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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/75825-0.txt b/75825-0.txt new file mode 100644 index 0000000..596009b --- /dev/null +++ b/75825-0.txt @@ -0,0 +1,5299 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75825 *** + + + +======================================================================= + + Anmerkungen zur Transkription. + +Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurde übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~, +_kursiv_ so. + +======================================================================= + + + Das Leben + und die Abentheuer + ~des~ + Armen Mannes + _im_ + Tockenburg + + _Von ihm selbst erzählt_ + + [Illustration] + + 1910 + + Bei Meyer & Jessen + Berlin + + _Bhd_ + + + + + Gedruckt in der Buchdruckerei von Herrosé & + Ziemsen, G. m. b. H. in Wittenberg. Titel und + Einband zeichnete Lucian Bernhard in Berlin + + + Vierte durchgesehene Auflage + + + + + Zur Einführung + + +»Kennen Sie den ›armen Mann im Tockenburg‹?« hab' ich wie oft gefragt; +Männer und Frauen von allerlei Art. Die Antwort war fast immer: »Wer +ist das?« Und doch hat man das Wenige, was wir von ihm haben, seit dem +achtzehnten Jahrhundert nicht selten gedruckt; er hat Leser und Freunde +gefunden, auch Bewunderer. Immer ist er wieder vergessen worden; auf +seinen eigentlichen Platz in unserer Geschichte hat ihn noch niemand +gestellt. Darum hat es mich oft hingerissen, in dieser oder jener +Gesellschaft, die nichts von ihm wußte, mit so viel Lobpreisung von ihm +zu sprechen, daß ich mich hinterdrein wohl fragte: Hast du in deinem +Feuereifer nicht zu ~viel~ gepriesen? Wenn diese Aufgestachelten +ihn nun lesen werden, werden sie nicht sagen: nun ja, recht hübsch, +aber warum ~übertreibt~ er so? -- Dann hab' ich wohl zu Haus den +»armen Mann« wieder zur Hand genommen und hier und da aufgeschlagen +und gleichsam mit dem Ohr dieser andern hineingehorcht. Zuletzt bin +ich lächelnd beruhigt und neu gerührt wieder aufgestanden. Nein! +Ich sagte nicht zu viel von ihm. Er ist ein Phänomen, ein Einziger, +Unvergleichlicher. Er war kein Fabulierer, kein Fruchtbarer wie Hans +Sachs, aber zehnmal mehr Poet. In dem kleinen Schatz, den er uns +hinterlassen hat, sind Perlen und Rubinen. + +Ulrich oder Uli Braeker kam am 22. Dezember 1735 in dem Schweizer +Tal zur Welt, das Tockenburg oder Toggenburg genannt wird; fast +sieben Jahre nach Lessing, nicht vierzehn vor Goethe. Die dem Leser +hier vorgelegte Geschichte seines Lebens erzählt in entzückender +Aufrichtigkeit und poesievoller Lebendigkeit, wie er, eines ewig +blutarmen Mannes ewig um sein Dasein kämpfender Sohn, Geißen weidet, +liebt, tagelöhnert, webt, handelt, träumt, liest, phantasiert; kurz, +wie er das Leben eines zum Dichter geborenen Habenichts führt, der +redlich arbeitend, wenig erreichend, oft leichtgläubig, oft betrogen, +bald im Elend verzagt, bald sich eine Welt von Luftschlössern bauend, +von seiner keifenden Hausehre immer gemeistert, nie an seinem Gott +verzweifelnd, sich durch gute und böse Jahre wie ein vielgekrümmter +Fluß durch sein Engtal hinwindet; bis er endlich, noch nicht +dreiundsechzig Jahre alt, in Gottes Schoß zurückkehrt, als dessen Kind +er sich sein Leben lang in immer reinerer und verklärterer Frömmigkeit +gefühlt hatte. + +Als Zweiunddreißiger begann Uli zu schriftstellern, bald auch Verse +zu machen; aber noch mehr einem moralisierenden Nachmittagsprediger +gleich; 1770 fing er an ein ~Tagebuch~ zu schreiben, sein dürftiges +Leben mit Betrachtungen zu begleiten und jenen Natursinn in sich +auszubilden, der allmählich seine schönste Kraft werden sollte und +sein holdester Trost. In seiner Prosa wuchs, Gott weiß wie, dieser +ganz eigene Duft heran, der seine entbauerte Seele, seinen geadelten +Geist zu den wirklichen Poeten gesellt. Er ward ein Dichter und wußte +es nicht. Er lernte ohne Lehrer seine Gefühle und Gedanken formen, wie +der Bildner Wachs und Ton. Als Dichter schrieb er auch sein Büchlein +»Etwas über Shakespeare«, nachdem er in der kleinen Büchersammlung der +»Moralischen Gesellschaft« (in dem benachbarten Städtchen Lichtensteig) +diesen seinen Abgott kennen gelernt hatte, dem er fortan, wie Faust +der Helena »Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn« zollte. Nicht vieles +ist so rührend zu lesen, wie diese Ergießungen einer tief verstehend +begeisterten, oft feurig beredten, in demutsvoller Andacht hingegebenen +Auchdichterseele. + +Die Geschichte seines Lebens, die er in den Jahren der Reife, +1781 und weiter, schrieb, gab er hernach seinem Seelenhirten und +begönnernden Freund, dem Pfarrer Martin Imhof zu Wattwil, nebst andern +Werken seiner Feder zu lesen; durch Imhof kam sie zu H. G. Füßli, +dem Inhaber der Buchhandlung Orell Geßner Füßli und Comp. in Zürich, +auch Schriftsteller, Lehrer und Staatsmann. Füßli teilte 1788 im +»Schweizerischen Museum« das erste Probestück mit, das, wie er selber +erzählt, »auch unter den verschiedensten Klassen von Lesern allgemeinen +Beifall fand«. »Man mochte die einander ziemlich schnell gefolgten +Fortsetzungen kaum erwarten; niemals wurde auch die gespannteste +Neugierde getäuscht, und jedesmal nach dem Verfasser lüsterner +gemacht.« Durch diesen Erfolg ermutigt gab Füßli 1789 das Ganze +als Buch heraus, unter dem Titel: »Lebensgeschichte und Natürliche +Abentheuer des Armen Mannes im Tockenburg«. Nur wenige Schilderungen +aus dem eigenen Leben gibt es auf der Erde, die an Frische, Natur, +Anmut, Poesie mit Ulrich Braekers Werk zu vergleichen sind. Wie er +seine Geißhirtenjahre, wie er seine Liebe zu Ännchen erzählt, das ist +des größten Künstlers würdig. Aber ~alles~ lebt. Alles blüht auch. +Oft reißt uns eine dramatische Kraft mit sich fort. Und ein Wunderding +zum Kopfschütteln ist, wie ein Mensch, in dem keine kriegerische Ader +lebte, die Lowositzer Schlacht beschrieben hat, in der er (der durch +Werberlist Verlockte) desertiert. + +Fast um dieselbe Zeit, in der Goethes Prosa sich im »Werther« zu ihrer +höchsten Jugendblüte entfaltete, rang sich im alemannischen Gebirge +ein ungebildeter Weber zu einem Schriftsteller empor, den man ruhig +neben Goethe nennen kann; ja vielleicht steht als Prosadichter niemand +dem jungen Goethe so nahe wie er. Es war eine Begabung in ihm, die man +immer anstaunen muß, schwer begreifen kann. Er hatte alle Eigenschaften +des Dichters, nur Erfindung fehlte; von den Tönen, die unsere ganze +Natur mit Kunst ergreifen, hat ihm vielleicht keiner gefehlt. Mitten +in musenlosester Umgebung, in allen Bitternissen widerwärtigster Art, +in selbstbildender, unberatener Einsamkeit, gewinnt er einen solchen +Reichtum an Stimmungen, Vorstellungen, Empfindungen, einen so hohen, +unzerstörbar freudigen Lebenssinn, eine solche Stufenleiter von +Ausdrucksmitteln, daß man gerührt und beschämt vor diesem Naturwunder +steht. Zuweilen, durch irgendein angelesenes Gefühl fortgetragen, zieht +er wohl an einem fremden, kunstmäßigen Geläut; im nächsten Augenblick +kehrt er zur Natur zurück. Kein Mensch hat lebendiger erzählt als er. +Eine der schönsten Erscheinungen in der deutschen Literaturgeschichte; +eine allerhöchste Bekräftigung und Bestätigung, daß die große Zeit +unsrer Poesie aus der Urkraft unsres Volks hervorgegangen ist. + +Für den hier vorliegenden Neudruck der Lebensgeschichte ist eine +so wünschens- wie dankenswerte Arbeit gemacht worden: die früheren +Ausgaben, die von Füßli und die von Eduard Bülow, sind verglichen und +auseinander verbessert oder ergänzt worden, wo es möglich war; da +~beide~ Herausgeber dem Urtext nicht überall treu gefolgt sind, +sondern mit persönlicher Willkür gekürzt, auch »verbessert« haben. +So ist denn diese Ausgabe, wenn sie auch nicht die verschwundene +Urhandschrift zugrunde legen konnte, jedem andern Abdruck vorzuziehen. + + ~Adolf Wilbrandt~ + + + + + Das Leben und die Abenteuer + des armen Mannes im Tockenburg + Von ihm selbst erzählt + + + + + Kindheit + + +[Sidenote: Meine Voreltern] + +Meiner Voreltern wegen bin ich so unwissend, als es wenige sein mögen. +Daß ich Vater und Mutter gehabt, weiß ich. Meinen seligen Vater kannt' +ich viele Jahre, und meine Mutter lebt noch. Daß diese auch ihre Eltern +gehabt, kann ich mir einbilden. Aber ich kannte sie nicht und habe auch +nichts von ihnen vernommen, außer daß mein Großvater, M. Bräker, aus +dem Käbisboden gebürtig gewesen, und meine Großmutter, deren Namen und +Heimat ich niemals vernommen, an meines Vaters Geburt gestorben sei. +Meinen Vater nahm daher ein kinderloser Vetter im Näbis, der Gemeind +Wattwil, an Kindes Statt an, und den hielt und liebte ich nebst seiner +Frau für meine rechten Großeltern, so wie sie mich hinwieder auch als +Großkind behandelten. Meine mütterlichen Großeltern ab der Laad kannte +ich noch wohl. + +Mein Vater war sein Tage ein armer Mann; auch meine ganze Freundschaft +hatte keinen reichen Mann aufzuweisen. Unser Geschlecht gehört zu +dem Stipendigut. Wenn ich oder meine Nachkommen einen Sohn wollten +studieren lassen, hätte er sechshundert Gulden zu beziehen. Ich weiß +aber noch von keinem Bräker, der studiert hätte. Mein Vater hat viele +Jahre das Hofjüngergeld bekommen, ist aber bei einer vorgenommenen +Reform nebst andern Geschlechtern, welche wie das seinige, nicht +genugsame Urkunden darbringen mochten, ausgemerzt worden. Mit der +Genoßsame des Stipendii hingegen hat es seine Richtigkeit, obschon ich +nicht recht weiß, wie es gestiftet worden und wer von meinen Voreltern +dazu geholfen hat. + +Ich habe also nicht Ursach, ahnenstolz zu sein. Alle meine Freunde und +Blutsverwandten sind unbemittelte Leute, und von allen meinen Vorfahren +hab' ich nichts anderes gehört. Fast von keinem, der das geringste +Ämtli bekleidete. Meines Großvaters Bruder war Mesmer zu Kappel, und +sein Sohn Stipendipfleger. Das ist alles aus der ganzen weitläufigen +Verwandtschaft. Da können wir wohl vor dem Hochmut gesichert sein, +der so viele arme Narren anwandelt, wenn sie reiche und angesehene +Vettern haben, obgleich ihnen diese keinen Pfifferling geben. Nein! +Von uns Bräkers quält diese Sucht, soviel ich weiß, keinen einzigen; +und daß sie auch mich nicht plagt, sieht man; -- sonst hätt' ich +wenigstens unserm Stammbaum genauer nachgeforscht. Ich weiß, daß mein +Großvater und dessen Vater arme Leute waren, die sich kümmerlich nähren +mußten, daß mein Vater keinen Pfennig erbte, daß ihn die Not sein +Leben lang drückte, und er nicht selten über seine kleine Schuldenlast +seufzte. Aber deswegen schäm' ich mich meiner Eltern und Voreltern +bei weitem nicht. Vielmehr bin ich noch eher ein bißchen stolz auf +sie. Denn, ihrer Armut ungeachtet, hab' ich von keinem Dieb oder sonst +einem Verbrecher, den die Justiz hätte strafen müssen, von keinem +Lasterbuben, Schwelger, Flucher oder Verleumder unter ihnen gehört, +von keinem, den man nicht als einen Biedermann mußte gelten lassen, +der sich nicht ehrlich und redlich in der Welt nährte, von keinem, +der betteln ging. Dagegen kannt' ich recht manchen wackern, frommen +Mann mit zartem Gewissen. Das ist's allein, worauf ich stolz bin und +wünsche, daß auch meine Kinder stolz werden, daß wir diesen Ruhm nicht +besudeln, sondern denselben fortzupflanzen suchen. + +[Sidenote: Mein Geburtstag] + +Der für mich wichtige Tag meiner Geburt ist der zweiundzwanzigste +Dezember 1735. Ich sei ein bißchen zu früh auf der Welt erschienen, +sagte man mir. Meine Eltern mußten sich dafür verantworten. Mag sein, +daß ich mich schon im Mutterleibe nach Tageslicht gesehnt habe, und +dies nach dem Licht Sehnen geht mir all mein' Tage nach! Daneben war +ich die erste Kraft meines Vaters, und Dank sei ihm unter der Erde von +mir auch dafür gesagt! Er war ein hitziger Mann, voll warmen Blutes. +O, ich habe schon tausendmal drüber nachgedacht, und mir bisweilen +einen andern Ursprung gewünscht, wenn flammende Leidenschaften in +meinem Busen tobten, und ich den heftigsten Kampf mit ihnen bestehen +mußte. Aber sobald Sturm und Wetter vorbei war, dankt' ich ihm doch +wieder, daß er mir sein feuriges Temperament mitgeteilt hat, womit +ich unzählige schuldlose Freuden lebhafter als so viele andere Leute +genießen kann. Genug, an diesem zweiundzwanzigsten Dezember kam ich +ans Tageslicht. Mein Vater sagte mir oft, er habe sich gar nicht über +mich gefreut, ich sei ein armes, elendes Geschöpf gewesen; nichts als +kleine Beinerchen, mit einem verschrumpften Häutchen überzogen; und +doch hätt' ich Tag und Nacht ein Zetergeschrei erhoben, das man bis +ins Holz hören können. Er hat mich oft recht bös gemacht. Dachte: »Ha, +ich werd's auch gemacht haben wie andre neugeborene Kinder!« Aber die +Mutter gab ihm allemal Beifall. Nun, es kann sein. + +Am heiligen Weihnachtstag ward ich in Wattwil getauft und ich freute +mich schon oft, daß es gerad an diesem Tage geschah, da wir die Geburt +unsers Erlösers feiern. Wenn's eine einfältige Freude ist, was macht's? +gibt's doch gewiß noch viel kindischere! Meine Taufpaten waren ein +feuriger reicher Junggesell von Kappel aus der Au und eine bemittelte +hübsche Jungfer aus der Schamaten. Er starb ledig; sie lebt noch im +Witwenstand. + +[Sidenote: Erstes Lebensjahr] + +In meinen ersten Lebensjahren mag ich wohl ein wenig verzärtelt worden +sein, wie's gewöhnlich mit ersten Kindern geht. Doch wollte mein +Vater schon früh genug mit der Rute auf mich dar; aber die Mutter und +Großmutter nahmen mich in Schutz. Mein Vater war wenig daheim; er +brannte hier und da im Land und an benachbarten Orten Salpeter. Wenn +er dann wieder nach Hause kam, war er mir fremd. Ich floh ihn. Dies +verdroß den guten Mann so sehr, daß er mich mit der Rute zahm machen +wollte. + +[Sidenote: Mein fernstes Denken] + +Ich kann mich beinah bis auf mein zweites Lebensjahr zurückerinnern. +Ganz deutlich besinn' ich mich, wie ich auf allen Vieren einen +steinigen Fußweg hinabkroch, und einer alten Base durch Gebärden +Äpfel abbettelte. -- Ich weiß gewiß, daß ich wenig Schlaf hatte und +daß meine Mutter, um hinter den Großeltern einen geheimen Pfennig zu +verdienen, des Nachts verstohlner Weise beim Licht gesponnen hat. Wenn +ich dann nicht in der Kammer allein bleiben wollte, mußte sie eine +Schürze auf den Boden spreiten, worauf sie mich nackt setzte und ich +mit dem Schatten und ihrer Spindel spielte. Ich weiß, daß sie mich oft +durch die Wiese auf dem Arm dem Vater entgegentrug und daß ich ein +Mordiogeschrei anfing, sobald ich ihn erblickte, weil er mich immer +rauh anfuhr, wenn ich nicht zu ihm wollte. Seine Figur und Gebärden, +die er machte, seh ich jetzt noch lebendig vor mir. + +[Sidenote: Zeitumstände] + +Um diese Zeit waren alle Lebensmittel wohlfeil, aber wenig Verdienst +im Lande. Die Teuerung und der Zwölferkrieg waren noch in frischem +Angedenken. Ich hörte meine Mutter viel davon erzählen, das mich +zittern und beben machte. Erst zu Ende der dreißiger Jahre ward das +Baumwollspinnen in unserem Dorf eingeführt, und meine Mutter mag +eine von den ersten gewesen sein, die Lötligarn[1] gesponnen. Unser +Nachbar trug das erste um einen Schilling Lohn an den Zürchsee, bis er +eine eigne Dublone vermochte. Dann fing er selber an zu kaufen und +verdiente nach und nach etlich tausend Gulden. Da hörte er auf, setzte +sich zur Ruhe, und starb. In meinen Kinderjahren sind auch die ersten +Erdäpfel in unserm Ort gepflanzt worden. + +[Sidenote: Schon in Gefahr] + +Sobald ich die ersten Hosen trug, war ich meinem Vater schon lieber. Er +nahm mich hier und da mit sich. Im Herbst des Jahres 1739 brannte er im +Gandten, eine halbe Stunde von Näbis entfernt, Salpeter. Eines Tages +nahm er mich mit, und da Wind und Wetter einfiel, behielt er mich zu +Nacht bei sich. Die Salpeterhütte war vor dem Tenn,[2] und sein Bett +im Tenn. Er legte mich darein und sagte liebkosend, er wolle bald auch +zu mir liegen. Unterdessen fuhr er fort zu feuern und ich schlief ein. +Nach einem Weilchen erwacht' ich wieder und rief ihm. Keine Antwort. +Ich stand auf, trippelte im Hemdli nach der Hütte und um den Gaden[3] +überall herum, rief, schrie: nirgends kein Vater. Run glaubt' ich +gewiß, er wäre heim zu der Mutter gegangen. Ich also hurtig, legte +die Höslin an, nahm das Brusttüchlin übern Kopf, und rannte in der +stockfinstern Regennacht zuerst über die nächstanstoßende lange Wiese. +Am End derselben rauschte ein wildangelaufener Bach durch ein Tobel.[4] +Den Steg konnt' ich nicht finden, und wollte darum ohne weiteres +gerade hinüber, dem Näbis zu, glitschte aber über eine Riese[5] zum +Bach hinab, wo mich das Wasser beinahe ergriffen hätte. Die äußerste +Anstrengung meiner jugendlichen Kräfte half mir noch glücklich davon. +Ich kroch wieder auf allen Vieren durch Stauden und Dörn' hinauf, der +Wiese zu, auf welcher ich überall herumirrte, und den Gaden nicht mehr +finden konnte. Gegen eine Windhelle ward ich zwei Kerls, Birn- oder +Apfeldiebe, auf einem Baum ansichtig. Diesen ruft' ich zu, sie sollten +mir auf den Weg helfen. Aber da war kein Bescheid; vielleicht, daß sie +mich für ein Ungeheuer hielten und oben im Gipfel noch ärger zittern +mochten, als ich armer Bube unten im Kot. Inzwischen war mein Vater, +der während meinem Schlummer nach einem ziemlich entfernten Haus etwas +zu holen gegangen, zurückgekehrt. Da er mich vermißte, suchte er in +allen Winkeln nach, wo ich mich möchte verkrochen haben. Er zündete +bis in die siedenden Kessel hinein, hörte endlich mein Geschrei, dem +er nachging, und machte mich nun bald ausfindig. O, wie er mich da +herzte und küßte, mit Freudentränen Gott dankte, und mich, sobald wir +zum Gaden zurückkamen, sauber und trocken machte. Ich war mausnaß, +dreckig bis über die Ohren, und hatte aus Angst noch in die Hosen ... +Morndeß[6] am Morgen führte er mich an der Hand durch die Wiese: ich +sollt' ihm den Ort zeigen, wo ich heruntergepurzelt. Ich konnt' ihn +nicht finden. Zuletzt fand er ihn an dem Geschlirpe, das ich beim +Hinabrutschen gemacht hatte, und schlug die Händ' überm Kopf zusammen, +vor Entsetzen über die Gefahren, worin ich geschwebt, und vor Lob und +Preis der Wunderhand Gottes, die mich allein erretten können. »Siehst +du,« sprach er, »nur noch wenige Schritte, so stürzt der Bach über den +Felsen hinab. Hätt' dich das Wasser fassen können, so lägst du dort +unten tot und zermürset!« Von allem diesem begriff ich damals kein +Wort; ich wußte nur von meiner Angst, nichts von Gefahr. Besonders aber +schwebten die Kerle auf dem Baum mir viele Jahre vor Augen, sobald mich +nur ein Wort an die Geschichte erinnerte. + +[Sidenote: Unsre Nachbarn] + +Der Näbis liegt im Berg, ob Scheftenau. Von Kappel hört man die Glocke +läuten und schlagen. Es sind nur zwei Häuser. Die aufgehende Sonne +strahlt beiden gerad in die Fenster. Meine Großmutter und die Frau im +andern Haus waren Schwestern; fromme alte Mütterle, welche von andern +gottseligen Weibern in der Nachbarschaft fleißig besucht wurden. Damals +gab es viel fromme Leute daherum. Mein Vater, Großvater und andere +Männer sahen's zwar ungern, durften aber nichts sagen, aus Furcht, +sie könnten sich versündigen. Der Betbeele (seinem Bruder sagte man +Schwörbeele) war ihr Lehrer, ein großer langer Mann, der sich vom +Kuderspinnen[7] und etwas Almosen nährte. In Scheftenau war fast in +jedem Haus eins, das ihm anhing. Meine Großmutter nahm mich oft mit +zu diesen Zusammenkünften. Was eigentlich da verhandelt wurde, weiß +ich nicht mehr, nur so viel, daß mir dabei die Weil verzweifelt lang +ward. Ich mußte mäuslinstill sitzen, oder gar knieen. Dann gab's +unaufhörliche Ermahnungen und Bestrafungen von den Basen allen, +die ich so wenig verstund als eine Katze. Dann und wann stahl mich +mein Großvater zum voraus weg, und mußt' ich mit ihm in den Berg, +wo unsre Kühe weideten. Da zeigte er mir allerlei Vögel, Käfer und +Würmchen, dieweil er die Matten säuberte, oder junge Tännchen, den +wilden Seevi[8] und anderes ausraufte. Wenn er alles an einen Haufen +warf und es bei einbrechendem Abend anzündete, war's mir erst recht +gekocht. Anderer Buben, die etwa dabei sein mochten, erinnere ich mich +nicht mehr, wohl aber etlicher halberwachsener Maidlinen, die mit mir +spielten. Ich ging damals in mein sechstes Jahr und hatte schon zwei +Brüder und eine Schwester, von denen es hieß, daß eine alte Frau sie in +einer Butte gebracht. + +[Sidenote: Wanderung nach Dreyschlatt] + +Mein Vater hatte einen Wandergeist, der zum Teil auch auf mich gekommen +ist. Im Jahre 1741 kaufte er ein groß Gut, für acht Kühe Sömmer- und +Winterung, Dreyschlatt genannt, in der Gemeind Krinau, zu hinterst +in einer Wildnis, nahe an den Alpen. Das nicht halb so große Gütchen +im Näbis verkaufte er dafür, weil er, wie er sagte, sah, daß ihn eine +große Haushaltung anfallen wolle, und damit er für viele Kinder Platz +und Arbeit genug habe, die er in dieser Einöde nach seinem Willen +erziehen könne, wo sie vor der Verführung der Welt sicher seien. Auch +riet der Großvater, der von Jugend an ein starker Viehmann gewesen, +sehr dazu. Aber mein guter Ätti verband sich den unrechten Finger, +und watete sich, da er an das Gut nichts zu geben hatte, in eine +Schuldenlast hinein, unter welcher er nachwärts dreizehn Jahre lang +genug seufzen mußte. Also im Herbst 1741 zügelten wir mit Sack und Pack +ins Dreyschlatt. Mein Großätti war Senn, ich jagte die Kühe nach, mein +kleiner nur zwanzig Wochen alter Bruder ward in einem Korb getragen. +Mutter und Großmutter mit den zwei andern Kindern kamen hinten nach, +und der Vater mit dem übrigen Plunder beschloß den Zug. + +[Sidenote: Ökonomische Einrichtung] + +Mein Vater wollte das Salpetersieden nicht aufgeben, und dachte damit +wenigstens etwas zu Abherrschung der Zinse zu verdienen. Aber so ein +Gut, wie das Dreyschlatt, braucht Händ' und Armschmalz. Wir Kinder +waren noch für nichts zu rechnen; der Großätti hatte mit dem Vieh, und +die Mutter genug im Haus zu tun. Es mußten also ein Knecht und eine +Magd gedungen werden. Im folgenden Frühjahr ging der Vater wieder +dem Salpeterwerk nach. Inzwischen hatte man mehr Küh' und Geißen +angeschafft. Der Großätti zog jungen Fasel[9] nach. Das war mir eine +Tausendslust, mit den Gitzen so im Gras herumzulaufen, und ich wußte +nicht, ob der Alte eine größere Freud' an mir oder an ihnen hatte, wenn +er sich, nachdem das Vieh besorgt war, an unsern Sprüngen ergötzte. +So oft er vom Melken kam, nahm er mich mit sich in den Milchkeller, +zog dann ein Stück Brot aus dem Futterhemd, brockt' es in eine kleine +Mutte, und machte ein kühwarmes Milchsüppli. Das aßen ich und er alle +Tage. So verging mir meine Zeit unter Spiel und Herumtrillern, ich +wußt' nicht wie? Dem Großätti ging's ebenso. Aber, aber -- Knecht +und Magd taten inzwischen was sie gern wollten. Die Mutter war ein +gutherziges Weib, nicht gewohnt, jemand mit Strenge zur Arbeit +anzuhalten. Es mußte allerhand Milch- und Werkgeschirr gekauft werden, +und da man viel Weide zu Wiesen einschlug, auch Heu und Stroh, um mehr +Mist zu machen. Im Winter hatten wir allemal zu wenig Futter, oder +zu viel fressende War. Man mußt' immer mehr Geld entlehen, die Zinse +häuften sich, und die Kinder wurden größer, Knecht und Magd feist, der +Vater mager. + +[Sidenote: Tod des Großvaters] + +Er merkte endlich, daß so die Wirtschaft nicht gehen könne. Er änderte +sie also und gab das Salpetersieden auf, blieb daheim, führte das +Gesind selber zur Arbeit an, und war allenthalben der erste. Ich weiß +nicht, ob er auf einmal gar zu streng angefangen, oder ob Knecht und +Magd, wie oben gesagt, sonst zu meisterlos geworden; kurz, sie jahrten +aus[10] und liefen davon. Um die gleiche Zeit wurde der Großätti +krank. Erst stach er sich nur an einem Dorn in den Daumen; der wurde +geschwollen. Er band frischwarmen Kuhmist drauf; da schwoll die ganze +Hand. Er empfand entsetzliche Hitz; ging zum Brunnen, und wusch den +Mist unter der Röhre wieder ab. Aber das hatte nun gar böse Folgen. +Er mußte sich bald zu Bett legen und bekam die Wassersucht. Er ließ +sich abzapfen; das Wasser rann in den Keller hinab. Nachdem er so fünf +Monate gelegen, starb er zum Leidwesen des ganzen Hauses; denn alle +liebten ihn, vom Kleinsten bis zum Größten. Er war ein angenehmer, +Freud' und Friede liebender Mann. Er hatte an meinem Vater und mir +ungemein viel getan, und ich habe nie von einem Menschen Böses über +ihn sagen gehört. Mein Vater und Mutter erzählten noch viele Jahre +allerhand Löbliches und Schönes von ihm. Als ich ein wenig zu Verstand +kam, erinnerte ich mich seiner erst recht, und verehrt' ihn im Staub +und Moder. Er liegt im Kirchhof zu Krinau begraben. + +[Sidenote: Die nächsten Folgen] + +Nun wurde wieder eine Magd angeschafft; die war dem Vater recht, +weil sie brav arbeitete. Aber Mutter und Großmutter konnten sie +nicht leiden, weil sie glaubten, sie schmeichle dem Vater, und trag' +ihm alles zu Ohren. Auch war sie krätzig, so daß wir alle die Raud +von ihr erbten. Und kurz, die Mütter ruhten nicht; sie mußte fort, +und eine andre zu. Die war nun ihnen recht, aber dem Vater nicht, +weil sie nur das Haus- aber nicht das Feldwerk verstand. Auch meinte +er, sie helfe den Weibern allerhand verschmauchen. Jetzt gab's bald +alle Tage Zank. Die Weibervölker stunden zusammen, der Mann hinwieder +glaubte, er sei einmal Meister, und kurz, es schien, als wenn der alte +Näbis-Joggeli einen guten Teil vom Hausfrieden mit sich unter den +Boden genommen hätte. Aus Verdruß ging der Vater einstweilig wieder +dem Salpetersieden nach, übergab die Wirtschaft seinem Bruder, als +Knecht, und glaubte mit einem so nahen Blutsfreunde wohl versorgt zu +sein. Er betrog sich. Er konnt' ihn nur ein Jahr behalten und sah noch +zu rechter Zeit die Wahrheit des Sprichworts ein: Wer will, daß es ihm +ling, schau selber zu seinem Ding! Nun ging er nicht mehr fort, trat +aufs neue an die Spitze der Haushaltung, arbeitete über Kopf und Hals, +und hirtete die Kühe selber; ich war sein Handbub, und mußte mich brav +tummeln. Die Magd schaffte er ab und dingte dafür einen Geißenknab, +da er jetzt einen Fasel Geißen gekauft, mit deren Mist er viel Weid +und Wiesen machte. Inzwischen wollten ihn die Weiber noch immer +meistern; das konnt' er nicht leiden; 's gab wieder allerlei Händel. +Endlich, da er einmal der Großmutter in der Hitz' ein Habermußbecken +nachgeschmissen, lief sie davon, und ging wieder zu ihren Freunden +in den Näbis. Die Sach' kam vor die Amtsleut. Der Vater mußt' ihr +alle Wochen sechs Batzen und etwas Schmalz geben. Sie war ein kleines +buckliges Fräulein, mir eine liebe Großmutter, die hinwieder auch +mich hielt wie ihr rechtes Großkind, aber, die Wahrheit zu sagen, ein +wenig wunderlich, wetterwendisch, ging immer den sogenannten Frommen +nach und fand doch niemand recht nach ihrem Sinn. Ich mußt' ihr alle +Jahr die Metzgeten[11] bringen, und blieb dann ein paar Tage bei +ihr. Da war gut Leben, ich ließ mir's schmecken, ihre wohlgemeinten +Ermahnungen hingegen zum einen Ohr ein und zum andern wieder aus. +Gewiß kein Ruhm für mich. Aber dergleichen Buben machen's leider Gott +erbarm! so. Zuletzt war sie einige Jahre blind, und starb endlich in +der Feuerschwand in einem hohen Alter im Jahre 50, 51, oder 52. Sie +vermachte mir ein Buch, Arndts wahres Christentum, apart. Sie war gewiß +ein gottseliges Weib, in der Schamaten hoch estimiert, und die Leut +dort sind mir noch besonders lieb um ihretwillen. Auch glaub' ich gewiß +noch Glück von ihr her zu haben; denn Elternsegen ruht auf Kindern und +Kindeskindern. + +[Sidenote: Allerlei Schicksale] + +Unsre Haushaltung vermehrte sich. Es kam alle zwei Jahr geflissentlich +ein Kind; Tischgänger genug, aber darum keine Arbeiter. Wir mußten +immer viel Taglöhner haben. Mit dem Vieh war mein Vater nie recht +glücklich, es gab immer etwas krankes. Er meinte, die starken Kräuter +auf unsrer Weid seien nicht wenig schuld daran. Der Zins überstieg +alle Jahr die Losung.[12] Wir reuteten viel Wald aus, um mehr Mattland +und Geld von dem Holz zu bekommen; und doch kamen wir je länger je +tiefer in die Schulden, und mußten immer aus einem Sack in den andern +schleufen. Im Winter sollten ich und die ältesten, welche auf mich +folgten, in die Schule; aber die dauerte zu Krinau nur zehn Wochen, +und davon gingen uns wegen tiefem Schnee noch etliche ab. Dabei konnte +man mich schon zu allerlei Nützlichem brauchen. Wir sollten anfangen, +Winterszeit etwas zu verdienen. Mein Vater probierte aller Gattung +Gespunst: Flachs, Hanf, Seiden, Wollen, Baumwollen; auch lehrte er +uns letztere kämbeln, Strümpfstricken und dergleichen. Aber keins +warf damals viel Lohn ab. Man schmälerte uns den Tisch, meist Milch +und Milch, ließ uns lumpen und lempen,[13] um zu sparen. Bis in mein +sechzehntes Jahr ging ich selten, und im Sommer barfuß in meinem +Zwilchröcklin, zur Kirche. Alle Frühjahr mußte der Vater mit dem Vieh +oft weit nach Heu fahren und es teuer bezahlen. + + + + + Bubenjahre + + +[Sidenote: Knabenspiele] + +Indessen kümmerte mich alle dies kein Haar. Auch wußt' ich eigentlich +nichts davon, und war überhaupt ein leichtsinniger Bube, wie es je +einen gab. Alle Tag dacht' ich dreimal ans Essen, und damit aus. Wenn +mich der Vater nur mit langanhaltender oder strenger Arbeit verschonte, +oder ich eine Weile davonlaufen konnte, war mir alles recht. Im Sommer +sprang ich in der Wiese und an den Bächen herum, riß Kräuter und Blumen +ab, und machte Sträuße wie Besen; dann durch alles Gebüsch, den Vögeln +nach, kletterte auf die Bäume und suchte Nester. Oder ich las ganze +Haufen Schneckenhäuslein oder hübsche Steine zusammen. War ich müd', +so setzt' ich mich an die Sonne und schnitzte zuerst Hagstecken,[14] +dann Vögel, und zuletzt gar Kühe; denen gab ich Namen, zäunt' ihnen +eine Weid ein, baut' ihnen Ställe, und fütterte sie, verhandelte dann +bald dies bald jenes Stück, und machte immer wieder schönere. Ein +andermal richtete ich Öfen und Feuerherd auf und kochte aus Sand und +Lett[15] einen saubern Brei. Im Winter wälzt ich mich im Schnee herum, +und rutschte bald in einer Scherbe von einem zerbrochenen Napf, bald +auf dem bloßen Hintern, die Gähen hinunter. Das trieb ich alles so, +wie's die Jahreszeit mitbrachte, bis mir der Vater durch den Finger +pfiff, oder ich sonst merkte, daß es Zeit über Zeit war. Noch hatt' ich +keine Kameraden; doch wurd' ich in der Schule mit einem Buben bekannt, +der oft zu mir kam, und mir allerhand Lappereien um Geld anbot, weil +er wußte, daß ich von Zeit zu Zeit einen halben Batzen zu Trinkgeld +erhielt. Einst gab er mir ein Vogelnest in einem Mausloch zu kaufen. +Ich sah täglich darnach. Aber eines Tages waren die Jungen fort; das +verdroß mich mehr, als wenn man dem Vater alle Küh' gestohlen hätte. +Ein andermal, an einem Sonntag, bracht' er Pulver mit -- bisher kannt' +ich diesen Höllensamen nicht -- und lehrte mich Feuerteufel machen. +Eines Abends hatt' ich den Einfall: Wenn ich auch schießen könnte! Zu +dem End' nahm ich eine alte, eiserne Brunnröhre, verklebte sie hinten +mit Lehm, und machte eine Zündpfanne, auch von Lehm; in diese tat ich +das Pulver, und legte brennenden Zunder daran. Da's nicht losgehen +wollte, blies ich ... Puh! mir Feuer und Lehm alles ins Gesicht. Dies +geschah hinterm Haus; ich merkte wohl, daß ich was Unrechtes tat. +Inzwischen kam meine Mutter, die den Klapf gehört hatte, herunter. Ich +war elend blessiert. Sie jammerte und half mir hinauf. Auch der Vater +hatte oben in der Weide die Flamm gesehen, weil's fast Nacht war. Als +er heimkam, mich im Bett antraf, und die Ursache vernahm, ward er +grimmig böse. Aber sein Zorn stillte sich bald, als er mein verbranntes +Gesicht erblickte. Ich litt große Schmerzen. Aber ich verbiß sie, weil +ich sonst fürchtete, noch Schläge obendrein zu bekommen, und wußte, daß +ich solche verdient hätte. Doch mein Vater empfand, daß ich Schläge +genug habe. Vierzehn Tage sah ich keinen Stich; an den Augen hatt' ich +kein Härlein mehr. Man hatte große Sorgen wegen dem Gesicht. Endlich +ward's allmählig und von Tag zu Tag wieder besser. Jetzt, sobald ich +vollkommen hergestellt war, machte es der Vater mit mir, wie Pharao mit +den Israeliten, ließ mich tüchtig arbeiten und dachte: So würden mir +die Possen am besten vergehen. Er hatte recht. Aber damals konnt' ich's +nicht einsehen, und hielt ihn für einen Tyrann, wenn er mich so des +Morgens früh aus dem Schlaf nahm, und an das Werk musterte. Ich meinte, +das wär' eben nicht nötig; die Kühe gäben ja die Milch von sich selber. + +[Sidenote: Beschreibung von Dreyschlatt] + +Dreyschlatt ist ein wilder, einöder Ort, zuhinderst an den Alpen +Schwämle, Kreutzegg und Aueralp; vorzeiten war's eine Sennweid. Hier +gibt's immer kurzen Sommer und langen Winter, während letzterm meist +ungeheuern Schnee, der oft noch im Mai ein paar Klafter tief liegt. +Einst mußten wir noch am heiligen Pfingstabend einer neuangelangten +Kuh mit der Schaufel zum Haus pfaden. In den kürzesten Tagen hatten +wir die Sonn' nur fünf Viertelstunden. Dort entsteht unser Rotenbach, +der dem Fäsi in seiner Erdbeschreibung und dem Walser in seiner +Kart entwischte, ungeachtet er zweimal größer als der Schwendi- +oder Lederbach ist, der viele Mühlen, Sägen, Walken, Stampfen und +Pulvermühlen treibt. Doch beim Dreyschlatt hat es das herrlichste +Quellwasser; und wir in unserm Haus und Scheuer aneinander hatten +einen Brunnen, der nie gefror, unterm Dach, so daß das Vieh den ganzen +Winter über nie den Himmel sah. -- Wenn's im Dreyschlatt stürmt, so +stürmt's recht. Wir hatten eine gute, nicht gähe Wiese von vierzig bis +fünfzig Klafter Heu und eine grasreiche Weide. Auf der Sommerseite im +Altischwil ist's schon früher, aber auch gäher und rauher. Holz und +Stroh gibt's genug. Hinterm Haus ist ein Sonnenrain, wo's den Schnee +wegbläst, der hingegen an einem Schattenrain vor dem Haus im Frühjahr +oft noch liegen bleibt, wenn's an jenem schon Gras und Schmalzblumen +hat. Am frühesten und am spätesten Ort auf dem Gut trifft's wohl vier +Wochen an. + +Ja! ja! sagte jetzt eines Tags mein Vater, der Bub wächst, wenn er nur +nicht so ein Narr wäre, ein verzweifelter Lappi; auch gar kein Hirn. +Sobald er an die Arbeit muß, weiß er nicht mehr, was er tut. Aber von +nun an muß er mir die Geißen hüten, so kann ich den Geißbub abschaffen. +Ach! sagte meine Mutter, so kommst du um Geißen und Bub. Nein! Nein! Er +ist noch zu jung. Was, jung? sagte der Vater, ich will es drauf wagen, +er lernt's nie jünger, die Geißen werden ihn schon lehren, sie sind oft +witziger als die Buben, ich weiß sonst nichts mit ihm anzufangen. + +[Sidenote: Der Geißbube] + +~Mutter~: Ach! was wird mir das für Sorg' und Kummer machen. +Sinn' ihm auch nach! Einen so jungen Bub mit einem Fasel Geißen in den +wilden, einöden Kohlwald schicken, wo ihm weder Steg noch Weg bekannt +sind, und es so gräßliche Töbler hat. Und wer weiß, was für Tier sich +dort aufhalten, und was für schreckliches Wetter einfallen kann? Denk' +doch, eine ganze Stund' weit! und bei Donner und Hagel, oder wenn die +Nacht einfällt, nie wissen, wo er ist. Das ist mein Tod, und du mußt's +verantworten. + +~Ich~: Nein, nein, Mutter! Ich will schon Sorge haben, und kann +ja dreinschlagen, wenn ein Tier kommt, und vorm Wetter untern Felsen +kreuchen, und wenn's nachtet, heimfahren, und die Geißen will ich, was +gilt's, schon paschgen.[16] + +~Vater~: Hörst jetzt! Eine Woche mußt' mir erst mit dem Geißbub +gehen. Dann gib Achtung, wie er's macht, wie er die Geißen alle heißt +und ihnen lockt und pfeift, wo er durchfahrt, und wo sie die beste Weid +finden. + +[Sidenote: Der Beckle] + +Ja, ja! sagt' ich, sprang hochauf und dacht': Im Kohlwald bist du frei; +da wird dir der Vater nicht immer pfeifen und dich von einer Arbeit +zur andern jagen. Ich ging also etliche Tage mit unserm Beckle hin, so +hieß der Bub, ein rauher, wilder, aber ehrlicher Bursche. Denkt doch! +Er stund eines Tags wegen einer Mordtat im Verdacht, da man eine +alte Frau, welche wahrscheinlich über einen Felsen hinunterstürzte, +auf der Kreutzegg tot gefunden. Der Amtsdiener holte ihn aus dem Bett +nach Lichtensteig. Man merkte aber bald, daß er ganz unschuldig war, +und er kam zu meiner großen Freud noch denselben Abend wieder heim. +-- Nun trat ich mein neues Ehrenamt an. Der Vater wollte zwar den +Beckle als Knecht behalten; aber die Arbeit war ihm zu streng, und +er nahm im Frieden seinen Abschied. Anfangs wollten mir die Geißen, +deren ich bis dreißig Stück hatte, kein gut tun; das machte mich wild, +und ich versucht' es, ihnen mit Steinen und Prügeln den Meister zu +zeigen, aber sie zeigten ihn mir, ich mußte also die glatten Wort' +und das Streicheln und Schmeicheln zur Hand nehmen. Da taten sie, was +ich wollte. Auf die vorige Art hingegen verscheucht' ich sie so, daß +ich oft nicht mehr wußte, was anfangen, wenn sie alle ins Holz und +Gesträuch liefen, und ich meist rundum keine einzige mehr erblicken +konnte, halbe Tage herumlaufen, pfeifen und johlen, sie an den Galgen +verwünschen, brüllen und lamentieren mußte, bis ich sie wieder +beieinander hatte. + +[Sidenote: Hirtenstand] + +Drei Jahre hatte ich so meine Herde gehütet; sie ward immer größer, +zuletzt über hundert Köpf; mir immer lieber, und ich ihnen. Im Herbst +und Frühling fuhren wir auf die benachbarten Berge, oft bis zwei +Stunden weit. Im Sommer hingegen durft' ich nirgends hüten als im +Kohlwald, eine mehr als Stund weite Wüstenei, wo kein recht Stück Vieh +weiden kann. Dann ging's zur Aueralp, zum Kloster St. Maria gehörig, +lauter Wald, oder Kohlplätz und Gesträuch, manches dunkle Tobel und +steile Felswand, an denen noch die beste Geißweid zu finden war. Von +unserm Dreyschlatt weg hatt' ich alle Morgen eine Stunde Wegs zu +fahren, eh' ich nur ein Tier durfte anbeißen lassen; erst durch unsre +Viehweid, dann durch einen großen Wald, in die Kreuz und Quer, bald +durch diese, bald durch jene Abteilung der Gegend, deren ich jede +mit einem eigenen Namen taufte. Da hieß es im vordern Boden; dort, +zwischen den Felsen; hier, in der Weißlauwe; dort im Köllermelch, auf +der Platten, im Kessel. Alle Tag hütete ich an einem andern Ort, bald +sonnen-, bald schattenhalb.[17] Zu Mittag aß ich mein Brötlein, und +was mir sonst die Mutter verstohlen mitgab. Auch hatt' ich meine eigne +Geiß, an der ich sog. Die Geißaugen waren meine Uhr. Gegen Abend fuhr +ich immer wieder den nämlichen Weg nach Haus, auf dem ich gekommen war. + +Welche Lust, bei angenehmen Sommertagen über die Hügel fahren, durch +Schattenwälder streichen, durchs Gebüsch Eichhörnchen jagen und +Vogelnester ausnehmen! Alle Mittag lagerten wir uns am Bach; da ruhten +meine Geißen zwei bis drei Stunden aus, wann es heiß war noch mehr. Ich +aß mein Mittagsbrot, sog mein Geißchen, badete im spiegelhellen Wasser +und spielte mit den jungen Gitzen. Immer hatt' ich einen Gertel[18] +oder eine kleine Axt bei mir und fällte junge Tännchen, Weiden oder +Ilmen. Dann kamen meine Geißen haufenweis und kafelten[19] das Laub +ab. Wenn ich ihnen Leck, Leck rufte, ging's gar im Galopp, und wurd' +ich von ihnen wie eingemauert. Alles Laub und Kräuter, die sie fraßen, +kostete auch ich; und einige schmeckten mir sehr gut. Solang der Sommer +währte, florierten die Erd-, Im-, Heidel- und Brombeeren; deren hatt' +ich immer vollauf, und konnte noch der Mutter am Abend mehr als genug +nach Haus bringen. Das war ein herrliches Labsal, bis ich mich einst +daran zum Ekel überfraß. Und welch' Vergnügen machte mir jeder Tag, +jeder neue Morgen! wenn jetzt die Sonne die Hügel vergoldete, denen ich +mit meiner Herde entgegenstieg, dann jenen haldigen Buchenwald, und +endlich die Wiesen und Weidplätze beschien. Tausendmal denk' ich dran, +und oft dünkt's mich, die Sonne scheine jetzt nicht mehr so schön. Wenn +dann alle anliegenden Gebüsche von jubilierenden Vögeln ertönten, und +dieselben um mich her hüpften, oh! was fühlt' ich da! Ha, ich weiß es +nicht! Halt süße, süße Lust! Da sang' und trillerte ich mit, bis ich +heiser ward. Ein andermal spürte ich den muntern Waldbürgern durch alle +Stauden nach, ergötzte mich an ihrem hübschen Gefieder, und wünschte, +daß sie nur halb so zahm wären wie meine Geißen, beguckte ihre Jungen +und ihre Eier, und erstaunte über den wundervollen Bau ihrer Nester. +Oft fand ich deren in der Erde, im Moos, im Farrn, unter alten Stöcken, +in den dicksten Dörnern, in Felsritzen, in hohlen Tannen oder Buchen; +oft hoch im Gipfel, in der Mitte, zu äußerst auf einem Ast. Meist wußt' +ich ihrer etliche. Das war mir eine Wonne, und fast mein einziges +Sinnen und Denken, alle Tag gewiß einmal nach allen zu sehn, wie die +Jungen wuchsen, wie das Gefieder zunahm, wie die Alten sie fütterten. +Anfangs trug ich einige mit mir nach Haus, oder brachte sie sonst +an einen bequemeren Ort. Aber dann waren sie dahin. Nun ließ ich's +bleiben und sie lieber groß werden. Da flogen sie mir aus. Ebensoviel +Freuden brachten mir meist meine Geißen. Ich hatte von allen Farben, +große und kleine, kurz- und langhaarige, bös- und gutgeartete. Alle +Tage ruft' ich sie zwei- bis dreimal zusammen und überzählte sie, ob +ich's voll habe? Ich hatte sie gewöhnt, daß sie auf mein Zub, Zub! +Leck, Leck! aus allen Büschen hergesprungen kamen. Einige liebten mich +sonderbar, und gingen den ganzen Tag nie einen Büchsenschuß weit von +mir; wenn ich mich verbarg, fingen sie alle ein Zetergeschrei an. Von +meinem Duglöörle, so hieß ich meine Mittagsgeiß, konnt' ich mich nur +mit List entfernen. Das war ganz mein eigen. Wo ich mich setzte oder +legte, stellte es sich über mich hin, und war gleich parat zum Saugen +oder Melken; und doch mußt' ich's in der besten Sommerszeit oft noch +ganz voll heimführen. Andremal melkt' ich es einem Köhler, bei dem ich +manche liebe Stund zubrachte, wenn er Holz schrotete oder Kohlhaufen +brannte. + +Welch' Vergnügen dann am Abend, meiner Herde auf meinem Horn zur +Heimreise zu blasen! Zuzuschauen, wie sie alle mit runden Bäuchen und +vollen Eutern dastunden, und zu hören, wie munter sie sich heimblökten. +Wie stolz war ich, wann mich der Vater lobte, daß ich gut gehütet habe! +Run ging's an ein Melken, bei gutem Wetter unter freiem Himmel. Da +wollte jede zuerst über dem Eimer von der drückenden Last ihrer Milch +los sein und beleckte dankbar ihren Befreier. + +Nicht daß lauter Lust beim Hirtenleben wäre! Potz Tausend, nein! Da +gibt's Beschwerden genug. Für mich war's lang die empfindlichste, des +Morgens so früh mein warmes Bettlin zu verlassen, und bloß und barfuß +ins kalte Feld zu marschieren, wenn's zumal einen baumstarken Reif +hatte, oder ein dicker Nebel über die Berge herabging. Wenn dann dieser +gar so hoch ging, daß ich ihm mit meiner bergansteigenden Herde das +Feld nicht abgewinnen und keine Sonn' erreichen konnte, verwünscht' +ich ihn in Ägypten hinein, und eilte, was ich eilen konnte, aus der +Finsternis wieder in ein Tälchen hinab. Erhielt ich hingegen den Sieg, +und gewann die Sonne und den hellen Himmel über mir, das große Weltmeer +von Nebeln, und hie und da einen hervorragenden Berg, wie eine Insel +unter meine Füße, was das dann für ein Stolz und eine Lust war! Da +verließ ich den ganzen Tag die Berge nicht, und mein Aug' konnt' sich +nie satt schauen, wie die Sonnenstrahlen auf diesem Ozean spielten, und +Wogen von Dünsten in den seltsamsten Figuren sich drauf herumtaumelten, +bis sie gegen Abend mich wieder zu übersteigen drohten. Dann wünscht' +ich mir Jakobs Leiter; aber umsonst, ich mußte fort. Ich ward traurig, +und alles stimmte in meine Trauer ein. Einsame Vögel flatterten matt +und mißmütig über mir her, und die großen Herbstfliegen summsten mir so +melancholisch um die Ohren, daß ich weinen mußte. Dann fror ich fast +noch mehr als am frühen Morgen, und empfand Schmerzen an den Füßen, +obgleich diese so hart als Sohlleder waren. Auch hatt' ich die meiste +Zeit Wunden oder Beulen an ein paar Gliedern, und wenn eine Blessur +heil war, macht' ich mir richtig wieder eine andre, sprang entweder +auf einen spitzen Stein auf, verlor einen Nagel oder ein Stück Haut +an einem Zehen, oder hieb mir mit meinen Instrumenten eins in die +Finger. Ans Verbinden war selten zu gedenken; und doch ging's meist +bald vorüber. Die Geißen hiernächst machten mir, wie schon gesagt, +anfangs großen Verdruß, wenn sie mir nicht gehorchen wollten, weil +ich ihnen nicht recht zu befehlen verstund. Ferner prügelte mich der +Vater nicht selten, wenn ich nicht hütete, wo er mir befohlen hatte, +und nur hinfuhr, wo ich gerne sein mochte, und die Geißen nicht das +rechte Bauchmaß heimbrachten, oder er sonst ein loses Stücklein von +mir erfuhr. Dann hat ein Geißbub überhaupt viel von andern Leuten zu +leiden. Wer will einen Fasel Geißen immer so in Schranken halten, +daß sie nicht einem Nachbar in die Wiesen oder Weid gucken? Wer mit +soviel lüsternen Tieren zwischen Korn- und Haberbrachen, Räb- und +Kabisäckern[20] durchfahren, daß keins ein Maul voll versuchte? Da +ging's an ein Fluchen und Lamentieren: Bärenhäuter! Galgenvogel! waren +meine gewöhnlichen Ehrentitel. Man sprang mir mit Äxten, Prügeln und +Hagstecken, einst gar einer mit einer Sense nach, der schwur, mir ein +Bein vom Leibe wegzuhauen. Aber ich war leicht genug auf den Füßen, +und nie hat mich einer erwischen mögen. Die schuldigen Geißen wohl +haben sie mir oft ertappt und mit Arrest belegt; dann mußte mein Vater +hin und sie lösen. Fand er mich schuldig, so gab's Schläge. Etliche +unsrer Nachbarn waren mir ganz besonders widerwärtig und richteten +mir manchen Streich auf den Rücken. Dann dacht' ich freilich: Wartet +nur, ihr Kerls, bis mir eure Schuh' recht sind, so will ich euch +auch die Buckel salben. Aber man vergißt's, und das ist gut. Und +dann hat das Sprichwort doch auch seinen wahren Sinn: »Wer will ein +Biedermann sein und heißen, der hüt' sich vor Tauben und Geißen.« -- +So gibt es freilich dieser und anderer Widerwärtigkeiten genug in +dem Hirtenstand. Aber die bösen Tage werden reichlich von den guten +ersetzt, wo es gewiß keinem König so wohl ist. + +[Sidenote: Neue Lebensgefahren] + +Im Kohlwald war eine Buche gerad über einem mehr als turmhohen Fels +herausgewachsen, so daß ich über ihren Stamm wie über einen Steg +spazieren und in eine gräßlich finstre Tiefe hinabgucken konnte; wo +die Äste angingen, stund sie wieder geradeauf. In dieses seltsame Nest +bin ich oft gestiegen und hatte meine größte Lust daran, so in den +fürchterlichen Abgrund zu schauen, um zu sehen, wie ein Bächlein neben +mir herunterstürzte und sich in Staub zermalmte. Einst schwebte mir +diese Gegend im Traume so schauderhaft vor, daß ich von da an nicht +mehr hinging. Ein andermal befand ich mich mit meinen Geißen jenseits +der Aueralp, auf der Dürrwälder Seite gegen den Rotenstein. Ein Junges +hatte sich zwischen zween Felsen verstiegen und ließ eine jämmerliche +Melodie von sich hören. Ich kletterte nach, um ihm zu helfen. Es +ging so eng und gäh, und zickzack zwischen Klippen durch, daß ich +weder obsich noch niedsich[21] sehen konnte und oft auf allen Vieren +kriechen mußte. Endlich verstieg ich mich gänzlich. Über mir stund ein +unerklimmbarer Fels; unter mir schien's fast senkrecht, ich weiß selbst +nicht wie weit hinab. Ich fing an zu rufen und zu beten, so laut ich +konnte. In einer kleinen Entfernung sah ich zwei Menschen durch eine +Wiese marschieren. Ich gewahrt' es gar wohl, sie hörten mich; aber sie +spotteten meiner und gingen ihre Straße. Endlich entschloß ich mich, +das Äußerste zu wagen und lieber mit eins des Todes zu sein, als noch +weiter in dieser peinlichen Lage zu verharren, und doch nicht lange +mehr ausharren zu können. Ich schrie zu Gott in Angst und Not, ließ +mich auf den Bauch nieder, meine Händ' obsich verspreitet, daß ich mich +an den kahlen Fels so gut als möglich anklammern könne. Aber ich war +todmüd, fuhr wie ein Pfeil hinunter, zum Glück war's nicht so hoch, als +ich im Schrecken geglaubt hatte, und blieb ebenrecht in einem Schlund +stecken, wo ich mich wieder halten konnte. Freilich hatt' ich Haut und +Kleider zerrissen und blutete an Händen und Füßen. Aber wie glücklich +schätzt' ich mich nicht, daß ich nur mit dem Leben und unzerbrochnen +Gliedern davonkam! Mein Geißchen mag sich auch durch einen Sprung +gerettet haben; einmal, ich fand's schon wieder bei den übrigen. + +Ein andermal, da ich an einem schönen Sommertag mit meiner Herde +herumgetrillert, überzog sich der Himmel gegen Abend mit schwarzen +Wolken; es fing gewaltig an zu blitzen und zu donnern. Ich eilte nach +einer Felshöhle, diese oder eine große Wettertann waren in solchen +Fällen immer mein Zufluchtsort, und rief meine Geißen zusammen. Die, +weil's sonst bald Zeit war, meinten, es gelte zur Heimfahrt und +sprangen über Kopf und Hals mir vor, daß ich bald keinen Schwanz mehr +sah. Ich eilte ihnen nach. Es fing entsetzlich an zu hageln, daß mir +Kopf und Rücken von den Püffen sausten. Der Boden war dicht mit Steinen +bedeckt; ich rannte in vollem Galopp drüber fort, fiel aber oft auf den +Hintern und fuhr große Stück weit wie auf einem Schlitten. Endlich, in +einem Wald, wo's gäh zwischen Felsen hinunterging, konnt' ich vollends +nicht anhalten und glitschte bis zu äußerst auf einen Rand, von dem +ich, wenn mich nicht Gott und seine guten Engel behütet hätten, viele +Klafter tief herabgestürzt und zermürst worden wäre. Jetzt ließ das +Wetter allmählig nach, und als ich nach Haus kam, waren meine Geißen +schon eine halbe Stunde daheim. Etliche Tage lang fühlt' ich von dieser +Partie keinerlei Ungemach; aber mit eins fingen meine Füß zu sieden +an, als wenn man sie in einem Kessel kochte. Dann kamen die Schmerzen. +Mein Vater sah nach und fand mitten in der einen Fußsohle ein groß +Loch, und Moos und Gras darin. Nun erinnert' ich mich erst, daß ich +an einem spitzen Weißtannast aufgesprungen war: Moos und Gras war +mit hineingegangen. Der Ätti grub mir's mit einem Messer heraus und +verband mir den Fuß. Nun mußt' ich freilich ein paar Tage meinen Geißen +langsam nachhinken, dann verlor ich die Binde, Kot und Dreck füllten +das Loch, und es war bald wieder besser. Viel andre Mal, wenn's durch +die Felsen ging, liefen die Tiere ob mir weg und rollten große Steine +herab, die mir hart an den Ohren vorbeipfiffen. Oft stieg ich einem +Wälschtraubenknöpfli, Frauenschühlin oder andern Blümchen über Klippen +nach, daß es eine halsbrechende Arbeit war. Wieder zündete ich große, +halbverdorrte Tannen von unten an, die bisweilen acht bis zehn Tage +aneinander fortbrannten, bis sie fielen. Alle Morgen und Abend sah ich +nach, wie's mit ihnen stund. Einst hätte mich eine maustot schlagen +können: denn indem ich meine Geißen forttrieb, daß sie nicht getroffen +würden, krachte sie hart an mir in Stücken zusammen. So viele Gefahren +drohten mir während meinem Hirtenstand mehrmal, Leibs und Lebens +verlustig zu werden, ohne daß ich's viel achtete, oder doch alles bald +wieder vergaß, und leider damals nie daran dachte, daß du allein es +warst, mein himmlischer Vater und Erhalter! der in den Winkeln einöder +Wüste die Raben nährt, und auch Sorge für mein junges Leben trug. + +[Sidenote: Kameradschaft] + +Mein Vater hatte bisweilen aus der Geißmilch Käse gemacht, bisweilen +Kälber gesäugt und seine Wiesen mit dem Mist geäufnet.[22] Dies reizte +unsere Nachbarn, daß ihrer vier auch Geißen anschafften und beim +Kloster um Erlaubnis baten, ebenfalls im Kohlwald hüten zu dürfen. Da +gab's nun Kameradschaft. Unser drei oder vier Geißbuben kamen alle +Tag zusammen. Ich will nicht sagen, ob ich der beste oder schlimmste +unter ihnen gewesen, aber gewiß ein purer Narr gegen die andern, bis +auf einen, der ein gutes Bürschchen war. Einmal, die übrigen alle +gaben uns leider kein gutes Exempel. Ich wurde ein Bißlein witziger, +aber desto schlimmer. Auch sah's mein Vater gar nicht gern, daß ich +mit ihnen laichte,[23] und sagte mir, ich sollte lieber allein hüten +und alle Tage auf eine andere Gegend treiben. Aber Gesellschaft war +mir zu neu und zu angenehm; und wenn ich auch etwa einen Tag den Rat +befolgte und hörte die andern hüpfen und johlen, so war's, als wenn +mich ein paar beim Rock zerrten, bis ich sie erreicht hatte. Bisweilen +gab's Zänkereien, dann fuhr ich wieder einen Morgen allein oder mit +dem guten Jacobli, von dem hab' ich selten ein unnützes Wort gehört, +aber die andern waren mir kurzweiliger. Ich hätte noch viele Jahre +für mich können Geißen hüten, eh' ich den Zehnteil von dem allem inne +worden wäre, was ich da in kurzem vernahm. Sie waren alle größer und +älter als ich, fast aufgeschossene Bengel, bei denen schon alle argen +Leidenschaften aufgewacht. Schmutzige Zoten waren alle ihre Reden +und unzüchtig alle ihre Lieder, bei deren Anhören ich oft Maul und +Augen auftat, oft aber auch aus Schamröte niederschlug. Über meinen +bisherigen Zeitvertreib lachten sie sich die Haut voll. Späne und +junge Vögel galten ihnen gleich viel, außer wenn sie glaubten, Geld +aus einem zu lösen, sonst schmissen sie dieselben samt den Nestern +fort. Das tat mir anfangs weh; doch macht' ich's bald mit. So geschwind +konnten sie mich hingegen nicht überreden, schamlos zu baden wie sie. +Einer besonders war ein rechter Unflat, aber sonst weder streit- noch +zanksüchtig, und darum nur desto verführerischer. Ein anderer war auf +alles verpicht, womit er einen Batzen verdienen konnte, der liebte +darum die Vögel mehr als die andern, die nämlich, welche man ißt; +suchte allerlei Waldkräuter, Harz, Zunderschwamm und dergleichen. Von +dem lernt' ich manche Pflanze kennen, aber auch, was der Geiz ist. +Noch einer war etwas besser als die schlimmern; er machte mit, aber +furchtsam. Jedem ging sein Hang sein Leben lang nach. Jacobli ist noch +ein guter Mann, der andre blieb immer ein geiler Schwätzer und ward +zuletzt ein miserabler hinkender Tropf; der dritte hatte mit List und +Ränken etwas erworben, aber nie Glück dabei. Vom vierten weiß ich +nicht, wo er hingekommen ist. + +[Sidenote: Sonderbare Gemütsstimmung] + +[Sidenote: Ende des Hirtenstandes] + +Daheim durft' ich mir von dem, was ich bei diesen Kameraden sah und +hörte, nichts merken lassen. Ich genoß aber nicht mehr meine vorige +Fröhlichkeit und Gemütsruhe. Die Kerls hatten Leidenschaften in mir +rege gemacht, die ich noch selbst nicht kannte, doch merkte ich, daß es +nicht richtig stund. Im Herbst, wo die Fahrt frei war, hütete ich meist +allein. Ein Büchlein, das mir bloß darum jetzt noch lieb ist, trug +ich bei mir und las oft darin. Noch weiß ich verschiedene sonderbare +Stellen auswendig, die mich damals bis zu Tränen rührten. Jetzt kamen +mir die bösen Neigungen in meinem Busen abscheulich vor, und sie +machten mir angst und bang. Ich betete, rang die Hände, sah zum Himmel, +bis mir die hellen Tränen über die Backen rollten, faßte einen Vorsatz +über den andern und machte mir so strenge Pläne für ein künftiges +frommes Leben, daß ich darüber allen Frohmut verlor. Ich versagte mir +alle Arten von Freude, und hatte zum Beispiel lang einen ernstlichen +Kampf mit mir selber wegen eines Distelfinken, der mir sehr lieb war, +ob ich ihn weggeben oder behalten sollte? Über diesen einzigen Vogel +dacht' ich oft weit und breit herum. Bald kam mir die Frommkeit, wie +ich mir solche damals vorstellte, als ein unersteiglicher Berg, bald +wieder federleicht vor. Meine Geschwister mocht' ich herzlich lieben, +aber je mehr ich's wollte, je mehr sah ich Widriges an ihnen. In kurzem +wußt' ich weder Anfang noch End, und es war niemand mehr, der mir +heraushelfen konnte, da ich meine Lage keiner Menschenseele entdeckte. +Ich machte mir alles zur Sünde: Lachen, Jauchzen und Pfeifen. Meine +Geißen sollten mich nicht mehr erzürnen dürfen, und ich ward eher böser +auf sie. Eines Tags bracht' ich einen toten Vogel nach Haus, den ein +Mann geschossen und auf einem Stecken in die Wiese aufgesteckt hatte. +Ich nahm ihn, wie ich in dem Augenblick wähnte, mit gutem Gewissen weg, +ohne Zweifel, weil mir seine zierlichen Federn vorzüglich gefielen. +Aber sobald mir der Vater sagte, das heiße auch gestohlen, weint' ich +bitterlich -- ich hatte diesmal recht -- und trug das Äschen morgens +darauf in aller Frühe wieder an seinen Ort. Doch behielt ich etliche +von den schönsten Federn; aber auch dies kostete mich ziemliche +Überwindung. Doch dacht' ich: Die Federn sind nun ausgerupft, wenn du +sie schon auch hinträgst, verblast sie der Wind, und dem Mann nützen +sie so nichts. Bisweilen fing ich wieder an zu jauchzen und zu johlen +und trollte aufs neue sorglos über alle Berge. Dann dacht' ich: So +alles, alles verleugnen, bis auf meine selbstgeschnitzelten hölzernen +Kühe -- wie ich mir damals den rechten Christensinn buchstäblich +vorstellte -- sei doch ein traurig elendes Ding. Indessen wurde der +Kohlwald von den immer zunehmenden Geißen übertrieben; die Rosse, +die man auf den fettern Grasplätzen weiden ließ, bisweilen von den +Geißbuben verfolgt oder gesprengt. Einmal legten die Bursche ihnen +Nesseln unter die Schwänze; ein paar stürzten sich im Lauf über einen +Felsen zu Tode. Es gab schwere Händel, und das Hüten im Kohlwald wurde +gänzlich verboten. Ich hütete darauf noch eine Weile auf unserm eignen +Gut. Dann löste mich mein Bruder a. Und so nahm mein Hirtenstand ein +Ende. + +[Sidenote: Neue Geschäfte] + +[Sidenote: Neue Sorgen] + +Nun hieß es: Eingespannt in den Karrn mit dem Buben, ins Joch! Er ist +groß genug! Wirklich tummelte mich mein Vater meisterlich herum; in +Holz und Feld sollt' ich ihm statt eines vollkommenen Knechtes dienen. +Die mehrern Mal überlud er mich, ich hatte die Kräfte noch nicht, die +er mir nach meiner Größe zutraute, und doch wollt' ich stark sein +und keine schwere Bürde liegen lassen. In Gesellschaft von ihm oder +mit den Taglöhnern arbeitete ich gern; aber sobald er mich allein an +ein Geschäft schickte, war ich faul und lässig, staunte Himmel und +Erde an und hing, ich weiß selbst nicht was für Gedanken und Grillen +nach; das freie Geißbubenleben hatte mich halt verwöhnt. Das zog mir +Scheltwort oder gar Streiche zu, und diese Strenge war nötig, obschon +ich's damals nicht fassen konnte. Im Heuet besonders gab's bisweilen +fast unerträgliche Bürden. Oft streckt' ich mich vor Mattigkeit und +fast zerschmolzen von Schweiß, der Länge nach auf den Boden und +dachte: Ob's wohl auch in der Welt überall so mühselig zugehe? Ob ich +mich grad' jetzt aus dem Staub machen sollte? Es werde doch an andern +Orten auch Brot geben, und nicht gleich Henken gelten. Ich hätte auf +der Kreutzegg beim Geißhüten mehrere solche Bursche gesehen, denen's +außer ihrem Vaterland, wie sie mir erzählten, recht wohl gegangen, und +was des Zeugs mehr war. Dann aber fand ich: Nein! es wäre doch Sünd', +von Vater und Mutter wegzulaufen; wie? wenn ich ihnen ein Stück Boden +abhandeln, es bauen, brav Geld daraus ziehen, dann aus der Losung ein +Häuschen drauf stellen und so für mich leben würde? Husch! sagt' ich +eines Tags, das muß jetzt sein! Aber, wenn mir's der Ätti abschlägt? +Ei! frisch gewagt, ist halb gewonnen. Ich nahm also das Herz in beide +Händ', und bat den Vater noch desselben Abends, daß er mir ein gewisses +Stücklein Lands abtrete. Nun sah er freilich meine Narrheit ein, aber +er ließ mich's nicht merken und fragte nur, was ich damit anfangen +wolle? »Ha! sagt' ich, es in Ehren legen, Mattland daraus machen und +den Gewinn beiseite tun.« Ohne ein mehreres Wort zu verlieren, sprach +er: »So nimm eben die Zipfelweid, ich gebe sie dir um fünf Gulden.« +Das war nun spottwohlfeil; hier zu Wattwil wär' so ein Grundstück mehr +als hundert Gulden wert. Ich sprang darum vor Freuden hoch auf und +fing sogleich die neue Wirtschaft an. Den Tag über arbeitete ich für +den Vater; sobald der Feierabend kam, für mich, sogar bei Mondschein. +Da macht' ich aus dem noch vor Nacht gehauenen Holz und Stauden kleine +Bürden von Brennholz zum Verkaufen. Eines Abends dacht' ich so meiner +jetzigen Lage nach; mir fiel ein: Deine Zipfelweid ist gar wohlfeil! Es +könnte den Vater reuen und er's wieder an sich ziehen, wenn ich ihm den +Kaufschilling nicht bar erlege. Ich muß um Geld schauen, so kann er mir +nicht mehr ab der Hand gehn. Ich ging also zum Nachbar Görg, erzählt' +ihm den ganzen Handel und bat ihn, mir die fünf Gulden zu leihen, ich +woll' ihm bis auf Wiederbezahlung mein Land zum Pfand einsetzen. Er gab +mir's ohne Bedenken. Ganz entzückt lief ich damit zum Vater und wollt' +ihn ausbezahlen. Potz hundert! wie der mich abschnauzte: »Wo hast du +das Geld her?« Es fehlte wenig, so hätt' es noch Ohrfeigen obendrein +gesetzt. Im ersten Augenblick begriff ich nicht, was ihn so entsetzlich +bös mache. Aber erklärte mir's bald, da er fortfuhr: »Du Bärenhäuter! +Mir mein Gut zu verpfänden!« riß mir die fünf Gulden aus der Hand, +rannte im Augenblick zu Görg und gab sie ihm wieder, mit Bedeuten, daß +er, so lieb ihm Gott sei! dem Buben kein Geld mehr leihe, er woll' +ihm schon geben, was er brauchte. So war meine Freude kurz. Der Ätti, +nachdem er bald wieder besänftigt war, mocht' mir lang sagen, ich +brauch' ihm das Ding gar nicht zu zahlen, ich könn' ihm ja ein billiges +Zinslein geben, der Schlempen Weid werde die Sach nicht ausmachen, ich +soll damit schalten und walten wie mit meinem Eigentum. Ich konnt' +es ihm nicht glauben, denn er lachte dabei immer hinten im Maul. Das +war mir verdächtig. Aber er hatte guten Grund dafür. Endlich fing ich +einfältiger Tölpel an, mich wieder zu beruhigen und machte aufs neue +die Rechnung hinterm Wirt, was ich aus dem Bletz[24] mit der Zeit für +Nutzen ziehen wollte; als eines Tags mir die Kühe in mein Äckerlein +brachen, den jungen Samen abfraßen, auch mein Holz eben keine Käufer +fand und mir fast alles liegen blieb. Solche gehäufte Unglücksstreiche +nahmen mir mit eins den Mut, ich überließ den ganzen Plunder wieder +dem Vater und bekam von ihm zur Entschädigung ein flanellenes +Brusttuch. + +[Sidenote: Wißbegierde] + +Ich bin in meinen Kinderjahren nur wenige Wochen in die Schule +gegangen; bei Haus hingegen mangelte es mir gar nicht an Lust, mich in +mancherlei unterweisen zu lassen. Das Auswendiglernen gab mir wenig +Müh, besonders übt' ich mich fleißig in der Bibel, konnte viele darin +enthaltene Geschichten aus dem Stegreif erzählen und gab überhaupt +auf alles Achtung, was mein Wissen vermehren konnte. Mein Vater las +auch gern etwas Historisches oder Mystisches. Gerad um diese Zeit ging +ein Buch aus, der flüchtige Pater genannt. Er und unser Nachbar Hans +vertrieben sich manche liebe Stunde damit und glaubten an den darin +prophezeiten Fall des Antichrists und die dem End der Welt vorgehenden +nahen Strafgerichte, wie ans Evangelium. Auch ich las viel darin, +predigte etlichen unsrer Nachbarn mit ängstlich andächtiger Miene, +die Hand vor die Stirn gestemmt, halbe Abende aus dem Pater vor und +gab ihnen alles für bare Münz aus; dies nach meiner eignen völligsten +Überzeugung. Mir stieg kein Gedanke auf, daß ein Mensch ein Buch +schreiben könnte, worin nicht alles nur lautere Wahrheit wäre; und +da mein Vater und der Hans nicht daran zweifelten, schien mir alles +vollends Ja und Amen zu sein. Aber das brachte mich eben auf allerlei +jammerhafte Vorstellungen. Ich wollte mich gern auf den bevorstehenden +jüngsten Tag recht zubereiten; allein da fand ich entsetzliche +Schwierigkeiten, nicht so fast in einem bösen Tun und Lassen, als in +meinem oft argen Sinn und Denken. Dann wollt' ich mir wieder alles +aus dem Kopf schlagen, aber vergebens. Wenn ich zumal bisweilen in +der Offenbarung Johannis oder im Propheten Daniel las, schien mir +alles, was der Pater schrieb, vollends gewiß und unfehlbar. Und was +das schlimmste war, so verlor ich ob dieser Überzeugung alle Freud' +und Mut. Wenn ich im Gegenteil den Ätti und den Nachbar fast noch +fröhlicher sah als zuvor, machte mich solches gar konfus, und kann ich +mir's noch jetzt nicht erklären, wie das zuging. So viel weiß ich wohl, +sie steckten damals beide in schweren Schulden und hofften vielleicht +durch das Ende der Welt davon befreit zu werden: wenigstens hört' ich +sie oft vom Neufunden Land, Carolina, Pensylvani und Virgini sprechen, +ein andermal überhaupt von einer Flucht, vom Auszug aus Babel, von +den Reisekosten und dergleichen. Da spitz' ich die Ohren wie ein Has. +Einmal, erinnr' ich mich, fiel mir wirklich ein gedrucktes Blatt in die +Hände, das einer von ihnen auf dem Tisch liegen gelassen und welches +Nachrichten von jenen Gegenden enthielt. Das las ich wohl hundertmal; +mein Herz hüpfte mir im Leib bei dem Gedanken an dies herrliche Kanaan, +wie ich mir's vorstellte. Ach! wenn wir nur alle schon da wären, dacht' +ich. Aber die guten Männer, denk' ich, wußten ebensowenig als ich Steg +und Weg und wahrscheinlich noch minder, wo das Geld herzunehmen. Also +blieb das schöne Abenteuer stecken und entschlief nach und nach von +selbst. Indessen las ich immer fleißig in der Bibel, doch noch mehr +in meinem Pater und andern Büchern, unter anderen in dem sogenannten +Pantli Karrer, und in dem weltlichen Liederbuch, dessen Titel mir +entfallen ist. Sonst vergaß ich, was ich gelesen, nicht so bald. Allein +mein unruhiges Wesen nahm dabei sichtbarlich zu, so sehr ich mich auf +mancherlei Weise zu zerstreuen suchte; und, was das Schlimmste war, +hatt' ich das Herz nie, dem Pfarrer oder auch nur dem Vater hievon das +Mindeste zu offenbaren. + +[Sidenote: Geistliche Unterweisung] + +Indessen wundert' es mich doch bisweilen, wie mein Vater und der +Pfarrer von diesem und jenem Spruch in der Bibel, von diesem und jenem +Büchlin denke. Letzterer kam oft zu uns, selbst zur Winterszeit, wenn +er schier im Schnee stecken blieb. Da war ich sehr aufmerksam auf alle +Diskurse und merkte bald, daß sie meist bei weitem nicht einerlei +Meinung waren. Anfangs kam's mir unbegreiflich vor, wie der Ätti so +frech sein und dem Pfarrer widersprechen dürfe. Dann dacht' ich auf +der andern Seite: Aber mein Vater und der flüchtige Pater zusammen +sind doch auch keine Narren und schöpfen ihre Gründe wie jener aus +der gleichen Bibel. Das ging in meinem Sinn so hin und her, bis ich's +etwa wieder vergaß und andern Fantaseyen nachhing. Inzwischen kam +ich im Jahre 1752 zu diesem Pfarrer Heinrich Näf von Zürich in die +Unterweisung zum heiligen Abendmahl. Er unterrichtete mich sehr +gründlich und war mir in der Seele lieb. Oft erzählt' ich meinem Vater +ganze Stunden lang, was er mit mir geredet hatte und meinte, er sollte +davon so gerührt werden wie ich. Bisweilen tat er mir zu Gefallen +dergleichen; aber ich merkte wohl, daß es ihm nicht recht zu Herzen +ging. Doch sah ich auch, daß er überhaupt Wohlgefallen an meinen +Empfindungen und an meiner Aufmerksamkeit hatte. Nachwärts ward dieser +Heinrich Näf Pfarrer gen Humbrechtikon am Zürichsee; und seither, +glaub' ich, kam er noch näher an die Stadt. Noch auf den heutigen Tag +ist meine Liebe zu ihm nicht erloschen. Viel hundertmal denk' ich +mit gerührter Seele an des redlichen Manns Treu und Eifer, an den +liebevollen Unterricht, welchen ich von seinen holdseligen Lippen sog, +und den mein damals gewiß für das Gute weiches und empfängliches Herz +begierig aufnahm. Oh, der redlichen Vorsätze und heiligen Entschlüsse, +die ich so oft in diesen unvergeßlichen Stunden faßte! Wo seid ihr +geblieben? Welchen Weg seid ihr gegangen? Ach! wie oft seid ihr von +mir zurückgerufen und leider wieder verabschiedet worden! O Gott! Wie +freudig ging ich stets aus dem Pfarrhause heim, nahm gleich das Buch +wieder zur Hand und erfrischte damit das Angedenken an die empfangenen +heilsamen Lehren. Aber dann war bald alles wieder verflogen. Selbst +in späteren Tagen, in Augenblicken, wo Lockungen von allen Seiten mir +die süßesten Mienen machten und mich bereden wollten, Schwarz sei, +wo nicht Weiß, doch Grau, stiegen mir meines ehemaligen Seelsorgers +treugemeinte Warnungen noch oft zu Sinn und halfen mir in manchem +Scharmützel mit meinen Leidenschaften den Sieg erringen. Was ich mir +aber noch zu dieser Stunde nicht vergeben kann, ist mein damaliges +öfteres Heucheln, und daß ich, selbst wenn ich mir keines eigentlichen +Bösen bewußt war, immer besser scheinen wollte, als ich zu sein mich +fühlte. Endlich -- ich weiß nicht, war vielleicht auch das ein Tuck +des armen Herzens? -- sang ich, und zwar, wenn ich ganz allein bei +der Arbeit war, wirklich mit größerer Lust etliche geistliche Lieder, +die ich von meiner Mutter gelernt, als meine weltlichen Quodlibet und +wünschte nur freilich allemal, daß mich mein Vater auch hören möchte, +wie er mich sonst meist über meinem losen Lirum Larum ertappt hatte. + +[Sidenote: Neue Kameraden] + +Übrigens hatte der Pfarrer in seinem kleinen Krinau neben mir nur +einen einzigen Buben in der Unterweisung. Dieser hieß H. B., ein +fuchsroter Erzstockfisch. Wenn ihn der Heer[25] was fragte, hielt der +Bursch' immer sein Ohr an mich, daß ich's ihm einblasen sollte. Was +man ihm hundertmal sagte, vergaß er hundertmal wieder. Am Heiligen +Abend, da man uns der Gemeind vorstellte, war er vollends verstummt. +Ich mußte darum fast aneinander antworten, von zwei bis fünf Uhr. Im +Jahr zuvor ward hingegen ein anderer Knabe, J. W., unterwiesen, ein gar +geschicktes Bürschlein, der die Bibel und den Catecist[26] vollkommen +inne hatte. Mit dem macht' ich um diese Zeit Bekanntschaft. Von +Angesicht war er häßlich, die Kinderblattern hatten ihn jämmerlich +zugerichtet, aber sonst ein Kind wie die liebe Stunde. Er hatte einen +gesprächigen Vater, von dem er viel lernte, der aber daneben nicht der +beste und besonders als ein Erzlügner berühmt war. Der konnt' euch +stundenlang die abenteuerlichsten Dinge erzählen, die weder gestoben +noch geflogen waren; so daß es zum Sprichwort wurde, wenn einer etwas +Unwahrscheinliches sagt: »Das ist ein W. -- Lug!« Wenn er redete, +rutschte er auf dem Hintern beständig hin und her. Von seinen Fehlern +hatte sein kleiner Bube keinen geerbt, das Lügen am allerwenigsten. +Jedermann liebte ihn. Mir war er die Kron in Augen. Wir fingen an, +über allerlei Sachen Brieflin zu wechseln, gaben einander Rätsel auf +oder schrieben uns Verse aus der Bibel zu, ohne Spezifikation, wo sie +stünden; da mußte ein jeder selbst nachschlagen. Oft hielt es schwer +oder gar unmöglich, in den Psalmen und Propheten zumal, wo die Verslin +meist erstaunlich kurz, und viele fast gleichlautend sind. Bisweilen +schrieben wir einander von allen Tieren, welche uns die liebsten seien; +dann von allerhand Speisen, welche uns die besten dünkten; dann wieder +von Kleidungsstücken, Zeug und Farben, welche uns die angenehmsten +wären, und so fort. Da bemühte sich je einer den andern an Anmut zu +übertreffen. Oft mocht' ich's kaum erwarten, bis wieder so ein Brieflin +von meinem Freunde kam. Er war mir darin noch viel lieber als in seinem +persönlichen Umgang. So dauerte es lange, bis einst ein unverschämter +Nachbar allerlei wüste Sachen über ihn aussprengte. Obschon ich's nicht +glaubte, verringerte sich doch nun, es ist wunderbar, meine Zuneigung +zu ihm augenblicklich. Ein paar Jahre nachher, es war vielleicht ein +Glück für uns beide, fiel er in eine Krankheit und starb. Ein andrer +unsrer Nachbarn, H., hatte auch Kinder von meinem Alter. Aber mit denen +konnt' ich nichts; sie waren mir zu witznasig, arge Förschler und +Frägler. Um diese Zeit gab mir Nachbar Joggli heimlich um drei Kreuzer +eine Tabakspfeife zu kaufen und lehrte mich schmauchen. Lange mußt' +ich's im Geheim tun, bis einst ein Zahnweh mir den Vorwand verschaffte, +es fortan öffentlich zu treiben. Und, oh, der Torheit! darauf bildete +ich mir nicht wenig ein. + +[Sidenote: Häusliche Umstände] + +[Sidenote: Der Verkauf] + +Unterdessen war unsre Familie bis auf acht Kinder angewachsen. Mein +Vater stak je länger je tiefer in Schulden, so daß er oft nicht +wußte, wo aus noch ein. Mir sagte er nichts; aber mit der Mutter +hielt er oft heimlich Rat. Davon hört' ich eines Tags ein paar Worte +und merkte nun die Sache halb und halb. Allein es focht mich wenig +an, ich ging leichtsinnig meinen kindischen Gang und ließ meine +armen Eltern inzwischen über hundert unausführbaren Projekten sich +den Kopf zerbrechen. Unter diesen war auch der einer Wanderung ins +Gelobte Land, zu meinem größten Verdrusse, zu Wasser worden. Endlich +entschloß sich mein Vater, alle seine Habe seinen Gläubigern auf +Gnad und Ungnad zu übergeben. Er berief sie eines Tags zusammen, +entdeckte ihnen mit Wehmut, aber redlich, seine ganze Lage und bat +sie: In Gottes Namen Haus und Hof, Vieh, Schiff und Geschirr[27] zu +ihren Handen zu nehmen und seinetwegen ihn, nebst Weib und Kindern, +bis aufs Hemd auszuziehen; er wolle ihnen noch dafür danken, wenn sie +ihn nur einmal der unerträglichen Last entledigten. Die meisten von +ihnen, und selbst die, welche ihm mit Treiben am unerbittlichsten +zugesetzt hatten, erstaunten über diesen Vortrag. Sie untersuchten Soll +und Haben; und das Fazit war, daß sie die Sachen bei weitem nicht so +schlimm fanden, als sie sich's vorgestellt hatten. Sie baten ihn also +alle wie aus einem Munde, er soll doch nicht so kläglich tun, guten +Muts sein, sich tapfer wehren, und seine Wirtschaft emsig treiben wie +bisher; sie wollten gern Geduld mit ihm tragen und ihm noch aus Kräften +beraten und beholfen sein; er habe eine Stube voll braver Kinder, die +werden ja alle Tag' größer und können ihm an die Hand gehen. Was er +mit diesen armen Schafen draußen in der weiten Welt anfangen wollte? +Allein mein Vater unterbrach sie in diesen liebreichen Äußerungen ihres +Mitleids alle Augenblick: »Nein, um Gottes willen, nein! Nehmt mir +die entsetzliche Bürde ab. Das Leben ist mir so ganz verleidet! Aufs +Besserwerden hofft' ich schon dreizehn Jahr vergebens. Und kurz, bei +unserm Gut hab' ich einmal weder Glück noch Stern. Mit sauerm Schweiß +und so vielen schlaflosen Nächten grub ich mich nur immer tiefer in +die Schulden hinein. Geb, wie ich's machte, da half Hausen und Sparen, +Hunger und Mangel leiden, bis aufs Blut arbeiten, kurz, alles und alles +nichts. Besonders mit dem Vieh wollt's mir nie gelingen. Verkauft' +ich die Küh', um das Futter versilbern zu können, und daraus meine +Zinse zu bestreiten, so hatt' ich mit meiner Haushaltung, die außer +dem Güterarbeiten keinen Kreuzer verdienen konnte, nichts zu essen, +wenn ich gleich die halbe Losung wieder in andre Speisen steckte. +Schon von Anfang an mußt' ich immer Taglöhner halten, Geld entlehnen +und aus einem Sack in den andern schleufen, bis ich mich nicht mehr zu +kehren wußte. Noch einmal, um Gottes willen! Da ist all' mein Vermögen. +Nehmt, was ihr findet und laßt mich ruhig meine Straße ziehen. Mit +meinen ältern Kindern wird's mir wohl möglich werden, uns allen ein +schmales Stücklein Brot zu erwerben. Wer weiß, was der liebe Gott uns +noch für die Zukunft beschert hat!« Als nun endlich unsere Gläubiger +sahen, daß mit meinem Vater anders nichts anzufangen wäre, nahmen sie +das Dreyschlatt mit aller Zubehörd gemeinschaftlich zu ihren Handen, +setzten einen Gildenvogt, ließen einen neuen Überschlag machen und +fanden wieder, daß einmal da kein großer Verlust herauskommen könne. +Sie schenkten darum dem armen Ätti nicht allein allen Hausrat, Schiff +und Geschirr, sondern baten ihn auch, bis sich ein Käufer fände, weiter +auf dem Gut zu bleiben und es um billigen Lohn zu bearbeiten. Dieser +bestund, nebst freier Behausung und Holzes genug, in der Sömmerung[28] +für acht Kühe, und Grund und Boden, zu pflanzen, was und wieviel +wir konnten und mochten. Jetzt war meinem Vater wieder so wohl, als +wenn er im Himmel wäre; und was ihm am meisten Freud' machte, seine +alten Schuldherren waren fast noch zufriedner als er, so daß von dem +ersten Augenblick an keiner ihm nur eine saure Miene gemacht. Wir +hatten ein recht gutes Jahr und konnten neben unsrer Güterarbeit noch +eine ziemliche Zeit für Salpetersieden erübrigen. Ich lernte dieses +ebenfalls, als mein Vater einst an einem Bein Ungelegenheit hatte und +hernach wirklich bettliegerig ward. Die Schmerzen nahmen täglich so +sehr überhand, daß er eines Abends von uns allen Abschied nahm. Endlich +gelang es dem Herrn Doktor Müller aus der Schamaten, ihn wieder zu +kurieren. Derselbe tat solches nicht nur unentgeltlich, sondern gab +uns noch Geld dazu. Der Himmel wird es ihm reichlich vergelten. -- +Inzwischen zeigte sich ein Käufer zum Dreyschlatt. Wir waren im Grund +alle froh, diese Einöde zu verlassen, aber niemand so wie ich, da ich +hoffte, das strenge Arbeiten sollt' nun ein Ende nehmen. Wie ich mich +betrog, wird die Folge lehren. + +[Sidenote: Wanderung nach Wattweil] + +[Sidenote: Schlimme Hausgenossenschaft] + +Mitten im März des Jahres 1754 zogen wir mit Sack und Pack aus dem +Dreyschlatt weg und sagten dem wilden Ort auf ewig gute Nacht! Noch +lag dort klaftertiefer Schnee. Von Ochs oder Pferd war keine Rede. Wir +mußten unsern Hausrat und die jüngern Geschwister auf Schlitten selbst +fortzügeln. Ich zog an dem meinigen wie ein Pferd, so daß ich am End +fast atemlos hinsank. Doch die Lust, unsre Wohnung zu verändern und +einmal auch im Tal, in einem Dorf, und unter Menschen zu leben, machten +mir die saure Arbeit lieb. Wir langten an. Das muß ein rechtes Kanaan +sein, dacht' ich; denn hier guckten die Grasspitzen schon unterm Schnee +hervor. Unser Gütlin (es hieß die Staig), das wir zu Lehen empfangen +hatten, stund voll großer Bäume, und ein Bach rollte angenehm mitten +durch. Im Gärtlin bemerkt' ich einen Zipartenbaum. Im Haus hatten wir +eine schöne Aussicht das Tal hinauf. Aber übrigens, was das für eine +dunkle, schwarze, wurmstichige Rauchhütte war! Lauter faule Fußboden +und Stiegen; ein unerhörter Unflat und Gestank in allen Gemächern. Aber +das alles war noch nichts gegen den lebendigen Einsiegel, den wir im +Haus haben mußten: ein abscheuliches Bettelmensch, das sich besoff, so +oft es ein Kirchenalmosen erhielt und auf die Art zu Wein kam, dann in +der Trunkenheit sich mutternackt auszog, und so im Haus herumsprang und +pfiff, auch, wenn man ihm das geringste einreden wollte, ein Fluchen +und Lamentieren erhob wie eine Besessene. Es bekam zwar deshalb oft +den Rinderriemen, der aber leider meist aus übel ärger machte. Das +Ungeheuer war überdies auf junge Mannspersonen erpicht -- Puh! mir +schaudert noch die Haut davor -- und hätte gern auch mich angepackt. +Das war mir eine völlig neue Erscheinung, und ich redete davon mit +meinem Vater, ohne der Versuchung selbst zu erwähnen. Der sagte mir +dann, was eine Katze sei, und nun bekam ich einen solchen Ekel vor dem +Tier, daß mir ein Stich durch alle Adern ging, so oft es mir unter +Augen kam. + +[Sidenote: Göttliche Heimsuchung] + +Wenige Tage nach unsrer Ankunft ward ich mit einem heftigen Frost +und Fieber befallen. Ob mir das plötzliche Vertauschen der frischen +Bergluft mit der im Tal, oder die unreinliche Wohnung, oder ein schon +mitgebrachter Stoff dazu im Körper, oder endlich gar der Abscheu +vor dem entsetzlichen Geschöpfe das Übel zugezogen, weiß ich nicht. +Einmal zuvor war, außer leichten Kopf- und Zahnschmerzen, jedes andre +Übelbehagen mir ganz unbekannt. Man ließ den lieben Herrn Doktor +Müller kommen; er verordnete mir eine doppelte Aderlässe, zweifelte +aber gleich beim ersten Anblick an meinem Aufkommen. Am dritten Tag +glaubt' ich, nun sei's gewiß mit mir aus, da mein armer Kopf beinah +zerspringen wollte. Ich rang, wimmerte, krümmte mich wie ein Wurm, +und stund Höllenangst aus: Tod und Ewigkeit kamen mir schrecklich +vor. Meinem Vater, der sich fast nie von mir entfernte und oft ganz +allein um mich war, beichtete ich in einem solchen Augenblick alles, +was mir auf dem Herzen lag, sonderlich auch wegen der Verfolgungen des +vorerwähnten Unholds, der mir viel zu schaffen machte. Der gute Ätti +erschrak entsetzlich und fragte mich, ob ich mit dem Tier etwas Böses +getan? »Nein, gewiß nicht, Vater!« antwortete ich schluchzend, »aber +das Ungeheuer wollt' mich dazu bereden; und ich hab's dir verschwiegen. +Das nun, fürcht' ich, sei eine große Sünd'.« »Sei nur ruhig, mein +Sohn!« versetzte mein Vater, »halt dich im stillen zu Gott. Er ist +gütig und wird dir deine Sünden vergeben.« Dies einzige Wort des +Trostes machte mich gleichsam wieder auflebend. Oh, wie eifrig gelobt' +ich in diesem Augenblick, ein ganz andrer Mensch zu werden, wenn ich's +länger auf Erden treiben sollte. Indessen gab's noch verschiedene +Rückfälle. Einmal wußt' ich vierundzwanzig Stunden lang nichts mehr +von mir; aber dies war die Krisis. Beim Erwachen fühlt' ich zwar meine +Schmerzen wieder, doch in weit geringerm Grade, und was für mich viel +wichtiger war, die bangen, angsthaften Gedanken blieben aus. Der Doktor +fing an, Hoffnung zu schöpfen, und ich nicht minder; und kurz, es +ließ sich täglich mehr zur Besserung an, bis ich, freilich erst nach +etlichen Wochen, wieder ganz auf die Beine kam. Aber das Tiermensch, +das wir im Haus hatten und dulden mußten, war mir unausstehlicher +als jemals. Mich und alle meine Geschwister überhäufte es mit den +unflätigsten Schimpfworten. Während meiner Krankheit sagte es mir oft +ins Gesicht, ich sei ein mutwilliger Bankert, es fehle mir nichts, +man sollte mir statt Arzneien die Rute geben, und dergleichen. Ich bat +meinen Vater, so hoch ich konnte, er solle uns die Kreatur vom Hals +schaffen, sonst könnt' ich in Ewigkeit nicht vollkommen gesund werden. +Aber es war unmöglich, für einmal wollt' sie uns niemand abnehmen. Wenn +sie's gar zu schlimm machte, ließen wir sie, wie gesagt, karbatschen. +Aber zuletzt wollt' uns auch diesen Dienst niemand mehr leisten, denn +jedermann fürchtete sich vor ihr, wie vor dem bösen Geist. Mit guten +Worten kam man ihr gewissermaßen noch am leichtesten bei. Was mir +indessen als die allerherbste Prüfung vorkam, war, daß ich und meine +Geschwister in ihrer Gesellschaft mit Baumwollen-Kämmen und Spinnen +unsern Feierabend machen mußten. Sobald aber der Sommer anrückte, half +ich mir damit, daß ich meine Arbeit, so viel's immer die Witterung +zuließ, außer dem Haus verrichtete. + +[Sidenote: Jetzt Tagelöhner] + +»Danke deinem Schöpfer,« sagte inzwischen eines Tags mein Vater zu +mir, »er hat dein Flehen erhört und dir von neuem das Leben geschenkt. +Ich zwar, ich will dir's nur gestehen, dachte nicht, wie du, Uli, und +hätt' dich und mich nicht unglücklich geschätzt, wenn du dahingefahren +wärst. Denn, ach! große Kinder, große Sorgen! Unsre Haushaltung ist +überladen. Ich hab' kein Vermögen, keins von euch kann noch sicher sein +Brot gewinnen. Du bist das älteste. Was willst du nun anfangen? In +der Stube hocken und mit der Baumwolle hantieren, seh' ich wohl, magst +du nicht. Du wirst müssen tagmen!«[29] -- »Was du willst, mein Vater!« +antwortete ich, »nur ja nicht ofenbruten!« Wir waren bald einig. Der +damalige Schloßbauer, Weibel K., nahm mich zum Knecht an. Von meiner +überstandenen Krankheit war ich noch ziemlich abgemattet, aber mein +Meister, als ein vernünftiger und stets aufgeräumter Mann, trug alle +Geduld mit mir, um so viel mehr, da er eigne Buben von gleichem Schrot +hatte. Die meiste Zeit mußt' er seinen Amtsgeschäften nach, dann +ging's freilich oft bunt über Eck. Indessen gab er mir auch blutwenig +Lohn, und die Frau Bäurin ließ uns manchmal bis um zehn Uhr nüchtern. +Bei strenger Arbeit erhielten wir auch immer bessere Kost. Bisweilen +brachten wir ihm etwas Wildbret, einen Vogel oder Fisch nach Haus; das +ließ er sich vortrefflich schmecken. Eines Tages erbeuteten wir ein +ganzes Nest voll junger Krähen, die mußt' ihm seine Hausehre wunderbar +präparieren. Er verschlang mit ungeheurer Lust alle bis auf die letzte. +Aber mit eins gab's eine Rebellion im Magen. Er sprang vom Stuhl und +rannte todblaß und schnellen Schrittes den Saal auf und nieder, wo die +Füß' und Federn noch überall zerstreut am Boden lagen! Endlich schnauzt +er uns Buben mit lächerlichem Grimm an: »Tut mir das Schinderszeug +da weg, oder ich kotze euch hunderttausend Dutzend von euern Bestien +heraus. Einmal in meinem Leben solche schwarze Teufel gefressen, und +nimmermehr!« Dann legte sich der launigte Mann zu Bett, und mit einem +tüchtigen Schweiß ging alles vorbei. + +Auch mein Bruder Jakob verrichtete um die nämliche Zeit ähnliche +Knechtdienst'. Die Kleinern mußten in den Stunden neben der Schule +spinnen. Unter diesen war Georg ein besonders lustiger Erzvogel. Wenn +man ihn an seinem Rädchen glaubte, saß er auf einem Baum oder auf dem +Dach, und schrie Kuckuck! »Du fauler Lecker!« hieß es dann etwa von +seite der Mutter, wenn sie ihn so in den Lüften erblickte, und von +seiner: »Ich will kommen, wenn du mich nicht schlagen willst, sonst +steig ich dir bis in Himmel auf!« Was war da zu tun? Man mußte meist +des Elends lachen. + + + + + Die erste Liebe + + +Wenn einer in sein zwanzigstes Jahr geht, darf er schon ahnden, es +gebe zweierlei Leute in der Welt. Der Weibel hatte ein bluthübsches +Töchterchen, aber scheu wie ein Hase. Es war mir eine Freud', wenn ich +sie sah, ohne zu wissen warum? Nach etlichen Jahren heiratete sie einen +Schlingel, der ihr ein Häufchen Jungens auflud, und sich endlich als +ein Schelm aus dem Land machte. Das gute Kind! + +[Sidenote: Ännchen] + +[Sidenote: Auf dem Pfingstmarkt] + +Dann hatte unser Nachbar Uli eine Stieftochter, Ännchen; die konnt' +ich alle Sonntage sehen. Allemal winselt es mir ein wenig ums +Herzgrübchen. Ich wußte wieder nicht warum, denk' aber wohl, weil's +mich so hübsch dünkte; einmal etwas anderes kam mir gewiß nicht in +den Sinn. An den gedachten Sonntagen zu Abend machten wir jungen +Leute miteinander Buntreihen, Kettenschleuffen, Habersieden, Schühle +verbergen und dergleichen. Ich war wie in einer neuen Welt, nicht +mehr ein Eremit wie im Dreyschlatt. Nun merkt' ich zwar, daß mich +Ännchen wohl leiden mocht', dacht' indessen, sie würd' sonst schon ihre +Liebsten haben. Einst aber hatte meine Mutter die Schwachheit, mir, und +zwar als wenn sie stolz drauf wäre, zu sagen: »Ännchen sehe mich gern.« +Dieser Bericht rannte mir wie ein Feuer durch alle Glieder. Bisher +hielt ich dafür, meine Eltern würden's nicht zugeben, daß ich, noch so +jung, nur die geringste Bekanntschaft mit einem fremden Mädchen hätte. +Jetzt aber -- so wichtig ist es, die Menschen in nützlichen Meinungen +durch kein unvorsichtiges Wort irrezumachen -- merkt ich's meiner +Mutter deutlich an, daß ich so etwas schon wagen dürfte. Indessen tat +ich nicht dergleichen, aber meine innre Freud' war nur desto größer, +daß man mir jetzt selbst die Tür aufgetan, unter das junge lustige +Volk zu wandeln. Von dieser Zeit an, versteht sich's, schnitt' ich +bei allen Anlässen Ännchen ein entschieden freundlich Gesichtchen; +aber daß ich ihr mit Worten etwas von Liebe sagen durfte, oh, um +aller Welt Gut willen hätt' ich dazu nicht Herz gehabt. Einst erhielt +ich Erlaubnis, auf den Pfingst-Jahrmarkt zu gehn. Da sann ich lang +hin und her, ob ich sie aufs Rathaus zum Wein führen dürfe? Aber das +schien mir schon zuviel gewagt. Dort sah ich sie eins herumschlängeln. +Herodes mag das Herz nicht so gepocht haben, als er Herodias Tochter +tänzeln sah. Ach! so ein schönes, schlankes, nettes Kind, in der +allerliebsten Zürchbietler-Tracht! Wie ihm die goldfarbnen Zöpf' so +fein herunterhingen! Ich stellte mich in einen Winkel, um meine Augen +im Verborgenen an ihr weiden zu können. Da sagt' ich zu mir selbst: Ah! +in deinem Leben wirst du Lümmel nie das Glück haben, ein solch Kind +zu bekommen, sie ist viel, viel zu gut für dich! Hundert andre weit +bessre Kerls werden sie lang vor dir erhaschen. So dacht' ich, als +Ännchen, die mich und meine Schüchternheit schon geraume Zeit mochte +bemerkt haben, auf mich zukam, mich freundlich bei der Hand nahm und +sagte: »Uli! führ' du mich auch eins herum!« Ich feuerrot erwiderte: +»Ich kann's nicht, Ännchen! gewiß ich kann's nicht!« -- »So zahl' mir +eine halbe,« versetzte sie, ich wußt' nicht ob im Schimpf oder Ernst. +»Es ist dir nicht Ernst, Schleppsack,« erwidert' ich darum. Und sie: +»Mi See,[30] 's ist mir ernst!« Ich todblaß: »Mi See, Ännchen, ich +darf heut' nicht!« Ein andermal. »Gwüß ich möcht' gern, aber ich darf +nicht!« Das mocht ihr ein wenig in den Kopf steigen, sie ließ sich's +aber nicht merken, trat, mir nix dir nix rückwärts und machte ihre +Sachen wie zuvor. So auch ich, stolperte noch eine Weile aus einer +Ecke in die andre, und machte mich endlich, wie alle übrigen, auf den +Heimweg. Ohne Zweifel, daß Ännchen auf mich acht gegeben. Nahe beim +Dorf kam sie hinter mir drein: »Uli! Uli! Jetzt sind wir allein. Komm' +noch mit mir zu des Seppen, und zahl mir eine Halbe!« »Wo du willst,« +sagt' ich, und damit setzten wir ein paar Minuten stillschweigend unsre +Straße fort. »Ännchen! Ännchen!« hob ich dann wieder an, »ich muß dir's +nur grad sagen, ich hab' kein Geld. Der Ätti gibt mir keins in Sack, +als etwa zu einem Schöppli, und das hab' ich schon im Städtli verputzt. +Glaub' mir's, ich wollt' herzlich gern -- und dich dann heim geleiten! +Oh! Aber da müßt' ich wieder meinen Vater fürchten. Gwüß, Ännchen! 's +wär das erstemal. Noch nie hätt' ich mich unterstanden, ein Mädle zum +Wein zu führen, und jetzt, wie gern ich's möcht', und auf Gottes Welt +keine lieber als dich, bitte, bitte, glaub mir's, kann und darf ich's +nicht. Gwüß ein andermal, wenn du mir nur wart'st, bis ich darf und +Geld hab'.« -- »Ei, Possen, Närrlin!« versetzte Ännchen, »dein Vater +sagt nichts, und bei der Mutter will ich's verantworten -- weiß schon, +wo der Has lauft. Geld? Mit samt dem Geld! 's ist mir nicht ums Trinken +und nicht ums Geld -- und damit griff sie ins Säcklin -- hier hast du, +glaub' ich, genug, zu zahlen, wie's der Brauch ist. Mir wär's Ein Ding, +ich wollt' lieber für dich zahlen, wenn's so Mode wär'.« Paf! Jetzt +stand ich da, wie die Butter an der Sonne. Ich gab endlich Ännchen mit +Zittern und Beben die Hand, und so ging's vollends ins Dorf hinein, zum +Engel. Mir ward's blau und schwarz vor den Augen, als ich mit ihr in +die Stube trat, und da alles von Tischen voll Leute wimmelte, die einen +Augenblick wenigstens auf uns ihre Blicke richteten. Indessen deucht' +es mich auch wieder, Himmel und Erde müss' einem gut sein, der ein so +holdes Mädchen zur Seite hat. Wir tranken unsre Maß, weder zu langsam +noch zu geschwind; zu schwatzen gab's, ich denk' durch meine Schuld, +eben nicht viel. Entzückt, und ganz durchglüht von Wein und Liebe, aber +immer voll Furcht, führt' ich nun das herrliche Kind nach Haus, bis an +die Türe. Keinen Kuß? Keinen Fuß über ihre Schwelle? Ich schwöre es: +Nein! Auch ich lief nun schnurstracks heim, ging mausstill zu Bett', +und dachte: Heut wirst du bald und süßer entschlummern, als sonst noch +nie in deinem Leben! Aber wie ich mich betrog! Da war von Schlaf keine +Rede. Tausend wunderbare Grillen gingen mir im Kopf herum und wälzten +mich auf meinem Lager hin und her. Hauptsächlich verwünscht' ich jetzt +meine kindische Blödigkeit und Furcht: Oh, das himmlische süße Mädchen! +dacht' ich, konnt' es wohl mehr tun, und ich weniger? Ach! es weiß +nicht, wie's in meinem Busen brennt, und nur durch meine Schuld. Oh, +ich Hasenherz! Solch ein Liebchen nicht küssen, nicht halb zerdrücken! +Kann Ännchen so einen Narren, so einen Lümmel lieben? Nein! Nein! Warum +spring' ich nicht auf und davon, zu ihrem Haus, klopf an ihrer Tür' und +rufe: Ännchen, Ännchen, liebstes Ännchen! Steh' auf, ich will abbitten! +Ich war ein Ochs, ein Esel! verzeih mir's doch! O, ich will's künftig +besser machen, und dir gewiß zeigen, wie lieb mir bist! Herziger +Schatz! ich bitt' dich drum, sei mir doch weiter gut und gib mich nicht +auf. Ich will mich bekehren, bin noch jung und was ich nicht kann, will +ich lernen. -- So machte mich, gleich vielen andern, die erste Liebe +zum Narren. + +Des Morgens in aller Frühe flog ich nach Ännchens Haus. -- Ja, das +hätt' ich tun sollen, tat's aber eben nicht. Ich schämt' mich vor ihr, +daß mir's Herz davon weh tat, in die Seel' hinein schämt ich mich, vor +den Wänden, vor Sonn' und Mond, vor allen Stauden schämt' ich mich, +daß ich gestern so erzalbern tat. Meine einzige Entschuldigung vor +mir selber war, daß ich dachte, es hätte so seine eigne studierte Art +mit den Mädels umzugehn, und ich wüßte diese Art nicht, niemand sage +mir's, und ich hätt' nicht das Herz, jemand zu fragen. Aber so (roch's +mir dann wieder auf) darfst du Ännchen nie, nie mehr unter die Augen +treten, fliehen mußt du vielmehr das holde Kind, oder kannst wenigstens +nur im Verborgenen mit ihr deine Freud' haben, nur verstohlen nach ihr +blicken. Inzwischen macht' ich eine neue Bekanntschaft mit ein paar +Nachbarsbuben, die auch ihre Schätz' hatten, um heimlich von ihnen +zu erfahren, wie man mit diesen schönen Dingen umgehen und es machen +müsse, ihnen zu gefallen. Einmal nahm ich gar das Herz in beide Händ' +und fragte sie darum, aber sie lachten mich aus, und sagten mir so +närrisches und unglaubliches Zeug, daß ich gar nicht mehr wußte, wo ich +zu Haus war. + +Inzwischen ward diese Liebesgeschichte, die ich gern vor mir selber +verborgen hätte, bald überall laut. Die ganze Nachbarschaft, und +besonders die Weiber, gafften mir, wo ich stund und ging, ins Gesicht, +als ob ich ein Eisländer wäre: »Ha, ha, Uli!« hieß es dann, »du hast +die Kinderschuh auch verheyt.«[31] Meine Eltern wurden's ebenfalls +inne. Die Mutter lächelte dazu, denn Ännchen war ihr lieb, aber +der Vater blickte mich desto trüber an, doch ließ er kein Wörtchen +verlauten, als ob er in meinem Busen Unrat lese. Das war nun desto +peinigender für mich. Ich ging überall umher wie der Schatten an der +Wand und wünschte oft, daß ich Ännchen nie mit einem Aug' gesehen +hätte. Auch meine Bauersleute rochen bald den Braten und spotteten +meiner. + +[Sidenote: Nachtbesuch] + +[Sidenote: Eifersucht] + +Eines Abends kam mir Ännchen so in den Wurf, daß ich nicht entwischen +konnte. Ich stund wie versteinert. »Uli!« sagte sie, »komm heut z'Nacht +ein bißli zu mir, ich hab' mit dir z'reden. Willst kommen, sag'?« -- +»Ich weiß nicht,« stotterte ich. »Eh, komm! Ich muß notwendig mit +dir reden, sag, versprich mir's!« »Ja, ja gewiß, wenn ich kann!« Wir +mußten scheiden. Ich rannte eilends nach Haus. Himmel! dacht' ich, was +mag das sein? Kann das liebe Ännchen mir noch so freundlich begegnen? +Soll ich, darf ich? Ja, ich muß, ich will gehn. Nun geriet ich, ob aus +Ehrlichkeit oder List weiß ich selbst nicht, auf den guten Einfall, +das Ding der Mutter zu sagen. »Ja ja, geh' nur,« sprach diese, »ich +will dir nach dem Essen schon forthelfen, daß kein Hahn darnach krähen +soll.« Das war mir recht gekocht. Alles gesagt, getan. Ich ging hin +und traf Ännchen, ihre Mutter und ihren Stiefätti, sie hielten sonst +eine Schenke, ganz allein an. Ich ließ ein Glas Branz[32] holen, um +doch etwas zu tun, bis die Alten im Bett' wären, weil ich nichts +zu reden wußte. Aus lauter Furcht saß ich weit von Ännchen weg. +Aber darum mocht' ich's doch kaum erwarten, bis die Eltern zur Ruh' +gingen. Endlich geriet's. Da fing mein Liebchen an, in einem fort zu +schnättern, daß es lieblich und doch betrübt zu hören war, als sie mir +über mein kaltes Bezeigen Vorwürf' über Vorwürf' machte, und alles, +was sie die Zeit her über mich schwatzen gehört, mir unter die Nase +rieb. Ich faßte Mut, verantwortete mich so gut ich konnte, und sagt' +ihr auch gerad' allen Kram heraus, was die Leut' von ihr redeten und +wofür man sie hielt, von meinen Gesinnungen hingegen kein Wort: »So!« +sagte sie, »was schiert mich der Leute Reden! Ich weiß schon, wer +ich bin, und hinter dir hätt' ich ein wenig mehr als soviel gesucht. +Macht aber nichts, schadet gar nichts!« Nachdem dieser Wortwechsel +noch ein Weilchen fortgedauert hatte, und mir das Brenz ein wenig in +den Kopf stieg, wagt' ich's ihr ein bißchen näher zu rücken, denn +das zwar bösscheinende, aber verzweifelt artige Räsonnieren gefiel +mir in der Seele wohl. Ich erkühnte mich sogar, ihr einige läppische +Lehrstücke von erznärrischen Liebkosungen zu machen. Sie wies mich +aber frostig zurück und sagte: »Kannst mir warten! Wer hat dich das +gelehrt?« Dann schwieg sie eine Weile still, guckte steif ins Licht, +und ich ein gut' Klafter von ihr entfernt, ihr ins Gesicht. Oh, ihre +zwei blauen Äuglin, die gelben Haarlocken, das nette Näschen, das +lose Mäulchen, die sanft roten Bäcklin, das feine Ohrläpplin, das +geründelte Kinn, das glänzend weiße Hälschen, o, in meinem Leben hab' +ich so nichts gesehn. Kein Maler vom Himmel könnt's schöner malen. +»Dürft' ich doch,« dacht' ich, »nur ein einziges Mal einen Kuß auf +ihr holdes Mündlein tun! Aber nun hab' ich's schon wieder, und ach! +wohl auf ewig verdorben.« Ich nahm also kurz und gut Abschied. Ganz +frostig sagte sie: »Adieu!« Ich noch einmal: »Leb' wohl, Anne!« und im +Herzen: Leb' ewig wohl, herzallerliebstes Schätzchen! Aber vergessen +konnt' ich sie nun einmal nicht. In der Kirch' sah ich sie mehr als +den Pfarrer, und wo ich sie erblickte, war mir wohl ums Herz. Eines +Sonntagabends sah ich einen Schneiderbursch Ännchen heimführen. Wie +da urplötzlich mein Blut sich empörte, und alle Säfte mir in allen +Gliedern rebellierten! Halb sinnlos sprang ich ihnen auf dem Fuß nach, +ich hätte den Schneider erwürgen können, aber ein gebietender Blick von +Ännchen hielt mich zurück. Inzwischen macht' ich ihr nachwärts bittere +Vorwürf' drüber, und eine ganze Litanei von räudigen Schneidern und +Schneidereigenschaften. Dacht' halt: Verloren ist verloren! -- Aber +Anne blieb mir nichts schuldig, wie ihr's leicht denken könnt. + +[Sidenote: Die Eltern] + +Ännchens Stiefätti war ein leichtsinniger Brenzwirt; ihm galt's +gleichviel, wer kam und ihm sein Brenz absoff. Ich war nun in kurzem +bei seinem Töchterchen wieder wohl am Brett, und genoß dann und wann +ein herrliches Viertelstündchen bei ihr. Das lag meinem Vater gar +nicht recht. Er sprach mir ernstlich zu, es half aber alles nichts, +Ännchen war mir viel zu lieb. Fürchterlich schimpft' er bisweilen +auf das verdammte Brenznest, wie er es nannte; und Anne sah' er für +eine liederliche Dirn' an. Aber Gott weiß es! das war sie nicht; das +redlichste bravste Mädchen, fast meiner Länge, so schlank und hübsch +geformt, daß es eine Lust war. Aber ja, schwätzen konnt' sie wie eine +Dohle. Ihre Stimme klang wie ein Orgelpfeifchen. Sie war immer munter +und allert;[33] um und um lauter Leben; und das macht es eben, daß +mancher Sauertopf so schlimm von ihr dachte. Wenn meine Mutter meinen +Vater nicht bisweilen eines Besseren belehrt, er hätt' mit Stock und +Stein dreingeschlagen. + +[Sidenote: Ännchen zum Besuch] + +So verstrich der Sommer. Noch in keinem hatten mir die Vögel, die ich +alle Morgen mit Entzücken behorchte, so lieblich gesungen. Gegen den +Herbst zogen wir in die Pulverstampfe, wo um diese Zeit mein Vater zum +Pulvermacher angenommen worden war. Der Meister, C. Gasser, wurde von +Bern verschrieben, und lehrt' uns das Handwerk aus dem Fundament, so +daß wir auch das Schwerste in wenig Wochen begreifen konnten. Unter +andern war mein Ätti froh, mich jetzt ein Stück weit von Ännchen +weg zu haben. Auch überwand ich mich ziemlich lang -- als das liebe +Kind einst unversehens zu uns zu Stubeten[34] kam. Ich erschrak +sehr, und dacht' da würd' ein Wetter losgehen. So lang' sie da war, +hingen des Vaters Augenbraunen tief herunter, er schnaubte vor Grimm, +redte kein Wort, horchte aber, wie man leicht merken mochte, auf alle +Scheltwort'. Oh, wie dauerte mich das herrliche Schätzchen! Würd's +doch mein Vater wie ich kennen, wie ganz anders wär's da empfangen +worden. Des Abends geleitete ich sie nach Haus. Noch war ich immer +der alte blöde Junge. Sie neckte mich artlicher als sonst, aber doch +mußt's geneckt sein. Morgens drauf erst ging des Ättis Predigt an: +was er an Ännchen Ungereimtes bemerkt, oder vielmehr bemerkt haben +wollte, was er gehört und nicht gehört, sondern nur vermutet, das +alles kam in die Nutzanwendung seines Sermons. Allerhand Spottnamen, +und kurz, alles was Ännchen in meinen Augen verächtlich machen sollte, +blieb +per se+ nicht aus. Und wirklich, so lieb mir das Mädchen +war, nahm ich mir jetzund doch vor, von ihr abzustehn, weil mir der +Vater sie schwerlich jemals lassen würde, und inzwischen noch mancher +Ehrenpfennig ihretwegen spazieren müßte. Gleichwohl darf ich zu ihrem +Preis auch nicht verschweigen, daß sie mich nie um Geld bringen wollte, +ja, daß sie sogar, wenn ich für sie ein Brenzlin zahlte, nicht selten +die Ürte[35] mir heimlich wieder zusteckte. Eines Tags nun sagt' ich +zum Ätti: »Ich will nicht mehr zur Anne gehn', ich versprech dir's.« +»Das wird mich freuen,« sprach er, »und dich nicht gereuen, Uli! Ich +mein's gewiß gut mit dir. Sei doch nicht so wohlfeil. Du bist noch +jung, und kommst alleweil früh genug zum Schick. Unterdessen geht's dir +sicher mehr auf als ab. So eine gibt's noch, wann der Markt vorbei ist. +Führ' dich brav auf, bet' und arbeite, und bleib fein bei Haus. Dann +gibst einen rechten Kerl, einen Mann ins Feld, und, ich wette, bekommst +mit der Zeit ein braves Bauernmädle. Indessen will ich immer für dich +sorgen.« + +So ging der Winter vorbei. Aber mein Wort hielt ich wenig, und sah +Ännchen, so oft es insgeheim geschehen konnte. + +[Sidenote: Immer noch Liebesgeschichten] + +Von Gallitag bis in März konnten wir kein Pulver machen. Ich verdient' +also mein Brot mit Baumwollenkämmen; die andern mit Spinnen. Der Vater +machte die Hausgeschäfte, las uns an den Abenden aus David Hollatz, +Böhm und Meads »Beinahe-Christ« die erbaulichsten Stellen vor, und +erklärte uns, was er für unverständlich hielt, eben nicht allemal am +verständlichsten. Ich las auch für mich. Aber mein Sinn stund meist +nicht im Buch, sondern in der weiten Welt. + +Im folgenden Frühling (1755) hieß es: Wohin nun mit so viel +Buben? Jakob und Jörg wurden zum Pulvermachen bestimmt, ich zum +Salpetersieden. Bei diesem Geschäft gab mir mein Vater den Uli +M., einen groben, aber geraden, ehrlichen Menschen zum Gehilfen, +der ehemals Soldat gewesen, und das Handwerk von seinem Vater her +verstand, der in seinem Beruf, aber auch elend genug, verstorben, da +er in einen siedenden Salpeterkessel fiel. Wir beiden Ulis fingen +also miteinander im März 1755 in der Schamatten unsern Gewerb an. Da +gab's unter der Arbeit allerlei Gespräche, die mein Kamerad wohl durch +einen Umweg, und wie ich nachwärts erfuhr, geflissen, vielleicht gar +auf Anstiften meines Vaters auf Heiratsmaterien zu lenken wußte. Er +empfahl mir endlich eine schon ziemlich ältliche Tochter zur Frau, +die auch meinen Eltern, dem Ätti besonders, ihres bestandenen Alters +und stillen Wandels wegen, wohl gefiel. Ihnen zu Gefallen, führt' ich +diese Ursel ein paar Mal zum Wein. Mein Uli machte viel Rühmens von +diesem Esaugesicht, das er, nach seiner eignen Sag', schon vor zehn +Jahren karessiert hätte. Daß ich eben wenig Reizendes an ihr entdeckte, +versteht sich schon. Eine Stunde bei ihr dünkte mich eine halbe Nacht, +so gut sie mir immer begegnete, ja, je besser, desto schlimmer für +mich. Übrigens trug sie eine ordentliche Bauerntracht. Aber mit Ännchen +verglichen war's halt wie Tag und Nacht. Als mich daher letztre eines +Tags an der Straß' auffing, sprach sie mit bitterm Spott: »Pfui, Uli! +So ein Haargesicht, so eine Iltishaut, so ein Tanzbär! Mir sollt' +keiner mehr auf einen Büchsenschuß nahe kommen, der sich an einer +solchen Dreckpatsche beschmiert hätte! Uhi! wie stinkst!« Das ging mir +durch Mark und Bein. Ich fühlte, daß Ännchen recht hatte; aber dennoch +verdroß es mich. Ich verbiß meinen Unmut, schlug ein erzwungenes +Gelächter auf, und sagte: »Gut, gut, Ännchen! Nächstens will ich dir +alles erklären!« und damit gingen wir voneinander. Es währte kaum +vierundzwanzig Stunden, so gab ich meiner grauen Ursel förmlichen +Abschied. Sie sah mir wehmütig nach und rief immer hintendrein: »Ist +denn nichts mehr zu machen? Bin ich dir zu alt oder nicht hübsch gnug? +Nur noch einmal.« Aber ein Wort, ein Mann. + +Am nächsten Huheijatag,[36] wo Ännchen auch gegenwärtig war, sah sie, +daß ich allein trank. Sie kam freundlich zu mir und lud mich auf den +Abend ein. Voll Entzücken flog ich zu ihr hin, und merkte bald, daß ich +wieder recht willkomm war, obschon mir das schlaue Mädle über meine +Bekanntschaft mit Urseln aufs neue die bittersten Vorwürfe machte. Ich +erzählte ihr haarklein, wie das Ding zugegangen. Sie schien sich zu +beruhigen. Das machte mich herzhafter; ich wagte zum erstenmal, es zu +versuchen, sie an meine Brust zu drücken, und einen Kuß anzubringen. +Aber, potz Welt! da hieß es: »So! Wer hat dich das gelehrt? G'wiß die +alte Hudlerin. Geh, geh, scher' dich, und sitz erst ins Bad, dir den +Unrat abzuwaschen.« -- Ich: »Ha! Ich bitt' dich, Schätzle! sei mir +nicht kurios. Hab' dich ja alleweil geliebt, und lieb dich je länger +je stärker. Laß mich doch -- nur eins!« -- Sie: »Abslut nicht! Um alles +Geld und Gut nicht! Fort, fort, nimm deine Trallwatsch, die dir das +Ding gewiesen!« -- Ich: »Ach! Ännchen! Schätzchen! Laß mich! Hätt' +dich schon lang für mein Leben gern -- ach, mein Gott!« -- Sie: »Laß +mich gehn -- ich bitt' dich! -- Gewiß nicht. -- Einmal jetzt nicht.« +-- Endlich sagte sie freundlich lächelnd: »Wenn du wiederkommst!« Aber +dreimal, wenn ich wiederkam, fing das verschmitzte Mädchen immer das +nämliche Spiel an. So können diese schlauen Dinger die dummen Buben +lehren. Endlich schlug die erwünschte Stunde: »Ännchen, Ännchen! +liebstes Ännchen! Kannst's auch übers Herz bringen? Bist mir doch so +herzinniglich lieb! Und ich sollt' kein einzig Mal dein holdes Mündchen +küssen? Gelt, du erlaubst's mir? Ich kann's länger nicht aushalten. +Lieber will ich dich ganz und gar meiden.« Jetzt drückte sie mir +freundlich die Hand, sagte aber wieder: »Nun gewiß, das nächstemal, +wenn du wiederkommst!« Hier fing mir an, die Geduld auszugehn. Ich ward +wild und schnippisch. Sie hinwieder befürchtete, glaub' ich, Unrat; +foppte mich zwar, wie es scheinen sollte, noch immerfort, daß es eine +Lust war; aber mit eins kam ihr ein Tränchen ins Aug', und sie wurde +zahm wie ein Täubchen: »Nun ja!« sagte sie: »'s ist wahr, du hast die +Prob' ausgehalten. Du solltest mir für deine Sünd' büßen. Aber die +Straf' hat mich mehr gekostet, als dich, liebes, herziges Üchelin!« +Dies sagte sie mit einem so süßen Ton, der mir jetzt noch wie ein +fernes Silberglöcklin ins Ohr läutet: Ha! dacht' ich einen Augenblick, +jetzt könnt' ich dich wieder strafen, loses Kind! Aber ich bedacht' +mich bald eines Bessern, riß mein Liebchen in meine Arme, gab ihr wohl +tausend Schmätzchen auf ihr zartes Gesichtlin, überall herum, von einem +Ohr bis zum andern, und Ännchen blieb mir kein einziges schuldig; +nur daß ich schwören wollte, daß die ihrigen noch feuriger als die +meinigen waren. So ging's ohne Unterlaß fort mit Herzen und Schäkern +und Plaudern bis zur Morgendämmerung. Jetzt kehrt' ich jauchzend nach +Haus und glaubte der erste und glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden +zu sein. Aber bei alldem fühlt' ich's lebhaft, noch fehle mir, ich +wußte doch nicht was? Meist kam's, glaub ich, darauf hinaus: Oh, könnt' +ich mein Ännchen, könnt' ich dies holde, holde Kind ganz besitzen, +völlig mein heißen, und ich sein, sein Schätzchen, sein Liebchen! Wo +ich darum stund und ging, waren meine Gedanken bei ihr. Alle Wochen +durft' ich eine Nacht zu ihr wandeln; die schien mir eine Minute, die +Zwischenzeit sechs Jahre zu sein. Oh, der seligen Stunden! Da setzte es +tausend und hunderterlei verliebte Gespräche, da eiferten wir in die +Wette, einander in Honigwörtchen zu übertreffen, und jeder neue oder +alte Ausdruck galt einen neuen Kuß. Ich mag nicht schwören und schwöre +nicht, aber das waren gewiß nicht nur die seligsten, sondern auch +die schuldlosesten Nächte meines Lebens! Und doch, ich darf's einmal +nicht verbergen, war Ännchens Ruf nicht der beste. Dies hatte sie ohne +Zweifel ihrem freien, geschwätzigen Mäulchen zu verdanken. Ich habe +stets und immer mehr das redlichste, beste, züchtigste Mädchen an ihr +gefunden. Freilich, von jenen eigentlichen Verführerkünsten braucht' +ich und kannt' ich wirklich keine, doch bin ich überzeugt, daß sie auch +dergleichen siegreich widerstanden wäre. + +So ging der mir unvergeßliche Sommer des Jahres 1755 wie eine Woche +vorbei, und täglich gewann ich mein Ännchen lieber. Vor allen andern +Mädels ekelte mir's, obgleich ich von Zeit zu Zeit Gelegenheit hatte, +mit den artlichsten Töchtern des Lands bekannt zu werden. Inzwischen +war ich ein muntrer Salpetersieder, bald allein, bald in Gesellschaft +mit jenem andern Uli, der sich noch immer große Mühe gab, mir die +wunderbarsten Dinger anzukuppeln. Aber, puh! davon war keine Rede mehr, +nebendem daß ich noch überall an kein Heiraten denken durfte. + +[Sidenote: Es geht auf Reisen] + +Es war im Herbst, als ich eines Tages meinem Vater eine hübsche Buche +im Wald fällen half. Ein gewisser Laurenz Aller von Schwellbrunn, +ein Rechen- und Gabelmacher, war uns dabei behilflich und kaufte uns +nachwärts das schönste davon ab. Unter allerhand Gesprächen kam's auch +auf mich: »Ei, ei, Hans!« sagte Laurenz, »du hast da einen ganzen +Haufen Buben. Was willst mit allen anfangen? Hast doch kein Gut, und +kann keiner ein Handwerk. Schad', daß du nicht die größten in die Welt +'nausschickst. Da könnten sie ihr Glück machen. Siehst's ja an des +Hans Joggelis seinen: Die haben im Welsch-Berngebiet gleich Dienst +gefunden, sind noch kaum ein Jahr fort, und kommen schon wie ganze +Herren neumontiert, mit goldbordierten Hüten heim, sich zu zeigen. Sie +würden um kein Geld mehr hiezuland bleiben.« »Ha!« sagte mein Vater: +»Aber meine Buben sind dazu zu läppisch und ungeschickt, des Hans +Joggelis hingegen witzig und wohlgeschult; können lesen, schreiben, +singen und geigen. Meine sind nur lauter Narren in Vergleichung; sie +stehen, wo man's stellt, und tun's Maul auf.« »Behüte Gott!« versetzte +Laurenz, »mußt das nicht sagen, Hans! Sie wären gewiß zu brauchen; +sonderlich der große da ist wohl gewachsen, kann auch lesen und +schreiben, und ist sicher kein Stockfisch -- seh's ihm wohl an. Potz +Wetter! wenn der recht getummelt wird, das gäb' einen Kerl. Würd'st die +Augen aufsperren! Hans, ich will dir Mann dafür sein, daß er nach Jahr +und Tag heimkommt gestiefelt und gespornt, und Geld hat wie Hünd,[37] +daß es dir ein' Ehr' und Freud' sein soll.« Während diesem Gespräch +sperrt' ich Maul und Augen auf und guckte dem Vater ins Gesicht. Er +mir dergleichen und sprach: »Was meinst, Uli?« Aber eh' ich antworten +konnte, fuhr Laurenz fort: »Potz Hagel! wenn ich noch so jung wär', +und 's Maul voll hübsche Zähn' hätte, wie du, das ganze Tockenburg mit +allen seinen Stricken und Seilern sollten mich nicht im Land behalten. +Ich bin auch in der Welt 'rumkommen. Ha! da gibt's G'lobte Länder, und +Geld z' verdienen wie Dreck. Weiß, was ich da gesehen hab'. Aber ich +war halt ein liederlicher Narr, und nun ist's zu spät, wenn man dem +Alter zuruckt, und gar ein Weib hat. Oh, ich möchte noch brieggen[38] +darob. Aber, was ist zu machen?« »Alles gut,« fiel mein Vater ein; +»aber da müßt' er Empfehlungsschreiben oder sonst jemand haben, der ihm +in den Teich hülfe. Ich wollte freilich gern all meine Kinder versorgt +wissen, und keinem vor dem Glück stehn. Aber« -- »Aber, was aber?« +unterbrach ihn Laurenz. »Dafür laß mich sorgen, es soll dich nicht +einen Heller kosten, Hans! und Bürg will ich dir sein, dein Bub soll +versorgt werden, daß er einen Mann, daß er einen Herrn gibt. Ich kenne +weit und breit angesehene Leut' genug, die solche Bursch' glücklich +machen können; und da will ich dem Uli g'wiß den besten aussuchen, daß +er mir's sein Lebtag danken soll.« -- Mein Vater traute gegen seine +Gewohnheit diesmal geschwind; denn er war dem Laurenz gut. Und von +mir kam's, einige Liebesskrupel ausgenommen, von denen wir bald reden +werden, gar nicht in Frage. Sobald es einmal von des Ätti Seite hieß: +»Wie, Uli, hätt'st Lust?« hieß es von meiner: »Ja!« Mein Vater mochte +um so viel zufriedener sein, da er mich dergestalt vollends von Ännchen +entfernen konnte. Der Mutter hingegen lag's gar nicht recht. Aber, man +weiß es schon, wenn der Näbishans einmal einen Entschluß gefaßt, hätten +ihn Himmel und Erde nicht mehr davon abwendig gemacht. Es ward also Tag +und Stund' abgeredt, wo ich mit Laurenz verreisen sollte, ohne weiter +einem Menschen ein Wort davon zu sagen: denn es mache nur unnötigen +Lärm, sagte mein Führer. + +Gute Nacht, Welt! Ich geh' ins Tirol. So hieß es bei mir. Denn +einesteils wenigstens war ich lauter Freude, meinte, der Himmel hange +voll Geigen und Hackbrettlin, und hätt' Siegel und Brief in der Tasche, +daß mein Glück gemacht sei. Andersteils ging mir's freilich entsetzlich +nahe, nicht eben das Vaterland, aber das Land zu meiden, wo mein +Liebstes wohnte. Ach! könnt' ich mein Ännchen nur mitnehmen, dacht' ich +wohl hunderttausendmal. Aber dann wieder: Fünf, höchstens sechs Jahr' +sind doch bald vorbei. Und wie wird's dann mein Schätzchen freuen, wenn +ich mit Ehr' und Gut beladen, wie ein Herr nach Haus kehren, oder es zu +mir in ein Gelobt Land abholen kann. + +[Sidenote: Abschied vom Vaterland] + +Also, auf den siebenundzwanzigsten des Herbstmonats (1755), Samstag +abends, ward's abgeredt, den Weg in Gottes Namen unter die Füße zu +nehmen. »Wir wollen bei Nacht und Nebel fort,« sagte Laurenz; »es gibt +sonst ein gar zu wunderfitzig Gelüg, und an einem Werktag hab' ich +nicht Zeit. Mach' dich also reis'fertig. Einen guten Rock, damit ist's +getan.« Samstag morgens macht' ich alles zurecht. Nun ging's an den +Abschied. Mutter und Schwestern vergossen häufige Tränen, und fingen +schon um Mittag an, mir tausendmal: Gott behüt', Gott geleit' dich! +zu sagen. Mein Vater, ebenfalls voll Wehmut, gab mir nebst etlichen +Batzen folgendes auf den Weg: »Uli!« sprach er, »du gehst fort, Uli! +Ich weiß nicht wohin, und du weißt's ebensowenig. Aber Laurenz ist ein +gereister Mann, und ich trau' ihm die Redlichkeit zu, er werd' irgendwo +ein gutes Nest kennen, wo er dich absetzen kann. Du von deiner Seite +halt' dich nur redlich und brav, so wird's, will's Gott! nicht übel +fehlen. Jetzt bist du noch wie ein ungebacknes Brötlin. Gib Achtung und +laß dich weisen, du bist gelehrig. Übrigens weißt du, ich hab' dir das +Ding nie mit einem Wort weder geraten noch mißraten. Es war Laurenzens +Einfall und dein Wille; denen fügt' ich mich, und zwar noch mit +ziemlich schwerem Herzen. Denn am End' konnt' ich dir noch wie bisher +Brot geben, wenn du dich weiter willig zu saurer und nicht saurer +Arbeit, wie sie kommt, bequemt hättest. Aber darum werd' ich mich nicht +minder freuen, wenn du jetzt Speis' und Lohn dazu auf eine leichtere +Art verdienen oder gar dein Glück machen kannst. Was mir am meisten +Mühe macht, Uli! ist deine Jugend und dein Leichtsinn. Glaub mir's, du +gehst in eine verführerische Welt hinaus, wo's Halunken und Schurken +genug gibt, die auf die Unschuld solcher Buben lauern. Ich bitt' dich, +trau' keinem Gesicht, bis du's kennst, und laß dich zu nichts bereden, +was dich nicht recht dünkt. Bete fleißig, wie Daniel zu Babel, und +vergiß nie, daß, wenn ich dich schon nicht mehr sehe und höre, dein +bessrer Vater im Himmel in alle Winkel der Welt sieht und hört, was du +denkest und tust. Du weißt ja die Bibel, das heißt Gottes Wort, in- und +auswendig. Sinn' ihm nach, und vergiß es nie, wie wohl's den frommen +Leuten, die Gott liebten, gegangen ist. Denk! Ein Abraham, Joseph, +David. Und wie hingegen jenen nichtsnutzen, gottlosen Buben, wie +unglücklich sie worden sind. Um deiner Seelen willen, Uli! um deiner +zeitlichen und ewigen Wohlfahrt willen, vergiß deines Gottes nicht. +Wo der Himmel über dir steht, ist er stets bei dir. Ich kann weiter +nichts, als dich seinem allmächtigen Schutz anbefehlen, und das will +ich tun, unablässig.« -- -- So ging's noch eine kurze Weile fort. Mein +Herz ward weich wie Wachs. Vor Schluchzen konnt' ich nichts sagen, als: +»Ja, Vater, ja!« und in meinem Inwendigen hallt' es wieder: »Ja, Vater, +ja!« Endlich, nach einer kurzen Stille, sprach er: »Nun, in Gottes +Namen, geh!« und ich: »Ja, ich will gehen!« und: »Liebe, liebe Mutter! +tu doch nicht so, es wird mir nicht gänzlich fehlen. Behüt' euch Gott! +lieber Vater, liebe Mutter! Behüt' euch Gott alle, liebe Geschwisterte! +Folgt doch dem Vater und der Mutter! Ich will ihren guten Ermahnungen +auch folgen in der weit'sten weiten Ferne.« Dann gab mir jedes die +Hand. Die Zähren rollten ihnen über die feuerroten Backen. Ich mußte +fast ersticken. Drauf gab mir die Mutter den Reisebündel und ging +beiseite. Mein Vater geleitete mich noch ein Stück Wegs. Es war schon +Abenddämmerung. In der Schamatten begegnete mir Kaspar Müller. Der gab +mir ein artiges Reis'geldlin und Gottes Geleit auf die Straße. + +[Sidenote: Abschied vom Schätzle] + +Nun flog ich noch zu meinem Ännchen hin, welcher ich erst ein paar +Nächte vorher mein Vorhaben entdeckt hatte. Sie ward darüber gewaltig +verdrießlich, wollt' sich's aber anfangs nicht merken lassen. +»Meinethalben,« sagte sie mit ihrem unnachahmlichen Bitterlächeln, +»kannst gehen, hab' gemeint, wer nur so liebt, mag sich packen, wohin +er will.« »Ach! Liebchen,« sprach ich, »du weißt wahrlich nicht, wie +weh 's mir tut; aber du siehst wohl, mit Ehren könnten wir's so nicht +mehr lang aushalten. Und ans Heiraten darf ich jetzt nicht denken. Bin +noch zu jung; du bist noch jünger, und beide haben wir keines Kreuzers +Wert. Unsre Eltern vermöchten nicht uns ein Nestlin zu schaffen, wir +gäben ein ausgemachtes Bettelvölklin. Und wer weiß, das Glück ist +kugelrund. Einmal, ich lebe der guten Hoffnung.« »Nun, wenn's so ist, +was liegt mir dran?« fiel Ännchen ein. »Aber, gelt! du kommst noch +einmal zu mir, eh' du gehst?« »Ja, freilich, warum nicht?« versetzt +ich: »Das hätt' ich sonst getan!« Jetzt ging ich, wie gesagt, wirklich, +meinem Herzchen das letzte Lebewohl zu sagen. Sie stund an der Tür, +sah meine Reisepäckchen, hüllte ihr hold gesenktes Köpfchen in ihre +Schürze und schluchzte, ohne ein Wort zu sagen. Das Herz brach mir +schier. Es machte mich wirklich schon wankend in meinem Vorhaben, bis +ich mich wieder ein wenig erholt hatte. Da dacht' ich: In Gottes Namen! +es muß denn doch sein, so weh' es tut. Sie führt mich in ihr Kämmerlin, +setzt sich aufs Bett, zieht mich wild an ihren Busen, und -- ach! ich +muß einen Vorhang über diese Szene ziehn, so rein sie übrigens war, und +so honigsüß mir noch heute ihre Vergegenwärtigung ist. Wer nie geliebt, +kann's und soll's nicht wissen, und wer geliebt hat, kann sich's +vorstellen. G'nug, wir ließen nicht ab, bis wir beide matt von Drücken, +geschwollen von Küssen, naß von Tränen waren, und die andächtige Nonne +in der Nachbarschaft Mitternacht läutete. Dann riß ich mich endlich +aus Ännchens weichen, holden Armen los. »Muß es denn sein?« sagte sie: +»Ist auf Himmel und Erde nichts dafür? Nein! Ich lass' dich nicht, +geh' mit dir, so weit der Himmel blau ist. Nein, in Ewigkeit lass' ich +dich nicht, mein alles, alles auf der Welt!« Und ich: »Sei doch ruhig, +liebes, liebes Herzchen! Denk einmal ein wenig hinaus, was für Freude, +wenn wir uns wiedersehen und ich glücklich bin!« Und sie: »Ach! ach! +dann laßst du mich sitzen!« Und ich: »Ha! in alle Ewigkeit nicht, und +sollt' ich der größte Herr werden und bei Tausenden gewinnen, in alle +Ewigkeit lass' ich dich nicht aus meinem Herzen. Und wenn ich fünf, +sechs, zehn Jahre wandern müßte, werd' ich dir immer, immer getreu +sein. Ich schwör' dir's«! (wir waren jetzt auf der Straße nach dem +Dorf, wo Laurenz mich erwartete, fest umschlungen, und gaben uns Kuß +und Kuß --) »Der blaue Himmel da ob uns mit allen seinen funkelnden +Sternen, diese stille Mitternacht -- diese Straße da sollen Zeugen +sein!« Und sie: »Ja! ja! Hier meine Hand und mein Herz, fühl' meinen +klopfenden Busen, Himmel und Erde seien Zeugen, daß du mein bist, daß +ich dein bin; daß ich, dir unveränderlich getreu, still und einsam +deiner harren will, und wenn's zehn und zwanzig Jahre dauern, wenn +unsre Haare drüber grau werden sollten; daß mich kein männlicher Finger +berühren, mein Herz immer bei dir sein, mein Mund dich im Schlaf küssen +soll, bis« -- -- hier erstickten ihr die Tränen alle Worte. Endlich +kamen wir zu Laurenzes Haus. Ich klopfte an. Wir setzten uns vors Haus +aufs Bänkchen, bis er herunterkam. Wir achteten seiner kaum. Wirklich +fing Ännchen jetzt wieder aufs neue an; die Scheu vor einem lebendigen +Zeugen gab uns selber den Mut, uns besser zu fassen. Wir waren beide so +beredt wie Landvögte. Aber freilich übertraf mich mein Schätzchen in +der Redekunst, in Liebkosungen und Schwüren himmelweit. Bald ging's ein +wenig bergauf. Nun wollte Laurenz Ännchen nicht weiterlassen. »Genug +ist genug, ihr Bürschlin!« sagte er. »Uchel! so kämen wir ewig nicht +fort. Ihr klebt da aneinander wie Harz. Was hilft jetzt das Brieggen? +Mädel, es ist Zeit, mit dir ins Dorf zurück. Es gibt noch der Knaben +mehr als genug!« Endlich, freilich währt' es lange genug, mußt' ich +Ännchen selber bitten, umzukehren: »Es muß, es muß doch sein!« Dann +noch einen einzigen Kuß, aber einen, wie's in meinem Leben der erste +und der letzte war, und ein paar Dutzend Händedrück', und: Leb', leb' +wohl! Vergiß mein nicht! Nein, gewiß nicht, nie, in Ewigkeit nicht! Wir +gingen; sie stand still, verhüllte ihr Gesicht und weinte überlaut, ich +nicht viel minder. Soweit wir uns noch sehen konnten, schweiten[39] wir +die Schnupftücher und warfen einander Küsse zu. Jetzt war's vorbei. +Wir kamen ihr aus dem Gesicht. Oh, wie's mir da zumute war! Laurenz +wollte mir Mut einsprechen und fing eine ganze Predigt an: wie's in +der Fremde auch schöne Engel gebe, gegen welche mein Ännchen nur ein +Rotznäschen sei und dergleichen. Ich ward böse auf ihn, sagte aber kein +Wort, ging immer stumm hinter ihm her, sah wehmütig ans Siebengestirn +hinauf. Zwei kleine Sterne gegen Mittag sah ich, wie mir's deuchte, +so nahe beisammen, als wenn sie sich küssen wollten, und der ganze +Himmel schien mir voll liebender Wehmut zu sein. So ging's fort, +ohne meinerseits zu wissen wohin, und ohne den mindesten Gedanken an +Gutes oder Böses, das mir etwa bevorstehen könnte. Laurenz plauderte +beständig; ich hörte wenig und betete in meinem Inwendigen fast +unaufhörlich: Gott behüte meine liebe Anne! Gott segne meine lieben +Eltern! Gegen Tagesanbruch kamen wir nach Herisau. Ich seufzte noch +immer meinem Schätzchen nach: Ännchen, Ännchen, liebstes Ännchen! Und +nun, vielleicht für lange das letztemal, schreib' ich's noch mit großen +Buchstaben: ÄNNCHEN! + + + + + Wanderschaft + + +Es war ein Sonntag. Wir kehrten im Hecht ein und blieben da den ganzen +Tag. Alles gaffte mich an, als wenn sie nie einen jungen Tockenburger +oder Appenzeller gesehen hätten, der in die Fremde ging, nicht wußte +wohin, noch viel minder warum. An allen Tischen hört' ich viel von +Wohlleben und lustigen Tagen reden. Man setzte uns wacker zu trinken +vor. Ich war des Weins nicht gewohnt und darum bald aufgeräumt und +recht guter Dingen. + +[Sidenote: Nachtwanderung] + +Wir machten uns erst bei anbrechender Nacht wieder auf den Weg. Ein +fuchsroter Herisauer, und, wie Laurenz, ein Müller, war unser Gefährte. +Es ging auf Gossau und Flohweil zu. An letzterm Ort kamen wir bei einem +Schopf vorbei, wo etliche Mädel beim Licht Flachs schwungen. »Laßt mich +einmal,« sagt' ich, »ich muß die Dinger sehn, ob keine meinem Schatz +gleiche?« Damit setzt' ich mich unter sie hin und spaßte ein wenig +mit ihnen. Aber da war wenig zu vergleichen. Indessen musterten mich +meine Führer fort, sagten, ich werde derlei Zeug noch genug bekommen, +und machten allerlei schmutzige Anmerkungen, daß ich rot bis über +die Ohren ward. Dann kamen wir auf Rickenbach, Frauenfeld, Nünforn. +Hier überfiel mich mit eins eine entsetzliche Mattigkeit. Es war, des +Marschierens und Trinkens nicht einmal zu gedenken, das erstemal +in meinem Leben, daß ich zwo Nächte nacheinander nicht geschlafen +hatte. Allein die Kerls wollten nichts vom Rasten hören, pressierten +gewaltig auf Schaffhausen zu, und gaben mir endlich, da ich schwur, +ich könnte keinen Schritt weiter, ein Pferd. Das gefiel mir nicht +unfein. Unterwegs ging's an ein Predigen, wie ich mich in Schaffhausen +verhalten, hübsch grad strecken und frisch antworten sollte. Dann +flismeten[40] sie zwei miteinander, doch mit Fleiß so, daß ich's hören +mußte, von galanten Herren, die sie kennten, deren Diener es so gut +hätten als die Größten im Tockenburg. »Sonderlich,« sagte Laurenz, +»kenn' ich einen Deutschländer, der sich dort inkognito aufhält, gar +ein vornehmer Herr von Adel, der allerlei Bediente braucht, wo's der +geringste besser hat als ein Landamman.« »Ach!« sagt' ich, »wenn ich +nur nicht zu ungeschickt wäre, mit solchen Herren zu reden!« -- »Nur +gradzu gered't, wie's kömmt,« sagten sie, »so haben's dergleichen +vornehme Leut' am liebsten.« + +[Sidenote: In Schaffhausen] + +[Sidenote: Preußische Werbeoffiziere] + +Wir kamen noch bei guter Zeit in Schaffhausen an und kehrten beim +Schiff ein. Als ich vom Pferd eher fiel als stieg, war ich halb +lahm und stund da wie ein Hosendämpfer. Da ging's von Seite meiner +Führer an ein Mustern, das mich bald wild machte, da ich nicht +begreifen konnte, was endlich draus werden sollte. Als wir die Stiege +hinaufkamen, hießen sie mich ein wenig auf der Laube warten, traten +in die Stube und riefen mich nach wenigen Minuten hinein. Da sah ich +einen großen hübschen Mann, der mich freundlich anlächelte. Sofort +hieß man mich die Schuh' ausziehn, stellte mich an eine Säul' unter +ein Maß und betrachtete mich vom Kopf bis zu'n Füßen. Dann red'ten +sie etwas Heimliches miteinander; und hier stieg mir armen Bürschchen +der erste Verdacht auf, die zwei Kerls möchten's nicht zum besten +mit mir meinen. Dieser Argwohn verstärkte sich, als ich deutlich die +Worte vernahm: »Hier wird nichts draus, wir müssen weiter gehn.« +»Heut' setz' ich keinen Fuß mehr aus diesem Haus,« sagt' ich zu mir +selber; »ich hab' noch Geld!« Meine Führer gingen hinaus. Ich saß +am Tische. Der Herr spazierte das Zimmer auf und ab und guckte mich +unterweilen an. Neben mir schnarchte ein großer Bengel auf der Bank, +der wahrscheinlich im Rausch in die Hosen geschwitzt, daß es kaum zu +erleiden war. Als der Herr während der Zeit einmal aus der Stube ging, +nahm ich die Gelegenheit wahr, die Wirtsjungfer zu fragen, wer denn +wohl dieser Bursche sein möchte. »Ein Lumpenkerl,« sagte sie. »Erst +heute hat ihn der Herr zum Bedienten angenommen, und schon sauft der +H. sich blindstern voll und macht e'n Gestank, puh!« -- »Ha!« sagt' +ich, eben als der Herr wieder hereintrat, »so ein Bedienter könnt' +ich auch werden.« Dies hört' er, wandte sich gegen mich und sprach: +»Hätt'st du zu so was Lust?« »Nachdem es ist,« antwortet' ich. »Alle +Tag neun Batzen,« fuhr er fort, »und Kleider so viel du nötig hast.« +»Und was dafür tun?« versetzt' ich. Er: Mich bedienen. Ich: Ja! wenn +ich's könnte. Er: Will dich's schon lehren. Pursch, du gefällst mir. +Wir wollen's vierzehn Tag probieren. Ich: Es bleibt dabei. Damit war +der Markt richtig. Ich mußt' ihm meinen Namen sagen. Er ließ mir +Essen und Trinken vorsetzen und tat allerlei gutmütige Fragen an +mich. Unterdessen waren meine Gefährten, wie ich nachwärts erfuhr, +zu ein paar andern preußischen Werbeoffizieren gegangen, deren sich +damals fünf auf einmal in Schaffhausen befanden, und machten bei +ihrer Zurückkunft große Augen, als sie mich so draufloszechen sahen. +»Was ist das?« sagte Laurenz. »Geschwind, komm! Jetzt haben wir dir +einen Herrn gefunden.« »Ich hab' schon einen,« antwortet' ich. Und +Er: »Wie, was? ohne Umständ« und wollten schon Gewalt brauchen. »Das +geht nicht an, ihr Leute!« sagte mein Herr. »Der Bursch' soll bei mir +bleiben!« »Das soll er nicht,« versetzte Laurenz. »Er ist uns von +seinen Eltern anvertraut.« »Lirum! Larum!« erwiderte der Herr. »Er hat +zu mir gedungen, und damit auf und Holla!« Nach einem ziemlich heftigen +Wortwechsel gingen sie miteinander in ein Nebenkabinett, wo Laurenz +und der Herisauer, wie ich im Verfolg hörte, sich mit drei Dukaten +abspeisen ließen, von denen einer meinem Vater werden sollte, den er +aber nie ansichtig ward. Damit brachen sie ganz zornig auf, ohne nur +mit einem Wort von mir Abschied zu nehmen. Anfangs sollen sie bis auf +zwanzig Louisdor für mich gefordert haben. + +[Sidenote: Als Bedienter] + +Den folgenden Tag ließ mein Herr einen Schneider kommen und mir das Maß +von einer Montierung nehmen. Alle andern Beitaten folgten in kurzem. +Da stand ich gestiefelt und gespornt, funkelnagelneu vom Scheitel bis +an die Sohlen. Ein hübscher bordierter Hut, samtne Halsbinde, ein +grüner Frack, weißtüchene Weste und Hosen, neue Stiefel, nebst zwei +paar Schuhen: alles so nett angepaßt. -- Sackerlot! Da bildet' ich +mir kein kaltes Kraut ein. Mein Herr reizte mich noch dazu, nur ein +wenig stolz zu tun. »Ollrich!« sagte er: »Wenn du die Stadt auf- und +abgehst, mußt du hübsch gravitätisch marschieren, den Kopf recht in +die Höhe, den Hut ein wenig auf's eine Ohr.« Mit eigner Hand gürtete +er mir einen Pallasch an die Seite. Als ich so das erstenmal über +die Straße ging, war's mir, als ob ganz Schaffhausen mein wäre. Auch +rückte alles den Hut vor mir. Die Leut' im Haus begegneten mir wie +einem Herrn. Wir hatten in unserm Gasthof hübsch möblierte Zimmer, und +ich selber ein ganz artiges. Ich sah aus meinem Fenster alle Stunden +des Tags das frohe Gewimmel der durchs Schifftor aus- und eingehenden +Menschen, Pferde, Wagen, Kutschen und Chaisen, und, was mir nicht wenig +schmeichelte, man sah und bemerkte auch mich. Mein Herr, der mir bald +so gut war, als ob ich sein eigner Sohn wäre, lehrte mich frisieren, +frisierte mich anfangs selbst und flocht mir einen tüchtigen Haarzopf. +Ich hatte nichts zu tun, als ihm bei Tisch zu servieren, seine Kleider +auszuklopfen, mit ihm spazieren zu fahren, auf die Vögeljagd zu gehn +und dergleichen. Ha! das war ein Leben für mich. Die meiste Zeit durft' +ich vollends allein wandeln, wohin es mir beliebte. Alle Tag' ging +ich bald durch alle Gassen in dem hübschen Schaffhausen; denn außer +Lichtensteig hatt' ich bisher noch keine Stadt gesehn, und kein größer +Wasser als die Thur. Ich spazierte also bald alle Abend an den Rhein +hinaus und konnte mich an diesem mächtigen Fluß kaum satt sehn. Als ich +den Sturz bei Laufen das erstemal sah und hörte, ward mir's braun und +blau vor den Augen. Ich hatte mir's, wie so viele, ganz anders, aber so +furchtbar majestätisch nie eingebildet. Was ich mir da für ein klein +winziges Ding schien! Nach einem stundenlangen Anstaunen kehrt' ich +ordentlich wie beschämt nach Haus. Bisweilen ging's auf den Bonenberg, +der schönen Aussicht wegen. An der Lände half ich den Schiffleuten, und +fuhr bald selbst mit Pläsier hin und her. + +[Sidenote: Unerwarteter Besuch] + +So stund's, und mir war himmelwohl, als, ohne Zweifel durch meine +wackern Begleiter, das Gerücht in meine Heimat kam, man hätte mich aufs +Meer verkauft; namentlich sollte dies ein Mann ausgesagt haben, der +mich mit eignen Augen anschmieden und den Rhein hinunterführen gesehn. +Schon stellte man mich allen Kindern zum Exempel vor, daß sie fein +bei Haus bleiben und sich nicht in die böse Welt wagen sollten. Zwar +glaubte mein Vater kein Wort hievon; weil aber die Mutter so grämlich +tat, ihm Vorwürf' über Vorwürfe machte und Tag und Nacht keine Ruhe +ließ, entschloß er sich endlich, auf Schaffhausen zu kehren und sich +selbst nach dem Grund oder Ungrund dieser Märe zu erkundigen. Also an +einem Abend, welche Freude für uns beide, als mein innigstgeliebter +Vater so ganz unerwartet, daß ich meinen Augen kaum trauen durfte, in +meine Kammer trat! Er erzählte mir, was ihn hergeführt, und ich ihm, +wie glücklich ich sei. Ich zeigte ihm meinen Kasten, die scharmanten +Kleider darin, alles Stück für Stück bis auf die Hemdknöpflin, und +stellte ihn meinem guten Herrn vor, der ihn freundlich bewillkommte +und bestens zu traktieren befahl. -- Nun aber traf's sich, daß man +gerade den Abend nach dem Nachtessen in unserm Gasthof tanzte, und +mein Herr als ein Liebhaber von allen Lustbarkeiten sich solches auch +schmecken ließ, so wie mein Vater und ich uns am Tischchen in einem +Winkel der großen Gaststube unsern Braten. Ganz unversehens kam er +auf mich zu: »Ollrich! komm, mußt auch eins mit den jungen Leuten +da tanzen.« Vergebens entschuldigt' ich mich und bezeugte auch mein +Vater, daß ich mein Lebtag nie getanzt hätte. Da half alles nichts. +Er riß mich hinterm Tisch hervor und gab mir die Köchin im Haus, ein +artiges Schwabenmeitlin, an die Hand. Der Schweiß tropfte mir von der +Stirn vor Scham, daß ich in Gegenwart meines Vaters tanzen sollte. Das +Mädchen inzwischen riß mich so vertummelt herum, daß ich in kurzem +sinnlos von einer Wand zu der andern platschte, und damit allen +Zuschauern zum Spektakel ward. Mein lieber Ätti red'te zwar bei dieser +ganzen Szene kein Wort; aber von Zeit zu Zeit warf er auf mich einen +wehmütigen Blick, der mir durch die Seele ging. Wir legten uns noch +zeitig genug zu Bette. Ich ward nicht müde, ihm nochmals eine ganze +Predigt zu machen, wie wohl ich mich befinde, was ich für einen gütigen +Herrn habe, wie freundlich und väterlich er mir begegne und so fort. +Er gab mir nur mit abgebrochenen Worten Bescheid: Ja, so, es ist gut, +und schlief, so wie ich nicht minder, ziemlich unruhig ein. Des Morgens +nahm er Abschied, sobald mein Herr erwacht war. Derselbe zahlte ihm die +Reisekosten, gab ihm noch einen Taler auf den Weg, und versicherte ihn +hoch und teuer, ich sollt' es gewiß gut bei ihm haben und wohl versorgt +sein, wenn ich mich weiter treu und redlich betragen würde. Mein +redlicher Vater, der nun schon wieder Mut und Zutrauen faßte, dankte +höflich und empfahl mich aufs beste. Ich gab ihm das Geleit bis zum +Kloster Paradies. Auf der Straße sprachen wir so herzlich miteinander, +als es seit jener Krankheit in meiner Jugend nie geschehen. Er gab mir +vortreffliche Erinnerungen: »Vergiß deine Pflichten, deine Eltern und +deine Heimat nicht, so wird dich Gottes Vaterhand gewiß auf gute Wege +leiten, welche freilich weder ich noch du voraussehn.« Beim Abschied +zerdrückten wir uns fast. Ich konnte vor Schluchzen kaum ein: Behüte, +behüte Gott! herstammeln, und dachte immer: Ach! könnt' ich doch mein +gegenwärtiges Glück ungetrennt von meinem guten Ätti genießen, jeden +Bissen mit ihm teilen, und dergleichen. + +[Sidenote: Der Dienst] + +[Sidenote: Johann Markoni] + +Meines Diensts war ich bald gewohnt. Mein Herr hatte, ohne mein Wissen, +etlichemal meine Treu auf die Probe gestellt, und hie und da im +Zimmer Geld liegen lassen. Als bald nachher einem andern preußischen +Werboffizier sein Bedienter mit dem Schelmen davonging und ihm über +achtzig Gulden enttrug, sagte mein Herr zu mir: »Willst du mir's auch +einmal so machen, Ollrich?« Ich versetzte lachend: Wenn er mir so +etwas zutraue, soll er mich lieber fortjagen. Ich hatte aber wirklich +sein Vertrauen so sehr gewonnen, daß er mir den ganzen Winter durch +die Schlüssel zu seiner Stube und Kammer ließ, wenn er etwa ohne +Bedienten kleine Touren machte. Hinwieder ehrte und liebte ich ihn wie +einen Vater. Aber er war auch freundlich und gütig danach. Nur zu viel +konnt' ich spazieren und müßig gehn, und fuhr ich, besonders im Herbst, +oft über Rhein auf Feuerthalen, denn die alte Brücke war kurz vorher +eingefallen, und die neue erst akkordiert, in die Weinlese. Dort half +ich dem jungen Volke Trauben essen, bis ans Halszäpflin. Einmal bei +einer solchen Überfahrt sagte mir jemand: »Nun, wie geht's Ulrich? +Weißt du auch, daß dein Herr ein preußischer Offizier ist?« Ich: »Ja! +meinetwegen, er ist ein herzguter Herr.« »Ja, ja!« sagte jener, »wart' +nur, bis d'enmal in Preußen bist, da mußt Soldat sein und dir den +Buckel braun und blau gerben lassen. Um tausend Taler möcht' ich nicht +in deiner Haut stecken.« Ich sah dem Burschen starr ins Gesicht, und +dachte bloß, der Kerl rede so aus Bosheit oder Neid; ich ging dann +geschwind nach Haus und erzählte meinem Herrn alles haarklein, worauf +derselbe versetzte: »Ollrich, Ollrich! Du mußt nicht so jedem Narren +und Flegel dein Ohr geben. Ja! es ist wahr, preußischer Offizier bin +ich -- und was ist's denn? von Geburt ein polnischer Edelmann, und +damit ich dir alles auf die Nase binde, heiß' ich Johann Markoni. +Bisher nanntest du mich Herr Leutnant. Aber eben dieser Grobiane wegen +sollst du mich künftig Ihr Gnaden! schelten! Übrigens sei nur getrost +und guten Muts, dir soll's, bei Edelmanns Parole! nie fehlen, wenn du +anders ein wackrer Bursche bleibst. Soldat solltest werden? Nein, bei +meiner Seel' nicht! Ich konnt' dich ja haben, um ein paar schlichte +Louisdor wollten deine beiden saubern Landsleut' dich verkaufen. Aber +du warst mir dazu etwas zu kurz; von deiner Länge nimmt man noch keinen +an, und ich behielt dir was Besseres vor.« Nun, dacht' ich, bin ich +Leibs und Guts sicher. Ha, der gute Herr! Er hätt' mich können haben. +Die Schurken! Ja wohl, mich verkaufen? Der Henker lohn's ihnen! Aber +komm' mir mehr so einer, ich will ihm das Maul mit Erde stopfen. Was +für ein vornehmer Herr muß nicht Markoni sein, und dabei so gut! Kurz, +ich glaubte ihm von nun an alles wie ein Evangelium. + +[Sidenote: Oh, die Mütter] + +Markoni machte bald hernach eine Reise nach Rottweil am Neckar, zwölf +Stunden von Schaffhausen. Ich mußte mit, und zwar in der Chaise. In +meinem Leben war ich in keinem solchen Ding gesessen. Der Kutscher +sprengte die Stadt hinauf bis ans Schwabentor, daß es donnerte. Ich +meinte alle Augenblick', es müsse umschlagen, und wollte mich an +allen Wänden halten. Markoni lachte sich die Haut voll: »Du fällst +nicht, Ollrich! Nur hübsch gerade!« Ich war's bald gewohnt, und das +Fuhrwerk, sowie überhaupt die ganze Tour machte mir viel Vergnügen. +Indessen begegnete mir während der Zeit ein fataler Streich. Meine +Mutter war wenige Tage nach unserer Abreise gen Schaffhausen gekommen, +und mußte, da ihr der Wirt nicht sagen konnte, wenn wir zurückkämen, +noch welchen Weg wir genommen, wieder nach Haus kehren, ohne ihr +liebes Kind gesehen zu haben. Sie hatte mir mein Neues Testament und +etliche Hemden gebracht, und dem Wirt befohlen, mir's nachzuschicken, +falls ich nicht wieder auf Schaffhausen käme. Oh, die gute Mutter! Es +war eine kleine Buße für ihren Unglauben, sie wollte dem Vater nicht +trauen, daß er mich angetroffen, sondern mit eignen Augen sehen und +erst dann glauben. Ganz trostlos, unter tausend Tränen soll sie wieder +von Schaffhausen heimgegangen sein. Dies schrieb mir auf ihr Ansuchen +bald darauf Herr Schulmeister Am Bühl zu Wattweil, mit dem Beifügen, +sie lasse mir, da sie keine Hoffnung habe, mich jemals wieder zu sehen, +hiemit ihr letztes Lebewohl sagen, und gebe mir ihren Segen. Es war +ein sehr schöner Brief, er rührte mich innig. Unter anderm stand auch +darin: Als das Gerücht in meine Heimat gekommen, ich müsse über Meer, +hätten meine jungen Schwesterchen all ihr armes Gewändlin dahingeben +wollen, mich loszukaufen, die Mutter desgleichen. Damals waren ihrer +neun Geschwisterte bei Hause. Man sollte denken, das wären ihrer genug. +Aber eine rechte Mutter will keins verlieren, denn keins ist das andre. +Wirklich war sie drei Wochen vorher noch im Kindbett gelegen und kaum +aufgestanden, als sie meinetwegen auf Schaffhausen kam. Oh, die Mütter, +die Mütter! + +[Sidenote: Hin und her] + +[Sidenote: Leben in Rottweil] + +Da wir uns einstweilig in Rottweil im Gasthof zur Armbrust +niederließen, schrieb mein Herr auf Schaffhausen, wo er wäre, damit, +wenn seine Wachtmeister Rekruten machten, man ihm solche nachschicken +könnte. Er bekam bald Antwort. Derselben war auch das Geschenk meiner +Mutter, das Schreiben des Herrn Am Bühl, und -- ich sprang hochauf! -- +eines von Ännchen beigebogen; dieses letztre offen, denn es sollte ein +Zürchgulden zum Grüßchen drinstecken, und der war fort. Was schierte +mich das? Die süßen Fuchswörtlin in dem Briefchen entschädigten mich +reichlich. Meiner unverschobnen ausführlichen Antworten auf diese +Zuschriften will ich nicht gedenken. Die an Ännchen zumal war lang wie +ein Nestelwurm. -- Diesmal blieben wir nur kurze Zeit zu Rottweil, +gingen wieder nach dem lieben Schaffhausen zurück, und machten von +Zeit zu Zeit kleine Touren auf Dießenhofen, Stein am Rhein, Frauenfeld +u. s. f. Alle Wochen kamen Säumer aus dem Tockenburg herunter. Schon +als Landskraft waren sie mir lieb, und ich freute mich immer, sobald +ich nur die Schellen ihrer Tiere hörte. Jetzt machte ich nähere +Bekanntschaft mit ihnen, und gab ihnen ein paarmal Briefe und kleine +Geschenke an mein Liebchen und an meine Geschwister mit, erhielt aber +keine Antwort. Ich wußte nicht, wo es fehlte. Das drittemal bat ich +einen solchen Kerl, mir doch alles richtig zu bestellen. Er guckte das +Päckchen an, runzelte die Stirn und wollte weder ja noch nein sagen. +Ich gab ihm einen Batzen. »So, so,« sprach jetzt mein Herr Landsmann, +»das Ding soll richtig bestellt werden.« Und wirklich bekam ich bald +ordentliche Empfangscheine. Meine ältern Briefe und schweren Sachen +hingegen waren natürlich nach Holland geschwommen. + +In Schaffhausen lagen damals fünf preußische Werboffiziers in +verschiedenen Wirtshäusern. Alle Tag traktierte einer die andern. +So kam's auch jeden fünften Tag an uns. Das kostete jedesmal einen +Louisdor, dafür gab's freilich Burgunder und Champagner gnug zu +trinken. Aber bald hernach wurde ihnen ihr Handwerk gelegt, wie die +Sag' ging, weil ein junger Schaffhauser, der in Preußen seine Jahre +ausgedient, keinen Abschied kriegen konnte. Kurz, sie mußten alle fort, +und neue Nester suchen. Mein Herr hatte ohnehin hier schlechte Beute +gemacht, drei einzige Erzschurken ausgenommen, die sich, Verbrechen +wegen, auf flüchtigen Fuß setzen mußten. Wir begaben uns wieder nach +Rottweil. Hier kriegten wir in etlichen Wochen vollends einen einzigen +Kerl, einen Deserteur aus Piemont, der aber Markoni viel Freude +machte, weil er sein Landsmann war, und mit ihm polnisch parlieren +konnte. Sonst war's in Rottweil ein lustig Leben. Besonders gingen +wir oft mit einem andern Werboffizier, nebst unserm braven Wirt und +etlichen Geistlichen, in die Nachbarschaft aufs Jagen. Im Hornung +1756 machten wir eine Reise nach Straßburg. Auf dem Weg nahmen wir zu +Haßlach im Kinzingertal unser Schlafquartier. In derselben Nacht war +das entsetzliche Erdbeben, welches man durch ganz Europa verspürte. +Ich empfand nichts davon, denn ich hatte mich tags vorher auf einem +Karrngaul todmüd geritten. Am Morgen aber sah' ich alle Gassen voll +Schornsteine, und im nächsten Wald war die Straße mit umgeworfenen +Bäumen in die Kreuz und Quer so verhackt, daß wir mehrmals Umwege +nehmen mußten. In Straßburg mußt' ich Maul' und Augen aufsperren, denn +da sah' ich erstens: die erste, große Stadt; zweitens: die erste +Festung; drittens: die erste Garnison; und viertens: am dortigen +Münster das erste Kirchengebäud', bei dessen Anblick ich nicht lächeln +mußte, wenn man es einen Tempel nannte. Wir brauchten acht Tag' zu +dieser Tour. Mein Herr hielt mich auch diesmal gastfrei und zahlte mir +gleich meinen Sold. Da hätt' ich Geld machen können wie Heu, wär' ich +nicht ein liederlicher Tropf gewesen. Er selbst hielt nicht viel besser +Haus. Bei unsrer Rückkehr hatten wir zu Rottweil alle Tage Ball, bald +in diesem, bald in jenem Wirtshause. Fast alle Hochzeiten richtete man, +Markoni zu Gefallen, in dem unsrigen an. Der beschenkte alle Bräute, +und trillerte dann eins mit ihnen herum. Auch für mich war dies ein +ganzes Fressen. Zwar hatt' ich mir's fest vorgenommen, meinem Ännchen +treu zu bleiben, und hielt wirklich mein Wort, gleichwohl aber macht' +ich mir kein Gewissen daraus, hie und da mit einem hübschen Kind zu +schäkern, wie mich denn auch die Dinger recht wohl leiden mochten. +Mein Herr war vollends ein Liebhaber des schönen Geschlechts bis zum +Entsetzen, und im Notfall jede Köchin ihm gut genug. Mich bewahre +Gott davor, dacht' ich oft, so ein armes bisher ehrliches Mädchen zu +besudeln, dann heut oder morgen wegzureisen und es sitzen zu lassen. +Eine von den beiden Köchinnen im Wirtshause, Mariane, dauerte mich +innig. Sie liebte mich heftig, gab und tat mir, was sie mir an den +Augen ansah. Ich hingegen bezeigte mich immer schnurrig, sie ließ +sich's aber nicht anfechten, und blieb gegen mich stets dieselbe. +Schön war sie nicht, aber herzlich gut. Die andre Köchin, Hanne, machte +mir schon mehr Anfechtungen. Diese war zierlich hübsch, und ich, +vermutlich darum, eine Zeitlang sterblich verliebt in sie. Hätt' sie +meine Aufwart williger angenommen, wär' ich wirklich an ihr zum Narren +worden. Aber ich sah bald, daß sie gut mit Markoni stund. Ich merkte, +daß sie alle Morgen zu ihm aufs Zimmer schlich. Damit tat sie mir +einen doppelten Dienst: Erstlich verwandelte sich meine Liebe in Haß, +zweitens stand nun mein Herr nicht mehr so früh als gewöhnlich auf, +also konnt' auch ich hinwieder um so viel länger schlafen. Bisweilen +kam er schon gestiefelt und gespornt auf meine Kammer und traf mich +noch im Bett' an, ohne mir Vorwürf' zu machen, denn er merkte, daß +ich wußte, wo die Katz' im Stroh lag. Nichtsdestoweniger warnte er +mich, nach solcher Herren Weise, vor seinen eignen Sünden mit großem +Ernst. »Ollrich!« hieß es da, »hörst, mußt dich mit den Mädels nicht +zu weit einlassen, du könnt'st die schwere Not kriegen!« Übrigens +hatt' ich's in allen Dingen bei und mit ihm wie von Anfang, viel +Wohlleben für wenig Geschäfte, und meist einen Patron wie die liebe +Stunde, zwei einzige Mal ausgenommen, einmal, da ich den Schlüssel +zum Halsband seines Pudels nicht auf der Stell' finden konnte, das +andre Mal, da ich einen Spiegel sollte zerbrochen haben. Beidemal +war ich unschuldig. Aber das hätt' mir wenig geholfen, sondern nur +durch demütiges Schweigen entging ich der zumal des Schlüssels wegen +schon über mir gezogenen Fuchtel. Derlei Geschichtchen, kurz, alles, +was mir Süßes oder Saures widerfuhr, meine Liebesmücken ausgenommen, +schrieb ich fleißig nach Haus, und predigte bei solchen Anlässen meinen +Geschwistern ganze Litaneien voll, wie sie Vater, Mutter und andern +Vorgesetzten ja nie widerbelfern, sondern, auch wo sie Unrecht zu +leiden vermeinen, sich hübsch gewöhnen sollten, das Maul zu halten, +damit sie's nicht von fremden Leuten erst zu spät lernen müßten. Alle +meine Briefe ließ ich meinem Herrn lesen, nicht selten klopfte er mir +während der Lektur auf die Schulter! Bravo, Bravo! sagte er dann, +verpitschierte sie mit seinem Siegel, und hielt mich in Ansehung aller +an mich eingehenden Depeschen portofrei. + +Mir ist so wohl beim Zurückdenken an diese glücklichen Tage! Heute noch +schreib' ich mit innigem Vergnügen davon, und ich bin jetzt noch so +wohl zufrieden mit meinem damaligen Ich, so geneigt, mich über alles zu +rechtfertigen, was ich in diesem Zeitraum tat und ließ. Freilich vor +dir nicht, Allwissender! Aber vor Menschen darf ich's sagen: Damals war +ich ein guter Bursch' ohne Falsch, vielleicht für die arge Welt nur +zu redlich. Harmlos und unbekümmert bracht' ich meine Tage hin, heut' +wie gestern, und morgen wie heute. Kein Gedanke stieg in mir auf, daß +es mir jemals anders als gut gehen könnte. In allen Briefen schrieb +ich meinen Eltern, sie sollten zwar für mich beten, aber nicht für +mich sorgen, der Himmel und mein guter Herr sorgten schon für mich. +Man glaube mir's oder nicht, der einzige Kummer, der mich bisweilen +anfocht, war dieser: Es dürft' mir noch zu wohl werden, und dann möcht' +ich Gottes vergessen. Aber nein! beruhigte ich mich bald wieder, das +werd' ich nie: War er's nicht, der mir, durch Mittel, die nur seine +Weisheit zum besten lenken konnte, zu meinem jetzigen erwünschten Los +half? Mein erster Schritt in die Welt geriet unter seiner leitenden +Fürsorge so gut; warum sollten die folgenden nicht noch besser +gelingen? Auf irgendeinem Fleck der Erde werd' ich vollends mein Glück +bau'n. Dann hol' ich Ännchen, meine Eltern und Geschwister zu mir, +und mache sie des gleichen Wohlstands teilhaft. Durch welche Wege? +fragt' ich mich nie, und hätt' ich daran gedacht, so wär's mir nicht +schwer gewesen, drauf zu antworten, denn damals war mir alles leicht. +Zudem kam mein Herr tagtäglich mit allerlei Exempeln von Bauern, die +zu Herren worden, und andern Fortunaskindern angestochen. Der Herren, +die zu Bettlern worden, tat er keine Meldung. Er versprach auch, an +meinem ferneren Fortkommen wie ein treuer Vater zu arbeiten. Was hätt' +ich weiter befürchten sollen, oder vielmehr, was nicht alles hoffen +dürfen? Von einem Herrn wie Markoni, einem so großen Herrn, dacht' +ich Esel, dem zweit- oder drittnächsten vielleicht auf den König, der +Länder und Städte, geschweige Gelds zu vergeben hat, soviel er will. +Aus seiner jetzigen Güte zu schließen, was wird er erst für mich in +der Zukunft tun? Oder warum sollt' er auf mich groben, ungeschliffenen +Flegel jetzt schon so viel wenden, wenn er nicht große Dinge mit mir +im Sinn hätte? Konnt' er mich nicht, gleich andern Rekruten, geradezu +nach Berlin transportieren lassen, wenn er je im Sinn hätte, mich zum +Soldaten zu machen, wie mir's ehemals ein paar böse Mäuler aufbinden +wollten? Nein! Das wird in Ewigkeit nicht gescheh'n, darauf will ich +leben und sterben. So dacht' ich, wenn ich vor lauter Wohlbehagen je +Zeit zu denken hatte. Gesund war ich wie ein Fisch. Das Traktement +konnt' ich nach meinem Geschmack wählen, und Mariane ließ mir's an +guten Bissen nie fehlen. Tanz und Jagd förderten die Dauung; denn ohne +das hätt's mir freilich an Bewegung gefehlt. Markoni besuchte, bald hie +bald da, alle Edelleut' in der Runde. Ich mußte überall mit; und es tat +mir in der Seele wohl, wenn ich sah, wie er ordentlich Hoffart mit mir +trieb. Sonst waren solche Ausritte zu diesen meist armen Schmalzgrafen +seinem Geldbeutel wenig nutz. Dann kostete ihn das Tarockspiel mit +Pfaffen und Laien auch schöne Batzen. Einst mußt' ich darum die Karten +vor seinen Augen in kleine Stück zerreißen und dem Vulkan zum Opfer +bringen, aber morgens drauf ihm schon wieder neue holen. Ein andermal +hatt' er auch eine ziemliche Summ' verloren, und kam abends um neun +Uhr mit einem tüchtigen Räuschchen verdrießlich nach Haus. »Ollrich!« +sagte er, »geh', schaff mir Spielleut', es koste, was es will.« »Ja, +Ihr Gnaden!« antwortet ich, »wenn ich dergleichen wüßte; und dann ist's +schon so spät und stockfinster.« »Fort, Racker!« fuhr er fort, »oder +--« und machte ein fürchterlich wildes Gesicht. Ich mußte mich packen, +stolperte im Dunkeln durch alle Straßen, und spitzte die Ohren, ob +ich nirgends eine Geige höre? Als ich endlich zu oberst im Städtchen +an die Müller- und Bäckerherberg' kam, merkt' ich, daß es da etwas +Herumspringens absetzen wollte. Ich schlich mich hinauf und ließ einen +Spielmann herausrufen. Die Bursch' in der Stube schmeckten den Braten; +ein paar von ihnen kamen ihm auf dem Fuß nach, und husch! mit Fäusten +über mich her. Dem Wirt hatt' ich's zu danken, daß sie mich nicht fast +zu Tod geschlagen. Der Apollossohn hatte mir zwar ins Ohr geraunt, +sie wollten bald aufwarten. Jetzt aber zweifelt' ich, ob er mir Wort +halten könnte. Dennoch war ich Tropfs genug, sobald ich nach Haus +kam, mit den Worten ins Zimmer zu treten: »Ihr Gnaden! innert einer +Viertelstund' werden sie da sein!« -- Die Furcht vor neuen Prügeln, eh' +noch die alten versaust wären, verführte mich zu diesem Wagestück. Aber +nun stand ich Höllenangst aus, bis ich wußte, ob ich nicht aus übel +ärger gemacht. Mittlerweile erzählt' ich Markoni, was ich seinetwegen +gelitten, um +per Avanzo+ sein Mitleid rege zu machen, wenn der +Guß fehlen sollte. Die tausendslieben Leute kamen, eh' wir's uns +versahen. Unser Wirt hatte inzwischen etliche lustige Brüder und ein +paar Jungfern rufen lassen. Jetzt kommandierte Markoni Essen und +Trinken, was Küche und Keller vermochten, warf den Musikanten zum +voraus einen Dukaten hin, und tanzte eine Menuett und einen Polnischen. +Bald aber fing er auf seinem Stuhl an zu schnarchen; dann erwacht' er +wieder, und rief: »Ollrich! mir ist's so hundsföttisch!« Ich mußt' ihn +also zu Bett bringen. Im Augenblick schlief er ein wie ein Stock. Das +war uns übrigen recht gekocht. Wir machten uns lustig wie die Vögel im +Hanfe; alles so durcheinander, Herren und Dienstboten. Es währte bis +morgens um vier Uhr. Mein Herr erwachte um fünf. Seine ersten Worte +waren: »Ollrich! Sein Tage trau' Er keinem Menschen; 's ist alles +falsch wie'n Teufel. Wenn der Kujon von R*** kömmt, so sag' Er, ich sei +nicht zu Hause.« + +[Sidenote: Adieu Rottweil!] + +Dieser von R*** war einer von Markonis faulen Debitoren, wie er deren +viel hatte. Nun fürchtete er zwar nicht, daß derselbe ihm Geld bringen, +aber wohl, daß er noch mehr bei ihm holen möchte; denn mein Herr konnte +keinem Menschen etwas abschlagen. Indessen wollt' er mich von Zeit +zu Zeit dazu brauchen, ihm dergleichen Schulden wieder einzutreiben; +dazu aber taugt' ich in Grundsboden nicht: die Kerls gaben mir gute +Wort'; und ich ging zufrieden nach Haus. Aber länger mocht' eine solche +Wirtschaft nicht dauern. Dazu kam, daß Markoni am End' das ärgste +befürchten mußte, wenn er bedachte, wie wenig Bursche er für so viel +Geldverzehrens seinem König geliefert hatte; denn der Große Friedrich, +wußt' er wohl, war zugleich der genaueste Rechenmeister seiner Zeit. +Er strengte darum mich, unsern Wirt, und alle seine Bekannten an, uns +doch umzusehn, ob wir ihm nicht noch ein paar Kerls ins Garn bringen +könnten? Aber alles vergebens. Auch die beiden Wachtmeister Hevel und +Krüger langten um die gleiche Zeit ebenfalls mit leeren Händen wieder +zu Rottweil an. Nun mußten wir uns sämtlich reisefertig machen. Vorher +aber gab's noch ein paar lustige Tägel. Hevel war ein Virtuos' auf +der Guitarr, Krüger eine gute Violine; beide feine Herren, solang +sie auf der Werbung lagen, beim Regiment aber magere Korporals. Ein +dritter endlich, Labrot, ein großer, handfester Kerl, ließ ebenfalls +seinen Schnurrbart wieder wachsen, den er als Werber geschoren trug. +Diese drei Bursche belustigten noch zu guter Letzt ganz Rottweil mit +ihren Sprüngen. Es war eben Fastnacht, wo die sogenannte Narrenzunft, +ein ordentliches Institut dieser Stadt, bei welchem über zweihundert +Personen von allen Ständen eingeschrieben sind, ohnehin ihre Gaukeleien +machte, die meinem Herrn schwer Geld kosteten. Und kurz, es war hohe +Zeit, den Fleck zu räumen. Jetzt ging's an ein Abschiednehmen. Mariane +flocht mir einen zierlichen Strauß von kostbaren künstlichen Blumen, +den sie mir mit Tränen gab, und den ich ebensowenig mit trockenem Aug' +abnehmen konnte. Und nun ade! Rottweil, liebes friedsames Städtchen! +liebe, tolerante, katholische Herren und Bürger! Wie war's mir so +tausendswohl bei euerm vertrauten, brüderlichen Zechen! Ade! ihr +wackern Bauern, die ich an den Markttagen in unserm Wirtshaus so gern +von ihren Geschäften plaudern hörte, und so vergnügt auf ihren Eseln +heimreiten sah! Wie trefflich schmeckten mir oft Milch und Eier in +euern Strohhütten! Wie manche Lust genoß ich auf euern schönen Fluren, +wo Markoni so viel Dutzend singende Lerchen aus der Luft schoß, die +mich in die Seele dauerten! Wie entzückt war ich, so oft mein Herr +mir's vergönnte, in euern topfebenen Wäldern, an des Neckars reizenden +Ufern, auf und nieder zu schlendern, wo ich ihm Hasen ausspähen sollte, +aber lieber die Vögel behorchte, und das Schwirren des Wests in den +Wipfeln der Tannen! Und nirgends war's so lustig als um Hefendorf, +und dann bei dem auf einem schauerlich schönen Felsenberg gelegenen +Schlosse Rotenstein, welches der dasselbe fast rund umrauschende Neckar +zu einer höchst romantischen Halbinsel macht. -- Nochmal also ade! +Rottweil, wertes, teures Nestchen! Ach! vielleicht auf ewig! Ich hab' +seit der Zeit so viel Städte gesehn, zehnmal größer, und zwanzigmal +saubrer und netter als du bist! Aber mit aller deiner Kleinheit, und +mit allen deinen Miststöcken, warst du mir zehn- und zwanzigmal lieber +als sie! Ade, Marianchen! Tausend Dank für deine innige, und doch +so unverdiente Liebe zu mir! Ade! Sebastian Zipfel, lieber, guter +Armbrustwirt! und deine zarte Mühle desgleichen! Lebt alle, alle wohl! + +[Sidenote: Reise nach Berlin] + +Den fünfzehnten März 1756 reisten wir in Gottes Namen, Wachtmeister +Hevel, Krüger, Labrot, ich und Kaminski, mit Sack und Pack, und, den +letztern ausgenommen, alle mit Unter- und Übergewehr, von Rottweil ab. +Marianchen nähte mir den Strauß aufn Hut und schluchzte; ich drückte +ihr einen Neunbätzner in die Hand und konnt's auch kaum vor Wehmut. +Denn so entschlossen ich zu dieser Reis war, und so wenig Arges ich +vermutete, fiel's mir doch ungewohnt schwer auf die Brust, ohne daß +ich eigentlich wußte, warum? War's Rottweil oder Marianchen, oder daß +ich ohne meinen Herrn reisen sollte, oder die immer weitere Entfernung +vom Vaterland und Ännchen? -- Ich hatte allen zu Hause mein letztes +Lebewohl geschrieben. Markoni gab mir zwanzig Gulden auf den Weg; was +ich mehr brauche, sagte er, werde mir Hevel schießen. Dann klopfte +er mir auf die Schulter: »Gott bewahre dich, mein Sohn, mein lieber, +lieber Ollrich, auf allen deinen Wegen! In Berlin sehn wir uns bald +wieder.« Dies sprach er sehr wehmütig; denn er hatte gewiß ein weiches +Herz. Unsre erste Tagreise ging sieben Stunden weit, bis ins Städtchen +Ebingen, meist über schlechte Wege durch Kot und Schnee. Die zweite bis +auf Obermarkt neun Stunden. Auf der erstgenannten Station logierten +wir beim Reh; auf der zweiten weiß ich selbst nicht mehr, was es für +ein Tier war. An beiden Orten gab's nur kalte Küche und ein Gesöff ohne +Namen. Den dritten Abend bis Ulm wieder neun Stunden. Diesen Tag fing +ich an, die Beschwerlichkeiten der Reise zu fühlen; schon hatt' ich +Schwielen an den Füßen, und war mir's sonst sterbensübel. Im Städtchen +Egna setzten wir uns ein Stück Wegs auf einen Bauernwagen, da denn das +gewaltige Schütteln dieses Fuhrwerks, zumal bei mir, seine gewohnte, +herzbrechende Wirkung tat. Als wir unweit Ulm abstiegen, ward's +mir schwarz und blau vor den Augen. Ich sank zu Boden. »Um Gottes +Barmherzigkeit willen,« sagt' ich, »weiter kann ich nicht; lieber laßt +mich auf der Gasse liegen.« Ein barmherziger Samariter lud mich endlich +auf seine nackte Mähre, auf der ich mich vollends bis ins Städtchen +so lahm ritt, daß ich weder mehr stehen noch gehen konnte. Zu Ulm +logierten wir beim Adler und hatten dort unsern ersten Rasttag. Meine +Kameraden besorgten da ihre alten Herzensangelegenheiten. Ich legte +mich auf die faule Haut. Nur sah ich an diesem Ort einen Leichenzug, +der mir sehr wohl gefiel. Das Weibsvolk ging ganz weiß bis auf die +Füße. Den fünften Tag marschierten wir bis Gengen sieben Stunden. Den +sechsten auf Nördlingen, wieder sieben Stunden, und hielten da den +zweiten Rasttag. Hevel hatte dort beim Wilden Mann ein lieb's Liesel. +Sie spielte artig die Guitarr, er sang Lieder dazu. Sonst weiß ich +von diesem und so vielen andern Orten, wo wir durchkamen, nichts zu +erzählen. Meist erst nachts langten wir müd' und schläfrig an, und +morgens früh mußten wir wieder fort. Wer wollte da etwas recht sehen +und beobachten können? Ach Gott! dacht' ich oft, wenn ich nur einmal an +Ort und Stell' wäre, mein Lebtag wollt' ich nicht mehr eine so lange +Reise antreten. Kaminski war, wie ich schon einmal angedeutet, ein +lustiger Polack, ein Mann wie ein Baum, ein paar Beine wie zwei Säulen, +und lief wie ein Elefant. Labrot hatte auch seinen tüchtigen Schritt. +Krüger, Hevel und ich hingegen schonten ihrer Füße, und bald alle sechs +Tage mußte man uns flicken oder versohlen. Am achten Tage ging's nach +Gunzenhausen, acht Stunden. Gegen Mittag sahen wir Hevels Lieschen über +ein Feld dahertrippeln. Das arme Ding rannte ihm durch andere Wege bis +hierher nach, und wollte sich nicht abweisen lassen, ihn wenigstens bis +auf unsere Station zu begleiten. Von hier gingen wir über Nürnberg, +Bayreuth und Hof weiter und erreichten in sechs Tagen Schleiz, wo wir +endlich wieder Rasttag hielten. Von Gunzenhausen an hatten wir in +keinen Betten gelegen, sondern wenn's gut ging, auf elendem Stroh. +Und überhaupt, obschon wir viel Geld verzehrten, war's ein miserabel +Leben, meist schlecht Wetter, und oft abscheuliche Wege. Krüger und +Labrot fluchten und pestierten den ganzen Tag; Hevel hingegen war +ein feiner, sittlicher Mann, der uns immer Geduld und Mut einsprach. +Den neunzehnten Tag gelangten wir über die Elbe bis auf Halle. Als +wir den breiten Strom passiert hatten, bezeugten die Sergeanten +große Freude, denn nun betraten wir Brandenburger Boden. Zu Halle +logierten wir bei Hevels Bruder, einem Geistlichen, der aber nichts +desto minder den ganzen Abend mit uns spielte und haselierte,[41] so +daß ich glaube, sein Bruder Sergeant war frommer als er. Inzwischen +war mein Geld alle geworden, und Hevel mußte mir noch zehn Gulden +herschießen. Den zwanzigsten bis vierundzwanzigsten Tag ging's über +Zerbst, Dessau, Spandau und Charlottenburg in vierundvierzig Stunden +nach Berlin. An den letztern Orten zumal wimmelte es von Militär aller +Gattungen und Farben, so daß ich mich nicht satt gucken konnte, die +Türme von Berlin zeigte man uns schon, eh' wir nach Spandau kamen. +Ich dachte, wir hätten's in einer Stunde erreicht, wie erstaunt' +ich darum, als es hieß, wir gelangten erst morgen hin. Und nun, wie +war ich so herzlich froh, als wir endlich die große herrliche Stadt +erreicht. Wir gingen zum Spandauertor ein, dann durch die melancholisch +angenehme Lindenstraße, und noch ein paar Gassen durch. Da, dacht' ich +Einfaltspinsel, bringt man dich dein Lebtag nicht mehr weg, da wirst +du dir dein Glück bauen, dann schickst du einen Kerl mit Briefen ins +Tockenburg, der muß dir deine Eltern und Ännchen zurückbringen, die +werden die Augen aufsperren. Nun bat ich meine Führer, sie sollten mich +zu meinem Herrn führen. »Ei!« erwiderte Krüger, »wir wissen ja nicht, +ob er schon angelangt ist, und noch viel minder, wo er Quartier nimmt!« +»Der Henker!« sagt' ich, »hat er denn kein eigen Haus hier?« Über diese +Frage lachten sie sich die Haut voll. Mögen sie immer lachen, dacht' +ich, Markoni wird doch, will's Gott! ein eigen Haus haben. + +[Sidenote: In Berlin] + +Es war den achten April, als wir zu Berlin einmarschierten und ich +vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr, +schon acht Tage vor uns angelangt war. Labrot, denn die anderen +verloren sich nach und nach von mir, ohne daß ich wußte, wo sie +hinkamen, transportierte mich in die Krausenstraße, in Friedrichsstadt, +wies mir ein Quartier an und verließ mich kurz mit den Worten: »Da, +Mußier, bleib' Er, bis auf fernere Order!« Der Henker! dacht' ich, was +soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus! Wie ich so staunte, kam +ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit auf seine Stube, wo +sich schon zwei andre Martissöhne befanden. Nun ging's an ein Wundern +und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch +konnt' ich ihre Sprache nicht recht verstehen. Ich antwortete kurz, +ich komme aus der Schweiz, und sei Sr. Exzellenz des Herrn Leutnant +Markoni Lakai, die Sergeanten hätten mich hierher gewiesen, ich möchte +aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo +er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, daß ich hätte weinen +mögen; und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz +wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß +mit wenigem Appetit. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl +ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein +müsse. Es war ein Feldweibel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm, +die er über den Tisch ausspreitete, legte ein Sechsgroschenstück dazu +und sagte: »Das ist für dich, mein Sohn! Gleich werd' ich dir noch ein +Kommißbrot bringen.« »Was? für mich?« versetzt' ich, »von wem, wozu?« +»Ei, deine Montierung und Traktement, Bursche! Was gilt's da Fragens? +Bist ja ein Rekrute.« »Wie, was? Rekrute?« erwidert' ich! »Behüte Gott! +da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein, in meinem Leben nicht. +Markonis Bedienter bin ich. So hab' ich gedungen, und anders nicht. +Da wird mir kein Mensch anders sagen können!« »Und ich sag' dir, du +bist Soldat, Kerl! Ich steh' dir dafür. Da hilft jetzt alles nichts.« +Ich: Ach! wenn nur mein Herr Markoni da wäre. Er: Den wirst du sobald +nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener +sein, als seines Leutnants? Damit ging er weg. »Um Gottes willen, Herr +Zittemann!« fuhr ich fort, »was soll das werden?« »Nichts, Herr!« +antwortete dieser, »als daß Er, wie ich und die andern Herren da, +Soldat und wir folglich alle Brüder sind, und Ihm alles Widersetzen +nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache +führt, kreuzweis schließt, und Ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen +krachen, bis Er kontent ist!« Ich: Das wär', beim Sacker! unverschämt, +gottlos. Er: Glaub' Er mir's auf mein Wort, ander's ist's nicht, und +geht's nicht. Ich: So will ich's dem Herrn König klagen. Hier lachten +alle hoch auf. Er: Da kömmt Er sein Tage nicht hin. Ich: Oder wo muß +ich mich sonst melden? Er: Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist +alles umsonst. Ich: Nun so will ich's probieren, ob's so gelte? Die +Bursche lachten wieder, ich aber entschloß mich wirklich, morgens zum +Major zu gehn und meinem treulosen Herrn nachzufragen. + +[Sidenote: Zum Rekruten gepreßt ] + +Sobald also der Tag an Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier +zeigen. Potz Most! das dünkte mich ein königlicher Palast und der Major +der König selbst zu sein, so majestätisch kam er mir vor, ein gewaltig +großer Mann, mit einem Heldengesicht und ein paar feurigen Augen wie +Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: »Herr ... Major! Ich bin ... +Herr Leutnants Markonis Be ... Bedienter. Fü ... fü ... für das bi ... +bi ... bin ich angewo ... worben, und sonst wei ... weiters für ni ... +ni ... nichts. Si ... Si ... Sie können ihn selbst fra ... gen. I ... +Ich weiß nicht wo er i ... i ... ist. Jetzt sagen's da, ich müsse So +... o ... oldat sei ... ei ... ein, ich wolle o ... der wolle nicht.« +-- »So!« unterbrach er mich, »so ist Er das saubre Bürschchen! Sein +feiner Herr hat uns gewirtschaftet, daß es eine Lust ist, und Er wird +wohl auch seinen Teil gezogen haben. Und kurz, jetzt soll Er dem König +dienen, da ist's aus und vorbei.« Ich: Aber Herr Major! Er: Kein Wort, +Kerl! oder die Schwernot! Ich: Aber ich hab' ja weder Kapitulation noch +Handgeld! Ach! Könnt' ich doch mit meinem Herrn reden! Er: Den wird +Er sobald nicht zu sehen kriegen, und Handgeld hat Er mehr gekost't +als zehn andre. Sein Leutnant hat eine saubere Rechnung, und Er steht +darin obenan. Eine Kapitulation soll Er haben. Ich: Aber -- Er: Fort, +Er ist ja ein Zwerg, daß -- Ich: Ich bi ... bi ... bitte. -- Er: +Kanaille! scher' Er sich zum Teufel. Damit zog er die Fuchtel. Ich zum +Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem Quartier, das ich vor Angst +und Not kaum finden konnte. Da klagt' ich Zittemann mein Elend in den +allerhöchsten Tönen. Der gute Mann sprach mir Mut ein. »Geduld, mein +Sohn! Es wird schon alles besser gehn. Jetzt mußt' dich leiden, viel +hundert brave Bursche aus guten Häusern müssen das gleiche tun. Denn, +gesetzt auch, Markoni könnte und wollte dich behalten, so müßt' er dich +doch unter sein Regiment abgeben, sobald es hieß: ins Feld, marsch! +Aber wirklich, einstweilen würd' er kaum + +[Sidenote: Kapitulation] + +einen zu nähren imstande sein, da er auf der Werbung ungeheure Summen +verzehrt und dafür so wenig Kerls eingeschickt haben soll, wie ich +unsern Oberst und Major schon oft lamentieren gehört, man wird ihn +gewiß nicht mehr so geschwind zu derlei Geschäften brauchen.« So +tröstete mich Zittemann, und ich mußt's wohl annehmen, da mir kein +besserer Trost übrigblieb. Nur dacht' ich dabei, die Größern richten +solche Suppen an, und die Kleinern müssen sie aufessen. + +[Sidenote: Soldatenleben] + +Des Nachmittags brachte mir der Feldweibel mein Kommißbrot nebst Unter- +und Übergewehr und fragte, ob ich mich nun eines Besseren bedacht. +»Warum nicht?« antwortete Zittemann für mich, »er ist der beste Bursch' +von der Welt.« Jetzt führte man mich in die Montierungskammer, paßte +mir Hosen, Schuh' und Stiefeletten an und gab mir einen Hut, Halsbinde +und Strümpfe. Dann mußt' ich mit noch etwa zwanzig andern Rekruten zum +Herrn Oberst Latorf. Man führte uns in ein Gemach, so groß wie eine +Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem, +einen Zipfel anzufassen. Ein Adjutant, oder wer er war, las uns einen +ganzen Sack voll Kriegsartikel her und sprach uns einige Worte vor, +welche die mehrern nachmurmelten, ich regte mein Maul nicht, dachte +dafür was ich gern wollte, ich glaube an Ännchen; er schwung dann +die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine +Garküche und ließ mir ein Mittagessen nebst einem Krug Bier geben. +Dafür mußt' ich zwei Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen sechsen +noch viere übrig; mit diesen sollt' ich vier Tage wirtschaften, und +sie reichten doch bloß für zwei hin. Bei dieser Überrechnung fing ich +gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran, +einer derselben, sagte mir mit Lachen: »Es wird dich schon lehren. +Jetzt tut es nichts, hast ja noch allerlei zu verkaufen! Per Exempel +deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar doppelt armiert, das läßt +sich alles versilbern. Auch kriegen solche junge Bursche oft noch eine +Traktements-Zulage, und kannst dich deswegen beim Obrist melden.« »Oh! +oh! Da geh' ich mein Tage nicht mehr hin,« sagt' ich. »Potz Velten!« +antwortete Cran, »du mußt mal des Donners gewohnt werden, sei's ein +wenig früher oder später. Und dann der Menage wegen nur fein aufmerksam +zugesehn, wie's die andern machen. Da heben's drei, vier bis fünf +miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirnen und kochen selbst. +Des Morgens um e'n Dreier Fusel und e'n Stück Kommißbrot. Mittags +holen sie in der Garküche um e'n andern Dreier Suppe und nehmen wieder +e'n Stück Kommiß. Des Abends um zwei Pfennig Konvent oder Dünnbier +und abermals Kommiß.« »Aber das ist, beim Strehl, ein verdammtes +Leben,« versetzt' ich, und Er: Ja! So kommt man aus und anders nicht. +Ein Soldat muß das lernen, denn es braucht noch viel andre Ware: +Kreide, Puder, Schuhwachs, Öl, Schmirgel, Seife und was der hundert +Siebensachen mehr sind. Ich: Und das muß einer alles von den sechs +Groschen bezahlen? Er: Ja! und noch viel mehr, wie z. B. den Lohn für +die Wäsche, für das Gewehrputzen und so fort, wenn Er solche Dinge +nicht selber kann. Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte +alles zurecht, so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche hatt' ich +noch Vakanz. Ich ging in der Stadt herum, auf alle Exerzierplätze, +sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir +schon zum voraus der Angstschweiß von der Stirne troff. Ich bat daher +Zittemann, mir zu Hause die Handgriffe zu zeigen. »Die wirst du wohl +lernen,« sagte er, »aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an. Da geht's +dir wie e'n Blitz!« Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu +weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf +Soldatenmanier frisieren sollte. Nach Crans Rat verkaufte ich meine +Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche. +Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las im Hallischen +Gesangbuch, oder betete. Dann spaziert' ich etwa an die Spree und sah +da hundert Soldatenhände sich mit Aus- und Einladen der Kaufmannswaren +beschäftigen, oder auf die Zimmerplätze, da steckte wieder alles voll +arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Kasernen, da fand ich +überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von +Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache, so +gab's deren, die spielten, soffen und haselierten; andre, welche ruhig +ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten; etwa auch einer, der in +einem erbaulichen Buch las und's den andern erklärte. In den Garküchen +und Bierbrauereien ging's ebenso her. Kurz, in Berlin hat's unter dem +Militär, wie, denk' ich freilich, in großen Staaten überall, Leute +aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Religionen, von +allen Charakteren, und von jedem Berufe, womit einer noch nebenzu sein +Stücklein Brot gewinnen kann. Das dachte auch ich zu verdienen, wenn +ich nur erst recht exerzieren könnte; etwa an der Spree? Doch nein! +da lärmt's zu stark, aber z. E. auf einem Zimmerplatz, da ich mich +so ziemlich auf die Art verstund. So war ich wieder fix und fertig, +neue Pläne zu machen, ungeachtet ich mit meinem erstern so schändlich +gescheitert. Gibt's doch hier, damit schläferte ich mich immer ein, +selbst unter den gemeinen Soldaten ganze Leute, die ihre hübschen +Kapitalien haben, Wirtschaft, Kaufmannschaft treiben, und anders. Aber +dann erwog ich nicht, daß man vorzeiten ganz andere Handgelder gekriegt +als heutzutag oder dergleichen Bursche bisweilen ein Namhaftes mochten +erheiratet haben, besonders aber, daß sie ganz gewiß mit dem Schilling +gut hausgehalten, und nur darum den Gulden gewinnen konnten; ich +hingegen weder mit dem Schilling noch mit dem Gulden umzugehen wisse. +Und endlich, wenn alles fehlen sollte, fand ich auch einen elenden +Trost in dem Gedanken: Geht's einmal zu Felde, so schont das Blei jene +Glückskinder so wenig, als dich armen Hudler! -- Also bist du so gut +wie sie. + +[Sidenote: Soldatendressur] + +[Sidenote: Wiedersehen mit Markoni] + +Die zweite Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz +stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann +und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente +Itzenblitz, die beiden erstern vollends unter der nämlichen Kompagnie +Lüderitz befanden. Da sollt' ich vor allen Dingen unter einem +mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase, Mengke mit Namen, +marschieren lernen. Den Kerl mocht' ich für den Tod nicht vertragen; +wenn er mich gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den +Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein Tage nichts begreifen +können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem +gleichen Platz manöverierte, tauschte mich gegen einen andern aus, und +nahm mich unter sein Peloton.[42] Das war mir eine Herzensfreude. Jetzt +kapiert' ich in einer Stund' mehr als sonst in zehn Tagen. Von diesem +guten Manne vernahm ich auch bald, wo Markoni wohne; aber, bat er um +Gottes willen, ich solle ihn nicht verraten. Des folgenden Tags, sobald +das Exerzitium vorbei war, flog ich nach dem Quartier, das mir Hevel +verdeutet hatte, und murmelte immer vor mich her: »Ja, ja, Markoni! +wart' nur, ich will dir deinen an mir verübten Lumpenstreich, deine +verfluchte Verräterei so unter die Nase reiben, daß es dich gereuen +soll! Nun weiß ich schon, daß du hier nur Leutnant und nirgends Ihr +Gnaden bist!« -- Bei geringer Nachfrage fand ich das mir benannte +Haus. Es war eins von den geringsten in ganz Berlin. Ich pochte an; +ein kleines, magres, fuchsrotes Bürschchen öffnete mir die Tür und +führte mich eine Treppe hinauf in das Zimmer meines Herrn. Sobald er +mich erblickte, kam er auf mich zu, drückte mir die Hand, und sprach +zu mir mit einem Engelsgesicht, das in einem Nu allen meinen Grimm +entwaffnete und mir die Tränen in die Augen trieb: »Ollrich! mein +Ollrich! mach' mir keine Vorwürf'. Du warst mir lieb, bist's noch, und +wirst's immer bleiben. Aber ich mußte nach meinen Umständen handeln. +Gib dich zufrieden. Ich und du dienen nun Einem Herrn.« -- »Ja, Ihr +Gnaden« -- -- »Nichts Gnaden!« sagte er: »Beim Regiment heißt es nur: +›Herr Leutnant!‹« Jetzt klagt' ich ihm, nach aller Ausführlichkeit, +meine gegenwärtige große Not. Er bezeugte mir sein ganzes Mitleid. +»Aber,« fuhr er fort, »hast ja noch allerlei Sachen, die du versilbern +kannst, wie z. E. die Flinte von mir, die Reisemütze, die dir Leutnant +Hofmann in Offenburg verehrt, und dergleichen. Bring sie nur mir, ich +zahl' dir dafür, so viel sie je wert sind. Dann könntst du dich, wie +andre Rekruten, um Gehaltserhöhung beim Major« -- »Potz Wetter!« fiel +ich ein. »Nein, den sah ich einmal und nimmermehr!« Drauf erzählt' +ich ihm, wie dieser Sir mir begegnet sei. »Ha!« versetzte er, »die +Lümmels meinen, man könn' auf Werbung von Luft leben und Kerle im +Strick fangen.« »Ja!« sagt' ich, »hätt' ich's gewußt, wollt' ich mir +wenigstens in Rottweil auch einen Notpfennig erspart haben.« »Alles +hat seine Zeit, Ollrich!« erwiderte er, »halt' dich nur brav! Wenn +einmal die Exerzitien vorbei sind, kannst du was verdienen. Und wer +weiß, vielleicht geht's bald ins Feld, und dann« -- Weiter sagte er +nichts; ich merkte aber, was er damit wollte, und ging vergnügt, als +ob ich mit meinem Vater geredet hätte, nach Haus. Nach etlichen Tagen +trug ich Flinte, Pallasch und die samtene Mütze wirklich zu ihm hin; +er zahlte mir etwas weniges dafür, aber von Markoni war ich alles +zufrieden. Bald darauf verkauft' ich auch meinen Tressenhut, den grünen +Frack, so wie alles Übrige, und ließ mir nichts mangeln, so lang ich +was anzugreifen hatte. Schärer war ebenso arm als ich, allein er bekam +ein paar Groschen Zulage und doppelte Portion Brot. Der Major hielt ein +gut Stück mehr auf ihn als auf mich. Indessen waren wir Herzensbrüder, +solang einer was zu brechen hatte, konnte der andre mitbeißen. Bachmann +hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl und +harmonierte nie mit uns; doch schien immer die Stunde ein Tag lang, +wo wir nicht beisammen sein konnten. Gästli mußten wir in schlechten +Häusern suchen, wenn wir ihn haben wollten; er kam bald hernach ins +Lazarett. Ich und Schärer waren auch darin völlig gleichgesinnt, daß +uns das Berliner Weibsvolk ekelhaft und abscheulich vorkam. Ich wollt' +für ihn so gut wie für mich einen Eid schwören, daß wir keine mit +einem Finger berührt haben. Sobald das Exerzieren vorbei war, flogen +wir miteinander in Schottmanns Keller, tranken unsern Krug Ruhiner- +oder Gottwitzerbier, schmauchten ein Pfeifchen, und trillerten ein +Schweizerlied. Immer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner +mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine +Garküche rufen, ihnen den Kuhreihen zu singen. Meist bestand der +Spielerlohn bloß in einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage +nimmt man mit noch weniger vorlieb. + +[Sidenote: Spaziergänge in Berlin] + +[Sidenote: Vom Desertieren] + +[Sidenote: Exerzierübungen] + +[Sidenote: Schmale Kost] + +[Sidenote: Heimweh] + +[Sidenote: Der Gefangene] + +Berlin ist der größte Ort in der Welt, den ich gesehen; und doch bin +ich bei weitem nie ganz darin herumgekommen. Wir drei Schweizer machten +zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise; aber bald gebrach's uns +an Zeit, bald an Geld, oder wir waren von Strapazen so marode, daß wir +uns lieber der Länge nach hinlegten. + +Von der Stadt Berlin sagen zwar viele, sie bestehe aus sieben +Städten; unsereinem hat man aber nur drei genannt: Berlin, Neustadt +und Friedrichsstadt. Alle drei sind in der Bauart verschieden. In +Berlin oder Cölln, wie man auch sagt, sind die Häuser so hoch wie +in den Reichsstädten; aber die Gassen nicht so breit wie in Neu- und +Friedrichsstadt, wo die Häuser wieder niedriger, aber egaler gebaut +sind. Da sehen auch die kleinsten, oft von sehr armen Leuten bewohnt, +wenigstens sauber und nett aus. An vielen Orten gibt es ungeheuer +große, leere Plätze, die teils zum Exerzieren und zur Parade, teils zu +gar nichts gebraucht werden; ferner Äcker, Gärten, Alleen, alles in die +Stadt eingeschlossen. Vorzüglich oft gingen wir auf die lange Brücke, +auf deren Mitte ein alter Markgraf von Brandenburg,[43] zu Pferd +in Lebensgröße, von Erz gegossen steht, und etliche Enakssöhne mit +krausen Haaren zu seinen Füßen gefesselt sitzen, dann der Spree nach, +auf den Weidendamm, wo's gar lustig ist, dann ins Lazarett, um das +traurigste Spektakel unter der Sonne zu sehn, bei dem einen, der nicht +gar unsinnig ist, die Lust an Ausschweifungen bald vergehen muß. In +diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, steht Bett an Bett gereiht, +in deren jedem ein elender Menschensohn auf seine eigene Art den Tod, +und nur wenige ihre Genesung erwarten. Hier ein Dutzend, die unter den +Händen der Feldscherer ein erbärmliches Zetergeschrei erheben; dort +andre, die sich unter ihren Decken krümmen, wie ein halb zertretener +Wurm; viele mit an- und weggefaulten Gliedern. Meist mochten wir's da +nur wenige Minuten aushalten, gingen wieder an Gottes Luft und setzten +uns auf einen Rasenplatz. Da führte unsre Einbildungskraft uns fast +immer unwillkürlich in unser Schweizerland zurück, und erzählten wir +einander unsere Lebensart zu Hause: wie wohl's uns war, wie frei wir +gewesen und was es hier für ein verwünschtes Leben sei. Dann machten +wir Pläne zu unsrer Entledigung. Bald hatten wir Hoffnung, daß uns +heut oder morgen einer gelingen möchte; bald sahen wir vor jedem einen +unübersteiglichen Berg; am meisten schreckte uns die Vorstellung der +Folgen eines fehlschlagenden Versuches. Fast alle Wochen hörten wir +nämlich neue, ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs, +die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und +andre Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen +und Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen, +wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und +ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken -- wie sie des +folgenden Tags aufs neue dran mußten, die Kleider vom zerhackten +Rücken heruntergerissen, und wie wieder frisch drauflosgehauen wurde, +bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann +sahen Schärer und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten +einander in die Ohren: »Die verdammten Barbaren!« Was hiernächst auch +auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen +Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von prügelsüchtigen +Jünkerleins, und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein +Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und +tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh, +andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und selber +jahrein, jahraus so kujoniert zu sehn: oft ganzer fünf Stunden lang, +in unsrer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz +und Quer pfahlgerad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle +Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers, +der mit furiosem Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stund, und alle +Augenblicke wie unter Kabisköpfe[44] dreinzuhauen drohte. Bei einem +solchen Traktement mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und +der geduldigste rasend werden. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so +ging's schon wieder über Hals und Kopf, unsre Wäsche zurechtzumachen +und jedes Fleckchen auszumustern, denn bis auf den blauen Rock war +unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf +an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an +einem dieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der +Frisur nicht recht, so war, wenn man auf den Platz kam, die erste +Begrüßung eine derbe Tracht Prügel. Das währte so den ganzen Mai und +Juni fort. Selbst den Sonntag hatten wir nicht frei; dann mußten wir +auf das properste Kirchenparade machen. Also blieben uns zu jenen +Spaziergängen nur wenige zerstreute Stunden übrig, und wir hatten +kurz und gut zu nichts Zeit, als zum Hungerleiden. Wahr ist's, unsre +Offiziere erhielten gerade damals die gemessenste Order, uns über Kopf +und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten den Henker davon und +dachten halt, das sei so Kriegsmanier. Alte Soldaten vermuteten wohl so +etwas, schwiegen aber mausstill. Indessen waren Schärer und ich blutarm +geworden; und was uns nicht an den Hintern gewachsen war, hatten wir +alles verkauft. Nun mußten wir mit Brot und Wasser oder Kovent,[45] +das nicht viel besser als Wasser ist, vorlieb nehmen. Mittlerweile +war ich von Zittemann weg, zu Wolfram und Meewis ins Quartier kommen, +von denen der erstre ein Zimmermann, der andre ein Schuster war, und +die beide einen guten Verdienst hatten. Mit diesen macht' ich anfangs +ebenfalls Menage. Sie hatten so ihren Bauerntisch: Suppe und Fleisch, +mit Erdäpfeln und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwei Dreier: +Abends und zum Frühstück lebte jeder für sich. Ich aß besonders gern +eine Ochsenpfote, einen Hering oder ein Dreierkäschen. Nun aber konnt' +ich's nicht mehr mit ihnen halten; zu verkaufen hatt' ich nichts, und +mein Sold ging meist für Wäsche, Puder, Schuhwachs, Kreide, Schmirgel, +Öl und anderes Plunderzeug auf. Jetzt fing ich erst recht an, Trübsal +zu blasen, und keinem Menschen konnt' ich so recht von Herzensgrund +meine Not klagen. Des Tags ging ich umher wie der Schatten an der +Wand. Des Nachts legt' ich mich ins Fenster, guckte weinend in den +Mond hinauf, und erzählte dem mein bittres Elend: »Du, der jetzt auch +überm Tockenburg schwebt, sag' es meinen Leuten daheim, wie armselig +es um mich stehe, meinen Eltern, meinen Geschwisterten, meinem Ännchen +sag's, wie ich schmachte, wie treu ich ihr bin, daß sie alle Gott für +mich bitten. Aber du schweigst so stille, wandelst so harmlos deinen +Weg fort? Ach, könnt' ich ein Vöglein sein und dir nach in meine Heimat +fliegen! Ich armer, unbesonnener Mensch! Gott erbarm' sich mein! Ich +wollte mein Glück bauen, und baute mein Elend. Was nützt mir dieser +herrliche Ort, worin ich verschmachten muß! Ja, wenn ich die Meinigen +hier hätte und so ein schön Häuschen, wie dort grad' gegenübersteht, +und nicht Soldat sein müßte, dann wär's hier gut wohnen; dann wollt' +ich arbeiten, handeln, wirtschaften, und ewig mein Vaterland meiden! +Doch nein! Denn auch so müßt' ich den Jammer so vieler Elenden täglich +vor Augen sehn! Nein, geliebtes, liebes Tockenburg! Du wirst mir immer +vorzüglich wert bleiben! Aber, ach! Vielleicht seh' ich dich in meinem +Leben nicht wieder, verliere sogar den Trost, von Zeit zu Zeit an die +Lieben zu schreiben, die in dir wohnen! Jedermann erzählt mir ja von +der Unmöglichkeit, wenn's einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile +fortzubringen, worin ich mein Herz ausschütten könnte. Doch, wer weiß? +Noch lebt mein guter Vater im Himmel; dem ist's bekannt, wie ich nicht +aus Vorsatz oder Liederlichkeit dies Sklavenleben gewählt, sondern böse +Menschen mich betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen sollte. Doch, nein! +desertieren will ich nicht. Lieber sterben, als Spießrutenlaufen. Und +dann kann sich's ja auch ändern. Sechs Jahre sind noch auszuhalten. +Freilich eine lange, lange Zeit; wenn's zumal wahr sein sollte, daß +auch dann kein Abscheid zu hoffen wäre! Doch, was? Kein Abscheid? Hab' +ich doch eine, und zwar mir aufgedrungene Kapitulation! -- Ha! Dann +müßten sie mich eher töten! Der König müßte mich hören! Ich wollte +seiner Kutsche nachrennen, mich anhängen, bis er mir sein Ohr verleiht. +Da wollt' ich ihm alles sagen, was der Brief ausweist. Und der gerechte +Friedrich wird nicht gegen mich allein ungerecht sein.« -- Das waren so +damals meine Selbstgespräche. + +In diesen Umständen flogen Schärer und ich zusammen, wo wir konnten; +klagten, überlegten, beschlossen, verwarfen. Schärer zeigte mehr +Standhaftigkeit als ich, hatte aber auch mehr Sold. Ich gab jetzt, +wie so viele andre, den letzten Dreier um Genever, meinen Kummer +zu vertreiben. Ein Mecklenburger, der nahe bei mir im Quartier und +mit mir in gleichen Umständen war, machte es ebenso. Aber wenn der +seinen Brand im Kopf hatte, setzte er sich in der Abenddämmerung vors +Haus, fluchte und haselierte da mutterseels allein, schimpfte auf +seine Offiziere, und sogar auf den König, wünschte Berlin und allen +Brandenburgern tausend Millionen Schwernot auf den Hals und fand, +wie der arme Teufel, so oft er wieder nüchtern ward, behauptete, in +diesem unvernünftigen Rasen seinen einzigen Trost im Unglück. Wolfram +und Meewis warnten ihn oft; denn sonst war er noch vor kurzem ein +recht guter, umgänglicher Bursche: »Kerl!« sagten sie zu ihm, »gewiß +wirst du noch ins Tollhaus wandern!« Dieses war nicht weit von uns. +Oft sah ich dort einen Soldat vor dem Gegitter auf einem Bänkchen +sitzen, und fragte einst Meewis, wer er wäre. Ich hatte ihn nie +bei der Kompagnie gesehn: »Just so einer, wie der Mecklenburger,« +antwortete Meewis; »darum hat man ihn hier versorgt, wo er anfangs +brüllte wie ein ungarscher Stier. Aber seit etlichen Wochen soll er +so geschlacht[46] wie ein Lamm sein.« Diese Beschreibung machte mich +lüstern, den Menschen näher kennen zu lernen. Er war ein Anspacher. +Anfangs ging ich nur wie verstohlen bei ihm hin und wieder, sah mit +wehmütigem Vergnügen, wie er, seinen Blick bald zum Himmel gerichtet, +bald auf den Boden geheftet, melancholisch dasaß, bisweilen aber, ganz +für sich, sanft lächelte, und übrigens meiner nicht zu achten schien. +Schon aus seiner Physiognomie war mir ein solcher Erdensohn in seiner +Lage heilig. Endlich wagt' ich es, mich zu ihm zu setzen. Er sah mich +starr und ernst an, und schwatzte zuerst lange meist unverständiges +Zeug, das ich doch gerne hörte, weil mitunter etwas höchst Vernünftiges +zum Vorschein kam. Was ihm am meisten Mühe zu machen schien, war, +soviel ich merken mochte, daß er von gutem Haus, und nur durch Verdruß +in diese Umstände gekommen sein mußte, jetzt aber von Nachreu und +Heimweh erbärmlich litt. Nun entdeckt' ich ihm durch Umwege auch +meine Gemütsstimmung, hauptsächlich in der Absicht, zu horchen, was +er allenfalls zu meiner Entweichung sagen würde; denn der Mann schien +mir ordentlich einen Geist der Weissagung zu haben: »Brüderchen!« +sprach er, aus Veranlassung eines solchen Diskurses, einst zu mir: +»Brüderchen, halt' du still! Deine Schuld ist's sicher, daß du leidest, +und was du leidest, mehr oder minder verdiente Züchtigung. Durch +Zappeln machst du's nur ärger. Es wird schon noch anders und immer +anders kommen. Der König allein ist König; seine Generals, Obersten, +Majoren sind selber seine Bedienten und wir, ach! wir, so hingeworfene, +verkaufte Hunde, zum Abschmieren im Frieden, zum Totstechen und +Totschießen im Krieg bestimmt. Aber all' eins, Brüderchen! Vielleicht +kommst du nahe an eine Türe; geht sie dir auf, so tu', was du willst. +Aber halt still, Brüderchen! nur nichts erfrettet[47] oder erzwungen, +sonst ist's mit einmal aus!« Dergleichen und noch viel anderes sagte er +öfters zu mir. Aller Welt Priester und Leviten hätten mir nicht so gut +predigen und mich zugleich so gut trösten können wie er. + +[Sidenote: Kriegsgerüchte] + +Indessen murmelte es immer stärker vom Kriege. In Berlin kamen von +Zeit zu Zeit neue Regimenter an; wir Rekruten wurden auch unter +eins gesteckt. Da ging's alle Tag vor die Tore zum Manövrieren, +links und rechts avancieren, attackieren, retirieren, pelotons- und +divisionsweise chargieren, und was der Gott Mars sonst alles lehrte. +Endlich gedieh es zur Generalrevue; da ging's zu und her, daß dies +ganze Büchelchen nicht klecken würde, das Ding zu beschreiben; und wenn +ich's wollte, so könnt' ich's nicht. Erstlich wegen der schweren Menge +aller Arten Kriegsgrümpel, die ich hier großenteils zum erstenmal sah. +Zweitens hatt' ich immer Kopf und Ohren so voll von dem entsetzlichen +Lärm der knallenden Büchsen, der Trommeln und Feldmusik, des Rufens +der Kommandeurs und dergleichen, daß ich oft hätte bersten mögen. +Drittens war mir das Exerziz seit einiger Zeit so widerlich geworden, +daß ich nur nicht mehr bemerken mochte, was all' die Korps zu Fuß und +zu Pferde für Millionszeug machten. Freilich kam mich hernach manchmal +große Reue an, daß ich diese Dinge nicht besser in Obacht genommen; +denn allen meinen Freunden und allen Leuten hierzulande wünscht' ich, +daß sie solches nur einen Tag sehen möchten, es würde ihnen zu hundert +und aberhundert vernünftigen Betrachtungen Anlaß geben. Also nur dies +wenige. Da waren unübersehbare Felder mit Kriegsleuten bedeckt; viele +tausend Zuschauer an allen Ecken und Enden. Hier stehen zwei große +Armeen in künstlicher Schlachtordnung; schon brüllt von den Flanken das +grobe Geschütz aufeinander los. Sie avancieren, kommen zum Feuer, und +machen ein so entsetzliches Donnern, daß man seinen nächsten Nachbar +nicht hören und vor Rauch nicht mehr sehen kann: Dort versuchen etliche +Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen's einander in die Flanke, da +blockieren sie Batterien, dort formieren sie ein doppeltes Kreuz. Hier +marschieren sie über eine Schiffbrücke, dort hauen Kürassiers und +Dragoner ein, und sprengen etliche Schwadrons Husaren von allen Farben +aufeinander los, daß Staubwolken über Roß und Mann emporwallen. Hier +überrumpeln's ein Lager; die Avantgarde, unter der ich zu manövrieren +die Ehre hatte, bricht Zelte ab und flieht. Doch noch einmal: Ich müßte +ein Narr sein, wenn ich glaubte, hier eine preußische Generalrevue +beschrieben zu haben. Ich hoffe also, man nimmt mit diesem wenigen +vorlieb, oder, vielmehr, verzeiht's mir, um der Freude willen, mein +Gewäsch nicht länger anzuhören. + +[Sidenote: Behüte Gott Berlin!] + +[Sidenote: Ausmarsch] + +Endlich kam der erwünschte Zeitpunkt, wo es hieß: Allons, ins Feld! +Schon im Heumonat marschierten etliche Regimenter von Berlin ab, und +kamen hinwieder andre aus Preußen und Pommern an. Jetzt mußten sich +alle Beurlaubten stellen, und in der großen Stadt wimmelte alles von +Soldaten. Dennoch wußte noch niemand eigentlich, wohin alle diese +Bewegungen zielten. Ich horchte wie ein Schwein am Gatter. Einige +sagten, wenn's ins Feld gehe, könnten wir neue Rekruten doch nicht mit, +sondern würden unter ein Garnisonsregiment gesteckt. Das hätte mir +himmelangst gemacht; aber ich glaubte es nicht. Indessen bot ich alle +meine Leibes- und Seelenkräfte auf, mich bei allen Manövers als einen +fertigen, tapfern Soldaten zu zeigen, denn einige bei der Kompagnie, +die älter waren als ich, mußten wirklich zurückbleiben. Und nun den +einundzwanzigsten August abends spät kam die gewünschte Order, uns auf +morgen marschfertig zu halten. Potz Wetter! wie ging es da her mit +Putzen und Packen! Einmal, wenn's mir auch an Geld nicht gebrochen, +hätt' ich nicht mehr Zeit gehabt, einem Bäcker zwei geborgte Brote zu +bezahlen. Auch hieß es, in diesem Fall dürfte kein Gläubiger mehr ans +Mahnen denken: Doch ich ließ mein Wäschkistchen zurück; und wenn es +der Bäcker nicht abgefordert hat, hab' ich heutigen Tages noch einen +Kreditor in Berlin, auch etliche Debitoren für ein paar Batzen, und +geht's ungefähr so wett auf. Den zweiundzwanzigsten August morgens um +drei Uhr ward Alarm geschlagen, und mit Anbruch des Tages stand unser +Regiment Itzenblitz -- ein herrlicher Name! -- das die Soldaten wegen +der gewaltigen Schärfe unseres Obristen auch Donner und Blitz nannten, +in der Krausenstraße schon Parade. Jede seiner zwölf Kompagnien war +hundertfünfzig Mann stark. Die in Berlin nächst um uns einquartierten +Regimenter, deren ich mich erinnere, waren Vokat, Winterfeld, Meyring +und Kalkstein; dann vier Prinzenregimenter: Prinz von Preußen, Prinz +Ferdinand, Prinz Karl und Prinz von Württemberg, die alle teils vor, +teils nach uns abmarschierten, nachwärts aber im Feld meist wieder zu +uns gestoßen sind. Jetzt wurde Marsch geschlagen, Tränen von Bürgern, +Soldatenweibern, Huren und dergleichen flossen zu Haufen. Auch die +Kriegsleute selber, die Landskinder nämlich, welche Weiber und Kinder +zurückließen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmut und Kummer; die +Fremden jauchzten heimlich vor Freuden und riefen: Endlich ist unsre +Erlösung da! Jeder war bebündelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt +umschnallt, dann die Patrontasche über der Schulter mit einem fünf +Zoll langen Riemen; über die andre Achsel der Tornister, mit Wäsche +und so weiter bepackt; item der Habersack mit Brot und anderer Furage +gestopft. Hiernächst mußte jeder noch ein Stück Feldgerät tragen; +Flasche, Kessel, Haken, oder so was, alles an Riemen; dann erst noch +eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal kreuzweis +über die Brust geschlossen, daß anfangs jeder glaubte, unter solcher +Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge, gepreßte Montur und +eine solche Hundstagshitze, daß mir's manchmal deuchte, ich geh' auf +glühenden Kohlen. Wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, kam +ein Dampf heraus wie aus einem siedenden Kessel. Oft hatt' ich keinen +trockenen Faden mehr am Leib und verschmachtete bald vor Durst. + +[Sidenote: Marschroute bis Pirna] + +So marschierten wir den ersten Tag (22. August 1756) zum Köpenicker +Tor aus, und machten noch vier Stunden bis zum Städtchen Köpenick, wo +wir zu dreißig bis fünfzig bei Bürgern einquartiert waren, die uns für +einen Groschen traktieren mußten. Potz Plunder, wie ging's da her! Ha! +da wurde gefressen. Aber denk' man sich nur so viele, große, hungrige +Kerls! Immer hieß es, schaff her, Kanaille, was d' im hintersten Winkel +hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh gefüllt, da lagen wir alle +in Reihen, den Wänden nach. Wahrlich, eine kuriose Wirtschaft! In jedem +Haus befand sich ein Offizier, welcher auf gute Mannszucht halten +sollte; sie waren aber oft die Fäulsten. Den zweiten Tag ging's zehn +Stunden weit bis Fürstenwalde, da gab's schon Marode, die sich auf +Wagen packen lassen mußten. Es war auch kein Wunder, da wir diesen +ganzen Tag nur ein einzigmal haltmachen, und stehenden Fußes etwas +Erfrischung zu uns nehmen durften. Am letztgedachten Orte ging es wie +an dem erstern, nur daß hier die meisten lieber soffen als fraßen, +und viele sich halbtot hinlegten. Den dritten Tag ging's sechs Stunden +bis Jakobsdorf, wo wir drei Rasttage hielten, aber desto schlimmer +hantierten und die armen Bauern bis aufs Blut aussogen. Vom siebenten +bis vierzehnten Tage kamen wir über Guben, Spremberg und Hoyerswerda +bis Kamenz, dem letzten Örtchen, wo wir einquartiert wurden. Von da +an kampierten wir im Felde, und machten Märsche und Kontermärsche, +so daß ich selbst nicht weiß, wo wir all durchkamen, da es oft bei +dunkler Nacht geschah. Nur so viel erinnr' ich mich, daß wir am zehnten +September Pirna erreichten, wo noch einige Regimenter zu uns stießen, +und wir ein weites, fast unübersehbares Lager aufschlugen, sowie auch +das über Pirna gelegene Schloß Königstein diesseits und den Lilienstein +jenseits der Elbe besetzten. Denn in der Nähe dieses letzteren Berges +befand sich die sächsische Armee, in deren Lager wir gerade übers Tal +hinübersehen konnten. Unter uns im Tale an der Elbe lag Pirna, das +jetzt ebenfalls von unserm Volke besetzt ward. + +Bis hierher hatte der Herr geholfen! Diese Worte waren der erste Text +unsers Feldpredigers bei Pirna. O ja, dacht' ich, das hat er, er wird +auch ferner helfen, und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland; denn +was gehen mich eure Kriege an? + +Mittlerweile ging's, wie's bei einer marschierenden Armee zu gehen +pflegt, bunt übereck und kraus, so daß ich alles zu beschreiben nicht +imstande bin, auch solches, wie ich denke, zu wenig Dingen nütz wäre. +Unser Major Lüderiz, denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl besonders +Achtung, mag mir oft meinen Unmut aus dem Gesichte gelesen haben. Dann +drohte er mir mit dem Finger: »Nimm dich in acht, Kerl!« Schärern +hingegen klopfte er bei den nämlichen Anlässen auf die Schulter, und +nannte ihn mit lächelnder Miene einen braven Burschen, denn der war +immer lustig und wohlgemuts und sang bald seine Maurerlieder, bald +den Kühreih'n. Im Herzen dachte er wie ich, obschon er es besser +verbergen konnte. Ein andermal freilich faßt' ich wieder Mut und +dachte: Gott wird alles wohl machen! Wenn ich vollends Markoni, der +doch keine geringe Schuld an meinem Unglück war, auf dem Marsch oder +im Lager erblickte, war's mir immer, ich sehe meinen Vater oder meinen +besten Freund, wenn er mir zumal vom Pferd herunter seine Hand bot, +die meinige traulich schüttelte, mir mit liebreicher Wehmut gleichsam +in die Seele 'nein guckte: »Wie geht's, Ollrich! wie geht's? 's +wird schon besser kommen!« zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu +erwarten, dieselbe aus meinem tränenschimmernden Aug' lesen wollte. +Oh! ich wünsche dem Mann, wo er immer tot oder lebendig sein mag, +noch auf den heutigen Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir +nie mehr zu Gesicht gekommen. Mittlerweile hatten wir alle Morgen die +gemessene Order erhalten, scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den +ältern Soldaten ein Gerede: »Heute gibt's was! Heut setzt's gewiß +was ab!« Dann schwitzten wir Jungen freilich an allen Fingern, wenn +wir bei einem Gebüsch oder Gehölz vorbeimarschierten und uns verfaßt +halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete +einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, sobald man wieder +ins Freie kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten +entwischen konnte, denn wir hatten immer feindliche Kürassiers, +Dragoner und Soldaten zu beiden Seiten. Als wir einst die halbe Nacht +durchmarschierten, versuchte Bachmann den Reißaus zu nehmen, und irrte +etliche Stunden im Wald herum, aber am Morgen war er wieder hart +bei uns und kam noch eben recht mit der Ausflucht weg, er habe beim +Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns verloren. Von da an sahen +wir andern die Schwierigkeit, wegzukommen, alle Tag' deutlicher ein, +und doch hatten wir fest im Sinn, keine Bataille abzuwarten, es koste +was es wolle. + +[Sidenote: Das Lager zu Pirna] + +Eine umständliche Beschreibung unsers Lagers zwischen Königstein und +Pirna sowohl als des gerade vor uns überliegenden Sächsischen bei +Lilienstein wird man von mir nicht erwarten. Ich schreibe nur, was ich +gesehen, was allernächst um mich her vor- und besonders was mich selbst +anging. Von den wichtigsten Dingen wußten wir gemeine Hungerschlucker +am allerwenigsten, auch kümmerten wir uns nicht viel darum. Mein und so +vieler andrer ganzer Sinn war vollends allein auf: Fort, fort! Heim +ins Vaterland! gerichtet. + +[Sidenote: Lagerleben] + +Vom elften bis zweiundzwanzigsten September saßen wir in unserm Lager +ganz still, und wer gern Soldat war, dem mußt' es damals recht wohl +sein. Da ging's vollkommen wie in einer Stadt zu. Da gab's Marketender +und Feldschlächter zu Haufen. Den ganzen Tag, ganze lange Gassen durch, +nichts als Sieden und Braten. Da konnte jeder haben was er wollte, oder +vielmehr was er zu bezahlen vermochte: Fleisch, Butter, Käs, Brot, +aller Gattung Baum- und Erdfrüchte. Die Wachten ausgenommen, mochte +jeder machen was ihm beliebte, kegeln, spielen, in und außer dem Lager +spazieren gehen. Nur wenige hockten müßig in ihren Zelten. Der eine +beschäftigte sich mit Gewehrputzen, der andre mit Waschen, der dritte +kochte, der vierte flickte Hosen, der fünfte Schuhe, der sechste +schnifelte was von Holz und verkauft' es den Bauern. Jedes Zelt hatte +seine sechs Mann und einen Überkompletten. Unter diesen sieben war +immer einer gefreit, dieser mußte gute Mannszucht halten. Von den sechs +übrigen ging einer auf die Wache, einer mußte kochen, einer Proviant +herbeiholen, einer ging nach Holz, einer nach Stroh, und einer machte +den Seckelmeister, alle zusammen aber eine Haushaltung, einen Tisch +und ein Bett aus. Auf den Märschen stopfte jeder in seinen Habersack, +was er, versteht sich in Feindesland, erhaschen konnte. Mehl, Rüben, +Erdbirnen, Hühner, Enten. Wer nichts aufzutreiben vermochte, ward von +den übrigen ausgeschimpft, wie denn mir das zum öfteren begegnete. +Was das für ein Mordiogeschrei gab, wenn's durch ein Dorf ging, von +Weibern, Kindern, Gänsen und Spanferkeln. Da mußte alles mit, was sich +tragen ließ. Husch! den Hals umgedreht und eingepackt. Da brach man in +alle Ställ' und Gärten ein, prügelte auf alle Bäume los und riß die +Äste mit den Früchten ab. Der Hände sind viel, hieß es, was einer nicht +kann, mag der andre. Da durft' keine Seel' Mux machen, wenn's nur der +Offizier erlaubte, oder auch bloß halb erlaubte. Da tat jeder sein +Devoir zum Überfluß. Wir drei Schweizer, Schärer, Bachmann und ich, es +gab unsrer Landsleute zwar beim Regiment noch mehr, wir kannten sie +aber nicht, kamen keiner zum andern ins Zelt, auch nie zusammen auf die +Wache. Hingegen spazierten wir oft miteinander außer das Lager bis auf +die Vorposten, besonders auf einen gewissen Bühel, wo wir eine weite +zierliche Aussicht über das Sächsische, unser ganzes Lager und durchs +Tal hinab bis auf Dresden hatten. Da hielten wir unsern Kriegsrat: +was wir machen, wo hinaus, welchen Weg wir nehmen, wo wir uns wieder +treffen sollten. Aber zur Hauptsache, zum Hinaus fanden wir alle Löcher +verstopft. Zudem wären Schärer und ich lieber in einer schönen Nacht +allein, ohne Bachmann, davon geschlichen, denn wir trauten ihm nie +ganz, und sahen dabei alle Tag' die Husaren Deserteurs einbringen, +hörten Spießrutenmarsch schlagen, und was es solcher Aufmunterungen +mehr gab. Und doch sahen wir alle Stunden einem Treffen entgegen. + +[Sidenote: Einnahme des sächsischen Lagers] + +[Sidenote: Marsch und Kontermarsch] + +Endlich, den zweiundzwanzigsten September, ward Alarm geschlagen und +erhielten wir Order aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung, +in etlichen Minuten war ein stundenweites Lager, wie die allergrößte +Stadt, zerstört, aufgepackt und allons, Marsch! Jetzt zogen wir ins Tal +hinab, schlugen bei Pirna eine Schiffbrücke und formierten oberhalb dem +Städtchen, dem sächsischen Lager +en front+, eine Gasse wie zum +Spießrutenlaufen, deren eines End' bis zum Pirnaer Tor ging, und durch +welche viele gefangene Sachsen zu vieren hoch spazieren, vorher aber +das Gewehr ablegen, und, man kann sich's einbilden, die ganze lange +Straße durch Schimpf- und Stichelreden genug anhören mußten. Einige +gingen traurig mit gesenktem Gesicht daher, andre trotzig und wild, +und noch andre mit einem Lächeln, das den preußischen Spottvögeln gern +nichts schuldig bleiben wollte. An dem nämlichen Tage marschierten wir +noch ein Stück Wegs fort und schlugen unser Lager bei Lilienstein auf. +Den dreiundzwanzigsten mußte unser Regiment die Proviantwagen decken. +Den vierundzwanzigsten machten wir einen Kontermarsch, und kamen bei +Nacht und Nebel, der Henker weiß wohin. Den fünfundzwanzigsten früh +ging's schon wieder fort, vier Meilen bis Aussig. Hier schlugen +wir ein Lager, blieben da bis auf den neunundzwanzigsten und mußten +alle Tag' auf Furage aus. Bei diesen Anlässen wurden wir oft von den +kaiserlichen Panduren attackiert, oder es kam sonst aus einem Gebüsch +ein Karabinerhagel auf uns los, so daß mancher tot auf der Stelle +blieb und noch mehrere blessiert wurden. Wenn aber unsre Artilleristen +nur etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, flog der Feind über +Kopf und Hals davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt, ich +wäre sein bald gewohnt worden, und dacht' oft: Pah! wenn's nur den +Weg hergeht, ist's so übel nicht. Den dreißigsten marschierten wir +wieder den ganzen Tag und kamen erst des Nachts auf einem Berg an, den +ich und meinesgleichen abermals so wenig kannten, als ein Blinder. +Inzwischen bekamen wir Order, hier kein Gezelt aufzuschlagen, auch +kein Gewehr niederzulegen, sondern immer mit scharfer Ladung parat zu +stehn, weil der Feind in der Nähe sei. Endlich sahen und hörten wir mit +anbrechendem Tag unten im Tal gewaltig blitzen und feuern. In dieser +bangen Nacht desertierten viele, neben andern auch Bruder Bachmann. Für +mich wollt' es sich noch nicht schicken, so wohl's mir sonst behagt +hätte. + +[Sidenote: Die Schlacht bei Lowositz] + +Früh morgens mußten wir uns rangieren und durch ein enges Tälchen +gegen das große Tal hinuntermarschieren. Vor dem dicken Nebel konnten +wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine kamen und +zur großen Armee stießen, rückten wir in drei Treffen weiter vor und +erblickten von ferne durch den Nebel, wie durch einen Flor, feindliche +Truppen auf einer Ebene, oberhalb dem böhmischen Städtchen Lowositz. +Es war kaiserliche Kavallerie, denn die Infanterie bekamen wir nie zu +Gesicht, da sich dieselbe bei gedachtem Städtchen verschanzt hatte. +Um sechs Uhr ging schon das Donnern der Artillerie sowohl aus unserm +Vordertreffen als aus den kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß +die Kanonenkugeln bis zu unserm Regiment, das im mittlern Treffen +stund, durchschnurrten. Bisher hatt' ich immer noch Hoffnung, vor +einer Bataille zu entwischen; jetzt sah' ich keine Ausflucht mehr, +weder vor noch hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken. Wir +rückten inzwischen immer vorwärts. Da fiel mir vollends aller Mut in +die Hosen. In den Bauch der Erde hätt' ich mich verkriechen mögen, und +eine ähnliche Angst, ja Todesblässe las man bald auf allen Gesichtern, +selbst derer, die sonst noch so viel Herzhaftigkeit gleißneten. Die +geleerten Brenzfläschchen, deren jeder Soldat eines hat, flogen unter +den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen ihren kleinen Vorrat bis +auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute braucht es Courage und morgen +vielleicht keinen Fusel mehr! Jetzt avancierten wir bis unter die +Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen abwechseln mußten. Potz Himmel! +wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen weg, fuhren bald vor, +bald hinter uns in die Erde, daß Stein und Rasen hoch in die Luft +sprang, bald mitten ein und spickten uns die Leute aus den Gliedern +weg, als wenn's Strohhälme wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als +feindliche Kavallerie, die allerhand Bewegungen machte, sich bald in +die Länge ausdehnte, bald in einen halben Mond, dann in ein Drei- und +Viereck sich wieder zusammenzog. Nun rückte auch unsre Kavallerie an, +wir machten Lücke und ließen sie vor auf die feindliche losgaloppieren. +Das war ein Gehagel, das knarrte und blinkerte, als sie einhieben! +Allein kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reiterei, von +der österreichischen geschlagen, und bis nahe unter unsre Kanonen +verfolgt, zurück. Da hätte man den Spektakel sehen sollen, Pferde, +die ihren Mann im Stegreif hängend, andre die ihre Gedärme auf der +Erde nachschleppten. Inzwischen stunden wir noch immer im feindlichen +Kanonenfeuer bis gegen elf Uhr, ohne daß unser linker Flügel mit dem +kleinen Gewehrfeuer zusammentraf, obschon es bereits auf dem rechten +sehr hitzig zuging. Viele meinten, wir müßten noch auf die kaiserlichen +Schanzen Sturm laufen. Mir war's schon nicht mehr so bange wie anfangs, +obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beiden Seiten neben mir +wegrafften und der Wahlplatz mit Toten und Verwundeten übersät war; als +mit eins, ungefähr um zwölf Uhr, die Order kam, unser Regiment nebst +zwei andern, ich glaube Bevern und Kalkstein, müßten zurückmarschieren. +Nun dachten wir, es gehe dem Lager zu, und alle Gefahr sei vorbei. +Wir eilten darum mit muntern Schritten die gähen Weinberge hinauf, +brachen unsre Hüte voll schöne rote Trauben, aßen vor uns her nach +Herzenslust, und mir und denen, welche neben mir stunden, kam nichts +Arges in Sinn, obgleich wir von der Höhe herunter unsre Brüder noch +in Feuer und Rauch stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelärm +hörten und nicht entscheiden konnten, auf welcher Seite der Sieg war. +Mittlerweile trieben unsre Anführer uns immer höher den Berg hinan, +auf dessen Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durchging, der auf +der andern Seite wieder hinunter führte. Sobald unsre Avantgarde den +erwähnten Gipfel erreicht hatte, ging ein entsetzlicher Musketenhagel +an, und nun merkten wir erst, wo der Has im Stroh lag. Etliche +tausend kaiserliche Panduren waren nämlich auf der andern Seite den +Berg hinauf beordert, um unsrer Armee in den Rücken zu fallen. Dies +muß unsern Anführern verraten worden sein, und wir mußten ihnen +zuvorkommen. Nur etliche Minuten später, so hätten sie uns die Höhe +abgewonnen, und wir wahrscheinlich den kürzern gezogen. Nun setzte es +ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe man die Panduren aus jenem Gehölz +vertreiben konnte. Unsre Vordertruppen litten stark, allein die hintern +drangen ebenfalls über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe +gewonnen hatten. Da mußten wir über Hügel von Toten und Verwundeten +stolpern. Alsdann ging's Hudri, Hudri, mit den Panduren die Weinberge +hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern herab, in die +Ebene. Unsre gebornen Preußen und Brandenburger packten die Panduren +wie Furien. Ich selber war in Jast[48] und Hitze wie vertaumelt, und, +mir weder Furcht noch Schreckens bewußt, schoß ich eines Schießens fast +alle meine sechzig Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war und +ich sie am Riemen nachschleppen mußte. Indessen glaub' ich nicht, daß +ich eine lebendige Seele traf, sondern alles ging in die freie Luft. +Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz postierten sich die +Panduren wieder und pülverten so tapfer in die Weinberge hinauf, daß +noch mancher vor und neben mir ins Gras biß. Preußen und Panduren lagen +überall durcheinander, und wo sich einer von letzteren noch regte, +wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen oder ihm ein Bajonett +durch den Leib gestoßen. Nun ging in der Ebene das Gefecht von neuem +an. Aber wer wird das beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von +Lowositz ausging, wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde +hätten zergehen wollen; wo das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert +Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art +Feldmusik, das Rufen so vieler Kommandeurs und das Brüllen ihrer +Adjutanten, das Zeter- und Mordiogeheul so vieler tausend elender, +zerquetschter, halbtoter Opfer dieses Tages, alle Sinnen betäubte! Um +diese Zeit, es mochte etwa drei Uhr sein, da Lowositz schon im Feuer +stand, viele hundert Panduren, auf welche unsre Vordertruppen wieder +wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann auf das +Städtchen selber losging; um diese Zeit war ich freilich nicht der +Vorderste, sondern unter dem Nachtrab noch im Weinberg droben, von +denen mancher, wie gesagt, weit behender als ich von einer Mauer über +die andre hinuntersprang, um seinen Brüdern zu Hilf' zu eilen. Da ich +also noch ein wenig erhöht stand, und in die Ebene wie in ein finsteres +Donner- und Hagelwetter hineinsah, in diesem Augenblick deucht' es +mich Zeit, oder vielmehr mahnte mich mein Schutzengel, mich mit der +Flucht zu retten. Ich sah mich nach allen Seiten um. Vor mir war alles +Feuer, Rauch und Dampf, hinter mir noch viele nachkommende auf die +Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwei Hauptarmeen in voller +Schlachtordnung. Zur Linken Weinberge, Büsche, Wäldchen, nur hie und da +einzelne Menschen, Preußen, Panduren, Husaren, und von diesen mehr Tote +und Verwundete als Lebende. Da, da, auf diese Seite! dacht' ich, sonst +ist's nur lautere Unmöglichkeit! + +[Sidenote: Desertion] + +[Sidenote: Glücklich entronnen] + +[Sidenote: In Prag] + +Ich schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf die linke +Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preußen bei mir vorbei. +»Komm', komm', Bruder!« sagten sie, »Viktoria!« Ich ripostierte kein +Wort, tat nur ein wenig blessiert, und ging immer allgemach fort, +freilich mit Furcht und Zittern. Sobald ich mich indessen so weit +entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen mochte, verdoppelte, +verdrei-, vier-, fünf-, sechsfachte ich meine Schritte, blickte rechts +und links wie ein Jäger, sah noch von weitem, zum letztenmal in meinem +Leben, morden und totschlagen; strich dann in vollem Galopp ein Gehölz +vorbei, das voll toter Husaren, Panduren und Pferde lag, rannte eines +Rennens gerade dem Fluß nach hinunter, und stand jetzt an einem +Tobel. Jenseits desselben kamen soeben etliche kaiserliche Soldaten +angestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weggestohlen hatten, +und schlugen, als sie mich so daherlaufen sahen, zum drittenmal auf +mich an, ungeachtet ich immer das Gewehr streckte und ihnen mit dem +Hut den gewohnten Wink gab. Doch brannten sie niemals los. Ich faßte +also den Entschluß, gerad' auf sie zuzulaufen. Hätt' ich einen andern +Weg genommen, würden sie, wie ich nachwärts erfuhr, unfehlbar auf mich +gefeuert haben. Ihr Hunde, dacht' ich, hättet ihr eure Courage bei +Lowositz gezeigt! Als ich zu ihnen kam und mich als Deserteur angab, +nahmen sie mir das Gewehr ab, unterm Versprechen, mir's nachwärts +wieder zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatroniert hatte, +verlor sich bald darauf, und nahm das Füsil mit. Nun so sei's! Alsdann +führten sie mich ins nächste Dorf Scheniseck, eine starke Stunde unter +Lowositz. Hier war eine Fahrt über das Wasser, aber ein einziger Kahn +zum Transport. Da gab's ein Zetermordiogeschrei von Männern, Weibern +und Kindern. Jedes wollte zuerst in dem Teich sein, aus Furcht vor +den Preußen, denn alles glaubte sie schon auf der Haube zu haben. +Auch ich war keiner von den letzten, der mitten unter eine Schar von +Weibern hineinsprang. Wo nicht der Fährmann etliche hinausgeworfen, +hätten wir alle ersaufen müssen. Jenseits des Flusses stand eine +Panduren-Hauptwache. Meine Begleiter führten mich auf dieselbe zu, +und die roten Schnurrbärte begegneten mir aufs manierlichste, gaben +mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstunden, Toback, +Branntwein und Geleit auf Leitmeritz, glaub' ich, wo ich unter lauter +Stockböhmen übernachtete, und freilich nicht wußte, ob ich da mein +Haupt sicher zur Ruhe legen konnte. Allein ich hatte von dem Tumult +des Tags noch einen so vertaumelten Kopf, daß dieser Kapitalpunkt mir +am mindesten betrug. Morgens darauf, den zweiten Oktober, ging ich mit +einem Transport ins kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf +ich bei zweihundert andrer preußischer Deserteurs, von denen, so zu +reden, jeder seinen eignen Weg und sein Tempo in Obacht genommen hatte; +neben andern auch unsern Bachmann. Wie sprangen wir beide hoch auf vor +Entzücken, uns so unerwartet wieder in Freiheit zu sehn! Da ging's an +ein Erzählen und Jubilieren, als wenn wir schon zu Haus hinterm Ofen +säßen. Einzig hieß es bisweilen: Ach wäre nur auch der Schärer von Wil +bei uns! Wo mag der geblieben sein? Wir hatten die Erlaubnis, alles +im Lager zu besichtigen. Offiziers und Soldaten stunden bei Haufen +um uns, denen wir mehr erzählen sollten als uns bekannt war. Etliche +wußten Winds genug zu machen, ihren Wirten zu schmeicheln und zur +Verkleinerung der Preußen hundert Lügen auszuhecken. Da gab's auch +unter den Kaiserlichen manchen Erzprahler; und der kleinste Zwerg +rühmte sich, wer weiß wie manchen langbeinigten Brandenburger auf +seiner eignen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Drauf führte +man uns zu etwa fünfzig Mann Gefangenen von der preußischen Kavallerie. +Ein erbärmlich Spektakel! Da war kaum einer an Wunden oder Beulen leer +ausgegangen; etliche übers ganze Gesicht heruntergehauen, andre ins +Genick, andre über die Ohren, über die Schultern oder Schenkel. Da war +alles ein Ächzen und Wehklagen! Wie priesen uns diese armen Wichte +selig, einem ähnlichen Schicksal so glücklich entronnen zu sein; und +wie dankten wir selber Gott dafür! Wir mußten im Lager übernachten und +bekamen jeder einen Dukaten Reisegeld. Dann schickte man uns mit einem +Kavallerietransport nach einem böhmischen Dorfe, wo wir, nach einem +kurzen Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgingen. Dort verteilten +wir uns, und bekamen Pässe, je zu sechs, zehn bis zwölf, welche einen +Weg gingen. Wir waren ein wunderseltsames Gemengsel von Schweizern, +Schwaben, Sachsen, Bayern, Tirolern, Welschen, Franzosen, Polacken und +Türken. Einen solchen Paß bekamen unser sechs zusammen bis Regensburg. +In Prag selbst war ein Zittern und Beben vor den Preußen ohne +seinesgleichen. Man hatte den Ausgang der Schlacht bei Lowositz bereits +vernommen und glaubte den Sieger schon vor den Toren zu sehn. Auch da +stunden ganze Truppen Soldaten und Bürger um uns her, denen wir sagen +sollten, was der Preuß' im Sinn habe? Einige von uns trösteten diese +neugierigen Hasen; andre hatten noch ihre Freude daran, sie tapfer zu +schrecken, und sagten ihnen, der Feind werde spätstens in vier Tagen +anlangen und sei ergrimmt wie der Teufel. Dann schlugen viele die Händ' +über'm Kopf zusammen; Weiber und Kinder wälzten sich gar heulend im Kot +herum. + + + + + Heimkehr + + +[Sidenote: Heimreise mit Bachmann] + +Den fünften Oktober traten wir unsre wirkliche Heimreise an. Es war +schon abends, als wir von Prag ausmarschierten. Es ging bald über +eine Anhöhe, von welcher wir eine unvergleichliche Aussicht über das +ganze schöne königliche Prag hatten. Die liebe Sonne vergüldete seine +mit Blech bedeckten zahllosen Turmspitzen zum Entzücken. Wir stunden +eine Weile still, unter allerhand Gesprächen und mannigfaltigen +Empfindungen dieses herrlichen Anblicks zu genießen. Einige bedauerten +den prächtigen Ort, wenn er sollte bombardiert werden; andre hätten +mögen dabei sein, wenigstens während dem Plündern. Ich konnte mich +kaum satt sehn; sonst aber war mein einziges Sehnen wieder nach Haus, +zu den Meinigen, zum Anneli. Wir kamen noch bis auf Schibrack; den +sechsten bis Pilsen. Dort hatte der Wirt eine Tochter, das schönste +Mädchen, das ich in meinem Leben gesehn. Mein Herr Bachmann wollte mit +ihr hübsch tun, und fast einzig ihr zulieb hielten wir da Rasttag. Aber +der Wirt verdeutete ihm, sein Kind sei keine Berlinerin! Vom achten +bis zwölften ging's über Stab, Lensch, Rötz, Kürn auf Regensburg, wo +wir zum zweitenmal rasteten. Bisher hatten wir nur kurze Tagreisen +von zwei bis drei Meilen gemacht, aber desto längere Zechen. Mein +Dukaten Reisegeld war schon dünn wie ein Laub worden, sonst hatt' ich +keinen Heller in der Ficke, und ward also genötigt, auf den Dörfern +zu fechten. Da bekam ich oft beide Taschen voll Brot, aber nie einen +Heller bar. Bachmann hingegen hatte noch von seinem Handgeld übrig, +ging in die Schenke, und ließ sich's wohlschmecken. Nur etwa zu +vornehmen Häusern, Pfarrhöfen und Klöstern, kam er mit. Da mußten wir +oft halbe Stunden stehn und den Herren alle Hergangenheit erzählen; +des wurde besonders Bachmann meist überdrüssig, sonderlich wo für die +Geschichte einer ganzen Schlacht, der er nicht beigewohnt, nur ein paar +Pfennige flogen. Er gab immer vor, daß er bei Lowositz gewesen, und +ich mußt' ihm die Lüge frisieren helfen; dafür hat er mir die ganze +Reis' über keinen Krug Bier bezahlt. In den Klöstern gab's Suppen, +oft auch Fleisch. Zu Regensburg, oder vielmehr im Bayerschen Hof +verteilten wir uns wieder. Bachmann und ich erhielten einen Paß nach +der Schweiz. Die andern, ein Bayer, zween Schwaben und ein Franzose, +von denen ich nichts weiter zu sagen weiß, als daß sie alle vier +rüstige Kerls und uns Tölpeln weit überlegen waren, nahmen jeder seine +Straße. Die unsrige ging, der kleinern Orte nicht zu gedenken, über +Ingolstadt, Donauwörth, Dillingen, Bregenz, Rheineck, nach Rorschach. +Oberhalb Rheineck begegnete mir bald ein trauriger Spaß. Bisher waren +wir unter lauter muntern Gesprächen über unsre glückliche Flucht, +über unsre ältern und neuern Schicksale und unsre Aussichten für die +Zukunft ganz brüderlich gereist. Bachmann, dem, von vorigen Zeiten +her, fast alle Tag Hünd' und Hasen wieder in den Sinn stiegen, hatte +sich, sobald wir von Prag weg waren, eine Jagdflinte gekauft, die er +mit sich trug. Ich war seiner ewigen Diskurse von Hetzen und Treiben +schon längst müde geworden, als wir, wie gesagt, oberhalb Rheineck in +den Weinbergen Hunde jagen hörten. Hier machte mein Urian vor Entzücken +ordentliche Purzelsprünge und behauptete, es wären, beim Himmel! seine +alten Bekannten; er kenne sie noch am Bellen! Ich lachte ihn aus. +Hierüber ward er böse, befahl mir stillzustehn, und der schönen Musik +zuzuhorchen. Jetzt spottete ich vollends seiner und stampfte mit den +Füßen. Das hätt' ich freilich sollen bleiben lassen. Er ward rasend, +stand ganz schäumend mit aufgehobener Flinte vor mich hin, und setzte +sie mir zähneknirschend vor den Kopf, als wenn er mich den Augenblick +töten wollte. Ich erschrak. Er war bewaffnet, ich nicht; und auch +dies und seine Wut ungerechnet, glaub' ich kaum, daß ich dem ohnehin +verzweifelt wilden, handfesten Kerle, der beinahe zwei Zoll höher als +ich war, hätte gewachsen sein können. Doch, ich weiß nicht, ob aus Mut +oder Furcht, stand ich bockstill und guckte nach allen Seiten herum, +ob ich niemand zu Hilf rufen könnte? Aber, es war an einem einsamen +Ort, auf einer Allmend;[49] ich sah kein Mäuschen. »Sei kein Narr!« +sagt' ich zu ihm, »wirst wohl Spaß verstehn.« Damit legte sich seine +Wut schon um ein ziemliches. Wir gingen stillschweigend weiter, und +ich war froh, als wir unvermerkt ins Städtchen Rheineck traten. Jetzt +flattierte er mir wieder, eines Talers wegen, den ich auf dem Weg von +ihm geborgt hatte; und ich dachte oft, dies Lumpenstück Geld hab' mir +das Leben gerettet. Aber von dem Augenblick an schwand alles Vertrauen +unter uns. Doch hab' ich mich nie gerochen, obgleich's der Anlässe +viele gab, und mein Vater zahlte ihm den Taler willig, als er wenig +Tage nach meiner Heimkunft in unser Haus kam. Wir kamen noch bis +Rorschach, und des folgenden Tags (25. Oktober) auf Herisau, denn mein +Herr Bachmann mochte nicht eilen, und ich merkte, daß er sich nicht +recht nach Haus getraute, bis er sich erkundigt hätte, wie seiner +vorigen Frevel wegen der Wind blies. + +[Sidenote: Trennung] + +[Sidenote: Heim! Heim!] + +[Sidenote: Nichts als Heim!] + +Länger konnt' ich dem Burschen nicht abpassen; denn, so nahe bei meiner +Heimat, brannt' ich vor Begierde, dieselbe völlig zu erreichen. Also +den sechsundzwanzigsten Oktober morgens früh nahm ich den Weg zum +letztenmal unter die Füße, rannte wie ein Reh über Stock und Stein, und +die lebhafte Vorstellung des Wiedersehns von Eltern, Geschwistern und +meinem Liebchen ging mir einstweilen vor Essen und Trinken. Als ich nun +meinem geliebten Wattweil immer näher und näher, und endlich auf die +schöne Anhöhe kam, von welcher ich seinen Kirchturm ganz nahe unter +mir erblickte, bewegte sich alles in mir, und rollten große Tränen +haufenweis über meine Wangen herab. Oh, du erwünschter, gesegneter Ort! +so hab' ich dich wieder, und niemand wird mich weiter von dir nehmen, +dacht' ich im Heruntertrollen wohl hundertmal, und dankte dabei Gottes +Vorsehung, die mich aus so vielen Gefahren wo nicht wunderbar doch +höchstgütig gerettet hat. Auf der Brücke zu Wattweil redete mich ein +alter Bekannter an, der vor meinem Weggehn um meine Liebesgeschichte +gewußt hatte, und dessen erstes Wort war: »Je, gelt! deine Anne ist +auch verplempert; dein Vetter Michel war so glückselig, und sie hat +schon ein Kind.« Das fuhr mir durch Mark und Bein; indessen ließ ich's +den Unglücksboten nicht merken: »Eh' nun,« sagt' ich, »hin ist hin!« +Und in der Tat, zu meinem größten Erstaunen, faßt' ich mich bald, und +dachte wirklich: »Nun freilich, das hätt' ich nicht hinter ihr gesucht! +Aber, wenn's so sein muß, so sei's, und hab' sie eben ihren Michel!« +Dann eilt' ich unserm Wohnort zu. Es war ein schöner Herbstabend. Als +ich in die Stube trat, Vater und Mutter waren nicht zu Hause, merkt' +ich bald, daß auch nicht eines von meinen Geschwistern mich erkannte, +und sie über den ungewohnten Spektakel eines preußischen Soldaten nicht +wenig erschraken, der so in seiner vollen Montierung, den Tornister +auf dem Rücken, mit 'runtergelassnem Zottenhut und einem tüchtigen +Schnurrbart sie anredte. Die Kleinern zitterten; der Größte griff nach +einer Heugabel, und lief davon. Hinwieder wollt' auch ich mich nicht +zu erkennen geben, bis meine Eltern da wären. Endlich kam die Mutter. +Ich sprach sie um Nachtherberg an. Sie hatte viele Bedenklichkeiten; +der Mann sei nicht da und dergleichen. Länger konnt' ich mich nicht +halten, ergriff ihre Hand und sagte: »Mutter, Mutter! kennst mich nicht +mehr?« Oh, da ging's zuerst an ein lärmendes, von Zeit zu Zeit mit +Tränen vermengtes Freudengeschrei von Kleinen und Großen, dann an ein +Bewillkommnen, Betasten und Begucken, Fragen und Antworten, daß es eine +Tausendslust war. Jedes sagte, was es getan und geraten, um mich wieder +bei ihnen zu haben. So wollte meine älteste Schwester ihr Sonntagskleid +verkaufen, und mich daraus heimholen lassen. Mittlerweile langte auch +der Vater an, den man ziemlich aus der Ferne rufen mußte. Dem guten +Mann rannen auch Tropfen die Backen herunter: »Ach! Willkomm, willkomm, +mein Sohn! Gottlob, daß du gesund da bist, und ich einmal alle meine +Zehn wieder beisammen habe. Obschon wir arm sind, gibt's doch alleweil +Arbeit und Brot.« Jetzt brannte mein Herz lichterloh, und fühlte tief +die Wonne, so viele Menschen auf einmal, und zwar die Meinigen, zu +erfreuen. Dann erzählt' ich ihnen noch denselben und etliche folgende +Abende haarklein meine ganze Geschichte. Da war's mir wieder so +ungewohnt herzlich wohl! Nach ein paar Tagen kam Bachmann, holte, wie +gesagt, seinen Taler, und bestätigte alle meine Aussagen. Sonntags +früh putzt' ich meine Montur, wie in Berlin zur Kirchenparade. Alle +Bekannten bewillkommten mich; die andern gafften mich an, wie einen +Türken. Auch nicht mehr meine, sondern Vetter Michels Anne tat es, +und zwar ziemlich frech, ohne zu erröten. Ich hinwieder dankte ihr +hohnlächelnd und trocken. Dennoch besucht' ich sie eine Weile hernach, +als sie mir sagen ließ, sie wünschte allein mit mir zu reden. Da machte +sie freilich allerlei kahle Entschuldigungen. Sie hab' mich auf immer +verloren geglaubt, der Michel hab' sie übertölpelt, und so weiter. +Dann wollte sie gar meine Kupplerin abgeben. Aber ich bedankte mich +schönstens, und ging. + +[Sidenote: Anne] + +[Sidenote: Was nun anfangen?] + +Und nun, hieß es, was anfangen? Graben mag ich nicht; doch schäm' ich +mich zu betteln. Nein! für mein Brot war ich nie besorgt, und jetzt am +allerwenigsten; denn, dacht' ich, nun bist du wieder an deines Vaters +Kost, und arbeiten willst du auch wieder lernen. Doch merkt' ich, daß +mein Vater meinetwegen ein bißchen verlegen war, und vielleicht obige +Textesworte auf mich anwandte, obschon er nichts davon sagte. In der +Tat war mir die schwarze, gefährliche Kunst eines Pulvermachers höchst +zuwider; denn dergleichen Spezerei hatt' ich genug gerochen. Jetzt +sollt' ich auch wieder Kleider haben, und der gute Ätti strengte alles +an, mir solche zu verschaffen. Den Winter über konnt' ich Holz zügeln +und Baumwolle kämmen. Allein im Frühjahr 1757 beorderte mich mein Vater +zum Salpetersieden. Da gab's schmutzige und zum Teil strenge Arbeit. +Doch blieb mir immer so viel Zeit übrig, meinen Geist wieder in die +weite Welt fliegen zu lassen. Da dacht' ich: »Warst doch als Soldat +nicht so ein Schweinskerl, und hattest bei aller deiner Angst und Not +manch lustiges Tägel!« Ha! wie veränderlich ist das Herz des Menschen. +Denn jetzt ging ich wirklich manche Stunde mit mir zu Rat, ob ich +nicht aufs neue den Weg unter die Füße nehmen wollte; stunden mir doch +Frankreich, Holland, Piemont, die ganze Welt, außer Brandenburg, offen. +Mittlerweile wurde mir ein Herrndienst im Johanniterhaus Bubickheim, +Zürcher Gebiets, angetragen. Ich ging zwar hin, mich zu erkundigen. +Allein, ich gefiel, oder, was weiß ich, man gefiel mir nicht; und so +blieb ich bei meinem Salpeter, war ein armer Tropf, hatte kein Geld, +und mochte gleichwohl gern mit andern Burschen laichen.[50] Mein Vater +gab mir zwar bisweilen, wenn ein Trinktag oder andrer Ehrenanlaß +einfiel, etliche Batzen in den Sack; allein die waren bald über die +Hand geblasen. Der ehrliche Kreuztrager hatte eben sonst immer mehr +auszugeben als einzunehmen, und Kummer und Sorgen machten ihn lange +vor der Zeit grau. Die Wahrheit zu sagen: Keins von allen seinen zehn +Kindern wollte ihm recht ans Rad stehn. Jedes sah vor sich, und doch +mochte keines was vor sich bringen. Die einen waren zu jung. Von den +zwei Brüdern, die nächst auf mich folgten, gab sich der ältere mit +Baumwollenkämmen ab, und zahlte dem Ätti das Tischgeld; der andre half +ihm zwar in der Pulvermühle. Überhaupt aber ließ der liebe Mann jedes +sozusagen machen, was es wollte, erteilte uns viel gute Lehren und +Ermahnungen, und las uns aus gottseligen Büchern allerlei vor; aber +dabei ließ er's bewenden, und brauchte kurz keinen Ernst. Die Mutter +mit den Töchtern machte es ebenso, und war gar zu gut. -- Wie spät +kommt der Verstand! Bei mir sollte er damals schon längst gekommen, und +ich meines Vaters beste Stütze geworden sein. Ja! wenn das sinnliche +Vergnügen nicht so anziehend wäre. An guten Vorsätzen fehlte es nie. +Aber da hieß es: + + Zwar billig' ich nicht mehr das Böse, das ich tue -- + Doch tu' ich nicht das Gute, das ich will. + +Und so stolpert' ich immer meinem wahren Glücke vorbei. + +[Sidenote: Heiratsgedanken] + +[Sidenote: Lieschen] + +Schon im vorigen Jahre geriet ich bei meinem Herumpatrouillieren hie +und da an eine sogenannte Schöne; und es gab deren nicht wenig, die mir +herzlich gut waren, aber meist ohne Vermögen. Ich nichts, sie nichts, +dacht' ich dann, ist doch zu wenig, denn so unbedachtsam war ich nicht +mehr wie im zwanzigsten. Auch sprach der Vater immer zu uns: »Buben! +seid doch nicht so wohlfeil. Seht euch vor. Ich will's euch zwar +nicht wehren; aber werft den Bengel ein Bißlin hoch, er fällt schon +von selbst wieder tief; in diesem Punkt darf sich einer alleweil was +Rechtes einbilden.« Nun, das war schön und gut; aber es muß einer denn +doch durch, wo's ihm geschaufelt ist. Gleichwohl dacht' ich etwas zu +erhaschen, und glaubte mich eigentlich zum Ehestand bestimmt, sonst +wär' ich um diese Zeit sicher in die weite Welt gegangen. Inzwischen +war, aller meiner obbelobten Bedächtlichkeit ungeachtet, der Geiz +wirklich nicht meine Sache. Ein Mädchen, ganz nach meinem Herzen, hätt' +ich nackend genommen. Aber da leuchtete mir eben keine vollkommen +ein, wie weiland mein Ännchen. Mit einem gewissen Lieschen war ich +ein paarmal auf dem Sprung. Erst machte das Ding Bedenklichkeiten; +nachwärts bot es sich selber an. Aber meine Neigung zu ihr war zu +schwach; und doch glaub' ich nicht, daß ich unglücklich mit ihr +gefahren wäre. Aber zu stockig ist zu stockig. Bald darauf kam ich +fast ohne mein Wissen und Willen mit der Tochter einer katholischen +Witwe in einen Handel, welcher ziemliches Aufsehen machte, obschon ich +nur ein paarmal mit ihr spazieren gegangen war und ein Glas Wein mit +ihr getrunken hatte, alles ohne sonderliche Absicht, und vornehmlich +ohne sonderliche Liebe. Aber da blies man meinem Vater ein, ich wolle +katholisch, und Marianchens Mutter, sie wolle reformiert werden; und +doch hatte keins von uns so wenig an den Glauben als eine Änderung +desselben gedacht. Das arme Ding kam wirklich darüber in eine Art +geheimer Inquisition von Geist- und Weltlichen, erzählte mir alles +haarklein, und ihr ward himmelangst. Ich hingegen lachte im Herzen +des dummen Lärms, um so viel mehr, da mein Vater solider zu Werk +ging, mich zwar freundernstlich examinierte, aber mir dann auch auf +mein Wort glaubte, als ich ihm sagte, daß ich so steif und fest auf +mein Bekenntnis leben und sterben wollte, als Lutherus oder unsre +Landskraft Zwingli. Inzwischen wurde die Sache auf Marianchens Seite +ernsthafter, als ich glaubte. Das gute Kind ward so vernarrt in mich +wie ein Kätzchen, und befeuchtete mich oft mit seinen Tränen. Ich +glaube, das Närrchen wär' mit mir ans End der Welt gelaufen; und wenn +ihm schon sein mütterlicher Glaube sehr ans Herz gewachsen war, meint' +ich fast, ich hätt' in der Wagschal' überwogen. Auch setzte mir das +Mitleid fast mehr zu, als je zuvor die Liebe. Doch mußt' ich, wenn ich +alles und alles überdachte, durchaus allmählich abbrechen, und tat es +wirklich. Hier falle eine mitleidige Träne auf das Grab dieses armen +Töchterchens! Es zehrte sich nach und nach ab, und starb nach wenig +Monaten im Frühling seines zarten Lebens. Gott verzeihe mir meine +schwere Sünde, wenn ich an diesem Tod einige Schuld trug. Und wie +sollt' ich mir dies verbergen wollen? + +Indem ich so hin und wieder meinen Salpeter brannte, sah' ich eines +Tags ein Mädchen mit einem Amazonengesicht vorbeigehn, das mir, als +einem »alten Preußen« nicht übel gefiel, und das ich bald nachher auch +in der Kirche bemerkte. Dieser fragte ich erst ganz verstohlen nach, +und was ich von ihr vernahm, behagte mir ziemlich, einen Kapitalpunkt +ausgenommen, daß es hieß, sie sei verzweifelt böse, doch im bessern +Sinn; und dann glaubten einige, sie habe schon einen Liebhaber. Nun, +mit alledem, dacht' ich, 's muß doch einmal gewagt sein! Ich sucht' +ihr also näherzukommen und mit ihr bekannt zu werden. Zu dem End' +kauft' ich in Eggberg, wo mein Schatz daheim war, etwas Salpetererde, +und zugleich ihres Vaters Gaden, ihr zulieb viel zu teuer, denn es war +fast verloren Geld. Schon bei diesem Handel merkt' ich, daß sie gern +den Herrn und Meister spiele; aber der Verstand, womit sie's tat, war +mir nicht zuwider. Nun hatt' ich alle Tag Gelegenheit, sie zu sehen; +doch ließ ich ihr lange meine Absichten unentdeckt, und dachte, du mußt +sie erst recht ausstudieren. Die Böse, wovon man mir so viel Wesens +gemacht, konnt' ich nicht an ihr finden. Aber der Henker hol' ein +lediges Mädchen aus! Meine Besuche wurden immer häufiger. Endlich leert +ich den Kram aus und gewahrte, daß ihr mein Antrag nicht unerwartet +fiel. Dennoch hatte sie viele Bedenken, und ihr Ziel ging offenbar +dahin, mich auf eine lange Probe zu setzen. Setz' du nur, dacht' ich, +wanderte unterdessen mit meinem Salpeterplunder von einem Ort zum +andern, und machte noch mit verschiedenen andern Mädchen Bekanntschaft, +welche mir, die Wahrheit zu gestehen, vielleicht besser gefielen, von +denen aber keine so gut für mich zu taugen schien als sie. Endlich +begriff ich, oder vielmehr gab mir's mein guter Genius ein, daß ich +nicht bloß meiner Sinnlichkeit folgen solle. Inzwischen setzte es jetzt +schon fast allemal, wenn ich meine Schöne sah, irgendeinen Strauß oder +Wortwechsel, aus denen ich wahrnehmen konnte, daß unsre Seelen eben +nicht gleichgestimmt waren. Aber selbst diese Disharmonie war mir +nicht zuwider, und ich bestärkte mich immer mehr in einer gewissen +Überzeugung: Diese Person wird dein Nutzen sein, wie die Arznei dem +Kranken. Einst ließ sie sich gegen mich heraus, daß ihr meine dreckige +Hantierung mit dem Salpetersieden gar nicht gefalle, und mir war's +selber so. Sie riet mir, ein kleines Händelchen mit Baumwollengarn +anzufangen, wie's ihr Schwager getan, dem's auch nicht übel gelungen +sei. Das leuchtete mir so ziemlich ein. Aber wo 's Geld hernehmen? +war meine erste und letzte Frage. Sie bot mir wohl etwas an, aber +das kleckte nicht. Nun ging ich mit meinem Vater zu Rat. Der hatte +ebenfalls nichts dawider und verschaffte mir hundert Gulden, die er +noch von der Mutter zu beziehen hatte. + +Um diese Zeit hatt' ich eine gefährliche Krankheit zu bestehen, da mir +ein Geschwür, an welchem ich beinahe das Leben verloren hätte, tief im +Schlunde wuchs. Endlich schnitten's mir die Herren Doktors Mettler, +Vater und Sohn, mit einem krummen Instrumente so glücklich auf, daß +ich gleichsam in einem Nu wieder schlucken und reden konnte. + +[Sidenote: Als Garnhändler] + +[Sidenote: Wohnungspläne] + +Im März des folgenden Jahres, 1759, fing ich wirklich an, +Baumwollengarn zu kaufen. Damals mußt' ich noch den Spinnern auf ihr +Wort glauben, und den Lehrbletz teuer genug bezahlen. Indessen ging +ich den fünften April das erstemal mit meinem Garn nach St. Gallen, +und konnt' es so mit ziemlichem Nutzen absetzen. Dann schaffte ich mir +sechsundsiebenzig Pfund Baumwolle, das Pfund zu zwei Gulden, an, ward +also in aller Form ein Garnhändler, und bildete mir schon mehr ein, als +der Pfifferling wert war. Ungefähr ein Jahr lang trieb ich nebenbei +noch mein Salpetersieden fort, und da meine Barschaft gering war, mußt' +ich sie um so viel öftrer umzusetzen suchen. Ich wanderte deswegen +einmal übers andere nach St. Gallen und befand mich dabei nicht übel; +doch betrug mein Vorschlag in diesem Jahr nicht über zwölf Gulden. Aber +das deuchte mir damals schon ein Großes. + +Als ich so den Handelsherrn spielte, dacht' ich, Liebchen sollte nun +keine Einwendung mehr gegen meine Anträge machen. Aber weit gefehlt! +Das verschmitzte Geschöpf wollte meine Ergebenheit noch auf andre Weise +probieren. Nun, was ohnehin in meinen Planen stund, mochte hingehn. Als +ich ihr daher eines Tags mit großem Ernst vom Heiraten redete, hieß +es: Aber wo hausen und hofen? Ich schlug ihr verschiedene Wohnungen +vor, die damals eben zu vermieten stunden, »das will ich nicht,« sagte +sie, »in meinem Leben nehm' ich keinen, der nicht sein eigen Haus +hat!« »Ganz recht!« erwiderte ich; aber hätt's nicht auch in meinem +Kopf gelegen, ich wollt's probiert haben. Von der Zeit an fragt' ich +jedem feilgebotenen Häuschen nach; aber es wollte sich nirgends fügen. +Endlich entschloß ich mich, selber eins zu bauen, und sagte es meiner +Schönen. Sie war's zufrieden, und bot mir wieder Geld dazu an. Dann +eröffnete ich meine Absicht auch meinem Vater, der versprach, ebenfalls +mir mit Rat und Tat beizustehn, wie er's auch redlich hielt. Nun erst +sah ich mich nach einem Platz um und kaufte einen Boden um ungefähr +hundert Taler, dann hie und da Holz. Einige Tännchen bekam ich zum +Geschenk. Nun bot ich alle meine Kräfte auf, fällte das Holz, das +meist in einem Bachtobel stund, und zügelte es -- der gute Ätti half +mir wacker -- nach der Säge, dann auf den Zimmerplatz. Aber Sägen und +Zimmern kostete Geld. Alle Tag' mußt' ich dem Seckel die Riemen ziehn, +und das war doch nur der Schmerzen ein Anfang. Doch bisher ging alles +gut von statten; der Garnhandel ersetzte die Lücken. Meinem Schatze +rapportiert' ich alles fleißig, und sie trug an meinem Tun und Lassen +meist ein gnädiges Belieben. Den Sommer, Herbst und Winter durch macht' +ich alle nötigen Zubereitungen mit Holz, Stein, Kalk und Ziegel, um +im künftigen Frühjahr mit meinem Bau zeitig genug anfangen und je +eher je lieber mit meiner jungen Hausehre einziehen zu können. Nebst +meinem kleinen Handel pfuscht' ich, zumal im Winter, allerlei Mobilien +und Werkgeschirr. Ich dachte, in ein Haus würde auch Hausrat gehören, +von meiner Liebsten werd' ich nicht viel zu erwarten haben, und von +meinem Vater, dem ich jetzt ein geringes Kostgeld bezahlen mußte, noch +minder. Überhaupt war wohl nichts unüberlegter, als dergestalt, bloß +einem Weibsbild und meiner Eitelkeit zulieb, um eine eigene Hofstätte +zu haben, mich in ein Labyrinth zu vertiefen, aus welchem nur Gott und +Glück wieder herausführen konnten. Auch lächelten mich ein paar meiner +Nachbarn immer schalkhaft an, so oft ich bei ihnen vorüberging. Andre +waren offenherziger und sagten mir's rund ins Gesicht: »Ulrich, Ulrich! +du wirst's schwerlich aushalten.« Einige hatten vollends die Gutheit, +mir nach dem Maß ihrer Kräfte, bloß auf mein und des Ätti Ehrenwort, +tätlich unter die Arme zu greifen. + +[Sidenote: Bräutigamsstand] + +Übrigens war dies Tausendsiebenhundertundsechzig ein vom Himmel +außerordentlich gesegnetes Wunderjahr, durch ein seltenes Gedeihen der +Erdfrüchte und namhaften Verdienst, bei äußerst geringem Preis aller +Arten von Lebensmitteln. Ein Pfund Brot galt zehn Pfennige, ein Pfund +Butter zehn Kreuzer. Das Viertel Äpfel, Birnen und Erdäpfel konnt' ich +beim Haus um zwölf Kreuzer haben; die Maß Wein um sechs Kreuzer, und +die Maß Branz um sieben Batzen. Alles, reich und arm, hatte vollauf. +Mit meinem Bauelgewerb wär's mir um diese Zeit gewiß gut gegangen, wenn +ich ihn nur besser verstanden und mehr Geld und Zeit dareinzusetzen +gehabt hätte. So floß mir dieses Jahr ziemlich schnell dahin. Mit +meiner Schönen gab's manchmal ein Zerwürfnis, wenn sie etwa meine +Lebensart tadelte, mir Verhaltungsbefehle vorschreiben wollte, und +ich mich, wie noch heutzutag, rebellisch stellte; aber der Faden war +allemal bald wieder angesponnen und bald wieder zerbrochen. + + + + + Ehe- und Wehestand + + +[Sidenote: Der Hausbau] + +Nachdem ich, wie gesagt, den Winter über alle möglichen Anstalten +zu meinem Bauen gemacht, das Holz auf den Platz geschleift und der +Frühling nun heranrückte, langten auch meine Zimmerleute auf den Tag +an, wie sie mir's versprochen hatten. Es waren außer meinem Bruder +Georg, den ich ebenfalls gedingt, und für den ich darum meinem +Vater jetzt Kostgeld entrichten mußte, sieben Mann, deren jedem ich +alle Tag für Speis' und Lohn sieben Batzen, dem Meister Hans Jörg +Brunner von Krinau aber neun Batzen bezahlte und darüber noch täglich +eine halbe Maß Branz, Sell-,[51] Beschluß- und Firstwein. Es war +den siebenundzwanzigsten März, da die Selle zu meiner Hütte gelegt +wurde, bei sehr schönem Wetter, das bis Mitte April dauerte, wo die +Arbeit durch eingefallenen großen Schnee einige Tage unterbrochen +ward. Bis Mitte Mai, also in zirka sieben Wochen, kam alles unter +Dach. Noch vorher aber, End' Aprils, spielte mir das Schicksal +etliche fatale Streiche, die mir, so unbedachtsam ich sonst alles dem +Himmel anheimstellte, der doch nirgends für den Leichtsinn zu sorgen +versprochen hat, beinahe allen Mut zu Boden warfen. Es hatten sich +nämlich drei oder vier Unsterne miteinander vereinigt, meinen Bau zu +hintertreiben. Der eine war, daß ich noch viel zu wenig Holz hatte, +ungeachtet der Meister mir gesagt, es sei genug, und daher es erst +jetzt einsah, als er an die oberste oder Firstkammer kam. Also mußt' +ich von neuem in den Wald, Bäum kaufen, fällen, und sie in die Säge +und auf den Zimmerplatz führen. Der zweite Unstern war, daß, als bei +dem ebengedachten Geschäft mein Fuhrmann mit einem schweren Stück +zwischen zwei Felsen durch, und ich nebenein galoppieren wollte, mir +der Baum im Renken den rechten Fuß erwischte, Schuh' und Strümpf' +zerriß, und Haut, Fleisch und Bein zerquetschte, so daß ich ziemlich +miserabel auf dem einen Roß heimreiten, und unter großen Schmerzen +viele Tag' inliegen mußte, bis ich wieder zu meinen Leuten konnte. +Nebendem vereinigten sich während dieser meiner Niederlage noch zwei +andre Fatalitäten mit den erstern. Die eine, einer meiner Landsmänner, +dem ich hundertzwanzig Gulden schuldig war, schickte mir unversehns den +Boten, daß er zur Stund' wolle bezahlt sein. Ich kannte meinen Mann und +wußte, daß da Bitten und Beten umsonst sei. Also dacht' ich hin und +her, was anzufangen wäre. Endlich entschloß ich mich, meinen Vorrat an +Garn aus allen Winkeln zusammenzulesen, nach St. Gallen zu schicken +und um jeden Preis loszuschlagen. Aber, o weh! das vierte Ungeheuer! +Mein Abgesandter kam, statt mit Barschaft, mit der entsetzlichen +Nachricht, mein Garn liege im Arrest wegen allzu kurzen Häspeln, ich +müsse selber auf St. Gallen gehn und mich vor den Herren Zunftmeistern +stellen. Was sollt' ich nun anfangen? Jetzt hatt' ich weder Garn noch +Geld, sozusagen keinen Schilling mehr, meine Arbeiter zu bezahlen, die +indessen drauflos zimmerten, als ob sie Salomonis Tempel bauen müßten. +Und dann mein unerbittlicher Gläubiger! Aufs neue borgen? Gut! Aber wer +wird mir armen Buben trauen? Mein Vater sah meine Angst, und mein Vater +im Himmel sah sie noch besser. Sonst fanden der Ätti und ich noch immer +Kredit. Aber sollten wir den mißbrauchen? Kurz, er rannte in seinem +und meinem Namen, und fand endlich Menschen, die sich unser erbarmten, +Menschen und keine Wuchrer! Gott vergelt' es ihnen in Ewigkeit! + +[Sidenote: Einzug] + +Sobald ich wieder aushoppen und meinen Sachen nachgehen konnte, war +meine Not, vielleicht nur zu bald, vergessen. Mein Schatz besuchte mich +während meiner Krankheit oft. Aber von allen jenen Unsternen ließ ich +ihr keinen Schein sehn; und mein guter Engel verhütete, daß sie nichts +davon erfuhr; denn ich merkte wohl, daß sie noch unschlüssig, nur mein +Verhalten, und den Ausgang vieler ungewisser Dinge erwarten wollte. +Unser Umgang war daher nie recht vertraut. Zu St. Gallen kam ich mit +fünfzehn Gulden Buß davon. Als die Zimmerleut' fertig waren, ging's +ans Mauern. Dann kam der Hafner, Glaser, Schlosser, Schreiner, einer +nach dem andern. Dem letzten zumal half ich aus allen Kräften, so daß +ich dies Handwerk so ziemlich gelernt und mir mit meiner Selbstarbeit +manchen Schilling erspart habe. Mit meinem Fuß war's indessen noch +lange nicht recht, und ich mußte bei Jahren daran bayern,[52] sonst +wäre alles viel hurtiger vonstatten gegangen. Endlich konnt' ich am +siebenzehnten Juni mit dem Bruder in mein neues Haus einziehn, der nun +einzig, nebst mir, unsern kleinen Rauch führte. Wir beide stellten also +Herr, Frau, Knecht, Magd, Koch und Keller, alles an einem Stiel vor. +Aber es fehlte noch an vielem. Wo ich herumsah, erblickt' ich meist +heitre und sonnenreiche, aber leere Winkel. Immer mußt' ich die Hand +in Beutel stecken, und der war klein und dünn, so daß es mich jetzt +noch Wunder nimmt, wie die Kreuzer, Batzen und Gulden alle heraus- oder +vielmehr hineingekrochen. Aber freilich am End erklärte sich manches +durch eine Schuldenlast von fast tausend Gulden. + +[Sidenote: Hochzeit] + +Inzwischen war ich nun beinahe vier Jahre lang einem stettigen[53] +Mädchen nachgelaufen; und sie mir, wenn auch etwas minder. Wenn +wir uns nicht sehen konnten, mußten bald alle Tage gebundene und +ungebundene Briefe gewechselt sein, wie mich denn über diesen Punkt +mein verschmitzter Schatz meisterlich zu betrügen wußte. Sie schrieb +mir nämlich ihre Briefe meist in Versen, so nett, daß sie mich darin +weit übertraf. Ich hatte eine große Freude an dem gelehrten Ding, +und glaubte eine vortreffliche Dichterin an ihr zu haben. Aber am End +kam's heraus, daß sie weder schreiben noch Geschriebenes lesen konnte, +sondern alles durch einen vertrauten Nachbar verrichten ließ. »Nun, +Schatz!« sagt' ich eines Tags, »jetzt ist unser Haus fertig, und ich +muß doch einmal wissen, woran ich bin.« Sie brachte noch einen ganzen +Plunder von Entschuldigungen hervor. Zuletzt wurden wir darüber einig, +ich müss' ihr noch Zeit lassen bis im Herbst. Endlich ward im Oktober +(1761) unsre Hochzeit öffentlich verkündet. Jetzt, so schwer war's kaum +Rom zu bauen, spielte mir ein niederträchtiger Kerl noch den Streich, +daß er im Namen seines Bruders, der in piemontesischen Diensten +stand, Ansprache auf meine Braut machte, die aber bald für ungültig +erkannt wurde. An Aller Seelen-Tag wurden wir kopuliert. Herr Pfarrer +Seelmatter hielt uns einen schönen Sermon, und knüpfte uns zusammen. +So nahm meine Freiheit ein Ende, und das Zanken gleich den ersten Tag +seinen Anfang. Ich sollte mich unterwerfen, wollte nicht, und will's +noch nicht. Sie sollt' es auch, und will's noch viel minder. Auch +darf ich einmal nicht verhehlen, daß mich eigentlich bloß politische +Absichten zu meiner Heirat bewogen hatten, und ich nie jene zärtliche +Neigung zu ihr verspürte, die man Liebe zu nennen gewohnt ist. Nur das +erkannt' ich wohl, und erkenne ich noch in der gegenwärtigen Stunde, +daß sie für meine Umstände unter allen, die ich bekommen hätte, die +tauglichste war. Mein Bruder Jakob hatte ein Jahr vor mir, und meine +älteste Schwester ein Jahr nach mir sich verheiratet, und keins von +beiden traf's so gut wie ich. Nicht zu gedenken, daß die Familie +meiner Frau weit besser war, als die, worein meine beiden Geschwister +sich hineingemannet und geweibet hatten, sind diese auch immer ärmer +geblieben. Bruder Jakob zumal mußte in den teuern siebenziger Jahren +von Weib und Kindern weg in den Krieg laufen. + +[Sidenote: Tod des Vaters] + +Das Jahr 1762 war mir besonders um des sechsundzwanzigsten Märzens +und zehnten Septembers willen merkwürdig. An dem erstern starb mein +geliebter Vater eines schnellen, gewaltsamen Todes, den ich lange +nicht verschmerzen konnte. Er ging am Morgen in den Wald, etwas Holz +zu suchen. Gegen Abend kam Schwester Anne-Marie mit Tränen in den +Augen zu mir und sagte, der Ätti sei in aller Frühe fort und noch +nicht heimgekommen, sie fürchten alle, es sei ihm was Böses begegnet, +ich solle doch fort und ihn suchen, sein Hündlein sei etlichemal +heimgekommen und wieder weggelaufen. Mir ging ein Stich durch Mark und +Bein. Ich rannte in aller Eil' dem Gehölze zu, das Hündlein trabte vor +mir her und führte mich gerade zu dem vermißten Vater. Er saß neben +seinem Schlitten, an ein Tännchen gelehnt, die Lederkappe auf dem Schoß +und die Augen sperroffen. Ich glaubte, er sehe mich starr an. Ich +rief: Vater, Vater! aber keine Antwort. Seine Seele war ausgefahren, +gestabet[54] und kalt waren seine lieben Hände, und ein Ärmel hing von +seinem Futterhemd herunter, den er mag ausgerissen haben, als er mit +dem Tode rang. Voll Angst und Verwirrung fing ich ein Zetergeschrei +an, welches in kurzem alle meine Geschwisterte herbeibrachte. Eins +nach dem andern legte sich auf den erblaßten Leichnam. Unser Geheul +ertönte durch den ganzen Wald. Man zog ihn auf seinem Schlitten nach +Haus, wo die Mutter samt den Kleinen ihr Wehklagen mit dem unsrigen +vereinte. Ein armer Bube aß die Suppe, die auf den guten Herzensvater +gewartet hatte. Zehn Tage vorher hatt' ich das letztemal, oh, hätt' +ich's gewußt, daß es das letztemal! mit ihm gesprochen, und sagte er +mir unter anderm, er möchte sich die Augen ausweinen, wenn er bedenke, +wie oft er den lieben Gott erzürnt habe. Oh, welch einen guten Vater +hatten wir, welch einen zärtlichen Ehemann unsre Mutter, welch eine +redliche Seele und Biedermann alle, die ihn kannten, an ihm verloren. +Gott tröste seine Seele in alle Ewigkeit! Er hatte eine mühsame +Pilgrimschaft. Kummer und Sorgen aller Art, Krankheiten, drückende +Schuldenlast folgten ihm stets auf der Ferse nach. Sonntags, den +achtundzwanzigsten März, wurde er unter einem zahlreichen Gefolge zu +seiner Ruhestatt begleitet, und in unser aller Mutter Schoß gelegt. +Herr Pfarrherr Bösch ab dem Ebnet hielt ihm die Leichenrede, die für +seine betrübten Hinterlassenen ungemein tröstlich ausfiel. Der Selige +mag sein Alter auf fünfundfünfzig Jahre gebracht haben. Oh, wie oft +besucht' ich seither das Plätzchen, wo er den letzten Atem ausgehaucht. +Die sicherste Vermutung über seine eigentliche Todesart gab mir der Ort +selbst an die Hand. Es war sehr gähe, wo er mit seinem Füderchen Holz +hinunterfuhr. Der Schnee trug den Schlitten, aber mit den Füßen mußte +er an einer lockern Stelle, die ich noch wohl wahrnehmen konnte, unter +den letztern gekommen, und derselbe mit ihm gegen eine Tanne geschossen +sein, die ihm den Herzstoß gab. Doch muß er noch eine Weile gelebt, +sich freimachen gewollt, und über dieser Bemühung sein Futterhemd +zerrissen haben. + +[Sidenote: Familiensorgen] + +Nach diesem traurigen Hinschied fiel eine schwere Last auf mich. +Da waren noch vier unerzogene Kinder, bei welchen ich Vaterstelle +vertreten sollte. Unsre Mutter war so immer geradezu und sagte zu +allem: Ja, ja! Ich tat, was ich konnte, wenn ich gleich mit mir selbst +schon genug zu schaffen hatte. Bruder Georg nahm den eigentlichen +Haushalt über sich. Aus den hundert Gulden, die mir der Selige gegeben +hatte, tilgte ich seine Schulden. In meinem eigenen Häuschen machte ich +einen Webkeller zurecht. Ich lernte selbst weben und lehrte es nach +und nach meine Brüder, so daß zuletzt alle damit ihr Brot verdienen +konnten. Die Schwestern verstunden recht gut Löthligarn zu spinnen, die +jüngste lernte nähen. + +[Sidenote: Das erste Kind] + +Der zehnte September war wieder der erste frohe Tag für mich, an +welchem meine Frau mir einen Sohn zur Welt brachte, den ich nach meinem +und meines Schwähers Namen Uli nannte. Ich hatte eine solche Freude mit +diesem Jungen, daß ich ihn nicht nur allen Leuten zeigte, die ins Haus +kamen, sondern auch jedem vorübergehenden Bekannten zurief: Ich hab' +einen Buben, obgleich ich schon voraus wußte, daß mich mancher darüber +auslachen und denken werde: Wart nur, du wirst noch des Dings genug +bekommen, wie's denn auch wirklich geschah. Inzwischen kam mein gutes +Weib dies erstemal nicht leicht davon und mußte viele Wochen das Bett +hüten. Das Kind wuchs und nahm wunderbar zu. + +Bald nachher erzeugten die Angelegenheiten der Meinigen manchen +kleinern und größern Ehestreit zwischen mir und meiner Hausehre. Die +letztre mochte nämlich nach Gewohnheit die erstern nie recht leiden, +und meinte immer, ich dächt' und gäb' ihnen zu viel. Freilich waren +meine Brüder ziemlich ungezogene Bursche, aber immer meine Brüder, +und ich also verbunden, mich ihrer anzunehmen. Endlich kam einer nach +dem andern unter die Fremden, Georg ausgenommen, der ein ziemlich +liederliches Weib heiratete. Die andern alle verdienten, meines +Wissens, ihr Brot mit Gott und mit Ehren. + +[Sidenote: Eheleben] + +Die Flitterwochen meines Ehestands waren nun längst vorbei, obgleich +ich wenig von ihrem Honig zu sagen weiß. Mein Weib wollte immer gar +zu scharfe Mannszucht halten; und wo viel Gebote sind, gibt's mehr +Übertretung. Sobald ich nur ein bischen ausschweifte, waren gleich alle +Teufel los. Das machte mich bitter und launisch, und verführte mich zu +allerlei eiteln Projekten. Mein Handel ging bald gut, bald schlecht. +Bald kam mir ein Nachbar in die Quere und verstümmelte mir meinen +schönen Gewerb; bald betrogen mich arge Buben um Baumwolle und Geld, +denn ich war gar zu leichtgläubig. Ich hatte mir eines der herrlichsten +Luftschlösser gemacht, meine Schulden in wenig Jahren zu tilgen; aber +die Ausgaben mehrten sich von Jahr zu Jahr. Im Winter 63 gebar mir +meine Frau eine Tochter, und 65 noch eine. Ich bekam wieder das Heimweh +nach Geißen; auf der Stelle mußten deren etliche herbeigeschafft sein. +Die Milch stund mir und meinen drei Jungen trefflich an; aber die Tiere +gaben mir viel zu schaffen. Andremal hielt ich eine Kuh; oft gar zwei +und drei. Ich pflanzte Erdäpfel und Gemüse, und probierte alles, wie +ich am leichtesten zurechtkommen möchte. Aber ich blieb immer so auf +dem alten Fleck stehn, ohne weit vor, doch auch nicht hinterwärts zu +rücken. + +[Sidenote: Die Sechzigerjahre] + +Überhaupt vertrödelte ich diese Sechzigerjahre, daß ich nicht recht +sagen kann, wie? und so, daß sie meinem Gedächtnis weit entfernter +sind als die entferntesten Jugendjahre. Nur etwas Weniges also von +meiner damaligen Herzens- und Gemütslage. Schon mehrmals hab' ich +bemerkt, wie ich in meiner Bubenhaut ein lustiger, leichtsinniger, +kummer- und sorgenloser Junge war, der dann doch von Zeit zu Zeit +manche gute Regungen zur Buße und manche angenehme Empfindung, wenn +er in der Besserung auch nur einen halben Fortschritt tat, bei sich +verspürte. Nun war die Zeit längst da, einmal mit Ernst ein ganz +anderes Leben anzufangen. Gerade von meiner Verheiratung an wollt' +ich mit nichts Geringerm beginnen, als der Welt völlig abzusagen, und +das Fleisch mit allen seinen Gelüsten zu kreuzigen. Aber, oh, ich +einfältiger Mensch! Was es da für ein Gewirre und für Widersprüche in +meinem Innern absetzte. Vor meinem Ehestand bildete ich mir ein, wenn +ich nur erst meine Frau und eigen Haus und Heimat hätte, würden alle +andern Begierden und Leidenschaften wie Schuppen von meinem Herzen +fallen. Aber, potztausend! welch' eine Rebellion gab's da. Lange Zeit +wendete ich jeden Augenblick, den ich entbehren, aber auch manchen, +den ich nicht entbehren konnte, aufs Lesen an. Ich schnappte jedes +Buch auf, das mir zu erhaschen stund. Ich hatte acht Foliobände von +der Berlenburger Bibel vollendet, nahm dann, wie es sich gebührt, +eine scharfe Kinderzucht vor, ging dann und wann in die Versammlung +etlicher Heiliger und Frommen, und ward darüber, wie es mir jetzt +vorkommt, ein unerträglicher, eher gottloser Mann, der alle andern +Menschen um ihn her für bös, sich selber allein für gut hielt, und +darum jedes Bein nach seiner Pfeife wollte tanzen lehren. Jede auch +noch so schuldlose Freude des Lebens machte mir Skrupel über Skrupel, +ich wollte mir bald sogar die Befriedigung eigentlich unentbehrlicher +Bedürfnisse versagen, und mein Busen steckte doch voll schnöder Lust +und tausend abenteuerlicher Begierden, die ich so oft ertappte, als +ich hineinzugucken Mut genug hatte. Ich geriet dann freilich fast +in Verzweiflung, faßte aber doch allemal von neuem wieder Posto und +suchte meine Sachen mit Beten, Lesen und -- oh, ich abscheulicher +Kerl! -- hauptsächlich damit wieder zu verbessern, daß ich meiner Frau +und Geschwisterten wie ein Pfarrer zusprach, und die Höll' bis zum +Zerspringen heiß machte. Oft fiel mir's gar ein, ich sollte, gleich +den Herrnhutern und Inspirierten, in der weiten Welt herumziehn und +Buß' predigen. Wenn ich aber so nur einem meiner Brüder oder Schwestern +einen Sermon hielt, und schon im Text stockte, dacht' ich wieder: +Du Narr! Hast ja keine Gaben zu einem Apostel, und also auch keinen +Beruf dazu. Dann fiel ich darauf, ich könnte vielleicht besser mit der +Feder zurechtkommen, und flugs entschloß ich mich, ein Büchlein zum +Trost und Heil wo nicht ganz Tockenburgs, wenigstens meiner Gemeinde +zu schreiben, oder es auch nur meiner Nachkommenschaft -- statt des +Erbguts zu hinterlassen. + + Das Jahr 1767 hatte mir wieder einen Buben beschert. Ich nannte ihn + nach meinem Vater Johannes. Um die nämliche Zeit fiel mein Bruder + Samson im Laubergaden ab einem Kirschbaum zu Tod. Im Jahre 68 fing + ich obbelobtes Büchlein und zugleich ein Tagebuch an, das ich bis zu + dieser Stunde fortsetze, das anfangs aber voll Schwärmereien stak, und + nur bisweilen ein guter Gedanke in hundert leeren Worten ersäuft war, + mit denen nb. meine Handlungen nie übereinstimmten. + + * * * * * + +Sonst ward ich in diesen frommen Jahren des Garnhandels bald +überdrüssig, weil ich dabei, wie ich wähnte, mit zu viel rohen und +gewissenlosen Menschen umzugehen hätte. Aber, oh, des Tucks! warum +überließ ich ihn denn meiner Frau und beschäftigte mich selbst mit +der Baumwolltüchlerei? Ich glaubte halt, für meine Haut und mein +Temperament mit den Webern besser als mit den Spinnern auskommen zu +können. Aber es war für meine Haushaltung ein törichter Schritt, oder +wenigstens fiel er übel aus. Im Anfang kostete mich das Webgeschirr +viel, und mußt' ich überhaupt ein hübsches Lehrgeld geben: und als ich +die Sachen ein wenig im Gang hatte, schlug die War' ab. Doch, dacht' +ich, es wird schon wieder anders kommen. + +Das Jahr 1769 bescherte mir den dritten Sohn. »Ha!« überlegt' ich eines +Tags, »nun mußt du einmal mit Ernst ans Sparen denken; bist immer +noch so viel schuldig wie im Anfang, und dein Haushalt wird je länger +je stärker. Frisch! die Händ' aus den Hosen getan, und die Bären +abbezahlt. Jetzt kann's sein. Bisher hattest noch stets an deiner Hütte +zu flicken, und fehlte immer hie und da ein Stück; andrer Ausgaben +in deinem Gewerb zu geschweigen. Dann hast du unvernünftig viel Zeit +mit Lesen und Schreiben zugebracht. Nein, nein! Jetzt willst anders +dahinter. Zwar das Reichwerdenwollen soll von heut an aufgegeben sein. +Der Faule stirbt über seinen Wünschen, sagt Salomon. Aber jenes ewige +Studieren zumal, was nützt es dir? Bist ja immer der alte Mensch, und +kein Haar besser als vor zehn Jahren, da du kaum lesen und schreiben +konntest. Etwas Geld mußt' freilich noch aufnehmen; aber dann desto +wackerer gearbeitet, und zwar alles, wie's dir vor die Hand kömmt. +Verstehst ja, neben deinem eigentlichen Berufe noch das Zimmern, +Tischlern und anderes wie ein Meister; hast schon Webstühl', Trög', +Kästen und Särg' bei Dutzenden gemacht. Freilich ist schlechter Lohn +dabei, und: Neun Handwerk', zehn Bettler, lautet das Sprichwort, doch +wenig ist besser als nichts.« So dacht' ich. Aber es liegt nicht an +jemands Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Verhängnis, an Zeit und +Glück! + +[Sidenote: Die schlimmen Siebenzigerjahre] + +Während diesem meinem neuen Planmachen und Projekteschmieden rückten +die heißhungrigen Siebenzigerjahre heran, und das erste brach ein, ganz +unerwartet wie ein Dieb in der Nacht ein, da jedermann auf ganz andre +Zeiten hoffte. Freilich gab's seit dem Jahr 1760 in unsern Gegenden +kein recht volles Jahr mehr. Die Jahre 1768 und 1769 fehlten gänzlich, +hatten nasse Sommer, kalte und lange Winter, großen Schnee, so daß viel +Frucht darunter verfaulte, und man im Frühling aufs neue pflügen mußte. +Das mögen politische Kornjuden wohl gemerkt und der nachfolgenden +Teurung vollends den Schwung gegeben haben. Dies konnte man daraus +schließen, daß fürs Geld immer Brot genug vorhanden war; aber eben +jenes fehlte, und zwar nicht bloß bei dem Armen, sondern auch bei dem +Mittelmann. Also war diese Epoche für Händler, Bäcker und Müller eine +goldene Zeit, wo sich viele bereicherten oder wenigstens ein Hübsches +auf die Seite schaffen konnten. Hinwieder fiel der Baumwollengewerb +fast gänzlich in den Kot und war aller diesfällige Verdienst äußerst +klein, so daß man Arbeiter genug ums bloße Essen haben konnte. Ohne +dies wäre der Preis der Lebensmittel noch viel höher gestiegen, und +hätte die teure Zeit bald gar kein End' genommen. + +Das siebenziger Jahr neigte sich schon im Frühling zum Aufschlagen. +Der Schnee lag auf der Saat bis im Maien, so daß gar viel darunter +erstickte. Indessen tröstete man sich den ganzen Sommer auf eine +leidliche Ernte, dann auf das Ausdreschen; aber alles umsonst. Ich +hatte eine gute Portion Erdäpfel im Boden; es wurden mir aber viel +gestohlen. Den Sommer über hatte ich zwo Kühe auf fremder Weide, und +ein paar Geißen, welche mein erstgeborener Junge hütete; im Herbst +aber mußt' ich aus Mangel an Geld und Futter alle diese Schwänze +verkaufen. Der Handel nahm ab, so wie die Fruchtpreise stiegen, und bei +den armen Spinnern und Webern war nichts als Borgen und Borgen. Nun +tröstete ich die Meinigen und mich selbst mit meinem: »Es wird schon +besser kommen!« so gut ich konnte; ich mußte aber auch dafür manche +bittre Pille verschlucken, die meine Bettgenossin wegen meinem vorigen +Verhalten, Sorglosigkeit und Leichtsinn mir auftischte, und die ich +nicht allemal geduldig und gleichgültig ertragen mochte. Gleichwohl +sagte mir mein Gewissen meist: Sie hat recht. Wenn sie's nur nicht so +herb' präpariert hätte. + +[Sidenote: Mein erstes Hungerjahr] + +Nun brach der große Winter ein, der schauervollste, den ich erlebt +habe. Ich hatte fünf Kinder und keinen Verdienst, ein bißchen Gespunst +ausgenommen. Bei meinem Händelchen büßt' ich von Woche zu Woche mehr +ein. Ich hatte viel vorrätig Garn, das ich zu hohem Preis eingekauft, +und an dem ich verlieren mußte, ich mocht' es wieder roh verkaufen +oder zu Tüchern machen. Doch tat ich das letztere und hielt mit dem +Losschlagen zurück, mich immer meines Waidspruchs getröstend: »Es +wird schon besser werden!« Aber es ward immer schlimmer, den ganzen +Winter durch. Inzwischen dacht' ich: »dein kleiner Gewerb hat dich +bisher genährt, wenn du damit gleich nichts beiseite legen konntest. +Du magst und kannst's also nicht aufgeben. Tätest du's, müßtest du +gleich deine Schulden bezahlen, und das wär' dir jetzt pur unmöglich.« +Auch in andern Punkten ging's mir nicht besser. Mein kleiner Vorrat +von Erdäpfeln und anderm Gemüs' aus meinem Gärtchen, was mir die Diebe +übriggelassen, war aufgezehrt, ich mußte mich also Tag für Tag aus der +Mühle verproviantieren; das kostete am End' der Woche eine hübsche +Handvoll Münze, nur für Rotmehl und Rauchbrot. Dennoch war ich noch +immer guter Hoffnung, hatte auch nicht eine schlaflose Nacht, und sagte +alleweil: »Der Himmel wird schon sorgen und noch alles zum Besten +lenken!« »Ja!« ripostierte meine Jöbin: »wie du's verdient; ich bin +unschuldig. Hätt'st du die gute Zeit in Obacht genommen, und deine +Hände mehr in den Teig gesteckt, als deine Nase in die Bücher!« »Sie +hat recht!« dacht' ich dann, »aber der Himmel wird doch sorgen,« und +schwieg. Freilich konnt' ich meine schuldlosen Kinder unmöglich Hunger +leiden sehn, so lang ich noch Kredit fand. Die Not stieg um diese +Zeit so hoch, daß viele eigentlich blutarme Leute kaum den Frühling +erwarten mochten, wo sie Wurzeln und Kräuter finden konnten. Auch +ich kochte allerhand dergleichen, und hätte meine jungen Vögel noch +lieber mit frischem Laub genährt, als es einem meiner erbarmenswürdigen +Landsmänner nachgemacht, dem ich mit eignen Augen zusah, wie er mit +seinen Kindern von einem verreckten Pferd einen ganzen Sack voll +Fleisch abhackte, woran sich schon mehrere Tage Hunde und Vögel satt +gefressen hatten. Noch jetzt, wenn ich des Anblicks gedenke, durchfährt +Schauer und Entsetzen alle meine Glieder. Bei alledem ging mir mein +eigner Zustand nicht so sehr zu nahe, als die Not meiner Mutter und +Geschwisterte, welche alle noch ärmer waren als ich, und denen ich so +wenig helfen konnte. Indessen half ich über Vermögen, da ich stets +noch einigen Kredit fand, und sie gar keinen. Im Mai 1771 verhalf mir +ein gutmütiger Mann wieder zu einer Kuh und zu ein paar Geißen, da er +mir Geld dazu bis auf den Herbst lieh. Nunmehr hatte ich wenigstens +ein bißchen Milch für meine Jungen. Aber verdienen konnt' ich nichts. +Was mir noch etwa von meinem Gewerb einging, mußt' ich auf die Atzung +von Menschen und Tieren verwenden. Meine Schuldner bezahlten mich +nicht, ich konnte also auch meine Gläubiger nicht befriedigen und +mußte Geld und Baumwolle auf Borg nehmen wo ich's fand. Endlich ging +dem Faß vollends der Boden aus. Zwar kam mir mein gewöhnliches: »Gott +lebt noch! 's wird schon besser werden!« noch immer in den Sinn, aber +meine Gläubiger fingen nichtsdestoweniger an, mich zu mahnen und +zu drohen. Von Zeit zu Zeit mußt' ich hören, wie dieser und jener +bankerott machte. Es gab hartherzige Kerls, die alle Tag mit den +Schätzern im Feld waren, ihre Schulden einzutreiben. Neben andern traf +die Reihe auch meinen Schwager; ich hatte ebenfalls eine Anforderung +an ihn, und war selber bei dem Auffallsakt gegenwärtig; freilich mehr +ihm zum Beistande, als um meiner Schuld willen. Oh, was das für ein +erbärmlicher Spektakel ist, wenn einer so wie ein armer Delinquent +dastehn, sein Schulden- und Sündenregister vorlesen hören, so viele +bittre, teils laute, teils leise Vorwürfe in sich fressen, sein Haus, +seine Mobilien, alles, bis auf ein armseliges Bett und Gewand, um einen +Spottpreis verganten sehn, das Geheul von Weib und Kindern hören und +zu allem schweigen muß wie eine Maus. Oh, wie fuhr's mir da durch Mark +und Bein! Und doch konnt' ich weder raten noch helfen, nichts tun, als +für meiner Schwester Kinder beten und im Herzen denken: »Auch du, auch +du steckst ebenso tief im Kot! heut oder morgen kann es, muß es dir +ebenso gehn, wenn's nicht bald anders wird. Und wie sollt' es anders +werden? Oder darf ich Tor auf ein Wunder hoffen? Nach dem natürlichen +Gang der Dinge kann ich mich unmöglich erholen. Vielleicht harren deine +Gläubiger noch eine Weile, aber alle Augenblick' kann die Geduld ihnen +ausgehn. Doch, wer weiß? Der alte Gott lebt noch! Es wird nicht immer +so währen. Aber, ach! Und wenn's auch besser würde, braucht' es Jahre, +bis ich mich wieder erholen könnte. So lang werden meine Schuldherren +mir gewiß nicht Zeit lassen. Ach, mein Gott! Was soll ich anfangen? +Keiner Seele darf ich mich vertrauen, muß ich doch vor meinem eignen +Weib meinen Kummer verbergen.« Mit solchen Gedanken wälzt' ich mich ein +paar lange Nächte auf meinem Lager herum, dann faßt' ich, wie mit Eins, +wieder Mut, tröstete mich aufs neue mit der Hilfe von oben, befahl +dem Himmel meine Sachen und ging meine Wege wie zuvor. Zwar prüft' ich +mich selbst unterweilen, ob und inwiefern ich an meinen gegenwärtigen +Umständen Schuld trage. Aber, wie geneigt ist man in solcher Lage, sich +selbst zu rechtfertigen! Freilich konnt' ich mir keine eigentliche +Verschwendung oder Liederlichkeit vorwerfen, aber doch ein gewisses +gleichgültiges, leichtgläubiges, ungeschicktes Wesen. Erstlich hatt' +ich nie gelernt, recht mit dem Geld umzugehn, auch hatte es nie Reize +für mich, als inwiefern ich's alle Tag zu brauchen wußte. Hiernächst +traute ich jedem Halunken, wenn er mir nur ein gut Wort gab; und noch +jetzt könnte mich ein ehrlich Gesicht um den letzten Heller im Sack +betrügen. Endlich und vornehmlich verstunden lange weder ich noch mein +Weib den Handel, und kauften und verkauften immer zur verkehrten Zeit. + +[Sidenote: Not und Tod] + +Mittlerweile ward meine Frau schwanger, den ganzen Sommer 1772 über +kränklich, und schämte sich vor allen Wänden, daß sie bei diesen +betrübten Zeitläufen ein Kind haben sollte. Ja, sie hätte selbst mir +bald eine ähnliche Empfindung eingepredigt. Im Herbstmonate, da die +rote Ruhr allenthalben grassierte, kehrte sie auch bei mir ein, und +traf zuerst meinen lieben Erstgebornen. Von der ersten Stund' an, da +er sich legte, wollt' er, außer lauterm Brunnenwasser, nichts, weder +Speis' noch Trank mehr zu sich nehmen, und in acht Tagen war er eine +Leiche. Nur Gott weiß, was ich bei diesem Unfall empfunden. Ein +so gutartiges Kind, das ich wie meine Seele liebte, unter einer so +schmerzhaften Krankheit geduldig wie ein Lamm Tag und Nacht, denn es +genoß auch nicht eine Minute Ruh', leiden zu sehn! Noch in der letzten +Todesstunde riß es mich mit seinen schon kalten Händchen auf sein +Gesicht herunter, küßte mich noch mit seinem erstorbnen Mündchen und +sagte unter leisem Wimmern, mit stammelndem Zünglin: »Lieber Ätti! es +ist genug. Komm auch bald nach« -- rang dann mit dem Tod und verschied. +Mir war, mein Herz wollte mir in tausend Stücke zerspringen. -- Noch +war mein Söhnlein nicht begraben, so griff die wütende Seuche mein +ältestes Töchterchen an, und es war aller Sorgfalt der Ärzte ungeachtet +noch schneller hingerafft. Diese Krankheit kam mir so ekelhaft vor, +daß ich's sogar bei meinen Kindern nie ohne Grausen aushalten konnte. +Als das Mädchen kaum tot, ich von Wachen, Sorgen und Wehmut wie +vertaumelt war, fing's auch mir an im Leibe zu zerren, und hätt' ich +in diesen Tagen tausendmal gewünscht zu sterben und mit meinen Lieben +hinzufahren. Doch ging ich, auf dringendes Bitten meiner Frau, selbst +zu Herrn Doktor Wirth. Er verordnete mir Rhabarber und sonst was. +Sobald ich nach Haus kam, mußt' ich zu Bett liegen. Ein Grimmen und +Durchfall fing mit aller Wut an, und die Arznei schien die Schmerzen +zu verdoppeln. Der Doktor kam selbst zu mir und sah meine Schwäche, +aber nicht meine Angst. Gott, Zeit und Ewigkeit, meine geist- und +leiblichen Schulden stunden fürchterlich vor und hinter meinem Bett. +Keine Minute Schlaf, Tod und Grab, Sterben, und nicht mit Ehren, welche +Pein! Ich wälzte mich Tag und Nacht in meinem Bett herum, krümmte mich +wie ein Wurm, und durfte, nach meiner alten Leier, meinen Zustand doch +keiner Seele entdecken. Ich flehte zum Himmel, aber der Zweifel, ob der +mich hören wollte, ging mir jetzt zum erstenmal durch Mark und Bein, +und die Unmöglichkeit, daß mir bei meinem allfälligen Wiederaufkommen +noch gründlich zu helfen sei, stellte sich mir lebhafter als je vor. +Indessen ward mein Töchterchen begraben, und in wenig Tagen lagen meine +drei übrigen Kinder nebst mir an der nämlichen Krankheit darnieder. Nur +mein ehrliches Weib war bis dahin ganz frei ausgegangen. Da sie nicht +allem abwarten konnte, kam ihre ledige Schwester ihr zu Hilf'; sonst +übertraf sie mich an Mut und Standhaftigkeit weit. Ich stund, teils +meiner leiblichen Schmerzen, teils meiner schrecklichen Vorstellungen +wegen, noch ein paar Tage Höllenangst aus, bis es mir in einer +glücklichen Stunde gelang, mich und meine Sachen dem lieben Gott auf +Gnad und Ungnad zu übergeben. Bisher war ich ein ziemlich mürrischer +Patient. Nun ließ ich mit mir machen, was jeder gern wollte. Meine +Frau, ihre Schwester und Herr Doktor Wirth gaben sich alle ersinnliche +Sorge um mich. Der Höchste segnete ihre Mühe, so daß ich inner acht +Tagen wieder aufkam und auch meine drei Kleinen sich wieder allmählich +erholten. Als ich noch darniederlag, kam eines Abends meine Schwägerin +und eröffnete mir, meine zwei Geißen seien auf und davon. »Ei so fahre +denn alles hin!« sagt' ich, »wenn's so sein muß.« Allein des folgenden +Morgens rafft' ich mich, so schwach und blöd' ich noch war, auf, meine +Tiere zu suchen, und fand sie wieder, zu mein und meiner Kinder großer +Freude. + +Sonst war der Jammer, Hunger und Kummer damals im Land allgemein. Alle +Tag' trug man Leichen zu Grabe, oft drei, vier bis elf miteinander. +Nun dankt' ich dem lieben Gott, daß er mir wieder so geholfen, und +ebensosehr, daß er meine zwei Lieben versorgt hatte, denen ich nicht +helfen konnte. Aber lange schwebten mir die anmutigen Dinger, ihr +gutartiges kindliches Wesen, wie leibhaftig vor Augen. »Oh, ihr +geliebten Kinder!« stöhnt' ich dann des Tages hundertmal, »wann werd' +ich einst zu euch hinfahren? Denn ach! zu mir kommt ihr nicht wieder.« +Viele Wochen lang ging ich umher wie der Schatten an der Wand, staunte +Himmel und Erde an, tat zwar, was ich konnte, konnte aber nicht viel. +Zur Bezahlung meiner Gläubiger wurden die Aussichten immer enger und +kürzer. Aus einem Sack in den andern zu schleufen und mich so lange zu +wehren, wie möglich, mußt' jetzt mein einziges Dichten und Trachten +sein. + +[Sidenote: Fünf weitere Jahre] + +Fünf Jahre lang (1773-77) kroch ich so immer zwischen Furcht und +Hoffnung unter meiner Schuldenlast fort, trieb mein Händelchen und +arbeitete daneben, was mir vor die Hand kam. Zu Anfang dieser Epoche +ging's vollends den Krebsgang. So viel unnütze Mäuler, denn die +Fünfzahl meiner Kinder war jetzt wieder komplett, die Ausgaben für +Essen, Kleider, Holz und die leidigen Zinse fraßen meinen kleinen +Gewinst noch etwas mehr als auf. Meine schönste Hoffnung erstreckte +sich erst auf Jahre hinaus, wo meine Jungen mir zur Hilfe gewachsen +sein würden. Aber wenn meine Gläubiger bös gewesen, sie hätten mich +lange vorher überrumpelt. Nein! sie trugen Geduld mit mir; freilich +bestrebt' ich mich aus allen Kräften Wort zu halten so gut wie +möglich; aber das bestund meist in neuem Schuldenmachen, um die +alten zu tilgen. Da waren mir allemal die nächsten Wochen vor der +Zurzacher-Messe sehr schwarze Tag' im Kalender, wo ich viele Dutzend +Stunden verlaufen mußte, um wieder Kredit zu finden. Oh, wie mir da +manch' liebes Mal das Herz klopfte, wenn ich so an drei, vier Orten +ein christliches Helf dir Gott! bekam. Wie rang ich oft meine Hände +gen Himmel, und betete zu dem, der die Herzen wendet, wohin er will, +auch eines zu meinem Beistand zu lenken. Und allemal ward's mir von +Stund' an leichter um das meinige, und fand sich zuletzt, freilich nach +unermüdetem Suchen und Anklopfen, noch irgendeine gutmütige Seele, +meist in einem unverhofften Winkel. Ich hatte ein paar Bekannte, die +mir wohl schon hundertmal aus der Not geholfen, aber die Furcht, sie +endlich zu ermüden, machte, daß ich immer zuletzt zu ihnen kehrte, und +dann, hätt' ich ihnen ein einzigmal nicht Wort gehalten, so wäre mir +auch diese Hilfsquelle auf immer versiegt; ich trug darum zu ihr wie +zu meinem Leben Sorg'. Übrigens trauten's mir nur wenige von meinen +Nachbarn und nächsten Gefreundten zu, daß ich sogar bis an die Ohren in +Schulden stecke; vielmehr wußt' ich das Ding ziemlich geheim zu halten, +meinen Kummer und Unmut zu verbergen, und mich bei den Leuten allezeit +aufgeräumt und wohlauf zu stellen. Auch glaub' ich, ohne diesen +ehrlichen Kunstgriff wär' es längst mit mir aus gewesen. Freilich +hatt' ich, wer sollte es glauben? auch meine Neider, von denen ich +wohl wußte, daß sie allen Personen, die mit mir zu tun hatten, fleißig +ins Ohr zischten, was sie unmöglich mit Sicherheit wissen konnten. Da +hieß es: »Er steckt verzweifelt im Dreck, lange hält er's nicht mehr +aus. Wenn er nur nicht einpackt, oder Weib und Kinder im Stich läßt. +Ich fürcht', ich fürcht', will aber nichts gesagt haben; wenn er's +nur nicht inne wird.« Zu mir kamen die Kerls als die besten Freunde, +förschelten und frägelten mich aus, taten so mitleidig, als wenn sie +mir mit Gut und Blut helfen wollten, wenn ich nur Zutrauen zu ihnen +hätte, und jammerten über die bösen Zeiten und Stümpler. Wie ich's doch +bei meinem kleinen verderbten Händelchen mit meiner großen Haushaltung +mache? Einst, ich weiß nicht mehr, ob aus Schalkheit oder Not, sprach +ich einen dieser Uriane um ein halbdutzend Dublonen auf einen Monat +an. Mein Herr hatte hundert Ausflüchte, schlug mir's am End' rund ab, +und raunt' dann in jedes Ohr, das ihn hören wollte: Der Bräker hat +gestern Geld von mir lehnen wollen. Er machte freilich auch einige +meiner Kreditoren mißtrauisch; andere hingegen sagten: »Ha, er hat doch +immer Wort gehalten, und so lang er das tut, soll er offne Tür bei mir +finden. Er ist ein ehrlicher Mann.« Also eben jene falschen Freunde +waren es, welche mir die meiste Mühe machten, und denen ich mich nicht +entdecken durfte, wenn ich nicht völlig kaput sein wollte. Ich hatte +schon im Jahre 1771 oder 1772 meine Weberei, obgleich mit ziemlichen +Verlust, ab mir geladen und das brachte mir auch nicht den besten Ruf, +da mein Baumwollenbrauch dadurch geringer und mein Baumwollenherr +unzufrieden und mürrisch wurde. Desto eher sollt' ich nun die alten +Baumwollenschulden bezahlen und konnt' es doch desto weniger. So +verstrich ein Jahr nach dem andern. Bald flößte mir mein guter Geist +frischen Mut und neue Hoffnung ein, daß mir noch einst durch die Zeit +zu helfen sein werde. Nur allzuoft aber verfiel ich wieder in düstre +Schwermut, und zwar, die Wahrheit zu gestehen, meist, wenn ich zahlen +sollte und weder aus noch ein wußte. Da ich mich, wie schon gesagt, +keiner Seele glaubte entdecken zu dürfen, nahm ich in diesen mutlosen +Stunden meine Zuflucht zum Lesen und Schreiben. Ich entlehnte und +durchstänkerte jedes Buch, das ich kriegen konnte, in der Hoffnung, +etwas zu finden, das auf meinen Zustand paßte, fing halbe Nächte durch +weiße und schwarze Grillen, und fand allemal Erleichterung, wenn +ich meine gedrängte Brust aufs Papier ausschütten konnte. Dann war +der Entschluß bei mir fest, die Dinge, die da kommen sollten, ruhig +abzuwarten, wie sie kommen würden; und in solcher Gemütsstimmung ging +ich allemal zufrieden zu Bett und schlief wie ein König. + +[Sidenote: Das Samenkorn meiner Autorschaft] + +Um diese Zeit kam einst ein Mitglied der Moralischen Gesellschaft zu +Lichtensteig in mein Haus, als ich eben die Geschichte von Brand und +Struensee durchblätterte, und etwas von meinen Schreibereien auf dem +Tisch lag. »Das hätt' ich bei dir nicht gesucht,« sagte er, und fragte: +Ob ich gern so etwas lese, und oft dergleichen Sächelchen schreibe? +»Ja!« sagt' ich: »Das ist neben meinen Geschäften mein einziges +Wohlleben.« Von da an wurden wir Freunde und besuchten einander zum +öftersten. Er anerbot mir seine kleine Büchersammlung, ließ sich aber +in ökonomischen Sachen noch lieber von mir helfen, als daß er mir +hätte beispringen können, obschon ich ihm von weitem meine Umstände +merken ließ. In einem dieser Jahre schrieb die erwähnte Gesellschaft +über verschiedene Gegenstände Preisfragen aus, welche jeder Landmann +beantworten könnte. Mein Freund munterte mich zu einer solchen Arbeit +auf; ich hatte große Lust dazu, machte ihm aber die Einwendung: +Man würde mich armen Tropf nur auslachen. »Was tut das?« sagte er: +»Schreib du nur zu, in aller Einfalt, wie's kommt und dich dünkt.« +Da schrieb ich denn über den Baumwollengewerb und den Kredit, sandte +mein Geschmiere zur bestimmten Zeit neben vielen andern ein, und die +Herren waren so gut, mir den Preis von einem Dukaten zuzuerkennen. Ob +zum Gespötte? Nein, wahrlich nicht. Oder vielleicht in Betrachtung +meiner dürftigen Umstände? Kurz, ich konnt' es nicht begreifen, und +noch viel minder, daß man mich jetzt gar von ein paar Orten her einlud, +ein förmliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. »Oh, behüte +Gott!« dacht' und sagt' ich anfangs, »das darf ich mir nicht träumen +lassen. Ich würde einen Korb bekommen. Und wenn auch nicht, ich mag +so gelehrten Herren keine Schande machen. Über kurz oder lang würden +sie mich gewiß wieder ausmustern.« Endlich aber, nach vielem Hin- und +Herwanken, und besonders aufgemuntert durch einen der Vorsteher, bei +dem ich sehr wohl gelitten war, wagt ich's, mich zu melden. Ich kann +übrigens versichern, daß mich weniger die Eitelkeit als die Begierde +reizte, an der schönen Lesekommun der Gesellschaft um ein geringes +Geldlein Anteil zu nehmen. Indessen ging es, wie ich vermutet hatte, +und gab's allerlei Schwierigkeiten. Einige Mitglieder widersetzten +sich, und bemerkten mit Recht, ich sei von armer Familie, dazu ein +ausgerissener Soldat, ein Mann, von dem man nicht wisse wie er stehe, +von dem wenig Ersprießliches zu erwarten sei. Gleichwohl ward ich +durch Mehrheit der Stimmen angenommen. Aber erst jetzt reute mich mein +unbesonnener Schritt, als ich bedachte: Jene Herren sagten ja nichts +als die nur lautere Wahrheit und könnten noch einst damit triumphieren. +Inzwischen mußt' ich's gelten lassen, und tröstete ich mich mit dem +auch nicht ganz uneigennützigen Gedanken, das ein und andre Mitglied +könnte mir im Verfolg zu manchen wichtigen Dingen nützlich sein. + +[Sidenote: Mitglied einer gelehrten Gesellschaft] + +[Sidenote: Lesewut] + +[Sidenote: Selbstanklagen] + +[Sidenote: Schuldner und Gläubiger] + +[Sidenote: Harte Versuchungen] + +Was hatt' ich da für eine kindische Freude an der großen Anzahl Bücher, +deren ich in meinem Leben nie so viele beisammen gesehn, und an denen +allen ich nun Anteil hatte. Ich errötete zwar noch immer bei dem bloßen +Gedanken, ein eigentliches Mitglied einer gelehrten Gesellschaft zu +heißen und zu sein, und besuchte sie darum nur selten und verstohlen. +Aber da half alles nichts; es ging mir wie dem Raben, der mit den Enten +fliegen wollte. Meine Nachbarn und andre alte Freunde und Bekannte, +kurz, meinesgleichen, sahen mich, wo ich stund und ging, überzwerch +an. Hier hört' ich ein höhnisches Gezisch; dort erblickt' ich ein +verachtendes Lächeln. Denn es ging unsrer Moralischen Gesellschaft im +Tockenburg anfangs wie allen solchen Instituten in noch rohen Ländern. +Man nannte ihre Mitglieder Neuherren, Bücherfresser, Jesuiten und +dergleichen. Meine Frau vollends speite Feuer und Flammen über mich +aus, wollte sich viele Wochen nicht besänftigen lassen, und gewann nun +gar Ekel und Widerwillen gegen jedes Buch, wenn's zumal aus unsrer +Bibliothek kam. Einmal hatt' ich den Argwohn, sie selbst habe um diese +Zeit meinen Kreditoren eingeblasen, daß sie mich nur brav ängstigen +sollten. Sie leugnet's zwar noch auf den heutigen Tag, und Gott +verzeih' mir's! wenn ich falsch gemutmaßt habe; aber damals hätt' ich +mir's nicht nehmen lassen. Genug, meine Treiber setzten stärker in mich +als sonst. Da hieß es: Hast du Geld, dich in die Büchergesellschaft +einzukaufen, so zahl' auch mich. Wollt' ich etwas borgen, so wies man +mich an meine Herren Kollegen. »Oh, du armer Mann!« dacht' ich, »was +hast du für einen hundsdummen Streich gemacht, der dir vollends den +Rest geben muß. Hätt'st du dich mit deinem Morgen- und Abendsegen +begnügt, wie so viele andre deiner redlichen Mitlandsleute. Jetzt hast +du deine alten Freund' verloren, von den neuen darfst und magst du +keinen um einen Kreuzer ansprechen. Deine Frau hagelt auf dich zu. Du +Narr! was nützt dir jetzt all' dein Lesen und Schreiben? Kaum wirst +du noch dir und deinen Kindern den Bettelstab dafür kaufen können.« +So macht' ich mir selber die bittersten Vorwürfe und rang oft beinahe +mit der Verzweiflung. Dann sucht' ich freilich von Zeit zu Zeit aus +einem andern Sack auch meine Entschuldigungen hervor, die hießen: +»Ha! das Lesen kostet mich doch nur ein Geringes, und das hab' ich +an Kleidern und anderm mehr als erspart. Auch bracht' ich nur die +müßigen Stunden damit zu, wo andre ebenfalls nicht arbeiten, meist +bei nächtlicher Weile. Wahr ist's, meine Gedanken beschäftigten sich +auch in der übrigen Zeit nur allzuviel mit dem Gelesenen und waren zu +meinem Hauptberuf selten bei Hause. Doch hab' ich nichts verludert, und +trank höchstens zuweilen eine Flasche Wein, meinen Unmut zu ersäufen. +Das hätt' ich freilich auch sollen bleiben lassen. Aber was ist ein +Leben ohne Wein, und zumal ein Leben wie meines?« Dann kam's wieder +einmal ans Anklagen: »Aber, wie nachlässig und ungeschickt warst du +in allem, was Handel und Wandel heißt. Mit deiner unzeitigen Güte +nahmst du alles, wie man's dir gab, gabst jedem, was er dich bat, ohne +zu bedenken, daß du nur andrer Leute Geld im Säckel hattest, oder +daß dich ein redlich scheinendes Gesicht betrügen könnte. Deine Ware +vertrautest du dem ersten besten und glaubtest ihm auf sein Wort, +wenn er dir vorlog, er könne dir auf sein Gewissen nur soundsoviel +bezahlen. Oh, könnt'st du noch einmal wieder von vornen anfangen. Aber, +vergeblicher Wunsch! Nun, so willst du doch alles versuchen, willst +denen, die dir schuldig sind, eben auch drohen wie man dir droht.« So +dacht' ich elender Tropf und setzte wirklich zween meiner Debitoren +den Tag an; freilich mehr um sie und andre zu schrecken, als daß es +Ernst gegolten hätte. Aber sie verstunden's nicht so. Ich ging auf die +bestimmte Zeit mit den Schätzern zu ihren Häusern; und, Gott weiß! mir +war's viel bänger als ihnen. In dem ersten Augenblick, da ich in des +einen Wohnung trat, dacht' ich: Wer kann das tun? Die Frau bat, und +wies mit den Fingern auf das zerfetzte Bett und die wenigen Scherben +in der Küche; die Kinder in ihren Lumpen heulten. Oh, wenn ich nur +wieder weg wäre! dacht' ich, bezahlte Schätzer und Weibel, und strich +mich unverrichteter Sachen fort, nachdem man mir in bestimmten Terminen +Bezahlung versprochen, die noch auf den heutigen Tag aussteht. Auch +erfuhr ich nachwärts, daß diese Leute, einige Stunden vorher, eh' ich +in ihr Haus kam, die besten Habseligkeiten geflöchnet,[55] und ihre +Kinder expreß so zerlöchert angezogen hätten. »Meinetwegen,« sagt' +ich da zu mir selbst, »das will ich in meinem Leben nicht mehr tun. +Meine Gläubiger mögen eines Tages Barbaren gegen mich, ich will's +nicht gegen andre sein. Es geh' mir wie es geh', diese Schulden +müssen zuletzt doch auch zu meinem Vermögen gerechnet werden.« Aber +jene fragten nichts darnach, und diesen jagte eine solche Denk- und +Verfahrungsart gerade keine Scheu ein. Die erstern trieben mich immer +stärker und unerbittlicher, so daß mich meine überspannte Einbildung +zuletzt wirklich glauben ließ, Gott habe nun einmal beschlossen, mich +vor aller Welt zu Spott und Schande zu machen und mich die Folgen +meiner Unvorsichtigkeit abbüßen zu lassen. Der Versucher feiert bei +solchen Gelegenheiten gewiß nicht, und mir war's oft, ich fühlte seine +Eingebungen, wenn ich den ganzen Tag vergeblich nach Menschenhilfe +umhergelaufen war und abends schwermütig oder halb verrückt der Thur +nach schlich, mit starrem Blick in den Strom hinuntersah, wo er am +tiefsten ist. Dann deuchte es mir, der schwarze Engel hauche mich an +und flüsterte mir zu: Stürz dich hinein, Tor, du hältst es doch nicht +länger aus. Sieh' nur, wie sanft das Wasser rollt! Ein Augenblick, und +dein ganzes Sein wird ebenso dahinwogen. Dann schläfst du so ruhig +und so wohl, so wohl! Da wird für dich kein Leid und kein Geschrei +mehr sein und dein Geist und Herz ewig in süßem Vergessen schlummern. +Himmel, wenn ich dürfte! dacht' ich jetzt wohl. Aber welch ein Schauer, +Gott, welch ein Grausen durchfährt alle meine Glieder! Sollt' ich +meiner besseren Überzeugung vergessen können? Nein, Satan, packe +dich! ich will ausharren und erdulden, was ich verschuldet habe. Ein +andermal riet mir der Böse wieder, ich sollt' mein Bündel aufpacken +und davonlaufen. Mit meiner noch übrigen Barschaft könnte ich in einem +entfernten Lande etwas Neues anfangen, und zu Hause würden Weib und +Kind schon gutherzige Seelen finden. -- Was! ich davonlaufen? Mein zwar +unsanftes aber getreues Weib und meine unschuldigen kleinen Kinder im +Stich lassen? Die Winkelprophezeiungen meiner Feinde zu ihrer größten +Freude wahrmachen? In welcher Ecke der Erde könnt' ich eine Stunde Ruhe +genießen, wo mich verbergen, daß der Wurm in meinem Busen mich nicht +fände? Und stell' ich mir meine Sachen am Ende nicht zu schrecklich +vor? Wenn mich nun auch meine Sünden so wie jetzt nur meine Schulden +quälten? + +So bekam ich von Zeit zu Zeit wieder guten, festen Mut, der freilich +nicht länger währte, als bis ich mich bei einer neuen Gelegenheit +abermals des Gedankens nicht erwehren konnte: Jetzt ist's aus. Es +ist kein Kraut für ein unheilbares Übel gewachsen. Aber auch alsdann +bestand es weit mehr in der Einbildung als in der Wirklichkeit. + +Eines Tages, als ich eben auch vergebens herumgelaufen, um etliche +Gulden zu borgen, und einer meiner Gläubiger mir mit entsetzlicher +Roheit begegnet war, ging ich voll trübsinniger Phantasien zu Bett und +wälzte mich bis Mitternacht schlaflos auf meinem Kissen hin und her. + +[Sidenote: Brief an Lavater] + +Da kam mir mit einemmale der menschenfreundliche Lavater in den Sinn, +und ich entschloß mich augenblicklich, ihm zu schreiben. Ich stund auf +und entwarf einen Brief an ihn, den ich gleich des anderen Morgens an +seine Behörde abzusenden gedachte. Je öfter ich ihn aber, als die Zeit +dazu gekommen war, überlas und überdachte, desto weniger wollte er mir +in dem Bewußtsein dessen gefallen, wie sehr der teure Menschenfreund +von Kollektanten, Bettlern und Bettelbriefen bestürmt werde. Um auch +den bloßen Schein zu vermeiden, als beabsichtige ich die Zahl der +Unverschämten zu vermehren, unterdrückte ich mein Geschreibsel wieder +und nahm von dieser Stund' an meine Zuflucht ganz allein zu Gott. +Ich hatte zwar in der Folge noch öftere Anfälle meines eingewurzelten +Kummerfiebers, wandte nun aber alle meine Leibes- und Seelenkräfte an, +meine kleinen Geschäfte zu vermehren, und sah allenthalben selbst zu +meinen Sachen. + +Gegen meine Bekannten stellte ich mich weit weniger mutlos als ich war, +und tat immer munter und guter Dinge. Meinen Gläubigern gab ich die +besten Worte, indem ich die älteren bezahlte und wieder bei anderen +borgte. In der benachbarten Gemeinde Ganterschwil sah ich mich nach +neuen Spinnern, soviel ich deren aufzutreiben wußte, um. + +[Sidenote: Bessere Zeiten] + +Das Jahr 1778 gab mir ganz besondern Mut und Zuversicht; mein +Händelchen ging damals vortrefflich vonstatten, und bald konnt' ich +glauben, daß ich mit Zeit und Weile mich vollkommen erholen und meiner +Schuldenlast entledigen würde. Aber die Angst will ich mein Tage nicht +vergessen, die mich auch jetzt noch quälte, wenn ich den Geschäften +nach traurig meine Straße ging und mich dem Kontor eines überlegenen +Handelsmanns oder der Tür eines harten Gläubigers nahte. Wie es mir da +zumute war! wie ich meine Hände gen Himmel rang: »Herr! du weißt alle +Dinge! Alle Herzen sind in deiner Hand; du leitest sie wie Wasserbäche, +wohin du willst! Ach! gebiete auch diesem Laban, daß er nicht anders +mit Jakob rede als freundlich!« Und der Allgütige erhörte meine Bitte; +ich bekam mildere Antwort, als ich's hätte erwarten dürfen. Oh, wie +köstlich ist's, auf den Herrn hoffen und ihm alle sein Anliegen mit +Vertrauen klagen. Dies hab' ich so manchmal und so deutlich erfahren, +daß mir die felsenfeste Überzeugung davon nichts in der Welt mehr +rauben kann. + +Zu Anfang des Jahres 1779 ward mir ohne mein Bewerben und Bemühen der +Antrag gemacht, einem auswärtigen Fabrikanten von Glarus, Johannes +Zwicki, Baumwollentücher weben zu lassen. Anfangs lehnt' ich den Antrag +aus dem Grunde ab, weil vor mir ein gewisser Grob bei der nämlichen +Kommission Bankerott gemacht. Da man mich aber versichert, daß die +Ursache seines Unfalls eine ganz andre gewesen, ließ ich mich endlich +bereden, und traf den Akkord vollkommen auf den Fuß wie jener. Sofort +hob ich diesen Verkehr an. Man lieferte mir das Garn, und zwar zuerst +sehr schlechtes; aber nach und nach ging's besser. Auch hatt' ich +anfangs viel Mühe genug, Spuler und Weber zu kriegen. Doch merkt' ich +bald, daß zwar mit diesem Geschäft viel Verdruß und Arbeit verbunden, +aber auch etwas zu gewinnen sei. Im Jahre 1780 erweitert' ich meine +Anstalt um ein merkliches, fing auch an, für eigne Rechnung Tücher +zu machen, und befand mich gut dabei. Mein Kredit wuchs wieder von +Tag zu Tag, und meine Gläubiger merkten bald, daß die Sachen eine +andere Wendung genommen. Ich hüpfte daher nicht selten in meiner +Warenkammer vor Freuden hoch auf und betrachtete meine Errettung als +ein Beinahe-Wunder. Und doch ging in der Welt von jeher und geht noch +alles seinen natürlichen Lauf! Glück und Unglück richteten sich immer, +teils nach meinem Verhalten, das in meiner Macht stund, teils nach den +Zeitumständen, die ich nicht ändern konnte. Auch die folgenden Jahre +bis 1785 förderten meinen Wohlstand je mehr und mehr und änderten +in meinem Innern nichts, als daß mir meine Geschäfte mehr zu denken +gaben und meinen Hang zum Schreiben um ein gut Teil minderten. Hätte +ich schon damals alle meine Waren und ausstehende Schulden zu Geld +gemacht, so würde ich haben meine Gläubiger vollkommen befriedigen +können und mein Haus und Garten mit all meiner Habe mir frei und ledig +zu eigen verblieben sein. Es hat zwar seitdem den Anschein gewonnen, +als ob der Baumwollentücherverkehr in unserem Lande nimmer wieder zu +seinem vorigen Flor gelangen könne. Indessen ergeht es mir fortwährend +leidlich genug, und würde ich, wenn ich mich zu einer ängstlichen +Sparsamkeit bekehren wollen, heutigen Tages gewiß ein sogenannter +bemittelter Mann sein. + + + + + Schluß + + +[Sidenote: Stilling und Rousseau] + +[Sidenote: Meine Geständnisse] + +[Sidenote: Liebesgeschichte] + +[Sidenote: Käthchen] + +Als ich dies Büchel zu schreiben anfing, dacht' ich Wunder, welch' +eine herrliche Geschicht' voll der seltsamsten Abenteuer es absetzen +würde. Ich Tor! Und doch -- bei besserm Nachdenken -- was soll ich +mich selbst tadeln? Wäre das nicht Narrheit auf Narrheit gehäuft? Mir +ist's, als wenn mir jemand die Hand zurückzöge. Das Selbsttadeln muß +also etwas Unnatürliches, das Entschuldigen und sich selbst alles zum +Besten deuten etwas ganz Natürliches sein. Ich will mich also herzlich +gern entschuldigen, daß ich anfangs so verliebt in meine Geschichte +war, wie es jeder Fürst und -- jeder Bettelmann in die seinige ist. +Oder, wer hörte nicht schon manches alte, eisgraue Bäurlein von seinen +Schicksalen, Jugendstreichen und so fort ganze Stunden lang mit +selbstzufriedenem Lächeln so geläufig und beredt daherschwatzen, wie +ein Procurator, und wenn er sonst der größte Stockfisch war. Freilich +kömmt's denn meist ein bißel langweilig für andre heraus. Aber was +jeder tut, muß auch jeder leiden. Freilich hätt' ich, wie gesagt, mein +Geschreibe ganz anders gewünscht; und kaum war ich damit zur Hälfte +fertig, sah' ich das kuderwelsche Ding schon schief an; alles schien +mir unschicklich, am unrechten Orte zu stehn, ohne daß ich mir denn +doch getraut hätte, zu bestimmen, wie es eigentlich sein sollte; sonst +hätt' ich's flugs auf diesen Fuß, z. B. nach dem Modell eines Heinrich +Stillings, umgegossen. »Aber, Himmel! welch ein Contrast! Stilling +und ich!« dacht' ich. »Nein, daran ist nicht zu gedenken. Ich dürfte +nicht in Stillings Schatten stehn.« Freilich hätt' ich mich oft gerne +so gut und fromm schildern mögen, wie dieser edle Mann es war. Aber +konnt' ich es, ohne zu lügen? Und das wollt' ich nicht, und hätte mir +auch wenig geholfen. Nein! Das kann ich vor Gott bezeugen, daß ich die +pur lautere Wahrheit schrieb; entweder Sachen, die ich selbst gesehen +und erfahren, oder von andern glaubwürdigen Menschen als Wahrheit +erzählen gehört. Freilich Geständnisse, wie Rousseau's seine, enthält +meine Geschichte auch nicht, und sollte auch keine solchen enthalten. + +Um indessen doch einigermaßen ein solches Geständnis abzulegen, und +dem Leser einen Blick wenigstens auf die Oberfläche meines Herzens zu +öffnen, so will ich sagen: Daß ich ein Mensch bin, der alle seine Tage +mit heftigen Leidenschaften zu kämpfen hatte. In meinen Jugendjahren +erwachten nur allzufrüh gewisse Naturtriebe in mir; etliche Geißbuben +und ein paar alte Narren von Nachbarn sagten mir Dinge vor, die einen +unauslöschlichen Eindruck auf mein Gemüt machten, und es mit tausend +romantischen Bildern und Fantaseyen erfüllten, denen ich, trotz alles +Kämpfens und Widerstrebens, oft bis zum unsinnig werden nachhängen +mußte, und dabei wahre Höllenangst ausstund. Denn um die nämliche Zeit +hatte ich von meinem Vater, und aus ein paar seiner Lieblingsbücher +allerlei, nach meinen jetzigen Begriffen übertriebene Vorstellungen +von dem, was eigentlich fromm und reinen Herzens sei, eingesogen. Da +wurde mir nur das allerstrengste Gesetz eingepredigt; da schwebten +mir immer unübersteigliche Berge, und die schwersten Stellen aus +dem Neuen Testament von Händ' und Füß' abhauen, Augausreißen und so +ferner vor. Mein Herz war von jeher äußerst empfindlich; ich erstaunte +daher sehr oft, wenn ich weit bessere Menschen als ich, bei diesem +oder jenem Zufall, bei Erzählung irgendeines Unglücks, bei Anhörung +einer rührenden Predigt und dergleichen, wie ich wähnte, ganz frostig +bleiben sah. Man denke sich also meine damalige Lage in einem rohen +einsamen Schneegebürg': Ohne Gesellschaft, außer jenen schmutzigen +Buben und unflätigen Alten auf der einen -- auf der andern Seite +jenen schwärmerischen Unterricht, den mein junger feuerfangender +Busen so begierig aufnahm; dann mein von Natur tobendes Temperament +und eine Einbildungskraft, welche mir nicht nur den ganzen Tag über +keine Minute Ruhe ließ, sondern mich auch des Nachts verfolgte, und +mir oft Träume bildete, daß mir noch beim Erwachen der Schweiß über +alle Finger lief. Damals war es (wie man schon zum Teil aus meiner +obigen Geschichte wird ersehen haben) meine größte Lust, an einem +schönen Morgen oder stillen Abend, während dem Hüten meiner Geißen, +mich auf irgend einem hohen Berge in einen Dornbusch zu setzen -- +dann jenes Büchelchen hervorzulangen, das ich viele Zeit überall und +immer bei mir trug, und daraus mich über meine Pflichten gegen Gott, +gegen meine Eltern, gegen alle Menschen und gegen mich selbst, so lang +zu erbauen, bis ich in eine Art wilder Empfindung geriet, und (ich +entsinne mich noch vollkommen) allemal mit einer Ermahnung an Kinder +endete, deren Anfang lautete: »Kommt Kinder! Wir wollen uns vor dem +Thron des himmlischen Vaters niederwerfen.« Dann richtete ich meine +Augen starr in die Höhe, und häufige Tränen flossen die Wangen herab. +-- Dann hing ich wieder für etwas Zeit Grillen von ganz andrer Natur, +und auch diesen bis zur Wut nach; baute mir ein, zwei, drei Dutzend +spanischer Schlösser auf, riß alle Abend die alten nieder, und schuf +ein paar neue. -- So dauerte es bis ungefähr in mein achtzehntes +Jahr, da mein Vater seinen Wohnort veränderte, und ich sozusagen in +eine ganz neue Welt trat, wo ich mehr Gesellschaft, Zeitvertreib, und +minder Anlaß zum Phantasieren hatte. Hier fingen dann auch, besonders +eine Art der Kinder meiner Einbildungskraft -- und zwar leider eben +die schönste von allen -- an, sich in Wirklichkeit umzuschaffen, +und kamen mir eben nahe an Leib. Aber zu meinem Glücke hielt mich +meine angeborene Schüchternheit, Schamhaftigkeit, oder wie man das +Ding nennen will, noch Jahre lang zurück, eh' ich nur ein einziges +dieser Geschöpfe mit einem Finger berührte. Da fing endlich jene +Liebesgeschichte mit Aennchen an, die ich oben, wie ich denke, nur mit +allzusüßer Rückerinnerung, beschrieben habe. Noch lebt diese Person, +so gesund und munter wie ich; und mir steigt eine kleine Freude ins +Herz, so oft ich sie sehe, obgleich ich mit Wahrheit bezeugen kann, +daß sie alle eigentlichen Reize für mich verloren hat. Hie und da +geriet ich auch an andre Mädchen; aber da stund mir keine an wie mein +Aennchen. Nur eines gewissen Käthchens und Mariechens erinnr' ich mich +noch mit Vergnügen, obschon unsere Bekanntschaft nur eine kleine Zeit +währte. Wenn ein Weibsbild, sonst noch so hübsch, dastund oder saß +wie ein Stück Fleisch, mir auf halbem Weg entgegen kam, oder mich gar +noch an Frechheit übertreffen wollte, so hatte sie's schon bei mir +verdorben; und wenn ich dann auch etwa in der Vertraulichkeit mit ihr +ein bißchen zu weit ging, war's gewiß das erste und letzte Mal. Nie +hab' ich mir auf meine Bildung und Gesicht viel zu gut getan, obschon +ich bei den artigen Närrchen sehr wohl gelitten war, und einige aus +ihnen gar die Schwachheit hatten, mir zu sagen, ich sei einer der +hübschesten Buben. Wenn gleich meine Kleidung nur aus drei Stücken +bestund, einer Lederkappe, einem schmutzigen Hemd, und ein Paar +Zwilchhosen, so schämte sich doch auch das niedlichst geputzte Mädchen +nicht, ganze Stunden mit mir zu schäkern. Insgeheim war ich denn +freilich stolz auf solche Eroberungen, ohne recht zu wissen warum? +Andremal nagte mir, wie gesagt, wirklich die Liebe ein Weilchen am +Herzen: Dann sucht' ich mich des lästigen Gastes durch Zerstreuungen +zu entledigen; jauchzte, pfiff, und trillerte einen Gassenhauer, +deren ich in kurzer Zeit viele von meinen Kameraden gelernt hatte; +oder brütete an abgelegenen Orten wieder etliche Fantaseyen aus, und +träumte von lauter Glück und guten Tagen, ohne daß ich mir einfallen +ließ, mich auch zu fragen: Wann und woher sie auch kommen sollten, +was ich mir auch sicher nicht hätte beantworten können. Denn die +Wahrheit zu gestehn, ich war ein Erzlappe und Stockfisch, und besaß +zumal keine Unze Klugheit oder gründliches Wissen, wenn ich schon +über alles ganz artlich zu reden wußte. Daß ich bei jedermann, +und bei jenen schönen Dingern insonderheit wohl gelitten war, kam +einzig daher, weil ich so ziemlich gut an jedem Ort augenblicklich +den für dasselbe schicklichsten Ton zu treffen wußte, und mir, wie +meine Nymphen behaupteten, alles zierlich nett anstund. -- Und nun +abermals ein neuer Akt meines Lebens. Als mich nämlich bald hernach +das Verhängnis in Kriegsdienste führte, und vorzüglich in den sechs +Monaten, da ich noch auf der Werbung herumstreifte, ja da geht's über +alle Beschreibung, wie ich mich nun fast gänzlich im Getümmel der Welt +verlor. Zwar unterließ ich auch während meiner wildesten Schwärmereien +nie, Gott täglich mein Morgen- und Abendopfer zu bringen, und meinen +Geschwisterten gute Lehren nach Haus zu schreiben. Aber damit war's +dann auch getan; und ob der Himmel daran große Freude hatte, muß ich +zweifeln. Doch, wer weiß! Selbst diese flüchtige Andacht unterhielt +vielleicht manche gute Gesinnung in mir, die sonst auch noch zu +Trümmern gegangen wäre, und behütete mich vor groben Ausschweifungen, +deren ich mir, Gott Lob! keiner einzigen bewußt bin. So z. B. wenn +ich schon mit hübschen Mädchens für mein Leben gern umgehen mochte, +hätt' ich's doch auf allen meinen Reisen und Kriegszügen nie über's +Herz gebracht, nur ein einziges zu übertölpeln, wenn ich auch dazu +noch so viel Reizung gehabt. Wahrlich, mein Gewissen war so zart über +diesen Punkt, daß ich mir vielmehr oft nachwärts ruchlose Vorwürfe +über meine eigne Feigheit gemacht und den und diesen guten Anlaß +wieder zurückgewünscht. Aber wenn sich denn wirklich die Gelegenheit +von neuem ereignete, und alles bis zum Genusse fix und fertig war, +so fuhr ein zitternder Schauer mir durch Mark und Beine, daß ich +zurückbebte, meinen Gegenstand mit guten Worten abfertigte oder leise +davon schlich. Auf dem ganzen Transport bis nach Berlin bin ich, bis +auf ein einziges Nestchen, vollends ganz rein davon gekommen. In +dieser großen Stadt hätt' ich an gemeinen Weibsleuten keinen Schuh' +gewischt. Hingegen will ich's nicht verbergen, daß meine zügellose +Einbildungskraft ein paarmal über glänzende Damen und Mamselles +brütete. Aber es stellten sich immer noch zu rechter Zeit genugsame +Hindernisse in den Weg; die Anfechtungen verschwanden, und besserer +Sinn und Denken erwachten wieder. Während meiner Campagne und auf der +Heimreise hab' ich abermals keinen weiblichen Finger berührt. Was +meine Desertion betrifft, so machte mir mein Gewissen darüber nie die +mindesten Vorwürfe. Gezwungener Eid ist Gott leid! dacht' ich; und die +Ceremonie, die ich da mitmachte, wähnt' ich wenigstens, könne kaum +ein Schwören heißen. -- Nach meiner Rückkehr ins Vaterland ergriff +ich wieder meine vorige Lebensart. Auch Buhlschaften spannen sich +bald von neuem an. Meine herzliebe Anne war freilich verplempert; +aber es fanden sich in kurzem andere Mädels, mehr als eines, denen +ich zu behagen schien. Mein Aeußeres hatte sich ziemlich verschönert. +Ich ging nicht mehr so läppisch daher, sondern hübsch gerade. Die +Uniform, die mein ganzes Vermögen war, und eine schöne Frisur, die +ich recht gut zu machen wußte, gaben meiner Bildung ein Ansehn, +daß dürftige Dirnen wenigstens die Augen aufsperrten. Bemittelte +Jungfern dann -- ja, o bewahre! -- die warfen freilich auf einen +armen ausgerissnen Soldat keinen Blick. Die Mütter würden ihnen +fein ausgemistet haben. Und doch wenn ich's nur ein wenig pfiffiger +und politischer angefangen, hätt' es mir mit einer ziemlich reichen +Rosina geglückt, wie ich nachwärts zu spät erfuhr. Inzwischen erhob +selbst dieser mißlungene Versuch meinen Mut und meine Einbildung +nicht um ein geringes -- und der geschossene Bock wäre mir nicht um +tausend Gulden feil gewesen. Ich sah darum von erwähnter Zeit an alle +meine bisherigen Liebschaften so ziemlich über die Achsel an, und +warf den Bengel höher auf. Aber meine sorglose lüderliche Lebensart +verderbte immer alles wieder. Mit Kindern meines Standes war mein +Umgang freilich, Gott verzeih' mir's! oft nur allzufrei; in Absicht +auf solche hingegen, die über mir standen, verließ mich meine Feigheit +nie; und das war mir am meisten hinderlich. Denn wer weiß nicht, wie +oft der dümmste Labetsch[56] bloß mit einem beherzten angriffigen +Wesen zuerst sein Glück macht. Aber mir so viele Mühe geben, kriechen, +bitten, seufzen und verzweifeln, konnt' ich eben nicht. -- Eines +Tages ging ich nach Herisau an eine Landsgemeinde. Meine gute Mutter +steckte mir all' ihr kleines Spargeldlin von etwa 6 Gulden bei. Einer +meiner Bekannten im Appenzeller Land trachtete mir zu Trogen, in einer +großen Gesellschaft, eine gewisse Ursel aufzusalzen, die mir aber +durchaus nicht behagen wollte. Ich suchte also, sie je eher je lieber +wieder los zu werden. Es glückte mir auf dem Rückweg nach Herisau, wo +sie sich, oder vielmehr ich mich, unter dem großen Haufen verlor. Es +war eine große Menge jungen Volkes. Bei einbrechender Abenddämmerung +näherte man sich einander, und formierte Paar und Paar, als ich mit +eins ein wunderschönes Mädel, sauber wie Milch und Blut, erblickte, +das mit zwei andern solchen Dingern davon schlenterte. Ich streckt' +ihm die Hand entgegen, es ergriff sie mit den beiden seinigen, und +wir marschierten bald Arm an Arm +in dulci jubilo+ unter Singen +und Schäkern unsre Straße. Als wir zu Herisau ankamen, wollt' ich sie +nach Haus begleiten. »Das bei Leib nicht!« sagte sie, »ich dürft's um +alles in der Welt nicht. Nach dem Nachtessen vielleicht, kann ich denn +eher noch ein Weilchen zum Schwanen kommen.« Mit einem solchen Ersatz +war ich natürlich sehr zufrieden. Damals wußt' ich noch nicht, wer +mein Schätzgen war, und erfuhr erst jetzt im Wirtshaus, daß sie ein +Töchterchen aus einem guten Kaufmannshaus, und ungefähr sechszehn Jahr +alt sei. Ungefähr nach einer Stunde kam das liebe Geschöpf -- Käthchen +hieß es -- mit einem artigen jungen Kind auf dem Arm, das sein +Schwesterchen war, denn anders hätt' es nicht entrinnen können, als +eben auch die verwünschte Ursel in die Stube trat, mich gleichfalls +aufsuchen wollte, bald aber Unrat merkte, mir bittere Vorwürfe machte, +und davon ging. Alsdann gab uns der Wirt ein eigen Zimmer; Käthchen +hinein, und ich nach, geschwind wie der Wind. Ich hatte ein artiges +Essen bestellt. Nun waren ich und das herrliche Mädchen allein, +allein. O was dieses einzige Wort in sich faßt! Tage hätt' es währen +sollen, und nicht zwei oder drei wie Augenblicke verflossene Stunden. +Und doch -- die Wände unsers Stübchens -- das Kind auf Käthchens Schoß +-- die Sternen am Himmel sollen Zeugen sein unsrer süßen, zärtlichen, +aber schuldlosen Vertraulichkeit. Ich blieb noch die halbe Woche dort. +Mein Engel kam alle Tage mit ihrem Schwesterchen vier bis fünfmal +zu mir. Endlich aber ging mir die Barschaft aus, ich mußte mich +losreißen. Käthchen gab mir, immer mit dem Kind auf dem Arm, trotz +aller Furcht vor seinen Eltern, das Geleit noch weit vor den Flecken +hinaus. Wie der Abschied war, läßt sich denken. Tränen vom Liebchen +trug ich auf meinen Wangen genug nach Haus. Wir winkten einander mit +Schürze und Schnupftüchern unser Lebewohl mehr als hundertmal, und so +weit wir uns sehen konnten. O man verzeihe mir meine Torheit! Gehören +doch diese Tage zu den allerglücklichsten, und ihre Freuden zu den +allerunschuldigsten meines Lebens. Denn mein guter Engel hatte mir +gegen dies holde Mädchen ordentlich eben so viel Ehrfurcht als Liebe +eingeflößt; so daß ich sie, wie ein Vater sein Kind, umarmte, und +sie mich hinwieder, wie eine Tochter ihren Erzeuger, sanft an ihren +reinen Busen drückte, und mein Gesicht mit ihren Küssen bedeckte. +-- Jetzt war ich dem Leibe nach wieder bei Haus, aber im Geiste +immer mit diesem herzigen Schätzgen beschäftigt, dem weiland Ännchen +sogar weit nachstand. Indessen kam mir nur kein Gedanke daran, daß +ich jemals zu ihrem Besitz gelangen könnte; vielmehr sucht' ich mir +alles Vorgegangene vollkommen aus dem Sinn zu schlagen, und es gelang +mir. Denn dies war von jeher meine Art: Was einen schnellen Eindruck +auf mich machte, war auch bald wieder vergessen, und von neuen +Gegenständen verdrängt. Allein, wer hätte daran gedacht? An einem +schönen Abend brachte mir der Herisauer Bote ein Briefchen von meinem +Käthchen, worin sie in zärtlich verliebten und dabei recht kindisch +naiven Ausdrücken mir sagte, wie's ihr sei seit unserm Abschied; wie +sie mich gern wieder sehen, noch einmal mit mir reden möchte, und +wenn das nicht möglich wäre, mich wenigstens zu einem schriftlichen +Verkehr auffordere. Ich küßte das Papier, las es wohl hundertmal, +und trug's immer in der Tasche, bis es ganz verschmutzt und zerfetzt +war. Also -- ich flog eilends nach Herisau? Nein! Ich antwortete auf +der Stelle? Nein! auch das nicht; kein Wort. Kurz ich ging nicht und +schrieb nicht. Warum? Daß ich gerade damals kein Geld hatte, dessen +erinnere ich mich; daß sonst noch etwas dazwischen kam, weiß ich auch; +die eigentliche Ursach' aber ist mir aus dem Gedächtnis entfallen. +Genug, ich vergaß meinen Herisauer Schatz, worüber ich mir nachwärts +manchen bittern Vorwurf gemacht. Endlich, erst nach zwanzig Jahren, +dacht' ich wieder einmal dieser Begebenheit so lange und so ernsthaft +nach, und die Begierde, zu erfahren, ob das liebe Kind noch lebe, +und was aus ihr geworden sei, ward so stark in mir, daß ich eigens +deswegen auf Herisau ging (ungeachtet ich in der Zwischenzeit manchmal +mich tagelang dort aufhielt, ohne daß mir nur ein Sinn an sie kam) +nach ihrer Wohnung fragte, und bald erfuhr, daß sie schon Mutter von +zehn Kindern, und auf einem Wirtshaus sei. Ich flog dahin. Der Mann +war eben nicht zu Hause. Ich sprach sie um Nachtherberg an, setzte +mich zu Tisch' und beguckte mein -- nun nicht mehr mein Käthchen. +Himmel! wie das arme Ding ganz verlottert war. Und doch erkannt' ich +ihre ehevorigen jugendlichen Gesichtszüge mitunter noch deutlich. Ich +konnte mich der Tränen kaum erwehren. Sie war unglücklicher Weise +an einen brutalen und dabei lüderlichen Mann geraten, der nachwärts +wirklich bankerott machte. Schon damals war sie in sehr ärmlichen +Umständen. Sie kannte mich nicht mehr. Ich fragte sie alles aus, nach +ihrer Herkunft, wer ihr Mann sei, und so fort. Und endlich auch: Ob +sie sich nicht mehr eines gewissen U. B. erinnre, den sie vor zwanzig +Jahren etliche Tag' nacheinander beim Schwanen angetroffen. Hier sah +sie mir starr ins Gesicht, fiel mir an die Hand: »Ja! Er ist's, er +ist's!« und große Tropfen rollten über ihre blassen Wangen herab. Nun +ließ sie alles stehn, setzte sich zu mir hin, erzählte mir der Länge +und Breite nach ihre Schicksale, und ich ihr die meinigen, bis spät in +die Nacht hinein. Beim Schlafengehen konnten wir uns nicht erwehren, +jene seligen Stunden durch ein paar Küsse zu erneuern; aber weiter +stieg mir auch nur kein arger Gedanke auf. Im Verfolg kehrte ich noch +manchmal bei ihr ein. Sie starb etwa vier Jahre nach unserm ersten +Wiedersehen, und es tut mir so wohl, noch eine Träne auf ihr Grab zu +weinen, wo sie jetzt mit so viel andern guten Seelen im Frieden wohnt. + +[Sidenote: Wirklichkeit und Idealwelt] + +Daß ich in meiner obigen Geschichte über die allerernsthaftesten Scenen +meines Lebens, wie ich an meine Dulcinea kam -- ein eigen Haus baute +-- einen Gewerb anfing, und so fort so kurz hinweggeschlüpft, kömmt +wahrscheinlich daher, daß diese Epoche meines Daseins mir unendlich +weniger Vergnügen als meine jünger Jahre gewährte, und darum auch +weit früher aus meinem Gedächtnis entwichen ist. So viel weiß ich +noch gar wohl: Daß, als ich auch im Ehestand mich betrogen sah, und +statt des Glücks, das ich darin zu finden mir eingebildet hatte, nur +auf einen Haufen ganz neuer unerwarteter Widerwärtigkeiten stieß, +ich mich wieder aufs Grillenfangen legte, und meine Berufsgeschäfte +nur so maschinenmäßig lässig und oft ganz verkehrt verrichtete, und +mein Geist, wie in einer andern Welt, immer in Lüften schwebte, sich +bald die Herrschaft über goldene Berge, bald eine Robinsonsche Insel, +oder irgend ein andres Schlaraffenland erträumte. Da ich hier um +die nämliche Zeit anfing, mich aufs Lesen zu legen, und ich zuerst +auf lauter mystisches Zeug, dann auf die Geschichte, dann auf die +Philosophie, und endlich gar auf die verwünschten Romane fiel, schickte +sich zwar alles dies vortrefflich in meine idealische Welt, machte +mir aber den Kopf nur noch verwirrter. Jeden Helden und Abenteurer +alter und neuer Zeit macht' ich mir eigen, lebte vollkommen in ihrer +Lage, und bildete mir Umstände dazu und davon, wie es mir beliebte. +Die Romane hinwieder machten mich ganz unzufrieden mit meinem eigenen +Schicksal und den Geschäften meines Berufes, und weckten mich aus +meinen Träumen, aber eben nur zu größerm Verdruß auf. Bisweilen, wenn +ich denn so mürrisch war, sucht' ich mich durch irgend eine lustige +Lektur wieder zu ermuntern. Alsdann je lustiger, je lieber; so daß ich +darüber bald zum Freigeist geworden, und dergestalt immer von einem +Extrem ins andre fiel. In dieser Absicht bedaur' ich die Gefährtin +meines Lebens von Herzen. Denn so wenig Geschmack ich an ihr fand, so +hatte sie doch noch viel mehr Ursache, keinen an mir zu finden. Dennoch +war ihre Neigung zu mir stark, obgleich nichts weniger als zärtlich. +Ein Betragen ganz nach ihrem Geschmack, meine Unterwürfigkeit und +Liebe zu ihr, das alles wollte sie von dem ersten Tag' an erpochen und +erpoltern -- und macht's heute mit mir und meinem Jungen noch ebenso +und wird es so wenig lassen, als ein Mohr seine Haut ändern kann. +Und doch ist dies, wie ich's nun aus Erfahrung weiß, gewiß das ganz +unrechte Mittel, einen an das Joch zu gewöhnen. Inzwischen flossen +meine Tage so halb vergnügt, halb mißvergnügt dahin. Ich suchte mein +Glück in der Ferne und in der Welt, mittlerweile es lange ganz nahe bei +mir vergebens auf mich wartete. Und noch jetzt, da ich doch überzeugt +bin, daß es nirgends als in meinem eigenen Busen wohnt, vergeß ich nur +allzuoft, in mich selbst zurückzukehren, flattre in einer idealischen +Welt herum, oder wähle in dieser gegenwärtigen falsche, Ekel und Unlust +erweckende Scheingüter außer mir. + +[Sidenote: Glücksumstände und Wohnort] + +[Sidenote: Die ganze Welt ist unser] + +[Sidenote: Glücksempfindung] + +Meine Lebensgeschichte so weit geschrieben, bleibt mir nur noch weniges +von mir zu sagen übrig. Ein Häuschen und ein Gärtchen ist mein ganzes +Vermögen. Eine Frau und vier Kinder, also sechs Mäuler und ein Dutzend +Hände machen meinen Haushalt aus. Aber das gesunde Speisen der erstern, +Kleider und anders mit eingezählt, zehrt das Produkt einer noch so +muntern Arbeit der letztern beinahe auf. Meinen Baumwollengewerb hab' +ich schon beschrieben. Dieser ist wie ein Vogel auf dem Zweig, und +wie das Wetter im April. Wer sein ganzes Studium darauf wendet, und +zumal die rechte Zeit abzupassen weiß, kann noch sein Glück damit +machen. Aber dies Talent in gehörigem Maße hatt' ich nie, war immer ein +Stümper, und werd' es ewig bleiben. Und doch hab' ich diese Art Handel +und Wandel gleichsam von Jahr zu Jahr lieber gewonnen. Warum? Ich +denke, natürlich, weil derselbe das Mittel war, durch welches mich die +gütige Vorsehung, ohne mein sonderliches Zutun, aus meiner drückenden +Lage wenigstens in eine sehr leidliche emporhob. Freilich wär' ich, +ohne die Rolle eines Handelsmanns zu spielen, vielleicht auch niemals +so tief in jene hineingeraten. Doch, wer weiß? Es wäre wohl gleich +viel gewesen, mit welchem Berufe ich mich lässig, unvorsichtig und +ungeschickt beschäftigt hätte. Und heißt's, denk' ich, auch hier: Der +Hund, der ihn biß, leckt' ihn wieder, bis er heil war. + +[Sidenote: Haus und Garten] + +Mein Vaterland ist zwar kein Schlaraffenland, kein glückliches +Arabien und kein reizendes Pays de Vaud. Es ist das Tockenburg, dessen +Einwohner von jeher als unruhige und ungeschliffene Leute verschrien +waren, aber allerorten, soweit ich gekommen bin, hab ich ebenso grobe, +wo nicht viel gröbere -- ebenso dumme, wo nicht viel dümmere Leut' +angetroffen. -- Unser Tockenburg ist ein anmutiges, zwölf Stunden +langes Tal, mit vielen Nebentälchen und fruchtbaren Bergen umschlossen. +Das Haupttal zieht sich in einer Krümmung von Südost nach Nordost +hinab. Gerade in der Mitte desselben, auf einer Anhöhe, steht mein +Edelsitz, am Fuß eines Berges, von dessen Spitze man eine treffliche +Aussicht beinahe über das ganze Land genießt, die mir schon so manchmal +das entzückendste Vergnügen gewährte, bald in das mit Dörfern reich +besetzte Tal hinab, bald auf die mit den fettesten Weiden, Wiesen und +Gehölzen bekleideten und abermals mit zahllosen Häusern übersäten +Anhöhen zu beiden Seiten, über welche sich noch die Gipfel der Alpen +hoch in die Wolken erheben, dann wieder hinunter auf die durch viele +Krümmungen sich mitten durch unser Haupttal schlängelnde Thur, deren +Dämme und mit Erlen und Weiden bepflanzten Ufer die angenehmsten +Spaziergänge bilden. Mein hölzernes Häuschen liegt gerade da, wo das +Gelände am allerlieblichsten ist, und besteht aus einer Stube, drei +Kammern, Küche und Keller -- Potz Tausend! die Nebenstube hätt' ich +bald vergessen -- einem Geißställchen, Holzschopf, und dann rings ums +Häuschen ein Gärtchen, mit etlichen kleinen Bäumen besetzt, und mit +einem Dornhag tapfer umzäunt. Aus meinem Fenster hör' ich von drei +bis vier Orten her läuten und schlagen. Kaum etliche Schritte vor +meiner Türe liegt ein meinem Nachbar zudienender artiger beschatteter +Rasenplatz. Von da seh' ich senkrecht in die Thur hinab, auf die +Bleichen hinüber, auf das schöne Dorf Wattwil, auf das Städtchen +Lichtensteig und hinwieder durchs Tal hinauf. Hinter meinem Haus rinnt +ein Bach herab, der Thur zu, der aus einem romantischen Tobel kömmt, +wo er über Steinschrofen[57] daherrauscht. Sein jenseitiges Ufer +ist ein sonnenreiches Wäldchen, mit einer hohen Felswand begrenzt. +In dieser nisten alle Jahr' etliche Sperber und Habichte in einer +unzugänglichen Höhle. Diese, und dann noch ein gewisser Berg, der mir +um die Tag- und Nachtgleiche die liebe Sonne des Morgens eine Stunde zu +lang aufhält, sind mir unter allem, was zu dieser meiner Lage gehört, +allein widerlich. Beide würd' ich gern verkaufen oder gar verschenken. +Die vertrackten Sperber zumal plagen nicht nur von Mitte April bis +spät in den Herbst mit ihrem Zetergeschrei meine Ohren, sondern, +was noch weit ärger ist, verjagen mir die lieben Singvögelchen, daß +bald kein einziges mehr in der Gegend sich einzunisten wagt. Meine +Nachbarn sind recht gute ehrliche Leute, die ich aufrichtig schätze +und liebe. Freilich läuft bisweilen auch ein andrer mit unter, wie +überall. Innige Freunde, mit denen man Gedanken wechseln und Herzen +tauschen kann, hab' ich in der Nähe keine. Dies ersetzen mir meine +platonischen Geliebten in meinem Stübchen. Im Frühling liegt mir der +Schnee auch ein bißchen zu lang in meinem Gärtchen. Aber ich fange +einen Krieg mit ihm an, zerfetze ihn zu kleinen Stücken, und werfe +ihm Asche und Kot auf die Nase; dann verkriecht er sich in die Erde, +so daß ich noch mit den Frühesten gärtnen kann. Und überhaupt macht +mir dies kleine Grundstück viel Vergnügen. Zwar ist die Erde ziemlich +grob und ungeschlacht, obgleich ich sie schon an die fünfundzwanzig +Jahr bearbeitet habe, demungeachtet gibt das Ding Kraut, Kohl, Erbsen, +und was ich immer auf meinen Tisch brauche, zur Genüge; mitunter auch +Blumenwerk und Rosen die Fülle. Kurz, es freut mich so wohl, als +manchen Fürsten all' seine babylonischen Gärten. -- Sag' also, Bub! ist +unser Wohnort nicht so angenehm, als je einer in der Welt? Einsam, und +doch nahe bei den Leuten; mitten im Tal, und doch ein wenig erhöht. +Oder geh' mir einmal im Maimond auf jenen Rasenhügel vor unserer Hütte. +Schau durchs buntgeschmückte Tal hinauf; sieh', wie die Thur sich +mitten durch die schönsten Auen schlängelt; wie sie ihre noch trüben +Schneewasser gerade unter deinen Füßen fortwälzt. Sieh', wie an ihren +beiden Ufern unzählige Kühe mit geschwollenen Eutern im Gras waten. +Höre das Jubelgetön von den großen und kleinen Buschsängern. Ein Weg +geht zwar an unsern Fenstern vorbei; aber der ist noch nichts. Sieh' +erst jenseits der Thur jene Landstraße mitten durchs Tal, die nie leer +ist. Sieh' jene Reihe Häuser, welche Lichtensteig und Wattwil wie +zusammenketten. Da hast du einigermaßen, was man in Städten und auf +dem Lande nur haben kann. Ha! sagst du vielleicht, aber diese Matten +und Kühe sind nicht unser! Närrchen! freilich sind sie und die ganze +Welt ist unser. Oder wer wehrt dir, sie anzusehn, und Lust und Freud' +an ihnen zu haben? Butter und Milch bekomm' ich ja von dem Vieh, das +darauf weidet, so viel mir gelüstet, also haben ihre Eigentümer nur +die Mühe zum Vorteil. Was braucht es, jene Alpen mein zu heißen? Oder +jene zierlich prangenden Obstbäume? Bringt man uns ja ihre schönsten +Früchte ins Haus! Oder jenen großen Garten? Riechen wir ja seine Blumen +von weitem! Und selbst unser eigener kleiner, wächst nicht alles +darin, was wir hineinsetzen, pflegen und warten? Also, lieber Junge! +wünsch' ich dir, daß du bei allen diesen Gegenständen nur das empfinden +möchtest, was ich dabei schon empfunden habe und noch täglich empfinde; +daß du mit eben dieser Wonne und Wollust den Höchstgütigen in allem +findest und fühlest, wie ich ihn fand und fühlte, so nahe bei mir, +rings um mich her, und in mir, wie er dies mein Herz aufschloß, das er +so weich und so fühlend schuf. Lieber Knabe! Beschreiben kann ich's +nicht. Aber mir war schon oft, ich sei verzückt, wenn ich all' diese +Herrlichkeit überschaute, und so, in Gedanken vertieft, den Vollmond +über mir, dieser Wiese entlang hin und her ging, oder an einem schönen +Sommerabend dort jenen Hügel bestieg, die Sonne sinken, die Schatten +steigen sah, mein Häuschen schon in blauer Dämmerung stand, die +schwirrenden Weste mich umsäuselten, die Vögel ihr sanftes Abendlied +anhuben. Wenn ich dann vollends bedachte: »Und dies alles für dich, +armer, schuldiger Mann?« Und eine göttliche Stimme mir zu antworten +schien: »Sohn! dir sind deine Sünden vergeben.« Oh! wie da mein Herz in +süßer Wehmut zerschmolz, wie ich dem Strom meiner Freudentränen freien +Lauf ließ, und alles rings um mich her, Himmel und Erde, hätte umarmen +mögen, und noch selige Träume der folgenden Nacht mein gestriges Glück +wiederholten. + + + ENDE + + +Fußnoten: + +[Footnote 1: Abgemessene Garnmenge.] + +[Footnote 2: Vorraum zum Haus.] + +[Footnote 3: Hütte für Vieh und Heu.] + +[Footnote 4: Bachschlucht.] + +[Footnote 5: Rinne, die über einen Abhang fällt, in der man das +gefällte Holz hinabgleiten läßt.] + +[Footnote 6: Des anderen Tages.] + +[Footnote 7: Aus gröberem minderwertigen Flachs- oder Hanfwerg Garn +spinnen.] + +[Footnote 8: Sävenstrauch (+Juniperus Sabina+), eine Wacholderart.] + +[Footnote 9: Schmalvieh, junges Vieh, Aufzucht.] + +[Footnote 10: Nach einem Jahr aus dem Dienst gehen.] + +[Footnote 11: Geschenk von Fleisch und Würsten beim Schlachten.] + +[Footnote 12: Erlös; Einnahme.] + +[Footnote 13: Armselig haushalten.] + +[Footnote 14: Stecken für einen Hag; Zaunpfahl.] + +[Footnote 15: Lehm.] + +[Footnote 16: Bezwingen; meistern.] + +[Footnote 17: Bald auf der Sonnen-, bald auf der Schattenseite.] + +[Footnote 18: Kleines Handbeil mit langer Schneide.] + +[Footnote 19: Nagen.] + +[Footnote 20: Äcker von weißen Rüben und Kohl.] + +[Footnote 21: Weder aufwärts noch abwärts.] + +[Footnote 22: Emporbringen, heben.] + +[Footnote 23: Herumstreichen.] + +[Footnote 24: Fetzen.] + +[Footnote 25: Heer = Pfarrer.] + +[Footnote 26: Katechismus.] + +[Footnote 27: Haus- und Ackergerät.] + +[Footnote 28: Weide für die Sommerszeit.] + +[Footnote 29: Taglöhnern; um Taglohn arbeiten.] + +[Footnote 30: Meiner Seel!] + +[Footnote 31: Zerbrechen, zerreißen.] + +[Footnote 32: Branntwein.] + +[Footnote 33: Flink.] + +[Footnote 34: Zu Besuch.] + +[Footnote 35: Die Zeche.] + +[Footnote 36: Lustiger Feiertag.] + +[Footnote 37: Heidelbeeren.] + +[Footnote 38: Weinen.] + +[Footnote 39: Schwenkten.] + +[Footnote 40: Flüsterten.] + +[Footnote 41: Poltern, groß sprechen, Wind machen.] + +[Footnote 42: Rotte.] + +[Footnote 43: Der Große Kurfürst.] + +[Footnote 44: Kohlköpfe; in verächtlicher Bedeutung: Dickköpfe.] + +[Footnote 45: Ursprünglich: im Kloster gebrautes Bier; hier: Dünnbier.] + +[Footnote 46: Sittsam: Gegenteil von ungeschlacht.] + +[Footnote 47: Erhasten.] + +[Footnote 48: Ungestüm.] + +[Footnote 49: Gemeindeweide.] + +[Footnote 50: Herumstreichen.] + +[Footnote 51: Selle: der wagerechte Grundbalken des Hauses. +(Schwelle.)] + +[Footnote 52: Mit dem Klöpel an die Glocke schlagen; übertragen: +hinken.] + +[Footnote 53: Eigensinnig.] + +[Footnote 54: Steif wie ein Stab, starr.] + +[Footnote 55: Geflüchtet; in Sicherheit gebracht.] + +[Footnote 56: Tropf, Tölpel.] + +[Footnote 57: Felsabsatz.] + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75825 *** diff --git a/75825-h/75825-h.htm b/75825-h/75825-h.htm new file mode 100644 index 0000000..72c7340 --- /dev/null +++ b/75825-h/75825-h.htm @@ -0,0 +1,5503 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Das Leben und die Abentheuer des Armen Mannes im Tockenburg | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; 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Schreibweise und +Interpunktion des Originaltextes wurde übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>. +</div> + +<figure class="figcenter padbot3 illowp46" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<h1>Das Leben<br> +und die Abentheuer<br> +<em class="gesperrt">des</em><br> +Armen Mannes<br> +<i>im</i><br> +Tockenburg</h1> + +<hr class="full"> + +<p class="s2 p2 center"><i>Von ihm selbst erzählt</i></p><br> + +<figure class="figcenter padtop2 illowe5_8125" id="signet"> + <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="signet"> +</figure> + +<p class="p2 center" >1910</p><br> + +<p class="center">Bei Meyer & Jessen<br> +Berlin</p> + +<p class="p4 center"><i>Bhd</i></p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> + +<p class="center"> Gedruckt in der Buchdruckerei von Herrosé &<br> +Ziemsen, G. m. b. H. in Wittenberg. Titel und<br> +Einband zeichnete Lucian Bernhard in Berlin</p><br> + +<p class="p2 center">Vierte durchgesehene Auflage<br></p> +</div> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_v">[S. v]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Zur_Einfuehrung">Zur Einführung</h2> +</div> + +<p>»Kennen Sie den ›armen Mann im Tockenburg‹?« hab' ich wie oft gefragt; +Männer und Frauen von allerlei Art. Die Antwort war fast immer: »Wer +ist das?« Und doch hat man das Wenige, was wir von ihm haben, seit dem +achtzehnten Jahrhundert nicht selten gedruckt; er hat Leser und Freunde +gefunden, auch Bewunderer. Immer ist er wieder vergessen worden; auf +seinen eigentlichen Platz in unserer Geschichte hat ihn noch niemand +gestellt. Darum hat es mich oft hingerissen, in dieser oder jener +Gesellschaft, die nichts von ihm wußte, mit so viel Lobpreisung von ihm +zu sprechen, daß ich mich hinterdrein wohl fragte: Hast du in deinem +Feuereifer nicht zu <em class="gesperrt">viel</em> gepriesen? Wenn diese Aufgestachelten +ihn nun lesen<span class="pagenum" id="Seite_vi">[S. vi]</span> werden, werden sie nicht sagen: nun ja, recht hübsch, +aber warum <em class="gesperrt">übertreibt</em> er so? — Dann hab' ich wohl zu Haus den +»armen Mann« wieder zur Hand genommen und hier und da aufgeschlagen +und gleichsam mit dem Ohr dieser andern hineingehorcht. Zuletzt bin +ich lächelnd beruhigt und neu gerührt wieder aufgestanden. Nein! +Ich sagte nicht zu viel von ihm. Er ist ein Phänomen, ein Einziger, +Unvergleichlicher. Er war kein Fabulierer, kein Fruchtbarer wie Hans +Sachs, aber zehnmal mehr Poet. In dem kleinen Schatz, den er uns +hinterlassen hat, sind Perlen und Rubinen.</p> + +<p>Ulrich oder Uli Braeker kam am 22. Dezember 1735 in dem Schweizer +Tal zur Welt, das Tockenburg oder Toggenburg genannt wird; fast +sieben Jahre nach Lessing, nicht vierzehn vor Goethe. Die dem Leser +hier vorgelegte Geschichte seines Lebens erzählt in entzückender +Aufrichtigkeit und poesievoller Lebendigkeit, wie er, eines ewig +blutarmen<span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. vii]</span> Mannes ewig um sein Dasein kämpfender Sohn, Geißen weidet, +liebt, tagelöhnert, webt, handelt, träumt, liest, phantasiert; kurz, +wie er das Leben eines zum Dichter geborenen Habenichts führt, der +redlich arbeitend, wenig erreichend, oft leichtgläubig, oft betrogen, +bald im Elend verzagt, bald sich eine Welt von Luftschlössern bauend, +von seiner keifenden Hausehre immer gemeistert, nie an seinem Gott +verzweifelnd, sich durch gute und böse Jahre wie ein vielgekrümmter +Fluß durch sein Engtal hinwindet; bis er endlich, noch nicht +dreiundsechzig Jahre alt, in Gottes Schoß zurückkehrt, als dessen Kind +er sich sein Leben lang in immer reinerer und verklärterer Frömmigkeit +gefühlt hatte.</p> + +<p>Als Zweiunddreißiger begann Uli zu schriftstellern, bald auch Verse +zu machen; aber noch mehr einem moralisierenden Nachmittagsprediger +gleich; 1770 fing er an ein <em class="gesperrt">Tagebuch</em> zu schreiben, sein +dürftiges Leben mit Betrachtungen zu begleiten und<span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. viii]</span> jenen Natursinn in +sich auszubilden, der allmählich seine schönste Kraft werden sollte +und sein holdester Trost. In seiner Prosa wuchs, Gott weiß wie, dieser +ganz eigene Duft heran, der seine entbauerte Seele, seinen geadelten +Geist zu den wirklichen Poeten gesellt. Er ward ein Dichter und wußte +es nicht. Er lernte ohne Lehrer seine Gefühle und Gedanken formen, wie +der Bildner Wachs und Ton. Als Dichter schrieb er auch sein Büchlein +»Etwas über Shakespeare«, nachdem er in der kleinen Büchersammlung der +»Moralischen Gesellschaft« (in dem benachbarten Städtchen Lichtensteig) +diesen seinen Abgott kennen gelernt hatte, dem er fortan, wie Faust +der Helena »Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn« zollte. Nicht vieles +ist so rührend zu lesen, wie diese Ergießungen einer tief verstehend +begeisterten, oft feurig beredten, in demutsvoller Andacht hingegebenen +Auchdichterseele.</p> + +<p>Die Geschichte seines Lebens, die er in den<span class="pagenum" id="Seite_ix">[S. ix]</span> Jahren der Reife, +1781 und weiter, schrieb, gab er hernach seinem Seelenhirten und +begönnernden Freund, dem Pfarrer Martin Imhof zu Wattwil, nebst andern +Werken seiner Feder zu lesen; durch Imhof kam sie zu H. G. Füßli, +dem Inhaber der Buchhandlung Orell Geßner Füßli und Comp. in Zürich, +auch Schriftsteller, Lehrer und Staatsmann. Füßli teilte 1788 im +»Schweizerischen Museum« das erste Probestück mit, das, wie er selber +erzählt, »auch unter den verschiedensten Klassen von Lesern allgemeinen +Beifall fand«. »Man mochte die einander ziemlich schnell gefolgten +Fortsetzungen kaum erwarten; niemals wurde auch die gespannteste +Neugierde getäuscht, und jedesmal nach dem Verfasser lüsterner +gemacht.« Durch diesen Erfolg ermutigt gab Füßli 1789 das Ganze +als Buch heraus, unter dem Titel: »Lebensgeschichte und Natürliche +Abentheuer des Armen Mannes im Tockenburg«. Nur wenige Schilderungen +aus dem<span class="pagenum" id="Seite_x">[S. x]</span> eigenen Leben gibt es auf der Erde, die an Frische, Natur, +Anmut, Poesie mit Ulrich Braekers Werk zu vergleichen sind. Wie er +seine Geißhirtenjahre, wie er seine Liebe zu Ännchen erzählt, das ist +des größten Künstlers würdig. Aber <em class="gesperrt">alles</em> lebt. Alles blüht auch. +Oft reißt uns eine dramatische Kraft mit sich fort. Und ein Wunderding +zum Kopfschütteln ist, wie ein Mensch, in dem keine kriegerische Ader +lebte, die Lowositzer Schlacht beschrieben hat, in der er (der durch +Werberlist Verlockte) desertiert.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_xii">[S. xii]</span></p> + +<p>Fast um dieselbe Zeit, in der Goethes Prosa sich im »Werther« zu ihrer +höchsten Jugendblüte entfaltete, rang sich im alemannischen Gebirge +ein ungebildeter Weber zu einem Schriftsteller empor, den man ruhig +neben Goethe nennen kann; ja vielleicht steht als Prosadichter niemand +dem jungen Goethe so nahe wie er. Es war eine Begabung in ihm, die man +immer anstaunen muß, schwer begreifen kann. Er hatte alle Eigenschaften +des Dichters, nur Erfindung fehlte; von den Tönen, die unsere ganze +Natur mit Kunst ergreifen, hat ihm vielleicht keiner gefehlt. Mitten +in musenlosester Umgebung, in allen Bitternissen widerwärtigster Art, +in selbstbildender, unberatener Einsamkeit, gewinnt er einen solchen +Reichtum an Stimmungen, Vorstellungen, Empfindungen, einen so hohen, +unzerstörbar freudigen Lebenssinn, eine solche Stufenleiter von +Ausdrucksmitteln, daß man gerührt und beschämt vor diesem Naturwunder +steht. Zuweilen, durch irgendein angelesenes Gefühl fortgetragen, zieht +er wohl an einem fremden, kunstmäßigen Geläut; im nächsten Augenblick +kehrt er zur Natur zurück. Kein Mensch hat lebendiger erzählt als er. +Eine der schönsten Erscheinungen in der deutschen Literaturgeschichte; +eine allerhöchste Bekräftigung und Bestätigung, daß die große Zeit +unsrer Poesie aus der Urkraft unsres Volks hervorgegangen ist.</p> + +<p>Für den hier vorliegenden Neudruck der Lebensgeschichte ist eine +so wünschens- wie dankenswerte Arbeit gemacht worden: die früheren +Ausgaben, die von Füßli und die von Eduard Bülow, sind verglichen und +auseinander verbessert oder ergänzt worden, wo es möglich war; da +<em class="gesperrt">beide</em> Herausgeber dem Urtext nicht überall treu gefolgt sind, +sondern mit persönlicher Willkür gekürzt, auch »verbessert« haben. +So ist denn diese Ausgabe, wenn sie auch nicht die verschwundene +Urhandschrift zugrunde legen konnte, jedem andern Abdruck vorzuziehen.</p> + +<p class="mright"><em class="gesperrt">Adolf Wilbrandt</em></p><br> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p class="s2 center"><b>Das Leben und die Abenteuer<br> +des armen Mannes im Tockenburg<br> +Von ihm selbst erzählt</b></p><br> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Kindheit">Kindheit</h2> +</div> + +<div class="sidenote">Meine Voreltern</div> + +<p>Meiner Voreltern wegen bin ich so unwissend, als es wenige sein mögen. +Daß ich Vater und Mutter gehabt, weiß ich. Meinen seligen Vater kannt' +ich viele Jahre, und meine Mutter lebt noch. Daß diese auch ihre Eltern +gehabt, kann ich mir einbilden. Aber ich kannte sie nicht und habe auch +nichts von ihnen vernommen, außer daß mein Großvater, M. Bräker, aus +dem Käbisboden gebürtig gewesen, und meine Großmutter, deren Namen und +Heimat ich niemals vernommen, an meines Vaters Geburt gestorben sei. +Meinen Vater nahm daher ein kinderloser Vetter im Näbis, der Gemeind +Wattwil, an Kindes Statt an, und den hielt und liebte ich nebst seiner +Frau für meine rechten Großeltern, so wie sie mich hinwieder auch als +Großkind behandelten. Meine mütterlichen Großeltern ab der Laad kannte +ich noch wohl.</p> + +<p>Mein Vater war sein Tage ein armer Mann; auch meine ganze Freundschaft +hatte keinen reichen Mann aufzuweisen. Unser Geschlecht gehört zu +dem Stipendigut. Wenn ich oder meine Nachkommen einen Sohn wollten +studieren lassen, hätte er sechshundert Gulden zu beziehen. Ich weiß +aber noch von keinem Bräker, der studiert hätte. Mein Vater hat viele +Jahre das Hofjüngergeld bekommen, ist aber bei einer vorgenommenen +Reform nebst andern Geschlechtern, welche wie das seinige, nicht +genugsame Urkunden darbringen<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> mochten, ausgemerzt worden. Mit der +Genoßsame des Stipendii hingegen hat es seine Richtigkeit, obschon ich +nicht recht weiß, wie es gestiftet worden und wer von meinen Voreltern +dazu geholfen hat.</p> + +<p>Ich habe also nicht Ursach, ahnenstolz zu sein. Alle meine Freunde und +Blutsverwandten sind unbemittelte Leute, und von allen meinen Vorfahren +hab' ich nichts anderes gehört. Fast von keinem, der das geringste +Ämtli bekleidete. Meines Großvaters Bruder war Mesmer zu Kappel, und +sein Sohn Stipendipfleger. Das ist alles aus der ganzen weitläufigen +Verwandtschaft. Da können wir wohl vor dem Hochmut gesichert sein, +der so viele arme Narren anwandelt, wenn sie reiche und angesehene +Vettern haben, obgleich ihnen diese keinen Pfifferling geben. Nein! +Von uns Bräkers quält diese Sucht, soviel ich weiß, keinen einzigen; +und daß sie auch mich nicht plagt, sieht man; — sonst hätt' ich +wenigstens unserm Stammbaum genauer nachgeforscht. Ich weiß, daß mein +Großvater und dessen Vater arme Leute waren, die sich kümmerlich nähren +mußten, daß mein Vater keinen Pfennig erbte, daß ihn die Not sein +Leben lang drückte, und er nicht selten über seine kleine Schuldenlast +seufzte. Aber deswegen schäm' ich mich meiner Eltern und Voreltern +bei weitem nicht. Vielmehr bin ich noch eher ein bißchen stolz auf +sie. Denn, ihrer Armut ungeachtet, hab' ich von keinem Dieb oder sonst +einem Verbrecher, den die Justiz hätte strafen müssen, von keinem +Lasterbuben, Schwelger, Flucher<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> oder Verleumder unter ihnen gehört, +von keinem, den man nicht als einen Biedermann mußte gelten lassen, +der sich nicht ehrlich und redlich in der Welt nährte, von keinem, +der betteln ging. Dagegen kannt' ich recht manchen wackern, frommen +Mann mit zartem Gewissen. Das ist's allein, worauf ich stolz bin und +wünsche, daß auch meine Kinder stolz werden, daß wir diesen Ruhm nicht +besudeln, sondern denselben fortzupflanzen suchen.</p> + +<div class="sidenote">Mein Geburtstag</div> + +<p>Der für mich wichtige Tag meiner Geburt ist der zweiundzwanzigste +Dezember 1735. Ich sei ein bißchen zu früh auf der Welt erschienen, +sagte man mir. Meine Eltern mußten sich dafür verantworten. Mag sein, +daß ich mich schon im Mutterleibe nach Tageslicht gesehnt habe, und +dies nach dem Licht Sehnen geht mir all mein' Tage nach! Daneben war +ich die erste Kraft meines Vaters, und Dank sei ihm unter der Erde von +mir auch dafür gesagt! Er war ein hitziger Mann, voll warmen Blutes. +O, ich habe schon tausendmal drüber nachgedacht, und mir bisweilen +einen andern Ursprung gewünscht, wenn flammende Leidenschaften in +meinem Busen tobten, und ich den heftigsten Kampf mit ihnen bestehen +mußte. Aber sobald Sturm und Wetter vorbei war, dankt' ich ihm doch +wieder, daß er mir sein feuriges Temperament mitgeteilt hat, womit +ich unzählige schuldlose Freuden lebhafter als so viele andere Leute +genießen kann. Genug, an diesem zweiundzwanzigsten Dezember kam ich +ans Tageslicht. Mein Vater sagte mir oft, er habe sich gar nicht über +mich gefreut,<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> ich sei ein armes, elendes Geschöpf gewesen; nichts als +kleine Beinerchen, mit einem verschrumpften Häutchen überzogen; und +doch hätt' ich Tag und Nacht ein Zetergeschrei erhoben, das man bis +ins Holz hören können. Er hat mich oft recht bös gemacht. Dachte: »Ha, +ich werd's auch gemacht haben wie andre neugeborene Kinder!« Aber die +Mutter gab ihm allemal Beifall. Nun, es kann sein.</p> + +<p>Am heiligen Weihnachtstag ward ich in Wattwil getauft und ich freute +mich schon oft, daß es gerad an diesem Tage geschah, da wir die Geburt +unsers Erlösers feiern. Wenn's eine einfältige Freude ist, was macht's? +gibt's doch gewiß noch viel kindischere! Meine Taufpaten waren ein +feuriger reicher Junggesell von Kappel aus der Au und eine bemittelte +hübsche Jungfer aus der Schamaten. Er starb ledig; sie lebt noch im +Witwenstand.</p> + +<div class="sidenote">Erstes Lebensjahr</div> + +<p>In meinen ersten Lebensjahren mag ich wohl ein wenig verzärtelt worden +sein, wie's gewöhnlich mit ersten Kindern geht. Doch wollte mein +Vater schon früh genug mit der Rute auf mich dar; aber die Mutter und +Großmutter nahmen mich in Schutz. Mein Vater war wenig daheim; er +brannte hier und da im Land und an benachbarten Orten Salpeter. Wenn +er dann wieder nach Hause kam, war er mir fremd. Ich floh ihn. Dies +verdroß den guten Mann so sehr, daß er mich mit der Rute zahm machen +wollte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> + +<div class="sidenote">Mein fernstes Denken</div> + +<p>Ich kann mich beinah bis auf mein zweites Lebensjahr zurückerinnern. +Ganz deutlich besinn' ich mich, wie ich auf allen Vieren einen +steinigen Fußweg hinabkroch, und einer alten Base durch Gebärden +Äpfel abbettelte. — Ich weiß gewiß, daß ich wenig Schlaf hatte und +daß meine Mutter, um hinter den Großeltern einen geheimen Pfennig zu +verdienen, des Nachts verstohlner Weise beim Licht gesponnen hat. Wenn +ich dann nicht in der Kammer allein bleiben wollte, mußte sie eine +Schürze auf den Boden spreiten, worauf sie mich nackt setzte und ich +mit dem Schatten und ihrer Spindel spielte. Ich weiß, daß sie mich oft +durch die Wiese auf dem Arm dem Vater entgegentrug und daß ich ein +Mordiogeschrei anfing, sobald ich ihn erblickte, weil er mich immer +rauh anfuhr, wenn ich nicht zu ihm wollte. Seine Figur und Gebärden, +die er machte, seh ich jetzt noch lebendig vor mir.</p> + +<div class="sidenote">Zeitumstände</div> + +<p>Um diese Zeit waren alle Lebensmittel wohlfeil, aber wenig Verdienst +im Lande. Die Teuerung und der Zwölferkrieg waren noch in frischem +Angedenken. Ich hörte meine Mutter viel davon erzählen, das mich +zittern und beben machte. Erst zu Ende der dreißiger Jahre ward das +Baumwollspinnen in unserem Dorf eingeführt, und meine Mutter mag +eine von den ersten gewesen sein, die Lötligarn<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> gesponnen. Unser +Nachbar trug das erste um einen Schilling Lohn an den Zürchsee, bis er +eine eigne Dublone vermochte. Dann fing<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> er selber an zu kaufen und +verdiente nach und nach etlich tausend Gulden. Da hörte er auf, setzte +sich zur Ruhe, und starb. In meinen Kinderjahren sind auch die ersten +Erdäpfel in unserm Ort gepflanzt worden.</p> + +<div class="sidenote">Schon in Gefahr</div> + +<p>Sobald ich die ersten Hosen trug, war ich meinem Vater schon lieber. Er +nahm mich hier und da mit sich. Im Herbst des Jahres 1739 brannte er im +Gandten, eine halbe Stunde von Näbis entfernt, Salpeter. Eines Tages +nahm er mich mit, und da Wind und Wetter einfiel, behielt er mich zu +Nacht bei sich. Die Salpeterhütte war vor dem Tenn,<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> und sein Bett +im Tenn. Er legte mich darein und sagte liebkosend, er wolle bald auch +zu mir liegen. Unterdessen fuhr er fort zu feuern und ich schlief ein. +Nach einem Weilchen erwacht' ich wieder und rief ihm. Keine Antwort. +Ich stand auf, trippelte im Hemdli nach der Hütte und um den Gaden<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> +überall herum, rief, schrie: nirgends kein Vater. Run glaubt' ich +gewiß, er wäre heim zu der Mutter gegangen. Ich also hurtig, legte +die Höslin an, nahm das Brusttüchlin übern Kopf, und rannte in der +stockfinstern Regennacht zuerst über die nächstanstoßende lange Wiese. +Am End derselben rauschte ein wildangelaufener Bach durch ein Tobel.<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> +Den Steg konnt' ich nicht finden, und wollte darum ohne weiteres +gerade hinüber, dem Näbis zu, glitschte aber<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> über eine Riese<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> zum +Bach hinab, wo mich das Wasser beinahe ergriffen hätte. Die äußerste +Anstrengung meiner jugendlichen Kräfte half mir noch glücklich davon. +Ich kroch wieder auf allen Vieren durch Stauden und Dörn' hinauf, der +Wiese zu, auf welcher ich überall herumirrte, und den Gaden nicht mehr +finden konnte. Gegen eine Windhelle ward ich zwei Kerls, Birn- oder +Apfeldiebe, auf einem Baum ansichtig. Diesen ruft' ich zu, sie sollten +mir auf den Weg helfen. Aber da war kein Bescheid; vielleicht, daß sie +mich für ein Ungeheuer hielten und oben im Gipfel noch ärger zittern +mochten, als ich armer Bube unten im Kot. Inzwischen war mein Vater, +der während meinem Schlummer nach einem ziemlich entfernten Haus etwas +zu holen gegangen, zurückgekehrt. Da er mich vermißte, suchte er in +allen Winkeln nach, wo ich mich möchte verkrochen haben. Er zündete +bis in die siedenden Kessel hinein, hörte endlich mein Geschrei, dem +er nachging, und machte mich nun bald ausfindig. O, wie er mich da +herzte und küßte, mit Freudentränen Gott dankte, und mich, sobald wir +zum Gaden zurückkamen, sauber und trocken machte. Ich war mausnaß, +dreckig bis über die Ohren, und hatte aus Angst noch in die Hosen ... +Morndeß<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> am Morgen führte er mich an der Hand durch die Wiese: ich +sollt' ihm den Ort zeigen,<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> wo ich heruntergepurzelt. Ich konnt' ihn +nicht finden. Zuletzt fand er ihn an dem Geschlirpe, das ich beim +Hinabrutschen gemacht hatte, und schlug die Händ' überm Kopf zusammen, +vor Entsetzen über die Gefahren, worin ich geschwebt, und vor Lob und +Preis der Wunderhand Gottes, die mich allein erretten können. »Siehst +du,« sprach er, »nur noch wenige Schritte, so stürzt der Bach über den +Felsen hinab. Hätt' dich das Wasser fassen können, so lägst du dort +unten tot und zermürset!« Von allem diesem begriff ich damals kein +Wort; ich wußte nur von meiner Angst, nichts von Gefahr. Besonders aber +schwebten die Kerle auf dem Baum mir viele Jahre vor Augen, sobald mich +nur ein Wort an die Geschichte erinnerte.</p> + +<div class="sidenote">Unsre Nachbarn</div> + +<p>Der Näbis liegt im Berg, ob Scheftenau. Von Kappel hört man die Glocke +läuten und schlagen. Es sind nur zwei Häuser. Die aufgehende Sonne +strahlt beiden gerad in die Fenster. Meine Großmutter und die Frau im +andern Haus waren Schwestern; fromme alte Mütterle, welche von andern +gottseligen Weibern in der Nachbarschaft fleißig besucht wurden. Damals +gab es viel fromme Leute daherum. Mein Vater, Großvater und andere +Männer sahen's zwar ungern, durften aber nichts sagen, aus Furcht, +sie könnten sich versündigen. Der Betbeele (seinem Bruder sagte man +Schwörbeele) war ihr Lehrer, ein großer langer Mann,<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> der sich vom +Kuderspinnen<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> und etwas Almosen nährte. In Scheftenau war fast in +jedem Haus eins, das ihm anhing. Meine Großmutter nahm mich oft mit +zu diesen Zusammenkünften. Was eigentlich da verhandelt wurde, weiß +ich nicht mehr, nur so viel, daß mir dabei die Weil verzweifelt lang +ward. Ich mußte mäuslinstill sitzen, oder gar knieen. Dann gab's +unaufhörliche Ermahnungen und Bestrafungen von den Basen allen, +die ich so wenig verstund als eine Katze. Dann und wann stahl mich +mein Großvater zum voraus weg, und mußt' ich mit ihm in den Berg, +wo unsre Kühe weideten. Da zeigte er mir allerlei Vögel, Käfer und +Würmchen, dieweil er die Matten säuberte, oder junge Tännchen, den +wilden Seevi<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> und anderes ausraufte. Wenn er alles an einen Haufen +warf und es bei einbrechendem Abend anzündete, war's mir erst recht +gekocht. Anderer Buben, die etwa dabei sein mochten, erinnere ich mich +nicht mehr, wohl aber etlicher halberwachsener Maidlinen, die mit mir +spielten. Ich ging damals in mein sechstes Jahr und hatte schon zwei +Brüder und eine Schwester, von denen es hieß, daß eine alte Frau sie in +einer Butte gebracht.</p> + +<div class="sidenote">Wanderung nach Dreyschlatt</div> + +<p>Mein Vater hatte einen Wandergeist, der zum Teil auch auf mich gekommen +ist. Im Jahre 1741 kaufte er ein groß Gut, für acht Kühe Sömmer- und +Winterung,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> Dreyschlatt genannt, in der Gemeind Krinau, zu hinterst +in einer Wildnis, nahe an den Alpen. Das nicht halb so große Gütchen +im Näbis verkaufte er dafür, weil er, wie er sagte, sah, daß ihn eine +große Haushaltung anfallen wolle, und damit er für viele Kinder Platz +und Arbeit genug habe, die er in dieser Einöde nach seinem Willen +erziehen könne, wo sie vor der Verführung der Welt sicher seien. Auch +riet der Großvater, der von Jugend an ein starker Viehmann gewesen, +sehr dazu. Aber mein guter Ätti verband sich den unrechten Finger, +und watete sich, da er an das Gut nichts zu geben hatte, in eine +Schuldenlast hinein, unter welcher er nachwärts dreizehn Jahre lang +genug seufzen mußte. Also im Herbst 1741 zügelten wir mit Sack und Pack +ins Dreyschlatt. Mein Großätti war Senn, ich jagte die Kühe nach, mein +kleiner nur zwanzig Wochen alter Bruder ward in einem Korb getragen. +Mutter und Großmutter mit den zwei andern Kindern kamen hinten nach, +und der Vater mit dem übrigen Plunder beschloß den Zug.</p> + +<div class="sidenote">Ökonomische Einrichtung</div> + +<p>Mein Vater wollte das Salpetersieden nicht aufgeben, und dachte damit +wenigstens etwas zu Abherrschung der Zinse zu verdienen. Aber so ein +Gut, wie das Dreyschlatt, braucht Händ' und Armschmalz. Wir Kinder +waren noch für nichts zu rechnen; der Großätti hatte mit dem Vieh, und +die Mutter genug im Haus zu tun. Es mußten also ein Knecht und eine +Magd gedungen werden. Im folgenden Frühjahr ging<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> der Vater wieder +dem Salpeterwerk nach. Inzwischen hatte man mehr Küh' und Geißen +angeschafft. Der Großätti zog jungen Fasel<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> nach. Das war mir eine +Tausendslust, mit den Gitzen so im Gras herumzulaufen, und ich wußte +nicht, ob der Alte eine größere Freud' an mir oder an ihnen hatte, wenn +er sich, nachdem das Vieh besorgt war, an unsern Sprüngen ergötzte. +So oft er vom Melken kam, nahm er mich mit sich in den Milchkeller, +zog dann ein Stück Brot aus dem Futterhemd, brockt' es in eine kleine +Mutte, und machte ein kühwarmes Milchsüppli. Das aßen ich und er alle +Tage. So verging mir meine Zeit unter Spiel und Herumtrillern, ich +wußt' nicht wie? Dem Großätti ging's ebenso. Aber, aber — Knecht +und Magd taten inzwischen was sie gern wollten. Die Mutter war ein +gutherziges Weib, nicht gewohnt, jemand mit Strenge zur Arbeit +anzuhalten. Es mußte allerhand Milch- und Werkgeschirr gekauft werden, +und da man viel Weide zu Wiesen einschlug, auch Heu und Stroh, um mehr +Mist zu machen. Im Winter hatten wir allemal zu wenig Futter, oder +zu viel fressende War. Man mußt' immer mehr Geld entlehen, die Zinse +häuften sich, und die Kinder wurden größer, Knecht und Magd feist, der +Vater mager.</p> + +<div class="sidenote">Tod des Großvaters</div> + +<p>Er merkte endlich, daß so die Wirtschaft nicht gehen könne. Er änderte +sie also und gab das Salpetersieden<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> auf, blieb daheim, führte das +Gesind selber zur Arbeit an, und war allenthalben der erste. Ich weiß +nicht, ob er auf einmal gar zu streng angefangen, oder ob Knecht und +Magd, wie oben gesagt, sonst zu meisterlos geworden; kurz, sie jahrten +aus<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> und liefen davon. Um die gleiche Zeit wurde der Großätti +krank. Erst stach er sich nur an einem Dorn in den Daumen; der wurde +geschwollen. Er band frischwarmen Kuhmist drauf; da schwoll die ganze +Hand. Er empfand entsetzliche Hitz; ging zum Brunnen, und wusch den +Mist unter der Röhre wieder ab. Aber das hatte nun gar böse Folgen. +Er mußte sich bald zu Bett legen und bekam die Wassersucht. Er ließ +sich abzapfen; das Wasser rann in den Keller hinab. Nachdem er so fünf +Monate gelegen, starb er zum Leidwesen des ganzen Hauses; denn alle +liebten ihn, vom Kleinsten bis zum Größten. Er war ein angenehmer, +Freud' und Friede liebender Mann. Er hatte an meinem Vater und mir +ungemein viel getan, und ich habe nie von einem Menschen Böses über +ihn sagen gehört. Mein Vater und Mutter erzählten noch viele Jahre +allerhand Löbliches und Schönes von ihm. Als ich ein wenig zu Verstand +kam, erinnerte ich mich seiner erst recht, und verehrt' ihn im Staub +und Moder. Er liegt im Kirchhof zu Krinau begraben.</p> + +<div class="sidenote">Die nächsten Folgen</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p> + +<p>Nun wurde wieder eine Magd angeschafft; die war dem Vater recht, +weil sie brav arbeitete. Aber Mutter und Großmutter konnten sie +nicht leiden, weil sie glaubten, sie schmeichle dem Vater, und trag' +ihm alles zu Ohren. Auch war sie krätzig, so daß wir alle die Raud +von ihr erbten. Und kurz, die Mütter ruhten nicht; sie mußte fort, +und eine andre zu. Die war nun ihnen recht, aber dem Vater nicht, +weil sie nur das Haus- aber nicht das Feldwerk verstand. Auch meinte +er, sie helfe den Weibern allerhand verschmauchen. Jetzt gab's bald +alle Tage Zank. Die Weibervölker stunden zusammen, der Mann hinwieder +glaubte, er sei einmal Meister, und kurz, es schien, als wenn der alte +Näbis-Joggeli einen guten Teil vom Hausfrieden mit sich unter den +Boden genommen hätte. Aus Verdruß ging der Vater einstweilig wieder +dem Salpetersieden nach, übergab die Wirtschaft seinem Bruder, als +Knecht, und glaubte mit einem so nahen Blutsfreunde wohl versorgt zu +sein. Er betrog sich. Er konnt' ihn nur ein Jahr behalten und sah noch +zu rechter Zeit die Wahrheit des Sprichworts ein: Wer will, daß es ihm +ling, schau selber zu seinem Ding! Nun ging er nicht mehr fort, trat +aufs neue an die Spitze der Haushaltung, arbeitete über Kopf und Hals, +und hirtete die Kühe selber; ich war sein Handbub, und mußte mich brav +tummeln. Die Magd schaffte er ab und dingte dafür einen Geißenknab, +da er jetzt einen Fasel Geißen gekauft, mit deren Mist er viel Weid +und Wiesen machte. Inzwischen wollten ihn die Weiber noch immer +meistern; das konnt' er nicht leiden; 's gab wieder allerlei Händel. +Endlich, da er einmal der Großmutter in der Hitz' ein Habermußbecken +nachgeschmissen, lief sie davon, und ging wieder zu ihren Freunden +in den Näbis. Die Sach' kam vor die Amtsleut. Der Vater mußt' ihr +alle Wochen sechs Batzen und etwas Schmalz geben. Sie war ein kleines +buckliges Fräulein, mir eine liebe Großmutter, die hinwieder auch +mich hielt wie ihr rechtes Großkind, aber, die Wahrheit zu sagen, ein +wenig wunderlich, wetterwendisch, ging immer den sogenannten Frommen +nach und fand doch niemand recht nach ihrem Sinn. Ich mußt' ihr alle +Jahr die Metzgeten<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> bringen, und blieb dann ein paar Tage bei +ihr. Da war gut Leben, ich ließ mir's schmecken, ihre wohlgemeinten +Ermahnungen hingegen zum einen Ohr ein und zum andern wieder aus. +Gewiß kein Ruhm für mich. Aber dergleichen Buben machen's leider Gott +erbarm! so. Zuletzt war sie einige Jahre blind, und starb endlich in +der Feuerschwand in einem hohen Alter im Jahre 50, 51, oder 52. Sie +vermachte mir ein Buch, Arndts wahres Christentum, apart. Sie war gewiß +ein gottseliges Weib, in der Schamaten hoch estimiert, und die Leut +dort sind mir noch besonders lieb um ihretwillen. Auch glaub' ich gewiß +noch Glück von ihr her zu haben; denn Elternsegen ruht auf Kindern und +Kindeskindern.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p> + +<div class="sidenote">Allerlei Schicksale</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p> + +<p>Unsre Haushaltung vermehrte sich. Es kam alle zwei Jahr geflissentlich +ein Kind; Tischgänger genug, aber darum keine Arbeiter. Wir mußten +immer viel Taglöhner haben. Mit dem Vieh war mein Vater nie recht +glücklich, es gab immer etwas krankes. Er meinte, die starken Kräuter +auf unsrer Weid seien nicht wenig schuld daran. Der Zins überstieg +alle Jahr die Losung.<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> Wir reuteten viel Wald aus, um mehr Mattland +und Geld von dem Holz zu bekommen; und doch kamen wir je länger je +tiefer in die Schulden, und mußten immer aus einem Sack in den andern +schleufen. Im Winter sollten ich und die ältesten, welche auf mich +folgten, in die Schule; aber die dauerte zu Krinau nur zehn Wochen, +und davon gingen uns wegen tiefem Schnee noch etliche ab. Dabei konnte +man mich schon zu allerlei Nützlichem brauchen. Wir sollten anfangen, +Winterszeit etwas zu verdienen. Mein Vater probierte aller Gattung +Gespunst: Flachs, Hanf, Seiden, Wollen, Baumwollen; auch lehrte er +uns letztere kämbeln, Strümpfstricken und dergleichen. Aber keins +warf damals viel Lohn ab. Man schmälerte uns den Tisch, meist Milch +und Milch, ließ uns lumpen und lempen,<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a> um zu sparen. Bis in mein +sechzehntes Jahr ging ich selten, und im Sommer barfuß in meinem +Zwilchröcklin, zur Kirche. Alle Frühjahr mußte der Vater mit dem Vieh +oft weit nach Heu fahren und es teuer bezahlen.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Bubenjahre">Bubenjahre</h2> +</div> + + +<div class="sidenote">Knabenspiele</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> + +<p>Indessen kümmerte mich alle dies kein Haar. Auch wußt' ich eigentlich +nichts davon, und war überhaupt ein leichtsinniger Bube, wie es je +einen gab. Alle Tag dacht' ich dreimal ans Essen, und damit aus. Wenn +mich der Vater nur mit langanhaltender oder strenger Arbeit verschonte, +oder ich eine Weile davonlaufen konnte, war mir alles recht. Im Sommer +sprang ich in der Wiese und an den Bächen herum, riß Kräuter und Blumen +ab, und machte Sträuße wie Besen; dann durch alles Gebüsch, den Vögeln +nach, kletterte auf die Bäume und suchte Nester. Oder ich las ganze +Haufen Schneckenhäuslein oder hübsche Steine zusammen. War ich müd', +so setzt' ich mich an die Sonne und schnitzte zuerst Hagstecken,<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a> +dann Vögel, und zuletzt gar Kühe; denen gab ich Namen, zäunt' ihnen +eine Weid ein, baut' ihnen Ställe, und fütterte sie, verhandelte dann +bald dies bald jenes Stück, und machte immer wieder schönere. Ein +andermal richtete ich Öfen und Feuerherd auf und kochte aus Sand und +Lett<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> einen saubern Brei. Im Winter wälzt ich mich im Schnee herum, +und rutschte bald in einer Scherbe von einem zerbrochenen Napf, bald +auf dem bloßen Hintern, die Gähen hinunter. Das trieb ich alles so, +wie's die Jahreszeit mitbrachte, bis mir der Vater durch den Finger +pfiff, oder ich sonst merkte, daß es Zeit über Zeit war. Noch hatt' ich +keine Kameraden; doch wurd' ich in der Schule mit einem Buben bekannt, +der oft zu mir kam, und mir allerhand Lappereien um Geld anbot, weil +er wußte, daß ich von Zeit zu Zeit einen halben Batzen zu Trinkgeld +erhielt. Einst gab er mir ein Vogelnest in einem Mausloch zu kaufen. +Ich sah täglich darnach. Aber eines Tages waren die Jungen fort; das +verdroß mich mehr, als wenn man dem Vater alle Küh' gestohlen hätte. +Ein andermal, an einem Sonntag, bracht' er Pulver mit — bisher kannt' +ich diesen Höllensamen nicht — und lehrte mich Feuerteufel machen. +Eines Abends hatt' ich den Einfall: Wenn ich auch schießen könnte! Zu +dem End' nahm ich eine alte, eiserne Brunnröhre, verklebte sie hinten +mit Lehm, und machte eine Zündpfanne, auch von Lehm; in diese tat ich +das Pulver, und legte brennenden Zunder daran. Da's nicht losgehen +wollte, blies ich ... Puh! mir Feuer und Lehm alles ins Gesicht. Dies +geschah hinterm Haus; ich merkte wohl, daß ich was Unrechtes tat. +Inzwischen kam meine Mutter, die den Klapf gehört hatte, herunter. Ich +war elend blessiert. Sie jammerte und half mir hinauf. Auch der Vater +hatte oben in der Weide die Flamm gesehen, weil's fast Nacht war. Als +er heimkam, mich im Bett antraf, und die Ursache vernahm, ward er +grimmig böse. Aber sein Zorn stillte sich bald, als er mein verbranntes +Gesicht erblickte. Ich litt große Schmerzen. Aber ich verbiß sie, weil +ich sonst fürchtete, noch Schläge obendrein zu bekommen, und wußte, daß +ich solche verdient hätte. Doch mein Vater empfand, daß ich Schläge +genug habe. Vierzehn Tage sah ich keinen Stich; an den Augen hatt' ich +kein Härlein mehr. Man hatte große Sorgen wegen dem Gesicht. Endlich +ward's allmählig und von Tag zu Tag wieder besser. Jetzt, sobald ich +vollkommen hergestellt war, machte es der Vater mit mir, wie Pharao mit +den Israeliten, ließ mich tüchtig arbeiten und dachte: So würden mir +die Possen am besten vergehen. Er hatte recht. Aber damals konnt' ich's +nicht einsehen, und hielt ihn für einen Tyrann, wenn er mich so des +Morgens früh aus dem Schlaf nahm, und an das Werk musterte. Ich meinte, +das wär' eben nicht nötig; die Kühe gäben ja die Milch von sich selber.</p> + +<div class="sidenote">Beschreibung von Dreyschlatt</div> + +<p>Dreyschlatt ist ein wilder, einöder Ort, zuhinderst an den Alpen +Schwämle, Kreutzegg und Aueralp; vorzeiten war's eine Sennweid. Hier +gibt's immer kurzen Sommer und langen Winter, während letzterm meist +ungeheuern Schnee, der oft noch im Mai ein paar Klafter tief liegt. +Einst mußten wir noch am heiligen Pfingstabend einer neuangelangten +Kuh mit der Schaufel zum Haus pfaden. In den kürzesten Tagen hatten +wir die Sonn' nur fünf Viertelstunden. Dort entsteht unser Rotenbach, +der dem Fäsi in seiner Erdbeschreibung und dem Walser in seiner +Kart entwischte, ungeachtet er zweimal größer als der Schwendi- +oder Lederbach<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> ist, der viele Mühlen, Sägen, Walken, Stampfen und +Pulvermühlen treibt. Doch beim Dreyschlatt hat es das herrlichste +Quellwasser; und wir in unserm Haus und Scheuer aneinander hatten +einen Brunnen, der nie gefror, unterm Dach, so daß das Vieh den ganzen +Winter über nie den Himmel sah. — Wenn's im Dreyschlatt stürmt, so +stürmt's recht. Wir hatten eine gute, nicht gähe Wiese von vierzig bis +fünfzig Klafter Heu und eine grasreiche Weide. Auf der Sommerseite im +Altischwil ist's schon früher, aber auch gäher und rauher. Holz und +Stroh gibt's genug. Hinterm Haus ist ein Sonnenrain, wo's den Schnee +wegbläst, der hingegen an einem Schattenrain vor dem Haus im Frühjahr +oft noch liegen bleibt, wenn's an jenem schon Gras und Schmalzblumen +hat. Am frühesten und am spätesten Ort auf dem Gut trifft's wohl vier +Wochen an.</p> + +<p>Ja! ja! sagte jetzt eines Tags mein Vater, der Bub wächst, wenn er nur +nicht so ein Narr wäre, ein verzweifelter Lappi; auch gar kein Hirn. +Sobald er an die Arbeit muß, weiß er nicht mehr, was er tut. Aber von +nun an muß er mir die Geißen hüten, so kann ich den Geißbub abschaffen. +Ach! sagte meine Mutter, so kommst du um Geißen und Bub. Nein! Nein! Er +ist noch zu jung. Was, jung? sagte der Vater, ich will es drauf wagen, +er lernt's nie jünger, die Geißen werden ihn schon lehren, sie sind oft +witziger als die Buben, ich weiß sonst nichts mit ihm anzufangen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p> + +<div class="sidenote">Der Geißbube</div> + +<p><em class="gesperrt">Mutter</em>: Ach! was wird mir das für Sorg' und Kummer machen. +Sinn' ihm auch nach! Einen so jungen Bub mit einem Fasel Geißen in den +wilden, einöden Kohlwald schicken, wo ihm weder Steg noch Weg bekannt +sind, und es so gräßliche Töbler hat. Und wer weiß, was für Tier sich +dort aufhalten, und was für schreckliches Wetter einfallen kann? Denk' +doch, eine ganze Stund' weit! und bei Donner und Hagel, oder wenn die +Nacht einfällt, nie wissen, wo er ist. Das ist mein Tod, und du mußt's +verantworten.</p> + +<p><em class="gesperrt">Ich</em>: Nein, nein, Mutter! Ich will schon Sorge haben, und kann +ja dreinschlagen, wenn ein Tier kommt, und vorm Wetter untern Felsen +kreuchen, und wenn's nachtet, heimfahren, und die Geißen will ich, was +gilt's, schon paschgen.<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a></p> + +<p><em class="gesperrt">Vater</em>: Hörst jetzt! Eine Woche mußt' mir erst mit dem Geißbub +gehen. Dann gib Achtung, wie er's macht, wie er die Geißen alle heißt +und ihnen lockt und pfeift, wo er durchfahrt, und wo sie die beste Weid +finden.</p> + +<div class="sidenote">Der Beckle</div> + +<p>Ja, ja! sagt' ich, sprang hochauf und dacht': Im Kohlwald bist du frei; +da wird dir der Vater nicht immer pfeifen und dich von einer Arbeit +zur andern jagen. Ich ging also etliche Tage mit unserm Beckle hin, so +hieß der Bub, ein rauher, wilder, aber ehrlicher Bursche. Denkt doch! +Er stund eines Tags wegen<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> einer Mordtat im Verdacht, da man eine +alte Frau, welche wahrscheinlich über einen Felsen hinunterstürzte, +auf der Kreutzegg tot gefunden. Der Amtsdiener holte ihn aus dem Bett +nach Lichtensteig. Man merkte aber bald, daß er ganz unschuldig war, +und er kam zu meiner großen Freud noch denselben Abend wieder heim. +— Nun trat ich mein neues Ehrenamt an. Der Vater wollte zwar den +Beckle als Knecht behalten; aber die Arbeit war ihm zu streng, und +er nahm im Frieden seinen Abschied. Anfangs wollten mir die Geißen, +deren ich bis dreißig Stück hatte, kein gut tun; das machte mich wild, +und ich versucht' es, ihnen mit Steinen und Prügeln den Meister zu +zeigen, aber sie zeigten ihn mir, ich mußte also die glatten Wort' +und das Streicheln und Schmeicheln zur Hand nehmen. Da taten sie, was +ich wollte. Auf die vorige Art hingegen verscheucht' ich sie so, daß +ich oft nicht mehr wußte, was anfangen, wenn sie alle ins Holz und +Gesträuch liefen, und ich meist rundum keine einzige mehr erblicken +konnte, halbe Tage herumlaufen, pfeifen und johlen, sie an den Galgen +verwünschen, brüllen und lamentieren mußte, bis ich sie wieder +beieinander hatte.</p> + +<div class="sidenote">Hirtenstand</div> + +<p>Drei Jahre hatte ich so meine Herde gehütet; sie ward immer größer, +zuletzt über hundert Köpf; mir immer lieber, und ich ihnen. Im Herbst +und Frühling fuhren wir auf die benachbarten Berge, oft bis zwei +Stunden weit. Im Sommer hingegen durft' ich nirgends hüten als im +Kohlwald, eine mehr als Stund<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> weite Wüstenei, wo kein recht Stück Vieh +weiden kann. Dann ging's zur Aueralp, zum Kloster St. Maria gehörig, +lauter Wald, oder Kohlplätz und Gesträuch, manches dunkle Tobel und +steile Felswand, an denen noch die beste Geißweid zu finden war. Von +unserm Dreyschlatt weg hatt' ich alle Morgen eine Stunde Wegs zu +fahren, eh' ich nur ein Tier durfte anbeißen lassen; erst durch unsre +Viehweid, dann durch einen großen Wald, in die Kreuz und Quer, bald +durch diese, bald durch jene Abteilung der Gegend, deren ich jede +mit einem eigenen Namen taufte. Da hieß es im vordern Boden; dort, +zwischen den Felsen; hier, in der Weißlauwe; dort im Köllermelch, auf +der Platten, im Kessel. Alle Tag hütete ich an einem andern Ort, bald +sonnen-, bald schattenhalb.<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a> Zu Mittag aß ich mein Brötlein, und +was mir sonst die Mutter verstohlen mitgab. Auch hatt' ich meine eigne +Geiß, an der ich sog. Die Geißaugen waren meine Uhr. Gegen Abend fuhr +ich immer wieder den nämlichen Weg nach Haus, auf dem ich gekommen war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> + +<p>Welche Lust, bei angenehmen Sommertagen über die Hügel fahren, durch +Schattenwälder streichen, durchs Gebüsch Eichhörnchen jagen und +Vogelnester ausnehmen! Alle Mittag lagerten wir uns am Bach; da ruhten +meine Geißen zwei bis drei Stunden aus, wann es heiß war noch mehr. Ich +aß mein Mittagsbrot, sog mein Geißchen, badete im spiegelhellen Wasser +und spielte mit den jungen Gitzen. Immer hatt' ich einen Gertel<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a> +oder eine kleine Axt bei mir und fällte junge Tännchen, Weiden oder +Ilmen. Dann kamen meine Geißen haufenweis und kafelten<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a> das Laub +ab. Wenn ich ihnen Leck, Leck rufte, ging's gar im Galopp, und wurd' +ich von ihnen wie eingemauert. Alles Laub und Kräuter, die sie fraßen, +kostete auch ich; und einige schmeckten mir sehr gut. Solang der Sommer +währte, florierten die Erd-, Im-, Heidel- und Brombeeren; deren hatt' +ich immer vollauf, und konnte noch der Mutter am Abend mehr als genug +nach Haus bringen. Das war ein herrliches Labsal, bis ich mich einst +daran zum Ekel überfraß. Und welch' Vergnügen machte mir jeder Tag, +jeder neue Morgen! wenn jetzt die Sonne die Hügel vergoldete, denen ich +mit meiner Herde entgegenstieg, dann jenen haldigen Buchenwald, und +endlich die Wiesen und Weidplätze beschien. Tausendmal denk' ich dran, +und oft dünkt's mich, die Sonne scheine jetzt nicht mehr so schön. Wenn +dann alle anliegenden Gebüsche von jubilierenden Vögeln ertönten, und +dieselben um mich her hüpften, oh! was fühlt' ich da! Ha, ich weiß es +nicht! Halt süße, süße Lust! Da sang' und trillerte ich mit, bis ich +heiser ward. Ein andermal spürte ich den muntern Waldbürgern durch alle +Stauden nach, ergötzte mich an ihrem hübschen Gefieder, und wünschte, +daß sie nur halb so zahm wären wie meine Geißen, beguckte ihre Jungen +und ihre Eier, und erstaunte über den wundervollen Bau ihrer Nester. +Oft fand ich deren in der Erde, im Moos, im Farrn, unter alten Stöcken, +in den dicksten Dörnern, in Felsritzen, in hohlen Tannen oder Buchen; +oft hoch im Gipfel, in der Mitte, zu äußerst auf einem Ast. Meist wußt' +ich ihrer etliche. Das war mir eine Wonne, und fast mein einziges +Sinnen und Denken, alle Tag gewiß einmal nach allen zu sehn, wie die +Jungen wuchsen, wie das Gefieder zunahm, wie die Alten sie fütterten. +Anfangs trug ich einige mit mir nach Haus, oder brachte sie sonst +an einen bequemeren Ort. Aber dann waren sie dahin. Nun ließ ich's +bleiben und sie lieber groß werden. Da flogen sie mir aus. Ebensoviel +Freuden brachten mir meist meine Geißen. Ich hatte von allen Farben, +große und kleine, kurz- und langhaarige, bös- und gutgeartete. Alle +Tage ruft' ich sie zwei- bis dreimal zusammen und überzählte sie, ob +ich's voll habe? Ich hatte sie gewöhnt, daß sie auf mein Zub, Zub! +Leck, Leck! aus allen Büschen hergesprungen kamen. Einige liebten mich +sonderbar, und gingen den ganzen Tag nie einen Büchsenschuß weit von +mir; wenn ich mich verbarg, fingen sie alle ein Zetergeschrei an. Von +meinem Duglöörle, so hieß ich meine Mittagsgeiß, konnt' ich mich nur +mit List entfernen. Das war ganz mein eigen. Wo ich mich setzte oder +legte, stellte es sich über mich hin, und war gleich<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> parat zum Saugen +oder Melken; und doch mußt' ich's in der besten Sommerszeit oft noch +ganz voll heimführen. Andremal melkt' ich es einem Köhler, bei dem ich +manche liebe Stund zubrachte, wenn er Holz schrotete oder Kohlhaufen +brannte.</p> + +<p>Welch' Vergnügen dann am Abend, meiner Herde auf meinem Horn zur +Heimreise zu blasen! Zuzuschauen, wie sie alle mit runden Bäuchen und +vollen Eutern dastunden, und zu hören, wie munter sie sich heimblökten. +Wie stolz war ich, wann mich der Vater lobte, daß ich gut gehütet habe! +Run ging's an ein Melken, bei gutem Wetter unter freiem Himmel. Da +wollte jede zuerst über dem Eimer von der drückenden Last ihrer Milch +los sein und beleckte dankbar ihren Befreier.</p> + +<p>Nicht daß lauter Lust beim Hirtenleben wäre! Potz Tausend, nein! Da +gibt's Beschwerden genug. Für mich war's lang die empfindlichste, des +Morgens so früh mein warmes Bettlin zu verlassen, und bloß und barfuß +ins kalte Feld zu marschieren, wenn's zumal einen baumstarken Reif +hatte, oder ein dicker Nebel über die Berge herabging. Wenn dann dieser +gar so hoch ging, daß ich ihm mit meiner bergansteigenden Herde das +Feld nicht abgewinnen und keine Sonn' erreichen konnte, verwünscht' +ich ihn in Ägypten hinein, und eilte, was ich eilen konnte, aus der +Finsternis wieder in ein Tälchen hinab. Erhielt ich hingegen den Sieg, +und gewann die Sonne und den hellen Himmel über mir, das große Weltmeer +von Nebeln, und hie<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> und da einen hervorragenden Berg, wie eine Insel +unter meine Füße, was das dann für ein Stolz und eine Lust war! Da +verließ ich den ganzen Tag die Berge nicht, und mein Aug' konnt' sich +nie satt schauen, wie die Sonnenstrahlen auf diesem Ozean spielten, und +Wogen von Dünsten in den seltsamsten Figuren sich drauf herumtaumelten, +bis sie gegen Abend mich wieder zu übersteigen drohten. Dann wünscht' +ich mir Jakobs Leiter; aber umsonst, ich mußte fort. Ich ward traurig, +und alles stimmte in meine Trauer ein. Einsame Vögel flatterten matt +und mißmütig über mir her, und die großen Herbstfliegen summsten mir so +melancholisch um die Ohren, daß ich weinen mußte. Dann fror ich fast +noch mehr als am frühen Morgen, und empfand Schmerzen an den Füßen, +obgleich diese so hart als Sohlleder waren. Auch hatt' ich die meiste +Zeit Wunden oder Beulen an ein paar Gliedern, und wenn eine Blessur +heil war, macht' ich mir richtig wieder eine andre, sprang entweder +auf einen spitzen Stein auf, verlor einen Nagel oder ein Stück Haut +an einem Zehen, oder hieb mir mit meinen Instrumenten eins in die +Finger. Ans Verbinden war selten zu gedenken; und doch ging's meist +bald vorüber. Die Geißen hiernächst machten mir, wie schon gesagt, +anfangs großen Verdruß, wenn sie mir nicht gehorchen wollten, weil +ich ihnen nicht recht zu befehlen verstund. Ferner prügelte mich der +Vater nicht selten, wenn ich nicht hütete, wo er mir befohlen hatte, +und nur hinfuhr, wo ich gerne<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> sein mochte, und die Geißen nicht das +rechte Bauchmaß heimbrachten, oder er sonst ein loses Stücklein von +mir erfuhr. Dann hat ein Geißbub überhaupt viel von andern Leuten zu +leiden. Wer will einen Fasel Geißen immer so in Schranken halten, +daß sie nicht einem Nachbar in die Wiesen oder Weid gucken? Wer mit +soviel lüsternen Tieren zwischen Korn- und Haberbrachen, Räb- und +Kabisäckern<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> durchfahren, daß keins ein Maul voll versuchte? Da +ging's an ein Fluchen und Lamentieren: Bärenhäuter! Galgenvogel! waren +meine gewöhnlichen Ehrentitel. Man sprang mir mit Äxten, Prügeln und +Hagstecken, einst gar einer mit einer Sense nach, der schwur, mir ein +Bein vom Leibe wegzuhauen. Aber ich war leicht genug auf den Füßen, +und nie hat mich einer erwischen mögen. Die schuldigen Geißen wohl +haben sie mir oft ertappt und mit Arrest belegt; dann mußte mein Vater +hin und sie lösen. Fand er mich schuldig, so gab's Schläge. Etliche +unsrer Nachbarn waren mir ganz besonders widerwärtig und richteten +mir manchen Streich auf den Rücken. Dann dacht' ich freilich: Wartet +nur, ihr Kerls, bis mir eure Schuh' recht sind, so will ich euch +auch die Buckel salben. Aber man vergißt's, und das ist gut. Und +dann hat das Sprichwort doch auch seinen wahren Sinn: »Wer will ein +Biedermann sein und heißen, der hüt' sich vor Tauben und Geißen.« — +So gibt es freilich dieser und<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> anderer Widerwärtigkeiten genug in +dem Hirtenstand. Aber die bösen Tage werden reichlich von den guten +ersetzt, wo es gewiß keinem König so wohl ist.</p> + +<div class="sidenote">Neue Lebensgefahren</div> + +<p>Im Kohlwald war eine Buche gerad über einem mehr als turmhohen Fels +herausgewachsen, so daß ich über ihren Stamm wie über einen Steg +spazieren und in eine gräßlich finstre Tiefe hinabgucken konnte; wo +die Äste angingen, stund sie wieder geradeauf. In dieses seltsame Nest +bin ich oft gestiegen und hatte meine größte Lust daran, so in den +fürchterlichen Abgrund zu schauen, um zu sehen, wie ein Bächlein neben +mir herunterstürzte und sich in Staub zermalmte. Einst schwebte mir +diese Gegend im Traume so schauderhaft vor, daß ich von da an nicht +mehr hinging. Ein andermal befand ich mich mit meinen Geißen jenseits +der Aueralp, auf der Dürrwälder Seite gegen den Rotenstein. Ein Junges +hatte sich zwischen zween Felsen verstiegen und ließ eine jämmerliche +Melodie von sich hören. Ich kletterte nach, um ihm zu helfen. Es +ging so eng und gäh, und zickzack zwischen Klippen durch, daß ich +weder obsich noch niedsich<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a> sehen konnte und oft auf allen Vieren +kriechen mußte. Endlich verstieg ich mich gänzlich. Über mir stund ein +unerklimmbarer Fels; unter mir schien's fast senkrecht, ich weiß selbst +nicht wie weit hinab. Ich fing an zu rufen und zu beten, so laut ich +konnte. In einer kleinen Entfernung sah ich zwei<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Menschen durch eine +Wiese marschieren. Ich gewahrt' es gar wohl, sie hörten mich; aber sie +spotteten meiner und gingen ihre Straße. Endlich entschloß ich mich, +das Äußerste zu wagen und lieber mit eins des Todes zu sein, als noch +weiter in dieser peinlichen Lage zu verharren, und doch nicht lange +mehr ausharren zu können. Ich schrie zu Gott in Angst und Not, ließ +mich auf den Bauch nieder, meine Händ' obsich verspreitet, daß ich mich +an den kahlen Fels so gut als möglich anklammern könne. Aber ich war +todmüd, fuhr wie ein Pfeil hinunter, zum Glück war's nicht so hoch, als +ich im Schrecken geglaubt hatte, und blieb ebenrecht in einem Schlund +stecken, wo ich mich wieder halten konnte. Freilich hatt' ich Haut und +Kleider zerrissen und blutete an Händen und Füßen. Aber wie glücklich +schätzt' ich mich nicht, daß ich nur mit dem Leben und unzerbrochnen +Gliedern davonkam! Mein Geißchen mag sich auch durch einen Sprung +gerettet haben; einmal, ich fand's schon wieder bei den übrigen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> + +<p>Ein andermal, da ich an einem schönen Sommertag mit meiner Herde +herumgetrillert, überzog sich der Himmel gegen Abend mit schwarzen +Wolken; es fing gewaltig an zu blitzen und zu donnern. Ich eilte nach +einer Felshöhle, diese oder eine große Wettertann waren in solchen +Fällen immer mein Zufluchtsort, und rief meine Geißen zusammen. Die, +weil's sonst bald Zeit war, meinten, es gelte zur Heimfahrt und +sprangen über Kopf und Hals mir vor, daß ich bald keinen Schwanz mehr +sah. Ich eilte ihnen nach. Es fing entsetzlich an zu hageln, daß mir +Kopf und Rücken von den Püffen sausten. Der Boden war dicht mit Steinen +bedeckt; ich rannte in vollem Galopp drüber fort, fiel aber oft auf den +Hintern und fuhr große Stück weit wie auf einem Schlitten. Endlich, in +einem Wald, wo's gäh zwischen Felsen hinunterging, konnt' ich vollends +nicht anhalten und glitschte bis zu äußerst auf einen Rand, von dem +ich, wenn mich nicht Gott und seine guten Engel behütet hätten, viele +Klafter tief herabgestürzt und zermürst worden wäre. Jetzt ließ das +Wetter allmählig nach, und als ich nach Haus kam, waren meine Geißen +schon eine halbe Stunde daheim. Etliche Tage lang fühlt' ich von dieser +Partie keinerlei Ungemach; aber mit eins fingen meine Füß zu sieden +an, als wenn man sie in einem Kessel kochte. Dann kamen die Schmerzen. +Mein Vater sah nach und fand mitten in der einen Fußsohle ein groß +Loch, und Moos und Gras darin. Nun erinnert' ich mich erst, daß ich +an einem spitzen Weißtannast aufgesprungen war: Moos und Gras war +mit hineingegangen. Der Ätti grub mir's mit einem Messer heraus und +verband mir den Fuß. Nun mußt' ich freilich ein paar Tage meinen Geißen +langsam nachhinken, dann verlor ich die Binde, Kot und Dreck füllten +das Loch, und es war bald wieder besser. Viel andre Mal, wenn's durch +die Felsen ging, liefen die Tiere ob mir weg und rollten große Steine +herab, die mir hart an den Ohren vorbeipfiffen. Oft stieg ich einem +Wälschtraubenknöpfli, Frauenschühlin oder andern Blümchen über Klippen +nach, daß es eine halsbrechende Arbeit war. Wieder zündete ich große, +halbverdorrte Tannen von unten an, die bisweilen acht bis zehn Tage +aneinander fortbrannten, bis sie fielen. Alle Morgen und Abend sah ich +nach, wie's mit ihnen stund. Einst hätte mich eine maustot schlagen +können: denn indem ich meine Geißen forttrieb, daß sie nicht getroffen +würden, krachte sie hart an mir in Stücken zusammen. So viele Gefahren +drohten mir während meinem Hirtenstand mehrmal, Leibs und Lebens +verlustig zu werden, ohne daß ich's viel achtete, oder doch alles bald +wieder vergaß, und leider damals nie daran dachte, daß du allein es +warst, mein himmlischer Vater und Erhalter! der in den Winkeln einöder +Wüste die Raben nährt, und auch Sorge für mein junges Leben trug.</p> + +<div class="sidenote">Kameradschaft</div> + +<p>Mein Vater hatte bisweilen aus der Geißmilch Käse gemacht, bisweilen +Kälber gesäugt und seine Wiesen mit dem Mist geäufnet.<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> Dies reizte +unsere Nachbarn, daß ihrer vier auch Geißen anschafften und beim +Kloster um Erlaubnis baten, ebenfalls im Kohlwald hüten zu dürfen. Da +gab's nun Kameradschaft. Unser drei oder vier Geißbuben kamen alle +Tag zusammen. Ich will nicht sagen, ob ich der beste oder schlimmste +unter ihnen gewesen, aber gewiß ein purer Narr gegen<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> die andern, bis +auf einen, der ein gutes Bürschchen war. Einmal, die übrigen alle +gaben uns leider kein gutes Exempel. Ich wurde ein Bißlein witziger, +aber desto schlimmer. Auch sah's mein Vater gar nicht gern, daß ich +mit ihnen laichte,<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a> und sagte mir, ich sollte lieber allein hüten +und alle Tage auf eine andere Gegend treiben. Aber Gesellschaft war +mir zu neu und zu angenehm; und wenn ich auch etwa einen Tag den Rat +befolgte und hörte die andern hüpfen und johlen, so war's, als wenn +mich ein paar beim Rock zerrten, bis ich sie erreicht hatte. Bisweilen +gab's Zänkereien, dann fuhr ich wieder einen Morgen allein oder mit +dem guten Jacobli, von dem hab' ich selten ein unnützes Wort gehört, +aber die andern waren mir kurzweiliger. Ich hätte noch viele Jahre +für mich können Geißen hüten, eh' ich den Zehnteil von dem allem inne +worden wäre, was ich da in kurzem vernahm. Sie waren alle größer und +älter als ich, fast aufgeschossene Bengel, bei denen schon alle argen +Leidenschaften aufgewacht. Schmutzige Zoten waren alle ihre Reden +und unzüchtig alle ihre Lieder, bei deren Anhören ich oft Maul und +Augen auftat, oft aber auch aus Schamröte niederschlug. Über meinen +bisherigen Zeitvertreib lachten sie sich die Haut voll. Späne und +junge Vögel galten ihnen gleich viel, außer wenn sie glaubten, Geld +aus einem zu lösen, sonst schmissen sie dieselben samt den<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Nestern +fort. Das tat mir anfangs weh; doch macht' ich's bald mit. So geschwind +konnten sie mich hingegen nicht überreden, schamlos zu baden wie sie. +Einer besonders war ein rechter Unflat, aber sonst weder streit- noch +zanksüchtig, und darum nur desto verführerischer. Ein anderer war auf +alles verpicht, womit er einen Batzen verdienen konnte, der liebte +darum die Vögel mehr als die andern, die nämlich, welche man ißt; +suchte allerlei Waldkräuter, Harz, Zunderschwamm und dergleichen. Von +dem lernt' ich manche Pflanze kennen, aber auch, was der Geiz ist. +Noch einer war etwas besser als die schlimmern; er machte mit, aber +furchtsam. Jedem ging sein Hang sein Leben lang nach. Jacobli ist noch +ein guter Mann, der andre blieb immer ein geiler Schwätzer und ward +zuletzt ein miserabler hinkender Tropf; der dritte hatte mit List und +Ränken etwas erworben, aber nie Glück dabei. Vom vierten weiß ich +nicht, wo er hingekommen ist.</p> + +<div class="sidenote">Sonderbare Gemütsstimmung</div> + +<div class="sidenote">Ende des Hirtenstandes</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> + +<p>Daheim durft' ich mir von dem, was ich bei diesen Kameraden sah und +hörte, nichts merken lassen. Ich genoß aber nicht mehr meine vorige +Fröhlichkeit und Gemütsruhe. Die Kerls hatten Leidenschaften in mir +rege gemacht, die ich noch selbst nicht kannte, doch merkte ich, daß es +nicht richtig stund. Im Herbst, wo die Fahrt frei war, hütete ich meist +allein. Ein Büchlein, das mir bloß darum jetzt noch lieb ist, trug +ich bei mir und las oft darin. Noch weiß ich verschiedene sonderbare +Stellen auswendig, die mich damals bis zu Tränen rührten. Jetzt kamen +mir die bösen Neigungen in meinem Busen abscheulich vor, und sie +machten mir angst und bang. Ich betete, rang die Hände, sah zum Himmel, +bis mir die hellen Tränen über die Backen rollten, faßte einen Vorsatz +über den andern und machte mir so strenge Pläne für ein künftiges +frommes Leben, daß ich darüber allen Frohmut verlor. Ich versagte mir +alle Arten von Freude, und hatte zum Beispiel lang einen ernstlichen +Kampf mit mir selber wegen eines Distelfinken, der mir sehr lieb war, +ob ich ihn weggeben oder behalten sollte? Über diesen einzigen Vogel +dacht' ich oft weit und breit herum. Bald kam mir die Frommkeit, wie +ich mir solche damals vorstellte, als ein unersteiglicher Berg, bald +wieder federleicht vor. Meine Geschwister mocht' ich herzlich lieben, +aber je mehr ich's wollte, je mehr sah ich Widriges an ihnen. In kurzem +wußt' ich weder Anfang noch End, und es war niemand mehr, der mir +heraushelfen konnte, da ich meine Lage keiner Menschenseele entdeckte. +Ich machte mir alles zur Sünde: Lachen, Jauchzen und Pfeifen. Meine +Geißen sollten mich nicht mehr erzürnen dürfen, und ich ward eher böser +auf sie. Eines Tags bracht' ich einen toten Vogel nach Haus, den ein +Mann geschossen und auf einem Stecken in die Wiese aufgesteckt hatte. +Ich nahm ihn, wie ich in dem Augenblick wähnte, mit gutem Gewissen weg, +ohne Zweifel, weil mir seine zierlichen Federn vorzüglich gefielen. +Aber sobald mir der Vater sagte, das heiße auch gestohlen, weint' ich +bitterlich — ich hatte diesmal recht — und trug das Äschen morgens +darauf in aller Frühe wieder an seinen Ort. Doch behielt ich etliche +von den schönsten Federn; aber auch dies kostete mich ziemliche +Überwindung. Doch dacht' ich: Die Federn sind nun ausgerupft, wenn du +sie schon auch hinträgst, verblast sie der Wind, und dem Mann nützen +sie so nichts. Bisweilen fing ich wieder an zu jauchzen und zu johlen +und trollte aufs neue sorglos über alle Berge. Dann dacht' ich: So +alles, alles verleugnen, bis auf meine selbstgeschnitzelten hölzernen +Kühe — wie ich mir damals den rechten Christensinn buchstäblich +vorstellte — sei doch ein traurig elendes Ding. Indessen wurde der +Kohlwald von den immer zunehmenden Geißen übertrieben; die Rosse, +die man auf den fettern Grasplätzen weiden ließ, bisweilen von den +Geißbuben verfolgt oder gesprengt. Einmal legten die Bursche ihnen +Nesseln unter die Schwänze; ein paar stürzten sich im Lauf über einen +Felsen zu Tode. Es gab schwere Händel, und das Hüten im Kohlwald wurde +gänzlich verboten. Ich hütete darauf noch eine Weile auf unserm eignen +Gut. Dann löste mich mein Bruder a. Und so nahm mein Hirtenstand ein +Ende.</p> + +<div class="sidenote">Neue Geschäfte</div> + +<div class="sidenote">Neue Sorgen</div> + +<p>Nun hieß es: Eingespannt in den Karrn mit dem Buben, ins Joch! Er ist +groß genug! Wirklich tummelte mich mein Vater meisterlich herum; in +Holz und Feld sollt' ich ihm statt eines vollkommenen<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Knechtes dienen. +Die mehrern Mal überlud er mich, ich hatte die Kräfte noch nicht, die +er mir nach meiner Größe zutraute, und doch wollt' ich stark sein +und keine schwere Bürde liegen lassen. In Gesellschaft von ihm oder +mit den Taglöhnern arbeitete ich gern; aber sobald er mich allein an +ein Geschäft schickte, war ich faul und lässig, staunte Himmel und +Erde an und hing, ich weiß selbst nicht was für Gedanken und Grillen +nach; das freie Geißbubenleben hatte mich halt verwöhnt. Das zog mir +Scheltwort oder gar Streiche zu, und diese Strenge war nötig, obschon +ich's damals nicht fassen konnte. Im Heuet besonders gab's bisweilen +fast unerträgliche Bürden. Oft streckt' ich mich vor Mattigkeit und +fast zerschmolzen von Schweiß, der Länge nach auf den Boden und +dachte: Ob's wohl auch in der Welt überall so mühselig zugehe? Ob ich +mich grad' jetzt aus dem Staub machen sollte? Es werde doch an andern +Orten auch Brot geben, und nicht gleich Henken gelten. Ich hätte auf +der Kreutzegg beim Geißhüten mehrere solche Bursche gesehen, denen's +außer ihrem Vaterland, wie sie mir erzählten, recht wohl gegangen, und +was des Zeugs mehr war. Dann aber fand ich: Nein! es wäre doch Sünd', +von Vater und Mutter wegzulaufen; wie? wenn ich ihnen ein Stück Boden +abhandeln, es bauen, brav Geld daraus ziehen, dann aus der Losung ein +Häuschen drauf stellen und so für mich leben würde? Husch! sagt' ich +eines Tags, das muß jetzt sein! Aber, wenn mir's der<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Ätti abschlägt? +Ei! frisch gewagt, ist halb gewonnen. Ich nahm also das Herz in beide +Händ', und bat den Vater noch desselben Abends, daß er mir ein gewisses +Stücklein Lands abtrete. Nun sah er freilich meine Narrheit ein, aber +er ließ mich's nicht merken und fragte nur, was ich damit anfangen +wolle? »Ha! sagt' ich, es in Ehren legen, Mattland daraus machen und +den Gewinn beiseite tun.« Ohne ein mehreres Wort zu verlieren, sprach +er: »So nimm eben die Zipfelweid, ich gebe sie dir um fünf Gulden.« +Das war nun spottwohlfeil; hier zu Wattwil wär' so ein Grundstück mehr +als hundert Gulden wert. Ich sprang darum vor Freuden hoch auf und +fing sogleich die neue Wirtschaft an. Den Tag über arbeitete ich für +den Vater; sobald der Feierabend kam, für mich, sogar bei Mondschein. +Da macht' ich aus dem noch vor Nacht gehauenen Holz und Stauden kleine +Bürden von Brennholz zum Verkaufen. Eines Abends dacht' ich so meiner +jetzigen Lage nach; mir fiel ein: Deine Zipfelweid ist gar wohlfeil! Es +könnte den Vater reuen und er's wieder an sich ziehen, wenn ich ihm den +Kaufschilling nicht bar erlege. Ich muß um Geld schauen, so kann er mir +nicht mehr ab der Hand gehn. Ich ging also zum Nachbar Görg, erzählt' +ihm den ganzen Handel und bat ihn, mir die fünf Gulden zu leihen, ich +woll' ihm bis auf Wiederbezahlung mein Land zum Pfand einsetzen. Er gab +mir's ohne Bedenken. Ganz entzückt lief ich damit zum Vater und wollt' +ihn ausbezahlen. Potz hundert!<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> wie der mich abschnauzte: »Wo hast du +das Geld her?« Es fehlte wenig, so hätt' es noch Ohrfeigen obendrein +gesetzt. Im ersten Augenblick begriff ich nicht, was ihn so entsetzlich +bös mache. Aber erklärte mir's bald, da er fortfuhr: »Du Bärenhäuter! +Mir mein Gut zu verpfänden!« riß mir die fünf Gulden aus der Hand, +rannte im Augenblick zu Görg und gab sie ihm wieder, mit Bedeuten, daß +er, so lieb ihm Gott sei! dem Buben kein Geld mehr leihe, er woll' +ihm schon geben, was er brauchte. So war meine Freude kurz. Der Ätti, +nachdem er bald wieder besänftigt war, mocht' mir lang sagen, ich +brauch' ihm das Ding gar nicht zu zahlen, ich könn' ihm ja ein billiges +Zinslein geben, der Schlempen Weid werde die Sach nicht ausmachen, ich +soll damit schalten und walten wie mit meinem Eigentum. Ich konnt' +es ihm nicht glauben, denn er lachte dabei immer hinten im Maul. Das +war mir verdächtig. Aber er hatte guten Grund dafür. Endlich fing ich +einfältiger Tölpel an, mich wieder zu beruhigen und machte aufs neue +die Rechnung hinterm Wirt, was ich aus dem Bletz<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[244]</a> mit der Zeit für +Nutzen ziehen wollte; als eines Tags mir die Kühe in mein Äckerlein +brachen, den jungen Samen abfraßen, auch mein Holz eben keine Käufer +fand und mir fast alles liegen blieb. Solche gehäufte Unglücksstreiche +nahmen mir mit eins den Mut, ich überließ den ganzen Plunder<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> wieder +dem Vater und bekam von ihm zur Entschädigung ein flanellenes +Brusttuch.</p> + +<div class="sidenote">Wißbegierde</div> + +<p>Ich bin in meinen Kinderjahren nur wenige Wochen in die Schule +gegangen; bei Haus hingegen mangelte es mir gar nicht an Lust, mich in +mancherlei unterweisen zu lassen. Das Auswendiglernen gab mir wenig +Müh, besonders übt' ich mich fleißig in der Bibel, konnte viele darin +enthaltene Geschichten aus dem Stegreif erzählen und gab überhaupt +auf alles Achtung, was mein Wissen vermehren konnte. Mein Vater las +auch gern etwas Historisches oder Mystisches. Gerad um diese Zeit ging +ein Buch aus, der flüchtige Pater genannt. Er und unser Nachbar Hans +vertrieben sich manche liebe Stunde damit und glaubten an den darin +prophezeiten Fall des Antichrists und die dem End der Welt vorgehenden +nahen Strafgerichte, wie ans Evangelium. Auch ich las viel darin, +predigte etlichen unsrer Nachbarn mit ängstlich andächtiger Miene, +die Hand vor die Stirn gestemmt, halbe Abende aus dem Pater vor und +gab ihnen alles für bare Münz aus; dies nach meiner eignen völligsten +Überzeugung. Mir stieg kein Gedanke auf, daß ein Mensch ein Buch +schreiben könnte, worin nicht alles nur lautere Wahrheit wäre; und +da mein Vater und der Hans nicht daran zweifelten, schien mir alles +vollends Ja und Amen zu sein. Aber das brachte mich eben auf allerlei +jammerhafte Vorstellungen. Ich wollte mich gern auf den bevorstehenden +jüngsten Tag recht zubereiten; allein da fand ich entsetzliche +Schwierigkeiten,<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> nicht so fast in einem bösen Tun und Lassen, als in +meinem oft argen Sinn und Denken. Dann wollt' ich mir wieder alles +aus dem Kopf schlagen, aber vergebens. Wenn ich zumal bisweilen in +der Offenbarung Johannis oder im Propheten Daniel las, schien mir +alles, was der Pater schrieb, vollends gewiß und unfehlbar. Und was +das schlimmste war, so verlor ich ob dieser Überzeugung alle Freud' +und Mut. Wenn ich im Gegenteil den Ätti und den Nachbar fast noch +fröhlicher sah als zuvor, machte mich solches gar konfus, und kann ich +mir's noch jetzt nicht erklären, wie das zuging. So viel weiß ich wohl, +sie steckten damals beide in schweren Schulden und hofften vielleicht +durch das Ende der Welt davon befreit zu werden: wenigstens hört' ich +sie oft vom Neufunden Land, Carolina, Pensylvani und Virgini sprechen, +ein andermal überhaupt von einer Flucht, vom Auszug aus Babel, von +den Reisekosten und dergleichen. Da spitz' ich die Ohren wie ein Has. +Einmal, erinnr' ich mich, fiel mir wirklich ein gedrucktes Blatt in die +Hände, das einer von ihnen auf dem Tisch liegen gelassen und welches +Nachrichten von jenen Gegenden enthielt. Das las ich wohl hundertmal; +mein Herz hüpfte mir im Leib bei dem Gedanken an dies herrliche Kanaan, +wie ich mir's vorstellte. Ach! wenn wir nur alle schon da wären, dacht' +ich. Aber die guten Männer, denk' ich, wußten ebensowenig als ich Steg +und Weg und wahrscheinlich noch minder, wo das Geld herzunehmen. Also +blieb das<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> schöne Abenteuer stecken und entschlief nach und nach von +selbst. Indessen las ich immer fleißig in der Bibel, doch noch mehr +in meinem Pater und andern Büchern, unter anderen in dem sogenannten +Pantli Karrer, und in dem weltlichen Liederbuch, dessen Titel mir +entfallen ist. Sonst vergaß ich, was ich gelesen, nicht so bald. Allein +mein unruhiges Wesen nahm dabei sichtbarlich zu, so sehr ich mich auf +mancherlei Weise zu zerstreuen suchte; und, was das Schlimmste war, +hatt' ich das Herz nie, dem Pfarrer oder auch nur dem Vater hievon das +Mindeste zu offenbaren.</p> + +<div class="sidenote">Geistliche Unterweisung</div> + +<p>Indessen wundert' es mich doch bisweilen, wie mein Vater und der +Pfarrer von diesem und jenem Spruch in der Bibel, von diesem und jenem +Büchlin denke. Letzterer kam oft zu uns, selbst zur Winterszeit, wenn +er schier im Schnee stecken blieb. Da war ich sehr aufmerksam auf alle +Diskurse und merkte bald, daß sie meist bei weitem nicht einerlei +Meinung waren. Anfangs kam's mir unbegreiflich vor, wie der Ätti so +frech sein und dem Pfarrer widersprechen dürfe. Dann dacht' ich auf +der andern Seite: Aber mein Vater und der flüchtige Pater zusammen +sind doch auch keine Narren und schöpfen ihre Gründe wie jener aus +der gleichen Bibel. Das ging in meinem Sinn so hin und her, bis ich's +etwa wieder vergaß und andern Fantaseyen nachhing. Inzwischen kam +ich im Jahre 1752 zu diesem Pfarrer Heinrich Näf von Zürich in die +Unterweisung zum heiligen Abendmahl. Er unterrichtete mich sehr<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> +gründlich und war mir in der Seele lieb. Oft erzählt' ich meinem Vater +ganze Stunden lang, was er mit mir geredet hatte und meinte, er sollte +davon so gerührt werden wie ich. Bisweilen tat er mir zu Gefallen +dergleichen; aber ich merkte wohl, daß es ihm nicht recht zu Herzen +ging. Doch sah ich auch, daß er überhaupt Wohlgefallen an meinen +Empfindungen und an meiner Aufmerksamkeit hatte. Nachwärts ward dieser +Heinrich Näf Pfarrer gen Humbrechtikon am Zürichsee; und seither, +glaub' ich, kam er noch näher an die Stadt. Noch auf den heutigen Tag +ist meine Liebe zu ihm nicht erloschen. Viel hundertmal denk' ich +mit gerührter Seele an des redlichen Manns Treu und Eifer, an den +liebevollen Unterricht, welchen ich von seinen holdseligen Lippen sog, +und den mein damals gewiß für das Gute weiches und empfängliches Herz +begierig aufnahm. Oh, der redlichen Vorsätze und heiligen Entschlüsse, +die ich so oft in diesen unvergeßlichen Stunden faßte! Wo seid ihr +geblieben? Welchen Weg seid ihr gegangen? Ach! wie oft seid ihr von +mir zurückgerufen und leider wieder verabschiedet worden! O Gott! Wie +freudig ging ich stets aus dem Pfarrhause heim, nahm gleich das Buch +wieder zur Hand und erfrischte damit das Angedenken an die empfangenen +heilsamen Lehren. Aber dann war bald alles wieder verflogen. Selbst +in späteren Tagen, in Augenblicken, wo Lockungen von allen Seiten mir +die süßesten Mienen machten und mich bereden wollten, Schwarz sei, +wo nicht Weiß, doch Grau, stiegen mir<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> meines ehemaligen Seelsorgers +treugemeinte Warnungen noch oft zu Sinn und halfen mir in manchem +Scharmützel mit meinen Leidenschaften den Sieg erringen. Was ich mir +aber noch zu dieser Stunde nicht vergeben kann, ist mein damaliges +öfteres Heucheln, und daß ich, selbst wenn ich mir keines eigentlichen +Bösen bewußt war, immer besser scheinen wollte, als ich zu sein mich +fühlte. Endlich — ich weiß nicht, war vielleicht auch das ein Tuck +des armen Herzens? — sang ich, und zwar, wenn ich ganz allein bei +der Arbeit war, wirklich mit größerer Lust etliche geistliche Lieder, +die ich von meiner Mutter gelernt, als meine weltlichen Quodlibet und +wünschte nur freilich allemal, daß mich mein Vater auch hören möchte, +wie er mich sonst meist über meinem losen Lirum Larum ertappt hatte.</p> + +<div class="sidenote">Neue Kameraden</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<p>Übrigens hatte der Pfarrer in seinem kleinen Krinau neben mir nur +einen einzigen Buben in der Unterweisung. Dieser hieß H. B., ein +fuchsroter Erzstockfisch. Wenn ihn der Heer<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a> was fragte, hielt der +Bursch' immer sein Ohr an mich, daß ich's ihm einblasen sollte. Was +man ihm hundertmal sagte, vergaß er hundertmal wieder. Am Heiligen +Abend, da man uns der Gemeind vorstellte, war er vollends verstummt. +Ich mußte darum fast aneinander antworten, von zwei bis fünf Uhr. Im +Jahr zuvor ward hingegen ein anderer Knabe, J. W., unterwiesen, ein gar +geschicktes Bürschlein, der die Bibel und den Catecist<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a> vollkommen +inne hatte. Mit dem macht' ich um diese Zeit Bekanntschaft. Von +Angesicht war er häßlich, die Kinderblattern hatten ihn jämmerlich +zugerichtet, aber sonst ein Kind wie die liebe Stunde. Er hatte einen +gesprächigen Vater, von dem er viel lernte, der aber daneben nicht der +beste und besonders als ein Erzlügner berühmt war. Der konnt' euch +stundenlang die abenteuerlichsten Dinge erzählen, die weder gestoben +noch geflogen waren; so daß es zum Sprichwort wurde, wenn einer etwas +Unwahrscheinliches sagt: »Das ist ein W. — Lug!« Wenn er redete, +rutschte er auf dem Hintern beständig hin und her. Von seinen Fehlern +hatte sein kleiner Bube keinen geerbt, das Lügen am allerwenigsten. +Jedermann liebte ihn. Mir war er die Kron in Augen. Wir fingen an, +über allerlei Sachen Brieflin zu wechseln, gaben einander Rätsel auf +oder schrieben uns Verse aus der Bibel zu, ohne Spezifikation, wo sie +stünden; da mußte ein jeder selbst nachschlagen. Oft hielt es schwer +oder gar unmöglich, in den Psalmen und Propheten zumal, wo die Verslin +meist erstaunlich kurz, und viele fast gleichlautend sind. Bisweilen +schrieben wir einander von allen Tieren, welche uns die liebsten seien; +dann von allerhand Speisen, welche uns die besten dünkten; dann wieder +von Kleidungsstücken, Zeug und Farben, welche uns die angenehmsten +wären, und so fort. Da bemühte sich je einer den andern an Anmut zu +übertreffen. Oft mocht' ich's kaum erwarten, bis wieder so ein Brieflin +von meinem Freunde kam. Er war mir darin noch viel lieber als in seinem +persönlichen Umgang. So dauerte es lange, bis einst ein unverschämter +Nachbar allerlei wüste Sachen über ihn aussprengte. Obschon ich's nicht +glaubte, verringerte sich doch nun, es ist wunderbar, meine Zuneigung +zu ihm augenblicklich. Ein paar Jahre nachher, es war vielleicht ein +Glück für uns beide, fiel er in eine Krankheit und starb. Ein andrer +unsrer Nachbarn, H., hatte auch Kinder von meinem Alter. Aber mit denen +konnt' ich nichts; sie waren mir zu witznasig, arge Förschler und +Frägler. Um diese Zeit gab mir Nachbar Joggli heimlich um drei Kreuzer +eine Tabakspfeife zu kaufen und lehrte mich schmauchen. Lange mußt' +ich's im Geheim tun, bis einst ein Zahnweh mir den Vorwand verschaffte, +es fortan öffentlich zu treiben. Und, oh, der Torheit! darauf bildete +ich mir nicht wenig ein.</p> + +<div class="sidenote">Häusliche Umstände</div> + +<div class="sidenote">Der Verkauf</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> + +<p>Unterdessen war unsre Familie bis auf acht Kinder angewachsen. Mein +Vater stak je länger je tiefer in Schulden, so daß er oft nicht +wußte, wo aus noch ein. Mir sagte er nichts; aber mit der Mutter +hielt er oft heimlich Rat. Davon hört' ich eines Tags ein paar Worte +und merkte nun die Sache halb und halb. Allein es focht mich wenig +an, ich ging leichtsinnig meinen kindischen Gang und ließ meine +armen Eltern inzwischen über hundert unausführbaren Projekten sich +den Kopf zerbrechen. Unter diesen war auch der einer Wanderung ins +Gelobte Land, zu meinem größten Verdrusse, zu Wasser worden. Endlich +entschloß sich mein Vater,<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> alle seine Habe seinen Gläubigern auf +Gnad und Ungnad zu übergeben. Er berief sie eines Tags zusammen, +entdeckte ihnen mit Wehmut, aber redlich, seine ganze Lage und bat +sie: In Gottes Namen Haus und Hof, Vieh, Schiff und Geschirr<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a> zu +ihren Handen zu nehmen und seinetwegen ihn, nebst Weib und Kindern, +bis aufs Hemd auszuziehen; er wolle ihnen noch dafür danken, wenn sie +ihn nur einmal der unerträglichen Last entledigten. Die meisten von +ihnen, und selbst die, welche ihm mit Treiben am unerbittlichsten +zugesetzt hatten, erstaunten über diesen Vortrag. Sie untersuchten Soll +und Haben; und das Fazit war, daß sie die Sachen bei weitem nicht so +schlimm fanden, als sie sich's vorgestellt hatten. Sie baten ihn also +alle wie aus einem Munde, er soll doch nicht so kläglich tun, guten +Muts sein, sich tapfer wehren, und seine Wirtschaft emsig treiben wie +bisher; sie wollten gern Geduld mit ihm tragen und ihm noch aus Kräften +beraten und beholfen sein; er habe eine Stube voll braver Kinder, die +werden ja alle Tag' größer und können ihm an die Hand gehen. Was er +mit diesen armen Schafen draußen in der weiten Welt anfangen wollte? +Allein mein Vater unterbrach sie in diesen liebreichen Äußerungen ihres +Mitleids alle Augenblick: »Nein, um Gottes willen, nein! Nehmt mir +die entsetzliche Bürde ab. Das Leben ist mir so ganz verleidet! Aufs +Besserwerden hofft' ich schon dreizehn Jahr vergebens. Und kurz, bei +unserm Gut hab' ich einmal weder Glück noch Stern. Mit sauerm Schweiß +und so vielen schlaflosen Nächten grub ich mich nur immer tiefer in +die Schulden hinein. Geb, wie ich's machte, da half Hausen und Sparen, +Hunger und Mangel leiden, bis aufs Blut arbeiten, kurz, alles und alles +nichts. Besonders mit dem Vieh wollt's mir nie gelingen. Verkauft' +ich die Küh', um das Futter versilbern zu können, und daraus meine +Zinse zu bestreiten, so hatt' ich mit meiner Haushaltung, die außer +dem Güterarbeiten keinen Kreuzer verdienen konnte, nichts zu essen, +wenn ich gleich die halbe Losung wieder in andre Speisen steckte. +Schon von Anfang an mußt' ich immer Taglöhner halten, Geld entlehnen +und aus einem Sack in den andern schleufen, bis ich mich nicht mehr zu +kehren wußte. Noch einmal, um Gottes willen! Da ist all' mein Vermögen. +Nehmt, was ihr findet und laßt mich ruhig meine Straße ziehen. Mit +meinen ältern Kindern wird's mir wohl möglich werden, uns allen ein +schmales Stücklein Brot zu erwerben. Wer weiß, was der liebe Gott uns +noch für die Zukunft beschert hat!« Als nun endlich unsere Gläubiger +sahen, daß mit meinem Vater anders nichts anzufangen wäre, nahmen sie +das Dreyschlatt mit aller Zubehörd gemeinschaftlich zu ihren Handen, +setzten einen Gildenvogt, ließen einen neuen Überschlag machen und +fanden wieder, daß einmal da kein großer Verlust herauskommen könne. +Sie schenkten darum dem armen Ätti nicht allein allen Hausrat, Schiff +und Geschirr, sondern baten ihn auch, bis sich ein Käufer fände, weiter +auf dem Gut zu bleiben und es um billigen Lohn zu bearbeiten. Dieser +bestund, nebst freier Behausung und Holzes genug, in der Sömmerung<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a> +für acht Kühe, und Grund und Boden, zu pflanzen, was und wieviel +wir konnten und mochten. Jetzt war meinem Vater wieder so wohl, als +wenn er im Himmel wäre; und was ihm am meisten Freud' machte, seine +alten Schuldherren waren fast noch zufriedner als er, so daß von dem +ersten Augenblick an keiner ihm nur eine saure Miene gemacht. Wir +hatten ein recht gutes Jahr und konnten neben unsrer Güterarbeit noch +eine ziemliche Zeit für Salpetersieden erübrigen. Ich lernte dieses +ebenfalls, als mein Vater einst an einem Bein Ungelegenheit hatte und +hernach wirklich bettliegerig ward. Die Schmerzen nahmen täglich so +sehr überhand, daß er eines Abends von uns allen Abschied nahm. Endlich +gelang es dem Herrn Doktor Müller aus der Schamaten, ihn wieder zu +kurieren. Derselbe tat solches nicht nur unentgeltlich, sondern gab +uns noch Geld dazu. Der Himmel wird es ihm reichlich vergelten. — +Inzwischen zeigte sich ein Käufer zum Dreyschlatt. Wir waren im Grund +alle froh, diese Einöde zu verlassen, aber niemand so wie ich, da ich +hoffte, das strenge Arbeiten sollt' nun ein Ende nehmen. Wie ich mich +betrog, wird die Folge lehren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> + +<div class="sidenote">Wanderung nach Wattweil</div> + +<div class="sidenote">Schlimme Hausgenossenschaft</div> + +<p>Mitten im März des Jahres 1754 zogen wir mit Sack und Pack aus dem +Dreyschlatt weg und sagten dem wilden Ort auf ewig gute Nacht! Noch +lag dort klaftertiefer Schnee. Von Ochs oder Pferd war keine Rede. Wir +mußten unsern Hausrat und die jüngern Geschwister auf Schlitten selbst +fortzügeln. Ich zog an dem meinigen wie ein Pferd, so daß ich am End +fast atemlos hinsank. Doch die Lust, unsre Wohnung zu verändern und +einmal auch im Tal, in einem Dorf, und unter Menschen zu leben, machten +mir die saure Arbeit lieb. Wir langten an. Das muß ein rechtes Kanaan +sein, dacht' ich; denn hier guckten die Grasspitzen schon unterm Schnee +hervor. Unser Gütlin (es hieß die Staig), das wir zu Lehen empfangen +hatten, stund voll großer Bäume, und ein Bach rollte angenehm mitten +durch. Im Gärtlin bemerkt' ich einen Zipartenbaum. Im Haus hatten wir +eine schöne Aussicht das Tal hinauf. Aber übrigens, was das für eine +dunkle, schwarze, wurmstichige Rauchhütte war! Lauter faule Fußboden +und Stiegen; ein unerhörter Unflat und Gestank in allen Gemächern. Aber +das alles war noch nichts gegen den lebendigen Einsiegel, den wir im +Haus haben mußten: ein abscheuliches Bettelmensch, das sich besoff, so +oft es ein Kirchenalmosen erhielt und auf die Art zu Wein kam, dann in +der Trunkenheit sich mutternackt auszog, und so im Haus herumsprang und +pfiff, auch, wenn man ihm das geringste einreden wollte, ein Fluchen +und Lamentieren erhob wie eine Besessene. Es bekamz war<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> deshalb oft +den Rinderriemen, der aber leider meist aus übel ärger machte. Das +Ungeheuer war überdies auf junge Mannspersonen erpicht — Puh! mir +schaudert noch die Haut davor — und hätte gern auch mich angepackt. +Das war mir eine völlig neue Erscheinung, und ich redete davon mit +meinem Vater, ohne der Versuchung selbst zu erwähnen. Der sagte mir +dann, was eine Katze sei, und nun bekam ich einen solchen Ekel vor dem +Tier, daß mir ein Stich durch alle Adern ging, so oft es mir unter +Augen kam.</p> + +<div class="sidenote">Göttliche Heimsuchung</div> + +<p>Wenige Tage nach unsrer Ankunft ward ich mit einem heftigen Frost +und Fieber befallen. Ob mir das plötzliche Vertauschen der frischen +Bergluft mit der im Tal, oder die unreinliche Wohnung, oder ein schon +mitgebrachter Stoff dazu im Körper, oder endlich gar der Abscheu +vor dem entsetzlichen Geschöpfe das Übel zugezogen, weiß ich nicht. +Einmal zuvor war, außer leichten Kopf- und Zahnschmerzen, jedes andre +Übelbehagen mir ganz unbekannt. Man ließ den lieben Herrn Doktor +Müller kommen; er verordnete mir eine doppelte Aderlässe, zweifelte +aber gleich beim ersten Anblick an meinem Aufkommen. Am dritten Tag +glaubt' ich, nun sei's gewiß mit mir aus, da mein armer Kopf beinah +zerspringen wollte. Ich rang, wimmerte, krümmte mich wie ein Wurm, +und stund Höllenangst aus: Tod und Ewigkeit kamen mir schrecklich +vor. Meinem Vater, der sich fast nie von mir entfernte und oft ganz +allein um mich war, beichtete ich in einem solchen Augenblick alles,<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> +was mir auf dem Herzen lag, sonderlich auch wegen der Verfolgungen des +vorerwähnten Unholds, der mir viel zu schaffen machte. Der gute Ätti +erschrak entsetzlich und fragte mich, ob ich mit dem Tier etwas Böses +getan? »Nein, gewiß nicht, Vater!« antwortete ich schluchzend, »aber +das Ungeheuer wollt' mich dazu bereden; und ich hab's dir verschwiegen. +Das nun, fürcht' ich, sei eine große Sünd'.« »Sei nur ruhig, mein +Sohn!« versetzte mein Vater, »halt dich im stillen zu Gott. Er ist +gütig und wird dir deine Sünden vergeben.« Dies einzige Wort des +Trostes machte mich gleichsam wieder auflebend. Oh, wie eifrig gelobt' +ich in diesem Augenblick, ein ganz andrer Mensch zu werden, wenn ich's +länger auf Erden treiben sollte. Indessen gab's noch verschiedene +Rückfälle. Einmal wußt' ich vierundzwanzig Stunden lang nichts mehr +von mir; aber dies war die Krisis. Beim Erwachen fühlt' ich zwar meine +Schmerzen wieder, doch in weit geringerm Grade, und was für mich viel +wichtiger war, die bangen, angsthaften Gedanken blieben aus. Der Doktor +fing an, Hoffnung zu schöpfen, und ich nicht minder; und kurz, es +ließ sich täglich mehr zur Besserung an, bis ich, freilich erst nach +etlichen Wochen, wieder ganz auf die Beine kam. Aber das Tiermensch, +das wir im Haus hatten und dulden mußten, war mir unausstehlicher +als jemals. Mich und alle meine Geschwister überhäufte es mit den +unflätigsten Schimpfworten. Während meiner Krankheit sagte es mir oft +ins Gesicht,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> ich sei ein mutwilliger Bankert, es fehle mir nichts, +man sollte mir statt Arzneien die Rute geben, und dergleichen. Ich bat +meinen Vater, so hoch ich konnte, er solle uns die Kreatur vom Hals +schaffen, sonst könnt' ich in Ewigkeit nicht vollkommen gesund werden. +Aber es war unmöglich, für einmal wollt' sie uns niemand abnehmen. Wenn +sie's gar zu schlimm machte, ließen wir sie, wie gesagt, karbatschen. +Aber zuletzt wollt' uns auch diesen Dienst niemand mehr leisten, denn +jedermann fürchtete sich vor ihr, wie vor dem bösen Geist. Mit guten +Worten kam man ihr gewissermaßen noch am leichtesten bei. Was mir +indessen als die allerherbste Prüfung vorkam, war, daß ich und meine +Geschwister in ihrer Gesellschaft mit Baumwollen-Kämmen und Spinnen +unsern Feierabend machen mußten. Sobald aber der Sommer anrückte, half +ich mir damit, daß ich meine Arbeit, so viel's immer die Witterung +zuließ, außer dem Haus verrichtete.</p> + +<div class="sidenote">Jetzt Tagelöhner</div> + +<p>»Danke deinem Schöpfer,« sagte inzwischen eines Tags mein Vater zu +mir, »er hat dein Flehen erhört und dir von neuem das Leben geschenkt. +Ich zwar, ich will dir's nur gestehen, dachte nicht, wie du, Uli, und +hätt' dich und mich nicht unglücklich geschätzt, wenn du dahingefahren +wärst. Denn, ach! große Kinder, große Sorgen! Unsre Haushaltung ist +überladen. Ich hab' kein Vermögen, keins von euch kann noch sicher sein +Brot gewinnen. Du bist das älteste. Was willst du<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> nun anfangen? In +der Stube hocken und mit der Baumwolle hantieren, seh' ich wohl, magst +du nicht. Du wirst müssen tagmen!«<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> — »Was du willst, mein Vater!« +antwortete ich, »nur ja nicht ofenbruten!« Wir waren bald einig. Der +damalige Schloßbauer, Weibel K., nahm mich zum Knecht an. Von meiner +überstandenen Krankheit war ich noch ziemlich abgemattet, aber mein +Meister, als ein vernünftiger und stets aufgeräumter Mann, trug alle +Geduld mit mir, um so viel mehr, da er eigne Buben von gleichem Schrot +hatte. Die meiste Zeit mußt' er seinen Amtsgeschäften nach, dann +ging's freilich oft bunt über Eck. Indessen gab er mir auch blutwenig +Lohn, und die Frau Bäurin ließ uns manchmal bis um zehn Uhr nüchtern. +Bei strenger Arbeit erhielten wir auch immer bessere Kost. Bisweilen +brachten wir ihm etwas Wildbret, einen Vogel oder Fisch nach Haus; das +ließ er sich vortrefflich schmecken. Eines Tages erbeuteten wir ein +ganzes Nest voll junger Krähen, die mußt' ihm seine Hausehre wunderbar +präparieren. Er verschlang mit ungeheurer Lust alle bis auf die letzte. +Aber mit eins gab's eine Rebellion im Magen. Er sprang vom Stuhl und +rannte todblaß und schnellen Schrittes den Saal auf und nieder, wo die +Füß' und Federn noch überall zerstreut am Boden lagen! Endlich schnauzt +er uns Buben mit lächerlichem Grimm an: »Tut mir das<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Schinderszeug +da weg, oder ich kotze euch hunderttausend Dutzend von euern Bestien +heraus. Einmal in meinem Leben solche schwarze Teufel gefressen, und +nimmermehr!« Dann legte sich der launigte Mann zu Bett, und mit einem +tüchtigen Schweiß ging alles vorbei.</p> + +<p>Auch mein Bruder Jakob verrichtete um die nämliche Zeit ähnliche +Knechtdienst'. Die Kleinern mußten in den Stunden neben der Schule +spinnen. Unter diesen war Georg ein besonders lustiger Erzvogel. Wenn +man ihn an seinem Rädchen glaubte, saß er auf einem Baum oder auf dem +Dach, und schrie Kuckuck! »Du fauler Lecker!« hieß es dann etwa von +seite der Mutter, wenn sie ihn so in den Lüften erblickte, und von +seiner: »Ich will kommen, wenn du mich nicht schlagen willst, sonst +steig ich dir bis in Himmel auf!« Was war da zu tun? Man mußte meist +des Elends lachen.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Die_erste_Liebe">Die erste Liebe</h2> +</div> + + +<p>Wenn einer in sein zwanzigstes Jahr geht, darf er schon ahnden, es +gebe zweierlei Leute in der Welt. Der Weibel hatte ein bluthübsches +Töchterchen, aber scheu wie ein Hase. Es war mir eine Freud', wenn ich +sie sah, ohne zu wissen warum? Nach etlichen Jahren heiratete sie einen +Schlingel, der ihr ein Häufchen Jungens auflud, und sich endlich als +ein Schelm aus dem Land machte. Das gute Kind!</p> + +<div class="sidenote">Ännchen</div> + +<div class="sidenote">Auf dem Pfingstmarkt</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p> + +<p>Dann hatte unser Nachbar Uli eine Stieftochter, Ännchen; die konnt' +ich alle Sonntage sehen. Allemal winselt es mir ein wenig ums +Herzgrübchen. Ich wußte wieder nicht warum, denk' aber wohl, weil's +mich so hübsch dünkte; einmal etwas anderes kam mir gewiß nicht in +den Sinn. An den gedachten Sonntagen zu Abend machten wir jungen +Leute miteinander Buntreihen, Kettenschleuffen, Habersieden, Schühle +verbergen und dergleichen. Ich war wie in einer neuen Welt, nicht +mehr ein Eremit wie im Dreyschlatt. Nun merkt' ich zwar, daß mich +Ännchen wohl leiden mocht', dacht' indessen, sie würd' sonst schon ihre +Liebsten haben. Einst aber hatte meine Mutter die Schwachheit, mir, und +zwar als wenn sie stolz drauf wäre, zu sagen: »Ännchen sehe mich gern.« +Dieser Bericht rannte mir wie ein Feuer durch alle Glieder. Bisher +hielt ich dafür, meine Eltern würden's nicht zugeben, daß ich, noch so +jung, nur die geringste Bekanntschaft mit einem fremden Mädchen hätte. +Jetzt aber — so wichtig ist es, die Menschen in nützlichen Meinungen +durch kein unvorsichtiges Wort irrezumachen — merkt ich's meiner +Mutter deutlich an, daß ich so etwas schon wagen dürfte. Indessen tat +ich nicht dergleichen, aber meine innre Freud' war nur desto größer, +daß man mir jetzt selbst die Tür aufgetan, unter das junge lustige +Volk zu wandeln. Von dieser Zeit an, versteht sich's, schnitt' ich +bei allen Anlässen Ännchen ein entschieden freundlich Gesichtchen; +aber daß ich ihr mit Worten etwas von Liebe sagen durfte, oh, um +aller Welt Gut willen hätt' ich dazu nicht Herz gehabt. Einst erhielt +ich Erlaubnis, auf den Pfingst-Jahrmarkt zu gehn. Da sann ich lang +hin und her, ob ich sie aufs Rathaus zum Wein führen dürfe? Aber das +schien mir schon zuviel gewagt. Dort sah ich sie eins herumschlängeln. +Herodes mag das Herz nicht so gepocht haben, als er Herodias Tochter +tänzeln sah. Ach! so ein schönes, schlankes, nettes Kind, in der +allerliebsten Zürchbietler-Tracht! Wie ihm die goldfarbnen Zöpf' so +fein herunterhingen! Ich stellte mich in einen Winkel, um meine Augen +im Verborgenen an ihr weiden zu können. Da sagt' ich zu mir selbst: Ah! +in deinem Leben wirst du Lümmel nie das Glück haben, ein solch Kind +zu bekommen, sie ist viel, viel zu gut für dich! Hundert andre weit +bessre Kerls werden sie lang vor dir erhaschen. So dacht' ich, als +Ännchen, die mich und meine Schüchternheit schon geraume Zeit mochte +bemerkt haben, auf mich zukam, mich freundlich bei der Hand nahm und +sagte: »Uli! führ' du mich auch eins herum!« Ich feuerrot erwiderte: +»Ich kann's nicht, Ännchen! gewiß ich kann's nicht!« — »So zahl' mir +eine halbe,« versetzte sie, ich wußt' nicht ob im Schimpf oder Ernst. +»Es ist dir nicht Ernst, Schleppsack,« erwidert' ich darum. Und sie: +»Mi See,<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a> 's ist mir ernst!« Ich todblaß: »Mi See, Ännchen, ich +darf heut' nicht!« Ein andermal. »Gwüß ich möcht' gern, aber ich darf +nicht!« Das mocht ihr ein wenig in den Kopf steigen, sie ließ sich's +aber nicht merken, trat, mir nix dir nix rückwärts und machte ihre +Sachen wie zuvor. So auch ich, stolperte noch eine Weile aus einer +Ecke in die andre, und machte mich endlich, wie alle übrigen, auf den +Heimweg. Ohne Zweifel, daß Ännchen auf mich acht gegeben. Nahe beim +Dorf kam sie hinter mir drein: »Uli! Uli! Jetzt sind wir allein. Komm' +noch mit mir zu des Seppen, und zahl mir eine Halbe!« »Wo du willst,« +sagt' ich, und damit setzten wir ein paar Minuten stillschweigend unsre +Straße fort. »Ännchen! Ännchen!« hob ich dann wieder an, »ich muß dir's +nur grad sagen, ich hab' kein Geld. Der Ätti gibt mir keins in Sack, +als etwa zu einem Schöppli, und das hab' ich schon im Städtli verputzt. +Glaub' mir's, ich wollt' herzlich gern — und dich dann heim geleiten! +Oh! Aber da müßt' ich wieder meinen Vater<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> fürchten. Gwüß, Ännchen! 's +wär das erstemal. Noch nie hätt' ich mich unterstanden, ein Mädle zum +Wein zu führen, und jetzt, wie gern ich's möcht', und auf Gottes Welt +keine lieber als dich, bitte, bitte, glaub mir's, kann und darf ich's +nicht. Gwüß ein andermal, wenn du mir nur wart'st, bis ich darf und +Geld hab'.« — »Ei, Possen, Närrlin!« versetzte Ännchen, »dein Vater +sagt nichts, und bei der Mutter will ich's verantworten — weiß schon, +wo der Has lauft. Geld? Mit samt dem Geld! 's ist mir nicht ums Trinken +und nicht ums Geld — und damit griff sie ins Säcklin — hier hast du, +glaub' ich, genug, zu zahlen, wie's der Brauch ist. Mir wär's Ein Ding, +ich wollt' lieber für dich zahlen, wenn's so Mode wär'.« Paf! Jetzt +stand ich da, wie die Butter an der Sonne. Ich gab endlich Ännchen mit +Zittern und Beben die Hand, und so ging's vollends ins Dorf hinein, zum +Engel. Mir ward's blau und schwarz vor den Augen, als ich mit ihr in +die Stube trat, und da alles von Tischen voll Leute wimmelte, die einen +Augenblick wenigstens auf uns ihre Blicke richteten. Indessen deucht' +es mich auch wieder, Himmel und Erde müss' einem gut sein, der ein so +holdes Mädchen zur Seite hat. Wir tranken unsre Maß, weder zu langsam +noch zu geschwind; zu schwatzen gab's, ich denk' durch meine Schuld, +eben nicht viel. Entzückt, und ganz durchglüht von Wein und Liebe, aber +immer voll Furcht, führt' ich nun das herrliche Kind nach Haus, bis an +die Türe. Keinen<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> Kuß? Keinen Fuß über ihre Schwelle? Ich schwöre es: +Nein! Auch ich lief nun schnurstracks heim, ging mausstill zu Bett', +und dachte: Heut wirst du bald und süßer entschlummern, als sonst noch +nie in deinem Leben! Aber wie ich mich betrog! Da war von Schlaf keine +Rede. Tausend wunderbare Grillen gingen mir im Kopf herum und wälzten +mich auf meinem Lager hin und her. Hauptsächlich verwünscht' ich jetzt +meine kindische Blödigkeit und Furcht: Oh, das himmlische süße Mädchen! +dacht' ich, konnt' es wohl mehr tun, und ich weniger? Ach! es weiß +nicht, wie's in meinem Busen brennt, und nur durch meine Schuld. Oh, +ich Hasenherz! Solch ein Liebchen nicht küssen, nicht halb zerdrücken! +Kann Ännchen so einen Narren, so einen Lümmel lieben? Nein! Nein! Warum +spring' ich nicht auf und davon, zu ihrem Haus, klopf an ihrer Tür' und +rufe: Ännchen, Ännchen, liebstes Ännchen! Steh' auf, ich will abbitten! +Ich war ein Ochs, ein Esel! verzeih mir's doch! O, ich will's künftig +besser machen, und dir gewiß zeigen, wie lieb mir bist! Herziger +Schatz! ich bitt' dich drum, sei mir doch weiter gut und gib mich nicht +auf. Ich will mich bekehren, bin noch jung und was ich nicht kann, will +ich lernen. — So machte mich, gleich vielen andern, die erste Liebe +zum Narren.</p> + +<p>Des Morgens in aller Frühe flog ich nach Ännchens Haus. — Ja, das +hätt' ich tun sollen, tat's aber eben nicht. Ich schämt' mich vor ihr, +daß mir's Herz davon<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> weh tat, in die Seel' hinein schämt ich mich, vor +den Wänden, vor Sonn' und Mond, vor allen Stauden schämt' ich mich, +daß ich gestern so erzalbern tat. Meine einzige Entschuldigung vor +mir selber war, daß ich dachte, es hätte so seine eigne studierte Art +mit den Mädels umzugehn, und ich wüßte diese Art nicht, niemand sage +mir's, und ich hätt' nicht das Herz, jemand zu fragen. Aber so (roch's +mir dann wieder auf) darfst du Ännchen nie, nie mehr unter die Augen +treten, fliehen mußt du vielmehr das holde Kind, oder kannst wenigstens +nur im Verborgenen mit ihr deine Freud' haben, nur verstohlen nach ihr +blicken. Inzwischen macht' ich eine neue Bekanntschaft mit ein paar +Nachbarsbuben, die auch ihre Schätz' hatten, um heimlich von ihnen +zu erfahren, wie man mit diesen schönen Dingen umgehen und es machen +müsse, ihnen zu gefallen. Einmal nahm ich gar das Herz in beide Händ' +und fragte sie darum, aber sie lachten mich aus, und sagten mir so +närrisches und unglaubliches Zeug, daß ich gar nicht mehr wußte, wo ich +zu Haus war.</p> + +<p>Inzwischen ward diese Liebesgeschichte, die ich gern vor mir selber +verborgen hätte, bald überall laut. Die ganze Nachbarschaft, und +besonders die Weiber, gafften mir, wo ich stund und ging, ins Gesicht, +als ob ich ein Eisländer wäre: »Ha, ha, Uli!« hieß es dann, »du hast +die Kinderschuh auch verheyt.«<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a> Meine Eltern wurden's ebenfalls +inne. Die Mutter lächelte dazu, denn<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Ännchen war ihr lieb, aber +der Vater blickte mich desto trüber an, doch ließ er kein Wörtchen +verlauten, als ob er in meinem Busen Unrat lese. Das war nun desto +peinigender für mich. Ich ging überall umher wie der Schatten an der +Wand und wünschte oft, daß ich Ännchen nie mit einem Aug' gesehen +hätte. Auch meine Bauersleute rochen bald den Braten und spotteten +meiner.</p> + +<div class="sidenote">Nachtbesuch</div> + +<div class="sidenote">Eifersucht</div> + +<p>Eines Abends kam mir Ännchen so in den Wurf, daß ich nicht entwischen +konnte. Ich stund wie versteinert. »Uli!« sagte sie, »komm heut z'Nacht +ein bißli zu mir, ich hab' mit dir z'reden. Willst kommen, sag'?« — +»Ich weiß nicht,« stotterte ich. »Eh, komm! Ich muß notwendig mit +dir reden, sag, versprich mir's!« »Ja, ja gewiß, wenn ich kann!« Wir +mußten scheiden. Ich rannte eilends nach Haus. Himmel! dacht' ich, was +mag das sein? Kann das liebe Ännchen mir noch so freundlich begegnen? +Soll ich, darf ich? Ja, ich muß, ich will gehn. Nun geriet ich, ob aus +Ehrlichkeit oder List weiß ich selbst nicht, auf den guten Einfall, +das Ding der Mutter zu sagen. »Ja ja, geh' nur,« sprach diese, »ich +will dir nach dem Essen schon forthelfen, daß kein Hahn darnach krähen +soll.« Das war mir recht gekocht. Alles gesagt, getan. Ich ging hin +und traf Ännchen, ihre Mutter und ihren Stiefätti, sie hielten sonst +eine Schenke, ganz allein an. Ich ließ ein Glas Branz<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a> holen, um +doch etwas zu tun, bis die Alten im<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Bett' wären, weil ich nichts +zu reden wußte. Aus lauter Furcht saß ich weit von Ännchen weg. +Aber darum mocht' ich's doch kaum erwarten, bis die Eltern zur Ruh' +gingen. Endlich geriet's. Da fing mein Liebchen an, in einem fort zu +schnättern, daß es lieblich und doch betrübt zu hören war, als sie mir +über mein kaltes Bezeigen Vorwürf' über Vorwürf' machte, und alles, +was sie die Zeit her über mich schwatzen gehört, mir unter die Nase +rieb. Ich faßte Mut, verantwortete mich so gut ich konnte, und sagt' +ihr auch gerad' allen Kram heraus, was die Leut' von ihr redeten und +wofür man sie hielt, von meinen Gesinnungen hingegen kein Wort: »So!« +sagte sie, »was schiert mich der Leute Reden! Ich weiß schon, wer +ich bin, und hinter dir hätt' ich ein wenig mehr als soviel gesucht. +Macht aber nichts, schadet gar nichts!« Nachdem dieser Wortwechsel +noch ein Weilchen fortgedauert hatte, und mir das Brenz ein wenig in +den Kopf stieg, wagt' ich's ihr ein bißchen näher zu rücken, denn +das zwar bösscheinende, aber verzweifelt artige Räsonnieren gefiel +mir in der Seele wohl. Ich erkühnte mich sogar, ihr einige läppische +Lehrstücke von erznärrischen Liebkosungen zu machen. Sie wies mich +aber frostig zurück und sagte: »Kannst mir warten! Wer hat dich das +gelehrt?« Dann schwieg sie eine Weile still, guckte steif ins Licht, +und ich ein gut' Klafter von ihr entfernt, ihr ins Gesicht. Oh, ihre +zwei blauen Äuglin, die gelben Haarlocken, das nette Näschen, das +lose<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Mäulchen, die sanft roten Bäcklin, das feine Ohrläpplin, das +geründelte Kinn, das glänzend weiße Hälschen, o, in meinem Leben hab' +ich so nichts gesehn. Kein Maler vom Himmel könnt's schöner malen. +»Dürft' ich doch,« dacht' ich, »nur ein einziges Mal einen Kuß auf +ihr holdes Mündlein tun! Aber nun hab' ich's schon wieder, und ach! +wohl auf ewig verdorben.« Ich nahm also kurz und gut Abschied. Ganz +frostig sagte sie: »Adieu!« Ich noch einmal: »Leb' wohl, Anne!« und im +Herzen: Leb' ewig wohl, herzallerliebstes Schätzchen! Aber vergessen +konnt' ich sie nun einmal nicht. In der Kirch' sah ich sie mehr als +den Pfarrer, und wo ich sie erblickte, war mir wohl ums Herz. Eines +Sonntagabends sah ich einen Schneiderbursch Ännchen heimführen. Wie +da urplötzlich mein Blut sich empörte, und alle Säfte mir in allen +Gliedern rebellierten! Halb sinnlos sprang ich ihnen auf dem Fuß nach, +ich hätte den Schneider erwürgen können, aber ein gebietender Blick von +Ännchen hielt mich zurück. Inzwischen macht' ich ihr nachwärts bittere +Vorwürf' drüber, und eine ganze Litanei von räudigen Schneidern und +Schneidereigenschaften. Dacht' halt: Verloren ist verloren! — Aber +Anne blieb mir nichts schuldig, wie ihr's leicht denken könnt.</p> + +<div class="sidenote">Die Eltern</div> + +<p>Ännchens Stiefätti war ein leichtsinniger Brenzwirt; ihm galt's +gleichviel, wer kam und ihm sein Brenz absoff. Ich war nun in kurzem +bei seinem Töchterchen wieder wohl am Brett, und genoß dann und<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> wann +ein herrliches Viertelstündchen bei ihr. Das lag meinem Vater gar +nicht recht. Er sprach mir ernstlich zu, es half aber alles nichts, +Ännchen war mir viel zu lieb. Fürchterlich schimpft' er bisweilen +auf das verdammte Brenznest, wie er es nannte; und Anne sah' er für +eine liederliche Dirn' an. Aber Gott weiß es! das war sie nicht; das +redlichste bravste Mädchen, fast meiner Länge, so schlank und hübsch +geformt, daß es eine Lust war. Aber ja, schwätzen konnt' sie wie eine +Dohle. Ihre Stimme klang wie ein Orgelpfeifchen. Sie war immer munter +und allert;<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a> um und um lauter Leben; und das macht es eben, daß +mancher Sauertopf so schlimm von ihr dachte. Wenn meine Mutter meinen +Vater nicht bisweilen eines Besseren belehrt, er hätt' mit Stock und +Stein dreingeschlagen.</p> + +<div class="sidenote">Ännchen zum Besuch</div> + +<p>So verstrich der Sommer. Noch in keinem hatten mir die Vögel, die ich +alle Morgen mit Entzücken behorchte, so lieblich gesungen. Gegen den +Herbst zogen wir in die Pulverstampfe, wo um diese Zeit mein Vater zum +Pulvermacher angenommen worden war. Der Meister, C. Gasser, wurde von +Bern verschrieben, und lehrt' uns das Handwerk aus dem Fundament, so +daß wir auch das Schwerste in wenig Wochen begreifen konnten. Unter +andern war mein Ätti froh, mich jetzt ein Stück weit von Ännchen +weg zu haben. Auch überwand ich mich ziemlich lang — als das liebe +Kind<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> einst unversehens zu uns zu Stubeten<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a> kam. Ich erschrak +sehr, und dacht' da würd' ein Wetter losgehen. So lang' sie da war, +hingen des Vaters Augenbraunen tief herunter, er schnaubte vor Grimm, +redte kein Wort, horchte aber, wie man leicht merken mochte, auf alle +Scheltwort'. Oh, wie dauerte mich das herrliche Schätzchen! Würd's +doch mein Vater wie ich kennen, wie ganz anders wär's da empfangen +worden. Des Abends geleitete ich sie nach Haus. Noch war ich immer +der alte blöde Junge. Sie neckte mich artlicher als sonst, aber doch +mußt's geneckt sein. Morgens drauf erst ging des Ättis Predigt an: +was er an Ännchen Ungereimtes bemerkt, oder vielmehr bemerkt haben +wollte, was er gehört und nicht gehört, sondern nur vermutet, das +alles kam in die Nutzanwendung seines Sermons. Allerhand Spottnamen, +und kurz, alles was Ännchen in meinen Augen verächtlich machen sollte, +blieb <span class="antiqua">per se</span> nicht aus. Und wirklich, so lieb mir das Mädchen +war, nahm ich mir jetzund doch vor, von ihr abzustehn, weil mir der +Vater sie schwerlich jemals lassen würde, und inzwischen noch mancher +Ehrenpfennig ihretwegen spazieren müßte. Gleichwohl darf ich zu ihrem +Preis auch nicht verschweigen, daß sie mich nie um Geld bringen wollte, +ja, daß sie sogar, wenn ich für sie ein Brenzlin zahlte, nicht selten +die Ürte<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a> mir heimlich<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> wieder zusteckte. Eines Tags nun sagt' ich +zum Ätti: »Ich will nicht mehr zur Anne gehn', ich versprech dir's.« +»Das wird mich freuen,« sprach er, »und dich nicht gereuen, Uli! Ich +mein's gewiß gut mit dir. Sei doch nicht so wohlfeil. Du bist noch +jung, und kommst alleweil früh genug zum Schick. Unterdessen geht's dir +sicher mehr auf als ab. So eine gibt's noch, wann der Markt vorbei ist. +Führ' dich brav auf, bet' und arbeite, und bleib fein bei Haus. Dann +gibst einen rechten Kerl, einen Mann ins Feld, und, ich wette, bekommst +mit der Zeit ein braves Bauernmädle. Indessen will ich immer für dich +sorgen.«</p> + +<p>So ging der Winter vorbei. Aber mein Wort hielt ich wenig, und sah +Ännchen, so oft es insgeheim geschehen konnte.</p> + +<div class="sidenote">Immer noch Liebesgeschichten</div> + +<p>Von Gallitag bis in März konnten wir kein Pulver machen. Ich verdient' +also mein Brot mit Baumwollenkämmen; die andern mit Spinnen. Der Vater +machte die Hausgeschäfte, las uns an den Abenden aus David Hollatz, +Böhm und Meads »Beinahe-Christ« die erbaulichsten Stellen vor, und +erklärte uns, was er für unverständlich hielt, eben nicht allemal am +verständlichsten. Ich las auch für mich. Aber mein Sinn stund meist +nicht im Buch, sondern in der weiten Welt.</p> + +<p>Im folgenden Frühling (1755) hieß es: Wohin nun mit so viel +Buben? Jakob und Jörg wurden zum Pulvermachen bestimmt, ich zum +Salpetersieden. Bei<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> diesem Geschäft gab mir mein Vater den Uli +M., einen groben, aber geraden, ehrlichen Menschen zum Gehilfen, +der ehemals Soldat gewesen, und das Handwerk von seinem Vater her +verstand, der in seinem Beruf, aber auch elend genug, verstorben, da +er in einen siedenden Salpeterkessel fiel. Wir beiden Ulis fingen +also miteinander im März 1755 in der Schamatten unsern Gewerb an. Da +gab's unter der Arbeit allerlei Gespräche, die mein Kamerad wohl durch +einen Umweg, und wie ich nachwärts erfuhr, geflissen, vielleicht gar +auf Anstiften meines Vaters auf Heiratsmaterien zu lenken wußte. Er +empfahl mir endlich eine schon ziemlich ältliche Tochter zur Frau, +die auch meinen Eltern, dem Ätti besonders, ihres bestandenen Alters +und stillen Wandels wegen, wohl gefiel. Ihnen zu Gefallen, führt' ich +diese Ursel ein paar Mal zum Wein. Mein Uli machte viel Rühmens von +diesem Esaugesicht, das er, nach seiner eignen Sag', schon vor zehn +Jahren karessiert hätte. Daß ich eben wenig Reizendes an ihr entdeckte, +versteht sich schon. Eine Stunde bei ihr dünkte mich eine halbe Nacht, +so gut sie mir immer begegnete, ja, je besser, desto schlimmer für +mich. Übrigens trug sie eine ordentliche Bauerntracht. Aber mit Ännchen +verglichen war's halt wie Tag und Nacht. Als mich daher letztre eines +Tags an der Straß' auffing, sprach sie mit bitterm Spott: »Pfui, Uli! +So ein Haargesicht, so eine Iltishaut, so ein Tanzbär! Mir sollt' +keiner mehr auf einen Büchsenschuß nahe kommen, der sich an einer<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> +solchen Dreckpatsche beschmiert hätte! Uhi! wie stinkst!« Das ging mir +durch Mark und Bein. Ich fühlte, daß Ännchen recht hatte; aber dennoch +verdroß es mich. Ich verbiß meinen Unmut, schlug ein erzwungenes +Gelächter auf, und sagte: »Gut, gut, Ännchen! Nächstens will ich dir +alles erklären!« und damit gingen wir voneinander. Es währte kaum +vierundzwanzig Stunden, so gab ich meiner grauen Ursel förmlichen +Abschied. Sie sah mir wehmütig nach und rief immer hintendrein: »Ist +denn nichts mehr zu machen? Bin ich dir zu alt oder nicht hübsch gnug? +Nur noch einmal.« Aber ein Wort, ein Mann.</p> + +<p>Am nächsten Huheijatag,<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a> wo Ännchen auch gegenwärtig war, sah sie, +daß ich allein trank. Sie kam freundlich zu mir und lud mich auf den +Abend ein. Voll Entzücken flog ich zu ihr hin, und merkte bald, daß ich +wieder recht willkomm war, obschon mir das schlaue Mädle über meine +Bekanntschaft mit Urseln aufs neue die bittersten Vorwürfe machte. Ich +erzählte ihr haarklein, wie das Ding zugegangen. Sie schien sich zu +beruhigen. Das machte mich herzhafter; ich wagte zum erstenmal, es zu +versuchen, sie an meine Brust zu drücken, und einen Kuß anzubringen. +Aber, potz Welt! da hieß es: »So! Wer hat dich das gelehrt? G'wiß die +alte Hudlerin. Geh, geh, scher' dich, und sitz erst ins Bad, dir den +Unrat abzuwaschen.« — Ich: »Ha! Ich bitt' dich, Schätzle! sei mir +nicht kurios. Hab' dich<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> ja alleweil geliebt, und lieb dich je länger +je stärker. Laß mich doch — nur eins!« — Sie: »Abslut nicht! Um alles +Geld und Gut nicht! Fort, fort, nimm deine Trallwatsch, die dir das +Ding gewiesen!« — Ich: »Ach! Ännchen! Schätzchen! Laß mich! Hätt' +dich schon lang für mein Leben gern — ach, mein Gott!« — Sie: »Laß +mich gehn — ich bitt' dich! — Gewiß nicht. — Einmal jetzt nicht.« +— Endlich sagte sie freundlich lächelnd: »Wenn du wiederkommst!« Aber +dreimal, wenn ich wiederkam, fing das verschmitzte Mädchen immer das +nämliche Spiel an. So können diese schlauen Dinger die dummen Buben +lehren. Endlich schlug die erwünschte Stunde: »Ännchen, Ännchen! +liebstes Ännchen! Kannst's auch übers Herz bringen? Bist mir doch so +herzinniglich lieb! Und ich sollt' kein einzig Mal dein holdes Mündchen +küssen? Gelt, du erlaubst's mir? Ich kann's länger nicht aushalten. +Lieber will ich dich ganz und gar meiden.« Jetzt drückte sie mir +freundlich die Hand, sagte aber wieder: »Nun gewiß, das nächstemal, +wenn du wiederkommst!« Hier fing mir an, die Geduld auszugehn. Ich ward +wild und schnippisch. Sie hinwieder befürchtete, glaub' ich, Unrat; +foppte mich zwar, wie es scheinen sollte, noch immerfort, daß es eine +Lust war; aber mit eins kam ihr ein Tränchen ins Aug', und sie wurde +zahm wie ein Täubchen: »Nun ja!« sagte sie: »'s ist wahr, du hast die +Prob' ausgehalten. Du solltest mir für deine Sünd' büßen. Aber die +Straf' hat mich mehr gekostet, als<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> dich, liebes, herziges Üchelin!« +Dies sagte sie mit einem so süßen Ton, der mir jetzt noch wie ein +fernes Silberglöcklin ins Ohr läutet: Ha! dacht' ich einen Augenblick, +jetzt könnt' ich dich wieder strafen, loses Kind! Aber ich bedacht' +mich bald eines Bessern, riß mein Liebchen in meine Arme, gab ihr wohl +tausend Schmätzchen auf ihr zartes Gesichtlin, überall herum, von einem +Ohr bis zum andern, und Ännchen blieb mir kein einziges schuldig; +nur daß ich schwören wollte, daß die ihrigen noch feuriger als die +meinigen waren. So ging's ohne Unterlaß fort mit Herzen und Schäkern +und Plaudern bis zur Morgendämmerung. Jetzt kehrt' ich jauchzend nach +Haus und glaubte der erste und glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden +zu sein. Aber bei alldem fühlt' ich's lebhaft, noch fehle mir, ich +wußte doch nicht was? Meist kam's, glaub ich, darauf hinaus: Oh, könnt' +ich mein Ännchen, könnt' ich dies holde, holde Kind ganz besitzen, +völlig mein heißen, und ich sein, sein Schätzchen, sein Liebchen! Wo +ich darum stund und ging, waren meine Gedanken bei ihr. Alle Wochen +durft' ich eine Nacht zu ihr wandeln; die schien mir eine Minute, die +Zwischenzeit sechs Jahre zu sein. Oh, der seligen Stunden! Da setzte es +tausend und hunderterlei verliebte Gespräche, da eiferten wir in die +Wette, einander in Honigwörtchen zu übertreffen, und jeder neue oder +alte Ausdruck galt einen neuen Kuß. Ich mag nicht schwören und schwöre +nicht, aber das waren gewiß nicht nur die seligsten, sondern auch +die<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> schuldlosesten Nächte meines Lebens! Und doch, ich darf's einmal +nicht verbergen, war Ännchens Ruf nicht der beste. Dies hatte sie ohne +Zweifel ihrem freien, geschwätzigen Mäulchen zu verdanken. Ich habe +stets und immer mehr das redlichste, beste, züchtigste Mädchen an ihr +gefunden. Freilich, von jenen eigentlichen Verführerkünsten braucht' +ich und kannt' ich wirklich keine, doch bin ich überzeugt, daß sie auch +dergleichen siegreich widerstanden wäre.</p> + +<p>So ging der mir unvergeßliche Sommer des Jahres 1755 wie eine Woche +vorbei, und täglich gewann ich mein Ännchen lieber. Vor allen andern +Mädels ekelte mir's, obgleich ich von Zeit zu Zeit Gelegenheit hatte, +mit den artlichsten Töchtern des Lands bekannt zu werden. Inzwischen +war ich ein muntrer Salpetersieder, bald allein, bald in Gesellschaft +mit jenem andern Uli, der sich noch immer große Mühe gab, mir die +wunderbarsten Dinger anzukuppeln. Aber, puh! davon war keine Rede mehr, +nebendem daß ich noch überall an kein Heiraten denken durfte.</p> + +<div class="sidenote">Es geht auf Reisen</div> + +<p>Es war im Herbst, als ich eines Tages meinem Vater eine hübsche Buche +im Wald fällen half. Ein gewisser Laurenz Aller von Schwellbrunn, +ein Rechen- und Gabelmacher, war uns dabei behilflich und kaufte uns +nachwärts das schönste davon ab. Unter allerhand Gesprächen kam's auch +auf mich: »Ei, ei, Hans!« sagte Laurenz, »du hast da einen ganzen +Haufen Buben. Was willst mit allen anfangen? Hast doch kein Gut,<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> und +kann keiner ein Handwerk. Schad', daß du nicht die größten in die Welt +'nausschickst. Da könnten sie ihr Glück machen. Siehst's ja an des +Hans Joggelis seinen: Die haben im Welsch-Berngebiet gleich Dienst +gefunden, sind noch kaum ein Jahr fort, und kommen schon wie ganze +Herren neumontiert, mit goldbordierten Hüten heim, sich zu zeigen. Sie +würden um kein Geld mehr hiezuland bleiben.« »Ha!« sagte mein Vater: +»Aber meine Buben sind dazu zu läppisch und ungeschickt, des Hans +Joggelis hingegen witzig und wohlgeschult; können lesen, schreiben, +singen und geigen. Meine sind nur lauter Narren in Vergleichung; sie +stehen, wo man's stellt, und tun's Maul auf.« »Behüte Gott!« versetzte +Laurenz, »mußt das nicht sagen, Hans! Sie wären gewiß zu brauchen; +sonderlich der große da ist wohl gewachsen, kann auch lesen und +schreiben, und ist sicher kein Stockfisch — seh's ihm wohl an. Potz +Wetter! wenn der recht getummelt wird, das gäb' einen Kerl. Würd'st die +Augen aufsperren! Hans, ich will dir Mann dafür sein, daß er nach Jahr +und Tag heimkommt gestiefelt und gespornt, und Geld hat wie Hünd,<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a> +daß es dir ein' Ehr' und Freud' sein soll.« Während diesem Gespräch +sperrt' ich Maul und Augen auf und guckte dem Vater ins Gesicht. Er +mir dergleichen und sprach: »Was meinst, Uli?« Aber eh' ich antworten +konnte, fuhr Laurenz fort: »Potz Hagel! wenn ich noch<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> so jung wär', +und 's Maul voll hübsche Zähn' hätte, wie du, das ganze Tockenburg mit +allen seinen Stricken und Seilern sollten mich nicht im Land behalten. +Ich bin auch in der Welt 'rumkommen. Ha! da gibt's G'lobte Länder, und +Geld z' verdienen wie Dreck. Weiß, was ich da gesehen hab'. Aber ich +war halt ein liederlicher Narr, und nun ist's zu spät, wenn man dem +Alter zuruckt, und gar ein Weib hat. Oh, ich möchte noch brieggen<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a> +darob. Aber, was ist zu machen?« »Alles gut,« fiel mein Vater ein; +»aber da müßt' er Empfehlungsschreiben oder sonst jemand haben, der ihm +in den Teich hülfe. Ich wollte freilich gern all meine Kinder versorgt +wissen, und keinem vor dem Glück stehn. Aber« — »Aber, was aber?« +unterbrach ihn Laurenz. »Dafür laß mich sorgen, es soll dich nicht +einen Heller kosten, Hans! und Bürg will ich dir sein, dein Bub soll +versorgt werden, daß er einen Mann, daß er einen Herrn gibt. Ich kenne +weit und breit angesehene Leut' genug, die solche Bursch' glücklich +machen können; und da will ich dem Uli g'wiß den besten aussuchen, daß +er mir's sein Lebtag danken soll.« — Mein Vater traute gegen seine +Gewohnheit diesmal geschwind; denn er war dem Laurenz gut. Und von +mir kam's, einige Liebesskrupel ausgenommen, von denen wir bald reden +werden, gar nicht in Frage. Sobald es einmal von des Ätti Seite hieß: +»Wie, Uli,<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> hätt'st Lust?« hieß es von meiner: »Ja!« Mein Vater mochte +um so viel zufriedener sein, da er mich dergestalt vollends von Ännchen +entfernen konnte. Der Mutter hingegen lag's gar nicht recht. Aber, man +weiß es schon, wenn der Näbishans einmal einen Entschluß gefaßt, hätten +ihn Himmel und Erde nicht mehr davon abwendig gemacht. Es ward also Tag +und Stund' abgeredt, wo ich mit Laurenz verreisen sollte, ohne weiter +einem Menschen ein Wort davon zu sagen: denn es mache nur unnötigen +Lärm, sagte mein Führer.</p> + +<p>Gute Nacht, Welt! Ich geh' ins Tirol. So hieß es bei mir. Denn +einesteils wenigstens war ich lauter Freude, meinte, der Himmel hange +voll Geigen und Hackbrettlin, und hätt' Siegel und Brief in der Tasche, +daß mein Glück gemacht sei. Andersteils ging mir's freilich entsetzlich +nahe, nicht eben das Vaterland, aber das Land zu meiden, wo mein +Liebstes wohnte. Ach! könnt' ich mein Ännchen nur mitnehmen, dacht' ich +wohl hunderttausendmal. Aber dann wieder: Fünf, höchstens sechs Jahr' +sind doch bald vorbei. Und wie wird's dann mein Schätzchen freuen, wenn +ich mit Ehr' und Gut beladen, wie ein Herr nach Haus kehren, oder es zu +mir in ein Gelobt Land abholen kann.</p> + +<div class="sidenote">Abschied vom Vaterland</div> + +<p>Also, auf den siebenundzwanzigsten des Herbstmonats (1755), Samstag +abends, ward's abgeredt, den Weg in Gottes Namen unter die Füße zu +nehmen. »Wir wollen bei Nacht und Nebel fort,« sagte Laurenz; »es gibt +sonst ein gar zu wunderfitzig Gelüg, und an einem<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> Werktag hab' ich +nicht Zeit. Mach' dich also reis'fertig. Einen guten Rock, damit ist's +getan.« Samstag morgens macht' ich alles zurecht. Nun ging's an den +Abschied. Mutter und Schwestern vergossen häufige Tränen, und fingen +schon um Mittag an, mir tausendmal: Gott behüt', Gott geleit' dich! +zu sagen. Mein Vater, ebenfalls voll Wehmut, gab mir nebst etlichen +Batzen folgendes auf den Weg: »Uli!« sprach er, »du gehst fort, Uli! +Ich weiß nicht wohin, und du weißt's ebensowenig. Aber Laurenz ist ein +gereister Mann, und ich trau' ihm die Redlichkeit zu, er werd' irgendwo +ein gutes Nest kennen, wo er dich absetzen kann. Du von deiner Seite +halt' dich nur redlich und brav, so wird's, will's Gott! nicht übel +fehlen. Jetzt bist du noch wie ein ungebacknes Brötlin. Gib Achtung und +laß dich weisen, du bist gelehrig. Übrigens weißt du, ich hab' dir das +Ding nie mit einem Wort weder geraten noch mißraten. Es war Laurenzens +Einfall und dein Wille; denen fügt' ich mich, und zwar noch mit +ziemlich schwerem Herzen. Denn am End' konnt' ich dir noch wie bisher +Brot geben, wenn du dich weiter willig zu saurer und nicht saurer +Arbeit, wie sie kommt, bequemt hättest. Aber darum werd' ich mich nicht +minder freuen, wenn du jetzt Speis' und Lohn dazu auf eine leichtere +Art verdienen oder gar dein Glück machen kannst. Was mir am meisten +Mühe macht, Uli! ist deine Jugend und dein Leichtsinn. Glaub mir's, du +gehst in eine verführerische Welt hinaus, wo's Halunken und Schurken<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> +genug gibt, die auf die Unschuld solcher Buben lauern. Ich bitt' dich, +trau' keinem Gesicht, bis du's kennst, und laß dich zu nichts bereden, +was dich nicht recht dünkt. Bete fleißig, wie Daniel zu Babel, und +vergiß nie, daß, wenn ich dich schon nicht mehr sehe und höre, dein +bessrer Vater im Himmel in alle Winkel der Welt sieht und hört, was du +denkest und tust. Du weißt ja die Bibel, das heißt Gottes Wort, in- und +auswendig. Sinn' ihm nach, und vergiß es nie, wie wohl's den frommen +Leuten, die Gott liebten, gegangen ist. Denk! Ein Abraham, Joseph, +David. Und wie hingegen jenen nichtsnutzen, gottlosen Buben, wie +unglücklich sie worden sind. Um deiner Seelen willen, Uli! um deiner +zeitlichen und ewigen Wohlfahrt willen, vergiß deines Gottes nicht. +Wo der Himmel über dir steht, ist er stets bei dir. Ich kann weiter +nichts, als dich seinem allmächtigen Schutz anbefehlen, und das will +ich tun, unablässig.« — — So ging's noch eine kurze Weile fort. Mein +Herz ward weich wie Wachs. Vor Schluchzen konnt' ich nichts sagen, als: +»Ja, Vater, ja!« und in meinem Inwendigen hallt' es wieder: »Ja, Vater, +ja!« Endlich, nach einer kurzen Stille, sprach er: »Nun, in Gottes +Namen, geh!« und ich: »Ja, ich will gehen!« und: »Liebe, liebe Mutter! +tu doch nicht so, es wird mir nicht gänzlich fehlen. Behüt' euch Gott! +lieber Vater, liebe Mutter! Behüt' euch Gott alle, liebe Geschwisterte! +Folgt doch dem Vater und der Mutter! Ich will ihren guten Ermahnungen +auch folgen in der<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> weit'sten weiten Ferne.« Dann gab mir jedes die +Hand. Die Zähren rollten ihnen über die feuerroten Backen. Ich mußte +fast ersticken. Drauf gab mir die Mutter den Reisebündel und ging +beiseite. Mein Vater geleitete mich noch ein Stück Wegs. Es war schon +Abenddämmerung. In der Schamatten begegnete mir Kaspar Müller. Der gab +mir ein artiges Reis'geldlin und Gottes Geleit auf die Straße.</p> + +<div class="sidenote">Abschied vom Schätzle</div> + +<p>Nun flog ich noch zu meinem Ännchen hin, welcher ich erst ein paar +Nächte vorher mein Vorhaben entdeckt hatte. Sie ward darüber gewaltig +verdrießlich, wollt' sich's aber anfangs nicht merken lassen. +»Meinethalben,« sagte sie mit ihrem unnachahmlichen Bitterlächeln, +»kannst gehen, hab' gemeint, wer nur so liebt, mag sich packen, wohin +er will.« »Ach! Liebchen,« sprach ich, »du weißt wahrlich nicht, wie +weh 's mir tut; aber du siehst wohl, mit Ehren könnten wir's so nicht +mehr lang aushalten. Und ans Heiraten darf ich jetzt nicht denken. Bin +noch zu jung; du bist noch jünger, und beide haben wir keines Kreuzers +Wert. Unsre Eltern vermöchten nicht uns ein Nestlin zu schaffen, wir +gäben ein ausgemachtes Bettelvölklin. Und wer weiß, das Glück ist +kugelrund. Einmal, ich lebe der guten Hoffnung.« »Nun, wenn's so ist, +was liegt mir dran?« fiel Ännchen ein. »Aber, gelt! du kommst noch +einmal zu mir, eh' du gehst?« »Ja, freilich, warum nicht?« versetzt +ich: »Das hätt' ich sonst getan!« Jetzt ging ich, wie gesagt, wirklich, +meinem Herzchen<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> das letzte Lebewohl zu sagen. Sie stund an der Tür, +sah meine Reisepäckchen, hüllte ihr hold gesenktes Köpfchen in ihre +Schürze und schluchzte, ohne ein Wort zu sagen. Das Herz brach mir +schier. Es machte mich wirklich schon wankend in meinem Vorhaben, bis +ich mich wieder ein wenig erholt hatte. Da dacht' ich: In Gottes Namen! +es muß denn doch sein, so weh' es tut. Sie führt mich in ihr Kämmerlin, +setzt sich aufs Bett, zieht mich wild an ihren Busen, und — ach! ich +muß einen Vorhang über diese Szene ziehn, so rein sie übrigens war, und +so honigsüß mir noch heute ihre Vergegenwärtigung ist. Wer nie geliebt, +kann's und soll's nicht wissen, und wer geliebt hat, kann sich's +vorstellen. G'nug, wir ließen nicht ab, bis wir beide matt von Drücken, +geschwollen von Küssen, naß von Tränen waren, und die andächtige Nonne +in der Nachbarschaft Mitternacht läutete. Dann riß ich mich endlich +aus Ännchens weichen, holden Armen los. »Muß es denn sein?« sagte sie: +»Ist auf Himmel und Erde nichts dafür? Nein! Ich lass' dich nicht, +geh' mit dir, so weit der Himmel blau ist. Nein, in Ewigkeit lass' ich +dich nicht, mein alles, alles auf der Welt!« Und ich: »Sei doch ruhig, +liebes, liebes Herzchen! Denk einmal ein wenig hinaus, was für Freude, +wenn wir uns wiedersehen und ich glücklich bin!« Und sie: »Ach! ach! +dann laßst du mich sitzen!« Und ich: »Ha! in alle Ewigkeit nicht, und +sollt' ich der größte Herr werden und bei Tausenden gewinnen, in alle +Ewigkeit lass' ich dich nicht<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> aus meinem Herzen. Und wenn ich fünf, +sechs, zehn Jahre wandern müßte, werd' ich dir immer, immer getreu +sein. Ich schwör' dir's«! (wir waren jetzt auf der Straße nach dem +Dorf, wo Laurenz mich erwartete, fest umschlungen, und gaben uns Kuß +und Kuß —) »Der blaue Himmel da ob uns mit allen seinen funkelnden +Sternen, diese stille Mitternacht — diese Straße da sollen Zeugen +sein!« Und sie: »Ja! ja! Hier meine Hand und mein Herz, fühl' meinen +klopfenden Busen, Himmel und Erde seien Zeugen, daß du mein bist, daß +ich dein bin; daß ich, dir unveränderlich getreu, still und einsam +deiner harren will, und wenn's zehn und zwanzig Jahre dauern, wenn +unsre Haare drüber grau werden sollten; daß mich kein männlicher Finger +berühren, mein Herz immer bei dir sein, mein Mund dich im Schlaf küssen +soll, bis« — — hier erstickten ihr die Tränen alle Worte. Endlich +kamen wir zu Laurenzes Haus. Ich klopfte an. Wir setzten uns vors Haus +aufs Bänkchen, bis er herunterkam. Wir achteten seiner kaum. Wirklich +fing Ännchen jetzt wieder aufs neue an; die Scheu vor einem lebendigen +Zeugen gab uns selber den Mut, uns besser zu fassen. Wir waren beide so +beredt wie Landvögte. Aber freilich übertraf mich mein Schätzchen in +der Redekunst, in Liebkosungen und Schwüren himmelweit. Bald ging's ein +wenig bergauf. Nun wollte Laurenz Ännchen nicht weiterlassen. »Genug +ist genug, ihr Bürschlin!« sagte er. »Uchel! so kämen wir ewig nicht +fort. Ihr klebt da aneinander wie<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Harz. Was hilft jetzt das Brieggen? +Mädel, es ist Zeit, mit dir ins Dorf zurück. Es gibt noch der Knaben +mehr als genug!« Endlich, freilich währt' es lange genug, mußt' ich +Ännchen selber bitten, umzukehren: »Es muß, es muß doch sein!« Dann +noch einen einzigen Kuß, aber einen, wie's in meinem Leben der erste +und der letzte war, und ein paar Dutzend Händedrück', und: Leb', leb' +wohl! Vergiß mein nicht! Nein, gewiß nicht, nie, in Ewigkeit nicht! Wir +gingen; sie stand still, verhüllte ihr Gesicht und weinte überlaut, ich +nicht viel minder. Soweit wir uns noch sehen konnten, schweiten<a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a> wir +die Schnupftücher und warfen einander Küsse zu. Jetzt war's vorbei. +Wir kamen ihr aus dem Gesicht. Oh, wie's mir da zumute war! Laurenz +wollte mir Mut einsprechen und fing eine ganze Predigt an: wie's in +der Fremde auch schöne Engel gebe, gegen welche mein Ännchen nur ein +Rotznäschen sei und dergleichen. Ich ward böse auf ihn, sagte aber kein +Wort, ging immer stumm hinter ihm her, sah wehmütig ans Siebengestirn +hinauf. Zwei kleine Sterne gegen Mittag sah ich, wie mir's deuchte, +so nahe beisammen, als wenn sie sich küssen wollten, und der ganze +Himmel schien mir voll liebender Wehmut zu sein. So ging's fort, +ohne meinerseits zu wissen wohin, und ohne den mindesten Gedanken an +Gutes oder Böses, das mir etwa bevorstehen könnte. Laurenz plauderte +beständig;<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> ich hörte wenig und betete in meinem Inwendigen fast +unaufhörlich: Gott behüte meine liebe Anne! Gott segne meine lieben +Eltern! Gegen Tagesanbruch kamen wir nach Herisau. Ich seufzte noch +immer meinem Schätzchen nach: Ännchen, Ännchen, liebstes Ännchen! Und +nun, vielleicht für lange das letztemal, schreib' ich's noch mit großen +Buchstaben: ÄNNCHEN!</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Wanderschaft">Wanderschaft</h2> +</div> + + +<p>Es war ein Sonntag. Wir kehrten im Hecht ein und blieben da den ganzen +Tag. Alles gaffte mich an, als wenn sie nie einen jungen Tockenburger +oder Appenzeller gesehen hätten, der in die Fremde ging, nicht wußte +wohin, noch viel minder warum. An allen Tischen hört' ich viel von +Wohlleben und lustigen Tagen reden. Man setzte uns wacker zu trinken +vor. Ich war des Weins nicht gewohnt und darum bald aufgeräumt und +recht guter Dingen.</p> + +<div class="sidenote">Nachtwanderung</div> + +<p>Wir machten uns erst bei anbrechender Nacht wieder auf den Weg. Ein +fuchsroter Herisauer, und, wie Laurenz, ein Müller, war unser Gefährte. +Es ging auf Gossau und Flohweil zu. An letzterm Ort kamen wir bei einem +Schopf vorbei, wo etliche Mädel beim Licht Flachs schwungen. »Laßt mich +einmal,« sagt' ich, »ich muß die Dinger sehn, ob keine meinem Schatz +gleiche?« Damit setzt' ich mich unter sie hin und spaßte ein wenig +mit ihnen. Aber da war wenig zu vergleichen. Indessen musterten mich +meine Führer fort, sagten, ich werde derlei Zeug noch genug bekommen, +und machten allerlei schmutzige Anmerkungen, daß ich rot bis über +die Ohren ward. Dann kamen wir auf Rickenbach, Frauenfeld, Nünforn. +Hier überfiel mich mit eins eine entsetzliche Mattigkeit. Es war, des +Marschierens und Trinkens nicht einmal zu gedenken,<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> das erstemal +in meinem Leben, daß ich zwo Nächte nacheinander nicht geschlafen +hatte. Allein die Kerls wollten nichts vom Rasten hören, pressierten +gewaltig auf Schaffhausen zu, und gaben mir endlich, da ich schwur, +ich könnte keinen Schritt weiter, ein Pferd. Das gefiel mir nicht +unfein. Unterwegs ging's an ein Predigen, wie ich mich in Schaffhausen +verhalten, hübsch grad strecken und frisch antworten sollte. Dann +flismeten<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a> sie zwei miteinander, doch mit Fleiß so, daß ich's hören +mußte, von galanten Herren, die sie kennten, deren Diener es so gut +hätten als die Größten im Tockenburg. »Sonderlich,« sagte Laurenz, +»kenn' ich einen Deutschländer, der sich dort inkognito aufhält, gar +ein vornehmer Herr von Adel, der allerlei Bediente braucht, wo's der +geringste besser hat als ein Landamman.« »Ach!« sagt' ich, »wenn ich +nur nicht zu ungeschickt wäre, mit solchen Herren zu reden!« — »Nur +gradzu gered't, wie's kömmt,« sagten sie, »so haben's dergleichen +vornehme Leut' am liebsten.«</p> + +<div class="sidenote">In Schaffhausen</div> + +<div class="sidenote">Preußische Werbeoffiziere</div> + +<p>Wir kamen noch bei guter Zeit in Schaffhausen an und kehrten beim +Schiff ein. Als ich vom Pferd eher fiel als stieg, war ich halb +lahm und stund da wie ein Hosendämpfer. Da ging's von Seite meiner +Führer an ein Mustern, das mich bald wild machte, da ich nicht +begreifen konnte, was endlich draus werden sollte. Als wir die Stiege +hinaufkamen, hießen sie mich ein wenig<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> auf der Laube warten, traten +in die Stube und riefen mich nach wenigen Minuten hinein. Da sah ich +einen großen hübschen Mann, der mich freundlich anlächelte. Sofort +hieß man mich die Schuh' ausziehn, stellte mich an eine Säul' unter +ein Maß und betrachtete mich vom Kopf bis zu'n Füßen. Dann red'ten +sie etwas Heimliches miteinander; und hier stieg mir armen Bürschchen +der erste Verdacht auf, die zwei Kerls möchten's nicht zum besten +mit mir meinen. Dieser Argwohn verstärkte sich, als ich deutlich die +Worte vernahm: »Hier wird nichts draus, wir müssen weiter gehn.« +»Heut' setz' ich keinen Fuß mehr aus diesem Haus,« sagt' ich zu mir +selber; »ich hab' noch Geld!« Meine Führer gingen hinaus. Ich saß +am Tische. Der Herr spazierte das Zimmer auf und ab und guckte mich +unterweilen an. Neben mir schnarchte ein großer Bengel auf der Bank, +der wahrscheinlich im Rausch in die Hosen geschwitzt, daß es kaum zu +erleiden war. Als der Herr während der Zeit einmal aus der Stube ging, +nahm ich die Gelegenheit wahr, die Wirtsjungfer zu fragen, wer denn +wohl dieser Bursche sein möchte. »Ein Lumpenkerl,« sagte sie. »Erst +heute hat ihn der Herr zum Bedienten angenommen, und schon sauft der +H. sich blindstern voll und macht e'n Gestank, puh!« — »Ha!« sagt' +ich, eben als der Herr wieder hereintrat, »so ein Bedienter könnt' +ich auch werden.« Dies hört' er, wandte sich gegen mich und sprach: +»Hätt'st du zu so was Lust?« »Nachdem es ist,« antwortet' ich. »Alle +Tag neun<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Batzen,« fuhr er fort, »und Kleider so viel du nötig hast.« +»Und was dafür tun?« versetzt' ich. Er: Mich bedienen. Ich: Ja! wenn +ich's könnte. Er: Will dich's schon lehren. Pursch, du gefällst mir. +Wir wollen's vierzehn Tag probieren. Ich: Es bleibt dabei. Damit war +der Markt richtig. Ich mußt' ihm meinen Namen sagen. Er ließ mir +Essen und Trinken vorsetzen und tat allerlei gutmütige Fragen an +mich. Unterdessen waren meine Gefährten, wie ich nachwärts erfuhr, +zu ein paar andern preußischen Werbeoffizieren gegangen, deren sich +damals fünf auf einmal in Schaffhausen befanden, und machten bei +ihrer Zurückkunft große Augen, als sie mich so draufloszechen sahen. +»Was ist das?« sagte Laurenz. »Geschwind, komm! Jetzt haben wir dir +einen Herrn gefunden.« »Ich hab' schon einen,« antwortet' ich. Und +Er: »Wie, was? ohne Umständ« und wollten schon Gewalt brauchen. »Das +geht nicht an, ihr Leute!« sagte mein Herr. »Der Bursch' soll bei mir +bleiben!« »Das soll er nicht,« versetzte Laurenz. »Er ist uns von +seinen Eltern anvertraut.« »Lirum! Larum!« erwiderte der Herr. »Er hat +zu mir gedungen, und damit auf und Holla!« Nach einem ziemlich heftigen +Wortwechsel gingen sie miteinander in ein Nebenkabinett, wo Laurenz +und der Herisauer, wie ich im Verfolg hörte, sich mit drei Dukaten +abspeisen ließen, von denen einer meinem Vater werden sollte, den er +aber nie ansichtig ward. Damit brachen sie ganz zornig auf, ohne nur +mit einem<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> Wort von mir Abschied zu nehmen. Anfangs sollen sie bis auf +zwanzig Louisdor für mich gefordert haben.</p> + +<div class="sidenote">Als Bedienter</div> + +<p>Den folgenden Tag ließ mein Herr einen Schneider kommen und mir das Maß +von einer Montierung nehmen. Alle andern Beitaten folgten in kurzem. +Da stand ich gestiefelt und gespornt, funkelnagelneu vom Scheitel bis +an die Sohlen. Ein hübscher bordierter Hut, samtne Halsbinde, ein +grüner Frack, weißtüchene Weste und Hosen, neue Stiefel, nebst zwei +paar Schuhen: alles so nett angepaßt. — Sackerlot! Da bildet' ich +mir kein kaltes Kraut ein. Mein Herr reizte mich noch dazu, nur ein +wenig stolz zu tun. »Ollrich!« sagte er: »Wenn du die Stadt auf- und +abgehst, mußt du hübsch gravitätisch marschieren, den Kopf recht in +die Höhe, den Hut ein wenig auf's eine Ohr.« Mit eigner Hand gürtete +er mir einen Pallasch an die Seite. Als ich so das erstenmal über +die Straße ging, war's mir, als ob ganz Schaffhausen mein wäre. Auch +rückte alles den Hut vor mir. Die Leut' im Haus begegneten mir wie +einem Herrn. Wir hatten in unserm Gasthof hübsch möblierte Zimmer, und +ich selber ein ganz artiges. Ich sah aus meinem Fenster alle Stunden +des Tags das frohe Gewimmel der durchs Schifftor aus- und eingehenden +Menschen, Pferde, Wagen, Kutschen und Chaisen, und, was mir nicht wenig +schmeichelte, man sah und bemerkte auch mich. Mein Herr, der mir bald +so gut war, als ob ich sein eigner Sohn wäre,<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> lehrte mich frisieren, +frisierte mich anfangs selbst und flocht mir einen tüchtigen Haarzopf. +Ich hatte nichts zu tun, als ihm bei Tisch zu servieren, seine Kleider +auszuklopfen, mit ihm spazieren zu fahren, auf die Vögeljagd zu gehn +und dergleichen. Ha! das war ein Leben für mich. Die meiste Zeit durft' +ich vollends allein wandeln, wohin es mir beliebte. Alle Tag' ging +ich bald durch alle Gassen in dem hübschen Schaffhausen; denn außer +Lichtensteig hatt' ich bisher noch keine Stadt gesehn, und kein größer +Wasser als die Thur. Ich spazierte also bald alle Abend an den Rhein +hinaus und konnte mich an diesem mächtigen Fluß kaum satt sehn. Als ich +den Sturz bei Laufen das erstemal sah und hörte, ward mir's braun und +blau vor den Augen. Ich hatte mir's, wie so viele, ganz anders, aber so +furchtbar majestätisch nie eingebildet. Was ich mir da für ein klein +winziges Ding schien! Nach einem stundenlangen Anstaunen kehrt' ich +ordentlich wie beschämt nach Haus. Bisweilen ging's auf den Bonenberg, +der schönen Aussicht wegen. An der Lände half ich den Schiffleuten, und +fuhr bald selbst mit Pläsier hin und her.</p> + +<div class="sidenote">Unerwarteter Besuch</div> + +<p>So stund's, und mir war himmelwohl, als, ohne Zweifel durch meine +wackern Begleiter, das Gerücht in meine Heimat kam, man hätte mich aufs +Meer verkauft; namentlich sollte dies ein Mann ausgesagt haben, der +mich mit eignen Augen anschmieden und den Rhein hinunterführen gesehn. +Schon stellte man mich<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> allen Kindern zum Exempel vor, daß sie fein +bei Haus bleiben und sich nicht in die böse Welt wagen sollten. Zwar +glaubte mein Vater kein Wort hievon; weil aber die Mutter so grämlich +tat, ihm Vorwürf' über Vorwürfe machte und Tag und Nacht keine Ruhe +ließ, entschloß er sich endlich, auf Schaffhausen zu kehren und sich +selbst nach dem Grund oder Ungrund dieser Märe zu erkundigen. Also an +einem Abend, welche Freude für uns beide, als mein innigstgeliebter +Vater so ganz unerwartet, daß ich meinen Augen kaum trauen durfte, in +meine Kammer trat! Er erzählte mir, was ihn hergeführt, und ich ihm, +wie glücklich ich sei. Ich zeigte ihm meinen Kasten, die scharmanten +Kleider darin, alles Stück für Stück bis auf die Hemdknöpflin, und +stellte ihn meinem guten Herrn vor, der ihn freundlich bewillkommte +und bestens zu traktieren befahl. — Nun aber traf's sich, daß man +gerade den Abend nach dem Nachtessen in unserm Gasthof tanzte, und +mein Herr als ein Liebhaber von allen Lustbarkeiten sich solches auch +schmecken ließ, so wie mein Vater und ich uns am Tischchen in einem +Winkel der großen Gaststube unsern Braten. Ganz unversehens kam er +auf mich zu: »Ollrich! komm, mußt auch eins mit den jungen Leuten +da tanzen.« Vergebens entschuldigt' ich mich und bezeugte auch mein +Vater, daß ich mein Lebtag nie getanzt hätte. Da half alles nichts. +Er riß mich hinterm Tisch hervor und gab mir die Köchin im Haus, ein +artiges Schwabenmeitlin, an die Hand. Der<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Schweiß tropfte mir von der +Stirn vor Scham, daß ich in Gegenwart meines Vaters tanzen sollte. Das +Mädchen inzwischen riß mich so vertummelt herum, daß ich in kurzem +sinnlos von einer Wand zu der andern platschte, und damit allen +Zuschauern zum Spektakel ward. Mein lieber Ätti red'te zwar bei dieser +ganzen Szene kein Wort; aber von Zeit zu Zeit warf er auf mich einen +wehmütigen Blick, der mir durch die Seele ging. Wir legten uns noch +zeitig genug zu Bette. Ich ward nicht müde, ihm nochmals eine ganze +Predigt zu machen, wie wohl ich mich befinde, was ich für einen gütigen +Herrn habe, wie freundlich und väterlich er mir begegne und so fort. +Er gab mir nur mit abgebrochenen Worten Bescheid: Ja, so, es ist gut, +und schlief, so wie ich nicht minder, ziemlich unruhig ein. Des Morgens +nahm er Abschied, sobald mein Herr erwacht war. Derselbe zahlte ihm die +Reisekosten, gab ihm noch einen Taler auf den Weg, und versicherte ihn +hoch und teuer, ich sollt' es gewiß gut bei ihm haben und wohl versorgt +sein, wenn ich mich weiter treu und redlich betragen würde. Mein +redlicher Vater, der nun schon wieder Mut und Zutrauen faßte, dankte +höflich und empfahl mich aufs beste. Ich gab ihm das Geleit bis zum +Kloster Paradies. Auf der Straße sprachen wir so herzlich miteinander, +als es seit jener Krankheit in meiner Jugend nie geschehen. Er gab mir +vortreffliche Erinnerungen: »Vergiß deine Pflichten, deine Eltern und +deine Heimat nicht, so wird dich<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> Gottes Vaterhand gewiß auf gute Wege +leiten, welche freilich weder ich noch du voraussehn.« Beim Abschied +zerdrückten wir uns fast. Ich konnte vor Schluchzen kaum ein: Behüte, +behüte Gott! herstammeln, und dachte immer: Ach! könnt' ich doch mein +gegenwärtiges Glück ungetrennt von meinem guten Ätti genießen, jeden +Bissen mit ihm teilen, und dergleichen.</p> + +<div class="sidenote">Der Dienst</div> + +<div class="sidenote">Johann Markoni</div> + +<p>Meines Diensts war ich bald gewohnt. Mein Herr hatte, ohne mein Wissen, +etlichemal meine Treu auf die Probe gestellt, und hie und da im +Zimmer Geld liegen lassen. Als bald nachher einem andern preußischen +Werboffizier sein Bedienter mit dem Schelmen davonging und ihm über +achtzig Gulden enttrug, sagte mein Herr zu mir: »Willst du mir's auch +einmal so machen, Ollrich?« Ich versetzte lachend: Wenn er mir so +etwas zutraue, soll er mich lieber fortjagen. Ich hatte aber wirklich +sein Vertrauen so sehr gewonnen, daß er mir den ganzen Winter durch +die Schlüssel zu seiner Stube und Kammer ließ, wenn er etwa ohne +Bedienten kleine Touren machte. Hinwieder ehrte und liebte ich ihn wie +einen Vater. Aber er war auch freundlich und gütig danach. Nur zu viel +konnt' ich spazieren und müßig gehn, und fuhr ich, besonders im Herbst, +oft über Rhein auf Feuerthalen, denn die alte Brücke war kurz vorher +eingefallen, und die neue erst akkordiert, in die Weinlese. Dort half +ich dem jungen Volke Trauben essen, bis ans Halszäpflin. Einmal bei +einer solchen Überfahrt sagte mir jemand: »Nun, wie geht's Ulrich?<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> +Weißt du auch, daß dein Herr ein preußischer Offizier ist?« Ich: »Ja! +meinetwegen, er ist ein herzguter Herr.« »Ja, ja!« sagte jener, »wart' +nur, bis d'enmal in Preußen bist, da mußt Soldat sein und dir den +Buckel braun und blau gerben lassen. Um tausend Taler möcht' ich nicht +in deiner Haut stecken.« Ich sah dem Burschen starr ins Gesicht, und +dachte bloß, der Kerl rede so aus Bosheit oder Neid; ich ging dann +geschwind nach Haus und erzählte meinem Herrn alles haarklein, worauf +derselbe versetzte: »Ollrich, Ollrich! Du mußt nicht so jedem Narren +und Flegel dein Ohr geben. Ja! es ist wahr, preußischer Offizier bin +ich — und was ist's denn? von Geburt ein polnischer Edelmann, und +damit ich dir alles auf die Nase binde, heiß' ich Johann Markoni. +Bisher nanntest du mich Herr Leutnant. Aber eben dieser Grobiane wegen +sollst du mich künftig Ihr Gnaden! schelten! Übrigens sei nur getrost +und guten Muts, dir soll's, bei Edelmanns Parole! nie fehlen, wenn du +anders ein wackrer Bursche bleibst. Soldat solltest werden? Nein, bei +meiner Seel' nicht! Ich konnt' dich ja haben, um ein paar schlichte +Louisdor wollten deine beiden saubern Landsleut' dich verkaufen. Aber +du warst mir dazu etwas zu kurz; von deiner Länge nimmt man noch keinen +an, und ich behielt dir was Besseres vor.« Nun, dacht' ich, bin ich +Leibs und Guts sicher. Ha, der gute Herr! Er hätt' mich können haben. +Die Schurken! Ja wohl, mich verkaufen? Der Henker lohn's ihnen! Aber +komm'<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> mir mehr so einer, ich will ihm das Maul mit Erde stopfen. Was +für ein vornehmer Herr muß nicht Markoni sein, und dabei so gut! Kurz, +ich glaubte ihm von nun an alles wie ein Evangelium.</p> + +<div class="sidenote">Oh, die Mütter</div> + +<p>Markoni machte bald hernach eine Reise nach Rottweil am Neckar, zwölf +Stunden von Schaffhausen. Ich mußte mit, und zwar in der Chaise. In +meinem Leben war ich in keinem solchen Ding gesessen. Der Kutscher +sprengte die Stadt hinauf bis ans Schwabentor, daß es donnerte. Ich +meinte alle Augenblick', es müsse umschlagen, und wollte mich an +allen Wänden halten. Markoni lachte sich die Haut voll: »Du fällst +nicht, Ollrich! Nur hübsch gerade!« Ich war's bald gewohnt, und das +Fuhrwerk, sowie überhaupt die ganze Tour machte mir viel Vergnügen. +Indessen begegnete mir während der Zeit ein fataler Streich. Meine +Mutter war wenige Tage nach unserer Abreise gen Schaffhausen gekommen, +und mußte, da ihr der Wirt nicht sagen konnte, wenn wir zurückkämen, +noch welchen Weg wir genommen, wieder nach Haus kehren, ohne ihr +liebes Kind gesehen zu haben. Sie hatte mir mein Neues Testament und +etliche Hemden gebracht, und dem Wirt befohlen, mir's nachzuschicken, +falls ich nicht wieder auf Schaffhausen käme. Oh, die gute Mutter! Es +war eine kleine Buße für ihren Unglauben, sie wollte dem Vater nicht +trauen, daß er mich angetroffen, sondern mit eignen Augen sehen und +erst dann glauben. Ganz trostlos, unter tausend Tränen soll sie wieder +von Schaffhausen<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> heimgegangen sein. Dies schrieb mir auf ihr Ansuchen +bald darauf Herr Schulmeister Am Bühl zu Wattweil, mit dem Beifügen, +sie lasse mir, da sie keine Hoffnung habe, mich jemals wieder zu sehen, +hiemit ihr letztes Lebewohl sagen, und gebe mir ihren Segen. Es war +ein sehr schöner Brief, er rührte mich innig. Unter anderm stand auch +darin: Als das Gerücht in meine Heimat gekommen, ich müsse über Meer, +hätten meine jungen Schwesterchen all ihr armes Gewändlin dahingeben +wollen, mich loszukaufen, die Mutter desgleichen. Damals waren ihrer +neun Geschwisterte bei Hause. Man sollte denken, das wären ihrer genug. +Aber eine rechte Mutter will keins verlieren, denn keins ist das andre. +Wirklich war sie drei Wochen vorher noch im Kindbett gelegen und kaum +aufgestanden, als sie meinetwegen auf Schaffhausen kam. Oh, die Mütter, +die Mütter!</p> + +<div class="sidenote">Hin und her</div> + +<div class="sidenote">Leben in Rottweil</div> + +<p>Da wir uns einstweilig in Rottweil im Gasthof zur Armbrust +niederließen, schrieb mein Herr auf Schaffhausen, wo er wäre, damit, +wenn seine Wachtmeister Rekruten machten, man ihm solche nachschicken +könnte. Er bekam bald Antwort. Derselben war auch das Geschenk meiner +Mutter, das Schreiben des Herrn Am Bühl, und — ich sprang hochauf! — +eines von Ännchen beigebogen; dieses letztre offen, denn es sollte ein +Zürchgulden zum Grüßchen drinstecken, und der war fort. Was schierte +mich das? Die süßen Fuchswörtlin<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> in dem Briefchen entschädigten mich +reichlich. Meiner unverschobnen ausführlichen Antworten auf diese +Zuschriften will ich nicht gedenken. Die an Ännchen zumal war lang wie +ein Nestelwurm. — Diesmal blieben wir nur kurze Zeit zu Rottweil, +gingen wieder nach dem lieben Schaffhausen zurück, und machten von +Zeit zu Zeit kleine Touren auf Dießenhofen, Stein am Rhein, Frauenfeld +u. s. f. Alle Wochen kamen Säumer aus dem Tockenburg herunter. Schon +als Landskraft waren sie mir lieb, und ich freute mich immer, sobald +ich nur die Schellen ihrer Tiere hörte. Jetzt machte ich nähere +Bekanntschaft mit ihnen, und gab ihnen ein paarmal Briefe und kleine +Geschenke an mein Liebchen und an meine Geschwister mit, erhielt aber +keine Antwort. Ich wußte nicht, wo es fehlte. Das drittemal bat ich +einen solchen Kerl, mir doch alles richtig zu bestellen. Er guckte das +Päckchen an, runzelte die Stirn und wollte weder ja noch nein sagen. +Ich gab ihm einen Batzen. »So, so,« sprach jetzt mein Herr Landsmann, +»das Ding soll richtig bestellt werden.« Und wirklich bekam ich bald +ordentliche Empfangscheine. Meine ältern Briefe und schweren Sachen +hingegen waren natürlich nach Holland geschwommen.</p> + +<p>In Schaffhausen lagen damals fünf preußische Werboffiziers in +verschiedenen Wirtshäusern. Alle Tag traktierte einer die andern. +So kam's auch jeden fünften Tag an uns. Das kostete jedesmal einen +Louisdor, dafür gab's freilich Burgunder und Champagner<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> gnug zu +trinken. Aber bald hernach wurde ihnen ihr Handwerk gelegt, wie die +Sag' ging, weil ein junger Schaffhauser, der in Preußen seine Jahre +ausgedient, keinen Abschied kriegen konnte. Kurz, sie mußten alle fort, +und neue Nester suchen. Mein Herr hatte ohnehin hier schlechte Beute +gemacht, drei einzige Erzschurken ausgenommen, die sich, Verbrechen +wegen, auf flüchtigen Fuß setzen mußten. Wir begaben uns wieder nach +Rottweil. Hier kriegten wir in etlichen Wochen vollends einen einzigen +Kerl, einen Deserteur aus Piemont, der aber Markoni viel Freude +machte, weil er sein Landsmann war, und mit ihm polnisch parlieren +konnte. Sonst war's in Rottweil ein lustig Leben. Besonders gingen +wir oft mit einem andern Werboffizier, nebst unserm braven Wirt und +etlichen Geistlichen, in die Nachbarschaft aufs Jagen. Im Hornung +1756 machten wir eine Reise nach Straßburg. Auf dem Weg nahmen wir zu +Haßlach im Kinzingertal unser Schlafquartier. In derselben Nacht war +das entsetzliche Erdbeben, welches man durch ganz Europa verspürte. +Ich empfand nichts davon, denn ich hatte mich tags vorher auf einem +Karrngaul todmüd geritten. Am Morgen aber sah' ich alle Gassen voll +Schornsteine, und im nächsten Wald war die Straße mit umgeworfenen +Bäumen in die Kreuz und Quer so verhackt, daß wir mehrmals Umwege +nehmen mußten. In Straßburg mußt' ich Maul' und Augen aufsperren, denn +da sah' ich erstens: die erste, große Stadt; zweitens:<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> die erste +Festung; drittens: die erste Garnison; und viertens: am dortigen +Münster das erste Kirchengebäud', bei dessen Anblick ich nicht lächeln +mußte, wenn man es einen Tempel nannte. Wir brauchten acht Tag' zu +dieser Tour. Mein Herr hielt mich auch diesmal gastfrei und zahlte mir +gleich meinen Sold. Da hätt' ich Geld machen können wie Heu, wär' ich +nicht ein liederlicher Tropf gewesen. Er selbst hielt nicht viel besser +Haus. Bei unsrer Rückkehr hatten wir zu Rottweil alle Tage Ball, bald +in diesem, bald in jenem Wirtshause. Fast alle Hochzeiten richtete man, +Markoni zu Gefallen, in dem unsrigen an. Der beschenkte alle Bräute, +und trillerte dann eins mit ihnen herum. Auch für mich war dies ein +ganzes Fressen. Zwar hatt' ich mir's fest vorgenommen, meinem Ännchen +treu zu bleiben, und hielt wirklich mein Wort, gleichwohl aber macht' +ich mir kein Gewissen daraus, hie und da mit einem hübschen Kind zu +schäkern, wie mich denn auch die Dinger recht wohl leiden mochten. +Mein Herr war vollends ein Liebhaber des schönen Geschlechts bis zum +Entsetzen, und im Notfall jede Köchin ihm gut genug. Mich bewahre +Gott davor, dacht' ich oft, so ein armes bisher ehrliches Mädchen zu +besudeln, dann heut oder morgen wegzureisen und es sitzen zu lassen. +Eine von den beiden Köchinnen im Wirtshause, Mariane, dauerte mich +innig. Sie liebte mich heftig, gab und tat mir, was sie mir an den +Augen ansah. Ich hingegen bezeigte mich immer schnurrig, sie ließ +sich's<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> aber nicht anfechten, und blieb gegen mich stets dieselbe. +Schön war sie nicht, aber herzlich gut. Die andre Köchin, Hanne, machte +mir schon mehr Anfechtungen. Diese war zierlich hübsch, und ich, +vermutlich darum, eine Zeitlang sterblich verliebt in sie. Hätt' sie +meine Aufwart williger angenommen, wär' ich wirklich an ihr zum Narren +worden. Aber ich sah bald, daß sie gut mit Markoni stund. Ich merkte, +daß sie alle Morgen zu ihm aufs Zimmer schlich. Damit tat sie mir +einen doppelten Dienst: Erstlich verwandelte sich meine Liebe in Haß, +zweitens stand nun mein Herr nicht mehr so früh als gewöhnlich auf, +also konnt' auch ich hinwieder um so viel länger schlafen. Bisweilen +kam er schon gestiefelt und gespornt auf meine Kammer und traf mich +noch im Bett' an, ohne mir Vorwürf' zu machen, denn er merkte, daß +ich wußte, wo die Katz' im Stroh lag. Nichtsdestoweniger warnte er +mich, nach solcher Herren Weise, vor seinen eignen Sünden mit großem +Ernst. »Ollrich!« hieß es da, »hörst, mußt dich mit den Mädels nicht +zu weit einlassen, du könnt'st die schwere Not kriegen!« Übrigens +hatt' ich's in allen Dingen bei und mit ihm wie von Anfang, viel +Wohlleben für wenig Geschäfte, und meist einen Patron wie die liebe +Stunde, zwei einzige Mal ausgenommen, einmal, da ich den Schlüssel +zum Halsband seines Pudels nicht auf der Stell' finden konnte, das +andre Mal, da ich einen Spiegel sollte zerbrochen haben. Beidemal +war ich unschuldig. Aber das hätt' mir wenig geholfen,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> sondern nur +durch demütiges Schweigen entging ich der zumal des Schlüssels wegen +schon über mir gezogenen Fuchtel. Derlei Geschichtchen, kurz, alles, +was mir Süßes oder Saures widerfuhr, meine Liebesmücken ausgenommen, +schrieb ich fleißig nach Haus, und predigte bei solchen Anlässen meinen +Geschwistern ganze Litaneien voll, wie sie Vater, Mutter und andern +Vorgesetzten ja nie widerbelfern, sondern, auch wo sie Unrecht zu +leiden vermeinen, sich hübsch gewöhnen sollten, das Maul zu halten, +damit sie's nicht von fremden Leuten erst zu spät lernen müßten. Alle +meine Briefe ließ ich meinem Herrn lesen, nicht selten klopfte er mir +während der Lektur auf die Schulter! Bravo, Bravo! sagte er dann, +verpitschierte sie mit seinem Siegel, und hielt mich in Ansehung aller +an mich eingehenden Depeschen portofrei.</p> + +<p>Mir ist so wohl beim Zurückdenken an diese glücklichen Tage! Heute noch +schreib' ich mit innigem Vergnügen davon, und ich bin jetzt noch so +wohl zufrieden mit meinem damaligen Ich, so geneigt, mich über alles zu +rechtfertigen, was ich in diesem Zeitraum tat und ließ. Freilich vor +dir nicht, Allwissender! Aber vor Menschen darf ich's sagen: Damals war +ich ein guter Bursch' ohne Falsch, vielleicht für die arge Welt nur +zu redlich. Harmlos und unbekümmert bracht' ich meine Tage hin, heut' +wie gestern, und morgen wie heute. Kein Gedanke stieg in mir auf, daß +es mir jemals anders als gut gehen könnte. In allen Briefen<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> schrieb +ich meinen Eltern, sie sollten zwar für mich beten, aber nicht für +mich sorgen, der Himmel und mein guter Herr sorgten schon für mich. +Man glaube mir's oder nicht, der einzige Kummer, der mich bisweilen +anfocht, war dieser: Es dürft' mir noch zu wohl werden, und dann möcht' +ich Gottes vergessen. Aber nein! beruhigte ich mich bald wieder, das +werd' ich nie: War er's nicht, der mir, durch Mittel, die nur seine +Weisheit zum besten lenken konnte, zu meinem jetzigen erwünschten Los +half? Mein erster Schritt in die Welt geriet unter seiner leitenden +Fürsorge so gut; warum sollten die folgenden nicht noch besser +gelingen? Auf irgendeinem Fleck der Erde werd' ich vollends mein Glück +bau'n. Dann hol' ich Ännchen, meine Eltern und Geschwister zu mir, +und mache sie des gleichen Wohlstands teilhaft. Durch welche Wege? +fragt' ich mich nie, und hätt' ich daran gedacht, so wär's mir nicht +schwer gewesen, drauf zu antworten, denn damals war mir alles leicht. +Zudem kam mein Herr tagtäglich mit allerlei Exempeln von Bauern, die +zu Herren worden, und andern Fortunaskindern angestochen. Der Herren, +die zu Bettlern worden, tat er keine Meldung. Er versprach auch, an +meinem ferneren Fortkommen wie ein treuer Vater zu arbeiten. Was hätt' +ich weiter befürchten sollen, oder vielmehr, was nicht alles hoffen +dürfen? Von einem Herrn wie Markoni, einem so großen Herrn, dacht' +ich Esel, dem zweit- oder drittnächsten vielleicht auf den König, der +Länder und<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Städte, geschweige Gelds zu vergeben hat, soviel er will. +Aus seiner jetzigen Güte zu schließen, was wird er erst für mich in +der Zukunft tun? Oder warum sollt' er auf mich groben, ungeschliffenen +Flegel jetzt schon so viel wenden, wenn er nicht große Dinge mit mir +im Sinn hätte? Konnt' er mich nicht, gleich andern Rekruten, geradezu +nach Berlin transportieren lassen, wenn er je im Sinn hätte, mich zum +Soldaten zu machen, wie mir's ehemals ein paar böse Mäuler aufbinden +wollten? Nein! Das wird in Ewigkeit nicht gescheh'n, darauf will ich +leben und sterben. So dacht' ich, wenn ich vor lauter Wohlbehagen je +Zeit zu denken hatte. Gesund war ich wie ein Fisch. Das Traktement +konnt' ich nach meinem Geschmack wählen, und Mariane ließ mir's an +guten Bissen nie fehlen. Tanz und Jagd förderten die Dauung; denn ohne +das hätt's mir freilich an Bewegung gefehlt. Markoni besuchte, bald hie +bald da, alle Edelleut' in der Runde. Ich mußte überall mit; und es tat +mir in der Seele wohl, wenn ich sah, wie er ordentlich Hoffart mit mir +trieb. Sonst waren solche Ausritte zu diesen meist armen Schmalzgrafen +seinem Geldbeutel wenig nutz. Dann kostete ihn das Tarockspiel mit +Pfaffen und Laien auch schöne Batzen. Einst mußt' ich darum die Karten +vor seinen Augen in kleine Stück zerreißen und dem Vulkan zum Opfer +bringen, aber morgens drauf ihm schon wieder neue holen. Ein andermal +hatt' er auch eine ziemliche Summ' verloren, und kam abends um neun +Uhr<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> mit einem tüchtigen Räuschchen verdrießlich nach Haus. »Ollrich!« +sagte er, »geh', schaff mir Spielleut', es koste, was es will.« »Ja, +Ihr Gnaden!« antwortet ich, »wenn ich dergleichen wüßte; und dann ist's +schon so spät und stockfinster.« »Fort, Racker!« fuhr er fort, »oder +—« und machte ein fürchterlich wildes Gesicht. Ich mußte mich packen, +stolperte im Dunkeln durch alle Straßen, und spitzte die Ohren, ob +ich nirgends eine Geige höre? Als ich endlich zu oberst im Städtchen +an die Müller- und Bäckerherberg' kam, merkt' ich, daß es da etwas +Herumspringens absetzen wollte. Ich schlich mich hinauf und ließ einen +Spielmann herausrufen. Die Bursch' in der Stube schmeckten den Braten; +ein paar von ihnen kamen ihm auf dem Fuß nach, und husch! mit Fäusten +über mich her. Dem Wirt hatt' ich's zu danken, daß sie mich nicht fast +zu Tod geschlagen. Der Apollossohn hatte mir zwar ins Ohr geraunt, +sie wollten bald aufwarten. Jetzt aber zweifelt' ich, ob er mir Wort +halten könnte. Dennoch war ich Tropfs genug, sobald ich nach Haus +kam, mit den Worten ins Zimmer zu treten: »Ihr Gnaden! innert einer +Viertelstund' werden sie da sein!« — Die Furcht vor neuen Prügeln, eh' +noch die alten versaust wären, verführte mich zu diesem Wagestück. Aber +nun stand ich Höllenangst aus, bis ich wußte, ob ich nicht aus übel +ärger gemacht. Mittlerweile erzählt' ich Markoni, was ich seinetwegen +gelitten, um <span class="antiqua">per Avanzo</span> sein Mitleid rege zu machen, wenn der +Guß fehlen<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> sollte. Die tausendslieben Leute kamen, eh' wir's uns +versahen. Unser Wirt hatte inzwischen etliche lustige Brüder und ein +paar Jungfern rufen lassen. Jetzt kommandierte Markoni Essen und +Trinken, was Küche und Keller vermochten, warf den Musikanten zum +voraus einen Dukaten hin, und tanzte eine Menuett und einen Polnischen. +Bald aber fing er auf seinem Stuhl an zu schnarchen; dann erwacht' er +wieder, und rief: »Ollrich! mir ist's so hundsföttisch!« Ich mußt' ihn +also zu Bett bringen. Im Augenblick schlief er ein wie ein Stock. Das +war uns übrigen recht gekocht. Wir machten uns lustig wie die Vögel im +Hanfe; alles so durcheinander, Herren und Dienstboten. Es währte bis +morgens um vier Uhr. Mein Herr erwachte um fünf. Seine ersten Worte +waren: »Ollrich! Sein Tage trau' Er keinem Menschen; 's ist alles +falsch wie'n Teufel. Wenn der Kujon von R*** kömmt, so sag' Er, ich sei +nicht zu Hause.«</p> + +<div class="sidenote">Adieu Rottweil!</div> + +<p>Dieser von R*** war einer von Markonis faulen Debitoren, wie er deren +viel hatte. Nun fürchtete er zwar nicht, daß derselbe ihm Geld bringen, +aber wohl, daß er noch mehr bei ihm holen möchte; denn mein Herr konnte +keinem Menschen etwas abschlagen. Indessen wollt' er mich von Zeit +zu Zeit dazu brauchen, ihm dergleichen Schulden wieder einzutreiben; +dazu aber taugt' ich in Grundsboden nicht: die Kerls gaben mir gute +Wort'; und ich ging zufrieden nach Haus. Aber länger mocht' eine solche +Wirtschaft nicht dauern.<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Dazu kam, daß Markoni am End' das ärgste +befürchten mußte, wenn er bedachte, wie wenig Bursche er für so viel +Geldverzehrens seinem König geliefert hatte; denn der Große Friedrich, +wußt' er wohl, war zugleich der genaueste Rechenmeister seiner Zeit. +Er strengte darum mich, unsern Wirt, und alle seine Bekannten an, uns +doch umzusehn, ob wir ihm nicht noch ein paar Kerls ins Garn bringen +könnten? Aber alles vergebens. Auch die beiden Wachtmeister Hevel und +Krüger langten um die gleiche Zeit ebenfalls mit leeren Händen wieder +zu Rottweil an. Nun mußten wir uns sämtlich reisefertig machen. Vorher +aber gab's noch ein paar lustige Tägel. Hevel war ein Virtuos' auf +der Guitarr, Krüger eine gute Violine; beide feine Herren, solang +sie auf der Werbung lagen, beim Regiment aber magere Korporals. Ein +dritter endlich, Labrot, ein großer, handfester Kerl, ließ ebenfalls +seinen Schnurrbart wieder wachsen, den er als Werber geschoren trug. +Diese drei Bursche belustigten noch zu guter Letzt ganz Rottweil mit +ihren Sprüngen. Es war eben Fastnacht, wo die sogenannte Narrenzunft, +ein ordentliches Institut dieser Stadt, bei welchem über zweihundert +Personen von allen Ständen eingeschrieben sind, ohnehin ihre Gaukeleien +machte, die meinem Herrn schwer Geld kosteten. Und kurz, es war hohe +Zeit, den Fleck zu räumen. Jetzt ging's an ein Abschiednehmen. Mariane +flocht mir einen zierlichen Strauß von kostbaren künstlichen Blumen, +den sie mir<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> mit Tränen gab, und den ich ebensowenig mit trockenem Aug' +abnehmen konnte. Und nun ade! Rottweil, liebes friedsames Städtchen! +liebe, tolerante, katholische Herren und Bürger! Wie war's mir so +tausendswohl bei euerm vertrauten, brüderlichen Zechen! Ade! ihr +wackern Bauern, die ich an den Markttagen in unserm Wirtshaus so gern +von ihren Geschäften plaudern hörte, und so vergnügt auf ihren Eseln +heimreiten sah! Wie trefflich schmeckten mir oft Milch und Eier in +euern Strohhütten! Wie manche Lust genoß ich auf euern schönen Fluren, +wo Markoni so viel Dutzend singende Lerchen aus der Luft schoß, die +mich in die Seele dauerten! Wie entzückt war ich, so oft mein Herr +mir's vergönnte, in euern topfebenen Wäldern, an des Neckars reizenden +Ufern, auf und nieder zu schlendern, wo ich ihm Hasen ausspähen sollte, +aber lieber die Vögel behorchte, und das Schwirren des Wests in den +Wipfeln der Tannen! Und nirgends war's so lustig als um Hefendorf, +und dann bei dem auf einem schauerlich schönen Felsenberg gelegenen +Schlosse Rotenstein, welches der dasselbe fast rund umrauschende Neckar +zu einer höchst romantischen Halbinsel macht. — Nochmal also ade! +Rottweil, wertes, teures Nestchen! Ach! vielleicht auf ewig! Ich hab' +seit der Zeit so viel Städte gesehn, zehnmal größer, und zwanzigmal +saubrer und netter als du bist! Aber mit aller deiner Kleinheit, und +mit allen deinen Miststöcken, warst du mir zehn- und zwanzigmal lieber +als sie! Ade, Marianchen! Tausend<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Dank für deine innige, und doch +so unverdiente Liebe zu mir! Ade! Sebastian Zipfel, lieber, guter +Armbrustwirt! und deine zarte Mühle desgleichen! Lebt alle, alle wohl!</p> + +<div class="sidenote">Reise nach Berlin</div> + +<p>Den fünfzehnten März 1756 reisten wir in Gottes Namen, Wachtmeister +Hevel, Krüger, Labrot, ich und Kaminski, mit Sack und Pack, und, den +letztern ausgenommen, alle mit Unter- und Übergewehr, von Rottweil ab. +Marianchen nähte mir den Strauß aufn Hut und schluchzte; ich drückte +ihr einen Neunbätzner in die Hand und konnt's auch kaum vor Wehmut. +Denn so entschlossen ich zu dieser Reis war, und so wenig Arges ich +vermutete, fiel's mir doch ungewohnt schwer auf die Brust, ohne daß +ich eigentlich wußte, warum? War's Rottweil oder Marianchen, oder daß +ich ohne meinen Herrn reisen sollte, oder die immer weitere Entfernung +vom Vaterland und Ännchen? — Ich hatte allen zu Hause mein letztes +Lebewohl geschrieben. Markoni gab mir zwanzig Gulden auf den Weg; was +ich mehr brauche, sagte er, werde mir Hevel schießen. Dann klopfte +er mir auf die Schulter: »Gott bewahre dich, mein Sohn, mein lieber, +lieber Ollrich, auf allen deinen Wegen! In Berlin sehn wir uns bald +wieder.« Dies sprach er sehr wehmütig; denn er hatte gewiß ein weiches +Herz. Unsre erste Tagreise ging sieben Stunden weit, bis ins Städtchen +Ebingen, meist über schlechte Wege durch Kot und Schnee. Die zweite bis +auf<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> Obermarkt neun Stunden. Auf der erstgenannten Station logierten +wir beim Reh; auf der zweiten weiß ich selbst nicht mehr, was es für +ein Tier war. An beiden Orten gab's nur kalte Küche und ein Gesöff ohne +Namen. Den dritten Abend bis Ulm wieder neun Stunden. Diesen Tag fing +ich an, die Beschwerlichkeiten der Reise zu fühlen; schon hatt' ich +Schwielen an den Füßen, und war mir's sonst sterbensübel. Im Städtchen +Egna setzten wir uns ein Stück Wegs auf einen Bauernwagen, da denn das +gewaltige Schütteln dieses Fuhrwerks, zumal bei mir, seine gewohnte, +herzbrechende Wirkung tat. Als wir unweit Ulm abstiegen, ward's +mir schwarz und blau vor den Augen. Ich sank zu Boden. »Um Gottes +Barmherzigkeit willen,« sagt' ich, »weiter kann ich nicht; lieber laßt +mich auf der Gasse liegen.« Ein barmherziger Samariter lud mich endlich +auf seine nackte Mähre, auf der ich mich vollends bis ins Städtchen +so lahm ritt, daß ich weder mehr stehen noch gehen konnte. Zu Ulm +logierten wir beim Adler und hatten dort unsern ersten Rasttag. Meine +Kameraden besorgten da ihre alten Herzensangelegenheiten. Ich legte +mich auf die faule Haut. Nur sah ich an diesem Ort einen Leichenzug, +der mir sehr wohl gefiel. Das Weibsvolk ging ganz weiß bis auf die +Füße. Den fünften Tag marschierten wir bis Gengen sieben Stunden. Den +sechsten auf Nördlingen, wieder sieben Stunden, und hielten da den +zweiten Rasttag. Hevel hatte dort beim Wilden Mann ein lieb's Liesel.<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> +Sie spielte artig die Guitarr, er sang Lieder dazu. Sonst weiß ich +von diesem und so vielen andern Orten, wo wir durchkamen, nichts zu +erzählen. Meist erst nachts langten wir müd' und schläfrig an, und +morgens früh mußten wir wieder fort. Wer wollte da etwas recht sehen +und beobachten können? Ach Gott! dacht' ich oft, wenn ich nur einmal an +Ort und Stell' wäre, mein Lebtag wollt' ich nicht mehr eine so lange +Reise antreten. Kaminski war, wie ich schon einmal angedeutet, ein +lustiger Polack, ein Mann wie ein Baum, ein paar Beine wie zwei Säulen, +und lief wie ein Elefant. Labrot hatte auch seinen tüchtigen Schritt. +Krüger, Hevel und ich hingegen schonten ihrer Füße, und bald alle sechs +Tage mußte man uns flicken oder versohlen. Am achten Tage ging's nach +Gunzenhausen, acht Stunden. Gegen Mittag sahen wir Hevels Lieschen über +ein Feld dahertrippeln. Das arme Ding rannte ihm durch andere Wege bis +hierher nach, und wollte sich nicht abweisen lassen, ihn wenigstens bis +auf unsere Station zu begleiten. Von hier gingen wir über Nürnberg, +Bayreuth und Hof weiter und erreichten in sechs Tagen Schleiz, wo wir +endlich wieder Rasttag hielten. Von Gunzenhausen an hatten wir in +keinen Betten gelegen, sondern wenn's gut ging, auf elendem Stroh. +Und überhaupt, obschon wir viel Geld verzehrten, war's ein miserabel +Leben, meist schlecht Wetter, und oft abscheuliche Wege. Krüger und +Labrot fluchten und pestierten den ganzen Tag; Hevel hingegen war +ein<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> feiner, sittlicher Mann, der uns immer Geduld und Mut einsprach. +Den neunzehnten Tag gelangten wir über die Elbe bis auf Halle. Als +wir den breiten Strom passiert hatten, bezeugten die Sergeanten +große Freude, denn nun betraten wir Brandenburger Boden. Zu Halle +logierten wir bei Hevels Bruder, einem Geistlichen, der aber nichts +desto minder den ganzen Abend mit uns spielte und haselierte,<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a> so +daß ich glaube, sein Bruder Sergeant war frommer als er. Inzwischen +war mein Geld alle geworden, und Hevel mußte mir noch zehn Gulden +herschießen. Den zwanzigsten bis vierundzwanzigsten Tag ging's über +Zerbst, Dessau, Spandau und Charlottenburg in vierundvierzig Stunden +nach Berlin. An den letztern Orten zumal wimmelte es von Militär aller +Gattungen und Farben, so daß ich mich nicht satt gucken konnte, die +Türme von Berlin zeigte man uns schon, eh' wir nach Spandau kamen. +Ich dachte, wir hätten's in einer Stunde erreicht, wie erstaunt' +ich darum, als es hieß, wir gelangten erst morgen hin. Und nun, wie +war ich so herzlich froh, als wir endlich die große herrliche Stadt +erreicht. Wir gingen zum Spandauertor ein, dann durch die melancholisch +angenehme Lindenstraße, und noch ein paar Gassen durch. Da, dacht' ich +Einfaltspinsel, bringt man dich dein Lebtag nicht mehr weg, da wirst +du dir dein Glück bauen, dann schickst du einen Kerl mit<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Briefen ins +Tockenburg, der muß dir deine Eltern und Ännchen zurückbringen, die +werden die Augen aufsperren. Nun bat ich meine Führer, sie sollten mich +zu meinem Herrn führen. »Ei!« erwiderte Krüger, »wir wissen ja nicht, +ob er schon angelangt ist, und noch viel minder, wo er Quartier nimmt!« +»Der Henker!« sagt' ich, »hat er denn kein eigen Haus hier?« Über diese +Frage lachten sie sich die Haut voll. Mögen sie immer lachen, dacht' +ich, Markoni wird doch, will's Gott! ein eigen Haus haben.</p> + +<div class="sidenote">In Berlin</div> + +<p>Es war den achten April, als wir zu Berlin einmarschierten und ich +vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr, +schon acht Tage vor uns angelangt war. Labrot, denn die anderen +verloren sich nach und nach von mir, ohne daß ich wußte, wo sie +hinkamen, transportierte mich in die Krausenstraße, in Friedrichsstadt, +wies mir ein Quartier an und verließ mich kurz mit den Worten: »Da, +Mußier, bleib' Er, bis auf fernere Order!« Der Henker! dacht' ich, was +soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus! Wie ich so staunte, kam +ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit auf seine Stube, wo +sich schon zwei andre Martissöhne befanden. Nun ging's an ein Wundern +und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch +konnt' ich ihre Sprache nicht recht verstehen. Ich antwortete kurz, +ich komme aus der Schweiz, und sei Sr. Exzellenz<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> des Herrn Leutnant +Markoni Lakai, die Sergeanten hätten mich hierher gewiesen, ich möchte +aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo +er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, daß ich hätte weinen +mögen; und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz +wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß +mit wenigem Appetit. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl +ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein +müsse. Es war ein Feldweibel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm, +die er über den Tisch ausspreitete, legte ein Sechsgroschenstück dazu +und sagte: »Das ist für dich, mein Sohn! Gleich werd' ich dir noch ein +Kommißbrot bringen.« »Was? für mich?« versetzt' ich, »von wem, wozu?« +»Ei, deine Montierung und Traktement, Bursche! Was gilt's da Fragens? +Bist ja ein Rekrute.« »Wie, was? Rekrute?« erwidert' ich! »Behüte Gott! +da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein, in meinem Leben nicht. +Markonis Bedienter bin ich. So hab' ich gedungen, und anders nicht. +Da wird mir kein Mensch anders sagen können!« »Und ich sag' dir, du +bist Soldat, Kerl! Ich steh' dir dafür. Da hilft jetzt alles nichts.« +Ich: Ach! wenn nur mein Herr Markoni da wäre. Er: Den wirst du sobald +nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener +sein, als seines Leutnants? Damit ging er weg. »Um Gottes willen, Herr +Zittemann!«<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> fuhr ich fort, »was soll das werden?« »Nichts, Herr!« +antwortete dieser, »als daß Er, wie ich und die andern Herren da, +Soldat und wir folglich alle Brüder sind, und Ihm alles Widersetzen +nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache +führt, kreuzweis schließt, und Ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen +krachen, bis Er kontent ist!« Ich: Das wär', beim Sacker! unverschämt, +gottlos. Er: Glaub' Er mir's auf mein Wort, ander's ist's nicht, und +geht's nicht. Ich: So will ich's dem Herrn König klagen. Hier lachten +alle hoch auf. Er: Da kömmt Er sein Tage nicht hin. Ich: Oder wo muß +ich mich sonst melden? Er: Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist +alles umsonst. Ich: Nun so will ich's probieren, ob's so gelte? Die +Bursche lachten wieder, ich aber entschloß mich wirklich, morgens zum +Major zu gehn und meinem treulosen Herrn nachzufragen.</p> + +<div class="sidenote">Zum Rekruten gepreßt </div> + +<p>Sobald also der Tag an Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier +zeigen. Potz Most! das dünkte mich ein königlicher Palast und der Major +der König selbst zu sein, so majestätisch kam er mir vor, ein gewaltig +großer Mann, mit einem Heldengesicht und ein paar feurigen Augen wie +Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: »Herr ... Major! Ich bin ... +Herr Leutnants Markonis Be ... Bedienter. Fü ... fü ... für das bi ... +bi ... bin ich angewo ... worben, und sonst wei ... weiters für ni ... +ni ... nichts. Si ... Si ... Sie können ihn selbst fra ...<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> gen. I ... +Ich weiß nicht wo er i ... i ... ist. Jetzt sagen's da, ich müsse So +... o ... oldat sei ... ei ... ein, ich wolle o ... der wolle nicht.« +— »So!« unterbrach er mich, »so ist Er das saubre Bürschchen! Sein +feiner Herr hat uns gewirtschaftet, daß es eine Lust ist, und Er wird +wohl auch seinen Teil gezogen haben. Und kurz, jetzt soll Er dem König +dienen, da ist's aus und vorbei.« Ich: Aber Herr Major! Er: Kein Wort, +Kerl! oder die Schwernot! Ich: Aber ich hab' ja weder Kapitulation noch +Handgeld! Ach! Könnt' ich doch mit meinem Herrn reden! Er: Den wird +Er sobald nicht zu sehen kriegen, und Handgeld hat Er mehr gekost't +als zehn andre. Sein Leutnant hat eine saubere Rechnung, und Er steht +darin obenan. Eine Kapitulation soll Er haben. Ich: Aber — Er: Fort, +Er ist ja ein Zwerg, daß — Ich: Ich bi ... bi ... bitte. — Er: +Kanaille! scher' Er sich zum Teufel. Damit zog er die Fuchtel. Ich zum +Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem Quartier, das ich vor Angst +und Not kaum finden konnte. Da klagt' ich Zittemann mein Elend in den +allerhöchsten Tönen. Der gute Mann sprach mir Mut ein. »Geduld, mein +Sohn! Es wird schon alles besser gehn. Jetzt mußt' dich leiden, viel +hundert brave Bursche aus guten Häusern müssen das gleiche tun. Denn, +gesetzt auch, Markoni könnte und wollte dich behalten, so müßt' er dich +doch unter sein Regiment abgeben, sobald es hieß: ins Feld, marsch! +Aber wirklich, einstweilen würd' er kaum</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p> + +<div class="sidenote">Kapitulation</div> + +<p>einen zu nähren imstande sein, da er auf der Werbung ungeheure Summen +verzehrt und dafür so wenig Kerls eingeschickt haben soll, wie ich +unsern Oberst und Major schon oft lamentieren gehört, man wird ihn +gewiß nicht mehr so geschwind zu derlei Geschäften brauchen.« So +tröstete mich Zittemann, und ich mußt's wohl annehmen, da mir kein +besserer Trost übrigblieb. Nur dacht' ich dabei, die Größern richten +solche Suppen an, und die Kleinern müssen sie aufessen.</p> + +<div class="sidenote">Soldatenleben</div> + +<p>Des Nachmittags brachte mir der Feldweibel mein Kommißbrot nebst Unter- +und Übergewehr und fragte, ob ich mich nun eines Besseren bedacht. +»Warum nicht?« antwortete Zittemann für mich, »er ist der beste Bursch' +von der Welt.« Jetzt führte man mich in die Montierungskammer, paßte +mir Hosen, Schuh' und Stiefeletten an und gab mir einen Hut, Halsbinde +und Strümpfe. Dann mußt' ich mit noch etwa zwanzig andern Rekruten zum +Herrn Oberst Latorf. Man führte uns in ein Gemach, so groß wie eine +Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem, +einen Zipfel anzufassen. Ein Adjutant, oder wer er war, las uns einen +ganzen Sack voll Kriegsartikel her und sprach uns einige Worte vor, +welche die mehrern nachmurmelten, ich regte mein Maul nicht, dachte +dafür was ich gern wollte, ich glaube an Ännchen; er schwung dann +die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine +Garküche und ließ mir ein Mittagessen nebst einem Krug Bier<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> geben. +Dafür mußt' ich zwei Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen sechsen +noch viere übrig; mit diesen sollt' ich vier Tage wirtschaften, und +sie reichten doch bloß für zwei hin. Bei dieser Überrechnung fing ich +gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran, +einer derselben, sagte mir mit Lachen: »Es wird dich schon lehren. +Jetzt tut es nichts, hast ja noch allerlei zu verkaufen! Per Exempel +deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar doppelt armiert, das läßt +sich alles versilbern. Auch kriegen solche junge Bursche oft noch eine +Traktements-Zulage, und kannst dich deswegen beim Obrist melden.« »Oh! +oh! Da geh' ich mein Tage nicht mehr hin,« sagt' ich. »Potz Velten!« +antwortete Cran, »du mußt mal des Donners gewohnt werden, sei's ein +wenig früher oder später. Und dann der Menage wegen nur fein aufmerksam +zugesehn, wie's die andern machen. Da heben's drei, vier bis fünf +miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirnen und kochen selbst. +Des Morgens um e'n Dreier Fusel und e'n Stück Kommißbrot. Mittags +holen sie in der Garküche um e'n andern Dreier Suppe und nehmen wieder +e'n Stück Kommiß. Des Abends um zwei Pfennig Konvent oder Dünnbier +und abermals Kommiß.« »Aber das ist, beim Strehl, ein verdammtes +Leben,« versetzt' ich, und Er: Ja! So kommt man aus und anders nicht. +Ein Soldat muß das lernen, denn es braucht noch viel andre Ware: +Kreide, Puder, Schuhwachs, Öl, Schmirgel, Seife und was<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> der hundert +Siebensachen mehr sind. Ich: Und das muß einer alles von den sechs +Groschen bezahlen? Er: Ja! und noch viel mehr, wie z. B. den Lohn für +die Wäsche, für das Gewehrputzen und so fort, wenn Er solche Dinge +nicht selber kann. Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte +alles zurecht, so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche hatt' ich +noch Vakanz. Ich ging in der Stadt herum, auf alle Exerzierplätze, +sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir +schon zum voraus der Angstschweiß von der Stirne troff. Ich bat daher +Zittemann, mir zu Hause die Handgriffe zu zeigen. »Die wirst du wohl +lernen,« sagte er, »aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an. Da geht's +dir wie e'n Blitz!« Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu +weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf +Soldatenmanier frisieren sollte. Nach Crans Rat verkaufte ich meine +Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche. +Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las im Hallischen +Gesangbuch, oder betete. Dann spaziert' ich etwa an die Spree und sah +da hundert Soldatenhände sich mit Aus- und Einladen der Kaufmannswaren +beschäftigen, oder auf die Zimmerplätze, da steckte wieder alles voll +arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Kasernen, da fand ich +überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von +Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache,<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> so +gab's deren, die spielten, soffen und haselierten; andre, welche ruhig +ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten; etwa auch einer, der in +einem erbaulichen Buch las und's den andern erklärte. In den Garküchen +und Bierbrauereien ging's ebenso her. Kurz, in Berlin hat's unter dem +Militär, wie, denk' ich freilich, in großen Staaten überall, Leute +aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Religionen, von +allen Charakteren, und von jedem Berufe, womit einer noch nebenzu sein +Stücklein Brot gewinnen kann. Das dachte auch ich zu verdienen, wenn +ich nur erst recht exerzieren könnte; etwa an der Spree? Doch nein! +da lärmt's zu stark, aber z. E. auf einem Zimmerplatz, da ich mich +so ziemlich auf die Art verstund. So war ich wieder fix und fertig, +neue Pläne zu machen, ungeachtet ich mit meinem erstern so schändlich +gescheitert. Gibt's doch hier, damit schläferte ich mich immer ein, +selbst unter den gemeinen Soldaten ganze Leute, die ihre hübschen +Kapitalien haben, Wirtschaft, Kaufmannschaft treiben, und anders. Aber +dann erwog ich nicht, daß man vorzeiten ganz andere Handgelder gekriegt +als heutzutag oder dergleichen Bursche bisweilen ein Namhaftes mochten +erheiratet haben, besonders aber, daß sie ganz gewiß mit dem Schilling +gut hausgehalten, und nur darum den Gulden gewinnen konnten; ich +hingegen weder mit dem Schilling noch mit dem Gulden umzugehen wisse. +Und endlich, wenn alles fehlen sollte, fand ich auch einen elenden<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> +Trost in dem Gedanken: Geht's einmal zu Felde, so schont das Blei jene +Glückskinder so wenig, als dich armen Hudler! — Also bist du so gut +wie sie.</p> + +<div class="sidenote">Soldatendressur</div> + +<div class="sidenote">Wiedersehen mit Markoni</div> + +<p>Die zweite Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz +stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann +und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente +Itzenblitz, die beiden erstern vollends unter der nämlichen Kompagnie +Lüderitz befanden. Da sollt' ich vor allen Dingen unter einem +mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase, Mengke mit Namen, +marschieren lernen. Den Kerl mocht' ich für den Tod nicht vertragen; +wenn er mich gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den +Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein Tage nichts begreifen +können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem +gleichen Platz manöverierte, tauschte mich gegen einen andern aus, und +nahm mich unter sein Peloton.<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a> Das war mir eine Herzensfreude. Jetzt +kapiert' ich in einer Stund' mehr als sonst in zehn Tagen. Von diesem +guten Manne vernahm ich auch bald, wo Markoni wohne; aber, bat er um +Gottes willen, ich solle ihn nicht verraten. Des folgenden Tags, sobald +das Exerzitium vorbei war, flog ich nach dem Quartier, das mir Hevel +verdeutet hatte, und murmelte immer vor mich her: »Ja, ja, Markoni! +wart' nur, ich will dir deinen<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> an mir verübten Lumpenstreich, deine +verfluchte Verräterei so unter die Nase reiben, daß es dich gereuen +soll! Nun weiß ich schon, daß du hier nur Leutnant und nirgends Ihr +Gnaden bist!« — Bei geringer Nachfrage fand ich das mir benannte +Haus. Es war eins von den geringsten in ganz Berlin. Ich pochte an; +ein kleines, magres, fuchsrotes Bürschchen öffnete mir die Tür und +führte mich eine Treppe hinauf in das Zimmer meines Herrn. Sobald er +mich erblickte, kam er auf mich zu, drückte mir die Hand, und sprach +zu mir mit einem Engelsgesicht, das in einem Nu allen meinen Grimm +entwaffnete und mir die Tränen in die Augen trieb: »Ollrich! mein +Ollrich! mach' mir keine Vorwürf'. Du warst mir lieb, bist's noch, und +wirst's immer bleiben. Aber ich mußte nach meinen Umständen handeln. +Gib dich zufrieden. Ich und du dienen nun Einem Herrn.« — »Ja, Ihr +Gnaden« — — »Nichts Gnaden!« sagte er: »Beim Regiment heißt es nur: +›Herr Leutnant!‹« Jetzt klagt' ich ihm, nach aller Ausführlichkeit, +meine gegenwärtige große Not. Er bezeugte mir sein ganzes Mitleid. +»Aber,« fuhr er fort, »hast ja noch allerlei Sachen, die du versilbern +kannst, wie z. E. die Flinte von mir, die Reisemütze, die dir Leutnant +Hofmann in Offenburg verehrt, und dergleichen. Bring sie nur mir, ich +zahl' dir dafür, so viel sie je wert sind. Dann könntst du dich, wie +andre Rekruten, um Gehaltserhöhung beim Major« — »Potz Wetter!« fiel +ich ein. »Nein, den sah ich einmal<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> und nimmermehr!« Drauf erzählt' +ich ihm, wie dieser Sir mir begegnet sei. »Ha!« versetzte er, »die +Lümmels meinen, man könn' auf Werbung von Luft leben und Kerle im +Strick fangen.« »Ja!« sagt' ich, »hätt' ich's gewußt, wollt' ich mir +wenigstens in Rottweil auch einen Notpfennig erspart haben.« »Alles +hat seine Zeit, Ollrich!« erwiderte er, »halt' dich nur brav! Wenn +einmal die Exerzitien vorbei sind, kannst du was verdienen. Und wer +weiß, vielleicht geht's bald ins Feld, und dann« — Weiter sagte er +nichts; ich merkte aber, was er damit wollte, und ging vergnügt, als +ob ich mit meinem Vater geredet hätte, nach Haus. Nach etlichen Tagen +trug ich Flinte, Pallasch und die samtene Mütze wirklich zu ihm hin; +er zahlte mir etwas weniges dafür, aber von Markoni war ich alles +zufrieden. Bald darauf verkauft' ich auch meinen Tressenhut, den grünen +Frack, so wie alles Übrige, und ließ mir nichts mangeln, so lang ich +was anzugreifen hatte. Schärer war ebenso arm als ich, allein er bekam +ein paar Groschen Zulage und doppelte Portion Brot. Der Major hielt ein +gut Stück mehr auf ihn als auf mich. Indessen waren wir Herzensbrüder, +solang einer was zu brechen hatte, konnte der andre mitbeißen. Bachmann +hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl und +harmonierte nie mit uns; doch schien immer die Stunde ein Tag lang, +wo wir nicht beisammen sein konnten. Gästli mußten wir in schlechten +Häusern suchen, wenn wir ihn haben<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> wollten; er kam bald hernach ins +Lazarett. Ich und Schärer waren auch darin völlig gleichgesinnt, daß +uns das Berliner Weibsvolk ekelhaft und abscheulich vorkam. Ich wollt' +für ihn so gut wie für mich einen Eid schwören, daß wir keine mit +einem Finger berührt haben. Sobald das Exerzieren vorbei war, flogen +wir miteinander in Schottmanns Keller, tranken unsern Krug Ruhiner- +oder Gottwitzerbier, schmauchten ein Pfeifchen, und trillerten ein +Schweizerlied. Immer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner +mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine +Garküche rufen, ihnen den Kuhreihen zu singen. Meist bestand der +Spielerlohn bloß in einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage +nimmt man mit noch weniger vorlieb.</p> + +<div class="sidenote">Spaziergänge in Berlin</div> + +<div class="sidenote">Vom Desertieren</div> + +<div class="sidenote">Exerzierübungen</div> + +<div class="sidenote">Schmale Kost</div> + +<div class="sidenote">Heimweh</div> + +<div class="sidenote">Der Gefangene</div> + +<p>Berlin ist der größte Ort in der Welt, den ich gesehen; und doch bin +ich bei weitem nie ganz darin herumgekommen. Wir drei Schweizer machten +zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise; aber bald gebrach's uns +an Zeit, bald an Geld, oder wir waren von Strapazen so marode, daß wir +uns lieber der Länge nach hinlegten.</p> + +<p>Von der Stadt Berlin sagen zwar viele, sie bestehe aus sieben +Städten; unsereinem hat man aber nur drei genannt: Berlin, Neustadt +und Friedrichsstadt. Alle drei sind in der Bauart verschieden. In +Berlin oder Cölln, wie man auch sagt, sind die Häuser so hoch wie<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> +in den Reichsstädten; aber die Gassen nicht so breit wie in Neu- und +Friedrichsstadt, wo die Häuser wieder niedriger, aber egaler gebaut +sind. Da sehen auch die kleinsten, oft von sehr armen Leuten bewohnt, +wenigstens sauber und nett aus. An vielen Orten gibt es ungeheuer +große, leere Plätze, die teils zum Exerzieren und zur Parade, teils zu +gar nichts gebraucht werden; ferner Äcker, Gärten, Alleen, alles in die +Stadt eingeschlossen. Vorzüglich oft gingen wir auf die lange Brücke, +auf deren Mitte ein alter Markgraf von Brandenburg,<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a> zu Pferd +in Lebensgröße, von Erz gegossen steht, und etliche Enakssöhne mit +krausen Haaren zu seinen Füßen gefesselt sitzen, dann der Spree nach, +auf den Weidendamm, wo's gar lustig ist, dann ins Lazarett, um das +traurigste Spektakel unter der Sonne zu sehn, bei dem einen, der nicht +gar unsinnig ist, die Lust an Ausschweifungen bald vergehen muß. In +diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, steht Bett an Bett gereiht, +in deren jedem ein elender Menschensohn auf seine eigene Art den Tod, +und nur wenige ihre Genesung erwarten. Hier ein Dutzend, die unter den +Händen der Feldscherer ein erbärmliches Zetergeschrei erheben; dort +andre, die sich unter ihren Decken krümmen, wie ein halb zertretener +Wurm; viele mit an- und weggefaulten Gliedern. Meist mochten wir's da +nur wenige Minuten aushalten, gingen wieder an<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> Gottes Luft und setzten +uns auf einen Rasenplatz. Da führte unsre Einbildungskraft uns fast +immer unwillkürlich in unser Schweizerland zurück, und erzählten wir +einander unsere Lebensart zu Hause: wie wohl's uns war, wie frei wir +gewesen und was es hier für ein verwünschtes Leben sei. Dann machten +wir Pläne zu unsrer Entledigung. Bald hatten wir Hoffnung, daß uns +heut oder morgen einer gelingen möchte; bald sahen wir vor jedem einen +unübersteiglichen Berg; am meisten schreckte uns die Vorstellung der +Folgen eines fehlschlagenden Versuches. Fast alle Wochen hörten wir +nämlich neue, ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs, +die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und +andre Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen +und Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen, +wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und +ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken — wie sie des +folgenden Tags aufs neue dran mußten, die Kleider vom zerhackten +Rücken heruntergerissen, und wie wieder frisch drauflosgehauen wurde, +bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann +sahen Schärer und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten +einander in die Ohren: »Die verdammten Barbaren!« Was hiernächst auch +auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen +Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> prügelsüchtigen +Jünkerleins, und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein +Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und +tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh, +andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und selber +jahrein, jahraus so kujoniert zu sehn: oft ganzer fünf Stunden lang, +in unsrer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz +und Quer pfahlgerad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle +Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers, +der mit furiosem Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stund, und alle +Augenblicke wie unter Kabisköpfe<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a> dreinzuhauen drohte. Bei einem +solchen Traktement mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und +der geduldigste rasend werden. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so +ging's schon wieder über Hals und Kopf, unsre Wäsche zurechtzumachen +und jedes Fleckchen auszumustern, denn bis auf den blauen Rock war +unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf +an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an +einem dieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der +Frisur nicht recht, so war, wenn man auf den Platz kam, die erste +Begrüßung eine derbe Tracht Prügel. Das währte so den ganzen Mai und +Juni fort. Selbst den Sonntag hatten wir nicht<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> frei; dann mußten wir +auf das properste Kirchenparade machen. Also blieben uns zu jenen +Spaziergängen nur wenige zerstreute Stunden übrig, und wir hatten +kurz und gut zu nichts Zeit, als zum Hungerleiden. Wahr ist's, unsre +Offiziere erhielten gerade damals die gemessenste Order, uns über Kopf +und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten den Henker davon und +dachten halt, das sei so Kriegsmanier. Alte Soldaten vermuteten wohl so +etwas, schwiegen aber mausstill. Indessen waren Schärer und ich blutarm +geworden; und was uns nicht an den Hintern gewachsen war, hatten wir +alles verkauft. Nun mußten wir mit Brot und Wasser oder Kovent,<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a> +das nicht viel besser als Wasser ist, vorlieb nehmen. Mittlerweile +war ich von Zittemann weg, zu Wolfram und Meewis ins Quartier kommen, +von denen der erstre ein Zimmermann, der andre ein Schuster war, und +die beide einen guten Verdienst hatten. Mit diesen macht' ich anfangs +ebenfalls Menage. Sie hatten so ihren Bauerntisch: Suppe und Fleisch, +mit Erdäpfeln und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwei Dreier: +Abends und zum Frühstück lebte jeder für sich. Ich aß besonders gern +eine Ochsenpfote, einen Hering oder ein Dreierkäschen. Nun aber konnt' +ich's nicht mehr mit ihnen halten; zu verkaufen hatt' ich nichts, und +mein Sold ging meist für Wäsche, Puder, Schuhwachs, Kreide,<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Schmirgel, +Öl und anderes Plunderzeug auf. Jetzt fing ich erst recht an, Trübsal +zu blasen, und keinem Menschen konnt' ich so recht von Herzensgrund +meine Not klagen. Des Tags ging ich umher wie der Schatten an der +Wand. Des Nachts legt' ich mich ins Fenster, guckte weinend in den +Mond hinauf, und erzählte dem mein bittres Elend: »Du, der jetzt auch +überm Tockenburg schwebt, sag' es meinen Leuten daheim, wie armselig +es um mich stehe, meinen Eltern, meinen Geschwisterten, meinem Ännchen +sag's, wie ich schmachte, wie treu ich ihr bin, daß sie alle Gott für +mich bitten. Aber du schweigst so stille, wandelst so harmlos deinen +Weg fort? Ach, könnt' ich ein Vöglein sein und dir nach in meine Heimat +fliegen! Ich armer, unbesonnener Mensch! Gott erbarm' sich mein! Ich +wollte mein Glück bauen, und baute mein Elend. Was nützt mir dieser +herrliche Ort, worin ich verschmachten muß! Ja, wenn ich die Meinigen +hier hätte und so ein schön Häuschen, wie dort grad' gegenübersteht, +und nicht Soldat sein müßte, dann wär's hier gut wohnen; dann wollt' +ich arbeiten, handeln, wirtschaften, und ewig mein Vaterland meiden! +Doch nein! Denn auch so müßt' ich den Jammer so vieler Elenden täglich +vor Augen sehn! Nein, geliebtes, liebes Tockenburg! Du wirst mir immer +vorzüglich wert bleiben! Aber, ach! Vielleicht seh' ich dich in meinem +Leben nicht wieder, verliere sogar den Trost, von Zeit zu Zeit an die +Lieben zu schreiben, die in dir wohnen! Jedermann erzählt<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> mir ja von +der Unmöglichkeit, wenn's einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile +fortzubringen, worin ich mein Herz ausschütten könnte. Doch, wer weiß? +Noch lebt mein guter Vater im Himmel; dem ist's bekannt, wie ich nicht +aus Vorsatz oder Liederlichkeit dies Sklavenleben gewählt, sondern böse +Menschen mich betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen sollte. Doch, nein! +desertieren will ich nicht. Lieber sterben, als Spießrutenlaufen. Und +dann kann sich's ja auch ändern. Sechs Jahre sind noch auszuhalten. +Freilich eine lange, lange Zeit; wenn's zumal wahr sein sollte, daß +auch dann kein Abscheid zu hoffen wäre! Doch, was? Kein Abscheid? Hab' +ich doch eine, und zwar mir aufgedrungene Kapitulation! — Ha! Dann +müßten sie mich eher töten! Der König müßte mich hören! Ich wollte +seiner Kutsche nachrennen, mich anhängen, bis er mir sein Ohr verleiht. +Da wollt' ich ihm alles sagen, was der Brief ausweist. Und der gerechte +Friedrich wird nicht gegen mich allein ungerecht sein.« — Das waren so +damals meine Selbstgespräche.</p> + +<p>In diesen Umständen flogen Schärer und ich zusammen, wo wir konnten; +klagten, überlegten, beschlossen, verwarfen. Schärer zeigte mehr +Standhaftigkeit als ich, hatte aber auch mehr Sold. Ich gab jetzt, +wie so viele andre, den letzten Dreier um Genever, meinen Kummer +zu vertreiben. Ein Mecklenburger, der nahe bei mir im Quartier und +mit mir in gleichen<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> Umständen war, machte es ebenso. Aber wenn der +seinen Brand im Kopf hatte, setzte er sich in der Abenddämmerung vors +Haus, fluchte und haselierte da mutterseels allein, schimpfte auf +seine Offiziere, und sogar auf den König, wünschte Berlin und allen +Brandenburgern tausend Millionen Schwernot auf den Hals und fand, +wie der arme Teufel, so oft er wieder nüchtern ward, behauptete, in +diesem unvernünftigen Rasen seinen einzigen Trost im Unglück. Wolfram +und Meewis warnten ihn oft; denn sonst war er noch vor kurzem ein +recht guter, umgänglicher Bursche: »Kerl!« sagten sie zu ihm, »gewiß +wirst du noch ins Tollhaus wandern!« Dieses war nicht weit von uns. +Oft sah ich dort einen Soldat vor dem Gegitter auf einem Bänkchen +sitzen, und fragte einst Meewis, wer er wäre. Ich hatte ihn nie +bei der Kompagnie gesehn: »Just so einer, wie der Mecklenburger,« +antwortete Meewis; »darum hat man ihn hier versorgt, wo er anfangs +brüllte wie ein ungarscher Stier. Aber seit etlichen Wochen soll er +so geschlacht<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a> wie ein Lamm sein.« Diese Beschreibung machte mich +lüstern, den Menschen näher kennen zu lernen. Er war ein Anspacher. +Anfangs ging ich nur wie verstohlen bei ihm hin und wieder, sah mit +wehmütigem Vergnügen, wie er, seinen Blick bald zum Himmel gerichtet, +bald auf den Boden geheftet, melancholisch dasaß, bisweilen aber, ganz +für<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> sich, sanft lächelte, und übrigens meiner nicht zu achten schien. +Schon aus seiner Physiognomie war mir ein solcher Erdensohn in seiner +Lage heilig. Endlich wagt' ich es, mich zu ihm zu setzen. Er sah mich +starr und ernst an, und schwatzte zuerst lange meist unverständiges +Zeug, das ich doch gerne hörte, weil mitunter etwas höchst Vernünftiges +zum Vorschein kam. Was ihm am meisten Mühe zu machen schien, war, +soviel ich merken mochte, daß er von gutem Haus, und nur durch Verdruß +in diese Umstände gekommen sein mußte, jetzt aber von Nachreu und +Heimweh erbärmlich litt. Nun entdeckt' ich ihm durch Umwege auch +meine Gemütsstimmung, hauptsächlich in der Absicht, zu horchen, was +er allenfalls zu meiner Entweichung sagen würde; denn der Mann schien +mir ordentlich einen Geist der Weissagung zu haben: »Brüderchen!« +sprach er, aus Veranlassung eines solchen Diskurses, einst zu mir: +»Brüderchen, halt' du still! Deine Schuld ist's sicher, daß du leidest, +und was du leidest, mehr oder minder verdiente Züchtigung. Durch +Zappeln machst du's nur ärger. Es wird schon noch anders und immer +anders kommen. Der König allein ist König; seine Generals, Obersten, +Majoren sind selber seine Bedienten und wir, ach! wir, so hingeworfene, +verkaufte Hunde, zum Abschmieren im Frieden, zum Totstechen und +Totschießen im Krieg bestimmt. Aber all' eins, Brüderchen! Vielleicht +kommst du nahe an eine Türe; geht sie dir auf, so tu', was du willst. +Aber halt still, Brüderchen! nur<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> nichts erfrettet<a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a> oder erzwungen, +sonst ist's mit einmal aus!« Dergleichen und noch viel anderes sagte er +öfters zu mir. Aller Welt Priester und Leviten hätten mir nicht so gut +predigen und mich zugleich so gut trösten können wie er.</p> + +<div class="sidenote">Kriegsgerüchte</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p> + +<p>Indessen murmelte es immer stärker vom Kriege. In Berlin kamen von +Zeit zu Zeit neue Regimenter an; wir Rekruten wurden auch unter +eins gesteckt. Da ging's alle Tag vor die Tore zum Manövrieren, +links und rechts avancieren, attackieren, retirieren, pelotons- und +divisionsweise chargieren, und was der Gott Mars sonst alles lehrte. +Endlich gedieh es zur Generalrevue; da ging's zu und her, daß dies +ganze Büchelchen nicht klecken würde, das Ding zu beschreiben; und wenn +ich's wollte, so könnt' ich's nicht. Erstlich wegen der schweren Menge +aller Arten Kriegsgrümpel, die ich hier großenteils zum erstenmal sah. +Zweitens hatt' ich immer Kopf und Ohren so voll von dem entsetzlichen +Lärm der knallenden Büchsen, der Trommeln und Feldmusik, des Rufens +der Kommandeurs und dergleichen, daß ich oft hätte bersten mögen. +Drittens war mir das Exerziz seit einiger Zeit so widerlich geworden, +daß ich nur nicht mehr bemerken mochte, was all' die Korps zu Fuß und +zu Pferde für Millionszeug machten. Freilich kam mich hernach manchmal +große Reue an, daß ich diese Dinge nicht besser in Obacht genommen; +denn allen meinen Freunden und allen Leuten hierzulande wünscht' ich, +daß sie solches nur einen Tag sehen möchten, es würde ihnen zu hundert +und aberhundert vernünftigen Betrachtungen Anlaß geben. Also nur dies +wenige. Da waren unübersehbare Felder mit Kriegsleuten bedeckt; viele +tausend Zuschauer an allen Ecken und Enden. Hier stehen zwei große +Armeen in künstlicher Schlachtordnung; schon brüllt von den Flanken das +grobe Geschütz aufeinander los. Sie avancieren, kommen zum Feuer, und +machen ein so entsetzliches Donnern, daß man seinen nächsten Nachbar +nicht hören und vor Rauch nicht mehr sehen kann: Dort versuchen etliche +Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen's einander in die Flanke, da +blockieren sie Batterien, dort formieren sie ein doppeltes Kreuz. Hier +marschieren sie über eine Schiffbrücke, dort hauen Kürassiers und +Dragoner ein, und sprengen etliche Schwadrons Husaren von allen Farben +aufeinander los, daß Staubwolken über Roß und Mann emporwallen. Hier +überrumpeln's ein Lager; die Avantgarde, unter der ich zu manövrieren +die Ehre hatte, bricht Zelte ab und flieht. Doch noch einmal: Ich müßte +ein Narr sein, wenn ich glaubte, hier eine preußische Generalrevue +beschrieben zu haben. Ich hoffe also, man nimmt mit diesem wenigen +vorlieb, oder, vielmehr, verzeiht's mir, um der Freude willen, mein +Gewäsch nicht länger anzuhören.</p> + +<div class="sidenote">Behüte Gott Berlin!</div> + +<div class="sidenote">Ausmarsch</div> + +<p>Endlich kam der erwünschte Zeitpunkt, wo es hieß: Allons, ins Feld! +Schon im Heumonat marschierten etliche Regimenter von Berlin ab, und +kamen hinwieder andre aus Preußen und Pommern an. Jetzt mußten sich +alle Beurlaubten stellen, und in der großen Stadt wimmelte alles von +Soldaten. Dennoch wußte noch niemand eigentlich, wohin alle diese +Bewegungen zielten. Ich horchte wie ein Schwein am Gatter. Einige +sagten, wenn's ins Feld gehe, könnten wir neue Rekruten doch nicht mit, +sondern würden unter ein Garnisonsregiment gesteckt. Das hätte mir +himmelangst gemacht; aber ich glaubte es nicht. Indessen bot ich alle +meine Leibes- und Seelenkräfte auf, mich bei allen Manövers als einen +fertigen, tapfern Soldaten zu zeigen, denn einige bei der Kompagnie, +die älter waren als ich, mußten wirklich zurückbleiben. Und nun den +einundzwanzigsten August abends spät kam die gewünschte Order, uns auf +morgen marschfertig zu halten. Potz Wetter! wie ging es da her mit +Putzen und Packen! Einmal, wenn's mir auch an Geld nicht gebrochen, +hätt' ich nicht mehr Zeit gehabt, einem Bäcker zwei geborgte Brote zu +bezahlen. Auch hieß es, in diesem Fall dürfte kein Gläubiger mehr ans +Mahnen denken: Doch ich ließ mein Wäschkistchen zurück; und wenn es +der Bäcker nicht abgefordert hat, hab' ich heutigen Tages noch einen +Kreditor in Berlin, auch etliche Debitoren für ein paar Batzen, und +geht's ungefähr so wett auf. Den zweiundzwanzigsten August morgens um +drei Uhr ward Alarm geschlagen,<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> und mit Anbruch des Tages stand unser +Regiment Itzenblitz — ein herrlicher Name! — das die Soldaten wegen +der gewaltigen Schärfe unseres Obristen auch Donner und Blitz nannten, +in der Krausenstraße schon Parade. Jede seiner zwölf Kompagnien war +hundertfünfzig Mann stark. Die in Berlin nächst um uns einquartierten +Regimenter, deren ich mich erinnere, waren Vokat, Winterfeld, Meyring +und Kalkstein; dann vier Prinzenregimenter: Prinz von Preußen, Prinz +Ferdinand, Prinz Karl und Prinz von Württemberg, die alle teils vor, +teils nach uns abmarschierten, nachwärts aber im Feld meist wieder zu +uns gestoßen sind. Jetzt wurde Marsch geschlagen, Tränen von Bürgern, +Soldatenweibern, Huren und dergleichen flossen zu Haufen. Auch die +Kriegsleute selber, die Landskinder nämlich, welche Weiber und Kinder +zurückließen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmut und Kummer; die +Fremden jauchzten heimlich vor Freuden und riefen: Endlich ist unsre +Erlösung da! Jeder war bebündelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt +umschnallt, dann die Patrontasche über der Schulter mit einem fünf +Zoll langen Riemen; über die andre Achsel der Tornister, mit Wäsche +und so weiter bepackt; item der Habersack mit Brot und anderer Furage +gestopft. Hiernächst mußte jeder noch ein Stück Feldgerät tragen; +Flasche, Kessel, Haken, oder so was, alles an Riemen; dann erst noch +eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal kreuzweis +über die Brust geschlossen,<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> daß anfangs jeder glaubte, unter solcher +Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge, gepreßte Montur und +eine solche Hundstagshitze, daß mir's manchmal deuchte, ich geh' auf +glühenden Kohlen. Wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, kam +ein Dampf heraus wie aus einem siedenden Kessel. Oft hatt' ich keinen +trockenen Faden mehr am Leib und verschmachtete bald vor Durst.</p> + +<div class="sidenote">Marschroute bis Pirna</div> + +<p>So marschierten wir den ersten Tag (22. August 1756) zum Köpenicker +Tor aus, und machten noch vier Stunden bis zum Städtchen Köpenick, wo +wir zu dreißig bis fünfzig bei Bürgern einquartiert waren, die uns für +einen Groschen traktieren mußten. Potz Plunder, wie ging's da her! Ha! +da wurde gefressen. Aber denk' man sich nur so viele, große, hungrige +Kerls! Immer hieß es, schaff her, Kanaille, was d' im hintersten Winkel +hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh gefüllt, da lagen wir alle +in Reihen, den Wänden nach. Wahrlich, eine kuriose Wirtschaft! In jedem +Haus befand sich ein Offizier, welcher auf gute Mannszucht halten +sollte; sie waren aber oft die Fäulsten. Den zweiten Tag ging's zehn +Stunden weit bis Fürstenwalde, da gab's schon Marode, die sich auf +Wagen packen lassen mußten. Es war auch kein Wunder, da wir diesen +ganzen Tag nur ein einzigmal haltmachen, und stehenden Fußes etwas +Erfrischung zu uns nehmen durften. Am letztgedachten Orte ging es wie +an dem erstern, nur daß hier die meisten lieber soffen als<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> fraßen, +und viele sich halbtot hinlegten. Den dritten Tag ging's sechs Stunden +bis Jakobsdorf, wo wir drei Rasttage hielten, aber desto schlimmer +hantierten und die armen Bauern bis aufs Blut aussogen. Vom siebenten +bis vierzehnten Tage kamen wir über Guben, Spremberg und Hoyerswerda +bis Kamenz, dem letzten Örtchen, wo wir einquartiert wurden. Von da +an kampierten wir im Felde, und machten Märsche und Kontermärsche, +so daß ich selbst nicht weiß, wo wir all durchkamen, da es oft bei +dunkler Nacht geschah. Nur so viel erinnr' ich mich, daß wir am zehnten +September Pirna erreichten, wo noch einige Regimenter zu uns stießen, +und wir ein weites, fast unübersehbares Lager aufschlugen, sowie auch +das über Pirna gelegene Schloß Königstein diesseits und den Lilienstein +jenseits der Elbe besetzten. Denn in der Nähe dieses letzteren Berges +befand sich die sächsische Armee, in deren Lager wir gerade übers Tal +hinübersehen konnten. Unter uns im Tale an der Elbe lag Pirna, das +jetzt ebenfalls von unserm Volke besetzt ward.</p> + +<p>Bis hierher hatte der Herr geholfen! Diese Worte waren der erste Text +unsers Feldpredigers bei Pirna. O ja, dacht' ich, das hat er, er wird +auch ferner helfen, und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland; denn +was gehen mich eure Kriege an?</p> + +<p>Mittlerweile ging's, wie's bei einer marschierenden Armee zu gehen +pflegt, bunt übereck und kraus, so daß ich alles zu beschreiben nicht +imstande bin, auch solches,<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> wie ich denke, zu wenig Dingen nütz wäre. +Unser Major Lüderiz, denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl besonders +Achtung, mag mir oft meinen Unmut aus dem Gesichte gelesen haben. Dann +drohte er mir mit dem Finger: »Nimm dich in acht, Kerl!« Schärern +hingegen klopfte er bei den nämlichen Anlässen auf die Schulter, und +nannte ihn mit lächelnder Miene einen braven Burschen, denn der war +immer lustig und wohlgemuts und sang bald seine Maurerlieder, bald +den Kühreih'n. Im Herzen dachte er wie ich, obschon er es besser +verbergen konnte. Ein andermal freilich faßt' ich wieder Mut und +dachte: Gott wird alles wohl machen! Wenn ich vollends Markoni, der +doch keine geringe Schuld an meinem Unglück war, auf dem Marsch oder +im Lager erblickte, war's mir immer, ich sehe meinen Vater oder meinen +besten Freund, wenn er mir zumal vom Pferd herunter seine Hand bot, +die meinige traulich schüttelte, mir mit liebreicher Wehmut gleichsam +in die Seele 'nein guckte: »Wie geht's, Ollrich! wie geht's? 's +wird schon besser kommen!« zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu +erwarten, dieselbe aus meinem tränenschimmernden Aug' lesen wollte. +Oh! ich wünsche dem Mann, wo er immer tot oder lebendig sein mag, +noch auf den heutigen Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir +nie mehr zu Gesicht gekommen. Mittlerweile hatten wir alle Morgen die +gemessene Order erhalten, scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den +ältern Soldaten ein Gerede:<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> »Heute gibt's was! Heut setzt's gewiß +was ab!« Dann schwitzten wir Jungen freilich an allen Fingern, wenn +wir bei einem Gebüsch oder Gehölz vorbeimarschierten und uns verfaßt +halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete +einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, sobald man wieder +ins Freie kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten +entwischen konnte, denn wir hatten immer feindliche Kürassiers, +Dragoner und Soldaten zu beiden Seiten. Als wir einst die halbe Nacht +durchmarschierten, versuchte Bachmann den Reißaus zu nehmen, und irrte +etliche Stunden im Wald herum, aber am Morgen war er wieder hart +bei uns und kam noch eben recht mit der Ausflucht weg, er habe beim +Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns verloren. Von da an sahen +wir andern die Schwierigkeit, wegzukommen, alle Tag' deutlicher ein, +und doch hatten wir fest im Sinn, keine Bataille abzuwarten, es koste +was es wolle.</p> + +<div class="sidenote">Das Lager zu Pirna</div> + +<p>Eine umständliche Beschreibung unsers Lagers zwischen Königstein und +Pirna sowohl als des gerade vor uns überliegenden Sächsischen bei +Lilienstein wird man von mir nicht erwarten. Ich schreibe nur, was ich +gesehen, was allernächst um mich her vor- und besonders was mich selbst +anging. Von den wichtigsten Dingen wußten wir gemeine Hungerschlucker +am allerwenigsten, auch kümmerten wir uns nicht viel darum. Mein und so +vieler andrer ganzer Sinn war<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> vollends allein auf: Fort, fort! Heim +ins Vaterland! gerichtet.</p> + +<div class="sidenote">Lagerleben</div> + +<p>Vom elften bis zweiundzwanzigsten September saßen wir in unserm Lager +ganz still, und wer gern Soldat war, dem mußt' es damals recht wohl +sein. Da ging's vollkommen wie in einer Stadt zu. Da gab's Marketender +und Feldschlächter zu Haufen. Den ganzen Tag, ganze lange Gassen durch, +nichts als Sieden und Braten. Da konnte jeder haben was er wollte, oder +vielmehr was er zu bezahlen vermochte: Fleisch, Butter, Käs, Brot, +aller Gattung Baum- und Erdfrüchte. Die Wachten ausgenommen, mochte +jeder machen was ihm beliebte, kegeln, spielen, in und außer dem Lager +spazieren gehen. Nur wenige hockten müßig in ihren Zelten. Der eine +beschäftigte sich mit Gewehrputzen, der andre mit Waschen, der dritte +kochte, der vierte flickte Hosen, der fünfte Schuhe, der sechste +schnifelte was von Holz und verkauft' es den Bauern. Jedes Zelt hatte +seine sechs Mann und einen Überkompletten. Unter diesen sieben war +immer einer gefreit, dieser mußte gute Mannszucht halten. Von den sechs +übrigen ging einer auf die Wache, einer mußte kochen, einer Proviant +herbeiholen, einer ging nach Holz, einer nach Stroh, und einer machte +den Seckelmeister, alle zusammen aber eine Haushaltung, einen Tisch +und ein Bett aus. Auf den Märschen stopfte jeder in seinen Habersack, +was er, versteht sich in Feindesland, erhaschen konnte. Mehl, Rüben, +Erdbirnen, Hühner, Enten. Wer nichts aufzutreiben<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> vermochte, ward von +den übrigen ausgeschimpft, wie denn mir das zum öfteren begegnete. +Was das für ein Mordiogeschrei gab, wenn's durch ein Dorf ging, von +Weibern, Kindern, Gänsen und Spanferkeln. Da mußte alles mit, was sich +tragen ließ. Husch! den Hals umgedreht und eingepackt. Da brach man in +alle Ställ' und Gärten ein, prügelte auf alle Bäume los und riß die +Äste mit den Früchten ab. Der Hände sind viel, hieß es, was einer nicht +kann, mag der andre. Da durft' keine Seel' Mux machen, wenn's nur der +Offizier erlaubte, oder auch bloß halb erlaubte. Da tat jeder sein +Devoir zum Überfluß. Wir drei Schweizer, Schärer, Bachmann und ich, es +gab unsrer Landsleute zwar beim Regiment noch mehr, wir kannten sie +aber nicht, kamen keiner zum andern ins Zelt, auch nie zusammen auf die +Wache. Hingegen spazierten wir oft miteinander außer das Lager bis auf +die Vorposten, besonders auf einen gewissen Bühel, wo wir eine weite +zierliche Aussicht über das Sächsische, unser ganzes Lager und durchs +Tal hinab bis auf Dresden hatten. Da hielten wir unsern Kriegsrat: +was wir machen, wo hinaus, welchen Weg wir nehmen, wo wir uns wieder +treffen sollten. Aber zur Hauptsache, zum Hinaus fanden wir alle Löcher +verstopft. Zudem wären Schärer und ich lieber in einer schönen Nacht +allein, ohne Bachmann, davon geschlichen, denn wir trauten ihm nie +ganz, und sahen dabei alle Tag' die Husaren Deserteurs einbringen, +hörten Spießrutenmarsch schlagen,<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> und was es solcher Aufmunterungen +mehr gab. Und doch sahen wir alle Stunden einem Treffen entgegen.</p> + +<div class="sidenote">Einnahme des sächsischen Lagers</div> + +<div class="sidenote">Marsch und Kontermarsch</div> + +<p>Endlich, den zweiundzwanzigsten September, ward Alarm geschlagen und +erhielten wir Order aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung, +in etlichen Minuten war ein stundenweites Lager, wie die allergrößte +Stadt, zerstört, aufgepackt und allons, Marsch! Jetzt zogen wir ins Tal +hinab, schlugen bei Pirna eine Schiffbrücke und formierten oberhalb dem +Städtchen, dem sächsischen Lager <span class="antiqua">en front</span>, eine Gasse wie zum +Spießrutenlaufen, deren eines End' bis zum Pirnaer Tor ging, und durch +welche viele gefangene Sachsen zu vieren hoch spazieren, vorher aber +das Gewehr ablegen, und, man kann sich's einbilden, die ganze lange +Straße durch Schimpf- und Stichelreden genug anhören mußten. Einige +gingen traurig mit gesenktem Gesicht daher, andre trotzig und wild, +und noch andre mit einem Lächeln, das den preußischen Spottvögeln gern +nichts schuldig bleiben wollte. An dem nämlichen Tage marschierten wir +noch ein Stück Wegs fort und schlugen unser Lager bei Lilienstein auf. +Den dreiundzwanzigsten mußte unser Regiment die Proviantwagen decken. +Den vierundzwanzigsten machten wir einen Kontermarsch, und kamen bei +Nacht und Nebel, der Henker weiß wohin. Den fünfundzwanzigsten früh +ging's schon wieder fort, vier Meilen bis Aussig. Hier<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> schlugen +wir ein Lager, blieben da bis auf den neunundzwanzigsten und mußten +alle Tag' auf Furage aus. Bei diesen Anlässen wurden wir oft von den +kaiserlichen Panduren attackiert, oder es kam sonst aus einem Gebüsch +ein Karabinerhagel auf uns los, so daß mancher tot auf der Stelle +blieb und noch mehrere blessiert wurden. Wenn aber unsre Artilleristen +nur etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, flog der Feind über +Kopf und Hals davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt, ich +wäre sein bald gewohnt worden, und dacht' oft: Pah! wenn's nur den +Weg hergeht, ist's so übel nicht. Den dreißigsten marschierten wir +wieder den ganzen Tag und kamen erst des Nachts auf einem Berg an, den +ich und meinesgleichen abermals so wenig kannten, als ein Blinder. +Inzwischen bekamen wir Order, hier kein Gezelt aufzuschlagen, auch +kein Gewehr niederzulegen, sondern immer mit scharfer Ladung parat zu +stehn, weil der Feind in der Nähe sei. Endlich sahen und hörten wir mit +anbrechendem Tag unten im Tal gewaltig blitzen und feuern. In dieser +bangen Nacht desertierten viele, neben andern auch Bruder Bachmann. Für +mich wollt' es sich noch nicht schicken, so wohl's mir sonst behagt +hätte.</p> + +<div class="sidenote">Die Schlacht bei Lowositz</div> + +<p>Früh morgens mußten wir uns rangieren und durch ein enges Tälchen +gegen das große Tal hinuntermarschieren. Vor dem dicken Nebel konnten +wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine kamen und +zur großen Armee stießen, rückten wir in drei Treffen<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> weiter vor und +erblickten von ferne durch den Nebel, wie durch einen Flor, feindliche +Truppen auf einer Ebene, oberhalb dem böhmischen Städtchen Lowositz. +Es war kaiserliche Kavallerie, denn die Infanterie bekamen wir nie zu +Gesicht, da sich dieselbe bei gedachtem Städtchen verschanzt hatte. +Um sechs Uhr ging schon das Donnern der Artillerie sowohl aus unserm +Vordertreffen als aus den kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß +die Kanonenkugeln bis zu unserm Regiment, das im mittlern Treffen +stund, durchschnurrten. Bisher hatt' ich immer noch Hoffnung, vor +einer Bataille zu entwischen; jetzt sah' ich keine Ausflucht mehr, +weder vor noch hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken. Wir +rückten inzwischen immer vorwärts. Da fiel mir vollends aller Mut in +die Hosen. In den Bauch der Erde hätt' ich mich verkriechen mögen, und +eine ähnliche Angst, ja Todesblässe las man bald auf allen Gesichtern, +selbst derer, die sonst noch so viel Herzhaftigkeit gleißneten. Die +geleerten Brenzfläschchen, deren jeder Soldat eines hat, flogen unter +den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen ihren kleinen Vorrat bis +auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute braucht es Courage und morgen +vielleicht keinen Fusel mehr! Jetzt avancierten wir bis unter die +Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen abwechseln mußten. Potz Himmel! +wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen weg, fuhren bald vor, +bald hinter uns in die Erde, daß Stein und Rasen hoch in die Luft +sprang,<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> bald mitten ein und spickten uns die Leute aus den Gliedern +weg, als wenn's Strohhälme wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als +feindliche Kavallerie, die allerhand Bewegungen machte, sich bald in +die Länge ausdehnte, bald in einen halben Mond, dann in ein Drei- und +Viereck sich wieder zusammenzog. Nun rückte auch unsre Kavallerie an, +wir machten Lücke und ließen sie vor auf die feindliche losgaloppieren. +Das war ein Gehagel, das knarrte und blinkerte, als sie einhieben! +Allein kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reiterei, von +der österreichischen geschlagen, und bis nahe unter unsre Kanonen +verfolgt, zurück. Da hätte man den Spektakel sehen sollen, Pferde, +die ihren Mann im Stegreif hängend, andre die ihre Gedärme auf der +Erde nachschleppten. Inzwischen stunden wir noch immer im feindlichen +Kanonenfeuer bis gegen elf Uhr, ohne daß unser linker Flügel mit dem +kleinen Gewehrfeuer zusammentraf, obschon es bereits auf dem rechten +sehr hitzig zuging. Viele meinten, wir müßten noch auf die kaiserlichen +Schanzen Sturm laufen. Mir war's schon nicht mehr so bange wie anfangs, +obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beiden Seiten neben mir +wegrafften und der Wahlplatz mit Toten und Verwundeten übersät war; als +mit eins, ungefähr um zwölf Uhr, die Order kam, unser Regiment nebst +zwei andern, ich glaube Bevern und Kalkstein, müßten zurückmarschieren. +Nun dachten wir, es gehe dem Lager zu, und alle Gefahr sei vorbei. +Wir eilten darum mit muntern Schritten<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> die gähen Weinberge hinauf, +brachen unsre Hüte voll schöne rote Trauben, aßen vor uns her nach +Herzenslust, und mir und denen, welche neben mir stunden, kam nichts +Arges in Sinn, obgleich wir von der Höhe herunter unsre Brüder noch +in Feuer und Rauch stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelärm +hörten und nicht entscheiden konnten, auf welcher Seite der Sieg war. +Mittlerweile trieben unsre Anführer uns immer höher den Berg hinan, +auf dessen Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durchging, der auf +der andern Seite wieder hinunter führte. Sobald unsre Avantgarde den +erwähnten Gipfel erreicht hatte, ging ein entsetzlicher Musketenhagel +an, und nun merkten wir erst, wo der Has im Stroh lag. Etliche +tausend kaiserliche Panduren waren nämlich auf der andern Seite den +Berg hinauf beordert, um unsrer Armee in den Rücken zu fallen. Dies +muß unsern Anführern verraten worden sein, und wir mußten ihnen +zuvorkommen. Nur etliche Minuten später, so hätten sie uns die Höhe +abgewonnen, und wir wahrscheinlich den kürzern gezogen. Nun setzte es +ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe man die Panduren aus jenem Gehölz +vertreiben konnte. Unsre Vordertruppen litten stark, allein die hintern +drangen ebenfalls über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe +gewonnen hatten. Da mußten wir über Hügel von Toten und Verwundeten +stolpern. Alsdann ging's Hudri, Hudri, mit den Panduren die Weinberge +hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> herab, in die +Ebene. Unsre gebornen Preußen und Brandenburger packten die Panduren +wie Furien. Ich selber war in Jast<a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a> und Hitze wie vertaumelt, und, +mir weder Furcht noch Schreckens bewußt, schoß ich eines Schießens fast +alle meine sechzig Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war und +ich sie am Riemen nachschleppen mußte. Indessen glaub' ich nicht, daß +ich eine lebendige Seele traf, sondern alles ging in die freie Luft. +Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz postierten sich die +Panduren wieder und pülverten so tapfer in die Weinberge hinauf, daß +noch mancher vor und neben mir ins Gras biß. Preußen und Panduren lagen +überall durcheinander, und wo sich einer von letzteren noch regte, +wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen oder ihm ein Bajonett +durch den Leib gestoßen. Nun ging in der Ebene das Gefecht von neuem +an. Aber wer wird das beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von +Lowositz ausging, wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde +hätten zergehen wollen; wo das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert +Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art +Feldmusik, das Rufen so vieler Kommandeurs und das Brüllen ihrer +Adjutanten, das Zeter- und Mordiogeheul so vieler tausend elender, +zerquetschter, halbtoter Opfer dieses Tages, alle Sinnen betäubte! Um +diese Zeit, es mochte<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> etwa drei Uhr sein, da Lowositz schon im Feuer +stand, viele hundert Panduren, auf welche unsre Vordertruppen wieder +wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann auf das +Städtchen selber losging; um diese Zeit war ich freilich nicht der +Vorderste, sondern unter dem Nachtrab noch im Weinberg droben, von +denen mancher, wie gesagt, weit behender als ich von einer Mauer über +die andre hinuntersprang, um seinen Brüdern zu Hilf' zu eilen. Da ich +also noch ein wenig erhöht stand, und in die Ebene wie in ein finsteres +Donner- und Hagelwetter hineinsah, in diesem Augenblick deucht' es +mich Zeit, oder vielmehr mahnte mich mein Schutzengel, mich mit der +Flucht zu retten. Ich sah mich nach allen Seiten um. Vor mir war alles +Feuer, Rauch und Dampf, hinter mir noch viele nachkommende auf die +Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwei Hauptarmeen in voller +Schlachtordnung. Zur Linken Weinberge, Büsche, Wäldchen, nur hie und da +einzelne Menschen, Preußen, Panduren, Husaren, und von diesen mehr Tote +und Verwundete als Lebende. Da, da, auf diese Seite! dacht' ich, sonst +ist's nur lautere Unmöglichkeit!</p> + +<div class="sidenote">Desertion</div> + +<div class="sidenote">Glücklich entronnen</div> + +<div class="sidenote">In Prag</div> + +<p>Ich schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf die linke +Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preußen bei mir vorbei. +»Komm', komm', Bruder!« sagten sie, »Viktoria!« Ich ripostierte kein +Wort, tat nur ein wenig blessiert, und ging immer allgemach fort, +freilich mit Furcht und Zittern. Sobald<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> ich mich indessen so weit +entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen mochte, verdoppelte, +verdrei-, vier-, fünf-, sechsfachte ich meine Schritte, blickte rechts +und links wie ein Jäger, sah noch von weitem, zum letztenmal in meinem +Leben, morden und totschlagen; strich dann in vollem Galopp ein Gehölz +vorbei, das voll toter Husaren, Panduren und Pferde lag, rannte eines +Rennens gerade dem Fluß nach hinunter, und stand jetzt an einem +Tobel. Jenseits desselben kamen soeben etliche kaiserliche Soldaten +angestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weggestohlen hatten, +und schlugen, als sie mich so daherlaufen sahen, zum drittenmal auf +mich an, ungeachtet ich immer das Gewehr streckte und ihnen mit dem +Hut den gewohnten Wink gab. Doch brannten sie niemals los. Ich faßte +also den Entschluß, gerad' auf sie zuzulaufen. Hätt' ich einen andern +Weg genommen, würden sie, wie ich nachwärts erfuhr, unfehlbar auf mich +gefeuert haben. Ihr Hunde, dacht' ich, hättet ihr eure Courage bei +Lowositz gezeigt! Als ich zu ihnen kam und mich als Deserteur angab, +nahmen sie mir das Gewehr ab, unterm Versprechen, mir's nachwärts +wieder zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatroniert hatte, +verlor sich bald darauf, und nahm das Füsil mit. Nun so sei's! Alsdann +führten sie mich ins nächste Dorf Scheniseck, eine starke Stunde unter +Lowositz. Hier war eine Fahrt über das Wasser, aber ein einziger Kahn +zum Transport. Da gab's ein Zetermordiogeschrei von Männern, Weibern +und Kindern.<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Jedes wollte zuerst in dem Teich sein, aus Furcht vor +den Preußen, denn alles glaubte sie schon auf der Haube zu haben. +Auch ich war keiner von den letzten, der mitten unter eine Schar von +Weibern hineinsprang. Wo nicht der Fährmann etliche hinausgeworfen, +hätten wir alle ersaufen müssen. Jenseits des Flusses stand eine +Panduren-Hauptwache. Meine Begleiter führten mich auf dieselbe zu, +und die roten Schnurrbärte begegneten mir aufs manierlichste, gaben +mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstunden, Toback, +Branntwein und Geleit auf Leitmeritz, glaub' ich, wo ich unter lauter +Stockböhmen übernachtete, und freilich nicht wußte, ob ich da mein +Haupt sicher zur Ruhe legen konnte. Allein ich hatte von dem Tumult +des Tags noch einen so vertaumelten Kopf, daß dieser Kapitalpunkt mir +am mindesten betrug. Morgens darauf, den zweiten Oktober, ging ich mit +einem Transport ins kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf +ich bei zweihundert andrer preußischer Deserteurs, von denen, so zu +reden, jeder seinen eignen Weg und sein Tempo in Obacht genommen hatte; +neben andern auch unsern Bachmann. Wie sprangen wir beide hoch auf vor +Entzücken, uns so unerwartet wieder in Freiheit zu sehn! Da ging's an +ein Erzählen und Jubilieren, als wenn wir schon zu Haus hinterm Ofen +säßen. Einzig hieß es bisweilen: Ach wäre nur auch der Schärer von Wil +bei uns! Wo mag der geblieben sein? Wir hatten die Erlaubnis, alles +im Lager zu besichtigen.<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Offiziers und Soldaten stunden bei Haufen +um uns, denen wir mehr erzählen sollten als uns bekannt war. Etliche +wußten Winds genug zu machen, ihren Wirten zu schmeicheln und zur +Verkleinerung der Preußen hundert Lügen auszuhecken. Da gab's auch +unter den Kaiserlichen manchen Erzprahler; und der kleinste Zwerg +rühmte sich, wer weiß wie manchen langbeinigten Brandenburger auf +seiner eignen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Drauf führte +man uns zu etwa fünfzig Mann Gefangenen von der preußischen Kavallerie. +Ein erbärmlich Spektakel! Da war kaum einer an Wunden oder Beulen leer +ausgegangen; etliche übers ganze Gesicht heruntergehauen, andre ins +Genick, andre über die Ohren, über die Schultern oder Schenkel. Da war +alles ein Ächzen und Wehklagen! Wie priesen uns diese armen Wichte +selig, einem ähnlichen Schicksal so glücklich entronnen zu sein; und +wie dankten wir selber Gott dafür! Wir mußten im Lager übernachten und +bekamen jeder einen Dukaten Reisegeld. Dann schickte man uns mit einem +Kavallerietransport nach einem böhmischen Dorfe, wo wir, nach einem +kurzen Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgingen. Dort verteilten +wir uns, und bekamen Pässe, je zu sechs, zehn bis zwölf, welche einen +Weg gingen. Wir waren ein wunderseltsames Gemengsel von Schweizern, +Schwaben, Sachsen, Bayern, Tirolern, Welschen, Franzosen, Polacken und +Türken. Einen solchen Paß bekamen unser sechs zusammen bis Regensburg. +In Prag selbst<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> war ein Zittern und Beben vor den Preußen ohne +seinesgleichen. Man hatte den Ausgang der Schlacht bei Lowositz bereits +vernommen und glaubte den Sieger schon vor den Toren zu sehn. Auch da +stunden ganze Truppen Soldaten und Bürger um uns her, denen wir sagen +sollten, was der Preuß' im Sinn habe? Einige von uns trösteten diese +neugierigen Hasen; andre hatten noch ihre Freude daran, sie tapfer zu +schrecken, und sagten ihnen, der Feind werde spätstens in vier Tagen +anlangen und sei ergrimmt wie der Teufel. Dann schlugen viele die Händ' +über'm Kopf zusammen; Weiber und Kinder wälzten sich gar heulend im Kot +herum.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Heimkehr">Heimkehr</h2> +</div> + + +<div class="sidenote">Heimreise mit Bachmann</div> + +<p>Den fünften Oktober traten wir unsre wirkliche Heimreise an. Es war +schon abends, als wir von Prag ausmarschierten. Es ging bald über +eine Anhöhe, von welcher wir eine unvergleichliche Aussicht über das +ganze schöne königliche Prag hatten. Die liebe Sonne vergüldete seine +mit Blech bedeckten zahllosen Turmspitzen zum Entzücken. Wir stunden +eine Weile still, unter allerhand Gesprächen und mannigfaltigen +Empfindungen dieses herrlichen Anblicks zu genießen. Einige bedauerten +den prächtigen Ort, wenn er sollte bombardiert werden; andre hätten +mögen dabei sein, wenigstens während dem Plündern. Ich konnte mich +kaum satt sehn; sonst aber war mein einziges Sehnen wieder nach Haus, +zu den Meinigen, zum Anneli. Wir kamen noch bis auf Schibrack; den +sechsten bis Pilsen. Dort hatte der Wirt eine Tochter, das schönste +Mädchen, das ich in meinem Leben gesehn. Mein Herr Bachmann wollte mit +ihr hübsch tun, und fast einzig ihr zulieb hielten wir da Rasttag. Aber +der Wirt verdeutete ihm, sein Kind sei keine Berlinerin! Vom achten +bis zwölften ging's über Stab, Lensch, Rötz, Kürn auf Regensburg, wo +wir zum zweitenmal rasteten. Bisher hatten wir nur kurze Tagreisen +von zwei bis drei Meilen gemacht, aber desto längere Zechen. Mein +Dukaten Reisegeld war schon dünn wie ein Laub worden, sonst hatt' ich +keinen Heller in der Ficke, und ward<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> also genötigt, auf den Dörfern +zu fechten. Da bekam ich oft beide Taschen voll Brot, aber nie einen +Heller bar. Bachmann hingegen hatte noch von seinem Handgeld übrig, +ging in die Schenke, und ließ sich's wohlschmecken. Nur etwa zu +vornehmen Häusern, Pfarrhöfen und Klöstern, kam er mit. Da mußten wir +oft halbe Stunden stehn und den Herren alle Hergangenheit erzählen; +des wurde besonders Bachmann meist überdrüssig, sonderlich wo für die +Geschichte einer ganzen Schlacht, der er nicht beigewohnt, nur ein paar +Pfennige flogen. Er gab immer vor, daß er bei Lowositz gewesen, und +ich mußt' ihm die Lüge frisieren helfen; dafür hat er mir die ganze +Reis' über keinen Krug Bier bezahlt. In den Klöstern gab's Suppen, +oft auch Fleisch. Zu Regensburg, oder vielmehr im Bayerschen Hof +verteilten wir uns wieder. Bachmann und ich erhielten einen Paß nach +der Schweiz. Die andern, ein Bayer, zween Schwaben und ein Franzose, +von denen ich nichts weiter zu sagen weiß, als daß sie alle vier +rüstige Kerls und uns Tölpeln weit überlegen waren, nahmen jeder seine +Straße. Die unsrige ging, der kleinern Orte nicht zu gedenken, über +Ingolstadt, Donauwörth, Dillingen, Bregenz, Rheineck, nach Rorschach. +Oberhalb Rheineck begegnete mir bald ein trauriger Spaß. Bisher waren +wir unter lauter muntern Gesprächen über unsre glückliche Flucht, +über unsre ältern und neuern Schicksale und unsre Aussichten für die +Zukunft ganz brüderlich gereist. Bachmann,<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> dem, von vorigen Zeiten +her, fast alle Tag Hünd' und Hasen wieder in den Sinn stiegen, hatte +sich, sobald wir von Prag weg waren, eine Jagdflinte gekauft, die er +mit sich trug. Ich war seiner ewigen Diskurse von Hetzen und Treiben +schon längst müde geworden, als wir, wie gesagt, oberhalb Rheineck in +den Weinbergen Hunde jagen hörten. Hier machte mein Urian vor Entzücken +ordentliche Purzelsprünge und behauptete, es wären, beim Himmel! seine +alten Bekannten; er kenne sie noch am Bellen! Ich lachte ihn aus. +Hierüber ward er böse, befahl mir stillzustehn, und der schönen Musik +zuzuhorchen. Jetzt spottete ich vollends seiner und stampfte mit den +Füßen. Das hätt' ich freilich sollen bleiben lassen. Er ward rasend, +stand ganz schäumend mit aufgehobener Flinte vor mich hin, und setzte +sie mir zähneknirschend vor den Kopf, als wenn er mich den Augenblick +töten wollte. Ich erschrak. Er war bewaffnet, ich nicht; und auch +dies und seine Wut ungerechnet, glaub' ich kaum, daß ich dem ohnehin +verzweifelt wilden, handfesten Kerle, der beinahe zwei Zoll höher als +ich war, hätte gewachsen sein können. Doch, ich weiß nicht, ob aus Mut +oder Furcht, stand ich bockstill und guckte nach allen Seiten herum, +ob ich niemand zu Hilf rufen könnte? Aber, es war an einem einsamen +Ort, auf einer Allmend;<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[49]</a> ich sah kein Mäuschen. »Sei kein Narr!« +sagt' ich zu ihm, »wirst wohl<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> Spaß verstehn.« Damit legte sich seine +Wut schon um ein ziemliches. Wir gingen stillschweigend weiter, und +ich war froh, als wir unvermerkt ins Städtchen Rheineck traten. Jetzt +flattierte er mir wieder, eines Talers wegen, den ich auf dem Weg von +ihm geborgt hatte; und ich dachte oft, dies Lumpenstück Geld hab' mir +das Leben gerettet. Aber von dem Augenblick an schwand alles Vertrauen +unter uns. Doch hab' ich mich nie gerochen, obgleich's der Anlässe +viele gab, und mein Vater zahlte ihm den Taler willig, als er wenig +Tage nach meiner Heimkunft in unser Haus kam. Wir kamen noch bis +Rorschach, und des folgenden Tags (25. Oktober) auf Herisau, denn mein +Herr Bachmann mochte nicht eilen, und ich merkte, daß er sich nicht +recht nach Haus getraute, bis er sich erkundigt hätte, wie seiner +vorigen Frevel wegen der Wind blies.</p> + +<div class="sidenote">Trennung</div> + +<div class="sidenote">Heim! Heim!</div> + +<div class="sidenote">Nichts als Heim!</div> + +<p>Länger konnt' ich dem Burschen nicht abpassen; denn, so nahe bei meiner +Heimat, brannt' ich vor Begierde, dieselbe völlig zu erreichen. Also +den sechsundzwanzigsten Oktober morgens früh nahm ich den Weg zum +letztenmal unter die Füße, rannte wie ein Reh über Stock und Stein, und +die lebhafte Vorstellung des Wiedersehns von Eltern, Geschwistern und +meinem Liebchen ging mir einstweilen vor Essen und Trinken. Als ich nun +meinem geliebten Wattweil immer näher und näher, und endlich auf die +schöne Anhöhe kam, von welcher ich seinen Kirchturm ganz nahe unter +mir erblickte, bewegte sich alles in mir, und rollten große<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> Tränen +haufenweis über meine Wangen herab. Oh, du erwünschter, gesegneter Ort! +so hab' ich dich wieder, und niemand wird mich weiter von dir nehmen, +dacht' ich im Heruntertrollen wohl hundertmal, und dankte dabei Gottes +Vorsehung, die mich aus so vielen Gefahren wo nicht wunderbar doch +höchstgütig gerettet hat. Auf der Brücke zu Wattweil redete mich ein +alter Bekannter an, der vor meinem Weggehn um meine Liebesgeschichte +gewußt hatte, und dessen erstes Wort war: »Je, gelt! deine Anne ist +auch verplempert; dein Vetter Michel war so glückselig, und sie hat +schon ein Kind.« Das fuhr mir durch Mark und Bein; indessen ließ ich's +den Unglücksboten nicht merken: »Eh' nun,« sagt' ich, »hin ist hin!« +Und in der Tat, zu meinem größten Erstaunen, faßt' ich mich bald, und +dachte wirklich: »Nun freilich, das hätt' ich nicht hinter ihr gesucht! +Aber, wenn's so sein muß, so sei's, und hab' sie eben ihren Michel!« +Dann eilt' ich unserm Wohnort zu. Es war ein schöner Herbstabend. Als +ich in die Stube trat, Vater und Mutter waren nicht zu Hause, merkt' +ich bald, daß auch nicht eines von meinen Geschwistern mich erkannte, +und sie über den ungewohnten Spektakel eines preußischen Soldaten nicht +wenig erschraken, der so in seiner vollen Montierung, den Tornister +auf dem Rücken, mit 'runtergelassnem Zottenhut und einem tüchtigen +Schnurrbart sie anredte. Die Kleinern zitterten; der Größte griff nach +einer Heugabel, und lief davon. Hinwieder wollt' auch ich mich<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> nicht +zu erkennen geben, bis meine Eltern da wären. Endlich kam die Mutter. +Ich sprach sie um Nachtherberg an. Sie hatte viele Bedenklichkeiten; +der Mann sei nicht da und dergleichen. Länger konnt' ich mich nicht +halten, ergriff ihre Hand und sagte: »Mutter, Mutter! kennst mich nicht +mehr?« Oh, da ging's zuerst an ein lärmendes, von Zeit zu Zeit mit +Tränen vermengtes Freudengeschrei von Kleinen und Großen, dann an ein +Bewillkommnen, Betasten und Begucken, Fragen und Antworten, daß es eine +Tausendslust war. Jedes sagte, was es getan und geraten, um mich wieder +bei ihnen zu haben. So wollte meine älteste Schwester ihr Sonntagskleid +verkaufen, und mich daraus heimholen lassen. Mittlerweile langte auch +der Vater an, den man ziemlich aus der Ferne rufen mußte. Dem guten +Mann rannen auch Tropfen die Backen herunter: »Ach! Willkomm, willkomm, +mein Sohn! Gottlob, daß du gesund da bist, und ich einmal alle meine +Zehn wieder beisammen habe. Obschon wir arm sind, gibt's doch alleweil +Arbeit und Brot.« Jetzt brannte mein Herz lichterloh, und fühlte tief +die Wonne, so viele Menschen auf einmal, und zwar die Meinigen, zu +erfreuen. Dann erzählt' ich ihnen noch denselben und etliche folgende +Abende haarklein meine ganze Geschichte. Da war's mir wieder so +ungewohnt herzlich wohl! Nach ein paar Tagen kam Bachmann, holte, wie +gesagt, seinen Taler, und bestätigte alle meine Aussagen. Sonntags +früh putzt' ich meine Montur,<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> wie in Berlin zur Kirchenparade. Alle +Bekannten bewillkommten mich; die andern gafften mich an, wie einen +Türken. Auch nicht mehr meine, sondern Vetter Michels Anne tat es, +und zwar ziemlich frech, ohne zu erröten. Ich hinwieder dankte ihr +hohnlächelnd und trocken. Dennoch besucht' ich sie eine Weile hernach, +als sie mir sagen ließ, sie wünschte allein mit mir zu reden. Da machte +sie freilich allerlei kahle Entschuldigungen. Sie hab' mich auf immer +verloren geglaubt, der Michel hab' sie übertölpelt, und so weiter. +Dann wollte sie gar meine Kupplerin abgeben. Aber ich bedankte mich +schönstens, und ging.</p> + +<div class="sidenote">Anne</div> + +<div class="sidenote">Was nun anfangen?</div> + +<p>Und nun, hieß es, was anfangen? Graben mag ich nicht; doch schäm' ich +mich zu betteln. Nein! für mein Brot war ich nie besorgt, und jetzt am +allerwenigsten; denn, dacht' ich, nun bist du wieder an deines Vaters +Kost, und arbeiten willst du auch wieder lernen. Doch merkt' ich, daß +mein Vater meinetwegen ein bißchen verlegen war, und vielleicht obige +Textesworte auf mich anwandte, obschon er nichts davon sagte. In der +Tat war mir die schwarze, gefährliche Kunst eines Pulvermachers höchst +zuwider; denn dergleichen Spezerei hatt' ich genug gerochen. Jetzt +sollt' ich auch wieder Kleider haben, und der gute Ätti strengte alles +an, mir solche zu verschaffen. Den Winter über konnt' ich Holz zügeln +und Baumwolle kämmen. Allein im Frühjahr 1757 beorderte mich mein Vater +zum Salpetersieden.<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> Da gab's schmutzige und zum Teil strenge Arbeit. +Doch blieb mir immer so viel Zeit übrig, meinen Geist wieder in die +weite Welt fliegen zu lassen. Da dacht' ich: »Warst doch als Soldat +nicht so ein Schweinskerl, und hattest bei aller deiner Angst und Not +manch lustiges Tägel!« Ha! wie veränderlich ist das Herz des Menschen. +Denn jetzt ging ich wirklich manche Stunde mit mir zu Rat, ob ich +nicht aufs neue den Weg unter die Füße nehmen wollte; stunden mir doch +Frankreich, Holland, Piemont, die ganze Welt, außer Brandenburg, offen. +Mittlerweile wurde mir ein Herrndienst im Johanniterhaus Bubickheim, +Zürcher Gebiets, angetragen. Ich ging zwar hin, mich zu erkundigen. +Allein, ich gefiel, oder, was weiß ich, man gefiel mir nicht; und so +blieb ich bei meinem Salpeter, war ein armer Tropf, hatte kein Geld, +und mochte gleichwohl gern mit andern Burschen laichen.<a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[50]</a> Mein Vater +gab mir zwar bisweilen, wenn ein Trinktag oder andrer Ehrenanlaß +einfiel, etliche Batzen in den Sack; allein die waren bald über die +Hand geblasen. Der ehrliche Kreuztrager hatte eben sonst immer mehr +auszugeben als einzunehmen, und Kummer und Sorgen machten ihn lange +vor der Zeit grau. Die Wahrheit zu sagen: Keins von allen seinen zehn +Kindern wollte ihm recht ans Rad stehn. Jedes sah vor sich, und doch +mochte keines was vor sich bringen. Die einen waren<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> zu jung. Von den +zwei Brüdern, die nächst auf mich folgten, gab sich der ältere mit +Baumwollenkämmen ab, und zahlte dem Ätti das Tischgeld; der andre half +ihm zwar in der Pulvermühle. Überhaupt aber ließ der liebe Mann jedes +sozusagen machen, was es wollte, erteilte uns viel gute Lehren und +Ermahnungen, und las uns aus gottseligen Büchern allerlei vor; aber +dabei ließ er's bewenden, und brauchte kurz keinen Ernst. Die Mutter +mit den Töchtern machte es ebenso, und war gar zu gut. — Wie spät +kommt der Verstand! Bei mir sollte er damals schon längst gekommen, und +ich meines Vaters beste Stütze geworden sein. Ja! wenn das sinnliche +Vergnügen nicht so anziehend wäre. An guten Vorsätzen fehlte es nie. +Aber da hieß es:</p> + +<div class="blockquot"> +<p class="p0">Zwar billig' ich nicht mehr das Böse, das ich tue —<br> +Doch tu' ich nicht das Gute, das ich will.</p> +</div> + +<p>Und so stolpert' ich immer meinem wahren Glücke vorbei.</p> + +<div class="sidenote">Heiratsgedanken</div> + +<div class="sidenote">Lieschen</div> + +<p>Schon im vorigen Jahre geriet ich bei meinem Herumpatrouillieren hie +und da an eine sogenannte Schöne; und es gab deren nicht wenig, die mir +herzlich gut waren, aber meist ohne Vermögen. Ich nichts, sie nichts, +dacht' ich dann, ist doch zu wenig, denn so unbedachtsam war ich nicht +mehr wie im zwanzigsten. Auch sprach der Vater immer zu uns: »Buben! +seid doch nicht so wohlfeil. Seht euch vor. Ich will's euch<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> zwar +nicht wehren; aber werft den Bengel ein Bißlin hoch, er fällt schon +von selbst wieder tief; in diesem Punkt darf sich einer alleweil was +Rechtes einbilden.« Nun, das war schön und gut; aber es muß einer denn +doch durch, wo's ihm geschaufelt ist. Gleichwohl dacht' ich etwas zu +erhaschen, und glaubte mich eigentlich zum Ehestand bestimmt, sonst +wär' ich um diese Zeit sicher in die weite Welt gegangen. Inzwischen +war, aller meiner obbelobten Bedächtlichkeit ungeachtet, der Geiz +wirklich nicht meine Sache. Ein Mädchen, ganz nach meinem Herzen, hätt' +ich nackend genommen. Aber da leuchtete mir eben keine vollkommen +ein, wie weiland mein Ännchen. Mit einem gewissen Lieschen war ich +ein paarmal auf dem Sprung. Erst machte das Ding Bedenklichkeiten; +nachwärts bot es sich selber an. Aber meine Neigung zu ihr war zu +schwach; und doch glaub' ich nicht, daß ich unglücklich mit ihr +gefahren wäre. Aber zu stockig ist zu stockig. Bald darauf kam ich +fast ohne mein Wissen und Willen mit der Tochter einer katholischen +Witwe in einen Handel, welcher ziemliches Aufsehen machte, obschon ich +nur ein paarmal mit ihr spazieren gegangen war und ein Glas Wein mit +ihr getrunken hatte, alles ohne sonderliche Absicht, und vornehmlich +ohne sonderliche Liebe. Aber da blies man meinem Vater ein, ich wolle +katholisch, und Marianchens Mutter, sie wolle reformiert werden; und +doch hatte keins von uns so wenig an den Glauben als eine Änderung +desselben gedacht. Das arme Ding kam<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> wirklich darüber in eine Art +geheimer Inquisition von Geist- und Weltlichen, erzählte mir alles +haarklein, und ihr ward himmelangst. Ich hingegen lachte im Herzen +des dummen Lärms, um so viel mehr, da mein Vater solider zu Werk +ging, mich zwar freundernstlich examinierte, aber mir dann auch auf +mein Wort glaubte, als ich ihm sagte, daß ich so steif und fest auf +mein Bekenntnis leben und sterben wollte, als Lutherus oder unsre +Landskraft Zwingli. Inzwischen wurde die Sache auf Marianchens Seite +ernsthafter, als ich glaubte. Das gute Kind ward so vernarrt in mich +wie ein Kätzchen, und befeuchtete mich oft mit seinen Tränen. Ich +glaube, das Närrchen wär' mit mir ans End der Welt gelaufen; und wenn +ihm schon sein mütterlicher Glaube sehr ans Herz gewachsen war, meint' +ich fast, ich hätt' in der Wagschal' überwogen. Auch setzte mir das +Mitleid fast mehr zu, als je zuvor die Liebe. Doch mußt' ich, wenn ich +alles und alles überdachte, durchaus allmählich abbrechen, und tat es +wirklich. Hier falle eine mitleidige Träne auf das Grab dieses armen +Töchterchens! Es zehrte sich nach und nach ab, und starb nach wenig +Monaten im Frühling seines zarten Lebens. Gott verzeihe mir meine +schwere Sünde, wenn ich an diesem Tod einige Schuld trug. Und wie +sollt' ich mir dies verbergen wollen?</p> + +<p>Indem ich so hin und wieder meinen Salpeter brannte, sah' ich eines +Tags ein Mädchen mit einem Amazonengesicht vorbeigehn, das mir, als +einem »alten<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Preußen« nicht übel gefiel, und das ich bald nachher auch +in der Kirche bemerkte. Dieser fragte ich erst ganz verstohlen nach, +und was ich von ihr vernahm, behagte mir ziemlich, einen Kapitalpunkt +ausgenommen, daß es hieß, sie sei verzweifelt böse, doch im bessern +Sinn; und dann glaubten einige, sie habe schon einen Liebhaber. Nun, +mit alledem, dacht' ich, 's muß doch einmal gewagt sein! Ich sucht' +ihr also näherzukommen und mit ihr bekannt zu werden. Zu dem End' +kauft' ich in Eggberg, wo mein Schatz daheim war, etwas Salpetererde, +und zugleich ihres Vaters Gaden, ihr zulieb viel zu teuer, denn es war +fast verloren Geld. Schon bei diesem Handel merkt' ich, daß sie gern +den Herrn und Meister spiele; aber der Verstand, womit sie's tat, war +mir nicht zuwider. Nun hatt' ich alle Tag Gelegenheit, sie zu sehen; +doch ließ ich ihr lange meine Absichten unentdeckt, und dachte, du mußt +sie erst recht ausstudieren. Die Böse, wovon man mir so viel Wesens +gemacht, konnt' ich nicht an ihr finden. Aber der Henker hol' ein +lediges Mädchen aus! Meine Besuche wurden immer häufiger. Endlich leert +ich den Kram aus und gewahrte, daß ihr mein Antrag nicht unerwartet +fiel. Dennoch hatte sie viele Bedenken, und ihr Ziel ging offenbar +dahin, mich auf eine lange Probe zu setzen. Setz' du nur, dacht' ich, +wanderte unterdessen mit meinem Salpeterplunder von einem Ort zum +andern, und machte noch mit verschiedenen andern Mädchen Bekanntschaft, +welche mir, die Wahrheit zu gestehen,<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> vielleicht besser gefielen, von +denen aber keine so gut für mich zu taugen schien als sie. Endlich +begriff ich, oder vielmehr gab mir's mein guter Genius ein, daß ich +nicht bloß meiner Sinnlichkeit folgen solle. Inzwischen setzte es jetzt +schon fast allemal, wenn ich meine Schöne sah, irgendeinen Strauß oder +Wortwechsel, aus denen ich wahrnehmen konnte, daß unsre Seelen eben +nicht gleichgestimmt waren. Aber selbst diese Disharmonie war mir +nicht zuwider, und ich bestärkte mich immer mehr in einer gewissen +Überzeugung: Diese Person wird dein Nutzen sein, wie die Arznei dem +Kranken. Einst ließ sie sich gegen mich heraus, daß ihr meine dreckige +Hantierung mit dem Salpetersieden gar nicht gefalle, und mir war's +selber so. Sie riet mir, ein kleines Händelchen mit Baumwollengarn +anzufangen, wie's ihr Schwager getan, dem's auch nicht übel gelungen +sei. Das leuchtete mir so ziemlich ein. Aber wo 's Geld hernehmen? +war meine erste und letzte Frage. Sie bot mir wohl etwas an, aber +das kleckte nicht. Nun ging ich mit meinem Vater zu Rat. Der hatte +ebenfalls nichts dawider und verschaffte mir hundert Gulden, die er +noch von der Mutter zu beziehen hatte.</p> + +<p>Um diese Zeit hatt' ich eine gefährliche Krankheit zu bestehen, da mir +ein Geschwür, an welchem ich beinahe das Leben verloren hätte, tief im +Schlunde wuchs. Endlich schnitten's mir die Herren Doktors Mettler, +Vater und Sohn, mit einem krummen Instrumente so glücklich<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> auf, daß +ich gleichsam in einem Nu wieder schlucken und reden konnte.</p> + +<div class="sidenote">Als Garnhändler</div> + +<div class="sidenote">Wohnungspläne</div> + +<p>Im März des folgenden Jahres, 1759, fing ich wirklich an, +Baumwollengarn zu kaufen. Damals mußt' ich noch den Spinnern auf ihr +Wort glauben, und den Lehrbletz teuer genug bezahlen. Indessen ging +ich den fünften April das erstemal mit meinem Garn nach St. Gallen, +und konnt' es so mit ziemlichem Nutzen absetzen. Dann schaffte ich mir +sechsundsiebenzig Pfund Baumwolle, das Pfund zu zwei Gulden, an, ward +also in aller Form ein Garnhändler, und bildete mir schon mehr ein, als +der Pfifferling wert war. Ungefähr ein Jahr lang trieb ich nebenbei +noch mein Salpetersieden fort, und da meine Barschaft gering war, mußt' +ich sie um so viel öftrer umzusetzen suchen. Ich wanderte deswegen +einmal übers andere nach St. Gallen und befand mich dabei nicht übel; +doch betrug mein Vorschlag in diesem Jahr nicht über zwölf Gulden. Aber +das deuchte mir damals schon ein Großes.</p> + +<p>Als ich so den Handelsherrn spielte, dacht' ich, Liebchen sollte nun +keine Einwendung mehr gegen meine Anträge machen. Aber weit gefehlt! +Das verschmitzte Geschöpf wollte meine Ergebenheit noch auf andre Weise +probieren. Nun, was ohnehin in meinen Planen stund, mochte hingehn. Als +ich ihr daher eines Tags mit großem Ernst vom Heiraten redete, hieß +es: Aber wo hausen und hofen? Ich schlug ihr verschiedene Wohnungen +vor, die damals eben zu vermieten stunden,<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> »das will ich nicht,« sagte +sie, »in meinem Leben nehm' ich keinen, der nicht sein eigen Haus +hat!« »Ganz recht!« erwiderte ich; aber hätt's nicht auch in meinem +Kopf gelegen, ich wollt's probiert haben. Von der Zeit an fragt' ich +jedem feilgebotenen Häuschen nach; aber es wollte sich nirgends fügen. +Endlich entschloß ich mich, selber eins zu bauen, und sagte es meiner +Schönen. Sie war's zufrieden, und bot mir wieder Geld dazu an. Dann +eröffnete ich meine Absicht auch meinem Vater, der versprach, ebenfalls +mir mit Rat und Tat beizustehn, wie er's auch redlich hielt. Nun erst +sah ich mich nach einem Platz um und kaufte einen Boden um ungefähr +hundert Taler, dann hie und da Holz. Einige Tännchen bekam ich zum +Geschenk. Nun bot ich alle meine Kräfte auf, fällte das Holz, das +meist in einem Bachtobel stund, und zügelte es — der gute Ätti half +mir wacker — nach der Säge, dann auf den Zimmerplatz. Aber Sägen und +Zimmern kostete Geld. Alle Tag' mußt' ich dem Seckel die Riemen ziehn, +und das war doch nur der Schmerzen ein Anfang. Doch bisher ging alles +gut von statten; der Garnhandel ersetzte die Lücken. Meinem Schatze +rapportiert' ich alles fleißig, und sie trug an meinem Tun und Lassen +meist ein gnädiges Belieben. Den Sommer, Herbst und Winter durch macht' +ich alle nötigen Zubereitungen mit Holz, Stein, Kalk und Ziegel, um +im künftigen Frühjahr mit meinem Bau zeitig genug anfangen und je +eher je lieber mit meiner jungen Hausehre einziehen zu können. Nebst<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> +meinem kleinen Handel pfuscht' ich, zumal im Winter, allerlei Mobilien +und Werkgeschirr. Ich dachte, in ein Haus würde auch Hausrat gehören, +von meiner Liebsten werd' ich nicht viel zu erwarten haben, und von +meinem Vater, dem ich jetzt ein geringes Kostgeld bezahlen mußte, noch +minder. Überhaupt war wohl nichts unüberlegter, als dergestalt, bloß +einem Weibsbild und meiner Eitelkeit zulieb, um eine eigene Hofstätte +zu haben, mich in ein Labyrinth zu vertiefen, aus welchem nur Gott und +Glück wieder herausführen konnten. Auch lächelten mich ein paar meiner +Nachbarn immer schalkhaft an, so oft ich bei ihnen vorüberging. Andre +waren offenherziger und sagten mir's rund ins Gesicht: »Ulrich, Ulrich! +du wirst's schwerlich aushalten.« Einige hatten vollends die Gutheit, +mir nach dem Maß ihrer Kräfte, bloß auf mein und des Ätti Ehrenwort, +tätlich unter die Arme zu greifen.</p> + +<div class="sidenote">Bräutigamsstand</div> + +<p>Übrigens war dies Tausendsiebenhundertundsechzig ein vom Himmel +außerordentlich gesegnetes Wunderjahr, durch ein seltenes Gedeihen der +Erdfrüchte und namhaften Verdienst, bei äußerst geringem Preis aller +Arten von Lebensmitteln. Ein Pfund Brot galt zehn Pfennige, ein Pfund +Butter zehn Kreuzer. Das Viertel Äpfel, Birnen und Erdäpfel konnt' ich +beim Haus um zwölf Kreuzer haben; die Maß Wein um sechs Kreuzer, und +die Maß Branz um sieben Batzen. Alles, reich und arm, hatte vollauf. +Mit meinem Bauelgewerb wär's mir um diese Zeit gewiß gut gegangen, wenn +ich<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> ihn nur besser verstanden und mehr Geld und Zeit dareinzusetzen +gehabt hätte. So floß mir dieses Jahr ziemlich schnell dahin. Mit +meiner Schönen gab's manchmal ein Zerwürfnis, wenn sie etwa meine +Lebensart tadelte, mir Verhaltungsbefehle vorschreiben wollte, und +ich mich, wie noch heutzutag, rebellisch stellte; aber der Faden war +allemal bald wieder angesponnen und bald wieder zerbrochen.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Ehe-_und_Wehestand">Ehe- und Wehestand</h2> +</div> + + +<div class="sidenote">Der Hausbau</div> + +<p>Nachdem ich, wie gesagt, den Winter über alle möglichen Anstalten +zu meinem Bauen gemacht, das Holz auf den Platz geschleift und der +Frühling nun heranrückte, langten auch meine Zimmerleute auf den Tag +an, wie sie mir's versprochen hatten. Es waren außer meinem Bruder +Georg, den ich ebenfalls gedingt, und für den ich darum meinem +Vater jetzt Kostgeld entrichten mußte, sieben Mann, deren jedem ich +alle Tag für Speis' und Lohn sieben Batzen, dem Meister Hans Jörg +Brunner von Krinau aber neun Batzen bezahlte und darüber noch täglich +eine halbe Maß Branz, Sell-,<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[51]</a> Beschluß- und Firstwein. Es war +den siebenundzwanzigsten März, da die Selle zu meiner Hütte gelegt +wurde, bei sehr schönem Wetter, das bis Mitte April dauerte, wo die +Arbeit durch eingefallenen großen Schnee einige Tage unterbrochen +ward. Bis Mitte Mai, also in zirka sieben Wochen, kam alles unter +Dach. Noch vorher aber, End' Aprils, spielte mir das Schicksal +etliche fatale Streiche, die mir, so unbedachtsam ich sonst alles dem +Himmel anheimstellte, der doch nirgends für den Leichtsinn zu sorgen +versprochen hat, beinahe allen Mut zu Boden warfen. Es hatten sich +nämlich drei oder vier Unsterne miteinander vereinigt, meinen Bau zu +hintertreiben. Der eine war, daß ich noch viel zu wenig Holz<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> hatte, +ungeachtet der Meister mir gesagt, es sei genug, und daher es erst +jetzt einsah, als er an die oberste oder Firstkammer kam. Also mußt' +ich von neuem in den Wald, Bäum kaufen, fällen, und sie in die Säge +und auf den Zimmerplatz führen. Der zweite Unstern war, daß, als bei +dem ebengedachten Geschäft mein Fuhrmann mit einem schweren Stück +zwischen zwei Felsen durch, und ich nebenein galoppieren wollte, mir +der Baum im Renken den rechten Fuß erwischte, Schuh' und Strümpf' +zerriß, und Haut, Fleisch und Bein zerquetschte, so daß ich ziemlich +miserabel auf dem einen Roß heimreiten, und unter großen Schmerzen +viele Tag' inliegen mußte, bis ich wieder zu meinen Leuten konnte. +Nebendem vereinigten sich während dieser meiner Niederlage noch zwei +andre Fatalitäten mit den erstern. Die eine, einer meiner Landsmänner, +dem ich hundertzwanzig Gulden schuldig war, schickte mir unversehns den +Boten, daß er zur Stund' wolle bezahlt sein. Ich kannte meinen Mann und +wußte, daß da Bitten und Beten umsonst sei. Also dacht' ich hin und +her, was anzufangen wäre. Endlich entschloß ich mich, meinen Vorrat an +Garn aus allen Winkeln zusammenzulesen, nach St. Gallen zu schicken +und um jeden Preis loszuschlagen. Aber, o weh! das vierte Ungeheuer! +Mein Abgesandter kam, statt mit Barschaft, mit der entsetzlichen +Nachricht, mein Garn liege im Arrest wegen allzu kurzen Häspeln, ich +müsse selber auf St. Gallen gehn und mich vor den Herren Zunftmeistern +stellen.<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Was sollt' ich nun anfangen? Jetzt hatt' ich weder Garn noch +Geld, sozusagen keinen Schilling mehr, meine Arbeiter zu bezahlen, die +indessen drauflos zimmerten, als ob sie Salomonis Tempel bauen müßten. +Und dann mein unerbittlicher Gläubiger! Aufs neue borgen? Gut! Aber wer +wird mir armen Buben trauen? Mein Vater sah meine Angst, und mein Vater +im Himmel sah sie noch besser. Sonst fanden der Ätti und ich noch immer +Kredit. Aber sollten wir den mißbrauchen? Kurz, er rannte in seinem +und meinem Namen, und fand endlich Menschen, die sich unser erbarmten, +Menschen und keine Wuchrer! Gott vergelt' es ihnen in Ewigkeit!</p> + +<div class="sidenote">Einzug</div> + +<p>Sobald ich wieder aushoppen und meinen Sachen nachgehen konnte, war +meine Not, vielleicht nur zu bald, vergessen. Mein Schatz besuchte mich +während meiner Krankheit oft. Aber von allen jenen Unsternen ließ ich +ihr keinen Schein sehn; und mein guter Engel verhütete, daß sie nichts +davon erfuhr; denn ich merkte wohl, daß sie noch unschlüssig, nur mein +Verhalten, und den Ausgang vieler ungewisser Dinge erwarten wollte. +Unser Umgang war daher nie recht vertraut. Zu St. Gallen kam ich mit +fünfzehn Gulden Buß davon. Als die Zimmerleut' fertig waren, ging's +ans Mauern. Dann kam der Hafner, Glaser, Schlosser, Schreiner, einer +nach dem andern. Dem letzten zumal half ich aus allen Kräften, so daß +ich dies Handwerk so ziemlich gelernt und mir mit meiner Selbstarbeit +manchen Schilling<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> erspart habe. Mit meinem Fuß war's indessen noch +lange nicht recht, und ich mußte bei Jahren daran bayern,<a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor">[52]</a> sonst +wäre alles viel hurtiger vonstatten gegangen. Endlich konnt' ich am +siebenzehnten Juni mit dem Bruder in mein neues Haus einziehn, der nun +einzig, nebst mir, unsern kleinen Rauch führte. Wir beide stellten also +Herr, Frau, Knecht, Magd, Koch und Keller, alles an einem Stiel vor. +Aber es fehlte noch an vielem. Wo ich herumsah, erblickt' ich meist +heitre und sonnenreiche, aber leere Winkel. Immer mußt' ich die Hand +in Beutel stecken, und der war klein und dünn, so daß es mich jetzt +noch Wunder nimmt, wie die Kreuzer, Batzen und Gulden alle heraus- oder +vielmehr hineingekrochen. Aber freilich am End erklärte sich manches +durch eine Schuldenlast von fast tausend Gulden.</p> + +<div class="sidenote">Hochzeit</div> + +<p>Inzwischen war ich nun beinahe vier Jahre lang einem stettigen<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[53]</a> +Mädchen nachgelaufen; und sie mir, wenn auch etwas minder. Wenn +wir uns nicht sehen konnten, mußten bald alle Tage gebundene und +ungebundene Briefe gewechselt sein, wie mich denn über diesen Punkt +mein verschmitzter Schatz meisterlich zu betrügen wußte. Sie schrieb +mir nämlich ihre Briefe meist in Versen, so nett, daß sie mich darin +weit übertraf. Ich hatte eine große Freude an dem gelehrten<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> Ding, +und glaubte eine vortreffliche Dichterin an ihr zu haben. Aber am End +kam's heraus, daß sie weder schreiben noch Geschriebenes lesen konnte, +sondern alles durch einen vertrauten Nachbar verrichten ließ. »Nun, +Schatz!« sagt' ich eines Tags, »jetzt ist unser Haus fertig, und ich +muß doch einmal wissen, woran ich bin.« Sie brachte noch einen ganzen +Plunder von Entschuldigungen hervor. Zuletzt wurden wir darüber einig, +ich müss' ihr noch Zeit lassen bis im Herbst. Endlich ward im Oktober +(1761) unsre Hochzeit öffentlich verkündet. Jetzt, so schwer war's kaum +Rom zu bauen, spielte mir ein niederträchtiger Kerl noch den Streich, +daß er im Namen seines Bruders, der in piemontesischen Diensten +stand, Ansprache auf meine Braut machte, die aber bald für ungültig +erkannt wurde. An Aller Seelen-Tag wurden wir kopuliert. Herr Pfarrer +Seelmatter hielt uns einen schönen Sermon, und knüpfte uns zusammen. +So nahm meine Freiheit ein Ende, und das Zanken gleich den ersten Tag +seinen Anfang. Ich sollte mich unterwerfen, wollte nicht, und will's +noch nicht. Sie sollt' es auch, und will's noch viel minder. Auch +darf ich einmal nicht verhehlen, daß mich eigentlich bloß politische +Absichten zu meiner Heirat bewogen hatten, und ich nie jene zärtliche +Neigung zu ihr verspürte, die man Liebe zu nennen gewohnt ist. Nur das +erkannt' ich wohl, und erkenne ich noch in der gegenwärtigen Stunde, +daß sie für meine Umstände unter allen, die ich bekommen hätte, die +tauglichste war. Mein Bruder<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> Jakob hatte ein Jahr vor mir, und meine +älteste Schwester ein Jahr nach mir sich verheiratet, und keins von +beiden traf's so gut wie ich. Nicht zu gedenken, daß die Familie +meiner Frau weit besser war, als die, worein meine beiden Geschwister +sich hineingemannet und geweibet hatten, sind diese auch immer ärmer +geblieben. Bruder Jakob zumal mußte in den teuern siebenziger Jahren +von Weib und Kindern weg in den Krieg laufen.</p> + +<div class="sidenote">Tod des Vaters</div> + +<p>Das Jahr 1762 war mir besonders um des sechsundzwanzigsten Märzens +und zehnten Septembers willen merkwürdig. An dem erstern starb mein +geliebter Vater eines schnellen, gewaltsamen Todes, den ich lange +nicht verschmerzen konnte. Er ging am Morgen in den Wald, etwas Holz +zu suchen. Gegen Abend kam Schwester Anne-Marie mit Tränen in den +Augen zu mir und sagte, der Ätti sei in aller Frühe fort und noch +nicht heimgekommen, sie fürchten alle, es sei ihm was Böses begegnet, +ich solle doch fort und ihn suchen, sein Hündlein sei etlichemal +heimgekommen und wieder weggelaufen. Mir ging ein Stich durch Mark und +Bein. Ich rannte in aller Eil' dem Gehölze zu, das Hündlein trabte vor +mir her und führte mich gerade zu dem vermißten Vater. Er saß neben +seinem Schlitten, an ein Tännchen gelehnt, die Lederkappe auf dem Schoß +und die Augen sperroffen. Ich glaubte, er sehe mich starr an. Ich +rief: Vater, Vater! aber keine Antwort. Seine Seele war ausgefahren, +gestabet<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[54]</a> und kalt waren seine<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> lieben Hände, und ein Ärmel hing von +seinem Futterhemd herunter, den er mag ausgerissen haben, als er mit +dem Tode rang. Voll Angst und Verwirrung fing ich ein Zetergeschrei +an, welches in kurzem alle meine Geschwisterte herbeibrachte. Eins +nach dem andern legte sich auf den erblaßten Leichnam. Unser Geheul +ertönte durch den ganzen Wald. Man zog ihn auf seinem Schlitten nach +Haus, wo die Mutter samt den Kleinen ihr Wehklagen mit dem unsrigen +vereinte. Ein armer Bube aß die Suppe, die auf den guten Herzensvater +gewartet hatte. Zehn Tage vorher hatt' ich das letztemal, oh, hätt' +ich's gewußt, daß es das letztemal! mit ihm gesprochen, und sagte er +mir unter anderm, er möchte sich die Augen ausweinen, wenn er bedenke, +wie oft er den lieben Gott erzürnt habe. Oh, welch einen guten Vater +hatten wir, welch einen zärtlichen Ehemann unsre Mutter, welch eine +redliche Seele und Biedermann alle, die ihn kannten, an ihm verloren. +Gott tröste seine Seele in alle Ewigkeit! Er hatte eine mühsame +Pilgrimschaft. Kummer und Sorgen aller Art, Krankheiten, drückende +Schuldenlast folgten ihm stets auf der Ferse nach. Sonntags, den +achtundzwanzigsten März, wurde er unter einem zahlreichen Gefolge zu +seiner Ruhestatt begleitet, und in unser aller Mutter Schoß gelegt. +Herr Pfarrherr Bösch ab dem Ebnet hielt ihm die Leichenrede, die für +seine betrübten Hinterlassenen<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> ungemein tröstlich ausfiel. Der Selige +mag sein Alter auf fünfundfünfzig Jahre gebracht haben. Oh, wie oft +besucht' ich seither das Plätzchen, wo er den letzten Atem ausgehaucht. +Die sicherste Vermutung über seine eigentliche Todesart gab mir der Ort +selbst an die Hand. Es war sehr gähe, wo er mit seinem Füderchen Holz +hinunterfuhr. Der Schnee trug den Schlitten, aber mit den Füßen mußte +er an einer lockern Stelle, die ich noch wohl wahrnehmen konnte, unter +den letztern gekommen, und derselbe mit ihm gegen eine Tanne geschossen +sein, die ihm den Herzstoß gab. Doch muß er noch eine Weile gelebt, +sich freimachen gewollt, und über dieser Bemühung sein Futterhemd +zerrissen haben.</p> + +<div class="sidenote">Familiensorgen</div> + +<p>Nach diesem traurigen Hinschied fiel eine schwere Last auf mich. +Da waren noch vier unerzogene Kinder, bei welchen ich Vaterstelle +vertreten sollte. Unsre Mutter war so immer geradezu und sagte zu +allem: Ja, ja! Ich tat, was ich konnte, wenn ich gleich mit mir selbst +schon genug zu schaffen hatte. Bruder Georg nahm den eigentlichen +Haushalt über sich. Aus den hundert Gulden, die mir der Selige gegeben +hatte, tilgte ich seine Schulden. In meinem eigenen Häuschen machte ich +einen Webkeller zurecht. Ich lernte selbst weben und lehrte es nach +und nach meine Brüder, so daß zuletzt alle damit ihr Brot verdienen +konnten. Die Schwestern verstunden recht gut Löthligarn zu spinnen, die +jüngste lernte nähen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p> + +<div class="sidenote">Das erste Kind</div> + +<p>Der zehnte September war wieder der erste frohe Tag für mich, an +welchem meine Frau mir einen Sohn zur Welt brachte, den ich nach meinem +und meines Schwähers Namen Uli nannte. Ich hatte eine solche Freude mit +diesem Jungen, daß ich ihn nicht nur allen Leuten zeigte, die ins Haus +kamen, sondern auch jedem vorübergehenden Bekannten zurief: Ich hab' +einen Buben, obgleich ich schon voraus wußte, daß mich mancher darüber +auslachen und denken werde: Wart nur, du wirst noch des Dings genug +bekommen, wie's denn auch wirklich geschah. Inzwischen kam mein gutes +Weib dies erstemal nicht leicht davon und mußte viele Wochen das Bett +hüten. Das Kind wuchs und nahm wunderbar zu.</p> + +<p>Bald nachher erzeugten die Angelegenheiten der Meinigen manchen +kleinern und größern Ehestreit zwischen mir und meiner Hausehre. Die +letztre mochte nämlich nach Gewohnheit die erstern nie recht leiden, +und meinte immer, ich dächt' und gäb' ihnen zu viel. Freilich waren +meine Brüder ziemlich ungezogene Bursche, aber immer meine Brüder, +und ich also verbunden, mich ihrer anzunehmen. Endlich kam einer nach +dem andern unter die Fremden, Georg ausgenommen, der ein ziemlich +liederliches Weib heiratete. Die andern alle verdienten, meines +Wissens, ihr Brot mit Gott und mit Ehren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p> + +<div class="sidenote">Eheleben</div> + +<p>Die Flitterwochen meines Ehestands waren nun längst vorbei, obgleich +ich wenig von ihrem Honig zu sagen weiß. Mein Weib wollte immer gar +zu scharfe Mannszucht halten; und wo viel Gebote sind, gibt's mehr +Übertretung. Sobald ich nur ein bischen ausschweifte, waren gleich alle +Teufel los. Das machte mich bitter und launisch, und verführte mich zu +allerlei eiteln Projekten. Mein Handel ging bald gut, bald schlecht. +Bald kam mir ein Nachbar in die Quere und verstümmelte mir meinen +schönen Gewerb; bald betrogen mich arge Buben um Baumwolle und Geld, +denn ich war gar zu leichtgläubig. Ich hatte mir eines der herrlichsten +Luftschlösser gemacht, meine Schulden in wenig Jahren zu tilgen; aber +die Ausgaben mehrten sich von Jahr zu Jahr. Im Winter 63 gebar mir +meine Frau eine Tochter, und 65 noch eine. Ich bekam wieder das Heimweh +nach Geißen; auf der Stelle mußten deren etliche herbeigeschafft sein. +Die Milch stund mir und meinen drei Jungen trefflich an; aber die Tiere +gaben mir viel zu schaffen. Andremal hielt ich eine Kuh; oft gar zwei +und drei. Ich pflanzte Erdäpfel und Gemüse, und probierte alles, wie +ich am leichtesten zurechtkommen möchte. Aber ich blieb immer so auf +dem alten Fleck stehn, ohne weit vor, doch auch nicht hinterwärts zu +rücken.</p> + +<div class="sidenote">Die Sechzigerjahre</div> + +<p>Überhaupt vertrödelte ich diese Sechzigerjahre, daß ich nicht recht +sagen kann, wie? und so, daß sie meinem Gedächtnis weit entfernter +sind als die entferntesten<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Jugendjahre. Nur etwas Weniges also von +meiner damaligen Herzens- und Gemütslage. Schon mehrmals hab' ich +bemerkt, wie ich in meiner Bubenhaut ein lustiger, leichtsinniger, +kummer- und sorgenloser Junge war, der dann doch von Zeit zu Zeit +manche gute Regungen zur Buße und manche angenehme Empfindung, wenn +er in der Besserung auch nur einen halben Fortschritt tat, bei sich +verspürte. Nun war die Zeit längst da, einmal mit Ernst ein ganz +anderes Leben anzufangen. Gerade von meiner Verheiratung an wollt' +ich mit nichts Geringerm beginnen, als der Welt völlig abzusagen, und +das Fleisch mit allen seinen Gelüsten zu kreuzigen. Aber, oh, ich +einfältiger Mensch! Was es da für ein Gewirre und für Widersprüche in +meinem Innern absetzte. Vor meinem Ehestand bildete ich mir ein, wenn +ich nur erst meine Frau und eigen Haus und Heimat hätte, würden alle +andern Begierden und Leidenschaften wie Schuppen von meinem Herzen +fallen. Aber, potztausend! welch' eine Rebellion gab's da. Lange Zeit +wendete ich jeden Augenblick, den ich entbehren, aber auch manchen, +den ich nicht entbehren konnte, aufs Lesen an. Ich schnappte jedes +Buch auf, das mir zu erhaschen stund. Ich hatte acht Foliobände von +der Berlenburger Bibel vollendet, nahm dann, wie es sich gebührt, +eine scharfe Kinderzucht vor, ging dann und wann in die Versammlung +etlicher Heiliger und Frommen, und ward darüber, wie es mir jetzt +vorkommt, ein unerträglicher, eher gottloser Mann, der alle andern<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> +Menschen um ihn her für bös, sich selber allein für gut hielt, und +darum jedes Bein nach seiner Pfeife wollte tanzen lehren. Jede auch +noch so schuldlose Freude des Lebens machte mir Skrupel über Skrupel, +ich wollte mir bald sogar die Befriedigung eigentlich unentbehrlicher +Bedürfnisse versagen, und mein Busen steckte doch voll schnöder Lust +und tausend abenteuerlicher Begierden, die ich so oft ertappte, als +ich hineinzugucken Mut genug hatte. Ich geriet dann freilich fast +in Verzweiflung, faßte aber doch allemal von neuem wieder Posto und +suchte meine Sachen mit Beten, Lesen und — oh, ich abscheulicher +Kerl! — hauptsächlich damit wieder zu verbessern, daß ich meiner Frau +und Geschwisterten wie ein Pfarrer zusprach, und die Höll' bis zum +Zerspringen heiß machte. Oft fiel mir's gar ein, ich sollte, gleich +den Herrnhutern und Inspirierten, in der weiten Welt herumziehn und +Buß' predigen. Wenn ich aber so nur einem meiner Brüder oder Schwestern +einen Sermon hielt, und schon im Text stockte, dacht' ich wieder: +Du Narr! Hast ja keine Gaben zu einem Apostel, und also auch keinen +Beruf dazu. Dann fiel ich darauf, ich könnte vielleicht besser mit der +Feder zurechtkommen, und flugs entschloß ich mich, ein Büchlein zum +Trost und Heil wo nicht ganz Tockenburgs, wenigstens meiner Gemeinde +zu schreiben, oder es auch nur meiner Nachkommenschaft — statt des +Erbguts zu hinterlassen.</p> + +<p>Das Jahr 1767 hatte mir wieder einen Buben beschert. Ich nannte ihn +<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span>nach meinem Vater Johannes. Um die nämliche Zeit fiel mein Bruder +Samson im Laubergaden ab einem Kirschbaum zu Tod. Im Jahre 68 fing +ich obbelobtes Büchlein und zugleich ein Tagebuch an, das ich bis zu +dieser Stunde fortsetze, das anfangs aber voll Schwärmereien stak, und +nur bisweilen ein guter Gedanke in hundert leeren Worten ersäuft war, +mit denen <span class="antiqua">nb.</span> meine Handlungen nie übereinstimmten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Sonst ward ich in diesen frommen Jahren des Garnhandels bald +überdrüssig, weil ich dabei, wie ich wähnte, mit zu viel rohen und +gewissenlosen Menschen umzugehen hätte. Aber, oh, des Tucks! warum +überließ ich ihn denn meiner Frau und beschäftigte mich selbst mit +der Baumwolltüchlerei? Ich glaubte halt, für meine Haut und mein +Temperament mit den Webern besser als mit den Spinnern auskommen zu +können. Aber es war für meine Haushaltung ein törichter Schritt, oder +wenigstens fiel er übel aus. Im Anfang kostete mich das Webgeschirr +viel, und mußt' ich überhaupt ein hübsches Lehrgeld geben: und als ich +die Sachen ein wenig im Gang hatte, schlug die War' ab. Doch, dacht' +ich, es wird schon wieder anders kommen.</p> + +<p>Das Jahr 1769 bescherte mir den dritten Sohn. »Ha!« überlegt' ich eines +Tags, »nun mußt du einmal mit Ernst ans Sparen denken; bist immer +noch so viel schuldig wie im Anfang, und dein Haushalt wird je länger +je stärker. Frisch! die Händ' aus den Hosen getan,<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> und die Bären +abbezahlt. Jetzt kann's sein. Bisher hattest noch stets an deiner Hütte +zu flicken, und fehlte immer hie und da ein Stück; andrer Ausgaben +in deinem Gewerb zu geschweigen. Dann hast du unvernünftig viel Zeit +mit Lesen und Schreiben zugebracht. Nein, nein! Jetzt willst anders +dahinter. Zwar das Reichwerdenwollen soll von heut an aufgegeben sein. +Der Faule stirbt über seinen Wünschen, sagt Salomon. Aber jenes ewige +Studieren zumal, was nützt es dir? Bist ja immer der alte Mensch, und +kein Haar besser als vor zehn Jahren, da du kaum lesen und schreiben +konntest. Etwas Geld mußt' freilich noch aufnehmen; aber dann desto +wackerer gearbeitet, und zwar alles, wie's dir vor die Hand kömmt. +Verstehst ja, neben deinem eigentlichen Berufe noch das Zimmern, +Tischlern und anderes wie ein Meister; hast schon Webstühl', Trög', +Kästen und Särg' bei Dutzenden gemacht. Freilich ist schlechter Lohn +dabei, und: Neun Handwerk', zehn Bettler, lautet das Sprichwort, doch +wenig ist besser als nichts.« So dacht' ich. Aber es liegt nicht an +jemands Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Verhängnis, an Zeit und +Glück!</p> + +<div class="sidenote">Die schlimmen Siebenzigerjahre</div> + +<p>Während diesem meinem neuen Planmachen und Projekteschmieden rückten +die heißhungrigen Siebenzigerjahre heran, und das erste brach ein, ganz +unerwartet wie ein Dieb in der Nacht ein, da jedermann auf ganz andre +Zeiten hoffte. Freilich gab's seit dem<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> Jahr 1760 in unsern Gegenden +kein recht volles Jahr mehr. Die Jahre 1768 und 1769 fehlten gänzlich, +hatten nasse Sommer, kalte und lange Winter, großen Schnee, so daß viel +Frucht darunter verfaulte, und man im Frühling aufs neue pflügen mußte. +Das mögen politische Kornjuden wohl gemerkt und der nachfolgenden +Teurung vollends den Schwung gegeben haben. Dies konnte man daraus +schließen, daß fürs Geld immer Brot genug vorhanden war; aber eben +jenes fehlte, und zwar nicht bloß bei dem Armen, sondern auch bei dem +Mittelmann. Also war diese Epoche für Händler, Bäcker und Müller eine +goldene Zeit, wo sich viele bereicherten oder wenigstens ein Hübsches +auf die Seite schaffen konnten. Hinwieder fiel der Baumwollengewerb +fast gänzlich in den Kot und war aller diesfällige Verdienst äußerst +klein, so daß man Arbeiter genug ums bloße Essen haben konnte. Ohne +dies wäre der Preis der Lebensmittel noch viel höher gestiegen, und +hätte die teure Zeit bald gar kein End' genommen.</p> + +<p>Das siebenziger Jahr neigte sich schon im Frühling zum Aufschlagen. +Der Schnee lag auf der Saat bis im Maien, so daß gar viel darunter +erstickte. Indessen tröstete man sich den ganzen Sommer auf eine +leidliche Ernte, dann auf das Ausdreschen; aber alles umsonst. Ich +hatte eine gute Portion Erdäpfel im Boden; es wurden mir aber viel +gestohlen. Den Sommer über hatte ich zwo Kühe auf fremder Weide, und +ein paar<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> Geißen, welche mein erstgeborener Junge hütete; im Herbst +aber mußt' ich aus Mangel an Geld und Futter alle diese Schwänze +verkaufen. Der Handel nahm ab, so wie die Fruchtpreise stiegen, und bei +den armen Spinnern und Webern war nichts als Borgen und Borgen. Nun +tröstete ich die Meinigen und mich selbst mit meinem: »Es wird schon +besser kommen!« so gut ich konnte; ich mußte aber auch dafür manche +bittre Pille verschlucken, die meine Bettgenossin wegen meinem vorigen +Verhalten, Sorglosigkeit und Leichtsinn mir auftischte, und die ich +nicht allemal geduldig und gleichgültig ertragen mochte. Gleichwohl +sagte mir mein Gewissen meist: Sie hat recht. Wenn sie's nur nicht so +herb' präpariert hätte.</p> + +<div class="sidenote">Mein erstes Hungerjahr</div> + +<p>Nun brach der große Winter ein, der schauervollste, den ich erlebt +habe. Ich hatte fünf Kinder und keinen Verdienst, ein bißchen Gespunst +ausgenommen. Bei meinem Händelchen büßt' ich von Woche zu Woche mehr +ein. Ich hatte viel vorrätig Garn, das ich zu hohem Preis eingekauft, +und an dem ich verlieren mußte, ich mocht' es wieder roh verkaufen +oder zu Tüchern machen. Doch tat ich das letztere und hielt mit dem +Losschlagen zurück, mich immer meines Waidspruchs getröstend: »Es +wird schon besser werden!« Aber es ward immer schlimmer, den ganzen +Winter durch. Inzwischen dacht' ich: »dein kleiner Gewerb hat dich +bisher genährt, wenn du damit gleich nichts beiseite legen konntest. +Du magst und kannst's also nicht<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> aufgeben. Tätest du's, müßtest du +gleich deine Schulden bezahlen, und das wär' dir jetzt pur unmöglich.« +Auch in andern Punkten ging's mir nicht besser. Mein kleiner Vorrat +von Erdäpfeln und anderm Gemüs' aus meinem Gärtchen, was mir die Diebe +übriggelassen, war aufgezehrt, ich mußte mich also Tag für Tag aus der +Mühle verproviantieren; das kostete am End' der Woche eine hübsche +Handvoll Münze, nur für Rotmehl und Rauchbrot. Dennoch war ich noch +immer guter Hoffnung, hatte auch nicht eine schlaflose Nacht, und sagte +alleweil: »Der Himmel wird schon sorgen und noch alles zum Besten +lenken!« »Ja!« ripostierte meine Jöbin: »wie du's verdient; ich bin +unschuldig. Hätt'st du die gute Zeit in Obacht genommen, und deine +Hände mehr in den Teig gesteckt, als deine Nase in die Bücher!« »Sie +hat recht!« dacht' ich dann, »aber der Himmel wird doch sorgen,« und +schwieg. Freilich konnt' ich meine schuldlosen Kinder unmöglich Hunger +leiden sehn, so lang ich noch Kredit fand. Die Not stieg um diese +Zeit so hoch, daß viele eigentlich blutarme Leute kaum den Frühling +erwarten mochten, wo sie Wurzeln und Kräuter finden konnten. Auch +ich kochte allerhand dergleichen, und hätte meine jungen Vögel noch +lieber mit frischem Laub genährt, als es einem meiner erbarmenswürdigen +Landsmänner nachgemacht, dem ich mit eignen Augen zusah, wie er mit +seinen Kindern von einem verreckten Pferd einen ganzen Sack voll +Fleisch abhackte, woran sich schon mehrere Tage Hunde und Vögel satt<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> +gefressen hatten. Noch jetzt, wenn ich des Anblicks gedenke, durchfährt +Schauer und Entsetzen alle meine Glieder. Bei alledem ging mir mein +eigner Zustand nicht so sehr zu nahe, als die Not meiner Mutter und +Geschwisterte, welche alle noch ärmer waren als ich, und denen ich so +wenig helfen konnte. Indessen half ich über Vermögen, da ich stets +noch einigen Kredit fand, und sie gar keinen. Im Mai 1771 verhalf mir +ein gutmütiger Mann wieder zu einer Kuh und zu ein paar Geißen, da er +mir Geld dazu bis auf den Herbst lieh. Nunmehr hatte ich wenigstens +ein bißchen Milch für meine Jungen. Aber verdienen konnt' ich nichts. +Was mir noch etwa von meinem Gewerb einging, mußt' ich auf die Atzung +von Menschen und Tieren verwenden. Meine Schuldner bezahlten mich +nicht, ich konnte also auch meine Gläubiger nicht befriedigen und +mußte Geld und Baumwolle auf Borg nehmen wo ich's fand. Endlich ging +dem Faß vollends der Boden aus. Zwar kam mir mein gewöhnliches: »Gott +lebt noch! 's wird schon besser werden!« noch immer in den Sinn, aber +meine Gläubiger fingen nichtsdestoweniger an, mich zu mahnen und +zu drohen. Von Zeit zu Zeit mußt' ich hören, wie dieser und jener +bankerott machte. Es gab hartherzige Kerls, die alle Tag mit den +Schätzern im Feld waren, ihre Schulden einzutreiben. Neben andern traf +die Reihe auch meinen Schwager; ich hatte ebenfalls eine Anforderung +an ihn, und war selber bei dem Auffallsakt gegenwärtig; freilich mehr +ihm zum Beistande, als<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> um meiner Schuld willen. Oh, was das für ein +erbärmlicher Spektakel ist, wenn einer so wie ein armer Delinquent +dastehn, sein Schulden- und Sündenregister vorlesen hören, so viele +bittre, teils laute, teils leise Vorwürfe in sich fressen, sein Haus, +seine Mobilien, alles, bis auf ein armseliges Bett und Gewand, um einen +Spottpreis verganten sehn, das Geheul von Weib und Kindern hören und +zu allem schweigen muß wie eine Maus. Oh, wie fuhr's mir da durch Mark +und Bein! Und doch konnt' ich weder raten noch helfen, nichts tun, als +für meiner Schwester Kinder beten und im Herzen denken: »Auch du, auch +du steckst ebenso tief im Kot! heut oder morgen kann es, muß es dir +ebenso gehn, wenn's nicht bald anders wird. Und wie sollt' es anders +werden? Oder darf ich Tor auf ein Wunder hoffen? Nach dem natürlichen +Gang der Dinge kann ich mich unmöglich erholen. Vielleicht harren deine +Gläubiger noch eine Weile, aber alle Augenblick' kann die Geduld ihnen +ausgehn. Doch, wer weiß? Der alte Gott lebt noch! Es wird nicht immer +so währen. Aber, ach! Und wenn's auch besser würde, braucht' es Jahre, +bis ich mich wieder erholen könnte. So lang werden meine Schuldherren +mir gewiß nicht Zeit lassen. Ach, mein Gott! Was soll ich anfangen? +Keiner Seele darf ich mich vertrauen, muß ich doch vor meinem eignen +Weib meinen Kummer verbergen.« Mit solchen Gedanken wälzt' ich mich ein +paar lange Nächte auf meinem Lager herum, dann faßt' ich, wie mit Eins, +wieder<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Mut, tröstete mich aufs neue mit der Hilfe von oben, befahl +dem Himmel meine Sachen und ging meine Wege wie zuvor. Zwar prüft' ich +mich selbst unterweilen, ob und inwiefern ich an meinen gegenwärtigen +Umständen Schuld trage. Aber, wie geneigt ist man in solcher Lage, sich +selbst zu rechtfertigen! Freilich konnt' ich mir keine eigentliche +Verschwendung oder Liederlichkeit vorwerfen, aber doch ein gewisses +gleichgültiges, leichtgläubiges, ungeschicktes Wesen. Erstlich hatt' +ich nie gelernt, recht mit dem Geld umzugehn, auch hatte es nie Reize +für mich, als inwiefern ich's alle Tag zu brauchen wußte. Hiernächst +traute ich jedem Halunken, wenn er mir nur ein gut Wort gab; und noch +jetzt könnte mich ein ehrlich Gesicht um den letzten Heller im Sack +betrügen. Endlich und vornehmlich verstunden lange weder ich noch mein +Weib den Handel, und kauften und verkauften immer zur verkehrten Zeit.</p> + +<div class="sidenote">Not und Tod</div> + +<p>Mittlerweile ward meine Frau schwanger, den ganzen Sommer 1772 über +kränklich, und schämte sich vor allen Wänden, daß sie bei diesen +betrübten Zeitläufen ein Kind haben sollte. Ja, sie hätte selbst mir +bald eine ähnliche Empfindung eingepredigt. Im Herbstmonate, da die +rote Ruhr allenthalben grassierte, kehrte sie auch bei mir ein, und +traf zuerst meinen lieben Erstgebornen. Von der ersten Stund' an, da +er sich legte, wollt' er, außer lauterm Brunnenwasser, nichts, weder +Speis' noch Trank mehr zu sich nehmen, und in acht Tagen war er eine +Leiche. Nur Gott weiß, was ich bei<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> diesem Unfall empfunden. Ein +so gutartiges Kind, das ich wie meine Seele liebte, unter einer so +schmerzhaften Krankheit geduldig wie ein Lamm Tag und Nacht, denn es +genoß auch nicht eine Minute Ruh', leiden zu sehn! Noch in der letzten +Todesstunde riß es mich mit seinen schon kalten Händchen auf sein +Gesicht herunter, küßte mich noch mit seinem erstorbnen Mündchen und +sagte unter leisem Wimmern, mit stammelndem Zünglin: »Lieber Ätti! es +ist genug. Komm auch bald nach« — rang dann mit dem Tod und verschied. +Mir war, mein Herz wollte mir in tausend Stücke zerspringen. — Noch +war mein Söhnlein nicht begraben, so griff die wütende Seuche mein +ältestes Töchterchen an, und es war aller Sorgfalt der Ärzte ungeachtet +noch schneller hingerafft. Diese Krankheit kam mir so ekelhaft vor, +daß ich's sogar bei meinen Kindern nie ohne Grausen aushalten konnte. +Als das Mädchen kaum tot, ich von Wachen, Sorgen und Wehmut wie +vertaumelt war, fing's auch mir an im Leibe zu zerren, und hätt' ich +in diesen Tagen tausendmal gewünscht zu sterben und mit meinen Lieben +hinzufahren. Doch ging ich, auf dringendes Bitten meiner Frau, selbst +zu Herrn Doktor Wirth. Er verordnete mir Rhabarber und sonst was. +Sobald ich nach Haus kam, mußt' ich zu Bett liegen. Ein Grimmen und +Durchfall fing mit aller Wut an, und die Arznei schien die Schmerzen +zu verdoppeln. Der Doktor kam selbst zu mir und sah meine Schwäche, +aber nicht meine Angst. Gott, Zeit und Ewigkeit, meine geist- und<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> +leiblichen Schulden stunden fürchterlich vor und hinter meinem Bett. +Keine Minute Schlaf, Tod und Grab, Sterben, und nicht mit Ehren, welche +Pein! Ich wälzte mich Tag und Nacht in meinem Bett herum, krümmte mich +wie ein Wurm, und durfte, nach meiner alten Leier, meinen Zustand doch +keiner Seele entdecken. Ich flehte zum Himmel, aber der Zweifel, ob der +mich hören wollte, ging mir jetzt zum erstenmal durch Mark und Bein, +und die Unmöglichkeit, daß mir bei meinem allfälligen Wiederaufkommen +noch gründlich zu helfen sei, stellte sich mir lebhafter als je vor. +Indessen ward mein Töchterchen begraben, und in wenig Tagen lagen meine +drei übrigen Kinder nebst mir an der nämlichen Krankheit darnieder. Nur +mein ehrliches Weib war bis dahin ganz frei ausgegangen. Da sie nicht +allem abwarten konnte, kam ihre ledige Schwester ihr zu Hilf'; sonst +übertraf sie mich an Mut und Standhaftigkeit weit. Ich stund, teils +meiner leiblichen Schmerzen, teils meiner schrecklichen Vorstellungen +wegen, noch ein paar Tage Höllenangst aus, bis es mir in einer +glücklichen Stunde gelang, mich und meine Sachen dem lieben Gott auf +Gnad und Ungnad zu übergeben. Bisher war ich ein ziemlich mürrischer +Patient. Nun ließ ich mit mir machen, was jeder gern wollte. Meine +Frau, ihre Schwester und Herr Doktor Wirth gaben sich alle ersinnliche +Sorge um mich. Der Höchste segnete ihre Mühe, so daß ich inner acht +Tagen wieder aufkam und auch meine drei Kleinen sich wieder allmählich +erholten.<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> Als ich noch darniederlag, kam eines Abends meine Schwägerin +und eröffnete mir, meine zwei Geißen seien auf und davon. »Ei so fahre +denn alles hin!« sagt' ich, »wenn's so sein muß.« Allein des folgenden +Morgens rafft' ich mich, so schwach und blöd' ich noch war, auf, meine +Tiere zu suchen, und fand sie wieder, zu mein und meiner Kinder großer +Freude.</p> + +<p>Sonst war der Jammer, Hunger und Kummer damals im Land allgemein. Alle +Tag' trug man Leichen zu Grabe, oft drei, vier bis elf miteinander. +Nun dankt' ich dem lieben Gott, daß er mir wieder so geholfen, und +ebensosehr, daß er meine zwei Lieben versorgt hatte, denen ich nicht +helfen konnte. Aber lange schwebten mir die anmutigen Dinger, ihr +gutartiges kindliches Wesen, wie leibhaftig vor Augen. »Oh, ihr +geliebten Kinder!« stöhnt' ich dann des Tages hundertmal, »wann werd' +ich einst zu euch hinfahren? Denn ach! zu mir kommt ihr nicht wieder.« +Viele Wochen lang ging ich umher wie der Schatten an der Wand, staunte +Himmel und Erde an, tat zwar, was ich konnte, konnte aber nicht viel. +Zur Bezahlung meiner Gläubiger wurden die Aussichten immer enger und +kürzer. Aus einem Sack in den andern zu schleufen und mich so lange zu +wehren, wie möglich, mußt' jetzt mein einziges Dichten und Trachten +sein.</p> + +<div class="sidenote">Fünf weitere Jahre</div> + +<p>Fünf Jahre lang (1773-77) kroch ich so immer zwischen Furcht und +Hoffnung unter meiner Schuldenlast<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> fort, trieb mein Händelchen und +arbeitete daneben, was mir vor die Hand kam. Zu Anfang dieser Epoche +ging's vollends den Krebsgang. So viel unnütze Mäuler, denn die +Fünfzahl meiner Kinder war jetzt wieder komplett, die Ausgaben für +Essen, Kleider, Holz und die leidigen Zinse fraßen meinen kleinen +Gewinst noch etwas mehr als auf. Meine schönste Hoffnung erstreckte +sich erst auf Jahre hinaus, wo meine Jungen mir zur Hilfe gewachsen +sein würden. Aber wenn meine Gläubiger bös gewesen, sie hätten mich +lange vorher überrumpelt. Nein! sie trugen Geduld mit mir; freilich +bestrebt' ich mich aus allen Kräften Wort zu halten so gut wie +möglich; aber das bestund meist in neuem Schuldenmachen, um die +alten zu tilgen. Da waren mir allemal die nächsten Wochen vor der +Zurzacher-Messe sehr schwarze Tag' im Kalender, wo ich viele Dutzend +Stunden verlaufen mußte, um wieder Kredit zu finden. Oh, wie mir da +manch' liebes Mal das Herz klopfte, wenn ich so an drei, vier Orten +ein christliches Helf dir Gott! bekam. Wie rang ich oft meine Hände +gen Himmel, und betete zu dem, der die Herzen wendet, wohin er will, +auch eines zu meinem Beistand zu lenken. Und allemal ward's mir von +Stund' an leichter um das meinige, und fand sich zuletzt, freilich nach +unermüdetem Suchen und Anklopfen, noch irgendeine gutmütige Seele, +meist in einem unverhofften Winkel. Ich hatte ein paar Bekannte, die +mir wohl schon hundertmal aus der Not geholfen, aber die Furcht,<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> sie +endlich zu ermüden, machte, daß ich immer zuletzt zu ihnen kehrte, und +dann, hätt' ich ihnen ein einzigmal nicht Wort gehalten, so wäre mir +auch diese Hilfsquelle auf immer versiegt; ich trug darum zu ihr wie +zu meinem Leben Sorg'. Übrigens trauten's mir nur wenige von meinen +Nachbarn und nächsten Gefreundten zu, daß ich sogar bis an die Ohren in +Schulden stecke; vielmehr wußt' ich das Ding ziemlich geheim zu halten, +meinen Kummer und Unmut zu verbergen, und mich bei den Leuten allezeit +aufgeräumt und wohlauf zu stellen. Auch glaub' ich, ohne diesen +ehrlichen Kunstgriff wär' es längst mit mir aus gewesen. Freilich +hatt' ich, wer sollte es glauben? auch meine Neider, von denen ich +wohl wußte, daß sie allen Personen, die mit mir zu tun hatten, fleißig +ins Ohr zischten, was sie unmöglich mit Sicherheit wissen konnten. Da +hieß es: »Er steckt verzweifelt im Dreck, lange hält er's nicht mehr +aus. Wenn er nur nicht einpackt, oder Weib und Kinder im Stich läßt. +Ich fürcht', ich fürcht', will aber nichts gesagt haben; wenn er's +nur nicht inne wird.« Zu mir kamen die Kerls als die besten Freunde, +förschelten und frägelten mich aus, taten so mitleidig, als wenn sie +mir mit Gut und Blut helfen wollten, wenn ich nur Zutrauen zu ihnen +hätte, und jammerten über die bösen Zeiten und Stümpler. Wie ich's doch +bei meinem kleinen verderbten Händelchen mit meiner großen Haushaltung +mache? Einst, ich weiß nicht mehr, ob aus Schalkheit oder Not, sprach +ich einen dieser Uriane um ein halbdutzend<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Dublonen auf einen Monat +an. Mein Herr hatte hundert Ausflüchte, schlug mir's am End' rund ab, +und raunt' dann in jedes Ohr, das ihn hören wollte: Der Bräker hat +gestern Geld von mir lehnen wollen. Er machte freilich auch einige +meiner Kreditoren mißtrauisch; andere hingegen sagten: »Ha, er hat doch +immer Wort gehalten, und so lang er das tut, soll er offne Tür bei mir +finden. Er ist ein ehrlicher Mann.« Also eben jene falschen Freunde +waren es, welche mir die meiste Mühe machten, und denen ich mich nicht +entdecken durfte, wenn ich nicht völlig kaput sein wollte. Ich hatte +schon im Jahre 1771 oder 1772 meine Weberei, obgleich mit ziemlichen +Verlust, ab mir geladen und das brachte mir auch nicht den besten Ruf, +da mein Baumwollenbrauch dadurch geringer und mein Baumwollenherr +unzufrieden und mürrisch wurde. Desto eher sollt' ich nun die alten +Baumwollenschulden bezahlen und konnt' es doch desto weniger. So +verstrich ein Jahr nach dem andern. Bald flößte mir mein guter Geist +frischen Mut und neue Hoffnung ein, daß mir noch einst durch die Zeit +zu helfen sein werde. Nur allzuoft aber verfiel ich wieder in düstre +Schwermut, und zwar, die Wahrheit zu gestehen, meist, wenn ich zahlen +sollte und weder aus noch ein wußte. Da ich mich, wie schon gesagt, +keiner Seele glaubte entdecken zu dürfen, nahm ich in diesen mutlosen +Stunden meine Zuflucht zum Lesen und Schreiben. Ich entlehnte und +durchstänkerte jedes Buch, das ich kriegen<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> konnte, in der Hoffnung, +etwas zu finden, das auf meinen Zustand paßte, fing halbe Nächte durch +weiße und schwarze Grillen, und fand allemal Erleichterung, wenn +ich meine gedrängte Brust aufs Papier ausschütten konnte. Dann war +der Entschluß bei mir fest, die Dinge, die da kommen sollten, ruhig +abzuwarten, wie sie kommen würden; und in solcher Gemütsstimmung ging +ich allemal zufrieden zu Bett und schlief wie ein König.</p> + +<div class="sidenote">Das Samenkorn meiner Autorschaft</div> + +<p>Um diese Zeit kam einst ein Mitglied der Moralischen Gesellschaft zu +Lichtensteig in mein Haus, als ich eben die Geschichte von Brand und +Struensee durchblätterte, und etwas von meinen Schreibereien auf dem +Tisch lag. »Das hätt' ich bei dir nicht gesucht,« sagte er, und fragte: +Ob ich gern so etwas lese, und oft dergleichen Sächelchen schreibe? +»Ja!« sagt' ich: »Das ist neben meinen Geschäften mein einziges +Wohlleben.« Von da an wurden wir Freunde und besuchten einander zum +öftersten. Er anerbot mir seine kleine Büchersammlung, ließ sich aber +in ökonomischen Sachen noch lieber von mir helfen, als daß er mir +hätte beispringen können, obschon ich ihm von weitem meine Umstände +merken ließ. In einem dieser Jahre schrieb die erwähnte Gesellschaft +über verschiedene Gegenstände Preisfragen aus, welche jeder Landmann +beantworten könnte. Mein Freund munterte mich zu einer solchen Arbeit +auf; ich hatte große Lust dazu, machte ihm aber die Einwendung:<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> +Man würde mich armen Tropf nur auslachen. »Was tut das?« sagte er: +»Schreib du nur zu, in aller Einfalt, wie's kommt und dich dünkt.« +Da schrieb ich denn über den Baumwollengewerb und den Kredit, sandte +mein Geschmiere zur bestimmten Zeit neben vielen andern ein, und die +Herren waren so gut, mir den Preis von einem Dukaten zuzuerkennen. Ob +zum Gespötte? Nein, wahrlich nicht. Oder vielleicht in Betrachtung +meiner dürftigen Umstände? Kurz, ich konnt' es nicht begreifen, und +noch viel minder, daß man mich jetzt gar von ein paar Orten her einlud, +ein förmliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. »Oh, behüte +Gott!« dacht' und sagt' ich anfangs, »das darf ich mir nicht träumen +lassen. Ich würde einen Korb bekommen. Und wenn auch nicht, ich mag +so gelehrten Herren keine Schande machen. Über kurz oder lang würden +sie mich gewiß wieder ausmustern.« Endlich aber, nach vielem Hin- und +Herwanken, und besonders aufgemuntert durch einen der Vorsteher, bei +dem ich sehr wohl gelitten war, wagt ich's, mich zu melden. Ich kann +übrigens versichern, daß mich weniger die Eitelkeit als die Begierde +reizte, an der schönen Lesekommun der Gesellschaft um ein geringes +Geldlein Anteil zu nehmen. Indessen ging es, wie ich vermutet hatte, +und gab's allerlei Schwierigkeiten. Einige Mitglieder widersetzten +sich, und bemerkten mit Recht, ich sei von armer Familie, dazu ein +ausgerissener Soldat, ein Mann, von dem man nicht wisse wie er stehe, +von dem wenig Ersprießliches<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> zu erwarten sei. Gleichwohl ward ich +durch Mehrheit der Stimmen angenommen. Aber erst jetzt reute mich mein +unbesonnener Schritt, als ich bedachte: Jene Herren sagten ja nichts +als die nur lautere Wahrheit und könnten noch einst damit triumphieren. +Inzwischen mußt' ich's gelten lassen, und tröstete ich mich mit dem +auch nicht ganz uneigennützigen Gedanken, das ein und andre Mitglied +könnte mir im Verfolg zu manchen wichtigen Dingen nützlich sein.</p> + +<div class="sidenote">Mitglied einer gelehrten Gesellschaft</div> + +<div class="sidenote">Lesewut</div> + +<div class="sidenote">Selbstanklagen</div> + +<div class="sidenote">Schuldner und Gläubiger</div> + +<div class="sidenote">Harte Versuchungen</div> + +<p>Was hatt' ich da für eine kindische Freude an der großen Anzahl Bücher, +deren ich in meinem Leben nie so viele beisammen gesehn, und an denen +allen ich nun Anteil hatte. Ich errötete zwar noch immer bei dem bloßen +Gedanken, ein eigentliches Mitglied einer gelehrten Gesellschaft zu +heißen und zu sein, und besuchte sie darum nur selten und verstohlen. +Aber da half alles nichts; es ging mir wie dem Raben, der mit den Enten +fliegen wollte. Meine Nachbarn und andre alte Freunde und Bekannte, +kurz, meinesgleichen, sahen mich, wo ich stund und ging, überzwerch +an. Hier hört' ich ein höhnisches Gezisch; dort erblickt' ich ein +verachtendes Lächeln. Denn es ging unsrer Moralischen Gesellschaft im +Tockenburg anfangs wie allen solchen Instituten in noch rohen Ländern. +Man nannte ihre Mitglieder Neuherren, Bücherfresser, Jesuiten und +dergleichen. Meine Frau vollends speite Feuer und Flammen über mich +aus, wollte sich viele Wochen nicht besänftigen lassen, und gewann nun +gar Ekel und Widerwillen gegen<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> jedes Buch, wenn's zumal aus unsrer +Bibliothek kam. Einmal hatt' ich den Argwohn, sie selbst habe um diese +Zeit meinen Kreditoren eingeblasen, daß sie mich nur brav ängstigen +sollten. Sie leugnet's zwar noch auf den heutigen Tag, und Gott +verzeih' mir's! wenn ich falsch gemutmaßt habe; aber damals hätt' ich +mir's nicht nehmen lassen. Genug, meine Treiber setzten stärker in mich +als sonst. Da hieß es: Hast du Geld, dich in die Büchergesellschaft +einzukaufen, so zahl' auch mich. Wollt' ich etwas borgen, so wies man +mich an meine Herren Kollegen. »Oh, du armer Mann!« dacht' ich, »was +hast du für einen hundsdummen Streich gemacht, der dir vollends den +Rest geben muß. Hätt'st du dich mit deinem Morgen- und Abendsegen +begnügt, wie so viele andre deiner redlichen Mitlandsleute. Jetzt hast +du deine alten Freund' verloren, von den neuen darfst und magst du +keinen um einen Kreuzer ansprechen. Deine Frau hagelt auf dich zu. Du +Narr! was nützt dir jetzt all' dein Lesen und Schreiben? Kaum wirst +du noch dir und deinen Kindern den Bettelstab dafür kaufen können.« +So macht' ich mir selber die bittersten Vorwürfe und rang oft beinahe +mit der Verzweiflung. Dann sucht' ich freilich von Zeit zu Zeit aus +einem andern Sack auch meine Entschuldigungen hervor, die hießen: +»Ha! das Lesen kostet mich doch nur ein Geringes, und das hab' ich +an Kleidern und anderm mehr als erspart. Auch bracht' ich nur die +müßigen Stunden damit zu, wo andre ebenfalls nicht<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> arbeiten, meist +bei nächtlicher Weile. Wahr ist's, meine Gedanken beschäftigten sich +auch in der übrigen Zeit nur allzuviel mit dem Gelesenen und waren zu +meinem Hauptberuf selten bei Hause. Doch hab' ich nichts verludert, und +trank höchstens zuweilen eine Flasche Wein, meinen Unmut zu ersäufen. +Das hätt' ich freilich auch sollen bleiben lassen. Aber was ist ein +Leben ohne Wein, und zumal ein Leben wie meines?« Dann kam's wieder +einmal ans Anklagen: »Aber, wie nachlässig und ungeschickt warst du +in allem, was Handel und Wandel heißt. Mit deiner unzeitigen Güte +nahmst du alles, wie man's dir gab, gabst jedem, was er dich bat, ohne +zu bedenken, daß du nur andrer Leute Geld im Säckel hattest, oder +daß dich ein redlich scheinendes Gesicht betrügen könnte. Deine Ware +vertrautest du dem ersten besten und glaubtest ihm auf sein Wort, +wenn er dir vorlog, er könne dir auf sein Gewissen nur soundsoviel +bezahlen. Oh, könnt'st du noch einmal wieder von vornen anfangen. Aber, +vergeblicher Wunsch! Nun, so willst du doch alles versuchen, willst +denen, die dir schuldig sind, eben auch drohen wie man dir droht.« So +dacht' ich elender Tropf und setzte wirklich zween meiner Debitoren +den Tag an; freilich mehr um sie und andre zu schrecken, als daß es +Ernst gegolten hätte. Aber sie verstunden's nicht so. Ich ging auf die +bestimmte Zeit mit den Schätzern zu ihren Häusern; und, Gott weiß! mir +war's viel bänger als ihnen. In dem ersten Augenblick, da ich in des +einen Wohnung trat,<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> dacht' ich: Wer kann das tun? Die Frau bat, und +wies mit den Fingern auf das zerfetzte Bett und die wenigen Scherben +in der Küche; die Kinder in ihren Lumpen heulten. Oh, wenn ich nur +wieder weg wäre! dacht' ich, bezahlte Schätzer und Weibel, und strich +mich unverrichteter Sachen fort, nachdem man mir in bestimmten Terminen +Bezahlung versprochen, die noch auf den heutigen Tag aussteht. Auch +erfuhr ich nachwärts, daß diese Leute, einige Stunden vorher, eh' ich +in ihr Haus kam, die besten Habseligkeiten geflöchnet,<a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[55]</a> und ihre +Kinder expreß so zerlöchert angezogen hätten. »Meinetwegen,« sagt' +ich da zu mir selbst, »das will ich in meinem Leben nicht mehr tun. +Meine Gläubiger mögen eines Tages Barbaren gegen mich, ich will's +nicht gegen andre sein. Es geh' mir wie es geh', diese Schulden +müssen zuletzt doch auch zu meinem Vermögen gerechnet werden.« Aber +jene fragten nichts darnach, und diesen jagte eine solche Denk- und +Verfahrungsart gerade keine Scheu ein. Die erstern trieben mich immer +stärker und unerbittlicher, so daß mich meine überspannte Einbildung +zuletzt wirklich glauben ließ, Gott habe nun einmal beschlossen, mich +vor aller Welt zu Spott und Schande zu machen und mich die Folgen +meiner Unvorsichtigkeit abbüßen zu lassen. Der Versucher feiert bei +solchen Gelegenheiten gewiß nicht, und mir war's oft, ich fühlte seine +Eingebungen, wenn ich<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> den ganzen Tag vergeblich nach Menschenhilfe +umhergelaufen war und abends schwermütig oder halb verrückt der Thur +nach schlich, mit starrem Blick in den Strom hinuntersah, wo er am +tiefsten ist. Dann deuchte es mir, der schwarze Engel hauche mich an +und flüsterte mir zu: Stürz dich hinein, Tor, du hältst es doch nicht +länger aus. Sieh' nur, wie sanft das Wasser rollt! Ein Augenblick, und +dein ganzes Sein wird ebenso dahinwogen. Dann schläfst du so ruhig +und so wohl, so wohl! Da wird für dich kein Leid und kein Geschrei +mehr sein und dein Geist und Herz ewig in süßem Vergessen schlummern. +Himmel, wenn ich dürfte! dacht' ich jetzt wohl. Aber welch ein Schauer, +Gott, welch ein Grausen durchfährt alle meine Glieder! Sollt' ich +meiner besseren Überzeugung vergessen können? Nein, Satan, packe +dich! ich will ausharren und erdulden, was ich verschuldet habe. Ein +andermal riet mir der Böse wieder, ich sollt' mein Bündel aufpacken +und davonlaufen. Mit meiner noch übrigen Barschaft könnte ich in einem +entfernten Lande etwas Neues anfangen, und zu Hause würden Weib und +Kind schon gutherzige Seelen finden. — Was! ich davonlaufen? Mein zwar +unsanftes aber getreues Weib und meine unschuldigen kleinen Kinder im +Stich lassen? Die Winkelprophezeiungen meiner Feinde zu ihrer größten +Freude wahrmachen? In welcher Ecke der Erde könnt' ich eine Stunde Ruhe +genießen, wo mich verbergen, daß der Wurm in meinem Busen mich nicht +fände? Und stell'<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> ich mir meine Sachen am Ende nicht zu schrecklich +vor? Wenn mich nun auch meine Sünden so wie jetzt nur meine Schulden +quälten?</p> + +<p>So bekam ich von Zeit zu Zeit wieder guten, festen Mut, der freilich +nicht länger währte, als bis ich mich bei einer neuen Gelegenheit +abermals des Gedankens nicht erwehren konnte: Jetzt ist's aus. Es +ist kein Kraut für ein unheilbares Übel gewachsen. Aber auch alsdann +bestand es weit mehr in der Einbildung als in der Wirklichkeit.</p> + +<p>Eines Tages, als ich eben auch vergebens herumgelaufen, um etliche +Gulden zu borgen, und einer meiner Gläubiger mir mit entsetzlicher +Roheit begegnet war, ging ich voll trübsinniger Phantasien zu Bett und +wälzte mich bis Mitternacht schlaflos auf meinem Kissen hin und her.</p> + +<div class="sidenote">Brief an Lavater</div> + +<p>Da kam mir mit einemmale der menschenfreundliche Lavater in den Sinn, +und ich entschloß mich augenblicklich, ihm zu schreiben. Ich stund auf +und entwarf einen Brief an ihn, den ich gleich des anderen Morgens an +seine Behörde abzusenden gedachte. Je öfter ich ihn aber, als die Zeit +dazu gekommen war, überlas und überdachte, desto weniger wollte er mir +in dem Bewußtsein dessen gefallen, wie sehr der teure Menschenfreund +von Kollektanten, Bettlern und Bettelbriefen bestürmt werde. Um auch +den bloßen Schein zu vermeiden, als beabsichtige ich die Zahl der +Unverschämten zu vermehren, unterdrückte ich mein Geschreibsel wieder +und<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> nahm von dieser Stund' an meine Zuflucht ganz allein zu Gott. +Ich hatte zwar in der Folge noch öftere Anfälle meines eingewurzelten +Kummerfiebers, wandte nun aber alle meine Leibes- und Seelenkräfte an, +meine kleinen Geschäfte zu vermehren, und sah allenthalben selbst zu +meinen Sachen.</p> + +<p>Gegen meine Bekannten stellte ich mich weit weniger mutlos als ich war, +und tat immer munter und guter Dinge. Meinen Gläubigern gab ich die +besten Worte, indem ich die älteren bezahlte und wieder bei anderen +borgte. In der benachbarten Gemeinde Ganterschwil sah ich mich nach +neuen Spinnern, soviel ich deren aufzutreiben wußte, um.</p> + +<div class="sidenote">Bessere Zeiten</div> + +<p>Das Jahr 1778 gab mir ganz besondern Mut und Zuversicht; mein +Händelchen ging damals vortrefflich vonstatten, und bald konnt' ich +glauben, daß ich mit Zeit und Weile mich vollkommen erholen und meiner +Schuldenlast entledigen würde. Aber die Angst will ich mein Tage nicht +vergessen, die mich auch jetzt noch quälte, wenn ich den Geschäften +nach traurig meine Straße ging und mich dem Kontor eines überlegenen +Handelsmanns oder der Tür eines harten Gläubigers nahte. Wie es mir da +zumute war! wie ich meine Hände gen Himmel rang: »Herr! du weißt alle +Dinge! Alle Herzen sind in deiner Hand; du leitest sie wie Wasserbäche, +wohin du willst! Ach! gebiete auch diesem Laban, daß er nicht anders +mit Jakob rede als freundlich!« Und der Allgütige erhörte meine Bitte; +ich bekam<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> mildere Antwort, als ich's hätte erwarten dürfen. Oh, wie +köstlich ist's, auf den Herrn hoffen und ihm alle sein Anliegen mit +Vertrauen klagen. Dies hab' ich so manchmal und so deutlich erfahren, +daß mir die felsenfeste Überzeugung davon nichts in der Welt mehr +rauben kann.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p> + +<p>Zu Anfang des Jahres 1779 ward mir ohne mein Bewerben und Bemühen der +Antrag gemacht, einem auswärtigen Fabrikanten von Glarus, Johannes +Zwicki, Baumwollentücher weben zu lassen. Anfangs lehnt' ich den Antrag +aus dem Grunde ab, weil vor mir ein gewisser Grob bei der nämlichen +Kommission Bankerott gemacht. Da man mich aber versichert, daß die +Ursache seines Unfalls eine ganz andre gewesen, ließ ich mich endlich +bereden, und traf den Akkord vollkommen auf den Fuß wie jener. Sofort +hob ich diesen Verkehr an. Man lieferte mir das Garn, und zwar zuerst +sehr schlechtes; aber nach und nach ging's besser. Auch hatt' ich +anfangs viel Mühe genug, Spuler und Weber zu kriegen. Doch merkt' ich +bald, daß zwar mit diesem Geschäft viel Verdruß und Arbeit verbunden, +aber auch etwas zu gewinnen sei. Im Jahre 1780 erweitert' ich meine +Anstalt um ein merkliches, fing auch an, für eigne Rechnung Tücher +zu machen, und befand mich gut dabei. Mein Kredit wuchs wieder von +Tag zu Tag, und meine Gläubiger merkten bald, daß die Sachen eine +andere Wendung genommen. Ich hüpfte daher nicht selten in meiner +Warenkammer vor Freuden hoch auf und betrachtete meine Errettung als +ein Beinahe-Wunder. Und doch ging in der Welt von jeher und geht noch +alles seinen natürlichen Lauf! Glück und Unglück richteten sich immer, +teils nach meinem Verhalten, das in meiner Macht stund, teils nach den +Zeitumständen, die ich nicht ändern konnte. Auch die folgenden Jahre +bis 1785 förderten meinen Wohlstand je mehr und mehr und änderten +in meinem Innern nichts, als daß mir meine Geschäfte mehr zu denken +gaben und meinen Hang zum Schreiben um ein gut Teil minderten. Hätte +ich schon damals alle meine Waren und ausstehende Schulden zu Geld +gemacht, so würde ich haben meine Gläubiger vollkommen befriedigen +können und mein Haus und Garten mit all meiner Habe mir frei und ledig +zu eigen verblieben sein. Es hat zwar seitdem den Anschein gewonnen, +als ob der Baumwollentücherverkehr in unserem Lande nimmer wieder zu +seinem vorigen Flor gelangen könne. Indessen ergeht es mir fortwährend +leidlich genug, und würde ich, wenn ich mich zu einer ängstlichen +Sparsamkeit bekehren wollen, heutigen Tages gewiß ein sogenannter +bemittelter Mann sein.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Schluß">Schluß</h2> +</div> + + +<div class="sidenote">Stilling und Rousseau</div> + +<div class="sidenote">Meine Geständnisse</div> + +<div class="sidenote">Liebesgeschichte</div> + +<div class="sidenote">Käthchen</div> + +<p>Als ich dies Büchel zu schreiben anfing, dacht' ich Wunder, welch' +eine herrliche Geschicht' voll der seltsamsten Abenteuer es absetzen +würde. Ich Tor! Und doch — bei besserm Nachdenken — was soll ich +mich selbst tadeln? Wäre das nicht Narrheit auf Narrheit gehäuft? Mir +ist's, als wenn mir jemand die Hand zurückzöge. Das Selbsttadeln muß +also etwas Unnatürliches, das Entschuldigen und sich selbst alles zum +Besten deuten etwas ganz Natürliches sein. Ich will mich also herzlich +gern entschuldigen, daß ich anfangs so verliebt in meine Geschichte +war, wie es jeder Fürst und — jeder Bettelmann in die seinige ist. +Oder, wer hörte nicht schon manches alte, eisgraue Bäurlein von seinen +Schicksalen, Jugendstreichen und so fort ganze Stunden lang mit +selbstzufriedenem Lächeln so geläufig und beredt daherschwatzen, wie +ein Procurator, und wenn er sonst der größte Stockfisch war. Freilich +kömmt's denn meist ein bißel langweilig für andre heraus. Aber was +jeder tut, muß auch jeder leiden. Freilich hätt' ich, wie gesagt, mein +Geschreibe ganz anders gewünscht; und kaum war ich damit zur Hälfte +fertig, sah' ich das kuderwelsche Ding schon schief an; alles schien +mir unschicklich, am unrechten Orte zu stehn, ohne daß ich mir denn +doch getraut hätte, zu bestimmen, wie es eigentlich sein sollte; sonst +hätt' ich's flugs auf diesen Fuß, z. B. nach dem Modell eines Heinrich +Stillings, umgegossen.<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> »Aber, Himmel! welch ein Contrast! Stilling +und ich!« dacht' ich. »Nein, daran ist nicht zu gedenken. Ich dürfte +nicht in Stillings Schatten stehn.« Freilich hätt' ich mich oft gerne +so gut und fromm schildern mögen, wie dieser edle Mann es war. Aber +konnt' ich es, ohne zu lügen? Und das wollt' ich nicht, und hätte mir +auch wenig geholfen. Nein! Das kann ich vor Gott bezeugen, daß ich die +pur lautere Wahrheit schrieb; entweder Sachen, die ich selbst gesehen +und erfahren, oder von andern glaubwürdigen Menschen als Wahrheit +erzählen gehört. Freilich Geständnisse, wie Rousseau's seine, enthält +meine Geschichte auch nicht, und sollte auch keine solchen enthalten.</p> + +<p>Um indessen doch einigermaßen ein solches Geständnis abzulegen, und +dem Leser einen Blick wenigstens auf die Oberfläche meines Herzens zu +öffnen, so will ich sagen: Daß ich ein Mensch bin, der alle seine Tage +mit heftigen Leidenschaften zu kämpfen hatte. In meinen Jugendjahren +erwachten nur allzufrüh gewisse Naturtriebe in mir; etliche Geißbuben +und ein paar alte Narren von Nachbarn sagten mir Dinge vor, die einen +unauslöschlichen Eindruck auf mein Gemüt machten, und es mit tausend +romantischen Bildern und Fantaseyen erfüllten, denen ich, trotz alles +Kämpfens und Widerstrebens, oft bis zum unsinnig werden nachhängen +mußte, und dabei wahre Höllenangst ausstund. Denn um die nämliche Zeit +hatte ich von meinem Vater, und aus ein paar seiner Lieblingsbücher +allerlei, nach<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> meinen jetzigen Begriffen übertriebene Vorstellungen +von dem, was eigentlich fromm und reinen Herzens sei, eingesogen. Da +wurde mir nur das allerstrengste Gesetz eingepredigt; da schwebten +mir immer unübersteigliche Berge, und die schwersten Stellen aus +dem Neuen Testament von Händ' und Füß' abhauen, Augausreißen und so +ferner vor. Mein Herz war von jeher äußerst empfindlich; ich erstaunte +daher sehr oft, wenn ich weit bessere Menschen als ich, bei diesem +oder jenem Zufall, bei Erzählung irgendeines Unglücks, bei Anhörung +einer rührenden Predigt und dergleichen, wie ich wähnte, ganz frostig +bleiben sah. Man denke sich also meine damalige Lage in einem rohen +einsamen Schneegebürg': Ohne Gesellschaft, außer jenen schmutzigen +Buben und unflätigen Alten auf der einen — auf der andern Seite +jenen schwärmerischen Unterricht, den mein junger feuerfangender +Busen so begierig aufnahm; dann mein von Natur tobendes Temperament +und eine Einbildungskraft, welche mir nicht nur den ganzen Tag über +keine Minute Ruhe ließ, sondern mich auch des Nachts verfolgte, und +mir oft Träume bildete, daß mir noch beim Erwachen der Schweiß über +alle Finger lief. Damals war es (wie man schon zum Teil aus meiner +obigen Geschichte wird ersehen haben) meine größte Lust, an einem +schönen Morgen oder stillen Abend, während dem Hüten meiner Geißen, +mich auf irgend einem hohen Berge in einen Dornbusch zu setzen — +dann jenes Büchelchen hervorzulangen, das ich viele Zeit überall<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> und +immer bei mir trug, und daraus mich über meine Pflichten gegen Gott, +gegen meine Eltern, gegen alle Menschen und gegen mich selbst, so lang +zu erbauen, bis ich in eine Art wilder Empfindung geriet, und (ich +entsinne mich noch vollkommen) allemal mit einer Ermahnung an Kinder +endete, deren Anfang lautete: »Kommt Kinder! Wir wollen uns vor dem +Thron des himmlischen Vaters niederwerfen.« Dann richtete ich meine +Augen starr in die Höhe, und häufige Tränen flossen die Wangen herab. +— Dann hing ich wieder für etwas Zeit Grillen von ganz andrer Natur, +und auch diesen bis zur Wut nach; baute mir ein, zwei, drei Dutzend +spanischer Schlösser auf, riß alle Abend die alten nieder, und schuf +ein paar neue. — So dauerte es bis ungefähr in mein achtzehntes +Jahr, da mein Vater seinen Wohnort veränderte, und ich sozusagen in +eine ganz neue Welt trat, wo ich mehr Gesellschaft, Zeitvertreib, und +minder Anlaß zum Phantasieren hatte. Hier fingen dann auch, besonders +eine Art der Kinder meiner Einbildungskraft — und zwar leider eben +die schönste von allen — an, sich in Wirklichkeit umzuschaffen, +und kamen mir eben nahe an Leib. Aber zu meinem Glücke hielt mich +meine angeborene Schüchternheit, Schamhaftigkeit, oder wie man das +Ding nennen will, noch Jahre lang zurück, eh' ich nur ein einziges +dieser Geschöpfe mit einem Finger berührte. Da fing endlich jene +Liebesgeschichte mit Aennchen an, die ich oben, wie ich denke, nur mit +allzusüßer Rückerinnerung,<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> beschrieben habe. Noch lebt diese Person, +so gesund und munter wie ich; und mir steigt eine kleine Freude ins +Herz, so oft ich sie sehe, obgleich ich mit Wahrheit bezeugen kann, +daß sie alle eigentlichen Reize für mich verloren hat. Hie und da +geriet ich auch an andre Mädchen; aber da stund mir keine an wie mein +Aennchen. Nur eines gewissen Käthchens und Mariechens erinnr' ich mich +noch mit Vergnügen, obschon unsere Bekanntschaft nur eine kleine Zeit +währte. Wenn ein Weibsbild, sonst noch so hübsch, dastund oder saß +wie ein Stück Fleisch, mir auf halbem Weg entgegen kam, oder mich gar +noch an Frechheit übertreffen wollte, so hatte sie's schon bei mir +verdorben; und wenn ich dann auch etwa in der Vertraulichkeit mit ihr +ein bißchen zu weit ging, war's gewiß das erste und letzte Mal. Nie +hab' ich mir auf meine Bildung und Gesicht viel zu gut getan, obschon +ich bei den artigen Närrchen sehr wohl gelitten war, und einige aus +ihnen gar die Schwachheit hatten, mir zu sagen, ich sei einer der +hübschesten Buben. Wenn gleich meine Kleidung nur aus drei Stücken +bestund, einer Lederkappe, einem schmutzigen Hemd, und ein Paar +Zwilchhosen, so schämte sich doch auch das niedlichst geputzte Mädchen +nicht, ganze Stunden mit mir zu schäkern. Insgeheim war ich denn +freilich stolz auf solche Eroberungen, ohne recht zu wissen warum? +Andremal nagte mir, wie gesagt, wirklich die Liebe ein Weilchen am +Herzen: Dann sucht' ich mich des lästigen Gastes durch Zerstreuungen +zu entledigen;<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> jauchzte, pfiff, und trillerte einen Gassenhauer, +deren ich in kurzer Zeit viele von meinen Kameraden gelernt hatte; +oder brütete an abgelegenen Orten wieder etliche Fantaseyen aus, und +träumte von lauter Glück und guten Tagen, ohne daß ich mir einfallen +ließ, mich auch zu fragen: Wann und woher sie auch kommen sollten, +was ich mir auch sicher nicht hätte beantworten können. Denn die +Wahrheit zu gestehn, ich war ein Erzlappe und Stockfisch, und besaß +zumal keine Unze Klugheit oder gründliches Wissen, wenn ich schon +über alles ganz artlich zu reden wußte. Daß ich bei jedermann, +und bei jenen schönen Dingern insonderheit wohl gelitten war, kam +einzig daher, weil ich so ziemlich gut an jedem Ort augenblicklich +den für dasselbe schicklichsten Ton zu treffen wußte, und mir, wie +meine Nymphen behaupteten, alles zierlich nett anstund. — Und nun +abermals ein neuer Akt meines Lebens. Als mich nämlich bald hernach +das Verhängnis in Kriegsdienste führte, und vorzüglich in den sechs +Monaten, da ich noch auf der Werbung herumstreifte, ja da geht's über +alle Beschreibung, wie ich mich nun fast gänzlich im Getümmel der Welt +verlor. Zwar unterließ ich auch während meiner wildesten Schwärmereien +nie, Gott täglich mein Morgen- und Abendopfer zu bringen, und meinen +Geschwisterten gute Lehren nach Haus zu schreiben. Aber damit war's +dann auch getan; und ob der Himmel daran große Freude hatte, muß ich +zweifeln. Doch, wer weiß! Selbst diese flüchtige Andacht unterhielt<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> +vielleicht manche gute Gesinnung in mir, die sonst auch noch zu +Trümmern gegangen wäre, und behütete mich vor groben Ausschweifungen, +deren ich mir, Gott Lob! keiner einzigen bewußt bin. So z. B. wenn +ich schon mit hübschen Mädchens für mein Leben gern umgehen mochte, +hätt' ich's doch auf allen meinen Reisen und Kriegszügen nie über's +Herz gebracht, nur ein einziges zu übertölpeln, wenn ich auch dazu +noch so viel Reizung gehabt. Wahrlich, mein Gewissen war so zart über +diesen Punkt, daß ich mir vielmehr oft nachwärts ruchlose Vorwürfe +über meine eigne Feigheit gemacht und den und diesen guten Anlaß +wieder zurückgewünscht. Aber wenn sich denn wirklich die Gelegenheit +von neuem ereignete, und alles bis zum Genusse fix und fertig war, +so fuhr ein zitternder Schauer mir durch Mark und Beine, daß ich +zurückbebte, meinen Gegenstand mit guten Worten abfertigte oder leise +davon schlich. Auf dem ganzen Transport bis nach Berlin bin ich, bis +auf ein einziges Nestchen, vollends ganz rein davon gekommen. In +dieser großen Stadt hätt' ich an gemeinen Weibsleuten keinen Schuh' +gewischt. Hingegen will ich's nicht verbergen, daß meine zügellose +Einbildungskraft ein paarmal über glänzende Damen und Mamselles +brütete. Aber es stellten sich immer noch zu rechter Zeit genugsame +Hindernisse in den Weg; die Anfechtungen verschwanden, und besserer +Sinn und Denken erwachten wieder. Während meiner Campagne und auf der +Heimreise hab' ich abermals keinen weiblichen<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Finger berührt. Was +meine Desertion betrifft, so machte mir mein Gewissen darüber nie die +mindesten Vorwürfe. Gezwungener Eid ist Gott leid! dacht' ich; und die +Ceremonie, die ich da mitmachte, wähnt' ich wenigstens, könne kaum +ein Schwören heißen. — Nach meiner Rückkehr ins Vaterland ergriff +ich wieder meine vorige Lebensart. Auch Buhlschaften spannen sich +bald von neuem an. Meine herzliebe Anne war freilich verplempert; +aber es fanden sich in kurzem andere Mädels, mehr als eines, denen +ich zu behagen schien. Mein Aeußeres hatte sich ziemlich verschönert. +Ich ging nicht mehr so läppisch daher, sondern hübsch gerade. Die +Uniform, die mein ganzes Vermögen war, und eine schöne Frisur, die +ich recht gut zu machen wußte, gaben meiner Bildung ein Ansehn, +daß dürftige Dirnen wenigstens die Augen aufsperrten. Bemittelte +Jungfern dann — ja, o bewahre! — die warfen freilich auf einen +armen ausgerissnen Soldat keinen Blick. Die Mütter würden ihnen +fein ausgemistet haben. Und doch wenn ich's nur ein wenig pfiffiger +und politischer angefangen, hätt' es mir mit einer ziemlich reichen +Rosina geglückt, wie ich nachwärts zu spät erfuhr. Inzwischen erhob +selbst dieser mißlungene Versuch meinen Mut und meine Einbildung +nicht um ein geringes — und der geschossene Bock wäre mir nicht um +tausend Gulden feil gewesen. Ich sah darum von erwähnter Zeit an alle +meine bisherigen Liebschaften so ziemlich über die Achsel an, und +warf den Bengel höher auf. Aber meine<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> sorglose lüderliche Lebensart +verderbte immer alles wieder. Mit Kindern meines Standes war mein +Umgang freilich, Gott verzeih' mir's! oft nur allzufrei; in Absicht +auf solche hingegen, die über mir standen, verließ mich meine Feigheit +nie; und das war mir am meisten hinderlich. Denn wer weiß nicht, wie +oft der dümmste Labetsch<a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[56]</a> bloß mit einem beherzten angriffigen +Wesen zuerst sein Glück macht. Aber mir so viele Mühe geben, kriechen, +bitten, seufzen und verzweifeln, konnt' ich eben nicht. — Eines +Tages ging ich nach Herisau an eine Landsgemeinde. Meine gute Mutter +steckte mir all' ihr kleines Spargeldlin von etwa 6 Gulden bei. Einer +meiner Bekannten im Appenzeller Land trachtete mir zu Trogen, in einer +großen Gesellschaft, eine gewisse Ursel aufzusalzen, die mir aber +durchaus nicht behagen wollte. Ich suchte also, sie je eher je lieber +wieder los zu werden. Es glückte mir auf dem Rückweg nach Herisau, wo +sie sich, oder vielmehr ich mich, unter dem großen Haufen verlor. Es +war eine große Menge jungen Volkes. Bei einbrechender Abenddämmerung +näherte man sich einander, und formierte Paar und Paar, als ich mit +eins ein wunderschönes Mädel, sauber wie Milch und Blut, erblickte, +das mit zwei andern solchen Dingern davon schlenterte. Ich streckt' +ihm die Hand entgegen, es ergriff sie mit den beiden seinigen, und +wir marschierten bald Arm an Arm <span class="antiqua">in dulci jubilo</span> unter Singen<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> +und Schäkern unsre Straße. Als wir zu Herisau ankamen, wollt' ich sie +nach Haus begleiten. »Das bei Leib nicht!« sagte sie, »ich dürft's um +alles in der Welt nicht. Nach dem Nachtessen vielleicht, kann ich denn +eher noch ein Weilchen zum Schwanen kommen.« Mit einem solchen Ersatz +war ich natürlich sehr zufrieden. Damals wußt' ich noch nicht, wer +mein Schätzgen war, und erfuhr erst jetzt im Wirtshaus, daß sie ein +Töchterchen aus einem guten Kaufmannshaus, und ungefähr sechszehn Jahr +alt sei. Ungefähr nach einer Stunde kam das liebe Geschöpf — Käthchen +hieß es — mit einem artigen jungen Kind auf dem Arm, das sein +Schwesterchen war, denn anders hätt' es nicht entrinnen können, als +eben auch die verwünschte Ursel in die Stube trat, mich gleichfalls +aufsuchen wollte, bald aber Unrat merkte, mir bittere Vorwürfe machte, +und davon ging. Alsdann gab uns der Wirt ein eigen Zimmer; Käthchen +hinein, und ich nach, geschwind wie der Wind. Ich hatte ein artiges +Essen bestellt. Nun waren ich und das herrliche Mädchen allein, +allein. O was dieses einzige Wort in sich faßt! Tage hätt' es währen +sollen, und nicht zwei oder drei wie Augenblicke verflossene Stunden. +Und doch — die Wände unsers Stübchens — das Kind auf Käthchens Schoß +— die Sternen am Himmel sollen Zeugen sein unsrer süßen, zärtlichen, +aber schuldlosen Vertraulichkeit. Ich blieb noch die halbe Woche dort. +Mein Engel kam alle Tage mit ihrem Schwesterchen vier bis fünfmal +zu mir. Endlich<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> aber ging mir die Barschaft aus, ich mußte mich +losreißen. Käthchen gab mir, immer mit dem Kind auf dem Arm, trotz +aller Furcht vor seinen Eltern, das Geleit noch weit vor den Flecken +hinaus. Wie der Abschied war, läßt sich denken. Tränen vom Liebchen +trug ich auf meinen Wangen genug nach Haus. Wir winkten einander mit +Schürze und Schnupftüchern unser Lebewohl mehr als hundertmal, und so +weit wir uns sehen konnten. O man verzeihe mir meine Torheit! Gehören +doch diese Tage zu den allerglücklichsten, und ihre Freuden zu den +allerunschuldigsten meines Lebens. Denn mein guter Engel hatte mir +gegen dies holde Mädchen ordentlich eben so viel Ehrfurcht als Liebe +eingeflößt; so daß ich sie, wie ein Vater sein Kind, umarmte, und +sie mich hinwieder, wie eine Tochter ihren Erzeuger, sanft an ihren +reinen Busen drückte, und mein Gesicht mit ihren Küssen bedeckte. +— Jetzt war ich dem Leibe nach wieder bei Haus, aber im Geiste +immer mit diesem herzigen Schätzgen beschäftigt, dem weiland Ännchen +sogar weit nachstand. Indessen kam mir nur kein Gedanke daran, daß +ich jemals zu ihrem Besitz gelangen könnte; vielmehr sucht' ich mir +alles Vorgegangene vollkommen aus dem Sinn zu schlagen, und es gelang +mir. Denn dies war von jeher meine Art: Was einen schnellen Eindruck +auf mich machte, war auch bald wieder vergessen, und von neuen +Gegenständen verdrängt. Allein, wer hätte daran gedacht? An einem +schönen Abend brachte mir der Herisauer<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> Bote ein Briefchen von meinem +Käthchen, worin sie in zärtlich verliebten und dabei recht kindisch +naiven Ausdrücken mir sagte, wie's ihr sei seit unserm Abschied; wie +sie mich gern wieder sehen, noch einmal mit mir reden möchte, und +wenn das nicht möglich wäre, mich wenigstens zu einem schriftlichen +Verkehr auffordere. Ich küßte das Papier, las es wohl hundertmal, +und trug's immer in der Tasche, bis es ganz verschmutzt und zerfetzt +war. Also — ich flog eilends nach Herisau? Nein! Ich antwortete auf +der Stelle? Nein! auch das nicht; kein Wort. Kurz ich ging nicht und +schrieb nicht. Warum? Daß ich gerade damals kein Geld hatte, dessen +erinnere ich mich; daß sonst noch etwas dazwischen kam, weiß ich auch; +die eigentliche Ursach' aber ist mir aus dem Gedächtnis entfallen. +Genug, ich vergaß meinen Herisauer Schatz, worüber ich mir nachwärts +manchen bittern Vorwurf gemacht. Endlich, erst nach zwanzig Jahren, +dacht' ich wieder einmal dieser Begebenheit so lange und so ernsthaft +nach, und die Begierde, zu erfahren, ob das liebe Kind noch lebe, +und was aus ihr geworden sei, ward so stark in mir, daß ich eigens +deswegen auf Herisau ging (ungeachtet ich in der Zwischenzeit manchmal +mich tagelang dort aufhielt, ohne daß mir nur ein Sinn an sie kam) +nach ihrer Wohnung fragte, und bald erfuhr, daß sie schon Mutter von +zehn Kindern, und auf einem Wirtshaus sei. Ich flog dahin. Der Mann +war eben nicht zu Hause. Ich sprach sie um Nachtherberg an, setzte +mich<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> zu Tisch' und beguckte mein — nun nicht mehr mein Käthchen. +Himmel! wie das arme Ding ganz verlottert war. Und doch erkannt' ich +ihre ehevorigen jugendlichen Gesichtszüge mitunter noch deutlich. Ich +konnte mich der Tränen kaum erwehren. Sie war unglücklicher Weise +an einen brutalen und dabei lüderlichen Mann geraten, der nachwärts +wirklich bankerott machte. Schon damals war sie in sehr ärmlichen +Umständen. Sie kannte mich nicht mehr. Ich fragte sie alles aus, nach +ihrer Herkunft, wer ihr Mann sei, und so fort. Und endlich auch: Ob +sie sich nicht mehr eines gewissen U. B. erinnre, den sie vor zwanzig +Jahren etliche Tag' nacheinander beim Schwanen angetroffen. Hier sah +sie mir starr ins Gesicht, fiel mir an die Hand: »Ja! Er ist's, er +ist's!« und große Tropfen rollten über ihre blassen Wangen herab. Nun +ließ sie alles stehn, setzte sich zu mir hin, erzählte mir der Länge +und Breite nach ihre Schicksale, und ich ihr die meinigen, bis spät in +die Nacht hinein. Beim Schlafengehen konnten wir uns nicht erwehren, +jene seligen Stunden durch ein paar Küsse zu erneuern; aber weiter +stieg mir auch nur kein arger Gedanke auf. Im Verfolg kehrte ich noch +manchmal bei ihr ein. Sie starb etwa vier Jahre nach unserm ersten +Wiedersehen, und es tut mir so wohl, noch eine Träne auf ihr Grab zu +weinen, wo sie jetzt mit so viel andern guten Seelen im Frieden wohnt.</p> + +<div class="sidenote">Wirklichkeit und Idealwelt</div> + +<p>Daß ich in meiner obigen Geschichte über die allerernsthaftesten Scenen +meines Lebens, wie ich an meine<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> Dulcinea kam — ein eigen Haus baute +— einen Gewerb anfing, und so fort so kurz hinweggeschlüpft, kömmt +wahrscheinlich daher, daß diese Epoche meines Daseins mir unendlich +weniger Vergnügen als meine jünger Jahre gewährte, und darum auch +weit früher aus meinem Gedächtnis entwichen ist. So viel weiß ich +noch gar wohl: Daß, als ich auch im Ehestand mich betrogen sah, und +statt des Glücks, das ich darin zu finden mir eingebildet hatte, nur +auf einen Haufen ganz neuer unerwarteter Widerwärtigkeiten stieß, +ich mich wieder aufs Grillenfangen legte, und meine Berufsgeschäfte +nur so maschinenmäßig lässig und oft ganz verkehrt verrichtete, und +mein Geist, wie in einer andern Welt, immer in Lüften schwebte, sich +bald die Herrschaft über goldene Berge, bald eine Robinsonsche Insel, +oder irgend ein andres Schlaraffenland erträumte. Da ich hier um +die nämliche<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> Zeit anfing, mich aufs Lesen zu legen, und ich zuerst +auf lauter mystisches Zeug, dann auf die Geschichte, dann auf die +Philosophie, und endlich gar auf die verwünschten Romane fiel, schickte +sich zwar alles dies vortrefflich in meine idealische Welt, machte +mir aber den Kopf nur noch verwirrter. Jeden Helden und Abenteurer +alter und neuer Zeit macht' ich mir eigen, lebte vollkommen in ihrer +Lage, und bildete mir Umstände dazu und davon, wie es mir beliebte. +Die Romane hinwieder machten mich ganz unzufrieden mit meinem eigenen +Schicksal und den Geschäften meines Berufes, und weckten mich aus +meinen Träumen, aber eben nur zu größerm Verdruß auf. Bisweilen, wenn +ich denn so mürrisch war, sucht' ich mich durch irgend eine lustige +Lektur wieder zu ermuntern. Alsdann je lustiger, je lieber; so daß ich +darüber bald zum Freigeist geworden, und dergestalt immer von einem +Extrem ins andre fiel. In dieser Absicht bedaur' ich die Gefährtin +meines Lebens von Herzen. Denn so wenig Geschmack ich an ihr fand, so +hatte sie doch noch viel mehr Ursache, keinen an mir zu finden. Dennoch +war ihre Neigung zu mir stark, obgleich nichts weniger als zärtlich. +Ein Betragen ganz nach ihrem Geschmack, meine Unterwürfigkeit und +Liebe zu ihr, das alles wollte sie von dem ersten Tag' an erpochen und +erpoltern — und macht's heute mit mir und meinem Jungen noch ebenso +und wird es so wenig lassen, als ein Mohr seine Haut ändern kann. +Und doch ist dies, wie ich's nun aus Erfahrung weiß, gewiß das ganz +unrechte Mittel, einen an das Joch zu gewöhnen. Inzwischen flossen +meine Tage so halb vergnügt, halb mißvergnügt dahin. Ich suchte mein +Glück in der Ferne und in der Welt, mittlerweile es lange ganz nahe bei +mir vergebens auf mich wartete. Und noch jetzt, da ich doch überzeugt +bin, daß es nirgends als in meinem eigenen Busen wohnt, vergeß ich nur +allzuoft, in mich selbst zurückzukehren, flattre in einer idealischen +Welt herum, oder wähle in dieser gegenwärtigen falsche, Ekel und Unlust +erweckende Scheingüter außer mir.</p> + +<div class="sidenote">Glücksumstände und Wohnort</div> + +<div class="sidenote">Die ganze Welt ist unser</div> + +<div class="sidenote">Glücksempfindung</div> + +<p>Meine Lebensgeschichte so weit geschrieben, bleibt mir nur noch weniges +von mir zu sagen übrig. Ein Häuschen und ein Gärtchen ist mein ganzes +Vermögen. Eine Frau und vier Kinder, also sechs Mäuler und ein Dutzend +Hände machen meinen Haushalt aus. Aber das gesunde Speisen der erstern, +Kleider und anders mit eingezählt, zehrt das Produkt einer noch so +muntern Arbeit der letztern beinahe auf. Meinen Baumwollengewerb hab' +ich schon beschrieben. Dieser ist wie ein Vogel auf dem Zweig, und +wie das Wetter im April. Wer sein ganzes Studium darauf wendet, und +zumal die rechte<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> Zeit abzupassen weiß, kann noch sein Glück damit +machen. Aber dies Talent in gehörigem Maße hatt' ich nie, war immer ein +Stümper, und werd' es ewig bleiben. Und doch hab' ich diese Art Handel +und Wandel gleichsam von Jahr zu Jahr lieber gewonnen. Warum? Ich +denke, natürlich, weil derselbe das Mittel war, durch welches mich die +gütige Vorsehung, ohne mein sonderliches Zutun, aus meiner drückenden +Lage wenigstens in eine sehr leidliche emporhob. Freilich wär' ich, +ohne die Rolle eines Handelsmanns zu spielen, vielleicht auch niemals +so tief in jene hineingeraten. Doch, wer weiß? Es wäre wohl gleich +viel gewesen, mit welchem Berufe ich mich lässig, unvorsichtig und +ungeschickt beschäftigt hätte. Und heißt's, denk' ich, auch hier: Der +Hund, der ihn biß, leckt' ihn wieder, bis er heil war.</p> + +<div class="sidenote">Haus und Garten</div> + +<p>Mein Vaterland ist zwar kein Schlaraffenland, kein<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> glückliches +Arabien und kein reizendes Pays de Vaud. Es ist das Tockenburg, dessen +Einwohner von jeher als unruhige und ungeschliffene Leute verschrien +waren, aber allerorten, soweit ich gekommen bin, hab ich ebenso grobe, +wo nicht viel gröbere — ebenso dumme, wo nicht viel dümmere Leut' +angetroffen. — Unser Tockenburg ist ein anmutiges, zwölf Stunden +langes Tal, mit vielen Nebentälchen und fruchtbaren Bergen umschlossen. +Das Haupttal zieht sich in einer Krümmung von Südost nach Nordost +hinab. Gerade in der Mitte desselben, auf einer Anhöhe, steht mein +Edelsitz, am Fuß eines Berges, von dessen Spitze man eine treffliche +Aussicht beinahe über das ganze Land genießt, die mir schon so manchmal +das entzückendste Vergnügen gewährte, bald in das mit Dörfern reich +besetzte Tal hinab, bald auf die mit den fettesten Weiden, Wiesen und +Gehölzen bekleideten und abermals mit zahllosen Häusern übersäten +Anhöhen zu beiden Seiten, über welche sich noch die Gipfel der Alpen +hoch in die Wolken erheben, dann wieder hinunter auf die durch viele +Krümmungen sich mitten durch unser Haupttal schlängelnde Thur, deren +Dämme und mit Erlen und Weiden bepflanzten Ufer die angenehmsten +Spaziergänge bilden. Mein hölzernes Häuschen liegt gerade da, wo das +Gelände am allerlieblichsten ist, und besteht aus einer Stube, drei +Kammern, Küche und Keller — Potz Tausend! die Nebenstube hätt' ich +bald vergessen — einem Geißställchen, Holzschopf, und dann rings ums +Häuschen<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> ein Gärtchen, mit etlichen kleinen Bäumen besetzt, und mit +einem Dornhag tapfer umzäunt. Aus meinem Fenster hör' ich von drei +bis vier Orten her läuten und schlagen. Kaum etliche Schritte vor +meiner Türe liegt ein meinem Nachbar zudienender artiger beschatteter +Rasenplatz. Von da seh' ich senkrecht in die Thur hinab, auf die +Bleichen hinüber, auf das schöne Dorf Wattwil, auf das Städtchen +Lichtensteig und hinwieder durchs Tal hinauf. Hinter meinem Haus rinnt +ein Bach herab, der Thur zu, der aus einem romantischen Tobel kömmt, +wo er über Steinschrofen<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[57]</a> daherrauscht. Sein jenseitiges Ufer +ist ein sonnenreiches Wäldchen, mit einer hohen Felswand begrenzt. +In dieser nisten alle Jahr' etliche Sperber und Habichte in einer +unzugänglichen Höhle. Diese, und dann noch ein gewisser Berg, der mir +um die Tag- und Nachtgleiche die liebe Sonne des Morgens eine Stunde zu +lang aufhält, sind mir unter allem, was zu dieser meiner Lage gehört, +allein widerlich. Beide würd' ich gern verkaufen oder gar verschenken. +Die vertrackten Sperber zumal plagen nicht nur von Mitte April bis +spät in den Herbst mit ihrem Zetergeschrei meine Ohren, sondern, +was noch weit ärger ist, verjagen mir die lieben Singvögelchen, daß +bald kein einziges mehr in der Gegend sich einzunisten wagt. Meine +Nachbarn sind recht gute ehrliche Leute, die ich aufrichtig schätze +und liebe. Freilich läuft<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> bisweilen auch ein andrer mit unter, wie +überall. Innige Freunde, mit denen man Gedanken wechseln und Herzen +tauschen kann, hab' ich in der Nähe keine. Dies ersetzen mir meine +platonischen Geliebten in meinem Stübchen. Im Frühling liegt mir der +Schnee auch ein bißchen zu lang in meinem Gärtchen. Aber ich fange +einen Krieg mit ihm an, zerfetze ihn zu kleinen Stücken, und werfe +ihm Asche und Kot auf die Nase; dann verkriecht er sich in die Erde, +so daß ich noch mit den Frühesten gärtnen kann. Und überhaupt macht +mir dies kleine Grundstück viel Vergnügen. Zwar ist die Erde ziemlich +grob und ungeschlacht, obgleich ich sie schon an die fünfundzwanzig +Jahr bearbeitet habe, demungeachtet gibt das Ding Kraut, Kohl, Erbsen, +und was ich immer auf meinen Tisch brauche, zur Genüge; mitunter auch +Blumenwerk und Rosen die Fülle. Kurz, es freut mich so wohl, als +manchen Fürsten all' seine babylonischen Gärten. — Sag' also, Bub! ist +unser Wohnort nicht so angenehm, als je einer in der Welt? Einsam, und +doch nahe bei den Leuten; mitten im Tal, und doch ein wenig erhöht. +Oder geh' mir einmal im Maimond auf jenen Rasenhügel vor unserer Hütte. +Schau durchs buntgeschmückte Tal hinauf; sieh', wie die Thur sich +mitten durch die schönsten Auen schlängelt; wie sie ihre noch trüben +Schneewasser gerade unter deinen Füßen fortwälzt. Sieh', wie an ihren +beiden Ufern unzählige Kühe mit geschwollenen Eutern im Gras waten. +Höre das Jubelgetön von den großen und<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> kleinen Buschsängern. Ein Weg +geht zwar an unsern Fenstern vorbei; aber der ist noch nichts. Sieh' +erst jenseits der Thur jene Landstraße mitten durchs Tal, die nie leer +ist. Sieh' jene Reihe Häuser, welche Lichtensteig und Wattwil wie +zusammenketten. Da hast du einigermaßen, was man in Städten und auf +dem Lande nur haben kann. Ha! sagst du vielleicht, aber diese Matten +und Kühe sind nicht unser! Närrchen! freilich sind sie und die ganze +Welt ist unser. Oder wer wehrt dir, sie anzusehn, und Lust und Freud' +an ihnen zu haben? Butter und Milch bekomm' ich ja von dem Vieh, das +darauf weidet, so viel mir gelüstet, also haben ihre Eigentümer nur +die Mühe zum Vorteil. Was braucht es, jene Alpen mein zu heißen? Oder +jene zierlich prangenden Obstbäume? Bringt man uns ja ihre schönsten +Früchte ins Haus! Oder jenen großen Garten? Riechen wir ja seine Blumen +von weitem! Und selbst unser eigener kleiner, wächst nicht alles +darin, was wir hineinsetzen, pflegen und warten? Also, lieber Junge! +wünsch' ich dir, daß du bei allen diesen Gegenständen nur das empfinden +möchtest, was ich dabei schon empfunden habe und noch täglich empfinde; +daß du mit eben dieser Wonne und Wollust den Höchstgütigen in allem +findest und fühlest, wie ich ihn fand und fühlte, so nahe bei mir, +rings um mich her, und in mir, wie er dies mein Herz aufschloß, das er +so weich und so fühlend schuf. Lieber Knabe! Beschreiben kann ich's +nicht. Aber mir war schon oft, ich sei verzückt, wenn ich all' diese +Herrlichkeit<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> überschaute, und so, in Gedanken vertieft, den Vollmond +über mir, dieser Wiese entlang hin und her ging, oder an einem schönen +Sommerabend dort jenen Hügel bestieg, die Sonne sinken, die Schatten +steigen sah, mein Häuschen schon in blauer Dämmerung stand, die +schwirrenden Weste mich umsäuselten, die Vögel ihr sanftes Abendlied +anhuben. Wenn ich dann vollends bedachte: »Und dies alles für dich, +armer, schuldiger Mann?« Und eine göttliche Stimme mir zu antworten +schien: »Sohn! dir sind deine Sünden vergeben.« Oh! wie da mein Herz in +süßer Wehmut zerschmolz, wie ich dem Strom meiner Freudentränen freien +Lauf ließ, und alles rings um mich her, Himmel und Erde, hätte umarmen +mögen, und noch selige Träume der folgenden Nacht mein gestriges Glück +wiederholten.</p><br> + + +<p class="s2 center">ENDE</p><br> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<h3>Fußnoten:</h3> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Abgemessene Garnmenge.</p> + +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Vorraum zum Haus.</p> + +<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Hütte für Vieh und Heu.</p> + +<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Bachschlucht.</p> + +<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Rinne, die über einen Abhang fällt, in der man das +gefällte Holz hinabgleiten läßt.</p> + +<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Des anderen Tages.</p> + +<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Aus gröberem minderwertigen Flachs- oder Hanfwerg Garn spinnen.</p> + +<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Sävenstrauch (<span class="antiqua">Juniperus Sabina</span>), eine Wacholderart.</p> + +<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Schmalvieh, junges Vieh, Aufzucht.</p> + +<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Nach einem Jahr aus dem Dienst gehen.</p> + +<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Geschenk von Fleisch und Würsten beim Schlachten.</p> + +<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Erlös; Einnahme.</p> + +<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Armselig haushalten.</p> + +<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Stecken für einen Hag; Zaunpfahl.</p> + +<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Lehm.</p> + +<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Bezwingen; meistern.</p> + +<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Bald auf der Sonnen-, bald auf der Schattenseite.</p> + +<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Kleines Handbeil mit langer Schneide.</p> + +<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Nagen.</p> + +<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Äcker von weißen Rüben und Kohl.</p> + +<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Weder aufwärts noch abwärts.</p> + +<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Emporbringen, heben.</p> + +<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Herumstreichen.</p> + +<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Fetzen.</p> + +<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Heer = Pfarrer.</p> + +<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Katechismus.</p> + +<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Haus- und Ackergerät.</p> + +<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Weide für die Sommerszeit.</p> + +<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> Taglöhnern; um Taglohn arbeiten.</p> + +<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Meiner Seel!</p> + +<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> Zerbrechen, zerreißen.</p> + +<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Branntwein.</p> + +<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Flink.</p> + +<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> Zu Besuch.</p> + +<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Die Zeche.</p> + +<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a >Lustiger Feiertag.</p> + +<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Heidelbeeren.</p> + +<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Weinen.</p> + +<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Schwenkten.</p> + +<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> Flüsterten.</p> + +<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> Poltern, groß sprechen, Wind machen.</p> + +<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Rotte.</p> + +<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Der Große Kurfürst.</p> + +<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> Kohlköpfe; in verächtlicher Bedeutung: Dickköpfe.</p> + +<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> Ursprünglich: im Kloster gebrautes Bier; hier: Dünnbier.</p> + +<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> Sittsam: Gegenteil von ungeschlacht.</p> + +<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Erhasten.</p> + +<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> Ungestüm.</p> + +<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[49]</a> Gemeindeweide.</p> + +<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[50]</a> Herumstreichen.</p> + +<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[51]</a> Selle: der wagerechte Grundbalken des Hauses. (Schwelle.)</p> + +<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[52]</a> Mit dem Klöpel an die Glocke schlagen; übertragen: hinken.</p> + +<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[53]</a> Eigensinnig.</p> + +<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[54]</a> Steif wie ein Stab, starr.</p> + +<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[55]</a> Geflüchtet; in Sicherheit gebracht.</p> + +<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[56]</a> Tropf, Tölpel.</p> + +<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[57]</a> Felsabsatz.</p> +</div> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75825 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75825-h/images/cover.jpg b/75825-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d94cda9 --- /dev/null +++ b/75825-h/images/cover.jpg diff --git a/75825-h/images/signet.jpg b/75825-h/images/signet.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c21999b --- /dev/null +++ b/75825-h/images/signet.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..b5dba15 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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