Nacht zum dritten Tag wurde der Kabelstrom auf die Isolierung der +Schleier losgelassen. In diesem Augenblick verlangsamten alle +Meeresschiffe ihre Fahrt, die Flieger ließen sich auf die Decks und auf +das schäumende Wasser nieder. Erschauern Zittern ging durch die +Menschen, die sich über die finsteren Decks scharten, aus den Kabinen +rannten. + +Es war zu Ende. Man hatte den Krabla Leirhukr Herdubreid Katla Hekla +gesprengt. Island zerrissen, die Feuer der Erde geöffnet. Auf den +beweglichen Brücken waren viele hundert Menschen, wie sie, die auf den +Decks standen, verascht zerblasen über die Gletscher gestoßen ertrunken. +Neue Schiffe Menschenmassen waren vom Festland hergestampft. Man hatte +nicht geruht. Die Insel gab ihre Glut her. Die Schleier wurden gefüllt. +Die schrecklichen Turmaline strahlten sangen. Die Fische Vögel Algen im +Meer lockten sie und wollten fliegen. Zuletzt kam Grönland jenseits des +Wassers. Man mußte Wolken über das Land legen, Planken auswerfen. Wie +viele verkamen, stürzten ab. Als jetzt die Sirenen schrien, standen sie +auf den Decks über dem rollenden Meer. Es bebte trommelwirbelte +schleuderte sich hinter ihren Hälsen herum, daß sie ächzten und ihre +Füße weich wurden. Ihre Lider wurden angstvoll aufgerissen, die Augen +standen ihnen weiß barbarisch auf. Die Mundwinkel wurden krampfhaft +heruntergezogen, die Lippen gespitzt. Sie bogen sich. Es wogte mit Hitze +über ihren Leibern, schauerte über Rücken und Nacken. „Unglück. Welch +Unglück. O, lieber Himmel, welches Unglück. Was haben wir geduldet. Was, +was! Süße Nacht, süßes Leben. Liebe Stangen, liebes Geländer, Erbarmen. +Liebe Menschen Bretter Seile Masten Bleche. Liebe Jacke, rauhe Wolle, +Erbarmen. Meine Finger, mein Leib, lieber Arm, lieber Hals. Mein Hals, +mein Hälschen, meine Haut, mein Kinn, Erbarmen. Ah, welches Unglück.“ +Und dann wurden sie wie von einer Hand hingedrückt, zappelten in sich. +Jetzt geschah es hinten. + +Das Meer blieb glatt. Eine Welle von Licht schritt über den Horizont +fort. Sie lagen auf den Gesichtern. Entsetzen Schmerz in den Brüsten. +Alle Kehlen geklemmt. Winselten vor Schreck haltlos, als die Lohe am +Horizont unbändig höher höher höher höher schritt. Zugleich zuckte in +ihnen die Sehnsucht: Dahin! Sehnsucht nach dem Feuer! Das Feuer Islands! +Das furchtbare geliebte Land! Leirhukr Myvatn Krabla: das war es. Das +Feuer höher höher. Nach der Insel wollten sie. Ohne Maß ihre Sehnsucht: +„Was ist das Leben. Unser Feuer. Unser Feuer.“ + +Und manche lagen, wollten nicht zu dem blendenden Licht aufsehen, +wollten das Licht nicht sehen. Wenn es doch verschwände. Ihre fressende +wahnsinnsnahe Angst. Wenn man es wegwischen könnte. Sie hatten schuld +daran. Das furchtbare Lohen weg. + +Auch die Führer, Männer und Frauen, wandten sich ab, standen zitternd, +verfluchten sich. Kneteten sich die Brust: „Ich bin nicht daran schuld.“ +Ihre Zähne klapperten knirschten, Ohren und Nasen kalt, sie fühlten ihre +Finger nicht. Schluckten; schlenkerten die toten Füße über die Bretter, +stampften, um sich nicht zu verlieren. Öffneten schlossen im hilflosen +Takt die Augen. Aber dann hielten sie sie fest. Nach dem Licht hin. Das +Licht, das Feuer höher höher höher über das unendliche Himmelsgewölbe. +Das sollten die Augen sehen. Auf das blendend weiße hochtreibende Licht +die Augen hin. Man mußte es einschlucken mit weitem Mund wie ein +Ertrinkender das Wasser. Den ganzen Wasserschwall mit offenem +Walfischrachen nehmen, und immer schlucken, schlucken. Muskeln +festhalten, Augen hinhalten, den Boden mit den Beinen festhalten. Und +sie konnten es ertragen, die Augen kniffen nicht zu. Es ging. Was da +brannte, war der Turmalinschleier. Man mußte es benennen. Die Turmaline +waren vom Festland herübergeschickt; es waren gegossene gesponnene +Gesteine, eine geschickte Arbeit. Auf den Ölwolken lagen sie. Das war +keine neue Erfindung. Schon Angela Castel hatte sie im Krieg verwandt. +Das waren ihre Dampfbläser. Was man alles machen kann. Die Füße wurden +fühlbarer, man konnte die Zehen bewegen, sich umdrehen, die Schultern +herunterlassen. Die Aufgabe in Grönland war gelöst. Jetzt langsam Luft +schöpfen, einatmen, einatmen, ausatmen. Sie blickten neben sich, ihre +Köpfe hingen noch. Um sie lag man, die Hände vor dem Gesicht. Die +Gelähmten Erschütterten. Jetzt nicht sprechen. + +Die Schiffe trieben stundenlang in den erhellten Gewässern steuerlos. +Dann regten sich die Menschen. Hoben die Köpfe von der Brust, als nähmen +sie ein Urteil an. Die Maschinen schlugen von unten durch den +Schiffskörper, es ging rhythmisch durch ihre Glieder. Finster blickte +man an dem andern vorbei, prüfte zweifelnd das Wasser. Über dem Wasser +lag ein nicht wegzulöschender, alles überschüttender Schein, von dem die +Wellen flinkerten. Der Himmel, die nördliche Wölbung, wurde verschlungen +von ihm. Was war geschehen. Man stampfte weiter, strich an den Kleidern, +spie. Grimmiges Stieren. An die Arbeit. + + * * * * * + +Vor den Färöer und Shetlands sammelten sich die Geschwader. Sie +unternahmen tagelang nichts. Während sich die Menschen brütend um +einander bewegten, kam die Weisung von den Flottenführern, ein +Beobachtungsgeschwader zusammenzustellen. Man beschleunigte die +Ausführung nicht. Man drängte die finsteren lethargischen nicht. Man +beobachtete wie in Island und um Grönland, daß trotz der Erschlaffung, +trotz des immer wieder aufschwellenden Entsetzens und der Erschütterung +keiner auf das Festland zurückverlangte. + +Nach zwei Wochen setzten sich dann leichte Fahrzeuge in Bewegung. Von +wenigen Fliegern wurden sie begleitet. Sie steuerten den alten Weg +nordwärts. + +Der wachsenden Helle, vor der sich ihre Gemüter stumm neigten, fuhren +sie entgegen. Von Breitengrad zu Breitengrad wurde die Helle stärker. Es +war ein rosafarbenes, fast weißes Licht, das über den nördlichen Himmel +und Ozean ausgebreitet war. Wenn der flammende Sonnenball hinter der +westlichen Horizontlinie verschwand, war schon im Norden das rötliche +Weiß aufgezogen, von Minute zu Minute strahlender, zu betäubender +Helligkeit wie eine Blume sich öffnend. Und als sie in Höhe des +fünfundsechzigsten Breitengrades fuhren, war das Sonnenlicht unsichtbar +geworden. Es war vergangen unter der nördlichen Helle, wie die Sterne, +die bei Tag unsichtbar sind. In dem neuen rosigen Licht schwammen sie +auf dem angestrahlten Ozean. Ein Brausen nahm sie auf und +umgab sie, eine gigantische Musik, fernes dumpfes und helles +Durcheinanderschmettern, das von klirrenden klingenden hohen Tönen +durchsetzt war. Über ihnen kein Himmel, nur das gleichmäßige rosigweiße +Licht. Zuzeiten war Dämmerung und Dunkelheit hinter ihnen: das mußte +Abend und Nacht auf der übrigen Erde sein. Zuzeiten teilte sich die +Dunkelheit unter einem weichen Dunst auf, schleierartig, im Süden: diese +dünne bläßlich graue Aufhellung mußte der Tag der Erde sein. + +Sie standen auf den Decks. Auf Booten fuhren sie, frei ernst glücklich, +von Stunde zu Stunde glücklicher. Dachten nicht, es war in ihnen +ausgewischt, wie dies gekommen war, – was brannte, – was geschah. Sie +fühlten sich in das Klirren hohe Singen Orgelbrausen hineingesogen. +Beseligend das Licht, an dem sie sich weideten, sich nicht sättigten. +Sie fuhren schon in der Region, die sonst mit Eisbergen gefüllt war. Es +fiel ihnen nicht mehr auf, wie besänftigt das Wasser floß: die Luft ging +kühl, oft kalt, wie immer. Aber als wenn sie in den Tropen wären, fuhren +viele in Booten nackt bis auf den Gürtel, fühlten sich wohl, versagten +es sich, in den Kabinen zu schlafen. + +Über dem weiten Ozean geriet der Wind in eine sonderbare Bewegung. Der +grönländische Feuerherd übte seine Wirkung. Alle Windrichtungen waren +verändert. Der sonnenartige Brand am Pol zog wie ein Äquator die +Luftströme an; sie wehten nach Norden in einem heftigen oft zu Böen +gesteigerten Drang. Die auf dem Wasser schleifenden tiefen Luftmassen +züngelten in den Schwelch der nördlichen Glut. Die Stärke ihres Dranges +wuchs von Breitengrad zu Breitengrad. Zu dem auf und ab wiegenden +Brausen Schmettern Klingen traten die sanften Geräusche des Verdehnens +der Luft, das Stöhnen Rufen Singen. Die Luft schlürfte an der +Meeresoberfläche hin, riß spielend den Wellen die Kämme ab, wühlte sich +mit Stößen ein, Trichter in das Wasser bohrend, riß sich schreiend los, +flutete toste hin und konnte nicht widerstehen. Rascher und rascher +mußte sie fahren. Die Massen aller Windschichten wühlten ineinander; sie +mußten hin. Senkrecht und schräg aufrecht fuhren sie, bogen aus. Sie +streckten sich lang lang hin. Im Sturz, im Zug schwanden sie. Waren +davongezischt, hart über die Fläche schießend, das Meer abplattend, +niederdrückend, daß es eingedämmt hinter ihnen in häuserhoher Flut +einherwallte und sich wieder zurechtfand. + +Während die Menschen auf dem Meer schwammen, die Schiffe starke Kräfte +in die Maschinen warfen, um dem ziehenden Drang nach Norden zu +widerstehen, oft rückwärts fuhren, den pfeifenden Wind zerteilten, +verfinsterte sich gelegentlich die Luft unter einem Rauch. Eine Brunst +unerhörter Hitze schnob um sie. Lachend nahmen sie sie an. So freudig +waren die Menschen des Beobachtungsgeschwaders, daß sie unter dem +siebzigsten Breitengrad nicht zu bewegen waren, weiter zu dringen. Der +Küste Grönlands sollten sie sich nähern. Aber sie wollten nun nichts als +in dem wonnigen Wasser ausruhen. + + * * * * * + +Zu dem Geschwader gehörte eine Zahl Schiffe, die für Gefahren besonders +ausgerüstet waren. Sie waren mit Vorkehrungen gegen das ozeanische +Wasser versehen. Sie sollten gewaffnet sein, in der Nähe Grönlands, nahe +den niedergehenden Lawinen, dem Absturz des ungeheuren Islandeises, dem +Schwall der Wasserberge zu widerstehen. Die Menschen dieser Schiffe +gingen jetzt, von der Glückseligkeit des Wassers gelöst und benommen, +vom rosigen Licht, dem sanft wühlenden Winde bezaubert, eigene Wege. Der +gewaltigen Ausrüstung bedienten sie sich für ihre Zwecke. Sie wollten, +beschlossen sie, hier bleiben, sich auf dem Meeresboden tummeln. Sie +wollten nicht mehr, nie wieder zurückkehren. Sie wollten auch nicht nach +Grönland fahren, die Schönheit des neuen Kontinents abwarten. Gleich auf +der Stelle, hier im Augenblick hatten sie ihr Land. Kräftig und mutig +fühlten sie sich. Der Mischling Mutumbo führte sie. Nach Jan Mayen unter +der zehnten westlichen Länge, nördlich der siebzigsten Breite waren sie +vorgestoßen. Sie loteten eine gebirgsartige Aufstufung des Meeresbodens. +Hier in die Flachsee, unter dem beseligenden Licht, ließen sie sich +nieder. Noch einmal, verkündete der Führer, möchten die verruchten +Kräfte der großen Stadtschaften für sie arbeiten. + +Mit zweiundzwanzig Schiffen und Beischiffen umschloß Mutumbo die Stelle, +begann sich wie ein Stier mit den Hörnern in den Wiesenboden, in den +flüssigen Ozean einzugraben. Umgeben waren die Vorderschiffe mit +flammenfesten, aneinandergefügten Basaltmänteln, die die Kräne +schnaubend aus den Laderäumen hochangelten, schiefrig grauen Platten, +die sich wie starre Visiere vor die Schiffshaut legten. Die Platten +legten sich um nach rückwärts, schoben sich balkonartig als Plattform +über das Vorderdeck. Auf allen zweiundzwanzig Fahrzeugen waren Maschinen +montiert, an die heran ein Gewirr von Kabeln aus den Schiffsbäuchen +lief. Die Maschinen glichen Reihern und Kranichen. Lange magere Hälse, +die sich auf den plumpen, festgenieteten Rümpfen drehten, streckten sie +nach vorn über die Schiffsspitze, tauchten sie an den grauen +Basaltmänteln herunter in die grün-weiße Meeresströmung. An ihren Hälsen +hing ein dickes, meterlanges, kettenschleuderndes Gezottel von Seilen +und Drähten, als wären es Mähnen. Tauchten die Mähnen in das salzige +Wasser, berührten sie die spritzenden Wellenkämme, so schrie das Meer, +als wäre es ein schlafendes Tier, dem ein Skorpion zwischen die offenen +Lippen und die Zähne kneifend in den Rachen kriecht. Es warf sich, +wachte auf, brüllte. Und im Moment gab es ein Brodeln; das Wasser stieg +als warmer Schwall, weiße, zitternde, unruhige Wolke von der tosenden +Fläche auf, jagte, wild um sich schlagend, blind wühlend hoch. Und immer +neues, nicht nachgebendes Beißen und Herabstoßen der Reiher, Knallen und +Aufklatschen der Mähnen, wütendes Brodeln Kreischen Spritzen, dampfendes +Abweichen Keuchen, meterhohes Aufzischen, brüllende Gischt. +Kilometerdick eine weiße Wolkenmasse, ein Wolkengebirge über dem +Schiffskreis, bereit, auf das dampfende Loch unter sich +herunterzustürzen. + +Die Böen jagten hinter ihnen her. Der Dampfschwall flutete in die Höhe +der Stratuswolken; kaum fühlte er die Kälte, so brausten, +mittschiffsentlassen, die Böen hinter ihnen. Aus dem Kreuzfeuer der +explodierenden kopfgroßen schwarzen Inulitbomben, die donnernd aus +winzigen Mörsern aufschossen und sprengend die Luft mit einem ungeheuren +Ruck zerteilten. Die weichen zitternden Wolken fühlten sich im Rücken +angepackt und im Nu meilenweit fortgeschleudert, davongeschoben wie ein +Teller von einem Tisch, ein Hund von einem Napf, an dem er kläfft. Und +dann schnoben sie, die weißen zerrissenen flattrigen Massen +durcheinandergewirbelt in einem einzigen Regenguß, einem losen weiten +unermeßlichen Regenguß, grau und schwarz in das hochspringende Wasser +zurück. Stürzten rasch und unablässig, daß sie Scharen von Möwen fort- +und herunterrissen, ihre nasse Hand auf die dünnen anstrebenden +abschlüpfenden Leiber drückten; kein Flattern Hälserecken +spitzschnäbliges Aufdringen half. Und selbst wenn die Vögel noch eben +Kraft zum Flug hatten, so wurden sie erstickt von den blanken Quellen, +die über sie aus der übersättigten Luft fielen. Der Himmel, sonst zum +Fliegen geeignet, dünn leicht wonnig von Sonnenstrahlen und flimmerndem +Nordlicht erfüllt, der Himmel von einem Vulkan zerrissen, ein +wasserspeiender Krater, warf ausbrechend seine Massen nach unten, riß +alles herunter auf die Meeresfläche. + +Tagelang hoben und senkten sich die Reiherköpfe, brannte das Meer, jagte +in weißem blähendem Schwall auf. Tagelang schlugen die zweiundzwanzig +Schiffe wie Pferde mit den Hufen nach hinten aus, das wiedereinstürzende +Meer zurückzuhalten. Als mauere man Balken in die Erde, triebe +Eisenträger in Lehm, schaufle Sand aus Gruben, so hieben die Schiffe +nach rückwärts, drängten das Wasser ab. Sie hatten ihre Flanken mit +bloßem Stahl gerüstet. Doch über den Stahl, armweit entfernt, von +Stützen gehalten, war ein Netz gebreitet, senkrecht von oben nach unten +ins Wasser abfallend, den ganzen Hinterbug umgebend, von Schiff zu +Schiff sich hinziehend, ein einziges riesenhaftes Netz, kaum sichtbar, +nicht dichter und nicht schwerer als ein Haarnetz. Es hatte das stumpfe +Weiß des Bleis, an einzelnen Maschen mit bräunlichen bis schwarzen +Flecken. Die rührten von verbrannten Tieren und Menschen her, die dieses +Netz geknüpft hatten. Substanzen, aus bituminösem Schiefer gewonnen, +bildeten den Hauptbestandteil der Masse, die zu Fäden ausgespannt wurde. +In den Anlagen hatte man erkannt, daß zur Fesselung dieser Stoffe, die +der Schiefer aus früheren Erdperioden, aus zerfallenden schmelzenden +Leibern hergab, lebende Organismen, ihre Berührung besser waren als tote +Körper. Aus dem Boden gerissen, der Luft preisgegeben, auf Holz und +Eisen ausgebreitet, sammelte sich die Substanz zu langsam, verpuffte. +Pflanzen, saftreiche, fette Tiere und Menschen waren der beste Boden, +auf dem sich der Stoff anreichern ließ. Die aber griff es schwer an. Es +ätzte sie. Dann fühlten sie, die das Netz auf Armen Schultern und Knien +trugen –, nachts legte man es auf Stiere und Pferde, deren Fell +kahlgeschoren war – Verbrennungen. Die Verletzten ersetzte man durch +neue. Die fünf letzten Tage des Maschenknüpfens, das in weiten Hallen in +Mecklenburg geschah, waren das Opfern einer Hekatombe. Nur stundenweise +konnten sich die Menschen dem weißen schrecklichen Gespinst nähern. Man +sorgte dafür, daß aus entfernten Gegenden Arbeiter und Arbeiterinnen in +Flugzeugen herankamen. Wer frisch ankam, unmittelbar in die Hallen +gebracht wurde, erlag am raschesten. Ältere, die schon müde knoteten, +hielten sich bis zu sechs Stunden. Dann lagen sie ohnmächtig da, mit +kalten Händen, kleinen Pulsen, eingesunkenen Backen. Die Meister lösten +sie mit mächtigen Glashaken von dem Gewebe, rollten sie heraus. Der +letzte Tag war es, der in das Gewebe die braunen und schwarzen Flecken +eintrug. Da war das Netz, das kilometerlange und -breite, aus seinen +fünf großen Einzelteilen zusammenzuknüpfen. Und als hätte sich die Kraft +des Netzes, seiner Ausdehnung folgend, verhundertfacht, geschah eine +Vernichtung der Lebewesen in seiner Nähe von einer Intensität und +Raschheit, die den Zusammenschluß des Netzes überhaupt unmöglich gemacht +hätte, wenn es sich nur um einen Tag mehr gehandelt hätte. Es betraten +morgens um sechs Uhr die ersten achtzig Menschen die Hallen. Um zwölf +Uhr mittags lagen auf den Wiesen hinter den Hallen schon dreihundert +Leichen. Aber um fünf Uhr nachmittags, als das Netz fertig war und von +siebzig Kränen frei in die Luft gezogen wurde, lagen nicht viel mehr als +diese dreihundert Leichen und Sterbende da. Denn von Mittag ab verließ +keiner, der das Netz berührte, mehr lebend den Raum. + +In einer Zeit, die sich von zwölf ab immer mehr verkürzte, zuletzt bis +auf eine Viertelstunde, vergasten die Menschen, wie alles Feuchte an dem +Stoff. Vergasten, nachdem sie einen kleinen Schrei von sich gegeben +hatten. Ihre Finger griffen in das Gewebe, verkohlten da. Sechs Meister +knüpften die letzten Maschen, hatten die trockenen heißen Pelzmäntel an, +die dichten Pelzhandschuhe, die am sichersten schützten. Die starre +Trockenheit ließ das Gewebe nicht knoten; sie mußten ihre nassen +Fingerspitzen hergeben. Zu einem Griff. Und wollten sie den zweiten +machen, so rieselte es schon durch sie. Beim dritten sanken sie in ihren +Pelzpanzern um. Dunsteten verhauchten aus den Fellröhren. Leere Gehäuse +am Boden, dampfende Halsöffnungen Rauchrieseln. + +Man hatte armdicke Glasbalken wie Fahnenstangen schräg nach rückwärts in +die Luft hinaus gebaut. Daran hing, leicht, auf zehn Schritt nicht mehr +sichtbar, das bleiweiße Netz. Es hing straff herunter. Bildete um die +zweiundzwanzig Schiffe eine Wand. Da, wo das Netz das Meer berührte, war +– kein Meer. Sondern auf Meterweite leerer Raum. Von einer Luft erfüllt, +die zu beiden Seiten des Netzes durchsichtiger war als die übrige und im +Sonnenlicht stärker leuchtete. Weder Insekten noch Vögel konnten sich +diesem leeren Raum nähern. Das Wasser, der unermeßliche Ozean, stand wie +Stein, gierig die Lücke zu füllen, auf die Schiffsreihe zu stürzen, die +sich langsam senkte. + +Die Schiffsreihe senkte sich. Immer mehr Wasser baggerten die Verdampfer +aus dem Innensee, schleuderten es hoch. Die Spitze der ozeanischen Bank, +von mächtigen Salz- und Tanglagern bedeckt, stieg höher, je mehr das +Kesselwasser sich verdichtete. + +In geschlossener Runde wie Kinder, die sich an den Händen fassen, +schaukelten die Kolosse. Am Vordersteven die saugenden beißenden +speienden Kraniche. Im Rücken das hauchartige Netz, wie ein feines +Lächeln vor dem eisernen gebannten Meer, dem schwarzen wallenden +stöhnenden, in allen Fugen krachenden Wogenberg. Der Ozean hing bald wie +ein Gebirge über ihnen, über den freudigen Menschen. Die Wassermassen +stürzten schräg abwärts. Schäumend weiß standen sie vor dem Netz hoch, +wie Pferde vor dem Stallmeister; vor dem Netz, das unberührt unbeweglich +höher und höher geschoben wurde, schon häuserhoch über dem Deck der +zweiundzwanzig Schiffe. Und so hoch umgab sie der schwarzanspülende sich +beulende stöhnende Berg des Wassers. Nach fünf Tagen hatten sie Platz in +dem luftstillen Kessel. Das wonnige rosafarbene Licht füllte ihn. Die +Menschen lachten. Da setzten sie Boote aus. Mutumbo gab das Zeichen, +Brücken auf die Sandlager herüberzuschlagen. + + * * * * * + +Von den Führern getrieben steuerte das Erkundungsgeschwader zurück, +südlich. Man mußte einer Schwäche, dem Zusammenbruch entfliehen. Die +Menschen bettelten die Führer an, fielen in sich. Sie drängten: man +hätte doch die Aufgabe nach Grönland zu fahren; man mußte nördlich. Aber +die Führer hatten Furcht und nur soviel Besinnung, um kehrtzumachen. Da +ging die Fahrt wieder in die Dämmerung, das Grau hinein. Das Grau, +dieses schimmernde staubige, oft stumpfe schwarze des Südens, näherte +sich, wurde höher breiter tiefer. Es kam gewaltig wie eine Höhle auf sie +zu. Die Erde, die sonderbare, war wieder da. Sie blickten ächzend nach +Norden, in Flammen schaukelte das Meer; wie grell das Rosenlicht +brannte. Wie es labte, sie nicht losließ. Die Führer selbst stellten +sich an die Maschinen, überwachten die Steuerung. Die Schiffe fuhren +schleppten die widerstrebenden Seelen mit. In die Dämmerung war man +schon eingesunken; tiefer und ohne nachzugeben drangen die Schiffe in +den weißlich schwebenden fremden Dunst ein. Kälter wurde es. Die Fahrer +staunten: hier waren sie zu Hause. Es gab Expeditionen, sie gehörten zu +der Expedition, die Grönland angegriffen hatte. Es gab die Shetlands +Eisberge Färöer Kontinent Stadtschaften. Was war das für eine wonnige +Gewalt, in deren Bereich sie gekommen waren. Die im Norden leuchtete. +Sie trieben klagend hin. Das Meer war heftig bewegt. Das große Feuer +brannte über Grönland. Tief überschauerte es sie; das heilige Feuer, das +sie aus der Vulkaninsel gehoben hatten. Es war der Brand der Vulkane, +der dies gekonnt hatte: sie entzücken, fast bis zur Verwandlung. Die +Flammenberge hatten gestampft, schrecklich die Lohe, die sie über das +ferne Grönland hinhauchten –, aber diese Wonne. Diese Wonne. Verstrickt +träumten sie, sehnten sich; ließen sich nach den Färöer und Shetlands +schleppen. + +Bebend sahen die Massen sie da kommen. Mit einem Schreck, einer ins Herz +zuckenden Angst und Süße, wurden sie gewahr die freudigen stillen +Gesichter, erfuhren von Mutumbo, der seine Reiher und Pelikane dazu +verwandt hatte, um sich einen Platz auf dem Meeresboden zu schaffen und +nicht, niemals, bis zu seinem Tod nicht fortzugehen von diesem Licht. + +Kylin schwankte, beriet mit De Barros und den Unterführern. Dann kam man +zu dem Entschluß, sich nicht voneinander zu trennen, das ganze +Geschwader, wie es Island und Grönland erlitten hatte, nach Norden zu +werfen und gemeinsam das Neue zu bestehen, was es auch sei. Die +Besatzung des ersten Erkundungsgeschwaders sollte mit einem Rest der +Flotte bei den Inseln zurückbleiben. „Habt keine Furcht“ trauerten die +Zurückbleibenden, „wie gern kämen wir mit. Ihr habt Angst von hier zu +gehen; nachher werdet Ihr nicht zurückwollen. Ach, was Ihr sehen werdet. +Denkt an uns.“ + +Das große Geschwader in die wachsende Helle hinein. Tag und Nacht +verschwunden. Leises Schwingen, Erzittern der Luft, fernes Brummen. Dann +immer deutlicher eine weit schwebende Musik, hohe Töne, mit Klirren +Schmettern untermischt. Die eigentümliche süße Freude, die alle überkam, +je nördlicher sie fuhren. Diese Glätte des rosig angestrahlten Wassers. +Was waren das für himmlische Dinge. Sie fuhren Boot, kleideten sich aus, +seufzten, waren glücklich. Man möchte zu Mutumbo, der bei Jan Mayen saß. +Wie klug dieser Mutumbo war, man mußte zu ihm, ihn umarmen. Wärmer wurde +die Luft, sie fuhren nördlicher. Weißrosa der Himmel und die Luft um +sie. In der Richtung Grönlands war das Licht und seine Farbe stärker, +mit Rot und Blau gemischt. Man sah ein Blitzen, Auf- und Abschwellen der +Helligkeit wie unter Flammen, kupferrotes Aufglühen, bläuliches +Verdunkeln, Schwälen Flackern. In dem warmen Wind heiße Luftfäden. +Strich- und rauchartig zogen die Luftfäden über das Geschwader, +ringelten das Meer. Sie brachten dann und wann einen schweren bittern +Qualmgeruch mit. + +Bald traten erstaunliche Dinge vor die Augen der Seefahrer. Federn von +Möwen Sturmtauchern wurden von Windzügen auf die Decks der Schiffe und +in die Boote getragen. Die Federn waren von ungewöhnlicher Weiche, als +wenn sie von ganz jungen Tieren stammten, aber ihre Größe und ihr Bau +war der der ausgewachsenen. Sie waren meist verbogen, wie von Hitze +geschrumpft und gekräuselt. Dann flogen Blattreste durch die Luft, stark +gerippte behaarte Blätter, die man nicht kannte, auch unverständliche +kleine Pflanzenteile, die vielleicht Flugapparate von Samen waren. Der +tiefe Wind riß unverändert nach Grönland hin, die Meeresströmungen +schien er aber nicht abzulenken. Auf dem Wasser schwammen neben den +Booten farbige, grüne braune rote Massen, über die man sich freute. Man +hielt sie für flottierende Algenkolonien, losgerissenen Tang, in den +sich Medusen verfangen hatten. Wie sie aber an einigen Stellen mit den +Rudern dazwischen stießen, die Lagen fischten, glitten bunte Federn die +Ruderstangen herunter. Man griff nach dem paketartigen gleitenden +Gewebe. Es war Tang mit lebenden Moostierchen, Nacktschnecken, aber auf +ihm lagen Vögel, unversehrte tote Tiere, groß und ausgewachsen, die mit +den Füßchen wie Beeren aneinanderhingen. Und wie man sie noch +betrachtete, waren auf die Schiffe selbst lebende Vögel gefallen; +ineinandergekrampfte Scharen schlanker und runder Vogelkörper. Meist +waren sie erschöpft, starben rasch, wenn man sie nur aufhob. Bisweilen +kamen so viele, daß es um die Schiffe regnete. Die Federn der Tiere +waren wie die einzelnen, die die Luft hergetragen hatte, von +merkwürdiger Weiche; schillerten in Grün Gold Violett Braun. Manche +Vögel glühten in Farben wie Schmetterlinge; trugen blendendes Blau an +den Flügeln mit goldener Sprenkelung; Rumpf und Hals über den weißen +glatten Beinen purpurbehaucht. Die Schwingen der Tierchen waren meist +versengt, ja an einzelnen Flächen völlig verkohlt; diese Vögel mußten +fast nur durch den Luftstrom hergetragen sein. + +Von Osten und Süden fuhr man auf Grönland zu, näherte sich sehr langsam +dem klirrenden Feuerherd. Der Wind, bisher wechselnd stark nach Norden +und Westen auf den sonnenartigen Brand züngelnd, ließ nach. Sein +Schlürfen Singen Stöhnen schlief ein; wie ein Gummiband erlahmte sein +Zug; nur eine gelegentliche zuckende Anspannung fühlte man. Das Dröhnen +und Hämmern trat ungehindert hervor. Unruhig blies es um sie. Sie mußten +die spielenden schaukelnden Boote verlassen. In Schüben wurden weiße +Wolkenmassen über den Himmel gestoßen. Öfter verdunkelte sich die Luft. +Sanfter Regen. Während sich die Luft stärker verschattete, stürzten +Wasserschauer über das Geschwader. Gossen, in Pausen nachlassend, bald +so dicht, daß die Menschen blind herumgingen. Sie lächelten wie vorher; +die Freude in ihnen war wie aus Erz gegossen. Sie durchfuhren die +Regenwand. Windstille trat ein, der Himmel war aufgerissen vor +Helligkeit. Aber von Grönland her, dort, von wo das weißeste Licht mit +Blau und Rot gemischt über den Himmel floß, näherte sich ihnen, die sich +in Kreuzseen bewegten, in einem strudelnden klatschenden Auf und Ab, +näherte sich ihnen etwas. Eine Dunkelheit zwischen den bläulichen +Flammen. Ein runder Fleck, der sich langsam ostwärts südwärts bewegte, +sich her bewegte, sich um sich bewegte. Ein Buckel, von tiefer immer +tieferer Schwärze, der im Norden anwuchs herwuchs, gegen sie herstieg. +Lautlos die See. Lautlos die wasserdampfenden Schiffe. Die Dunkelheit, +eben noch als Schatten heraufziehend, war aus einem Sack, einem +Kellergewölbe über das stumme Meer entlassen. Und jetzt war im Süden, +weit im Rücken der Schiffe ein Flimmern und Leuchten sichtbar, +goldgelbes durchstäubtes Licht; es war Tag hinten. Dies war der sonst +dunkle Tag über den Färöerinseln. Ganz klein erschien er wie ein +Kindergesicht am Fenster. Sie nahmen es auf den Schiffen stumm mit +Wundern an, wandten sich träumend dem Westen zu. + +Der Wolkenschild, lichtverhüllend, von Grönland sich nähernd, hatte sich +mit einem Glimmerschein umgeben. Am Rand der allerschwärzesten Nacht, +die herantrieb, tanzte das Glimmerlicht. Rascheln, böiges Aufsausen, +Wühlen, stoßweises Auftoben des Meeres. Durch die anlaufende eindeckende +Schwärze zuckende Lichter, blendende Blitze. Donnermassen über dem Meer +zerbrechend. Mit jedem Blitz neue Donner zerknisternd. Zwei Pauken: das +Meer, der Himmel; hundert Schlägel auf und ab fahrend prallend. Der +Himmel zottig schwarz über dem Wasser hängend, stöhnend am Meer. +Brüllendes Ringen. In der Verfinsterung Verdampfung des Kampfes, nur ab +und zu grelles Äugen. Wogende Seen. Sie hatten die Höhe eines Berges. +Trugen in ihrer ganzen aufgesteilten Breite grünliche Kämme, als wären +sie bemoost. Der Kamm stürzte nieder; das Grün glitt weiß zerschellend +über den eingezogenen Bauch der Welle. Stürzend vergehend wuchs im +Vorwärtsdonnern der Kamm. Grün schimmernd, mit ausgebreiteten Armen fuhr +die See, das Wellengebirge über das Meer. Lief mit dem Orkan und ihm +voraus. Der drehende Wirbel schob sich, das Glimmerlicht vor sich, über +den Ozean. Der Körper des Wirbels, zwischen Meeresfläche und +Himmelsschwärze donnernd, nahm seine Straße nach Süden. Mit zwanzig +Kilometer Geschwindigkeit lief er. Er mähte. Seine Kraft war größer als +irgendeine, die vor ihm erschien. Er wälzte den Ozean häusertief auf, +schleuderte die Wasserlage vor sich in die Luft, zerriß zerstäubte sie. + +Er kam über einen Teil des Geschwaders. Wie er die Schiffe nur mit dem +anrollenden Saum seines eisernen Kleides berührte, drängte er sie unter +die Meeresoberfläche, erschlug sie mit den aufgehobenen Wassermassen, +wallte fluttoste über sie. + +Das Glimmerlicht am Rande, Gewitter vor sich, fuhr der Wirbelsturm über +das Atlantische Meer an der skandinavischen und britischen Küste +entlang, bog nach Westen um, kreuzte den Ozean in seiner ganzen Breite, +erreichte die amerikanische Nordküste, zerbrach, über Neufinnland +fahrend, Gebäude zerstörend, Bäume wie aus Geschützen schleudernd, an +den Randbergen Labradors. Auf seiner Zugstraße verbreitete sich +Dämmerung, der Himmel färbte sich kupferrot. + +Das grönländische Geschwader kämpfte sich durch. Zyklon auf Zyklon +schickte der heiße Kontinent her. Dann traten sie in eine Gewitterzone. +Immer von neuem brannte das rosafarbene Licht auf. Unter Katarakten der +Regengüsse schlugen sie sich vorwärts. Das süße sehnsüchtige Gefühl +erlosch nicht in ihnen. Sie nahmen die Wirbelstürme, Zerbrechen der +Schiffe hin. So wenig Mutumbo die Gegend dieses Lichtes verlassen +wollte, wollten sie es. Sie erinnerten sich ihres früheren Daseins. Wie +störrisch hart sie gewesen waren. Sie weinten, hatten keine Furcht hier +zu sterben. Wenn der dunkle Schleier am Firmament erschien, der einen +neuen Zyklon anzeigte, – Ringe drehten sich in dem Schleier –, so +rüsteten sie ihre Fahrzeuge. Aber im grausigsten Wirbel waren sie, die +herumsprangen und lavierten, nicht geängstigt. + +Die Gewitterzone überwanden sie. Sie waren schon nahe dem Land, in einer +Meeresgegend, die sonst durch Eis versperrt war. Schwüle warme Luft. +Blendende Helle, grelles Aufflackern Tag und Nacht. Grüne und braune +Massen schwammen auf dem Wasser. Da hörten Schiffe öfter Schreien +Schnauben Stöhnen vom Meer herauf. Einzelne Wachen berichteten: sie +hätten eine zusammenhängende Bewegung unter dem Meeresspiegel bemerkt, +die sich zögernd näherte und in der Nähe der Schiffe endete. Einmal +wurde eine Gruppe Fahrzeuge alarmiert. Die Menschen sahen von den Decks +eine abgegrenzte meterlange Strecke des Meers stürmisch aufgerührt. Ein +Geräusch wurde vernehmbar zwischen dem Klatschen des Wassers: Schlingern +Speien Ächzen. Sie ließen Boote herunter, stießen darauf los. Da ließ +die Bewegung nach; sie fanden nur Schaum und zerrissenen Tang auf dem +Meer. Nördlich der siebzigsten Breite in Höhe der Shemoninsel trieb das +Gros des Geschwaders. Die Ostgrönlanddrift floß hier neben der östlichen +Spitzbergenströmung. Große sonderbare Baumstämme von tropischem +Charakter trug das Wasser. Ein- zweimal schwamm eine ganze offenbar +losgerissene Bauminsel an ihnen dicht vorüber. Die Bäume darauf waren +geknickt verbrannt; einige wie frisch angenagt. Man fand, sie umfahrend, +Blattreste, die von palmenartigen Gewächsen zu stammen schienen. +Lebhafter machte man auf den Schiffen Jagd auf die Wesen, die die +sonderbaren Meeresgeräusche häufiger und häufiger verursachten. Es +mußten unbekannte schnell schwimmende Tiere sein, Wale, die aber keinen +Wasserstrahl warfen. An der Spitze des Geschwaders wurde einmal das +Röhren und Schnauben ungewöhnlich heftig. Sechs Schiffe fuhren darauf +zu. Motorboote wurden von von Deck gelassen, sausten nach der bewegten +Meeresstelle. Dort stieg Wasser auf, jedoch nicht senkrecht wie aus +Spritzlöchern der Wale. Sondern was sich bewegte, spie schwallartig +wagerecht Ladungen Wasser von sich. Die Boote rannten gegen die +sprudelnde Wassermasse. Da waren sie schon gekentert. Aus dem Meer aber +wand sich der Rücken eines braungrünen schuppenglänzenden Untiers, eines +Reptils mit langem Schnabel, seitwärts gestellten blicklosen Vogelaugen, +das an seinen dünnen Vorderbeinen eine lappige schwere Haut schleppte. +Auf dem Wasser rudernd schlug es die Vorderbeine über dem Rücken hoch. +Die wampige Haut spannte sich. Der Schnabel fuhr schnappend hoch, der +Rumpf ringelte sich aus dem Wasser auf, das Untier schlackerte mit +seinen Flügeln. Stieg unbehilflich wie eine Gans, mit Ächzen und Speien, +in die Luft, dicht über der gischenden Wasseroberfläche; verschwand +gurgelnd über dem Meer. + +Man zog die Verunglückten aus dem wieder glatten Wasser. Das Gerücht von +den Tieren verbreitete sich über das Geschwader. Unsägliches Grauen lag +auf den Menschen, die das furchtbare Geschöpf gesehen hatten. Es war +sicher: man war von Wesen dieser Art umringt. Sie waren es, vielleicht +noch andere, die seit Tagen das Geschwader beunruhigten, zwischen den +Schiffen ruderten stöhnten verschwanden. Entsetzen fiel auf alle. Die +Menschen hatten nicht mehr die Starre der Islandkämpfer. Sie waren in +den Wochen, die sie unter dem wonnigen Licht fuhren, aufgelockert +worden; Weinen und Lachen kam ihnen leicht. Jetzt wimmerten sie, das +Schluchzen fuhr ihnen aus dem Hals, verkrochen sich an den Schiffen, +wollten nicht weiter. Was sollte kommen. Jetzt in dem Entsetzen +erinnerten sie sich Islands, der stampfenden tobsüchtigen Vulkane. Die +waren es, die über Grönland brannten, diese Wesen erzeugten. Weg von +ihnen, es war genug. Was taten die Stadtschaften; diese verruchten +Stadtschaften, was machten sie mit ihnen. Sie umgingen zitternd die +Führer, die sich selbst kaum aufrechthielten, drängten, daß man nach +Süden drehe. Und doch war in die Angst vor den Untieren eine andere +Angst gemischt: fort zu müssen aus diesem Meer, totes Leben sollte +wieder beginnen. Sie fürchteten sich vor der Rückkehr. Die Führer +wandten das Geschwader nicht. In wärmere und wärmere Luft ließen sie es +treten. Stoßweise ergoß sich Glut über die Menschen, die wieder ganz von +jener Furcht gebunden waren, die sie in Island stumm gemacht hatte. Sie +suchten sich mühsam starr zu machen; aber das rosafarbene Licht zehrte +an ihnen. + +Das Wasser floß blaugrün unter ihnen. Ein Quirlen und Quellen, Wühlen +und Spritzen überall. Abgerissene Bauminseln umgaben sie von allen +Seiten, trieben zwischen den Schiffen hindurch, die ihnen auswichen, +kein Boot mehr nach ihnen aussetzten. Zusammenfahrend, die Fäuste vor +der Brust, sah man Vögel über sich fliegen, bunte singende tirilierende, +in ganzen Scharen. Niemand dachte, sie zu jagen. Man stierte auf sie, +ohne einen Eindruck zu empfangen, stand in Erwartung, halber Bannung. +Das Wasser war von den grünen braunen Massen streckenweise so bedeckt, +daß sie sie umfahren mußten. Manchmal mußten sie die dicken Schichten +aufreißen. Tierische Körper waren eingesponnen, mit ihnen verfilzt: tote +Ungeheuer, deren Köpfe über den Meeresspiegel traten, lammäßig ruhige +Gesichter mit Bärten, blau überspült vom Wasser. Und auf Stunden, wie +sich nichts ereignete, wurden die Menschen wieder von dem alten +Glücksgefühl überflutet. Alles blieb still bis auf das helle +Vogelgeschrei. + +In ein Meer von dunkelroter Färbung fuhren sie jetzt. Ganz langsam +bewegten sich die Schiffe. Stundenlang ließen sie sich nur treiben. Die +Wärme war groß; kein Wind bewegte sich. Über sich an dem strahlenden +Himmel sahen sie in großer Höhe schattenhafte Wolkenmassen ostwärts +schwimmen. Die Oberfläche des Meeres, burgunderfarben leuchtend, +spritzte manchmal Schaum, aber zog sonst gleichmäßig als ein loser und +dichter Rasenteppich nach Westen. Der Teppich, aus Meerespflanzen +gebildet, war straffer als der braungrüne, den sie durchfahren hatten. +Es waren Wiesen, die aus der Tiefe heraufwucherten, bisweilen glitzernd +über dem Wasserspiegel hervorragten und Land vortäuschten. Die Wiesen +lagen ruhig; bisweilen sah man sie wie Falten eines Kleides sich +hochbauschen und wieder glätten. Mit leiser Bangnis blickten die +Seefahrer darauf hin, immer in Furcht, daß da ein Riesentier das Meer +aufwürfe. Die bunten Vögel, die die Masten besetzten, hockten und +sprangen auf der purpurnen Tangwiese unten. Handgroße Steine und +Eisenstücke, die man herunterwarf, blieben auf der Wiese liegen. Kleine +Tiere, die sonst nicht das Meer bevölkerten, Fledermäuse, sah man sich +auf den Rasen senken; leichte weiße Schmetterlinge, die über dem nassen +Kraut sich schaukelten, in Scharen die Wiese weißfleckten. Dann lief und +ruderte ein schwärzliches Gewimmel durch die Röte. Kleine Tiere, eine +Art Ratten, mit bunten Schöpfen auf den Scheiteln. Sie pendelten im +Wasser, schwammen dicht beieinander, hielten sich an den Stielen der +Algen fest, blickten mit kleinen schwarzen Augen, den Schopf kammartig +aufgestellt, um sich. Zwischen ihnen blaue glänzende Zikaden, die +sprangen, aber auch Flügel zu entfalten schienen. Von ihnen stammte das +feine durchdringende Piepsen, das, zwischen dem großen gleichmäßigen +fernen Rollen und Wühlen, aus den Pflanzenmassen herkam. Auf die Schiffe +kletterten die Tiere, vor den Menschen wichen sie aus. Die Menschen +selbst flüchteten vor ihnen; sie schrien; ein Hauch von Entsetzen wehte +sie an, aber sie lachten wieder, kamen sich wie Kinder vor. + +Der rote Teppich zerteilte sich manchmal, dann quoll er wieder zusammen. +Immer mehr kleine Tiere überschlüpften die Schiffe, Schmetterlinge und +Vögel belagerten Decks und Masten. Im Wasser, wenn der Rasen zerriß, sah +man größere gelbe und blauschwarze Wesen schwimmen. Sie ähnelten nicht +Fischen, mehr mit ihren blanken glatten Leibern Robben; sie kämpften +miteinander und mit mächtigen Weichtieren, Nacktschnecken, die an der +Oberfläche des Wassers hingen und da atmeten. Die beiden vorderen Fühler +dieser Schnecken waren zu starken warzenbesetzten Armen ausgewachsen; +mit denen griffen sie nach unten hängend nach den gelben schwimmenden +Tieren, drückten, während sie sie hielten, ihre Saugfüße den +schnellenden robbenartigen Wesen an den Leib, die rasch die Farbe +verloren. Das Wasser um die Schnecken schlierte immer bunt und trübe. + +Erstickende wilde Hitze schlug durch die Luft. Gegen eine Benommenheit +rangen die Menschen auf den schwankenden Schiffen. Sie hielten sich an +den Masten und Geländern fest, stierten lächelten um sich. Sie waren am +Hinsinken. Sie träumten: laß kommen, was will. Ihre Brüste beklemmt. Da +zitterte vor ihnen die Luft auf. Das Zittern verschwand, stellte sich in +anderer Richtung wieder ein. Es schien nichts weiter zu sein, als das +Vibrieren der Luft in der Hitze; sie kannten es von Island her, von dem +Hauch über dem Glutmeer und über den Lavaströmen. Das Vibrieren erschien +bald neben ihnen, die Hitze wuchs aber nicht. Die Flächen der purpurnen +Tangwiese, die dichten Büsche des Meerkrauts, barsten manchmal; das +meterhohe Zittern der Luft erschien dann, wanderte; überall auf dem Wege +dieses Schwirrens wich das Tangfeld auseinander, schnellte hinter ihm +wieder zusammen. + +Plötzlich stand einmal die zitternde Luftmasse vor einem seitlich auf +der Wiese umherirrenden Schiffe, das verschlafen stand. Die Menschen auf +seinem Deck betrachteten ohne Bewegung die sonderbaren Luftwellen. Ein +Surren umlief die eigentümlich wallende Luftmasse. Da schnüffelten die +Menschen verwundert: ein Geruch nach Teer und Salzlake wehte in Pausen +stoßend über das Schiff. Sie sahen, wie sich die vibrierende Masse ihnen +langsam näherte, daß sie aus dem Meer aufwuchs, daß sie geadert war, ja +durchpulst. Sie schwankte in sich. Das Luftwesen –, nun sahen sie es, +staunten und erschraken nicht –, schwamm wie ein Haus hoch im Meer. Von +schwarzen kleinen Massen, die sich auflösten, war es erfüllt; es mußten +Algen und Lebewesen sein, die es in seinen Darm aufgenommen hatte. +Vögel, Schmetterlinge hatten bei Annäherung des durchscheinenden +gallertigen Gebäudes das Schiff verlassen, pfeifend sprangen ihm +abgewandt die blauen Zikaden und buntschöpfigen Mäuse ins Wasser. Das +bergehohe Wesen aber blies stärker über das Schiff seinen tranigen Atem. +Veränderte –, erstarrt standen jetzt die Menschen, fielen bewußtlos um +–, wechselte seine Haltung, drehte sein Oberstes nach vorn. Da hatte es +wie ein Pflanzentier, eine Mundöffnung, von einem Kranz flimmernder +Bänder umgeben, eine wogende gläserne Wölbung, aus der der strenge +Salzhauch in Stößen drang. Die Bänder rollten auf, über Deck, schlangen +sich um Masten Balken Menschen. Die Bänder drehten das Schiff quer, +zogen es hin vor den tief gesenkten Mund des Tiers. Vor dem tief +gesenkten Mund des Tiers kenterte das Schiff. Es senkte sich ins Wasser, +wurde von der gallertigen Wölbung aufgefangen, die sich über die Masten +und die Decks schob, sich über ihnen schloß. Die Luftmeduse richtete +sich auf. Ihre Bänder spielten aufrecht in der Luft. Die Schiffsbalken +wurden von ihren krampfenden Eingeweiden, mit Eisenmassen Lebewesen hoch +und sichtbar über dem Meer schwebend, aufgelöst, zerflossen in ihr. +Schwarze Flecken rannen durch die feine Äderung; der Mantel warf heftig +Falten. Das Flirren und Flimmern der Luft ließ nach. Das Tier senkte +sich. Tauchte ins Meer ein, zur Seite gedreht, Wasser schlürfend. Die +purpurne Tangwiese rollte über ihm zusammen. + +Auf der roten heißen Fläche endeten fünfzehn Schiffe. Die Hauptmasse des +Geschwaders floh. Ein Teil raste durch das Krautmeer, blieb von Getier +erfaßt, im Pflanzenwust verbacken hängen. Ostwärts südwärts stürzten die +Schiffe. + + * * * * * + +Grönland, zwei Millionen Quadratkilometer Fläche bedeckend, vom Pol in +den Atlantischen Ozean ragend, lag unter dem Schleier, den die Menschen +ausgespannt hatten. Der Strom aus dem atlantischen Kabel der Menschen +schoß über das Netz. Es rauschte aus den tragenden Ölwolken hoch, in +deren Buchten und Beulen es sich verschoben hatte. Steif und starr +wagerecht in der Spannung stand es. Schwang und zitterte wie ein Tier, +das zu dem Bändiger mit der Peitsche und den scharfen Blicken aufsieht. +Abschnitte des Netzes zuckten unter Pulsschlägen. Barsten. Funken +sprangen aus ihnen. Um die aufgebrochenen Stellen spritzte knatterte es. +Stichflammen meterhoch schenkeldick, blau dann weißer, rötlich surrten +spiralig auf, jäh sanken sie zusammen nach allen Seiten abfließend. An +allen Stellen schmolz das Netz. Die Flammen dehnten sich aus. In +Kreisen, die sich schußschnell erweiterten, flog das Feuer nach außen. +Überrieselt von einer dünnen Flammenschicht war der hundert Meilen weite +Erdteil. Ihr Licht durchdrang die schwarzen Ölwolken kaum; schwach waren +die Gebirgskuppen beleuchtet. Da begannen sich die Platten unter dem +umsponnenen Turmalinschleier zu biegen. Sie schmolzen. Meter über Meter +nach oben und unten vertiefte sich die Lichtmasse, verstärkte sich die +Glut. Plötzlich schwoll brünstig haushoch eine Flammenflut von Meer zu +Meer über Land und Gebirge, schwoll und wuchs wie eine Mauer in sich +zusammen. Die Gaswolken wurden zerrissen, die hängenden Wetterwolken +verdunstet. Tagesheller fremdartiger Schein. Tausendfacher Donner schlug +in die Lichtzone ein. Durch die rosaweiße Luft zackten Blitze. Die Luft +schüttete ihre Wassermassen zur Erde. Sturm fuhr in die Feuersglut ein; +den schwellenden Brand konnte er nicht umfassen; er prallte von ihm +zurück, rieselte warm, besänftigt auf. Über dem Meer lagen die +Stützpunkte des Schleiers, Netzteile, die den Gluten widerstanden. Auf +den Ölwolken dieses schmalen Randes ruhte das ganze Netz. + +Die Hitze, das ungeheure losgelassene Wesen, tauchte in den Abgrund des +Eislandes. Hauchte das Land an wie der Atem eine Glasscheibe. Die Luft +unten trübte sich neblig, Dunst erhob sich. Das Land wogte unter grauen +und weißen Wolken, die unmerklich dann wrasenartig vom Boden aufstiegen, +in Schwaden über die Schnee-Ebenen, an den Berghängen sich hinkrümmten, +ringelten brodelten. Wirbelnd schwollen sie, in ganzen Strudeln sich +drehend, milchig verdichtet, das Land verbergend, ein aufsteigendes +gasiges Meer. In Fäden tastete der Dunst nach der Glut. Die blanke +Platte des Inlandeises beschlug sich mit Nässe. Auf dem Eis wollte das +hintropfende Wasser wieder gerinnen, aber die Hitze hielt es, hielt es +weich. Mehr mußten die Eisplatten die Höcker hergeben. Wasserrinnsal +über die Ebene hin. Der Schnee der Wüsten sinterte. Die meilenweite +Schneebreifläche wurde von der Glut geschoren. Sie plattete ab. Ihr +reines weißes Gesicht, ihre duftige Weiche verschwand. Dunkler färbte +sich das Land. Die Bäche verbreiterten sich, die Klüfte des Eises, in +denen Ströme mit Tosen zogen. Es knatterte knarrte dumpf in der +ungeheuren Platte des Islandeises. Es surrte auf, schoß. Spalten taten +sich auf. + +Die große Kraft saß oben. Ein Funken des Kabelstroms hatte sie gerufen. +Für die Augen war sie kenntlich: strömte rötliche Helle, die sich nicht +mehr steigerte. Die Berge, die reißenden Flüsse, die blauen Firnen, +Schneewüsten, Gletscherläufe, augenlos ohrenlos gefühllos, nahmen sie im +Innersten wahr. Die große Kraft, die Glut, saß nicht oben, sie drang +nach oben, unten, den Seiten, schob sich in Starres und Loses ein. Wie +eine Krankheit und Liebe fiel sie die Dinge an; sie erlagen und sanken. +Das Größte Kleinste Festes Flüssiges griff sie an, war wie ein Ruf ins +Tal: von allen Seiten hallte es wider. Wie die große Kraft sich auf das +Land herabließ, lief sie in die Adern der Dinge, erweichte sie, blähte +sie auf. Kein Wesen war stärker als sie. Sie wußte nichts von Fjorden +Gletschern Küstengebirgen Eisplatten Bächen Schneeflächen, war blind für +das Riesige Ausgedehnte; an das Feinste wandte sie sich und da fand sie +den Zugang. Erkannte im Store Karajak Gletscher das Wasser, das Dunst +werden konnte. Die Breite der schwer schiebenden Assatak Tuarparsuk +Atlaksoak machte ihr nichts. Blau war das Eis der Firne, die Spalten der +Räume spielten grünlich, die Schneebreiebenen zogen weiß durch das +Inland: dies war Wasser. Und konnte Dunst werden. In die Spalten des +Eises der Berge der Gletscher, in die unsichtbaren Spalten des +fließenden Gewebes der Ströme Seen Bäche Brunnen senkte sich die Hitze. +Jagte sie auf zu Gas Dunst Wolke. + +Ein Massiv aus Granit und Gneis lagerte Grönland, von kalten +Meeresströmungen umflossen, über den siebzigsten Breitengrad, zwischen +der zwanzigsten und achtzigsten Länge. Die Wesen, die glühend aus dem +Erdkern stiegen, Kieselsäure Magnesium Aluminium Sauerstoff, hatte die +finstere Urgewalt, die Kälte, angefaßt und nicht losgelassen. Sie war +die größte Macht, Herrin der Unermeßlichkeit, erfüllte den Äther. War +Formerin, Gebärerin der Gestalten, die das Feuer verlodern ließ. +Ungeheuer trug die Finsternis und Kälte die Gestirne, die nur Strudel in +ihr waren. + +Das Flackerlicht des Schleiers über Grönland nahm mit ihr den Kampf auf. +Über das Ruhende Milde kam das Tosende Rasende. Hohes Singen des +flammenbrünstigen Netzes; die Flamme schien alle Dinge, Luft Eis +Gebirge, zu ihresgleichen zu machen. Wasser liefen über dem Gesicht des +Eises. Die Felsklippen im Eis, die Nunataks, gaben ihre dünnen +Schneelagen her, enthüllten bis zum Fuß ihre schwarzen Wände. In die +Fugen des steinartigen Baus der Firne und Gletscher stieg die Hitze. +Überrieselt wurden die Eislager, die langsam drängenden Ströme. Wie Wein +einem Betäubten wurde den Bergen die strahlende Kraft eingeflößt. Sie +nahmen sie mit verklemmtem Mund auf. Aber die Hitze rieselte in ihre +Eingeweide. Durch die lastenden eisigen Kolosse lief die Wärme, und +alles was in ihnen war, fühlte sich angefaßt. Zum Aufbeben waren sie +gebracht, wie die neue Gewalt über sie kam, die sie von Urzeiten +kannten. Die Firne stemmten sich auseinander, Luft saugten sie auf. Ihre +Hohlräume, von Wasser plätschernd, erweiterten sich wie Lungen. Von +Röhren Gängen wurden sie durchlöchert, Gewölbe unterminierten sie. Es +floß von ihnen ab, Wasser, zu dem sie sich verwandelten erweichten. Das +lustige weiße klingende Wasser. Schäumende Läufe in den Leibern der +Firne; Schellen und Schlittenfahrt. Aus weiten Gletschertoren stürzten +die Gewässer entbunden hervor. Nagend umspülten sie die blauweißen +Säulen der Gletscherhallen, erwärmte schmelzende drängende Wasser. +Gewölbe Firne zitterten unter der hebenden Wucht. Lechzend wühlten sich +die Quellen durch das Eis, schnitten in die weißen Gemäuer ein. Von den +gedehnten sturzsüchtigen Säulen troff weißes Wasser, immer neues Wasser. +Im Klingen Klirren des Wolkenschleiers das Puffen Erdröhnen der +sterbenden hinsinkenden Gletscher und Firne. Durch ihre Leiber, in den +Eisfelsen wirbelte ein unregelmäßiges Auf und Ab von Trommelschlägen, +bohrendes erregtes Wasser. Der Dunst lag bergehoch über dem Land. + +Die Küstengletscher glitten rascher hin. Sie drängten in die Fjorde; von +rückwärts, aus dem Inland wurden sie gestoßen. Über ihre Köpfe, ihre +Rücken herauf stiegen Eismassen. Ein brandendes Eismeer war im Inland +entstanden. Schollen und Schichten drängten sich zusammen, türmten sich +aneinander auf, rannten sich splitternd fest. Das Inlandeis, die Firne +hatten sich auf die Wanderschaft begeben. Sie schwammen auf dünnen +Schichten des leckenden Wassers. Die Gewölbe unter sich hatten sie +zerknickt, das Wasser aber hatten sie nicht pressen können. Das lief vor +ihnen her, und wie es quoll, trug es sie. Unterschmolzen wurden die +Massen; sie mußten gleiten schwimmen. Auf dem sanften biegsamen Wasser +schwammen sie. Ihre Wucht war in Jahrtausenden gewachsen, in der +Finsternis, zwischen langen Wintern, kurzen Sommern. Schnee auf Schnee +war über sie gefallen, von Stürmen zugetragen, war geschmolzen vereist. +Der Wind hatte den Schnee nicht mehr abgeblasen, immer mehr Schnee wurde +an das Eis geheftet, das Gebirge konnte ihn nicht abschütteln, die +Eismassen umschnürten die Felsen, wuchsen von den Hügeln auf, belagerten +sie. Dann war das Land nichts als eine Fußbank unter ihnen. Sie +quetschten es breit, zerrieben seine Fältelung. Jetzt waren sie +erschüttert. Unsicher ließen sie ihren Sitz los. Und sie waren nicht +allein. Hinter sich fühlten sie es sich schieben. Sie wurden gehoben, +von ihrem Platz geschleudert, von unten herauf gehebelt. Unsichtbar noch +die Bergwände Täler, die versunkenen stillen, die die Erde hochgetrieben +hatte und die das umwallende Meer nicht hatte übersteigen können. Aber +die Last über ihnen schwand. Die Talmulden wurden von dem wandernden Eis +ausgefüllt, die Grate erklettert übertürmt. Da wogten die Gletscher aus +dem Inland gegen die Küsten heran. Wie eine Frau, die die Kleider +anrafft und den Straßenstaub aufrührt, peilten die trägen Grundlawinen +den Boden aus, zerschrammten Felsen, mischten sie in ihre Masse. Ihre +drängenden Haufen umflossen die Nunataks, knickten sie, rollten; +zerrieben ihre Trümmer. + +Wasser, das große Element, am wildesten von der Hitze und Kälte +umkämpft, war auf dem Plan. Triefende weiße trübe Massen; dieses +Schwemmen Lösen Schleppen Hinstürzen Zerplätschern. Das Wasser sprang +zehnmal an, glitt ab, warf zuletzt um, eilte weiter. Es drang mit der +Hitze in die Gletscher die Erde, lockerte auf. Die Nebelschleier, gasige +feuchte Meere stürzten nieder. Erst regnend, dann in Flüssen kamen die +Wassermassen auf das Land zurück. In der Nässe zergingen die letzten +Schneefelder. Die Firne und Gletscher, die nicht ihre Lawinen ins Meer +gestürzt hatten, blieben schwer liegen. Zersprangen zerflossen, vom +weichen Wasser geschaukelt. + +Die Berge Hügel Ebenen des zerdrückten uralten Landes zeigten, +überschwemmt, von meilenweiten Seen bedeckt, katarakterfüllt, ihr +verwüstetes Gesicht. An den Küsten drängten sich noch die Gletscher, die +Gebirge übersteigend; ruckten sackten ins Land zurück. Blind dröhnend +rannten noch Gletscher vorwärts, mit zerknisternden Decken, dann schon +überflutet, von der Nässe gelähmt, standen vor Felsen, taumelten, +mauerten sich an ihnen hoch, sanken ab, schnurrten, wurden kleiner +grauer, wogten als Schollen. + +In eine Wüste von Blöcken hatte sich das Land verwandelt. Die Seen +dampften und schwenkten Eisbröckel. In den Tiefen wühlten die letzten +Gletscherreste. Das Inland gleichmäßig glatt und ruhig unter der +glutenden Luft, mit wenigen dunstenden Hügeln bestanden. Nach den Küsten +stürzten Wasser; da hatte sich ein Wall gebildet aus den Trümmern und +Erdlasten, die die Gletscher fortgetragen hatten; die Wasser mußten sie +durchwühlen. + +Es war an dem Tage, an dem die ersten Erkundungsschiffe der Menschen +über den Ozean fuhren, da bewegte sich die Erde. In großer Ruhe stieg +Grönland, das Erdmassiv, das vom Pol in das Atlantische Meer ragte, auf. +Stieg wie ein Korken auf, der tief in das Wasser gedrückt ist und den +der Finger losläßt. Von der gebirgsschweren Last der Firne Gletscher des +Inlandeises war das Land befreit. Es hob sich leicht. Hob sich über der +schweren flüssigen Masse des Erdinnern, die es trieb, bis an seinen +neuen Ort. Das Land, Berge Ebenen Hügel Küsten, schob sich in die Höhe +und zerriß von Norden nach Süden. + +In wenigen Tagen war alles ausgeglichen. Grönland, noch eben ein +Erdteil, war zu zwei großen Inseln geworden, die meilenweit durch ein +flaches Meer getrennt waren. Rauchende Inseln wuchsen langsam aus dem +Wasser. Inseln verschwanden wieder. In die westliche große ergoß sich +eine tiefe Meeresstraße. + + * * * * * + +In dem riesigen Umkreis der Flammen, wo das Licht matter schien, die +Glut nachließ, begab die Erde sich auf die Wanderschaft, um dem heißen +Eiland näherzukommen. Die Welt um Grönland, als wollte sie das Feuer +löschen, wucherte in die Flammenzone ein. Ein Wall bewegte sich auf die +grönländischen Inseln hin, so dicht, daß das Meer fast abgemauert wurde. +Aus dem Randgebiet kam ein Riesenlager von Lebendigen dem Glutenherd +näher. War wie Flamme und Wasser, bereit alles zuzuschütten. Die Luft +durchdrang es. Bald war es ein Rasen, eine meilenweite tiefe Wiese, bald +ein Wald über dem Meer, ein grünes Meergebirge, das vordrang. Was unten +nicht heftig genug wuchs, trieb oben vor, schickte ungefesselte Tiere, +die liefen schwammen flogen. Kilometerdick waren die Pflanzenschichten, +die purpurn grün braun das Meer überschaukelten. Wo sie sich den +heißesten Strahlen näherten, waren sie so dicht, daß das Wasser sie nur +in Kanälen durchdrang, daß sie oben trocken lagen, Sturzwellen sie nur +gelegentlich überschlugen. + +Im Westen wuchsen aus wallenden Laminarien Bäume auf; Lassonien +mannsdick, mit scharlachroten Blattkronen geschmückt, ließen Zweige +herabhängen. In diesen wasserdurchzogenen Wiesen, lustigen Wäldern +wuchsen verkamen zahllose Tiere. Verstrickten sich in den Maschen der +Pflanzenwelt. Es trieb sie in Scharen in die Lager. Die schwimmende +Wiese hob und senkte sich, straffte sich, erschlaffte. Mit jedem Anheben +wurden wie durch Ausatmung Tausende Keime und Tiere herausgepreßt, +strudelten in das Wasser. Sie wurden geschnappt von denen, die eben +anschwammen, gebannt lauerten. Zu einem einzigen hauchenden Wesen +wuchsen Wälder und Wiesen des Meeres ineinander. Fische Würmer Krebse +suchten sich durch die Blätter und Stengel durchzusägen; aber die Last +der Wiese war ungeheuer. Die Tiere wurden zusammengepreßt, ihr Saft +troff, mischte sich mit dem weißen der geknickten Stengel, ausgelaugten +Blätter. + +Es gab in dem Grönland umziehenden Gewebe nicht zu unterscheiden +Lebendes und Totes, Pflanzen Tier und Boden. Pflanze legte sich an +Pflanze, hielt langsam schwimmende anschnellende Tiere mit Ranken, +stützenden Blüten fest, die Tiere wurden ihre Teile. Diese Pflanzen +hatten selbst Saugwurzeln Stützwurzeln von allen Stellen her. Ihre +Blütenhaare Ranken bildeten sie zu Saugern Füßen Kiefern aus; waren +Tiere und Pflanzen in eins. + +Auf Blumen saßen krebsartige Wesen. Saßen ganz still. Mit ihren +Schwanzfächern schlugen sie von Zeit zu Zeit Ranken ab, die sich um sie +legten. Mit den beiden gekrümmten säbelartigen Raubfüßen bohrten sie in +dem Blütengrund, rissen Wunden in den Schaft, schoben ihre Kauladen an, +sogen. Manche Pflanzen trieben Röhrenblüten; in den Hüllkelchblättern +saßen graue Krebse; in die Fruchtknoten hatten sie ihre feinen Kauladen +getrieben; aus den Saftröhren des Pflanzenwesens floß ihnen Nahrung. Sie +ließen manchmal auf freieren Wiesen den Blütengrund mit den Füßen los: +als wären sie ein Pflanzenteil ragten und flottierten sie, mit wallendem +Schwanzfächer, über dem Kelch im Wasser, um gleich, wenn sie verdrängt +und abgerissen wurden, mit kurzen drehenden und wühlenden Bewegungen +sich neu einzubohren. + +Da saßen Geschöpfe an den Pflanzen, waren Spinnen. Unter den +Blattachseln wuchsen sie hervor, schickten ihre Spinnfäden heraus, die +sich fest um Nachbarstengel rankten. Tintenfische, ungeheure Leiber, mit +vielen Armen, hatten ihre Augen geschlossen. Der muskelstarke Mantel +hielt still, war straff gebläht, das Pflanzengewebe hatte seine +Fortsätze in seine Höhlung getrieben, die großen Adern hatte es +umwuchert, das Tier war nicht tot. Sein Herz schlug; in seinen Darm +mündeten die Spalträume der Pflanzen; das Herz trieb träge den Saft +anderen Tieren, anderen Pflanzen zu. Stengel Blätter Knospen wurden +abgeschnürt, Glieder von Medusen Seesternen; die Teile wurden hier +aufgesogen, dort waren sie schon wieder von einem Wesen gefangen, das +sich dem losen Medusenarm anpaßte, ihn zu seinem Rüssel Stachel +Deckblatt Saftröhre machte. + +Feine Algen durchwuchsen Nacktschnecken, es war keine Schnecke mehr: ein +Algenbusch schaukelte über dem weichen Bett. + +Auf den rosig bestrahlten grönländischen Inseln hatte sich nach der +großen Erderhebung alles verändert. Ihr Boden war gestaucht verworfen. +Bloßgelegt waren Erdschichten und Gesteinsmassen einer uralten Erdzeit. +Die Tiertrümmer Samen Pflanzen, Splitter einer jahrmillionenfernen Zeit +waren wieder dem Licht preisgegeben, jetzt einem anderen Licht. Diese +Sonne, die über Gebirge Ebenen Seen jetzt übertropische Wärme warf, war +von wilderer Gewalt als der ferne alte Gasball. Unter dieser Sonne, die +dicht über ihnen lag, erhob sich das Begrabene und Tote. Die Sonne riß +es hoch. Wie die Maschinen, die die Islandfahrer auf den Brücken +vorgeschoben hatten, die bröckligen Steinswesen bezauberten, Verbannten +ähnlich, die man auf der Straße in ihrer Muttersprache anredet, einer +Frau ähnlich, die verdorrt und eine Umarmung, ein sanftes Wort erfährt, +oder wie Völker, die man unterjocht hat und die sich finden, – das Glück +bringt sie zum Weinen, – so drang das heiße rosige Licht auf die Trümmer +der alten Erde, umfloß umspülte bewältigte sie stürmisch. Schoß in ihr +Herz. + +Es kam ein Schmachten Wüten in die Dinge, daß sie sich bogen und +streckten. Langsam regten sich die Gesteine. Die Ebenen des Landes hoben +sich, überall wuchsen die Lager aus, drängten hoch, schoben sich +übereinander. Rascher waren die Moose Algen Farne Gräser Fische +Schnecken Würmer Eidechsen großen Säuger. Keine neuen Keime flogen über +die See herüber. Die zermürbten Trümmer der Kreidezeit, Knochen +Pflanzensplitter fanden wieder Leben. Dies wütende Licht backte zu +Leibern zusammen, was es fand. Die Knochenwirbel, die zertrümmerten +Skelette tranken in dem Lehm die Gletschernässe, zogen sich aneinander. +Aus dem Lehm strömten ihnen Stoffe zu, die sie zu ihren Leibern machten, +die sie um sich legten; Erde, quellendes Wasser, Salze. Es wandelte sich +in ihnen und an ihnen schon um zur Art ihrer Körper. + +Um alle Reste und Trümmer ballte sich die Erde zu Lebendigem, quoll auf. +So wild war der Drang zu Leibern zu finden, zueinander zu fließen und +sich zu bewegen, daß überall auf den Inseln das bloßliegende Land in +ganzen Strichen barst, sich hier zusammenrollte zu einer wimmelnden +Masse, dort wie vom Regen getroffen aufwucherte unter baumartigen +Gebilden. Es waren keine Wesen, wie sie die Erde früher getragen hatte. +Um bloßliegende Glieder, Köpfe Knochen Zähne Schwanzstücke Wirbel, um +Farnblätter Stempelteile Wurzelstümpfe sammelten sich die Wasser Salze +Erden; oft wuchs es sich zu Geschöpfen aus, die den alten dieser Erdzeit +ähnelten, oft drehten sich sonderbare Wesen, sogen an der Erde, tanzten. +Das waren Köpfe Schädel, deren Kiefer Beine geworden waren, der Rachen +ein Darm, die Augenlöcher Münder. Rippen rollten sich als Würmer. Um +eine Wirbelsäule strömte zusammen die lebendige Erde, befestigte sich. +Es war, als wenn ein Adergeflecht nach allen Seiten ausschoß von den +Knochenresten, als wären sie Kristalle Keimpunkte in der übersättigten +Lösung. Und was um die Wirbelwesen lag, von den Adern berührt wurde, +faßte es an, zog es zu sich her, ob es selbst Leib gewinnen wollte oder +nicht. Die Würmer, die sich um die Rippen gebildet hatten, zog, wenn sie +nicht flohen, das Wirbelwesen an seinen Mund, pflanzte sie sich neben +seine Lippen ein; sie schluckten vorverdauten für ihn. + +Kuglige Wesen rollten von Hügeln ins Land. Sie hatten die Art von +Lawinen. Um sie spielte das Geäder unersättlich; wie sie rollten, +backten sie an ihren Leib, was sie fassen konnten, versenkten die Adern +in das Ergriffene. Auf Hügeln blieben manche dieser sich blähenden Wesen +hängen; wuchsen in die Hügel ein, um sie herum. Unter ihnen hatte ihr +spürendes Geäder ganze Lager kleiner Wesen erfaßt, die sich im +Schneckengehäuse, um Korallenstäbchen geballt hatten; mit denen +panzerten sich die Kugelreste. Die Felsen wurden von der wuchernden +Kraft der Samen zersprengt. Es gab Geschöpfe, die sich riesengroß +schwerfällig fortbewegten, ganze Hügel in ihrem Leib. Bröckel +ungeformter und sich selbständig bewegender Erde schleppten sie mit +sich, sie träufelten es von sich ab, zogen eine Bahn Lebens. Niemand war +bedacht auf Angriff und Verteidigung; sie schleppten sich auf, trieben +aneinander, rieben sich, verschlackten sich, wurzelten zusammen, über- +und untereinander. + +Die Trümmer der Gräser Laubbäume der Palmen Oleander Nadelhölzer wurden +von dem Licht berührt. Sie zogen ihre Nachbarschaft an sich, die rollte +auf sie zu, wie ein Blatt, das sich unter der Flamme kräuselt. Reste +verdorrter und erstickter Lorbeerbäume lagen auf geöffneten +Sandsteinplatten, zwischen dem Schutt der Felsen, die die Sonne +zersprengt hatte. In ihre Blattrippen, zwischen ein Netzwerk der Nerven +wurde die lebendige Erde gesogen. Von den Blattrippen, den Nerven ging +die Lockung aus; zwischen Blattrippen und Nerven senkte sich, gerissen, +die Erde ein, schichtete sich um Spalten, wurde durchädert, farbige +Pflanze. Blätter erhoben sich von den Felsplatten wie Kuchen aus ihren +Pfannen; breit und dick. Sich aufrichtend wuchsen sie zur Höhe von +Büschen, immer im Wirbel von den Seiten den Erdstoff ansaugend, der wie +schweres Öl floß. Prall standen die Blätter, die riesigen gemästeten +Gebilde. Oft fingen sie an sich zu bewegen. Denn unter ihnen wuchsen +gepanzerte Schildkröten, auf deren Rücken sie verankert waren. Und auf +dem Rücken der Tiere wandelten sie ins Land. + +Und weithin die Landschaften der Schopfbäume mit dichtgedrängter +Belaubung. Überall wuchsen sie auf den Spuren von Tieren, die die Samen +der Bäume mit sich vergossen. Baumartige Gräser schossen hoch, in +dichten Gebüschen, undurchdringliche Klumpen, Stamm auf Stamm aus einer +Wurzel; die Spitzen der Gräser hingen bogenförmig über wie hohe +Trauerweiden. + +Oft rissen sich Bäume und Tiere nicht ganz aus dem Boden, blieben drin +stecken, waren ein Mittelding zwischen wuchernden Erdstoffen und +lebendigen Wesen. + +Oft schleppten sie wie einen Eidotter Erdmasse mit sich fort, Beutel, +ganze Säcke, an Strängen wie Nabelschnüre und fielen hin, andern zum +Opfer, wenn der Dottersack leer war. + +Oft fuhren Gebüsche drohend wie Arme gegeneinander, schienen sich +ersticken zu wollen. Dann brachen ihre Äste bei der Berührung; sie +schmolzen zusammen; gemeinsam flutete ihre Nahrung in alle; ein großes +Wesen erhob sich. + +Zwischen den Gingko Tulpenbäumen trieben Lianen auf. Sie nahmen sich +keine Zeit zur Ausbildung von Blättern. Matt an die Bäume gelehnt, um +sie herumklimmend wuchsen sie über die Stämme hinaus. Die fremden +Blätter umwickelten sie mit ihren Windungen. Sie waren gefräßige und +strenge Wesen. In die Bäume wuchsen sie heimlich ein; die waren ihr +Mutterkuchen. Den Saft der Erde bekamen sie vorverdaut. Während die +Bäume unter ihnen verdorrten, ließen sie ihre Blüten bunt wie Fahnen +über sie hängen. + +Schweigsames Düster der Wälder. Säulen völlig grade astlos aufstrebender +Stämme, ununterbrochenes Laubdach; Linien rosigen Lichts durchfallend. +Korkzieherartig umwanden sie die Holzseile der Gastpflanzen. Von Stamm +zu Stamm zogen sich die Drähte, über die tierische Geschöpfe krochen, +von denen sie wie Fledermäuse herabhingen. Die Tiere rissen sich von den +Bäumen und dem Boden los, schrien durch die Wälder. + +Platanen der heißen Ebenen, Mangroven Brotfruchtbäume. Die Riesenfarne, +die wie unerschöpfliche Mütter und Väter dastanden und zeugten. Ihre +Blätter strahlenförmig im Kreis wie Speichen eines Rades. Lebendig +gebaren diese Pflanzen; der Keimling entwickelte sich schon an der +Kehrseite der starken Blätter; seine Sprossen hingen in Fäden von den +Blättern herab. + +Das unaufhörliche Niederpreschen der Stämme. Sie brachen oft ganz mit +Belaubung und tierischer Last zusammen und quollen über den Boden. Zum +Teil vermochten sie nicht zu fallen; Leichname standen rechts und links; +kräftigere Wesen verschlangen sie. In der Dämmerung und Dunkelheit +wuchsen neue auf, trugen ihre Schirme über die Wipfel und Baumkronen, +breiteten neues raschelndes Blattwerk aus. + +Die Wälder, Tiere beschützend, schoben sich wie Schilde hoch. Unter der +Glühhitze flammte die bunte Holzmasse oft auf. Sie krümmte sich brennend +am Boden. Schlürfte und schlüpfte schon wieder auf, warf neue Dunkelheit +unter sich. + +Verwüstend brachen durch die Wälder die Riesentiere. Die aus den Seen +auftauchenden wandernden Gallerten, die sich an Küsten ansiedelten, +Bäume und Wiesen verschlangen. Wäßrige Geschöpfe, die ganze Flußläufe +überbrückten, den Fluß durch ihren Leib laufen ließen, sich +zusammenkrampfend ihn absperrten und von sich spritzten. Teiche wurden +aufgehoben und wanderten samt Reptilien und Pflanzen in ihnen; sie +schaukelten im Wanst eines keuchenden schluckenden augenlosen +Riesenwesens, das sich drehte tastete sich lang flaschenartig auszog +nach dem Licht. + +Die grönländische Insel, von dem Rosenlicht begossen, in der tropischen +Wärme, war kaum mehr Land, das dalag und Wesen erzeugte. Die Inseln +glichen, wie sie zum Licht schäumten, einem langsam aufdrängenden halb +erstarrten Meer, das bald grüne, bald purpurne Wellen übergipfelten. +Durch die Wellen schoß manchmal eine Flamme; dann sank das Meer schwarz +und qualmend ab. Die Flammenbrunst lief in irren Linien über die Inseln, +übersprang die Meeresstraßen. Ganze kleine im Meere lagernde Landmassen +hüllte sie ein; wie der Dampf verblasen war, wallte die Erde schon +wieder bunt auf. Dieses Feuer war oft nicht von außen in die Berge +Waldungen, herangetragen worden. Es brach, wenn das Wüten dieser +lebendigen Wellen zu hoch gestiegen war, die Baumkronen himmelhoch über +dem Boden aufgewuchert waren, aus den rastlosen Leibern selbst aus. Aus +Ästen Knospen stachen züngelten die kleinen Flammen. Die Lianen reckten +sich im Licht auf; aus ihren Stielen warfen sie keine schweren Blüten, +sondern zischelnde Flammen, die den Leib der Pflanzen nicht angriffen, +sondern von unten wurden die Flammen genährt, brausten weiter und länger +aus. Bis ein furchtbarer Streit zwischen der Flamme und dem +Pflanzenwesen Baumwesen entstand. Heftiger wütete der Baum, bissiger +trieb die Flamme abwärts. Die Wut des Baumes speiste die Flamme. Weg +mußte der Baum und die Pflanzen um ihn mit. Ihr Rasen nährte die Flamme. +Die Bäume verkeuchten sich in Feuer. Wüteten Flammen in Flammen, +verbrausten in die Luft. + +Eine Flucht kleiner Vögel und Insekten machte sich aus den Steinlagern, +den uralten Kreidemassen auf. Die Papageien grellbunt und üppige Fasane +flogen hin, schnappten schrieen. Kopffüßler Schwämme Schnecken erhoben +sich neben ihnen aus der Erde, glitten in die Wasser, mischten sich mit +anderen Wesen, die über sie kamen. + +Straßenlange Schlangenleiber ringelten Echsen über die Felsen, stürzten +sich ins Wasser, die erst blassen, dann schwärzlichbraun anlaufenden +Wesen, denen Stacheln aus den schmalen bezahnten Schädeln wuchsen und +die unten im Wasser brünstig grunzend mit ihren breiten Schwimmschaufeln +wateten. Wie diese Tiere das Wasser durchschwammen, kämpften sie mit +anderen, mußten sich in dem Wust des aufkommenden, sie selbst +durchrieselnden, über sie zusammenschlagenden Lebens behaupten. Von +Felsenplatten, von der kochenden umdunstenden Erde lösten sich die +abenteuerlichen Wesen ab, die sich zuerst nicht entschieden, ob sie mit +dem Schwanz und den Füßen in der Erde wurzeln wollten, die dann ihre +Glieder vom Boden wie von einem Teig abzogen und schon dumpf um sich +blickten, die Bäume betrachteten, mit ihren Riesenkiefern in die weichen +Stämme hieben. Schwer standen sie auf der wühlenden Erde, den muskulösen +Schwanz angestemmt, mit den beiden Stirnhörnern Bäume rammend und +fällend. Die Bäume nahmen sie wie Gräser in die Mäuler, zermahlten sie +mit den Kronen Gastpflanzen und hängendem Getier. + +Langhalsige gebuckelte Ungeheuer zogen sich einzeln und in Gruppen durch +die lärmerfüllten Täler, über das Flachland. Vor ihrem donnerartigen +Gewieher erschraken sie selbst. Von einer Doppelreihe hoher +Knochenplatten war ihr Rücken bestanden, ein Knochenkragen schützte den +Hals, aber vorn bewegten sie menschenähnliche trübe gewaltige Häupter +langsam hin und her. Wasser lief aus ihren Augen. In Wälder brachen sie +ein. Aber sie zitterten, standen still, warfen sich um sich, als sie von +fuchsartigen roten Tieren in Scharen überlaufen wurden, die sich in ihre +Augenhöhlen Ohren zwischen ihren Zähnen festzusetzen suchten, die sie +abschüttelten zertraten. Aber immer liefen die Füchse von rückwärts und +über die Füße an, stürzten von den Bäumen herunter, in deren Seilgewirr +die Ungeheuer sich verstrickten. Sie wieherten in Schmerzen. Ganze Haine +verwüsteten sie, sich hinwälzend. In Flußläufen suchten sie sich zu +kühlen. Da zerschellten viele. Aber die Erde blieb in einer einzigen +Erregung. Und wie sie zerschellten, strömte und ballte sich schon das +Leben wieder um ihre Glieder und trieb durch das Land. + +Von den Felsen der höchsten Berge stürzten sich Vogelwesen in die +lebendige Brandung. Mit Hälsen wie Giraffen, die Flügel breit werfend, +trugen sie auf ihren langen Krokodilsköpfen ganze Wiesen und Bäume mit +sich. Maulwurfsartige Wesen, die zwischen ihren Flügelfedern nisteten, +verließen sie auch im Fluge nicht. Diese zähnefletschenden Vogelechsen +brauchten keine Hörner zum Rammen und Spießen. Die Hügelteile, die sie +auf ihren Köpfen mit sich trugen, trieben Spitzen hervor, die die Härte +der Steine hatten. Die großen Meuchler erschienen, diese schlagenden +krallenden stürzenden Wesen über der Brandung Grönlands. Sie wüteten +schlimmer als die Flammen, schlitzten die wandelnden Gallerten auf, +zerquetschten sich senkend Tiermassen. + +Nach oben zuckte das Leben der Inseln. Nun begann es bedrängt +überquellend nach außen zu fluten. Der Schwall der Vögel setzte sich in +Bewegung. Die Lauftiere flüchteten vor den schwirrenden zerschmetternden +Unwesen. Sie suchten das Wasser zu überschwimmen. Liefen über die +Tangwiesen. Nach Süden Osten Westen quollen die Tiermassen. + + + + + Achtes Buch. + + Die Giganten + + +Über der Westküste Skandinaviens erschienen die Untiere gegen Ende des +Jahres. Etwas später befuhren sie die britischen Gewässer, tauchten vor +Jütland und der Bretagne auf. Die Stadtschaften, die noch in der Hand +starker Senate waren, hatten beim Zurückfluten des großen +Expeditionsgeschwaders die Grenzen gegen Norden und Westen gesperrt. Von +dem Expeditionskorps lief nur ein versprengter, rasch gefangengesetzter +Teil die europäische Küste nördlich Stavangers am Bukafjord an; die +Hauptmasse stürzte nach Süden an den alten Sammelplatz der Färöer und +Shetlands. Britische Kommissare hatten schon im Herbst durch Schottland +eine Verteidigungslinie gegen das verdächtige Geschwader gezogen, von +der Lorne zur Moraybucht südlich des Kaledonienkanals; Vorpostenschiffe +deckten die Nordsee und den Zugang zur Irischen See. Von niemandem +gehindert, von niemandem erwartet brachen die grönländischen Untiere +ein, diese abenteuerlichen, den Menschen gräßlichen Wesen, +Mißschöpfungen einer unmäßigen Kraft, die über Grönland aus dem +schrecklichen Flammenschleier blies. + +Rudel der keuchenden blasenden Wesen ruderten flogen über den Ozean, +straßenlange Reptilien, schwarzbäuchig, manche schillernd beschuppt, +manche mit scheckiger Haut und breiten stumpfen Mäulern, manche wie +Krokodile gepanzert. Dann Vogeltiere mit langen spitzen Zähnen, die in +Doppelreihen standen. In Haufen zogen sie an, einzeln wie Festungen und +Schiffe, eine Masse von Felsen Baumwaldungen Tieren mit sich schleppend. +Sie schwärmten an, verhüllt unter den Waldungen auf ihren Rücken; mit +den Füßen rissen sie sich die Moose und Schachtelhalme ab, die über ihre +Augen wucherten. Bisweilen stürzten sich fliegende Echsen in die See, um +die Flammen zu löschen, die an ihren Hälsen, auf ihren Rücken +entstanden. Mit der Angst gejagter Wesen flohen sie. Zwischen ihren +Zehen, auf ihren rollenden aderdurchzogenen Flughäuten wurden Schlachten +zwischen den Geschöpfen geschlagen, die sie mitschleppten. Sie +klammerten sich an die Krallen der Ungetüme an, hingen an deren +geblähten Halswampen in Reihen Ketten Girlanden. Tauchten die Tiere in +See, so wurde der größte Teil der Bevölkerung von ihnen abgeschwemmt, +schwamm an der Oberfläche, suchte die großen Tiere wieder zu fassen, +wenn sie hoch kamen. In die See tauchend spülten sich die wandernden +Tierriesen die zerfallenden Leichen ab. Aber mit sich selbst, unter sich +schleppten sie Leichen. Sie kämpften miteinander, sobald sie sich +berührten, schlangen zerrissen sich. Und je mehr sie sich von Grönland +entfernten, um so größer wurde ihre Not. Über See erschlugen sie sich; +hungrig, aber oft konnten sie sich von den Besiegten nicht losreißen, +die sich an ihren Rüsseln Borsten Hornplatten verklammert hielten. Mit +der triefenden Masse wankten sie weiter, die Sprossen in sie +hineintrieb. Und wie die Untiere die offenen, von dem rosenfarbigen +grönländischen Licht nicht beschienene Meere befuhren, die Kälte über +sie kam, wurden sie unsicher. Zuckten zwischen Meer und Himmel auf und +ab, flüchteten vom Meer in die Wolken, die sie nicht wärmten. Sie +konnten wenig sehen unter dem trüben Sonnenlicht. Verwirrt kehrten viele +um. Aber die Geschwader der neu abfliegenden Tiere kamen über sie; diese +Tiervölker zerrissen sie, schleppten sie nach Süden weiter. Unaufhörlich +wie ein Blütenbaum seinen gelben Sonnenstaub warf Grönland seine +lebendigen Massen von sich. + +Auf Skandinavien schmetterten sie nieder; dies war das erste Land, auf +das sie stießen. Fjorde mit Granitklüften, wenige Wiesen, Schneeberge im +Hintergrund. Hunger Beklemmung trieb die wandernden Untiere von Tag zu +Tag stärker. Da prasselten sie über die Klippen, bedeckten kleine +Menschensiedlungen. Im Sturz zerschellten viele, die sich über das Land +warfen, als wären es Wellen. Die lebend herunterkamen, fingen an am +Boden, an den Klippen zu beißen zu kauen zu schlingen. Zerrissen sich +die Gaumen, ihre Zähne splitterten. Dröhnend drohend erhoben sie sich +von ihren felsigen Opfern, schlugen mit den Klauen auf ihnen herum, +schluckten mit blasenden Nüstern Steinbröckel Kiesel, griffen sich nach +dem Rücken, stopften sich Farne, die sie abknickten, hinterher. Die +Steine zerschrammten schlitzten ihnen den Darm. Speiend drehten sie sich +im Kreise. + +Nach Bergen kam ein Rudel vogelartiger Echsen mit den Rückenhöckern von +Dromedaren, langen Hälsen, zweifüßige beflügelte Unwesen, die ein helles +Schreien bei ihrer Annäherung ausstießen, das sich wie Kichern anhörte. +Sie zerdrückten eine Zahl von Straßen und Anlagen. Mit den Haustrümmern +stopften sie sich Menschen in den Schlund. Brände brachen um sie in der +Stadtschaft aus. Die Waldungen von Farnen Bärlappbäumen auf den +Tierrücken wurden ab und zu von dem Feuer ergriffen. Zerstörend warfen +sich die flammenden Tiere um, wälzten sich durch die Stadt. + +Eine eigentümliche Art Fischwesen war gleichzeitig bei Bergen aus dem +Meer aufgestiegen, Wesen von außerordentlicher Länge, die noch die der +Echsen übertraf. Sie waren übermäßig wurmartig schmal gewachsen, hatten +ein Wirbelskelett, das mit Schädel Rippen Wirbelkörper deutlich an dem +fleischlosen Leib sichtbar war. Diese Tiere schienen sinnlos vor Hunger +zu sein, waren halbblind. Wie Schlangen ringelten sie tonlos die Klippen +vom Meer herauf; ihre Leiber nahmen kein Ende. Sie schnauften mühsam, +paßten sich der Luft an. Aber eine ganze Zahl schnellte zu rasch aus dem +Wasser hoch; ihre schmächtigen Leiber schwollen plötzlich an, zuckten +hingen über den Klippen; die Därme quollen ihnen aus den Schnauzen. An +ihnen schlangen die Vogelechsen. + +Sie kamen alle nicht weit. Flogen etwas, senkten sich wieder auf den +Boden. Es schien, als ob der Rest ihrer Kraft sie bei der Berührung mit +den kalten Steinmassen der Erde verließ. Keines der skandinavischen +Tiere, obwohl von niemandem verfolgt, kam über den sechzigsten +Breitengrad auf dem Landweg nach Süden. Sie fraßen Bäume Ackererde. Dann +lagen sie lahm. Warfen sich, schnellten wie in einem Anlauf hoch, +verkamen. Die Waldungen Gärten Vögel Weichtiere hatten sie schon +verschlungen, oder sie waren verbrannt. In die Erde fraßen sich die +grönländischen Untiere ein, wie sie starben. Wuchsen dann sonderbar in +ihre Gräber. Wo sie reglos lagen, wucherte die Erde, die sie +verschlungen hatten, in ihren Mäulern, zwischen ihren Vogelkiefern, in +den Schlundröhren, Eingeweiden aus, durchdrangen die Weichteile in +langen spitzen Kristallen, sogen die Weichteile nach. Und um die Leiber +herum, in den Bodenhöhlungen zitterte die Erde, ließ feine +Kristallbündel sprießen, so daß die Riesenleichen in zackigen Nestern +lagen. Die Körper der Untiere selbst aber vom Boden verschlungen, waren +nichts als eigentümliche Bodenerhebungen, die sich wie Tierrümpfe über +den Berghängen, über Ackerflächen hinzogen, von blitzenden Steinen +begleitet. + +Die Untiere, die weiter den Süden erreichten, Jütland bestiegen, sich +nahe Hamburg zeigten, waren Quallen und Medusen mit Armen, die sich +untereinander zu starken Schwimmflossen verbanden. Auf das flache Land, +über die sandigen Küsten wälzten sich in einem wilden Trieb, in +zitternder Verwirrung die riesenstarken gallertigen Wesen. Ihre Körper, +unter dem grönländischen Licht blühend durchsichtig, hatten in der Kälte +der Meere die Gelbröte des Dotters angenommen; blutige geschwollene +Stränge durchliefen sie. Sie rollten fauchten; dellten sich krampfhaft +zusammen, sprangen flogen vorwärts. Sie spritzten Schleim um sich, +sanken mehr in sich zusammen. Über Flüssen hingen sie, pumpten Wasser in +sich. Aber dies Wasser war nur eine Erinnerung an das Wasser, in dem sie +gediehen waren; war schweres kaltes liebloses Wasser. Sie soffen mehr, +spien es im Wirbel aus. Ihre Arme hangelten nach Blöcken an den Wegen, +würgten sie sich in die Mundöffnung. Diese Blöcke konnten sie nicht +zerknirschen; die stürzten ihnen durch die Darmwindungen. Über die +Landschaften sanken die schattenhaften Wesen hin. Bräunlich und violett +tröpfelte Blut von ihnen; sie fielen wie mächtige Spinngewebe über die +jütischen Ebenen. + +Wen die Fasern des Gewebes berührten, was von dem dampfenden +blasenwerfenden Blut bespritzt wurde, veränderte sich im Augenblick. +Schafherden leckten übergischt an dem Blut. Die Zunge quoll ihnen über +die Zähne weg, fiel auf das Gras, sich verbreiternd verdeckend. Die +Tiere standen da, zerrten an den fürchterlichen Organen, an denen sie +sofort erstickten. Andere zogen glitzernd blökend an den roten +Fleischmassen, die ihnen unaufhaltsam aus den Mäulern wuchsen; zugleich +schwoll ihnen auch der Gaumen, Rachen, den der Saft berührt hatte. Die +dehnten, wölbten sich. Riesenschädel, den ganzen Rumpf in Umfang und +Gewicht übertreffend, trugen sie auf den Hälsen, die zu schwach für die +Last waren. Die Schafe wurden auf den Boden hingezogen, zappelten mit +dem kleinen Anhang ihrer Rümpfe. Rasch kamen eine Anzahl Tiere um, die +gierig an dem Blut der Medusen geschluckt hatten und deren Leib Rippen +Rückgrat von den anschwellenden Eingeweiden in Stunden zersprengt +wurden. Bei Hamburg erfolgte das erste große Verderben der Menschen. +Siedler und Einwohner der Stadtschaft wurden betroffen. In die Häuser +hinein wurden im Bogen das Blut und der Schleim der verendenden Urtiere +gesprenkelt. Menschen, die am Kopf oder den Gliedmaßen begossen wurden, +verloren im Augenblick die Besinnung. Ihre wuchernden Organe +erdrosselten sie selbst. In den Zimmern wurden Menschen, denen eine Hand +bespritzt war, von den schweren wuchernden Fleischmassen aufgesogen; die +Hand die Finger füllten den ganzen Raum, kleiner kleiner schrumpften +Arme Beine der Rumpf dahinter. Das Herz schlug nicht mehr, die Menschen +lagen weiß tot, nicht größer als eine Faust, manchmal wie ein Apfel, ein +Karton einlaufend unter dem dunstenden Riesenorgan, dessen Haare wie +Spieße aufrecht standen, die an den starren Wänden geknickt wurden. Die +tolle Szene in der kleinen Bauernsiedlung, wo eine Bäuerin den Hahn +gefaßt hatte, um ihn in den Stall zu tragen. Der Kopf des krähenden +Vogels, seine bespritzten Füße jäh anwachsend machten sich nicht los von +den Armen und der Schürze der Frau. Die Frau wurde von der Last +hingeworfen; die Krallen des Vogels durchwuchsen die Arme der +schreienden gellenden schlagenden bald ohnmächtigen. Das Tier lag auf +dem Weib, wuchs auf ihm, über Menschengröße. Der Kopf und die Füße +wuchsen. Der Rumpf aber hatte noch Leben, so dürftig er auch war; denn +die Füße waren in das starke fette Weib verwurzelt. Aus der sogen die +Organe ihre Stoffe. Das Weib rann in ihren Kleidern ein. War längst tot, +ihr Kopf schon hinter ihrem Halskragen, unter dem Brustausschnitt +verschwunden. Leere Hüllen der Ärmel; der Kalk der Knochen wurde +aufgesogen. Nach langen Stunden erlosch an dem Vogel das schreckliche +Wachstum. Das Tier war selbst schon tot, von seinen Gliedern aufgezehrt. +Man sah Schweinsohren, Ochsenschnauzen durch die Dachsparren ihrer +Ställe wachsen; noch kläglich brüllten die, dann verstummten sie. Es +waren überall bewußtlose sterbende Wesen, die so wuchsen. + +An der Westgrenze Hamburgs an der See verwüsteten die anwandernden +Untiere ganze Stadtteile. Die starken Sicherungen des Senats nutzten +nichts, sie fielen nur zum Verhängnis der Stadtschaft aus. Durch die +brennenden Würfe, die Strahlen wurden die Tiere zerrissen, ihre Teile +aber, Flüssigkeit spritzend, schleppten sich verendend und andere +aufsprießende Wesen mit sich schleppend in die Straßen und Anlagen. Die +grausigsten Mißformen wurden da sichtbar. Verbackene Bäume, aus deren +Wipfeln lange Menschenhaare herausragten, übergipfelt von +Menschenköpfen, toten entsetzlichen häusergroßen Gesichtern von Männern +und Frauen. Die Schwanzflossen eines Seetiers in eine Siedlung vor der +Stadt fallend sammelten um sich Haufen toten Materials, Eggen Wagen +Pflüge Bretter. In die wandernde sprießende dampfende Masse gerieten +Kartoffelfelder, laufende Hunde, Menschen. Das wallte wie ein Kuchen +auf, quoll hoch, zappelte über die besäte Ebene, rollte sich wie eine +Lavamasse verheerend langsam vorwärts. Und überall wuchsen aus der sich +rundenden schlagenden Masse Stämme, stockhohe Blätter hervor. Die Arme +Beine, die sich aus dem flirrenden dunklen Gewebe vorstreckten, waren +aus Fleisch und Knochen, oft dunkel umborkt, mit Zehen und Fingern, die +sich zu Blattfächern ausbreiteten. Lange Haarmähnen fluteten über die +Oberfläche des weichtierartigen Wesens, der dünstenden schlingenden +Schnecke; Ranken und Häuserbalken waren in die Haare verfilzt. Über den +Tälern und Erhebungen der wallenden Masse rasten Gespanne, Pferde mit +Wagen, abspringende Menschen. Sie liefen rissen sich los, bis sie +einsanken festklebten, die Pferde an den Wagen, Menschen treibend +daneben. Die Pferde wurden durchflutet, von den Hufen den Hinterbeinen +hochwachsend, scheinbar sich aufbäumend, aber nur aufgespannt +aufgerichtet. Ihr Wiehern Geifern erlosch, die Augen, die ängstlichen +blutüberlaufenen Kugeln, sanken zurück. Sie zappelten mit den +Vorderbeinen. Waren sie Stämme? Fraßen sie das Laub, die Halme Stauden, +die ihnen aus den Mäulern wuchsen? Aus den Rippen quollen ihnen die +Wagenbalken. Der Kutscher wuchs aus seinem Sitz, von den drängenden +Stämmen getragen, mit ihnen verschmolzen. Dann erweichte alles, was das +Urgeschöpf trug, verbreitete sich, quoll zusammen, ebnete sich in seine +Decke ein. + +Über das Wattenmeer der Friesischen Inseln drangen Einzeltiere, die noch +kraftvoll waren. Sie stürmten gereizt gegen die Flammenmassen, die ihnen +über den Jadebusen entgegengeworfen wurden. Das war ein vulkanisches +Brausen, als die breiten springenden Reptilien das Feuer durchzogen. Aus +ihnen selbst kam grünes Feuer, das das weiße Menschenfeuer zu dämpfen +schien. Sie erreichten das Land, zerknickten die Maschinen am Land und +kauten sie. Aber waren selbst zerbrochen. Sie tobten schleppten sich +Meilen landeinwärts. Dann stießen aus den schwarzen plumpen vergeblich +sich mühenden Leibern, aus den Augen Nüstern, zwischen den Schuppen des +Leibes grüne steile Flammenbüschel. In denen verbrauste die Kraft der +Tiere, die schnappten verzuckten. Von den brennenden puffenden Körpern, +die sich wanden, machten sich Teile los. Unter den Flammen sprangen und +spritzten von den Rümpfen ab die Zehen, Krallen der Zähne, Schuppen; die +Flügel zerbrachen. Die Teile, Zehen Schuppen Hautfetzen rollten ins +Land, die Weser entlang, mischten sich mit Grashalmen Birken Tannen. +Riesenbäume wanderten da; die Erde unter ihnen wuchs mit ihnen, schwoll, +als wäre sie flüssig gallertig und schäumte, an ihnen hoch. Die Bäume +zogen ihre Wurzeln aus der Erde, schritten vorwärts, wackelnd, sich +drehend, zogen im Zickzack hin, schlossen nahe Bäume in sich ein, rissen +sie mit. Die Bäume schnaubten aus vielen Poren. Verlangsamten ihren +Gang, standen gelähmt, schaukelten schwach ihre Kronen. + + * * * * * + +Der Einfall der grönländischen Untiere dauerte den Winter durch. Eine +panische Flucht von den Küsten setzte ein. Die Ostsee war von Schiffen +überladen. In wenigen östlichen Stadtzentralen verloren auch die Senate +die Führung. Die Herren der großen westlichen Stadtschaften machten sich +stark. Die einströmenden durchströmenden Massen der Siedler erhoben +gegen sie ihr anklagendes Geschrei; der Boden der Stadtschaften zitterte +unter dem Grauen vor den grönländischen Wesen. Gelähmt waren große Teile +der Bevölkerung, auch der Führer. Und neben der Angst wütete unter den +Menschen ein unbestimmtes finsteres Schuldgefühl. Ihm konnten sich auch +die Wissendsten nicht entziehen unter dem Schauer der Dinge, die sie +erlebten. + +In London hatte Delvil mit Pember die senatorische Gewalt in Händen. Mit +sechs anderen Männern und Frauen teilten sie sich in eine Diktatur. Von +Brüssel rief Ten Keir, der kleine belgische Führer, sie herüber. Nichts +wankte in den belgischen Stadtschaften. Aber der furchtbare Schwarm der +Urtiere ließ nicht nach, die Brüsseler Vorstädte im Westen und Norden +waren in Trümmer gelegt. Zu dem Entsetzen, das hier die Menschen +zusammenballte, kam rasch Haß auf die Siedler, die zu der +Grönlandexpedition getrieben hatten, und auf die englischen Führer. + +In seiner unterirdischen Arbeitskammer empfing Ten Keir glühend den +schmächtigen Delvil. Er dachte Zorn und Gift auf ihn loszulassen, schrie +höhnisch, wie der nur die Tür öffnete: „Sieg! Sieg! Grönland ist +enteist! Wir sind befreit! Wir laden Menschen auf die Schiffe.“ „Sieg!“ +schrie Delvil entgegen, „wir haben gesiegt. Wer hat nicht gesiegt?“ „Wie +sieht dein Sieg aus, Delvil? Du hast dich über den Kanal gewagt. Du bist +nicht verschluckt worden. Ich wünsche dir Glück zu dem großen Sieg.“ +Delvil schmetterte die Tür zu. Kalt und ruhig setzte er sich auf einen +Schemel: „Wer die Nerven hat, hat gesiegt. Du siehst, ich bin über den +Kanal geflogen. Ich habe die Bestien geifern sehen. Habe auf sie +gespuckt.“ „Glückwunsch, o Held! Sieh dir Gent an. Hast du Kortryk +gesehen? Kortryk im Westen, du mußt es gesehen haben; seit zehn Tagen +verwest es.“ „Ten Keir, es scheint, wir spielen mit verkehrten Rollen. +Mir kann es recht sein.“ „Und was tust du?“ „Ich bin Delvil. Ein Mensch. +Glaubst du, Ten Keir, weil ich schwach bin, ich bin kein Mensch? Die +Bestien mögen nur kommen. Jetzt, jetzt kann ich sie nicht besiegen. Im +Augenblick nicht. Wir sind nicht darauf vorbereitet. Warte einen Tag, +fünf Tage.“ „Das glaubst du, Delvil? Es sind ja nicht nur Tiere.“ „Es +sind Tiere. Es sind Tiere; nichts weiter als das. Es sind schon andere +Dinge an die Menschen herangetreten und sie haben sie bezwungen.“ Delvil +stand. Er war blaß; sein Gesicht verbissen: „Ich bin ein Mensch. Du +wirst mich nicht vom Gegenteil überzeugen. Ich kam her, mit Pember, um +dich zu fragen, Ten Keir, welcher Meinung du bist. Gibst du es auf, so +sag es mir. Ich muß wissen, woran ich bin.“ „Ich hab mir im Grunde keine +Fragen stellen zu lassen. Wenn du erbittert bist und wir entsetzt sind +und unsere Stadt schon zur Hälfte verwüstet ist, so weißt du, wer daran +schuld ist.“ „Ich will wissen, woran ich bin. Hier ist kein Gericht. Ich +habe die Tiere nicht gerufen.“ „Das ist Grönland. Das ist der Zug der +Siedler nach dem neuen Erdteil. Unsere Befreiung. Unsere Rettung vor dem +Untergang.“ „Das ist die Rettung vor dem Untergang. Ich habe es nicht +gewollt. Aber es ist recht. Wir wissen, woran wir sind.“ + +Delvil flüsterte: „Sag ja, Ten Keir. Ich warte auf dich.“ „Sprich lieber +nichts. Spitz die Ohren, was über uns geschieht. Vielleicht bewegen sich +die Wände. Man weiß nicht was geschieht.“ „Sag ja oder sag nein. Ich bin +fünfzig Jahr alt. Jahrtausende haben für uns gearbeitet. Gedacht. Du +hast es mir einmal klar gemacht. Ich habe es nun sehen gelernt. Ich bin +ein Mensch. Ich gebe nicht auf, es zu glauben. Und du?“ „Ich auch +nicht.“ „Dann gib mir deine Hand.“ „Was soll das.“ „Das ist deine Hand. +Jetzt wirst du rasend grimmig heiß kalt wie ich werden. Laß sie mir. Laß +nur. Du fühlst es schon. Jetzt wirst du in der Nacht auch nicht schlafen +können wie ich, vor Wut und Verzweiflung! Du wirst bald röcheln in der +Nacht. Ten Keir, hörst du! Du wirst mir Wut und Scham kennen. Du wirst +dich verfluchen, wie ich mich, daß die Bestien das können, Städte +verwüsten, unsere Städte, in unsere Anlagen fallen, daß die Siedler uns +auslachen. Ich verfluche mich. Verfluche mich aber nicht lange.“ Delvil +zog seine Hand zurück, schüttelte sie als wenn sie zu schwer wäre, +blickte Ten Keir an, wich gegen die Wand, wo das Lichtauge blickte. + +„Was habt Ihr vor. Was hast du vor, Delvil?“ „Du hast meine Hand +berührt. Du weißt es. Es gibt nur zweierlei: die Bestien und wir. Die +Bestien will ich nicht.“ „Und?“ „Nicht: und sie werden nicht sein.“ Die +Fäuste hob Delvil über seinen Kopf, atmete: „Ich will sie nicht. Aus +tiefstem tiefstem Herzen sag ich dir: ich will sie nicht. Sie sind schon +jetzt nicht mehr da. Sie sind weg. Sie sind schon – vernichtet, von mir, +weil ich es will. Ich flüchte nur zum Schein vor ihnen und verstärke +mich. Sie leben nicht mehr, Ten Keir. Wir haben sie besiegt. Laß ihnen +eine Gnadenfrist von ein paar Tagen, ein paar Wochen. Gönn ihnen das. +Sie sollen sich diese Welt noch anschauen. Unsere Welt. Dann ist es aus +für sie. Aus! Delvil sagt es. Dann hat er genug. Der Tisch wird rein. +Glatt. Blank. Spiegelblank. Hauchblank. Kein Stäubchen darauf!“ Ten Keir +in dem Lichtkegel; ganz weiß die Vorderseite des blinzelnden Manns: „Ich +will es glauben.“ + +Der Brüsseler suchte den starken Delvil in der Stadt zurückzuhalten. Der +kehrte auf die britischen Inseln über den Kanal zurück. In die +Kellerräume stürzten die Menschen. Man hatte gesehen, daß die weiche +Erde, die offene Luft gefährlich waren; auf die schweren Betonplatten, +Höhlen in sehr massiven Felsgründen erstreckte sich die Wirkung der +Bestien nicht. In das Innere der Insel flüchteten Haufen von Menschen. +Delvil sah sie mit Hohn und Gram. Es war sein erster Akt, als er von +Brüssel zurückkehrte, daß er den Westrand der Londoner Stadtschaft mit +schweren Waffen bestückte. Feuer und Strahlen ließ er in die chaotische +Menge schleudern. Seine Megaphone schrien über sie: Er sei der Drache, +der Drache käme. Und schon war der heiße Atem über ihnen, nicht aber aus +den Mäulern der Riesenlurche, sondern aus seinen Maschinen. Und sie +wurden angeglüht gebrüht gebrannt. Delvil ließ sie zu Kohle werden. +Seinen Haß richtete er auf die Siedler, die Triumph über die Städter +sangen; was hätten die westlichen Senate in Grönland erreicht, wo sei +der neue Erdteil, welche Wüste sei geschaffen, schlimmer als die im +Uralischen Krieg. Und wie fiele es jetzt auf die Städte zurück: kein +neues Land, aber sogar das alte werde vernichtet. Die Wut Delvils +schwang Peitschen über sie. Sie hatten vor den Drachen und Delvil zu +flüchten. Er verband sich eine Schar von Männern und Frauen, die er +fanatisiert hatte und die zu der Sache der Städte hielten. „Erretter“ +nannten sie sich. Im Bereich der britischen Städte trieben sie die +Menschen in die Keller und Höhlen, zwangen die Senate den Boden überall +zu unterwühlen, die Betonblöcke zu schaffen, in denen die Menschen +hausten. „Erretter“gruppen formierten sie in allen Städten hinter sich, +sobald sie abzogen. + +In das offene Land, auf die schottische Hochfläche aber drangen sie ein +mit doppelter Inbrunst. Delvil hatte ihnen das mitgegeben: „Die Bestien, +die scheusäligen Lurche und Drachen sind ein Unglück. Wir haben sie +nicht gerufen. Man hat uns gezwungen nach Grönland zu gehen. Wir wußten +keinen Ausweg. Man wollte eine Barbarei aus unserm Land machen. Wir +waren schon am Erliegen. Jetzt kommen die Reptilien, die Untiere, +verderben uns. Rache an denen da, die sie uns geschafft haben. Rache an +den Verbrechern. Tötet sie! Säubert unser Land!“ Und mit Lachen, mit +schwingendem seligen Zwerchfell sah er sie zu Haufen fallen, die Hetzer, +die großartigen Lehrer neuer Weisheit, diese Erretter der Menschen. Es +gab noch wirkliche Erretter. Nach dem Kontinent und nach Amerika gab +Delvil diese Meinung: man möge den Augenblick benützen, um sich das +Gesindel vom Hals zu schaffen, das ihnen allen das Leben schwer gemacht +habe. Man möge den Ausgang der Grönlandfahrt richtig verstehen. Sie sei +glücklich ausgefallen. Sie habe es ermöglicht, die westliche Menschheit +neu zu befestigen und die Parasiten von ihr abzuschlagen. Man habe freie +Ellbogen gesucht; jetzt habe man sie. + +Inzwischen blickten er und seine Freunde darauf, Waffen gegen die +Untiere zu finden. Sie waren von einem kalten Haß aufgerührt. Alle +Strahlen durchbrachen die Tiere. Das Zerreißen der Mißgeschöpfe nutzte +nichts; ihre Teile übten mehr Schaden als ihr unversehrter Leib. Wer +diese Wesen anfassen und hinmachen könnte. Es war eine heftige und +unerträgliche Scham, die Delvil und seine Mitkämpfer erfüllte, daß sie +wie ein Urvolk, wie ein Buschmann vor einem Tiger dastanden und keine +Rettung wußten. + +Es war nicht Delvil, sondern ein unbenannter Mann aus Christiania, der +Hilfe brachte. Der, aus einem Sturz der Reptilien gerettet unter Verlust +des rechten Armes und der Schulter, fand einen überraschenden Weg. Unter +ein sterbendes schon erstarrendes Tier war er geraten. Der vom heißen +Blut angespritzte Arm war ihm gewuchert; keinen Schmerz hatte er +empfunden, nur ein sonderbares Fluten und Zucken durch den ganzen Leib, +ein Blitzen von Lichtern vor den Augen, besonders ein rosa Leuchten, das +ihm Wohligkeit und Süße eingab und fast wehrlos machte. Aber das Wallen +und Zucken im Rumpf, in der Wirbelsäule, an den Knien und Hüftgelenken +nahm plötzlich eine furchtbare drängende Stärke an. Er sagte: so müsse +wohl eine Frau fühlen, die gebäre, in den Wochen liege und das +heraustreibende Kind stemme ihr den Leib auseinander. Unter dem dumpfen +grausamen Schmerz hatte er sich, schon träumend, in der schwimmenden +Süßigkeit verloren, hatte seinen Körper nicht frei bekommen. An einem +entsetzlichen Stiel hing sein Körper, es war sein Arm, ein Riesenarm, +eine weiße geblähte Fleischmasse. In Ekel griff er nach seinem Messer, +schnitt hinein, wo er konnte mit dem Arm. Hieb in sich, um die gräßliche +Fleischmasse von sich abzutrennen. Die Schnitte und Stiche schmerzten +nicht, er hieb wie in ein fremdes Wesen, dicht an seiner Schulter. Und +plötzlich stürzte er ab und war bewußtlos. Dieser Mann aus einer +Mekifabrik war nach zwei Tagen von einer Rettungskommission gefunden +worden, wurde da er noch atmete nach Christiania transportiert. Wo man +ihm unter den größten Vorsichtsmaßregeln die Schulter entfernte, die +noch nach der Selbstamputation des Mannes zu einer sackartigen +Geschwulst gewuchert war. Der Mann war wie ein Kind klein geworden, +seine Glieder gummiartig weich; ungeheuer hatte noch nach der +Selbstamputation der parasitäre Stummel an ihm gezehrt. Sehr schwer war +es ihn zu ernähren, die richtigen Stoffe in ihn zu werfen; der braungelb +bis schwärzlich gefärbte Mensch schien ein völlig verändertes Blut zu +haben. Sogar seine Augen, die Iris seiner früher blauen Augen hatte +einen grauschwarzen Ton angenommen. Soviel er auch in einem Heißhunger +verschlang und soviel er trank, er gedieh schwer, fror in seinem Bett, +dieses Wunder eines Wesens, das die Urtiere nicht vernichtet hatten. Da +erzählte er, dessen Geist nicht verworren war, aber immer unter einer +Betäubung lag; von Blitzen die durch ihn gegangen wären, von dem Wallen +und Zucken im Rumpf, als ihn das Untier berührte, dies Recken und Reißen +und Schneiden in den Finger- und Kniegelenken, in den Wirbeln. Er hatte +es jetzt nicht mehr. Noch wie der Stumpf an ihm sog, hatte er es +gefühlt. Der träumende, mit dem Gespenst der Tiere ringende Mann meinte, +ihm fehle etwas. Er wolle nicht mehr essen, es hätte keinen Sinn. Man +müsse ihm das geben, was die Tiere hätten. Dann würde er gesund. Immer +wieder drang er, halb bewußtlos, darauf. Die Ärzte, mit Elektrizität und +vielen Strahlen arbeitend, konnten den Zustand nicht ändern. Als der +Mensch immer trieb und bat, man möchte ihn nach Grönland bringen, an das +rosa Licht, von dem die Schiffer berichteten, verfiel man darauf nach +den Schleiern zu forschen, die die westlichen Senate für sich von +Grönland geholt hatten. Es war ganz still von ihnen geworden. Sie waren +in unterirdischen Riesengewölben an der belgischen Nordseeküste und in +walisischen Bergen vergraben; niemand kümmerte sich um sie. Von zwei +abenteuerlustigen Männern begleitet flog der Skandinavier über die +Nordsee. An den flämischen Bänken fauchten Riesenlurche unter ihnen. +Fast wonnig atmete der dem Tode nahe Skandinavier schon hier. Und als +man ihn auf die grüne Wiese an der flandrischen Küste setzte in der Nähe +des Tunnels, der zu den Turmalingewölben führte, veränderte sich sein +Blick; er lächelte, suchte sich aufzurichten. In Eile schoben ihn die +beiden Männer mit einem Speisevorrat an den Eingang des Tunnels, dem sie +sich nicht zu nahen wagten; sie selbst schwirrten vor den nahenden +Lurchen nach Osten. + +Vor den belgischen Senat wurde nach zwei Wochen dieser Skandinavier +geführt. Ein Schwarm von Menschen, aus ihren Kellern gelockt, begleitete +ihn. Er predigte von dem Wunder der Turmalinnetze. In ihnen stecke die +Seele des Lebendigen. Er war fast so groß wie ein Mann seines Alters, +schwankte aber, war übermäßig erregt, blickte frisch; die Haut vorher +schwärzlich, war durchsichtig blaß; man sah fast das Blut darunter +fluten. Die Haut schilferte, die Haare waren blond, übermäßig lang, auf +die Schultern heruntergewachsen. Ten Keir hörte im Keller des Rathauses +von Brüssel nur kurze Zeit den sonderbaren phantasierenden einarmigen +Skandinavier an, ordnete an, ihn nach Hause zu befördern. Er brachte im +Augenblick die entsetzlichen Lurche mit den Schleiern zusammen: ob man +gegen die Bestien mit dieser Waffe vorgehen könnte. Am selben Tage war +sein Bericht in Delvils Händen. + +Von seinem Verwüstungsfeldzug unter den Siedlern heimgekehrt saß der in +London. Am Abend dieses Tages waren die beiden Männer einig, daß die +Gewölbe der Turmaline besonders zu schützen seien; niemand war an sie +heranzulassen, es durfte auch nichts nach außen gelangen von den Kräften +der Turmaline und daß die Schleier noch wirksam waren. Den Skandinavier +ließ Ten Keir in der Nacht fassen und einsperren. Die schon +auftauchenden Gerüchte, von der sonderbaren Wiederherstellung des +Mannes, den die Lurche fast getötet hatten, ließ er als Phantastereien +zerstreuen. Eine Kommission von Physikern und Biologen prüfte die +walisischen Netze. Delvil gehörte ihr an. Ein wütender Gedanke hielt ihn +fest: in diesen Netzen waren die Kräfte, mit denen man Bestien +Widerstand leisten konnte, und nicht nur den Bestien! Delvil war +innerlich verhakt. Er haßte diese Welt, die Erde, die ihm dies antat, +die phantastische blöde schreckenlose Macht, die sich vor ihm aufstellte +und ihn wie ein wilder Bulle umwarf. Man hatte nicht dazu die Äcker +verachten gelernt, das Korn weggeworfen, das der Boden gab, das Vieh, +das sich selbst fortpflanzte, um dies zu erdulden. Es steckte eine Rache +der Erde dahinter, die ihr aber nicht bekommen sollte. Wie hatten die +Berge in Island dagestanden, wie hatten die Vulkane sich mit Donnern und +Lava-Ausbrüchen gebärdet, man hatte sie aufgerissen. So hatte man sie +behandelt wie die stolzen Flieger, die man segeln ließ, aber die Luft +riß man unter ihnen weg – was nutzte das große starke Flugzeug; und wie +die Schiffe, die mit einmal nicht mehr fahren konnten, weil kein Meer da +war. Das waren Erlebnisse für Schiffe und Flieger. + +In die unterirdischen Arbeitsräume ließ Delvil Schleier der Turmaline +bringen. Die Physiker, obwohl den herrschenden Familien angehörig, ließ +er unter Todesdrohung an die gefahrvolle Arbeit treiben; alle Gewalt war +bei ihm. Den Männern und Frauen blieb nichts übrig, nachdem sie dem +Schicksal oberirdischer Vernichtung durch die Urtiere entgangen waren, +sich den Netzen zu nähern, den eigentlichen Gebärerinnen des Unglücks. +Delvil, in wenigen Wochen ganz ergraut, mit magerem Gesicht, forderte +sie täglich vor sich. Sie berichteten. Von seinem Haß auf die Urtiere +war in allen; aber sie grollten ihm auch. Sie wußten nicht, wie er sie +täglich rufen ließ, daß er sie beobachtete prüfte, ob sie nicht schon +etwas gefunden hätten, womit sie sich zum Herrn über ihn aufwerfen +könnten. Er sprach nur von seiner Wut auf die Tiere, von der +Notwendigkeit, die Städte die Einrichtungen die Menschen zu schützen. +Kein Wort sagte er davon, daß er auf Rache und Vernichtung aus war. +Vermöchte er zu tun, wie der Skandinavier Kylin an den Bergen getan +hatte: sie erschüttern, anschwellen machen, bis sie platzten. So +Grönland von der Wurzel bis zur Spitze, kreuz und quer aufreißen. Einmal +hatte ein persischer König das Meer peitschen lassen, weil es seine +Brücke zerbrach: wie gut er den König verstand. + +In Pausen, die sonderbar und unverständlich waren, kamen die Bestien von +Norden. Das Meer verseuchten ihre Leichen. Unter der Erde arbeitete in +London Delvil mit seinen Gehilfen. Sie brauchten Tiere und Menschen zu +ihren Versuchen. Delvil war glücklich, als man so weit war, ohne Schaden +die Schleier zu zerkleinern, und sie in kleinen Ausschnitten Kreisen +Blättern auf Lebewesen tat. Er brüllte: „Die Bestien! Die Kreidezeit! +Die ganze Kreidezeit! Was machts aus. Sie sollen kommen. Je mehr, desto +besser. Sie sollen es fühlen.“ + +Ten Keir wagte sich über den Kanal. Delvil empfing ihn zwischen den +Physikern, umarmte ihn wild; flüsterte: „Ich schäme mich nicht mehr. Die +Krise geht vorüber. Gott, was war das für eine Zeit. Ich habe nicht +gelebt, Ten Keir. Sieh mich an, wie mein Gesicht ist: zwanzig Jahre in +zwei Monaten. Sie sollen es büßen. Ich werde wieder gesund. Gesunder als +ich gewesen bin.“ „Ihr seid schon weit, Delvil?“ „Wir wollen Brüder +werden“; er zog den Brüsseler beiseite; sie gingen durch die +straßenähnlichen unterirdischen Anlagen; „ich vergesse dir nichts. Weißt +du, Ten Keir, wie du mich behandelt hast, als ich einmal bei dir war, +vor der Grönlandexpedition? Nein, es war gut. Du hast mich gut +behandelt. Ich hatte ja noch mit den Siedlern geliebäugelt. Du hast mich +zurecht gestaucht. Gut, Ten Keir. Ich vergesse es dir nicht. Ich war im +Begriff mich zu verlieren. Ich war im Begriff mich unter die Hunde zu +begeben. Wie hätte ich jetzt geheult über Lurche und Echsen. Ich brauche +mich nicht mehr zu schämen. Du auch nicht, Ten Keir, Bruder Ten Keir. +Wir wollen Brüder sein. Es kommt der Tag. Glücklich, daß ich dafür +aufbewahrt bin. Ich habe Grönland auf dem Gewissen, Island. Ich will +noch mehr auf dem Gewissen haben. Sie sollen mich fürchten.“ „Wer denn, +Delvil. Wir werden sie bezwingen. Und gut.“ „Nein, nicht gut. Das sagst +du, nicht ich. Was mir geschehen ist –“ Delvils Augen blickten starr; +Ten Keir erinnerte sich seiner Worte in Brüssel, wie er die Fäuste hob, +auf dem Schemel saß und stöhnte: „Ich will sie nicht. Aus tiefstem +tiefstem Herzen sage ich dir: ich will sie nicht. Sie sind schon jetzt +nicht mehr da.“ Delvil zwang die Dinge. Er haßte sie. Durch Ten Keirs +Kopf zuckte einen Augenblick der Gedanke: dieser Delvil hatte selbst +etwas von den grauen und grauenhaften Urtieren an sich. Wie sein Gesicht +sich wirklich verändert hatte, seit er ihn gesehen hatte; die Züge +schwer beweglich, tief eingetragen, die Haut von der Aschfarbe des +Betons, zwischen dem er lebte, die Bewegungen langsam und drängend, kein +Zucken; seine Stimme selbst ohne Modulation. „Es kann mir nicht genug +sein, Ten Keir, daß ich die Lurche besiege. Wir werden sehen, was die +Versuche ergeben. Ich will sie an dem Ort aufsuchen, wo sie entstehen. +Ich gehe ihnen entgegen. Sie werden nicht leben. Der Boden, der sie +geboren hat, wird nicht leben.“ Ten Keir suchte ihm in die Augen zu +blicken. Delvil ging weiter: „Wir werden sehen. Unsere Arme werden +wieder frei, Bruder Ten Keir. Mein ist die Rache, spricht der Herr.“ Er +merkte nicht, daß der Belgier mit gekreuzten Armen unbeweglich dastand. + + * * * * * + +Als im Sommer der Schwall der grönländischen Urtiere nachließ, war den +Helfern Delvils das erste gelungen. Vor die Südspitze von Skandinavien, +Jütland, über die Nordsee, auf die schottischen Berge südlich des Moray +Firth legte man die neuen Waffen. Das war das Sonderbarste +Schrecklichste, was die Erde bisher gesehen hatte. Man errichtete im +Ozean auf den stärksten Schiffen, im schottischen Gebirge auf dem +tausend Meter hohen Carrin Gorm, dem Meall Thonail, Creay Meaghaidh, +hohe turmartige Gebilde. Von weitem waren es schlanke Felsen mit +unregelmäßigen Auswüchsen. Aber wer sie lange Zeit beobachtete, +bemerkte, daß sie ihre Umrisse veränderten, hier breiter wurden als da, +dort einen Auswuchs höher trugen als vorher, unten einsanken, in die +Höhe sich streckten. Dunkel waren die Gebilde wie großflockiger Porphyr, +Partien schienen runzlig wie eine Haut, andere warfen die Lichtstrahlen +zurück, glänzten wie Fell. + +Auf dem Boden der Schiffe, den Kuppen der schottischen Berge hatte man +diese Unwesen errichtet, mit Hilfe der Turmalinschleier. Man hatte +Steine und Stämme zusammengehäuft und sich vermählen lassen. Wie sie +unter dem Feuer der Strahlungen ins Wachsen gerieten und bevor sie +erloschen, schüttete man wie auf glimmende Kohlen Schichten Tierleiber +Pflanzen Gräser auf sie. In diesen Boden trug man zuletzt Menschen ein. +Die Biologen und Physiker der Mekifabriken waren mit den Techniken am +lebenden Organismus vertraut; sie hatten rasch gesehen, die Strahlungen +der Schleier stellten unbändige zuerst gar nicht dosierbare Reizstoffe +für die lebende Substanz dar. Die Trieb- und Wachstumskraft, die in dem +einzelnen geformten Tier- Pflanzen- Steinkörper begrenzt war, die die +Tierkörper reifen, dann aber altern und sterben ließ, strömte massiv und +wie ein Katarakt aus den Gefäßen der Turmalinkristalle und ohne Ende. +Man hatte rein in Händen dieses im Feuer der Erde und Gestirnen hausende +Urwesen. Sie konnten die Nähr- und Reizlösungen entbehren, die noch +Glossing und Marduk für ihre Versuche an Pflanzen und Bäumen verwandt +hatten. Das fürchterlich Zerstörende dieser Gewalt wurde bei den +Versuchen klar: sie zersprengte jeden Zusammenhang, trieb Teile hervor, +unter Vernichtung des Organismus. Sie war wie eine Flamme gleichgültig +gegen Bewegtes Ruhendes Hartes Weiches. Es gelang in Pflanzen-, dann in +Tierversuchen, die strömende Reizmasse auf die Drüsen und Strangsysteme +zu richten, die den Organismus von sich aus zum Wachsen bringen. Die +Jugend der Organismen wurde verlängert. Der Körper wurde nicht zerstört. +Dann hatte man Siedler aufgegriffen und zu Menschenversuchen verwandt. +Die Menschen, die man jetzt auf den Stein- und Baumfundamenten +einpflanzte, waren Anhänger der Senate selbst. Delvil hatte sich +angeboten, man hatte ihn zurückgehalten. In den Scharen, die mit ihm auf +die Vernichtungszüge gegen die britischen Siedler gezogen waren, fanden +sich dann genug, die sich hergaben. + +Gerüste wurden auf den Schiffen und Bergen errichtet; Türme aus lebenden +Stoffen gebaut. Zum erstenmal standen Menschen da auf Gerüsten Galerien +Plattformen um die Fundamente, dirigierten, dosierten Schleierteile, +dämpften mischten arbeiteten das tierische und pflanzliche Leben aus dem +Material heraus. Ihr Entzücken; Ingenieure Biologen Physiker blickten +auf Delvil, der streng gespannt wie immer beobachtete und wanderte. Er +hatte den Skandinavier, der den Urtieren entronnen war, gefragt, ob er +von den Gewölben an der flandrischen Küste schweigen werde. Dieser Mann, +der verneinte, war auf den Meall Thonail in Schottland geschleppt +worden, in die unterste Masse der Steine und Balken eingebacken worden: +„Es macht dir ja nichts aus“ lächelte den Mann Delvil an, wie man ihn +aufs Gerüst brachte; „du hast schon einmal unter den Lurchen gelegen. Es +wird dich nicht überraschen. Du lebst selber von Gnaden der Schleier. Du +wirst einem nützlichen Zweck dienen.“ Der langhaarige Skandinavier +heulte vor Entsetzen, auf den wuchernden Teig schauend, auf den rechts +und links Moos Erde Bretter geworfen wurde. „Das geschieht, unser +Freund, damit die anderen, die oben sind, unsere Männer und Frauen, euch +verzehren. Willst du schweigen.“ Dessen Züge waren gequält, aber +strahlend frisch wie vorher: „Wenn ich deinen Turm sehe, Delvil, so +preise ich die Macht der Erde. Du wirst sie nicht besiegen. Ich preise +die große Macht. Ich fühle mich in ihr. Es ist keine Grenze zwischen ihr +und mir. Ich fürchte mich nicht. Ihr werdet mich auflösen. Laß nur. Ich +will dahin.“ Und wie man ihn faßte, nackt, die Riesenzange aus Kristall +ihn unter dem Rippenbogen packte, über den Teig hielt, sang er dämmernd +und lallend sein Loblied auf die Erde. Dann wucherten seine +herabhängenden Hände und Füße, von der aufdrängenden Bewegung gefaßt, +wulstig klobig in den Teig. Die Zange ließ ihn. Er stand, fiel auf die +Hand. Bog sich, als wolle er sich hochbuckeln, vom Boden losmachen; aber +aus seinem Rücken stachelten die Wirbelfortsätze; wie eine Tonne wölbte +sich sein Brustkorb. In die Bodenmasse versenkt sein Kopf; Balken, Äste +treibend, schlossen ihn in ihren Filz ein. + +Etagenweise wurde der Bau aufgerichtet. Dann wurde der Turm mit den +ausgewählten Menschen, den Anhängern der Senate, beschickt. Wochenlang +dauerte ihr Einpflanzen, das Zementieren eines einzelnen Menschen. Auf +den erlöschenden Nähr- und Stützteig wurden sie gestellt, die noch +armselig kleinen nackten Mannes- und Frauenkörper auf den knisternden +begierigen Brei. Die Ausläufer und Zacken des Unterturms senkten sich +langsam und immer wieder von den Leitern gehemmt in die Beine und Arme +der Menschenkörper. Je mehr Ranken und Sprossen des Unterturmes sich an +den Körper legten, mit ihrer Haut verschmolzen, um so stärker trieb man +die Leiber der sich Opfernden auf. Man verständigte sich mit ihnen: Die +Sprache der Opfer wurde schwerfälliger lallend, dem Wachsen der Zunge +entsprechend. Man mußte warten, bis sich der Körper der Schädel die +Kiefer angepaßt hatten. Man band mächtige Schalltrichter vor die Münder +der Opfer; bald erwies sich, daß man sie nicht benötigte. Die Opfer auch +fürchteten, die Trichter würden mit ihnen zusammenwachsen und rissen sie +sich ab. Ihre Stimme dröhnte tief, klang dabei fern unklar verschollen. +Die Errichter der lebenden Türme mußten alles daran setzen, die Opfer +bei Bewußtsein zu erhalten. Das knochentreibende gehirnweitende +Wachstum, wenn auch langsam mit Nachlaß und Pausen getrieben, gefährdete +immer wieder die Besinnung der Turmmenschen. Sie waren oft im Begriff, +ihren Geist und ihr Menschenwesen aufzugeben und ins bloße Wuchern und +Wachsen einzudämmern. Bis man wieder ihre Stimme hörte, ihre Augen, +deren quellende Lider zugefallen waren, sich öffneten, trübe fragende +Blicke nach den Galerien gingen, wo die kleinen Menschen des Experiments +standen und winkten, – mit grellen Fahnen, später mit Lichtzeichen, weil +die Turmmenschen nahe und nackte Gegenstände nicht unterschieden. + +Ihre Augäpfel waren größer als ein lebender Mann; sturmartig blies der +Atem aus ihrem Mund, den sie offen hielten, als wenn sie schrien. Die +Kiefer waren ihnen im Anfang zu schwer und hingen. Wenig und selten +wurde Nahrung in ihren Mund, über die hängenden Kiefer gefahren und +gestürzt; die Riesenwesen, mühselig gurgelnd und schluckend, wurzelten +in dem Tier- und Pflanzenboden. Ihre Beine waren von den Hüftgelenken, +dem Becken an knollig versteift; breit standen die Beine, verbreiterten +sich massig nach abwärts, gingen in Stränge aufgelöst, ihren +Fleischcharakter verlierend, in die Bodenmasse über. Von da strömten +Säfte und Nährmassen in ihren Leib. Durch ihre Bauchdecken, in die +Weichen wucherten Baumstämme und Tierrümpfe in sie, breiteten sich in +dem Gekröse aus, brachen in die Därme ein, verlöteten mit ihnen. +Tierblut, Pflanzensäfte ergossen sie in die Därme, die sich langsam +hoben senkten, wurmartig zusammenzogen und streckten. Dies war die +Bewegung, die man in halber Höhe der Menschentürme sah: das langsame Hin +und Her der Därme, die sich versteiften hoben und ihren Krampf lösend +wieder herunterstiegen. Mit sich zogen sie jedesmal den schwankenden +lockeren Abhang an sich, den aufklimmenden Wald, die hingedehnten, aus +dem Wald sprießenden Tierleiber: die übergroßen Pferde, die aufrecht +standen, die Vorderbeine in den Leib des Tiermenschen vergraben, mit +ihren Hälsen sich aus seinem Leib windend und bewußtlos an den Blättern, +dem weichen Baumholz kauend. Die Rinder, die aus der Bauchhöhle des +Menschenriesen zu springen schienen, ganz wie wollüstig im Freßdrang in +die Gräser des Waldbodens unten gewühlt; aber ihre Körper bogen sie nach +hinten hoch auf; was sie fraßen, fraßen sie nicht für sich; ihre Hüften +und Hinterschenkel sah man nicht mehr; sie waren im Bauch der +Turmmenschen verschwunden und mit ihm verbacken. Sie waren mahlende +Rinder und ein Mund, den der Riese über ihnen öffnete, eine Röhre aus +der er sog. Die Hoden der Männer verschmolzen mit Baumwipfeln und +Blüten; die strömten ihren Saft in die runden Körper, die sie wie Beeren +trugen. Oft sah man die Riesen unter der Überfülle der Säfte sich +biegen, stöhnen und ihren Samen vergießen. Immer wieder dämpften die +Leiter die gefährlichen traumhaft ausfahrenden Bewegungen. Über die +nackte Haut der Rümpfe, die erstarren konnte, warf man Hühner Schwäne. +Schafe mit dicker Wolle breitete man über die Arme. Man wagte es an +einer skandinavischen Insel, zwei starkmähnige Löwen, die an der +afrikanischen Nordküste gefangen waren, aus Käfigen lebend auf die +Schultern des Turmmenschen springen zu lassen. Sie bissen sich, krallten +sich, während der Riese – es war einstmals Quick Baker, ein Sohn der +Siedlerin White Baker – zwinkerte, an seinem Hals fest. Das war der Ort, +den man ihnen zugedacht hatte, den sie decken sollten. Sie zogen die +Zähne nicht mehr aus der bluttriefenden Haut. Die Tatzen ließen sie los; +aber schlaff hingen die gelben Körper über dem rotüberrieselten Nacken; +ihr Fell schmiegte sich an den Riesen; ihre Beine waren nur Wülste auf +der Menschenhaut. Über ihnen pulsierte der meterhohe Kopf des +Turmwesens, von langen buschigen Haaren überschaukelt. Dumpfe fast +stumme Wesen, unbeweglich luftschnaufend waren sie. Unendlich träge ihre +Bewegungen. Nach Menschenart die Bildungen des Mundes der Nase der +Ohren, aber verstrichen wie mit Stein und Holz gemauert. Das Blut der +Steine und Pflanzen wallte auch in ihnen. + +Man hatte, als man die Türme errichtet, die Gerüste abgebrochen hatte, +auf den Schiffen, die eigentlich verankerte Flöße waren, noch nötig, das +Meerwasser durch die untersten Steinmassen aus Röhren laufen zu lassen, +von Zeit zu Zeit neue Erde und Pflanzenhaufen über den Fuß des Turmes zu +schaufeln. Dann konnte man den Riesenmenschen sich, dem Wind, dem Regen, +der Wärme Kälte überlassen. Die Wesen auf den Bergspitzen Schottlands +speiste man mit Quellen. + +Eine Zahl dieser Türme wurde schon während des Baus von den Untieren +vernichtet. Die Gründung der Seetürme nahm man dann an versteckten +Stellen der Irischen See vor. Fast hundert stellte man her, dann noch +zweihundert. Die schleppte man nach Norden vor die schottische Küste. In +ihrem Rücken, unter ihrem Schutz vollendete man den Bau der Bergtürme. +Eine Verteidigungslinie wurde mit den Giganten vom Sognefjord nach Süden +um die jütische Küste über die Nordsee zu den Britischen Inseln gezogen. +Im Ozean, auf den Gebirgen standen die Menschentürme. Ihre Arme hingen +schlaff herab. Vor der Brust, die man geschützt hatte, trugen sie +lose weiße Netze bis herab zum Nabel; das war ein Stück des +Turmalinschleiers. Und wie die Lurche, die Riesenvögel mit den bezahnten +Kiefern, die schwimmenden Drachen, wandernden Gallerten sich ihnen +näherten, fühlten sie sich von den Menschentürmen gelockt. Wonne ging +von dem Schleier aus. Was im Umkreis an gejagtem und verendendem +grönländischen Getier sich bewegte, drängte auf sie, lechzte gegen das +Floß, schob sich schnuppernd schlurfend gegen die Brust des +Menschenturms. Von der Seite zuckten rascher und rascher die Arme des +menschlichen Gebäudes vor. Die trüben Augen oben zwinkerten, die Stirnen +legten sich in finstere Querfalten. Da konnten die Arme die Lurche Vögel +Quallen Gallerten fassen. Hungrig war immer das Turmwesen. Dumpf stöhnte +es. Quetschte mit der Kante des Ellbogens das anklimmende Tier. Das Maul +sperrte es. Der Kopf bog sich herunter. Das japsende Tier zergriffen +zerpflückten die Finger, die Hände wühlten in dem Sud, stopften +triefende Stücke in den Abgrund des Rachens, der dampfte. Und die Lippen +Wangen Halswampen zitterten dem Unwesen, dem Menschenbaum, als wollte es +lachen. Seine Augen schloß und öffnete es rasch einigemal. + +Der Turm in den Bergen schmetterte die Lurche, die gierigen Drachen +unter sich. Unten wuchs sein Boden, neue Säfte stiegen in ihm auf; er +zwinkerte, das Wasser troff aus seinem Mund. Traurig dumpf brüllte das +Wesen. + + * * * * * + +Sehr eng und fest schlossen sich unter dem Unheil in den Stadtschaften +die Menschen zusammen. Die Senate, schon während der Grönlandexpedition +sehr auf der Hut und fast Bündnissen genähert, machten sich keine Sorge +mehr um die Menschen. Die Stadtschaften waren ihnen gleichgültig. Sie +waren kindisch gewesen, daß sie sich um das Auslaufen der Städte, um die +Siedler bekümmert hatten. Angst, daß die Menschen über sie fallen +würden, kannten die Senate nicht mehr. Sie waren bis auf die Zähne +bewaffnet, die Maschinen konnten nur sie bauen; die Anlage, den Sinn, +die Bedienung der feinen Apparate, der Elementumsetzer Kraftverwandler +Kraftspeicher kannten nur die Männer und Frauen ihres Kreises; sie +konnten die Mekifabriken still legen und alle verhungern lassen. Und nun +ragten die Menschentürme! + +Wegweiser der Senate war der gigantische haßgetragene Delvil. In London +Brüssel Paris Lyon Hamburg Christiania Kopenhagen standen die Senate: +„Laßt sie verkommen, die Stadtschaften. Machen wir uns Platz.“ Die +Ereignisse vor der Grönlandexpedition hatten schon an den Senaten wie an +einem Sieb geschüttelt. Jetzt fielen die letzten schwankenden nieder. +Sicherheitskonvente nannten sich die Senate. Die Worte, die sie +gebrauchten, waren die alten: „Errettung der Stadtschaften“, aber sie +waren jetzt nicht mehr passiv für ihre eigene Sache wie vor der +Expedition. Escoyez in Barcelona sagte: „Autonom sind wir. Niemandes +Diener. Niemandes Sachwalter. Wer in unserem Schatten ruhen will, gut. +Wer nicht, nicht. Wer die Macht hat, hat die Freiheit. Wir haben die +Freiheit. Wir wissen, wem wir Verantwortung schulden. Niemand wird uns +bewegen, anderen Zwecken zu dienen als unseren. Verrucht ist, wer etwas +anderes mit uns vorhat.“ Wie in längst vergangenen Jahrhunderten gingen +Mitglieder der Senate verschleiert und unsichtbar unter den Menschen der +Stadtschaften. Was Delvil nördlich Londons im großen übte, das Verjagen +und Vernichten der Siedlertruppen, wurde im kleinen überall geübt. Die +einzelnen Männer und Frauen in den Senaten waren von großer Wildheit +Raschheit. Es gab Spannungen unter ihnen; man wußte auch, daß eine +kleine Gruppe hinter Ten Keir stand, der von Delvil an die Wand gedrückt +wurde, – hinter Ten Keir, der den alten Weg der Ausbreitung der +Stadtschaften gehen wollte. Aber die neue revolutionäre Schicht der +Herrengeschlechter ließ ihn nicht aufkommen. + +Von dem Boden unter die Erde wurden die Massen der westlichen +Stadtschaften getrieben; unter der Erde konnte sich die ganze und +alleinige Kraft der Herren entwickeln. Nachdem die Fliehenden die +einfachen Wohnsitze vorläufig unter den Boden verlegt hatten, legten die +Herren, stolz und freudig, Fabriken Apparate Waffen unter die Erde. Die +Mekifabriken waren in Hamburg und Christiania von Bestien vernichtet +worden: das war das Stichwort, alles an Anlagen unter die Erde zu +werfen. Jubel der Herren überall, wo dies geschah; man konnte zeigen, +was man war. + +In die Erde wühlten sich die Menschenmassen ein, vor den verderbenden +Untieren und getreten von den stolzen Männern und Männinnen. Wie ein +Baum, ein Wald mit den Wurzeln nach oben wuchsen die Städte in die +Tiefe. Meterdicke Beton- und Felsplatten bedeckten die Stellen der +früheren Plätze und Straßen, oder sie lagen wüst. Als die Mekifabriken +vor Jahrhunderten aufkamen, hatte man Äcker und Wälder verlassen, sie +ihrer menschenlosen Wildnis zurückgegeben, sich in den Stadtreichen +zusammengezogen; wie Fliegen an der Honigstange hingen die Menschen an +den Apparaten. Jetzt gab man noch den Platz der Stadtschaften frei. +Wohnte, wie man konnte, nicht wie ein Ameisenhaufen, der sich nach dem +Boden richtet. Man konnte die Erde aufreißen, schuf Stück für Stück von +dem, was man brauchte, mit eigener Hand. Nistete sich in die Erde ein +wie eine Käferfamilie in tiefer Baumborke; wühlte sich tiefer und tiefer +ein. + +Einige Monate nach den ersten betäubenden Überfällen war, getrieben von +den Racheausbrüchen Delvils, der nächst dem Kanal gelegene Teil Londons, +die Gegenden Colchester Ipswich, später die südlichen Vorstädte Hastings +Ramsgate Dover von der Erdoberfläche verschwunden, auf der sie viele +Jahrhunderte gestanden hatte. Zwischen den gesprengten Häusern bewegten +sich die Wildnis und der Wald. Die Betonplatten ließ man frei liegen +unter dem Licht; Moos und grüne Flechten überzogen sie. In den Platten +waren verdeckte Öffnungen gelassen für Luft und die Einfuhr der +Rohstoffe. Zwischen die wechselnden Schichten der Erde trieb man +Schächte wie in ein Bergwerk. Man baute an einem Korallenstock. Von +vielen Stellen zugleich stieß man vor, dann berührte man sich in der +Tiefe. Die Sande Schotter des Alluvium und Diluvium durchsetzte man; +tiefliegendes Grundwasser drängte man ab, in die Lagen undurchlässigen +Tons schnitt man sich ein. Ruhig gewaltig dehnten sich abgrundtief unter +der Erde die neuen Städte mit den Menschen, das Lebendige von London +Oxford Reading Colchester Hastings Ramsgate Luton Hartford Aldershot. In +den Boden eines alten abgeschwemmten Meeres ließen sie sich herunter, +zwischen Mergel und Kalke, rumorend zwischen den stummen Resten der +dünnschaligen Muscheln einer vergangenen Erdperiode, den Trümmern +jahrtausendalter Kopffüßler. Sie bogen Erdwände auseinander, wo einmal +mit der Hochflut Myriaden Flügelschnecken, Generation auf Generation, +gespielt hatten, kristallklare Wesen mit starken Ruderfüßen, die sie +beim Schwimmen durch das schäumende Wasser wie Flügel auf und ab +bewegten. + +Als Stockwerk auf Stockwerk in die Tonmassen gestoßen waren, immer +größere Höhlen aufgerissen, die Erdmassen, gesprengten Felsen zwischen +den oberirdischen Häuserreihen zu Schutthalden aufgestapelt, hatte +niemand mehr ein Furchtgefühl. Sie flohen nicht vor den Urtieren. Sie +waren auf einer neuen gewaltigen Expedition. Die Senate riefen: „Von der +Erde weg“ und sie gruben sich wonnig ein; das Wunder des menschlichen +Könnens, das die Grönlandfahrer erlebt hatten, erlebten sie jetzt +selbst. + +Noch einmal übten damals die westlichen Stadtschaften Europas ihre +ungeheure Saugkraft aus. Das von Furcht eingeleitete, von Rachegefühl +befeuerte Vorgehen der Westlichen faszinierte die anwohnenden +Menschenmassen. Man hatte nicht mehr daran gedacht, Rücksicht auf die +Siedler zu nehmen; keine Wirkung hatte man mit der großen +Polarexpedition erzielt. Jetzt, im Haß gegen die Siedler gekehrt, +verführte man sie. Von Westen und Norden waren Menschen auf der Flucht +vor den anwandernden sterbenden Tierscharen, vor der Tierlava, die der +grönländische Vulkan um sich schüttete. Zugleich wallten Massen von +Süden und Osten an die Küsten, Haß, heiße Freude über das Verderben der +stolzen Stadtschaften in ihnen, dann die Lust, den Kampf zu sehen. Aber +zuletzt wurden sie betört, selber eingestrudelt. Die Riesenstädte, vor +die sie kamen, waren wie von Bränden Erderschütterungen zerwühlt. Die +schrecklichen, sich über sie erhebenden zusammengewachsenen Reste der +Leiber von Urtieren Häuserbalken Wäldern Menschen, die verfaulenden +Stadtteile, ein einsinkender Morast von Verwesung, der seine +grünschwärzliche Brühe, ammoniakalischen und schwefeldunstenden Wust +durch leere Straßen rieseln ließ. Auf diesen schwärzlichen +kilometerlangen haushohen Morasten, die absanken, wie Gletscher troffen, +ihre Lachen vergossen, hockten schwarze Schwärme von Raben ein, +geschwollene starke Tiere. Weit hörten die aufziehenden Menschen das +Geschrei der nistenden Vogelvölker. Die Menschen, die von Süden +heraufzogen, glaubten Gas Rauch zu sehen; wie sie sich näherten, +wirbelten die Vögel auf, die sich mästeten. Die Urtiere, über den +Stadtlandschaften der Nordseeküste, der Ostsee, des westlichen +Frankreichs und Deutschlands liegend und zerfallend, hatten über die +Häuser Anlagen Plätze den grünbraunen quellenden Boden eines Sumpfes +getragen. Sie hatten, sich bewegend wachsend zerschnitten und +auseinanderrollend, Häuser Erde und Lebendiges ineinander gemahlen; ein +neuer Boden war gebildet; der Wind rührte schon daran, Waldtiere rückten +gegen ihn vor. Ein Schwall östlicher Menschen trieb über die deutsche +Tiefebene hin; durch Süddeutschland bewegten sie sich, die starkbewehrte +Mark berührten sie und lösten Menschen aus den Hordenverbänden. Asiaten +waren unter ihnen, Mischlinge aus den russischen Steppen. Sie setzten +sich auf die Trümmer der alten Städte. Fuhren in die Schächte ein. + +Erst waren die Mekifabriken unter die Erde gestiegen neben die großen +Laboratorien, die man schon seit langen Jahrzehnten in die Erde +geschoben hatte. Die Apparate Fabriken folgten. Zuletzt kamen die +Menschenmassen, die sich eine Weile in vorläufigen Betonhöhlen versteckt +hatten oder nach Osten geflohen waren. + +Sie waren abgetrennt von dem Himmel. In diesen meilenweiten warmen +Bezirken in der Erdrinde gab es nicht Tag und Nacht. Keine Vögel sangen; +Gräser Pflanzen Bäume wuchsen nicht. Man hatte keinen Schnee, keinen +Hagel Regen Wind. Die Jahreszeiten wechselten nicht. Betonplatten +sperrten die seitlich und von oben andrängenden Erdmassen zurück. In den +Buchten Gewölben, den meilenweiten Gängen die Häuser Fabriken Plätze +Alleen. Die Schächte und Höhlen waren in die Erde gebrannt. Den +Sauerstoff der Luft stellten sie mit Maschinen her, trieben ihn in diese +Gänge und Schluchten, die wie Blasen in der Erde waren. Das Wasser der +Themse zwangen die Londoner in ihre Gruft herunterzusteigen; durch die +Alleen ließen sie den Fluß ziehen, Brücken schlugen sie über ihn. In +großem Bogen wand sich der Fluß durch die Betonstadt in dem Bett, das +man ihm gezogen hatte. Zuletzt ließ man ihn anschwellen; er stürzte eine +Betonwand herunter in ein Tal, das nicht ausgekleidet war. In diese Ton- +und Kalkmassen sickerte er ein, konnte nicht zurückschlagen; seine +schäumenden, immer wieder polternden Reste wurden um die Stadtanlagen im +Kreis herumgeführt, bis sie sich in Sand und Schotter erschöpften. + +Das Sonnenlicht kam nicht herunter. Aber die starken Londoner ließen es +herabsteigen. Da stand der glühende Gasball, die Sonne, in +abenteuerlicher Ferne im Äther, das gelbweiße Flammenmeer, das mit dem +Eis des Äthers kämpfte; die Menschen auf der britischen Insel fingen +sein Licht zum Hohn in Spiegeln auf, warfen es in die Tiefe über die +lachenden herumvagierenden Massen. Da war es dünn bleich blutlos wie +Mondschein am Tage, starb neben dem weißen brillierenden +farbenspritzenden Lichtgewoge an den Decken der Gewölbe. + +In die Felslager der großen Tiefe nahe dem Meer, an der Südküste im +Gebiet der South Downs, öffnete man weite Hallen für Vergnügungen. In +diesen Steinhöhlen wuchs die Messingstadt, so genannt nach dem Behang +der Häuser Theater. Im Dunkel lagen große Teile dieser Stadt; mit +Riesenscheinwerfern erhellte man sie. Der Ort hatte seine eigene Polizei +wegen der außerordentlichen Zahl Verbrechen, die hier Tag um Tag verübt +wurden. Hierhin fluteten dauernd Massen. Berüchtigt war besonders bei +den Siedlern dieser Ort, der die Menschen verführte. Aber auch die +Senate, so gleichgültig ihnen das Einzelschicksal war, sahen sich +veranlaßt, von ihren Waffen an die Polizei der Messingstadt abzugeben, +weil hier das Chaos drohte. Die Menschen der westlichen Rassen, die in +die Erdstädte einströmten, waren bald von einer unerhörten Hitzigkeit. +Sie lagen nicht mehr schlaff herum; die Wildheit und Spannung der Senate +schien auch auf sie geflossen zu sein. Die fremden begierigen Haufen +vermehrten die Erregung. In den Vergnügungsbauten und Gewölben, in denen +Männer und Frauen umgingen, kam es zu strudelnden Kämpfen. Die +Vergnügungen, die die Menschen sich boten, genügten ihnen nicht; Kampf +war eine Steigerung. Die Männer des Senats mußten eingreifen; mit +kleinen elektrisch geladenen Stäbchen schlugen sie im Gedränge auf die +Hände Stirnen Ohren der Kämpfenden, betäubten sie. Oder machten sich mit +ihren Silberreifen Platz. Auf einen starken Druck der geballten Faust +schoß aus dem silbernen Fingerreif eine zungenartige Spitze, nicht +länger als ein Nagelglied. Die Spitze war ein durchbohrtes Röhrchen, +eine Kanüle. Die stießen sie während des Ringens dem Gegner in eine +beliebige Stelle seines Leibes, Brust Schenkel Hals, lähmten ihn mit dem +Tropfen, den die Kanüle entleerte. Zogen sie den Ring nicht rasch +zurück, so töteten sie den Gegner mit einem Stich. Sonst erwachte der +Betäubte nach Tagen, kam aber nicht mehr zum vollen Gebrauch seiner +Glieder; der gestochene Arm blieb lahm, die getroffene Brust wurde +kurzatmig. Die Polizisten waren mehr gefürchtet als die Senatoren, die +nur ab und zu unsichtbar erschienen, sich nie einmischten, nur +beobachteten. Man sagte, diese Männer und Frauen des Senats erschienen +in der Messingstadt, um die Leidenschaften zu erregen, ihre Polizisten +zu gefährden und sich an den Kämpfen zu delektieren. + +In der Messingstadt war die große Arena Londons. Man führte Stier- und +Löwenkämpfe ein. Bisweilen wurden auch von unsichtbaren Händen über die +Zuschauer Menschen in die Arena geworfen, zum wonnigen Entsetzen der +Zuschauer. Es hieß, dies seien Verbrecher oder Attentäter auf Senate; +man erfuhr nie Sicheres, weil kein Mensch die Arena lebend verließ. Die +Tierkämpfe fanden immer in völliger Dunkelheit statt. In völliger +Finsternis ließ man die Stiere in die Arena, über die gelegentlich ein +Licht huschte. Das starke Tier aber war blendend hell. Blendend hell +stürmte es, sich selbst leuchtend, in den schwarzen Raum. Stirn Nacken +Beine waren mit einem besonderen Lichtgemisch bestrichen. Das war ein +Stoff, dessen sich Schauspieler bedienten und von dem man ein +wunderbares Gerede machte. Der Stoff, sehr verschieden von dem +Lichtgemisch, welches die Leuchtfarben der Wände und der ganzen +Erdstädte erzeugte, übertrug sich leicht, blieb an Fingern Kleidern +hängen. Mit Stillschweigen und Angst saßen die Zuschauer. Die tierischen +Körper liefen leuchtend durch den Raum, der unter ihren Tritten +phosphoreszierend aufdämmerte. Die Erinnerung an Geschichten, die man +sich zutrug, wurde in den Massen wach. Von einem belgischen ehemaligen +Siedler wußte man, der sich Ibis nannte und nach der britischen Erdstadt +London sich hatte locken lassen. + +Der war mit einer jungen Frau gekommen, Laponie, die er einem andern +entrissen hatte. Sie war wie er lustvoll in die unterirdische +Stadtschaft gestürzt, hatte von dem Lichtgemisch gehört, das die +Schauspieler auf den Bühnen verwandten. Und hatte sich’s verschafft. Sie +strich es sich nicht auf das Gesicht und die Hände wie der Schauspieler, +dem sie es abgekost hatte. Sondern auf die Spitzen ihrer Brüste und über +ihre geheimen Organe. Wollte ihren Mann berauschen. Und wie es Nacht war +und er sich ihr nähern wollte im finsteren Zimmer, wich sie ihm aus und +hatte ihre Freude, wie sie sein Entzücken sah und hörte und fühlte. Wie +er nicht ihr nachstürzte und nicht sie sah, sondern immer nur den Schein +ihrer Brüste und das Flimmern um ihre geheimen Organe. Sie ließ ihn +nicht gar zu stürmisch an sich, damit nicht sein Gesicht von dem +Lichtgemisch empfinge. Aber dann lag er und sie; und sie schliefen in +einer unendlich wohligen Heiterkeit. Ibis aber trug an seinen +Lustorganen den Stoff mit sich fort. + +Er war ein üppiger blonder Flame, der sich seiner neuen Kraft nicht +genug freuen konnte. Mußte sie zu anderen Weibern tragen, denen er +verheimlichte, von wo er sie hatte. Sie kamen mit der liebenden Laponie +zusammen, sprachen nicht von Ibis, aber ihr Geheimnis behielten sie +nicht. Da wurde Laponie von Eifersucht geplagt. Sie suchte das Gemisch +von ihren Schamlippen zu entfernen, von ihren Brüsten; es gelang ihr +nicht, so verzweifelt sie sich wusch und rieb. Und wie sich Ibis ihr +nachts näherte, wollte sie sich verdecken verstecken. Er sah sie aber, +sah ihre geheimen Organe und Brüste. Sie lief aus der Stube, in die +finstere Straße. Und da sahen die Männer und Frauen die beiden laufen, +Mann und Frau, aber nicht Mann und Frau, sondern hintereinander, bald +getrennt, bald dicht zusammen, schimmernd die Muschel eines Weibes und +Rute und Behang eines Mannes, zitternd, im Kreis herumlaufend. Laponie +sah nur Ibis, wenn sie sich umdrehte und dachte nicht an ihre Scham, er +sah nur sie und dachte nicht an seine. Sie flog in ihr Haus zurück, +wollte ihm zürnen. Aber wie sie im Finstern so dastanden, lachte sie; +sie konnte ihm nicht zürnen. Er merkte nur auf ihr Lachen. Sie fielen +sich in die Arme. + +Aber doch war etwas in der Seele der zarten Laponie stecken geblieben. +Sie mochte ihren schimmernden Schmuck nicht mehr, ruhte nicht, bis sie +von dem Schauspieler, der ihr für zehn Küsse das Licht geschenkt hatte, +das Wasser erhielt, mit dem man es auslöschen konnte. Stolz lockte sie +im Dunkel den kecken Ibis, der verblüfft sich drehte, sie nicht fand. +Sie aber kicherte, schlug mit einem Stöckchen auf seine leuchtenden +Geheimnisse, daß er schrie. Und wie ein Kobold lief sie um ihn, prügelte +ihn klatschend. Er wollte sie fassen, um sie an sich zu drücken, diese +Nacht und viele folgende. Aber sie hielt sich tapfer, ließ ihn die +Schläge ihrer Eifersucht fühlen. Bis der Schauspieler, zu dem sie gern +ging und dem sie ihr Leid klagte, ihr gute Worte gab und im Lauf der +Unterhaltung ihr selbst wieder das Licht ansteckte. Zu Hause erst merkte +sie, wie sie ihr Zimmer verfinsterte und den schönen Tag bedachte, was +sie mitgebracht hatte. Konnte nicht zurücklaufen, um den Schauspieler, +den schlimmen, um das grüne Salzwasser zu bitten; Ibis war schon im +Haus. Da legte sie sich stracks in ihr Bett, ließ an sich leuchten, was +leuchten wollte. Ibis polterte draußen, öffnete die Tür. Sie lag starr, +hielt den Atem an; jetzt würde er es sehen. Und er sah es. Stand an der +Tür, klatschte in die Hände: „Da bist du ja, Laponie. Da seh ich dich. +Endlich.“ „Nein, ich bin nicht für dich da.“ „Für wen ist denn das, süße +Laponie. Und warum diesmal nur die Muschel, die kleine Muschel? Warum +nicht auch die Knospen an der Brust?“ „Es ist nicht für dich. Ich habe +mich – gerächt.“ „Was für Rache! Laponie, du leuchtest. Wenn du mich +prügelst, das ist schlimm.“ + +Und er hatte sie schon, die zappelte, gepackt. Sie warf sich einen +Augenblick widerspenstig, weil er nicht zürnen wollte, auf die Seite, +aber bald brannten sie zusammen. + +Und es gelang ihr nicht ernst zu bleiben, wenn sie ihn abends anleuchten +sah. Ja, sie bemerkte, daß sie fröhlich und fröhlicher wurde. Und auch +er wurde von Tag zu Tag fröhlicher. Sie verbargen sich voreinander. Ibis +sagte zu Laponie: „Wir lieben uns zu sehr. Wir müssen uns eine kleine +Zeit trennen.“ Sie hielten es nur ein paar Tage aus. Sie wußten nicht, +daß der Lichtstoff sie lustig und lustiger machte. Eine himmlische +Fröhlichkeit erfüllte beide. Und so erging es den Frauen, die Ibis +berührt hatte, und die sich nicht mit dem grünen Wasser wuschen. Sie +konnten sich in ihrer Fröhlichkeit nicht lange behaupten. Fünf Monate, +und dann lebte er nicht mehr und sie nicht mehr. Und all die Zahllosen, +die sich von dem Lichtgemisch nicht getrennt hatten, die Mädchen die +Schauspieler die Giftschlucker waren hingegangen. Das Flimmern Glimmen +Glühen der bestrichenen Organe ließ nach, die Spannung verblieb. Und +während die Menschen gelb und unsicher wurden, wurden sie ausgelassen. +Trieben Possen von morgens bis abends. Es kam zur Tanzwut und +Liebesraserei. Und wenn diese Menschen, das wußte man, anfingen zu +tanzen und den Schemel unter sich nicht ertrugen, dann war ihr Ende +nahe. Im wörtlichen Sinne tanzten sie ins Grab, in das Grab, das sie +sich oft in Übermut selbst hatten schütten und schmücken lassen. Man +warf die Toten damals aus der Erdstadt auf die Oberfläche zwischen die +Schuttmassen. Diesen Tanzenden wählte man in einer besonderen +Ergriffenheit in der Unterstadt einen Platz; es war ja fast ein Spiel, +was da ablief. Es schien, als ob sie im Tanz die letzte Spur des +Lichtstoffs verbrauchten. Nach einer Stunde Raserei, allein oder zu +zweien –, so endeten Ibis und die Laponie –, konnten sie hineinstürzen, +glücklich schreiend, und schon lagen sie ganz still, ohne Farbe fast +ohne Fleisch. Und die Leute, die herumstanden, konnten staunen, welches +Nichts diese wilden Bewegungen ausgeführt hatte. Nur bei einzelnen +verschwand das Licht nicht völlig. Man sah über ihren Gräbern in der +tiefen Finsternis ein zartes Leuchten. Besonders bei denen erschien es, +die sehr früh verstorben waren. Da war auch der Fliederduft deutlich, +der sich immer bei dem Licht fand; die Toten spendeten noch Heiterkeit +um sich. + +Im Zirkus sah man, in der ganz finsteren Arena, die Stiere stürmen, +Menschen, Männer und Weiber mit ihnen kämpfen. Blut spritzte aus dem +Nacken, den Flanken der Stiere. Es war ein Feuerwerk, ein brennender +Strahl. Man sah das Eindringen des Lichtstoffs in den Leib, seine innige +Vermischung mit dem Blut. Die Kämpfer und Kämpferinnen suchten dem +Strahl zu entgehen, um im Dunkel zu bleiben. Übergoß sie der Stier oder +geiferte sie an, so waren sie geliefert und nur die anderen konnten +ihnen helfen. Nicht das Einwühlen in den Sand half ihnen: sie strahlten +das hellste Licht. Waren dazu selbst geblendet, tappten in der +Sonnenflut um sich herum. Sie waren das Gaudium des Zirkus, aus Kämpfern +zu Clowns geworden. Und es lag ganz in der Hand der Mitspieler, wie das +Spiel weiter geführt wurde. Verloren waren in jedem Fall die +Übersprühten. So trieben sie im Finstern mit dem Stier und dem +strahlenden Mann, der strahlenden Frau ihr Spiel. Es war ihre +Geschicklichkeit, das Spiel lang abwechslungsreich spaßhaft und spannend +hinzuziehen und nach Laune zu beenden mit Niederrennen des Menschen oder +zum brüllenden Gelächter des Zirkus mit Abstechen des Stiers kurz vor +seinem Ziel. Das Hänseln der überlebenden strahlenden Menschen, der +Glühwürmer, folgte nach, die sich nicht zurechtfanden und zwischen +Trauer und der schon anbrechenden Heiterkeit schwankten. Es gab keine +Zirkusvorstellung, wo nicht die lustigen Glühwürmer sich zeigen mußten, +die von früheren Kämpfen übrig geblieben waren. Mit ihnen verfuhr man +später, als man jede Furcht abgelegt hatte, toll und unmenschlich; die +Glühwürmer selbst ließen mit sich tun. Es gab eine Zeit, wo in der +Londoner Messingstadt der Weg zum Zirkus und der Zirkus vor dem Beginn +nicht von den Riesenscheinwerfern beleuchtet wurde. Die glühenden Männer +und Frauen, die lebendigen Lämpchen ließ man zucken tanzen locken; wie +mit Kerzen war der ganze Umfang des Zirkus durch sie illuminiert. + +Bei den Massen, die in die Ton- Kalk- Mergelschichten, in die Felslager +der britischen Inseln einströmten, war die Erinnerung an die +Grönlandexpedition nicht verraucht. Aber kein Gefühl einer Niederlage +lebte mehr in ihnen. Als die Urtiere über sie fielen, hatten sie +geschauert. Dann tobte schon der eisige Delvil unter ihnen; sie wurden +unter die Erde getrieben, von jedem Schwächegefühl befreit, als sichtbar +vor ihnen die Turmmenschen errichtet wurden, die Flotte der Turmmenschen +an der Südküste entlang den Kanal herauf nach Norden fuhr. So tief +verachtet waren die Siedler noch nie. Delvil hatte wahr zu Ten Keir +gesprochen: die Sache der Marduks und Siedler war grausam geschlagen. + +Mit London hatte es begonnen. Mit Brüssel Hamburg ging es weiter. +Stadtschaft um Stadtschaft verlegte ihre Anlagen unter die Erde. Die +Menschen folgten. Kleine Kolonien blieben auf der Oberwelt zurück. +Grenzenloser Stolz trieb die Ingenieure; in grenzenlosem Stolz tauchten +die Menschen hinab. Hier hatten in den Anlagen bei dem Herabstoßen und +Ausbreiten neuer Stollen und Schächte mehr Menschen zu arbeiten als auf +der Oberwelt. Die Maschinen für Sauerstofferzeugung und Luftreinigung, +für die Beleuchtung erforderten bei der Ausdehnung der unterirdischen +Gebiete zahllose Menschen. Aber sie wurden mit vielen Lüsten bezahlt. +Die Anlagen für die Physiker Techniker Biologen breiteten sich in +abseits gelegenen Gebieten, den erdnächsten, bald über das Areal einer +kleinen Stadt aus. Hochmütig zornmütig wie nie waren diese Männer und +Frauen der Wissenschaft. Sie hatten die letzte Scham abgelegt. Die +Massen wußten das; doch gaben sie sich an alle Dinge hin, die diese +Herren ihnen boten. + +In London, wo die Glühwürmchen aufgekommen waren, traten zuerst Menschen +verschiedener Rassen auf, die sich den Herren und Herrinnen in den +Anlagen als Sklaven, Leibeigene, anboten. Die Senate brauchten für die +Mekifabriken und viele Versuchseinrichtungen Menschen, die sie immer +unsichtbar sich aus den Siedlungen oder Städten selbst holten. Jetzt +aber gaben Männer und Frauen von selbst jede Verfügung über sich auf. +Sie waren in dem gepeitschten Zustand und der rauschartigen Gehobenheit +der meisten in diesen Erdschichten. Sie wollten nur noch tieferen Rausch +und wußten nicht, was mit sich anfangen. Es kamen auch schlaffe und +leise Wesen vor die Häuser und an die Türen der Senatoren. Diese +brauchten dieselben Worte wie die andern; aber man sah: sie waren +hereingeirrt, hatten an vielem teilgenommen, weigerten sich an mehr +teilzunehmen, liefen an die Schlachtbank. Hilflos sahen diese +sonderbaren Menschen, besonders Weiße des Kontinents, aus. Die Männer in +den Anlagen hörten sie an, ließen ihnen Ketten an die Füße legen und sie +entfernen. Das waren Bösartige, man sah es; sie ließen sich nur in +Verzweiflung und aus Widerwillen gegen ihre Ohnmacht versklaven. Wie in +der Zeit vor dem Uralischen Krieg die Selbstmordepidemie kam hier der +Verknechtungswahn auf. Auf Plätzen der Stadtschaften unter der Erde +standen Tag um Tag kleine Menschenhaufen an Stellen, die man bald kannte +und die diese Menschen selbst abzäunten. Dies waren die Männer und +Frauen, die sich verkauften. Sie selbst bestimmten, wen sie annahmen. +Einige gaben ein bestimmtes Geschenk an, das man ihnen zu geben hatte +und betrachteten ihren Käufer nicht. Zum Bau von neuen Menschentürmen, +zur Ernährung der alten nahm sich der Senat wöchentlich einen Haufen von +diesen. Zu den Experimenten und laufenden Arbeiten in der technischen +Stadt wurden viele verbraucht. Zahlreiche wurde von trägen +Arbeitspflichtigen für sich an die Maschinen geschickt. + + * * * * * + +Die Menschenmassen, die sich wie schäumendes Wasser in die Abgründe der +Riesenstädte gossen, wußten nicht, was die starken Männer und Männinnen, +deren Werk das alles war und von deren Hand sie lebten, über sie +verhängten. Delvil war in seinen finsteren und ungeheuren Rachegedanken, +seinen Kampfideen gegen die Gewalt, die die Urtiere geschickt hatte, +ganz versunken; er nahm an den Zusammenkünften der Senate wenig Anteil. +Ten Keir, der vierschrötige Belgier, hatte sich in den Hintergrund +gestellt; die Gespräche mit Delvil hatten erschütternd auf ihn gewirkt. +Der tapfere gesunde Mann war von Delvils Raserei abgestoßen worden. Mit +Widerwillen hatte er dem Beginn des Baus eines Riesenmenschen zugesehen, +dann sich abgewandt. Er war nicht wieder nach London geflogen. Als man +ihm von den Erfolgen der Turmriesen erzählte, war ihm Ekel den Hals +heraufgestiegen. Er konnte nicht weiter zuhören; man durfte ihm nicht +davon erzählen. Es schien, als ob ihm der Angriff der Urtiere lieber +gewesen war als diese Abwehr. Ten Keir spannte sich, als auch in Brüssel +der Drang, sich in die Erde einzugraben, wuchs. Aber er konnte es nicht +aufhalten. Erreichte nur, daß die ekstatische aus den Erdschächten +zurückquellende Masse nicht die alten Oberflächenbauten vernichtete. Er +selbst mit einer kleinen Anzahl Menschen blieb in einer unklaren +Vergrämung auf der Oberfläche; wie er sagte, um die Siedlerbewegung zu +beobachten. + +In der technischen und Versuchsstadt Londons, die sich herausfordernd +Grönlandeum nannte, über den Köpfen der Riesenmassen in den Ton- und +Mergelschichten hängend, hatten sich die stärksten Herrenköpfe der +Periode zusammengezogen und alle Stoffe um sich gesammelt, mit denen +Menschen wirken können. Hier saßen in dem Bezirk Carthagon, der sich um +die Pflanzenkräfte bemühte, Atkinson, ein kalter trüber Mann, wie es +hieß Eunuch aus eigenem Willen und Weiberhaß. In Ozeana, das sich mit +dem Wasser befaßte, der Berber und Spanier Escoyez, das Wasserwesen, der +bei Beginn der Grönlandkampagne die Umleitung der Golfstromdrift geraten +hatte und die Anlegung neuer Salzzentren im Meere geplant hatte. Die +Hitze die Flammen das Feuer studierte Nadeja, eine Männin aus dem Hause +Atkinsons. In dem Bezirk Tel el-Habs, Hügel des Gefängnisses, saßen +mehrere senatorische Menschen, die man schon schwer mehr Menschen nennen +konnte. Es waren jüngere und ältere Männer und Frauen, die am Bau der +Menschentürme sich beteiligt hatten und wie Tiere, die Blut geleckt +haben, ihre Gedanken von den Dingen, die sie gesehen und erprobt hatten, +nicht ablenken konnten. Sie kehrten von den Schiffen und schottischen +Bergen mit Widerwillen in die nüchterne und dürftige Landschaft der +Menschenart, der zweibeinigen plärrenden nackthäutigen hinfälligen +Geschöpfe zurück. Atkinson war Eunuch aus Weiberhaß, auch aus +Menschenhaß geworden. Die Herren und Herrinnen von Tel el-Habs mochten +sich, nach dem Anblick der Turmmenschen, selbst nicht mehr in ihren +menschlichen Organen sehen. Was sie an den Sklaven ihrer Gefängnisse +erprobten, das taten sie auch für sich. Tribord, vom Berge Glasmaol +zurückkehrend, legte seinen alten Namen ab, nannte sich Mentusi. Er aß +nicht mehr selbst. Wie ein Wagen stillsteht und nicht vorwärts kommt +ohne das Pferd das ihn zieht, so machte er sich zum Wagen. Tiere und +Pflanzen spannte er an sich. Mentusi sagte zu der Männin Kuraggara, die +früher Frau Macfarlane gewesen war: „Meki und die Generation, die mit +ihm lebte, hat recht daran getan, die Äcker Wälder Tiere preiszugeben. +Was wir durch uns schaffen können, schaffen wir. Sie haben die großen +Fabriken gebaut, die Anlagen. Wir schleppen uns seit Jahrhunderten mit +diesen Anlagen herum. Sie erfordern Raum Bewachung. Was hängen wir nicht +für Stolz an diese Anlagen. Sie sind jetzt überflüssig. Wir müssen den +Angriffspunkt verlegen. Ich bin wieder für Äcker und Viehherden. Mag ein +Hund für mich fressen, soviel er will, wenn er nur mein Hund bleibt. +Hast du die Steine und die Eichen und Viehherden gesehen, die man den +Türmen untergeworfen hat. Die haben für die Türme fressen müssen. Ein +Hund will ich selbst sein, wenn ich noch lange in mich stopfe, was die +Fabriken brauen.“ + +An ihm, der auf Tel el-Habs saß, hingen Polypen. Seine Bauchwand war +durchbohrt. In die wüstliegenden Wälder hatte er seine Gehilfen +geschickt; die brachten ihm Füchse Ottern afrikanische Zebras +Schildkröten. Die uralte Schwierigkeit der Vermählung zweier Tierklassen +war überwunden; Mentusi erkannte es beim Beobachten der Turmbauten. Die +Netze mischten alle Arten zusammen. Wie er über Meki höhnte, höhnte er +über Marduk, der Bäume auftreiben konnte: „Kuraggara, das waren Yogis +und Fakire. Spaßmacher! Wir wollen sie gelten lassen. Bis zur +Grönlandfahrt waren wir nichts. Der Mann, der das Feuer und die Strahlen +aus den Vulkanen riß, ist mein Mann.“ Kuraggara hielt sich den Leib vor +Lachen: „Ich will versuchen, eine Schildkröte zu gebären.“ „Warum nicht. +Wer soll dich daran hindern.“ Sie trieben grausige unheimliche Dinge auf +Tel el-Habs, dem Hügel des Gefängnisses. + +Die Giganten, die Herren der westlichen Stadtschaften, hatten die +Urtiere über sich gehen und sich nicht zerschmettern lassen. An dem +Zauberschleier von Grönland hatten sie sich nicht ergötzt, wie die +ersten Seefahrer und die Menschen der zweiten Erkundung, die in dem +Rosenlicht aus den Schiffen stiegen, sich in Boote setzten und nackt – +Wonne über Wonne – auf dem Wasser schaukelten. Die Herren und Herrinnen +der Riesenstadtschaften waren kalt und gehässig hinter der Gewalt her. +Wie Räuber sich in einem fürstlichen Park verbergen und hinter dem +Gitter die geschmückten Schönheiten auf der Wiese sich bewegen sehen, +unter leichten hellen Tüchern mit losen Haaren, die biegsamen +Spielerinnen, und wie sie sie abschätzen, ihren Augenblick abwarten und +sich auf sie stürzen, um sie zu fesseln und davonzutragen, so belauerten +die unzähmbaren Menschen von Tel el-Habs das Geheimnis der Vulkane, +ergriffen es, zwangen es unter sich. + +Auf dem Hügel des Gefängnisses arbeiteten die von Tel el-Habs zusammen +mit den Menschen der Basaltstadt, die wie ein zerfallener Bergkegel +aussah. Hier bemühte man sich um die Wesen, die man Steine nannte. Roten +Rubin, violetten Apatit, Blöcke glasigen Gipses nahmen sie: Die Strahlen +Kylins, mit denen die isländischen Vulkane gesprengt waren, stellten sie +auf sie ein. Die rubintreibenden rubinformenden Kräfte richteten sie +nicht auf den Rubin, sondern auf den verwandten Korund. Sonst hielt der +still unter der Wirkung dieser Kraft, die für ihn keine Kraft war; jedes +Ding bewegte sich unter seinem eigenen besonderen Drang. Die +Basaltmenschen aber hatten die Vulkangluten selbst in den Händen. Das +schwere Geschütz dieser Gewalt richteten sie auf die Stoffe. Wie ein +Brei, ein Kuchenteig, in den man Hefe wirft, quoll die Steinmasse auf. +Die Basaltmenschen legten um die Schleierteile Röhren aus Gläsern; durch +Gase ließen sie die Urkraft laufen und sich abdämpfen. Da bewegte sich +allmählich in langen langen Stunden der Rubin, wie ein Leintuch an der +Sonne bleicht. Und immer brannte zugleich der Kylinstrahl auf ihn, noch +ohne Einfluß auf die Masse, die nur gärte. Es gab einen Punkt, den die +Basaltmenschen nach schweren Anstrengungen, unter Zuhilfenahme von +Abschwächern Dämpfern Verzögerern allmählich festhielten, den +Indifferenz- und Umschlagspunkt. Dies war der Augenblick, der im Leben +des Steinkörpers alles bedeutete. Es war der Moment, wo seine stärkste +und widerstandsfähigste Stoffverbindung gesprengt wurde, der Stein +selbst, obwohl nicht glühend im Begriff war zu zerstäuben, und von jedem +festen Nachbarkörper geschluckt und angegliedert werden konnte. Die +Kylinstrahlen brannten auf dem Stein; der Umschlag war da. Die +Nachbarkörper hatte man niederzuhalten. Wie in einer übersättigten +Lösung das eingeworfene Kristallstäubchen die ganze Masse zum Erstarren +bringt, so erstarrte der erweichte Körper, ließ sich führen zu dem +Wesen, das ihm das Kylinlicht vorzeichnete. Man hatte mühsam gearbeitet. +Einen Granitblock, den gesprenkelt der harte Quarz, dunkle Hornblende, +Glimmer, rötlicher Feldspat bildeten, hatten sie gelernt in einen +einzigen zusammenschmelzenden Block von weißem Quarz zu verwandeln. + +Während noch die Menschen der Basaltstadt die Umwandlung der Urstoffe +selbst betrieben – auf Schritt und Tritt sahen sie sie sich umwandeln –, +rissen die Herren des Gefängnishügels davon an sich, was sie brauchten. +Die Tiere, die früher nicht zusammenfanden, es sei denn: eins kaute das +andere, stießen sie aneinander; auf die Mutterstoffe mußte alles +herabgezwungen werden, ins Elementare heruntergetrieben. Sie dachten +zornig und rasend, in ihre Erdfestungen versteckt, sich in Hasen Mäuse +Löwen Panther Käfer zu verwandeln. Darum fingen sie Menschen über +Menschen aus der Erdstadt und von der Oberwelt, nutzten die +Sklavenmärkte aus, verwüsteten die Menschen. + +Mentusi und Kuraggara lebten in einer erwartenden Glut. Wie sie lachten. +Mentusi prahlte: „Als es Religionen gab, gab es hundert oder tausend +klare Menschen, die an den Teufel den Satan an den Himmel Gott die Engel +die Unsterblichkeit nicht glaubten. Was haben diese hundert oder tausend +klaren Menschen getan? Sie haben zeit ihres Lebens nicht geglaubt. Nicht +geglaubt: das war ihre Beschäftigung. Es gab auch welche, die haben ihr +Leben dafür hingegeben, gegen die Existenz des Satans des Himmels oder +Gottes zu kämpfen. Tröpfe, Tröpfe. Wer Wahnideen hat, mag seinen Spaß +daran haben. Ich kümmere mich um die Urtiere, die blöden Echsen nicht. +Sie kommen nicht zu uns herunter. Was meinst du, Kuraggara? Sie können +nur sterben und finden oben Platz genug. Aber – jetzt! Was meinst du?“ +„Ja, ich habe auch keine Zeit für Lurche.“ „Wir wollen ihnen ein +Aquarium bauen, damit sie nicht so rasch umkommen und wollen sie schön +füttern. Es soll ihnen besser bei uns gefallen als auf Grönland. Ich geh +einmal nach Grönland und seh mir an, was da geworden ist. Vielleicht +nehme ich mir einen Drachen eine Echse mit Flügel und Schnabel, als +Pferdchen und es muß mich hinreiten. Halleluja, süßes Land. Wir reisen +nach Jerusalem.“ „Bist du nicht auch solch Kind wie die Kämpfer gegen +den Himmel oder den Satan? Mentusi, was geht mich Grönland an? +Vielleicht fahr ich auch einmal nach Grönland. Vielleicht noch lieber +nach Island, zu den Vulkanen. Aber wenn ich reise, will ich schon reisen +ohne Schiff, ohne Drachen, ohne Flugzeug.“ „Und ich!“ „Nun ja. Vogel +sein, wenn ich will. Dampf sein, wenn ich will. Ja, das will ich auch, +Mentusi. Und! Fisch sein! Und Feuer. Und nicht wie der arme +Menschenturm, den ich neulich auf Schottland besuchte. Ich flog zu +seinen Augen auf, ganz dicht und dann weiter weg, bis er mich erkannte. +Er erkannte mich. Es war mein Freund. Aber was soll mir das –, er +trauerte! Trauerte eine dunkle furchtbare Trauer. Wie er mit den Augen +zwinkerte, hatte ich das Gefühl, ich muß rasch weg, er muß mich +vergessen; ich bin ihm ein Alp im Traum. Er ist ein dumpfer schlafender +Mann, der nicht aufwachen kann. Wenn ich noch lange vor ihm gezuckt +wäre, hätte er mich wie ein Grönlandtier angefaßt und verspeist. Ist ein +dummes Kind geworden; greift tapp zu, steckt in den Mund. Aber Fuchs +sein vom Kopf bis zu den Füßen, wie ein Fuchs leben solange man will, +sich fuchsig fühlen. Ja, Mentusi.“ „Wir haben schon zu lange in unserer +Haut gesteckt. Es geht uns schließlich, Kuraggara, wie dem Hammelgetier +von Menschen hinten in London, die sich für unsere Fabriken und die +Versuche anbieten. Sie haben auch ihre Menschenhaut über. Ihnen ist +gleich, was mit ihnen geschieht. Weißt du“ –, er brüllte lachend, „wo +ich mit ihnen etwas mache. Weißt du was.“ „Ich denke mir schon.“ „Ja, +ich mache sie zu Hammeln, allesamt. Wir schicken sie auf eine Wiese, +putte putte putt. Wir machen immer hinter einem Baum putt putt. Dann +kommen sie an, wir stecken sie in einen Sack und fragen: ‚Wollt ihr, +wollt ihr gerne Hammel essen?‘ ‚Ja‘ antworten sie, ‚Hammelchen sehr +gern.‘ ‚Schön‘, sage ich, ‚soll geschehen.‘ Mache den Sack zu. Putte +putte putt. Ein Licht da, ein Dampf da ‚Ist euch gut?‘ ‚Jawohl.‘ ‚Habt +ihr Angst.‘ ‚Ein bißchen.‘ ‚Müßt gar keine Angst haben, Hühnchen. Gebe +euch gleich Hammelchen zu essen. Sie kommen schon aus dem Stall.‘ Hätte +bald gesagt: aus dem Sack. Ein Licht mehr, knack, zwei Dampfer. Immer +Geduld. ‚Wie ist euch denn, Hühnchen?‘ ‚Öh, öh.‘ ‚Ja wie redet ihr denn. +Ihr eßt wohl schon Hammel.‘ ‚Öh, öh!‘ Lach nicht, Kuraggara. Mach ich’s +nicht richtig?“ „Richtig, Mentusi! Öh! Öh!“ „Mein Hühnchen. Bald mach +ich den Stall auf. Ich will euch überraschen. Bald habt ihr die Hammel. +Aber was zappelt ihr im Sack! Was strampelt ihr. ‚Öh, öh.‘ Was ist das. +Ich habe mich vergriffen, Kuraggara. Die Hammel sind schon im Sack! Wie +ist es möglich! Wie ist es möglich.“ „Ich ersticke vor Lachen, Mentusi, +wenn du nicht aufhörst.“ „Da! Nein, Kuraggara! Hammel! Leibhaftige +beinhaftige schwanzhaftige Hammel! Fellhaftige Hammelchen. Vier Stück, +soviel ich Menschen hineintat. Und wo sind meine Menschen. Meine +Menschen sind weg. Die Hammel müssen sie aufgefressen haben. Ich habe +wohl irrtümlich Hammel mit hineingetan, die haben die Menschen +aufgefressen. Ach war ich zerstreut. Menschenfressende Hammel. Was soll +ich nun tun.“ „Nicht spotten, Mentusi. Wären wir so weit.“ + +Tief war die Verachtung der Giganten auf die Menschen ihrer +Stadtschaften. Die Maschinen Fabriken Anlagen ließen sie arbeiten, nur +um sich mächtig zu fühlen. Sie brauchten die Menschenmassen, um sich an +ihnen auszulassen. Es war noch der gemäßigste Gedanke, der auf Tel +el-Habs geäußert wurde, der Gedanke, den einmal Ten Keir in London +aussprach. Ohne Ausdruck war das viereckige rote Gesicht des kleinen +Belgiers; sein Entsetzen beim Betrachten der Arbeiten in den +Versuchsstädten schlang er herunter. Daß er gebrochen und geweint hatte +beim Überfliegen des Kanals, als er einen stummen Turmmenschen auf einem +Floß sah, verriet seine Begleitung nicht. Schrankenlos sprachen sich die +grauenhaft entstellten hochmütigen Wesen, Männer und Männinnen der +Versuchsstädte, zu ihm aus. Sagten, die Zeit des wirklichen Menschentums +nähere sich erst; sie ahnten sie selbst nur. Entsetzt sah er die +schlangenartigen Arme der Polypen sich an ihnen bewegen; dies wäre der +Beginn des wirklichen Menschentums. Von den Menschenwesen unter sich, +Städtern Siedlern, sprachen sie nicht, oder mit dem Gefühl der Wollust +und dem Gelächter. Ten Keir sah, was diese Giganten konnten. Sie würden +eines Tages die Menschenmassen verklumpen, wie die Drachenscharen es +getan hatten. Er sprach aus: man müsse sich hüten, daß nicht einer von +ihnen Mißbrauch mit seinen Mitteln triebe zum Schaden der andern. Es sei +gut, einen Blick auf die Menschen zu werfen; die schäumten und tobten +zum Teil, zum andern Teil wüßten sie sich keinen Rat. Man müsse da +eingreifen. Ein Versuch müsse gemacht werden, wie es die alte Wind- und +Wasserlehre wollte: die wirren verzagenden Geschöpfe wie Tiere und +Pflanzen zu vereinfachen. Vielleicht unter Verminderung ihrer Zahl. Man +müsse sehen, zu menschlichen Dauerformen zu kommen. Zu unkomplizierten +Lebewesen, die sich erhielten zeugten stürben, ihre äußere Lebensweise +jahrhundertelang jahrtausendelang gleichmäßig forttrieben. Die Last des +Einzeldaseins, die schreckliche Einzelbeseeltheit müsse ihnen abgenommen +werden. + +Die Giganten von Tel el-Habs lachten darauf. Er solle sehen, was er +schaffe. Vielleicht machten sie zwischendurch auch das; es sei nicht +sehr reizvoll. Ten Keir suchte in einer schweren ihn erwürgenden Trauer +und Bangigkeit zu Delvil durchzudringen. An den kam niemand heran. +Grausige Gerüchte gingen von ihm, über Dinge, die er trieb. Tagelang +lief Ten Keir mit seiner Begleitung durch Keller Straßen dieses +erdversenkten blitzenden London. Auf Stunden ließ er sich ein Zimmer in +einem Haus freimachen. Da saß er im Finstern, weinte. Und kam nicht weg +von London. Er lief mit seinen Männern weiter herum. Sie mahnten ihn, er +würde sich erschöpfen, sahen seinen Jammer. Er konnte sich aber nicht +von der Stadtschaft loslösen. Dreimal versuchte er zu Delvil +vorzudringen. Bettelnd lag er vor Kuraggara; sie möchte ihm Zutritt bei +Delvil verschaffen, er sei sein Freund. Die wunderte sich über die +Wildheit des Mannes, konnte nichts durchsetzen. Zweimal war Ten Keir +schon in der Oberstadt, zweimal fuhr er wieder die Schächte abwärts. In +sich sagte er: „Ich muß weinen. Ich muß weinen. Viel mehr muß ich +weinen. Ich muß mich brühen wie eine Taube, der man die Federn ausziehen +will. Ich will alles sehen. Ich verdiene es.“ + +Aber wie er dann noch einmal die Sklavenmärkte den Zirkus die +Arbeitsstädte Versuchsorte begangen hatte, nahm er sich an der +westlichen Grenze der Stadt, wo Erde in den Tunnel einbrach, eine +Handvoll knirschender Kiesel. Stopfte sie sich in die Tasche. Während er +auffuhr, die Augen gepreßt geschlossen, drückte er die Kiesel, sie mit +der Hand umschließend, flüsterte: „Ich will mich erinnern.“ + +Oben blickten ihn seine Begleiter an, dachten, er würde wieder anordnen, +zurückzufahren. Aber er ließ sich ins Meer fahren. Sein Flugzeug ließ er +zurück. Auf einem kleinen Schiff fuhr er über den Kanal an die +flandrische Küste. Schwarz und grau waren die Gesteinstrümmer, die er +mit sich genommen hatte aus dem westlichen Grund Londons. Er betrachtete +sie tränend oft in der flachen Hand während der Überfahrt. Schloß die +Faust, wenn einer ihn zu beobachten schien, stopfte die Hand in die +Tasche. + + * * * * * + +Auf den Shetlands und Färöer saßen die letzten Grönland- und +Islandfahrer. Die Senate hatten gefürchtet, schon während der +Expedition, die Seefahrer würden sich gegen sie richten. Aber sie kamen +nicht, stürmten nicht gegen die Stadtschaften. Man wußte, sie waren vor +den Urtieren nach ihrem Sammelplatz, den Shetlands und Färöer, geflohen. +Unter den Katastrophen des Tierüberfalls, dem Machttaumel bei der +Versenkung der Städte vergaß man sie völlig. Wenn man später an sie +dachte, wünschte man, sie möchten kommen, zum Kampf. Sie kamen nicht. + +Das war eine stumme leidende Gesellschaft, die sich auf dem felsigen +Boden dieser meerumheulten Inseln versteckte, von dem Rest des +Schiffsproviants lebte, einzeln, manchmal in Horden nach den +schottischen Bergen herüberkroch. Als ein seelenversteinerndes Grauen +waren die Urtiere über die westlichen Stadtschaften gekommen. Wie über +die Fahrer in der Zone des Rosenlichts die wüsten Gebilde fielen, +Nachbarschiffe Menschen Balken Bleche verwandelten, sank schlagartig +ihre Wonne, klagte durch alles Entsetzen schon das Gefühl: „Es ist gut. +Endlich! endlich!“ Über das Wasser schießend, in die Tageszone +eintauchend erlag die Hälfte des großen Geschwaders den Tieren. Die +überlebten, waren in dem Gefühl über das Meer getaumelt: „Nun nimmt es +ein Ende. Nun sind wir erlöst.“ Wurden auf die steinigen Inseln +hingestreckt, dachten wenig, atmeten gegen die Erde. + +Die nach Schottland herüberkrochen, kehrten zurück: Schottland sei nach +Süden zu abgesperrt. Man wußte finster: „Gegen die Grönlandtiere. Und +gegen uns. Sie sperren sich gegen uns ab.“ Bitter und trostreich. Und +die Seefahrer versteckten sich tiefer in die Klüfte der Inseln. Niemand +ging zu den Schiffen. Den eisigen Winter verbrachten die Seefahrer auf +den Inseln, immer nach Schlaf verlangend, wenig zueinander findend. Das +Rauschen Schnattern der Urtiere ging noch oft über ihre Inseln. Wie von +einem Sturm angefaßt erbebten die kauernden liegenden Menschen. Die +Gesichter bedeckten sie mit ihren Armen; lagen und brüteten. Daß alles +so unwirklich war. Sie beschauten sich in den Höhlen Zelten alten +Häusern: daß der andere noch da war. Man lag selbst da, bewegte sich, +aß, trank. Dachte und fühlte. Man fühlte endlos, mochte nicht sehen. +Fühlte vergeblich, konnte sich nicht erreichen. Wie war man? Als wenn +einen ein Orkan gefaßt hätte und man wäre in die Ecke einer Höhle +geblasen. Da hing man an, ein Stäubchen an einem Spinnwebansatz, konnte +nicht hervor. Sie gingen herum, schluckten, suchten nach ihren Stimmen. +Öfter schwamm eine Beängstigung über sie, die ganze Haut befallend und +ausweitend, die Brust und Kehle bedrückend: Oh was ist uns. Sie +seufzten, ließen ihren Speichel laufen. + +Einer verschwand, ein anderer verschwand. Ins Wasser, nach Schottland. +Auf Mainland verbrannte der Unterführer Good Luck die nächsten Schiffe. +Ausgemergelt wie die anderen schlenkerte er zwischen den Klippen, +steckte den rothaarigen Kopf in die Höhlen, rief hinein, suchte +Menschen. Knurrte: „Wer ist da? Ist wer da? Ha! Ich bin Good Luck.“ „Was +will Good Luck.“ „Nichts. Will euch ansehen. Wißt ihr, was ich gemacht +habe?“ „Du bist heiser.“ „Vom Rauch. Ich habe die Schiffe angesteckt.“ +„Wen kümmerts.“ „Alles weg. Ihr habt recht. Ach was tue ich. Was tu’ +ich.“ Und er irrte in den Höhlen herum, setzte sich ans Meer. Er lief +eines Tages wieder vor die Hütten, rief mit seiner heiseren Stimme alle, +die er traf, zusammen. Rasch sollten sie kommen. Hastete: „Schnell. +Kommt ans Wasser.“ Da setzte er sich an den Strand, nahm zwei glatte +große Steine zwischen die Knie, fing an zu reiben. Er knirschte die +Menschen an, die mit ihm gekommen waren: „Hinsetzen. Nehmt Steine. Macht +wie ich. Mahlen.“ Einige taten es. Er knirschte: „Mahlen, mahlen. Bis es +Staub ist.“ Dann ließ er die Steine fallen, hetzte: „Was machen wir +jetzt? Kiesel werfen. Übers Wasser.“ Und fing an zu schleudern. Die +anderen fluchten, zogen sich dumpf zurück. Er hängte sich an den, an +den: „Mich nicht allein lassen, mich nicht allein lassen. Was soll ich +tun.“ „Steine werfen.“ Sie liefen fort, warfen sich hin: „Ein dumpfes +Vieh.“ Ließen ihn knirschen schlucken. + +Was bei Good Luck begonnen hatte, nahm bei andern seinen Fortgang. Bis +der verwilderte Kylin mit einem Boot bei Mainland erschien in der Sankt +Magnusbucht und in einer steinigen Ebene alle zusammenführte, die sich +aufbieten ließen. Von einem zum andern ging Kylin, betrachtete die +Männer und Frauen, hielt ihre Hände. „Die Vorräte sind bald zu Ende. Der +tolle Good Luck hat die besten vollsten Schiffe verbrannt. Es ist kein +Schade. Wir müssen uns nun früher entscheiden.“ Ein Gequälter höhnte, ob +er sie wieder führen wollte, vielleicht nach Grönland. „Nein. Ich +spreche den Namen des Landes, das du eben genannt hast, nicht aus. So +gewiß nicht mehr, wie Fromme früherer Zeit den Namen eines Gottes, an +die sie glaubten. Ich will euch auch nicht führen. Ja. Ich bin schuld an +diesen Dingen. Nicht am Turmalinschleier und dem letzten Unglück. Aber +an dem vorher. Das hab ich getan. Die Vulkane hab ich aufgerissen.“ Er +stand flüsternd neben einem Felsen: „Tut mit mir, was ihr wollt.“ Sie +standen herum. Kylin setzte sich auf den Boden, bedeckte sein Gesicht, +schluchzte. Keiner rührte ihn an. „Was wird nun geschehen. Ich habe mir +genau alles überlegt und alles vorher gewußt. Ihr werdet mir nichts tun. +Obwohl es mir in manchen Augenblicken lieber wäre, einer täte mir etwas +an. Aber ich bin schon darüber weg. Und darum bin ich ja hergekommen.“ +Viele blickten auf. „Es kann sein, daß wir noch einen Monat, zwei Monate +auf den Inseln bleiben können. Aber ich will weg. Liebe Freunde, ich bin +auf dem Weg, von hier zu gehen und wollte es euch noch sagen. Good Luck +ist verrückt. Es werden noch manche von euch verrückt werden, wenn ihr +euch nicht entschließt und wenn nicht etwas geschieht. Ich geh weg. Ich +geh weg. Das weiß ich.“ „Und warum, Kylin. Wohin.“ „Ich spreche nicht +aus, was geschehen ist. Bleibe ich noch lange hier, so brauchen keine +Drachen zu kommen, ich werde verschlungen. Ich will nicht. Soll ich euch +sagen? Die Stadtschaften sind nicht mehr mein Feind.“ Dichter drängten +sie sich um ihn. „Die Stadtschaften haben ganz überflüssig einen Ring um +sich gegen uns gezogen. Ich werde gewiß nichts gegen sie unternehmen.“ +„Wir auch nicht.“ „Freunde, wißt ihr, was ich tue? Ich, Kylin? Ich geh +meine Wege. Was soll ich hier, vor den Stadtschaften, an der Türe? Ich +geh in die Welt. Die Erde ist groß.“ + +Da wimmerten höhnten lachten noch manche. Aber Kylin blieb auf der Ebene +an der Sankt Magnus-Bucht. Die Verstörung verließ sie. Hunger trieb sie. +Noch rauschten Schwärme der Ungeheuer durch die Luft. Nicht in die Höhe +schauten die alten Grönland- und Islandfahrer. Auf den letzten Frachtern +drängten sie sich zusammen. Mit Seufzern und stumpf schoben sie sich auf +die Decks. Ihren Weg nahmen sie in kleinen Trupps durch die ruhige +Irische See. + +Die Orkney- und Shetlandsinseln, so lange belagert von Menschenscharen, +von den westlichen Geschwadern umringt, wurden entblößt, den Wogen und +Stürmen wiedergegeben. Stumm wie sie Island verlassen hatten, gaben die +Seefahrer die Shetlands und Orkneys frei. Hier waren die Ölwolken +entstanden, Holyhead und Bou Jeloud, von hier waren die unzähligen +Schiffe ausgegangen, beladen mit den Maschinen und der Gedankenmacht der +westlichen Stadtschaften. Der Tod von Tausenden von Menschen war +gefolgt, Island war zerrissen worden. Der eisige Kontinent mit den +Gletschern tauchte auf, überwallt von Schrecknissen. Ihnen allen, die +fuhren, war dies geschehen. Sie fuhren weg, aber sie wollten sich +erinnern. Jetzt das Letzte von sich werfen, auch diese alten +Ankerplätze, auch die Schiffe verlassen. Dann auf den Kontinent. Mit +glühenden Augen hatte der so gealterte Kylin zu ihnen gesprochen: wieder +leben. Was würde kommen auf dem Kontinent. Aber sie wollten hinein. Die +Städte würden kommen. + + * * * * * + +Das Meer verwandelte sich während ihrer Fahrt. Der Nordkanal, die +Irische See. Wellen warfen sich, spielten züngelten. Ein fernes Gestirn +schien aus der Luft. Das Wasser spiegelte die Schiffskörper. Lautlos +spiegelte es die Schiffswände. Stumm zogen Algenfäden hin. Lauer Wind +legte sich an die Schiffe, drängte sie, ließ ab. Langsam fuhren sie. Um +die Scillyinseln bogen sie östlich um. Eine dunkle Linie erschien über +dem weiß glitzernden Meeresbogen. Da im Südosten, wo das Meer in das +dämmrige schimmernde Himmelsweiß überging, zeichnete sich eine +zerbröckelte Linie. Schwärzer klobiger wurden die unterbrochenen +Striche. Auf den Schiffen schlossen sie die Augen, legten sich an Balken +Geländer. Dies war der Kontinent. Rascher ließen die Führer die Schiffe +laufen. Das Meer rauschte sanft gleichmäßig unter ihnen. Schon sahen sie +die Kreidefelsen, die weißen Zacken, die Brandung davor. Da gaben sich +die Schiffe Zeichen. Verlangsamten die Fahrt, hielten auf offenem Meer. +Im Angesicht der Küste des Festlands hielten alle Schiffe. Eine stumme +Stunde verging. Plätschern Ansingen Verklagen des Windes. + +Mit rauhen Kreidefelsen begann der Kontinent. Dann bog er sich glatt +hin. Einmal war ein Gebirge von Cornwall und Irland zum Festland +herübergestrichen. Die Berge hatten sich gesenkt, das Meer über sie +ergossen; das Meer umströmte jetzt die Inseln. Nach Süden und Osten +streckten sich französische Landschaften, von dem atlantischen Wasser +breit umfaßt, nach dem südlichen farbigen Meer quellend. +Jahrhunderttausende hatten Mulden Becken Platten Anschwellungen diese +Länder gebildet. Alte Meere im Norden waren abgeflossen, Vulkane +erloschen, ihre Auswürflinge lagen auf den Hochflächen. In großen +Strömen öffnete das Land seine Brust. Königlich schwollen sie zum Meer. +Mit Gebirgen weiten Ackerflächen Flußebenen Weinbergen lag das Land, +ruhte nicht bis es das Meer grüßte. Es hatte Matten Wiesen Wildbäche +Gebirgsseen entwickelt. Grüne Laubwälder ließ es aus seinem Boden +steigen, in ihren Wurzeln hob es sich zu schwarzen und silbrigen Stämmen +auf, entfaltete unter dem luftdurchflossenen Himmel Blättermassen. Die +zogen das Licht an, vermählten sich mit ihm. Mit grünen roten gelben +Farben sahen Pflänzchen um sich. Gräser standen in dichten Scharen +beieinander, spielten ließen den Wind gegen ihre Kanten pfeifen. Über +Waldböden liefen Ameisen, verschalte braune und schillernde Käfer, +betasteten Halme, drehten sie, suchten schleppten. Mücken schwammen mit +feinen Tönen in der Luft, die sie trug. Große träge Tiere beschnupperten +die Erde der Äcker und Wiesen. Schwerwampige Rinder kauten Gras; mit +muskulösen Lippen schnappten rafften sie es, warfen es sich auf die +nasse rauhe Zunge. An Pflügen von Siedlern kopfsenkende Pferde mit +großen schwarzen Augen; sie peitschten sich die Schenkel mit langen +Schweifen. + +Die Erde beliefen, ihre Rinde schrammten betasteten Menschen. Ihre +Leiber trugen kein Fell wie die Rinder und Schafe; sie waren ohne +Schuppen, nahmen das Licht der fernen Sonne mit nackter glatter Haut +auf. Für die Gase der Luft hatten sie die zarten durchsichtigen +Öffnungen der Münder und Nasen. Das Gewölbe ihrer Brust, von knöchernen +Rippenbögen umspannt, machten sie zum Raum der Luft. Wie am Spinnrad hob +und senkte sich die Brust, sog Luft ein, entließ sie. Unermüdlich sogen +die Menschen sich an der Luft fest, durchtränkten sich mit unsichtbaren +Kräften. In ihre Därme ließen sie die Säfte vieler Pflanzen und Tiere +fließen, nahmen an sich und ließen sich durchlodern von den Gewalten, +die sich auf dem Erdboden niedergelassen hatten. Aus dem Wasser waren +die Tiere aufgestiegen; die Menschen ließen nicht von ihm und es ließ +nicht von ihnen, strömte durch ihre Gewebe und Häute. + +Zitternd und leicht flogen die Menschen über die Wiesen Ebenen +Hochflächen, stoben unermüdlich zu den Dingen, die ihnen Leben gaben und +ihr Leben verlängerten. Sie hatten Knie, die sie hintrugen, die sich +biegen konnten mit dem Rumpf, dem Nacken, zu Quellen herunter, zum Jagen +des Wilds, das ihnen Fleisch geben sollte. Harte Knochen hatten sie aus +dem Kalk des Bodens entwickelt, mit denen sie stemmen und ziehen +konnten, Gelenke, um sich zusammenzukrümmen, das süße Leben zu +verstecken und beschützen. Sie schnalzten sogen an vielen Dingen; die +schmeckten ihnen gut, es gab Bitteres Saures Brennendes. Wie die Zähne +ihnen wohltaten, die gerne beißen krachen konnten. Das Zerrissene +rutschte den Schlund und Magen herunter, tat ihnen wohl. Und immer neue +Dinge lockten die Augen; es bewegte sich alles um sie, war Vogel +Baumwipfel Wind Sand. Die Sonne brachte Farben zum Glühen, warf bunte +Schatten; man hatte Augen; die Freude des Tages, die Wohltat der +Vermählung mit dem Licht. Die Haut war fühlsam; Glieder die sich bewegen +ließen, trugen den ganzen Körper; wohin. Wo Kühle war, Wärme, eine +Rinde, die sich abblasen ließ, und Menschliches, eine Haut, eine +Schulterplatte, eine Schenkelglätte. Mann und Weib zueinander. Dazu +hatte man Füße und Knie, konnte gehen, sich nähern. Blicke zueinander, +Hände zueinander, Münder zueinander. Und nicht nur Münder. Man hatte +einen Leib; das einzige Wühlen. Was man tastete umfing: daß man nicht +Wasser war, um mit ihm zusammenzuschmelzen. Daß man sich hielt, diese +Beruhigung Besänftigung: dies Stieren und Vergehen im Feuerschein. Daß +das Eine Brüste hatte, schweres Haar, weiche Haut, das Andere Härte und +Rauhigkeit. Die haarumbuschten schwellenden Glieder der Vermischung: der +Überschwang der Süßigkeit, den sie gaben. Fittiche, die in das andere +Land trugen. Und das hing über dem Boden, Mensch und Mensch, der Same +strömte, verdunkelt lagen sie, in Finsternis, das mütterliche Licht, +eingeschlossen. + +Auf den Ackerflächen, den Gebirgen, in den Flußebenen, in den Wäldern +die Menschen. In das Land zwischen dem kalten atlantischen Wasser und +dem südlichen Meer quollen die Grönlandfahrer. Die großen Stadtschaften +umgingen sie. Sie sahen Brüssel, das nicht mehr Brüssel war, sondern +eine Häuserwüste, in der Ten Keir thronte, die er bewachte. Er war ein +Spürhund. Die Grönlandfahrer zerstreuten sich, um ihm zu entgehen. Sie +waren nach Norden gestoßen, in einem Verlangen, das Mardukreich zu +berühren, von dem niemand mehr etwas wußte. Da kamen beim alten Amiens +Männer des alten Ten Keir zu ihnen, die wie ein kleines Volk auf dem +Wege nach dem zertrümmerten Valenciennes waren. Die Männer mischten sich +unter die Grönlandfahrer, suchten sie zu erforschen. Die blieben +verschlossen. Wie sie bei den Ruinen waren, zeigte sich Ten Keir selbst. +Er nannte sich bei Namen, prüfte aufmerksam die auffällige Kleidung der +Männer und Frauen. Ob sie zu Schiff gefahren wären nach Belgien, da sie +Lederkleidung trugen. Er war, einen ganzen Tag zwischen ihnen +herumgehend, beunruhigt. Und plötzlich stieß er auf Kylin, den Mann, den +alle Senatoren dieser Landschaften kannten. Kylin saß auf einem Wagen, +verteilte Brot, das ihnen Siedler gegeben hatten, betrachtete einen +Augenblick uninteressiert den Mann, der sich vor ihm aufpflanzte. Jetzt +war dem tief erschrockenen Ten Keir der Zug klar. Dies waren +Grönlandfahrer, die die Sperre durchbrochen hatten. Aber man hatte die +Sperre verfallen lassen. Er rief Kylin bei Namen. Der ließ, den Blick in +Keirs Augen versenkend, ein Brot fallen. Ten Keir bückte sich: „Du bist +Kylin.“ „Ten Keir.“ „Ja.“ Kylin mit dem langen grauschwarzen Bart nahm +das Brot zurück: „Habe keine Furcht vor uns. Oder hast du Furcht.“ +„Keine Furcht. Ich staune, Kylin. Du bist Kylin.“ „Wunderst du dich über +meinen Bart? Deine Stadtschaft ist auch nicht jünger geworden.“ „Brüssel +ist nicht meine Stadtschaft. Du siehst sie nicht. Brüssel ist unter der +Erde.“ „Ich weiß. Ich habe gehört.“ „Warum blickst du immer um dich, +Kylin. Hast du selbst Furcht vor mir?“ „Es ist schön im Land. Wir wollen +weiter ziehen. Ich will dir viel Glück wünschen.“ „Wo geht es hin, +Kylin.“ „Ich weiß nicht.“ „Sag mir doch.“ „Nach Norden. Nach Osten. Leb +wohl. Ten Keir.“ + +Der unruhige Kylin war gleich aufgebrochen. Ten Keir beobachtete ihren +Zug; seine Abgesandten waren an dem Weg, an dem. Der Belgier +verheimlichte vor dem Senate seiner Stadtschaft seine Begegnung; +besänftigte sich nicht: was ist mit den Grönlandfahrern, was haben sie +vor. Fühlte sich erregt; konnte sie nicht loslassen. Waren das Siedler? +Er war hilflos. Nach einigen Wochen konnten ihm seine Beobachter nichts +mehr von dem Zug melden: er hatte sich aufgelöst. Wohl aus Hunger, +tröstete sich, zweifelte Ten Keir. Die Giganten jenseits des Kanals +strotzten und regten sich; er floß blaß zusammen. Saß über der +Stadtschaft Brüssel. Die Kiesel vom Grund des schrecklichen London der +Kuraggara und Mentusi knirschten in seiner Tasche. Er war getrieben, +wußte nicht wohin. + +Nach Süden in die Landschaft, die immer reicher aufblühte, bogen die +Fahrer um. In kleinen Trupps wanderten sie, hielten Berührung +miteinander. Als die schwarzen Argonnerberge vor ihnen auftauchten und +sie anfingen in der Menschenöde zu hungern, wartete Kylin eine Woche, +bis alle Trupps zusammen waren. Im Flußtal der Aire sammelten sich an +dreitausend Menschen, auf Wagen Karren Mauleseln Pferden +Ochsengespannen. Die Tannen in den Wäldern hatten hellgrüne Triebe; in +einem Wäldchen junger Nadelhölzer sprach Kylin mit einer kleinen Zahl +ehemaliger Unterführer: „Wir müssen uns trennen. Jetzt müssen wir uns +wirklich trennen. Wir haben keine Nahrung, wenn wir beieinander bleiben. +Man kann uns zusammen erschlagen. Ten Keir von Brüssel ist hinter uns.“ +Er ging unter den zwanzig Männern und Frauen herum. Der junge Idatto, +ein sehr magerer Mensch, der die eigentümliche Fettsucht der Städter +überwunden hatte, hielt ihn am Arm: „Und was soll aus uns werden?“ „Du +wirst nicht wieder krank werden, Idatto.“ „Ich weiß. So nicht. So werde +ich nicht wieder krank werden.“ „Wir müssen uns trennen.“ „Aber ich will +bei dir bleiben. Ich werde wieder krank werden, kränker als vorher.“ +„Glaubst du, Idatto?“ „Wir wollen uns nicht trennen, Kylin.“ „Wir +bleiben in kleinen Gruppen zusammen, das will ich ja auch. Aber so wie +bis heut können wir nicht reisen. Du weißt selbst, wie viele hungern.“ +„Ich will hungern und alle wollen lieber hungern als daß wir uns +verlieren. Frage Bersihand und Magin und wen du willst. Sie wollen alle +lieber hungern als voneinander gehen.“ Kylin ließ ihn los, stand stumm, +auf den Boden blickend, bewegte die Lippen. Dann: „So sollt ihr reden.“ +Und nacheinander sprachen die Männer und Frauen dasselbe wie der kranke +Idatto. Sie umringten Kylin, der sich immer wieder zurückzog. Sie wußten +nicht, und fuhren zurück, als Kylin die hellen Augen öffnete, warum er +drohte und zu schreien anfing: „Aber so tut was ihr wollt. Verhungert, +laßt euch erschlagen, bleibt zusammen. Ich hindere euch nicht. Ich hab +keine Macht euch zu hindern. Ihr habt auch keine Macht mich zu hindern. +Ich geh von euch.“ Idatto bettelte: „Warum?“ „Ja, du fragst. Du fragst. +Und daß du schon fragst, ist schlimm. Du bist jetzt gesund, Idatto: wozu +bist du gesund? Ich staune, was ihr alle aus eurer Gesundheit macht. +Nein, ich bin entsetzt, was ihr daraus macht. Ich muß es aussprechen: +ich schäme mich eurer.“ + +Kylin ließ sich wie müde auf den Boden, streckte sich, legte den Kopf +stumm zur Seite, schob die Hände in die weiche Erde. Es war als wenn +einige diese Bewegung verstanden. Die kraushaarige breite Damatile nahm +den unsicheren Idatto beim Arm, sah ihm ins Gesicht: „Willst du jetzt +still sein, kleiner Idatto.“ Und während sie schwiegen, stand Kylin +langsam auf. Damatile faßte ihn bei der Hand. Sie wollte sprechen. Aber +Kylin hob beide Hände, sah sie an und sah die andern an. Und jetzt +wußten alle, daß er an Grönland dachte, an die Vulkane Gletscher +Urtiere. Durch sie alle schwang und dachte es. Kylin kaute an seinen +dünnen Lippen: „Wir müssen uns trennen, Damatile, Freunde. Damit wir +nicht zugrunde gehen.“ Jetzt verstanden sie es. Der junge magere Idatto +weinte an der Erde. Kylin hörte ihm eine Weile still zu. Man hörte nur +das Weinen des jungen Menschen. „Was wollen wir weiter miteinander +sprechen, Freunde, und uns erregen. Sagt es den anderen draußen. Sagt es +ihnen deutlich. Aber sie werden schon verstehen, wofür wir leben +müssen.“ + +Noch tagelang blieben sie im Tal der Aire zusammen. Als bei Kylins +Gruppe vor dem Tannenwäldchen abends ein großes Lagerfeuer brannte und +die Unterführer sich bei Kylin versammelten, wußten alle Trupps, daß es +jetzt zu Ende war. Aber in keinem war mehr Leiden Graus Schmerz wie am +ersten Tage, als man von der Auflösung der Wanderschar hörte. Erst saßen +die Führer bei dem riesigen blasenden Feuer, starrten zurückgelehnt auf +dem Moosboden in den lebendigen roten Schein. Dann erhob sich Kylin, +verneigte sich vor dem Feuer, warf, immer vor sich starrend, seine +Jacke, seinen Gurt hinein. Den Kopf auf den Boden, kniend, verharrte er +eine Weile. Stand auf, schweigend von den anderen beobachtet, berührte +mit den Händen die Tannen in seiner Nähe, verneigte sich vor ihnen. Wie +er sich an seinen Platz am Lagerfeuer setzte, öffnete er die Lippen, +ohne von dem Feuer wegzusehen: „Ich hab euch das zu sagen“, – er redete +tonlos, die Hände schlaff auf den Knien, – „nein, nichts habe ich euch +zu sagen. Ihr seht es alle selbst. Dies ist, dies ist das Feuer.“ Und er +drückte den Kopf fest auf die Brust: „Ich bereue“, er lispelte, „ich +bereue.“ Unsicheres Zusammenrücken in dem Kreis. Kylin flüsterte: +„Verdeckt es euch nicht. Ich – bin – stark. Ich lasse mich nicht +zerbrechen. Ich sehe hin. Hinein. Ich sehe ihm ins Gesicht. Da. Ich +stehe auf. Ich stelle mich ihm gegenüber. Ich sehe ihm in die Augen. +Hindurch. Tiefer, in den Kopf. Tiefer, in den Hals. Ich sehe. Ich wag +es. Ich halte aus. Ich bin auf den Knien. Aber ich falle nicht um. Meine +Augen lassen nicht los. Und wenn man Beile nimmt, man schlägt mich davon +nicht ab.“ Ein Breitschultriger Dunkelhäutiger stand auf, schlurrte +schwer zu Kylin, kniete hinter ihm hin, starrte über seine Schulter mit +verbissenem Gesicht. Der fiel knirschend um, grub die Stirn in den +Boden. Sanftes Wimmern einer Frau; dann kreischte sie, die Sehnige mit +dem warmen traurigen Gesicht, den Flaum über den Lippen. Die Arme hielt +sie ausgestreckt: „Weg. Grönland Vulkan. Bestien. Weg. Weg das.“ +Aufgesprungen, davongerast. Männer rückten von der Flamme zurück, +ingrimmig, dem Rasen nah. Sie sahen, das Feuer, Island, sie hatten es ja +schon erkannt. Und wie sie sich zwangen: sie würgten erbrachen bogen +ihren Hals, trieben die Augen vor, erbrachen, ließen sich zurückfallen. + +Kylin saß unbewegt; die Augen hatte er in einem wüsten Grimm in das +Feuer gebohrt, an das Feuer gegeben: „Aushalten. Rühr mich keiner an. +Entweder ich brenne aus oder ich bleibe.“ Damatile, das starke +plattnasige Weib, jenseits der Flamme, schrie zu Kylin herüber: „Unser +Verderber. Du! Wir haben alles überstanden, die Turmalinschleier die +Drachen. Das schlimmste kommt zuletzt: Kylin. Das schlimmste heißt +Kylin. Er hat die Vulkane aufgerissen und jetzt sind wir dran. Nicht zur +Besinnung sollen wir kommen. Nicht genesen. Kylin, Bestie, Drachen.“ Der +stöhnte: „Immer weiter. Für mich. Das ist Grönland. Das – ist – +Grönland.“ + +Unter dem Erbrechen Murren Stöhnen der Männer und Frauen schleppte sich +Idatto, der junge, gegen das Feuer. Sein Blick lechzte: „Weggezogen. +Wiedergekommen. Ich komme schon. Du rückst vor mir nicht aus. Da ich, +Idatto. Ich bin Idatto. Du bist das Feuer. Du bist Grönland. Ich +knirsche nicht. Da, ich bin dicht bei dir. Komm nur, brenn nur, rase +nur, sei mein Feuer, laß dich schlucken. Ah süße Hitze. Schlucken in +meinen Rachen. Süße heiße strudelnde Luft. Hauch in meinen Hals. Ich +halte aus.“ Kylin: „Mußt aushalten, Idatto. Es ist Grönland. Es ist das +Feuer. Du darfst dich nicht entziehen.“ + +Der Schwarze Niedergefällte ächzte: „Kylin, du. Ich halte aus. Wie +quälst du uns. Wir waren ja schon gesund.“ „Ich mach keinen gesund, +keinen krank. Idatto, stütze mich, ich stütze dich, sei du mein Freund. +Sprich mit mir: ‚Dies ist das Feuer, dies ist das Feuer.‘“ „Was soll ich +sagen.“ „Dies ist das Feuer. Damit es nicht ausweicht, Idatto.“ „Ja, ich +will es.“ Und sie umklammerten sich beide. Das rote Feuer glutwallte vor +ihnen. Die Männer und Frauen hielten sich die Ohren zu. Die beiden +hauchten: „Das ist das Feuer. Das ist Grönland. Das Feuer. Grönland. +Grönland.“ + +Und die andern rafften sich auf, bewegten den Kopf abwärts, stotterten: +„Ja, ja.“ Denn Kylin und Idatto gaben nicht nach. Von dem Würgen und +Erbrechen waren die Menschen schwach. „Hier mein Tuch. Meinen Gurt“ +murmelte einer matt, warf den Gurt von sich in das Feuer. Das fraß ihn, +erhob sich knatternd in Flammen, spie Rauch. „Es muß geschehen. Es gibt +keine Rettung.“ Und da stürzten schon welche vor die beiden +umschlungenen Kylin und Idatto, die sich bestärkten: „Es ist gut. Ihr +seid gut. Wir danken euch. Nehmt mich mit auf den Weg. Kylin, daß du uns +nicht hast einschlafen lassen.“ „Das Feuer. Grönland. Das Feuer. +Grönland.“ „Ich bin schwach. Ich bin nichts. Ich bete dich an.“ +„Gewaltiges. Gewalt. Ach ich reiche nicht aus. Geschehe was will.“ Und +da zogen welche ihre Jacken aus, mit fliegenden Fingern, betasteten sie, +der Atem flog ihnen, sie ließen die Jacken in das Feuer fallen, hielten +sich die Ohren zu, wie es knisterte und sprühte, schluchzten hilflos, +bitter heraus: „Wo ist eine Rettung.“ Und immer riefen Kylin und Idatto, +am Lichtschein hängend, unerbittlich: „Feuer. Grönland.“ Schmeichelnd, +unter einem Zwang, nahmen manche sich die Tücher ab, Bänder, was sie +lose an sich trugen, drückten sie sich schmeichelnd an das zärtlich +entspannte Gesicht, warfen es in sanftem Bogen ab in die stolze +aufprasselnde Flamme. Sie standen in der Umschlingung der Finsternis, +vom Feuerschein überspielt, das Gesicht zogen sie nach rückwärts, dann +tauchten sie es wieder ein in das weiß-rote Licht. + +Idatto hatte sich mit einem schmelzenden Lächeln von Kylin abgelöst. +Sachte bog er seine Knie, machte Schritte um das Feuer. Schlich um den +Brand. In weitem Bogen schlich er um den Brand. Die Arme hielt er +gehoben, sein Mund zum Frohlocken geöffnet, aber er sprach kein Wort. +Der junge Schmächtige blickte nicht in das Feuer, nur gerade vor sich in +die lichtdurchzuckte Luft, auf den nadelbestreuten Waldboden. Verneigte +sich alle paar Schritt. Umkreiste das Feuer. Und die, neben denen er +lief, standen auf. Seine Stimme kam: „Auf! Steht auf. Das Feuer +gepriesen. Grönland gepriesen. Die Vulkane gepriesen.“ Und die +gekrümmten Rücken, geduckten Schultern folgten. Seufzten noch, +schauderten schluchzten in ihrer Angst, aber er kreiste weiter. Kylin +kauerte am Boden. Wie sie stöhnend und flüsternd vorbeizogen, verlor er +die Besinnung, lag rückwärts gestreckt im Dunkel. + +Idatto löste sich vom Feuer, lief rufend in den Wald. Vom Flußtal der +Aire stiegen einzeln, in Scharen Menschen her. Erschreckt beängstigt +mischten sie sich unter die Herumziehenden. Drängten fragten. Sie +wußten, man mußte sich trennen. Von Grönland ging das Gerede. Das Feuer +wehte streng; man schob sich an den Brand, warf beschwörend bittend +Tücher und Gürtel hinein, kaufte sich los. Wie viele knieten; die Angst +bezwungen. + +Man hob Kylin auf. Er stierte in das Gewimmel, horchte auf das Raunen +Rufen Aufschreien. Idatto führte ihn. Kylin lächelte fremd: „Habt ihr +Furcht vor mir? Ich bin der, der auf Island den Herdubreid und Krabla +gesprengt hat. Ihr habt keine Furcht vor mir. Ihr seht ja, was wir +hingebaut haben: das Feuer. Das große große Feuer. Keine Furcht. Weicht +ihm nicht aus. Auch den Vulkanen und Grönland nicht. Sie sind sonst ein +Gefängnisvogt, der auf euch wartet, euch in Ketten werfen will. Keine +Furcht. Ihr müßt das Feuer ansehen, bis ihr es aushaltet. Seht das große +Feuer. Seht es an.“ „Näher, näher. Es zerreißt nicht. Ach wie es blüht. +Grüßt es. Grüßt es. Grüßt Island. Unsere Heimat. Verneigt euch. Grüßt.“ +Viele stürzten hin. Die Rufe brausten durch den Wald. + +Kylin trat langsam an den Brand, während die Flammen unter neuem Holz +brodelten. Die Führer um ihn wurden still, schwärmerisch verzückt +ehrfürchtig an dem Feuer hängend. Kylin ließ sein hartes Gesicht +bescheinen: „Da brennt es. Wärmt. Brennendes Flammenfeuer. Es hat die +Vulkane auf Island zerrissen. Die Gletscher gesprengt. Das ist wie +Wasser, das die Schiffe zerschlägt und die Schiffe trägt. Wohl uns, daß +wir nicht auf den Shetlands verdorrt sind. Die Angst hat uns verlassen. +Ich verneige mich schon. Du brennst, wenn wir nahe kommen. Laß dich +besänftigen. Sei uns gnädig. Sei uns allen gnädig.“ Idatto hielt Kylin +umfaßt. „Nun frage ich dich, Idatto, ob du verhungern und sterben oder +leben willst. Haben wir ein Recht zu sterben. Ein lebendiges Wesen die +Welt: das ist ungeheuer zu denken. Ist es möglich zu sterben, nachdem +wir dies wissen. Hör wie sie rufen. Sie verstehen alles wie wir. Dies +verstehen alle Menschen. Es ist keine Zaubersprache, die wir verstecken +können. Idatto, du junger. Wir werden uns bald trennen. Jeder wird +einzeln gehen. Ich muß leben, du auch, die andern. Das Feuer preisen. +Und was wir gesehen haben. Jetzt kommt das Leben.“ + +Damatile, die starke schwarzhaarige Frau vor ihnen, streckte wagerecht +selig die Arme hin, lächelte durch die Spalten der geschlossenen Augen. +Wie von einem Vogel lockte gluckerte ihre Stimme: „Wie kamen wir auf den +Einfall, zusammen zu bleiben, um uns totschlagen zu lassen. Wie ein Bad +ist dies, eine Wonne, in der ich liege. Eben ist uns das Bad gerichtet, +das Wasser eingelassen. Eben sind wir aufgenommen.“ Die gelbliche +langsame Schachara rief hinten: „Damatile.“ „Hier steht Damatile, macht +die Augen nicht auf.“ „Ach, da bist du. Ich bin’s.“ „Wer denn?“ +„Schachara.“ „Schachara sagst du.“ „Damatile, ich kann alles +aussprechen. Das ist das Feuer, das wir in Island geholt haben. Ich bin +über den Herdubreid geflogen. Er war schon aufgebrochen. Diese Flamme. +Es war diese Flamme. Ich erkenne sie wieder.“ „Ja, Schachara. Und +schließ die Augen, sage was du dann fühlst.“ „Was?“ „Die Augen +geschlossen, Schachara?“ „Ja.“ „Leg deine Hände hinter den Kopf wie ich, +halte den Kopf zurück. Hör nicht, was sie rufen. Fühl nur. Fühl in deine +Finger, fühl in dein Gesicht, in deinen Mund, fühl in deinen Leib, deine +Beine herunter, in deine Füße. Fühlst du. Ach, ich kann nicht sprechen. +Nicht über meine Lippen. Ach Schachara, ich, ich kann es nicht +aussprechen. Es ist wieder da. Hab keine Furcht, fühl es nur. Bleib +stehen. Das Süße Sanfte Sanfte Wilde und Starke. In meinem Hals, in den +Knien, über dem Rücken, in meinen Augen. Ach. Brennt fließt. So. So. Ich +brenne selbst. Nicht zu sprechen. Nicht zu sprechen.“ + +Die andere lispelnd versenkt: „Nicht zu sprechen, Damatile.“ + +Idatto hatte einen alten Buchenstamm erklettert. Die Splitter des +Strunks umfassend hing er oben, träumte über das Wogen der Menschen +hinweg, in den immer gewaltiger angefachten Brand: „Die welken Blätter. +Die Luft. Ich laß mich fallen. Ich laß mich fallen. Oh hilf mir einer, +daß ich nicht verschwinde.“ + +An diesem Abend und in dieser Nacht rangen sich die Führer von der +letzten Verstörung los. Kylin zog in der Nacht die Unterführer zu sich; +er wolle, bevor sie sich trennten, ihnen etwas mitgeben. Es war ein +Zeichen, das sie festhalten sollten. Er trug einen kleinen Dolch. Das +Griffende aus Bronze zeigte hochgetrieben die Linien eines geöffneten +Berges, aus dem eine züngelnde Flamme schoß. Den Griff des Dolches +erhitzte Kylin, drückte als erster das Zeichen sich dann Idatto in den +Unterarm. Das Zeichen nahm in dieser Nacht das ganze Heer der Führer. +Sie bogen sich, wie der Schmerz in sie schoß, schlossen die Augen, waren +stiller als vorher. Bei Morgengrauen lösten sich ohne Abschied die +ersten kleinen Gruppen von der Schar. Als das Feuer mittags +zusammensinterte, war das Wäldchen und Flußtal der Aire leer. + + + + + Neuntes Buch. + + Venaska + + +Im Südosten des Landes stand ein uraltes Rumpfgebirge. Flach gewölbt war +es, vom Wasser und Regen bis auf den Sockel zerstört. Senkte seine +Oberfläche nach Westen unter die weiten eingeebneten Beckenlandschaften. +Vulkane hatten die alten granitischen Massen durchbrochen. Dies war die +Hebung der Cevennen, das Hochland der Auvergne, Fores, Lyonnes. +Bergströme durchbrausten die welligen Plateaus, enge Felstäler, Basalt- +und Trachytkegel, Lager von Schlacken Aschen. Ein Krater senkte sich +hundert Meter ein. Von den Gletschern des Gotthard kam die Rhone +herunter. Gießbäche verstärkten sie. Sie jagte durch Engpässe, tauchte +ihr schlammiges Wasser in den sichelförmigen Genfer See. Tiefblau trat +sie aus dem Becken. Und wie sie den Jura durchbrochen hatte, kam ihr von +Norden die sanfte Saone entgegen. Wasser mischten sie mit Wasser, +rollten nach Süden. Breiter und breiter strömte der Fluß durch die +lavendel- und myrtenduftende Ebene. Die Nachbarländer schickten ihm neue +Wasser zu. Noch einmal traten die Felsen der Alpen, die ihn erzeugt +hatten, an seine Ufer. Dann öffnete sich das Stromtal. Versumpfende +Ufer. Rollkiesel über dem flachen Bett. Kieselfelder bis zum +Meeresgestade, ödes Deltaland. Die trägen Wasser schwollen verendeten im +Meer. + +Garonne, der wasserwälzende Strom im Westen durch das Schwemmland, +zwischen sanften Hügeln und Weinbergen. Weiß blau rosa schimmernd im +Süden die Ketten der Pyrenäen. An der atlantischen Küste warf der Wind +einen Wall auf, die Landes; nahm Sand von der spanischen Küste, die das +Meer zernagte, häufte sie zu Dünen im Norden. + +Wenige Stadtschaften trug das weite Gebiet der beiden südlichen +Flußbecken. An den Meeresufern strahlte drohten Marseille und Bordeaux. +Toulouse an der Garonne zog seinen schmetternden Kreis. Die Städte +stiegen wie die nördlichen mit der Masse ihrer Bewohner in die Tiefe. +Auf den Flächen des fruchtbaren Landes nördlich der Pyrenäen, den +Schuttablagerungen der Eiszeitgletscher, schlichen Siedler. Die palmen- +und orangenbestandene Ebene der Provence bewohnten sie, hielten sich an +den Ufern der starken Flüsse. + +Noch bevor der Kampf um Grönland beendet war, verließen kleine Scharen +der britischen Siedler die Inseln, auf denen man sie ausrotten konnte. +Im Norden und um sie herum stiegen die Städte in die Tiefe, da berührten +Gruppen der wandernden Schlangen das untere platanenbewachsene Flußtal +der Garonne und das fette Weideland. White Baker stieß mit ihren Scharen +in das Land, das einmal Melise, die grausame Königin von Bordeaux, +beherrscht hatte. In das Becken zwischen den Pyrenäen, dem östlichen +Gebirgsmassiv und dem Ozean flossen sie ein. Bewegten sich in den warmen +Auen der Charente, unter grünenden Edelkastanien, dunklen Ulmen, den +Laubkronen der Nußbäume, auf Wiesen und Rebenrücken. In den Forsten, +besonnten Gauen, endlosen verwilderten Getreideflächen verloren sie sich +unter die alten halbspanischen und afrikanischen Siedler. + +Von den Stadtschaften losgelassen blühten sie im Tal der Charente, um +das breite Bett der Garonne. Die Schlangen hatten von der britischen +Insel ihre dunklen Lehren von der Wanderung in der Liebesumarmung und +Entrückung mitgebracht. Um Perigueux und Bergerac bis zur Mündung der +Gironde, wo die schwelgenden Römer Wälle gebaut hatten, bewegten sie +sich, zwischen Sanftmut und Überschwang schwankend, Männer und Frauen. +Die Finsternisse Nebel kalten Winde Fröste der britischen Insel waren +nicht hier. Die Gewalten der Stadtschaften waren verschwunden. Hier war +nur der Mistral furchtbar, die schmetternden Gewitter des Frühlings und +Sommers, und die Springflut, die vom Ozean in die Mündung der großen +Gironde lief und über die Äcker hinschlug. Schlafende Wildnis, +Gartenfluren, goldener Ginster, zertrümmerte Straßenzüge. Ab und zu ein +Blitz, vor dem sie sich duckten; die Flugzeuge und Wagen der in die +Tiefe gesunkenen Stadtschaften, von der Erde rafften sie Sand- und +Steinmassen, von den weichen Felsen klöppelten sie Stücke ab, fuhren sie +in den Boden für die Mekifabriken. Die am Meer sahen auch die großen +Luftfrachter, die regelmäßig täglich die Salze Säuren Steinlasten von +Norden hertrugen. Von keinem gehindert siedelten sich die Fremden auf +dem reichen Boden an. In Gehöften siedelten sie, auf den gras- und +rebenbestandenen Fruchtäckern, den alten Sümpfen und Schwemmland, auf +pflanzenbewucherten Bodenanschwellungen, unter dem hochstämmigen +Kirschlorbeer, neben wilden dichtzweigigen Akazien, die ihre +Blattbüschel über kleine Bäche ausluden. + +Und wie die Menschen über den weichen dunstenden Boden gingen, der Wein +und die Bodenwürze in sie stiegen, war ihr Drang zueinander nach der +langen Entfremdung tief. Es gingen nach den Schlangen mit White Baker +Gruppen nach Gruppen flüchtiger Siedler, britischer flandrischer +fränkischer jütischer über den Boden, und wurden wie sie ergriffen. +Dieses grenzenlos Heutige Frische Sicherneuernde. Jeder Lufthauch +erregend sich zu entäußern, umzustülpen. + + * * * * * + +Servadak saß allein unter einem sattgrünen Kirschlorbeer, der junge noch +gelbblasse Mensch, und lockte Light-for-me, Mein-Licht, die Frau, die am +Dordogneufer neben ihm siedelte. Ach sie sollte zu ihm kommen. Sie war +schon oft mit ihm in das Dickicht gegangen, wo eine heilige Hütte stand, +hatte mit ihm die süße Wanderung angetreten. Er lockte immer von neuem, +die braune Light-for-me ließ es sich gefallen. Er saß bewegungslos unter +dem knorrigen astverschlingenden Kirschlorbeer. Sie lachte zwischen den +Erbsenstauden: „Servadak, du sitzt an dem Baum, als wärst du seine +Wurzel. Sieh einmal über dich: er wächst schon so grün aus dir.“ +„Light-for-me, du hast schon genug gearbeitet.“ „Sieh meine Arme, +Servadak, wie dick sie sind. Jeden Tag werden sie dicker. Sie werden +noch platzen. Ich freue mich.“ „Für wen tust du so viel.“ „Und wenn ich +Kinder bekomme, Servadak, wer wird ihnen zu essen geben.“ „Ich werde sie +füttern. Und die andern auch.“ „Ich hab Arme, Servadak, und es sind +meine Kinder. Ich sitz’ nicht unter dem Baum. Sieh meine Erbsen an.“ +„Komm zu mir, Light-for-me.“ „So sagen auch die Erbsen: komm zu mir. Und +meine Hähnchen. Und die Trüffeln.“ „Komm zu mir, Light-for-me. Mein +Augenlicht. Meine Weide. Ich sitze nur hier, doch nur für dich, sehe +deinen Acker an, bin froh, daß du darüber gehst. Sieh meine Erbsen. +Taugen die nichts?“ Sie lachte: „Schlecht sind sie. Rotes Unkraut ist +dazwischen. Ich helfe dir nicht, wenn es Schoten gibt.“ „Komm näher.“ +„Willst du mit mir in die Hütte gehen? Aber ich will nicht.“ „Nur näher +sollst du kommen.“ „Aber was hilft es, Servadak.“ „Mir hilft es. Mir +hilft es, wenn du nur einen Schritt näher kommst.“ „Ach, lieber Freund. +Ich bin traurig, wenn ich dich sehe. Du bist so blaß. Und wie lange sind +wir schon von Bedford weg.“ „Ich bin schon hundert Jahre von Bedford +weg. Als ich dich an der Kreideküste im Norden sah, waren die hundert +Jahre um. Das war gestern. Oder heute. Heute hab ich dich zum ersten +Male gesehen. Eben sehe ich dich zum ersten Male. Komm zu mir, +Light-for-me.“ „Ach, was rufst du nur, Servadak. Wenn ich auf mein +Erbsenfeld gehe, bist du wie die Drossel da.“ „Aber der Drossel +antwortet eine andere.“ „Ich antworte doch auch.“ „Keine Drossel bist +du. Nicht antwortest du mir.“ Er streckte einen Arm nach ihr aus. Sie +senkte den Kopf an den Stauden, weinte, zupfte an den Stöcken, lief +langsam, dann rascher zu ihm, ließ sich von ihm, der vor ihr hinfiel, +küssen, küßte ihn sanft auf Mund und Augen. + +Er lockte sie wieder am andern Tag, wieder am andern Tag. Zart war sie +immer da, braunschwarzes Kräuselhaar, das schlanke Figürchen, immer +rege, leicht ermattend, der Blick erst schwach ergeben um Bäume Erden +Menschen, täglich mehr wie die Herrin strahlend und offen. Sie trug die +strenge Arbeitstracht der britischen Siedler, graue braune lange Jacke, +schwarze Frauenhosen, lose, um die Knie und Knöchel gebunden. Als sie +sich den bunten Foulard um den Hinterkopf wand, stand er unter dem +Kirschlorbeer auf. „Ja, Servadak! Und dir bringe ich etwas. Eine bunte +Jacke. Sieh doch, was sie für bunte Jacken tragen.“ „Wer trägt bunte +Jacken?“ „Die Schlangen. Die Männer. Viele.“ „Light-for-me, ich bin ja +gar keine Schlange.“ Sie erschrak, kam näher: „Sag das nicht, was sagst +du. Wir sind es doch alle.“ „Du weißt es selbst.“ „Nein, nicht weiter +sprechen. Ich will nicht hören. Mach mir nicht bange.“ „Was willst du +mir geben, ein Tuch? Eine Jacke? Wenn du willst, wenn sie von deiner +Hand ist, will ich sie tragen.“ „Ich dank dem Himmel, daß du willst. Ach +Servadak, steh doch auf von dem Baume: du wirst nicht besser unter dem +Baum. Du siehst blaß aus wie wenn du eben aus London gekommen wärst.“ +„Hundert Jahre bin ich aus London weg. Es ist nicht wahr, daß ich noch +blaß bin. Ich arbeite, sieh meine Reben an, mein Licht.“ „Ich bring’ dir +die bunte Jacke.“ „Und komm du!“ Sie war bei ihm. „Was faßt du mich an, +Servadak. Sollst deinen Kittel ausziehen. Sieh, das ist grüne Wolle. +Gefällt sie dir? Sie ist schön. Ach wirst du aussehen.“ „Ich werde gut +aussehen? Zeig. So. Wie sehe ich aus?“ „Gut, gut. Herrlich. Sieh dich +doch selbst an.“ „Ich will sie immer tragen.“ „Nein, du darfst mich +nicht immer anfassen. Ich muß dich doch betrachten. Bist du nicht schön. +Wirst du mit mir morgen singen gehen?“ Und sie führte ihn fröhlich durch +seinen Acker, rief die Bohnenranken an, zeigte ihn dem Kirschlorbeer: +„Jetzt wird Servadak dir untreu, Lorbeerbaum. Jetzt sitzt er nicht mehr +bei dir. Er braucht Licht. Er will sich bewegen. Er muß stolzieren.“ Sie +führte ihn auf ihr Feld: „Das ist Servadak. Wie gefällt euch seine bunte +Jacke. Ist sie nicht schön wie mein Foulard. Komm, ich setze dir eine +frische Bohnenranke an den Hals. Nun Rankchen, was sagst du zu Servadaks +Jacke?“ „Gib mir die Ranke her.“ „Laß sie doch an deinem Hals.“ „Ich +will sie in meine Hand nehmen. Sie ist von dir. Du hast sie gepflegt. +Und wenn sie welk ist, halte ich sie zwischen den Handtellern und bis in +meine Schultern hinein lebt sie, nein lebst du.“ Sie drehte aufseufzend +den Kopf beiseite. „Was ist, mein Licht.“ „Nenne mich anders.“ „Du bist +doch mein Licht.“ „Nenne mich anders. Ich möchte Krokus heißen oder +Lüftchen oder – ich bin Majelle, wie ich immer war.“ „Du bist traurig.“ +„Ja, du magst meine Ranke nicht, Servadak, magst nichts. Ich nehme sie +dir schon ab.“ „Mein Licht.“ „Sag Majelle zu mir. Du magst das Licht +doch auch nicht.“ „Oh!“ „Oh. Ja, oh, Servadak, mein Nachtfalter. Oh bist +du krank von London.“ „Ich habe so viel, so viel Menschen entbehrt, +Majelle. Jetzt habe ich dich. Sei mir nicht gram.“ + +Die braune Majelle blieb ganz für sich, kein Wort sagte sie bei den +großen Zusammenkünften zur Diuwa, der Führerin dieser Gruppe der +Schlangen. Oft kam Servadak, lud sie zu der Hütte ein; sie machte +glücklich und traurig die Wanderung mit ihm. Wartete, ob er sich +verändere. Aber von jeder Wanderung kam er wilder sehnsüchtiger zu ihr. +Ihr Acker lag dicht bei Servadaks. Seine Blicke lagen halbe Tage auf den +Baumstämmen dem Boden den Schoten Artischockenkraut Gewürzblumen ihres +Ackers. Immer wartete sie, ob er die Kräuter Obstbäume ansehe, ob er +sich über ihre Hühner freue. Er freute sich, aber sein Lächeln zeigte, +er freute sich über sie. Dicht bei ihren Feldern lag ein ruhiger See. +Sie schwamm wonnig in dem lauen flachen Wasser, Servadak jauchzte neben +ihr; sie ließ sich im Wasser von ihm küssen umschlingen, sah sein +glutverzehrtes Gesicht. Sie lief in ihre Hütte, warf sich: „Oh was was +was was soll ich tun! Was soll ich tun! Ist er nicht krank. Ich möchte +ihm gut sein, er ist schrecklich. Er leidet. Er verschlingt mich. Was +soll ich tun.“ + +Zur Diuwa, der milden glanzäugigen ließ sie sich führen. Die lachte: +„Weißt du, Majelle. Ich will dir sagen: du wohnst weit von uns allen +entfernt mit deinem Servadak. Würdest du näher wohnen und öfter zu uns +kommen, wüßtest du schon: das kommt tausendfach vor. Es ist bei Männern +und Frauen nicht sonderbar. Sie sind so froh alle, einer den andern zu +haben. Nach so langem Entbehren. Und nun überfroh.“ „Ich bejammere ihn +ja, Diuwa. Er arbeitet. Was er muß, arbeitet er. Aber nichts betrachtet +er. Er ißt, ohne zu schmecken. Ich habe es gesehen, als er bei mir saß: +es hat ihm nichts ausgemacht, ob ich ihm Gurke oder Senf oder gebackene +Trüffeln gab. Er schluckt lacht und ist froh.“ „Weil du da bist.“ +Majelle weinte: „Ja weil ich da bin. Aber ist er nicht wahnsinnig.“ „Du +Kind. So sind viele.“ Majelle weinte: „Hilf mir doch, Diuwa. Er ist gut, +Servadak. Er hat grausig in London gelitten. Er kannte nichts als +Maschinen und das Spiel und Lungern. Er hat es mir erzählt. Und dann ist +er zu uns gekommen. Wie schön konnte es bei uns werden. Und es wird +nicht.“ Diuwa hielt die junge Majelle auf dem Schoß, sann: „Eins will +ich dir sagen. Als du von London kamst: dies mußt du nicht glauben, daß +du allen Schmerz zurückgelassen hast. Majelle. Der Schmerz das Unglück +ist nicht nur in London. Das kommt überall mit, wo man den Fuß hinsetzt. +Sogar hierher, wo alles weich wie ein Garten Eden ist, hier an der +Garonne.“ „Ich fürchte mich vor dem Schmerz nicht.“ „Du könntest +Servadak rasch töten, Majelle, wenn du mit ihm in der Hütte bist auf +einer Wanderung. Willst du das. Ja. Das haben schon manch andere getan, +Mädchen und Männer. Es ist keine Qual. Es ist kaum ein Schritt, du weißt +es selbst, zwischen einer Wanderung mit dem Geliebten und dem +Hinsterben. Es ist er nicht, dein Freund, dieser Servadak, das stirbt. +Wenn er entrückt ist, an deinem Leib sich zurückbiegt, sich fallen läßt, +sich verströmt, hat er nicht mehr die Seele Servadaks. Du ersparst ihm +nur die Rückkehr. Laß ihn drüben. Jetzt bist du still.“ Lange war +Majelle still, auf dem Schoß der Führerin, an ihre Brust verkrochen. +Hauchte: „Das kann ich nicht.“ „Ich weiß schon. Weil du dann selbst mit +ihm wanderst.“ Geduckt saß Majelle. „Gut, Kind. Wir wollen etwas anderes +denken.“ Majelle an ihrer Brust atmete: „Er ist so zart. Mein +Nachtfalter; kann ihm nichts tun.“ „Wir denken etwas anderes.“ Majelle +umhalste die Frau: „Du bist mir böse, Diuwa.“ „Nicht spielen, lieber +Schmetterling. Willst du mir deinen Nachtfalter überlassen?“ „Dir?“ +„Vielleicht zähme ich ihn. Vielleicht ist er eine Schlange, eine +richtige mit Giftzähnen, und ich muß ihm den Ring vom Fuß nehmen.“ „Soll +ich’s tun? Tu ihm nichts. Du hilfst.“ + +„Servadak, Diuwa läßt dich bitten.“ „Ich gehe nie mehr zu den andern, +Majelle, mein Licht. Nie mehr. Willst du mich wegschicken.“ „Sie will +dich sehen.“ „Ach, ich darf jetzt zu dir kommen. So lange habe ich an +meinem Lorbeerbaum gesessen. Nun bin ich bei dir. Ich weiß, du hast mich +verklagt. Majelle, du bist zur Diuwa gegangen und hast um Hilfe gegen +mich gebeten. Es tut mir nicht weh. Du hast mich ja vor mir selbst so +oft angeklagt. Aber ich kann doch nicht von dir lassen. Ich muß dir ein +Geständnis machen meine Hand, mein Hals, mein Kräuselhaar, mein Planet, +meine Sonne, meine Erde, meine Nacht, mein Tag. Ich kann dir nur den +zehnten Teil sagen von dem, was ich zu dir fühle. Ich wagte es ja auch +nicht mehr. Aber ich kann es nicht rückhalten.“ „Drück mich nicht so, +Servadak, süßer Servadak.“ „Jetzt schämst du dich, weil du bei der Diuwa +meinetwegen warst.“ „Was willst du mir denn sagen, Servadak, süßer +Servadak. Du fliegst ja so.“ „Gleich.“ „Warum machst du denn die Augen +zu, Servadak, süßer Servadak.“ Er hielt sie auf der Bank fest +umklammert, den Kopf neben ihrem Kopf: „Jetzt – mache ich die Augen +nicht wieder auf. Nie wieder.“ „Ach tu’s doch. Mach sie doch auf.“ „Nie +mehr.“ „Laß mich los, Servadak.“ „Nie mehr.“ „Was soll das.“ „Nichts. +Die Gehilfen der Diuwa von den Schlangen werden mich holen. Einmal +werden sie mich doch holen. Sie haben schon andere geholt. Ich habe es +gehört.“ „So laß mich doch los.“ „Nein, Majelle, ich bin da. Da. Bei +dir. Bei deinem blauen und grünen Foulard, komm, ich wickle ihn mir noch +um den Hals. Jetzt ist dein Fleisch bei meinem. Sie müssen mich von dir +abhacken. Ich habe dich. Hier meine Knie an deinem, mein Kopf an +deinem.“ „Mich los, Servadak. Ich ersticke.“ „Ich ersticke dich nicht.“ +„Ich falle.“ Und sie stürzten von der Bank, auf die weiche Graserde. +„Majelle, süßes Leben, ich weiß alles, was kommt. Es mag recht sein, was +kommt, aber ich will es nicht erdulden. Eia, eia, da bist du.“ Er +schnaubte, wühlte an ihr. Sie schrie. „Jetzt wirst du schreien, mein +Leben.“ „Was habe ich dir getan, Servadak. Ich war immer gut zu dir. Ich +habe dir im Garten geholfen. Wie oft bin ich in der Hütte mit dir +gewesen.“ „Wenn du da warst, war es gut. Wenn du nicht da warst, war es +vorbei. Jetzt ist es gut. Ich habe mich vor Sehnsucht verbrannt. Ich +fühle sie fast noch, wo ich dich umschlungen halte. Ich will sie nicht +mehr ertragen. Ich kann nicht mehr. Sei gut und ergib dich drein, +Majelle, verfluche mich nicht.“ „Ich sterbe, Servadak, in deinen Armen. +Du darfst mich hier nicht umarmen. Zerreiß meine Kleider nicht.“ Er +stöhnte litt, war im Entzücken begraben: „Der hier bei dir liegt, ist +Servadak. Dem nichts geschehen wird. Du kannst ihn töten. Greif nach +meinem Gartenmesser, bring mich um. Ich gehe nicht mehr von deinem Hals. +Ich bleibe immer hier. Immer. Immer.“ „Hilfe. Wer hilft mir.“ Sie +wimmerte nur noch. Dann zog sie mit einem hohen Seufzer die weißen +Lippen von den Zähnen hoch. Lag schlaff ohnmächtig. + +Nach einer Weile erst merkte der brünstig Verwühlte ihr Verstummen. Er +stemmte sich auf, schlug sich ihren leichten Körper über die Schulter, +wanderte zu seinem Feld herüber, legte sie in seinem Holzhaus auf das +Bett. Wie sie sich aufrichtete. Wie sie um sich blickte. Er lag am +Boden, lächelte sie an. „Was ist. Wo liegst du?“ „Bei dir, Majelle.“ Sie +sprang auf, ihre Blicke durch den Raum: „Das ist dein Haus.“ „Ja.“ „Du +sollst zur Diuwa.“ „Ich sollte. Und statt dessen ist Majelle zu mir +gekommen.“ „Nein; ich will gehen.“ „Du bleibst jetzt immer bei mir, +Majelle. Immer bleibst du jetzt bei mir.“ „Ich gehe auf mein Feld.“ „Das +kannst du. Das wirst du. Es ist auch mein Feld. Dieses Haus ist dein +Haus und mein Haus. Hier wohnst du jetzt.“ „Nein.“ „Gewiß wohnst du +jetzt hier, Majelle. Ich kann nichts anderes erlauben. Du kannst nicht +verlangen, daß ich mich umbringe. Hier habe ich dich. Und behalte dich.“ +„Du bist krank.“ „Es kann sein. Ich kann nicht ohne dich leben.“ „Und +ich?“ „Du bist Majelle, mein Leben, ein Stück meines Körpers. Jetzt bist +du hier und wirst immer bei mir sein. Wie ein Baum und sein Schatten +gehören wir zusammen; man kann sie nicht auseinanderreißen.“ Er +zitterte, seinen Arm hatte er um ihre Hüfte. Sie wußte nicht, wer er +war. Ihr war zum Schreien vor Schmerz. Sie drehte sich zu ihm, legte die +Hände auf seinen Kopf, zog sein Gesicht zu sich, küßte es, blickte es +an, bettelte klagte schüttelte ihn: „Nun, Servadak! Du bist doch mein +Freund. Servadak! Du bist doch mein süßer Stamm unter dem Kirschlorbeer. +Komm hin, setz dich da. Ich werde mich neben dich setzen. Du siehst zu +mir herüber. Du hörst meine Hühner gackern und rufst ihnen zu. Du wirfst +nach den Spatzen mit Steinen, damit sie meine Schoten nicht aufpicken. +Der Lindenbaum blüht neben meinem Häuschen. Servadak. Du! So wonnig ist +alles.“ „Nur du bist wonnig.“ „Sag das nicht. Hör mich doch. Oh du +ängstigst mich so. Du bist doch auch mein Glück.“ „Du bist mein einziges +Glück.“ + +Da schrie sie auf in Entsetzen, so gell, daß er sie ließ und stehen +blieb. Sie huschte an die Tür, drehte sich um zu ihm, der sich +entgeistert am Bett hielt, lief noch einmal zu ihm. Er murmelte mit dem +Blick eines Stiers, der den Todesschlag empfängt: „Nicht weggehen. Oh, +Majelle. Nicht weggehen“, und hob keine Hand. Sie rang sich noch ab, wie +sie ihn auf das Bett gelegt hatte, er ließ mit sich tun –: „Ich will in +mein Haus. Ich komme bald wieder zu dir.“ Und dann ging sie leise, +drückte still die Tür ins Schloß, stand horchend an der Tür, stürzte auf +ihr Feld. Auf der Wiesenfläche vor ihrem Häuschen warf sie sich zwischen +den aufflatternden Hühnern und Tauben hin, beschwor ihren Schmerz stille +zu sein, weinte schluchzte sich die Brust müde. + +Und dann mußte sie ihr Kopftuch nehmen, ihr Gesicht war rot und dick: +„Diuwa, ich bin zu dir gekommen. Ich selber. Servadak, mein Freund, +wollte nicht. Ich weiß nicht, was werden soll. Heile ihn. Hilf uns. Mach +mit uns, was du willst.“ „Du hast geweint. Was willst du?“ „Ich weiß +nicht, was ich will.“ „Nun sitz ganz still. Nicht weinen. Nicht wieder +weinen, Majelle, du Feder, du Seide. Bleibe, was du bist. Kennst du den +Abenduntergang, Majelle, am Meer, nach der Gironde zu, wo drüben +Bordeaux liegt. Da sind gewaltige Farben, schwimmt alles von Gold und +Blut, braust und donnert durcheinander. Und das Meer kann nicht stille +halten; die ganze Wasserfläche zittert und die Luft; das Glühen, Purpur. +Und dann wird es stiller. Dann siehst du von deinem Hügel mit einmal +Bäume. Sind Bäume aufgetaucht aus dem Boden; die verborgenen schwarzen +Äste gegen den hellen Himmel. Waren vorhin auch da, aber du hast sie +nicht gesehen. Und während du hinschaust, wie sie verschnörkelt sind, +die dicken Stämme umfaßt, alles schwarz –, bleicht der Himmel. So +weißlich leer wird er. Aber auch das scheint nur so, im ersten +Augenblick; er ist nicht weiß. Die bläulichen zarten Farben sind schon +da, Striche und Dünste wie gehaucht –, ein rötliches Violett, es ist +schon ganz ins Weiße aufgelöst, ich sehe es Abend um Abend, wie es vom +Meer über uns hingeht. Da stehst du zuletzt und jetzt sind die Bäume +ganz da: Die Felder und Hügel liegen vor dir. Dunkel, ins Dunkle +eingerundet, und immer tiefer mit uns selbst ins Dunkle einsinkend. +Majelle, so kommt man immer zu mir: mit diesem purpurnen und goldenen +Glanz. Es gibt keine Felder, keine Bäume, keine Trüffeln Artischocken +Erbsen. Man weiß nichts von Hühnern. Nur Purpur Donnern Untergang Tod. +Was machen deine Gräser und Schoten, Majelle? Ich bin Diuwa. Wir sind an +der Garonne, von London und den britischen Inseln vertrieben.“ „Ich will +dir sagen, Diuwa, ich bin so gekränkt, daß ich mich vor mir schäme. Ich +bin durch Servadak so beleidigt und entwürdigt. Ich fühl’ es nur, ich +weiß fast nicht wodurch. O ich muß mich bezwingen.“ „Es gibt Hühner auf +dem Feld. Was machen sie? Sollen sie weglaufen und sterben. Du hattest +Artischocken gepflanzt.“ „Und meine Bäume sind gut, und die Tiere sind +gut, und der Tag ist gut. Und alles wäre gut und Servadak. Nein“, sie +winselte plötzlich, drückte sich an die Frau, die die Augen weit öffnete +– „er war gut. Tu ihn weg von mir. Es muß geschehen. Ich kann dir nicht +sagen warum. Führ ihn weg. Ich will nicht hassen. Ich verliere mich, +euch alle.“ „Aber ich will es tun, Majelle. Ist das nun das Purpur oder +das Violett und die Bäume.“ „Wegtun, Diuwa. Meinen süßen Freund, nimm +ihn. Ich kann mich nicht halten. Tu es für mich.“ + +Die Drosseln, die sie beide oft gehört hatten, sangen. Die Tauben +flatterten von ihren Plätzen auf. Die Boten der Schlangen traten in +Servadaks Haus, der sie schon erwartete. „Nehmt mir den Ring nicht ab“ +ächzte er, als sie an seinem Fuß nach dem Schlangenabzeichen griffen. +Sie führten ihn nach Westen in eine andere Siedlung. Wie ein Brand, den +man in einen stürmischen Schornstein tut, verbrauste er. Der würzige +dunkelrote Medokwein lief durch ihn. Servadak sprang, sein Leib wurde +gedehnt. Majelle war fern, blieb fern. + +Gewaltiges Blutrot über Bordeaux, zitternde, in Flammen verbrennende +verprasselnde Wasserfläche. Vergilbender Himmel, hinbleichende Luft, +große wie ein Riesenschiff aus dem Meer anwogende Nacht. Rebgelände +Bäche Menschensingen. Und durch Servadak lief der Wein. Die Sterne +glommen. Da waren Kastanien, dunstende Rosenbüsche, Magnolien. Das gab +es. Das alles gab es. Servadak bog sich in seiner Hütte auf dem Stroh. +Wann würde er die Überfahrt von London beenden. In ihm weinte es: Ganz +hinten an der Garonne gab es – wen? Light – for – me. Majelle. Sie ging +über ihren Acker, um den Kirschlorbeer, Kräuselhaar, offene braune +Augen. Nicht daran denken. Wegtun Majelle. + + * * * * * + +Um Toulouse, im heiteren Gebiet der milchweißen Magnolien, der +Jukkastauden mit den gelben hängenden Glocken, bewegte sich Venaska, +eine schlanke Frau von braungelblicher Hautfarbe und schwarzem dichten +Haar. Sie war in dieses Gebiet der Schlangen von Süden gekommen. Der +Schnitt ihrer Augen, die Modellierung ihres Gesichts war mehr malayisch +als europäisch. Manche nannten sie Mondgöttin. Sie nahm in der milden +Fruchtflur der jungen Garonne bald einen ähnlichen Platz ein wie Diuwa +im Norden. Mit ihren ruhigen sicheren langsamen Bewegungen, die ein +kühlwarmer Leib ausführte, – zierliches Knochengerüst, flaumzarte Haut – +drang sie unauffällig in alle Kreise der Schlangensiedler. Ein leicht +mokantes Lächeln um die vollen Lippen. Das Gesicht von einem stillen +Ernst bedeckt, der ganz seelenhaft war, so seelenhaft, daß die ihr +begegneten betroffen waren, zugleich beschämt und erfreut, und sich +leicht von ihr führen ließen. Mit einer kleinen Zahl Frauen und Männer, +die ihr anhingen, wohnte sie eine Zeitlang am breiten Canal du Midi, am +Flüßchen Saune. Man kannte sie nicht, wenn man sie in der sommerlichen +gelben Siedlertracht herumgehen sah, die sie anlegte, obwohl sie nichts +tat. Man arbeitete ja für sie, brachte ihr von den Fischereiplätzen +Hummer, kleine schmackhafte Sardinen, fetten Lachs. Man stritt sich, wer +ihr von seinem Feld die süßlich feine Gurke, die Aubergine bringen +sollte. Wer den Wein brachte, trank ihn mit ihr. In gelben losen +Siedlerhosen ging sie herum, mit der weiten Bluse, an der Brust grüne +und schwarze Bänder, ging umschlungen mit Männern und Frauen, sah hier +auf zu der fetten Weideflur bei den Hirten, ging lächelnd und träumend +unter dem Geplauder ihrer Begleitung die gewundenen Hügelwege, spielte +mit den langen Korallohrringen, winkte mit ihrer gelben Hand einer +Bäuerin im bunten Kopftuch. Warf ihnen schon weitergehend über die +Schulter einen Blick aus ihren dunklen aufstrahlenden Augen zu: das Herz +stand ihnen still. Wer vor ihr stand, wen sie ansprach, besonders +Frauen, war erregt gebannt. Alle hatten das Verlangen, nach der kühlen +festen immer leicht zuckenden Hand. Und war Venaska vorbei, so kam ihnen +vor, im Hals, in der Brust, als wäre ihnen etwas geschehen. Sie liefen +rasch, es war ihnen zum Ersticken in ihren Kleidern, ihre Augen +glänzten. Sie mußten sprechen schwatzen; ihre Herzen klopften rasch, sie +kamen nicht zur Beruhigung. Einmal hatte im Norden, zwischen den +Kieferwaldungen und Seen der Mark die herrische Marion Divoise gelebt, +die Balladeuse, die Mädchen und Männer an sich lockte, ohne daß sie +wußte, wie das kam, und die ängstlich sah, wie man auf sie zudrängte, +und erregt einsam blieb. Die braungelbe Venaska gab nichts von sich, was +sie nicht fühlte. Oft wenn sie mit einer fremden Frau stand, mit ihr +Blick in Blick über einem Zaun, einem Busch, die Hand hinüberstreckend, +wurde sie blaß, biß sich die Lippen, wandte sich verwirrt ab. So +schwächte sie, was sie von sich gab. Von Island fuhren durch das +arktische Meer zwischen den Schiffen des Expeditionskorps die großen +Frachter, die Hallen mit den ausgespannten leicht surrenden glimmenden +Turmalinnetzen. Fische Vögel zogen um die schwimmenden Frachter, Tang +Algen wuchsen aus dem Meeresboden; nachts leuchteten die Schiffe, +stießen sich von der Meeresoberfläche ab. So wandten sich die Menschen +auf den Hügeln und an den Ufern des Canal du Midi und der Saune von +ihrem Boden, von der Egge der schlanken aufrechten Gestalt zu, die wie +ihresgleichen war, und deren Blick Stimme ihnen mit schmerzhafter +Schärfe ins Herz zuckte. + +Man hatte ihr, die aus der Marseiller Gegend heraufkam und erzählte, sie +wollte nicht mit den Stadtschaften in die Erde gehen, ein flaches +Siedlerhaus aus Buchenholz gezimmert unter einer alten Mauer. +Feigenbäume mit lockeren dunklen Kronen hielten sich an dem alten +Gestein, schüttelten jenseits die bräunlichen Zweige herüber. Dunkelgrün +waren ihre Blätter, rauh mit Borsten, an der Unterseite hell +weichhaarig. Die birnförmige violette Frucht hielt Venaska oft zwischen +den Händen, rollte sie, hob sie zum Kinn. „Das ist ein Gott, wißt Ihr, +eine Göttin. Ist so glatt außen, wird noch dunkler, braun schwarz. Und +inwendig ist grünes Fleisch, rotes Fleisch, das schmeckt wohl. Die Nüsse +hält sie damit, die Früchte. Das ist die Feige, meine Göttin.“ Sie +nestelte sich in das schwarze Haar Zweige mit der jungen Frucht, +beschenkte die anderen mit den kostbaren von ihr bestrichenen behauchten +Blättern. So ging sie an der sanft fließenden Saune, schlank und biegsam +auf hohen Beinen mit leicht vorgewölbtem Leib. Wem sie im Vorüberziehen +den Arm um die Schulter legte, ernst und sonderbar fremd, der fühlte, +verzaubert in ihr glattes Gesicht blickend: er hatte noch nie gewußt, +was ein Weib ist. Fast, was ein Mensch ist. + +Sie war ohne Scham. Als wenn sie sich bedrückt fühlte, warf sie am Tag +oft ihre leichte Jacke ab, bewegte sich, ging mit nacktem wiegenden +Oberkörper, bräunliches ebenmäßiges Gebäude, umhauchte Brusthügel, +tiefdunkel flach. Und dann, in Menschennähe, waren ihre Arme nur Ranken, +die etwas suchten, worum sie sich winden sollten. Ihre Brust atmete +leise, gleichmäßig und immer glückvoll. Andere menschliche Ranken, Arme +von Männern und Mädchen, schlangen sich mit ihren zusammen. Venaska, +Blick in Blick mit dem andern ruhend, gurrte, sprach lieblich, kehlte. +Sie wußte nicht, wie streng sie wirkte. Das andere, das an ihrem Körper +hing, schauerte in Entzücken, öffnete hingegeben, schon nicht mehr +drängend, die Lippen. Hatte in rasch verschwindenden Sekunden einen +Hang, sich zu lösen, abzuziehen. Venaskas Augen fingen an, sich zu +weiten, tiefschwarz mütterlich leidend zu gluten. Ein Erliegendes hatte +sie an ihrer Brust. Dem streichelte sie die Schultern, die Ohren, den +Hinterkopf, strich über seinen Nasenrücken; ihre Augen blitzten auf. Es +kam ein Augenblick, wo das andere schlief in ihren Armen, ihre Berührung +erduldete. Was war das für ein Wesen, das seinen hingleitenden Körper +umrang, ihn befühlte, Armfläche gleitend über Rumpf und Schenkel, mit +jedem Teil seines Leibs verlangte in dem andern zu wurzeln. Als wäre +Venaska eine Blase und spritzte aus Stichen und Rissen. Dies Andrängen +Zubodenrollen Herumgleiten Herabgleiten Heraufgleiten Sichannageln +Abreißen Abwerfen. Das herrische zornige Schreien Keifen wie mit einem +Wesen, das nicht anwesend ist, das Sprudeln Stöhnen Keifen Flehen Drohen +Wüten. Und wieder Abzittern Lächeln sanftes Flüstern Betteln +schmeichelndes Umschlingen. Ruckweises Erstarren, wie wenn die Kraft +sich in ihr anstaute. Der Leib versteifte sich bis zu den gestreckten +Zehenspitzen, den gebogenen Fingern, den nach rückwärts gedrehten Armen, +als vermöchte er sich nicht zu entladen. Und dann ächzendes +erschütterndes blindes Hinbrechen, Wolken Blitze Gewitter lodernd. Das +Wesen aber an dem Körper der braunen flutenden Venaska wurde bewegt, +gehoben wie ein Schiff auf dem Meer. Sein Leben aufgewühlt. Sein Körper +rang sich zu behaupten. Der Unterschied von Tod und Leben verschwand. +Das schluckte ertrinkend stürmisch die Süße. Zuckte an der tosenden +Venaska. Ihre Leiber brausten aneinander. + +Und während noch der andere Körper rauchend lag, hob sich Venaska +mähnenschüttelnd von ihm ab, stand an einem Pfosten, atmete, tiefer, +tiefer. Als wäre die Luft ein Getränk, nahm sie sie zu sich, schlenderte +auf den Hof, senkte die Hände in das dunkle Feigengebüsch, ließ die +Blätter und Äste um sich schlagen. Kam als die fließende weiche Venaska +hervor, die die schlanken Schenkel im Gehen bewegte, den glatthäutigen +wiegenden braunen Leib trug, spöttisch lächelnd. Musik sogar ihr +tonloser Ruf, Schrecken Sehnsucht um sie. Sie legte ihr +karmoisinfarbenes Hemd über, das goldgestickt war, saß im Gras, der bunt +behängte schlafende Vulkan. + +Toulouse war in die Erde gestiegen. Die zerfallenden Straßentrümmer +Anlagen Forste überzogen die Siedler. In Toulouse setzte sich Venaska +nieder. Die Steine Schienen der versunkenen unterirdisch tosenden +Riesenstadt ließ sie von den Scharen, die sie mit sich zog, beseitigen. +In dieser Ebene wollte sie sitzen, die dunklen Berge der Pyrenäen sehen, +die weißgefurchten Kämme am Horizont, bei der uralten prunkenden +Serninkirche, die die Stadtschaft nicht angerührt hatte. Die Schlangen +bei ihr wußten nicht, was sie zu der Stadtruine zog. Venaska mochte gern +zwischen den stummen zersprengten Mauern, in den toten langen Straßen +gehen, ihre Schritte furchtsam behorchen. Neugierig umschlich sie +Schuttmassen der Fabriken, versteckte sich, wenn Frachtflieger der +Stadtschaft in der Luft waren. Entzückt, selig sich anschmiegend stand +sie an dem kalten Gestein der Serninkathedrale; sie liebte das gewaltig +aus dem Boden strebende Gebäude. Oft sagte sie: dies Gebäude, +seinetwegen säße sie hier, das so herrlich sei, und sie wache, daß ihm +nichts geschehe. + +In den Reichen der Diuwa und Venaska dehnten sich Schlangen und fremde +Siedler aus. An der Garonne und der breiten Rhone gediehen sie. Neben +den flachen Fabrikhallen Ruinen, standen die römischen Triumphbogen mit +Inschriften über aufrührerischen Hallen. Zwei- dreitausendjährige +römische Amphitheater bauten ihre Ränge und Treppen an Hügeln auf. Beim +grauen Avignon stürzte der Domfelsen gegen die blaue Rhone ab; die +düsteren neununddreißig Türme der Papstburg oben waren zerbröckelt, von +Pinien Eichen Blütenbüschen überwachsen. Siedler, kranke genesende, aus +den brüllenden krampfenden europäischen Stadtschaften legten ihre Leiber +an das unerschöpfte Land zum Sterben oder Auflodern. Venaska zog im +karmoisinfarbenen goldbestickten Hemd durch das üppige Tal der Garonne +bis in die Gegenden, die die starke Melise beherrscht hatte. Sie weckte +die Landschaft auf. Ein Schmelzen um Venaska. War sie vorbei, so +knirschten die Menschen vor Verlangen. Etwas Blindes Schreiendes wurde +in manchen Widerstrebenden erregt; das riß sie fort. Raubsüchtig gingen +Männer und auch Frauen umher. Von der Geheimlehre der Schlangen, von der +Wanderung und ihrer Heiligkeit, wollten sie nichts wissen. Das +Niederstürzen von Mann und Weib war ihnen eine Lust. In der Gegend des +alten Bistums Perigueux sperrte ein Mann, der sich Siwri nannte, sechs +Frauen wider ihren Willen in sein Gehöft mit Hilfe seiner Mutter ein. Er +war eben genesen, stark, nicht jung; man sagte, seine Mutter hätte ihn +angespornt. Die Frauen ließ er für sich arbeiten. Andere Frauen quälte +er zu seiner Freude. Er zeigte auf Schritt und Tritt, daß er Frauen für +nichts achtete. Die Schlangen waren machtlos gegen ihn, da er sich ihnen +entzog. + +Gestalten, nicht Mann und nicht Weib, zeigten sich in der +Garonnelandschaft aus mehreren der hier vagierenden Rassen. Das war die +höchste Bezauberung, die viele erfuhren. Weiße, auch gelbbraune Menschen +mit weicher Rundung der Schultern. Graziös bewegten sie sich auf den +Wegen unter dem Blütenregen der Akazien, schlenderten über die Wiesen, +stiegen in die Forste. Die Städte hatten vielen Mißwuchs begünstigt; man +hatte unter den Krankheiten und dem schweren Zugrundegehen wenig auf +Einzelnes geachtet. Jetzt warf die Landschaft üppig diese Wesen hin, die +als Mädchen gingen, wie sie aufgewachsen waren, die fülligen Becken +leicht wiegend, manche scheu und ihr Geheimnis nicht offenbarend, manche +in verwegener Mischung der Tracht: die Kappe und Feder eines Mannes auf +dem Haar, dabei Brüste, die in Wölbung und Umriß unter der straffen +Bluse hervortraten. Sie schwärmten auf Mädchen aus, die sie erst nicht +erkannten, sich launig von ihnen halsen ließen. Und im zarten Andrängen +ließen sie die Sonderbarkeit ihres Geschlechts fühlen, fühlten bebend +und heiß die Erschütterung und Bannung des Mädchens, der Frau mit, die +nicht wußte, was sie genoß, die eine Freundin und einen Geliebten +umschlang. So starke Würze hatten sie noch in keiner Umarmung empfunden. +Und junge Männer wurden heftig zu Mischwesen getrieben, die sie für +schnippische Frauen hielten. Ein fremdartiger Reiz lockte. Sie fielen +vor diesen Mädchen hin, waren erschreckt, im Geheimsten aufgerührt, +fassungslos, wie das Rätsel, der weibliche Jüngling, sich in ihren Armen +bewegte, drängend und saugend. Viele erschienen auf dem grünen Boden und +erregten die Mädchen und Jünglinge. Welche Schrecken Verwirrungen Tränen +erregte das rothaarige Wesen Tika On, das purpurn und rosa gekleidet von +der Auvergne herunter kam, nichts arbeitete, sang und das die Venaska +selbst erschütterte. Ein wildes Geschöpf war Tika On, mit heller +Knabenstimme sang sie, lachte. Über ihr Geschlecht war sie selbst nicht +klar. Sie küßte hitzig Männer und Frauen. Es genügte ihr, die Menschen +zu umschlingen, um sie in Ekstase zu bringen. Meist riß sie sich +gehässig von dem los, der von ihr mehr verlangte. Und wer gewaltsam nach +ihrem Leib griff, ließ sie selbst los, so schrecklich schrie weinte sie, +lief in stundenlanger Verstörung weiter. Als wenn das Geschlecht an ihr +eine furchtbare Wunde wäre. An Venaska hängte sie sich, die immer milde +und süß war. Schließlich mußte die Frau in Toulouse sie von sich +abreißen. Zum erstenmal sah man an der braunen zarten spöttischen Frau +ein Grauen. Ihre Beängstigung war so tief, daß sie andere zu Hilfe rufen +mußte, die bei ihr wachten, das rote Wesen, die Tika On, von ihr +fernhielten. Die keifte bei der Holzhütte an der Serinkathedrale, wo +Venaska in diesen Wochen wohnte. Die Venaska weinte: „Sie fühlt, wer sie +ist. Sie ist eben im Begriff es zu fühlen. Ihr müßt mir nicht böse sein, +ich kann ihr nicht helfen. Sie ist in der Geburt; ich kann ihr nicht +helfen.“ Tika On umschwärmte noch monatelang die Venaska, verscholl im +Norden. + +Der König Karl von Valois, vor einem Jahrtausend in einer nördlichen +Landschaft begraben, riß sich lechzend aus den Wäldern los, tauchte in +das Gestrudel. Jauchzte tobte wie einstmals. Die Forsten, in denen er +einmal gejagt hatte, waren wild zugewachsen. In die Schneeberge der +Auvergne, am Plomb de Cantal, brach er zur Wildschweinhetze ein, +strudelrasselte am Talboden der Allier, suchte Händel. Seine Adlernase +glühte von Wein. Eseln schlug er die Köpfe ab. + +Heiße Wesen wurden auf die Landschaft geworfen, von dem Menschengewimmel +hochgerissen. Die Bodengeister, seit Jahrhunderten in die Hölzer und +Steine getrieben, wogten wie ein Bienenschwarm über einem Kleefeld auf, +drangen, schlangen sich, quollen in das warme treibende Menschenblut, +flossen in helle und schwarze glänzende glatte Haare ein, ließen es sich +in springenden Männerknien, vollen Weibesbusen wohl sein. Nicht ein +einzelner Mensch genügte dem wüsten la Mole, der unter Steinen bleich +und dünn geworden war, nachdem ihm, wie er noch die ersten Knochen +hatte, jede Messe eine neue Geliebte geschenkt hatte –, bis ihm sein +König den Kopf abschlug. Die Jahrhunderte hatte er gelauert, schon war +er fast abgestorben. Da schwoll dieser Wolkenbruch über den verdorrten +Boden. Frenetisch schoß er auf die Leiber, die er besetzte. In sechs +Menschen lief la Mole, dem ein rasch erloschener Mann einmal den Kopf +abgeschlagen hatte. Sechs Leiber regierte er. Ein Cyklop war er, die +Leiber wechselte er. Er hauchte in ihnen, trieb sie wie einen Wagen, +ließ sie wie schlechte Maschinenteile fallen. Blaise de Montluk, +blitzjung, der Gaskogner, stieg ohne Hut aus dem Wasser der Garonne, in +der er vor einem Jahrhundert ertrunken war. Das Wasser hatte ihn nicht +verspülen können. Er zuckte über die kieferbestandenen Ufer, stolzierte +als kecke Dirne mit knappem Busen über die gelben Äcker und zwischen den +Weinbergen, suchte in die flüchtige Tika On zu fahren. Dann stürzte er +eines Mittags im prallen Sonnenschein einem schwarzen Hengst in den Hals +und jagte mit ihm. Es dünstete und schauerte über das vertrocknete Land. +Venaska zog von Flur zu Flur, die Diuwa sänftigte an der Garonne. + + * * * * * + +In den Cevennen, an dem kräuterreichen grünen Rasenkegel des Puy-de-Dôme +erschienen die ersten Islandfahrer, in das aquitanische Tiefland +sickerten sie. Kleine Gruppen lederbekleideter ernster noch matt +blickender sehnsüchtiger Menschen. Langsamer wanderten sie und trieben +ihre Pferde, wie sie unter dem blauen und blaueren Himmel den +Fruchtboden der alten verwitterten Lavaschichten betraten, meilenweite +Gärten sich auftaten, Rosenbüsche Gelb und Purpur warfen. Blühende +Touraine. Waldbedeckte Flußufer. Frischgerodete Erdfläche. Die +Islandfahrer, die Männer und Frauen, die auf den Ölwolken gestanden +hatten, schnupperten, blickten um sich, schüttelten sich unter dieser +Luft. Welches fremde Wühlen. Mißtrauisch trieben sie durch die +schimmernde Landschaft. Kylin, die grüne Loire hinter sich lassend, +stand auf dem Felsen Amboise, durchirrte die Höhlen Klüfte Gänge des +Gesteins. Gefangene nach Gefangenen waren hier versickert; sie tosten um +ihn, trieben ihn hinaus. Aufsässigen hatte man auf den strahlenden +Plätzen die Köpfe abgerissen, blauäugige Blondinen hatten dazu gelacht. +Idatto seufzte neben Kylin: „Dort hinten ist Süden. Ich möchte hier +fort. Und dort wage ich mich nicht hinein.“ „Idatto, fürchte dich nicht +vor dem Nebel. Da war Brand und Nebel im Norden, durch den wir mußten. +Da ist einer im Süden.“ „Ich sehe es. Aber es reißt an mir. Ich will +keine Versuchung.“ „Wir müssen hinein, enthalte dich nicht. Wir sind +durch Island gekommen. Fürchte dich nicht. Da war ein Nebel, und hier +ist ein Nebel.“ + +Langsam zogen sie durch die Landschaft. Sie waren zu Marduk nicht +durchgedrungen. An der Loire erzählte man sich von White Baker. Sie +hatte noch die Kraft gehabt, die britischen Siedler nach dem Festland +hinüberzuführen, sank dann in sich zurück. Wie ein Baum, der lange üppig +geblüht hat und dann alternd Borke um Borke ansetzt, sich selbst +vermauert, ein Visier über sein Gesicht schiebt, seine Wurzel verhölzert +versteinert, so grub sich White Baker ein, an der warmen Gironde, nahe +der Diuwa. Wie ein Käfer fiel sie in das Moos und ließ die weichen Lagen +über sich zusammenrollen. White Baker bewegte sich an dem Fluß wie die +andern, griff auf den Äckern, in den Gärten zu. Hatte aber einen leeren +großen Ausdruck, der wie Ernst schien. Rot runzellos ihr Gesicht. In der +Kammer bei der Diuwa saß sie stundenlang, blickte durch die offne Tür, +ließ den Wind um sich wehen. Die braune Siedlertracht trug sie; ihre +schwere fette Hand ruhte auf dem Tischchen, auf dem zusammengeknäult +Kräuter Halme lagen, darunter ein zerrissenes weißes Seidenkleid, +gebündelt mit einer Lederschnur. Der knöcherne Krähenschnabel +Ratschenilas hing daran. An der Wand bauschig völlig unversehrt das +brokatene Senatorenkleid. Von der Diuwa geschützt war sie. Hatte sich +zum Sitz von berauschenden Geistern gemacht, die nur sie verstand. + +Nahe dem ehemaligen Montauban schwirrte die rote Tika On in Kylins +Gruppe. „Welchen Vogel hat man uns geschickt“ staunte der harte Kylin, +ließ sie gewähren. In seiner Gruppe war schon eine Unruhe, ein süß +leidendes Bedrängtsein. Kylin sah, wie man sich wehrte. Tika On, die +rothaarige, hatte einen Stachel in sich. Sie mußte sich an menschliche +Glieder hängen, sich versuchen. Als Kylin sie die Frauen seiner Gruppe +umschlingen sah, Idatto vor ihr hinfiel, zog er sich einen halben Tag +zurück. Dann tat er, als hätte er Verlangen nach ihr. Schnurrend, mit +dem Kreischen der Erregung folgte die Wilde in ein Buschwerk. Dort +erdrosselte er sie. + +In dem Gesträuch zwischen gelbem Ginster und Brennesseln fanden ihn +abends Männer, die ihn suchten, bei dem kleinen verkrampften roten +Körper. Sie wollten den Körper anfassen, wegheben, um ihn zu begraben. +Kylin drohte: „Nicht anrühren. Ruft die anderen. Wo sind die Frauen.“ Er +wartete, bis Frauen und Idatto kamen. „Wer ist das? Seht! Tika On, die +rothaarige. Ein Weib oder ein Mann. Seht sie noch einen Augenblick an. +So! Seid ihr ertappt? Ins Gebüsch mit ihr!“ Er selbst rollte den Leib +tiefer ins Gebüsch, kam hervor, blaß: „Ich hab’ sie erwürgt. Weißt du, +Idatto, warum ich sie erwürgt habe.“ Idatto in Tränen, bitter mit +zuckendem Mund: „Sie war keine Verbrecherin.“ „Das ist’s. Ich wußte es. +Der Nebel. Er packt dich. Aber wir sind gegen ihn nicht wehrlos. Ich +nenne ihn bei Namen, ich sehe ihn, dann ist er weg.“ Idatto biß sich die +Lippe, weinte laut, hatte das Gesicht hinter seinen Fäusten. Eine kleine +Schwarzhaarige brach in plötzliches Schluchzen aus. Streng beobachtete +sie Kylin. Er brüllte rot anschwellend: „Habt ihr gesehen, was hier +gelegen hat? Ihr habt es noch nicht genug gesehen. Bringt sie wieder +her. Ja. Her!“ Er riß das Buschwerk zurück von dem kleinen liegenden +Körper: „Da ist sie. Ich habe sie erdrosselt. Hab’ es getan. Was habt +ihr darauf zu sagen, Idatto? Und du?“ „Bedeck sie doch, Kylin.“ „Ich +hab’ den halben Tag hier gelegen bei der Leiche; ihr habt sie noch lange +nicht genug gesehen.“ + +Ein bärtiger bronzefarbener Mann trat auf Kylin, nahm ihm die Zweige des +Busches aus der Hand: „Es ist nicht leicht für Idatto und für andere. +Wir wollen nicht mit ihnen rechten. Und wer weiß, wie unsere Wege gehen. +Laß ihnen Zeit.“ Da stand Kylin still, kreuzte die Arme auf der Brust: +„Das Land fordert Opfer; es kann nicht genug Menschen schlucken. Es ist +gut, ein Brandmal am Arm zu haben; es ist gut auch daran zu denken.“ Vor +ihm schluchzte trotzig Idatto an der Schulter des bärtigen Mannes: „Sage +du, war Tika On eine Verbrecherin? War sie nicht lebendig, ein Lebendes, +vor dem ich hinfallen darf?“ Kylin murmelte etwas, Flimmern in den +Augen. Er ging rasch fort. Vor Beginn der Nacht wollte man den Leichnam +verbrennen; Kylin schrie: „Die Flamme? Keine Flamme! In die Erde. Ich +sage: in die Erde.“ + +Eine Spannung und Entfremdung trat zwischen Kylin und seiner Gruppe ein +und wuchs, je mehr sie südlich stießen. Sie wollten sich in der +fruchtbaren Landschaft hier und da niederlassen, aber Kylin schob sie +kalt und ohne Erklärung weiter. Viele dieser gehärteten Menschen +schmolzen, wie sie sich über dem Land verbreiteten. Rechts und links +blieben sie in den Siedlungen. Sie pflügten sangen lachten mit den +Starken Wonnigen an der Garonne, im Languedoc, an den Rhoneufern. Sie +kamen sich erlöst vor. Die Urtiere verloren erst jetzt ihr Grauen, +Island ließ sie los. + +Wie ein Zeichen hatte Kylin an der Schwelle des Landes den Mord an der +Tika On aufgepflanzt; es wirkte nicht. Nur eine Anzahl mit Kylin war +sicher. Man sah, daß er rang wie die anderen und litt und nicht sprechen +konnte, daß er in einem zornigen Gefühl tiefer und tiefer in das Land +hinein verlangte. Ein graublonder langer Backen- und Kinnbart war ihm +gewachsen; leicht gebückt ging er. Selten wagte ihn einer anzusprechen. + +Und eines Tages hieß es bei Toulouse, daß Venaska in der Nähe sei. Die +gelbbraune Frau im karmoisinfarbenen Hemd, goldgestickten Hosen, gab ihm +auf dem Erdbeerfeld die Hand. „Venaska, du bist es. Ich irre herum. Ich +wollte dich lange sprechen.“ „Und nun hast du mich getroffen.“ „Weißt +du, wer ich bin?“ „Nein, ich werde dir einen Namen geben.“ „Laß. Ich bin +Kylin. Mit mir sind andere Männer und Frauen aus Grönland.“ „Grönland +ist weit. Nun freue ich mich, daß ich dich sehe.“ Sie strich seine +Schulter; er erschrak über ihre Sanftheit: „Venaska, ich wollte dir +erzählen, was nicht mit Grönland zusammenhängt. Wir sind bei Montauban +einer rothaarigen Frau, einem fremdartigen Wesen begegnet, Tika On. Die +habe ich erschlagen.“ Sie hielt noch ihre Hand an seiner Schulter, zog +sie zurück. Sie beugte den Kopf: „Oh.“ Auf den schwarzen Boden sah sie; +still mit schlaffen Armen stand sie, rief matt einen Namen. Zwei Frauen +erhoben sich aus dem Feld, liefen neben sie. Klagend schwach Venaska: +„Dieser Mann heißt Kylin. Er hat Tika On erschlagen. Bei Montauban ist +er ihr begegnet.“ Drohend verwirrt die Frauen. Venaskas Kopf hing auf +der Brust. Kylin: „Ich habe nichts mit diesen zu sprechen. Ich will dich +allein sehen, Venaska.“ Sie bewegte den Kopf nicht: „Das kann ich nicht. +Du wirst mich umbringen.“ „Ich bin kein Mörder.“ „Du bist es. Ich fühle +es.“ Sie nahm den Arm einer Frau: „Komm mit in den Hof. Wir wollen uns +setzen.“ + +In ihrem Haus ließ sie die Türen und Fenster offen. Sie setzte sich in +einen Winkel. Eine Zeitlang sprachen sie nicht. „Was willst du von mir, +Kylin? Du heißt Kylin. Du bist Hojet Sala. Der steile Absturz.“ „Ich muß +dich erfahren.“ „Was ist das.“ „Wir sind nach Grönland gefahren, weil +man uns schickte, Venaska. Die Stadtschaften, die jetzt zugrundegehen, +hatten uns geschickt. Wir waren in Island, einer Vulkaninsel, und über +Grönland. Ich selbst habe geholfen den Plan der Senate auszuführen. Das +ist das Erste. Das Zweite: es hat uns etwas Furchtbares überschüttet, +uns gerüttelt mich und die anderen, die noch leben blieben. Das war das +Zweite. Dann haben wir, habe ich zugebissen. Das habe ich, Venaska. Ich +wollte das, was mich zuschüttete. Ich habe mich ihm unterzogen. Genauer +kann ich es nicht sagen. Und weil ich das getan habe, habe ich Tika On +beseitigt. Da blieb nichts weiter übrig. Ich habe sie nicht aufgesucht, +sie ist gekommen.“ „Hojet Sala, ich höre nur den Ton deiner Worte. Was +willst du von mir.“ Kalt blickte der langbärtige Mann auf sie: „Du bist +nicht gekommen. Dich habe ich aufgesucht. Komm näher, daß ich dich +fühle.“ „Weißt du, was du sagst.“ „Ja.“ In ihm dachte es: „Dies ist der +Nebel. Ich bete an. Wenn ich erliegen soll, so soll es sein. Dann tauge +ich nichts. Es kommt nicht auf einen an.“ Sie stand in dem Winkel auf: +„Dreh mir den Rücken zu. Sieh mich nicht an.“ Er wartete, immer dachte +er: „Es kommt auf mich nicht an.“ Aber nur Sekunden. Plötzlich erweichte +er: es ist die Entscheidung; ich wage die Probe; entweder steh ich unter +Schutz oder nicht. Er drehte ihr den Rücken zu. Venaska hatte sich nicht +aus dem Winkel entfernt. Ihre sanfte Stimme: „Wohl tust du mir, daß ich +dich sehen kann. Ich habe dir Unrecht getan. Ich komme schon zu dir.“ +Glitt von rückwärts zu ihm, zog ihn ans Fenster, lächelte das Mädchen +an, das in die Türe trat: „Bleib nur draußen.“ Sie drückte, in der Mitte +des kleinen Raumes stehend, ihr Gesicht an seine stumpfe zerschrammte +Lederjacke, umfaßte seinen Kopf mit den Händen. „Ich habe dich vorher +tönen hören, Hojet Sala. Jetzt mach ich mich auf die Reise nach +Grönland. Da. Mir begegnet nichts. Der steile Absturz schadet mir nicht. +Hör draußen! Unsere Vögel. Vögel! Nichts schadet!“ Sie löste sich +lächelnd, nahm summend seine Hände: „Angst habe ich doch vor dir, Hojet +Sala. Aber du tust mir nichts. In dir keimt etwas für mich. Laß es nicht +verkommen.“ „Warum gehst du?“ „Milch bringen lassen.“ Sie trank von +ihrem Glas, gab es ihm: „Tu mir die Freude. Damit ich die Angst +verliere.“ „Hätte ich etwa“ dachte es in ihm, „die Tika On nicht töten +sollen. Ich hätte sie auch so erlegt.“ Er trank aus ihrem Glas. „Und +jetzt willst du gehen, Hojet Sala?“ „Ich dachte zwei Tage bei dir zu +bleiben. Ich war auf Schlimmes gefaßt, Venaska.“ „Und jetzt?“ „Jetzt +gehe ich zurück.“ „Und kommst nicht wieder?“ Er lächelte: „Du hast noch +Furcht vor mir, Venaska. Deine Milch war gut, ich trank auch aus deinem +Glas. Ich will meinen Freunden sagen –“ „Was?“ „Ich weiß noch nicht. Daß +du mich steiler Absturz, Hojet Sala, genannt hast. Und –“ Da legte er +sich in seinem Stuhl zurück, faßte seinen Dolch, schloß die Augen. Sie +betrachtete ihn lange. Er öffnete die Augen: „Gut war es bei dir. Ich +habe keine zwei Tage gebraucht. Ich kam her, ich gestehe es dir, +Venaska, mit dir keine Gnade zu haben. Tika On, es lohnt nicht über sie +zu sprechen, mußte hin. Ich hatte vor dir Furcht, daß du zunicht machst, +was uns in Grönland – geworden ist.“ „Und jetzt? Und wieder jetzt? +Erkenne ich dich nicht, Hojet Sala? Gleich wie ich dich sah, wollte ich +dir den Namen geben.“ Sie wollte vor ihm hinfallen. + +„Küß den Dolch.“ „Das ist der Dolch, mit dem du sie –“ „Nein, mit den +Händen tat ich das. Du mußt den Dolch küssen.“ Sie umarmte Kylin, weinte +an seinem Gesicht. Er murmelte finster: „Nicht das, Venaska. Küß den +Dolch.“ „Muß ich das?“ Er zitterte, machte sich von ihr los, ballte die +Faust, seine Augen waren weit: „Küß den Dolch.“ Er hielt ihr den Griff +mit dem Vulkanzeichen hin. Sie beugte den Kopf mit der Feigenblüte, zog +den Dolch an den Mund. Er keuchte noch: „Wie kannst du es wagen“, und +rührte sich nicht. „Geh nicht so, Kylin. Was hab ich getan.“ Er ging aus +der Tür, über den Hof. Venaska hinter ihm: „Verzeih mir.“ Erst an dem +Fuß des Hügels, auf dem sie wohnte, stellte sie ihn. Er blickte sie +nicht an: „Warum läufst du hinter mir?“ Dann war er ruhiger: „Wir haben +nichts zu besprechen, Venaska.“ Sie griff nach seiner Hand: „Gib mir den +Dolch.“ Sie küßte ihn lange, inbrünstig: „Möge dir jeder Kuß wohltun, +lieber Dolch. Mein Kuß wird trocken: vergiß ihn trotzdem nicht.“ Kylin +betrachtete den Dolch: „Lieber Dolch, lieber Dolch“, lächelte er, +umarmte sie. Sie standen unter einem Oleander: „Zittere nicht. Jetzt +nehme ich selber deine Küsse an. Ich weiß wieder, wie süß Menschen sind. +Du bist sicher das Süßeste von ihnen. Ruhig, Venaska.“ Sie nahm den +Feigenzweig vom Haar, gab ihn ihm. Wie sie vor ihrem Haus war, brach sie +in Weinen aus, weinte lange auf der Bank vor dem Haus, von den Frauen +gehalten. Kylin kehrte nach wenigen langsamen Schritten zu dem +Oleanderbaum zurück, den Feigenzweig an der Brust: „Gesegneter Ort.“ +Streichelnd legte er den Zweig von sich an den Boden, berührte die Erde, +ging davon. + +Östlich von Toulouse auf der Hochfläche von Sidobre warfen sich bei der +großen Zusammenkunft der Islandfahrer die ersten Menschen in das Feuer. +Den fünf Geopferten ging Idatto voran freiwillig in die Glut. Der Zarte +war schon lange nicht mehr bei Kylin; die schmachtenden Geister hatten +sich seiner bemächtigt. Er fand nicht den Entschluß, sich von Kylin zu +trennen; das Brandmal auf seinem Arm blickte ihn an. Und wie die Flamme +brauste auf Sidobre, süß geheimnisvoll und streng, wußte er seinen Weg. + +Das Gerede von den Islandfahrern verbreitete sich in den Landschaften. +Die strengen bändigenden Feuer sah man bald überall brennen. Der Steile +Absturz, wie man Kylin nannte, blieb mit ihnen auf Sidobre. Die +Islandfahrer blieben auf Sidobre, bis sie fühlten, daß sie die +anflutenden Erdgeister bezwangen. Dann blickten sie weiter um sich. Die +reinen niederwerfenden Feuerbrände waren schon weit vor ihnen nach +Norden getragen worden. Die Siedler sammelten sich um das Licht; die +sicheren harten entschlossenen Menschen, die vom Meere kamen, heischend +sich bewegten, überwältigten sie. + +Die Islandfahrer drangen durch das ganze südliche Land. Als Kylin sah, +daß die Feuer sich nach Norden bewegten, die Siedler sich +zusammenballten, verließ er Sidobre. + +Er spannte frische Pferde vor seinen Wagen, lenkte ihn, sein Innerstes +stählend, auf die erdversunkenen Stadtreiche. + + * * * * * + +Aus den Erdgewölben, in denen Mentusi und Kuraggara saßen, waren neue +Wesen hervorgelaufen; die Giganten hatten sich mit ihren Gehilfen +zusammengetan, die ihnen die Türen der Versuchsgewölbe öffnen mußten. +Als Wiesel, kleine grauhuschende Mäuse fuhren sie aus den Türen. +Flitzten durch die Straßen, immer in Gefahr erschlagen zu werden, +kratzten pfiffen vor den Versuchsgewölben. Und nach Tagen flogen sie als +Reiher mit dicken Köpfen, schwerhängenden Köpfen über die Plätze der +Erdstadt, spreizten die Flügel, streckten die Hälse aus, fuhren durch +die Schächte auf. In den Laboratorien mußte man sie in Menschen +zurückverwandeln. Da standen sie dann, schüttelten sich, als kämen sie +aus dem Wasser hervor, murrten, fanden sich nicht zurecht, machten sich +zu einem neuen Sprung bereit. Dumpfer heißgewalttätiger kamen sie aus +den Verwandlungen hervor. Ihre Gehilfen und Gehilfinnen waren Männer und +Männinnen wie sie. Die Giganten fielen die Gehilfen, wie sie aus den +Bädern Feuern Spannungen der Verwandlung stiegen, oft noch in dem Drang +des Tierischen an, schlugen sie, zerstörten Apparate. Man hatte schwer +die wieder Menschgewordenen zu bändigen. Die Lust, sich in Tiere zu +verwandeln, erlosch bei vielen Giganten Londons und Brüssels, als man +einige von ihnen erschlagen und in Stücke reißen mußte, wie sie nach +ihrer Wiederkehr über die Gehilfen, kostbare Apparate fielen. + +Gierig machten sich da Giganten Londons daran, Menschen aufzugreifen, in +Massen, in immer größeren Massen, um ihre Kräfte zu zeigen. Vor ihren +stierwilden Gehirnen stand die Erinnerung an die schrecklichen Gebilde, +die die fallenden zerschellenden Urtiere unter sich geschaffen hatten: +die mit Mensch Tier Pflanze Stuhl Tür aufbrausenden kochenden Häuser. +Die Fahrt nach Island und Grönland war nicht vergeblich gewesen, die +Urkraft war in ihren Händen, sie wollten sich ihrer bedienen. In zwei +Wochen vollendete Kuraggara, die Männin, selber in eine Fledermaus +verwandelt, in London ein schreckliches Werk. Sie konnte wie ein +grönländischer Drache speicheln; ein Tropfen des Speichels lief über den +Schleier, den sie, selber geschützt, an ihrem Hals trug. Schon wuchsen +unter ihr die Balken, die Eisenträger dunsteten auf und quollen, +entsetzlich dicke Menschenarme schwollen lang aus den Fenstern, +zerbrachen die Fensterrahmen. Die Gebäude wurden von Fleisch umwuchert. +Die unterirdischen Gewölbe mit Menschen, Häusern, Wagen wuchsen zu, +durchwühlten einander. Von der Erdoberfläche waren die Menschenmassen +vor den Grönlandbestien geflohen; jetzt saßen sie, hingen wie ein +Korallenstock unter der Erde. Und Kuraggara, von Tag zu Tag wieder +Mensch, jauchzte. Mentusi, Kara Ujuk, Schagitto, Dejas Tessama wurden +von ihrem Fieber angesteckt. Über die fliehenden vor Angst wahnsinnigen +Menschen im untersten Teil Londons fielen sie, surrten als Kolibri, +schrien als Goldfasan Häher Elstern, ließen sich jagen, tropften ihr +Gift. Der unterste Teil Londons, die Wasserstadt, wurde von den +täuschenden flatternden Tieren begraben, Stein Sand Mensch Eisen +ineinander gequirlt. Der Boden dort sank ein; Wasser schwemmte in die +Spalten, die Hohlräume, die sich bildeten. Delvil, der Gewaltigste von +ihnen, tat den flatternden Tieren Einhalt, erschlug einige von ihnen, +kämpfte die anderen, die wieder ihre Gestalt angenommen hatten, nieder. +Er drohte ihnen: „Das tat not, daß ich mich für euch mühte. Es tat not, +daß wir für euch Menschen nach Island schickten. Der Schleier für euch! +Nehmt euch in acht. Vier leben nicht mehr.“ Sie brüllten, was er +vorhabe. Er tatzte eisig nach ihren Gesichtern: wenn sie begriffen, was +er vorhabe, wäre es ihm recht; vorher sollten sie ihren Verstand bei ihm +legitimieren. + +Mentusi und Kuraggara, die noch lebten, zwang er zu sich nach Cornwall +herüber in die Dartmoorwaldungen. Auf Tieren, die sie sich geschaffen +hatten, flachen Riesengeschöpfen, in deren Brustkorb sie saßen wie das +Herz der Tiere, flogen sie an. Er zerbrach den Tieren die Hälse: +„Kuraggara, das war dein Tier, das braune. Und das war deins, Mentusi. +Das sind eure Späße. Damit glaubt ihr mir vor die Augen treten zu +können.“ Kuraggara, wie eine Tanne hoch, hatte den Rumpf eines Menschen. +Als Baumkänguruh war sie zuletzt gesprungen; braun und behaart war noch +ihr Gesicht, schnauzenförmig verschoben Kiefer und Nase, kleine spitze +Ohren drehte sie am Hinterkopf vor. Sie stand eingesunken auf den +plumpen bekrallten Hinterbeinen, den buschigen Schwanz schlug sie vorn +um den Leib. Schläfrig hörte sie auf Delvil. Mentusi hatte den langen +rostbraunen Hals eines Gänsegeiers. Mit klatschendem Flügelschlag senkte +er sich auf den Steinboden vor Delvil, hob den spitzen Menschenkopf, +sträubte die Rückenfedern. Er hauchte dehnte sich: „Schlag nur den +Kasten tot. Wir machen uns neue.“ „Du unsauberes Tier. Sieh, was hängt +an dir, an deinem Federkragen. Das sind Därme!“ „Gut gesehen. +Pferdedärme, Delvil. Die Menschen früher hatten nicht unrecht, Tiere zu +fressen, die aus den Leibern anderer kamen. Das schmeckt mir besser als +Meki. Ich werde noch Siedler.“ Delvil patzte ihm eine Handvoll Steine an +die Stirn. Mentusi schnurrte zurück, lüftete die Schwingen, kreiste mit +eingezogenem Hals zweimal um Delvil, ließ sich krächzend nieder. + +„Und du, Kuraggara, was stehst du.“ Delvil, ein Mensch von Gestalt, +haushoch sie überragend, griff sie am Nacken an: „Schläfst du. Du hast +gesehen, wen ich in London totgeschlagen habe. Willst du’s auch. +Brauchst nur sagen. Mach dich zu einer Ameise oder zu einer Laus, das +ist bequemer für mich.“ „Du bist neidisch auf uns, Delvil. Du gönnst uns +unser Vergnügen nicht.“ + +„Was ist euer Vergnügen.“ Mentusi flog an ihm hoch: „Ist wohl Delvil zu +guter Letzt Hüter der Menschen geworden. Was gehen dich die Menschen an. +Mich gehen die Läuse und Ameisen ebensoviel an wie die Menschen.“ „Mich +kümmern die Menschen auch nicht, du Aasfresser.“ Delvil kollerte über +das Steinfeld: „Ich und Menschen. Ich und mich um die Menschen kümmern. +Du hältst mich für einen Propheten und Führer. Ich sehe wie Marduk aus. +Das ist vorbei, Mentusi. Die kümmern mich nicht mehr. Sie mögen siedeln +oder Städte bauen oder Baumborke essen oder Schwefelsäure trinken. Aber +trotzdem seid ihr Schufte, du und Kuraggara und Schagitto und die +andern, die ich totgeschlagen habe. Ihr könnt spielen soviel ihr wollt. +Ihr treibt es zu wild.“ Kuraggara hob sich auf ihren Sohlen auf: „Da war +nichts wild. Du gönnst uns nichts.“ Delvil stieß mit dem Knie gegen sie. +Sie klapperten unter seinem Steinregen in das Dickicht. + +Delvil dachte nur daran zu wachsen. Er verließ die Berge Cornwalls +selten. Eine kleine Zahl inbrünstiger Gehilfen hatte er. Dejas Tessama +schickte er nach Irland, einen Mann wie er. Sie wollten Grönland und die +Urtiere nicht vergessen. Die Kette der Turmmenschen stand noch auf dem +Gebirge, am Meer. Mit Inbrunst Weinen Haß betrachtete sie Delvil: „Das +waren meine Freunde. Sie haben die Bestien aufgehalten. Wir haben sie +opfern müssen.“ An den dunklen traurigen Wesen ging er vorüber. Er ließ +sie verfallen, man brauchte sie nicht mehr. Sie vertrockneten zwischen +den Steinen und Balken; ihr entsetzliches Gestöhn, tierartiges müdes +Blöken hallte monatelang über den einsamen Bergen, über den wüsten +Wasserflächen von Schottland nach Skandinavien. Die lockenden +Schleierteilchen senkten sich mit den schrumpfenden Riesen. Steinmassen +über Menschen- und Tierreste. Herab von den Flößen in die See. + +Delvil dachte nur zu wachsen. In Cornwall hielt er wochenlang. Sehr +langsam ließ er sich auftreiben; er wollte nicht wie die Turmmenschen +mit dem Boden verkitten. Felsblöcke konnten sich um ihn werfen, Wasser +Balken. Oft wurde sein Bewußtsein dunkler und man mußte lange anhalten, +damit nicht die Geister der Steine die Oberhand über Delvil gewönnen. +Als ein ungeheures menschenähnliches Geschöpf schob sich Delvil vor +London. Hatte Füße Zehen Knie eines Menschen. Dunkelbraune fellartige +Haut. Sein schilfernder Leib trieb Warzen Beulen Brüste vor wie Erker +und Kuppeln. Ein glockenartiges armbewegendes Geschöpf stieg aus seiner +Magengrube. Aus den Weichen wuchsen schwarze und graue sich ringelnde +spielende Schlangenleiber, bewegliche augenöffnende Röhren, die sich um +seine Beine legten, um ihn zu liebkosen, die für ihn soffen und fraßen. +Die Brust oben schwoll in langsamem Takt. Bäche sogen die +Schlangenleiber auf; ihr Bett wurde leer; die Bäche liefen durch Delvils +Leib. Er sah die Siedler unter sich laufen: „Krautfresser. Menschen. Das +ist die Erlösung der Menschen. Erlösung! Kraut zu fressen! Menschen!“ +Die Gräser Bäume Pferde Rinder betrachtete er mit seinem trüben Blick. +Der Wind blies um ihn. „Der Wind, das ist etwas. Der Berg.“ Er stampfte +um London, weil er sich fürchtete, den Boden zu zerbrechen. Über den +sturmbrausenden Kanal stieg er; das Brausen hielt er aus, bis es ihm den +Atem benahm. Bei Calais setzte er sich schnaufend hin, rüttelte an +Strandfelsen. Ten Keir schweifte um Brüssel. Er sah die Verfinsterung +des Himmels, den wolkenhoch anschaukelnden Giganten, hörte das +meilenweit vernehmbare Grunzen Gurgeln Wasserrieseln Pfeifen der +Schlangen. Voll Ekel floh er unter die Erde. + +Trübgierig irrte Delvil über den Kanal zurück, suchte tastend den Weg +nach Cornwall. In Fudern schluckte er das Gestein. „Menschen. +Krautfresser. Das ist ihre Erlösung.“ Er dachte dunkel: „In der Erde +wurzeln. Wie die Berge. Es wird sich alles herausstellen.“ Und kaute +mahlte schloß die Augen. + + * * * * * + +Die Giganten zogen auf Jagd. Kuraggara wollte nach Grönland. „Laß mich +über das Meer fahren“ lachte sie den brütenden Mentusi an „komm mit. Ich +jage auf Wunder. Du schläfst.“ Mentusi flog auf: „Laß sehen.“ + +Sie waren zwei Geier, die über das Meer schossen. Sie stießen durch den +Sturm, Möwen zerrissen sie und trieben sie sich zu. Das Meer wogte, eine +schwarze schillernde Platte, unter ihnen. Sie fuhren herunter, hackten +Walen in die Köpfe. Schrie der Sturm: „hi!“ schrien sie: „hi“. Sie +durchbrachen den Wind. Eisberge, die weiße Kälte flimmerte unten auf. +Kuraggara schleuderte sich lustig in der Luft herum: „Wir sind bald da. +Mentusi, wir haben es. Es war kein Drache da. Ist keiner gekommen. Sie +sitzen im Eis fest. Wir wollen sie aufstöbern.“ + +Kein rosafarbenes Licht glomm mehr um sie. Das weiße Dämmern. Wallen des +Nordlichts. Da war Jan Mayen. Wo war der Mutumbo, der sich in die +Flachsee ein Loch gebrannt hatte, mit den Schiffen sich herabgelassen +hatte auf den Meeresgrund. Das tosende Wasser war über ihn gekommen. Das +Rosenlicht blühte vom Himmel, in gleichmäßiger Seligkeit machten sie +Steinchen, Hölzchen, kleine Wellen, große Wellen zu Geliebten. Dann +rollten schwarze Gewitterwolken an, Zyklone; und sie jauchzten noch. Und +dann die flimmernde gleißende Wolke der fliegenden Lurche, der +langhalsigen mit knochigen Kragen, Füchse in ihrem Gefieder. Spritzen +Gießen von Tieren. Dröhnen der durchbrochenen Schiffsmauer. In das +gewalttätige Wasser waren sie in einer Minute eingewühlt. Wie Öl die See +schillernd über den verschwundenen Schiffen. Vorbei Jan Mayen. + +Bergketten tauchten im Ozean auf. „Das ist es“ jauchzte Mentusi, senkte +sich. Es waren Inselgruppen. Und neues Wasser, stärkeres Schäumen, +Brandungslinien. Weiße Gipfel, flache hüglige Ebenen. Die Geier +krächzten, die Schwingen weit entfaltet, unbeweglich, ließen sie sich +herab. „Grönland, Mentusi.“ „Kuraggara, ist das Grönland.“ Wonnig +kreischte Kuraggara: „Weißt du, was du vergessen hast die ganze Reise? +Weißt du? He? Die Drachen.“ „Die Drachen.“ „Ja, Mentusi. Jetzt greifen +wir sie an. Hast du sie gesehen. Ich keinen einzigen. Wo sind denn aber +die süßen Tiere, die uns solche Angst gemacht haben. Wo haben sie sich +denn versteckt und wollen mit uns spielen.“ Sie prustete, tanzte auf dem +Schnee, schlug mit den Flügeln, daß der Schnee stob: „Tot! Tot! +Verreckt! Krepiert! Verendet! Vernichtet! Drachentod. Komm, wir wollen +sie suchen. Ich möchte mit ihnen spielen.“ Sie sausten im Fluge die +Berge ab. Schneemassen Eisplatten überall. Durch gelles weißes Licht +schossen sie einen Tag, das Land endete nicht, dehnte sich unermeßlich +weiß hin. Wie die Schwärze vom Himmel ausgebreitet wurde, Schneegestöber +sie blendend einhüllte, lockte Kuraggara: „Ich seh eine Kluft. Wir +warten die Nacht ab.“ Müde saßen sie unter einem Fels, schliefen +träumten. Sie segelten über dem Meer, hoch in der Luft, die Flügel +ausgespannt, ohne Bewegung, und wurden getrieben. + +Bei stechendem Sonnenschein wachten sie auf, Kuraggara wollte weiter +fliegen. Mentusi, die Federn gesträubt, knurrte: „Warte, ich habe etwas +geträumt. Ich will nicht in den Schnee. Wo sind die Drachen. Ich habe +geträumt, sie liegen hier.“ Und sogleich fing er an über der Kluft zu +kreisen. Der andere Geier ihm nach: „Ich sehe nichts.“ „Sie liegen hier. +Unter dem Schnee.“ Sie krallten sich in den Schnee des Abhangs ein, +schlugen mit den Flügeln um sich, wehten ihn fort, mit Klauen wühlten +und kratzten sie. Der Schnee lag locker. Das Eis war lose bröcklig; es +war ein Firn, blau weiß, der sich eben bildete. Sie warfen ihre warmen +Körper an das Eis; es rann und floß weg. Wie ihre Klauen ermüdeten, +nahmen sie die Köpfe, bohrten und hämmerten mit den Stirnen. Sie wälzten +sich wie Räder, bis sich ihre Fänge wieder erholt hatten. Da brach auf +einmal knarrend die Eis- und Schneemasse über ihnen von der +Abhangsspitze herab. Ein Stück wurden sie abwärts gerollt, fast +erstickend unter den Schneelasten. Dann schossen sie seitwärts hoch. In +der Luft trafen sie sich: „Bist du es, Kuraggara?“ „Lebst du, Mentusi. +Ich kann nicht weiter. Ich kann nicht, Mentusi.“ Sie saßen verschnaufend +in der Ebene, eine Stunde. Mentusi jagte auf, zögernd flatterte die +andere. + +Kreischte Mentusi, war verschwunden. Angstvoll erhob sich die andere, +höher, höher. Sah den andern, den Riesengeier. Er hing an der Wand, +bewegte sich hackend auf und ab. Sie näherte sich, erschrak. Stieß ein +Kreischen wie Mentusi aus. Die Wand war schwarz und braun. Dünner Schnee +überrieselte sie. Da ragten die Äste einer Baumkrone hervor. Starke Äste +eines schief lagernden niedergebrochenen Baumes. Die kleine Lawine hatte +die ganze Wand des Abhangs entblößt. Mentusi lief unten eine sonderbar +gewundene Linie ab. Er schrie und hackte. Kuraggara flog herzu. „Das +sieh, Kuraggara. Was sich hier biegt. Es bewegt sich nicht. Knochen +Wirbel. Da, Rippen. Hier der Kopf, die Augenlöcher.“ „Ein Drache.“ +„Einer, meinst du. Hier liegen nur Drachen. Hier liegen sie alle. Es war +ihnen zu kalt. Ist aus mit ihnen. Sind eingeregnet, eingeschneit.“ Und +sie stöberten den Abhang ab. Er war von einem Wald mit Bärlappbäumen +bestanden gewesen. In kalten modrigen Blatt- und Moosmassen rührten sie. +Zwischen Geröll Stämmen Blättern lagen Gerippe und Haufen zersplitterter +Knochen, Eis dazwischen wachsend, Schnee Wasser Erde darunter rieselnd. +Kuraggara schrie, flog auf, schaukelte sich in der Luft über dem Abhang: +„Die Drachen, die uns erschlagen wollten. Die Drachen, die die +Stadtschaften verwüstet haben. Ha! Ha!“ Mentusi schaukelte sich neben +ihr: „Kuraggara, über das Land, über das ganze Land.“ Sausten durch das +Schneegestöber durch die Böen des eisigen Windes: „Das ganze Land unsere +Fahne. Unsere Siegesfahne. Da liegen sie, da und da und da. Tausende, +Millionen! Überall, wo es weiß ist. Der Schnee tut nichts als sie +begraben. Und uns –“ Mentusi schnellte sich hoch, kreiste. Kuraggara, +lachend: „Uns haben sie ihr Leben gebracht. Gerippe auf Grönland. Leben +bei uns. Ha. Wollen noch Schnee fressen. Schnee Schnee.“ Und sie +schluckten den Schnee. Der fiel über den Erdteil, versenkte die Wälder +bis über die Baumkronen, brach die Stämme nieder, zerrieb sie, löste, +was an Tieren zwischen ihnen lag. Auch die Fetzen des verkohlten +Riesenschleiers von Turmalin, der ihn einmal beherrscht hatte. + +Schrill Kuraggara: „Nun, wie gefiel dir die Fahrt, Mentusi. Ich fresse +mir den Magen mit Schnee voll; er ist unser Freund. Jetzt wollen wir +zurück. Ich hatte mich auf ein anderes Wunder gefaßt gemacht. Aber auch +das gefiel mir.“ „Und mir. Wenn ich erst zu Hause wäre. Wir müssen viel +tun, Kuraggara. Ich habe unendlichen Durst, viel zu tun. Tun, tun.“ +„Komm. Ein Tag, zwei Tage, wir sind zu Hause.“ + +Die Berge und Eisfelder vorbei. Den Atlantischen Ozean überflogen, +Meridian auf Meridian. Das lungernde Wasser, das schlackernde wehende +Fell des schwarzen feuchten Untiers. Klippen und weiße Brandung: die +Shetlands Orkneys und Färöer. Schottische Bergketten, die Hochflächen. +Kleine Schafherden bewegten sich unten; Menschen Siedler. Tun, mehr tun. +Die beiden Geier schrien warfen sich in der Luft. Sie sausten mit +zurückgebogenem Hals, blinzelten begehrlich gradeaus: meilenweite +Trümmerfelder bis zu den Küsten; das grollende Meer im Süden. Das war +London. Die Schimmelpilze der Siedlungen hatten es am Rande überzogen. +In die Schächte und Spalten hinab die beiden Geier, den Kopf voran, die +Fänge an den Bauch. Sie krächzten. + +Und da sie Delvil nicht sahen, taten sie, was sie wollten. Mit dem +Geheul von Panthern erfüllten sie die Gewölbe der Erdstadt. Sie +vervielfachten sich. Als die erschreckten Menschen die schrägen +Spaltenwände hochliefen, die Schächte auffuhren, standen die stampfenden +Mammute da. Die Rüssel schwangen sie wagerecht und senkrecht wie Keulen +Peitschen Hämmer Steine. Wie sie die Rüssel gedreht über den platten +Kopf warfen, die rote Riesenkluft der Mäuler entblößten, weiß heraus die +Balken der Stoßzähne, gähnten sie klingend und rollend hell. Der Schall +fuhr wie Meereswut über die wimmelnden Menschen, die auseinanderstoben. +Die Mammute, die grauschwarzen, tanzten. Schächte traten sie ein. Die +Menschen warfen sich aus den Erdkammern hoch. Die weiße Luft, der +neblige Himmel war da, blasender Wind und Untiere, wie aus der +Grönlandzeit. Sie ließen sich betäubt in die Stockwerke der Erde wieder +herunter. Dann hinter ihnen das gräßliche Tiergebrüll, die Giganten. Sie +waren außer Rand und Band; ihre Macht hatte sie zum Toben gebracht. Wie +konnte man fliehen. Schächte eingestürzt, der Zugang zu den Mekifabriken +verschüttet. Durch alle Risse quollen die Menschen herauf, verstopften +die Wege. Dem Geheul der Tiere lief man entgegen. Wo das Geheul war, war +eine Öffnung. Mentusi und Kuraggara, Gestalt um Gestalt wechselnd, +tosten; Glück rasselte in ihren Kehlen: „Tummtumm! tumm tumm!“ + + * * * * * + +Dann ließen sie das kreischende London los, das Strudeln krabbelnder +zitternder Menschen. Es durstete sie nach Cornwall zu Delvil. Fünf +Giganten waren hinter ihnen her, die letzten, die London gemacht hatte. +Zwei hüpften als Heuschrecken, hoch wie ein Mann, rieben die glashellen +pergamentenen Flügel gegen die Hinterschenkel, daß Schrillen mit ihnen +lief. Sie schnellten sich mit dem letzten spitzwinkligen Beinpaar, +flügelausbreitend, hoch, schossen im Satz über die Gesteinshalden. Die +drei anderen flogen als gelbe Wolken von Blütenstaub. Der Staub +schwankte und löste sich manchmal, dann ballte er sich zusammen, schoß +vorwärts wie ein geworfener Stein. + +Durch den Dartmoorwald ging Delvil; Cornwall verließ er eben. Eine gelbe +Wolke, wie ein Mückenschwarm singend, legte sich weich vor seine großen +dunklen Augen. Er hob einen Arm, um den Schwarm zu verjagen. Der legte +sich dichter, nach Linden duftend, an, schwoll über seinen Nasenrücken +gegen den Mund. Die Schlangen aus seinen Weichen zuckten auf, gegen eine +Wolke, die sich um die Hüften legte. Die Schlangen rissen peitschend +hochschnellend Spitzen von Tannen ab, zersplitterten Äste. Unter dem +Hagel der Baumstücke wichen die Heuschrecken, die sich schrillend +näherten, durch den schwarzen Wald. Delvil wandte seinen Rücken gegen +die Wolken, nieste wischte sich die Augen mit dem behaarten Arm. Und wie +er tief atmete hustete spie, – das Summen näherte sich von rückwärts +seinen Ohren, er beugte den Kopf, – zerriß das Gelächter Mentusis und +Kuraggaras die Luft. Ihre Flügelschläge sausten über den Tannenspitzen. +Sie krächzten; rostbraun ihre gierig vorgestoßenen fast nackten Hälse; +die Federn der Halskrempe grau; und sie flatterten in der Luft. Da +erkannte Delvil die Giganten, mit denen er kämpfte. Er war auf dem +trüben suchenden Wege wieder nach dem Festland gewesen. Er griff mit den +Fäusten nach seinen Ohren, an seinen Mund, in die kitzelnden Wolken des +Blütenstaubs. Die Massen, die auseinanderglitten, faßte er krampfend +zwischen die Finger, quetschte, zerwarf sie, stieß mit den Ellbogen die +aufdrängenden, zueinander quellenden Wolken zwischen seine Knie. Da +klemmte er sie fest. Der Staub verfärbte sich, wurde rot, glühend. Aus +dem Summen war ein rasch abbrechendes Zischen Zwirbeln wie ein +Drosselschlag geworden. Die Schlangenmäuler weit gesperrt schnappten +schlürften schluckten an der wallenden Masse. + +Während die Schlangenleiber kuglig anschwollen und sich wurmartig +drehten rollten schaukelnd abplatteten, hob Delvil wieder den +mähnebeladenen Kopf, auf dem Tannenäste lagen. Langsam drehte er sich +um. Die beiden Gänsegeier, die Weißköpfe, mit schlaff hängenden Flügeln, +die Schultern hochgezogen, krächzten ihn von den Baumgipfeln übermütig +an. Brüllte Delvil: „Ihr, Kuraggara, Mentusi, ihr seid’s.“ Mentusi +lachte: „Sieh dir den Haken an meinem Schnabel an. Damit zerreiß ich dir +das Fell.“ Kuraggara: „Ich bin heut schmutzig. Heut war es nicht +Pferdeaas. Heute war es Menschenaas.“ Keuchte Delvil. Seine schwarzen +feuchten Augen traten hervor. Lange sprach er nichts. Dann brüllte und +weinte er: „Das tut ihr. Das tut ihr. Darum ist alles geschehen. Den +großen Krieg geführt. Grönland befahren. Die Drachen verjagt.“ Kuraggara +hob sich auf den blaugrauen Fängen: „Von Grönland kommen wir. Darum sind +wir lustig. Die Drachen haben wir gesehen, unter Eis. Jetzt sind wir die +Drachen.“ „Du, Kuraggara, bist. Und du, Mentusi, bist. Und Pferde freßt +ihr. Und Menschen freßt ihr.“ Und Delvil weinte. Sein Leib war in einem +furchtbaren Schütteln. Die Geier flogen rückwärts. Winselnd und leise +fauchend trat aus der Magengrube Delvils der korallenrote Riesenpolyp, +die Purpurrose; die Wimpern der hundert Fangarme schlugen heftig; die +Fangarme krümmten sich über den Mund. Und plötzlich während die +Schlangen Springbrunnen von Wasser in Stößen hochschleuderten, fuhren +Steine Baumstücke aus dem würgenden Schlund des leuchtend hochgehobenen +starken Polypen; die Arme erzitterten; wie Augen blitzte unter der +Mundscheibe ein Kranz blauer Warzen. + +„Ich lebe nicht mit euch“, ächzte Delvil, „ich bin nicht von eurem Blut. +Nach dem Festland will ich. Ich will zu Marduk.“ Die Geier schrien: +„Hähä! Zu Marduk. Willst Kraut fressen. Können dich brauchen. Werden +sich freuen.“ Schon krachte und prasselte der Wald, Delvil ging. „Ich – +zu Marduk. Ich – zu Marduk.“ Er wimmerte; stürmisch watete er vorwärts. +Die Heuschrecken waren verschwunden. Der Blütenstaub lag wogend +verzuckend in dicker Schicht über dem Boden. Kuraggara und Mentusi +machten sich kreischend Mut, stoben hinter Delvil, saßen auf seinen +Schultern, schlugen sich mit den spritzenden Schlangen. + +Den brausenden Kanal überschritt Delvil. An der Küste erschien er in +Wolken grünschwarz, taumelnd, schreckenerregend. Den Rhein ließ er erst +nach einem Tag. So lange tranken seine Schlangen an dem Wasser. Dann goß +er seinen Harn in einen See. Der Teutoburger Wald. Den Harz umging er. +In das Gewimmel der märkischen Landschaft geriet er; er kannte sie. Wo +war Marduk. Das himmelhohe dröhnende Unwesen stand tagelang, langsam +abblasend, im Havelland. Die Geier suchten ihn zu reizen. Er schluckte +und bewegte sich nicht. Hier hatte Marduk gelebt. Dann rülpste grollte +schrie Delvil viele Stunden, bis das Land um ihn menschenleer war. Er +ließ sich auf die Knie. Dicht drückte er sein Gesicht an den Boden. Das +Haus, in dem er Marduk gesprochen hatte mit der White Baker – wo war +White Baker – erkannte er. Einen Geier hielt er bei den Fängen fest: +„Mentusi, in diesem Haus ist Marduk. Sein Leib. Den muß ich haben.“ +Widerwillig, unter dem Gelächter Kuraggaras gehorchte Mentusi. Träge +schwebte er schon wieder zu Delvil hin; in seinen Krallen schaukelte der +weiße Körper des Mannes, der die Mark zum bösen Gewissen der Städte +gemacht hatte. Unter den Strahlen Zimbos war er gestorben; den Weg zur +Erde hatte er gefunden. + +Delvil, der Gigant, lag weit nach vorn gestreckt auf den Knien. Gewitter +und Sommerregen gingen über ihn nieder. Den gefrorenen Körper Marduks +wühlte er in den schlammigen Sand, drückte sich mit seiner Brust, +drückte die isländische Urkraft vor seiner Brust an ihn. Er hauchte +stöhnte tagelang über dem Boden an der Leiche. Bis sich unter ihm der +Körper zu regen begann, der Sand sich ballte, in langen Zügen, dünnen +Linien auf den Körper zulief. Wie ein Gewächs stellte sich auf, stieg +aus dem Boden der hagere graue Leib des Konsuls. Delvil hob sich. Er +häufte mit beiden Armen Sand um den ruckenden nackten Körper, dem der +Kopf fest über die Brust gebunden schien. Wie in Pulsschlägen strömten +Erdhaufen unter den Armen Delvils auf den Körper zu; die Luft wirbelte +und blitzte um ihn. Ihr eigenes Wasser spien die Schlangen Delvils auf +den Boden aus. Als die Brust des hochgestiegenen Körpers, um den die +Erde sich zu einer Grube vertiefte, zu dehnen wölben heben begann, die +Finger sich spreizten, der Leib auf den gebogenen Knien sich +aufzurichten mühte, löste Delvil, ein inbrünstiges Grunzen, tiefes +Blöken ausstoßend, augenrollend, die Arme von dem Wesen, stemmte sich +auf, blieb auf den Knien. Bis an den Hals reichte ihm Marduk, dessen +silberweiße magere Beine in dem Sand wühlten. + +Delvil flüsterte, es dumpfte über die Ebene: „Marduk! Marduk!“ Er rief. +Dringender jappste er: „Marduk, Marduk.“ Das Kinn des Konsuls löste sich +von der Brust, der Scheitel stieg auf, die Nase, der Mund trat hervor. +Zwei schwarze Augen stierten blicklos auf Delvils Hals. Die Hände +bewegte Delvil rufend auf und ab. Heftiger traten unten die Füße. „Ah“ +stöhnte der Mund, während der Kopf sich von links nach rechts drehte +suchte. Eine Faust schwang Delvil vor dem Gesicht des Wesens auf und +nieder. Der Kopf fing an zu folgen, senkte hob sich mit der Faust. Da +hob Delvil die Faust langsam vor den eigenen Mund, vor seine Augen. Die +Blicke des Wesens waren an Delvils Augen; er näherte sie den Augen +Marduks, bewegte sie hin und her. Zugleich drängte er, eine Hand in +Marduks Nacken gelegt: „Siehst du, du kennst mich. Marduk, du kennst +mich. Ich bin Delvil.“ „Ah“, stöhnte tiefer der Mund, die weiße +Unterlippe klappte herunter; zähes Wasser goß sich in einer Flut +herunter. Angstvoll das Dröhnen Delvils: „Du bist Marduk. Der Konsul der +Mark. Du kennst mich. Ich habe dich sprechen wollen.“ Aus dem Munde des +Wesens, das jede Bewegung von Delvils Mund und Augen verfolgte, quoll +ein langes „Ah“, dann ein ringendes „Was“ unter Erzittern der +Gesichtsmuskeln. Dann röchelte es: „Wer, wer ich.“ Zärtlich Delvil: +„Marduk bist du.“ „Ich?“ „Marduk. Ich habe dich geholt.“ „Wer – Marduk?“ +„Du. Der Konsul der Mark. Wir haben hier gesprochen vor langen Jahren. +Du warst in dem Haus unten.“ „Marduk.“ Das Wesen trat heftig mit den +Füßen, blickte herunter zu den Sandstrudeln, stöhnte: „Los. Meine Füße.“ +„Blick mich nur weiter an, Marduk. Du wirst wissen, wer du bist. Ich +warte auf dich.“ „Ich – weiter. Ich – weiter.“ „Wir haben unten gelegen. +Dies ist die Mark, wo du gelebt hast. Jetzt ist Zimbo hier. Der dich +beendet hat. Der Schwarze. Achte, was ich sage. Du besinnst dich. Der +Uralische Krieg war, du kamst nach Marke.“ Jetzt glättete sich das +grauweiße Gesicht des Mannes, seine Lippen schlossen, spitzten sich; +Delvil bebte: „Und nach Marke du. Die Menschen, die du geführt hast, +leben noch. Sie sind wie du. Es wird dir Freude machen. Blick unter +dich. Ist keine Stadt da.“ + +Der Sand schurrte um Marduk; er blickte herunter, zu Delvils dunklen +Riesenaugen zurück, lallte: „Ich kenne. Ich erkenne.“ Delvil jubelte: +„Du kennst es. Die Mark. Hier hast du gelebt. Ist keiner an dich +herangekommen. Du warst groß.“ Der andere blickte zu den Wolken auf, +lallte weniger: „Ich kenne. Ich kenne“, riß an seinen Beinen. Die waren +bis zu den Knien im Sand vergraben, mit Adern Nerven Knochen im Sand +verwurzelt: „Gehen. Weiter. Ich muß weiter.“ Lachte grunzte Delvil: +„Kannst nicht weiter. Warte. Ich mach dich bald frei. Ich bin Delvil. +Ein Riese. Du bist es auch. Es gibt kein lebendes Wesen, das ich +sprechen möchte, als dich. Ich habe Sehnsucht nach dir. Ich muß dich +hören. Du wirst mir antworten.“ „Ich bin ein Riese. Was ist das?“ „Jetzt +kann ich die Hand von dir nehmen. Du verstehst mich. Willkommen, Marduk, +mein Freund, meine einzige Seele. So erbärmlich sind die Menschen, +nichtsnutzig, ohne Stolz. Wir hatten nach Grönland schicken müssen, +Marduk, wir wußten uns keinen Rat. Das Feuer ist jetzt bei uns, Marduk, +das Feuer.“ Ohne Zucken stand der andere, der weißgraue Riesenleib, vor +dem Giganten Delvil, der noch kniete, den Rumpf aufgerichtet, dunkles +Auge in dunklem Auge. Marduk suchte mit den Blicken den wüsten wogenden +Leib Delvils ab: „Das Gesicht Delvils. Ich war einmal hier. Du sagst +Marduk zu mir.“ „Sprich weiter. Es ist deine Stimme.“ „Inzwischen. +Inzwischen. Da war Jonathan. Elina. Zimbo.“ „Das Ende. Du bist in seine +Strahlen gelaufen.“ „An der Havel.“ „Du kamst nicht heraus, hoho. Bist +erstickt. Und jetzt hier.“ „Einen furchtbaren Leib habe ich. Meine Knie +stecken im Sand. Im Sand. Ich muß weiter.“ „Tot, Marduk. Du bist wie ich +durch das Feuer. Wir haben es aus Island geholt, es kann uns nicht mehr +genommen werden.“ Marduks Brust hob sich; seine Augen irrten nach den +Seiten: „Ich – leben. Ich lebe wieder.“ „Niemand raubt dir das Leben. +Wir haben das Feuer. Für alle Zeit, für endlose Zeit haben wir das +Leben. Und nun siehst du es. Marduk, was wollen wir tun?“ Starrte ihm +Marduk auf die Stirn, knirschte gurgelte: „Was ist das? Was redest du?“ + +Richtete sich Delvil auf, die Schlangen soffen an einem Havelsee. Im +Wolkennebel wiegte sich, lachknurrte sein Kopf: „Feuer besitzen wir. Das +besitzen wir. Unauslöschbares Feuer. Das besitzen wir. Was die Blumen +macht, die Tiere und Menschen macht. Was den Wind und die Wolken macht. +Was die Gase treibt. Das besitzen wir. Marduk. Alles haben wir in +Händen. Ich bin kein Großmaul; ich sage: alles. Dich habe ich machen +können. Meki ist nichts; wir brauchen nicht Meki. Wir haben die Urwesen +selbst.“ Sein Atem dampfte oben. + +Das Gesicht Marduks füllte spannte sich bei Delvils Worten. Die Erde +hörte auf in gleichmäßig pulsierendem Schwall auf Marduk zuzurollen, +klumpte sich, lag glatt, klatschte in seine Glieder, zu ihm auf. Marduk +atmete: „Das ist es. Sprich mehr, Delvil. Ich habe lange nicht gelebt.“ +„Nicht so lange. Wir gehen rasch. Nur Jahrzehnte sind vorbei. Es gibt +dumme Tiere, deren kann man nicht Herr werden durch Gewalt oder +Weisheit. Nur durch List und durch Zufall. Wir haben nichts gesucht und +gewollt, waren selbst klein. War die Dummheit groß rechts und links. +Unser Glück war doch größer. Auf Island brannten Vulkane, holten wir +Feuer aus den Vulkanen. Wußten nicht, was wir hatten. Waren stolz +Grönland zu enteisen, die Siedler zu bewältigen. Das Land wurde enteist. +Und dann kamen die Untiere, Marduk, hoho, Untiere, zu uns herüber. Die +hast du nie gesehen. Lurche Vögel Gallerten, Formen, Formen. Das Feuer +hatte sie gemacht. Unsere Stadtschaften zerrissen sie. Die Häuser Bäume +Menschen, Totes und Lebendiges klatschten sie zusammen. Das waren +Gewaltige. Und wir verstanden noch immer nichts. Taten noch immer +nichts, als uns fürchten. Marduk, wir taten vom Morgen bis Abend nichts +als uns fürchten. Krochen unter die Erde. Haben die Küsten verlassen, +weil der Wust durch den Ozean herankam. Bis wir der Katze auf die +Krallen sahen. Marduk, hörst du. Marduk, was haben wir mit den Krallen +getan? Abgeschnitten? Wir haben sie der Katze gelassen und uns neue +gemacht, längere schärfere. Sieh mich an. Sieh dich an.“ „Ich höre, +Delvil. Ich erkenne dich. Ach, die Mark. Da sind die Seen. Die Havel. +Ich war hier erstickt. Mein Leib ist wieder lebendig.“ Delvil, das +Ungeheuer, ließ sich vorsichtig tastend wieder auf die Knie: „Und nun, +befühle dich, was will ich von dir im Havelland. Warum bin ich gekommen. +Sieh, was hinter dir fliegt.“ „Geier.“ „Ja, sie, Gänsegeier. Mentusi und +Kuraggara. Sie hacken gegen deine Füße. Sie möchten, daß du stirbst. Sie +freuen sich ihrer krummen Schnäbel. Wie sie kichern, über uns. Das sind +meine Gefährten. Giganten wie ich, Mann und Männin. Und das tun sie, das +ist ihr Spaß. Und das, das, das ist aus uns geworden, Marduk! Aus uns +Herren! Die die Apparate geschaffen haben, die die Menschen geführt +haben. Sie wissen sich nicht aus noch ein. Nach Grönland getobt. London +zertrampelt. Brüssel in Stücke. Sie spaßen. Ich, aber ich –“ wie keuchte +Delvil, wie hob er um Marduks schwachen schlanken erzitternden Leib die +beschwörenden Arme. Er sah nicht, daß Marduk schwächer schwächer wurde, +daß er sich die Füße aus der Erde zerrte; im Gesicht wurden die scharfen +alten Züge des ersten Marduk deutlich, als träte ein Licht, ein Feuer +hinter einer Papierwand hervor, die es verdecken wollte – „Ich bin +Delvil, ein Herr. Was hab’ ich in der Hand. Was ich in der Hand habe, +weiß ich. Dies ist mir zugefallen. Meine Gefährten sind das nicht. +Keinen habe ich. Marduk! Ich habe ein Amt. Und du auch. Rache fühle ich +nicht.“ „Bist du so weit, Delvil.“ Finster schluchzend Delvil: „Nicht +mißverstehen, Marduk. Du siehst jetzt anders als damals, wo ich zu dir +kam. Du bist kein gezeugter Mensch. Ich habe mehr als Apparate hinter +mir. Sieh dich und mich an. Du kannst jetzt nicht mehr reden wie damals +in deinem Rathaus. Wir haben eine Pflicht. Das Feuer ist auf uns +gefallen.“ „Die Dinge haben ihren Willen und ich habe meinen. Laß dich +jagen von deinem Feuer. Delvil, schlage die Erde entzwei.“ „Ich bin +nicht Kuraggara.“ „Die Erde entzwei. Was willst du anders.“ „Ich will +nicht die Erde entzwei schlagen.“ „Ah, du willst nicht. Delvil kommt zu +Marduk; er will nicht, was die Apparate und die Kräfte wollen. Ist etwas +geschehen mit Delvil. Er hat Marduk geweckt. Es ist etwas geschehen. +Hast du gewußt, daß du Marduk weckst?“ „Du bist es ja.“ „Hast du auch +die Antwort gewußt, die dir Marduk geben wird. Wer A sagt, sagt B. Du +brauchst mich, Delvil. Du bist kleiner als ich, du bist erlegen. Hilflos +bist du. Unter Marduk bist du herunter.“ + +Wilder stöhnte Delvil: „Nicht mißverstehen. Da sind Krautfresser. +Menschen, die siedeln und von dir sprechen. Das meinst du nicht. Kraut +fressen wie die Kälber, das war nicht deine Meinung. Jetzt ist sie es +sicher nicht. Was ich habe, hast du auch. Die Last ist auch deine.“ +„Keine Last fühle ich. Wozu kriechst du vor mir. Wühlst mich aus dem +Grab heraus. Du mußtest aus England herauskommen und stöhnst. Das hat +dir deine Kraft gebracht. Was ist besser an dir, als an Kuraggara.“ +„Schmäh nur, schimpfe.“ „Mich anzugreifen. Mich zu holen. Als ich lebte, +wagtest du es nicht. Es gelang dir nicht. Es ist dir auch jetzt nicht +gelungen. Geh weg. Hol Tote, hol Pharao, Hyäne. Husch, daß dein Feuer +dich brennt.“ + +Es war Nacht. Marduks Körper leuchtete. Aus seinem Mund, seinen Augen, +von seinem Finger sprühte mondhaft weißes Licht, zitterte wagerecht in +Stößen um ihn. Delvil auf den Knien und Händen vor ihm kriechend, ihn +betastend, um ihn kriechend, sah es, fragte nicht, war von Verlangen +Bängnis Bitterkeit hingerissen. Die Schlangen unruhig fahrend +überspritzten seinen heißen Leib. Das Pressen Krachen Knacken der roten +kauenden Meduse nach Pausen des Fauchens. Delvil wühlte angstvoll am +Boden. Er drückte Hügel beiseite; die umgelegten Tannen knisterten. Sein +Gesicht tauchte er von einer Sehnsucht Ahnung gezogen in Marduks Licht. +Der stand in seiner Grube, die sich nicht mehr bewegte. Die Beine +zerrten noch an der Erde, bis zu den Knöcheln hatten sie sich befreit. +Er atmete heftig, weit den Mund auf, den Kopf zurückgelegt; seine Arme +ruderten durch die Luft: „Das ist es. Das kann ich. Die Erde Luft Augen; +geht zu; meine Augen. Man hat mich hergeholt. Marduk, laß dich nicht +rufen. Dies ist schon vorbei. Auseinander. Süße Leiber auseinander. Auf +die Reise.“ Delvil suchte sich ihm mit der dampfenden, von der Urkraft +umspannten Brust zu nähern, die Hände auf Marduks Schultern zu legen. +Sie drangen nicht an. Seine Brust wurde seufzend schwer; sie wurde +zurückgeschoben. Die Hände, Hände erlahmten. Bis in die Arme, wie unter +einem Gift. + +Marduk schrillte und schlürfte Luft: „Dies Kleid nicht. Marduk, auf die +Reise. Marduk, geh weg. Hin!“ Die Geier sausten jauchzend auf den Rücken +des hingestürzten Delvil. Luftziehend, in ächzender Begier schleppte, +rappelte er sich an die mondhafte Gestalt, die leiser tönte surrte sang +„Marduk, Marduk.“ Licht strömte von ihr, dehnte sich, in Punkten, +gezogenen Linien über die Landschaft. Dichtere Massen schwammen, wogten +von der Gestalt ab, überlagerten Delvils Gesicht und Rücken, bezogen die +Bäume, und den schwarz aufgerührten Boden, hauchten um die +aufflatternden Geier. „Marduk“ klang die Gestalt eintönig, wallte stob +begann sich in Funken zu drehen. In Wut und Grauen tatschte Delvil zu, +heulte, wie das Wesen leicht mit höherem Summen abwich, über den Boden +glitt. Es war kaum mehr ein Mensch, was da glitt und hinzog, ein See ein +Dampf, der sich immer mehr verbreiterte, mit einem menschenähnlichen +Kern, der sich lockerte. + +Hinrollte donnerbrüllte heulte Delvil: „Heran ihr! Mentusi, hilf mir. +Kuraggara, sieh ihn an. Seinen Hals, faß ihn. Seinen Fuß, pack zu.“ In +der schwarzen hohen Luft die Fänge und Pranken streckten die Geier, +ließen sich blind über dem Wesen mit geschlossenen schlaffen Schwingen +abwärts fallen, stürzten ins Leere, brachen in die Tannen. „Faßt ihn“ +raste Delvil, ganz aufgerichtet, torkelnd über die Fläche watend, +haschend, mit den schweren Beinen tretend. + +Die Gestalt zerrann, hob sich wie Silberschuppen, schwach in dem +allgemeinen weißen Schein zu erkennen. In dem Schein rutschten Mentusi +und Kuraggara vom Sturz tief benommen von den zersplitterten +Tannenspitzen die Stämme abwärts. Delvils Schlangen hingen schlaff; die +rote Meduse war aus dem Leib gestiegen, schlotterte; weit offen der +Mund; ihre wulstige Wandung kehrte sie nach außen. Delvil fühlte einen +Schmerz, als würde sein Leib zerrissen. Er keuchte betäubt in das weiße +Nebelmeer. Die Geier schwankten bewußtlos mit den Tannen; die Meduse +zerrte an seinen Därmen. Da bückte er sich, riß die Tiere auf seinen +Arm, taumelte, starr aus den Wolken herunterblickend, rückwärts nach +Westen. + +Schrie seine Wut gegen den schwarzen Himmel. Noch einmal jenseits der +Havel machte er halt, aus der Betäubung sich raffend. Es war nicht +denkbar, was geschehen war; auf seiner Brust hatte er den Schleier, der +Marduk erweckt hatte. Nach Osten kehrte er um; seine Hüften versagten, +schwankten nach den Seiten. Die Meduse, dem weißen Dämmer wieder +genähert, stieg, als wollte sie etwas greifen, mit ängstlichen Armen +empor, wulstete sich krampfend herunter. Über dem Havelland schwamm der +milchig weiße Dunst. Die Bäume unten schaukelten sich langsam im Wind. +Ein traumhaftes Zwitschern gaben die verborgenen Vögel von sich. In den +Hütten Häusern Scheunen schliefen die Menschen. Die Erwachsenen reckten +sich; sie gingen im Schlaf durch eine offene warme Landschaft, von einer +weichen Gestalt geführt. Die Kinder im Stroh hatten die Augen +geschlossen; ihre Münder zuckten; sie lachten. Und Delvil selber, unter +allem Brennen in seinen Därmen, während er schwankte Luft schnappte, +fühlte eine Müdigkeit. Die Lähmung war süß. Durch den blutgeschwollenen +wolkenhohen Kopf gingen ferne Gedanken, von Menschen, sommerlichen +Spaziergängen, von einem Becken mit Goldfischen. Seine Knie hatten die +Neigung sich zu krümmen. Und wie er ringend mit rückwärts gebogenem Kopf +in den Wolken Luft trank, stürzte er auf die Hüfte. Unerträglich +peitschender Schmerz. Der jagte ihn hoch. Nach Westen, nach Westen. Die +Geier raffte er auf. Er stürmte durch Hannover. Am Rhein kam er zu sich. +Zwei Tage lang schrie er. + +Die Geier sausten nach Westen, kehrten in Verwirrung und Wut zu ihm +zurück. Auf seinem Kopf saßen sie, während er den Kanal überschritt: +„Mentusi, Kuraggara, was soll mir mein Schleier. Was nutzt uns unsere +Kraft. Hat er uns besiegt?“ „Er ist geflohen. Wir wollen noch einmal zu +ihm kommen.“ „Ich will nicht. Nach Cornwall. Ich greife die Erde an. Das +tue ich. Habt ihr ihn gesehen, wie er in Licht aufgegangen ist. Ich +zerreiß’ die Erde.“ Kreischend Kuraggara: „Die ganze Erde. Samt den +Menschen. Und den Felsen und Meeren.“ + +In Cornwall aber stand Delvil noch lange Wochen brüllend und weinend: +„Er hat Recht. Ich zerreiße die Erde.“ Von Mentusi erfuhren die +Giganten, was geschehen war. Delvil knirschte verzweifelt: „Alles heran, +was wir haben.“ Und in einem Zerstörungstaumel brachen die Geier und +Delvils Gehilfen in die nahen Festlandsstädte ein, die sie noch nicht +zertobt hatten. Die Mekifabriken verwüsteten sie. Überall wo sie Teile +des Turmalinschleiers wußten, schleppten sie sie heraus. Auf den Hügeln +von Cornwall um den stöhnenden Delvil häuften sie sie an. + +Dann machten sie sich selbst zurück. Die Geierfedern warfen sie ab. In +der Dartmoorwaldung wuchs Delvil. Westlich im Bodminmoor Mentusi. +Nördlich am Tawafluß Kuraggara. Einen großen Halbkreis bildeten sie, der +nach Norden offen war. Es war Platz für die anderen Giganten. Die Berge +der Schleier hatten sie um sich. „Soll ich Grönland machen“ höhnte +Mentusi, „wollen wir die Schleier über die Erde hängen und die Erde +verklumpen. Soll ich das Meer über Europa schicken. Wollen wir den Pol +zum Äquator herunterziehen.“ Delvil dumpfte: „Nach Norden. Alle Kraft +nach Norden. Wir sind in Fahrt. Haltet die Kraft bei euch, daß ihr nicht +umgeworfen werdet.“ Vom Tawafluß Kuraggara, die aus einem Berg heraus +wuchs: „Und wenn die Erde zerreißt, so fahre ich durch die Luft.“ +Delvil: „Wachst! Saugt die Erde auf. Nehmt auf die Fahrt mit, was ihr +könnt. Norden.“ + +Und in finsterem Haß richteten die Giganten die furchtbare Wucht ihrer +Kräfte um sich nach Norden, gegen das Meer, von wo einmal die Lurche und +die Schleier gekommen waren. „Ich schick sie wieder zurück“ schrie +Delvil. + + * * * * * + +Über den Boden aller Landschaften, auf allen Kontinenten Inseln zwischen +den aufblühenden und verwelkenden Bäumen, zwischen den schnuppernden +laufenden hungrigen und gesättigten Tieren, bewegten sich die +sterblichen Menschen. Fühlten ihre Arme, die greifen konnten, nahmen die +Säfte an, die ihnen aus der Erde zuquollen. Und dann verdorrten sie. +Alterten erschlafften ergrauten. Unheimliche Kräfte arbeiteten an ihnen. +Sie hatten nur die stolzen drängenden schwellenden gekannt; jetzt +weinten sie. Die Flüsse liefen wie vorher, die Berge mit den Wäldern +standen ruhig, die gelbe Sonne kam mit den Tagen herauf, unverändert +nachts die blaue Schwärze des Himmels: nur sie gingen hin, wurden +weggedrängt. + +Es fing an, sie lautlos zu bemalen. Graue Linien wurden um ihre Augen +gelegt, die Lippen wurden bläulich blaß. Ein Meißel grub an den +Gesichtern, unterschnitt die Jochbögen, trieb sie über den schlaffen +Wangen hervor. Die Augen sanft eingesenkt, vermauerten sich, zogen sich +kalt zurück. Eine unterirdische Arbeit zerlegte die Nase, legte Gruben +über die Nüstern. Sie aßen und tranken, aber es war nichts aufzuhalten. +Aus dem feinen Grat der Nase wurde ein breiter Pfad mit starren Wänden +und dunklen feuchten Schlünden der Löcher. Die Haut, einmal flaumig, +wurde dünn wie Papier über das Gesicht gezogen, eng über das Gesicht, +bedrückend wie eine Maske; aus einer Maske sahen die Menschen armselig +hilflos hervor. Wie einem Gebäude geschah ihnen, das auf den Grundriß +demoliert wird. Sie fühlten es, schwiegen. Und die Kiefern klapperten +weiter, mahlten das Brot, zerrissen das Fleisch, taten als wüßten sie +nichts, und der Leib unten vertrocknete, verhärtete. Gelb wurden die +dünnen knorpligen Ohren; starre Haare wuchsen in Büscheln heraus. Die +Münder wurden nackt bloßgelegt, grausam die Lippen gefältet, die Lippen, +die blaßroten nassen Bänder. Vom Halse herauf zogen sich Wulste quer und +schräg zum Kinn; mit jeder Mundbewegung sich straffend. Knöchern die +Hände, die Finger knotig zitternd. Und die Menschen saßen stumpf, gingen +stumpf, erduldeten es. Bis das Letzte kam, das sie kaum mehr anrührte, +der Tod, über der Leber, über dem Herz, den Hoden, der Gebärmutter, die +der Krebs anfraß. Eine starre Ader in dem verdorrten Gehirn barst. Das +zuckte, – die Augen irrten, lagen still, – war ein Mensch. + +Von der Hochfläche Sidobra bei Toulouse brachen die Menschen auf, die +Island erlebt hatten. Mit ihnen Kylin, Hojet Sala, der Steile Absturz. +Aus Toulouse, wo sie wieder die Serninkathedrale betrachtet hatte, kam +die gelbbraune glatthäutige Venaska zu ihm herüber, bat, mit ihm wandern +zu dürfen. Schon auf dem Wege durch ein Maisfeld, sah er sie starr an: +„Willst du wirklich, Venaska?“ „Laß mich mit dir.“ „Ich habe deinen +Feigenzweig unter dem Oleanderbaum weggelegt.“ „Hojet Sala, hier ist ein +neuer.“ „Ich habe deine Küsse unter dem Baum angenommen. Ich weiß, wie +süß Menschen sind.“ „Nimm mich. Ich möchte, daß du mich liebst.“ Und +während es warm durch ihn ging, summte er: „Ich will sie mitnehmen. Ich +wandere mit ihr.“ Träumte, sah auf seinen Arm, und begrub den Gedanken. + +Durch die blühende Ebene der Garonne fuhren sie auf Ziegengespannen nach +Osten. Siedler und Islandfahrer begegneten ihnen auf den Roggenfeldern, +zwischen den dichten Ansammlungen der Bäume, der laubabwerfenden stillen +Wesen, die neu grünten. Wer von den Islandfahrern auf sie zukam, durfte +sie begleiten; der Steile Absturz blickte weg, als Venaska die Männer +und Frauen mit jungen Blättern auf ihre Art schmückte. Sie warfen sich +täglich vor dem Feuer hin, das auf den Feldern angezündet wurde. +Träumend stand Venaska, mit verschlafenen kleinen Augen, von den +Anbetungen auf. Der Steile Absturz, immer hart und ernst, drängte nach +Osten, zur Rhone; das Rhonetal aufwärts wollte er nach Lyon und +nördlicher nach Paas. Durch leere Felstäler stiegen sie, Gießbäche +umgingen sie. Jenseits des großen Flusses lag eine Ebene. + +Da schwollen ihnen Menschen von Norden entgegen. Der Steile Absturz +schickte Männer unter die wandernden Gruppen; die ließen sich nicht +aufhalten. Über den Fluß fuhren nach Westen Menschen. Sie suchten in das +Gebirge hinauf, fragten nach Verstecken. Und dann hörten die Menschen um +Kylin –, sie waren in der Nähe der Stadtschaft Lyon –, tagelanges +nächtelanges Knattern und Schreie. Brandwolken, eine ungeheure Flamme +über Lyon, die sich ab und zu verschattete. Unter dem Brausen flüchteten +an ihnen Massen weinender erschöpfter Menschen, heller und +dunkelfarbiger, vorbei. + +Der Stadtschaft Lyon hatten sich drei Giganten bemächtigt, zwei +Männinnen und ein Mann. Die anderen Herren lagen erdrosselt. Sie selbst +waren im Begriff sich in Dampfwolken zu verwandeln, um zu Delvil zu +fahren. Ihre zähen mit Felsen und Erde genährten Leiber widerstanden der +Glut. Das ganze Rhonetal hatten sie in Brand gesteckt, neue Wälder +erhitzten sie. Aus der Tiefe brannte die Stadtschaft auf. Das berghohe +Weib Tafunda stand breitbeinig über der Flamme, die an ihren Beinen +leckte, goß ihren Harn in die Flamme, zitterte nach den beiden, sie +sollten ihr helfen; aber sie schmolz nicht. Einer lag über der alten +Vorstadt Macon wie ein Riesenberg blauer Seide. Sein Leib war nicht mehr +zu erkennen, das Feuer zerfraß ihn; der Gigant kämpfte mit der Flamme, +die ihn vernichten, verblasen wollte. Er hielt mit allen Sinnen seinen +Leib, wie er sich auch streckte und wandelte, fest; das Feuer briet und +röstete, er fühlte es nicht; die Flamme mußte tun, was er wollte. Er +atmete selten, alles Feuchte hatte er von sich gegeben; aber der Wind +bewegte seine blauen Massen noch nicht. Da riß sich der dritte Gigant, +die Männin Kussussya, bis an den Hals in dem glutrasenden Erdloch Lyon +im Süden, aus dem Boden: „Wir haben Zeit? Was ist das für Feuer.“ Und +lachend tobend zerrte sie sich den Panzer der Giganten, den +Islandschleier von der Brust, zerknäulte ihn, rieb ihn gegen einen +Uferfels. Aufkrachen. Grüne Stichflammen. Ihr Leib verprasselte über den +Wolken. Die Hitze hinblasend löste den Giganten bei Macon ab von der +Erde. Er wallte wie ein blaues Lufttier. Molluskenhafte Arme streckte er +hinstreifend nach Tafunda aus, die nach ihm schnappte loderte und nicht +verbrennen konnte. Er schleppte das sich krampfende stöhnende ungeheure +Gebilde. + +Kylin hatte starr auf dem Pilatberge gestanden; sie sahen in der Luft +über sich den Giganten von Macon mit dem schwarzen sich windenden +Gebilde die Berge umkreisen, nordwestwärts ziehen. In das Flußtal +wollten sie heruntersteigen; sie vermochten es nicht unter dem widrigen +stinkigen Branddunst. Der Menschenstrom hatte plötzlich nachgelassen. +Und wie sie die letzten Hügel nach Osten begingen, hielt der ganze Zug +der Fahrer an. Das Flußtal war sumpfig erweitert, Fußtapfen der +Giganten, Hügel bei dem Gigantenkampf zerrissen, von Nordwesten her das +Gebirge in das Tal gestürzt. Über die Ebene gesät Häusertrümmer, die +rauchten. Und daraus wanden sich hervor Menschen und Tiere. Auf die +Siedlungen war der Kampf und der Brand übergegriffen. Das Feuer hatte +die fliehenden Wesen wie ein Vulkanausbruch überfallen; sie lagen, +schwarzbraune Flecken, zusammengekrümmt, auf den Wegen; an manchen +absperrenden Mauern in Haufen. + +Auf den östlichen Hügeln, an deren Lehnen sich der Qualm heraufzog, +zitternd und heulend warfen sich auf den Boden und verbargen sich manche +Islandfahrer, Männer und Frauen weinten; hielten sich die Ohren zu; das +Gespenst Grönlands und der Vulkane zog wieder über sie her. Die meisten +blieben starr; verbissen drängten sie weiter. Kylin hielt sich +kaltgesichtig unter ihnen, lachte, manchmal krampfhaft stolz: „Sie +bereiten sich selbst ihr Ende. Die Giganten, verfluchte Gesichter. +Verfluchte Arme, zu denen wir geholfen haben. Könnte ich sie zerreißen, +wie ich sie geschaffen habe.“ Schluchzend, jammernd hob er die Arme über +sich: „Ich will das nicht mehr sehen. Feuer, ich kann an dich denken. +Feuer auf Island, im Himmel, Feuer in meinem Leib, vernichte sie. +Verbrenne sie, schlag sie nieder. Bestraf uns nicht wieder. Sieh, wie +wir leiden.“ Er weinte laut mit den andern. Die Hügel herunter in das +Tal zog er sie. Sie mußten nach den Verbrannten Zertretenen, den +grauenhaft Zerquetschten sehen. „Sage einer“, klagte Kylin, „daß ein +Mensch ist wie ein Baum, ein Stock, ein Sandhaufen. Er ist nicht +dasselbe wie die Luft und der Stein. Die Steine sind zertrümmert, die +Riesen haben die Felsen zertreten; die Bäume jammern mich, die sie +zertreten haben. Aber dies zu sehen: die Menschen. Seht es euch an: es +sind Menschen. Es ist mehr als Muskeln und Knochen und Haut. Die Riesen +haben es nicht gesehen. Ich selbst habe es nicht gesehen. Sie haben +gelebt. Sie sind hin.“ Sie weinten um ihn: „Wir wollen von hier. Müssen +wir durch dies Jammertal?“ „Wir müssen“, der Steile Absturz erblaßte, +rote Tupfen auf seiner Stirn und Backen, „es kann nicht zuviel sein. +Dies ist das Feuer, das für uns ausgelegt ist. Kommt hinter mir her. +Biegt euch, schmelzt, zerbrecht. Es ist kein Schade. Blickt euch um, was +hinter euch nach Nordwesten zieht. Es triumphiert, es wird noch wüten, +so, so. Unsere Schande. Es kann nicht schaden, wenn wir zerbrechen. Wir +alle.“ Und wieder schluchzte er, krampfte die Fäuste, kniff die Augen +zu: „Vernichte sie, wer es auch immer sei. Feuer, vernichte, blase sie +in die Luft. Zerstäube sie. Laß nichts von ihnen übrig.“ + +Und durch das schreckliche Tal gingen sie weiter, bis ein Floß von Osten +eine Schar verstörter irrer verstümmelter Menschen gegen sie losließ. Da +bestiegen sie selbst das Floß, setzten über den qualmbeladenen Strom +nach dem andern Ufer über. Kylin hetzte, während sie fuhren: „Da ist +Wasser. Seht es euch an, ihr. Es gibt nichts zu weinen. Hier kann man +ertrinken. Wenn man genug gebrannt hat, hier kann man ertrinken. Weg von +der Erde.“ Es war Grausen ohne Maß, was auf den weiten Flächen des +östlichen Ufers vor sie trat. Unersättlich, geschüttelt war Kylin, mehr, +mehr zu sehen, ihnen zu zeigen. Vor die gähnende Öffnung der zackigen +Krater der Erdstadt Lyon schleppte er sie, aus der die schreckliche +lachende Männin gefahren war. Kylin lockte mit Hohn und Grausamkeit: +„Auch hier hinein kann man sich stürzen. Sie hatte nicht Asche werden +können; für uns reicht es.“ + +Es gelang ihnen tagelang nicht, Kylin von der furchtbaren Totenebene zu +bewegen. Schon erkrankten von den Fahrern welche. Mit Haß und Genugtuung +betrachtete der harte Kylin sie. Er hörte mit leuchtenden Augen, daß +einige davongelaufen seien, irr vor Ekel, andere unfähig die Qual zu +ertragen. „Wir müssen bleiben; wir werden sehen, wer zuletzt bleibt.“ +Sie faßten ihn an: „Du willst uns opfern. Wir haben noch mehr vor.“ „Uns +kann nichts Besseres geschehen als verbrennen. Wir müssen es den +Giganten nachmachen. Wir müssen auch in einer Wolke nach London fahren.“ + +Wie sie herumirrten eines Abends, nach Hunden jagend, von deren Fleisch +sie lebten, stieß Kylin auf Venaska, die verschleiert und geduckt um ihn +ging, ihm auswich. Er zog an ihrem Schleier: „Ah, Venaska. Daß du mir +begegnest! Gut! Du versteckst dich vor mir. Bei uns, an der Rhone +Venaska! Ich habe nicht mehr an dich gedacht.“ „Hojet Sala. Ich gehe +hier herum. Du hast mir gestattet, mit dir zu ziehen.“ Er hielt sie am +Schleier fest: „Venaska. Ich kann es noch immer nicht glauben. Von der +Garonne, von der Loire: Venaska. Du bindest dir einen Schleier um, du +zwinkerst mit den Augen. Du mußt die Augen zumachen, die Nase zuhalten.“ +„Hojet Sala, was sprichst du. Laß meinen Schleier.“ „Nein, diesen +Augenblick sollst du wenigstens sehen und hören.“ „Ich habe immer +gesehen und gehört. Vor dir hab’ ich mich versteckt. Vor deinem Anblick. +Wie bist du schrecklich geworden.“ „Sie leidet. Venaska leidet. Um mich. +Es ist nicht nötig um mich. Schämst du dich nicht so zu sprechen. Sprich +Liebesworte zu mir; dein Handwerk wird hier auch blühen. Oleanderbäume +Feigenbäume der Provence, nicht wahr, das ist nichts gegen dies. Hier +ist es süß. Das hier unten neben dir, was so stinkt, ist der Leib und +der Mastdarm eines Mannes oder eines Weibes; ich kann es von weitem +nicht unterscheiden. Und auf der braunen Haut ausgebreitet: sieh zwei +Kinderbeine; aber das Kind fehlt. Venaska, was sagst du zu diesem Kind. +Ist die Schnelligkeit des Kindes nicht bewundernswert, die Beine sind +dem Kind zu langsam gelaufen, da ist es selbst – mit wem wohl? mit den +Giganten gerannt, Rumpf Arm Kopf, hurra, hurra, hopp! Die sehen sich +jetzt von der Fußsohle eines Giganten das Meer an, vielleicht schon +London. Ein neugieriges witziges Kind. Ein Genie und so früh gestorben! +Warum unterbrichst du mich nicht, Venaska; mit Freudenausrufen oder mit +einem Gesang. Deine Kehle ist so geschickt darin. Tränen, Tränen, +vorwärts.“ „Warum wütest du gegen mich? Was beleidigst du mich?“ „Du +fielst mir nur als ein Farbenfleck in dieser Landschaft auf. Nein, +Venaska, du schleichst mit Recht herum, der Schleier ist an seinem +Platz. Du bist doch verflucht, siehst du es nicht. Ja, du. Du weißt wohl +nicht, was verflucht sein heißt. Sieh dir diesen zermatschten Darm an, +die Kinderbeine, die darauf kleben; das waren Menschen, das war ich, +ich.“ „Ich nicht, ich nicht, ich habe sie nicht zertreten. Hör auf, +Hojet Sala. Siehst du nicht, zu wem du sprichst.“ „Und weil ich dich +sehe, spreche ich so. Ich dich nicht sehen. Daß du es wagst hier zu +sein. Hier ist das Grabmal aller menschlichen Würde, du bist das +Triumphlied dabei. Unsere Schande führst du uns vor Augen, bei unserer +Schande sättigst du dich.“ Sie drängte an ihn. Er sank unter dem wilden +wütenden Druck ihrer Umarmung in die Knie. Ihre Lippen zitterten, die +Augen glühten; seinen Mund suchte sie zu küssen. „Mein Mund. Wäre ich +dir gefolgt, wenn es so wäre, Hojet Sala?“ Er stöhnte und widerstrebte +nicht: „Pfui. Umarmen! Mehr! Küssen. Hinwerfen. Deinen Schoß an meinen. +Es ist gut. Was sagst du, daß ich dich nicht kenne. Zeig mir ganz, was +ich bin.“ „Ich weine mit dir. Ich tue dir nichts. Vergrab dich nicht, +Hojet Sala.“ „Umarmen, Venaska. Mir nutzt sonst nichts.“ Er hatte sich +ganz hingeworfen: „Gurre, Venaska! Den dreckigen Boden müßte ich küssen. +Von Grönland mußte ich bis Lyon fahren, um von dir enthüllt zu werden. +Meine ganze Schande zu sehen. Deinen Schoß her. Unsere ganze +Menschenschande.“ Sie zog an seinen Armen. Todblaß stand er, knirschte: +„Komm mit Venaska.“ + +Er schleppte sie zwei Tage durch das grauenvolle Tal, sah sie leiden. +Dann ertrug er es nicht mehr. Sie hatte sich nicht verändert, ihre Augen +lagen in fast grünlichen Höhlen, sanft war sie geblieben. Da irrte er um +den Trichter der qualmenden Erdstadt herum, immer dichter; er schien +erst langsam zu wissen, was er wollte. Er trieb sie an eine der +gräßlichen Spalten, in denen Verwesungsgase stiegen: „Riech das mit mir, +Venaska. Das ist das Bad für uns, bevor wir Hochzeit feiern. Was bist +du?“ Schmerzlich rang sie an ihm: „Ich bin nicht anders als du.“ Sie +zitterte kreischte. „Nicht schreien, Venaska. Du bist nicht anders als +ich. Zeig es mir.“ „Ich tue nicht, was du jetzt willst.“ „Doch. Venaska. +Du bist wie ich. Du bist mein Leben. Wärst du nicht so schön, so süß. +Geh weg. Geh hinunter. Was macht es aus. Keiner von uns ist ja.“ „Ich +geh’ nicht.“ „Erreg mich nicht, Venaska. Reize mich nicht, Venaska. +Verhöhne mich nicht mit Liebe. Habe ich nicht zu büßen. Unendlich +unendlich zu büßen. Ich sterbe in diesem Gestank. Mach ein Ende.“ „Hier +hast du mich hergeschleppt. Du willst mich hineinstürzen.“ „Nein. Du +selbst sollst es tun. Du kannst es tun. Tu es, wenn du die Augen auf +hast.“ „Ich tue es nicht. Ich bleibe bei dir, Hojet Sala. Jetzt mehr als +sonst. Du wirst Reue um mich empfinden.“ „Ich will dich nicht. Sprich +mich nicht an. Dich kenne ich. Grausige. Du – bist aus dem Geschlecht +der Giganten. Du bist die letzte. Du bist selbst ein Untier, das +Grönland ausgeworfen hat. Du lebst in mir, gräßlich: meine +Besinnungslosigkeit. Laß dich anfassen, liebe Besinnungslosigkeit. Der +Steile Absturz bin ich.“ Sie wimmerte: „Ich schäme mich. Wie bin ich +geschändet. Süße Erde, nimm mich.“ + +In den Qualmwolken der Spalte flatterte Venaska, den Boden in ihrer +sanften Art streichend. Sie kroch weg, verschwand vor Hojet Sala, der +hinter ihr schäumte. + +Am selben Tag verließen die Fahrer das Rhonetal. Der Steile Absturz +hatte vor den andern geglüht: „Venaska ist weg. Ich habe sie erkannt. +Wir sind Menschen. Sie war es nicht. Ich erkannte sie. Sie war aus dem +Geschlecht der Lurche und Riesen.“ Als man neben ihm klagte: „Stöhnt. +Schmerz her. Der Schmerz. Davon brauchen wir Eimer, Zentner jeden Tag. +Für uns Menschen ist nur die Hölle gut. Wenn das Feuer nicht ist, werden +wir zu Steinen. Nur die Hölle tut uns not. Der Schmerz ist unsere Seele, +unser Gott.“ Und leiser: „Wißt ihr, sie ist in das Feuer gegangen und +war ein Stück von mir. Gesegnet, wer Erniedrigung gibt.“ + + * * * * * + +Venaska, die süße, flüchtete nach Westen. Den Dampf- und Verwesungsgasen +der Krater von Lyon war sie entkommen. In Angst schleppte sie sich, +allein. Sie weinte viel. Sie war das Glück der Entsetzten, zwischen +denen sie sich bewegte und denen sie die braunen Hände gab. Wohin ging +sie. Wohin wollte sie. Zu den Wesen Grönlands gehörte sie, hatte der +Steile Absturz gesagt. Sie wollte hin zu ihnen, nach Grönland. Und dann +kam sie im Westen unter die verzweifelten, oft kannibalischen hungrigen +Völkermassen, die sich aus Orleans und Paris rissen. Von den Riesen +sprachen sie, die sich in Cornwall versammelten. Zu den Riesen: das +wollte sie. Ein bewußtlos tiefes Verlangen befiel sie, hüllte sie ein; +sie lechzte zu den Riesen. Die hatte Hojet Sala geschmäht, die waren von +ihrem Blut. Wie jäh das ihr gewiß war. Sie verstand nicht mehr das +Klagen Heulen der Massen, das röchelnde Fluchen auf die tobsüchtigen +Giganten. Ihre eigene Verzweiflung war wie die Nacht von einer +Morgenröte ausgelöscht. Was ächzte und brüllte man. Wer nannte die +Giganten, die fernen. Sie standen in Cornwall, gräßlich ihre Taten, +grauenhaft ihre Leiber. Aber man kannte sie nicht. Nur sie allein kannte +sie durch Taten und Leiber hindurch: ihr Blut, ihre Brüder. + +„Meine Brüder, meine geliebten Brüder“ seufzte es Tag und Nacht in ihr. +Die Landschaft der Loire blickte Venaska süß an: „Ich bin wieder da, +liebe Bäche, liebe Birken, liebe Gräser. Ich habe euch lange nicht +gesehen. Ich war verzaubert.“ Sie legte sich nackt in einen Bach: +„Liebes Wasser, das ist mein Leib. Er ist ganz für dich. Ich will nach +Norden. Hilf mir herüber.“ Sie stand blaß auf dem Bergabhang, ließ sich +von der Luft trocknen: „Bist kalt, lieber Wind. Das ist mein Leib, meine +Brust. Hilf mir nach England.“ Das warme Licht kam hervor: „Ach die +Sonne. Wozu hab’ ich Augen und Ohren. Ich fühle dich durch die Haut, auf +dem Rücken, am Nacken, an den Füßen. Auf meiner Wanderung kommst du +mit.“ + +Sie fuhr mit Menschen, die sie berückte, lange Tage bis zur Seine +hinauf. Dann wollte sie niemand mehr fahren; die Furcht vor den Riesen +war zu groß. Sie lachte ging, war voll Sehnsucht: „Geht nur. Die Riesen +sind nicht eure.“ Die Ufer der Seine lief sie entlang, über Wiesen, +durch Buschwerk. Sie war glücklich und voll Sehnsucht. Die Landschaft +hing an ihr. Je rascher sie lief, um so mehr hielten die Wesen der +Landschaft sie fest. Die Gräser wickelten sich um ihre Schuhe. Sie mußte +die Schuhe ausziehen und barfuß laufen. Die Bäume stellten sich nachts, +wenn sie schlief um sie und ließen sie nicht heraus. Sie lief, lief. Das +Buschwerk, die Gräser liefen mit ihr. Die Kastanienbäume, die Linden, +sommerlich blühend, wogten bei ihrer Annäherung auf. Duftwolken +brunsteten sie aus, dann senkten sie ihre Wipfel, griffen mit den Ästen +nach ihren Haaren. Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß nach +Cornwall. Laßt meine Haare frei. Helft mir nach Cornwall; ich muß zu den +Riesen, meinen Brüdern.“ Das Meer kam nicht, das Meer kam nicht. Sie +grämte sich, sie weinte. Die dichten Gräser schlossen sie ein. Venaska +war glücklich in ihrer Liebe und schluchzte vor Verlangen. + +Während sie ermüdete, Schritt für Schritt ging, von dem Lande umfaßt, +streckte sie die Arme nach Norden aus. Die Tränen stürzten aus ihren +Augen. Die Tränen liefen der Venaska voraus, fielen auf die Schultern +der Giganten. + +In Cornwall standen, stumme Gebirge, die Giganten im Halbkreis vom +Bodminmoor bis nach Egmoor im Norden. Die Erde um sich hatten sie +ausgehöhlt, Felsen und Wassermassen in sich aufgesogen. Mit Erzquadern +wurzelten sie in den Gabbromassiven der Tiefe. Grüne Hornblendenädelchen +durchwuchsen ihre Füße, schwarzbrauner Olivin, eisendurchzogen, schob +sich bis an ihre Brüste herauf, ein steinerner Mantel. Die +Strahlenträger, die gesponnenen Netze, hielten sie vor sich auf der +Brust, gleichmäßig alle grünschwarzen zerklüfteten wasserüberflossenen +Gesichter nach Nordwesten auf das Meer gerichtet, das Meer aufzureißen, +den Meeresboden aufzuschmelzen, die Flamme die Lava hervorbrechen zu +lassen, Länder zu verschütten. Keine jauchzende Wildheit Krampf war mehr +in den Wesen. Die Gebirgsströme brausten durch sie. Die Erdmasse lähmte +sie, wollte sie vergewaltigen; sie mußten mit allen Seelenkräften +anringen, um nicht zu versinken. + +Das Meer, die grünen Wasservölker, waren längst von der Cardiganbucht +über Wales hingesprungen, durchtobten den Bristolkanal, schäumten bis zu +den Füßen der steinernen Kuraggara im Norden. Tag und Nacht wallten vom +Atlantischen Ozean mit Wut die ungeheuren hinpeitschenden Wogen an. +Irland überdonnerten sie in ganzer Breite. Rasend stieg die Flut von +Nord herunter, eine meilenbreite von schwarzen Gewittern überlagerte +Straße schiebend, wühlte gegen Cornwall. Jenseits der Hebriden rissen +die Wellen dampfend auseinander, entließen gähnend Dunstwolken. Neue +Massen schwemmten herüber, kochten füllten die Spalten. Heller und +heller von einer unsichtbaren Quelle wurde es von Woche zu Woche über +der brandenden Kampfstraße. Durch Glimmen und Dämmer fuhren unaufhörlich +die Blitze. Endloser Regenguß, brüllender Donner. + +Auf Cornwall, die Erde einziehend in ihren Leib, Flüsse aufsaugend, +rangen die Giganten mit ihrem Bewußtsein. Zu dem Brüllen des Donners +gesellte sich ihr tiefes Grunzen Röcheln. Das Bewußtsein wollte ihnen +schwinden. Und wenn einer stöhnte, stöhnten die anderen mit, um ihn +durch ihren Lärm zu erwecken. Delvil, die Dartmoorwaldungen auf seinem +Rücken, bewegte nur noch die Augenlider. Die Kiefern- und Tannenstämme, +lose durch seine Adern strudelnd, bohrten sich durch die rauchschwarze +Haut. Die Felsen wie in einem Trichter in ihn schwemmend, packten sich +an seinem Hals hoch. An seinen Schultern, an der Brust trieben sie +Kanten vor, waren Abhänge Klüfte, in dem sich das gischende Wasser +verfing. + +Und im Sturm, wie er stand –, woran dachte er, wollte sich erinnern – +brannte ein Schmerz an seinem Nacken. Er achtete nicht darauf, sein +bewaldeter seenwiegender Kopf sank tiefer. Da zuckten seine Finger, der +Arm krümmte sich, es brannte im Nacken; welch Schmerz. Er tastete nach +hinten. Etwas rief. Von wo rief es. Er murrte. Venaskas Tränen stürzten +gegen seine Schultern, seinen Hals entlang. Ein Rufen: „Delvil Delvil +Delvil.“ Über ihn hin dachte es: es ruft mich bei Namen. „Delvil. +Delvil.“ Mit den Tränen kam der Schrei. Seine Finger tasteten hinein, +warm waren sie; über seine Schulter rief es durch das Gewitter: „Delvil. +Hilf mir doch. Ich bin im Gras verwickelt. Ich will zu dir.“ „Sie ruft +mich bei Namen. Immer der Name. Der Name. Es ist wie damals, als Marduk +entkam.“ Er brütete erregt, stöhnte: „Ich muß den Schleier halten.“ Die +Tränen sammelten sich kitzelnd brennend hinter seinen Ohren. Es klagte; +hörten die andern es nicht. Arme griffen über seinen Mund. Das waren +Arme, über seine Augen. Er bewegte den Kopf keuchend rückwärts; ein +heller Schreck durchfuhr ihn. „Delvil, ich kann nicht zu dir. Was stehst +du hier. Heb du mich, süßer Bruder.“ „Oh“, bäumte er sich, grunzte hohl, +„weg von mir“ und stöhnte mit den übrigen: „Die Steine. Es sind die +Steine die Bäche. Sie nehmen mir das Bewußtsein.“ Das Gewitter +prasselte, Schwärze, glühender Strahl. Er preßte den Schleier. „Meine +Arme halten dich. Nun sind sie doch froh bei dir zu sein. Ich komme +bald; nichts soll mich zurückhalten. Du bist mein Blut. Nach dir habe +ich Sehnsucht. Sehnsucht, Delvil.“ Es zuckte züngelte durch sein Gehirn. +Es trieb ihn an seinen Beinen zu ziehen. Was hing an seiner Brust; +welche toten Körper waren seine Beine. „Du wirst mich nicht verwirren. +Das Meer kommt an. Die Erde reißen wir auf.“ „Mein Blut, du, und du hast +Verlangen nach mir. Ich kenne dich, wenn du dich auch wehrst. Mein Mund +ist bei dir. Da ist er. Toter Bruder, sieh das Meer, es ist schön. Du +fühlst mich, du fühlst alles. Du bist Wald Gebirge Fluß. Sieh das süße +Leben an dir. Unser süßes Leben, Wald Fluß Gebirge. Laß sie heraufkommen +zu dir. Laß sie nur kommen.“ Das Bewußtsein schwand ihm: „Ich muß +stöhnen. Sie sollen mitstöhnen. Sie soll mich wecken.“ „Mein Herz kommt +zu dir. Jetzt ist es da. Toter Bruder, blick dich um. Jetzt wirst du +lebendig.“ Sein Kopf zuckte wild nach rückwärts. Durch die Schwärze, +zwischen den Blitzen näherte sich, näherte sich ein blutendes triefendes +Gebilde. Aderspielend, glühend kam das Herz Venaskas an, lautlos +langsam. Senkte sich in den Berg. Den durchströmte es auf Sekunden warm. +Ein weiches Dunkel bodentief brodelte durch Delvil. „Warum nicht, +Delvil. Warum nicht.“ Sein Kopf war nicht mehr da, das rasende Meer war +verdämmert. „Toter Bruder, nun ist uns gut. Nun hab’ ich dich. Streck +dich aus. Du hast Beine, sink hin. Hin. Hin. Wir sinken. Ach ist es +schön zu sinken.“ Es war nicht mehr Delvil, in Berg See Wald ausgedehnt, +auseinanderfließend. Es war nicht mehr Delvil. + +Und zu den andern Giganten, von Bodminmoor bis zum Egmoor am +Bristolkanal schwoll Venaska. Sie rangen, in Syenitmassen versenkt, mit +den grünen sprießenden sie durchwuchernden Augiten, den Sandmassen, die +ihre Stirnen überschütteten, den Haufen von Trümmergestein, die durch +ihre Adern türmten. Die Waldbäche strömten kühl an ihnen herauf; Quellen +brachen auf, wogten durch sie. Es zuckte in ihnen. Ihre Lippen suchten +sich zu spitzen. Flehen Singen nahe bei ihren Ohren. Sie wurden am Hals, +an den Fingern berührt. Und wie sie noch staunten aufröchelten, um sich +zu erwecken, wurden sie im Innersten beseligt und ihr Mund blieb offen. +Hin schwanden wie Dunst ihre Gedanken. Ein Traum schoß zu blendender +Helligkeit auf: bei Namen wurden sie gerufen, Kuraggara, Tafunda, +Mentusi. Tränen über die Nacken stürzend, Gurren einer Stimme. Wer war +das. Wärme Sinken. Eine erschreckend sanfte süße Stimme: Kuraggara, +Tafunda, Mentusi. Ist das der Tod. Ach was gibt es in der Welt. + +Es waren nicht mehr die Giganten, auseinanderprasselnd in Wälder +Gebirge. Das donnernd sich anhebende Meer sprühte, wusch die Massen, die +abstürzten, lose Stämme, leichtes Gestein und die Schleier ab. An Felsen +zerrieb es sie, zersprengte sie in Lohe. Dann verebbte die schwarze +Meeresstraße von Norden. Das tausendarmige Gewässer zog sich nach der +Cardiganbucht zurück. Der Dampf über dem Meer verwehte. Irland hob sich +seenflutend wieder aus dem Wasser. Auf Cornwall zerkrachten abrollend +die steinernen Häupter und Arme der Giganten. + + * * * * * + +Aus den Löchern und Nestern der verschütteten Stadtschaften quollen die +Verstörten. Sie waren ohne Nahrung; Haß Kannibalismus herrschte. +Geschlossene Horden kamen von den dröhnenden britischen Inseln, Reste +von dem überschwemmten Irland, schlugen sich mordend raubend durch das +westliche Europa. Die Mekifabriken waren verschüttet, die Äcker nur +wenig durch Siedler bestellt. Wie ein Wolkenbruch, ein Hagelwetter +stürzten verheerend die Menschen, die von den Tritten der Giganten +verschont waren, auf die Landschaften. Monatelang liefen sie. Leichen +ließen sie hinter sich auf dem Boden. Was stark war, verschanzte sich in +den wüsten Wäldern, auf Äckern, einzeln, meist in Kampfgenossenschaften, +würgte was sich näherte, war hart wie Knochen, jagte Tiere. Die +Ausschüttung und Überschwemmung des europäischen Kontinents, die +ungeheure Katastrophe, war in einem Jahr in ihrem ersten Schwall +beendet. Das Verschieben der Massen, Hin- und Herdrängen, Überwallen und +neues Verschütten dauerte noch lange an. + +Die Islandfahrer, im wildesten Strom, waren vorbereitet ihn zu +empfangen. Sie stellten sich den furchtbaren Massen mit nicht geringerer +Furchtbarkeit entgegen. Arbeiteten, als wenn sie über den Vulkanen +schwebten. Hielten vertierte Menschengruppen, teilten sie, trieben +andere weiter. Erschienen bewaffnet, überall miteinander im +Zusammenhang, in den belgischen Gebieten, an der Seine, der mittleren +Loire, der Rhone. Wallartig mußten sie sich vor den glücklichen +Landschaften südlich der Garonne aufbauen, um ihre Zertrümmerung zu +verhüten. Schleppten nach Calais Le Havre Antwerpen, an die +Girondemündung Schiffe, die aus der Grönlandexpedition rostend und +faulend in den nördlichen Häfen lagen. In die afrikanischen weiten und +längst aufgeschlossenen Landschaften, nach dem nördlichen und südlichen +Amerika führten sie große Massen. + +Wie beim Uralischen Krieg, als die Feuerwalzen zusammenschlugen, das +Kaspische Meer, wurde die Ostsee bei der Zertrümmerung der dänischen und +skandinavischen Stadtreiche von entsetzten hungernden sterbenden +Menschenwesen überschwemmt. An der südlichen Küste dieser See dehnten +sich die Märker aus, bis nach Litauen im Osten, an den Rhein im Westen. +Sie hatten fruchtbare bestellte Gebiete zwischen sich. Hier verdarb um +diese Zeit der schwarze Konsul Zimbo, als er den Augenblick benutzen +wollte, um die märkische Macht durch Überfälle nach Norden und Westen +auszudehnen. Die bewaffneten starken ackerbauenden Horden erschlugen ihn +in Berlin während einer Beratung, öffneten ihre Grenzen nach Norden und +Westen, nahmen Scharen der Flüchtigen auf. Über die Rheingrenze gingen +damals helfend märkische Horden. Die Erhaltung des größten Teils der +späteren westlichen Bewohner war ihr Werk. Durch ihr eigenes Gebiet +führten sie nördliche Scharen über die Warthe, die Weichsel. Die +russische Tiefebene betraten sie, die wieder geglättet beruhigt begrünt +war nach dem Flammenkampf. Nomadisierende mongolische und sibirische +Stämme nahmen sich der einschmelzenden Städtereste an. Von den in die +Stadtschaften Verlockten und Verschlagenen blieben nur die Nachkommen +der älteren härteren Weißen und Dunklen auf dem Kontinent; der junge +Zufluß, der nicht verkam, verebbte nach Süden. Dünn besiedelt war das +Land, auf dem die gewaltigen Stadtschaften, die Mütter der Giganten +gewachsen waren. Es waren in der Masse Nachfahren indianischer +Mischlinge und noch nicht lange eingewanderte körperstarke Mestizen, +versprengte Reste Weißer. + +Dann war die Wut des Orkans gebrochen. Auf dem europäischen Kontinent +rangen in furchtbarster drängender Arbeit die Menschen mit dem Boden. +Amerika hatte keine Gebilde entwickelt wie Delvil Tafunda Kuraggara. +Hier flossen die Stadtschaften früh aus, die Senate schwanden, Apparate +und Wissenschaften verdarben. Als der östliche Teil des einstmaligen +Völkerkreises sich selbst zerschmetternd zusammenbrach, hatte der +amerikanische Kontinent noch viele kleine fröhliche Städte innerhalb der +verfallenden, Berge und Wiesen überziehenden Reste der ungeheuren +Stadtreiche. In Dorfstaaten, oft bei den schwach besiedelten Resten der +alten Stadtschaften ballten sich in Europa die Menschen. Es kamen nicht +viel später Angriffe afrikanischer Raubhorden, die den alten Hang zum +nördlichen Kontinent nicht verloren hatten. Die Vorstöße führten zu +Gegenbewegungen, zur Festigung europäischer Stammesgebilde und +Volksgruppen und zur Ausdehnung am Mittelmeer. + +Über Nordeuropa zog nach den Vorgängen in Cornwall Staub wie von +Vulkanausbrüchen, wochenlang gingen Regengüsse nieder. Man beachtete es +in der Verkrampfung und tödlichen Wut dieser Tage nicht. Und wer von den +noch Lebenden an die Giganten dachte, fürchtete sie nicht; man kannte +jetzt keine Furcht. Erst wie das Ringen zu Ende ging, besann man sich +der tobenden Giganten. Und man sah die harten ledergekleideten +Islandfahrer, die, hinter sich kleine Scharen neuer Entschlossener, +durch die Länder ritten, Fußpfade herstellten, die verfallenen Chausseen +freirissen, große Wanderscharen auseinandertrieben. Im Belgischen und am +Rhein verbreitete sich das Gerücht, dies seien Männer und Frauen der +alten Herrengeschlechter, die gegen die Senatoren rebellisch geworden +wären, sich ungeheurer Kräfte auf Island und Grönland bemächtigt hätten +und die Giganten auf den britischen Inseln niedergekämpft hätten. Seien +Männer und Frauen wie Marduk und die White Baker, nur stärkere; sie +hätten die Giganten mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Es nutzte +nichts, daß die Islandfahrer den Gerüchten entgegentraten. Sie schwiegen +zu viel, man sah ihr Vulkanzeichen und wie sie sich vor dem Feuer +demütigten. Das mußte die Gewalt sein, die sie selbst niederhielt. Ob +sie sich wieder wie die alten Herren über die Menschen erheben würden. +Und während man vor ihnen auf der Hut war, tat man den Fahrern nach, +verehrte das Feuer, um mit ihnen auf einem Boden zu stehen und auch, um +nicht eine große unbekannte Gewalt zu beleidigen. Den Islandfahrern +selbst, die mit ihnen siedelten, brachte man Ehrfurcht entgegen, fiel +vor Hojet Sala hin. + +Harte Sitten der Märker, die sich nicht mehr abschlossen, zogen im +Westen und Süden ein. Wie Flugsamen verbreiteten sich aber auch bei den +stadtentlassenen Menschen auf den Feldern, in den Dörfern, auf den +Stadtresten die ernsten liebevollen und ehrfürchtigen Gedanken des +Südens. Neu fühlte man sich in das Gewitter ein, in den Regen, den +Erdboden, die Bewegungen der Sonne und Sterne. Man näherte sich den +zarten Pflanzen, den Tieren. Das Feuer der Islandfahrer stand wie der +nachuralische Metallstier in den Landschaften zur Erinnerung an die +Katastrophe. Aber schon betete man freudig und langsam atmend vor dem +flackernden Licht, vor den großen Kräften, die alle errettet hatten und +sie jetzt neu beseelte. Zeichen von Tieren, Holzbilder Idole tauchten an +vielen Gegenden auf. Man verehrte sie, stellte sich unter ihren Schutz. +Stündlich war man von geheimnisvollen Kräften umgeben; Geisterglaube +wurde sehr lebendig. + + * * * * * + +Hojet Sala träumte schwer: er irrte am Seineufer entlang; auf diesen +steppenartigen Flächen, zwischen diesen sich windenden Bäumen mußte +vorher jemand gewandert sein, Venaska. Weiter wollte er, mußte suchen. +Da war ein Dickicht. Er wollte hinein, er wollte durch. Er kam nicht +heran. Er drängte und drängte. Und wie er den Hügel mit dem Dickicht +anlief, wurde er plötzlich erhoben, über das schwere Buschwerk hinweg. +Über den Boden, die weiten süßen sehnsüchtig begehrten Flächen flog er +weg. Er wand sich, er flog. Über das brausende Wasser mußte er fliegen, +das war der Kanal, in der hohen schwarzen Luft. Den Mund öffnete er: +„Jetzt bin ich bald da.“ Da war auch die schwarze Wüstenei, Cornwall. +Die Arme wehten wie zwei Bänder vor ihm. In der steinigen +Dartmoorlandschaft ließ er sich nieder. In das knatternde Gestein senkte +er sich ein. Sein Leib wurzelte in dem Berg; ein Gigant wurde er, ein +steinerner toter Felsenriese. + +Hojet Sala erhob sich von dem Traum, vom Kopf bis zu den Füßen zitternd. +Er wanderte durch die Landschaften, die von den Siedlern aufgebrochen +wurden, in denen sie sich umfluten ließen vom Atem der finsteren +Tannengeschöpfe und grünen Buchen. Er trat nach Norden in die Ebene des +alten oberirdischen Brüssel. Da saß Ten Keir. + +„Ten Keir, ich suche dich. Komm von den Trümmern herunter. Du hast nur +Haut und Knochen. Schließ dich uns an. Wir sind von Island und Grönland +gekommen, du weißt es. Wir sind alle errettet.“ „Warum sprichst du zu +mir, und kommst zu mir, Hojet Sala. Es gibt genug, die sich von dir +haben brennen lassen. Warum rührst du an mir. Fürchtest du nicht, daß +ich dich verbrenne und du mein Zeichen nimmst?“ „Was für ein Zeichen?“ +„Ach, du meinst du triumphierst und ich verkomme auf meiner leeren +zertretenen Stadt. Aber an mir ist nichts zu erretten. Ich beuge mich +nicht. Es gibt keinen Gott und keine Gewalt, von der ich ein Zeichen +annehme. Ich bin ein Mensch. Und du, Hojet Sala, du bist keiner.“ „Ich +bin keiner, Ten Keir?“ „Nein du nicht. Sonst würdest du sitzen wie ich. +Würdest jammern, daß die Giganten hin sind.“ „Die Giganten. Wohl uns, +daß sie hin sind.“ „Was sprichst du, du frommer Gläubiger Heiliger. Sie +sind hin. Ungeheuer sind sie gestorben. Ich weiß nicht, was sie +verschlungen hat. Du warst es nicht, rühme dich dessen nicht. Du warst +Kylin. Und jetzt bist du ein Steiler Absturz. Der Steile Absturz. +Unterworfen, hast kein Leben, du hast kein Leben und die anderen auch +nicht. Ihr seid davongelaufen vor Grönland. Ihr seid eurer Würde nicht +gewachsen gewesen, wie ich, wie wir alle. Ich sitze hier. Und schäme +mich und klage um die Giganten. Und auch du schlägst die Augen nieder.“ +„Mein Wahn, Ten Keir, hat sich gelegt. Ich bin dadurch nicht schwach +geworden.“ „Dein Wahn. Das Zittern ist in euch. Ihr sinkt, ich weiß +nicht wovor, zusammen. Delvil allein ist stark geblieben. Du weißt es +selbst. Warum kommst du sonst her. Ich verfluche mich und schlage mich, +daß ich es erst jetzt sehe. Darum um mich zu foltern, nagele ich mich an +diesen Trümmern fest. Und labe mich an diesem letzten Anblick, den sie +mir hinterlassen haben. Das sind sie doch gewesen, die Riesen. Gerast +haben sie, grausig waren sie, Rache haben sie geschnoben. Aber im Recht +waren sie über euch und über mich. In aller Raserei hatten sie recht +über mich und gar über dich, Hojet Sala. Ihr seid erbärmlich, +lächerlich. Unwert der Dinge, die die Menschen geschaffen haben. Da +liegt alles zertrümmert. Triumphiert.“ „Ten Keir, wie quälst du mich. O +wie du mich quälst. Was hat die Giganten umgebracht? Es trieb sie, sich +selbst zu vernichten.“ „Damit beschwichtigst du dich nicht und mich +nicht. Sie wollten sich nicht vernichten, das sage ich dir. Ein Fehler, +ein Irrtum, eine Schwäche muß sie auf Cornwall umgerissen haben. Sie +hatten sich übernommen. Aber dir sage ich: gesteh es, blick mich doch +an. Du gehörtest zu uns, du, und zu ihnen. Besinn dich auf dich. Kylin, +denk an dich. Ich bereue, daß ich nicht Delvils Freund geblieben bin und +ihn hab hinsterben lassen. Wir bereuen. Du auch. Hilf, was noch zu +helfen ist. Es ist kein Mensch so verzweifelt gestorben wie ich, wenn +ich jetzt sterben muß, ohne Rettung gesehen zu haben. Denk Kylin, was +wir besaßen. Niemand war diesen Dingen gewachsen. Weil sie in +Räuberhände fielen, in mißbrauchende Hände, waren sie nicht weniger +unerhört. Und groß, und unser. Die Giganten hatten den Schleier; sie +haben ihn in Wut und Rachsucht verwandt. Sie haben an sich selbst +gebaut, Angst wurde mir, aber jetzt fasse ich, es war das Stolzeste, +Menschenwürdigste das jemals geschah. Es ist jetzt hin, zertrampelt. +Aber vielleicht, vielleicht Kylin, nicht zu spät. Sie konnten es nicht +beherrschen, es kam zu rasch, immer muß Lehrgeld bezahlt werden. Ach +Kylin, wir haben dich nach Grönland geschickt, um einen neuen Erdteil zu +schaffen. Was war schon Meki für ein Erdteil, den wir geschaffen haben. +Und du. Jetzt weinst du.“ + +„Nicht um die Giganten. Komm von den Trümmern herunter.“ „Ich will deine +Menschen nicht sehen. Weil ich mich ihrer schäme, sitze ich hier.“ „Komm +von den Trümmern, Ten Keir. Du siehst, ich weine. Du wirst nicht feige +sein. Verkriech dich nicht auf Mörtelhaufen, zwischen verbogenes Eisen, +verhungere nicht zwischen dem weißen Kalk. Bist du noch Ten Keir? Soll +ich dich nennen. Du bist Tauschan-Dagh, Hasenberg.“ „Ich werde sterben.“ +„An der Berührung mit mir, fürchtest du daran zu sterben? Komm zu mir.“ +Der vertrocknete kleine, in der Sonne bebende Menschenleib wand sich +herunter von den rieselnden klappernden Steinen: „Da bin ich, du.“ +„Bleib bei mir.“ „Komm, Kylin, ich werde dich führen.“ + +Einen Tag gingen sie, einen zweiten dritten, nach Norden, durch die +Dickichte und Siedlungen. Nachts wimmerte Ten Keir; er weinte um die +Giganten. Beim Gehen blickte er nicht um sich. Das große schwarzgrüne +Wasser kam, die Nordsee. „Abschiednehmen. Es gibt keine Rettung. Auch +für dich nicht. Hier wollte ich hin. Ich nehme Abschied von dir, Kylin.“ +Mit gesenktem Kopf stumm stand Hojet Sala, als der hinfällige Mann sich +von ihm löste, sich über den windgeworfenen Sand schleppte. Vor den +klatschenden anbrausenden Wellen blieb er. Er stand. Stand. Plötzlich +rutschte Ten Keir in den Sand, lag auf der Seite. Nach einiger Zeit zog +ihn der andere an der Schulter, hauchte: „Du. Ten Keir.“ Der: „Nicht +anfassen. Weg.“ Hojet Sala zog seine schweren Füße die Dünen hinauf, bis +er den andern nicht sah. Nach einer Stunde trug er sich wieder an das +langsam anwallende Meer, das sich violett und schwarzblau überzogen +hatte. Ten Keir, ein kleiner schwarzer Haufe lag in dem Sand. Still +setzte sich Hojet Sala neben ihn. Der kleine richtete nach einer Weile +den Kopf hoch, zuckte, setzte sich auf, schwieg, das Gesicht in die +Hände gedrückt. „Du hältst mich für feige, Hojet Sala. Bin ich so +erbärmlich. Ich kann nicht hier hinein. Es ist das Wasser, das sie +verschlungen hat. Das hat die Giganten verschlungen.“ „Komm fort, Ten +Keir, du hast hierher gedrängt. Ich leide sehr. Begnade auch mich. Bleib +nicht zu lange liegen.“ Wimmernd, oft sich hinsetzend, oft die Fäuste +vor den Augen, meist schlaff, folgte der ausgemergelte hohläugige dem +langbärtigen Hojet Sala. + +Sie wanderten zurück durch den Bereich der nördlichen Siedlungen. In +einem Wald, in dem man rodete, lagen gefällte abgeschälte Tannenstämme. +Da setzten sie sich nebeneinander. Hojet Salas Gesicht war nach dem +Boden gekehrt, überwölkt verschlossen. Am späten Nachmittag rief er +Siedler in der Nähe an, die ihn erkannten. Sie sollten für ihn Steine +aufhäufen mitten in der Lichtung. Er half mit, die schweren Blöcke, +weiße und dunkle, heranzuschleppen. Ten Keir sah ihm eine Weile zu. Wie +ihre Blicke sich begegneten, nickte Hojet Sala: „Ja. Hilf mit.“ Und der +zerlumpte fühlte sich bewogen aufzustehen, aus dem Boden die harten +Steine zu ziehen und zu wälzen. Und während er trug, wußte er, was sie +taten: sie trugen Steine zusammen zu einem Zeichen für die Giganten. +Gegen Abend war der hohe breite Haufe fertig. Die Siedler verließen sie. +Zwei Tage lagerten Hojet Sala und Ten Keir bei dem großen steinernen +Denkzeichen in der Lichtung. Dann bewegte sich der Langbärtige, faßte +den andern bei der Hand: „Wir wollen jetzt weiter, Ten Keir.“ Sie gingen +auf Brüssel zu. Vor der Steinwüste legte der Islandfahrer zum Abschied +den Arm um die Schulter des andern: „Hier ist Brüssel, Ten Keir.“ Der +hielt seine Hand fest: „Nicht Ten Keir. Tauschan-Dagh hast du gesagt. +Laß mich nicht allein. Wir wollen um die Stadt herumgehen.“ Sie +umschlangen sich. + +Die Diuwa, glanzäugig milde, fuhr auf einem Ochsengespann im Winter +durch die schneeflatternden Landschaften, suchte in der Pariser Gegend +Hojet Sala. Wollte ihm danken für den Schutz der südlichen Siedlungen, +sie litt auch um Venaska, die er bei Lyon verjagt hatte. Die volle Frau +mit dem schweren roten losen Haar vermochte aber nicht zu klagen. Hojet +Sala ging auf den beschneiten Feldern neben ihr. Vor Kindern stand er, +lachte mit ihnen, knackte trockene Zweige, sah träumerisch Krähen nach, +wiegte halb scherzhaft die Arme, als wollte er mit ihnen fliegen. In +seinem Häuschen sang er oft feierlich morgens wie die britischen +Siedler. Er faßte auf dem Feld einmal die Diuwa bei den kalten Händen +an. Ob sie ihm vorwerfen wolle, daß er nicht genug auf Schmerz sehe, daß +er keine Menschen quäle, sie nicht mehr ins Feuer schicke. „Ich habe den +Schmerz nicht vergessen. Wir haben die Giganten im Gedächtnis. Es sind +überall Steinzeichen zu ihrer Erinnerung errichtet. Und zu ihrer Feier; +sie waren gewaltige Menschen. Wir haben auch das Feuer. Es ist uns +nichts entschwunden. Wir müssen dies festhalten. Diuwa, das Land nimmt +uns, aber wir sind etwas in dem Lande. Es schlingt uns nicht. Wir haben +keine Furcht vor der Luft und dem Boden. Kennst du, Diuwa, Ten Keir? Du +kennst ihn. Er ist still geworden. Er weiß, wir haben die Kraft, das +wirkliche Wissen, und die Demut. Er ist mein Freund. Er hat unser +Zeichen genommen und geschworen, nicht von mir zu gehen. Warum? Er +sieht, wir sind reicher und stärker geworden. Wir sind die wirklichen +Giganten. Wir sind es, die durch den Uralischen Krieg und Grönland +gegangen sind. Und wir, wir sind nicht erlegen, Diuwa. Du kannst an der +Garonne und an der Rhone erzählen, was ich sage. Man wird uns bald auf +der ganzen Erde sehen.“ + +Er senkte die Augen, saß auf einem Feldstein, hüllte sich bis an den +Hals in sein Lammfell. Er pries Venaska; sie wäre verschwunden und wäre +nicht verschwunden. Wenn er durch das Gebüsch an der Seine gehe, wisse +er, wo sie verschwunden sei. Es werde alles aufbewahrt. Hojet Sala griff +mit der Hand in die eisige helle Luft: ihm schiene, die große Urmacht, +die sie verehrten, hätte die Giganten auf Cornwall weggerafft und sie +hätte sich Venaskas bedient. Denn es ist keine tote Macht, sondern ein +wissendes schwelgerisch tiefes Wesen. Diuwa, die sanfte Frau, drückte +sich das lose Haar an der Schläfe fest. Sie sah den Langbärtigen, wie er +aufrecht saß, ernst war, sie voll anblickte, lächelte. Sie faßte sich +ans Herz: es war etwas von Venaska an ihm. + +Dem neu aufgeschlossenen ährenwiegenden weiten Land von der belgischen +Meeresküste über die Seine bis zur Loire gab Hojet Sala den Namen +Venaska. + +Die fleischernen blühenden welkenden Menschenwesen lagen über dem +südlichen Faltenland Europas, den Schollen des Westens mit seinen +uralten Massiven, den jungen Tiefländern, den ebenmäßigen schwarzen +Schichten der russischen Tafel. Gebirgsmassen Höhenzüge Senken bewegte +die Erde unter ihnen und um sie. In Strömen zog das weiße Wasser hin, +füllte Seenbecken. Braune und grüne Pflanzengeschöpfe drangen aus dem +Boden. Büsche und Wälder bauten sich längs der Donau auf, längs des +Dnjepr und Don. Urwälder und Moraste von der atlantischen Küste bis zu +den südlichen Pusten. Auf ihnen girrten schluchzten starben Feldblumen +Gräser Vögel. Über die Flächen krochen schwammen mit nackten schuppigen +behaarten Leibern Tiere, gaben nicht Ruhe um sich zu greifen, +aufzunehmen, sich zu entleeren. Bis der Boden, das wandlungssüchtige +Wasser, die verzehrende Luft sie ganz wieder hatte. Die Scharen der +Menschen in Ruhe und Tod, in Werben und Brautkämpfen, unter +Vulkanausbrüchen und Ertränkungen. Hielten sich aneinander fest, +schwanden tränend hin, Schwall über Schwall, Mutter und Kind Mutter und +Kind, Geliebter und Geliebte. Und immer sehnsüchtig die Gase der Luft in +die Lungenbläschen hinein, an die kleinen Zellen, die Kerne, das weiche +Protoplasma, immer angezogen und weiter gegeben. Und wenn die Herzen +stillstanden, die Zellen sich trennten und auflösten, waren sie neue +Seelen, zerfallendes Eiweiß Ammoniak Aminosäuren Kohlensäure und Wasser, +Wasser das sich in Dampf verwandelte. Leid- und lustbegierig, +wanderungssüchtig, Seelenvereine in Schneelandschaften, in dem +pendelnden weiten Meer, in den blasenden Stürmen, den Steinvölkern, die +der Boden zu Bergen hochtrieb. + +Schwarz der Äther über ihnen, mit kleinen Sonnenbällen, funkelnden +verschlackenden Sternhaufen. Brust an Brust lag die Schwärze mit den +Menschen; Licht glomm aus ihnen. + + + Ende + + + + + Werke von Alfred Döblin + + + S. Fischer / Verlag / Berlin + + Die drei Sprünge des Wang-lun + Chinesischer Roman / 12. Auflage + + Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine + Roman / 4. Auflage + + Der schwarze Vorhang + Roman von den Worten und Zufällen / 3. Auflage + + Wallenstein + Roman in zwei Bänden / 8. Auflage + + Die Nonnen von Kemnade + Schauspiel / 2. Auflage + + Linke Poot: Der deutsche Maskenball + 4. Auflage + + + Bei Georg Müller, München: + + Die Ermordung einer Butterblume + Novellen + + Die Lobensteiner reisen nach Böhmen + Novellen + + + Auslieferung Ernst Rowohlt, Berlin: + + Lusitania + Drei Szenen + + + Druck vom + Bibliographischen Institut + in Leipzig + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + +Die experimentelle Zeichensetzung des Romans, insbesondere das Weglassen +von Kommata und Fragezeichen, wurde beibehalten. Desgleichen wurde die +variierende und von der heutigen Norm abweichende Schreibweise +geographischer Namen beibehalten. + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen, teilweise unter Verwendung späterer Ausgaben, sind hier +aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 30]: + ... Sie werden dir dein Gesichtchen, das sein Mütterchen ... + ... Sie werden dir dein Gesichtchen, das dein Mütterchen ... + + [S. 39]: + ... wurde neben den Senat Londons gestellt. Carceris ... + ... wurde neben den Senat Mailands gestellt. Carceris ... + + [S. 337]: + ... Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen Norwegen Semlja ... + ... Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen Nowaja Semlja ... + + [S. 346]: + ... zog sich lang durch die Atlantik ein unterseeischer + Bergrücken, ... + ... zog sich lang durch den Atlantik ein unterseeischer + Bergrücken, ... + + [S. 356]: + ... zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe umsausten ... + ... zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe umsauste ... + + [S. 372]: + ... es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der + Heimfahrt ... + ... es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der + Herfahrt ... + + [S. 382]: + ... hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen + abtragen, ... + ... hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen + abgetragen, ... + + [S. 386]: + ... sie stand auf Seite Kylins und De Barros’. Heftige + Schmähworte ... + ... sie stand auf Seiten Kylins und De Barros’. Heftige + Schmähworte ... + + [S. 394]: + ... Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf dem schwarzen ... + ... Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf den schwarzen ... + + [S. 409]: + ... habe ich getan? Habe dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese ... + ... habe ich getan? Habe ich dich gekränkt? Indem ich Jeloud + diese ... + + [S. 576]: + ... Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß noch + Cornwall. ... + ... Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß nach + Cornwall. ... + + [S. 576]: + ... Laßt meine Haare frei. Helft mir noch Cornwall; ich muß zu ... + ... Laßt meine Haare frei. Helft mir nach Cornwall; ich muß zu ... + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75838 *** diff --git a/75838-h/75838-h.htm b/75838-h/75838-h.htm new file mode 100644 index 0000000..ea2ee0d --- /dev/null +++ b/75838-h/75838-h.htm @@ -0,0 +1,25267 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> +<meta charset="UTF-8"> +<title>Berge Meere und Giganten | Project Gutenberg</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <!-- TITLE="Berge Meere und Giganten" --> + <!-- AUTHOR="Alfred Döblin" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="S. Fischer, Berlin" --> + <!-- DATE="1924" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; } +.logo { margin-top:2em; margin-bottom:4em; } +h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0; padding-top:1em; + margin-bottom:2em; } +.subt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:4em; line-height:2.6em; } +.pub { text-indent:0; text-align:center; } +.run { text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em; + padding-top:6em; margin-bottom:1em; } +.cop { text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em; margin-bottom:2em; } +.printer { text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em; padding-top:4em; } + +div.chapter{ page-break-before:always; } +h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0; padding-top:4em; + margin-bottom:2em; } +div.chapter h2 { margin-top:0; padding-top:4em; } +h2.chapter .line2 { font-size:0.8em; } + +p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } +p.first { text-indent:0; } +p.first span.firstchar { float:left; font-size:3em; line-height:0.83em; } +p.first.noindent span.firstchar { font-size:2em; } +p.noindent { text-indent:0; } +p.tb { margin:1em; text-indent:0; text-align:center; } +p.end { margin:1em; text-indent:0; text-align:center; } + +/* "emphasis"--used for spaced out text */ +em { font-style:italic; } +span.antiqua { font-style:italic; } + +/* ads */ +div.ads { padding-top:1em; font-size:0.8em; } +div.ads p { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } +div.ads p.hdr { font-size:1.5em; font-weight:bold; } +div.ads p.pub { font-weight:bold; } +div.ads p.book .line1 { font-size:1.25em; } + +.underline { text-decoration: underline; } +.hidden { display:none; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +/* Transcriber's note */ +.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc; + color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; + page-break-before:always; margin-top:3em; } +span.trnote { font-size:inherit; line-height:inherit; background-color: #ccc; + color: #000; border:0; margin:0; padding:0; + page-break-before:avoid; margin-top:0em; } +.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } +.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } +.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } + +/* page numbers */ +a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } +a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; } +img { max-width:100%; } +div.centerpic.logo img { max-width:6em; } + +body.x-ebookmaker { margin-left:0; margin-right:0; } +.x-ebookmaker div.frontmatter { max-width:inherit; } +.x-ebookmaker p.first span.firstchar { float:left; } +.x-ebookmaker a.pagenum { display:none; } +.x-ebookmaker a.pagenum:after { display:none; } +.x-ebookmaker .trnote { margin:0; } + +</style> +</head> + +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75838 ***</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<div class="centerpic logo"> +<img src="images/logo.jpg" alt=""></div> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<h1 class="title"> +Berge<br> +Meere und Giganten +</h1> + +<p class="subt"> +Roman +</p> + +<p class="aut"> +von<br> +Alfred Döblin +</p> + +<p class="pub"> +1924<br> +S. Fischer / Verlag / Berlin +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="run"> +Sechste bis neunte Auflage +</p> + +<p class="cop"> +Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten<br> +Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag A.-G., Berlin +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-1"> +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +<span class="line1">Zueignung</span> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">as</span> tue ich, wenn ich von dir spreche. Ich habe das Gefühl, +als dürfte ich kein Wort von dir verlauten lassen, +ja, nicht zu deutlich an dich denken. Ich nenne dich „du“, als +wärst du ein Wesen, Tier Pflanze Stein wie ich. Da sehe ich +schon meine Hilflosigkeit und daß jedes Wort vergebens ist. Ich +will nicht wagen euch nahe zu treten, ihr Ungeheuren, Ungeheuer, +die mich auf die Welt getragen haben, dahin, wo ich bin +und wie ich bin. Ich bin nur eine Karte, die auf dem Wasser +schwimmt. Ihr Tausendnamigen Namenlosen hebt mich, bewegt +mich, tragt mich, zerreibt mich. +</p> + +<p> +Ich habe schon Vieles geschrieben. Nur herumgegangen bin +ich um euch. Mit Angst habe ich mich vor euch entfernt. In +meiner Demut vor euch war Angst vor Lähmung und Betäubung. +Immer habe ich euch, ich gestehe es, als Schreckliches +in einem dunklen Winkel des Herzens gehabt. Da hatte ich euch +verborgen, hielt die Türe zu. +</p> + +<p> +Jetzt spreche ich – ich will nicht du und ihr sagen – von ihm, +dem Tausendfuß Tausendarm Tausendkopf. Dem, was schwirrender +Wind ist. Was im Feuer brennt, dem Züngelnden +Heißen Bläulichen Weißen Roten. Was kalt und warm ist, +blitzt, Wolken häuft, Wasser heruntergießt, magnetisch hin- und +herschleicht. Was sich in Tieren sammelt, in ihnen die Schlitzaugen +nach rechts und links bewegt auf ein Reh, daß sie springen +schnappen, die Kiefern öffnen und schließen. Von dem, was +dem Reh Furcht macht. Von seinem Blut, das fließt und das +das andere Tier trinkt. Von dem Tausendwesen, das in den +Stoffen Steinen Gasen haucht, raucht, sich löst, verbindet, verweht. +Immer neuer Hauch und Rauch. Immer neues Prasseln +Verschmelzen Verwehen. +</p> + +<p> +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> +Jede Minute eine Veränderung. Hier wo ich schreibe, auf +dem Papier, in der fließenden Tinte, in dem Tageslicht, das +auf das weiße knisternde Papier fällt. Wie sich das Papier +biegt, Falten wirft unter der Feder. Wie die Feder sich biegt, +streckt. Meine führende Hand wandert von links nach rechts, +nach links vom Zeilenende zurück. Ich spüre am Finger den +Halter: das sind Nerven, sie sind vom Blut umspült. Das Blut +läuft durch den Finger, durch alle Finger, durch die Hand, beide +Hände, die Arme, die Brust, den ganzen Körper, seine Haut +Muskeln Eingeweide, in alle Flächen Ecken Nischen. So viel +Veränderung in diesem hier. Und ich bin nur ein Einzelnes, +ein winziges Stück Raum. Auf meinem Tisch, dem weißen Tuch +verwelken drei gelbe Tulpen, jedes Blatt daran unübersehbar +reich. Daneben grüne Blätter von Weißdorn Rotdorn. Unten +auf dem Rasen Stiefmütterchen Vergißmeinnicht Veilchen. Es +ist Mai. Ich habe nicht gezählt, wie viele Bäume Blumen Gräser +in den Anlagen stehen. An jedem Blatt Stengel Wurzelschaft +geschieht sekundlich etwas. +</p> + +<p> +Da arbeitet das Tausendnamige. Da ist es. +</p> + +<p> +Singen der Drosseln, Rasseln Schmettern der Schienen: da +ist es. +</p> + +<p> +Stille, mit einer Bewegung gefüllt, die ich nicht höre, von +der ich doch weiß, daß sie abläuft: da ist es. Das Tausendnamige. +Sich unaufhörlich Wälzende Drehende Aufsteigende Zurückfallende +sich Kreuzende. +</p> + +<p> +Ich gehe auf dem weichen wippenden Boden am flachen +Ende des Schlachtensees. Drüben die Tische Stühle der Alten +Fischerhütte, Dunst über dem Wasser und Schilf. Am Boden +der Luft gehe ich. Eingeschlossen in diesem Augenblick mit +Myriaden Dingen an dieser Ecke der Welt. Wir sind zusammen +diese Welt: weicher Boden Schilf See Stühle Tische der Fischerhütte, +Karpfen im Wasser, Mücken darüber, Vögel in den Gärten +der Villen von Zehlendorf, Kuckucksruf Gräser Sand Sonnenlicht +Wolken Angler Angelrute Leinen Haken Köder Kindergesang +Wärme elektrische Spannung der Luft. Wie blendend +tobt oben die Sonne. Wer ist das. Welche Masse Sterne toben +neben ihr, ich seh’ sie nicht. +</p> + +<p> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +Die dunkle rollende tosende Gewalt. Ihr dunklen rasenden, +ineinander verschränkten, ihr sanften wonnigen kaum ausdenkbar +schönen, kaum ertragbar schweren nicht anhaltenden Gewalten. +Zitternder greifender flirrender Tausendfuß Tausendgeist +Tausendkopf. +</p> + +<p> +Was habt ihr mit mir vor. Was bin ich in euch. Ich muß +sprechen von euch, was ich fühle. Denn wer weiß wie lange ich +noch lebe. +</p> + +<p> +Ich will nicht aus diesem Leben gegangen sein, ohne daß sich +meine Kehle geöffnet hat für das, was ich oft mit Schrecken, +jetzt stille, lauschend, ahnend empfinde. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-2"> +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +<span class="line1">Erstes Buch.</span><br> +<span class="line2">Die westlichen Kontinente</span> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> lebte niemand mehr von denen, die den Krieg überstanden +hatten, den man den Weltkrieg nannte. In die +Gräber gestürzt waren die jungen Männer, die aus den Schlachten +zurückkehrten, die Häuser übernahmen, welche die Toten +hinterlassen hatten, in ihren Wagen fuhren, in ihren Ämtern +dienten, den Sieg ausnutzten, die Niederlage überstanden. In +die Gräber gestürzt die jungen Mädchen, die so schlank und blank +über die Straßen gingen, als wäre nie ein Krieg zwischen +Männern in Europa gewesen. In die Gräber gestürzt die +Kinder dieser Männer und dieser Frauen, die heranwuchsen, an +den Häusern bauten, die sie übernommen hatten, die Fabriken +bevölkerten, die die Toten errichtet und stehen gelassen hatten. +</p> + +<p> +Geschlecht um Geschlecht war wie von einer langsam rutschenden +Wand umgelegt worden. Sie begaben sich in die dunklen +Wohnungen, die die Elemente bereiteten. Hinter ihnen wurden +schon die neuen Geschlechter emporgehoben, fluteten aus geöffneten +Schleusen über die verlassene Welt. +</p> + +<p> +Immer waren wieder blanke junge Mädchen da. Junge +Männer mit glänzendem zurückgekämmtem Haar, lebhaften +Augen, frischen Mündern und Backen, die gern lächelten. In +den Alleen Alte an Stöcken mit abwesenden Blicken, und winzige +Geschöpfe in weißem Leinenzeug, die mit schrumpfligen +Fingerchen sich vor das blinzelnde rosige Gesicht griffen. Am +Himmel bewegte sich das stille blitzende Licht, das morgens erschien +und abends unterging. Die Erde drehte sich in Tag und +Nacht. Trug Erdteile Meere Gebirge Flüsse mit sich. Gab von +Jahr zu Jahr neuen Sommer und Winter von sich. Wälder +wurden von ihr hochgewälzt; sie stürzten ein; sie trieb neue auf. +Schmetterlinge hauchte sie für ein paar Tage hin. Fische Landtiere +Vögel Ameisen Käfer Schnecken wuchsen und zerfielen. +</p> + +<p> +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +Die Menschen der westlichen Völker hinterließen ihren Nachkommen +das Eisen die Maschinen, Elektrizität, die unsichtbaren +stark wirkenden Strahlungen, die Berechnung zahlloser Naturkräfte. +Man hatte Apparate von ungeheurer Macht. Wie die +neuen Menschen ins Leben traten, jubelten sie über die Aufgabe, +die vor ihnen lag. Es war ihnen gleich, daß ihnen der +Weg vorgezeichnet war; sie und dieser Weg konnten sich nicht +trennen. Diese Maschinen, Apparate, für die die glanzvollsten +reichsten Lehrstätten gegründet wurden, die die anderen Wissenschaften +verdrängt und banal gemacht hatten, unernst und ärmlich, +wurden Saugapparate, die von Jahrhundert zu Jahrhundert, +zuletzt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt intensivere Kraft entfalteten. +</p> + +<p> +Wie die Apparate und Einrichtungen da standen, sprühend +an Vermögen, wurden die Menschen gedrängt, sie über die +Länder zu führen. Die Erfindungen waren Zauberwesen, die +ihnen aus den Händen glitten und sie hinter sich herzogen. Die +Menschen fühlten, es war ihr Wille, der vor ihnen flog. +</p> + +<p> +Um Europa und Amerika lagen die Länder, denen man +die Macht der Apparate zeigen mußte, wie ein Liebhaber +seine süße Geliebte strahlend über die Straßen führt. Jeder +bewundernde Blick fährt ihm wonnig ins Herz; er geht neben +ihr, ihren Arm haltend, die ihn verschämt anblickt, blickt stolz +nach allen Seiten. Sie drangen in die östlichen und südlichen +Kontinente ein. Die Winde der Atmosphäre flossen um die +Erdkugel, strömten von wärmerer nach kälterer Erde, stiegen +auf, flossen oben ab. Sie wehten, die heiße Zone verlassend, +nach Süden und Norden hin; die drehende Erde bog sie zur +Seite. Gewaltig die Meeresströmungen, die das gleichmäßige +Wasser durchdrangen. Von regelmäßigen breiten Furchungen +waren die küstennahen Meere durchzogen, den Strandlinien +parallel: Wellen in ungeheurer Bewegung setzten an, unablässig +aus der Ferne nachdrängend; einförmig ihr Weg; sie +schmetterten gegen den Strand. Den Apparaten der Menschen +war nicht vorgeschrieben, wohin sie sich zu wenden hatten. Die +fliegenden Menschen durchzuckten jede warme und kalte Luft, +mochte sie über dem Boden östlich oder westlich schwimmen, +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +oder in dem Kalmengürtel sich langsam über dem tropischen +Boden erheben. Ölschiffe Unterwasserboote sausten fegten durch +jedes Wasser; wie ein Messer in der Hand des Chirurgen, das +das Gefäß umschneidet überschneidet. Die Menschen drangen in +die weiträumigen Landschaften ein, Gebirge und Tiefebenen, +heiße und kalte Gegenden tragend, die Asien heißen. Die +schweifenden fellbekleideten Wogulen Ostjaken Jakuten Tungusen +wichen von ihnen erschreckt und höhnisch ab. Die gelben +Völker, Chinesen Japaner, wehrten sich nicht, aber nahmen +ihnen die Apparate aus der Hand. +</p> + +<p> +Auf Afrika richteten die blassen eisengetriebenen Männer und +Frauen ihre Augen. Der uralte noch immer traumverlorene +Erdteil. Über die blaugrüne Fläche des Mittelmeeres fuhren +von Norden her wie Geschosse die Schiffe der weißen Völker. +Die Randgebirge überflogen die leichten Menschen. Siebzig +Breitengrade überdeckte der plumpe Erdkoloß. +</p> + +<p> +Am Mittelmeer lagen die Reste der kleinen arabischen Siedlungen, +noch von Räubern Entarteten Ungezähmten bewohnt, +die Zufluchtsstätte der nordischen Verbrecher, Kampfzentra +gegen die erdumspannende Gesellschaft und ihre knebelnde +Sicherheit, auch Schmarotzerherde, wie Polizisten und Richter +die Blößen der Gesellschaft erspähend, um sie auszubeuten. Sie +züngelten viperartig vor. Aus den Jammerlöchern um die Große +Syrta, aus Trabulus Lebda Masrata, die verfallen waren wie +altbabylonische und ägyptische Städte, stiegen die zahllosen Männer +und Frauen, die während vieler Jahrzehnte den europäischen +Stier stichelten und quälten. Über sie brausten die weißen +Männer und Frauen in kleinen fliegenden Apparaten weg, über +die Randgebirge in die heiße große Wüste. +</p> + +<p> +Die Wüste, das mächtige Wesen, zog sich fünfzehn Breitengrade +hin, hinter den Bergketten von Marokko bis Tunis versteckt, +von Mauretanien und den Zugstraßen der braunen +Tuaregs bis zu alten Weideplätzen der berberischen Aulad Soliman. +Sie streckte sich, von den Küstenterrassen herwachsend, +mit Ebenen Gebirgsstöcken Dünen grau und weiß unter der +Sonne aus, die fast gesichtsnah auf ihr lag. Kiesebenen und +Steinwüsten ließ sie wechseln. Der Wind zehrte an den nackten +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +glühenden Hügeln, zerrieb mit Sand die Felsen, die Hitze zersprengte +zermürbte die Felsen. Wirbelstürme arbeiteten wetzend. +Langsam zerfielen die uralten Gebirge der Erde. Aus der Masse +des gelben und weißen Flugsandes stiegen schwarze Hügel +Klippen hervor. Neben den Steinplateaus der Hammada al-Hamra +lagen die niederbrechenden niedersinternden Trümmerfelder +des zernagten Serirs. Der Kalk trat zutage, der den +schwarzen zerriebenen Sandstein trug; in Dünen wurde alles zu +Sand hingelegt. Tibesti das wilde Gebirge, das im Süden zwei +Breitengrade überdeckte; dunkelfarbige Blöcke, massig aufeinander +gestuft, kahl und nackt. Aus den senkrechten Wänden rieselte +stäubte unter dem saugenden Gluthauch der bläuliche grüne +weiße Kalkstein. Riesenwürfel bröckelten glitten langsam von den +skelettierten Bergen ab, die Hügel flachten sich ab, schoben sich +zu Steinflächen aus mit schwankenden Pfeilern und Säulen. +Sechshundert öde Kilometer von Ost nach West das Steinland, +die Hammada al-Hamra; der Boden gab sich nur dem Wind und +der Sonne her; dünner Sand trieb über ihn hin. Zweihundert +tote Kilometer wogte das Land südwärts. Wasserlose Ebenen +nach Südosten hin. Dies war Fessan. In den kahlen Kalkebenen +zwischen den schwarzen Bergen des Tibesti wohnten die Tedas. +Lebten mit dem rasenden Wind, der in Wirbeln über die Platten +ihres Landes strich, unter den graugelben Sandhosen, die +über den Ebenen hinschwebten. Nadlige Tamariskenbüsche +stiegen aus dem gedörrten Boden auf, Sajalakazien, breitkronige +Bäume. Selten quoll trübes Wasser zur Oberfläche auf, zu den +Disteln Dornbüschen Halfagras. In den zerstreuten spärlichen +Pflanzungen stand die Dattelpalme; tief ließ das schlanke anmutige +Pflanzengeschöpf seine saugenden Wurzeln in die feuchte +Bodenschicht hängen, wiegte auf dem hohen Stamm seine +buschige Krone. Die Tedas der Wüste hatten zierliche magere +Leiber, dunkelgelblich ihre Haut, die platte Nase hing herab, +wulstig die Lippen, der falsche lauernde Blick, nicht haftend wie +der der Zwergvölker der Büsche. In ihren dunklen Hemden, +den dunklen Schal vor Mund und Nase, Ledersäckchen mit +Zauber an Turban Hals Arm zogen sie mit Kamelen von +Brunnen zu Brunnen. Kamelmilch und Datteln ihre Nahrung, +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +die ihre Zähne zu braunen Stummeln auflöste. Die Haut unter +ihren Sohlen so hornig, daß sie über Kiesel und heißes Schiefergestein +laufen konnten. Gebleichte Kamelknochen, die sie fanden, +pulverten sie, rührten das Pulver mit Blut, das sie einer +Ader der Tiere entnahmen zu Teig; daran sättigten sie ihren +Leib. Die Lederringe an ihren Messern zerklöppelten sie mit +Steinen, kochten zerschnitten sie, sättigten sich. Nachts schwieg +der Sandwind. Wenn an dem tiefdunklen klaren Himmel glänzende +Lichter hervortraten, die große Mondkugel im silbernen +Äther hoch schwebte, erhoben sie sich stumm aus dem Felsschatten, +ein Fatifa murmelnd, wanderten stumm unverschleiert +weiter. Tuaregs wuchsen wie sie auf den Flächen der westlichen +Wüste; magere mißtrauische Menschen mit zweizinkigen kurzen +Wurfeisen und Speeren. +</p> + +<p> +Über den Wellen und Bergketten der Wüste erschienen die +weißen getriebenen Flieger. Von den Lagerplätzen der Nomaden +trugen sie ängstliche junge mit Gewalt mit sich fort, setzten +sie nach Stunden wieder bei ihrer hinstürzenden Horde aus. Die +Tedaleute ließen sie bei sich übernachten. Wie der Mond aber +sein weißes Licht über die Landschaft goß, lagen die bronzehäutigen +Männer vor den Zelten der Fremden, im Schatten, +lüfteten lautlos die Wand, warfen Speere. Kaum eine Handbreit +flogen die ins Dunkle. Zum Entsetzen der sich hinwerfenden +Tedas prallten die eisernen Spitzen wie von einer Wand +ab; der lange vibrierende Stab rollte rückwärts. Wenn sich +drin bei den schlafenden Männern nichts rührte, schlichen +überall geduckt verhüllte Nomaden an die Lagerstätten der +Fremden, Revolver in den Händen, die sie von ihnen geschenkt +erhalten hatten zu dem roten Tarbusch, dem blauschwarzen Sudanhemd +und Beinkleid, dem blauschwarzen Schal für Mund +und Nase. Je dichter sie an die Fremden herankamen, um so +gewichtiger wurden die Waffen in ihren Fingern. Sie mußten +mit Gewalt die Revolver vorwärtsdrängen, die sich vor der +Annäherung an ihren früheren Besitzer zu fürchten schienen. +Wie aber der gespannte Hahn einschnappte und das Pulver +krachte, warf das Explosionsgas das Geschoß nur wenig im Rohr +vorwärts, dann drückte die Kugel rückwärts, das Rohr zersprang +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +knatternd, zerriß den Angreifern die Hände. Die Fremden +standen ruhig auf. Die kleinen Lederkästchen, die die eisenabstoßende +Ladung enthielten, schnallten sie fester über ihren Brüsten, +verbanden die Verwundeten, sprachen den Angreifern, die sich +im Sand vor ihnen vergruben, zu, und denen, die im schwarzen +Tamariskenschatten im Hinterhalt bewegungslos lagen. +</p> + +<p> +Über Horden, die mit ihren Kamelen von versiegenden Brunnen +zu versiegenden Brunnen sich schlugen, senkten sich fliegende +Fremde, legten gefüllte Schläuche unter sie. Da kam Unruhe +Ungeduld unter die Stämme von der Großen Syrta bis zum +Tsadsee. Mehr und mehr von den Männern und den zierlichen +Frauen blickten verlangend auf die weißen fliegenden Menschen, +verschwanden mit ihnen. Die Alten saßen an ihren Lagerplätzen, +in den Dattelpflanzungen, fühlten Grimm Haß Trauer Ohnmacht. +Stämme im südlichen Tibestigebirge ließen ihre Pflanzungen +im Stich, flohen in die Wüste bei der Annäherung der +Weißen, zerrissen die Schläuche, die ihnen die fremden Zauberer +zuwarfen, schlugen sich, vom Haß getragen, vorwärts. +Das Abbröckeln unter der Verlockung der Europäer war nicht +zu verhindern. Fessan, die Hammada von Murzug, das westliche +Steinplateau der Wüste leerte sich von den dürren braunen +Menschen, die sie gezeugt hatte. Sie schwammen durch die Luft, +dienten den weißen Meistern, die Diener einer geheimnisvollen +abenteuerlichen Weisheit, eines Zauberwesens waren, das sich +in der kalten feuchten Region angesiedelt hatte. Die ernsten +Wüstensöhne wurden in die warmen Küstenlandschaften des +Mittelmeers, nach Sizilien, Unteritalien, dem Balkan, Spanien +geworfen. Viele flohen nach Freiheit verlangend zurück, verkamen, +unfähig die alten Sitten zu lieben, die neuen anzunehmen, +von den einschmelzenden Resten ihrer Stämme geächtet. +</p> + +<p> +Die Große Wüste dehnte sich unbewegt, stumm von den +Küstenterrassen, mit Steinflächen Kiesebenen Dünen und Hochplateaus, +mit Natronseen grünen Oasen über das heiße Festland +bis zum Tsadsee, aus dem die Elefanten soffen, an dem +die Antilopen sprangen, Pelikane flogen. +</p> + +<p> +Die Massen des Sudan wurden ergriffen, Wangela Aschanti +Sokoto Fallata, die vom Kongo Mantema Urua und südlich am +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +Tanganika. Diesmal gab man ihnen nicht bunte Stoffe Glasperlen, +nahm ihnen Elfenbein Kautschuk. Die Völker schmolzen +nicht zusammen, als die Nordmänner und -frauen bei ihnen +erschienen. Es hatte die längste Zeit Buschvölker Akkahs Pygmäen +gegeben. Die kaffeebraunen Waldkobolde mit den tiefeingesenkten +verkniffenen Augen, den großen Rundköpfen, den +affenartigen Fratzen, die gehaßten scheuen Zwerge waren in +Kürze von ihren Nachbarn, den Monbuttu, ausgerottet; und +wo sie auf der Wanderschaft erschienen, saß man hinter ihnen +her, tötete sie. Die gekrümmten Säbelmesser die Lanzen Pfeilspitzen +mit Blutrinnen, die Bogen aus Rohr fielen den dunklen +Männern zuerst aus der Hand. Es hatte keinen Sinn mit den +alten Waffen umzugehen, die Weißen boten stärkere, leicht handliche. +Sie brachten nicht nur die Waffen, sondern setzten sich +unter die dunklen Männer und Frauen, zeigten, wie man gefährliche +Kräfte aus der Luft und Erde holt, wie man sie steigern +und anreichern kann. Auf nichts waren die Schwarz- und +Braunhäute so aus wie auf Gewinnung der neuen Geschosse +Gase Abwehrschilde und Masken. Und wie sie die Geschosse +hatten und ihren Nachbarn überlegen wurden, – die zuerst ergriffenen +von der Guineaküste, die von Joruba und Benin über +die westlichen Aschantis, die Mandingoleute über die von Futa +Djallon und die Gebirgsvölker am oberen Niger, die Makua +von Mozambique über das Gasaland Matebelereich Lobise +Uamba Batonga – gaben sie, sich kriegerisch ansiedelnd, die +Holzscheunen die Rundhütten aus Lehm Akazienästen Strohdächern +auf. Die eisernen gläsernen rasch zerlegbaren Wohnungen +der nördlichen Striche zogen unwiderstehlich ein. Und +die Menschen drängte es, zu wissen, wie man sie baute, um neue +zu bauen, die entfernten Stämme zu unterwerfen. An der Westküste, +am mittleren Niger, Tanganikasee, Senegal, wo feste Negerstaaten +entstanden, gingen die ersten Bergwerke in den unerschlossenen +Boden, getrieben von den kriegerischen Einheimischen. +Stämme über Stämme wurden ausgerottet. Immer +kämpfte die lähmende reiche Schönheit, üppige Fruchtbarkeit +der Länder mit dem Ehrgeiz der Menschen, hinter denen die +Wunderapparate der Nordleute standen. Da entstanden die +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +ungeheuerlichen Reiche der Eingeborenen, wie die Gewächse des +Landes sich rapid ausbreitend, andere umschlingend und in +sich zusammenstürzend. +</p> + +<p> +Und wie die Reiche stürzten sich befestigten, flogen und fuhren +neue stolze Scharen Weißer, die Erfinder Entdecker, Herren der +Gewalten, ein, gaben ihr Werk hin, schmolzen selbst unter den +Farben und der Wärme des Landes. Die Braunen Schwarzen +Graubraunen aber wurden verlockt, an die Quellen dieser +Kräfte zu gehen; sie drängten nach Norden. Und es war ein +sonderbares Geschick, das damals die eisernen weißen Volksstämme +traf: ihre Fruchtbarkeit ließ nach. Während ihr Hirn +zu immer glänzenderen Taten vordrang, verdorrte die Wurzel. +Gleichmäßig sanken im Laufe der Jahrzehnte bei den europäischen +Völkern die Kinderzahlen. Es war nicht erkenntlich, ob +es die Berührung mit den neugefundenen strahlen- und gasförmigen +Substanzen war, die dies verursachte, oder die Ernährung +mit den sehr erregenden reizenden künstlichen Mitteln, die +neuen Rausch- und Betäubungsstoffe. Um so fruchtbarer waren +die lüstern an die strahlenden Zentren drängenden Farbigen, die +schweißdunstenden Männer und Frauen mit den blitzenden und +melancholischen Augen, die wie Dienende und Unterworfene +erschienen und in einigen Generationen alles überfluteten. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> Dämonenscharen durchzogen Einpeitscher die Kontinente +Afrikas Amerikas Europas. Das waren Männer und Frauen, +die die Menschen reizten mit Dingen, die sie ihnen boten, – +reizten, versuchten, gegeneinander stachelten. Die Menschen +waren ein wachsendes Bündel, ein Sandhaufen von Bedürfnissen, +auf die die Einpeitscher neuen Sand bliesen. Durchzittert +von Spannungen wurden die Menschen wie erhitzte Luft über +Feuer. Von allen großen Stadtlandschaften nach allen Orten +kamen Männer und Frauen, beobachteten, trugen Dinge Freuden +Schmeicheleien Wohliges Mildes heran. Man sah die +Wesen in den Städten und auf dem freieren Lande sich verändern. +Die Einpeitscher hatten das Spiel in der Hand, hatten +die Bewegung nur einzuleiten; dann drängten die Gehetzten +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +schon, schrien nach ihren Hieben. Die früheren Generationen +hatten sich damit begnügt, genährt gekleidet gewärmt mäßig +unterhalten zu werden. Es war den Menschen an den Apparaten +klar, daß dies nicht genügte. Die westlichen Menschen +begehrten viel; es mußte ihnen noch mehr gegeben werden. +</p> + +<p> +Nachrichten wurden verbreitet. Man hatte in den Stadtschaften +kunstvolle zauberhafte Apparate, die nach allen anderen +Orten meldeten, womit sich die Menschen hier befaßten, was +sie zueinander sagten, wie sie ihre Einrichtungen veränderten, +was sich bei ihnen hervortat. Fernbilder trugen die Gestalten +der Menschen, der Gegenstände weiter. Ein Reiz, der aufstand, +war eine Feuersbrunst, die eben noch Funken einer Flamme, +jetzt das ganze Viertel, die Stadt einhüllte. In fernen Ländern, +auf Gebirgen, an wilden wassertosenden Strömen, auf tropischen +hitzeübergossenen tierwimmelnden Steppen saßen Menschen, +Stämme, die in sich ruhten. Zu ihnen fuhr der Reiz das +Wort die Gestalt. Die Bilder standen vor ihnen, traten immer +wieder vor sie, rissen an ihnen. Daß sie sich vom Wasser lösten, aus +der einwiegenden Hitze drängten. Wie eine Schaufel unter einen +Steinhaufen, der am Boden liegt und bemoost ist, drang die Erregung +knirschend unter die Menschen, hob sie an, zerstreute sie. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> alten politischen Staaten bestanden noch dem Namen +nach. Wie die Hautfarben, die Gesichter arabisch ägyptisch +negerhaft sich veränderten, die Sprachen zu einem Kauderwelsch +wurden, in dem sich nördliche und südliche Zonen berührten, +so verloren die Staaten ihren alten strengen Charakter. Eine +fast gleichförmige Menschenmasse bevölkerte das Gebiet von +Christiania bis Madrid und Konstantinopel. Wie im Sprachlichen +so überwog hier die, dort die Art. +</p> + +<p> +Langsam war in zwei neuen Jahrhunderten der westliche Völkerkreis +unter das Imperium London-Neuyork gekommen. Das +angelsächsische Imperium war es, in dem sich die Ströme dunkler +grauer schwarzer brauner weißer Menschen miteinander langsam +mischten. Dann zermorschten die politischen Gewalten. +Als die Apparate und Erfindungen sich häuften, wuchs der +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +allgemeine Reichtum. Eine Erleichterung, Abkürzung fast aller +Tätigkeiten trat ein. Zugleich zeigte sich die Gefahr dieser +Menschheitsperiode, deren Ungeheuerlichkeit sich erst nach weiteren +Jahrhunderten entfalten sollte. Man bedurfte nicht vieler +Menschen für die Apparate. Der Krieg früherer Zeiten ernährte +sich selbst; jetzt konnte man die Menschen nur in Bewegung +erhalten durch immer neue Erfindungen, die den +Niederbruch alter Industrien, den Aufbau neuer mit sich führten. +In einer Erschlaffungsperiode, als man von den Entdeckungen +der vergangenen Jahrzehnte lebte und sie sich ungehindert +auswirken ließ, setzte die erste große, nicht lärmende +Katastrophe ein. Die Besitzer der Werke Erfindungen, denen +die Reichtümer zuströmten, streckten zuerst, um die Menschen +festzuhalten, die Arbeiten, fügten Zwischenarbeiten ein, ja +legten wichtige Maschinen still, um Arbeit zu schaffen. Sie +entwickelten für Aufsicht, Berechnung eine ungeheure völlig +luxushafte Bureaukratie. Aber all diese krampfhaften ängstlichen +und hilflosen Maßnahmen genügten nicht. Die Betriebe +wurden fast erdrückt, aber noch stärker war der Zustrom der +Menschen, die sich in den Städten versammelten. Die Beherrscher +der Apparate wußten nicht mehr, wie sie den Schein +der Arbeit aufrechterhalten sollten. Sie wußten nicht, ob sie +ihre technischen Gefährten und Wissenschaftler zu neuen Erfindungen +anspornen sollten oder nicht vielmehr selbst ihre Betriebe +demolieren. Mit Grauen sahen sie die Reichtümer auf +sich zufließen; ein sonderbares Schuldgefühl drängte sie, die +Güter von sich abzulenken. Sie kämpften entsetzt mit der Technik, +die über sie hergewachsen war, und mit den Menschen, deren +Zahl und Furchtbarkeit wuchs. Es gab eine Zeit, wo die Industrien +erst selbständig, dann mit Hilfe des Staates ein riesiges +alle umspannendes System der Geld- und Warenverteilung +organisierten. Das waren die freiwillig von den Industrien abgeworfenen +Güter. Die Industrien ernährten den Staat, aber +versteckten sich. Es war, als wollten sie Entscheidungen aus dem +Weg gehen und sich loskaufen. Dann wuchsen sie in ihre Rolle +hinein. Als Gelder und Waren aus ihren Becken wegschwammen, +fühlten sie, wer sie waren und was sie hatten. Eine kleine +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +Anzahl Industrieherren warf, unfähig die Verantwortung zu +tragen, die Werke dem Staat in die Hände. Die Mehrzahl aber +griff in die schon automatisch laufende Verteilungsmaschinerie. +Mit zwei drei Zügen kämmten sie ihre gewaltigen Anlagen fast +menschenleer. Sie wollten eine Regelung der Zuwanderung, +selbständige Bestimmung über die Verteilung der Güter. Da +auch der Staat und die politische Regierung nur durch sie lebte, +wollten sie Macht über die Regierung. Während Hungersnot +Menschenflucht einsetzte, stapelten die Maschinenherren +Geld und Waren auf. Die Regierungen traten hervor. Sie +wollten sich der gefahrdrohenden fluktuierenden Massen annehmen. +Diesen Augenblick hatten die Industrien erwartet. +Sie lehnten das alte Almosensystem ab. In allen Staaten +näherten sich die politischen Machthaber den Industrieherren. +Wie einen abgemagerten Fuchs hatten sie die Regierung aus +ihrem Bau aufgestöbert. Es gab, wie man sich offen, der Besitzende +und der Ausgehaltene, gegenüberstand, kein Halten +mehr. Im Belgischen, in Brüssel, wurde zuerst der Schlag geführt, +der längst erwartet war. Im Parlament erklärte zynisch +ein Vertreter der Werkherren, den man geladen hatte, er lehne +es ab, zu verhandeln oder die sogenannt öffentlichen Institutionen +anzuerkennen. Dies Parlament sei vom sogenannten +Volk gewählt; er kenne nur Werkherren und ferner Arbeiter +und Ausgehaltene. Man möge den Ministern untersagen, vom +öffentlichen Wohl zu reden; das seien Dinge, von denen ein +Minister nichts verstehe. +</p> + +<p> +Am Tage drauf wurden die Minister dieses Landes beiseite +geschleppt. Das Heer war längst in der Hand der großen technischen +industriellen Gruppen. Es bestand, wie überall in +Europa, aus jungen Menschen, die aus den Fabriken Werkstätten +stammten, in denen sie die Herstellung und Bedienung +ihrer Waffen erlernt hatten. Sie hatten nur Ehrfurcht vor den +Männern und Frauen in den Werken, faßten nicht, was die sogenannten +Politiker taten. Die Massen in den Städten rebellierten +nicht; wurden rasch beruhigt. Sie waren alle selbst innigst +nur an die Maschinen gebunden, verlangten Luxus Brot +und freie Bahn für die Kräfte der Maschinen. Die politischen +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +Ministerien wurden zur Durchforschung ihrer Arbeit von den +technischen und Industriezentralen beschickt. Dann wurden +die Baulichkeiten für andere Zwecke verwandt. Die Wohlfahrtseinrichtungen +wurden der Arbeitsüberwachungs- und +Verteilungsstelle der großen Verbände angegliedert. Der Verkehr +mit anderen Staaten war schon vorher im angelsächsischen +Imperium vertrauliche Sache der großen Verbände. +</p> + +<p> +Ungeheuer wirkte der in Belgien fast lautlos sich abspielende +Vorgang auf die Nachbarstaaten. Es verlief kein Jahrzehnt, +da hatten freiwillig oder unfreiwillig, zum Teil dem Druck Englands +folgend, die politischen Regierungen, die nur hemmende +und dekorative Rudimente waren, den Industriekörpern Platz +gemacht. Scheinparlamente, bedeutungslose ordnende Selbstverwaltungskörper +liefen neben ihnen her. In den großen Reservoirs +der Menschen, den Stadtreichen Stadtschaften, bildeten sich +Senate, deren Hauptsitz die Menschen der Apparate einnahmen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Stadtschaften lagen frei da. Aber unsichtbar umgab +sich jede mit einem System von Verteidigungsanlagen. Die +Peripherie der unübersehbaren Gebiete von Bergen und Niederungen +Flüssen Seen Sümpfen, überrieselt wie mit einer +Zuckerglasur von flachen Häusern, kilometerlangen Werken, +dichten und lockeren Menschensiedelungen, war überall unscheinbar +umzogen mit Reihen von Masten aus Holz. Sie +standen ohne Verbindung miteinander im Gelände, glichen abgeästeten +sehr hohen Pappeln. Sie schienen Wegweiser zu sein, +trugen Tafeln von Straßen, maskierten sich als Telegraphenstangen. +Im Innern waren die Masten hohl und als Eingeweide +trugen sie Bündel meterlanger zusammengebogener elastischer +Metalldrähte. Die Masten waren auf Granitplatten montiert, +welche das Endstück eines Kabels enthielten. Die Metalldrähte +waren verschieden geformt. Das Drahtbündel konnte durch eine +Schalterbewegung in der Stadt aus dem Mast heraus in die +Höhe geschnellt werden. Wie ein lebendiges Band konnte es +sich steif in die Höhe strecken, und im Moment, wie es aufrecht +stand, warf es einen tötenden Wirbel von Strahlen um sich. +</p> + +<p> +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +Die Stadtlandschaften hatten, was wenige wußten, Verteidigungswerke +und Abwehrgürtel schon in der Zeit vor dem +Uralischen Krieg. +</p> + +<p> +Die Beherrscher der stärksten Industrieanlagen und Riesenwerke +hatten sie in geheimer Gemeinschaft mit den Senaten +angelegt, als die einzelstaatliche Gewalt in dem europäisch-amerikanischen +Völkerverband erlosch und in Südamerika, in +dem ehemaligen Griechenland, in Kapland Südfrankreich, zuletzt +in Dänemark militärische anarchische Gebilde hochschossen. +Die Rebellionsschläge ängstigten die Kontinente. +</p> + +<p> +Mit Bangen erfuhr man von der geradezu höhnenden Leichtigkeit, +mit der der Franzose Bourdieu, ein einfacher Techniker, +sich des Mittelmeerzentrums Marseille bemächtigte. Im Nu +waren Tausende, aus dem Dunkel der Städte auftauchend, wie +magisch gerufen um ihn versammelt gewesen. Er hatte nichts +getan als eine Anzahl krafterzeugender Fabriken und Sammelstationen +mit einer Handvoll trotzigen Gesindels besetzt. Aus +den Stoffen, die die Zeit lieferte, verstand er im Augenblick +furchtbare Abwehr- und Angriffswaffen zu schaffen, die herzustellen +man bisher keine Veranlassung gehabt hatte. Er gab +das erste Beispiel einer systematischen Störung der den Erdball +umlaufenden Verständigungsapparate. Schlag um Schlag +hatte er nun, im geheimen arbeitend, die Siedlungen und Wirtschaftsanlagen +der Provence, ganz Südfrankreichs bis vor +Bordeaux besetzt. Vor Bordeaux kam der flinke Mann durch +seine eigenen Waffen um, indem er einen der Blitze, die seine +Maschinen erzeugen konnten und die Brand auf Kilometer in +das getroffene Objekt warfen, statt im Winkel nach oben tief +auf den Boden richtete. Der Blitz, ohne durch den schon abgesandten +zweiten wolkenhochlaufenden Strom nach unten +reflektiert zu werden, funkelte breit vorwärts, veraschte den +blassen Bourdieu und eine Anzahl seiner Leute, die vor seinem +Lager schlenderten und in deren Rücken das heiße Ungetüm +kam. Es verlohte auseinander rauschend an einer Zypressenwaldung. +Dies war bei Begles in der Garonne. Der Kerntrupp +Bourdieus ließ kostbare Zeit verstreichen; das rückwärtige +eroberte Land, aus dem Wirtschaftsverband mit der übrigen +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +Welt gerissen, lag wartend kritisierend lachend. Bis von Marseille +selber ein unbeobachteter Trupp junger Einwohner, die +von Kampfstimmung angesteckt waren, dazu eine Schar gemieteter +überfalldurstiger Marokkaner von der Küste aufbrach, +die Fernsprüche und Weisungen der Truppe Bourdieus täuschend +aufnahm, die fünfhundert Menschen, aus denen Bourdieus +Korps bestand, zu einer bestimmten Morgenstunde auf +ein Feld südlich Begles lockte und während jene da warteten, +ihre Flammen-Wurf- und Verteidigungsmaschinen vernichteten, +sie selbst mit dem Rest der Apparate massakrierte. Der siegreiche +Trupp, der den Handstreich verübt hatte, kam aber nicht vollzählig +in Marseille an. Man hatte dort beim Anrücken der +Schar vor ihr nicht weniger Furcht wie vor dem beseitigten +Bourdieu. Unterwegs kam die Weisung an den Führer der +Mannschaft, sich der Marokkaner, soweit sie in den Besitz gewisser +Geheimnisse oder gar Apparate gekommen seien, rasch +und lautlos zu entledigen. Er ließ sie nach einigen Tagen vor +sich her die schöne starkfließende Loire in sechs bewimpelten, +freudig musikschmetternden Schiffen in großem Abstand fahren. +Während der Fahrt setzte er wie Blutegel die kleinen Versenkerkasten +unter der Wasserlinie an die Schiffe an. So daß einem +unwiderstehlichen Antrieb folgend Schiff auf Schiff sich ins +Wasser drängte, gezogen von den lautlos neben sie geführten, +rasend neben sie niedergehenden, dicht an sie geschmiegten +Unterwasserbooten, die sich mit Ketten Saugern Tastern an +sie hängten. Die leeren biegsamen gläsernen Gehäuse, abwärts +gestoßen durch den wütenden mit Hammergewalt einsetzenden +Druck komprimierter Gase, der von rückwärts auf ihre +Deckplatten niederfuhr, zwängten im Nu die Marokkanerschiffe +unter den Wasserspiegel, ihre Kraft von Sekunde zu Sekunde +steigernd, angeklammert und die Umklammerung nicht loslassend, +bis Schiff und Boot, die aufgerissene weiß zusammenklatschende +Wasseroberfläche verlassend sturzartig auf den Grund +des dunklen Stromes stießen, verkrampft den Sand aufrührten, +sich ruckweise warfen zuckten strudelten. Die restliche Führerschaft +sah ihr eigenes Schicksal voraus. Sie riet den übrigen +Truppen sich zu zerstreuen. Sie selbst erschienen unaufgefordert +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +einzeln auf den Hügeln vor Marseille, vernichteten im Freien +von Apparaten, was sie besaßen, vor den Augen des zugezogenen +Senats. Entgingen dadurch dem Tode, nicht aber dem Schicksal, +in der Stadt sogleich aus ihrem Arbeitsbereich gedrängt zu +werden. Der Senat war wachsam geworden. +</p> + +<p> +Für einige Zeit war seit dieser Epoche jedes Zentrum der +afrikanisch-europäisch-amerikanischen Erde vor bestimmten Bedrohungen +sicher. Wenige feste, geheim gehaltene Hauptstellen +für die Verteilung der Energie hatte man überall eingerichtet. +Man war immer im unklaren darüber, ob man zu viel oder zu +wenig Menschen mit dem Vorhandensein der stärksten Kraftanhäufung +vertraut machte. Man hatte keine Furcht mehr wie in +früheren Zeiten vor Fernbeschießungen Bomben- und Kanonenkugeln. +Die eisernen Geschosse konnten mit voller Wucht in die +energiegeladene Luft stürzen. Sie war verdichtet wie die Luft des +Erdballs für den Meteor, der aus dem dünnen Äther saust. Schon +kilometerweit vor den Städten verlangsamte sich unter dem entgegentosenden +elektrischen Orkan der Masten der Lauf des Geschosses, +um zuletzt zerrieben, glühend pulverförmig abzufallen. +Die Schwäche dieser größten Anlagen bestand darin, daß der +Stromwirbel sich geradeaus pflanzte, mit einer Schicht die +Städte von oben her abschloß, aber in der Tiefe bis zur Häuserhöhe +kein weitreichender Dauerschutz möglich war. Denn diese +ausgeworfene Energie wirkte zerstörend und verbrennend auf +alles was in seinen Bereich fiel. Eine Sekunde nach Anschalten +der Masten in Höhe der Häuser wäre alles, Stein Holz Fleisch +Metall in einen glühenden Brei verwandelt verkohlt verkrümelt, +als hätte sich Ätzlauge über die Stadt geworfen. +</p> + +<p> +Von einer leisen, spielerisch abgelehnten, innerlich nie verhehlten +Furcht wurden seit den Rebellionen alle Länder und +Kantone durchzittert, es könnten im geheimen Menschen die +Wissenschaft auf gefährliche Dinge durchstudieren und zähere +ernstere härtere Männer als Bourdieu möchten darauf zu Entschlüssen +kommen. Langsam bildete sich in den Städten eine +Herrenklasse heraus. Sie kannten alles; saßen über Zeichenbrettern +konstruierten standen vor Modellen arbeiteten mit Gasen +erdigen Stoffen in den Laboratorien. Aus ihnen stammten +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +die Errichter der Anlagen und Werke, Besitzer der Werke. Sie begannen, +mit der Verbreitung bestimmter Kenntnisse anzuhalten. +Fremde, ihnen nicht Sichere mühten sich vergeblich in den +Spezialschulen Zugang zu gewinnen. Lächelnd wurden sie mit +alten Kenntnissen abgespeist, mit Teilarbeit beschäftigt. Der +Besitz der angeschwollenen gefahrvollen Kenntnisse konnte nicht +allen gestattet werden. Mathematik Ingenieurwissenschaft +Chemie Elektrotechnik Biologie Radiotechnik waren nur Ausgewählten +gestattet, deren Zahl man von Jahrzehnt zu Jahrzehnt +verringerte. Diese standen unter strenger Aufsicht. Die +politischen Behörden übten die Aufsicht selbst aus. Mit einem +Geheimnis umgab man die theoretischen Wissenschaften. Man +zerstückelte die Disziplinen, um keinem, der nicht bestellt war, +eine Übersicht zu gestatten. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob man zur Einführung +der Sklaverei schreiten würde. Das schwallartige Heranwogen +unermeßlicher Scharen Farbiger und Mischlinge aus +den Ländern Afrikas, die sich mit der Aufnahme der freigestellten +Kenntnisse und Genüsse begnügten, begünstigte die Neigung +dazu. Bald kam es in spanischen und italienischen Stadtlandschaften, +die den wildesten Andrang der Massen zu bewältigen +hatten, die auch ein außerordentlich leidenschaftliches unduldsames +Herrengeschlecht erzeugten, zu Vorfällen, die zu einer +raschen Änderung in der Behandlung der Massen aufforderten. +San Francisco wie London rieten schon längst den Herren von +Barcelona Madrid Mailand Palermo zu größter Strenge und +Aufmerksamkeit. Man könnte Fremde, sagten sie, denen der +Mondgottesdienst noch im Blut steckte, die für einen Schluck kalten +Biers ihre Habe und Arbeitskraft verkauften, nicht behandeln +wie Menschen nördlicher Herkunft. Die westliche und nördliche +Kultur war von ihnen aufzunehmen, nicht aber zu verschlucken. +Ungestüm und aufdrängend, wie die Abkömmlinge der Berber +und Haussa waren, waren sie geneigt im Grunde nichts zu achten. +</p> + +<p> +Der wulstnackige schmerbäuchige Mailänder Ravano della +Carceri, dessen Großvater noch Elefanten mit schwarzen Sklaven +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +gejagt hatte, hatte in seinem Glaswerk den ersten von ihm +provozierten Ausbruch der Arbeitermassen nur erwartet. Er +ließ, um ein warnendes Beispiel seinen lauen Freunden in der +Stadt zu geben, die Zügel schleifen. Man zertrümmerte, als +er zwei Mulatten niederschoß, seinen Direktionssitz im Stadtzentrum. +Er tat, als ob er erschreckt floh und alles im Stich +ließ. Er hatte noch Zeit, unter Hohn die Verflutung seiner +Werke mit dem erhitzten Volk zu beobachten. Die Revolte blieb +in den Anfängen stecken. Bei dem Getümmel der Leute Carceris +wurden die angegliederten Werke Sanudos und Horzis +unruhig; dann die angrenzenden in der Landschaft Pisa. Fremdenviertel +wurden alarmiert, die Massen wogten durcheinander, +sie sangen ihre Heimatlieder, Landsmannschaften gliederten sich, +in alberner Erregtheit rief man Frauen und Kinder. Das strahlte +ahnungslos festlich. Glücklich sahen sie zu den endlosen niedrigen +zauberhaften Werkfronten auf, die sie einst bestaunt hatten, an +denen sie furchtsam wie unter Dämonenblicken gekrochen waren; +dort liefen jetzt auf dem Dach schwarze Plattgesichter, machten +Männchen. +</p> + +<p> +Als noch Morosinis Lebensmittelwerk und zwei unterirdische +Linien die afrikanischen Sprünge erduldet hatten, lief ein bunter +Wirrwarr von Schreiern in langen Sätzen zum Senat der +Stadt, um seine Demission zu erzwingen. Sie rannten, als +käme es darauf an zu zeigen, wer der erste war. Ravano della +Carceri war bei dieser Audienz anwesend. Die Hauptlärmer +der Deputation, zwei Mulatten, schon im heimatlichen Hemd +über dem europäischen Arbeitskittel, beachteten oder erkannten +ihn nicht, den Herrn ihres Werks. Das versetzte ihn in große +Wut und hinderte ihn, wie er sich vorgesetzt hatte, weiter im +Hintergrund hinter dem hohen Lehnstuhl des Vorsitzenden zu +bleiben. Er stellte sich stampfend vor die beiden, die er anfaßte, +denen er das Hemd über der Brust lüftete; ob sie wüßten +wer er sei. Und dann, was sie zu dieser Zeit hier zu suchen +hätten. Auf ihre ungläubige schüchterne Lache und die kichernde +Bemerkung, er solle sich nach seinem Werk umsehen, – was +hinge zum Beispiel jetzt auf dem Dache? die Mulatten grinsten +sich an und brüllten vor Spaß – griff er dem einen heiser an den +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +Schlips auf dem Arbeitskittel, sie sollten sich ihrer Wege scheren. +Da war er von dem starken Farbigen abgeschüttelt, lag am +Boden. Im Nu auf den Beinen hing er sich dem Mann an den +Hals, wurde mit einem Ruck an den Boden geschleudert, mit +Fußstößen traktiert, von den anlaufenden Farbigen am Boden +vor den Herren, die wegsahen, die Hände rangen, sich blaß auf +die Lippen bissen, mit Riemen verwalkt. Die Riemen in der +Hand, unflätig schimpfend, traten sie vor die Herren, denen +niemand beistand; was sie nun dächten. Die erbaten sich nicht +aufsehend Bedenkzeit, mußten auf das grobe Drohen der Farbigen +das Zimmer räumen. Den halb besinnungslosen Carceri +durften sie unter dem Gespött der Deputation, die sich auf den +Senatssitzen, an den Sprechapparaten breit machte, aufheben. +Ein fürchterlicher Stockhieb sauste noch über sie an der Türschwelle; +der zerbrach dem grauen schweren Sanudo, der Carceri +um die Hüfte führte, den Unterarm, so daß er den schwankenden +Mann fallen ließ, den die Farbigen aus dem Zimmer +rollten, um knallend die Tür hinter ihnen zuzuschlagen und ein +prahlendes Fernsprechen in die Nachbarorte zu beginnen. Carceri +kam in dem Erdgeschoßzimmer, in das sie sich auf einer +Hintertreppe geflüchtet hatten, zur Besinnung. Er sah schrecklich +aus; die Zähne waren ihm ausgeschlagen; er lallte, ein +Zahn hatte seine Zunge durchbohrt; er lehnte luftschnappend +mit fausthohen Stirnbeulen auf der Bank, spie Blut, schluckte +einen Branntwein nach dem andern. Verfluchte sich innerlich, +daß er sich für die anderen hergegeben hätte. +</p> + +<p> +Der alte Sanudo saß auf der Erde. Sie schnitten ihm den +Ärmel auf; er weinte. Carceri stöhnte aus seinem verschwollenen +Gesicht zu den anderen, die ihn hielten: „Tut ihr nur, was ihr +wollt. Ich tue was ich werde.“ Und dann, als sie flüsternd zu +diskutieren anfingen, er steif zurückgelehnt: „Tut was ihr +wollt. Was ihr wollt.“ Sie berieten, während es in den Gängen +hinter der verriegelten Tür von Liedern hallte, wohin man +sich zurückziehen sollte, um das Weitere abzuwarten. Sowohl +die jungen wie die älteren waren einig, daß die Revolte noch +rascher als die früheren militärischen abklingen werde. Man +zuckte mit den Achseln; sie dachten, wie sie sich bleich ansahen +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +und an den Wänden zusammendrängten: einmal werde sie doch +ihr Schicksal erreichen; es sei im Grunde viel, daß sie sich bis +jetzt gehalten hätten. „Und was kommt nachher?“ wimmerte +Sanudo. „Wann?“ Carceri riß hinten die Augen auf, sie +quollen ihm zu. „Wenn wir nicht mehr sind. Sie sagen doch, +es sei schon viel, wenn wir uns so lange halten. Also was ist +dann? Was werden sie können? Wir werden ihnen alles übergeben, +den Säufern. Und was werden sie daraus machen?“ +Carceri versuchte zu lächeln: „Ich kanns mir ausdenken. Wir +werden dann auch noch ein paar Jahre leben, wofern sie uns +nicht vorher zum Zeitvertreib totgeschlagen haben. Sie kehren +vielleicht in ihrer Begeisterung wieder zu den heimatlichen +Sitten zurück und fressen uns auf. Ich gratuliere euch allen +zu dem warmen Wohnsitz, der euch bevorsteht. Neben Knoblauch +und Sellerie und Branntwein.“ Sie machten sich, als der +Lärm draußen verklang, heimlich davon. Erreichten den Platz +vor dem Ratsgebäude. Man erkannte sie nicht. Das Tosen auf +den nahen Straßen war ein Gemisch von Freude kindlicher +Gutmütigkeit Blutrünstigkeit. Der Aufruhr war noch nicht +über ganz Mailand ausgedehnt, aber man schlug sich schon auf +den Straßen um Rang und Beute. Man sah schon schlaue +Europäer, die zu den Farbigen hielten, auf und daran, sich der +Bewegung zu bemächtigen, in den überall gebildeten Konventikeln +horchen, die klügsten der Redner beiseite ziehen, den und +jenen mit sich vor die gebrüllerfüllten Ratszimmer führen. +</p> + +<p> +Ravano della Carceri erlebte eine feierliche, sicher ihn durchsteigende +Wut, als auf den Straßen nördlich Mailands Peitschen +knallten, und Farbige aufrecht auf den Pferderücken stehend +ihre Tiere jagten, die Arme warfen, die Pferde schnaubten. +Wagerecht warfen sie ihre Beine, die braunen Rümpfe dicht +über dem Boden hängend. Diese Menschen würden nicht die +italienischen Menschen und Werke beherrschen; es ging alles +seinen guten Weg. Er kniff dem jungen Guistiniani, schwarzhaarig +und gelbblasses nervös zitterndes Gesicht, in den Arm, +wie sie seitwärts in eine Pinienschonung umbogen, wies ihm +schweigend die vorüberstürmende Jagd. Guistiniani bebte, +blickte weg: „Das muß ich mit ansehen. Ich schäme mich. Ich +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +werde nicht lange leben, um dies anzusehen.“ „Du bist jung. +Blick mein Gesicht an. Hast du das heute morgen noch für möglich +gehalten. Weine nicht. Weine ich denn. Wie sie mich auf +den Boden geworfen haben. Wer war es eigentlich, der mich +mit dem Fuß getreten hat.“ „Ich weiß nicht.“ „Hätt es +gerne gewußt. Ein tüchtiger Mann. Möchte ihn weniger einen +Kopf als einen Fuß kürzer machen.“ Der junge schlug den linken +Arm um Carceris Brust, klammerte sich mit seinem rechten +an ihn an, stöhnte: „Dann weine ich für dich, weil es meine +Art ist. Und ich sage dir, Carceri, du magst von mir denken, +was du willst, weil ich weine; ich werde aber gewiß nicht stille +halten. Ich stand mit den andern im Gedränge, als sie dich +anpackten und das Gräßliche losging. Wir waren alle ja – hilflos. +Nein, ich war nicht hilflos. Aber von den anderen ging +dieses Gefühl, dieses niederträchtige auf mich über; ich hätte +allein stehen können neben denen, ich hätte mich auch nicht für +dich bewegen können. Aber: ich bin bestraft genug worden, +daß ich zusah. Es ist einmal geschehen, wird nicht wieder geschehen.“ +„An mir wird es nicht wieder geschehen, Guistiniani. +Danach haben sie auch keinen Appetit mehr. Sie werden +annehmen, ich habe fürs erste genug. Aber da sind ja noch +andere, an denen sich allerhand versuchen läßt. Was meinst +du zum Beispiel, Guistiniani, zu einem schlanken jungen Mann +mit schwarzem Haar und unruhigem unzufriedenem Ausdruck, +der den verdammten Ravano della Carceri nach Hause begleitet. +Sie werden dir dein Gesichtchen, das <a id="corr-2"></a>dein Mütterchen +immer gewaschen gepudert gesalbt gestrichen hat noch einmal +salben und streichen. Ein feines Pulver haben sie, afrikanischer +Wüstensand, Kieselsteine aus dem Atlasgebirge, das wirst du erleben. +Soll ich dich küssen, Bübchen Guistiniani, auf dein zartes +Gesicht. Ich glaube, morgen tue ich es nicht mehr.“ Sie +gingen; Guistiniani, den Kopf gesenkt, den Blick auf das Gras, +strenge Stirnfalten: „Du bist ein so unbändiger Mann, Carceri. +Du mußt mir Farbe bekennen. Du mußt sagen, was du meinst. +Ich bin aus dem ältesten Geschlecht unseres Landes, du mit mir. +Ich gebe nicht nach. Den stinkigen Afrikanern. Dem Gesindel, +dessen Kraft worin liegt? In den Lenden. In den Hoden der +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +Männer, im Bauch der Weiber. Diese Plapperaffen Fettwanste +Papageien. Ich schäme mich, von Menschen zu sprechen. +Sie sind von den Bäumen gekrochen und spucken auf uns.“ +„Und mein Gesicht? Und der Arm von Sanudo?“ „Ich will +nicht, Carceri. Oh lieber Carceri, höre auf und sprich nicht so.“ +</p> + +<p> +Da zog Carceri den jungen Menschen beiseite, setzte sich mit +ihm unter einen Baum, fragte ob jemand in der Nähe sei. Und +dann, dicht an Guistiniani gelehnt, murmelte er, gestikulierte. +Es sei gut, nicht zu laut zu reden. Der Junge solle sich vorsehen. +Vor den anderen Männern und Frauen ihrer Kreise. Wenn +die hörten, was er von Blut, altem Geschlecht und so weiter +gesagt habe, so würde er etwas bemerken. „Wie viel altes Blut +gibt es. Wer hat nicht ein Tröpfchen Afrika in der Ader. Nicht +drüber reden. In ein zwei Generationen sind wir hops. Sind +Nachspeise, Dessert, Schokolade, Käsebrötchen im Lande; das +Hauptfutter sieht gelb und schwarz aus. Vom Tiber zum Po +werden Kamele getrieben. Ich wollte auch, sie wären grün wie +Gras und ich könnte sie zertrampeln; sieh mal, so. Aber deine +Freunde, die Schufte geben schon nach. Ihr Blut taugt nichts. +Es ist ihnen gleich, ob sie morgen noch da sind, wenn sie nur +leben. Die Schufte, ja, die mit der Hilflosigkeit von vorhin. +Ein Segen, daß sie dem Sanudo den Arm zerschmettert haben. +Das merken sie besser als mein Gesicht, das ist für sie dickere +Galle. Unsere Brüder, unsere Freunde! Mutloses Gesindel, +Pack, das sein Los verdient. Weißt du, was ich täte, jetzt, wenn +ich nicht das Gesicht schon hätte?“ Er schrie; der junge neben +ihm im Gras hielt ihm ängstlich den Mund zu. „Ich ginge zu +den Kannibalen. Stellte mich auf ihre Seite. Ja. Ich zeigte +diesem Stinkvolk, was sie tun müßten. Tu dus doch! Ratzekahl +alles! Das sollten sie tun! Schwamm drüber. Ein Volk, +ein Pack.“ „Still“ schmiegte sich Guistiniani an, „nun ist gut. +Nun hast du gesprochen. Nun ist alles gesprochen. Du darfst +nichts mehr sagen. Nun will ich dir etwas von dem Gras erzählen. +Sieh mal, ich bitte dich, sieh her, Carceri, das Moos +an der Rinde. Und hier wieder Gras. Es ist ganz hellgrün, +du kannst es wohl nicht sehen. Ich will es dir genau beschreiben. +Es sind, fühle, ganz lange kurze mittelgroße Halme. Man +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +kann sie zwischen den Fingern ziehen, ja nimm nur, nimm doch +nur, ich will dir alles sagen. Zieh sie ganz lang zwischen den +Fingern aus, bis zur Spitze, aber nicht daran schneiden, sie +haben einen scharfen Rand. So, das ist lauter Grashalm. So +sind alle Grashalme. Und weißt du, wo ich sie herhabe, die du +eben da hältst? Alle? Ein paar von den Füßen, wo du eben +draufgetreten hast, die Afrikaner, die du zuerst zertreten wolltest. +Sie sind noch glatt, sie haben sich wieder aufgerichtet, einige +sind geknickt, es sind ganz wenige. Und hier die – sind von +deinem Kopf: da hast du doch, Carceri, wütend mit dem Kopf +gegengedrückt; sie haben eins abbekommen, sind aber noch +lebendig. Was glaubst du, sind das Afrikaner? Vielleicht. +Aber vor allem: ich bin es auch und du bist es auch, Carceri. +Ich geh nicht zu den Farbigen den Kannibalen. Denn warum +sollte ich nicht auf das Grashälmchen hören, das unter dem +Fuß ruhig weiter wächst. In den alten Liedern, die die Frommen +haben, heißt es immer vom Gras, es hätte Ähnlichkeit mit +dem Menschen, oder der Mensch mit dem Gras. Und wenn +der Wind über sie weht, verschwindet ihre Spur. Ist schon +richtig. Aber das Gras ist auch immer wieder da. Was ist +mehr: das Weggehen oder das Wiederkommen? Ich halte +mich an das Wiederkommen.“ Der unten hatte die Arme unter +den seitlich gesunkenen Kopf verschränkt. „Und so denkst du, +Guistiniani, mit den Bunthemdigen fertig zu werden. Sehen +möchte ich dich einmal, wenn die Angst aus dem Gedränge +kommt. Sehen werde ich dich einmal.“ Carceri kroch auf allen +vieren hoch; der andere half, während der mächtige Mann +knurrte: „Ihr seid alle nicht viel wert. Was meinst du“, er +wankte vorwärts, sprach, die Hand vor dem Mund, „du glaubst, +mir machen die Bunthemden angst. Weil sie die Werke haben. +Ich habe schon noch abseits für alle Notfälle ein paar kleine +Waffen, und Sanudo hat welche; schöne Geräte. Sieht aus wie +nichts, und wenn du sie ansiehst, bist du schon nichts. Der +beste Spiegel für gewisse Menschen: sie blicken hinein und finden +nichts. Wir könnten damit so in der Nacht oder spät abends, +wenn das Gedränge groß ist, auf den Senat spazieren. Magistrat +sagen sie; sie halten das glaub ich, für eine nordische +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +Suppe. Wir könnten ihnen eine Einlage in die Suppe machen. +Nur den Sanudo und Morosini und unsere anderen lieben +Freunde möchte ich von der Suppe nicht ausschließen. Du bist +von der Partie? Sag ja. Bist doch von der Art der Grashalme; +unvergänglich aber naiv.“ +</p> + +<p> +Sie saßen Meilen weg vom Zentrum Mailands in einem +unterirdischen kühlen Haus. Eine Marmorsäule stand auf dem +Treppenpodest des gewölbeartigen ganz mit Rankenblumen bewachsenen +und behangenen Zimmers. Die Marmorsäule +leuchtete mattweiß sonnenartig gelb. Bald leuchteten nur die +Augen im Kopf, bald silbern und golden der Schulterschal und +die Hände, die ihn hielten. Während alles im Dunkel lag, +überlief eine rosa Röte die Brüste; ihre Kugeln versendeten +das Licht auf das weiche Kinn, das von unten angestrahlt +wurde, auf den schalverhüllten gewölbten Leib, die bloßen im +Dämmer tretenden Füße. Der über sich gebeugte tücherbedeckte +weißhaarige Sanudo schlug seinen stummen Gästen, +die auf bettartigen Lagern ruhten, vor, sich der Waffen zu bedienen, +die man hätte, und freies Feld um sich zu machen. +„Wir müssen es“ stöhnte er, „ich tu es nicht leicht.“ Man +fragte nach der Art der Waffen, lag wieder dumpf da. Sanudo, +gezwungen lächelnd stand auf, während er hinwarf: +„man muß ihnen noch danken, daß sie uns die Zeit dazu lassen“, +wankte zur Tür, um durch einen Griff an den Ranken ein leises +Weben am Gewölbe herauf zu erregen, fern verschwebendes +Kindersingen. Sanudo: „Es sind, wie ich weiß, noch Herren +hier, die ihre Meinung zurückhalten und denen man vielleicht +etwas Zeit lassen muß, sich zu äußern. Es wäre schade, wenn +man sie schweigen ließe. Ich wüßte gern zum Beispiel, was +Carceri verschweigt.“ Carceri grob lachend: „Was denkst du, +mein Süßer?“ „Daß du lauerst und abwartest, was wir machen +werden. Ich bin so gut mit im Spiel wie du. Du machst dir +nichts aus mir und den andern, aber allein wirst du auch nicht +stehen können.“ Carceri knurrte, mit beiden Armen sich von +seinem Lager hochstemmend: „Ich mach mir nichts aus den +andern. Machen sie sich etwas aus mir? Hab ich nicht vor +Jahren gewarnt, als Schiff nach Schiff von Algier von +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +Senegal von Tripolis kam und jedes warf wie eine Kloake diese +Menschen über uns aus. Hab ich Euch nicht in diesem selben +Raum gewarnt. Da kam dasselbe: im äußersten Fall haben +wir Waffen! Davon weiß niemand! Die geheimen Geräte! +Oh Eure geheimen geheimnisvollen Geräte. Ich weiß schon +nicht, ob es unter den Bunthemden nicht Leute gibt, die noch +andere haben; Gott schenkt sie ihnen im Schlaf, Ihr werdet +Eure Entdeckungen machen.“ Sanudo schüttelte den Kopf; +Michieli und Faskarini, zwei stolze schnauzbärtige Gesichter, +richteten sich von den Lagern auf neben Carceri, warfen sich +Blicke zu. „Wir sollten“ Sanudo streichelte resigniert seinen +kranken Arm, „keine Schiffe mehr zulassen, vielleicht die Schiffe +versenken? Du hattest sonderbare Pläne, von denen du nicht +deutlich sprachst. Wir leben schließlich nicht im alten Mittelafrika. +Wir haben es mit Menschen zu tun.“ Carceri sprang +auf, die Arme hoch: „Da ist es! Wir haben es mit Menschen zu +tun. Seid mir recht zahm. Caressiert sie, damit sie Euch Zucker +aus der Hand fressen. Seht, nicht mal das tun sie. Wir füttern +sie genug. Sie wollen mehr. Sie wollen uns gar nicht. Sie +wollen einfach nichts, als uns weghaben. Nun tut ihnen doch +den Gefallen. Sie sind Menschen. Man wird ihnen doch ihren +Willen nicht nehmen. Und wir sind doch Klügere. Der Klügere +gibt nach.“ „So gehts nicht weiter.“ Michieli, der kleine +Schwarzbärtige, sprang auf: „Wohin soll das. Sprich was +du meinst. Warum sollen wir nicht die Mittel anwenden, die +wir haben.“ „Das sag ich ja auch“ der dicke prustende Mann mit +dem verschwollenen Gesicht. „Das sagst du nicht. Du sagst, +die Waffen seien lächerlich, sinnlos. Du willst nicht auf den +Busch klopfen.“ „Das werde ich auch nicht. Den Gefallen tue +ich ihnen nicht.“ „Also“ Michieli brüllte vor ihm, die Hände +fuchtelnd vor der Stirn, „was ist denn das für ein Hin und +Her. Die Waffen, die du hast, wendest du nicht an. Die +Mittel, die du hast, willst du anwenden. Was ist das für ein +Unsinn, Carceri. Wir sind hier keine Kinder.“ +</p> + +<p> +Nach einem Schweigen, während er den springenden Schwarzbärtigen +fixierte, hob der listige Carceri die breiten Schultern, +seufzte offen apathisch, ließ sich seinen langen Mantel raffend +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +auf sein Lager fallen, flüsterte mit Guistiniani. Die Säule +strahlte sehr weiß, gab Tageslicht. Sanudo blickte zu Carceri +hinüber: „Ich sehe, Carceri ist seiner alten Ansicht, dies und das +hätte geschehen müssen. Einen Vorschlag, was jetzt geschehen +soll, macht er nicht. Ich bin ein alter Mann, Carceri. Ich bin +nicht aus europäischem Geschlecht wie du. Es ist noch nicht gar +so weit her, einige Handvoll Jahrzehnte, da waren meine Väter +Läufer Kameltreiber Dattelpflanzer Brunnensucher wie die +draußen, die uns in der Hand haben. Mir würde es leichter +sein, müßte es doch leichter sein, vor ihnen zu kapitulieren. Es +wäre nicht einmal eine Kapitulation. Ich könnte mir den Weg +zu ihnen leicht machen. Aber so geht es doch nicht. Etwas hab +ich inzwischen gelernt. Es ist mir einiges ins Blut übergegangen. +Ich bin entschlossen, ihnen nicht zu überlassen, was wir und die +vor uns geschaffen haben. Und wenn ich sie zwischen den +Fingern zerreiben müßte.“ Carceri widerwillig und scheinbar +schlafsüchtig: er wolle nicht weiter diskutieren. Er hätte +gesagt, was er sagen könnte. Guistiniani schwieg auf die Blicke, +die ihm Carceri zuwarf. Carceri wollte ersichtlich mit den andern +nicht mitmachen. Sanudo wurde aufgefordert, alle Zuverlässigen +rasch mit den Waffen vertraut zu machen. Man +wollte noch in der Nacht, die Verwirrung bei dem siegreichen +Gesindel bringen werde, vorgehen. Sanudo beschwor den liegenden +Ravano della Carceri sich an dem Werk zu beteiligen. +Der lehnte stumm wie Guistiniani ab. +</p> + +<p> +Sie benutzten, etwa zweihundert der Herrenschicht, in der +Nacht die Freudenfeiern der Farbigen, die sich im Besitz von +ganz Mailand befanden, zu einem Angriff. Erlebten, wie sie +sich um den ausersehenen Zentralbezirk der Stadt gruppierten +auf abseits liegenden Plätzen, hinter Büschen von Parkanlagen, +einen vollkommenen Mißerfolg. Die Apparate, verschiedener +Konstruktion und mit verschiedenen Angriffspunkten, Fernwirker +und Durchdringer auf geradem oder durch Zwischenlenker +zackigem Weg, versagten. Der Gleichgewichtszustand der +unteren Luftschicht war gestört durch Farbige, die halb verspielt, +halb furchtsam hinter allen Energieumformern und Umschaltern +standen, sinnlos alle Apparate spielen ließen. Heimliche +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +Versuche des nächsten Tages ergaben dasselbe Resultat; es kam +hinzu, daß die transportabeln Waffen, sehr empfindlich, durch +die intensive Sonnenstrahlung des Tages gehindert wurden. +Sie sollten lautlos strichweise Häuserreihen lähmen und arbeiteten +leer. +</p> + +<p> +Damals gehörten in den südlichen Landschaften Europas die +Frauen zu den aktivsten Elementen. Sie waren durch den furchtbaren +Wirtschaftskampf der vorangegangenen Epochen, der ein +Überangebot von Menschenmaterial vorfand, stark gezüchtet. +Überall waren die Ehen und Untertänigkeitsverbände zwischen +Mann und Weib zerstört worden durch den Zwang, der auf die +Männer ausgeübt wurde, Frauen und Töchter in den Wirtschaftskampf +herzugeben. Grausam scharfe Jahrzehnte waren +gewesen, in denen man in allen Ländern der ineinandergeflochtenen +Völker Messer auf Messer sich gegenüberstand, während +gleichzeitig die Erfindungen und die Bewältigung der Naturkräfte +beispiellos vorwärtstrieben. Als die Spannung nachließ, +die großen Entdeckungen kamen, die Güter auf breite Massen +überflossen, waren Männer und Frauen verändert. Die weißen +Männer fanden zu den hemmungslos zuströmenden und +herbeigerufenen Farbigen Afrikas einen Stamm weißer Wesen +neben sich, der sie waren und nicht waren. Von denen sie nicht +wußten, ob sie mit ihnen zu kämpfen oder sich zu verbinden +hatten. Es geschah nichts von beiden. Die Frauen taten was +sie mochten, und mit geringerem Sentiment als die Männer. +Sie hatten zur Wut der weißen Männer keinen Sinn für die +weißen, sondern mischten sich unter die Fremden. Die Männer +verpönten die in den Tropen gewöhnliche Verbindung mit farbigen, +aber die Frauen entwichen ihnen, taten im Lande, +was die Männer in den Tropen getan hatten. Taten es kaum +anderthalb Jahrhundert. Dann war die Gefahr der neu aufgekommenen +Typen klar. Irgendwie mußte man sich, um +nicht zu ertrinken, abschließen. Damals mischten sich nur gewöhnliche +Frauen mit den zuströmenden Fremden. Die stärkeren, +die Organisatorinnen, die mächtigen Herrinnen und +Schöpferinnen von Riesenanlagen, die geschickten und waghalsigen +weiblichen Experimentatoren, die kräftigen großen +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +muskulösen Menschen mit den langen Schritten und den prüfenden +harten Zügen bildeten unter sich die Vorstellung aus, +eine überlegenere Rasse zu sein. Sie zogen sich dahin zurück, +wo sie vor einem erneuten Sturz sicher waren; sie wurden +die Avantgarde des Kampfes für die aufgeblühte, riesenhaft +entfaltete und sich entfaltende Technik. Wenig Mutterliebe +sahen sie; wenig Mutterliebe konnten sie geben. +</p> + +<p> +Sie sprangen, als im Mailändischen die vernichtende Niederlage +drohte, zuerst ein. Jene zögernden Bedenken, die von +Männern, besonders den lahmen älteren geäußert wurden, +Gleichgültigkeit gegen das Erliegen, kannten sie nicht. Sie +hatten ein ungeheures Mißtrauen gegen die Fremden. Ein +beinah nicht geringeres gegen die Männer ihrer Schicht und +Volksart. Es war ihnen furchtbar, diesen Männern, gegen die +sie als Gleichgestellte, aber doch als siegreiche Empörer öfter +Haß, bisweilen Verachtung empfanden, Dinge zu überlassen, +die für sie selbst verhängnisvoll werden konnten. In nicht +wenigen Frauen stieg der schreckliche Gedanke auf, die Männer +könnten sie aus Rache an die Fremden preisgeben und vermuteten, +die Männer gäben nach, weil sie sich der Weibsherrschaft +entziehen wollten, der Weibsherrschaft, die sie beschämt, +noch immer im Herrengefühl, heraufkommen sahen. Die Frauen +sprangen zu. Die Weiber, jetzt nicht im Besitz der tödlichen Angriffswaffen, +gingen, wie sie waren, in den roten und blauen +Togen, die vornehme Frauen trugen, an die Stätten, wo die +lautlosen und doch tosenden Energiemassen erzeugt umgeformt +weitergeleitet wurden, suchten, wie man sie vergnügt und hämisch +an die feinen und gewaltigen Maschinen, die ihnen nicht +mehr gehörten, heranließ, die Kundigen unter den Usurpatoren +zu erstechen und zu erschießen. Das gelang in mehreren Fällen. +Die Frauen wurden darauf an Ort und Stelle getötet; die Kraftstelle +ruhte eine kurze Weile oder zerbrach; die Usurpatoren +ließen es darauf ankommen, ließen keinen, dessen sie nicht sicher +waren heran; der tiefe Argwohn, der den nomadisierenden +Völkerstämmen innewohnte, wirkte sich aus. Darauf sich demütigend +schickten die Frauen sehr junge verlockende Wesen +ihrer Art zu Scheinverhandlungen zu den neuen Herren. Die +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +Mädchen sollten bei Ablehnung aller Vorschläge zu den Farbigen +übergehen, rasch die lüsternen Fremden gefügig machen, sie vor +die Leitungen und Umformungen zu lassen. Die Herrinnen +gaben ihnen den Spruch, mit dem sie ein halbes Geheimnis verrieten: +die Frauen seien bereit den Siegern Dienst zu leisten, +wenn die Fremden davon absähen sie zu knechten. Das Geschick +Mailands, im Grunde ganz Südeuropas hing damals an +einem Haar. Uneingestanden hatten die Frauen, die schon damals +halb bundartig zusammenhingen, die Absicht, die Männer +ihrer Farbe fallen zu lassen und sich der Fremden zu bedienen. +Die jungen Wesen in Mailand gaben ihre gefährliche +Halbwahrheit den braunen und bronzefarbigen Männern weiter, +denen sie angenehm klang. Die abgesandten klugen Geschöpfe +erlebten dann aber ein Schicksal, das sie in die grauste +Zeit der weiblichen Vergangenheit zurückführte: nach Mißbrauch +und Schändung vor vielen Männern und jauchzenden +Weibern wurden sie alten Männern als Sklavinnen beigegeben. +</p> + +<p> +Ravano della Carceri, Guistiniani, Sanudo verließen eine +Woche nach dem Ausbruch die Mailänder Landschaft, kamen zu +Fuß wandernd unter Gefahren nach Alessandria, von da fliegend +nach Genua. Riefen Genua Marseille Bordeaux um Hilfe. Guistiniani +flog nach London, an den Zentralsitz der westlichen Regierungsmacht. +London erklärte, wie vorauszusehen, daß an ein +zentrales Eingreifen erst zu denken sei, wenn zugestandenermaßen +die örtlichen Schutzmaßnahmen versagten. Böse Blicke bekam +der sehr still berichtende Guistiniani zu sehen. Die Londoner +hatten gesagt, man sei offenbar unfähig im Mailändischen; ob +man wieder zur Einrichtung von London bestellter Magistrate +zurückkehren solle; ob man nicht wisse, was man riskiere nicht +für sich allein, sondern für alle, wenn man wichtige Dinge den +Gegnern und Unbotmäßigen überließe oder ausliefere; wie +einen Giftschrank einem verrückten Apotheker, der einen halben +Ort damit umbringt; oder wie früher ein Regiment, das nicht +aufpaßt und seine Artillerie vor dem Feind stehen läßt. Rom +Marseille Bordeaux, selbst noch frei aber schon bedroht erklärten +sich bereit zur Hilfe, verlangten aber zugleich Sicherung vor der +Wiederkehr solcher Unfälle im eigenen Interesse. In Rom +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +erregte der zurückgekehrte Guistiniani mit seinem Bericht aus +London Aufsehen; der Tadel erschien berechtigt und machte +wütend auf Mailand wie auf London. Rom, durch Mailand +stark gefährdet, ebenso Genua und Bordeaux verlangten Kontrolle +Mailands und seiner Adnexe. Die Mailänder Deputation +mußte das zugeben und unterschreiben; sie wurde nur anerkannt +als Stadtvertretung unter diesem Vorbehalt. Im übrigen gab +es, was Mailand anlangte, angesichts der Kraftquellen, die die +Revoltierenden in der Hand hatten, keine Möglichkeit als die +Vernichtung des größten und wichtigsten Teils der Stadtschaft. +Sie erfolgte nach weiteren vier Tagen, im ganzen zwanzig Tage +nach dem Ausbruch der Revolte. Die verbrannte erstickte Stadt +wurde ihren Herren wieder übergeben. +</p> + +<p> +Der schwer leidende vergrämte Sanudo spielte im neuen Mailand +dann keine Rolle mehr. Ein Kontrolleur, Emissär Londons, +wurde neben den Senat <a id="corr-6"></a>Mailands gestellt. Carceris +Augenblick war gekommen. Er suchte die Oberhand in Mailand +zu gewinnen, stieß auf den Widerstand der Frauen, die ihm die +Zähne zeigten. Der junge Guistiniani unterstützte erst den +bärenhaften Carceri, der offen zugab, daß er die Sache auf +die Spitze getrieben habe und nun zeigen werde, wie zu verfahren +sei. Diese Zynismen machten ihn bei vielen Männern, +durchaus bei allen Frauen unmöglich, die im ganzen enttäuscht, +sich vor seiner Tücke und Gewalttätigkeit fürchteten. Ravano +della Carceri hatte auf die folgende Entwicklung von Südeuropa +nur kurze Zeit Einfluß; er geriet in Streit mit Guistiniani, der +sich ihm nicht fügen wollte. Ein Mordanschlag Carceris auf +Guistiniani, auf den er plötzlich seinen ganzen Groll richtete, +mißlang. Am Tage darauf erlag Carceri den Verletzungen, die +er beim Einsturz seines Hauses erlitt; die Sprengung hatten +Frauen vorgenommen. Schneidig und kühn stellte Guistiniani, +ein stählerner gelbblasser Mann, die Verdächtigen vor Gericht. +Seine Hand, die die südlichen Stadtschaften nun zwei Jahrzehnte +spürten, war nicht weniger hart als die seines erschlagenen +Freundes Carceri, um dessen eingefallenes Haus er ein Gitter +zog und das nicht berührt werden durfte. Er schlug den Ansturm +der Frauen zurück, hielt sie lange im Zaum. Bis er verzweifelnd, +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +in seiner Vereinsamung durchschauert sich zurückzog wie Hunderte +seiner Zeit, nach den lockenden Abfallstätten Europas und +Amerikas, an die Mittelmeer- und atlantischen Küsten. Es war +die Zeit der Frauenbünde, der übermütigen unwiderstehlichen +Verbände, der hinsterbenden Mannesgewalt. Die Wut der +Frauen verfolgte Guistiniani nach Trabulus an der Großen Syrte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Fall Mailands im Beginn des dreiundzwanzigsten +Jahrhunderts löste zuerst in Rom, dann in den angeschlossenen +Zentren Südeuropas eine Bewegung aus zur Verschärfung +der Bestimmungen für die Verbreitung von Herrschaftsmitteln +und Kenntnissen, die die Bildung von sehr kleinen Herrenklassen +und einer riesigen beherrschten Schicht nach sich zog. Die +Leichen der hunderttausend Farbigen und Mischlinge in der Poebene +waren noch nicht in der stummen Erde verwest, da begegneten +sich vor der brausenden Nordsee bei Dünkirchen die +Männer und Frauen der Länder und Stadtschaften, die London +hergefordert hatte. Heimlich kamen sie an der stürmischen herbstkalten +Küste zusammen. London wußte, was es vorhatte, die +Delegationen wußten es auch bald. Herumgehend in den Spielhäusern, +bei Segelfahrten, in Dünenwanderungen, Lagerungen +in Picknickzelten kamen sie zu den Resultaten, die sie nicht den +Ferntönern anvertrauten. Alle waren in kurzer Zeit von dem +furchtbaren Ernst ergriffen, den die Haltung Londons und Neuyorks +ausströmte. London pessimistisch wie immer, sah das Ende +der westlichen Welt voraus. +</p> + +<p> +Die Männer und Frauen dieser Regierung, die sich hier fordernd +bewegten, trugen die Zeichen einer sehr westlichen Einwanderung. +Nord- und südamerikanische Indianerstämme hatten +sich im vorletzten Jahrhundert bei dem rapiden Nachlaß der +weißen Fruchtbarkeit über Kanada und Brasilien ausgedehnt. +Als arbeitende Hilfsvölker traten sie vornehmlich bei der angelsächsischen +Durchdringung Südamerikas in die Dienste Londons, +wogten dann zum Teil nach dem westlichen europäischen Kontinent, +zum Teil nach Schottland. Eigentümliche dünne schwarze +Bärte, nach vorn stehende runde Backenknochen sahen die +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +südlichen Europäer bei den Herren aus London, straffe Gestalten, +die einen trüben schwarzen Blick warfen und an Menschen, mit +denen sie redeten, vorbeisahen. Sie sprachen mit sanften hohen +Stimmen, ihre Sprache spanisch verwelscht. Sie gaben, die die +Erben der Weltbeherrscher waren, zu erkennen, daß sie nicht +beabsichtigten, die Fähigkeit der Nationen und Landschaften +durchzuprüfen; verlangten Aufschluß darüber, was man getan +hätte, um seine Nachbarn und das Reich nicht zu schädigen. +Als im Laufe der Besprechungen am Dünkircher Strand Guistiniani +auftauchte, kam es zu der heftigsten Auseinandersetzung +zwischen ihm und der Londoner Gruppe. Wie Mailand und die +südlichen Städte, die eben erst gerettet seien, es wagen könnten, +einen Mann wie diesen aus den unfähigsten Kreisen Mailands +herzuschicken. Guistiniani hielt sie mit scharfen Worten nieder. +Sie erkannten seine Gefährlichkeit, lernten den Mann bald +genauer kennen. Die Londoner Herren gaben ihren weiblichen +Kameraden nicht nach, die von Mailänder Freundinnen angestachelt, +die Beseitigung des geschmeidigen und eisigen Mannes +verlangten. Der Mensch aber war es selbst, der hier Carceris +Plan der Sklaverei vortrug. Der Plan war unwiderstehlich. +Er schlug bei London augenblicklich ein. Die Kommissionen +machten sich den Plan rasch zueigen. +</p> + +<p> +Die Dünkircher Begegnung, für das Geschick des westlichen +Völkerkreises von entscheidender Bedeutung, endete nach zwei +Wochen mit dem Anspruch der erschienenen Kommissare an ihre +Regierungen Senate und tatsächlichen Machthaber, die vorhandene +Zivilisation mit allen erdenklichen Mitteln und um +jeden Preis zu verteidigen. Sie stellten die Gefährlichkeit des +Erliegens irgendeiner örtlichen Machtgruppe, sei sie Nation oder +Stadtschaft, fest. Folgerten daraus das Recht der Nachbarstaaten +und weiter der London-Neuyorker Zentralgewalt, die +überall bereitgestellten Verteidigungsmittel und Maßnahmen +nachzuprüfen. Die Londoner langbärtigen Herren erklärten, +im Interesse der Gesamtheit gezwungen zu sein, zu der aufgegebenen +Einrichtung der örtlichen Kommission und Beobachtungsposten +zurückzukehren. Die einzelnen Machtgruppen +möchten dies nicht auffassen als ein Bestreben Londons seine +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +Gewalt zu erweitern, sondern als Sicherheitsmaßnahme im +Interesse aller. Man hatte damit das, was man in langen Jahrzehnten, +ja in mehr als einem Jahrhundert abgeschüttelt hatte, +wieder. Man konnte nicht widersprechen, denn der schwere +Ernst Englands schien berechtigt; eine Möglichkeit der Durchführung +der kommenden Maßnahmen ohne Zusammenschluß +war nicht gegeben. +</p> + +<p> +Von Dünkirchen strömte auf Europa Afrika Amerika der Geist +der Helotenwirtschaft. Die Delegationen und Senate hatten sich +verpflichtet in ihren Ländern Staaten Stadtschaften Wissenschaft +Technik und alle denklichen konkreten Kenntnisse abzuriegeln. Die +Vernachlässigung dieser Verpflichtung war mit dem Verlust der +Selbständigkeit für das Staatswesen verbunden. In allen +Zentren galt es nach Dünkirchen geheimste Pläne auszuarbeiten +zur Feststellung der wichtigsten Dinge, betreffend Krafterzeugung +Lebensmittel Beförderung Angriffs- und Abwehrwaffen, +Feststellung der nötigen Zahl von Personen an den arbeitenden +und ausführenden Stellen und an den zusammenfassenden. +Unter Verzicht auf allzu stürmischen Fortschritt, ja bei voller +Klarheit über eine mögliche Stagnation wurde die Zahl der +Personen gefunden, ihre Herkunft war auf einen Kreis beschränkt. +Die Senate bezeichneten die zuverlässigen Familien. +Überall waren Machthaber ihnen zu entnehmen. Bei der +Strenge des anfänglichen Vorgehens taten sich in den meisten +Staatskörpern sehr kleine Gruppen zusammen, die in Fühlung +mit den Londoner Beobachtungsposten eine Art Wohlfahrtsausschuß +bildeten und dauernd das öffentliche Leben und die +herrschenden Familien kontrollierten. +</p> + +<p> +Dies alles geschah geheim und niemand im Volk bemerkte +sogleich etwas. Man übte in der Tat nur gesteigert streng die +alte Methode. Den Fragenden wurde die mit Beispielen zu +belegende Gefährlichkeit der Situation vorgehalten. Aufdrängende +wurden hingehalten abgeschoben. London Berlin Paris +Mailand Marseille Neuyork sah einen neuen Adel, der sich um +die furchtbaren technischen Einrichtungen gruppierte. +</p> + +<p> +Diese Männer und Frauen waren die eigentlichen Machthaber +der westlichen Erde, waren mißtrauisch unter sich, immer +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +gejagt, Vergnügungen verachtend, durchweg einsam. Keiner +von ihnen ging ohne die leichten Waffen, die sie nur für sich +reservierten. Sie erschienen überall überraschend. Der Wohlfahrtsausschuß +der Einzelstaaten, die Beobachter, waren wie sie +ausgestattet, mit Lampen, deren Licht durch einen Spiegel- +und Blendmechanismus so reflektiert wurde, daß die Menschen +faktisch unsichtbar waren. Sie waren wie eine Wand, die man +mit Spiegeln bekleidet; man glaubte in sie hineingehen zu +können. So konnten sie scheinbar durchsichtig auf offenen Straßen, +oft auch in Häusern sich bewegen. Sie ritten fuhren flogen +ungesehen. In den Massen ging das Gerücht von ihnen. Denn +sie beseitigten ungewünschte oder gefährliche Personen, die eine +Zusammenkunft verließen, ebenso wunderbar wie sie selbst erschienen. +Die Toten waren nicht auffindbar, wie man die Lebenden +auf ihrem Wege nicht hatte verschwinden sehen. Es trat +vielleicht ein Mann, ein junges Weib an einen Baum, ging um +eine Häuserecke, bückte sich, faßte sich an die Brust, griff nach +seinem Rücken, machte einige sonderbare Bewegungen, als ob +etwas juckte oder kniffe, und war weg. Nichts war an der Stelle, +als ein stärkeres Blitzen des Sonnenlichts, ein Staub wie von +einem Windstoß. Öfter wurden ähnliche Vorgänge beobachtet, +man munkelte davon, Gerichte befaßten sich damit, Aufklärung +erfolgte nie, da die Verschwundenen nie gefunden wurden. Die +Klagesteller hatten schon Recht mit ihrer Behauptung, die Verschwundenen +seien beseitigt oder gut verborgen worden. Sie +wurden noch in dem Spiegelkleid, das über sie geworfen war +und in dessen Mantel sie neben dem Entführer und der Entführerin +gingen, gezerrt und rasch gelähmt, an die geheimen +Stellen der Laboratorien getragen, wo sie nicht einmal den +Blitz sahen, der aus der Wand, an die man sie mit dem irr +lächelnden Gesicht lehnte, fuhr. Zusammensinkend, weiche Massen, +lohten sie auf dem sprühenden Boden. Dessen Funken nicht +aufhörten, bis weiße Asche wie Flugsand auf ihm tanzte. +</p> + +<p> +Früh sahen die Machthaber die Gefährlichkeit ihrer Waffen +für sich selbst ein. Suchten über das Mißtrauen, das sie gegeneinander +hegten, hinwegzukommen. Niemand konnte wissen, +wohin den einen Eifersucht plötzlicher Zorn Erbitterung treiben +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +konnte. Man sah sich und den andern seinen Trieben wehrlos +ausgesetzt wie einen Träumer seinen Einfällen. Wie sie oft +finster vor Wäldern standen, auf einem Balkon die hellbestrahlten +Wipfel der Bäume betrachteten; diese tiefgrünen Nadelhölzer, +die in riesige schweigsame Höhe ihre gelbbraunen Zapfen +streckten, ruhig hinwuchsen: und der Mensch in sich wühlt, bewegt +sich, wühlt. +</p> + +<p> +Furchtbar wurden Annäherungsversuche unter ihnen erschwert +durch das Zusammendrängen der Frauen zueinander, +durch den nicht nachlassenden Kampf der Frauen um die Vorherrschaft. +Die Männer der Staatskörper, die Überwachungsausschüsse +konnten sich nicht verhehlen, daß sie ihres Lebens nicht +sicher waren. Es war nicht ruchbar geworden, was die Mailänder +Frauen bei der großen Farbigenrevolte den Fremden +vorgeschlagen hatten; es war aber klar, daß überall verräterische +Gedanken bei den Weibern umliefen. Keine Möglichkeit bestand, +die Frauen aus den Senaten auszuschließen, ja die Männer +dachten nicht daran. Kraftvoll sicher zäh waren die Frauen, +ihre Stärke ihr Wille Geist waren unentbehrlich. Bei zahllosen +Männern dieser Periode bestand schon voll die Neigung vor den +Weibern den Rückzug anzutreten. Aus den mächtigsten Familien +zogen sich Männer von Ämtern und wichtigen Dienststellen zurück, +um nicht mit Frauen zusammenzustoßen. Die Überwachungsausschüsse +waren der gefährlichste Ort; hier durfte +man einer Auseinandersetzung nicht ausweichen. Man machte +offen einen Burgfrieden. Im geheimen blieben beide Parteien +auf der Hut, sannen darauf sich Waffen zu reservieren. +</p> + +<p> +Das drei- und vierundzwanzigste Jahrhundert brachte die +große Veränderung Afrikas: den ostwestlichen breiten Durchstich +der Küste südlich der Kanarischen Inseln in der Linie Cap +Blanco und Bojador, die Wasserüberflutung der tiefliegenden +Wüsten von Igidi Tamesruft Afelele bis zum Westrand des +Tümmogebirges. Der schwere afrikanische Kontinent wurde +aufgelockert und getrennt durch das Saharische Meer. +</p> + +<p> +Schon waren die Weltmächte auf zwei reduziert, die Londoner +und die indisch-japanisch-chinesische. Die Stadtschaften +waren Wesen geworden, durch die die Sonne scheint; an dem +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +Boden liegt das Licht überall um sie, aber sie haben nicht aufgehört +zu sein. Wie die Stadtschaften sich ausdehnten, erhöhte +sich überall der nationale Glanz. Prunkhaft erhöhte er sich unter +dem abgestorbenen absterbenden politischen Leben. Die Mächte +der Landschaften und Staatskörper wandten überall dieselbe +Methode an, zu der sie getrieben wurden durch den Drang sich +zu behaupten und die Apparate, um die sie sich gruppierten: +die Methode des Erregens Sättigens Mästens Überfütterns. +Die Fette nach der Kastration, die Gespreiztheit Sanftmut +Huld und Süße der Eunuchen stellte sich ein, der fratzenhafte +ohnmächtige Impuls. Man schonte die Eigenliebe der Massen. +Die Überwachungsausschüsse gingen geheimnisvoll durch die +Völker, aber schon aßen die strengen herrscherischen Familien +selbst von dem Gift, das sie auslegten. Die Fülle der Erfindungen +ließ nach, man lebte vom Überkommenen, ordnete unter +sich zukommende Rechte Aufgaben. Und am raschesten entarteten +die Frauen. Gigantische Figuren gab es um diese Zeit +unter ihnen, großartig in Wollust und Herrschsucht. Was früher +in phantastischer Weise aufkommende Negerschläge leisteten, +wurde jetzt ihr Werk: Staaten der willigen kapaunenhaften +Menschen zusammenschließen, rasch und hitzig sie aufbauen, sich +in Glorie wiegen, um früher oder später von einer Kleinigkeit, +etwas Übersehenem sehr Sichtbarem, von einem Nachbarstaat +oder von London beseitigt zu werden. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> ungeheuer hat Melise von Bordeaux gewütet. Das +Weib, in dessen Adern Nigritierblut floß, gemischt mit dem der +italienischen und westfranzösischen Landschaft, übersprang alle +Abkommen, die ihre marklose kindische Umgebung unter sich +schloß. Sie beobachtete, wie man sich Genüssen überantwortete, +dabei weich und weicher wurde und zog eine Gruppe Menschen +um sich zusammen. Sie war von wildester sinnlicher Leidenschaft, +zugleich kalt und abstoßend, selber leidend. Wie eine +Riesenschlange umfaßte sie ihre Liebhaber und Liebhaberinnen, +zerknirschte sie gesättigt, ließ sie geängstigt liegen. Man wußte +nie, womit es ihr ernst war, die kraushaarige dicklippige mit dem +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +glänzenden schwarzen Blick, die viel und heftig weinte, sich und +ihr Schicksal beklagte. Ihr Weinen war von der Art der Betrunkenen, +sehr tonreich und ohne Hintergrund, mit Ungnade +und ärgerlichem Lachen endend. Sie bewog alle Familien ihrer +Stadtschaften die wichtigsten Waffen und Anlagen ihr und ihrem +Anhang zu übergeben. Sie legte eine Zahl Anlagen nieder, weil +sie nicht wußte, wie sie sich ihrer bedienen sollte und hielt sie +daher für überflüssig. Sie unterschied bald eine Reihe Landschaften +mit ihrer Herrschaft überziehend, Lieblingslandschaften +und Dienerlandschaften. In die Dienerlandschaften legte sie +die ernährenden und unterhaltswichtigen Einrichtungen; ihre +Residenzen machte sie zu Leitern und Genießern dieser Arbeit. +</p> + +<p> +Sie und ihre Umgebung nahmen großartige Manieren an. +Sie spielten sich offen als Herrscher und Könige auf, erschienen, +Erstaunen und Wut auskostend, mit kostbarem Gefolge und +strahlend in den gemeinsamen Versammlungen der westlichen +Stadtschaften. Wut erregten sie, aber auch ansteckend wirkten +sie. Und sie waren, Melise von Bordeaux, die schwerlockige adlernasige +gelbbraune Frau, und ihr Anhang der Anstoß zur Zertrümmerung +vieler Herrschaftsgruppen, für gefährliche Umwälzungen +in mitteleuropäischen Landschaften, die zwar den +Willen zu ähnlichem Glanz und wilder Glorie hatten, aber nicht +die Verteilung von Kraft dort und Schwäche hier. Es ging in +diesen mitteleuropäischen Stadtschaften, wo ein Kapaun wild +werden wollte oder eine Henne sich für einen Pfau ausgab, +hart auf hart. Mit heimlichen Tötungen, tückischer Gewalttätigkeit +zermürbten sich die Herrschaftskreise; gewaltsam mußte +die Ordnung wiederhergestellt werden. Bisweilen tat dies +London. London hatte immer die Gefahr der Massenrevolte +vor Augen. Es ließ eine Weile das Spiel gehen, dann stieß es +wie ein Geier auf die Streitenden nieder, zwang sie stille zu +halten. Ja es kam im Herzen von Mitteleuropa, wo man nicht +zur Ruhe kommen konnte, zum Zugriff von London: vor dem +Ausbruch des Uralischen Krieges hatten sechs machtvolle Stadtlandschaften +Mitteleuropas, darunter München und Preßburg, +ihre Selbständigkeit verloren und duldeten das Dominat englischer +Familien. +</p> + +<p> +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +Melise war in Bordeaux Toulouse königinartig Alleinherrscherin, +ließ sich eine Kathedrale an der Garonne südöstlich +Bordeaux’ in der freien Landschaft anlegen, wo sie betete und +sich verehren ließ. Denn es war nicht ganz klar, was sie und der +Priester tat, den sie feierlich eingesetzt hatte, wenn sie sich neben +dem Priester auf dem Altarraum hinsetzte, den Blick geradeaus +schweifen ließ, die schwerberingten Hände nebeneinander, die +fleischquellenden Arme bis zur Schulter bloß, Goldbrokat und +elfenbeinernen Tierbehang vor der mächtigen langsam atmenden +Brust. Sie war, wie ihr die süd- und ostfranzösischen +Stadtschaften zufielen, niemals so vermessen, von selbst die +Hand nach mehr auszustrecken. Erwies sich auch immer unterwürfig, +ja kriecherisch gegen London. Ihre Macht verlockte sie +nie, mit den Frauenbünden, die so üppig vegetierten, zu paktieren; +sie liebte Frauen so wenig wie Männer und man konnte +sie nicht auf diesen Boden herabziehen. Glorie und Unterwerfung +war ihr Verlangen; darin konnte man ihr nicht genug +tun. Sie tötete und entmannte Dutzende Männer, von denen +sie annahm, sie wären ihr untreu. Zugleich getötet und geschlechtsunfähig +gemacht wurden Frauen, die mit diesen Männern +verdächtigt wurden. Sie schwankte einige Zeit in ihrer +Stellung zu den Frauen hin und her; es schien als ob sie den +Frauen in ihrer Eifersucht und Stolz feindlich werden würde. +Da wurde diese Königin gebrochen durch ein Weib, ein Mädchen +ihrer Sippe, die ihre Tochter sein konnte. +</p> + +<p> +Das weißgelbe liebliche Persönchen wurde nach der Beseitigung +ihres Liebhabers vor Melise gebracht. Melise trank +viel. In ihrem heulenden Elend hielt sie die weiche Person bei +sich fest, die verschüchtert stille hielt. Melise schlug mit ihrer +stählernen Kopfbürste auf sie ein, auf die Arme, die jenen Mann +umschlungen hatten, auf die Backen, die sie sich hatte küssen +lassen, auf die Lippen, die sie mit den Fingern anzog, die sie +mit der scharfen Bürste rasch klöppelte. Das Mädchen hielt +weinend inne, kreischte, bat immer um Verzeihung und um +Gnade. Sie hatte ja in der Tat nicht gewußt, wer der Mann +war, der sie genommen hatte. Er hatte sie genommen, denn sie +wollte von Männern nichts wissen. Melise, die Fäuste mit der +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +Bürste und einer langen Nadel in die breiten Hüften stemmend, +stand speichelnd, rot- und dickgesichtig vor dem über den Teppich +gekrümmten halbnackten Mädchen, dem sie die Kleider abgerissen +hatte, um zu sehen was an ihr war. Das blutende verängstigte +Wesen, dem die Tränen schmierig auf den Teppich liefen über +die zerstichelten Backen und aus der Nase mit den Blutstropfen, +blickte hilflos und jammernd, speiend und sich verschluckend, am +Teppich sich abtrocknend und hingewunden zu der rasselnden +gewaltigen Frau auf. Plötzlich wurde diese Frau unter einem +Blicke von dem Gefühl des Abscheus vor sich selbst getroffen. +Sie nahm die Fäuste aus den Weichen, besah sich Bürste und +Nadel, legte sie nachsinnend langsam auf einen Tisch. Seitlich +blickte sie zu dem Mädchen herunter, das ihr aufmerksam, stärker +verängstigt mit den Blicken folgte. Das Wesen, fühlte Melise, +konnte für nichts, sie war nicht schuldig; der Mann hatte sie genommen, +der Mann tat mit dem dummen Wesen, wie früher +immer Männer mit Frauen taten. Der Mann schweifte herum, +nahm die, morgen die, ein verfluchtes Geschöpf. Melise dachte +keinen Augenblick an sich. Grollend kniff sie die Augen zu, schlug +ein paarmal mit der Bürste auf das Mädchen ein, zog sie dann, +die sich sträubte und zappelte, und stach sie mit der langen Nadel +durch den Handteller, die Hand des Mädchens zwischen ihre +Knie klemmend. Die Nadel ging durch die Hand der kreischenden +wühlenden augenaufreißenden Person, ging in Melises Knie, +die den Schmerz sich zusammenkrampfend einsog und wie das +Mädchen stöhnte aus offenem Mund mit zurückgebogenem Hals. +Die Nadel hervorziehend wegwerfend sank sie auf den Teppich, +stöhnte. Nach dem jungen wegschnellenden Wesen hangelte sie +ins Leere mit den Armen, schlüpfte ihr dann, sich am Boden +hinziehend nach, drückte den zurückzuckenden Kopf, den sie an +den Haaren erfaßte, unter ihren auf den nassen Teppich, heulte, +ahmte das Wimmern des Mädchens nach. „Komm“ seufzte +Melise „du bist mein. Es geschieht dir nichts. Sie sollen uns +nichts tun. Es soll uns niemand etwas tun. Dir nicht und mir +nicht. Es soll keiner etwas wagen. Oh tut das weh. Ich bin es +satt. Hab ich dir weh getan. Bleib hier. Bleib bei mir.“ Und +das zerschlagene gepeinigte Mädchen mußte das aufgelöste +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +stöhnende bettelnde Weib hochziehen, sie an einen Sessel führen, +wo Melise hinsank, sie an sich zog, auf die Knie an den Leib zog, +das Gesicht an den zerstochenen kleinen Brüsten rieb: „Oh. +Was ist das für ein Leben. Solche Mörder haben wir um uns. +Wenn ich die Mörder beseitigen könnte. Sei mir nicht böse. +Bist du mir böse, seid ihr mir böse, schlimme Lippen, armes +Händchen. Heilt alles. Wir werden Rache nehmen.“ Und +das Kind schlang einen Arm um die Frau. Die Frau fühlte +eine Zärtlichkeit, die sie erstaunen machte, eine wohltuende erweichende +Zärtlichkeit unter dem lächelnden Blick aus diesem +zerschrammten hochgequollenen Gesicht über sich heraufziehen. +Ein Kind, fühlte sie, das ist ein Kind. Was bin ich auch für ein +Kind. Blieb das Gesicht andrückend an den Quell der aufsteigenden +Zärtlichkeit. +</p> + +<p> +Diese mißlungene Tötung besiegelte Melises Schicksal. Sie +wurde jähzorniger herausfordernder als je. Hatte kein Gleichgewicht +mehr zwischen Männern und Frauen. Unverändert +lehnte sie die Lockungen der Frauenbünde finster ab; Männer +mochte sie nicht. +</p> + +<p> +Sie hatte die Laune sich aus einem dunklen Grunde Persephone +zu nennen. Dies geschah lange Zeit bevor irgendeiner +und auch sie wußte, was sie damit meinte. Persephone war sie, +die Königin des Totenreichs, die ein schlimmes totes und todwürdiges +Wesen von der Erde geraubt hatte und in die Finsternis +zog. Sie wollte Persephone sein. Ihre Totengerichte in +der Kathedrale bei Toulouse wurden berüchtigt. Die Priester +waren erschreckt und konnten nicht mitmachen. Melise lachte, +versteckte Frauen in die Priesterkleider, die mußten neben ihr +stehen; aber doch konnte sie immer einige und gerade die mächtigsten +der Priester neben sich sehen, die sich vor ihr fürchteten +und die sie im Zaume hielt. Sie ließ Bauern Arbeiter auf der +Straße in den Häusern auf den Äckern aufgreifen. Verlangte, +violett und schwarz am Altar thronend, bunt geschminkt, blutrot +grell beide dicke Lippen, blau umrandet die Augen, von +ihnen Rechenschaft. Sie hatte wie ein mittelalterlicher Fürst +eine gefürchtete Garde von Bewaffneten um sich. Die trugen +Kappen und Masken, Stiefelschäfte bis an den Leib, waren +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +Männer und Frauen. Tornister trugen sie auf dem Rücken, +lanzenartige drahtumwickelte Stäbe in den Händen, standen an +den Wänden und schienen keine Menschen zu sein. Die Königin +hörte an, wer vor sie gebracht wurde. Wer sprach, mußte +erzählen von sich, was er wußte. Darauf wurde er entkleidet +und mußte weiter sprechen. Persephone besah und hörte die +Menschen, Männer Frauen Mädchen Jünglinge, die vor sie +gebracht wurden, von Schreck und Wut ergriffen waren, weinten, +um Gnade flehten. Sie sagte: sie sei Persephone, die Königin +der Unterwelt. Ob sie das Zepter in ihrer Hand nicht +erkennten, ob sie nicht wüßten, daß man rasch erscheinen und da +sein müsse, und daß zwischen jetzt und jetzt, Tod und Leben, +Acker und Tod, Straße und Tod nur eine Sekunde liege. Die +Sekunde sei übersprungen im Augenblick, wo sie die Kathedrale +betreten hätten. Sie hätten ihre Arbeit zu lassen; die ginge +weiter auch ohne sie; die sei ihre Hände nicht wert. Jetzt sei die +Stunde für sie, die Königin Persephone, da. Ihr müßten gezeigt +werden die Glieder, die Stimme, die Bewegungen; ob sie +noch das Recht hätten zu leben oder herunterkommen müßten. +Sie schrie, sich vom Sitz erhebend, das Zepter schwenkend, finster: +„Es ist vorbei. Die Häuser Straßen Maschinen Äcker +haben genug von Euch. Ihr habt ihnen genug gegeben. Jetzt +ist meine Stunde.“ Aber wie sie sich setzte anhörte sah prüfte, +nahm sie mit sich, was ihr behagte. Sie nahm aus ihrem schwarzen +hochgetriebenen Haar die langen Nadeln, die zu beiden +Seiten drin staken. Die warf sie zur Seite vor dem violetten +Priesterwesen. Und vor wen die Nadel gefallen war, der wurde +die Stufen hinaufgezogen vor sie. +</p> + +<p> +Es waren die starken Männer, die schönen schlanken weißen, +Gatten und braune Jünglinge, üppige strotzende Mädchen und +Frauen, die sie zu sich nahm und von der Erde verbannte. War +eine tiefe Seligkeit, die Melise empfand, ihr Zepter zur Seite +der Priesterin gebend, wenn sie den Mann, das Weib empfing, +umarmte. Wie es sich wand, warm weich; sie wußten +nicht, waren sie begnadigt oder verurteilt. Aber sie waren begnadigt. +Die Königin zog sie an sich, war aufgestanden. Drückte +die Gesichter an ihre Arme, die offenen schweren Brüste. Ihre +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +Hände glitten an den Gesichtern Schultern Leib Schenkeln entlang. +Sie berührte liebkosend die Heimlichkeiten der Leiber. +Die Priester und Priesterinnen hingefallen auf die Knie sangen +abgewandt Lieder. In dem Menschen, den sie umschlang, entstand +eine sanfte Verwirrung. Träumend wild griff das an den +Hals, der sich ihm bot, wühlte sich gegen den festlich grausigen +Kopf, die starken Schultern. Da war sein Schicksal da. Der +Kopf, der eben noch nach dem Mund Melisens gesucht hatte, +bog sich leicht stöhnend beiseite. Der nackte Leib wogte hin und +her, wie auf der Suche nach einer Bewegung, die er nicht fand. +Während Persephone sich in ihren Stuhl fallen ließ, trunkene +Augen, das Gesicht in schluchzender Verzückung, unter der +düsteren und wimmernden Musik, die wellenartig aufquoll und +toste, rollte von ihr der Mensch ab, der einer gewesen war und +den sie jetzt beherrschte, in sich trug. Ein Leib in sie eingegangen, +hergerissen von den Äckern, der Erde. +</p> + +<p> +Melise quoll auf von Wesen, die sie in sich aufgenommen hatte. +Nicht mehr Persephone war sie, sondern Hades, die Unterwelt +selbst. Ihr Gebiet, von Bordeaux bis über Toulouse reichend, +hatte noch Bestand und England unterstützte die wachsende +Kraft dieses Staates, als sie übersättigt ungesättigt hinschmolz. +Die zarte kindliche feine, die sie zuerst gepeinigt hatte, die +weiche Betise war die letzte, die sich ihr zu opfern hatte. Und +die sich der Königin lange hingegeben hätte, wenn Melise, die +wilde rastlose, sie gewollt hätte. Melise spielte mit ihr, schützte +sie, ging um sie herum. Betise durfte auf keinem ihrer Züge +zugegen sein, saß in einem schloßartigen Haus bei Bordeaux, +bewacht von Frauen der Königin. Lange Monate suchte die +Königin sie nicht auf. Auf abwesende liebevoll zerstreute halbstumme +Stunden kam sie dann. Das zarte Wesen wußte, wenn +Melise kopfsenkend verträumt vor ihr stand, daß sie nicht sprechen +fragen durfte. Obwohl sie sie anbetete. +</p> + +<p> +Die Königin trat bei Betise ein, die auf einem Kissenbündel +am Boden lag, schlafend von der Sonne bestrahlt wurde. Erst +wie die mächtige stark ausschreitende Frau an die Kissen stieß, +fuhr Betise hoch. Kicherte reckte sich süß, hielt inne erstarrend. +Daß die Frau, ein brauner fast nackter Leib, von Blutströmen +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +Blutkrusten bedeckt war. Die Arme voll Blut, die Finger von +schwarzer Borke überzogen, Brüste und Schenkel überrieselt, +die Augen ausgegossen leer; trübe das Gesicht. Persephone sah +das Kind an, verzog das Gesicht. Greinte, während sie dastand, +die Hände schlaff an ihr herunterhingen, die Finger zuckten zitterten. +Mit Blut von den Menschen, die sie umfaßte, berieselt. +Unauslöschlich in ihr der Drang mehr zu tun; sie war in tiefe +Verzweiflung gesunken, hatte schon Priesterinnen neben sich zu +Göttinnen erhoben. „Man muß die Erde entvölkern“ sagte sie; +griff die Priesterinnen, die Göttinnen, die schrien, sich wehrten, +nahm sie selbst zu sich. Da stand sie stöhnend vor Betise, die sie +nie gesehen hatte, ließ sich, während das Kind aufsprang, auf +die warmen duftatmenden Kissen. „Ich werde dich abwaschen“, +streichelte Betise, hinter ihr knieend, ihre Haare. „Warum willst +du mich abwaschen. Siehst du mich. Ich bin Persephone“, sie +zerbiß die Kissen, „ich bin nicht Melise. Nicht Melise.“ „Du bist +Melise. Melise, du bist es. Ich werde dich abwaschen.“ „Nicht. +Du wirst es nicht tun. Laß es.“ „Weg soll es. Ich will dir doch +zeigen, Melise, ma douce Melise, Melise, ma pauvre fille, – wie +süß, daß du zu mir kommst –, ich will dir zeigen, was du unter +dem Blut hast. Was sich da versteckt hat. Sieh den Schwamm. +Es ist nur ein Schwamm. Es ist Wasser daran. Paß auf, du +Schöne, was die alles machen können, der gelbe Schwamm, das +weiße Wasser. Das nehmen wir alles herunter, das Rote das +Schwarze das Schmierige das Borkige. Das gehört nicht zu +meiner dunklen schönen Königin. Sieh, was eine Königin für +eine blanke glatte Haut hat, da kommt sie schon hervor, braun, +wie meine, nein, noch dunkler. Sie hat nur gewartet. Wie das +spiegelt in der Nässe, ei. Lieg nur ruhig. Alles nehme ich dir +weg. Du brauchst kein Glied bewegen.“ „Betise, du dumme, +weißt du, was hier liegt? Hast du von dem gehört.“ „Ja. Aber +lieg still. Ich habe von dem gehört. Daß du die schönste braune +Haut hast, die besser als meine ist. Daß du meine Königin bist +und – Späße machst wie du darfst. Komm, tu die Füße voneinander. +Bis über die Knie ist es dir gelaufen. Sie haben dich +eingewickelt, damit man dich nicht sehen kann. War das so schön, +Melise?“ „Solange, oh solange ich es fühle, Betise. Solange +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +ich das Lebendige der Menschen umfasse, ist es schön. Solange +mich das Blut berieselt, ist es schön.“ „Und mein Wasser? +Schön?“ „Dein Wasser, dein Wasser“, Melise richtete sich müde +auf, „bin ich jetzt fertig?“ „Dein Gürtel ist noch ganz schmierig. +Und jetzt nehm’ ich dir auch deinen Gürtel ab.“ „Das tust du +nicht.“ „Warum nicht. Schämst du dich vor mir. Bin ich nicht +eine Frau. Jetzt bist du ganz sauber. Ich trockne dich ab. Eins +nach dem andern, Betise.“ Betise lachte: „Zu dir hab ich Betise +jetzt gesagt. Ja jetzt sag ich zu dir Betise.“ „Und du wirst Melise.“ +„Ja, ich bin selber <span class="antiqua">ma pauvre fille</span> Melise. Ich diene, +weißt du wem? Der armen Betise, die in einem Zimmer sitzen +mußte, immer auf Kissen schlafen mußte, trauern und warten, +bis einer kam, der ihr etwas erzählte. Von der großen Königin. +Hätte sie nur gewußt, was die Königin tut. Hätte die Königin +sie einmal mitgenommen.“ „Ach, Betise.“ Langsam hob sich +Melise, die braune schwere Frau auf, stellte sich an die blaßblauen +Vorhänge neben dem Fenster. Der warme Sonnenschein +fiel auf ihre Haut. Sie hielt den haarbehangenen Kopf, +das leere tote Gesicht abwärts, befühlte mit den Handflächen ihre +eigenen Schultern ihre Arme die Hüften den Leib, ließ sich +bescheinen. Zitternd nahte ihr die Zarte: „Jetzt führe ich dich +in meinen Garten. Da sollst du unter meinen lieben Ulmen +gehen. Sie warten schon lange auf dich.“ +</p> + +<p> +Und wie sie sie um die Hüften faßte und durch die Fenstertür +ins Freie auf den Sandweg führte, erzitterte das junge Geschöpf +noch heftiger: „Ich schäme mich, daß ich ein Kleid neben dir +trage.“ Und hatte, nachdem sie einen Augenblick das Gesicht in +den Händen verborgen hatte, ganz hoch winselnd, ihr Kleid +fallen lassen, die Strümpfe abgestreift und Melises Hüfte umfaßt: +„Hier gehen wir; ich zeige es dir. Es ist niemand in meinem +Garten. Die Frauen passen gut auf.“ „Wohin führst du mich, +Betise?“ „Es ist mein Garten. Fürchte dich nicht. Die Sonne +ist noch wärmer hier als drin. Wie waren doch unsere Voreltern +gut daran, die im heißen Land liefen und sich nur von der Sonne +anziehen ließen.“ Aus Melise kam nach einer Weile, als sie auf +einer Wiese mit rotem Klee gingen und das Zittern der angeschmiegten +Jungen nicht nachließ: „Und wer geht da neben mir. +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +Sieh da, Betise. Du hast keine Furcht vor mir?“ „Wie soll ich +Furcht vor dir haben“, sie zog Melise, die folgte, auf das sanfte +Grün. „Weißt du, was ich tue, weil ich, ich, Melise bin?“ „Du +Melise?“ „Ja, ich.“ Es blitzte in den schwarzen Augen Melises; +ihr Gesicht belebte sich: „Ja, sei nur Melise. Ich hab’ dich gern. +Tu einmal, tu’s an mir“, sie schrie, „sei Melise.“ „Was soll ich +tun?“ „Was du magst. Wenn dus kannst.“ Tränen stürzten +aus dem Gesicht der Jungen: „Lieg still. Lieg still.“ Wie ein +Blockstumpf legte sich die braune Frau um. Die Junge streichelte +ihre Füße die Hände, um sie kriechend. Sie streifte, +während sie das Gesicht der Frau beobachtete, einen Ring von +Melises kleinem Finger, den Ring, mit dem Melise ihre Liebsten +tötete. Schon hing sie an Melises Hals, küßte sie, rieb die Wangen +an ihr: „Persephone.“ „Ich bin es nicht.“ „Seis noch einmal. +Für mich.“ „Ich kann es nicht.“ „Noch einmal.“ „Ich +kann nicht.“ „Ich will aber, Persephone. Ich muß zu dir.“ +„Ich kann nicht. Ich bin nicht Persephone.“ „Komm doch. +Sieh mich an.“ Melise öffnete die Augen, ließ sich hochrichten. +</p> + +<p> +Die schwere braungelbe Frau ließ sich durch den Garten führen. +Feistschenklig brustschaukelnd ging sie, von Betise umschlungen; +der wilde schwarzhaarige Kopf schwankte vor der +Brust. Sie seufzte im Gehen: „Es brennt. Die Füße brennen +mich.“ „Die Sonne ist hier heiß. Komm zum Bach. Da ist die +Brücke. Da willst du hin.“ +</p> + +<p> +„Melise“ die zarte hellere, wie sie am Wasser unter der +Brücke saßen, klammerte sich an die prallen Arme, die die Frau +neben ihr hängen ließ, preßte den Kopf an ihren Hals. Die +dämmernd stöhnte brusttief: „Was willst du also?“ Betise fuhr +fühlend, beglückt aufbebend, mit den Händen Gesicht über den +Leib der Königin, die sich abwesend lang umlegte. „Ich lieb +dich. Ich lieb dich, Melise. Ich will dir nur sagen, daß ich dich +liebe. Daß ich dich so lange, ohne Anfang und Ende lange erwartet +habe. Und daß du da bist. Gib mir deinen Mund, sag: +du bist meine Freundin.“ „Deine Freundin“, murmelte die andere. +Betise: „Deine Freundin, ich bin es, du Hals du Kopf +und Haar du nasses Haar du Brust du Arm hier und da, du +Leib. Kommt, liebe Augen beide, ich will euch wohltun. Ihr +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +seid trübe. Ich muß weinen, schreien, wenn ich euch sehe. Geht +nicht auf.“ Und schob, eine Hand über Melises Augen und Nase +gelegt, an dem schweren Körper. Er regte sich nicht. Da +kreischte sie: „Ich rolle dich, rolle dich, Melise.“ Und stach ihr +drehend rollend die Nadel des Ringes zwischen die Rippen. +Widerstandslos rollte der schlaffe Leib auf das Gesicht auf den +Rücken auf das Gesicht, rutschte die graue Böschung ins Wasser +ab. Der Kopf Melises hob sich schnappend noch im Wasser auf. +Die andere drückte, ihr nachspringend, an ihr liegend, den Kopf +zurück, überschrie Schmerz und Angst: „Nicht wieder aufgehen, +Augen. Bist im Wasser. Bist im Wasser. Es ist ja gut. Ich +singe über dir. Hör mich, Melise. Ich bin ein Hänfling. Du +fliegst mit mir. Jetzt, jetzt, wir fliegen ganz hoch, so weit meine +Stimme reicht. Höher. Ja, wir fliegen riesenhoch. – Süße +Melise, ich bitte dich. Du machst mich nicht mehr weinen. +Deine Augen gehen nicht mehr auf.“ Sie zog ihre Hand ab, +aus dem Wasser, küßte sich die nassen Finger: „Genug, arme +Hand. Zitterst so. Ich auch. Genug.“ Warf sich über die verschattete +Böschung zurück, das Gesicht am Gras reibend, mit den +Zähnen Gras mahlend: „Wir zittern allesamt. Meine süße +Königin, ich habe dir das getan.“ Sie kauerte unter der Brücke, +die Kniee angezogen: „Diese Brücke haben ihre Augen zuletzt +gesehen. Ich bleibe unter der Brücke. Ich kann sie liegen sehen, +der glatte braune Rücken, die blanken Beine. Das Wasser +springt daran hoch. Da liegt meine süße Königin. Oh wohl +habe ich ihr getan.“ Lange saß sie still da, manchmal ihre Finger +betrachtend, die trockneten, sich die Haare streichend: „Sag nicht +so. Sag nicht so. Warum soll ich mich ertränken. Ich lieb sie +ja. Es muß einer da sein auf der Welt, der Melise liebt. Bleibe +alles, wie es hier ist: Brücke Schatten Sonne Garten Melise. +Bleibe alles, wie es ist.“ Die Schatten wurden tiefer, Betise +saß noch im Gras zwischen dem Klee: „Sie werden mich greifen. +Sie werden nach ihr suchen. Mich greifen sie nicht. Ich muß +leben bleiben. Es muß einer leben bleiben, der Melise liebt. +Sie sollen sie nicht töten.“ +</p> + +<p> +Sie schmiegte sich unten zärtlich an den braunen kühlen +wasserüberrieselten Leib, warf den Ring in das Wasser, huschte +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +unter der Brücke vor, über den Klee die roten Mehlprimeln und +Enziane der Wiese. Durch die offne Fenstertür schlüpfte sie +ein, rieb sich den Sand von den Fußsohlen. Legte sich über den +zitternden feinen Körper die buntgestreiften Hosen, die ihr Melise +zuletzt geschenkt hatte, das weite blaue lange Hemd, das hellgelbe +seidene mantelartige Oberkleid. Aus einem weißen Baumwolltuch +band sie sich um den Kopf eine Haube. Sie warf Handküsse +um sich, in den abendlichen Garten. Und schritt ruhig aus +dem stillen Haus, an den Haufen der Wächter Melises vorbei, +denen sie sagte, sie ginge, weil die Königin sie schicke. Blieb +verschwunden, obwohl Sichtbares und Unsichtbares gegen sie +aufgeboten wurde. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-3"> +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +<span class="line1">Zweites Buch.</span><br> +<span class="line2">Der Uralische Krieg</span> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Massen wurden gesättigt verweichlicht. Man war auf +der Suche nach neuen Bedürfnissen. Ließ neue Fremdenmassen +heran, erweiterte die Stadtlandschaften. Wie die Strenge +unter der Herrscherschicht nachließ, kam Verrat von Geheimnissen +aus Leichtsinn Prahlerei, im Trunk vor. Häufiger zeigten sich +wilde schreckliche und dumme schwerfällige lenksame Figuren +unter ihnen. Weiber und Männer, in der Herrscherschicht verbündet, +fielen sich heftiger an. Dann stürzten sie wieder zum gemeinsamen +Schutz ihrer Hoheit und Apparate heraus. +</p> + +<p> +Die gefährlichen großen grausamen Gestalten stiegen nicht nur +aus der Herrenschicht, sondern nun auch aus der üppigen vielformigen +Masse. +</p> + +<p> +Es kam am Ende des vierundzwanzigsten Jahrhunderts zu +den ersten Verzweiflungsschlägen gegen die Maschine. Noch +ein Jahrhundert später erzählte man von den mächtigen Taten. +Die Richtung war von der Peripherie des Völkerkreises auf +das Zentrum: Timbuktu gegen Rom, Sidney gegen San Franzisko, +Nordafrika gegen Messina Palermo. In den außenliegenden +Landschaften gedieh der Übermut und seine Reaktion +am heftigsten. Niemals wurde wie einmal in Mailand +der Herrscherschicht, die von London gestützt war, die Macht +entrissen. Aber es ging gefährlich gegen die Machtmittel selbst. +Die Bibel erzählt von den Makkabäern. Die Namen Targuniasch, +Zuklati sind ihnen gleichzustellen. Die Europäerreste an +der nordafrikanischen Küste, dem Zugriff der Europäer entzogen, +offenbarten ihre Kraft. In den dudelnden verträumten +Städten trieben sich plötzlich hetzende Menschen herum. Die +Wut wurde aufgepeitscht. Die Apparate, die man hatte für Belustigung, +die Gestaltenentwickler, wurden benutzt zur höhnenden +Darstellung des Lebens der Königin Melise und anderer. Da +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +war die Kathedrale bei Bordeaux, ihre Priester und Priesterinnen, +die Lanzen der Söldner. Die bestialischen Totengerichte spielten +sich ab, Männer Frauen von den Straßen Äckern, aus den +Häusern gerissen. Die stummen gewaltigen Apparate zerstören. +Die Köpfe zerstören, aus denen sie kamen. +</p> + +<p> +Es fanden sich in den Landschaften, wie von einem Wind getroffen, +Männer und Frauen, die gegen die Gehirne vorgingen, +aus denen die Apparate wuchsen. In hinterlistiger Weise, durch +Liebende Freunde Kumpane beim Trunk wurden in den gewaltigsten +Stadtlandschaften Menschen der Herrscherschicht weggerafft. +Der Mähende und seine Saat kam meist zugleich um: +so wild war der Trieb die Apparate zu beseitigen, daß kein Angreifer +an sich dachte. Oft schlummerte man unter Kokain und +brasilianischen Giften ein, Angreifer und Angegriffene. Der +Boden unter den Apparaten sank. Die Männer und Frauen, +die sich so opferten, waren nicht zu zählen. +</p> + +<p> +Targuniasch und Zuklati sind die Männer gewesen, die ohne +Macht zu besitzen, ohne Menschenmassen hinter sich, an die Senate +ihrer Staaten geradeaus die Forderung stellten, die Maschinen +herzugeben und sich dem Volksspruch zu unterwerfen, +welche Apparate zu erhalten seien. Die wandernden unsichtbaren +Überwachungsausschüsse und Kommissare konnten sie +nicht ermitteln. Denn beide Männer sprachen zu niemand, +waren ihrer Umgebung selbst verhüllt. +</p> + +<p> +Es kam die Zeit der schweren Erlebnisse für Antwerpen und +Calais. Dort hielten die beiden sich auf. Eine Kraft, die man +nicht kannte, arbeitete sich rasch in die gefährlichsten Geheimnisse +ein. Die erschlaffte Herrscherschicht zuckte zusammen, merkte +auf. Kein verdächtiges plötzliches Hinsterben beim Tafeln, kein +fremder Zugriff; sie hatten Verräter unter sich. Die eintreffenden +Kommissare Londons fanden nichts. In Antwerpen waren +eines Tages alle Schalter der Zentralstadt zerstört, die Schutzwaffen +der meisten Herren verschwunden. Die Stadt war wehrlos. +Targuniasch rief zum Angriff. Die Masse hörte ihn erstaunt +an, lärmte verlief sich. Als London erschien, war er +untergetaucht. Targuniasch wühlte weiter. Vergebens. Die +Oberen warfen neue Vergnügungen über die Menschen. Da +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +stand eines Tages das Triebwerk Antwerpens still. Am Abend +lief noch nichts. Zwei Tage nicht. Der Name Targuniasch war +auf allen Lippen. Man fand den Mann verkohlt zwischen den +Leitungen eines Hauptkraftspenders, den er damit zerstört hatte. +</p> + +<p> +Zuklati endete ähnlich in Calais. +</p> + +<p> +Die Besorgnis der Herrscher war aufs Höchste gestiegen. Man +saß da, wußte keinen Rat. +</p> + +<p> +Timbuktu spie Verzweifelte Attentäter auf Rom. Die zwei +Frauen, die aufs tiefste erregend in Francisko am Großen +Ozean erschienen, stammten aus dem kampfzerrissenen Sidney. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Umschwung erfolgte nach Jahrzehnten der Attentate und +Repressalien durch die heraufsteigende Generation der Herrschenden. +Die alten Köpfe, mißtrauisch traurig vergrämt unfruchtbar, +waren schon auf Paktieren aus. Da warfen die Jungen +sie um, setzten sich an ihren Platz. Die Jungen hatten das +Gefühl der verlorenen verhängnisvollen Situation. Sie griffen +ein, bundartig in den meisten Kapitalen zusammenhängend. +Eng an die Massen schlossen sie sich an, die sie unfeindlich aufmerksam +durchstreiften. Die Massen, gärend führungslos, nahmen +enthusiasmiert den Wechsel hin. Erst wurden einige Stadtschaften +von dem neuen Geist ergriffen, dann viele andere. In +Europa vollzog sich der Bruch mit der Dünkircher Direktive in +einer Schroffheit, die die ganze Spannung der Massen offenbarte. +Die Überwachungsausschüsse mit ihren schrecklichen Geheimnissen +verschwanden, die Abriegelung der Kenntnisse gab +man preis, die Senate wurden geöffnet. Die aufrührende Kraft +des Ereignisses war geheimnisvoll. Und dahinter fühlte man +lockend fordernd in die Knie zwingend das Neue. +</p> + +<p> +Und das Neue kam so rasch wie die junge Generation. Begrüßt +von den Massen bewegten sich jetzt durch die Straßen Anlagen +Werke Regierungsgebäude blühende Männer und Frauen. +Ritten durch die Länder, erregten durch ihr Erscheinen maßlose +Freude. Sie waren sachverständig wie die Alten. +</p> + +<p> +Zum ersten Male seit vielen Jahrzehnten tauchten in Städten +Frankreichs Deutschlands Italiens Fahnen auf, an Häusern +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +Flugzeugen Wagen. Wie aus dem Dunkeln stiegen diese Zeichen +mit den Jungen auf. Die noch lebenden Alten staunten, waren +hingerissen, fürchteten sich, warnten. +</p> + +<p> +Etwas Mächtiges war im Begriff auf dem Kontinent zu +werden. Die Fahnen der neuen Demokratie, die in London +Paris Calais Berlin und rasch über allen Landschaften erschienen, +sehnsüchtig begrüßt, so daß die Frauen sich in sie +hüllten, die öffentlichen Gebäude wie die Fabriken und Wohnhäuser +ihre Fassaden dahinter versteckten, waren nicht von +gleichen Farben. Oft üppige Zusammenstellungen, die an die +alten Nationalfarben anklangen. Aber überall silbern weiße +und goldene Sterne Sonnen und Monde. Die blühenden jungen +Männer und Frauen der Herrscherschicht trugen die Fahnen +über die Landschaften. Die Massen fielen der Sonne dem +Mond den Sternen zu. Diese Sterne und der Mond blitzten +an dem alten Himmel. Von der Erde schlugen jetzt Millionen +Herzen heftiger bei ihrem Anblick. Dies waren keine Frühlingsträume +Liebeslieder, was sie bewegte. Es legte ihnen nicht den +Kopf auf die Seite, formte ihre Lippen nicht zum Seufzer, +machte ihr Gesicht schmal, die Beine schwer. Hingezogen hinkrampfend: +sie wußten nicht, was sie wollten. Aber aufs Innigste +wußten sie: das waren ihre Zeichen. Die Wühlereien +Insulte Attentate auf die Senate hörten auf. Die Menschen +verschworen sich den Zeichen. Begehrten sich für sie zu zeigen. +</p> + +<p> +Im Momente, wo die himmlischen Abbilder auf den Fahnen +der Kontinente erschienen, brausten die Wasserstürze, die fern +von den Zentren die Dynamos antrieben, heftiger siegreicher. +Die Sonderturbinen der alleenlangen Werke sangen hoch und +tief wie in Chören. Die Transmissionen die Drähte, rasselnd +schnarrend, dumpf stöhnten kreischten. Etwas Lächelndes Freches +blitzte aus den Kabelwerken den Rohrleitungen der Werkstätten. +</p> + +<p> +In die Menschen der Städte, die um diese tonnenschweren +Untiere von Maschinen liefen, ihre Hebel und Gestänge angriffen, +über die Gestänge sich zogen, war eine Liebe zu diesen +eisernen Wesen gefahren. Ihr Dröhnen Schnattern Einschnappen +tat ihnen wohl. Es labte erregte sie wie eine Liebesbegegnung. +</p> + +<p> +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +Es war nach dem Mißtrauen und Eigenbrödeln des vergangenen +Jahrhunderts, dem Wuchern Vorsichhocken der Städte +und Landschaften eine Verbindung hergestellt über Europa und +bald über die großen drei Kontinente. In die Senate traten zu +den Jungen der Herrscherschicht kraftvolle Männer und Frauen +der fremden Massen der Völker der Versklavten. Die Massen +waren Hände der anderen gewesen, genießende Münder gestreichelte +gewärmte Haut. Über sie brauste der Geist so wild, daß +sie, wie sie ihn fühlten, zu zerstörerischen Angriffen auf die getrieben +wurden, die sie so lange davon zurückgehalten hatten. Die +von den Alten vieler Stadtschaften befürchtete Ausrottung der +Herrengeschlechter erfolgte an vielen Orten; das waren belanglose +Vorgänge, die den Verlauf der Dinge nicht änderten. Die +Menschen, die sich jetzt neu an die Apparate warfen, die Mysterien +der Kenntnisse aufnahmen, waren heißer, als die sie ablösten. +Kosend, in stürmischem Überschwang, glückschwellend krochen +Männer und Frauen an die Maschinen, die jetzt ihre waren. +Das Eisen erschien ihnen beseelt wie ihr eigenes Fleisch. +</p> + +<p> +Während ein Branden die Kontinente erfüllte, die letzten +Alten der Herrscherschicht alles verloren gebend ins Grab sanken, +zeigte sich eines Tages in Süddeutschland eine junge Frau +auf den Straßen einer großen Stadtschaft. Trug ein riesiges +Banner mit den Zeichen der Gestirne. Aber es waren nicht nur +Sterne Sonne Mond auf dem Banner, sondern ein Feuer, das +von den Gestirnen ausging, die wie Früchte aufgebrochen waren +und Flammen hochwarfen. Das Banner lehnte sie auf +einem Platz an einen Baum, sprang vor den jäh erregten Tausenden, +die mit ihr gezogen waren in einem ausbruchsüchtigen +Drang, auf die Granitschale des Brunnens. Das Wasser der +Fontäne stäubte im Wind über sie, ihre Füße standen im +Becken. Oben schwang sie, gelbes sanftes rundes Gesicht braune +Augen, die dünnen Arme, riß sich die Brust auf: „Wie lange +wollen wir herumgehen? Die Straßen betreten? Den Staub, +die Steine? Wozu? Wozu sind wir da, wozu bin ich da? Wißt +Ihrs nicht? Ich weiß es. Wir lieben das Eisen; die Kraft ist in +uns, die Stärke, die keine Zeit hatte. Man hatte uns davon abgesperrt. +Jetzt haben wir sie. Jetzt fühlen wir sie. Sie ist unser +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +Blut unser Leben. Es ist nicht die Erde. Was soll die Sonne +auf unseren Fahnen, Mond Sterne. Nicht Sonne Erde Sterne. +Wir! Wir! Wir! Wir Menschen! Die Sterne aufbrechen! Die +Sonne aufbrechen! Wir können es! Wir haben ein Hirn im +Kopf. Da stehen unsere Maschinen. Unser Fleisch. Ich liebe +sie. Was ist kräftiger als sie. Was ist kräftiger als wir mit ihnen. +Meine Seligkeit. Ich will nicht an mich halten. Kommt, Freunde +Freundinnen, zu unserer Kraft! Zu unseren Kindern! Zu +unserem Herz.“ Sie war mit dem Banner, geführt von ekstatischen +Menschen zum nächsten Kraftwerk getragen worden. Ein +Zittern befiel die Arbeiter beim Heranrauschen der Scharen. +Durch den Riesenraum wogte das Banner, das ihnen an die +Seele griff. Das Lied von Targuniasch, dem Befreier brauste. +Die Frau schrie vor einem surrenden rastlosen Ungetüm: „Targuniasch, +der Befreier. Er wollte die Werke zerstören. Wir +wollen sie für uns erobern. Unser Blut ist bei uns. Meine Seligkeit! +Meine Seligkeit! Wir wollen uns nicht zurückhalten +vor ihnen. Hin! Ich muß hin!“ Und unter Aufschrei Hinsinken +von Frauen und Männern, besinnungslosem tobsüchtigem +Stöhnen und Kreischen stürzte sie sich von der steinernen Umfassung +des Maschinenkörpers in seinen blitzenden wogenden +eisenschmetternden Leib. Keinen Augenblick änderte die Maschine +ihren Lauf, herrisch dröhnte sie in ihrer steinernen Umfassung. +Sie wühlte in ihrem Bett, schlang den Frauenleib, +salbte sich mit seinem gießenden hellroten Blut. Riesig überschmetterte +sie Kreischen und Schreckensstille der Menschen. Ein +Mann auf der Umfassung, klein geduckt, Gesicht, das nicht zeigte +ob es lächelte oder weinte: „Hin ist hin. Was ist ein Leib für eine +Maschine. Wieviel muß eine Maschine fressen, um ein Mensch +zu sein. Sie muß nicht glauben, ihr genug getan zu haben. +Das war für das Maschinchen ein Tropfen. Hört an, wenn ich +‚hi‘ schreie, was das Maschinchen dazu sagt. Hi! Hi! Da bin +ich nichts; sie ist lauter. Das braucht mehr als einen Menschen. +Wer will mit auf die Reise. Gurre, gurre, gurre!“ Er lockte. +Zu zwei, drei, vier standen sie oben, blickten von der Umfassung. +Der verzerrte kleine schrie: „Ein Sprung.“ Sie hatten sich angefaßt, +waren hin. Die Körper warf die Maschine im Bogen +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +über sich; es war, als spie sie sie noch mal aus, bis sie die Überkugelten +Zurückstürzenden schluckte. Einen Moment schnurrte +sie, als wenn sie sich innerlich riebe und zögerte; donnerschmetterte +eisentoste weiter. Die Fahne der Frau hob am Schaft +eine andere Frau, der die Zähne schnarrten. Sie war sehr +groß; die Fahne hielt sie vor sich in gefalteten Händen; angstvolle +Miene, die Knie vibrierten unter ihr; sie trat auf die Umrandung. +„Keiner mehr heran. Laßt die Maschine ruhn. Sie +schluckt. Für heute genug.“ So donnerwetterte die Maschine, +daß sie flohen. +</p> + +<p> +Sie waren in vielen Städten so hingenommen. Sie sprangen +auf die Beute. Die Fahnen der jungen befreienden Männer +und Frauen wehten über den Landschaften. Knechtend hinzwingend +wehten sie über den Landschaften. Sie rissen die +Blicke weg von den Äckern Straßen Fabriken. Wie ein Wurm +schlich es hin zu den Männern und Frauen, die fühlen konnten; +aus der Berührung der Werkzeuge, dem Blick auf die Werkfronten, +den Reden der Menschen, den Gesten schlich es in ihre +Arme, hob sie an die Brust, ließ sie an die eigene Brust sich +legen, ließ die Kniee sich aneinanderdrücken, die Füße Knöchel +sich aneinanderpressen, drückte das Kinn auf die Brust, daß sie standen +und sich wieder frei machten sich schüttelten wild räkelten. +</p> + +<p> +Um die großen Anlagen die Werften Fabriken, um die Lager +der Flugzeuge, neben den Schienen den wandernden Häusern +gingen in Dunkelheit die Menschen, die farbigen heißen die +weißen gelben, schielten, waren bezwungen, wanden sich, barmten: +„Was sollen wir tun?“ Sie trugen die losen und engen +Arbeitskleider. Die Ruhe hatten, hatten bauschige Jacken Überwürfe +an sich hängen, wallende Hüte Schärpen, schleppten sie +die Dämme und Mauern entlang. Wie sie sich duckten: „Tu +uns nichts. Was sollen wir tun. Sag uns: was. Sprich: was. +Her den Mund zu uns, an unsere Ohren. Wie es uns knirscht +in der Brust; wie wir klein sind. Nein, wir sind groß. Zeig +uns, wie wir springen sollen; wir werden springen.“ Bäumten +sich: „Wo ist Rettung.“ +</p> + +<p> +Sie litten unter dem Drang. Durcheinander von Liebe Inbrunst +Zerstörungswut. Zerstören mußten sie die Apparate, +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +die sie liebten. An vielen Orten taten sie es. Sie taten es nicht +gern. Sie waren nicht anders als die Männer und Frauen, +Herren und Herrinnen, die dann in großen Schleiern und +Schatten, sichtbar und unsichtbar hinter ihnen waren, sie beim +Nacken ergriffen, zum Hinrichten und Vernichten fortschleppten. +Von diesen Händen, die sie steif hielten, hingen sie herunter. +Sie waren eins mit ihnen, lachten und wanden sich zappelten +tobten: „Tötet uns. Was macht es aus. Es wird uns nicht +ändern.“ Die Leiber, die sie schleppten, – die Schatten, sichtbar +und unsichtbar hinter ihnen, – schrien: „Warum habt Ihr +Euch an unserem Blut vergriffen. Warum an unserem Blut. +Ihr sollt es sagen. Dies sollt Ihr sagen.“ Von denen, die an +ihren Händen hingen, lachend zuckend: „Sar Tiglat! Iddiu! +Ihr wollt es wissen. Was wollt Ihr von uns wissen. Wir sind +Euch voraus. Ihr werdet uns töten. Ihr nehmt uns das Leben +ab. Wir danken Euch.“ Man warf sie in keine Maschine, um das +Werk nicht zu schänden. Nahm keinen Stahl, um ihn nicht zu +beschmutzen und zu kränken. Suchte Felsen Wasser Sümpfe +Flußlachen auf, zerwarf erstickte sie. „Oh hätte ich mehr Hände“ +schrieen die Richter. „Oh hätte ich mehr Leiber“, die Vernichteten. +Wut und Entzücken in beiden. +</p> + +<p> +Was war mit den Männern und Frauen. Wie sie tausendmal +kampflos nebeneinander stiegen, von Inbrunst und Verwirrung +vor dasselbe Ziel getragen, so hielten sie sich tausendmal bei den +Fingern, an den Daumen Knöcheln Ellbogen Schultern. Die +Finger zogen sich weg, krampften zusammen. Die Daumen +stellten sich auf, bohrten sich ein. Die Ellbogen spreizten sich, +stemmten sich, zuckten wie Scharniere zusammen, schlugen wie +Türen zusammen. Die Schultern waren nicht anders wie +Wasser. Wie ist das Wasser. Das Wasser ist weich. Faßt man +auf das Wasser, so weicht es aus, schwindet hin, ist nicht da, +schlägt über die Finger und ist da und nicht weg, hat Finger +Hände Knöchel verschlungen. Die Schultern nahmen die Hände, +sanken wie Tasten unter den Fingern herunter, bebten auf, +wogten tiefer, schwankten wie ein Boot rechts und links, fegten +wie Segler zur Wasserfläche herunter. Fuhren rechts aus, links +aus. Das war wie Schilf unter dem Wind, flatterte ab, schnellte +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +auf, schwamm in Ruhe. Spritzte wie Milch in Röhren herunter, +drang hochgesogen empor. Die Schultern, – bis ihre Muskeln +sich verfestigten aufsprangen sich versteinten und es hieß: +leben oder sterben. Kein Geschlecht begehrte vom andern, es +möchte schwächer sein. Jedes begehrte vom andern, es möchte +stärker sein. Damit man es wilder eiserner fürchterlicher tiefer +fassen und daran verderben könnte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">on</span> Italien begann es. Die Landschaften waren plötzlich +erfüllt von Scharen, die sich aus den Werken Siedlungen lösten. +Die gaben vor, der Geist der Maschinen Apparate zu sein und +ergossen sich über die Gebiete der Städte. Es waren wilde halbverwirrte +Scharen. Mit Maschinenrädern schwarz blau rot ihre +Brüste bemalt, die sie offen trugen. Die knatternden Riesenbanner +mit Sonne Mond Gestirnen über und vor ihnen. Feuer +brach aus den Gestirnen. Oft, viel öfter aber brach es nicht aus +ihnen, sondern stieg Feuer aus der Dunkelheit unter ihnen. Der +feurige Schwalch schlug zum Himmel, hüllte die erblassenden +Zeichen ein. Die Dunkelheit war nichts als eine Wolke. Manchmal +war sie ein Kopf eine Brust der schwarze Raum zwischen +zwei hochgehobenen Menschenhänden. Zwischen denen brunstete +knisterte flutwogte schwoll das Feuer auf, zur Seite, leckte +herunter. Diese Menschen waren Mordsenger. Sie zogen autonom +hin. Man wagte ihnen, die furchtbar finster durch Deutschland +Frankreich Italien Irland schritten, nicht zu widerstehen. +In Amerika, an der Ostküste zerstörten sie kleine Siedlungen. +Dann äscherten sie große Teile von Chicago Washington ein. +Wie der Blizzard erschienen sie, wie der Heerwurm machten sie +unter sich den Boden kahl. Stiegen über Gebirge, hielten nicht +vor Wüsteneien. Es war kein einziger unter ihnen Mörder +Mordbrenner Mordsenger. Immer wurden sie, was sie waren, +wenn sie zu den wandernden getriebenen schäumenden brandenden +Scharen stießen. Sie schmolzen zusammen mit ihnen. +</p> + +<p> +Stolz trieben sie an Flüssen vorbei, die sie austrockneten +zerrissen umlenkten. Zu nichts trugen sie schwere Apparate +mit sich, als um Erde und Himmel anzufassen. Sie suchten +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +Widerstände auf. Rasierten vor sich mit zwei drei ihrer Flammenschleuderer +Haine und Forsten, die ihnen im Wege standen, +stampften über die heiße kahle Landschaft. Kinder, die geboren +wurden, warfen die Mütter widerwillig hinter sich. Diese Menschen +erstickten an sich selbst. Denn zuletzt drangen sie auf sich +selbst ein. Die Gewalt, die sie hatten, mußten sie auch an sich +zeigen. Aus Massenopfern wurden Massenselbstmorde. Es +waren Ereignisse, die in den durchschrittenen Landschaften furchtbar +und ansteckend wirkten. Zahllose wurden in den Wirbel +hineingezogen. Grimmig fordernd blickten die brennenden Fahnen +auf die Gebiete herunter. Ihr Knattern klang erregender +als Kriegsgeheul. Die Fahnen riefen die Männer und Frauen +aus den Häusern. Sie mußten sich stellen, in Reih und Glied, +als wenn es zum Kampf ginge. Und dann wurden sie über +fremde Stadtschaften geworfen, zerbrachen Wälder, rissen Flüsse +auseinander, traten sich gegenüber, Mann und Frau, um sich +hin zu ringen, den Strick von eigener Hand um den Hals, das +Messer in eigener Hand, den Strahl den man selbst gerichtet +hatte, gegen die bemalte Brust, schweißige Stirn, das heißblickende +erwartende Auge. +</p> + +<p> +Jahrelang fluteten und ebbten die Mordsenger und Scharen +der Selbstmörder über die westlichen Landschaften. Bis aus +ihren eigenen Massen die Gewalten entstanden, die sie vernichteten. +Inka Stochod, ein Pole, dämmte die Welle, von +der er selbst eine Zeit getragen war. Mit einer Handvoll Ergebener, +kraftvoll nüchtern, dabei ekstatisch heiß wie er, tötete +er im Ostdeutschen an einem Pfingsttage eine Anzahl der turbulentesten +Menschen neben sich, Männer und Frauen, die schon +übereingekommen waren, sich zu opfern. Stochod beseitigte +sie, ehe sie es konnten. Den Scharen, die in der schlesischen und +mährischen Landschaft in seiner Nähe waren, berichtete er das +Geschehene, überzog sie, warf sie hin. Mit einigen weiteren +Schlägen erstickte Stochod, Menschen und Waffen aus Berlin +Hamburg heranziehend, die Erregung in Ost- und Mitteldeutschland. +Schwankende Senate der südlichen deutschen Landschaften +gewannen Kraft, gegen die Banden in ihrem Gebiet +vorzugehen. Stochod konnte zur selben Zeit in London von +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +der Befriedung des großen mitteleuropäischen Gebiets berichten, +wo die mit ihm erschienenen Skandinavier und Italiener +fassungslos von dem Schreckwesen sprachen, das ihr Gebiet +heimsuchte. +</p> + +<p> +Auf dieser Konferenz in London waren Stochod und Arsen +Yorre aus Lyon sich gegenübergetreten. Stochod mittelalterlich +lockenwallend, in der bunten prächtigen Tracht seiner Zeit, +mit Pelzmütze und steiler Feder, ein schwerer immer lachender +Mensch, der, dem furchtbaren Treiben entrissen, von Späßen +übersprudelte, mit seinen fleischigen Händen sich selbst Beifall +klatschend, listig aus seinen gelblichen Augen blinzelnd. Er +umarmte Yorre, den sehnigen aus Eisen gegossenen Südfranzosen, +der in Frankreich begonnen hatte, was Stochod schon +beendet hatte. +</p> + +<p> +Stochod sich dehnend brüllte von seinen einfachen Methoden. +Sie standen im Nebel auf dem Balkon in der Downing +Street. Das heraufknatternde Leben unter sich konnten sie nicht +erkennen. Sie schwuren sich Hilfe. Stochods Geliebte und +Mitregentin, eine junge aalglatte Polin, schwarz umrahmtes +mit einfachen Linien gezogenes Gesicht, ließ ihre Augen blitzen, +als sie die beiden zusammenfand. Sie sah Yorre streng an; +als sie aber eine Weile zugehört hatte, griff sie den Franzosen +bei den Schultern an. Er ließ sich betasten und spannte seine +Muskeln an. Sie konnte ihre Finger nicht von seinen Armen +lösen; er klemmte ihre Hände an seinem Brustkorb fest, daß sie +schrie. Sie ließ sich dann von ihm umarmen und auf den Mund +küssen, hängte sich rasch wieder an Stochods mächtige Brust, +der ihnen strahlend zugesehen hatte, und ihren biegsamen +schlanken Rücken unter freudigem Brüllen streichelte. Von Lyon +aus warf Yorre in wenigen Wochen die zerstörerischen Fanatiker +nieder. Vor Paris, wo sich die restlichen Banden eingeschlossen +hatten, erschien er in einem märchenhaften Aufzuge. +Er lagerte sich zehn Tage vor der Stadt. Die Fernwaffen von +Paris konnten ihm nichts antun. Hinter ihm waren die Kenntnisse +Londons Amerikas Deutschlands. Er ließ alle in seine +Stellungen, die hereinwollten. In der Stadt Paris war die +Tobsucht des Mordens und Selbstmordens nicht zum Stillstand +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +gekommen; Yorre ließ sie ohne Bewegung sich ausrasen. +Schauernd standen seine Massen vor der Stadt, hinter deren +machtlosen Masten und magnetischen Riegeln das Feuer brannte, +das von den Ebenen weggetrieben war. Draußen zuckte es in +ihnen noch. Sie spannten die Muskeln an, drängten es herunter. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nter</span> dem starren großartigen Zwang der Technik und ihrer +bestrickenden Wirkung auf die Massen kam in der Mitte des +fünfundzwanzigsten Jahrhunderts die Wasser- und Sturmlehre +auf. Es wurde von einigen Köpfen der Masse, – unter ihnen +besonders der Indianerabkömmling Surrur in Edinburg, ein +Guato von Paraguay, und der Norweger Sörensen – hingewiesen +auf die sehr große Zweckmäßigkeit und das fast maschinelle +Zusammenarbeiten in den Tierstaaten. Hier folge +jedes Tier einem ganz bestimmten Arbeitsdrang, der für alle +nützlich sei, trage Halme zusammen, zerbeiße Pilze, baue Waben. +Dies seien Dinge, die eine Gruppe und Arbeitskategorie +gleichmäßig nach ihrer Kraft verrichtete, unpersönlich triebmäßig +reflexartig. Man könne nicht sagen, daß der menschliche +Zustand der Zersplitterung dem gegenüber einen Fortschritt +bedeute. Es sei unrecht ein Privatleben zu führen und +Individuen zu dulden. Sie führten aus, es genüge, wenn eine +gewisse kleine Anzahl Menschen sich dazu hergebe, bestimmte +Sonderfunktionen auszuüben, zu denken planen Personen zu +sein. Im übrigen sei es im Interesse der Menschheit, für die +ungeheure Masse einen gleichmäßigen Dauerzustand herzustellen, +ihnen das doch nie ausgelebte Eigenleben zu nehmen, +sie vegetativ einzuebnen. So garantiere man Gleichmäßigkeit +und Glück des Einzelwesens. Und nur so. Denn sicher könne +weder durch Lehre noch durch private Bemühung der Einzelne +zu einem Glück kommen oder vor Unglück bewahrt werden. Sie +wiesen auf das Fluktuieren, das bekannte ganz ziellose Schaukeln +der Weltgeschichte. Die Ursache für dieses Hin und Her, das +Aufsteigen und Abstürzen großer Reiche, blühender Zentren liegt +in der guten Absicht der Individuen und Völker, von sich aus +etwas zu leisten. Die Massen sind aber zerspalten in Schichten +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +Parteien bis herab zu Einzelpersonen; einiges gelangt zu dem, +einiges zu dem, man versteht sich nicht, bekämpft sich, das ist +der Keim des Untergangs. Die Einebnung zu einer Menschenmasse +muß jeder anderen Bemühung vorangehen. Ein Soldat +ist gesättigt, jenseits von Glück und Unglück, in seinem Dienst. +Verläßt er Reih und Glied, geht er allein mit den Kameraden +oder in eine Familie, so beginnt das Schwanken seine Unbrauchbarkeit +Gefährlichkeit. +</p> + +<p> +Die Wasser- und Sturmlehre Sörensens und Surrurs zeigte +auf die Einförmigkeit der Wasser- und Luftteilchen; man könne +nur als Phantast annehmen, daß es Luftpersonen und Wasserpersonen +gäbe. Milliarden Luft- und Wasserteilchen sind völlig +gleichartig zusammengeschoben, bilden Luft und Wasser. Luft +und Wasser aber sind Dinge, gewaltiger an Kraft als Staaten +und Menschenhaufen und von unglaublicher Beständigkeit. +Surrur, dem die Technik der Lebensmittelsynthese Außerordentliches +zu verdanken hatte, behauptete ernsthaft und nachdrücklich +von Edinburg aus: es bliebe den Menschen nichts weiter +übrig als Einzeltier oder vegetative Masse zu werden. Das Einzeltier +sei unmöglich. Bliebe nur die vegetative Masse. Damit +sei gegeben: Aufhören der Geschichte, Sicherheit der Art Mensch. +Er dachte das durch staatliche Züchtung, über Jahrhunderte +fortgesetzt, durch biologische Eingriffe, besonders Ernährung +zu erreichen. +</p> + +<p> +Mit Lehren dieser Art wurde ausgesprochen, was sich im +europäischen Völkerkreis schon bewegte. Es sollte sich zeigen, +daß sie ununterdrückbar immer wieder auftauchten und einem +tiefen Drang der gehetzten Wesen entsprachen. +</p> + +<p> +Dem aufkommenden einförmig strengen Massenideal konnten +sich die Frauen am leichtesten unterwerfen. Damals forderte +niemand Milde. Erbarmungsloses Sichten und Ausscheiden +wurde als selbstverständlich angesehen. Man vernachlässigte planmäßig +den Schutz der Schwachen. Unglückliche wurden nicht bedauert, +sondern verachtet. Das Humanitätsgefühl, das ererbt +war, schwand. Überall blieben am Rand der großen Menschengesellschaften, +in den größten Städten, Organisationen zurück, +die, von Abkömmlingen der alten Herrengeschlechter geführt, es +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +sich nicht nehmen ließen, Sieche Greise Kranke zu pflegen. Sie +waren in vielen Landschaften, in manchen Jahrzehnten, verfemt, +konnten sich nur unter Decknamen im tiefsten Dunkel am Leben +erhalten. Und besonders das anströmende Volk war es, das +diese Wohlfahrtsgesellschaften haßte, ihre Niederlassungen oft +sturmartig vernichtete. Einzig am Glanz der Apparate teilzunehmen, +ihre Kraft vorwärts zu treiben, beseelte die Menschen: hier +gediehen die Frauen. Der schwächliche Typ der westlichen Frau +verschwand. Die neu aufkommenden Frauen haßten nichts so +als zarte Frauen, die die Wonne der Männer gewesen waren. +Sie mißbrauchten sie, machten sie zu Dienerinnen, demütigten +sie grausam, deren Art nach wenigen Generationen einging. +Überall taten sich die Frauen beim Absterben der Familie zusammen, +übernahmen die Initiative für den Schutz und die Aufziehung +der Säuglinge und kleinen Kinder. Sie hatten die +gleiche Sachlichkeit und Kälte wie die Männer, dazu größere +Brutalität. Lebten in gewaltigen Kameraderieen, die sich über +die größten Stadtlandschaften ausdehnten, saßen aber auch in +den einzelnen Werken und rangen mit den Männern, die sich +gegen die Frauen wehrten wie gegen andere Männer. Die +Männergesellschaften, die sich dann bildeten, konnten an Kraft +nicht mit den Frauenbünden wetteifern. +</p> + +<p> +In diesen Bünden organisierten die Frauen den Dienst und +die Verteilung der Geburten. Sie waren sich bewußt, welche +Einbuße ihr Geschlecht durch Schwangerschaft Geburt Stillen +der Kinder erlitt. Es hieß den Nachteil möglichst gering gestalten, +die Fähigkeit der Frau, Kinder zu gebären, aus einer +Schwäche zu einer Stärke zu gestalten. Die Frauen waren es, +welche lange Zeit allein unter sich bestimmten, wer von ihnen +und wie viele sich zum Gebärakt herzugeben hatten. Denn es +war klar, daß man ebensoviel Kampfeinheiten verlor. Erst in +diesem Augenblick wurde die jahrhundertelang diskutierte Frage +der Menschenzüchtung beantwortet, gelegentlich der Lösung +einer anderen Aufgabe. Die Frauen stellten sehr widerstandsfähige +starke ihnen genehme Exemplare für die Kindererzeugung +bereit, von denen sie erwarten konnten, daß sie durch Geburten +nicht niedergebrochen wurden und daß sie kräftige +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +Kinder bringen würden, an die nicht überflüssige Kraft vergeudet +wurde. Die Einrichtungen, die die Frauen aller Kapitalen +nach Absterben der Familien für die Mutterweiber schufen, +waren die einzigen von humanitärem Anstrich und gehörten +zu den großartigsten und bestgeschützten Gesellschaftserzeugnissen +der Epoche. Allein die Frauen, und zwar eine lange Zeit +die der Bünde, bestimmten und gaben bekannt die zur Vaterschaft +geeigneten Männer. Früchte unbekannter Herkunft wurden +rigoros vernichtet. +</p> + +<p> +Hätte diese Epoche der westlichen Menschheit länger gedauert, +so wäre die weibliche Vorherrschaft besiegelt gewesen. +Denn die Frauen hatten es in der Hand, und erfaßten es rasch, +daß nach Verfall des sanften Hin und Her zwischen Mann und +Weib das Gebären der Kinder die furchtbarste Waffe gegen +die Männer war. Frauen konnten zwar vergewaltigt, aber nicht +zum Gebären gezwungen werden. Sie hatten es in der Hand, +die Zahl der heranwachsenden Männer zu vermindern. In den +Frauenbünden lebte schon der Gedanke, nur eine geringe Zahl +männlicher Kinder am Leben zu erhalten. Sie hatten vor, +das Andrängen fremder Volksmassen abzuwarten, dann diese +Waffen gnadenlos zu gebrauchen. Man hörte schon aus nördlichen +Stadtschaften, in die langsamer Fremde eingeschwemmt +wurden, daß die Frau in den Senaten die Oberhand hatte, in +ihrem Gebiet Vielmännerei durch ihre Geburtenpolitik erzwang. +</p> + +<p> +Da machte das Übermaß plötzlich auftauchender Entdeckungen +und Erfindungen, dieser so leidenschaftlich und streng von allen +betriebene Fortschritt, allen Plänen ein Ende. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ilder</span> als je erhob sich um das Ende des fünfundzwanzigsten +Jahrhunderts und den Beginn des neuen das Gespenst der +neuen Erfindung, des vernichtenden Fortschritts. Erfindungen +nahmen ganzen Industrieen den Boden, leerten wie ein Krieg +ein Dutzend blühender Städte aus, die sich auf die Wanderschaft +begeben mußten. Es war eine Wanderung von Völkern, derer +sich die Nachbarstaaten annehmen mußten, falls sie sich nicht +kriegerischer Überflutung aussetzen sollten. +</p> + +<p> +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +Nichts ist an Wut zu vergleichen dem Kampf, der gegen die +Erfindung des Lichtanstrichs geführt wurde. In dem dunklen +Helsingfors wurde einmal das Geheimnis des Anstrichs von +einem Mann gefunden, den das Fluoreszieren der Fluorite, +Sodalithe, des Berylls nicht losgelassen hatte. +</p> + +<p> +Frau Garner, deren Sklave er war, oder Freund oder Gehilfe, +griff die schwärmerischen träumerischen Einfälle Tikkanens +auf, mit scharfem Durchschauen. Zielbewußt arbeitete +sie jahrelang, ohne Tikkanen davon zu sagen. Als sie Tikkanen +in ihr völlig finsteres Versuchslaboratorium kommen ließ, aus +einer Stahlbombe an der Tür die Wand neben sich anspritzte, +und ohne daß der stumm und sanft wartende Mann einen Apparat +sah, die bereitgestellten Gasflaschen gegen die feuchte +Wand hauchen ließ, schwoll zu seiner maßlosen Verwunderung +eine Helligkeit neben ihm auf, grünlich, dann rötlich, gelb, +zuletzt ein Weiß, das alle Gegenstände Gestalt, Farbe annehmen +ließ. Das Staunen des bezwungenen Mannes war +grenzenlos. +</p> + +<p> +Tikkanen erkannte nicht die Elemente der Erfindung. Erst +wie die Frau ihm die Analyse der Spritzmasse gab, fand er sich +zurecht. Ihm dämmerte schwermütig etwas. Er sprach es aus, +als sie die Verbesserung und Vereinfachung der Methode überdachten: +im Grunde schiene ihm die Entdeckung mit seiner Beobachtung +am Strand der Insel Smölen zusammenzuhängen. +Er lächelte dabei diskret. Sie hatte dies Lächeln schon lange erwartet. +Sie ging mit ihm ohne ein Wort zu sprechen in den +Versuchen weiter. Sie forderte ihn auf, die Verstärkung der +Leuchtkraft beim Auftreffen der Masse auf pflanzliche oder tierische +Gewebe zu prüfen. Die Hunde, deren sie sich bediente, +reagierten, wie sie schon wußte; sie husteten ihn an. Der Mann +überlebte die Hunde nicht lange. Nach einem Jahrzehnt war die +Substanz fertig. Sie bedurfte einer großen Zahl geübter Sonderarbeiter +und Sonderfabriken. Aber hebelte hundert Werke +aus, die Licht Lichtträger Lichtfortführer erzeugten. Es war +so geworden: niemand war vor Erfindungen sicher, die aus +dem Hinterhalt auf die Menschen fielen. Wie früher Epidemien +die Menschen verheerten, Städte ausrotteten, so jetzt das +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +ruckweise Anwogen neuer Erfindungen. Werke Anlagen Städte +Landschaften wurden auf Grund von Erfindungen von den +überterritorialen, meist London–New-Yorker Konzernen hingestellt, +die Menschen aus allen Erdteilen für den bestimmten +Zweck ansiedelten. Bis ein neuer Fortschritt sie niederwarf verschwinden +ließ. Die planende Industriegruppe zog sich von ihrer +Gründung zurück; auf dem Kontinent aber wallten ziellos neue +Hunderttausend. Wie sie drohend entwurzelt ausgehalten von +den Nachbarstädten und Landschaften über ihren Boden fluteten, +verlangten sie Schutz vor den Erfindern, oder wie sie +sagten: vor den Konzernen. +</p> + +<p> +Da griffen die örtlichen längst verblaßten Senate dies Stichwort +auf. Sie kamen den Massen entgegen. Die Senate +schworen, jeder Zertrümmerung der Stadtschaften durch fremde +kriegerische oder technische Angriffe Widerstand zu leisten. Dann +stellten sich die Stadtschaften, stolzer als je aufwachsend, auf +eigene Beine. Die zertrümmerte Gewalt der großen Familien +wurde neu gekräftigt. Die Stadtschaften mußten sich zum Teil +nach rückwärts entwickeln, vielseitig arbeiten und erzeugen, um +nicht durch einen Stoß umgeworfen zu werden. In den Stadtschaften +bewegten sich die gezügelten Massen sehr ruhig. Sie +durften brüllen: „Weg mit neuen Erfindungen!“ Dieser Haß +war es auch, der den neuen Herren es erleichterte, die Zahl der +zur Technik und Wissenschaft zugelassenen Menschen wieder zu +rationieren und sich selbst zu befestigen. Die Senate ließen sich +offen das Mandat geben, neuaufkommende Techniken zu prüfen +und ihre Verwendung zu genehmigen. Die Stadtschaften +hängten sich eng aneinander. Es bestand ein Ring der Stadt- +und Landschaften. London, sehr aufmerksam, kontrollierte sie +mit ihrem eigenen Einverständnis. +</p> + +<p> +Die Herren der Städte aber, mit Volkszustimmung zu großer +Macht gelangt, saßen hohnvoll hoheitsvoll da, Männer und +Frauen, und lachten. Lachten, wie die Völker ihnen vertrauten; +sie wollten gewiß helfen, daß den Städten nicht der Boden durch +neue Erfindungen entzogen wurde. Lachten: „Wir werden +euch nicht den Boden wegziehen lassen. Wenn Ihr nur wüßtet, +auf welchem Boden Ihr steht.“ +</p> + +<p> +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +Es liefen damals Vertreter von Sekten und Kirchen in allen +Landschaften herum, warnend vor Fortschritten, vor den schamlosen +Weltkonzernen und ihrem zerstörenden Wirken. Sie +warnten, wie sie wieder starke Männer und Frauen an der Spitze +der Städte und Landschaften sahen, vor diesen Geschwistern +der Melise von Bordeaux, den immer wiederkehrenden Bösen. +Man könne nicht erraten, was die Macht, dieses höllische Untier, +das diese überfallen habe, mit ihnen anfangen werde. Die Oberen +strahlten. Gaben allen Sicherheit Beschäftigung Glanz. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> dem Aufkommen der künstlichen Lebensmittelsynthese +im sechsundzwanzigsten Jahrhundert trat ein beispielloser allgemeiner +Umschwung ein. Es erfolgte eine Veränderung aller +Lebensverhältnisse, zugleich die Nötigung, zu strengen ja strengsten +Herrschaftsformen zurückzukehren. Der Gewalt dieser Nötigung +konnte kein gutgemeintes Protestieren standhalten. Die +aus den Massen Kommenden waren es, die am intensivsten +die furchtbare Entdeckung betrieben und die Reaktion herbeiführten. +Die führenden Senate hatten vehement die Arbeiten +betreiben lassen; ihr Fortschritt stürzte sie in Verwirrung. Als +die ersten glücklichen Resultate nach Jahrzehnten des Tastens +vorlagen, erschraken sie. Ließen die Arbeiten erst unterbrechen, +neu beginnen; dann hielten sie die Resultate zurück. Die Erfindungen +durften nicht heraus, die Erfinder saßen in ihren +eigenen Reihen. Jahrzehntelang lagen in den Laboratorien +von Chicago und Edinburg die Versuchsanordnungen fertig, +deren Ausführung katastrophale Wirkungen auf das Zusammenleben +der Menschen üben mußte. +</p> + +<p> +Man war nicht den Weg der einfachen anorganischen Zusammenstellung +gegangen, sondern drang von Beobachtungen +des pflanzlichen und tierischen Organismus aus vor. Die ultramikroskopische +Beobachtung und Feinregistrierung an überlebenden +Organen hatte nach ungeheuren Schwierigkeiten +Fehlgehen, bei unermüdlicher Arbeit ganzer Bataillone von +Chemikern Physikern Physiologen Klarheit geschaffen über die +Umsetzungsvorgänge im lebenden Körper. Es hatte der größten +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +Fortschritte in der Physik, im Bau der Ultramikroskope, der +elektrischen Maßapparate bedurft. Von Alice Layard in +Chicago, einer weißen Frau, einem Wunderexemplar der +Menschheit, die von phantastischer Schönheit war, kamen entscheidende +Anregungen, in der Registrierung, der automatischen +Aufzeichnung von begleitenden mikroelektrischen und Wärmevorgängen +in den Organzellen. Darauf lief die Zerlegung der +komplizierten Aufbau- und Abbaumechanismen rasch ans Ziel. +</p> + +<p> +Die Physiker und Chemiker emanzipierten sich vom Tier- +und Pflanzenkörper. Man dachte längst mit Widerwillen und +halbem Lachen an die Hungersnöte, die ein einziger dürrer +Sommer über ganze Landstriche bringen konnte; diese absurde +Abhängigkeit der Menschen von Hitze und Trockenheit. Diese +Chemiker und Physiker haßten nichts so wie grüne Saatfelder +Wiesen, die burleske Ansammlung von Viehherden. Wie aus +früheren Erdperioden ragten noch in diese Zeit Schlachthöfe +Wurstläden Bäckereien hinein. Bäckereien: das waren Dinge, +die man auf altassyrischen Tontafeln meldete. +</p> + +<p> +Der große Meki in der Stadtlandschaft Edinburg hatte das +führende Laboratorium. In ihm arbeiteten zweihundert ausgewählte +Menschen. Wer nicht mit belangloser Teilarbeit beschäftigt +war, verließ das Gebiet jahrelang nicht. Meki, der +dem Edinburger Senat angehörte, war vom Senat gehalten, +die Bewachung seiner Gehilfen streng durchzuführen, bei Verdacht +auch nicht vor Internierung sich zu scheuen. Man erzählte +damals und später viel von der grünen Tafelrunde Mekis. +Grüne gleichmäßige Kleider trugen die Männer und Frauen +Mekis. Sie saßen zweihundert an ihren Tischen in dem großen +Wohngebäude hinter den Instituten. Im selben Raum standen, +in dem hufeisenförmigen Zwischenraum ihrer Tische, kleine +Tafeln, an denen in violetten Kostümen Menschen aßen und +tranken, die man Gäste nannte. Sagte man „Gäste“, so zog +man, wenn man frisch in das Institut kam, leicht die Oberlippe +zum Lächeln an; ältere runzelten die Stirn. Es waren die +Menschenopfer, die man für die Versuche brauchte, sobald sie +in ein gewisses Stadium getreten waren. Sie sahen aus wie +die anderen; allmählich veränderte sich ihr Anblick, sie wurden +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +durch andere ersetzt. Der Senat schickte aus der Stadt auf einen +Hinweis die Menschen herauf, niemals unruhige ängstliche, +noch Menschen, die Verdacht schöpften, sondern stets Beliebige, +unter dem Schein der gewünschten Mithilfe und Einweihung +in die Geheimnisse. Aber man weihte sie nicht ein, diese hundert +Menschen, die sich wunderten, wie man sie täglich wog, ihre +Körperwärme maß, sie in Gastzimmer tat; aber sie nahmen +keinen Anstoß daran, denn sie sahen, daß auch die Grünen sich +selbst untereinander so wogen und kontrollierten. Sie gingen +in den Wäldern mit den anderen, liefen trieben Sport, aber +immer wieder verschwanden welche. Sie kannten nicht das +weit zurückliegende riesige Lazarett, das neben den Stallungen +für kranke Pferde und Hunde tausend Betten für Menschen +hatte. Denn so viel Leidende häuften sich von Zeit zu Zeit an. +In Einzelräumen lagen sie; zu keiner Zeit sprach einer den +anderen; und wer genesen war, wurde nach Chicago gesetzt in +die Nähe der Station Alice Layards, die die Menschen unter +Augen behielt. +</p> + +<p> +Die Violetten Mekis kannten auch nicht den weiten sonderbaren +Friedhof. Das waren in den Boden gebaute kleine Betonkeller, +die hell zu beleuchten waren. Ging man die Treppe +herunter, so stand vor einer tief ausgekehlten Wand eine Zahl +von Kolben Gläsern Becken, die Öffnungen teils verschlossen, +teils mit Hähnen versehen, durch die zischend Gasartiges ein +und aus lief. Kleine Ventilatoren trieben surrend die scharf +säuerliche Luft des Kellers durch ein Schornsteinrohr aus. +Jedes Glas und Becken war signiert; angekettet an der Wand +hing ein mächtiges Buch voller Eintragungen. Über ihren Tod +hinaus wurden die Violetten verfolgt, die Veränderungen ihrer +Organe nach dem Aufhören der Verbindung mit den andern +weiter geprüft. Es wurde niemand den Grünen gleichgültig, +wenn er starb und das verlor, was man oberflächlich seinen „Geist“, +sein „Leben“ nannte. Aus den Speisesälen und Laboratorien +stiegen sie auf den Friedhof, maßen weiter Wärme, entnahmen +Flüssigkeiten, setzten Stoffe zu, regulierten die Gaszuführung, +führten elektrische Ströme durch, jagten Strahlen durch die +ruhenden Teile. Die Violetten wußten nie, was mit ihnen +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +geschah. Sie glaubten zu leben zu essen zu trinken zu atmen wie +die anderen. Aber sie aßen Scheinspeise, tranken Scheingetränke, +atmeten Luft in ihren Zimmern, in ihren gut abgesonderten, +verschlossenen Gastzimmern, die mit geheimen Substanzen gesättigt +war. Was man ihnen vorlegte, im hufeisenförmigen +Zwischenraum zwischen den plaudernden Tischen der Grünen, +sah aus wie Braten, schmeckte wie Soße Wein Kuchen Kaffee +Schokolade. Bisweilen und fast immer im Beginn war auch +der Braten, die Soße da, Träger der Prüfstoffe. Später gab +man nur Scheinnahrung: fleischähnliche Massen Gallerte, die +gehärtet war oder leberartige Dichte hatte. Sie war angereichert +je nach dem Versuch mit den Substanzen, die man prüfte. +</p> + +<p> +Hier gingen, in den Wäldern Zimmern Sälen, die Violetten, +die Gäste, junge Männer und Frauen aller Rassen, als wäre +nichts. Bisweilen abends wurde einer geholt, ein Mann und +eine Frau. Zwei drei der Grünen standen in der stillen Schlafkammer +vor dem aufgerichteten Wesen, das seine bunten Kleider +an den Boden geworfen hatte, fragten das Weib den Mann, +ob es bereit sei eins seiner Glieder zu opfern. Das zuckte zusammen +schrie, war im Moment narkotisch betäubt. Oder es +senkte langsam, Blick um Blick mit den ernsten Grünen tauschend, +den Kopf, sann und fragte zitternd. Es gab viele, die nicht +schrien, sondern sannen und fragten. Sie erhielten jede Aufklärung. +„Warum nicht, warum nicht?“ knirschte es zwischen +den Zähnen „wenn es Euch nur gelingt“. Und sie gingen zwischen +den Grünen in einer Auflockerung ihres Inneren, ganz +schwebend und abwesend, weggetrieben durch die Korridore. +„An mir soll’s nicht liegen. Zeigt, was ihr könnt.“ Und triumphierend +überflogen sie, als hätten sie es selbst hergerichtet, die +blendend erleuchteten weißgekachelten Beobachtungshallen mit +ihren Blicken, die Tische, auf denen Apparate standen, die +eigentümlichen Glaskästen, Särgen ähnlich, in denen Menschen +und leinenbedeckte Gliedmaßen lagen, die sich bewegten, sonderbar +die Finger spreizten, griffen. Freudig nahmen sie den Anblick +auf. Es surrte rauschte um sie. Eigentümliche Hitze wehte +überall, kam aus den Spalten der Glaskästen, in denen +Menschen, von Röhren Drähten umgeben, von Flüssigkeiten +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +umrieselt lagen, geschlossenen Auges, hell beleuchtet, deutlich die +Brust hoben und senkten. Sie hatten selbst bald, glückgeschwellt +wie sie waren, die entrückende Maske vor dem Gesicht. +</p> + +<p> +Um sie, in gläsernen Schränken, in Kästen Wasserbetten, bei +wechselnder Temperatur von Erdkälte bis zu hoher Wärme lagen +auf Watte, schwammen in Behältern umhüllt und bloß, weiße +und rote Organe und Organteile. Aus Standgefäßen floß +ihnen in dünnen Röhren die ernährende Durchblutungsflüssigkeit +zu. Sie rieselte auch in die Leiber die Muskeln der bewußtlosen +schlafenden geöffneten Menschen, der Männer und Frauen +aus Uganda aus Kapstadt London, wie sie herangetrieben +waren. An alle, lebende Organismen, lebende Organe, durchpulste +Organteile waren die beobachtenden Apparate herangeschoben. +Die Grünen gingen hin und her, entnahmen Zellen, +trugen sie in Schalen an andere Kästen. Die ungeheuer hohen +Glaszylinder, in denen sich weiße rotgeäderte Därme an ihrem +Gekröse langsam wurmartig bewegten, getrennt oder verbunden +mit dem Organismus. Substanzen goß stäubte strich man +auf sie, beobachtete die Verwandlung, die sie auf der triefenden +Schleimhaut, an der dünnen Darmwand erfuhren. Die +Schädel waren manchen der Menschen geöffnet, die behaarte +Kapsel lag neben ihnen. In ein flüssiges warmes Bett war +nach rückwärts das vorquellende pulsierende Gehirn gelagert. +Dick zogen sich die blauen strotzenden Venen über die weißliche +gefurchte Masse; sie war auseinander gezogen, Drähte und +Röhrchen führten in ihr Inneres. Drähte und Röhrchen führten +auch zu den Därmen, in das Blut, in die Leber. Mit blitzenden +Metallapparaten, schickenden registrierenden, war alles verbunden. +Auf Gummisohlen gingen Männer und Frauen mit +schützenden Gesichtsmasken durch die Räume, in denen kein +Laut gehört wurde außer dem gelegentlichen gesangartigen +Stöhnen, das aus den Glassärgen kam. +</p> + +<p> +Schwere Eisenwände, verschiebbar, trennten die gekachelten +Räume von stark gemauerten, in denen auf Beeten Erdaufschüttungen +Pflanzen, niedrige und hohe Bäume wuchsen. Auch +sie waren umgeben von einem Wirrsal von Drähten und Röhren. +Sie waren gespalten, angebohrt; in die Kronen Stämme +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +Wurzeln führten Leitungen. Kühl waren einzelne hohe Säle +durchweht; in anderen brütete die Luft; rote grüne phosphoreszierende +Lichter lagen auf den Pflanzen. +</p> + +<p> +In kleinen und unscheinbaren fabrikartig finsteren Seitenräumen +und Kellern, in Bottichen, hitzeschwebenden Kesseln und +Schranken geschah die Hauptarbeit dieser Anlage: die Nachahmung +Nachbildung der beobachteten Vorgänge, erst mit +reichem lebendigem Hilfsmaterial aus Tieren und Pflanzen der +Nachbarräume, dann mit immer weniger. Die Hilfssäfte und +Zellen wurden aufs äußerste eingeschränkt; es ging so weit, +daß Meki sagte, er brauche zur Erzeugung einer Fettsorte, einer +Eiweißgruppe, nicht mehr lebender Substanz als der frühere +Bierbrauer Hefe zu seinem Getränk. In der Tat vermochte +auch Meki nie ganz organisches Material auszuschalten. Und +die Arbeit, die den ersten Schritt des Unternehmens in die +Praxis bedeutete, war die Errichtung riesiger Hallen zur Konservierung +und Züchtung bestimmten Zellenmaterials aus tierischen +und pflanzlichen Leibern. +</p> + +<p> +Zuletzt ließ sich der kleine langbärtige Mann, der ein skeptischer +Philosoph war, Meki, der mit den Augen zwinkerte und +wenn er jemanden sprach, seitlich zu Boden blickte, im Wald +seiner Anlagen, entfernt von den Prüf- und Wohngebäuden, +ein Haus errichten, das zum freudigen Schreck der nicht eingeweihten +Gehilfen völlig den Charakter einer Fabrik hatte. +Sie sahen die Apparate, die sie für die Organe in den Hallen +der Lebenden und in den Friedhofshallen benutzten, antransportiert +in die hundert zellenartigen Räume des Gebäudes; +man schleppte Tonnen chemischer Stoffe an, stellte Gaserzeuger. +Man sah, wie die Räume, Stock um Stock, eine Einheit +bildeten, wie Substanzen, schlüpfend von einem Raum in den +anderen, unter Wechsel der Temperaturen, einen Weg gingen, +dort kürzer, dort länger verweilend, mit anderen gemischt geschmolzen +gelöst sich veränderten. Das kleine, von Gärten und +Mauern umschlossene Gebäude, das völlig fensterlos war und +nur in einzelnen Zimmern Luft durch Röhren erhielt, das +gegen Licht und Luft abgedichtete Haus war von einem Durcheinander +schniefender blasender rumpelnder Geräusche erfüllt. +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +Es knurrte, wenn man sich ihm von außen näherte, in allen +Ritzen wie ein böses Tier; die gemauerten Wände waren +außen zum Abschluß der Lichtstrahlung mit einer schwarzen zusammenhängenden +Glasmasse überzogen. +</p> + +<p> +Als in Chicago zuerst Einzelheiten der künstlichen Lebensmittelsynthese +bekannt wurden, unter stärkster Erregung der +Stadt, machten Neuyork und London alle angegliederten Staaten +und Stadtverbände auf die Gefährlichkeit rascher Entschlüsse +aufmerksam, warnten vor übereilter Herausgabe der Arbeitsmethode. +Da Chicago aber schon selbständig vorgegangen war, +auch Alice Layard offen erklärte, sie habe die Mittel in der +Hand, um ganze Völker ackerlos und sonnenlos jahrzehntelang +zu ernähren, so blieb nichts übrig, als die Gefahren der neuen +Entdeckungen möglichst gering zu gestalten. Von Alice Layard +wurde bekannt, daß sie an der Spitze der nordamerikanischen +Frauenkameraderie stand. Sie war von ihren Verbänden auf +die Furchtbarkeit der Waffen hingewiesen, die die Frauen sich +schaffen könnten, wenn sie sich die Synthese reservierten; man +wollte Alice, dieses kapriziöse Wesen veranlassen, die Arbeitsmethode +zu verheimlichen und Chicago zum Zentrum eines +Weiberstaates zu machen. Alice konnte sich den Triumph des +Siegs über Millionen Männer nicht entgehen lassen; sie konnte +nicht schweigen. Im Chicagoer Senat aber war sie dann bald +allein neben den Männern. Das ertrug sie nicht. Sie verlangte +ihren Einfluß in der Kameraderie wieder; die Frauen verfolgten +sie aber mit Haß. Da leistete sie sich eines der Stücke, wie +man sie viel von Frauen hörte. Sie trat in ihrer Kameraderie +auf, redete dunkel davon, daß man sie und ihr Handeln jetzt +mißverstehe, daß man später klar sehen werde. Darauf hörte +man monatelang nichts von ihr. Im Bereich der Stadtschaft +Chicago aber, nach der ein unerhörter Zustrom von Menschen +stattfand, stellte sich bald Siechtum unter den künstlich ernährten +Menschen ein. Meki wurde von dem Senat nach Chicago zur +Aufklärung der Vorgänge berufen. Meki war ein ruhiger Mann, +an rasches Handeln gewöhnt. Er hatte von weitem geglaubt, +es handle sich um Beri-beri oder Skorbut; als er aber die Menschen +auf den Straßen und in den Häusern sah, die Tausende, +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +die von Zuckungen und Lähmungen befallen waren, wurde ihm +klar, daß planmäßig an einer Diskreditierung des Verfahrens +gearbeitet wurde. Die Giftstufe einiger Eiweißkörper wurde +immer beibehalten. Beobachtend erkannte er Alice Layard, zu +seiner Verblüffung, als die planmäßige Störerin der Arbeit. +Er fand das schöne weiße scharfsinnige Weib traurig liegen in +ihrer Wohnung; sie war verstört, versunken, nicht geneigt ihm +Rede zu stehen. Sie war nicht getroffen von dem Unglück, das +sie anrichtete, sondern von der rachsüchtigen Härte ihrer Geschlechtsgenossinnen, +die sie auch jetzt zurückwiesen. Sie konnte +sich nicht rein waschen; sie grub sich noch tiefer ein. Der benachrichtigte +Chicagoer Senat, bestürzt und tief ergriffen, ließ das +schöne Wesen, das großen Ruhm genossen hatte und der Stolz +der halben Welt gewesen war, in ihrer Wohnung von fünf +Negern totknütteln. Die Frauen schwiegen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">icht</span> wie einen Regen, den man aus einer Berieselungsanlage +auf das trockene Beet fallen läßt, sondern wie eine Bestie, +die man auf die Straße führt, mit eisernen Stangen rechts und +links gehalten, so, zwingend fesselnd, ließen im zweiten Drittel +des sechsundzwanzigsten Jahrhunderts die großen westländischen +Stadtschaften die ungeheure Neuerung unter ihre Menschen +hinaus. Senate, neue Herrenschichten wurden wie durch +kein früheres und späteres Ereignis in diesem Moment zusammengeschweißt, +zu Stein befestigt. Jetzt mußte man zur +Erkenntnis kommen, wer man war. Vor aller Augen stand +das großartige Beispiel Englands selbst, der weisen erfahrenen +Führerin dieser Völkermasse, die den großen Meki behandelte +wie einmal Spanien den viel kleineren Christoph Kolumbus: +sie kerkerte ihn fast zehn Jahre in seiner Edinburger Anlage ein. +Meki selbst legte, freigelassen und nach London zu einer Besprechung +geladen, Hand an sich. +</p> + +<p> +London faßte, daß man sich in den alleinigen Besitz aller +Geheimnisse der Synthese und aller Anlagen setzen mußte und +daß man damit in den Besitz eines beispiellosen Machtmittels +kam. Während die Schwesterstadt Neuyork noch zögerte, hatten +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +Londons ruhige stille Männer und lächelnde langsame Frauen +schon Anlagen nach Anlagen in Wales und Cornwall errichten lassen. +Und während die Senate der Kontinente die Verzögerungsmaßnahmen +berieten, die Dosierung der Herausgabe an die +Massen, gab plötzlich an einem bestimmten Maitag der Londoner +Senat allen ihm direkt unterstehenden und befreundeten Landschaften +die bedrohende Neuigkeit bekannt, gab bekannt die Zahl +und den Ort der stark geschützten Fabriken, nannte den Namen des +toten ruhmreichen Meki, dem der Senat zum Jahrestag seines +Freitodes Säulen in allen großen Zentren zu errichten befahl. +</p> + +<p> +Wie einen Schlag ließ der kühle Senat auf seine europäischen +und afrikanischen Gebiete die Nachricht niedersausen. Er zeigte +auf die sehr geringe Arbeitsleistung für den synthetischen +Zucker Fette und Fleischmassen, ermahnte sich der Neuerung +zu bemächtigen und äußerlich die von der Wissenschaft hergestellten +Substanzen zu erfreulichen Genußmitteln zu machen; +kündigte an, daß eine neue Ära in der menschlichen Arbeit beginne: +dieser Triumph entlaste die nach Freiheit und Würde +ringende Menschheit. +</p> + +<p> +London wußte, daß Verwirrungen und Unruhen in allen +Gebieten seines Einflusses einsetzen würden, auch, daß es zuletzt +Herr der Situation sein würde. Den Atem verhaltend +sahen die kontinentalen Staaten und großen Stadtschaften dem +Vorgehen Londons zu, das entschlossen war, weit über Jahrhunderte +voraussehend, den schwächeren Tochterstaaten zu +zeigen, welcher Weg zu gehen war: der der absoluten Inbesitznahme +der Machtmittel durch eine sichere Schar Menschen. +Über die von England beherrschten Gebiete der britischen Inseln +und Afrikas kam ein Taumel. Es ist nichts dem angstvollen +Tumult zu vergleichen, der, rasch gesteigert, sich nach einigen +Wochen in den Landstrichen entwickelte, die, in Südafrika vornehmlich, +dem Ackerbau und der Viehzucht dienten. Als die +großen Stadtschaften den Auftrieb der Viehherden ablehnten +und man Viehhöfe Schlachthäuser schloß. Als man die Bewachung +der Getreidespeicher aufgab; die Tore der Speicher +offen ließ, das Mehl in Säcken auf die Höfe schüttete. An vielen +Orten waren vor kaum einem Jahrzehnt starke Mühlenanlagen +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +nach neuen Prinzipien errichtet worden; sie bedeckten das Areal +großer Dörfer; umgeben waren die Gebiete von Spielplätzen +Wohnhäusern Verkaufsstätten. Die Speicher ließ man geschlossen, +dann wurden sie von lungernden Massen angezündet; +die Mühlen gesprengt. Es war eine falsche bewußtlose Richtung, +in der die Erregung, die flackernde oft mit Wut geladene Fassungslosigkeit +der herumlagernden Massen ablief. Sie brachen +von ihren Wohnsitzen auf, gingen zielsuchend an die Zentren +heran. Die Stadtschaften selbst waren unterminiert, die Hallen +großer Fabriken leer. Draußen trieb die Landbevölkerung an, +trollten die Bauern, die durch Gerüchte erschreckt waren, wogten +die Männer und Frauen, die die Eisenwerkzeuge für die +Äcker gearbeitet hatten, geschmolzen gehärtet geschmiedet geschnitten +erkaltet geputzt. In dem Gewühl der Menschen war +ein Hin und Her der Gefühle. Niemand entbehrte Nahrung, +niemand konnte sagen, daß ihm etwas entzogen war und doch +bluteten sie, waren widerwillig finster, als sie von den Öfen getrieben +wurden, die Mühlen stehen ließen. Man würde ihnen +sagen, erfuhren sie an den Zentren, was sie zu verrichten hätten, +es würde ihnen an nichts fehlen. Und der anfängliche Zweifel +wurde durch die Tatsache widerlegt: die Eisenzüge mit Tonnen +und Säcken rollten Tag um Tag in dieselben Schuppen, +in denen das Mehl abgeladen war. Während schon alle Speicher +ohne Widerspruch der Senate, ja sichtlich von ihnen begünstigt, +ausgeleert und von johlenden Horden abgesengt waren, waren +die Auslagen der Bäckereien mit Brot und Kuchen im Übermaß +gefüllt. Ja, London wies die Senate an, auf Wochen Mehl zu +verschenken, um den Eindruck zu verstärken und seinen Schlag +verwirrender und wuchtiger zu führen. Die großen Hallen für +Butter Öle Speisefette boten die künstlichen Stoffe aus; man +hatte sie den natürlichen zum Verwechseln ähnlich gemacht im +Schnitt und Strich, ihre Festigkeit war stärker als die der natürlichen. +Lachend, Arm in Arm gingen in den englischen und +südafrikanischen Zentralen die weißen braunen schwarzen Menschen +durch die Hallen. Man träumte, war in einem Schlaraffenland. +„Sie haben künstliche Tiere. Sie können Bäume machen.“ +Allein die fleischartige gehärtete Gallerte, die Trägerin der +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +Eiweißstoffe, wurde verspottet. Was überall aus den Fabriken +in Waggons angefahren wurde, die schneidbare bald leber- bald +knochenartige braune und rosa Grundmasse, die sich auf Kochen +erweichte, bisweilen bis zur Weiche des Leims, wurde ausgespien, +behagte den starken Zähnen, die reißen und zerren +wollten, den Backenmuskeln, die knirsch- und mahlbegierig waren, +nicht. Der Geschmack wich von dem tierischer Muskulatur +ab. Den Viehzüchtern Viehhaltern war so Schonzeit gegeben, +bis auch sie wichen dem Mekifleisch. Dessert für Feinschmecker +wurde das gesottene gebratene gebackene gedünstete Fleisch +natürlicher Vögel Fische Rinder Schalentiere. +</p> + +<p> +Die Äcker verlassen, die ungeheuren Flächen Bodens, jahrtausendelang +von Generation auf Generation gepflegt gebaut +geliebt. Die Urwälder waren niedergebrochen worden, +die umschlingenden Lianen abgerissen. +</p> + +<p> +Wilde Tiere hatten abgeschossen werden müssen, der gelbe +Löwe der Panther. Die Termiten waren verjagt worden; +Bäche umgeleitet, Hütten gebaut, feste Häuser, Dörfer und +Hunde dazu, Stallungen für Hühner Gänse Kühe. +</p> + +<p> +In den südlichen Zonen gab es Gebiete, die erst vor ein zwei +Jahrhunderten freigelegt abgeholzt waren. Die eiserne Pracht +der Nordländer war angezogen, hatte gezerrt gerissen gewürgt +an dem Boden, die Pflanzen und Wurzeln geschluckt zerbissen +zerkaut. Die Steine, die der Boden barg, waren aufgehoben +worden, fortgeschleudert auf Trümmerhaufen. Man hatte in +das schwarze Bett, das die Baum- und Pflanzenleichen verlassen +hatten, Millionen blasser zarter Keime gelegt. Der Boden +nahm sie willig auf; die Keime trieben mit grünen Spitzen über +die Oberfläche. Grüne weite Felder, dichte Wälder der Halme, +der sanft im Wind schaukelnden Ähren erhoben sich. Sie standen +jetzt mit den Scheunen Schuppen Wohngebäuden, die man +zu räumen begann, da. Die Menschen zogen sich in die Riesenstädte +zurück. Sie kapselten sich in den Städten ein. Gaben den +größten Teil der Erde frei. Der Boden ruhte aus. Die Halme +wuchsen wild, welkten; bunte Blumen, die man vorher Unkraut +nannte, wucherten dazwischen, Tiere schlichen ein, die Feldmäuse +sprangen offen am Boden. +</p> + +<p> +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +Der uralte Boden lag stumm unter den auf- und abgehenden +Lichtern des Himmels, mit den Winden der Wärme den Gewittern +den Regenstürzen. Bezog seine Nacktheit mit Blumen +Pflanzen Tieren, rollte sich wie ein Igel ein. +</p> + +<p> +Die Menschenmassen, in die Städte gelockt, kamen fest in +die Hände ihrer eisernen Regenten. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Spiel, das London begonnen hatte, wurde von den +andern Zentralen fortgeführt. Nach einem Jahrzehnt war im +westlichen Völkerkreis der Ring der großen Herrengeschlechter +geschmiedet. +</p> + +<p> +Das strenge leidenschaftliche Ringen der Arbeitenden konnte +aufhören. Immer war seit da die westländische Bevölkerung, +fast völlig von den Stadtschaften verschlungen, geteilt in die +kleine Masse der Schaffenden und die Riesenmenge der Untätigen. +Die Menschen der Gruppen wechselten nach Neigung +und Bedarf. Mit Vergnügungen Scheinarbeiten mußte man +die Massen der Lungernden beschäftigen, deren Zahl stieg. Die +einförmige Zucht verlor sich schnell. Eine wüste Vielförmigkeit +entfaltete sich. Die Herrschenden hatten neben sich große Stäbe +von Kundigen und Scheinparlamenten, die sich mit der Ablenkung +der untätigen Massen befaßten. +</p> + +<p> +Noch immer erweiterten sich die großen Stadtschaften. Der +Zustrom der Fremden, das Wallen hin und her nahm kein Ende. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">L</span><span class="postfirstchar">euchtmar</span> und Rallignon, Männer vom Schlage Inka Stochods +und Yorres, die die Herrschaft in den westeuropäischen +Senaten an sich gerissen hatten, fühlten, was sich unter ihren +Füßen regte. Das siebenundzwanzigste Jahrhundert, das +Jahrhundert der Verhängnisse für den westlichen Völkerkreis, +war heraufgezogen. Dieses Sieden, unbefriedigte Rollen. Gefährliche +Gleichgültigkeit, plötzlich aufgetaucht und alles zermorschend. +Nichts geschah isoliert. Die Horden Menschen, die +in London an den Maschinen und dem Industriekörper hingen, +erlahmten zusehends unter denselben Gefühlen wie die in +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +Paris Berlin Neuyork. Die wilden Erregungen, heftigen Reize +flossen von allen ab. Man ließ in Mißtrauen Apathie von den +lockenden Dingen ab, an denen man gehangen hatte. Prunk +Spiele Gelage entfalteten wenig Wirkungen mehr. Modische +schöne lebenpeitschende entzückenheischende Gegenstände, von +den Maschinen erzeugt, standen vor den Menschen, die stumm +die Lippe sinken ließen. Das wühlte herum in alten vergessenen +Kostümen. Völkerschaften, gemischte, gaben sich zu +erkennen, wie Kinder die müde werden, in der Zimmerecke +stehen und anfangen an einem Finger zu lutschen. Deutsche +hielten die schwere Bibel in der Hand, blätterten im Gesangbuch, +sangen trübe im Wald. Träge ließen die schwärzlichen +braunen Menschen in den südlichen Gebieten sich fallen: da +lebte in ihnen das Gefühl der reichen ernährenden Landschaften +auf; sie konnten das Gefühl, das wie Rauch im Regen durch +sie schwelte, nicht erreichen, kamen zu keinem Frieden. Arabische +Stämme, in den wallenden verschlingenden Strudel der +Westvölker gezogen, wurden vom Drang zu den Apparaten, +den tosenden Maschinenhäusern losgelassen. Mit verhängten +Augen blickten sie auf stille Ebenen, bestiegen Pferde. Und +wie sie darauf hingen, war es dumm, was sie taten; Pferde +waren dumm. Die Maschinen arbeiteten wie sonst. Die +Wasserfälle warfen ihre Hochspannungen über Meere Gebirge +in die Städte. Es war, als wäre die Verbindung zu ihnen durch +eine feindliche Gewalt gestört. Die man wegschieben mußte. +</p> + +<p> +Die riesigen Massen, mit denen fast ruckartig nach der Freigabe +der Entdeckung Mekis die Stadtschaften sich vollsogen und +die sich untätig um die ernährenden Werke versammelten, +warfen sich. Aus den Werken gingen immer kleine Scharen, +müde wie sie, blinzelten, waren einsilbig. Phantastische Spiele +in den Städten, um die Städte Blumen- und Tierzuchten, +waren aufgeblüht; sie lockten wenige. Die Massen in allen +Zentren des westlichen Völkerkreises wurden fetter träger, +zuckten exotisch heftig launenhaft. Ein unterirdischer Groll +wuchs in allen Zentren, in diesen hier weißen, dort negerhaften, +dort bräunlichgelben üppigen Menschen, die sich Tempel +Moscheen Kirchen bauten, zu dunklen Göttern mit halbem +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +Herzen beteten, im Grunde von keinem der Wanderprediger +und Propheten gefaßt wurden. Es geschah, daß an manchen +Orten sich nicht genug Menschen fanden, die geneigt waren, +die Werke zu betreten. +</p> + +<p> +Trägheit wucherte über allen Landschaften, zusammen mit +einer eigentümlichen Finsternis. Wie man in einem unsäglich +sich tiefer und tiefer auswirkenden Überdrußgefühl lagerte, +schwoll alte Gehässigkeit zwischen den in den Stadtschaften beisammen +wohnenden Stammesresten an. Da war es Bogumil +Leuchtmar aus der hamburgischen Stadtlandschaft, der mit +einer Gruppe junger Regenten und Regentinnen den Anfang +machte. Die Wieschinska, seine ehemalige Mitregentin in +Heraklopolis, der schlesischen Stadtlandschaft, die von Berlin +ihren Ausgang genommen hatte, war mit ihm; ein Weib +namens Azagga, die in der bayrischen Stadtlandschaft dominierte, +ferner Uru aus Palermo und der Dongod-dulu aus +dem ägyptischen Zentrum. Sie waren sich klar, wie sie in +Heraklopolis bei der Wieschinska zusammentrafen, daß sie einer +langsamen Zersetzung oder erneuten Ausbrüchen zuvorkommen +mußten. In ihnen war die Kraft der Apparate das Glück +der prangende stierartige Stolz der Maschine; wie in Palmen +lebte er in ihnen, suchte nach Auftrieb und Krone. Der Italiener +Uru verfiel der Wieschinska; die spöttische Frau mußte +das übersprudelnde Geschöpf zur Besinnung bringen, ihn, der +unter ihre dienenden Männer treten wollte. Es gab Lachen +unter den fünf Regenten in Heraklopolis, als der stämmige +Uru in der blaugelben Schärpe des Männerharems der Wieschinska +zu einer Besprechung erschien. Die Schärpe hatte +er gestohlen; die Wieschinska riß sie ihm ab. Einen Augenblick +zuckte in der kleinen Gruppe der fremdartige Geschlechtshaß +auf; der Wieschinska schien es, als wollte Uru sie verhöhnen; +die Männer blähten sich heimlich über die Niederlage der Frau. +Nach zehn sachlichen Worten war der Strom abgelenkt. Sie +brauchten nicht durch Heraklopolis wandern, um zu wissen, daß +unberührt gefeiert vergöttert die schaffenden Apparate stehen +bleiben mußten. Unberührt gefeiert vergöttert ihr Blut. +</p> + +<p> +Die lohenden Standarten nahmen sie auf. +</p> + +<p> +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +Wie Bogumil Leuchtmar, Wieschinska aus Heraklopolis, +Azagga, Uru und Dongod Dulu über die norddeutsche Tiefebene +flogen – Landschaft neben Landschaft ausgegossen, murrende +gärende Menschenmasse getrieben zwischen Häuserreihen, unkenntliche +Beobachtungs- und Bewachungsposten zwischen ihnen +– da fühlten die Massen noch nicht ihr Schicksal. Wie Menschen, +die feindlich in der Liebe aneinander gekettet sind, zusammengeflochten, +um sich zu zerreißen zu quälen zu beißen, so umwanderten +sie kopfsenkend noch die verborgenen geschützten +Orte der Apparate, angriffsbereit liebesbereit umschlingensbereit. +Den fliegenden Regenten war nichts unsicher. Die +Standarten mit den Gestirnen und dem Feuer wehten vor +ihren Apparaten. +</p> + +<p> +Sie trafen nicht in London ein, wohin sie geladen waren. +In Brüssel hielten sie. Leuchtmar war es, der die Fahrt hemmte. +Er war es, der plötzlich die Fahne noch bevor er landete, scheinbar +unabsichtlich einzog zerriß, in Fetzen fallen ließ. Die +anderen waren schon in Brüssel, da schwamm er noch, gehemmt +unschlüssig in der Luft, umkreiste die Stadt bis an die Nordsee, +fuhr an, zurück, als müßte er sich durch ein Gestrüpp Bahn +brechen. Wie auf schwellendem Moor fuhr er, ratlos. Und +ratlos, – als hätten sie sich verabredet, begegneten sie sich – +hielt bei Dünkirchen Rallignon. Auf dem Boden der Konferenz, +die vor vier Jahrhunderten nach dem Fall Mailands den +Herrengeschlechtern die unbedingte Macht in den Staaten und +Städten gegeben hatte, wanderten sie nebeneinander, sahen +sich nicht an. Denn auch Rallignon dachte an Krieg. +</p> + +<p> +In ihm war der Kriegsgedanke berauschend aufgegangen. +Aus den Apparaten wie aus Wein war er zu ihm aufgestiegen. +Niemand sollte ihnen widerstehen. Man wollte sie haben, ihren +Preis singen, der Welt offenbaren. An die Grenzen des Wirklichen +und Möglichen sollten sie, über das Erdenkbare hinaus +mußten sie fahren. Man wollte die Waffen die Kräfte nicht +gegen sich, sondern um sich führen. Rallignon durchfühlte es +lüstern angstvoll wie Leuchtmar. Es mußte Staat gegen Staat +gehen. Welcher Staat gegen welchen Staat? Darum sahen +sich Leuchtmar und Rallignon nicht an. Ein Belgier holte sie +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +von Brüssel ein. Verstört wie sie. Diese Gedanken gingen wie +Gespenster um. Wer an die Apparate rührte, jetzt, in diesem +Augenblick, wurde von ihnen getroffen. +</p> + +<p> +Im Wagen fuhren sie zu dritt auf Brüssel. Bogumil brusteingesunken +im Wagen stöhnend höhnend: es sei sinnlos nach +Brüssel zu fahren: er werde umkehren; sie müßten bedenken, +was sie vorhätten. Der sehnige Rallignon neben ihm war +fleckig rot, verändert. Furchtsam blickte er rechts und links zum +Wagen hinaus: es sei nicht ungefährlich für sie auf dem Land +zu fahren; man werde sie erkennen; wenn man sie erkannte. +Er glaubte schon, man wüßte, was er in sich trug; drückte sich +in die dunkle Ecke des leichten flotten Gefährts, zog die Mütze +über sich: man werde sie erwürgen. Leuchtmar zu ihm gedreht: +„Warum denn? Was haben wir getan?“ Aber er faßte schon +nach seiner Brust, erblich: „Ich habe keine Waffen.“ Der +Flame saß mit offenem Mund, drängte auszusteigen. Als der +Wagen in einer Schonung hielt, hatte sich der schwere Leuchtmar +über seine Knie nach vorn gelegt; nach den Händen Rallignons +tastete er: „Rallignon, mein Freund. Mein Freund. Nicht +mein Feind. Sag ja.“ „Ich kann nichts sagen, Bogumil. +Komm. Was soll werden.“ Leuchtmar faßte sich mit den Händen +an die Schläfe: „Mag sich Europa selbst zerstören. Wir +wollen nichts tun. Wir wollen es nicht tun. Wir wollen uns +nicht dazu hergeben.“ Rallignon war herausgesprungen. +Leuchtmar ging hinter ihnen: Er hielt wie die beiden andern +die Augen niedergeschlagen, konnte die Häuser Felder nicht +sehen, stöhnte. Flüsterte hinter den beiden: „Nichts davon +sprechen. Ich behalt es bei mir. Ich gebe nichts von mir. Man +soll mich nicht dazu bekommen.“ Einzeln gingen sie in Häuser, +kleideten sich um. Verkleidet kamen sie in Brüssel an. +</p> + +<p> +Da hatte die Wieschinska schon erklärt: sie werde nicht nach +London gehen. Die Azagga, in deren Senat englische Aufsicht +überwog, schloß sich stürmisch an. Der aus Palermo und aus +Kairo waren nicht weit sich der Wieschinska anzuschließen: man +würde zusammenziehen was man hätte und gegen England +richten. Leuchtmar, eingefallen, bat nichts zu beschließen. Man +solle nach London. Die Wieschinska erkannte, daß er, der nicht +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +von der Tischplatte aufblickte, Aufschub wollte. Sie wetterte +forderte Entschluß. Leuchtmar und Rallignon, wie sie aufstanden +und zurücktraten, wirkten erschütternd. Der Flame flehte: +„Wir wollen nichts beschließen.“ Leuchtmar und Rallignon schienen +gelähmt. Die Wieschinska wollte sie mit Fäusten angreifen. +Vor dem bösen Blick Leuchtmars wich sie zurück. Ohne ihn und +Rallignon war nichts zu unternehmen. Plänkelnd gab sie nach. +</p> + +<p> +In London, in den geheizten Glashäusern, waren asiatische +Fremde erschienen. Zufällig waren sie da. Die Mongolen +hatten eine Erkundung Londons und des Zustandes der westlichen +Staaten vor. Die Kontinentalen umzogen die fremde +Deputation wie Hunde den Knochen. Stellten sich, sonderbar +gelockt, vor sie, befragten besahen behorchten sie. Die melancholischen +klugen Engländer traten beobachtend hinter ihre östlichen +Gastfreunde. Wie ein Blitz senkte es sich in Bogumil, +den trüben plumpen, daß er die Mongolen, die starkknochigen +weichen schmunzelnden, diese für sich kichernden Japaner, diese +beiden wuchtigen weithosigen Russen haßte. Seine Augen +waren stier. Er haßte sie. Rallignons Backenmuskeln wie +Balken; er knirschte mit den Zähnen. Sie fingen, sich bewegend, +wilde Hänseleien mit den Östlichen an, die die Londoner zu +schlichten suchten. Die üppige Wieschinska begriff, was in den +beiden Männern vorging, kniff die Augen zu, jubelte. Azagga, +der glotzäugige weibliche Koloß, Uru und der schwarzhäutige +Dongod Dulu ließen sich schleppen. Die stillen Engländer +brachen die Besprechungen für Tage ab, um die merkwürdige +Stimmung der kontinentalen Freunde zu erkunden. Sie trafen +bei denen keine Überlegung mehr an. Keine Nachricht war zu +den Engländern gekommen von dem Plan, sie selbst anzugreifen. +Aber vor diesem starken bluttiefen Verlangen, das +sie sahen, fuhren sie zurück, dachten nach, erschraken, lenkten ein. +Unten sprühte die Stadt, in dieser Minute, der nächsten, +folgenden. Da zogen sich die Engländer zurück, um die Dinge +zu überblicken. Die kontinentalen Gäste wußten, daß sie bis +zur Entscheidung in Gefangenschaft und unsichtbarer Aufsicht +der Londoner waren. Keiner unter ihnen hatte jetzt Furcht. +Die Engländer erwogen nur kurze Zeit, ihre Freunde zu töten. +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +Sie wußten, daß Kampfobjekte gesucht wurden und daß sie +selbst das nächste wären. Sie setzten sich zu der Delegation +Leuchtmars. Zu keiner neuen Besprechung luden sie die Asiaten. +Sie seien, erklärten sie denen, durch Angelegenheiten des +nahen Kontinents stark beschäftigt. Freundlich geleiteten sie +die Asiaten zu ihren mächtigen Luftschiffen. Schon aus Paris +wurde gemeldet, daß die asiatische Kommission in der Nähe der +Stadt die Luftschiffe verlassen und, offenbar um unkenntlich +zu sein, sich auf kleinen Fahrzeugen zerstreut hatte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> östliche Menschheitskreis lag stumm auf dem uralten +Riesenkontinent. Die dunklen Massen Asiens hatten die Maschinen +empfangen; es war etwas Fremdes, lief wie eine +Raupe über sie. Sie ließen die feinen Apparate, die schweren +dumpfen Eisenwesen auf ihrer Erde stehen, die griffen ihr Herz +nicht an. Immer waren von den vielen hundert Millionen +Menschen Scharen im Westen, sogen mißtrauisch aufmerksam +die fremden Kenntnisse ein. In der Zeit der strengsten Herrengeschlechter +nahm eine ausgewählte Schar der Asiaten an den +verbotenen Studien teil, wurde in den Besitz der Materialien +und Modelle gesetzt. Dies duldete England, weil es friedlich war +und die Asiaten sich verbinden wollte. In Asien welkten blühten +Rassen; kaum, daß die Westler Kenntnis von ihrem Ergehen +hatten. Bombay Kalkutta hatten ihr europäisches Gesicht abgelegt. +In China waren große neu entstandene europäische +Städte weggefegt worden; Einheimische hausten handelten in +den Ruinen Gewölben der Europäer. Es war nicht möglich gewesen, +den gelben braunen Millionen westliche Bedürfnisse einzuimpfen; +sie hatten Gewehre und Waffen genommen, um die +Fremden zu vertreiben. Langsame Berührungen, zögernde +Verhandlungen fanden mit dem immer besorgten London statt. +Als in Bombay Lhassa Peking Tokio Kasan Tobolsk die nach +London entsandte Kommission erschien, war man für alles gerüstet. +In den westlichen Kapitalen war die Bewaffnung der +Asiaten bekannt; man glaubte sich voraus. Es gab schließlich +keine Bedenken. Man mußte losbrechen. +</p> + +<p> +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +Die Apparate hatten sich in den vergangenen Jahrhunderten +völlig verändert. Aus Maschinen, in Hallen durcheinander gestreut, +waren Maschinenblöcke Maschinenhäuser Kolosse Pyramiden +von Anordnung, Maschinenorganismen geworden. Große +Menschenmassen der Periode nach Dünkirchen bis zur Zeit der +Rebellen Targuniasch und Zuklati hatten sie auftürmen und +bedienen müssen. Die Energiewirtschaft hatte zur Verkuppelung +der Kraftwerke untereinander geführt. Der Aktionsradius +für die erzeugten und transformierten Energien war ins Riesige +gewachsen. Die Energien wurden an wenigen Punkten gespeichert. +Neben den Krafterzeugungsblock traten die Kolosse +der Sondermaschinen, für einzelne Landstriche arbeitend, im +ganzen Land waren keine vereinzelten Maschinen. Dies war +– gegen Ende des fünfundzwanzigsten demokratischen Jahrhunderts +– die Zeit, wo die Sonderung unter den Stadtlandschaften +sich unwiderstehlich durchsetzte, Glasstädte Lichtstädte +Nahrungsstädte Kleidungsstädte entstanden. In den Versuchsstädten +und abseits von den Sonderstädten begannen sich die +Erfindungen zu häufen. Da stürzten in wenigen Jahrzehnten +Blöcke und Pyramiden der Maschinen zusammen. Neue Naturkräfte, +gasförmige strahlende, schon vor einem Jahrhundert aufgespürt, +waren von den Zeitgenossen Mekis gefaßt, in Apparate +gespannt worden. Die polternden Kolosse wurden durch Liliputapparate +beschämt. Jahrzehnte Jahrhunderte von Kraft wurden +wehrlos, gelähmt von dem Blick dieser Minuten. Man legte die +großen Maschinenstädte nieder. Unscheinbar in geschützten Gewölben +die feinen zierlichen Apparate, in denen die Naturkräfte +gefangen waren wie Gespenster in der Flasche. Wenige +Hände brauchten sie zu bedienen. Das Herz stand den ersten +Menschen still, als sie die Apparate sahen. Gewöhnten sich an +sie, lebten unter ihrer Obhut, bequem, kaum dankbar, Kinder +einer reichen Familie. +</p> + +<p> +Diese wunderbaren streng behüteten Apparate, die Kraft der +westlichen Herrengeschlechter, waren im Besitz des Abendlandes +wie der Asiaten. +</p> + +<p> +Im Westen flog ein Rausch über die wimmelnden Menschenmassen, +als man ihnen Kenntnis gab von den Dingen, die sich +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +vorbereiteten. Schlagartig sank die tiefe zweifelnde Unruhe hin. +Als hätte man einem schlaffen Körper Äther und Kampfer eingespritzt. +</p> + +<p> +Die Asiaten riefen ihre Völker auf. Zeigten die Macht der +Weißen. „Sie kommen mit Maschinen. Sollen wir uns wehren? +Unterwerfen?“ Man kannte die Antwort voraus. Die Inder +wußten, wie man Elefanten zähmt, Flüsse überschreitet, betet; +die Chinesen, wie man Felder bestellt, Schiffe zieht, handelt; +die sibirischen Steppenvölker konnten melken jagen. Sie dachten, +ihren Zauber gegen die Europäer aufzubieten. Da fuhren +Luftschiffe von Süden und Osten her über ihnen und alle fuhren +nach Norden und Westen. Wie sich die Schiffe, bei deren Anblick +ihr Herz erstarrte, tiefer senkten, winkten ihnen Inder Chinesen +zu, die Blüte ihrer Länder, feine junge Männer, die lachten: +„Wir fahren ihnen entgegen nach Westen und Norden.“ Die +Sibirier grinsten. Die Mongolen kollerten ihr Lachen, hoben +ihre Kinder hoch. Millionen Zauberformeln gingen hinter den +Kämpfern. +</p> + +<p> +Es war ein Kampf, der von London mit tiefer Apathie begonnen +wurde. Wechselnd zwischen Verzweiflung und Resignation +stimmte London dem Beginn des Krieges zu. Es gab keinen +anderen Weg. Man konnte zusehen, was sich bei dem Ringen +entwickeln würde. Vielleicht half man sich über Jahrzehnte weg, +vielleicht ließ sich noch ein Jahrhundert plänkeln. Sie hatten +begrüßt, daß man unerhörte Erfindungen unterdrückte und sich +selbst behauptende Stadtschaften schuf. Aber sie sahen das Aussichtslose +dieser Versuche. Die Maschine war nicht aufzuhalten, +das westliche Gehirn nicht umzustellen. Als Leuchtmar Rallignon +und ihre kontinentalen Freunde in London erschienen, +staunten die Engländer, strichen ihre schwarzen dünnen Bärte. +Diese waren unbelehrbar, Kinder. Sie freuten sich an ihnen. +Die Männer und diese wilde kraftvolle Wieschinska wollten Krieg, +einen Krieg für ihre Massen. Die alten Herrengeschlechter waren +doch klüger. Sie hätten in diesem Augenblick alle Waffen und +Apparate eingezogen, deren sie habhaft werden konnten; hätten +hunderttausend Menschen, Millionen um sich massakriert. Diese +hier hatten sich mit den Massen verbrüdert, es gab keine Grenze +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +zwischen ihnen und dem „Volk“. Sie dachten nicht daran, es +sich leicht zu machen: zu Hause bleiben und alles erledigen. Sie +ließen sich erregen jagen. Ja, die Buben und Puppen hatten +geheim vor, gegen sie, die Engländer, das große weise Mutterreich, +zu kämpfen. Vielleicht mit den Parolen der alten Geschichtsbücher: +Freiheit, Unabhängigkeit. Waren dumme Eintagsmenschen. +Man mußte mit ihnen den törichten Weg gehen: +kämpfen. Es war vielleicht ermunternd. Diese Kontinentalen +hatten noch den Glauben, einen lächerlichen Glauben an die +abscheulichen Instrumente, die man versenken sollte. +</p> + +<p> +Leuchtmar Rallignon Gru Wieschinska Azagga Dongod Dulu +setzten nach dem Kontinent über. Die östliche Erdhälfte war zu +bezwingen. Man konnte nicht Feuer nach Gestirnen werfen, +wenn man nicht einmal den Erdball bezwungen hatte und +hundert Meilen hinter der Weichsel eine ablehnende Welt lag. +Es war ein neuer Impuls, der in die tändelnden schwelenden +Massen fuhr: das Bild einer riesigen Fläche, maßlos hoher Gebirge, +wimmelnder exotischer Landschaften und Städte. Über +diese sollten sie fallen, in die sich mischen einschwemmen. Es +sollte geschehen. Sie hatten die Apparate. Jetzt sollte dies geschehen. +Man hörte von der ungeheuren unausgeschöpften Kraft +der Apparate. Mit anderer Seele als vorher wurden die Fahnen, +Feuer und Gestirne, über die Landschaften der westlichen +Kontinente getragen. Fiebernde Kraft heizte die Herzen, machte +die Muskeln steif. Man hielt die Fahne; sie warf alle Willen +zusammen. +</p> + +<p> +Die Stadtlandschaften bewegten sich. Scharen über Scharen +von Männern Frauen begehrten Einstellung zum Kampf. Mit +einigen zehntausend Menschen, sachgeübten, war der Krieg zu +führen. Die Überlegung riet, viele heranzuziehen, zum Beschäftigen +und Vernichten. In allen Ländern wurde von der +Führung eine Stelle abgezweigt, die sich mit dem Erdenken +sinnloser Arbeit für die Soldaten befaßte, die Stelle B, wie sie +London im Unterschied zu der wirklich kriegführenden Stelle A +nannte. Die Stelle B wurde rasch mit den klügsten politischen +Köpfen besetzt, die mit Technikern und militärischen Fachleuten +in losem Zusammenhang standen. Der Andrang zu dem +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +Scheinheere B war in den westlichen Kontinenten so stark, daß +die anfänglichen Pläne der Leitung nicht ausreichten. Sie sahen +vor Kriegsdienste nach früherer Methode; man stellte Kanonen +her, ließ Verteidigungslinien aufwerfen befestigen, baute auf +Festungswerken Apparate, von denen man den Kämpfern +Wunder versprach, an denen sie üben mußten: mörderische Modelle. +London ging weiter, im Sinn seiner früheren Überlegungen. +Seine B-Leitung führte starke Menschenmassen, +Regimenter begeisterter und gefährlicher Männer und Frauen +auf den wirklichen Kriegsschauplatz, die russische Tiefebene; sie +hatten furchtbare vergebliche Arbeit zu leisten. +</p> + +<p> +Die Asiaten gaben die russische Tiefebene nicht frei. In drei +Staffeln rückten die Westländer vor, überflogen überrannten +auf Brücken Schienen, die sie in wenigen Tagen vor sich auswarfen, +aus Polen Rumänien Galizien dringend, Witebsk Mohilew +Poltawa Cherson. Der Dnjepr und seine Sümpfe lagen +hinter ihnen. Die Städte dieses Abschnittes waren ihnen nicht +fremd. Dichter wurde vor ihnen, unter ihnen das Maschennetz +der Dörfer, Gehöfte, verstreuten Siedlungen. Jenseits Jaroslaw +Wladimir Woronez Charkow näherten sie sich den Flußläufen, +die die große Wolga aufnahm, dem Jergenihügel, dem +breiten Bergufer der Wolga selbst. Im Norden stießen sie auf +Wjätka Wologda. Da verbrannten stürzten die ersten Fliegerreihen, +stürzten im Flug aus dem weißen Himmel auf die stille +Ackererde. Neue rückten nach. Stürzten. Durchschritten nicht eine +unsichtbar vor ihnen aufgerichtete Barriere. Als Erkundungstechniker +folgten, stellten sie die Wellen fest, die die Motore in +Unordnung brachten. Und wie sie noch nach der Art der Wellen, +Ausgangsort Formel forschten, fuhr am Boden gegen sie das +Ungetüm aufgewühlter Menschenmassen an. Auf Pferden +Wagen Karren, die Flüsse herunterschleifend auf Schiffen +Booten Kähnen, rollten strömten von Osten nach Westen, spülten +drangen quollen von Norden nach Süden Menschen- und Tierleiber. +Bestürzte klagende verwirrte Menschen, Männer Frauen +Kinder Pferde Rinder Schweine, die sie trieben, Hühner, die +getragen gejagt wurden. Jammernde schreiende zerlumpte +nackte Einzelläufer. Große stumme drängende Horden, +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +Dorfgemeinschaften, die sich nicht fragen ließen. Betäubt, die +Gesichter Decken Kleider schmierig. Übernächtig schleppten sie +sich vorwärts. Konnten nicht achthaben auf die sterbenden Säuglinge. +Das warf sich am Boden hin, weinte zerkratzte sich Stirn +und Backen, ließ das Tote mit Erde bestreut liegen, konnte nichts +begraben in dem nassen Boden, rannte traumhaft gestoßen. +Das griff, was es hatte und fand, an: Bäume Hütten Bretter, +warf sich aufs Wasser, schwamm strampelte stöhnte ruderte. +Das seufzte kreischte, waren Weibermassen, löste sich die Haare, +riß an ihnen, biß an ihnen, blickte rückwärts: weite wimmernde +Blicke auf den grauen trüben Himmel, der nichts als Wolken +zeigte. Hinter ihnen brannte es. Sie schrien. Hatten es nicht +brennen sehen, aus anderen Dörfern waren Menschen gekommen, +von weither hatten alle es gehört. Da gewahrten die +Fremden wogende himmelbedeckende Massen von Vögeln, die +lärmend und still in gleichmäßigem Zug oder stiebend von Osten +nach Westen, von Norden nach Süden stießen, dichte Ballen von +Raben, Heerscharen kleiner Vögel, Bergfinken Tannenhäher, +vorüberrauschend, mit Zwitschern Rufen Flöten die Nächte erfüllend. +Der Boden besät mit abstürzenden erlahmenden kleinen +Körpern. Sie rauschten flirrten pfiffen flibberten in großer +Höhe. Und das Lebendige der Erde setzte sich mit den Menschen +in Bewegung. An den Karren hingen Scharen von Fledermäusen. +Griff man sie, stoben sie hoch, schwirrten mit ausgespannten +Armen, setzten sich. Am Boden rieselte es zwischen +den Füßen der wandernden Menschen und Tiere. Die schwarzen +und grauen Mäuse wimmelten über die Wege, die nassen Äcker. +An manchen Flüssen bedeckten sie pfeifend die Oberfläche, kleine +glatte zuckende Rücken, schlagende spiralige Schwänze. Liefen +Felsen hoch, stürzten herunter, rutschten Rinnen herab, ließen +sich an Bäumen herunter. Auf und ab die raschen Schatten der +Jarboamäuse. Menschen, durch Wologda und Wjätka drängend, +trugen Beile Messer, blutige Wolfspelze an den Wagen. Während +sie vorwärts trieben, liefen die Bären Füchse Vielfraße +aus den Strichen hinter ihnen. Das zickzackte huschte kaperte +schwarz braun grau in Sätzen über die Wege, legte knurrend sich +in den Staub, verendete lechzend, taumelte, wurde erschlagen. +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +Auf kleinen schwimmfreudigen braunen Pferden Kirgisen, bukajewsche +Horde von den Salzsümpfen, Gesichter schwarz und +stumpf. Schnalzten, gaben keine Antwort, peitschten die Pferde. +</p> + +<p> +Als die Weißen nicht vorwärts kamen, vom Brand gestammelt +wurde, Dörfer und Siedlungen anschwammen, trieben die Erkunder +durch die schrecklichen Tier- und Menschenscharen, bewaffnet +geschützt, auf Pferden. Bevor der nicht zerriebene Rest +dieser Posten zurückkehrte, war die Barriere in der Luft gesprengt. +In der Luft über der Wolga schwebend, die dunstende Kirgisensteppe, +Samara Perm überschauend, sahen sie die von Menschen +und Tieren wühlende Ebene. +</p> + +<p> +Im Rücken der Menschen und Tiere aber den großen und unmeßbar +weit nach Norden und Süden sich umbiegenden Rauch- und +Flammenwall, der mit sichtbarer Bewegung, langsam und kaum +pausierend in kleinen Pulsschlägen hinter ihnen herwanderte. +</p> + +<p> +Feuer Rauch, den Horizont abschließend, keine Lücke lassend, +die rollende Mauer. +</p> + +<p> +Soweit sie konnten, näherten sich die Flieger dem Brand, in +Furcht, von Strahlen gefaßt zu werden. Sahen zuletzt das +Feuer sich von der Erde mit der Erde erheben, aus dem Boden +spritzen, Hügel Berghöhen überklimmen, über flaches Land Gebirge +hochrennen. Es hielt vor keinem Flußlauf. +</p> + +<p> +Da warfen die Westler sich rückwärts, verließen fliegend fahrend +die Linie der Wolga. Von Cherson bis zur Waldaihöhe im +Norden bauten sie sich auf. Sie kannten die Millionen Menschen, +die in der reichen wasserdurchlaufenen ackerbestandenen Ebene +wohnten und die, die vor der Feuerwand einherliefen. Sie +hatten überflogen Mohilew Smolensk Tschernikow Poltawa +Kiew Jekaterinoslaw; Orel Kursk Kaluga Tula Twer Nowgorod +Tambow. Das Feuer wanderte von Osten gegen sie, vom Uralgebirge +stieg es, die Asiaten opferten das Land vor sich, dachten, +die Westler würden die Woge der Lebendigen aufnehmen, und +die Feuerwand würde über Europa, zum Balkan, nach Polen, +an die Ostsee ziehen. Man mußte sich wehren. +</p> + +<p> +Und wie vom Ural Feuer lief, lief nach fünf Tagen Feuer +entgegen, von Cherson über Poltawa Mohilew Pskow zu den +Waldaihöhen. +</p> + +<p> +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +In die Erde metertiefe Stollen gestoßen, Stollen neben +Stollen. Blöcke bohrten sich ein, rissen den Boden auseinander, +die Linie vom grünen Ladogasee bis zum Toten Meer. Wie eine +große Egge griff es in die Erde, hielt den Kopf gesenkt. Die +Blöcke warfen unten Sprengstoffe Gase Salze vor sich aus. +Blöcke über ihnen durchlockerten die Erde, mischten sie mit Gasen +Salzen, durchdrangen sie mit Hitze. Hochgeschleudert unter +Donnerschlag rauchte blutflammte die Erde, verzehrte sich geifernd +in die Luft, aufgehoben in einem wirbelnden puffenden +Qualm. Lohe Flammengarben sprangen in Säulen aus dem +bloßgelegten Boden, brannten hinter der qualmenden niederregnenden +Masse weiß und grün steil in Riesenhöhe auf. Flamme +neben Flamme wie die Blockzähne der großen Egge, über Wiesen +Ackerboden, zwischen Dörfern Landstraßen, vom Toten Meer +zum Ladogasee Cherson Poltawa Mohilew Pskow Waldai. Den +gleichen wolkenbezogenen Himmel angrellend Tag und Nacht, +ihn rüttelnd erschütternd mit Stößen zu Donner und Widerdonner. +Menschen Häuser Steine Hügel Tiere Wälder restlos +zerklafternd aufhebend hochwerfend verschüttend, Flußtäler zerreißend +ausfüllend. Die Betten der Seen Ströme sprengte das +wandernde, Minute um Minute vorrückende, Qualm speiende, +regnende, sich in Hitze sielende Wesen. In den Sümpfen sprühte +es, auf dem Moor sprangen die Kreuzkröten, die listigen Salamander +in die Höhe. Die Wasserfrösche im Schilf duckten sich +vor dem Rauch, der über die Sumpffläche strich. Es klatschte +um sie. Wie sie einen Satz nach rückwärts machten, waren sie +mit Schlamm unter den kolbigen Zehen aufgehoben, um sich +gedreht, Giftdunst um sie, trockene Flamme, vergasende Erde +grün aus dem Moor gegen ihre platzenden Leiber. +</p> + +<p> +Die Egge über Wolhynien und den Bug. Das Landvolk wich +nach Süden über Jekaterinoslaw auf das Meer, auf die Krim zu. +Die Egge stach den Dnjepr an. Das mächtige Gewässer stürzte +randlos nach Osten Westen, schwemmte sprudelte rauschte über +die zerschnittene abgehäutete Erde, den brodelnden Sumpf. +Ströme Bäche Seen, ihrer Umfassungen beraubt, kenterten +über den neuen Boden, Lehm und Morast wälzend. Hinter den +Eggen liefen die Röhren Gasspender Salzmischer Hitzeatmer. +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +Selbsttätig zog das schnaubende Bergwerk sie hinter sich, entleerte +sich seiner Spannung und Ladung, nahm ruhend unter +der vibrierenden Luft, von der Erdlast befreit, die in Geheul +und Rauch verging, neue Nahrung ein. Stemmte spießte bohrte +sich unter die Erdmassen, die ihm vorlagen, brach gasend heizend +explodierend aschend durch unter Bergen Baumwurzeln Stadtfundamenten. +</p> + +<p> +Blauschwarze Schwaden, niedrighängende, zogen nach Polen +Galizien Rumänien, wo das Laub an den Bäumen schwarz +wurde, das Vieh auf den Weiden starb, die Menschen sich nach +Westen wandten. Im leeren Osten schäumte die grüne Flut +über der abgetragenen Erde. Unter dem Wasser schütterte, +bohrte das Bergwerk, riß, riß. In Stößen wallte das trübe +Element ostwärts. Die Erde in Sprüngen geöffnet, das Wasser +in die Risse stürzend. Flammen brausten; die Nässe klatschend +im Schwall dazwischen. +</p> + +<p> +Im warmen üppigen Taurien tauchten Regimenter englischer +Soldaten der B-Armee auf. Sie wurden auf Schiffen +vom Süden durch den Bosporus und das Schwarze Meer getragen. +Das Schwarze Meer war von Tausenden Seglern +Booten Lastdampfern bedeckt. Flöße schwammen dazwischen. +Im Norden nahe den Ufern Herden schwimmender ertrinkender +Pferde. Vom Asowschen und Toten Meer, aus dem Kaukasus, +von der Krim selbst quollen die Massen, gestopft durcheinander +die Ufer erfüllend. Kosaken Kirgisen Slawen mit +Bauern Priestern Männern und Kindern Weibern, die blauschwarze +Wasserfläche anstarrend, über sie herfallend. Der Boden +unter ihnen, Sand Wiesen, schon weggenommen von dem +schrecklichen pfeifenden Gewühl der wandernden Springmäuse. +Bei Tag und Nacht kämpften sie mit den Wölfen und Füchsen, +die hinter ihnen, unter ihnen auf der Flucht waren, sich an den +Erliegenden mästeten. +</p> + +<p> +Erschauernd, ihr Grausen nicht überwindend, schlugen sich die +angefahrenen Soldaten, ihre Schiffe den Flüchtenden preisgebend, +nach Norden durch, um eine Linie zu ziehen zwischen +Cherson und Taganrog. Immer wieder auseinandergerissen +durch das scheußliche über sie fallende Gewühl der Springmäuse, +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +Rudel der tobsüchtigen Wölfe, zuletzt durch die Völkerwanderung +der Menschen, die sich bei der dichten Annäherung +des Erdbrandes in Vertierung selbst anfielen. Die Flüchtigen +ließen es auf einen Kampf auf Tod und Leben mit den Soldaten +ankommen; sie waren ohne Nahrung, von Schrecken +Erbitterung Haß verwüstet. Schlecht bewaffnet wurden die +Truppen zertrümmert. Aber neue aus dem menschenfließenden +Westreich kamen hinter ihnen und brachen sich, immer fast +zergehend, Bahn. Sie wollten, zwischen Cherson und Taganrog +auf der noch unversehrten Erde zwischen den beiden Feuerlinien +vorgehend, den Brand vom Ural aufhalten. London befürchtete, +daß nach Ersäufung der ganzen Ebene zwischen Ural +und Düna keine Angriffsmöglichkeit zu Land bestand; die kontinentalen +Massen brauchten Angriff und Sieg. Eine Erdmasse +als Kampftribüne sollte zwischen der östlichen und westlichen +Wüste, dem ersäuften und erstickten Land, erhalten bleiben. +Den B-Truppen waren zum Schutz nur wenige technische Einheiten +beigegeben worden; die Führer hielten den Versuch für +fast aussichtslos. Das todesmutige dichte Herantreiben von +Stollen an die uralische Feuerwoge, während die westliche verharrte, +das Aushauchen reaktionshemmender Gase, Auswerfen +löschender und vereisender Salze glückte nur an wenigen Stellen. +Das Tempo des östlichen Vorrückens wurde zuletzt unerhört +wütend. Die russische Tier- und Menschenwelt, von Osten und +Norden andringend, im Westen eingeengt, ertrinkend verhungernd +verbrennend, behinderte an den meisten Orten das +Ansetzen der Gegenstollen, zerstörte die vom südlichen Wasser +nachgezogenen Röhren und Kabel. Zu dem Widerwillen gegen +die Westler trat bei den noch kräftigen Einheimischen blindmachende +Verzweiflung, Abscheu vor allem Menschlichen, ja +Lebendigen. Eine Woge von Barbaren und Kannibalen rollte +nach Süden. Mitgerissen von ihnen, eingekeilt zwischen sie, +die Truppen der Westler. +</p> + +<p> +Noch auf der Flucht, nach rechts und links kämpfend, sahen +die Truppen die westliche Feuerwoge sprengend und lohend +sich in großen Sätzen erheben und grün der östlichen zulaufen. +Sie schrien im Bereich der grünen und gelben Schwaden wie +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +die schwarzen Kirgisen und Slawen. Niemand sah mehr den +andern. Hunderte von der eigenen Feuerwoge im Rücken gefaßt, +geröstet. +</p> + +<p> +In der Linie Bardjansk Charkow Orel Kaluga Twer packten +sich die springenden Reihen der Bergwerke, stießen knallten +grimmten in einem einzigen Feuertosen zusammen. Verdonnerten +verzitterten die Bohrer Sprenger Gaser Heizer. +</p> + +<p> +Dickes schlammiges Wasser sprudelwallte brodelte über ihnen. +Sie vergifteten es, brachten es zum Sieden Bäumen Spritzen, +warfen es in Säulen über sich. Es klatschte gischend zurück. Sie +mußten Ruhe geben. Die Kabel rissen. Die Ladungen rieselten +lehmig tintig aus. +</p> + +<p> +Während vom Ural das Feuer lief, vom hohen nördlichen +Töl-pos-is, dem Kamme des Jamentau, Iremal, beschickt von +den Gelben, die aus den unendlichen Tannenwaldungen und +Klüften des Ostabhanges herstiegen, lagen Gasschiffe Riesenboote +Luftschiffe über dem Ozean im Westen, aufgebrochen aus +England Irland, dem Golf von Biskaya, von den Kapverdischen +Inseln, der Guineaküste. Kreuzten das atlantische Wasser Karaibische +Meer, breiteten sich, die Durchfahrt von Panama verlassend, +an der weiten Westküste des amerikanischen Kontinents +im Süden und Norden aus, um dem asiatischen Angriff von +Westen zuvorzukommen. Die amerikanischen Geschwader schlossen +sich ihnen an. Unterwasserboote Gasboote, in breiter Front +die plumpen Arbeitsschiffe zwischen sich fassend, von Abwehr- +und Kundschafterbooten umschwärmt, durchschnitten das große +westliche Gewässer, dröhnten an Hawai Paumotu Tubai vorüber, +zogen bei Neuseeland die südliche Front ein, verdichteten +sich im Norden, von Neuguinea bis Kamtschatka. +</p> + +<p> +Da waren sie in ein zauberhaftes Meer gestiegen. Erfuhren +Beunruhigungen, die sie auf Fehlleistungen der Schiffe, Täuschungsmanöver +der Kommandanten bezogen. Tauchboote +Überwasserschiffe begannen ihr Tempo zu ändern, rascher zu +fahren, rascher rasend, die Richtung zu verändern, zu stocken, +stillezustehen. Ganz unregelmäßig wiederholte sich das, trat +hier auf, dort auf an der Riesenfront, die langsam vorrückte, +einen Gürtel um den Ostabfall des asiatischen Kontinents legte. +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +Dann fing es mit einem plötzlichen Ruck, dem Stillstand einzelner +Schiffe an. Im Wasser hielten Schiffe, wühlten rechts links mit +Schrauben, bäumten sich, kamen nicht los. Langsam wurden sie +frei, freier, brausten pirschten auf ihren Gegner, rasten in entfesselter +Geschwindigkeit, unter dem Wasser, auf der gischenden +Fläche, fühlten plötzlich, daß sie sich nicht halten konnten, daß sie +stürzten, eine Kraft über ihnen. Man zog sie, riß sie von vorn. +Vorn zog man sie, saugte saugte sie. Tosend die Schiffe, wahnsinnig, +nicht gebunden an das Wasser, von keinem Motor gejagt, +über die Wasserfläche rauschend holpernd, mit den Seitenflächen +vorbiegend, fast kenternd, sich überwerfend, schleifend geschleift. +Bis sie die weiße schwarze Masse sahen, auf die sie flogen, +die sie bannte, die selbst auf sie flog, die weiße schwarze Bank, +durch das gischende Wasser anschießend wie sie, das eiserne Schiff, +mit ihnen Spitze gegen Spitze zusammenprallend, prasselnd sich +mit ihnen vermählend, schmetternd mit ihnen verschnürt zerfallend +absinkend. +</p> + +<p> +Das Geschwader der Philippinen hatte sich Mindanao genähert. +Deutlich bewegte sich von Osten eine Gruppe flacher +feindlicher Schiffe. Die Westlichen hatten im Augenblick die +Motore des asiatischen Geschwaders gelähmt; die flachen Schiffe +küstennah standen unbewegt wie eine Linie Soldaten. Wie +Reiter stolz aufgebäumt raste das weiße Geschwader gegen sie +im Keil. Die Wellen geschlagen schäumten festlich. Das vorderste +Schiff stürzte plötzlich, die Spitze des Keils. Knickte ein, stand +nicht auf, sank ins Leere. Die nächsten Schiffe rückten an, knickten, +ihr Deck unter der Meeresoberfläche. Verschwanden wie in +Löchern des Meeres. Als wären sie Pferde, empfingen Schnitte +in die Sehnen der Knie, waren, auf dem Bauch liegend, verschwunden. +Schiff nach Schiff. An der Küste die Linie des gelben +Geschwaders. Der Keil stürzte weiter. Das Wasser wurde +unter den Schiffen weggerissen. Das Fahrzeug sank in die +Wasserspalte. Die Spalte, ein Trichter, weitete sich rechts und +links kugelförmig. Das Schiff, stürzend torkelnd, am Boden der +Wasserschlucht von den herabschießenden Wellen umgeschlagen, +wurde begraben, während das Wasser über ihm sich zusammentat, +stürmisch aufhob und glättete. +</p> + +<p> +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +Das rollende Meer wurde ihnen unter dem Kiel weggerissen. +Stürzend ins Leere, in die Lichte von weiten Schornsteinen +kamen sie nicht wieder hoch. Das weiße Geschwader fing zu +stutzen an. Während es zögerte, riß das Meer weiter rechts und +links auf. Sie schlichen um die tosenden Abgründe. Dies und +jenes stürzte noch. Wenige rasten rückwärts. +</p> + +<p> +Vom westlichen Kontinent kamen über Amerika Berichte. +Der Feuerkrieg am Ural stieg vor ihren Augen auf. Unruhe +über den Geschwadern. Die Führer berieten über Maßnahmen +gegen den auffälligen Druck, der sich der Besatzungen bemächtigte, +als Befehle von London über Neuyork liefen, zurückzukehren +bis auf den Küstenschutz. Den Pazifik überflohen sie in +breiter Linie. Am Ostabfall Amerikas hielten sie; asiatische Angreifer +hingen auflauernd über der Küste. Die Westlichen waren +froh; sie gönnten ihren trüben Besatzungen das Abenteuer. Die +Gelben flogen; man ließ sie sich nähern. Wie die Gelben das +Meer den Schiffen unter dem Kiel weggerissen hatten, dachte +man ihnen die Luft wegzureißen. Raketen in der Finsternis von +den Borden der weißen Geschwader vor der Küste. Sie tasteten +die kleinen Flieger ab, die im Schutz ihrer Abwehrwaffen in der +Luft leicht pendelten, die schwebenden breiten Bollwerke der +Lastluftschiffe, die die Größe der weißen Arbeitsschiffe hatten. +Von dem Kranz der Raketen wurden schwarze Gebilde hochgetragen, +die wie Ketten zwischen ihnen schwankten. Wie die +Raketen zu glühen begannen, dumpften Schläge: die Böenbomben +an den Ketten explodierten. Von oben nach unten zersprangen +sie, wühlten die Luft beiseite, mit jedem Schlag sekundlich +dem früheren folgend, stießen keilten sie die Luft weg. Wie +ein Schwimmer, der auf dem wippenden Sprungbrett steht, +die Knie beugt, sich zum stolzen Niedertauchen rüstet, das Brett +kracht, er torkelt kippt sich überschlagend, mit den Armen leer +greifend, klatscht bäuchlings unter Stöhnen auf die spritzende +Wasserfläche, so hingen die gelben Flieger und Luftschiffe, +sprung- und wurfbereit. Die Füße ihnen abgeschlagen. Wehrlos +unwissend, was mit ihnen geschah, klafterten sie abwärts, +wirbelten um sich in der finsteren brausenden Luft, schlugen ins +Meer, Münder geöffnet, Finger gekrümmt, träumend erwartend. +</p> + +<p> +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +Die gelben Flieger, sich zurückziehend, sammelten sich bei Tag +wie Raben am Panamagolf. Finsteres Gewimmel den Rio +Chagras entlang, von der Limonbucht bis Panama. Sie wechselten +jeden Augenblick die Höhe; die Schiffe des weißen Geschwaders +traten in die Schleuse von Miraflores, Padro Migual. +Man riß aus den Fliegern mit tosenden Böen Punkte Ballen +heraus; sie drangen verstärkt zusammen, auseinander. Einzeln +tauchten sie herunter, schienen sich bald auf Colon, den Endpunkt +des Kanals, bald auf die erste Schleuse zu konzentrieren. Dann +sausten die Raben in ganzen Scharen auf die Hügelketten um +den Kanal, im Angesicht der fahrenden Schiffe. Hockten rechts +und links, als täten sie nichts. Hastig die Schiffe durchgeschleust, +Paraiso San Pablo Soldado passiert. Unbelästigt liefen die +Weißen an Bohio Soldado vorbei, bei Colon aus, sammelten +sich, warteten in der Limonbucht. Schiff um Schiff schleuste +durch. Die neu auslaufenden empfingen da zu ihrem Staunen +kein Zeichen von den wartenden. Eine stumme Schar von +Schiffen sammelte sich, wartete; immer mehr verstummten. +Die neuen glaubten, die Maschinen der anderen seien gestört, +booteten, flogen zu ihnen herüber. Und wie sie anstiegen, landeten +aus der Luft, lagen und gingen da – lachende Menschen. +Salven Gelächter schlugen ihnen entgegen. An den Masten, +über den Bordrand hingen sie, ausgestreckt, hier und da, schlafend +schnaubend. Sie winkten sprangen herum mit eingezogenem +Leib, als würden sie von einem fürchterlichen Kitzel gereizt, +brüllten aus vollem Halse ihr Gelächter aus, auf Fußspitzen +tanzend. Mit dem Kopf an den Masten standen welche, den +Kopf auf die Brust gesenkt, nach rückwärts gegen das Holz gedrückt. +Seitwärts mit den Fahrtbewegungen ihr Rumpf schwankend. +Sie schmunzelten in süßer Lähmung, spielten mit den +Fingern, rutschten sachte mit den Füßen aus, saßen fielen um, +lagen prusteten. Die Mehrzahl der Männer und Frauen schlief +in einer irren Wonne. Die angebootet kamen, konnten die schlafsüchtigen +Leiber schütteln; sie rissen die Augen auf, blutunterlaufene +Augen, geplatzte Adern in der Weiße, plump verzogen +das gedunsene Gesicht zu einem vertraulichen Grinsen. Kichern +Gurgeln Grunzen aus dem verklebten weit geöffneten Mund; +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +sie legten sich sanft um. Die Menschen, die sie rüttelten, gingen +nur eine kurze Weile, fühlten sich genötigt, selbst zu bleiben, zu +grinsen gähnen, vor sich hin zu lächeln, zu niesen kichern und +dann zu lachen, daß das Zwerchfell schmerzte. Sie schmetterten +ihr Lachen von neuem, von neuem, husteten verschütteten +ihre Lungen, fühlten sich selig, müde und müder. Einige +fanden die Kraft, auf ihre Schiffe zurückzukehren, wo das +Kichern schon begann. Dann flogen Meldungen über die Meerenge. +Auf den Hügelketten um den Kanal hockten die Raben, +wechselten gelegentlich ihren Sitz. Flieger der weißen Geschwader +warfen sich über sie. Wild schwirrten sie hoch, auf der +Flucht vor den Böen. Das Kraftwerk von Cartagena setzte ein. +Die gelben Flieger waren im Bereich seines elektrischen Feuers, +im sprühenden Geflecht der Wellen Cartagenas. Ein unsichtbares +Gewitter umfaßte sie, schleuderte sie auseinander. Als +wären sie sehnsüchtige verliebte Tiere, benahmen sich die Apparate, +die unterhalb der Strommassen liefen. Schwankten +zitterten stiegen auf unter, rissen sich ab, zuckten hoch. Sie +schlingerten warfen drehten sich, ihre Propeller arbeiteten blind. +Sie waren gefangen wie Fliegen im Spinngewebe. Die Gelben +stellten ihre Motore ab; nur wenig sackte die Maschine, dann +hing sie fest, ja stieg stieg. Sie sahen von unten das Schauspiel +der Maschinen, die bewegungslos in der Luft hielten, als lägen +sie auf dem Meeresgrund. Motore sah man laufen und stehen. +Unwiderstehlich die Randstrahlung des Gewitters. Sie vermochten, +nach stundenlangem Drängen Spannen, die schweren +apparatebeladenen Flieger, die den Kanal zerniert hatten, nicht +in das Meer zu stürzen. Nur einige schnallten sich los, warfen +Kleider in die Luft, sprangen nackt aus ihrem Apparat, der im +Schwung nach oben schoß. Willenlos schaukelten die übrigen in +den stählernen Kästen. Stiegen ruckweise höher höher in die +aschestreuende Zone, waren urplötzlich gefaßt, kilometerweit nach +vorn gestoßen, durchbohrt, durchlöchert, zerfressen, mit kleinem +weißen Licht aufflammend, zerfallen. +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">us</span> Rumänien Polen Deutschland fuhren Beobachter nach +dem Osten. Über das Atlantische Meer kamen die trüben Geschwader. +Zahlreich die Schiffe, die auf der Einfahrt zugrunde +gingen, an den Antillen den Bahamainseln. Tiefer Mißmut +zwang sie zurückzubleiben. Weigerten sich nach dem alten +Kontinent oder Amerika zurückzukehren. Angriffe von Teilen +des Geschwaders, Schiff gegen Schiff, wurden beobachtet. +</p> + +<p> +Die Westgrenze der Verwüstungszone fuhren Kundschafter +ab. Sie flogen wanderten fuhren auf Booten. Das unabsehbare +Überschwemmungsgebiet. Einebnung der Landschaften. +Wo die Wälder Wiesen Blatt- und Grasgrün Ähre Blüte +laufendes Tier singender Vogel? Schwarzbraun grünlich +fließende Seen, auf denen gesplitterte Baumstämme mit Wipfeln +Wurzelwerk schwammen, Teile von Tieren und Menschen, +unter der Giftwirkung mit hellroter und rosa Farbe. Gelb verbrannte +zerbrochene Bettladen Schaufeln Schlittenkufen im +dicken Gewirr der Oberfläche hinziehend, zu weiten Anhöhen +über dem Morast aufgestapelt, spitze Kegel, abgeplattete kilometerbreite +Pyramiden: der Ort von Städten und Dörfern. Zusammengepflastert +Steinblöcke Häuserreste Lehmmassen Eisenteile +Räder Fensterladen. Die breiten Krater der Schwarzerde, +wüste Steinhaufen um Charkow und Kursk. Unterpflügt +umgeworfen fein gemahlen der Boden, der ruhte, aus dem kein +Halm trieb, über dem kein Regenwurm sich bewegte, keine +Ameise lief. Starke Hügelgruppen am westlichen Ufer der südlichen +Wolga von der Egge der Bergwerke gefaßt; die Wolga, +im Osten meilenweit ins ehemalige Kirgisenland flutend, +spritzend nach Westen aus Sieböffnungen über das tiefliegende +Land. Die Wandungen des Siebes bröckelten ab; die Wolga +brach nach Westen durch. +</p> + +<p> +Über die Wolga drang kein Kundschafter. Manche verkamen, +ließen die Vorsichtsmaßregeln außer acht. Schwer +mit unklarem Schmerz beladen kehrte Gruppe nach Gruppe +zurück. Trübsinnig grambepackt fielen sie in die östlichen +Städte wie Meteore, die im Niedergehen ihr Feuer von sich +geben. +</p> + +<p> +<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> +Englische und kontinentale Stadtreiche hatten gegen Ende +des Krieges getan, was zu tun war: Massen ihrer Bevölkerung +von sich geworfen, in die unmäßig anwachsende B-Armee, die +man erbarmenlos dezimierte. Man markierte asiatische Angriffe +durch Fliegermassen, riß tausende Wehrlose auf den brachliegenden +Feldern Rumäniens und Polens hin. Man erprobte +auftauchende Waffen am lebenden Objekt. Auf zehn gelbe +Flieger, die vor Panama an der Küste unter Böen und Raketen +herabgerissen wurden, kamen hunderttausende weiße, die die +Kraft der Böen erprobten. Schneidend und bedenkenlos die Diktatur +der verzweifelten Herrscherschichten. Als zwischen dem +Toten Meer und dem Ladogasee, über Cherson Poltawa Mohilew +Pskow Waldai der sprengende Bergwerkgürtel gelegt +wurde, dem asiatischen gegenüber, war er in der Walachei +der Poebene Westfalen Wales schon mehrmals über den Boden +gegangen, hatte mit Gift und Explosion Regimenter der +Überflüssigen gefordert. +</p> + +<p> +Über die unerschöpflichen spielklügelnden Städte fielen da die +Nachrichten vom Krieg. Die Kundschafter, finsternistriefend, +ließen sich in die Menschenmassen nieder. In London, englischen +und kontinentalen Stadtschaften wurde in diesem Augenblick die +Diktatur offenkundig. In London bedurfte es keines Kampfes. +Mit zwei drei Schlägen bemächtigte sich Rallignon und seine +Kampftruppe der gesamten Ernährungs- und Bewaffnungsanlagen +von Paris Lille Châlons Orleans. Die Wieschinska, das +Weib, bei der Durchschleusung des Panamakanals unter die +nervenlähmenden Strahlen der Japaner gekommen, gehörte zu +den wenigen, die sich nach kurzem Siechtum erholten. Sie behielt +Geist und Willen: Beine hingen im Stuhl schlaff von ihr; +sie beseitigte, mit ihrem noch gespannten strahlenden Gesicht, +ihrer machtvollen tiefen Stimme die Menschen an sich fesselnd, +den zögernden Senat ihres Gebietes, vereinigte Werke und +Waffen in ihrer Hand. +</p> + +<p> +Über allen wartenden getöserfüllten Städten erschien in +diesem Augenblick das Gesicht der toten Landschaften. Unverhüllt +erschien es. Hatte niemand Lust, etwas zu verbergen. +Keine Niederlage war gemeldet. Sondern nur: es hatte sich +<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> +nichts geändert. Die Jungen, Männer und Frauen, die Führer +hatten die Fahne erhoben, geschrien von ihrer Kraft. Das Feuer +aus der Erde, zwischen den Händen der Menschen, zu den Gestirnen +aufbrennend: da war es, in der russischen Ebene, vom +Ural bis zu den Waldaihöhen. Das Land zerrissen, Flüsse entleert, +Menschen Bäume Tiere verzehrt. Das grauenvolle tote +Land. Das war das Werk der Jungen mit den Standarten. +Das konnten sie. Das war das Geheimnis der Apparate, die +wunderbaren eingesperrten Naturkräfte in den Gewölben. Die +Rückkehrer der Flotte meldeten, daß es keine Fabel war, was die +Techniker und Gelehrten erzählt hatten von den Luftböen den +Wasserböen Kurz- und Langstrahlern Brandsprengern. Aber +nichts war zu leisten damit. Man lief um die Städte wie vorher, +hatte Treibhäuser für Blumen Spiele Zirkus. Was sollte man +damit? Versagt hatten die Jungen, die Herren und Herrinnen. +Lächerlich ihre Fahnen. Die Erde konnten sie zerreißen, Städte +vergiften. Wenn sie wollten, konnten sie auch die westlichen +Landschaften vernichten. +</p> + +<p> +Die Kundschafter vom Osten waren Menschen aus der Mitte +dieser Städte. Man ließ sie ruhig unter die Massen. Es waren +die Träger dieser Augen, sie hatten solche Gesichter, flüsterten +wie Wahnsinnige, gellten warfen die Arme, bedeckten die +Augen. Diese Landschaften, die aus den Betten gerissenen +Riesenströme. Wälder Äcker Gewimmel von Tieren und Menschen: +weg. Es gab Städte, in denen Attentate auf die Boten +gemacht wurden, in hilfloser giftiger sich selbst zerreißender Wut, +weil sie ihnen dies angetan hatten. So tief waren manche +Boten, frieden- und spielgewöhnt, weich wie die Massen, von +Grauen und Angst ausgehöhlt, daß sie durch die Straßen nur +liefen weinten. Als hätte man sie bestraft und sie klagten deshalb, +forderten Sühne, erzählten ihr Unglück, so liefen sie auf +die Bühnen, in die Säle Ratshäuser und riefen. So hat der +Held in dem alten Gedicht geschrien, als ihm sein lieber Freund +erschlagen war, die Leiche geschändet und entblößt. Es war ein +Rest des Schreies der fliehenden Tier- und Menschenscharen vor +der Feuerwoge vom Ural, der Tausende vom Asowschen und +Toten Meer, die zusammengedrängt, Kosaken Kirgisen Slawen, +<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> +Bauern Weiber, die blauschwarze Meeresfläche anstarrten, +während unter ihnen der Boden von dem wandernden Getier +fortgenommen wurde, klatschend lohend in ihrem Rücken die +Brandlinien anrollten. Überall schüttelten sich die trüben gemästeten +Massen in der Qual des Verlorenseins. So tost der +Vulkan und rast glücklich, voll Hohn und Wonne, daß schmerzliche +Kräfte in ihm aufsteigen, die glühende Lava, von der er sich befreit, +die er breit deckend über die Erde gießt. Die Landschaften +hätten die Herren verbrennen können; sie wollten sich über die +Herren gießen, Rache nehmen. Wo Stadtlandschaften nicht +durch starke Senate gesichert waren, erfolgten lauffeuerartig Revolten +Zertrümmungen von Straßenzügen Werken. +</p> + +<p> +Nach diesen Vorgängen wurde kein Friede zwischen dem westlichen +Völkerkreis und den Asiaten geschlossen. Es geschah nichts. +Der Krieg war zu Ende, wie ein Tier, das einen Beilhieb in die +Halswirbelsäule empfängt. +</p> + +<p> +Die Staaten schnurrten zusammen. Jede Stadtlandschaft +kämpfte um ihr Dasein. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-4"> +<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> +<span class="line1">Drittes Buch.</span><br> +<span class="line2">Marduk</span> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> +<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">uerst</span> kam in Berlin der Konsul Marke auf. Er war Erkunder +bei den technischen Truppen des Uralischen Krieges gewesen. +Anfliegend aus der schwarzen Krim, die beladen war mit Sterbenden, +verendenden Pferden Hunden Füchsen Katzen, über +das verödete Bessarabien, die stillen Beskiden fuhr er. Als er +sich Berlin näherte, sich über dem alten Bernau senkte, hatten +sich da Massen angesammelt, ihn erwartend in den herbstlichen +Alleen, zwischen den Plantagen und Baumschulen. Megaphone +waren aufgestellt. Er vor dem Haus sich niederlassend, ging +unter dem Gebrüll der Menschen wortlos zur Tür, schloß sie +hinter sich. Rief, dessen braune Kleider den scharfen Geruch +der Gase und des Brandes von sich gaben, seine beiden Töchter, +forderte von ihnen, nachdem er sie unbewegt lange beschaut +hatte, – sie weinten strichen Hände Gesicht des starren Mannes, +– daß sie sich entleiben sollten. Gelegentlich wurde seine Starre +durch Schluchzen Aufstöhnen durchbrochen. +</p> + +<p> +„Ihr wollt euch nicht töten? Wollt ihr euch nicht töten?“ +Eintönig und immer wiederholt seine Frage. Er sprach das +hier übliche Englisch-Deutsch; bisweilen murmelte er in einem +unverständlichen Jargon: russisch, der Leute zwischen den Feuerlinien. +Die Töchter warfen sich vor ihn auf den Boden, weinten +ratlos. Zwei alte Hausgehilfinnen holten sie; er sah sie nicht an. +Der starkrückige Mann, die Fliegerkappe über die Stirn hochgeschoben, +drängte weiter: „Ihr müßt euch töten.“ „Warum? +Warum nur? Was haben wir getan?“ Er murmelte russisch. +Dann stand er zitternd, zog die Kappe ganz über das Gesicht: +„Ihr – habt nichts getan. Was soll einer getan haben. Oder +zwei. Ich auch nicht. Wir haben nichts getan. Alle müssen +hin.“ Er fuchtelte mit dem Stahlgürtel, den er sich abgeschnallt +hatte, schlug auf den Boden, als ob er etwas niederpeitschte. +<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> +Jourdane, die jüngere, bot ihm zu trinken. Er kippte das Weinglas, +das er in seiner linken Hand hielt und anschaute, dem blonden +schmächtigen Mädchen über die Brust. Sie wollte in einer +Mischung von Zorn und Angst seinen Arm packen. Die Ältere +hielt sie zurück. „Ich will dein Gift nicht nehmen, Weib.“ Marke +stellte das Glas vor sich auf den Tisch, fuhr mit dem Gürtel +wagerecht hin und her, schlug es vom Tisch herunter. „Ich will +keine Luft mit euch. Es war nicht nötig, daß ihr in mein Haus +kamt, wenn ihr nicht auf mich hört. Hier ist meine Luft. Ihr +müßt weg. Alle. Tötet euch.“ +</p> + +<p> +Die Megaphone dröhnten über die Straßen. Marke schrie, +an sein Fenster tretend: „Worauf wartet ihr. Ihr müßt weg. +Weg müßt ihr, sag ich euch.“ Er gehörte nicht zu den Herrschenden, +Leuchtmar, der in Hamburg getötete, hatte ihn nie +gesehen. Die Menschen unten liefen ängstlich voneinander, +verstanden nicht, was er wollte. +</p> + +<p> +Jourdane blieb in der Nacht am Bett Markes, der wenig +schlief. Sie glaubte, er sei von einem Gift des Krieges getroffen. +Während sie sich über die Stuhllehne zu ihm bückte, +schwoll ein Grauen von ihm auf sie über. Eine Weile saß sie noch, +dann konnte sie nicht widerstehen. Mußte den Kopf heben, die +Arme auf die Stuhllehne stützen, die Füße aufdrücken, aufstehen, +gehen. Den Mann im Bett sah sie nicht mehr. Sie ging zur Tür. +Nahm Markes dünnen Stahlgürtel ab, band ihn um einen Riegel, +steckte, einen Stuhl besteigend, den Stuhl mit Freude unter sich +wegstoßend, den Kopf in die Schlinge. Der Kopf mußte in die +Schlinge gesteckt werden. Sie empfand, wie sie die Füße gegen +den wankenden Stuhl stieß, eine tiefrieselnde Lust über den Leib +die Knie und die Arme. Zum dargebotenen Hals, der sich an die +kühle anschnellende Schlinge legte, rann die schreckliche Lust herauf. +</p> + +<p> +Der Mann, im Fall des Stuhls zuckend, sah sie hängen. Er +wollte vom Bett hin um sie zu retten, aber seine Beine kamen +nicht auf. Seine Arme, die nach der Bettkante griffen, knickten +krampften zusammen. Er hielt den Kopf in der Richtung auf +die Hängende. Lauschte nach ihr. Langsam vermochte er zu +schlucken, tönend die Luft durch Mund Nase einzuziehen, zu +schnarchen, zu stöhnen. +</p> + +<p> +<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> +Sein lautes wildes immer wilderes Stöhnen, – er saß gebunden +auf der Bettkante, den Kopf starr nach der Hängenden, +– rief die Tochter, die im Nebenraum schlief, herbei. Sie sah +nicht, warum er keuchte lallte. Verfolgte seinen Blick. Schwankend, +hoch die Luft aufziehend, hinsinkend, sich hinschleifend war +sie an der Tür. Stürzte mit der abgehobenen Schwester vom +Stuhl, über sie her. Marke im Hemd auf der Bettkante. Seine +nackten Füße vibrierten auf dem Teppich. Weinend warf sich +die Tochter, als Jourdane leblos dalag, an ihn, umschlang seinen +Rumpf. Und während ihr verzerrtes Gesicht von Tränen überflossen +wurde, blickte sie nach oben, zu dem Gesicht des Vaters. +Der war stürmisch durchzuckt. In seinen Beinen Armen, dem +Rücken krampften die Zuckungen Jourdanes nach, während sie +hing. Immer schnellten seine Beine an, wollten sich seine Knie +krümmen, die Füße stoßen. Er drückte sich fest, fester. +</p> + +<p> +Das Aufwühlen seiner Muskeln bezwang er. Sein wieder +erstarrender drohender verlangender Ausdruck gegen Janina. +Die ließ ihn los. Ihr Entsetzen Abscheu vor diesem Wesen. +Auf die Schwester lief sie, löste ihr den Gürtel vom Hals, hielt +ihn, kniend, über die Schwester wegblickend, in der geballten +Faust gedrückt, wie eine Peitsche, mit der sie auf den Mann +losgehen wollte. Und stand, den Gürtel pressend in der Rechten, +um den stummen Mann, den lippenbeißenden, der hörbar +durch das Zimmer atmete, auf das Bett zurückzuwerfen, ihm +anzutun, was sie konnte. Das Scheusal, das die junge süße Erhängte +getrieben hatte. Da fühlte sie seine Augen. Er saß noch +immer auf dem Bett. Sein Ausdruck so wechselnd: bald zitternd +zerfließend, bald starr und unerbittlich befehlend, bald schmerzgespannt. +Die Fäuste hatte er sich zum bloßen Hals erhoben, sie +krallten in die Haut. Er war von der Verzweiflung verschluckt, +verstrudelt, geschlagen an jedem Glied. Vor ihm kniete sie einen +Moment. Horchte, sah zu ihm auf. Berührte seine Hände. Sein +Ausdruck wurde drängender. Sie stand, getrieben, Muskel und +Spannung, vor der Schwester, die auf dem Teppich lag, das +Gesicht mit dem offenen Mund nach oben, die Knie an den Leib +gezogen. Der Gürtel fiel Janina aus der weißen Hand; sie hatte +die Hände wie die Tote geöffnet. Was saß hinter ihrem Rücken +<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> +auf dem Bett. Der Stuhl. Sie zog ihn her. Der dünne Gürtel. +Der Riegel. Verschließen des Gesichts. Der Stuhl polterte. +Sie sollte erst, Janina, nach langen Stunden in der Helle des +Vormittags neben Jourdane liegen, das Kinn nahe der zarten +Brust, die Beine angezogen. Umschrien von den beiden alten +Frauen. Marke saß noch immer auf der Bettkante. Stöhnte +leise, antwortete nicht, als Männer ihn befragten. Zog sich +gegen Mittag an. Mit dem Stahlgürtel rieb er sich die behaarte +Brust aufs Fleisch blutig. Unter dem Hemd auf dem blutigen +Fleisch schnürte er sich den Gürtel. Unheimlich stand er stundenlang +wortlos im Zimmer, die Faust an der Brust. +</p> + +<p> +Man hatte damals ein Verfahren, auf großen Plätzen, offenen +Straßen im aufwirbelnden farbigen Rauch Gestalten und Landschaften +sichtbar werden zu lassen. Die spiegelnde Fata Morgana +der Wüsten war das Vorbild gewesen. Die Wissenschaft hatte +ihr Geheimnis entdeckt; künstliche Wolken waren die Träger der +Erscheinungen, Empfänger der über Prismen und Spiegel hingeworfenen +lebenden Abbilder. Die Fernseher übertrugen +augenblicklich auf jede Entfernung Vorgänge, die im beleuchteten +Rauch der Fata Morgana leibhaftig erschienen. Die Megaphone +dröhnten an diesem Abend. Der Bildrauch wirbelte +auf den Plätzen, in den Anlagen, im Zirkus. Marke erschien. +Sein vielen bekanntes Gesicht, aber die Haare grau, Strähnen +wirr über Ohren Stirn; gramumwuchert sein Gesicht. Vernichtetes +Gesicht, bald starr, bald zuckend, bald in Zittern +aufgelöst. Er stand auf dem Balkon seines Hauses. Die Faust +hielt er lange wortlos gegen die Brust. Unter seinen schlagenden +verwünschenden Handbewegungen, seinen heißen Haßblicken +stoben viele Menschen davon. Sein Mund öffnete sich. +Ein Rollen Poltern Tosen aus dem Megaphon: „Ich lebe. +Meine Töchter sind tot. Sie haben wohl getan. Weg auch ihr.“ +Er schrie: „Das bin ich“, schlug sich die Brust, riß die Jacke auf, +das Hemd weg. Den stählernen Gürtel packte er mit beiden +Fäusten, schmetterte ihn gegen die aufgerissene zottige Brust, +ohne daß sich sein Gesicht veränderte und ließ von diesem flutenden +Hin und Her der Starre, des aufgelösten flimmernden Vibrierens. +„Das bin ich.“ Die Menschen, die am Boden die +<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> +Rauchapparate bedienten, lagen in halber Betäubung. Oft +verschwand Markes Balkon, die Front seines Hauses, seine Figur +im dicken unaufgelösten Qualm. Angstvoll schrie die Menge; +immer trat die Figur wieder hervor. Man sah das Eisenstück, +das er vom Gitter seines Balkons brach, das er gegen seinen +eigenen Hals richtete, in diesem Augenblick, das er gegen seine +eigenen Augen richtete. Jetzt Schläge über die Stirn rechts +links. Tausend aufgreifende Hände aus den Mengen. Gurgeln +Gröhlen Röcheln aus dem Megaphon. +</p> + +<p> +Der blinde Marke lebte. Neue Boten kamen. Brachten Bilder +vom Uralischen Krieg. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Kreis dieser Stadtlandschaft breitete sich eine Finsternis +Lebenssattheit Todesverlangen aus. Die meisten Werke +standen. Nur die notdürftigste Verbindung mit den Nachbarstädten +wurde gepflegt. Wie abgehetzte Hunde mit lechzenden +Zungen und grade von sich gestreckten Gliedern lagen die Herren +der großen Werke, rührten sich nicht. Es konnte keiner verhindern, +daß von den Massen nur dieser Anblick begehrt wurde: +Marke, sein drohendes Stehen, seine Blendung. Er sprach +nicht. Fuhr mit der Hand und seinem Gürtel durch die Luft, +verlangte eintönig und stumpf: „Tötet Euch.“ Gleichmütig erhängten +sich in diesen Wochen, hier wie in anderen westlichen +Städten, kräftige Männer und Frauen. +</p> + +<p> +Wie noch die Todessehnsucht durch die Menschen brauste, saß +Marke in seinem Zimmer. Er richtete in der schweren Schwärze, +die ihn umgab, seinen Kopf wie immer nach der Tür, neben der +der Riegel war. +</p> + +<p> +Da fühlte er sich an Knien und Hüften berührt. Er tastete +hin, griff nichts. Ließ die Hände fort. Wieder berührte es ihn +an Knien und Hüften. Tastete sich langsam langsam an seiner +Brust hoch mit so großer Weiche. Wonnig ließ er es geschehen. +Er hatte gar keine Furcht. +</p> + +<p> +Es war die tote Jourdane, die schmächtige junge Tochter. Die +streichelte über seine Augenhöhlen. Ein Fliedergeruch kam mit +ihr. Sie hatte mit beiden Armen seinen Hals umschlungen, saß +<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> +auf der Bettkante neben ihm. Er fühlte ihre kühle Wange. +„Vater“ hauchte es. Er saß im Glück, rührte sich nicht. „Vater. +Du bist blind. Ich bin nicht mehr bei dir.“ Er hielt immer still. +Sein Oberkörper schwankte von rechts nach links. Sie ließ nicht +von ihm. „Vater, wie viele Blumen Käfer Menschen und Kinder +sind durch uns gestorben. Ich lebe nicht mehr. Du bist blind, +Vater. Ihr guten Augen seht nicht mehr. Wieviel sollen noch +sterben, Vater.“ +</p> + +<p> +Er fragte: „Wo ist Janina? Ist Janina bei dir?“ „Ich will +sie rufen, Vater.“ +</p> + +<p> +Und da fühlte er sich losgelassen. Eine lange Minute saß er +allein. Wehen Hauchen. Sehnsüchtig empfing er die Berührung +an seinen Schultern, seiner Stirn, ein langes zitterndes +Anpressen an sein Gesicht. „Janina, bist du Janina?“ Das +antwortete lange nicht, ließ nicht von seinem Kopf, schluchzte: +„Ja, ich bin Janina.“ „Liebe Janina. Liebe Janina.“ „Vater.“ +„Bist du da, Janina. Bist du wirklich da. Mein süßes Kind.“ +An seinem Körper neben ihm schwang es, hielt sich fest. „Wo +hast du Jourdane gelassen?“ „Wir können nur einzeln kommen.“ +„Komm öfter, Janina.“ „Wir sind so oft da, Vater. +Du siehst uns nicht, du hörst uns nicht, du fühlst uns nicht.“ +„Ich fühl’ dich ja.“ Da schwankte sein Oberkörper wie ein Mast +im Sturm. Sein Rückgrat hielt nicht mehr. Er fiel zurück. +</p> + +<p> +Am andern Morgen ließ er die beiden Frauen, die mit den +Töchtern zusammen waren, zu sich kommen. Er war verwandelt, +sprach sanft zu ihnen. Sie möchten öfter im Haus bei ihm +sein. Aber leise gehen, damit er Jourdane und Janina höre, +wenn sie kämen. +</p> + +<p> +Sie kamen öfter. Die zarten abgeschiedenen Seelchen. Lächelnd +saß er im Stuhl, bewegte sich nicht. Er streichelte den +alten weinenden Frauen die Hände. +</p> + +<p> +Den Werktätigen und Ruhenden, Fabrikherren, Weißen und +Farbigen ließ er sagen, daß er zu ihnen sprechen wolle. Marke +gab nach kurzem Zögern dem Drängen des Senats nach. +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> ihm begann die Reihe der Konsuln in Berlin. +</p> + +<p> +Er wirkte klar, allen sichtbar und verständlich. Gelöst wurden +die Verbindungen mit anderen Stadtlandschaften und fremden +Staaten. Nur die wurden aufrecht erhalten, die der unmittelbaren +Erhaltung der Volksmassen dienten. So die für +die dynamische Kraft, die, in Skandinavien und den Alpen aus +Wasserstürzen für den ganzen Kontinent gewonnen, herströmte. +Die Lebensmittelsynthese, – Marke wollte zuerst die chemischen +Laboratorien, die großen Pilz- und Organanstalten niederlegen, +– vermochte er nicht zu beseitigen, da die Äcker nicht genügten. +Aber er trieb massenhaft Menschen aus der Stadt heraus +auf die Felder zur Bebauung, drängte auf Entfernung aller +Überflüssigen. Sein Konsulat begann mit der Wehrlosmachung +der Stadt. Den Mastenwald an der Peripherie zum Fernschutz +brach er ab. Alle Apparate, die der Bewaffnung und +Verteidigung dienten, zerstörte er. Darauf erfolgte die staunenswerte, +das Herz der Stadt zerreißende, Millionen Menschen, +Senat und Volk aufs tiefste erschütternde Sprengung der +zentralen Schaltanlagen und Kraftsammelstellen, der unnahbar +geschützten, für heilig gehaltenen Energiespeicher. Erst als +dies geschah, wußte Senat und Volk, daß sie eine Gewalt über +sich gesetzt hatten. Die von fernher laufende Kraft wurde schon +außerhalb des Weichbildes der Stadt zersplittert; sie lief von +mehreren Seiten an; keine Anlage hatte mehr zur Verfügung +als ihre Arbeit erforderte. Der Tod stand auf jeden Versuch +eigenmächtiger Kraftspeicherung. Als dies geschah, gaben mehrere +der stärksten Herrenfamilien ihre Werke selbst aus der Hand, +verloren sich unter die Mengen der Ernährten und Arbeitenden. +Aus diesen Kreisen Verstörter wuchsen die späteren Feinde des +neuen Stadtwesens. +</p> + +<p> +Berlin erstreckte sich über die meilenweite wellige Ebene +zwischen dem unteren Elbetal und der Oder. Es überlagerte die +lehmige tonige sandige Fläche, die die letzte Eiszeit bereitet hatte, +vom roggentreibenden Fläming, dem Lausitzer Wall im Süden +bis zu den wiesenreichen seenbestandenen baltischen Landrücken +an der Ostsee. Es schloß Sümpfe Wälder Flußläufe in +<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> +sich ein, Forsten Talzüge, die Baruth-Brücker Niederung, die +Duberower Berge, die Kiefern Eichen Birken hochtrieben, das +Höhenland der Havel, die dürre Zauche mit dem Schwielow- +und Rietzer See. Den Oderbruch und Küstrin erreichte es im +Osten. Das flache Rhinluch, das Havelländische Luch umzogen +seine Anlagen, Schwedt und Prenzlau im Nordosten, die das +sumpfige Höhenland der Uckermark im Nordosten trug, überlief +es mit seinen Außenmarken. +</p> + +<p> +Die Stadtschaft hatte zahllose weite Plätze und riesige Straßenkreuzungen. +Mächtig wirkte an den großen öffentlichen +Stellen das feierliche Bild eines Stiers, der in die Knie gebrochen +war. Ein armlanges Messer stak in seiner linken Flanke. +Einmal am Vor- und Nachmittag brüllte die Säule, stark wie +eine Schiffsirene, täuschend ähnlich in Schrei und gliederlähmender +Angst dem Ton eines sterbenden großen Tiers. Sie +brüllte unregelmäßig unvermittelt in dieser und jener Stadtgegend. +Dann mußte jeder auf Minuten die Arbeit verlassen, +die nicht dringend war. +</p> + +<p> +Unüberwindlich lang waren die Jahre der Lethargie, die heraufzogen. +Nach Vernichtung der Bewaffnung der Stadt, Sprengung +der Zentralen, Eröffnung der Äcker überließ Marke, mit +dem Senat nur der Kontrolle dienend, die Stadt sich. Jeder +lebte für sich. Mystische Bünde machten sich breit. Ihnen boten +sich viele Menschen an; die Zahl der Untätigen Herumlungernden +war nach der Sprengung der Zentralen, der Ablösung von +der Umwelt gestiegen. In den Sekten wurde gegen die höllische +Ernährung, das teuflische Menschenwerk gepredigt; die +Wut finsterer Lehrer richtete sich gegen die geschonten Laboratorien, +in die Tonnen mit Salzen Säuren Metallen einfuhren, +aus denen Zucker und Fette geworfen wurden, Tiere und Pflanzenleiber, +in denen Organteile Organsäfte als Arbeitskräfte +dienten. +</p> + +<p> +Am Müritzsee hatten sich Siedlungen aufgetan. Täglich +wallten Menschen dahin, wo der hagere skeptische weiße James +Maikotten mit ihnen sein Frage- und Antwortspiel anfing: Was +sie vorhätten. Was sie von diesem blinden Konsul Marke erwarteten. +Ob sie glaubten, daß die Welt besser würde, wenn +<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> +ein paar Werke in die Luft flögen. Ein paar Werke. Er empfehle +Kastration. Sie müßten den neugeborenen Knaben die +Hoden abschneiden, dann könne man hoffen, daß in fünfzig +Jahren die Erde besser aussehe: Unkraut auf den Wiesen, ein +paar Häuser noch von alten Leuten bewohnt, aber wilde Tiere +kommen schon wieder; die Erde beruhigt sich, die verkehrte Art +Mensch ist erledigt. Die ganze Erde braucht Erholung von den Menschen. +Nicht bloß Rußland. Eine Fehlart ist der Mensch. Surrur +hat recht; aber seine Wind- und Wasserlehre war zu hoffnungsvoll. +Es sei kein Zweifel, die Art Mensch hat keinen Bestand. Sie +vernichtet sich, frißt sich selbst auf; ihre Gaben drängen sie dazu. +Was tut der Konsul Marke? Eine Krankenheilung mittels +Halsumschlags; der Kranke hat Gift in sich; ein Halsumschlag! +Warum nicht gar gute Worte? Das Gift wird doch deutsch und +englisch verstehen und sich zureden lassen und seiner Wege +gehen. Sie hätten sich den neuen Putz eines blinden Konsuls +sparen können. Aber schließlich, es schade nichts; er kleide sie +gut. Es sei ein netter würdiger Konsul vor dem Schlafengehen. +</p> + +<p> +Sie hatten sich längst an die künstlichen, sehr raffiniert aufgemachten +Stoffe gewöhnt, die in jedem Überfluß zu jeder Zeit +vorhanden waren. Der Geschmack reiner tierischer und pflanzlicher +Nahrung stieß sie ab. Sie lachten in allen westlichen Stadtlandschaften, +schüttelten die Köpfe, wenn sie den zarten und nach +Belieben abwechselnden Geschmack ihrer Mekispeisen verglichen +mit dem penetranten Geruch eines gebratenen Tiermuskels, +eines Fischstückes. Zauberhaft konnten die Herrichter der Mekispeisen, +die den Nährstoffabriken angegliedert waren, Geschmack +Derbheit Zerreißbarkeit Geruch Farbe der Gerichte ändern. Es +wäre den Menschen, die schon in dritter und vierter Generation +künstliche Nahrung zu sich nahmen, schwer geworden, +zur natürlichen Kost zurückzukehren. Ihre Mägen sonderten +schon nicht mehr genug Säure ab für die Aufspaltung tierischer +Muskeln, die Därme waren träge und schlaff geworden, die +großen unbeschäftigten Bauchdrüsen eingeschrumpft. Leicht +hätte die Menschheit dieser Epoche ihre Arme und Beine kraftvoll, +ja eisern machen können. Aber ohne zu wissen, was sie +taten, wählten sie, wie sie herumlagen spielten sich wenig +<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> +bewegten, die mästende lähmende fette süße Nahrung. Ihre Glieder +wurden plump schwach. Fremde Massen, die neu in +den westlichen Kreis einstießen, staunten und lachten: so sehen +die Meister aus, diese Herren der Erde. In einer instinktiven +Furcht flohen immer wieder Negerstämme, hamitische und indianische +Gruppen, und verbarrikadierten sich gegen die Europäer: +sie mochten nicht so werden. +</p> + +<p> +Auf den Tod des Konsul Marke warteten viele. Der Blinde +umgab sich mit wenigen Männern, die er oft in steigendem +Mißtrauen wechselte. Frauen wies er von sich, aber gerade +Frauen hingen ihm viel an. Er entwickelte sich in eine apostolische +Starre hinein. Seine Zustände mystischer Verworrenheit +wurden viel besprochen. Die Nachwirkungen des Krieges waren +bei ihm nicht auszulöschen. Er ging spiritistischen Neigungen +nach. Zog durch das Gebiet der Stadtlandschaft mit einigen +Vertrauten und Frauen, kümmerte sich um die Bekenntnisse +Kirchen Tempel der Sekten. Er hielt diese Dinge für so wichtig, +daß er zuletzt fast wöchentlich die Prediger und Lehrer um +sich versammelte, sie anhörte, sie darauf hinwies, das Volk mit +den frommen überirdischen Gedanken zu durchdringen. Er, dem +die weißen Haare lang in den Nacken und seitlich über die Ohren +fielen, war ängstlich, daß hierin etwas versäumt würde. Nichts +hielt er für so wichtig wie dies. +</p> + +<p> +Er wußte nicht, daß seine Haltung die Zahl der Opponierenden +vermehrte. Die Männer und Frauen, die in den Laboratorien +prüften und studierten, hielten ihre alten Vorstellungen +verschwiegen fest. Eine Fronde bildete sich aus ihnen, Angehörigen +der Herrengeschlechter. Diese Geduldeten, besonders +in den Mekifabriken, von deren Gutwilligkeit man eigentlich +lebte, führten zuletzt eine Art Nebenregierung. Sie hielten die +Dekrete zur Überwachung der sich wieder regenden Technik, +zur Ausbreitung der Frömmigkeit, zur fortschreitenden Zerstörung +der Fabriken und Rückkehr zum Ackerbau, zur Viehzucht +an der Quelle fest. Markes rechte Hand, den Chef seiner Spitzelpolizei, +einen eisernen umsichtigen Mann, gewannen sie zu +ihrem eigenen Erstaunen. Sie hatten bald leichtes Spiel. Die +Kerker, in denen Saboteure der Verordnungen Markes saßen, +<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> +Besitzer und Hersteller von Waffen, aufsässige Konstrukteure, +die sich heimlich Kraftleitungen verschafften, wurden unauffällig +nach und nach geöffnet. Man ließ aus fremden Stadtgebieten +Verbannte hinein. +</p> + +<p> +In dieser Zeit starb Marke, verwahrlost. Man hatte ihn +wochenlang unter dem Vorwand ärztlichen Befehls nicht herausgelassen. +Er war eigentlich Gefangener des Chefs seiner +Spitzelpolizei. Tagelang lag er, dem ein weißer Bart wild das +pergamentene Gesicht umwucherte, quer über dem Bett, diktierte, +gab Anweisungen. Nur Frauen waren zuletzt bei ihm. Er +träumte von den Ergebnissen seiner Regierung. Glaubte die +Stadt in sichere feste Bahnen gelenkt. Tyrannisierte die Frauen +mit Forderungen nach Speisen Milch Kräutern Packungen Umlagerung. +Ließ keinen Arzt zu sich. Ein endloser Todeskampf. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Megaphone Glocken Flammenzeichen riefen zu Versammlungen. +Die Fronde trat überall hervor. Sie erlebte eine +ungeheure Enttäuschung. +</p> + +<p> +Ligbau, ein uralter Mann, ließ sich an ein Megaphon vor dem +Ratsgebäude führen, gestikulierte mit dem Ausdruck des Abscheus: +„Ihr seid entlarvt. Wir haben euch schon gesehen und +erwartet. Es soll alles noch einmal anfangen. Ihr glaubt, ihr +seid dicht daran es durchzusetzen. Und ihr werdet es durchsetzen. +Murrt nicht; sie werden es durchsetzen. Es ist unser Geschick. +Ich rate euch, die ihr hier steht, nehmt es hin. Es hat keinen +Zweck. Haltet es nicht auf. Es ist uns beschieden, so sind wir, +so tragen wir uns. Setzt alle Verbannten und Gefangenen +wieder ein. Macht keine halbe Arbeit. Die Zeit ist geschwind, +haltet euch nicht mit Versuchen und Prüfungen auf. Wir wissen +ja doch, wohin der Weg geht. Und es ist gut vorgesorgt, daß +es diesmal rascher geht als zur Zeit des Krieges, des letzten Krieges, +des vorletzten Krieges. Ich bin achtzig Jahr. Ich freue +mich, ich bin glücklich, daß ich nicht im Bett zu sterben brauche. +Ich brauch mich nicht anzustrengen um zu sterben; es wird mir +abgenommen werden. Eine schöne Zeit; was wird es für Überraschungen +geben! Juchhei! Freut euch! Sie haben schon alles +<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> +durchdacht. Fragt sie nur; sie haben es schon in ihren Büchern, +auf ihren Zeichenbrettern und Tafeln. Seht euch ihre Köpfe +an. Da steckt es drin, was es bald regnen wird.“ Er raste und +zischte. „Kennt ihr die Spree und die Havel die Oder die +Elbe? Ich denke, das ist es, was sie anbeten. Das sind die Götter +dieser neuen Regenten. So sollen wir werden. Matsch und Lehm, +dickes und dünnes Wasser. Recht auseinandergerissen zerpreßt. +Bin ich kein Hellseher, habe ich es euch nicht aus dem Kopf genommen? +Ich kann es euch sagen, weil ich ein alter Mann bin. +So, wie ihr, so haben vor dreißig Jahren andere ausgesehen, +so haben sie gelacht. Leuchtmar und Rallignon. Ihr seid keine +Neuigkeit. Eure Erfindungen sind neu; was ihr vorhabt, wird +ganz neu sein, aber ihr seid sehr alt. Da seid ihr wieder, du da, +du bist doch schon tot, am Asowschen Meer bist du gestorben mit +der B-Armee, es war eine schöne Armee, sie war deiner würdig. +Da bist du schon wieder lebendig. Deine eigenen Entdeckungen, +dachte ich, hätten dich totgeschlagen. Aber es gefällt dir so gut, +du kannst dir keine fünfzig Jahre Schlaf gönnen. Ist nicht die +Frau da, die im Süddeutschen sich in die Maschine stürzte? Elise +Frangani, die halbe Italienerin, die ja, ist sie nicht hier, ha, wer +bist du sonst? Versteckst dich hinter seinem Rücken. Es ist nicht +nötig. Du sitzt in seinem Kopf und seinem Leib, in vielen Köpfen +hier; du bist drauf und dran zu zeigen, daß du wieder da bist. +Welche Neuigkeiten für einen alten Mann. Ha, welche Überraschungen. +Wie komm ich nur zu solchem Glück! Mit meinen +weißen Haaren noch solches Glück!“ Er gestikulierte neben dem +Megaphon; man verstand ihn nicht. Man begütigte ihn; unten +standen manche, die nicht die Augen heben konnten. Er schrie: +„Ich soll weiter reden. Sagt mir doch erst: ist Marke tot? Ist +er in der Krim gestorben, konnte er nicht nach Hause kommen, +oder ist er hergekommen. Seine Töchter haben sich erhängt. Er +hat sich die Augen ausgeschlagen.“ Er tastete um sich, während +sein lappiges Gesicht glührot überflammt war, die Augen ihm +hervorquollen, fuchtelte krächzte: „Zur Wahl! Der neue Konsul! +Wir haben einen Krieg geführt. Der Krieg ist eben zu Ende. +Wir sind von der Grenze gekommen. Da war – Wüste! Wüste! +Die Ruinen von Ninive sind Paläste gegen das, was wir +<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> +gesehen haben. Der Euphrat fließt noch, die Grundmauern +stehen da, man findet noch Ziegel, es gibt alles. Das Land aber +in Rußland ist verwüstet, das Land ist nicht mehr da. Die Erde +ist weggerissen. Die Krater gehen bis an die heiße Flüssigkeit +in der Erde. Ich wähle – Marke! Wählt mit! Marke! Bürger, +niemand als Marke soll Konsul sein.“ +</p> + +<p> +Dieser wurde beiseite geführt. Ein kühler sachlicher Mann +sprach nach ihm. Ligbau im Krankenstuhl in seiner Nähe. Vornübergebeugt +beobachtete der alte Mann mit weißen Augen den +Redner; rief zu ihm herauf: „Was hast du im Kopf? Woran +werden wir sterben, Giftströme, Gasströme! Sprich doch!“ Wie +er fertig war, schrie er: „Wählt ihn! Er führt den nächsten Weg. +Noch einmal werden wir uns nicht auf diesem Platz wiedersehen.“ +Das Weib, das mit dem Mann gestanden hatte, sprang hinauf, +schmähte den Alten, zeigte die Fäuste. Der Alte erhob sich vom +Stuhl, stieg auf das Podium, schlug ihr mit den Fäusten gegen +den Hals: „Das hast du damals nicht gewagt.“ Sie warf sich +weinend auf das Podium; der Mann führte sie finster herunter. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">arauf</span> wurde Marduk Konsul des Stadtwesens. Er war ein +hochstirniger blasser Mann in den dreißig, mit großen ernsten +Augen. Ein langes knochiges Gesicht, ruhiger gleichmäßiger +Gang auf unsicheren muskelschwachen Beinen. Er hatte sich +bis da nicht hervorgetan, aber in den Tagen der sich hinzögernden +Wahl, während schon Zeichen der Anarchie hervortraten, – +in Mecklenburg standen die Sprosse der alten Herrschaftsgeschlechter +auf, im Magdeburgischen sammelten sich um den +greisen fanatischen Ligbau Maschinenstürmer, – damals besaß +er den Mut, aus Bernau, wo er saß, mit einer Freischar von +zweihundert Menschen in eine Beratung der Eisenfreunde einzutreten +bei Löwenberg, die gesamte anwesende Führerschaft +dieser Bewegung aufzuheben und an einem einzigen Tage samt +und sonders verschwinden zu lassen. Es ist bis zum Schluß seines +langen Konsulats – er herrschte bis über die Mitte des siebenundzwanzigsten +Jahrhunderts – wenigen bekannt geworden, +wohin diese zweiundvierzig Männer und Frauen gelangt sind. +</p> + +<p> +<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> +Marduk, selbst ein Mann vom Schlage derer, die er festgenommen +hatte, hauste in den Waldungen um Löwenberg, an der +mecklenburgischen Grenze, nahe dem Haupteiweißwerk. Ein +kleiner Wald von Buchen stand neben seiner Arbeitsstätte hinter +Mauern. Zwischen diese grünen Buchen ließ er die zweiundvierzig +Gefangenen treiben. Ihnen fielen schon, wie sie durch +die kleine Tür hereinwanderten, die geborstenen Stämme auf. +Vor den Rissen der Stämme, auf den breiten Wunden stand +dicker blasig erstarrter gelblicher Schlamm. Wo er am Baum zur +Wurzel herunterrann, war er vertrocknet wie zu einem pulvrigen +Rostbelag. Dunkel erinnerten sich die Männer an die Pflanzenversuche +dieses Marduk, der sich stets abseits hielt. Er sollte +in den Mekilaboratorien an tierischen Organteilen, besonders +an Pflanzenstücken eigentümliche Wachstumsveränderungen erzeugt +haben. +</p> + +<p> +Finster gingen die Gefangenen in Marduks Park umher, begriffen +nicht, was Gefangennahme Hertransport diese Internierung +bedeutete. Marduk war einer der ihren. Es konnte +möglich sein, daß er bestimmte Informationen hatte über Angriffe +auf sie, sich seiner Bundesgenossen versicherte und sie vorläufig +festnahm. Sie erwarteten stündlich, daß er unter ihnen +erschiene und sie aufkläre. Sie hatten, von dem rauhen Frühlingswind +umweht, das Gefühl, als ob sich von Zeit zu Zeit +neben ihnen, an ihrer Schulter, hinter ihrem Rücken etwas bewegte. +Suchten, fanden nichts. Sie setzten sich bald zusammen, +bald auseinander. In der Luft war etwas Eigentümliches von +der Schärfe eines dünnen Rauches. Aus den Bäumen schien +Hitze zu steigen; die Bäume fühlten sich an einigen Stellen warm +an. Beunruhigt wandten sie ihre Aufmerksamkeit auf die +Bäume. Wie sie die Köpfe an die Rinden legten, schnurrte +surrte summte es drin. Das waren die Säfte; es war Frühling. +Nur war es merkwürdig, wie scharf es sich im Mark und +im Holz bewegte. Verwundert ließen sie das Ohr nicht von den +Bäumen, horchten da und da. Es zischte in manchen Bäumen, +als ob sie kochten. Ohne daß einer den Baum berührt hätte, +fiel ein begrünter Ast herunter. Ein kleines Fauchen gab es +oben, als ob Säfte sich entleerten. Der scharfe Geruch, der feine +<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> +dünne, wurde stärker an diesem Stamm; sie konnten sich in seiner +Nähe nicht aufhalten. Der Geruch war stechend wie Ammoniak. +</p> + +<p> +In ihrer Unruhe kamen einige auf den Einfall, sich gegen die +Bäume zu wehren und sie umzubrechen; es war eine junge +Pflanzung. Sie gingen ein zwei Bäume an, zerrten stießen an +den Stämmen; einer kletterte hoch, riß brach große Äste ab, +entlaubte den Baum, fiel plötzlich betäubt rücklings auf den Boden +über das Laub. Der Baum atmete in Stößen einen heißen +Dampf aus. Man schleppte den Bewußtlosen davon, zog sich +zurück. Marduk erschien nicht. Man schob ihnen gegen Abend +in Körben Nahrung und Getränke herüber über die Drahtspitzen +der Mauer. Sie schliefen ein. +</p> + +<p> +Gegen vier Uhr früh, als es hell wurde, suchten sie einander, +wunderten sich. Der Wald war so dicht geworden, der Weg +zwischen den Stämmen so eng. Die Bäume hatten ihre +Massen unförmig verbreitert. Sie konnten kaum zu zweien +zwischen den Bäumen gehen. Ein surrendes Geräusch, ähnlich +dem von gestern, hatten sie in den Ohren. Sie zweifelten, woher +es kam; die Bäume wagten sie nicht zu berühren. Man +konnte, obwohl von oben deutlich Morgenlicht hereinfiel, in der +Nachbarschaft Hähne krähten, die unterirdisch laufenden Wagen +polterten, wenig rechts und links sehen. Ängstliches Stöhnen +hier, Stöhnen da. Mancher entledigte sich seiner Jacke, seiner +Bluse, um besser zu atmen. Es war sicher, der Wald wuchs. +Während einige ohnmächtig lagen von Frauen und Männern, +die geängstigten anderen suchend gedankenlos über sie herstiegen, +während allen die Knie zitterten und sie sich durch das +Dickicht wanden, wie in einem Keller sich zurechttasteten, +schrien an der Mauer welche den Namen Marduk: „Erbarmen, +Marduk!“ Einige suchten immer von neuem die Gänge, die +sich von Stunde zu Stunde verengerten. Manche sogen an den +Fingern Beeren, kauten spien Blut aus. +</p> + +<p> +Um neun Uhr morgens, als schon blendend hell die Sonne +schien, dieselbe Sonne, die über den Schiffen im Atlantischen +Ozean, über dem weiten Ozean leuchtete, dieselbe Sonne, die +ganz nah in Bernau über den Sandplätzen der Kinder stand, +da gellten wahnsinnige Hilferufe, nicht abbrechend, in dem Park, +<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> +wildes Wehgeschrei, als hätten Tiere einen Menschen angefallen. +Die meisten sanken im Augenblick mit weißen Gesichtern +auf den Boden. Die in der Nähe des Geschreis streckten die +Hälse; im Halbdunkel sahen sie etwas zappeln, mit den Beinen +stoßen. Füße, um die ein Rock wogte. Eine Frau; oben saß sie +fest; ihr Arm wie eine Planke am Ellbogen, am halben Ober- +und Unterarm festgeklemmt zwischen zwei zusammengeifernden +Bäumen. Sie stand an den drängenden schwellenden Wesen, +mit dem Rücken gegen sie, suchte ihnen auszuweichen, bog +sich, ihr Rock saß unten fest, sie wand sich, heulte klagte brüllte: +„Kommt her. Kommt. Ein Messer.“ +</p> + +<p> +Der Wald knackte unaufhörlich. Die unten standen lagen +liefen sich zusammendrängten auflösten, wurden überspritzt von +der klebrigen leimartigen Feuchtigkeit, die wie Schleimpatzen +aus Vogelschnäbeln auf Gesichter und Hände fiel, oft fein wie +aus Röhren sprühte. Zu dem Knistern trat immer wieder ein +Sausen und Sprudeln, wie aus einer geöffneten Flasche, das +zuletzt erstickte. Die Bäume verschränkten Ast in Ast, verschoben +sich umeinander. Die Dunkelheit nahm zu. Ein Dach, eine +hölzerne Decke bildete sich langsam über den Menschen. Der +Wald verdichtete sich zu einer engen, immer engeren Kiste, von +deren Deckel es heruntersickerte. Die Luft gärend bitter muffig, +mit Schwaden der stechenden reizenden Gase. Der Boden +aber, vorher noch eben, wellte sich, ringelte, schlängelte sich. In +Wülsten schwollen die Wurzeln hervor, armdicke Adern, von +denen der Sand abrollte. Der Boden wurde höher. +</p> + +<p> +Die offenen Plätze suchten sie zwischen den dicken, immer +dickeren Bäumen, als wenn sie nicht wüßten, daß jeder Raum +vor Stunden noch offen war. Sie keuchten, wenn aus dem +Halbdunkel sich einer zu ihnen durchwand ins Hellere, gifteten. +Oft sprang einer auf, Mann, Weib, die Kleider abgeworfen, +sprang einen Baum an, krallte, biß sich ein. Aber der Baum +sonderte widrig ab, sabberte, war so feucht, so warm; die Zunge +verätzte er ihnen. +</p> + +<p> +Um zehn Uhr, – die Glocke von Marduks Haus scholl laut herüber, +– erdrosselten sich zwei Männer mit ihren Gürteln. Die +Frau, deren Arm abgequetscht war, die lechzend zwischen den +<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> +Bäumen nach vorn überhing, hatten sie zuvor stumm gemacht. +Stockfinster war es an den meisten Stellen des Parks. Um sie +knarrten krachten wucherten die Bäume. Ein furchtbares +inneres Leben dehnte die brünstigen aufgeregten Pflanzenwesen. +Man sah die ungeheuren tonnigen Massen wie in Krämpfen +sich langsam spiralig um sich drehen, längs klaffen und noch +immer in die Breite wachsen, in die Höhe aufsteigen, bluten und +noch immer wachsen, dabei rauchen; bersten, einer den andern +aufschneidend und mit ihm verschmelzend, dabei zischen und +prasseln. Und wo zwei Bäume Raum fanden, nieder nach vorn +in die Lücke zwischen andere zu fallen mit überschweren Kronen, +erhob sich vom Boden wieder der Stumpf; er trieb und wuchs. +Zwischen den Ästen in den Kronen flatterten verirrte Vögel; +von oben stießen sie abwärts. Riefen kratzten schlugen um sich, +sobald sie sich gesetzt hatten; lösten Flügel und Füße von den +klebrigen Ästen und Blättern ab, schwirrten schreiend federstreuend +senkrecht hoch, suchten Lücken. Andere hingen fest, +wühlten hieben mit den Schnäbeln gegen das schwellende Holz, +das gierig den eingestoßenen Schnabel festhielt, ihn nicht losgab, +ihn rasch umwuchernd, ihm Herz Nüstern und Augen umgießend, +einleimend einsargend, wie auch der kleine Körper sich abstemmte +zappelte sich nach hinten seitlich bog. An ihren tanzenden +Füßen, mit ihren schlagenden Flügeln zogen sie dicke Gallerte +hoch, suchten sie herunterzutreten. Abgleitend wälzten sie sich +um die Stämme herum, wurden eingebettet. Den Kopf nach +unten hingen sie. Der Saft lief über sie. Da tropften sie in +der Masse von Ast zu Ast, noch zappelnd, klatschten auf den +Boden neben einen Menschen, der sich wand, auf seine Schulter, +neben seinen Hals, blieben schnabelsperrend tretend liegen. +Manche festgekittet nach einigem Aufklettern und Drehen hielten +gelähmt betäubt still an ihrem Ast. Sie wurden vom Holz aufgenommen, +waren ein runder stoßender Wulst auf ihm, von +dem Saft sprühte, ein ruhiger kleiner Knoten, ein flacher Knopf. +</p> + +<p> +Das mammutische triefende krachende Wachsen zerpreßte +klemmte malmte manschte die Menschen, knackte die Brustkörbe, +brach die Wirbel, schob die Schädelknochen zusammen, goß die +weißen Gehirne über die Wurzeln. Die Stämme berührten +<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> +sich. Wurzel Stamm Krone eine Masse, ein verschmolzener +wogender wühlender dampfender Klotz. Oben barst er, zischte. +Unten trieb schluckte drang es auf, drang seitwärts bis an die +Mauer. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">en</span> übergroßen Kopf drückte Marduk gegen das Fenster: +„Jetzt ist es vorbei. Ihr könnt nichts mehr.“ +</p> + +<p> +Jonathan Hatton, der viel jüngere, sein Freund, den man +mit ergriffen hatte, stand vor ihm, lächelte: „Nun, so möge es +so sein.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß, du glaubst mir nicht.“ +</p> + +<p> +„Doch. Bei allen Dingen bei denen man schwört, Marduk, +verzeih mir, ich glaub es.“ +</p> + +<p> +„Lach nicht, Jonathan. Lächle auch nicht. Es ist gar nicht +nötig, daß du lächelst. Du hast dich lange nicht um mich gekümmert, +die andern auch nicht; ihr glaubtet, es ginge auch +ohne mich.“ +</p> + +<p> +„Marduk“ der andere trat ernst näher, „du hattest dich, du, +von uns zurückgezogen.“ +</p> + +<p> +„Du wirst sehen, ihr hättet gut getan, euch um mich zu +kümmern und anzusehen, was ich tue.“ +</p> + +<p> +„Was soll das.“ +</p> + +<p> +„Nichts. Du wirst sehen.“ +</p> + +<p> +„Du schließt dich uns nicht an und jetzt klagst du.“ +</p> + +<p> +Marduk verzog das Gesicht hart: „Ich habe nicht nötig, mich +euch anzuschließen. Du, damit ist es jetzt aus, mit diesen Dingen. +Ja, Jonathan. Ihr werdet jetzt alle still werden, ganz still. +Ich nehme euch aus den Händen, was ihr habt. Ich will nicht, +daß ihr arbeitet. Ich will nicht. Verstehst du das?“ +</p> + +<p> +„Nein und ja. Sag mir, Marduk, alles was du weißt und +kannst. Ja sage es mir. Du wirst mich nicht überraschen. Ich +bin auf Stärkeres gefaßt. Mit dem Stärksten wirst du mich +nicht umwerfen.“ +</p> + +<p> +Strahlend stand Jonathan: „Was ich – gefunden habe, hat +noch niemand gefunden.“ +</p> + +<p> +„Hat noch niemand gefunden“ höhnte der verhüllte Marduk. +</p> + +<p> +<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> +„Wenn ich – niemand – sage, Marduk, so weißt du, daß ich +nicht Schaum blase! Ich leugne so wenig gearbeitet zu haben, +wie du es leugnen wirst. Warum? Das Sehen ist mir erlaubt, +das Hören ist mir erlaubt. Was soll mir verbieten zu +denken.“ +</p> + +<p> +„Weiter.“ +</p> + +<p> +„Nein, ich spreche nicht.“ +</p> + +<p> +„Schaffe deine Freunde hierher, Jonathan.“ +</p> + +<p> +„Ich?“ +</p> + +<p> +„Ja. Bring sie, Jonathan.“ +</p> + +<p> +„Siehst du, sie hast du gefangen genommen. Sie alle. Du +kannst dich nicht mehr auf sie besinnen. Ich möchte dir beschreiben, +wie wir zueinander waren. Ich träumte heute nacht, +ich fühlte mich so wohl, wie auf einer Luftfahrt, ich glitt mit +einem Wesen durch die Luft, ich weiß nicht, ob es Mann oder +Weib oder beides war. Wie dem schönen Geschöpf die Augen +strahlten. Wonnig war es. So rasch glitten wir hin. Fast war +es keine Bewegung. Unten standen die Menschen und wunderten +sich. So glücklich waren wir.“ +</p> + +<p> +Marduk warf sich unruhig in seinem Stuhl. Sein Gesicht +hatte er ganz auf die Brust gedrückt. Er hob den Kopf, blickte +Jonathan finster an: „Komm, ich will sie dir zeigen.“ +</p> + +<p> +Die Wachen vor der Haustür wies er ab. Er ging barhäuptig +allein mit Jonathan der ungefesselt war. Hinter einer Wiese +zog sich ein flaches langes Gebäude hin, in das sie traten. Sie +gingen durch die glasgedeckte Halle der muffig warmen Anlage, +in der Pflanzenreste geschichtet lagen, Körbe, niedrige Kisten. +Auf einen weiten ungepflasterten Hof stiegen sie herunter; +oberflächliche Röhrenleitungen traten am Boden hervor. Marduk +öffnete ein Gitter; da war ein Feld, in dem viele einzelne +Stücke abgezäunt waren; manche waren grün und bunt bewachsen, +manche scheunenartig überdacht; auf einigen Stücken +verwesten ganze Stapel unkrautartiger Gewächse. Dann senkte +sich das Gelände; über den Hang, um den Boden der Senkung +zog sich eine abschließende Mauer, darüber dahinter eine hohe +schwarze und grüne Masse. „Sieh da. Du baust, Marduk.“ +</p> + +<p> +„Komm.“ +</p> + +<p> +<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> +Er zog eine kleine Eisentür der Mauer. Dunst schlug ihnen +entgegen. Keine Öffnung, keine Helligkeit. Der Wald war an +die Steinfliesen herangetreten, hatte sie nach der Tür zu umgeschoben. +Zwei Stufen konnten sie heruntergehen. Jonathan +hatte Marduk seine Hände entzogen, lächelte den Mann, der ihn +führte, blaß mit übergroßen Blicken an: „Was machen wir hier.“ +</p> + +<p> +„Weiter gehen. Geradeaus.“ +</p> + +<p> +„Was soll das. Ich geh nicht mit dir.“ +</p> + +<p> +„Ich wollte dich bitten, wenn ich kurzsichtig bin und mich +nicht zurechtfinde, du möchtest mich führen. Du sollst mir +deine Freunde zeigen. Du hast sie besser in Erinnerung als +ich. Hier meine Hand, Jonathan. Der Weg geht geradeaus.“ +</p> + +<p> +Der war die Stufen zurückgetreten, hatte an der Eisentür +den Kopf zurückgeworfen: „Du bist verrückt, Marduk.“ +</p> + +<p> +„Nicht doch, Jonathan. Sie müssen alle hier sein.“ +</p> + +<p> +Jonathan war nach einem Blick auf das ihm zugewandte +vibrierende Gesicht mit einem Sprung unten. Tastete an der +klebrigen dunstenden Holzwand: „Ja. Das sind Stämme. +Das sind dicke Bäume. Wo ist denn der Eingang. Hier komme +ich nicht weiter.“ +</p> + +<p> +„Versuch einmal von hier. Versuch es. Sie versuchen es +von drinnen.“ +</p> + +<p> +„Das ist eine Wand, eine Holzwand, Marduk. Mach doch auf. +Wo ist die Tür.“ +</p> + +<p> +Er lief seitlich rechts und links über den harztriefenden Boden. +Der Wald trat an die Mauer heran, ließ ihn nicht ein: „Es ist +alles so schmierig, mit Harz, mit Leim. Warum tut ihr das? +Wo ist denn die Tür.“ +</p> + +<p> +„Ruf sie einmal. Ruf sie.“ +</p> + +<p> +„Soll ich? Wirklich?“ Er rief. Der andere schüttelte sich: +„Sie antworten nicht.“ +</p> + +<p> +Jonathan stürzte sich auf ihn: „Du hältst mich zum Narren.“ +</p> + +<p> +„Wie sehen, Jonathan, deine Freunde aus, wenn sie müde +sind oder lustig sind?“ Der, stöhnend, nahm ihm jedes Wort +von den Lippen. +</p> + +<p> +„Zwischen den Bäumen – lächeln sie. In den Blättern – +sitzen sie. Sie sind Vögel geworden. Sie sind so schön, daß ich +<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> +sie verfolgte. Sie haben sich auf der Flucht vor mir in – Bäume +verwandelt.“ +</p> + +<p> +„Das hast du – Marduk?“ +</p> + +<p> +„Das habe ich gekonnt. So stark bin ich gewesen.“ Strahlend +erregt zog er den im blauen Mantel, der nicht sprach, sich +schwer bewegte, durch die Eisentür, über das helle Feld in das +lange Gebäude. Der Dunst, der ihnen aus dem Park entgegenschlug, +auch hier. Ein Pulver lag neben einer geöffneten +Kiste am Boden; Jonathan faßte automatisch danach; Marduk +hielt seine Hand fest: „Faß nicht an. Du hast nichts geschluckt +davon? Es ist für Menschen und Tiere Gift.“ Die verwelkten +verwesenden Pflanzenhaufen starrte Jonathan an; Marduk +verfolgte seinen Blick: „Ich kann sie auftreiben. In einer +Stunde. Von einer halben Stunde zur nächsten.“ Phantastische +getrocknete Gräser lagen auf Steinfliesen nebeneinander: +„Kann ich nichts?“ Er streckte die Arme aus, bog die +Fäuste: „So viel kann ich. So viel kann ich. – Jetzt will ich +deine Freunde begraben. Wohl ihnen, daß sie nicht mehr Menschengestalt +haben und wie wir sind. Sie sind in den Bäumen. +Ich will sie begraben.“ +</p> + +<p> +Jonathan war schon zurück durch die Halle gegangen, er rieb +gedankenlos, den Blick auf die Erde, die Handteller aneinander. +Sie liefen über das von der Frühlingssonne beschienene Feld, +Jonathan fiel der Umhang von der Schulter, Marduk wollte +ihn aufheben, zuckte, lief weiter. An den Hang zur Mauer +wollte Jonathan herunter; der andere aber, auf einen Erdhaufen +sich setzend, zog ihn neben sich. Marduk griff ihn an: „Nun +zeig du mir, was du kannst. Du mußt mir jetzt etwas zeigen.“ +</p> + +<p> +Der saß starr, stammelte mit verzerrtem offen zugewandten +Gesicht. +</p> + +<p> +„Hab keine Furcht, Jonathan, dir wird nichts geschehen. Du +kannst es mir zeigen. Ich bin Kenner, ich bin Fachmann. Ich +weiß es zu würdigen.“ +</p> + +<p> +„Marduk. Wen habt ihr in den Wald getrieben? Ihr habt +Frauen mit hereingetrieben? Es sind alle drin, die festgenommen +sind?“ +</p> + +<p> +„Alle. In den Löwenkäfig. In die Arena.“ +</p> + +<p> +<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> +„Alle? Alle Frauen?“ +</p> + +<p> +„Alle. Zweiundvierzig. Da haben sie fechten können. Es +waren keine Löwen und Tiger da. Es waren bloß Bäume, +gegen die sie kämpften. Sie haben für einen neuen Glauben +gekämpft. Das war eine neue Christenverfolgung. Nein, eine +Antichristenverfolgung.“ +</p> + +<p> +„Marduk“ schrie Jonathan besinnungslos, weinte, erhob +den Arm. +</p> + +<p> +Der Ältere fuhr fort: „Ja. Antichristen. Ich spiele den +Christen. Ich laß sie mit ihren Götzen nicht aufkommen. Sie +müssen alle ins Gras beißen.“ +</p> + +<p> +„Marduk. Meine Mutter war dabei.“ +</p> + +<p> +Der mit rollenden Augen stand auf, ballte die Fäuste, wog +sie gegen ihn: „Und wenn deine Mutter dabei war. Und wenn +deine Frau und dein Kind dabei war. Wenn du dabei warst. +Es wird nicht besser. Ihr sollt es spüren. Ihr müßt es spüren. +Es soll keiner entgehen. Ich wohl auch nicht. Es ist gut, daß +es so über uns verhängt ist, daß wir es nahe spüren. Ha, jetzt +spürst du, du es dicht, dicht unter der Haut. Gut so. Gut so. +Wie gut, daß sie alle dabei waren.“ +</p> + +<p> +Und dabei klapperten seine Zähne, ein schrecklicher Frost hatte +ihn ergriffen. Er hatte dies nicht gewollt, so wandte es sich +gegen ihn, so griff ihn die Waffe, die er auf andere gerichtet +hatte, selbst an. Er wehrte sich, die Schlange umwand ihm +Füße und Arme. Jetzt würde er Jonathan verlieren. +</p> + +<p> +Er stolperte auf ihn zu, bückte sich zu ihm herunter: „Ist +meine Erfindung nicht herrlich. Sprich doch. Wir sind doch +Kenner. Da kommt keiner mit. Was sagst du zu dem Wald +unten. Keine Lücke ist mit der Hand zu finden. Wie ein +Schrank, paßt Fuge an Fuge. Ist meine Erfindung nicht +herrlich?“ +</p> + +<p> +Er rüttelte ihn. +</p> + +<p> +„Ich will dir sagen, wenn du mir nicht antwortest, wird es +dir nicht gut gehen. Ich werde dich dann – leben lassen. So +werde ich dich wenigstens umbringen können.“ +</p> + +<p> +„Tu es. Marduk. Du Verdammter! Du Teufel!“ +</p> + +<p> +„Ich verdammt? Ich Teufel?“ +</p> + +<p> +<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> +Jonathan sank seitlich, ohnmächtig hin. Marduk hatte eine +graue Kapsel auf seiner Brust an einem Kettchen. Daran +zerrte er, öffnete die Kapsel, schüttete sich grünes Pulver auf +die Finger. Er bückte sich, um es Jonathan zwischen die +weißen Lippen zu schieben. Dann streute er jäh das ganze +Pulver von sich, warf sich an den Ohnmächtigen, grub sein Gesicht +an seinen Hals, stöhnte haßwütete noch, als der sich schon +räkelte, sich aufzusetzen bemühte. +</p> + +<p> +Sie standen sich an den Erdhaufen gegenüber. Schwarz vor +ihnen die Masse des Waldes hinter der Mauer. Als sie sich anblickten, +preßte Marduk die Lippen: „Ich bin bereit, bereit, +mich dir zu stellen. Ich – tue es ohne Bedingungen.“ +</p> + +<p> +Heiser Jonathan: „Ich habe nichts davon, wenn du tot bist.“ +</p> + +<p> +„Tu, was du willst.“ +</p> + +<p> +Zwei Wochen fuhr Jonathan an der Ostsee hin und her. +Er konnte keine Erde und keinen Baum sehen. Marduk hatte +die Stadtlandschaft fest in Besitz genommen. Dann trat Jonathan +in sein Haus, der schlanke braune, blaß mager ruhig, +gab ihm die Hand, bot ihm seine Dienste an. Marduk betrachtete +ihn lange: „Ich habe kein Recht über die Stadt. Ich habe nur +Recht über mich. Willst du Recht über mich.“ +</p> + +<p> +„Ich will nichts, als dir beistehen.“ +</p> + +<p> +Wieder schwieg der Ältere; äußerte langsam: „Du wirst, Jonathan, +die Häuser und Anlagen zerstören, in denen noch Apparate +und Einrichtungen von uns, von euch stehen. Sie sind +noch nicht völlig vernichtet. Auch nicht völlig gefunden. Und du +wirst mir die Namen der Männer und Frauen angeben, die +dir bekannt sind, die mit euch gearbeitet haben und noch am +Leben sind.“ Der magere junge Mensch hielt seinen Blick aus. +Er nannte mehrere Namen. Marduk gab ihm dreißig Bewaffnete, +die gingen mit ihm. Nach einigen Stunden, am hellen Nachmittag +stand er mit fünfzehn Männern und sechs Frauen vor +dem Konsul. Der Jüngere trug den grünen Rock und den hellblauen +Mantel, die er angehabt hatte, als er vor Marduk geführt +war, und die noch die Flecke der Erde von Marduks Park trugen. +</p> + +<p> +In der sanften gehaltenen Art, die Jonathan seit seiner Rückkehr +von der See hatte, setzte er sich neben Marduk hin, öffnete +<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> +seinen Mantel, sprach jeden bei Namen an. Bevor die Vernehmung +zu Ende war, verfärbte er sich, fiel blaß vornüber. +Er war am Abend nicht dabei, als die fünfzehn Männer und +sechs Frauen seitwärts geführt und erledigt wurden. +</p> + +<p> +Der Konsul, im schwarzen Seidenmantel, die großen ernsten +Augen gesenkt, zog am frühen Morgen gleichmäßig seine +Schritte durch die Stadt. Es wehte heißer Wind. Flieger jagten +mit dumpfem Rollen in der Luft. Die riesenhaften Plätze. +Die metallenen Riesentiere, Messer in den Flanken, hingesunken +schweigend auf den Steinpiedestalen. Das Gewühl umspülte +ihn. Die halb in der Luft schwebenden Tribünen, offenen +Hallen, auf denen Mädchen und Männer Bälle mit Stöcken +trieben. Es hatte sich nichts seit dem Beginn seines Konsulats +geändert. Die grellrot bemalten, mit Masten und Wimpeln +versehenen Häuser, in denen die künstlichen Nährstoffe ausgegeben +wurden, auf den Dächern liegende gewundene Kennzeichen +für die Frachtflieger. Die Hauptausgänge der unterirdischen +Bahnen in der Nähe des Nahrungsspeichers; Heraufdröhnen +und Surren der Züge, die aus Fabriken und zentralen +Speichern liefen, der Züge, die in tieferen Stockwerken radial +und peripher die Versorgungsbezirke abstreiften, Schacht und +Aufzug zu jedem Haus. Das kecke Wandeln der Männer von +südlichem Typus. Nonchalantes Trotten Pfeifen Rauchen von +Mulattennachkömmlingen mit grauen Gesichtern, gedrückten +Nasen; das sieghafte Strahlen der weißen Frauen; stumpfes +geschäftsmäßiges Herumgehen der lange Ansässigen, ihre apathische +Ruhe im Dasitzen vor den Trink- und Rauchstätten, +leise Stimmen, wenig veränderlicher Gesichtsausdruck. In +goldgelben Talaren gingen die Priester durch die Straßen, +singend rufend lockend. Marduks Augen brennend auf allen. +Unsicher stockend sein Atem. Wie sonderbar die Frauen zurückgetreten +waren. Sie waren am raschesten verändert; es schien, +sie hatten mit dem Nachlaß der großen Erregungen auch ihre +Spannung verloren, hatten sich viel in Mütter, ja in Dienerinnen +von Männern zurückgebildet. Jonathan, goldgelb in +Seide wie ein Priester, den braunen Kopf bloß, trat leicht +neben Marduk, lächelte, als der ihn fremd ansah. Jonathan +<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> +wollte zur Stadt hinausfahren; Marduk hielt ihn: „Erdulde +dies. Entzieh dich nicht, Jonathan. Ich verstehe dies. Der +ungeheure unausdenkbare Bann, in dem wir leben. Blicke +um dich.“ +</p> + +<p> +In der Ferne hörte man das schaurige Gebrüll eines Metallstieres. +Es wurde im Augenblick auf den Straßen still, die +Menschen verlangsamten die Schritte, standen; sahen auf die +Steinplatten des Bodens. Marduk blickte zwischen sie, hielt +Jonathans Arm, war sichtlich seiner nicht Herr; seine Schultern +zitterten, die Augen blickten verschwommen: „Du kennst das +nicht. Kennst du nicht die Stadt? Das ist wie ein Wind, der +mir an den Mund fährt und mein Gesicht faßt. Ich fahre +durch den Wind. Sieh diese Männer an, die Frauen die +Bahn die Flieger die Straßen, du hast den Stier gehört. Das +Mekihaus, Marke, der blinde Konsul, ich hier, du; wie das beglückt. +Wie es mich beglückt, füllt, seelenselig macht. Trunken, +Jonathan.“ +</p> + +<p> +Jonathan führte ihn schweigend am Arm. Der Ältere mit +den großen brennenden Augen redete weiter. Plötzlich drehte +Jonathan den Kopf zur Seite, ließ den Arm los, seine Schultern +bebten lautlos. Er schluchzte. Marduk stand an einem +Vorgartengitter, wartete, bis er endete. „Du bist zu früh nach +Hause gekommen, Jonathan. Du hättest länger an der Ostsee +bleiben sollen.“ +</p> + +<p> +Der sah ihn mit verdunkelten Augen an: „Hab ich dir nicht +genug Beweise gegeben?“ +</p> + +<p> +„Ich – brauch meine Mutter nicht vergessen“, Jonathan sah +den andern fast zärtlich an „Ich habe sie mit Schmerzen – +wieder geboren. Wie sie mich geboren hat.“ Er hauchte: „Sieh +auf die Eiche da. Sieh immer in das Laub der Eiche hinein. +Dann erzähle ich dir. Du darfst aber nicht wegsehen. Sie ist +zu mir gekommen. Meine Mutter. An der See. Stückweise. +Ich habe sie deutlich am Wasser gesehen. Erst sah ich – ihren +Arm. Oh der Arm, – er war zerpreßt. Was hab ich mich gewunden. +Er bewegte sich, die Finger griffen auf und zu. Er +krampfte. Aber ich, ich, Marduk, ich konnte ihn stillhalten. Er +hielt still. Ich konnte das, Marduk. Und beim andern Arm +<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> +auch. Ich konnte alle Finger langsam bewegen machen. Und +dann kamen die Schultern, die Schultern meiner Mutter. Ich +habe oft meinen Kopf auf die Schultern gelegt. Ich war zu +Hause, wenn ich ihre Schulter berührte. Die Schulter – konnte +ich – nicht erkennen. Du mußt in das Laub sehen, Marduk. +Du tust es. Die Schulter war gespalten. Als wenn sie einer +in der Mitte zertrennt hätte. Oder sie wäre auseinandergefallen. +Das konnte ich nicht gut machen. Was ich mich anstrengte +dabei. Ich habe lange Stunden verbracht, Marduk, +um nur die Schulter heil zu machen. Diese Lücke. Ehe die +Teile zusammengingen. Aber sie gingen dann zusammen. Und +die Arme waren dabei und die Finger bewegten sich ruhig. +Und zuerst konnte ich den Kopf nicht sehen. Es machte mir +auch gar keine Sorge, daß sie statt eines Kopfes eine Blume +zwischen den Schultern hatte, Klatschmohn, die schlaffen roten +glanzigen Blätter, von denen welche herunterhingen, und ich +konnte eine dunkle Kapsel drin sehen, die stäubte. Es kam mir +vor, als wenn das ein Auge war. Sie hatte so schwarze Augen. +Und am Abend waren es auch ihre Augen. Sie waren es wirklich. +Sie hatte einen roten Hut auf mit roten Bändern und +war so freundlich mit mir. Ich konnte mich stundenlang am +Strand nicht bewegen, denn ich fürchtete, die Schultern würden +wieder auseinanderfallen. Aber ich konnte alles gut zusammenhalten. +Nur den Atem durfte ich lange Sekunden nicht von mir +geben. Ich bin dann ohne zu essen schlafen gegangen. Lag +die Nacht wie im Starrkrampf, war wie ein Toter. Als ich +aufwachte und zur Türe hinausging an das Wasser, hielt ich +gerade da, wo ich gestern aufgehört hatte. Stört dich, daß du +immer in die Blätter sehen mußt? Aber ich kann dann besser +erzählen. Ich habe sie dann schließlich ganz gemacht, lebend +beweglich, in ihrem Kleid. So kam sie aus deinem Wald heraus. +Durch eine Lücke. Ich habe entsetzlich darum kämpfen +müssen. Es ist gelungen. Jetzt ist alles wieder gut.“ +</p> + +<p> +„Spricht sie nicht?“ +</p> + +<p> +„Noch nicht. Ich werde sie schon zum Sprechen bringen. +Ich traue mir alles zu.“ +</p> + +<p> +„Du wirst sehen, sie wird mich verfluchen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> +„Ich glaub es nicht. Sie sieht mich doch. Sie weiß doch, wo +ich bin.“ Stolz blickte Jonathan vor sich. Einen Augenblick, +als er den Jüngeren so leiden sah, hatte Marduk vorgehabt, +ihn von sich wegzuschieben. Er fürchtete, der Jüngling würde +ihn schwach machen und zum Erliegen bringen. Jetzt – sah er +von der Eiche weg, legte den Arm um die Hüfte des zitternden +Menschen, dessen Augen in grauen Höhlen lagen. Beklommen, +fast wonnig fühlte er das leise Vibrieren und das atmende Auf +und Ab der Flanken. Er dachte: „Ich fühle ihn nach und halte +mich. Er ist mein Schmerz und mein Führer. Ich will ihn +behalten, solange er so bleibt. Solange er leidet und sich nicht +helfen kann, soll er leben bleiben, – damit ich nicht vergesse.“ +</p> + +<p> +Zu Jonathan, an dessen grünem bauschigen Kleid er herabblickte, +sagte er: „Wärst du ein Mädchen, eine Frau, würde ich +dich zur Frau haben wollen. So aber habe ich Glück, daß du +kein Weib bist. Du wirst keine Kinder gebären, für dich, gegen +mich; wirst ungebunden gehen, wohin du willst. Du wirst +nicht aus einer tierischen Laune über mich fallen, damit ich +fühle: ich bin noch etwas anderes als dieser Marduk, dein +Freund, der dich braucht und dir folgt; ich bin noch eine dumpfe +Kraft, nein, ein dumpfes Leiden von irgendwoher, wie diese +tausend Menschen, wie die Blätter die Steine.“ +</p> + +<p> +„Bedauerst du mich, Marduk? Du brauchst mich nicht zu +bedauern.“ +</p> + +<p> +„Komm in den Garten.“ +</p> + +<p> +Sie gingen ungehindert in den Garten. Marduk stellte einen +Fuß auf die Sitzbank unter der Eiche. Er hatte einen ruhigen +kummerlosen Ausdruck; es schien, als wenn sie gar nichts miteinander +gesprochen hätten. Er zog die Riemen seines silberbeschlagenen +Halbschuhs fest. Jonathan sah erst zu, dann, +während Marduk einen Ellbogen auf das Knie stemmte, legte +er die Schnalle fest. „Das kannst du gut, Jonathan. Und du +kannst noch anderes gut. Willst du durchaus ein toter oder +schwacher Mann sein? So ein Ast, den man abgerissen hat und +der nur so lange lebt wie er noch feucht ist? Willst du nicht noch +eine Weile mit deiner Mutter zusammenleben? Du hast dich +gestern gut gegen deine ehemaligen Freunde benommen. Sie +<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> +leben nicht mehr. Nein. Ich habe deinen Willen ausgeführt. +Es war dein Wille.“ +</p> + +<p> +Der Jüngere, dem die Hände heruntergefallen waren, legte +den Kopf an Marduks Knie. Er hielt sich mit den Armen an +diesem Knie fest. +</p> + +<p> +„Ich biete dir eine Ehe mit mir an, Jonathan. Wie denkst +du darüber. Du hättest keine Pflicht weiter als da zu sein, mir +dein Gesicht zu zeigen. Es ist nicht nötig, daß du mit mir +sprichst. Regen und Wärme sprechen auch nicht, und man +braucht sie doch. Du sollst auch nicht mein Diener sein. Nicht +einmal mein Gehilfe. Und nicht einmal mein Tischgefährte. +Sondern, wie ich schon sagte: nur da sein. Es ist nicht nötig, +hier. Aber doch oft bei mir.“ +</p> + +<p> +„Sonderbar, Marduk. Ich dachte, du willst mich als Gehilfen.“ +Marduk nahm den Fuß nicht herunter. Er gähnte: +„Also, es ist abgemacht.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">arduk</span> war mit einigen hundert Mann in die unverteidigte +Stadt eingezogen. Er ließ noch am Tage seines Einmarschs eine +Kraftzentrale in dem ersten, sogenannt Grünen Rathaus der +Stadt errichten, in dem er sein Quartier aufschlug. Angriffs- und +Abwehrwaffen, die er mit anderen seiner Gruppen aufbewahrt +und vorbereitet hatte, wurden im Augenblick in der Nähe des +Rathauses versteckt und an Marduks Zentrale angeschlossen. +</p> + +<p> +Der Usurpator rief die Leiter der noch bestehenden Industrien, +die Besitzer der Ländereien, Männer Frauen, in das +Rathaus und gab ihnen, wie sie den Haupthof durchschritten, +den Anblick der fünfzehn erschossenen Männer und sechs +Frauen, dazu von dreißig lebenden Neuverhafteten, die unruhig +auf dem Hof herumgingen. Er redete die Erschienenen +an. Es waren graue und junge buntgekleidete Tiere, die sich +neugierig hochmütig verschüchtert vor ihm drängten. +</p> + +<p> +Glossing, der alte Mann aus englischem Stamme, der Lehrer +Marduks in den chemischen und physiologischen Versuchen, der +feine Botaniker, sah mokant und gelangweilt zu der hohen +Kuppel des Saals und den herunterwogenden Seidenfahnen +<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> +auf, den alten Verbrüderungszeichen, den Fahnen des englisch-amerikanischen +Mutterreichs, denen des Uralischen Kriegs mit +den Gestirnen, die vom Feuer der Erde gefaßt werden. Er dachte: +Marduk wird reden: er möge reden; es mögen andere reden +und handeln, sie werden nichts ändern. Er dachte zäh ruhig +sicher: es wird niemand vermögen, mich und meinesgleichen +auszurotten. Kühl betrachtete er die um sich; was war Marduk +für ein Narr, daß er sich unter diese begab; er war gut im Zuge; +wen lockt es, sich mit diesem einzulassen. +</p> + +<p> +Mild bewegte sich im Gedränge, die große Brille auf der +stumpfen Nase hin und her schiebend, Blue Sittard, von kreolischem +Blut. Er sonnte sich an den Gesichtern seiner Umgebung, +der heimliche Kristallforscher, von dem man sich wunderbare +Dinge erzählte. Die rechte Hand war ihm in eine seiner Steinzertrümmerungsmaschinen +geraten und bis auf die Mittelhandknochen +abgepreßt worden. Er konnte mit den Stümpfen, +die er sich wie Finger hatte präparieren lassen, kleine nickende +Bewegungen machen und erschreckte Unbekannte, wenn er im +Gespräch den hellgrauen Lederhandschuh scheinbar unabsichtlich +abzog und mit der Hand gestikulierte, die sogar künstliche +rosa Nägel an den Spitzen hatte und Glied um Glied mit +Brillantreifen besetzt war. Eine kühle und laszive Seele. Marduk +würde reden. Er möge reden. +</p> + +<p> +Der schäumende Ekbert, der junge überlange gebückte Mann +in schlottriger Arbeitstracht, ein höhnischer Mensch von großer +Weichheit, der dazu bestimmt war, irgendeinem seiner Impulse +zum Opfer zu fallen. +</p> + +<p> +Die blonde ernste weiße Marion Divoise, die üppig, teilnahmslos +an einer Fensternische stand, ihre graugrünen Augen +schweifen ließ. Viele Mädchen und Jünglinge hingen ihr an. +Sie war von einer großen Keuschheit, schmerzliche und sonderbare +Liebesgeschichten wurden von ihr erzählt, La Balladeuse +hieß sie. Sie hatte von den Industrien ihrer Familie nur noch +den Boden in Besitz, kannte Marduk nicht. Wer ist es, dachte +sie. Wenn er mich bewegen erregen könnte. +</p> + +<p> +Am Boden, an den Fingern kauend, auf einer Steinstufe +Drüttchen, die lange schwarze Weibsperson, die fanatisch für +<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> +Marke gekämpft hatte, an der Zertrümmerung der großen noch +bestehenden Frauenbünde arbeitete. Dutzende Männer nagte +sie an, daher hatte Drüttchen, das vielbeachtete und gehaßte +Weib, den Spitznamen die Landratte. +</p> + +<p> +Sie sahen alle erstaunt den hochstirnigen Abenteurer eintreten, +der mit Hilfe einiger Männer und Waffen diesen Streich +verübt hatte, um ihn wohl nach einem Monat zu bereuen. +Marduk, auf dem Platz des Senatsvorsitzenden, nahm den rotfedrigen +breiten Hut vor ihnen ab, hieß sie willkommen. Als +er sich setzte, stand seitlich von ihm Jonathan, den alle gut +kannten, von dessen Zugehörigkeit zu Marduk noch wenige +wußten. Eine starke Bewegung entstand unter den Menschen, +als Jonathan auf ein Zeichen Marduks sich neben ihn setzte. +Marduk gab ihnen von seinem Sitz aus Bericht. Markes Werk +werde weitergeführt. Die Lehren des Uralischen Krieges sind +voll und nachsichtslos zu ziehen. Er bestätigt den bisherigen +Senat, werde sich seiner Mitarbeit bedienen. Dann schwieg +er, Schweißtropfen vor der Stirn, schielte auf den Lederbezug +des Tisches. Wie sich unten nichts regte, bat er den greisen +Glossing, den Botaniker, den bisherigen Vorsitzenden, herauf. +Er versprach sich, nannte Blue Sittard mit der großen Brille, +der sich an die Tribüne gedrängt hatte, ihn mit einem ironischen +Lächeln festhielt. +</p> + +<p> +Glossing stellte sich nach einem gleichmütigen Kopfnicken neben +Marduk, murmelte, so daß er sich unterbrechen mußte, während +die Einberufenen sich vor ihm ballten. Die Sitzung werde kurz +sein; sie sei nicht von ihm einberufen, sein Platz sei besetzt – +Marduk erhob sich stürmisch; Glossing ablehnend: er danke – +ob jemand sprechen wolle, ob jemand die Neigung habe etwas +zu sagen. +</p> + +<p> +Blue Sittard erhob den Arm; ging nur eine Stufe zur Rednertribüne +herauf, lächelte ironisch bald Marduk bald Jonathan +an, schmunzelte in die Versammlung: „Wir sind ja alle Marduk +und dir, Jonathan, sehr dankbar, daß wir eingeladen sind, +diesen Raum hier zu betreten, hier zu stehen zuzuhören. Wir +sind alle gern hier. Seien Sie uns nicht böse, Marduk und du, +Jonathan, wir sind beinah noch lieber in diesem Saal als mit +<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> +Ihnen. Das soll keine Spitze und Feindseligkeit gegen Euch +sein, wie es sich versteht zwischen guten Bekannten Arbeitsgefährten +wie wir, fast möchte ich sagen: zwischen Brüdern in +der Gefahr. Denn wir können es ja jetzt aussprechen: wir +haben unter Marke manches Ding gemeinsam betrieben, das +nicht beliebt war. Und warum sind wir lieber in diesem Saal, +als mit Ihnen beiden? Weil wir schon oft diesen Saal betreten +haben und jedesmal saß oder stand dort, wo Marduk sitzt, ein –; +jetzt wirst du wieder lachen, Jonathan. Wir sehen dich gern +lachen, übrigens. Wir haben gehört, welche Trauer über dich +gekommen ist durch den Verlust eines Menschen, den auch +mancher unter uns verehrt und geliebt hat. Es ist uns eine +Wohltat zu wissen, wie rasch sich eine gesunde Natur über Unglück +und Mißgeschick erhebt; wir können daraus Kraft für uns +selbst schöpfen. Wer stand da, wollte ich sagen, wo jetzt Herr +Marduk sitzt? Ein Konsul, den wir gewählt haben. Ganz recht, +der war da. Wahrhaftig. Und das erfreut uns. Nun werden +Sie fragen, Marduk, nachdem Sie uns so liebenswürdig angeredet +haben: welcher Unterschied denn besteht zwischen Ihnen +und dem Konsul Marke. Das ist eine Frage eine Sache, die +über das Formale hinaus Interesse hat. Ich wartete jeden +Augenblick, Sie werden mich unterbrechen. Aber Sie besitzen die +große Güte mir zuzuhören, fast wie einem Freunde. Und ehrlich +gesagt, Marduk: nehmen Sie an, Sie hätten nicht die Geduld +und machten von ihrem unzweifelhaften Rechte Gebrauch, so +wüßte ich doch nicht, wie ich der Frage ausweichen sollte.“ +</p> + +<p> +Er drehte sein stumpfnäsiges Gesicht voll dem Saal zu, sonnte +sich am Anblick der Versammlung; manche sahen weg. „Also +sprechen Sie, Blue Sittard“ gab Marduk herunter. Der verneigte +sich, stärker grinsend gegen Marduk und den Vorsitzenden: +„Ich danke. Danke auch dem Herrn Vorsitzenden, für den +Marduk eben sprach, in Stellvertretung. Wir sind alle, die +hierher gekommen sind, hocherfreut, daß wir sprechen und so +sprechen dürfen. Es heißt sonst: unter den Schwertern schweigen +die Musen, aber man sieht die Ausnahmen. Das will nicht +sagen: ich sei eine Muse; Blue Sittard mit seiner Brille und seiner +schlechten Hand hält sich nicht für eine Muse. Aber vor einer +<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> +halben Stunde war ich alter Mann doch stark musisch gestimmt; ich +will mich nicht schämen, es vor Euch zu bekennen. Das war, als +ich in diesen Saal über den Hof ging und dort einige mir wohlbekannte +Männer und Frauen traf. Diese Männer und Frauen, +die ich wohl kannte, oft getroffen und gesprochen habe, von denen +manche mit mir an einem Tisch gegessen haben, – einige habe ich +erst vor einigen Tagen begrüßt und ihnen die Hand gedrückt, – +die schwiegen plötzlich bei meinem Anblick. Ich habe nichts verbrochen +inzwischen, es ist zwischen uns nicht das Geringste vorgefallen. +Sie schwiegen so intensiv, sie hatten so hartnäckige, +fast böswillige Gebärden an sich, daß ich annahm: diese Männer +werden, und diese Frauen werden niemals mehr reden. Dabei +hatten sie die Münder weit offen; sie lagen sehr bequem wagerecht +auf dem Boden; das Steinpflaster schien sie gar nicht zu +drücken. Sie schienen so entschlossen zu sein, diese unsere +Freunde, daß sie nicht einmal einen Atemzug von sich gaben. +Nun ist das zwar Privatangelegenheit dieser schweigenden Herrschaften. +Jedoch wollte ich Sie bitten, Marduk, Sie möchten, +da Sie von einer anderen Seite hereinkamen, nicht bloß durch +das Fenster sehen, sondern ein paar Herren und Damen herunterschicken, +um nachzuforschen, ob die Schweigenden da etwas +Schlimmes, vielleicht ein Unglück betroffen hat.“ +</p> + +<p> +Marduk schwieg. Glossing neben ihm hielt die Augen gesenkt. +„Wollen Sie uns erlauben, Herr Marduk, nachzuforschen, +was die fünfzehn Männer und sechs Frauen bewegt, so hartnäckig +zu schweigen. Besonders da Sie so gütig sind, uns +sprechen zu lassen.“ +</p> + +<p> +Marduk schien von dem Ton Blue Sittards unberührt. Die +Männer und Frauen seien heute nacht auf seine Anweisung +erschossen worden. +</p> + +<p> +Blue Sittard hob freundlich, fast entzückt die Arme: „Gut. +Gut. Dacht ich mirs doch. Es ist ja auch einigermaßen wunderbar, +daß einer so lange den Atem anhält. Machte mich schon +ganz verwirrt, brachte mich in lyrische Erregung, diese Fähigkeit, +diese Ausdauer der einundzwanzig. Nur entsetzt die Frage: +was tun wir hier. Auf dem Hofe liegen einundzwanzig Erschossene. +Und wir –“ +</p> + +<p> +<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> +Er lachte heftig, sah sehr blaß aus, rupfte seinen grauen +Backenbart, streckte plötzlich weit die Arme aus, beugte sich schief +und oft vor Marduk: „So steht es. Verzeihung. Verzeiht. +Verzeiht mir. Dies wollte ich berichten.“ Er wandte sich zu +seinen Freunden, buckelte wieder, verwirrt, wollte sich zwischen +die Menge drängen. Aus dem unbewegt sitzenden Marduk war +plötzlich etwas auf ihn gezuckt. Von der Tür bis zum Sitz +Jonathans drängten sich die Freunde. Er schob sich, ein ärmliches +Lächeln um den Mund, zwischen sie. Und wie er erst +unter ihnen war, viele vor sich, zwei hinter sich, zwei neben sich, +da zog er den Hals ein, hob die Schultern, gab helle winselnde +Angstlaute von sich, quietschte aus geschnürter Kehle, die Hände +vor dem Mund, um die Laute zurückzupressen, rieb sich das +Gesicht, daß die Brille über die Stirn stieg. Wie ein Kind, +das eine lange finstere Treppe heruntergehen soll, erst ruhig +und tapfer steigt, Stufe um Stufe, bei jedem Absatz stehen +bleibt, den Atem anhält, um sich schaut, zurückschaut, schon +rascher läuft, rascher, seine Schulmappe hält es fest, es gleitet +am Geländer entlang, die Angst, die panische Angst ist hinter +ihm. Es läuft, es kann sich nicht halten, stürzt schreit stürzt +weiter, gellt durch das hohe Treppenhaus. Und wie man mit +Lampen aus den Wohnungen kommt, steht es an einem Fenster, +späht zeigt um sich, keucht entgeistert, weiß nichts zu sagen, +das Herz klopft ihm zum Mund, in die Lippen, in die Augen, +über den Scheitel; es würgt, stößt auf, heult im Licht. So +winselte Blue Sittard. Bestürzt umfaßten ihn die Freunde. +Marduk ruhig von oben: „Macht Platz um ihn.“ +</p> + +<p> +„Nein“, winselte der, drängte tiefer. +</p> + +<p> +„Ich will ihn sehen.“ +</p> + +<p> +Er wühlte sich unter die Freunde, die ihn nicht verstanden, +in denen es vibrierte. Hinten öffneten welche die Türen. Sie +strichen an dem besessenen Blue Sittard: „Was tust du uns +an. Beherrsche dich.“ +</p> + +<p> +Leicht schäumte schon Angst aus ihnen selber, trieb sie zu +fragen. Sie stolperten, drehten sich um sich, stießen nach den +Türen. Was sie sprachen, war für niemanden gesprochen. Jonathan +näherte sich Marduk, der seine aschgraue Maske zur Seite +<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> +drehte. Keinen Blick konnte er von ihm erhaschen. „Halt sie in +Schach“ ächzte Jonathan. Unten wälzte sich die blonde üppige +Balladeuse, durch die erst Stürme von Zittern gelaufen waren, +in Krämpfen, in denen sie ganz rasch sprach, mit mehreren Unsichtbaren +gegen den Boden hin eine heftige Unterhaltung führte, +wieder sich lang ausdehnte. Sie lag mit ausstoßenden Beinen +seitwärts allein auf dem Parkett, während die Knäuel die +Türen verstopften. +</p> + +<p> +Marduk drohte am Tisch: „Was ist, Blue Sittard. – Was +ist mit den Toten?“ Der winselte: „Er kann –; er kann –“ +Und jetzt hatte er es; er schwang die Arme, heulte: „Er kann +es. Er wird sie lebendig machen. Die Toten.“ +</p> + +<p> +Und schallend lachte Marduk, der aufgestanden war: „Ich +werde es euch zeigen. Ich kann sie lebendig machen.“ +</p> + +<p> +Sie fluteten in Panik hinaus. Der Graus des Uralischen +Krieges. +</p> + +<p> +Marduk saß hin, mahlte mit den Zähnen, knipste die Finger +der linken herabhängenden Hand am Daumen. La Balladeuse +lag auf den Ellbogen über dem Parkett, drohte: „Das +soll nur sein. Wenn sie es wagt, ist es ihre Sache. Aber an mir +hat sie keine Hilfe, das soll sie wissen. Zum hundertsten Male, +zum tausendsten Male. Ich habe es ihr gesagt, kurz und bündig. +Ravaillac hat damit nichts zu tun. Was kommt ihr mit dem. +Das ist ein übles Manöver. Geh weg, Ravaillac. Deine +Schuhe? Habe ich nicht.“ Sie setzte sich auf, betrachtete ihre +blauen Strümpfe, stand taumelnd, blickte vorwärts und rückwärts. +Das Haar hing ihr um den Kopf. Ging wie eine Blinde +im Zickzack, in den Saal hinein, bog ganz weit nach rückwärts +den Kopf, steuerte auf das Podium mit den beiden Männern, +oft tief Luft schöpfend, beide Hände auf die Brust gelegt. +</p> + +<p> +Marduk zog sich zusammen, schwoll auf. Er blickte mit scheinbar +lächelndem Ausdruck auf Jonathan, der eine Stufe unter +ihm stand. „Bist du hier?“ er knipste unter dem Tisch weiter, +„ich glaube, ich habe eine Schwachheit getan. Als ich hier hineinging. +Die Erbschaft Markes antrat. Was geht mich Marke +an. Ich hätte bei meinen Arbeiten bleiben sollen. Die Flammenbergwerke +waren nichts.“ +</p> + +<p> +<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> +La Balladeuse torkelte in die Mitte des Saals, horchte dahin +und dahin; schien nicht zu wissen, von wo das Gespräch kam; ab +und zu zeigte sie mit der Hand nach einer Richtung, in der sie +weiterspazierte. +</p> + +<p> +„Sie sind wie Hasen davongelaufen. Haha, bin ich ein Dummkopf +und sitze hier. Ich werde Tote lebendig machen. Und alle +Lebenden tot. Haha. Komm einmal. Ich will die im Hof ansehen.“ +</p> + +<p> +Der andere blieb neben ihm stehen. Marduk ging an ihnen +vorbei. Er polterte finster strahlend, prustend die Stufen herunter +ohne Jonathan zu beachten: „Wir haben große Macht; +er hat es von mir geglaubt, Blue Sittard, der Dicke. Ich will +nicht versäumen, ihm zu gehorchen. Soll ihm nicht widersprochen +werden.“ +</p> + +<p> +Die Blonde Flüsternde Gestikulierende rumorte auf ihn zu, +wie er über das Parkett strich. Sie standen sich gegenüber: +„Mein Junge. Ich will dir sagen, wir lassen uns in keine Debatten +ein.“ Er schüttelte sie von sich. „Keine Debatten, mein +Junge. Hirn muß man haben im Kopf. Wenn man Hirn hat, +muß man wissen, was die Hühner für Eier legen. Wirst du mir +das ausreden?“ „Was will das dumme Weib?“ Sie stopfte +taumelnd die Fäuste in die Weichen: „Das sag ich dir, wer du +bist, Ravaillac, der Trompeter oder die Balladeuse selbst, ich +werde mit dir fertig. Mich kriegst du nicht unter. Versuchs mal, +Herzchen. Hopp. Du kommst an meine Schuhe nicht heran. +Die sitzen fest. Frag den Trompeter, was mit seiner Lampe +geschehen ist. Schaum, nur Schaum.“ Marduk war vorbei. +„Schaum“, schrie sie und torkelte hinter ihm, kam nicht von der +Stelle. Sie ging in falscher Richtung, fuchtelte mit den Armen: +„Greif ihn, das ist Ravaillac. Ich hab noch Waffen, er soll mir +nicht entgehen. Marion, das ist ein Schuft.“ +</p> + +<p> +Jonathan löste sich von der Stufe, auf der er stand, lief hinter +Marduk, der aus der Türe ging. Marduk drängte auf den Hof, +war verzaubert: „Ich habe es nicht von den Menschen. Das hat +in mir unter einer Decke gelegen. Die Propheten und Heiligen +sprachen davon. Ich werde Wunder geschehen lassen. Es ist +zum Schütteln. Nicht sterben lassen. Dann müßte man noch +<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> +mehr tun: frisches Leben hinzutun, frisches anderes Leben +aufgießen. Die Natur kann die Zähne fletschen.“ +</p> + +<p> +Sie standen auf dem Hof. Die lebenden Gefangenen wurden +davongetrieben. Rasch ging er auf die Leichen zu. Sie lagen +auf den Steinplatten in drei Reihen hintereinander. Eine weibliche +Leiche, die Beine bis über die Knie bloß. Dünne, unter +der Lederdecke leicht angezogene gelbweiße Beine, die Zehen +gespreizt und nach oben gestreckt. Marduk bückte sich, einen Fuß +zu berühren. Er umfaßte mit der ganzen Hand den Fuß um +den Spann, ließ ihn nach einer Weile los; der Fuß war von einer +hochsteigenden durchdringenden Kälte. Er verschränkte, sich aufrichtend, +die Arme. Ging um die Köpfe der letzten Reihe herum. +Ein Mann, dem ein Strohhut über dem Gesicht lag, hatte die +Ellbogen seitlich ausgestoßen, als ob er etwas in den Händen +hielt und nähte. Marduk faßte einen Ellbogen. Der ließ sich +anheben. Und als er ihn stärker aufzog, drehte sich der ganze +Mensch an dem Ellbogen auf die Seite, als wäre er ein Stück, +rollte losgelassen wieder zurück. Der Hut war von seinem Gesicht +gerutscht; ein älterer vollwampiger Mann mit kahlem +Schädel; sorgenvoll runzelte er die Stirn, mit dem halboffenen +Auge schielte er an seiner Nase herunter; da war seine Oberlippe +zerrissen, der blutige Kieferknochen lag splittrig bloß. Als Marduk +sich die Hand vom Gesicht nahm, runzelte der alte Mann noch +immer die Stirn, schielte. +</p> + +<p> +Marduk zog das Ledertuch über den Hals hoch. Blendend die +Sonne von oben. Scharfe schwarze Schatten über dem Hof. +Er wollte sich abwenden, da stöhnte es hinter ihm. Jonathan +stand da, mit dem vollen Blick auf den bedeckten toten Mann, +wischte sich die Tränen von den Backen, ging vor Marduk zum +Hoftor. +</p> + +<p> +Der Ältere, den Korridor betretend, murmelte vor sich: „Es +war schon gut, daß ich davon gelassen habe. Wir werden weiter +so machen.“ +</p> + +<p> +Schnürte den Rock fester, schlich, von Wachen gefolgt, weiter. +Voll Abscheu sah ihm Jonathan nach. +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">onathan</span> trat morgens in Marduks Empfangszimmer im +Stadtgebäude, gab ihm die Hand: „Wunderst du dich, daß ich +komme, Marduk? Nein, nicht wahr, du wunderst dich nicht; +du darfst dich nicht wundern.“ +</p> + +<p> +Ein schönes saalartiges Zimmer hatte Marduk; Marke hatte es +herrichten lassen. Links und rechts Riesengemälde vom Boden +bis zur Decke. Auf der einen Seite farbige Massen, Balken +Drähte Maschinenteile, die, als wenn sie nicht zu halten wären, +plastisch aus der Wand heraustraten. Auf der anderen die +Überschwemmungen Schuttanhäufungen, versinkende Tiere und +Menschen. Eine Knochen- und Schädelpyramide in der Mitte +des Zimmers. Jonathan zuckte: „Hier wohnst du, Marduk.“ +Der gab keine Antwort. Dann, hinter dem Tisch: „Was bringst +du.“ „Ich weiß es nicht. Aber ich kann nicht mit dir in Unfrieden +leben,“ seine Augen schielten, „und bitte dir alles ab, +was ich gestern gedacht habe. Und bitte dich inständigst, du möchtest +nicht davon sprechen, nichts zu mir davon erwähnen.“ +</p> + +<p> +„Ich glaube, Jonathan, du kommst nicht meinetwegen, sondern +deinetwegen her.“ +</p> + +<p> +„Ich kann nicht mit dir Ruhe finden, Marduk. Du wünschest, +daß ich dein Spiegel sei. Ich will mehr als dein Spiegel sein. +Ich habe zwei Hände einen Kopf ein Gefühl; ich bin ja dein +Freund.“ +</p> + +<p> +„Wir wollen zusammen essen. Nicht mehr sprechen.“ +</p> + +<p> +Marduk faßte den Jungen unter den Arm; sie gingen in das +kleine schmale Nachbarzimmer, sprachen bei der Tafel lange +nichts. Marduk dachte: „So unterwürfig ist er, weil er um seine +Mutter leidet. Er ißt viel, weil ich neben ihm sitze. Er sitzt ruhig. +Er schielt nicht. Er lächelt mich immer an. Was für ein gequältes +Wesen ist er. Und solch kaltes Tier wie mich muß er zu +seinem Freund haben. Freund sagte er; ich bin ihm so Freund, +wie ihm das Brot der Wein da Freund ist. Ich bin ihm Lebensbedingung. +Er war auf einem Fluchtversuch.“ Marduk lehnte +sich zurück, die Hände vor der Stirn: „Ich habe heute vor, mich +mit einigen, die ich erschreckt habe, zu unterhalten. Ich muß sie +beruhigen. Ich will selbst in mein Landhaus fliegen, ihnen einige +<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> +Anordnungen vorführen.“ Er unterbrach sich; ihm flog durch +den Kopf: „Was nutzt es, daß ich alle Weisheiten der Erde besäße +und hätte der Liebe nicht.“ Gleichmütig sanft Jonathan, die +Serviette faltend: „Ich komm gern mit.“ +</p> + +<p> +Marduk, weiter zielend: „Wir begleiten die Herren zu den +Versuchen über Wachstumsunterbrechung und -antriebe bei +jungen und älteren Tieren.“ +</p> + +<p> +„Wie du magst“, nickte Jonathan zum tiefen Erstaunen +Marduks; „ich bin nur froh, daß du mir nichts nachträgst.“ +</p> + +<p> +Als der Konsul, wie um etwas abzuschütteln, aufstand, hatte +er das Gefühl allein zu sein: „Ich habe einen Freund verloren. +Ich bin allein. Wer hilft mir weiter.“ Er summte, den leeren +Blick gegen das regentriefende Fenster, eine traurige Melodie. +Als der Jüngere leuchtenden Gesichts einfiel, schlug sich Marduk +die Brust mit kurzen drückenden Schlägen, hielt sich verzweifelt +den Kopf: „Ich bin allein. Hier sitze ich. Wer hilft mir weiter. +Wer hilft mir weiter.“ Er ließ sich auf einen Schemel neben +dem kleinen runden Weintisch fallen; um die anderen niederzuschlagen, +um über ihnen zu stehen, war er aufgebrochen, hatte +alles gelassen. Was ließ er zurück, was war dies Neue, das er +gewann. Die Macht über diese. Über alle. Was. Was. „Verflucht“ +stöhnte er; sein Glas in der losen Hand kippte um, der +rote Wein rieselte auf den Teppich. Den Widerwillen, die Selbstverstoßung, +Empörung, die die Fingernägel in die Handteller +einbohrt, sah Jonathan, der sich nach ihm weit vorbeugte. Fahl +matt wurde plötzlich sein Gesicht, die Schultern sanken ihm langsam +herunter, die Unterlippe hing sehnsüchtig traurig; der +Schlimme saß da, der Schlimme, wieder der Schlimme, rang +mit sich. Und Marduk kam herüber zu ihm; das Glas stellte er +auf den Tisch; in Brust Schultern Armen fühlte er sich durchbebt: +„Mein Spiegel“, dachte er, „er ist es.“ Gierig blickte er +ihn an, sog seinen Anblick ein. Nein, er war nicht, vielleicht nicht +verloren. Dies war ein Schmerz; dieser litt. Dies war Jonathan, +sein Freund sein Kind sein Herz. Traurig berührte +Jonathan, bittend, als er ihn fühlte, seinen Arm: „Soll ich?“ +wühlte es erstickt, schluckte es in Marduk. Er hörte wie ihn der +Jüngere Sanfte mit verschleierter zarter Stimme ansprach: +<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> +„Du mußt mir von deinen Versuchen, den letzten, erzählen. Du +kannst es ruhig tun.“ Marduk wand sich; es war nicht möglich, +daß einer so sprach; dies war Jonathan. Er hielt sich, die Hände +rückwärts aufstemmend, an der Tischplatte fest, stieß, die Augen +schließend, durchflutet, von einer Kühle übergossen als wäre er +entblößt, einen tiefen Seufzer aus. „Mach das Fenster auf“ +bat er Jonathan. Wie der Regen draußen trommelte; nasser +Wind flog herein. Nur mit Mühe arbeitete Marduk eine Stunde. +Dann legte er sich, nicht einmal über sich erstaunt, am hellen +Mittag in sein Bett. Wühlte sich tief und tiefer in das Kissen, +schlang die Decke als wenn er sich verkröche, fest über sich. Wie +von einem Zauberfinger berührt schlief er ein, fest. Ein Schlaf, +der sein Mark durchfloß. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Toten wurden am folgenden Tage öffentlich beerdigt. +Der Konsul beteiligte sich an dem feierlichen Zug. Er erklärte +keine Rache üben, keinen Schrecken verbreiten zu wollen. +Abends bebte die Erde wie im Beginn von Markes Konsulat: +zahlreiche entdeckte Anlagen und Versuchsstätten, auch Marduks +eigene wurden in die Luft gesprengt. +</p> + +<p> +Er selbst sammelte um sich eine große Anzahl von Männern +und Frauen, die ihm ergeben waren, Waffen trugen, Angriffs- +und Abwehrapparate herstellten und vervollkommneten. Er umgab +sich wie ein Tyrann mit Hunderten Spionen und Wächtern. +</p> + +<p> +In der Zeit seines Konsulats verminderte sich die Einwohnerzahl +des Stadtgebiets um Millionen. Der Zuzug hörte ganz +auf. Nicht nur Versuchs- und Arbeitsstätten sprengte Marduk, +sondern in rascher Folge eine Zahl von Fabriken und Anlagen, +die er für unnütz hielt. Er griff damit in den Besitz der stärksten +Herrschaftsgruppen ein, die er verelendete. Die planmäßige +Zerstörung dieser Einrichtungen, die der Bequemlichkeit und +Annehmlichkeit, aber auch dem Austausch mit anderen Stadtschaften +dienten, hatte zur Folge die Herauslösung der märkischen +Stadtschaft aus dem allgemeinen großen Verkehr der +Industrien und damit weitere Entblößung des Landes. Die +Mekifabriken hielt Marduk in der Hand, stieß die Menschen aber +<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> +mit Gewalt in die Wildnis der Forsten und Felder. Es entstand +die erste wirkliche Revolte, als er ohne Befragen des Senats +auch eine Anzahl Nahrungsspeicher sprengte. Er zerstörte diese +kunstvollen Anlagen, ließ sie nicht zerfallen, um durch die tosende +Zertrümmerung seinen Willen zur glatten Abwendung von +ihnen bekanntzugeben. Der Senat, der bald aus einer Mehrheit +ernster Anhänger des Konsuls bestand, – viele Frondierende +zogen sich verzagt, überdrüssig in die näheren und ferneren +Landschaften zurück, – stellte sich gegen ihn. Aus allen Gegenden +der Stadtschaft rückten damals gegen die Ratsgebäude die +Menschen mit den schlaffen apathischen Zügen, den unsicheren +dünnen Gliedmaßen, den starken Leibern, auch härtere Ackerbauern. +Kinderscharen wurden losgelassen. Entsetzen unter +ihnen. Sie sollten umkommen; wer nicht Boden und Vieh besaß, +sollte verhungern. Man verlangte vor dem burgartig gesicherten +Stadtgebäude nach Marduk, der sich nicht sehen ließ, +forderte seine Absetzung. Die Menschen zerstreuten sich zum +Schutz der noch unversehrten Mekifabriken und Anlagen, organisierten +ihre Bewachung. Marduk ließ wochenlang diesen Zustand. +Als der Senat sich weigerte, die Menschen zu beruhigen, +gab der Konsul bekannt, daß er selbst die Anlagen schütze. Das +Recht der Auswanderung stünde jedem frei. Die Erregten +kehrten sich nicht an Marduks Warnung. Da kamen ihm Haufen +Landsiedler zu Hilfe. Nachdem eine Zahl der Unruhigen +von den Speichern und Anlagen verdrängt war, ein Teil von +Marduks Wache im Innern der Anlagen unschädlich gemacht +war, zerfloß die Revolte. Ein neuer Strom Menschen ergoß sich +aus dem immer wüsteren Land. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> blonde ernste weißhäutige Marion Divoise stand bei dem +Streit des Konsuls Marduk mit den Senatoren in einer Fensternische +des Saales, ließ ihre graugrünen Augen schweifen. Viele +Mädchen und Jünglinge hingen an ihr. Sie dachte, als sie +Marduk oben sah: wer ist es; wenn er mich bewegen erregen +könnte. Bei dem folgenden schrecklichen Tumult brach sie zusammen, +wurde verwirrt nach Hause gebracht. +</p> + +<p> +<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> +Marion Divoise, die üppige vollbusige Blonde, die Freude +vieler Männer und Frauen, drängte seit da zu Marduk. Sie +verlangte, wie viele, vergeblich Zutritt zum Konsul. Der lebte +eingeschlossen bald im Stadtgebäude, bald in seinem ärmlichen +Landhaus; es war nie sicher, wann er da und dort mit seiner +schwer bewaffneten Wache erschien. Marion hörte auf, die +Strenge zu sein, die Männer und Frauen durch ihre geheime +Süße anlockte, die sich ernst und verstehend, warm und dann +wieder fremd unter ihnen bewegte. Der schauerliche Tumult bei +der Parlamentsrede Glossings am Tage nach Marduks Staatsstreich +war ihr nicht aus der Seele gegangen. Sie suchte sich +beängstigt davon wegzuziehen. Weder Männer noch Frauen +hatte sie bis dahin ernsthaft angehört. Sie folgte immer Lockungen +und Erklärungen mit ihrer Güte und Sanftheit, aber leicht +obenhin. „Was ihr alle sonderbar seid“ war ihr heimlicher Gedanke +bei den Begegnungen mit ihren Freunden; allein saß sie +oft zu Hause in ihrem Schlafzimmer und lachte, lachte über die +Menschen. Bisweilen riß sie einer in seiner glühenden Neigung +weit hin. Aber wenn die jungen Menschen dringlicher nach +ihren schönen Armen, ihrem Hals, ihren Hüften griffen, stieg +der Widerwille in ihr auf. Ohne Maß beleidigt war sie, mit +Haß und Demütigung überfiel sie den schmerzlich Getroffenen, +der sich wand. Ein Vieh nannte sie ihn. Es hieß, daß sie sich +früherer Liebhaber bediente, um einen Menschen, der ihr zu +nahe gekommen war, tief und raffiniert zu kränken, ihn nackt +aus dem Bett seines Hauses auf die offene Straße zu werfen. +</p> + +<p> +Sie hatte, wie Marduk seine gefürchtete Wache, eine Schar +von Männern und Frauen, die der weißen strengen Person +jeden Dienst leisteten. Aus ihnen suchte sie sich jetzt zum ungläubigen +Staunen der anderen, denen es zugeflüstert wurde, +selbst Freunde Liebhaber aus. In Scham zwang sich die Balladeuse +dazu. Sie wollte zu einem Mann. Es waren für sie +Szenen furchtbaren Leidens, wo sie neben einem freudigen +glücküberschwellenden jungen Wesen saß, das sich ihr zu Füßen +warf, ihre Zehen küßte, und dann von ihrem Hals, ihren Armen, +ihrer Brust nicht ließ. Sie fror und glühte, bebte am ganzen +Rumpf. Das sprang wie ein Käfer an ihr herum, suchte seinen +<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> +Speichel mit ihrem zu vermischen; sie wandte durchschauert ihr +Gesicht ab, das sich versteinte. Sie litt, wollte es dulden, wenn +sie auch zerbrach. Sie wich zurück, versuchte es mit neuen. +</p> + +<p> +Und dann saß sie einmal mit einem Mann zusammen, den +sie nie gesehen hatte, einem farbigen sie selbst anwidernden +Mann, der eine Viehherde angetrieben hatte. Im Augenblick, +wo sie ihn sah, verlangte sie nach ihm. Starr stand in ihr fest, +sie wollte nicht zurückweichen. Ohne Narkose; ganz gewiß von +diesem Kerl. Er trank schon nach einer halben Stunde neben +ihr. Sie rührte kein Glas an; umschlang erschauernd seinen +runden Wollkopf. Er verstand. Er dachte eine Canaille zu vergewaltigen; +trug sie in seinem Kittel vorsichtig auf ihr Bett. +Da hatte sie sich ein Kissen vor das Gesicht gedrückt, bettelte um +Gnade. Weinend betäubt rasend vor Selbstverachtung gab sie +sich der Schändung hin. Sie stand den Kopf zurückgelehnt an +einem Schrank, schluchzend flehend: „Ist jetzt fertig? Ist jetzt +gut?“ Reichte dem Mulatten, ohne ihn anzusehen, die feine +zitternde Hand, die eiskalt und bis zum Gelenk abgestorben war. +Und sonderbar, wie sie seine hitzigen Finger fühlte, der schreckliche +Dunst dieses Tieres, das vor ihr stand, zu ihr herüberschwoll, +fühlte sie sich bewegt, die Augen zu öffnen, ihn, wie er zärtlich +süßlich und dienerhaft gemein grinste, mit dem Blick zu umfassen, +ganz ruhig zwei Schritt auf ihn hin zu tun, den weißblonden +Kopf an seine Brust zu senken. Mitten in den schrecklichen +Dunst hinein. „Geh jetzt“ flüsterte sie, wie er es wagte, +leicht über ihre Schultern zu streicheln. Sie zuckte hoch. Er war +fort; sie hatte nun dies getan, hatte es hinter sich. Sie blies +wehte die Luft von sich. Und wie sie an das Tier dachte, rutschte +rauschte sie mit einem leisen Ton aus, zu Boden, lachte flüsterte +schimpfte verwirrt gegen den Boden hin, wie im Saal des Ratsgebäudes. +</p> + +<p> +In ihren Gliedern, ihrem erlahmenden Rückgrat blieb die ungeheure +Erregtheit stecken, die sie nicht schlafen ließ, die mit einem +hohen gequälten Ton in ihre Stimme stieg. Nun wagte sie es +mit anderen Frauen ihres Hauses über sich zu sprechen; die +jungen und älteren zarten und starken Männer aber, die um sie +waren, betrachtete sie jetzt aufmerksamer. Sie versuchte die +<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> +Männer, versuchte sich an den Männern. Sie saßen neben ihr, +hängten sich glücklich und fiebernd an ihren weißen schamüberglühten +Hals. Es regte sich nichts in ihr; sie streichelte sie, tiefer +und tiefer geängstigt vor sich. Weinend mußte sie ihren Kopf +auf die Kissen und Polster legen; man sollte sie nicht quälen, +sie seien ja alle so gut. Nur nach dem Mulatten hatte sie öfter +ein bitteres schauriges fast kindliches Verlangen. Der durfte +nicht gehen, wenn er sich in der Nähe ihres Hauses zeigte. Es +zog sie etwas zu ihm, etwas Vertrautes, er mußte zu ihr kommen. +Es war schrecklich, wie sie ihn einmal auf ihr feines einfaches +Zimmer nahm, ihn, was sie nie tat, mit Kuchen und +Likören bediente, den farbigen Mann in der gelben Viehtreiberjacke, +der sich grinsend breit machte vor der demütig ernsten Frau, +wie er ihr den Rest seines Likörglases an die Stirn spritzte, sie +im Moment herriß. Sie schrie im Schreck. Die starke Frau +rang und schlug sich besessen mit ihm, zerbiß seine Hände und +lag dann, krachend auf den Boden gestaucht, winselnd still. Er +ließ sie grimmig atemlos, Glas um Glas des Likörs herunterstürzend, +den Mund mit Kuchen vollstopfend, liegen. Diesen +Mann ließ sie noch manchmal zu sich rufen; sie wußte nicht, was +sie zu ihm trieb; er tat mit ihr wie mit einer Sache, sie erduldete +alles. +</p> + +<p> +An einen jungen fast knabenhaften Mann, den sie Desir +nannte, hängte sie sich, war ihm öfter aufgelöst, Trost suchend, +abwesend, bettelnd, gut. Sie träumte in dieser Zeit oft von +einem Wasser, auf dem sie fuhr. Desir war ein weißer Schwan, +der vor ihr schwamm; sie lag in einem Boot, er zog sie, zog sie +immer weiter, weit fort. +</p> + +<p> +Als Marduk die stärkere Nutzbarmachung des Landes betrieb, +das ihr gehörte, verlangte sie wieder mit ihm zu sprechen. Und +als es ihr abgeschlagen wurde wie jedem sonst, wandte sie sich +an Marduks jungen Freund Jonathan. Die schöne weiße Balladeuse +war erschreckt, als nach einem durch Kurier überbrachten +Brief, sie hätte mit ihm zu verhandeln, eines Mittags Jonathan +selbst im Flugzeug auf dem Dach ihres Hauses erschien. Oben +neben seinem leichten Apparat, den er sicherte und abstellte, +stand sie, betrachtete den feinen braunhaarigen Jüngling, der +<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> +sich an das Dachgitter lehnte, lächelnd sagte, er sei gekommen. +Er wisse wenig, was er mit seiner Zeit anfangen solle; ob sie +ihm böse sei, daß er gekommen sei. Wie hatte sich dieser Mensch, +den sie kannte, in den letzten Jahren geändert! Wie gleichmütig +versunken lächelte er, wie hob sich manchmal seine linke +Augenbraue und zuckte schmerzlich. Er sprach so leise und freundlich, +und wenn sie antwortete, so wußte sie aus seinem leeren +Blick, seinem Mund, der sich bewußtlos öffnete, dem Kopf, der +sich zur Seite bog, daß er meist nicht zuhörte. Dies war der +Freund Marduks. Sie nahm ihn in ihr Haus herunter; er wollte +kein Zimmer, im Garten saßen sie. Bald sagte sie, sie wolle +Marduk sprechen. Er zog Holunderäste über sich: „Warum +wollen Sie Marduk sprechen? Er hat so wenig Zeit. Lassen +Sie ihn doch, Marion.“ Sie saß aufrecht, war, je mehr sie +Jonathan sah, stier und steif in ihrem Begehren, den Konsul zu +sprechen. Sie wurde zornig. „Ist er mehr als ich. Warum +versteckt er sich? Er ist Konsul, er nennt sich so, er muß hören, +was man von ihm will.“ „Muß er das, Marion? Er meint es +nicht. Er denkt umgekehrt, wir müssen hören, was er will.“ +Sie stand blaß auf: „Das wußte ich, daß es so ist. Es ist mir +recht, daß Sie hergekommen sind, Jonathan, und daß Sie es +mir noch sagen. Ich will ihn sprechen, so steht es, ich muß es, +und das verlange ich.“ „Seien Sie nicht wild, Marion. Es sind +schon manche wild gewesen und sind nicht mehr wild.“ „Nicht +ich. Nicht ich.“ Sie stand und flüsterte. Jonathan drückte sie +auf ihren Sessel: „Sagen Sie, Marion, was ist. Ich will mit +ihm sprechen.“ Sie schwieg; dann: „Gut.“ Und wie sie fertig +gesprochen hatte, dachte Jonathan: wie recht hat Marduk, daß +er sie nicht hört; Weiber sind Räuber. „Gut Marion, ich wills +ihm sagen. Gehen wir.“ Wie sie aber ein paar Schritt gegangen +waren, drückte ihm Marion plötzlich heftig die Hand, sah ihn so +dringlich an, daß er ein Erstaunen fühlte und ihm der Einfall +kam, zu Marduk von ihr zu reden. +</p> + +<p> +Man ließ die schöne Balladeuse vor Marduk. Als er in seinem +Zimmer des Ratsgebäudes von dem ungeheuren Wandgemälde +der Uralischen Flammenbergwerke und der flüchtenden versinkenden +Menschen sich herbewegte, braunschwarz wie die +<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> +Menschen des Bildes, zitterte sie zum ersten Male. Er schien +mit seinen unsicheren Beinen dem Riesenkopf den dunklen +ernsten Augen aus dem Bild herauszuwackeln. Jonathan führte +sie. Marduk gab ihm die Hand, lächelte: „Wen bringst du mir.“ +Er sah nur Jonathan an, bat, als der gehen wollte, er möchte +bleiben, lächelte schweigend, als er gegangen war, noch in der +Richtung seines Weges. Mit demselben Lächeln drehte er sich +automatisch Marion zu, die Jonathan auf eine Sitzbank geführt +hatte: „Was willst du, Marion. Was tust du?“ Geheimnisvoll +fühlte sie sich berührt, entwaffnet. Schwach und still sagte sie, +sich verwirrend, wieder zitternd, es müßten die Ländereien der +Stadt nach Norden und Nordwesten ausgedehnt werden. Marduk +fragte, ob der Senat sie dabei im Stich ließe. Sie mußte +es verneinen, log, sie fürchte sich vor dem Widerstand ihrer +eigenen Leute, wollte Bewaffnung und Schutz auf ihrem Besitz. +Dies sei unmöglich, gab Marduk von sich, versprach, +mißtrauisch sie anblickend, seine Hilfe für weiterhin, stand auf, +wieder auf seinen Platz zwischen den braunschwarzen Versinkenden +zurückzukehren. +</p> + +<p> +Sie war nur wenige Minuten bei Marduk gewesen, da ging +sie langsam durch mehrere Türen, über Treppen hinaus. +Jonathan sonnte sich auf der großen Freitreppe; er hielt einen +Schmetterling auf seiner Kappe, schaukelte ihn; sie wich ihm +aus. Von der Begegnung mit Marduk brachte sie nichts mit +als einen Groll auf Jonathan, eine bis zum Zorn gesteigerte +dumpfe Wut auf diesen, auf diesen. Sie ging aufgelöst in ihrem +Zimmer umher; nachmittags ritt sie mit Desir aus, unterwegs +liebkoste sie ihn, weinte wild, neben ihrem Pferde über die +Felder gehend. +</p> + +<p> +Die starke Frau arrangierte Gehässigkeiten gegen Marduk. +Die Frauenbünde, fast zerfallen, waren damals in den fremden +Stadtschaften erneut rege; sie streckten ihre Arme nach der Mark +aus, wo sie heimliche Frondeure unterstützten. Die Berührung +mit ihnen tat der Balladeuse wohl. Sie machte sich Mut, unterstützte +Frondeure. Dann spielte sie wieder mit Desir. In das +Leben dieses Desir wurde sie eigentümlich hineingezogen. Der +Feine fesselte sie nicht. Erst, wie sich an ihn andere begehrliche +<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> +Frauen hingen, merkte sie auf, wollte seine Zärtlichkeit nicht +vermissen, las mit Beklemmung die Zettel, die er von anderen +Frauen erhielt, sah die Blumenkränze, mit denen sie ihn behingen. +Und sie seufzte und wollte es nicht dulden. Sie fühlte +sich gedrängt, auf diese Frauen loszugehen mit einer Erregung; +aber dahinter stand schon die Trauer. Sanft ließ sie Desir mit +einer anderen Frau, sanft hängte sie sich selbst an die andere +Frau, forschte sie aus, sah ihre Neigung Glück, ging wieder zu +Desir, stand kopfsenkend da, fiel neben ihn, der sie verlangte, +seufzte mit leeren Augen, eingehüllt von seiner Weichheit, den +unaufhörlichen Flüsterworten, von den Händen an Stirn und +Hals gefaßt, die in sie nichts strömten. Sie tat froh auf den +Fahrten, Desir war ihr Mann, von ihm wollte sie ein Kind. +Nein, nicht ein Kind, viele Kinder. Ihre Ruhe wollte sie vor +Augen haben, festhalten. Es sollte alle Vergangenheit ruhen. +</p> + +<p> +In dieser Zeit gebar sie zwei Kinder, zwei Mädchen, die sie +selbst an der Brust aufzog und pflegte. Groß war die Zärtlichkeit +der mütterlichen Divoise zu ihren Kindern; sie hatte von +ihrer Schönheit und Art nichts verloren. Und eines Tages erkrankte +das jüngere Kind. Die Erregung der Divoise; blitzrasch +veränderte sie sich. Wen sie erreichen konnte von Ärzten zog sie +herbei. Geschüttelt saß die dunkel verhüllte Divoise am Bette +des Kindes, schrie nach Hilfe. Mit Angst Haß Bangigkeit verfolgte +sie das Agieren der stillen Männer und Frauen am Bett. +Saß zuletzt nicht mehr in der Nähe des klagenden und heftig +atmenden Kindes, saß nahe der Wand, wo sie niemand sah, +über sich gebeugt, ein Tuch, das ihr Desir auf die Schultern +gelegt hatte, über dem Kopf. +</p> + +<p> +Das Kind zog die Luft gleichmäßig mit hohem Tönen ein, +gab sie rasch von sich. Eine Pause. Wieder hohes Tönen +Blasen. Die Ärzte hielten das Vergehen der kleinen Seele nicht +auf. Als es frühmorgens nicht mehr blitzrasch das Köpfchen +warf und mit suchenden Augen nach rechts und links fuhr, und +ohne die Wimper zu bewegen aus großen runden Augäpfeln, +trübe überhauchten, die in Schwärze liegende Decke betrachtete, +bewegte sich die mütterliche Divoise, das violette Seidentuch +über Rumpf und Gesicht, heran an das Bett, lag eine Weile zu +<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> +Füßen des schweigenden Wesens. Mit dem Gesicht aufliegend +nahm sie finster schluchzend das Füßchen des Kindes in den +Mund, sog daran, legte es sich an den Hals. Trug das tote +Wesen im Zimmer herum, setzte sich, während das Tuch rückwärts +von ihr abfiel, auf den Stuhl, den eben der Arzt verlassen +hatte, hielt das Erstorbene auf dem Schoß, setzte es auf; die +Arme schlenkerten an dem kleinen hemdbekleideten Mädchenkörper. +Marion, nicht hörend, was man ihr sagte, hielt das +Kind fest, wickelte es in ihr wieder aufgerafftes Tuch, schleppte +es durch das Zimmer, summend, mit festem Schritt. Dies tat +sie stundenlang bis zum Morgengrauen: gehen, das Kind +wickeln aufsetzen, bis es steif geworden war und aufrecht auf +ihrem Knie saß mit gesunkenem Kopf. Eine Frau nahm ihr +das kalte wachsfarbene Wesen aus den Händen: „Nun ist’s gut, +Marion! Nicht wahr, nun ist’s gut?“ „Ich hab es nicht weggegeben“ +zitterte Marion mit leeren Händen, „du hast es mir +weggenommen, das mußt du wissen.“ Saß noch da, wie das +Erstorbene zugedeckt wurde. „Mein Tuch drüber, mein Seidentuch. +Nun hast dus weggenommen. Nun ist es geschehen.“ +</p> + +<p> +Aus dem stillen Zimmer ging sie. Über einen Flur. Wie sie +eine Tür öffnete, schlief drin das ältere Kind. Das Morgenrot +schien herein. „Warum nur das eine? Warum nur? Es könnte +auch das andere sein. Soll ich warten?“ Sie zitterte von den +Knien aufwärts in Wellen bis in den Hals; nahm das schlafende +Kind mit zwei besinnungslosen Griffen hoch. Schon schrie es +aus ihrem Mund: „Desir, Desir.“ So bündig scharf schrie es +aus ihrem Hals, er war in wenigen Augenblicken bei ihr. Sie +preßte, den Mund schließend, zwischen den Zähnen, sich vom +Licht abwendend: „Da ist das Kind. Da hast du es. Leg es +hin.“ Er mußte ihr die Finger ablösen von den Ärmchen des +Kindes, das schlafend über ihrer Schulter hing, einen kalten verklammten +Finger nach dem andern. +</p> + +<p> +Sie haßte von da ab Marduk. Nichts beglückte sie so, nichts +war ihr inniger als der Haß auf Marduk, den langen Menschen, +braunschwarz, mit dem Riesenkopf, den dunklen ernsten Augen, +den unsicheren Beinen. Wenn sie heimfuhr von dem Kind, von +ihrem Mann aufstand: dies empfing sie doch und hüllte sie +<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> +gewaltsam ein. Es war etwas wie ein Rachegefühl in ihrem +Haß. Ruhig hielt sie damit an. Sie war ihrer Dinge gewiß. +</p> + +<p> +Sie stand eines Tages vor Marduk, der aus der Wand der +Uralischen Flammen hervortrat zwischen den flüchtenden versinkenden +Menschen. „Komm da weg“ herrschte sie ihn an „du +stehst da schlecht.“ Sie zog ihn an die Schädelpyramide: „Da +stehst du gut, Marduk. Bleib da stehen.“ „Was willst du, Balladeuse.“ +„Balladeuse, Balladeuse. Mir liegt an Balladen nicht. +Es waren nicht meine Balladen. Ich kann nur sagen, daß –“ +„Daß du mich liebst.“ „Daß ich dich liebe? Bist du verrückt, +Marduk. Ich dich lieben? Wofür denn? Um was?“ „Lach +nur. Darum bist du hergekommen, darum habe ich dich ohne +Wachen hereingelassen. Es kommen öfter welche herein. Ich +merke es gleich. Es macht mir nichts aus.“ Sie trat an ihn +heran: „Du bist wahnsinnig, Marduk. Ich verbiete dir so zu +sprechen. Es ist schamlos. Ich habe dir nichts getan, daß du +mich beleidigst.“ „Dir sind deine Kinder gestorben, Marion, +du bist hergekommen, daß ich dich tröste.“ „Mein Kind lebt, +eins ist gestorben.“ „So lieb dein Kind.“ „Was geht dich mein +Kind an? Steh bei den Schädeln. Wenn es nach dir ginge, +wäre die ganze Erde eine Schädelpyramide.“ „Ich muß die +Wache rufen.“ „Ruf sie, ruf sie nicht, Marduk. Tus. Tus nicht. +Mein Himmel, was soll ich sagen.“ Sie war plötzlich bläulich +blaß geworden. Zitterte bis zum Schwanken. Sie war in schrecklicher +Bedrängnis, sah an sich herunter, kratzte, rieb sich die +Finger: „Ich hab mit dir nichts zu tun. Ich weiß nicht, was ich +von dir will. Du tust mir unrecht, wenn du sagst, ich liebe dich. +Ich werde nicht von hier weggehen. Du darfst deine Wache +nicht rufen. Laß laß mich noch hier stehen. Ich sterbe noch früh +genug. Du kennst mich nicht.“ +</p> + +<p> +Ganz still stand der lange Marduk. Die Divoise warb um ihn. +Er fühlte nichts, aber ganz im Innern erbebte etwas in ihm, +wie in einer Stadt die Scheiben leise klirren von den Donnerstößen +einer sehr fernen Schlacht. Sein Mund fing an sich zu +einem Lächeln zu verziehen: „Ich habe manche Geschäfte, Marion +Divoise.“ „Ich auch.“ „Was soll geschehen?“ „Laß mich –“ +sie war am Schwanken, schloß den Kopf zurückbiegend +<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> +die Augen, schluckte, „– laß mich – in dem Hause bleiben. +Ein paar Stunden.“ Sein Inneres erbebte stärker, tiefer +innen; er zog die Muskeln seiner Arme zusammen, ballte die +herabhängenden Hände, leise: „Das ist bei mir nicht üblich. Ich +habe keine Frauen bei mir.“ „Laß mich – in deiner Nähe – +sein, Marduk.“ +</p> + +<p> +Er mußte um die Pyramide herumgehen; trat unter das große +Flammenbild, kam wieder hervor, im braunschwarzen offenen +Mantel. Die Divoise hatte die Augen geschlossen, bewegte sich +nicht, unkenntlicher Ausdruck über ihrem Gesicht. Die Augen +riß Marduk auf, biß sich auf die Unterlippe. Er wußte nicht, +was in dem Raum umging, was seine Schulterhaut mit Hitze +und Kälte überschüttete. Er fühlte seine Beine gedrängt, sich +nach ihr hinzubewegen, lachte leicht, wie er ihre Hand anrührte: +„Also, ich werde dir ein Zimmer geben lassen hier. Verbreite +es nicht. Es ist nicht meine Art.“ Ihre Hand zuckte zurück; +tonlos sagte sie: „Dies ist gut von dir, Marduk.“ Er sah, wie +sehr sie litt, faßte sie, die betäubt schien, am Arm, führte sie +durch einen Gang in ein Zimmer, wo sie sich von ihm losmachte, +sich setzte. „Ich bin, Marion Divoise, nicht weit von hier. Du +hebst diesen Griff. Man sagt dir, wo ich bin.“ +</p> + +<p> +Die blonde Balladeuse lag mit dem Gesicht auf dem Tisch. +Erst als er hinaus war, stieß sie das tierartige Stöhnen aus, +das schon lange in ihr gesteckt hatte, schlug sich die Brust, zerzupfte +die Fransen der Tischdecke. Um – plötzlich – anzuhalten, +die Hände herabfallen zu lassen. Matt wurden die Schultern, +weich sank sie über sich zusammen, lächelte eingedeckt hingedrückt +vor sich, stützte den Kopf auf den Arm, hingebend: „Ich bin +hier. Gelandet. Oder gestrandet. Oder. Oder. Marduk kann +jeden Augenblick kommen; wenn ich den Griff hebe, wird er +kommen. Meine Hand kann das, meine liebe kleine Hand. Ich +in seinem Haus, unter seinem Dach. Marion Divoise, du Süße, +jetzt ist das beste: du schläfst!“ Dachte nicht an ihr Kind, Desir, +die Menschen, die an ihr hingen. Kam sich vor wie am Ende +eines langen Wegs. Und die Arme unter den Kopf gekreuzt +schlief sie eine süße Stunde. Fühlte, wie sie sich aufsetzte: „Welch +verzaubertes Haus. Was ist mit mir geschehen. Ich kann mir +<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> +nichts denken, was so schön ist wie dies jetzt. Marduk soll kommen. +Marduk soll kommen.“ +</p> + +<p> +Man sagte ihr, wie sie den Griff hob, daß Marduk auf seinem +Zimmer schliefe. „Auch er. Er auch.“ Sie faßte sich an die +Brust, ihre Augen leuchteten. Wie es dunkel wurde, hob sie +wieder den Griff. Da schlief Marduk noch. Verwirrt ging sie +an den Apparat. Die ruhige Männerstimme kam heraus, der +Konsul liege im Schlaf auf seinem Zimmer. +</p> + +<p> +„Ich bettle, ich bin versklavt. Ich muß mich rüsten.“ Laut +sprach sie sich vor: „Er kommt bald“, die zerzupften Fransen des +Tischtuchs vom Boden sammelnd und in einem Haufen auf dem +Tisch bergend; daneben setzte sie sich. Sie drückte den Lichtknopf. +</p> + +<p> +Wie die Tür aufging, stand Jonathan in weißer Seide da. +„Ich war bei Marduk. Er sagte mir, daß du hier wärst. Ich +freue mich dich zu sehen.“ „Er hat dich geschickt.“ Jonathans +Stimme war erfüllter, klangreicher, fester als sonst: „Nein. Ich +bin selbst hergekommen. Er warf es nur nebenbei hin. Ich +wollte dich sehen.“ „Was ist an mir zu – sehen, Jonathan. Du +kennst mich doch. Du wolltest vielleicht etwas anderes. Von +dir hatte ich es nicht geglaubt.“ „Was ist, Marion?“ „Daß du +dich täuschen wirst. Daß ich hier bin, kann ich nicht verheimlichen. +Ich schäme mich aber nicht. Garnicht. Daß dus genau +weißt.“ „Ich höre, Marion Divoise.“ „Ich habe nichts +zu verbergen. Da bin ich. Und jetzt schäme du dich, daß du +hier hereinkamst.“ +</p> + +<p> +Jonathan, die Arme an der Tür verschränkend, schlug das +rechte Bein vor das linke: „Ich bin hier, um dich anzusehen, +Marion Divoise. Wenn du noch mehr sprechen willst, sprich.“ +Sie bog glühend den Kopf über die Seidenfasern auf dem +Tisch: „Was wollt ihr mit mir machen.“ Und langsam ging der +weiße junge Mensch von der Tür weg auf sie zu: „Komm, steh +auf.“ Und nochmal: „Komm.“ Und wie sie finster aufstand, +legte er beide Arme um ihre Hüften. Rutschte, plötzlich schluchzend, +von innen gestoßen, an ihr herunter: „Tu an ihm, was du +willst. Tus, Marion. Ich bin nicht dein Feind.“ Und wie sie +die Hände herunterließ, zog er sie vor seinen Mund, küßte sie. +Sie hob den jungen Menschen an sich hoch, der immer stammelte: +<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> +„Du bist hier, bei ihm; du bist hier“ und ganz außer sich +war. Er umschlang ihren Hals. Seine Augen brannten und +irrten: „Ich weiß nicht, Marion, was es auf sich hat, daß du +hier bist und wer dies gefügt hat. Aber es kann geschehen, daß +du mit einem Schlage mich und ihn tötest.“ +</p> + +<p> +Wie sie ihn von sich abdrängen wollte, lachte stöhnte er an +ihrem Hals: „Du kennst das Menschenleben nicht, Divoise. Du +siehst nur immer zu. Vielleicht jetzt nicht so. Du weißt nicht, +was hier geschieht. Und durch dich. Es ist gut. Ich sage dir, es +ist gut. Ich habe dich nicht hergerufen, aber nun bist du da, +nun ist es geschehen, ich begrüße dich, ich segne dich, daß du +herein kamst, Divoise.“ So stammelte er, ließ in trunkener +Schwelgerei von ihr. Die Hände gegen sein eigenes lächelnd +angehobenes Gesicht gelegt, ohne ihre Fragen zu beantworten, +stolz, fast feindselig ging er hinaus. +</p> + +<p> +Eine Wache führte sie auf Marduks Zimmer. Das war ein +halbdunkler schmaler hoher Raum, weißlich von allen Seiten +blinkend, als sei er mit Blech ausgeschlagen. Schalter Kästen +Hebel in Fuß- und Brusthöhe angebracht. Auf dem Tisch, der +im Dunkel lag, flammten Tafeln mit Ziffern und Schriftzeichen +auf. Trübe blickte sie Marduk, auf einer niedrigen Bank hockend, +an, wie sie im helleren Türlicht stand. „Marion, tritt ein.“ +Sie schöpfte Luft: „Kann ich mich setzen?“ Sie saß auf der Bank +an der Tür, und wie sie eine Weile den Kopf nach unten gebogen +hatte, hielt sie seinen Augen stand: „Marduk, ich will dir +etwas von mir sagen. Ich habe ein Kind verloren. Das war +ein Schild vor mir. Es ist hin. Auch von dem andern weiß ich +nichts mehr. Ich bin schutzlos. Du siehst meine Schande. Ja +Schande. Wenn etwas Schande ist, so ist es dies, daß ich hier +vor dir auf der Bank sitze.“ „Es hat noch keine dagesessen.“ +„Das tut mir nichts. Ob eine oder keine dagesessen hat. Ich +bin nicht eine oder keine. Ich hätte hier nicht sitzen dürfen und +nun ist es geschehen und da bin ich.“ +</p> + +<p> +Sie bog ihren Leib nach vorn, ballte die Hände vor dem +Mund. Vom Tisch kam es: „Was hast du dahin geworfen, an +den Boden?“ „Was?“ „Das da. Das Dünne. Die Fasern.“ +„Fasern von dem Tischtuch drüben. Ich hatte sie in der Hand +<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> +behalten.“ „Tu sie weg.“ „Was?“ „Heb die Fetzen auf, Marion. +Sie sollen da nicht liegen.“ „Die Fetzen?“ „Ja, du sollst +sie aufheben. Du hast sie hingeworfen. Wozu wirfst du sie hin.“ +„Ich heb sie auf, Marduk.“ „So tus.“ Sie weinte am Boden, +die Fasern zusammenlesend: „Ich kann nicht aufstehen. Oh +meine armen Hände. Ich kann nicht mehr.“ Sie sank mit dem +Gesicht auf den Boden. „Marion, erbittere mich nicht, du sollst +die Fetzen aufheben und hierher auf den Tisch legen.“ „Ich +tus ja, Marduk. Ich kann jetzt nicht. Da, da, das sind alle. +Jetzt sinds alle.“ Sie legte sie vor ihn, stand auf und ab zitternd +neben ihm. Er betrachtete sie, erst ungehalten, dann mit freudiger +Verachtung, legte die Hand an ihre Hüfte. „Laß das, +Marduk. Du denkst, du hast gewonnenes Spiel. Du willst mich +wegwerfen. Nimm den Arm weg.“ Und eben noch trübe vor +sich stierend wogte sie auf und ab, warf sich an ihn auf der Bank, +umschlingend, ihn niederziehend: „Doch. Es ist gut. Da bist +du. Es ist gut. Jetzt ist es gut. Mir ist wohl. Ach ist meinen +Armen wohl. Ach ist meinem Kopf wohl. Ich bin gesund. Da, +ich zittre nicht mehr. Mir ist ganz gut vom Kopf bis zu den +Füßen. Wie hätte ich das geglaubt! Beweg dich. Jetzt kann +mir nichts mehr geschehen. Jetzt zerreiß mich, schlag mich, wirf +mich zum Fenster hinaus.“ Und sie ließ von ihm, dehnte sich +selig allein: „Dies ist das Leben, Marduk, sag ich dir. Dies hab +ich nun geschenkt bekommen. Du hast es mir geschenkt.“ +</p> + +<p> +In ihm klirrte es. Von der Brust stieg in den Hals eine Verschnürung, +seine Arme waren in Eis getaucht. Er hatte einen +Widerwillen, eine Wut auf diese Frau. Sie griff ihn an. Man +mußte sie belehren. Das saß neben ihm auf der Bank, reckte +sich, sprach, Fasern lagen auf dem Tisch zerstreut. Seine Hand +griff nach den Fasern, er drehte die Augen nach der Frau: +„Dein Gesicht her.“ Sie ließ sich die Hände abheben. Ihr Kopf +hing nach hinten wie eines schlafenden Kindes. Sie blinzelte, +als wenn sie ins Licht blickte. „Laß mich dich ansehn, Marion.“ +„Ich kann nicht, ich kann nicht, Marduk. Jetzt kann ich doch +nicht. Ruf mich an, ruf mich bei Namen. Wie ich heiße.“ Als +er rief, lächelte sie, lachte träumte. Sie horchte, umfaßte mit +dem linken Arm seine Schultern. Marduks Gesicht verzerrte +<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> +sich. Er mußte mit Gewalt seine Wut festhalten. Während er +sich spannte, dachte er: dies ist merkwürdig, was hier geschieht. +Durch ihn trieb ein Gefühl, das zuckte bis in seine Zähne: man +muß sich auf ein Flugzeug setzen, die Steuerung fallenlassen +und durch die Wolken hin. Man muß tollkühn sein. Und dabei +war eine Schwäche in seinen Lippen Armen. Und noch tiefer +in der Brust. Das bewältigen. Sein Grimm stieg. Er schluckte +und schlang. Er hatte schon den rechten Arm um sie gelegt, die +weiche durchwogte lachende Balladeuse. Da veränderte sich sein +Gesicht. Die Spannung war verschlungen, versunken. Er ließ +den Arm nicht los, der linke Arm legte sich über ihre vor- und +rückwärts schwebende Brust. Das steuerlose Flugzeug war da, +das ihn forttragen sollte. +</p> + +<p> +„Marion“ ließ er sich sprechen, verzweifelt, die kalte Nase +neben ihrem Ohr, „das ist ein sonderbares Abenteuer, in das du +mich führst. Ich weiß, es macht dir Spaß, mich dahin zu führen. +Du bist ein tolles Wesen, ich habe viel von dir gehört. Ich soll +auch einer von den vielen sein, die auf deiner Strecke liegen. +Das willst du, daß das geschehen soll. Ich weiß es.“ „Was +weißt du, Marduk“, lachte die Balladeuse. „Daß du hergekommen +bist, mich zu unterwerfen. Mich unter deine Füße zu +kriegen.“ Er wollte es, versunken verschlungen, wie er war, +hören. Er spitzte seinen Mund, sprach ihr in Gedanken die Antwort +vor. Aber sie gehorchte nicht, bewegte sich in seinen Armen: +„Es ist die Seligkeit. Du kannst mir sagen, was du willst. +Es hat sich erfüllt.“ Er rüttelte in einem fragenden Widerstreben +an ihr, aber sie wich nicht. Da mußte er nach ihren Schläfen +greifen, um ihren Mund mit seinen trockenen Lippen zu +berühren; fest drückte er seine Lippen, gewaltsam auf. Aber +wie von einer Feueresse prallte er zurück, vor diesem heißen Atem, +der langsam strömte aus diesem ruhenden Leib. Die Luft +strömte ein. Feucht glänzten die weißen Zähne. Er bettelte in +höchster Bestürzung; jetzt war er verloren; seufzte, sich an sie +pressend: „Nun ist gut, Marion. Nun hab ich dir gegeben, was +du wolltest. Geh jetzt weg. Lebwohl. Nicht wahr, du gehst, du +wirst gehen, gleich aus diesem Zimmer. Ich habe viele Geschäfte, +wir sitzen hier. Oh, Marion, geh doch. Warum sitzest +<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> +du hier, was sitzest du hier.“ Dabei hielt er sie gepreßt. Von +einem Dunst fühlte er sein Gesicht überzogen, als wenn es auftaute. +Seine Hände schwollen schwer und heiß an, wuchsen zusammen. +Die blonde Divoise richtete sich auf, löste seine Hände +von ihrem Hals ab, lächelte, von ihm abrückend, ihm zugewandt, +mit kaum gehobenen Lidern: „Jetzt werde ich gehen? Jetzt +werde ich gehen? Wohin soll sie denn gehen, die Divoise, Marion. +Sie weiß nicht. Komm her, Marduk, steh auf. Steh auf. +Deine Beine sind nicht stark, aber stehen kannst du. Da stehst +du. Warum soll sie denn gehen. Sie will nicht gehen.“ „Was +willst du denn. Du sollst gehen.“ „Ich bleibe.“ Da war er +von dem glühenden Hauch überströmt, der Sturm raste durch +ihn, er stand da und sah zu, knirschte: „Bleib hier.“ Und sie +ruhig: „Ich bleibe. Da bist du. Bist du nicht da.“ Er sie umschlingend, +die stand, er stöhnte lachte wütete: „Ich bin da. Da +hast du mich. Da hast du mich.“ Sein ganz offenes glührotes +Gesicht, sein Kopf, der hin und her schleuderte, die Mienen +aufgelöst. +</p> + +<p> +„Du, Marduk, sieh mich an. Ich habe schon viele Männer +gehabt, weiße und farbige. Ich möchte mit dir eine Wette eingehen. +Ich weiß, du willst mit mir kämpfen. Ich werde mit dir +kämpfen. Wenn du mich zur Lust bewegst, wenn du Lust in +mich bringst, wenn ich erliege –“ – Sie hatte ihm das Gesicht +voll zugewandt, ihre Augen flimmerten, sie warf sich lachend +auf die Bank, klatschte die Hände zusammen, ganz leise klang +ihr Lachen. „Was ist dann?“ „Wer erliegt, Marduk, der muß +weg.“ „Was meinst du?“ „Es ist eine große Wette.“ Ihre +blaugrauen Augen flimmerten und drehten sich. In ihm +schluchzte schlingerte es hin und her. Er war ihr dankbar; ah, +sie war ein Weib. „Nimmst du den Kampf auf?“ „Wohl, wohl, +Marion.“ +</p> + +<p> +Sie standen in Umschlingung, sie kicherte zitterte: „Wir +müssen die Wette schließen. Ich glaube nichts. Ich weiß nichts. +Dies ist die Seligkeit, die ich habe. Wenn ich lache, so mußt du +nicht glauben, daß ich selig bin, weil ich am Ziel bin. Ja, ich +bin selig, – und auch, weil hier mein Kampfplatz ist. Weil du +mein Kampfplatz bist. Hier bin ich zu Haus. Dich wollte ich. +<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> +Ich habe, habe dich unendlich gehaßt, ganz ohne Maß. Mein +Haß war mein Rückgrat. Jetzt hast du dich gestellt. Ich kann +dich nicht loslassen, ohne daß ich dich ganz bis in mein Mark +hinein gefühlt habe. Ohne daß du mit mir gekämpft hast. Wenn +du mich nicht zwingst, mußt du weg. Wer erliegt, muß weg.“ +„Ja.“ „Verstehst du das; der muß weg. So will ich es. Wenn +ich dir erliege, wenn ich an dir vergehe, sollst du mich bei der +Kehle nehmen und umbringen. Oder was du willst. Das soll +geschehen. Es gibt keine Gnade. – Ich bin schon da.“ +</p> + +<p> +Sie hatte den Lichtknopf geschlagen, das Licht war erloschen, +das Kleid raschelte von ihr. „Ich bin da, Marduk, wo bleibst +du.“ Eine ganz andere Stimme klang aus ihm, er hörte sie +nicht: „Du sollst nicht auf mich warten.“ Sie griffen sich im +Dunkeln an, warfen sich auf sein Bett. Das hilflose Geschrei +in ihm war verstummt, er hatte sichere Arme, er wunderte sich +nicht, woher er sie hatte, seine Hände waren fest wie sein Nacken. +„Du hältst das wohl für ein Spiel“, stöhnte sie, „mein Lieber, +da irrst du. Du glaubst wohl, ich sei ein verliebtes Weib, das +sich hinwirft. Du irrst. Ich habe Dutzende Männer gehabt, +sage ich dir, farbige und weiße, schöne zarte und starke. Die +haben mich alle angefaßt wie du. Ihr seid mir nichts. Ich habe +sie weggeworfen. Ich gebe dir meinen Schoß, du brauchst mich +nicht zu zwingen. Du brauchst nicht danach zu drängen. Ich rate +dir, Marduk, habe Geduld, dir liegt daran zu leben. Nicht wahr, +du möchtest in diesem Zimmer sitzen, die Tafeln da blinken auf, +du gibst deine Zeichen, du hast deine Waffen, man kann nichts +gegen dich. Das – ist – in drei Minuten vorbei, Marduk!“ Der +Mensch, der sich sonst Marduk nannte, gab zurück: „Ich habe +keine Geduld. Du wagst es nicht.“ „Ich wag es nicht. Ich wag +es nicht. Vielleicht will ich mir noch den Augenblick verlängern +mit dir. Zittere ich etwa. Mit dir will ich ringen. Mit dir +werde ich ringen.“ „Du hast das Licht ausgeschlagen.“ Sie hatte +seinen Mund gepackt, ihr Mund lag auf seinem; sie stammelte +zwischen seinen Zähnen. „Ich will mit dir ringen, nicht mit dir +sprechen. Du dummes Mannstier. Du, was bist du denn. Haha, +ich fühle dich, zottiger Kerl, bist du stolz auf diese wüste +Brust, daß dir ein Bart an den Lippen wächst. Laß dich in den +<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> +Bart ganz einhüllen. Ich habe schönere Dinge als du. Ich habe +einen Busen, an dem Kinder getrunken haben. Meine Haare +sind lang. Fein und lang und weich sind sie. Ich hab überall +glatte Haut. Wenn ich gehe, auf meinen schönen festen Schenkeln, +sehen die dicken unflätigen Mannstiere hinter mir her.“ +„Warum hast du das Licht ausgeschlagen?“ „So ist es. Du +kannst sprechen, was du willst.“ „Ich werde dir sagen, wer +ich bin. Laß meinen Mund frei. Ich küsse dich nicht.“ „So sag +es mir, so lang du noch lebst.“ „Du Unband, du weiches warmes +Wesen, ich hab nicht nötig dir zu sagen wer ich bin. Du willst +dich vor mir verstecken.“ Eine rasende Angst zuckte, dunkelte in +ihr auf: „Mein Gott, wer spricht da, mit wem hab ich mich eingelassen? +Was hab ich getan? Das wollte ich nicht.“ Und dann +wieder flutend: „Das wollte ich doch. Das will ich. Das willst +du, o Marion Divoise.“ Sie flehte: „Bist du, Marduk, der den +Saal vertrieben hat, ich will es hören.“ „Du weißt es.“ „Und +willst du nicht fragen, Marduk, o Marduk, wer ich bin. Willst +du es nicht?“ „Balladeuse, wer du bist, die Dutzende Männer +gehabt hat, farbige und weiße, starke und zarte, werde ich bald +erfahren haben.“ +</p> + +<p> +Da schrie sie. Und wie er seine Lippen zwingend gegen ihren +Mund preßte, umschlang sie ihn. Eine dunkle wallende Verschwommenheit +war in ihm, war Marduk. Und in dem Weinen +Toben Grimmen war die Gnade, die Seligkeit aus der Balladeuse +genommen. Sie hielten sich bewegungslos. „Ich habe +dich, Marduk. Du hast mich. Du willst es so. Wir entgehen +einander nicht. Ich habe dir die Wette angeboten; ich werde +dich nicht um Gnade anflehen. Ich bin gewappnet. Du möchtest +mich mit deinen Knochen zermalmen. Du mußt nicht +glauben, daß du stärker bist als ich, du feiger Marduk, schwacher +Marduk; mich begnadigst du nicht.“ „Wenn ich dich sehen könnte, +Balladeuse. Wie gut, daß ich deine Stimme höre. Sprich nur +weiter.“ „Wie gut, daß ich dich höre, Marduk. Ich besinne mich +wieder. Daß ich dich nicht vergesse. Weißt du schon, warum ich +dich herausgefordert habe? Um dich zu demütigen. Um dich +erbärmlich zu sehen. Es wird mir in drei Minuten gelungen +sein. Jetzt erschreckst du mich nicht. Jetzt reiße ich den Vorhang +<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> +von dir herunter.“ „Sprich nur weiter, Balladeuse.“ „Jetzt +willst du meinen Mund. Weil du ein Mörder bist. Weil du nur +Mord kennst. Und mich ersticken willst. Mein Mund ist nicht für +dich. Du möchtest träumen.“ „Ich werde aufstehen und einen +Dolch gegen deine feigen Worte nehmen.“ Sie jubelte: „Darauf +wartete ich schon. Darauf wartete ich. Marduk, tus doch. +O tus doch.“ Er schlug mit der Faust gegen die Wand; leiser +Lichtschein kam von der Tür her. +</p> + +<p> +Sein großer zerwühlter Kopf erhob sich, schnaubend, das verzerrte +Gesicht, die brennenden sie suchenden Augen. „Wer, wer +will träumen, Divoise? Wer träumt?“ Ihr Blick wurde starr. +Dies war er, Marduk. An diesem Leib hing sie. Diesen Rumpf +hielten ihre Arme. +</p> + +<p> +Und sie. Die Feueresse sie, die stumme überflutete, sagte +nicht „Seligkeit“; der heiße Atem strömte langsam aus ihr, aus +diesem ruhenden Leib, die Luft strömte ein, feucht glänzten die +weißen Zähne. Weg riß es ihn im Nu. Er schmolz. Das blitzrasch +im Zickzack durch die grauen Wolken irrende Flugzeug. +Was ist Leben und Sterben. Sein Mund stand offen. „Jetzt +stirbst du, Marduk.“ „O Marion“, sagte es aus dem heraus, der +Marduk geheißen hatte, „ich werde jetzt sterben. Du – bist die +Seligkeit. Gott verzeih uns beiden.“ +</p> + +<p> +Nichts hörte und sah sie. Ein Zittern durchfloß sie, ein Schwirren +Dröhnen durch ihren Kopf. Er fühlte nicht, wie ihre Hände +ihn von sich stemmten, wie eine Kraft in ihre Muskeln trat, die +sie nie gezeigt hatten. Der dunkle brennende Kopf, der schnaubende +sich erhebende Kopf, Marduks Kopf war vor ihren Augen +stehengeblieben. Ihre erblindeten Augen hielten nur ihn fest. +Die Seligkeit überstieg überschritt durchbrach es. Der Kopf +senkte sich über ihren Hals, an ihre Brust, durch die Rippen, in +ihre Brust hinein. Hinein in ihre Brust. Sie biß sich die gefühllose +Lippe durch. Schluckte schluchzte kurz auf. Dies war die +Wette. Der Schauer. Der Graus. Die Arme fielen von ihr. +Tiefe Schwärze. Die furchtbare eisenklirrende zerreißende +Qual der Lust. Die streckte sie auf das Laken hin. +</p> + +<p> +Sie saß neben Marduk auf. Sie schüttelte sich. Im Dunkeln +tastete sie sich an die Bank. Marduks Stimme: „Wer geht?“ +<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> +„Ich. Ich sitze hier. Ich sitze auf der Bank.“ Nein, sie war nicht +vor Marduk erlegen. Das, das mußte etwas anderes sein. Das +war etwas anderes, Entsetzliches. Sie sank vor der Bank auf die +Knie, sank flach über den Boden hin. In den Händen etwas zu +haben, etwas Weiches eine Puppe ein Kind. Sie streichelte +den Boden. „Auf, auf“, weinte es in ihr; „ich will nicht leben.“ +</p> + +<p> +Sie taumelte, ging sehr leise auf den nackten Sohlen. +</p> + +<p> +„Wer geht da? Du, sieh dich vor an den Wänden.“ „Ich +will nur an das Fenster gehen.“ Am Fenster aber stand sie, +winselte schluchzte die Balladeuse im geschlossenen Mund, trommelte +mit den Fäusten gegen die Wand. Wimmernd ächzend +riß sie das Fenster gegen die schwarze Nacht auf, lag mit dem +Leib halb über der Umrahmung; tauchte, den Kopf voran, sich +tiefer. Hob die Beine an, kreischend. Als Marduk anlief, kippte +sie; schlugen die Beine hoch. Das schwarze große Fenster +war leer. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">arduk</span> stand mitten im Zimmer. Schüttelte den Kopf. +Ging zum Fenster, strich am Brett. Schüttelte an sich. Dann. +Runzelte die Stirn, hob die Fäuste, zog sich, das Kinn anhebend, +knirschend auf den Boden ein. Er bückte sich mit dem Mund auf +den Boden, drückte den Mund an. Sein Kreischen drang durch. +Die Wache lief an auf dem Gange. Der Hauptmann der Wache +klopfte schlug an die Tür, öffnete trat ein. Hob Marduk, zuspringend, +auf, der mit gerunzelter Stirn an ihm hing, vor sich +stierte und schrie. Er setzte ihn auf das Bett, kleidete ihn an. +Führte den schüttelnden zitternden drängenden Mann durch +das Zimmer. Der ging nur bis zur Zimmermitte und dann rasch +zurück, fragte immer: „Was tu ich hier.“ Plötzlich krampfte er +sich zusammen, machte sich steif, ließ den Hauptmann los, schrie +die Arme weitend: „Wache, Wache!“ „Konsul, ich bin hier.“ +„Lärm. Lärm. Ich will Lärm.“ Und gegen die Metallrückwand +seines Tisches schlug er mit der Faust: „Ich will Lärm. +So. Lärm.“ +</p> + +<p> +Er stürzte neben dem Hauptmann auf den nächtigen Hof. +Man hatte die Zerschmetterte fortgetragen. Er schüttelte +<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> +brüllte: „Lärm, Lärm.“ Die Soldaten schlugen gegen Blechschirme. +Sie schmetterten mit Eisenstäben gegen die Platten. +Es war nicht genug. In einem schwarzen engen, immer dichteren +Kreis Männer stand er, die die Platten schlugen. Wehklagend, +die Arme hochstreckend stürzte er über sich. Sie durften +den Rest der Nacht nicht nachgeben. Gespannt stand er +in dem Kreis, zitterte schrie näherte sich den Männern im +Zickzack. Das Tosen scholl in die Stadt hinein. +</p> + +<p> +Als es hell wurde, ließ er ein Bett in ein leeres Zimmer +tragen. Da lag er bis zum Mittag; der schwarze stille Hauptmann +wartete bei ihm. Diesen Mann ließ Marduk nicht aus dem +Zimmer. Vor ihm weinte keuchte lechzte er sich aus ohne +Scham. Am Mittag verließen sie das Zimmer. +</p> + +<p> +Die schneeige Gestalt Jonathans an der ersten Treppe. Jonathan +stürzte an Marduk, der die Zähne zusammenbiß, herunter, +hielt sein Knie umfaßt. Es war, wie er den Kopf anlegte, +als ob er um Verzeihung oder Gnade flehte. Ungeduldig +bewegte der Mann oben die Knie, dachte nicht, warum der junge +Mensch niederfiel. Den Umhang raffend stieg er auf sein Zimmer. +„Wir werden – arbeiten“ sagte er mit übergroßen glasigen +Augen zu dem Hauptmann. Sprach empfing ordnete. +Dachte zwischendurch: „Ich höre nichts. Ich sehe nichts. Was +geht vor.“ +</p> + +<p> +Leichenblaß matt schlich gegen Abend Desir, der sanfte +Freund der Balladeuse, in das Gebäude. Er wollte nicht +zu Marduk. Als der von ihm hörte, ließ er ihn holen. Sie +standen sich gegenüber. Dem stummen Desir quollen die Tränen +aus den Augen. Er ging zum Fenster, aus dem sie gefallen +war, streichelte das Brett daran, warf sich am Fenster auf die +Knie, schluchzte von Marduk abgewandt. „Du denkst, Desir“ +zischte er plötzlich, „ich hätte Marion umgebracht.“ Der stammelte: +„Ich weiß nicht, was ich denken soll.“ „Komm her, +Desir, komm.“ Und wie er anschlich, betrachtete ihn Marduk +lange, hielt sich, den Mann umschlingend, an ihm fest, murmelte: +„Sie, sie – war gut zu dir. Du hast ihr wohlgetan. Es war gut, +Desir.“ „Warum ist sie gestorben?“ „Nicht fragen, Desir. +Nicht fragen.“ Und hatte den andern schon losgelassen, war +<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> +schüttelnd auf den Boden gefallen, schrie stopfte sich hilflos ein +Tuch in den Mund; Desir hielt ihn kniend, selber weinend. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen wurde der zerbrochene Körper der Balladeuse +verbrannt. Marduk mit dem schwarzen Hauptmann +und Desir wohnten der Verbrennung bei. „Ich möchte dir etwas +Gutes antun“ preßte, wie sie die Halle verließen, Marduk hervor +neben dem leichenähnlichen Desir. „Du wirst dann, ich möchte +dich darum bitten, die Stadt verlassen. Geh weit weg, mit dem +Kinde. Ich werde es dir ermöglichen.“ „Was habe ich dir getan, +Marduk?“ „Nichts. Du wirst mir die Liebe antun, da dich nichts +an die Stadt bindet, wegzugehen. Du machst mir eine Freude, +Desir. Du wirst es tun.“ Der blickte den Konsul an, der obwohl +er starr ging, so weich zu ihm sprach wie nie. An der +Treppe des Ratsgebäudes stürzte Desir an Marduk herunter: +„Mir ist ein großes Leid geschehn.“ „Ich weiß, ich weiß“ flüsterte +Marduk „aber du wirst die Stadt verlassen.“ Er nahm +den andern beim Arm. Im Vorraum, in der einsamen blumenbestellten +Glashalle, drückte er ihn an sich, hauchend: „Jetzt ist +sie weg, weg, Desir. Die Balladeuse ist weg. Jetzt ist es leer. +Sie ist Asche. Asche. Asche. Zu mir ist sie gekommen.“ Er +zitterte fror knirschte mit den Zähnen: „Warum ist sie zu mir +gekommen? Was hab ich ihr getan, daß sie – wegging? Ich +habe ihr nichts getan. Sag mir, du hast sie gekannt: was hat +sie von mir gewollt. Sie hat mich zerbrochen und dann ist sie +weggegangen. Warum, warum?“ „Sie sagte, daß sie dich +haßte, Marduk.“ „Ich habe ihr nichts getan. Sie ist dagewesen. +Sie hätte gehen können.“ Marduk hatte den andern losgelassen, +schüttelte mit den Armen: „Geh weg, Desir. Ich will gar keine +Antwort. Steh hier nicht.“ Desir mit verträumten Augen +wankte zur Tür. Marduk rang sich hinter ihm ab: „Desir. Trage +es mir nicht nach. Komm noch einmal. Komm.“ Er umarmte +ihn. „Du hast sie nicht geschickt. Meine Feinde haben sie nicht +geschickt, Desir. Was war in ihr. Warum mußte sie davongehen. +Und du hast sie lieb gehabt. Lieb. Lieb. Bist jahrelang +bei ihr gewesen.“ „Was hast du mit ihr gemacht, Marduk?“ +„Nichts, nichts, ich schwöre. Ich bin ja zerbrochen, zerbrochen. +Siehst du es nicht.“ Und das hilflose Zittern. Desir löste sich, +<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> +ging. Verließ die Stadtlandschaft, wanderte im Westen herum. +Man hörte sehr früh davon, daß er gegen den verbrecherischen +Marduk agitierte. +</p> + +<p> +Die Politik des geschlagenen Marduk änderte sich nicht. +Schwächer fühlte man ein Jahr lang seine Hand über der Stadt. +In grämlicher Bitterkeit vegetierte er, fast von Monat zu Monat +stärker ergrauend. Er schien ohne innere Anteilnahme, nur +aus Gewohnheit die Dinge weiterzutreiben. Die näher bei ihm +waren, wußten, daß er auf seinem Zimmer oft verzweifelt winselte. +Einige hatten damals den Eindruck, es genüge, ihm auf +die Finger zu schlagen, um seine Richtung zu verändern. Man +vernachlässigte herausfordernd den Abbau der Mekifabriken, betrieb +die Niederlegung von Gebäudereihen, den Aufschluß der +Bodenerträge. +</p> + +<p> +Er hatte schon lange nichts von Jonathan gehört. In dem +Zorn seiner Tätigkeit hatte er nicht mehr den Hinweis auf diesen +Schmerz bedurft. Breiter schwerer war Marduk geworden, mit +eingezogenem Kopf, kleinen zwinkernden Augen, grauen Haarbüscheln +an den Schläfen. „Ich bin schon grau, Jonathan, findest +du. Und du, laß dich sehen.“ Schlank und reif Jonathan, +im langen Silbermantel; zögernd leicht furchtsam bot er dem +Älteren die Hand. „Du sollst mir helfen, Jonathan. Ich hab +wenig Hilfe.“ Ob er bedroht sei. „Nein, man bedroht mich +nicht.“ Lächelnd matt setzte sich Marduk; seine Zimmerwand +schimmerte weißlich, als sei sie mit Blech beschlagen: „Was +treibst du Jonathan, den Tag über, den Monat über.“ „Den +Tag über?“ Er arbeitete wie viele andere an einem Moor; es +sei keine kleine Arbeit. „Du machst mir einen Vorwurf. Du +meinst, es sei eigentlich nicht nötig, ich könnte die Fabriken erweitern.“ +„Nicht, Marduk. Ich meine das nicht.“ „Hast du +andere Wünsche?“ Als Jonathan schwieg, ihn staunend ansah, +saß Marduk schweigend matt da. Die Wache öffnete die Tür; +ein bräunlicher Mann, Senator einer westlichen Stadtschaft, +trat ein, verneigte sich tief vor Marduk, wagte kaum, sich aufzurichten. +Marduk fragte ihn in seiner grämlichen Art nach +Namen Absichten. Er wollte nur Marduk sehen, sich vor ihm +verneigen. „So“ lächelte Marduk bitter „dazu kommst du her. +<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> +Das nützt mir nichts, mein Freund. Das stört mich. Ihr braucht +euch vor mir nicht sehen zu lassen. Ich will dir etwas sagen: +ihr taugt nichts.“ Und als der gegangen war, murrte er, er +werde sich in Stein aushauen lassen: dann hätten sie den Stoff, +der sie seien, und sie könnten sich davor verbeugen, soviel sie +wollten. Es ereignete sich, daß nach Jahren zum erstenmal +Marduk in einer Senatssitzung erschien, unangemeldet, ohne ein +Wort zu sprechen saß und wieder ging. Öfter kam er, horchte +ging. Sein sorgenvolles ruheloses Umherwandern in der Stadtschaft. +Er wurde einmal auf eine ungeklärte Weise, wahrscheinlich +durch ein ungesehenes Gas, im Nordteil der Stadt betäubt +und noch rechtzeitig von der ihm nachspürenden Wache aufgefunden. +Als Jonathan ihn besuchte, seine helle Verzweiflung: +„Sitz ich nicht wie in einer Falle. Wie lange dauert es und +sie schlägt zu. Sie belauern mich von allen Seiten. Sie haben +Waffen. Sie arbeiten. Ich kann nichts tun. Nicht einmal das +kann ich.“ +</p> + +<p> +Und immer wieder: „Nicht einmal das.“ Er drängte Jonathan +plötzlich ängstlich zu sehen, ob jemand vor der Tür sei, +und als Jonathan zurückkam, brach er in einen Weinkrampf +aus. „Sie können nichts. Ich wache über sie. Vor dem Uralischen +Krieg war es nichts und jetzt ist es nichts. Wir sollen +alle verderben. Weißt du, daß ich dich schon lange nicht gesehen +habe. Weißt du, welchen Tag wir heut schreiben.“ Er +studierte, auf dem Bett sitzend, Jonathans Gesicht. „Heute ist +der Jahrestag meines Einzugs in die Stadt.“ „Ja.“ „Komm +näher, Jonathan. Was war noch damals. Laß mich besinnen. +Damals ließ ich dich rufen, ich ließ dich nicht fesseln. Dann habe +ich mit dir eine – Ehe geschlossen.“ „Laß das, Marduk.“ „Ich +weiß es noch gut. Es tut mir wohl daran zu denken, lieber Bruder. +Es war eine finstere schreckliche Zeit. Aber sie war gut. Ich +war der Nachfolger Markes.“ „Ich will gehen, Marduk, ich will +gehen. Ich bitte dich, laß mich gehen.“ Marduk der Graubärtige +zitterte. Er sah begierig bang den Jungen an, fühlte, +daß er sich den Tod wollte, daß er ihn schon halb litt. Sein Körper +schüttelte; er murmelte: „Wie die Versuchung sich mir immer +wieder nähert. Jetzt kommt sie von dieser Seite. Ich hab +<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> +es nicht erwartet.“ Stark atmend schob er an einer Vase hin +und her, drückte sie dann klammernd fest auf den Tisch. Jonathans +zarthäutiges Gesicht loderte, die linke Hand hielt er sich +vor die Stirn. „Es ist gut, Jonathan, laß nur sein. Ich will +dir zu Hilfe kommen. Ich will dir zeigen, warum du nicht gut +von mir denkst.“ Er zog ihn durch die Tür über den Gang ans +Fenster: „Hier siehst du es. Da liegt die Stadt. Du denkst, wie +die Straßen früher gefüllt waren. Wie die Häuser aussahen und +was ich alles angerichtet habe. Dies ist die Stadt. Sie versumpft +verwahrlost verfällt. Das ist Marduks Gesicht. Sag es +mir geradeheraus. Ich bin ein geduldiger Zuhörer.“ Stiller +blickte ihn der Jüngere an, wie auf den bitteren bartumwucherten +Mund ein grellroter Sonnenstrahl fiel. „Was du denkst, +Jonathan, ist mir keine Neuigkeit. Ist kein Geheimnis. Viele +denken es. Wenn ich keine Waffen hätte, wäre ich seit Jahren +verschwunden. Sie beschuldigen mich, daß ich sie zugrunde +richte, weil ich sie auf die Äcker treibe.“ „Ich beschuldige dich +nicht, Marduk. Ich bitte dich ja, daß du mir verzeihst.“ „Ja ich +weiß, du hattest mich schon einmal um Verzeihung gebeten. +Auf der Treppe. Oder was war es. Damals. Du fielst, glaub +ich, vor mir nieder. Laß gut sein.“ Er zog sich vom Fenster zurück, +in das Zimmer, hielt eine Stuhllehne stumm eine Zeit gepackt; +aus seinem Mund kam dann: „Ich sage dir, ich bin nicht +schuld an dieser Erbärmlichkeit. Nicht ich. Ich kann nicht mehr +tun. Wie ich den Stuhl in das Zimmer werfe, so sind die Menschen: +sie können nichts als poltern und hinfallen, wenn man sie +anfaßt. Uns fehlt etwas. Was fehlt uns. Mir ist ja nichts mehr +gegeben, Jonathan. Ich kann ja nicht mehr. Sie sind schon zu +Tausenden weggelaufen. Zum Schluß werden sie meinen Kopf +nehmen. Als wenn sie dann etwas hätten. Ich bin imstande +ihnen nachzugeben. Aber – ich tu es nicht. Bin ich schlecht, so +gibt es noch Schlechteres als mich. Ich irre herum, aber über +ihnen bin ich doch. – Ich bin schlecht, nicht wahr Jonathan?“ Er +legte hauchend seine Stirn auf die Schulter des andern. „Du +bist nicht schlecht. Wenn ich wüßte, wie ich helfen könnte.“ „Du +zwingst dich. Du sagst mir etwas Gutes, Jonathan, weil ich +dir leid tue. Im Grunde meinst du etwas anderes. Bleib bei +<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> +mir stehen. Du mein Bruder, der mich haßt.“ „Ich möchte dir +helfen, Marduk, mit allem, was ich kann. Du mußt mir zeigen. +Ich will zu dir kommen und neben dir sitzen, Marduk, halt mich +nicht für ein Kind. Ich bin dir nicht gram. Ich finde, wahrhaft, +in mir nichts an Gram gegen dich. Ich habe dir vieles +abzubitten. Gib mir Gelegenheit, Marduk, mich dir gut zu erweisen. +Wer bist du, wer bist du, du armer Mensch.“ „Nicht +so sprechen, nicht so sprechen“, zitterte der andere, „bleib immer +so stehen bei mir. Hab ich mich vor dir enthüllt als Armer. +Es sind alle arm. Nicht ich allein. Wir verderben alle. Wo ist +Rettung.“ Er löste sich von Jonathan. Mit vibrierendem Gesicht, +zwinkernden Augen, bösen kleinen Blicken auf den Jungen +ging er um den runden Tisch, stierte von drüben den andern an: +„Es ist etwas faul bei mir. Ich bleibe noch eine Weile hier im +Haus. Das ist mein Mauseloch. Ich helf mir schon. Jonathan, +ich helf mir schon allein. Sieh meine grauen Haare an. Vor +einigen Jahren waren sie wellig und glatt. Jetzt stehen sie +wie Borsten auf. Das ist das Schicksal dieses Landes. Man +wird mich vielleicht bald aus dem Haus heraustragen. – Es +ist genug jetzt. Ich fürchte, ich werde zum Schluß meines +Lebens noch sehr böse.“ +</p> + +<p> +Als Jonathan ihm zum Abschied die Hand gab, hielt Marduk +diese glatte warme Hand eine Weile mit seinen beiden +fest. Mit einer leichten zwangmäßigen Gegenbewegung entzog +sie ihm der Jüngere. „Ich werde ihn nicht mehr besuchen“, +dachte Jonathan, als er frierend die Treppe herunterstieg. Entschlossen +in tiefer Seele war er. „Niemals, niemals mehr werde +ich ihn besuchen. Und wenn er mich tötet, mich ins Gefängnis +steckt, alle Martern an mir vollstrecken läßt. Ich werde ihn nie +besuchen.“ Ein riesengroßer Abscheu vor Marduk ging durch +ihn. Er war hingerissen von der Gewalt dieses Abscheus. Und +als er draußen war, lief er seitlich in stille Parkanlagen. Lief +weinte schlug sich die Brust vor Widerwillen Empörung grenzenloser +Scham. „Die Schmach“, dachte er, „die mir dieser +Mensch angetan hat.“ Ein Ekel schwamm in seinem Mund. Er +spie es von sich. Drängte langsamer zum Park hinaus. Als er +wieder Menschen sah, konnte seine Brust tief und voll atmen. +<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> +Er verachtete Marduk. „Ich gehe niemals zu ihm. Es wäre +wirklich gut, man beseitigte diesen Graukopf. Der Staat könnte +nur gewinnen. Alle könnten dabei gewinnen.“ +</p> + +<p> +In der Tat wankte Marduk damals. Er, der sonst einsam +auf den Zentralen saß, ging mit deutlicher Unsicherheit herum, +sah hier zu, dort zu, fragte. Es geschah oft, daß er von seinen +Wachen gebeten wurde, auf sich zu achten, weil er sich in +schlimme Lagen begab. Man sah den Konsul mit einem Hund +durch die Straßen gehen, einem großen starken Wesen. Das +Verschwinden des Tieres beendete diese gefährliche Epoche Marduks. +Da verließ er die Straßen. Er war der alte immer Entschlossene, +dem, wie viele sagten, an nichts so gelegen war wie +an der raschen Entvölkerung der Stadtlandschaft. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-5"> +<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> +<span class="line1">Viertes Buch.</span><br> +<span class="line2">Die Täuscher</span> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">eich</span> und schlank, mit einer gebundenen, oft sprühenden, +leicht sich erhebenden Freudigkeit ging Jonathan durch das +Ratsgebäude. Bänder und Federn hingen an ihm. Er galt als +der Trabant Marduks. Etwas von dem Schrecken, den der Konsul +einflößte, ging auf ihn über. Es machte ihm Freude, den +Schrecken zu gebrauchen. Wenn er in der Dämmerung durch +die Straßen schlenderte, die leerer lichtloser lärmloser waren als +früher, fiel ihm öfter seine Mutter ein. Vor seinem stolzen in +sich gekehrten Blick stand sie, nicht mehr mit klaffenden Schultern, +bewegungslos hängenden Armen. Unter seinen stolzen +schmelzenden Blicken, unter den leidenden schmerzgesättigten +heischenden bewußten Blicken gab sie nach. Von seinem Mund, +seinen Wangen floß es her: sie war eine ferne sich weit hinbreitende +grüne Landschaft, Wipfel Äste und Laub, Himmel +darüber. Das war, er fühlte gesättigt, seine Mutter. +</p> + +<p> +Als er einmal dem Ratsgebäude sich näherte, – der Ernst +umschwebte ihn, seinen silbernen Mantel hatte er eng an sich +gezogen, – saß da eine gelbbraune junge Person, die geschlafen +hatte und ihn gerade auf sich zukommen sah. In einem jähen +unsinnigen Schrecken wollte sie in das Gebäude. Das war verschlossen. +Sie lief im Augenblick, stürzte die Straße entlang. +Erst da achtete Jonathan auf, sah sich nach allen Seiten um, +wer das Mädchen verfolgte. Verblüfft sah er nichts. Er war +es selbst. Er rannte halb hinter ihr her ohne zu wollen. Straßen +nach Straßen. Das Mädchen lief angstvoll, schrie. Seitlich +Gehende erkannten Jonathan, blieben lachend stehen. Er stürzte +lang hin. Sie stand im Augenblick erschreckt, rannte zaghaft, +sich oft umdrehend, weiter. Er war verärgert, sein Knie brannte. +Er verstand das Ganze nicht. Jäh stürzte er nach. Sie lief +langsamer im Kreise. Er warf sie von rückwärts auf das Pflaster. +<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> +Erbittert bückte er sich über sie, die auf dem Gesicht lag, zog sie +an dem Kragenausschnitt hoch. Sie wehrte sich nicht, hielt den +Arm vor das Gesicht. Er schrie, was sie am Ratsgebäude zu +tun gehabt hätte. Sie wimmerte, ohne das Gesicht zu zeigen, +daß sie Hausgehilfin sei und den Hund der Frau beschädigt hätte +und die Frau hätte geschworen, sie gehe direkt zu Marduk und +werde Anzeige erstatten. Jonathan fiel es ein zu sagen, die +Frau hätte schon Anzeige erstattet und er werde sie vor Marduk +führen. Sie kam nicht von der Stelle, bettelte, zeigte ihr fremdländisch +faltenlos linienlos glattes Gesicht, die leicht abgeplattete +Nase, einen weiten törichten Mund. Er verbat sich ihr Reden, +sie mußte mit. Mit heimlicher Freude führte er sie streng durch +die Straßen. Dann gab er sie in ihrem Hause ab, wo er Furcht +erregte durch die Bemerkung, er sei von Marduk geschickt. Wie +es dem Hunde gehe. Die Leute zeigten furchtsam das Tier, das +hinkte. Er erklärte, daß Marduk sein Augenmerk neuerdings +stark auf Hunde richte. Man dürfe nicht glauben mit dem Vieh +umzugehen, als sei es beliebiges Sacheigentum. Einige Tage +ging er noch hin, ließ sich, scheinbar sachverständig, den Hund +zeigen. Einen Heilkundigen brachte er mit. Der katzbuckelte vor +Jonathan, konstatierte an dem Tier mehrere Krankheiten; +Jonathan wünschte, daß er das Tier behandle. +</p> + +<p> +Abende und Nachmittage verbrachte Marduks Freund jetzt in +dieser Gesellschaft. Eine ganze Zahl zerlumpter Frauen und +Männer saßen da zusammen, rauchten diskutierten. Es waren +Leute, die sich nicht der schweren Arbeit zuwenden wollten, +nicht den Entschluß aufbrachten auszuwandern, auch viele +Kranke. Solche Ansammlungen waren viel in der Stadt. In +den Jahren von Marduk war die Stadtlandschaft ein halbes +Feldlager. Es kam wenig zu Gewalttätigkeiten; Marduks +Horden zogen stark durch die Anlagen. +</p> + +<p> +Damals trat Berlin, das sonst in Häusern und Fabriken hockte, +ganz auf die Felder und Plätze. Die Menschen nahmen Fühlung +zueinander. Ein Gefühl der Unsicherheit und Unwirklichkeit lag +auf allen. +</p> + +<p> +In diesem Jahr erlebte Jonathan Dinge von einer Schönheit +und Süße, wie er sie nie gekannt hatte. Er nahm Elina, das +<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> +Mädchen, das er verfolgt hatte, zu sich, verließ mit ihr die Stadt. +Durch Hamburg Frankfurt Genf, die südlichen Stadtlandschaften +fuhr er. Die erregtere Luft. Die heftigen ungebundenen umeinander +wallenden Menschen. Spöttisch hörte er überall die +tiefe Ehrfurcht vor Marduk. Mit ängstlicher Neugier wurde +er nach den Dingen Berlins befragt. Von dem Augenblick an, +wo das junge zahme Wesen, Elina, sich an ihn hielt, hatte er +keinen Sinn mehr für die Dinge der Stadt. Er war nach +einem Monat, als er am Mainufer mit ihr saß, erschüttert von +dem Gedanken an die Ereignisse, die hinter ihm lagen, von dem +Segen, der sich an ihm erfüllte. „In was für Schrecken hat er +mich hineingezwungen“, flüsterte er, während sie in der sommerlichen +Luft sich neben ihm auf der Uferwiese ausstreckte und seine +Hand mitzog, „ich kann sie kaum ausdenken, Elina. Sag, Elina, +kommt es wohl vor, daß Menschen aus der Hölle entlassen +werden, in ein anderes Stück der Ewigkeit, und daß sie das Gedächtnis +an das Frühere behalten? So geht es mir.“ „Aber du +vergißt doch schon, Jonathan.“ „Ja, es scheint mir ganz unglaubhaft, +was ich getrieben habe, Elina. Laß mich einmal die +Augen zumachen; gib mir auch deine andere Hand. Es ist +wunderschön hier. Wie ist es möglich, daß solche Dinge geschehen +wie die, die ich erlebt habe! Wie können Menschen +sich so bewegen! Ich! Ich verstehe nichts, nichts mehr davon. +Daß ich in der Stadt bleiben konnte, daß ich mit ihm umging. +Wahrhaftig, er hat recht: ich wollte ihn sogar umbringen. Was +ging er mich nur an. Ich brauchte doch nur ein paar Schritt +vorbeizugehen.“ „Sprich doch nicht von ihm. Warum sprichst +du nur von ihm, Jonathan. Ich kann dir viel schöne Dinge +erzählen. Ich werde dir erzählen – von der armen dummen +Elina, die einmal auf einer Steintreppe saß und an einen Hund +dachte.“ „Nein, es ist nicht nötig, Elina. Es ist ja alles vorbei. +Wie vorbei. Ich traure ja beinah um ihn. Er ist noch drin, in +der Hölle.“ „Leg dich zu mir herunter. Du bist viel schöner als +ich bin. Sag mir, was ich bin. Erzähl mir von mir. Ich möchte +etwas von mir hören.“ Jonathan, dem sie den Kopf auf den +Schoß legte, lachte herunter: „Wir sitzen wie ein Märchen auf +der Wiese.“ „Wie heißt das Märchen?“ „Ich weiß noch nicht. +<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> +Früher habe ich oft mit Frauen gespielt. Es war nicht wie mit +dir.“ „Ich bin anders, ich bin besser?“ „Viel besser. Warum +siehst du mich an. Du glaubst es nicht. Die Frauen –“ „Nun? +Sie waren viel schöner als ich.“ „Ich kann mich nicht mehr besinnen, +wie sie waren. Aber du bist wie eine Glocke in einer +Kirche am Sonntag. Man sieht sie nicht, man hört nur etwas +Luftartiges von ihr. Man sagt, es ist die Glocke, die läutet. Und +wer fromm ist, geht drauf zu, wo der Klang herkommt. Und +selbst wenn man in der Kirche sitzt, sieht man die Glocke nicht, die +läutet, kann eigentlich gar nicht sagen, daß es die Glocke ist, die +läutet. Du bist da, ich höre und sehe dich; ich sitze auf der Wiese +am Main. Ich kann dich genau beschreiben. Das bist du.“ +</p> + +<p> +Sie richtete sich auf, zog die Unterlippe herunter, nahm ihre +Hände weg: „Im Grunde ist es dir dann gleich, wer ich bin. +Brauchst dich doch nicht um mich kümmern. Bimmele dir etwas +vor, und du sagst: es bimmelt und bist zufrieden.“ „Eben.“ +„So kann ich sagen was ich will? Auch nichts sagen? Vielleicht +auch weggehen?“ „Nicht weggehen. Du kannst dich rühren und +bewegen und du erfreust mich. Gott, sagt der und der, hat jedes +Haar auf dem Kopfe gezählt. Ich auch. Komm her. Ich habe +jedes Haar, jede Strähne gezählt, kenne sie ganz genau, besser +als der Gott, denn sie sind mein. Und deine Nase und dein +Mund und deine Füße in roten Strümpfen und dein Kleid: das +bist alles du und ich brauch gar nicht drüber nachdenken.“ +</p> + +<p> +„Von dir aber kann ich sagen, Jonathan, wer du bist.“ „Ach +tu es nicht.“ „Warum nicht. Ich kann es doch. Ich kann es dir +mit zwei drei Worten ganz genau beschreiben. So genau, daß +jeder gleich weiß, wer es ist und sagt, das bist du.“ „So sag.“ +„Du bist Elinens liebster Mensch. Du bist meine Freude. Mein +trüber Himmel und mein sonniger Himmel. Mein Jäger mein +Räuber mein Wald mein Haus meine Stube mein kleines +Kissen. Meine zerbrochene Scheibe, meine ganze Scheibe. Ich +kann dich streicheln und du gehörst zu meiner Haut zu meiner +Hand. Mein Auge mein Ohr meine Stirn meine Brust. Du +alles. Nun weißt du, wer du bist.“ Sie hielten sich. Er lächelte, +während sie die Linien seines feinen Gesichts mit Küssen nachzog +und über seinen Augen lange stillhielt. „Mach die Augen +<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> +auf“, rief sie, „du träumst ja schon wieder.“ „Nur schöne Dinge, +Elina. Ich dachte, wie du mich in das Haus gesperrt hast, als +die Leute auf mich losgingen, weil sie Marduks Freund nicht +wollten. Da hast du den Schlüssel verloren und mußtest mir +zum Fenster hinaushelfen. Ich bin statt auf deine Schulter +zu steigen an dir vorbeigesprungen, auf meinen Arm.“ „Der +wieder gut ist.“ „Damals habe ich mich zum ersten Male, in +deinem Zimmer, nach dir gesehnt. Du solltest kommen, dacht +ich mir; Marduk verdirbt mich. Jetzt ist die Stunde für dich, die +mich schon eingesperrt hat für sich. Aber es war still. Du kamst +nicht.“ „Ich hab die Schlüssel nie wiedergefunden.“ „Und ich +freute mich, wie ich dich weinen und betteln hörte draußen. Kein +Wort hab ich gesagt. Mit dem Gesicht lag ich an dem Türholz. +Eingesperrt war ich, aber frei. Freier Jonathan. Nach einigen +Stunden war er auch frei.“ „Nun sind die Augen wieder auf.“ +</p> + +<p> +Sie wohnten nahe dieser Wiese in einem Gehölz, zwei Tage, +in einem künstlichen Haus, wie es Lustreisende damals viel +brauchten. Das Haus oder Zelt bestand aus gazeartigen Tüchern, +die man an einem Gestell befestigte, das nicht dicker als +ein Streichholz war. Das Gestell war aus leichtestem starken +Metall. Sie setzten, wo es ihnen wohlgefiel, aus ihren Tornistern +das Gestell auf den Boden. Eine Gasflasche wurde angeschraubt +und leicht erwärmt. Die doppelwandige Gaze prallte Seite an +Seite hoch, stand fest und hart wie aus Beton. Fußboden und +Decken wurden so errichtet. Fenster und Türen, schwarz oder +durchsichtig, konnten eingefügt werden. Das einzimmrige Häuschen +wurde wie ein Schiff verankert. Und überall in schönen +Gegenden fand man Pflöcke mit Ketten und Zeichen, die die +nächsten Ankerplätze angaben. Aus Fußboden und Wand +konnten bei manchen dieser Häuser Betterhebungen vorgetrieben +werden aus polsterartiger Substanz, Schrankvertiefungen +Bankerhöhungen. +</p> + +<p> +Jonathan wohnte da mit Elina. Sie trug an ihrem Körper +mit Freuden ein Hemd, das sie sich in Frankfurt gekauft hatte. +Sie hatte es unbemerkt vor Jonathan gekauft. Es war in der +Stadtschaft als ein zauberhafter feiner Stoff von den Frauen +geheimnisvoll angepriesen. Ein weicher Stoff war es, vom +<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> +Aussehen dünnster Fischschuppen, ein lebendes Gewebe, das +man wie Perlen auf warmer feuchter Haut trug, mit deren +Atmung es gedieh. Dann teilten sich die Zellen, Myriaden. +Eine Haut unter der ersten erschien, dichter enger an der menschlichen +Haut, der sie auflag, über der sie kaum ablösbar hing. +Die obere Haut trocknete ein, stäubte ab. Weiß war die Farbe +des Hemdes, das man kaufte. Nach einer Woche trat unter dem +Ergrauen und Abschilfern des Mutterhemdes eine grüne Farbe +hervor. Dann vollzog sich der Vorgang, der ein Generationswechsel +war, weiter; rot trat hinzu, violettes Schillern. Die +Moosstoffe, aus botanischen Versuchsstätten, waren sehr sorgsam +zu pflegen. +</p> + +<p> +Er saß bei ihr am Bett. „Elina, komm nach Berlin.“ Elina +war heißer und fremder geworden. „Ich mag nicht. Es ist hier +viel schöner. Du brauchst längere Zeit, um alles zu vergessen.“ +„Komm Elina.“ „Ich mag nicht. Was forderst du von mir;“ +sie warf den Kopf zurück. „Hätte ich die Reise nicht mit dir gemacht.“ +Sie lachte gurrend: „Seid Ihr ängstlich, daß Ihr Euch +nicht in fremde Städte wagt. Du und Marduk. Aber Marduk +weiß noch, was er tut. Er hat seine Waffen seine Maschinen. +Von uns fordert er Dummheit. Werdet wie die Kinder. Ich +mag nicht nach Berlin.“ Sie trug über dem fremdartigen Hemd +ihr eigenes aus Leinen. Die Haut ihrer bloßen schlanken Arme +war bräunlich; die Härchen darauf schimmerten golden. Und +wie sie den Arm abhob, das weite Hemd zurückfiel, die Schulter +freigab, bückte sich Jonathan vor: „Was hast du da? Was trägst +du für eine Jacke?“ „Eine Jacke? Ach!“ Sie lachte; zugleich +wurde ihr Hals rot. „Es ist mein Hemd. Du hast es noch nicht +gesehen. Ich habe es in der Stadt gekauft.“ „Ein grünes +Hemd. Du hast es gekauft. Ich sagte, ich mag es nicht.“ „Jetzt +ist es grün. Dann wird es rot, vielleicht blau. Das Obere +schilfert immer mehr ab. Weißt du, es legt sich immer dichter +an. Als wenn es mit Gummi angeklebt wird. Man merkt es +gar nicht. Es wächst fast an.“ „Ach.“ Er staunte. Sie saß hoch, +ihre Brust lächelnd entblößend. Er ging still herum. Am Abend +wurde er heftiger und sie gab nach. Sie dachte an nichts, freute +sich über seine Gereiztheit: „Bist du ein Kind. Ich soll hier weg. +<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> +Es beißt uns keiner.“ „Ja, ja“, er schüttelte sich, „ich bitte dich, +ich flehe, komm weg.“ +</p> + +<p> +Sie legten das Haus zusammen. Und wie sie nach Berlin +geflogen waren, in seinem Zimmer saßen, zog er ihr die Armspange +ab, küßte die Spange, legte sie an seine Wange, band +sie sich um. Ihre Schuhe knöpfte er auf, die Strümpfe zog er +herunter, rieb die kalten Füße zwischen seinen Knien mit den +Händen warm. Sie sah vergnügt, zum Kichern geneigt, von +oben zu. Den Rücken machte sie krumm, die Arme schlug sie sich +vor Lust an den Hals, als er ihr das Mieder öffnen wollte. Sie +sprang davon. Lag im Bett, zugedeckt bis an die Ohren. Und +als er „Elina“ rief, sang sie unter der Decke: „Ich höre nichts. +Leg dich schlafen.“ Sie trällerte „Jonathan“, als er sich neben +sie hinstreckte, ihren Hals umschlang. Seine Hand lag auf ihrem +Nacken. „Was hast du an?“ „Ein Hemd.“ „Das ist das Hemd.“ +„Das grüne. Vielleicht ist es schon rot.“ „Wozu hat es denn +Farben, wenn ich sie nun nicht sehen soll. Du bist so lustig geworden.“ +„Nicht? Und das ist doch schön.“ „Warum bist du +so lustig?“ „Weil ich’s sein will. Mein Hemd zeig ich dir nicht.“ +Sein Arm zog sich zurück, traurig sagte er: „Wie bist du zu mir.“ +Und wie seine Stimme verklungen war, horchte sie, ob er noch +etwas sagte. Aber er schwieg von da. Sie tastete mit ihrer Hand +nach ihm. Er lag auf dem Rücken. Sie fuhr über sein Gesicht, +fühlte das Zwinkern seiner Lider. Welchen Ausdruck er haben +mochte. Erinnerungen? Sie wälzte sich an ihn, drückte ihr Gesicht +an seins. Da hoben sich seine Arme wieder, heftig preßte +er ihren Kopf an seinen, stammelte „Braunes“ in ihren Mund. +Und als sie ihre Wonne ausgeatmet hatten und ihre Rücken +zurücksanken, streichelte Elina sein warmes Gesicht. Ihre kleinen +Finger biß er; sie summte: „Möchtest du mein Hemd sehen.“ +„Was soll mir dein Hemd. Was geht mich dein Hemd an. Du +bist Elina.“ „Warum willst du es nicht sehen, Jonathan. Es +ist schön.“ „Es ist schön. Ich glaub dir’s. Du bist viel schöner.“ +„Ich will’s dir zeigen, Jonathan.“ Sie hatte sich im Bette aufgesetzt, +tastete um sich. „Was suchst du denn?“ „Das Licht.“ +Es flammte schon weiß um und über ihnen. „Ich zeig dir’s. Da. +Du kannst es sehen.“ Sie saß auf der Bettkante, drehte den Kopf +<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> +nach ihm. Die braunen Haare hingen dicht von ihr herab. Um +Brust Leib Schultern schlang es sich. Als wenn es naß oder aus +zartestem Gummi wäre. Grünlich blau schillerte es an den Flanken; +an manchen Partien des Rückens und der Brust war es +stumpf, mehlig weiß. Sie lächelte eitel, strich an sich. Es glitzerte +leicht; der Glanz über den Schultern war opalen. Er hielt sich +unter einem Schmerz die Hand vor die Augen. Lecker flüsterte +sie: „Ich will es ausziehen. Ich werde es dir zeigen.“ Und sehr +vorsichtig rollte sie sich das Hemd vom Leibe hoch. Es drehte +sich, als wenn es eine Gummihaut wäre. An den Hals rollte sie +es, langsam, aufmerksam zog sie den rechten Arm, den linken +Arm heraus, bog sich. Beim Rollen wickelten sich Achselhaare +ein; sie kreischte, streckte die rote Zungenspitze ängstlich heraus. +Er machte sie frei; sie schrie sofort: „Gib her. Du drückst es.“ +Ihre Tränen flossen; er hatte es schon hinter sich auf die Erde +geworfen, über ihre rote leichtgeschwollene Haut strich er. +„Bitte, lieber Jonathan, bitte. Es kann keine Viertelstunde +liegen, keine Minute. Ich habe dich doch gern.“ „Hast du mich +gern, so laß es liegen.“ „Du gibst es her. Du gibst es.“ „Und +wenn ich es zerdrücke. Wenn. Sieh einmal, Elina.“ Sie war +so blaß, so süchtig; rote Flecken auf dem Gesicht. Er liebte sie +plötzlich eigentümlich. So daß er mit der Rechten ihr den +Stoff gab, mit der Linken, während er niedersaß, sich die Augen +beschattete; er öffnete den Mund. Sehnsüchtig inbrünstig liebte +er sie, während er neben ihr saß, Tränen stiegen ihm in die +Augen. Er drückte sie an sich, die ihn abwehrte. Und wie sie +glücklich war, als sie das raschelnde Gewebe, das leicht wie ein +Blatt war, in den Händen hielt, es gleich an ihre Brüste drückte, +es tief anhauchte. Aus dunkel umränderten Augen blickte sie +Jonathan an; ihre Backenknochen traten sonderbar schattenhaft +hervor. Sie kniete im Bett, während sie sich die Haut überrollte; +unter den Stößen ihres kurzen erregten Kicherns erzitterten +ihre Flanken und die vorgewölbte Magengrube. Dann streckte +sie sich, atmete aus: „Ich bin froh.“ +</p> + +<p> +In der Nacht wachte Jonathan auf. Er hatte von einem sehr +leichten Federball geträumt, den er greifen wollte: er sprang +vom Boden aber rastlos auf und ab, von selbst, es war ein +<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> +unsäglich mühsames Begehren. Der Ball ging springend vor ihm +weg, einem Fenster zu, das sehr helles Licht warf. Der Ball +war weiß, immer schwächer zu sehen, blinkte nur noch an der +Decke, am Fußboden, und er mußte ihn fassen, diesen lautlosen +Federball. Er horchte aufwachend im Dunkeln. Sein Herz +schlug wuchtig. Mit jedem Schlag trieb es einen Feuerschein +vor seine Augen, stieß einen Hammer gegen seine Kehle. Die +Decke schob er zurück. Elina stöhnte laut. Elina stöhnte. Sie +griff um sich. Jonathan drückte auf den Lichtknopf. Ihre +flammende Röte. „Elina, hast du Schmerzen?“ „Oh mir ist +gut.“ Und warf den Kopf beiseite, krümmte sich. Er sprang auf. +Sie verfolgte ihn mit fliegenden Blicken, als er sich anzog. „Was +willst du tun, Jonathan. Ich habe gar keinen Schmerz.“ „Ich +will dir zu trinken holen. Du fieberst.“ „Ich habe keinen +Schmerz. Ich will keinen Arzt.“ „Ich bleibe.“ „Mir fehlt +nichts. Mir ist ganz gut. Komm her. Bleib bei mir.“ Ihre +zurückgesunkenen angstvoll suchenden Augen. „Dein Hemd ist +es.“ „Laß mich los. Ich befehle es dir. Wenn du mir mein +Hemd nimmst, lauf ich weg. So wie ich bin.“ „Ich tu’s ja +nicht.“ „Du schwörst es mir.“ „Ja.“ „In die Hand.“ „Ja.“ +„Jetzt küsse mich.“ Ihre Münder lagen aufeinander. Er +weinte vor unausfühlbarer Sehnsucht. Ihm fuhr durch den +Kopf, wie der Federball sprang und blinkte am weißen Fenster. +</p> + +<p> +Fünf Tage diente Jonathan seiner Geliebten. Er hörte aus +ihren Träumen: wie sie sich zusprach; es werde alles gut werden; +sie fürchtete sich zu sterben. Das Hemd senkte seine feinsten +Sprossen in ihre Haut, wieder schilferte eine Lage, bläulich +schimmerte die neue. Während sie in tiefem dauerndem Schlaf +lag, zog ein leuchtendes Meeresblau über ihre Schulter und +Brust. Ihre Atmung wurde ruhiger. +</p> + +<p> +Elinas Augen blitzten seit der Zeit. Ihre Bewegungen waren +glatt, schmeichelnd erregt. Ihr Lachen härter. Und wenn er sie +umhalste, so fühlte er sich tief bewegt, nie beruhigt, nie gesättigt. +An seiner Unterlippe sog sie sich im Kuß fest, hielt sich ganz dicht +an ihn, die Knie zitterten unter ihr. Als wenn sie aus dem +Schlaf erwachte, öffnete sie die Augen, lachte, gab ihm einen +Schlag auf die Schulter, ließ ihn stehen. +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">pöttisch</span> durchstreifte sie mit Jonathan die Stadtlandschaft. +Sie fuhren auf drolligen schaukelnden und springenden Wagen. +Die Gefährte hatten unter ihren Sitzkästen stengelartig lange +Beine, die spiralig mit Metall umwickelt waren. Sanft knickten +und schnurrten diese Beine bei der Berührung mit dem Boden +ein, um gleich darauf völlig zusammensinkend aufzuschwirren +und schräg nach vorn zu schießen. Heuschrecken hießen die Gefährte, +weil sie wie Heuschrecken kräftige lange Hinterbeine mit +einem starken Scharniergelenk hatten. Zum Aufsetzen dienten +vorn zwei wenig nachgiebige Vorderbeine und seitlich elastische +Streben, wie Tastorgane, um einen Anprall abzuschwächen. +Elina und Jonathan unter bunten Tüchern tänzelten in ihrem +Gefährt über den Waldboden, waren im Begriff, sich zu senken, +um einen Bach zu überqueren, der dicht hinter einem niedrigen +Gehölz floß. Sie überblickten die Landschaft nicht, und wie sie +aufsetzten, tönte ein Schrei unter ihnen. Schon schwirrte der +Apparat wieder hoch, Jonathan beugte sich vornüber, um zu +sehen. Sie machten einen Sprung, sich drehend, zurück; die +Bremse schlug an; hart setzten sie an der Stelle des Schreis auf. +Da schleppte ein Mann eine Frau an den Bach. Sie trugen +beide dunkelgrüne Kleider, nur wenn sie sich bewegten, unterschieden +sie sich vom Gras. Jonathan sprang aus dem Gestell; +Elina, die nachspringen wollte, mußte er zurückhalten, bis er die +Füße des Apparats verschraubt hatte; der gewicht- und führerlose +Apparat wäre davongetänzelt und an einem Baum zerschellt. +</p> + +<p> +Der Frau, die am Bach lag, hatte der Mann das Kleid über +dem weißen Rücken aufgerissen. Eine krallenartige Fleischwunde +spritzte da rotes helles Blut. Der Kopf der Frau lag schräg über +dem Uferabfall, gelbweiß ihr Gesicht; der Mensch hantierte mit +einem grünen Tuchfetzen. Er murmelte, wie Jonathan neben +ihn trat: „Was habt Ihr gemacht. Was soll ich tun.“ Jonathan +stammelte: „Ihr liegt hier im Gras. Wir haben Euch nicht gesehen. +Ihr habt kein Zeichen gegeben.“ Elina: „Sie stirbt ja, +Jonathan.“ Sie warf sich über die Frau, öffnete ihr Kleid, +drückte ihre Brust an die Wunde. „Mein Hemd ist lebendig, das +hilft.“ Blut überrieselte ihre Brust. Sie kniff in Ekel und +<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> +Schauer die Lippen ein. Mit starren Mienen lag sie da. Als die +Äste unter dem Wind knackten, drehte sie den Kopf: „Sieh zu, +Jonathan, daß keiner kommt“, und zupfte an ihren Röcken, die +über die Waden aufgeschoben waren. Nach einer Weile hob sie +sich sachte von der Frau. Ihr Gesicht erhellt; das Blut spritzte +nicht mehr. Bis an den Hals war sie blutbelaufen; Oberlippe +und Stirn trugen Spritzer. +</p> + +<p> +Der Mann trug, als Jonathan auf ihn einredete, die Frau in +den Apparat. Jonathan löste die Verschraubungen, sprang ein. +Der Mann trat zurück; der Apparat streckte die Beine, zog sie +an, streckte sie, schwirrte mit hohem Metallgesang auf. Zierlich +schwebte er in Manneshöhe über dem Bach, wendete in einem +Kreis, flog wippend über die Unglücksstelle den Häusern der +großen Stadt zu. +</p> + +<p> +Elina hatte sich zwanzig Schritt aufwärts der Stelle am Bach +gewaschen, gebeugt über dem Wasser kniend. Hand um Hand +schöpfte sie Wasser, das sie erst anhauchte, als wenn sie es wärmen +wollte, goß es gegen die Brust. Sie strich zu dem grünen +Mann hin: „Ich möchte meinen Freund hier nicht erwarten. +Wenn Sie wollen, gehen wir in die Stadt und sehen, wie es der +Kranken geht.“ Der lag am Wasser. „Kommen Sie. Suchen +Sie etwas?“ Mißtrauisch blickte er sie von unten an: „Ich werde +noch hier bleiben. Wenn der Herr wiederkommt, werde ich +hören, was sie macht.“ „Sie wollen also warten.“ An einem +Baum stehend betrachtete Elina den Mann. Sie zweifelte nicht, +als sie eine Weile gestanden hatte, daß er etwas suchte am Wasser +und daß er an seiner Brust etwas verbergen wollte. Sie schlenderte +seitlich zurück. Und als sie langsam summend wiederkam, ging +er ihr entgegen. Da wußte sie, es war ein Vertriebener, der +heimlich zurückgekehrt war und Versuche machte, ein Täuscher. +„Mein Fleisch, mein Blut“ zitterte es in ihr, mit einem +verborgenen stachelnden Entzücken. Ein fürchterlicher Haßblick +aus seinem traurigen Gesicht traf sie. Sein grünes blutgesprenkeltes +Kleid war von Art der Bergleute; eine Kappe +hatte er über die Ohren und tief in die Stirn gezogen. Stämmig +und breit trabte er. Sie war immer einige Schritte hinter ihm: +„Laufen Sie doch nicht so; ich komme nicht mit.“ Er zwang sich, +<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> +ging langsamer. Sie trieben durch das Buchenholz. Der Boden +war braun. Und wie Elina den Mann suchte zwischen den +Stämmen, fand sie ihn nicht. Sie lief. Da ging ein Mann, +ein brauner, er ging ganz dicht bei ihr, sie hatte ihn nicht gesehen. +Aber wo war der grüne. Sie wollte an dem braunen +vorbeilaufen, da drehte sie sich zurück. Er hatte die Kappe ins +Gesicht gezogen wie der grüne. Sie stand angewurzelt, als sie +das vergrämte stumme Gesicht sah. Das war der grüne. Sie +hastete hinter ihm. Das war sein Schritt. Der kurze stämmige +Körper. Was war das. Wenn sie stehen blieb und er sich entfernte, +erkannte sie ihn nicht zwischen Stämmen und brauner +Erde. Sie rieb ihre Augen, lief an ihn heran. Das geradeausblickende +Gesicht des Mannes. „Sagen Sie, ich bin erschrocken. +Ich glaubte, Sie hatten eben ein grünes Kleid an.“ Er drehte +ihr seine Augen zu: „Ja. Und?“ „Jetzt?“ Er fuhr zusammen. +Blieb stehen, sah an sich herunter. Er hob die Fäuste vor die +Augen, stöhnte: „Jetzt laufen Sie. Verraten Sie mich. Was +für einer ich bin. Was ich für ein Kleid trage. Ich heiße Lorenz. +Und Sie?“ „Elina.“ „Elina, Sie dürfen nicht weiter. Sie +haben mich in der Hand; ich muß mich schützen.“ „Sie wollen +mich halten?“ „Ich sagte es schon.“ „Ich sehe nichts ein, +Lorenz. Aber ich trage auch etwas.“ Sie lachte ihn siegreich an. +„Sie glauben, man müsse ein farbiges Kleid tragen, um ein +Täuscher zu sein. Ich täusche auch so. Dicht neben Marduk. +Glauben Sie’s nicht? Sehen Sie meine Schulter.“ Sie zog, +dicht an ihn tretend, ihren Brustausschnitt zurück; bläulich war +die Schulter überlaufen. Er blickte noch hin, als sie die Schulter +schon wieder bedeckt hatte. „Sie wundern sich. Werden Sie +mich angreifen?“ Er griff nach ihrer Hand, drängte sich an sie, +das Staunen hatte sein Gesicht geöffnet, langsam brachte er +heraus: „Nein. Ich kenne Sie nicht. Heißen Sie wirklich Elina. +Ich weiß nicht, was Sie treiben. Seit wann sind Sie hier. +Wo sind Sie.“ „Ich bin Jonathans Freundin. Er ist mein +Freund. Er ist doch nicht Marduk. Fürchten Sie sich nicht. +Ich bin froh, ich bin glücklich, daß ich Sie gefunden habe.“ +</p> + +<p> +Sanft flog Jonathan mit der ächzenden Frau durch Waldlichtungen, +über Wiesen Alleen. Sie lag hinter ihm unter +<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> +Elinas Schal. Zierlich erhob sich die Heuschrecke, abwechselnd +schnurrten und klangen die spiralenen Beinchen. Er wagte +sich kaum nach ihr umzusehen; er fürchtete, sie könnte sterben. +In wachsender Besorgnis fuhr er, verbog die Hebel, aber +immer gleichmäßig schwebte und taumelte die Heuschrecke. +Die Kinder lachten auf den Chausseen dem ansummenden +Liebesgefährt zu. Er seufzte, als wenn ihm selbst eine Gefahr +drohe. Das kleine rosa Krankenhaus auf einer baumumstandenen +Wiese. Als die Schwestern die Frau herausgehoben +hatten, blieb Jonathan lippenkauend bei seinem Apparat, +stieg dann langsam die Treppe nach. „Sie werden +sagen, sie ist tot. Sie werden aus einer Tür, aus einem Aufzug +hervortreten und mir erklären, daß sie nichts mehr tun +können.“ Er stellte sich an ein Fenster. „Es kommt niemand +heraus. Ich kann hier lange stehen. Wie viele Menschen +haben hier gestanden und die Bäume drüben angesehen. Die +Bäume abgezählt. Sechs in einer Linie, fünf dahinter. Es +sind gar nicht die Bäume, die sie gesehen haben; sie haben +etwas anderes gesehen; die Bäume sind nur darin eingetragen, +wandeln darin herum, kommen und gehen.“ Er stemmte den +Kopf gegen den Fensterrahmen, stöhnte: „Ich wollte nicht +nach Berlin. Ich wollte nicht hierher. Wenn ich hier weg +wäre. Oh, wenn es eine Kraft in der Welt gäbe, die mir helfen +könnte. Die mich forttrüge und dies alles rasch beendete. Daß +ich die Bäume nicht mehr zu sehen brauch, daß ich dieses Haus +vergesse und wie ich hier stehe. O du große Kraft, gib, daß +hier nichts geschehen ist, hilf mir. Sie soll nicht sterben, es +soll alles wieder gut sein, ich will ja weg von Berlin.“ Und +hinter seinen Gedanken tauchte schon, er wußte nicht wie, +Marduk auf, finster beängstigend, und hinter ihm, mit ihm +noch Schlimmeres, so Schlimmes Dunkles Verhülltes. Gebunden +stand er; er drohte ohne sich zu bewegen: „Wenn ich +diesmal frei komme, kommen sie nicht so leichten Kaufs davon. +Dann soll etwas geschehen. Ich will es nicht leiden. +Ich will nicht. Ich will nicht. Ich setze mich zur Wehr.“ Er +rekelte sich, er wußte nicht was er tat, keuchte mit vortretenden +Augen, rang sich von dem Alp los. Eine Schwester rauschte +<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> +sanft und tief ihn anblickend, neben ihn. Sie stand erst stumm +vor dem Entsetzten, dann: die Frau sei durch den Blutverlust +geschwächt; in zwei drei Wochen werde sie hergestellt sein. +Finster wortlos zog sich Jonathan die Treppe herunter. Dann +stürzte er, lief. Als er in seiner Heuschrecke saß und flog, +schrie er und tobte, brüllte und weinte, während er auf und ab +flirrte, wußte tränengeblendet nicht warum. „Es ist wieder +gut“ ging es schwellend betäubend durch ihn, „es ist ja wieder +gut. Jonathan, sei still. Jetzt fährst du ja zu ihr, zu Elina. Es +geht vorüber. Jetzt ist alles vorbei.“ Und wie er ihren purpurroten +Rock im Gehölz wehen sah an dem Wege, den sie hergefahren +waren, streckte er aus dem Fahrzeug den Arm nach ihr +aus: „Elina! Elina!“ Sie hielten sich umschlungen. Dachten nicht +an den Mann, der stumm zur Seite blickte. Stammelten sich +Liebesworte zu, als hätten sie sich monatelang nicht gesehen und +fänden sich nach einer schrecklichen Trennung wieder. Sie +wurden glücklich und matt zum Umsinken. Zu Füßen eines +Baumes ließen sie sich nieder. Erst jetzt fühlte Jonathan, was +ihm Elina war. Er sonnte sich an ihrem Gesicht. „Jonathan.“ +Elina drehte den Kopf nach oben, „du hast nicht gesehen, wer +da steht.“ Er blickte auf, erkannte den Mann, dessen Kleid bräunlich +war. Elina beobachtete lächelnd Jonathan, flüsterte ihm ins +Ohr: „Es ist ein Täuscher. Er ist verbannt.“ „Sonderbar.“ +Jonathan blickte ihn weiter an, „ich hab es mir gedacht.“ Er +stand auf: „Der Frau geht es nicht schlecht. Sie wird in einigen +Wochen wieder gesund sein. Man braucht nicht für sie zu fürchten.“ +Elina trat vor Jonathan: „Er glaubt, du verrätst ihn. Du +sagst ihm etwas.“ Lange wiegte sich Jonathan hin und her; er +fühlte: „So rasch erfüllt sich alles.“ „Ich bin Ihnen einiges +schuldig. Ich werde Sie gewiß nicht verraten.“ „Zwingen Sie +sich nicht, Jonathan. Ich brauche keine Hilfe. Es genügt mir, +wenn Sie mir versprechen, mich nicht zu verraten.“ „Nein. +Warum lachst du, Elina?“ „Ich freue mich über dich, weil du +zu ihm gesprochen hast. Wie ich dir danke. Du bist mein +Jonathan.“ +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">icht</span> lange darauf wurde von einer Anzahl rachsüchtiger Verbannter +Magdeburg zum bewaffneten Standquartier gegen Berlin +gemacht. Marduk, der finstere Herumlungerer, schlug mit +Wut zu. Rapide und mit rasender Verachtung der Verbannten +organisierte er den Angriff. Man erzählte sich in der Stadtschaft, +er hätte nur auf die Verräter gewartet. Sie hätten +kommen müssen, die Esel die erbärmlichen Gerippe die Strohköpfe. +Es war sicher, daß es ihm eine Freude machte, auf sie +loszuschlagen, und daß es ihn, der schon halb hingesunken war, +wieder erhob. Während er in Berlin hielt, ließ er Lucio Angelelli, +den schwarzen stillen Hauptmann seiner Wache, auf +Magdeburg. Die Fernbrenner machte er wirkungslos, gegen +seine Besen, die menschenverdrängenden Lichter, kamen sie +nicht auf. Nach dem Auseinanderfall des großen Staatenkreises +bestand keine Einheitlichkeit in den Kampfmitteln. Der +Austausch, die gegenseitige Beobachtung war mangelhaft, man +konnte wieder kämpfen. Lucio Angelelli fuhr mit den gefangenen +Hauptverschwörern, über fünfhundert Männer und +Frauen, rund um und quer durch die Stadtlandschaft. Zwei +Wochen lang wanderte er durch Straßen Alleen, über Plätze +Berge, fuhr Flüsse ab, rief auf Äckern und in Anlagen die Menschen +zusammen. In dem Fatamorganarauch der Markezeit +zeigte er überall, wie er eine Verschwörergruppe am Tage zuvor +beseitigt hatte. Darauf vollzog er sein Gericht an der nächsten, +während in der ganzen Stadtschaft die metallenen Stiersäulen +ununterbrochen brüllten. Auf die einfache Köpfung, das Zerschlagen +der Glieder, die Erstickung kamen andere Methoden. +Einzeln ließ er sie in die Luft sprengen, aus führerlosen Flugzeugen +zerschmettern. Er übte die langsame Vereisung durch +sprühenden Regen, der auf Schulter und Hals und nach und +nach alle Gliedmaßen des Delinquenten fiel. Er, die rechte Hand +Marduks, wies, im Besitz welcher Macht man war. Er war es, +der auf offenem Platz vor seinem Zelt eine der hingebrochenen +vereisten weißen Figuren auf unerhörte Weise sich bewegen ließ. +Sie zog ein Bein an, das andere, den Rumpf schräg aufrichtend +schwankend; unter tiefer Stille ließ er sie auf sich zu spazieren; +<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> +sie schlug den schneeigen Kopf rückwärts, neigte ihn vor ihm, +senkte sich auf die Knie und lag auf der Seite, kollernd auf +dem Rücken, eine weiße vereiste Menschenfigur, ein Toter, eine +Tote. Er ließ sie aufschnellen, drohend gegen die auseinanderstiebenden +Menschen anwandern. +</p> + +<p> +Um diese Zeit hatte Marduk es für nötig gehalten, um Ackerflächen +zu erlangen, das Gebiet der Stadtlandschaft Berlin nach +Norden gegen Mecklenburg hin über Güstrow Demmin Anklam +hinzuziehen. Schon kurze Zeit darauf erachtete der Senat, der +mit ihm Hand in Hand arbeitete, es für ratsam, über Demmin +Anklam hinauszustoßen und sich über die sehr fruchtbare +brache Gegend von Stralsund bis Anklam auszudehnen. Erst +damals trat bei Marduk und dem Senat der Gedanke mehr in +den Vordergrund, wie willkürlich geschnitten das Gebiet der +Stadtlandschaft war, wie ungeheure Landmassen bis zu den +Nachbarstadtschaften ungenützt dalagen. Mächtig wogte südlich +der Elbe die Stadtschaft Leipzig. Westlich von Magdeburg +folgten Stadtreste auf Stadtreste, abgebaute ausgeleerte Städte, +ehemals Sonderstädte überwundener Industriezweige. Hannover +neben Hamburg war die nächste westliche Stadtschaft, im +Besitz eigener Mekianlagen, stärkster Kraftapparate, gefüllt von +erschlaffenden erlahmenden Millionen Menschen, unter der Obhut +von eifersüchtigen Senatsgruppen, Abkömmlingen der +großen Herrengeschlechter, jeder bedacht auf Errichtung einer +Tyrannei. Während die Masse des Volkes vergnüglich höhnisch +und fast verächtlich ihre Herren beobachtete wie einen gemeinen +Spaß. Ohne gehemmt zu werden griff der Berliner Senat bis +dicht vor Hannover, das Braunschweig und Wolfenbüttel, Hildesheim +und Celle überlagerte. Die im Westen ließen es fast mit +Neugier geschehen, wie vom Osten her Menschen die leeren +Landstriche besiedelten und arbeiteten, als gäbe es keine Mekifabriken, +keine Kraftapparate. +</p> + +<p> +Damals stieß man auf die längst verlassenen Kohlenbergwerke +einer vergangenen Periode. Die schwarzen Halden und Schächte, +die offen liegenden Gruben umwanderten die Männer und +Frauen, die das Land bestellten; Stiere Kühe Schafe konnten +hier nicht weiden; Weizen Roggen Hafer konnte nicht wachsen; +<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> +von dem mächtigen finsteren Gelände wandten sie sich ab. Aber +hinter ihnen zogen prüfend und beobachtend Marduks Gehilfen. +Sie hatten noch nicht gedacht, auch die Kraftzufuhr abzubauen. +Mit unsäglicher Kraft lockte sie augenblicklich die schwarze Grube +und der Abgrund. Dahinunter Menschen zu werfen, hier, auf +der Stelle, die Last herauftragen zu lassen, wo sie gewachsen +war: weg von den Wasserfällen Skandinaviens. +</p> + +<p> +Wie ein Wunder staunten die Menschen, die mit ihren Tieren +herumzogen, die glitzernden zerbröckelnden Steinlagen an, aus +denen sich Wärme und Licht schlagen ließ. Die Stadtlandschaft +war groß und menschenarm. „Wir werden sie zwingen. Wer +friert sucht Wärme. Sie werden in der Nacht sitzen.“ Sie zerschnitten +Teile der Riesenkabel von den skandinavischen Wasserfällen, +die fanatischen Feinde der Apparate. Sie sprengten Gerüchte +aus, man wolle sie zwingen, in den neu sich bildenden +Völkerkreis einzutreten. +</p> + +<p> +Die märkische Stadtlandschaft warf sich dann auf das anlagernde +Straßen- und Fabrikungetüm Hannover. Rasierte in +wenigen Tagen weg, was diese Stadt mächtig machte. Sprengte +verwüstete vertrieb Zehntausende. Braunschweig Hildesheim +Wolfenbüttel Celle durchschritten die Grauen und Abscheu erregenden +märkischen Männer und Frauen, die von der Kultur +der Umländer nichts hatten als Bewaffnung und Sprengstoffe. +Hunger und Tod gingen mit ihnen in die überfluteten Stadtlandschaften. +Sie waren nicht viel, aber ausgesucht stark an +Muskeln und Knochen, grob bekleidet. In verfallenden Städten +lebten sie. Ihre Gesinnung roh. Trübe Geschöpfe, aus vielen +Rassen, durch Markes Marduks Regiment eine Art geworden. +Die aus westlichen Stadtschaften sich ihnen näherten, erkannten: +sie waren bekümmert finster, zu Streit geneigt, eine gärende +furchteinflößende Menschenmasse. Die Lüneburger Heide, Aller +und Weser entlang wanderten ritten fuhren die Märkischen. +Überwältigten Menschenhaufen selten mit Waffen und Apparaten, +die sie hinter sich schleppten, liebten Listen Verwegenheiten +roheste Kraft. In dieser Zeit überließ der Berliner +Senat die Gewalt an Hordenführer. +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Stadtschaften des Kontinents waren im siebenundzwanzigsten +Jahrhundert allgemein in wilde Bewegung geraten. +Was in Berlin unter Markes Konsulat begann, die Abtrennung +von den Umstaaten, die Sprengung der Zentralen, erfolgte +gleichzeitig in den westlichen Stadtlandschaften, hier intensiver, +dort sehr oberflächlich. Immer blieben starke Verbindungen mit +den Umstaaten bestehen, wenn sie auch nicht zahlreich waren, +das Skelett des Riesengebäudes stürzte nicht mit ein. Ungeheuer +die Schicksale von Stadtschaften im Süden und Westen in der +Folgezeit; Vernichtungen Verderben großer Menschenmassen, +verzweifelte Bündnisse von Staaten gegen andere tyrannische. +Aber überall setzten rückläufige Bewegungen ein. Kluge bedenkenlose +aktive Männer und Frauen in London verstanden +die Bewegung auf dem Kontinent in Fluß zu erhalten. Es +konnte sich, als zwanzig dreißig Jahre nach dem Uralischen Krieg +vergangen waren, nur darum handeln, einen Völkerzusammenhang +in neuer Weise herzustellen. +</p> + +<p> +London suchte den gefährlichen Marduk zu gewinnen. Er, +selber durch technische Gehilfen in Verbindung mit den anderen +Kapitalen, genoß bei den schwer kämpfenden Senaten des Kontinents +das größte Ansehen. Die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen +lag allen vor Augen. Als er aber das Gebiet seiner +Stadtschaft ausdehnte, wuchs die Furcht. Francis Delvil und +Nelson Pember aus dem Londoner Senat suchten ihn zusammen +mit Frau White Baker auf. Alle drei starke und verschlagene +Menschen, im Kampf mit einer gefährlichen Bevölkerung aufgewachsen, +begierig, Marduk auf ihre Seite zu ziehen, nicht +aber, seine Gewalt zu dulden. Sie fanden in dem staatartig +weiten Gebiet der Stadtlandschaft Berlin nicht, wie sie erwarteten, +eine unterjochte kleine waffenlose Bevölkerung, mürrische +stumpfe Knechte. Man sprach mit Stolz und Liebe von +ihm. Das gefahrvolle Feuer, das von den Grenzen ins Land +strahlte, weckte ein anderes Feuer im Land. Wie die drei +Fremden das Land überflogen, sahen sie unter sich eine Reihe +festungsartiger Lager, dazu eine Anzahl eigentümlicher ihnen +unbekannter Vorkehrungen, die zweifellos kriegerischen Absichten +<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> +dienten. Längst brüllten nicht mehr in anderen Stadtschaften +die metallenen Stiere, die im Gefolge des Uralischen Krieges +aufgekommen waren; hier grollten sie rechts und links, war +die Zeit stehen geblieben. Nur geringe Haufen der verkommenden +Müßiggänger, der teilnahmslosen und abenteuernden +Menschen gab es. Das dünn bevölkerte Gebiet zwischen +Elbe und Oder durchzogen erstaunlich energische Männer und +Frauen, die sich den fanatischen Ansichten Marduks angepaßt +hatten, seine Tyrannei nicht empfanden, denen er unbedenklich +Waffen anvertraute. +</p> + +<p> +Im Ratsgebäude, das kriegerische Männer erfüllten, traten +sie dem grauhaarigen großen Menschen gegenüber, der wie +immer in dem berühmten Empfangsraume des Konsuls Marke +stand neben der Schädelpyramide, vor den Wandgemälden vom +Uralischen Flammenkrieg. Francis Delvil meinte, auf die Schädel +weisend, es scheine, man vergesse hier im Lande nicht. Marduk, +ihm die magere Hand reichend, lächelte kalt; es läge nicht +an ihnen, wenn sie nicht vergäßen. Er trug ein braunes +Wams, um den Hals einen bauschig gebundenen Seidenschal, +der ihm breit über die Brust fiel. So wenig das Braun hier +jemals vergäße, wenn das Licht auf das Wams fiele, braun zu +sein, so wenig vergäße er, wenn er aufwache, der vergangenen +Dinge. Aber das Braune blasse ab, – Francis Delvil schlug, +wie sie sich setzten, die Arme zusammen, – es werde grau, auch +der Tuchstoff zerfiele. „So bin ich kein Mensch, wenn ich tun +müßte wie sie“ gleichmütig und ohne aufzublicken der Konsul. +Und nach einer Weile, während sie zu viert auf die schreckliche +Wand der Flammenbergwerke blickten, Marduk wieder: „Und +wenn ich es könnte, vergessen: wofür sollte ich vergessen. Ihr +seid gekommen, um mir zuzusprechen. Wozu wollt ihr mich +überreden?“ Delvil: „Es ist etwas, dich zu sehen, Marduk.“ +„Nein, nicht so“ knirschte unterbrechend den Arm ausstreckend +Marduk. Delvil: „Marduk. Wir sind durch die ganze Stadtschaft +geflogen. Man hat uns nirgends gehindert zu sehen, was +wir wollten. Du hast die Grenzen deines Gebiets erweitert. +Wir sahen Männer und Frauen arbeiten. Es hat uns ergriffen. +Nur eins haben wir nicht verstanden: wozu dies ist. Du bist +<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> +klug. Das alles ist vergeblich. Wir haben dich und diese Leute +bedauert. Wir sehen keinen Sinn in dem, was ihr tut.“ „Sprich +weiter.“ „Was in Marseille Florenz Chicago geschehen ist, die +dauernden Kämpfe, dieses Hin und Her von Ausruhen und Losspringen, +das ist dir bekannt. Wie wir uns ja immer gefreut +haben, daß du in Fühlung mit uns geblieben bist und gar nicht +so abgeschlossen für dich gelebt hast, wie andere berichten. Sind +diese Kämpfe nun gut? Welches Mittel willst du uns dagegen +sagen?“ „Wodurch seid ihr legitimiert für Chicago und Florenz +zu sorgen?“ Frau White Baker bat Delvil sprechen zu dürfen: +„Ich will dir antworten, Marduk. Gewiß nicht sind wir dadurch +legitimiert, weil wir Chicago und Florenz beherrschen, vielleicht +vernichten können. Die Städte ruinieren sich. Man kann sie +sich nicht selbst überlassen.“ „So laß sie sich ruinieren. Hast du, +White Baker, nicht davon gehört, daß es einen Tod gibt? Wie +stellst du dir den Tod vor? Unter welchen Erscheinungen tritt +Tod ein, wie ist Sterben? Sieh diese Städte an, und andere, +die du nicht genannt hast, die die schlimmsten schwersten Todeszeichen +noch nicht zeigen. So sieht Tod aus. Laßt sie sterben.“ +Die stämmige breite rotgesichtige Frau trat auf Marduk zu: +„Es richtet sich zuletzt gegen uns. Wir können uns doch gegen +den Tod wehren.“ Marduk schlug auf den Tisch: „So wehr dich +doch. Ihr könnt es nicht. Keiner von uns kann es. Selbst wenn +ich zu euch trete, kann ich es nicht. Ich dreh es nicht zurück. Ich +kurbele nicht ab. Ich will nicht.“ „Du meinst, wir liegen im +Sterben. Nein, du, du Marduk, bist hilflos. Hier ist der Tod.“ +„Das meinst du. Ich glaube nicht einmal, daß dus meinst.“ Die +Frau richtete, sich bezwingend, auf: „Du mußt nicht lachen, +Marduk. Du siehst, daß wir zusammen hier sind.“ „Um mir +zu helfen? Ihr seid meine Gäste. Ich habe euch gewiß nicht +gerufen.“ „Die Welt schließt sich zusammen.“ „Um mich auf +die Knie zu kriegen? Nur zu.“ „Wir sind nicht dazu da, für die +Ewigkeit zu sorgen. Vielleicht hast du recht, wenn du sagst, wir +tragen Todeszeichen an uns. Wir sehen sie nicht, fühlen sie +nicht, helfen uns von heute auf morgen weiter. Laß dich von +uns bitten, Marduk, an unserer Arbeit teilzunehmen, wenn sie +auch sehr vergänglich ist. Und – Delvil lacht so freudig: sprich +<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> +du für mich.“ „Ich halte es nicht für Kleinarbeit, was wir tun, +Marduk. Ich freue mich der Dinge, wie sie jetzt laufen. Wir +sind Schwärmer, wir drei. Gut werden die Dinge laufen, gut.“ +„Delvil, Pember, Baker, ich danke euch, daß ihr gekommen seid, +mir das zu sagen. Ihr werdet an mir Widerstand finden, ich +sage es euch heraus, so daß die Dinge nicht gut laufen.“ +</p> + +<p> +Delvil senkte den Kopf, erhob sich langsam. Marduk ging +schon rückwärts. „Wir werden keinen Krieg gegen dich führen, +Marduk. Es ist nicht nötig, daß wir mit dir Krieg führen. Du +erliegst ohne Krieg.“ „Dessen bist du sicher, Delvil.“ „Ja.“ +Marduk trat dicht vor Delvils Stuhl heran: „Wie kommst du +dazu, dies zu mir zu sagen. Durchschaust du mich so, achtest du +mich so wenig, daß du so sprichst.“ +</p> + +<p> +Die Fremden waren weiter in den Saal getreten. Marduk +hatte sich umgewandt, war sich verneigend an seinen alten +schützenden Platz zwischen den Flammenbergwerken zurückgewichen. +</p> + +<p> +Pember, der spitzbärtige schlanke, der mit den andern geschwiegen +hatte, pfiff vor dem Ratsgebäude: „Er ist verrückt. +Habt ihr ihn gesehen. Er ist vollkommen hin. Was wollen wir +mit ihm. Zieh in Frieden, liebe Seele.“ Die Frau zog sich +einen braunen Schleier vor das verfinsterte Gesicht: „Pember, +es gibt da nichts zu lachen. Er ist ein böser Mensch. Wir dürfen +ihn nicht lassen.“ „Was willst du tun, liebe Freundin.“ „Er +fürchtet sich vor uns und wird gegen uns ausfallen. Er ist ein +Bube, ein Barbar.“ Delvil lachte und streichelte den Arm der +Frau: „Ich zweifle, daß er Dummheiten machen wird. Sie +würden uns auch nur nützen.“ Die breitschultrige stand still, +blickte Delvil glühend hinter ihrem Schleier an. +</p> + +<p> +Der krümmte den linken Arm, wog ihn wie ein Boxer: „Ich +täusche mich über nichts. Ist dies Land still, so sind wir ein +Regen, der es begießt und ihm wohltut. Wir sind ruhig und +sanft. Will der Konsul es anders, so kann er es haben. Wir +können auch Gewitter spielen. Ich hab keine Sorge, daß wir +ihn nicht in die Hand bekommen.“ +</p> + +<p> +Im Befehlszimmer Marduks standen am Morgen die Senatoren. +Der Konsul, Wachen vor sich, gestikulierte über die +<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> +Schweigenden: „Man will uns ausrotten. Man wird uns offen +und geheim bekriegen. Sie wollen uns in ihren neuen Völkerkreis +hinein. Ich rate allen, die ihrer Sache unsicher sind, +das Land zu verlassen. Ich warne die Lauen im Land zu +verbleiben.“ Das Gerücht von der Absicht der kontinentalen +Beherrscher hatte er verbreiten lassen. In die Höfe des Ratsgebäudes +waren Menschen eingeströmt. Grüne Fahnen, darauf +goldene Ähren, wurden ihnen vorausgetragen. Der Gesang +„Ein friedlich Volk“ hallte gegen die Fenster, feierlich +durch die heiße Luft. „Wir werden siegen. Man will uns vernichten“ +es kam aus Marduk, tobte im Saal, auf den Höfen, +durch die gewölbeartigen Räume. Er selbst riß sich aus dem +Lärm. Das Gesicht der drei Abgesandten stand vor seinen Augen, +die Macht des halben Erdkreises hinter ihnen. Unten auf dem +Haupthof preßte man sich dichter. Völlige Stille trat ein. +Plötzlich ein Tosen Zittern Armeausstrecken. Marduk am Tor +des Hofes, ohne Hut. Schweißperlen auf der Nase. Sein Gesicht +von einer bläulichen Weiße. Er machte einen erschöpften +Eindruck. Seine Stimme war undeutlich. Er werde von jetzt +ab das Ratsgebäude offen halten; der Schutz des Gebäudes +werde aufgegeben. Seine linke Hand fuhr rasch nach dem Kopf; +sie schien eine Hutkrempe herabziehen zu wollen, blieb dann, +das Haar berührend, auf der Schläfe liegen. +</p> + +<p> +„Ich werde mit ihnen gehen“ war es durch den grauen Mann +gezuckt, „es ist auch meine Sache.“ Mit Macht schrie das durch +ihn, war da. Er fühlte eine Schwäche; aber er war es, der es +schrie. Er sah Delvil vor sich, dachte: „Er ist mein Feind. Ich +werde mich diesen Jubelnden hingeben.“ Es bebte in ihm +fern, wie damals, als die Balladeuse ihn anfaßte. Und während +das gleichmäßige Singen wieder begann, stieg er allein +die Treppe zum fünften Raum im Turm hinauf. Neben ihm, +durch das Fenster, zitterten feine starre Drähte hinaus. Er +sah unten die schwarze Masse, die bunten Fahnen: „Gewalt, +Marduk! Sieh deinen Boden, Marduk! Dein Leben! Willst +du dich hinunterstürzen?“ +</p> + +<p> +Seine Verwirrung Verzweiflung merkte niemand, wie er +stark die Anlagen und Posten im Lande beging, fast täglich mit +<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> +dem Senat sich besprach. Ein furchtbarer Abscheu stieg mit Gewalt +von Zeit zu Zeit in ihm auf, vor dem Ratsgebäude der +Schädelpyramide dem Senat dem Volk. Ein zum Ekel gesteigerter +Widerwille vor sich und aller Welt, den er mit +äußerster Anstrengung herunterdrückte. Inzwischen strahlte er +nach außen und strömte Kraft aus. Als er eines Nachts einen +Traum von einem Spiegel hatte, – er blickte in einen Spiegel, +sah mit Schrecken seine weißen Lippen, die in der Mitte geplatzt +waren, Blut verspritzten; er näherte sich der Spiegelfläche, +rieb sie, daß sie warm würde, das Blut stünde, – verlangte +ihn nach Jonathan. Er sprach sich vor: es fängt alles +von vorn an. Plötzlich ganz unvermutet erhob sich vor ihm +mit Gewalt das Bild Jonathans: er konnte nicht verstehen, +welche tiefe Inbrunst ihn erfüllte und wie er mit tiefer Inbrunst +an Jonathan dachte. Die Dinge liefen so schlimm in der +Stadtschaft, dachte er, das wußte Jonathan, mußte er wissen: +dies war sein Freund, er erfuhr nichts von ihm, er sollte ihm +zur Seite stehen. Er zog sich an, einen hellgelben Überwurf +trug er mit Silber bestickt. So erwartete er stundenlang Jonathan; +an die Wand seines Befehlszimmers gelehnt, der graubärtige +Mann. Er empfand zwischendurch einen Grimm auf +sich, daß er die englischen Abgesandten frei aus dem Land gelassen +hatte; man hätte sie zerschmettern hinwerfen massakrieren +müssen. Jonathan, Jonathan würde kommen. +</p> + +<p> +Trompetenblasen von unten. Das Land bewegte sich. Wie +Marduk auf das Blasen sich vorwärts bewegte, stand der weiße +jünglinghafte Mensch vor ihm. So unversehens stand Jonathan +vor ihm, daß Marduk Sekunden anhielt, auf den blau und +schwarz gemusterten Teppich blickte und dann die Augen auf +die Menschenfigur gleiten ließ, weil er nicht sicher war, ob dies +ein lebender oder ein aus seinen Träumen gequollener Jonathan +war. Weißgekleidet wie immer stand Jonathan im +Zimmer mitten unter einem Lichtträger, mit zartblauen Stickereien +an Kragen und Ärmeln, die Arme gekreuzt und sich verneigend, +blühend lächelnd, die Augen dunkel, die Brauen +schwärzlich dicht, als ob Raupen im Bogen über die Lider +krochen. Da setzte sich der Gelbgekleidete in den Schatten. Nahm +<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> +eine schwarze zusammengelegte Samtdecke von der Lehne des +Sessels, zog sie sich über die Knie, betrachtete den Menschen. +Und länger immer länger starrte er diese bewegliche Erscheinung +an, blühende Wangen, weißen umgebogenen Seidenkragen. +Bewegte die Lippen: „Ich habe an dich gedacht, Jonathan.“ +„Du erlaubst, daß ich mich setze.“ „Was treibst du, Jonathan.“ +„Wir haben uns lange nicht gesehen, Marduk. Ich habe nicht +das Gefühl gehabt, als ob du Verlangen nach mir hattest.“ +„Ich freue mich, dich zu sehen. Wie herrlich jung du geblieben +bist.“ „Mein Tag vergeht einer wie der andere. Ach, wenn ich +mich hier umblicke –“ „Blick dich nur um.“ „Ich kann hier +stehen gehen mich umblicken: es beunruhigt mich nichts.“ „So +fern bist du mir. Das willst du mir sagen.“ „Ich bin dir Freund +wie noch nie. Ich kann dich jetzt erst ansehen. Ich sehe dich +jetzt zum ersten Male. Ich bin dir dankbar, daß du mich hast +rufen lassen, daß ich dies fühle.“ „Dies willst du mir sagen.“ +Und Marduks Inbrunst wuchs, wie er das hörte. „Auch ich, +Jonathan, bin dir noch nie so wohlgesinnt gewesen wie jetzt. +Ich freute mich schon seit Stunden dich zu sehen. Ich glaube, +ich habe heute nacht von dir geträumt.“ „Soll ich dir sagen, +wovon ich heute nacht geträumt habe, Marduk. Ich träumte +von Elina, meiner Freundin. Ich hätte sie wochenlang nicht +gesehen, sie sei mir entrissen, oder ist sie selbst fortgegangen. +Ich traf sie schwebend über einer Straße, die ich selbst ging; sie +konnte nicht herunterkommen. Ich ging und ging, streckte die +Arme nach ihr aus, sie glitt weiter. Aber da wurden meine +Arme lang, wie Ballons wurden sie, die mich zogen und trugen. +Erst hing ich unter und hinter ihr, dann wurde ich höher gezogen. +Sie hatte sich zu mir umgedreht. Und wie ich gerade +aufwachte, in Frieden und Glück –“ „Was war, Jonathan?“ +Der schwieg, lächelte zu Boden. Leise Marduk: „Ich weiß doch, +was war. Da lagst du an ihrer Brust. An der Brust dieser +Frau.“ Freundlich lächelte Jonathan. „Was erzähl ich dir da.“ +„Ich wollte nichts anderes von dir.“ Sie sprachen noch eine +Weile weiter; Marduk wurde einsilbig, aber er ließ die Augen +nicht von Jonathan. Er schien aufzuatmen, als der Jüngere +sich erhob. Das Sprechen beim Abschied schien ihm schwer zu +<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> +werden, sein Gesichtsausdruck war ganz unkenntlich, ein Lächeln +kämpfte mit einer Erstarrung. +</p> + +<p> +Und kaum der weiße selige Mensch, freudestrahlend rosengesichtig, +gegangen war, schlug Marduk, sich gegen die Wand +pressend wild um sich starrend, von seinem Drang überwältigt, +die Glocke. Die Wache erschien lautlos. „Jonathan soll eine +Stunde zurückgehalten werden. Man soll in seine Wohnung +schicken. Eine Frau ist da, ich will sie sehen.“ +</p> + +<p> +Nach einer halben Stunde senkten sich Flieger vor dem kleinen +hügelversenkten Haus Jonathans, fragten nach der Frau. Als +Elina sich verwundert, eine Rose in den Mund nehmend, vor +das Tor begab, baten sie sie im Namen Marduks, ins Ratsgebäude +zu folgen. Sie geleiteten die Verwirrte, die an dem +Blumenstengel wortlos kaute, schon hinaus. +</p> + +<p> +Im selben Raum, wo Jonathan, wie aus Träumen quellend, +glückselig weiß gekleidet vor ihm aufgetaucht war, empfing sie +Marduk, der graue, sein zitronengelbes Kleid dicht um sich +ziehend, sah ihr entgegen: „Du bist die Frau, die Jonathans +Freundin ist.“ „Ja. Ich heiße Elina.“ „Du ängstigst dich vor +mir ohne Grund. Da ist ein Sessel, setze dich.“ „Ist Jonathan +hier.“ „Er war hier. Ich habe mit ihm gesprochen. Er ist mein +Freund. Er hat mir von dir erzählt.“ Sie saß, blickte an sich +herunter. Nach einer Weile strich sie das Kleid unter ihren +Knien zurecht: „Ist Ihre Neugierde nun befriedigt?“ „Nein, +Elina. Ich weiß, Jonathan wird mir zürnen. Ich kann mir +nicht helfen. Man hätte dir Zeit lassen sollen, dich anzuziehen. +Du frierst. Du bleibst heute bei mir?“ „Was.“ Mit +tiefer Sicherheit gab Marduk von sich: „Ja. Es bleibt nichts +übrig. Du brauchst nicht zu widersprechen. Du bleibst hier. Sei +nur still, Elina. Nichts geschieht dir, was dich ängstigen muß. +Fürchte dich gar nicht vor mir.“ Stürmisch erhob sie sich: +„Ich bleibe nicht.“ „Jonathan weiß, wo du bist. Er wird es +erfahren. Du mußt hierbleiben. Sei nur nicht erregt.“ „Laß +mich hinaus. Marduk. Du bist schlecht. Ich hab es schon +gewußt, daß du schlecht bist. Du hast mit ihm gesprochen, daß +du mich holst?“ „Nein, Elina.“ „Siehst du, wie niederträchtig +du bist.“ +</p> + +<p> +<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> +Sie rüttelte an der Tür. Die bewegte sich nicht. Sie stand, +die Fäuste hebend, einen Schrei ausstoßend, vor ihm, rüttelte +an seinen Schultern: „Laß mich hinaus.“ Er bewegte +sich nicht. +</p> + +<p> +Das Fenster riß sie auf. Da zuckte er hoch, wich zurück, hob den +Arm vor die Augen. Sie rief am Fenster: „Ich tue es, Marduk. +Wenn du mich nicht fortläßt, ich tue es.“ Tiefblaß war er +plötzlich geworden, seine Gesichtsmuskeln zuckten, die Augen geschlossen. +Er brachte seine Lippen zu einer Bewegung; seine +Stimme tonlos: „Elina. Tu es nicht. Tu es nicht.“ Sie wurde +stiller, warf sich zu Boden, wimmerte, sonderbar verwirrt und +angerührt: „Ich will fort. Ich will Hilfe. Jonathan, hilf mir!“ +Langsam ließ Marduk seinen Arm herunter. Er öffnete seine +Augen, sie lag ausgestreckt da. „Ich hab dich nicht hingeworfen. +Du hast es allein getan.“ +</p> + +<p> +Er sah sie nicht mehr an. Sie suchte, wie sie sich aufrichtete +und stand, seinen immer abgewandten Blick zu haschen. Ein +unsicheres Gefühl war in ihr, als hätte sie ein Unrecht getan. +Nichts sagte sie mehr. Ein leiser Schmerz war in ihrer Brust, +als er sich stumm zur Tür bewegte. Sie war bestürzt, aber +leicht befriedigt, als sie hörte, wie er leise sagte, den Blick am +Boden: „Sei unbesorgt. Es geschieht dir nichts. Man wird +dich auf ein Zimmer bringen.“ Und noch während sie von +einer Wache hinausgeleitet wurde, flüsterte er: „Keine Angst. +Es geschieht dir nichts.“ +</p> + +<p> +Auf dem Zimmer, auf dem die Balladeuse gewartet hatte, +die Decke zerzupfend, mit Jonathan sprechend, wartete Elina +zwei lange Tage. Sie weinte, hatte Sehnsucht nach Jonathan, +nachts wilde Angst. Stundenlang dachte fühlte sie über Marduk +nach und war gequält. Zwei Tage lang kam Marduk nicht. +</p> + +<p> +Aber was war das für ein Mensch, der den dritten Morgen +ihre Türe öffnete, an der Wand stehen blieb, sich ihr näherte, +im gelben langen geschnürten Mantel, den grauen Kopf senkend, +sanft: „Elina, willst du mir gestatten, daß ich hier sitze.“ +Sie hatte unendliche Furcht vor ihm. „Du wirst in einer Stunde +das Haus verlassen können. Und wirst hingehen, wo du willst. +Nimm einen Gruß an Jonathan mit. Grüß ihn von mir. Er +<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> +war ohne Grund besorgt um dich. Ich habe mich vergriffen. +Ich habe es schon erkannt.“ +</p> + +<p> +Sie fühlte sich, auf dem Bettrand sitzend, bewegt, zu sagen, +er möge doch nicht stehen. Es sei sein Zimmer, er möge sich +setzen. Da fing er aus seinen großen braunen Augen sie betrachtend +an: „Du liebst Jonathan. Sag mir, wie liebt ihr +euch?“ Sie blickte erstaunt, dann lächelte sie auf ihren Schoß +herunter: „Er ist ja mein. Ich bin ihm von Herzen zugetan. +Willst du das wissen? Seit ich ihn habe, ist mir die Erde schöner +geworden. Seit ich ihn habe, ist alles gut geworden. Ich selbst +bin gut geworden. Er brauchte es nicht werden, Jonathan, +er war immer gut. Was soll ich dir sagen, Marduk. Ich vermisse +ihn jede Stunde.“ Er hielt den Kopf gesenkt: „Kannst +du noch mehr sprechen.“ „Von Jonathan? Immerfort könnte +ich von ihm sprechen. Du glaubst gewiß nicht, was ich sage.“ +„Sprich doch weiter, Elina.“ „Du kennst ihn ja selber. Du +mußt nicht glauben, daß ich seiner unwert bin. Aber er weiß +es selbst. Wenn man sich liebt, glaubt man das nicht. Ich liebe +ihn nicht von gestern auf heute, und morgen ist nichts mehr. +So innig, so innerlich bin ich ihm zugetan, daß ich mir gar nicht +denken kann, daß dies erlischt. Ja, daß dies mit mir und Jonathan +stirbt. Du magst lachen, Marduk; ich glaube, wenn du +mich umbringst mit Jonathan –“ „Was ist dann? Sprich nur. +Ich bring euch gewiß nicht um.“ Sie saß mit geschlossenen +Augen, flüsterte nach einem Schweigen: „Die Welt wird dann +schöner werden. Die Erde wird dann schöner. Wir werden +nicht mehr zwei Menschen sein, die an einem Fleckchen, in einem +Zimmerchen sind. Wir werden wandern, hier beseelen, da beseelen, +wie eine Wolke. Wir werden viele glücklich machen. +Wir sind auch vielleicht bei dir. Ich dachte schon manchmal, +wessen Glück auf mich übergegangen ist, welchem süßen Abgeschiedenen +ich zu danken habe.“ +</p> + +<p> +Tränen liefen ihr aus den Augen. Er fragte nicht. „Ich +weine um ihn, Marduk. Was hat er in diesen Tagen gelitten. +Du bist nicht schlimm. Wie ist es ihm gegangen, bevor wir uns +fanden. Er hat solche Kraft zu leiden.“ „Ich habe sie früh an +ihm erkannt. Sie wird nicht absterben wie die andere Kraft, von +<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> +der du sprichst.“ Sie lächelte: „So viele Menschen haben Liebe, +Marduk. Auch Tiere und Vögel und Schmetterlinge. Sogar +Löwen und Bären.“ Er lächelte nicht, als sie ihn anlächelte. +„Du machst einen Scherz mit mir, Marduk? Ich weiß nicht +recht, was du mit mir tust.“ „Geh jetzt, Elina. Ich danke dir, +daß du zu mir gesprochen hast. Du bist mir nicht böse.“ „Nein, +nein. Und ich kann jetzt gehen.“ „Ich öffne dir.“ Sie gab ihm +die Hand, blickte ihn von der Seite an: „Lebewohl, Marduk. +Leb’ recht wohl. Wovon bist du so grau? Und warum trägst +du einen Bart?“ „Jonathan soll mir nicht grollen.“ +</p> + +<p> +Wie sie im Hause ihres Freundes war und sie sich besänftigt +hatten, drang Jonathan in sie: „Flieh mit mir.“ Sie konnte +nicht. „Du, Elina, ich sehe mein Geschick.“ „Was ist das?“ +„Es ist das des flüchtigen Desir, des Freundes der Marion +Divoise. Er haßt mich jetzt. Er will mich treffen. Er hat sich +geschämt; er war zu rasch, er war zu deutlich. Aber er will +mich treffen, mit dir, meiner Geliebten.“ „Ich werde nie zu +ihm gehen. Ich bin nicht die Balladeuse. Ich habe nur dich, +ich habe es ihm gesagt, er hat es gehört. Mit dir zusammen sein +ist mein Leben. Er weiß es und es ist wahr. An ihm – ist etwas +Schauerliches. Zuerst hielt ich ihn sogar für schändlich. Ich +weiß nicht, wie du sein Freund sein konntest. Du, mein wonniger +Jonathan.“ „War ich sein Freund? War ichs oder bin ichs? +Er hat meine Mutter gemordet, ich habe es dir erzählt. So +fing sein Konsulat an. Da stand er und wußte nicht weiter. +Er schwankte, er schwankte noch oft; er wollte immer weg von +seinem Konsulat; an mich hat er sich gehalten. Dazu war ich +sein Freund. Den Schmerz in mir hat er gezüchtet, um nicht +zu verzagen, nachdem er alles vernichtet hatte, woran er selbst +hing, seine Pflanzen seine Bäume, die wunderbaren Dinge, +die er trieb. Was will Marduk von mir? Ich bin ihm einer +der Stiere, der Metallstiere Markes: ich soll ihn erinnern. Ich +soll brüllen. Vor Schmerz brüllen. Sonst wird alles sinnlos, +was er treibt. Sein Konsulat fällt ihm aus den Händen. Vielleicht +treibt ihn jetzt die Gewalt allein und er merkt, daß er +überhaupt gar nichts mehr ist. Daß er mitmachen muß, mitheulen +muß. Und er möchte ja nicht, ich sage es dir, Elina, +<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> +darum verfällt er auf alles mögliche, darum hat er das Land +ausgedehnt und was sonst. Was wollte er denn mit dir? Die +Maus in der Falle!“ Elina wich von ihm, hob die Hände: +„Wie ist mein Jonathan böse! Das bist du ja gar nicht.“ „Ich +bin es doch. Ich kann auch böse sein. Ich ohne Schleier. Er +hat mir Schleier vorgelegt, mich nach seinem Willen gezüchtet. +Ich ohne Schleier. Vor Schmerz habe ich brüllen müssen, an +der Ostsee hab ich fast sterben müssen, und später gab es fast +keine Woche, wo ich nicht einen halben Tag mit dem Tode +rang. Das wußte er und das tat ihm wohl. Der Uralische +Krieg war ich. Den preßte er in mich hinein und sättigte sich +daran. Die Bilder genügten ihm nicht, Markes Schädelpyramide +reichte nicht. Sieht er mich, brülle ich, so weiß er etwas, +so hat er Sättigung, so kann er seinen Wahnsinn leichter herunterschlucken. +Dann schmeckt er ihm.“ +</p> + +<p> +Sie hing ängstlich an ihrer Stuhllehne, schaute ihn mit +großen Augen an: „Von dem, was du sagst, verstehe ich das +meiste nicht. Aber du mußt weg hier. Das seh ich. Warum +bist du nur solange hiergeblieben mit mir?“ Der weiße Jonathan +stand still; langsam ließ er den Kopf sinken. Leise Elina, +einen Schritt näher zu ihm: „Doch seinetwegen.“ Er schwieg, +den Kopf vor der Brust, die Hände gefaltet vor die Stirn +drückend. „Ich weiß es doch, Jonathan; seinetwegen.“ Er +ließ die Hände, blitzschnell warf er den Kopf zurück, war er bei +ihr, umschlang sie: „Ich habe dich. Ich liebe dich. Komm. +Du bist mein Leben und mein Licht. Ihr Haare seid mein +Glück. Die süße Haut. Du nasser Mund. Mein Hals. Du +feine Brust; ich krieche in dich hinein. Und nun küß mich. +Ich habe dich wieder, Elina. Elina.“ Seine Knie knickten ein: +„Ich bete.“ Sie sank zu ihm herunter: „Jonathan. Nichts +kann ich dir sagen. Ich bin dir ja so nahe.“ +</p> + +<p> +Sie gingen nach dieser Stunde wie sonst nebeneinander. +Fester drückten sich ihre Arme aneinander. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">erstreute</span> Menschenherden schoben sich über die öden Flächen +der Kontinente. Ein besonderes trübes Verlangen trieb Massen +<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> +aus gestopft vollen Stadtschaften nach Osten in die russische +verwüstete Ebene. Auf dem ungeheuren Schlachtfeld des +Feuers der Gifte der Ströme kletterten sie über Schuttberge, +umgingen grünlich behäutete Sümpfe, hoben Reste von Menschen- +und Tierknochen auf. Die weite Tiefebene hauchte nicht +mehr Gas. Regen Wind Schnee Sonne hatten lange Jahre +gearbeitet. Über einen abenteuerlichen dünn übergrünten +Friedhof fuhren und gingen sie. Gerste Roggen wuchs in +wilden Halmen. In das verstümmelte Riesengebiet, das von +Wassern sprudelte, über das der Wolgastrom der Don Dnjepr +ausgekentert war, waren Pflanzenkeime, leicht schlafende Wesen, +den Menschen und Tieren vorausgeeilt. Pilze, kurze +stämmige Boviste und Erdsterne hatten sich an den südlichen +Flußmündungen, an den Meeren und Sümpfen geöffnet, +Herbststürme trugen die leichten Kugeln in das wüste nördliche +Land, streuten ihr Sporenpulver auf den losen nackten Boden. +Die Kiefern und Lärchen des Südens schickten geflügelte Samen +her. Gräser tanzten mit Flügeln wolligem Bausch Haarschöpfen, +auf Windsäcken lautlos her von dem bewachsenen Abhang +des Ural, aus der Krim und von Astrachan, von Polen Galizien, +in das zerwirbelte zerknirschte russische Land trieb sie die +Luft; sie stiegen und sanken mit Wärme und Kälte. Drehten +sich, schleierten über den Boden. Flogen mit drehenden Scheiben +Platten Walzen Schrauben, waren Staubkörner, zogen +hoch über endlose Strecken mit Schirmen und Segeln. Sie +fielen; Blumen Gräser Halme keimten aus der behauchten +Erde. Von den grünen Grenzen drangen die Pflanzen Blumen +und Bäume tiefer und tiefer in das tote Innere. Die Sprengkraft +der furchtbaren Flammenbergwerke hatte das Erdfundament +nicht erschüttert. Die uralte Erde lag da, atmete empfing. +Die wandernden Bergwerke hatten die Sonne nicht erreicht; die +zog morgens vom Uralgebirge her, wärmte vergoldete die +Wolken. Der Mond, oft rot, oft tief vergilbend, weiß wie ein +angestrahlter Spiegel zog in den Nächten hinter der Sonne +her, in der schwarzblauen Unermeßlichkeit des sternezitternden +Himmels. Es gab noch alles. Die scharfen Klüfte, die die +Flammenbergwerke in den Boden gerissen hatten, flachten ab, +<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> +sanken zusammen. Die Schwaden verdunsteten. Und mehr +und mehr zogen sich bunte Tupfen die Flüsse entlang. Als aus +griechischen und rumänischen Stadtschaften kleines Menschenvolk, +wagenführend, mit Kindern und Vieh suchend das holprige +rissige abgründige Gebiet durchzog, stießen sie auf Menschen, +die sie noch nicht gesehen hatten. Wesen, die sich wie +sie bewegten, den Pflug führten, Pferde und Rinder trieben, +Hunde neben ihnen, Männer und Frauen mit breiten gelben +Gesichtern; sie beobachteten einander, taten sich nichts. Oft +stießen sie auf solche Menschen. Chinesen Burjaken Mongolen, +die die Pässe des Ural durchwandert hatten. Griechen und +Rumänen besiedelten neben ihnen das Land. +</p> + +<p> +An der Nordsee zog sich die ungeheure Stadtschaft Hamburg +hin, schloß Lübeck Itzehoe im Norden, Bremen im Süden ein. +Sie hatte, mit London verbunden, keine Umwälzung in sich +geduldet, die Gewalt ihrer Herrengeschlechter nach einigen Revolten +stärker befestigt. Die große Seelandschaft erschauerte +bei der Annäherung der Märker. Ihre trägen Massen verlangten +nach einem Wall im Westen und Süden; man sollte die +feindselig Andrängenden rasch attackieren und zurückschleudern. +London sah die Gefahr Hamburgs, aber die englischen senatorischen +Sippen liebten die Männer und Frauen der neuen Art. +Vergeblich schickte London Botschaften an Marduk, den Senat, +die Führer einzelner Horden. Die britische Zentrale wollte die +Märker vor einem Angriff Hamburgs bewahren. Dann verfiel +man darauf, sich der Frondeure und Täuscher im märkischen +Gebiet zu bedienen. Sie waren geheim vom Ausland mit +Material versorgt, die Mekilaboratorien waren mit ihnen auf +Weisung der fremden Senate in Zusammenhang geblieben. +Früh fingen diese Täuscher, die großen gestürzten Geschlechter, +an, sich zu bewaffnen. Wie Marduks Regiment wider Erwarten +sich befestigte, eine unglaubliche Energie das Volk in Bewegung +setzte, mischten sich die Täuscher unter die Horden. Sie +bildeten eigene Gruppen, bei der allgemeinen Lockerung wenig +beobachtet. +</p> + +<p> +Nahe dem im Hannöverschen gelegenen Quartier des Täuschers +und Hordenführers Lorenz landeten Flugzeuge. Englische +<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> +Männer suchten ihn. Mit ihnen ein gigantisches Wesen, +von negerischem Aussehen, schwarzbrauner Hautfarbe. Während +die blassen Engländer unter Ten Kates mit dem märkischen +Bandenführer verhandelten, zwischen Tannen herumgingen, +mittags an einem Wasser lagerten und eine zähe barbarische +Speise einzunehmen gezwungen wurden, Schenkel geschossenen +Wilds, bewegte sich der Schwarze, den sie nicht ins +Gespräch zogen, unauffällig unter ihnen, saß mit halb geschlossenen +Augen auf dem Sandboden, die Beine untergeschlagen, +schien nur begierig, eine von den schweren bunten Felddecken +an sich zu ziehen, die die Engländer um sich ausbreiteten. Die +nahmen lächelnd und dankend die derben Kupferschalen und +Mörserkeulen an, die man ihnen bot, als sie vergeblich mit +ihren schwachen Kiefern, bröckligen schwarzen Zahnstummeln +das gesottene Muskelgewebe zu zerreißen suchten. Zerschnitten +stampften es zu einem Brei, den sie schluckten. Den Märkern, +die ihnen zuschauten, blitzten die Augen. Sie kauten bissen +schnalzten; sie knackten Knochen. Nicht einmal dann mischte +sich der Schwarze, der Fleisch wie die Märker schlang, ins Gespräch, +als Ten Kates bei Sonnenuntergang von der Erde sich +erhob und beim Herumschlendern mit den andern, den schmalen +Lorenz umfassend, auf Zimbo zeigte: sie würden den hier +lassen, er würde ihnen gut zur Hand gehen. +</p> + +<p> +Wie ein Krokodil, das lautlos an der Oberfläche des lauwarmen +Wassers treibt, sich der Sonnenwärme freut, gleichmütig +von der Strömung über und über gerollt wird, in der +Nähe und von weitem wie ein grünlichbrauner abgedrehter +Baumstamm, am Sandufer trocknend grau und rauh wie eine +Steinmasse, so unkenntlich trieb Zimbo zwischen den andern. +Abends, wie die Engländer abflogen, hatte er sich entfernt. Am +Morgen klopfte er an Lorenz’ Haus, setzte sich, eingelassen ungeschickt +auf einen Stuhl, den man ihm bot. Legte den linken +Arm auf den Tisch, fragte, womit man hier schösse. Sein Arm +blutete. Lorenz bückte sich über den Tisch; der Schwarze war +an einen Posten geraten, der mit Schrot schoß. Der plattnasige +Mann murmelte: „Es sticht“ ließ sich verbinden. Er +fragte mit seiner baßtiefen gurgelnden und rieselnden Stimme, +<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> +was sie hier täten. Das Weiße seiner Augen ließ er aufschimmern. +Er lachte und nickte, als Lorenz erzählte, sie hielten sich zum +Schein für einen Angriff bereit, spionierten inzwischen, sorgten +dafür, daß nicht zu viel in den neuen Gebieten demoliert +wurde. Sie gossen sich Branntwein hinter. Was der Konsul +Marduk täte, wo er sei; gibt es einen Senat. Der elastische +Weiße schloß die Tür; Marduk hielte sich im Hintertreffen: zu +trauen sei ihm nicht, er schiene gleichgültig zu sein, aber der +Mann sei gefährlich. Wieder knurrte Zimbo, zeigte das blutig +durchlaufene Weiß seiner Augen. Lorenz drang auf rasche englische +Hilfe. Zimbo blickte ihn nur zwischen den verquollenen +Augenlidern an, schlich die gelben starken Zähne zeigend, hinaus. +Eine ganze Woche hörten die Gruppen der Täuscher, die +glaubten, ihre Stunde schlüge bald, nichts von dem englischen +Funktionär. Dann erfuhren sie, er triebe sich in der alten Innenstadt +herum, habe sich einmal an Marduk herangemacht, sei +bei den Bergwerken in der Lausitz. Wie die Zeit vorrückte und +Lorenz schon verzagte, erschien Zimbo im Arbeiterkittel, von +der Verden-Celler Straße her, in die sich die äußersten märkischen +Posten schoben. Wieder lungerte er nur herum. +</p> + +<p> +Der hamburgische Vorstoß setzte ein. Ein trüber Septembermonat. +Der hamburgische Senat hatte sich nach der Infiltration +der Lüneburger Heide neu konstruiert und folgte dem +Druck seiner Bevölkerung, die durch Schreckensnachrichten über +die Natur der östlichen Angreifer gepeinigt wurde. Man +glaubte in der Seestadt rasch mit den Östlichen fertig zu werden. +Heimlich vor den beobachtenden englisch-kontinentalen Freunden +schickte der Senat eine Handvoll technischer Truppen mit +Angriffseinrichtungen vor, die den früheren Brandmasten +ähnelten, transportabel waren und kleinere Flächen bestrichen. +Diese Truppen, von Bremen vorgehend, erreichten in wenigen +Tagen eine radikale Säuberung der durchschrittenen Landstreifen. +Nicht sehr tief und nicht in großer Breite gingen +sie vor, denn man dachte durch Abschreckung das Weitere zu +erreichen. Die Truppen aber, nachdem sie die schreckliche restierende +Ergiebigkeit ihrer Einäscherer sahen, waren nicht zu halten. +In Hamburg schlug sich der Senat noch den zweiten Tag +<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> +über die Frage der Kriegsverlängerung, die Art seiner Weiterführung +herum. Da legten die angreifenden Techniker schon +wieder die Drähte an die großen Fernkabel, stellten die Transformatoren +Blenden Konzentratoren auf die kreisrunden +Wagengestelle, stießen auf ihnen nach Nordosten in die Heide +hinein. Die herumvagierenden nördlichen Horden der Märker +wurden vernichtet, dahinterstehende wichen gegen die Aller nach +Hannover zu aus. Der Außenteil der Heide war von der östlichen +Invasion befreit. Die Seelandschaft Hamburg erzitterte. +Die Herrschenden stellten sich kriegerisch um; die Märker sollten +ganz ausgerottet werden. Auf Hannover Hildesheim Braunschweig +zogen sich die märkischen Banden zurück. Es wurde, +da eine größere Zahl Männer und Frauen sich unter Waffen +stellte, damals nötig, daß die Mekifabriken der künstlichen Nahrung +stärker arbeiteten. Mit Widerwillen mußten sie die schon +halb entwöhnte zarte mästende Nahrung nehmen. Mit Schmerz +konstatierte der Senat, daß die Äcker und Kohlenbergwerke durch +den Krieg ihrer Menschen beraubt wurden; er stellte auch mit +Stolz und Zuversicht fest, daß man diese Periode überwinden +werde. +</p> + +<p> +Wie sie sich auf Hannover und östlicher zurückzogen, hielten +die Täuscher den Augenblick für gekommen zu einem Schlag. +An ihnen lag es, eine furchtbare rasche Aushungerung des Landes +vorzunehmen. Und damit begannen sie. Fünfzehnhundert +Menschen waren es, die in den Fabriken der synthetischen Nährstoffe +drei Wochen nach dem Hamburger Rückschlag die Fabriken +verließen, bei einer Kampftruppe auftauchten und zu erkennen +gaben, daß ihre Kriegsbegeisterung sie nicht in den Fabriken +dulde. Sie suchten damit Zeit zu gewinnen und ihr +Leben zu retten; die Katastrophe konnte bei den geringen Vorräten +nicht lange ausbleiben. Einzeln wurden sie vor den verblüfften +Senat gestellt, der sie halb durchschaute. Bei den +Horden erregte ihr Erscheinen im ersten Augenblick Jubel. Dann +kamen die warnenden Aufklärungen des Senats. +</p> + +<p> +Und schon war Marduk selbst auf dem Plan erschienen. Der +graue Konsul trat in diesem Moment auf, als hätte er sein Stichwort +abgewartet. Seine alten Feinde, die Männer und Frauen +<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> +der Apparate, der hohen Wissenschaft, wollten dem Land an die +Gurgel, sein Werk zerstören. Sein Ansehen und seine Wache +verschafften ihm sofort die Führung im Senat. Er fragte die +Gefangenen aus, sagte ihnen, daß sie zu den versteckten Täuschern +gehörten und was sie planten. Alle fünfzehnhundert aus +den Fabriken Entflohenen ließ er dann in Linden bei Hannover +zusammentreiben. In Gegenwart von Abordnungen aller Horden +ließ er hundert von ihnen grausam auf einer herbstlichen +Wiese foltern. Dies zog er einen Nachmittag hin. +</p> + +<p> +Als sie am folgenden Vormittag und den Nachmittag nicht +eingestanden, gab er sie den Kriegern am Abend zum Mord +frei. Man hat von diesem Mord im Ausland nichts gehört, nur +nach Hamburg sickerte es durch. Es ist Tatsache, daß an diesem +Abend auf dem europäischen Kontinent wieder Menschenzähne +Menschenfleisch zerrissen und Menschenlippen Blut tranken. +Das Rasen der Krieger um die Gefangenen, die sie sich zu entreißen +suchten, war beispiellos. Die Tötung wurde lange hingezogen. +Die afrikanische Durchflutung des europäischen Blutes +wurde deutlich. Aus zertrümmerten Schädelschalen tranken +Krieger, Männer und Frauen, noch am nächsten Tage. Unter +den benachbarten Horden wuchs mit der Kriegswut ein wollüstiger +Drang, der sie schwächte und Marduk veranlaßte, andere +Methoden gegen die lebenden Gefangenen anzuwenden. Es +ist sicher, daß sich damals der Konsul Marduk, der als grauer +matter Mann aufgetaucht war, verjüngte. Er ließ die Gefangenen +fesseln. Die Lebensmittel waren zu strecken, Krieger, +wo es anging, hatten auf die Äcker zurückzukehren. Den Horden +und Häuptlingen gab er Kenntnis vom Stand der Dinge und +gab ihnen Auftrag: da wo sich Hunger einstellte, sollten sie sich +Nahrung holen. Der Hauptteil seiner bewaffneten Wache +ging an die Grenze. +</p> + +<p> +Es waren nicht alle Flüchtige aus den Mekifabriken, die +Marduk fesseln und töten ließ. Nahe der Horde Lorenz lag in +der Nähe von Ülzen an der Ilmenau die Truppe Jan Lubbocks, +und nördlich davon, in der Gegend des alten Bewensee, +die stark mit Weibern durchsetzte Truppe der Angela Castel, +einer stillen harten Frau, die zu den Liebhaberinnen der Balladeuse +<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> +gehört hatte, der Marion Divoise, von der es hieß, daß +Marduk sie in Liebesscham zum Fenster hinausgeworfen hatte. +Die hellbraune glattgescheitelte kleine Castel war die einzige +Frau, die sich in der männlich verwandelten märkischen Stadtlandschaft +unter den Führern hielt, sie, die sich und ihre Truppe +mit Tannenzweigen an der Brust schmückte und verbitterte +Frauen unter sich versammelt hatte. Spott lag auf dieser +Schar; man ließ sie gewähren. Sie hielt die Flüchtigen aus +den Mekifabriken mit Stolz bei sich. Und als klar wurde aus +Bewegungen südlicher und östlicher Gruppen, daß der gehaßte +Marduk gegen sie etwas im Schilde führte, brach sie los. Sie +schuf sich erst Platz durch einen Angriff auf die Hamburger im +Norden. Dicht an Lauenburg drang sie heran. Gegen die +Hamburger wandte sie zum erstenmal ihre eigenen Fernwaffen. +Zuerst den Wolkenbläser. Dies war ein Vergaser, der eine +schwere schwarze wie kohlegesättigte Luftmasse von sich gab, +die sich auch unter Wind kaum vom Boden und der eingeschlagenen +Triebrichtung entfernte. Ohne giftig zu wirken und zu +schädigen, hüllte die schwarze anschwebende bodenentlang kriechende +Wolke jeden Menschen Gegenstand Baum Weg Berg +Wagen Pferd dicht ein, so daß augenblicklich alles, was in ihren +finstern Bereich kam, genötigt war halt zu machen, von tiefer +Angst erfüllt. So dick war die Schwärze, daß Menschen, die +sich bei den Händen berührten, sich nicht sahen, daß sie Auge +an Auge drängend in Nacht hilflos dastanden. +</p> + +<p> +Das Unheil, das unter den Gegnern entstand, als die erste +Wolke, die sie für giftig hielten, bei Lauenburg am Boden in undurchdringlichen +meterhohen Schwaden bauchig sich vorwölbend +gegen sie anschwoll und sie überwogte, sie versenkte. Fahrende +Wagen suchten zu entkommen; schrill und dumpf stießen sie +Warnrufe aus. In Nacht vorrasend fuhren sie gegen laufende +irrende stehende Menschen, rannten an Bäume Häuserwände +auf, wuchteten zerschmetterten aneinander. Pferde auf den +Weideplätzen brachen los, galoppierten hell und heiß wiehernd, +warfen Menschen nieder, stürzten Stufen herunter, bissen entsetzt +nach anderen Tieren, nach schlagenden Menschen, an +Baumstämme, die vor ihnen nicht auswichen. Die Menschen, +<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> +wo sie betroffen wurden, in Häusern auf Straßen auf Wiesen +suchten zu entkommen. Liefen, riefen sich an, faßten sich, sahen +sich nicht, tasteten blind weiter. Dann rasten Tiere und Wagen +unter sie. Sie warfen sich hin. Wo sie ein Erdloch fanden, +krochen sie hinein. Auf Geräusche lauschten sie nach allen Seiten, +um zu wissen, wohin sie flüchten sollten. Und wie sie ruhig +anhielten, in die Nacht gebannt, hatte sie die feindliche Truppe +gefaßt. Wie man Sand in einem Sieb schüttelt, wurden sie von +den Feinden ergriffen, mit Kugeln und Geschossen von oben und +den Seiten durchlöchert. Blitze ließ man durch sie laufen. Einen +brennenden, einen tötenden Augenblick war Licht unter ihnen. +</p> + +<p> +Vor Lauenburg schickte die hellbraune Castel gegen eine dichtbesiedelte +truppenbesetzte Landschaft einen Flußlauf. Das Wasser +der Elbe, breit fließend, viele Meter tief in die Erde eingegraben, +erhob sich wie abgerahmt aus seinem Bett, übersetzte in meterbreiter +Ausdehnung den baumbestandenen steingefaßten Uferrand, +stäubte spritzte hin wie unwillig, dann heftiger, schwemmte +brauste mächtig wogend in die wiesen- park- straßenbezogene +Landschaft. Flach ausgebreitet wälzte sie sich südwärts in die +offene Heide ein. In die Häuser Zimmer, durch die Fenster +sprang der Strom, Menschen Geräte Tiere Zäune aufhebend. +Gärten Ställe Fabriken demolierte er, unablässig weiter schwellend, +getrieben von der bald lautlosen bald orkanartig heulenden +gegen das Flußbett gerichteten Gewalt, die das Wasser +angefallen hatte. Man erfuhr später, daß Frauen der Gruppe +Castels im Besitz der Erfahrungen waren, die bei der Insel +Jan Mayen in so ungeheure Erscheinung traten und einen +neuen Abschnitt in der Bezwingung des Wassers darstellten. +Die Elbe war abgeschnitten bis zur halben Tiefe durch die +sprühenden vergasenden Ketten, die ins Wasser tauchten aus +starr überhängenden Drähten. Sie floß flach unterhalb dieser +Sperre. Jenseits der Sperre aber wuchs sie wie geschleust +mauerartig hoch, überlief, die schwere schlammwälzende Elbe, +das Land, füllte es klatschend. +</p> + +<p> +Die Castel legte um ihre bis zur Elbe vorgebrachte Truppe +einen Verteidigungsgürtel mit Fernwaffen, wartete die Wirkung +ihres Vorgehens auf Marduk ab. Wie der bei Ülzen +<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> +stehende Jan Lubbock und Lorenz, über die Tat der schweigsamen +Castel entsetzt nach Zimbo suchten, erschien der schwarze +schmalköpfige Zimbo bei Lauenburg, fragte die Castel, die ihn +kannte, nach ihren Absichten. Die gab ihm zurück, sie werde +genau das tun, was sie erreichen könne. Er wollte bei ihr eintreten, +die weiteren Operationen leiten. Sie lehnte ohne eine +Miene zu bewegen ab. Zimbo röchelte einen Augenblick in +Wut vor ihr, dann schlug er sich auf die Brust, nahm ihre geschlossene +Hand, als sie lächelte, wünschte ihr Glück. Während +die Castel sich um Lauenburg befestigte, hielt Zimbo Lorenz +und Lubbock in der Gewalt, daß sie davon absahen, sich der gefährlichen +Frau anzuschließen. Sie taten, was der schlaue Mann +vom Kongo ihnen vorschrieb. Lieferten die siebzig Flüchtigen +aus den Mekifabriken nach Berlin an Marduk ab, der sie zu +den übrigen tat, versteckten ihre Waffen, gebärdeten sich unterwürfig +gegen den grauen Konsul und den Senat. Der graue +hohe Marduk legte sich wieder die Waffen an, die er im Beginn +seines Konsulats trug. Die Wache des Ratsgebäudes und um +ihn verstärkte er um Hunderte. Der schwarze schweigende Lucio +Angelelli bezog seinen alten Posten. +</p> + +<p> +Das weite Land, das die Stadtschaft an sich gerissen hatte, +überflog Marduk mit Angelelli. Die wieder vorstoßenden Brandwerfer +der Lüneburger Heide sahen sie, die Flammen in Celle, +das Wallen und Schwemmen der Elbe am Standort der verräterischen +Angela Castel, im Land verstreut halb aufgelöste +plündernde Horden, Ackerbauern, die sich gegen Nachbarn verteidigten. +Warnende Nachrichten erreichten sie in Hannover: +die verfemte Castel bereitete einen Angriff auf Berlin vor, +Hamburg und England stünden hinter ihr. Ein weiblicher Bote +von ihr kam in Hannover an auf der Suche nach Marduk; in +einem kurzen Brief ermahnte die Castel den Konsul, seine +Waffen niederzulegen und sich außer Landes zu begeben; sie +sei nicht die einzige gegen ihn in der märkischen Landschaft. +Das wußte Marduk. Es kam ihm nicht darauf an. Er war, +und ebenso Angelelli, sein stiller schwarzer Gefährte, geschüttelt +von einem heftigen Gefühl, als er das schneebedeckte Land sah, +die Flächen, die schon zum Acker aufgebrochen waren, Menschen +<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> +beim Bohren von Brunnen, niedergebrochene Häuser und Fabriken +und hinter dem stummen sich bäumenden Land die westlichen +Riesenstadtschaften, die eindringenden Flammenschießer +in der Heide, die Überschwemmung bei Lauenburg. Wie von +einem Blitz war er getroffen, als er dies sah. Ein Schmerz +und Glück: sein Werk! +</p> + +<p> +„Angelelli, du kennst die Castel. Das ist ein anmaßliches Weib, +die nichts vorhat, als die verruchte Frauenherrschaft über uns +zu verhängen. Ihr liegt nichts an dem Land. Sie versteht +nichts. Noch weniger als die Londoner, die doch etwas ahnen. +Aber wenn sie für nichts, für ihre dummen Pläne sich der Vernichtung +durch mich und die andern aussetzt, soll ich mich beschämen +lassen. Willst du dich beschämen lassen, Lucio Angelelli.“ +Der legte seinen strengen Kopf nach rückwärts: „Ich +nicht, Marduk.“ Marduk hob die Arme: „Und ich!“ +</p> + +<p> +Ein Teil seiner Wache flog ihm nach auf Hannover. Als +Marduk sie sich westlich von den letzten Ausläufern der Stadt +setzen hieß, wurde Jonathan bei ihm gemeldet. In einem qualmigen +mit Kohle geheizten Raum einer halb abgebrannten +Fabrik stand Marduk, den ruhigen ernsten Blick gegen den +blassen weichen Mann. „Marduk, ich suche dich seit drei Tagen. +Ich freue mich, dich zu treffen.“ „Auch ich, Jonathan.“ „Du +fragst, was ich will.“ „Nein, ich frage nicht. Du kommst doch +zu mir.“ „Ich will nichts von dir, Marduk. Ich habe früher +nichts gewollt und will jetzt nichts. Ich möchte dich warnen.“ +Jonathan verschattete sich die Augen mit der Linken. „Von der +Castel war ein Bote schon bei mir.“ Der Blasse flüsterte: „Kann +sein. Du scheinst dich nicht darum zu kümmern. Geh außer +Landes.“ „Gehörst du auch zu den Täuschern?“ Der jüngere +verstörte zitterte wenig, dann bezwang er sich, richtete sich auf: +„Ja.“ Marduks Hände hingen schlaff herunter. Die Augen in +seinem Kopf waren geschlossen. Er stand eine Weile, als ob er +schlief. Wie er die Augen öffnete, stand Jonathan noch da. +Der Mann, sein einziges Glück einmal, war drängend näher an +ihn gekommen. Marduk schüttelte den Kopf: „Du sagst mir +keine Neuigkeit, Jonathan. Willst du mich warnen vor dir?“ +„Ich weiß, daß du keine Furcht vor mir hast.“ „Nein.“ „Ich +<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> +warne dich. Geh außer Landes.“ Marduk faßte den Jungen +um die Brust: „Du willst mir das anbieten? So erbärmlich +denkst du von mir? So fremd bist du mir?“ „Ich muß es tun.“ +Marduk hauchte wie gelähmt: „Ein Täuscher. Es lohnte nicht, +daß ich ein Wort an ihn verliere. Die Castel ist frech. Er, seinen +Namen sprech ich nicht aus.“ „Marduk, ich hasse dich ja nicht.“ +„Sitzt du bei deinen Maschinen gegen mich? Geht es dir gut +dabei. Jonathan. Aber leb wohl! Du! Leb recht herzlich +wohl.“ „Mir nützt es nicht, was du sagst. Darum kam ich nicht. +Ich warne dich, Marduk! Wir sind viele.“ Marduk grimmig: +„Laß mich los. Sprich nicht mehr zu mir. Ich verachte mich, +wenn ich dich sehe.“ „Marduk.“ „Weg, weg! Es schüttelt mich. +Daß du mir unter die Augen trittst! Daß du es wagst. Warum? +Das heißt nicht, mich vor dem Tod bewahren. Du hast doch +eine Geliebte. Geh zu ihr.“ „Ich will dir sagen, Marduk: erst +hast du meine Mutter getötet, ich bin dir gefolgt, dann mußte +ich von dir gehen. Ich warne dich jetzt. Schmäh mich nicht.“ +„Sag mir du, bist du gekommen, um mir das von deiner Mutter +zu erzählen? Weil es deine ganze Armut, Jonathan, deine ganze +Trostlosigkeit enthüllt. Du hättest um deiner Mutter willen +jetzt schweigen sollen. Von deiner Mutter hättest du nichts +sagen sollen. Ich weiß, sie hat dich mit mir verbunden. Sie ist +jetzt – gegen dich!“ Jonathan faßte sich an den Hals, wie gewürgt +stöhnend, die Augen waren ihm vorgetreten: „Sprich nicht +weiter, Marduk.“ „Ich spreche schon nicht. Warum erlöst du +mich nicht? Warum gehst du nicht.“ „Ich habe mich schwer hergezogen, +Marduk. Ich habe mich gewunden und geschämt herzukommen. +Ich habe um dich und durch dich grenzenlos gelitten, +Marduk. Du weißt es. Ich hänge an dir. Ich kann dich +nicht loslassen. Ach ich warne dich, Marduk. Stirb nicht und +stirb nicht mit meiner Hilfe. Ich bitte dich, flieh. Ich flehe dich +an, hör auf mich. Ich flehe. Ich flehe. Marduk.“ +</p> + +<p> +Der wandte ihm den Rücken. „Du wirst außer Landes gehen, +Marduk?“ Lucio Angelelli trat neben Marduk. „Du wirst +meinem Rat folgen, Marduk? Gib mir eine Antwort.“ Dessen +Augen blickten auf den Hauptmann. Der griff von hinten Jonathan +um den Leib, schleppte den wimmernden aufheulenden +<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> +schlagenden vor die Tür, warf ihn auf die Treppe. Ein zuspringender +Krieger lähmte den Hingestürzten durch einen Kolbenschlag. +Marduk, selbst vor die Tür tretend, wehrte dem +Krieger, der zurückwich. +</p> + +<p> +Wieder wurde der Konsul, wie er am nächsten Tage die Wache +beging, verzaubert von den Schneefeldern. Über Ruinen legte +sich der endlos rieselnde Schnee. Hing weiß an Vorsprüngen +und Kanten der Gemäuer wie ein Vogelnest, wölbte sich zum +Balkon, floß Stufen herunter, überlagerte in einem breiten +leichten Schwung Mauerreste Treppen Erdboden. Die Flocken +stiebend vom grauen Himmel. Verschüttete Bäume Häuser +Wege. Der Anblick rührte Marduk, wie er im dicken schwarzen +Lederumhang neben dem Hauptmann ging, heftiger und heftiger: +„Es ist die Frage, Angelelli, ob wir feige sein wollen und +unsere Zeit abwarten oder ob wir standhalten. Ich will deine +Antwort nicht herausfordern. Ich habe keine Lust noch irgendetwas +abzuwarten. Ich bin vollkommen da.“ „Sie müssen +uns das Land aus den Zähnen herausziehen.“ +</p> + +<p> +Angelelli ordnete für die Horde eine Feierlichkeit an, die von +England herübergekommen an die indianische Sitte des Medizintanzes +erinnerte. Die dreißig kräftigsten Männer der Truppe +suchte er aus; sie hatten einen nahgelegenen Berg zu umkreisen +und zu überqueren, bis sie erschöpft zusammenbrachen. Zwei +Tage und zwei Nächte gingen die Männer ohne Speise und +Trank; ein großer Teil der Truppe lagerte, bald stumm, bald +singend an dem Wege. Zwei Tage und zwei Nächte hatten die +Führer vorgeschrieben. Kein einziger der dreißig Männer, die +sich zuletzt schleppten und wanden, kaum die Füße hoben, mit +stieren Blicken, die Köpfe hängend, sich über die weiße Fläche, +selbst schneebeladen, vorwärtsschoben, keiner versagte unter dem +letzten Schmettern der Bläser, dem Brausen des Männergesangs +auf den begangenen Wegen. +</p> + +<p> +Der schwarze Zimbo stand unbeachtet an einem dieser Wege. +Grübelnd schlenderte er am Abend des letzten Tages davon, +pfiff vor sich. Er schnellte mit den Füßen Steine hoch. Das +war bei der Horde ein schönes Spiel gewesen. An den Yellalafällen +hatte er so eins gesehen. Er lachte und knurrte vergnügt. +<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> +Eine junge Birke faßte er mit beiden Händen an, bog den +Stamm hin und her. Die Männer hatten schöne Muskeln. Und +Lungen. Wie sie sich fortschleppten, als hätten sie einen Tritt +ins Kreuz bekommen; aber es ging; sie machten es. Warum +sollte man ihnen etwas tun. Er bog und drehte vergnügt an +der Birke. Herr Delvil und die Brüsseler gingen ihn nichts an. +Die Dicken in ihren Städten, die Dickköpfe. Sie wackelten mit +den Köpfen, hatten Kürbisse oben; sie mußten behutsam laufen, +sonst fielen sie ihnen herunter. Er kicherte: wenn ein Sturm +kommt, fliegen ihnen die Hüte mit den Köpfen zusammen herunter. +Sie müssen sich einen Haken am Kopf machen und eine +Kette, damit sie ihren wiederfinden. Die Birke ließ er hin und +her schießen. Welchen Grund hatte er, sich für die Glotzaugen +und Kürbisse anzustrengen. Die Läufer gefielen ihm. Mit +denen konnte man den anderen schon um die Nase blasen. Er +trollte weiter in den Abend, rieb sich die Hände, sah sich nach +der schmächtigen Birke um, die noch schwankte, nahm Steinchen +zielte nach ihr, warf. Da war bloß noch Marduk. Er brüllte +vor Vergnügen, warf eine ganze Hand Steine. Das war ein +dummer verzagter Kerl. Den muß man umlegen. Das wird +nicht schwer halten. Ladung auf Ladung gegen das Stämmchen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">arduks</span> Ende begann mit dem Vorstoß der unbezähmten +Castel. Offen zeigte sie die Fahne der Täuscher, die verhaßte +westliche der brennenden Erde. Das halbleere von Hungernden +Räubern Flüchtigen durchstreifte Land südöstlich Lauenburgs +durchzog sie rasch. Ülzen, wo die intakten Horden Lubbocks und +Lorenz’ sich gesammelt hatten, ließ sie in ihrem Rücken liegen. +Sie war im Besitz von Brandwerfern, die sie den Hamburgern +abgenommen hatte. Weder Boten noch Briefe liefen zwischen +ihr und den beiden früher befreundeten anderen Täuschergruppen. +Überall übte sie, durch das Schneegebiet wandernd, +die Methode der schwarzen Einkesselung: Einhüllung der gefahrdrohenden +Gegenden in Wolken, darauf Vergasung oder +Veräscherung. Über Salzwedel stieß sie. Auf ihren Wegen +zertrümmerte sie zweitausend Menschen, rechts und links +<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> +hinschießend, die metallenen Stiere, das Zeichen der märkischen +Revolution, die brüllenden bronzenen Wesen mit der aufgerissenen +Flanke, die der blinde Konsul Marke aufgerichtet hatte. +Zum Hohn umstellten männliche und weibliche Streifkommandos +die Metallsäulen, warteten den Augenblick des furchtbaren +langhingezogenen sich wiederholenden Klageschreis. Mitten im +Schrei, im grausigsten Sterbelaut zerriß eine Granate den +starren Riesenleib, warf zum Entsetzen, zum Abscheu der zugelaufenen +Landbevölkerung Säulen und Erzstücke dumpfend +auf den Boden. Das Sprengen der heiligen Stiersäulen fachte +eine stumme Wut in den Umwohnern an. Ihre Tannenzweige +breiteten Kolonnen nach der Zertrümmerung der Säulen über +die Bruchstücke aus. Sie hätten schon, wenn sie nicht immer +stürmisch abgerückt wären, schon eine Stunde später überall das +Feuer an den Sprengorten sehen können, von den Holzhaufen, +auf denen die trauernden Menschen die feindlichen grünen +Nadelzweige verbrannten, nachdem sie inbrünstig, oft unter +Weinen, die Bruchstücke aus Erz und Stein zusammengetragen +und in den Boden vergraben hatten. +</p> + +<p> +Zu ihrer Befremdung sah die sehr sichere kleine Castel, wie +die Menschen, die sie zu kennen glaubte, vor ihrer Schar finster +auswichen. Die durch Einzelläufer hingetragenen Worte von +Befreiung und allgemeinem Zusammenschluß der westlichen +Menschen fruchteten nichts. Sie erlebte dasselbe Erstaunen, +das die Anhänger der alten Herrengeschlechter nach dem Tode +Markes vor dem Einbruch Marduks erlebt hatten: der zuckende +tiefe Widerwille der Masse vor den Apparaten, ihr zäher Hang +an Markes Maßnahmen und seinem Weg. Die Bevölkerung +hatte keine Möglichkeit, die Castelsche Horde anzufassen, aber +in Irreführung auf Landwegen, massenhaften Einzelschikanen +machten sie sich Luft. In der sehr männlichen Masse wechselte +Spott auf die freche Weiberhorde der Castel mit Ausbrüchen +der Erbitterung. Die Erinnerung an alte Weiberherrschaft +lebte noch, reizte die vor den Pflug gejagten Männer aufs Blut. +Die Horde der Castel, vorrückend, war wie von Spürhunden +umgeben. Die Märker belauerten sie, warteten auf menschliche +Beute. Die Frauen und Mädchen dieser Männer haßten die +<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> +Castelschen Weiber am wildesten; blutgierig lauerten sie auf sie, +griffen Zurückbleibende und sich Verirrende an. Zerschlugen +sie, taten ihnen Schande an, sperrten sie in Ställe. In zynischer +Weise vergriffen sie sich an jungen Geschöpfen, die kurz hinter +Salzwedel, durch scheinbare Neugier der Umwohner verlockt, +sich darauf einließen, vor ihnen zu sprechen. Kaum war der +Hauptzug außer Sicht, warfen sich Frauen auf die Fremden, +entkleideten sie vor den hohnlachenden Männern, zogen ihnen +knappe Knabenhosen an, die in der Schamgegend geöffnet +waren. Vorgebunden war da kein Feigenblatt, sondern eine +derbe rote Rübe mit grünem Kraut. Die Hände wurden ihnen +auf den Rücken gebunden; so mußten sie zu ihrem Hauptzug +durch den Schnee. Und als ein Straftrupp zurückkam, die nahegelegenen +Häuser verbrannte, da liefen hinter dem rückkehrenden +Trupp, der keine Menschenbeute machen konnte, eine Schar +Rinder her. Auf ihnen waren Leichen von gefangenen Kriegerinnen +gebunden; den schamlosen Rübenschmuck hatte man +zwischen ihre blanken Schenkel gepflanzt. Getrieben wurden die +Rinder von zwei Frauen, die die Hände auf dem Rücken hatten. +In kurzen Knabenhosen mit den schwankenden Rüben gingen +auch sie, aber nicht stumm mit gesenkten Köpfen wie die früher +losgelassenen: ihre Brüste waren entblößt, in einem Sack hatte +man rechts und links an ihren Rumpf kleine wimmernde +Schweine angebunden, deren Schnauzen hervorsahen und gegen +die Brüste schnappten. +</p> + +<p> +Die Castel wurde nicht unsicher gemacht. Bei Stendal näherte +sie sich der Peripherie der alten Stadtschaft Berlin. Von zwei +Seiten war sie belauert, von Marduk, der selbst bei Hannover +stand, während sein Hauptmann die Hälfte der Wache in der +alten Stadtschaft selbst befehligte, und vom schwarzen schmalköpfigen +Zimbo. Und während noch der Hauptmann Marduks +von Magdeburg heraufzog, um sie anzufallen, erschien Zimbo +mit der Horde des Lorenz unerwartet bei Stendal neben der +weit ausschwärmenden Horde der Frau, die sofort Halt machen +ließ. Zimbo verlangte noch einmal offen die Führung bei der +ganzen Aktion als Beauftragter des Völkerkreises. Dann führte +er eine Unterredung herbei mit dem hellbraunen starken Weib, +<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> +während er zugleich durch Ausbreitung seiner Horde die gegnerische +zwang sich auszudehnen. Und wie die siegessichere Castel +mit Zimbo verhandelte, ihren Tannenzweig in der linken Hand, +wurde ihr Schicksal besiegelt. +</p> + +<p> +Plötzlich, im Gehen und Fahren durch die knietiefen Schneefelder, +war der Horde Castels, als ob alles vor ihnen und um sie +auswiche umböge. Es war, als ob sie plötzlich in ein Element +wie Wasser eingetaucht waren, in dem sie keine Fähigkeit, zu +blicken und sich zurechtzufinden, hätten. Die in den schwarzen +Rauch der Castel Gehüllten konnten, wenn sie sich Auge um Auge +aneinanderdrängten, sich nicht sehen; jetzt hoben die Menschen, +die Einzelläufer oder die in Gruppen, die hinter Wagen oder +neben fahrenden Maschinen, Schnee auf, und die Hand, die den +weichen kalten zusammenballbaren Schnee griff, – näherte sich +ihnen nicht. Die Hand schien in Riesengröße ungeheuer weit +entfernt. Sie zogen daran; ungeheuer und langsam, den halben +Horizont bedeckend rückte sie näher. Etwas Schwarzes reckte +sich vor den Menschen auf, die an den Apparaten standen. In +den Himmel gewachsen waren sie. Die Menschen betasteten die +Treppenstufen, die zu der Plattform der Apparate führten und +die ein halbes Haus hoch schienen; mit mächtigen Händen konnten +sie Stufe um Stufe angreifen, die Füße stellten sie, ängstlich, +immer ängstlicher auf, sie konnten die Stufen hochsteigen +und oben türmten sich die Apparate wie Kathedralen auf. Sie +gingen am Boden wankend vorwärts. Sie hatten das Gefühl, +die Erde wiche unter ihren Füßen aus, riesig ragte ihr Kopf in +die Luft; ein fremder schwarzer Riesenkopf schwankte zu ihnen +her. Die Menschen stöhnten in fürchterlicher Bangigkeit, rieben +und kneteten an ihren wie gequollenen Armen, an ihrem Kopf, +glaubten, sie müßten an sich schieben, sich zurechtdrücken und zusammenrecken. +Wie die Menschen in den schwarzen Wolken +standen sie da oder warfen sich hin, hielten sich die Augen zu. +Sie riefen einander zu, hörten, daß andere in der nächsten Nähe +waren, aber wagten nicht hinzuschauen. Und während sie lagen +standen, entsetzt wieder zu blicken und schreiten versuchten, immer +in Abgründe hinein, auf Felsgebirge hinauf, über Häuser her, +liefen die Männer Zimbos, gegen die verzerrenden Lichtstrahlen +<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> +geschützt, zwischen ihnen, stießen sie wie plumpe Hammel beiseite, +nahmen ihnen die Wagen und Apparate weg, die sich an sie +klammerten und brüllend um Gnade flehten. +</p> + +<p> +Drei lange Stunden währte die Unterredung der hellbraunen +Angela Castel mit den Führern der gegnerischen Täuschergruppe. +Da trat ohne ein Wort zu sprechen der schlanke ernste Lorenz +mit einer kleinen Zahl Männer in das Zelt der Castel. Die +stand auf, wies die Männer hinaus. Lorenz, den Türausgang +haltend, nickte Zimbo, der auch aufgestanden war, stumm zu. +Da ging der Neger, der eine lose Pelzjacke trug, auf die befehlende +stirnrunzelnde Frau zu, nahm ihr, die zurückwich und +den Mund öffnete, den Tannenzweig aus der Hand, tat ihn +mit zärtlichem Gebaren unter seine Jacke und knurrte lachend. +Die Frau wollte zur Tür mit den anderen Frauen. Zimbo +machte ihr selbst am Ausgang Platz. Die Castel schrie noch, +warum ihre Wache, die versteinert schien, die Fremden nicht +angriff, da stand sie neben Zimbo in der weißen Landschaft. +Männer auf Männer zogen vorbei, schoben und trugen ihre +eigenen Kriegsgeräte. Man trieb eine kleine Schar Frauen +vorbei, die entgeistert blickten; allen waren die Hände auf den +Rücken gebunden. Zimbo grinste; seine Leute hatten einigen +schon das Rübenzeichen angesteckt. Angela Castel, tief erblassend, +verbarg das Gesicht hinter ihren Händen. +</p> + +<p> +Sie knirschte: „Du bist ein niederträchtiger Betrüger.“ „Was +macht es.“ „Wirst du auch mich fesseln.“ „Ich weiß noch nicht. +Ich werde wohl genötigt sein es zu tun.“ Sie atmete, die Hände +herunternehmend: „Dann bitte ich, daß ich bald getötet werde.“ +„Vielleicht wird das geschehn.“ „Ich will es selbst tun.“ Er +wiegte den Kopf: „Überleg, Angela Castel, ob das gut für mich +ist. Wie soll ich denn Marduk meine Ergebenheit und Treue +beweisen. Ich kann es doch nicht besser, als wenn ich – dich +zu ihm schicke.“ Sie sah ihn, vor Raserei vergehend, an. +„Komm lieber ins Zelt, Angela Castel. Meine Leute sehen +uns. Sie bringen dir vielleicht eine zudringliche Ovation. +Sie haben noch Rüben übrig. Binde sie, Lorenz. Sei ruhig, +Angela. Marduk wird mir sehr danken für meine sinnige +Aufmerksamkeit.“ +</p> + +<p> +<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> +Und sofort benachrichtigte Zimbo den von Magdeburg anrückenden +Angelelli, daß er die Aufrührerbande der Castel entwaffnet +und gefangengenommen habe. Die Castel und drei +Unterführerinnen schickte er mit einer sehr kleinen Bedeckung +gegen Hannover zu Marduk. In einem Begleitbrief erklärte er, +er stelle sich, im Besitz starker Waffen, die er den Aufrührern +durch List abgenommen hätte, zu Marduks Verfügung. Er +schüttelte sich freudig, als der Transport mit der Castel sich von +ihm verabschiedete: „Du bekommst keine Rübe, Angela Castel. +Du bist für Höheres ausersehn. Laß dir von Marduk das Fenster +zeigen, durch das die Balladeuse gesprungen ist.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> Jonathan wiedererwachte, war sein leichter Metallflieger +zertrümmert. Er mußte in tagelangem Marsch durch das gefährliche +winterliche Land. Im Mecklenburgischen war sein +Sitz. Er wanderte zuletzt auf den Wegen, die die Castelsche +Horde von Lauenburg her genommen hatte; den Treibjagden +der Bauern auf verdächtige Menschen sah er zu. In ein weißes +Schafsfell gehüllt wanderte der stille Mann; geängstigt wie +unter einer Verfolgung war er. Die Flüche der Leute hetzten +ihn. In einer dunklen Weise kam ihm vor, daß er mit diesen +Bauern verbunden war, und er wollte sie nicht lassen. Und +zitternd fühlte er, daß er sie verraten hatte. Ein Verhängnis +hatte ihn bewogen, sich den Täuschern an die Brust zu werfen. +Er sah sich plötzlich in Gedanken laufen von den Rathausstufen +hinter einem zerlumpten Mädchen: Elina. Mit ihr fing es an. +Dann die Flucht, die Reise mit ihr, die Verlockungen, die Liebe +zu ihr. Er blieb, kaum eine Stunde von seinem Haus entfernt, +bei einem befreundeten Täuscher, einem alten Mann, der verwundert +um ihn herumging, weil er bedrückt war, während +ihnen die Stadtschaft schon zufiel. Giftig entfernte sich Jonathan +aus seinem Zimmer, schloß sich in einer Versuchskammer +ein. Er saß auf einer Kiste, saß von Mittag bis in die Finsternis. +In der Nacht zuckte er, wie er nur eine unruhige Stunde geschlafen +hatte, auf und saß hoch: Flammen waren vor seinen +Augen, in den Flammen brannten Teile von Menschen, Schultern +<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> +Arme, ein sich windender Leib mit bloßem Nabel: das regte +sich, loderte grellrot. Seine Mutter. Seine Mutter brannte. +„Zu Marduk, zu Marduk“, schrie es in ihm. „Ich muß hin. Ich +kann nicht. O Hilfe.“ Und wie er sich ankleidete mit klammen +Fingern, wimmerte er: „O Hilfe.“ Er lief aus dem Haus. Im +Finstern fand er sich nicht zurück. Er wollte nach Hause. In +einer Ackerfurche mußte er in der tiefen Finsternis zwei Stunden +warten, bis das graue Licht am Himmel erschien. Da begann +er zu stampfen und zu wandern. Er schlug gegen die Tür +seines Hauses: „Ist wer da? Ist wer da?“ Und immer brüllte +er, ohne die Antwort abzuwarten: „Ist wer da?“ Auch noch als +Elina erschrocken heraustrat, schrie er und schlug gegen die Tür: +„Ist wer da?“ Hereingezogen hörte er nicht auf zu rufen, bis +sie ihm mit der Hand den Mund verschloß, ihn auf eine Bank +herunterzog, wo er stier saß und die Fäuste ballte, ohne zu +sprechen. Sie hatte nur einen dünnen Überwurf an; wie sie +seinen Kopf an ihre Brust zog, fühlte er die Wärme, bog sich +ab, murmelte wieder fremd: „Wer ist da?“ Und ging stürmisch +mit wilden Blicken herum. „Bleib sitzen“ bat er sie nach einer +Weile, wie er einen Schemel heranziehend sich vor sie +setzte, die auf der Bank das Gesicht verhüllte. „Ich bin ohne +Hilfe, Elina. Ich weiß, wenn ich mit dir spreche, auch du kannst +mir nicht helfen. Marduk hat mich, als ich zu ihm kam, ergreifen +lassen. Man hat mich hochgehoben. Ich bin betäubt +worden.“ Sie weinte auf, er ließ sie nicht an sich kommen. „Wo +soll ich jetzt hin, Elina. Ich kann nicht allein sein. Ich muß zu +ihm.“ „Was hast du ihm gesagt, Jonathan.“ „Daß ich ein Täuscher +bin. Es mußte heraus aus mir. Ich schämte mich meiner. Es +ist heraus. Es ist gut. Ich habe mit den Täuschern nichts zu tun. +Ich hatte nie etwas mit ihnen zu tun. Nie. Ich verfluche sie.“ +</p> + +<p> +Seine Augen brannten fremd und feindlich gegen sie. „Und +Marduk?“ „Hat an mir getan, was recht ist. Nur nicht genug. +Gepeitscht und gebrannt hätte ich werden müssen. Das hätte +mir zugestanden. Oder mich auslöschen. Jetzt bin ich ohne +Hilfe. Oh. Oh.“ „Du bist doch bei mir, Jonathan. Wir wollen +fort aus dem Land.“ „Ich will nicht. Ich trag mich ja nicht +weg. Ich geh nicht von ihm. Ich geh nicht weg von ihm. Ich – +<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> +kann auch nicht. Jetzt weißt du’s.“ „Ich hab es schon immer gewußt.“ +„Jetzt weißt du’s.“ Sein Gesicht hob sich leidend vor +ihr: „Und was sagst du, Elina?“ „Du willst ja keine Hilfe von +mir. Ich bin ja deine Feindin.“ „Nein. Sag das nicht. Komm +doch wieder her zu mir. Laß mich vergessen.“ +</p> + +<p> +Er war aufgestanden. Er hatte sie umschlungen, die mit +einem abwesenden suchenden Ausdruck ihr nasses Gesicht an +seins lehnte. Er flüsterte: „Ich habe dir von meiner Mutter +erzählt. Die hat er umgebracht. Aber mir ist nie, als ob er sie +umgebracht hätte. Nein, sag nichts dazu, lach mich nicht aus. +Mir ist, als ob er mit ihr zusammen etwas wäre, als ob er mit +meiner Mutter verbunden wäre, wie mein Vater, den ich nicht +kannte! Er. Er. So ist er mit ihr zusammen. Ich kann nur +bei ihm ruhig werden. Bin ich von ihm, bin ich zerrissen.“ Sie +flüsterte zur Seite blickend: „Und wie stehst du zu mir.“ „Ich +weiß nicht, Elina. Mir ist jetzt wohl bei dir.“ „Es geht wohl +zu Ende mit Marduk?“ „Sag das nicht, ich fleh dich an, sag +das nicht.“ Er ließ sie los, schlenderte im Zimmer herum, stand +am Fenster. Rotes Licht blitzte über den grauen Himmel. +</p> + +<p> +Wie er eine Zeit ruhig stand und nicht sprach, hatte sie ein +Knie auf den Stuhl geschoben, den Kopf gesenkt und gesonnen. +Ohne ihre Haltung zu verändern, rief sie: „Jonathan.“ „Ja.“ +„Jonathan, ich weiß einen Rat.“ Er drehte sich rasch um, schritt +auf sie zu, die sich nicht bewegte, griff an ihre Schultern: „Nichts +sagen, Elina. Ich bitte dich, nicht auch du. Gib mir keinen Rat. +Quäl mich du nicht auch.“ Sie gab klar von sich: „Du brauchst +einen Rat. Du brauchst Hilfe. Ich quäle dich doch nicht.“ „Ich +sehe, ich sehe, jetzt wirst du dich gegen mich erheben.“ „Ich weiß +einen Rat, Jonathan. Aber ich bitte dich, mich tun zu lassen, +was nötig ist.“ „Du glaubst, ich muß allein sein. Du willst mich +verlassen.“ „Nein, ich werde zu Marduk gehen.“ Er ließ von +ihren Schultern, bückte sich, suchte ihr von unten in das herabhängende +Gesicht zu sehen. Er hauchte zurückweichend: „Zu +Marduk willst du gehen.“ „Ja.“ „Weil ich geschlagen bin?“ +„Jonathan, ich werde es tun. Laß mich es tun.“ +</p> + +<p> +Er ging an die Wand. Auf eine Fensterbank ließ er sich nieder: +„Marduk hat mich greifen lassen und fortgestoßen. Jetzt +<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> +du.“ „Was soll ich sagen. Ich kann dir keine klare Antwort +geben. Ich bin – dir innig gut. Mich schmerzt es, daß ich dich +so sehe. Ich glaube, ich will, ich will – an ihm tun, was du +wolltest.“ Und den Kopf hebend, immer sinnend, in die Ferne +mit einem Lächeln hörend, atmete sie: „Ich muß zu ihm. Glaubst +du nicht, daß er jetzt auf mich wartet? Es war mir sicher, daß +er dich zurückweisen würde. Ich helfe ihm. Du kommst – dann +noch einmal zu ihm. Wenn du noch einmal kommst und ich bin +es, so wird er dich nicht zurückweisen.“ Sie lockte Jonathan: +„So ist es. Komm doch, Jonathan. Komm. Sieh, ob ich nicht +du bin. Ob ich dich nicht zu ihm tragen kann mit meinem Körper. +Komm, habe doch keine Furcht vor mir. Wir haben ja +hundertmal zusammengelegen.“ Und sie ging ihm entgegen, +der sich verwirrt erhoben hatte, umschlang ihn: „Mein Jonathan. +Meine Wonne. Umschling mich, damit ich ganz du bin. +Mir ist mit einmal so wohl. Gib mir. Halt nicht zurück. Mach +deine Lippen auf, mach deine Augen auf. Ich bin Elina. Ach! +Ich habe Sehnsucht Sehnsucht Sehnsucht nach dir. Namenlose +Sehnsucht.“ Er hatte den Kopf auf ihrer Schulter, flüsterte: +„Wie bist du sonderbar.“ Fester hielt er sie. „Jonathan, ich bin +dein Hafen. Du bist ruhig. Es geschieht dir nichts. Du bist +wohl bei mir.“ „O wie bist du.“ „Komm, ich muß dich küssen. +Ich bin sehnsüchtig nach dir. Deinen Mund. Deine Augen. +Wie liebe ich dich. Halte dich nicht zurück.“ „Ich tu es nicht. +Ich halte mich nicht zurück vor dir.“ „Erkennst du mich wieder. +Elina, deine Freude. Und du bist meine Glückseligkeit. Ich +kann dir gar nichts schenken. Ich muß deine Hände küssen. +Deine Füße.“ „Nicht, Elina.“ „Bin ich nicht deine Elina?“ +„Du bist so rasend.“ „Nach dir. Ich kann dich nicht stehen sehen. +Ich möchte dich ganz verschlingen in mich. Jeden Teil, den ich +von dir sehe, beneide ich um dich. Deine Jacke, deine Haare, +ich kann sie nicht außer mir dulden. Ach küsse mich auch. Bin +ich nicht deine Elina?“ „Du bist es und bist es nicht. So wild +bist du.“ „Mir kommt vor, als hätte ich dich nie geliebt. Jetzt +liebe ich dich erst. Zum erstenmal. Als hätte ich bis jetzt mit dir +gespielt. So unersättlich unersättlich, Jonathan, so unersättlich +bin ich nach dir. Komm. Die Sonne geht auf. Es ist so hell. +<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> +Leg dich zu mir.“ „Ich weiß nicht, wie mir ist, wenn ich dich +sehe.“ „So steh nicht still. Liebst du mich nicht?“ „Ich ängstige +mich, nein, mich graust es vor dir.“ „Vor mir, vor mir?“ sie +lachte, ihn heftig umschlingend, „aber ach sprich nicht so, ich habe +solche Sehnsucht nach dir.“ +</p> + +<p> +Er wollte sich von ihr lösen, aber sie hielt ihn fester. Er bettelte: +„Süße Elina, was ist dir. Habe ich dich gekränkt. Hab’ ich dir +weh getan.“ „Ich bin gut. Mehr als gut. Wie du süß bittest. +Peinige peinige mich nicht.“ „Nicht peinigen. Meine Elina. +Deine übermüdeten Augen.“ „Jetzt bist du mein Jonathan.“ +Sie warfen sich auf ihr noch offenes noch warmes Bett. Unersättlich +war sie in ihrer Raserei. Sie weinte immer: „Ich habe +dich so entbehrt.“ Er tröstete sie; es tat ihm tief wohl sie zu +trösten. +</p> + +<p> +Nach Stunden, am hellen Vormittag, stand sie vor ihm, der +geschlafen hatte. Er zog sich rasch an. Sie küßte ihn, während +er sich anzog; er mußte sie abwehren. Sie bat und drängte, +er möchte sie doch lassen. Und als sie vor dem schneebedeckten +Garten standen, die winterlichen Felder rechts und links, erblaßte +sie, klammerte sich an ihn. „Jetzt geh’ ich bald weg.“ +„Nicht zu Marduk.“ „Ich muß.“ +</p> + +<p> +Sie ließ ihn los, stürzte ins Zimmer. Wie sie im weißen +Pelzmantel, die Pelzkappe auf dem Haar, neben ihm war, +blickte sie ihn an, dem der Kopf auf die Brust gesunken war. +Sie hob die Arme: „Ich kann nicht.“ Sie lief, während er sich +nicht bewegte, durch den weißen Garten weg auf die Allee, +schluchzend: „Ich kann nicht.“ +</p> + +<p> +Und erst, als sie eine Stunde gelaufen war, hörte sie auf zu +weinen. Sie sah die schneebeladenen Bäume, die endlos +weiten Felder. Matter war sie. Sie atmete tief. Sie fühlte: +„Ist dies schön!“ Und dann immer: „Ich geh’ zu Marduk.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Horden bildeten in den Lagern ihre barbarischen Sitten +aus. Sie zwangen sich zu hungern, in der Kälte sich halbnackt zu +bewegen, gröbste Ackerdienste zu tun. Die Äcker der Krieger, +von Tag zu Tag neu mit Steinen besät, waren berüchtigt. +<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> +Folterspiele, die dicht an den Tod des Gefolterten führten, waren +im Schwange. Laufen über spitze Kiesel mit nackten Sohlen leitete +ein. Dann nächtiges unerwartetes Kämpfen mit einem starken +Menschen, der die Schlafenden überfiel. Keiner kam dem +Schreienden zu Hilfe; bis zum Tode hatte er sich zu behaupten +und oft führte die Wildheit des Kampfes zum Tode eines, +meist des Neulings. In den Horden hatte man verschiedene +Abzeichen, aber nirgends herrschte despotischer Gehorsam. Die +Gesiebten führten eine Art Ratsversammlung, wobei sie finsteren +Ernst bewahrten, über Neulinge berichteten, Aufnahmen +bestimmten. Vor diesen Versammlungen fanden auch die sogenannten +„Zeichnungen“ der Neuen statt. Das waren in den +Horden, je nach dem Vorwiegen barbarischer oder weißer Elemente, +verschiedene Prozeduren; man wechselte auch in den +Horden selbst damit: Einbrennen von Brustschildern, Zertrümmerung +einer oder beider kleinen Zehen, Ausschlagen von Zähnen. +Bisweilen wurden diese Maßnahmen abseits vollzogen, in der +Regel vor der schweigenden Ratsversammlung, die in erhaltenen +Lagerräumen, alten noch kostbar ausgeputzten Vergnügungsbauten +stattfand. Sitten dieser Art waren seit dem Umschwung +im Märkischen nach dem Uralischen Krieg allgemein geworden. +Die „verlängerte Taufe“ war eine Prozedur, die viele Mütter +an ihren Neugeborenen übten: Unterwasserhalten der Säuglinge +bis zu einem gegebenen Zeichen. Diese „Taufe“ forderte +zahlreiche Opfer und war ein Mittel, überflüssige und ungewünschte +Kinder, besonders weibliche, aus der Welt zu schaffen. +An „Tölpelspielen“ übten sie sich, höchst gefährlichen Spielen, +bei denen Gefangene an nicht sehr wirksame Nahapparate +gestellt wurden. Den Gefangenen gab man zu ihrem Erstaunen +solche Apparate in ihr Gefängnis, das sie burgartig ausrüsten +durften. Aber rasch erlebten sie, was man mit ihnen vorhatte: +nächtliches Fortnehmen der Apparate durch Männer, die sich +einschlichen; denn sie hatten ihre Gefängnisse selbst zu bewachen; +an Ausbruch dachte niemand bei der Nähe der stärksten und +listigsten Menschen und der nicht weit entfernten schweren Fernapparate, +Nebelwerfer Wolkenentwickler Verzauberer Veräscherer. +Plötzlich stand jemand neben ihnen, tat, als wenn er +<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> +sie besuchen wollte, vielleicht verräterische Freundschaft mit +ihnen anknüpfen. Und bald stieß er das gelle Hordengeschrei +aus, lag auf dem erbeuteten unscheinbaren, mit Hebeln Knöpfen +Schiebern versehenen Kasten, blitzte durch den Raum. Bisweilen +kam es zu Schlachten in größeren Gefängnissen. Die +Angreifer mußten sich durch Sprünge aus dem Fenster retten, +büßten ihre Kühnheit mit dem Leben. Von außen kam ihnen +niemand zu Hilfe. +</p> + +<p> +In solch Gefängnis, im Hordenbereich bei Linden, wurde +Angela Castel mit ihren Frauen und einer Anzahl Täuscher +verbracht. Die hellbraune Führerin glaubte, Marduk werde +sie vernehmen; ganz leise hoffte sie, Marduk werde sich ihrer +bedienen gegen Zimbo. Aber er kam nicht. Nur in beschämender +Weise wurden ihre Frauen vor Hordenversammlungen gezogen, +Selbstmorde fanden statt. Darauf setzten die Überfälle +ein, die zuerst in dem Gefängnis niemand verstand, und die Ausrüstung +der Gefängnisse mit Nahwaffen. Eine Ermahnung an +die Gefangenen kam: sie seien selbst Hüter ihres Lebens, es +würde ihnen in Gefahr niemand beistehen. Dann wurde klar: +die Horde betrachtete sich in Kriegszustand mit den Gefangenen. +Entwürdigungen der Frauen ließen nach; man bewahrte sie für +Kämpfe auf. Da begann die Castel mit ihren Frauen sich auf +Krieg einzurichten. Nach zwei Wochen galt ihr Gefängnis als +unnahbar. Die Castel wußte, daß sie unter der Aufsicht von +Fernwaffen stand, aber daß sie vor ihnen unbesorgt sein konnte. +Die Frauen im Gefängnis waren von der größten Wachsamkeit, +das Gerücht von dieser Festung lief zu entfernten Gruppen. +Starke Überfälle wurden auf diese Burg verabredet; viele Männer +kamen um; nur List und waffenlose Gewalt war den Männern +erlaubt. +</p> + +<p> +Da erschien Marduk, wie Tauwetter eintrat, mit seiner +Wache auf dem Platz vor dem Gefängnis am späten Nachmittag, +ließ Frauen und Männer heraustreiben. Er fragte +nach der Castel. Ging schon, als man sie rief, zwischen dem +Haufen hindurch, betrachtete die Menschen, die stumm die Arme +hängen ließen oder sich mit einem Gruß verbeugten. Blasse +schwächliche und starke Frauen; wilde südliche Gesichter, feine +<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> +weiße Züge der Menschen aus den alten Herrengeschlechtern, +zornige und kalte herausfordernde, weichliche Mienen, Augen, +die keine Kenntnis von ihm nahmen. Er kannte sie, die aus den +heimlichen Versuchsstätten hergescheucht waren; besser als +seine jahrzehntelange Beobachtung hatte der westliche Vorstoß, +der Krieg, ihre Hoffnung sie herausgetrieben. Sie konnten +ihrem hochmütigen Drang nicht entsagen; es war ihnen recht, +daß sie hier standen. Ein Hauptmann ging neben Marduk durch +die Schar, die sich überall rasch öffnete und um ihn weit Platz +ließ. Sie schienen, wie die Blicke, die sie sich zuwarfen, das +rasche Anstoßen mit den Schultern zeigten, Furcht vor einem +unvermuteten Angriff zu haben. Aber Marduk ging, während +die Castel ihn seitlich erwartete, durch die Schar. „Was willst +du?“ hob Marduk die pelzbeladenen Schultern, als die Castel +sich vor ihn stellte, klein, mit strengem ernsten Ausdruck. „Du +hast nach mir gefragt. Ich bin Angela Castel.“ Marduk, den +ein Windstoß traf, drehte sich um; er ging hustend mit ihr zwei +Schritt seitwärts: „Es ist eine Frau ins Lager gekommen, eine +Täuscherin wie du, oder doch die Gefährtin eines Täuschers. +Sie heißt Elina.“ „Ich kenne sie nicht.“ „Sie ist wahrscheinlich +selbst eine Täuscherin, obwohl sie aus irgendwelchen Gründen +behauptet es nicht zu sein. Ich habe Veranlassung sie festzuhalten. +Sie kommt in dein Gefängnis.“ Dann drehte er sich ihr +voll zu: „Im übrigen habe ich gehört, daß ihr euch bei Überfällen +gut haltet. Ich möchte dir raten, es nicht zu weit zu +treiben.“ +</p> + +<p> +Die Castel gab den andern, über die sie Gewalt wie früher +hatte, keine Auskunft über das Gespräch mit Marduk. Während +sie ins Gefängnis zurückkehrte, mit zusammengepreßten Lippen, +war ihr klar, daß Marduk wegen dieser Frau gekommen war und +ihm an ihr gelegen war. Sie ballte die Faust. Und als Elina +nach einer Stunde eingebracht wurde, erfuhr Angela Castel, daß +dies die Gefährtin Jonathans, Marduks Freundes, aus dem +Mecklenburgischen sei: So hatte man Jonathan, den leichtsinnigen +von allen geliebten, auch entdeckt. Viele weinten an +dem Abend im Gefängnis. Elina, bei der Castel sitzend, sah es +mit Verwunderung und leiser Freude. „Wir werden Opfer sein. +<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> +Was kann sich der kleine Marduk gegen die Welt behaupten“ +weinten sie trotzig. Elina dachte: „Ich könnte nicht über Jonathan +weinen, selbst wenn er eingesperrt wäre. Dabei bin ich +ihm gut. Was tut Marduk mit mir.“ +</p> + +<p> +Sie erlebte noch in derselben Nacht einen furchtbaren Angriff +der Barbaren auf die Gefangenen. Sie hörte das Todesröcheln +einer erwürgten Frau in ihrer Nähe, das Knattern der kleinen +Glutschleuderer, sah die erleuchteten tobenden entdeckten Männer, +halbnackte, mit bloßen Füßen, über deren Körper die entzündete +Masse wie ein Schleier lief. Unter trockene Lederschürzen +warf man sich; sie lag neben der Castel. „Muß ich das +oft erleben“ fragte sie am grauen Morgen die Castel. Die lächelte +böse, noch liegend: „Solange es den Hunden gefällt, uns anzugreifen.“ +„Weiß Marduk davon?“ „Gut, mein Hühnchen. +Schlaf noch, damit du in der Nacht munter bist.“ „Was hat +er mit mir vor?“ sann Elina. „Er hat mich wie eine Fremde +angesehen.“ Sie mußte tagsüber dauernd zusehen, wie man +tote Männer zum Fenster hinauswarf. Die Zahl der Frauen +verminderte sich. Nacht um Nacht, Tag um Tag wurden welche +geraubt erwürgt erschlagen, kamen von Nachbarapparaten um. +Die angreifenden Horden liebten es Gefangene zu machen; es +galt als besondere Ehre eins von den starken Weibern lebend zu +fesseln. Zum Hohn wurden sie vor dem Gefängnis mit Stricken +geschlagen, um die Gebäude herumgejagt, an einen erhöhten +Pfahl mit geschlitzten Röcken und eingepflanztem Rübenkraut +gebunden. Regelmäßig endete dieser Vorgang mit einer gewaltsamen +echt märkischen Prozedur: mit Ketten hingen die +Gefangenen, während ein Feuer lohte, an dem Eisenpfahl in +der Mitte des Platzes. Sie setzten sich der Erstickung oder Verbrennung +aus, wenn sie sich nicht losrissen. Die Ketten aber +endeten nicht an den Händen Füßen Knien Leibern der Gefangenen, +sondern gingen in Roßhaare aus, die durch die Zunge +Armmuskeln Brustmuskeln gezogen waren. Es war Sache des +Mutes oder der Todesangst der Gefangenen sich loszureißen, +das Fleisch zu zerreißen. Mit Bewunderung oder Verachtung +sahen die Männer dem kämpfenden schreienden zusammenbrechenden +oder davonstürzenden, blutend hinrollenden Wesen zu. +</p> + +<p> +<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> +Die Apparate in den Gefängnissen wurden weniger. Und +als es klar wurde, daß man zu Ende war, fingen die Frauen an, +ihr Augenmerk auf Elina zu richten. Die Castel hielt sie immer +dicht bei sich, beobachtete sie. Elina hatte sich nie für eine Täuscherin +ausgegeben. Die Weiber haßten sie, die Castel mußte +sie schützen. Jetzt bestürmte sie Elina; sie sei eine Freundin +Marduks, sie solle ihnen beistehen. Elina wich aus; sie sei von +Marduk nur eingesperrt worden. +</p> + +<p> +Da fingen die Weiber an sie zu martern. An ein Fensterkreuz +banden sie sie, damit die Krieger draußen sie sähen. Die draußen +kannten Elina nicht, wußten aber, daß der Konsul sie hergeführt +hatte. Sie faßten die Marterung Elinas so auf: die Weiber wollten +den Konsul verspotten. Man machte besondere Jagd auf Elina. +</p> + +<p> +Eine Horde hatte sich bei Linden festgesetzt; deren junge +Mannschaft setzte sich die Ausräumung des Weibergefängnisses +als Ziel. List bei Überfällen gab es nicht mehr. Türen und +Fenster waren mit den letzten Apparaten verbarrikadiert; +unter den Fenstersimsen lagen die haßgepeitschten Weiber. Es +geschah in diesen grausigen Tagen, daß sie unerwartete Hilfe +bekamen: Männer aus der Angreiferhorde selbst, fanatische, +die im halben Einverständnis mit ihrer Horde sich hatten überwältigen +lassen und mörderisch ringend gegen die Angreifer +vorgingen. Der Kampf war hier schwer: das lockte sie. Die +Angreifer hatten es auf die zarte, allen bekannte, Tag um Tag +ans Fensterkreuz gebundene Elina abgesehen. Bei den wütenden +Angriffen erlag Weib um Weib; zu Angela Castel und Elina +drangen sie nicht vor. +</p> + +<p> +Als noch ein kleiner Haufen Weiber übrig war, erbittert eiskalt +schwer erschöpft, kaum imstande die Apparate zu bedienen, +kaum stark genug, in der üblen Luft die Leichen der Männer und +Frauen fortzutragen, gaben sie zuerst den zugekommenen Männern +auf, sich zu entfernen; sie wollten sie nicht mehr. Darauf +hieß es mit der Angela Castel und Elina fertig werden. Es +war, da die Castel sich weigerte, Elina freizugeben, unzweifelhaft, +daß man beide beiseite bringen mußte. Die Castel war +täglich auf die stumme Elina eingedrungen; sie sollte zum Konsul, +nicht um gegen den Tod zu protestieren, aber gegen die +<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> +beispiellose Barbarei. Sie hatte nur einmal eine Antwort bekommen. +Aus gequälten Augen hatte sie die zarte Person angesehen, +ihre Hand genommen: „Er ist kein Mensch; er ist ja +selbst ein Tier.“ Die vertrocknete kleine Angela gab sie nicht frei. +</p> + +<p> +Als die Führerin das Gewisper unter den andern merkte und +beunruhigt verzweifelnd, selbst vorschlug, nach den Männern vor +dem Ende noch dies Weib hinzustrecken, war es schon zu spät. +Die Frauen erfuhren kurz darauf den letzten vernichtenden Angriff. +Die Horden waren, wie man von den Fenstern schon bemerkt +hatte, seit Tagen in ständiger Bewegung, deren Ursache +unbekannt war. Neue Haufen zogen durch den Ort. Geräte und +Fernwaffen wurden vorbeigefahren. Kleine Reiterabteilungen +trabten durch. Die Horde selbst, in deren Bereich das Gefängnis +lag, brannte rückwärts liegende Häuserreihen ab. Ihre jüngste +Mannschaft überfiel vor dem Abrücken noch das Gefängnis, das +eine vorüberziehende Truppe mit einer Fernwaffe hatte ersticken +oder einäschern wollen. In wilder Trunkenheit drangen +sie einzeln vor Nacht ein, nachdem sie unter Gebrüll auf +dem Platz vor der Halle einen riesigen Strick vorbereitet hatten. +Daran banden sie herausstürzende verzweifelt angreifende +niedergezwungene Weiber eins neben dem andern an den +Haaren. Kein Verlust konnte die sinnlos brüllenden, glotzäugig +geifernden, steigenden kletternden drängenden zurückhalten. +Alles was die Truppe hatte quoll ein. Über das Dach und durch +hohe Fenster stiegen sie. Hinter den verbarrikadierten, zwischen +ihnen tauchten sie auf. +</p> + +<p> +Der Strick war auf dem finsteren Platz zwischen zwei Steinpfeilern +ausgespannt, wartete. Aber die drin waren vom Blutrausch +befallen, Männer wie Weiber, kannten und wollten kein +Erbarmen. Das Ringen Würgen Stöhnen Niederkrachen. Die +Männer standen, als sie keinen Gegner mehr fanden und noch +eine Handvoll Weiber für den Strick hinausgetrieben wurden, +da, tobten, schäumten herum, zerschlugen was sie fanden, Betten +Geräte, sprangen aus dem Fenster, zündeten Türen Fensterrahmen +an. +</p> + +<p> +Im lohenden Licht des Feuers unter den stiebenden Funken +die Gefangenen. Dazwischen die halbtote Elina, die schon +<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> +sterbende Castel, der der Bauch aufgerissen war, auf der lehmigen +Erde. Der Strick war zwischen sechs Pferden an beiden +Enden ausgespannt. Er hing am Mundzaum der zerrenden +Tiere. Finstere Nacht zwischen den Ruinen bei Linden. Ein +Trupp von berittenen peitschenbewaffneten Kriegern machte +sich auf, während die Horde johlend abzog, die Gefangenen zu +Marduk zu treiben. Auf die sechs Pferde setzten sich Krieger. +Mit Hott und Hüh, bald langsam, bald im Galopp, über Straßen +Baumwurzeln ging der Weg. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">arduk</span> hatte seine gefährliche Situation erkannt. Er sah die +rätselhafte Haltung Zimbos, des Mannes, den England im +Land abgesetzt hatte, und der sich der feindlichen Triebkräfte +in der Mark bediente. Und zum erstenmal in seinem langen +Konsulat hatte er gefühlt, daß Markes Werk und seines gut war; +es sollte nicht untergehen. +</p> + +<p> +In dem starken Menschen war ein Wohlgefühl aufgebrochen: +Freude an dem Land. Der böse Rest aus seiner Vergangenheit, +Jonathan, einmal in schwerer dunkler nicht zu durchdringender +Zeit, – niemand sollte daran rühren – sein Freund, war zu ihm +gekommen, hatte ihn angespien. Ein Grabstein war darüber +zu wälzen. Dieser Jonathan der sanfte schmerzliche, hatte zuletzt +geglaubt, einen Giftpfeil auf ihn richten zu müssen, hatte +die Elina geschickt. Einmal hatte ihn etwas zu dieser liebenden +Frau gelockt; sie blickte ihn, wie die Horden sie auf der Straße +aufgriffen und herschleppten, sonderbar zage an. Sie wußte +nichts zu sagen, als er sie fragte, was sie wolle. Sie durchschaute +offenbar das Spiel, zu dem sie der rachsüchtig triumphierende +Jonathan mißbrauchte. Vielleicht hatte sie sich selbst dazu hergegeben. +Wie böse dieser Jonathan geworden war. Ein Grabstein +über Jonathan. Die Frau weg. Ins Gefängnis. Zu den +anderen Weibern. Martern über sie. +</p> + +<p> +Zu einem Zeitpunkt, wo niemand es erwartete, knüpfte der +Konsul des machtvollen märkischen Stadtreiches Verhandlungen +mit London an. Nach Frankfurt Bordeaux London ließ er +Boten fliegen, die seine Bereitwilligkeit zu einem Waffenstillstand +<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> +kundgaben. Er werde das Vordringen seiner Männer aufhalten, +die Feindseligkeiten von drüben seien einzustellen. Eine +zustimmende, fast freudige Antwort wurde ihm. Zimbo, erfuhr +Marduk noch aus London, war nicht sicher in der Hand des +neuen Völkerkreises. Wie Marduk seine Verhandlungen den +Hordenführern bekanntgab, wurde er mit Stummheit und +Widerspruch angehört. Mit Kälte erklärte er, er sei noch im +Besitz seiner Garde und unüberwindlicher Apparate. Senat und +Hordenführer vergaßen es ihm nicht. +</p> + +<p> +Sie verbreiteten trotz seines Verbots die Nachricht von den +Verhandlungen mit den Westlichen. Auch seine Worte gegen +sie machten sie bekannt. Unerwartet erfolgten da geheime, dem +Konsul bald nicht verborgene Besprechungen bei den Horden. +Eine auffällige Zahl von Kampfspielen fand statt. Und dann +ein Loswandern aus dem westlichen Gebiet, ein wachsendes +spontanes Fortziehen aus dem Hannoverschen, eine um sich +greifende Unruhe, ein panisches Strömen ostwärts. Marduk +hatte eben erst Kenntnis von den ersten Abwanderungen der +Horden und kleinen Gruppen nach Osten bekommen, da flossen +Massen bis herauf zur hamburgischen Grenze wie eine Schneeschmelze +auf Berlin zu. In einem Sturm, unter Verbrennen +aller rückwärtigen Gebäude, Verschütten der Straßen, bewegten +sie sich auf dieses Zentrum. +</p> + +<p> +Eine Warnung zu Beginn der Bewegung kam von Angelelli. +Er hieß Marduk sich seiner Wache versichern. Dann hörte die +Verbindung mit Angelelli auf. Schwere Waffen mußten die +Horden an sich gerissen haben. Marduk wollte mit einem +Teil seiner treuen Wache auf Berlin fliegen. Die Avantgarde +geriet an eine Strahlensperre. Es konnte Tage dauern, bis sie +aufgedeckt war. +</p> + +<p> +Wie Marduk aus seinem Flugzeug bei Hannover auf die nasse +kalte Erde stieg, hielt an seinem Haus eine kleine unbekannte +Reiterschar. Eine Zahl unberittener Pferde hinter ihr. Auf +einem schmutzigen flankenschlagenden Pferd saß Angelelli, der +schwarze Hauptmann, sprang ab, folgte Marduk ins Haus. Er +drängte heftig mit ungewohnter Erregtheit Marduk zu fliehen. +Ein großer Teil seiner eigenen Schwerwaffen hielte nicht mehr +<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> +zu ihm. Marduks Fernwaffen und seine Wache sei, soweit sie +nicht dicht um ihn sei, verloren. Der eigenen Leibwache Marduks +sei nicht zu trauen. Der Besieger der Castel, Zimbo, der +Schwarze, führe selbst Täuscherhorden. Dies sei nun erwiesen. +Er zeige ein doppeltes Gesicht; gegen seine Krieger das eines +Täuschers wie sie selbst, gegen Fremde das eines Freundes +Marduks. Die Horden strömten Zimbo zu, der Marduks +Verrat trompete. Die panisch verwirrten Horden lockte er an +sich. Marduk solle fliehen. Draußen ständen Pferde. Er, +Angelelli, fliehe. +</p> + +<p> +In dem leeren abendlichterhellten Zimmer warf Marduk +seinen schweren Ledermantel auf den Boden. Auch die Lederkappe +mit dem Stierzeichen des Konsuls zog er ab und warf sie +hin. Die Jacke knöpfte er sich langsam auf. Er atmete die Hitze +seiner Brust aus. Dies hatte Jonathan gesagt, – mit einmal +brannten die verschleierten Augen dieses jünglinghaften schrecklichen +Menschen wieder vor ihm –: er solle fliehen. Die Horden +zogen einen Reifen um sich und liefen diesem Zimbo in die +Arme. Hart sah er an dem schwarzhaarigen Hauptmann vorbei: +wohin er flüchte und wozu. Der, sehr leise, achselzuckend: wir +können nur das Leben retten; sie müßten nach London. Da +entließ Marduk den Hauptmann, nachdem er gefragt hatte, ob +man bis morgen warten könne. +</p> + +<p> +Kurz darauf, in der rasch niederfallenden Dunkelheit, wurde +Pferdetrappeln und Gejohl vor dem Haus laut. Der Hauptmann +klopfte an das Zimmer, in dem Marduk, sein Herz zerreißend, +lag. Marduk möchte herauskommen, dies draußen +sehen. Schnaufend, krank und lahm, mit halbgeschlossenen Augen +schleppte sich Marduk an die Tür, ließ sich, wie gerichtet, kaum +vom Boden aufsehend, ins Freie führen. Fackeln brannten. +Es waren Männer einer Horde. Zwischen ihnen Pferde, die +sie, wie Marduk sichtbar wurde, auseinanderscheuchten. Ein +Strick wurde sichtbar zwischen den Pferden. Daran hingen ein +paar Dutzend Weiberkörper. Langgezogenes Klagen Wimmern. +Die meisten hingen stumm. Ein Kerl rief von seinem +Pferd herunter: dies seien die letzten aus dem Gefängnis von +Linden; sie seien mit der bloßen Hand, ohne Waffen, gefaßt +<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> +worden. Ein anderer schrie: die Castel und die vom Konsul +seien dabei. Die hingen in der Mitte, sagten aber gar nichts +mehr. Marduk stöhnte, sein Gesicht eine tote Bitterkeit. Man +solle die Kerls verjagen. Den Strick losmachen. Die Pferde +weg. +</p> + +<p> +Die Castel war tot. Man brachte nach einer halben Stunde +auf den Gang ihre völlig zerbrochene und zertretene Leiche; +sie war völlig ausgeweidet, der Kopf, zertreten, begann erst in +der Mitte der Nase. Dann legte man drei Körper hin, die zusammenhingen. +Die beiden außen waren tot oder sterbend. +Ihre Rümpfe von innen mit ihren eigenen Kleidern zusammengebunden +und verknotet; drin zwischen ihnen hing Elina, zwischen +den weichen triefenden Massen eingekauert. Sie schrie, wie man +die Körper trennte, das Bündel öffnete. Ihr einer Arm hing. +Sie war blutbegossen, das Haar vor ihrem Gesicht und an Mund +und Nase lehmig angebacken. Die stark gekrümmten Beine +konnte sie nicht strecken. +</p> + +<p> +Marduk im langen Schafspelz bloßhäuptig stand an der Tür, +nahm mit weiten Augen Kenntnis von den Dingen in dem +trüben Gang. Das war ein Zeichen der abziehenden Horden. +Hohn, Hohn wollten sie ihm antun. +</p> + +<p> +Elina wurde aufgehoben; von draußen liefen Männer herein, +trugen sie fort. Bevor Marduk ins Zimmer ging, blickte er +Angelelli an: „Ich habe gesagt: bis morgen. Nicht wahr?“ „Es +wird morgen noch möglich sein.“ +</p> + +<p> +Im Mondlicht bückte sich nach Mitternacht Marduk über das +Strohlager Elinas, neben der eine junge Frau wachte. Der +pelzvermummte Mann betrachtete sie stumm, suchend, suchend, +suchend. Er stöhnte auf dem Stuhl neben dem Bett; die junge +Frau ging ins Dunkel. +</p> + +<p> +Draußen klapperten die Pferde. Der Wächter gab ihm auf +seinen Anruf ein braunes schweres Tier. Zwischen den Häuserreihen, +die niedergebrannt, gesprengt waren, jagte auf dem +Tierrücken auf und ab gestoßen Marduk. Im Norden der Stadt, +auf einem Feld, das die Märker angelegt hatten, hielt er. +</p> + +<p> +Sehr helles gelbweißes blankes gießendes Mondlicht durch +die Luft auf den Boden. Neben dem braunen Tier ging +<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> +Marduk. Stöhnte noch immer. Hätte er Täuscher werden +sollen, hatte Jonathan recht? Die Täuscher siegten, England +und Amerika siegten? Er griff in die kalte bröcklige Nässe der +Erde. Legte sie sich beruhigend auf die Lippen, leckte daran. +Das Pferd neben ihm, der Braune. Der Braune und er standen +zusammen. Er war nicht verloren. Nicht er war verloren. +Marduks Zähne knirschten. Sein Kopf wurde an den Pferdehals +gedrückt. Dies alles Neueroberte, Land und Tier und +Mondschein, hatten die Krieger stehen lassen. In Zimbos, eines +gerissenen Betrügers, Netz liefen sie. Ah, die tobsüchtigen Apparate +mußten weg. Ganz weg. Marduk schwang sich auf +seinen Braunen und pfiff. Die tobsüchtigen Apparate mußten +ewig weg. +</p> + +<p> +Angelelli blieb noch einen Tag, suchte den Konsul. Abends +floh er, westwärts, überzeugt, Zimbo hatte den Konsul wegführen +lassen, Marduks eigene Wache hätte dabei geholfen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> Wittenberg Stendal Magdeburg schoben sich die Banden. +Zimbos Boten empfingen sie auf den Wegen, die von der Elbe +herführten: der Konsul Marduk hat die Stadtlandschaft und die +Sache der Mark verraten wollen; Angelelli ist flüchtig; er werde +das Land beschützen. +</p> + +<p> +Die Horden lagen mißtrauisch am linken Elbufer. Zimbo +kämpfte in seinem Lager mit der stärkeren, schon kaum zu +bändigenden Erregung seiner Krieger. Sie waren in Wut über +die infame Behandlung, die die Castel bei Marduk erfahren +hatte; Zimbo hatte sie ihm ausgeliefert; sie verlangten: Zimbo +solle sein englisches Mandat ausüben und nicht länger hinter +dem Zaun halten. Zimbo sandte Kuriere zu den Horden; dann +erschien er selbst zu einer Führerversammlung bei Wittenberg. +Den Hordenführern war der Kamm geschwollen, seitdem die +schweren Apparate Marduks, die gefährlichsten des Kontinents, +in ihrer Hand waren. Sie verlangten von ihm Beweise, daß er +sie nicht verriet und sich ihnen unterwerfe, bevor sie sich mit ihm +zusammentaten. Er flog, finster sinnend, zurück, bereit, seiner +Truppe den Willen zu tun und sie rasch zu überfallen. +</p> + +<p> +<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> +Da erfolgten in seinem eigenen Lager und im engeren Umkreis +Berlins furchtbare Dinge. Eine teuflische Verräterschar +schien es auf den Untergang der ganzen Stadtlandschaft abgesehen +zu haben. Große Teile der Mekifabriken, sowohl leere +wie eben wieder in Gang gesetzte, flogen in die Luft, wurden +durch künstliche Blitze eingeäschert. Rätselhafte Überfälle auf +Apparate innerhalb des Lagers fanden statt, mit gelegentlicher +Vernichtung wichtigster Teile. Und dieses Unheil betraf sowohl +Zimbo wie die Horden jenseits der Elbe. Es mußten Teile der +Marduk treu gebliebenen Wache sein, Zimbo fürchtete in manchen +Augenblicken, es war ein neuer und zuverlässiger Delegierter +des Völkerkreises. Er ließ den Führern geheim sagen: der +Völkerkreis wolle sie kirr machen, man müsse sich bald einigen. +Inzwischen ließ er Jagd auf die Unwesen machen. +</p> + +<p> +Aber Marduk selbst mit zwei Dutzend Ergebener leistete alles. +Sie hatten Apparate Spiegelkleidung Blender. Marduk +kämpfte für seine Sache. Er vertraute auf die Besinnung seiner +Horden. England würde ihnen nichts antun, die Not würden +sie überwinden. Er kämpfte mit einer ihn selbst durchschauernden +Kraft. Die alten Namen Targuniasch und Zuklati, der +makkabäerhaften Kämpfer früherer Jahrhunderte gegen die Apparate, +wurden in ihm wach; er sprach sie aus. Jetzt erkannte +er sie. Auf diesem Boden stand er. Ihm war, als wenn Schuppen +von seinen Augen fielen. Wie ein Werkzeug, ein störrisch +widerstrebendes, ein Hobel über einem Knollen und Baumstrunk +hatte er sein Konsulat geführt. Alles war gut daran. Er +hatte gelitten, nicht gewußt, wie wohl er tat. +</p> + +<p> +Er dachte immer an die Menschen, die sich in die Maschinen +gestürzt hatten, um sie zu vernichten, die Toten von Calais, +Targuniasch und Zuklati. +</p> + +<p> +Hart sicher und rasch handelte er. Strenger Frost. Zwischen +den sich belauernden Reihen der märkischen Horden und Zimbos +schlug sich Marduk mit seinen Leuten durch, immer zurück ins +Hannoversche kehrend, in sein Quartier. Diese Ortschaften +waren verödet, wenige Menschen hausten noch hier, die Landschaft +fiel in ihre alte Versunkenheit. Zwei Wochen nach der +Flucht Angelellis und dem Abfall seiner Wache ritt er zum +<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> +erstenmal in die Moore südlich des Grinderwaldes. Nach zehn +Tagen kam er das zweite Mal. Rechts und links hatte sich in +die Einöde, bei seinem alten Standort, die Kunde von seiner +Anwesenheit verbreitet. Seine Mannschaft suchte zuverlässige +Gefährten, verheimlichte sich nicht. Marduk selbst erklärte, man +müsse Menschen sammeln, nicht verzagen. +</p> + +<p> +Und er suchte und sammelte in der Gegend seines alten Standortes. +Ein dunkles Gefühl hielt ihn fest, ließ ihn nicht erschlaffen, +trieb ihn weiter. Was war es. Er mußte es vollenden. Jonathan +fiel ihm in stillen Augenblicken ein. Die Treppe heruntergestürzt. +Und gleich hinterher Elina. Diese Frau bei den Pferden, +zwischen den Pferden, an einem Strick hängend. Die +Pferde geiferten, die Krieger höhnten. An dem Strick die Leiche +der Castel, der verruchten, zwischen zwei Toten die andere, die +noch zappelte. Das Haus, in das man die Opfer der Horde gebracht +hatte, war ausgestorben; auf den Gängen braunschwarze +Blutspuren. +</p> + +<p> +Wie einmal Marduk, die großen Augen nach innen gerichtet, +leicht verdunkelt, den langen goldweißen Theatersaal betrat, +den sich ein flüchtiger Herr hier hatte bauen lassen, jetzt mit +Proviant Flaschen Kisten Röhren gefüllt, klang neben ihm +die Stimme eines Mannes, der einen Gürtel in der Hand trug: +ob sie Frauen annehmen dürften. „Nein“ schüttelte Marduk den +Kopf; nicht mehr Frauen, nicht mehr dies. Sie wollten aufbrechen, +sie sollten das Quartier verlegen, östlicher, an die Elbe +heran, sie sollten sich beeilen. Er ging, ohne den weißen Gürtel +anzusehen, den der Mann ihm vorhielt. +</p> + +<p> +Marduk stand auf dem Hügel, auf dem hartgefrorenen Boden, +vor dem starren geborstenen Riesenskelett einer Esche. Die eisige +Luft flog in Stößen über ihn. „Alle Dinge in der Welt müssen +einmal beendet sein“, dachte er, „ich will aufbrechen.“ Er packte +im Haus an einer Bank seinen Tornister. Da hatte ihm der +Mann den Gürtel hingelegt, den er vorhin in der Hand hielt. +Marduk wollte schon die Lippen öffnen, den Mann zu rufen, +da führte er die linke Hand zum Mund, bedeckte ihn. Wessen, +wessen, wessen Gürtel war das: weiß, mit silbernem Zierat. Das +war, – seine Augen erweiterten sich – Jonathans Gürtel. +<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> +„Woher hast du den Gürtel?“ „Eine Frau gab ihn mir; ich sollte +ihn dir zeigen; sie wollte uns helfen.“ +</p> + +<p> +Nach einer Stunde Ritt hielten sie in einer Häuserreihe, die +durch Brand und Sprengungen verschüttet war, vor einem +niedrigen Gebäude, auf dessen flachem Dach Geröll eines niedergestürzten +Nachbarturmes lag. Der Schutt häufte sich vor dem +Eingang. Sie umgingen den Trümmerberg, ein Hund fiel sie +an. Während der Krieger das bellende bissige starke Tier schlug, +– es geiferte zuletzt oben auf den ungangbaren Steinmassen – +rüttelte Marduk an der verschlossenen Tür. Neben der Tür war +ein kleines Fenster. Marduk, im Gefühl, daß ihn seitlich einer anblicke, +zuckte zusammen. Eine Frau streckte den zerzausten Kopf +heraus. Ein blasses mageres Gesicht, das sich verzerrte und aufflammte. +Im Augenblick zog sie den Kopf zurück. Marduk +trommelte gegen die Füllung: „Mach auf.“ Zwischen dem +Hundegekläff hörte er drin rumoren und dann dicht an der Tür +eine leise Stimme: „Du meinst, ich mach dir auf. Ich mach dir +nicht auf.“ „Mach auf.“ Jetzt erkannte er, es war Elina. „Warum +willst du nicht aufmachen?“ „Glaubst du, ich werde mich +noch einmal von dir in ein Gefängnis stecken lassen, du Hund. +Ich bin da, damit du mich quälen kannst?“ „Mach auf, Elina.“ +„Ja mach auf. Mach selber auf. Es wird dir gut bekommen. +Versuch es.“ „Ich will dich sprechen, Elina.“ „Warte, ich will dich +auch sprechen. Geh von der Tür zurück.“ „Was soll ich. Jag deinen +Hund weg.“ „Geh von der Tür weg. Geh bis an den Schutt.“ +</p> + +<p> +Marduk trat, während der Krieger mit dem Hund kämpfte, +der blitzschnell um den Haufen herumsauste, an den Rand der +Steinmasse. Die Tür sprang auf. In der Öffnung wurde ein +mannshohes schmales Gestell sichtbar, das, auf Rädern geschoben, +metallen und gläsern blitzte. Ein Angriffsapparat. Die +Hand an einem Glasgriff bewegte sich das Weib neben ihn; gerunzelte +Stirn, sprühende Augen, ein Mund, der den Atem +zwischen abgezogenen Lippen, zubeißenden Zähnen entweichen +ließ und einsog. Der linke Arm hing schlaff. Sie trug ein weißes +verschnürtes Schaffell wie Marduk. +</p> + +<p> +„Nun, Marduk? Wie ist Ihnen jetzt? Da stehen Sie. Sie +wollen mich etwas fragen. Sie sind wohl geneigt, erst mir zu +<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> +antworten.“ Durch Marduk lief der Gedanke: Schade. Sie +ist eine Täuscherin. Ich bin in eine Falle gegangen. So muß +ich enden. „Ich wollte dich fragen, was mit diesem Gürtel ist.“ +„Jetzt ist Ihnen bang, Marduk. Aber mich haben Sie in das +Gefängnis gesteckt, zur Castel. Ihren Banden haben Sie befohlen, +mit uns zu tun, was sie wollen. Sie wissen, wie es ausgelaufen +ist.“ „Man ist wild mit Euch umgesprungen.“ „Ist +man das? Feige sind Sie also auch. Hat es Ihnen nicht eine +Freude gemacht, als man uns anbrachte, am Strick, hinter +Pferden. War das nicht ein besonderes Vergnügen für Sie? +Da hingen wir. Gestehen Sie’s.“ Das Schreien des Kriegers, +das Heulen des Hundes war so stark, daß beide schwiegen. „Du +bist eine Täuscherin, Elina. Du kommst von Jonathan. Ich +bedaure nichts. Ich mußte dich festsetzen.“ „Weiter.“ „Was +dann geschah, ist nicht meine Sache.“ „Was sprichst du von +Jonathan. Seinen Namen, Bestie, Bestie.“ Und nahm die +Hand von dem Griff, weinte laut in ihre Höhlung. Der linke +Arm krümmte sich im Ellbogen; seine Finger drückten an die +Brust. +</p> + +<p> +Diesen Augenblick während des ununterbrochenen Tier- und +Menschentobens zwischen ihnen benutzte Marduk, um im raschen +Anlauf den Apparat zur Tür herauszureißen. Der rollte polterte +die fünf Stufen herunter, stürzte vornüber, krachte, Glas- und +Metallplättchen streuend. Elina hatte den rechten Arm sinken +lassen, war zwei Stufen dem Apparat nachgesprungen, stand +schlaff da, blickte entsetzt auf Marduk; die Tränen quollen noch +aus den Augen. „So. Also das hast du erreicht.“ Marduk, der +gebückt angelaufen war, richtete sich auf, einen Fuß auf der +untersten Stufe: „Wir können so besser verhandeln.“ „Erst +Jonathan. Dann mich. Daß Menschen wie du geschaffen +werden.“ „Was wolltest du mit diesem Gürtel.“ „Jetzt fragst +du. Ich habe es dir sagen lassen.“ „Du wolltest dich mir anschließen. +Sag selbst, Elina, verdienst du nicht, daß ich dich umbringen +lasse.“ +</p> + +<p> +Stumm blickte sie ihn lange an, sie weinte nicht mehr; ihr +Kopf bewegte sich wie unwillkürlich auf und ab. Mit leiser +Stimme: „Ich will dich nicht auffordern, in das Haus zu +<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> +kommen. Warte. Ich will mir eine Kappe aufsetzen.“ Gleich +erschien sie wieder; lächelte leicht, als sie Marduk nicht an der +Treppe sah. Er rief hinter der Schuttmasse: „Heb deine Arme +hoch, Elina.“ Sie ging die Stufen herunter: „Einen will ich +hochheben, wenn es dir Spaß macht. Den andern hast du mir +festgebunden. Komm nur vor.“ Sie ging, während die beiden +Männer auswichen, frei an ihnen vorbei in der kalten Luft. +Marduk hinter ihr: „Du hast nichts?“ Sie ging mit gesenktem +Kopf weiter: „Komm. Geh mit.“ Erst nach einer Anzahl +Schritte war er neben ihr. „Du willst wissen, Marduk, was ich +mit dem weißen Gürtel wollte. Weißt du, was – ich – überhaupt +– von dir wollte?“ „Wann?“ „Als ich in dein Quartier +kam. Schick den Mann weg. Ich habe keine Waffen. Wenn du +mich umbringen willst, kannst du es zur Not auch allein.“ Er +ließ den Mann, der den Hund getötet hatte und den blutigen +Körper an einem Strick hinter sich herzog, ein Stück zurück. „Du +weißt nicht, warum ich kam, Marduk“, sie sprach seitwärts in +ihren Pelz sich verkriechend, immer von ihm wegsehend, „es ist +auch nicht nötig.“ „Jonathan hat dich geschickt.“ „Nicht sprechen, +nicht sprechen“ ihr Kopf fuhr herum, ihre Augen glühten, „ich +hab dir gesagt, du sollst ihn nicht nennen. Du sollst es nicht. +Nein, du sollst es nicht.“ Und wie sie bitter krampfhaft den +Mund schloß, füllten sich ihre Augen wieder. Sie sah weg, +schluchzte. +</p> + +<p> +„Wo führst du mich hin?“ „Komm.“ Der Straßenweg war +zu Ende. Über einer gefrorenen Wiese, – das Eis, über Tümpel +ausgespannt, knisterte – gingen sie. Ein lichter schmaler lang +hingezogener Wald kam. „Hier. Laß den Mann draußen. Er +kann auf der Wiese warten. Er darf mit dem toten Tier nicht +her.“ Sie wanderten zwischen den Stämmen, unter dem +Liniengewirr der Äste. An einer kleinen mit trockenen braunen +Blättern überschütteten Bodenwelle stand Elina. „Komm.“ +„Bist du müde? Willst du dich setzen?“ Elina den Kopf tief +auf die Brust gedrückt zog sich die Kappe ins Gesicht. Sie +hauchte: „Gib den Gürtel.“ „Hier.“ „Nein. Leg ihn selbst +hin.“ „Wo soll ich ihn hinlegen?“ Elinas Knie sanken; sie drückte +den Kopf in das kalte herunterraschelnde Laub. „Was denn, +<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> +Elina?“ Sie weinte unten ganz leise, ihre Hände griffen in die +Blätter: „Ja hierhin.“ +</p> + +<p> +Marduk seufzte, zwischen die Stämme blickend: „Was ist mit +Jonathan?“ „Du siehst es ja. Dein Freund. Unser Freund. +Mein Freund. Mit dem weißen Gürtel. Du trugst immer den +weißen Gürtel. Einen weißen Mantel, deinen weißen Mantel +trugst du immer so gern.“ „Was ist mit Jonathan?“ Sie +schluckte unten, hell weinte wimmerte sie, zog die klagende +Stimme: „Nicht fragen. Oh, oh. Nicht fragen.“ +</p> + +<p> +Er erzitterte, es überlief ihn. Vom Kopf bis zu den Füßen +lief das Zittern. Er wehrte sich. Es rollte von den Knien und +Schultern, es warf ihn hoch, zog ihn herunter. Er schüttelte +seine Arme, wirbelte und riß an seinen Ellbogen, stieß seine +leeren greifenden Hände nach vorn und rückwärts. Wie er den +Kopf nach hinten bog, um seine übervolle Kehle zu entladen, +schleuderte es ihn auf den Boden, dicht neben die klagesingende +wimmernde sich einwühlende Elina, schräg über den Grabhügel. +Laubwolken flogen über sie beide. Und da lag im weißen +Pelz der große grauhaarige Marduk; die Kappe rollte den Hügel +herunter. Er tobte, streckte die Arme aus: „Nein, nein, nein.“ +Flehte zu Jonathan, rief ihn mit Kosenamen, suchte ihn. Auf +den Rücken warf er sich herum; die Blätter hatte er in den +Händen, rieb sein glühendes aufgedunsenes Gesicht. Er warf +sich auf, am Fuß des Hügels kniete er auf dem Waldboden, den +Rumpf hin und her biegend, im Flüstergespräch mit dem Hügel, +den Kopf immer wieder tief einpressend. Und Marduk pries +Jonathan, umarmte ihn, ließ den Sand das Moos das trockene +Laub nicht los. +</p> + +<p> +Sein Zittern ließ nach, den Kopf hob er, die Hände nahm er +von dem blattbedeckten aufgerissenen zuckenden Gesicht. Elina, +leeren Blicks, stand neben ihm, ein Knie gebeugt auf dem Hügel, +hielt ihm die Hand hin, daß er aufstehe. „Nimm den Gürtel +vom Grabe weg.“ Er suchte sie zu erblicken. „Komm, häng ihn +hier auf. Neben dem – andern da.“ Marduk ließ sich zehn +Schritt führen. Da war eine Eiche. Von einem knorrigen Ast +hing ein kurzer Strick herunter. „Hierher ist er gegangen, +Marduk. Ich weiß nicht wann. Ich lag noch bewußtlos in dem +<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> +Haus. Er soll am Haus nach mir gefragt haben. Und nach dir. +Du – warst auf der Flucht. Ich konnte nichts sagen.“ „Er hat +sich – erhängt.“ +</p> + +<p> +Ihre klangreiche ruhige Stimme: „Er sprach bevor ich wegging, +von dir. Und von seiner Mutter. Darum ist er zu dir +gekommen. Er sagte, er könne dich nicht lassen. Er ist in den +Wald gegangen, als du ihn nicht annahmst.“ „Wie sah er aus, +als man ihn fand?“ „Ich weiß nicht genau. – Ich habe sein +Gesicht noch gesehen. Es war – Marduk, Marduk, – als wenn – +ein Mensch – im Feuer brennt.“ Ihre Schultern zuckten, sie +stieß wieder die hohen Töne aus: „Er brannte. Es ist wahr. +Ich konnte ihm nicht helfen. Ich habe ihm nicht geholfen. Hätte +ich ihm doch geholfen. Und du.“ Marduk stand still. Er hatte +die Augen geschlossen. +</p> + +<p> +Den Gürtel hielt er in der Hand. Als er die Augen geöffnet +hatte, hatte er einen gebundenen zärtlichen Ausdruck. Er +schlang den Gürtel um den Ast, seine Muskeln waren ganz fest, +die Augen hielt er starr auf den Strick, die Finger hielt er zusammengekrampft. +So stand er. Als er den Mund öffnen +konnte, flüsterte er mit noch unbeweglichen Augen: „Und jetzt +ist alles vorbei, Jonathan. Jetzt ist es vorbei.“ Er wiederholte +es tonlos. Den Hals konnte er bewegen, das starre Gesicht Elina +zuwenden. Da fiel er gegen ihre Schulter. Sie hielt ihn mit +ihrem rechten Arm, drängte sich mit der Brust gegen ihn. Er +sank sank gegen ihre Brust; sie mußte sich anstrengen, den weichen +absinkenden Körper hochzuziehen. Er war wie ein Schlafsüchtiger. +</p> + +<p> +Sie ließ ihn vorsichtig auf die Erde herunter, sein Rumpf +hielt am Stamm des Baumes nicht aus, streckte sich lang neben +den pendelnden Armen auf den eisigen Waldboden. Schwer +lag er. Atmete gleichmäßig, seine Züge lose. Elina neben +ihm kniend sprach ihm zu. Dann öffnete er die Augen; die +blickten ins Leere. Sie stützte seinen Kopf, rückte seine Kappe +zurecht. Er ließ sich hochziehen, ging gleich. Sie führte ihn. +</p> + +<p> +Sie kamen zu der Wiese. Der Mann mit dem Hund stand noch +da. Stumm gingen sie über dem knackenden Eis an ihm vorbei. +Kein Wort sprach Marduk, der noch zu schlafen schien, zu Elina, +<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> +die seinen linken Arm festhielt. Die Reihe der demolierten +Häuser. Der Mann mit dem toten Hund schurrte hinter ihnen. +</p> + +<p> +Wie sie um den Schutthaufen vor Elinas Hause gingen, +sprang der Mann warnend vor sie, stellte sich vor Marduk: +„Wohin gehst du?“ Der sah ihn suchend lange an: „Warte hier +draußen. Warte auf mich.“ Sehr langsam stieg er die Stufen +hinauf, Elina hinter ihm. +</p> + +<p> +Lange Minuten schwieg Marduk auf der Polsterbank an der +Wand. Er schien, den Kopf zurückgelegt, immer wieder einzuschlafen. +Der Kopf sank ihm auf die Schulter. Dann suchten +seine großen Augen sie. Sie saß seitlich von ihm am Fenster. +„Du, Elina.“ „Was, Marduk?“ „Was tust du, was tust du +hier?“ „Ich wohne hier.“ „Es wohnt sich hier nicht schön.“ +Er suchte einen Gedanken: „Der Schutt liegt so hoch. Es ist +kalt. Sehr kalt ist es. Der Winter hört nicht auf. Was tust du +eigentlich hier, Elina.“ „Ich wohne hier.“ „Du wohnst hier. +Du müßtest hier nicht wohnen. Du müßtest das Haus abbrechen +lassen. – Jonathan ist tot. Also auch. Das war ein schöner +Jüngling, den ich kannte. Und du hast ihm verziehen, Elina. +Du hast ihm verziehen.“ Sie sah fragend zu ihm herüber. „Du +hast ihm verziehen. Sag’ ja.“ „Ich hatte nichts zu verzeihen.“ +„Er wußte nicht, was er tat, bevor er starb. Als er dich wegschickte.“ +„Er hat mich nicht weggeschickt.“ „Doch. Du sagtest, – +sagtest du nicht, er ist allein gestorben.“ „Ja.“ „Dann hat er dich +doch weggeschickt.“ „Nein.“ „Er wußte nicht, was er tat, Elina.“ +</p> + +<p> +„Er hat mich nicht weggeschickt.“ Marduk hob den Hinterkopf +von der Wand ab, unsicher: „Du bist doch zu mir gekommen. +Bist du nicht –?“ „Ja. Du hast mich dann ins Gefängnis gesteckt.“ +„So bist du doch zu mir gekommen.“ „Ja, aber er hat +mich nicht weggeschickt.“ „Und was ist denn geschehen?“ „Ich – +bin – selbst fortgegangen.“ „Von ihm? Wie er – wie sagtest +du noch – wie er brannte? Bist du fortgegangen. Nein, Elina, +das sagst du nur.“ „Ich bin fortgegangen, Marduk. Ich sag’ es +dir. Ich verberg es nicht.“ „Du hast ihn verlassen“ er stierte +sie an. Jetzt bebte sein Mund. Er stützte die Arme auf die Knie. +Er hob beide Arme über sich: „Das hast du ihm angetan. Du +hast ihn verlassen. Wider seinen Willen.“ Sie knirschte: „Ja.“ +</p> + +<p> +<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> +Ihre Finger krallten sich, ihre Augen funkelten zu ihm herüber; +in Grimm und Schmerz war ihr Mund verzogen: „Hätte ich es +nicht getan! Hätte ich es nicht getan.“ Ihre Füße stießen sie +hoch; sie drängte an die Tür, preßte sich an den Pfosten, stöhnte +zum Boden: „Weißt du, Marduk. Weißt du. Es ist gut, daß +das Haus feststeht. Und daß ich kein Riese bin und es umreißen +kann. Ich würde es jetzt machen. Ich würde, ich müßte das +Haus anfassen, und – und – umreißen. Und über mich schütten. +Über mich. Und – über dich – auch.“ Sie griff in das Holz des +Pfostens. Er sah ihr rasendes Gesicht an, sie schluchzte: „Hin. +Hin.“ +</p> + +<p> +Dann lief sie in kleinen Schritten, immer wieder anhaltend, +in das weite Zimmer. +</p> + +<p> +Marduk fühlte, wie ihn etwas hochschob. Eine ferne Angst +zuckte pucherte über sein Herz. Er wankte hinter ihr her, er +mußte hinter ihr herwanken. Ungleichmäßig, traumbefangen +atmete er. Der Schlaf in allen seinen Bewegungen. Wollte +sich nicht ein alter wohlbekannter Schleier über ihn legen. „Lauf +mir nicht weg, Elina. Warum tust du das. Ich bin kein Mörder. +Ich habe, habe keine Waffen. Ich tue dir nichts. Halt einen +Augenblick still. Ich komme nicht mit. Damit ich dich sehen kann. +Ich tu dir nichts. Lauf nicht. Ich muß dir etwas sagen. Du +mußt mir etwas sagen. So. Du stehst. Du stehst, du. Setz dich. +Ich kann nicht stehen.“ In ihm klirrte es ganz dunkel. Scheiben +einer Stadt bei einer fernen Schlacht. Aber es hielt nicht an. +Es war wie hinter einem Berg. Es wurde keine Qual. +</p> + +<p> +„Laß mich dein Gesicht sehen, Elina.“ +</p> + +<p> +„Was willst du von meinem Gesicht.“ „Ich muß dein Gesicht +sehen.“ In ihm klirrte es nicht mehr. Er fühlte die Ruhe seiner +Muskeln, die abweichende Beängstigung, die tiefe fast +drückende Besänftigung seines Herzens. Wie sanft der Schlaf +war, der sich über ihn ausbreitete. Er nahm ihn hin; er wehrte +sich nicht gegen ihn. Er konnte neben ihr sitzen. Er konnte +neben ihr sitzend, die ihm den Rücken zuwandte, träumen. Es +träumte in ihm: „Ich habe schon einmal bei dir gesessen, Elina. +Auf meiner Burg. In der Stadt. Ich war Konsul. Wenn du +dich an mir rächen willst, tu es. Ich kann es nicht verhindern. +<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> +Lehne dich an mich. O lehne dich an mich.“ Sie drehte sich +langsam um. Tief erzitternd murmelte sie: „Warum? Warum +soll ich mich an dich lehnen.“ +</p> + +<p> +Und dann beugte sie ihren Kopf gegen seine Brust, zitterte +und stöhnte stärker. „Lehn dich an mich, Elina.“ „Ich kann es +nicht, Marduk. Warum soll ich mich an dich lehnen. Ich kann, +ich kann dich – ja – umfassen.“ +</p> + +<p> +Und preßte sich an ihn. Drückte seinen Kopf von rückwärts an +ihren. Er unverändert hielt sie schlaff, blinzelte in ihr Haar: „Das +tust du. Das tust du.“ „Das – ja jetzt. Und du bist da. Du läßt +dich von mir umfassen.“ „Ich will nicht. Es hat keinen Sinn.“ +</p> + +<p> +„Hab Gnade mit mir, Marduk. Blick mich an.“ Es war +schwarz über seinen Nacken und seinen Kopf heraufgelaufen. +Sein Gehirn wurde von einer dichten, immer dichteren +Schwärze erfüllt. Seine blassen Lippen sprachen halbbewußte +Worte: „Zum Fenster hinaus. Ich bin zum Fenster hinausgesprungen. +Halt mich. Fest. Ich falle.“ +</p> + +<p> +Sie schüttelte an ihm. Sein Körper war weich. Der Kopf +lag auf ihrer Schulter. Sie fühlte, wie sie hintastete, Nässe auf +ihrer Schulter. Es war geschehen, daß Marduk auf ihrer Schulter +weinte. +</p> + +<p> +Sie konnte seinen Kopf nicht hochheben. Durch ihn träumte +es: „Ich falle. Radspuren entlang. Einen Feldweg entlang.“ +</p> + +<p> +Er bewegte sich. Richtete sich auf. Sie sah ihm in die weiten +Augen. Er wußte, daß er auf ihrer Spur gewesen war seit dem +Lager in Linden, seit er sie ins Gefängnis schickte. +</p> + +<p> +Sie hielt ihn ganz fest, studierte sein bartüberwuchertes erloschenes +Gesicht. Hauchte drängte: „Marduk. Verzeihung. +Sieh mich an.“ „Ich sehe.“ Seine harte Wange an ihrer, sein +Hals gab weiter nach: „Versucherin.“ „Nicht Versucherin. Ich +bin keine Schlange. Hab Erbarmen mit dir. Hab Gnade mit +dir. Du, mit dir.“ +</p> + +<p> +Er machte sich los. Sah ihr gespannt in die Augen. Stand +auf, stotterte tief erblassend, zu ihr herunterblickend: „Jetzt, +jetzt, jetzt, – Elina! Jetzt falle ich um!“ +</p> + +<p> +Und schwankte vorwärts rückwärts. Polterte, ohne einzuknicken, +nach hinten über einen Schemel, riß ihn seitwärts mit +<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> +sich hin. Er lag ausgestreckt am Boden, auf der Schemellehne. +Tief bewußtlos. Sie zog den Schemel unter ihm weg. Hielt +die Hand an seinen Mund; der warme Hauch kam. Fahl seine +Backen, der Mund offen. +</p> + +<p> +Zum zweiten Male lag er da. Sie tastete unter seinen Kopf. +Kein Blut. Die Mütze schob sie ihm unter. +</p> + +<p> +Sie hastete zusammenfahrend an die Tür, lauschte. Der +Krieger stand draußen unbeweglich am Schutthaufen, er hatte +nichts gehört. +</p> + +<p> +Und wie sie Schritt für Schritt zurückkehrte, ihn liegen sah, +das graue bärtige Gesicht, den langen Körper im weißen Fell, +auf der Diele ihres Hauses, warf sie sich, den Kopf zurückbiegend, +die Arme aufhebend, in wilder überflutender Wonne auf ihn. +Den Pelz riß sie von sich. Die Jacke, das Hemd riß sie von +ihrer Brust, drückte die nackte Haut an sein kaltes feuchtes Fell. +Eng preßte sie sich mit Leib, Armen, Beinen an ihn, umschnürte, +überwogte ihn. Sie achtete nicht, was mit ihm war. Herzte +seine Hände, deckte das Fell auf, küßte sein Knie. Sie öffnete +zerrte den Pelz von seiner Brust. Küßte die Reihe seiner Rippen +entlang, wühlte rieb ihre Brust gegen seine. +</p> + +<p> +Sie sprang glühend auf, an das Fenster. Das öffnete sie still +rasch, nahm eine Hand voll Schnee, klemmte das Fenster zu, +wärmte den Schnee an ihrem Mund, blies ihn an, rieb ihn, hinlaufend +auf Spitzen, über Marduk kniend gegen seine Stirn +Augen seine Lippen. +</p> + +<p> +Es war ihr eine zerreißende Süße, als er im Traum seine +Lippen spitzte, an dem Schnee sog. Sie ließ ihn saugen. Hielt +den Schnee in ihrem Mund. Er sog an ihrem Mund. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ach</span> einer Stunde schob sich Marduk aus der Tür, schickte den +Mann weg. Er selbst ging langsam mit Elina die Straße hinter +dem Mann. Es dämmerte. Die Wiese den Wald durchzogen +sie. Am Waldausgang, sie sahen den Mann kaum, wurden +Marduks Knie weich. Er ließ sich herunter auf den Boden. +Nebel in Schwaden von dem nahen Flusse her. Trübe kleine +Augen machte Marduk, den Kopf drehte er beiseite. „Schönes +<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> +Leben“ flüsterte er, „schöne Bäume, schöne Nebel.“ Sie hob +ihn, er strich über ihre Schultern: „Warum stierst du mich an, +Marduk?“ „Das ist mehr, als ich für möglich hielt.“ Sie hatte +leuchtende Augen; er hatte noch immer den Hang, in Schwindel +zu verfallen, sah von ihren gefährlichen Augen weg. „Schöner +Nebel, schöner Baum“, er hielt sie an sich, „schöner Mensch. +Schöner Mensch. Menschenhaare. Menschenfinger. Menschenohren. +Menschenhals.“ „Sie waren immer da.“ „Menschenhaare. +Menschenhand. Kranke Schulter. Was hab ich gesündigt.“ +„Ich habe noch eine Schulter, Marduk.“ „Gute +Schulter, armes Gelenk, Marduk bittet euch ab.“ +</p> + +<p> +In den Mooren südlich des Grinderwaldes begann Marduk +wieder seine Arbeit. Die Truppe hatte sich, wegen der Gefährlichkeit +der Arbeit und des verdächtigen Namens des Konsuls +in dieser Landschaft nicht vermehrt. Sollte ein Resultat erzielt +werden, mußte jetzt rasch Zimbo und die Horden ihrer Waffen +beraubt werden. Marduks hannoversche Truppe war einer Anzahl +von Unglücksfällen ausgesetzt. Der Erfolg ging hin und her. +Die zarte Elina kämpfte mit. +</p> + +<p> +Bei dem großen Vorstoß, der von Marduk geführt, mit der +Zertrümmerung fast aller schweren Waffen bei den ostelbischen +Banden, der alten Horde, endete, rüstete Marduk, der stark +und kalt wie ein Hirsch herumging, Elina selbst aus. Spiegelkleider +trugen sie alle, an hellen sonnigen Tagen mußten sie +vorgehen. +</p> + +<p> +Wie Marduk die Spiegelfacetten am Gewand Elinas ordnete, +die dachziegelartig übereinandergeschobenen blechernen Streifen, +die nach dem Licht auseinandergezogen und wie Segel gedreht +werden mußten, häkelte sie mit ihrer Hand an ihrem schon geschlossenen +Kragen, warf die gesichtverhängende Kappe hoch. +„Steh ruhig“, bat Marduk. +</p> + +<p> +Sie hob die Kappe ab, zog sich von Marduk weg, schloß die +Tür seiner Kammer: „Nicht das Kleid. Nicht das Kleid. Mich.“ +„Wir kämpfen, Elina.“ „Kämpfen. Aber wir. Und wofür +kämpfen wir.“ „Du weißt es.“ Sie hauchte dicht bei ihm: „Ich +noch – um dich. Du mußt mich kennen.“ „Nicht jetzt, Elina.“ +„Jetzt oder wann sonst. Jetzt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> +Wie sie sich im Stroh umarmten, sah er die ersten Augen +Arme. Sie, den harten sehnigen behaarten Leib umklammernd, +stammelte: „Nichts an mir, was nicht dir gehörte. Laß nichts +an mir. Alles, nimm alles weg. Laß nichts zurück.“ Sie tauchte +in ihm unter, erweichte verwehte. Er atmete: „Sag nicht +Marduk zu mir. Wer ist das.“ +</p> + +<p> +Sie starb fast in der Umarmung, wünschte zu sterben. Er +stammelte an ihrem Hals: „Ich lebe ewig. Ich lebe ewig.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> große Vorstoß, der auf die Gegend von Helmstedt und +Gardelegen erfolgte und den abtrünnigen Banden den Verlust +fast aller schweren Waffen brachte, verminderte die Zahl der +Mitläufer Marduks um die Hälfte. Hier kam Elina um. Wie +sie, selbst unsichtbar, einen unbewacht stehenden Riesenbrandwerfer, +von der Art derer aus dem Gefängnis, auf eine dicht +vorüberziehende Führergruppe der Horde richtete, – im Übermut, +denn nichts hinderte sie an der Zerstörung des Apparates, – +schlug die Flamme auf sie zurück, äscherte sie mit den Männern +ein. +</p> + +<p> +Marduk spornte die Zurückkehrenden an. Man mußte sich +beeilen. Nun war Zimbo, noch im Besitz von Waffen, ungeheuer +den Horden überlegen und konnte sie in die Knie zwingen. +Wenig Apparate hatte man beim letzten Vorstoß erbeutet, +die Spiegelhüllen sehr beschädigt. Es war ein verzweifeltes +Wagnis, das Lager Zimbos, der sich mit starken Sicherungen +versehen hatte, anzugreifen. +</p> + +<p> +Der Versuch mißlang. Mit selbstmörderischem Mut kämpften +die überfallenden Männer, kaum fünfzig, die noch zu Marduk +hielten. Wie eine Maschine, eine Lokomotive nicht an eigenen +Schutz denkt, sondern auf ihren Schienen losrast, sich und fremde +Züge zerschmettert, so drangen sie tollkühn, oft deutlich in ihren +zerrissenen Masken sichtbar, an, zertrümmerten mit Hieben und +Schüssen die empfindlichen Eingeweide der Apparate, die sie +erwischten. Der Hauptteil dieser Leute verendete unter dem +Strahlenschutz vor den feindlichen Apparaten, gegen die keine +Maske half. +</p> + +<p> +<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> +Marduk lief in den Bereich einer Maschine, deren Anwesenheit +er aus den eigentümlichen Kappen und Schutzmänteln der +herumspürenden Männer erschlossen hatte. Nicht weit entfernt +von dieser Maschine stand aber eine zweite, die er nicht +erkannte. +</p> + +<p> +Plötzlich, aufrecht über den gefrorenen Lehmboden schleifend, +fühlte sich der lange unerbittliche Mensch an den Beinen gehindert, +seine Knie zurückgedrängt, die Füße auf den Boden +gedrückt. Weiter drängte er vor, schob sich an, suchte, sich drehend +mit der Flanke durchzubrechen. Dann ablassend, machte er einen +Ruck, um sich loszureißen und loszuprallen oder zu entweichen. +Er fühlte sich federnd, dann starrer pressender festgehalten. Er +senkte den Kopf, trieb keilte das Knie abwärts. Das gelang. Gesicht +und Hals glühten und schwollen ihm unter der Anstrengung +auf. Und langsam langsam konnte er das eine Knie krümmen. +Konnte langsam langsam, als wollte er schweben und fliegen, +den Arm vom Rumpf abspreizen. Er arbeitete wie gegen Stein. +Das andere Knie krümmte er, um sich auf den Boden herunterzulassen. +An der Brust war er festgehalten. War oben so eng +gewaltig verklammert, daß er ringend dagegen die Füße vom +Boden abhob, beide Füße vom Boden abzog. Quer gedreht +erblickte er sie unten und ächzte; quer hingen seine Füße +unten handbreit über dem harten Lehm. Ein Schuh hing +über der Erde, vom Fuß abgezogen; er stand deutlich sichtbar +in der Luft, auf der Spitze, unter dem nackten weißen Fuß, +unter leicht spielenden Zehen. Marduk schwebte. Er sackte langsam +abwärts. Und wie er sich auch mühte durch Stunden +zähen Wühlens Schlagens Stemmens, er drückte seinen Rumpf +nicht auf die Erde herunter. +</p> + +<p> +Vornüber mit Hals und Rumpf schwebte er über dem Boden +wie im Sturz, nach dem Boden drängend, den er nicht erreichte. +Die Arme, gekrümmt erlahmend erschlaffend, lagen wie auf +Kissen, und doch fest wie zwischen Zangen. Nicht die Finger +der flach hingestreckten Hände vermochte er zu krümmen. Und +als er sich im Beginn neuen Anringens wütend um sich selbst +werfen wollte, hielt er unter schrecklichem Schmerz inne. Er +suchte auf seine linke Hand zu blicken. Von da, da kam der +<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> +brennende heulende Schmerz. Die Finger, er sah sie, standen +unnatürlich gestreckt, nach oben abgebogen über dem Handrücken, +so wie sie vorher gestanden hatten. Sie waren gebrochen +umgeknickt. Leise stöhnte Marduk. +</p> + +<p> +Er rang mit seinen Augenlidern. Die Hornhäute vertrockneten +ihm, die Lider, die Lider waren nicht zu schließen. Oh sie schließen +können. Er hielt seinen Rumpf still, er kämpfte nur mit diesen +kleinen Muskeln, den Lidern. Millimeter um Millimeter drückte +er sie herunter, bis nur noch ein Spalt da war. Jetzt, das Glück, +er sah nichts mehr. +</p> + +<p> +Hinter seiner Stirn taumelten Gedanken: „Sie, sie, sie haben +mich. Zimbo hat mich. Ich bin verloren. Die Verbrecher haben +mich. Alles war umsonst.“ Heißer wütender namenloser +Schmerz über ihn. Hinter den blinkenden Streifen des Spiegelschutzes +erzitterte sein blau anlaufendes, dick hochschwellendes +Gesicht. Die Lidspalten füllten sich mit Tränen. Der Brustkorb, +der Hals suchte zu schluchzen. Aber nur ein Heulen Röcheln +kam durch die gepreßten Zähne. Elina war gestorben. +Warum war er nicht mit ihr zur Seite gegangen, nach Westen, +nach Süden, und lebte mit ihr. Warum wollte er nicht mit +ihr leben. Die süße Elina war hingegangen, für nichts, ins +Dunkle Leere, und er ging nach. Jonathan, auch der war +gestorben. +</p> + +<p> +Die Gedanken schwollen wirr hinter seiner Stirn. Ein wachsender +Wald war da, Pferde mit gefangenen Frauen an einem +Strick; man schleifte sie durch die Luft herunter, an dem endlos +langen Strick, über Feldspuren. +</p> + +<p> +Mühsam zog er Luft ein. Der Spiegelschutz scharrte gegen +seine Kehle. Er wollte ihn abreißen. Rüttelte, zuckte gegen seine +schon toten Hände, konnte nicht zu ihnen hinfinden. Wollte +seinen schwarzen Hauptmann, Angelelli, rufen. Die Zunge +rührte sich nicht. +</p> + +<p> +Eingeschlossen eingespannt in einen Sarg war er. +</p> + +<p> +Er weinte bewußtlos immer wilder um Elina. Durcheinander +stürzten über einen Wasserfall, ein Rad, seine Gedanken. +Das Rathaus Schnee-Ebenen Pferde. Und immer wieder +Elina. +</p> + +<p> +<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> +Sein Mund lutschte. Er sog, wärmer summend brummend +knurrend schnalzend an etwas, das man ihm in den Mund steckte. +Elina steckte ihm etwas in den Mund, gab ihm zu trinken. Er +sog schnarchte im Schlaf. +</p> + +<p> +In tiefster Betäubung der hängende, langsam abgleitende +Körper, als auch der Brustkorb sich nicht mehr erweitern konnte, +im Innern das Herz seine Schläge verlangsamte. +</p> + +<p> +Es war Nacht. Der Schuh hing mit der Spitze neben dem +gekrümmten Bein. Da froren die langsam abwärts geronnenen +Tränen über dem verhängten unbeweglichen Gesicht, froren die +Lider zu. Die beiden dünnen Eislagen senkten sich über die +Lippe in den klaffenden Mund. Die Zunge umwuchsen sie. +Den Rachen kleideten sie aus. +</p> + +<p> +Gegen Morgen prüften Männer des Zimbo den Apparat, +verschoben ihn. Da dumpfte und knallte im Nebel der Körper +des zweiten Konsuls auf die gefrorene Erde. Sein Kleid zersprang. +Die aufhorchenden Männer Zimbos sahen auf dem Feld +eine schwarze Masse liegen. Und wie sie näher schlichen, war es +ein Menschenkörper, wie ein Tier starr auf Knien und Händen unbeweglich +am Boden. Vom Kopf hingen ihm metallene Bänder. +Ganz langsam sickerten Blutstropfen aus dem offenen Mund. +</p> + +<p> +Eine schwarze Lache unter ihm. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Gerücht von Marduks Tod wurde von Zimbo unterdrückt. +Als er die Waffenlosigkeit der märkischen Horden festgestellt hatte, +ließ er einen starken Teil seiner bewaffneten Krieger gegen das +märkische Lager nahe Magdeburg marschieren. Er selbst zog unbemerkt +hinter ihnen mit seiner Horde her. Und als die Krieger +sich in einem langen sumpfigen Tal unterhalb des Lagers der +märkischen Führer sammelten, – Zimbo war schon unter den +Führern – gab er seine eigenen Truppen den Horden in die +Hand. Er ließ zu, daß seine Männer, die vertrauensselig folgten, +entwaffnet, gefangengenommen wurden. Am Abend trieb man +sie auf einen Haufen, wollte sie zum Hohn an Marduk schicken. +Zimbo hielt da an und warf seinen Trumpf. Er zeigte ihnen den +gefrorenen Körper Marduks. +</p> + +<p> +<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> +Tief erschreckt standen sie mit Fackeln vor der Leiche, vor dem +sonderbar und unheimlich verbogenen Leib, an dem Zimbo die +Kraft seiner Apparate demonstrierte. +</p> + +<p> +Sie kamen in Beratungen der ganzen Nacht zu keinem Resultat. +Finster forderten sie zurückkehrend von Zimbo, er solle +den größten Teil der Waffen vernichten oder ihnen übergeben. +Sie haßten Zimbo, weil er Marduk getötet hatte. An ihm sich +zu vergreifen war nicht seine Sache. Sie sprachen nicht viel mit +dem schwarzen Plattnasigen, der sich in seinem Zelt hinter +seiner Horde und einem unbezwinglichen Waffenschutz versteckte. +Er fühlte, daß sie knirschten. Die Waffen versprach er ihnen +lächelnd. Nur sei es, mit Rücksicht auf die Gefahr von Hannover +und Hamburg, unklug, sie zu zerstören. +</p> + +<p> +Zwischen Stendal und Wittenberg wurden große Hordenversammlungen +veranstaltet, bei Stendal eine Führerversammlung. +Zimbo, nur selten um sich aus engen Lidspalten blickend, +erschien hier demütig ruhig glatt wie immer. Die märkischen +Führer staunten seine List und seinen Riesenkörper an. Er +murmelte, er verlange keine Unterwerfung, sondern seine Wahl +zum Konsul. Er sei von England geschickt, um das Land für den +Völkerkreis zu gewinnen, habe umgelernt. Er werde die Politik +Markes und Marduks weiterführen. +</p> + +<p> +Marduks Körper war einbalsamiert worden. Bei Stendal +mußte Zimbo auf den eisigen Körper schwören, – der war in +der gekrümmten Haltung balsamiert, wie er auf dem Feld verendet +war –: er werde die nachuralische Tradition fortführen, die +Ausbreitung der Märker betreiben, die Mekifabriken sobald als +möglich vernichten. Das Murren unter den Horden hörte auch +nach dem Schwur und den Besprechungen nicht auf. Bis Zimbo +sich durch zwei Handlungen legitimierte: rasches brutales Niederwerfen +eingedrungener Hamburger in der Lauenburger Gegend, +und nach der Rückkehr Beseitigung von zwanzig widerstrebenden +Hordenhäuptlingen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">or</span> Ausgang des Winters bezog Zimbo das Ratsgebäude der +Stadtschaft Berlin. Er war der dritte Konsul der Stadtschaft, +<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> +der erste, der nicht hier aufgewachsen war. Zu der Zeit, wo der +listige herrschsüchtige Afrikaner den Saal des Ratsgebäudes betrat +und den Raum mit der Schädelpyramide bewohnte, die er +mit den Knochen der getöteten Täuscher und Hordenführer erhöhte, +lösten sich die kriegerischen Märker aus dem engeren +Felde der Stadt, schwemmten wieder über Stendal Wittenberg +ins Hannoversche, reinigten durch Überfälle die Lüneburger +Heide. Noch im Winter zogen Siedlermassen, die sich ins Ausland +unter den Schutz der Mekifabriken geflüchtet hatten, hinter +ihnen her. Zimbo selbst besetzte die restlichen Mekifabriken mit +Männern und Frauen, die ihm durch den Feldzug gefolgt waren, +und hielt sie in Stand, so daß eine große Zahl Menschen, die sich +vergrämt und zur Arbeit auf die östlichen Äcker geworfen hatte, +für den Westen frei wurde und Kriegsdienst tat. +</p> + +<p> +Das gefahrdrohende Treiben an der Grenze der hamburgischen +Seelandschaft hatte wieder begonnen. Statt des fanatischen +zum Ausgleich geneigten Marduk saß ein Renegat des Völkerkreises, +ein machtdurstender listiger falscher brutaler Mann im +Zentrum des märkischen Reichs. +</p> + +<p> +Die kontinentalen großen Zentralen südlich und westlich Berlins +verlangten Ausrottung der märkischen Pest, Beruhigung +des Erdteils. Ihr Aufbäumen war angstvoll, aber lahm. Es +war der hitzige Trieb erliegender Wesen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-6"> +<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> +<span class="line1">Fünftes Buch.</span><br> +<span class="line2">Das Auslaufen der Städte</span> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> +<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">naufhaltsam</span> auf allen Kontinenten des Völkerkreises der +nachuralische Drang. Die Kämpfe der Stadtschaften gegeneinander +waren lärmvoll und gefährlich gewesen; in der Tiefe und +Breite liefen andere mächtige Wünsche. Der heiße afrikanische +Kontinent, von einer unbeständigen Menschenmasse erfüllt, +zuckte zuerst auf. Überfälle, wie in der Mark auf die westliche +Umgebung, erfolgten hier auf die Zentren von allen Seiten. +Die Riesenländer Ebenen Gebirge Haine Flußufer waren +nie völlig leer geworden. Immer tauchten neue Menschenmassen +aus ihnen hervor; die Städte entleerten in die überreichen +Steppen und Urwälder ihre Massen, die gefährlich stöhnend +von Zeit zu Zeit zurückkehrten. Die Schwächung und Entartung +der Stadtmassen gelang nie tief; unterlaufen durchrieselt +waren die afrikanischen Küstenzentralen im Westen Osten +Süden, an der Mittelmeerküste von den Männern und Frauen +aus dem wilden Hinterland. +</p> + +<p> +Die Brotbäume Ölpalmen Wassermelonen hatten nie Erholung +gebraucht, jetzt wuchsen sie in toller Üppigkeit. Das +große Nilland trieb wuchernd Felder von Reis Weizen sechszeiliger +Gerste. Das Sorghumkorn schoß hoch von Ägypten bis +zum Kapland. Die Tiere, Störche Rohrdommeln Papageien +Reiher Halsvögel flogen in Scharen herum, Leoparden und +Löwen trieben sich herum, das rötliche Buschschwein Antilopen +hausten zwischen den Bananen. Die Rudel grauweißer Elefanten; +sie fraßen die gelben runden Palmfrüchte. Ein Heer +von gierigen Affen hockte auf den Bäumen. Regen Stürme +Hitze. Die trägen, von Haschisch Opium, neuen Giften geschwächten +Herren schüttelten sich vor diesen Menschentieren, die aus +den Wäldern und Wüsten unter ihnen auftauchten. Suchten sie +zurückzujagen, wollten sie gefügig machen, nahmen sie auf, +<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> +ließen die Städte vor ihnen beschützen. Zentrale auf Zentrale +wurde von den Unwesen zerstört. Die aus den Wäldern herangetriebenen +Geschöpfe gingen satanisch mit den schwachen hilflosen +Massen um. Es gab Städte, die sich den starken listigen +Stämmen rasch ergaben, und ebenso rasch zerrissen und zertrümmerten +die bösen stolzen Geschöpfe das Gerüst der vertrauensseligen +Städte. Dann irrten Hunderttausende in die +offene Wildnis hinein, erlebten eine kurze Zeit Tag Nacht +Sturm Hitze wilde Tiere, ehe sie verkamen. Auf dem stürmisch +lebenden heißen Erdteil waren längst die Stadtschaften auf das +wuchernd reiche Land ausgelaufen, als in den nördlichen westlichen +Kontinenten die Stadtschaften noch dumpf zerfallen nebeneinanderlagen +und nach sich griffen. In Süd- und Nordamerika +tosten die großen Stadtschaften, voll des höchsten Schmuckes, +zugleich lecke Fässer, die ihren Inhalt nicht mehr hielten. Überall +kämpfend oder getragen Senate Herrengeschlechter Tyrannen, +die die Zügel hielten und nicht wußten, wohin sie lenken +sollten. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> der gebirgigen Nordwestküste Nordamerikas loderte es um +die Zeit, wo der alte Kontinent auf die märkischen Konsulate +blickte. Von den Japanischen Inseln her, Kiuschiu Schikoku +Hokkaido Sachalin Formosa waren in dem Uralischen Krieg +asiatische Scharen, angreifende Mongolen und Sibirier über das +Riesenwasser gefahren. Sie hatten, nur wenige Tausend, die +alte westliche Stadtlandschaft Franzisko und nördlicher Portland +am Kolumbiafluß besetzt, waren, rasch überfallend, über den +Salzsee nach Cheyenne und Denver gedrungen. Die überraschten +Senate hatten kaum Widerstand geleistet. Was an +geübten Männern und Frauen zu den Städten gehörte, stand +zwischen Ural und Wolga, flog und fuhr mit dem Geschwader. +</p> + +<p> +Die Japaner, die Herrschaftssippen verjagend ausrottend, +verließen beim Erlöschen des Krieges nicht den Kontinent. Sie +saßen da, nicht im Auftrag ihrer Völker, auf eigene Faust, zum +Hohn den Westlichen, unter Billigung ihrer Völker, durchschauten +das ihnen fremde eigentümliche Gefüge dieser großen Städte +<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> +mit Neugier. Und wie die Asiaten unter dem Schutz ihrer +Waffen einige Jahre durch die lungernden schlaffen läppischen +Volksmassen geschlichen waren, dachten sie die Städte und um +die Städte herum alles zu verderben. Sie waren frei von der +Sorge der westlichen Senate. Die Völkerstämme, die in diese +großen Stadtreiche des Westens eingeströmt waren, arbeitend +genießend schmarotzend sich vermehrend, stammten aus den +Prärien von Nebraska Dakota Nevada, – Reste von Weißen +Mestizen Zambos Negerabkömmlingen indianischen Mischlingen. +Es wäre nach dem Zerreißen des alten Völkerkreises in +den Städten alles neu einzurichten gewesen. In diesen pazifischen +Zentralen unter mongolischer Oberhoheit stockte bald alles. +Die Asiaten setzten die Selbstverwaltungen von Franzisko Portland +und die im Hinterland Okkupierten unter Druck. Die letzten +großen Sippen, deren Familiengut technische Mysterien waren, +hielten noch die Mekifabriken in Betrieb, suchten Zusammenhang +mit den Massen. Die Städte, desorganisiert hungernd sich +stärker zersetzend, gärten. Man saß gefangen in einer fremden +Festung, in einer Belagerung; der Feind mitten unter ihnen. +Eine wutgeheizte unbeschäftigte Masse trieb sich in den Riesenstraßen +herum, spärlich aufgeklärt über die Dinge, die draußen +abliefen, auf der Suche nach Bundesgenossen. +</p> + +<p> +In der Masse herrschte der alte indianische Glaube von einer +guten und bösen Macht; das Volk befragte Erde Aschen Vogelknochen. +Es traten in Dakota – und wurde rasch über die Westküste +verbreitet – Gerüchte auf: man müsse ausbrechen aus den +Städten, nach Norden, ins Kanadische, ins Land der Irokesen, +an die zerklüftete Küste, auf den Archipel der großen Inseln, in +das Yukonbergland. In den Anlagen von Franzisko erschienen +Männer aus westlichen Städten, die rote runde fremdartige +Steine aus ihren Bergen mit weißen zerschlugen, aus den Splittern +überraschend über die nächsten Vorkommnisse aussagten, +den Durchbruch nach Norden prophezeiten. Wie in der märkischen +Landschaft warfen die Gefesselten in diesen Städten sich +auf Ringen Jagen Anschleichen List und Wildheit, bildeten +kriegerische Geheimbünde. Der Krieg Marduks mit dem Völkerkreis +wurde dunkel bekannt; der Name Marduk lief als +<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> +Geheimzeichen um. Die Asiaten hörten ihn, lachten verspotteten +die Städter: „Marduks!“ +</p> + +<p> +Sie wurden still, als eines Tages die angesammelten Lebensmittelvorräte, +auch ihre eigenen, in Franzisko und Portland +Flammen zum Opfer fielen. Sie standen vor der Frage, ob sie +Millionen verhungern lassen sollten oder ihre Herrschaft aufgeben. +Sie warfen Funken nach Westen in ihre Heimat. Man beruhigte +sie: ob sie Furcht hätten oder Sachwalter amerikanischer Wilder +seien. Sie verdoppelten die Massensicherung um die Städte. +</p> + +<p> +Drei Wochen nach der ersten Vernichtung der Nahrungslager +erfolgte in Franzisko und Portland am gleichen Tage das +Niedersengen der Fabriken selbst. Geheim eingeführte Sprengstoffe +wurden verwandt. Zugleich erfolgte ein Angriff auf die +Wohnsitze der mongolischen Eroberer, der sich zu einem Sturm +der ganzen Stadt auf diese Wohnsitze gestaltete. Nur eine +Stunde war nach der Sprengung der Fabriken vergangen, als +die ersten geängstigten, das Leben wagenden Menschenmassen +von der Brandstätte der Fabriken gegen die Strahlenbarriere +der Fremden um das Ratsgebäude liefen. Sie waren halbnackt +verwahrlost dem Tode nah, Menschenfresser, gehässig auf sich. +Sie erstickten in den Strahlen, fielen auf den gelben welken +Wiesenflächen um die Gebäude. Neue Massen stürmten. Ein +Teil der Haufen kam spät, wollte nach der Peripherie, sah sich +gefangen wie sonst, setzte sich gegen das Zentrum in Bewegung. +Um die Gebäude der Mongolen bildete sich ein Ring von Toten, +der sich von Minute zu Minute erhöhte. Die schmierigen Menschen, +Weiber, die noch Kinder trugen, die gereizten rasenden +Männer, wußten, daß es kein Erbarmen für sie gab und daß das +Mildeste, das sie gegen sich tun konnten, war, hier zu verenden. +Die gefährdeten Krieger, die Mitglieder der Geheimbünde, +hielten noch im Hintergrunde, hetzend: „Fangt sie, fangt sie!“ +Ihr Geschrei brauste in Wellen stundenlang gegen die stummen +Gebäude der Mongolen. Schon war der Berg der Leichen auf +allen Seiten um die freiliegenden Gebäude so hoch, daß man +ihn nur auf Leitern erklettern konnte. +</p> + +<p> +Da begannen unbemerkt Klansbündler sich unter die Menschen +zu mischen. Plötzlich in der Raserei ein Krach: Krach und +<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> +Schlag. Krieger, einzeln vorgehend, den Berg als Deckung +vor sich, warfen Sprengstoffe herunter, herüber, wie sie sie +morgens gegen die Fabriken gebraucht hatten. Die Mongolen, +gereizt, verloren ihre Ruhe nicht. Jetzt war ihnen sicher, die +Unterworfenen wollten Entscheidung. +</p> + +<p> +Da rollten sie die eisernen Tore der Gebäude auseinander. +Die Unterjocher traten sichtbar für die, die oben auf dem +Leichenwall verendeten, heraus. Nur für Sekunden sichtbar. +Sie wechselten ihre Farben mit dem Boden, den sie berührten, +mit dem Hintergrund. Schillernde graugrünliche Körper, von +rollenden blitzenden und flimmernden Gestellen umgeben. Sehr +rasch, kaum den Boden berührend, fuhren sie über die welke +Wiesenebene vor dem Gebäude. Bei ihrer Annäherung rauchte +der Leichenwall, schwelte schmolz. Die Andrängenden hinter +ihm wichen. Aber nur die nächsten. Hinter ihnen lebte die +ganze Stadt. Durch den rauchenden fließenden Leichenwall, +durch die brandenden Menschen gingen die Japaner, die grünlich +schillernden Körper, ab und zu anhaltend und sich vermindernd +unter einem Donnerschlag, aber immer rascher sich bewegend, +nach allen Seiten zuckend. Räumten die Stadt fast +aus, leerten die Straßen. Flogen über die Straßenzüge, +schleuderten Feuer herunter. Sie besänftigten die Menschen +nicht, die ihnen nachliefen, neu auf den dampfüberlagerten +Plätzen auftauchten. +</p> + +<p> +Die glitzernden Körper fuhren bis zum Abend. Im Dunkeln +sausten sie über die schwelenden Anlagen hinunter, tauchten in +das Ratsgebäude. +</p> + +<p> +Die Kleider warfen sie ab, stiegen in die heißen Badebassins. +Sie kicherten, machten Späße. Ihre Frauen erschienen mit +Wein bei ihnen; sie liefen durch das Haus her, umarmten die +Männer. Und als sie sich voneinander gelöst hatten, schlug ein +Tamtam. Sie gingen in bunten langen Kleidern langsam, +Blumen auf den Händen in die große Halle des Erdgeschosses, +den Sitzungssaal. Ein farbiges Buddhabild hing an der Wand. +Sie legten die Blumen vor sich, verneigten sich auf den Boden, +gingen hinaus. Ernst stumm saßen sie im geschmückten Speisesaal +an niedrigen Tafeln, tranken aßen. Der beizende +<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> +beklemmende Rauch zog von dem mächtigen Platz herein, obwohl +Fenster und Türen geschlossen waren. Nach halbstündigem +Schweigen wies der am Kopf der Tafel sitzende Kahlkopf die +beiden Sängerinnen hinaus, die mit ihren Lauten eintraten. +</p> + +<p> +Das Kinn auf die Hand stützend blickte er die Männer in +seiner Nähe an: „Wie alt sind meine Freunde? Sehr jung. +Ist es schade, daß sie die Heimat verlassen haben, über das +Wasser hergeflogen sind? Sie sind sehr jung; da ist nichts +schade. Wann sind Dinge schade, die man in der Jugend begeht? +Wenn sie zu lange dauern.“ Nach erneutem Schweigen +blickte der untersetzte Yari an sich herunter: „Dank, daß du +gesprochen hast. Ich hab’ ein buntes Kleid an; das trägt der +Sieger. Ich möchte Sieger bleiben. Du hast gesagt, was ich +tun muß.“ Sie murmelten und nickten an den Tischen. Nach +und nach standen alle auf. Waren nicht mehr ernst. Lächelten +sich an. Einer rief: „Mögen die Sängerinnen kommen.“ Der +Kahlköpfige strahlte. Und als fünf Mädchen, zierlich, mit roten +Schärpen, augenglitzernd zwischen den Tischen gingen, faßten +die jungen Männer sie bei den Händen. Vor dem zusammengedrängten +Saal, der sich kaum ruhig halten konnte, der summte +flüsterte kicherte, sangen sie zu zweien dreien fünfen. +</p> + +<p> +Im Vollmondlicht durchschnitten sie nach zwei Stunden die +Luft über der dumpfen flammenerhellten Stadtschaft. Lautlos +zerstörten sie die Sperre an der Peripherie, wogten nach Westen, +gegen das uralte rauschende Meer. +</p> + +<p> +Wellen, Wellen, mondbeschienene flinkernde rollende sich verschlingende +Flächen, schwellender tragender Wind. In diesen +Tagen verzogen sich die asiatischen Besatzungen aller amerikanischen +Stadtschaften. +</p> + +<p> +Die Küste aber entlang ergossen sich nach Norden in das Gebirge +hinein die noch lebenden Menschenmassen, die die zurückgelassenen +Städte zuletzt verwüstet hatten. Führer der jetzt +nicht mehr geheimen Bünde rissen die Massen in das freie +Land. Nevada Washington Oregon Idaho ließen sie hinter +sich, in Columbia traten sie wandernd ein, erfüllten, Städte auf +Städte nach sich ziehend, die Flächen zwischen der inselreichen +Küste und den felsigen öden Rocky Mountains. Bis nach +<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> +Yukon herauf, wo sich der Eisgipfel des gewaltigen Eliasberges +reckte, schwollen sie. Manche überstiegen die Pässe des Gebirges +nach Osten, sahen Athabaska vor sich liegen. Tausende versagten +unterwegs und schlugen sich rückwärts. Vorn trieben +und zogen die anfeuernden Steine und Erde befragenden +Führer unaufhaltsam. Ohne Mißtrauen, oft freudig wurden +sie von den Resten der an der Nordwestküste hausenden Muttervölker, +den in kleinen Dörfern hausenden Tlinkit Haidas +Tschimssiwas Biballas empfangen gepflegt geleitet. Viele verelendeten +verunglückten in den nächsten Jahren. Der jähe +Übergang aus der Fürsorge der Riesenstädte an die wilde Kraft +des Meeres, an den Kampf mit Tieren war gnadenlos. Holzfällen, +Jagd auf Lachse mit Speeren und Fallen, Fang von +Dorsch Stint Heilbutten zwischen Inseln, an der Dixoneinfahrt, +in der Chatamstraße, Bärenjagden hieß jetzt das Leben. +Trinken von rohem warmen Blut, Essen von rohen Lebern +wurde heilig. Marduk war schon tot, der machtdürstende Zimbo +saß in dem Ratsgebäude der märkischen Stadtlandschaft, als +die ersten dumpfen Warnungen und Drohungen von diesen +indianisierten unter Propheten stehenden Horden der amerikanischen +Nordwestküste ausgingen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Völkerkreis aber, sich schließend und eben erst festigend, +bewältigte diese beiden Feuer, das märkische und westamerikanische, +nicht. Im Londoner Senat erschienen amerikanische +Vertreter. Sie waren in der schwelenden Landschaft des Nordwestens +zu Hause. Man hatte sie in Washington ausgewählt zu +sprechen. Klokwan war der älteste dieser vier langsamen Menschen, +die in Wolldecken auf den Bänken der Londoner saßen, +die Straßen stumpf betrachteten. Sie hockten stundenlang. Erst +bei ihrem Stäbchenspiel, dem die Östlichen verwundert zusahen, +wurden sie lebendig. Sklaven hatten sie bei sich, Mestizen, und +eine Anzahl tabakkauender Frauen, die hinter ihnen herliefen, +bei den Besprechungen auf Matten an der Erde lagen, mit +Otterfellen bedeckt, den Kopf auf einen Arm stützend. Man +mußte sich mit ihnen in Gärten, im Park unterhalten. +<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> +Geschlossene Räume, besonders die Londoner Riesentürme, +ängstigten sie. +</p> + +<p> +Francis Delvil, der Londoner Senator, ließ ihnen oft zum +Wärmen Weine reichen. Der hagere wohlwollende Mann +hatte ein schlaffes müdes Gesicht bekommen. Sie saßen im +herbstlichen Park von Aldershot zusammen. Seine englischen +Freunde lächelte er melancholisch an, kniff die Lider: „Seh ich +recht, sind wir in derselben Lage wie – soll ich es sagen? – zu +einer schlimmen Zeit. Wie damals als Rallignon, der große +Franzose Rallignon, und Leuchtmar über das Festland fuhren. +Dann kam der Krieg am Ural.“ „Wer ist unser Feind?“ der +rundgesichtige Klokwan, mit tiefbraunem welken Laub spielend, +das man vor ihm aufhäufte, wischte sich die langen grauen +Haarsträhnen von der Nase zurück. „Der Feind, Klokwan, gewiß, +den zu bestimmen ist jetzt schwer. Du hast es gefunden.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß nicht, ob es das Schwerste ist. Wir kommen aus +Amerika, wir flogen auch an der Westküste von Afrika entlang. +Wir sahen da nichts anderes als bei uns, vielleicht schärfer, es +ging wild zu. Die Stadtschaften brennen, sie schlagen sich. +Viele stehen halb leer. Die Menschen sehen ihr Verderben. Sie +fürchten sich davor. Das Mekibrot das Mekifleisch schmeckt +ihnen nicht.“ +</p> + +<p> +„Sie wollen sich in der Wildnis von den Tieren zerreißen +lassen?“ „Es scheint, Delvil. Ich weiß es nicht. Es geht in +Dakota am Mississippi in Mexiko am Salzsee und ganz im +Süden bei uns nicht anders. Ich meine: man muß dies nicht +vergessen. Wie soll man diese Menschen halten. Sie kommen +nicht mehr zu uns. Es liegt eigentlich, verzeih mir, gerade umgekehrt +wie zu der Zeit Rallignons und Leuchtmars, die einen +Krieg anstifteten um ihre Menschen wegzuschleudern, – es ist +doch so? Wir wissen aber nicht, wie sie festhalten.“ +</p> + +<p> +Delvil riß finster an seiner starken Halskette: „Also wo liegt +der Fehler? Welchen Fehler machen wir?“ +</p> + +<p> +Die stämmige breite rotbäckige White Baker: „Erinnerst du +dich, Delvil, und – wo ist Pember? ah du, – du Pember, +unseres Besuchs bei Marduk? In diesem sonderbaren Stadthaus +in der Mark, an der Schädelpyramide, vor den schrecklichen +<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> +Bildern. Mich schauert, wenn ich daran denke. Marduk wollte +nicht nachgeben. Wir sagten ihm, es sei kein Sinn in dem, was +er täte. Er blieb hart. Zuletzt riet ich zum – zum Zugreifen. +Delvil, da warst du es, der den Arm wie ein Boxer krümmte +und sagte: Ist das Land still, so sind wir auch still und sanft. +Wir begießen es wie Regen. Das sagtest du. Ich erinnere mich +gut. Will der Konsul aber anders, so können wir auch Gewitter +spielen. Sagtest du. Wir halten den Marduk zwischen den +Fingern.“ „Das sagte ich. Was willst du damit?“ „Nichts, +Delvil, über deinen Irrtum und über Pember. Was nützt es +jetzt. Wir haben darüber oft gesprochen. Aber ich wiederhole +nun dasselbe wie damals: zugreifen.“ Delvil bog wieder den +Arm: „So hab’ ich damals gemacht, White Baker, nicht wahr? +Aber unser Freund Klokwan hat schon die entscheidende Frage +gestellt. Und sag’ du mir: wo, wenn ich schieße und schlage, wo +ist das Ziel?“ „Es gibt nur den Völkerkreis oder die anderen. +Delvil und ihr, ihr könnt doch nicht daran zweifeln. Und daß +sie uns an den Hals wollen. Daß wir im Begriffe sind, vernichtet +aufgelöst zu werden.“ +</p> + +<p> +Klokwan hatte seine Decke fallen gelassen, gespannt zugehört: +„Ich frage die Frau nochmal, wie der Herr Delvil, wohin sie +ihren Bogen richtet. Francis Delvil, mein großer Freund, +meinte zuerst, wir stünden wie unsere Voreltern vor dem Uralischen +Krieg. Ich sagte nicht so. Wir stehen schlimmer. Er sieht +es selbst. Weil wir doch den Feind nicht haben.“ White Baker +lachte stolz: „Unsere Voreltern hatten auch keinen Feind. Wahrhaftig +sie hatten ihn nicht. Sie machten ihn. Es ist leicht Menschen +zu Feinden zu machen, wenn man überlegen ist. Sie +hatten einen Schmerz in der Brust und dann schlugen sie – +auf die andere Brust!“ Die Frauen auf den Matten lachten ihr +mit blinkenden Augen zu. Klokwan hob seine Decke wieder, blickte +stumm über die Frauen. Seine drei männlichen Gefährten saßen +verhüllt, die Decken über dem Kopf, nur Mund und Nase freilassend. +Klokwan: „Und ihre eigene Brust? Der Schmerz in +ihrer eigenen Brust war dann vergangen?“ White Baker: „Ja.“ +</p> + +<p> +Einer der Männer neben Klokwan hatte seine Decke auf die +Schulter heruntergezogen. Er tuschelte mit einer Frau zu +<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> +seinen Füßen; der Mann flüsterte dann mit Klokwan. Alle +in dem kleinen winddurchhauchten Zelt blickten ihn an. Klokwan +senkte den Kopf zu seinem Nachbarn, bat dann sprechen zu +dürfen. Eine Frau seiner Sippe, die Ratschenila, wüßte etwas, +sie möchte es erzählen. +</p> + +<p> +Die Frau am Boden spuckte den Tabak neben sich, richtete +sich auf, strich sich ihr schwarzes Haar glatt, redete leise und +langsam, während sie die Hände bald auf dem Schoß hielt, +bald rechts und links an ihren Ohrringen. Sie blickte nur die +Frauen neben sich an. Man erzähle bei ihnen in den amerikanischen +Städten eine Geschichte aus der Zeit, wo noch ihr Volk +in den Bergen jagte. Es seien einmal mehrere Mädchen zum +Früchtesuchen in den Wald gegangen, die Tochter eines Vornehmen +war dabei. Sie kamen an einer Tierspur vorbei und +da lag Losung eines Bären. Die Tochter des Vornehmen fing +da an, über das wilde Tier zu spotten: es sei ein langsamer +blinder dicker dummer Gesell. Gegen Abend gingen sie wieder +zurück. Da fiel der Häuptlingstochter der Korb mit den Früchten +aus der Hand. Sie schüttete sie aus, sammelte sie ein; die Gefährtinnen +halfen ihr. Aber nach hundert Schritt fiel ihr wieder +der Korb weg, und nach hundert Schritt wieder. Da wurden +die anderen Mädchen ärgerlich, gingen weiter, ließen sie allein +sammeln. Und wie die Häuptlingstochter zuletzt die Früchte +wieder eingesammelt hatte, waren ihr die anderen aus den +Augen gekommen. Sie stand allein an einem Baum, in der +Dämmerung, fand nicht den Weg. Da kam von der Seite +ein junger schlanker Mann auf sie zu, in einer schwarzen Pelzkappe, +ein ernster ruhiger Mann. Der bat sie, ob er von ihren +Früchten essen könne. Sie gab ihm, erzählte, wie es ihr ginge +und daß sie sich verlaufen hätte. „Warum hast du dich denn verlaufen.“ +„Die andern sind so rasch gegangen, sie haben mir +nicht geholfen.“ Und gleich erzählte sie von der Bärenspur und +der Losung am Weg, lachte und spottete wieder. Der Jüngling +aß nicht mehr von ihren Früchten, kaute an seinen Nägeln, sagte +er wisse den Weg, sie solle kommen. Sie gingen lange; es war +schon ganz dunkel. Da fragte der hübsche Mann nach einiger +Zeit, ob sie noch den Korb trage, und dann nahm er ihn und +<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> +warf ihn weg. Sie schlug nach ihm, weinte. Er sagte, man +könne so besser und rascher gehen, es sei noch weit. Sie wollte +weglaufen. Er nahm sie aber bei der Hand. Da bekam sie +Angst, weil sie jetzt erst merkte, wie er sonderbar ging, der +junge Mann, plump und langsam, so wacklig watschlig. Sie +schrie, sie hätte Herzstiche, sie könne nicht mehr gehen. Und +dann: der Leib täte ihr weh vom Beerenessen. Er sagte, sie +solle nur kommen; sie seien bald da. Da wo das Licht brenne, +sei seine Wohnung. Er sagte aber nicht Wohnung, er sagte: +Wohne. Sie kicherte, faßte ihn an seine Brust, sah ihn an: es +heiße doch nicht „Wohne“, es heiße „Wohnung“. „Doch. Wir +sagen Wohne.“ „Das ist ja Unsinn. Wer seid Ihr denn?“ „Wir? +Du kennst uns doch. Du wirst gleich sehen. Komm nur rasch.“ +</p> + +<p> +Und da war schon ein riesiger gespaltener Baumstamm da, +ein alter toter Ahorn. Aus dem kam rotes Licht und Qualm. +Sie stiegen wie in eine Dachluke ein, gingen vorsichtig tief herunter, +bis sie zu den Wurzeln unter der Erde kamen. Ein kleines +Feuer brannte. Zwei schwarze Grislybären schliefen da nebeneinander, +ein junger und ein alter. Die schnarchten. Ein großer +alter aber kam grunzend mit aufgehobenen Vorderpfoten auf +den jungen Mann und die Häuptlingstochter zu. Die schrie, +wollte kreischend weglaufen. Der Mann hielt sie fest; sie stürzte +über eine Wurzel und riß die Erde herunter. Davon erwachten +auch die beiden anderen Bären. Standen brummend auf, +rieben sich die Augen, schüttelten schwarze Erde von sich, fragten: +wer ihnen ihre Wohne zerstöre. Sie schrien: „Wer zerstört +unsere Wohne?“ Das Mädchen lachte, trotz seiner Angst, +über den Ausdruck, das tölpische Knurren Getue der Grislys. +Der junge Mann nahm da rasch ihren Fuß, warf sie um. Die +beiden Bären taperten an. Da wurde sie ohnmächtig. Und +wie sie aufwachte, saß bei dem Freund ein alter Mann und eine +alte Frau. Die hatten traurige Gesichter. Der junge hübsche +Mann saß neben ihnen, aß Fisch. Die Häuptlingstochter fragte, +wo sie sei. Sie sah ihren Korb, wollte ihn haben und nach Hause +gehen. Der alte Mann und die alte Frau blickten sie aber so +traurig an und sagten, sie sei zu ihnen gegingt in ihre Wohne; +ob sie nicht bei ihnen bleiben wolle. Sie sprachen falsch wie +<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> +kleine Kinder, stießen mit der Zunge an. Der hübsche junge +Mann gab ihr den Korb zurück. Sie solle die Früchte mit +ihm zusammen futtern. Die Eltern hätten auch schon davon +gefuttert, er ließe sie nicht fort. Sie wollte erst nicht, weinte. +Sie sah, daß das die dummen schwarzen Grislys von gestern +waren, und der hübsche junge war nur ein junger Bär. Aber +sie konnte nicht weg. Der junge Bär nahm sie zu seiner Frau. +Und – und – und –: sie blieb da wohnen. +</p> + +<p> +Die Frau lachte die andern an, legte sich auf ihren Arm am +Boden zurück. Der grauhaarige Klokwan sah zu ihnen herunter: +„Und nun spottet ihr nicht mehr über den dicken dummen +schwarzen Bär. Er war doch nicht so dumm.“ „Eine sonderbare +Geschichte, die du uns erzählt hast“, lächelte nach einem +Schweigen Francis Delvil. Dann sah er zu White Baker herüber, +die ihr ernstes Gesicht keinen Augenblick verzogen hatte, +ja deren Gesicht während der Erzählung tiefrot aufgeblüht war: +„White Baker.“ „Was willst du?“ „Ich möchte dich hören.“ +„Wir sprechen ein andermal.“ „Du kannst ruhig hier sprechen. +Wir sind noch bei unserer Frage von vorhin.“ Sie hob abwehrend +beide Arme, schüttelte den Kopf: „Laß, Delvil.“ „Ja, +wo ist das Ziel, auf das ich schießen soll. Blick doch hin, unsere +eigene Brust.“ White Baker stand auf. Sie war blaß geworden. +Die Art der fremden Frau hatte sie offenbar verwirrt. +</p> + +<p> +Als sie später draußen mit Delvil allein ging, sagte sie stockend, +diese Männer und Frauen könne sie nicht als Vertreter Amerikas +anerkennen. Es seien mehr Angehörige der gefährlichen Wilden +aus der Yukon- und Alaskagegend als Amerikaner. Sie redete +erregt und unklar. „Das mag sein“, fand Delvil sie anblickend, +„aber Washington und Neuyork hat sie ausgesucht und läßt uns +durch sie informieren. Das will allerdings verstanden sein. +Es heißt, so sind schon unsere Leute. Wir sind dankbar für den +Wink. Wir sehen. Es ist dieselbe Nuß, die unseren Zähnen +Schwierigkeiten macht.“ White Bakers Augen blitzten: „Zuschlagen, +sage ich. Ich bleibe dabei. Abtrennen. Ja oder nein. +Marduk oder wir. Glaubst du“, und sie stemmte die Arme in +die Hüften, sah ihn erschreckt an, „ja ich glaube, du torkelst in den +toten Baum, in den Ahorn, zu den Bären.“ +</p> + +<p> +<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> +Bei den Unterhaltungen mit Klokwan und in Ferngesprächen +mit Washington und Neuyork wurde klarer, daß man dort schon +keine Möglichkeit für einen neuen Völkerkreis sah. Die Vorgänge +an der Westküste hatten ungeheuren Eindruck gemacht. +Die fürchterliche Bewegung stand noch nicht. Das Auslaufen +ganzer großer Stadtschaften in Afrika erregte Europa und +Amerika aufs tiefste. Die amerikanische Deputation, immer +geneigt abzureisen, wurde von den ängstlich gewordenen Engländern +in London festgehalten. Ein heftiger Streit begann +zwischen London und Neuyork. London ließ durchblicken, daß +nach seiner Ansicht drüben den Industrien und Senaten Männer +und Frauen vorstünden, die aus schwächlichen Sippen wären. +Die alte Tradition sei unterbrochen. Sie fochten mit Worten +über dem Meer hin. Die tücherbehangene Deputation der +Männer Frauen und Sklaven spazierte indessen in den Anlagen +der Stadt, drängte: sie könne nichts weiter sagen und +was sie nach ihrem Kontinent melden sollten. +</p> + +<p> +Es war in diesen kritischen Monaten, in denen der Völkerkreis +schon wieder sich zu lösen begann, wo eben dieselbe White +Baker, die kluge und tatkräftige Frau, umschwenkte, sich auf +seiten Delvils stellte. Aufs heftigste waren Delvil wie Pember +ergriffen, als sehr blaß und still die White Baker eines Morgens +zu ihnen in das Senatszimmer trat, jene bräunliche tuchverhängte +Ratschenila an der Hand, sich setzte und lange nicht +sprach. Die Ratschenila lachte die weiße Frau an, streichelte +ihr die Backen, lehnte den Scheitel an ihren Hals. White Baker +sah wie ein verschämtes junges Mädchen auf ihren Schoß und +ließ es sich gefallen. Auch als sie mit den beiden Männern +sprach, hielt sie die ringgeschmückte Hand der fremden Frau +fest. Ratschenila lächelte die Männer an: „Glaubt ihr, ich sei +schuld, daß White Baker trübe ist und anders redet? Man erzählt +bei uns, es habe einer, ein Mann einen andern, der Jelch +den Kanuk, ärgern wollen und ihm in der Nacht Hundekot +unter die Decke geschoben. Er weckte ihn und sagte: es stinkt +hier. Du Kanuk, steh auf, du hast dich schmutzig gemacht. Ich – +hab’ der White Baker nichts getan.“ Die weiße Frau drückte +ihr fester die Hand, machte kleine Augen: „Wie kommt es, +<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> +Delvil, daß ihr schon viel früher wußtet als ich, was man tun +soll? Wie seid ihr Männer. Oder liegt es nur an mir. Ich bin +jetzt“, und sie senkte den starken braunhaarigen Kopf, „fast bin +ich jetzt mehr geneigt, zu Marduk, zu Zimbo zu gehen als in +London zu sein.“ Der ruhige Pember klopfte ihr Knie: „Es +ist gut, daß es so ist. Man kämpft besser, wenn man weiß, wie +stark der Feind ist.“ „Ich sehe keinen Feind, Pember.“ „Doch. +Heute nicht und morgen doch.“ +</p> + +<p> +Von nichts war die White Baker, die in diesen Tagen einen +kranken gebrochenen Eindruck machte, getroffen worden, als +von der Berührung mit den Frauen dieser Deputation. Zu +ihrer Art, ihren Gesprächen Spielen wurde sie unter Widerstreben, +zu ihrer eigenen Verblüffung gezogen. Als die Ratschenila +die wachsende Neugier und Zugänglichkeit der weißen Frau +sah, näherte sie sich ihr und fesselte fällte sie mit einigen Liebkosungen. +White Baker, deren Backen plötzlich eingefallen waren +und die langsamer sprach, bat, Delvil in seinem Haus aufsuchend, +Delvil Pember und die andern möchten auf sie keine +Rücksicht nehmen. Möchten sich gar nicht von ihr beeinflussen +lassen. Sie sei ein pathologischer Fall. Sehr nachsichtig streichelte +ihr der schlanke Delvil oft die Hand: „Wie denn, White +Baker, bist du ein pathologischer Fall. Wir sind alle pathologische +Fälle. Sieh dir Klokwan an, deine Freundin Ratschenila, +die junge gelbe Kaskon neben ihr: es wackelt bei allen. Warum +bist du ein pathologischer Fall. Es ist nichts weiter, als daß du, +soll ich es sagen, etwas rückständig warst. Ja, White Baker; +jetzt heißt du mit Recht White. Aber ich schenke dir rote Nelken, +rote Tulpen: da spiegelst du dir wieder deine Farbe an.“ +„Warum war ich rückständig, Delvil?“ „Ja. Du warst ein +Anachronismus. Wir weniger als du. Aber auch wir noch ein +klein bißchen. Es heißt, sich immer in die Zeit einfinden. Sonst +ist man töricht störrisch widerspenstig. Es nützt auch gar nichts. +Man ist so nur Stoff für Tragödien.“ „Ich hätte doch stark +bleiben müssen. Marduk war stark.“ Delvil umschlang ihre +Schultern: „Undankbare. Fabelhaftes Seeungeheuer Walfisch, +der immer unter der Oberfläche schwamm und sich jetzt +wundert, wie es oben aussieht. Was hättest du damit geschafft. +<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> +Du bist nicht schwach, weil du gelernt hast, deine Augen zu benutzen. +Ich will dir sagen: Marduk war stark. Seine Bäume +und Zimbos wachsen nicht in den Himmel. Wer sehen kann, +White Baker, schwimmt gern mit dem Strom. Der Strom +hat aber seine Grenzen; es gibt Klippen, der Strom hat auch +einmal ein Ende.“ „Ich kann jetzt gar nichts hören, Delvil.“ +Die Frau löste sich von seinem Arm: „Mir kommt vor, als wenn +ich gar nicht aus dem Wasser an die Oberfläche gekommen bin, +sondern umgekehrt. Aber ich muß vielleicht meine Augen erst gewöhnen.“ +Und sie ging langsam fort. Trübe blieb Delvil sitzen. +</p> + +<p> +Der einige Londoner Senat, des Widerstandes der starken +Frau entledigt, trat von diesem Zeitpunkt an härter gegen die +unsicheren amerikanischen Kapitalen auf. „Nicht die Zügel verlieren, +nicht nachgeben“ fühlten sie; man durfte nicht ausgleiten +hinrutschen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> den britischen Inseln breitete sich damals, nach dem Zurücktreten +der großen Eingottreligionen, aus den Kreisen der +Herrschenden her die Vorstellung von guten und bösen Gewalten +aus, die man erkunden und geschickt benutzen mußte. Es +beteten noch vereinzelte und ganze Landschaften zum alten +Eingott, aber großes Ansehen genossen auf den Inseln wie in +zahlreichen Stadtschaften des europäischen Kontinents schlaue +Männer, die sich den Schein von Zauberern gaben und eine +Technik der Zukunftserforschung ausgebildet hatten. Schon die +früheren fremd und halbwild hin- und herflottierenden Massen +waren dem zauberischen Wesen zugetan, das sich mit dem imposanten +Schein wissenschaftlichen Geheimnisses umgab. Die +jetzt stagnierenden Massen, bald träge, bald geängstigt, durch +ihr eigenes Verkommen, die barbarischen Ereignisse in der Mark +und an der amerikanischen Nordwestküste erschreckt, jedem Krieg +abhold, heimgesucht von einem tiefen Drang sich von der künstlichen +Nahrung, von Maschinen, senatorischer Obhut und Entmündigung +zu entfernen, verlangten nach Wissen um die Zukunft, +vor der sie sich fürchteten. Und um so mehr fürchteten, +je weniger sie ihre Lage zu verändern wagten. +</p> + +<p> +<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> +Totenbefrager Orakelkünder aus Aschen Erden Trankmischungen +saßen damals, als wären sie Priester, in tempelartigen +Häusern, wo sie mit Gehilfen kultartige Handlungen +vollzogen, Heilungsversuche vornahmen. In lautlosen Räumen +unter Tier- und Pflanzenzeichen saßen sie in kleinen Treibhäusern, +flache Wasserbecken vor sich mit Schilf, horchten, den +Wind einlassend, auf das Geräusch der Halme, die scharrten. +Sie hatten, auf Hügeln gelegen, hinter den Tempeln offene +Hallen. Den Boden bedeckten sie mit silberunterlegtem Glas. +Auf die blanke Fläche warfen sie gleichmäßig dünnen Sand, +ließen an bestimmten Tagen den frei herkommenden Wind darüber. +Sagten aus Linien und Anhäufungen wahr. Träume +trug man ihnen zu. Diese Beschwörer und Zeichendeuter hörten +die Träume an, dachten darüber nach, spürten den Mächten +nach, die in die Träume hineinragen, wie eine Walfischherde, +die das Meer beunruhigen, wenn sie hochgehen, und kleine +Boote zum Schwanken bringen. Erfüllt waren um diese Zeit +die Städte vom Glauben an Geister. Je sicherer die herrschenden +Sippen in der Bewältigung der Naturkräfte wurden und +ihre Kenntnisse zu Geheimnissen machten, um so üppiger +wucherten phantastische Vorstellungen. +</p> + +<p> +Von den Schamanen, die sich in ihren finsteren Kapellen +astrologisch, in phosphoreszierenden, oft flammenden Röcken und +langen Haaren, lilienartig weiten Hüten, gaben, in Vogel- Tier- +Pflanzentracht dumpf orakelten, wurden abenteuerliche Gedanken +in die unruhigen Stadtschaften geworfen. Wagen mit den +Ballen Fässern Säcken der Mekinahrung fuhren aus den unterirdischen +Schächten noch täglich in alle Häuser. Arbeitsgruppen +lösten sich ab. Gedunsene fette schwache Menschen, Gemische weißer +und roter Stämme, Scharen dunkler Bastarde trieben sich +herum, kleideten sich prächtig, verlumpten. Die ängstlichen Menschen +waren von Geistern umgeben. Die Schamanen wisperten: +In den Riesenanlagen der Mekifabriken ginge es abenteuerlich +grauenhaft zu: man triebe Steine Sand Erde Salze in die +Höfe der Anstalten. Mahl- und Zertrümmerungsmaschinen arbeiteten +da; in die Häuser wird Wind geblasen; an ungeheure +Becken mit halbtoten Pflanzen, Moos und Algen werden die +<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> +Stoffe geschlämmt, über sterbende Tiere gerieselt. Die lebten +immer weiter, immer weiter. Schon seit der Zeit vor dem Uralischen +Krieg lebten Pflanzen, die grünen Lagen über den +Teichen der Anlagen, zwischen die man Salze und Erde leitete. +Da liegen und zucken Glieder von Menschen, von Negern und +Weißen, die hundert Jahre alt seien und noch älter. Von dem +Geist dieser halb toten und sterbenden Moose Algen Tiere +Menschen, dieser fettzeugenden Därme Lebern Fischrümpfe +Schafsmägen, lebten sie. Wie könnten aus Steinen Erde +Salzen Kreiden Kieseln Wasser Säuren Luft – Speisen werden, +die sie aßen. Die halbtoten, nicht sterbenden hätte man in den +Mekifabriken aufbewahrt. Kein Licht Mond Sonne scheint +drin. Kein Regen fällt. Es gibt nicht Frühling Sommer Herbst +Winter. Nur gläserne Apparate, brennende Öfen, Schlammtröge, +Marmor- und Metallbecken, auf denen unsichtbare Strahlen +liegen, und drin zwingen sie die Stoffe zusammen. Aber +die nicht sterbenden Pflanzen und Tiere werden immer gejagt +zu arbeiten und nicht nachzugeben. Wie ein Müder, ein +rippendürres Geschöpf noch zu Laufen Laufen Laufen gepeitscht +wird, es läßt sich treiben, wimmert mit eingesunkenen +Augen schon nicht mehr unter den Schlägen, so arbeiten diese +erlahmenden Geister. Ob sie nicht schmeckten, wie bitter diese +Speisen an manchen Tagen seien. Und doch sei dieser Geist +das einzige, was sonst in sie käme. Sonst fräßen und söffen +sie Erde Sand Salz Luft. Inzwischen ginge es ihnen nicht +anders wie jenen gefesselten Pflanzen und Tieren. Was nicht +lebt, kann nicht sterben. Sterben ist eine Fähigkeit wie Leben. +Sterben können ist eine Kraft, die nur jemand hat, der leben kann. +</p> + +<p> +Und nun kam das Hauptstück der schamanischen Lehre. Es +sei von ihnen beobachtet und auf tausenderlei Weise festgestellt, +daß die Stadtschaften, Häuser Anlagen Plätze Straßen Treppen +Wege Dächer, über und überfüllt von Geistern seien. Wenn +sie, die Schamanen, sich mit ihren Tüchern einhüllten, so daß +sie nicht geschädigt würden, und dann zu bestimmter Stunde +durch die Straßen zögen und die alten indianischen Worte: „Oh +Igak-chuati“ riefen, „für dich!“ dann könnten sie unter ihren +Gläsern es um sich wimmeln sehen. Im Tempel, auf dem +<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> +Hof, vor der Tür drängten sich die Geister immer. In der +Nähe der Tempel mehr als sonstwo. Hingen da an den Türpfosten +wie Handtücher; lang wie Würmer ziehen sie sich durch +die Schlüssellöcher; wie Rauch fließen sie in die Wände. Man +hält sie für Dampf, durch den man schreiten könne. Aber das +regt sich so kalt unheimlich, kritzelt und kriebelt, läßt Feuchtigkeit +und Nässe auf der Haut zurück; man kann schwer atmen +zwischen ihnen. Sind zahllose Geschöpfe, Menschen Weiße +Mischlinge Farbige Kinder Männer Mädchen, auch Hunde Ziervögel +Katzen. Geht man die Straßen, so werden es Tausende. +In den Parks ist ihr Getümmel furchtbar. Sie verschlingen +sich, hängen schaukeln um Baumkronen. Im Herbst kriechen +sie in die Spalten der Rinden, in Erdlöcher, suchen an die +Wurzeln heranzukommen. Manche Bäume sind von ihnen +überlagert wie von einem Bienenschwarm. Nur wenn die +Schamanen kommen, lösen sie sich ab, schwirren ab, mit einem +Geräusch ganz hoch, als wenn man eine Saite mit einem feuchten +Finger herunterfährt. +</p> + +<p> +„Rufen wir ‚Für dich, für dich!‘ sind sie still, tun so, als wenn +wir nicht da wären, sind emsig wie Ameisen. Was sind das für +Menschen Hunde Ziervögel Katzen? Wir haben welche erkannt +von ihnen. Manche sind nicht von hier, sind weither gewandert +geflattert geschwommen. Aus fremden Stadtlandschaften, östlichen +südlichen Ländern. Viele müssen über das Meer gekommen +sein, wie muß ihnen die Fahrt beschwerlich geworden +sein. Mußten sich an Schiffsmasten hängen, vom Wind sich +werfen lassen, in das salzige Meerwasser schütten und wieder +erheben. Uralte sind dabei. Die Luft und der Drang scheint +vom Süden und Osten zum Westen herüberzugehen. Wir +haben Geister, Schatten aus dem Uralischen Krieg in großen +ungeheuren Zügen angetroffen. Es hat niemand in den westlichen +Städten gemerkt, was da war, das ihn bewegt verstimmt +hat. Sie haben überall, wo sie vorbeigezogen sind, die Menschen +schwach gemacht, ihre Seelen auf Tage gelähmt. Sie irren +immer weiter westlich, über den Ozean, nach Amerika, auf die +großen Gebirge, über Prärien, durch die Städte. Kein asiatischer +Mensch, kein asiatisches Tier ist bei ihnen, obwohl die die +<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> +halbe russische Ebene bevölkern. Wir sind so nah am mittleren +Europa, aber wir haben noch nie einen Menschen gesehen, einen +Geist, der aus Marduks oder Zimbos Land war. Was sind das +für Geister? Nicht sterbende, nicht lebende! Geister von Wesen, +wie wir, die nur geboren sind, nie gediehen sind.“ +</p> + +<p> +Und sie zeigten auf ihre Gläubigen, die dünne Muskeln +hatten, lange trockene Arme. Die Haare fielen ihnen aus, sobald +sie einige Jahre mannbar waren. Die Zeit einer heftigen +überhitzten Brunst war da. Sie verbrannten und konnten nach +fünf Jahren nicht mehr zeugen. Wie die Weiber in ihrem Fett +schmolzen und kaum ein Kind austrugen. Nur dreißig Jahre +verdämmerten sie, dann fielen sie. Ihre Geister, die Geister +ihrer eigenen Eltern Voreltern Geschwister sind es, die die +Städte drängend drückend erfüllen, die sich nicht von den Mauern +Türen Straßen lösen können, wie sie sich schon bei Lebzeiten +nicht lösen konnten. Auf die Bäume fliegen sie, an die Teiche +Seen. Aber die Stadt bringt immer neue hervor. +</p> + +<p> +So schreckten die Schamanen in den Städten. Steigerten +die Angst, die alle vor dem Wohnen Kränkeln Siechen in +diesen Städten hatten. Die Menschen weinten. Vor Jahrzehnten +weinten einzelne, jetzt klagewinselten ganze Städte. +Sahen sich sterben und verwesen. Ihr Leben wurde kürzer. +Ihre Leiber hinfällig. Die Zähne konnten sie mit zwanzig +Jahren schmerzlos mit zwei Fingern aus den Kiefern heben. +Die Menschen wuchsen nicht zur Größe derer, von denen sie +abstammten. Riesig wölbten sich nur überall die Köpfe; die +Stirnen der späten Generationen waren vorgetrieben, die +Augen wichen darunter zurück. In manchen Gegenden wuchsen +die Menschen übermäßig hoch, trieben ihre Knochen zwei Meter +auf; dünne platte Muskeln klebten daran; ihr Gang war langsam; +das Herz sehr klein; diese zerbrachen besonders früh. +</p> + +<p> +Die Menschen, die die Zwanzig überlebten, setzten übermäßig +Fett an. Es gab in den westlichen Landschaften Menschen, die +magere große Köpfe hatten, deren Hals zwischen Fettwampen +schwankte, aber an Arme Beine hängte sich das Fett in förmlichen +Kloben und Säcken, die über ihre Finger und Zehen +quollen, schwerbeweglich zum Gehen Greifen machte. Bei +<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> +manchen wuchs das Fett wie ein bösartiger Parasit über sie +her, mit zunehmender Gewalt von oben nach unten: der Hals +und die Brust blieben noch schmal, freundlich und hilflos blickte +oben ein Kopf her. Von den Brüsten ab schwollen sie an, dicker +polsterten sich die Fettschwarten auf; der Leib warf sich auf +den dreifachen Umfang der Brust, schwankte nicht bei Bewegungen, +stand prall in seiner Masse. Schenkel und Füße paketartig +zementiert, von Wülsten umwickelt. Darin stampften die +Menschen, stöhnten starrten wie Fleischpyramiden. Nach ihren +Rassen setzten sie an oder blieben dünn, wuchsen hoch; Negerabkömmlinge +verfetteten am raschesten. Es wuchsen welche +auf in einigen Gegenden mit kolbenartigen Anschwellungen +und Knoten der Gelenke wie Pflanzen. Schlanke zarte Glieder +bewegten sich in ungeheuren kuglig runden Scharnieren, zitterten +daran. Knotig dick die Ellbogen, kleinen Fingergelenke, Knie, +die Knöchel der Füße und Hände. Rasch konnten sich diese +Menschen bewegen, ihre Muskeln waren die stärksten, aber stockten +erlahmten erstarrten rasch. Sie fühlten alle, dies mochte +von den süßen sonderbaren reichen Speisen kommen, die man +ihnen zutrug, nach denen ihre Eltern und Voreltern verlangt +hatten, von der Untätigkeit, dem Lungern in geschützten Häusern, +auf verdeckten Plätzen und Straßen. Aber es war wie ein +Pferd, das durchging. Man konnte es nicht aufhalten. +</p> + +<p> +Um die Zauberer herum standen Menschen, weinten, die von +Lähmungen befallen waren, die keiner deuten und heilen +konnte. In Massen waren sie gelähmt. Arme und Beine +wurden schlaff, die Augenlider konnten sie nicht anheben, zuletzt +lallten sie, andere fütterten sie. Sie fühlten die Speisen +nicht im Mund, verschluckten sich, erstickten. Es gab keine Ärzte +für diese Menschen. Die Ärzte gehörten den senatorischen +Kreisen an, schwiegen. Hingerissen hörten die Kranken Verelendeten +die Mysterien der Zauberer an. In langen Zügen +fuhren und flogen sie auf die Hügel, wo die Tempelchen standen. +Wie Vögel im Winter um die Näpfe sammelten sie sich hier. +Zeigten sich ihre Arme und Beine. Schrecklich unter dem grellen +Tageslicht die Körper und Blicke. Bei diesen Begegnungen +starben manche. Manche ließen sich nicht zurücktragen. Die +<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> +Zauberer mußten nahe Siedler rufen, die Hütten für diese +Verzweifelten errichteten. Manche erholten sich. Wie sich die +Menschen, aus den warmen künstlichen Städten hergestiegen, +auf den Feldern und Hügelchen ansahen, war ihre Trübsal groß. +Auch grimmige leise und fäusteschüttelnde Anklagen wurden +ausgestoßen gezischt geschluckt. +</p> + +<p> +Bei Bedford sang und schrie eine Frau: „Ich bin ein Weib. +Meine Eltern haben in London gewohnt, meine Großeltern +haben in London gewohnt. Sie kamen aus Afrika oder Amerika, +waren stark. Dann wurde ein Zauber auf sie geübt. Sie waren +schwach. Sie gingen in das Haus der Zauberer. Sie brauchten +keine Furcht mehr haben, zu verdursten und zu verhungern, es +konnte sie keiner mehr über den Haufen rennen. Keiner konnte +sie mehr mit Lanzen Dolchen Gewehren umbringen. Seht +meine Finger, meinen Hals, meine Brüste. Ich bin ein Weib. +Zwanzig Jahr. Zwei Kinder hatte ich. Sind beide gestorben. +Und bin ich lebendig? Jetzt bringt mich kein Gewehr um. Aber +was nun. Bin ich fett? Bin ich ein Mensch? Muß ich jetzt +verenden? Ich will sterben, ich möchte nicht so leben. Ich verfluche +mich, wenn ich mich jeden Morgen sehe. Wer hat mich +so gemacht? Ich selbst. Ich selbst. Ich habe es nicht besser gewußt. +Die Herren in den Städten wissen was sie tun. Sie +sind die Bösen. Die Bösen an mir, an allen. Vor Jahrzehnten +haben sie einen Krieg gemacht. Jetzt führen sie Krieg gegen +mich. Und sagt, ob sie nicht siegen und böse sind. Böse sind sie. +Böse sind sie.“ Die Frau stammelte, lag bei einem Siedler +auf dem Boden, schluckte grünes Gras: „Wären wir alle in die +Erde gesunken mit den Menschen, die in den Krieg zogen. +Welches Leiden ist das. Wäre ich mit meinen Kindern in die +Erde gesunken. Nichts bin ich. Nicht fruchtbar bin ich, nicht +laufen kann ich, nicht greifen kann ich, nicht kann ich schlucken. +Ich bin lebendig begraben. Ich schreie. Ich schreie.“ +</p> + +<p> +Und doch wie die Menschen sich hinwarfen: ihre Angst war +groß, sie könnten die Städte verlieren, müßten aus den Häusern +heraus, man brächte ihnen keine Nahrung mehr, triebe sie, +für den Tag selbst zu denken. Nicht mehr erregt zu Wildheiten +wie die voruralischen Menschen waren sie. Sondern weich zärtlich +<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> +frühreif gedankentief, von Empfindungen durchstrudelt, nach +Reizen gierig, prunksüchtig demütig. Zur Anbetung, zum +Dienen bereit, flatternd von Stunde zu Stunde, lecker, wollüstig +am Leben hängend. Von Zeit zu Zeit liefen Vorstellungen über +die Kontinente, die Verfolgungsideen waren, unter denen sich +diese Menschen bogen, die sie entsetzt nachsprachen, nach einiger +Zeit von sich abschüttelten, schreckhaft vertiefter als vorher. +</p> + +<p> +Und immer neue Menschen unter ihnen. Der Hang des +afrikanischen Erdteils, seine Kinder herüberzuschicken nach Norden +und Westen hatte nicht aufgehört. Der südliche Erdteil, der +seine Häusersiedlungen fast vernichtet hatte, strömte Menschen +aus wie die Sonne Wärme. +</p> + +<p> +Vom westlichen Afrika kamen damals die Menschen, die am +tiefsten und eigentümlichsten in den Städten Europas wirkten. +Das waren Fulbe aus der Gegend der Guineaküste, waren +Mandarah Bagirmi Wadey Ibo Yoruba, kleine Pilgergemeinden +aus Kordofan und Samoa. Sie waren von zierlichem +Wuchs mit gewölbter hoher Stirn, großen offenen ausdrucksvollen +Augen, rötlich braun bis zum Gelblichen die Hautfarbe, +immer auf Taten aus, spielerisch wild, sonderbar gebrochene +Charaktere, bald weich schmelzend, bald unnachgiebig. +Diese waren in alle Städte rasch eingedrungen; ihre Anwesenheit +gab dem ganzen Leben der Städte ein besonderes Gepräge. +Bald wollte niemand den Glanz und die Munterkeit, +die unbezwingliche Naivität dieser rötlichen und braunen Menschen +entbehren, die sich gar nicht geneigt zeigten zu streiten. +Sie hielten sich in Europa auf, als wären sie Regentropfen, +die selbstverständlich da sind, waren betrübt über die Angriffe, +versteckten sich für einige Zeit, kamen wieder hervor. Wie diese +Männer und Frauen von Mandarah und Bagirmi zu singen +und zu erzählen verstanden, war den Europäern unerhört. +Die Lieblichkeit ihrer Erzählungen und Lieder schmolz alle +Herzen. Sie sangen und sprachen wie vor vielen Jahrhunderten +Gaukler und Spielleute im südlichen Frankreich und der +Po-Ebene. Von Bäumen, vom Himmel, den Lüften, der Liebe +zu Weibern, von kleinen Kindern, den Regenröhren, Hirschen, +Tigern, Löwen, der Kälte und Wärme, Schlingpflanzen, bösem +<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> +Zauber. Von Wasserfällen Pelikanen Krokodilen. Dazu von +der Schönheit der großen Städte, in die sie eingetreten waren +und die sie alle mit Namen benannten, was sehr sonderbar +wirkte. Sie umgaben die Straßen Schaufenster Kostüme +Automobile Flugzeuge elektrische und magnetische Apparate +der Städte die Speisen mit Zärtlichkeit, brauchten für sie +Ausdrücke, die den Städtern zuerst lächerlich erschienen, weil +man solche Worte nur an verschollene Dinge zu richten pflegte. +Aber ihre Art enthielt süße Lockung. Man ließ sie ihr Herz +auszwitschern. Sie waren eitel, überaus glücklich, wenn man +ihnen Gelegenheit gab sich zu zeigen. Männer und Frauen +strahlten vor Glück, wenn man ihnen zuklatschte. Dann waren +sie nach einiger Zeit überall zu finden. Und wie sie überall +grasartig ausgewuchert waren, hatten sie ein neues noch nicht +faßbares Element in die klappernden, schon lahmen, noch brausenden +heulenden maschinengewaltigen Weststädte getragen. +Die Männer und Frauen, die die Technik fortführten, die Industrien +leiteten, die stark zusammengeschmolzenen und selbst +erlahmenden Geschlechter an den Mekiwerken, wurden bewegt +von diesen jugendartigen Wesen, um die herum alles wogte. +</p> + +<p> +Aber bald sollten sie, die Herrscher und Leiter, Seelen dieser +sich windenden, schlagartig erzuckenden, weich nachlassenden +Riesensiedlungen, ein anderes Gefühl vor diesen drolligen Menschen +haben. Bei London Havre Hamburg bauten die schauspielernden +Fulbe ihre kleinen Theater. Bauten sie, von den +Lehren ihrer Priester geängstigt, abseits der Städte, in Wäldern, +spielten eindringend und zart, unter ihren Zuhörern und +Zuschauern, Komödien Zauber- und Liebesmärchen. Sehr selten +kam es zu jubelnden lachenden, auch angstvollen Ausbrüchen. +Denn diese zierlichen Fremden wurden langsam mitergriffen +von der allgemeinen Furcht in den riesigen Stadtkörpern. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> spielten das Geschick eines großen Königs. Er bezwang +alle Nachbarkönige und trieb sie schwerleibig mit Siegestrompeten +in sein Haus, gekettet. Die Flüsse und Bäche konnte er +bändigen. Sie mußten laufen, wohin er wollte, mußten seine +<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> +Steppe bewässern, daß Palmen und Brotbäume da wuchsen, +mußten gegen Felsen laufen, bis sie sie unterwühlt und weggespült +hatten, wie er ihnen befahl, mußten in seine Häuser +steigen, durch enge Röhren kriechen, alle seine Stuben durchkriechen, +die wilden Gewässer von den Katarakten. Zuletzt +hatte er soviel Gold und Geschmeide aufgestapelt von seinen +Siegen und Beutezügen, Spangen Ringe Wagen, daß seine +Speicher und Schuppen nicht ausreichten. Die zierlichen Fulbe, +die spielenden braunen Männer und Mädchen, die kraushaarigen, +zeigten, was dann geschah. +</p> + +<p> +Wie der große Herrscher in der Halle seiner Palastwohnung +saß und die Dinge ihm auf den Leib rückten, weil er sie nicht +weglassen wollte, sie immer sehen mußte, um sich in seiner +Macht zu spiegeln. Sie schilderten das Paradies dieses Mombuttilandes +im Innern Afrikas, die sanft gewellten Talniederungen, +deren Gehänge Bananen und Ölpalmen bedeckten, +die Haine, unzähligen Quellen. Dicht wuchs in den Uferwaldungen +Zuckerrohr, süße Bataten auf den sonnenbeschienenen +höheren Hügelflächen, Erdnuß Sesam Tabak auf den +weiten Äckern. Der König aber, wulstiges schwarzbärtiges Gesicht, +die großen Ohrmuscheln mitten von dicken blanken Kupferstäben +durchbohrt, riesig der Hut mit Pfauen- und Papageienfedern +schaukelnd auf dem Kopf, nackt die frauenhaft weiche +Brust, darüber die Zentnerlast der Gold- und Silberketten, +Kupferringe, geschnitzten Amulette, schwere Kupferschienen an +den prallen flachliegenden Unterarmen, um die quellenden +aderstrotzenden Waden; in der herabhängenden Rechten der +sichelförmige ziselierte perlenbesetzte Säbel, – Mansu, der König, +hinter seinem Pallisadenzaun ging nicht mehr aus seinem Palast. +Fetter und fetter wurde er in seinem Prunkstuhl. Seine +Frauen massierten ihn. Jeden Tag mußte eine neue kommen. +Es machte ihm Spaß um sich Bewegung zu schaffen, sie zu +köpfen, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig waren und er sich zufrieden +fühlte auf seinem Stuhl. Die Schmuckgehänge wurden +dichter und dichter um ihn aufgestapelt, Reißzähne von Löwen, +Civetten- und Hewattrenfelle in hohen Lagen, Giraffenschwänze. +Neben seiner Halle waren die Vorratskammern und +<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> +Kornmagazine, seinem Blick gegenüber seitlich vom Gang zur +Tür die Rüstkammer mit Lanzenspitzen Dolchen Schilden +Säbelklingen Hackmessern. +</p> + +<p> +Immer mehr schwoll er, Mansu. Unbeweglich wuchtete +und hing er auf seinem geflochtenen Stuhl, der sein Bett und +sein Tisch geworden war. Immer neue Schmucksachen ließ er +sich um den Nacken an Riemen binden. An seinen Zähnen, +jedem einzelnen hing ein Kupferring an einem Hanffaden. +Unter seinem Hut ließ er das Haar in kleinen Strähnen drehen, +an jede Strähne ein krankheitsbannendes Amulett. Die Haut +der Oberarme und der Schenkel war durchbohrt; Riemen hatte +er sich durchziehen lassen für die Köpfe der Nachbarkönige, die +seine Krieger erlegt hatten. Sein enger Thronsaal, festgezimmert, +nur mit einem Fenster und einer Tür geöffnet, wurde finster +durch die Reichtümer, mit denen er vollgestopft war. Nur eine +kleine Gasse durfte man freilassen. +</p> + +<p> +Da schwang eines Morgens der feiste König Mansu, wie er +gähnend erwachte und den Palmwein neben sich schluckte, sein +Sichelschwert, schrie nach seinen Frauen. Es war noch Dämmerung +draußen. Hinter den Bergen der Löwenzähne und Felle +hörte er seine Horn- und Flötenbläser spielen und die Weiber +singen: „Ih, ih, Mansu tschupi, tschupi ih.“ Er rief wartend, +wieder schluckend, blau vor Wut auflaufend, sich umwerfend, +noch einmal. Vor ihm schwangen in der Luft die großen hängenden +Fliegenwedel, runde Büsche roter Papageienfedern. +Hinter den Fellen tönte das Blasen und Singen weiter. +</p> + +<p> +Aber plötzlich bewegte sich etwas in dem Gang. Durch den +engen Gang kam ein kleiner zierlicher Mann langsam gegangen. +Er zog hinter sich einen Wagen. Verbeugte sich: er hätte Geschenke +von den Babukern zu bringen, die ihm dienstbar wären, +wie der große König wüßte. Und er holte von dem Wägelchen +große runde Klötze herunter, in Blätter gewickelt. Die legte er +neben den König auf die Stapel. Der richtete sich hoch, stierte +ihn an, brüllte: „Ich will meine Frauen“ hieb mit dem Messer +seitlich nach dem niedrigen Mann, der geschickt wegsprang, ruhig +einen Klotz nach dem andern ablud. „Käse. Es sind Käse“ +flüsterte er, „wir sind arme Leute, Ziegenhirten: die Massansa +<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> +haben mehr, die Maoggu haben mehr; wir sind nur Ziegenhirten. +Es ist Ziegenkäse, er wird dir wohlschmecken.“ Mansu +halbaufgerichtet öffnete luftschnappend den Mund, riß an seinen +Amuletten. Immer sangen die Weiber nebenan hinter den +Civettenfellen noch das grelle: „Ih, ih, Mansu tschupi, tschupi +ih“. Und wie der schweißtriefende König vor Gram halb betäubt +ein Amulett an die Stirn drückte, verschwand der niedrige +Mann, meckerte: „Sie schmecken gut, du mußt sie essen. Die +Babuker sind dir treu.“ +</p> + +<p> +Die Fliegenwedel bewegten sich vor dem König. Er riß +die Augen auf, rief. Hinter den Federn wankte nach links und +rechts sich wiegend in dem Gang ein alter Mann, eine große +Strohmatte über Kopf und Leib, die nur seine Augen und seine +Nase freiließ. Er hatte das Aussehen den Gang die Stimme +des Zauberers des Königs. Wollte nicht näher kommen, obwohl +Mansu es befahl. „Du bist krank, Mansu“ flüsterte er +von weitem, warf sich hin aufs Gesicht. „Bring mir einen +Trank, daß ich gesund werde. Sonst schlag ich dich tot.“ Der +Zauberer flüsterte an der Erde: „Ich habe den Trank. Ich habe +gewußt, daß du krank bist. Ich hab ihn mitgebracht. Hier ist +er, an meiner Brust. Vor einer Stunde habe ich ihn im Tempel +gemischt.“ „Gib.“ „Ich kann nicht.“ „Gib. Gib her. Ich +schlage dir den Kopf ab.“ „Du mußt ihn am Wasser trinken, +bei Sonnenaufgang, draußen am Tempel.“ „Gib ihn her. +Ich will nicht draußen.“ „Komm“ lockte der Zauberer, der +zurückgewichen war, „er wirkt sonst nicht.“ Prustend erhob +sich der König, schrie Hilfe nach seinen Weibern. „Du mußt +kommen“, flüsterte der im Strohmantel am Boden. „Die +Sonne geht bald auf, der Trank verdirbt, du kannst sterben.“ +„Warte, warte“ drohte Mansu stehend, fuchtelte vom Thronsitz +heruntertorkelnd sein Sichelschwert. Der Zauberer lockte: +„Komm, komm. Ich stell dir den Trank hierher. Neben die +Tür. Hier. Du kannst ihn sehen.“ +</p> + +<p> +Da war Mansu die Stufe des Thronsessels heruntergestolpert. +Er raffte sich auf. Die schweren Riemen mit dem Prunkgehänge +wollte er sich abreißen. Es gelang ihm nicht. Sein +Arm verhäkelte sich in den Massen der Ringe und Ketten. +<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> +„Hier steht der Trank. Neben der Tür. Beeil’ dich. Die Sonne +geht bald auf.“ Der König ächzte, der Gang war zu eng. Die +Löwenzähne rissen ihm seinen hohen Hut herunter, schlugen +ihm vor den Mund. Er drehte sich zur Seite, er war zu dick, +er kam nicht durch. Er brüllte nach dem Zauberer, nach seinen +Weibern: „Ich kann nicht durch.“ Der Zauberer war verschwunden. +Ganz lustig und leise summten sie hinter den Fellbergen +die Hymne; sie klapperten; der König hörte es gern im +Halbschlaf. Er rang mit den Massen der Tierfelle und Schwänze, +die auf ihn niederrollten. Mit seinem Sichelschwert schlug +er auf sie ein. Er focht mit ihnen. Immer neue fielen herunter. +Er schob an ihnen. Der Trunk war da, die Tür war nicht weit. +Er ließ sein Sichelschwert fallen. Die linke Hand war ihm im +Halsgehänge gefangen; er bekam sie nicht ab. Da drang er +wütend kreischend, mit den Beinen stampfend nach vorn vor. +Mit dem Kopf wollte er sich durch die Berge wühlen. Er drehte +sich um sich. Die schwere Masse der Giraffenschwänze rollte +knatternd über ihn. Er machte sich frei, taumelte in einen +Haufen getrockneter Bananen. Und wie er um sich griff, riß +er die Riemen mit den Löwenzähnen und einen starken Elfenbeinzahn +von der Decke. Die schlugen drückten auf ihn herunter. +Sein Kopf wurde festgepreßt. Die Bananen zerpreßte sein +Hals sein schreiendes Gesicht. Das weiche sämige Mehl quoll +neben seinen Ohren hoch, rann in seine blasenden Nasenlöcher, +stopfte seinen weit aufgerissenen Mund aus. Er schluckte, schluckte +dran, spie, spie, wollte es mit den Händen wegräumen; die waren +neben den Knien festgeklemmt, er fühlte sie nicht. Den Kopf +warf er noch wie ein zappelnder Fisch hin und her. Dann +überrieselte ihn das süße Mehl. Seine Kiefer standen still; +der Krampf in seinen Augen ließ nach. Er erstickte zwischen den +mehligen Früchten, in die seine tretenden Beine sich wie in +ein Moor einwühlten. Seine Frauen fanden ihn nach Stunden, +wie sie mit Flöten anzogen, völlig vergraben in der weichen +zerwühlten Masse. Die Frauen, die Söhne priesen seinen Tod; +sie weinten: es sei der Tod eines Königs gewesen. +</p> + +<p> +Und die braunen Spieler holten den Erstickten aus seinem +gelbweißen Sarg, stäubten ihn ab, stellten ihn auf seine Beine. +<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> +Er stülpte sich seinen Riesenhut auf. Sie tanzten zusammen +um den Hüttenbau herum, bliesen das Mehl fort. Der König +war in einem Lachen, wie er auf seinen Fettbeinen tanzte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> den waldigen Hügeln im Südteil der Stadtschaft London, +bei Guildford am Wayriver, und bei Tunbadge, östlich +davon, spielten sie. Viele kamen zu ihnen heraus. Bald zogen +sie südlicher, ganz außerhalb der Stadtschaft. Im Westen der +Stadt machten sich die kleinen von vielen geliebten Bühnen auf. +Sie trugen die Possenstreiche des Hubeane vor. +</p> + +<p> +Das waren Szenenreihen, bei denen die Spieler improvisierten. +Der Knabe Hubeane zeigte seine Wunderlichkeit. Seine +Mutter geht über ein Feld, den Krug auf dem Kopf. Da schläft +in den Schoten eine Antilope, das kleine Tier. Sie nimmt +einen Stein, erschlägt das Tierchen. Singend schlendert Hubeane +an, schießt mit Schotenkörnern nach der Mutter. Sie +schimpft. Er solle die Erbsen wenigstens essen, wenn er so +junge Schoten abbreche. Da meint er erstaunt, deswegen +schieße er ja nach der Mutter; er traue sich nicht Dinge zu essen, +die nicht bei der Mutter gewesen sind. Sie gab ihm ihren +Tragkorb, zeigte ihm die junge Antilope: „Hubeane, mein +Kind, hilf mir die Antilope in den Korb legen. Und hole +Schoten, damit wir sie ganz zudecken können.“ Er brachte +einen Berg von Schoten, und ob man einem jungen Tier wirklich +so viel Schoten geben solle. Die Mutter sagte, sie wollten +das Wild damit bedecken. Sonst sähen es die Leute und nähmen +es ihnen weg. „Trag die Antilope nach Hause. Und wenn du +Leuten begegnest, die dich fragen, was du trägst, so sage: Ich +trage meiner Mutter Schoten. Aber in deinem Herzen ist es eine +Puti-Antilope.“ Hubeane nahm den Korb, wanderte los. Es +kamen Leute, die fragten, was er trage. Er guckte einen nach +dem andern an, lachte, lachte immer heftiger. Sie fragten, +warum er lache. „Ihr habt wohl meine Mutter getroffen. +Euch hat meine Mutter geschickt.“ +</p> + +<p> +„Deine Mutter ist mit einem Krug über das Feld zum +Wasserholen.“ „Euch hat meine Mutter geschickt. Sie hat mir +<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> +gleich gesagt, daß ich Leute treffen werde, die mich fragen, was +ich in dem Korb trage.“ Und er schüttelte ihnen die Hände, +freute sich über die Klugheit seiner Mutter. Die Leute gingen +ihm aufmerksam nach: „Was trägst du in dem Korb.“ „Ich +trage meiner Mutter Schoten. Aber in meinem Herzen ist es +eine Puti-Antilope.“ Die Leute lachten; was der Junge für +Zeug rede. Dann strichen einige Böse hinter ihm her, deckten +die Schoten ab, sahen das junge Wild, wollten es ihm aus dem +Korb nehmen. Er ließ es aber nicht zu. „Ich muß sie nach +Haus tragen.“ „Trag sie doch zu uns nach Haus.“ Das wollte +er gern. „So, jetzt habe ich die Puti-Antilope nach Haus gebracht“ +seufzte er beruhigt und zufrieden, als er den Korb bei +ihnen absetzte. Sie taten das Wild an den Spieß. Er durfte +ein Stück mitessen, dankte oft. Eine Banane gaben sie ihm in +die Hand. Seiner Mutter ging er entgegen: „Mutter, diese +halbe Banane ist für dich, weil du so klug bist und alles vorausgewußt +hast. Vielleicht, ja vielleicht gibst du sie mir aber +wieder, damit ich sie den Leuten bringe. Sie ließen mich ja +auch von der Puti-Antilope mitessen. Unsere Schoten, sagten +sie höflich, schmeckten so schön.“ +</p> + +<p> +Man gab Hubeane Schafe. Er sollte immer an einem Stein +sitzen, sie hüten. Einmal lag auf dem Wiesenplan ein totes +Zebra. Am Abend trieb er die Schafe heim. Die Männer +fragten ihn, wo er gehütet habe. Er dachte nach: „Heute – hab’ +ich bei einem Stein gehütet, der lauter bunte Streifen hat.“ +Die Leute lachten; einen buntstreifigen Stein gab es in der +Nachbarschaft nicht. Am nächsten Morgen zog Hubeane wieder +auf die Weide, setzte sich zu dem toten Zebra. Das war inzwischen +angefault. Hyänen sprangen um den Kadaver. Und +als der Junge abends nach Hause kam, sagte er, heute habe er +am Hyänenstein gehütet. Die Männer wunderten sich, wie er +spreche: gestern vom buntstreifigen Stein, heute vom Hyänenstein. +Sie gingen mit ihm aufs Feld, fanden das faulende +Zebra. Die Hyänen sprangen davon. Sie schüttelten den Kopf: +„Was tust du, Hubeane. Das ist ein Wild, das gut schmeckt. +Wenn du es liegen siehst, und es ist gefallen, so mußt du rasch +Zweige abhauen, damit es keiner wegnimmt, damit es der +<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> +Geier und die Hyänen nicht holen. Und dann lauf rasch nach +Haus und schreie. Schreie. Wir kommen dann und holen es.“ +Der Junge spitzte den Mund pfiff dankte. Und wie ein kleiner +lahmer Vogel vor seinen Füßen sprang auf der Weide, setzte +sich Hubeane auf ein Schaf, den schweren Stecken in der Hand, +trieb es mit Gejohl auf das Vögelchen, Motantasana genannt, +zu. Das Wild wollte er erlegen. Aber das Schaf wollte nicht +rennen. Da trat ihm Hubeane in die Weiche, sprang ab, warf +eine kleine Grube auf, versteckte sich hinter Laubwerk, das er +abgebrochen hatte, und drang brüllend vor auf das lahme +Vögelchen, das in die Grube hüpfte. Hubeane stieß ein Triumphgebrüll +aus. Er stand schreiend vor der Grube, schlug blind +hinein, schaufelte Erde mit den Händen in das Loch, warf seine +Zweige hin, lief nach Hause. Aus vollem Halse johlte er: „Das +Wild! Das Wild! Ich hab das Wild getötet. Mit eigener Hand +getötet. Kommt. Tragen! Bringt. Tragen!“ Die Männer +liefen mit Messern an, die Frauen schleppten Körbe, liefen auf +den Wiesenplan hinter dem stolz hüpfenden Hubeane. „Hier +ist es. Hier liegt es. Unter den Zweigen. Da!“ Die Männer +arbeiteten, Zweig auf Zweig räumten sie weg. Die Frauen +standen mit Tragkörben, warteten freudig. Hubeane johlte, +kommandierte: „Alle Zweige weg! Und die Erde müßt ihr +wegraffen. Ich habe das Wild in die Grube gescheucht. Es +hat mich nicht gesehen. Hinter dem Laub war ich versteckt. +In die Grube hab ichs gehetzt, hab es erschlagen und erstickt.“ +Und von der Erde, die sie wegräumten, fielen Steine um +Steine. Hubeane haschte nach jedem Stein: „Das ist es nicht. +Das ist es nicht.“ Das Vögelchen fiel. Er juchzte tanzte: +„Da, es zuckt. Da ist es. Es lebt noch. Nehmt die Messer! +Schlagt es tot.“ Die Männer ließen die Hände sinken. Sahen +ihn an, wie er mit seinem Stecken sprang focht. Sahen sich +an. Betrübt schlenderten sie zurück. Die Mutter nahm ihn beiseite: +„Kind. Das ist ein Vögelchen. Das ist ja kein Wild. +Wenn man ein Vögelchen fängt oder man hat es getötet, so +sagt man gar nichts, ruft gar nicht. Man bringt es ganz still +abends nach Haus.“ Er stand mit gespitzten Ohren: „Ich will +es tun, Mutter.“ +</p> + +<p> +<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> +Und einmal kam ein großer Lämmergeier aus der Luft, +warf sich auf ein junges Tier, Hubeane sah freundlich zu unter +seinem Baume, wie der Geier das Tierchen packte und davonflog. +Er lachte über das schreiende Lämmchen: „Warum schreit +das Lämmchen. Jetzt fliegt es mit dem Vögelchen durch die +Luft und schreit noch.“ Der Geier kam nachmittags wieder. +Strich sehr nahe über Hubeanes Sitz. Da dachte der: „Ich +fang ihn.“ Machte seinen Gürtel ab, hielt den dicken Stecken +in der Hand, schlug zweimal dreimal auf den herunterstoßenden +Geier, schlug ihn nieder. Dann band er ihn an seine Jacke. +Der Geier an der Schnur fuhr hackend gegen ihn an, zerbiß +ihm die Arme, riß ihm die Kleider entzwei. Hubeane kämpfte +den ganzen Nachmittag, erschöpfte sich. Er hatte Mühe abends, +mit dem Raubtier springend fallend und es niederdrückend, +seine Herde nach Hause zu treiben. Die Hunde liefen bläffend +um ihn. Kreischend empfingen ihn, der blutete, die Kleider +zerrissen hatte, die Frauen am Eingang des Dorfes. Er, immer +schlagend, keuchte stürzte: „Es ist nichts. Es ist nichts. Ein +Vögelchen. Man darf nicht schreien. Ich hab es angebunden.“ +Und ließ sich auch nachher nicht davon abbringen, als man +ihm sagte, daß der Vogel ein Lämmchen davongetragen +und ihn fast umgebracht hatte. „Das Vögelchen?“ Hubeane +ließ sich staunend verbinden, betrachtete vorwurfsvoll seine +Mutter. +</p> + +<p> +Der Vater hatte seine bösen Streiche über, nachdem Hubeane +ihn vor der Dorfgemeinde durch Übermittelung falscher Aufträge, +durch Berichte von nie stattgehabten Vorfällen lächerlich +gemacht hatte. Er suchte sich Hubeanes zu entledigen. Er nahm +ihn auf einer Tigerjagd mit, versteckte ihn, als man das Tier +umzingelt hatte, in einem ausgehöhlten Termitenhügel, hoffte, +der Tiger würde gejagt in den Hügel stürzen und Hubeane zerreißen. +Das gereizte Tier wurde gegen den Hügel gedrängt. +Der Vater brüllte scheinbar entsetzt: „Hubeane, Hubeane. Der +Tiger!“ Hubeane kam nicht. Auch der Tiger war in dem +großen Bau verschwunden. Die Männer drangen nach einiger +Zeit unter Getrommel gegen den Bau vor. Über und über +mit Erde bedeckt zeigte sich da in der Öffnung des Baus +<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> +Hubeane. „Der Tiger ist nicht drin, ich habe gewartet, daß er +hereinkommen würde. Hab ihm auf der anderen Seite ein Loch +gegraben. Und wie er hereinstürzte, sah er das Loch. Flitz, schoß +er gegen das Loch. War hinaus.“ Er gab dem Vater und den +anderen dankend die Hand: „Wie habt ihr schön gebrüllt. Hättet +ihr nicht so gebrüllt, so wäre er in der Höhle geblieben und hätte +mich gefressen.“ +</p> + +<p> +Der Vater ließ nicht nach. Trieb ihn aufs Feld, verkleidete +sich als Fuchs, der Hubeane angriff. Aber Hubeane riß +aus, lockte, ließ den nachsetzenden Fuchs in eine Mistgrube. +Wie der Fuchs drin zappelte, rief Hubeane die Leute zusammen, +schlug von oben auf das Tier ein: „Ein Teufel!“ +Bis die Männer den halberstickten Mann mit Stangen herauszogen +und der Sohn ihn streichelte: „Es war ein Teufel, seine +Haut schwimmt da, er hatte dich verschluckt. Nächstes Mal +schlage ich ihn ganz tot.“ +</p> + +<p> +Um die Zeit des Vollmonds kam das Ende. Da stellte der +Vater, der sich vor Wut nicht halten konnte, eine Leiter an die +Hütte, in der Hubeane schlief, blickte durch ein Loch in den +finsteren Raum herunter. Ein gelbes riesiges Mondgesicht hatte +sich der Vater vorgebunden, das verhüllte seinen Kopf und die +ganze Brust. In den Händen hielt er verborgen ein Bündel +Speere. Grimmig war der Vater; mühsam stieg er die Leiter +hinauf, noch lahm von den Schlägen des Sohnes. Er murrte +drohend: „He! Da unten! Herauf! Herauf! Hubeane!“ Der +richtete sich zitternd im Stroh auf: „Wer ist da.“ „Der Mond +vom Himmel. Willst du nicht kommen, mich anbeten.“ „Der +Mond. Zu mir! Oh ich fürchte mich. Ich will ihn nicht sehen.“ +„Komm, daß du mich siehst.“ Und wie Hubeane aus dem Stroh +langsam ankroch, sauste die erste Lanze gegen ihn. Er fuhr kreischend +zurück. Der Mond dröhnte: „Her zu mir! Willst du mich +anbeten! Das sind meine Strahlen. Meine Strahlen. He! +Heran. Sonst verschlucke ich dich.“ „Ich fürchte mich nicht vor +dir, guter Geist. Gewiß nicht. Ich komme gleich. Ich hole mir +nur einen Schirm, weil deine Strahlen so brennen.“ „Sie brennen +nicht. Komm heran.“ Der Vater lauerte, lugte herunter, +sah den Sohn nicht. Er blies durch ein Horn herunter, drohte: +<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> +„Auf! Auf! Steh auf, Hubeane!“ Da fühlte er die Leiter unter +sich zittern. Sie schwankte. Und wie er sich umdrehte, hielt ihn +einer an den Armen fest, umschlang ihm von rückwärts den Brustkorb. +Der Vater schrie: „Hilfe! Hilfe!“ „Schrei nicht, lieber +Mond. Die Leute bekommen Angst.“ „Hubeane.“ „Du kennst +mich bei Namen, lieber Mond. Du siehst alle, kennst alle +Menschen aus unserem Dorf, alle Hühner, alle Hunde. Ich hab +meinen Schirm nicht finden können. Kann dich nur von hinten +betrachten; von vorn brennst du so. Geh solang in meine Hütte, +bis ich meinen Schirm habe.“ Und hob den um sich schlagenden +Mann auf der Leiter hoch, stürzte ihn durch das Loch in die finstere +Hütte, riß ihm im Fall das Lanzenbündel aus der Hand. +„Jetzt will ich Licht machen, lieber Mond, damit du meinen +Schirm suchen kannst. Du liegst auf dem Gesicht. Ich leuchte.“ +Und schleuderte Speer auf Speer senkrecht herunter, raffte +Steine, schmetterte sie durch das Loch in die Hütte: „Hier neue +Strahlen. Sieh jetzt! Kannst du sehen. Noch nicht. Noch nicht.“ +</p> + +<p> +Er holte sich vom Nachbarhaus eine Strohmatte, kehlte ächzte +die Leute zusammen: „Der Mond ist in meiner Hütte. Ihr sollt +ihn verehren. Nehmt einen Schirm mit. Die Strahlen sind +scharf.“ Verwundert liefen sie aus den Häusern, mit Laternen +und Fackeln. Hubeane winkte vor der Hütte: „Nehmt einen +Schirm mit. Er liegt drin auf dem Gesicht. Der Mond. Durch +das Loch ist er vom Himmel in meine Hütte gefallen. Wenn er +sich umdreht, brennt er.“ +</p> + +<p> +Und wie sie in die Hütte eindrangen, an Hubeanes Possen +gewöhnt, doch ängstlich, lag da angespießt, von Steinen zertrümmert +auf dem Gesicht ein Mann in einer großen Mondmaske. +Sie machten den Blutbegossenen los, wandten ihn um. +Der Tote war Hubeanes Vater, die Brust durchbohrt, der Schädel +zerbrochen. Hubeane stand stumm, ließ heulend geifernd den +Kopf hängen: „Ach, mein Vater.“ Sie faßten ihn: „Du hast ihn +totgeschlagen, Hubeane.“ Er zeigte die Zähne, schlug die Leute: +„Es war der Mond. Es war nicht mein Vater. Wenn mein +Vater lebte, würde er es euch bezeugen. Der Mond hat mich +mit Strahlen gebrannt. Er wollte mich verbrennen.“ Die +Männer wußten, wie die Sache verlaufen war. Hubeane hockte +<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> +in der Ecke, zerkratzte sich die Brust: „Was wird meine Mutter +sagen. Sie wird mich vor dem Mond schützen.“ Sie taten ihm, +der nach ihnen die Fäuste hob, nichts mehr von da ab. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">u</span> Spielen dieser Art, Tänzen, erregter Geselligkeit auf +den Wiesen, in den Wäldern, erschienen große Massen aus den +Städten. Teile kehrten nicht in ihre Häuser zurück, hielten sich +erst tagelang in der Nähe der Spiel- und Unterhaltungsstätten +auf, siedelten sich dann an. Hatten die Städte noch im Rücken, +aber bewegten sich gefesselt in diesen Landschaften, in denen es +Tag und Nacht wurde, von deren dunkelblauem Himmel nachts +die wimmelnde Unzahl der Sterne herunterblickte. Sie sahen +die früheren Siedler, Zügel in der Hand hinter Pferden und +Ochsenwagen fahren, Vieh treiben. Die Felder waren gleichmäßig +mit einer Waldung von Ähren bewachsen, aus denen die +Menschen sich Brot machten. Immer das flache Land Forsten +Seen Wiesen überflogen von dem stoßenden Wind. Regengüsse +Wolken in der hohen Luft. +</p> + +<p> +In der Londoner Stadtlandschaft herrschte während der Neuorganisation +des Völkerkreises straffe Arbeitswirtschaft. Neue +Fabrikanlagen wurden geschaffen, große Scharen von Arbeitern +benötigt, wachsende Mengen von Monat zu Monat. Um diese +Zeit war es, wo das Fluten der Menschen an die Peripherie und +über die Grenzen hinaus zunahm. Im Londoner Senat wurde +festgestellt: es sind nicht genug Menschen für die projektierten +Anlagen da. Delvil sprach mit Empörung. Es sei beispiellos, +was jetzt geschehe. Man füttere dreiviertel der Bevölkerung. +Im Augenblick, wo man ihrer Kraft, nur teilweise ihrer Kraft +bedarf, weigern sie sich. Es kam in dieser und den folgenden +Beratungen zwischen Delvil, der empfindlich geworden war, +und der breitschultrigen White Baker zu ernsthaften Zusammenstößen. +Sie hatte, wie man argwöhnte, um die gefährlichen Bewegungen +dicht an die Stadt heranzuziehen, ihre eigenen Liegenschaften +Siedlungsgruppen zur Verfügung gestellt. Ohne den +Senat zu befragen oder ihm Mitteilung zu machen, hatte sie die +Förderung von wichtigen Erden und Kalksalzen aus ihren +<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> +Gruben untersagt und den Mekianstalten Schwierigkeiten gemacht. +Sie verteidigte die Untätigen, die durch die lange Muße +schlaff geworden wären; man könne sie nicht im Moment umschaffen. +Delvil brauste: sie seien nicht schwach, seien erbärmlich, +ohne Gefühl für das, was der Gesamtheit nottue. +</p> + +<p> +Und seiner Macht und Kraft gemäß beschloß der Londoner +Senat, wie er erklärte, im Bewußtsein seiner Verantwortung +für die westliche Menschheit, die an neue Aufgaben heranginge: +der Senat fordert die ganze Bevölkerung auf, am Wiederaufbau +der durch Krieg und die allgemeine Resignation verfallenen +Stadtlandschaft mitzuarbeiten. Man müsse ein Vorbild, ein +fortreißendes Beispiel den andern Gliedern des neuen Völkerkreises +geben. Hinter den Stadtschaften, die schon aufgerichtet +seien, dürfe man nicht zurückstehen. Treulose und Entartete +müssen wissen, daß der Senat über Machtmittel verfügt. Der +Beschluß wurde von allen Senatoren unterschrieben bis auf die +White Baker, die damals zum letztenmal im Senat erschien. +Man trauerte nicht hinter der Eigenbrödlerin; nur Delvil war +besorgt. +</p> + +<p> +Mit Spott und Grimm wurde die senatorische Verfügung +aufgenommen. Agitatoren Priester Landsiedler, in die Stadt +eindringend, nahmen höhnend den Beschluß vor: „Was faselt +der Senat von Verantwortung an der westlichen Menschheit. +An welche Aufgaben soll die westliche Menschheit geführt werden. +Man hat vielleicht in den Laboratorien eine Handvoll +neuer Erfindungen, die an den Menschen exekutiert werden +sollen. Der Uralische Krieg ist ergebnislos verlaufen? Wer das +sagt! Er hat ein Ergebnis gehabt! Herrengeschlechter, senatorische +Gewalten, Völkerkreise haben ihre Ohnmacht bewiesen. +Und sie glauben, man hat es vergessen. Konnten es mit Marduk +nicht aufnehmen, obwohl sie Waffen hatten und ihn hätten ausrotten +können. Aber wagten es nicht. Hätten die Auswanderer +nach Yukon und Alaska zerschmelzen und zerblasen können. +Aber haben die Yukon- und Alaskamänner gelassen! Warum? +Weil sie im Innersten gelähmt sind. Das Gewitter wird mit +Hagelschlag und Donner auf sie fallen. Was können sie als +drohen, ihre Angst verbergen!“ +</p> + +<p> +<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> +White Baker ließ dem Senat erklären, sie verzichte auf die +senatorischen Rechte, die sich aus ihrem Besitz und ihrer Herkunft +ableiteten. Sie hatte die Ratschenila bei sich. Die amerikanische +Kommission war noch in London. Delvil äußerte in Unruhe, +die Kommission möchte abreisen. Aber die Fremden sahen mit +Vergnügen die Schwierigkeiten der Europäer, die Träger des +Gedankens an einen neuen Völkerkreis waren. Sie gingen nicht +einmal, als Delvil sie vernachlässigte. Der alte Klokwan sprach +mit Neuyork: London werde niemanden zum Völkerkreis zwingen; +die herrschenden Geschlechter Londons hätten Gelegenheit, +ihre Kraft zu zeigen; man könne sie jetzt dabei beobachten. +</p> + +<p> +White Baker, die nicht mehr junge Frau, schien gebrochen. +Den Verzicht auf den Senatsitz, die Übergabe ihrer Liegenschaften +an die Spieler und Siedler faßte man im Senat als eine +träumerische franziskanische Handlung auf. Immer aber ging +die kleine stolze elastische Ratschenila neben ihr, vorstehende +Backenknochen, feurige dunkelbraune tiefliegende Augen unter +schwarzen dünnen Brauen, pechschwarze Haare mit rötlichem +Schimmer im Licht, die schlicht auf den Nacken fielen. Die +Ränder der Ohrmuscheln vierfach durchbohrt; in den Löchern +hingen Silberringe mit Federn Perlmutterstücken. Sie liebte +ihr rundes Kinn rot zu färben, zinnoberrote Ringe um die Augen +zu ziehen. Wo sie ging, trug sie über dem blauen Hemd, dem +Oberkleid aus feinem gezackten Leder, eine bunte Wolldecke, ein +breites Tuch, das sie bald um die Hüften, bald um die Schultern +wickelte. Sie nahm nichts von den Schmuckstücken an, die ihr +White Baker schenken wollte; nur hob sie der englischen Frau +selbst einmal eine Perlenkette vom Hals, bat, sie behalten zu +dürfen. Und lachte und drohte, als die Europäerin sie ihr freudig +umlegte: man dürfe Perlen nicht leicht weggeben; man verliere +etwas mit ihnen; sie sind versteinertes Wasser; in ihrer Höhle +sitzen Geister, die von dem Menschen etwas mitnehmen. White +Baker blieb aber glücklich; sie freute sich, ihre Perlen über +Ratschenilas Brust zu sehen. Aus weißer Seide machte die +Fremde für White Baker ein langes faltiges hemdartiges +Gewand, hing ihr ein kleines Knochenstück von der Gestalt +eines Krähenschnabels an einer Lederschnur um. +</p> + +<p> +<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> +Nach Ashdown Forest, in den Bergen südlich der Stadtlandschaft, +zog White Baker und die Ratschenila. Eine kleine +Menschengruppe wohnte hier. Sie trugen oberhalb des linken +Schuhs auf dem Strumpf oder am bloßen Knöchel schlangenförmige +Metallringe, nach denen sie sich die „Schlangen“ nannten. +Diese Schlangen suchten sich auszugleichen. Wie ihre Blicke +hilflos staunend entzückt über Hügel, neu gerodete Äcker, +Bäume liefen, wie sie sich in Arbeit erschöpften, so hatten sie +angefangen sich selbst zu betrachten, einer den andern. Stumpf +und mit überscharfer gereizter Erregung hatten sie in den Stadtschaften +aneinander gehangen, kaum Mann, kaum Weib. Dann +hatte sie das Wunder des Männlichen Weiblichen entzückt; sie +waren, die „Schlangen“ in den Ashdownbergen, aus der Stadt +gezogen, hatten sich zärtlich und ganz ohne Hohn offen das +Zeichen der verführenden Paradiesesschlange angelegt. Sie +hatten warme Hütten, aus Holz gebaut; die standen unter besonderer +Hut der Schlangen. In denen trafen sich männliche +und weibliche Schlangen, nackt und bekleidet, betrachteten sich, +lagen sich in den Armen, berührten bestrichen einander die Haut. +Auf hohen Blatt- und Heulagern, in Helle und Dunkelheit, erzitterten +sie liegend in der tief geheimnisvollen Verwirrung, die +ein warmer Leib in den andern warf. Und wie sie sich wanden, +waren sie verschwunden, auf einer Reise oder Wanderung, wie +sie sagten, von der sie seufzend wiederkehrten, liegend auf Blättern, +in den Armen eines Menschen, der wie sie seufzte. Wegen +dieser Wanderschaft ehrten die Schlangen einander aufs tiefste. +Nichts wurde für heiliger von ihnen erachtet. In entlegener Forststille, +abseits, standen die festgebauten Holzstätten, in die sich die +Menschenpaare zurückzogen, die fühlten, daß sie auf die geheime +Fahrt geschickt werden sollten. Wo ein Mensch ihnen begegnete, +warf er Blumen Blätter hin, ließ sich von ihnen berühren. +</p> + +<p> +In die Absonderung dieser Schlangen tauchten White Baker +und Ratschenila ein. Die beiden Frauen küßten sich: „Wie bin +ich glücklich dich gefunden zu haben, Ratschenila. Und daß wir +herfanden.“ „Liebst du keinen Mann, White Baker?“ „Ich +weiß nicht. Dich liebe ich. Deine Haare deine Zähne deine +Zunge deinen Gaumen deine Wangen deine Finger deine +<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> +Zehen, was alles an dir ist. Wenn du atmest, die Augen +aufmachst und sie schließt. Dein Kleid deine Ketten. Ich muß +dir wie ein glücklich demütiges Tier nachlaufen und bin selig, +wenn du mich anfaßt. Du glaubst nicht, Ratschenila, wie es mir +wohltut, daß du meine Perlen trägst.“ „Ich sehe, White Baker. +Daß du dich gar nicht fürchtest.“ „Wovor.“ Ratschenilas Mundwinkel +zuckten, ihre dunkelbraunen Augen bewegten sich. Sie zog +ihre Schultern zurück: „Ich würde es zu Hause und in London +nicht sagen. Hier, bei den Schlangen, ist eine gefährliche Luft.“ +</p> + +<p> +„Ja.“ „Du sagst so erwartungsvoll ‚ja‘, White Baker. Sieh, +es könnte doch sein, daß ich auch –“ Die kreischte leise, wollte +ihre Arme um den Hals der rötlichen Frau legen, die auswich: +„Nicht, Baker. Wenn du dich nicht fürchtest, könnte ich mich doch +fürchten.“ White Baker gurrte: „Wirst dich nicht fürchten vor +mir.“ „Nicht vor dir. Vor dir.“ „Vor dir. Meine Freundin. +Herzensfreundin.“ Die rötliche Frau drückte die Augen zu, ihre +Knie zitterten. Hing mit geschlossenen Augen, tiefatmend an +dem Hals der weißen starken Frau, der glücklichen, die ihr Gesicht +mit Küssen bedeckte, liebestammelte. „Ach in die nächste +Hütte, Ratschenila.“ „Ich fürchte mich. Daß ich dir etwas antue.“ +„Meine Freundin, meine Geliebte.“ „White Baker. Bin +ich das, deine Geliebte?“ +</p> + +<p> +Inbrünstig umschlang White Baker sie. Ratschenila ließ es +sich gefallen; ja die Hände krallte sie in White Bakers Gesicht +und Hals, die Augen nicht öffnend. Mund lag auf Mund. Es +waren die versunkensten und hellsten Wochen der White Baker. +Sie und Ratschenila ließen sich Äcker bei den Schlangen zuweisen. +Mit Lachen nahmen alle das Locken und Drohen des +Senats auf, in die Stadt zu kommen. Glücklich war White +Baker. Sie sah die Freundin nicht. Bemerkte ihre Starre, ihre +Kühle, ihr träumendes böses und fremdes Gesicht nicht; sie hatte +sie. Die Fremde ächzte viel für sich, ging doch zu der Weißen, +war hilflos sanft zu ihr. Eines Tages fand White Baker die rötliche +Frau nicht in ihrem Blockhaus. Sie suchte in der Nacht, +fragte. Sie erfuhr, Ratschenila war zu dem weiblichen Führer +der Schlangen gelaufen. Und von der blonden sehr jungen +schönen Frau hörte die erschauernde White Baker, Ratschenila +<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> +hat gebeichtet und sich beschuldigt, nicht an den Sitten der +Schlangen teilzunehmen. Sie beschuldigt sich, Sklavin einer +andern Frau zu sein. Sie wolle frei sein, sie müsse sonst Gewalt +gebrauchen. Die helle schöne Frau streichelte die kalten Hände +ihrer Besucherin. Ratschenila hätte geweint, sie könne nicht +anders, sie ginge nach London zurück zu ihren Landsleuten. +</p> + +<p> +Die langen Tage, die Baker verwirrt und sich zerreißend im +Haus dieser Führerin lag, immer nach Ratschenila verlangend, +wachträumend von ihrem Gesicht ihren Händen Füßen Brüsten +Lippen, an dem knöchernen Krähenschnabel kauend. Die rötliche +Frau hatte die Siedlung verlassen, war allein in ihre amerikanische +Heimat zurückgekehrt. Die Führerin, die schöne helle Frau +saß bei Baker, mit in ihr Schluchzen gerissen. Ja, furchtbar sei +die Gewalt, die in ihnen allen lebe. Es sei gut, sie zu verehren +und zu besänftigen. Sie fragte nach Wochen die ruhigere ernstblickende +blasse Baker, ob sie sie verlassen wolle. Die drückte ihre +Hand: „Ich habe dir zu danken, euch Schlangen zu danken. Ich +will – lieber nicht zurückkehren. Ich will – gewiß nicht zurückkehren. +Sicherer und bestimmter bleibe ich hier als ich herkam. +Wenn du mich hier läßt.“ „Das ist wahr, White Baker?“ Die +war gezwungen sich auf die Knie herunterzulassen, an den streichelnden +Händen der Frau entlang. Sie küßte den Boden zu +ihren Füßen: „Und wenn ich, du Junge, bei euch nichts weiter +gefunden hätte, als mein Verlangen, mich vor dir niederzulassen, +und daß mich einer anspricht wie du, so bliebe ich hier.“ +</p> + +<p> +Es hielt White Baker, die die weißen Seidenkleider, die bunten +Wolltücher der Ratschenila nicht ablegte, aber nicht bei den +Schlangen. Sie wanderte mit einem jungen braunschwarzen +Mann, der ihr als Kutscher diente, im Süden und Westen der +Stadtschaft London herum. Die Insel war schon weit nach +Norden von Menschen besiedelt. Immer neue Gruppen, Absonderungen. +Massen, die kriegerisch wie Marduks Barbaren +übten, viel Fleisch aßen. Gruppen dann nur aus Weibern bestehend, +die auf den Feldern arbeiteten, noch Mekispeisen nahmen, +und alles Unheil auf die Übermacht der Männer schoben; +faustgroße Steine trugen sie am Hals zum Zeichen, daß sie sich +unfrei fühlten. Im Norden, ganz zerstreut wohnend, Schweiger; +<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> +Menschen, die sich jede Sprache versagten, nur frühmorgens +sangen nach dem Sonnenaufgang; bei einer gewissen Höhe der +Sonne begann das demütige Verstummen. Sie waren mit +Erde beschmiert, wuschen sich nur einmal in der Woche, gingen +Fremden aus dem Wege. +</p> + +<p> +Die Befehle der Stadtherren wurden dringender. Da sammelten +sich bei Bedford am Ouseriver eine Anzahl der Fulbe, +spielten neue Possenstreiche des Tolpatsches Hubeane. Dann +in wechselnden Gegenden, am Rande von Wäldern, auf Bergplateaus, +auf Brachfeldern begannen sie ihre Liebesspiele. Eine +dichte Menschenmenge um sie; fröhliche Schlangen, finstere +fellbehangene Krieger, schmutzige Schweiger, trübe schlaffe +Städter, Ängstliche, die die Zauberer herumgejagt hatten. +White Baker unter ihnen. Die braunen zärtlichen Menschen +spielten in Masken. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> war die Fabel vom Löwen und dem wilden Hund. Das +Haus eines Häuptlings war mit Stroh bedeckt. Vor der Tür +saß der festlich geschmückte Mann mit einem jungen rottätowierten +Mädchen, einem schönen Wesen, seiner Tochter. Eine kleine +Schar Menschen um sie. Der Häuptling nahm die Hand vor den +Mund, machte sie hohl: „Dies ist meine Tochter Mutiyamba. +Ich will sie verheiraten an den stärksten und schönsten Mann. +Ich bin reich. Er braucht mir nichts zahlen. Ihr sollt überall +ausrufen, in der Steppe, am Fluß, in den Bananengebüschen, auf +der Sandinsel: der Häuptling Kassangi will seine Tochter Mutiyamba +dem Schönsten und Stärksten geben.“ Da war ein zarter +Jüngling, Liongo, ein Waisenkind, der liebte das Mädchen. Er +trug einen Lendenschurz aus Stroh, die Lanze konnte er nicht +werfen. Ging mit in die Steppe, an den Fluß, in die Bananengebüsche, +auf die Sandinsel, zu rufen, daß Kassangi die schöne +schlanke Mutiyamba dem Schönsten und Stärksten geben wolle. +Er tröstete sich, sang vor sich. „Die Fasern meines Herzens +schwirren. Warum? Ich habe eine hohe Nelke gesehen; eine +weiße Ameise zersticht sie an der Wurzel. Ich muß die hohe +Nelke heilen.“ Er ging, der Zarte, den übrigen Trommlern +<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> +voraus. An den Regenteichen, zwischen den lianenumstrickten +großen Bäumen im Buschwald, unter Butterbäumen, auf denen +kleine Affen sprangen, an den lederblättrigen Feigenbäumen, +an Schluchten, aus denen dunkle Fledermäuse und dicke Wespen +surrten, im wildaufgeschossenen tiefdurchstreiften Dickicht des +Sorghumgrases, vor grünen Sümpfen, an denen wilde Kürbisse +und Luffagurken ihr Gewinde trieben, von Würmern und +Schnecken überlaufen, sang der arme Liongo schmetternd das +Lob Mutiyambas, um die Stärksten und Schönsten zu locken. +Besang die Bemalung ihres Körpers. „Wie junge Zwiebelknollen +sind ihre Brüste; kein Baum trägt soviel Früchte wie +sie Kleider trägt. Am Kopf, an den Ohren, den Lippen, den +Armen hängt Schmuck, wie Blitze aus einem Gewitter zucken. +Ihr Blick ist sanft und schmachtet. Ihre Beine sind schlank wie +Kupfernadeln. Man kann sie nicht ansehen, ohne von Sehnsucht +nach ihr verzehrt zu werden. Die Augen muß man schließen, +als hätte man in einen Topf mit heißen Dämpfen geblickt. Und +wenn man sie geschlossen hat, findet man keine Ruhe, weil die +Augen weiter brennen. Wer Mutiyamba sieht, muß zeigen, daß +er ein starkes Herz hat. In ein Gefängnis ist er geworfen, mit +ihrem Bild allein. Sein Herz muß stark sein, um die Türen zu +zerbrechen und sich zu ihr zu retten. Hundert werden um sie +werben! Kassangi ist ein mächtiger Häuptling, einen starken +Pfahlbau hat er um sie erbaut. Nur wer Schultern wie ein +Berg, Hunger wie ein Schakal hat, kann den Pfahlbau einrennen.“ +</p> + +<p> +In der Steppe hörte den Gesang Liongos ein junger gelber +Löwe. Und wie Liongo an der Fledermausschlucht das Mädchen +pries, kroch auch ein wilder Hund hervor. Als der zarte Bote +des Häuptlings vor seinen Palast zurückkehrte, waren schon viele +Jünglinge dagewesen, hatten Proben ihrer Kraft abgelegt, +waren von Kassangi verworfen. Mit dem armen heiseren Liongo +zogen der Löwe und der wilde Hund an. Der Löwe warf die +beiden stärksten Jünglinge um, übersprang mit einem Satz die +höchste Einzäunung von Kassangis Gehöft, einen Eimer Palmwein +soff er in einem Zuge, nachher schritt er gerade wie +vorher. Kassangi gab ihm die Tochter; der prächtige gelbmähnige +<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> +Löwe setzte sich neben sie. Mutiyamba erschrak, als das aufgrollende +Untier ihr Mann geworden war. Aber sie war stolz +über seine Kraft. +</p> + +<p> +Tags darauf feierten sie Hochzeit in Kassangis großem Haus. +Der wilde Hund Kri hatte sich nicht vor den Häuptling gewagt, +als der gelbe Löwe erschien. Nun kauerte er im Saal neben dem +jungen Löwen, der sich nicht wohl zwischen den Menschen an +der Tafel fühlte. „Du kennst die Sitten hier nicht, Löwe. Du +mußt den Brei zu dir herüberziehen, wenn du essen willst“, +flüsterte der Hund herauf. Hintatzte der Löwe nach dem großen +Napf, in der Mitte des Tisches, schlang ihn herunter. Die Gäste, +die zulangen wollten, blickten betreten vor sich. Kassangi, der +Häuptling, ließ sich nichts merken, befahl einen neuen Napf. +Er nahm, schob ihn vor die Tochter, den jungen Bräutigam. +Kri lauerte auf den Hinterbeinen: „Du bist Bräutigam. Du +mußt Geschenke machen. Jedem Gast mußt du zur Erinnerung +einen Löffel Brei in die Hand schütten.“ Der Löwe wischte sich +das Maul, erhob sich, drückte sich den großen Napf vor die Brust, +und die Tafel abwandernd goß er jedem Gast einen Löffel Hirsebrei +auf die Hand oder klatschte ihn ihm plump vor die Brust. +Die ersten hielten still, die nächsten warteten nicht. Sie liefen +vor die Tür, platzten ihr Lachen heraus, schüttelten sich über das +Untier, das zaghaft zu ihnen herübersah. Finster runzelte Kassangi +auf seinem Platz die Stirn. Die Gäste ließ er säubern; +die von draußen hereinrufen. Stumm verlief das Mahl. „Eine +alberne Gesellschaft“, flüsterte Kri, als sie allein saßen, „du +mußt dich nicht daran stoßen. Sie sind neidisch.“ +</p> + +<p> +Der Brautzug fuhr durch das Dorf. Neben Mutiyamba saß +der prächtige Bräutigam auf dem bändergeschmückten Ochsenwagen. +Man blies vor und hinter ihnen und trommelte. Sie +kamen vor Kassangis Haus, wo der Häuptling mit seinen Frauen +stand und winkte. Einen Satz von rückwärts auf den Wagen +machte der wilde Hund, kletterte auf die Planke zwischen dem +Paar: „Mutiyamba, dein Bräutigam ist so finster. Streichle +mich, liebkose mich, ich bin sein Freund. Das wird ihn erheitern.“ +Und sie umarmte Kri, küßte seine Schnauze, blickte +ihn zärtlich an. Im Zug kicherte man, Kassangi erschrak. In +<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> +seinem Zimmer nahm der Löwe rasch den Hund beiseite. „Wie +hast du es gemacht, daß dich Mutiyamba, meine Braut, geküßt +hat. Sie hat mich noch nie geküßt.“ „Sei nicht traurig Löwe. +Tu ihr nichts. Ich will dir das Geheimnis verraten, aber du +versprichst zu schweigen. Sieh her, ich habe mir beim Laufen +einen Vorderfuß verstaucht. Das hat sie gesehen, Mutiyamba +die Schöne. Sie ist so mitleidig, so zart. Da hat sie mich Armen +gestreichelt und geküßt.“ +</p> + +<p> +Kassangi mit den Gästen erwartete den Bräutigam zum Trunk. +Da hinkte der junge Löwe, der starke prächtige, zur Tür herein. +Hinkte rechts, hinkte links. Und wie er bei Mutiyamba stand, +quollen ihm die Tränen aus den Augen: „Ich habe mir die +Beine verrenkt, beide Hinterbeine, gestern als ich dir zu Ehren +sprang.“ Er blickte sie kläglich an. Sie zog das Brusttuch über das +Gesicht, flüsterte beschämt dem Vater etwas zu, huschte, ihre beiden +Mädchen hinter sich, aus dem Saal. Die qualmenden Männer +rümpften die Nasen, schnitten spöttische Mienen, spuckten in die +Luft. Da bot der Häuptling dem Bräutigam den Krug: „Trink, +Löwe. Meine Tochter Mutiyamba, das schönste Mädchen, ist +dir zugefallen. Wir wünschen dir Glück. Du hast keinen Kaufpreis +zu zahlen. Deine Füße werden wieder heilen. Aber Geschenke +wirst du ihr machen. Das ist Sitte bei uns.“ Der Löwe +auf der Matte nahm den Trunk, verbeugte sich stumm vor dem +Häuptling, stieg hinaus. Er wanderte durch das Dorf, in die +Steppe, Kri hinter ihm. „Löwe, was läufst du so weit? Du +mußt doch hinken, sonst erbarmt sich die Braut deiner nicht. +Hinke hinter mir her ins Dorf zurück, gleich, damit der König +sieht, wie demütig du bist, obwohl du Schultern wie Berge hast, +wie der arme Liongo sang.“ „Und was soll ich ihr schenken, +ihr und dem Vater Kassangi?“ „Daß du darüber nachdenkst. +Zeige nur nicht, daß du reich bist, sonst ist er und das ganze Dorf +beschämt. Bring ihm keine Antilopen, sonst fürchten sie sich vor +denen. Was läufst du überhaupt so weit in die Steppe. Mach +am Boden hier – deinen Kot hin. Ja deinen Kot. Ich will +ein Körbchen aus Gras flechten, da tun wir den Kot hinein. +Die Körbchen trage ich vor Kassangi und Mutiyamba. Sie haben +gesehen wie stark und schön du bist; sie müssen deine Demut +<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> +sehen und daß du sie gar nicht beschämen willst.“ Der Löwe +setzte sich neben dem Feldrain in einen Acker Jams und preßte +seinen Kot aus. Der Hund wühlte Jamsknollen aus dem Boden, +die Zehen wie ein Menschenfuß hatten, raffte Blätter zusammen, +schichtete den warmen Kot über Blätter und Knollen, +glättete ihn, bedeckte ihn gegen Fliegen. Dann flocht er zwei +Graskörbchen, hob den geschmückten Kot hinein, spazierte ins +Dorf. Hinkend, den mächtigen gelben Kopf senkend, folgte der +Löwe, stieß ab und zu einen jämmerlichen Ruf aus. Würdevoll +knurrend betrat der wilde Hund die Halle Kassangis. Auf seinen +Wink blieb der Löwe am Türpfosten, schielte hinein. Die Körbchen +überreichte Kri mit strengem undurchdringlichem Ausdruck. +In Weinen brach Mutiyamba aus. Vor dem Löwen, der sich +ihr zärtlich näherte, floh sie. Der Häuptling warf das Körbchen +von sich. Lächelnd und bescheiden anschleichend verneigte sich der +Löwe. Unsicher setzte er sich auf seinen beschmutzten Platz. Saß +noch allein, als Kassangi und die Gäste die Halle verlassen hatten. +</p> + +<p> +Sie berieten draußen, was gegen den Löwen zu tun sei, der +so stark war und dem die Braut schon zugesprochen war. Bewaffneten +sich mit Speeren, wollten ihm sagen: er müsse nach +Sitte dieses Dorfs noch einmal die Probe bestehen, und dann +am dritten Tag noch einmal, um zu zeigen, daß ihm kein Zauberer +beigestanden habe. Sie dachten, er würde das Spiel bei seinen +kranken Gliedern verlieren. Den Hund Kri, der unter ihnen war, +überhäuften sie mit Schimpfworten wegen seines Freundes. Er +redete gewandt, warf hin, es werde alles zu ihrer Zufriedenheit +ablaufen, zeigte ein gelehrtes geheimnisvolles Wesen: „Die +Weisheit, wo sitzt sie? Im Auge? Nein, im Kopf. Herr Kassangi +weiß das jetzt. Er wußte es nicht. Ich, Kri, bin nur ein Küchlein, +aber man braucht mir das Scharren nicht beibringen.“ Die +Männer waren erstaunt über seine Klugheit. „Warum seid ihr +betrübt, liebe Herren? Hoffnung ist die Säule der Welt. Auf +dem Grunde der Geduld ist der Himmel.“ Sie sollten, verwies +er sie, ihren Plan jetzt nicht ausführen. Er bat sie im Vertrauen: +er werde den Löwen besiegen. Sie schüttelten die Köpfe: „Er +wird bezahlen, wenn die Vögel Zähne bekommen.“ Aber Kassangi +reichte dem sehr würdigen Kri die Hand. +</p> + +<p> +<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> +Und als am nächsten Tag Kri und der Löwe ihr Zelt verließen, +war der Löwe erstaunt, wie alle sich vor Kri verneigten, Platz +vor ihm machten, ihn selbst aber nicht beachteten und das Gesicht +verzogen. „Du siehst, Löwe, was in meiner Macht steht und +wer ich bin.“ „Kri, wie hast du das angestellt. Ich bin dein +Freund, du wirst mich nicht im Stich lassen.“ Der Hund zog ihn +zwischen zwei Zelte. Da stellte er sich hin, zuckte zappelte mit +seinem Leib. Verwundert der Löwe: „Was machst du?“ „Merkst +du nichts? Hör, jetzt, hör einmal.“ Der Löwe trat näher: „Ich +höre nichts, ich höre nichts, Kri.“ „Du mußt auf meinen Bauch +hören. Alle hören es. Darum verneigen sie sich vor mir. Ich +habe über Nacht bewirkt, daß mich alle wie einen König begrüßen.“ +„Was hast du gemacht?“ „Du hörst es noch nicht.“ +Der Hund zappelte, sprang weiter hoch, „aber du wirst es bald +hören, dein furchtbares Brüllen hat dich schwerhörig gemacht. +Ich habe ja eine Glocke in meinem Leib.“ „Eine Glocke.“ „Eine +klingende Glocke. Bei jedem Schritt schlägt sie an. Darum verneigen +sie sich vor mir.“ „Wo hast du die Glocke her, Kri?“ +„Kassangi, lach nicht, Kassangi, dem hab ich sie selbst gestohlen. +Er weiß es noch nicht“ und Kri kicherte, der Löwe brüllte freudig +mit, „nun habe ich seine Glocke im Leibe und er merkt es nicht. +Drei, vier habe ich ihm gestern gestohlen. Die Häuptlingsglocken. +Noch drei hab ich. Aber zeig mich nicht an. Ich vertraue +dir.“ „Ich habe dir vertraut, du kannst auch mir vertrauen.“ +„Nun wollen wir weiter gehen.“ Aber der Löwe hielt Kri zurück: +„Sag mir, Kri, könntest du mir auch die Glocke einsetzen.“ Kri +zuckte die Schultern, tat mürrisch, wiegte zweifelnd den Kopf; +der Löwe werde die Schmerzen nicht aushalten, wenn man +ihm die Glocke in den Leib versenke. Der Löwe bettelte: „Oh +doch“, versprach ihm hohe Ehrungen, erklärte, er gebe die Glocken, +die zwischen den Zelten standen, nicht zurück. Da ließ sich Kri +herbei, nachdem sie sich geschworen hatten, sich gegenseitig nicht +zu verraten. Er versprach heute nacht mit einigen Vertrauten +die Glocke in den Bauch des Löwen zu versenken. Und beglückt +zogen sie auf die Dorfstraße. +</p> + +<p> +Mittags im Zimmer erklärte Kri, der sich schon siegesgewiß +spreizte, dem die schöne Mutiyamba zulächelte: der Löwe müsse +<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> +ihm vor Nacht noch einen Beweis seiner Widerstandskraft geben. +Der Löwe fand sich zu allem bereit. Und als man zu Tisch in +der großen Halle Matten ausgebreitet hatte und mit Perlschnüren +und Brustgehängen beim Fleisch saß, verlangte Kri von +Kassangi eine glühende Eisenstange. Dann mußte der Löwe, +seine Angst verbeißend, sich Kri nähern. Ein zorniges Bellen +ausstoßend schlug Kri ihm das heiße Eisen über die Hinterbeine. +Nur einen kleinen Augenblick heulte Entsetzen verbreitend der +Löwe, sperrte den Rachen gegen den Hund, der zur Tür huschte, +dann zog er den Leib krumm, lächelte fade unter Schmerzen +winselnd gegen Kri, der langsam näherkroch. Die Gäste, Kassangi +und seine Tochter, sahen den beiden mit Staunen zu. +</p> + +<p> +Von diesem Augenblick an war das Gesicht des Löwen verändert. +Die Zuschauer bei den Spielen in Bedford sahen es. +Sie fühlten sich tief berührt. Sie wußten nicht worin die Veränderung +lag. Ihnen selbst war dieser Löwe ähnlich geworden. +Wie ein Städter wackelte er hilflos mit dem großen Kopf, +schnaufte nach wenigen Schritten ohne Atem. Seine Füße +zitterten: grauenvoll und besorgt blickte er nach allen Seiten. +Und der Hund war nicht mehr Kri. Er trug eine rote Kappe, +von der goldene Bänder über Ohren und Hinterkopf herabhingen, +die senatorische Kappe. +</p> + +<p> +Still hockte der Löwe auf der Matte. Man bot ihm zu essen +an. Er blickte mit schlaff hängenden Lippen nur auf Kri, der +ihn ansah. Da schlang der Löwe gequält und wieder lächelnd +seinen Teil herunter. Höhnisch boten ihm die Gäste mehr. +Er wollte sich zurückziehen, um seine Schmerzen auszubrüllen, +wollte trinken, hatte furchtbare Trockenheit im Rachen. Aber +über den kleinen Krug hinaus bot man ihm nichts. Man spielte, +speiste lustig, beachtete ihn nicht. Und bevor man aufstand, +flüsterte Kri wieder mit Kassangi. Ein Diener brachte die +glühende Stange. Der Löwe sah sie nicht, dumpf lag er über +seiner Matte. Da schlug das Feuer auf sein Vorderbein. So +brüllte er, so warf er aus dem Rachen sein Donnerrollen, daß +im Augenblick der Saal geleert war. Er wollte springen. Er +konnte nicht. Da erst erinnerte er sich, daß dies eine Probe +Kris war. Er biß sich die Zunge, schielte um sich, lahmte zur +<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> +Tür, sank platt hin. Die Gäste näherten sich lange nicht. Kri +wischte seitlich herein, horchte auf das Stöhnen des Freundes, +das Flüstern: „Kri! Kri! Nicht böse sein. Komm näher. Ich +war nicht vorbereitet. Es ging so plötzlich. Sonst hätte ich nicht +gebrüllt. Ich hätte es nicht getan. Verlaß dich drauf! Kri, +verlaß dich drauf!“ +</p> + +<p> +Dies war eine Stelle im Spiel, wobei die Hörer in Wut +gerieten. „Verlaß dich drauf, Kri. Hund, Hund!“ Drohten +um sich, ihre Augen funkelten. Manche weinten. +</p> + +<p> +Kri ließ sich herbei. Die Gäste vor der Tür sahen, wie der +Löwe sanft den Kopf an dem elenden grauen Hund rieb. Ihre +Angst legte sich, sie fingen wieder zu kichern an. Der Löwe +beachtete es nicht, dachte an heute Nacht und die Glocken. Es +waren auch Glocken, die im letzten Teil des Stücks ununterbrochen +geläutet wurden. Unter den Gästen aber, die langsam +mit Kassangi und Mutiyamba zurückkehrten, demütig vom +Löwen begrüßt, der für seine Unart um Verzeihung bat, lachte +einer nicht mit, der zarte arme Liongo. Ihm ging durch den +Kopf: „Trüb ist mein Sinn. Die Fasern meines Herzens +schwirren. Warum? Ich habe die stolze Nelke gesehen. Eine +weiße Ameise zerbeißt zersticht ihre Wurzel. Die stolze Nelke +ist bald hin.“ Liongo, wie es Abend geworden war und die +Gäste mit dem frechen Kri schmausten, trat in das dunkle Gemach +des Löwen, verneigte sich vor ihm. Der empfing ihn +freudig in seiner trauervollen Einsamkeit. Der Löwe erkannte +in Liongo den jungen Sänger des Häuptlings, der das Lob +der schönen Mutiyamba in der Steppe Menschen Tieren Bäumen +und Seen verkündet hatte. Er schüttelte seine Hand. +Nicht zu viel hätte er verkündet von Kassangis Tochter; er sei +ihm wohlgesinnt. Liongo strich ihm die Mähne: Ob er sich +nicht wohl befinde. Er brachte ihm zwei Krüge kalten Wassers, +in die der Löwe wonnig grunzend die Pfoten steckte. „Man +hat nicht wohl an dir getan, Löwe.“ „Oh“ schüttelte der das +Haupt, schwieg dann, denn er erinnerte sich seines Versprechens. +So sehr Liongo in ihn drang, sich ihm zu offenbaren, der Löwe +ging nicht aus sich heraus. Er zeigte dem jungen Menschen +mit Lächeln und Worten seine Dankbarkeit. Er werde nicht +<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> +vergessen, wie schön Liongo die Braut gepriesen hatte, wies +geheimnisvoll auf die kommende Nacht hin. +</p> + +<p> +Da wagte Liongo von Kri deutlicher zu werden, tuschelte: +was Kri wohl jetzt täte, wer jetzt bei der schönen Mutiyamba +säße, sie streichele, welcher schlaue schmutzige Steppenhund, der +in Schluchten neben Fledermäusen Wespen Schakalen schnüffele. +Der Löwe grunzte gleichgültig, zog dann die Stirn zusammen, +blickte seitlich auf Liongo. Der gab nicht nach, warnte +vor Schelmen. Versunken der Löwe: er wüßte, was er selbst +gesehen hätte. Er hielte sich nicht für klug, aber Kri sei sein +Freund. Da fragte Liongo bitter, ob sich der Löwe auch töten +lassen würde, wenn Kri es befehle; gebrannt hätte er ihn schon, +gelähmt hätte er ihn schon. „Proben, Proben“ murmelte der +Löwe. „Was will er mit dir probieren, Löwe?“ „Was mir +Freude und Ehre bringt.“ +</p> + +<p> +„Er wird dich beseitigen. Mutiyamba will er. Für ihn habe +ich nicht gesungen.“ „Ach meine Braut“ sonnte sich der Löwe +„ich nehme alles auf mich für sie.“ „Morden wird er dich.“ +„Gib mir Wasser. Morgen redest du anders.“ Weinend ließ +ihn Liongo im Dunkel. +</p> + +<p> +Mit Sehnsucht erwartete der Löwe den wilden Hund. Finsternis. +Die verging. Der Löwe drehte sich um. Mit einer +Fackel stand Kri da. Flüsterte an der Tür, ohne sich zu nähern: +„Löwe! He! Wie geht’s, Löwe?“ „Gut, Kri. Ich erwarte dich. +Komm doch herein.“ „Ich komm schon. Wo sind die Glocken?“ +Der Hund taumelte, hatte lange mit dem Häuptling und den +Gästen pokuliert. Lallte: „Da sind sie ja. Die lieben Glocken. +Wird eine schöne Sache werden. Wird alles gehen wie geschmiert. +Was meinst du, Löwe? Tun dir noch die Pfoten +weh?“ „Nicht sehr.“ Kri lachte schrill: „Siehst du, wie es ging. +Herrlich. Die Stange genommen, hupp, auf die Pfoten: eins +hupp, zwei hupp, drei hupp!“ „Da stehn die Glocken.“ Kri +kraute ihm rülpsend die Schulter: „Halt still, mein Söhnchen. +Liebes strammes Söhnchen. Wir werden alles machen.“ Und +er sang: „Mutiyamba, Mutiyamba. Kein Baum trägt Früchte +wie du Kleider trägst. Wer dich ansieht, Mutiyamba, muß die +Augen schließen, aus Sehnsucht nach dir, als säße er vor einem +<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> +Topf mit heißen Dämpfen.“ „Was singst du von meiner Braut.“ +„Kein Baum trägt so viel Früchte wie sie Kleider trägt. Ihre +Beine sind feine feine schlanke Kupfernadeln. – Kommt herein +zu mir, hupp, ihr lieben Freunde.“ Er wirtschaftete im Raum, +legte Stricke hin: der Löwe sah ihm beklommen zu. +</p> + +<p> +Durch die Tür trippelten Menschen, hielten sich an der Wand. +„Was wollen die bei uns.“ „Das sind meine Freunde, allesamt. +Sie haben mit mir geschluckt den ganzen Tag. Geschluckt +gespuckt gekotzt. Ein herrlicher Nachmittag. He, war es +kein herrlicher Nachmittag?“ „Und ein herrlicher Abend.“ „Und +erst die Nacht. Ihr werdet staunen, was Kri kann. He, Löwe, +aufgesessen.“ „Was redest du so grob mit mir.“ „Wird mir +der Dickschädel vorschreiben, wie ich mit ihm zu reden habe.“ +Den Atem hielt der Löwe an. Aufbrüllte er. Der Hund torkelte +an die Tür, die Menschen schoben sich zusammen. „Dickschädel, +ich Dickschädel?“ Kri kniff den Schwanz ein, machte sich Mut, +torkelte an: „Löwe, wir verstehen uns.“ Er konnte seine Gedanken +nicht zusammenhalten, knurrte wütend: „Jetzt angefangen. +Man wird fertig mit Essen, mit Reden. Heran. Du willst doch, +Löwe.“ Der blickte ihn lange an: „Ja.“ Der Hund böse: „Also.“ +</p> + +<p> +Die Gäste trugen Holzpflöcke unter den Armen, die spitz zuliefen, +schlugen sie mit Beilen in den dröhnenden Boden der +Hütte. Der Löwe erschauerte, seine Lippen wurden schlaff: +„Was machen sie?“ Kri nachäffend: „Was machen sie? Was +machen sie? Stöcke her. Glocken her. Beeile dich.“ Aus Liongos +Krügen zog der Löwe die Pfoten, schleppte sich näher. Kri +schnupperte an den Krügen: „Wer hat die hergebracht?“ +„Liongo.“ „Ah, Liongo. Der. Der zarte. Der Schuft.“ +Wieder hielt der Löwe den Atem an, brüllte grauenhaft. Der +Raum war leer. Kri hielt sich an der Schwelle, zitterte vor +Angst, daß er am Umsinken war. Scham und Wut hielten ihn +fest. Herankriechend bettelte er süß verlogen: „Also dies sind +die Pflöcke für die Pfötchen, dies die Stricke, in die du die +Beine steckst. Kommt nur, der Löwe weiß, daß Ihr verschwiegen +seid. Er wird solche Glocke im Bauch haben, wie ich, die Klingkling +macht, wenn man geht. Ihr werdet vor ihm hinfallen. +Und Mutiyamba, oh!“ +</p> + +<p> +<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> +Die Fackeln brannten in dem Raum. Die Leute lüstern +eifrig. Der Löwe schleppte sich zwischen die Pflöcke. Senkte +den ungeheuren mähnewallenden Kopf. An Mutiyamba dachte +er. Dieser schlaue widrige Kri, der wilde Hund, würde machen, +daß sie ihn küßte. Den hatte sie im Wagen geküßt, auf die +Schnauze den. Den Kopf seitlich drehend weinte der Löwe im +Finstern. Wo war Liongo? Der Löwe stand zwischen den +Pflöcken. Das Ohr des Hundes zog er zu sich heran: „Tu mir nicht +zu weh.“ Der Hund grinste heimtückisch, wedelte streichelte ihn. +</p> + +<p> +Mit Seilen umschlangen sie die Beine des Löwen. Er legte +sich auf die Seite, rollte auf den Rücken. Mit Gewalt rissen +sie seine Beine auseinander nach vorn und hinten. Er knurrte, +warf sich vor Angst. Die Gäste glucksten vor Freude, wie sie +den weißen nackten Bauch des jungen Löwen sahen; die Angstwellen +liefen über ihn. Betrunken warfen sie die Hälse zurück, +torkelten um das liegende Untier. So laut war ihr Hohngelächter, +daß Kassangi und Mutiyamba vor dem Haus erschienen +und die Köpfe durch das Fenster steckten. Kri sprang +herum, wetzte das Messer. Der Löwe, wie er das Scharren +hörte, wilder vor Angst: „Und was tust du jetzt? Kri. Und was +tust du jetzt? Und was jetzt?“ „Merkst du was?“ „Nein.“ +„Jetzt was?“ „Nein.“ „Jetzt was?“ „Nein.“ „Jetzt?“ „Was +tust du?“ Da hatte der Hund das Messer scharf. Mit einem +Satz sprang er dem Löwen auf die Brust, knirschte: „Jetzt, +jetzt Mut, Löwe.“ +</p> + +<p> +Und im Augenblick hieb er das Messer in den Leib, schlitzte +stieß wühlte. Das heiße helle Blut spritzte ihm ins Gesicht, +daß er spie und geblendet war. Unter ihm der Löwe wühlte +sich, zerrte nach rechts, nach links. Liongo war am Kopf des +Löwen: „Löwe auf! Sie töten dich! Löwe, er tötet dich.“ +„Er tötet mich. Er tötet mich. Es ist wahr“ tobte es durch den +Kopf des Löwen. Er schleuderte sich herum, die Pflöcke brach +er ab. Das Fell riß er sich von den Füßen. Sein markerschütterndes +Wehgebrüll. Kri erschlagen! Kri zerreißen! Kri mußte +er erschlagen. Er toste, Seile und Pflöcke nach sich wirbelnd, +in den Haufen der Gäste. Schlug erdrückte knackte riß biß. +War Kri schon hin. Es war stockfinster in der Gasse. Mehr +<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> +töten. Kassangi, Kassangi, den sah er fliehen. Schnapp ihm +am Rücken, schnapp ihm ins Genick, stürzte ihn aus dem Leben. +</p> + +<p> +Der Jubel das Weinen der Zuschauer! Jetzt weg, Löwe, +aus dem Dorf, in die Steppe, weite grüne Steppe. +</p> + +<p> +Sein rollendes unaufhörliches Brüllen. Er hatzte gegen die +Pfahlmauer. Er kam nicht herauf. Was floß floß ihm heiß aus +dem Leib, was hielt ihn zurück, was schleppte er zwischen den +Beinen. Das schmerzte. Oh. Er trat darauf. Vor Schmerz, vor +schwerem Weh verstummte er. Er trat auf die eigenen Därme. +Noch einen furchtbaren Satz machte er. Grausiges abschnappendes +Gebrüll. Auf den Pallisadenspitzen blieb er hängen. Stöhnend +drehte und zerrte er da. Seine Augen rollte er; sie waren +blind. Speere von unten gegen ihn. Er verblutete. Die Zuschauer +weinten, als sie den jungen prächtigen Löwen oben auf +den Pallisadenspitzen den sterbenden aufgerissenen Leib strecken +sahen. Sie warfen Steine, als die Beerdigung der Opfer stattfand. +Kassangi war tot. Den Hund schleppte man am Schwanz +durch das Dorf. Eselskot hatte man in seinen Bauch getan; +die rote senatorische Kappe mit den goldenen Bändern trug +er vor dem Maul. Mutiyamba, die weinte. Allen Schmuck +hatte sie abgelegt. Sie trat aus ihrem Haus. Ein neuer Häuptling +stieß sie hinaus. Liongos Füße wollte sie hilfeflehend +küssen. Er nahm sie in seine Hütte, auf sein Feld. Die Häuptlingstochter +hörte nicht auf zu weinen. Er sang: „Erst hast du +mich vergiftet, jetzt kann ich dich essen. Erst hast du meine +Augen verbrüht, jetzt kann ich dich ansehen. Hast mich nicht +schlafen lassen. Jetzt schlafe ich bei dir. Ich schwankte wie ein +Boot, Mutiyamba, du hältst mich fest. Du hast keine Armspangen +Brustgehänge Ohrringe. Mein Mund ist für dein +Ohr, mein Mund für die Brust, mein Mund für die Arme.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> spielten am Ouseriver sanfte Szenen vom Scheiden und +Wiederfinden, die alte festländische Fabel von Melise von +Bordeaux und ihrer Freundin Betise. Mit Schmerz und Wonne +gingen die Fabeln in White Baker ein. Die Augen verhüllte +sie. Sie sprach sich vor: dies ist das Leben. +</p> + +<p> +<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> +Ohnmächtig der Senat bei dem Auslaufen der Stadtschaft. Die +ersten Fälle von Eindringen der Siedler in die Stadt ereigneten +sich, ungeklärte Brände von Fabriken. Delvil, belauert von der +amerikanischen Deputation, schickte nach White Baker. Sie ließ +sagen, daß das Fahrzeug nicht gebaut sei, das sie zurück trüge. +Sie lockte Städter aufs Land, trieb Kampforganisationen bei +allen Absonderungen zusammen. Verzweifelt höhnte Delvil +im Senat: „Der weibliche Marduk!“ Man kam nicht weiter, +war in der Defensive. +</p> + +<p> +Aus amerikanischen Stadtschaften hatten sich nach Canada +und Labrador Menschenmassen ergossen, von starken Männern +und Frauen geführt. In Labrador entwickelte sich ein ländliches +Reich an der Ungavabucht. +</p> + +<p> +Die Menschen strömten aus den Stadtschaften Neuyork +Quebec Ohio. Ein merkwürdiger Drang bestimmte alle Wanderer +nach Norden; die großen Seen ließen sie hinter sich, östlich +der Hudsonbai schoben sie sich vor. Ganz ohne Lärm vollzog +sich die Bewegung auf dem nordamerikanischen Kontinent, +nirgends sah man fanatischwilde Figuren wie Marke und +Marduk. Aus dem Zentrum Europas drang Zimbo vor; die +böhmischen Stadtschaften, die deutschen Nürnberg und Frankfurt +schickten ihm aufgelockerte Massen zu. +</p> + +<p> +Keine Bewegung machten die großen Senate. Aus London +reiste während der sturzartigen Vorgänge die Kommission des +Klokwan schweigend ab, nicht mehr lächelnd. In London +Glasgow Newcastle, auf den festländischen Toulouse Nantes +Lyon, die ruhig geblieben waren, wurden Straßenzüge leer, +erfroren verdorrten in den Treibhäusern die Blumen, fielen +die durchsichtigen Straßenbekleidungen; Wind Regen sauste +wieder über die Plätze. Flugzeuge Wagen standen herum, +als wäre ein Feind im Anmarsch. Eine Lähmung breitete sich +über die westlichen Stadtschaften aus; unkenntlich, was ihre +Ausbreitung beförderte. Sie wirkte in die Senate hinein. Es +war eine zum Grauen auftreibende Erschütterung, als der +schwarze Zimbo ohne Waffen zu gebrauchen mit rohen Schwärmen +in der Hamburg-Bremer Landschaft und ruhig fortziehend +am Meer erschien, Senate vertrieb, Lager und Anlagen zerstörte. +<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> +Er drohte über den Kanal. Die Menschen der Seelandschaft bedeckten +die Küste bis ins Holländische zum Zuidersee, wurden +nach Westfalen, zum Rhein herunter gestoßen. +</p> + +<p> +Der belgische Senat trat in Brüssel zusammen. Diese Stadtschaft +bröckelte nicht. Man sah das Hungerverderben der über +das Land Geschütteten Schwachen nichts als Willigen Sehnsüchtigen, +ihr Liegenbleiben Erfrieren, das Wüten der Seuchen. +Die Senatoren riefen lächelnd nach England. Betrübt zogen +die Londoner sich aus dem Orkan ihres Landes, standen mit +matten Gliedern in dem strahlenden Ratsgebäude der Belgier. +Durch die Luft zuckten hier Fahrzeuge, buntes lärmvolles bewußtloses +Wimmeln in den breiten winterlichen Straßen +Brüssels. Die blassen Lippen verzog Delvil, als er aus dem +überheizten Saal herunterblickte. Den Arm des breitschultrigen +Belgiers Ten Keir drückte er: „Wie sieht die Welt bei Euch +aus! Noch! Noch!“ +</p> + +<p> +„Noch lange! Noch immer!“ „So hat auch White Baker +gesprochen. Es sind nicht viel Jahre her: Marduk müsse +erschlagen werden, die Mark ausgeräuchert. Wo ist White +Baker?“ „Ihr, Delvil! Wascht Eure Wäsche bei Euch.“ +</p> + +<p> +„Bin ich schlaff? Ist keine Schwäche, jetzt schlaff zu sein. +Wenn ich deine Häuser und diese Menschenscharen sehe, so sehe +ich sie und – sehe sie schon nicht mehr.“ Ten Keir machte sich +von ihm los, betrachtete aus seinem kantigen Kopf den seufzenden +Londoner, ließ ihn am Fenster. Die Belgier, zwanzig +Männer und Frauen aus frisch heraufgekommenen Geschlechtern, +nicht einheitlich in Rasse, nahmen auf die Engländer keine +Rücksicht. +</p> + +<p> +Von den durchwandernden Hamburger Flüchtlingen und +Siedlern griffen sie welche auf, abgemagerte zerlumpte, stellten +sie vor die Engländer. Ten Keir lachte: „Euer Ideal, liebe +Gäste. Wie gefallen sie euch? Habt ihr Lust, eine Luftreise +über Holland, an der Küste entlang zu machen? Ihr könnt +etwas sehr Altes und Neues sehen. Kampf aller gegen alle. +Das Spiel ist wieder aufgenommen: man genießt es, als sei +es heute erfunden. Wozu gibt es Elend Tod Hunger? Doch +nicht bloß für Erzählungen Geschichten Theateraufführungen. +<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> +Heran an das Leben! Dichter, Dichter! Man lebt nur einmal +und dann gründlich. Wer sich nicht zehn Zehen erfroren hat, +weiß nicht, was Leben ist. Wer nicht morgens aufwacht im +Wagen, – aber er liegt nicht in seinem Wagen, den Wagen +hat einer über Nacht gestohlen, er liegt zwischen den Radspuren +im Lehm, einen dösigen leicht angestoßenen Schädel hat, einen +kleinen Schädelbruch, der versteht sich auf das Dasein nicht. +Hat die Fülle der Existenz nicht durchdrungen. Steht, huhu, +als Bettler vor dem Tor.“ Er wies mit beiden Händen auf die +Aufgegriffenen, die blauen weiten Ärmel wehten zur Schulter +zurück: „Hier haben wir Bewohner des Paradieses! Des +wiedergeöffneten wiedereroberten Paradieses! Preis uns, die +sie sehen! Der liebe Gott, von dem unsere Ureltern gesprochen +haben, hat sich erweichen lassen. Er hat eine Ausnahme gemacht. +Sie hat er wieder aufgenommen. Und nun: wie geht +es euch, liebe Damen? Liebe Herren? Wie sieht der liebe Gott +aus, nach so langer Zeit, befindet er sich wohl, donnert er +sympathisch, hat er euch in seine Arme geschlossen? War es +im ganzen großen ein schönes Wiedersehen? Gedeckter Tisch, +wohlige Heizung? Was sagt ihr englischen Freunde, Delvil +du, zu unsern Paradiesbewohnern? Es ist doch reizend, daß +sie sich herbeigefunden haben, ein Stündchen bei uns zu verweilen. +Uns zu beglücken. Sie hatten Mitleid mit uns, wollten +erzählen. Aber ich errate alles, auch ohne daß sie sprechen. +Diese Geheimnisse! Diese ätherische Schönheit der Gesichter, +betrachtet sie, dieser perlmutterartige Glanz der Haut, an den +Füßen Händen, im Gesicht. Sie haben dicken Schmutz aufgelegt, +um uns nicht weh zu tun, durch ihren Anblick. Sie sind +feinfühlig. Das ist Schmutz als Schminke. Ihr meint, sie +tragen Lumpen? Delvil, Lumpen? Paradiesesbewohner und +Lumpen! Haha! Ihr glaubt, sie sehen wie Skelette aus, wie +Menschen, die seit Wochen Stoppeln von den Feldern, oder +Baumborke essen und reichlich Flußwasser trinken. Und da +nicken sie auch, unsere Gäste aus dem Paradies. Ach diese Feinfühligkeit! +Die Übertreibung der Empfindungen! Warum +seid ihr so bescheiden. Wir sind kräftige Männer und Frauen; +wir vertragen schon einen Stoß. Ihr kommt aus dem Paradies. +<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> +Habt unsere erbärmlichen Stadtschaften verlassen, in denen wir +euch totregieren mit Essen, Trinken, mit überlebten Erbärmlichkeiten +wie Essen Trinken, in denen wir euch geschunden haben +mit wochenlangem Ruhen. Ihr seid ins Paradies zum leibhaftigen +– nicht wegzuradierenden lieben Gott gegangen, fort +aus den Nichtswürdigkeiten dieses städtischen Daseins, mit +seinen bunten Lichtern Waren Flugzeugen Spielen Soßen, +hundertfachen Speisen, Weinen, dem ganzen sonstigen Ekel und +Folterzeug, auf dem ihr euch gewunden habt von Morgen bis +Abend. Und es nahm kein Ende. Unerträgliche Pein, unerträgliche +Pein. Das Paradies ging auf, die Straßen brannten ab, +die Herren flogen in die Luft, explodierten Freudenfeuerwerk +zum großen Einzuge. Ein bibelwürdiges Ereignis. Ihr habt +es umschlungen, das Paradies! Habt alles wiedergefunden, +wie es Adam stehen gelassen hat. Die ganze Einrichtung habt +ihr übernommen. Man sieht euch an, wie ihr vor Rührung +schluchztet bei dem Einzug. Eure Augen sind noch ganz rot. +Wie habt ihr den Regen begrüßt, die Nässe, unermeßliche Nässe +vom Himmel, an die Sintflut erinnernd, vom wirklich richtigen +nicht gemalten Himmel. Nässe, die fiel, echt war, mehr, immer +mehr. Es wurde euch wonnig klar, daß der Mensch aus dem +Wasser stammt und ihr erschauertet! Ihr wolltet Tag und Nacht +nicht aus dem Wasser heraus, ihr Glücklichen schwammt, +plätschertet darin. An Gräsern und Halmen habt ihr gebissen. +Wie hat es geschmeckt. Endlich, endlich eine Speise, unmittelbar +wie aus dem Handteller aus der Erde, der alles tragenden +gebärenden. Sie ist und bleibt eben die Urmutter! Sie wird +es ewig bleiben! Weh dem, der es vergißt. Und dann immer +mehr für euch. Krank seid ihr geworden, krank durftet ihr +werden. Die Wohltat des Fiebers, die Gnade der Schmerzen, +der Schlaflosigkeit kam. Diese Wonne! Kein Mensch, kein +Herr, keine Fabrik hat sie euch in solcher Fülle und Ausgewachsenheit +schicken können. Ihr wart selig im Gefühl: ich kann +nicht schlafen, ich zittere vor Fieber, der Schmerz zerreißt +meinen Kopf, mein Kinn, meine Knochen. Wie gut: niemand +hilft mir, auf mich selbst bin ich gestellt, ich bin ein Mensch, im +Paradies, an der Brust der Natur. Und ich selbst, Ten Keir, +<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> +was hab ich Verbrecher getan? Ich laß euch aufgreifen! Verzeiht +mir, liebe Freunde. Wir hatten Sehnsucht nach euch! Wir +geben euch bald wieder hin an das Zauberreich. Denkt an uns +Arme, die gesund und kräftig sind, zu essen, zu trinken haben, +warm angezogen sind. Die dies alles erleiden müssen.“ +</p> + +<p> +Frau Atorai, füllig und ruhig, in rotem Samt, nickte, während +man noch lachte: „Wir haben sehr Entsetzliches verbrochen.“ +Der unerschöpfliche Ten Keir sprudelte: „Gott will uns strafen +mit Milch und Honig. Die Strafmethoden haben sich im Lauf +der Jahrhunderte geändert. Die Menschen haben sich auf Pech +und Schwefel nicht gebessert, jetzt versucht es Gott so.“ Frau +Atorai unverändert ernst: „Und er hat recht. Wir bessern +uns schon. Aber noch nicht genug. Die Kur muß intensiver +durchgeführt werden. Ich fürchte, er wird gegen uns nicht vor +dem Äußersten zurückschrecken.“ „Was ist das, Atorai?“ Sie +verdrehte die Augen, spitzte den Mund: „Ich möchte gerne, – +ich möchte gerne – je nach Laune – Mann oder Frau sein.“ +Sie tosten ein Gelächter. „Kommt!“ „Man hat schon etwas +läuten hören.“ Und im Lachen immer ernst Frau Atorai, den +Mund vorwurfsvoll spitzend: „Läuten! Ich möchte doch in +diese Kirche gehen. Bin so sündig.“ +</p> + +<p> +Die gute Laune der Belgier schlug um, als später der stille +Londoner Pember sprach. Es sei, gab der dicke von sich, über +diese Leute nicht nur zu lächeln. Man müßte in der Tat ihre +Haut, ihre Köpfe, die Leiber ansehen. Die seien nicht nur von +der kurzen jämmerlichen Flucht so ruiniert. Wovon seien +diese Menschen wohl so ruiniert. „Nun“ forderte ihn Ten +Keir heraus. Pember schüttelte den Kopf: „Du mußt nicht so +wild und sicher sein. Wir haben in London die Dinge näher betrachtet +als ihr. Nicht freiwillig, sie kamen an uns heran. Ihr +hättet sehen und hören sollen, was sich am Ouseriver ereignete. +Trübsal, die ich nicht beschreiben kann. Fragt, ob die Menschen +recht hatten betrübt zu sein.“ „Und?“ „Das ist alles. Wie +können wir das Elend beenden?“ Ten Keir breitete hohnlachend, +die Schultern hebend, die Arme aus: „Dazu sind wir +hier versammelt, den Jammer der Leute zu diskutieren! Wir +werden sie bitten, uns lyrische Gedichte vorzutragen mit +<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> +Lautenbegleitung und Chor. Dazu sind wir versammelt. Und +unsere Städte? Wir, was wir treiben, unsere Stadtschaften, +das ist Schund! Was? Nichts! Nichts!“ +</p> + +<p> +Delvil und Pember schwiegen vor dem unerschütterlichen +harten Belgier. Auch die amerikanische Kommission, die von +London den Engländern nachgereist war, hielt vor den Belgiern +still. Stachelnde Worte der Brüsseler standen sie aus, +Wutausbrüche des unbeherrschten Ten Keir, der ein Pferd in +einem Gespann war, in dem er nicht mitziehen wollte. Sein +Groll auf die Stadtflüchtigen. Die beiden Kommissionen hieß +er jeden Tag gehen, wo sie hingehörten. Die Fremden zitterten +beim Gedanken an eine Begegnung mit ihm. +</p> + +<p> +Man führte sie durch die Straßen Brüssels. Nach Norden +die Häuserreihen Anlagen Waldungen bis an die Schelde, das +alte Antwerpen ausschließend, die Schelde, die Brüssel im +Westen bei der Vorstadt Oudenaarde erreichte. Nivelles und +Soignies die südlichen Ausläufer der Stadtschaft. Man war +nicht fern von dem Zentrum Mons. Halb widerwillig ließen +sich die Fremden über das prunkende Gebiet tragen; den Belgiern +weitete sich das Herz. In Sänften wurden die Fremden +stundenlang durch die gewaltigen Hallen getragen, ausgesucht +demütige Menschen neben sich, Bewaffnete im Zug. So fest +war die Herrschaft der Belgier, daß sie sich von Schultern auf +Schultern in voller Sicherheit gleiten lassen konnten. Dies +Land hatte wenig Acker und Weide, Entartende Schwächliche +wurden rasch beseitigt; in das Land strömten immer Fremde. +In den Hallen lagen die erheiternden beglückenden Dinge. Es +waren berauschende Schauhäuser. Und was auslag stand jedem +der Menschen zur Verfügung, die sich den Herrschenden unterwarfen. +Sie hatten außer den Gesetzen nichts anzuerkennen +als die wechselnde Arbeit und die langen Pausen. Damit erhielten +sich die Stadtschaften, erzeugten wie tropische Bäume +ihre Früchte im Überfluß. Die senatorischen Herren und Frauen +blickten, durch die Menge getragen, wenig auf die ausweichenden +Menschen. Kundige gewandte junge Wesen gingen neben +ihnen, traten zu ihnen, Einpeitscher und Einpeitscherinnen, Erforscher +und Erfinder von Bedürfnissen, Wesen, die Aussicht +<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> +hatten, selbst Herren zu werden. Die Lichtmassen Teppiche +Kleider, erregende und einschläfernde Getränke, die Speisemischungen +Speiseerfindungen der Mekifabriken, Badewasser +mit erregender treibender einschläfernder Wirkung, Streichler +Haucher für die Stirn die Backen die Brust die Arme. Forschend +und kalt fuhren die Augen der herrschenden Männer und +Frauen über die Dinge. Die Menschen standen gefangen davor, +lösten sich von dem Anblick schwer, als wären ihre Blicke +angebannt. Der stolze Ausdruck Ten Keirs, des üppigen, gegen +Delvil und Pember. Der Ausdruck hieß: „Welche Pracht, +welche Wonne für Menschen.“ Delvil dachte: „Was haben sie +im Westen Londons geschrien, als sie die Hallen abbrannten? +Hin die Kerker, Festungen der Herren. So haben Schweiger +Krieger Schlangen gerufen.“ +</p> + +<p> +Am Abend dieser Fahrt hielten sie in einem unterirdischen +Gewölbe nahe einer Aufschließungsstelle der synthetischen Fabriken. +Hier wurde physikalisch und theoretisch gearbeitet. +Mehrere der Senatoren hatten ihren Platz, begrüßten die +arbeitenden schweigenden erschreckt auffahrenden Männer und +Frauen, die von ihnen adoptiert wurden, wenn sie kenntnisreich +stark und stolz genug waren. An den Wänden waren +magische runde Lichtflecken, die von schwarzen Blenden umschlossen +waren, Augen bunten Lichts, die man verkleinerte +verstellte verschob schloß. Kristalle studierte man hier. Gesteinsstaub +lag über den schwarzen Tischen. Große Tafeln mit +merkwürdigen Zeichen Pfeilen Zahlen hingen von den Decken. +Rasch schritt man durch, an niedrigen Türen vorbei, die in +tiefere Keller führten zu ganz abgesonderten, der Oberflächenbewegung, +den Wärme- und Lichtstrahlungen der Gestirne entzogenen +Kammern. +</p> + +<p> +An einer bezifferten Tür hielt Ten Keir. Sie fuhren auf +einem Fahrstuhl abwärts. „Es braucht niemand zu wissen“ erklärte +der sehr ruhig gewordene Ten Keir in dem völlig leeren +Raum, an dessen Wand eine Zahl ungeöffneter flacher und hoher +Kisten standen, „braucht niemand zu hören, was wir besprechen. +Vielleicht äußern die englischen und amerikanischen Freunde, +was sie zu sagen haben.“ Man kauerte sich hin in dem Raum, +<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> +dessen Schwärze von einem Lichtbüschel durchzogen war, das +wie aus einem Loch aus der Wand von einem Lichtfleck kegelförmig +ausgestrahlt wurde. Als nicht gleich einer sprach, fuhr +Ten Keir, neben dem Lichtfleck im Dunkeln stehend, fort: „Ich +wiederhole, was ich gesagt habe: freiwillig danken wir nicht +ab. Man wird uns zwingen müssen. Wie man das tun wird, +will ich erwarten.“ Delvil: „Es wird dich und uns alle niemand +zwingen.“ „Dann bleiben wir.“ Seufzte Delvil, ließ die Schultern +sinken: „Es geht nicht. Wir kommen nicht weiter.“ „Wir +kommen weiter. Seht auf uns und ihr kommt weiter.“ Bittend +sah sich noch Delvil nach beiden Seiten um: „Will nicht ein +anderer sprechen. Und will nicht, – verzeih mir, Ten Keir, – +ein anderer Ten Keir ablösen.“ „Für mich braucht niemand zu +sprechen. Meine Auffassung ist die der anderen.“ „Aber wir +kommen nicht weiter.“ Schrie Ten Keir, fuchtelte: „Delvil, +Euch ist nicht zu helfen. Wo stehst du eigentlich. Bist du auch +ein halber Paradiesbruder? Wo ist dein Herz?“ „Mäßige dich, +Ten Keir“ bat auch Frau Atorai. „Warum mäßigen? Ihr +meint es ja auch. Delvil ist ein hoffnungsloser Fall. Er zerrt +und zieht. Er weiß nicht, was er will. Er ist hilflos. Es ist ein +Verbrechen, Delvil, in dieser Zeit hilflos zu sein. Wenn du +hilflos bist, tu wie White Baker.“ Heiser Delvil: „Rate mir nicht. +Laß mich aus dem Spiel.“ „Ich kann niemanden aus dem +Spiel lassen, der hier ist.“ Heiser Delvil: „Ich will, daß du +mich aus dem Spiel läßt.“ „Ah du grollst. Das ist ja recht. +So kommst du zur Besinnung. Ich denke, so wird es den +andern Paradiesbrüdern auch gehen. Dann werden sie sich +wehren und dann wird sich zeigen, wer der Stärkere ist.“ „Wer +der Stärkere ist. Wer der Stärkere ist. Es ist nichts damit geschafft, +daß einer der Stärkere ist.“ „Weggerafft ist der andere. +Und damit ist es geschafft!“ „Nein es ist nichts geschafft.“ Ten +Keir trat an Delvil heran: „Was suchst du eigentlich hier. Bist +du ein Spion?“ „Sei still, Ten Keir. Ich bin bewaffnet wie +du. Du tust mir nichts.“ „Du bist in meinem Haus.“ Pember +trennte sie mit seinem schwarzen kurzen Körper. Als wäre +nichts geschehen, näselte er phlegmatisch: „Wir sind einig darüber, +worin die Not besteht. Wollen wir nun unsere Stellung +<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> +dazu verhandeln.“ Delvil hob die Hand: „Ich bin schon ruhig, +Pember. Wir sind uns nicht darüber einig, worin die Not besteht. +Wir sind uns nicht darüber einig.“ Erstaunt wich der +schwere Mann zurück, blickte hin und her zwischen Delvil und +dem andern. Triumphierend Ten Keir: „Laß ihn also ausreden.“ +Pember: „Ja. Willst du die Schlangen und die +Schweiger und wie sie heißen?“ Frau Atorai schlank und ruhig +überlegen an der Wand gegenüber Delvil, öffnete die lächelnden +Augen: „Er will ja die Schlangen.“ Mit plötzlich erschlaffendem +Gesicht, klagend Delvil: „Das weißt du nicht. Das wißt +ihr doch nicht.“ Er sank auf die Knie, hielt den gesenkten Kopf +in den Händen; man hörte ihn schluchzen. +</p> + +<p> +Grimmig kehrte Ten Keir zu dem Lichtfleck zurück, knurrend: +„Da ist es. Er ist hin.“ Lächelnd und gleichgültig durch die +Stille Frau Atorai: „Laßt ihn sich ausweinen.“ +</p> + +<p> +Ein Mann bewegte sich neben Ten Keir seitlich von der Lichtquelle, +stellte die Iris des Strahls enger. De Barros, ein +erst aufgenommener Wärmeforscher, leicht eingedrückte Nase, +aufgeworfene Lippen, dunkle Hautfarbe. Er redete hart, ohne +einen anzublicken: „Ich sehe, was Delvil will. Die Dinge, die +er bezweifelt, bezweifle ich nicht. Die Führung durch die +Stadtschaft sollte ihm zeigen, was wir verteidigen. Das ist +mißglückt. Wir geben uns aber nicht auf. Und dann: Es sind +Hunnen vor zwei Jahrtausenden gekommen, die alles wegrafften. +Dann war Jammer und alles begann von vorn. Wir +lieben das nicht. Warum nicht? Wir wollen nicht.“ „Eine +einfache Rede, De Barros“, lächelte unverändert Frau Atorai. +Pember bemühte sich um den hingesunkenen Delvil: „Es +scheint, wir müssen unsere Unterhaltung abbrechen.“ +</p> + +<p> +Am frühen Morgen suchte Delvil Ten Keir auf, in dessen +Haus schon De Barros saß. Beide Herren finster. Delvil gab +Ten Keir die Hand: „Ich bin in deinem Wohnhaus und bin +waffenlos.“ „Setz dich.“ Ten Keir wanderte, stellte sich vor +Delvil, hob die gefalteten gepreßten Hände vor die Stirn: +„Also – kapitulieren sollen wir? Kapitulieren. Weißt du, ich +bin nicht weit entfernt davon, mit dir die Rolle zu tauschen.“ +Und knirschte stampfte am Fenster, lachte gallig: „Gut, daß du +<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> +gekommen bist. Hast du dich nach den Amerikanern erkundigt? +Sie schwiegen gestern so ausdrucksvoll. Sie sind abgereist.“ +Delvil zuckte: „Ach.“ „Was gibt’s zu ächzen? Kannst jauchzen. +Du wolltest den neuen Völkerkreis machen. Lauf ihnen nach. +Ich habe sie gleich erkannt. Sie sind reif.“ „Wozu.“ „Zum +Abdanken. Zum Kapitulieren. Eure White Baker sitzt ihnen +in den Knochen. Das sind keine Herren. Nicht einmal Diener. +Das sind Hunde. De Barros, ich schäme mich.“ Der stand, +schloß vor Erregung die Augen: „Und ich. Sie haben es nicht +verdient an unserm Tisch zu sitzen. Es scheint, daß nur wenig +es verdienen. Dann müssen die wenigen Mut haben, die Tafel +zu säubern. Ja. Und den Platz zu behaupten.“ Ten Keir +höhnte: „Eine große Zeit, ein kleines Geschlecht. Nein, wir +sind kein kleines Geschlecht. De Barros, wir sind nicht klein. +Jevaroz ist nicht klein, Frau Atorai ist nicht klein. Für Gras +werf ich kein Jahrtausend Gedanken hin. Wir können die Zähne +zusammenbeißen und kämpfen. Ich kann auch sterben.“ „Es +wird eine Schlacht geben.“ „De Barros, wir sind noch fest. Man +wird versuchen uns zu unterhöhlen. Wir werden es nicht so weit +kommen lassen.“ Delvil saß mit aufgestütztem Kopf: „Was wollt +Ihr tun?“ „Der Uralische Krieg im Land, Herr Delvil! Delvil“ +er schüttelte ihn „die Augen auf. Es bleibt nichts weiter übrig.“ +</p> + +<p> +Öfter trieb es Delvil und Pember durch die Versuchsanstalten +der Belgier. Sie sahen die Schar starker Männer und Frauen, +gingen neben De Barros. In manchen Augenblicken kam es +Delvil vor, als wenn er träume von einer Gefahr. Wie weit +war White Baker, wie unbegreiflich, widerlich diese Schlangen, +Krieger, Barbaren, Marduks, Zimbos. Ob es nicht wirklich +richtig war sie niederzurennen. Aber auch hier schon das Wimmeln +auf den überdachten Straßen. Die vielen Tempel und +Zauberer. Von draußen schlugen Flüchtige Verirrte hinein. +</p> + +<p> +Die belgischen Senate gaben die Parole aus, heimlich zuverlässige +Stadtschaften zu gewinnen, sie sich anzuschließen, +wo man sie finde, schwächliche Senate durch Handstreiche zu +stürzen, auf dem Festland, später in Amerika; auch die afrikanischen +Küsten zu besetzen. Ihre aufs stärkste bewaffneten +Vertrauensleute wiegelten französische spanische italienische +<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> +süddeutsche westdeutsche Stadtschaften auf. Man hörte von Revolten +in einigen dieser Städte, von Umsturz der Herrschaft, dem +Aufkommen neuer Senatsgeschlechter, die von den Belgiern geschützt +waren. In Brüssel Antwerpen Mons setzte die Erweiterung +der Mekifabriken, die Vervollkommnung der Waffen, Aufstapelung +großer Waffenmengen ein. Es gab Augenblicke, wo +Delvil und Pember, die immer wieder nach Brüssel zurückkehrten, +unter den frischen Impulsen aufatmeten. Die Belgier +sprachen dann offen mit den Londonern. Ten Keir hatte nichts +weniger vor als die Besetzung Londons. Er verlangte mit Einverständnis +der belgischen Senate von Delvil eine bestimmte +Erklärung über die Maßnahmen, die gegen die drohende Vernichtung +der britischen Stadtschaften und zur Säuberung der +englischen Inseln getroffen würden. +</p> + +<p> +London hatte diesen Schritt längst erwartet. Man konnte +nicht verhindern, daß geübte Scharen aus Belgien und Holland +überführt wurden, die am Bau neuer Fabriken und Waffenherstellung +arbeiteten. Zeit verlief. Delvil war nur fest in dem +Entschluß geworden, nicht zu fallen wie White Baker, die in +London erschienen war und ihn ermahnt hatte, sein Amt niederzulegen, +das Rad des Geschicks nicht aufzuhalten. Sie sahen +sich an. Noch immer trug die sehr mager gewordene Frau weiße +Stoffe und wollene schwere Schultertücher, wie jene Ratschenila; +der knöcherne Krähenschnabel hing an ihrem Hals; +sanft, ungewohnt zart sprach sie zu Delvil, dessen Hand sie lange +hielt. Er fühlte sich durch Stunden verwirrt und unruhig nach +den leise eindringlichen Reden, dem Schweigen der früher so +stolzen starken White Baker, die zum Krieg gegen Marduk gerufen +hatte. Unter Trauer wurde ihm klar: sie begriff nichts +von den Dingen, die auf dem Spiele standen, erinnerte sich nicht +mehr. Sie hätte die starken strengen belgischen Menschen und +ihre Werke sehen müssen. +</p> + +<p> +Schon verbreitete sich zu den Massen des englischen Landes +im Westen und Norden, was vorging. Sie berührten sich +mit den eingeführten Völkern. Die Angst der Siedler. Nur +die kriegerischen Gruppen hörten mit Lust, was der Senat +bereitete; London wurde reif, wühlte sich sein Grab. Sie +<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> +sangen Lieder vom Schicksal Hamburgs Hannovers, von dem +feinen mißglückten Plan mit Zimbo, der märkischer Konsul +geworden war. Brandstifter schlichen zwischen die Häuserreihen. +Die fremden Belgier hatten so listige rohe Menschen +noch nicht gesehen. Man war in einem lautlosen von Woche +zu Woche sich steigernden Krieg. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">amals</span> trugen die friedlichen Schlangen eine Fabel mit sich +herum. Es gab ein fernes Land, das unter warmem Himmel +mit fruchtbaren Bäumen in tiefster Ruhe lag. Die Menschen +glänzten und verblichen wie Sonnenstrahlen. In diesem Land +lebte ein großes sanftes Tier. Dicht und schwarz war es von +einem Pelz umhüllt. Es lagerte träge, ein Bär, in seiner Höhle. +Da drangen Ungetüme mit Wut, Wagen Waffen Geräte hinter +sich, in das Land. Mit Keulen und Beilen schlugen die Ungetüme +auf das träge sanfte Tier. Sein Fell war so dick, daß +er nicht einmal knurrte. Man stieß es und zwickte es mit feurigen +Zangen: es zitterte, hob sich auf. Als man die Höhle um den +Bären zum Einsturz brachte, machte er sich auf die Wanderung. +Schleppte sich davon. An ein brausendes großes Wasser kam er. +Da konnten die wütenden Verfolger nicht nach. Das Tier war +fast blind, die scharfe Seeluft hatte es geschnuppert, warf sich +aufs Wasser, schwamm. Schwamm, bis es Klippen berührte +und gegen eine Insel stieß. +</p> + +<p> +Und wie es in der Schlucht lag, fingen über ihm die Felsen zu +wanken an. Blöcke polterten in die Schlucht. Der Bär kroch +hoch, kroch herum, duckte sich, wußte nicht was war. Die fremden +Ungetüme hatten die Ameisen bestochen den Sand von dem +Berg zu schleppen, die Felsen zu untergraben. Ein junges +Wiesel schlüpfte zwischen den Trümmern auf, lief dem Bär +voraus. Der Bär hielt den zappelnden Schwanz des Tierchens +zwischen den Lippen, das Wiesel kroch ans Meer, setzte sich +steuernd auf den Rücken des Bären. Der schwamm, schwamm. +Bäume sah das Wiesel, eine neue Insel tauchte auf. Sie gruben +sich zwischen Schilf in die nasse Ufererde ein. Am Abend +dampfte es um sie, die Erde fing an warm zu werden, von +<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> +Stunde zu Stunde blies heißere Luft herunter. Das Wiesel +zuckte, warf sich quiekend um das große schwarze Tier. Das +schnappte lechzte stöhnte beengt. Die Ungetüme waren zum +Himmel aufgestiegen, hatten sich mit Leitern und Haken der +gewaltigen Sonne bemächtigt, sie gezwungen, die Insel zu erhitzen. +Die schmolz schon dahin. In einem feurigen Brei lag +der Bär. Mit trockenem Rachen, nach Luft beißend, schob er +sich hoch. Sein Fell flammte. Er brach die Grube auf. Sprang +und rannte. Wo war das Wasser, das Wasser. Das Wiesel +lief nicht mit, der Bär hatte es nicht retten können, hatte es +selbst von seinem Rücken in die Glut aufgeschleudert. Brüllend +trieb er vorwärts, drehte sich, stand auf den Hinterbeinen vor +Schmerz. Die Glut hetzte ihn. Der kalte Wind fuhr an. Da +war der Wind. In das Meer stürzte das große Tier von einem +Felsen. Winselte im Fall, wollte nicht mehr schwimmen, wollte +hinuntertauchen auf den Meeresgrund, ertrinken. +</p> + +<p> +Ein grüner Wassergeist sprudelte auf, wie er das Meer berührte. +Bespritzte sein Fell. Die Schmerzen des Bären ließen +nach. „Ich will dir zeigen“ sang der Wassergeist, „wohin du +schwimmen sollst. Du kannst allein hinfinden. Du mußt weiter +schwimmen, nach Norden, wo es eiskalt ist, wo kein Sand ist, +wo auch nichts wächst. Wo die Sonne nicht scheint und immer +Nacht ist, dahin mußt du schwimmen.“ Der Bär grunzte müde +und lahm. Er lag auf dem Wasser, ließ sich treiben. Sein +schwarzer dicker Pelz wuchs wieder, wie ihn die Wellen trugen +Woche auf Woche. Es war finster vor seinen halbblinden Augen. +Jetzt spürte er manchmal eine leichte Helligkeit. Er schwamm +ihr nach. Vom weißen unermeßlichen Eis ging die Helligkeit +aus. Er stieg aus dem Meer, schüttelte sich. Trottete, den Kopf +abwärts, über die Eisplatte, vor eine Grotte, die eben zufror. +Da kroch er hinein, legte sich. Er lag völlig ruhig. Keinen +Schritt kam er über das Eis. Nur wenn er Hunger hat, bricht +er ein Loch in die Grotte, fängt sich Fische auf dem Meer. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Siedler trugen das Märchen herum. Es mochte mit dem +bewunderten Zug der Stadtflüchtigen Amerikas nach Labrador, +<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> +an die kalte Hudsonbai zusammenhängen. Sie wollten fort +von den Stadtschaften. Krieger griffen London an, andere +Siedler suchten sie zu hindern. Die Furcht vor einer zerstörenden +Entladung der Stadtschaft wuchs. Währenddessen trieb sich +Delvil, bitter, ratlos, auf den Chittern-Hills herum. Die Sehnsucht, +der angstgetriebene Wunsch nach einer Ferne, Fremde +war allgemein. Diese Menschen ernst, sanft, viele krank und +entstellt, stumme Arbeiter, fröhliche Beter. Von Marduk sprachen +sie zueinander, aber nicht von dem gefährlichen Konsul; +nur von seinem Ringen mit der armen hilflosen Balladeuse, +von seiner Freundschaft mit dem weißen Jonathan, und der +Liebe zu der süßen rettenden Elina. +</p> + +<p> +Eines Mittags, wie Delvil aus dem verschneiten Bedford aufbrach, +um in die Stadt zurückzukehren, lief eine weiße Katze im +Sonnenschein vor seinen Füßen. Lief den Feldweg hin und her, +im Blitzen des Lichts, saß leckte sich das Fell. Sie mußte sich +verlaufen haben. Oft verschwand sie, dann kehrte sie zu ihm +mit langen Sätzen zurück. Sie schnurrte putzte sich am Boden zu +seinen Füßen. Es zuckte in ihm auf. Seine Augen weiteten sich. +Ein Frost lief über ihn. Man mußte die Menschen wegführen, +wo sie Ruhe hatten. Man mußte sie weit weg in Sicherheit bringen. +Mit einmal dachte es so in ihm. Die weiße Katze saß auf seinem +Stiefel. Er stand still, bückte sich zögernd herunter, strich über +ihr Fell. Sie krümmte den Buckel hoch, blieb ruhig. Vorsichtig +richtete er sich auf. Sie huschte davon. Er schleifte ihr nach. +Man mußte die Menschen in eine ferne Sicherheit bringen. +</p> + +<p> +In London sprach er es aus. Man verstand ihn schwer; was +sollte man mit lächerlich humanitären Gedanken, während man +bedroht war. Nur Pember, der schwere, achtete auf. In Brüssel +hörten sie ruhiger zu. Man konnte die Städte von den Neuerern +befreien. Man konnte den Städten ein Abflußbassin verschaffen. +Ein sehr entlegenes Abflußbassin, ein Land für Deportationen. +Delvil hatte volle Sicherheit; seine Krise hatte er +in Bedford überwunden. Er zeigte den Belgiern: die Stadtschaften +verlangten nach Bewegung Aufschwung. Von der Beseitigung +der Unruhe, der Bedrohung zu schweigen. Sie könnten +jetzt ihre Kraft zeigen. Anders als im Uralischen Krieg. Das +<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> +Land, das fern von den westlichen Städten liegt und den Siedlern +alle Ruhe gibt, sollten die Stadtschaften selbst schaffen. Es +mußte ein Becken für neue kraftvolle Menschenrassen werden. +Wohin also, zweifelten die Brüsseler. Delvil: Man könne sie +nicht führen, wohin sie nicht wollten. Man müsse ihren Sinn +ergründen. Es gäbe eine Fabel unter ihnen. „Der schwimmende +Bär“ schmunzelten die Senatoren. Sie wollten, sie drängten +nach Norden; dort müsse man ihnen ein großes Land schaffen. +Die Belgier blieben im Staunen. Es war ein Experiment, das +der Londoner zeigte. Delvil war in Nöten. Sein Plan war +kurios, aber nicht schlecht. +</p> + +<p> +Und der schlanke Mann brachte mehr Menschen in sein Netz. +Er sprach erst von Rußland, das man den Siedlern geben sollte. +Dann wurde er phantastischer, und nun wurde er allen, die ihm +von den wegekundigen Fachleuten, den Kopf stützend, zuhörten, +erregend. Er wies auf ein Land, das man an einer hochnördlichen +Stelle des Stillen Ozeans westlich vom amerikanischen Kontinent +aus dem Meer graben müßte. Es müsse ein neuer Erdteil +geschaffen werden. Die Stadtreiche werfen dahin ihren Menschenüberfluß +und ihr krankes Material ab. Die Belgier waren +fasziniert: Einen Erdteil, ein ganzes Land aus dem Ozean +graben; das war ein Plan. Er wirkte so stark, daß die Brüsseler, +als sie die Sache verzaubert unter sich erörterten, Kontinentale +aus anderen Stadtreichen herbeiriefen. Wollten die der Wirkung +dieses kolossalen Einfalls aussetzen. Und auch hier Staunen Erregung +Blendung. +</p> + +<p> +Zu den Siedlern auf dem Kontinent, den britischen Inseln +lief das unglaubliche Gerücht, von Brüssel her verbreitet. Wie +die Siedler erschraken. Das war der Angriff; es war die Art, +wie die Senate sich den Frieden dachten. Aber dann sah +man: Sie wollten die Siedler schonen. Man würde bewahrt +werden vor ihren Waffen. Man konnte ausgerottet werden; +die Stadtreiche dachten an Siedlung. Die grausamen Senate +suchten die Gedanken der Neuerer selbst zu denken. Es war ein +Nachgeben, Erweichen der Senate. +</p> + +<p> +Noch ehe Bestimmtes bekannt wurde, schliefen die Überfälle +auf die Londoner Außenstädte ein. Und über die Stadtreiche +<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> +legte sich ein Bann. Man wurde träge mit der Waffenherstellung, +der Ausdehnung, dem Aufbau alter Fabriken. Wartete +auf etwas Neues Geheimnisvolles. Man spannte sich. Ein +eigentümliches Hin und Her zwischen den friedlichen Zentren +den Stadtschaften und den weiteren Siedlungen, begann. Man +trat fragend zueinander. Erregt horchten die nomadenhaft +Wandernden. Die träumende Erzählung der Schlangen von +dem Tier in der fernen Eishöhle wehte über die britischen Inseln +nach dem Kontinent. Die Senate sannen. Sie fühlten, eine +glückliche, ja wunderbare Lösung gefunden zu haben. Man +stand an einem Wendepunkt. Das Siechtum der nachuralischen +Zeit würde beendet werden. +</p> + +<p> +Man war noch im ungewissen über Einzelheiten des neuen +Plans. Als eines Tages bei einer Beratung zu London das +Wort Grönland fiel und augenblicklich die Seelen bezwang. Der +Schleier war gefallen. Das Zauberland. Wer das Wort ausgesprochen +hatte, war bald vergessen. Delvil hatte es im Moment +ergriffen, als erster die Fahne geschwungen. Er war vom +Augenblick an, wo bei Bedford das weiße verirrte Kätzchen vor +ihm sprang und ihn erlöst hatte, der entschlossenste von allen. +Er sprach zu den aktionsgierigen Gruppen seines Senats: man +wisse nun, dies werde das Ziel sein. Man werde es erforschen. +Man werde einen langen Anlauf dahin nehmen müssen. Das +Ziel sei da, für die Senate und die Feinde der Städte. Der +Federball sei auf den Boden geworfen, er werde springen. Der +Völkerkreis würde auf neuer Grundlage entstehen. Der Glanz +einer heldenhaften Arbeit werde sie vereinen. Die Städte +würden den Erdteil Grönland schaffen. Man werde sehen, was +der neuerstarkte Menschengeist leisten könne. Seine ursprüngliche +Glorie würde der in den Stadtschaften eingekrustete +Menschengeist beweisen. Nie hätte er es dringender nötig +gehabt, sie zu beweisen. Aber von dem, was jetzt geschehen +würde, würden Jahrtausende sprechen. In Hader hätten alle +Menschen seit dem Uralischen Krieg gelegen. Ihre Kräfte +seien inzwischen, das wisse er, nicht verkümmert, nur geschwiegen +hätten sie. Sie würden auf eine nie geahnte Art den +Mund öffnen. +</p> + +<p> +<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> +Und über die Siedler ergoß sich Frieden. Wenig mißtönende +warnende höhnende Stimmen; sie wurden unterdrückt. Das +Lachen der Krieger: man hätte Land genug. White Baker erschien +in London bei Delvil; sie war erregt. Faßte den Mann +bei den Schultern: „Was wollt Ihr tun? Das Meer ablassen, +die Gletscher zertrümmern? Ich trau’ es Euch zu. Es ist entsetzlich. +Wer drängt Euch dazu? Doch nicht wir! Wir sind es +nicht, Delvil, sag nein.“ „Es geschieht für Euch.“ +</p> + +<p> +Sie rang die Arme: „Sag nein. Beim Himmel, bei der Erde, +Delvil, sag nein. Es ist entsetzlich. Laß die Erde ruhen. Sieh +doch an, was habt Ihr schon –, ich mit –, an den Menschen +getan. Wie sehen sie aus, wie gehen sie zugrunde. Wie geht +Ihr zugrunde. Was habt Ihr im Krieg in Rußland getan.“ +„Es ist nicht dasselbe.“ „Dasselbe, Delvil. Es ist abscheulich, +grausig, was Ihr vorhabt. Tut es nicht, rede es ihnen aus. +Nicht für uns.“ Delvil finster: „Es gibt nichts anderes. White +Baker, du weißt nichts. Es gibt nur: zurück zu Euch oder der +neue Plan.“ „So schlag doch zu. Töte doch alle. Glaubst du, +du rettest – Euch damit?“ „Uns?“ „Ja, es ist nur für Euch, +was Ihr plant! Uns nennt Ihr nur. Wir wollen Euch gar +nicht. Wir brauchen Euch nicht. Und es nützt Euch doch nichts.“ +Delvil zog sich murmelnd mit hängendem Kopf von ihr zurück: +„Ich dachte, du würdest anders zu mir sprechen.“ „Du sollst +uns töten. Greif Zimbo und Alaska an. Ihr könnt es doch.“ +„Still, White Baker.“ „Ihr seid erbärmlich. Ihr wollt Euch +unter zehntausend Pyramiden begraben. Wären die Städte +schon weg.“ +</p> + +<p> +Leise Delvil: „Geh. Geh.“ +</p> + +<p> +Unter der starken Herrschaft des schwarzen Zimbo stand das +märkisch-norddeutsche Land. Nie war hier Bangigkeit gewesen. +Von rohen Menschen war das große Gebiet erfüllt, längst kannte +man keine Mekispeisen mehr. Mit Verwunderung und Verachtung +vernahmen sie hier von den Träumen der britischen +Siedler, der Sehnsucht nach dem fernen Paradies, hörten die +sonderbare Fabel. Die fremden herrschsüchtigen Senate sahen +sie sich straffen. Sie spitzten die Ohren, warnten die Horden auf +den britischen Inseln, rieten ihnen zum Krieg. Unbemerkt von +<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> +London trat Zimbo, in dem die Wut kochte, bei Bedford im +Frühjahr selbst vor White Baker und Diuwa, die Führerin der +Schlangen. Fragte vorher nach Männern; man wies ihn an +diese Frauen. Grollend mußte er mit ihnen verhandeln. White +Baker weinte bei der Besprechung, aber sie waren zu nichts +bereit. Sie zeigten auf die furchtbare Stärke der Belgier, auf die +bewiesene grausame Entschlossenheit und ihre eigene Hilflosigkeit. +Ob man es auf einen ganz aussichtslosen Waffenkampf ankommen +lassen sollte. Zimbo brüllte: „Ja ja“; die Senate +würden unterliegen; sie seien schon erlegen in Amerika, da +liefen sie den Stadtflüchtigen nach. Man müsse sie unterwühlen, +zuletzt erliegen sie hier auch. Und immer dieselbe +bettelnde Entgegnung: „Wir sind nicht stark genug, wir sind +keine Krieger. Nur Schwache Kranke sind bei uns. Es braucht +Jahrzehnte, bis wir uns bewegen können.“ +</p> + +<p> +Mit Abscheu sah Zimbo, wie er sich von den trüben Frauen +trennte, daß sie recht hatten. Er überlegte, ob er einige seiner +tapferen Freunde hier einsetzen sollte. Aber wie er das sanftmütige +hingegebene Gebaren in den Gruppen beobachtete, zog +er sich angewidert zurück. Diese Menschen mußten durch eine +harte Schule gehen. Die Herrschaft eines Marke und Marduk +war ihnen erst nötig. Er flog nach Hamburg. So stark war +damals das märkisch-norddeutsche Land, so verändert die Bevölkerung, +daß nur noch Zimbo und seine Gehilfen westliche +Waffen um sich hatten. Das Volk war rüstig kriegerisch gefürchtet. +Was sie nicht in Schmiede und Zimmerwerkstätten +mit der Hand und dem Feuer hervorbrachten, verachteten sie. +Zimbo ließ alle aufklären über die drohenden Gefahren. Keinen +Schrecken sah er. Die jetzt nicht mehr brüllenden metallenen +Stiersäulen wurden mit frischem Laub bekränzt. Vor der +Steinnische, in der angekleidet der Leib des großen weißgesichtigen +Konsul Marduk mit einem Holzszepter saß, wurden +bunte Wimpel aufgezogen. Zimbo selbst legte unauffällig +zwischen den einsinkenden Stadtresten von Hamburg und Hannover +Waffenlager an. +</p> + +<p> +Die Massen der westlichen Erdteile horchten auf. Die Fahrt +nach Grönland sollte beginnen. Im Norden lag das große +<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> +ruhige Land, der neue Kontinent, der für sie aus dem Eis, dem +triefenden Ozean, der schweren Nacht gehoben wurde. Friedlich +würden sie dorthin ziehen erstarken genesen. Die Herren, +die Gewaltigen der Apparate, ließen von ihnen. Ungestört +würden sie sich über die weichen aufgetauchten Bodenflächen +bewegen, unter aufsprießenden Bäumen Pflanzen, zwischen +Tieren, flatternden Vögeln, das Licht der alten Gestirne vom +Himmel. +</p> + +<p> +Die Stadtschaften trafen ihre ersten Vorkehrungen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-7"> +<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> +<span class="line1">Sechstes Buch.</span><br> +<span class="line2">Island</span> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Plan der Enteisung Grönlands wirkte wie ein Bergsturz +erschütternd auf die Städter. Ein an Grausen grenzendes +Staunen warf die Gedanken um. Ingenieure Physiker vertieften +sich in den Plan. Die Senate nahmen überall vollzählig an den +Erörterungen teil. Man hatte das Gefühl vor einer Entscheidung +der ganzen Existenz zu stehen. Die Senate spannten sich, waren +auf der Hut, wie bei der Freigabe der synthetischen Ernährung. +</p> + +<p> +Die Fachleute hatten vor, die beispiellose Gewalt der schmelzenden +Gletscher für sich arbeiten zu lassen. Sie griffen weiter +aus; man wollte bei der Enteisung Grönlands nicht stehen +bleiben, sondern eine klimatische Änderung der ganzen nördlichen +Halbkugel herbeiführen. Man mußte im Verlauf der +grönländischen Affäre zu ungewöhnlichen ausgedehnten Heizmaßnahmen +greifen; es lag kein Grund vor, sie auf Grönland +zu lokalisieren. Man konnte die Attacken ausdehnen auf die +Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen <a id="corr-19"></a>Nowaja Semlja +Baffinland Grantland, den Perryinseln. Delvils physikalischer und +hydrographischer Berater, Escoyez, ein aus Spanien gebürtiger +Mann mit berberischem Einschlag, ein halbes Wasserwesen, der +in selbstkonstruierten Gehäusen abenteuerliche ozeanische Tiefen +durchsuchte, schlug eine Änderung im Salzgehalt der atlantischen +Gewässer vor. Er hatte die Golfstromdrift an der englischen und +skandinavischen Küste studiert. Er meinte: der warme Golfstrom +ist reicher an Salz als das Meereswasser, das er durchfließt. +Die treibende Kraft der Golfstromdrift selbst ist der Wechsel der +Jahreszeiten: die sommerliche Wärme dehnt das Salzwasser +aus, schwemmt es, gießt es über das kalte. Das ist alles, das +ist die Drift. Salzwasser reißt aber Salzwasser, eine Zähigkeit +die andere mit. Man möge die warme Wassermenge, die vom +Äquator dem Norden zuströmt, vermehren, indem man das +<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> +große ozeanische Flußbett selbst mit Salz anreichert und zwar +vom Boden aus. Die Meeresböden in der Nachbarschaft der +großen Drift werden in weiten Abständen aufgesprengt, das +hochgehende Gestein zertrümmert. Der Auslaugungsstoff, +Chlornatrium Magnesium Magnesiumsulfat schwefelsaurer +Kalk Chlorkalium kohlensaurer Kalk, geht in das Wasser über. +Man hat das Bett des Golfstroms durch solche salzspürende +Sprengungen systematisch zu erweitern, von den Küsten Kubas +Floridas Neufundlands an. Der sommerliche Andrang, die +Überschwemmung mit warmem salzreichen Wasser, die Transgression, +das benachbarte Salzwasser mitreißend, wird an Umfang +verzehnfacht, wird sich weit über die Nordsee und Neufundland +erstrecken. Escoyez, das zähe braune Wasserwesen, erklärte: +man hätte eigentlich nur nötig, den äquatorialen Kochtopf +zu vergrößern. Wenn die Leutchen in Grönland bis jetzt +frieren und auf Spitzbergen kalte Nasen hätten, so dürften sie +sich darüber nicht wundern. Wer glaubt, die Natur ließe den +Menschen gebratene Krammetsvögel in den Mund fliegen, irre +sich. Freilich zeuge es im Grunde nur von der fürchterlichen +Stupidität des Menschen, daß er sich mit Klima und anderen +irdischen Dingen wie mit göttlichen Verordnungen abfinde. Es +gibt auch eine göttliche Verordnung, daß man verhungert, wenn +man sich sein Brot nicht holt. Es gibt auch eine göttliche Verordnung, +daß man seinen Verstand gebraucht. Wie man sich bettet, +so liegt man. Der Spottvogel meinte: das gelte auch vom Fluß +in seinem Bett. Aber nur bis jetzt. Man kann göttliche Verordnung +beim Flußbett des Golfstroms spielen. Der Golfstrom +werde nicht schlauer sein als die Menschen. Man streut ihm +Salz auf den Schwanz, und dann kommt er schon und macht +piep. Hinter den Scherzen Escoyez’ stand kalter Ernst. Man +ließ ihn und seine Mitarbeiter Karten entwerfen, Schürfungen +vornehmen. Vor allem, man ließ ihn das bezaubernde Gerücht +von der Veränderung des nördlichen Klimas verbreiten. +</p> + +<p> +Die Augen anderer Männer hingen an Grönland, an den +niedergehenden Gletschern. Ihnen war gleichgültig, was aus +dem neuen Erdteil wurde und was von dem ganzen Plan +gelang. Sie dachten nur daran, wie sie die entbundenen +<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> +Gewalten angreifen sollten. Die Gewalten, die sie sich gar nicht +ungeheuer genug vorstellen konnten. Sie stellten Rechnungen +an über Umfang und Gewicht der niedergehenden Gletscher, +der zu Tal steigenden Lawinen, über ihren Inhalt an drängender +Wassermasse. Die rasch ins Meer stürzende Menge mußte ein +abenteuerliches Gefälle, ein noch unausdenkbares Triebwerk +darstellen. Techniker der Kraft warfen sich über Pläne zur Ausnützung +der grönländischen Gefälle. Sie erregten den Kreis +der Senate leidenschaftlich. Man kannte Lawinen, Lawinenstücke, +die niedergehend durch den bloßen Luftdruck starke +Wälder umbrachen. Hier sollte im Umfang eines Erdteils, der +Australien gleichkam, zu etwa gleicher Zeit ein Lawinenfeld +niedergerissen werden, wie es kein Kontinent hatte. Das Gefälle +durfte nicht verpuffen; es war absurd, Lawinen und ganze +Meere unbezwungen in den Ozean stürzen zu lassen. Sie mußten +gefaßt werden, ihre Kräfte hergeben. Es war gleichgültig für +welche Zwecke sie sie hergaben. Niemand im Brüsseler Senat, +dem der alte phlegmatische Danois aus der Gruppe der Krafttechniker +berichtete, fragte danach. Niemand dachte an das Wogen +und Träumen der Siedler. Gewiß war, daß man die ungeheuren +Gefälle rings um den grönländischen Kontinent bezwingen +mußte. Das Pferd durfte nicht aus der Wildnis jagen ohne gebändigt +zu werden, mochte man auch Überfluß an Kräften haben. +</p> + +<p> +Ehe noch ein Plan durchgearbeitet war, fühlte man in den +Stadtschaften den ängstlichen Drang, alles von sich zu geben und +über die benachbarten Völker hinzubreiten. Es war wie eine +Sicherung, ein Verlangen sich anzuschließen, ein hinsinkendes +Gefühl: wir wollen nicht allein sein. Über die Stadtschaften der +nördlichen Kontinente flitzten Agenten der Senate; heftiges +immer wiederholendes Erzählen Berichten Ausmalen Hin- +und Herhorchen. Überall leuchteten Augen auf. In Algerien +lösten sich aus der Landschaft um Konstantin und südlich des +Atlasgebirges vom Gestade des Schottdjerid magnetisch gezogene +arabische Scharen, zogen nach dem Norden. Aus Sizilien, +aus der noch wimmelnden Stadt Raha südlich der saharischen +See am Niger stiegen dunkle Gandus auf; mit ihren +Flugwagen durchschnitten sie die Luft, ließen sich in London +<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> +nieder. Ein Zucken ging durch sie, wie sie sich niederließen, +genauer hörten, was geplant wurde. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">or</span> der schottischen Nordküste zackten übersprühte wüste +Steininseln aus einem tobenden Meer: dort war der Sammelplatz +der Schiffe Maschinen Menschen. In London Brüssel +zentrierten sich die Ingenieure Mathematiker Physiker Geologen +und ihre Gehilfen. Sie wehten immer von neuem Pläne +über die Menschen, lockten erregten. Alle sahen die Erscheinung +Grönlands, des Erdteils, der hinter Meeresbergen stand. Die +Meeresberge waren niederzuwerfen wie Quadern einer Burg. +Grönland war eine verwunschene Prinzessin, von Drachen umgeben. +Die Berge sanken; etwas Stolzes, ein Fabelbild würde +sichtbar werden. Niederbrechen von Eis auf tausenden Quadratmeilen, +Auftauchen einer alten verhüllten Erde. +</p> + +<p> +Schon begannen im Frühjahr die ersten vorbereitenden +Arbeiten, die auch den letzten Teil des kommenden großen +Kampfes bedachten. Sie fingen an, in Talsenken von Wales, +im Flachland bei dem belgischen Nivelle Fabriken anzulegen, in +denen sie Kraftspeicher bauten für die elektrischen und neustrahligen +Kräfte, die aus dem niedergehenden Eisland zu gewinnen +waren. Käfige für Vögel, die gefangen werden sollten; +Riesennetze; die Schmetterlinge sollten vom Ozean herübergejagt +werden; Europa und die Hitze würden über sie kommen. +In die lehmige holländische Erde gruben sie Wälle Dünen +Betonkanäle, als hätte man vor, für Untiere Fallen zu bereiten. +Sprengten an der Irischen See in den Berwynbergen +dem Deefluß folgend Gänge Höhlen, kilometerlange unterirdische +Läufe in die Felsen zur Aufnahme der Unwesen, die +man fesseln wollte. Wie Garben auf dem Felde wuchsen Gebäude +in Chester Stafford Dembigh. Zwischen den Siedlungen +der Stadtflüchtigen zogen sie sich hin, die sie mit Blättern +Steinen geheimnisvollen Sprüchen schmückten. Im Brabanter +Tiefland, an der wühlenden Maas, neben dem feuchten Flußbett +des breiten wasserwälzenden Rheins wurden versenkte Gewölbe, +flache Anlagen errichtet. +</p> + +<p> +<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> +Zu einer Hochzeit bereitete man sich. Man warf sich in +Plänen. Die lange düster enthaltsame Zeit hatte eine Unmasse +Erfindungen reif gemacht. Das Einfache umging man; Kräfte +wollten sich zeigen; man machte Proben auf die Dinge, die +man vorhatte. In den Stadtschaften erinnerten sie sich des +Märchens vom ägyptischen Pharao: sieben Kühe magere Jahre, +sieben Kühe fette Jahre. Es galt Vorratshäuser für eine endlose +Zeit zu bauen. Neue Kräfte würde man finden. Jetzt +würde das menschliche Vermögen entbunden werden, sich +unerhört über die Erde tummeln und die Arme wiegen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> atlantische Wasser schwemmte zwischen den langgezogenen +Küsten Amerikas und denen der östlichen Kontinente. In +die ungeheure Spalte zwischen den auseinandergezerrten Erden +warf es seine flüssigen Massen. Die Gneisgebirge von Kanada +und Labrador jenseits waren gelöst von den schottischen Bergen. +Zerfetzt zerbröckelt standen die Inseln an der schottischen Spitze, +Shetland und Orkney. Hundert Inseln die Shetlands. Sie +stiegen aus dem bleiernen rollenden Wasser auf der unterseeischen +Scholle auf, die die irische Erde, das gebirgebestandene englische +Hochland, die Ebenen des Südens trug. Nach den Shetlands +nahmen die Schiffe der westlichen Stadtreiche ihren Kurs. Am +sechzigsten Breitengrad in den Buchten des Mainlandes legten +sie an. Immer neue Fahrzeuge liefen ein. Hohe Flut rollte +über die spitzen Schären. Die Ebbe entblößte die Tausende +schwarzen Klippeninseln, die ihre Zähne, ihr Steingebiß zeigten. +Dann begrub sie das anspielende anwankende türmende überkippende +überprasselnde Wasser, Gischt über sie wehend. Über +den stein- und muschelrollenden Strand, die wilden Felsstapel +der Ufer warf sich die Brandung. Es war eine Haarsträhne des +Meers, das draußen seine Brust zeigte, sich zur finsteren Erde +niederbuckelte. Klirrend schlug das Wasser mit Steinschotter +gegen das entblößte Land, wusch rieb knirschte wühlte mahlte. +Es zermürbte die Vorsprünge Kanten Ecken Zungen, um +draußen im Freien sich huldvoll zu wiegen, hin und her, +Ozean, breites hundertmeiliges atlantisches Wasser, schwarzes +<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> +festverbundenes Wesen, in sich vergittert wellenüberlaufen sich +hebend. Am Rand der kleinen Klippen Inseln Festländer nahm +es sich hundert Meter Tiefe zum Hinwogen und Wühlen, dann +stieg es tausende Meter in das Lichtlose herab, hing an den +Rändern der Steinsockel der Erde herunter, gleichmäßiges rieselndes +schiebendes Wasser, vom dünnen Wind überzogen gekräuselt +gedrängt, von fliegenden pfeifenden Tieren überflattert, von +Fahrzeugen geritzt, von Schrauben Rudern Rädern gestreichelt. +Menschen über seinem Rücken. Mit der Luft war es im Gespräch. +Donner und Heulen um Riffe, Wirbeln um Schiffe. +Drohendes Murren Rollen Strudeln Gurgeln Klatschen Schlingen +Schlenkern Bersten Zerknattern Zerschellen loderndes Zerknallen +unter der wolkenverhüllten Sonne, Plätschern Peitschen +Schwingen an der Sonne, Aufheben in die Wärme, Aufdunsten +Schmelzen wolkiges Vergehen an der weißen hochstrahlenden +Sonne. +</p> + +<p> +An einem Maitage gab Kylin, ein Mann, der an den skandinavischen +Fjorden aufgewachsen war, das grüne Lichtzeichen +vom Hauptmaste seines hohen Schiffes. Da ließen die zweihundert +ersten Fahrzeuge den sechzigsten Meridian, die steilen +Abhänge des Simburg Haad. Nach einer Stunde verschwand +der Gipfel des Rona auf Mainland. Das Surren und Schwirren +der letzten Vogelberge verklang. Hinter ihnen lagen Munkle +Roon und Toul, die zackigen Inseln Yell Haskosea Samphyra +Fellar Uya Umst. +</p> + +<p> +Eingehüllt waren sie, schwebend auf zweihundert Schiffen, +Boden aus Holz und Stahl, in das sanfte Sausen des Windes. +Plätschern klang herauf. Murren aus der Ferne. +</p> + +<p> +Eingehüllt, eingerundet waren sie. Oben schoben sich dünne +flattrige Wolkenbänke. Die weiße mit Blitzen im Wasserspiegel +aufgefangene Sonne. Im Flinkern Glitzen Scheinen schwebten +sie. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">echzig</span> Kilometer Sauerstoff-Stickstoffwellen, Meilen Wasserstoff +wirbelte der Erdball durch den schwarzen kraftdurchfluteten +hauchfeinen Äther. Der höchste Saum der gasigen Masse +<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> +schlierte, verlor sich wie Dunst einer Fackel. Kein Ohr hörte das +Schlürfen Schleifen, das seidig volle Wehen an dem fernen +Saum. Geschüttelt wurde die Luft im Rollen und Stürzen der +Kugel, die sie mitschleppte. Lag gedreht an der Erde, schmiegte +sich gedrückt dem rasenden Körper an, wehte hinter ihm wie ein +aufgelöster Zopf. +</p> + +<p> +Der Unband von Feuer, die einäschernde Hölle alles Kriechenden +Fliegenden Hüpfenden, die Sonne in abenteuerlicher Ferne +durch den eisigen Äther hin. Das weiße wallende Flammenmeer. +Durch die Wolkenbänke flimmerte es, wärmte. Das +feuertosende weiße Flammenchaos stand wie eine brennende +Stadt in der Ferne still, Brand, der nicht ausbrannte. Die Erde +zog um das Chaos herum. Gasmassen, sternenweit dunstend, +strahlend, warf die kochende Sonne von sich, zog sie wieder an. +Eine klirrende Geistererscheinung stand sie, in der Finsternis, +die von ihr abwich, geballt andrang. Metalle brannten in ihrem +Leib, metallene Wolken fielen auf sie zurück, Zink Eisen Nickel +Kobalt, die sich durch die Gesteine der erstarrten Erde zogen, +Barium Natrium. In Schlacken fielen sie zurück. Fackeln +brunsteten auf; im Wirbel wurden sie aus dem Flammenmeer +herausgekehlt, gestoßen in den vibrierenden Äther, glühender +Wasserstoff. Siebzigtausend Meilen erhob er sich. Der Sonnenleib +spritzte nicht, wenn die Güsse in ihn zurückschossen, wiederschmelzend +aufglühend. Wie ein Ährenfeld unter dem Regen +beulten sich die empfangenden stehenden Flammen, strafften +sich. Kein Donnern ging von den Urgewalten aus. Kein Bergsturz +und Orkan bringt solch Geräusch hervor wie die lebend hinziehende +Sonne. Das rasende Flammenmeer, gleichmäßig brodelnd +und siedend, explodierend und Garben werfend, – bei +seiner Annäherung würden die Planeten veraschen und verdunsten, +– mit seinem Tönen verschlang es jedes ferne und nahe +Geräusch. Dies millionenfach gesteigerte Zischen und Zirpen +von Zikaden. Dieses Zwitschern der Metalle. Dazwischen das +nie verhallende Klatschen Trommelwirbeln, das sich rasselnd +über erdweite Glutmassen fortpflanzte und hinter allem Gebrüll +lagerte. Strontium, das hell purpurrote, Magnesium, gequetscht +unter den schweren Gebirgen der Erde, Gluthauch neben +<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> +Gluthauch, frei blühend und lodernd die Urwesen Helium Mangan +Kalzium, leuchtend weiß blendend in Lichtern, für die keine +Augen sind, unter denen die Farben auslöschen. Strahlend +gasend das hunderttönig zwitschernde Feuermeer, die fackelschleudernde +Urwelt im Äther. +</p> + +<p> +Fern von den Wallungen Stürzen Strömungen Bränden +der Sonne die kleine graue Erde. Wie ein Wiesel über das Feld +lief sie. Von Dünsten, nassen Dämpfen war sie umgittert, von +einer Schlackenkruste ihre Glut umfaßt, von Meeren Flüssen +Eis belagert. Keine Wolken der glühenden Metalle prasselten, +von ihrer Wildheit geprescht, auf sie nieder. So wie ein Glaser +den Kitt mit Gewalt auf das Holz und das Glas drückt und sie +halten fest, wie eine Faust den Schnee ballt, zwischen gekrümmten +Fingern und Handteller umschließt, zu einem harten Ball +preßt, der Schnee flattert nicht mehr: so war die Erde verglühend, +sich hilflos abstrahlend von dem Äthereis angefaßt, gab +knirschend nach. Im Innern das Sieden und Glühen; der Leib +unter Aschen verfestigt. +</p> + +<p> +Dies ist die Erde. Die leuchtende brennende Urwelt geht über +ihr auf und unter. Ein welliger Mantel aus Gesteinen bedeckt +ihren Rumpf. Tausend Meter tief und tausend hoch geht das +Gestein. Kontinente und Inseln strecken Gebirge Ebenen Steppen +Wüsten aus. Das Wasser bricht in Quellen aus den Bergen. +Meere überfluten die Talmulden. Schwer schwimmen Gebirge +Gneis Schiefer auf der schmelzflüssigen glühheißen Masse, die +von Zeit zu Zeit die steinerne Kruste durchbricht, sie mit Stichflammen +erweicht und hin und her wiegt. +</p> + +<p> +Breit besetzt der Leib Asiens die nördliche Hälfte der Erde, mit +einhundertvierundsechzig Längengraden und siebenundachtzig +Breitengraden. Mit Gondwana, Angara, der Scholle Chinas +hat es sich über den Spiegel der großen Ozeane erhoben, seine +Seen ließ es versickern. Sein Rückgrat ist der Altai, das Massiv +des Himalaya vom Chingan nach Pamir, vom Karakorum bis +Bhutan und zur Krümmung des Dihung. Die kaspische und +uralische Senkung hat das Meer verlassen; sie saugt den Ural +und die Wolga an, schlammt sich mit ihnen voll. Gletscher bedecken +den Kuenlun. Umrandet von den Schneegebirgen sind +<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> +die östlichen Sandwüsten, das Tibet der Jaks, die grünen Hügel +und Lößflächen Chinas, mandschurische Wiesen. Das steile Gebirge +stürzt nach Süden zu den sumpffeuchten Ebenen Hindostans +ab, zum warmen bengalischen Boden. Blühende Gestade +Indiens, Reisfluren, Felder des Zuckerrohres, Sago und +Kokospalmen. Die Sumpfwaldungen, der Sunderban, das +Tarai durchlaufen von den bunten Königstigern, langohrigen +Elefanten, vierhändigen Gibbons. Flüsse auf Flüsse nach Norden +ins Eismeer durch die sibirischen Grasflächen, morastige Tundren +frierende Steppen. Bis zur Lena streift der langhaarige Panther +von Kaschgar. +</p> + +<p> +Hängend am Massiv der Ostfeste das vielgliedrige kleine +Europa. Die jungen aufragenden Alpen, Horste der alten Gebirge +in Thrazien Korsika Spanien. Gesteinsdecken in die Höhe +gepreßt, von Trümmern überwälzt. Versunkenes Land im +Süden; eingestürzt das Mittelmeer in das klaffende Becken. +</p> + +<p> +Von Regengüssen Sonnenhitze wird Afrika belagert. Neunundzwanzig +Millionen Quadratkilometer wächst der Boden hin, +platt liegt die Tafel des Landes. Reis Durra Kaffee Mais +feurige Gewürze schießen aus der Erde. Unverhüllt erheben sich +die Massen des alten Granits und Glimmerschiefers, zieht sich +eine Sandsteindecke hin. Unter dem Brand der Sonne zerfallen +die Gesteine zu Schutt, zersetzen sich in Erde und Lehm, den das +Eisen rot färbt. Der Tanganjika- und Njassasee füllen die Gruben +des Hochlandes, Vulkanreihen besetzen die Ränder der Spalte. +Zehn große Seen speisen den Kongo Niger Sambesi. Savannenflächen +treiben ungeheure Hochgräser. Galeriewälder entlang +den Ufern. Lemuriden und Affen, das zierliche Zebra, Okapi +in den Wäldern. Die baumartige Staude der Banane treibt +sechs Meter lange Blätter; scheidenartig umschließen sich die +mächtigen Blätter; dicht gedrängt hängen die großen Beerenfrüchte +herunter. +</p> + +<p> +Vom Kap Murchison bis Kap Horn auf Feuerland die amerikanische +Westfeste. Eine hartgefaltete Gebirgsschwelle durchzieht +den Kontinent von der Südspitze bis zum Mackenziefluß, eine +Flachlandmulde vom Eismeer zum warmen Mexikanischen +Golf. Mit fünf großen Seen vertieft sich das nördliche Land. +<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> +Die Ebene durchwallt nach Süden der starke Mississippi, hinter +sich her den Ohio von den Appalachen, den Missouri von den +Kordilleren ziehend. Ihre Falten hat die starre Erdhaut im +Westen aufgerollt; die Doppelkette der Gebirge begleitet wie +eine Mauer im Westen den Ozean. Urwälder umgeben den +Amazonenstrom; erst heißt er Tunguragua, dann Marañon. +Die Erde gibt ihn aus dem Laurikochasee her; zweihundert +Flüsse, schwarz und weiß von Kalk- und Eisenflächen hat er mitgenommen, +bis er in den Ozean taucht. +</p> + +<p> +In den Meeren haben sich die Urwesen verfestigt, Wasserstoff +und Sauerstoff. Sie überströmen den Ball, arktisches atlantisches +pazifisches Gewässer. Wasser, gleichmäßig hinfließendes Gebilde, +lastendes schwingendes Wesen, das spritzt dunstet, Wolken +bildet, im Schnee weht, zitterndes Wesen vor den Flachküsten, +dröhnende schwarz zottige Erscheinung der Orkane und +Sturmfluten. Mit Salzen saugt es sich voll, Chlornatrium +Magnesium Kalk, macht sich schwer, färbt milchweiß den Golf +von Guinea, zimtfarben den Busen von Kalifornien, gelbbraun +den Indischen Ozean. Warme und kalte Ströme durchwallen +die Ozeane, farbige Bänder; Silbernebel erheben sich über +ihnen, wo sie sich mischen. +</p> + +<p> +Die Urwesen hauchen um den Erdball, brennen und fließen +in seinem Rumpf, überlasten ihn in festen und beweglichen +Massen, sind Spannungen Schwerkraft Hitze Licht, sind Schwefel +Chrom Mangan Silizium Phosphor. Sie sind Erde Sand. +Sind stumme Kristalle, aufdrängende keimende Blumen, Flechten +über dem Boden, Blütenpflanzen, schwimmende Fische, +Vögel die pfeifen und sich locken, anschleichende Raubtiere, +hämmernde und kämpfende Menschen, Schneckengehäuse an +Seeufern, Bakterien Schlingpflanzen erstorbene Bäume, faulende +Wurzeln, Würmer, eierlegende Käfer. +</p> + +<p> +Vom sechzigsten Meridian brachen die zweihundert Schiffe Kylins +auf, ließen die Shetlandsinseln hinter sich, schwebten über +dem Ozean. Sie fuhren in dem warmen Driftstreifen, der +Norwegen bespülte, das Eis Finnmarkens schmolz. Unter ihnen +zog sich lang durch <a id="corr-21"></a>den Atlantik ein unterseeischer Bergrücken, +zog nach Süden, wurde breit bei den Inseln Ascension und +<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> +Sankt Helena, zweigte eine Kette nach Amerika und Afrika ab. +Schweigendes Meer lag über den Tälern und Bergen, ins +Schwarze waren sie versenkt. Der Ozean fiel unter den Schiffen +dreitausend Meter tief ab. Über dem sausenden Wasser, im Wind +schwirrten die Vögel neben den Riesenschiffen, die tierischen Geschlechter, +mit Augen Knochen Därmen wie die Menschen. Die +Sturmschwalben, die auf zappelnde Fische stießen, Silbermöwen +mit gezackten Schwänzen, spitzen Flügeln. Das Wasser, das +sich unter den schwebenden Riesenschiffen hob, die schwarzgrüne +glasige zerlaufene Masse, quoll von Tieren und Pflanzen, folgte +den Schiffen mit jedem Meter. Schleimklümpchen der Urtiere +klebten an den Wänden der Schiffe, hingen an den Schrauben, +befuhren mit ihnen das Meer, fadenförmige Füßchen ausstreckend. +Wie Schmetterlinge stiegen Ruderschnecken aus der +nassen Finsternis am Abend auf, die unermeßlichen Scharen +der Klio, sanken mit dem Tageslicht herab. Am Meeresboden +lauerten und lagen fest mit Saugern die Scheibenbäuche. Zarte +Seewalzen, Schwänze wuchsen auf tiefen Riffen, neben Klipprosen. +Skelette hingesunkener Tiere kleideten den Meeresboden +mit Schlamm aus; kleinäugige Borstenwürmer, schlanke Glyzeriden +krochen darauf herum zwischen Tangbüscheln. An der +beschienenen Oberfläche zogen Rippenquallen ihren Weg, +stumme gefräßige Geschöpfe, Siphonophoren, die wie Blumengirlanden +leuchteten, Städte von glasartig durchsichtigen unzähligen +Tieren, an einen Faden gereiht, der sie nährte. Lachse +schossen unter dem Kiel der Schiffe herum, auf der Haut, an +den Kiemen feine Krebse, die sich anklammerten. Das Geschwader +übersetzte die unterseeische Schwelle, den stillen Thomsenrücken. +Es nahm den zehnten östlichen Meridian. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">sland</span> war eine Insel unter dem fünfundsechzigsten Breitengrad +an dem fünfzehnten östlicher Länge; der Polarkreis schnitt +ihre nördlichen Vorsprünge. Zwei Inseln hatten Laven aus +Vulkanen werfend diese bergige Platte geschaffen, die ihre +zerrissenen Wände, Scheren eines Riesenkrebses, in das neblige +brandende Meer streckte. Die Menschen auf den Schiffen näherten +<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> +sich ihr. Sie hatten vor, die Vulkane der Insel zu zerreißen, +ihr Feuer über Grönland zu tragen. +</p> + +<p> +Vergletschert lag der Süden der Insel. Hekla und Skapeterjökul +hießen die Berge, die Schwefeldämpfe aus ihren Spalten +von sich gaben. Der Mückensee dunstete im Norden mit vierunddreißig +schwarzen Lavainseln; an ihm warfen aus weiten Bassins +der Krabla und Leirhukr tiefblaue und honiggelbe Massen. +Haushoch schossen die, prasselten in den Krater zurück, wälzten +sich, gasten über die Abhänge. Meilenweit war die Wüste der +Insel; Lavafelder, runzlig erstarrte Steinströme, nackte braune +Blöcke, zerborstene Felsen. Verbrannte tote Ebene. In den +Klüften der Laven standen spiegelnde Wasser. Springquellen +warfen heiße Wassermassen. Am südlichen Rand der Wüste +standen der Geysir und Strocker; in ihren weiten Wannen trugen +sie helles grünes Wasser, das pulsierte. Von Zeit zu Zeit tosten +die Wannen. Blasenwerfend richtete sich das Wasser auf, wölbte +sich über den Rand der Krater, warf sich schluchzend zurück. +</p> + +<p> +Als die Kolonne des ruhigen blonden Schweden Kylin an der +Spitze des Eyjafjords landete und die Insel überflog, – Wirbelwinde +gingen über das Land, die brennenden Berge, die narbigen +Felder, – fanden sie Menschenansiedlungen in der Nähe der +Küste. Nahe dem Landungsplatz war eine Siedlung; Schafe +und kleine Rinder wanderten auf Hügeln. Man mußte, was +man vorhatte, ohne sie verrichten. Es war vorauszusehen, daß +sie der Expedition feindlich gegenüberstanden. Kylin und seine +Begleiter umschwärmten den Krabla am Mückensee. Er war +tätig; auf Meilen dröhnte die Insel unter den Schlägen, mit +denen das heiße Magma den felsigen Untergrund durchbrach. +Die Beben rollten über die Insel. An toten Bergwänden sahen +die hochkreisenden Flieger plötzlich Schlünde und lange schwarze +Kluftreihen sich auftun. Oft mußten sie sich senken, von dünnen +Schwaden eingewickelt, blitzrasch aufzucken unter dem erstickenden +Andrang der Schwefelgase. Mit Wonne umflogen sie das +stampfende gähnende Untier, das sich da unter ihnen am See +hingesetzt hatte, das Land aufwühlte, die Oberfläche des Wassers +wiehernd prustend zum Schäumen brachte. In diesen Schlünden +wogte die unermeßliche Glut, nach der sie begehrten, die sie +<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> +herausschaffen mußten. Um sie über Grönland zu werfen, auf +den weißen bergetiefen Eispanzer, der trübe anlaufen dampfen +zerreißen würde, die Gletscher vom Kap Grival, der Kangardlutsuak, +die Aggasinsel. Island brannte. Es mußte stärker +brennen. Eine wolkenschleudernde donnerlohende Feueresse +war für sie bereitet. +</p> + +<p> +Wie Kylin östlich drehend in abendlichem Dunkel sich der +Gegend des Landungsplatzes näherte, flammten und erloschen +an der Küste kleine wie wimmernde Warnungszeichen. Zweieinehalbe +Stunde sah Kylin mit seinen Gefährten, unruhig +fliegend, auf einer Schutthalde landend, wieder hochjagend, die +zitternden Signale aus der Nacht. Dann erloschen sie. In +langer Kette, langsam, sehr hoch fliegend näherten sich die Kundschafter +rauschend den schwarz im Mondlicht ragenden Klippen +des Fjords. Die Wellen murrten herauf. Bei den schimmernden +Zelthäusern des Landungsplatzes, auf einer sanft geneigten +Wiese faßten sie Fuß. Sie liefen in der Helligkeit bergab. +Stürzten über weiche Körper. Wie sie sich bückten zugriffen, +die Leiber drehten, blickten sie auf dicke unbewegliche fremde +Gesichter. Die Zähne waren zum Lachen entblößt, die Zungenspitze +vorgestreckt. Losgelassen fielen die Körper zurück, rollten +auf den Rücken, die andere Schulter. Eine Gestalt löste sich von +einem Zelt, lief auf sie zu, führte sie abwärts. Die Eingeborenen +des nahen Dorfes waren zudringlich geworden, hatten nach den +Absichten der Expedition gefragt, hatten vier Seefahrer weggeführt +als Geiseln, daß nichts geschehe und die Fremden rasch +wieder abführen. Da hätten die Seeleute zum Schein die Schiffe +bestiegen, die Geiseln zurückgenommen und bei Einbruch der +Dunkelheit mit dem balearischen Licht die Küste abgetastet. Das +war das Licht, das durch die Haut der Menschen drang, sie wie +eine Schellackmasse umgab und abschloß. Von ungeheurem +Hunger nach Sauerstoff wurde das Blut erfüllt. Ins Zittern +gerieten die Menschen, ihr Herz stürmte, die Atmung vermochte +nicht zu folgen. Sich selbst verzehrend, während das Blut aus +den Gefäßen trat, hellrot, rosarot aus Mund und Nase, stürzten +die Menschen hin in die Blutlachen, die noch am Boden quirlten, +Blasen warfen und nicht gerinnen wollten. Am Morgen nach +<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> +dieser Nacht warf man die fünfhundert Leichen, dazu Kadaver +der Rinder und Schafe in den plätschernden Fjord. Finster saß +der blonde Kylin vor seinem Zelthaus, den Blick auf den purpurnen +Boden, hörte das endlose Traben der Leute, die immer +wieder Körper vorbeischleppten, jetzt Säuglinge und Kinder aus +dem Dorf, die sie von einer Klippe im Schwung in das aufspritzende +Wasser sausen ließen. Als ein Windstoß ihm spitzen +Sand ins Gesicht warf, den flachen Hut seitlich hinlegte, stand +Kylin auf, rief Begleitung, schlenderte seewärts. Von den +Schiffen stiegen neue Menschen herauf. Kylin lief in Zorn und +Widerwillen. Der starke Prouvas fing ihn bei den Schultern auf. +</p> + +<p> +„Kylin“ brüllte der lustige Mann, „das ist ein Tag. Ihr seid +noch am Leben. Wir glaubten, Ihr seid die ersten, die über den +Feuertopf stolpern werden. Noch vor dem schönen Grönland.“ +„Prouvas, ich bin nicht lustig.“ „Es scheint. Wärest uns auch +beinah in das Licht geflogen.“ Ein noch fetterer ganz in schwarzes +Leder gehüllter Mann umarmte Kylin: „Huah. Wind auf +Island. Der Boden wackelt erbärmlich. Auf den Schiffen ist es +lustiger. Wir freuen uns, daß du lebst.“ Kylin konnte nicht vom +Boden aufsehen: „Wie ist das gekommen, Prouvas. Mit dem +Licht. Wer hat befohlen, das Licht anzuwenden.“ Prouvas +trat erstaunt zurück: „Das Licht? Hat es nicht gewirkt? Sie +schleppen schon den ganzen Morgen. Komm rüber.“ Der im +schwarzen Leder: „Keine Maus ist davon. Kylin scheint eine +kleine Ladung abbekommen zu haben.“ „Ich bin nicht im Bereich +des Lichts gewesen, Prouvas und Wollaston. Es sind sehr +viele umgekommen. Das ganze Dorf.“ „Allesamt. Tiere mit. +Das Licht hat keine Augen, sucht nicht aus.“ Kylin reckte sich, +legte beide Arme über das Gesicht, schüttelte sich, spie. Leise +gab er von sich: „Pfui. Es ist gut.“ Die beiden anderen schmetterten +ihr langes Lachen heraus: „Nun ja, Kylin. Es ist gut.“ +„Es war roh.“ Prouvas umfaßte den im Leder: „Da haben wir +Marduk den Zweiten. Gründe ein Königreich, mein Sohn, +aber nimm die Arme herunter.“ +</p> + +<p> +Der ließ sie sinken: „Erst kommt weg. Wieviel werden sie noch +herausschleppen.“ Prouvas: „Du hättest es ansehen sollen. Es +war mit den Scheinwerfern gut zu sehen. Eine Minute rannten +<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> +sie, als wenn sie niesen wollten. Dann setzten sie sich ganz ganz +langsam, einer wie der andere. Ich glaubte, sie weinten oder +das Wasser lief ihnen aus den Augen. Und dann waren sie tot.“ +Wollaston: „Sind es fünfzig, die hin sind, sind es fünfzig. Sind +es hundert, sind es hundert. Sind sie tot, sind sie tot. Dableiben +konnten sie nicht.“ Blinzelnd Kylin aus seinen grünblauen +Augen: „Ich habe die Leitung.“ „Freut uns zu hören.“ „Ich +habe die Leitung.“ „Es freut uns.“ „Ich habe von Menschenausrottung +nichts gesagt.“ Brüllend Wollaston: „Haben wir es +uns vorgenommen? Ich? Oder Prouvas? Haben wir Menschen +ausgerottet? Die Leute mußten weg. Sie werden die +letzten nicht sein. Wenn du schwach wirst, gib die Leitung ab.“ +Ruhig Kylin: „Was meinst du, Prouvas?“ „Nicht Wort für +Wort wie Wollaston. Aber ich habe die Lichtröhren bedient.“ +Der im wattierten Fliegeranzug öffnete die Hände: „Einen +halben Tag. Vertretet mich.“ +</p> + +<p> +Gegen Abend flog Kylin an das draußen liegende Geschwader. +Seine Schwester, die mit der Expedition fuhr, hatte den Tobenden +beruhigt, der immer beteuerte, er ekle sich, hätte sich mit +Vieh eingelassen; er schließe sich den englischen Siedlern an, +gehe zu Zimbo. Auf Stunden war Kylin der Sinn der Expedition +entschwunden. Er heulte, es sei Lüge, was sie trieben. +Beim ersten Schritt, den sie täten, sei es klar geworden. Wie er +vor seinem Flugzeug stand, faßte er sich fragend lächelnd an die +Stirn: „Schwester, sie müßten mich in Brüssel sehen. So +müßten sie mich sehen. Wie einem in den Knochen steckt, was +Marduk und die andern sagen. Treiben wir Unfug?“ Aber die +Schwester umfaßte ihn, ihre Augen funkelten: „Es ist vielleicht +ein Unfug, Brüderlein. Aber auch noch mehr. In manchen +Augenblicken weißt du es auch. Nachher wirst du es wieder +wissen. Hörst du die Vulkane? Sieh sie an. Wir werden sie +fassen. Denk, Brüderlein, wir werden sie fassen.“ Sie schob ihn +auf seinen Sitz, griff nach dem Steuer, lachte: „Gönn mir die +Freude zu steuern.“ +</p> + +<p> +Die Schiffe umfuhren Island in nordwestlicher Richtung. In +der Höhe der stoßenden Krabla und Leirhukr ankerten sie weit +in See. Der Anblick labte das Geschwader. Die Küste von +<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> +Ingolfs-Höfdi bis herauf nach Glettinge Nes strichen die Flieger +ab. Ufer Inseln Hinterland waren frei von Menschen, die Lavawüste +südlich rauchüberschwemmt. Von den Mutterschiffen +jagten die Flieger auf, maskengeschützt, darunter Dutzende +Frauen, immer in Gefahr, von dem aufblasenden Feuer verbrannt +oder gesengt zu werden. Sie nahmen Bilder der furchtbaren +Landschaft an der wirbelnden See auf, durchsegelten mit +ihren Metallflügeln die Lohe, senkten sich in Pausen herab, +schossen davon. Weiter südlich stellten sie neue Schwefeldämpfe +Kraterbildungen an Punkten des Mittellandes fest. Springquellen +stellten ihre Tätigkeit ein. Statt dessen rieselte schmauchte +Gas aus Rissen Klüften; dazu Rumoren, dumpfes hohles Rollen. +Kylins Expedition konnte ohne Furcht vor menschlicher Störung +angreifen. Es war sicher, der Vulkan stand über einem ungeheuren +feurigen Magmaherd. Man brauchte sich nicht drum +zu bekümmern, ob die Herde abgekapselt in der harten Erdrinde, +in einer Höhle steckten, eine Blase des großen schmelzflüssigen +Magmas, oder ob das Erdmagma selbst, der Nickelstahl des Erdleibs +das ihn umkrustende, auf ihm schwimmende Siliziummagnesium +durchbrach. Man mußte darauf losstoßen. +</p> + +<p> +Und die Erde kam ihnen entgegen; das Geschwür war im +Begriff zu platzen. Man verständigte sich mit den nachfolgenden +Geschwadern. Unter dem Brüllen des gähnenden Krabla, +zischendem Aschenregen fand am Hunafjord in einer Bucht eine +Begegnung der Führer der Kolonnen statt. Kylin hielt sich zurück. +De Barros vom zweiten Geschwader wies in die Richtung des +Krabla: „Da hört euch das Ding an und meine Stimme. Können +die beiden gegeneinander aufkommen? Nein. Seht meinen +Kopf an oder meine Hand und den Krabla. Oha, der ist groß, +der Krabla. Schluckt sechstausend, sechs Millionen Menschen +und wird davon nicht dicker. Wir wollen mit dem Goliath reden. +Er wird prahlen mit seinem Kopf, mit dem Wanst, wird toben. +Indianergeschrei. Eins in die Flanken und er ist hin. Bleibt +nichts von ihm wie ein Schutthaufen.“ Der biegsame Kylin, +der lange elastische oft finstere Hauptführer der Expedition, hatte +sich wieder gefunden. Er war ein stolzes klares Wesen. Er zog, +auf den Rauch schielend, die glatte kurze Oberlippe hoch: „Dies +<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> +wird der Anfang sein. Es ist gut, ja es ist gut, daß wir uns +zusammengefunden haben. Schlimm, so weit von den Kontinenten. +Aber kein Schade. Wir werden vielleicht selber – wie +Vulkane uns über die schlafenden und blödsinnigen Kontinente +machen, samt ihrem Inhalt und ihrer Auflagerung.“ Und er +träumte: Besinnung, endlich, bei Island. +</p> + +<p> +In der Breite von sechzig Kilometer Luftlinie nahmen die +Arbeitsschiffe Stellung an der Nordostküste der Insel. In den +Tistillfjord fuhr eine östliche Gruppe. Vor der Halbinsel Rifstangi +angesichts des kahlen Svalbardberges ankerten Kylins +Mannschaftsschiffe. Bis zum Eyjafjord unter den Schneestürzen +des Rimar dehnte sich die westliche Gruppe. Der Sturm peitschte +unablässig das Meer. Die Schiffe waren Kolosse von der Höhe +eines Berges. Rückwärts und getrennt von ihnen schwankten +flachere runde kleinere: hier lagerten Maschinen Apparate Vorräte +Erden Sprengmaterialien Metalle; dies waren die technischen +Beischiffe. Die Geschwader entnahmen ihre Antriebskräfte +den gewaltigen Kabeln, die die Arbeitsschiffe selbst auf +ihrem Weg hinter sich herzogen und von Skandinavien über den +Schelf des Festlandes, den Abgrund der Tiefsee, die arktisch-schottische +Bodenschwelle gespannt hatten. Die Kabel, in Isolatoren +gebettet, trugen von Strecke zu Strecke Entnahmewülste. +Der Draht, der von oben nach ihm suchte, das Kabel abtastete, +in der Flachsee von Booten geführt, hakte und haftete mit +seinem Kopf in dem Wulst fest. Wühler und Reiniger liefen +dem Ladedraht vorauf, schoben die Sandmassen vor dem Draht +beiseite, glitten anhebend an dem Kabel entlang. Ein Ladestrom +vom Ort eröffnete den Wulst. Und schon schwollen die +Energien der fernen Länder, die Gewalt der Katarakte in dem +erzitternden Kabel hoch, warfen sich über die aufschmetternden +Maschinen, tosten durch die Schiffe. +</p> + +<p> +Nördlich vom schwarzen aschenbestreuten Myvatn, dem +Mückensee, raste und fauchte unsichtbar der Krabla. Und neben +ihm Leirhukr. Jubelnd blickte Prouvas von der Höhe des +Svalbard über die Schnellen und Wirbel des klippenversenkten +Jakutsa zu dem Vulkan herüber. Zur selben Zeit lachte +zehn Meilen von ihm am Rimar, auf der Höhe des stummen +<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> +staubbesäten Myrkarrgletschers der breite Wollaston. Er trampelte +auf dem Boden, bis das Weiß des Schnees hervorkam. +Stieß mit seinem Stock in den Schutt: „Daß du herauskommst, +Gletscher! Myrkarr, großer Myrkarr! Daß du uns ansiehst. +Es gibt ein Spektakel. Seitdem du auf den Beinen bist, hast +du so eins nicht gesehen. Der Krabla spuckt noch. Bald ist +es kein Spucken mehr. Er streckt die Zunge aus dem Hals. Hat +sich ausgejagt.“ Er erstickte fast im Qualm: „Bald sieht keiner +was von euch, Krabla und Leirhukr.“ +</p> + +<p> +Als das mittlere Geschwader zum Brückenbau schritt, hatte +der Sturm aufgehört, Windstille mit Regen war gekommen. +Die Insel rollte wie sonst. Der Qualm zog hoch nach Osten ab. +Die Feuersäulen leuchteten durch die Nacht. Sie schlugen +Brücken von Axarfjord herauf zur Höhe des Burfell, von der +Spitze der Rimarhalbinsel über die Hügel weg auf den Gipfel +des Rimar, von der Rifstangihalbinsel am Tistillfjord auf den +Svalbard. Die Brücken stiegen schräg auf aus der Meeresbrandung, +dann schwangen sich die weiten lichten Fluchten der +Viadukte ins Land, über Bäche die von Bergen schäumten, +über Geröllhalden Moore tote Laven, durch die nebeldurchzogene +regenverhangene kühle Luft zum hohen Svalbard, zum +großen Myrkarrgletscher, zum zackigen Rimargipfel. +</p> + +<p> +Die Pfeiler und Widerlager rammten sie nicht in den Boden. +Metallflieger stiegen auf, ließen sich zu zwanzig dreißig auf den +Klippen, an den Abhängen nieder. Sie schlugen grob Schutt +und Steine beiseite, wühlten mit Spitzhacken und Hämmern, +brannten flache Löcher in dem Felsen frei. Da hinein legten +sie die dünnen Platten, die, unscheinbare blaugrüne leichte +Scheiben handgroß viereckig, kleine Schilder, vor ihrem Brustleder +hingen. Die Scheiben schlossen sie zum Laden an den +Zweig des Kabeldrahtes an, den sie mit sich führten. Und schon, +wenn es in den Platten knackte, ließen sie sie los, auf das flache +Loch fallen, schwirrten davon. Die Platten, aufeinander gepreßte +Blätter, glühten. Das oberste geladene Blatt strahlte +schmolz. Und wie sich seine Masse mit der des zweiten Blattes +mischte, stieg ihre Hitze. Die brünstig ineinander brennenden +ersten und zweiten rissen das starre dritte in den Brand. Knisternd +<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> +spaltete sich das, tropfte seitlich und an der Bruchstelle, um plötzlich +erweichend mit einem Schrei sich in das Feuer zu geben, +das weiß niedrig immer bläulich durchsichtiger wurde. Und +wie die pfeifenden keuchenden streng und starr sengenden saugenden +sich rund rollten, bog sich das letzte Blatt, streckte sich wie +in einem Krampf, schlug sich um, gezogen gespannt zu einem +haarfeinen Glas, einer schillernden Haut um die singenden drei. +Die Kugel wuchs hoch, weiß, blauweiß, hellblau, dehnte sich, +dehnte sich. Schmelzend zersprang sie und im Augenblick war +jede Farbe aus dem armhohen Brand verschwunden. War +nichts da als ein strenger starrer befehlender Hauch, ein Röcheln. +Und schon war alles weggerutscht von der Felsplatte, abwärts +gesunken in den Fels hinein, metertief gestürzt. Sein Leben im +Brand von sich gebend verdampfte verstöhnte es in der Tiefe, +während über ihm gallertig der geschmolzene Fels auslief. +</p> + +<p> +Die kreisenden Flieger stießen auf die schmelzenden wieder +gerinnenden Felsen herunter. Rammwagen fuhren an die +gischenden Öffnungen, bohrten hochausholend Pfeiler in die +schmorende Masse, hielten sie, bis das Zittern der Luft nachließ, +der Felsbrei glasartig die Pfeilerfüße umklammerte. +</p> + +<p> +Pfeiler auf Pfeiler wurden über das Land im Gestein gegründet. +Eine Pfeilerreihe vom Lager Kylins überquerte den +Jakutsa. Eine Reihe stieg vom Axarfjord über den Burfell. +Eine Reihe wuchs gewaltig vom Rimar her, griff über den +Myrkarrgletscher, stieß zum Skjalfanda; auf dem qualmschweren +Odadablachfeld machte sie halt. Es war ein breites +steingegossenes Wesen, das hier wuchs; Nachbarstück berührte +Nachbarstück. Über dem Fundament waren aufgepflanzt ringförmige +Trommelträger, die Rollenlager trugen. Von Strecke +zu Strecke konnte das bewegliche Tragwerk, eine Pfeilergruppe +bedeckend, auf seinem Drehtisch hereingeschwenkt herumgeworfen +werden, das Fahrgut gerettet, die Pfeiler entblößt +werden. Mit mächtiger Lichtweite übersetzten die fliegenden +Brücken das Gebiet von dem tosenden Meer bis zum schwarzen +Myvatn, dem See. Unter ihnen lagen tief im Rauchschwall +die gespaltenen graublauen Gletscher, die Geröllebenen, Täler +mit schmaler Sohle und felsig abstürzender Lehne. Furchtlos +<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> +rannten die Pfeiler vor gegen das speiende Plateau der +Vulkane. +</p> + +<p> +Es war keine Woche um, da sausten die ersten Wagen auf +Schienen, die sie selbst um sich warfen, über die glatte Fahrbahntafel. +Überrollt war der Zug und unterrollt von dem +bogenförmig langgespannten, hoch vor- und zurückgedehnten +Paar Schienen, die als langgezogenes Oval die Wagenreihen +zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe <a id="corr-22"></a>umsauste +sie der Zug, der die stählernen um sich drehte, immer neu überrannte, +von oben her zu seinen tretenden Füßen herabriß. +So überdonnerten sie die Brücken, blendende Lichter vor sich +werfend, bei Tag und in der völligen Finsternis des Rauchs +und der Nacht, den magnetisch in die Brückentafel eingetragenen +Spuren folgend. Unter den frisch einsetzenden Böen +wurden aus den Schiffsbäuchen der drei Geschwader geschleppt, +auf Wagen geschoben und montiert die Maschinen, vor denen +vergehen sollten der Krabla, der gurgelnde Vulkan, und der +Leirhukr, das dampfende bergezerreißende gasende Unwesen. +</p> + +<p> +Kylin hatte in die Maschinen neue Kräfte eingespannt. Er +war aus Marduks Schule. Wie Marduk die Bäume auftrieb, +ihr Leben in furchtbarster Weise reizte, so zu tosendem Wuchs +und Überwuchs zwang, so hatte der schwedische Schüler die +Gesteine und Kristalle bewältigt. Er hatte das Futter gefunden, +mit dem man Gesteine speist. In hingerissenen Stunden hatte +er das Sprießen und Sichfügen der Kristalle geschaut. Das +Wachsen der Schneenadeln der Eisblumen auf der Glasscheibe +aus dem hauchenden Atem war sein erstes Wunder gewesen. +Und wie er den langen großen Marduk, den Botaniker, mit +trockenem Samen Keimlingen langhaarigen Wurzeln Reisern +abgeschnittenen Laubblättern arbeiten sah, – unter dem Anhauch +der Nährgase und Reizlösungen streckten sich in den Stengeln +die Gewebsstränge, Siebe und Gefäße, die Vegetationskegel +der blassen Tannennadel trieben ihre Wülste aus, Zellhaut +legte sich über Zellhaut, – überfiel Kylin der Wunsch, auch +mit seinen Steinen und Kristallen so zu spielen. Es war etwas +Üppiges Freches Niedriges in dem Wunsch, aber es zog ihn +dahin; das hitzig trübe Gefühl lag über ihm. Ja, er fühlte sich, +<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> +vor den Schwemmkästen und Heizröhren liegend, in die er +seine Kristalle eingespannt hatte, herausgefordert; sie gediehen +nicht wie er wollte; er mußte Herr werden. Mußte sie wie +Tiere jagen können; ist ein Stein mehr als ein Pferd? Hitze, +wechselnde Lösungen, elektromagnetische Kräfte verhängte er +über sie. Bis hier und da etwas anfing in ihnen biegsam zu +werden. Dann tastete er sie mit Strahlen ab, die von ihnen +abprallten, die sie durchließen, sie kalt ließen, zum Erhitzen +brachten. Er erkannte, daß diese Steine empfindlich waren +und sich auswählen ließen von Hitze Druck und Strahlen wie +Tierrassen von einem Blutserum. Es kam nicht auf die zufällige +Kristallgestalt an, sondern auf die kleinsten Teile, auf +die Urwesen, die sich in den Kristallen gefesselt hatten, auf die +Art, wie sie sich verschränkt, gelagert, gebunden hatten. So +konnte man sie auftreiben, ihre Verwandlung durchspüren, wie +man wollte. +</p> + +<p> +Auf den rundlaufenden, brummend anziehenden, höher und +höher singenden Schienen jagten an einem Nebelmorgen die +schlanken Maschinen über die weitgespannten Brücken. Kaum +zwei Meter hoch waren die Maschinen, flach und lang wie die +Wagen, auf denen sie montiert waren. Sie hatten am Kopf +Durchbohrungen, Augenlöcher, die sich mit dem Kopf zur Seite, +nach oben und unten wenden konnten. An fünfzig erwählte +Männer und Frauen lagen an jeder Maschine. Die Luft war +von schwirrenden Fliegern erfüllt, die weder der Aschenregen +noch die Furcht vor dem Kommenden zurückhielt. Der Jökulsafluß +mit seinen Schnellen brauste in seinem sandigen Bett. +Weither von einem Laufgletscher kam er, schmutziggrau wälzte +er sein Wasser an dem tobenden Krabla vorüber. Wenn sich +der Rauch vom Myvatn, dem See, hob, wurde die Linie des +dunklen Lachsflusses sichtbar, der wie ein gepeitschter schreiender +geifernder Dämon aus dem See fuhr, hochgebäumt, von +Lavabomben überschüttet. Er überrannte zertrat sie, ließ sie +seitwärts fallen. Man hörte bis zur Höhe das kehlige Röcheln +des rüttelnden Wassers, sah die ingrimmige Gischt über die +Blöcke spritzen. Schwarz und still lagen hinter ihnen die Spitzen +der Fiski-Ebene. Die Berge ruhten um die Vulkane. +</p> + +<p> +<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> +Da kam, während sie eben noch ruhten, ein sonderbares Leben +über sie. Als zuckten sie leicht mit den Wimpern, schlossen die +Lider, zuckten wieder mit den Wimpern. Der Krabla begann. +Und bald fing der Leirhukr an. Ihre Ostwand Nordwand +Westwand verschob sich, ihre Lasten ruckten, ruckten höher, als +jucke sie etwas. Ihre schweren Wände, den zierlichen Brückenpfeilern +zugewandt, wurden überrieselt von einem Steinsturz, der +nicht nachließ, der die Wände mit einem Nebel umhüllte. Der +Nebel nahm zu. Und während er sich im Kreis ausdehnte, +von den Bergen wegwuchs, hörten sie auf den Brücken ein +Krachen, das über alles irdische Ausmaß war. Ein unendliches +Schurren Grollen Dröhnen, das mit seinem gleichmäßigen +Anwachsen das Schnattern und Prasseln des Vulkans +überscholl überstieg, so überstieg, daß niemand wußte, wie es +zum Himmel aufwuchs, aus welcher Richtung es kam. Es +brummte und brüllte aus Süden Westen Osten Norden, und +doch brüllte es nur von den Wänden der Vulkane, die hinter +den Steinstürzen langsam in die Höhe stiegen, als höben sie +sich, von einem Beben gehoben, aus dem weichen Boden empor. +So wuchsen die Wände, wie wenn einer langsam den Finger +hebt. Wie ein Schlafender sich aufrichtet, langsam den Rücken +gerade biegt, die Arme aufstemmt, den Blick noch nach unten, +träumend; die Zunge drückt er an den Gaumen und schmatzt. +</p> + +<p> +Unter den Blicken von Kylins Maschinen wuchsen sie, von +ihnen gesteigert gebläht. Hinter den wallenden immer tieferen +Steinschleiern, an den hebenden Wänden stürzten die toten +Lavablöcke, die die Blicke nicht anfaßten, rannen abgeschüttet +die gefalteten krustigen Lavaströme, zerbrechend, wie Schiefer +polternd, knirschend, sich an sich selbst zerreibend. Die Wände +dehnten sich hoch und hoben sich von einem unsichtbaren Kern +ab wie Blasen. +</p> + +<p> +Der Krabla, der träge, bekam Beine. Sein Steinmantel +überrieselte schon den schmutzigen Jakutse, der von dem Askjagletscher +abschmolz und heranfloß. Die Steine und Laven, die +schwarzen porösen Auswürflinge tanzten noch eben über die +Wasserfläche, wühlten die sprühende Fläche auf, und schon +hatten sie den Fluß in Kilometerbreite überlaufen, ihn bedeckt, +<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> +schon wulsteten die Steinmassen aus dem Flutendrang empor, +war der Fluß verschüttet, verbarrikadiert, vom Meer abgeschnitten. +Im Norden und Westen umging der Steinschleier die Bergwände. +Westlich des Krabla rauchten die Wände des Leirhukr. +Die Löcher in den alten Schuttfeldern stopfte der Steinregen +aus, drückte und trümmerte nieder die mannshohen Tuffhöhlen. +</p> + +<p> +Da knickte die Spitze des Krabla, stürzte ab. Keinen Laut +hörte man davon unter dem gleichmäßigen Brüllen und Rollen +der sich dehnenden Berge. Und zugleich erlosch der steile Feuerstrahl +des Krabla. Schwarzer Qualm wirbelte an seiner Stelle, +der sich heftiger und heftiger ballte, in rauschenden Stößen +hochschnellte, meilenhoch den erstickten Krabla überlagerte. Da +waren zugleich die Wände des Vulkans, die wachsenden, immer +höher sich hebenden, von neuem abstürzenden, hinter den Steinschleiern +schattenschwarz in ein Wiegen und Rollen gekommen, +wie ein Laken, an das der Wind schlägt. Diese Berge wandernd +waren keine Berge mehr. Wuchsen in die Höhe, rückten in das +Land, über die splitternden Lavafelder, an die Ufer des Myvatn. +Dampften und flammten. Flämmchen, bläulich und grün, erschienen +zauberhaft verstreut auf ihnen. Das blitzte wie Bergmannslampen +auf, erlosch, blitzte wieder. Darunter wogte +rollte die Wand des Vulkans, des wolkenhohen Riesenschiffs, das +in das schwarze Land einbrach. Häufiger, massenhaft, während +die Berge sich dehnten, züngelten die Flämmchen; oben neigte +sich von neuem die aufgetriebene aufgetürmte Bergmasse, +stürzte in den Krater, den qualmbrodelnden, lautlos ab. +</p> + +<p> +Urplötzlich mischte sich in das ungeheure Dröhnen und Murren +ein tiefurtiefes abgrundtiefes bodenentstandenes Schnauben +Hauchen. Ein Schmauchen Blasen wie aus einem Kessel. +Langsam ließ es nach, lähmend schwoll es an. Dabei flammten +ununterbrochen die grünblauen Lichter auf den schreitenden +Bergwänden. Gelbe Flammen brachen zwischen den grünen +hervor, zuckten stachen geradeaus, drehten sich um sich selbst. +Ungeheuer schwarz wirbelte der Rauch über den verschütteten +Vulkanen. +</p> + +<p> +Da Riß Schlag Schlag Knall. +</p> + +<p> +Zerschleudert die Bergmasse, zerstäubt Krabla und Leirhukr. +</p> + +<p> +<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> +Glühendes erdweites Auflohen, feuriges Anblaffen des +Himmels. +</p> + +<p> +Fliegende Basalt- und Granitblöcke, auf- und abschießende +Lavabomben. Unter Tosen Absinken der Bergmassen. +</p> + +<p> +Es war niemand mehr von den Menschen in der Nähe. Die +Züge zurückgerasselt, die Brücken abgeschwenkt. Der Krabla +und Leirhukr waren noch eben zwei Vulkane; der Erdboden +zwischen ihnen war verschwunden. Ein Feuersee lag zutage. +Ein Spalt war in der Erdhaut. Der Feuersee lief in den +Myvatn, ihn auszudörren. Aus dem Riß der Erde ergossen +sich Glutströme, geschmolzenes Gestein aus dem Erdinnern, dazu +der brennende Leib der zerrissenen Vulkane. Brüllend nahmen +die Flammenströme ihren Weg ins Land. Im Süden standen +noch schwankende angestrahlte Wände der Vulkane, zerklüftet +verstümmelt. Sie bröckelten stürzten über, legten sich in das +heiße saugende Bett. Nach Süden überrannte der Feuerstrom +das Land bis zum Fuß des mächtigen Blaffjal. In den schwarzen +Myvatn wälzte sich der Feuerstrom; drang in das Wasser bis +auf die Tiefe des Sees, die er entlang kroch, ohne zu erlöschen. +Das Wasser faßte er mit seinen Zähnen an, verschluckte es. +Es siedete und verdampfte auf seinem Rücken. Er sprang am +Boden des Sees herum. Zerschleuderte zerfaserte zerpaffte +sengte, was ihm in den Weg kam. Blutrot sein langer Schlangenleib. +Er raste durch die ganze Seenbreite an das südliche Ufer. +</p> + +<p> +Während an dem verfinsterten Himmel der Glutschein sich +ausbreitete, weißer und weißer wurde, sammelten sich die +Führer auf dem Schiffe De Barros’ an der Nordküste im +Axarfjord. De Barros grunzte vor Freude, umarmte Kylin, +den blonden schweigenden: „Kylin, die Welt wird von dir +reden. Die Erde redet schon von dir. Hör diesen Dialekt. Bist +du noch traurig über die Weiblein und Kindlein?“ Das harte +glatte Gesicht des Schweden: „Ich bin nicht traurig, De Barros.“ +De Barros tanzte mit dem dicken Prouvas: „Kylin, was ist +mehr: ein Mensch oder ein Berg? Ein Mensch oder ein Vulkan? +Ist ein Vulkan nichts? Wir klagen dich an des Mordes! Haha! +Des Mordes an zwei Vulkanen. Alsdann an einem niedlichen +schwarzen See, ferner an einem ausgewachsenen Fluß.“ +</p> + +<p> +<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> +„Laß das, De Barros.“ „Ich bin für Ordnung und Gerechtigkeit. +Und wieviel Tiere hast du geröstet erstickt erdrückt verstümmelt +und läßt sie unbeerdigt und bringst ihnen keine Hilfe. +Da sind die Spinnen, die in den Bergritzen saßen, eine halbe +Million an der Zahl. Sechsunddreißigtausend junge und erwachsene +Fliegen, nebst ihrer noch lebendigen Vor- und Nachkommenschaft. +Familien, Mütter. Hingemordet, erloschen. +Wie konntest du das, wer konnte das! Und in den Flüssen die +Lachse, die Mücken auf dem See, und der Farn, Moos, das +Gras auf dem Boden: vorbei. Ruchlosigkeit, Ruchlosigkeit. +Haha! Kylin, vor dem Gott der Mücken wirst du einst erscheinen, +vor dem Gott der Lachse der Fliegen der Spinnen.“ +„Ich lach’ ja gar nicht, De Barros“, Kylins Schwester blickte +glückselig auf den flammenden Himmel, nach rückwärts sich +überbiegend. Sie lachte, ohne Kylin anzusehen, stolz: „Ja, +was ist mehr, ein Vulkan oder ein Mensch?“ „Ein Vulkan.“ +</p> + +<p> +Den Tag über quollen die weißen heißen Massen aus dem +Leib der Erde in Bächen und überschwappenden Katarakten. +In wütendem Rasseln übergossen sie die alten starren Lavafelder +am Skalfandafluß. Die kurze fauchende Nacht verging. +Das fahle Sonnenlicht war wieder am Rand der schwarzen +und braunroten Wolken. Durch die rote und schwarze Finsternis +der Insel schlugen die brennenden Aschen, rieselten durch die +heiße schwefel- und ammoniakgeschwängerte Luft. In den +Eyjafjord versteckten sich die menschlichen Angreifer. Von den +Felswänden begannen Lawinen zu rutschen, das Meer aufzupeitschen. +In die Luft mit Masken aufsteigend warfen die +Angreifer Böen vor sich, unter sich gegen die verstümmelte +heulende Erde. Weggerissen wurden die trägen Rauchwolken +vom Boden; sie sahen und maßen die Weite der nackten Feuerschlote +unten, der zackigen Riesenschlünde, die senkrecht in die +Tiefe des geborstenen Bodens führten. +</p> + +<p> +Die Insel zitterte, schüttelte sich angstvoll, gepeinigt. Zwischen +dem ausgedörrten Myvatn und dem atemlos hintosenden von +Schmelzwasser überladenen Skalfanda tat sich, während sie +flogen, plötzlich ein meilenlanger, das alte Seebett durchquerender +Spalt auf, neben dem niedrige Kegel in Reihen hochstiegen, +<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> +wie von einer Faust aufgetrieben. Braunen Schlamm und +Dampf keuchten sie. Das Wogen Stoßen des Bodens ließ nicht +nach. Knarren und Knistern rollte die Spaltenränder entlang. +Sie sanken wie schmollende Lippen ein. Die Kegel gaben +minutenlang keinen Atem von sich. Und während die Spalte +sich wurmartig warf, wuchs geräuschlos an ihr ein Kegel auf, +breit, breiter, nahm an seinen steigenden Wänden die anderen +mit, überstieg mit seinem Fuß die ausgefüllte Spalte. Das +Land zog der unaufhörlich getriebene Kegel rechts vom Ufer +des Salmflusses mit. Und hundert Meter, tausend Meter ansteigend, +schwefeldampfumhellt, zerriß die Spitze des neuen +Vulkans, wie ein Kanonenrohr zerreißt. Der Himmel heulte, +gelb und schwarz, mit einem viertelstundenlangen Schrei, von +Laven- und Feuerauswurf in mächtigen senkrechten Strahlen +angespritzt. Der Salmfluß verdampfte in den Lavaströmen, +wie der Jökulsa östlich vom Myvatn verdampfte. Der gewaltige +Skalfandafluß, von den ewigen Gletschern des Trölladyngja +genährt, warf seine breiten eisigen Massen gegen die +neuen Feuerläufe: auflohte der Strom zu weißem Dampf. +Das Feuer lief sein Bett entlang; sie fuhren dem gewaltigen +Strom in den Rachen und machten ihn hin. Er staute sich, vom +Meer abgesperrt, nicht auf zu einem See. Als Luft jagte er in +die Höhe; die unauslöschliche Hitze trieb ihn, er mochte stürzen +wie er wollte, kilometerhoch über sich; der eisige Sturm oben +trug ihn nach Westen an die ungeheure See. +</p> + +<p> +Island war verschwunden vom Jökulsa bis zum Skalfanda. +Vor den beiden tobsüchtig anzüngelnden Strömen aber war das +heiße Erdinnere hochgestiegen. Hatte wie ein Riese erst einen +Fuß auf die Treppe gesetzt; die tastende Hand war sichtbar, er +war im Begriff höher zu steigen, durch die Luke zu treten, sich +sprengend nach allen Seiten Platz zu machen. +</p> + +<p> +Noch war nicht ein Tag vergangen, seit die kleinen fleischernen +Angreifer die Berge Krabla und Leirhukr zusammengestürzt +hatten. Da lohte Island auf Meilen im Geviert aus zwei +strahlenden Riesenbecken, östlich und westlich des Skalfanda. +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Odadahraun, das Lavafeld der Missetaten, lag zwischen +den strahlenden Becken. Es war hundert Quadratmeilen groß, +zog sich im Süden des schwarzen Myvatn zwischen dem Skalfanda +und Jökulsa hin. Kohlschwarze Lava war sein Boden. +Schwarzer vulkanischer Sand überflog ihn. Die Brandschlacken +waren wie Eisschollen übereinander verschoben. Stumm standen +in seinem Süden die Krater des Dyngjafjölls und das +weite Gebirgstal Askja mit einem dunkelgrünen See. Die +Krater des Dyngjafjölls murrten schon längst; das Tal Askja +hatte seinen See verschluckt. Dafür war Feuer aus seinem +Boden getreten, der Schein erlosch manchmal, in das wüste +Odadahraun zischten dünne Aschen herunter. +</p> + +<p> +Die Geschwader verließen die Nordküste, gingen von Osten +die Vulkane des Odadahraun an, in das die Feuerströme der +geborstenen Krabla und Leirhukr sich entleerten. Der Vopnafjord +schnitt tief ins Land; aus dem Vopnafjord warfen sich +die ersten Brückenreihen vor. Die Brücken hatten einen ungeheuren +Weg zu durchlaufen. Von Süden kamen andere hervor, +aus dem Mjosifjord, aus dem Reidarfjord. Die Menschen +drangen, während die Insel unter dem Schlagen der Vulkane +erzitterte, über die Gletscher der Ostküste, deren Höhen von +Aschen bestreut waren. Vulkan neben Vulkan zog sich in nördlich-nordöstlicher +Richtung nach dem lebenden Lavafeld der Missetaten. +Erwacht waren der große Dyngja Herdubreid Tögl. +Der große Dyngja hatte einen Krater von sechzehnhundert +Meter im Durchmesser, den sein eigenes Geröll verstopfte. Er +brannte aus einem Schlot in der Mitte. Freistehend mit steilen +dunklen Wänden der breitschultrige Herdubreid. Mit einem +Schneedach war der Bergriese belegt; Flüsse rannten daraus +hervor. Der uralte Skjaldbreidur; sein Krater schachtelförmig, +maß zweihundert Fuß im Durchmesser; er war seit einem Erdzeitalter +erloschen; Eis hatte sich über ihn gelegt, von dem waren +Wasserfluten zu Tal gefahren. Der Berg schnob und gurgelte. +Er hatte die Lava hergegeben, aus dem das schwarze gewaltige unheimliche +Odadahraun geschaffen war. Er zischte, aus Rissen +seiner östlichen Wände kamen lange Rauchfäden. Er rollte und stieß. +</p> + +<p> +<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> +Die Angriffszüge überrollten die eisigen aschendurchwehten +östlichen Bergketten. Die Brücken waren untereinander verbunden; +alle Züge konnten, wenn Brücken hinter ihnen zerrissen +oder verschüttet wurden, Nachbargleise suchen. Die Angreifer +hatten einen Schutz der Wagen und kostbaren Maschinen +vor den heißen Auswürflingen geplant. Aber man sah, daß +auf dem wogenden flammenbergenden Boden weder Pfeiler +noch Wagen ernsthaft zu schützen waren. Die Schiffe zentrierten +sich nach Ablassen der Zerstörerzüge südlich des Vopnafjords +hinter Gebirgsvorlagerungen in der Heraldsbucht. In diese +Bucht wälzte sich schmutziggrau herunter der Brückenfluß. Aus +drei Gletscherquellen gespeist zwang er sich durch die Klüfte; +Bäche stürzten von rechts her in sein Bett, Sand häufte er +neben sich auf; sandig glatt waren seine Ufer, wo er sich dem +Meer im Osten näherte. Neben ihm lief der Lagarfluß, aus +einem viertausend Meter hohen Gletscher quoll sein milchig +weißes Wasser. In Katarakten ergoß er sich, seenbreit erweiterte +er sich, schüttete, wie er in die Heraldsbucht trat, Gletscherkies +und Lehm von sich. Vor die weiten Mündungen der beiden +Flüsse legten sich die Schiffe der Geschwader, warfen nicht +Anker; ihre Antriebsmaschinen blieben in voller Arbeit. Der +Wind ging scharf vom Land her. Der feine Aschenstaub flog +über das Gebirge an das Wasser. +</p> + +<p> +Weit hinten in See dämmerte der Morgen. Mit Ruck und +Stoß betraten die Wagen ihren gezeichneten Weg auf den +Brückentafeln. Krachend zogen sie an, schmetterten Pfeiler auf +Pfeiler ab. Die Schiffe in der finsteren Heraldsbucht steuerten +langsam ostwärts in See hinaus. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Gestein der Berge jenseits der Küstengletscher, im Süden +des schwarzen zitternden Odadahrauns, trank noch gierig die +Säfte, die ihm der Schnee eingab, der mit Tonnengewichten +auf ihm lag. Die Quellen der Ströme ließen sie über sich herlaufen; +die Kraft, die aus der Erde kam, schüttelte an ihnen, +tot lagen sie, verwitterten; unendlich lange Zeit hatten sie, +dünne Dämpfe ringelten zwischen ihren Körpern hoch. Da +<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> +war den Steinen, als wäre jeder von ihnen bei seinem Namen +aufgerufen. +</p> + +<p> +Basalt war die mächtige Decke, die über dem Boden des +Atlantischen Meeres erstarrt war. Sie bedeckte fünfhunderttausend +Quadratkilometer. Schottland Island Grönland erhoben +sich auf ihr, tausend Meter war sie dick. In Treppen und Bänken +lagerte sie hin, mit verkittetem zertrümmertem Tuff bestreut. +Sturm und Wasser verwitterten ihre Oberfläche zu +brauner gelber Wacke. Auf Island, der Insel des fünfundsechzigsten +Breitengrades, hatte sie die Kegel und Kuppen +der Berge gebildet, Gjaus, die Spalten gezogen, die von Süden +nach Nordosten strichen, der steilwandige Spalt am Myrdalsjökull, +die Lakispalten mit hundert Kratern. So standen die +Berge da, Gemenge geknetet mit Gemenge wie eine Wiese, über +die ein Sämann hundert Keime von hundert Arten wirft, die +aufschießen, sich verfilzen. Die Gesteine waren zusammengeknirscht, +zusammengeschauert, nachdem das Feuer sie losgelassen +hatte. Nichts wuchs in dem wüsten Gemenge; sie wucherten +noch unmerklich leise, das langsam lösende Wasser tat mit +ihnen, Hitze und Kälte, der Druck der Schwere über ihnen, um +sie. Chalcedon und Zeolith lag in den Blasenräumen des Basaltes. +Seine dunklen Massen, meterdicke Kugeln Platten Fächer +hielten fest die zerdrückten grünschwarzen Olivine, das Titaneisenerz, +den eingewühlten Augit, Plagioklas. In den Bändern +der tiefen Gesteinsgänge verschränkten sie sich glasig ineinander. +</p> + +<p> +Jetzt kam über die geronnenen Wesen etwas, das von Art der +Flamme war. Wie wenn ein Mensch, der jahrzehntelang in der +Fremde herumgeworfen wurde, um die bittere Notdurft des +Lebens Tag um Tag rang und nichts als das Ringen Rudern +Schlagen unter den Fremden mehr kennt, eines Mittags einem +unbekannten Mann begegnet. Der übergibt ihm einen Brief von +Hause, spricht ihn in der heimatlichen Sprache an und fragt ihn, +was er so lange getrieben habe, er möge doch wiederkommen. +</p> + +<p> +Oder wie eine ungeliebt verheiratete Frau, die lange Zeit +neben dem widerspenstigen rohen Mann lebt, ihm Kinder auf +Kinder trägt, schon selber stumpf und gehässig ist, wie wenn sie +sich plötzlich in einer Krankheit eines Jugendfreundes besinnt. +<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> +Und er kommt, – es ist einer da, oh Wunder, der ihr die Bettdecke +zurechtrückt, der ihr die Schnabeltasse an den Mund hält, +während er mit der rechten Hand den schwachen Rücken stützt. +Sie atmet stürmisch, und wie sie gesund wird, ist eine Stunde +da, wo sie inmitten der kleinen Kinder in der Stube sich dem +fremden Onkel an die Brust drückt, ihn küßt, ruhig küßt, und +er führt sie mit den Kindern aus der Tür hinaus. +</p> + +<p> +Wie ein Volk, das vor Jahrhunderten besiegt und zerschlagen +wurde, dessen Männer und Frauen sich zerstreuten, die Sprache +wurde verboten, der Volksstamm verhöhnt, seine Sitten lächerlich +gemacht; als Sklaven gingen die Männer in fremde Dienste, +ließen sich in fremde Kriege führen. Und eine Anzahl fiel ab, +glänzte in den fremden Völkern, die sie verachteten. Wie in +einem solchen Volk heimlich junge Männer und Frauen auftreten, +halbe Kinder; die treten zornig leidenschaftlich den Alten +ihres Volkes unter die Augen in geheimen Zimmern und sagen: +sie hätten genug von ihrer Feigheit, von den Beschwichtigungen, +womit man sie füttere, von dem Beschimpftsein und +Getretensein. Sie würden ihr Leben gegen die Schande einsetzen. +Und sie wandern herum, verteilen Blätter, reden heimlich. +Ein Rauschen geht durch das Volk, durch alle kleinen +Familien, durch die Mädchen, die fremde Stuben sauber machen +müssen und den fremden Männern zum Opfer fallen. Und +eines Tages ist ein Krieg da. Und eines Tages sind die Straßen +frei. Und eines Tages weht eine Fahne von den Dächern, eine +neue Fahne. Und durch die Straßen jubeln Züge in einer +Sprache, – in welcher Sprache, – in der verspotteten siegreichen +Sprache. Und alles weint hinter den Fenstern und auf +den Straßen. Dies ist eine Stunde, wo die Toten der vergangenen +Jahrhunderte ein Zittern befällt. Und sie flattern +zu den Lebenden aus ihren wüsten unbezeichneten Gräbern in +ungeheuren Scharen und sie ziehen mit in dem singenden Zug. +Tausende, Tausende singen mit, fliegen den Fahnen voran und +halten die Fahnenbänder und küssen den jungen Marschierenden +die schmutzigen Stiefel und die Mützen. +</p> + +<p> +Wie diese, Männer und Frauen und Volk, wurden die Felsen +Bergkämme Krater Höhenzüge die todesstummen eisbedeckten +<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> +riesigen Häupter ergriffen. Wurden angefaßt wie das Schloß +von dem Schlüssel und mußten gehorchen. Folgten summend +und alles wurde im Bersten licht um sie. +</p> + +<p> +Erweicht wurden der große Dyngja Herdubreid Tögl +Skjaldbreidur. +</p> + +<p> +Und wie murrend der Einsturz der Berge begann, die Angreiferzüge +die Berge losließen, Brückenweite auf Brückenweite +überflogen, war es auch schon zu spät. Die Luft, noch +schwarz und eisig hauchend, wurde rot aufgespalten. Glut und +Blockauswürfe. Finsternis von tiefster Schwärze legte sich +über die Hochflächen. Rütteln Rollen Wallen der Erde. In +der Schwärze unter sich sahen die fliehenden Züge noch die +braun überschütteten Schneefelder vor dem Senorfjall sich +heben und senken, von Wasser schäumen wie einen schlammigen +See. Dann zerriß die Insel vom Fuß des Herdubreid nach +Osten bis zur Heraldsbucht. Das Sandtal zwischen Brücken- +und Lagarfluß sank. Das Meer durchsetzte die meilenweite +Fläche von der Heraldsbucht bis zum Kyarkfjöll vor dem Angesicht +des gewaltigen Vatnagletschers, begrub sie in einem +einzigen Schwall. Verschlungen die Züge, die von den Kyarkfjöll +und Askja die Heraldsbucht erreichen wollten. Mit Brücken +Pfeilern Trommelträgern Fahrbahntafeln ins Meer gefahren. +</p> + +<p> +Das Beben lief über die Heraldsbucht hinaus. Lief, eine +mauerhohe meilenweite Flutwelle hochbäumend, einen Orkan +vor sich drängend, über die springende eiskäuende See. Zwanzig +Längengrade lief es nach Osten, drang in die aufdonnernden +skandinavischen Fjorde ein. Das Wasser stürmte schwarz in +Bänken mit ungeheurer Geschwindigkeit. Lautlos versanken +in dem Schäumen und Rasen Teile der Fär Öer. Die häuserhohe +Flutwelle schlug an die schottische und irische Küste, brüllte +gegen Dänemark, staute in den Kanal laufend die Elbe auf. +Sie rollte um Jütland durch das Kattegatt. Die flache Ostsee +schwankte bis in die Finnische Bucht. Der schrille aschenwerfende +Wirbelwind strandete vor den skandinavischen Bergen. +</p> + +<p> +Über Island aber war die Finsternis vergangen. Der Feuerstrahl, +der aus den Herzen der Dyngja Herdubreid Askja fuhr, +ließ es sich nicht genug sein, das weite nördlich hingedehnte +<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> +dem Skalfanda angelagerte Odadahraun zu verbrennen. Die +westlichen Gletscher des Hofjoküll und des Langjoküll hauchte +er an. Und wie ihr Eis zu Tal fuhr, riß, durch Dämpfe gelockert, +der schwere Basalt über ihnen. Sie lohten wie der +Krabla und Leirhukr. Ihre schwer wankenden Köpfe stürzten +ab in die vom Meer aufberstende Spalte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> der Stunde, wo die Insel vom Fuß des Vatnagletschers +bis zur Heraldsbucht aufriß, wußten die Männer und Frauen auf +dem europäischen Kontinent, daß etwas Ungeheures Vernichtendes +geschehen war. In dieser Stunde liefen plötzlich die +Maschinen, die Kraft in die untermeerischen Kabel warfen, +leer. Die Kabel, die die Expedition versorgten, zerbröckelten +auf Kilometer unter dem aufkommenden Tiefengestein der +See, von untermeerischen Lavamassen zerrieben. Wie ein +Stier mit aufgeschnittener Kehle, mit peitschendem Schwanz +daliegt und noch fürchterlich röchelt, so hauchten die Kräfte aus +den Kabeln über die kantigen Steine und das Wasser. Milchig +quoll vom Boden das Wasser hoch. Pflanzen Quallen Fische +lähmte der Strahl. Es röchelte in der Tiefe aus dem Kabel, +beruhigte sich nicht. +</p> + +<p> +Einen Tag war Totenstille in den festländischen Stadtschaften. +Da wurden in Höhe Kopenhagens die ersten Flieger +gesichtet. Sie kamen, schwarz von dem vulkanischen Staub, +der in großer Höhe über Europa getragen wurde, forderten +neue Schiffe Flugzeuge Menschen. Angst hatte sich der Senate +und städtischen Völker bemächtigt, wie das See- und Erdbeben +anlief, der finstere Staub unablässig aus großen Höhen herabrieselte +und es nicht Tag werden wollte. Die Boten schlugen +die Furcht nieder. Kaum berichteten sie von den Vorgängen. +Sie sprachen für Kylin De Barros Prouvas, die alle drei noch +lebten. Die Senatoren waren verblüfft von der strengen verschlossenen +Art der Boten. Sie waren selbst kampfgierig; der +kalte Ernst der Boten beunruhigte sie leise. +</p> + +<p> +Ein neues Geschwader verließ die Shetlandsinseln. Das +schlackenschwemmende Meer überfahrend, in die Schwefeldünste +<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> +einlaufend längs der Ostküste Islands, – eine dampfende, +grün und gelb zuckende Masse im Ozean, – gerieten sie in +eigentümliche neue Strömungen und Strudel. In der Höhe des +fünfundsechzigsten Breitengrades, bei der zwölften Länge wurde +das Wasser flach, Riffe Klippen ragten über den Spiegel. Sie +bogen östlich aus. Heiße Luftströme schlugen in die gleichmäßige +Meereskühle ein. Meilenweit bogen sie aus, nach Norden +dringend, schwankten unter ständigem Sandregen vorsichtig +westlich, umfuhren eine unbekannte breite Bodenwelle, die +ihnen bankartig den Weg sperrte. Mühsam tasteten sie sich +nordwestlich vor. Der Sockel der Insel hatte sich unregelmäßig +gehoben, dabei dünenartig ins Meer verbreitert. Nördlich der +unglücklichen Heraldsbucht trieben sie. Vergeblich hielten sie +Umschau nach Trümmern des letzten Angriffsgeschwaders. +Der finsterrote Brand durchbrach den schweren Qualm, leuchtete +ihnen die Nächte, die immer länger wurden. Obwohl der +Mond schien, von dem die mitfahrenden Boten sagten, er +leuchte auf Island fast so hell wie Sonnenlicht, war eine zum +Schneiden dicke Finsternis um sie ohne die Vulkanfackel. Dünste +zogen ohne Nachlaß von der Insel ab über das Meer. +</p> + +<p> +Sie wollten von dem Vorgebirge Langanes, der nordöstlichen +Ecke der Insel mit einem schwachen Kabel, das sie hinter +sich zogen, Funkzeichen und Worte nach dem Festland geben. +Da merkten sie, daß das Entsenden der Sprachzeichen durch +die veränderte Luft nicht gelang. Antwortzeichen trafen nicht +ein; schon bei Proben auf wenige Kilometer verstanden sie sich +selbst nicht. Die Luft war nahe den heißen Ascheausbrüchen, +den vulkanischen Feuerstürzen von Strahlen durchwirbelt. Sie +mußten Flieger aussenden aufs offene Meer, die viele Meilen +ostwärts flogen, ehe sie die rings die Insel umflutende Spannungszone +durchbrachen und Standorte für Meldungen nach +dem Kontinent ermittelten. Die Schiffe suchten die gebrochenen +großen Energiekabel ab. Jenseits des Ozeans ließen die +Menschen Kraft in die Kabel einlaufen. Langsam mußten von +Süden die Sucherschiffe das Kabel abtasten; sie stießen, im +Norden es ergreifend, auf die Sandbank, die sie umfahren +hatten. Ohne Zeichen verströmte die eingeworfene Kraft jetzt +<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> +in die Bodenwelle. Eingeklemmt gewürgt gebrochen lag das +große Kabel zwischen den Tiefengesteinen, glühte zerfraß den +Sand. Die Sucherschiffe, von Süden vordringend, brannten +mit eigener Kraft das Kabel aus dem Gestein, daß das hochsteigende +Wasser sie von der Bruchstelle abtrieb. Zogen dann +in weiten Bogen um die Insel, das Kabel verlängernd, bis +sie westlicher des Langanesvorsprungs in den ruhigen Thistillfjord +kamen, wo De Barros den Rest des Geschwaders massiert +hatte. +</p> + +<p> +Die neuen Schiffe hatten erwartet, man würde ihnen entgegenfahren. +Einsilbig fanden sie Führer und Mannschaften +bei der Ausbesserung von Schiffen und Maschinen, bei der +Zählung der Vorräte; sachliche Worte wurden gewechselt. Die +Gesichter dieser Islandfahrer waren völlig schwarz, verschwollen. +Das kleine pulverförmige Steinpigment, das die Vulkane +von sich gaben, hatte sich in die bloßliegende Haut der +Arme Hände Gesichter wie Tusche an tätowierenden Nadeln +eingebohrt. Heftige Entzündungen waren davon ausgegangen. +Am furchtbarsten waren die betroffen, die in den ersten Angriffstagen +ungeschützt durch den Staub geflogen waren. Sie +lagen und standen in den Schiffsbäuchen, stöhnend im Finstern; +Backen Stirnen Lippen wulstig dick, Augenlider zugeschwollen. +Und wo einige die Lider offen hatten, war die Hornhaut schwarz +wie das Gesicht; die Bindehaut mit dem Steinstaub gespickt. +Sie wagten nicht zu zwinkern, rissen sich mit dem Lidschlag das +Innere der Lider wund; in den Augenwinkeln standen ihnen +Blutstropfen. +</p> + +<p> +Das zweite Geschwader erfuhr, daß die Insel in ostwestlicher +Richtung von der Heraldsbucht bis zum Kyarkfjöll, dann in +südwestlicher von der Vopnabucht bis an das Vulkanfeld des +Dyngja aufgerissen war. Das dazwischenliegende keilförmige +Stück war überflutet. Die Vulkane hatten im Zentrum der +Insel um das Odadahraun herum das Grundgebirge durchbrochen, +mit Spalten Sprengtrichtern Explosionsgräben ihre +Schlote riesenhaft erweitert. Die alten Krater waren eingeebnet. +Neue Lavenkegel entstanden und versanken unaufhörlich. +Die Kundschafter des alten Geschwaders hatten +<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> +festgestellt, daß schon dickere Lavakrusten sich über das bloßgelegte +Feuer breiteten. Wie Blut aus spritzenden Gefäßen gerann +das Feuer. Aber aus der Tiefe der Insel und dem benachbarten +Meer wurden immer wieder brennende losbrechende Massen +ausgeschleudert. +</p> + +<p> +Die Geschwader teilten sich. Gruppen der alten und neuen +Islandfahrer wurden unter neu gegliederte Züge gemischt. +Eine Möglichkeit das zentrale Inselfeuer nach Westen zu erweitern +bestand nicht. Der im Thistillfjord zurückbleibende +Schiffstrupp übernahm die Aufgabe, die stärkere Verkrustung +des ausgeworfenen Magmas zu verhüten, durch Aufsprengung +das Feuerfeld zugänglich zu machen, das flammende Land zu +überwachen zwischen Myvatn Odadahraun und Vatnagletscher. +</p> + +<p> +Anfang Juni verließ das Südgeschwader, geführt von dem +strengen Kylin, den ruhigen Thistillfjord, ostwärts, dann südlich +umbiegend. Hart und stumm war der blonde Kylin wie +die andern. Hätte man ihn nach seinen Worten und Klagen +bei der Beseitigung der Eingeborenen gefragt, er hätte sich +nicht darauf besonnen. Die Wimpel, bunten Kostüme, mit +denen die neuen angefahren kamen, waren abgelagert. Still +waren die Transporter. Auf den technischen Schiffen fauchten +die Maschinen. Maskierte rußbedeckte Menschen gingen herum +auf dem ruhenden und fahrenden Geschwader. In Schlamm +verwandelte sich das Wasser, das sie im Freien trinken wollten. +Wenn einer ein Stück Brot im Freien in den Mund steckte, +war es mit den spitzen Nadeln der Vulkane besetzt. Sie spien +beim Essen. Aus den Schiffsbäuchen wimmerte es; die Blinden +Hautkranken, dann die, die von den Schwefeldämpfen +und der Einatmung des Staubes erkrankt waren, sich schmerzvoll +die Brust faßten, husteten, husteten, Blut unter Räuspern +und Winden aus sich warfen. Niemand sprach vom Kontinent. +Man hielt stumm, sich verhärtend zusammen. +</p> + +<p> +Die Schiffe des Südgeschwaders passierten in langsamer +Fahrt weit außerhalb der Rauchlinie der Vulkane die Höhe +der Heraldsbucht. Sie sahen – die Masken nahmen sie nicht +ab – die glühende Sonne am Horizonte aufstehen, von einem +Ring umgeben. Mit blendendem Gold stieg sie hoch. Wolken +<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> +loderten unter ihr in wilden Farben. Die Menschen schwebten +über dem unermeßlichen stahlgrauen Meer. Und erkannten +es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der <a id="corr-26"></a>Herfahrt +genommen hatten, das sie unter die Kiele ihrer Schiffe +geworfen hatten. Sie spannten ihre Blicke auf das Wasser, +das riesengroße wellige Ungetüm, suchten seine Tiefe zu durchbohren. +Und schwiegen. Wenn die Nässe sie anspritzte, lachten +sie nicht. Wischten sich ab, zogen sich zurück. Im Innern der +Schiffe hockten sie, Männer und Frauen, die mit den furchtbaren +Kräften der Maschinen umzugehen verstanden, träumten +spielten schliefen. Ein aufschnellender Fisch erschreckte sie, +machte sie nachdenklich, böse. +</p> + +<p> +Von Osten her umringten sie die Insel. Das Tosen hatte +sich abgeschwächt. Es war, als ob sie hinter einer großen +Schutzmauer liefen. Eine weiße Masse schimmerte Island herüber, +in die wagerecht hinziehenden Wolken verlief es, das +Meer trug diese weiße hingedehnte Masse. Dies war das Eisgebirge +des Vatna; es hielt alle Schwärze und den Schall der +Vulkane ab, der Staub überschritt seinen Grat nicht. Die +Fahrzeuge der stummen Menschen westwärts steuernd näherten +sich im aufschäumenden Wasser der Küste. Die Luft fing +wieder an zu vibrieren. Aus den Schiffsbäuchen stiegen die +Menschen. Die Zähne beißend hörten sie das entfernte Grollen. +</p> + +<p> +Flaches tiefbuchtiges Land. Das gelbe Sonnenlicht trübe +umflossen. Ein eigentümliches fremdes Rot, das die Herzen +der Menschen mit Trotz und Wildheit erfüllte, mischte sich, +ohne zu weichen, im Nordwesten in die wechselnde Farbe der +Wolken. Und wie die Dunkelheit einsetzte, stand allein dieses +düstere erregende Rot am Himmel, das alle Menschen auf das +Deck lockte, immer größer weiter heller, je westlicher sie fuhren. +Die Fäuste ballten sie, wie sie das Rot sahen. Mit Triumphgefühl +betrachteten sie das Wasser; sie zitterten, spannten sich, +hatten die Zähne aufeinander. Ein wirbelnder Landwind jagte +Wolken nach Süden, die Rauch von den Feuerherden schleppten. +</p> + +<p> +Nacht. Da scholl das tiefe Murren und Rollen an ihr Ohr, +das sie seit dem aschenverhüllten Thistillfjord nicht gehört +hatten. Brustbeklemmend, daß sie aufhörten zu lächeln, klein +<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> +herumgingen, den Atem langsam entließen und einnahmen, so +fiel sie das Murren an. Sie hatten es fast vergessen. Sie wurden +herumgetragen durch die Kraft der schraubendrehenden +Schiffe und ihren eigenen Willen. Und wollten näher heran. +Da war es schon kein Rollen mehr. Es sprang knallend an, +fiel polternd hin. Rummste an unsichtbaren Orten am roten +Horizont. Aber von Zeit zu Zeit verschwand es hinter einem +erstickenden, alles überschattenden, Schiff Meer Meer Feuerschein +in Nichts verwerfenden Aufkrachen, hinter einem aufwühlenden +grundgeborenen Getose, das nicht aufhörte, Meer +und Land minutenlang rüttelte. Und wie es abbullerte, ließ +es Meer und Land in Betäubung. Tobsüchtiges Klatschen der +Brandung, grauer zuckender Himmel. An Deck geklammert, +neben Masten Drähten Maschinengittern, sahen sie das Zusammenziehen +der Küste, sahen, wie das Land aufhörte, Land +zu sein. Die Ufer, langgestreckte Hügelreihen, der flache Strand +tauchten in das anrasende Meer ein, das sich turmhoch aufhob, +in einer schnurgraden schwarzen Flutlinie über sie herschmetterte, +unter Johlen der fortgerissenen Luft. Dann war das schwarze +nackte Land wieder da; die Hügel rollten von seinem Rücken +herunter; der Boden zuckte, glättete sich gegen das Wasser hin. +</p> + +<p> +Die Schiffe drehten stärker seewärts. Als die Nacht vorüber +war, waren sie in die Zone der Hekla und Katla getreten, der +Feuerberge des Südwestens. Sie wurden ihrer nur angesichtig, +wenn ein Seewind die Schwärze des Rauchs zerteilte. Heimvayz +hieß eine von den vierzehn klippigen Westmannsinseln; vor dem +seenartigen Erguß des Markerflusses ins Meer lag sie. +Heimvayz war die größte der Inseln, eine halbe Quadratmeile +im Umfang. Sie war früher von Menschen bewohnt; unter +Schutt, zwischen den Lavabomben lagen zerschmetterte Hütten, +eine Kirche stand weit offen da, die Türen unversehrt, der Dachstuhl +eingebrochen, das Innere von Geröll wie ein Kasten erfüllt. +In den Buchten Heimvayz’, einige Meilen vor der isländischen +Südküste, schoben sich die hohen schweren Transporter +obdachsuchend, in stickiger Luft. +</p> + +<p> +Dann stießen leichte Angriffsschiffe gegen die Küste vor. Der +Myrdalsjökull stand ihnen gegenüber, das Sumpftalgebirge, +<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> +achtzehn Quadratmeilen bedeckend, einstmals unter einer Eisschicht +verborgen. Mächtig stand der Myrdal da, eine erwachte +Vulkanmasse. Seine Rippen klafften, nach allen Seiten war +der Bergblock aufgerissen. Dampf und Aschesäulen spie er und +verhüllte sich. Die Katla hinter ihm im Land flammte düster; +oft versank sie in ihrem Qualm. Sie brauchten nicht viele +Brücken zu schlagen. Die Küste entlang schwärmend, von den heiß +aschigen schwelenden Ufern drangen sie vor. Nahmen sich zum +Ziel die feuerbrünstige Reihe der Vulkane am Skaptarfluß, +vom Rand des Vatnaeises bis zum Thjorsar, wo die achtkuppige +Hekla ihre Mauern und Terrassen, Schlund bei Schlund aufbaute. +Der Herkules, der nahte, kam nicht um den Drachen zu +ersticken, ihm anspringend nicht ermüdend Kopf um Kopf abzuschlagen, +ihn unter die Füße zu nehmen, zu zerschlitzen, die +geblähten Eingeweide in die Luft zu streuen. Er wollte das +Untier reizen, Mäuler um Mäuler aufzusperren, Hals um Hals +hochzustrecken. Seine Wut sollte es zeigen für ihn, seine Kraft +wollte er ihm entlocken. Er hielt es an einem Band fest, zog es +hinter sich her. Und eines Morgens machten sich die Transporter +von der kleinen Heimvayzinsel los, setzten sich meerwärts in +Fahrt. Zugleich richteten sich die stillen Augen von Kylins +Apparaten auf die Gebirge. +</p> + +<p> +Die Hekla, den Kopf in den Wolken, machte einen Sprung, +als wollte sie sich ins Meer stürzen. Ihre Wände, die sich getrieben +aufgestellt hatten, die Mauern des Marklidar, die höheren +Hilfall Grefjöll Malfall wurden zur Seite geschleudert. Über +das brennende Land flog der Marklidar, der Bjölfall Grefjöll +Malfall. Da versank der Torissee. Umgeschleudert wurde in derselben +Stunde die Katla. Den Tjörsarfluß bedeckte der Tungna. +Als am Vatnarand der Öräfaberg sich in seinem eigenen +Feuer bog und drin verschmolz, stand keiner der Menschen, die +das Geschwader um die Insel getragen hatte, mehr auf seinen +Füßen, weder von denen, die jenseits der Westmannsinseln ins +Meer flohen, noch von denen, die das Gestade entlang fuhren. +Die auf den flüchtigen Schiffen wurden gegen Drähte Gestänge +gestoßen, flogen über Bretter. Mit Masten Seilen Treppen, +an die sie sich hielten schwirrten sie über die Böden. Die Schiffe +<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> +machten plötzlich einen Satz nach vorwärts und dann noch einen, +und einen zur Seite, wie ein Hund, der nach einem vorgehaltenen +Bissen schnappt. Ihre Hinterleiber schnellten aus dem +platten Wasser, die Schrauben surrten leer in der Luft, die +Spitzen wühlten mit den Nasen in der See. Wühlten bei den +landnahen Schiffen so tief in der See, daß die Leiber rückwärts +sich schräg, fast senkrecht hochstellten, sich seitlich und nach vorwärts +überschlugen, Menschen Tonnen Balken im Strudel +hinterdrein. Die See hob sich auf den Druck der zerrissenen +Luft langsamer, breit am Boden schleppend, schwer schwer über +der Untiefe hängend. Die Schaumkämme der Wellen wurden +angefaßt. Von den Ufern weggeblasen rollte sich die See wie ein +Wurm zusammen, wulstete sich riesenhoch, lief, während es +nächtig wurde, ein Schatten durch die Nacht auf das Land zu, +loderte über Klippen, entblößten Strand, breite kochende Lavaströme, +streckte sich über sie, zog sich entladen auseinander, gab +alles frei, rollte sich wieder ein und, Trümmer Blöcke Geröll +Aschen an sich nehmend, stellte sie sich auf, gebäumt höher höher +wachsend, schlagprasselte in einem wallenden Sturz über das +geifernde Land. +</p> + +<p> +Die Menschen, die von Europa aus den wimmelnden Stadtschaften +herübergekommen waren und, um das Feuer aus den +Vulkanen zu holen, auf den Angriffsschiffen die Küste entlang +fuhren mit den zauberhaften Apparaten, in der Stille hergestellten +listigen Maschinen, wandten sich ostwärts im Augenblick, +als die Feuersäulen der Vulkanschlote erloschen. Da wurden +ihre zarten Schiffe, Gebilde aus Stahl und Holz, während ein +Urlaut vom Firmament herunterscholl, im Wirbel um sich gedreht. +Auf die fluchtbereiten Flugzeuge warfen sich die kleinen +taumelnden Menschenwesen, die der europäische Kontinent geschickt +hatte. Sie flogen auf dem winzigen arbeitenden Gerät +über den drehenden Schiffsrand seewärts, ostwärts, dem unbewegt +stehenden Eisgebirge des Vatna zu. Sie fühlten noch +über dem Wasser schwebend, wie sie etwas anfaßte, rückwärts +seitwärts, an Hals und Nacken. Blitzrasch waren sie geknickt, wie +Bälle in die Luft geworfen, hochgeweht zwischen die flirrenden +knatternden heißen Gesteine. Von den rotglühenden Backen der +<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> +Bomben zerdrückt, vom spitzen Sand zerknabbert durchlöchert. +Auf den Vatnajökull, nach dem sie verlangten, wurden viele +gesprengt, gebunden an ihre lustig laufenden Apparate. In +das blauweiße Eis des Gletschers wurden die verschobenen +verknäulten Leiber getrieben, fellgeschützte Hände, durch die +noch ein Zittern lief, weitgeöffnete Augen Ohren, die nach +jenem Urlaut nichts mehr hören wollten. Das Eis sprang unter +dem schußartigen Anprall der ungestümen Menschengäste auf. +Die Gäste, zu blutenden Kugeln zusammengepreßt, machten sich +selbst einen metertiefen Gang, an dessen Ende sie ausruhten. +Steine Aschen stopften sich neben sie. Auf Brücken hatten fünftausend +Menschengeschöpfe, die Europa hervorgebracht hatte, den +Lakivulkan, den Katlaberg, die Hekla wachsen, sich mit einem +Steinregen umgeben sehen, wachsen, sich erweitern, wachsen, +sich heben, zerbersten. Sie waren vom Feuer verschlungen +worden. Sie lagen, als die Nacht um sie zerfetzt wurde von +einem überweißen Schein, greller als nahes Sonnenlicht, +sekundenlang rechts und links bei ihren Maschinen, gekrampft +verschrumpelt, in sich geschlüpft. Brauchten dann ihre Muskeln +nicht mehr. Schwebten wie Dampfsäulen auf mit Pfeilern +Brückentafeln Rollenträgern Fahrgut Schienenwerk. Wurden +von dem Feuer angenommen, ihrer Gedanken, menschlichen +Natur, Leiblichkeit entkleidet, waren nach drei Sekunden nichts +anderes als die gasende Lava: Wasserdampf Kohlensäure +glühender Kalk. +</p> + +<p> +Das Land war in dem Augenblick, den Himmel Meer +Schiffe Brücken Menschenwesen mit Tosen und rasenden +Verwandlungen erfüllt hatten, antwortend auf die Frage +der großen Glut, zu einem Feuersee geworden. Der See floß +von der Linie des Tjörsarflusses bis zu dem Lakivulkane im +Osten, nach Norden zum flammenden Tröllardyngar. Eingesunken +in Flammen die Hekla, siebenhundert Quadratkilometer bedeckend, +das ewige Schneefeld, von schwarzen Schlackenmauern +gefeldert, in fünf Hügelreihen, sechs Terrassen sich aufbauend, +Felsmauern längs der Vestri-Ranga, der Marklidar, dahinter +der höhere Bjölfall der Malfall Grefjöll der Hauptgrat, die +braunen verwitterten Schlünde. Der Raudukambur am rechten +<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> +Ufer der Tjörsar versunken. Das Haupt des Myrdalsjökull. +Der schreckliche Eyafjallarjökull. +</p> + +<p> +In die Katla hatte sich einmal eine Hexe geworfen. Da war +der Vulkan ausgebrochen, hatte das Gletschereis zum Schmelzen +gebracht. Das Land unter dem Katlagletscher war fruchtbar, +Kühe weideten, kleine Pferdchen überschritten die Furten, +schüttelten sich, warfen sich in den Sand. Der Berg hatte +seine Sand- und Bimssteinmassen und die schwarzen toten Landschaften +geschaffen, das Myrdalssandur, das Kötlisandur. Dann +brodelten warme Schlammflüsse von ihm herunter, zuletzt löste +sich das Eis selber, rasierte die grünen südlichen Hügel, schwenkte +sie in die See. In Flammen eingesunken die Katla, Fjorde +Buchten Seen verdampften, mit Schmelzfluß ausgefüllt. +</p> + +<p> +Der Brand überlief zwei Breitengrade, rauchte von der +Skalfandabucht bis zum südlichen Vorgebirge am Myrdalsjökull. +Die feurigen Massen gluteten im Osten den gewaltigen Vatna +an, stießen ihren Hauch an die Ostküste, wo der Brücken- und +Lagerfluß im Meer ertrunken war. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> die Stöße der Luft nachließen, die Wasser gurgelten und +richtungslos pendelten, warfen die nach Süden vorgestoßenen +Führerschiffe Flammen und Farbensignale über das Meer. +Durch den Hagel der Steine, die schweren Schatten der Aschengüsse +leuchteten die Zeichen. Vergeblich. Weiter in See +sausend, ihre Schiffe suchend, die farbigen Rufe in aufhellender +Luft wiederholend, sahen sie eine Gruppe von Schiffen sich +ihnen von Süden her nähern. Sie wurden aufgeklärt von der +Flottille, daß weiter westlich nur ein kleiner Haufen Schiffe zu +sichten sei, schwer durch Blöcke verletzte Gefährte, die mit den +Wellen kämpften. Die Führer gaben Weisung, mit ihnen in +Fühlung zu bleiben, stürzten südwärts, entsetzt über die Verluste. +Sandten Flieger vor sich. Die berichteten nach kurzem Suchen: +eine ganze Abteilung Schiffe fahre in Kiellinie ihnen voraus, +biege eben westsüdwestlich um. Eine zweite Meldung lautete: +es sind unbeschädigte Schiffe des Geschwaders, Transporter +und technische Schiffe. Mit Flammensignalen Sirenenrufen +<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> +suchten Führer und Flieger das wildfahrende vordere Geschwader +zu verständigen, daß es zu halten habe, um in Fühlung +mit den Führern zu treten. Das Geschwader antwortete nicht, +raste gejagt mit höchster Kraft vorwärts. Da warfen die Führerschiffe +ihre geübtesten Flugzeuge aus, die nach wenigen Minuten +das vordere Geschwader kreuzten, sich in laufender Fahrt auf +Schiffe niederließen. Die Flieger, die Weisung hatten nach erfolgter +Erkundung und Abgabe von Befehlen Bericht zu erstatten, +kehrten nicht zurück. Die Schiffe wandten nicht. Das +Tempo der Fahrt verringerte sich nicht. Ein Einzelflieger, ein +Kapitän, von den bestürzten Führern bestimmt, ein Raketensignal +zu geben, wenn ihm irgend etwas bei der abgesprengten +Flotte rätselhaft oder verdächtig erschiene, gab eine lange Stunde +nach seiner Ankunft kein Zeichen; dann brannte das Signal auf. +Die Flotte vorn war auf der Flucht. +</p> + +<p> +Die Führer versammelten sich auf De Barros’ Schiff. Der +schwere De Barros erfuhr vom Zustand seines eigenen Geschwaders. +Die Menschen, Männer und Frauen, vom Entsetzen +betäubt. Sie standen herum, weinten, lagen apathisch, +krochen in die Kabinen, zitterten sperrten die Münder auf. +Eine kleine Anzahl war frisch, beriet sich überall flüsternd. Sie +erklärten, als der Verdacht der Flucht der Südflotte bekannt +wurde, sie gingen nicht davon; sie würden die Fliehenden zurückholen. +Prouvas, still wie die anderen Führer, vernahm +Wendungen wie nach dem Unglück in der Heraldsbucht und +noch gesteigert: man werde die Arbeit verrichten, man ließe +davon nicht los. Er hörte sie einen nach dem andern an; er +prüfte sich selbst; ihre Worte kamen ihm übertrieben und nicht +ganz richtig vor. Er zitterte nicht, fand sich gewillt nicht loszulassen, +aber etwas war nicht ausgesprochen. Besser war der +Satz eines der Männer: er ginge nicht von dem Feuer, er wolle +zurück. Das war etwas. Ingrimmig bestimmte De Barros: +die südliche Flotte wird nicht nach Europa entweichen. Man +war weit in See, hatte die Rauch- und Aschenzone verlassen. +Es war möglich über den östlichen Verbinderschiffen, dem +Standort für Kontinentalmeldungen, sich mit dem Geschwader +im Thistillfjord zu verständigen, beruhigende Aufklärung zu +<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> +geben, zugleich um Hilfe beim Einfangen und Abriegeln des +flüchtigen Geschwaders zu bitten. Wie man weiter vorwärtsstieß, +lag vor ihnen eines der großen Transportschiffe der +Flüchtigen, leck, im Begriff zu sinken. Der Kapitän dieses +Fahrzeuges gab Zeichen: man solle sie nicht verfolgen; die +Bemannung hätte selbst das Leck gebohrt. De Barros betrat +das Schiff. Die Gebrochenen hatten die Oberhand. Die Menschen +bewegten sich wie Betrunkene. Niemand weinte hier. +Sie blickten von den neu Ankommenden weg oder stierten sie +ausdruckslos an. Einige waren geneigt jeden, der sie fragte und +berührte, anzufallen. Viele standen grinsend, manche gähnten. +Es stank auf Deck und auf den Treppen: Überall lagen Haufen +braunen und gelben frischen Menschenkots; die Menschen rochen +nach Kot. Einige standen in Urintümpeln und hockten darin; +aus ihren Hosen, über die Schuhe lief es. De Barros fragte, +wer das Leck gemacht hätte. Der Kapitän schloß die Augen: +„Ich. Mit anderen.“ „Warum?“ „Es ging nicht anders.“ De +Barros trat näher an ihn: „Es ging nicht? Es geht. Sieh mich +an.“ Der junge Mensch machte die Augen nicht auf. „Ich will, +ich will nicht.“ De Barros wurde gedrängt ihn zu nehmen und +zu umfassen: „Du willst doch.“ „Nein, ich will nicht. Ich +ertrag nichts mehr. Nicht nochmal.“ „Wir ertragen es alle. +Sag, ob du willst.“ Mit den Stumpfen fast Vertierten konnte +De Barros nichts anfangen. Er mußte sich vorsehen, daß man +ihn nicht niederschlug wie vorher seine Flieger. Er hielt den +Kapitän am Arm: „Sie haben eins auf den Kopf gekriegt. Sie +haben nichts ausgehalten. Sieh nicht hin.“ Der ging entsetzt +mit ihm. +</p> + +<p> +Das Gros der fliehenden Schiffe hatte inzwischen weiten +Vorsprung und war im Begriff sich mit den Sprechstationen +Skandinaviens und des Festlands in Verbindung zu setzen. Angriffsschiffe +De Barros’ flogen hinter ihnen her. Die Angreifer +warnten durch Zeichen: „Ergebt Euch!“ De Barros trieb die +Angreifer in Wut vor. Neue Warnungszeichen. Und dann +sahen die Todmüden Verwirrten auf den fliehenden Schiffen +das ruhige Meer, das sie eben nach Frieden lechzend befuhren, +sich gegen sie erheben. Es knatterte auf der Wasseroberfläche; +<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> +der trübe Himmel erleuchtete sich hinter ihnen. Nach einer +zuckenden Erhellung sahen sie, das Grauen der Vulkane noch +im Blut, eine schwarze breite Wolkenmasse über dem Wasser +begehrlich auf sich zu ringeln. Das Meer, eben ihre Zuflucht, +war klirrend von De Barros aufgerührt; die Wolken auf das +Meer heruntergebogen rasten schwarz und steinern, Schaum vor +sich rollend an. Dieses Meer, das sie trug, schüttelte an ihnen. +In der schweren Finsternis warfen sich die Flüchtlingsschiffe. Erduldeten +das dröhnende kerzengrad in Strudeln um sie aufstehende +Wasser. Durch die brausende Finsternis schlichen, Helligkeit +um sich streuend, die Erkunderboote De Barros’. In +einer knappen Stunde war das Geschwader besetzt. Scharen +der Besatzung sprangen kopfüber in die See. Mehrere Schiffe +sanken, bevor man sie erreichte. +</p> + +<p> +Man wandte zurück nach Nordwesten. Das Winseln auf den +gefesselten Schiffen. So brüllten die gebundenen widerspenstigen +Menschen unter Deck, daß De Barros auf offener See halten +ließ und mit einer Handvoll Männer und Frauen die tobsüchtigen +Fahrzeuge betrat. Er mußte eine Anzahl erbitterter Menschen +ins Meer stürzen lassen. Den Unterführern gab er Befehl, +weiter Ordnung zu schaffen. In Haufen wurden die Weinenden +und Verängstigten, zusammengebunden, auf zwei besondere +Transporter geschleppt. Inmitten des Geschwaders fuhren die +beiden Transporter unter weißen Fahnen. +</p> + +<p> +In die Zone der glühenden tosenden Insel traten sie wieder +ein. In steigender Erregung umfuhren sie die Ostküste Islands. +Sie wußten, was sie beim letzten Angriff bezahlt hatten; sie +wollten den Gewinn kennen. Schweigend begegneten sich an der +Nordostküste die Hauptmassen beider Flotten. Keine Kenntnis +nahmen die Zurückgebliebenen von den beiden weißbeflaggten +beiseite in einen Fjord gesteuerten Schiffen. Und wie sie noch +von Schiff zu Schiff Mitteilungen austauschten, wurde von der +norwegischen Küste gemeldet, es seien einige hundert Lastflugzeuge +mit Besatzung unterwegs; und darauf: eine neue Flotte +verläßt eben die Häfen. +</p> + +<p> +Das Festland hatte in den Stadtschaften mit Schmerz Zittern +Verwirrung die alarmierenden Rufe der fliehenden +<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> +Südflotte empfangen. Die Senate nahmen den Tod der Führer +an. Einsilbige Meldungen der Nordflotte unter Kylin klärten sie +dann auf; nichts als neues Menschen- und Sachmaterial wurde +gefordert. Befreit und doch zögernd gaben sie es her. Man +wußte nicht, was dort oben vorging. Großartige halberfundene +Gerüchte von der isländischen Operation streuten sie aus. Von +den Stadtflüchtigen ballten sich mehr und mehr in Erwartung +in den Zentren. Die Senate selbst hatten das Gefühl, daß die +Ereignisse im Norden trotz aller Verluste die Gerüchte noch übertrafen. +Aber der zitternde Schrei des flüchtenden Islandgeschwaders +lähmte sie, und tiefer erregte sie, wie die Führer +und die Masse der Expedition sich jetzt verhalten würde. Heimlich +hofften sie, sie würden mit fortgerissen werden, diese gefährlich +Stillgewordenen würden weggeschwemmt werden. Da +kamen die Rufe der unerschüttert weiter drängenden Nordflotte. +Das neue Geschwader ging ab. Die Senate fingen an, auch +schweigsam zu werden. +</p> + +<p> +Bei der Nachricht von der Ankunft der neuen Schiffe gab +De Barros Befehl, die beiden Weißflagger sich zu überlassen, +jede Berührung mit ihnen zu vermeiden; und dann: er habe +an diesen beiden Schiffen kein Interesse. Die Unterführer begriffen +die Gefahr, die von den entgeisterten anklagenden +wirren höhnenden Menschenrufen ausging. Sie entfernten die +bewachende Mannschaft von den Fahrzeugen. Eines Nachts +waren beide Schiffe im Thistillfjord verschwunden; man hörte +nichts mehr von ihnen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">T</span><span class="postfirstchar">urmalin</span> hießen die Steingeschlechter, die der grobkörnige +Granit in Gängen und Adern hielt. Magnesium nahmen sie +auf, dann wurden sie braune Dravite; pechschwarz unter dem +Eisen zu Schörlen; gelb blaßgrün waren sie Achroite, die Natrium +in sich trugen. Sie lagerten im Albanygranitgebiet, in +Neuhampshire, am Dach des englischen Dartmoor. Bor Kieselsäure +und andere Urwesen hatten sich in ihnen angesiedelt und +mit ihnen auf dem Erdboden niedergelassen und hingebreitet. +Wenn Wasser Dämpfe Gase auf diese Geschöpfe eindrangen, +<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> +verwandelten sie sich in hellen Glimmer, wucherten über Saphire +weg. Man kannte die säuligen langgestreckten streifigen Glieder +dieser Geschlechter, wie sie aus den Felsgängen kamen, gebogen +geknickt spröde brechend, mit Pyramiden an den Enden ihrer +Körper. Strahlenförmig hatten sie sich im Gestein versammelt; +oft saßen sie lose eingesprengt neben den Familien der Topase +und Quarze. Sie waren von eigentümlicher Empfindlichkeit +und Reizbarkeit. Die Wärme ließ sie elektrisch aufzittern; dies +hatte man schon lange beobachtet; über die Enden ihrer Leiber +dehnte sich die strahlende Spannung. Man war darauf gekommen, +sich der Turmaline zu bedienen um Wärme, die lose verschwimmende +flüchtige Kraft, in die strengere feste der Elektrizität +zu drängen. In Texas Brasilien, auf den britischen Inseln +hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen <a id="corr-28"></a>abgetragen, +Ganggranite sprengen, Turmalinlager aufstapeln lassen +zur Verarbeitung bei dem belgischen Mons. Das zertrümmerte +Gestein wurde gereinigt, die getrennten Bergarten geschmolzen, +umkristallisiert. Man fertigte schleierartige Gebilde aus ihnen +an. Die Völker der Turmaline hingen, Geschöpf neben Geschöpf, +elastisch schwingend da aneinander, in schlanken Säulen; +fremdes Mineral trennte Kristall von Kristall. Sie waren +es, die das strahlende Feuer der Vulkane an sich saugen sollten, +ihre Glut in den Fluß der Elektrizität verwandeln, den sie dann +später wieder auf Grönland in lockerer Glut aushauchen sollten. +Schleier auf Schleier des Gewebes wurde bei Mons gegossen. +Die Lager der zertrümmerten Ganggranite verminderten sich. +In die Hallen ungeheurer Schiffe wurden die elastischen +scheckigen Kristallgespinste verfrachtet. Sie konnten jedes Feuer +der Erdoberfläche fassen. In den Frachtern, die nach Island +fuhren, hingen sie ausgespannt. +</p> + +<p> +Eine gabelförmige Spalte teilte auf, was von Island übriggeblieben +war. Sie zog von Süden zum Trölladyngja, legte +sich nach Norden dem Skalfandar entlang, nach Osten parallel +dem Kyarkjöll. Wo der Krabla und Leirhukr gestanden hatten, +im Süden die achtkuppige Hekla, die entsetzliche Katla wogte +ein Feuersee. Unregelmäßig schossen aus seitlichen Explosionsgräben +Feuergarben. Die ganze zu Tag liegende Masse hob und +<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> +senkte sich gleichmäßig; sie pulsierte, wogte dröhnend, den frischen +Steinpanzer zerreißend, lavengischend, stieg rieselnd in die +Erde zurück, schwarze Klüfte freilegend. Lichtweiße Dampfballen +traten an die Oberfläche, die wie flüssiges Metall gelbrot +gelbbraun schwer wallte. Mit den Dampfballen tanzten +glühende Lavastücke auf dem See. Eine Weile trieben sie über +dem verhüllten Spiegel, nach Süden und Norden. Dann während +sie rechts und links zerflossen, ballten sie sich an einer Stelle, +blieben stehen, wurden dichter höher, schwollen zu Bergumfang +an; der ganze See erzitterte, der Boden der Insel schwankte. +Der See erhob sich wie ausgebeult unter dem weißen Dampfberg. +Tumultuarisch regte er sich, peitschenartig schlugen fliegende +Steine aneinander. Zu ihrem hellen Getön trat Poltern, +Rücken, orgeltiefes Murren. Mit einem Donnerlaut platzte die +Dampfmasse auseinander, wurde über den See und die Berge +der Insel getrieben. Lavamassen stürzten aus dem rüsselförmig +aufgestürtzten See; in Säulen und Garben wurden sie hochgetrieben, +fächerartig ausgedehnt. Das wogende Feuer sank, +mit weißen Wölkchen spielend, wieder ein. +</p> + +<p> +Die Geschwader beim Thistillfjord und südlichen Myrdalsjökull +ankernd, die Frachtschiffe mit den Turmalinnetzen hinter sich, +vermochten unter den Bombenauswürfen, den Gas- und Lavaexplosionen +der glühenden See sich nicht seiner Oberfläche zu +nähern. Man schickte von verschiedenen Seiten Fliegerflottillen +gegen den See vor, die ihn erst ohne Last, dann mit ausgespanntem +Turmalinschleier kreuzten. Von Rifstangi im Norden drangen +Flottillen vor, aus der Vopnabucht von Osten in die +Gegend des alten Herdubreid, dessen randliche Trümmermassen +in das Feuer absickerten. Die Flieger hatten schreckliche +Verluste; jedoch litt niemand zum Verzagen darunter. Zu +jeder Tätigkeit drängten sich die Männer und Frauen; die Verluste +waren schmerzlich, wurden aber fast begierig zur Kenntnis +genommen. Alte und neue Islandfahrer waren in einem Gefühl +zusammengeschweißt. Die Schleier, über der wühlenden Erde, +dem aufberstenden und zurückfallenden See durch keine Pfeiler +ausspannbar, mußten über die Oberfläche feuernah geschleift +werden. Sie zerrissen, tauchten ein und schmolzen, stürzten mit +<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> +den Fliegern ab. Dazu veränderten sich schon Seeteile in beängstigender +Weise. Die Vulkane, erst erfüllte einheitliche +Feuerbecken, zogen Schlackenmauern zwischen sich, häuften +Wälle im See auf. Es schien als ob in der Tiefe Reste der alten +Vulkane lagerten, die im Begriff waren ihre Leiber neu aufzubauen. +Die Einbruchsfelder der Berge traten um den Myvatn +in verschwommenen Linien schon wieder hervor. Unabsehbar +weit ergossen sich die Lavaströme über das Land. Durch die +Dämmerung des Tages quollen sie schwarzblau, die Nächte +durchstrahlten sie weiß. Sie liefen sich in steinernen Säcken +fest, die sie selbst um sich legten. Teile des alten Thistillgeschwaders +rissen die Säcke auf, trieben Gase unter die Sackhaut, mit +denen sich die glutende Lava freisprengte. Und wie die Ströme +quollen, meilenbreite Bänder, über die sich neue schoben bis +zur Höhe mehrerer Häuser, so daß der Boden im durchflossenen +Gebiet sich anhob, versahen sich die Fliegergeschwader mit +Böenbomben, die ihnen den Rücken gegen Aschen und Blöcke +freimachen mußten, und mit Eis dunstenden Masken. +</p> + +<p> +Sie zogen ein Netz von Pfeilern am Skalfandar entlang nach +Süden, über den Hofsjökull, parallel dem verschütteten Tjörsarfluß +nahe der gestürzten Hekla. Eine zweite Pfeilerreihe richteten +sie am Gletscherwestabhang des Vatnamassivs auf, nach Norden +über den Kyarkfjöll das Meer erreichend, wo es aus der Heraldsbucht +den Lauf des alten Lagarflusses bedeckte. Eine dritte +Pfeilerreihe lief im Halbkreis vom Axarfjord im Norden zur +Gegend des Myvatn, am Dyngjafjöll, Herdubreid vorbei. Sie +hatten den Feuersee mit den Pfeilern allseitig dicht umspannt. +Es begann die fürchterliche todheischende Arbeit über der +dampfenden immer wieder aufspringenden Masse, den kochenden +See mit den Schleiern geschwaderweise zu überfliegen, die +Schleier an den Pfeilern aufzuhängen. Blitzrasch mußte man +vorgehen, besondere Augenblicke an jedem Ort abwarten bei +dem Vorstoß von Westen zu den Pfeilern nach Osten, von der +Myvatngegend zu den Pfeilern am Vatnanordabhang und am +Kyarkfjöll. Häuserhoch schwebte der ausgespannte blinkende +Kristallschleier über dem Magmasee. Darunter fuhren zu seinem +Schutz, Böen um sich schleudernd, die Menschen der alten +<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> +Nordflotte, sprengten erweichten die grauen rahmartigen Schalen, +daß der weiß und gelb gleitende Strom zutage trat. Und +schon zuckten von den Pfeilern die Gurte mit den Turmalinvölkern +herunter, wie Möwen auf den Fisch, der an der durchsichtigen +Oberfläche schwimmt, schnellten gedehnt geschwellt +knisternd hoch, wurden seewärts von den Pfeilern abgezogen, +schwebten auf kaltes Land und auf Schiffe, während schon neue +Fluggeschwader sich zum Vorstoß anschickten. Aschen und Gase +brunsteten aus dem Feuerabgrund, die weißen Wolken perlten +auf ihm wie Schweißtropfen, zerflossen unter den Böen. +</p> + +<p> +Jenseits der Pfeilerreihen, in Meeresnähe, hatte man Hallen +zur Aufnahme der geladenen Turmaline erbaut. So groß +war die Spannung der geladenen Schleier, daß die ersten abschwirrenden +nicht gesicherten Flieger mit ihnen gelähmt ins +Meer stürzten. Die Schleier sprühten auf dem nur minutenlangen +Weg durch die Kälte einen Teil ihrer Spannung wieder +aus. Man blies, wie sie die Feuerregion verließen, aus Drahtnetzen, +auf denen sie beim Fliegen lagen, Hitze auf sie; die +Netze verdampften bei der Berührung mit den geladenen +Schleiern. Man mußte die Hallen sehr nah den Vulkanen +legen. Dahinein rauschten die Kraft um sich streuenden Schleier. +Klingen und Schwirren ging von ihnen aus. In eine trägflüssige +zitronengelbe Masse wurden sie gestürzt, in die Riesenwannen +der Hallen. Bis auf den Wannengrund war die Masse durchsichtig, +sie opalisierte; apfelgroße Blasen stiegen langsam in ihr +auf. Schwere wallende Schlieren legten sich wie Fäden eines +Strickwerkes um den eingehängten Schleier. Er war, wie er das +heiße dickölige Bad verließ, in allen Maschen graugelb umzogen, +verglast. Sein Schwirren hatte aufgehört; man konnte +ihn ruhig berühren, die klebrigen Anhängsel abstreichen. +</p> + +<p> +In gleichen Abständen liefen inzwischen weiter die Frachtschiffe +mit Turmalinen vom Kontinent herüber, befuhren das +große atlantische Wasser. Eingehüllt wurden sie in das Sausen +des Windes, Plätschern klang herauf, Murren aus der Ferne. +Fuhren in der wolkendurchflatterten Luft, Sturmschwalben +Silbermöwen mit gezackten Schwänzen, Stoßtaucher neben sich. +Das Meer fiel dreitausend Meter tief unter ihnen. Mit Fischen +<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> +Algen Quallen Schleimtieren war es gefüllt. Es warf sich in +Ebbe und Flut. In Glitzern und Scheinen schwebten die Schiffe. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Kontinent wünschte von den geladenen Schleiern zu +haben. Brüssel und London waren gleichzeitig darauf gekommen. +Sie waren auf der Suche nach neuen Machtmitteln, fürchteten, +die Islandfahrer könnten sich selbst diese Schleier aneignen, +die man nicht kannte, die aber gefährlich schienen. Sie +schickten mit jedem neuen Schiff Vertrauensleute, die die geladenen +Schleier zählten, über ihren Verbleib berichteten. Als +der Kontinent Schleier für sich forderte, lehnten Kylin De +Barros Wollaston Prouvas es ohne Erklärung ab. Die Senate, +stärker beunruhigt, nach außen nichts von sich gebend, beauftragten +darauf neue Führer, für sie Schleier zu beschaffen. Ein +stark ausgerüstetes Geschwader erschien vor Island. De Barros +verstand, es tagelang irrezuführen. Er drohte den neuen +Führern. Die Islandflotte erhielt Kenntnis von den Vorgängen; +sie stand auf <a id="corr-29"></a>Seiten Kylins und De Barros’. Heftige Schmähworte +auf die Senate hörten die neuen ahnungslosen Männer; +ungehemmt äußerten Führer und Besatzungen ihre Verachtung +für die Senate, ja für die Stadtschaften selbst, so daß die Abgesandten +verwirrt wurden und nicht faßten, wen sie vor sich +hatten. Sie berichteten zurück; die Senate bedeuteten ihnen, +sich um die Ladung der Schleier zu kümmern und dann Island +zu verlassen, im übrigen Kylin und De Barros zu erkennen +zu geben, daß man sie ohne Zufuhr lassen würde, wenn +sie die Beschlüsse der Senate ignorierten. Erbittert gaben Kylin +und De Barros nach. Spät erst dämmerte ihnen, die Stadtschaften +könnten Furcht vor ihnen haben. Und sie staunten, und +ihnen wurde klar, wie merkwürdig es dabei war, daß sie staunten. +Vielleicht hatten die Senate doch Grund, sich vor ihnen zu fürchten. +Nein, sie hatten keinen Grund sich zu fürchten. Wer waren, +wie fremd, weit abgelegen waren diese Senate, diese Stadtschaften, +die sie hergeschickt hatten. +</p> + +<p> +Als Kylin an die Tür seines Zelthauses trat und durch die +Rauchschwaden die ersten städtischen Flieger sich um die Pfeiler +<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> +bemühen sah mit Schleiern und Böen, hatte er Tränen in den +Augen. Beschmutzt kam sich das ganze alte Geschwader vor. +Man beschleunigte die Arbeiten. Die beiden Flotten suchten +keine Berührung zueinander. Gefahrvollen Böswilligkeiten +wurden die städtischen ausgesetzt. Die alten Flotten hatten +schon die ungeheuren Turmalinmassen in ihren Schiffen verstaut, +deren sie bedurften, als sie noch untätig bei der brüllenden +Insel hielten, die neuen beobachteten und sich zu einem Entschluß +durchrangen. Sie zerstörten eines Tages alle Pfeiler, +zerstörten die Hallen mit den Isoliereinrichtungen, vertrieben die +neuen, jagten sie mit ihren Schiffen über das Meer. Die ließen +sich auf keinen Kampf mit den erbitterten ein. In Kopenhagen +Hamburg empfingen die Senate die Rückkehrerflotte +mit scheinheiliger Gelassenheit. Sie dankten den Führern für +ihre Mühe, lachten über die Klagen gegen De Barros, taten +übermäßig beglückt durch die mitgebrachten schon geschickten +Schleier. Sie ließen verbreiten, die abgesandten Unterführer +hätten sich ungeschickt gegen Kylin und De Barros benommen, +aber es sei gleich: man hätte die geheimnisvollen Schleier in +der Hand. Ihre Kräfte würden jetzt studiert. Dies ließen sie +bald auf Umwegen an die Islandflotte gelangen: man hätte +durch einige Prozeduren eine merkwürdige Kraft aus dem beschickten +Turmalin isoliert. In der Tat warfen sich angstvoll die +Physiker und Techniker der Senate an die geladenen Kristallgewebe, +ob etwas Bedrohliches in ihnen stecke. +</p> + +<p> +Die Islandflotte aber nahm wenig Kenntnis von den Gerüchten +des Kontinents. Nach der Halbinsel Rifstangi im Norden +zogen sich um das dröhnende wolkenschleudernde Island die +Schiffe aller Geschwader. Von Rifstangi über den schmierigen +Svalbard waren die ersten Angriffe gegen die Insel auf +Brücken vorgetragen worden. Alle Schiffe setzten kleine Scharen +in Boote, die die Klippen umfuhren. Auf einem Schneefeld +des aschebestreuten Svalbard wurde die Totenfeier für die +Opfer der Angriffe abgehalten. Es geschah, daß nach den Worten +Kylins, der gegen den Sandwirbel sich die braune Pelzmütze +vor die Augen hielt, die zweitausend Menschen in den Schnee +knieten. Sie griffen die Asche unter sich an, tasteten in den +<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> +schmelzenden Schnee. Viele krampften die Hände beim Gedanken +an die beiden traurigen grausigen Schiffe mit den +weißen Flaggen. Sie träumten stumm. Kopfgesenkt, bei den +Händen angefaßt ging man, langsam, zu den Booten herunter. +Und langsam umfuhren die Schiffe ohne Verabredung die ganze +Insel. Der Thistillfjord kam, in dem eine Flotte lange gelegen +hatte, das Vorgebirge Langanes, der Vopnafjord, die Vulkane +schütterten herüber, schwarze qualmgedrehte Riesenwirbel Spiralen, +rot durchzuckt, von unten aufgeblafft. Da war die Sandbank, +die sich nach Osten schob; man mußte sie umfahren; das +Unglück in der Heraldsbucht hatte sie aufgeworfen. Die Insel +trat wieder hervor; Buchten und Vorgebirge, der Eiskoloß des +Vatna, strahlend breit aus dem Meer aufsteigend, die lohende +menschenverlassene Südküste, kleine tote Inseln, die Ostküste +und noch einmal der Rimarberg, der Myokarrjökull im Norden, +die Bucht des verdampften Skalfandar, Rifstangi die Halbinsel, +der Thistillfjord. Hinter Bergsätteln, langgezogenen Graten +fuhren sie, der Wind trug nichts herüber, der Schall der Vulkane +war gedämpft. Sie bogen oft aus, der Meeresboden schien sich +zu heben und dampfte. Lavenstürze drängten sie vom Land ab. +Sie näherten sich immer wieder der Insel, willig gespannt +hingegeben. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-8"> +<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> +<span class="line1">Siebentes Buch.</span><br> +<span class="line2">Die Enteisung Grönlands</span> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ehr</span> zögernd lösten sich die Schiffe von Island. Sehr langsam +kreuzten sie das starke atlantische Wasser. Das dumpfe +abgründige Schollern füllte noch ihre Ohren. Sie hörten es, als +wenn eine Muschel auf ihren Ohren läge. Lagen auf dem Meer, +das sie vor Monaten, endlos langen Monaten betreten hatten, +von den Shetlandinseln her am sechzigsten Breitengrad. Das +Meer, mit Steinschotter die Küsten schlagend, Ozean, breites hundertmeiliges +Wasser, schwarzes wellenüberlaufenes Wesen, von +dünnen Winden geschoben, überflattert von fliegenden pfeifenden +Tieren. Sie hatten einmal Mukla Ron und Foul, das +Mainland, die zackigen Inseln Yall, Samphyra, Uya, Umst +verlassen, Vogelberge waren verschwirrt. Die Sonne sahen sie +wieder, mit fremden großen forschenden Augen, Unband von +Feuer, einäschernde Hölle alles Kriechenden Fliegenden Hüpfenden, +das weiße wallende Flammenmeer, metallene Wolken von +sich werfend, die in Schlacken zurückfielen. Zwitschernde Metalle, +Gluthauch an Gluthauch, die Urwesen frei blühend, Helium +Mangan Kalzium Strontium. Sie gingen hin und her zwischen +Deck und Kajüten, spürten dem Aufblasen des kalten Nordostwindes +nach, staunten die Wellen an. Unklar erinnerten sie sich, +was hinter ihnen lag. Sie waren aus Brüssel London, südlichen +Stadtreichen gekommen; man hatte sie gesammelt. Man hatte +Brücken über Island geworfen. Die Städte, sie erinnerten +sich der Städte. Wie sonderbar die Siedler. Ihretwegen hatte +man sie hergeschickt. Das Meer floß unter ihnen. Gut, daß es +da lief. Sie wollten nicht in die Städte. Wie merkwürdig alles +durchhellt wurde, Senate Stadtschaften Fabriken Apparate. +In der Mark hatte Marduk, der große Tyrann, gekämpft; +Zimbo kam nach ihm. Die Stadtschaften hatten den Siedlern +nachgeben müssen; darum schickte man sie her, nach Island, +<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> +Grönland. Was für Menschen waren da hinten. Nichts hören. +Weiter Meer fahren. Grönland, nach Grönland. +</p> + +<p> +Das arktische Mittelmeer lagerte auf zwei Tiefenmulden. +Zwischen Spitzbergen und Grönland sank die Nordmeertiefe +fünftausend Meter tief ein. Eine unterseeische Bodenschwelle, die +kaum dreihundert Meter unter dem Wasserspiegel verlief, der +Thomsonrücken, trennte breit die Nordmeertiefe vom Atlantischen +Ozean. Von Ostgrönland lief die Schwelle auf Island. +Im Nordosten trennte eine Schwelle die Nordmeertiefe von der +Meeressenke um die neusibirischen Inseln. Der grönländischen +Ostküste fern folgend fuhren die Schiffe der Stadtschaften über +das eisige Meer. Die warme tropische Golfstromdrift, die den +Ozean hinter sich hatte, sandte ihr Wasser herüber auf Island, +umkreiste die Insel, lief an der Südspitze Grönlands vorbei. +Von Norden und Osten schwamm neben ihm, bedeckte ihn, mit +Treibholz und Eis beladen, der Ostgrönlandstrom; der eisige +Labradorstrom kam von Westen, vereinigte sich mit ihm. Sie +fuhren über die schweigenden Untiefen. +</p> + +<p> +Und plötzlich wurden sie der Turmalinschiffe, der schwimmenden +Fracht unter sich gewahr. In den Bäuchen der Schiffe +ruhten die Schleier, die mit der Glut der Vulkane geladen +waren. Im Stoß den rasenden hauchenden Feuerflächen entrissen. +Da fuhr mit ihnen das dröhnende geliebte Island. Die +achtkuppige Hekla, sprudelnd die Lava von der Thorsar bis +zum aufgischenden Meer. Die Schiffe des Myvatngeschwaders +fuhren mit ihnen. Sie hatten die Gruppe der Turmalinschiffe +nach den Vulkanen benannt, denen ihre Kraft entstammte. Das +war die Klasse der Leirhukrschiffe. Der breitschultrige Herdubreid, +der schreckliche Dyngja. Die Katla, am Südhang des Vatnagletschers +der gigantische Öräfa. Es war, wie die Menschen es +bedachten, ein Widerwillen in ihnen nach Grönland zu fahren, +diese Schleier, dies Leben und Blut wegzugeben, über das +Land zu breiten nach dem Befehl der Stadtschaften. Herdubreid +Katla Hekla Myvatn fuhren mit ihnen; sie waren ihrer +Obhut übergeben. Kein Führer erriet, daß eine Anzahl der +Menschen, die mit ihnen über dem Meer, dem südwärts treibenden +Ostgrönlandstrom hingen, im Kopf hatten, die Turmalinschiffe +<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> +mit ihrer Liebe zu decken. Sie wollten die Frachthallen +sprengen. Geschützt von den Menschentransportern fuhren die +Turmalinklassen, in langem Zug. Leichte Fahrzeuge bahnten +ihnen den Weg durch das Packeis. Vorsichtig zwischen Eisbergen +führten sie sie hindurch. Aus allen Schiffen umschwärmten die +Turmalingebäude immer Boote; immer waren sie ihnen nahe +wie die Hand einer Pflegerin. Da kam, nachdem sie ziellos eine +Woche gekreuzt hatten, unerwartet der Befehl, alle Maschinen +anzusetzen und sich nach einem Plan um Grönland zu verteilen, +vom Melvilleland jenseits des achtzigsten Breitengrades bis zum +Kap Farwel unter der sechzigsten Breite. Sie sollten die Dänemarkstraße +im Osten durchziehen, im Westen die Baffinbai bis +zum Ellesmereland. Es kam auch der Befehl, nur wenige Schutzschiffe +für die Turmalinschiffe zu stellen, niemand sollte sich +zu dicht den großen Frachtern nähern. Die an die Versenkung +der Frachter gedacht hatten, fühlten sich im Augenblick ertappt. +Sie erfuhren bald, was die Führer zu der Warnung bewogen +hatte. +</p> + +<p> +Ruhig schwammen die Hallen mit der Last der Vulkangluten +über dem Wasser. Die Schiffe begannen eine merkwürdige +Gesellschaft zu bekommen. Bald hinter Island bemerkten die +Menschen der Begleit- und Wachtschiffe die große Zahl von +Fischen, die sich um die Flotte sammelte. Sie schoben es auf +die besonderen Fahrrinnen, die sie gerade nahmen. Schon nach +zwei drei Tagen erkannten sie, daß die Fische hinter den Turmalinfrachtern +her waren. Der braune Tang löste sich nicht +von dem Schiffskörper. Wellen schlugen ihn nicht ab. Wenn +Eisschollen eben einen Teil des Bugs glatt gescheuert hatten, +so hingen fast im Augenblick, wie magnetisch gezogen, fast wie +aus dem Schiffe sprießend, neue Tangbüschel an seinem schweren +Rumpf. Die Turmalinfrachter zogen den Tang wie Barthaare +hinter sich. Bei langsamer Fahrt waren die Schiffsleiber +von den braunen grünlichen nassen Büscheln ungeheuer umwallt. +Die Schrauben schmetterten und schlugen sich ihre Drehflächen +frei; aber in den langen Schraubentunnel wucherten die +Pflanzen ein, tauchten in den dunklen engen Kanal am Boden +der gewaltigen Fahrzeuge, umwanden die schweren glatten +<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> +rollenden Metallbalken. Die Männer mußten herunter in die +eisigen Räume, mit Haken und Messern die bunten Büschel abziehen, +die im Begriff waren, das Schiff zu ersticken. Sie +brachten zum Erstaunen der Besatzungen den schweren Pflanzenfilz +herauf. Es waren nicht die gallertigen Gebilde der zierlichen +Algen, die auf den Wellen unter ihnen schaukelten, wiesenartig +dicht beieinander, das Meer olivgrün färbend. Sondern armdick +quellende Sträucher, vielfach verästelt, mit zollangen scharfgezähnten +Blättern; apfelgroße Beeren trieben sie, die ihnen +als Schwimmblasen dienten; wie Köpfe erhoben sie sie. Reinigungskommandos +traten auf allen Frachtern in Tätigkeit. +Mit Besen mußten sie die Algenbüschel von den Treppen herunterstoßen; +mit Stöcken schlugen sie sie vom Gestänge ab. Um +die Turmalinfrachter, als wären sie durch Signale, durch einen +Ton, einen Geruch bezeichnet, schwammen Wale. In wellenförmigem +Auf- und Absteigen begleiteten sie die großen Frachter, +drängten sich blind durch die Wachschiffe. Man sah sie mit offenem +Rachen schwimmen, von den rasch stoßenden Schwanzflossen +getrieben. Sensenförmig gebogene lange schmale Zähne +standen zu Hunderten honiggelb auf den großen Kiefern; das +Wasser quoll zwischen den Zähnen in den Schlund; wurde in +Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf <a id="corr-30"></a>den schwarzen +Scheitel gespritzt. Das Gewimmel der glänzenden dunklen +Rücken, die hohen Wasserstrahlen. Die scheuen Tiere fuhren wie +verbissen hinter den Transportern her. Als die Begleitschiffe +Boote gegen sie aussetzten mit Harpunen, die sie sich zur Unterhaltung +anfertigten, wichen die Tiere aus. Wie man ihnen +aber den Weg hinter den Frachtern verstellte, gingen sie schwanzschlagend +mit Zorn auf die Boote los. Die Lichtanlagen und +der Verständigungsdienst von den Frachtern wurde in diesen +Tagen schwächer. Die Ingenieure erkannten, daß die Vulkanschiffe +die Störung in sich selbst tragen mußten. Keine Hitze +strömten die Berge der Steinschleier aus. Man beging die +Hallen, durch deren ganze Weite die Schleier ausgespannt waren. +Die ölige Isolierung war nirgends durchbrochen. Es waren andere +Substanzen, unbekannte, die ausgeströmt wurden. Düster +brannten nachts die Vulkanschiffe, hinter einem Nebel fuhren +<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> +sie; die Lampen zuckten erloschen zu manchen Stunden. Da +gaben die Führer, in Unruhe geratend, die Weisung, das ziellose +Kreuzen zu beenden, alles bereit zu halten, den Angriff auf +Grönland vorzunehmen. +</p> + +<p> +Die Vulkanschiffe aber, schwer sich durch die Eiswüste wälzend, +waren von einem Zauber berührt. Sie fuhren, als wollten +sie im Eis versinken. Eine Nacht langsamer Fahrt genügte, um +die Schiffe wie mit Tauen an das Meer zu fesseln. Der schwimmende +abgerissene sterbende Tang wuchs auf, trieb neue Stiele +und Blätter. Die Kanten der Eisschollen waren mit den Algenvölkern +überzogen, die sich an die Schiffsleiber mit langen Stengeln, +palmblattartigen Organen hefteten und die Schiffe mit +dem Eis verklammerten. Mit Brennen und Sprengen wurden +die Frachter freigemacht. Die Menschen auf den Schiffen selbst +und in ihrer Nähe wurden eigentümlich mitgenommen. Nur +für wenige Tage konnten Menschen zu den Turmalinfrachtern +abkommandiert werden. Nach kaum einem Tag gingen sie in +einer Müdigkeit herum, die zwangsartig war und die sie vergeblich +durch Bewegungen Waschen von sich entfernten. Wie +Opiumraucher setzten sie sich hierhin, dorthin, taten mühselig +ihre Arbeit. Es wurde ihnen schwer das Gesicht zu bewegen. +Mit diesem maskenartigen Ausdruck brach der Zustand aus. +Dabei war ihr Inneres süß bewegt; sie blickten oft zwischen den +Leitern Türen hindurch die Wände Decken, den Himmel an, +sahen Landschaften, in denen sich Bäume überpurzelten, die +Wolken sich lang auszogen, warm heruntertropften, ihnen auf +die Brust, die Lippen; sie leckten, schluckten. Ein heftiges bald +unbezwingbares Liebesempfinden durchlief sie. Die Männer +zitterten im Frost der Erregung, die Frauen schüttelten sich, +gingen zuckend langsam. Jedes Glied an ihnen war mit Wollust +geladen, jede Bewegung brachte sie dem ausbrechenden Taumel +näher. Sie umschlangen sich, und wenn sie ihre Leiber vermischt +hatten und voneinander ließen, waren sie ungesättigt. Sie +küßten und umarmten Seile, rieben und schlugen Arme und +Beine, den Rumpf an Treppenstufen. Über Bord ragten die +mächtigen Algenstiele; die zogen sie her, zu denen fühlten sie +Verlangen. Das wonnige Wimmern, das ratlose Seufzen, +<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> +angstvolle Stöhnen der Nichtzuberuhigenden. Dann lachten sie +wieder, ließen sich und die Dinge los, taten dämmernd eine +Arbeit. Aber der Speichel lief ihnen aus dem Mund, es drehte +so weich hinter ihren Stirnen; sie warfen die Köpfe in den +Nacken. Man mußte beim Fortgang der Eisfahrt schon am +Ende des zweiten Tages die Menschen von Bord reißen. Alle +entbehrlichen Kräfte wurden von den Vulkanschiffen genommen. +Die Flotten stürmten durch den Ozean ihren Bestimmungsorten +zu. +</p> + +<p> +Jetzt sah man schon nachts mit bloßen Augen, was in den +Riesengebäuden der Vulkanfrachter lag. Wenn die Sonne versank, +Lichter auf den andern Schiffen aufflammten, fuhren die +Hekla Leirhukr Dyngja Katla Myvatn, als wären sie, auf denen +keine Lampe brannte, in ein dünnes Licht gehüllt. Man konnte +die Schiffe im schwarzen Wasser im ganzen Umfang bis zum +Kiel herab erkennen; Schrauben Masten Seile, die andrängenden +Pflanzenmassen zitterten ein feines weißes Licht. Von +Stunde zu Stunde wuchs die Intensität des Hauches. Im +Finstern sah man, daß das Wasser viele Meter um die Schiffe +leuchtete. Weiter und weiter entfernten sich die Menschentransporte +und Begleitschiffe von den schwimmenden Speichern; +nur für Stunden wagten sich kleine Mannschaften herüber. Ein +Schrecken hatte alle befallen. Sie lagen zerknirscht auf den +Schiffen herum. Was sollten sie tun? Was sollte man tun mit +den schrecklichen Vulkanhallen, die man hinter sich herzog, die +wie Ungeheuer über sie herwuchsen. Keiner dachte mehr an +Sprengung. Die Führer wurden angefleht, die Turmalinhallen +in das hohe Eis hinaufzuführen und dann zu fliehen. Aber was +würde geschehen mit den Schleiern. Die Speicher konnten lostauen, +ins Meer nach Süden getrieben werden, ihre Isolierung +konnte zerbrechen; sie konnten als furchtbare Flammen- und +Strahlenwesen gegen die Kontinente vorgehen. Man mußte +sich ihrer entledigen, aber man konnte nicht fliehen. Nach Grönland. +Und die Führer und Besatzungen zitterten, was geschehen +würde, wie es verlaufen würde. Man fuhr. Metallisch blitzten +im Wasser die Scharen der Fische auf. Die Lachse blaugrau +mit dunklen wedelnden Flossen. Der Schwarm der scheuen +<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> +Makrelenhechte gefolgt von Thunen und aufspringenden jagenden +Boniten. Es war, als wenn sich die Pflanzenwiesen +vom Meeresboden hochhoben losrissen, an die Schiffskörper +hingen. Mit ihrem lebenden Gewichte beschwerten sie die riesigen +Turmalinfrachter. Die schienen nichts davon zu fühlen. +Ihr Bug hob sich von Stunde zu Stunde höher aus dem spritzenden +Ozeanwasser. In den Nächten liefen sie wie glühende Wesen +über dem Wasser. Das Mittschiff folgte, das Achterschiff. Die +Schiffe schienen sich bereit zu machen über den Ozean zu fliegen. +In nicht ausdenkbarer Weise, ein Graus der begleitenden +Menschenflotte, überragten die Vulkanklassen die anderen +Schiffe. Mit Bug und Steven, entblößter Außenhaut, liefen +sie ohne zu schwanken auf der Meeresoberfläche wie auf Schienen. +Bald mußte der Kiel die Wasserlinie erreicht haben, die +Schiffsschrauben leer in die Luft schlagen. Und wie sie bergig +hoch über den andern in den Geschwadern rollten, begannen +ihre Rümpfe zu torkeln. Wild und brünstig hoben sich die Schiffe +an. Toben und Klatschen war um sie; die Maschinen in ihren +Leibern arbeiteten; eine todesmutige alle Angst verbeißende +Besatzung, stündlich wechselnd, hielt sie in Gang. Die seilartigen +Stiele der Pflanzen, die sich über die Planken und Masten legten, +rissen die fahrenden Schiffe entzwei. Die Eismassen, die +sich an ihre Leiber schmiegten, sich mit ihnen verlöteten, schüttelten +sie von sich. Kilometerweit um die Frachter stießen Vögel +auf sie zu; sie fielen über die Gebäude her, setzten sich auf die +kriechenden Algen, auf Stengeln Blättern an der Außenverschalung +krabbelten sie pfeifend zwitschernd schreiend herum. +Tausende von Eistauchern, hell schreiend, flatterten auf +Drähten Tauen, durch die Luken Deckfenster, bedeckten mit ihren +zuckenden befiederten Leibern die Außenbordstreppen, unbehilflich +springend, hielten sich dicht über dem Kiel am Schiffsrumpf +angeklammert. Andrängende aufschnellende Fische jagten +sie hoch, der starke Strahl der Wale wirbelte sie betäubend in die +Luft. Über das Eis von Grönland kamen Vögel herübergeweht. +</p> + +<p> +Es waren keine Schiffe mehr. Es waren Berge Wiesen. Und +die Schiffe klangen. Sie klangen mit demselben hohen Ton, den +die Schleier von sich gegeben hatten, als die Fluggeschwader +<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> +sie von den Feuerseen Islands abzogen. Durch das Flügelschlagen +Krächzen Zwitschern drang unheimlich der helle gleichmäßige +Ton, der leise sanft aufsurrte, wie der Dampf aus den +Düsen einer Turbine. +</p> + +<p> +Das Land, das die Seefahrer zwischen dem dreißigsten und +vierzigsten Längengrad suchten, war nicht zu sehen. Eine starke +Eisbarriere hatte es um sich gelegt. Aus der Richtung, in der es +lag, schwoll scharfe Kälte und immer neues weißes Eis. Das +helle glasige Eis schob sich über die ozeanische Fläche in Blöcken +Schollen Bergen. Je mehr sich die Geschwader auf der östlichen +und westlichen Seite dem grönländischen Erdteil näherten, um +so höhere Berge hatten sie zu umwandeln. Von Küsten, die +man nicht sah, segelten die weißen und bläulichen Massen an. +Eisschollen flogen vor dem Nordsturm her, mit Höckern und +Zacken, drehten sich, knirschten und krachten gegeneinandergeschoben, +eine auf die andere getürmt, kippten überlastet um, +schwappten im offenen Wasser auf und ab. Burgen und Zinnen +näherten sich, übereinander gerammte hohe Stockwerke der Schollen. +Durch die Nächte schimmerten sie. Das Wasser, aus dem +sie entstanden waren, spülte an ihnen hoch, troff von ihnen herunter. +Es fiel im Schwall über sie, nagte Spalten in sie hinein. +Sie zogen durch die dämmrigen Nächte wie Fabelwesen, armlange +Zapfen hingen an ihren Balkons, gläsern klirrten sie; +mit einem Schlag fielen die zerbrechlichen Galerien auf die +treibenden Schollen. +</p> + +<p> +Die Seefahrer suchten Grönland. Sie waren, wie sie hinter +den sprengenden und rammenden Hilfsschiffen fuhren, schon im +Bereich des Landes; das waren die Vorboten der Gletscher. +Wie ein reicher alter Baum wachsend Jahr um Jahr seine +Früchte trägt, die Äpfel, die immer neu aus diesem Boden +steigen, von demselben Stamm, demselben Wesen gebildet und +geboren werden, so lag Grönland jenseits in der Dämmerung, +Millionen Meter breit, trächtig, auf dem schwarzen Meer; Eis +wuchs auf ihm, das Land schüttelte sich nicht. Schweigend, aus +der Überfülle glitten die Massen ins Meer. +</p> + +<p> +Im Osten hinter der breiten Eisbarre trat die Küste, wildes +Alpenland hervor. Dunkle Wasserspiegel der Fjords, schwarze +<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> +Berggipfel. Von allen Bergstufen stiegen Gletscher in die Tiefe +der Felsgassen. Über die Gebirgskämme schoben sich Eispyramiden. +Die Talfurchen von den weißen Trümmern gefüllt. +In Gaal Hanikas Bai am vierundsiebzigsten Breitengrad fuhr ein +Geschwader ein, in panischer Furcht vor den Turmalinfrachtern, +die sie eskortierten. Sie hatten nur das rasende Gefühl, vor +diesen Schiffen fliehen zu müssen. Sich der Turmaline um +jeden Preis entledigen. Insel Clavering lag in der Bai, gebirgig +vergletschert wie das Land. In den Felsboden der Küste +brannten diese Menschen, ihrer Sinne nicht mächtig, hohe leichte +Stangen und Pfeiler ein. Auf Klippen des flachen Wassers +nahe der Küste setzten sie Hilfsträger. Über Pfeiler Stangen +Träger warfen sie die Kristallschleier ihrer Schiffe, verbrannten +augenblicklich die Frachter, die sie entleert hatten. Sie waren +wie Menschen, die Blut an den Fingern nach einem Mord haben +und sich keinen Rat wissen, als sich rasch die Finger abzuhacken. +Unter die Schleier breiteten sie fiebernd die Platten zur Aufnahme +der elektrischen Spannung; zweigten, sich überstürzend, +Drähte von dem großen Kabel ab, das die Expedition hinter sich +zog. In einer Nacht fuhr der Strom aus dem Kabel über die +Platten. Die Isolierung der Schleier schmolz. Weißrote Grelle. +Erderschütterndes Donnern. Die Insel warf weiße Wolken +hoch, Dampf rot von unten angeglüht; er schoß wild in unablässigem +Sprudeln auf. Die Anlage zerstört, Pfeiler und Hilfsträger +geschmolzen. Der Schleier quer wirr auf dem Gletscher, +fraß sich in ihn ein. Der hielt nicht still, riß Spalten auf, der +Schleier senkte sich in die Schluchten. Der Gletscher stürzte über +den Schleier; das Eis verdampfte. Dann aber wogten zwei +Berghäupter gegen den Schleier an, der von den angeglühten +niedergehenden Gletscherblöcken eingerissen war. Und wie sie +über den lohenden surrenden Kristallen, in das Wolkengebrodel +klafterten und sich breit schleudernd über das Gewebe senkten, +wie ein Ringkämpfer über die Brust des niedergeworfenen +Gegners, zersprangen verbrausten die Kristalle. Die Bergmassen +rutschend begannen sich zu bewegen, als wäre etwas +Lebendiges unter ihnen. Sie drückten die knisternden Schleiertrümmer +herunter, rollten überschoben sich fielen zusammen. +<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> +Krachend öffneten sie sich über dem begrabenen erloschenen Gewebe; +wie aus einem Schlot gischten Dämpfe aus ihnen. +Stundenlang gischten die weißen und schwarzen Schmelzdünste +über der Insel in hohen auf- und abschwellenden Strahlen. Die +besinnungslose nahe Mannschaft des Geschwaders war mit ihren +Schiffen über die Bai geworfen, auf die Klippen, zwischen die +Schollen gestaucht. +</p> + +<p> +Um die Zeit des Vorgehens dieser Schiffe schien eine Panik +sich bei allen Flotten auszubreiten. Man drängte trotz des +schweren Ausgangs der Affäre in Gaal Hanikas Bai auf zahlreichen +Schiffen zu ähnlichen gewaltsamen Akten. Rückwärtsbewegung +einzelner Flottenteile, zersprengtes Vordringen auf +das Festland wurde gemeldet. Steinern blieben De Barros +Kylin Wollaston; sie erschienen unter den Besatzungen, die nach +einem Halt suchten. Beschwörend bezaubernd gingen Frauen +mit ihnen über die Flotte; griffen die Verwirrten an: „Denkt +an den Myvatn, an den Herdubreid. Denkt, was ihr schon +verrichtet und bewältigt habt, was hinter euch liegt. Wir geben +nicht nach. Niemand von uns wird nachgeben. Wir erliegen +nicht. Ihr vergeßt nicht, wer ihr seid.“ Die keuchenden Menschen +schluckten bissen die Zähne zusammen. Eine entsetzliche +Zeit verlief bis zur Ankunft der Ölwolkenschiffe. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> dem europäischen Sammelplatz der Geschwader, den +Shetlandinseln und Färöer, wurde der Gedanke gefaßt, der die +Fortführung der Expedition und die Ausbreitung der Turmalinschleier +erst ermöglichte. Hier arbeiteten auf den technischen +Schiffen, in ihren Laboratorien, Männer, die den Gedanken +der märkischen Angela Castel nachgingen, der Erfinderin der +kriegerischen Rauchbläser. Sie hatte zuerst im großen die trägen +Wolken hergestellt, die sie zur Einhüllung und Fesselung von +Heeresmassen brauchte. Diese schwarzen schweren und violetten +Rauchmassen der Castel waren ohne Zähigkeit; sie zerflossen +nach einiger Zeit; Tragkraft besaßen sie nicht; die Castel hatte +sich sehr bemüht, aber vergeblich, die Massen so kompakt zu +machen, daß sie die eingehüllten und gefangenen Heeresteile +<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> +zugleich erstickten. In diesen Wochen nun, während die westlichen +Physiker Biologen Chemiker schon schlaff herumgingen unter +den schweren Ereignissen auf Island, unter den gefährlichen +Nachrichten von der Flotte, wurde die Sache des trägen Rauches +durch den Londoner Holyhead, der bald verscholl, weit vorwärts +getrieben. Er kam durch besondere Antriebe dazu, das eigentümliche +Gemisch zu finden, das luftähnlich gasartig sich in der +Luft bewegte, sehr zäh zusammenhing wie eine Gallerte, und +mit eigener spezifischer Spannung den Raum erfüllte, in einer +bestimmten Lufthöhe verblieb, ein Zwischending von Gas und +Flüssigkeit. +</p> + +<p> +Ein Syrier Bou Jeloud war auf die erregende Nachricht von +dem Plan dieser Expedition mit Leuten seiner Sippe in den +Bereich der nördlichen Stadtschaften geflogen. Er kam aus der +Steppe südlich von Damaskus. Die Wüsten Il Horra, Il Ledscha +und Diret il Filul hatten ihn getragen. Über die flachen Kegel, +schwarzen Blöcke der trockenen heißen Landschaft war er mit den +Anaze, seinem Stamme, dessen Reste sich erhoben hatten, im +Sommer wie ein Vogel geschossen. Im Winter ritten sie durch +die Steppe nach Arabien, die Ortschaften zu brandschatzen. Er +war nur einmal an ein Wasser gekommen, an das Tote Meer. +Nur Pferde und Kamele hatte er bestiegen. Die braungelben +Männer, sehnig, mit spärlichen schwarzen Bärten, fuhren mit +Entzücken über das sturmbestrichene Meer nach dem Sammelort, +den nördlichen Shetlands. Sie zeigten sich die Wellen am +Bug ihres Schiffes, die Streifen an den Seiten, die Gischt am +Ruder. Es war die Wüste, eine andere Wüste. Nicht satt zu +sehen an diesem Rieseln Überschaukeln Sichdurchkreuzen +Schwingen. Dünen, die der Wind schnob und ebnete. Sie verstanden +sie gut, die Wellen. Dann tauchten Quallen im Wasser +auf, braunschwarze vielarmige Kopffüßler, Fischschwärme zickzackten. +Sie hatten keinen Wunsch, dies zu ändern. Auf den +Schiffdecks stehen gefiel ihnen, und die Sucht unten zu sein, auf +dem Wasser selbst, das der Wind strich. +</p> + +<p> +Gäbe es ein Pferd, ein Kamel, das darauf reiten könnte, über +das Wasser weg. Und die braungelben Männer, wie sie sich im +weißen Burnus über das Eisengeländer legten, kniffen die +<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> +Augen, lächelten: „Die schwarzen Steppen von Diret il Filul. +Ah, die Luft ist hier kalt. Ei, es wäre schön, schön, über das +Wasser zu reiten in einer langen Linie.“ Sie summten unter sich. +</p> + +<p> +Holyhead, ein stiller Londoner Ingenieur, lächelte Bou Jeloud +an: „Ich mache dir Eis. Dann kannst du über dem Wasser reiten, +soweit du willst.“ „Weißt du, was ich will?“ „Ich blase dir +Sand unter die Füße. Ich streue Sand auf das gefrorene +Wasser. Ihr könnt, wenn ihr wollt, zu Fuß oder reitend nach +Grönland.“ +</p> + +<p> +„Du machst mir Mondlandschaften vor. Hah! Was seid ihr +für Krämer. Will ich Theater! Ich glaube schon, daß ihr alles +könnt. Aber mir liegt nichts an dem, was ihr könnt. Nicht +soviel.“ +</p> + +<p> +Holyhead lächelte ernst und freundlich, als die Gelbbraunen +feierlich davongegangen waren. In seinem Innern aber schwieg +etwas. Er hatte den Wunsch, dem schlanken Bou Jeloud wohlzutun. +Welche kindlichen schönen Wesen sie waren. Er wollte +ihnen gewähren schenken, was er konnte. Sie sollten ihn wieder +anlächeln. Holyhead, der plumpe schwarzbärtige melancholisch +über sich hängende Mann, war schon gelähmt wie viele auf den +Schiffen, die sich ansammelten. Das Schweigen der Senate +über den Verlauf der Expedition täuschte ihn nicht. Die furchtbaren +Vorgänge auf Island, das menschenverschlingende geheimnisvolle +Geschehen erschütterte, schwächte ihn, machte ihn +müde. Was war noch das Leben. Er fuhr auf sein Arbeitsschiff. +Bou Jeloud sollte lächeln. +</p> + +<p> +Er traf eines Morgens die Beduinen in ihrer gewohnten Haltung, +neugierig freundlich zärtlich an dem Geländer ihres Schiffes +liegen. Das Wasser flutete unten, Wind floß um sie. Eisschollen +von Norden angetrieben. Bou Jeloud schob die Hände +unter seinen Gürtel: „Nicht auf dem Schiff sein. Wir warten +noch eine Woche, vielleicht zwei, bis unsere Flotte zusammen ist. +Das soll ich ertragen. Und dann die Seefahrt.“ Der ältere breite +El Irak: „Wir werden Geduld haben.“ „Wozu, El Irak? Niemand +zwingt uns Geduld zu haben.“ „Was meinst du?“ „Es +ist nicht meine Sache. El Irak, ich bin ein Gefangener. Ich steh +am Gitter und blicke herunter. Ich mag ein Schiff nicht.“ „Nun, +<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> +Jeloud.“ „Ich bleibe nicht lange hier.“ Sie flüsterten finster +zusammen. Plötzlich war der auflachende El Irak verschwunden. +Und wie sich der weiße Holyhead dem jungen Jeloud näherte, +starrte der schlanke Mann im Burnus gespannt auf das Wasser, +schrie, warf die Arme hoch: „Seht! Da! Da Irak! El Irak! +El Irak!“ Das Geländer umsäumt von gurrenden schwatzenden +Menschen. Unten ein leeres Boot. Auf einer Eisscholle gebückt +der breite Irak, Wasser schöpfend; er spritzte es hoch um sich. +Er spazierte lachend am Rand, der Scholle entlang. Glücklich +kreischend winkten sie ihm von oben, traten mit den Füßen. Die +Scholle fuhr, umfuhr eine Klippe. Rasch entfernte sie sich seitwärts. +Sie streckten die Hälse. Da wurde wieder Irak auf der +Scholle sichtbar; er war gestürzt, kletterte hoch. Mit dem abgerissenen +Burnus winkte er nach dem Schiff herüber angstvoll. +Die Beduinen schrien. Auf dem Hinterdeck machte sich ein +Flieger los. Da hatte sich auf dem freien Wasser der Scholle +Iraks eine möwenbesetzte zweite Scholle genähert, eine kantige +bergartige. Iraks überflutete Eisplatte krachte gegen den trägen +weißen Berg, schob sich splitternd an ihm hoch; die Möwen +schossen pfeifend auf. Unter den gläsernen Trümmern El Irak +verschwunden. Flieger Boote im Wasser. Schollenlager und +Eisbröckel segelten feierlich im Meer. Die Möwen senkten sich, +liefen die Randlinien des Blocks ab. +</p> + +<p> +Holyhead verbarg sich die nächsten Tage vor den Syriern, die +stundenlang auf einem umzäunten Deckteil Gebete verrichteten. +Eine Frau mit vollen braunen Armen stand bei dem finsteren +Jeloud. „Dir ist nicht wohl bei uns, Djedaida. Du möchtest +lieber in Il Horra sein.“ „Ach, Jeloud, ich möchte lieber in Il +Horra sein.“ „Ich auch, Djedaida. Wir sind eine Handvoll Esel. +Die Stadtschaften wollen einen neuen Erdteil machen. Was +geht es mich an.“ Djedaida warf die üppigen Lippen auf: „Der +Wind ist schön. Das Wasser könnte so schön sein. Es ist nicht +sehr kalt.“ Die Fäuste ballte Jeloud: „Ich geh vom Schiff. Wir +wollen von den Schiffen. Ich laß mich nicht verhöhnen und versuchen +wie El Irak. Ich fahre nach Hause. Spring ins Wasser. +Ich hasse das Schiff. Vielleicht wollen sie uns verführen, daß +wir ins Wasser springen. Ich lieg nicht wie ein angebundenes +<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> +Pferd. Es ist genug, Djedaida.“ Sie machte trübe Augen. Das +Meer klatschte rollte schwer, züngelte über Riffe. +</p> + +<p> +„Ich will ihn zum Lächeln bringen“, dachte der schwarzbärtige +Holyhead. Djedaida von Damaskus, in ihrem gelben Kleid, das +feine gelbe Gesicht blickte ihn verächtlich an; sie zog den Schleier +über den Mund. „Auch sie ist lieblich, diese Djedaida. Sie +trauern. Oh, wenn sie nicht weggehen. Wieviel schöner ist es, +ihnen wohlzutun, als an Grönland zu denken.“ +</p> + +<p> +Der weiße Ingenieur berührte den Arm Bou Jelouds, der +sich ihm zudrehte. „Ich habe dich seit dem Unglück El Iraks nicht +gesehen, Jeloud. Gehst du mir aus dem Wege?“ „Dir? Wer +bist du?“ „Es macht dir keine Freude, sagtest du, wenn ich dir +Sand unter die Füße blase, auf dem gefrorenen Wasser. Daran +liegt dir nicht, sagtest du.“ Bou Jeloud legte den Arm um den +Hals Djedaidas: „Sieh diesen Mann an, Djedaida. Er wird +Grönland enteisen. Mit mir will er spaßen.“ Die Frau den +Blick zu Boden: „Komm. Wir gehen von Deck.“ Auch der Weiße +blickte zu Boden: „Ich konnte El Irak nicht retten, Jeloud. Aber +ich möchte dich fragen, ob du Geduld haben willst. Willst du +Geduld haben, Jeloud, und du, Djedaida?“ Der gelbbraune +Syrier, die Augen gelangweilt schließend: „Was will der gelehrte +Mann aus London?“ Holyhead hob den Blick; er freute +sich über den Schmerz Jelouds: „Komm auf mein Arbeitsschiff, +Bou Jeloud. Ich will dir etwas zeigen.“ Djedaida hielt zuckend +Jelouds Arm: „Geh nicht.“ „Ich komme nicht, Holyhead. Du +willst mich verführen, ins Wasser zu springen, wie Irak.“ „Ich +bin euch wohlgesinnt, dir und deiner Frau Djedaida. Mir liegt +nicht viel an Grönland. Die Sache der großen Stadtschaften, +wem ist sie noch etwas. Komm, und wenn du willst, du auch, +Djedaida. Wir wollen etwas tun, damit ihr eure Sehnsucht nach +der Wüste El Horra verliert. Das Meer ist auch schön. Ihr +werdet froher sein.“ „Ich will dir etwas sagen, Holyhead, +weißer schlauer Ingenieur. Du glaubst, ich bin ein brauner +Tölpel und mit zehn Worten zu verwirren. Ich werde auf dein +Schiff kommen. Ich fürchte mich nicht.“ Djedaida ließ seinen +Arm los. „Ja, ich werde auf dein Schiff kommen. Ich fürchte +dich nicht. Ich fürchte mich nicht vor ihm, Djedaida. Er hält +<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> +mich für den und jenen. Ich komme mit, Holyhead.“ Djedaida +war zurückgetreten. Sie hielt den Kopf gesenkt, den Arm über +der Brust gekreuzt. Flüsterte: „Versprich mir, Holyhead, daß +ihm nichts geschieht.“ Der schwarzbärtige Ingenieur: „Komm +doch mit, Djedaida.“ „Versprich mir, daß ihm nichts geschieht.“ +</p> + +<p> +Mit dem beglückten im Innersten erzitternden Weißen ging Bou +Jeloud. Seine Stammesgenossen sahen ihn ganze Tage nicht. +Er warf sich eines Abends vor Djedaida, grub seinen Kopf in +ihren Schoß. Drückte seinen Mund gegen ihre Brust, rieb sein +Gesicht an ihren kalten Wangen, stöhnte. Es ging ihm gut. +„Süße Heimat. Liebe Wüste. Lieber Felsen. Lieber Sand. +Wir kommen, Djedaida, auf die Wellen, die Wellen, denk dir, +die Wellen. Es wird geschehen.“ Sie sah zu ihm herunter: „Was +hat er aus ihm gemacht.“ Aber Bou Jeloud zog sie in seine +Kammer, umarmte sie, bis sie schmolz. Er schlief stundenlang +in der Kammer bei ihr, fest wie nie seit sie auf dem Schiffe +waren. +</p> + +<p> +Sie ließ ihn, wie er schlief, liegen, huschte zu Holyhead: „Was +ist mit Jeloud?“ „Sag du, Djedaida.“ „Er stöhnt. Er ist wild. +Er liegt in seiner Kammer.“ „Er war froh. Er klagt mich nicht +an.“ „Du hast mir versprochen, es soll nichts mit ihm geschehen. +Ich – freue mich nicht über ihn.“ Sie ging in die Kammer +zurück, wo er noch schlief, legte sich zögernd neben ihn. Als sie +seine Atmung belauscht hatte, drückte sie sich an ihn. „Djedaida“, +flüsterte er träumend in der Finsternis, „ich werde über das +Wasser reiten. Das Wasser treten wir mit den Hufen. Wir +können es. Das Wasser. Wir werden nach Grönland reiten.“ +Sie wand sich. +</p> + +<p> +Bou Jeloud lag nur noch im Schiff des Ingenieurs. Einmal +schlich die Frau herüber, ihn zu beobachten. Da stand dünner +Rauch vor einer Tür. Der Rauch war zerflossen wie ein Spinngewebe, +aber er verschob Djedaidas Schleier über dem Scheitel. +Sie faßte hinein. Er war wie Gummi, widerstrebend, ließ sich +hochdrängen, stellte sich nachgiebig wieder her. Der schwarzbärtige +weiße Holyhead trat im Arbeitsmantel vor die Tür, sah, +die Lippen verziehend, der Frau zu. Er faßte, die Frau anblickend, +mit zwei Bewegungen hinauf, zog den Rauch, als wäre +<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> +es ein sanfter tierischer Körper, zu sich herunter an die Brust, +wo er ihn wie eine Katze drückte und verwahrte. Kleine Fetzen +hatten sich bei dem raschen Zugriff gelöst, die zog seine linke +hohle Hand sanft nach, schob sie gegen seine Brust. „Komm, +Djedaida. Jeloud ist hier. Wir freuen uns, dich zu sehen. Wir +verbergen dir nichts.“ Sie blieb unsicher vor der Tür, die er +offen hielt, blickte in die Luft, an Holyheads Brust: „Was war +das? Der Rauch. Was war das?“ „Komm, Djedaida, wir +bitten dich zu uns. Bleibe nicht vor der Tür.“ „Was ist der +Rauch? Was machst du damit? Du hast ihn an der Brust.“ +Der Weiße lächelte: „Ja, siehst du. Das ist der Rauch, und das +ist kein Rauch. Wir haben es gemacht. Jeloud und ich. Es ist +schön, nicht wahr? Aber komm herein zu uns.“ Die gelbbraune, +schmalschultrige Frau stand da, bekam den Blick nicht frei von +seiner Brust, die Stirne hochgezogen. Tonlos stieß sie hervor: +„Ich danke. Ich will gehen. Ich kam ja nur für einen Augenblick.“ +Und als Jelouds Stimme aus dem brodelnden Raum +sang, drehte sie sich rasch um, rannte die Treppe hinauf, neben +einem Rauchballen, vor dem sie schreiend abwich. Zwei Seeleute +machten Jagd auf diesen Ballen. Sie haschten ihn. Er +schwebte plötzlich unbeweglich über einer Stufe. Die lachenden +Männer suchten ihn zu zertreten, höher zu pressen. Mit den +Schultern drängten, schoben sie an ihm. Djedaida, stehengeblieben +in einem unbezwinglichen Drang, angstbeklommen, +einer Verwirrung nahe, sah ihnen von oben zu, beide Hände an +dem verschleierten Hals, sah, wie sie spaßend mit einem Brecheisen +auf den Rauchballen schlugen, das Eisen von unten in die +weiche Masse stießen, die Stange gegen die Treppenstufe +stemmten. Wie ein Pendel bewegte sich das Eisen ohne Stütze +mit den Schwankungen des Schiffes. Vor Lachen schütteten +sich die Männer aus, auf die Knie gebückt, winkten der Frau +herunter. Sie hastete über das Deck. +</p> + +<p> +Jeloud, der junge stolze Beduine, ihr Mann, fragte nicht nach +ihr, sah sie wenig. Glühend prahlend stand er unter den anderen +Beduinen. Wild freudig, mit schweifenden Augen wie ein Betrunkener +lief er manchmal der Frau nach, suchte sie zu fangen, +die sich ganz verschleiert hatte. Sie rang von ihm ab, bat +<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> +hinterhältig leise: er möchte sich doch nicht seinem Werk entziehen, +er möchte sich doch nicht unwürdigen Zerstreuungen hingeben. +Jeloud klatschte in die Hände: „Habt ihr gehört? Mein Werk +hat Djedaida gesagt. Ja, es ist mein Werk und Holyheads auch. +Du bist süß, meine Frau Djedaida. Bald werden alle alle sehen, +was wir geleistet haben.“ „Wer sind ‚wir‘?“ „Holyhead, mein +Freund Holyhead und ich. O, er kann viel. Wir werden etwas +Wunderwunderbares schaffen.“ Sie hauchte: „Ja, ich bin stolz +auf dich.“ Ihre Zähne knirschten. „Wir werden über das Meer +reiten, Djedaida. Das wird geschehen. Was meinst du. Ich +füttere schon mein Pferd unten im Schiff mit doppelter, dreifacher +Ration. Es soll sich mit mir freuen auf die große Stunde. +Da, sieh das Wasser an.“ „Ich sah es schon, Jeloud.“ „Nimm +den Schleier herunter. Du kannst durch den Schleier nicht sehen.“ +„Ich kann durch den Schleier sehen.“ „Nein, nicht genug. Gib +doch, gib doch. Siehst du, da ist er. Nun wirst du sehen. Sieh +da, Djedaida, meine süße Frau, mein Honig, mein Labsal, dies +sind die Wellen. Das sind sie. Die grauen und grünen und +weißen. Sie sind noch schöner als unser Sand in Il Horra. Da +werde ich eines Tages heruntersteigen, mein Pferd mit mir. +Denk dir, das wird geschehen. Wie El Irak werde ich heruntersteigen, +aber nicht stürzen. Ich nicht. Bei Allah, ich nicht. Auf +meinen Braunen werde ich springen, auf meinem Sattel werde +ich sitzen, wie damals, Djedaida, als ich dich holte. – Aber +warum weinst du?“ „Ich weine? Gib mir meinen Schleier +wieder.“ +</p> + +<p> +„Du meinst, ich stürze, Djedaida? Ich stürze, es geht mir wie +El Irak! Oha! Keine Furcht, du Süße. Ich werde nicht +stürzen. Wie schön du bist. Weine doch nicht. Wir erproben +alles gut, Holyhead und ich.“ „Gib mir meinen Schleier!“ +sie schrie, „gib mir meinen Schleier. Du bist mein Mann. Du +kannst mir meinen Schleier nicht verweigern.“ „Was ist, Djedaida?“ +„Meinen Schleier. Ich bitte dich.“ „Da. Da ist er. +Da hast du ihn. Ich wollte dir das Meer zeigen. Nun habe ich +dich gekränkt? Was habe ich getan? Jetzt seh ich dein Gesicht +nicht. Jetzt muß ich träumen, wie lieblich du bist.“ Sie ließ +ihm ihre Hand. Ihre Schultern zitterten heftig. Er aber warf, +<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> +als sie ging, selig die Arme hoch: „Sie trauert! Sie hat Furcht +um mich! Und ich werde es doch können!“ +</p> + +<p> +Ein neuer Menschentransport nach Grönland war abgegangen. +Holyheads Versuchsschiffe blieben zurück. An dem Sammelplatz +wurde bekannt, daß Holyhead, dem Engländer, etwas Besonderes +Unerhörtes geglückt sei, ein Syrier sei sein Gehilfe gewesen. +Eines Nachmittags ordneten sich Boote vor Holyheads +Arbeitsschiff von allen Fahrzeugen. Die Luken von Holyheads +Sitz wurden mittschiffs geöffnet, dicht über der Wasserlinie weite +schornsteinartige Röhren aus den Luken geschoben. Aus ihren +trichterartigen Mündern quollen in breiten vollen Lagen weiße +Dampfmassen, die sich, wie sie die Trichter verließen, senkten, +auseinandergingen, über dem Wasser sich ausbreiteten, die +Wasseroberfläche überzogen. Flach und dicht legte sich der +Dampf auf das Wasser, an das Wasser. Mit den Schlägen des +Meeres hob er sich. Nach den Seiten quoll und flatterte die +schwebende Watte, der Nebel in Fetzen auseinander; die Boote +in der Nähe schob der Dunst unwiderstehlich beiseite. Sie schlugen +mit Rudern gegen ihn; als wenn sie auf starken Kautschuk +oder Kork schlügen, prallten die Hölzer von dem weißen andrängenden +Hauch ab. +</p> + +<p> +Eine schräge Holzbahn wurde auf das Wasser geworfen. Ein +Pferd heruntergejagt, stand angstvoll wiehernd, im Kreis um +sich springend, auf der nicht weichenden, sich dellenden Nebellage. +Ein gelbbrauner Mann im Burnus mit bunten Bändern +am Gürtel stolzierte winkend die Holzbahn herunter. Streichelte +das scheue Tier, das sich hinwarf, zog es auf, bestieg es, ritt +einen Kreis auf der Nebellage. Jubelndes Pfeifen, Sirenenschreie +von den Schiffen. +</p> + +<p> +Glücklich hielt am Abend der ernste Holyhead die Hand des +Syriers. Jeloud umarmte ihn. Es war fast mehr, als der Weiße +ertrug. Sie feierten die Nacht durch. Jeloud wollte am Morgen +von Schiffen begleitet seinen Plan ausführen: über das Meer +reiten; wenn es ging, wenn es ging bis an das arktische Wasser. +</p> + +<p> +Am Morgen dieses Tages verließ Djedaida, die sich eingeschlossen +hatte, ihre Kammer. Suchte Holyhead, der noch +von der Nacht schlief. Sie wartete geduldig auf dem Deck seines +<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> +Schiffes. Um Mittag sah sie ihn, zog ihn, im Gang beiseite: +„Wie lange denkst du noch zu leben, Holyhead? Schwarzbärtiger +Teufel, was hast du noch vor? Du hast keine Furcht vor mir.“ +</p> + +<p> +„Djedaida, ich kann nicht hinter deinen Schleier sehen, ob du +ernst bist.“ „Ich mache solchen Spaß mit dir, wie du mit mir +gemacht hast.“ „Djedaida.“ „Der Name ist nicht für dich bestimmt. +Der ist nicht für dich.“ Wortlos betrachtete Holyhead +die Zitternde. Heiser, sich an die Brust fassend: „Komm auf +meine Kammer. Steh nicht hier.“ Sie schlich hinter ihm, schloß +die Tür, warf tief atmend den Schleier über die Schulter ab, +an der Wand stehend. Er kauerte auf einem Schemel: „Was +habe ich getan? Habe <a id="corr-31"></a>ich dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese +Freude bereitete?“ +</p> + +<p> +„Du bist ein Teufel, dem ich keine Antwort schuldig bin. Man +sollte dich zurückjagen in deine Stadtschaft. Aber jetzt hast du +dich verfangen. Jetzt ist es vorbei.“ Holyhead betrachtete sie, +betrachtete seine Hände, seufzte: „Oh bin ich traurig.“ „Sprich +nichts. Deine verfluchte sanfte Stimme. Du Heuchler. Hinterlistiger +Bösewicht. Verführer, Menschenverderber, wie die +Weißen alle.“ „Frau des Jeloud, wenn ich dich bitten könnte, +mir zu verzeihen.“ „Höhne, höhne nur, Holyhead. Ich ertrag +es. Bereuen wirst du, bereuen, bei Allah.“ +</p> + +<p> +Er hob den bärtigen Kopf, seine Hände fielen neben die Knie: +„Was soll geschehen?“ Sie glühte aus dem Winkel: „Ich betrachte +dich noch. Hab Geduld.“ Durch die Kammer lief sie, +der Schleier fiel hinter ihr. Sie suchte mit den Händen auf dem +Tisch; in dem Wandschrank: „Was hast du hier? Du hast doch +eine Waffe. Womit du mich vergiften oder verwirren oder verführen +oder erschlagen willst. Zeig. Wo hast du sie?“ Sie lief +auf ihn zu, zerrte ihn hoch: „Du hast sie auf der Brust. Mach +auf. Nimm das Leder weg. Da.“ Sie griff die revolverartige +Waffe, drehte sie. Er hielt die Augen geschlossen. Sie wartete. +Er öffnete sie nicht. Sie schüttelte sich verächtlich: „Was hattest +du gegen mich vor?“ Die Waffe fiel vor seine Füße. Da sank +Holyhead noch tiefer zusammen, öffnete seine ganz fernen nicht +sehenden Augen, die in die äußeren Außenwinkel auseinanderwichen, +bückte sich nach der Waffe: „Ich werde mich auslöschen.“ +<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> +Ihre Hände krampften sich: „Tu’s. Du verdienst es.“ Er stand, +hauchte, das Metall in der Hand: „Ich verdiene es. Wer weiß +etwas davon? Im Leben vom Tode umschlungen. Ich weiß +nicht, ob ich den Tod verdiene. Nun habe ich auch mit dir eine +Berührung gehabt.“ Sie irrte durch seinen Raum: „Was hat +er hier? Was hat er hier? Maschinen zum Verführen, zum +Verzaubern. Zeig sie mir. Mach mir die Schränke auf, ich will +alles sehen. So. Das hat Jeloud gesehen. Muß ich jetzt ins +Wasser springen? Das hast du alles gemacht. Laß dich ansehen.“ +Sie stierte ihn an, suchte in das fremde Gesicht einzudringen: +„Allah. Ein Weißer mit einem langen Bart. Ich muß zu Jeloud.“ +Sie ächzte, lehnte matt an einem Schrank, wimmerte: +„Ich bin verloren. Was soll ich tun?“ Und winselte eine Zeitlang, +bis sie plötzlich innehielt, ihr Gesicht leer wurde; gedankenlos +lächelte sie: „Was tu ich. Es ist ja schon gut.“ Und wiederholte: +„Es ist schon gut. Gut. Ja, es ist schon gut.“ Unter +einem öden Gefühl, einer aufsteigenden Finsterheit, einer +Furcht, – was für einer Furcht –, bewegte sie den heißen Kopf. +Holyhead stand an der Tür. „Ich will dir sagen, Holyhead, was +jetzt geschehen wird. Du hast ihn verführt. Warum hast du das +getan? Warum hast du ihn von unserem Schiff geholt?“ „Er +sollte mich anlächeln.“ „Und ich?“ „Was?“ „Ich war seine +Frau.“ „Ich habe dir nichts genommen. Bin ich ein Weib?“ +</p> + +<p> +„Gut!“ schrie sie, „das hast du gut gesagt. Hast du ihn gesehen? +Hast du Jeloud nicht gesehen? Ein stolzer Beduine, ein +Anaze, ha! Glühend, tanzend; auf Wolken reitend! Hast du +gesehen, bist du selbst verzaubert? Das war mein Mann. Ich +bin auch kein Weib. Gut hast du gesprochen. Ich hasse, hasse ihn. +Morgen wird er mit seinem Pferd unten reiten. Er füttert es +selbst. Wenn es ihm vorher krepiert. Wenn das Brett bricht, +auf dem sie herunterlaufen. Wenn deine Nebel nichts taugen +und er verschlungen wird mit dem Pferd und weg ist.“ +</p> + +<p> +Sie hielt sich den Schleier vor das Gesicht. Holyhead atmete +heftig, stützte sich am Tisch: „Ich will gehen. Oh ich mag nicht +mehr. Ich will gehen, Djedaida.“ +</p> + +<p> +Sie schluchzte krümmte sich über dem Boden, zerriß sich die +Haare: „Ich kann nicht leben.“ „Oh. Ich gehe schon.“ Sie +<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> +hielt ihn an den Händen, zog sich an ihm hoch, winselte stöhnte: +„Warte einen Augenblick, sanfter Tiger. Ich sehe dich noch an, +sanfter Tiger. Lauf mir nicht weg. Du hast mich arm gemacht. +Du bist mir von ihm zurückgeblieben. Bereu, was du getan +hast.“ „Ich kann nicht bereuen. Ich kann jetzt nicht lügen. Er +war mir ein Glück. Eine süße Freude.“ „Siehst du. Das sagst +du mir noch. Wirst du tun, was ich will?“ „Ja, Djedaida.“ +„Alles?“ +</p> + +<p> +„Alles.“ „Willst du den Jeloud umbringen?“ „Du bist irrsinnig.“ +„Den Jeloud umbringen.“ „Nein.“ „Tu es“, sie +keuchte, „ja tu es.“ „Ich tu es nicht.“ +</p> + +<p> +„Für mich, Holyhead, bring ihn um. Ich bitte dich drum. Du +kannst alles. Du hast die Wolken gemacht. Bring ihn um, mach +ihn weg. Für mich.“ „Ich tue es nicht.“ Erst brach ihr Schluchzen +hemmungslos auf. „Für mich. Für mich.“ Dann griff sie +ihm an den Bart. Haßstarre Züge, leere nicht sehende Augen. +Sie preßte seine Hände: „Du mußt, – du mußt mit, mit mir. +Es bleibt nichts übrig. Dann mußt du mit mir. Dann laß ich +dich nicht los. Dann kommst du mit. Was – sagst du?“ „Du +verlangst, ich soll mit dir.“ „Ja du kommst mit. Wir fahren +heute. Oder morgen. In meine Heimat. Du wirst Jeloud +nicht mehr sehen.“ +</p> + +<p> +Und am Abend verabschiedete sich Holyhead von seinen Ingenieuren +Technikern Physikern. Die Shetlandinseln bekämen +ihm nicht gut. Er ginge sich erholen. Nicht mehr brachte er hervor. +Verfallen, wie vergiftet sah er aus; vielleicht hatte er zuviel +mit den neuen Stoffen gearbeitet. Als am Vormittag Bou +Jeloud, der Syrier, von Booten und Schiffen begleitet, den +ersten Ritt über dem Meere antrat, – nach allen Stadtschaften +der Kontinente wurden die stolzen erschütternden Bilder geleitet, +– flogen Djedaida und Holyhead schon über die deutsche +Tiefebene. Nach Süden und Osten flogen sie. Die Menschenansammlungen +und Riesenstädte wurden seltener. Das blaue +warme Meer kam, kleine Inseln. Die Küsten eines neuen Landes +tauchten auf, gelbe Berge, weite leere Sandflächen. Bei Damaskus +bestiegen sie Pferde. Während der ganzen Fahrt hatte +der Weiße nicht das Gesicht Djedaidas gesehen. Als ein Trupp +<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> +schwärmender Beduinen sie auf der steinigen Hochebene anhielt, +Djedaida sich nannte, wurde der Weiße von ihr getrennt, +zwischen die Männer genommen. Anaze mit Djedaidas Sippe +lagerten bei Ed Daba. +</p> + +<p> +Die Frau bestellte ein Gericht, erklärte vor dem Scheich: +„Bou Jeloud, meinen Mann, wollt ihr sehen. Ich hab’ ihn nicht. +Er hat sich mit Wolken beschäftigt, auf denen er reiten will. Er +hält nicht mehr zu uns. Ist kein Anaze.“ „Wo ist er jetzt?“ „Ich +hoffe, er ist tot. Er wollte nach Island reiten, wo die Städte die +Erde zerreißen. Ich hoffe, er ertrinkt mit seinem Pferd oder er +verbrennt.“ „Du haßt ihn sehr.“ „Ich war seine Frau. Er hat +mich verraten.“ Der Richter blickte Holyhead an: „Berühr den +Sand mit der Stirn, bevor du sprichst. Wer ist der Mann?“ +„Der Jeloud verführt hat. Ein Wesen –“ sie brach in leidenschaftliches +Weinen aus – „ich wünschte, das Meer hätte ihn +verschlungen, bevor wir ihm begegneten. Wir hatten nichts als +die Reise vor, Jeloud war neugierig, ich konnte ihn nicht zähmen. +Der Mann hat sich Jelouds bemächtigt und sich alles Schlechten +in Jeloud bedient. Bis er nicht mehr mein Mann war, sondern +sein Diener, dieses Affen Diener, dieses Affen, der Spiegel für +sein häßliches ziegenbärtiges Gesicht. Du Hund, sag belle, +warum ich dich hergebracht habe. Bring es heraus, wenn du es +fertig kriegst. Da steht der Richter.“ +</p> + +<p> +Holyhead, die Hände auf den Rücken gebunden, zwischen zwei +Lanzenträgern, betrachtete aus leeren braunen Augen die Frau. +Sprach nichts. Sie warf sich auf den Boden: „Gib ihn mir. +Ich will mich rächen. Muß ich mich nicht schämen, an diesen +habe ich Jeloud verloren. Seinetwegen hat er mich verlassen. +Gebt ihn mir.“ Der Richter flüsterte lange mit den Männern: +„Djedaida. Es tut uns leid, daß du ohne Bou Jeloud zurückgekehrt +bist und uns nicht berichten kannst, wie lächerlich sich die +Städter benehmen. Und wie die große Expedition nach Grönland, +von der sie solch Aufhebens machen, verläuft. Deine +Brüder sagen, es würde dich trösten, wenn du diesen Mann +umbringst. Wir wollen ihn gar nicht ausfragen. Es lohnt nicht +zu hören, was ein Ungläubiger sagt. Nimm ihn. Was du willst, +tu mit ihm.“ +</p> + +<p> +<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> +Darauf stellten die Brüder der Djedaida zwei Mann, die ritten +und Trommeln an ihren Sätteln hatten. Auf einen Klepper +hoben und banden sie Holyhead. Mit ihm ritten sie durch die +Wüste und Hochebene, nach Südosten in der Richtung auf Beni-Sochr, +trommelten durch die Ansiedlung und Lagerplätze. +</p> + +<p> +Djedaida in Witwentracht ritt neben ihnen. Der gebundene +Weiße stöhnte. Einen Mundschleier trug er, fast nie öffnete er +die Augen. Verlangte nichts zu trinken und zu essen. Schräg +nach vorn abgesunken saß er, die Beine mußte man ihm unten +zusammenbinden, das Pferd schaukelte ihn hin und her, kippte +ihn fast um. Man flößte ihm abends Wasser und breiige Datteln +ein. Er schlief nicht. Kniete halbe Nächte, verfluchte sich, +Holyhead, sein Schicksal, die Städte, in denen er gelebt hatte, +seine Eltern, seinen Leib und seine Seele. Der schwarze Bart +wuchs ihm lang, die Backen fielen ihm ein. Wenn er sich zerrissen +hatte, strömten ihm Tränen über das Gesicht. Bei Tag +rüttelte ihn Djedaida wach, betrachtete ihn. Er sah nicht, daß +sie manchmal von ihm weglief, sich versteckte, Gesicht und Brust +schlug, sich in die Finger biß und nicht zum Weinen kam. Wenn +er sich wie einen Klotz rütteln ließ und torkelnd dastand, zischte +sie: „So will ich dich nicht. Was ist mit dir? Bist du ein Mann? +Ha, du. Wir reiten weiter. Sieh mich an.“ Aber er sah sie nicht +an. Man trieb ihn auf den Klepper. Die Frau ritt neben dem +zerlumpten hängenden Weißen. Kinder auf den Lagerplätzen +warfen Sand und Hölzer nach ihm. Der Haß der Beduinenfrauen +war groß, sie ohrfeigten ihn, hetzten ihn aufzuhängen, +bespritzten ihn mit Pferdejauche. Wie sein Schatten Djedaida +neben ihm. Bewachte jede Bewegung, die an ihm geschah. +Mißtrauisch, die Lider senkend, drohend still. +</p> + +<p> +Die Männer von Beni-Sochr, als sie das hängende stumme +Menschengerüst auf dem Klepper sahen, wollten ein Ende +machen, die unersättlich rachsüchtige Frau von ihm unter einem +Vorwand entfernen und ihn beseitigen. Djedaida fiel das +Flüstern und Abseitsstehen auf. Sie hockte mit einem Hund in +der Nacht vor dem Zelt, in dem der Weiße lag. Da wagten sich +die Männer nicht an sie heran, wurden erbittert. Sie hielten sie +durch falsche Wegangaben einige Tage in ihrer Nähe. Durch +<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> +einen Trommler erfuhr die Frau, man hatte sich verabredet, +den Weißen bei Tal Reinah zu erschießen. „Erschießen. Von +weitem erschießen. Das glaub ich. Die Räuber.“ Wie es finster +war, weckte sie die Trommler, sie sollten die Pferde rüsten. Sie +tastete sich im Dunkeln zu Holyheads Lager, schüttelte ihn. Er +stammelte: „Wer schüttelt mich. Ich bin ja wach.“ „Holyhead. +Ich bins, – Djedaida. Steh auf. Wir müssen weg.“ „Was +ist?“ „Auf. Wir müssen weg. Sie wollen dir ans Leben.“ +„Wer bist du?“ „Djedaida. Oh Allah. So hör doch. Mach +dich auf. Wir sind in einem Räubernest.“ „Sie wollen mich +töten? Sie wollen mich töten?“ „Die Minute, die Minute, +komm rasch Holyhead, wir können nicht warten. Wer weiß, +was dir geschieht.“ „Sie wollen mich töten? Oh guter Ort! +Oh liebreicher Ort. Meine Segensstunde. Meine selige Nacht.“ +Er kniete in dem Sand. Sie packte seine Hand, griff an seine +Schulter, faßte über seinen Mund! „Ich will nicht. Oh Allah. +Erheb dich. Schrei nur nicht, Holyhead. Nur nicht. Nur nicht. +Du wirst nicht schreien. Sie horchen. Du bist im Fieber, du +weißt nicht, was ist und was du sprichst. Du wolltest nie essen; +jetzt bist du so schwach. Sie wollen dich erschießen, es sind Anaze, +aber Räuber, von fernher erschießen. Ich weiß nicht warum +und wann. Vielleicht weil du ein Weißer bist. Sie sind schlecht. +Mach dich auf.“ „Ich will nicht! Ich will nicht. Ich werde +nicht.“ „Komm.“ „Ich will nicht.“ „Warum willst du nicht? +Allah, Allah, was soll ich tun?“ Sie lag auf dem Boden im +Finstern, warf Sand über sich. Er tastete mit den gefesselten +Händen nach ihr, die Haare hingen ihr verklebt vor dem Gesicht. +Er stammelte, seine Stimme gebrochen, er lallte fast: „Das +Spiel ist aus. Soll ich jetzt lachen? Jetzt läßt du mich los. Jetzt +ist es zu Ende. Sie werden mich erschießen. Und ich soll dir +helfen, daß alles weiter geht. Du bist süß, bist süß, Djedaida. +Jetzt mußt du mich loslassen. Sie werden mich erschießen. Du +kannst es nicht verhindern. Da fühl mich an. Ich bin es noch: +Holyhead aus London, das ist er, Ingenieur Physiker, der die +Ölwolken gemacht hat. Bald liegt er, war nichts, wie seine +glänzenden Städte. Aber ich freue mich doch. Ich kann befehlen. +Wenn ich schreie: Eins zwei drei, – bin – ich erschossen.“ +<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> +Er tastete nach der Zeltwand, stellte sich ganz auf die Beine: +„Und du – bist gesättigt, meine Djedaida?“ +</p> + +<p> +Sie ließ sich von ihm hochziehen, murmelte zitterte: „Schreckliches +hat Allah über mich verhängt. Ich kann nicht von dir +lassen. Ich kann nicht. Ich kann nicht. Du mußt leben. Ich +muß dich bei mir behalten. Schreckliches hat Allah mit mir vor.“ +Er schwankte stöhnte: „Was ist das, mein Gott. Ich sagte, es +ist aus. Du willst mich nicht loslassen.“ Und er zog an der Zeltdecke, +riß den Mund auf, mit gräßlich überschlagender Stimme +gröhlte er: „Ich – will – nicht.“ +</p> + +<p> +Da war die Raserei durch die Frau gezuckt, aus dem Herzen +in ihre Arme und Beine gestürzt. Ächzend schnellte sie sich hoch, +gegen den schaukelnden Rumpf des Mannes, rang stieß riß ihn +um, zappelte winselnd an ihm: „Schrei nicht. Du kommst mit +mir. Ich kann dich nicht lassen. Und wenn ich dich ersticke.“ Sie +stopfte ihren Schleier in seinen Mund, während sie ihn preßte: +sie weinte streichelte küßte: „Allah, hilf mir. Verzeih mir, was +ich tue. Allah, hilf. Komm mit, komm mit, sag ja. Du bist ja +meine Seele. Du bist es. Schlag mich nicht. Ich will dich nicht +töten. Allah, hilf.“ +</p> + +<p> +Den Trommler holte sie, auf ein Pferd trugen sie den gebundenen +Mann. Die Pferdehufe umwickelte sie. Durch die +Nacht wehten sie davon. +</p> + +<p> +Zwei Tage irrten sie auf der Steinebene herum. Bis sie den El +Habis hinter sich hatten, die Häuser von Damaskus auftauchten. +</p> + +<p> +Und so verängstigt war die Frau, in Furcht vor den Anaze, +die ihr den Mann rauben konnten, daß sie noch lange in dem +mächtigen Stadtreich herumzog, das Quartier wechselte, bis sie +der Trommler zu dem Freund ihres Bruders führte. +</p> + +<p> +Einen Halbtoten hatte sie von Beni-Sochr nach Damaskus gebracht. +Er lag verwirrt auf dem Zimmer, das sie ihm bereitete. +Amulette von ihr aus blauen Perlen, Zauberfische Zauberschwerter +um den Hals. Sie durfte sich ihm nicht nähern, der +Trommler pflegte ihn. Sein Gebrüll, wenn sie eintrat: „Da +kommt sie, da kommt sie.“ +</p> + +<p> +Als er stehen, klar blicken konnte, wandte er eines Morgens +das geisternde Gesicht auf sie, wie sie an der Türspalte erschien: +<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> +„Djedaida! Djedaida! Komm herein. Bin ich gefangen? Hältst +du mich gefangen?“ Sie, eintretend, sich verneigend, murmelte, +hell erblassend: „Du kannst gehen, wohin du willst.“ „Ich kann. +Ist das wahr?“ Und schleppte sich, mit Stöcken stampfend, an +ihr vorbei, die Stufen herunter, ohne ein Wort. Wild weinend +knirschend winselnd lag sie zertreten auf der Schwelle. +</p> + +<p> +Wie er nach Tagen anklopfte, hatte sie den breiten Kragen +ihres dunklen Mantels über den Kopf geschlagen, begrüßte ihn +demütig. Stumm nahm er es an, saß am Fenster. Er war versteinert. +Sie zaghaft bettelnd hängte sich an ihn, trieb ihn +zum Leben zurück. Riß an ihm. Eine Wonne, fast von Art +eines Schreckens, dämmerte in ihm auf. Wie sie den schwarzbärtigen +braungebrannten Mann in seinem Stuhl betrachtete, +zitterte durch sie – sie mußte den Kopf senken – das Bild des +Lagers der Anaze und wie er auf den Klepper gebunden war, +bei den Tieren lag, wie er geschrien hatte, sterben wollte in +der Nacht. Und das durch sie. Was war sie? Sie konnte den +qualvoll süßen Gedanken nicht abweisen. Und Bou Jeloud selber +kam herauf, der schöne stolze Anaze, den dieser Mann geliebt +hatte. Kam er nicht über das Meer, war er das nicht? Wie +schwoll es über ihr Herz. Jeloud, der junge kindliche, über dem +Wasser. Er ritt zu ihr, er kam: sie war bei ihm, sie waren verbunden, +Jeloud und sie, ritten in eins, umschlungen verschmolzen +nach Damaskus, wo etwas Dunkles, gewalttätig Wonniges +saß, sie erwartete, das Ungetüm von Freude, das sie verschlang. +</p> + +<p> +An den Hüften des langbärtigen Weißen hing sie: „Lieb mich, +Holyhead. Wie du Jeloud geliebt hast. So lieb mich auch. Ich +will dir geben, was er dir gegeben hat. Ich will dir sein, was er +dir gewesen ist. Lieb mich, wie du ihn geliebt hast. Geradeso. +Umarme mich!“ +</p> + +<p> +Und während er sie umfaßte, stöhnte sie selig: „Gut. Gut. +Das erleiden wir von dir. Wie gut du lieben kannst. Wie süß +du uns bestrafst.“ +</p> + +<p> +Mit Beben nahm der Mann aus den großen westlichen Stadtschaften +ihre Zärtlichkeiten an, vertiefte sich in ihr Gesicht, tastete +ihre schmale Gestalt ab: „Zwei Arme, zwei Brüste, zwei Schenkel. +Wessen Arme, wessen Brüste? Eines Menschen. Zwei +<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> +Arme, ein Hals, nichts als dies. Und das ist Sättigung bei den +Menschen.“ +</p> + +<p> +Und dann ging sie auf den Straßen herum, seine Sklavin. +Eine spitze vergoldete Kappe hatte er ihr geschenkt, über die sie +einen weißen Schal zog. Eine farbige Jacke trug sie über dem +weißen Musselinhemd. Die Messingwalze zwischen sanften +dunklen Augen. Sie blickte auf ihre feinen Sandalen, kniete +neben die Nachbarn hin, zeigte lächelnd ihre blitzenden Zahnreihen, +atmete tief: „Ach Bahdudah, ich bleibe hier, ich wandere +nicht mehr. Schenk mir noch ein Pferdehaar, daß mir nichts +geschieht. Ach, Bahdudah, es ist nichts Süßeres, als einem +Mann dienen zu können.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">rönland,</span> das Massiv aus Gneis und Granit, schob sich, ein +Keil, vom Pol in das atlantische Wasser. Zwei Millionen +Quadratkilometer Fläche bedeckte es. Das Urgebirge seines +Körpers hatten der Wind, strömende Wasser, Kälte, schauernde +Gletscher verstrichen. Die mächtigen Falten waren abgetragen +eingeebnet. Weiter rissen die Elemente an dem starken Rumpf. +Einen Eisschild von tausend Fuß Dicke trug das Land. Seinen +Ostrand umzog ein hoher Bergkamm, Eisdrift versperrte die +Küste; Bäche stürzten über die Talboden die Gehänge. Im +Westen stand ein Bergland mit scharfen Gipfeln und Graten. +Ungeheure Gletscher drangen über die Berge an die Küsten. +Durch Talkrümmungen wanden sie sich herunter, stiegen zerklüftet +über Steilstufen. Wulstig wellenförmig ihre Oberfläche. +Aus den Firnmulden flossen sie ab, langsam wie +Schnecken bewegten sie sich zum Meer, brachen in die Fjorde +ein, verstopften die Buchten. +</p> + +<p> +Zwölf Kilometer breit, sechzig lang, stieß der Frederikshaabgletscher +in den Ozean; seine Schuttfläche warf er breit vor sich auf. +</p> + +<p> +Der Store Karajak. Er hatte eine Geschwindigkeit von +zwölf Metern am Tag. +</p> + +<p> +Unter dem siebzigsten Grad der Jakobshavngletscher, der +Uparmwick unter dem dreiundsiebzigsten, Ullaksoak unter dem +achtundsiebzigsten. +</p> + +<p> +<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> +Der Torsukatak Assatak Tuarparsuk Tasarmiant Umartorsik +Kangardluksuak Itliarsuak Alangordlak. +</p> + +<p> +Die Erde schoben sie in Dämmen vor sich, warfen den Abbruch +der Berge, Schutt ihres Grundes, in Moränen um sich +auf, schliffen Felsen ab. Unter ihnen kamen weiße Flüsse zum +Vorschein, ließen Lehm und Kies auf die Böden der Fjorde +sinken. +</p> + +<p> +Mit dieser Aufschwellung der Erde am Nordpol hatte sich +das Wasser vermählt; es hatte das Land nicht wie die andern +Kontinente losgelassen und sich zur Meeresfläche zurückgezogen. +Es wühlte hämmerte riß an dem uralten Gestein. Fiel wirbelnd +unaufhörlich aus der dunklen und erhellten Luft, Schnee, +Milliarden flimmernder sechsstrahliger Kristalle Sternchen +Stäubchen, überschütteten erdrückten lautlos weich die riesigen +starren Kuppen Zacken Mulden. Und wie sie sinterten und gefroren, +geronnen sie, wurden zusammenzementiert zu dem +grünlichen glasigen Eis, das die alte Eisdecke überschichtete. +Und durch seine Spalten floß neues Wasser, gefror weiter in +der Tiefe. Das Eisgebirge wuchs. Überall wuchs still Eis auf +dem großen öden Land. Eiswüsten breiteten sich über das +Inland hin. Schwarze Berggipfel, die Nunataks, ragten aus +dem gefrorenen großen Wasser auf. Das stieg an und gedieh +in den Firnen, auf den Hochflächen, zog nach den Fjorden, +gletscherschiebend, ab. Nach Norden buckelte sich die Ebene +des Eises hoch. Wellig unermeßlich zog sie sich hin vom sechzigsten +bis über den achtzigsten Breitengrad, zwischen der zwanzigsten +und sechzigsten Länge. Sie überdeckten Schneebreiflächen, +trockene Schneewüsten, auf Höhenzügen das Höckereis. Wassergefüllte +Senken waren in sie eingetragen, im Kreis von Haufen +des wilden tiefen Schnees umgeben. In ihre Seen entleerten +sich Gletscherbäche und tosten über Rissen des Eises +in bodenlose Klüfte Brunnen, deren blaue Wände senkrecht +abfielen. +</p> + +<p> +Weißblau der Himmel über diesem Kontinent. Der glühende +Gasball der Sonne belichtete wärmte hier nur wenige Monate. +In einer Dämmerung lag das Land, durch die der stumme +Mond und die fernen zuckenden Sterne blickten, in der +<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> +märchenhaft das wechselnde Nordlicht tanzte. Winde wurden +über Gebirge Ebenen Gletscher des Landes geworfen, Föhne mit +Wärme, Nordweststürme, die den Schnee zu Wolken peitschten, +ihn wie einen Vorhang vor sich trieben. Der fegende Sturm +schmolz Kehlen in die Firne und Gletscher, modellierte die +Eismassen, zog Dünen in sie ein mit flachen Böschungen. Den +gefrorenen Boden hobelte er zu einer Platte glatt. +</p> + +<p> +Tiere und Pflanzen wagten sich in die Einöde vor. Tangwälder +wuchsen in den Tiefen des polaren Meeres. Der bellende +Eisfuchs, wandernde Renntiere, braun im Sommer, +Eisbären, die auf den Inseln nach Vogeleiern suchten, Lemminge +Eulen der zottige Moschusochse Robben Alken Lumme. +</p> + +<p> +Als Rasen krochen Moose an windfreien Abhängen über den +Boden. Graue Flechten hingen an den Felsen. Den Schnee, +die Sternchen Stäbchen des Wassers, überzogen Völker einzelliger +Algen; grau braun rosa violett färbten sie den Boden. +</p> + +<p> +Von Europa kamen, von der belgischen und britischen Küste +in nicht endendem Zug die Meeresstraßen herauf die schwarz +beteerten Arbeitsschiffe, die schwimmenden Fabriken, Ölwolkenschiffe, +stampften durch den Ozean. Eisbrecher ihnen +zur Seite und voraus. Schweigend schoren sie das Wasser. +Sie verteilten sich, das brennende Island passierend, nach +Norden und Süden, umringten Grönland. Und wie das Eis +Grönland mit einer Barriere umzog, umzogen sie es mit +ihren schwarzen tiefeintauchenden Gebäuden. Immer neue +quollen nach. Sie bliesen, wie sie an ihren Standorten hielten, +empfangen von der schweigenden Besatzung der Islandflotte, +aus ihren Luken den schweren Rauch von sich, den Ölhauch +Holyheads, in dem sich mit einer weißen Masse grünliche blaue +rote Schwaden vermischten. Die Schiffe setzten versuchend bald +von dieser, bald von jener Schwadenart zu. Langsam und kaum +vom Wind zur Seite getrieben erhob sich der Rauch, dem immer +neuer nachquoll, verstärkte sich, blieb, als wenn er ein Tier wäre, +das vor seinem Stall ist, gleichmäßig in einer Höhe stehen. +Die farbigen Gasmassen stiegen senkrecht auf, verlangsamten +mit zunehmender Höhe ihre Bewegung, dann bei einer bestimmten +Höhe war ihr Auftrieb erlahmt. Sie sammelten sich +<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> +an, breiteten sich wagerecht allmählich aus, als wären sie Öl +auf einer Wasserschicht. +</p> + +<p> +Am Scoresbysund der Ostküste, an der Südspitze, an der +Diskobai im Westen wurden Proben für die Höhe der Ölwolken +bestimmter Zusammensetzung gemacht. Sie sollten die +höchsten Gletscher überragen, annähernd gleichmäßig den ganzen +Kontinent bedecken. Als das Gemisch der Gase bestimmt +war, begann der um Grönland versammelte Ring der Schiffe +seine Arbeit. Ohne auf Föhne und kalte Stürme Rücksicht zu +nehmen, stießen sie die dunkelfarbigen Dämpfe aus, die sich +in der ungeheuren Höhe ansammelten, von den nachfolgenden +über das Land hingetrieben wurden. Die seewärts drängenden +Wolken dirigierten Fliegerreihen mit Böenbomben. Die zusammengeschleuderten +Gasballen hingen zähklebig aneinander. +Flächig plattenartig lagerten sich immer dunklere Massen hin, +wurden fester, je dichter sie sich anhäuften. Sie waren ein unnachgiebiges +den Raum erfüllendes Zwischending von Gas +und starrem Körper. Regen, der über sie fiel, konnte die starken +aufwachsenden Wolkenbänke nicht durchdringen. Wasser Schnee +lagerte sich in Buchten des Gases, stürzte in der randlichen +Schiffsgegend herab, vermochte aber das Gas nicht herunterzudrücken. +Das seitliche Ausweichen blieb die größte Gefahr. +Scharen von Fliegern und Frachtluftschiffen wurden in der +grausigen Höhe stationiert, die immer in Gefahr waren, von +den aufrollenden Wolken erfaßt zu werden, zu kentern und abzustürzen. +Eine ganze ununterbrochene Barre von Explosionen +mußte man um die Gaszone legen, das Verschwimmen Zerkrümeln +Verbröckeln der Dämpfe aufzuhalten. Die Furcht +der Ingenieure, die Auftriebskraft der Gase könnte in der +Höhe allmählich nachlassen, die Wolkenmasse sich langsam senken, +bestätigte sich nicht. Die dunkle gewaltige Luftbank über +Grönland blieb in ihrer Höhe; man konnte ihr vertrauen, Flöße +wie auf ein Meer auf sie werfen. +</p> + +<p> +Mit ihrer finsteren stummen Entschlossenheit gingen die Islandfahrer +an diese Arbeit in der Luft. Von dem Grauen der +leuchtenden Turmalinschiffe sahen sie weg; keiner rührte mit +einem Wort daran. Die Schiffe lagen fest. Die Neuanfahrenden +<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> +hielten die Ungetüme nicht für Schiffe, wie sie überwuchert +waren von baumartigen bunten Algengewächsen, von Vogelscharen +belagert. Dicht beieinander hatte man an den Standorten +die Turmalinfrachten geschoben, abseits von dem übrigen +Geschwader, als wären sie verseucht. Die ruhenden Gebäude +waren längst zusammengewachsen: die Gewächse hatten Brücken +zwischen ihnen geschlagen, die nur selten von segelnden Eisblöcken +zerrissen wurden. Vögel spazierten und nisteten auf +den grauen roten Brücken, in denen sich Mollusken und Fische +fingen, spielten und verendeten. Wie besäte Hügel wuchsen die +ruhenden Schiffe in der eisigen Luft auf. Wie sie nebeneinander +lagerten in den Buchten, am Eingang der Fjorde, schienen +sie steile und bucklige Inseln zu sein. Man sah manchmal die +grauen und roten Massen zucken und schaukeln. +</p> + +<p> +Die Islandfahrer warfen Planken von riesiger Breite auf die +Ölwolken herab. Und wie sie sie bestiegen, zogen sie benachbarte +heran, richteten sie auf, nieteten sie zusammen. Bisweilen +schwankten die Flöße, auf die sie sprangen, sanken schräg +abwärts in ein Wolkenloch, stellten sich hoch, kenterten. Im +grauen rosa violetten Rauch zappelten die abgerutschten Menschen. +Sie suchten sich aus dem gallertartigen schwammigen +morastigen Gewebe hochzuarbeiten, schlugen um sich, hangelten, +unfähig sich abzustoßen, nach den Brettern. Neue Gasmassen, +von seitwärts anschwebend, schoben sich um sie, über +sie. Sie wurden eingebettet verkittet, griffen sich nach Brust +Nase Mund, aus denen Blut schoß; wurden japsend den Kopf +zur Seite legend, erdrückt. Dort oben stolperten im Beginn +viele, lagen schräg mit hängenden Armen über dem prallen +Gas. Das dunkle Quellen schob an ihren Leibern, klemmte +hier ein Glied fest, riß es vom Körper; dehnte, wie die Hände +zugriffen, die Füße tretend eingetrieben waren, die Leiber mit +sich, länger, länger. An den Grenzen zog sich das Gewebe auseinander; +da fiel ein erstickter Flieger, schwarzgesichtig, ein +abgerissener abgedrehter Körperteil auf das Eis oder in +das Wasser. Sie liefen oben, warfen Planken neben Planken. +</p> + +<p> +Der Kampf gegen die Winde begann. Der Nordoststurm, +mit Nebel und dichtwirbelndem Schnee, riß an den Außenseiten +<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> +der wachsenden Wolkenbänke, jagte Fetzen. Kleine Scharen +und Einzelne segelten mit den Abrissen über das abgrundtief +liegende Land, verkamen. Auf den Platten standen sie, taumelten; +es war schlimmer als auf der See. Schwankten mit den +Brettern meterweit auf und nieder, hin und her. Es hieß in +furchtbarer Eile Platte neben Platte auf den dampfenden ins +Land wachsenden Boden werfen. Besinnungslos standen sie +oft oben, warfen sich hin, erbrachen, geschaukelt zerwirbelt, +von den flutenden rollenden Brettern getragen, die manchmal +wie ein Spiel sich voneinander entfernten, von einem Wolkenknäuel +übereinandergehoben und aufeinandergeklatscht wurden. +Sie hingen an den Rändern über dem unermeßlichen Eisland. +Dunkel lagen die Wasserspiegel der Fjorde unter ihnen, im +Osten stiegen die Gipfel todesstarr bis dicht unter sie, die +Kämme der Gebirge berührten sie fast. Der Eishauch der Firne +wehte zu ihnen auf. Die blauweißen Gletscher bewegten sich +träge nach unten in die weiße Ebene, durch die eingerissenen +Felsgassen. Ihre Trümmer und Lawinen hingen über Bergstufen +quer wie Riesenleichname. Wie sie auf Island Brücken +von der Küste warfen am Myvatn Krabla Leirhukr, an der +Eyafsbucht, von der unglücklichen Heraldsbucht her, auf den +schmetternden Brücken in der ascheschwirrenden Luft schwebten, +über dem Jökulsa, an der Fiski-Ebene, über den Gletschern des +Ostens, wie sie den gewaltigen Vatna erklommen, bevor sie von +den himmelzerreißenden auflohenden Vulkanen verbrannt und +zerblasen wurden, so stiegen sie jetzt über das stumme Land. +Die Winde tobten über dem Eis. Das Land ruhte, wie ein +Blinder, über den ein Geschick heraufzieht. Von allen Küsten +schwollen sich sehnsüchtig die Wolkenschichten entgegen. Die +Menschen wollten die wogenden Massen bis auf eine inselartige +Lücke gegeneinander vortreiben. +</p> + +<p> +An der Diskobucht, über dem Onemokfjord erschienen unter +den finsteren Bänken der Ölgase bläuliche ovale Wolken, die +ein Föhn vor sich trieb. Die auffahrenden Frachtflieger sahen +sie. Die Luft wurde still und warm. Die Gasmassen senkten +sich, erst langsam, dann im Sturz. Wie auf Kähnen, die in einer +wilden Strömung fahren, die Schiffer mit langen Stangen +<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> +stehen, sich von den gefährlichen Ufern abstoßen, sich unten abstemmen, +hin und her springen, so warfen sich die himmelhoch +schwebenden Arbeiter auf die Planken, hielten sich mit Balken +frei, preßten die Nachbarplatten zur Seite. Auf und ab stiegen +die Gasmassen, auf und ab taumelten rollten die Menschen. +Die Schichten noch nicht schwer und dicht genug, beulten sich. +Die Menschen hin- und hergerissen schlugen sich mit den Planken. +Auf dem Boden tief unter ihnen bewegte es sich. Der +dicke ballige Schnee geriet ins Laufen, er wich dem blasenden +Föhn aus. An der Eisfläche arbeitete etwas mit großer wachsender +Gewalt, schrubberte die Fläche Stoß auf Stoß, Schub +auf Schub. In kleinen großen unregelmäßigen Würfen flog +der Schnee. Die Schnee-Ebene brandete. Dampfartig stieg es +vom Boden auf und zerwehte. Wie sie sich oben verklammerten. +Wie von den Arbeitsschiffen an der Küste der träge Qualm +herblies, hilflos langsam, herüberblies, abgebogen wurde in der +trommelnden Luft, sich spiralig um sich selbst drehte und +abgeknickt wurde. Am Rand oben wurden zersprengt die himmelhoch +schwebenden Wolkenballen, über den Himmel im Föhn +schossen sie hin wie kleine Lämmerwolken, wurden rettungslos +geschleudert. Der Föhn hetzte die dünnen sich verflüchtigenden +Gasschichten auf das Meer. Die Platten, lose aufgeworfen, +abgehoben wirbelten wie Papier im Sturm. Menschen +Balken Bretter trieb der Sturm geradewegs vor sich, +trug sie auf dem zergehenden Gas kilometerweit wie ein Löwe +im Maul mit sich fort, ließ sie dann unter sich fallen in das tosende +schwarze Wasser, auf die jagenden Eisschollen. Flieger +zuckten hinterher, raketenartig stiegen sie auf, wurden vom Wind +zur Seite gestoßen. In dem Tosen hob sich noch aus den Arbeitsschiffen +der armselige Rauch, den der Sturm brach. Die +Schiffe selbst wurden gerüttelt gehoben ergriffen gedrängt. +Krochen erzitternd um sich, stellten sich hin, wehrten sich, während +oben der bleierne Himmel sichtbar wurde, in dessen Leere +rote und blauschwarze Wolken, bunte Fetzen blitzten und sich +auflösten. Zerblasen die Wolkenbank der Diskobucht, im Süden +Norden; die Bänke bis tief ins Land aufgeschlitzt. Draußen +torkelten die Menschen, glitten ab, wurden an Beinen +<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> +schlagenden Armen kneifenden Augen züngelnden beißenden +spuckenden Mündern von dem Gas überzogen. Wie eine Haut +streiften stießen sie es weg. In der Luft, im heulenden Föhn, +balgten sie sich mit dem Gas herum, waren eingewickelt darin, +rund wie ein Igel zusammengebogen. Sie sausten abwärts, +auf Eis, legten sich langsam, vom Eis entlassen, hin. +</p> + +<p> +Von den Färöer und Shetlands stampften neue Ölwolkenschiffe +herüber, zogen einen zweiten Ring um das grönländische +Massiv. Meterdick lag über dem Land schon die schillernde +Wolkenmasse, leicht auf und ab pendelnd, in sich verbacken. Die +Stürme pfiffen wie an Steinmauern dagegen. Über der Bank +ging wie seit Jahrtausenden für wenige Stunden die Sonne +auf. Ihr Licht drang nicht mehr durch. Der Kontinent war +von dem alten weißen Himmel, dem stummen Mond, dem +sprühenden Nordlicht, den kleinen funkelnden Gestirnen abgeschnitten. +Die Wasserdämpfe des Landes sammelten sich an +der Unterfläche der Wolkenbank, zerstreuten sich sehr langsam, +entleerten sich im Schneegestöber, in Schlammregen. Sie +konnten nicht abziehen; mit schwerem Wasserdunst bedeckte sich +das Land, die Temperatur stieg. Zugleich wuchs die Finsternis. +Der Tiere bemächtigte sich eine Unruhe. Renntiere zogen +in Scharen über das Eis, ihre Weideplätze verließen sie, sie +irrten umher. Die Scharen fanden keine Führung, Rudel +trieben zusammen, ängstlich hielten sie auf den Küsteninseln. +Die Bären und Füchse wurden aus ihren Höhlen gejagt. Ihnen +war beklommen, sie liefen und schnupperten, fanden nichts verändert, +waren nicht beruhigt. Das ängstliche Schreien der +Raben. Glatte Robben tauchten auf, zogen sich über das Eis, +suchten neues Wasser. Die Tiere wurden wachsamer eins auf +das andere, griffen sich, wo sie sich befeindeten, gereizter an. +Über den Gebirgen und Eiswüsten schwamm von Osten Süden +Westen Wolkenschicht auf Wolkenschicht zu. Fetzen von der +Gegenseite flatterten schon an. Auf losgelösten Wolken fuhren +einzelne verunglückte Plankenwerfer über das Land, kamen +unbeschädigt auf der Bank jenseits an. Als die aber auf den +Platten im Westen und Osten sich mit bloßen Augen sahen, +schrien sie nicht auf, winkten nicht. Manche sanken schlaff hin. +</p> + +<p> +<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> +Die Gasschiffe verstärkten die Wolken. Gegen Ende August +zogen sie sich zurück. Die menschenverlassenen Turmalinschiffe +mußten angefaßt werden. Es machte keine Schwierigkeiten, +von allen Geschwadern Menschen zu ihnen zu kommandieren; +straff, wie unter einer Blendung, taten die Grönlandfahrer +alles was nötig war, ohne Befehl. +</p> + +<p> +Aber das überstürzende Grauen, wie sie sich auf kleinen Schiffen +den bunten schwirrenden Inseln näherten. Keine Umrisse +von Schiffen waren zu erkennen. Wale erschwerten die Annäherung +an die Inseln. Man mußte Sprengstoffe gegen sie +werfen; das Wasser rötete sich gräßlich; die dunklen Leiber +schwammen eine Weile auf dem Wasser. Wie das Fangnetz +eines Schleppers hingen Tangmassen um die Inseln. Man +mußte sich schneidend hauend brennend durch sie arbeiten. +Boote zogen die abgelösten Stiele und Geflechte ins offene +Meer. Schritt für Schritt rissen sie das wuchernde Kraut los; +Schicht auf Schicht mußten sie abtragen. Die Boote wechselten +stundenweise; es gab immer wieder Menschen, die den +Trieb nicht überwanden sich hinzugeben und mit Gewalt zurückgeführt +werden mußten. Man drang schließlich, nach +Sprengung der Algenbrücken und Reinigung des Wassers, an +die Schiffsrümpfe heran. Wie sonderbar sie verändert waren. +Die Außenhaut der Frachter legte man oben bloß; man sah +schon, wie die Brücken und schwersten Tangmassen beseitigt +waren, daß die Frachter wie befreit heftig zuckten, sich langsam +von der Stelle bewegten, ruckweise zerrende Bewegungen +nach oben machten. Schon glitten die Schiffe leicht, die Boote +hinterher; man mußte fürchten, daß sie sich über das Wasser, +aus dem Wasser herausheben würden. Oben am Bordrand +waren alle Bleche gelöst, die Verschalungen geborsten. Von +außen, von innen trieben Sprossen Äste dünne Balken durch +die Schiffswand. Die wenigen Kabinen des Oberdecks waren +von einem Dampf erfüllt; aber das schien nur so, als man die +Türe öffnete. Sie waren ausgefüllt von einer Art Spinngewebe. +An ihrem Rand, den Aufhängseln der grauweißen +Gewebe hatten sich die wuchernden Hölzer der Wände, die +Äste der Türen Luken selbst beteiligt, mit einem Flechtwerk +<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> +von Fasern. Man sah aber keine Spinnen in den Räumen. +Und wie man das dünne Gewebe mit der Hand und Stöcken +zerriß, erkannte man es als feinste haarartige grasartige Austreibung +der gequollenen Blätter, Röhren Stränge der Hölzer +der Spinde der Decken des Bodens. Außerhalb der Hölzer +und weit von ihnen entfernt hatten die Pflanzen mauerartige +Organe gebildet. Jede Kabine war hauchdünn wie Mark aufgelockerter +Stämme; in längerer Zeit mußte der Raum zuquellen +verholzen. Man ging auf schaukelnden Lagen. Wie +man den Boden aufschlug, um in die Speicher zu kommen, +schlugen stickige Gase heraus. Schwammartig erweicht und +verwoben waren die Decken. Aus den tiefen Knorren der +Masten sprangen frische wulstige Äste hervor, die sonderbar behaarte +samtene Blätter trugen; sie schlossen sich oft dicht blütenartig +zusammen. Wimmelnde Käfer und Ameisen. Man +brauchte nicht nach den Speichern suchen. Von ihnen aus den +Tiefen der Schiffe ging das intensive ruckweise sich verstärkende +Leuchten aus, das oft blendende Aufglimmen, das in der allgemeinen +gleichmäßigen Dunkelheit das Kabellicht überflüssig +machte. Die Decke zu den Hallen schlugen sie ein, mit Beilen +Sägen Feuer brachen sie durch; seitlich rissen sie die Wände +des ganz verfilzten Gebäudes ein. Ins Wasser wurden Balken +und Bleche geworfen, die Fische schwammen hinter den Hölzern +her, bewegten sie mit den Mäulern vorwärts, kauten an +ihnen, trugen sie auf ihren Rücken in See. +</p> + +<p> +Frei lagen die Berge der Netze. Zauberhaft ihr Anblick, wie +sie sich durch die Buchten der Schiffe spannten. Mit glattem +gewalzten Metall waren die Wände der Hallen bekleidet gewesen. +Märchenhaft hatte sich das Metall bewegt. Seine +ebene Glätte war verschwunden. Wellig hatte es sich geworfen, +Beulen Wülste Kugeln vorgewölbt. Aus der Ebene der +Wellen und Wölbungen stachen strahlige glitzernde Kristalle +lang vor, die das Metall um sich aufzogen, so daß um sie die +Platten rissig wurden. Das Eisen blühte von den Wänden +den leuchtenden Schleiern entgegen. Der schreckliche Glanz +der Schleier. Ihr Verdunkeln Aufstrahlen. Der Modergeruch, +die anschwellende Wärme. Die Haken der Flieger griffen nach +<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> +ihnen, die ruhig hingen, wie man sie aufgehängt hatte. Schleier +um Schleier wurde durch die dunkle regentriefende Luft hochgetragen. +Auf den Ölwolken lagen schon die Platten, die sie +zum Glühen bringen sollten. +</p> + +<p> +Von den Schiffen herauf wurden an Hunderten Punkten +die Drähte auf das Wolkenlager gezogen, die das große Kabel +mit den Schleiern verbanden. Man arbeitete stürmisch, war +der Erschöpfung nahe. Anfang September waren die Turmalingebäude +entleert. Die leeren Frachter waren schon wieder +verfilzt; manche zerfielen. +</p> + +<p> +Da rissen sich die Ölwolkenschiffe Menschentransporter von +den Küsten des finsteren eisumlagerten eisdrängenden Landes, +sausten süd- west- ostwärts. Stoben ab von Grönland, das +sie in schwere Nacht geworfen hatten, das einsam mit seinen +wimmernden unruhigen Tieren hinter ihnen lag unter der +Ölwolkenbank und den glimmenden Schleiern. Scharen der +Flieger und Luftschiffe rasten wild den Meeresschiffen voraus. +So rasch mußte man den Ozean überqueren, wie man konnte. +Zwei Tage fuhren die Meeresschiffe; die Küste des Baffinlandes +streiften die westlichen, die im Osten hatten den zehnten +Längengrad überschritten. +</p> + +<p> +In der Nacht zum dritten Tag wurde der Kabelstrom auf +die Isolierung der Schleier losgelassen. In diesem Augenblick +verlangsamten alle Meeresschiffe ihre Fahrt, die Flieger ließen +sich auf die Decks und auf das schäumende Wasser nieder. Erschauern +Zittern ging durch die Menschen, die sich über die +finsteren Decks scharten, aus den Kabinen rannten. +</p> + +<p> +Es war zu Ende. Man hatte den Krabla Leirhukr Herdubreid +Katla Hekla gesprengt. Island zerrissen, die Feuer der +Erde geöffnet. Auf den beweglichen Brücken waren viele hundert +Menschen, wie sie, die auf den Decks standen, verascht +zerblasen über die Gletscher gestoßen ertrunken. Neue Schiffe +Menschenmassen waren vom Festland hergestampft. Man +hatte nicht geruht. Die Insel gab ihre Glut her. Die Schleier +wurden gefüllt. Die schrecklichen Turmaline strahlten sangen. +Die Fische Vögel Algen im Meer lockten sie und wollten +fliegen. Zuletzt kam Grönland jenseits des Wassers. Man +<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> +mußte Wolken über das Land legen, Planken auswerfen. Wie +viele verkamen, stürzten ab. Als jetzt die Sirenen schrien, standen +sie auf den Decks über dem rollenden Meer. Es bebte trommelwirbelte +schleuderte sich hinter ihren Hälsen herum, daß sie +ächzten und ihre Füße weich wurden. Ihre Lider wurden angstvoll +aufgerissen, die Augen standen ihnen weiß barbarisch auf. +Die Mundwinkel wurden krampfhaft heruntergezogen, die +Lippen gespitzt. Sie bogen sich. Es wogte mit Hitze über ihren +Leibern, schauerte über Rücken und Nacken. „Unglück. Welch +Unglück. O, lieber Himmel, welches Unglück. Was haben wir +geduldet. Was, was! Süße Nacht, süßes Leben. Liebe Stangen, +liebes Geländer, Erbarmen. Liebe Menschen Bretter +Seile Masten Bleche. Liebe Jacke, rauhe Wolle, Erbarmen. +Meine Finger, mein Leib, lieber Arm, lieber Hals. Mein Hals, +mein Hälschen, meine Haut, mein Kinn, Erbarmen. Ah, welches +Unglück.“ Und dann wurden sie wie von einer Hand hingedrückt, +zappelten in sich. Jetzt geschah es hinten. +</p> + +<p> +Das Meer blieb glatt. Eine Welle von Licht schritt über den +Horizont fort. Sie lagen auf den Gesichtern. Entsetzen Schmerz +in den Brüsten. Alle Kehlen geklemmt. Winselten vor Schreck +haltlos, als die Lohe am Horizont unbändig höher höher höher +höher schritt. Zugleich zuckte in ihnen die Sehnsucht: Dahin! +Sehnsucht nach dem Feuer! Das Feuer Islands! Das furchtbare +geliebte Land! Leirhukr Myvatn Krabla: das war es. +Das Feuer höher höher. Nach der Insel wollten sie. Ohne Maß +ihre Sehnsucht: „Was ist das Leben. Unser Feuer. Unser +Feuer.“ +</p> + +<p> +Und manche lagen, wollten nicht zu dem blendenden Licht +aufsehen, wollten das Licht nicht sehen. Wenn es doch verschwände. +Ihre fressende wahnsinnsnahe Angst. Wenn man +es wegwischen könnte. Sie hatten schuld daran. Das furchtbare +Lohen weg. +</p> + +<p> +Auch die Führer, Männer und Frauen, wandten sich ab, +standen zitternd, verfluchten sich. Kneteten sich die Brust: „Ich +bin nicht daran schuld.“ Ihre Zähne klapperten knirschten, +Ohren und Nasen kalt, sie fühlten ihre Finger nicht. Schluckten; +schlenkerten die toten Füße über die Bretter, stampften, +<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> +um sich nicht zu verlieren. Öffneten schlossen im hilflosen Takt +die Augen. Aber dann hielten sie sie fest. Nach dem Licht hin. +Das Licht, das Feuer höher höher höher über das unendliche +Himmelsgewölbe. Das sollten die Augen sehen. Auf das +blendend weiße hochtreibende Licht die Augen hin. Man mußte +es einschlucken mit weitem Mund wie ein Ertrinkender das +Wasser. Den ganzen Wasserschwall mit offenem Walfischrachen +nehmen, und immer schlucken, schlucken. Muskeln festhalten, +Augen hinhalten, den Boden mit den Beinen festhalten. Und +sie konnten es ertragen, die Augen kniffen nicht zu. Es ging. +Was da brannte, war der Turmalinschleier. Man mußte es +benennen. Die Turmaline waren vom Festland herübergeschickt; +es waren gegossene gesponnene Gesteine, eine geschickte +Arbeit. Auf den Ölwolken lagen sie. Das war keine +neue Erfindung. Schon Angela Castel hatte sie im Krieg verwandt. +Das waren ihre Dampfbläser. Was man alles machen +kann. Die Füße wurden fühlbarer, man konnte die Zehen bewegen, +sich umdrehen, die Schultern herunterlassen. Die Aufgabe +in Grönland war gelöst. Jetzt langsam Luft schöpfen, +einatmen, einatmen, ausatmen. Sie blickten neben sich, ihre +Köpfe hingen noch. Um sie lag man, die Hände vor dem Gesicht. +Die Gelähmten Erschütterten. Jetzt nicht sprechen. +</p> + +<p> +Die Schiffe trieben stundenlang in den erhellten Gewässern +steuerlos. Dann regten sich die Menschen. Hoben die Köpfe +von der Brust, als nähmen sie ein Urteil an. Die Maschinen +schlugen von unten durch den Schiffskörper, es ging rhythmisch +durch ihre Glieder. Finster blickte man an dem andern vorbei, +prüfte zweifelnd das Wasser. Über dem Wasser lag ein nicht +wegzulöschender, alles überschüttender Schein, von dem die +Wellen flinkerten. Der Himmel, die nördliche Wölbung, wurde +verschlungen von ihm. Was war geschehen. Man stampfte weiter, +strich an den Kleidern, spie. Grimmiges Stieren. An die Arbeit. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">or</span> den Färöer und Shetlands sammelten sich die Geschwader. +Sie unternahmen tagelang nichts. Während sich +die Menschen brütend um einander bewegten, kam die Weisung +<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> +von den Flottenführern, ein Beobachtungsgeschwader zusammenzustellen. +Man beschleunigte die Ausführung nicht. Man +drängte die finsteren lethargischen nicht. Man beobachtete wie +in Island und um Grönland, daß trotz der Erschlaffung, trotz +des immer wieder aufschwellenden Entsetzens und der Erschütterung +keiner auf das Festland zurückverlangte. +</p> + +<p> +Nach zwei Wochen setzten sich dann leichte Fahrzeuge in Bewegung. +Von wenigen Fliegern wurden sie begleitet. Sie +steuerten den alten Weg nordwärts. +</p> + +<p> +Der wachsenden Helle, vor der sich ihre Gemüter stumm +neigten, fuhren sie entgegen. Von Breitengrad zu Breitengrad +wurde die Helle stärker. Es war ein rosafarbenes, fast +weißes Licht, das über den nördlichen Himmel und Ozean ausgebreitet +war. Wenn der flammende Sonnenball hinter der +westlichen Horizontlinie verschwand, war schon im Norden das +rötliche Weiß aufgezogen, von Minute zu Minute strahlender, zu +betäubender Helligkeit wie eine Blume sich öffnend. Und als sie +in Höhe des fünfundsechzigsten Breitengrades fuhren, war das +Sonnenlicht unsichtbar geworden. Es war vergangen unter der +nördlichen Helle, wie die Sterne, die bei Tag unsichtbar sind. In +dem neuen rosigen Licht schwammen sie auf dem angestrahlten +Ozean. Ein Brausen nahm sie auf und umgab sie, eine gigantische +Musik, fernes dumpfes und helles Durcheinanderschmettern, +das von klirrenden klingenden hohen Tönen durchsetzt +war. Über ihnen kein Himmel, nur das gleichmäßige rosigweiße +Licht. Zuzeiten war Dämmerung und Dunkelheit hinter +ihnen: das mußte Abend und Nacht auf der übrigen Erde +sein. Zuzeiten teilte sich die Dunkelheit unter einem weichen +Dunst auf, schleierartig, im Süden: diese dünne bläßlich graue +Aufhellung mußte der Tag der Erde sein. +</p> + +<p> +Sie standen auf den Decks. Auf Booten fuhren sie, frei ernst +glücklich, von Stunde zu Stunde glücklicher. Dachten nicht, es +war in ihnen ausgewischt, wie dies gekommen war, – was +brannte, – was geschah. Sie fühlten sich in das Klirren hohe +Singen Orgelbrausen hineingesogen. Beseligend das Licht, +an dem sie sich weideten, sich nicht sättigten. Sie fuhren schon +in der Region, die sonst mit Eisbergen gefüllt war. Es fiel +<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> +ihnen nicht mehr auf, wie besänftigt das Wasser floß: die Luft +ging kühl, oft kalt, wie immer. Aber als wenn sie in den Tropen +wären, fuhren viele in Booten nackt bis auf den Gürtel, fühlten +sich wohl, versagten es sich, in den Kabinen zu schlafen. +</p> + +<p> +Über dem weiten Ozean geriet der Wind in eine sonderbare +Bewegung. Der grönländische Feuerherd übte seine Wirkung. +Alle Windrichtungen waren verändert. Der sonnenartige Brand +am Pol zog wie ein Äquator die Luftströme an; sie wehten nach +Norden in einem heftigen oft zu Böen gesteigerten Drang. +Die auf dem Wasser schleifenden tiefen Luftmassen züngelten +in den Schwelch der nördlichen Glut. Die Stärke ihres Dranges +wuchs von Breitengrad zu Breitengrad. Zu dem auf und ab +wiegenden Brausen Schmettern Klingen traten die sanften +Geräusche des Verdehnens der Luft, das Stöhnen Rufen +Singen. Die Luft schlürfte an der Meeresoberfläche hin, riß +spielend den Wellen die Kämme ab, wühlte sich mit Stößen +ein, Trichter in das Wasser bohrend, riß sich schreiend los, +flutete toste hin und konnte nicht widerstehen. Rascher und +rascher mußte sie fahren. Die Massen aller Windschichten wühlten +ineinander; sie mußten hin. Senkrecht und schräg aufrecht +fuhren sie, bogen aus. Sie streckten sich lang lang hin. Im +Sturz, im Zug schwanden sie. Waren davongezischt, hart über +die Fläche schießend, das Meer abplattend, niederdrückend, daß +es eingedämmt hinter ihnen in häuserhoher Flut einherwallte +und sich wieder zurechtfand. +</p> + +<p> +Während die Menschen auf dem Meer schwammen, die +Schiffe starke Kräfte in die Maschinen warfen, um dem ziehenden +Drang nach Norden zu widerstehen, oft rückwärts fuhren, +den pfeifenden Wind zerteilten, verfinsterte sich gelegentlich +die Luft unter einem Rauch. Eine Brunst unerhörter Hitze +schnob um sie. Lachend nahmen sie sie an. So freudig waren +die Menschen des Beobachtungsgeschwaders, daß sie unter dem +siebzigsten Breitengrad nicht zu bewegen waren, weiter zu +dringen. Der Küste Grönlands sollten sie sich nähern. Aber +sie wollten nun nichts als in dem wonnigen Wasser ausruhen. +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">u</span> dem Geschwader gehörte eine Zahl Schiffe, die für Gefahren +besonders ausgerüstet waren. Sie waren mit Vorkehrungen +gegen das ozeanische Wasser versehen. Sie sollten gewaffnet +sein, in der Nähe Grönlands, nahe den niedergehenden +Lawinen, dem Absturz des ungeheuren Islandeises, dem +Schwall der Wasserberge zu widerstehen. Die Menschen dieser +Schiffe gingen jetzt, von der Glückseligkeit des Wassers gelöst +und benommen, vom rosigen Licht, dem sanft wühlenden +Winde bezaubert, eigene Wege. Der gewaltigen Ausrüstung +bedienten sie sich für ihre Zwecke. Sie wollten, beschlossen sie, +hier bleiben, sich auf dem Meeresboden tummeln. Sie wollten +nicht mehr, nie wieder zurückkehren. Sie wollten auch nicht +nach Grönland fahren, die Schönheit des neuen Kontinents +abwarten. Gleich auf der Stelle, hier im Augenblick hatten +sie ihr Land. Kräftig und mutig fühlten sie sich. Der Mischling +Mutumbo führte sie. Nach Jan Mayen unter der zehnten +westlichen Länge, nördlich der siebzigsten Breite waren sie vorgestoßen. +Sie loteten eine gebirgsartige Aufstufung des Meeresbodens. +Hier in die Flachsee, unter dem beseligenden Licht, ließen +sie sich nieder. Noch einmal, verkündete der Führer, möchten +die verruchten Kräfte der großen Stadtschaften für sie arbeiten. +</p> + +<p> +Mit zweiundzwanzig Schiffen und Beischiffen umschloß Mutumbo +die Stelle, begann sich wie ein Stier mit den Hörnern +in den Wiesenboden, in den flüssigen Ozean einzugraben. Umgeben +waren die Vorderschiffe mit flammenfesten, aneinandergefügten +Basaltmänteln, die die Kräne schnaubend aus den +Laderäumen hochangelten, schiefrig grauen Platten, die sich +wie starre Visiere vor die Schiffshaut legten. Die Platten +legten sich um nach rückwärts, schoben sich balkonartig als Plattform +über das Vorderdeck. Auf allen zweiundzwanzig Fahrzeugen +waren Maschinen montiert, an die heran ein Gewirr von +Kabeln aus den Schiffsbäuchen lief. Die Maschinen glichen +Reihern und Kranichen. Lange magere Hälse, die sich auf +den plumpen, festgenieteten Rümpfen drehten, streckten sie +nach vorn über die Schiffsspitze, tauchten sie an den grauen +<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> +Basaltmänteln herunter in die grün-weiße Meeresströmung. An +ihren Hälsen hing ein dickes, meterlanges, kettenschleuderndes +Gezottel von Seilen und Drähten, als wären es Mähnen. +Tauchten die Mähnen in das salzige Wasser, berührten sie die +spritzenden Wellenkämme, so schrie das Meer, als wäre es ein +schlafendes Tier, dem ein Skorpion zwischen die offenen Lippen +und die Zähne kneifend in den Rachen kriecht. Es warf sich, +wachte auf, brüllte. Und im Moment gab es ein Brodeln; das +Wasser stieg als warmer Schwall, weiße, zitternde, unruhige +Wolke von der tosenden Fläche auf, jagte, wild um sich schlagend, +blind wühlend hoch. Und immer neues, nicht nachgebendes +Beißen und Herabstoßen der Reiher, Knallen und Aufklatschen +der Mähnen, wütendes Brodeln Kreischen Spritzen, dampfendes +Abweichen Keuchen, meterhohes Aufzischen, brüllende Gischt. +Kilometerdick eine weiße Wolkenmasse, ein Wolkengebirge über +dem Schiffskreis, bereit, auf das dampfende Loch unter sich +herunterzustürzen. +</p> + +<p> +Die Böen jagten hinter ihnen her. Der Dampfschwall flutete +in die Höhe der Stratuswolken; kaum fühlte er die Kälte, so +brausten, mittschiffsentlassen, die Böen hinter ihnen. Aus dem +Kreuzfeuer der explodierenden kopfgroßen schwarzen Inulitbomben, +die donnernd aus winzigen Mörsern aufschossen und +sprengend die Luft mit einem ungeheuren Ruck zerteilten. Die +weichen zitternden Wolken fühlten sich im Rücken angepackt +und im Nu meilenweit fortgeschleudert, davongeschoben wie ein +Teller von einem Tisch, ein Hund von einem Napf, an dem er +kläfft. Und dann schnoben sie, die weißen zerrissenen flattrigen +Massen durcheinandergewirbelt in einem einzigen Regenguß, +einem losen weiten unermeßlichen Regenguß, grau und schwarz +in das hochspringende Wasser zurück. Stürzten rasch und unablässig, +daß sie Scharen von Möwen fort- und herunterrissen, +ihre nasse Hand auf die dünnen anstrebenden abschlüpfenden +Leiber drückten; kein Flattern Hälserecken spitzschnäbliges Aufdringen +half. Und selbst wenn die Vögel noch eben Kraft zum +Flug hatten, so wurden sie erstickt von den blanken Quellen, die +über sie aus der übersättigten Luft fielen. Der Himmel, sonst +zum Fliegen geeignet, dünn leicht wonnig von Sonnenstrahlen +<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> +und flimmerndem Nordlicht erfüllt, der Himmel von einem +Vulkan zerrissen, ein wasserspeiender Krater, warf ausbrechend +seine Massen nach unten, riß alles herunter auf die Meeresfläche. +</p> + +<p> +Tagelang hoben und senkten sich die Reiherköpfe, brannte das +Meer, jagte in weißem blähendem Schwall auf. Tagelang +schlugen die zweiundzwanzig Schiffe wie Pferde mit den Hufen +nach hinten aus, das wiedereinstürzende Meer zurückzuhalten. +Als mauere man Balken in die Erde, triebe Eisenträger in Lehm, +schaufle Sand aus Gruben, so hieben die Schiffe nach rückwärts, +drängten das Wasser ab. Sie hatten ihre Flanken mit bloßem +Stahl gerüstet. Doch über den Stahl, armweit entfernt, von +Stützen gehalten, war ein Netz gebreitet, senkrecht von oben nach +unten ins Wasser abfallend, den ganzen Hinterbug umgebend, +von Schiff zu Schiff sich hinziehend, ein einziges riesenhaftes +Netz, kaum sichtbar, nicht dichter und nicht schwerer als ein +Haarnetz. Es hatte das stumpfe Weiß des Bleis, an einzelnen +Maschen mit bräunlichen bis schwarzen Flecken. Die rührten +von verbrannten Tieren und Menschen her, die dieses Netz geknüpft +hatten. Substanzen, aus bituminösem Schiefer gewonnen, +bildeten den Hauptbestandteil der Masse, die zu Fäden ausgespannt +wurde. In den Anlagen hatte man erkannt, daß zur +Fesselung dieser Stoffe, die der Schiefer aus früheren Erdperioden, +aus zerfallenden schmelzenden Leibern hergab, lebende +Organismen, ihre Berührung besser waren als tote +Körper. Aus dem Boden gerissen, der Luft preisgegeben, +auf Holz und Eisen ausgebreitet, sammelte sich die Substanz +zu langsam, verpuffte. Pflanzen, saftreiche, fette Tiere und +Menschen waren der beste Boden, auf dem sich der Stoff anreichern +ließ. Die aber griff es schwer an. Es ätzte sie. Dann +fühlten sie, die das Netz auf Armen Schultern und Knien trugen +–, nachts legte man es auf Stiere und Pferde, deren Fell +kahlgeschoren war – Verbrennungen. Die Verletzten ersetzte +man durch neue. Die fünf letzten Tage des Maschenknüpfens, +das in weiten Hallen in Mecklenburg geschah, waren das Opfern +einer Hekatombe. Nur stundenweise konnten sich die Menschen +dem weißen schrecklichen Gespinst nähern. Man sorgte dafür, +daß aus entfernten Gegenden Arbeiter und Arbeiterinnen in +<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> +Flugzeugen herankamen. Wer frisch ankam, unmittelbar in die +Hallen gebracht wurde, erlag am raschesten. Ältere, die schon +müde knoteten, hielten sich bis zu sechs Stunden. Dann lagen +sie ohnmächtig da, mit kalten Händen, kleinen Pulsen, eingesunkenen +Backen. Die Meister lösten sie mit mächtigen Glashaken +von dem Gewebe, rollten sie heraus. Der letzte Tag war +es, der in das Gewebe die braunen und schwarzen Flecken eintrug. +Da war das Netz, das kilometerlange und -breite, aus +seinen fünf großen Einzelteilen zusammenzuknüpfen. Und als +hätte sich die Kraft des Netzes, seiner Ausdehnung folgend, verhundertfacht, +geschah eine Vernichtung der Lebewesen in seiner +Nähe von einer Intensität und Raschheit, die den Zusammenschluß +des Netzes überhaupt unmöglich gemacht hätte, wenn es +sich nur um einen Tag mehr gehandelt hätte. Es betraten morgens +um sechs Uhr die ersten achtzig Menschen die Hallen. Um +zwölf Uhr mittags lagen auf den Wiesen hinter den Hallen schon +dreihundert Leichen. Aber um fünf Uhr nachmittags, als das +Netz fertig war und von siebzig Kränen frei in die Luft gezogen +wurde, lagen nicht viel mehr als diese dreihundert Leichen und +Sterbende da. Denn von Mittag ab verließ keiner, der das Netz +berührte, mehr lebend den Raum. +</p> + +<p> +In einer Zeit, die sich von zwölf ab immer mehr verkürzte, +zuletzt bis auf eine Viertelstunde, vergasten die Menschen, wie +alles Feuchte an dem Stoff. Vergasten, nachdem sie einen +kleinen Schrei von sich gegeben hatten. Ihre Finger griffen in +das Gewebe, verkohlten da. Sechs Meister knüpften die letzten +Maschen, hatten die trockenen heißen Pelzmäntel an, die dichten +Pelzhandschuhe, die am sichersten schützten. Die starre Trockenheit +ließ das Gewebe nicht knoten; sie mußten ihre nassen +Fingerspitzen hergeben. Zu einem Griff. Und wollten sie den +zweiten machen, so rieselte es schon durch sie. Beim dritten +sanken sie in ihren Pelzpanzern um. Dunsteten verhauchten +aus den Fellröhren. Leere Gehäuse am Boden, dampfende +Halsöffnungen Rauchrieseln. +</p> + +<p> +Man hatte armdicke Glasbalken wie Fahnenstangen schräg +nach rückwärts in die Luft hinaus gebaut. Daran hing, leicht, +auf zehn Schritt nicht mehr sichtbar, das bleiweiße Netz. Es +<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> +hing straff herunter. Bildete um die zweiundzwanzig Schiffe +eine Wand. Da, wo das Netz das Meer berührte, war – kein +Meer. Sondern auf Meterweite leerer Raum. Von einer Luft +erfüllt, die zu beiden Seiten des Netzes durchsichtiger war als +die übrige und im Sonnenlicht stärker leuchtete. Weder Insekten +noch Vögel konnten sich diesem leeren Raum nähern. Das Wasser, +der unermeßliche Ozean, stand wie Stein, gierig die Lücke zu +füllen, auf die Schiffsreihe zu stürzen, die sich langsam senkte. +</p> + +<p> +Die Schiffsreihe senkte sich. Immer mehr Wasser baggerten +die Verdampfer aus dem Innensee, schleuderten es hoch. Die +Spitze der ozeanischen Bank, von mächtigen Salz- und Tanglagern +bedeckt, stieg höher, je mehr das Kesselwasser sich verdichtete. +</p> + +<p> +In geschlossener Runde wie Kinder, die sich an den Händen +fassen, schaukelten die Kolosse. Am Vordersteven die saugenden +beißenden speienden Kraniche. Im Rücken das hauchartige +Netz, wie ein feines Lächeln vor dem eisernen gebannten Meer, +dem schwarzen wallenden stöhnenden, in allen Fugen krachenden +Wogenberg. Der Ozean hing bald wie ein Gebirge über ihnen, +über den freudigen Menschen. Die Wassermassen stürzten +schräg abwärts. Schäumend weiß standen sie vor dem Netz hoch, +wie Pferde vor dem Stallmeister; vor dem Netz, das unberührt +unbeweglich höher und höher geschoben wurde, schon häuserhoch +über dem Deck der zweiundzwanzig Schiffe. Und so hoch umgab +sie der schwarzanspülende sich beulende stöhnende Berg des +Wassers. Nach fünf Tagen hatten sie Platz in dem luftstillen +Kessel. Das wonnige rosafarbene Licht füllte ihn. Die Menschen +lachten. Da setzten sie Boote aus. Mutumbo gab das Zeichen, +Brücken auf die Sandlager herüberzuschlagen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">on</span> den Führern getrieben steuerte das Erkundungsgeschwader +zurück, südlich. Man mußte einer Schwäche, dem Zusammenbruch +entfliehen. Die Menschen bettelten die Führer an, fielen +in sich. Sie drängten: man hätte doch die Aufgabe nach Grönland +zu fahren; man mußte nördlich. Aber die Führer hatten +Furcht und nur soviel Besinnung, um kehrtzumachen. Da ging +<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> +die Fahrt wieder in die Dämmerung, das Grau hinein. Das +Grau, dieses schimmernde staubige, oft stumpfe schwarze des +Südens, näherte sich, wurde höher breiter tiefer. Es kam gewaltig +wie eine Höhle auf sie zu. Die Erde, die sonderbare, +war wieder da. Sie blickten ächzend nach Norden, in Flammen +schaukelte das Meer; wie grell das Rosenlicht brannte. Wie es +labte, sie nicht losließ. Die Führer selbst stellten sich an die +Maschinen, überwachten die Steuerung. Die Schiffe fuhren +schleppten die widerstrebenden Seelen mit. In die Dämmerung +war man schon eingesunken; tiefer und ohne nachzugeben drangen +die Schiffe in den weißlich schwebenden fremden Dunst ein. +Kälter wurde es. Die Fahrer staunten: hier waren sie zu +Hause. Es gab Expeditionen, sie gehörten zu der Expedition, +die Grönland angegriffen hatte. Es gab die Shetlands Eisberge +Färöer Kontinent Stadtschaften. Was war das für +eine wonnige Gewalt, in deren Bereich sie gekommen waren. +Die im Norden leuchtete. Sie trieben klagend hin. Das Meer +war heftig bewegt. Das große Feuer brannte über Grönland. +Tief überschauerte es sie; das heilige Feuer, das sie aus der +Vulkaninsel gehoben hatten. Es war der Brand der Vulkane, +der dies gekonnt hatte: sie entzücken, fast bis zur Verwandlung. +Die Flammenberge hatten gestampft, schrecklich die Lohe, die sie +über das ferne Grönland hinhauchten –, aber diese Wonne. +Diese Wonne. Verstrickt träumten sie, sehnten sich; ließen sich +nach den Färöer und Shetlands schleppen. +</p> + +<p> +Bebend sahen die Massen sie da kommen. Mit einem Schreck, +einer ins Herz zuckenden Angst und Süße, wurden sie gewahr +die freudigen stillen Gesichter, erfuhren von Mutumbo, der +seine Reiher und Pelikane dazu verwandt hatte, um sich einen +Platz auf dem Meeresboden zu schaffen und nicht, niemals, bis +zu seinem Tod nicht fortzugehen von diesem Licht. +</p> + +<p> +Kylin schwankte, beriet mit De Barros und den Unterführern. +Dann kam man zu dem Entschluß, sich nicht voneinander zu +trennen, das ganze Geschwader, wie es Island und Grönland +erlitten hatte, nach Norden zu werfen und gemeinsam das Neue +zu bestehen, was es auch sei. Die Besatzung des ersten Erkundungsgeschwaders +sollte mit einem Rest der Flotte bei den +<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> +Inseln zurückbleiben. „Habt keine Furcht“ trauerten die Zurückbleibenden, +„wie gern kämen wir mit. Ihr habt Angst von hier +zu gehen; nachher werdet Ihr nicht zurückwollen. Ach, was +Ihr sehen werdet. Denkt an uns.“ +</p> + +<p> +Das große Geschwader in die wachsende Helle hinein. Tag +und Nacht verschwunden. Leises Schwingen, Erzittern der Luft, +fernes Brummen. Dann immer deutlicher eine weit schwebende +Musik, hohe Töne, mit Klirren Schmettern untermischt. Die +eigentümliche süße Freude, die alle überkam, je nördlicher sie +fuhren. Diese Glätte des rosig angestrahlten Wassers. Was +waren das für himmlische Dinge. Sie fuhren Boot, kleideten +sich aus, seufzten, waren glücklich. Man möchte zu Mutumbo, +der bei Jan Mayen saß. Wie klug dieser Mutumbo war, man +mußte zu ihm, ihn umarmen. Wärmer wurde die Luft, sie fuhren +nördlicher. Weißrosa der Himmel und die Luft um sie. In der +Richtung Grönlands war das Licht und seine Farbe stärker, mit +Rot und Blau gemischt. Man sah ein Blitzen, Auf- und Abschwellen +der Helligkeit wie unter Flammen, kupferrotes Aufglühen, +bläuliches Verdunkeln, Schwälen Flackern. In dem +warmen Wind heiße Luftfäden. Strich- und rauchartig zogen +die Luftfäden über das Geschwader, ringelten das Meer. Sie +brachten dann und wann einen schweren bittern Qualmgeruch mit. +</p> + +<p> +Bald traten erstaunliche Dinge vor die Augen der Seefahrer. +Federn von Möwen Sturmtauchern wurden von Windzügen +auf die Decks der Schiffe und in die Boote getragen. Die Federn +waren von ungewöhnlicher Weiche, als wenn sie von ganz jungen +Tieren stammten, aber ihre Größe und ihr Bau war der der +ausgewachsenen. Sie waren meist verbogen, wie von Hitze geschrumpft +und gekräuselt. Dann flogen Blattreste durch die +Luft, stark gerippte behaarte Blätter, die man nicht kannte, +auch unverständliche kleine Pflanzenteile, die vielleicht Flugapparate +von Samen waren. Der tiefe Wind riß unverändert +nach Grönland hin, die Meeresströmungen schien er aber nicht +abzulenken. Auf dem Wasser schwammen neben den Booten +farbige, grüne braune rote Massen, über die man sich freute. +Man hielt sie für flottierende Algenkolonien, losgerissenen Tang, +in den sich Medusen verfangen hatten. Wie sie aber an einigen +<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> +Stellen mit den Rudern dazwischen stießen, die Lagen fischten, +glitten bunte Federn die Ruderstangen herunter. Man griff +nach dem paketartigen gleitenden Gewebe. Es war Tang mit +lebenden Moostierchen, Nacktschnecken, aber auf ihm lagen +Vögel, unversehrte tote Tiere, groß und ausgewachsen, die mit +den Füßchen wie Beeren aneinanderhingen. Und wie man +sie noch betrachtete, waren auf die Schiffe selbst lebende Vögel +gefallen; ineinandergekrampfte Scharen schlanker und runder +Vogelkörper. Meist waren sie erschöpft, starben rasch, wenn +man sie nur aufhob. Bisweilen kamen so viele, daß es um die +Schiffe regnete. Die Federn der Tiere waren wie die einzelnen, +die die Luft hergetragen hatte, von merkwürdiger Weiche; +schillerten in Grün Gold Violett Braun. Manche Vögel +glühten in Farben wie Schmetterlinge; trugen blendendes Blau +an den Flügeln mit goldener Sprenkelung; Rumpf und Hals +über den weißen glatten Beinen purpurbehaucht. Die Schwingen +der Tierchen waren meist versengt, ja an einzelnen Flächen +völlig verkohlt; diese Vögel mußten fast nur durch den Luftstrom +hergetragen sein. +</p> + +<p> +Von Osten und Süden fuhr man auf Grönland zu, näherte +sich sehr langsam dem klirrenden Feuerherd. Der Wind, bisher +wechselnd stark nach Norden und Westen auf den sonnenartigen +Brand züngelnd, ließ nach. Sein Schlürfen Singen Stöhnen +schlief ein; wie ein Gummiband erlahmte sein Zug; nur eine +gelegentliche zuckende Anspannung fühlte man. Das Dröhnen +und Hämmern trat ungehindert hervor. Unruhig blies es um +sie. Sie mußten die spielenden schaukelnden Boote verlassen. +In Schüben wurden weiße Wolkenmassen über den Himmel gestoßen. +Öfter verdunkelte sich die Luft. Sanfter Regen. Während +sich die Luft stärker verschattete, stürzten Wasserschauer über +das Geschwader. Gossen, in Pausen nachlassend, bald so dicht, +daß die Menschen blind herumgingen. Sie lächelten wie vorher; +die Freude in ihnen war wie aus Erz gegossen. Sie durchfuhren +die Regenwand. Windstille trat ein, der Himmel war aufgerissen +vor Helligkeit. Aber von Grönland her, dort, von wo +das weißeste Licht mit Blau und Rot gemischt über den Himmel +floß, näherte sich ihnen, die sich in Kreuzseen bewegten, in einem +<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a> +strudelnden klatschenden Auf und Ab, näherte sich ihnen etwas. +Eine Dunkelheit zwischen den bläulichen Flammen. Ein runder +Fleck, der sich langsam ostwärts südwärts bewegte, sich her bewegte, +sich um sich bewegte. Ein Buckel, von tiefer immer +tieferer Schwärze, der im Norden anwuchs herwuchs, gegen +sie herstieg. Lautlos die See. Lautlos die wasserdampfenden +Schiffe. Die Dunkelheit, eben noch als Schatten heraufziehend, +war aus einem Sack, einem Kellergewölbe über das stumme +Meer entlassen. Und jetzt war im Süden, weit im Rücken der +Schiffe ein Flimmern und Leuchten sichtbar, goldgelbes durchstäubtes +Licht; es war Tag hinten. Dies war der sonst dunkle +Tag über den Färöerinseln. Ganz klein erschien er wie ein +Kindergesicht am Fenster. Sie nahmen es auf den Schiffen +stumm mit Wundern an, wandten sich träumend dem Westen zu. +</p> + +<p> +Der Wolkenschild, lichtverhüllend, von Grönland sich nähernd, +hatte sich mit einem Glimmerschein umgeben. Am Rand der +allerschwärzesten Nacht, die herantrieb, tanzte das Glimmerlicht. +Rascheln, böiges Aufsausen, Wühlen, stoßweises Auftoben +des Meeres. Durch die anlaufende eindeckende Schwärze +zuckende Lichter, blendende Blitze. Donnermassen über dem +Meer zerbrechend. Mit jedem Blitz neue Donner zerknisternd. +Zwei Pauken: das Meer, der Himmel; hundert Schlägel auf +und ab fahrend prallend. Der Himmel zottig schwarz über dem +Wasser hängend, stöhnend am Meer. Brüllendes Ringen. In +der Verfinsterung Verdampfung des Kampfes, nur ab und zu +grelles Äugen. Wogende Seen. Sie hatten die Höhe eines +Berges. Trugen in ihrer ganzen aufgesteilten Breite grünliche +Kämme, als wären sie bemoost. Der Kamm stürzte nieder; das +Grün glitt weiß zerschellend über den eingezogenen Bauch der +Welle. Stürzend vergehend wuchs im Vorwärtsdonnern der +Kamm. Grün schimmernd, mit ausgebreiteten Armen fuhr die +See, das Wellengebirge über das Meer. Lief mit dem Orkan +und ihm voraus. Der drehende Wirbel schob sich, das Glimmerlicht +vor sich, über den Ozean. Der Körper des Wirbels, zwischen +Meeresfläche und Himmelsschwärze donnernd, nahm seine +Straße nach Süden. Mit zwanzig Kilometer Geschwindigkeit +lief er. Er mähte. Seine Kraft war größer als irgendeine, die +<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> +vor ihm erschien. Er wälzte den Ozean häusertief auf, schleuderte +die Wasserlage vor sich in die Luft, zerriß zerstäubte sie. +</p> + +<p> +Er kam über einen Teil des Geschwaders. Wie er die Schiffe +nur mit dem anrollenden Saum seines eisernen Kleides berührte, +drängte er sie unter die Meeresoberfläche, erschlug sie +mit den aufgehobenen Wassermassen, wallte fluttoste über sie. +</p> + +<p> +Das Glimmerlicht am Rande, Gewitter vor sich, fuhr der +Wirbelsturm über das Atlantische Meer an der skandinavischen +und britischen Küste entlang, bog nach Westen um, kreuzte den +Ozean in seiner ganzen Breite, erreichte die amerikanische Nordküste, +zerbrach, über Neufinnland fahrend, Gebäude zerstörend, +Bäume wie aus Geschützen schleudernd, an den Randbergen +Labradors. Auf seiner Zugstraße verbreitete sich Dämmerung, +der Himmel färbte sich kupferrot. +</p> + +<p> +Das grönländische Geschwader kämpfte sich durch. Zyklon auf +Zyklon schickte der heiße Kontinent her. Dann traten sie in eine +Gewitterzone. Immer von neuem brannte das rosafarbene +Licht auf. Unter Katarakten der Regengüsse schlugen sie sich +vorwärts. Das süße sehnsüchtige Gefühl erlosch nicht in ihnen. +Sie nahmen die Wirbelstürme, Zerbrechen der Schiffe hin. So +wenig Mutumbo die Gegend dieses Lichtes verlassen wollte, +wollten sie es. Sie erinnerten sich ihres früheren Daseins. Wie +störrisch hart sie gewesen waren. Sie weinten, hatten keine +Furcht hier zu sterben. Wenn der dunkle Schleier am Firmament +erschien, der einen neuen Zyklon anzeigte, – Ringe drehten +sich in dem Schleier –, so rüsteten sie ihre Fahrzeuge. Aber im +grausigsten Wirbel waren sie, die herumsprangen und lavierten, +nicht geängstigt. +</p> + +<p> +Die Gewitterzone überwanden sie. Sie waren schon nahe +dem Land, in einer Meeresgegend, die sonst durch Eis versperrt +war. Schwüle warme Luft. Blendende Helle, grelles Aufflackern +Tag und Nacht. Grüne und braune Massen schwammen +auf dem Wasser. Da hörten Schiffe öfter Schreien Schnauben +Stöhnen vom Meer herauf. Einzelne Wachen berichteten: sie +hätten eine zusammenhängende Bewegung unter dem Meeresspiegel +bemerkt, die sich zögernd näherte und in der Nähe der +Schiffe endete. Einmal wurde eine Gruppe Fahrzeuge alarmiert. +<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a> +Die Menschen sahen von den Decks eine abgegrenzte meterlange +Strecke des Meers stürmisch aufgerührt. Ein Geräusch wurde +vernehmbar zwischen dem Klatschen des Wassers: Schlingern +Speien Ächzen. Sie ließen Boote herunter, stießen darauf los. +Da ließ die Bewegung nach; sie fanden nur Schaum und zerrissenen +Tang auf dem Meer. Nördlich der siebzigsten Breite in +Höhe der Shemoninsel trieb das Gros des Geschwaders. Die Ostgrönlanddrift +floß hier neben der östlichen Spitzbergenströmung. +Große sonderbare Baumstämme von tropischem Charakter trug +das Wasser. Ein- zweimal schwamm eine ganze offenbar losgerissene +Bauminsel an ihnen dicht vorüber. Die Bäume darauf +waren geknickt verbrannt; einige wie frisch angenagt. Man fand, +sie umfahrend, Blattreste, die von palmenartigen Gewächsen +zu stammen schienen. Lebhafter machte man auf den Schiffen +Jagd auf die Wesen, die die sonderbaren Meeresgeräusche +häufiger und häufiger verursachten. Es mußten unbekannte +schnell schwimmende Tiere sein, Wale, die aber keinen Wasserstrahl +warfen. An der Spitze des Geschwaders wurde einmal das +Röhren und Schnauben ungewöhnlich heftig. Sechs Schiffe +fuhren darauf zu. Motorboote wurden von von Deck gelassen, sausten +nach der bewegten Meeresstelle. Dort stieg Wasser auf, jedoch +nicht senkrecht wie aus Spritzlöchern der Wale. Sondern was +sich bewegte, spie schwallartig wagerecht Ladungen Wasser von +sich. Die Boote rannten gegen die sprudelnde Wassermasse. Da +waren sie schon gekentert. Aus dem Meer aber wand sich der +Rücken eines braungrünen schuppenglänzenden Untiers, eines +Reptils mit langem Schnabel, seitwärts gestellten blicklosen +Vogelaugen, das an seinen dünnen Vorderbeinen eine lappige +schwere Haut schleppte. Auf dem Wasser rudernd schlug es die +Vorderbeine über dem Rücken hoch. Die wampige Haut spannte +sich. Der Schnabel fuhr schnappend hoch, der Rumpf ringelte +sich aus dem Wasser auf, das Untier schlackerte mit seinen +Flügeln. Stieg unbehilflich wie eine Gans, mit Ächzen und +Speien, in die Luft, dicht über der gischenden Wasseroberfläche; +verschwand gurgelnd über dem Meer. +</p> + +<p> +Man zog die Verunglückten aus dem wieder glatten Wasser. +Das Gerücht von den Tieren verbreitete sich über das Geschwader. +<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> +Unsägliches Grauen lag auf den Menschen, die das +furchtbare Geschöpf gesehen hatten. Es war sicher: man war +von Wesen dieser Art umringt. Sie waren es, vielleicht noch +andere, die seit Tagen das Geschwader beunruhigten, zwischen +den Schiffen ruderten stöhnten verschwanden. Entsetzen fiel auf +alle. Die Menschen hatten nicht mehr die Starre der Islandkämpfer. +Sie waren in den Wochen, die sie unter dem wonnigen +Licht fuhren, aufgelockert worden; Weinen und Lachen kam +ihnen leicht. Jetzt wimmerten sie, das Schluchzen fuhr ihnen +aus dem Hals, verkrochen sich an den Schiffen, wollten nicht +weiter. Was sollte kommen. Jetzt in dem Entsetzen erinnerten +sie sich Islands, der stampfenden tobsüchtigen Vulkane. Die +waren es, die über Grönland brannten, diese Wesen erzeugten. +Weg von ihnen, es war genug. Was taten die Stadtschaften; +diese verruchten Stadtschaften, was machten sie mit ihnen. Sie +umgingen zitternd die Führer, die sich selbst kaum aufrechthielten, +drängten, daß man nach Süden drehe. Und doch war +in die Angst vor den Untieren eine andere Angst gemischt: fort +zu müssen aus diesem Meer, totes Leben sollte wieder beginnen. +Sie fürchteten sich vor der Rückkehr. Die Führer +wandten das Geschwader nicht. In wärmere und wärmere +Luft ließen sie es treten. Stoßweise ergoß sich Glut über die +Menschen, die wieder ganz von jener Furcht gebunden waren, +die sie in Island stumm gemacht hatte. Sie suchten sich mühsam +starr zu machen; aber das rosafarbene Licht zehrte an ihnen. +</p> + +<p> +Das Wasser floß blaugrün unter ihnen. Ein Quirlen und +Quellen, Wühlen und Spritzen überall. Abgerissene Bauminseln +umgaben sie von allen Seiten, trieben zwischen den +Schiffen hindurch, die ihnen auswichen, kein Boot mehr nach +ihnen aussetzten. Zusammenfahrend, die Fäuste vor der Brust, +sah man Vögel über sich fliegen, bunte singende tirilierende, +in ganzen Scharen. Niemand dachte, sie zu jagen. Man stierte +auf sie, ohne einen Eindruck zu empfangen, stand in Erwartung, +halber Bannung. Das Wasser war von den grünen braunen +Massen streckenweise so bedeckt, daß sie sie umfahren mußten. +Manchmal mußten sie die dicken Schichten aufreißen. Tierische +Körper waren eingesponnen, mit ihnen verfilzt: tote Ungeheuer, +<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a> +deren Köpfe über den Meeresspiegel traten, lammäßig ruhige +Gesichter mit Bärten, blau überspült vom Wasser. Und auf +Stunden, wie sich nichts ereignete, wurden die Menschen wieder +von dem alten Glücksgefühl überflutet. Alles blieb still bis auf +das helle Vogelgeschrei. +</p> + +<p> +In ein Meer von dunkelroter Färbung fuhren sie jetzt. Ganz +langsam bewegten sich die Schiffe. Stundenlang ließen sie sich +nur treiben. Die Wärme war groß; kein Wind bewegte sich. +Über sich an dem strahlenden Himmel sahen sie in großer Höhe +schattenhafte Wolkenmassen ostwärts schwimmen. Die Oberfläche +des Meeres, burgunderfarben leuchtend, spritzte manchmal +Schaum, aber zog sonst gleichmäßig als ein loser und dichter +Rasenteppich nach Westen. Der Teppich, aus Meerespflanzen +gebildet, war straffer als der braungrüne, den sie durchfahren +hatten. Es waren Wiesen, die aus der Tiefe heraufwucherten, +bisweilen glitzernd über dem Wasserspiegel hervorragten und +Land vortäuschten. Die Wiesen lagen ruhig; bisweilen sah man +sie wie Falten eines Kleides sich hochbauschen und wieder +glätten. Mit leiser Bangnis blickten die Seefahrer darauf hin, +immer in Furcht, daß da ein Riesentier das Meer aufwürfe. +Die bunten Vögel, die die Masten besetzten, hockten und sprangen +auf der purpurnen Tangwiese unten. Handgroße Steine und +Eisenstücke, die man herunterwarf, blieben auf der Wiese liegen. +Kleine Tiere, die sonst nicht das Meer bevölkerten, Fledermäuse, +sah man sich auf den Rasen senken; leichte weiße Schmetterlinge, +die über dem nassen Kraut sich schaukelten, in Scharen die +Wiese weißfleckten. Dann lief und ruderte ein schwärzliches +Gewimmel durch die Röte. Kleine Tiere, eine Art Ratten, mit +bunten Schöpfen auf den Scheiteln. Sie pendelten im Wasser, +schwammen dicht beieinander, hielten sich an den Stielen der +Algen fest, blickten mit kleinen schwarzen Augen, den Schopf +kammartig aufgestellt, um sich. Zwischen ihnen blaue glänzende +Zikaden, die sprangen, aber auch Flügel zu entfalten schienen. +Von ihnen stammte das feine durchdringende Piepsen, das, +zwischen dem großen gleichmäßigen fernen Rollen und Wühlen, +aus den Pflanzenmassen herkam. Auf die Schiffe kletterten die +Tiere, vor den Menschen wichen sie aus. Die Menschen selbst +<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> +flüchteten vor ihnen; sie schrien; ein Hauch von Entsetzen wehte +sie an, aber sie lachten wieder, kamen sich wie Kinder vor. +</p> + +<p> +Der rote Teppich zerteilte sich manchmal, dann quoll er +wieder zusammen. Immer mehr kleine Tiere überschlüpften die +Schiffe, Schmetterlinge und Vögel belagerten Decks und Masten. +Im Wasser, wenn der Rasen zerriß, sah man größere gelbe und +blauschwarze Wesen schwimmen. Sie ähnelten nicht Fischen, +mehr mit ihren blanken glatten Leibern Robben; sie kämpften +miteinander und mit mächtigen Weichtieren, Nacktschnecken, die +an der Oberfläche des Wassers hingen und da atmeten. Die +beiden vorderen Fühler dieser Schnecken waren zu starken +warzenbesetzten Armen ausgewachsen; mit denen griffen sie +nach unten hängend nach den gelben schwimmenden Tieren, +drückten, während sie sie hielten, ihre Saugfüße den schnellenden +robbenartigen Wesen an den Leib, die rasch die Farbe verloren. +Das Wasser um die Schnecken schlierte immer bunt und trübe. +</p> + +<p> +Erstickende wilde Hitze schlug durch die Luft. Gegen eine Benommenheit +rangen die Menschen auf den schwankenden +Schiffen. Sie hielten sich an den Masten und Geländern fest, +stierten lächelten um sich. Sie waren am Hinsinken. Sie träumten: +laß kommen, was will. Ihre Brüste beklemmt. Da zitterte +vor ihnen die Luft auf. Das Zittern verschwand, stellte sich in +anderer Richtung wieder ein. Es schien nichts weiter zu sein, +als das Vibrieren der Luft in der Hitze; sie kannten es von Island +her, von dem Hauch über dem Glutmeer und über den +Lavaströmen. Das Vibrieren erschien bald neben ihnen, die +Hitze wuchs aber nicht. Die Flächen der purpurnen Tangwiese, +die dichten Büsche des Meerkrauts, barsten manchmal; das +meterhohe Zittern der Luft erschien dann, wanderte; überall +auf dem Wege dieses Schwirrens wich das Tangfeld auseinander, +schnellte hinter ihm wieder zusammen. +</p> + +<p> +Plötzlich stand einmal die zitternde Luftmasse vor einem seitlich +auf der Wiese umherirrenden Schiffe, das verschlafen stand. +Die Menschen auf seinem Deck betrachteten ohne Bewegung die +sonderbaren Luftwellen. Ein Surren umlief die eigentümlich +wallende Luftmasse. Da schnüffelten die Menschen verwundert: +ein Geruch nach Teer und Salzlake wehte in Pausen stoßend +<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> +über das Schiff. Sie sahen, wie sich die vibrierende Masse ihnen +langsam näherte, daß sie aus dem Meer aufwuchs, daß sie +geadert war, ja durchpulst. Sie schwankte in sich. Das Luftwesen +–, nun sahen sie es, staunten und erschraken nicht –, schwamm +wie ein Haus hoch im Meer. Von schwarzen kleinen Massen, die +sich auflösten, war es erfüllt; es mußten Algen und Lebewesen +sein, die es in seinen Darm aufgenommen hatte. Vögel, +Schmetterlinge hatten bei Annäherung des durchscheinenden +gallertigen Gebäudes das Schiff verlassen, pfeifend sprangen +ihm abgewandt die blauen Zikaden und buntschöpfigen Mäuse +ins Wasser. Das bergehohe Wesen aber blies stärker über das +Schiff seinen tranigen Atem. Veränderte –, erstarrt standen +jetzt die Menschen, fielen bewußtlos um –, wechselte seine Haltung, +drehte sein Oberstes nach vorn. Da hatte es wie ein +Pflanzentier, eine Mundöffnung, von einem Kranz flimmernder +Bänder umgeben, eine wogende gläserne Wölbung, aus der der +strenge Salzhauch in Stößen drang. Die Bänder rollten auf, +über Deck, schlangen sich um Masten Balken Menschen. Die +Bänder drehten das Schiff quer, zogen es hin vor den tief gesenkten +Mund des Tiers. Vor dem tief gesenkten Mund des +Tiers kenterte das Schiff. Es senkte sich ins Wasser, wurde von +der gallertigen Wölbung aufgefangen, die sich über die Masten +und die Decks schob, sich über ihnen schloß. Die Luftmeduse +richtete sich auf. Ihre Bänder spielten aufrecht in der Luft. Die +Schiffsbalken wurden von ihren krampfenden Eingeweiden, +mit Eisenmassen Lebewesen hoch und sichtbar über dem Meer +schwebend, aufgelöst, zerflossen in ihr. Schwarze Flecken rannen +durch die feine Äderung; der Mantel warf heftig Falten. Das +Flirren und Flimmern der Luft ließ nach. Das Tier senkte sich. +Tauchte ins Meer ein, zur Seite gedreht, Wasser schlürfend. +Die purpurne Tangwiese rollte über ihm zusammen. +</p> + +<p> +Auf der roten heißen Fläche endeten fünfzehn Schiffe. Die +Hauptmasse des Geschwaders floh. Ein Teil raste durch das +Krautmeer, blieb von Getier erfaßt, im Pflanzenwust verbacken +hängen. Ostwärts südwärts stürzten die Schiffe. +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">rönland,</span> zwei Millionen Quadratkilometer Fläche bedeckend, +vom Pol in den Atlantischen Ozean ragend, lag unter +dem Schleier, den die Menschen ausgespannt hatten. Der +Strom aus dem atlantischen Kabel der Menschen schoß über das +Netz. Es rauschte aus den tragenden Ölwolken hoch, in deren +Buchten und Beulen es sich verschoben hatte. Steif und starr +wagerecht in der Spannung stand es. Schwang und zitterte +wie ein Tier, das zu dem Bändiger mit der Peitsche und den +scharfen Blicken aufsieht. Abschnitte des Netzes zuckten unter +Pulsschlägen. Barsten. Funken sprangen aus ihnen. Um die +aufgebrochenen Stellen spritzte knatterte es. Stichflammen +meterhoch schenkeldick, blau dann weißer, rötlich surrten spiralig +auf, jäh sanken sie zusammen nach allen Seiten abfließend. An +allen Stellen schmolz das Netz. Die Flammen dehnten sich aus. +In Kreisen, die sich schußschnell erweiterten, flog das Feuer nach +außen. Überrieselt von einer dünnen Flammenschicht war der +hundert Meilen weite Erdteil. Ihr Licht durchdrang die schwarzen +Ölwolken kaum; schwach waren die Gebirgskuppen beleuchtet. +Da begannen sich die Platten unter dem umsponnenen Turmalinschleier +zu biegen. Sie schmolzen. Meter über Meter nach +oben und unten vertiefte sich die Lichtmasse, verstärkte sich die +Glut. Plötzlich schwoll brünstig haushoch eine Flammenflut +von Meer zu Meer über Land und Gebirge, schwoll und wuchs +wie eine Mauer in sich zusammen. Die Gaswolken wurden zerrissen, +die hängenden Wetterwolken verdunstet. Tagesheller +fremdartiger Schein. Tausendfacher Donner schlug in die Lichtzone +ein. Durch die rosaweiße Luft zackten Blitze. Die Luft +schüttete ihre Wassermassen zur Erde. Sturm fuhr in die Feuersglut +ein; den schwellenden Brand konnte er nicht umfassen; er +prallte von ihm zurück, rieselte warm, besänftigt auf. Über dem +Meer lagen die Stützpunkte des Schleiers, Netzteile, die den +Gluten widerstanden. Auf den Ölwolken dieses schmalen Randes +ruhte das ganze Netz. +</p> + +<p> +Die Hitze, das ungeheure losgelassene Wesen, tauchte in den +Abgrund des Eislandes. Hauchte das Land an wie der Atem +eine Glasscheibe. Die Luft unten trübte sich neblig, Dunst erhob +<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a> +sich. Das Land wogte unter grauen und weißen Wolken, die unmerklich +dann wrasenartig vom Boden aufstiegen, in Schwaden +über die Schnee-Ebenen, an den Berghängen sich hinkrümmten, +ringelten brodelten. Wirbelnd schwollen sie, in ganzen Strudeln +sich drehend, milchig verdichtet, das Land verbergend, ein +aufsteigendes gasiges Meer. In Fäden tastete der Dunst nach +der Glut. Die blanke Platte des Inlandeises beschlug sich mit +Nässe. Auf dem Eis wollte das hintropfende Wasser wieder +gerinnen, aber die Hitze hielt es, hielt es weich. Mehr mußten +die Eisplatten die Höcker hergeben. Wasserrinnsal über die Ebene +hin. Der Schnee der Wüsten sinterte. Die meilenweite Schneebreifläche +wurde von der Glut geschoren. Sie plattete ab. Ihr +reines weißes Gesicht, ihre duftige Weiche verschwand. Dunkler +färbte sich das Land. Die Bäche verbreiterten sich, die Klüfte +des Eises, in denen Ströme mit Tosen zogen. Es knatterte +knarrte dumpf in der ungeheuren Platte des Islandeises. Es +surrte auf, schoß. Spalten taten sich auf. +</p> + +<p> +Die große Kraft saß oben. Ein Funken des Kabelstroms hatte sie +gerufen. Für die Augen war sie kenntlich: strömte rötliche Helle, +die sich nicht mehr steigerte. Die Berge, die reißenden Flüsse, die +blauen Firnen, Schneewüsten, Gletscherläufe, augenlos ohrenlos +gefühllos, nahmen sie im Innersten wahr. Die große Kraft, +die Glut, saß nicht oben, sie drang nach oben, unten, den Seiten, +schob sich in Starres und Loses ein. Wie eine Krankheit und +Liebe fiel sie die Dinge an; sie erlagen und sanken. Das Größte +Kleinste Festes Flüssiges griff sie an, war wie ein Ruf ins Tal: +von allen Seiten hallte es wider. Wie die große Kraft sich auf +das Land herabließ, lief sie in die Adern der Dinge, erweichte sie, +blähte sie auf. Kein Wesen war stärker als sie. Sie wußte nichts +von Fjorden Gletschern Küstengebirgen Eisplatten Bächen +Schneeflächen, war blind für das Riesige Ausgedehnte; an das +Feinste wandte sie sich und da fand sie den Zugang. Erkannte +im Store Karajak Gletscher das Wasser, das Dunst werden +konnte. Die Breite der schwer schiebenden Assatak Tuarparsuk +Atlaksoak machte ihr nichts. Blau war das Eis der Firne, die +Spalten der Räume spielten grünlich, die Schneebreiebenen +zogen weiß durch das Inland: dies war Wasser. Und konnte +<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> +Dunst werden. In die Spalten des Eises der Berge der Gletscher, +in die unsichtbaren Spalten des fließenden Gewebes der +Ströme Seen Bäche Brunnen senkte sich die Hitze. Jagte sie +auf zu Gas Dunst Wolke. +</p> + +<p> +Ein Massiv aus Granit und Gneis lagerte Grönland, von +kalten Meeresströmungen umflossen, über den siebzigsten Breitengrad, +zwischen der zwanzigsten und achtzigsten Länge. Die +Wesen, die glühend aus dem Erdkern stiegen, Kieselsäure Magnesium +Aluminium Sauerstoff, hatte die finstere Urgewalt, +die Kälte, angefaßt und nicht losgelassen. Sie war die größte +Macht, Herrin der Unermeßlichkeit, erfüllte den Äther. War Formerin, +Gebärerin der Gestalten, die das Feuer verlodern ließ. +Ungeheuer trug die Finsternis und Kälte die Gestirne, die nur +Strudel in ihr waren. +</p> + +<p> +Das Flackerlicht des Schleiers über Grönland nahm mit ihr +den Kampf auf. Über das Ruhende Milde kam das Tosende +Rasende. Hohes Singen des flammenbrünstigen Netzes; die +Flamme schien alle Dinge, Luft Eis Gebirge, zu ihresgleichen +zu machen. Wasser liefen über dem Gesicht des Eises. Die Felsklippen +im Eis, die Nunataks, gaben ihre dünnen Schneelagen +her, enthüllten bis zum Fuß ihre schwarzen Wände. In die +Fugen des steinartigen Baus der Firne und Gletscher stieg die +Hitze. Überrieselt wurden die Eislager, die langsam drängenden +Ströme. Wie Wein einem Betäubten wurde den Bergen die +strahlende Kraft eingeflößt. Sie nahmen sie mit verklemmtem +Mund auf. Aber die Hitze rieselte in ihre Eingeweide. Durch +die lastenden eisigen Kolosse lief die Wärme, und alles was +in ihnen war, fühlte sich angefaßt. Zum Aufbeben waren sie +gebracht, wie die neue Gewalt über sie kam, die sie von Urzeiten +kannten. Die Firne stemmten sich auseinander, Luft saugten +sie auf. Ihre Hohlräume, von Wasser plätschernd, erweiterten +sich wie Lungen. Von Röhren Gängen wurden sie durchlöchert, +Gewölbe unterminierten sie. Es floß von ihnen ab, Wasser, +zu dem sie sich verwandelten erweichten. Das lustige weiße +klingende Wasser. Schäumende Läufe in den Leibern der +Firne; Schellen und Schlittenfahrt. Aus weiten Gletschertoren +stürzten die Gewässer entbunden hervor. Nagend umspülten +<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a> +sie die blauweißen Säulen der Gletscherhallen, erwärmte +schmelzende drängende Wasser. Gewölbe Firne zitterten unter +der hebenden Wucht. Lechzend wühlten sich die Quellen durch +das Eis, schnitten in die weißen Gemäuer ein. Von den gedehnten +sturzsüchtigen Säulen troff weißes Wasser, immer neues +Wasser. Im Klingen Klirren des Wolkenschleiers das Puffen +Erdröhnen der sterbenden hinsinkenden Gletscher und Firne. +Durch ihre Leiber, in den Eisfelsen wirbelte ein unregelmäßiges +Auf und Ab von Trommelschlägen, bohrendes erregtes Wasser. +Der Dunst lag bergehoch über dem Land. +</p> + +<p> +Die Küstengletscher glitten rascher hin. Sie drängten in die +Fjorde; von rückwärts, aus dem Inland wurden sie gestoßen. +Über ihre Köpfe, ihre Rücken herauf stiegen Eismassen. Ein +brandendes Eismeer war im Inland entstanden. Schollen und +Schichten drängten sich zusammen, türmten sich aneinander auf, +rannten sich splitternd fest. Das Inlandeis, die Firne hatten sich +auf die Wanderschaft begeben. Sie schwammen auf dünnen +Schichten des leckenden Wassers. Die Gewölbe unter sich hatten +sie zerknickt, das Wasser aber hatten sie nicht pressen können. +Das lief vor ihnen her, und wie es quoll, trug es sie. Unterschmolzen +wurden die Massen; sie mußten gleiten schwimmen. +Auf dem sanften biegsamen Wasser schwammen sie. Ihre Wucht +war in Jahrtausenden gewachsen, in der Finsternis, zwischen +langen Wintern, kurzen Sommern. Schnee auf Schnee war +über sie gefallen, von Stürmen zugetragen, war geschmolzen +vereist. Der Wind hatte den Schnee nicht mehr abgeblasen, +immer mehr Schnee wurde an das Eis geheftet, das Gebirge +konnte ihn nicht abschütteln, die Eismassen umschnürten die +Felsen, wuchsen von den Hügeln auf, belagerten sie. Dann +war das Land nichts als eine Fußbank unter ihnen. Sie quetschten +es breit, zerrieben seine Fältelung. Jetzt waren sie erschüttert. +Unsicher ließen sie ihren Sitz los. Und sie waren nicht +allein. Hinter sich fühlten sie es sich schieben. Sie wurden +gehoben, von ihrem Platz geschleudert, von unten herauf gehebelt. +Unsichtbar noch die Bergwände Täler, die versunkenen +stillen, die die Erde hochgetrieben hatte und die das umwallende +Meer nicht hatte übersteigen können. Aber die Last über ihnen +<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> +schwand. Die Talmulden wurden von dem wandernden Eis +ausgefüllt, die Grate erklettert übertürmt. Da wogten die +Gletscher aus dem Inland gegen die Küsten heran. Wie eine +Frau, die die Kleider anrafft und den Straßenstaub aufrührt, +peilten die trägen Grundlawinen den Boden aus, zerschrammten +Felsen, mischten sie in ihre Masse. Ihre drängenden Haufen umflossen +die Nunataks, knickten sie, rollten; zerrieben ihre Trümmer. +</p> + +<p> +Wasser, das große Element, am wildesten von der Hitze und +Kälte umkämpft, war auf dem Plan. Triefende weiße trübe +Massen; dieses Schwemmen Lösen Schleppen Hinstürzen +Zerplätschern. Das Wasser sprang zehnmal an, glitt ab, warf +zuletzt um, eilte weiter. Es drang mit der Hitze in die Gletscher +die Erde, lockerte auf. Die Nebelschleier, gasige feuchte Meere +stürzten nieder. Erst regnend, dann in Flüssen kamen die Wassermassen +auf das Land zurück. In der Nässe zergingen die letzten +Schneefelder. Die Firne und Gletscher, die nicht ihre Lawinen +ins Meer gestürzt hatten, blieben schwer liegen. Zersprangen +zerflossen, vom weichen Wasser geschaukelt. +</p> + +<p> +Die Berge Hügel Ebenen des zerdrückten uralten Landes +zeigten, überschwemmt, von meilenweiten Seen bedeckt, katarakterfüllt, +ihr verwüstetes Gesicht. An den Küsten drängten sich +noch die Gletscher, die Gebirge übersteigend; ruckten sackten +ins Land zurück. Blind dröhnend rannten noch Gletscher vorwärts, +mit zerknisternden Decken, dann schon überflutet, von der +Nässe gelähmt, standen vor Felsen, taumelten, mauerten sich +an ihnen hoch, sanken ab, schnurrten, wurden kleiner grauer, +wogten als Schollen. +</p> + +<p> +In eine Wüste von Blöcken hatte sich das Land verwandelt. +Die Seen dampften und schwenkten Eisbröckel. In den Tiefen +wühlten die letzten Gletscherreste. Das Inland gleichmäßig +glatt und ruhig unter der glutenden Luft, mit wenigen dunstenden +Hügeln bestanden. Nach den Küsten stürzten Wasser; da +hatte sich ein Wall gebildet aus den Trümmern und Erdlasten, +die die Gletscher fortgetragen hatten; die Wasser mußten sie +durchwühlen. +</p> + +<p> +Es war an dem Tage, an dem die ersten Erkundungsschiffe +der Menschen über den Ozean fuhren, da bewegte sich die Erde. +<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a> +In großer Ruhe stieg Grönland, das Erdmassiv, das vom Pol +in das Atlantische Meer ragte, auf. Stieg wie ein Korken auf, +der tief in das Wasser gedrückt ist und den der Finger losläßt. +Von der gebirgsschweren Last der Firne Gletscher des Inlandeises +war das Land befreit. Es hob sich leicht. Hob sich über der +schweren flüssigen Masse des Erdinnern, die es trieb, bis an +seinen neuen Ort. Das Land, Berge Ebenen Hügel Küsten, +schob sich in die Höhe und zerriß von Norden nach Süden. +</p> + +<p> +In wenigen Tagen war alles ausgeglichen. Grönland, noch +eben ein Erdteil, war zu zwei großen Inseln geworden, die +meilenweit durch ein flaches Meer getrennt waren. Rauchende +Inseln wuchsen langsam aus dem Wasser. Inseln verschwanden +wieder. In die westliche große ergoß sich eine tiefe Meeresstraße. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> dem riesigen Umkreis der Flammen, wo das Licht matter +schien, die Glut nachließ, begab die Erde sich auf die Wanderschaft, +um dem heißen Eiland näherzukommen. Die Welt um +Grönland, als wollte sie das Feuer löschen, wucherte in die +Flammenzone ein. Ein Wall bewegte sich auf die grönländischen +Inseln hin, so dicht, daß das Meer fast abgemauert wurde. Aus +dem Randgebiet kam ein Riesenlager von Lebendigen dem +Glutenherd näher. War wie Flamme und Wasser, bereit alles +zuzuschütten. Die Luft durchdrang es. Bald war es ein Rasen, +eine meilenweite tiefe Wiese, bald ein Wald über dem Meer, +ein grünes Meergebirge, das vordrang. Was unten nicht heftig +genug wuchs, trieb oben vor, schickte ungefesselte Tiere, die +liefen schwammen flogen. Kilometerdick waren die Pflanzenschichten, +die purpurn grün braun das Meer überschaukelten. +Wo sie sich den heißesten Strahlen näherten, waren sie so dicht, +daß das Wasser sie nur in Kanälen durchdrang, daß sie oben +trocken lagen, Sturzwellen sie nur gelegentlich überschlugen. +</p> + +<p> +Im Westen wuchsen aus wallenden Laminarien Bäume auf; +Lassonien mannsdick, mit scharlachroten Blattkronen geschmückt, +ließen Zweige herabhängen. In diesen wasserdurchzogenen +Wiesen, lustigen Wäldern wuchsen verkamen zahllose Tiere. +Verstrickten sich in den Maschen der Pflanzenwelt. Es trieb sie +<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a> +in Scharen in die Lager. Die schwimmende Wiese hob und +senkte sich, straffte sich, erschlaffte. Mit jedem Anheben wurden +wie durch Ausatmung Tausende Keime und Tiere herausgepreßt, +strudelten in das Wasser. Sie wurden geschnappt von denen, +die eben anschwammen, gebannt lauerten. Zu einem einzigen +hauchenden Wesen wuchsen Wälder und Wiesen des Meeres +ineinander. Fische Würmer Krebse suchten sich durch die +Blätter und Stengel durchzusägen; aber die Last der Wiese war +ungeheuer. Die Tiere wurden zusammengepreßt, ihr Saft troff, +mischte sich mit dem weißen der geknickten Stengel, ausgelaugten +Blätter. +</p> + +<p> +Es gab in dem Grönland umziehenden Gewebe nicht zu unterscheiden +Lebendes und Totes, Pflanzen Tier und Boden. +Pflanze legte sich an Pflanze, hielt langsam schwimmende anschnellende +Tiere mit Ranken, stützenden Blüten fest, die Tiere +wurden ihre Teile. Diese Pflanzen hatten selbst Saugwurzeln +Stützwurzeln von allen Stellen her. Ihre Blütenhaare Ranken +bildeten sie zu Saugern Füßen Kiefern aus; waren Tiere und +Pflanzen in eins. +</p> + +<p> +Auf Blumen saßen krebsartige Wesen. Saßen ganz still. +Mit ihren Schwanzfächern schlugen sie von Zeit zu Zeit Ranken +ab, die sich um sie legten. Mit den beiden gekrümmten säbelartigen +Raubfüßen bohrten sie in dem Blütengrund, rissen +Wunden in den Schaft, schoben ihre Kauladen an, sogen. +Manche Pflanzen trieben Röhrenblüten; in den Hüllkelchblättern +saßen graue Krebse; in die Fruchtknoten hatten sie ihre +feinen Kauladen getrieben; aus den Saftröhren des Pflanzenwesens +floß ihnen Nahrung. Sie ließen manchmal auf freieren +Wiesen den Blütengrund mit den Füßen los: als wären sie ein +Pflanzenteil ragten und flottierten sie, mit wallendem Schwanzfächer, +über dem Kelch im Wasser, um gleich, wenn sie verdrängt +und abgerissen wurden, mit kurzen drehenden und wühlenden +Bewegungen sich neu einzubohren. +</p> + +<p> +Da saßen Geschöpfe an den Pflanzen, waren Spinnen. Unter +den Blattachseln wuchsen sie hervor, schickten ihre Spinnfäden +heraus, die sich fest um Nachbarstengel rankten. Tintenfische, +ungeheure Leiber, mit vielen Armen, hatten ihre Augen +<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a> +geschlossen. Der muskelstarke Mantel hielt still, war straff gebläht, +das Pflanzengewebe hatte seine Fortsätze in seine Höhlung getrieben, +die großen Adern hatte es umwuchert, das Tier war +nicht tot. Sein Herz schlug; in seinen Darm mündeten die +Spalträume der Pflanzen; das Herz trieb träge den Saft +anderen Tieren, anderen Pflanzen zu. Stengel Blätter +Knospen wurden abgeschnürt, Glieder von Medusen Seesternen; +die Teile wurden hier aufgesogen, dort waren sie schon +wieder von einem Wesen gefangen, das sich dem losen Medusenarm +anpaßte, ihn zu seinem Rüssel Stachel Deckblatt Saftröhre +machte. +</p> + +<p> +Feine Algen durchwuchsen Nacktschnecken, es war keine Schnecke +mehr: ein Algenbusch schaukelte über dem weichen Bett. +</p> + +<p> +Auf den rosig bestrahlten grönländischen Inseln hatte sich +nach der großen Erderhebung alles verändert. Ihr Boden war +gestaucht verworfen. Bloßgelegt waren Erdschichten und Gesteinsmassen +einer uralten Erdzeit. Die Tiertrümmer Samen +Pflanzen, Splitter einer jahrmillionenfernen Zeit waren wieder +dem Licht preisgegeben, jetzt einem anderen Licht. Diese Sonne, +die über Gebirge Ebenen Seen jetzt übertropische Wärme warf, +war von wilderer Gewalt als der ferne alte Gasball. Unter dieser +Sonne, die dicht über ihnen lag, erhob sich das Begrabene und +Tote. Die Sonne riß es hoch. Wie die Maschinen, die die Islandfahrer +auf den Brücken vorgeschoben hatten, die bröckligen +Steinswesen bezauberten, Verbannten ähnlich, die man auf der +Straße in ihrer Muttersprache anredet, einer Frau ähnlich, die +verdorrt und eine Umarmung, ein sanftes Wort erfährt, oder +wie Völker, die man unterjocht hat und die sich finden, – das +Glück bringt sie zum Weinen, – so drang das heiße rosige Licht +auf die Trümmer der alten Erde, umfloß umspülte bewältigte +sie stürmisch. Schoß in ihr Herz. +</p> + +<p> +Es kam ein Schmachten Wüten in die Dinge, daß sie sich bogen +und streckten. Langsam regten sich die Gesteine. Die Ebenen +des Landes hoben sich, überall wuchsen die Lager aus, drängten +hoch, schoben sich übereinander. Rascher waren die Moose +Algen Farne Gräser Fische Schnecken Würmer Eidechsen +großen Säuger. Keine neuen Keime flogen über die See +<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a> +herüber. Die zermürbten Trümmer der Kreidezeit, Knochen +Pflanzensplitter fanden wieder Leben. Dies wütende Licht +backte zu Leibern zusammen, was es fand. Die Knochenwirbel, +die zertrümmerten Skelette tranken in dem Lehm die Gletschernässe, +zogen sich aneinander. Aus dem Lehm strömten ihnen +Stoffe zu, die sie zu ihren Leibern machten, die sie um sich +legten; Erde, quellendes Wasser, Salze. Es wandelte sich in +ihnen und an ihnen schon um zur Art ihrer Körper. +</p> + +<p> +Um alle Reste und Trümmer ballte sich die Erde zu Lebendigem, +quoll auf. So wild war der Drang zu Leibern zu finden, +zueinander zu fließen und sich zu bewegen, daß überall auf den +Inseln das bloßliegende Land in ganzen Strichen barst, sich hier +zusammenrollte zu einer wimmelnden Masse, dort wie vom +Regen getroffen aufwucherte unter baumartigen Gebilden. Es +waren keine Wesen, wie sie die Erde früher getragen hatte. Um +bloßliegende Glieder, Köpfe Knochen Zähne Schwanzstücke +Wirbel, um Farnblätter Stempelteile Wurzelstümpfe sammelten +sich die Wasser Salze Erden; oft wuchs es sich zu Geschöpfen +aus, die den alten dieser Erdzeit ähnelten, oft drehten +sich sonderbare Wesen, sogen an der Erde, tanzten. Das waren +Köpfe Schädel, deren Kiefer Beine geworden waren, der +Rachen ein Darm, die Augenlöcher Münder. Rippen rollten +sich als Würmer. Um eine Wirbelsäule strömte zusammen die +lebendige Erde, befestigte sich. Es war, als wenn ein Adergeflecht +nach allen Seiten ausschoß von den Knochenresten, als +wären sie Kristalle Keimpunkte in der übersättigten Lösung. +Und was um die Wirbelwesen lag, von den Adern berührt wurde, +faßte es an, zog es zu sich her, ob es selbst Leib gewinnen wollte +oder nicht. Die Würmer, die sich um die Rippen gebildet hatten, +zog, wenn sie nicht flohen, das Wirbelwesen an seinen Mund, +pflanzte sie sich neben seine Lippen ein; sie schluckten vorverdauten +für ihn. +</p> + +<p> +Kuglige Wesen rollten von Hügeln ins Land. Sie hatten die +Art von Lawinen. Um sie spielte das Geäder unersättlich; wie +sie rollten, backten sie an ihren Leib, was sie fassen konnten, +versenkten die Adern in das Ergriffene. Auf Hügeln blieben +manche dieser sich blähenden Wesen hängen; wuchsen in die +<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a> +Hügel ein, um sie herum. Unter ihnen hatte ihr spürendes +Geäder ganze Lager kleiner Wesen erfaßt, die sich im Schneckengehäuse, +um Korallenstäbchen geballt hatten; mit denen panzerten +sich die Kugelreste. Die Felsen wurden von der wuchernden +Kraft der Samen zersprengt. Es gab Geschöpfe, die sich +riesengroß schwerfällig fortbewegten, ganze Hügel in ihrem +Leib. Bröckel ungeformter und sich selbständig bewegender Erde +schleppten sie mit sich, sie träufelten es von sich ab, zogen eine +Bahn Lebens. Niemand war bedacht auf Angriff und Verteidigung; +sie schleppten sich auf, trieben aneinander, rieben +sich, verschlackten sich, wurzelten zusammen, über- und untereinander. +</p> + +<p> +Die Trümmer der Gräser Laubbäume der Palmen Oleander +Nadelhölzer wurden von dem Licht berührt. Sie zogen ihre +Nachbarschaft an sich, die rollte auf sie zu, wie ein Blatt, das +sich unter der Flamme kräuselt. Reste verdorrter und erstickter +Lorbeerbäume lagen auf geöffneten Sandsteinplatten, zwischen +dem Schutt der Felsen, die die Sonne zersprengt hatte. In ihre +Blattrippen, zwischen ein Netzwerk der Nerven wurde die lebendige +Erde gesogen. Von den Blattrippen, den Nerven ging +die Lockung aus; zwischen Blattrippen und Nerven senkte sich, +gerissen, die Erde ein, schichtete sich um Spalten, wurde durchädert, +farbige Pflanze. Blätter erhoben sich von den Felsplatten +wie Kuchen aus ihren Pfannen; breit und dick. Sich +aufrichtend wuchsen sie zur Höhe von Büschen, immer im Wirbel +von den Seiten den Erdstoff ansaugend, der wie schweres Öl +floß. Prall standen die Blätter, die riesigen gemästeten Gebilde. +Oft fingen sie an sich zu bewegen. Denn unter ihnen wuchsen +gepanzerte Schildkröten, auf deren Rücken sie verankert waren. +Und auf dem Rücken der Tiere wandelten sie ins Land. +</p> + +<p> +Und weithin die Landschaften der Schopfbäume mit dichtgedrängter +Belaubung. Überall wuchsen sie auf den Spuren +von Tieren, die die Samen der Bäume mit sich vergossen. +Baumartige Gräser schossen hoch, in dichten Gebüschen, undurchdringliche +Klumpen, Stamm auf Stamm aus einer +Wurzel; die Spitzen der Gräser hingen bogenförmig über wie +hohe Trauerweiden. +</p> + +<p> +<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a> +Oft rissen sich Bäume und Tiere nicht ganz aus dem Boden, +blieben drin stecken, waren ein Mittelding zwischen wuchernden +Erdstoffen und lebendigen Wesen. +</p> + +<p> +Oft schleppten sie wie einen Eidotter Erdmasse mit sich fort, +Beutel, ganze Säcke, an Strängen wie Nabelschnüre und fielen +hin, andern zum Opfer, wenn der Dottersack leer war. +</p> + +<p> +Oft fuhren Gebüsche drohend wie Arme gegeneinander, +schienen sich ersticken zu wollen. Dann brachen ihre Äste bei der +Berührung; sie schmolzen zusammen; gemeinsam flutete ihre +Nahrung in alle; ein großes Wesen erhob sich. +</p> + +<p> +Zwischen den Gingko Tulpenbäumen trieben Lianen auf. +Sie nahmen sich keine Zeit zur Ausbildung von Blättern. Matt +an die Bäume gelehnt, um sie herumklimmend wuchsen sie über +die Stämme hinaus. Die fremden Blätter umwickelten sie mit +ihren Windungen. Sie waren gefräßige und strenge Wesen. +In die Bäume wuchsen sie heimlich ein; die waren ihr Mutterkuchen. +Den Saft der Erde bekamen sie vorverdaut. Während +die Bäume unter ihnen verdorrten, ließen sie ihre Blüten bunt +wie Fahnen über sie hängen. +</p> + +<p> +Schweigsames Düster der Wälder. Säulen völlig grade astlos +aufstrebender Stämme, ununterbrochenes Laubdach; Linien +rosigen Lichts durchfallend. Korkzieherartig umwanden sie die +Holzseile der Gastpflanzen. Von Stamm zu Stamm zogen sich +die Drähte, über die tierische Geschöpfe krochen, von denen sie +wie Fledermäuse herabhingen. Die Tiere rissen sich von den +Bäumen und dem Boden los, schrien durch die Wälder. +</p> + +<p> +Platanen der heißen Ebenen, Mangroven Brotfruchtbäume. +Die Riesenfarne, die wie unerschöpfliche Mütter und Väter dastanden +und zeugten. Ihre Blätter strahlenförmig im Kreis wie +Speichen eines Rades. Lebendig gebaren diese Pflanzen; der +Keimling entwickelte sich schon an der Kehrseite der starken Blätter; +seine Sprossen hingen in Fäden von den Blättern herab. +</p> + +<p> +Das unaufhörliche Niederpreschen der Stämme. Sie brachen +oft ganz mit Belaubung und tierischer Last zusammen und quollen +über den Boden. Zum Teil vermochten sie nicht zu fallen; +Leichname standen rechts und links; kräftigere Wesen verschlangen +sie. In der Dämmerung und Dunkelheit wuchsen +<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a> +neue auf, trugen ihre Schirme über die Wipfel und Baumkronen, +breiteten neues raschelndes Blattwerk aus. +</p> + +<p> +Die Wälder, Tiere beschützend, schoben sich wie Schilde hoch. +Unter der Glühhitze flammte die bunte Holzmasse oft auf. Sie +krümmte sich brennend am Boden. Schlürfte und schlüpfte schon +wieder auf, warf neue Dunkelheit unter sich. +</p> + +<p> +Verwüstend brachen durch die Wälder die Riesentiere. Die +aus den Seen auftauchenden wandernden Gallerten, die sich an +Küsten ansiedelten, Bäume und Wiesen verschlangen. Wäßrige +Geschöpfe, die ganze Flußläufe überbrückten, den Fluß durch +ihren Leib laufen ließen, sich zusammenkrampfend ihn absperrten +und von sich spritzten. Teiche wurden aufgehoben und wanderten +samt Reptilien und Pflanzen in ihnen; sie schaukelten im Wanst +eines keuchenden schluckenden augenlosen Riesenwesens, das sich +drehte tastete sich lang flaschenartig auszog nach dem Licht. +</p> + +<p> +Die grönländische Insel, von dem Rosenlicht begossen, in der +tropischen Wärme, war kaum mehr Land, das dalag und Wesen +erzeugte. Die Inseln glichen, wie sie zum Licht schäumten, +einem langsam aufdrängenden halb erstarrten Meer, das bald +grüne, bald purpurne Wellen übergipfelten. Durch die Wellen +schoß manchmal eine Flamme; dann sank das Meer schwarz und +qualmend ab. Die Flammenbrunst lief in irren Linien über die +Inseln, übersprang die Meeresstraßen. Ganze kleine im Meere +lagernde Landmassen hüllte sie ein; wie der Dampf verblasen +war, wallte die Erde schon wieder bunt auf. Dieses Feuer war +oft nicht von außen in die Berge Waldungen, herangetragen +worden. Es brach, wenn das Wüten dieser lebendigen Wellen +zu hoch gestiegen war, die Baumkronen himmelhoch über dem +Boden aufgewuchert waren, aus den rastlosen Leibern selbst +aus. Aus Ästen Knospen stachen züngelten die kleinen Flammen. +Die Lianen reckten sich im Licht auf; aus ihren Stielen +warfen sie keine schweren Blüten, sondern zischelnde Flammen, +die den Leib der Pflanzen nicht angriffen, sondern von unten +wurden die Flammen genährt, brausten weiter und länger +aus. Bis ein furchtbarer Streit zwischen der Flamme und +dem Pflanzenwesen Baumwesen entstand. Heftiger wütete +der Baum, bissiger trieb die Flamme abwärts. Die Wut des +<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a> +Baumes speiste die Flamme. Weg mußte der Baum und die +Pflanzen um ihn mit. Ihr Rasen nährte die Flamme. Die +Bäume verkeuchten sich in Feuer. Wüteten Flammen in Flammen, +verbrausten in die Luft. +</p> + +<p> +Eine Flucht kleiner Vögel und Insekten machte sich aus den +Steinlagern, den uralten Kreidemassen auf. Die Papageien +grellbunt und üppige Fasane flogen hin, schnappten schrieen. +Kopffüßler Schwämme Schnecken erhoben sich neben ihnen +aus der Erde, glitten in die Wasser, mischten sich mit anderen +Wesen, die über sie kamen. +</p> + +<p> +Straßenlange Schlangenleiber ringelten Echsen über die Felsen, +stürzten sich ins Wasser, die erst blassen, dann schwärzlichbraun +anlaufenden Wesen, denen Stacheln aus den schmalen +bezahnten Schädeln wuchsen und die unten im Wasser brünstig +grunzend mit ihren breiten Schwimmschaufeln wateten. Wie +diese Tiere das Wasser durchschwammen, kämpften sie mit +anderen, mußten sich in dem Wust des aufkommenden, sie selbst +durchrieselnden, über sie zusammenschlagenden Lebens behaupten. +Von Felsenplatten, von der kochenden umdunstenden Erde +lösten sich die abenteuerlichen Wesen ab, die sich zuerst nicht entschieden, +ob sie mit dem Schwanz und den Füßen in der Erde +wurzeln wollten, die dann ihre Glieder vom Boden wie von +einem Teig abzogen und schon dumpf um sich blickten, die Bäume +betrachteten, mit ihren Riesenkiefern in die weichen Stämme +hieben. Schwer standen sie auf der wühlenden Erde, den muskulösen +Schwanz angestemmt, mit den beiden Stirnhörnern +Bäume rammend und fällend. Die Bäume nahmen sie wie +Gräser in die Mäuler, zermahlten sie mit den Kronen Gastpflanzen +und hängendem Getier. +</p> + +<p> +Langhalsige gebuckelte Ungeheuer zogen sich einzeln und in +Gruppen durch die lärmerfüllten Täler, über das Flachland. +Vor ihrem donnerartigen Gewieher erschraken sie selbst. Von +einer Doppelreihe hoher Knochenplatten war ihr Rücken bestanden, +ein Knochenkragen schützte den Hals, aber vorn bewegten +sie menschenähnliche trübe gewaltige Häupter langsam +hin und her. Wasser lief aus ihren Augen. In Wälder brachen +sie ein. Aber sie zitterten, standen still, warfen sich um sich, als +<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a> +sie von fuchsartigen roten Tieren in Scharen überlaufen wurden, +die sich in ihre Augenhöhlen Ohren zwischen ihren Zähnen festzusetzen +suchten, die sie abschüttelten zertraten. Aber immer liefen +die Füchse von rückwärts und über die Füße an, stürzten von den +Bäumen herunter, in deren Seilgewirr die Ungeheuer sich verstrickten. +Sie wieherten in Schmerzen. Ganze Haine verwüsteten +sie, sich hinwälzend. In Flußläufen suchten sie sich zu +kühlen. Da zerschellten viele. Aber die Erde blieb in einer einzigen +Erregung. Und wie sie zerschellten, strömte und ballte sich +schon das Leben wieder um ihre Glieder und trieb durch das Land. +</p> + +<p> +Von den Felsen der höchsten Berge stürzten sich Vogelwesen +in die lebendige Brandung. Mit Hälsen wie Giraffen, die Flügel +breit werfend, trugen sie auf ihren langen Krokodilsköpfen ganze +Wiesen und Bäume mit sich. Maulwurfsartige Wesen, die +zwischen ihren Flügelfedern nisteten, verließen sie auch im Fluge +nicht. Diese zähnefletschenden Vogelechsen brauchten keine +Hörner zum Rammen und Spießen. Die Hügelteile, die sie auf +ihren Köpfen mit sich trugen, trieben Spitzen hervor, die die +Härte der Steine hatten. Die großen Meuchler erschienen, +diese schlagenden krallenden stürzenden Wesen über der Brandung +Grönlands. Sie wüteten schlimmer als die Flammen, +schlitzten die wandelnden Gallerten auf, zerquetschten sich senkend +Tiermassen. +</p> + +<p> +Nach oben zuckte das Leben der Inseln. Nun begann es bedrängt +überquellend nach außen zu fluten. Der Schwall der +Vögel setzte sich in Bewegung. Die Lauftiere flüchteten vor den +schwirrenden zerschmetternden Unwesen. Sie suchten das Wasser +zu überschwimmen. Liefen über die Tangwiesen. Nach Süden +Osten Westen quollen die Tiermassen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-9"> +<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a> +<span class="line1">Achtes Buch.</span><br> +<span class="line2">Die Giganten</span> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a> +<span class="firstchar">Ü</span><span class="postfirstchar">ber</span> der Westküste Skandinaviens erschienen die Untiere gegen +Ende des Jahres. Etwas später befuhren sie die britischen +Gewässer, tauchten vor Jütland und der Bretagne auf. Die +Stadtschaften, die noch in der Hand starker Senate waren, hatten +beim Zurückfluten des großen Expeditionsgeschwaders die Grenzen +gegen Norden und Westen gesperrt. Von dem Expeditionskorps +lief nur ein versprengter, rasch gefangengesetzter Teil die +europäische Küste nördlich Stavangers am Bukafjord an; die +Hauptmasse stürzte nach Süden an den alten Sammelplatz der +Färöer und Shetlands. Britische Kommissare hatten schon im +Herbst durch Schottland eine Verteidigungslinie gegen das verdächtige +Geschwader gezogen, von der Lorne zur Moraybucht +südlich des Kaledonienkanals; Vorpostenschiffe deckten die Nordsee +und den Zugang zur Irischen See. Von niemandem gehindert, +von niemandem erwartet brachen die grönländischen +Untiere ein, diese abenteuerlichen, den Menschen gräßlichen +Wesen, Mißschöpfungen einer unmäßigen Kraft, die über Grönland +aus dem schrecklichen Flammenschleier blies. +</p> + +<p> +Rudel der keuchenden blasenden Wesen ruderten flogen über +den Ozean, straßenlange Reptilien, schwarzbäuchig, manche +schillernd beschuppt, manche mit scheckiger Haut und breiten +stumpfen Mäulern, manche wie Krokodile gepanzert. Dann +Vogeltiere mit langen spitzen Zähnen, die in Doppelreihen +standen. In Haufen zogen sie an, einzeln wie Festungen und +Schiffe, eine Masse von Felsen Baumwaldungen Tieren mit +sich schleppend. Sie schwärmten an, verhüllt unter den Waldungen +auf ihren Rücken; mit den Füßen rissen sie sich die Moose +und Schachtelhalme ab, die über ihre Augen wucherten. Bisweilen +stürzten sich fliegende Echsen in die See, um die Flammen +zu löschen, die an ihren Hälsen, auf ihren Rücken entstanden. +<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a> +Mit der Angst gejagter Wesen flohen sie. Zwischen ihren Zehen, +auf ihren rollenden aderdurchzogenen Flughäuten wurden +Schlachten zwischen den Geschöpfen geschlagen, die sie mitschleppten. +Sie klammerten sich an die Krallen der Ungetüme +an, hingen an deren geblähten Halswampen in Reihen Ketten +Girlanden. Tauchten die Tiere in See, so wurde der größte +Teil der Bevölkerung von ihnen abgeschwemmt, schwamm an +der Oberfläche, suchte die großen Tiere wieder zu fassen, wenn +sie hoch kamen. In die See tauchend spülten sich die wandernden +Tierriesen die zerfallenden Leichen ab. Aber mit sich selbst, unter +sich schleppten sie Leichen. Sie kämpften miteinander, sobald +sie sich berührten, schlangen zerrissen sich. Und je mehr sie sich +von Grönland entfernten, um so größer wurde ihre Not. Über +See erschlugen sie sich; hungrig, aber oft konnten sie sich von den +Besiegten nicht losreißen, die sich an ihren Rüsseln Borsten +Hornplatten verklammert hielten. Mit der triefenden Masse +wankten sie weiter, die Sprossen in sie hineintrieb. Und wie die +Untiere die offenen, von dem rosenfarbigen grönländischen Licht +nicht beschienene Meere befuhren, die Kälte über sie kam, wurden +sie unsicher. Zuckten zwischen Meer und Himmel auf und ab, +flüchteten vom Meer in die Wolken, die sie nicht wärmten. Sie +konnten wenig sehen unter dem trüben Sonnenlicht. Verwirrt +kehrten viele um. Aber die Geschwader der neu abfliegenden +Tiere kamen über sie; diese Tiervölker zerrissen sie, schleppten +sie nach Süden weiter. Unaufhörlich wie ein Blütenbaum seinen +gelben Sonnenstaub warf Grönland seine lebendigen Massen +von sich. +</p> + +<p> +Auf Skandinavien schmetterten sie nieder; dies war das erste +Land, auf das sie stießen. Fjorde mit Granitklüften, wenige +Wiesen, Schneeberge im Hintergrund. Hunger Beklemmung +trieb die wandernden Untiere von Tag zu Tag stärker. Da +prasselten sie über die Klippen, bedeckten kleine Menschensiedlungen. +Im Sturz zerschellten viele, die sich über das Land +warfen, als wären es Wellen. Die lebend herunterkamen, +fingen an am Boden, an den Klippen zu beißen zu kauen zu +schlingen. Zerrissen sich die Gaumen, ihre Zähne splitterten. +Dröhnend drohend erhoben sie sich von ihren felsigen Opfern, +<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a> +schlugen mit den Klauen auf ihnen herum, schluckten mit blasenden +Nüstern Steinbröckel Kiesel, griffen sich nach dem Rücken, stopften +sich Farne, die sie abknickten, hinterher. Die Steine zerschrammten +schlitzten ihnen den Darm. Speiend drehten sie sich im +Kreise. +</p> + +<p> +Nach Bergen kam ein Rudel vogelartiger Echsen mit den +Rückenhöckern von Dromedaren, langen Hälsen, zweifüßige beflügelte +Unwesen, die ein helles Schreien bei ihrer Annäherung +ausstießen, das sich wie Kichern anhörte. Sie zerdrückten eine +Zahl von Straßen und Anlagen. Mit den Haustrümmern +stopften sie sich Menschen in den Schlund. Brände brachen um +sie in der Stadtschaft aus. Die Waldungen von Farnen Bärlappbäumen +auf den Tierrücken wurden ab und zu von dem Feuer +ergriffen. Zerstörend warfen sich die flammenden Tiere um, +wälzten sich durch die Stadt. +</p> + +<p> +Eine eigentümliche Art Fischwesen war gleichzeitig bei Bergen +aus dem Meer aufgestiegen, Wesen von außerordentlicher Länge, +die noch die der Echsen übertraf. Sie waren übermäßig wurmartig +schmal gewachsen, hatten ein Wirbelskelett, das mit Schädel +Rippen Wirbelkörper deutlich an dem fleischlosen Leib sichtbar +war. Diese Tiere schienen sinnlos vor Hunger zu sein, waren +halbblind. Wie Schlangen ringelten sie tonlos die Klippen vom +Meer herauf; ihre Leiber nahmen kein Ende. Sie schnauften +mühsam, paßten sich der Luft an. Aber eine ganze Zahl schnellte +zu rasch aus dem Wasser hoch; ihre schmächtigen Leiber schwollen +plötzlich an, zuckten hingen über den Klippen; die Därme quollen +ihnen aus den Schnauzen. An ihnen schlangen die Vogelechsen. +</p> + +<p> +Sie kamen alle nicht weit. Flogen etwas, senkten sich wieder +auf den Boden. Es schien, als ob der Rest ihrer Kraft sie bei der +Berührung mit den kalten Steinmassen der Erde verließ. Keines +der skandinavischen Tiere, obwohl von niemandem verfolgt, +kam über den sechzigsten Breitengrad auf dem Landweg nach +Süden. Sie fraßen Bäume Ackererde. Dann lagen sie lahm. +Warfen sich, schnellten wie in einem Anlauf hoch, verkamen. +Die Waldungen Gärten Vögel Weichtiere hatten sie schon verschlungen, +oder sie waren verbrannt. In die Erde fraßen sich die +grönländischen Untiere ein, wie sie starben. Wuchsen dann +<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a> +sonderbar in ihre Gräber. Wo sie reglos lagen, wucherte die +Erde, die sie verschlungen hatten, in ihren Mäulern, zwischen +ihren Vogelkiefern, in den Schlundröhren, Eingeweiden aus, +durchdrangen die Weichteile in langen spitzen Kristallen, sogen +die Weichteile nach. Und um die Leiber herum, in den Bodenhöhlungen +zitterte die Erde, ließ feine Kristallbündel sprießen, +so daß die Riesenleichen in zackigen Nestern lagen. Die Körper +der Untiere selbst aber vom Boden verschlungen, waren nichts +als eigentümliche Bodenerhebungen, die sich wie Tierrümpfe +über den Berghängen, über Ackerflächen hinzogen, von blitzenden +Steinen begleitet. +</p> + +<p> +Die Untiere, die weiter den Süden erreichten, Jütland bestiegen, +sich nahe Hamburg zeigten, waren Quallen und Medusen +mit Armen, die sich untereinander zu starken Schwimmflossen +verbanden. Auf das flache Land, über die sandigen Küsten +wälzten sich in einem wilden Trieb, in zitternder Verwirrung die +riesenstarken gallertigen Wesen. Ihre Körper, unter dem grönländischen +Licht blühend durchsichtig, hatten in der Kälte der +Meere die Gelbröte des Dotters angenommen; blutige geschwollene +Stränge durchliefen sie. Sie rollten fauchten; dellten +sich krampfhaft zusammen, sprangen flogen vorwärts. Sie +spritzten Schleim um sich, sanken mehr in sich zusammen. Über +Flüssen hingen sie, pumpten Wasser in sich. Aber dies Wasser +war nur eine Erinnerung an das Wasser, in dem sie gediehen +waren; war schweres kaltes liebloses Wasser. Sie soffen mehr, +spien es im Wirbel aus. Ihre Arme hangelten nach Blöcken an +den Wegen, würgten sie sich in die Mundöffnung. Diese Blöcke +konnten sie nicht zerknirschen; die stürzten ihnen durch die Darmwindungen. +Über die Landschaften sanken die schattenhaften +Wesen hin. Bräunlich und violett tröpfelte Blut von ihnen; +sie fielen wie mächtige Spinngewebe über die jütischen Ebenen. +</p> + +<p> +Wen die Fasern des Gewebes berührten, was von dem +dampfenden blasenwerfenden Blut bespritzt wurde, veränderte +sich im Augenblick. Schafherden leckten übergischt an dem Blut. +Die Zunge quoll ihnen über die Zähne weg, fiel auf das Gras, +sich verbreiternd verdeckend. Die Tiere standen da, zerrten an +den fürchterlichen Organen, an denen sie sofort erstickten. Andere +<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a> +zogen glitzernd blökend an den roten Fleischmassen, die ihnen +unaufhaltsam aus den Mäulern wuchsen; zugleich schwoll ihnen +auch der Gaumen, Rachen, den der Saft berührt hatte. Die +dehnten, wölbten sich. Riesenschädel, den ganzen Rumpf in +Umfang und Gewicht übertreffend, trugen sie auf den Hälsen, +die zu schwach für die Last waren. Die Schafe wurden auf den +Boden hingezogen, zappelten mit dem kleinen Anhang ihrer +Rümpfe. Rasch kamen eine Anzahl Tiere um, die gierig an dem +Blut der Medusen geschluckt hatten und deren Leib Rippen +Rückgrat von den anschwellenden Eingeweiden in Stunden zersprengt +wurden. Bei Hamburg erfolgte das erste große Verderben +der Menschen. Siedler und Einwohner der Stadtschaft +wurden betroffen. In die Häuser hinein wurden im Bogen das +Blut und der Schleim der verendenden Urtiere gesprenkelt. +Menschen, die am Kopf oder den Gliedmaßen begossen wurden, +verloren im Augenblick die Besinnung. Ihre wuchernden Organe +erdrosselten sie selbst. In den Zimmern wurden Menschen, +denen eine Hand bespritzt war, von den schweren wuchernden +Fleischmassen aufgesogen; die Hand die Finger füllten den +ganzen Raum, kleiner kleiner schrumpften Arme Beine der +Rumpf dahinter. Das Herz schlug nicht mehr, die Menschen +lagen weiß tot, nicht größer als eine Faust, manchmal wie ein +Apfel, ein Karton einlaufend unter dem dunstenden Riesenorgan, +dessen Haare wie Spieße aufrecht standen, die an den +starren Wänden geknickt wurden. Die tolle Szene in der kleinen +Bauernsiedlung, wo eine Bäuerin den Hahn gefaßt hatte, um +ihn in den Stall zu tragen. Der Kopf des krähenden Vogels, +seine bespritzten Füße jäh anwachsend machten sich nicht los von +den Armen und der Schürze der Frau. Die Frau wurde von +der Last hingeworfen; die Krallen des Vogels durchwuchsen die +Arme der schreienden gellenden schlagenden bald ohnmächtigen. +Das Tier lag auf dem Weib, wuchs auf ihm, über +Menschengröße. Der Kopf und die Füße wuchsen. Der Rumpf +aber hatte noch Leben, so dürftig er auch war; denn die Füße +waren in das starke fette Weib verwurzelt. Aus der sogen die +Organe ihre Stoffe. Das Weib rann in ihren Kleidern ein. +War längst tot, ihr Kopf schon hinter ihrem Halskragen, unter +<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a> +dem Brustausschnitt verschwunden. Leere Hüllen der Ärmel; +der Kalk der Knochen wurde aufgesogen. Nach langen Stunden +erlosch an dem Vogel das schreckliche Wachstum. Das Tier war +selbst schon tot, von seinen Gliedern aufgezehrt. Man sah +Schweinsohren, Ochsenschnauzen durch die Dachsparren ihrer +Ställe wachsen; noch kläglich brüllten die, dann verstummten sie. +Es waren überall bewußtlose sterbende Wesen, die so wuchsen. +</p> + +<p> +An der Westgrenze Hamburgs an der See verwüsteten die anwandernden +Untiere ganze Stadtteile. Die starken Sicherungen +des Senats nutzten nichts, sie fielen nur zum Verhängnis der +Stadtschaft aus. Durch die brennenden Würfe, die Strahlen +wurden die Tiere zerrissen, ihre Teile aber, Flüssigkeit spritzend, +schleppten sich verendend und andere aufsprießende Wesen mit +sich schleppend in die Straßen und Anlagen. Die grausigsten +Mißformen wurden da sichtbar. Verbackene Bäume, aus deren +Wipfeln lange Menschenhaare herausragten, übergipfelt von +Menschenköpfen, toten entsetzlichen häusergroßen Gesichtern von +Männern und Frauen. Die Schwanzflossen eines Seetiers in +eine Siedlung vor der Stadt fallend sammelten um sich Haufen +toten Materials, Eggen Wagen Pflüge Bretter. In die wandernde +sprießende dampfende Masse gerieten Kartoffelfelder, +laufende Hunde, Menschen. Das wallte wie ein Kuchen auf, +quoll hoch, zappelte über die besäte Ebene, rollte sich wie eine +Lavamasse verheerend langsam vorwärts. Und überall wuchsen +aus der sich rundenden schlagenden Masse Stämme, stockhohe +Blätter hervor. Die Arme Beine, die sich aus dem flirrenden +dunklen Gewebe vorstreckten, waren aus Fleisch und Knochen, +oft dunkel umborkt, mit Zehen und Fingern, die sich zu Blattfächern +ausbreiteten. Lange Haarmähnen fluteten über die +Oberfläche des weichtierartigen Wesens, der dünstenden schlingenden +Schnecke; Ranken und Häuserbalken waren in die Haare +verfilzt. Über den Tälern und Erhebungen der wallenden Masse +rasten Gespanne, Pferde mit Wagen, abspringende Menschen. +Sie liefen rissen sich los, bis sie einsanken festklebten, die Pferde +an den Wagen, Menschen treibend daneben. Die Pferde wurden +durchflutet, von den Hufen den Hinterbeinen hochwachsend, +scheinbar sich aufbäumend, aber nur aufgespannt aufgerichtet. +<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a> +Ihr Wiehern Geifern erlosch, die Augen, die ängstlichen blutüberlaufenen +Kugeln, sanken zurück. Sie zappelten mit den +Vorderbeinen. Waren sie Stämme? Fraßen sie das Laub, die +Halme Stauden, die ihnen aus den Mäulern wuchsen? Aus +den Rippen quollen ihnen die Wagenbalken. Der Kutscher +wuchs aus seinem Sitz, von den drängenden Stämmen getragen, +mit ihnen verschmolzen. Dann erweichte alles, was das Urgeschöpf +trug, verbreitete sich, quoll zusammen, ebnete sich in +seine Decke ein. +</p> + +<p> +Über das Wattenmeer der Friesischen Inseln drangen Einzeltiere, +die noch kraftvoll waren. Sie stürmten gereizt gegen die +Flammenmassen, die ihnen über den Jadebusen entgegengeworfen +wurden. Das war ein vulkanisches Brausen, als die +breiten springenden Reptilien das Feuer durchzogen. Aus ihnen +selbst kam grünes Feuer, das das weiße Menschenfeuer zu +dämpfen schien. Sie erreichten das Land, zerknickten die Maschinen +am Land und kauten sie. Aber waren selbst zerbrochen. +Sie tobten schleppten sich Meilen landeinwärts. Dann stießen +aus den schwarzen plumpen vergeblich sich mühenden Leibern, +aus den Augen Nüstern, zwischen den Schuppen des Leibes +grüne steile Flammenbüschel. In denen verbrauste die Kraft +der Tiere, die schnappten verzuckten. Von den brennenden puffenden +Körpern, die sich wanden, machten sich Teile los. Unter +den Flammen sprangen und spritzten von den Rümpfen ab die +Zehen, Krallen der Zähne, Schuppen; die Flügel zerbrachen. +Die Teile, Zehen Schuppen Hautfetzen rollten ins Land, die +Weser entlang, mischten sich mit Grashalmen Birken Tannen. +Riesenbäume wanderten da; die Erde unter ihnen wuchs mit ihnen, +schwoll, als wäre sie flüssig gallertig und schäumte, an ihnen +hoch. Die Bäume zogen ihre Wurzeln aus der Erde, schritten +vorwärts, wackelnd, sich drehend, zogen im Zickzack hin, schlossen +nahe Bäume in sich ein, rissen sie mit. Die Bäume schnaubten +aus vielen Poren. Verlangsamten ihren Gang, standen gelähmt, +schaukelten schwach ihre Kronen. +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Einfall der grönländischen Untiere dauerte den Winter +durch. Eine panische Flucht von den Küsten setzte ein. Die +Ostsee war von Schiffen überladen. In wenigen östlichen +Stadtzentralen verloren auch die Senate die Führung. Die +Herren der großen westlichen Stadtschaften machten sich stark. +Die einströmenden durchströmenden Massen der Siedler erhoben +gegen sie ihr anklagendes Geschrei; der Boden der Stadtschaften +zitterte unter dem Grauen vor den grönländischen Wesen. Gelähmt +waren große Teile der Bevölkerung, auch der Führer. +Und neben der Angst wütete unter den Menschen ein unbestimmtes +finsteres Schuldgefühl. Ihm konnten sich auch die +Wissendsten nicht entziehen unter dem Schauer der Dinge, die +sie erlebten. +</p> + +<p> +In London hatte Delvil mit Pember die senatorische Gewalt +in Händen. Mit sechs anderen Männern und Frauen teilten sie +sich in eine Diktatur. Von Brüssel rief Ten Keir, der kleine +belgische Führer, sie herüber. Nichts wankte in den belgischen +Stadtschaften. Aber der furchtbare Schwarm der Urtiere ließ +nicht nach, die Brüsseler Vorstädte im Westen und Norden waren +in Trümmer gelegt. Zu dem Entsetzen, das hier die Menschen +zusammenballte, kam rasch Haß auf die Siedler, die zu der Grönlandexpedition +getrieben hatten, und auf die englischen Führer. +</p> + +<p> +In seiner unterirdischen Arbeitskammer empfing Ten Keir +glühend den schmächtigen Delvil. Er dachte Zorn und Gift auf +ihn loszulassen, schrie höhnisch, wie der nur die Tür öffnete: +„Sieg! Sieg! Grönland ist enteist! Wir sind befreit! Wir +laden Menschen auf die Schiffe.“ „Sieg!“ schrie Delvil entgegen, +„wir haben gesiegt. Wer hat nicht gesiegt?“ „Wie sieht dein +Sieg aus, Delvil? Du hast dich über den Kanal gewagt. Du +bist nicht verschluckt worden. Ich wünsche dir Glück zu dem +großen Sieg.“ Delvil schmetterte die Tür zu. Kalt und ruhig +setzte er sich auf einen Schemel: „Wer die Nerven hat, hat gesiegt. +Du siehst, ich bin über den Kanal geflogen. Ich habe die +Bestien geifern sehen. Habe auf sie gespuckt.“ „Glückwunsch, +o Held! Sieh dir Gent an. Hast du Kortryk gesehen? Kortryk +im Westen, du mußt es gesehen haben; seit zehn Tagen verwest +<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a> +es.“ „Ten Keir, es scheint, wir spielen mit verkehrten Rollen. +Mir kann es recht sein.“ „Und was tust du?“ „Ich bin Delvil. +Ein Mensch. Glaubst du, Ten Keir, weil ich schwach bin, ich bin +kein Mensch? Die Bestien mögen nur kommen. Jetzt, jetzt kann +ich sie nicht besiegen. Im Augenblick nicht. Wir sind nicht darauf +vorbereitet. Warte einen Tag, fünf Tage.“ „Das glaubst du, +Delvil? Es sind ja nicht nur Tiere.“ „Es sind Tiere. Es sind +Tiere; nichts weiter als das. Es sind schon andere Dinge an die +Menschen herangetreten und sie haben sie bezwungen.“ Delvil +stand. Er war blaß; sein Gesicht verbissen: „Ich bin ein Mensch. +Du wirst mich nicht vom Gegenteil überzeugen. Ich kam her, +mit Pember, um dich zu fragen, Ten Keir, welcher Meinung du +bist. Gibst du es auf, so sag es mir. Ich muß wissen, woran ich +bin.“ „Ich hab mir im Grunde keine Fragen stellen zu lassen. +Wenn du erbittert bist und wir entsetzt sind und unsere Stadt +schon zur Hälfte verwüstet ist, so weißt du, wer daran schuld ist.“ +„Ich will wissen, woran ich bin. Hier ist kein Gericht. Ich habe +die Tiere nicht gerufen.“ „Das ist Grönland. Das ist der Zug +der Siedler nach dem neuen Erdteil. Unsere Befreiung. Unsere +Rettung vor dem Untergang.“ „Das ist die Rettung vor dem +Untergang. Ich habe es nicht gewollt. Aber es ist recht. Wir +wissen, woran wir sind.“ +</p> + +<p> +Delvil flüsterte: „Sag ja, Ten Keir. Ich warte auf dich.“ +„Sprich lieber nichts. Spitz die Ohren, was über uns geschieht. +Vielleicht bewegen sich die Wände. Man weiß nicht was geschieht.“ +„Sag ja oder sag nein. Ich bin fünfzig Jahr alt. +Jahrtausende haben für uns gearbeitet. Gedacht. Du hast es +mir einmal klar gemacht. Ich habe es nun sehen gelernt. Ich +bin ein Mensch. Ich gebe nicht auf, es zu glauben. Und du?“ +„Ich auch nicht.“ „Dann gib mir deine Hand.“ „Was soll das.“ +„Das ist deine Hand. Jetzt wirst du rasend grimmig heiß kalt +wie ich werden. Laß sie mir. Laß nur. Du fühlst es schon. +Jetzt wirst du in der Nacht auch nicht schlafen können wie ich, +vor Wut und Verzweiflung! Du wirst bald röcheln in der Nacht. +Ten Keir, hörst du! Du wirst mir Wut und Scham kennen. Du +wirst dich verfluchen, wie ich mich, daß die Bestien das können, +Städte verwüsten, unsere Städte, in unsere Anlagen fallen, +<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a> +daß die Siedler uns auslachen. Ich verfluche mich. Verfluche +mich aber nicht lange.“ Delvil zog seine Hand zurück, schüttelte +sie als wenn sie zu schwer wäre, blickte Ten Keir an, wich gegen +die Wand, wo das Lichtauge blickte. +</p> + +<p> +„Was habt Ihr vor. Was hast du vor, Delvil?“ „Du hast +meine Hand berührt. Du weißt es. Es gibt nur zweierlei: die +Bestien und wir. Die Bestien will ich nicht.“ „Und?“ „Nicht: +und sie werden nicht sein.“ Die Fäuste hob Delvil über seinen +Kopf, atmete: „Ich will sie nicht. Aus tiefstem tiefstem Herzen +sag ich dir: ich will sie nicht. Sie sind schon jetzt nicht mehr da. +Sie sind weg. Sie sind schon – vernichtet, von mir, weil ich es +will. Ich flüchte nur zum Schein vor ihnen und verstärke mich. +Sie leben nicht mehr, Ten Keir. Wir haben sie besiegt. Laß +ihnen eine Gnadenfrist von ein paar Tagen, ein paar Wochen. +Gönn ihnen das. Sie sollen sich diese Welt noch anschauen. +Unsere Welt. Dann ist es aus für sie. Aus! Delvil sagt es. +Dann hat er genug. Der Tisch wird rein. Glatt. Blank. Spiegelblank. +Hauchblank. Kein Stäubchen darauf!“ Ten Keir in dem +Lichtkegel; ganz weiß die Vorderseite des blinzelnden Manns: +„Ich will es glauben.“ +</p> + +<p> +Der Brüsseler suchte den starken Delvil in der Stadt zurückzuhalten. +Der kehrte auf die britischen Inseln über den Kanal +zurück. In die Kellerräume stürzten die Menschen. Man hatte +gesehen, daß die weiche Erde, die offene Luft gefährlich waren; +auf die schweren Betonplatten, Höhlen in sehr massiven Felsgründen +erstreckte sich die Wirkung der Bestien nicht. In das +Innere der Insel flüchteten Haufen von Menschen. Delvil sah +sie mit Hohn und Gram. Es war sein erster Akt, als er von +Brüssel zurückkehrte, daß er den Westrand der Londoner Stadtschaft +mit schweren Waffen bestückte. Feuer und Strahlen ließ +er in die chaotische Menge schleudern. Seine Megaphone schrien +über sie: Er sei der Drache, der Drache käme. Und schon war +der heiße Atem über ihnen, nicht aber aus den Mäulern der +Riesenlurche, sondern aus seinen Maschinen. Und sie wurden +angeglüht gebrüht gebrannt. Delvil ließ sie zu Kohle werden. +Seinen Haß richtete er auf die Siedler, die Triumph über die +Städter sangen; was hätten die westlichen Senate in Grönland +<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a> +erreicht, wo sei der neue Erdteil, welche Wüste sei geschaffen, +schlimmer als die im Uralischen Krieg. Und wie fiele es jetzt auf +die Städte zurück: kein neues Land, aber sogar das alte werde +vernichtet. Die Wut Delvils schwang Peitschen über sie. Sie +hatten vor den Drachen und Delvil zu flüchten. Er verband sich +eine Schar von Männern und Frauen, die er fanatisiert hatte +und die zu der Sache der Städte hielten. „Erretter“ nannten +sie sich. Im Bereich der britischen Städte trieben sie die Menschen +in die Keller und Höhlen, zwangen die Senate den Boden +überall zu unterwühlen, die Betonblöcke zu schaffen, in denen +die Menschen hausten. „Erretter“gruppen formierten sie in +allen Städten hinter sich, sobald sie abzogen. +</p> + +<p> +In das offene Land, auf die schottische Hochfläche aber drangen +sie ein mit doppelter Inbrunst. Delvil hatte ihnen das mitgegeben: +„Die Bestien, die scheusäligen Lurche und Drachen sind +ein Unglück. Wir haben sie nicht gerufen. Man hat uns gezwungen +nach Grönland zu gehen. Wir wußten keinen Ausweg. +Man wollte eine Barbarei aus unserm Land machen. Wir +waren schon am Erliegen. Jetzt kommen die Reptilien, die Untiere, +verderben uns. Rache an denen da, die sie uns geschafft +haben. Rache an den Verbrechern. Tötet sie! Säubert unser +Land!“ Und mit Lachen, mit schwingendem seligen Zwerchfell +sah er sie zu Haufen fallen, die Hetzer, die großartigen Lehrer +neuer Weisheit, diese Erretter der Menschen. Es gab noch wirkliche +Erretter. Nach dem Kontinent und nach Amerika gab +Delvil diese Meinung: man möge den Augenblick benützen, um +sich das Gesindel vom Hals zu schaffen, das ihnen allen das +Leben schwer gemacht habe. Man möge den Ausgang der +Grönlandfahrt richtig verstehen. Sie sei glücklich ausgefallen. +Sie habe es ermöglicht, die westliche Menschheit neu zu befestigen +und die Parasiten von ihr abzuschlagen. Man habe freie +Ellbogen gesucht; jetzt habe man sie. +</p> + +<p> +Inzwischen blickten er und seine Freunde darauf, Waffen +gegen die Untiere zu finden. Sie waren von einem kalten Haß +aufgerührt. Alle Strahlen durchbrachen die Tiere. Das Zerreißen +der Mißgeschöpfe nutzte nichts; ihre Teile übten mehr +Schaden als ihr unversehrter Leib. Wer diese Wesen anfassen +<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a> +und hinmachen könnte. Es war eine heftige und unerträgliche +Scham, die Delvil und seine Mitkämpfer erfüllte, daß sie wie +ein Urvolk, wie ein Buschmann vor einem Tiger dastanden und +keine Rettung wußten. +</p> + +<p> +Es war nicht Delvil, sondern ein unbenannter Mann aus +Christiania, der Hilfe brachte. Der, aus einem Sturz der Reptilien +gerettet unter Verlust des rechten Armes und der Schulter, +fand einen überraschenden Weg. Unter ein sterbendes +schon erstarrendes Tier war er geraten. Der vom heißen Blut +angespritzte Arm war ihm gewuchert; keinen Schmerz hatte +er empfunden, nur ein sonderbares Fluten und Zucken durch +den ganzen Leib, ein Blitzen von Lichtern vor den Augen, +besonders ein rosa Leuchten, das ihm Wohligkeit und Süße +eingab und fast wehrlos machte. Aber das Wallen und Zucken +im Rumpf, in der Wirbelsäule, an den Knien und Hüftgelenken +nahm plötzlich eine furchtbare drängende Stärke an. Er sagte: +so müsse wohl eine Frau fühlen, die gebäre, in den Wochen +liege und das heraustreibende Kind stemme ihr den Leib auseinander. +Unter dem dumpfen grausamen Schmerz hatte er +sich, schon träumend, in der schwimmenden Süßigkeit verloren, +hatte seinen Körper nicht frei bekommen. An einem entsetzlichen +Stiel hing sein Körper, es war sein Arm, ein Riesenarm, +eine weiße geblähte Fleischmasse. In Ekel griff er nach seinem +Messer, schnitt hinein, wo er konnte mit dem Arm. Hieb in +sich, um die gräßliche Fleischmasse von sich abzutrennen. Die +Schnitte und Stiche schmerzten nicht, er hieb wie in ein fremdes +Wesen, dicht an seiner Schulter. Und plötzlich stürzte er +ab und war bewußtlos. Dieser Mann aus einer Mekifabrik +war nach zwei Tagen von einer Rettungskommission gefunden +worden, wurde da er noch atmete nach Christiania transportiert. +Wo man ihm unter den größten Vorsichtsmaßregeln die Schulter +entfernte, die noch nach der Selbstamputation des Mannes +zu einer sackartigen Geschwulst gewuchert war. Der Mann +war wie ein Kind klein geworden, seine Glieder gummiartig +weich; ungeheuer hatte noch nach der Selbstamputation der +parasitäre Stummel an ihm gezehrt. Sehr schwer war es ihn +zu ernähren, die richtigen Stoffe in ihn zu werfen; der braungelb +<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a> +bis schwärzlich gefärbte Mensch schien ein völlig verändertes +Blut zu haben. Sogar seine Augen, die Iris seiner früher +blauen Augen hatte einen grauschwarzen Ton angenommen. +Soviel er auch in einem Heißhunger verschlang und soviel er +trank, er gedieh schwer, fror in seinem Bett, dieses Wunder +eines Wesens, das die Urtiere nicht vernichtet hatten. Da erzählte +er, dessen Geist nicht verworren war, aber immer unter +einer Betäubung lag; von Blitzen die durch ihn gegangen +wären, von dem Wallen und Zucken im Rumpf, als ihn das +Untier berührte, dies Recken und Reißen und Schneiden in +den Finger- und Kniegelenken, in den Wirbeln. Er hatte es +jetzt nicht mehr. Noch wie der Stumpf an ihm sog, hatte er +es gefühlt. Der träumende, mit dem Gespenst der Tiere ringende +Mann meinte, ihm fehle etwas. Er wolle nicht mehr +essen, es hätte keinen Sinn. Man müsse ihm das geben, was +die Tiere hätten. Dann würde er gesund. Immer wieder +drang er, halb bewußtlos, darauf. Die Ärzte, mit Elektrizität +und vielen Strahlen arbeitend, konnten den Zustand nicht +ändern. Als der Mensch immer trieb und bat, man möchte +ihn nach Grönland bringen, an das rosa Licht, von dem die +Schiffer berichteten, verfiel man darauf nach den Schleiern +zu forschen, die die westlichen Senate für sich von Grönland +geholt hatten. Es war ganz still von ihnen geworden. Sie +waren in unterirdischen Riesengewölben an der belgischen Nordseeküste +und in walisischen Bergen vergraben; niemand kümmerte +sich um sie. Von zwei abenteuerlustigen Männern begleitet +flog der Skandinavier über die Nordsee. An den flämischen +Bänken fauchten Riesenlurche unter ihnen. Fast wonnig +atmete der dem Tode nahe Skandinavier schon hier. Und als +man ihn auf die grüne Wiese an der flandrischen Küste setzte +in der Nähe des Tunnels, der zu den Turmalingewölben führte, +veränderte sich sein Blick; er lächelte, suchte sich aufzurichten. +In Eile schoben ihn die beiden Männer mit einem Speisevorrat +an den Eingang des Tunnels, dem sie sich nicht zu nahen +wagten; sie selbst schwirrten vor den nahenden Lurchen nach Osten. +</p> + +<p> +Vor den belgischen Senat wurde nach zwei Wochen dieser +Skandinavier geführt. Ein Schwarm von Menschen, aus ihren +<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a> +Kellern gelockt, begleitete ihn. Er predigte von dem Wunder +der Turmalinnetze. In ihnen stecke die Seele des Lebendigen. +Er war fast so groß wie ein Mann seines Alters, schwankte +aber, war übermäßig erregt, blickte frisch; die Haut vorher +schwärzlich, war durchsichtig blaß; man sah fast das Blut darunter +fluten. Die Haut schilferte, die Haare waren blond, +übermäßig lang, auf die Schultern heruntergewachsen. Ten +Keir hörte im Keller des Rathauses von Brüssel nur kurze Zeit +den sonderbaren phantasierenden einarmigen Skandinavier an, +ordnete an, ihn nach Hause zu befördern. Er brachte im Augenblick +die entsetzlichen Lurche mit den Schleiern zusammen: ob +man gegen die Bestien mit dieser Waffe vorgehen könnte. Am +selben Tage war sein Bericht in Delvils Händen. +</p> + +<p> +Von seinem Verwüstungsfeldzug unter den Siedlern heimgekehrt +saß der in London. Am Abend dieses Tages waren die +beiden Männer einig, daß die Gewölbe der Turmaline besonders +zu schützen seien; niemand war an sie heranzulassen, +es durfte auch nichts nach außen gelangen von den Kräften +der Turmaline und daß die Schleier noch wirksam waren. Den +Skandinavier ließ Ten Keir in der Nacht fassen und einsperren. +Die schon auftauchenden Gerüchte, von der sonderbaren Wiederherstellung +des Mannes, den die Lurche fast getötet hatten, +ließ er als Phantastereien zerstreuen. Eine Kommission von +Physikern und Biologen prüfte die walisischen Netze. Delvil +gehörte ihr an. Ein wütender Gedanke hielt ihn fest: in diesen +Netzen waren die Kräfte, mit denen man Bestien Widerstand +leisten konnte, und nicht nur den Bestien! Delvil war innerlich +verhakt. Er haßte diese Welt, die Erde, die ihm dies antat, die +phantastische blöde schreckenlose Macht, die sich vor ihm aufstellte +und ihn wie ein wilder Bulle umwarf. Man hatte nicht +dazu die Äcker verachten gelernt, das Korn weggeworfen, das +der Boden gab, das Vieh, das sich selbst fortpflanzte, um dies +zu erdulden. Es steckte eine Rache der Erde dahinter, die ihr +aber nicht bekommen sollte. Wie hatten die Berge in Island +dagestanden, wie hatten die Vulkane sich mit Donnern und +Lava-Ausbrüchen gebärdet, man hatte sie aufgerissen. So hatte +man sie behandelt wie die stolzen Flieger, die man segeln ließ, +<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a> +aber die Luft riß man unter ihnen weg – was nutzte das große +starke Flugzeug; und wie die Schiffe, die mit einmal nicht +mehr fahren konnten, weil kein Meer da war. Das waren Erlebnisse +für Schiffe und Flieger. +</p> + +<p> +In die unterirdischen Arbeitsräume ließ Delvil Schleier der +Turmaline bringen. Die Physiker, obwohl den herrschenden +Familien angehörig, ließ er unter Todesdrohung an die gefahrvolle +Arbeit treiben; alle Gewalt war bei ihm. Den +Männern und Frauen blieb nichts übrig, nachdem sie dem +Schicksal oberirdischer Vernichtung durch die Urtiere entgangen +waren, sich den Netzen zu nähern, den eigentlichen Gebärerinnen +des Unglücks. Delvil, in wenigen Wochen ganz ergraut, mit +magerem Gesicht, forderte sie täglich vor sich. Sie berichteten. +Von seinem Haß auf die Urtiere war in allen; aber sie grollten +ihm auch. Sie wußten nicht, wie er sie täglich rufen ließ, daß +er sie beobachtete prüfte, ob sie nicht schon etwas gefunden +hätten, womit sie sich zum Herrn über ihn aufwerfen könnten. +Er sprach nur von seiner Wut auf die Tiere, von der Notwendigkeit, +die Städte die Einrichtungen die Menschen zu schützen. +Kein Wort sagte er davon, daß er auf Rache und Vernichtung +aus war. Vermöchte er zu tun, wie der Skandinavier Kylin +an den Bergen getan hatte: sie erschüttern, anschwellen machen, +bis sie platzten. So Grönland von der Wurzel bis zur Spitze, +kreuz und quer aufreißen. Einmal hatte ein persischer König +das Meer peitschen lassen, weil es seine Brücke zerbrach: wie +gut er den König verstand. +</p> + +<p> +In Pausen, die sonderbar und unverständlich waren, kamen +die Bestien von Norden. Das Meer verseuchten ihre Leichen. +Unter der Erde arbeitete in London Delvil mit seinen Gehilfen. +Sie brauchten Tiere und Menschen zu ihren Versuchen. +Delvil war glücklich, als man so weit war, ohne Schaden die +Schleier zu zerkleinern, und sie in kleinen Ausschnitten Kreisen +Blättern auf Lebewesen tat. Er brüllte: „Die Bestien! Die +Kreidezeit! Die ganze Kreidezeit! Was machts aus. Sie +sollen kommen. Je mehr, desto besser. Sie sollen es fühlen.“ +</p> + +<p> +Ten Keir wagte sich über den Kanal. Delvil empfing ihn +zwischen den Physikern, umarmte ihn wild; flüsterte: „Ich +<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a> +schäme mich nicht mehr. Die Krise geht vorüber. Gott, was +war das für eine Zeit. Ich habe nicht gelebt, Ten Keir. Sieh +mich an, wie mein Gesicht ist: zwanzig Jahre in zwei Monaten. +Sie sollen es büßen. Ich werde wieder gesund. Gesunder als +ich gewesen bin.“ „Ihr seid schon weit, Delvil?“ „Wir wollen +Brüder werden“; er zog den Brüsseler beiseite; sie gingen +durch die straßenähnlichen unterirdischen Anlagen; „ich vergesse +dir nichts. Weißt du, Ten Keir, wie du mich behandelt +hast, als ich einmal bei dir war, vor der Grönlandexpedition? +Nein, es war gut. Du hast mich gut behandelt. Ich hatte ja +noch mit den Siedlern geliebäugelt. Du hast mich zurecht gestaucht. +Gut, Ten Keir. Ich vergesse es dir nicht. Ich war +im Begriff mich zu verlieren. Ich war im Begriff mich unter +die Hunde zu begeben. Wie hätte ich jetzt geheult über Lurche +und Echsen. Ich brauche mich nicht mehr zu schämen. Du auch +nicht, Ten Keir, Bruder Ten Keir. Wir wollen Brüder sein. +Es kommt der Tag. Glücklich, daß ich dafür aufbewahrt bin. +Ich habe Grönland auf dem Gewissen, Island. Ich will noch +mehr auf dem Gewissen haben. Sie sollen mich fürchten.“ +„Wer denn, Delvil. Wir werden sie bezwingen. Und gut.“ +„Nein, nicht gut. Das sagst du, nicht ich. Was mir geschehen +ist –“ Delvils Augen blickten starr; Ten Keir erinnerte sich +seiner Worte in Brüssel, wie er die Fäuste hob, auf dem Schemel +saß und stöhnte: „Ich will sie nicht. Aus tiefstem tiefstem +Herzen sage ich dir: ich will sie nicht. Sie sind schon jetzt nicht +mehr da.“ Delvil zwang die Dinge. Er haßte sie. Durch Ten +Keirs Kopf zuckte einen Augenblick der Gedanke: dieser Delvil +hatte selbst etwas von den grauen und grauenhaften Urtieren +an sich. Wie sein Gesicht sich wirklich verändert hatte, seit er +ihn gesehen hatte; die Züge schwer beweglich, tief eingetragen, +die Haut von der Aschfarbe des Betons, zwischen dem er lebte, +die Bewegungen langsam und drängend, kein Zucken; seine +Stimme selbst ohne Modulation. „Es kann mir nicht genug +sein, Ten Keir, daß ich die Lurche besiege. Wir werden sehen, +was die Versuche ergeben. Ich will sie an dem Ort aufsuchen, +wo sie entstehen. Ich gehe ihnen entgegen. Sie werden nicht +leben. Der Boden, der sie geboren hat, wird nicht leben.“ Ten +<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a> +Keir suchte ihm in die Augen zu blicken. Delvil ging weiter: +„Wir werden sehen. Unsere Arme werden wieder frei, Bruder +Ten Keir. Mein ist die Rache, spricht der Herr.“ Er merkte +nicht, daß der Belgier mit gekreuzten Armen unbeweglich dastand. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> im Sommer der Schwall der grönländischen Urtiere +nachließ, war den Helfern Delvils das erste gelungen. Vor +die Südspitze von Skandinavien, Jütland, über die Nordsee, +auf die schottischen Berge südlich des Moray Firth legte man +die neuen Waffen. Das war das Sonderbarste Schrecklichste, +was die Erde bisher gesehen hatte. Man errichtete im Ozean +auf den stärksten Schiffen, im schottischen Gebirge auf dem +tausend Meter hohen Carrin Gorm, dem Meall Thonail, Creay +Meaghaidh, hohe turmartige Gebilde. Von weitem waren es +schlanke Felsen mit unregelmäßigen Auswüchsen. Aber wer +sie lange Zeit beobachtete, bemerkte, daß sie ihre Umrisse veränderten, +hier breiter wurden als da, dort einen Auswuchs +höher trugen als vorher, unten einsanken, in die Höhe sich streckten. +Dunkel waren die Gebilde wie großflockiger Porphyr, +Partien schienen runzlig wie eine Haut, andere warfen die +Lichtstrahlen zurück, glänzten wie Fell. +</p> + +<p> +Auf dem Boden der Schiffe, den Kuppen der schottischen +Berge hatte man diese Unwesen errichtet, mit Hilfe der Turmalinschleier. +Man hatte Steine und Stämme zusammengehäuft +und sich vermählen lassen. Wie sie unter dem Feuer +der Strahlungen ins Wachsen gerieten und bevor sie erloschen, +schüttete man wie auf glimmende Kohlen Schichten Tierleiber +Pflanzen Gräser auf sie. In diesen Boden trug man zuletzt +Menschen ein. Die Biologen und Physiker der Mekifabriken +waren mit den Techniken am lebenden Organismus vertraut; +sie hatten rasch gesehen, die Strahlungen der Schleier stellten +unbändige zuerst gar nicht dosierbare Reizstoffe für die lebende +Substanz dar. Die Trieb- und Wachstumskraft, die in dem +einzelnen geformten Tier- Pflanzen- Steinkörper begrenzt war, +die die Tierkörper reifen, dann aber altern und sterben ließ, +strömte massiv und wie ein Katarakt aus den Gefäßen der +<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a> +Turmalinkristalle und ohne Ende. Man hatte rein in Händen +dieses im Feuer der Erde und Gestirnen hausende Urwesen. +Sie konnten die Nähr- und Reizlösungen entbehren, die noch +Glossing und Marduk für ihre Versuche an Pflanzen und +Bäumen verwandt hatten. Das fürchterlich Zerstörende dieser +Gewalt wurde bei den Versuchen klar: sie zersprengte jeden +Zusammenhang, trieb Teile hervor, unter Vernichtung des +Organismus. Sie war wie eine Flamme gleichgültig gegen +Bewegtes Ruhendes Hartes Weiches. Es gelang in Pflanzen-, +dann in Tierversuchen, die strömende Reizmasse auf die Drüsen +und Strangsysteme zu richten, die den Organismus von sich +aus zum Wachsen bringen. Die Jugend der Organismen +wurde verlängert. Der Körper wurde nicht zerstört. Dann +hatte man Siedler aufgegriffen und zu Menschenversuchen verwandt. +Die Menschen, die man jetzt auf den Stein- und Baumfundamenten +einpflanzte, waren Anhänger der Senate selbst. +Delvil hatte sich angeboten, man hatte ihn zurückgehalten. In +den Scharen, die mit ihm auf die Vernichtungszüge gegen die +britischen Siedler gezogen waren, fanden sich dann genug, die +sich hergaben. +</p> + +<p> +Gerüste wurden auf den Schiffen und Bergen errichtet; +Türme aus lebenden Stoffen gebaut. Zum erstenmal standen +Menschen da auf Gerüsten Galerien Plattformen um die +Fundamente, dirigierten, dosierten Schleierteile, dämpften +mischten arbeiteten das tierische und pflanzliche Leben aus dem +Material heraus. Ihr Entzücken; Ingenieure Biologen Physiker +blickten auf Delvil, der streng gespannt wie immer beobachtete +und wanderte. Er hatte den Skandinavier, der den Urtieren +entronnen war, gefragt, ob er von den Gewölben an +der flandrischen Küste schweigen werde. Dieser Mann, der +verneinte, war auf den Meall Thonail in Schottland geschleppt +worden, in die unterste Masse der Steine und Balken +eingebacken worden: „Es macht dir ja nichts aus“ lächelte den +Mann Delvil an, wie man ihn aufs Gerüst brachte; „du hast +schon einmal unter den Lurchen gelegen. Es wird dich nicht +überraschen. Du lebst selber von Gnaden der Schleier. Du wirst +einem nützlichen Zweck dienen.“ Der langhaarige Skandinavier +<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a> +heulte vor Entsetzen, auf den wuchernden Teig schauend, auf +den rechts und links Moos Erde Bretter geworfen wurde. +„Das geschieht, unser Freund, damit die anderen, die oben +sind, unsere Männer und Frauen, euch verzehren. Willst du +schweigen.“ Dessen Züge waren gequält, aber strahlend frisch +wie vorher: „Wenn ich deinen Turm sehe, Delvil, so preise ich +die Macht der Erde. Du wirst sie nicht besiegen. Ich preise +die große Macht. Ich fühle mich in ihr. Es ist keine Grenze +zwischen ihr und mir. Ich fürchte mich nicht. Ihr werdet mich +auflösen. Laß nur. Ich will dahin.“ Und wie man ihn faßte, +nackt, die Riesenzange aus Kristall ihn unter dem Rippenbogen +packte, über den Teig hielt, sang er dämmernd und lallend +sein Loblied auf die Erde. Dann wucherten seine herabhängenden +Hände und Füße, von der aufdrängenden Bewegung +gefaßt, wulstig klobig in den Teig. Die Zange ließ ihn. Er +stand, fiel auf die Hand. Bog sich, als wolle er sich hochbuckeln, +vom Boden losmachen; aber aus seinem Rücken stachelten die +Wirbelfortsätze; wie eine Tonne wölbte sich sein Brustkorb. In +die Bodenmasse versenkt sein Kopf; Balken, Äste treibend, +schlossen ihn in ihren Filz ein. +</p> + +<p> +Etagenweise wurde der Bau aufgerichtet. Dann wurde der +Turm mit den ausgewählten Menschen, den Anhängern der +Senate, beschickt. Wochenlang dauerte ihr Einpflanzen, das +Zementieren eines einzelnen Menschen. Auf den erlöschenden +Nähr- und Stützteig wurden sie gestellt, die noch armselig +kleinen nackten Mannes- und Frauenkörper auf den knisternden +begierigen Brei. Die Ausläufer und Zacken des Unterturms +senkten sich langsam und immer wieder von den Leitern +gehemmt in die Beine und Arme der Menschenkörper. Je mehr +Ranken und Sprossen des Unterturmes sich an den Körper +legten, mit ihrer Haut verschmolzen, um so stärker trieb man +die Leiber der sich Opfernden auf. Man verständigte sich mit +ihnen: Die Sprache der Opfer wurde schwerfälliger lallend, +dem Wachsen der Zunge entsprechend. Man mußte warten, +bis sich der Körper der Schädel die Kiefer angepaßt hatten. +Man band mächtige Schalltrichter vor die Münder der Opfer; +bald erwies sich, daß man sie nicht benötigte. Die Opfer auch +<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a> +fürchteten, die Trichter würden mit ihnen zusammenwachsen +und rissen sie sich ab. Ihre Stimme dröhnte tief, klang dabei +fern unklar verschollen. Die Errichter der lebenden Türme +mußten alles daran setzen, die Opfer bei Bewußtsein zu erhalten. +Das knochentreibende gehirnweitende Wachstum, wenn +auch langsam mit Nachlaß und Pausen getrieben, gefährdete +immer wieder die Besinnung der Turmmenschen. Sie waren +oft im Begriff, ihren Geist und ihr Menschenwesen aufzugeben +und ins bloße Wuchern und Wachsen einzudämmern. Bis man +wieder ihre Stimme hörte, ihre Augen, deren quellende Lider +zugefallen waren, sich öffneten, trübe fragende Blicke nach den +Galerien gingen, wo die kleinen Menschen des Experiments +standen und winkten, – mit grellen Fahnen, später mit Lichtzeichen, +weil die Turmmenschen nahe und nackte Gegenstände +nicht unterschieden. +</p> + +<p> +Ihre Augäpfel waren größer als ein lebender Mann; sturmartig +blies der Atem aus ihrem Mund, den sie offen hielten, +als wenn sie schrien. Die Kiefer waren ihnen im Anfang +zu schwer und hingen. Wenig und selten wurde Nahrung in +ihren Mund, über die hängenden Kiefer gefahren und gestürzt; +die Riesenwesen, mühselig gurgelnd und schluckend, wurzelten +in dem Tier- und Pflanzenboden. Ihre Beine waren von den +Hüftgelenken, dem Becken an knollig versteift; breit standen +die Beine, verbreiterten sich massig nach abwärts, gingen in +Stränge aufgelöst, ihren Fleischcharakter verlierend, in die Bodenmasse +über. Von da strömten Säfte und Nährmassen in ihren +Leib. Durch ihre Bauchdecken, in die Weichen wucherten Baumstämme +und Tierrümpfe in sie, breiteten sich in dem Gekröse +aus, brachen in die Därme ein, verlöteten mit ihnen. Tierblut, +Pflanzensäfte ergossen sie in die Därme, die sich langsam +hoben senkten, wurmartig zusammenzogen und streckten. Dies +war die Bewegung, die man in halber Höhe der Menschentürme +sah: das langsame Hin und Her der Därme, die sich versteiften +hoben und ihren Krampf lösend wieder herunterstiegen. Mit +sich zogen sie jedesmal den schwankenden lockeren Abhang an +sich, den aufklimmenden Wald, die hingedehnten, aus dem +Wald sprießenden Tierleiber: die übergroßen Pferde, die +<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a> +aufrecht standen, die Vorderbeine in den Leib des Tiermenschen +vergraben, mit ihren Hälsen sich aus seinem Leib windend und +bewußtlos an den Blättern, dem weichen Baumholz kauend. +Die Rinder, die aus der Bauchhöhle des Menschenriesen zu +springen schienen, ganz wie wollüstig im Freßdrang in die +Gräser des Waldbodens unten gewühlt; aber ihre Körper bogen +sie nach hinten hoch auf; was sie fraßen, fraßen sie nicht für +sich; ihre Hüften und Hinterschenkel sah man nicht mehr; sie +waren im Bauch der Turmmenschen verschwunden und mit +ihm verbacken. Sie waren mahlende Rinder und ein Mund, +den der Riese über ihnen öffnete, eine Röhre aus der er sog. +Die Hoden der Männer verschmolzen mit Baumwipfeln und +Blüten; die strömten ihren Saft in die runden Körper, die sie +wie Beeren trugen. Oft sah man die Riesen unter der Überfülle +der Säfte sich biegen, stöhnen und ihren Samen vergießen. +Immer wieder dämpften die Leiter die gefährlichen +traumhaft ausfahrenden Bewegungen. Über die nackte Haut +der Rümpfe, die erstarren konnte, warf man Hühner Schwäne. +Schafe mit dicker Wolle breitete man über die Arme. Man +wagte es an einer skandinavischen Insel, zwei starkmähnige +Löwen, die an der afrikanischen Nordküste gefangen waren, +aus Käfigen lebend auf die Schultern des Turmmenschen springen +zu lassen. Sie bissen sich, krallten sich, während der Riese – +es war einstmals Quick Baker, ein Sohn der Siedlerin White +Baker – zwinkerte, an seinem Hals fest. Das war der Ort, +den man ihnen zugedacht hatte, den sie decken sollten. Sie +zogen die Zähne nicht mehr aus der bluttriefenden Haut. Die +Tatzen ließen sie los; aber schlaff hingen die gelben Körper +über dem rotüberrieselten Nacken; ihr Fell schmiegte sich an +den Riesen; ihre Beine waren nur Wülste auf der Menschenhaut. +Über ihnen pulsierte der meterhohe Kopf des Turmwesens, +von langen buschigen Haaren überschaukelt. Dumpfe +fast stumme Wesen, unbeweglich luftschnaufend waren sie. +Unendlich träge ihre Bewegungen. Nach Menschenart die Bildungen +des Mundes der Nase der Ohren, aber verstrichen wie +mit Stein und Holz gemauert. Das Blut der Steine und +Pflanzen wallte auch in ihnen. +</p> + +<p> +<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a> +Man hatte, als man die Türme errichtet, die Gerüste abgebrochen +hatte, auf den Schiffen, die eigentlich verankerte +Flöße waren, noch nötig, das Meerwasser durch die untersten +Steinmassen aus Röhren laufen zu lassen, von Zeit zu Zeit +neue Erde und Pflanzenhaufen über den Fuß des Turmes zu +schaufeln. Dann konnte man den Riesenmenschen sich, dem +Wind, dem Regen, der Wärme Kälte überlassen. Die Wesen +auf den Bergspitzen Schottlands speiste man mit Quellen. +</p> + +<p> +Eine Zahl dieser Türme wurde schon während des Baus +von den Untieren vernichtet. Die Gründung der Seetürme +nahm man dann an versteckten Stellen der Irischen See vor. +Fast hundert stellte man her, dann noch zweihundert. Die +schleppte man nach Norden vor die schottische Küste. In ihrem +Rücken, unter ihrem Schutz vollendete man den Bau der Bergtürme. +Eine Verteidigungslinie wurde mit den Giganten vom +Sognefjord nach Süden um die jütische Küste über die Nordsee +zu den Britischen Inseln gezogen. Im Ozean, auf den Gebirgen +standen die Menschentürme. Ihre Arme hingen schlaff +herab. Vor der Brust, die man geschützt hatte, trugen sie lose +weiße Netze bis herab zum Nabel; das war ein Stück des Turmalinschleiers. +Und wie die Lurche, die Riesenvögel mit den +bezahnten Kiefern, die schwimmenden Drachen, wandernden +Gallerten sich ihnen näherten, fühlten sie sich von den Menschentürmen +gelockt. Wonne ging von dem Schleier aus. Was im +Umkreis an gejagtem und verendendem grönländischen Getier +sich bewegte, drängte auf sie, lechzte gegen das Floß, schob +sich schnuppernd schlurfend gegen die Brust des Menschenturms. +Von der Seite zuckten rascher und rascher die Arme des menschlichen +Gebäudes vor. Die trüben Augen oben zwinkerten, die +Stirnen legten sich in finstere Querfalten. Da konnten die +Arme die Lurche Vögel Quallen Gallerten fassen. Hungrig +war immer das Turmwesen. Dumpf stöhnte es. Quetschte +mit der Kante des Ellbogens das anklimmende Tier. Das Maul +sperrte es. Der Kopf bog sich herunter. Das japsende Tier +zergriffen zerpflückten die Finger, die Hände wühlten in dem +Sud, stopften triefende Stücke in den Abgrund des Rachens, +der dampfte. Und die Lippen Wangen Halswampen zitterten +<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a> +dem Unwesen, dem Menschenbaum, als wollte es lachen. Seine +Augen schloß und öffnete es rasch einigemal. +</p> + +<p> +Der Turm in den Bergen schmetterte die Lurche, die gierigen +Drachen unter sich. Unten wuchs sein Boden, neue Säfte +stiegen in ihm auf; er zwinkerte, das Wasser troff aus seinem +Mund. Traurig dumpf brüllte das Wesen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ehr</span> eng und fest schlossen sich unter dem Unheil in den +Stadtschaften die Menschen zusammen. Die Senate, schon +während der Grönlandexpedition sehr auf der Hut und fast +Bündnissen genähert, machten sich keine Sorge mehr um die +Menschen. Die Stadtschaften waren ihnen gleichgültig. Sie +waren kindisch gewesen, daß sie sich um das Auslaufen der +Städte, um die Siedler bekümmert hatten. Angst, daß die +Menschen über sie fallen würden, kannten die Senate nicht +mehr. Sie waren bis auf die Zähne bewaffnet, die Maschinen +konnten nur sie bauen; die Anlage, den Sinn, die Bedienung +der feinen Apparate, der Elementumsetzer Kraftverwandler +Kraftspeicher kannten nur die Männer und Frauen ihres +Kreises; sie konnten die Mekifabriken still legen und alle verhungern +lassen. Und nun ragten die Menschentürme! +</p> + +<p> +Wegweiser der Senate war der gigantische haßgetragene +Delvil. In London Brüssel Paris Lyon Hamburg Christiania +Kopenhagen standen die Senate: „Laßt sie verkommen, die +Stadtschaften. Machen wir uns Platz.“ Die Ereignisse vor +der Grönlandexpedition hatten schon an den Senaten wie an +einem Sieb geschüttelt. Jetzt fielen die letzten schwankenden +nieder. Sicherheitskonvente nannten sich die Senate. Die +Worte, die sie gebrauchten, waren die alten: „Errettung der +Stadtschaften“, aber sie waren jetzt nicht mehr passiv für ihre +eigene Sache wie vor der Expedition. Escoyez in Barcelona +sagte: „Autonom sind wir. Niemandes Diener. Niemandes +Sachwalter. Wer in unserem Schatten ruhen will, gut. Wer +nicht, nicht. Wer die Macht hat, hat die Freiheit. Wir haben +die Freiheit. Wir wissen, wem wir Verantwortung schulden. +Niemand wird uns bewegen, anderen Zwecken zu dienen als +<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a> +unseren. Verrucht ist, wer etwas anderes mit uns vorhat.“ +Wie in längst vergangenen Jahrhunderten gingen Mitglieder +der Senate verschleiert und unsichtbar unter den Menschen der +Stadtschaften. Was Delvil nördlich Londons im großen übte, +das Verjagen und Vernichten der Siedlertruppen, wurde im +kleinen überall geübt. Die einzelnen Männer und Frauen in +den Senaten waren von großer Wildheit Raschheit. Es gab +Spannungen unter ihnen; man wußte auch, daß eine kleine +Gruppe hinter Ten Keir stand, der von Delvil an die Wand +gedrückt wurde, – hinter Ten Keir, der den alten Weg der +Ausbreitung der Stadtschaften gehen wollte. Aber die neue +revolutionäre Schicht der Herrengeschlechter ließ ihn nicht aufkommen. +</p> + +<p> +Von dem Boden unter die Erde wurden die Massen der +westlichen Stadtschaften getrieben; unter der Erde konnte sich +die ganze und alleinige Kraft der Herren entwickeln. Nachdem +die Fliehenden die einfachen Wohnsitze vorläufig unter den +Boden verlegt hatten, legten die Herren, stolz und freudig, +Fabriken Apparate Waffen unter die Erde. Die Mekifabriken +waren in Hamburg und Christiania von Bestien vernichtet +worden: das war das Stichwort, alles an Anlagen unter die +Erde zu werfen. Jubel der Herren überall, wo dies geschah; +man konnte zeigen, was man war. +</p> + +<p> +In die Erde wühlten sich die Menschenmassen ein, vor den +verderbenden Untieren und getreten von den stolzen Männern +und Männinnen. Wie ein Baum, ein Wald mit den Wurzeln +nach oben wuchsen die Städte in die Tiefe. Meterdicke Beton- +und Felsplatten bedeckten die Stellen der früheren Plätze und +Straßen, oder sie lagen wüst. Als die Mekifabriken vor Jahrhunderten +aufkamen, hatte man Äcker und Wälder verlassen, +sie ihrer menschenlosen Wildnis zurückgegeben, sich in den Stadtreichen +zusammengezogen; wie Fliegen an der Honigstange +hingen die Menschen an den Apparaten. Jetzt gab man noch +den Platz der Stadtschaften frei. Wohnte, wie man konnte, +nicht wie ein Ameisenhaufen, der sich nach dem Boden richtet. +Man konnte die Erde aufreißen, schuf Stück für Stück von dem, +was man brauchte, mit eigener Hand. Nistete sich in die Erde +<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a> +ein wie eine Käferfamilie in tiefer Baumborke; wühlte sich +tiefer und tiefer ein. +</p> + +<p> +Einige Monate nach den ersten betäubenden Überfällen war, +getrieben von den Racheausbrüchen Delvils, der nächst dem +Kanal gelegene Teil Londons, die Gegenden Colchester +Ipswich, später die südlichen Vorstädte Hastings Ramsgate +Dover von der Erdoberfläche verschwunden, auf der sie viele +Jahrhunderte gestanden hatte. Zwischen den gesprengten Häusern +bewegten sich die Wildnis und der Wald. Die Betonplatten +ließ man frei liegen unter dem Licht; Moos und +grüne Flechten überzogen sie. In den Platten waren verdeckte +Öffnungen gelassen für Luft und die Einfuhr der Rohstoffe. +Zwischen die wechselnden Schichten der Erde trieb man Schächte +wie in ein Bergwerk. Man baute an einem Korallenstock. Von +vielen Stellen zugleich stieß man vor, dann berührte man sich +in der Tiefe. Die Sande Schotter des Alluvium und Diluvium +durchsetzte man; tiefliegendes Grundwasser drängte man ab, +in die Lagen undurchlässigen Tons schnitt man sich ein. Ruhig +gewaltig dehnten sich abgrundtief unter der Erde die neuen +Städte mit den Menschen, das Lebendige von London Oxford +Reading Colchester Hastings Ramsgate Luton Hartford +Aldershot. In den Boden eines alten abgeschwemmten Meeres +ließen sie sich herunter, zwischen Mergel und Kalke, rumorend +zwischen den stummen Resten der dünnschaligen Muscheln einer +vergangenen Erdperiode, den Trümmern jahrtausendalter +Kopffüßler. Sie bogen Erdwände auseinander, wo einmal +mit der Hochflut Myriaden Flügelschnecken, Generation auf +Generation, gespielt hatten, kristallklare Wesen mit starken +Ruderfüßen, die sie beim Schwimmen durch das schäumende +Wasser wie Flügel auf und ab bewegten. +</p> + +<p> +Als Stockwerk auf Stockwerk in die Tonmassen gestoßen +waren, immer größere Höhlen aufgerissen, die Erdmassen, gesprengten +Felsen zwischen den oberirdischen Häuserreihen zu +Schutthalden aufgestapelt, hatte niemand mehr ein Furchtgefühl. +Sie flohen nicht vor den Urtieren. Sie waren auf einer +neuen gewaltigen Expedition. Die Senate riefen: „Von der +Erde weg“ und sie gruben sich wonnig ein; das Wunder des +<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a> +menschlichen Könnens, das die Grönlandfahrer erlebt hatten, +erlebten sie jetzt selbst. +</p> + +<p> +Noch einmal übten damals die westlichen Stadtschaften +Europas ihre ungeheure Saugkraft aus. Das von Furcht eingeleitete, +von Rachegefühl befeuerte Vorgehen der Westlichen +faszinierte die anwohnenden Menschenmassen. Man hatte nicht +mehr daran gedacht, Rücksicht auf die Siedler zu nehmen; +keine Wirkung hatte man mit der großen Polarexpedition erzielt. +Jetzt, im Haß gegen die Siedler gekehrt, verführte man +sie. Von Westen und Norden waren Menschen auf der Flucht +vor den anwandernden sterbenden Tierscharen, vor der Tierlava, +die der grönländische Vulkan um sich schüttete. Zugleich +wallten Massen von Süden und Osten an die Küsten, Haß, +heiße Freude über das Verderben der stolzen Stadtschaften in +ihnen, dann die Lust, den Kampf zu sehen. Aber zuletzt wurden +sie betört, selber eingestrudelt. Die Riesenstädte, vor die sie +kamen, waren wie von Bränden Erderschütterungen zerwühlt. +Die schrecklichen, sich über sie erhebenden zusammengewachsenen +Reste der Leiber von Urtieren Häuserbalken Wäldern +Menschen, die verfaulenden Stadtteile, ein einsinkender Morast +von Verwesung, der seine grünschwärzliche Brühe, ammoniakalischen +und schwefeldunstenden Wust durch leere Straßen +rieseln ließ. Auf diesen schwärzlichen kilometerlangen haushohen +Morasten, die absanken, wie Gletscher troffen, ihre Lachen +vergossen, hockten schwarze Schwärme von Raben ein, geschwollene +starke Tiere. Weit hörten die aufziehenden Menschen +das Geschrei der nistenden Vogelvölker. Die Menschen, die +von Süden heraufzogen, glaubten Gas Rauch zu sehen; wie +sie sich näherten, wirbelten die Vögel auf, die sich mästeten. +Die Urtiere, über den Stadtlandschaften der Nordseeküste, der +Ostsee, des westlichen Frankreichs und Deutschlands liegend +und zerfallend, hatten über die Häuser Anlagen Plätze den +grünbraunen quellenden Boden eines Sumpfes getragen. Sie +hatten, sich bewegend wachsend zerschnitten und auseinanderrollend, +Häuser Erde und Lebendiges ineinander gemahlen; +ein neuer Boden war gebildet; der Wind rührte schon daran, +Waldtiere rückten gegen ihn vor. Ein Schwall östlicher Menschen +<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a> +trieb über die deutsche Tiefebene hin; durch Süddeutschland +bewegten sie sich, die starkbewehrte Mark berührten sie +und lösten Menschen aus den Hordenverbänden. Asiaten waren +unter ihnen, Mischlinge aus den russischen Steppen. Sie setzten +sich auf die Trümmer der alten Städte. Fuhren in die +Schächte ein. +</p> + +<p> +Erst waren die Mekifabriken unter die Erde gestiegen neben +die großen Laboratorien, die man schon seit langen Jahrzehnten +in die Erde geschoben hatte. Die Apparate Fabriken folgten. +Zuletzt kamen die Menschenmassen, die sich eine Weile +in vorläufigen Betonhöhlen versteckt hatten oder nach Osten +geflohen waren. +</p> + +<p> +Sie waren abgetrennt von dem Himmel. In diesen meilenweiten +warmen Bezirken in der Erdrinde gab es nicht Tag +und Nacht. Keine Vögel sangen; Gräser Pflanzen Bäume +wuchsen nicht. Man hatte keinen Schnee, keinen Hagel Regen +Wind. Die Jahreszeiten wechselten nicht. Betonplatten sperrten +die seitlich und von oben andrängenden Erdmassen zurück. +In den Buchten Gewölben, den meilenweiten Gängen die +Häuser Fabriken Plätze Alleen. Die Schächte und Höhlen +waren in die Erde gebrannt. Den Sauerstoff der Luft stellten +sie mit Maschinen her, trieben ihn in diese Gänge und Schluchten, +die wie Blasen in der Erde waren. Das Wasser der Themse +zwangen die Londoner in ihre Gruft herunterzusteigen; durch +die Alleen ließen sie den Fluß ziehen, Brücken schlugen sie über +ihn. In großem Bogen wand sich der Fluß durch die Betonstadt +in dem Bett, das man ihm gezogen hatte. Zuletzt ließ +man ihn anschwellen; er stürzte eine Betonwand herunter in +ein Tal, das nicht ausgekleidet war. In diese Ton- und Kalkmassen +sickerte er ein, konnte nicht zurückschlagen; seine schäumenden, +immer wieder polternden Reste wurden um die Stadtanlagen +im Kreis herumgeführt, bis sie sich in Sand und +Schotter erschöpften. +</p> + +<p> +Das Sonnenlicht kam nicht herunter. Aber die starken Londoner +ließen es herabsteigen. Da stand der glühende Gasball, +die Sonne, in abenteuerlicher Ferne im Äther, das gelbweiße +Flammenmeer, das mit dem Eis des Äthers kämpfte; die +<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a> +Menschen auf der britischen Insel fingen sein Licht zum Hohn +in Spiegeln auf, warfen es in die Tiefe über die lachenden +herumvagierenden Massen. Da war es dünn bleich blutlos +wie Mondschein am Tage, starb neben dem weißen brillierenden +farbenspritzenden Lichtgewoge an den Decken der Gewölbe. +</p> + +<p> +In die Felslager der großen Tiefe nahe dem Meer, an der +Südküste im Gebiet der South Downs, öffnete man weite +Hallen für Vergnügungen. In diesen Steinhöhlen wuchs die +Messingstadt, so genannt nach dem Behang der Häuser Theater. +Im Dunkel lagen große Teile dieser Stadt; mit Riesenscheinwerfern +erhellte man sie. Der Ort hatte seine eigene +Polizei wegen der außerordentlichen Zahl Verbrechen, die hier +Tag um Tag verübt wurden. Hierhin fluteten dauernd Massen. +Berüchtigt war besonders bei den Siedlern dieser Ort, der die +Menschen verführte. Aber auch die Senate, so gleichgültig +ihnen das Einzelschicksal war, sahen sich veranlaßt, von ihren +Waffen an die Polizei der Messingstadt abzugeben, weil hier +das Chaos drohte. Die Menschen der westlichen Rassen, die +in die Erdstädte einströmten, waren bald von einer unerhörten +Hitzigkeit. Sie lagen nicht mehr schlaff herum; die Wildheit +und Spannung der Senate schien auch auf sie geflossen zu sein. +Die fremden begierigen Haufen vermehrten die Erregung. In +den Vergnügungsbauten und Gewölben, in denen Männer +und Frauen umgingen, kam es zu strudelnden Kämpfen. Die +Vergnügungen, die die Menschen sich boten, genügten ihnen +nicht; Kampf war eine Steigerung. Die Männer des Senats +mußten eingreifen; mit kleinen elektrisch geladenen Stäbchen +schlugen sie im Gedränge auf die Hände Stirnen Ohren der +Kämpfenden, betäubten sie. Oder machten sich mit ihren Silberreifen +Platz. Auf einen starken Druck der geballten Faust +schoß aus dem silbernen Fingerreif eine zungenartige Spitze, +nicht länger als ein Nagelglied. Die Spitze war ein durchbohrtes +Röhrchen, eine Kanüle. Die stießen sie während des +Ringens dem Gegner in eine beliebige Stelle seines Leibes, +Brust Schenkel Hals, lähmten ihn mit dem Tropfen, den die +Kanüle entleerte. Zogen sie den Ring nicht rasch zurück, so +töteten sie den Gegner mit einem Stich. Sonst erwachte der +<a id="page-491" class="pagenum" title="491"></a> +Betäubte nach Tagen, kam aber nicht mehr zum vollen Gebrauch +seiner Glieder; der gestochene Arm blieb lahm, die getroffene +Brust wurde kurzatmig. Die Polizisten waren mehr +gefürchtet als die Senatoren, die nur ab und zu unsichtbar erschienen, +sich nie einmischten, nur beobachteten. Man sagte, +diese Männer und Frauen des Senats erschienen in der Messingstadt, +um die Leidenschaften zu erregen, ihre Polizisten zu gefährden +und sich an den Kämpfen zu delektieren. +</p> + +<p> +In der Messingstadt war die große Arena Londons. Man +führte Stier- und Löwenkämpfe ein. Bisweilen wurden auch +von unsichtbaren Händen über die Zuschauer Menschen in die +Arena geworfen, zum wonnigen Entsetzen der Zuschauer. Es +hieß, dies seien Verbrecher oder Attentäter auf Senate; man +erfuhr nie Sicheres, weil kein Mensch die Arena lebend verließ. +Die Tierkämpfe fanden immer in völliger Dunkelheit statt. In +völliger Finsternis ließ man die Stiere in die Arena, über die +gelegentlich ein Licht huschte. Das starke Tier aber war blendend +hell. Blendend hell stürmte es, sich selbst leuchtend, in +den schwarzen Raum. Stirn Nacken Beine waren mit einem +besonderen Lichtgemisch bestrichen. Das war ein Stoff, dessen +sich Schauspieler bedienten und von dem man ein wunderbares +Gerede machte. Der Stoff, sehr verschieden von dem Lichtgemisch, +welches die Leuchtfarben der Wände und der ganzen +Erdstädte erzeugte, übertrug sich leicht, blieb an Fingern Kleidern +hängen. Mit Stillschweigen und Angst saßen die Zuschauer. +Die tierischen Körper liefen leuchtend durch den Raum, +der unter ihren Tritten phosphoreszierend aufdämmerte. Die +Erinnerung an Geschichten, die man sich zutrug, wurde in den +Massen wach. Von einem belgischen ehemaligen Siedler wußte +man, der sich Ibis nannte und nach der britischen Erdstadt London +sich hatte locken lassen. +</p> + +<p> +Der war mit einer jungen Frau gekommen, Laponie, die +er einem andern entrissen hatte. Sie war wie er lustvoll in +die unterirdische Stadtschaft gestürzt, hatte von dem Lichtgemisch +gehört, das die Schauspieler auf den Bühnen verwandten. +Und hatte sich’s verschafft. Sie strich es sich nicht +auf das Gesicht und die Hände wie der Schauspieler, dem sie +<a id="page-492" class="pagenum" title="492"></a> +es abgekost hatte. Sondern auf die Spitzen ihrer Brüste und +über ihre geheimen Organe. Wollte ihren Mann berauschen. +Und wie es Nacht war und er sich ihr nähern wollte im finsteren +Zimmer, wich sie ihm aus und hatte ihre Freude, wie sie sein +Entzücken sah und hörte und fühlte. Wie er nicht ihr nachstürzte +und nicht sie sah, sondern immer nur den Schein ihrer Brüste +und das Flimmern um ihre geheimen Organe. Sie ließ ihn +nicht gar zu stürmisch an sich, damit nicht sein Gesicht von dem +Lichtgemisch empfinge. Aber dann lag er und sie; und sie +schliefen in einer unendlich wohligen Heiterkeit. Ibis aber trug +an seinen Lustorganen den Stoff mit sich fort. +</p> + +<p> +Er war ein üppiger blonder Flame, der sich seiner neuen Kraft +nicht genug freuen konnte. Mußte sie zu anderen Weibern +tragen, denen er verheimlichte, von wo er sie hatte. Sie kamen +mit der liebenden Laponie zusammen, sprachen nicht von Ibis, +aber ihr Geheimnis behielten sie nicht. Da wurde Laponie +von Eifersucht geplagt. Sie suchte das Gemisch von ihren +Schamlippen zu entfernen, von ihren Brüsten; es gelang ihr +nicht, so verzweifelt sie sich wusch und rieb. Und wie sich Ibis +ihr nachts näherte, wollte sie sich verdecken verstecken. Er sah +sie aber, sah ihre geheimen Organe und Brüste. Sie lief aus +der Stube, in die finstere Straße. Und da sahen die Männer +und Frauen die beiden laufen, Mann und Frau, aber nicht +Mann und Frau, sondern hintereinander, bald getrennt, bald +dicht zusammen, schimmernd die Muschel eines Weibes und +Rute und Behang eines Mannes, zitternd, im Kreis herumlaufend. +Laponie sah nur Ibis, wenn sie sich umdrehte und +dachte nicht an ihre Scham, er sah nur sie und dachte nicht an +seine. Sie flog in ihr Haus zurück, wollte ihm zürnen. Aber wie +sie im Finstern so dastanden, lachte sie; sie konnte ihm nicht +zürnen. Er merkte nur auf ihr Lachen. Sie fielen sich in +die Arme. +</p> + +<p> +Aber doch war etwas in der Seele der zarten Laponie stecken +geblieben. Sie mochte ihren schimmernden Schmuck nicht mehr, +ruhte nicht, bis sie von dem Schauspieler, der ihr für zehn Küsse +das Licht geschenkt hatte, das Wasser erhielt, mit dem man es +auslöschen konnte. Stolz lockte sie im Dunkel den kecken Ibis, +<a id="page-493" class="pagenum" title="493"></a> +der verblüfft sich drehte, sie nicht fand. Sie aber kicherte, schlug +mit einem Stöckchen auf seine leuchtenden Geheimnisse, daß er +schrie. Und wie ein Kobold lief sie um ihn, prügelte ihn klatschend. +Er wollte sie fassen, um sie an sich zu drücken, diese Nacht +und viele folgende. Aber sie hielt sich tapfer, ließ ihn die Schläge +ihrer Eifersucht fühlen. Bis der Schauspieler, zu dem sie gern +ging und dem sie ihr Leid klagte, ihr gute Worte gab und im +Lauf der Unterhaltung ihr selbst wieder das Licht ansteckte. Zu +Hause erst merkte sie, wie sie ihr Zimmer verfinsterte und den +schönen Tag bedachte, was sie mitgebracht hatte. Konnte nicht +zurücklaufen, um den Schauspieler, den schlimmen, um das +grüne Salzwasser zu bitten; Ibis war schon im Haus. Da legte +sie sich stracks in ihr Bett, ließ an sich leuchten, was leuchten +wollte. Ibis polterte draußen, öffnete die Tür. Sie lag starr, +hielt den Atem an; jetzt würde er es sehen. Und er sah es. Stand +an der Tür, klatschte in die Hände: „Da bist du ja, Laponie. Da +seh ich dich. Endlich.“ „Nein, ich bin nicht für dich da.“ „Für +wen ist denn das, süße Laponie. Und warum diesmal nur die +Muschel, die kleine Muschel? Warum nicht auch die Knospen +an der Brust?“ „Es ist nicht für dich. Ich habe mich – gerächt.“ +„Was für Rache! Laponie, du leuchtest. Wenn du +mich prügelst, das ist schlimm.“ +</p> + +<p> +Und er hatte sie schon, die zappelte, gepackt. Sie warf sich +einen Augenblick widerspenstig, weil er nicht zürnen wollte, auf +die Seite, aber bald brannten sie zusammen. +</p> + +<p> +Und es gelang ihr nicht ernst zu bleiben, wenn sie ihn abends +anleuchten sah. Ja, sie bemerkte, daß sie fröhlich und fröhlicher +wurde. Und auch er wurde von Tag zu Tag fröhlicher. Sie +verbargen sich voreinander. Ibis sagte zu Laponie: „Wir lieben +uns zu sehr. Wir müssen uns eine kleine Zeit trennen.“ Sie +hielten es nur ein paar Tage aus. Sie wußten nicht, daß der +Lichtstoff sie lustig und lustiger machte. Eine himmlische Fröhlichkeit +erfüllte beide. Und so erging es den Frauen, die Ibis +berührt hatte, und die sich nicht mit dem grünen Wasser wuschen. +Sie konnten sich in ihrer Fröhlichkeit nicht lange behaupten. +Fünf Monate, und dann lebte er nicht mehr und sie nicht mehr. +Und all die Zahllosen, die sich von dem Lichtgemisch nicht +<a id="page-494" class="pagenum" title="494"></a> +getrennt hatten, die Mädchen die Schauspieler die Giftschlucker +waren hingegangen. Das Flimmern Glimmen Glühen der bestrichenen +Organe ließ nach, die Spannung verblieb. Und während +die Menschen gelb und unsicher wurden, wurden sie ausgelassen. +Trieben Possen von morgens bis abends. Es kam zur +Tanzwut und Liebesraserei. Und wenn diese Menschen, das +wußte man, anfingen zu tanzen und den Schemel unter sich nicht +ertrugen, dann war ihr Ende nahe. Im wörtlichen Sinne tanzten +sie ins Grab, in das Grab, das sie sich oft in Übermut selbst +hatten schütten und schmücken lassen. Man warf die Toten +damals aus der Erdstadt auf die Oberfläche zwischen die Schuttmassen. +Diesen Tanzenden wählte man in einer besonderen Ergriffenheit +in der Unterstadt einen Platz; es war ja fast ein Spiel, +was da ablief. Es schien, als ob sie im Tanz die letzte Spur des +Lichtstoffs verbrauchten. Nach einer Stunde Raserei, allein oder +zu zweien –, so endeten Ibis und die Laponie –, konnten sie +hineinstürzen, glücklich schreiend, und schon lagen sie ganz still, +ohne Farbe fast ohne Fleisch. Und die Leute, die herumstanden, +konnten staunen, welches Nichts diese wilden Bewegungen +ausgeführt hatte. Nur bei einzelnen verschwand das Licht +nicht völlig. Man sah über ihren Gräbern in der tiefen Finsternis +ein zartes Leuchten. Besonders bei denen erschien es, die sehr +früh verstorben waren. Da war auch der Fliederduft deutlich, +der sich immer bei dem Licht fand; die Toten spendeten noch +Heiterkeit um sich. +</p> + +<p> +Im Zirkus sah man, in der ganz finsteren Arena, die Stiere +stürmen, Menschen, Männer und Weiber mit ihnen kämpfen. +Blut spritzte aus dem Nacken, den Flanken der Stiere. Es war +ein Feuerwerk, ein brennender Strahl. Man sah das Eindringen +des Lichtstoffs in den Leib, seine innige Vermischung mit dem +Blut. Die Kämpfer und Kämpferinnen suchten dem Strahl zu +entgehen, um im Dunkel zu bleiben. Übergoß sie der Stier oder +geiferte sie an, so waren sie geliefert und nur die anderen +konnten ihnen helfen. Nicht das Einwühlen in den Sand half +ihnen: sie strahlten das hellste Licht. Waren dazu selbst geblendet, +tappten in der Sonnenflut um sich herum. Sie waren das +Gaudium des Zirkus, aus Kämpfern zu Clowns geworden. +<a id="page-495" class="pagenum" title="495"></a> +Und es lag ganz in der Hand der Mitspieler, wie das Spiel +weiter geführt wurde. Verloren waren in jedem Fall die +Übersprühten. So trieben sie im Finstern mit dem Stier und +dem strahlenden Mann, der strahlenden Frau ihr Spiel. Es +war ihre Geschicklichkeit, das Spiel lang abwechslungsreich +spaßhaft und spannend hinzuziehen und nach Laune zu beenden +mit Niederrennen des Menschen oder zum brüllenden +Gelächter des Zirkus mit Abstechen des Stiers kurz vor seinem +Ziel. Das Hänseln der überlebenden strahlenden Menschen, der +Glühwürmer, folgte nach, die sich nicht zurechtfanden und zwischen +Trauer und der schon anbrechenden Heiterkeit schwankten. +Es gab keine Zirkusvorstellung, wo nicht die lustigen Glühwürmer +sich zeigen mußten, die von früheren Kämpfen übrig geblieben +waren. Mit ihnen verfuhr man später, als man jede +Furcht abgelegt hatte, toll und unmenschlich; die Glühwürmer +selbst ließen mit sich tun. Es gab eine Zeit, wo in der Londoner +Messingstadt der Weg zum Zirkus und der Zirkus vor dem Beginn +nicht von den Riesenscheinwerfern beleuchtet wurde. Die +glühenden Männer und Frauen, die lebendigen Lämpchen ließ +man zucken tanzen locken; wie mit Kerzen war der ganze Umfang +des Zirkus durch sie illuminiert. +</p> + +<p> +Bei den Massen, die in die Ton- Kalk- Mergelschichten, in die +Felslager der britischen Inseln einströmten, war die Erinnerung +an die Grönlandexpedition nicht verraucht. Aber kein Gefühl +einer Niederlage lebte mehr in ihnen. Als die Urtiere über sie +fielen, hatten sie geschauert. Dann tobte schon der eisige Delvil +unter ihnen; sie wurden unter die Erde getrieben, von jedem +Schwächegefühl befreit, als sichtbar vor ihnen die Turmmenschen +errichtet wurden, die Flotte der Turmmenschen an der +Südküste entlang den Kanal herauf nach Norden fuhr. So tief +verachtet waren die Siedler noch nie. Delvil hatte wahr zu Ten +Keir gesprochen: die Sache der Marduks und Siedler war grausam +geschlagen. +</p> + +<p> +Mit London hatte es begonnen. Mit Brüssel Hamburg ging +es weiter. Stadtschaft um Stadtschaft verlegte ihre Anlagen +unter die Erde. Die Menschen folgten. Kleine Kolonien blieben +auf der Oberwelt zurück. Grenzenloser Stolz trieb die Ingenieure; +<a id="page-496" class="pagenum" title="496"></a> +in grenzenlosem Stolz tauchten die Menschen hinab. Hier +hatten in den Anlagen bei dem Herabstoßen und Ausbreiten +neuer Stollen und Schächte mehr Menschen zu arbeiten als +auf der Oberwelt. Die Maschinen für Sauerstofferzeugung und +Luftreinigung, für die Beleuchtung erforderten bei der Ausdehnung +der unterirdischen Gebiete zahllose Menschen. Aber +sie wurden mit vielen Lüsten bezahlt. Die Anlagen für die +Physiker Techniker Biologen breiteten sich in abseits gelegenen +Gebieten, den erdnächsten, bald über das Areal einer kleinen +Stadt aus. Hochmütig zornmütig wie nie waren diese Männer +und Frauen der Wissenschaft. Sie hatten die letzte Scham abgelegt. +Die Massen wußten das; doch gaben sie sich an alle +Dinge hin, die diese Herren ihnen boten. +</p> + +<p> +In London, wo die Glühwürmchen aufgekommen waren, +traten zuerst Menschen verschiedener Rassen auf, die sich den +Herren und Herrinnen in den Anlagen als Sklaven, Leibeigene, +anboten. Die Senate brauchten für die Mekifabriken und viele +Versuchseinrichtungen Menschen, die sie immer unsichtbar sich +aus den Siedlungen oder Städten selbst holten. Jetzt aber gaben +Männer und Frauen von selbst jede Verfügung über sich auf. +Sie waren in dem gepeitschten Zustand und der rauschartigen +Gehobenheit der meisten in diesen Erdschichten. Sie wollten +nur noch tieferen Rausch und wußten nicht, was mit sich anfangen. +Es kamen auch schlaffe und leise Wesen vor die Häuser +und an die Türen der Senatoren. Diese brauchten dieselben +Worte wie die andern; aber man sah: sie waren hereingeirrt, +hatten an vielem teilgenommen, weigerten sich an mehr teilzunehmen, +liefen an die Schlachtbank. Hilflos sahen diese sonderbaren +Menschen, besonders Weiße des Kontinents, aus. Die +Männer in den Anlagen hörten sie an, ließen ihnen Ketten an +die Füße legen und sie entfernen. Das waren Bösartige, man +sah es; sie ließen sich nur in Verzweiflung und aus Widerwillen +gegen ihre Ohnmacht versklaven. Wie in der Zeit vor dem +Uralischen Krieg die Selbstmordepidemie kam hier der Verknechtungswahn +auf. Auf Plätzen der Stadtschaften unter der +Erde standen Tag um Tag kleine Menschenhaufen an Stellen, +die man bald kannte und die diese Menschen selbst abzäunten. +<a id="page-497" class="pagenum" title="497"></a> +Dies waren die Männer und Frauen, die sich verkauften. Sie +selbst bestimmten, wen sie annahmen. Einige gaben ein bestimmtes +Geschenk an, das man ihnen zu geben hatte und betrachteten +ihren Käufer nicht. Zum Bau von neuen Menschentürmen, +zur Ernährung der alten nahm sich der Senat wöchentlich +einen Haufen von diesen. Zu den Experimenten und laufenden +Arbeiten in der technischen Stadt wurden viele verbraucht. +Zahlreiche wurde von trägen Arbeitspflichtigen für sich an die +Maschinen geschickt. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Menschenmassen, die sich wie schäumendes Wasser in die +Abgründe der Riesenstädte gossen, wußten nicht, was die starken +Männer und Männinnen, deren Werk das alles war und von +deren Hand sie lebten, über sie verhängten. Delvil war in seinen +finsteren und ungeheuren Rachegedanken, seinen Kampfideen +gegen die Gewalt, die die Urtiere geschickt hatte, ganz versunken; +er nahm an den Zusammenkünften der Senate wenig Anteil. +Ten Keir, der vierschrötige Belgier, hatte sich in den Hintergrund +gestellt; die Gespräche mit Delvil hatten erschütternd auf +ihn gewirkt. Der tapfere gesunde Mann war von Delvils +Raserei abgestoßen worden. Mit Widerwillen hatte er dem Beginn +des Baus eines Riesenmenschen zugesehen, dann sich abgewandt. +Er war nicht wieder nach London geflogen. Als man +ihm von den Erfolgen der Turmriesen erzählte, war ihm Ekel +den Hals heraufgestiegen. Er konnte nicht weiter zuhören; man +durfte ihm nicht davon erzählen. Es schien, als ob ihm der Angriff +der Urtiere lieber gewesen war als diese Abwehr. Ten Keir +spannte sich, als auch in Brüssel der Drang, sich in die Erde einzugraben, +wuchs. Aber er konnte es nicht aufhalten. Erreichte +nur, daß die ekstatische aus den Erdschächten zurückquellende +Masse nicht die alten Oberflächenbauten vernichtete. +Er selbst mit einer kleinen Anzahl Menschen blieb in einer unklaren +Vergrämung auf der Oberfläche; wie er sagte, um die +Siedlerbewegung zu beobachten. +</p> + +<p> +In der technischen und Versuchsstadt Londons, die sich herausfordernd +Grönlandeum nannte, über den Köpfen der +<a id="page-498" class="pagenum" title="498"></a> +Riesenmassen in den Ton- und Mergelschichten hängend, hatten +sich die stärksten Herrenköpfe der Periode zusammengezogen und +alle Stoffe um sich gesammelt, mit denen Menschen wirken +können. Hier saßen in dem Bezirk Carthagon, der sich um die +Pflanzenkräfte bemühte, Atkinson, ein kalter trüber Mann, wie +es hieß Eunuch aus eigenem Willen und Weiberhaß. In +Ozeana, das sich mit dem Wasser befaßte, der Berber und Spanier +Escoyez, das Wasserwesen, der bei Beginn der Grönlandkampagne +die Umleitung der Golfstromdrift geraten hatte und +die Anlegung neuer Salzzentren im Meere geplant hatte. Die +Hitze die Flammen das Feuer studierte Nadeja, eine Männin +aus dem Hause Atkinsons. In dem Bezirk Tel el-Habs, Hügel +des Gefängnisses, saßen mehrere senatorische Menschen, die man +schon schwer mehr Menschen nennen konnte. Es waren jüngere +und ältere Männer und Frauen, die am Bau der Menschentürme +sich beteiligt hatten und wie Tiere, die Blut geleckt haben, +ihre Gedanken von den Dingen, die sie gesehen und erprobt +hatten, nicht ablenken konnten. Sie kehrten von den Schiffen +und schottischen Bergen mit Widerwillen in die nüchterne und +dürftige Landschaft der Menschenart, der zweibeinigen plärrenden +nackthäutigen hinfälligen Geschöpfe zurück. Atkinson war +Eunuch aus Weiberhaß, auch aus Menschenhaß geworden. Die +Herren und Herrinnen von Tel el-Habs mochten sich, nach dem +Anblick der Turmmenschen, selbst nicht mehr in ihren menschlichen +Organen sehen. Was sie an den Sklaven ihrer Gefängnisse +erprobten, das taten sie auch für sich. Tribord, vom Berge +Glasmaol zurückkehrend, legte seinen alten Namen ab, nannte +sich Mentusi. Er aß nicht mehr selbst. Wie ein Wagen stillsteht +und nicht vorwärts kommt ohne das Pferd das ihn zieht, so +machte er sich zum Wagen. Tiere und Pflanzen spannte er an +sich. Mentusi sagte zu der Männin Kuraggara, die früher Frau +Macfarlane gewesen war: „Meki und die Generation, die mit +ihm lebte, hat recht daran getan, die Äcker Wälder Tiere preiszugeben. +Was wir durch uns schaffen können, schaffen wir. +Sie haben die großen Fabriken gebaut, die Anlagen. Wir schleppen +uns seit Jahrhunderten mit diesen Anlagen herum. Sie +erfordern Raum Bewachung. Was hängen wir nicht für Stolz +<a id="page-499" class="pagenum" title="499"></a> +an diese Anlagen. Sie sind jetzt überflüssig. Wir müssen den +Angriffspunkt verlegen. Ich bin wieder für Äcker und Viehherden. +Mag ein Hund für mich fressen, soviel er will, wenn er +nur mein Hund bleibt. Hast du die Steine und die Eichen und +Viehherden gesehen, die man den Türmen untergeworfen +hat. Die haben für die Türme fressen müssen. Ein Hund will +ich selbst sein, wenn ich noch lange in mich stopfe, was die +Fabriken brauen.“ +</p> + +<p> +An ihm, der auf Tel el-Habs saß, hingen Polypen. Seine +Bauchwand war durchbohrt. In die wüstliegenden Wälder +hatte er seine Gehilfen geschickt; die brachten ihm Füchse Ottern +afrikanische Zebras Schildkröten. Die uralte Schwierigkeit der +Vermählung zweier Tierklassen war überwunden; Mentusi erkannte +es beim Beobachten der Turmbauten. Die Netze mischten +alle Arten zusammen. Wie er über Meki höhnte, höhnte er über +Marduk, der Bäume auftreiben konnte: „Kuraggara, das waren +Yogis und Fakire. Spaßmacher! Wir wollen sie gelten lassen. +Bis zur Grönlandfahrt waren wir nichts. Der Mann, der das +Feuer und die Strahlen aus den Vulkanen riß, ist mein Mann.“ +Kuraggara hielt sich den Leib vor Lachen: „Ich will versuchen, +eine Schildkröte zu gebären.“ „Warum nicht. Wer soll dich +daran hindern.“ Sie trieben grausige unheimliche Dinge auf +Tel el-Habs, dem Hügel des Gefängnisses. +</p> + +<p> +Die Giganten, die Herren der westlichen Stadtschaften, +hatten die Urtiere über sich gehen und sich nicht zerschmettern +lassen. An dem Zauberschleier von Grönland hatten sie sich +nicht ergötzt, wie die ersten Seefahrer und die Menschen der +zweiten Erkundung, die in dem Rosenlicht aus den Schiffen +stiegen, sich in Boote setzten und nackt – Wonne über Wonne – +auf dem Wasser schaukelten. Die Herren und Herrinnen der +Riesenstadtschaften waren kalt und gehässig hinter der Gewalt +her. Wie Räuber sich in einem fürstlichen Park verbergen und +hinter dem Gitter die geschmückten Schönheiten auf der Wiese +sich bewegen sehen, unter leichten hellen Tüchern mit losen +Haaren, die biegsamen Spielerinnen, und wie sie sie abschätzen, +ihren Augenblick abwarten und sich auf sie stürzen, um sie zu +fesseln und davonzutragen, so belauerten die unzähmbaren +<a id="page-500" class="pagenum" title="500"></a> +Menschen von Tel el-Habs das Geheimnis der Vulkane, ergriffen +es, zwangen es unter sich. +</p> + +<p> +Auf dem Hügel des Gefängnisses arbeiteten die von Tel el-Habs +zusammen mit den Menschen der Basaltstadt, die wie ein +zerfallener Bergkegel aussah. Hier bemühte man sich um die +Wesen, die man Steine nannte. Roten Rubin, violetten Apatit, +Blöcke glasigen Gipses nahmen sie: Die Strahlen Kylins, mit +denen die isländischen Vulkane gesprengt waren, stellten sie auf +sie ein. Die rubintreibenden rubinformenden Kräfte richteten +sie nicht auf den Rubin, sondern auf den verwandten Korund. +Sonst hielt der still unter der Wirkung dieser Kraft, die für +ihn keine Kraft war; jedes Ding bewegte sich unter seinem +eigenen besonderen Drang. Die Basaltmenschen aber hatten +die Vulkangluten selbst in den Händen. Das schwere Geschütz +dieser Gewalt richteten sie auf die Stoffe. Wie ein Brei, ein +Kuchenteig, in den man Hefe wirft, quoll die Steinmasse auf. +Die Basaltmenschen legten um die Schleierteile Röhren aus +Gläsern; durch Gase ließen sie die Urkraft laufen und sich abdämpfen. +Da bewegte sich allmählich in langen langen Stunden +der Rubin, wie ein Leintuch an der Sonne bleicht. Und immer +brannte zugleich der Kylinstrahl auf ihn, noch ohne Einfluß +auf die Masse, die nur gärte. Es gab einen Punkt, den die +Basaltmenschen nach schweren Anstrengungen, unter Zuhilfenahme +von Abschwächern Dämpfern Verzögerern allmählich festhielten, +den Indifferenz- und Umschlagspunkt. Dies war der +Augenblick, der im Leben des Steinkörpers alles bedeutete. Es +war der Moment, wo seine stärkste und widerstandsfähigste +Stoffverbindung gesprengt wurde, der Stein selbst, obwohl +nicht glühend im Begriff war zu zerstäuben, und von jedem +festen Nachbarkörper geschluckt und angegliedert werden konnte. +Die Kylinstrahlen brannten auf dem Stein; der Umschlag war +da. Die Nachbarkörper hatte man niederzuhalten. Wie in einer +übersättigten Lösung das eingeworfene Kristallstäubchen die +ganze Masse zum Erstarren bringt, so erstarrte der erweichte +Körper, ließ sich führen zu dem Wesen, das ihm das Kylinlicht +vorzeichnete. Man hatte mühsam gearbeitet. Einen Granitblock, +den gesprenkelt der harte Quarz, dunkle Hornblende, +<a id="page-501" class="pagenum" title="501"></a> +Glimmer, rötlicher Feldspat bildeten, hatten sie gelernt in einen +einzigen zusammenschmelzenden Block von weißem Quarz zu +verwandeln. +</p> + +<p> +Während noch die Menschen der Basaltstadt die Umwandlung +der Urstoffe selbst betrieben – auf Schritt und Tritt sahen sie sie +sich umwandeln –, rissen die Herren des Gefängnishügels davon +an sich, was sie brauchten. Die Tiere, die früher nicht zusammenfanden, +es sei denn: eins kaute das andere, stießen sie aneinander; +auf die Mutterstoffe mußte alles herabgezwungen werden, ins +Elementare heruntergetrieben. Sie dachten zornig und rasend, +in ihre Erdfestungen versteckt, sich in Hasen Mäuse Löwen +Panther Käfer zu verwandeln. Darum fingen sie Menschen +über Menschen aus der Erdstadt und von der Oberwelt, nutzten +die Sklavenmärkte aus, verwüsteten die Menschen. +</p> + +<p> +Mentusi und Kuraggara lebten in einer erwartenden Glut. +Wie sie lachten. Mentusi prahlte: „Als es Religionen gab, gab +es hundert oder tausend klare Menschen, die an den Teufel den +Satan an den Himmel Gott die Engel die Unsterblichkeit nicht +glaubten. Was haben diese hundert oder tausend klaren Menschen +getan? Sie haben zeit ihres Lebens nicht geglaubt. Nicht +geglaubt: das war ihre Beschäftigung. Es gab auch welche, die +haben ihr Leben dafür hingegeben, gegen die Existenz des +Satans des Himmels oder Gottes zu kämpfen. Tröpfe, Tröpfe. +Wer Wahnideen hat, mag seinen Spaß daran haben. Ich kümmere +mich um die Urtiere, die blöden Echsen nicht. Sie kommen +nicht zu uns herunter. Was meinst du, Kuraggara? Sie +können nur sterben und finden oben Platz genug. Aber – jetzt! +Was meinst du?“ „Ja, ich habe auch keine Zeit für Lurche.“ +„Wir wollen ihnen ein Aquarium bauen, damit sie nicht so rasch +umkommen und wollen sie schön füttern. Es soll ihnen besser +bei uns gefallen als auf Grönland. Ich geh einmal nach Grönland +und seh mir an, was da geworden ist. Vielleicht nehme ich +mir einen Drachen eine Echse mit Flügel und Schnabel, als +Pferdchen und es muß mich hinreiten. Halleluja, süßes Land. +Wir reisen nach Jerusalem.“ „Bist du nicht auch solch Kind wie +die Kämpfer gegen den Himmel oder den Satan? Mentusi, was +geht mich Grönland an? Vielleicht fahr ich auch einmal nach +<a id="page-502" class="pagenum" title="502"></a> +Grönland. Vielleicht noch lieber nach Island, zu den Vulkanen. +Aber wenn ich reise, will ich schon reisen ohne Schiff, ohne +Drachen, ohne Flugzeug.“ „Und ich!“ „Nun ja. Vogel sein, +wenn ich will. Dampf sein, wenn ich will. Ja, das will ich auch, +Mentusi. Und! Fisch sein! Und Feuer. Und nicht wie der arme +Menschenturm, den ich neulich auf Schottland besuchte. Ich flog +zu seinen Augen auf, ganz dicht und dann weiter weg, bis er +mich erkannte. Er erkannte mich. Es war mein Freund. Aber +was soll mir das –, er trauerte! Trauerte eine dunkle furchtbare +Trauer. Wie er mit den Augen zwinkerte, hatte ich das Gefühl, +ich muß rasch weg, er muß mich vergessen; ich bin ihm ein Alp +im Traum. Er ist ein dumpfer schlafender Mann, der nicht aufwachen +kann. Wenn ich noch lange vor ihm gezuckt wäre, hätte +er mich wie ein Grönlandtier angefaßt und verspeist. Ist ein +dummes Kind geworden; greift tapp zu, steckt in den Mund. +Aber Fuchs sein vom Kopf bis zu den Füßen, wie ein Fuchs +leben solange man will, sich fuchsig fühlen. Ja, Mentusi.“ „Wir +haben schon zu lange in unserer Haut gesteckt. Es geht uns +schließlich, Kuraggara, wie dem Hammelgetier von Menschen +hinten in London, die sich für unsere Fabriken und die Versuche +anbieten. Sie haben auch ihre Menschenhaut über. Ihnen ist +gleich, was mit ihnen geschieht. Weißt du“ –, er brüllte lachend, +„wo ich mit ihnen etwas mache. Weißt du was.“ „Ich denke +mir schon.“ „Ja, ich mache sie zu Hammeln, allesamt. Wir +schicken sie auf eine Wiese, putte putte putt. Wir machen immer +hinter einem Baum putt putt. Dann kommen sie an, wir stecken +sie in einen Sack und fragen: ‚Wollt ihr, wollt ihr gerne Hammel +essen?‘ ‚Ja‘ antworten sie, ‚Hammelchen sehr gern.‘ ‚Schön‘, +sage ich, ‚soll geschehen.‘ Mache den Sack zu. Putte putte putt. +Ein Licht da, ein Dampf da ‚Ist euch gut?‘ ‚Jawohl.‘ ‚Habt +ihr Angst.‘ ‚Ein bißchen.‘ ‚Müßt gar keine Angst haben, Hühnchen. +Gebe euch gleich Hammelchen zu essen. Sie kommen +schon aus dem Stall.‘ Hätte bald gesagt: aus dem Sack. Ein +Licht mehr, knack, zwei Dampfer. Immer Geduld. ‚Wie ist euch +denn, Hühnchen?‘ ‚Öh, öh.‘ ‚Ja wie redet ihr denn. Ihr eßt +wohl schon Hammel.‘ ‚Öh, öh!‘ Lach nicht, Kuraggara. Mach +ich’s nicht richtig?“ „Richtig, Mentusi! Öh! Öh!“ „Mein +<a id="page-503" class="pagenum" title="503"></a> +Hühnchen. Bald mach ich den Stall auf. Ich will euch überraschen. +Bald habt ihr die Hammel. Aber was zappelt ihr im +Sack! Was strampelt ihr. ‚Öh, öh.‘ Was ist das. Ich habe mich +vergriffen, Kuraggara. Die Hammel sind schon im Sack! Wie +ist es möglich! Wie ist es möglich.“ „Ich ersticke vor Lachen, +Mentusi, wenn du nicht aufhörst.“ „Da! Nein, Kuraggara! +Hammel! Leibhaftige beinhaftige schwanzhaftige Hammel! +Fellhaftige Hammelchen. Vier Stück, soviel ich Menschen hineintat. +Und wo sind meine Menschen. Meine Menschen sind weg. +Die Hammel müssen sie aufgefressen haben. Ich habe wohl +irrtümlich Hammel mit hineingetan, die haben die Menschen +aufgefressen. Ach war ich zerstreut. Menschenfressende Hammel. +Was soll ich nun tun.“ „Nicht spotten, Mentusi. Wären wir +so weit.“ +</p> + +<p> +Tief war die Verachtung der Giganten auf die Menschen ihrer +Stadtschaften. Die Maschinen Fabriken Anlagen ließen sie +arbeiten, nur um sich mächtig zu fühlen. Sie brauchten die +Menschenmassen, um sich an ihnen auszulassen. Es war noch der +gemäßigste Gedanke, der auf Tel el-Habs geäußert wurde, der +Gedanke, den einmal Ten Keir in London aussprach. Ohne +Ausdruck war das viereckige rote Gesicht des kleinen Belgiers; +sein Entsetzen beim Betrachten der Arbeiten in den Versuchsstädten +schlang er herunter. Daß er gebrochen und geweint +hatte beim Überfliegen des Kanals, als er einen stummen Turmmenschen +auf einem Floß sah, verriet seine Begleitung nicht. +Schrankenlos sprachen sich die grauenhaft entstellten hochmütigen +Wesen, Männer und Männinnen der Versuchsstädte, zu +ihm aus. Sagten, die Zeit des wirklichen Menschentums nähere +sich erst; sie ahnten sie selbst nur. Entsetzt sah er die schlangenartigen +Arme der Polypen sich an ihnen bewegen; dies wäre +der Beginn des wirklichen Menschentums. Von den Menschenwesen +unter sich, Städtern Siedlern, sprachen sie nicht, oder +mit dem Gefühl der Wollust und dem Gelächter. Ten Keir sah, +was diese Giganten konnten. Sie würden eines Tages die +Menschenmassen verklumpen, wie die Drachenscharen es getan +hatten. Er sprach aus: man müsse sich hüten, daß nicht einer +von ihnen Mißbrauch mit seinen Mitteln triebe zum Schaden +<a id="page-504" class="pagenum" title="504"></a> +der andern. Es sei gut, einen Blick auf die Menschen zu werfen; +die schäumten und tobten zum Teil, zum andern Teil wüßten +sie sich keinen Rat. Man müsse da eingreifen. Ein Versuch +müsse gemacht werden, wie es die alte Wind- und Wasserlehre +wollte: die wirren verzagenden Geschöpfe wie Tiere und +Pflanzen zu vereinfachen. Vielleicht unter Verminderung ihrer +Zahl. Man müsse sehen, zu menschlichen Dauerformen zu kommen. +Zu unkomplizierten Lebewesen, die sich erhielten zeugten +stürben, ihre äußere Lebensweise jahrhundertelang jahrtausendelang +gleichmäßig forttrieben. Die Last des Einzeldaseins, die +schreckliche Einzelbeseeltheit müsse ihnen abgenommen werden. +</p> + +<p> +Die Giganten von Tel el-Habs lachten darauf. Er solle sehen, +was er schaffe. Vielleicht machten sie zwischendurch auch das; +es sei nicht sehr reizvoll. Ten Keir suchte in einer schweren ihn +erwürgenden Trauer und Bangigkeit zu Delvil durchzudringen. +An den kam niemand heran. Grausige Gerüchte gingen von ihm, +über Dinge, die er trieb. Tagelang lief Ten Keir mit seiner Begleitung +durch Keller Straßen dieses erdversenkten blitzenden +London. Auf Stunden ließ er sich ein Zimmer in einem Haus +freimachen. Da saß er im Finstern, weinte. Und kam nicht weg +von London. Er lief mit seinen Männern weiter herum. Sie +mahnten ihn, er würde sich erschöpfen, sahen seinen Jammer. +Er konnte sich aber nicht von der Stadtschaft loslösen. Dreimal +versuchte er zu Delvil vorzudringen. Bettelnd lag er vor +Kuraggara; sie möchte ihm Zutritt bei Delvil verschaffen, er sei +sein Freund. Die wunderte sich über die Wildheit des Mannes, +konnte nichts durchsetzen. Zweimal war Ten Keir schon in der +Oberstadt, zweimal fuhr er wieder die Schächte abwärts. In +sich sagte er: „Ich muß weinen. Ich muß weinen. Viel mehr +muß ich weinen. Ich muß mich brühen wie eine Taube, der +man die Federn ausziehen will. Ich will alles sehen. Ich +verdiene es.“ +</p> + +<p> +Aber wie er dann noch einmal die Sklavenmärkte den Zirkus +die Arbeitsstädte Versuchsorte begangen hatte, nahm er sich an +der westlichen Grenze der Stadt, wo Erde in den Tunnel einbrach, +eine Handvoll knirschender Kiesel. Stopfte sie sich in die +Tasche. Während er auffuhr, die Augen gepreßt geschlossen, +<a id="page-505" class="pagenum" title="505"></a> +drückte er die Kiesel, sie mit der Hand umschließend, flüsterte: +„Ich will mich erinnern.“ +</p> + +<p> +Oben blickten ihn seine Begleiter an, dachten, er würde wieder +anordnen, zurückzufahren. Aber er ließ sich ins Meer fahren. +Sein Flugzeug ließ er zurück. Auf einem kleinen Schiff fuhr er +über den Kanal an die flandrische Küste. Schwarz und grau waren +die Gesteinstrümmer, die er mit sich genommen hatte aus dem +westlichen Grund Londons. Er betrachtete sie tränend oft in der +flachen Hand während der Überfahrt. Schloß die Faust, wenn +einer ihn zu beobachten schien, stopfte die Hand in die Tasche. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> den Shetlands und Färöer saßen die letzten Grönland- und +Islandfahrer. Die Senate hatten gefürchtet, schon während der +Expedition, die Seefahrer würden sich gegen sie richten. Aber +sie kamen nicht, stürmten nicht gegen die Stadtschaften. Man +wußte, sie waren vor den Urtieren nach ihrem Sammelplatz, +den Shetlands und Färöer, geflohen. Unter den Katastrophen +des Tierüberfalls, dem Machttaumel bei der Versenkung der +Städte vergaß man sie völlig. Wenn man später an sie +dachte, wünschte man, sie möchten kommen, zum Kampf. Sie +kamen nicht. +</p> + +<p> +Das war eine stumme leidende Gesellschaft, die sich auf dem +felsigen Boden dieser meerumheulten Inseln versteckte, von dem +Rest des Schiffsproviants lebte, einzeln, manchmal in Horden +nach den schottischen Bergen herüberkroch. Als ein seelenversteinerndes +Grauen waren die Urtiere über die westlichen +Stadtschaften gekommen. Wie über die Fahrer in der Zone des +Rosenlichts die wüsten Gebilde fielen, Nachbarschiffe Menschen +Balken Bleche verwandelten, sank schlagartig ihre Wonne, klagte +durch alles Entsetzen schon das Gefühl: „Es ist gut. Endlich! +endlich!“ Über das Wasser schießend, in die Tageszone eintauchend +erlag die Hälfte des großen Geschwaders den Tieren. +Die überlebten, waren in dem Gefühl über das Meer getaumelt: +„Nun nimmt es ein Ende. Nun sind wir erlöst.“ Wurden auf +die steinigen Inseln hingestreckt, dachten wenig, atmeten gegen +die Erde. +</p> + +<p> +<a id="page-506" class="pagenum" title="506"></a> +Die nach Schottland herüberkrochen, kehrten zurück: Schottland +sei nach Süden zu abgesperrt. Man wußte finster: „Gegen +die Grönlandtiere. Und gegen uns. Sie sperren sich gegen uns +ab.“ Bitter und trostreich. Und die Seefahrer versteckten sich +tiefer in die Klüfte der Inseln. Niemand ging zu den Schiffen. +Den eisigen Winter verbrachten die Seefahrer auf den Inseln, +immer nach Schlaf verlangend, wenig zueinander findend. Das +Rauschen Schnattern der Urtiere ging noch oft über ihre Inseln. +Wie von einem Sturm angefaßt erbebten die kauernden liegenden +Menschen. Die Gesichter bedeckten sie mit ihren Armen; +lagen und brüteten. Daß alles so unwirklich war. Sie beschauten +sich in den Höhlen Zelten alten Häusern: daß der +andere noch da war. Man lag selbst da, bewegte sich, aß, trank. +Dachte und fühlte. Man fühlte endlos, mochte nicht sehen. +Fühlte vergeblich, konnte sich nicht erreichen. Wie war man? +Als wenn einen ein Orkan gefaßt hätte und man wäre in die +Ecke einer Höhle geblasen. Da hing man an, ein Stäubchen an +einem Spinnwebansatz, konnte nicht hervor. Sie gingen herum, +schluckten, suchten nach ihren Stimmen. Öfter schwamm eine +Beängstigung über sie, die ganze Haut befallend und ausweitend, +die Brust und Kehle bedrückend: Oh was ist uns. Sie seufzten, +ließen ihren Speichel laufen. +</p> + +<p> +Einer verschwand, ein anderer verschwand. Ins Wasser, nach +Schottland. Auf Mainland verbrannte der Unterführer Good +Luck die nächsten Schiffe. Ausgemergelt wie die anderen schlenkerte +er zwischen den Klippen, steckte den rothaarigen Kopf +in die Höhlen, rief hinein, suchte Menschen. Knurrte: „Wer ist +da? Ist wer da? Ha! Ich bin Good Luck.“ „Was will Good +Luck.“ „Nichts. Will euch ansehen. Wißt ihr, was ich gemacht +habe?“ „Du bist heiser.“ „Vom Rauch. Ich habe die Schiffe +angesteckt.“ „Wen kümmerts.“ „Alles weg. Ihr habt recht. +Ach was tue ich. Was tu’ ich.“ Und er irrte in den Höhlen +herum, setzte sich ans Meer. Er lief eines Tages wieder vor die +Hütten, rief mit seiner heiseren Stimme alle, die er traf, zusammen. +Rasch sollten sie kommen. Hastete: „Schnell. Kommt +ans Wasser.“ Da setzte er sich an den Strand, nahm zwei glatte +große Steine zwischen die Knie, fing an zu reiben. Er knirschte +<a id="page-507" class="pagenum" title="507"></a> +die Menschen an, die mit ihm gekommen waren: „Hinsetzen. +Nehmt Steine. Macht wie ich. Mahlen.“ Einige taten es. Er +knirschte: „Mahlen, mahlen. Bis es Staub ist.“ Dann ließ er +die Steine fallen, hetzte: „Was machen wir jetzt? Kiesel werfen. +Übers Wasser.“ Und fing an zu schleudern. Die anderen fluchten, +zogen sich dumpf zurück. Er hängte sich an den, an den: +„Mich nicht allein lassen, mich nicht allein lassen. Was soll ich +tun.“ „Steine werfen.“ Sie liefen fort, warfen sich hin: „Ein +dumpfes Vieh.“ Ließen ihn knirschen schlucken. +</p> + +<p> +Was bei Good Luck begonnen hatte, nahm bei andern seinen +Fortgang. Bis der verwilderte Kylin mit einem Boot bei +Mainland erschien in der Sankt Magnusbucht und in einer +steinigen Ebene alle zusammenführte, die sich aufbieten ließen. +Von einem zum andern ging Kylin, betrachtete die Männer und +Frauen, hielt ihre Hände. „Die Vorräte sind bald zu Ende. Der +tolle Good Luck hat die besten vollsten Schiffe verbrannt. Es ist +kein Schade. Wir müssen uns nun früher entscheiden.“ Ein +Gequälter höhnte, ob er sie wieder führen wollte, vielleicht nach +Grönland. „Nein. Ich spreche den Namen des Landes, das du +eben genannt hast, nicht aus. So gewiß nicht mehr, wie Fromme +früherer Zeit den Namen eines Gottes, an die sie glaubten. Ich +will euch auch nicht führen. Ja. Ich bin schuld an diesen Dingen. +Nicht am Turmalinschleier und dem letzten Unglück. Aber an dem +vorher. Das hab ich getan. Die Vulkane hab ich aufgerissen.“ +Er stand flüsternd neben einem Felsen: „Tut mit mir, was ihr +wollt.“ Sie standen herum. Kylin setzte sich auf den Boden, +bedeckte sein Gesicht, schluchzte. Keiner rührte ihn an. „Was +wird nun geschehen. Ich habe mir genau alles überlegt und alles +vorher gewußt. Ihr werdet mir nichts tun. Obwohl es mir in +manchen Augenblicken lieber wäre, einer täte mir etwas an. +Aber ich bin schon darüber weg. Und darum bin ich ja hergekommen.“ +Viele blickten auf. „Es kann sein, daß wir noch einen +Monat, zwei Monate auf den Inseln bleiben können. Aber ich +will weg. Liebe Freunde, ich bin auf dem Weg, von hier zu +gehen und wollte es euch noch sagen. Good Luck ist verrückt. Es +werden noch manche von euch verrückt werden, wenn ihr euch +nicht entschließt und wenn nicht etwas geschieht. Ich geh weg. +<a id="page-508" class="pagenum" title="508"></a> +Ich geh weg. Das weiß ich.“ „Und warum, Kylin. Wohin.“ +„Ich spreche nicht aus, was geschehen ist. Bleibe ich noch lange hier, +so brauchen keine Drachen zu kommen, ich werde verschlungen. +Ich will nicht. Soll ich euch sagen? Die Stadtschaften sind +nicht mehr mein Feind.“ Dichter drängten sie sich um ihn. „Die +Stadtschaften haben ganz überflüssig einen Ring um sich gegen +uns gezogen. Ich werde gewiß nichts gegen sie unternehmen.“ +„Wir auch nicht.“ „Freunde, wißt ihr, was ich tue? Ich, Kylin? +Ich geh meine Wege. Was soll ich hier, vor den Stadtschaften, +an der Türe? Ich geh in die Welt. Die Erde ist groß.“ +</p> + +<p> +Da wimmerten höhnten lachten noch manche. Aber Kylin +blieb auf der Ebene an der Sankt Magnus-Bucht. Die Verstörung +verließ sie. Hunger trieb sie. Noch rauschten Schwärme +der Ungeheuer durch die Luft. Nicht in die Höhe schauten die +alten Grönland- und Islandfahrer. Auf den letzten Frachtern +drängten sie sich zusammen. Mit Seufzern und stumpf schoben +sie sich auf die Decks. Ihren Weg nahmen sie in kleinen Trupps +durch die ruhige Irische See. +</p> + +<p> +Die Orkney- und Shetlandsinseln, so lange belagert von Menschenscharen, +von den westlichen Geschwadern umringt, wurden +entblößt, den Wogen und Stürmen wiedergegeben. Stumm +wie sie Island verlassen hatten, gaben die Seefahrer die Shetlands +und Orkneys frei. Hier waren die Ölwolken entstanden, +Holyhead und Bou Jeloud, von hier waren die unzähligen +Schiffe ausgegangen, beladen mit den Maschinen und der Gedankenmacht +der westlichen Stadtschaften. Der Tod von +Tausenden von Menschen war gefolgt, Island war zerrissen +worden. Der eisige Kontinent mit den Gletschern tauchte auf, +überwallt von Schrecknissen. Ihnen allen, die fuhren, war dies +geschehen. Sie fuhren weg, aber sie wollten sich erinnern. Jetzt +das Letzte von sich werfen, auch diese alten Ankerplätze, auch die +Schiffe verlassen. Dann auf den Kontinent. Mit glühenden Augen +hatte der so gealterte Kylin zu ihnen gesprochen: wieder leben. +Was würde kommen auf dem Kontinent. Aber sie wollten hinein. +Die Städte würden kommen. +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-509" class="pagenum" title="509"></a> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Meer verwandelte sich während ihrer Fahrt. Der Nordkanal, +die Irische See. Wellen warfen sich, spielten züngelten. +Ein fernes Gestirn schien aus der Luft. Das Wasser spiegelte +die Schiffskörper. Lautlos spiegelte es die Schiffswände. +Stumm zogen Algenfäden hin. Lauer Wind legte sich an die +Schiffe, drängte sie, ließ ab. Langsam fuhren sie. Um die +Scillyinseln bogen sie östlich um. Eine dunkle Linie erschien +über dem weiß glitzernden Meeresbogen. Da im Südosten, +wo das Meer in das dämmrige schimmernde Himmelsweiß +überging, zeichnete sich eine zerbröckelte Linie. Schwärzer +klobiger wurden die unterbrochenen Striche. Auf den Schiffen +schlossen sie die Augen, legten sich an Balken Geländer. Dies +war der Kontinent. Rascher ließen die Führer die Schiffe +laufen. Das Meer rauschte sanft gleichmäßig unter ihnen. Schon +sahen sie die Kreidefelsen, die weißen Zacken, die Brandung +davor. Da gaben sich die Schiffe Zeichen. Verlangsamten die +Fahrt, hielten auf offenem Meer. Im Angesicht der Küste des +Festlands hielten alle Schiffe. Eine stumme Stunde verging. +Plätschern Ansingen Verklagen des Windes. +</p> + +<p> +Mit rauhen Kreidefelsen begann der Kontinent. Dann bog er +sich glatt hin. Einmal war ein Gebirge von Cornwall und Irland +zum Festland herübergestrichen. Die Berge hatten sich +gesenkt, das Meer über sie ergossen; das Meer umströmte jetzt +die Inseln. Nach Süden und Osten streckten sich französische +Landschaften, von dem atlantischen Wasser breit umfaßt, nach +dem südlichen farbigen Meer quellend. Jahrhunderttausende +hatten Mulden Becken Platten Anschwellungen diese Länder +gebildet. Alte Meere im Norden waren abgeflossen, Vulkane +erloschen, ihre Auswürflinge lagen auf den Hochflächen. In +großen Strömen öffnete das Land seine Brust. Königlich +schwollen sie zum Meer. Mit Gebirgen weiten Ackerflächen +Flußebenen Weinbergen lag das Land, ruhte nicht bis es das +Meer grüßte. Es hatte Matten Wiesen Wildbäche Gebirgsseen +entwickelt. Grüne Laubwälder ließ es aus seinem Boden steigen, +in ihren Wurzeln hob es sich zu schwarzen und silbrigen Stämmen +auf, entfaltete unter dem luftdurchflossenen Himmel +<a id="page-510" class="pagenum" title="510"></a> +Blättermassen. Die zogen das Licht an, vermählten sich mit ihm. +Mit grünen roten gelben Farben sahen Pflänzchen um sich. +Gräser standen in dichten Scharen beieinander, spielten ließen +den Wind gegen ihre Kanten pfeifen. Über Waldböden liefen +Ameisen, verschalte braune und schillernde Käfer, betasteten +Halme, drehten sie, suchten schleppten. Mücken schwammen +mit feinen Tönen in der Luft, die sie trug. Große träge Tiere +beschnupperten die Erde der Äcker und Wiesen. Schwerwampige +Rinder kauten Gras; mit muskulösen Lippen schnappten +rafften sie es, warfen es sich auf die nasse rauhe Zunge. An +Pflügen von Siedlern kopfsenkende Pferde mit großen schwarzen +Augen; sie peitschten sich die Schenkel mit langen Schweifen. +</p> + +<p> +Die Erde beliefen, ihre Rinde schrammten betasteten Menschen. +Ihre Leiber trugen kein Fell wie die Rinder und Schafe; +sie waren ohne Schuppen, nahmen das Licht der fernen Sonne +mit nackter glatter Haut auf. Für die Gase der Luft hatten sie +die zarten durchsichtigen Öffnungen der Münder und Nasen. +Das Gewölbe ihrer Brust, von knöchernen Rippenbögen umspannt, +machten sie zum Raum der Luft. Wie am Spinnrad +hob und senkte sich die Brust, sog Luft ein, entließ sie. Unermüdlich +sogen die Menschen sich an der Luft fest, durchtränkten +sich mit unsichtbaren Kräften. In ihre Därme ließen sie die +Säfte vieler Pflanzen und Tiere fließen, nahmen an sich und +ließen sich durchlodern von den Gewalten, die sich auf dem +Erdboden niedergelassen hatten. Aus dem Wasser waren die +Tiere aufgestiegen; die Menschen ließen nicht von ihm und es +ließ nicht von ihnen, strömte durch ihre Gewebe und Häute. +</p> + +<p> +Zitternd und leicht flogen die Menschen über die Wiesen +Ebenen Hochflächen, stoben unermüdlich zu den Dingen, die +ihnen Leben gaben und ihr Leben verlängerten. Sie hatten +Knie, die sie hintrugen, die sich biegen konnten mit dem Rumpf, +dem Nacken, zu Quellen herunter, zum Jagen des Wilds, das +ihnen Fleisch geben sollte. Harte Knochen hatten sie aus dem +Kalk des Bodens entwickelt, mit denen sie stemmen und ziehen +konnten, Gelenke, um sich zusammenzukrümmen, das süße +Leben zu verstecken und beschützen. Sie schnalzten sogen an +vielen Dingen; die schmeckten ihnen gut, es gab Bitteres +<a id="page-511" class="pagenum" title="511"></a> +Saures Brennendes. Wie die Zähne ihnen wohltaten, die +gerne beißen krachen konnten. Das Zerrissene rutschte den +Schlund und Magen herunter, tat ihnen wohl. Und immer +neue Dinge lockten die Augen; es bewegte sich alles um +sie, war Vogel Baumwipfel Wind Sand. Die Sonne brachte +Farben zum Glühen, warf bunte Schatten; man hatte Augen; +die Freude des Tages, die Wohltat der Vermählung mit dem +Licht. Die Haut war fühlsam; Glieder die sich bewegen ließen, +trugen den ganzen Körper; wohin. Wo Kühle war, Wärme, +eine Rinde, die sich abblasen ließ, und Menschliches, eine Haut, +eine Schulterplatte, eine Schenkelglätte. Mann und Weib zueinander. +Dazu hatte man Füße und Knie, konnte gehen, sich +nähern. Blicke zueinander, Hände zueinander, Münder zueinander. +Und nicht nur Münder. Man hatte einen Leib; das +einzige Wühlen. Was man tastete umfing: daß man nicht +Wasser war, um mit ihm zusammenzuschmelzen. Daß man +sich hielt, diese Beruhigung Besänftigung: dies Stieren und +Vergehen im Feuerschein. Daß das Eine Brüste hatte, schweres +Haar, weiche Haut, das Andere Härte und Rauhigkeit. Die +haarumbuschten schwellenden Glieder der Vermischung: der +Überschwang der Süßigkeit, den sie gaben. Fittiche, die in +das andere Land trugen. Und das hing über dem Boden, +Mensch und Mensch, der Same strömte, verdunkelt lagen sie, +in Finsternis, das mütterliche Licht, eingeschlossen. +</p> + +<p> +Auf den Ackerflächen, den Gebirgen, in den Flußebenen, in +den Wäldern die Menschen. In das Land zwischen dem kalten +atlantischen Wasser und dem südlichen Meer quollen die Grönlandfahrer. +Die großen Stadtschaften umgingen sie. Sie sahen +Brüssel, das nicht mehr Brüssel war, sondern eine Häuserwüste, +in der Ten Keir thronte, die er bewachte. Er war ein Spürhund. +Die Grönlandfahrer zerstreuten sich, um ihm zu entgehen. +Sie waren nach Norden gestoßen, in einem Verlangen, +das Mardukreich zu berühren, von dem niemand mehr etwas +wußte. Da kamen beim alten Amiens Männer des alten Ten +Keir zu ihnen, die wie ein kleines Volk auf dem Wege nach +dem zertrümmerten Valenciennes waren. Die Männer mischten +sich unter die Grönlandfahrer, suchten sie zu erforschen. Die +<a id="page-512" class="pagenum" title="512"></a> +blieben verschlossen. Wie sie bei den Ruinen waren, zeigte +sich Ten Keir selbst. Er nannte sich bei Namen, prüfte aufmerksam +die auffällige Kleidung der Männer und Frauen. Ob +sie zu Schiff gefahren wären nach Belgien, da sie Lederkleidung +trugen. Er war, einen ganzen Tag zwischen ihnen herumgehend, +beunruhigt. Und plötzlich stieß er auf Kylin, den Mann, +den alle Senatoren dieser Landschaften kannten. Kylin saß +auf einem Wagen, verteilte Brot, das ihnen Siedler gegeben +hatten, betrachtete einen Augenblick uninteressiert den Mann, +der sich vor ihm aufpflanzte. Jetzt war dem tief erschrockenen +Ten Keir der Zug klar. Dies waren Grönlandfahrer, die die +Sperre durchbrochen hatten. Aber man hatte die Sperre verfallen +lassen. Er rief Kylin bei Namen. Der ließ, den Blick +in Keirs Augen versenkend, ein Brot fallen. Ten Keir bückte +sich: „Du bist Kylin.“ „Ten Keir.“ „Ja.“ Kylin mit dem +langen grauschwarzen Bart nahm das Brot zurück: „Habe keine +Furcht vor uns. Oder hast du Furcht.“ „Keine Furcht. Ich +staune, Kylin. Du bist Kylin.“ „Wunderst du dich über meinen +Bart? Deine Stadtschaft ist auch nicht jünger geworden.“ +„Brüssel ist nicht meine Stadtschaft. Du siehst sie nicht. Brüssel +ist unter der Erde.“ „Ich weiß. Ich habe gehört.“ „Warum +blickst du immer um dich, Kylin. Hast du selbst Furcht vor mir?“ +„Es ist schön im Land. Wir wollen weiter ziehen. Ich will +dir viel Glück wünschen.“ „Wo geht es hin, Kylin.“ „Ich weiß +nicht.“ „Sag mir doch.“ „Nach Norden. Nach Osten. Leb +wohl. Ten Keir.“ +</p> + +<p> +Der unruhige Kylin war gleich aufgebrochen. Ten Keir +beobachtete ihren Zug; seine Abgesandten waren an dem Weg, +an dem. Der Belgier verheimlichte vor dem Senate seiner +Stadtschaft seine Begegnung; besänftigte sich nicht: was ist mit +den Grönlandfahrern, was haben sie vor. Fühlte sich erregt; +konnte sie nicht loslassen. Waren das Siedler? Er war hilflos. +Nach einigen Wochen konnten ihm seine Beobachter nichts mehr +von dem Zug melden: er hatte sich aufgelöst. Wohl aus Hunger, +tröstete sich, zweifelte Ten Keir. Die Giganten jenseits +des Kanals strotzten und regten sich; er floß blaß zusammen. +Saß über der Stadtschaft Brüssel. Die Kiesel vom Grund des +<a id="page-513" class="pagenum" title="513"></a> +schrecklichen London der Kuraggara und Mentusi knirschten in +seiner Tasche. Er war getrieben, wußte nicht wohin. +</p> + +<p> +Nach Süden in die Landschaft, die immer reicher aufblühte, +bogen die Fahrer um. In kleinen Trupps wanderten sie, +hielten Berührung miteinander. Als die schwarzen Argonnerberge +vor ihnen auftauchten und sie anfingen in der Menschenöde +zu hungern, wartete Kylin eine Woche, bis alle Trupps +zusammen waren. Im Flußtal der Aire sammelten sich an +dreitausend Menschen, auf Wagen Karren Mauleseln Pferden +Ochsengespannen. Die Tannen in den Wäldern hatten +hellgrüne Triebe; in einem Wäldchen junger Nadelhölzer sprach +Kylin mit einer kleinen Zahl ehemaliger Unterführer: „Wir +müssen uns trennen. Jetzt müssen wir uns wirklich trennen. +Wir haben keine Nahrung, wenn wir beieinander bleiben. Man +kann uns zusammen erschlagen. Ten Keir von Brüssel ist hinter +uns.“ Er ging unter den zwanzig Männern und Frauen herum. +Der junge Idatto, ein sehr magerer Mensch, der die eigentümliche +Fettsucht der Städter überwunden hatte, hielt ihn am +Arm: „Und was soll aus uns werden?“ „Du wirst nicht wieder +krank werden, Idatto.“ „Ich weiß. So nicht. So werde ich +nicht wieder krank werden.“ „Wir müssen uns trennen.“ „Aber +ich will bei dir bleiben. Ich werde wieder krank werden, kränker +als vorher.“ „Glaubst du, Idatto?“ „Wir wollen uns nicht +trennen, Kylin.“ „Wir bleiben in kleinen Gruppen zusammen, +das will ich ja auch. Aber so wie bis heut können wir nicht +reisen. Du weißt selbst, wie viele hungern.“ „Ich will hungern +und alle wollen lieber hungern als daß wir uns verlieren. +Frage Bersihand und Magin und wen du willst. Sie wollen +alle lieber hungern als voneinander gehen.“ Kylin ließ ihn +los, stand stumm, auf den Boden blickend, bewegte die Lippen. +Dann: „So sollt ihr reden.“ Und nacheinander sprachen die +Männer und Frauen dasselbe wie der kranke Idatto. Sie umringten +Kylin, der sich immer wieder zurückzog. Sie wußten nicht, +und fuhren zurück, als Kylin die hellen Augen öffnete, warum +er drohte und zu schreien anfing: „Aber so tut was ihr wollt. +Verhungert, laßt euch erschlagen, bleibt zusammen. Ich +hindere euch nicht. Ich hab keine Macht euch zu hindern. Ihr +<a id="page-514" class="pagenum" title="514"></a> +habt auch keine Macht mich zu hindern. Ich geh von euch.“ +Idatto bettelte: „Warum?“ „Ja, du fragst. Du fragst. Und +daß du schon fragst, ist schlimm. Du bist jetzt gesund, Idatto: +wozu bist du gesund? Ich staune, was ihr alle aus eurer Gesundheit +macht. Nein, ich bin entsetzt, was ihr daraus macht. +Ich muß es aussprechen: ich schäme mich eurer.“ +</p> + +<p> +Kylin ließ sich wie müde auf den Boden, streckte sich, legte +den Kopf stumm zur Seite, schob die Hände in die weiche Erde. +Es war als wenn einige diese Bewegung verstanden. Die +kraushaarige breite Damatile nahm den unsicheren Idatto beim +Arm, sah ihm ins Gesicht: „Willst du jetzt still sein, kleiner +Idatto.“ Und während sie schwiegen, stand Kylin langsam +auf. Damatile faßte ihn bei der Hand. Sie wollte sprechen. +Aber Kylin hob beide Hände, sah sie an und sah die andern +an. Und jetzt wußten alle, daß er an Grönland dachte, an die +Vulkane Gletscher Urtiere. Durch sie alle schwang und dachte +es. Kylin kaute an seinen dünnen Lippen: „Wir müssen uns +trennen, Damatile, Freunde. Damit wir nicht zugrunde +gehen.“ Jetzt verstanden sie es. Der junge magere Idatto +weinte an der Erde. Kylin hörte ihm eine Weile still zu. Man +hörte nur das Weinen des jungen Menschen. „Was wollen +wir weiter miteinander sprechen, Freunde, und uns erregen. +Sagt es den anderen draußen. Sagt es ihnen deutlich. Aber +sie werden schon verstehen, wofür wir leben müssen.“ +</p> + +<p> +Noch tagelang blieben sie im Tal der Aire zusammen. Als +bei Kylins Gruppe vor dem Tannenwäldchen abends ein +großes Lagerfeuer brannte und die Unterführer sich bei Kylin +versammelten, wußten alle Trupps, daß es jetzt zu Ende war. +Aber in keinem war mehr Leiden Graus Schmerz wie am +ersten Tage, als man von der Auflösung der Wanderschar hörte. +Erst saßen die Führer bei dem riesigen blasenden Feuer, starrten +zurückgelehnt auf dem Moosboden in den lebendigen roten +Schein. Dann erhob sich Kylin, verneigte sich vor dem Feuer, +warf, immer vor sich starrend, seine Jacke, seinen Gurt hinein. +Den Kopf auf den Boden, kniend, verharrte er eine Weile. +Stand auf, schweigend von den anderen beobachtet, berührte +mit den Händen die Tannen in seiner Nähe, verneigte sich vor +<a id="page-515" class="pagenum" title="515"></a> +ihnen. Wie er sich an seinen Platz am Lagerfeuer setzte, öffnete +er die Lippen, ohne von dem Feuer wegzusehen: „Ich hab +euch das zu sagen“, – er redete tonlos, die Hände schlaff auf +den Knien, – „nein, nichts habe ich euch zu sagen. Ihr seht es +alle selbst. Dies ist, dies ist das Feuer.“ Und er drückte den +Kopf fest auf die Brust: „Ich bereue“, er lispelte, „ich bereue.“ +Unsicheres Zusammenrücken in dem Kreis. Kylin flüsterte: +„Verdeckt es euch nicht. Ich – bin – stark. Ich lasse mich nicht +zerbrechen. Ich sehe hin. Hinein. Ich sehe ihm ins Gesicht. +Da. Ich stehe auf. Ich stelle mich ihm gegenüber. Ich sehe +ihm in die Augen. Hindurch. Tiefer, in den Kopf. Tiefer, in +den Hals. Ich sehe. Ich wag es. Ich halte aus. Ich bin auf +den Knien. Aber ich falle nicht um. Meine Augen lassen nicht +los. Und wenn man Beile nimmt, man schlägt mich davon nicht +ab.“ Ein Breitschultriger Dunkelhäutiger stand auf, schlurrte +schwer zu Kylin, kniete hinter ihm hin, starrte über seine Schulter +mit verbissenem Gesicht. Der fiel knirschend um, grub die +Stirn in den Boden. Sanftes Wimmern einer Frau; dann +kreischte sie, die Sehnige mit dem warmen traurigen Gesicht, +den Flaum über den Lippen. Die Arme hielt sie ausgestreckt: +„Weg. Grönland Vulkan. Bestien. Weg. Weg das.“ Aufgesprungen, +davongerast. Männer rückten von der Flamme zurück, +ingrimmig, dem Rasen nah. Sie sahen, das Feuer, Island, +sie hatten es ja schon erkannt. Und wie sie sich zwangen: +sie würgten erbrachen bogen ihren Hals, trieben die +Augen vor, erbrachen, ließen sich zurückfallen. +</p> + +<p> +Kylin saß unbewegt; die Augen hatte er in einem wüsten +Grimm in das Feuer gebohrt, an das Feuer gegeben: „Aushalten. +Rühr mich keiner an. Entweder ich brenne aus oder +ich bleibe.“ Damatile, das starke plattnasige Weib, jenseits der +Flamme, schrie zu Kylin herüber: „Unser Verderber. Du! Wir +haben alles überstanden, die Turmalinschleier die Drachen. Das +schlimmste kommt zuletzt: Kylin. Das schlimmste heißt Kylin. +Er hat die Vulkane aufgerissen und jetzt sind wir dran. Nicht +zur Besinnung sollen wir kommen. Nicht genesen. Kylin, +Bestie, Drachen.“ Der stöhnte: „Immer weiter. Für mich. +Das ist Grönland. Das – ist – Grönland.“ +</p> + +<p> +<a id="page-516" class="pagenum" title="516"></a> +Unter dem Erbrechen Murren Stöhnen der Männer und +Frauen schleppte sich Idatto, der junge, gegen das Feuer. +Sein Blick lechzte: „Weggezogen. Wiedergekommen. Ich +komme schon. Du rückst vor mir nicht aus. Da ich, Idatto. +Ich bin Idatto. Du bist das Feuer. Du bist Grönland. Ich +knirsche nicht. Da, ich bin dicht bei dir. Komm nur, brenn +nur, rase nur, sei mein Feuer, laß dich schlucken. Ah süße Hitze. +Schlucken in meinen Rachen. Süße heiße strudelnde Luft. +Hauch in meinen Hals. Ich halte aus.“ Kylin: „Mußt aushalten, +Idatto. Es ist Grönland. Es ist das Feuer. Du darfst +dich nicht entziehen.“ +</p> + +<p> +Der Schwarze Niedergefällte ächzte: „Kylin, du. Ich halte +aus. Wie quälst du uns. Wir waren ja schon gesund.“ „Ich +mach keinen gesund, keinen krank. Idatto, stütze mich, ich stütze +dich, sei du mein Freund. Sprich mit mir: ‚Dies ist das Feuer, +dies ist das Feuer.‘“ „Was soll ich sagen.“ „Dies ist das Feuer. +Damit es nicht ausweicht, Idatto.“ „Ja, ich will es.“ Und +sie umklammerten sich beide. Das rote Feuer glutwallte vor +ihnen. Die Männer und Frauen hielten sich die Ohren zu. +Die beiden hauchten: „Das ist das Feuer. Das ist Grönland. +Das Feuer. Grönland. Grönland.“ +</p> + +<p> +Und die andern rafften sich auf, bewegten den Kopf abwärts, +stotterten: „Ja, ja.“ Denn Kylin und Idatto gaben +nicht nach. Von dem Würgen und Erbrechen waren die Menschen +schwach. „Hier mein Tuch. Meinen Gurt“ murmelte +einer matt, warf den Gurt von sich in das Feuer. Das fraß ihn, +erhob sich knatternd in Flammen, spie Rauch. „Es muß geschehen. +Es gibt keine Rettung.“ Und da stürzten schon welche +vor die beiden umschlungenen Kylin und Idatto, die sich bestärkten: +„Es ist gut. Ihr seid gut. Wir danken euch. Nehmt +mich mit auf den Weg. Kylin, daß du uns nicht hast einschlafen +lassen.“ „Das Feuer. Grönland. Das Feuer. Grönland.“ „Ich +bin schwach. Ich bin nichts. Ich bete dich an.“ „Gewaltiges. +Gewalt. Ach ich reiche nicht aus. Geschehe was will.“ Und +da zogen welche ihre Jacken aus, mit fliegenden Fingern, betasteten +sie, der Atem flog ihnen, sie ließen die Jacken in das +Feuer fallen, hielten sich die Ohren zu, wie es knisterte und +<a id="page-517" class="pagenum" title="517"></a> +sprühte, schluchzten hilflos, bitter heraus: „Wo ist eine Rettung.“ +Und immer riefen Kylin und Idatto, am Lichtschein +hängend, unerbittlich: „Feuer. Grönland.“ Schmeichelnd, unter +einem Zwang, nahmen manche sich die Tücher ab, Bänder, +was sie lose an sich trugen, drückten sie sich schmeichelnd an das +zärtlich entspannte Gesicht, warfen es in sanftem Bogen ab +in die stolze aufprasselnde Flamme. Sie standen in der Umschlingung +der Finsternis, vom Feuerschein überspielt, das Gesicht +zogen sie nach rückwärts, dann tauchten sie es wieder ein +in das weiß-rote Licht. +</p> + +<p> +Idatto hatte sich mit einem schmelzenden Lächeln von Kylin +abgelöst. Sachte bog er seine Knie, machte Schritte um das +Feuer. Schlich um den Brand. In weitem Bogen schlich er +um den Brand. Die Arme hielt er gehoben, sein Mund zum +Frohlocken geöffnet, aber er sprach kein Wort. Der junge +Schmächtige blickte nicht in das Feuer, nur gerade vor sich in +die lichtdurchzuckte Luft, auf den nadelbestreuten Waldboden. +Verneigte sich alle paar Schritt. Umkreiste das Feuer. Und +die, neben denen er lief, standen auf. Seine Stimme kam: +„Auf! Steht auf. Das Feuer gepriesen. Grönland gepriesen. +Die Vulkane gepriesen.“ Und die gekrümmten Rücken, geduckten +Schultern folgten. Seufzten noch, schauderten schluchzten +in ihrer Angst, aber er kreiste weiter. Kylin kauerte am Boden. +Wie sie stöhnend und flüsternd vorbeizogen, verlor er die Besinnung, +lag rückwärts gestreckt im Dunkel. +</p> + +<p> +Idatto löste sich vom Feuer, lief rufend in den Wald. Vom +Flußtal der Aire stiegen einzeln, in Scharen Menschen her. +Erschreckt beängstigt mischten sie sich unter die Herumziehenden. +Drängten fragten. Sie wußten, man mußte sich trennen. Von +Grönland ging das Gerede. Das Feuer wehte streng; man schob +sich an den Brand, warf beschwörend bittend Tücher und Gürtel +hinein, kaufte sich los. Wie viele knieten; die Angst bezwungen. +</p> + +<p> +Man hob Kylin auf. Er stierte in das Gewimmel, horchte +auf das Raunen Rufen Aufschreien. Idatto führte ihn. +Kylin lächelte fremd: „Habt ihr Furcht vor mir? Ich bin der, +der auf Island den Herdubreid und Krabla gesprengt hat. Ihr +habt keine Furcht vor mir. Ihr seht ja, was wir hingebaut +<a id="page-518" class="pagenum" title="518"></a> +haben: das Feuer. Das große große Feuer. Keine Furcht. +Weicht ihm nicht aus. Auch den Vulkanen und Grönland nicht. +Sie sind sonst ein Gefängnisvogt, der auf euch wartet, euch in +Ketten werfen will. Keine Furcht. Ihr müßt das Feuer ansehen, +bis ihr es aushaltet. Seht das große Feuer. Seht es an.“ +„Näher, näher. Es zerreißt nicht. Ach wie es blüht. Grüßt es. +Grüßt es. Grüßt Island. Unsere Heimat. Verneigt euch. +Grüßt.“ Viele stürzten hin. Die Rufe brausten durch den Wald. +</p> + +<p> +Kylin trat langsam an den Brand, während die Flammen +unter neuem Holz brodelten. Die Führer um ihn wurden +still, schwärmerisch verzückt ehrfürchtig an dem Feuer hängend. +Kylin ließ sein hartes Gesicht bescheinen: „Da brennt es. +Wärmt. Brennendes Flammenfeuer. Es hat die Vulkane auf +Island zerrissen. Die Gletscher gesprengt. Das ist wie Wasser, +das die Schiffe zerschlägt und die Schiffe trägt. Wohl uns, +daß wir nicht auf den Shetlands verdorrt sind. Die Angst hat +uns verlassen. Ich verneige mich schon. Du brennst, wenn wir +nahe kommen. Laß dich besänftigen. Sei uns gnädig. Sei +uns allen gnädig.“ Idatto hielt Kylin umfaßt. „Nun frage ich +dich, Idatto, ob du verhungern und sterben oder leben willst. +Haben wir ein Recht zu sterben. Ein lebendiges Wesen die +Welt: das ist ungeheuer zu denken. Ist es möglich zu sterben, +nachdem wir dies wissen. Hör wie sie rufen. Sie verstehen +alles wie wir. Dies verstehen alle Menschen. Es ist keine +Zaubersprache, die wir verstecken können. Idatto, du junger. +Wir werden uns bald trennen. Jeder wird einzeln gehen. Ich +muß leben, du auch, die andern. Das Feuer preisen. Und was +wir gesehen haben. Jetzt kommt das Leben.“ +</p> + +<p> +Damatile, die starke schwarzhaarige Frau vor ihnen, streckte +wagerecht selig die Arme hin, lächelte durch die Spalten der +geschlossenen Augen. Wie von einem Vogel lockte gluckerte +ihre Stimme: „Wie kamen wir auf den Einfall, zusammen zu +bleiben, um uns totschlagen zu lassen. Wie ein Bad ist dies, +eine Wonne, in der ich liege. Eben ist uns das Bad gerichtet, +das Wasser eingelassen. Eben sind wir aufgenommen.“ Die +gelbliche langsame Schachara rief hinten: „Damatile.“ „Hier +steht Damatile, macht die Augen nicht auf.“ „Ach, da bist du. +<a id="page-519" class="pagenum" title="519"></a> +Ich bin’s.“ „Wer denn?“ „Schachara.“ „Schachara sagst du.“ +„Damatile, ich kann alles aussprechen. Das ist das Feuer, das +wir in Island geholt haben. Ich bin über den Herdubreid geflogen. +Er war schon aufgebrochen. Diese Flamme. Es war +diese Flamme. Ich erkenne sie wieder.“ „Ja, Schachara. Und +schließ die Augen, sage was du dann fühlst.“ „Was?“ „Die +Augen geschlossen, Schachara?“ „Ja.“ „Leg deine Hände hinter +den Kopf wie ich, halte den Kopf zurück. Hör nicht, was sie +rufen. Fühl nur. Fühl in deine Finger, fühl in dein Gesicht, in +deinen Mund, fühl in deinen Leib, deine Beine herunter, in deine +Füße. Fühlst du. Ach, ich kann nicht sprechen. Nicht über meine +Lippen. Ach Schachara, ich, ich kann es nicht aussprechen. Es ist +wieder da. Hab keine Furcht, fühl es nur. Bleib stehen. Das +Süße Sanfte Sanfte Wilde und Starke. In meinem Hals, in den +Knien, über dem Rücken, in meinen Augen. Ach. Brennt fließt. +So. So. Ich brenne selbst. Nicht zu sprechen. Nicht zu sprechen.“ +</p> + +<p> +Die andere lispelnd versenkt: „Nicht zu sprechen, Damatile.“ +</p> + +<p> +Idatto hatte einen alten Buchenstamm erklettert. Die +Splitter des Strunks umfassend hing er oben, träumte über +das Wogen der Menschen hinweg, in den immer gewaltiger +angefachten Brand: „Die welken Blätter. Die Luft. Ich laß +mich fallen. Ich laß mich fallen. Oh hilf mir einer, daß ich +nicht verschwinde.“ +</p> + +<p> +An diesem Abend und in dieser Nacht rangen sich die Führer +von der letzten Verstörung los. Kylin zog in der Nacht die +Unterführer zu sich; er wolle, bevor sie sich trennten, ihnen +etwas mitgeben. Es war ein Zeichen, das sie festhalten sollten. +Er trug einen kleinen Dolch. Das Griffende aus Bronze zeigte +hochgetrieben die Linien eines geöffneten Berges, aus dem eine +züngelnde Flamme schoß. Den Griff des Dolches erhitzte Kylin, +drückte als erster das Zeichen sich dann Idatto in den Unterarm. +Das Zeichen nahm in dieser Nacht das ganze Heer der Führer. +Sie bogen sich, wie der Schmerz in sie schoß, schlossen die Augen, +waren stiller als vorher. Bei Morgengrauen lösten sich ohne +Abschied die ersten kleinen Gruppen von der Schar. Als das +Feuer mittags zusammensinterte, war das Wäldchen und Flußtal +der Aire leer. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-10"> +<a id="page-521" class="pagenum" title="521"></a> +<span class="line1">Neuntes Buch.</span><br> +<span class="line2">Venaska</span> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<a id="page-523" class="pagenum" title="523"></a> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Südosten des Landes stand ein uraltes Rumpfgebirge. +Flach gewölbt war es, vom Wasser und Regen bis auf den +Sockel zerstört. Senkte seine Oberfläche nach Westen unter die +weiten eingeebneten Beckenlandschaften. Vulkane hatten die +alten granitischen Massen durchbrochen. Dies war die Hebung +der Cevennen, das Hochland der Auvergne, Fores, Lyonnes. +Bergströme durchbrausten die welligen Plateaus, enge Felstäler, +Basalt- und Trachytkegel, Lager von Schlacken Aschen. +Ein Krater senkte sich hundert Meter ein. Von den Gletschern +des Gotthard kam die Rhone herunter. Gießbäche verstärkten +sie. Sie jagte durch Engpässe, tauchte ihr schlammiges Wasser +in den sichelförmigen Genfer See. Tiefblau trat sie aus dem +Becken. Und wie sie den Jura durchbrochen hatte, kam ihr +von Norden die sanfte Saone entgegen. Wasser mischten sie +mit Wasser, rollten nach Süden. Breiter und breiter strömte +der Fluß durch die lavendel- und myrtenduftende Ebene. Die +Nachbarländer schickten ihm neue Wasser zu. Noch einmal +traten die Felsen der Alpen, die ihn erzeugt hatten, an seine +Ufer. Dann öffnete sich das Stromtal. Versumpfende Ufer. +Rollkiesel über dem flachen Bett. Kieselfelder bis zum Meeresgestade, +ödes Deltaland. Die trägen Wasser schwollen verendeten +im Meer. +</p> + +<p> +Garonne, der wasserwälzende Strom im Westen durch das +Schwemmland, zwischen sanften Hügeln und Weinbergen. +Weiß blau rosa schimmernd im Süden die Ketten der Pyrenäen. +An der atlantischen Küste warf der Wind einen Wall +auf, die Landes; nahm Sand von der spanischen Küste, die +das Meer zernagte, häufte sie zu Dünen im Norden. +</p> + +<p> +Wenige Stadtschaften trug das weite Gebiet der beiden südlichen +Flußbecken. An den Meeresufern strahlte drohten Marseille +<a id="page-524" class="pagenum" title="524"></a> +und Bordeaux. Toulouse an der Garonne zog seinen schmetternden +Kreis. Die Städte stiegen wie die nördlichen mit der +Masse ihrer Bewohner in die Tiefe. Auf den Flächen des +fruchtbaren Landes nördlich der Pyrenäen, den Schuttablagerungen +der Eiszeitgletscher, schlichen Siedler. Die palmen- +und orangenbestandene Ebene der Provence bewohnten sie, +hielten sich an den Ufern der starken Flüsse. +</p> + +<p> +Noch bevor der Kampf um Grönland beendet war, verließen +kleine Scharen der britischen Siedler die Inseln, auf denen +man sie ausrotten konnte. Im Norden und um sie herum +stiegen die Städte in die Tiefe, da berührten Gruppen der wandernden +Schlangen das untere platanenbewachsene Flußtal der +Garonne und das fette Weideland. White Baker stieß mit +ihren Scharen in das Land, das einmal Melise, die grausame +Königin von Bordeaux, beherrscht hatte. In das Becken zwischen +den Pyrenäen, dem östlichen Gebirgsmassiv und dem +Ozean flossen sie ein. Bewegten sich in den warmen Auen der +Charente, unter grünenden Edelkastanien, dunklen Ulmen, den +Laubkronen der Nußbäume, auf Wiesen und Rebenrücken. In +den Forsten, besonnten Gauen, endlosen verwilderten Getreideflächen +verloren sie sich unter die alten halbspanischen und +afrikanischen Siedler. +</p> + +<p> +Von den Stadtschaften losgelassen blühten sie im Tal der +Charente, um das breite Bett der Garonne. Die Schlangen +hatten von der britischen Insel ihre dunklen Lehren von der +Wanderung in der Liebesumarmung und Entrückung mitgebracht. +Um Perigueux und Bergerac bis zur Mündung der +Gironde, wo die schwelgenden Römer Wälle gebaut hatten, +bewegten sie sich, zwischen Sanftmut und Überschwang schwankend, +Männer und Frauen. Die Finsternisse Nebel kalten +Winde Fröste der britischen Insel waren nicht hier. Die Gewalten +der Stadtschaften waren verschwunden. Hier war nur +der Mistral furchtbar, die schmetternden Gewitter des Frühlings +und Sommers, und die Springflut, die vom Ozean in +die Mündung der großen Gironde lief und über die Äcker hinschlug. +Schlafende Wildnis, Gartenfluren, goldener Ginster, +zertrümmerte Straßenzüge. Ab und zu ein Blitz, vor dem sie +<a id="page-525" class="pagenum" title="525"></a> +sich duckten; die Flugzeuge und Wagen der in die Tiefe gesunkenen +Stadtschaften, von der Erde rafften sie Sand- und +Steinmassen, von den weichen Felsen klöppelten sie Stücke ab, +fuhren sie in den Boden für die Mekifabriken. Die am Meer +sahen auch die großen Luftfrachter, die regelmäßig täglich die +Salze Säuren Steinlasten von Norden hertrugen. Von +keinem gehindert siedelten sich die Fremden auf dem reichen +Boden an. In Gehöften siedelten sie, auf den gras- und +rebenbestandenen Fruchtäckern, den alten Sümpfen und +Schwemmland, auf pflanzenbewucherten Bodenanschwellungen, +unter dem hochstämmigen Kirschlorbeer, neben wilden +dichtzweigigen Akazien, die ihre Blattbüschel über kleine Bäche +ausluden. +</p> + +<p> +Und wie die Menschen über den weichen dunstenden Boden +gingen, der Wein und die Bodenwürze in sie stiegen, war ihr +Drang zueinander nach der langen Entfremdung tief. Es +gingen nach den Schlangen mit White Baker Gruppen nach +Gruppen flüchtiger Siedler, britischer flandrischer fränkischer +jütischer über den Boden, und wurden wie sie ergriffen. Dieses +grenzenlos Heutige Frische Sicherneuernde. Jeder Lufthauch +erregend sich zu entäußern, umzustülpen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ervadak</span> saß allein unter einem sattgrünen Kirschlorbeer, +der junge noch gelbblasse Mensch, und lockte Light-for-me, +Mein-Licht, die Frau, die am Dordogneufer neben ihm siedelte. +Ach sie sollte zu ihm kommen. Sie war schon oft mit ihm in +das Dickicht gegangen, wo eine heilige Hütte stand, hatte mit +ihm die süße Wanderung angetreten. Er lockte immer von +neuem, die braune Light-for-me ließ es sich gefallen. Er saß +bewegungslos unter dem knorrigen astverschlingenden Kirschlorbeer. +Sie lachte zwischen den Erbsenstauden: „Servadak, du +sitzt an dem Baum, als wärst du seine Wurzel. Sieh einmal +über dich: er wächst schon so grün aus dir.“ „Light-for-me, du +hast schon genug gearbeitet.“ „Sieh meine Arme, Servadak, +wie dick sie sind. Jeden Tag werden sie dicker. Sie werden +noch platzen. Ich freue mich.“ „Für wen tust du so viel.“ „Und +<a id="page-526" class="pagenum" title="526"></a> +wenn ich Kinder bekomme, Servadak, wer wird ihnen zu essen +geben.“ „Ich werde sie füttern. Und die andern auch.“ „Ich +hab Arme, Servadak, und es sind meine Kinder. Ich sitz’ nicht +unter dem Baum. Sieh meine Erbsen an.“ „Komm zu mir, +Light-for-me.“ „So sagen auch die Erbsen: komm zu mir. +Und meine Hähnchen. Und die Trüffeln.“ „Komm zu mir, +Light-for-me. Mein Augenlicht. Meine Weide. Ich sitze nur +hier, doch nur für dich, sehe deinen Acker an, bin froh, daß du +darüber gehst. Sieh meine Erbsen. Taugen die nichts?“ Sie +lachte: „Schlecht sind sie. Rotes Unkraut ist dazwischen. Ich +helfe dir nicht, wenn es Schoten gibt.“ „Komm näher.“ „Willst +du mit mir in die Hütte gehen? Aber ich will nicht.“ „Nur +näher sollst du kommen.“ „Aber was hilft es, Servadak.“ „Mir +hilft es. Mir hilft es, wenn du nur einen Schritt näher kommst.“ +„Ach, lieber Freund. Ich bin traurig, wenn ich dich sehe. Du +bist so blaß. Und wie lange sind wir schon von Bedford weg.“ +„Ich bin schon hundert Jahre von Bedford weg. Als ich dich +an der Kreideküste im Norden sah, waren die hundert Jahre +um. Das war gestern. Oder heute. Heute hab ich dich zum +ersten Male gesehen. Eben sehe ich dich zum ersten Male. Komm +zu mir, Light-for-me.“ „Ach, was rufst du nur, Servadak. +Wenn ich auf mein Erbsenfeld gehe, bist du wie die Drossel +da.“ „Aber der Drossel antwortet eine andere.“ „Ich antworte +doch auch.“ „Keine Drossel bist du. Nicht antwortest du mir.“ +Er streckte einen Arm nach ihr aus. Sie senkte den Kopf an +den Stauden, weinte, zupfte an den Stöcken, lief langsam, +dann rascher zu ihm, ließ sich von ihm, der vor ihr hinfiel, +küssen, küßte ihn sanft auf Mund und Augen. +</p> + +<p> +Er lockte sie wieder am andern Tag, wieder am andern Tag. +Zart war sie immer da, braunschwarzes Kräuselhaar, das +schlanke Figürchen, immer rege, leicht ermattend, der Blick erst +schwach ergeben um Bäume Erden Menschen, täglich mehr +wie die Herrin strahlend und offen. Sie trug die strenge Arbeitstracht +der britischen Siedler, graue braune lange Jacke, +schwarze Frauenhosen, lose, um die Knie und Knöchel gebunden. +Als sie sich den bunten Foulard um den Hinterkopf wand, +stand er unter dem Kirschlorbeer auf. „Ja, Servadak! Und dir +<a id="page-527" class="pagenum" title="527"></a> +bringe ich etwas. Eine bunte Jacke. Sieh doch, was sie für +bunte Jacken tragen.“ „Wer trägt bunte Jacken?“ „Die +Schlangen. Die Männer. Viele.“ „Light-for-me, ich bin ja +gar keine Schlange.“ Sie erschrak, kam näher: „Sag das nicht, +was sagst du. Wir sind es doch alle.“ „Du weißt es selbst.“ +„Nein, nicht weiter sprechen. Ich will nicht hören. Mach mir +nicht bange.“ „Was willst du mir geben, ein Tuch? Eine +Jacke? Wenn du willst, wenn sie von deiner Hand ist, will +ich sie tragen.“ „Ich dank dem Himmel, daß du willst. Ach +Servadak, steh doch auf von dem Baume: du wirst nicht besser +unter dem Baum. Du siehst blaß aus wie wenn du eben aus +London gekommen wärst.“ „Hundert Jahre bin ich aus London +weg. Es ist nicht wahr, daß ich noch blaß bin. Ich arbeite, +sieh meine Reben an, mein Licht.“ „Ich bring’ dir die bunte +Jacke.“ „Und komm du!“ Sie war bei ihm. „Was faßt du +mich an, Servadak. Sollst deinen Kittel ausziehen. Sieh, +das ist grüne Wolle. Gefällt sie dir? Sie ist schön. Ach wirst +du aussehen.“ „Ich werde gut aussehen? Zeig. So. Wie +sehe ich aus?“ „Gut, gut. Herrlich. Sieh dich doch selbst an.“ +„Ich will sie immer tragen.“ „Nein, du darfst mich nicht immer +anfassen. Ich muß dich doch betrachten. Bist du nicht schön. +Wirst du mit mir morgen singen gehen?“ Und sie führte ihn +fröhlich durch seinen Acker, rief die Bohnenranken an, zeigte +ihn dem Kirschlorbeer: „Jetzt wird Servadak dir untreu, Lorbeerbaum. +Jetzt sitzt er nicht mehr bei dir. Er braucht Licht. +Er will sich bewegen. Er muß stolzieren.“ Sie führte ihn auf +ihr Feld: „Das ist Servadak. Wie gefällt euch seine bunte +Jacke. Ist sie nicht schön wie mein Foulard. Komm, ich setze +dir eine frische Bohnenranke an den Hals. Nun Rankchen, +was sagst du zu Servadaks Jacke?“ „Gib mir die Ranke her.“ +„Laß sie doch an deinem Hals.“ „Ich will sie in meine Hand +nehmen. Sie ist von dir. Du hast sie gepflegt. Und wenn sie +welk ist, halte ich sie zwischen den Handtellern und bis in meine +Schultern hinein lebt sie, nein lebst du.“ Sie drehte aufseufzend +den Kopf beiseite. „Was ist, mein Licht.“ „Nenne mich +anders.“ „Du bist doch mein Licht.“ „Nenne mich anders. +Ich möchte Krokus heißen oder Lüftchen oder – ich bin +<a id="page-528" class="pagenum" title="528"></a> +Majelle, wie ich immer war.“ „Du bist traurig.“ „Ja, du +magst meine Ranke nicht, Servadak, magst nichts. Ich nehme +sie dir schon ab.“ „Mein Licht.“ „Sag Majelle zu mir. Du +magst das Licht doch auch nicht.“ „Oh!“ „Oh. Ja, oh, Servadak, +mein Nachtfalter. Oh bist du krank von London.“ „Ich +habe so viel, so viel Menschen entbehrt, Majelle. Jetzt habe ich +dich. Sei mir nicht gram.“ +</p> + +<p> +Die braune Majelle blieb ganz für sich, kein Wort sagte sie +bei den großen Zusammenkünften zur Diuwa, der Führerin +dieser Gruppe der Schlangen. Oft kam Servadak, lud sie zu +der Hütte ein; sie machte glücklich und traurig die Wanderung +mit ihm. Wartete, ob er sich verändere. Aber von jeder Wanderung +kam er wilder sehnsüchtiger zu ihr. Ihr Acker lag dicht +bei Servadaks. Seine Blicke lagen halbe Tage auf den Baumstämmen +dem Boden den Schoten Artischockenkraut Gewürzblumen +ihres Ackers. Immer wartete sie, ob er die Kräuter +Obstbäume ansehe, ob er sich über ihre Hühner freue. Er +freute sich, aber sein Lächeln zeigte, er freute sich über sie. +Dicht bei ihren Feldern lag ein ruhiger See. Sie schwamm +wonnig in dem lauen flachen Wasser, Servadak jauchzte neben +ihr; sie ließ sich im Wasser von ihm küssen umschlingen, sah sein +glutverzehrtes Gesicht. Sie lief in ihre Hütte, warf sich: „Oh +was was was was soll ich tun! Was soll ich tun! Ist er nicht +krank. Ich möchte ihm gut sein, er ist schrecklich. Er leidet. +Er verschlingt mich. Was soll ich tun.“ +</p> + +<p> +Zur Diuwa, der milden glanzäugigen ließ sie sich führen. +Die lachte: „Weißt du, Majelle. Ich will dir sagen: du wohnst +weit von uns allen entfernt mit deinem Servadak. Würdest +du näher wohnen und öfter zu uns kommen, wüßtest du schon: +das kommt tausendfach vor. Es ist bei Männern und Frauen +nicht sonderbar. Sie sind so froh alle, einer den andern zu +haben. Nach so langem Entbehren. Und nun überfroh.“ „Ich +bejammere ihn ja, Diuwa. Er arbeitet. Was er muß, arbeitet +er. Aber nichts betrachtet er. Er ißt, ohne zu schmecken. Ich +habe es gesehen, als er bei mir saß: es hat ihm nichts ausgemacht, +ob ich ihm Gurke oder Senf oder gebackene Trüffeln +gab. Er schluckt lacht und ist froh.“ „Weil du da bist.“ Majelle +<a id="page-529" class="pagenum" title="529"></a> +weinte: „Ja weil ich da bin. Aber ist er nicht wahnsinnig.“ +„Du Kind. So sind viele.“ Majelle weinte: „Hilf mir doch, +Diuwa. Er ist gut, Servadak. Er hat grausig in London gelitten. +Er kannte nichts als Maschinen und das Spiel und +Lungern. Er hat es mir erzählt. Und dann ist er zu uns gekommen. +Wie schön konnte es bei uns werden. Und es wird +nicht.“ Diuwa hielt die junge Majelle auf dem Schoß, sann: +„Eins will ich dir sagen. Als du von London kamst: dies mußt +du nicht glauben, daß du allen Schmerz zurückgelassen hast. +Majelle. Der Schmerz das Unglück ist nicht nur in London. +Das kommt überall mit, wo man den Fuß hinsetzt. Sogar +hierher, wo alles weich wie ein Garten Eden ist, hier an der +Garonne.“ „Ich fürchte mich vor dem Schmerz nicht.“ „Du +könntest Servadak rasch töten, Majelle, wenn du mit ihm in +der Hütte bist auf einer Wanderung. Willst du das. Ja. Das +haben schon manch andere getan, Mädchen und Männer. Es +ist keine Qual. Es ist kaum ein Schritt, du weißt es selbst, +zwischen einer Wanderung mit dem Geliebten und dem Hinsterben. +Es ist er nicht, dein Freund, dieser Servadak, das +stirbt. Wenn er entrückt ist, an deinem Leib sich zurückbiegt, +sich fallen läßt, sich verströmt, hat er nicht mehr die Seele Servadaks. +Du ersparst ihm nur die Rückkehr. Laß ihn drüben. +Jetzt bist du still.“ Lange war Majelle still, auf dem Schoß der +Führerin, an ihre Brust verkrochen. Hauchte: „Das kann ich +nicht.“ „Ich weiß schon. Weil du dann selbst mit ihm wanderst.“ +Geduckt saß Majelle. „Gut, Kind. Wir wollen etwas anderes +denken.“ Majelle an ihrer Brust atmete: „Er ist so zart. Mein +Nachtfalter; kann ihm nichts tun.“ „Wir denken etwas anderes.“ +Majelle umhalste die Frau: „Du bist mir böse, Diuwa.“ +„Nicht spielen, lieber Schmetterling. Willst du mir deinen +Nachtfalter überlassen?“ „Dir?“ „Vielleicht zähme ich ihn. +Vielleicht ist er eine Schlange, eine richtige mit Giftzähnen, +und ich muß ihm den Ring vom Fuß nehmen.“ „Soll ich’s +tun? Tu ihm nichts. Du hilfst.“ +</p> + +<p> +„Servadak, Diuwa läßt dich bitten.“ „Ich gehe nie mehr zu +den andern, Majelle, mein Licht. Nie mehr. Willst du mich +wegschicken.“ „Sie will dich sehen.“ „Ach, ich darf jetzt zu dir +<a id="page-530" class="pagenum" title="530"></a> +kommen. So lange habe ich an meinem Lorbeerbaum gesessen. +Nun bin ich bei dir. Ich weiß, du hast mich verklagt. +Majelle, du bist zur Diuwa gegangen und hast um Hilfe gegen +mich gebeten. Es tut mir nicht weh. Du hast mich ja vor mir +selbst so oft angeklagt. Aber ich kann doch nicht von dir lassen. +Ich muß dir ein Geständnis machen meine Hand, mein Hals, +mein Kräuselhaar, mein Planet, meine Sonne, meine Erde, +meine Nacht, mein Tag. Ich kann dir nur den zehnten Teil +sagen von dem, was ich zu dir fühle. Ich wagte es ja auch nicht +mehr. Aber ich kann es nicht rückhalten.“ „Drück mich nicht +so, Servadak, süßer Servadak.“ „Jetzt schämst du dich, weil +du bei der Diuwa meinetwegen warst.“ „Was willst du mir +denn sagen, Servadak, süßer Servadak. Du fliegst ja so.“ +„Gleich.“ „Warum machst du denn die Augen zu, Servadak, +süßer Servadak.“ Er hielt sie auf der Bank fest umklammert, +den Kopf neben ihrem Kopf: „Jetzt – mache ich die Augen nicht +wieder auf. Nie wieder.“ „Ach tu’s doch. Mach sie doch auf.“ +„Nie mehr.“ „Laß mich los, Servadak.“ „Nie mehr.“ „Was +soll das.“ „Nichts. Die Gehilfen der Diuwa von den Schlangen +werden mich holen. Einmal werden sie mich doch holen. +Sie haben schon andere geholt. Ich habe es gehört.“ „So +laß mich doch los.“ „Nein, Majelle, ich bin da. Da. Bei dir. +Bei deinem blauen und grünen Foulard, komm, ich wickle +ihn mir noch um den Hals. Jetzt ist dein Fleisch bei meinem. +Sie müssen mich von dir abhacken. Ich habe dich. Hier meine +Knie an deinem, mein Kopf an deinem.“ „Mich los, Servadak. +Ich ersticke.“ „Ich ersticke dich nicht.“ „Ich falle.“ Und +sie stürzten von der Bank, auf die weiche Graserde. „Majelle, +süßes Leben, ich weiß alles, was kommt. Es mag recht sein, +was kommt, aber ich will es nicht erdulden. Eia, eia, da bist +du.“ Er schnaubte, wühlte an ihr. Sie schrie. „Jetzt wirst du +schreien, mein Leben.“ „Was habe ich dir getan, Servadak. +Ich war immer gut zu dir. Ich habe dir im Garten geholfen. +Wie oft bin ich in der Hütte mit dir gewesen.“ „Wenn du da +warst, war es gut. Wenn du nicht da warst, war es vorbei. +Jetzt ist es gut. Ich habe mich vor Sehnsucht verbrannt. Ich +fühle sie fast noch, wo ich dich umschlungen halte. Ich will +<a id="page-531" class="pagenum" title="531"></a> +sie nicht mehr ertragen. Ich kann nicht mehr. Sei gut und +ergib dich drein, Majelle, verfluche mich nicht.“ „Ich sterbe, +Servadak, in deinen Armen. Du darfst mich hier nicht umarmen. +Zerreiß meine Kleider nicht.“ Er stöhnte litt, war +im Entzücken begraben: „Der hier bei dir liegt, ist Servadak. +Dem nichts geschehen wird. Du kannst ihn töten. Greif nach +meinem Gartenmesser, bring mich um. Ich gehe nicht mehr +von deinem Hals. Ich bleibe immer hier. Immer. Immer.“ +„Hilfe. Wer hilft mir.“ Sie wimmerte nur noch. Dann zog +sie mit einem hohen Seufzer die weißen Lippen von den Zähnen +hoch. Lag schlaff ohnmächtig. +</p> + +<p> +Nach einer Weile erst merkte der brünstig Verwühlte ihr Verstummen. +Er stemmte sich auf, schlug sich ihren leichten Körper +über die Schulter, wanderte zu seinem Feld herüber, legte sie +in seinem Holzhaus auf das Bett. Wie sie sich aufrichtete. Wie +sie um sich blickte. Er lag am Boden, lächelte sie an. „Was ist. +Wo liegst du?“ „Bei dir, Majelle.“ Sie sprang auf, ihre Blicke +durch den Raum: „Das ist dein Haus.“ „Ja.“ „Du sollst zur +Diuwa.“ „Ich sollte. Und statt dessen ist Majelle zu mir gekommen.“ +„Nein; ich will gehen.“ „Du bleibst jetzt immer bei +mir, Majelle. Immer bleibst du jetzt bei mir.“ „Ich gehe auf +mein Feld.“ „Das kannst du. Das wirst du. Es ist auch mein +Feld. Dieses Haus ist dein Haus und mein Haus. Hier wohnst +du jetzt.“ „Nein.“ „Gewiß wohnst du jetzt hier, Majelle. Ich +kann nichts anderes erlauben. Du kannst nicht verlangen, daß +ich mich umbringe. Hier habe ich dich. Und behalte dich.“ „Du +bist krank.“ „Es kann sein. Ich kann nicht ohne dich leben.“ +„Und ich?“ „Du bist Majelle, mein Leben, ein Stück meines +Körpers. Jetzt bist du hier und wirst immer bei mir sein. Wie +ein Baum und sein Schatten gehören wir zusammen; man kann +sie nicht auseinanderreißen.“ Er zitterte, seinen Arm hatte er +um ihre Hüfte. Sie wußte nicht, wer er war. Ihr war zum +Schreien vor Schmerz. Sie drehte sich zu ihm, legte die Hände +auf seinen Kopf, zog sein Gesicht zu sich, küßte es, blickte es an, +bettelte klagte schüttelte ihn: „Nun, Servadak! Du bist doch +mein Freund. Servadak! Du bist doch mein süßer Stamm unter +dem Kirschlorbeer. Komm hin, setz dich da. Ich werde mich +<a id="page-532" class="pagenum" title="532"></a> +neben dich setzen. Du siehst zu mir herüber. Du hörst meine +Hühner gackern und rufst ihnen zu. Du wirfst nach den Spatzen +mit Steinen, damit sie meine Schoten nicht aufpicken. Der +Lindenbaum blüht neben meinem Häuschen. Servadak. Du! +So wonnig ist alles.“ „Nur du bist wonnig.“ „Sag das nicht. +Hör mich doch. Oh du ängstigst mich so. Du bist doch auch mein +Glück.“ „Du bist mein einziges Glück.“ +</p> + +<p> +Da schrie sie auf in Entsetzen, so gell, daß er sie ließ und stehen +blieb. Sie huschte an die Tür, drehte sich um zu ihm, der sich +entgeistert am Bett hielt, lief noch einmal zu ihm. Er murmelte +mit dem Blick eines Stiers, der den Todesschlag empfängt: „Nicht +weggehen. Oh, Majelle. Nicht weggehen“, und hob keine +Hand. Sie rang sich noch ab, wie sie ihn auf das Bett gelegt +hatte, er ließ mit sich tun –: „Ich will in mein Haus. Ich komme +bald wieder zu dir.“ Und dann ging sie leise, drückte still die +Tür ins Schloß, stand horchend an der Tür, stürzte auf ihr +Feld. Auf der Wiesenfläche vor ihrem Häuschen warf sie sich +zwischen den aufflatternden Hühnern und Tauben hin, beschwor +ihren Schmerz stille zu sein, weinte schluchzte sich die +Brust müde. +</p> + +<p> +Und dann mußte sie ihr Kopftuch nehmen, ihr Gesicht war rot +und dick: „Diuwa, ich bin zu dir gekommen. Ich selber. Servadak, +mein Freund, wollte nicht. Ich weiß nicht, was werden soll. +Heile ihn. Hilf uns. Mach mit uns, was du willst.“ „Du hast +geweint. Was willst du?“ „Ich weiß nicht, was ich will.“ „Nun +sitz ganz still. Nicht weinen. Nicht wieder weinen, Majelle, +du Feder, du Seide. Bleibe, was du bist. Kennst du den Abenduntergang, +Majelle, am Meer, nach der Gironde zu, wo drüben +Bordeaux liegt. Da sind gewaltige Farben, schwimmt alles von +Gold und Blut, braust und donnert durcheinander. Und das +Meer kann nicht stille halten; die ganze Wasserfläche zittert und +die Luft; das Glühen, Purpur. Und dann wird es stiller. Dann +siehst du von deinem Hügel mit einmal Bäume. Sind Bäume +aufgetaucht aus dem Boden; die verborgenen schwarzen Äste +gegen den hellen Himmel. Waren vorhin auch da, aber du hast +sie nicht gesehen. Und während du hinschaust, wie sie verschnörkelt +sind, die dicken Stämme umfaßt, alles schwarz –, bleicht der +<a id="page-533" class="pagenum" title="533"></a> +Himmel. So weißlich leer wird er. Aber auch das scheint nur +so, im ersten Augenblick; er ist nicht weiß. Die bläulichen zarten +Farben sind schon da, Striche und Dünste wie gehaucht –, ein +rötliches Violett, es ist schon ganz ins Weiße aufgelöst, ich sehe +es Abend um Abend, wie es vom Meer über uns hingeht. Da +stehst du zuletzt und jetzt sind die Bäume ganz da: Die Felder +und Hügel liegen vor dir. Dunkel, ins Dunkle eingerundet, und +immer tiefer mit uns selbst ins Dunkle einsinkend. Majelle, so +kommt man immer zu mir: mit diesem purpurnen und goldenen +Glanz. Es gibt keine Felder, keine Bäume, keine Trüffeln +Artischocken Erbsen. Man weiß nichts von Hühnern. Nur +Purpur Donnern Untergang Tod. Was machen deine Gräser +und Schoten, Majelle? Ich bin Diuwa. Wir sind an der +Garonne, von London und den britischen Inseln vertrieben.“ +„Ich will dir sagen, Diuwa, ich bin so gekränkt, daß ich mich vor +mir schäme. Ich bin durch Servadak so beleidigt und entwürdigt. +Ich fühl’ es nur, ich weiß fast nicht wodurch. O ich muß mich +bezwingen.“ „Es gibt Hühner auf dem Feld. Was machen sie? +Sollen sie weglaufen und sterben. Du hattest Artischocken gepflanzt.“ +„Und meine Bäume sind gut, und die Tiere sind gut, +und der Tag ist gut. Und alles wäre gut und Servadak. Nein“, +sie winselte plötzlich, drückte sich an die Frau, die die Augen weit +öffnete – „er war gut. Tu ihn weg von mir. Es muß geschehen. +Ich kann dir nicht sagen warum. Führ ihn weg. Ich will nicht +hassen. Ich verliere mich, euch alle.“ „Aber ich will es tun, Majelle. +Ist das nun das Purpur oder das Violett und die Bäume.“ +„Wegtun, Diuwa. Meinen süßen Freund, nimm ihn. Ich +kann mich nicht halten. Tu es für mich.“ +</p> + +<p> +Die Drosseln, die sie beide oft gehört hatten, sangen. Die +Tauben flatterten von ihren Plätzen auf. Die Boten der Schlangen +traten in Servadaks Haus, der sie schon erwartete. „Nehmt +mir den Ring nicht ab“ ächzte er, als sie an seinem Fuß nach +dem Schlangenabzeichen griffen. Sie führten ihn nach Westen +in eine andere Siedlung. Wie ein Brand, den man in einen +stürmischen Schornstein tut, verbrauste er. Der würzige dunkelrote +Medokwein lief durch ihn. Servadak sprang, sein Leib +wurde gedehnt. Majelle war fern, blieb fern. +</p> + +<p> +<a id="page-534" class="pagenum" title="534"></a> +Gewaltiges Blutrot über Bordeaux, zitternde, in Flammen +verbrennende verprasselnde Wasserfläche. Vergilbender Himmel, +hinbleichende Luft, große wie ein Riesenschiff aus dem +Meer anwogende Nacht. Rebgelände Bäche Menschensingen. +Und durch Servadak lief der Wein. Die Sterne glommen. Da +waren Kastanien, dunstende Rosenbüsche, Magnolien. Das +gab es. Das alles gab es. Servadak bog sich in seiner Hütte auf +dem Stroh. Wann würde er die Überfahrt von London beenden. +In ihm weinte es: Ganz hinten an der Garonne gab +es – wen? Light – for – me. Majelle. Sie ging über ihren +Acker, um den Kirschlorbeer, Kräuselhaar, offene braune Augen. +Nicht daran denken. Wegtun Majelle. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">m</span> Toulouse, im heiteren Gebiet der milchweißen Magnolien, +der Jukkastauden mit den gelben hängenden Glocken, bewegte +sich Venaska, eine schlanke Frau von braungelblicher Hautfarbe +und schwarzem dichten Haar. Sie war in dieses Gebiet der +Schlangen von Süden gekommen. Der Schnitt ihrer Augen, +die Modellierung ihres Gesichts war mehr malayisch als europäisch. +Manche nannten sie Mondgöttin. Sie nahm in der +milden Fruchtflur der jungen Garonne bald einen ähnlichen +Platz ein wie Diuwa im Norden. Mit ihren ruhigen sicheren +langsamen Bewegungen, die ein kühlwarmer Leib ausführte, – +zierliches Knochengerüst, flaumzarte Haut – drang sie unauffällig +in alle Kreise der Schlangensiedler. Ein leicht mokantes +Lächeln um die vollen Lippen. Das Gesicht von einem stillen +Ernst bedeckt, der ganz seelenhaft war, so seelenhaft, daß die ihr +begegneten betroffen waren, zugleich beschämt und erfreut, und +sich leicht von ihr führen ließen. Mit einer kleinen Zahl Frauen +und Männer, die ihr anhingen, wohnte sie eine Zeitlang am +breiten Canal du Midi, am Flüßchen Saune. Man kannte sie +nicht, wenn man sie in der sommerlichen gelben Siedlertracht +herumgehen sah, die sie anlegte, obwohl sie nichts tat. Man +arbeitete ja für sie, brachte ihr von den Fischereiplätzen Hummer, +kleine schmackhafte Sardinen, fetten Lachs. Man stritt sich, wer +ihr von seinem Feld die süßlich feine Gurke, die Aubergine bringen +<a id="page-535" class="pagenum" title="535"></a> +sollte. Wer den Wein brachte, trank ihn mit ihr. In gelben losen +Siedlerhosen ging sie herum, mit der weiten Bluse, an der Brust +grüne und schwarze Bänder, ging umschlungen mit Männern +und Frauen, sah hier auf zu der fetten Weideflur bei den Hirten, +ging lächelnd und träumend unter dem Geplauder ihrer Begleitung +die gewundenen Hügelwege, spielte mit den langen +Korallohrringen, winkte mit ihrer gelben Hand einer Bäuerin +im bunten Kopftuch. Warf ihnen schon weitergehend über die +Schulter einen Blick aus ihren dunklen aufstrahlenden Augen zu: +das Herz stand ihnen still. Wer vor ihr stand, wen sie ansprach, +besonders Frauen, war erregt gebannt. Alle hatten das Verlangen, +nach der kühlen festen immer leicht zuckenden Hand. Und +war Venaska vorbei, so kam ihnen vor, im Hals, in der Brust, als +wäre ihnen etwas geschehen. Sie liefen rasch, es war ihnen zum +Ersticken in ihren Kleidern, ihre Augen glänzten. Sie mußten +sprechen schwatzen; ihre Herzen klopften rasch, sie kamen nicht +zur Beruhigung. Einmal hatte im Norden, zwischen den Kieferwaldungen +und Seen der Mark die herrische Marion Divoise gelebt, +die Balladeuse, die Mädchen und Männer an sich lockte, ohne +daß sie wußte, wie das kam, und die ängstlich sah, wie man auf +sie zudrängte, und erregt einsam blieb. Die braungelbe Venaska +gab nichts von sich, was sie nicht fühlte. Oft wenn sie mit einer +fremden Frau stand, mit ihr Blick in Blick über einem Zaun, einem +Busch, die Hand hinüberstreckend, wurde sie blaß, biß sich die Lippen, +wandte sich verwirrt ab. So schwächte sie, was sie von sich +gab. Von Island fuhren durch das arktische Meer zwischen den +Schiffen des Expeditionskorps die großen Frachter, die Hallen mit +den ausgespannten leicht surrenden glimmenden Turmalinnetzen. +Fische Vögel zogen um die schwimmenden Frachter, Tang Algen +wuchsen aus dem Meeresboden; nachts leuchteten die Schiffe, +stießen sich von der Meeresoberfläche ab. So wandten sich die +Menschen auf den Hügeln und an den Ufern des Canal du +Midi und der Saune von ihrem Boden, von der Egge der schlanken +aufrechten Gestalt zu, die wie ihresgleichen war, und deren +Blick Stimme ihnen mit schmerzhafter Schärfe ins Herz zuckte. +</p> + +<p> +Man hatte ihr, die aus der Marseiller Gegend heraufkam und +erzählte, sie wollte nicht mit den Stadtschaften in die Erde gehen, +<a id="page-536" class="pagenum" title="536"></a> +ein flaches Siedlerhaus aus Buchenholz gezimmert unter einer +alten Mauer. Feigenbäume mit lockeren dunklen Kronen hielten +sich an dem alten Gestein, schüttelten jenseits die bräunlichen +Zweige herüber. Dunkelgrün waren ihre Blätter, rauh mit +Borsten, an der Unterseite hell weichhaarig. Die birnförmige +violette Frucht hielt Venaska oft zwischen den Händen, rollte sie, +hob sie zum Kinn. „Das ist ein Gott, wißt Ihr, eine Göttin. +Ist so glatt außen, wird noch dunkler, braun schwarz. Und inwendig +ist grünes Fleisch, rotes Fleisch, das schmeckt wohl. Die +Nüsse hält sie damit, die Früchte. Das ist die Feige, meine +Göttin.“ Sie nestelte sich in das schwarze Haar Zweige mit der +jungen Frucht, beschenkte die anderen mit den kostbaren von ihr +bestrichenen behauchten Blättern. So ging sie an der sanft +fließenden Saune, schlank und biegsam auf hohen Beinen mit +leicht vorgewölbtem Leib. Wem sie im Vorüberziehen den Arm +um die Schulter legte, ernst und sonderbar fremd, der fühlte, +verzaubert in ihr glattes Gesicht blickend: er hatte noch nie gewußt, +was ein Weib ist. Fast, was ein Mensch ist. +</p> + +<p> +Sie war ohne Scham. Als wenn sie sich bedrückt fühlte, warf +sie am Tag oft ihre leichte Jacke ab, bewegte sich, ging mit nacktem +wiegenden Oberkörper, bräunliches ebenmäßiges Gebäude, umhauchte +Brusthügel, tiefdunkel flach. Und dann, in Menschennähe, +waren ihre Arme nur Ranken, die etwas suchten, worum +sie sich winden sollten. Ihre Brust atmete leise, gleichmäßig und +immer glückvoll. Andere menschliche Ranken, Arme von Männern +und Mädchen, schlangen sich mit ihren zusammen. Venaska, +Blick in Blick mit dem andern ruhend, gurrte, sprach lieblich, +kehlte. Sie wußte nicht, wie streng sie wirkte. Das andere, +das an ihrem Körper hing, schauerte in Entzücken, öffnete hingegeben, +schon nicht mehr drängend, die Lippen. Hatte in rasch +verschwindenden Sekunden einen Hang, sich zu lösen, abzuziehen. +Venaskas Augen fingen an, sich zu weiten, tiefschwarz +mütterlich leidend zu gluten. Ein Erliegendes hatte sie an ihrer +Brust. Dem streichelte sie die Schultern, die Ohren, den Hinterkopf, +strich über seinen Nasenrücken; ihre Augen blitzten auf. Es +kam ein Augenblick, wo das andere schlief in ihren Armen, ihre +Berührung erduldete. Was war das für ein Wesen, das seinen +<a id="page-537" class="pagenum" title="537"></a> +hingleitenden Körper umrang, ihn befühlte, Armfläche gleitend +über Rumpf und Schenkel, mit jedem Teil seines Leibs verlangte +in dem andern zu wurzeln. Als wäre Venaska eine Blase und +spritzte aus Stichen und Rissen. Dies Andrängen Zubodenrollen +Herumgleiten Herabgleiten Heraufgleiten Sichannageln +Abreißen Abwerfen. Das herrische zornige Schreien +Keifen wie mit einem Wesen, das nicht anwesend ist, das Sprudeln +Stöhnen Keifen Flehen Drohen Wüten. Und wieder +Abzittern Lächeln sanftes Flüstern Betteln schmeichelndes +Umschlingen. Ruckweises Erstarren, wie wenn die Kraft sich +in ihr anstaute. Der Leib versteifte sich bis zu den gestreckten +Zehenspitzen, den gebogenen Fingern, den nach rückwärts gedrehten +Armen, als vermöchte er sich nicht zu entladen. Und +dann ächzendes erschütterndes blindes Hinbrechen, Wolken +Blitze Gewitter lodernd. Das Wesen aber an dem Körper der +braunen flutenden Venaska wurde bewegt, gehoben wie ein +Schiff auf dem Meer. Sein Leben aufgewühlt. Sein Körper +rang sich zu behaupten. Der Unterschied von Tod und Leben +verschwand. Das schluckte ertrinkend stürmisch die Süße. Zuckte +an der tosenden Venaska. Ihre Leiber brausten aneinander. +</p> + +<p> +Und während noch der andere Körper rauchend lag, hob sich +Venaska mähnenschüttelnd von ihm ab, stand an einem Pfosten, +atmete, tiefer, tiefer. Als wäre die Luft ein Getränk, nahm sie +sie zu sich, schlenderte auf den Hof, senkte die Hände in das +dunkle Feigengebüsch, ließ die Blätter und Äste um sich schlagen. +Kam als die fließende weiche Venaska hervor, die die schlanken +Schenkel im Gehen bewegte, den glatthäutigen wiegenden braunen +Leib trug, spöttisch lächelnd. Musik sogar ihr tonloser Ruf, +Schrecken Sehnsucht um sie. Sie legte ihr karmoisinfarbenes +Hemd über, das goldgestickt war, saß im Gras, der bunt behängte +schlafende Vulkan. +</p> + +<p> +Toulouse war in die Erde gestiegen. Die zerfallenden +Straßentrümmer Anlagen Forste überzogen die Siedler. In +Toulouse setzte sich Venaska nieder. Die Steine Schienen der +versunkenen unterirdisch tosenden Riesenstadt ließ sie von den +Scharen, die sie mit sich zog, beseitigen. In dieser Ebene +wollte sie sitzen, die dunklen Berge der Pyrenäen sehen, die +<a id="page-538" class="pagenum" title="538"></a> +weißgefurchten Kämme am Horizont, bei der uralten prunkenden +Serninkirche, die die Stadtschaft nicht angerührt hatte. Die +Schlangen bei ihr wußten nicht, was sie zu der Stadtruine zog. +Venaska mochte gern zwischen den stummen zersprengten +Mauern, in den toten langen Straßen gehen, ihre Schritte +furchtsam behorchen. Neugierig umschlich sie Schuttmassen der +Fabriken, versteckte sich, wenn Frachtflieger der Stadtschaft in +der Luft waren. Entzückt, selig sich anschmiegend stand sie an +dem kalten Gestein der Serninkathedrale; sie liebte das gewaltig +aus dem Boden strebende Gebäude. Oft sagte sie: dies +Gebäude, seinetwegen säße sie hier, das so herrlich sei, und sie +wache, daß ihm nichts geschehe. +</p> + +<p> +In den Reichen der Diuwa und Venaska dehnten sich Schlangen +und fremde Siedler aus. An der Garonne und der breiten +Rhone gediehen sie. Neben den flachen Fabrikhallen Ruinen, +standen die römischen Triumphbogen mit Inschriften über aufrührerischen +Hallen. Zwei- dreitausendjährige römische Amphitheater +bauten ihre Ränge und Treppen an Hügeln auf. Beim +grauen Avignon stürzte der Domfelsen gegen die blaue Rhone +ab; die düsteren neununddreißig Türme der Papstburg oben +waren zerbröckelt, von Pinien Eichen Blütenbüschen überwachsen. +Siedler, kranke genesende, aus den brüllenden krampfenden +europäischen Stadtschaften legten ihre Leiber an das +unerschöpfte Land zum Sterben oder Auflodern. Venaska zog +im karmoisinfarbenen goldbestickten Hemd durch das üppige +Tal der Garonne bis in die Gegenden, die die starke Melise +beherrscht hatte. Sie weckte die Landschaft auf. Ein Schmelzen +um Venaska. War sie vorbei, so knirschten die Menschen +vor Verlangen. Etwas Blindes Schreiendes wurde in manchen +Widerstrebenden erregt; das riß sie fort. Raubsüchtig gingen +Männer und auch Frauen umher. Von der Geheimlehre +der Schlangen, von der Wanderung und ihrer Heiligkeit, wollten +sie nichts wissen. Das Niederstürzen von Mann und Weib war +ihnen eine Lust. In der Gegend des alten Bistums Perigueux +sperrte ein Mann, der sich Siwri nannte, sechs Frauen wider +ihren Willen in sein Gehöft mit Hilfe seiner Mutter ein. Er war +eben genesen, stark, nicht jung; man sagte, seine Mutter hätte +<a id="page-539" class="pagenum" title="539"></a> +ihn angespornt. Die Frauen ließ er für sich arbeiten. Andere +Frauen quälte er zu seiner Freude. Er zeigte auf Schritt und +Tritt, daß er Frauen für nichts achtete. Die Schlangen waren +machtlos gegen ihn, da er sich ihnen entzog. +</p> + +<p> +Gestalten, nicht Mann und nicht Weib, zeigten sich in der +Garonnelandschaft aus mehreren der hier vagierenden Rassen. +Das war die höchste Bezauberung, die viele erfuhren. Weiße, +auch gelbbraune Menschen mit weicher Rundung der Schultern. +Graziös bewegten sie sich auf den Wegen unter dem Blütenregen +der Akazien, schlenderten über die Wiesen, stiegen in die +Forste. Die Städte hatten vielen Mißwuchs begünstigt; man +hatte unter den Krankheiten und dem schweren Zugrundegehen +wenig auf Einzelnes geachtet. Jetzt warf die Landschaft üppig +diese Wesen hin, die als Mädchen gingen, wie sie aufgewachsen +waren, die fülligen Becken leicht wiegend, manche scheu und ihr +Geheimnis nicht offenbarend, manche in verwegener Mischung +der Tracht: die Kappe und Feder eines Mannes auf dem Haar, +dabei Brüste, die in Wölbung und Umriß unter der straffen +Bluse hervortraten. Sie schwärmten auf Mädchen aus, die sie +erst nicht erkannten, sich launig von ihnen halsen ließen. Und +im zarten Andrängen ließen sie die Sonderbarkeit ihres Geschlechts +fühlen, fühlten bebend und heiß die Erschütterung und +Bannung des Mädchens, der Frau mit, die nicht wußte, was +sie genoß, die eine Freundin und einen Geliebten umschlang. So +starke Würze hatten sie noch in keiner Umarmung empfunden. +Und junge Männer wurden heftig zu Mischwesen getrieben, +die sie für schnippische Frauen hielten. Ein fremdartiger Reiz +lockte. Sie fielen vor diesen Mädchen hin, waren erschreckt, im +Geheimsten aufgerührt, fassungslos, wie das Rätsel, der weibliche +Jüngling, sich in ihren Armen bewegte, drängend und saugend. +Viele erschienen auf dem grünen Boden und erregten die +Mädchen und Jünglinge. Welche Schrecken Verwirrungen Tränen +erregte das rothaarige Wesen Tika On, das purpurn und +rosa gekleidet von der Auvergne herunter kam, nichts arbeitete, +sang und das die Venaska selbst erschütterte. Ein wildes Geschöpf +war Tika On, mit heller Knabenstimme sang sie, lachte. +Über ihr Geschlecht war sie selbst nicht klar. Sie küßte hitzig +<a id="page-540" class="pagenum" title="540"></a> +Männer und Frauen. Es genügte ihr, die Menschen zu umschlingen, +um sie in Ekstase zu bringen. Meist riß sie sich gehässig +von dem los, der von ihr mehr verlangte. Und wer gewaltsam +nach ihrem Leib griff, ließ sie selbst los, so schrecklich schrie weinte +sie, lief in stundenlanger Verstörung weiter. Als wenn das Geschlecht +an ihr eine furchtbare Wunde wäre. An Venaska hängte +sie sich, die immer milde und süß war. Schließlich mußte die +Frau in Toulouse sie von sich abreißen. Zum erstenmal sah +man an der braunen zarten spöttischen Frau ein Grauen. Ihre +Beängstigung war so tief, daß sie andere zu Hilfe rufen mußte, +die bei ihr wachten, das rote Wesen, die Tika On, von ihr fernhielten. +Die keifte bei der Holzhütte an der Serinkathedrale, +wo Venaska in diesen Wochen wohnte. Die Venaska weinte: +„Sie fühlt, wer sie ist. Sie ist eben im Begriff es zu fühlen. +Ihr müßt mir nicht böse sein, ich kann ihr nicht helfen. Sie ist +in der Geburt; ich kann ihr nicht helfen.“ Tika On umschwärmte +noch monatelang die Venaska, verscholl im Norden. +</p> + +<p> +Der König Karl von Valois, vor einem Jahrtausend in einer +nördlichen Landschaft begraben, riß sich lechzend aus den Wäldern +los, tauchte in das Gestrudel. Jauchzte tobte wie einstmals. +Die Forsten, in denen er einmal gejagt hatte, waren wild +zugewachsen. In die Schneeberge der Auvergne, am Plomb de +Cantal, brach er zur Wildschweinhetze ein, strudelrasselte am +Talboden der Allier, suchte Händel. Seine Adlernase glühte von +Wein. Eseln schlug er die Köpfe ab. +</p> + +<p> +Heiße Wesen wurden auf die Landschaft geworfen, von dem +Menschengewimmel hochgerissen. Die Bodengeister, seit Jahrhunderten +in die Hölzer und Steine getrieben, wogten wie ein +Bienenschwarm über einem Kleefeld auf, drangen, schlangen sich, +quollen in das warme treibende Menschenblut, flossen in helle +und schwarze glänzende glatte Haare ein, ließen es sich in springenden +Männerknien, vollen Weibesbusen wohl sein. Nicht ein +einzelner Mensch genügte dem wüsten la Mole, der unter Steinen +bleich und dünn geworden war, nachdem ihm, wie er noch die +ersten Knochen hatte, jede Messe eine neue Geliebte geschenkt +hatte –, bis ihm sein König den Kopf abschlug. Die Jahrhunderte +hatte er gelauert, schon war er fast abgestorben. Da schwoll +<a id="page-541" class="pagenum" title="541"></a> +dieser Wolkenbruch über den verdorrten Boden. Frenetisch schoß +er auf die Leiber, die er besetzte. In sechs Menschen lief la Mole, +dem ein rasch erloschener Mann einmal den Kopf abgeschlagen +hatte. Sechs Leiber regierte er. Ein Cyklop war er, die Leiber +wechselte er. Er hauchte in ihnen, trieb sie wie einen Wagen, +ließ sie wie schlechte Maschinenteile fallen. Blaise de Montluk, +blitzjung, der Gaskogner, stieg ohne Hut aus dem Wasser der +Garonne, in der er vor einem Jahrhundert ertrunken war. Das +Wasser hatte ihn nicht verspülen können. Er zuckte über die +kieferbestandenen Ufer, stolzierte als kecke Dirne mit knappem +Busen über die gelben Äcker und zwischen den Weinbergen, +suchte in die flüchtige Tika On zu fahren. Dann stürzte er +eines Mittags im prallen Sonnenschein einem schwarzen Hengst +in den Hals und jagte mit ihm. Es dünstete und schauerte über +das vertrocknete Land. Venaska zog von Flur zu Flur, die +Diuwa sänftigte an der Garonne. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> den Cevennen, an dem kräuterreichen grünen Rasenkegel +des Puy-de-Dôme erschienen die ersten Islandfahrer, in das +aquitanische Tiefland sickerten sie. Kleine Gruppen lederbekleideter +ernster noch matt blickender sehnsüchtiger Menschen. Langsamer +wanderten sie und trieben ihre Pferde, wie sie unter dem +blauen und blaueren Himmel den Fruchtboden der alten verwitterten +Lavaschichten betraten, meilenweite Gärten sich auftaten, +Rosenbüsche Gelb und Purpur warfen. Blühende Touraine. +Waldbedeckte Flußufer. Frischgerodete Erdfläche. Die +Islandfahrer, die Männer und Frauen, die auf den Ölwolken +gestanden hatten, schnupperten, blickten um sich, schüttelten sich +unter dieser Luft. Welches fremde Wühlen. Mißtrauisch trieben +sie durch die schimmernde Landschaft. Kylin, die grüne Loire +hinter sich lassend, stand auf dem Felsen Amboise, durchirrte +die Höhlen Klüfte Gänge des Gesteins. Gefangene nach Gefangenen +waren hier versickert; sie tosten um ihn, trieben ihn +hinaus. Aufsässigen hatte man auf den strahlenden Plätzen die +Köpfe abgerissen, blauäugige Blondinen hatten dazu gelacht. +Idatto seufzte neben Kylin: „Dort hinten ist Süden. Ich +<a id="page-542" class="pagenum" title="542"></a> +möchte hier fort. Und dort wage ich mich nicht hinein.“ „Idatto, +fürchte dich nicht vor dem Nebel. Da war Brand und Nebel +im Norden, durch den wir mußten. Da ist einer im Süden.“ +„Ich sehe es. Aber es reißt an mir. Ich will keine Versuchung.“ +„Wir müssen hinein, enthalte dich nicht. Wir sind durch Island +gekommen. Fürchte dich nicht. Da war ein Nebel, und hier +ist ein Nebel.“ +</p> + +<p> +Langsam zogen sie durch die Landschaft. Sie waren zu Marduk +nicht durchgedrungen. An der Loire erzählte man sich von +White Baker. Sie hatte noch die Kraft gehabt, die britischen Siedler +nach dem Festland hinüberzuführen, sank dann in sich zurück. +Wie ein Baum, der lange üppig geblüht hat und dann alternd +Borke um Borke ansetzt, sich selbst vermauert, ein Visier über sein +Gesicht schiebt, seine Wurzel verhölzert versteinert, so grub sich +White Baker ein, an der warmen Gironde, nahe der Diuwa. +Wie ein Käfer fiel sie in das Moos und ließ die weichen Lagen +über sich zusammenrollen. White Baker bewegte sich an dem +Fluß wie die andern, griff auf den Äckern, in den Gärten zu. +Hatte aber einen leeren großen Ausdruck, der wie Ernst schien. +Rot runzellos ihr Gesicht. In der Kammer bei der Diuwa saß +sie stundenlang, blickte durch die offne Tür, ließ den Wind um +sich wehen. Die braune Siedlertracht trug sie; ihre schwere +fette Hand ruhte auf dem Tischchen, auf dem zusammengeknäult +Kräuter Halme lagen, darunter ein zerrissenes weißes Seidenkleid, +gebündelt mit einer Lederschnur. Der knöcherne Krähenschnabel +Ratschenilas hing daran. An der Wand bauschig völlig +unversehrt das brokatene Senatorenkleid. Von der Diuwa geschützt +war sie. Hatte sich zum Sitz von berauschenden Geistern +gemacht, die nur sie verstand. +</p> + +<p> +Nahe dem ehemaligen Montauban schwirrte die rote Tika On +in Kylins Gruppe. „Welchen Vogel hat man uns geschickt“ +staunte der harte Kylin, ließ sie gewähren. In seiner Gruppe +war schon eine Unruhe, ein süß leidendes Bedrängtsein. Kylin +sah, wie man sich wehrte. Tika On, die rothaarige, hatte einen +Stachel in sich. Sie mußte sich an menschliche Glieder hängen, +sich versuchen. Als Kylin sie die Frauen seiner Gruppe umschlingen +sah, Idatto vor ihr hinfiel, zog er sich einen halben +<a id="page-543" class="pagenum" title="543"></a> +Tag zurück. Dann tat er, als hätte er Verlangen nach ihr. +Schnurrend, mit dem Kreischen der Erregung folgte die Wilde +in ein Buschwerk. Dort erdrosselte er sie. +</p> + +<p> +In dem Gesträuch zwischen gelbem Ginster und Brennesseln +fanden ihn abends Männer, die ihn suchten, bei dem kleinen verkrampften +roten Körper. Sie wollten den Körper anfassen, wegheben, +um ihn zu begraben. Kylin drohte: „Nicht anrühren. Ruft +die anderen. Wo sind die Frauen.“ Er wartete, bis Frauen und +Idatto kamen. „Wer ist das? Seht! Tika On, die rothaarige. +Ein Weib oder ein Mann. Seht sie noch einen Augenblick an. +So! Seid ihr ertappt? Ins Gebüsch mit ihr!“ Er selbst rollte den +Leib tiefer ins Gebüsch, kam hervor, blaß: „Ich hab’ sie erwürgt. +Weißt du, Idatto, warum ich sie erwürgt habe.“ Idatto in +Tränen, bitter mit zuckendem Mund: „Sie war keine Verbrecherin.“ +„Das ist’s. Ich wußte es. Der Nebel. Er packt dich. Aber +wir sind gegen ihn nicht wehrlos. Ich nenne ihn bei Namen, ich +sehe ihn, dann ist er weg.“ Idatto biß sich die Lippe, weinte laut, +hatte das Gesicht hinter seinen Fäusten. Eine kleine Schwarzhaarige +brach in plötzliches Schluchzen aus. Streng beobachtete sie +Kylin. Er brüllte rot anschwellend: „Habt ihr gesehen, was +hier gelegen hat? Ihr habt es noch nicht genug gesehen. Bringt +sie wieder her. Ja. Her!“ Er riß das Buschwerk zurück von dem +kleinen liegenden Körper: „Da ist sie. Ich habe sie erdrosselt. +Hab’ es getan. Was habt ihr darauf zu sagen, Idatto? Und du?“ +„Bedeck sie doch, Kylin.“ „Ich hab’ den halben Tag hier gelegen +bei der Leiche; ihr habt sie noch lange nicht genug gesehen.“ +</p> + +<p> +Ein bärtiger bronzefarbener Mann trat auf Kylin, nahm ihm +die Zweige des Busches aus der Hand: „Es ist nicht leicht für +Idatto und für andere. Wir wollen nicht mit ihnen rechten. +Und wer weiß, wie unsere Wege gehen. Laß ihnen Zeit.“ Da +stand Kylin still, kreuzte die Arme auf der Brust: „Das Land +fordert Opfer; es kann nicht genug Menschen schlucken. Es +ist gut, ein Brandmal am Arm zu haben; es ist gut auch daran +zu denken.“ Vor ihm schluchzte trotzig Idatto an der Schulter +des bärtigen Mannes: „Sage du, war Tika On eine Verbrecherin? +War sie nicht lebendig, ein Lebendes, vor dem ich hinfallen +darf?“ Kylin murmelte etwas, Flimmern in den Augen. +<a id="page-544" class="pagenum" title="544"></a> +Er ging rasch fort. Vor Beginn der Nacht wollte man den +Leichnam verbrennen; Kylin schrie: „Die Flamme? Keine +Flamme! In die Erde. Ich sage: in die Erde.“ +</p> + +<p> +Eine Spannung und Entfremdung trat zwischen Kylin und +seiner Gruppe ein und wuchs, je mehr sie südlich stießen. Sie +wollten sich in der fruchtbaren Landschaft hier und da niederlassen, +aber Kylin schob sie kalt und ohne Erklärung weiter. +Viele dieser gehärteten Menschen schmolzen, wie sie sich über dem +Land verbreiteten. Rechts und links blieben sie in den Siedlungen. +Sie pflügten sangen lachten mit den Starken Wonnigen +an der Garonne, im Languedoc, an den Rhoneufern. +Sie kamen sich erlöst vor. Die Urtiere verloren erst jetzt ihr +Grauen, Island ließ sie los. +</p> + +<p> +Wie ein Zeichen hatte Kylin an der Schwelle des Landes den +Mord an der Tika On aufgepflanzt; es wirkte nicht. Nur eine +Anzahl mit Kylin war sicher. Man sah, daß er rang wie die +anderen und litt und nicht sprechen konnte, daß er in einem +zornigen Gefühl tiefer und tiefer in das Land hinein verlangte. +Ein graublonder langer Backen- und Kinnbart war ihm gewachsen; +leicht gebückt ging er. Selten wagte ihn einer anzusprechen. +</p> + +<p> +Und eines Tages hieß es bei Toulouse, daß Venaska in der +Nähe sei. Die gelbbraune Frau im karmoisinfarbenen Hemd, +goldgestickten Hosen, gab ihm auf dem Erdbeerfeld die Hand. +„Venaska, du bist es. Ich irre herum. Ich wollte dich lange +sprechen.“ „Und nun hast du mich getroffen.“ „Weißt du, +wer ich bin?“ „Nein, ich werde dir einen Namen geben.“ „Laß. +Ich bin Kylin. Mit mir sind andere Männer und Frauen aus +Grönland.“ „Grönland ist weit. Nun freue ich mich, daß ich +dich sehe.“ Sie strich seine Schulter; er erschrak über ihre Sanftheit: +„Venaska, ich wollte dir erzählen, was nicht mit Grönland +zusammenhängt. Wir sind bei Montauban einer rothaarigen +Frau, einem fremdartigen Wesen begegnet, Tika On. Die habe +ich erschlagen.“ Sie hielt noch ihre Hand an seiner Schulter, zog +sie zurück. Sie beugte den Kopf: „Oh.“ Auf den schwarzen +Boden sah sie; still mit schlaffen Armen stand sie, rief matt einen +Namen. Zwei Frauen erhoben sich aus dem Feld, liefen neben +<a id="page-545" class="pagenum" title="545"></a> +sie. Klagend schwach Venaska: „Dieser Mann heißt Kylin. Er +hat Tika On erschlagen. Bei Montauban ist er ihr begegnet.“ +Drohend verwirrt die Frauen. Venaskas Kopf hing auf der +Brust. Kylin: „Ich habe nichts mit diesen zu sprechen. Ich will +dich allein sehen, Venaska.“ Sie bewegte den Kopf nicht: „Das +kann ich nicht. Du wirst mich umbringen.“ „Ich bin kein Mörder.“ +„Du bist es. Ich fühle es.“ Sie nahm den Arm einer +Frau: „Komm mit in den Hof. Wir wollen uns setzen.“ +</p> + +<p> +In ihrem Haus ließ sie die Türen und Fenster offen. Sie +setzte sich in einen Winkel. Eine Zeitlang sprachen sie nicht. +„Was willst du von mir, Kylin? Du heißt Kylin. Du bist Hojet +Sala. Der steile Absturz.“ „Ich muß dich erfahren.“ „Was ist +das.“ „Wir sind nach Grönland gefahren, weil man uns schickte, +Venaska. Die Stadtschaften, die jetzt zugrundegehen, hatten +uns geschickt. Wir waren in Island, einer Vulkaninsel, und +über Grönland. Ich selbst habe geholfen den Plan der Senate +auszuführen. Das ist das Erste. Das Zweite: es hat uns etwas +Furchtbares überschüttet, uns gerüttelt mich und die anderen, +die noch leben blieben. Das war das Zweite. Dann haben wir, +habe ich zugebissen. Das habe ich, Venaska. Ich wollte das, +was mich zuschüttete. Ich habe mich ihm unterzogen. Genauer +kann ich es nicht sagen. Und weil ich das getan habe, habe ich +Tika On beseitigt. Da blieb nichts weiter übrig. Ich habe sie +nicht aufgesucht, sie ist gekommen.“ „Hojet Sala, ich höre nur +den Ton deiner Worte. Was willst du von mir.“ Kalt blickte der +langbärtige Mann auf sie: „Du bist nicht gekommen. Dich habe +ich aufgesucht. Komm näher, daß ich dich fühle.“ „Weißt du, +was du sagst.“ „Ja.“ In ihm dachte es: „Dies ist der Nebel. +Ich bete an. Wenn ich erliegen soll, so soll es sein. Dann tauge +ich nichts. Es kommt nicht auf einen an.“ Sie stand in dem +Winkel auf: „Dreh mir den Rücken zu. Sieh mich nicht an.“ Er +wartete, immer dachte er: „Es kommt auf mich nicht an.“ Aber +nur Sekunden. Plötzlich erweichte er: es ist die Entscheidung; ich +wage die Probe; entweder steh ich unter Schutz oder nicht. Er +drehte ihr den Rücken zu. Venaska hatte sich nicht aus dem +Winkel entfernt. Ihre sanfte Stimme: „Wohl tust du mir, daß +ich dich sehen kann. Ich habe dir Unrecht getan. Ich komme +<a id="page-546" class="pagenum" title="546"></a> +schon zu dir.“ Glitt von rückwärts zu ihm, zog ihn ans Fenster, +lächelte das Mädchen an, das in die Türe trat: „Bleib nur +draußen.“ Sie drückte, in der Mitte des kleinen Raumes stehend, +ihr Gesicht an seine stumpfe zerschrammte Lederjacke, umfaßte +seinen Kopf mit den Händen. „Ich habe dich vorher tönen +hören, Hojet Sala. Jetzt mach ich mich auf die Reise nach Grönland. +Da. Mir begegnet nichts. Der steile Absturz schadet mir +nicht. Hör draußen! Unsere Vögel. Vögel! Nichts schadet!“ +Sie löste sich lächelnd, nahm summend seine Hände: „Angst +habe ich doch vor dir, Hojet Sala. Aber du tust mir nichts. In +dir keimt etwas für mich. Laß es nicht verkommen.“ „Warum +gehst du?“ „Milch bringen lassen.“ Sie trank von ihrem Glas, +gab es ihm: „Tu mir die Freude. Damit ich die Angst verliere.“ +„Hätte ich etwa“ dachte es in ihm, „die Tika On nicht töten sollen. +Ich hätte sie auch so erlegt.“ Er trank aus ihrem Glas. „Und +jetzt willst du gehen, Hojet Sala?“ „Ich dachte zwei Tage bei +dir zu bleiben. Ich war auf Schlimmes gefaßt, Venaska.“ +„Und jetzt?“ „Jetzt gehe ich zurück.“ „Und kommst nicht wieder?“ +Er lächelte: „Du hast noch Furcht vor mir, Venaska. +Deine Milch war gut, ich trank auch aus deinem Glas. Ich will +meinen Freunden sagen –“ „Was?“ „Ich weiß noch nicht. Daß +du mich steiler Absturz, Hojet Sala, genannt hast. Und –“ Da +legte er sich in seinem Stuhl zurück, faßte seinen Dolch, schloß +die Augen. Sie betrachtete ihn lange. Er öffnete die Augen: +„Gut war es bei dir. Ich habe keine zwei Tage gebraucht. Ich +kam her, ich gestehe es dir, Venaska, mit dir keine Gnade zu +haben. Tika On, es lohnt nicht über sie zu sprechen, mußte hin. +Ich hatte vor dir Furcht, daß du zunicht machst, was uns in +Grönland – geworden ist.“ „Und jetzt? Und wieder jetzt? Erkenne +ich dich nicht, Hojet Sala? Gleich wie ich dich sah, wollte +ich dir den Namen geben.“ Sie wollte vor ihm hinfallen. +</p> + +<p> +„Küß den Dolch.“ „Das ist der Dolch, mit dem du sie –“ +„Nein, mit den Händen tat ich das. Du mußt den Dolch küssen.“ +Sie umarmte Kylin, weinte an seinem Gesicht. Er murmelte +finster: „Nicht das, Venaska. Küß den Dolch.“ „Muß ich das?“ +Er zitterte, machte sich von ihr los, ballte die Faust, seine Augen +waren weit: „Küß den Dolch.“ Er hielt ihr den Griff mit dem +<a id="page-547" class="pagenum" title="547"></a> +Vulkanzeichen hin. Sie beugte den Kopf mit der Feigenblüte, +zog den Dolch an den Mund. Er keuchte noch: „Wie kannst du +es wagen“, und rührte sich nicht. „Geh nicht so, Kylin. Was +hab ich getan.“ Er ging aus der Tür, über den Hof. Venaska +hinter ihm: „Verzeih mir.“ Erst an dem Fuß des Hügels, auf +dem sie wohnte, stellte sie ihn. Er blickte sie nicht an: „Warum +läufst du hinter mir?“ Dann war er ruhiger: „Wir haben nichts +zu besprechen, Venaska.“ Sie griff nach seiner Hand: „Gib +mir den Dolch.“ Sie küßte ihn lange, inbrünstig: „Möge dir +jeder Kuß wohltun, lieber Dolch. Mein Kuß wird trocken: vergiß +ihn trotzdem nicht.“ Kylin betrachtete den Dolch: „Lieber +Dolch, lieber Dolch“, lächelte er, umarmte sie. Sie standen +unter einem Oleander: „Zittere nicht. Jetzt nehme ich selber +deine Küsse an. Ich weiß wieder, wie süß Menschen sind. Du +bist sicher das Süßeste von ihnen. Ruhig, Venaska.“ Sie nahm +den Feigenzweig vom Haar, gab ihn ihm. Wie sie vor ihrem +Haus war, brach sie in Weinen aus, weinte lange auf der Bank +vor dem Haus, von den Frauen gehalten. Kylin kehrte nach +wenigen langsamen Schritten zu dem Oleanderbaum zurück, +den Feigenzweig an der Brust: „Gesegneter Ort.“ Streichelnd +legte er den Zweig von sich an den Boden, berührte die Erde, +ging davon. +</p> + +<p> +Östlich von Toulouse auf der Hochfläche von Sidobre warfen +sich bei der großen Zusammenkunft der Islandfahrer die ersten +Menschen in das Feuer. Den fünf Geopferten ging Idatto +voran freiwillig in die Glut. Der Zarte war schon lange nicht +mehr bei Kylin; die schmachtenden Geister hatten sich seiner +bemächtigt. Er fand nicht den Entschluß, sich von Kylin zu +trennen; das Brandmal auf seinem Arm blickte ihn an. Und +wie die Flamme brauste auf Sidobre, süß geheimnisvoll und +streng, wußte er seinen Weg. +</p> + +<p> +Das Gerede von den Islandfahrern verbreitete sich in den +Landschaften. Die strengen bändigenden Feuer sah man bald +überall brennen. Der Steile Absturz, wie man Kylin nannte, +blieb mit ihnen auf Sidobre. Die Islandfahrer blieben auf +Sidobre, bis sie fühlten, daß sie die anflutenden Erdgeister +bezwangen. Dann blickten sie weiter um sich. Die reinen +<a id="page-548" class="pagenum" title="548"></a> +niederwerfenden Feuerbrände waren schon weit vor ihnen nach +Norden getragen worden. Die Siedler sammelten sich um +das Licht; die sicheren harten entschlossenen Menschen, die vom +Meere kamen, heischend sich bewegten, überwältigten sie. +</p> + +<p> +Die Islandfahrer drangen durch das ganze südliche Land. Als +Kylin sah, daß die Feuer sich nach Norden bewegten, die Siedler +sich zusammenballten, verließ er Sidobre. +</p> + +<p> +Er spannte frische Pferde vor seinen Wagen, lenkte ihn, sein +Innerstes stählend, auf die erdversunkenen Stadtreiche. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">us</span> den Erdgewölben, in denen Mentusi und Kuraggara +saßen, waren neue Wesen hervorgelaufen; die Giganten hatten +sich mit ihren Gehilfen zusammengetan, die ihnen die Türen +der Versuchsgewölbe öffnen mußten. Als Wiesel, kleine grauhuschende +Mäuse fuhren sie aus den Türen. Flitzten durch die +Straßen, immer in Gefahr erschlagen zu werden, kratzten +pfiffen vor den Versuchsgewölben. Und nach Tagen flogen +sie als Reiher mit dicken Köpfen, schwerhängenden Köpfen +über die Plätze der Erdstadt, spreizten die Flügel, streckten die +Hälse aus, fuhren durch die Schächte auf. In den Laboratorien +mußte man sie in Menschen zurückverwandeln. Da standen sie +dann, schüttelten sich, als kämen sie aus dem Wasser hervor, +murrten, fanden sich nicht zurecht, machten sich zu einem neuen +Sprung bereit. Dumpfer heißgewalttätiger kamen sie aus den +Verwandlungen hervor. Ihre Gehilfen und Gehilfinnen waren +Männer und Männinnen wie sie. Die Giganten fielen die +Gehilfen, wie sie aus den Bädern Feuern Spannungen der +Verwandlung stiegen, oft noch in dem Drang des Tierischen +an, schlugen sie, zerstörten Apparate. Man hatte schwer die +wieder Menschgewordenen zu bändigen. Die Lust, sich in Tiere +zu verwandeln, erlosch bei vielen Giganten Londons und +Brüssels, als man einige von ihnen erschlagen und in Stücke +reißen mußte, wie sie nach ihrer Wiederkehr über die Gehilfen, +kostbare Apparate fielen. +</p> + +<p> +Gierig machten sich da Giganten Londons daran, Menschen +aufzugreifen, in Massen, in immer größeren Massen, um ihre +<a id="page-549" class="pagenum" title="549"></a> +Kräfte zu zeigen. Vor ihren stierwilden Gehirnen stand die +Erinnerung an die schrecklichen Gebilde, die die fallenden zerschellenden +Urtiere unter sich geschaffen hatten: die mit Mensch +Tier Pflanze Stuhl Tür aufbrausenden kochenden Häuser. Die +Fahrt nach Island und Grönland war nicht vergeblich gewesen, +die Urkraft war in ihren Händen, sie wollten sich ihrer bedienen. +In zwei Wochen vollendete Kuraggara, die Männin, selber in +eine Fledermaus verwandelt, in London ein schreckliches Werk. +Sie konnte wie ein grönländischer Drache speicheln; ein Tropfen +des Speichels lief über den Schleier, den sie, selber geschützt, +an ihrem Hals trug. Schon wuchsen unter ihr die Balken, die +Eisenträger dunsteten auf und quollen, entsetzlich dicke Menschenarme +schwollen lang aus den Fenstern, zerbrachen die +Fensterrahmen. Die Gebäude wurden von Fleisch umwuchert. +Die unterirdischen Gewölbe mit Menschen, Häusern, Wagen +wuchsen zu, durchwühlten einander. Von der Erdoberfläche +waren die Menschenmassen vor den Grönlandbestien geflohen; +jetzt saßen sie, hingen wie ein Korallenstock unter der Erde. +Und Kuraggara, von Tag zu Tag wieder Mensch, jauchzte. +Mentusi, Kara Ujuk, Schagitto, Dejas Tessama wurden von +ihrem Fieber angesteckt. Über die fliehenden vor Angst wahnsinnigen +Menschen im untersten Teil Londons fielen sie, surrten +als Kolibri, schrien als Goldfasan Häher Elstern, ließen +sich jagen, tropften ihr Gift. Der unterste Teil Londons, die +Wasserstadt, wurde von den täuschenden flatternden Tieren +begraben, Stein Sand Mensch Eisen ineinander gequirlt. Der +Boden dort sank ein; Wasser schwemmte in die Spalten, die +Hohlräume, die sich bildeten. Delvil, der Gewaltigste von ihnen, +tat den flatternden Tieren Einhalt, erschlug einige von ihnen, +kämpfte die anderen, die wieder ihre Gestalt angenommen +hatten, nieder. Er drohte ihnen: „Das tat not, daß ich mich +für euch mühte. Es tat not, daß wir für euch Menschen nach +Island schickten. Der Schleier für euch! Nehmt euch in acht. +Vier leben nicht mehr.“ Sie brüllten, was er vorhabe. Er +tatzte eisig nach ihren Gesichtern: wenn sie begriffen, was er +vorhabe, wäre es ihm recht; vorher sollten sie ihren Verstand +bei ihm legitimieren. +</p> + +<p> +<a id="page-550" class="pagenum" title="550"></a> +Mentusi und Kuraggara, die noch lebten, zwang er zu sich +nach Cornwall herüber in die Dartmoorwaldungen. Auf +Tieren, die sie sich geschaffen hatten, flachen Riesengeschöpfen, +in deren Brustkorb sie saßen wie das Herz der Tiere, flogen sie +an. Er zerbrach den Tieren die Hälse: „Kuraggara, das war +dein Tier, das braune. Und das war deins, Mentusi. Das +sind eure Späße. Damit glaubt ihr mir vor die Augen treten +zu können.“ Kuraggara, wie eine Tanne hoch, hatte den Rumpf +eines Menschen. Als Baumkänguruh war sie zuletzt gesprungen; +braun und behaart war noch ihr Gesicht, schnauzenförmig +verschoben Kiefer und Nase, kleine spitze Ohren drehte sie am +Hinterkopf vor. Sie stand eingesunken auf den plumpen bekrallten +Hinterbeinen, den buschigen Schwanz schlug sie vorn +um den Leib. Schläfrig hörte sie auf Delvil. Mentusi hatte +den langen rostbraunen Hals eines Gänsegeiers. Mit klatschendem +Flügelschlag senkte er sich auf den Steinboden vor Delvil, +hob den spitzen Menschenkopf, sträubte die Rückenfedern. +Er hauchte dehnte sich: „Schlag nur den Kasten tot. Wir machen +uns neue.“ „Du unsauberes Tier. Sieh, was hängt an dir, +an deinem Federkragen. Das sind Därme!“ „Gut gesehen. +Pferdedärme, Delvil. Die Menschen früher hatten nicht unrecht, +Tiere zu fressen, die aus den Leibern anderer kamen. +Das schmeckt mir besser als Meki. Ich werde noch Siedler.“ +Delvil patzte ihm eine Handvoll Steine an die Stirn. Mentusi +schnurrte zurück, lüftete die Schwingen, kreiste mit eingezogenem +Hals zweimal um Delvil, ließ sich krächzend nieder. +</p> + +<p> +„Und du, Kuraggara, was stehst du.“ Delvil, ein Mensch +von Gestalt, haushoch sie überragend, griff sie am Nacken an: +„Schläfst du. Du hast gesehen, wen ich in London totgeschlagen +habe. Willst du’s auch. Brauchst nur sagen. Mach dich zu +einer Ameise oder zu einer Laus, das ist bequemer für mich.“ +„Du bist neidisch auf uns, Delvil. Du gönnst uns unser Vergnügen +nicht.“ +</p> + +<p> +„Was ist euer Vergnügen.“ Mentusi flog an ihm hoch: „Ist +wohl Delvil zu guter Letzt Hüter der Menschen geworden. +Was gehen dich die Menschen an. Mich gehen die Läuse und +Ameisen ebensoviel an wie die Menschen.“ „Mich kümmern +<a id="page-551" class="pagenum" title="551"></a> +die Menschen auch nicht, du Aasfresser.“ Delvil kollerte über +das Steinfeld: „Ich und Menschen. Ich und mich um die +Menschen kümmern. Du hältst mich für einen Propheten und +Führer. Ich sehe wie Marduk aus. Das ist vorbei, Mentusi. +Die kümmern mich nicht mehr. Sie mögen siedeln oder Städte +bauen oder Baumborke essen oder Schwefelsäure trinken. Aber +trotzdem seid ihr Schufte, du und Kuraggara und Schagitto +und die andern, die ich totgeschlagen habe. Ihr könnt spielen +soviel ihr wollt. Ihr treibt es zu wild.“ Kuraggara hob sich +auf ihren Sohlen auf: „Da war nichts wild. Du gönnst uns +nichts.“ Delvil stieß mit dem Knie gegen sie. Sie klapperten +unter seinem Steinregen in das Dickicht. +</p> + +<p> +Delvil dachte nur daran zu wachsen. Er verließ die Berge +Cornwalls selten. Eine kleine Zahl inbrünstiger Gehilfen hatte +er. Dejas Tessama schickte er nach Irland, einen Mann wie er. +Sie wollten Grönland und die Urtiere nicht vergessen. Die +Kette der Turmmenschen stand noch auf dem Gebirge, am +Meer. Mit Inbrunst Weinen Haß betrachtete sie Delvil: +„Das waren meine Freunde. Sie haben die Bestien aufgehalten. +Wir haben sie opfern müssen.“ An den dunklen traurigen +Wesen ging er vorüber. Er ließ sie verfallen, man brauchte sie +nicht mehr. Sie vertrockneten zwischen den Steinen und Balken; +ihr entsetzliches Gestöhn, tierartiges müdes Blöken hallte +monatelang über den einsamen Bergen, über den wüsten +Wasserflächen von Schottland nach Skandinavien. Die lockenden +Schleierteilchen senkten sich mit den schrumpfenden Riesen. +Steinmassen über Menschen- und Tierreste. Herab von den +Flößen in die See. +</p> + +<p> +Delvil dachte nur zu wachsen. In Cornwall hielt er wochenlang. +Sehr langsam ließ er sich auftreiben; er wollte nicht wie +die Turmmenschen mit dem Boden verkitten. Felsblöcke konnten +sich um ihn werfen, Wasser Balken. Oft wurde sein Bewußtsein +dunkler und man mußte lange anhalten, damit nicht +die Geister der Steine die Oberhand über Delvil gewönnen. +Als ein ungeheures menschenähnliches Geschöpf schob sich Delvil +vor London. Hatte Füße Zehen Knie eines Menschen. +Dunkelbraune fellartige Haut. Sein schilfernder Leib trieb +<a id="page-552" class="pagenum" title="552"></a> +Warzen Beulen Brüste vor wie Erker und Kuppeln. Ein +glockenartiges armbewegendes Geschöpf stieg aus seiner Magengrube. +Aus den Weichen wuchsen schwarze und graue sich ringelnde +spielende Schlangenleiber, bewegliche augenöffnende +Röhren, die sich um seine Beine legten, um ihn zu liebkosen, +die für ihn soffen und fraßen. Die Brust oben schwoll in langsamem +Takt. Bäche sogen die Schlangenleiber auf; ihr Bett +wurde leer; die Bäche liefen durch Delvils Leib. Er sah die +Siedler unter sich laufen: „Krautfresser. Menschen. Das ist die +Erlösung der Menschen. Erlösung! Kraut zu fressen! Menschen!“ +Die Gräser Bäume Pferde Rinder betrachtete er mit +seinem trüben Blick. Der Wind blies um ihn. „Der Wind, +das ist etwas. Der Berg.“ Er stampfte um London, weil er +sich fürchtete, den Boden zu zerbrechen. Über den sturmbrausenden +Kanal stieg er; das Brausen hielt er aus, bis es +ihm den Atem benahm. Bei Calais setzte er sich schnaufend +hin, rüttelte an Strandfelsen. Ten Keir schweifte um Brüssel. +Er sah die Verfinsterung des Himmels, den wolkenhoch anschaukelnden +Giganten, hörte das meilenweit vernehmbare +Grunzen Gurgeln Wasserrieseln Pfeifen der Schlangen. Voll +Ekel floh er unter die Erde. +</p> + +<p> +Trübgierig irrte Delvil über den Kanal zurück, suchte tastend +den Weg nach Cornwall. In Fudern schluckte er das Gestein. +„Menschen. Krautfresser. Das ist ihre Erlösung.“ Er dachte +dunkel: „In der Erde wurzeln. Wie die Berge. Es wird sich +alles herausstellen.“ Und kaute mahlte schloß die Augen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Giganten zogen auf Jagd. Kuraggara wollte nach +Grönland. „Laß mich über das Meer fahren“ lachte sie den +brütenden Mentusi an „komm mit. Ich jage auf Wunder. +Du schläfst.“ Mentusi flog auf: „Laß sehen.“ +</p> + +<p> +Sie waren zwei Geier, die über das Meer schossen. Sie +stießen durch den Sturm, Möwen zerrissen sie und trieben sie +sich zu. Das Meer wogte, eine schwarze schillernde Platte, +unter ihnen. Sie fuhren herunter, hackten Walen in die Köpfe. +Schrie der Sturm: „hi!“ schrien sie: „hi“. Sie durchbrachen +<a id="page-553" class="pagenum" title="553"></a> +den Wind. Eisberge, die weiße Kälte flimmerte unten auf. Kuraggara +schleuderte sich lustig in der Luft herum: „Wir sind bald +da. Mentusi, wir haben es. Es war kein Drache da. Ist keiner +gekommen. Sie sitzen im Eis fest. Wir wollen sie aufstöbern.“ +</p> + +<p> +Kein rosafarbenes Licht glomm mehr um sie. Das weiße +Dämmern. Wallen des Nordlichts. Da war Jan Mayen. Wo +war der Mutumbo, der sich in die Flachsee ein Loch gebrannt +hatte, mit den Schiffen sich herabgelassen hatte auf den Meeresgrund. +Das tosende Wasser war über ihn gekommen. Das +Rosenlicht blühte vom Himmel, in gleichmäßiger Seligkeit +machten sie Steinchen, Hölzchen, kleine Wellen, große Wellen +zu Geliebten. Dann rollten schwarze Gewitterwolken an, Zyklone; +und sie jauchzten noch. Und dann die flimmernde +gleißende Wolke der fliegenden Lurche, der langhalsigen mit +knochigen Kragen, Füchse in ihrem Gefieder. Spritzen Gießen +von Tieren. Dröhnen der durchbrochenen Schiffsmauer. +In das gewalttätige Wasser waren sie in einer Minute eingewühlt. +Wie Öl die See schillernd über den verschwundenen +Schiffen. Vorbei Jan Mayen. +</p> + +<p> +Bergketten tauchten im Ozean auf. „Das ist es“ jauchzte +Mentusi, senkte sich. Es waren Inselgruppen. Und neues +Wasser, stärkeres Schäumen, Brandungslinien. Weiße Gipfel, +flache hüglige Ebenen. Die Geier krächzten, die Schwingen +weit entfaltet, unbeweglich, ließen sie sich herab. „Grönland, +Mentusi.“ „Kuraggara, ist das Grönland.“ Wonnig kreischte +Kuraggara: „Weißt du, was du vergessen hast die ganze Reise? +Weißt du? He? Die Drachen.“ „Die Drachen.“ „Ja, Mentusi. +Jetzt greifen wir sie an. Hast du sie gesehen. Ich keinen einzigen. +Wo sind denn aber die süßen Tiere, die uns solche Angst +gemacht haben. Wo haben sie sich denn versteckt und wollen +mit uns spielen.“ Sie prustete, tanzte auf dem Schnee, schlug +mit den Flügeln, daß der Schnee stob: „Tot! Tot! Verreckt! +Krepiert! Verendet! Vernichtet! Drachentod. Komm, wir +wollen sie suchen. Ich möchte mit ihnen spielen.“ Sie sausten +im Fluge die Berge ab. Schneemassen Eisplatten überall. +Durch gelles weißes Licht schossen sie einen Tag, das Land +endete nicht, dehnte sich unermeßlich weiß hin. Wie die Schwärze +<a id="page-554" class="pagenum" title="554"></a> +vom Himmel ausgebreitet wurde, Schneegestöber sie blendend +einhüllte, lockte Kuraggara: „Ich seh eine Kluft. Wir warten +die Nacht ab.“ Müde saßen sie unter einem Fels, schliefen +träumten. Sie segelten über dem Meer, hoch in der Luft, +die Flügel ausgespannt, ohne Bewegung, und wurden getrieben. +</p> + +<p> +Bei stechendem Sonnenschein wachten sie auf, Kuraggara +wollte weiter fliegen. Mentusi, die Federn gesträubt, knurrte: +„Warte, ich habe etwas geträumt. Ich will nicht in den Schnee. +Wo sind die Drachen. Ich habe geträumt, sie liegen hier.“ Und +sogleich fing er an über der Kluft zu kreisen. Der andere Geier +ihm nach: „Ich sehe nichts.“ „Sie liegen hier. Unter dem +Schnee.“ Sie krallten sich in den Schnee des Abhangs ein, schlugen +mit den Flügeln um sich, wehten ihn fort, mit Klauen wühlten +und kratzten sie. Der Schnee lag locker. Das Eis war lose +bröcklig; es war ein Firn, blau weiß, der sich eben bildete. Sie +warfen ihre warmen Körper an das Eis; es rann und floß weg. +Wie ihre Klauen ermüdeten, nahmen sie die Köpfe, bohrten und +hämmerten mit den Stirnen. Sie wälzten sich wie Räder, bis +sich ihre Fänge wieder erholt hatten. Da brach auf einmal knarrend +die Eis- und Schneemasse über ihnen von der Abhangsspitze +herab. Ein Stück wurden sie abwärts gerollt, fast erstickend +unter den Schneelasten. Dann schossen sie seitwärts hoch. +In der Luft trafen sie sich: „Bist du es, Kuraggara?“ „Lebst +du, Mentusi. Ich kann nicht weiter. Ich kann nicht, Mentusi.“ +Sie saßen verschnaufend in der Ebene, eine Stunde. Mentusi +jagte auf, zögernd flatterte die andere. +</p> + +<p> +Kreischte Mentusi, war verschwunden. Angstvoll erhob sich +die andere, höher, höher. Sah den andern, den Riesengeier. +Er hing an der Wand, bewegte sich hackend auf und ab. Sie +näherte sich, erschrak. Stieß ein Kreischen wie Mentusi aus. +Die Wand war schwarz und braun. Dünner Schnee überrieselte +sie. Da ragten die Äste einer Baumkrone hervor. Starke +Äste eines schief lagernden niedergebrochenen Baumes. Die +kleine Lawine hatte die ganze Wand des Abhangs entblößt. +Mentusi lief unten eine sonderbar gewundene Linie ab. Er +schrie und hackte. Kuraggara flog herzu. „Das sieh, Kuraggara. +Was sich hier biegt. Es bewegt sich nicht. Knochen Wirbel. +<a id="page-555" class="pagenum" title="555"></a> +Da, Rippen. Hier der Kopf, die Augenlöcher.“ „Ein Drache.“ +„Einer, meinst du. Hier liegen nur Drachen. Hier liegen sie +alle. Es war ihnen zu kalt. Ist aus mit ihnen. Sind eingeregnet, +eingeschneit.“ Und sie stöberten den Abhang ab. Er war +von einem Wald mit Bärlappbäumen bestanden gewesen. In +kalten modrigen Blatt- und Moosmassen rührten sie. Zwischen +Geröll Stämmen Blättern lagen Gerippe und Haufen zersplitterter +Knochen, Eis dazwischen wachsend, Schnee Wasser +Erde darunter rieselnd. Kuraggara schrie, flog auf, schaukelte +sich in der Luft über dem Abhang: „Die Drachen, die uns +erschlagen wollten. Die Drachen, die die Stadtschaften verwüstet +haben. Ha! Ha!“ Mentusi schaukelte sich neben ihr: +„Kuraggara, über das Land, über das ganze Land.“ Sausten +durch das Schneegestöber durch die Böen des eisigen Windes: +„Das ganze Land unsere Fahne. Unsere Siegesfahne. Da +liegen sie, da und da und da. Tausende, Millionen! Überall, +wo es weiß ist. Der Schnee tut nichts als sie begraben. Und +uns –“ Mentusi schnellte sich hoch, kreiste. Kuraggara, lachend: +„Uns haben sie ihr Leben gebracht. Gerippe auf Grönland. +Leben bei uns. Ha. Wollen noch Schnee fressen. Schnee +Schnee.“ Und sie schluckten den Schnee. Der fiel über den +Erdteil, versenkte die Wälder bis über die Baumkronen, brach +die Stämme nieder, zerrieb sie, löste, was an Tieren zwischen +ihnen lag. Auch die Fetzen des verkohlten Riesenschleiers von +Turmalin, der ihn einmal beherrscht hatte. +</p> + +<p> +Schrill Kuraggara: „Nun, wie gefiel dir die Fahrt, Mentusi. +Ich fresse mir den Magen mit Schnee voll; er ist unser Freund. +Jetzt wollen wir zurück. Ich hatte mich auf ein anderes Wunder +gefaßt gemacht. Aber auch das gefiel mir.“ „Und mir. Wenn +ich erst zu Hause wäre. Wir müssen viel tun, Kuraggara. Ich +habe unendlichen Durst, viel zu tun. Tun, tun.“ „Komm. +Ein Tag, zwei Tage, wir sind zu Hause.“ +</p> + +<p> +Die Berge und Eisfelder vorbei. Den Atlantischen Ozean +überflogen, Meridian auf Meridian. Das lungernde Wasser, +das schlackernde wehende Fell des schwarzen feuchten Untiers. +Klippen und weiße Brandung: die Shetlands Orkneys und +Färöer. Schottische Bergketten, die Hochflächen. Kleine +<a id="page-556" class="pagenum" title="556"></a> +Schafherden bewegten sich unten; Menschen Siedler. Tun, mehr +tun. Die beiden Geier schrien warfen sich in der Luft. Sie +sausten mit zurückgebogenem Hals, blinzelten begehrlich gradeaus: +meilenweite Trümmerfelder bis zu den Küsten; das grollende +Meer im Süden. Das war London. Die Schimmelpilze +der Siedlungen hatten es am Rande überzogen. In die Schächte +und Spalten hinab die beiden Geier, den Kopf voran, die Fänge +an den Bauch. Sie krächzten. +</p> + +<p> +Und da sie Delvil nicht sahen, taten sie, was sie wollten. Mit +dem Geheul von Panthern erfüllten sie die Gewölbe der Erdstadt. +Sie vervielfachten sich. Als die erschreckten Menschen +die schrägen Spaltenwände hochliefen, die Schächte auffuhren, +standen die stampfenden Mammute da. Die Rüssel schwangen +sie wagerecht und senkrecht wie Keulen Peitschen Hämmer +Steine. Wie sie die Rüssel gedreht über den platten Kopf +warfen, die rote Riesenkluft der Mäuler entblößten, weiß heraus +die Balken der Stoßzähne, gähnten sie klingend und +rollend hell. Der Schall fuhr wie Meereswut über die wimmelnden +Menschen, die auseinanderstoben. Die Mammute, die +grauschwarzen, tanzten. Schächte traten sie ein. Die Menschen +warfen sich aus den Erdkammern hoch. Die weiße Luft, der +neblige Himmel war da, blasender Wind und Untiere, wie aus +der Grönlandzeit. Sie ließen sich betäubt in die Stockwerke der +Erde wieder herunter. Dann hinter ihnen das gräßliche Tiergebrüll, +die Giganten. Sie waren außer Rand und Band; +ihre Macht hatte sie zum Toben gebracht. Wie konnte man +fliehen. Schächte eingestürzt, der Zugang zu den Mekifabriken +verschüttet. Durch alle Risse quollen die Menschen herauf, verstopften +die Wege. Dem Geheul der Tiere lief man entgegen. +Wo das Geheul war, war eine Öffnung. Mentusi und Kuraggara, +Gestalt um Gestalt wechselnd, tosten; Glück rasselte in +ihren Kehlen: „Tummtumm! tumm tumm!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ann</span> ließen sie das kreischende London los, das Strudeln +krabbelnder zitternder Menschen. Es durstete sie nach Cornwall +zu Delvil. Fünf Giganten waren hinter ihnen her, die letzten, +<a id="page-557" class="pagenum" title="557"></a> +die London gemacht hatte. Zwei hüpften als Heuschrecken, +hoch wie ein Mann, rieben die glashellen pergamentenen Flügel +gegen die Hinterschenkel, daß Schrillen mit ihnen lief. Sie +schnellten sich mit dem letzten spitzwinkligen Beinpaar, flügelausbreitend, +hoch, schossen im Satz über die Gesteinshalden. +Die drei anderen flogen als gelbe Wolken von Blütenstaub. +Der Staub schwankte und löste sich manchmal, dann ballte er +sich zusammen, schoß vorwärts wie ein geworfener Stein. +</p> + +<p> +Durch den Dartmoorwald ging Delvil; Cornwall verließ er +eben. Eine gelbe Wolke, wie ein Mückenschwarm singend, legte +sich weich vor seine großen dunklen Augen. Er hob einen Arm, +um den Schwarm zu verjagen. Der legte sich dichter, nach +Linden duftend, an, schwoll über seinen Nasenrücken gegen den +Mund. Die Schlangen aus seinen Weichen zuckten auf, gegen +eine Wolke, die sich um die Hüften legte. Die Schlangen rissen +peitschend hochschnellend Spitzen von Tannen ab, zersplitterten +Äste. Unter dem Hagel der Baumstücke wichen die Heuschrecken, +die sich schrillend näherten, durch den schwarzen +Wald. Delvil wandte seinen Rücken gegen die Wolken, nieste +wischte sich die Augen mit dem behaarten Arm. Und wie er +tief atmete hustete spie, – das Summen näherte sich von rückwärts +seinen Ohren, er beugte den Kopf, – zerriß das Gelächter +Mentusis und Kuraggaras die Luft. Ihre Flügelschläge +sausten über den Tannenspitzen. Sie krächzten; rostbraun ihre +gierig vorgestoßenen fast nackten Hälse; die Federn der Halskrempe +grau; und sie flatterten in der Luft. Da erkannte Delvil +die Giganten, mit denen er kämpfte. Er war auf dem trüben +suchenden Wege wieder nach dem Festland gewesen. Er griff mit +den Fäusten nach seinen Ohren, an seinen Mund, in die kitzelnden +Wolken des Blütenstaubs. Die Massen, die auseinanderglitten, +faßte er krampfend zwischen die Finger, quetschte, zerwarf +sie, stieß mit den Ellbogen die aufdrängenden, zueinander +quellenden Wolken zwischen seine Knie. Da klemmte er sie fest. +Der Staub verfärbte sich, wurde rot, glühend. Aus dem Summen +war ein rasch abbrechendes Zischen Zwirbeln wie ein +Drosselschlag geworden. Die Schlangenmäuler weit gesperrt +schnappten schlürften schluckten an der wallenden Masse. +</p> + +<p> +<a id="page-558" class="pagenum" title="558"></a> +Während die Schlangenleiber kuglig anschwollen und sich wurmartig +drehten rollten schaukelnd abplatteten, hob Delvil wieder +den mähnebeladenen Kopf, auf dem Tannenäste lagen. Langsam +drehte er sich um. Die beiden Gänsegeier, die Weißköpfe, +mit schlaff hängenden Flügeln, die Schultern hochgezogen, +krächzten ihn von den Baumgipfeln übermütig an. Brüllte +Delvil: „Ihr, Kuraggara, Mentusi, ihr seid’s.“ Mentusi lachte: +„Sieh dir den Haken an meinem Schnabel an. Damit zerreiß +ich dir das Fell.“ Kuraggara: „Ich bin heut schmutzig. Heut +war es nicht Pferdeaas. Heute war es Menschenaas.“ Keuchte +Delvil. Seine schwarzen feuchten Augen traten hervor. Lange +sprach er nichts. Dann brüllte und weinte er: „Das tut ihr. +Das tut ihr. Darum ist alles geschehen. Den großen Krieg +geführt. Grönland befahren. Die Drachen verjagt.“ Kuraggara +hob sich auf den blaugrauen Fängen: „Von Grönland +kommen wir. Darum sind wir lustig. Die Drachen haben +wir gesehen, unter Eis. Jetzt sind wir die Drachen.“ „Du, +Kuraggara, bist. Und du, Mentusi, bist. Und Pferde freßt ihr. +Und Menschen freßt ihr.“ Und Delvil weinte. Sein Leib war +in einem furchtbaren Schütteln. Die Geier flogen rückwärts. +Winselnd und leise fauchend trat aus der Magengrube Delvils +der korallenrote Riesenpolyp, die Purpurrose; die Wimpern +der hundert Fangarme schlugen heftig; die Fangarme krümmten +sich über den Mund. Und plötzlich während die Schlangen +Springbrunnen von Wasser in Stößen hochschleuderten, fuhren +Steine Baumstücke aus dem würgenden Schlund des leuchtend +hochgehobenen starken Polypen; die Arme erzitterten; wie +Augen blitzte unter der Mundscheibe ein Kranz blauer Warzen. +</p> + +<p> +„Ich lebe nicht mit euch“, ächzte Delvil, „ich bin nicht von +eurem Blut. Nach dem Festland will ich. Ich will zu Marduk.“ +Die Geier schrien: „Hähä! Zu Marduk. Willst Kraut fressen. +Können dich brauchen. Werden sich freuen.“ Schon krachte +und prasselte der Wald, Delvil ging. „Ich – zu Marduk. Ich – +zu Marduk.“ Er wimmerte; stürmisch watete er vorwärts. +Die Heuschrecken waren verschwunden. Der Blütenstaub lag +wogend verzuckend in dicker Schicht über dem Boden. Kuraggara +und Mentusi machten sich kreischend Mut, stoben hinter +<a id="page-559" class="pagenum" title="559"></a> +Delvil, saßen auf seinen Schultern, schlugen sich mit den spritzenden +Schlangen. +</p> + +<p> +Den brausenden Kanal überschritt Delvil. An der Küste erschien +er in Wolken grünschwarz, taumelnd, schreckenerregend. +Den Rhein ließ er erst nach einem Tag. So lange tranken seine +Schlangen an dem Wasser. Dann goß er seinen Harn in einen +See. Der Teutoburger Wald. Den Harz umging er. In das +Gewimmel der märkischen Landschaft geriet er; er kannte sie. +Wo war Marduk. Das himmelhohe dröhnende Unwesen stand +tagelang, langsam abblasend, im Havelland. Die Geier suchten +ihn zu reizen. Er schluckte und bewegte sich nicht. Hier hatte +Marduk gelebt. Dann rülpste grollte schrie Delvil viele Stunden, +bis das Land um ihn menschenleer war. Er ließ sich auf +die Knie. Dicht drückte er sein Gesicht an den Boden. Das +Haus, in dem er Marduk gesprochen hatte mit der White Baker – +wo war White Baker – erkannte er. Einen Geier hielt er bei +den Fängen fest: „Mentusi, in diesem Haus ist Marduk. Sein +Leib. Den muß ich haben.“ Widerwillig, unter dem Gelächter +Kuraggaras gehorchte Mentusi. Träge schwebte er schon wieder +zu Delvil hin; in seinen Krallen schaukelte der weiße Körper +des Mannes, der die Mark zum bösen Gewissen der Städte +gemacht hatte. Unter den Strahlen Zimbos war er gestorben; +den Weg zur Erde hatte er gefunden. +</p> + +<p> +Delvil, der Gigant, lag weit nach vorn gestreckt auf den +Knien. Gewitter und Sommerregen gingen über ihn nieder. +Den gefrorenen Körper Marduks wühlte er in den schlammigen +Sand, drückte sich mit seiner Brust, drückte die isländische Urkraft +vor seiner Brust an ihn. Er hauchte stöhnte tagelang +über dem Boden an der Leiche. Bis sich unter ihm der Körper +zu regen begann, der Sand sich ballte, in langen Zügen, dünnen +Linien auf den Körper zulief. Wie ein Gewächs stellte sich auf, +stieg aus dem Boden der hagere graue Leib des Konsuls. Delvil +hob sich. Er häufte mit beiden Armen Sand um den ruckenden +nackten Körper, dem der Kopf fest über die Brust gebunden +schien. Wie in Pulsschlägen strömten Erdhaufen unter den Armen +Delvils auf den Körper zu; die Luft wirbelte und blitzte um +ihn. Ihr eigenes Wasser spien die Schlangen Delvils auf den +<a id="page-560" class="pagenum" title="560"></a> +Boden aus. Als die Brust des hochgestiegenen Körpers, um +den die Erde sich zu einer Grube vertiefte, zu dehnen wölben +heben begann, die Finger sich spreizten, der Leib auf den gebogenen +Knien sich aufzurichten mühte, löste Delvil, ein inbrünstiges +Grunzen, tiefes Blöken ausstoßend, augenrollend, +die Arme von dem Wesen, stemmte sich auf, blieb auf den Knien. +Bis an den Hals reichte ihm Marduk, dessen silberweiße magere +Beine in dem Sand wühlten. +</p> + +<p> +Delvil flüsterte, es dumpfte über die Ebene: „Marduk! +Marduk!“ Er rief. Dringender jappste er: „Marduk, Marduk.“ +Das Kinn des Konsuls löste sich von der Brust, der Scheitel +stieg auf, die Nase, der Mund trat hervor. Zwei schwarze +Augen stierten blicklos auf Delvils Hals. Die Hände bewegte +Delvil rufend auf und ab. Heftiger traten unten die Füße. +„Ah“ stöhnte der Mund, während der Kopf sich von links nach +rechts drehte suchte. Eine Faust schwang Delvil vor dem Gesicht +des Wesens auf und nieder. Der Kopf fing an zu folgen, +senkte hob sich mit der Faust. Da hob Delvil die Faust langsam +vor den eigenen Mund, vor seine Augen. Die Blicke des +Wesens waren an Delvils Augen; er näherte sie den Augen +Marduks, bewegte sie hin und her. Zugleich drängte er, eine +Hand in Marduks Nacken gelegt: „Siehst du, du kennst mich. +Marduk, du kennst mich. Ich bin Delvil.“ „Ah“, stöhnte tiefer +der Mund, die weiße Unterlippe klappte herunter; zähes Wasser +goß sich in einer Flut herunter. Angstvoll das Dröhnen Delvils: +„Du bist Marduk. Der Konsul der Mark. Du kennst mich. +Ich habe dich sprechen wollen.“ Aus dem Munde des Wesens, +das jede Bewegung von Delvils Mund und Augen verfolgte, +quoll ein langes „Ah“, dann ein ringendes „Was“ unter Erzittern +der Gesichtsmuskeln. Dann röchelte es: „Wer, wer ich.“ +Zärtlich Delvil: „Marduk bist du.“ „Ich?“ „Marduk. Ich +habe dich geholt.“ „Wer – Marduk?“ „Du. Der Konsul der +Mark. Wir haben hier gesprochen vor langen Jahren. Du +warst in dem Haus unten.“ „Marduk.“ Das Wesen trat heftig +mit den Füßen, blickte herunter zu den Sandstrudeln, stöhnte: +„Los. Meine Füße.“ „Blick mich nur weiter an, Marduk. +Du wirst wissen, wer du bist. Ich warte auf dich.“ „Ich – +<a id="page-561" class="pagenum" title="561"></a> +weiter. Ich – weiter.“ „Wir haben unten gelegen. Dies ist +die Mark, wo du gelebt hast. Jetzt ist Zimbo hier. Der dich +beendet hat. Der Schwarze. Achte, was ich sage. Du besinnst +dich. Der Uralische Krieg war, du kamst nach Marke.“ Jetzt +glättete sich das grauweiße Gesicht des Mannes, seine Lippen +schlossen, spitzten sich; Delvil bebte: „Und nach Marke du. Die +Menschen, die du geführt hast, leben noch. Sie sind wie du. +Es wird dir Freude machen. Blick unter dich. Ist keine Stadt da.“ +</p> + +<p> +Der Sand schurrte um Marduk; er blickte herunter, zu Delvils +dunklen Riesenaugen zurück, lallte: „Ich kenne. Ich erkenne.“ +Delvil jubelte: „Du kennst es. Die Mark. Hier hast +du gelebt. Ist keiner an dich herangekommen. Du warst groß.“ +Der andere blickte zu den Wolken auf, lallte weniger: „Ich kenne. +Ich kenne“, riß an seinen Beinen. Die waren bis zu den Knien +im Sand vergraben, mit Adern Nerven Knochen im Sand +verwurzelt: „Gehen. Weiter. Ich muß weiter.“ Lachte grunzte +Delvil: „Kannst nicht weiter. Warte. Ich mach dich bald frei. +Ich bin Delvil. Ein Riese. Du bist es auch. Es gibt kein lebendes +Wesen, das ich sprechen möchte, als dich. Ich habe Sehnsucht +nach dir. Ich muß dich hören. Du wirst mir antworten.“ +„Ich bin ein Riese. Was ist das?“ „Jetzt kann ich die Hand +von dir nehmen. Du verstehst mich. Willkommen, Marduk, +mein Freund, meine einzige Seele. So erbärmlich sind die +Menschen, nichtsnutzig, ohne Stolz. Wir hatten nach Grönland +schicken müssen, Marduk, wir wußten uns keinen Rat. Das +Feuer ist jetzt bei uns, Marduk, das Feuer.“ Ohne Zucken +stand der andere, der weißgraue Riesenleib, vor dem Giganten +Delvil, der noch kniete, den Rumpf aufgerichtet, dunkles +Auge in dunklem Auge. Marduk suchte mit den Blicken den +wüsten wogenden Leib Delvils ab: „Das Gesicht Delvils. Ich +war einmal hier. Du sagst Marduk zu mir.“ „Sprich weiter. +Es ist deine Stimme.“ „Inzwischen. Inzwischen. Da war +Jonathan. Elina. Zimbo.“ „Das Ende. Du bist in seine +Strahlen gelaufen.“ „An der Havel.“ „Du kamst nicht heraus, +hoho. Bist erstickt. Und jetzt hier.“ „Einen furchtbaren Leib +habe ich. Meine Knie stecken im Sand. Im Sand. Ich muß +weiter.“ „Tot, Marduk. Du bist wie ich durch das Feuer. +<a id="page-562" class="pagenum" title="562"></a> +Wir haben es aus Island geholt, es kann uns nicht mehr genommen +werden.“ Marduks Brust hob sich; seine Augen irrten +nach den Seiten: „Ich – leben. Ich lebe wieder.“ „Niemand +raubt dir das Leben. Wir haben das Feuer. Für alle Zeit, für +endlose Zeit haben wir das Leben. Und nun siehst du es. +Marduk, was wollen wir tun?“ Starrte ihm Marduk auf die +Stirn, knirschte gurgelte: „Was ist das? Was redest du?“ +</p> + +<p> +Richtete sich Delvil auf, die Schlangen soffen an einem +Havelsee. Im Wolkennebel wiegte sich, lachknurrte sein Kopf: +„Feuer besitzen wir. Das besitzen wir. Unauslöschbares Feuer. +Das besitzen wir. Was die Blumen macht, die Tiere und Menschen +macht. Was den Wind und die Wolken macht. Was die +Gase treibt. Das besitzen wir. Marduk. Alles haben wir in +Händen. Ich bin kein Großmaul; ich sage: alles. Dich habe ich +machen können. Meki ist nichts; wir brauchen nicht Meki. Wir +haben die Urwesen selbst.“ Sein Atem dampfte oben. +</p> + +<p> +Das Gesicht Marduks füllte spannte sich bei Delvils Worten. +Die Erde hörte auf in gleichmäßig pulsierendem Schwall auf +Marduk zuzurollen, klumpte sich, lag glatt, klatschte in seine +Glieder, zu ihm auf. Marduk atmete: „Das ist es. Sprich mehr, +Delvil. Ich habe lange nicht gelebt.“ „Nicht so lange. Wir +gehen rasch. Nur Jahrzehnte sind vorbei. Es gibt dumme Tiere, +deren kann man nicht Herr werden durch Gewalt oder Weisheit. +Nur durch List und durch Zufall. Wir haben nichts gesucht und +gewollt, waren selbst klein. War die Dummheit groß rechts und +links. Unser Glück war doch größer. Auf Island brannten Vulkane, +holten wir Feuer aus den Vulkanen. Wußten nicht, was +wir hatten. Waren stolz Grönland zu enteisen, die Siedler zu +bewältigen. Das Land wurde enteist. Und dann kamen die +Untiere, Marduk, hoho, Untiere, zu uns herüber. Die hast du +nie gesehen. Lurche Vögel Gallerten, Formen, Formen. Das +Feuer hatte sie gemacht. Unsere Stadtschaften zerrissen sie. Die +Häuser Bäume Menschen, Totes und Lebendiges klatschten sie +zusammen. Das waren Gewaltige. Und wir verstanden noch +immer nichts. Taten noch immer nichts, als uns fürchten. Marduk, +wir taten vom Morgen bis Abend nichts als uns fürchten. +Krochen unter die Erde. Haben die Küsten verlassen, weil der +<a id="page-563" class="pagenum" title="563"></a> +Wust durch den Ozean herankam. Bis wir der Katze auf die +Krallen sahen. Marduk, hörst du. Marduk, was haben wir mit +den Krallen getan? Abgeschnitten? Wir haben sie der Katze gelassen +und uns neue gemacht, längere schärfere. Sieh mich an. +Sieh dich an.“ „Ich höre, Delvil. Ich erkenne dich. Ach, die +Mark. Da sind die Seen. Die Havel. Ich war hier erstickt. Mein +Leib ist wieder lebendig.“ Delvil, das Ungeheuer, ließ sich vorsichtig +tastend wieder auf die Knie: „Und nun, befühle dich, was +will ich von dir im Havelland. Warum bin ich gekommen. Sieh, +was hinter dir fliegt.“ „Geier.“ „Ja, sie, Gänsegeier. Mentusi +und Kuraggara. Sie hacken gegen deine Füße. Sie möchten, +daß du stirbst. Sie freuen sich ihrer krummen Schnäbel. Wie +sie kichern, über uns. Das sind meine Gefährten. Giganten wie +ich, Mann und Männin. Und das tun sie, das ist ihr Spaß. Und +das, das, das ist aus uns geworden, Marduk! Aus uns Herren! +Die die Apparate geschaffen haben, die die Menschen geführt +haben. Sie wissen sich nicht aus noch ein. Nach Grönland getobt. +London zertrampelt. Brüssel in Stücke. Sie spaßen. Ich, +aber ich –“ wie keuchte Delvil, wie hob er um Marduks schwachen +schlanken erzitternden Leib die beschwörenden Arme. Er sah +nicht, daß Marduk schwächer schwächer wurde, daß er sich die +Füße aus der Erde zerrte; im Gesicht wurden die scharfen alten +Züge des ersten Marduk deutlich, als träte ein Licht, ein Feuer +hinter einer Papierwand hervor, die es verdecken wollte – +„Ich bin Delvil, ein Herr. Was hab’ ich in der Hand. Was ich +in der Hand habe, weiß ich. Dies ist mir zugefallen. Meine +Gefährten sind das nicht. Keinen habe ich. Marduk! Ich habe +ein Amt. Und du auch. Rache fühle ich nicht.“ „Bist du so weit, +Delvil.“ Finster schluchzend Delvil: „Nicht mißverstehen, Marduk. +Du siehst jetzt anders als damals, wo ich zu dir kam. Du +bist kein gezeugter Mensch. Ich habe mehr als Apparate hinter +mir. Sieh dich und mich an. Du kannst jetzt nicht mehr reden +wie damals in deinem Rathaus. Wir haben eine Pflicht. Das +Feuer ist auf uns gefallen.“ „Die Dinge haben ihren Willen und +ich habe meinen. Laß dich jagen von deinem Feuer. Delvil, schlage +die Erde entzwei.“ „Ich bin nicht Kuraggara.“ „Die Erde entzwei. +Was willst du anders.“ „Ich will nicht die Erde entzwei +<a id="page-564" class="pagenum" title="564"></a> +schlagen.“ „Ah, du willst nicht. Delvil kommt zu Marduk; er will +nicht, was die Apparate und die Kräfte wollen. Ist etwas geschehen +mit Delvil. Er hat Marduk geweckt. Es ist etwas geschehen. +Hast du gewußt, daß du Marduk weckst?“ „Du bist es ja.“ „Hast +du auch die Antwort gewußt, die dir Marduk geben wird. Wer +A sagt, sagt B. Du brauchst mich, Delvil. Du bist kleiner als ich, +du bist erlegen. Hilflos bist du. Unter Marduk bist du herunter.“ +</p> + +<p> +Wilder stöhnte Delvil: „Nicht mißverstehen. Da sind Krautfresser. +Menschen, die siedeln und von dir sprechen. Das meinst +du nicht. Kraut fressen wie die Kälber, das war nicht deine Meinung. +Jetzt ist sie es sicher nicht. Was ich habe, hast du auch. Die +Last ist auch deine.“ „Keine Last fühle ich. Wozu kriechst du vor +mir. Wühlst mich aus dem Grab heraus. Du mußtest aus England +herauskommen und stöhnst. Das hat dir deine Kraft gebracht. +Was ist besser an dir, als an Kuraggara.“ „Schmäh nur, +schimpfe.“ „Mich anzugreifen. Mich zu holen. Als ich lebte, +wagtest du es nicht. Es gelang dir nicht. Es ist dir auch jetzt +nicht gelungen. Geh weg. Hol Tote, hol Pharao, Hyäne. Husch, +daß dein Feuer dich brennt.“ +</p> + +<p> +Es war Nacht. Marduks Körper leuchtete. Aus seinem Mund, +seinen Augen, von seinem Finger sprühte mondhaft weißes Licht, +zitterte wagerecht in Stößen um ihn. Delvil auf den Knien und +Händen vor ihm kriechend, ihn betastend, um ihn kriechend, +sah es, fragte nicht, war von Verlangen Bängnis Bitterkeit +hingerissen. Die Schlangen unruhig fahrend überspritzten +seinen heißen Leib. Das Pressen Krachen Knacken der roten +kauenden Meduse nach Pausen des Fauchens. Delvil wühlte +angstvoll am Boden. Er drückte Hügel beiseite; die umgelegten +Tannen knisterten. Sein Gesicht tauchte er von einer Sehnsucht +Ahnung gezogen in Marduks Licht. Der stand in seiner Grube, +die sich nicht mehr bewegte. Die Beine zerrten noch an der +Erde, bis zu den Knöcheln hatten sie sich befreit. Er atmete +heftig, weit den Mund auf, den Kopf zurückgelegt; seine Arme +ruderten durch die Luft: „Das ist es. Das kann ich. Die Erde +Luft Augen; geht zu; meine Augen. Man hat mich hergeholt. +Marduk, laß dich nicht rufen. Dies ist schon vorbei. Auseinander. +Süße Leiber auseinander. Auf die Reise.“ Delvil +<a id="page-565" class="pagenum" title="565"></a> +suchte sich ihm mit der dampfenden, von der Urkraft umspannten +Brust zu nähern, die Hände auf Marduks Schultern zu legen. +Sie drangen nicht an. Seine Brust wurde seufzend schwer; sie +wurde zurückgeschoben. Die Hände, Hände erlahmten. Bis in +die Arme, wie unter einem Gift. +</p> + +<p> +Marduk schrillte und schlürfte Luft: „Dies Kleid nicht. Marduk, +auf die Reise. Marduk, geh weg. Hin!“ Die Geier sausten +jauchzend auf den Rücken des hingestürzten Delvil. Luftziehend, +in ächzender Begier schleppte, rappelte er sich an die mondhafte +Gestalt, die leiser tönte surrte sang „Marduk, Marduk.“ Licht +strömte von ihr, dehnte sich, in Punkten, gezogenen Linien über +die Landschaft. Dichtere Massen schwammen, wogten von der +Gestalt ab, überlagerten Delvils Gesicht und Rücken, bezogen die +Bäume, und den schwarz aufgerührten Boden, hauchten um die +aufflatternden Geier. „Marduk“ klang die Gestalt eintönig, +wallte stob begann sich in Funken zu drehen. In Wut und +Grauen tatschte Delvil zu, heulte, wie das Wesen leicht mit +höherem Summen abwich, über den Boden glitt. Es war kaum +mehr ein Mensch, was da glitt und hinzog, ein See ein Dampf, +der sich immer mehr verbreiterte, mit einem menschenähnlichen +Kern, der sich lockerte. +</p> + +<p> +Hinrollte donnerbrüllte heulte Delvil: „Heran ihr! Mentusi, +hilf mir. Kuraggara, sieh ihn an. Seinen Hals, faß ihn. +Seinen Fuß, pack zu.“ In der schwarzen hohen Luft die Fänge +und Pranken streckten die Geier, ließen sich blind über dem +Wesen mit geschlossenen schlaffen Schwingen abwärts fallen, +stürzten ins Leere, brachen in die Tannen. „Faßt ihn“ raste +Delvil, ganz aufgerichtet, torkelnd über die Fläche watend, +haschend, mit den schweren Beinen tretend. +</p> + +<p> +Die Gestalt zerrann, hob sich wie Silberschuppen, schwach in +dem allgemeinen weißen Schein zu erkennen. In dem Schein +rutschten Mentusi und Kuraggara vom Sturz tief benommen von +den zersplitterten Tannenspitzen die Stämme abwärts. Delvils +Schlangen hingen schlaff; die rote Meduse war aus dem Leib +gestiegen, schlotterte; weit offen der Mund; ihre wulstige Wandung +kehrte sie nach außen. Delvil fühlte einen Schmerz, als +würde sein Leib zerrissen. Er keuchte betäubt in das weiße +<a id="page-566" class="pagenum" title="566"></a> +Nebelmeer. Die Geier schwankten bewußtlos mit den Tannen; +die Meduse zerrte an seinen Därmen. Da bückte er sich, riß die +Tiere auf seinen Arm, taumelte, starr aus den Wolken herunterblickend, +rückwärts nach Westen. +</p> + +<p> +Schrie seine Wut gegen den schwarzen Himmel. Noch einmal +jenseits der Havel machte er halt, aus der Betäubung sich raffend. +Es war nicht denkbar, was geschehen war; auf seiner Brust +hatte er den Schleier, der Marduk erweckt hatte. Nach Osten +kehrte er um; seine Hüften versagten, schwankten nach den +Seiten. Die Meduse, dem weißen Dämmer wieder genähert, +stieg, als wollte sie etwas greifen, mit ängstlichen Armen empor, +wulstete sich krampfend herunter. Über dem Havelland schwamm +der milchig weiße Dunst. Die Bäume unten schaukelten sich +langsam im Wind. Ein traumhaftes Zwitschern gaben die verborgenen +Vögel von sich. In den Hütten Häusern Scheunen +schliefen die Menschen. Die Erwachsenen reckten sich; sie gingen +im Schlaf durch eine offene warme Landschaft, von einer weichen +Gestalt geführt. Die Kinder im Stroh hatten die Augen +geschlossen; ihre Münder zuckten; sie lachten. Und Delvil selber, +unter allem Brennen in seinen Därmen, während er schwankte +Luft schnappte, fühlte eine Müdigkeit. Die Lähmung war süß. +Durch den blutgeschwollenen wolkenhohen Kopf gingen ferne +Gedanken, von Menschen, sommerlichen Spaziergängen, von +einem Becken mit Goldfischen. Seine Knie hatten die Neigung +sich zu krümmen. Und wie er ringend mit rückwärts gebogenem +Kopf in den Wolken Luft trank, stürzte er auf die Hüfte. Unerträglich +peitschender Schmerz. Der jagte ihn hoch. Nach +Westen, nach Westen. Die Geier raffte er auf. Er stürmte +durch Hannover. Am Rhein kam er zu sich. Zwei Tage lang +schrie er. +</p> + +<p> +Die Geier sausten nach Westen, kehrten in Verwirrung und +Wut zu ihm zurück. Auf seinem Kopf saßen sie, während er den +Kanal überschritt: „Mentusi, Kuraggara, was soll mir mein +Schleier. Was nutzt uns unsere Kraft. Hat er uns besiegt?“ „Er +ist geflohen. Wir wollen noch einmal zu ihm kommen.“ „Ich +will nicht. Nach Cornwall. Ich greife die Erde an. Das tue ich. +Habt ihr ihn gesehen, wie er in Licht aufgegangen ist. Ich zerreiß’ +<a id="page-567" class="pagenum" title="567"></a> +die Erde.“ Kreischend Kuraggara: „Die ganze Erde. Samt +den Menschen. Und den Felsen und Meeren.“ +</p> + +<p> +In Cornwall aber stand Delvil noch lange Wochen brüllend +und weinend: „Er hat Recht. Ich zerreiße die Erde.“ Von +Mentusi erfuhren die Giganten, was geschehen war. Delvil +knirschte verzweifelt: „Alles heran, was wir haben.“ Und in +einem Zerstörungstaumel brachen die Geier und Delvils Gehilfen +in die nahen Festlandsstädte ein, die sie noch nicht zertobt +hatten. Die Mekifabriken verwüsteten sie. Überall wo sie Teile +des Turmalinschleiers wußten, schleppten sie sie heraus. Auf den +Hügeln von Cornwall um den stöhnenden Delvil häuften sie sie an. +</p> + +<p> +Dann machten sie sich selbst zurück. Die Geierfedern warfen +sie ab. In der Dartmoorwaldung wuchs Delvil. Westlich im +Bodminmoor Mentusi. Nördlich am Tawafluß Kuraggara. Einen +großen Halbkreis bildeten sie, der nach Norden offen war. Es +war Platz für die anderen Giganten. Die Berge der Schleier +hatten sie um sich. „Soll ich Grönland machen“ höhnte Mentusi, +„wollen wir die Schleier über die Erde hängen und die Erde +verklumpen. Soll ich das Meer über Europa schicken. Wollen +wir den Pol zum Äquator herunterziehen.“ Delvil dumpfte: +„Nach Norden. Alle Kraft nach Norden. Wir sind in Fahrt. +Haltet die Kraft bei euch, daß ihr nicht umgeworfen werdet.“ +Vom Tawafluß Kuraggara, die aus einem Berg heraus wuchs: +„Und wenn die Erde zerreißt, so fahre ich durch die Luft.“ +Delvil: „Wachst! Saugt die Erde auf. Nehmt auf die Fahrt mit, +was ihr könnt. Norden.“ +</p> + +<p> +Und in finsterem Haß richteten die Giganten die furchtbare +Wucht ihrer Kräfte um sich nach Norden, gegen das Meer, von +wo einmal die Lurche und die Schleier gekommen waren. „Ich +schick sie wieder zurück“ schrie Delvil. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">Ü</span><span class="postfirstchar">ber</span> den Boden aller Landschaften, auf allen Kontinenten +Inseln zwischen den aufblühenden und verwelkenden Bäumen, +zwischen den schnuppernden laufenden hungrigen und gesättigten +Tieren, bewegten sich die sterblichen Menschen. Fühlten +ihre Arme, die greifen konnten, nahmen die Säfte an, die ihnen +<a id="page-568" class="pagenum" title="568"></a> +aus der Erde zuquollen. Und dann verdorrten sie. Alterten +erschlafften ergrauten. Unheimliche Kräfte arbeiteten an ihnen. +Sie hatten nur die stolzen drängenden schwellenden gekannt; +jetzt weinten sie. Die Flüsse liefen wie vorher, die Berge mit +den Wäldern standen ruhig, die gelbe Sonne kam mit den Tagen +herauf, unverändert nachts die blaue Schwärze des Himmels: +nur sie gingen hin, wurden weggedrängt. +</p> + +<p> +Es fing an, sie lautlos zu bemalen. Graue Linien wurden um +ihre Augen gelegt, die Lippen wurden bläulich blaß. Ein Meißel +grub an den Gesichtern, unterschnitt die Jochbögen, trieb sie über +den schlaffen Wangen hervor. Die Augen sanft eingesenkt, vermauerten +sich, zogen sich kalt zurück. Eine unterirdische Arbeit +zerlegte die Nase, legte Gruben über die Nüstern. Sie aßen und +tranken, aber es war nichts aufzuhalten. Aus dem feinen Grat +der Nase wurde ein breiter Pfad mit starren Wänden und dunklen +feuchten Schlünden der Löcher. Die Haut, einmal flaumig, +wurde dünn wie Papier über das Gesicht gezogen, eng über das +Gesicht, bedrückend wie eine Maske; aus einer Maske sahen die +Menschen armselig hilflos hervor. Wie einem Gebäude geschah +ihnen, das auf den Grundriß demoliert wird. Sie fühlten es, +schwiegen. Und die Kiefern klapperten weiter, mahlten das Brot, +zerrissen das Fleisch, taten als wüßten sie nichts, und der Leib +unten vertrocknete, verhärtete. Gelb wurden die dünnen knorpligen +Ohren; starre Haare wuchsen in Büscheln heraus. Die +Münder wurden nackt bloßgelegt, grausam die Lippen gefältet, +die Lippen, die blaßroten nassen Bänder. Vom Halse herauf +zogen sich Wulste quer und schräg zum Kinn; mit jeder Mundbewegung +sich straffend. Knöchern die Hände, die Finger +knotig zitternd. Und die Menschen saßen stumpf, gingen +stumpf, erduldeten es. Bis das Letzte kam, das sie kaum mehr +anrührte, der Tod, über der Leber, über dem Herz, den Hoden, +der Gebärmutter, die der Krebs anfraß. Eine starre Ader in dem +verdorrten Gehirn barst. Das zuckte, – die Augen irrten, lagen +still, – war ein Mensch. +</p> + +<p> +Von der Hochfläche Sidobra bei Toulouse brachen die Menschen +auf, die Island erlebt hatten. Mit ihnen Kylin, Hojet +Sala, der Steile Absturz. Aus Toulouse, wo sie wieder die +<a id="page-569" class="pagenum" title="569"></a> +Serninkathedrale betrachtet hatte, kam die gelbbraune glatthäutige +Venaska zu ihm herüber, bat, mit ihm wandern zu +dürfen. Schon auf dem Wege durch ein Maisfeld, sah er sie +starr an: „Willst du wirklich, Venaska?“ „Laß mich mit dir.“ +„Ich habe deinen Feigenzweig unter dem Oleanderbaum weggelegt.“ +„Hojet Sala, hier ist ein neuer.“ „Ich habe deine +Küsse unter dem Baum angenommen. Ich weiß, wie süß Menschen +sind.“ „Nimm mich. Ich möchte, daß du mich liebst.“ Und +während es warm durch ihn ging, summte er: „Ich will sie +mitnehmen. Ich wandere mit ihr.“ Träumte, sah auf seinen +Arm, und begrub den Gedanken. +</p> + +<p> +Durch die blühende Ebene der Garonne fuhren sie auf Ziegengespannen +nach Osten. Siedler und Islandfahrer begegneten +ihnen auf den Roggenfeldern, zwischen den dichten Ansammlungen +der Bäume, der laubabwerfenden stillen Wesen, die neu +grünten. Wer von den Islandfahrern auf sie zukam, durfte sie +begleiten; der Steile Absturz blickte weg, als Venaska die Männer +und Frauen mit jungen Blättern auf ihre Art schmückte. Sie +warfen sich täglich vor dem Feuer hin, das auf den Feldern +angezündet wurde. Träumend stand Venaska, mit verschlafenen +kleinen Augen, von den Anbetungen auf. Der Steile Absturz, +immer hart und ernst, drängte nach Osten, zur Rhone; das +Rhonetal aufwärts wollte er nach Lyon und nördlicher nach +Paas. Durch leere Felstäler stiegen sie, Gießbäche umgingen +sie. Jenseits des großen Flusses lag eine Ebene. +</p> + +<p> +Da schwollen ihnen Menschen von Norden entgegen. Der +Steile Absturz schickte Männer unter die wandernden Gruppen; +die ließen sich nicht aufhalten. Über den Fluß fuhren nach +Westen Menschen. Sie suchten in das Gebirge hinauf, fragten +nach Verstecken. Und dann hörten die Menschen um Kylin –, +sie waren in der Nähe der Stadtschaft Lyon –, tagelanges nächtelanges +Knattern und Schreie. Brandwolken, eine ungeheure +Flamme über Lyon, die sich ab und zu verschattete. Unter dem +Brausen flüchteten an ihnen Massen weinender erschöpfter Menschen, +heller und dunkelfarbiger, vorbei. +</p> + +<p> +Der Stadtschaft Lyon hatten sich drei Giganten bemächtigt, +zwei Männinnen und ein Mann. Die anderen Herren lagen +<a id="page-570" class="pagenum" title="570"></a> +erdrosselt. Sie selbst waren im Begriff sich in Dampfwolken zu +verwandeln, um zu Delvil zu fahren. Ihre zähen mit Felsen +und Erde genährten Leiber widerstanden der Glut. Das ganze +Rhonetal hatten sie in Brand gesteckt, neue Wälder erhitzten sie. +Aus der Tiefe brannte die Stadtschaft auf. Das berghohe Weib +Tafunda stand breitbeinig über der Flamme, die an ihren +Beinen leckte, goß ihren Harn in die Flamme, zitterte nach den +beiden, sie sollten ihr helfen; aber sie schmolz nicht. Einer lag +über der alten Vorstadt Macon wie ein Riesenberg blauer Seide. +Sein Leib war nicht mehr zu erkennen, das Feuer zerfraß ihn; +der Gigant kämpfte mit der Flamme, die ihn vernichten, verblasen +wollte. Er hielt mit allen Sinnen seinen Leib, wie er sich +auch streckte und wandelte, fest; das Feuer briet und röstete, er +fühlte es nicht; die Flamme mußte tun, was er wollte. Er atmete +selten, alles Feuchte hatte er von sich gegeben; aber der Wind +bewegte seine blauen Massen noch nicht. Da riß sich der dritte +Gigant, die Männin Kussussya, bis an den Hals in dem glutrasenden +Erdloch Lyon im Süden, aus dem Boden: „Wir haben +Zeit? Was ist das für Feuer.“ Und lachend tobend zerrte sie +sich den Panzer der Giganten, den Islandschleier von der Brust, +zerknäulte ihn, rieb ihn gegen einen Uferfels. Aufkrachen. +Grüne Stichflammen. Ihr Leib verprasselte über den Wolken. +Die Hitze hinblasend löste den Giganten bei Macon ab von der +Erde. Er wallte wie ein blaues Lufttier. Molluskenhafte +Arme streckte er hinstreifend nach Tafunda aus, die nach ihm +schnappte loderte und nicht verbrennen konnte. Er schleppte das +sich krampfende stöhnende ungeheure Gebilde. +</p> + +<p> +Kylin hatte starr auf dem Pilatberge gestanden; sie sahen in +der Luft über sich den Giganten von Macon mit dem schwarzen +sich windenden Gebilde die Berge umkreisen, nordwestwärts +ziehen. In das Flußtal wollten sie heruntersteigen; sie vermochten +es nicht unter dem widrigen stinkigen Branddunst. +Der Menschenstrom hatte plötzlich nachgelassen. Und wie sie +die letzten Hügel nach Osten begingen, hielt der ganze Zug der +Fahrer an. Das Flußtal war sumpfig erweitert, Fußtapfen der +Giganten, Hügel bei dem Gigantenkampf zerrissen, von Nordwesten +her das Gebirge in das Tal gestürzt. Über die Ebene +<a id="page-571" class="pagenum" title="571"></a> +gesät Häusertrümmer, die rauchten. Und daraus wanden sich +hervor Menschen und Tiere. Auf die Siedlungen war der +Kampf und der Brand übergegriffen. Das Feuer hatte die +fliehenden Wesen wie ein Vulkanausbruch überfallen; sie lagen, +schwarzbraune Flecken, zusammengekrümmt, auf den Wegen; +an manchen absperrenden Mauern in Haufen. +</p> + +<p> +Auf den östlichen Hügeln, an deren Lehnen sich der Qualm +heraufzog, zitternd und heulend warfen sich auf den Boden und +verbargen sich manche Islandfahrer, Männer und Frauen +weinten; hielten sich die Ohren zu; das Gespenst Grönlands +und der Vulkane zog wieder über sie her. Die meisten blieben +starr; verbissen drängten sie weiter. Kylin hielt sich kaltgesichtig +unter ihnen, lachte, manchmal krampfhaft stolz: „Sie bereiten +sich selbst ihr Ende. Die Giganten, verfluchte Gesichter. Verfluchte +Arme, zu denen wir geholfen haben. Könnte ich sie zerreißen, +wie ich sie geschaffen habe.“ Schluchzend, jammernd hob +er die Arme über sich: „Ich will das nicht mehr sehen. Feuer, +ich kann an dich denken. Feuer auf Island, im Himmel, Feuer +in meinem Leib, vernichte sie. Verbrenne sie, schlag sie nieder. +Bestraf uns nicht wieder. Sieh, wie wir leiden.“ Er weinte +laut mit den andern. Die Hügel herunter in das Tal zog er sie. +Sie mußten nach den Verbrannten Zertretenen, den grauenhaft +Zerquetschten sehen. „Sage einer“, klagte Kylin, „daß ein +Mensch ist wie ein Baum, ein Stock, ein Sandhaufen. Er ist +nicht dasselbe wie die Luft und der Stein. Die Steine sind zertrümmert, +die Riesen haben die Felsen zertreten; die Bäume +jammern mich, die sie zertreten haben. Aber dies zu sehen: die +Menschen. Seht es euch an: es sind Menschen. Es ist mehr als +Muskeln und Knochen und Haut. Die Riesen haben es nicht +gesehen. Ich selbst habe es nicht gesehen. Sie haben gelebt. +Sie sind hin.“ Sie weinten um ihn: „Wir wollen von hier. +Müssen wir durch dies Jammertal?“ „Wir müssen“, der Steile +Absturz erblaßte, rote Tupfen auf seiner Stirn und Backen, „es +kann nicht zuviel sein. Dies ist das Feuer, das für uns ausgelegt +ist. Kommt hinter mir her. Biegt euch, schmelzt, zerbrecht. Es +ist kein Schade. Blickt euch um, was hinter euch nach Nordwesten +zieht. Es triumphiert, es wird noch wüten, so, so. Unsere +<a id="page-572" class="pagenum" title="572"></a> +Schande. Es kann nicht schaden, wenn wir zerbrechen. Wir +alle.“ Und wieder schluchzte er, krampfte die Fäuste, kniff die +Augen zu: „Vernichte sie, wer es auch immer sei. Feuer, vernichte, +blase sie in die Luft. Zerstäube sie. Laß nichts von ihnen +übrig.“ +</p> + +<p> +Und durch das schreckliche Tal gingen sie weiter, bis ein Floß +von Osten eine Schar verstörter irrer verstümmelter Menschen +gegen sie losließ. Da bestiegen sie selbst das Floß, setzten über den +qualmbeladenen Strom nach dem andern Ufer über. Kylin +hetzte, während sie fuhren: „Da ist Wasser. Seht es euch an, ihr. +Es gibt nichts zu weinen. Hier kann man ertrinken. Wenn man +genug gebrannt hat, hier kann man ertrinken. Weg von der +Erde.“ Es war Grausen ohne Maß, was auf den weiten Flächen +des östlichen Ufers vor sie trat. Unersättlich, geschüttelt war +Kylin, mehr, mehr zu sehen, ihnen zu zeigen. Vor die gähnende +Öffnung der zackigen Krater der Erdstadt Lyon schleppte er sie, +aus der die schreckliche lachende Männin gefahren war. Kylin +lockte mit Hohn und Grausamkeit: „Auch hier hinein kann man +sich stürzen. Sie hatte nicht Asche werden können; für uns +reicht es.“ +</p> + +<p> +Es gelang ihnen tagelang nicht, Kylin von der furchtbaren +Totenebene zu bewegen. Schon erkrankten von den Fahrern +welche. Mit Haß und Genugtuung betrachtete der harte Kylin +sie. Er hörte mit leuchtenden Augen, daß einige davongelaufen +seien, irr vor Ekel, andere unfähig die Qual zu ertragen. „Wir +müssen bleiben; wir werden sehen, wer zuletzt bleibt.“ Sie +faßten ihn an: „Du willst uns opfern. Wir haben noch mehr +vor.“ „Uns kann nichts Besseres geschehen als verbrennen. Wir +müssen es den Giganten nachmachen. Wir müssen auch in einer +Wolke nach London fahren.“ +</p> + +<p> +Wie sie herumirrten eines Abends, nach Hunden jagend, von +deren Fleisch sie lebten, stieß Kylin auf Venaska, die verschleiert +und geduckt um ihn ging, ihm auswich. Er zog an ihrem +Schleier: „Ah, Venaska. Daß du mir begegnest! Gut! Du versteckst +dich vor mir. Bei uns, an der Rhone Venaska! Ich habe +nicht mehr an dich gedacht.“ „Hojet Sala. Ich gehe hier herum. +Du hast mir gestattet, mit dir zu ziehen.“ Er hielt sie am Schleier +<a id="page-573" class="pagenum" title="573"></a> +fest: „Venaska. Ich kann es noch immer nicht glauben. Von +der Garonne, von der Loire: Venaska. Du bindest dir einen +Schleier um, du zwinkerst mit den Augen. Du mußt die Augen +zumachen, die Nase zuhalten.“ „Hojet Sala, was sprichst du. +Laß meinen Schleier.“ „Nein, diesen Augenblick sollst du +wenigstens sehen und hören.“ „Ich habe immer gesehen und +gehört. Vor dir hab’ ich mich versteckt. Vor deinem Anblick. Wie +bist du schrecklich geworden.“ „Sie leidet. Venaska leidet. Um +mich. Es ist nicht nötig um mich. Schämst du dich nicht so zu +sprechen. Sprich Liebesworte zu mir; dein Handwerk wird hier +auch blühen. Oleanderbäume Feigenbäume der Provence, +nicht wahr, das ist nichts gegen dies. Hier ist es süß. Das hier +unten neben dir, was so stinkt, ist der Leib und der Mastdarm +eines Mannes oder eines Weibes; ich kann es von weitem nicht +unterscheiden. Und auf der braunen Haut ausgebreitet: sieh +zwei Kinderbeine; aber das Kind fehlt. Venaska, was sagst du +zu diesem Kind. Ist die Schnelligkeit des Kindes nicht bewundernswert, +die Beine sind dem Kind zu langsam gelaufen, +da ist es selbst – mit wem wohl? mit den Giganten gerannt, +Rumpf Arm Kopf, hurra, hurra, hopp! Die sehen sich jetzt +von der Fußsohle eines Giganten das Meer an, vielleicht schon +London. Ein neugieriges witziges Kind. Ein Genie und so früh +gestorben! Warum unterbrichst du mich nicht, Venaska; mit +Freudenausrufen oder mit einem Gesang. Deine Kehle ist so geschickt +darin. Tränen, Tränen, vorwärts.“ „Warum wütest +du gegen mich? Was beleidigst du mich?“ „Du fielst mir nur als +ein Farbenfleck in dieser Landschaft auf. Nein, Venaska, du +schleichst mit Recht herum, der Schleier ist an seinem Platz. +Du bist doch verflucht, siehst du es nicht. Ja, du. Du weißt wohl +nicht, was verflucht sein heißt. Sieh dir diesen zermatschten +Darm an, die Kinderbeine, die darauf kleben; das waren Menschen, +das war ich, ich.“ „Ich nicht, ich nicht, ich habe sie nicht +zertreten. Hör auf, Hojet Sala. Siehst du nicht, zu wem du +sprichst.“ „Und weil ich dich sehe, spreche ich so. Ich dich nicht +sehen. Daß du es wagst hier zu sein. Hier ist das Grabmal aller +menschlichen Würde, du bist das Triumphlied dabei. Unsere +Schande führst du uns vor Augen, bei unserer Schande sättigst +<a id="page-574" class="pagenum" title="574"></a> +du dich.“ Sie drängte an ihn. Er sank unter dem wilden wütenden +Druck ihrer Umarmung in die Knie. Ihre Lippen zitterten, +die Augen glühten; seinen Mund suchte sie zu küssen. „Mein +Mund. Wäre ich dir gefolgt, wenn es so wäre, Hojet Sala?“ +Er stöhnte und widerstrebte nicht: „Pfui. Umarmen! Mehr! +Küssen. Hinwerfen. Deinen Schoß an meinen. Es ist gut. +Was sagst du, daß ich dich nicht kenne. Zeig mir ganz, was ich +bin.“ „Ich weine mit dir. Ich tue dir nichts. Vergrab dich nicht, +Hojet Sala.“ „Umarmen, Venaska. Mir nutzt sonst nichts.“ Er +hatte sich ganz hingeworfen: „Gurre, Venaska! Den dreckigen Boden +müßte ich küssen. Von Grönland mußte ich bis Lyon fahren, +um von dir enthüllt zu werden. Meine ganze Schande zu sehen. +Deinen Schoß her. Unsere ganze Menschenschande.“ Sie zog an +seinen Armen. Todblaß stand er, knirschte: „Komm mit Venaska.“ +</p> + +<p> +Er schleppte sie zwei Tage durch das grauenvolle Tal, sah sie +leiden. Dann ertrug er es nicht mehr. Sie hatte sich nicht verändert, +ihre Augen lagen in fast grünlichen Höhlen, sanft war sie +geblieben. Da irrte er um den Trichter der qualmenden Erdstadt +herum, immer dichter; er schien erst langsam zu wissen, was +er wollte. Er trieb sie an eine der gräßlichen Spalten, in denen +Verwesungsgase stiegen: „Riech das mit mir, Venaska. Das ist +das Bad für uns, bevor wir Hochzeit feiern. Was bist du?“ +Schmerzlich rang sie an ihm: „Ich bin nicht anders als du.“ +Sie zitterte kreischte. „Nicht schreien, Venaska. Du bist nicht +anders als ich. Zeig es mir.“ „Ich tue nicht, was du jetzt willst.“ +„Doch. Venaska. Du bist wie ich. Du bist mein Leben. Wärst +du nicht so schön, so süß. Geh weg. Geh hinunter. Was macht +es aus. Keiner von uns ist ja.“ „Ich geh’ nicht.“ „Erreg mich +nicht, Venaska. Reize mich nicht, Venaska. Verhöhne mich +nicht mit Liebe. Habe ich nicht zu büßen. Unendlich unendlich +zu büßen. Ich sterbe in diesem Gestank. Mach ein Ende.“ +„Hier hast du mich hergeschleppt. Du willst mich hineinstürzen.“ +„Nein. Du selbst sollst es tun. Du kannst es tun. Tu es, wenn +du die Augen auf hast.“ „Ich tue es nicht. Ich bleibe bei dir, +Hojet Sala. Jetzt mehr als sonst. Du wirst Reue um mich +empfinden.“ „Ich will dich nicht. Sprich mich nicht an. Dich +kenne ich. Grausige. Du – bist aus dem Geschlecht der Giganten. +<a id="page-575" class="pagenum" title="575"></a> +Du bist die letzte. Du bist selbst ein Untier, das Grönland ausgeworfen +hat. Du lebst in mir, gräßlich: meine Besinnungslosigkeit. +Laß dich anfassen, liebe Besinnungslosigkeit. Der +Steile Absturz bin ich.“ Sie wimmerte: „Ich schäme mich. +Wie bin ich geschändet. Süße Erde, nimm mich.“ +</p> + +<p> +In den Qualmwolken der Spalte flatterte Venaska, den +Boden in ihrer sanften Art streichend. Sie kroch weg, verschwand +vor Hojet Sala, der hinter ihr schäumte. +</p> + +<p> +Am selben Tag verließen die Fahrer das Rhonetal. Der +Steile Absturz hatte vor den andern geglüht: „Venaska ist weg. +Ich habe sie erkannt. Wir sind Menschen. Sie war es nicht. Ich +erkannte sie. Sie war aus dem Geschlecht der Lurche und +Riesen.“ Als man neben ihm klagte: „Stöhnt. Schmerz her. +Der Schmerz. Davon brauchen wir Eimer, Zentner jeden Tag. +Für uns Menschen ist nur die Hölle gut. Wenn das Feuer nicht +ist, werden wir zu Steinen. Nur die Hölle tut uns not. Der +Schmerz ist unsere Seele, unser Gott.“ Und leiser: „Wißt ihr, +sie ist in das Feuer gegangen und war ein Stück von mir. Gesegnet, +wer Erniedrigung gibt.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">enaska,</span> die süße, flüchtete nach Westen. Den Dampf- und +Verwesungsgasen der Krater von Lyon war sie entkommen. +In Angst schleppte sie sich, allein. Sie weinte viel. Sie war +das Glück der Entsetzten, zwischen denen sie sich bewegte und +denen sie die braunen Hände gab. Wohin ging sie. Wohin +wollte sie. Zu den Wesen Grönlands gehörte sie, hatte der +Steile Absturz gesagt. Sie wollte hin zu ihnen, nach Grönland. +Und dann kam sie im Westen unter die verzweifelten, +oft kannibalischen hungrigen Völkermassen, die sich aus Orleans +und Paris rissen. Von den Riesen sprachen sie, die sich in Cornwall +versammelten. Zu den Riesen: das wollte sie. Ein bewußtlos +tiefes Verlangen befiel sie, hüllte sie ein; sie lechzte zu +den Riesen. Die hatte Hojet Sala geschmäht, die waren von +ihrem Blut. Wie jäh das ihr gewiß war. Sie verstand nicht +mehr das Klagen Heulen der Massen, das röchelnde Fluchen +auf die tobsüchtigen Giganten. Ihre eigene Verzweiflung war +<a id="page-576" class="pagenum" title="576"></a> +wie die Nacht von einer Morgenröte ausgelöscht. Was ächzte +und brüllte man. Wer nannte die Giganten, die fernen. Sie +standen in Cornwall, gräßlich ihre Taten, grauenhaft ihre Leiber. +Aber man kannte sie nicht. Nur sie allein kannte sie durch Taten +und Leiber hindurch: ihr Blut, ihre Brüder. +</p> + +<p> +„Meine Brüder, meine geliebten Brüder“ seufzte es Tag und +Nacht in ihr. Die Landschaft der Loire blickte Venaska süß an: +„Ich bin wieder da, liebe Bäche, liebe Birken, liebe Gräser. +Ich habe euch lange nicht gesehen. Ich war verzaubert.“ Sie +legte sich nackt in einen Bach: „Liebes Wasser, das ist mein Leib. +Er ist ganz für dich. Ich will nach Norden. Hilf mir herüber.“ +Sie stand blaß auf dem Bergabhang, ließ sich von der Luft +trocknen: „Bist kalt, lieber Wind. Das ist mein Leib, meine +Brust. Hilf mir nach England.“ Das warme Licht kam hervor: +„Ach die Sonne. Wozu hab’ ich Augen und Ohren. Ich fühle +dich durch die Haut, auf dem Rücken, am Nacken, an den Füßen. +Auf meiner Wanderung kommst du mit.“ +</p> + +<p> +Sie fuhr mit Menschen, die sie berückte, lange Tage bis zur +Seine hinauf. Dann wollte sie niemand mehr fahren; die Furcht +vor den Riesen war zu groß. Sie lachte ging, war voll Sehnsucht: +„Geht nur. Die Riesen sind nicht eure.“ Die Ufer der +Seine lief sie entlang, über Wiesen, durch Buschwerk. Sie war +glücklich und voll Sehnsucht. Die Landschaft hing an ihr. Je +rascher sie lief, um so mehr hielten die Wesen der Landschaft +sie fest. Die Gräser wickelten sich um ihre Schuhe. Sie mußte +die Schuhe ausziehen und barfuß laufen. Die Bäume stellten +sich nachts, wenn sie schlief um sie und ließen sie nicht heraus. +Sie lief, lief. Das Buschwerk, die Gräser liefen mit ihr. Die +Kastanienbäume, die Linden, sommerlich blühend, wogten bei +ihrer Annäherung auf. Duftwolken brunsteten sie aus, dann +senkten sie ihre Wipfel, griffen mit den Ästen nach ihren Haaren. +Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß <a id="corr-43"></a>nach Cornwall. +Laßt meine Haare frei. Helft mir <a id="corr-44"></a>nach Cornwall; ich muß zu +den Riesen, meinen Brüdern.“ Das Meer kam nicht, das Meer +kam nicht. Sie grämte sich, sie weinte. Die dichten Gräser +schlossen sie ein. Venaska war glücklich in ihrer Liebe und +schluchzte vor Verlangen. +</p> + +<p> +<a id="page-577" class="pagenum" title="577"></a> +Während sie ermüdete, Schritt für Schritt ging, von dem +Lande umfaßt, streckte sie die Arme nach Norden aus. Die +Tränen stürzten aus ihren Augen. Die Tränen liefen der +Venaska voraus, fielen auf die Schultern der Giganten. +</p> + +<p> +In Cornwall standen, stumme Gebirge, die Giganten im +Halbkreis vom Bodminmoor bis nach Egmoor im Norden. Die +Erde um sich hatten sie ausgehöhlt, Felsen und Wassermassen +in sich aufgesogen. Mit Erzquadern wurzelten sie in den Gabbromassiven +der Tiefe. Grüne Hornblendenädelchen durchwuchsen +ihre Füße, schwarzbrauner Olivin, eisendurchzogen, schob sich bis +an ihre Brüste herauf, ein steinerner Mantel. Die Strahlenträger, +die gesponnenen Netze, hielten sie vor sich auf der Brust, +gleichmäßig alle grünschwarzen zerklüfteten wasserüberflossenen +Gesichter nach Nordwesten auf das Meer gerichtet, das Meer +aufzureißen, den Meeresboden aufzuschmelzen, die Flamme die +Lava hervorbrechen zu lassen, Länder zu verschütten. Keine +jauchzende Wildheit Krampf war mehr in den Wesen. Die +Gebirgsströme brausten durch sie. Die Erdmasse lähmte sie, +wollte sie vergewaltigen; sie mußten mit allen Seelenkräften +anringen, um nicht zu versinken. +</p> + +<p> +Das Meer, die grünen Wasservölker, waren längst von der +Cardiganbucht über Wales hingesprungen, durchtobten den +Bristolkanal, schäumten bis zu den Füßen der steinernen +Kuraggara im Norden. Tag und Nacht wallten vom Atlantischen +Ozean mit Wut die ungeheuren hinpeitschenden Wogen +an. Irland überdonnerten sie in ganzer Breite. Rasend stieg +die Flut von Nord herunter, eine meilenbreite von schwarzen +Gewittern überlagerte Straße schiebend, wühlte gegen +Cornwall. Jenseits der Hebriden rissen die Wellen dampfend +auseinander, entließen gähnend Dunstwolken. Neue Massen +schwemmten herüber, kochten füllten die Spalten. Heller und +heller von einer unsichtbaren Quelle wurde es von Woche zu +Woche über der brandenden Kampfstraße. Durch Glimmen und +Dämmer fuhren unaufhörlich die Blitze. Endloser Regenguß, +brüllender Donner. +</p> + +<p> +Auf Cornwall, die Erde einziehend in ihren Leib, Flüsse aufsaugend, +rangen die Giganten mit ihrem Bewußtsein. Zu dem +<a id="page-578" class="pagenum" title="578"></a> +Brüllen des Donners gesellte sich ihr tiefes Grunzen Röcheln. +Das Bewußtsein wollte ihnen schwinden. Und wenn einer +stöhnte, stöhnten die anderen mit, um ihn durch ihren Lärm zu +erwecken. Delvil, die Dartmoorwaldungen auf seinem Rücken, +bewegte nur noch die Augenlider. Die Kiefern- und Tannenstämme, +lose durch seine Adern strudelnd, bohrten sich durch die +rauchschwarze Haut. Die Felsen wie in einem Trichter in ihn +schwemmend, packten sich an seinem Hals hoch. An seinen +Schultern, an der Brust trieben sie Kanten vor, waren Abhänge +Klüfte, in dem sich das gischende Wasser verfing. +</p> + +<p> +Und im Sturm, wie er stand –, woran dachte er, wollte sich +erinnern – brannte ein Schmerz an seinem Nacken. Er achtete +nicht darauf, sein bewaldeter seenwiegender Kopf sank tiefer. +Da zuckten seine Finger, der Arm krümmte sich, es brannte im +Nacken; welch Schmerz. Er tastete nach hinten. Etwas rief. +Von wo rief es. Er murrte. Venaskas Tränen stürzten gegen +seine Schultern, seinen Hals entlang. Ein Rufen: „Delvil Delvil +Delvil.“ Über ihn hin dachte es: es ruft mich bei Namen. „Delvil. +Delvil.“ Mit den Tränen kam der Schrei. Seine Finger +tasteten hinein, warm waren sie; über seine Schulter rief es +durch das Gewitter: „Delvil. Hilf mir doch. Ich bin im Gras +verwickelt. Ich will zu dir.“ „Sie ruft mich bei Namen. Immer +der Name. Der Name. Es ist wie damals, als Marduk entkam.“ +Er brütete erregt, stöhnte: „Ich muß den Schleier halten.“ Die +Tränen sammelten sich kitzelnd brennend hinter seinen Ohren. +Es klagte; hörten die andern es nicht. Arme griffen über seinen +Mund. Das waren Arme, über seine Augen. Er bewegte den +Kopf keuchend rückwärts; ein heller Schreck durchfuhr ihn. +„Delvil, ich kann nicht zu dir. Was stehst du hier. Heb du mich, +süßer Bruder.“ „Oh“, bäumte er sich, grunzte hohl, „weg von +mir“ und stöhnte mit den übrigen: „Die Steine. Es sind die +Steine die Bäche. Sie nehmen mir das Bewußtsein.“ Das +Gewitter prasselte, Schwärze, glühender Strahl. Er preßte +den Schleier. „Meine Arme halten dich. Nun sind sie doch froh +bei dir zu sein. Ich komme bald; nichts soll mich zurückhalten. +Du bist mein Blut. Nach dir habe ich Sehnsucht. Sehnsucht, +Delvil.“ Es zuckte züngelte durch sein Gehirn. Es trieb ihn an +<a id="page-579" class="pagenum" title="579"></a> +seinen Beinen zu ziehen. Was hing an seiner Brust; welche +toten Körper waren seine Beine. „Du wirst mich nicht verwirren. +Das Meer kommt an. Die Erde reißen wir auf.“ +„Mein Blut, du, und du hast Verlangen nach mir. Ich kenne +dich, wenn du dich auch wehrst. Mein Mund ist bei dir. Da +ist er. Toter Bruder, sieh das Meer, es ist schön. Du fühlst mich, +du fühlst alles. Du bist Wald Gebirge Fluß. Sieh das süße +Leben an dir. Unser süßes Leben, Wald Fluß Gebirge. Laß +sie heraufkommen zu dir. Laß sie nur kommen.“ Das Bewußtsein +schwand ihm: „Ich muß stöhnen. Sie sollen mitstöhnen. +Sie soll mich wecken.“ „Mein Herz kommt zu dir. Jetzt ist es +da. Toter Bruder, blick dich um. Jetzt wirst du lebendig.“ Sein +Kopf zuckte wild nach rückwärts. Durch die Schwärze, zwischen +den Blitzen näherte sich, näherte sich ein blutendes triefendes Gebilde. +Aderspielend, glühend kam das Herz Venaskas an, lautlos +langsam. Senkte sich in den Berg. Den durchströmte es auf +Sekunden warm. Ein weiches Dunkel bodentief brodelte durch +Delvil. „Warum nicht, Delvil. Warum nicht.“ Sein Kopf war +nicht mehr da, das rasende Meer war verdämmert. „Toter +Bruder, nun ist uns gut. Nun hab’ ich dich. Streck dich aus. +Du hast Beine, sink hin. Hin. Hin. Wir sinken. Ach ist es +schön zu sinken.“ Es war nicht mehr Delvil, in Berg See Wald +ausgedehnt, auseinanderfließend. Es war nicht mehr Delvil. +</p> + +<p> +Und zu den andern Giganten, von Bodminmoor bis zum Egmoor +am Bristolkanal schwoll Venaska. Sie rangen, in Syenitmassen +versenkt, mit den grünen sprießenden sie durchwuchernden +Augiten, den Sandmassen, die ihre Stirnen überschütteten, +den Haufen von Trümmergestein, die durch ihre Adern türmten. +Die Waldbäche strömten kühl an ihnen herauf; Quellen brachen +auf, wogten durch sie. Es zuckte in ihnen. Ihre Lippen suchten +sich zu spitzen. Flehen Singen nahe bei ihren Ohren. Sie +wurden am Hals, an den Fingern berührt. Und wie sie noch +staunten aufröchelten, um sich zu erwecken, wurden sie im +Innersten beseligt und ihr Mund blieb offen. Hin schwanden +wie Dunst ihre Gedanken. Ein Traum schoß zu blendender +Helligkeit auf: bei Namen wurden sie gerufen, Kuraggara, +Tafunda, Mentusi. Tränen über die Nacken stürzend, Gurren +<a id="page-580" class="pagenum" title="580"></a> +einer Stimme. Wer war das. Wärme Sinken. Eine erschreckend +sanfte süße Stimme: Kuraggara, Tafunda, Mentusi. +Ist das der Tod. Ach was gibt es in der Welt. +</p> + +<p> +Es waren nicht mehr die Giganten, auseinanderprasselnd in +Wälder Gebirge. Das donnernd sich anhebende Meer sprühte, +wusch die Massen, die abstürzten, lose Stämme, leichtes Gestein +und die Schleier ab. An Felsen zerrieb es sie, zersprengte sie in +Lohe. Dann verebbte die schwarze Meeresstraße von Norden. +Das tausendarmige Gewässer zog sich nach der Cardiganbucht +zurück. Der Dampf über dem Meer verwehte. Irland hob sich +seenflutend wieder aus dem Wasser. Auf Cornwall zerkrachten +abrollend die steinernen Häupter und Arme der Giganten. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">us</span> den Löchern und Nestern der verschütteten Stadtschaften +quollen die Verstörten. Sie waren ohne Nahrung; Haß Kannibalismus +herrschte. Geschlossene Horden kamen von den dröhnenden +britischen Inseln, Reste von dem überschwemmten Irland, +schlugen sich mordend raubend durch das westliche Europa. +Die Mekifabriken waren verschüttet, die Äcker nur wenig durch +Siedler bestellt. Wie ein Wolkenbruch, ein Hagelwetter stürzten +verheerend die Menschen, die von den Tritten der Giganten +verschont waren, auf die Landschaften. Monatelang liefen sie. +Leichen ließen sie hinter sich auf dem Boden. Was stark war, +verschanzte sich in den wüsten Wäldern, auf Äckern, einzeln, +meist in Kampfgenossenschaften, würgte was sich näherte, war +hart wie Knochen, jagte Tiere. Die Ausschüttung und Überschwemmung +des europäischen Kontinents, die ungeheure Katastrophe, +war in einem Jahr in ihrem ersten Schwall beendet. +Das Verschieben der Massen, Hin- und Herdrängen, Überwallen +und neues Verschütten dauerte noch lange an. +</p> + +<p> +Die Islandfahrer, im wildesten Strom, waren vorbereitet ihn +zu empfangen. Sie stellten sich den furchtbaren Massen mit +nicht geringerer Furchtbarkeit entgegen. Arbeiteten, als wenn +sie über den Vulkanen schwebten. Hielten vertierte Menschengruppen, +teilten sie, trieben andere weiter. Erschienen bewaffnet, +überall miteinander im Zusammenhang, in den belgischen +<a id="page-581" class="pagenum" title="581"></a> +Gebieten, an der Seine, der mittleren Loire, der Rhone. Wallartig +mußten sie sich vor den glücklichen Landschaften südlich +der Garonne aufbauen, um ihre Zertrümmerung zu verhüten. +Schleppten nach Calais Le Havre Antwerpen, an die +Girondemündung Schiffe, die aus der Grönlandexpedition +rostend und faulend in den nördlichen Häfen lagen. In die +afrikanischen weiten und längst aufgeschlossenen Landschaften, +nach dem nördlichen und südlichen Amerika führten sie große +Massen. +</p> + +<p> +Wie beim Uralischen Krieg, als die Feuerwalzen zusammenschlugen, +das Kaspische Meer, wurde die Ostsee bei der Zertrümmerung +der dänischen und skandinavischen Stadtreiche von +entsetzten hungernden sterbenden Menschenwesen überschwemmt. +An der südlichen Küste dieser See dehnten sich die Märker aus, +bis nach Litauen im Osten, an den Rhein im Westen. Sie +hatten fruchtbare bestellte Gebiete zwischen sich. Hier verdarb +um diese Zeit der schwarze Konsul Zimbo, als er den Augenblick +benutzen wollte, um die märkische Macht durch Überfälle +nach Norden und Westen auszudehnen. Die bewaffneten +starken ackerbauenden Horden erschlugen ihn in Berlin während +einer Beratung, öffneten ihre Grenzen nach Norden und Westen, +nahmen Scharen der Flüchtigen auf. Über die Rheingrenze +gingen damals helfend märkische Horden. Die Erhaltung des +größten Teils der späteren westlichen Bewohner war ihr Werk. +Durch ihr eigenes Gebiet führten sie nördliche Scharen über +die Warthe, die Weichsel. Die russische Tiefebene betraten sie, +die wieder geglättet beruhigt begrünt war nach dem Flammenkampf. +Nomadisierende mongolische und sibirische Stämme +nahmen sich der einschmelzenden Städtereste an. Von den in +die Stadtschaften Verlockten und Verschlagenen blieben nur die +Nachkommen der älteren härteren Weißen und Dunklen auf +dem Kontinent; der junge Zufluß, der nicht verkam, verebbte +nach Süden. Dünn besiedelt war das Land, auf dem die gewaltigen +Stadtschaften, die Mütter der Giganten gewachsen +waren. Es waren in der Masse Nachfahren indianischer Mischlinge +und noch nicht lange eingewanderte körperstarke Mestizen, +versprengte Reste Weißer. +</p> + +<p> +<a id="page-582" class="pagenum" title="582"></a> +Dann war die Wut des Orkans gebrochen. Auf dem europäischen +Kontinent rangen in furchtbarster drängender Arbeit die +Menschen mit dem Boden. Amerika hatte keine Gebilde entwickelt +wie Delvil Tafunda Kuraggara. Hier flossen die Stadtschaften +früh aus, die Senate schwanden, Apparate und Wissenschaften +verdarben. Als der östliche Teil des einstmaligen Völkerkreises +sich selbst zerschmetternd zusammenbrach, hatte der +amerikanische Kontinent noch viele kleine fröhliche Städte innerhalb +der verfallenden, Berge und Wiesen überziehenden Reste +der ungeheuren Stadtreiche. In Dorfstaaten, oft bei den +schwach besiedelten Resten der alten Stadtschaften ballten sich +in Europa die Menschen. Es kamen nicht viel später Angriffe +afrikanischer Raubhorden, die den alten Hang zum nördlichen +Kontinent nicht verloren hatten. Die Vorstöße führten zu +Gegenbewegungen, zur Festigung europäischer Stammesgebilde +und Volksgruppen und zur Ausdehnung am Mittelmeer. +</p> + +<p> +Über Nordeuropa zog nach den Vorgängen in Cornwall +Staub wie von Vulkanausbrüchen, wochenlang gingen Regengüsse +nieder. Man beachtete es in der Verkrampfung und +tödlichen Wut dieser Tage nicht. Und wer von den noch Lebenden +an die Giganten dachte, fürchtete sie nicht; man kannte +jetzt keine Furcht. Erst wie das Ringen zu Ende ging, besann +man sich der tobenden Giganten. Und man sah die harten ledergekleideten +Islandfahrer, die, hinter sich kleine Scharen neuer +Entschlossener, durch die Länder ritten, Fußpfade herstellten, +die verfallenen Chausseen freirissen, große Wanderscharen auseinandertrieben. +Im Belgischen und am Rhein verbreitete sich +das Gerücht, dies seien Männer und Frauen der alten Herrengeschlechter, +die gegen die Senatoren rebellisch geworden wären, +sich ungeheurer Kräfte auf Island und Grönland bemächtigt +hätten und die Giganten auf den britischen Inseln niedergekämpft +hätten. Seien Männer und Frauen wie Marduk und die White +Baker, nur stärkere; sie hätten die Giganten mit ihren eigenen +Waffen geschlagen. Es nutzte nichts, daß die Islandfahrer den +Gerüchten entgegentraten. Sie schwiegen zu viel, man sah ihr +Vulkanzeichen und wie sie sich vor dem Feuer demütigten. Das +mußte die Gewalt sein, die sie selbst niederhielt. Ob sie sich +<a id="page-583" class="pagenum" title="583"></a> +wieder wie die alten Herren über die Menschen erheben würden. +Und während man vor ihnen auf der Hut war, tat man +den Fahrern nach, verehrte das Feuer, um mit ihnen auf einem +Boden zu stehen und auch, um nicht eine große unbekannte Gewalt +zu beleidigen. Den Islandfahrern selbst, die mit ihnen siedelten, +brachte man Ehrfurcht entgegen, fiel vor Hojet Sala hin. +</p> + +<p> +Harte Sitten der Märker, die sich nicht mehr abschlossen, zogen +im Westen und Süden ein. Wie Flugsamen verbreiteten sich +aber auch bei den stadtentlassenen Menschen auf den Feldern, +in den Dörfern, auf den Stadtresten die ernsten liebevollen +und ehrfürchtigen Gedanken des Südens. Neu fühlte man +sich in das Gewitter ein, in den Regen, den Erdboden, die +Bewegungen der Sonne und Sterne. Man näherte sich den +zarten Pflanzen, den Tieren. Das Feuer der Islandfahrer +stand wie der nachuralische Metallstier in den Landschaften zur +Erinnerung an die Katastrophe. Aber schon betete man freudig +und langsam atmend vor dem flackernden Licht, vor den großen +Kräften, die alle errettet hatten und sie jetzt neu beseelte. +Zeichen von Tieren, Holzbilder Idole tauchten an vielen +Gegenden auf. Man verehrte sie, stellte sich unter ihren Schutz. +Stündlich war man von geheimnisvollen Kräften umgeben; +Geisterglaube wurde sehr lebendig. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent first"> +<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ojet</span> Sala träumte schwer: er irrte am Seineufer entlang; +auf diesen steppenartigen Flächen, zwischen diesen sich windenden +Bäumen mußte vorher jemand gewandert sein, Venaska. +Weiter wollte er, mußte suchen. Da war ein Dickicht. Er +wollte hinein, er wollte durch. Er kam nicht heran. Er drängte +und drängte. Und wie er den Hügel mit dem Dickicht anlief, +wurde er plötzlich erhoben, über das schwere Buschwerk hinweg. +Über den Boden, die weiten süßen sehnsüchtig begehrten Flächen +flog er weg. Er wand sich, er flog. Über das brausende +Wasser mußte er fliegen, das war der Kanal, in der hohen +schwarzen Luft. Den Mund öffnete er: „Jetzt bin ich bald +da.“ Da war auch die schwarze Wüstenei, Cornwall. Die +Arme wehten wie zwei Bänder vor ihm. In der steinigen +<a id="page-584" class="pagenum" title="584"></a> +Dartmoorlandschaft ließ er sich nieder. In das knatternde Gestein +senkte er sich ein. Sein Leib wurzelte in dem Berg; ein +Gigant wurde er, ein steinerner toter Felsenriese. +</p> + +<p> +Hojet Sala erhob sich von dem Traum, vom Kopf bis zu den +Füßen zitternd. Er wanderte durch die Landschaften, die von +den Siedlern aufgebrochen wurden, in denen sie sich umfluten +ließen vom Atem der finsteren Tannengeschöpfe und grünen +Buchen. Er trat nach Norden in die Ebene des alten oberirdischen +Brüssel. Da saß Ten Keir. +</p> + +<p> +„Ten Keir, ich suche dich. Komm von den Trümmern herunter. +Du hast nur Haut und Knochen. Schließ dich uns an. +Wir sind von Island und Grönland gekommen, du weißt es. +Wir sind alle errettet.“ „Warum sprichst du zu mir, und kommst +zu mir, Hojet Sala. Es gibt genug, die sich von dir haben brennen +lassen. Warum rührst du an mir. Fürchtest du nicht, daß +ich dich verbrenne und du mein Zeichen nimmst?“ „Was für ein +Zeichen?“ „Ach, du meinst du triumphierst und ich verkomme +auf meiner leeren zertretenen Stadt. Aber an mir ist nichts zu +erretten. Ich beuge mich nicht. Es gibt keinen Gott und keine +Gewalt, von der ich ein Zeichen annehme. Ich bin ein Mensch. +Und du, Hojet Sala, du bist keiner.“ „Ich bin keiner, Ten +Keir?“ „Nein du nicht. Sonst würdest du sitzen wie ich. +Würdest jammern, daß die Giganten hin sind.“ „Die Giganten. +Wohl uns, daß sie hin sind.“ „Was sprichst du, du frommer +Gläubiger Heiliger. Sie sind hin. Ungeheuer sind sie gestorben. +Ich weiß nicht, was sie verschlungen hat. Du warst es +nicht, rühme dich dessen nicht. Du warst Kylin. Und jetzt bist +du ein Steiler Absturz. Der Steile Absturz. Unterworfen, hast +kein Leben, du hast kein Leben und die anderen auch nicht. +Ihr seid davongelaufen vor Grönland. Ihr seid eurer Würde +nicht gewachsen gewesen, wie ich, wie wir alle. Ich sitze hier. +Und schäme mich und klage um die Giganten. Und auch du +schlägst die Augen nieder.“ „Mein Wahn, Ten Keir, hat sich gelegt. +Ich bin dadurch nicht schwach geworden.“ „Dein Wahn. +Das Zittern ist in euch. Ihr sinkt, ich weiß nicht wovor, zusammen. +Delvil allein ist stark geblieben. Du weißt es selbst. +Warum kommst du sonst her. Ich verfluche mich und schlage mich, +<a id="page-585" class="pagenum" title="585"></a> +daß ich es erst jetzt sehe. Darum um mich zu foltern, nagele ich +mich an diesen Trümmern fest. Und labe mich an diesem letzten +Anblick, den sie mir hinterlassen haben. Das sind sie doch gewesen, +die Riesen. Gerast haben sie, grausig waren sie, Rache haben sie +geschnoben. Aber im Recht waren sie über euch und über mich. +In aller Raserei hatten sie recht über mich und gar über dich, +Hojet Sala. Ihr seid erbärmlich, lächerlich. Unwert der Dinge, +die die Menschen geschaffen haben. Da liegt alles zertrümmert. +Triumphiert.“ „Ten Keir, wie quälst du mich. O wie du mich +quälst. Was hat die Giganten umgebracht? Es trieb sie, sich +selbst zu vernichten.“ „Damit beschwichtigst du dich nicht und +mich nicht. Sie wollten sich nicht vernichten, das sage ich dir. +Ein Fehler, ein Irrtum, eine Schwäche muß sie auf Cornwall +umgerissen haben. Sie hatten sich übernommen. Aber dir +sage ich: gesteh es, blick mich doch an. Du gehörtest zu uns, +du, und zu ihnen. Besinn dich auf dich. Kylin, denk an dich. +Ich bereue, daß ich nicht Delvils Freund geblieben bin und +ihn hab hinsterben lassen. Wir bereuen. Du auch. Hilf, was +noch zu helfen ist. Es ist kein Mensch so verzweifelt gestorben +wie ich, wenn ich jetzt sterben muß, ohne Rettung gesehen zu +haben. Denk Kylin, was wir besaßen. Niemand war diesen +Dingen gewachsen. Weil sie in Räuberhände fielen, in mißbrauchende +Hände, waren sie nicht weniger unerhört. Und +groß, und unser. Die Giganten hatten den Schleier; sie haben +ihn in Wut und Rachsucht verwandt. Sie haben an sich selbst +gebaut, Angst wurde mir, aber jetzt fasse ich, es war das Stolzeste, +Menschenwürdigste das jemals geschah. Es ist jetzt hin, +zertrampelt. Aber vielleicht, vielleicht Kylin, nicht zu spät. +Sie konnten es nicht beherrschen, es kam zu rasch, immer muß +Lehrgeld bezahlt werden. Ach Kylin, wir haben dich nach +Grönland geschickt, um einen neuen Erdteil zu schaffen. Was +war schon Meki für ein Erdteil, den wir geschaffen haben. +Und du. Jetzt weinst du.“ +</p> + +<p> +„Nicht um die Giganten. Komm von den Trümmern herunter.“ +„Ich will deine Menschen nicht sehen. Weil ich mich +ihrer schäme, sitze ich hier.“ „Komm von den Trümmern, Ten +Keir. Du siehst, ich weine. Du wirst nicht feige sein. Verkriech +<a id="page-586" class="pagenum" title="586"></a> +dich nicht auf Mörtelhaufen, zwischen verbogenes Eisen, verhungere +nicht zwischen dem weißen Kalk. Bist du noch Ten Keir? +Soll ich dich nennen. Du bist Tauschan-Dagh, Hasenberg.“ „Ich +werde sterben.“ „An der Berührung mit mir, fürchtest du daran +zu sterben? Komm zu mir.“ Der vertrocknete kleine, in der +Sonne bebende Menschenleib wand sich herunter von den rieselnden +klappernden Steinen: „Da bin ich, du.“ „Bleib bei +mir.“ „Komm, Kylin, ich werde dich führen.“ +</p> + +<p> +Einen Tag gingen sie, einen zweiten dritten, nach Norden, +durch die Dickichte und Siedlungen. Nachts wimmerte Ten Keir; +er weinte um die Giganten. Beim Gehen blickte er nicht um sich. +Das große schwarzgrüne Wasser kam, die Nordsee. „Abschiednehmen. +Es gibt keine Rettung. Auch für dich nicht. Hier wollte +ich hin. Ich nehme Abschied von dir, Kylin.“ Mit gesenktem Kopf +stumm stand Hojet Sala, als der hinfällige Mann sich von ihm +löste, sich über den windgeworfenen Sand schleppte. Vor den +klatschenden anbrausenden Wellen blieb er. Er stand. Stand. +Plötzlich rutschte Ten Keir in den Sand, lag auf der Seite. +Nach einiger Zeit zog ihn der andere an der Schulter, hauchte: +„Du. Ten Keir.“ Der: „Nicht anfassen. Weg.“ Hojet Sala +zog seine schweren Füße die Dünen hinauf, bis er den andern +nicht sah. Nach einer Stunde trug er sich wieder an das langsam +anwallende Meer, das sich violett und schwarzblau überzogen +hatte. Ten Keir, ein kleiner schwarzer Haufe lag in dem +Sand. Still setzte sich Hojet Sala neben ihn. Der kleine richtete +nach einer Weile den Kopf hoch, zuckte, setzte sich auf, +schwieg, das Gesicht in die Hände gedrückt. „Du hältst mich +für feige, Hojet Sala. Bin ich so erbärmlich. Ich kann nicht +hier hinein. Es ist das Wasser, das sie verschlungen hat. Das +hat die Giganten verschlungen.“ „Komm fort, Ten Keir, du +hast hierher gedrängt. Ich leide sehr. Begnade auch mich. +Bleib nicht zu lange liegen.“ Wimmernd, oft sich hinsetzend, +oft die Fäuste vor den Augen, meist schlaff, folgte der ausgemergelte +hohläugige dem langbärtigen Hojet Sala. +</p> + +<p> +Sie wanderten zurück durch den Bereich der nördlichen Siedlungen. +In einem Wald, in dem man rodete, lagen gefällte +abgeschälte Tannenstämme. Da setzten sie sich nebeneinander. +<a id="page-587" class="pagenum" title="587"></a> +Hojet Salas Gesicht war nach dem Boden gekehrt, überwölkt +verschlossen. Am späten Nachmittag rief er Siedler in der +Nähe an, die ihn erkannten. Sie sollten für ihn Steine aufhäufen +mitten in der Lichtung. Er half mit, die schweren Blöcke, +weiße und dunkle, heranzuschleppen. Ten Keir sah ihm eine Weile +zu. Wie ihre Blicke sich begegneten, nickte Hojet Sala: „Ja. +Hilf mit.“ Und der zerlumpte fühlte sich bewogen aufzustehen, +aus dem Boden die harten Steine zu ziehen und zu +wälzen. Und während er trug, wußte er, was sie taten: sie +trugen Steine zusammen zu einem Zeichen für die Giganten. +Gegen Abend war der hohe breite Haufe fertig. Die Siedler +verließen sie. Zwei Tage lagerten Hojet Sala und Ten Keir +bei dem großen steinernen Denkzeichen in der Lichtung. Dann +bewegte sich der Langbärtige, faßte den andern bei der Hand: +„Wir wollen jetzt weiter, Ten Keir.“ Sie gingen auf Brüssel +zu. Vor der Steinwüste legte der Islandfahrer zum Abschied +den Arm um die Schulter des andern: „Hier ist Brüssel, Ten +Keir.“ Der hielt seine Hand fest: „Nicht Ten Keir. Tauschan-Dagh +hast du gesagt. Laß mich nicht allein. Wir wollen um +die Stadt herumgehen.“ Sie umschlangen sich. +</p> + +<p> +Die Diuwa, glanzäugig milde, fuhr auf einem Ochsengespann +im Winter durch die schneeflatternden Landschaften, suchte in +der Pariser Gegend Hojet Sala. Wollte ihm danken für den +Schutz der südlichen Siedlungen, sie litt auch um Venaska, die +er bei Lyon verjagt hatte. Die volle Frau mit dem schweren +roten losen Haar vermochte aber nicht zu klagen. Hojet Sala +ging auf den beschneiten Feldern neben ihr. Vor Kindern +stand er, lachte mit ihnen, knackte trockene Zweige, sah träumerisch +Krähen nach, wiegte halb scherzhaft die Arme, als wollte +er mit ihnen fliegen. In seinem Häuschen sang er oft feierlich +morgens wie die britischen Siedler. Er faßte auf dem Feld +einmal die Diuwa bei den kalten Händen an. Ob sie ihm vorwerfen +wolle, daß er nicht genug auf Schmerz sehe, daß er keine +Menschen quäle, sie nicht mehr ins Feuer schicke. „Ich habe den +Schmerz nicht vergessen. Wir haben die Giganten im Gedächtnis. +Es sind überall Steinzeichen zu ihrer Erinnerung errichtet. +Und zu ihrer Feier; sie waren gewaltige Menschen. Wir haben +<a id="page-588" class="pagenum" title="588"></a> +auch das Feuer. Es ist uns nichts entschwunden. Wir müssen +dies festhalten. Diuwa, das Land nimmt uns, aber wir sind +etwas in dem Lande. Es schlingt uns nicht. Wir haben keine +Furcht vor der Luft und dem Boden. Kennst du, Diuwa, Ten +Keir? Du kennst ihn. Er ist still geworden. Er weiß, wir haben +die Kraft, das wirkliche Wissen, und die Demut. Er ist mein +Freund. Er hat unser Zeichen genommen und geschworen, +nicht von mir zu gehen. Warum? Er sieht, wir sind reicher und +stärker geworden. Wir sind die wirklichen Giganten. Wir sind +es, die durch den Uralischen Krieg und Grönland gegangen +sind. Und wir, wir sind nicht erlegen, Diuwa. Du kannst an +der Garonne und an der Rhone erzählen, was ich sage. Man +wird uns bald auf der ganzen Erde sehen.“ +</p> + +<p> +Er senkte die Augen, saß auf einem Feldstein, hüllte sich bis +an den Hals in sein Lammfell. Er pries Venaska; sie wäre +verschwunden und wäre nicht verschwunden. Wenn er durch +das Gebüsch an der Seine gehe, wisse er, wo sie verschwunden +sei. Es werde alles aufbewahrt. Hojet Sala griff mit der +Hand in die eisige helle Luft: ihm schiene, die große Urmacht, +die sie verehrten, hätte die Giganten auf Cornwall weggerafft +und sie hätte sich Venaskas bedient. Denn es ist keine tote +Macht, sondern ein wissendes schwelgerisch tiefes Wesen. Diuwa, +die sanfte Frau, drückte sich das lose Haar an der Schläfe fest. +Sie sah den Langbärtigen, wie er aufrecht saß, ernst war, sie +voll anblickte, lächelte. Sie faßte sich ans Herz: es war etwas +von Venaska an ihm. +</p> + +<p> +Dem neu aufgeschlossenen ährenwiegenden weiten Land von +der belgischen Meeresküste über die Seine bis zur Loire gab +Hojet Sala den Namen Venaska. +</p> + +<p> +Die fleischernen blühenden welkenden Menschenwesen lagen +über dem südlichen Faltenland Europas, den Schollen des +Westens mit seinen uralten Massiven, den jungen Tiefländern, +den ebenmäßigen schwarzen Schichten der russischen Tafel. +Gebirgsmassen Höhenzüge Senken bewegte die Erde unter +ihnen und um sie. In Strömen zog das weiße Wasser +hin, füllte Seenbecken. Braune und grüne Pflanzengeschöpfe +drangen aus dem Boden. Büsche und Wälder bauten sich +<a id="page-589" class="pagenum" title="589"></a> +längs der Donau auf, längs des Dnjepr und Don. Urwälder +und Moraste von der atlantischen Küste bis zu den südlichen +Pusten. Auf ihnen girrten schluchzten starben Feldblumen +Gräser Vögel. Über die Flächen krochen schwammen mit +nackten schuppigen behaarten Leibern Tiere, gaben nicht Ruhe +um sich zu greifen, aufzunehmen, sich zu entleeren. Bis der +Boden, das wandlungssüchtige Wasser, die verzehrende Luft +sie ganz wieder hatte. Die Scharen der Menschen in Ruhe +und Tod, in Werben und Brautkämpfen, unter Vulkanausbrüchen +und Ertränkungen. Hielten sich aneinander fest, schwanden +tränend hin, Schwall über Schwall, Mutter und Kind +Mutter und Kind, Geliebter und Geliebte. Und immer sehnsüchtig +die Gase der Luft in die Lungenbläschen hinein, an +die kleinen Zellen, die Kerne, das weiche Protoplasma, immer +angezogen und weiter gegeben. Und wenn die Herzen stillstanden, +die Zellen sich trennten und auflösten, waren sie neue +Seelen, zerfallendes Eiweiß Ammoniak Aminosäuren Kohlensäure +und Wasser, Wasser das sich in Dampf verwandelte. Leid- +und lustbegierig, wanderungssüchtig, Seelenvereine in Schneelandschaften, +in dem pendelnden weiten Meer, in den blasenden +Stürmen, den Steinvölkern, die der Boden zu Bergen +hochtrieb. +</p> + +<p> +Schwarz der Äther über ihnen, mit kleinen Sonnenbällen, +funkelnden verschlackenden Sternhaufen. Brust an Brust lag +die Schwärze mit den Menschen; Licht glomm aus ihnen. +</p> + +<p class="end"> +Ende +</p> + +<div class="ads chapter"> +<p class="hdr"> +Werke von Alfred Döblin +</p> + +<p class="pub"> +S. Fischer / Verlag / Berlin +</p> + +<p class="book"> +Die drei Sprünge des Wang-lun<br> +Chinesischer Roman / 12. Auflage +</p> + +<p class="book"> +Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine<br> +Roman / 4. Auflage +</p> + +<p class="book"> +Der schwarze Vorhang<br> +Roman von den Worten und Zufällen / 3. Auflage +</p> + +<p class="book"> +Wallenstein<br> +Roman in zwei Bänden / 8. Auflage +</p> + +<p class="book"> +Die Nonnen von Kemnade<br> +Schauspiel / 2. Auflage +</p> + +<p class="book"> +Linke Poot: Der deutsche Maskenball<br> +4. Auflage +</p> + +<p class="pub"> +Bei Georg Müller, München: +</p> + +<p class="book"> +Die Ermordung einer Butterblume<br> +Novellen +</p> + +<p class="book"> +Die Lobensteiner reisen nach Böhmen<br> +Novellen +</p> + +<p class="pub"> +Auslieferung Ernst Rowohlt, Berlin: +</p> + +<p class="book"> +Lusitania<br> +Drei Szenen +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="printer"> +Druck vom<br> +Bibliographischen Institut<br> +in Leipzig +</p> + +</div> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p> +Die experimentelle Zeichensetzung des Romans, insbesondere das Weglassen von Kommata +und Fragezeichen, wurde beibehalten. Desgleichen wurde die variierende und von der +heutigen Norm abweichende Schreibweise geographischer Namen beibehalten. +</p> + +<p> +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Weitere Änderungen, teilweise unter Verwendung späterer Ausgaben, +sind hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + + + +<ul> + +<li> +... Sie werden dir dein Gesichtchen, das <span class="underline">sein</span> Mütterchen ...<br> +... Sie werden dir dein Gesichtchen, das <a href="#corr-2"><span class="underline">dein</span></a> Mütterchen ...<br> +</li> + +<li> +... wurde neben den Senat <span class="underline">Londons</span> gestellt. Carceris ...<br> +... wurde neben den Senat <a href="#corr-6"><span class="underline">Mailands</span></a> gestellt. Carceris ...<br> +</li> + +<li> +... Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen <span class="underline">Norwegen</span> Semlja ...<br> +... Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen <a href="#corr-19"><span class="underline">Nowaja</span></a> Semlja ...<br> +</li> + +<li> +... zog sich lang durch <span class="underline">die</span> Atlantik ein unterseeischer Bergrücken, ...<br> +... zog sich lang durch <a href="#corr-21"><span class="underline">den</span></a> Atlantik ein unterseeischer Bergrücken, ...<br> +</li> + +<li> +... zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe <span class="underline">umsausten</span> ...<br> +... zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe <a href="#corr-22"><span class="underline">umsauste</span></a> ...<br> +</li> + +<li> +... es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der <span class="underline">Heimfahrt</span> ...<br> +... es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der <a href="#corr-26"><span class="underline">Herfahrt</span></a> ...<br> +</li> + +<li> +... hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen <span class="underline">abtragen</span>, ...<br> +... hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen <a href="#corr-28"><span class="underline">abgetragen</span></a>, ...<br> +</li> + +<li> +... sie stand auf <span class="underline">Seite</span> Kylins und De Barros’. Heftige Schmähworte ...<br> +... sie stand auf <a href="#corr-29"><span class="underline">Seiten</span></a> Kylins und De Barros’. Heftige Schmähworte ...<br> +</li> + +<li> +... Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf <span class="underline">dem</span> schwarzen ...<br> +... Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf <a href="#corr-30"><span class="underline">den</span></a> schwarzen ...<br> +</li> + +<li> +... habe ich getan? Habe dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese ...<br> +... habe ich getan? Habe <a href="#corr-31"><span class="underline">ich</span></a> dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese ...<br> +</li> + +<li> +... Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß <span class="underline">noch</span> Cornwall. ...<br> +... Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß <a href="#corr-43"><span class="underline">nach</span></a> Cornwall. ...<br> +</li> + +<li> +... Laßt meine Haare frei. Helft mir <span class="underline">noch</span> Cornwall; ich muß zu ...<br> +... Laßt meine Haare frei. Helft mir <a href="#corr-44"><span class="underline">nach</span></a> Cornwall; ich muß zu ...<br> +</li> +</ul> +</div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75838 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75838-h/images/cover.jpg b/75838-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..01b0bde --- /dev/null +++ b/75838-h/images/cover.jpg diff --git a/75838-h/images/logo.jpg b/75838-h/images/logo.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3714cfe --- /dev/null +++ b/75838-h/images/logo.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..b5dba15 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this book outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..49cac84 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +book #75838 (https://www.gutenberg.org/ebooks/75838) |
