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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75825 ***
+
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurde übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~,
+_kursiv_ so.
+
+=======================================================================
+
+
+ Das Leben
+ und die Abentheuer
+ ~des~
+ Armen Mannes
+ _im_
+ Tockenburg
+
+ _Von ihm selbst erzählt_
+
+ [Illustration]
+
+ 1910
+
+ Bei Meyer & Jessen
+ Berlin
+
+ _Bhd_
+
+
+
+
+ Gedruckt in der Buchdruckerei von Herrosé &
+ Ziemsen, G. m. b. H. in Wittenberg. Titel und
+ Einband zeichnete Lucian Bernhard in Berlin
+
+
+ Vierte durchgesehene Auflage
+
+
+
+
+ Zur Einführung
+
+
+»Kennen Sie den ›armen Mann im Tockenburg‹?« hab' ich wie oft gefragt;
+Männer und Frauen von allerlei Art. Die Antwort war fast immer: »Wer
+ist das?« Und doch hat man das Wenige, was wir von ihm haben, seit dem
+achtzehnten Jahrhundert nicht selten gedruckt; er hat Leser und Freunde
+gefunden, auch Bewunderer. Immer ist er wieder vergessen worden; auf
+seinen eigentlichen Platz in unserer Geschichte hat ihn noch niemand
+gestellt. Darum hat es mich oft hingerissen, in dieser oder jener
+Gesellschaft, die nichts von ihm wußte, mit so viel Lobpreisung von ihm
+zu sprechen, daß ich mich hinterdrein wohl fragte: Hast du in deinem
+Feuereifer nicht zu ~viel~ gepriesen? Wenn diese Aufgestachelten
+ihn nun lesen werden, werden sie nicht sagen: nun ja, recht hübsch,
+aber warum ~übertreibt~ er so? -- Dann hab' ich wohl zu Haus den
+»armen Mann« wieder zur Hand genommen und hier und da aufgeschlagen
+und gleichsam mit dem Ohr dieser andern hineingehorcht. Zuletzt bin
+ich lächelnd beruhigt und neu gerührt wieder aufgestanden. Nein!
+Ich sagte nicht zu viel von ihm. Er ist ein Phänomen, ein Einziger,
+Unvergleichlicher. Er war kein Fabulierer, kein Fruchtbarer wie Hans
+Sachs, aber zehnmal mehr Poet. In dem kleinen Schatz, den er uns
+hinterlassen hat, sind Perlen und Rubinen.
+
+Ulrich oder Uli Braeker kam am 22. Dezember 1735 in dem Schweizer
+Tal zur Welt, das Tockenburg oder Toggenburg genannt wird; fast
+sieben Jahre nach Lessing, nicht vierzehn vor Goethe. Die dem Leser
+hier vorgelegte Geschichte seines Lebens erzählt in entzückender
+Aufrichtigkeit und poesievoller Lebendigkeit, wie er, eines ewig
+blutarmen Mannes ewig um sein Dasein kämpfender Sohn, Geißen weidet,
+liebt, tagelöhnert, webt, handelt, träumt, liest, phantasiert; kurz,
+wie er das Leben eines zum Dichter geborenen Habenichts führt, der
+redlich arbeitend, wenig erreichend, oft leichtgläubig, oft betrogen,
+bald im Elend verzagt, bald sich eine Welt von Luftschlössern bauend,
+von seiner keifenden Hausehre immer gemeistert, nie an seinem Gott
+verzweifelnd, sich durch gute und böse Jahre wie ein vielgekrümmter
+Fluß durch sein Engtal hinwindet; bis er endlich, noch nicht
+dreiundsechzig Jahre alt, in Gottes Schoß zurückkehrt, als dessen Kind
+er sich sein Leben lang in immer reinerer und verklärterer Frömmigkeit
+gefühlt hatte.
+
+Als Zweiunddreißiger begann Uli zu schriftstellern, bald auch Verse
+zu machen; aber noch mehr einem moralisierenden Nachmittagsprediger
+gleich; 1770 fing er an ein ~Tagebuch~ zu schreiben, sein dürftiges
+Leben mit Betrachtungen zu begleiten und jenen Natursinn in sich
+auszubilden, der allmählich seine schönste Kraft werden sollte und
+sein holdester Trost. In seiner Prosa wuchs, Gott weiß wie, dieser
+ganz eigene Duft heran, der seine entbauerte Seele, seinen geadelten
+Geist zu den wirklichen Poeten gesellt. Er ward ein Dichter und wußte
+es nicht. Er lernte ohne Lehrer seine Gefühle und Gedanken formen, wie
+der Bildner Wachs und Ton. Als Dichter schrieb er auch sein Büchlein
+»Etwas über Shakespeare«, nachdem er in der kleinen Büchersammlung der
+»Moralischen Gesellschaft« (in dem benachbarten Städtchen Lichtensteig)
+diesen seinen Abgott kennen gelernt hatte, dem er fortan, wie Faust
+der Helena »Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn« zollte. Nicht vieles
+ist so rührend zu lesen, wie diese Ergießungen einer tief verstehend
+begeisterten, oft feurig beredten, in demutsvoller Andacht hingegebenen
+Auchdichterseele.
+
+Die Geschichte seines Lebens, die er in den Jahren der Reife,
+1781 und weiter, schrieb, gab er hernach seinem Seelenhirten und
+begönnernden Freund, dem Pfarrer Martin Imhof zu Wattwil, nebst andern
+Werken seiner Feder zu lesen; durch Imhof kam sie zu H. G. Füßli,
+dem Inhaber der Buchhandlung Orell Geßner Füßli und Comp. in Zürich,
+auch Schriftsteller, Lehrer und Staatsmann. Füßli teilte 1788 im
+»Schweizerischen Museum« das erste Probestück mit, das, wie er selber
+erzählt, »auch unter den verschiedensten Klassen von Lesern allgemeinen
+Beifall fand«. »Man mochte die einander ziemlich schnell gefolgten
+Fortsetzungen kaum erwarten; niemals wurde auch die gespannteste
+Neugierde getäuscht, und jedesmal nach dem Verfasser lüsterner
+gemacht.« Durch diesen Erfolg ermutigt gab Füßli 1789 das Ganze
+als Buch heraus, unter dem Titel: »Lebensgeschichte und Natürliche
+Abentheuer des Armen Mannes im Tockenburg«. Nur wenige Schilderungen
+aus dem eigenen Leben gibt es auf der Erde, die an Frische, Natur,
+Anmut, Poesie mit Ulrich Braekers Werk zu vergleichen sind. Wie er
+seine Geißhirtenjahre, wie er seine Liebe zu Ännchen erzählt, das ist
+des größten Künstlers würdig. Aber ~alles~ lebt. Alles blüht auch.
+Oft reißt uns eine dramatische Kraft mit sich fort. Und ein Wunderding
+zum Kopfschütteln ist, wie ein Mensch, in dem keine kriegerische Ader
+lebte, die Lowositzer Schlacht beschrieben hat, in der er (der durch
+Werberlist Verlockte) desertiert.
+
+Fast um dieselbe Zeit, in der Goethes Prosa sich im »Werther« zu ihrer
+höchsten Jugendblüte entfaltete, rang sich im alemannischen Gebirge
+ein ungebildeter Weber zu einem Schriftsteller empor, den man ruhig
+neben Goethe nennen kann; ja vielleicht steht als Prosadichter niemand
+dem jungen Goethe so nahe wie er. Es war eine Begabung in ihm, die man
+immer anstaunen muß, schwer begreifen kann. Er hatte alle Eigenschaften
+des Dichters, nur Erfindung fehlte; von den Tönen, die unsere ganze
+Natur mit Kunst ergreifen, hat ihm vielleicht keiner gefehlt. Mitten
+in musenlosester Umgebung, in allen Bitternissen widerwärtigster Art,
+in selbstbildender, unberatener Einsamkeit, gewinnt er einen solchen
+Reichtum an Stimmungen, Vorstellungen, Empfindungen, einen so hohen,
+unzerstörbar freudigen Lebenssinn, eine solche Stufenleiter von
+Ausdrucksmitteln, daß man gerührt und beschämt vor diesem Naturwunder
+steht. Zuweilen, durch irgendein angelesenes Gefühl fortgetragen, zieht
+er wohl an einem fremden, kunstmäßigen Geläut; im nächsten Augenblick
+kehrt er zur Natur zurück. Kein Mensch hat lebendiger erzählt als er.
+Eine der schönsten Erscheinungen in der deutschen Literaturgeschichte;
+eine allerhöchste Bekräftigung und Bestätigung, daß die große Zeit
+unsrer Poesie aus der Urkraft unsres Volks hervorgegangen ist.
+
+Für den hier vorliegenden Neudruck der Lebensgeschichte ist eine
+so wünschens- wie dankenswerte Arbeit gemacht worden: die früheren
+Ausgaben, die von Füßli und die von Eduard Bülow, sind verglichen und
+auseinander verbessert oder ergänzt worden, wo es möglich war; da
+~beide~ Herausgeber dem Urtext nicht überall treu gefolgt sind,
+sondern mit persönlicher Willkür gekürzt, auch »verbessert« haben.
+So ist denn diese Ausgabe, wenn sie auch nicht die verschwundene
+Urhandschrift zugrunde legen konnte, jedem andern Abdruck vorzuziehen.
+
+ ~Adolf Wilbrandt~
+
+
+
+
+ Das Leben und die Abenteuer
+ des armen Mannes im Tockenburg
+ Von ihm selbst erzählt
+
+
+
+
+ Kindheit
+
+
+[Sidenote: Meine Voreltern]
+
+Meiner Voreltern wegen bin ich so unwissend, als es wenige sein mögen.
+Daß ich Vater und Mutter gehabt, weiß ich. Meinen seligen Vater kannt'
+ich viele Jahre, und meine Mutter lebt noch. Daß diese auch ihre Eltern
+gehabt, kann ich mir einbilden. Aber ich kannte sie nicht und habe auch
+nichts von ihnen vernommen, außer daß mein Großvater, M. Bräker, aus
+dem Käbisboden gebürtig gewesen, und meine Großmutter, deren Namen und
+Heimat ich niemals vernommen, an meines Vaters Geburt gestorben sei.
+Meinen Vater nahm daher ein kinderloser Vetter im Näbis, der Gemeind
+Wattwil, an Kindes Statt an, und den hielt und liebte ich nebst seiner
+Frau für meine rechten Großeltern, so wie sie mich hinwieder auch als
+Großkind behandelten. Meine mütterlichen Großeltern ab der Laad kannte
+ich noch wohl.
+
+Mein Vater war sein Tage ein armer Mann; auch meine ganze Freundschaft
+hatte keinen reichen Mann aufzuweisen. Unser Geschlecht gehört zu
+dem Stipendigut. Wenn ich oder meine Nachkommen einen Sohn wollten
+studieren lassen, hätte er sechshundert Gulden zu beziehen. Ich weiß
+aber noch von keinem Bräker, der studiert hätte. Mein Vater hat viele
+Jahre das Hofjüngergeld bekommen, ist aber bei einer vorgenommenen
+Reform nebst andern Geschlechtern, welche wie das seinige, nicht
+genugsame Urkunden darbringen mochten, ausgemerzt worden. Mit der
+Genoßsame des Stipendii hingegen hat es seine Richtigkeit, obschon ich
+nicht recht weiß, wie es gestiftet worden und wer von meinen Voreltern
+dazu geholfen hat.
+
+Ich habe also nicht Ursach, ahnenstolz zu sein. Alle meine Freunde und
+Blutsverwandten sind unbemittelte Leute, und von allen meinen Vorfahren
+hab' ich nichts anderes gehört. Fast von keinem, der das geringste
+Ämtli bekleidete. Meines Großvaters Bruder war Mesmer zu Kappel, und
+sein Sohn Stipendipfleger. Das ist alles aus der ganzen weitläufigen
+Verwandtschaft. Da können wir wohl vor dem Hochmut gesichert sein,
+der so viele arme Narren anwandelt, wenn sie reiche und angesehene
+Vettern haben, obgleich ihnen diese keinen Pfifferling geben. Nein!
+Von uns Bräkers quält diese Sucht, soviel ich weiß, keinen einzigen;
+und daß sie auch mich nicht plagt, sieht man; -- sonst hätt' ich
+wenigstens unserm Stammbaum genauer nachgeforscht. Ich weiß, daß mein
+Großvater und dessen Vater arme Leute waren, die sich kümmerlich nähren
+mußten, daß mein Vater keinen Pfennig erbte, daß ihn die Not sein
+Leben lang drückte, und er nicht selten über seine kleine Schuldenlast
+seufzte. Aber deswegen schäm' ich mich meiner Eltern und Voreltern
+bei weitem nicht. Vielmehr bin ich noch eher ein bißchen stolz auf
+sie. Denn, ihrer Armut ungeachtet, hab' ich von keinem Dieb oder sonst
+einem Verbrecher, den die Justiz hätte strafen müssen, von keinem
+Lasterbuben, Schwelger, Flucher oder Verleumder unter ihnen gehört,
+von keinem, den man nicht als einen Biedermann mußte gelten lassen,
+der sich nicht ehrlich und redlich in der Welt nährte, von keinem,
+der betteln ging. Dagegen kannt' ich recht manchen wackern, frommen
+Mann mit zartem Gewissen. Das ist's allein, worauf ich stolz bin und
+wünsche, daß auch meine Kinder stolz werden, daß wir diesen Ruhm nicht
+besudeln, sondern denselben fortzupflanzen suchen.
+
+[Sidenote: Mein Geburtstag]
+
+Der für mich wichtige Tag meiner Geburt ist der zweiundzwanzigste
+Dezember 1735. Ich sei ein bißchen zu früh auf der Welt erschienen,
+sagte man mir. Meine Eltern mußten sich dafür verantworten. Mag sein,
+daß ich mich schon im Mutterleibe nach Tageslicht gesehnt habe, und
+dies nach dem Licht Sehnen geht mir all mein' Tage nach! Daneben war
+ich die erste Kraft meines Vaters, und Dank sei ihm unter der Erde von
+mir auch dafür gesagt! Er war ein hitziger Mann, voll warmen Blutes.
+O, ich habe schon tausendmal drüber nachgedacht, und mir bisweilen
+einen andern Ursprung gewünscht, wenn flammende Leidenschaften in
+meinem Busen tobten, und ich den heftigsten Kampf mit ihnen bestehen
+mußte. Aber sobald Sturm und Wetter vorbei war, dankt' ich ihm doch
+wieder, daß er mir sein feuriges Temperament mitgeteilt hat, womit
+ich unzählige schuldlose Freuden lebhafter als so viele andere Leute
+genießen kann. Genug, an diesem zweiundzwanzigsten Dezember kam ich
+ans Tageslicht. Mein Vater sagte mir oft, er habe sich gar nicht über
+mich gefreut, ich sei ein armes, elendes Geschöpf gewesen; nichts als
+kleine Beinerchen, mit einem verschrumpften Häutchen überzogen; und
+doch hätt' ich Tag und Nacht ein Zetergeschrei erhoben, das man bis
+ins Holz hören können. Er hat mich oft recht bös gemacht. Dachte: »Ha,
+ich werd's auch gemacht haben wie andre neugeborene Kinder!« Aber die
+Mutter gab ihm allemal Beifall. Nun, es kann sein.
+
+Am heiligen Weihnachtstag ward ich in Wattwil getauft und ich freute
+mich schon oft, daß es gerad an diesem Tage geschah, da wir die Geburt
+unsers Erlösers feiern. Wenn's eine einfältige Freude ist, was macht's?
+gibt's doch gewiß noch viel kindischere! Meine Taufpaten waren ein
+feuriger reicher Junggesell von Kappel aus der Au und eine bemittelte
+hübsche Jungfer aus der Schamaten. Er starb ledig; sie lebt noch im
+Witwenstand.
+
+[Sidenote: Erstes Lebensjahr]
+
+In meinen ersten Lebensjahren mag ich wohl ein wenig verzärtelt worden
+sein, wie's gewöhnlich mit ersten Kindern geht. Doch wollte mein
+Vater schon früh genug mit der Rute auf mich dar; aber die Mutter und
+Großmutter nahmen mich in Schutz. Mein Vater war wenig daheim; er
+brannte hier und da im Land und an benachbarten Orten Salpeter. Wenn
+er dann wieder nach Hause kam, war er mir fremd. Ich floh ihn. Dies
+verdroß den guten Mann so sehr, daß er mich mit der Rute zahm machen
+wollte.
+
+[Sidenote: Mein fernstes Denken]
+
+Ich kann mich beinah bis auf mein zweites Lebensjahr zurückerinnern.
+Ganz deutlich besinn' ich mich, wie ich auf allen Vieren einen
+steinigen Fußweg hinabkroch, und einer alten Base durch Gebärden
+Äpfel abbettelte. -- Ich weiß gewiß, daß ich wenig Schlaf hatte und
+daß meine Mutter, um hinter den Großeltern einen geheimen Pfennig zu
+verdienen, des Nachts verstohlner Weise beim Licht gesponnen hat. Wenn
+ich dann nicht in der Kammer allein bleiben wollte, mußte sie eine
+Schürze auf den Boden spreiten, worauf sie mich nackt setzte und ich
+mit dem Schatten und ihrer Spindel spielte. Ich weiß, daß sie mich oft
+durch die Wiese auf dem Arm dem Vater entgegentrug und daß ich ein
+Mordiogeschrei anfing, sobald ich ihn erblickte, weil er mich immer
+rauh anfuhr, wenn ich nicht zu ihm wollte. Seine Figur und Gebärden,
+die er machte, seh ich jetzt noch lebendig vor mir.
+
+[Sidenote: Zeitumstände]
+
+Um diese Zeit waren alle Lebensmittel wohlfeil, aber wenig Verdienst
+im Lande. Die Teuerung und der Zwölferkrieg waren noch in frischem
+Angedenken. Ich hörte meine Mutter viel davon erzählen, das mich
+zittern und beben machte. Erst zu Ende der dreißiger Jahre ward das
+Baumwollspinnen in unserem Dorf eingeführt, und meine Mutter mag
+eine von den ersten gewesen sein, die Lötligarn[1] gesponnen. Unser
+Nachbar trug das erste um einen Schilling Lohn an den Zürchsee, bis er
+eine eigne Dublone vermochte. Dann fing er selber an zu kaufen und
+verdiente nach und nach etlich tausend Gulden. Da hörte er auf, setzte
+sich zur Ruhe, und starb. In meinen Kinderjahren sind auch die ersten
+Erdäpfel in unserm Ort gepflanzt worden.
+
+[Sidenote: Schon in Gefahr]
+
+Sobald ich die ersten Hosen trug, war ich meinem Vater schon lieber. Er
+nahm mich hier und da mit sich. Im Herbst des Jahres 1739 brannte er im
+Gandten, eine halbe Stunde von Näbis entfernt, Salpeter. Eines Tages
+nahm er mich mit, und da Wind und Wetter einfiel, behielt er mich zu
+Nacht bei sich. Die Salpeterhütte war vor dem Tenn,[2] und sein Bett
+im Tenn. Er legte mich darein und sagte liebkosend, er wolle bald auch
+zu mir liegen. Unterdessen fuhr er fort zu feuern und ich schlief ein.
+Nach einem Weilchen erwacht' ich wieder und rief ihm. Keine Antwort.
+Ich stand auf, trippelte im Hemdli nach der Hütte und um den Gaden[3]
+überall herum, rief, schrie: nirgends kein Vater. Run glaubt' ich
+gewiß, er wäre heim zu der Mutter gegangen. Ich also hurtig, legte
+die Höslin an, nahm das Brusttüchlin übern Kopf, und rannte in der
+stockfinstern Regennacht zuerst über die nächstanstoßende lange Wiese.
+Am End derselben rauschte ein wildangelaufener Bach durch ein Tobel.[4]
+Den Steg konnt' ich nicht finden, und wollte darum ohne weiteres
+gerade hinüber, dem Näbis zu, glitschte aber über eine Riese[5] zum
+Bach hinab, wo mich das Wasser beinahe ergriffen hätte. Die äußerste
+Anstrengung meiner jugendlichen Kräfte half mir noch glücklich davon.
+Ich kroch wieder auf allen Vieren durch Stauden und Dörn' hinauf, der
+Wiese zu, auf welcher ich überall herumirrte, und den Gaden nicht mehr
+finden konnte. Gegen eine Windhelle ward ich zwei Kerls, Birn- oder
+Apfeldiebe, auf einem Baum ansichtig. Diesen ruft' ich zu, sie sollten
+mir auf den Weg helfen. Aber da war kein Bescheid; vielleicht, daß sie
+mich für ein Ungeheuer hielten und oben im Gipfel noch ärger zittern
+mochten, als ich armer Bube unten im Kot. Inzwischen war mein Vater,
+der während meinem Schlummer nach einem ziemlich entfernten Haus etwas
+zu holen gegangen, zurückgekehrt. Da er mich vermißte, suchte er in
+allen Winkeln nach, wo ich mich möchte verkrochen haben. Er zündete
+bis in die siedenden Kessel hinein, hörte endlich mein Geschrei, dem
+er nachging, und machte mich nun bald ausfindig. O, wie er mich da
+herzte und küßte, mit Freudentränen Gott dankte, und mich, sobald wir
+zum Gaden zurückkamen, sauber und trocken machte. Ich war mausnaß,
+dreckig bis über die Ohren, und hatte aus Angst noch in die Hosen ...
+Morndeß[6] am Morgen führte er mich an der Hand durch die Wiese: ich
+sollt' ihm den Ort zeigen, wo ich heruntergepurzelt. Ich konnt' ihn
+nicht finden. Zuletzt fand er ihn an dem Geschlirpe, das ich beim
+Hinabrutschen gemacht hatte, und schlug die Händ' überm Kopf zusammen,
+vor Entsetzen über die Gefahren, worin ich geschwebt, und vor Lob und
+Preis der Wunderhand Gottes, die mich allein erretten können. »Siehst
+du,« sprach er, »nur noch wenige Schritte, so stürzt der Bach über den
+Felsen hinab. Hätt' dich das Wasser fassen können, so lägst du dort
+unten tot und zermürset!« Von allem diesem begriff ich damals kein
+Wort; ich wußte nur von meiner Angst, nichts von Gefahr. Besonders aber
+schwebten die Kerle auf dem Baum mir viele Jahre vor Augen, sobald mich
+nur ein Wort an die Geschichte erinnerte.
+
+[Sidenote: Unsre Nachbarn]
+
+Der Näbis liegt im Berg, ob Scheftenau. Von Kappel hört man die Glocke
+läuten und schlagen. Es sind nur zwei Häuser. Die aufgehende Sonne
+strahlt beiden gerad in die Fenster. Meine Großmutter und die Frau im
+andern Haus waren Schwestern; fromme alte Mütterle, welche von andern
+gottseligen Weibern in der Nachbarschaft fleißig besucht wurden. Damals
+gab es viel fromme Leute daherum. Mein Vater, Großvater und andere
+Männer sahen's zwar ungern, durften aber nichts sagen, aus Furcht,
+sie könnten sich versündigen. Der Betbeele (seinem Bruder sagte man
+Schwörbeele) war ihr Lehrer, ein großer langer Mann, der sich vom
+Kuderspinnen[7] und etwas Almosen nährte. In Scheftenau war fast in
+jedem Haus eins, das ihm anhing. Meine Großmutter nahm mich oft mit
+zu diesen Zusammenkünften. Was eigentlich da verhandelt wurde, weiß
+ich nicht mehr, nur so viel, daß mir dabei die Weil verzweifelt lang
+ward. Ich mußte mäuslinstill sitzen, oder gar knieen. Dann gab's
+unaufhörliche Ermahnungen und Bestrafungen von den Basen allen,
+die ich so wenig verstund als eine Katze. Dann und wann stahl mich
+mein Großvater zum voraus weg, und mußt' ich mit ihm in den Berg,
+wo unsre Kühe weideten. Da zeigte er mir allerlei Vögel, Käfer und
+Würmchen, dieweil er die Matten säuberte, oder junge Tännchen, den
+wilden Seevi[8] und anderes ausraufte. Wenn er alles an einen Haufen
+warf und es bei einbrechendem Abend anzündete, war's mir erst recht
+gekocht. Anderer Buben, die etwa dabei sein mochten, erinnere ich mich
+nicht mehr, wohl aber etlicher halberwachsener Maidlinen, die mit mir
+spielten. Ich ging damals in mein sechstes Jahr und hatte schon zwei
+Brüder und eine Schwester, von denen es hieß, daß eine alte Frau sie in
+einer Butte gebracht.
+
+[Sidenote: Wanderung nach Dreyschlatt]
+
+Mein Vater hatte einen Wandergeist, der zum Teil auch auf mich gekommen
+ist. Im Jahre 1741 kaufte er ein groß Gut, für acht Kühe Sömmer- und
+Winterung, Dreyschlatt genannt, in der Gemeind Krinau, zu hinterst
+in einer Wildnis, nahe an den Alpen. Das nicht halb so große Gütchen
+im Näbis verkaufte er dafür, weil er, wie er sagte, sah, daß ihn eine
+große Haushaltung anfallen wolle, und damit er für viele Kinder Platz
+und Arbeit genug habe, die er in dieser Einöde nach seinem Willen
+erziehen könne, wo sie vor der Verführung der Welt sicher seien. Auch
+riet der Großvater, der von Jugend an ein starker Viehmann gewesen,
+sehr dazu. Aber mein guter Ätti verband sich den unrechten Finger,
+und watete sich, da er an das Gut nichts zu geben hatte, in eine
+Schuldenlast hinein, unter welcher er nachwärts dreizehn Jahre lang
+genug seufzen mußte. Also im Herbst 1741 zügelten wir mit Sack und Pack
+ins Dreyschlatt. Mein Großätti war Senn, ich jagte die Kühe nach, mein
+kleiner nur zwanzig Wochen alter Bruder ward in einem Korb getragen.
+Mutter und Großmutter mit den zwei andern Kindern kamen hinten nach,
+und der Vater mit dem übrigen Plunder beschloß den Zug.
+
+[Sidenote: Ökonomische Einrichtung]
+
+Mein Vater wollte das Salpetersieden nicht aufgeben, und dachte damit
+wenigstens etwas zu Abherrschung der Zinse zu verdienen. Aber so ein
+Gut, wie das Dreyschlatt, braucht Händ' und Armschmalz. Wir Kinder
+waren noch für nichts zu rechnen; der Großätti hatte mit dem Vieh, und
+die Mutter genug im Haus zu tun. Es mußten also ein Knecht und eine
+Magd gedungen werden. Im folgenden Frühjahr ging der Vater wieder
+dem Salpeterwerk nach. Inzwischen hatte man mehr Küh' und Geißen
+angeschafft. Der Großätti zog jungen Fasel[9] nach. Das war mir eine
+Tausendslust, mit den Gitzen so im Gras herumzulaufen, und ich wußte
+nicht, ob der Alte eine größere Freud' an mir oder an ihnen hatte, wenn
+er sich, nachdem das Vieh besorgt war, an unsern Sprüngen ergötzte.
+So oft er vom Melken kam, nahm er mich mit sich in den Milchkeller,
+zog dann ein Stück Brot aus dem Futterhemd, brockt' es in eine kleine
+Mutte, und machte ein kühwarmes Milchsüppli. Das aßen ich und er alle
+Tage. So verging mir meine Zeit unter Spiel und Herumtrillern, ich
+wußt' nicht wie? Dem Großätti ging's ebenso. Aber, aber -- Knecht
+und Magd taten inzwischen was sie gern wollten. Die Mutter war ein
+gutherziges Weib, nicht gewohnt, jemand mit Strenge zur Arbeit
+anzuhalten. Es mußte allerhand Milch- und Werkgeschirr gekauft werden,
+und da man viel Weide zu Wiesen einschlug, auch Heu und Stroh, um mehr
+Mist zu machen. Im Winter hatten wir allemal zu wenig Futter, oder
+zu viel fressende War. Man mußt' immer mehr Geld entlehen, die Zinse
+häuften sich, und die Kinder wurden größer, Knecht und Magd feist, der
+Vater mager.
+
+[Sidenote: Tod des Großvaters]
+
+Er merkte endlich, daß so die Wirtschaft nicht gehen könne. Er änderte
+sie also und gab das Salpetersieden auf, blieb daheim, führte das
+Gesind selber zur Arbeit an, und war allenthalben der erste. Ich weiß
+nicht, ob er auf einmal gar zu streng angefangen, oder ob Knecht und
+Magd, wie oben gesagt, sonst zu meisterlos geworden; kurz, sie jahrten
+aus[10] und liefen davon. Um die gleiche Zeit wurde der Großätti
+krank. Erst stach er sich nur an einem Dorn in den Daumen; der wurde
+geschwollen. Er band frischwarmen Kuhmist drauf; da schwoll die ganze
+Hand. Er empfand entsetzliche Hitz; ging zum Brunnen, und wusch den
+Mist unter der Röhre wieder ab. Aber das hatte nun gar böse Folgen.
+Er mußte sich bald zu Bett legen und bekam die Wassersucht. Er ließ
+sich abzapfen; das Wasser rann in den Keller hinab. Nachdem er so fünf
+Monate gelegen, starb er zum Leidwesen des ganzen Hauses; denn alle
+liebten ihn, vom Kleinsten bis zum Größten. Er war ein angenehmer,
+Freud' und Friede liebender Mann. Er hatte an meinem Vater und mir
+ungemein viel getan, und ich habe nie von einem Menschen Böses über
+ihn sagen gehört. Mein Vater und Mutter erzählten noch viele Jahre
+allerhand Löbliches und Schönes von ihm. Als ich ein wenig zu Verstand
+kam, erinnerte ich mich seiner erst recht, und verehrt' ihn im Staub
+und Moder. Er liegt im Kirchhof zu Krinau begraben.
+
+[Sidenote: Die nächsten Folgen]
+
+Nun wurde wieder eine Magd angeschafft; die war dem Vater recht,
+weil sie brav arbeitete. Aber Mutter und Großmutter konnten sie
+nicht leiden, weil sie glaubten, sie schmeichle dem Vater, und trag'
+ihm alles zu Ohren. Auch war sie krätzig, so daß wir alle die Raud
+von ihr erbten. Und kurz, die Mütter ruhten nicht; sie mußte fort,
+und eine andre zu. Die war nun ihnen recht, aber dem Vater nicht,
+weil sie nur das Haus- aber nicht das Feldwerk verstand. Auch meinte
+er, sie helfe den Weibern allerhand verschmauchen. Jetzt gab's bald
+alle Tage Zank. Die Weibervölker stunden zusammen, der Mann hinwieder
+glaubte, er sei einmal Meister, und kurz, es schien, als wenn der alte
+Näbis-Joggeli einen guten Teil vom Hausfrieden mit sich unter den
+Boden genommen hätte. Aus Verdruß ging der Vater einstweilig wieder
+dem Salpetersieden nach, übergab die Wirtschaft seinem Bruder, als
+Knecht, und glaubte mit einem so nahen Blutsfreunde wohl versorgt zu
+sein. Er betrog sich. Er konnt' ihn nur ein Jahr behalten und sah noch
+zu rechter Zeit die Wahrheit des Sprichworts ein: Wer will, daß es ihm
+ling, schau selber zu seinem Ding! Nun ging er nicht mehr fort, trat
+aufs neue an die Spitze der Haushaltung, arbeitete über Kopf und Hals,
+und hirtete die Kühe selber; ich war sein Handbub, und mußte mich brav
+tummeln. Die Magd schaffte er ab und dingte dafür einen Geißenknab,
+da er jetzt einen Fasel Geißen gekauft, mit deren Mist er viel Weid
+und Wiesen machte. Inzwischen wollten ihn die Weiber noch immer
+meistern; das konnt' er nicht leiden; 's gab wieder allerlei Händel.
+Endlich, da er einmal der Großmutter in der Hitz' ein Habermußbecken
+nachgeschmissen, lief sie davon, und ging wieder zu ihren Freunden
+in den Näbis. Die Sach' kam vor die Amtsleut. Der Vater mußt' ihr
+alle Wochen sechs Batzen und etwas Schmalz geben. Sie war ein kleines
+buckliges Fräulein, mir eine liebe Großmutter, die hinwieder auch
+mich hielt wie ihr rechtes Großkind, aber, die Wahrheit zu sagen, ein
+wenig wunderlich, wetterwendisch, ging immer den sogenannten Frommen
+nach und fand doch niemand recht nach ihrem Sinn. Ich mußt' ihr alle
+Jahr die Metzgeten[11] bringen, und blieb dann ein paar Tage bei
+ihr. Da war gut Leben, ich ließ mir's schmecken, ihre wohlgemeinten
+Ermahnungen hingegen zum einen Ohr ein und zum andern wieder aus.
+Gewiß kein Ruhm für mich. Aber dergleichen Buben machen's leider Gott
+erbarm! so. Zuletzt war sie einige Jahre blind, und starb endlich in
+der Feuerschwand in einem hohen Alter im Jahre 50, 51, oder 52. Sie
+vermachte mir ein Buch, Arndts wahres Christentum, apart. Sie war gewiß
+ein gottseliges Weib, in der Schamaten hoch estimiert, und die Leut
+dort sind mir noch besonders lieb um ihretwillen. Auch glaub' ich gewiß
+noch Glück von ihr her zu haben; denn Elternsegen ruht auf Kindern und
+Kindeskindern.
+
+[Sidenote: Allerlei Schicksale]
+
+Unsre Haushaltung vermehrte sich. Es kam alle zwei Jahr geflissentlich
+ein Kind; Tischgänger genug, aber darum keine Arbeiter. Wir mußten
+immer viel Taglöhner haben. Mit dem Vieh war mein Vater nie recht
+glücklich, es gab immer etwas krankes. Er meinte, die starken Kräuter
+auf unsrer Weid seien nicht wenig schuld daran. Der Zins überstieg
+alle Jahr die Losung.[12] Wir reuteten viel Wald aus, um mehr Mattland
+und Geld von dem Holz zu bekommen; und doch kamen wir je länger je
+tiefer in die Schulden, und mußten immer aus einem Sack in den andern
+schleufen. Im Winter sollten ich und die ältesten, welche auf mich
+folgten, in die Schule; aber die dauerte zu Krinau nur zehn Wochen,
+und davon gingen uns wegen tiefem Schnee noch etliche ab. Dabei konnte
+man mich schon zu allerlei Nützlichem brauchen. Wir sollten anfangen,
+Winterszeit etwas zu verdienen. Mein Vater probierte aller Gattung
+Gespunst: Flachs, Hanf, Seiden, Wollen, Baumwollen; auch lehrte er
+uns letztere kämbeln, Strümpfstricken und dergleichen. Aber keins
+warf damals viel Lohn ab. Man schmälerte uns den Tisch, meist Milch
+und Milch, ließ uns lumpen und lempen,[13] um zu sparen. Bis in mein
+sechzehntes Jahr ging ich selten, und im Sommer barfuß in meinem
+Zwilchröcklin, zur Kirche. Alle Frühjahr mußte der Vater mit dem Vieh
+oft weit nach Heu fahren und es teuer bezahlen.
+
+
+
+
+ Bubenjahre
+
+
+[Sidenote: Knabenspiele]
+
+Indessen kümmerte mich alle dies kein Haar. Auch wußt' ich eigentlich
+nichts davon, und war überhaupt ein leichtsinniger Bube, wie es je
+einen gab. Alle Tag dacht' ich dreimal ans Essen, und damit aus. Wenn
+mich der Vater nur mit langanhaltender oder strenger Arbeit verschonte,
+oder ich eine Weile davonlaufen konnte, war mir alles recht. Im Sommer
+sprang ich in der Wiese und an den Bächen herum, riß Kräuter und Blumen
+ab, und machte Sträuße wie Besen; dann durch alles Gebüsch, den Vögeln
+nach, kletterte auf die Bäume und suchte Nester. Oder ich las ganze
+Haufen Schneckenhäuslein oder hübsche Steine zusammen. War ich müd',
+so setzt' ich mich an die Sonne und schnitzte zuerst Hagstecken,[14]
+dann Vögel, und zuletzt gar Kühe; denen gab ich Namen, zäunt' ihnen
+eine Weid ein, baut' ihnen Ställe, und fütterte sie, verhandelte dann
+bald dies bald jenes Stück, und machte immer wieder schönere. Ein
+andermal richtete ich Öfen und Feuerherd auf und kochte aus Sand und
+Lett[15] einen saubern Brei. Im Winter wälzt ich mich im Schnee herum,
+und rutschte bald in einer Scherbe von einem zerbrochenen Napf, bald
+auf dem bloßen Hintern, die Gähen hinunter. Das trieb ich alles so,
+wie's die Jahreszeit mitbrachte, bis mir der Vater durch den Finger
+pfiff, oder ich sonst merkte, daß es Zeit über Zeit war. Noch hatt' ich
+keine Kameraden; doch wurd' ich in der Schule mit einem Buben bekannt,
+der oft zu mir kam, und mir allerhand Lappereien um Geld anbot, weil
+er wußte, daß ich von Zeit zu Zeit einen halben Batzen zu Trinkgeld
+erhielt. Einst gab er mir ein Vogelnest in einem Mausloch zu kaufen.
+Ich sah täglich darnach. Aber eines Tages waren die Jungen fort; das
+verdroß mich mehr, als wenn man dem Vater alle Küh' gestohlen hätte.
+Ein andermal, an einem Sonntag, bracht' er Pulver mit -- bisher kannt'
+ich diesen Höllensamen nicht -- und lehrte mich Feuerteufel machen.
+Eines Abends hatt' ich den Einfall: Wenn ich auch schießen könnte! Zu
+dem End' nahm ich eine alte, eiserne Brunnröhre, verklebte sie hinten
+mit Lehm, und machte eine Zündpfanne, auch von Lehm; in diese tat ich
+das Pulver, und legte brennenden Zunder daran. Da's nicht losgehen
+wollte, blies ich ... Puh! mir Feuer und Lehm alles ins Gesicht. Dies
+geschah hinterm Haus; ich merkte wohl, daß ich was Unrechtes tat.
+Inzwischen kam meine Mutter, die den Klapf gehört hatte, herunter. Ich
+war elend blessiert. Sie jammerte und half mir hinauf. Auch der Vater
+hatte oben in der Weide die Flamm gesehen, weil's fast Nacht war. Als
+er heimkam, mich im Bett antraf, und die Ursache vernahm, ward er
+grimmig böse. Aber sein Zorn stillte sich bald, als er mein verbranntes
+Gesicht erblickte. Ich litt große Schmerzen. Aber ich verbiß sie, weil
+ich sonst fürchtete, noch Schläge obendrein zu bekommen, und wußte, daß
+ich solche verdient hätte. Doch mein Vater empfand, daß ich Schläge
+genug habe. Vierzehn Tage sah ich keinen Stich; an den Augen hatt' ich
+kein Härlein mehr. Man hatte große Sorgen wegen dem Gesicht. Endlich
+ward's allmählig und von Tag zu Tag wieder besser. Jetzt, sobald ich
+vollkommen hergestellt war, machte es der Vater mit mir, wie Pharao mit
+den Israeliten, ließ mich tüchtig arbeiten und dachte: So würden mir
+die Possen am besten vergehen. Er hatte recht. Aber damals konnt' ich's
+nicht einsehen, und hielt ihn für einen Tyrann, wenn er mich so des
+Morgens früh aus dem Schlaf nahm, und an das Werk musterte. Ich meinte,
+das wär' eben nicht nötig; die Kühe gäben ja die Milch von sich selber.
+
+[Sidenote: Beschreibung von Dreyschlatt]
+
+Dreyschlatt ist ein wilder, einöder Ort, zuhinderst an den Alpen
+Schwämle, Kreutzegg und Aueralp; vorzeiten war's eine Sennweid. Hier
+gibt's immer kurzen Sommer und langen Winter, während letzterm meist
+ungeheuern Schnee, der oft noch im Mai ein paar Klafter tief liegt.
+Einst mußten wir noch am heiligen Pfingstabend einer neuangelangten
+Kuh mit der Schaufel zum Haus pfaden. In den kürzesten Tagen hatten
+wir die Sonn' nur fünf Viertelstunden. Dort entsteht unser Rotenbach,
+der dem Fäsi in seiner Erdbeschreibung und dem Walser in seiner
+Kart entwischte, ungeachtet er zweimal größer als der Schwendi-
+oder Lederbach ist, der viele Mühlen, Sägen, Walken, Stampfen und
+Pulvermühlen treibt. Doch beim Dreyschlatt hat es das herrlichste
+Quellwasser; und wir in unserm Haus und Scheuer aneinander hatten
+einen Brunnen, der nie gefror, unterm Dach, so daß das Vieh den ganzen
+Winter über nie den Himmel sah. -- Wenn's im Dreyschlatt stürmt, so
+stürmt's recht. Wir hatten eine gute, nicht gähe Wiese von vierzig bis
+fünfzig Klafter Heu und eine grasreiche Weide. Auf der Sommerseite im
+Altischwil ist's schon früher, aber auch gäher und rauher. Holz und
+Stroh gibt's genug. Hinterm Haus ist ein Sonnenrain, wo's den Schnee
+wegbläst, der hingegen an einem Schattenrain vor dem Haus im Frühjahr
+oft noch liegen bleibt, wenn's an jenem schon Gras und Schmalzblumen
+hat. Am frühesten und am spätesten Ort auf dem Gut trifft's wohl vier
+Wochen an.
+
+Ja! ja! sagte jetzt eines Tags mein Vater, der Bub wächst, wenn er nur
+nicht so ein Narr wäre, ein verzweifelter Lappi; auch gar kein Hirn.
+Sobald er an die Arbeit muß, weiß er nicht mehr, was er tut. Aber von
+nun an muß er mir die Geißen hüten, so kann ich den Geißbub abschaffen.
+Ach! sagte meine Mutter, so kommst du um Geißen und Bub. Nein! Nein! Er
+ist noch zu jung. Was, jung? sagte der Vater, ich will es drauf wagen,
+er lernt's nie jünger, die Geißen werden ihn schon lehren, sie sind oft
+witziger als die Buben, ich weiß sonst nichts mit ihm anzufangen.
+
+[Sidenote: Der Geißbube]
+
+~Mutter~: Ach! was wird mir das für Sorg' und Kummer machen.
+Sinn' ihm auch nach! Einen so jungen Bub mit einem Fasel Geißen in den
+wilden, einöden Kohlwald schicken, wo ihm weder Steg noch Weg bekannt
+sind, und es so gräßliche Töbler hat. Und wer weiß, was für Tier sich
+dort aufhalten, und was für schreckliches Wetter einfallen kann? Denk'
+doch, eine ganze Stund' weit! und bei Donner und Hagel, oder wenn die
+Nacht einfällt, nie wissen, wo er ist. Das ist mein Tod, und du mußt's
+verantworten.
+
+~Ich~: Nein, nein, Mutter! Ich will schon Sorge haben, und kann
+ja dreinschlagen, wenn ein Tier kommt, und vorm Wetter untern Felsen
+kreuchen, und wenn's nachtet, heimfahren, und die Geißen will ich, was
+gilt's, schon paschgen.[16]
+
+~Vater~: Hörst jetzt! Eine Woche mußt' mir erst mit dem Geißbub
+gehen. Dann gib Achtung, wie er's macht, wie er die Geißen alle heißt
+und ihnen lockt und pfeift, wo er durchfahrt, und wo sie die beste Weid
+finden.
+
+[Sidenote: Der Beckle]
+
+Ja, ja! sagt' ich, sprang hochauf und dacht': Im Kohlwald bist du frei;
+da wird dir der Vater nicht immer pfeifen und dich von einer Arbeit
+zur andern jagen. Ich ging also etliche Tage mit unserm Beckle hin, so
+hieß der Bub, ein rauher, wilder, aber ehrlicher Bursche. Denkt doch!
+Er stund eines Tags wegen einer Mordtat im Verdacht, da man eine
+alte Frau, welche wahrscheinlich über einen Felsen hinunterstürzte,
+auf der Kreutzegg tot gefunden. Der Amtsdiener holte ihn aus dem Bett
+nach Lichtensteig. Man merkte aber bald, daß er ganz unschuldig war,
+und er kam zu meiner großen Freud noch denselben Abend wieder heim.
+-- Nun trat ich mein neues Ehrenamt an. Der Vater wollte zwar den
+Beckle als Knecht behalten; aber die Arbeit war ihm zu streng, und
+er nahm im Frieden seinen Abschied. Anfangs wollten mir die Geißen,
+deren ich bis dreißig Stück hatte, kein gut tun; das machte mich wild,
+und ich versucht' es, ihnen mit Steinen und Prügeln den Meister zu
+zeigen, aber sie zeigten ihn mir, ich mußte also die glatten Wort'
+und das Streicheln und Schmeicheln zur Hand nehmen. Da taten sie, was
+ich wollte. Auf die vorige Art hingegen verscheucht' ich sie so, daß
+ich oft nicht mehr wußte, was anfangen, wenn sie alle ins Holz und
+Gesträuch liefen, und ich meist rundum keine einzige mehr erblicken
+konnte, halbe Tage herumlaufen, pfeifen und johlen, sie an den Galgen
+verwünschen, brüllen und lamentieren mußte, bis ich sie wieder
+beieinander hatte.
+
+[Sidenote: Hirtenstand]
+
+Drei Jahre hatte ich so meine Herde gehütet; sie ward immer größer,
+zuletzt über hundert Köpf; mir immer lieber, und ich ihnen. Im Herbst
+und Frühling fuhren wir auf die benachbarten Berge, oft bis zwei
+Stunden weit. Im Sommer hingegen durft' ich nirgends hüten als im
+Kohlwald, eine mehr als Stund weite Wüstenei, wo kein recht Stück Vieh
+weiden kann. Dann ging's zur Aueralp, zum Kloster St. Maria gehörig,
+lauter Wald, oder Kohlplätz und Gesträuch, manches dunkle Tobel und
+steile Felswand, an denen noch die beste Geißweid zu finden war. Von
+unserm Dreyschlatt weg hatt' ich alle Morgen eine Stunde Wegs zu
+fahren, eh' ich nur ein Tier durfte anbeißen lassen; erst durch unsre
+Viehweid, dann durch einen großen Wald, in die Kreuz und Quer, bald
+durch diese, bald durch jene Abteilung der Gegend, deren ich jede
+mit einem eigenen Namen taufte. Da hieß es im vordern Boden; dort,
+zwischen den Felsen; hier, in der Weißlauwe; dort im Köllermelch, auf
+der Platten, im Kessel. Alle Tag hütete ich an einem andern Ort, bald
+sonnen-, bald schattenhalb.[17] Zu Mittag aß ich mein Brötlein, und
+was mir sonst die Mutter verstohlen mitgab. Auch hatt' ich meine eigne
+Geiß, an der ich sog. Die Geißaugen waren meine Uhr. Gegen Abend fuhr
+ich immer wieder den nämlichen Weg nach Haus, auf dem ich gekommen war.
+
+Welche Lust, bei angenehmen Sommertagen über die Hügel fahren, durch
+Schattenwälder streichen, durchs Gebüsch Eichhörnchen jagen und
+Vogelnester ausnehmen! Alle Mittag lagerten wir uns am Bach; da ruhten
+meine Geißen zwei bis drei Stunden aus, wann es heiß war noch mehr. Ich
+aß mein Mittagsbrot, sog mein Geißchen, badete im spiegelhellen Wasser
+und spielte mit den jungen Gitzen. Immer hatt' ich einen Gertel[18]
+oder eine kleine Axt bei mir und fällte junge Tännchen, Weiden oder
+Ilmen. Dann kamen meine Geißen haufenweis und kafelten[19] das Laub
+ab. Wenn ich ihnen Leck, Leck rufte, ging's gar im Galopp, und wurd'
+ich von ihnen wie eingemauert. Alles Laub und Kräuter, die sie fraßen,
+kostete auch ich; und einige schmeckten mir sehr gut. Solang der Sommer
+währte, florierten die Erd-, Im-, Heidel- und Brombeeren; deren hatt'
+ich immer vollauf, und konnte noch der Mutter am Abend mehr als genug
+nach Haus bringen. Das war ein herrliches Labsal, bis ich mich einst
+daran zum Ekel überfraß. Und welch' Vergnügen machte mir jeder Tag,
+jeder neue Morgen! wenn jetzt die Sonne die Hügel vergoldete, denen ich
+mit meiner Herde entgegenstieg, dann jenen haldigen Buchenwald, und
+endlich die Wiesen und Weidplätze beschien. Tausendmal denk' ich dran,
+und oft dünkt's mich, die Sonne scheine jetzt nicht mehr so schön. Wenn
+dann alle anliegenden Gebüsche von jubilierenden Vögeln ertönten, und
+dieselben um mich her hüpften, oh! was fühlt' ich da! Ha, ich weiß es
+nicht! Halt süße, süße Lust! Da sang' und trillerte ich mit, bis ich
+heiser ward. Ein andermal spürte ich den muntern Waldbürgern durch alle
+Stauden nach, ergötzte mich an ihrem hübschen Gefieder, und wünschte,
+daß sie nur halb so zahm wären wie meine Geißen, beguckte ihre Jungen
+und ihre Eier, und erstaunte über den wundervollen Bau ihrer Nester.
+Oft fand ich deren in der Erde, im Moos, im Farrn, unter alten Stöcken,
+in den dicksten Dörnern, in Felsritzen, in hohlen Tannen oder Buchen;
+oft hoch im Gipfel, in der Mitte, zu äußerst auf einem Ast. Meist wußt'
+ich ihrer etliche. Das war mir eine Wonne, und fast mein einziges
+Sinnen und Denken, alle Tag gewiß einmal nach allen zu sehn, wie die
+Jungen wuchsen, wie das Gefieder zunahm, wie die Alten sie fütterten.
+Anfangs trug ich einige mit mir nach Haus, oder brachte sie sonst
+an einen bequemeren Ort. Aber dann waren sie dahin. Nun ließ ich's
+bleiben und sie lieber groß werden. Da flogen sie mir aus. Ebensoviel
+Freuden brachten mir meist meine Geißen. Ich hatte von allen Farben,
+große und kleine, kurz- und langhaarige, bös- und gutgeartete. Alle
+Tage ruft' ich sie zwei- bis dreimal zusammen und überzählte sie, ob
+ich's voll habe? Ich hatte sie gewöhnt, daß sie auf mein Zub, Zub!
+Leck, Leck! aus allen Büschen hergesprungen kamen. Einige liebten mich
+sonderbar, und gingen den ganzen Tag nie einen Büchsenschuß weit von
+mir; wenn ich mich verbarg, fingen sie alle ein Zetergeschrei an. Von
+meinem Duglöörle, so hieß ich meine Mittagsgeiß, konnt' ich mich nur
+mit List entfernen. Das war ganz mein eigen. Wo ich mich setzte oder
+legte, stellte es sich über mich hin, und war gleich parat zum Saugen
+oder Melken; und doch mußt' ich's in der besten Sommerszeit oft noch
+ganz voll heimführen. Andremal melkt' ich es einem Köhler, bei dem ich
+manche liebe Stund zubrachte, wenn er Holz schrotete oder Kohlhaufen
+brannte.
+
+Welch' Vergnügen dann am Abend, meiner Herde auf meinem Horn zur
+Heimreise zu blasen! Zuzuschauen, wie sie alle mit runden Bäuchen und
+vollen Eutern dastunden, und zu hören, wie munter sie sich heimblökten.
+Wie stolz war ich, wann mich der Vater lobte, daß ich gut gehütet habe!
+Run ging's an ein Melken, bei gutem Wetter unter freiem Himmel. Da
+wollte jede zuerst über dem Eimer von der drückenden Last ihrer Milch
+los sein und beleckte dankbar ihren Befreier.
+
+Nicht daß lauter Lust beim Hirtenleben wäre! Potz Tausend, nein! Da
+gibt's Beschwerden genug. Für mich war's lang die empfindlichste, des
+Morgens so früh mein warmes Bettlin zu verlassen, und bloß und barfuß
+ins kalte Feld zu marschieren, wenn's zumal einen baumstarken Reif
+hatte, oder ein dicker Nebel über die Berge herabging. Wenn dann dieser
+gar so hoch ging, daß ich ihm mit meiner bergansteigenden Herde das
+Feld nicht abgewinnen und keine Sonn' erreichen konnte, verwünscht'
+ich ihn in Ägypten hinein, und eilte, was ich eilen konnte, aus der
+Finsternis wieder in ein Tälchen hinab. Erhielt ich hingegen den Sieg,
+und gewann die Sonne und den hellen Himmel über mir, das große Weltmeer
+von Nebeln, und hie und da einen hervorragenden Berg, wie eine Insel
+unter meine Füße, was das dann für ein Stolz und eine Lust war! Da
+verließ ich den ganzen Tag die Berge nicht, und mein Aug' konnt' sich
+nie satt schauen, wie die Sonnenstrahlen auf diesem Ozean spielten, und
+Wogen von Dünsten in den seltsamsten Figuren sich drauf herumtaumelten,
+bis sie gegen Abend mich wieder zu übersteigen drohten. Dann wünscht'
+ich mir Jakobs Leiter; aber umsonst, ich mußte fort. Ich ward traurig,
+und alles stimmte in meine Trauer ein. Einsame Vögel flatterten matt
+und mißmütig über mir her, und die großen Herbstfliegen summsten mir so
+melancholisch um die Ohren, daß ich weinen mußte. Dann fror ich fast
+noch mehr als am frühen Morgen, und empfand Schmerzen an den Füßen,
+obgleich diese so hart als Sohlleder waren. Auch hatt' ich die meiste
+Zeit Wunden oder Beulen an ein paar Gliedern, und wenn eine Blessur
+heil war, macht' ich mir richtig wieder eine andre, sprang entweder
+auf einen spitzen Stein auf, verlor einen Nagel oder ein Stück Haut
+an einem Zehen, oder hieb mir mit meinen Instrumenten eins in die
+Finger. Ans Verbinden war selten zu gedenken; und doch ging's meist
+bald vorüber. Die Geißen hiernächst machten mir, wie schon gesagt,
+anfangs großen Verdruß, wenn sie mir nicht gehorchen wollten, weil
+ich ihnen nicht recht zu befehlen verstund. Ferner prügelte mich der
+Vater nicht selten, wenn ich nicht hütete, wo er mir befohlen hatte,
+und nur hinfuhr, wo ich gerne sein mochte, und die Geißen nicht das
+rechte Bauchmaß heimbrachten, oder er sonst ein loses Stücklein von
+mir erfuhr. Dann hat ein Geißbub überhaupt viel von andern Leuten zu
+leiden. Wer will einen Fasel Geißen immer so in Schranken halten,
+daß sie nicht einem Nachbar in die Wiesen oder Weid gucken? Wer mit
+soviel lüsternen Tieren zwischen Korn- und Haberbrachen, Räb- und
+Kabisäckern[20] durchfahren, daß keins ein Maul voll versuchte? Da
+ging's an ein Fluchen und Lamentieren: Bärenhäuter! Galgenvogel! waren
+meine gewöhnlichen Ehrentitel. Man sprang mir mit Äxten, Prügeln und
+Hagstecken, einst gar einer mit einer Sense nach, der schwur, mir ein
+Bein vom Leibe wegzuhauen. Aber ich war leicht genug auf den Füßen,
+und nie hat mich einer erwischen mögen. Die schuldigen Geißen wohl
+haben sie mir oft ertappt und mit Arrest belegt; dann mußte mein Vater
+hin und sie lösen. Fand er mich schuldig, so gab's Schläge. Etliche
+unsrer Nachbarn waren mir ganz besonders widerwärtig und richteten
+mir manchen Streich auf den Rücken. Dann dacht' ich freilich: Wartet
+nur, ihr Kerls, bis mir eure Schuh' recht sind, so will ich euch
+auch die Buckel salben. Aber man vergißt's, und das ist gut. Und
+dann hat das Sprichwort doch auch seinen wahren Sinn: »Wer will ein
+Biedermann sein und heißen, der hüt' sich vor Tauben und Geißen.« --
+So gibt es freilich dieser und anderer Widerwärtigkeiten genug in
+dem Hirtenstand. Aber die bösen Tage werden reichlich von den guten
+ersetzt, wo es gewiß keinem König so wohl ist.
+
+[Sidenote: Neue Lebensgefahren]
+
+Im Kohlwald war eine Buche gerad über einem mehr als turmhohen Fels
+herausgewachsen, so daß ich über ihren Stamm wie über einen Steg
+spazieren und in eine gräßlich finstre Tiefe hinabgucken konnte; wo
+die Äste angingen, stund sie wieder geradeauf. In dieses seltsame Nest
+bin ich oft gestiegen und hatte meine größte Lust daran, so in den
+fürchterlichen Abgrund zu schauen, um zu sehen, wie ein Bächlein neben
+mir herunterstürzte und sich in Staub zermalmte. Einst schwebte mir
+diese Gegend im Traume so schauderhaft vor, daß ich von da an nicht
+mehr hinging. Ein andermal befand ich mich mit meinen Geißen jenseits
+der Aueralp, auf der Dürrwälder Seite gegen den Rotenstein. Ein Junges
+hatte sich zwischen zween Felsen verstiegen und ließ eine jämmerliche
+Melodie von sich hören. Ich kletterte nach, um ihm zu helfen. Es
+ging so eng und gäh, und zickzack zwischen Klippen durch, daß ich
+weder obsich noch niedsich[21] sehen konnte und oft auf allen Vieren
+kriechen mußte. Endlich verstieg ich mich gänzlich. Über mir stund ein
+unerklimmbarer Fels; unter mir schien's fast senkrecht, ich weiß selbst
+nicht wie weit hinab. Ich fing an zu rufen und zu beten, so laut ich
+konnte. In einer kleinen Entfernung sah ich zwei Menschen durch eine
+Wiese marschieren. Ich gewahrt' es gar wohl, sie hörten mich; aber sie
+spotteten meiner und gingen ihre Straße. Endlich entschloß ich mich,
+das Äußerste zu wagen und lieber mit eins des Todes zu sein, als noch
+weiter in dieser peinlichen Lage zu verharren, und doch nicht lange
+mehr ausharren zu können. Ich schrie zu Gott in Angst und Not, ließ
+mich auf den Bauch nieder, meine Händ' obsich verspreitet, daß ich mich
+an den kahlen Fels so gut als möglich anklammern könne. Aber ich war
+todmüd, fuhr wie ein Pfeil hinunter, zum Glück war's nicht so hoch, als
+ich im Schrecken geglaubt hatte, und blieb ebenrecht in einem Schlund
+stecken, wo ich mich wieder halten konnte. Freilich hatt' ich Haut und
+Kleider zerrissen und blutete an Händen und Füßen. Aber wie glücklich
+schätzt' ich mich nicht, daß ich nur mit dem Leben und unzerbrochnen
+Gliedern davonkam! Mein Geißchen mag sich auch durch einen Sprung
+gerettet haben; einmal, ich fand's schon wieder bei den übrigen.
+
+Ein andermal, da ich an einem schönen Sommertag mit meiner Herde
+herumgetrillert, überzog sich der Himmel gegen Abend mit schwarzen
+Wolken; es fing gewaltig an zu blitzen und zu donnern. Ich eilte nach
+einer Felshöhle, diese oder eine große Wettertann waren in solchen
+Fällen immer mein Zufluchtsort, und rief meine Geißen zusammen. Die,
+weil's sonst bald Zeit war, meinten, es gelte zur Heimfahrt und
+sprangen über Kopf und Hals mir vor, daß ich bald keinen Schwanz mehr
+sah. Ich eilte ihnen nach. Es fing entsetzlich an zu hageln, daß mir
+Kopf und Rücken von den Püffen sausten. Der Boden war dicht mit Steinen
+bedeckt; ich rannte in vollem Galopp drüber fort, fiel aber oft auf den
+Hintern und fuhr große Stück weit wie auf einem Schlitten. Endlich, in
+einem Wald, wo's gäh zwischen Felsen hinunterging, konnt' ich vollends
+nicht anhalten und glitschte bis zu äußerst auf einen Rand, von dem
+ich, wenn mich nicht Gott und seine guten Engel behütet hätten, viele
+Klafter tief herabgestürzt und zermürst worden wäre. Jetzt ließ das
+Wetter allmählig nach, und als ich nach Haus kam, waren meine Geißen
+schon eine halbe Stunde daheim. Etliche Tage lang fühlt' ich von dieser
+Partie keinerlei Ungemach; aber mit eins fingen meine Füß zu sieden
+an, als wenn man sie in einem Kessel kochte. Dann kamen die Schmerzen.
+Mein Vater sah nach und fand mitten in der einen Fußsohle ein groß
+Loch, und Moos und Gras darin. Nun erinnert' ich mich erst, daß ich
+an einem spitzen Weißtannast aufgesprungen war: Moos und Gras war
+mit hineingegangen. Der Ätti grub mir's mit einem Messer heraus und
+verband mir den Fuß. Nun mußt' ich freilich ein paar Tage meinen Geißen
+langsam nachhinken, dann verlor ich die Binde, Kot und Dreck füllten
+das Loch, und es war bald wieder besser. Viel andre Mal, wenn's durch
+die Felsen ging, liefen die Tiere ob mir weg und rollten große Steine
+herab, die mir hart an den Ohren vorbeipfiffen. Oft stieg ich einem
+Wälschtraubenknöpfli, Frauenschühlin oder andern Blümchen über Klippen
+nach, daß es eine halsbrechende Arbeit war. Wieder zündete ich große,
+halbverdorrte Tannen von unten an, die bisweilen acht bis zehn Tage
+aneinander fortbrannten, bis sie fielen. Alle Morgen und Abend sah ich
+nach, wie's mit ihnen stund. Einst hätte mich eine maustot schlagen
+können: denn indem ich meine Geißen forttrieb, daß sie nicht getroffen
+würden, krachte sie hart an mir in Stücken zusammen. So viele Gefahren
+drohten mir während meinem Hirtenstand mehrmal, Leibs und Lebens
+verlustig zu werden, ohne daß ich's viel achtete, oder doch alles bald
+wieder vergaß, und leider damals nie daran dachte, daß du allein es
+warst, mein himmlischer Vater und Erhalter! der in den Winkeln einöder
+Wüste die Raben nährt, und auch Sorge für mein junges Leben trug.
+
+[Sidenote: Kameradschaft]
+
+Mein Vater hatte bisweilen aus der Geißmilch Käse gemacht, bisweilen
+Kälber gesäugt und seine Wiesen mit dem Mist geäufnet.[22] Dies reizte
+unsere Nachbarn, daß ihrer vier auch Geißen anschafften und beim
+Kloster um Erlaubnis baten, ebenfalls im Kohlwald hüten zu dürfen. Da
+gab's nun Kameradschaft. Unser drei oder vier Geißbuben kamen alle
+Tag zusammen. Ich will nicht sagen, ob ich der beste oder schlimmste
+unter ihnen gewesen, aber gewiß ein purer Narr gegen die andern, bis
+auf einen, der ein gutes Bürschchen war. Einmal, die übrigen alle
+gaben uns leider kein gutes Exempel. Ich wurde ein Bißlein witziger,
+aber desto schlimmer. Auch sah's mein Vater gar nicht gern, daß ich
+mit ihnen laichte,[23] und sagte mir, ich sollte lieber allein hüten
+und alle Tage auf eine andere Gegend treiben. Aber Gesellschaft war
+mir zu neu und zu angenehm; und wenn ich auch etwa einen Tag den Rat
+befolgte und hörte die andern hüpfen und johlen, so war's, als wenn
+mich ein paar beim Rock zerrten, bis ich sie erreicht hatte. Bisweilen
+gab's Zänkereien, dann fuhr ich wieder einen Morgen allein oder mit
+dem guten Jacobli, von dem hab' ich selten ein unnützes Wort gehört,
+aber die andern waren mir kurzweiliger. Ich hätte noch viele Jahre
+für mich können Geißen hüten, eh' ich den Zehnteil von dem allem inne
+worden wäre, was ich da in kurzem vernahm. Sie waren alle größer und
+älter als ich, fast aufgeschossene Bengel, bei denen schon alle argen
+Leidenschaften aufgewacht. Schmutzige Zoten waren alle ihre Reden
+und unzüchtig alle ihre Lieder, bei deren Anhören ich oft Maul und
+Augen auftat, oft aber auch aus Schamröte niederschlug. Über meinen
+bisherigen Zeitvertreib lachten sie sich die Haut voll. Späne und
+junge Vögel galten ihnen gleich viel, außer wenn sie glaubten, Geld
+aus einem zu lösen, sonst schmissen sie dieselben samt den Nestern
+fort. Das tat mir anfangs weh; doch macht' ich's bald mit. So geschwind
+konnten sie mich hingegen nicht überreden, schamlos zu baden wie sie.
+Einer besonders war ein rechter Unflat, aber sonst weder streit- noch
+zanksüchtig, und darum nur desto verführerischer. Ein anderer war auf
+alles verpicht, womit er einen Batzen verdienen konnte, der liebte
+darum die Vögel mehr als die andern, die nämlich, welche man ißt;
+suchte allerlei Waldkräuter, Harz, Zunderschwamm und dergleichen. Von
+dem lernt' ich manche Pflanze kennen, aber auch, was der Geiz ist.
+Noch einer war etwas besser als die schlimmern; er machte mit, aber
+furchtsam. Jedem ging sein Hang sein Leben lang nach. Jacobli ist noch
+ein guter Mann, der andre blieb immer ein geiler Schwätzer und ward
+zuletzt ein miserabler hinkender Tropf; der dritte hatte mit List und
+Ränken etwas erworben, aber nie Glück dabei. Vom vierten weiß ich
+nicht, wo er hingekommen ist.
+
+[Sidenote: Sonderbare Gemütsstimmung]
+
+[Sidenote: Ende des Hirtenstandes]
+
+Daheim durft' ich mir von dem, was ich bei diesen Kameraden sah und
+hörte, nichts merken lassen. Ich genoß aber nicht mehr meine vorige
+Fröhlichkeit und Gemütsruhe. Die Kerls hatten Leidenschaften in mir
+rege gemacht, die ich noch selbst nicht kannte, doch merkte ich, daß es
+nicht richtig stund. Im Herbst, wo die Fahrt frei war, hütete ich meist
+allein. Ein Büchlein, das mir bloß darum jetzt noch lieb ist, trug
+ich bei mir und las oft darin. Noch weiß ich verschiedene sonderbare
+Stellen auswendig, die mich damals bis zu Tränen rührten. Jetzt kamen
+mir die bösen Neigungen in meinem Busen abscheulich vor, und sie
+machten mir angst und bang. Ich betete, rang die Hände, sah zum Himmel,
+bis mir die hellen Tränen über die Backen rollten, faßte einen Vorsatz
+über den andern und machte mir so strenge Pläne für ein künftiges
+frommes Leben, daß ich darüber allen Frohmut verlor. Ich versagte mir
+alle Arten von Freude, und hatte zum Beispiel lang einen ernstlichen
+Kampf mit mir selber wegen eines Distelfinken, der mir sehr lieb war,
+ob ich ihn weggeben oder behalten sollte? Über diesen einzigen Vogel
+dacht' ich oft weit und breit herum. Bald kam mir die Frommkeit, wie
+ich mir solche damals vorstellte, als ein unersteiglicher Berg, bald
+wieder federleicht vor. Meine Geschwister mocht' ich herzlich lieben,
+aber je mehr ich's wollte, je mehr sah ich Widriges an ihnen. In kurzem
+wußt' ich weder Anfang noch End, und es war niemand mehr, der mir
+heraushelfen konnte, da ich meine Lage keiner Menschenseele entdeckte.
+Ich machte mir alles zur Sünde: Lachen, Jauchzen und Pfeifen. Meine
+Geißen sollten mich nicht mehr erzürnen dürfen, und ich ward eher böser
+auf sie. Eines Tags bracht' ich einen toten Vogel nach Haus, den ein
+Mann geschossen und auf einem Stecken in die Wiese aufgesteckt hatte.
+Ich nahm ihn, wie ich in dem Augenblick wähnte, mit gutem Gewissen weg,
+ohne Zweifel, weil mir seine zierlichen Federn vorzüglich gefielen.
+Aber sobald mir der Vater sagte, das heiße auch gestohlen, weint' ich
+bitterlich -- ich hatte diesmal recht -- und trug das Äschen morgens
+darauf in aller Frühe wieder an seinen Ort. Doch behielt ich etliche
+von den schönsten Federn; aber auch dies kostete mich ziemliche
+Überwindung. Doch dacht' ich: Die Federn sind nun ausgerupft, wenn du
+sie schon auch hinträgst, verblast sie der Wind, und dem Mann nützen
+sie so nichts. Bisweilen fing ich wieder an zu jauchzen und zu johlen
+und trollte aufs neue sorglos über alle Berge. Dann dacht' ich: So
+alles, alles verleugnen, bis auf meine selbstgeschnitzelten hölzernen
+Kühe -- wie ich mir damals den rechten Christensinn buchstäblich
+vorstellte -- sei doch ein traurig elendes Ding. Indessen wurde der
+Kohlwald von den immer zunehmenden Geißen übertrieben; die Rosse,
+die man auf den fettern Grasplätzen weiden ließ, bisweilen von den
+Geißbuben verfolgt oder gesprengt. Einmal legten die Bursche ihnen
+Nesseln unter die Schwänze; ein paar stürzten sich im Lauf über einen
+Felsen zu Tode. Es gab schwere Händel, und das Hüten im Kohlwald wurde
+gänzlich verboten. Ich hütete darauf noch eine Weile auf unserm eignen
+Gut. Dann löste mich mein Bruder a. Und so nahm mein Hirtenstand ein
+Ende.
+
+[Sidenote: Neue Geschäfte]
+
+[Sidenote: Neue Sorgen]
+
+Nun hieß es: Eingespannt in den Karrn mit dem Buben, ins Joch! Er ist
+groß genug! Wirklich tummelte mich mein Vater meisterlich herum; in
+Holz und Feld sollt' ich ihm statt eines vollkommenen Knechtes dienen.
+Die mehrern Mal überlud er mich, ich hatte die Kräfte noch nicht, die
+er mir nach meiner Größe zutraute, und doch wollt' ich stark sein
+und keine schwere Bürde liegen lassen. In Gesellschaft von ihm oder
+mit den Taglöhnern arbeitete ich gern; aber sobald er mich allein an
+ein Geschäft schickte, war ich faul und lässig, staunte Himmel und
+Erde an und hing, ich weiß selbst nicht was für Gedanken und Grillen
+nach; das freie Geißbubenleben hatte mich halt verwöhnt. Das zog mir
+Scheltwort oder gar Streiche zu, und diese Strenge war nötig, obschon
+ich's damals nicht fassen konnte. Im Heuet besonders gab's bisweilen
+fast unerträgliche Bürden. Oft streckt' ich mich vor Mattigkeit und
+fast zerschmolzen von Schweiß, der Länge nach auf den Boden und
+dachte: Ob's wohl auch in der Welt überall so mühselig zugehe? Ob ich
+mich grad' jetzt aus dem Staub machen sollte? Es werde doch an andern
+Orten auch Brot geben, und nicht gleich Henken gelten. Ich hätte auf
+der Kreutzegg beim Geißhüten mehrere solche Bursche gesehen, denen's
+außer ihrem Vaterland, wie sie mir erzählten, recht wohl gegangen, und
+was des Zeugs mehr war. Dann aber fand ich: Nein! es wäre doch Sünd',
+von Vater und Mutter wegzulaufen; wie? wenn ich ihnen ein Stück Boden
+abhandeln, es bauen, brav Geld daraus ziehen, dann aus der Losung ein
+Häuschen drauf stellen und so für mich leben würde? Husch! sagt' ich
+eines Tags, das muß jetzt sein! Aber, wenn mir's der Ätti abschlägt?
+Ei! frisch gewagt, ist halb gewonnen. Ich nahm also das Herz in beide
+Händ', und bat den Vater noch desselben Abends, daß er mir ein gewisses
+Stücklein Lands abtrete. Nun sah er freilich meine Narrheit ein, aber
+er ließ mich's nicht merken und fragte nur, was ich damit anfangen
+wolle? »Ha! sagt' ich, es in Ehren legen, Mattland daraus machen und
+den Gewinn beiseite tun.« Ohne ein mehreres Wort zu verlieren, sprach
+er: »So nimm eben die Zipfelweid, ich gebe sie dir um fünf Gulden.«
+Das war nun spottwohlfeil; hier zu Wattwil wär' so ein Grundstück mehr
+als hundert Gulden wert. Ich sprang darum vor Freuden hoch auf und
+fing sogleich die neue Wirtschaft an. Den Tag über arbeitete ich für
+den Vater; sobald der Feierabend kam, für mich, sogar bei Mondschein.
+Da macht' ich aus dem noch vor Nacht gehauenen Holz und Stauden kleine
+Bürden von Brennholz zum Verkaufen. Eines Abends dacht' ich so meiner
+jetzigen Lage nach; mir fiel ein: Deine Zipfelweid ist gar wohlfeil! Es
+könnte den Vater reuen und er's wieder an sich ziehen, wenn ich ihm den
+Kaufschilling nicht bar erlege. Ich muß um Geld schauen, so kann er mir
+nicht mehr ab der Hand gehn. Ich ging also zum Nachbar Görg, erzählt'
+ihm den ganzen Handel und bat ihn, mir die fünf Gulden zu leihen, ich
+woll' ihm bis auf Wiederbezahlung mein Land zum Pfand einsetzen. Er gab
+mir's ohne Bedenken. Ganz entzückt lief ich damit zum Vater und wollt'
+ihn ausbezahlen. Potz hundert! wie der mich abschnauzte: »Wo hast du
+das Geld her?« Es fehlte wenig, so hätt' es noch Ohrfeigen obendrein
+gesetzt. Im ersten Augenblick begriff ich nicht, was ihn so entsetzlich
+bös mache. Aber erklärte mir's bald, da er fortfuhr: »Du Bärenhäuter!
+Mir mein Gut zu verpfänden!« riß mir die fünf Gulden aus der Hand,
+rannte im Augenblick zu Görg und gab sie ihm wieder, mit Bedeuten, daß
+er, so lieb ihm Gott sei! dem Buben kein Geld mehr leihe, er woll'
+ihm schon geben, was er brauchte. So war meine Freude kurz. Der Ätti,
+nachdem er bald wieder besänftigt war, mocht' mir lang sagen, ich
+brauch' ihm das Ding gar nicht zu zahlen, ich könn' ihm ja ein billiges
+Zinslein geben, der Schlempen Weid werde die Sach nicht ausmachen, ich
+soll damit schalten und walten wie mit meinem Eigentum. Ich konnt'
+es ihm nicht glauben, denn er lachte dabei immer hinten im Maul. Das
+war mir verdächtig. Aber er hatte guten Grund dafür. Endlich fing ich
+einfältiger Tölpel an, mich wieder zu beruhigen und machte aufs neue
+die Rechnung hinterm Wirt, was ich aus dem Bletz[24] mit der Zeit für
+Nutzen ziehen wollte; als eines Tags mir die Kühe in mein Äckerlein
+brachen, den jungen Samen abfraßen, auch mein Holz eben keine Käufer
+fand und mir fast alles liegen blieb. Solche gehäufte Unglücksstreiche
+nahmen mir mit eins den Mut, ich überließ den ganzen Plunder wieder
+dem Vater und bekam von ihm zur Entschädigung ein flanellenes
+Brusttuch.
+
+[Sidenote: Wißbegierde]
+
+Ich bin in meinen Kinderjahren nur wenige Wochen in die Schule
+gegangen; bei Haus hingegen mangelte es mir gar nicht an Lust, mich in
+mancherlei unterweisen zu lassen. Das Auswendiglernen gab mir wenig
+Müh, besonders übt' ich mich fleißig in der Bibel, konnte viele darin
+enthaltene Geschichten aus dem Stegreif erzählen und gab überhaupt
+auf alles Achtung, was mein Wissen vermehren konnte. Mein Vater las
+auch gern etwas Historisches oder Mystisches. Gerad um diese Zeit ging
+ein Buch aus, der flüchtige Pater genannt. Er und unser Nachbar Hans
+vertrieben sich manche liebe Stunde damit und glaubten an den darin
+prophezeiten Fall des Antichrists und die dem End der Welt vorgehenden
+nahen Strafgerichte, wie ans Evangelium. Auch ich las viel darin,
+predigte etlichen unsrer Nachbarn mit ängstlich andächtiger Miene,
+die Hand vor die Stirn gestemmt, halbe Abende aus dem Pater vor und
+gab ihnen alles für bare Münz aus; dies nach meiner eignen völligsten
+Überzeugung. Mir stieg kein Gedanke auf, daß ein Mensch ein Buch
+schreiben könnte, worin nicht alles nur lautere Wahrheit wäre; und
+da mein Vater und der Hans nicht daran zweifelten, schien mir alles
+vollends Ja und Amen zu sein. Aber das brachte mich eben auf allerlei
+jammerhafte Vorstellungen. Ich wollte mich gern auf den bevorstehenden
+jüngsten Tag recht zubereiten; allein da fand ich entsetzliche
+Schwierigkeiten, nicht so fast in einem bösen Tun und Lassen, als in
+meinem oft argen Sinn und Denken. Dann wollt' ich mir wieder alles
+aus dem Kopf schlagen, aber vergebens. Wenn ich zumal bisweilen in
+der Offenbarung Johannis oder im Propheten Daniel las, schien mir
+alles, was der Pater schrieb, vollends gewiß und unfehlbar. Und was
+das schlimmste war, so verlor ich ob dieser Überzeugung alle Freud'
+und Mut. Wenn ich im Gegenteil den Ätti und den Nachbar fast noch
+fröhlicher sah als zuvor, machte mich solches gar konfus, und kann ich
+mir's noch jetzt nicht erklären, wie das zuging. So viel weiß ich wohl,
+sie steckten damals beide in schweren Schulden und hofften vielleicht
+durch das Ende der Welt davon befreit zu werden: wenigstens hört' ich
+sie oft vom Neufunden Land, Carolina, Pensylvani und Virgini sprechen,
+ein andermal überhaupt von einer Flucht, vom Auszug aus Babel, von
+den Reisekosten und dergleichen. Da spitz' ich die Ohren wie ein Has.
+Einmal, erinnr' ich mich, fiel mir wirklich ein gedrucktes Blatt in die
+Hände, das einer von ihnen auf dem Tisch liegen gelassen und welches
+Nachrichten von jenen Gegenden enthielt. Das las ich wohl hundertmal;
+mein Herz hüpfte mir im Leib bei dem Gedanken an dies herrliche Kanaan,
+wie ich mir's vorstellte. Ach! wenn wir nur alle schon da wären, dacht'
+ich. Aber die guten Männer, denk' ich, wußten ebensowenig als ich Steg
+und Weg und wahrscheinlich noch minder, wo das Geld herzunehmen. Also
+blieb das schöne Abenteuer stecken und entschlief nach und nach von
+selbst. Indessen las ich immer fleißig in der Bibel, doch noch mehr
+in meinem Pater und andern Büchern, unter anderen in dem sogenannten
+Pantli Karrer, und in dem weltlichen Liederbuch, dessen Titel mir
+entfallen ist. Sonst vergaß ich, was ich gelesen, nicht so bald. Allein
+mein unruhiges Wesen nahm dabei sichtbarlich zu, so sehr ich mich auf
+mancherlei Weise zu zerstreuen suchte; und, was das Schlimmste war,
+hatt' ich das Herz nie, dem Pfarrer oder auch nur dem Vater hievon das
+Mindeste zu offenbaren.
+
+[Sidenote: Geistliche Unterweisung]
+
+Indessen wundert' es mich doch bisweilen, wie mein Vater und der
+Pfarrer von diesem und jenem Spruch in der Bibel, von diesem und jenem
+Büchlin denke. Letzterer kam oft zu uns, selbst zur Winterszeit, wenn
+er schier im Schnee stecken blieb. Da war ich sehr aufmerksam auf alle
+Diskurse und merkte bald, daß sie meist bei weitem nicht einerlei
+Meinung waren. Anfangs kam's mir unbegreiflich vor, wie der Ätti so
+frech sein und dem Pfarrer widersprechen dürfe. Dann dacht' ich auf
+der andern Seite: Aber mein Vater und der flüchtige Pater zusammen
+sind doch auch keine Narren und schöpfen ihre Gründe wie jener aus
+der gleichen Bibel. Das ging in meinem Sinn so hin und her, bis ich's
+etwa wieder vergaß und andern Fantaseyen nachhing. Inzwischen kam
+ich im Jahre 1752 zu diesem Pfarrer Heinrich Näf von Zürich in die
+Unterweisung zum heiligen Abendmahl. Er unterrichtete mich sehr
+gründlich und war mir in der Seele lieb. Oft erzählt' ich meinem Vater
+ganze Stunden lang, was er mit mir geredet hatte und meinte, er sollte
+davon so gerührt werden wie ich. Bisweilen tat er mir zu Gefallen
+dergleichen; aber ich merkte wohl, daß es ihm nicht recht zu Herzen
+ging. Doch sah ich auch, daß er überhaupt Wohlgefallen an meinen
+Empfindungen und an meiner Aufmerksamkeit hatte. Nachwärts ward dieser
+Heinrich Näf Pfarrer gen Humbrechtikon am Zürichsee; und seither,
+glaub' ich, kam er noch näher an die Stadt. Noch auf den heutigen Tag
+ist meine Liebe zu ihm nicht erloschen. Viel hundertmal denk' ich
+mit gerührter Seele an des redlichen Manns Treu und Eifer, an den
+liebevollen Unterricht, welchen ich von seinen holdseligen Lippen sog,
+und den mein damals gewiß für das Gute weiches und empfängliches Herz
+begierig aufnahm. Oh, der redlichen Vorsätze und heiligen Entschlüsse,
+die ich so oft in diesen unvergeßlichen Stunden faßte! Wo seid ihr
+geblieben? Welchen Weg seid ihr gegangen? Ach! wie oft seid ihr von
+mir zurückgerufen und leider wieder verabschiedet worden! O Gott! Wie
+freudig ging ich stets aus dem Pfarrhause heim, nahm gleich das Buch
+wieder zur Hand und erfrischte damit das Angedenken an die empfangenen
+heilsamen Lehren. Aber dann war bald alles wieder verflogen. Selbst
+in späteren Tagen, in Augenblicken, wo Lockungen von allen Seiten mir
+die süßesten Mienen machten und mich bereden wollten, Schwarz sei,
+wo nicht Weiß, doch Grau, stiegen mir meines ehemaligen Seelsorgers
+treugemeinte Warnungen noch oft zu Sinn und halfen mir in manchem
+Scharmützel mit meinen Leidenschaften den Sieg erringen. Was ich mir
+aber noch zu dieser Stunde nicht vergeben kann, ist mein damaliges
+öfteres Heucheln, und daß ich, selbst wenn ich mir keines eigentlichen
+Bösen bewußt war, immer besser scheinen wollte, als ich zu sein mich
+fühlte. Endlich -- ich weiß nicht, war vielleicht auch das ein Tuck
+des armen Herzens? -- sang ich, und zwar, wenn ich ganz allein bei
+der Arbeit war, wirklich mit größerer Lust etliche geistliche Lieder,
+die ich von meiner Mutter gelernt, als meine weltlichen Quodlibet und
+wünschte nur freilich allemal, daß mich mein Vater auch hören möchte,
+wie er mich sonst meist über meinem losen Lirum Larum ertappt hatte.
+
+[Sidenote: Neue Kameraden]
+
+Übrigens hatte der Pfarrer in seinem kleinen Krinau neben mir nur
+einen einzigen Buben in der Unterweisung. Dieser hieß H. B., ein
+fuchsroter Erzstockfisch. Wenn ihn der Heer[25] was fragte, hielt der
+Bursch' immer sein Ohr an mich, daß ich's ihm einblasen sollte. Was
+man ihm hundertmal sagte, vergaß er hundertmal wieder. Am Heiligen
+Abend, da man uns der Gemeind vorstellte, war er vollends verstummt.
+Ich mußte darum fast aneinander antworten, von zwei bis fünf Uhr. Im
+Jahr zuvor ward hingegen ein anderer Knabe, J. W., unterwiesen, ein gar
+geschicktes Bürschlein, der die Bibel und den Catecist[26] vollkommen
+inne hatte. Mit dem macht' ich um diese Zeit Bekanntschaft. Von
+Angesicht war er häßlich, die Kinderblattern hatten ihn jämmerlich
+zugerichtet, aber sonst ein Kind wie die liebe Stunde. Er hatte einen
+gesprächigen Vater, von dem er viel lernte, der aber daneben nicht der
+beste und besonders als ein Erzlügner berühmt war. Der konnt' euch
+stundenlang die abenteuerlichsten Dinge erzählen, die weder gestoben
+noch geflogen waren; so daß es zum Sprichwort wurde, wenn einer etwas
+Unwahrscheinliches sagt: »Das ist ein W. -- Lug!« Wenn er redete,
+rutschte er auf dem Hintern beständig hin und her. Von seinen Fehlern
+hatte sein kleiner Bube keinen geerbt, das Lügen am allerwenigsten.
+Jedermann liebte ihn. Mir war er die Kron in Augen. Wir fingen an,
+über allerlei Sachen Brieflin zu wechseln, gaben einander Rätsel auf
+oder schrieben uns Verse aus der Bibel zu, ohne Spezifikation, wo sie
+stünden; da mußte ein jeder selbst nachschlagen. Oft hielt es schwer
+oder gar unmöglich, in den Psalmen und Propheten zumal, wo die Verslin
+meist erstaunlich kurz, und viele fast gleichlautend sind. Bisweilen
+schrieben wir einander von allen Tieren, welche uns die liebsten seien;
+dann von allerhand Speisen, welche uns die besten dünkten; dann wieder
+von Kleidungsstücken, Zeug und Farben, welche uns die angenehmsten
+wären, und so fort. Da bemühte sich je einer den andern an Anmut zu
+übertreffen. Oft mocht' ich's kaum erwarten, bis wieder so ein Brieflin
+von meinem Freunde kam. Er war mir darin noch viel lieber als in seinem
+persönlichen Umgang. So dauerte es lange, bis einst ein unverschämter
+Nachbar allerlei wüste Sachen über ihn aussprengte. Obschon ich's nicht
+glaubte, verringerte sich doch nun, es ist wunderbar, meine Zuneigung
+zu ihm augenblicklich. Ein paar Jahre nachher, es war vielleicht ein
+Glück für uns beide, fiel er in eine Krankheit und starb. Ein andrer
+unsrer Nachbarn, H., hatte auch Kinder von meinem Alter. Aber mit denen
+konnt' ich nichts; sie waren mir zu witznasig, arge Förschler und
+Frägler. Um diese Zeit gab mir Nachbar Joggli heimlich um drei Kreuzer
+eine Tabakspfeife zu kaufen und lehrte mich schmauchen. Lange mußt'
+ich's im Geheim tun, bis einst ein Zahnweh mir den Vorwand verschaffte,
+es fortan öffentlich zu treiben. Und, oh, der Torheit! darauf bildete
+ich mir nicht wenig ein.
+
+[Sidenote: Häusliche Umstände]
+
+[Sidenote: Der Verkauf]
+
+Unterdessen war unsre Familie bis auf acht Kinder angewachsen. Mein
+Vater stak je länger je tiefer in Schulden, so daß er oft nicht
+wußte, wo aus noch ein. Mir sagte er nichts; aber mit der Mutter
+hielt er oft heimlich Rat. Davon hört' ich eines Tags ein paar Worte
+und merkte nun die Sache halb und halb. Allein es focht mich wenig
+an, ich ging leichtsinnig meinen kindischen Gang und ließ meine
+armen Eltern inzwischen über hundert unausführbaren Projekten sich
+den Kopf zerbrechen. Unter diesen war auch der einer Wanderung ins
+Gelobte Land, zu meinem größten Verdrusse, zu Wasser worden. Endlich
+entschloß sich mein Vater, alle seine Habe seinen Gläubigern auf
+Gnad und Ungnad zu übergeben. Er berief sie eines Tags zusammen,
+entdeckte ihnen mit Wehmut, aber redlich, seine ganze Lage und bat
+sie: In Gottes Namen Haus und Hof, Vieh, Schiff und Geschirr[27] zu
+ihren Handen zu nehmen und seinetwegen ihn, nebst Weib und Kindern,
+bis aufs Hemd auszuziehen; er wolle ihnen noch dafür danken, wenn sie
+ihn nur einmal der unerträglichen Last entledigten. Die meisten von
+ihnen, und selbst die, welche ihm mit Treiben am unerbittlichsten
+zugesetzt hatten, erstaunten über diesen Vortrag. Sie untersuchten Soll
+und Haben; und das Fazit war, daß sie die Sachen bei weitem nicht so
+schlimm fanden, als sie sich's vorgestellt hatten. Sie baten ihn also
+alle wie aus einem Munde, er soll doch nicht so kläglich tun, guten
+Muts sein, sich tapfer wehren, und seine Wirtschaft emsig treiben wie
+bisher; sie wollten gern Geduld mit ihm tragen und ihm noch aus Kräften
+beraten und beholfen sein; er habe eine Stube voll braver Kinder, die
+werden ja alle Tag' größer und können ihm an die Hand gehen. Was er
+mit diesen armen Schafen draußen in der weiten Welt anfangen wollte?
+Allein mein Vater unterbrach sie in diesen liebreichen Äußerungen ihres
+Mitleids alle Augenblick: »Nein, um Gottes willen, nein! Nehmt mir
+die entsetzliche Bürde ab. Das Leben ist mir so ganz verleidet! Aufs
+Besserwerden hofft' ich schon dreizehn Jahr vergebens. Und kurz, bei
+unserm Gut hab' ich einmal weder Glück noch Stern. Mit sauerm Schweiß
+und so vielen schlaflosen Nächten grub ich mich nur immer tiefer in
+die Schulden hinein. Geb, wie ich's machte, da half Hausen und Sparen,
+Hunger und Mangel leiden, bis aufs Blut arbeiten, kurz, alles und alles
+nichts. Besonders mit dem Vieh wollt's mir nie gelingen. Verkauft'
+ich die Küh', um das Futter versilbern zu können, und daraus meine
+Zinse zu bestreiten, so hatt' ich mit meiner Haushaltung, die außer
+dem Güterarbeiten keinen Kreuzer verdienen konnte, nichts zu essen,
+wenn ich gleich die halbe Losung wieder in andre Speisen steckte.
+Schon von Anfang an mußt' ich immer Taglöhner halten, Geld entlehnen
+und aus einem Sack in den andern schleufen, bis ich mich nicht mehr zu
+kehren wußte. Noch einmal, um Gottes willen! Da ist all' mein Vermögen.
+Nehmt, was ihr findet und laßt mich ruhig meine Straße ziehen. Mit
+meinen ältern Kindern wird's mir wohl möglich werden, uns allen ein
+schmales Stücklein Brot zu erwerben. Wer weiß, was der liebe Gott uns
+noch für die Zukunft beschert hat!« Als nun endlich unsere Gläubiger
+sahen, daß mit meinem Vater anders nichts anzufangen wäre, nahmen sie
+das Dreyschlatt mit aller Zubehörd gemeinschaftlich zu ihren Handen,
+setzten einen Gildenvogt, ließen einen neuen Überschlag machen und
+fanden wieder, daß einmal da kein großer Verlust herauskommen könne.
+Sie schenkten darum dem armen Ätti nicht allein allen Hausrat, Schiff
+und Geschirr, sondern baten ihn auch, bis sich ein Käufer fände, weiter
+auf dem Gut zu bleiben und es um billigen Lohn zu bearbeiten. Dieser
+bestund, nebst freier Behausung und Holzes genug, in der Sömmerung[28]
+für acht Kühe, und Grund und Boden, zu pflanzen, was und wieviel
+wir konnten und mochten. Jetzt war meinem Vater wieder so wohl, als
+wenn er im Himmel wäre; und was ihm am meisten Freud' machte, seine
+alten Schuldherren waren fast noch zufriedner als er, so daß von dem
+ersten Augenblick an keiner ihm nur eine saure Miene gemacht. Wir
+hatten ein recht gutes Jahr und konnten neben unsrer Güterarbeit noch
+eine ziemliche Zeit für Salpetersieden erübrigen. Ich lernte dieses
+ebenfalls, als mein Vater einst an einem Bein Ungelegenheit hatte und
+hernach wirklich bettliegerig ward. Die Schmerzen nahmen täglich so
+sehr überhand, daß er eines Abends von uns allen Abschied nahm. Endlich
+gelang es dem Herrn Doktor Müller aus der Schamaten, ihn wieder zu
+kurieren. Derselbe tat solches nicht nur unentgeltlich, sondern gab
+uns noch Geld dazu. Der Himmel wird es ihm reichlich vergelten. --
+Inzwischen zeigte sich ein Käufer zum Dreyschlatt. Wir waren im Grund
+alle froh, diese Einöde zu verlassen, aber niemand so wie ich, da ich
+hoffte, das strenge Arbeiten sollt' nun ein Ende nehmen. Wie ich mich
+betrog, wird die Folge lehren.
+
+[Sidenote: Wanderung nach Wattweil]
+
+[Sidenote: Schlimme Hausgenossenschaft]
+
+Mitten im März des Jahres 1754 zogen wir mit Sack und Pack aus dem
+Dreyschlatt weg und sagten dem wilden Ort auf ewig gute Nacht! Noch
+lag dort klaftertiefer Schnee. Von Ochs oder Pferd war keine Rede. Wir
+mußten unsern Hausrat und die jüngern Geschwister auf Schlitten selbst
+fortzügeln. Ich zog an dem meinigen wie ein Pferd, so daß ich am End
+fast atemlos hinsank. Doch die Lust, unsre Wohnung zu verändern und
+einmal auch im Tal, in einem Dorf, und unter Menschen zu leben, machten
+mir die saure Arbeit lieb. Wir langten an. Das muß ein rechtes Kanaan
+sein, dacht' ich; denn hier guckten die Grasspitzen schon unterm Schnee
+hervor. Unser Gütlin (es hieß die Staig), das wir zu Lehen empfangen
+hatten, stund voll großer Bäume, und ein Bach rollte angenehm mitten
+durch. Im Gärtlin bemerkt' ich einen Zipartenbaum. Im Haus hatten wir
+eine schöne Aussicht das Tal hinauf. Aber übrigens, was das für eine
+dunkle, schwarze, wurmstichige Rauchhütte war! Lauter faule Fußboden
+und Stiegen; ein unerhörter Unflat und Gestank in allen Gemächern. Aber
+das alles war noch nichts gegen den lebendigen Einsiegel, den wir im
+Haus haben mußten: ein abscheuliches Bettelmensch, das sich besoff, so
+oft es ein Kirchenalmosen erhielt und auf die Art zu Wein kam, dann in
+der Trunkenheit sich mutternackt auszog, und so im Haus herumsprang und
+pfiff, auch, wenn man ihm das geringste einreden wollte, ein Fluchen
+und Lamentieren erhob wie eine Besessene. Es bekam zwar deshalb oft
+den Rinderriemen, der aber leider meist aus übel ärger machte. Das
+Ungeheuer war überdies auf junge Mannspersonen erpicht -- Puh! mir
+schaudert noch die Haut davor -- und hätte gern auch mich angepackt.
+Das war mir eine völlig neue Erscheinung, und ich redete davon mit
+meinem Vater, ohne der Versuchung selbst zu erwähnen. Der sagte mir
+dann, was eine Katze sei, und nun bekam ich einen solchen Ekel vor dem
+Tier, daß mir ein Stich durch alle Adern ging, so oft es mir unter
+Augen kam.
+
+[Sidenote: Göttliche Heimsuchung]
+
+Wenige Tage nach unsrer Ankunft ward ich mit einem heftigen Frost
+und Fieber befallen. Ob mir das plötzliche Vertauschen der frischen
+Bergluft mit der im Tal, oder die unreinliche Wohnung, oder ein schon
+mitgebrachter Stoff dazu im Körper, oder endlich gar der Abscheu
+vor dem entsetzlichen Geschöpfe das Übel zugezogen, weiß ich nicht.
+Einmal zuvor war, außer leichten Kopf- und Zahnschmerzen, jedes andre
+Übelbehagen mir ganz unbekannt. Man ließ den lieben Herrn Doktor
+Müller kommen; er verordnete mir eine doppelte Aderlässe, zweifelte
+aber gleich beim ersten Anblick an meinem Aufkommen. Am dritten Tag
+glaubt' ich, nun sei's gewiß mit mir aus, da mein armer Kopf beinah
+zerspringen wollte. Ich rang, wimmerte, krümmte mich wie ein Wurm,
+und stund Höllenangst aus: Tod und Ewigkeit kamen mir schrecklich
+vor. Meinem Vater, der sich fast nie von mir entfernte und oft ganz
+allein um mich war, beichtete ich in einem solchen Augenblick alles,
+was mir auf dem Herzen lag, sonderlich auch wegen der Verfolgungen des
+vorerwähnten Unholds, der mir viel zu schaffen machte. Der gute Ätti
+erschrak entsetzlich und fragte mich, ob ich mit dem Tier etwas Böses
+getan? »Nein, gewiß nicht, Vater!« antwortete ich schluchzend, »aber
+das Ungeheuer wollt' mich dazu bereden; und ich hab's dir verschwiegen.
+Das nun, fürcht' ich, sei eine große Sünd'.« »Sei nur ruhig, mein
+Sohn!« versetzte mein Vater, »halt dich im stillen zu Gott. Er ist
+gütig und wird dir deine Sünden vergeben.« Dies einzige Wort des
+Trostes machte mich gleichsam wieder auflebend. Oh, wie eifrig gelobt'
+ich in diesem Augenblick, ein ganz andrer Mensch zu werden, wenn ich's
+länger auf Erden treiben sollte. Indessen gab's noch verschiedene
+Rückfälle. Einmal wußt' ich vierundzwanzig Stunden lang nichts mehr
+von mir; aber dies war die Krisis. Beim Erwachen fühlt' ich zwar meine
+Schmerzen wieder, doch in weit geringerm Grade, und was für mich viel
+wichtiger war, die bangen, angsthaften Gedanken blieben aus. Der Doktor
+fing an, Hoffnung zu schöpfen, und ich nicht minder; und kurz, es
+ließ sich täglich mehr zur Besserung an, bis ich, freilich erst nach
+etlichen Wochen, wieder ganz auf die Beine kam. Aber das Tiermensch,
+das wir im Haus hatten und dulden mußten, war mir unausstehlicher
+als jemals. Mich und alle meine Geschwister überhäufte es mit den
+unflätigsten Schimpfworten. Während meiner Krankheit sagte es mir oft
+ins Gesicht, ich sei ein mutwilliger Bankert, es fehle mir nichts,
+man sollte mir statt Arzneien die Rute geben, und dergleichen. Ich bat
+meinen Vater, so hoch ich konnte, er solle uns die Kreatur vom Hals
+schaffen, sonst könnt' ich in Ewigkeit nicht vollkommen gesund werden.
+Aber es war unmöglich, für einmal wollt' sie uns niemand abnehmen. Wenn
+sie's gar zu schlimm machte, ließen wir sie, wie gesagt, karbatschen.
+Aber zuletzt wollt' uns auch diesen Dienst niemand mehr leisten, denn
+jedermann fürchtete sich vor ihr, wie vor dem bösen Geist. Mit guten
+Worten kam man ihr gewissermaßen noch am leichtesten bei. Was mir
+indessen als die allerherbste Prüfung vorkam, war, daß ich und meine
+Geschwister in ihrer Gesellschaft mit Baumwollen-Kämmen und Spinnen
+unsern Feierabend machen mußten. Sobald aber der Sommer anrückte, half
+ich mir damit, daß ich meine Arbeit, so viel's immer die Witterung
+zuließ, außer dem Haus verrichtete.
+
+[Sidenote: Jetzt Tagelöhner]
+
+»Danke deinem Schöpfer,« sagte inzwischen eines Tags mein Vater zu
+mir, »er hat dein Flehen erhört und dir von neuem das Leben geschenkt.
+Ich zwar, ich will dir's nur gestehen, dachte nicht, wie du, Uli, und
+hätt' dich und mich nicht unglücklich geschätzt, wenn du dahingefahren
+wärst. Denn, ach! große Kinder, große Sorgen! Unsre Haushaltung ist
+überladen. Ich hab' kein Vermögen, keins von euch kann noch sicher sein
+Brot gewinnen. Du bist das älteste. Was willst du nun anfangen? In
+der Stube hocken und mit der Baumwolle hantieren, seh' ich wohl, magst
+du nicht. Du wirst müssen tagmen!«[29] -- »Was du willst, mein Vater!«
+antwortete ich, »nur ja nicht ofenbruten!« Wir waren bald einig. Der
+damalige Schloßbauer, Weibel K., nahm mich zum Knecht an. Von meiner
+überstandenen Krankheit war ich noch ziemlich abgemattet, aber mein
+Meister, als ein vernünftiger und stets aufgeräumter Mann, trug alle
+Geduld mit mir, um so viel mehr, da er eigne Buben von gleichem Schrot
+hatte. Die meiste Zeit mußt' er seinen Amtsgeschäften nach, dann
+ging's freilich oft bunt über Eck. Indessen gab er mir auch blutwenig
+Lohn, und die Frau Bäurin ließ uns manchmal bis um zehn Uhr nüchtern.
+Bei strenger Arbeit erhielten wir auch immer bessere Kost. Bisweilen
+brachten wir ihm etwas Wildbret, einen Vogel oder Fisch nach Haus; das
+ließ er sich vortrefflich schmecken. Eines Tages erbeuteten wir ein
+ganzes Nest voll junger Krähen, die mußt' ihm seine Hausehre wunderbar
+präparieren. Er verschlang mit ungeheurer Lust alle bis auf die letzte.
+Aber mit eins gab's eine Rebellion im Magen. Er sprang vom Stuhl und
+rannte todblaß und schnellen Schrittes den Saal auf und nieder, wo die
+Füß' und Federn noch überall zerstreut am Boden lagen! Endlich schnauzt
+er uns Buben mit lächerlichem Grimm an: »Tut mir das Schinderszeug
+da weg, oder ich kotze euch hunderttausend Dutzend von euern Bestien
+heraus. Einmal in meinem Leben solche schwarze Teufel gefressen, und
+nimmermehr!« Dann legte sich der launigte Mann zu Bett, und mit einem
+tüchtigen Schweiß ging alles vorbei.
+
+Auch mein Bruder Jakob verrichtete um die nämliche Zeit ähnliche
+Knechtdienst'. Die Kleinern mußten in den Stunden neben der Schule
+spinnen. Unter diesen war Georg ein besonders lustiger Erzvogel. Wenn
+man ihn an seinem Rädchen glaubte, saß er auf einem Baum oder auf dem
+Dach, und schrie Kuckuck! »Du fauler Lecker!« hieß es dann etwa von
+seite der Mutter, wenn sie ihn so in den Lüften erblickte, und von
+seiner: »Ich will kommen, wenn du mich nicht schlagen willst, sonst
+steig ich dir bis in Himmel auf!« Was war da zu tun? Man mußte meist
+des Elends lachen.
+
+
+
+
+ Die erste Liebe
+
+
+Wenn einer in sein zwanzigstes Jahr geht, darf er schon ahnden, es
+gebe zweierlei Leute in der Welt. Der Weibel hatte ein bluthübsches
+Töchterchen, aber scheu wie ein Hase. Es war mir eine Freud', wenn ich
+sie sah, ohne zu wissen warum? Nach etlichen Jahren heiratete sie einen
+Schlingel, der ihr ein Häufchen Jungens auflud, und sich endlich als
+ein Schelm aus dem Land machte. Das gute Kind!
+
+[Sidenote: Ännchen]
+
+[Sidenote: Auf dem Pfingstmarkt]
+
+Dann hatte unser Nachbar Uli eine Stieftochter, Ännchen; die konnt'
+ich alle Sonntage sehen. Allemal winselt es mir ein wenig ums
+Herzgrübchen. Ich wußte wieder nicht warum, denk' aber wohl, weil's
+mich so hübsch dünkte; einmal etwas anderes kam mir gewiß nicht in
+den Sinn. An den gedachten Sonntagen zu Abend machten wir jungen
+Leute miteinander Buntreihen, Kettenschleuffen, Habersieden, Schühle
+verbergen und dergleichen. Ich war wie in einer neuen Welt, nicht
+mehr ein Eremit wie im Dreyschlatt. Nun merkt' ich zwar, daß mich
+Ännchen wohl leiden mocht', dacht' indessen, sie würd' sonst schon ihre
+Liebsten haben. Einst aber hatte meine Mutter die Schwachheit, mir, und
+zwar als wenn sie stolz drauf wäre, zu sagen: »Ännchen sehe mich gern.«
+Dieser Bericht rannte mir wie ein Feuer durch alle Glieder. Bisher
+hielt ich dafür, meine Eltern würden's nicht zugeben, daß ich, noch so
+jung, nur die geringste Bekanntschaft mit einem fremden Mädchen hätte.
+Jetzt aber -- so wichtig ist es, die Menschen in nützlichen Meinungen
+durch kein unvorsichtiges Wort irrezumachen -- merkt ich's meiner
+Mutter deutlich an, daß ich so etwas schon wagen dürfte. Indessen tat
+ich nicht dergleichen, aber meine innre Freud' war nur desto größer,
+daß man mir jetzt selbst die Tür aufgetan, unter das junge lustige
+Volk zu wandeln. Von dieser Zeit an, versteht sich's, schnitt' ich
+bei allen Anlässen Ännchen ein entschieden freundlich Gesichtchen;
+aber daß ich ihr mit Worten etwas von Liebe sagen durfte, oh, um
+aller Welt Gut willen hätt' ich dazu nicht Herz gehabt. Einst erhielt
+ich Erlaubnis, auf den Pfingst-Jahrmarkt zu gehn. Da sann ich lang
+hin und her, ob ich sie aufs Rathaus zum Wein führen dürfe? Aber das
+schien mir schon zuviel gewagt. Dort sah ich sie eins herumschlängeln.
+Herodes mag das Herz nicht so gepocht haben, als er Herodias Tochter
+tänzeln sah. Ach! so ein schönes, schlankes, nettes Kind, in der
+allerliebsten Zürchbietler-Tracht! Wie ihm die goldfarbnen Zöpf' so
+fein herunterhingen! Ich stellte mich in einen Winkel, um meine Augen
+im Verborgenen an ihr weiden zu können. Da sagt' ich zu mir selbst: Ah!
+in deinem Leben wirst du Lümmel nie das Glück haben, ein solch Kind
+zu bekommen, sie ist viel, viel zu gut für dich! Hundert andre weit
+bessre Kerls werden sie lang vor dir erhaschen. So dacht' ich, als
+Ännchen, die mich und meine Schüchternheit schon geraume Zeit mochte
+bemerkt haben, auf mich zukam, mich freundlich bei der Hand nahm und
+sagte: »Uli! führ' du mich auch eins herum!« Ich feuerrot erwiderte:
+»Ich kann's nicht, Ännchen! gewiß ich kann's nicht!« -- »So zahl' mir
+eine halbe,« versetzte sie, ich wußt' nicht ob im Schimpf oder Ernst.
+»Es ist dir nicht Ernst, Schleppsack,« erwidert' ich darum. Und sie:
+»Mi See,[30] 's ist mir ernst!« Ich todblaß: »Mi See, Ännchen, ich
+darf heut' nicht!« Ein andermal. »Gwüß ich möcht' gern, aber ich darf
+nicht!« Das mocht ihr ein wenig in den Kopf steigen, sie ließ sich's
+aber nicht merken, trat, mir nix dir nix rückwärts und machte ihre
+Sachen wie zuvor. So auch ich, stolperte noch eine Weile aus einer
+Ecke in die andre, und machte mich endlich, wie alle übrigen, auf den
+Heimweg. Ohne Zweifel, daß Ännchen auf mich acht gegeben. Nahe beim
+Dorf kam sie hinter mir drein: »Uli! Uli! Jetzt sind wir allein. Komm'
+noch mit mir zu des Seppen, und zahl mir eine Halbe!« »Wo du willst,«
+sagt' ich, und damit setzten wir ein paar Minuten stillschweigend unsre
+Straße fort. »Ännchen! Ännchen!« hob ich dann wieder an, »ich muß dir's
+nur grad sagen, ich hab' kein Geld. Der Ätti gibt mir keins in Sack,
+als etwa zu einem Schöppli, und das hab' ich schon im Städtli verputzt.
+Glaub' mir's, ich wollt' herzlich gern -- und dich dann heim geleiten!
+Oh! Aber da müßt' ich wieder meinen Vater fürchten. Gwüß, Ännchen! 's
+wär das erstemal. Noch nie hätt' ich mich unterstanden, ein Mädle zum
+Wein zu führen, und jetzt, wie gern ich's möcht', und auf Gottes Welt
+keine lieber als dich, bitte, bitte, glaub mir's, kann und darf ich's
+nicht. Gwüß ein andermal, wenn du mir nur wart'st, bis ich darf und
+Geld hab'.« -- »Ei, Possen, Närrlin!« versetzte Ännchen, »dein Vater
+sagt nichts, und bei der Mutter will ich's verantworten -- weiß schon,
+wo der Has lauft. Geld? Mit samt dem Geld! 's ist mir nicht ums Trinken
+und nicht ums Geld -- und damit griff sie ins Säcklin -- hier hast du,
+glaub' ich, genug, zu zahlen, wie's der Brauch ist. Mir wär's Ein Ding,
+ich wollt' lieber für dich zahlen, wenn's so Mode wär'.« Paf! Jetzt
+stand ich da, wie die Butter an der Sonne. Ich gab endlich Ännchen mit
+Zittern und Beben die Hand, und so ging's vollends ins Dorf hinein, zum
+Engel. Mir ward's blau und schwarz vor den Augen, als ich mit ihr in
+die Stube trat, und da alles von Tischen voll Leute wimmelte, die einen
+Augenblick wenigstens auf uns ihre Blicke richteten. Indessen deucht'
+es mich auch wieder, Himmel und Erde müss' einem gut sein, der ein so
+holdes Mädchen zur Seite hat. Wir tranken unsre Maß, weder zu langsam
+noch zu geschwind; zu schwatzen gab's, ich denk' durch meine Schuld,
+eben nicht viel. Entzückt, und ganz durchglüht von Wein und Liebe, aber
+immer voll Furcht, führt' ich nun das herrliche Kind nach Haus, bis an
+die Türe. Keinen Kuß? Keinen Fuß über ihre Schwelle? Ich schwöre es:
+Nein! Auch ich lief nun schnurstracks heim, ging mausstill zu Bett',
+und dachte: Heut wirst du bald und süßer entschlummern, als sonst noch
+nie in deinem Leben! Aber wie ich mich betrog! Da war von Schlaf keine
+Rede. Tausend wunderbare Grillen gingen mir im Kopf herum und wälzten
+mich auf meinem Lager hin und her. Hauptsächlich verwünscht' ich jetzt
+meine kindische Blödigkeit und Furcht: Oh, das himmlische süße Mädchen!
+dacht' ich, konnt' es wohl mehr tun, und ich weniger? Ach! es weiß
+nicht, wie's in meinem Busen brennt, und nur durch meine Schuld. Oh,
+ich Hasenherz! Solch ein Liebchen nicht küssen, nicht halb zerdrücken!
+Kann Ännchen so einen Narren, so einen Lümmel lieben? Nein! Nein! Warum
+spring' ich nicht auf und davon, zu ihrem Haus, klopf an ihrer Tür' und
+rufe: Ännchen, Ännchen, liebstes Ännchen! Steh' auf, ich will abbitten!
+Ich war ein Ochs, ein Esel! verzeih mir's doch! O, ich will's künftig
+besser machen, und dir gewiß zeigen, wie lieb mir bist! Herziger
+Schatz! ich bitt' dich drum, sei mir doch weiter gut und gib mich nicht
+auf. Ich will mich bekehren, bin noch jung und was ich nicht kann, will
+ich lernen. -- So machte mich, gleich vielen andern, die erste Liebe
+zum Narren.
+
+Des Morgens in aller Frühe flog ich nach Ännchens Haus. -- Ja, das
+hätt' ich tun sollen, tat's aber eben nicht. Ich schämt' mich vor ihr,
+daß mir's Herz davon weh tat, in die Seel' hinein schämt ich mich, vor
+den Wänden, vor Sonn' und Mond, vor allen Stauden schämt' ich mich,
+daß ich gestern so erzalbern tat. Meine einzige Entschuldigung vor
+mir selber war, daß ich dachte, es hätte so seine eigne studierte Art
+mit den Mädels umzugehn, und ich wüßte diese Art nicht, niemand sage
+mir's, und ich hätt' nicht das Herz, jemand zu fragen. Aber so (roch's
+mir dann wieder auf) darfst du Ännchen nie, nie mehr unter die Augen
+treten, fliehen mußt du vielmehr das holde Kind, oder kannst wenigstens
+nur im Verborgenen mit ihr deine Freud' haben, nur verstohlen nach ihr
+blicken. Inzwischen macht' ich eine neue Bekanntschaft mit ein paar
+Nachbarsbuben, die auch ihre Schätz' hatten, um heimlich von ihnen
+zu erfahren, wie man mit diesen schönen Dingen umgehen und es machen
+müsse, ihnen zu gefallen. Einmal nahm ich gar das Herz in beide Händ'
+und fragte sie darum, aber sie lachten mich aus, und sagten mir so
+närrisches und unglaubliches Zeug, daß ich gar nicht mehr wußte, wo ich
+zu Haus war.
+
+Inzwischen ward diese Liebesgeschichte, die ich gern vor mir selber
+verborgen hätte, bald überall laut. Die ganze Nachbarschaft, und
+besonders die Weiber, gafften mir, wo ich stund und ging, ins Gesicht,
+als ob ich ein Eisländer wäre: »Ha, ha, Uli!« hieß es dann, »du hast
+die Kinderschuh auch verheyt.«[31] Meine Eltern wurden's ebenfalls
+inne. Die Mutter lächelte dazu, denn Ännchen war ihr lieb, aber
+der Vater blickte mich desto trüber an, doch ließ er kein Wörtchen
+verlauten, als ob er in meinem Busen Unrat lese. Das war nun desto
+peinigender für mich. Ich ging überall umher wie der Schatten an der
+Wand und wünschte oft, daß ich Ännchen nie mit einem Aug' gesehen
+hätte. Auch meine Bauersleute rochen bald den Braten und spotteten
+meiner.
+
+[Sidenote: Nachtbesuch]
+
+[Sidenote: Eifersucht]
+
+Eines Abends kam mir Ännchen so in den Wurf, daß ich nicht entwischen
+konnte. Ich stund wie versteinert. »Uli!« sagte sie, »komm heut z'Nacht
+ein bißli zu mir, ich hab' mit dir z'reden. Willst kommen, sag'?« --
+»Ich weiß nicht,« stotterte ich. »Eh, komm! Ich muß notwendig mit
+dir reden, sag, versprich mir's!« »Ja, ja gewiß, wenn ich kann!« Wir
+mußten scheiden. Ich rannte eilends nach Haus. Himmel! dacht' ich, was
+mag das sein? Kann das liebe Ännchen mir noch so freundlich begegnen?
+Soll ich, darf ich? Ja, ich muß, ich will gehn. Nun geriet ich, ob aus
+Ehrlichkeit oder List weiß ich selbst nicht, auf den guten Einfall,
+das Ding der Mutter zu sagen. »Ja ja, geh' nur,« sprach diese, »ich
+will dir nach dem Essen schon forthelfen, daß kein Hahn darnach krähen
+soll.« Das war mir recht gekocht. Alles gesagt, getan. Ich ging hin
+und traf Ännchen, ihre Mutter und ihren Stiefätti, sie hielten sonst
+eine Schenke, ganz allein an. Ich ließ ein Glas Branz[32] holen, um
+doch etwas zu tun, bis die Alten im Bett' wären, weil ich nichts
+zu reden wußte. Aus lauter Furcht saß ich weit von Ännchen weg.
+Aber darum mocht' ich's doch kaum erwarten, bis die Eltern zur Ruh'
+gingen. Endlich geriet's. Da fing mein Liebchen an, in einem fort zu
+schnättern, daß es lieblich und doch betrübt zu hören war, als sie mir
+über mein kaltes Bezeigen Vorwürf' über Vorwürf' machte, und alles,
+was sie die Zeit her über mich schwatzen gehört, mir unter die Nase
+rieb. Ich faßte Mut, verantwortete mich so gut ich konnte, und sagt'
+ihr auch gerad' allen Kram heraus, was die Leut' von ihr redeten und
+wofür man sie hielt, von meinen Gesinnungen hingegen kein Wort: »So!«
+sagte sie, »was schiert mich der Leute Reden! Ich weiß schon, wer
+ich bin, und hinter dir hätt' ich ein wenig mehr als soviel gesucht.
+Macht aber nichts, schadet gar nichts!« Nachdem dieser Wortwechsel
+noch ein Weilchen fortgedauert hatte, und mir das Brenz ein wenig in
+den Kopf stieg, wagt' ich's ihr ein bißchen näher zu rücken, denn
+das zwar bösscheinende, aber verzweifelt artige Räsonnieren gefiel
+mir in der Seele wohl. Ich erkühnte mich sogar, ihr einige läppische
+Lehrstücke von erznärrischen Liebkosungen zu machen. Sie wies mich
+aber frostig zurück und sagte: »Kannst mir warten! Wer hat dich das
+gelehrt?« Dann schwieg sie eine Weile still, guckte steif ins Licht,
+und ich ein gut' Klafter von ihr entfernt, ihr ins Gesicht. Oh, ihre
+zwei blauen Äuglin, die gelben Haarlocken, das nette Näschen, das
+lose Mäulchen, die sanft roten Bäcklin, das feine Ohrläpplin, das
+geründelte Kinn, das glänzend weiße Hälschen, o, in meinem Leben hab'
+ich so nichts gesehn. Kein Maler vom Himmel könnt's schöner malen.
+»Dürft' ich doch,« dacht' ich, »nur ein einziges Mal einen Kuß auf
+ihr holdes Mündlein tun! Aber nun hab' ich's schon wieder, und ach!
+wohl auf ewig verdorben.« Ich nahm also kurz und gut Abschied. Ganz
+frostig sagte sie: »Adieu!« Ich noch einmal: »Leb' wohl, Anne!« und im
+Herzen: Leb' ewig wohl, herzallerliebstes Schätzchen! Aber vergessen
+konnt' ich sie nun einmal nicht. In der Kirch' sah ich sie mehr als
+den Pfarrer, und wo ich sie erblickte, war mir wohl ums Herz. Eines
+Sonntagabends sah ich einen Schneiderbursch Ännchen heimführen. Wie
+da urplötzlich mein Blut sich empörte, und alle Säfte mir in allen
+Gliedern rebellierten! Halb sinnlos sprang ich ihnen auf dem Fuß nach,
+ich hätte den Schneider erwürgen können, aber ein gebietender Blick von
+Ännchen hielt mich zurück. Inzwischen macht' ich ihr nachwärts bittere
+Vorwürf' drüber, und eine ganze Litanei von räudigen Schneidern und
+Schneidereigenschaften. Dacht' halt: Verloren ist verloren! -- Aber
+Anne blieb mir nichts schuldig, wie ihr's leicht denken könnt.
+
+[Sidenote: Die Eltern]
+
+Ännchens Stiefätti war ein leichtsinniger Brenzwirt; ihm galt's
+gleichviel, wer kam und ihm sein Brenz absoff. Ich war nun in kurzem
+bei seinem Töchterchen wieder wohl am Brett, und genoß dann und wann
+ein herrliches Viertelstündchen bei ihr. Das lag meinem Vater gar
+nicht recht. Er sprach mir ernstlich zu, es half aber alles nichts,
+Ännchen war mir viel zu lieb. Fürchterlich schimpft' er bisweilen
+auf das verdammte Brenznest, wie er es nannte; und Anne sah' er für
+eine liederliche Dirn' an. Aber Gott weiß es! das war sie nicht; das
+redlichste bravste Mädchen, fast meiner Länge, so schlank und hübsch
+geformt, daß es eine Lust war. Aber ja, schwätzen konnt' sie wie eine
+Dohle. Ihre Stimme klang wie ein Orgelpfeifchen. Sie war immer munter
+und allert;[33] um und um lauter Leben; und das macht es eben, daß
+mancher Sauertopf so schlimm von ihr dachte. Wenn meine Mutter meinen
+Vater nicht bisweilen eines Besseren belehrt, er hätt' mit Stock und
+Stein dreingeschlagen.
+
+[Sidenote: Ännchen zum Besuch]
+
+So verstrich der Sommer. Noch in keinem hatten mir die Vögel, die ich
+alle Morgen mit Entzücken behorchte, so lieblich gesungen. Gegen den
+Herbst zogen wir in die Pulverstampfe, wo um diese Zeit mein Vater zum
+Pulvermacher angenommen worden war. Der Meister, C. Gasser, wurde von
+Bern verschrieben, und lehrt' uns das Handwerk aus dem Fundament, so
+daß wir auch das Schwerste in wenig Wochen begreifen konnten. Unter
+andern war mein Ätti froh, mich jetzt ein Stück weit von Ännchen
+weg zu haben. Auch überwand ich mich ziemlich lang -- als das liebe
+Kind einst unversehens zu uns zu Stubeten[34] kam. Ich erschrak
+sehr, und dacht' da würd' ein Wetter losgehen. So lang' sie da war,
+hingen des Vaters Augenbraunen tief herunter, er schnaubte vor Grimm,
+redte kein Wort, horchte aber, wie man leicht merken mochte, auf alle
+Scheltwort'. Oh, wie dauerte mich das herrliche Schätzchen! Würd's
+doch mein Vater wie ich kennen, wie ganz anders wär's da empfangen
+worden. Des Abends geleitete ich sie nach Haus. Noch war ich immer
+der alte blöde Junge. Sie neckte mich artlicher als sonst, aber doch
+mußt's geneckt sein. Morgens drauf erst ging des Ättis Predigt an:
+was er an Ännchen Ungereimtes bemerkt, oder vielmehr bemerkt haben
+wollte, was er gehört und nicht gehört, sondern nur vermutet, das
+alles kam in die Nutzanwendung seines Sermons. Allerhand Spottnamen,
+und kurz, alles was Ännchen in meinen Augen verächtlich machen sollte,
+blieb +per se+ nicht aus. Und wirklich, so lieb mir das Mädchen
+war, nahm ich mir jetzund doch vor, von ihr abzustehn, weil mir der
+Vater sie schwerlich jemals lassen würde, und inzwischen noch mancher
+Ehrenpfennig ihretwegen spazieren müßte. Gleichwohl darf ich zu ihrem
+Preis auch nicht verschweigen, daß sie mich nie um Geld bringen wollte,
+ja, daß sie sogar, wenn ich für sie ein Brenzlin zahlte, nicht selten
+die Ürte[35] mir heimlich wieder zusteckte. Eines Tags nun sagt' ich
+zum Ätti: »Ich will nicht mehr zur Anne gehn', ich versprech dir's.«
+»Das wird mich freuen,« sprach er, »und dich nicht gereuen, Uli! Ich
+mein's gewiß gut mit dir. Sei doch nicht so wohlfeil. Du bist noch
+jung, und kommst alleweil früh genug zum Schick. Unterdessen geht's dir
+sicher mehr auf als ab. So eine gibt's noch, wann der Markt vorbei ist.
+Führ' dich brav auf, bet' und arbeite, und bleib fein bei Haus. Dann
+gibst einen rechten Kerl, einen Mann ins Feld, und, ich wette, bekommst
+mit der Zeit ein braves Bauernmädle. Indessen will ich immer für dich
+sorgen.«
+
+So ging der Winter vorbei. Aber mein Wort hielt ich wenig, und sah
+Ännchen, so oft es insgeheim geschehen konnte.
+
+[Sidenote: Immer noch Liebesgeschichten]
+
+Von Gallitag bis in März konnten wir kein Pulver machen. Ich verdient'
+also mein Brot mit Baumwollenkämmen; die andern mit Spinnen. Der Vater
+machte die Hausgeschäfte, las uns an den Abenden aus David Hollatz,
+Böhm und Meads »Beinahe-Christ« die erbaulichsten Stellen vor, und
+erklärte uns, was er für unverständlich hielt, eben nicht allemal am
+verständlichsten. Ich las auch für mich. Aber mein Sinn stund meist
+nicht im Buch, sondern in der weiten Welt.
+
+Im folgenden Frühling (1755) hieß es: Wohin nun mit so viel
+Buben? Jakob und Jörg wurden zum Pulvermachen bestimmt, ich zum
+Salpetersieden. Bei diesem Geschäft gab mir mein Vater den Uli
+M., einen groben, aber geraden, ehrlichen Menschen zum Gehilfen,
+der ehemals Soldat gewesen, und das Handwerk von seinem Vater her
+verstand, der in seinem Beruf, aber auch elend genug, verstorben, da
+er in einen siedenden Salpeterkessel fiel. Wir beiden Ulis fingen
+also miteinander im März 1755 in der Schamatten unsern Gewerb an. Da
+gab's unter der Arbeit allerlei Gespräche, die mein Kamerad wohl durch
+einen Umweg, und wie ich nachwärts erfuhr, geflissen, vielleicht gar
+auf Anstiften meines Vaters auf Heiratsmaterien zu lenken wußte. Er
+empfahl mir endlich eine schon ziemlich ältliche Tochter zur Frau,
+die auch meinen Eltern, dem Ätti besonders, ihres bestandenen Alters
+und stillen Wandels wegen, wohl gefiel. Ihnen zu Gefallen, führt' ich
+diese Ursel ein paar Mal zum Wein. Mein Uli machte viel Rühmens von
+diesem Esaugesicht, das er, nach seiner eignen Sag', schon vor zehn
+Jahren karessiert hätte. Daß ich eben wenig Reizendes an ihr entdeckte,
+versteht sich schon. Eine Stunde bei ihr dünkte mich eine halbe Nacht,
+so gut sie mir immer begegnete, ja, je besser, desto schlimmer für
+mich. Übrigens trug sie eine ordentliche Bauerntracht. Aber mit Ännchen
+verglichen war's halt wie Tag und Nacht. Als mich daher letztre eines
+Tags an der Straß' auffing, sprach sie mit bitterm Spott: »Pfui, Uli!
+So ein Haargesicht, so eine Iltishaut, so ein Tanzbär! Mir sollt'
+keiner mehr auf einen Büchsenschuß nahe kommen, der sich an einer
+solchen Dreckpatsche beschmiert hätte! Uhi! wie stinkst!« Das ging mir
+durch Mark und Bein. Ich fühlte, daß Ännchen recht hatte; aber dennoch
+verdroß es mich. Ich verbiß meinen Unmut, schlug ein erzwungenes
+Gelächter auf, und sagte: »Gut, gut, Ännchen! Nächstens will ich dir
+alles erklären!« und damit gingen wir voneinander. Es währte kaum
+vierundzwanzig Stunden, so gab ich meiner grauen Ursel förmlichen
+Abschied. Sie sah mir wehmütig nach und rief immer hintendrein: »Ist
+denn nichts mehr zu machen? Bin ich dir zu alt oder nicht hübsch gnug?
+Nur noch einmal.« Aber ein Wort, ein Mann.
+
+Am nächsten Huheijatag,[36] wo Ännchen auch gegenwärtig war, sah sie,
+daß ich allein trank. Sie kam freundlich zu mir und lud mich auf den
+Abend ein. Voll Entzücken flog ich zu ihr hin, und merkte bald, daß ich
+wieder recht willkomm war, obschon mir das schlaue Mädle über meine
+Bekanntschaft mit Urseln aufs neue die bittersten Vorwürfe machte. Ich
+erzählte ihr haarklein, wie das Ding zugegangen. Sie schien sich zu
+beruhigen. Das machte mich herzhafter; ich wagte zum erstenmal, es zu
+versuchen, sie an meine Brust zu drücken, und einen Kuß anzubringen.
+Aber, potz Welt! da hieß es: »So! Wer hat dich das gelehrt? G'wiß die
+alte Hudlerin. Geh, geh, scher' dich, und sitz erst ins Bad, dir den
+Unrat abzuwaschen.« -- Ich: »Ha! Ich bitt' dich, Schätzle! sei mir
+nicht kurios. Hab' dich ja alleweil geliebt, und lieb dich je länger
+je stärker. Laß mich doch -- nur eins!« -- Sie: »Abslut nicht! Um alles
+Geld und Gut nicht! Fort, fort, nimm deine Trallwatsch, die dir das
+Ding gewiesen!« -- Ich: »Ach! Ännchen! Schätzchen! Laß mich! Hätt'
+dich schon lang für mein Leben gern -- ach, mein Gott!« -- Sie: »Laß
+mich gehn -- ich bitt' dich! -- Gewiß nicht. -- Einmal jetzt nicht.«
+-- Endlich sagte sie freundlich lächelnd: »Wenn du wiederkommst!« Aber
+dreimal, wenn ich wiederkam, fing das verschmitzte Mädchen immer das
+nämliche Spiel an. So können diese schlauen Dinger die dummen Buben
+lehren. Endlich schlug die erwünschte Stunde: »Ännchen, Ännchen!
+liebstes Ännchen! Kannst's auch übers Herz bringen? Bist mir doch so
+herzinniglich lieb! Und ich sollt' kein einzig Mal dein holdes Mündchen
+küssen? Gelt, du erlaubst's mir? Ich kann's länger nicht aushalten.
+Lieber will ich dich ganz und gar meiden.« Jetzt drückte sie mir
+freundlich die Hand, sagte aber wieder: »Nun gewiß, das nächstemal,
+wenn du wiederkommst!« Hier fing mir an, die Geduld auszugehn. Ich ward
+wild und schnippisch. Sie hinwieder befürchtete, glaub' ich, Unrat;
+foppte mich zwar, wie es scheinen sollte, noch immerfort, daß es eine
+Lust war; aber mit eins kam ihr ein Tränchen ins Aug', und sie wurde
+zahm wie ein Täubchen: »Nun ja!« sagte sie: »'s ist wahr, du hast die
+Prob' ausgehalten. Du solltest mir für deine Sünd' büßen. Aber die
+Straf' hat mich mehr gekostet, als dich, liebes, herziges Üchelin!«
+Dies sagte sie mit einem so süßen Ton, der mir jetzt noch wie ein
+fernes Silberglöcklin ins Ohr läutet: Ha! dacht' ich einen Augenblick,
+jetzt könnt' ich dich wieder strafen, loses Kind! Aber ich bedacht'
+mich bald eines Bessern, riß mein Liebchen in meine Arme, gab ihr wohl
+tausend Schmätzchen auf ihr zartes Gesichtlin, überall herum, von einem
+Ohr bis zum andern, und Ännchen blieb mir kein einziges schuldig;
+nur daß ich schwören wollte, daß die ihrigen noch feuriger als die
+meinigen waren. So ging's ohne Unterlaß fort mit Herzen und Schäkern
+und Plaudern bis zur Morgendämmerung. Jetzt kehrt' ich jauchzend nach
+Haus und glaubte der erste und glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden
+zu sein. Aber bei alldem fühlt' ich's lebhaft, noch fehle mir, ich
+wußte doch nicht was? Meist kam's, glaub ich, darauf hinaus: Oh, könnt'
+ich mein Ännchen, könnt' ich dies holde, holde Kind ganz besitzen,
+völlig mein heißen, und ich sein, sein Schätzchen, sein Liebchen! Wo
+ich darum stund und ging, waren meine Gedanken bei ihr. Alle Wochen
+durft' ich eine Nacht zu ihr wandeln; die schien mir eine Minute, die
+Zwischenzeit sechs Jahre zu sein. Oh, der seligen Stunden! Da setzte es
+tausend und hunderterlei verliebte Gespräche, da eiferten wir in die
+Wette, einander in Honigwörtchen zu übertreffen, und jeder neue oder
+alte Ausdruck galt einen neuen Kuß. Ich mag nicht schwören und schwöre
+nicht, aber das waren gewiß nicht nur die seligsten, sondern auch
+die schuldlosesten Nächte meines Lebens! Und doch, ich darf's einmal
+nicht verbergen, war Ännchens Ruf nicht der beste. Dies hatte sie ohne
+Zweifel ihrem freien, geschwätzigen Mäulchen zu verdanken. Ich habe
+stets und immer mehr das redlichste, beste, züchtigste Mädchen an ihr
+gefunden. Freilich, von jenen eigentlichen Verführerkünsten braucht'
+ich und kannt' ich wirklich keine, doch bin ich überzeugt, daß sie auch
+dergleichen siegreich widerstanden wäre.
+
+So ging der mir unvergeßliche Sommer des Jahres 1755 wie eine Woche
+vorbei, und täglich gewann ich mein Ännchen lieber. Vor allen andern
+Mädels ekelte mir's, obgleich ich von Zeit zu Zeit Gelegenheit hatte,
+mit den artlichsten Töchtern des Lands bekannt zu werden. Inzwischen
+war ich ein muntrer Salpetersieder, bald allein, bald in Gesellschaft
+mit jenem andern Uli, der sich noch immer große Mühe gab, mir die
+wunderbarsten Dinger anzukuppeln. Aber, puh! davon war keine Rede mehr,
+nebendem daß ich noch überall an kein Heiraten denken durfte.
+
+[Sidenote: Es geht auf Reisen]
+
+Es war im Herbst, als ich eines Tages meinem Vater eine hübsche Buche
+im Wald fällen half. Ein gewisser Laurenz Aller von Schwellbrunn,
+ein Rechen- und Gabelmacher, war uns dabei behilflich und kaufte uns
+nachwärts das schönste davon ab. Unter allerhand Gesprächen kam's auch
+auf mich: »Ei, ei, Hans!« sagte Laurenz, »du hast da einen ganzen
+Haufen Buben. Was willst mit allen anfangen? Hast doch kein Gut, und
+kann keiner ein Handwerk. Schad', daß du nicht die größten in die Welt
+'nausschickst. Da könnten sie ihr Glück machen. Siehst's ja an des
+Hans Joggelis seinen: Die haben im Welsch-Berngebiet gleich Dienst
+gefunden, sind noch kaum ein Jahr fort, und kommen schon wie ganze
+Herren neumontiert, mit goldbordierten Hüten heim, sich zu zeigen. Sie
+würden um kein Geld mehr hiezuland bleiben.« »Ha!« sagte mein Vater:
+»Aber meine Buben sind dazu zu läppisch und ungeschickt, des Hans
+Joggelis hingegen witzig und wohlgeschult; können lesen, schreiben,
+singen und geigen. Meine sind nur lauter Narren in Vergleichung; sie
+stehen, wo man's stellt, und tun's Maul auf.« »Behüte Gott!« versetzte
+Laurenz, »mußt das nicht sagen, Hans! Sie wären gewiß zu brauchen;
+sonderlich der große da ist wohl gewachsen, kann auch lesen und
+schreiben, und ist sicher kein Stockfisch -- seh's ihm wohl an. Potz
+Wetter! wenn der recht getummelt wird, das gäb' einen Kerl. Würd'st die
+Augen aufsperren! Hans, ich will dir Mann dafür sein, daß er nach Jahr
+und Tag heimkommt gestiefelt und gespornt, und Geld hat wie Hünd,[37]
+daß es dir ein' Ehr' und Freud' sein soll.« Während diesem Gespräch
+sperrt' ich Maul und Augen auf und guckte dem Vater ins Gesicht. Er
+mir dergleichen und sprach: »Was meinst, Uli?« Aber eh' ich antworten
+konnte, fuhr Laurenz fort: »Potz Hagel! wenn ich noch so jung wär',
+und 's Maul voll hübsche Zähn' hätte, wie du, das ganze Tockenburg mit
+allen seinen Stricken und Seilern sollten mich nicht im Land behalten.
+Ich bin auch in der Welt 'rumkommen. Ha! da gibt's G'lobte Länder, und
+Geld z' verdienen wie Dreck. Weiß, was ich da gesehen hab'. Aber ich
+war halt ein liederlicher Narr, und nun ist's zu spät, wenn man dem
+Alter zuruckt, und gar ein Weib hat. Oh, ich möchte noch brieggen[38]
+darob. Aber, was ist zu machen?« »Alles gut,« fiel mein Vater ein;
+»aber da müßt' er Empfehlungsschreiben oder sonst jemand haben, der ihm
+in den Teich hülfe. Ich wollte freilich gern all meine Kinder versorgt
+wissen, und keinem vor dem Glück stehn. Aber« -- »Aber, was aber?«
+unterbrach ihn Laurenz. »Dafür laß mich sorgen, es soll dich nicht
+einen Heller kosten, Hans! und Bürg will ich dir sein, dein Bub soll
+versorgt werden, daß er einen Mann, daß er einen Herrn gibt. Ich kenne
+weit und breit angesehene Leut' genug, die solche Bursch' glücklich
+machen können; und da will ich dem Uli g'wiß den besten aussuchen, daß
+er mir's sein Lebtag danken soll.« -- Mein Vater traute gegen seine
+Gewohnheit diesmal geschwind; denn er war dem Laurenz gut. Und von
+mir kam's, einige Liebesskrupel ausgenommen, von denen wir bald reden
+werden, gar nicht in Frage. Sobald es einmal von des Ätti Seite hieß:
+»Wie, Uli, hätt'st Lust?« hieß es von meiner: »Ja!« Mein Vater mochte
+um so viel zufriedener sein, da er mich dergestalt vollends von Ännchen
+entfernen konnte. Der Mutter hingegen lag's gar nicht recht. Aber, man
+weiß es schon, wenn der Näbishans einmal einen Entschluß gefaßt, hätten
+ihn Himmel und Erde nicht mehr davon abwendig gemacht. Es ward also Tag
+und Stund' abgeredt, wo ich mit Laurenz verreisen sollte, ohne weiter
+einem Menschen ein Wort davon zu sagen: denn es mache nur unnötigen
+Lärm, sagte mein Führer.
+
+Gute Nacht, Welt! Ich geh' ins Tirol. So hieß es bei mir. Denn
+einesteils wenigstens war ich lauter Freude, meinte, der Himmel hange
+voll Geigen und Hackbrettlin, und hätt' Siegel und Brief in der Tasche,
+daß mein Glück gemacht sei. Andersteils ging mir's freilich entsetzlich
+nahe, nicht eben das Vaterland, aber das Land zu meiden, wo mein
+Liebstes wohnte. Ach! könnt' ich mein Ännchen nur mitnehmen, dacht' ich
+wohl hunderttausendmal. Aber dann wieder: Fünf, höchstens sechs Jahr'
+sind doch bald vorbei. Und wie wird's dann mein Schätzchen freuen, wenn
+ich mit Ehr' und Gut beladen, wie ein Herr nach Haus kehren, oder es zu
+mir in ein Gelobt Land abholen kann.
+
+[Sidenote: Abschied vom Vaterland]
+
+Also, auf den siebenundzwanzigsten des Herbstmonats (1755), Samstag
+abends, ward's abgeredt, den Weg in Gottes Namen unter die Füße zu
+nehmen. »Wir wollen bei Nacht und Nebel fort,« sagte Laurenz; »es gibt
+sonst ein gar zu wunderfitzig Gelüg, und an einem Werktag hab' ich
+nicht Zeit. Mach' dich also reis'fertig. Einen guten Rock, damit ist's
+getan.« Samstag morgens macht' ich alles zurecht. Nun ging's an den
+Abschied. Mutter und Schwestern vergossen häufige Tränen, und fingen
+schon um Mittag an, mir tausendmal: Gott behüt', Gott geleit' dich!
+zu sagen. Mein Vater, ebenfalls voll Wehmut, gab mir nebst etlichen
+Batzen folgendes auf den Weg: »Uli!« sprach er, »du gehst fort, Uli!
+Ich weiß nicht wohin, und du weißt's ebensowenig. Aber Laurenz ist ein
+gereister Mann, und ich trau' ihm die Redlichkeit zu, er werd' irgendwo
+ein gutes Nest kennen, wo er dich absetzen kann. Du von deiner Seite
+halt' dich nur redlich und brav, so wird's, will's Gott! nicht übel
+fehlen. Jetzt bist du noch wie ein ungebacknes Brötlin. Gib Achtung und
+laß dich weisen, du bist gelehrig. Übrigens weißt du, ich hab' dir das
+Ding nie mit einem Wort weder geraten noch mißraten. Es war Laurenzens
+Einfall und dein Wille; denen fügt' ich mich, und zwar noch mit
+ziemlich schwerem Herzen. Denn am End' konnt' ich dir noch wie bisher
+Brot geben, wenn du dich weiter willig zu saurer und nicht saurer
+Arbeit, wie sie kommt, bequemt hättest. Aber darum werd' ich mich nicht
+minder freuen, wenn du jetzt Speis' und Lohn dazu auf eine leichtere
+Art verdienen oder gar dein Glück machen kannst. Was mir am meisten
+Mühe macht, Uli! ist deine Jugend und dein Leichtsinn. Glaub mir's, du
+gehst in eine verführerische Welt hinaus, wo's Halunken und Schurken
+genug gibt, die auf die Unschuld solcher Buben lauern. Ich bitt' dich,
+trau' keinem Gesicht, bis du's kennst, und laß dich zu nichts bereden,
+was dich nicht recht dünkt. Bete fleißig, wie Daniel zu Babel, und
+vergiß nie, daß, wenn ich dich schon nicht mehr sehe und höre, dein
+bessrer Vater im Himmel in alle Winkel der Welt sieht und hört, was du
+denkest und tust. Du weißt ja die Bibel, das heißt Gottes Wort, in- und
+auswendig. Sinn' ihm nach, und vergiß es nie, wie wohl's den frommen
+Leuten, die Gott liebten, gegangen ist. Denk! Ein Abraham, Joseph,
+David. Und wie hingegen jenen nichtsnutzen, gottlosen Buben, wie
+unglücklich sie worden sind. Um deiner Seelen willen, Uli! um deiner
+zeitlichen und ewigen Wohlfahrt willen, vergiß deines Gottes nicht.
+Wo der Himmel über dir steht, ist er stets bei dir. Ich kann weiter
+nichts, als dich seinem allmächtigen Schutz anbefehlen, und das will
+ich tun, unablässig.« -- -- So ging's noch eine kurze Weile fort. Mein
+Herz ward weich wie Wachs. Vor Schluchzen konnt' ich nichts sagen, als:
+»Ja, Vater, ja!« und in meinem Inwendigen hallt' es wieder: »Ja, Vater,
+ja!« Endlich, nach einer kurzen Stille, sprach er: »Nun, in Gottes
+Namen, geh!« und ich: »Ja, ich will gehen!« und: »Liebe, liebe Mutter!
+tu doch nicht so, es wird mir nicht gänzlich fehlen. Behüt' euch Gott!
+lieber Vater, liebe Mutter! Behüt' euch Gott alle, liebe Geschwisterte!
+Folgt doch dem Vater und der Mutter! Ich will ihren guten Ermahnungen
+auch folgen in der weit'sten weiten Ferne.« Dann gab mir jedes die
+Hand. Die Zähren rollten ihnen über die feuerroten Backen. Ich mußte
+fast ersticken. Drauf gab mir die Mutter den Reisebündel und ging
+beiseite. Mein Vater geleitete mich noch ein Stück Wegs. Es war schon
+Abenddämmerung. In der Schamatten begegnete mir Kaspar Müller. Der gab
+mir ein artiges Reis'geldlin und Gottes Geleit auf die Straße.
+
+[Sidenote: Abschied vom Schätzle]
+
+Nun flog ich noch zu meinem Ännchen hin, welcher ich erst ein paar
+Nächte vorher mein Vorhaben entdeckt hatte. Sie ward darüber gewaltig
+verdrießlich, wollt' sich's aber anfangs nicht merken lassen.
+»Meinethalben,« sagte sie mit ihrem unnachahmlichen Bitterlächeln,
+»kannst gehen, hab' gemeint, wer nur so liebt, mag sich packen, wohin
+er will.« »Ach! Liebchen,« sprach ich, »du weißt wahrlich nicht, wie
+weh 's mir tut; aber du siehst wohl, mit Ehren könnten wir's so nicht
+mehr lang aushalten. Und ans Heiraten darf ich jetzt nicht denken. Bin
+noch zu jung; du bist noch jünger, und beide haben wir keines Kreuzers
+Wert. Unsre Eltern vermöchten nicht uns ein Nestlin zu schaffen, wir
+gäben ein ausgemachtes Bettelvölklin. Und wer weiß, das Glück ist
+kugelrund. Einmal, ich lebe der guten Hoffnung.« »Nun, wenn's so ist,
+was liegt mir dran?« fiel Ännchen ein. »Aber, gelt! du kommst noch
+einmal zu mir, eh' du gehst?« »Ja, freilich, warum nicht?« versetzt
+ich: »Das hätt' ich sonst getan!« Jetzt ging ich, wie gesagt, wirklich,
+meinem Herzchen das letzte Lebewohl zu sagen. Sie stund an der Tür,
+sah meine Reisepäckchen, hüllte ihr hold gesenktes Köpfchen in ihre
+Schürze und schluchzte, ohne ein Wort zu sagen. Das Herz brach mir
+schier. Es machte mich wirklich schon wankend in meinem Vorhaben, bis
+ich mich wieder ein wenig erholt hatte. Da dacht' ich: In Gottes Namen!
+es muß denn doch sein, so weh' es tut. Sie führt mich in ihr Kämmerlin,
+setzt sich aufs Bett, zieht mich wild an ihren Busen, und -- ach! ich
+muß einen Vorhang über diese Szene ziehn, so rein sie übrigens war, und
+so honigsüß mir noch heute ihre Vergegenwärtigung ist. Wer nie geliebt,
+kann's und soll's nicht wissen, und wer geliebt hat, kann sich's
+vorstellen. G'nug, wir ließen nicht ab, bis wir beide matt von Drücken,
+geschwollen von Küssen, naß von Tränen waren, und die andächtige Nonne
+in der Nachbarschaft Mitternacht läutete. Dann riß ich mich endlich
+aus Ännchens weichen, holden Armen los. »Muß es denn sein?« sagte sie:
+»Ist auf Himmel und Erde nichts dafür? Nein! Ich lass' dich nicht,
+geh' mit dir, so weit der Himmel blau ist. Nein, in Ewigkeit lass' ich
+dich nicht, mein alles, alles auf der Welt!« Und ich: »Sei doch ruhig,
+liebes, liebes Herzchen! Denk einmal ein wenig hinaus, was für Freude,
+wenn wir uns wiedersehen und ich glücklich bin!« Und sie: »Ach! ach!
+dann laßst du mich sitzen!« Und ich: »Ha! in alle Ewigkeit nicht, und
+sollt' ich der größte Herr werden und bei Tausenden gewinnen, in alle
+Ewigkeit lass' ich dich nicht aus meinem Herzen. Und wenn ich fünf,
+sechs, zehn Jahre wandern müßte, werd' ich dir immer, immer getreu
+sein. Ich schwör' dir's«! (wir waren jetzt auf der Straße nach dem
+Dorf, wo Laurenz mich erwartete, fest umschlungen, und gaben uns Kuß
+und Kuß --) »Der blaue Himmel da ob uns mit allen seinen funkelnden
+Sternen, diese stille Mitternacht -- diese Straße da sollen Zeugen
+sein!« Und sie: »Ja! ja! Hier meine Hand und mein Herz, fühl' meinen
+klopfenden Busen, Himmel und Erde seien Zeugen, daß du mein bist, daß
+ich dein bin; daß ich, dir unveränderlich getreu, still und einsam
+deiner harren will, und wenn's zehn und zwanzig Jahre dauern, wenn
+unsre Haare drüber grau werden sollten; daß mich kein männlicher Finger
+berühren, mein Herz immer bei dir sein, mein Mund dich im Schlaf küssen
+soll, bis« -- -- hier erstickten ihr die Tränen alle Worte. Endlich
+kamen wir zu Laurenzes Haus. Ich klopfte an. Wir setzten uns vors Haus
+aufs Bänkchen, bis er herunterkam. Wir achteten seiner kaum. Wirklich
+fing Ännchen jetzt wieder aufs neue an; die Scheu vor einem lebendigen
+Zeugen gab uns selber den Mut, uns besser zu fassen. Wir waren beide so
+beredt wie Landvögte. Aber freilich übertraf mich mein Schätzchen in
+der Redekunst, in Liebkosungen und Schwüren himmelweit. Bald ging's ein
+wenig bergauf. Nun wollte Laurenz Ännchen nicht weiterlassen. »Genug
+ist genug, ihr Bürschlin!« sagte er. »Uchel! so kämen wir ewig nicht
+fort. Ihr klebt da aneinander wie Harz. Was hilft jetzt das Brieggen?
+Mädel, es ist Zeit, mit dir ins Dorf zurück. Es gibt noch der Knaben
+mehr als genug!« Endlich, freilich währt' es lange genug, mußt' ich
+Ännchen selber bitten, umzukehren: »Es muß, es muß doch sein!« Dann
+noch einen einzigen Kuß, aber einen, wie's in meinem Leben der erste
+und der letzte war, und ein paar Dutzend Händedrück', und: Leb', leb'
+wohl! Vergiß mein nicht! Nein, gewiß nicht, nie, in Ewigkeit nicht! Wir
+gingen; sie stand still, verhüllte ihr Gesicht und weinte überlaut, ich
+nicht viel minder. Soweit wir uns noch sehen konnten, schweiten[39] wir
+die Schnupftücher und warfen einander Küsse zu. Jetzt war's vorbei.
+Wir kamen ihr aus dem Gesicht. Oh, wie's mir da zumute war! Laurenz
+wollte mir Mut einsprechen und fing eine ganze Predigt an: wie's in
+der Fremde auch schöne Engel gebe, gegen welche mein Ännchen nur ein
+Rotznäschen sei und dergleichen. Ich ward böse auf ihn, sagte aber kein
+Wort, ging immer stumm hinter ihm her, sah wehmütig ans Siebengestirn
+hinauf. Zwei kleine Sterne gegen Mittag sah ich, wie mir's deuchte,
+so nahe beisammen, als wenn sie sich küssen wollten, und der ganze
+Himmel schien mir voll liebender Wehmut zu sein. So ging's fort,
+ohne meinerseits zu wissen wohin, und ohne den mindesten Gedanken an
+Gutes oder Böses, das mir etwa bevorstehen könnte. Laurenz plauderte
+beständig; ich hörte wenig und betete in meinem Inwendigen fast
+unaufhörlich: Gott behüte meine liebe Anne! Gott segne meine lieben
+Eltern! Gegen Tagesanbruch kamen wir nach Herisau. Ich seufzte noch
+immer meinem Schätzchen nach: Ännchen, Ännchen, liebstes Ännchen! Und
+nun, vielleicht für lange das letztemal, schreib' ich's noch mit großen
+Buchstaben: ÄNNCHEN!
+
+
+
+
+ Wanderschaft
+
+
+Es war ein Sonntag. Wir kehrten im Hecht ein und blieben da den ganzen
+Tag. Alles gaffte mich an, als wenn sie nie einen jungen Tockenburger
+oder Appenzeller gesehen hätten, der in die Fremde ging, nicht wußte
+wohin, noch viel minder warum. An allen Tischen hört' ich viel von
+Wohlleben und lustigen Tagen reden. Man setzte uns wacker zu trinken
+vor. Ich war des Weins nicht gewohnt und darum bald aufgeräumt und
+recht guter Dingen.
+
+[Sidenote: Nachtwanderung]
+
+Wir machten uns erst bei anbrechender Nacht wieder auf den Weg. Ein
+fuchsroter Herisauer, und, wie Laurenz, ein Müller, war unser Gefährte.
+Es ging auf Gossau und Flohweil zu. An letzterm Ort kamen wir bei einem
+Schopf vorbei, wo etliche Mädel beim Licht Flachs schwungen. »Laßt mich
+einmal,« sagt' ich, »ich muß die Dinger sehn, ob keine meinem Schatz
+gleiche?« Damit setzt' ich mich unter sie hin und spaßte ein wenig
+mit ihnen. Aber da war wenig zu vergleichen. Indessen musterten mich
+meine Führer fort, sagten, ich werde derlei Zeug noch genug bekommen,
+und machten allerlei schmutzige Anmerkungen, daß ich rot bis über
+die Ohren ward. Dann kamen wir auf Rickenbach, Frauenfeld, Nünforn.
+Hier überfiel mich mit eins eine entsetzliche Mattigkeit. Es war, des
+Marschierens und Trinkens nicht einmal zu gedenken, das erstemal
+in meinem Leben, daß ich zwo Nächte nacheinander nicht geschlafen
+hatte. Allein die Kerls wollten nichts vom Rasten hören, pressierten
+gewaltig auf Schaffhausen zu, und gaben mir endlich, da ich schwur,
+ich könnte keinen Schritt weiter, ein Pferd. Das gefiel mir nicht
+unfein. Unterwegs ging's an ein Predigen, wie ich mich in Schaffhausen
+verhalten, hübsch grad strecken und frisch antworten sollte. Dann
+flismeten[40] sie zwei miteinander, doch mit Fleiß so, daß ich's hören
+mußte, von galanten Herren, die sie kennten, deren Diener es so gut
+hätten als die Größten im Tockenburg. »Sonderlich,« sagte Laurenz,
+»kenn' ich einen Deutschländer, der sich dort inkognito aufhält, gar
+ein vornehmer Herr von Adel, der allerlei Bediente braucht, wo's der
+geringste besser hat als ein Landamman.« »Ach!« sagt' ich, »wenn ich
+nur nicht zu ungeschickt wäre, mit solchen Herren zu reden!« -- »Nur
+gradzu gered't, wie's kömmt,« sagten sie, »so haben's dergleichen
+vornehme Leut' am liebsten.«
+
+[Sidenote: In Schaffhausen]
+
+[Sidenote: Preußische Werbeoffiziere]
+
+Wir kamen noch bei guter Zeit in Schaffhausen an und kehrten beim
+Schiff ein. Als ich vom Pferd eher fiel als stieg, war ich halb
+lahm und stund da wie ein Hosendämpfer. Da ging's von Seite meiner
+Führer an ein Mustern, das mich bald wild machte, da ich nicht
+begreifen konnte, was endlich draus werden sollte. Als wir die Stiege
+hinaufkamen, hießen sie mich ein wenig auf der Laube warten, traten
+in die Stube und riefen mich nach wenigen Minuten hinein. Da sah ich
+einen großen hübschen Mann, der mich freundlich anlächelte. Sofort
+hieß man mich die Schuh' ausziehn, stellte mich an eine Säul' unter
+ein Maß und betrachtete mich vom Kopf bis zu'n Füßen. Dann red'ten
+sie etwas Heimliches miteinander; und hier stieg mir armen Bürschchen
+der erste Verdacht auf, die zwei Kerls möchten's nicht zum besten
+mit mir meinen. Dieser Argwohn verstärkte sich, als ich deutlich die
+Worte vernahm: »Hier wird nichts draus, wir müssen weiter gehn.«
+»Heut' setz' ich keinen Fuß mehr aus diesem Haus,« sagt' ich zu mir
+selber; »ich hab' noch Geld!« Meine Führer gingen hinaus. Ich saß
+am Tische. Der Herr spazierte das Zimmer auf und ab und guckte mich
+unterweilen an. Neben mir schnarchte ein großer Bengel auf der Bank,
+der wahrscheinlich im Rausch in die Hosen geschwitzt, daß es kaum zu
+erleiden war. Als der Herr während der Zeit einmal aus der Stube ging,
+nahm ich die Gelegenheit wahr, die Wirtsjungfer zu fragen, wer denn
+wohl dieser Bursche sein möchte. »Ein Lumpenkerl,« sagte sie. »Erst
+heute hat ihn der Herr zum Bedienten angenommen, und schon sauft der
+H. sich blindstern voll und macht e'n Gestank, puh!« -- »Ha!« sagt'
+ich, eben als der Herr wieder hereintrat, »so ein Bedienter könnt'
+ich auch werden.« Dies hört' er, wandte sich gegen mich und sprach:
+»Hätt'st du zu so was Lust?« »Nachdem es ist,« antwortet' ich. »Alle
+Tag neun Batzen,« fuhr er fort, »und Kleider so viel du nötig hast.«
+»Und was dafür tun?« versetzt' ich. Er: Mich bedienen. Ich: Ja! wenn
+ich's könnte. Er: Will dich's schon lehren. Pursch, du gefällst mir.
+Wir wollen's vierzehn Tag probieren. Ich: Es bleibt dabei. Damit war
+der Markt richtig. Ich mußt' ihm meinen Namen sagen. Er ließ mir
+Essen und Trinken vorsetzen und tat allerlei gutmütige Fragen an
+mich. Unterdessen waren meine Gefährten, wie ich nachwärts erfuhr,
+zu ein paar andern preußischen Werbeoffizieren gegangen, deren sich
+damals fünf auf einmal in Schaffhausen befanden, und machten bei
+ihrer Zurückkunft große Augen, als sie mich so draufloszechen sahen.
+»Was ist das?« sagte Laurenz. »Geschwind, komm! Jetzt haben wir dir
+einen Herrn gefunden.« »Ich hab' schon einen,« antwortet' ich. Und
+Er: »Wie, was? ohne Umständ« und wollten schon Gewalt brauchen. »Das
+geht nicht an, ihr Leute!« sagte mein Herr. »Der Bursch' soll bei mir
+bleiben!« »Das soll er nicht,« versetzte Laurenz. »Er ist uns von
+seinen Eltern anvertraut.« »Lirum! Larum!« erwiderte der Herr. »Er hat
+zu mir gedungen, und damit auf und Holla!« Nach einem ziemlich heftigen
+Wortwechsel gingen sie miteinander in ein Nebenkabinett, wo Laurenz
+und der Herisauer, wie ich im Verfolg hörte, sich mit drei Dukaten
+abspeisen ließen, von denen einer meinem Vater werden sollte, den er
+aber nie ansichtig ward. Damit brachen sie ganz zornig auf, ohne nur
+mit einem Wort von mir Abschied zu nehmen. Anfangs sollen sie bis auf
+zwanzig Louisdor für mich gefordert haben.
+
+[Sidenote: Als Bedienter]
+
+Den folgenden Tag ließ mein Herr einen Schneider kommen und mir das Maß
+von einer Montierung nehmen. Alle andern Beitaten folgten in kurzem.
+Da stand ich gestiefelt und gespornt, funkelnagelneu vom Scheitel bis
+an die Sohlen. Ein hübscher bordierter Hut, samtne Halsbinde, ein
+grüner Frack, weißtüchene Weste und Hosen, neue Stiefel, nebst zwei
+paar Schuhen: alles so nett angepaßt. -- Sackerlot! Da bildet' ich
+mir kein kaltes Kraut ein. Mein Herr reizte mich noch dazu, nur ein
+wenig stolz zu tun. »Ollrich!« sagte er: »Wenn du die Stadt auf- und
+abgehst, mußt du hübsch gravitätisch marschieren, den Kopf recht in
+die Höhe, den Hut ein wenig auf's eine Ohr.« Mit eigner Hand gürtete
+er mir einen Pallasch an die Seite. Als ich so das erstenmal über
+die Straße ging, war's mir, als ob ganz Schaffhausen mein wäre. Auch
+rückte alles den Hut vor mir. Die Leut' im Haus begegneten mir wie
+einem Herrn. Wir hatten in unserm Gasthof hübsch möblierte Zimmer, und
+ich selber ein ganz artiges. Ich sah aus meinem Fenster alle Stunden
+des Tags das frohe Gewimmel der durchs Schifftor aus- und eingehenden
+Menschen, Pferde, Wagen, Kutschen und Chaisen, und, was mir nicht wenig
+schmeichelte, man sah und bemerkte auch mich. Mein Herr, der mir bald
+so gut war, als ob ich sein eigner Sohn wäre, lehrte mich frisieren,
+frisierte mich anfangs selbst und flocht mir einen tüchtigen Haarzopf.
+Ich hatte nichts zu tun, als ihm bei Tisch zu servieren, seine Kleider
+auszuklopfen, mit ihm spazieren zu fahren, auf die Vögeljagd zu gehn
+und dergleichen. Ha! das war ein Leben für mich. Die meiste Zeit durft'
+ich vollends allein wandeln, wohin es mir beliebte. Alle Tag' ging
+ich bald durch alle Gassen in dem hübschen Schaffhausen; denn außer
+Lichtensteig hatt' ich bisher noch keine Stadt gesehn, und kein größer
+Wasser als die Thur. Ich spazierte also bald alle Abend an den Rhein
+hinaus und konnte mich an diesem mächtigen Fluß kaum satt sehn. Als ich
+den Sturz bei Laufen das erstemal sah und hörte, ward mir's braun und
+blau vor den Augen. Ich hatte mir's, wie so viele, ganz anders, aber so
+furchtbar majestätisch nie eingebildet. Was ich mir da für ein klein
+winziges Ding schien! Nach einem stundenlangen Anstaunen kehrt' ich
+ordentlich wie beschämt nach Haus. Bisweilen ging's auf den Bonenberg,
+der schönen Aussicht wegen. An der Lände half ich den Schiffleuten, und
+fuhr bald selbst mit Pläsier hin und her.
+
+[Sidenote: Unerwarteter Besuch]
+
+So stund's, und mir war himmelwohl, als, ohne Zweifel durch meine
+wackern Begleiter, das Gerücht in meine Heimat kam, man hätte mich aufs
+Meer verkauft; namentlich sollte dies ein Mann ausgesagt haben, der
+mich mit eignen Augen anschmieden und den Rhein hinunterführen gesehn.
+Schon stellte man mich allen Kindern zum Exempel vor, daß sie fein
+bei Haus bleiben und sich nicht in die böse Welt wagen sollten. Zwar
+glaubte mein Vater kein Wort hievon; weil aber die Mutter so grämlich
+tat, ihm Vorwürf' über Vorwürfe machte und Tag und Nacht keine Ruhe
+ließ, entschloß er sich endlich, auf Schaffhausen zu kehren und sich
+selbst nach dem Grund oder Ungrund dieser Märe zu erkundigen. Also an
+einem Abend, welche Freude für uns beide, als mein innigstgeliebter
+Vater so ganz unerwartet, daß ich meinen Augen kaum trauen durfte, in
+meine Kammer trat! Er erzählte mir, was ihn hergeführt, und ich ihm,
+wie glücklich ich sei. Ich zeigte ihm meinen Kasten, die scharmanten
+Kleider darin, alles Stück für Stück bis auf die Hemdknöpflin, und
+stellte ihn meinem guten Herrn vor, der ihn freundlich bewillkommte
+und bestens zu traktieren befahl. -- Nun aber traf's sich, daß man
+gerade den Abend nach dem Nachtessen in unserm Gasthof tanzte, und
+mein Herr als ein Liebhaber von allen Lustbarkeiten sich solches auch
+schmecken ließ, so wie mein Vater und ich uns am Tischchen in einem
+Winkel der großen Gaststube unsern Braten. Ganz unversehens kam er
+auf mich zu: »Ollrich! komm, mußt auch eins mit den jungen Leuten
+da tanzen.« Vergebens entschuldigt' ich mich und bezeugte auch mein
+Vater, daß ich mein Lebtag nie getanzt hätte. Da half alles nichts.
+Er riß mich hinterm Tisch hervor und gab mir die Köchin im Haus, ein
+artiges Schwabenmeitlin, an die Hand. Der Schweiß tropfte mir von der
+Stirn vor Scham, daß ich in Gegenwart meines Vaters tanzen sollte. Das
+Mädchen inzwischen riß mich so vertummelt herum, daß ich in kurzem
+sinnlos von einer Wand zu der andern platschte, und damit allen
+Zuschauern zum Spektakel ward. Mein lieber Ätti red'te zwar bei dieser
+ganzen Szene kein Wort; aber von Zeit zu Zeit warf er auf mich einen
+wehmütigen Blick, der mir durch die Seele ging. Wir legten uns noch
+zeitig genug zu Bette. Ich ward nicht müde, ihm nochmals eine ganze
+Predigt zu machen, wie wohl ich mich befinde, was ich für einen gütigen
+Herrn habe, wie freundlich und väterlich er mir begegne und so fort.
+Er gab mir nur mit abgebrochenen Worten Bescheid: Ja, so, es ist gut,
+und schlief, so wie ich nicht minder, ziemlich unruhig ein. Des Morgens
+nahm er Abschied, sobald mein Herr erwacht war. Derselbe zahlte ihm die
+Reisekosten, gab ihm noch einen Taler auf den Weg, und versicherte ihn
+hoch und teuer, ich sollt' es gewiß gut bei ihm haben und wohl versorgt
+sein, wenn ich mich weiter treu und redlich betragen würde. Mein
+redlicher Vater, der nun schon wieder Mut und Zutrauen faßte, dankte
+höflich und empfahl mich aufs beste. Ich gab ihm das Geleit bis zum
+Kloster Paradies. Auf der Straße sprachen wir so herzlich miteinander,
+als es seit jener Krankheit in meiner Jugend nie geschehen. Er gab mir
+vortreffliche Erinnerungen: »Vergiß deine Pflichten, deine Eltern und
+deine Heimat nicht, so wird dich Gottes Vaterhand gewiß auf gute Wege
+leiten, welche freilich weder ich noch du voraussehn.« Beim Abschied
+zerdrückten wir uns fast. Ich konnte vor Schluchzen kaum ein: Behüte,
+behüte Gott! herstammeln, und dachte immer: Ach! könnt' ich doch mein
+gegenwärtiges Glück ungetrennt von meinem guten Ätti genießen, jeden
+Bissen mit ihm teilen, und dergleichen.
+
+[Sidenote: Der Dienst]
+
+[Sidenote: Johann Markoni]
+
+Meines Diensts war ich bald gewohnt. Mein Herr hatte, ohne mein Wissen,
+etlichemal meine Treu auf die Probe gestellt, und hie und da im
+Zimmer Geld liegen lassen. Als bald nachher einem andern preußischen
+Werboffizier sein Bedienter mit dem Schelmen davonging und ihm über
+achtzig Gulden enttrug, sagte mein Herr zu mir: »Willst du mir's auch
+einmal so machen, Ollrich?« Ich versetzte lachend: Wenn er mir so
+etwas zutraue, soll er mich lieber fortjagen. Ich hatte aber wirklich
+sein Vertrauen so sehr gewonnen, daß er mir den ganzen Winter durch
+die Schlüssel zu seiner Stube und Kammer ließ, wenn er etwa ohne
+Bedienten kleine Touren machte. Hinwieder ehrte und liebte ich ihn wie
+einen Vater. Aber er war auch freundlich und gütig danach. Nur zu viel
+konnt' ich spazieren und müßig gehn, und fuhr ich, besonders im Herbst,
+oft über Rhein auf Feuerthalen, denn die alte Brücke war kurz vorher
+eingefallen, und die neue erst akkordiert, in die Weinlese. Dort half
+ich dem jungen Volke Trauben essen, bis ans Halszäpflin. Einmal bei
+einer solchen Überfahrt sagte mir jemand: »Nun, wie geht's Ulrich?
+Weißt du auch, daß dein Herr ein preußischer Offizier ist?« Ich: »Ja!
+meinetwegen, er ist ein herzguter Herr.« »Ja, ja!« sagte jener, »wart'
+nur, bis d'enmal in Preußen bist, da mußt Soldat sein und dir den
+Buckel braun und blau gerben lassen. Um tausend Taler möcht' ich nicht
+in deiner Haut stecken.« Ich sah dem Burschen starr ins Gesicht, und
+dachte bloß, der Kerl rede so aus Bosheit oder Neid; ich ging dann
+geschwind nach Haus und erzählte meinem Herrn alles haarklein, worauf
+derselbe versetzte: »Ollrich, Ollrich! Du mußt nicht so jedem Narren
+und Flegel dein Ohr geben. Ja! es ist wahr, preußischer Offizier bin
+ich -- und was ist's denn? von Geburt ein polnischer Edelmann, und
+damit ich dir alles auf die Nase binde, heiß' ich Johann Markoni.
+Bisher nanntest du mich Herr Leutnant. Aber eben dieser Grobiane wegen
+sollst du mich künftig Ihr Gnaden! schelten! Übrigens sei nur getrost
+und guten Muts, dir soll's, bei Edelmanns Parole! nie fehlen, wenn du
+anders ein wackrer Bursche bleibst. Soldat solltest werden? Nein, bei
+meiner Seel' nicht! Ich konnt' dich ja haben, um ein paar schlichte
+Louisdor wollten deine beiden saubern Landsleut' dich verkaufen. Aber
+du warst mir dazu etwas zu kurz; von deiner Länge nimmt man noch keinen
+an, und ich behielt dir was Besseres vor.« Nun, dacht' ich, bin ich
+Leibs und Guts sicher. Ha, der gute Herr! Er hätt' mich können haben.
+Die Schurken! Ja wohl, mich verkaufen? Der Henker lohn's ihnen! Aber
+komm' mir mehr so einer, ich will ihm das Maul mit Erde stopfen. Was
+für ein vornehmer Herr muß nicht Markoni sein, und dabei so gut! Kurz,
+ich glaubte ihm von nun an alles wie ein Evangelium.
+
+[Sidenote: Oh, die Mütter]
+
+Markoni machte bald hernach eine Reise nach Rottweil am Neckar, zwölf
+Stunden von Schaffhausen. Ich mußte mit, und zwar in der Chaise. In
+meinem Leben war ich in keinem solchen Ding gesessen. Der Kutscher
+sprengte die Stadt hinauf bis ans Schwabentor, daß es donnerte. Ich
+meinte alle Augenblick', es müsse umschlagen, und wollte mich an
+allen Wänden halten. Markoni lachte sich die Haut voll: »Du fällst
+nicht, Ollrich! Nur hübsch gerade!« Ich war's bald gewohnt, und das
+Fuhrwerk, sowie überhaupt die ganze Tour machte mir viel Vergnügen.
+Indessen begegnete mir während der Zeit ein fataler Streich. Meine
+Mutter war wenige Tage nach unserer Abreise gen Schaffhausen gekommen,
+und mußte, da ihr der Wirt nicht sagen konnte, wenn wir zurückkämen,
+noch welchen Weg wir genommen, wieder nach Haus kehren, ohne ihr
+liebes Kind gesehen zu haben. Sie hatte mir mein Neues Testament und
+etliche Hemden gebracht, und dem Wirt befohlen, mir's nachzuschicken,
+falls ich nicht wieder auf Schaffhausen käme. Oh, die gute Mutter! Es
+war eine kleine Buße für ihren Unglauben, sie wollte dem Vater nicht
+trauen, daß er mich angetroffen, sondern mit eignen Augen sehen und
+erst dann glauben. Ganz trostlos, unter tausend Tränen soll sie wieder
+von Schaffhausen heimgegangen sein. Dies schrieb mir auf ihr Ansuchen
+bald darauf Herr Schulmeister Am Bühl zu Wattweil, mit dem Beifügen,
+sie lasse mir, da sie keine Hoffnung habe, mich jemals wieder zu sehen,
+hiemit ihr letztes Lebewohl sagen, und gebe mir ihren Segen. Es war
+ein sehr schöner Brief, er rührte mich innig. Unter anderm stand auch
+darin: Als das Gerücht in meine Heimat gekommen, ich müsse über Meer,
+hätten meine jungen Schwesterchen all ihr armes Gewändlin dahingeben
+wollen, mich loszukaufen, die Mutter desgleichen. Damals waren ihrer
+neun Geschwisterte bei Hause. Man sollte denken, das wären ihrer genug.
+Aber eine rechte Mutter will keins verlieren, denn keins ist das andre.
+Wirklich war sie drei Wochen vorher noch im Kindbett gelegen und kaum
+aufgestanden, als sie meinetwegen auf Schaffhausen kam. Oh, die Mütter,
+die Mütter!
+
+[Sidenote: Hin und her]
+
+[Sidenote: Leben in Rottweil]
+
+Da wir uns einstweilig in Rottweil im Gasthof zur Armbrust
+niederließen, schrieb mein Herr auf Schaffhausen, wo er wäre, damit,
+wenn seine Wachtmeister Rekruten machten, man ihm solche nachschicken
+könnte. Er bekam bald Antwort. Derselben war auch das Geschenk meiner
+Mutter, das Schreiben des Herrn Am Bühl, und -- ich sprang hochauf! --
+eines von Ännchen beigebogen; dieses letztre offen, denn es sollte ein
+Zürchgulden zum Grüßchen drinstecken, und der war fort. Was schierte
+mich das? Die süßen Fuchswörtlin in dem Briefchen entschädigten mich
+reichlich. Meiner unverschobnen ausführlichen Antworten auf diese
+Zuschriften will ich nicht gedenken. Die an Ännchen zumal war lang wie
+ein Nestelwurm. -- Diesmal blieben wir nur kurze Zeit zu Rottweil,
+gingen wieder nach dem lieben Schaffhausen zurück, und machten von
+Zeit zu Zeit kleine Touren auf Dießenhofen, Stein am Rhein, Frauenfeld
+u. s. f. Alle Wochen kamen Säumer aus dem Tockenburg herunter. Schon
+als Landskraft waren sie mir lieb, und ich freute mich immer, sobald
+ich nur die Schellen ihrer Tiere hörte. Jetzt machte ich nähere
+Bekanntschaft mit ihnen, und gab ihnen ein paarmal Briefe und kleine
+Geschenke an mein Liebchen und an meine Geschwister mit, erhielt aber
+keine Antwort. Ich wußte nicht, wo es fehlte. Das drittemal bat ich
+einen solchen Kerl, mir doch alles richtig zu bestellen. Er guckte das
+Päckchen an, runzelte die Stirn und wollte weder ja noch nein sagen.
+Ich gab ihm einen Batzen. »So, so,« sprach jetzt mein Herr Landsmann,
+»das Ding soll richtig bestellt werden.« Und wirklich bekam ich bald
+ordentliche Empfangscheine. Meine ältern Briefe und schweren Sachen
+hingegen waren natürlich nach Holland geschwommen.
+
+In Schaffhausen lagen damals fünf preußische Werboffiziers in
+verschiedenen Wirtshäusern. Alle Tag traktierte einer die andern.
+So kam's auch jeden fünften Tag an uns. Das kostete jedesmal einen
+Louisdor, dafür gab's freilich Burgunder und Champagner gnug zu
+trinken. Aber bald hernach wurde ihnen ihr Handwerk gelegt, wie die
+Sag' ging, weil ein junger Schaffhauser, der in Preußen seine Jahre
+ausgedient, keinen Abschied kriegen konnte. Kurz, sie mußten alle fort,
+und neue Nester suchen. Mein Herr hatte ohnehin hier schlechte Beute
+gemacht, drei einzige Erzschurken ausgenommen, die sich, Verbrechen
+wegen, auf flüchtigen Fuß setzen mußten. Wir begaben uns wieder nach
+Rottweil. Hier kriegten wir in etlichen Wochen vollends einen einzigen
+Kerl, einen Deserteur aus Piemont, der aber Markoni viel Freude
+machte, weil er sein Landsmann war, und mit ihm polnisch parlieren
+konnte. Sonst war's in Rottweil ein lustig Leben. Besonders gingen
+wir oft mit einem andern Werboffizier, nebst unserm braven Wirt und
+etlichen Geistlichen, in die Nachbarschaft aufs Jagen. Im Hornung
+1756 machten wir eine Reise nach Straßburg. Auf dem Weg nahmen wir zu
+Haßlach im Kinzingertal unser Schlafquartier. In derselben Nacht war
+das entsetzliche Erdbeben, welches man durch ganz Europa verspürte.
+Ich empfand nichts davon, denn ich hatte mich tags vorher auf einem
+Karrngaul todmüd geritten. Am Morgen aber sah' ich alle Gassen voll
+Schornsteine, und im nächsten Wald war die Straße mit umgeworfenen
+Bäumen in die Kreuz und Quer so verhackt, daß wir mehrmals Umwege
+nehmen mußten. In Straßburg mußt' ich Maul' und Augen aufsperren, denn
+da sah' ich erstens: die erste, große Stadt; zweitens: die erste
+Festung; drittens: die erste Garnison; und viertens: am dortigen
+Münster das erste Kirchengebäud', bei dessen Anblick ich nicht lächeln
+mußte, wenn man es einen Tempel nannte. Wir brauchten acht Tag' zu
+dieser Tour. Mein Herr hielt mich auch diesmal gastfrei und zahlte mir
+gleich meinen Sold. Da hätt' ich Geld machen können wie Heu, wär' ich
+nicht ein liederlicher Tropf gewesen. Er selbst hielt nicht viel besser
+Haus. Bei unsrer Rückkehr hatten wir zu Rottweil alle Tage Ball, bald
+in diesem, bald in jenem Wirtshause. Fast alle Hochzeiten richtete man,
+Markoni zu Gefallen, in dem unsrigen an. Der beschenkte alle Bräute,
+und trillerte dann eins mit ihnen herum. Auch für mich war dies ein
+ganzes Fressen. Zwar hatt' ich mir's fest vorgenommen, meinem Ännchen
+treu zu bleiben, und hielt wirklich mein Wort, gleichwohl aber macht'
+ich mir kein Gewissen daraus, hie und da mit einem hübschen Kind zu
+schäkern, wie mich denn auch die Dinger recht wohl leiden mochten.
+Mein Herr war vollends ein Liebhaber des schönen Geschlechts bis zum
+Entsetzen, und im Notfall jede Köchin ihm gut genug. Mich bewahre
+Gott davor, dacht' ich oft, so ein armes bisher ehrliches Mädchen zu
+besudeln, dann heut oder morgen wegzureisen und es sitzen zu lassen.
+Eine von den beiden Köchinnen im Wirtshause, Mariane, dauerte mich
+innig. Sie liebte mich heftig, gab und tat mir, was sie mir an den
+Augen ansah. Ich hingegen bezeigte mich immer schnurrig, sie ließ
+sich's aber nicht anfechten, und blieb gegen mich stets dieselbe.
+Schön war sie nicht, aber herzlich gut. Die andre Köchin, Hanne, machte
+mir schon mehr Anfechtungen. Diese war zierlich hübsch, und ich,
+vermutlich darum, eine Zeitlang sterblich verliebt in sie. Hätt' sie
+meine Aufwart williger angenommen, wär' ich wirklich an ihr zum Narren
+worden. Aber ich sah bald, daß sie gut mit Markoni stund. Ich merkte,
+daß sie alle Morgen zu ihm aufs Zimmer schlich. Damit tat sie mir
+einen doppelten Dienst: Erstlich verwandelte sich meine Liebe in Haß,
+zweitens stand nun mein Herr nicht mehr so früh als gewöhnlich auf,
+also konnt' auch ich hinwieder um so viel länger schlafen. Bisweilen
+kam er schon gestiefelt und gespornt auf meine Kammer und traf mich
+noch im Bett' an, ohne mir Vorwürf' zu machen, denn er merkte, daß
+ich wußte, wo die Katz' im Stroh lag. Nichtsdestoweniger warnte er
+mich, nach solcher Herren Weise, vor seinen eignen Sünden mit großem
+Ernst. »Ollrich!« hieß es da, »hörst, mußt dich mit den Mädels nicht
+zu weit einlassen, du könnt'st die schwere Not kriegen!« Übrigens
+hatt' ich's in allen Dingen bei und mit ihm wie von Anfang, viel
+Wohlleben für wenig Geschäfte, und meist einen Patron wie die liebe
+Stunde, zwei einzige Mal ausgenommen, einmal, da ich den Schlüssel
+zum Halsband seines Pudels nicht auf der Stell' finden konnte, das
+andre Mal, da ich einen Spiegel sollte zerbrochen haben. Beidemal
+war ich unschuldig. Aber das hätt' mir wenig geholfen, sondern nur
+durch demütiges Schweigen entging ich der zumal des Schlüssels wegen
+schon über mir gezogenen Fuchtel. Derlei Geschichtchen, kurz, alles,
+was mir Süßes oder Saures widerfuhr, meine Liebesmücken ausgenommen,
+schrieb ich fleißig nach Haus, und predigte bei solchen Anlässen meinen
+Geschwistern ganze Litaneien voll, wie sie Vater, Mutter und andern
+Vorgesetzten ja nie widerbelfern, sondern, auch wo sie Unrecht zu
+leiden vermeinen, sich hübsch gewöhnen sollten, das Maul zu halten,
+damit sie's nicht von fremden Leuten erst zu spät lernen müßten. Alle
+meine Briefe ließ ich meinem Herrn lesen, nicht selten klopfte er mir
+während der Lektur auf die Schulter! Bravo, Bravo! sagte er dann,
+verpitschierte sie mit seinem Siegel, und hielt mich in Ansehung aller
+an mich eingehenden Depeschen portofrei.
+
+Mir ist so wohl beim Zurückdenken an diese glücklichen Tage! Heute noch
+schreib' ich mit innigem Vergnügen davon, und ich bin jetzt noch so
+wohl zufrieden mit meinem damaligen Ich, so geneigt, mich über alles zu
+rechtfertigen, was ich in diesem Zeitraum tat und ließ. Freilich vor
+dir nicht, Allwissender! Aber vor Menschen darf ich's sagen: Damals war
+ich ein guter Bursch' ohne Falsch, vielleicht für die arge Welt nur
+zu redlich. Harmlos und unbekümmert bracht' ich meine Tage hin, heut'
+wie gestern, und morgen wie heute. Kein Gedanke stieg in mir auf, daß
+es mir jemals anders als gut gehen könnte. In allen Briefen schrieb
+ich meinen Eltern, sie sollten zwar für mich beten, aber nicht für
+mich sorgen, der Himmel und mein guter Herr sorgten schon für mich.
+Man glaube mir's oder nicht, der einzige Kummer, der mich bisweilen
+anfocht, war dieser: Es dürft' mir noch zu wohl werden, und dann möcht'
+ich Gottes vergessen. Aber nein! beruhigte ich mich bald wieder, das
+werd' ich nie: War er's nicht, der mir, durch Mittel, die nur seine
+Weisheit zum besten lenken konnte, zu meinem jetzigen erwünschten Los
+half? Mein erster Schritt in die Welt geriet unter seiner leitenden
+Fürsorge so gut; warum sollten die folgenden nicht noch besser
+gelingen? Auf irgendeinem Fleck der Erde werd' ich vollends mein Glück
+bau'n. Dann hol' ich Ännchen, meine Eltern und Geschwister zu mir,
+und mache sie des gleichen Wohlstands teilhaft. Durch welche Wege?
+fragt' ich mich nie, und hätt' ich daran gedacht, so wär's mir nicht
+schwer gewesen, drauf zu antworten, denn damals war mir alles leicht.
+Zudem kam mein Herr tagtäglich mit allerlei Exempeln von Bauern, die
+zu Herren worden, und andern Fortunaskindern angestochen. Der Herren,
+die zu Bettlern worden, tat er keine Meldung. Er versprach auch, an
+meinem ferneren Fortkommen wie ein treuer Vater zu arbeiten. Was hätt'
+ich weiter befürchten sollen, oder vielmehr, was nicht alles hoffen
+dürfen? Von einem Herrn wie Markoni, einem so großen Herrn, dacht'
+ich Esel, dem zweit- oder drittnächsten vielleicht auf den König, der
+Länder und Städte, geschweige Gelds zu vergeben hat, soviel er will.
+Aus seiner jetzigen Güte zu schließen, was wird er erst für mich in
+der Zukunft tun? Oder warum sollt' er auf mich groben, ungeschliffenen
+Flegel jetzt schon so viel wenden, wenn er nicht große Dinge mit mir
+im Sinn hätte? Konnt' er mich nicht, gleich andern Rekruten, geradezu
+nach Berlin transportieren lassen, wenn er je im Sinn hätte, mich zum
+Soldaten zu machen, wie mir's ehemals ein paar böse Mäuler aufbinden
+wollten? Nein! Das wird in Ewigkeit nicht gescheh'n, darauf will ich
+leben und sterben. So dacht' ich, wenn ich vor lauter Wohlbehagen je
+Zeit zu denken hatte. Gesund war ich wie ein Fisch. Das Traktement
+konnt' ich nach meinem Geschmack wählen, und Mariane ließ mir's an
+guten Bissen nie fehlen. Tanz und Jagd förderten die Dauung; denn ohne
+das hätt's mir freilich an Bewegung gefehlt. Markoni besuchte, bald hie
+bald da, alle Edelleut' in der Runde. Ich mußte überall mit; und es tat
+mir in der Seele wohl, wenn ich sah, wie er ordentlich Hoffart mit mir
+trieb. Sonst waren solche Ausritte zu diesen meist armen Schmalzgrafen
+seinem Geldbeutel wenig nutz. Dann kostete ihn das Tarockspiel mit
+Pfaffen und Laien auch schöne Batzen. Einst mußt' ich darum die Karten
+vor seinen Augen in kleine Stück zerreißen und dem Vulkan zum Opfer
+bringen, aber morgens drauf ihm schon wieder neue holen. Ein andermal
+hatt' er auch eine ziemliche Summ' verloren, und kam abends um neun
+Uhr mit einem tüchtigen Räuschchen verdrießlich nach Haus. »Ollrich!«
+sagte er, »geh', schaff mir Spielleut', es koste, was es will.« »Ja,
+Ihr Gnaden!« antwortet ich, »wenn ich dergleichen wüßte; und dann ist's
+schon so spät und stockfinster.« »Fort, Racker!« fuhr er fort, »oder
+--« und machte ein fürchterlich wildes Gesicht. Ich mußte mich packen,
+stolperte im Dunkeln durch alle Straßen, und spitzte die Ohren, ob
+ich nirgends eine Geige höre? Als ich endlich zu oberst im Städtchen
+an die Müller- und Bäckerherberg' kam, merkt' ich, daß es da etwas
+Herumspringens absetzen wollte. Ich schlich mich hinauf und ließ einen
+Spielmann herausrufen. Die Bursch' in der Stube schmeckten den Braten;
+ein paar von ihnen kamen ihm auf dem Fuß nach, und husch! mit Fäusten
+über mich her. Dem Wirt hatt' ich's zu danken, daß sie mich nicht fast
+zu Tod geschlagen. Der Apollossohn hatte mir zwar ins Ohr geraunt,
+sie wollten bald aufwarten. Jetzt aber zweifelt' ich, ob er mir Wort
+halten könnte. Dennoch war ich Tropfs genug, sobald ich nach Haus
+kam, mit den Worten ins Zimmer zu treten: »Ihr Gnaden! innert einer
+Viertelstund' werden sie da sein!« -- Die Furcht vor neuen Prügeln, eh'
+noch die alten versaust wären, verführte mich zu diesem Wagestück. Aber
+nun stand ich Höllenangst aus, bis ich wußte, ob ich nicht aus übel
+ärger gemacht. Mittlerweile erzählt' ich Markoni, was ich seinetwegen
+gelitten, um +per Avanzo+ sein Mitleid rege zu machen, wenn der
+Guß fehlen sollte. Die tausendslieben Leute kamen, eh' wir's uns
+versahen. Unser Wirt hatte inzwischen etliche lustige Brüder und ein
+paar Jungfern rufen lassen. Jetzt kommandierte Markoni Essen und
+Trinken, was Küche und Keller vermochten, warf den Musikanten zum
+voraus einen Dukaten hin, und tanzte eine Menuett und einen Polnischen.
+Bald aber fing er auf seinem Stuhl an zu schnarchen; dann erwacht' er
+wieder, und rief: »Ollrich! mir ist's so hundsföttisch!« Ich mußt' ihn
+also zu Bett bringen. Im Augenblick schlief er ein wie ein Stock. Das
+war uns übrigen recht gekocht. Wir machten uns lustig wie die Vögel im
+Hanfe; alles so durcheinander, Herren und Dienstboten. Es währte bis
+morgens um vier Uhr. Mein Herr erwachte um fünf. Seine ersten Worte
+waren: »Ollrich! Sein Tage trau' Er keinem Menschen; 's ist alles
+falsch wie'n Teufel. Wenn der Kujon von R*** kömmt, so sag' Er, ich sei
+nicht zu Hause.«
+
+[Sidenote: Adieu Rottweil!]
+
+Dieser von R*** war einer von Markonis faulen Debitoren, wie er deren
+viel hatte. Nun fürchtete er zwar nicht, daß derselbe ihm Geld bringen,
+aber wohl, daß er noch mehr bei ihm holen möchte; denn mein Herr konnte
+keinem Menschen etwas abschlagen. Indessen wollt' er mich von Zeit
+zu Zeit dazu brauchen, ihm dergleichen Schulden wieder einzutreiben;
+dazu aber taugt' ich in Grundsboden nicht: die Kerls gaben mir gute
+Wort'; und ich ging zufrieden nach Haus. Aber länger mocht' eine solche
+Wirtschaft nicht dauern. Dazu kam, daß Markoni am End' das ärgste
+befürchten mußte, wenn er bedachte, wie wenig Bursche er für so viel
+Geldverzehrens seinem König geliefert hatte; denn der Große Friedrich,
+wußt' er wohl, war zugleich der genaueste Rechenmeister seiner Zeit.
+Er strengte darum mich, unsern Wirt, und alle seine Bekannten an, uns
+doch umzusehn, ob wir ihm nicht noch ein paar Kerls ins Garn bringen
+könnten? Aber alles vergebens. Auch die beiden Wachtmeister Hevel und
+Krüger langten um die gleiche Zeit ebenfalls mit leeren Händen wieder
+zu Rottweil an. Nun mußten wir uns sämtlich reisefertig machen. Vorher
+aber gab's noch ein paar lustige Tägel. Hevel war ein Virtuos' auf
+der Guitarr, Krüger eine gute Violine; beide feine Herren, solang
+sie auf der Werbung lagen, beim Regiment aber magere Korporals. Ein
+dritter endlich, Labrot, ein großer, handfester Kerl, ließ ebenfalls
+seinen Schnurrbart wieder wachsen, den er als Werber geschoren trug.
+Diese drei Bursche belustigten noch zu guter Letzt ganz Rottweil mit
+ihren Sprüngen. Es war eben Fastnacht, wo die sogenannte Narrenzunft,
+ein ordentliches Institut dieser Stadt, bei welchem über zweihundert
+Personen von allen Ständen eingeschrieben sind, ohnehin ihre Gaukeleien
+machte, die meinem Herrn schwer Geld kosteten. Und kurz, es war hohe
+Zeit, den Fleck zu räumen. Jetzt ging's an ein Abschiednehmen. Mariane
+flocht mir einen zierlichen Strauß von kostbaren künstlichen Blumen,
+den sie mir mit Tränen gab, und den ich ebensowenig mit trockenem Aug'
+abnehmen konnte. Und nun ade! Rottweil, liebes friedsames Städtchen!
+liebe, tolerante, katholische Herren und Bürger! Wie war's mir so
+tausendswohl bei euerm vertrauten, brüderlichen Zechen! Ade! ihr
+wackern Bauern, die ich an den Markttagen in unserm Wirtshaus so gern
+von ihren Geschäften plaudern hörte, und so vergnügt auf ihren Eseln
+heimreiten sah! Wie trefflich schmeckten mir oft Milch und Eier in
+euern Strohhütten! Wie manche Lust genoß ich auf euern schönen Fluren,
+wo Markoni so viel Dutzend singende Lerchen aus der Luft schoß, die
+mich in die Seele dauerten! Wie entzückt war ich, so oft mein Herr
+mir's vergönnte, in euern topfebenen Wäldern, an des Neckars reizenden
+Ufern, auf und nieder zu schlendern, wo ich ihm Hasen ausspähen sollte,
+aber lieber die Vögel behorchte, und das Schwirren des Wests in den
+Wipfeln der Tannen! Und nirgends war's so lustig als um Hefendorf,
+und dann bei dem auf einem schauerlich schönen Felsenberg gelegenen
+Schlosse Rotenstein, welches der dasselbe fast rund umrauschende Neckar
+zu einer höchst romantischen Halbinsel macht. -- Nochmal also ade!
+Rottweil, wertes, teures Nestchen! Ach! vielleicht auf ewig! Ich hab'
+seit der Zeit so viel Städte gesehn, zehnmal größer, und zwanzigmal
+saubrer und netter als du bist! Aber mit aller deiner Kleinheit, und
+mit allen deinen Miststöcken, warst du mir zehn- und zwanzigmal lieber
+als sie! Ade, Marianchen! Tausend Dank für deine innige, und doch
+so unverdiente Liebe zu mir! Ade! Sebastian Zipfel, lieber, guter
+Armbrustwirt! und deine zarte Mühle desgleichen! Lebt alle, alle wohl!
+
+[Sidenote: Reise nach Berlin]
+
+Den fünfzehnten März 1756 reisten wir in Gottes Namen, Wachtmeister
+Hevel, Krüger, Labrot, ich und Kaminski, mit Sack und Pack, und, den
+letztern ausgenommen, alle mit Unter- und Übergewehr, von Rottweil ab.
+Marianchen nähte mir den Strauß aufn Hut und schluchzte; ich drückte
+ihr einen Neunbätzner in die Hand und konnt's auch kaum vor Wehmut.
+Denn so entschlossen ich zu dieser Reis war, und so wenig Arges ich
+vermutete, fiel's mir doch ungewohnt schwer auf die Brust, ohne daß
+ich eigentlich wußte, warum? War's Rottweil oder Marianchen, oder daß
+ich ohne meinen Herrn reisen sollte, oder die immer weitere Entfernung
+vom Vaterland und Ännchen? -- Ich hatte allen zu Hause mein letztes
+Lebewohl geschrieben. Markoni gab mir zwanzig Gulden auf den Weg; was
+ich mehr brauche, sagte er, werde mir Hevel schießen. Dann klopfte
+er mir auf die Schulter: »Gott bewahre dich, mein Sohn, mein lieber,
+lieber Ollrich, auf allen deinen Wegen! In Berlin sehn wir uns bald
+wieder.« Dies sprach er sehr wehmütig; denn er hatte gewiß ein weiches
+Herz. Unsre erste Tagreise ging sieben Stunden weit, bis ins Städtchen
+Ebingen, meist über schlechte Wege durch Kot und Schnee. Die zweite bis
+auf Obermarkt neun Stunden. Auf der erstgenannten Station logierten
+wir beim Reh; auf der zweiten weiß ich selbst nicht mehr, was es für
+ein Tier war. An beiden Orten gab's nur kalte Küche und ein Gesöff ohne
+Namen. Den dritten Abend bis Ulm wieder neun Stunden. Diesen Tag fing
+ich an, die Beschwerlichkeiten der Reise zu fühlen; schon hatt' ich
+Schwielen an den Füßen, und war mir's sonst sterbensübel. Im Städtchen
+Egna setzten wir uns ein Stück Wegs auf einen Bauernwagen, da denn das
+gewaltige Schütteln dieses Fuhrwerks, zumal bei mir, seine gewohnte,
+herzbrechende Wirkung tat. Als wir unweit Ulm abstiegen, ward's
+mir schwarz und blau vor den Augen. Ich sank zu Boden. »Um Gottes
+Barmherzigkeit willen,« sagt' ich, »weiter kann ich nicht; lieber laßt
+mich auf der Gasse liegen.« Ein barmherziger Samariter lud mich endlich
+auf seine nackte Mähre, auf der ich mich vollends bis ins Städtchen
+so lahm ritt, daß ich weder mehr stehen noch gehen konnte. Zu Ulm
+logierten wir beim Adler und hatten dort unsern ersten Rasttag. Meine
+Kameraden besorgten da ihre alten Herzensangelegenheiten. Ich legte
+mich auf die faule Haut. Nur sah ich an diesem Ort einen Leichenzug,
+der mir sehr wohl gefiel. Das Weibsvolk ging ganz weiß bis auf die
+Füße. Den fünften Tag marschierten wir bis Gengen sieben Stunden. Den
+sechsten auf Nördlingen, wieder sieben Stunden, und hielten da den
+zweiten Rasttag. Hevel hatte dort beim Wilden Mann ein lieb's Liesel.
+Sie spielte artig die Guitarr, er sang Lieder dazu. Sonst weiß ich
+von diesem und so vielen andern Orten, wo wir durchkamen, nichts zu
+erzählen. Meist erst nachts langten wir müd' und schläfrig an, und
+morgens früh mußten wir wieder fort. Wer wollte da etwas recht sehen
+und beobachten können? Ach Gott! dacht' ich oft, wenn ich nur einmal an
+Ort und Stell' wäre, mein Lebtag wollt' ich nicht mehr eine so lange
+Reise antreten. Kaminski war, wie ich schon einmal angedeutet, ein
+lustiger Polack, ein Mann wie ein Baum, ein paar Beine wie zwei Säulen,
+und lief wie ein Elefant. Labrot hatte auch seinen tüchtigen Schritt.
+Krüger, Hevel und ich hingegen schonten ihrer Füße, und bald alle sechs
+Tage mußte man uns flicken oder versohlen. Am achten Tage ging's nach
+Gunzenhausen, acht Stunden. Gegen Mittag sahen wir Hevels Lieschen über
+ein Feld dahertrippeln. Das arme Ding rannte ihm durch andere Wege bis
+hierher nach, und wollte sich nicht abweisen lassen, ihn wenigstens bis
+auf unsere Station zu begleiten. Von hier gingen wir über Nürnberg,
+Bayreuth und Hof weiter und erreichten in sechs Tagen Schleiz, wo wir
+endlich wieder Rasttag hielten. Von Gunzenhausen an hatten wir in
+keinen Betten gelegen, sondern wenn's gut ging, auf elendem Stroh.
+Und überhaupt, obschon wir viel Geld verzehrten, war's ein miserabel
+Leben, meist schlecht Wetter, und oft abscheuliche Wege. Krüger und
+Labrot fluchten und pestierten den ganzen Tag; Hevel hingegen war
+ein feiner, sittlicher Mann, der uns immer Geduld und Mut einsprach.
+Den neunzehnten Tag gelangten wir über die Elbe bis auf Halle. Als
+wir den breiten Strom passiert hatten, bezeugten die Sergeanten
+große Freude, denn nun betraten wir Brandenburger Boden. Zu Halle
+logierten wir bei Hevels Bruder, einem Geistlichen, der aber nichts
+desto minder den ganzen Abend mit uns spielte und haselierte,[41] so
+daß ich glaube, sein Bruder Sergeant war frommer als er. Inzwischen
+war mein Geld alle geworden, und Hevel mußte mir noch zehn Gulden
+herschießen. Den zwanzigsten bis vierundzwanzigsten Tag ging's über
+Zerbst, Dessau, Spandau und Charlottenburg in vierundvierzig Stunden
+nach Berlin. An den letztern Orten zumal wimmelte es von Militär aller
+Gattungen und Farben, so daß ich mich nicht satt gucken konnte, die
+Türme von Berlin zeigte man uns schon, eh' wir nach Spandau kamen.
+Ich dachte, wir hätten's in einer Stunde erreicht, wie erstaunt'
+ich darum, als es hieß, wir gelangten erst morgen hin. Und nun, wie
+war ich so herzlich froh, als wir endlich die große herrliche Stadt
+erreicht. Wir gingen zum Spandauertor ein, dann durch die melancholisch
+angenehme Lindenstraße, und noch ein paar Gassen durch. Da, dacht' ich
+Einfaltspinsel, bringt man dich dein Lebtag nicht mehr weg, da wirst
+du dir dein Glück bauen, dann schickst du einen Kerl mit Briefen ins
+Tockenburg, der muß dir deine Eltern und Ännchen zurückbringen, die
+werden die Augen aufsperren. Nun bat ich meine Führer, sie sollten mich
+zu meinem Herrn führen. »Ei!« erwiderte Krüger, »wir wissen ja nicht,
+ob er schon angelangt ist, und noch viel minder, wo er Quartier nimmt!«
+»Der Henker!« sagt' ich, »hat er denn kein eigen Haus hier?« Über diese
+Frage lachten sie sich die Haut voll. Mögen sie immer lachen, dacht'
+ich, Markoni wird doch, will's Gott! ein eigen Haus haben.
+
+[Sidenote: In Berlin]
+
+Es war den achten April, als wir zu Berlin einmarschierten und ich
+vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr,
+schon acht Tage vor uns angelangt war. Labrot, denn die anderen
+verloren sich nach und nach von mir, ohne daß ich wußte, wo sie
+hinkamen, transportierte mich in die Krausenstraße, in Friedrichsstadt,
+wies mir ein Quartier an und verließ mich kurz mit den Worten: »Da,
+Mußier, bleib' Er, bis auf fernere Order!« Der Henker! dacht' ich, was
+soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus! Wie ich so staunte, kam
+ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit auf seine Stube, wo
+sich schon zwei andre Martissöhne befanden. Nun ging's an ein Wundern
+und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch
+konnt' ich ihre Sprache nicht recht verstehen. Ich antwortete kurz,
+ich komme aus der Schweiz, und sei Sr. Exzellenz des Herrn Leutnant
+Markoni Lakai, die Sergeanten hätten mich hierher gewiesen, ich möchte
+aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo
+er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, daß ich hätte weinen
+mögen; und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz
+wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß
+mit wenigem Appetit. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl
+ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein
+müsse. Es war ein Feldweibel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm,
+die er über den Tisch ausspreitete, legte ein Sechsgroschenstück dazu
+und sagte: »Das ist für dich, mein Sohn! Gleich werd' ich dir noch ein
+Kommißbrot bringen.« »Was? für mich?« versetzt' ich, »von wem, wozu?«
+»Ei, deine Montierung und Traktement, Bursche! Was gilt's da Fragens?
+Bist ja ein Rekrute.« »Wie, was? Rekrute?« erwidert' ich! »Behüte Gott!
+da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein, in meinem Leben nicht.
+Markonis Bedienter bin ich. So hab' ich gedungen, und anders nicht.
+Da wird mir kein Mensch anders sagen können!« »Und ich sag' dir, du
+bist Soldat, Kerl! Ich steh' dir dafür. Da hilft jetzt alles nichts.«
+Ich: Ach! wenn nur mein Herr Markoni da wäre. Er: Den wirst du sobald
+nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener
+sein, als seines Leutnants? Damit ging er weg. »Um Gottes willen, Herr
+Zittemann!« fuhr ich fort, »was soll das werden?« »Nichts, Herr!«
+antwortete dieser, »als daß Er, wie ich und die andern Herren da,
+Soldat und wir folglich alle Brüder sind, und Ihm alles Widersetzen
+nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache
+führt, kreuzweis schließt, und Ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen
+krachen, bis Er kontent ist!« Ich: Das wär', beim Sacker! unverschämt,
+gottlos. Er: Glaub' Er mir's auf mein Wort, ander's ist's nicht, und
+geht's nicht. Ich: So will ich's dem Herrn König klagen. Hier lachten
+alle hoch auf. Er: Da kömmt Er sein Tage nicht hin. Ich: Oder wo muß
+ich mich sonst melden? Er: Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist
+alles umsonst. Ich: Nun so will ich's probieren, ob's so gelte? Die
+Bursche lachten wieder, ich aber entschloß mich wirklich, morgens zum
+Major zu gehn und meinem treulosen Herrn nachzufragen.
+
+[Sidenote: Zum Rekruten gepreßt ]
+
+Sobald also der Tag an Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier
+zeigen. Potz Most! das dünkte mich ein königlicher Palast und der Major
+der König selbst zu sein, so majestätisch kam er mir vor, ein gewaltig
+großer Mann, mit einem Heldengesicht und ein paar feurigen Augen wie
+Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: »Herr ... Major! Ich bin ...
+Herr Leutnants Markonis Be ... Bedienter. Fü ... fü ... für das bi ...
+bi ... bin ich angewo ... worben, und sonst wei ... weiters für ni ...
+ni ... nichts. Si ... Si ... Sie können ihn selbst fra ... gen. I ...
+Ich weiß nicht wo er i ... i ... ist. Jetzt sagen's da, ich müsse So
+... o ... oldat sei ... ei ... ein, ich wolle o ... der wolle nicht.«
+-- »So!« unterbrach er mich, »so ist Er das saubre Bürschchen! Sein
+feiner Herr hat uns gewirtschaftet, daß es eine Lust ist, und Er wird
+wohl auch seinen Teil gezogen haben. Und kurz, jetzt soll Er dem König
+dienen, da ist's aus und vorbei.« Ich: Aber Herr Major! Er: Kein Wort,
+Kerl! oder die Schwernot! Ich: Aber ich hab' ja weder Kapitulation noch
+Handgeld! Ach! Könnt' ich doch mit meinem Herrn reden! Er: Den wird
+Er sobald nicht zu sehen kriegen, und Handgeld hat Er mehr gekost't
+als zehn andre. Sein Leutnant hat eine saubere Rechnung, und Er steht
+darin obenan. Eine Kapitulation soll Er haben. Ich: Aber -- Er: Fort,
+Er ist ja ein Zwerg, daß -- Ich: Ich bi ... bi ... bitte. -- Er:
+Kanaille! scher' Er sich zum Teufel. Damit zog er die Fuchtel. Ich zum
+Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem Quartier, das ich vor Angst
+und Not kaum finden konnte. Da klagt' ich Zittemann mein Elend in den
+allerhöchsten Tönen. Der gute Mann sprach mir Mut ein. »Geduld, mein
+Sohn! Es wird schon alles besser gehn. Jetzt mußt' dich leiden, viel
+hundert brave Bursche aus guten Häusern müssen das gleiche tun. Denn,
+gesetzt auch, Markoni könnte und wollte dich behalten, so müßt' er dich
+doch unter sein Regiment abgeben, sobald es hieß: ins Feld, marsch!
+Aber wirklich, einstweilen würd' er kaum
+
+[Sidenote: Kapitulation]
+
+einen zu nähren imstande sein, da er auf der Werbung ungeheure Summen
+verzehrt und dafür so wenig Kerls eingeschickt haben soll, wie ich
+unsern Oberst und Major schon oft lamentieren gehört, man wird ihn
+gewiß nicht mehr so geschwind zu derlei Geschäften brauchen.« So
+tröstete mich Zittemann, und ich mußt's wohl annehmen, da mir kein
+besserer Trost übrigblieb. Nur dacht' ich dabei, die Größern richten
+solche Suppen an, und die Kleinern müssen sie aufessen.
+
+[Sidenote: Soldatenleben]
+
+Des Nachmittags brachte mir der Feldweibel mein Kommißbrot nebst Unter-
+und Übergewehr und fragte, ob ich mich nun eines Besseren bedacht.
+»Warum nicht?« antwortete Zittemann für mich, »er ist der beste Bursch'
+von der Welt.« Jetzt führte man mich in die Montierungskammer, paßte
+mir Hosen, Schuh' und Stiefeletten an und gab mir einen Hut, Halsbinde
+und Strümpfe. Dann mußt' ich mit noch etwa zwanzig andern Rekruten zum
+Herrn Oberst Latorf. Man führte uns in ein Gemach, so groß wie eine
+Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem,
+einen Zipfel anzufassen. Ein Adjutant, oder wer er war, las uns einen
+ganzen Sack voll Kriegsartikel her und sprach uns einige Worte vor,
+welche die mehrern nachmurmelten, ich regte mein Maul nicht, dachte
+dafür was ich gern wollte, ich glaube an Ännchen; er schwung dann
+die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine
+Garküche und ließ mir ein Mittagessen nebst einem Krug Bier geben.
+Dafür mußt' ich zwei Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen sechsen
+noch viere übrig; mit diesen sollt' ich vier Tage wirtschaften, und
+sie reichten doch bloß für zwei hin. Bei dieser Überrechnung fing ich
+gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran,
+einer derselben, sagte mir mit Lachen: »Es wird dich schon lehren.
+Jetzt tut es nichts, hast ja noch allerlei zu verkaufen! Per Exempel
+deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar doppelt armiert, das läßt
+sich alles versilbern. Auch kriegen solche junge Bursche oft noch eine
+Traktements-Zulage, und kannst dich deswegen beim Obrist melden.« »Oh!
+oh! Da geh' ich mein Tage nicht mehr hin,« sagt' ich. »Potz Velten!«
+antwortete Cran, »du mußt mal des Donners gewohnt werden, sei's ein
+wenig früher oder später. Und dann der Menage wegen nur fein aufmerksam
+zugesehn, wie's die andern machen. Da heben's drei, vier bis fünf
+miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirnen und kochen selbst.
+Des Morgens um e'n Dreier Fusel und e'n Stück Kommißbrot. Mittags
+holen sie in der Garküche um e'n andern Dreier Suppe und nehmen wieder
+e'n Stück Kommiß. Des Abends um zwei Pfennig Konvent oder Dünnbier
+und abermals Kommiß.« »Aber das ist, beim Strehl, ein verdammtes
+Leben,« versetzt' ich, und Er: Ja! So kommt man aus und anders nicht.
+Ein Soldat muß das lernen, denn es braucht noch viel andre Ware:
+Kreide, Puder, Schuhwachs, Öl, Schmirgel, Seife und was der hundert
+Siebensachen mehr sind. Ich: Und das muß einer alles von den sechs
+Groschen bezahlen? Er: Ja! und noch viel mehr, wie z. B. den Lohn für
+die Wäsche, für das Gewehrputzen und so fort, wenn Er solche Dinge
+nicht selber kann. Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte
+alles zurecht, so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche hatt' ich
+noch Vakanz. Ich ging in der Stadt herum, auf alle Exerzierplätze,
+sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir
+schon zum voraus der Angstschweiß von der Stirne troff. Ich bat daher
+Zittemann, mir zu Hause die Handgriffe zu zeigen. »Die wirst du wohl
+lernen,« sagte er, »aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an. Da geht's
+dir wie e'n Blitz!« Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu
+weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf
+Soldatenmanier frisieren sollte. Nach Crans Rat verkaufte ich meine
+Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche.
+Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las im Hallischen
+Gesangbuch, oder betete. Dann spaziert' ich etwa an die Spree und sah
+da hundert Soldatenhände sich mit Aus- und Einladen der Kaufmannswaren
+beschäftigen, oder auf die Zimmerplätze, da steckte wieder alles voll
+arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Kasernen, da fand ich
+überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von
+Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache, so
+gab's deren, die spielten, soffen und haselierten; andre, welche ruhig
+ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten; etwa auch einer, der in
+einem erbaulichen Buch las und's den andern erklärte. In den Garküchen
+und Bierbrauereien ging's ebenso her. Kurz, in Berlin hat's unter dem
+Militär, wie, denk' ich freilich, in großen Staaten überall, Leute
+aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Religionen, von
+allen Charakteren, und von jedem Berufe, womit einer noch nebenzu sein
+Stücklein Brot gewinnen kann. Das dachte auch ich zu verdienen, wenn
+ich nur erst recht exerzieren könnte; etwa an der Spree? Doch nein!
+da lärmt's zu stark, aber z. E. auf einem Zimmerplatz, da ich mich
+so ziemlich auf die Art verstund. So war ich wieder fix und fertig,
+neue Pläne zu machen, ungeachtet ich mit meinem erstern so schändlich
+gescheitert. Gibt's doch hier, damit schläferte ich mich immer ein,
+selbst unter den gemeinen Soldaten ganze Leute, die ihre hübschen
+Kapitalien haben, Wirtschaft, Kaufmannschaft treiben, und anders. Aber
+dann erwog ich nicht, daß man vorzeiten ganz andere Handgelder gekriegt
+als heutzutag oder dergleichen Bursche bisweilen ein Namhaftes mochten
+erheiratet haben, besonders aber, daß sie ganz gewiß mit dem Schilling
+gut hausgehalten, und nur darum den Gulden gewinnen konnten; ich
+hingegen weder mit dem Schilling noch mit dem Gulden umzugehen wisse.
+Und endlich, wenn alles fehlen sollte, fand ich auch einen elenden
+Trost in dem Gedanken: Geht's einmal zu Felde, so schont das Blei jene
+Glückskinder so wenig, als dich armen Hudler! -- Also bist du so gut
+wie sie.
+
+[Sidenote: Soldatendressur]
+
+[Sidenote: Wiedersehen mit Markoni]
+
+Die zweite Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz
+stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann
+und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente
+Itzenblitz, die beiden erstern vollends unter der nämlichen Kompagnie
+Lüderitz befanden. Da sollt' ich vor allen Dingen unter einem
+mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase, Mengke mit Namen,
+marschieren lernen. Den Kerl mocht' ich für den Tod nicht vertragen;
+wenn er mich gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den
+Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein Tage nichts begreifen
+können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem
+gleichen Platz manöverierte, tauschte mich gegen einen andern aus, und
+nahm mich unter sein Peloton.[42] Das war mir eine Herzensfreude. Jetzt
+kapiert' ich in einer Stund' mehr als sonst in zehn Tagen. Von diesem
+guten Manne vernahm ich auch bald, wo Markoni wohne; aber, bat er um
+Gottes willen, ich solle ihn nicht verraten. Des folgenden Tags, sobald
+das Exerzitium vorbei war, flog ich nach dem Quartier, das mir Hevel
+verdeutet hatte, und murmelte immer vor mich her: »Ja, ja, Markoni!
+wart' nur, ich will dir deinen an mir verübten Lumpenstreich, deine
+verfluchte Verräterei so unter die Nase reiben, daß es dich gereuen
+soll! Nun weiß ich schon, daß du hier nur Leutnant und nirgends Ihr
+Gnaden bist!« -- Bei geringer Nachfrage fand ich das mir benannte
+Haus. Es war eins von den geringsten in ganz Berlin. Ich pochte an;
+ein kleines, magres, fuchsrotes Bürschchen öffnete mir die Tür und
+führte mich eine Treppe hinauf in das Zimmer meines Herrn. Sobald er
+mich erblickte, kam er auf mich zu, drückte mir die Hand, und sprach
+zu mir mit einem Engelsgesicht, das in einem Nu allen meinen Grimm
+entwaffnete und mir die Tränen in die Augen trieb: »Ollrich! mein
+Ollrich! mach' mir keine Vorwürf'. Du warst mir lieb, bist's noch, und
+wirst's immer bleiben. Aber ich mußte nach meinen Umständen handeln.
+Gib dich zufrieden. Ich und du dienen nun Einem Herrn.« -- »Ja, Ihr
+Gnaden« -- -- »Nichts Gnaden!« sagte er: »Beim Regiment heißt es nur:
+›Herr Leutnant!‹« Jetzt klagt' ich ihm, nach aller Ausführlichkeit,
+meine gegenwärtige große Not. Er bezeugte mir sein ganzes Mitleid.
+»Aber,« fuhr er fort, »hast ja noch allerlei Sachen, die du versilbern
+kannst, wie z. E. die Flinte von mir, die Reisemütze, die dir Leutnant
+Hofmann in Offenburg verehrt, und dergleichen. Bring sie nur mir, ich
+zahl' dir dafür, so viel sie je wert sind. Dann könntst du dich, wie
+andre Rekruten, um Gehaltserhöhung beim Major« -- »Potz Wetter!« fiel
+ich ein. »Nein, den sah ich einmal und nimmermehr!« Drauf erzählt'
+ich ihm, wie dieser Sir mir begegnet sei. »Ha!« versetzte er, »die
+Lümmels meinen, man könn' auf Werbung von Luft leben und Kerle im
+Strick fangen.« »Ja!« sagt' ich, »hätt' ich's gewußt, wollt' ich mir
+wenigstens in Rottweil auch einen Notpfennig erspart haben.« »Alles
+hat seine Zeit, Ollrich!« erwiderte er, »halt' dich nur brav! Wenn
+einmal die Exerzitien vorbei sind, kannst du was verdienen. Und wer
+weiß, vielleicht geht's bald ins Feld, und dann« -- Weiter sagte er
+nichts; ich merkte aber, was er damit wollte, und ging vergnügt, als
+ob ich mit meinem Vater geredet hätte, nach Haus. Nach etlichen Tagen
+trug ich Flinte, Pallasch und die samtene Mütze wirklich zu ihm hin;
+er zahlte mir etwas weniges dafür, aber von Markoni war ich alles
+zufrieden. Bald darauf verkauft' ich auch meinen Tressenhut, den grünen
+Frack, so wie alles Übrige, und ließ mir nichts mangeln, so lang ich
+was anzugreifen hatte. Schärer war ebenso arm als ich, allein er bekam
+ein paar Groschen Zulage und doppelte Portion Brot. Der Major hielt ein
+gut Stück mehr auf ihn als auf mich. Indessen waren wir Herzensbrüder,
+solang einer was zu brechen hatte, konnte der andre mitbeißen. Bachmann
+hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl und
+harmonierte nie mit uns; doch schien immer die Stunde ein Tag lang,
+wo wir nicht beisammen sein konnten. Gästli mußten wir in schlechten
+Häusern suchen, wenn wir ihn haben wollten; er kam bald hernach ins
+Lazarett. Ich und Schärer waren auch darin völlig gleichgesinnt, daß
+uns das Berliner Weibsvolk ekelhaft und abscheulich vorkam. Ich wollt'
+für ihn so gut wie für mich einen Eid schwören, daß wir keine mit
+einem Finger berührt haben. Sobald das Exerzieren vorbei war, flogen
+wir miteinander in Schottmanns Keller, tranken unsern Krug Ruhiner-
+oder Gottwitzerbier, schmauchten ein Pfeifchen, und trillerten ein
+Schweizerlied. Immer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner
+mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine
+Garküche rufen, ihnen den Kuhreihen zu singen. Meist bestand der
+Spielerlohn bloß in einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage
+nimmt man mit noch weniger vorlieb.
+
+[Sidenote: Spaziergänge in Berlin]
+
+[Sidenote: Vom Desertieren]
+
+[Sidenote: Exerzierübungen]
+
+[Sidenote: Schmale Kost]
+
+[Sidenote: Heimweh]
+
+[Sidenote: Der Gefangene]
+
+Berlin ist der größte Ort in der Welt, den ich gesehen; und doch bin
+ich bei weitem nie ganz darin herumgekommen. Wir drei Schweizer machten
+zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise; aber bald gebrach's uns
+an Zeit, bald an Geld, oder wir waren von Strapazen so marode, daß wir
+uns lieber der Länge nach hinlegten.
+
+Von der Stadt Berlin sagen zwar viele, sie bestehe aus sieben
+Städten; unsereinem hat man aber nur drei genannt: Berlin, Neustadt
+und Friedrichsstadt. Alle drei sind in der Bauart verschieden. In
+Berlin oder Cölln, wie man auch sagt, sind die Häuser so hoch wie
+in den Reichsstädten; aber die Gassen nicht so breit wie in Neu- und
+Friedrichsstadt, wo die Häuser wieder niedriger, aber egaler gebaut
+sind. Da sehen auch die kleinsten, oft von sehr armen Leuten bewohnt,
+wenigstens sauber und nett aus. An vielen Orten gibt es ungeheuer
+große, leere Plätze, die teils zum Exerzieren und zur Parade, teils zu
+gar nichts gebraucht werden; ferner Äcker, Gärten, Alleen, alles in die
+Stadt eingeschlossen. Vorzüglich oft gingen wir auf die lange Brücke,
+auf deren Mitte ein alter Markgraf von Brandenburg,[43] zu Pferd
+in Lebensgröße, von Erz gegossen steht, und etliche Enakssöhne mit
+krausen Haaren zu seinen Füßen gefesselt sitzen, dann der Spree nach,
+auf den Weidendamm, wo's gar lustig ist, dann ins Lazarett, um das
+traurigste Spektakel unter der Sonne zu sehn, bei dem einen, der nicht
+gar unsinnig ist, die Lust an Ausschweifungen bald vergehen muß. In
+diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, steht Bett an Bett gereiht,
+in deren jedem ein elender Menschensohn auf seine eigene Art den Tod,
+und nur wenige ihre Genesung erwarten. Hier ein Dutzend, die unter den
+Händen der Feldscherer ein erbärmliches Zetergeschrei erheben; dort
+andre, die sich unter ihren Decken krümmen, wie ein halb zertretener
+Wurm; viele mit an- und weggefaulten Gliedern. Meist mochten wir's da
+nur wenige Minuten aushalten, gingen wieder an Gottes Luft und setzten
+uns auf einen Rasenplatz. Da führte unsre Einbildungskraft uns fast
+immer unwillkürlich in unser Schweizerland zurück, und erzählten wir
+einander unsere Lebensart zu Hause: wie wohl's uns war, wie frei wir
+gewesen und was es hier für ein verwünschtes Leben sei. Dann machten
+wir Pläne zu unsrer Entledigung. Bald hatten wir Hoffnung, daß uns
+heut oder morgen einer gelingen möchte; bald sahen wir vor jedem einen
+unübersteiglichen Berg; am meisten schreckte uns die Vorstellung der
+Folgen eines fehlschlagenden Versuches. Fast alle Wochen hörten wir
+nämlich neue, ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs,
+die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und
+andre Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen
+und Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen,
+wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und
+ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken -- wie sie des
+folgenden Tags aufs neue dran mußten, die Kleider vom zerhackten
+Rücken heruntergerissen, und wie wieder frisch drauflosgehauen wurde,
+bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann
+sahen Schärer und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten
+einander in die Ohren: »Die verdammten Barbaren!« Was hiernächst auch
+auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen
+Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von prügelsüchtigen
+Jünkerleins, und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein
+Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und
+tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh,
+andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und selber
+jahrein, jahraus so kujoniert zu sehn: oft ganzer fünf Stunden lang,
+in unsrer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz
+und Quer pfahlgerad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle
+Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers,
+der mit furiosem Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stund, und alle
+Augenblicke wie unter Kabisköpfe[44] dreinzuhauen drohte. Bei einem
+solchen Traktement mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und
+der geduldigste rasend werden. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so
+ging's schon wieder über Hals und Kopf, unsre Wäsche zurechtzumachen
+und jedes Fleckchen auszumustern, denn bis auf den blauen Rock war
+unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf
+an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an
+einem dieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der
+Frisur nicht recht, so war, wenn man auf den Platz kam, die erste
+Begrüßung eine derbe Tracht Prügel. Das währte so den ganzen Mai und
+Juni fort. Selbst den Sonntag hatten wir nicht frei; dann mußten wir
+auf das properste Kirchenparade machen. Also blieben uns zu jenen
+Spaziergängen nur wenige zerstreute Stunden übrig, und wir hatten
+kurz und gut zu nichts Zeit, als zum Hungerleiden. Wahr ist's, unsre
+Offiziere erhielten gerade damals die gemessenste Order, uns über Kopf
+und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten den Henker davon und
+dachten halt, das sei so Kriegsmanier. Alte Soldaten vermuteten wohl so
+etwas, schwiegen aber mausstill. Indessen waren Schärer und ich blutarm
+geworden; und was uns nicht an den Hintern gewachsen war, hatten wir
+alles verkauft. Nun mußten wir mit Brot und Wasser oder Kovent,[45]
+das nicht viel besser als Wasser ist, vorlieb nehmen. Mittlerweile
+war ich von Zittemann weg, zu Wolfram und Meewis ins Quartier kommen,
+von denen der erstre ein Zimmermann, der andre ein Schuster war, und
+die beide einen guten Verdienst hatten. Mit diesen macht' ich anfangs
+ebenfalls Menage. Sie hatten so ihren Bauerntisch: Suppe und Fleisch,
+mit Erdäpfeln und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwei Dreier:
+Abends und zum Frühstück lebte jeder für sich. Ich aß besonders gern
+eine Ochsenpfote, einen Hering oder ein Dreierkäschen. Nun aber konnt'
+ich's nicht mehr mit ihnen halten; zu verkaufen hatt' ich nichts, und
+mein Sold ging meist für Wäsche, Puder, Schuhwachs, Kreide, Schmirgel,
+Öl und anderes Plunderzeug auf. Jetzt fing ich erst recht an, Trübsal
+zu blasen, und keinem Menschen konnt' ich so recht von Herzensgrund
+meine Not klagen. Des Tags ging ich umher wie der Schatten an der
+Wand. Des Nachts legt' ich mich ins Fenster, guckte weinend in den
+Mond hinauf, und erzählte dem mein bittres Elend: »Du, der jetzt auch
+überm Tockenburg schwebt, sag' es meinen Leuten daheim, wie armselig
+es um mich stehe, meinen Eltern, meinen Geschwisterten, meinem Ännchen
+sag's, wie ich schmachte, wie treu ich ihr bin, daß sie alle Gott für
+mich bitten. Aber du schweigst so stille, wandelst so harmlos deinen
+Weg fort? Ach, könnt' ich ein Vöglein sein und dir nach in meine Heimat
+fliegen! Ich armer, unbesonnener Mensch! Gott erbarm' sich mein! Ich
+wollte mein Glück bauen, und baute mein Elend. Was nützt mir dieser
+herrliche Ort, worin ich verschmachten muß! Ja, wenn ich die Meinigen
+hier hätte und so ein schön Häuschen, wie dort grad' gegenübersteht,
+und nicht Soldat sein müßte, dann wär's hier gut wohnen; dann wollt'
+ich arbeiten, handeln, wirtschaften, und ewig mein Vaterland meiden!
+Doch nein! Denn auch so müßt' ich den Jammer so vieler Elenden täglich
+vor Augen sehn! Nein, geliebtes, liebes Tockenburg! Du wirst mir immer
+vorzüglich wert bleiben! Aber, ach! Vielleicht seh' ich dich in meinem
+Leben nicht wieder, verliere sogar den Trost, von Zeit zu Zeit an die
+Lieben zu schreiben, die in dir wohnen! Jedermann erzählt mir ja von
+der Unmöglichkeit, wenn's einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile
+fortzubringen, worin ich mein Herz ausschütten könnte. Doch, wer weiß?
+Noch lebt mein guter Vater im Himmel; dem ist's bekannt, wie ich nicht
+aus Vorsatz oder Liederlichkeit dies Sklavenleben gewählt, sondern böse
+Menschen mich betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen sollte. Doch, nein!
+desertieren will ich nicht. Lieber sterben, als Spießrutenlaufen. Und
+dann kann sich's ja auch ändern. Sechs Jahre sind noch auszuhalten.
+Freilich eine lange, lange Zeit; wenn's zumal wahr sein sollte, daß
+auch dann kein Abscheid zu hoffen wäre! Doch, was? Kein Abscheid? Hab'
+ich doch eine, und zwar mir aufgedrungene Kapitulation! -- Ha! Dann
+müßten sie mich eher töten! Der König müßte mich hören! Ich wollte
+seiner Kutsche nachrennen, mich anhängen, bis er mir sein Ohr verleiht.
+Da wollt' ich ihm alles sagen, was der Brief ausweist. Und der gerechte
+Friedrich wird nicht gegen mich allein ungerecht sein.« -- Das waren so
+damals meine Selbstgespräche.
+
+In diesen Umständen flogen Schärer und ich zusammen, wo wir konnten;
+klagten, überlegten, beschlossen, verwarfen. Schärer zeigte mehr
+Standhaftigkeit als ich, hatte aber auch mehr Sold. Ich gab jetzt,
+wie so viele andre, den letzten Dreier um Genever, meinen Kummer
+zu vertreiben. Ein Mecklenburger, der nahe bei mir im Quartier und
+mit mir in gleichen Umständen war, machte es ebenso. Aber wenn der
+seinen Brand im Kopf hatte, setzte er sich in der Abenddämmerung vors
+Haus, fluchte und haselierte da mutterseels allein, schimpfte auf
+seine Offiziere, und sogar auf den König, wünschte Berlin und allen
+Brandenburgern tausend Millionen Schwernot auf den Hals und fand,
+wie der arme Teufel, so oft er wieder nüchtern ward, behauptete, in
+diesem unvernünftigen Rasen seinen einzigen Trost im Unglück. Wolfram
+und Meewis warnten ihn oft; denn sonst war er noch vor kurzem ein
+recht guter, umgänglicher Bursche: »Kerl!« sagten sie zu ihm, »gewiß
+wirst du noch ins Tollhaus wandern!« Dieses war nicht weit von uns.
+Oft sah ich dort einen Soldat vor dem Gegitter auf einem Bänkchen
+sitzen, und fragte einst Meewis, wer er wäre. Ich hatte ihn nie
+bei der Kompagnie gesehn: »Just so einer, wie der Mecklenburger,«
+antwortete Meewis; »darum hat man ihn hier versorgt, wo er anfangs
+brüllte wie ein ungarscher Stier. Aber seit etlichen Wochen soll er
+so geschlacht[46] wie ein Lamm sein.« Diese Beschreibung machte mich
+lüstern, den Menschen näher kennen zu lernen. Er war ein Anspacher.
+Anfangs ging ich nur wie verstohlen bei ihm hin und wieder, sah mit
+wehmütigem Vergnügen, wie er, seinen Blick bald zum Himmel gerichtet,
+bald auf den Boden geheftet, melancholisch dasaß, bisweilen aber, ganz
+für sich, sanft lächelte, und übrigens meiner nicht zu achten schien.
+Schon aus seiner Physiognomie war mir ein solcher Erdensohn in seiner
+Lage heilig. Endlich wagt' ich es, mich zu ihm zu setzen. Er sah mich
+starr und ernst an, und schwatzte zuerst lange meist unverständiges
+Zeug, das ich doch gerne hörte, weil mitunter etwas höchst Vernünftiges
+zum Vorschein kam. Was ihm am meisten Mühe zu machen schien, war,
+soviel ich merken mochte, daß er von gutem Haus, und nur durch Verdruß
+in diese Umstände gekommen sein mußte, jetzt aber von Nachreu und
+Heimweh erbärmlich litt. Nun entdeckt' ich ihm durch Umwege auch
+meine Gemütsstimmung, hauptsächlich in der Absicht, zu horchen, was
+er allenfalls zu meiner Entweichung sagen würde; denn der Mann schien
+mir ordentlich einen Geist der Weissagung zu haben: »Brüderchen!«
+sprach er, aus Veranlassung eines solchen Diskurses, einst zu mir:
+»Brüderchen, halt' du still! Deine Schuld ist's sicher, daß du leidest,
+und was du leidest, mehr oder minder verdiente Züchtigung. Durch
+Zappeln machst du's nur ärger. Es wird schon noch anders und immer
+anders kommen. Der König allein ist König; seine Generals, Obersten,
+Majoren sind selber seine Bedienten und wir, ach! wir, so hingeworfene,
+verkaufte Hunde, zum Abschmieren im Frieden, zum Totstechen und
+Totschießen im Krieg bestimmt. Aber all' eins, Brüderchen! Vielleicht
+kommst du nahe an eine Türe; geht sie dir auf, so tu', was du willst.
+Aber halt still, Brüderchen! nur nichts erfrettet[47] oder erzwungen,
+sonst ist's mit einmal aus!« Dergleichen und noch viel anderes sagte er
+öfters zu mir. Aller Welt Priester und Leviten hätten mir nicht so gut
+predigen und mich zugleich so gut trösten können wie er.
+
+[Sidenote: Kriegsgerüchte]
+
+Indessen murmelte es immer stärker vom Kriege. In Berlin kamen von
+Zeit zu Zeit neue Regimenter an; wir Rekruten wurden auch unter
+eins gesteckt. Da ging's alle Tag vor die Tore zum Manövrieren,
+links und rechts avancieren, attackieren, retirieren, pelotons- und
+divisionsweise chargieren, und was der Gott Mars sonst alles lehrte.
+Endlich gedieh es zur Generalrevue; da ging's zu und her, daß dies
+ganze Büchelchen nicht klecken würde, das Ding zu beschreiben; und wenn
+ich's wollte, so könnt' ich's nicht. Erstlich wegen der schweren Menge
+aller Arten Kriegsgrümpel, die ich hier großenteils zum erstenmal sah.
+Zweitens hatt' ich immer Kopf und Ohren so voll von dem entsetzlichen
+Lärm der knallenden Büchsen, der Trommeln und Feldmusik, des Rufens
+der Kommandeurs und dergleichen, daß ich oft hätte bersten mögen.
+Drittens war mir das Exerziz seit einiger Zeit so widerlich geworden,
+daß ich nur nicht mehr bemerken mochte, was all' die Korps zu Fuß und
+zu Pferde für Millionszeug machten. Freilich kam mich hernach manchmal
+große Reue an, daß ich diese Dinge nicht besser in Obacht genommen;
+denn allen meinen Freunden und allen Leuten hierzulande wünscht' ich,
+daß sie solches nur einen Tag sehen möchten, es würde ihnen zu hundert
+und aberhundert vernünftigen Betrachtungen Anlaß geben. Also nur dies
+wenige. Da waren unübersehbare Felder mit Kriegsleuten bedeckt; viele
+tausend Zuschauer an allen Ecken und Enden. Hier stehen zwei große
+Armeen in künstlicher Schlachtordnung; schon brüllt von den Flanken das
+grobe Geschütz aufeinander los. Sie avancieren, kommen zum Feuer, und
+machen ein so entsetzliches Donnern, daß man seinen nächsten Nachbar
+nicht hören und vor Rauch nicht mehr sehen kann: Dort versuchen etliche
+Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen's einander in die Flanke, da
+blockieren sie Batterien, dort formieren sie ein doppeltes Kreuz. Hier
+marschieren sie über eine Schiffbrücke, dort hauen Kürassiers und
+Dragoner ein, und sprengen etliche Schwadrons Husaren von allen Farben
+aufeinander los, daß Staubwolken über Roß und Mann emporwallen. Hier
+überrumpeln's ein Lager; die Avantgarde, unter der ich zu manövrieren
+die Ehre hatte, bricht Zelte ab und flieht. Doch noch einmal: Ich müßte
+ein Narr sein, wenn ich glaubte, hier eine preußische Generalrevue
+beschrieben zu haben. Ich hoffe also, man nimmt mit diesem wenigen
+vorlieb, oder, vielmehr, verzeiht's mir, um der Freude willen, mein
+Gewäsch nicht länger anzuhören.
+
+[Sidenote: Behüte Gott Berlin!]
+
+[Sidenote: Ausmarsch]
+
+Endlich kam der erwünschte Zeitpunkt, wo es hieß: Allons, ins Feld!
+Schon im Heumonat marschierten etliche Regimenter von Berlin ab, und
+kamen hinwieder andre aus Preußen und Pommern an. Jetzt mußten sich
+alle Beurlaubten stellen, und in der großen Stadt wimmelte alles von
+Soldaten. Dennoch wußte noch niemand eigentlich, wohin alle diese
+Bewegungen zielten. Ich horchte wie ein Schwein am Gatter. Einige
+sagten, wenn's ins Feld gehe, könnten wir neue Rekruten doch nicht mit,
+sondern würden unter ein Garnisonsregiment gesteckt. Das hätte mir
+himmelangst gemacht; aber ich glaubte es nicht. Indessen bot ich alle
+meine Leibes- und Seelenkräfte auf, mich bei allen Manövers als einen
+fertigen, tapfern Soldaten zu zeigen, denn einige bei der Kompagnie,
+die älter waren als ich, mußten wirklich zurückbleiben. Und nun den
+einundzwanzigsten August abends spät kam die gewünschte Order, uns auf
+morgen marschfertig zu halten. Potz Wetter! wie ging es da her mit
+Putzen und Packen! Einmal, wenn's mir auch an Geld nicht gebrochen,
+hätt' ich nicht mehr Zeit gehabt, einem Bäcker zwei geborgte Brote zu
+bezahlen. Auch hieß es, in diesem Fall dürfte kein Gläubiger mehr ans
+Mahnen denken: Doch ich ließ mein Wäschkistchen zurück; und wenn es
+der Bäcker nicht abgefordert hat, hab' ich heutigen Tages noch einen
+Kreditor in Berlin, auch etliche Debitoren für ein paar Batzen, und
+geht's ungefähr so wett auf. Den zweiundzwanzigsten August morgens um
+drei Uhr ward Alarm geschlagen, und mit Anbruch des Tages stand unser
+Regiment Itzenblitz -- ein herrlicher Name! -- das die Soldaten wegen
+der gewaltigen Schärfe unseres Obristen auch Donner und Blitz nannten,
+in der Krausenstraße schon Parade. Jede seiner zwölf Kompagnien war
+hundertfünfzig Mann stark. Die in Berlin nächst um uns einquartierten
+Regimenter, deren ich mich erinnere, waren Vokat, Winterfeld, Meyring
+und Kalkstein; dann vier Prinzenregimenter: Prinz von Preußen, Prinz
+Ferdinand, Prinz Karl und Prinz von Württemberg, die alle teils vor,
+teils nach uns abmarschierten, nachwärts aber im Feld meist wieder zu
+uns gestoßen sind. Jetzt wurde Marsch geschlagen, Tränen von Bürgern,
+Soldatenweibern, Huren und dergleichen flossen zu Haufen. Auch die
+Kriegsleute selber, die Landskinder nämlich, welche Weiber und Kinder
+zurückließen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmut und Kummer; die
+Fremden jauchzten heimlich vor Freuden und riefen: Endlich ist unsre
+Erlösung da! Jeder war bebündelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt
+umschnallt, dann die Patrontasche über der Schulter mit einem fünf
+Zoll langen Riemen; über die andre Achsel der Tornister, mit Wäsche
+und so weiter bepackt; item der Habersack mit Brot und anderer Furage
+gestopft. Hiernächst mußte jeder noch ein Stück Feldgerät tragen;
+Flasche, Kessel, Haken, oder so was, alles an Riemen; dann erst noch
+eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal kreuzweis
+über die Brust geschlossen, daß anfangs jeder glaubte, unter solcher
+Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge, gepreßte Montur und
+eine solche Hundstagshitze, daß mir's manchmal deuchte, ich geh' auf
+glühenden Kohlen. Wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, kam
+ein Dampf heraus wie aus einem siedenden Kessel. Oft hatt' ich keinen
+trockenen Faden mehr am Leib und verschmachtete bald vor Durst.
+
+[Sidenote: Marschroute bis Pirna]
+
+So marschierten wir den ersten Tag (22. August 1756) zum Köpenicker
+Tor aus, und machten noch vier Stunden bis zum Städtchen Köpenick, wo
+wir zu dreißig bis fünfzig bei Bürgern einquartiert waren, die uns für
+einen Groschen traktieren mußten. Potz Plunder, wie ging's da her! Ha!
+da wurde gefressen. Aber denk' man sich nur so viele, große, hungrige
+Kerls! Immer hieß es, schaff her, Kanaille, was d' im hintersten Winkel
+hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh gefüllt, da lagen wir alle
+in Reihen, den Wänden nach. Wahrlich, eine kuriose Wirtschaft! In jedem
+Haus befand sich ein Offizier, welcher auf gute Mannszucht halten
+sollte; sie waren aber oft die Fäulsten. Den zweiten Tag ging's zehn
+Stunden weit bis Fürstenwalde, da gab's schon Marode, die sich auf
+Wagen packen lassen mußten. Es war auch kein Wunder, da wir diesen
+ganzen Tag nur ein einzigmal haltmachen, und stehenden Fußes etwas
+Erfrischung zu uns nehmen durften. Am letztgedachten Orte ging es wie
+an dem erstern, nur daß hier die meisten lieber soffen als fraßen,
+und viele sich halbtot hinlegten. Den dritten Tag ging's sechs Stunden
+bis Jakobsdorf, wo wir drei Rasttage hielten, aber desto schlimmer
+hantierten und die armen Bauern bis aufs Blut aussogen. Vom siebenten
+bis vierzehnten Tage kamen wir über Guben, Spremberg und Hoyerswerda
+bis Kamenz, dem letzten Örtchen, wo wir einquartiert wurden. Von da
+an kampierten wir im Felde, und machten Märsche und Kontermärsche,
+so daß ich selbst nicht weiß, wo wir all durchkamen, da es oft bei
+dunkler Nacht geschah. Nur so viel erinnr' ich mich, daß wir am zehnten
+September Pirna erreichten, wo noch einige Regimenter zu uns stießen,
+und wir ein weites, fast unübersehbares Lager aufschlugen, sowie auch
+das über Pirna gelegene Schloß Königstein diesseits und den Lilienstein
+jenseits der Elbe besetzten. Denn in der Nähe dieses letzteren Berges
+befand sich die sächsische Armee, in deren Lager wir gerade übers Tal
+hinübersehen konnten. Unter uns im Tale an der Elbe lag Pirna, das
+jetzt ebenfalls von unserm Volke besetzt ward.
+
+Bis hierher hatte der Herr geholfen! Diese Worte waren der erste Text
+unsers Feldpredigers bei Pirna. O ja, dacht' ich, das hat er, er wird
+auch ferner helfen, und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland; denn
+was gehen mich eure Kriege an?
+
+Mittlerweile ging's, wie's bei einer marschierenden Armee zu gehen
+pflegt, bunt übereck und kraus, so daß ich alles zu beschreiben nicht
+imstande bin, auch solches, wie ich denke, zu wenig Dingen nütz wäre.
+Unser Major Lüderiz, denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl besonders
+Achtung, mag mir oft meinen Unmut aus dem Gesichte gelesen haben. Dann
+drohte er mir mit dem Finger: »Nimm dich in acht, Kerl!« Schärern
+hingegen klopfte er bei den nämlichen Anlässen auf die Schulter, und
+nannte ihn mit lächelnder Miene einen braven Burschen, denn der war
+immer lustig und wohlgemuts und sang bald seine Maurerlieder, bald
+den Kühreih'n. Im Herzen dachte er wie ich, obschon er es besser
+verbergen konnte. Ein andermal freilich faßt' ich wieder Mut und
+dachte: Gott wird alles wohl machen! Wenn ich vollends Markoni, der
+doch keine geringe Schuld an meinem Unglück war, auf dem Marsch oder
+im Lager erblickte, war's mir immer, ich sehe meinen Vater oder meinen
+besten Freund, wenn er mir zumal vom Pferd herunter seine Hand bot,
+die meinige traulich schüttelte, mir mit liebreicher Wehmut gleichsam
+in die Seele 'nein guckte: »Wie geht's, Ollrich! wie geht's? 's
+wird schon besser kommen!« zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu
+erwarten, dieselbe aus meinem tränenschimmernden Aug' lesen wollte.
+Oh! ich wünsche dem Mann, wo er immer tot oder lebendig sein mag,
+noch auf den heutigen Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir
+nie mehr zu Gesicht gekommen. Mittlerweile hatten wir alle Morgen die
+gemessene Order erhalten, scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den
+ältern Soldaten ein Gerede: »Heute gibt's was! Heut setzt's gewiß
+was ab!« Dann schwitzten wir Jungen freilich an allen Fingern, wenn
+wir bei einem Gebüsch oder Gehölz vorbeimarschierten und uns verfaßt
+halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete
+einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, sobald man wieder
+ins Freie kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten
+entwischen konnte, denn wir hatten immer feindliche Kürassiers,
+Dragoner und Soldaten zu beiden Seiten. Als wir einst die halbe Nacht
+durchmarschierten, versuchte Bachmann den Reißaus zu nehmen, und irrte
+etliche Stunden im Wald herum, aber am Morgen war er wieder hart
+bei uns und kam noch eben recht mit der Ausflucht weg, er habe beim
+Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns verloren. Von da an sahen
+wir andern die Schwierigkeit, wegzukommen, alle Tag' deutlicher ein,
+und doch hatten wir fest im Sinn, keine Bataille abzuwarten, es koste
+was es wolle.
+
+[Sidenote: Das Lager zu Pirna]
+
+Eine umständliche Beschreibung unsers Lagers zwischen Königstein und
+Pirna sowohl als des gerade vor uns überliegenden Sächsischen bei
+Lilienstein wird man von mir nicht erwarten. Ich schreibe nur, was ich
+gesehen, was allernächst um mich her vor- und besonders was mich selbst
+anging. Von den wichtigsten Dingen wußten wir gemeine Hungerschlucker
+am allerwenigsten, auch kümmerten wir uns nicht viel darum. Mein und so
+vieler andrer ganzer Sinn war vollends allein auf: Fort, fort! Heim
+ins Vaterland! gerichtet.
+
+[Sidenote: Lagerleben]
+
+Vom elften bis zweiundzwanzigsten September saßen wir in unserm Lager
+ganz still, und wer gern Soldat war, dem mußt' es damals recht wohl
+sein. Da ging's vollkommen wie in einer Stadt zu. Da gab's Marketender
+und Feldschlächter zu Haufen. Den ganzen Tag, ganze lange Gassen durch,
+nichts als Sieden und Braten. Da konnte jeder haben was er wollte, oder
+vielmehr was er zu bezahlen vermochte: Fleisch, Butter, Käs, Brot,
+aller Gattung Baum- und Erdfrüchte. Die Wachten ausgenommen, mochte
+jeder machen was ihm beliebte, kegeln, spielen, in und außer dem Lager
+spazieren gehen. Nur wenige hockten müßig in ihren Zelten. Der eine
+beschäftigte sich mit Gewehrputzen, der andre mit Waschen, der dritte
+kochte, der vierte flickte Hosen, der fünfte Schuhe, der sechste
+schnifelte was von Holz und verkauft' es den Bauern. Jedes Zelt hatte
+seine sechs Mann und einen Überkompletten. Unter diesen sieben war
+immer einer gefreit, dieser mußte gute Mannszucht halten. Von den sechs
+übrigen ging einer auf die Wache, einer mußte kochen, einer Proviant
+herbeiholen, einer ging nach Holz, einer nach Stroh, und einer machte
+den Seckelmeister, alle zusammen aber eine Haushaltung, einen Tisch
+und ein Bett aus. Auf den Märschen stopfte jeder in seinen Habersack,
+was er, versteht sich in Feindesland, erhaschen konnte. Mehl, Rüben,
+Erdbirnen, Hühner, Enten. Wer nichts aufzutreiben vermochte, ward von
+den übrigen ausgeschimpft, wie denn mir das zum öfteren begegnete.
+Was das für ein Mordiogeschrei gab, wenn's durch ein Dorf ging, von
+Weibern, Kindern, Gänsen und Spanferkeln. Da mußte alles mit, was sich
+tragen ließ. Husch! den Hals umgedreht und eingepackt. Da brach man in
+alle Ställ' und Gärten ein, prügelte auf alle Bäume los und riß die
+Äste mit den Früchten ab. Der Hände sind viel, hieß es, was einer nicht
+kann, mag der andre. Da durft' keine Seel' Mux machen, wenn's nur der
+Offizier erlaubte, oder auch bloß halb erlaubte. Da tat jeder sein
+Devoir zum Überfluß. Wir drei Schweizer, Schärer, Bachmann und ich, es
+gab unsrer Landsleute zwar beim Regiment noch mehr, wir kannten sie
+aber nicht, kamen keiner zum andern ins Zelt, auch nie zusammen auf die
+Wache. Hingegen spazierten wir oft miteinander außer das Lager bis auf
+die Vorposten, besonders auf einen gewissen Bühel, wo wir eine weite
+zierliche Aussicht über das Sächsische, unser ganzes Lager und durchs
+Tal hinab bis auf Dresden hatten. Da hielten wir unsern Kriegsrat:
+was wir machen, wo hinaus, welchen Weg wir nehmen, wo wir uns wieder
+treffen sollten. Aber zur Hauptsache, zum Hinaus fanden wir alle Löcher
+verstopft. Zudem wären Schärer und ich lieber in einer schönen Nacht
+allein, ohne Bachmann, davon geschlichen, denn wir trauten ihm nie
+ganz, und sahen dabei alle Tag' die Husaren Deserteurs einbringen,
+hörten Spießrutenmarsch schlagen, und was es solcher Aufmunterungen
+mehr gab. Und doch sahen wir alle Stunden einem Treffen entgegen.
+
+[Sidenote: Einnahme des sächsischen Lagers]
+
+[Sidenote: Marsch und Kontermarsch]
+
+Endlich, den zweiundzwanzigsten September, ward Alarm geschlagen und
+erhielten wir Order aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung,
+in etlichen Minuten war ein stundenweites Lager, wie die allergrößte
+Stadt, zerstört, aufgepackt und allons, Marsch! Jetzt zogen wir ins Tal
+hinab, schlugen bei Pirna eine Schiffbrücke und formierten oberhalb dem
+Städtchen, dem sächsischen Lager +en front+, eine Gasse wie zum
+Spießrutenlaufen, deren eines End' bis zum Pirnaer Tor ging, und durch
+welche viele gefangene Sachsen zu vieren hoch spazieren, vorher aber
+das Gewehr ablegen, und, man kann sich's einbilden, die ganze lange
+Straße durch Schimpf- und Stichelreden genug anhören mußten. Einige
+gingen traurig mit gesenktem Gesicht daher, andre trotzig und wild,
+und noch andre mit einem Lächeln, das den preußischen Spottvögeln gern
+nichts schuldig bleiben wollte. An dem nämlichen Tage marschierten wir
+noch ein Stück Wegs fort und schlugen unser Lager bei Lilienstein auf.
+Den dreiundzwanzigsten mußte unser Regiment die Proviantwagen decken.
+Den vierundzwanzigsten machten wir einen Kontermarsch, und kamen bei
+Nacht und Nebel, der Henker weiß wohin. Den fünfundzwanzigsten früh
+ging's schon wieder fort, vier Meilen bis Aussig. Hier schlugen
+wir ein Lager, blieben da bis auf den neunundzwanzigsten und mußten
+alle Tag' auf Furage aus. Bei diesen Anlässen wurden wir oft von den
+kaiserlichen Panduren attackiert, oder es kam sonst aus einem Gebüsch
+ein Karabinerhagel auf uns los, so daß mancher tot auf der Stelle
+blieb und noch mehrere blessiert wurden. Wenn aber unsre Artilleristen
+nur etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, flog der Feind über
+Kopf und Hals davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt, ich
+wäre sein bald gewohnt worden, und dacht' oft: Pah! wenn's nur den
+Weg hergeht, ist's so übel nicht. Den dreißigsten marschierten wir
+wieder den ganzen Tag und kamen erst des Nachts auf einem Berg an, den
+ich und meinesgleichen abermals so wenig kannten, als ein Blinder.
+Inzwischen bekamen wir Order, hier kein Gezelt aufzuschlagen, auch
+kein Gewehr niederzulegen, sondern immer mit scharfer Ladung parat zu
+stehn, weil der Feind in der Nähe sei. Endlich sahen und hörten wir mit
+anbrechendem Tag unten im Tal gewaltig blitzen und feuern. In dieser
+bangen Nacht desertierten viele, neben andern auch Bruder Bachmann. Für
+mich wollt' es sich noch nicht schicken, so wohl's mir sonst behagt
+hätte.
+
+[Sidenote: Die Schlacht bei Lowositz]
+
+Früh morgens mußten wir uns rangieren und durch ein enges Tälchen
+gegen das große Tal hinuntermarschieren. Vor dem dicken Nebel konnten
+wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine kamen und
+zur großen Armee stießen, rückten wir in drei Treffen weiter vor und
+erblickten von ferne durch den Nebel, wie durch einen Flor, feindliche
+Truppen auf einer Ebene, oberhalb dem böhmischen Städtchen Lowositz.
+Es war kaiserliche Kavallerie, denn die Infanterie bekamen wir nie zu
+Gesicht, da sich dieselbe bei gedachtem Städtchen verschanzt hatte.
+Um sechs Uhr ging schon das Donnern der Artillerie sowohl aus unserm
+Vordertreffen als aus den kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß
+die Kanonenkugeln bis zu unserm Regiment, das im mittlern Treffen
+stund, durchschnurrten. Bisher hatt' ich immer noch Hoffnung, vor
+einer Bataille zu entwischen; jetzt sah' ich keine Ausflucht mehr,
+weder vor noch hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken. Wir
+rückten inzwischen immer vorwärts. Da fiel mir vollends aller Mut in
+die Hosen. In den Bauch der Erde hätt' ich mich verkriechen mögen, und
+eine ähnliche Angst, ja Todesblässe las man bald auf allen Gesichtern,
+selbst derer, die sonst noch so viel Herzhaftigkeit gleißneten. Die
+geleerten Brenzfläschchen, deren jeder Soldat eines hat, flogen unter
+den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen ihren kleinen Vorrat bis
+auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute braucht es Courage und morgen
+vielleicht keinen Fusel mehr! Jetzt avancierten wir bis unter die
+Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen abwechseln mußten. Potz Himmel!
+wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen weg, fuhren bald vor,
+bald hinter uns in die Erde, daß Stein und Rasen hoch in die Luft
+sprang, bald mitten ein und spickten uns die Leute aus den Gliedern
+weg, als wenn's Strohhälme wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als
+feindliche Kavallerie, die allerhand Bewegungen machte, sich bald in
+die Länge ausdehnte, bald in einen halben Mond, dann in ein Drei- und
+Viereck sich wieder zusammenzog. Nun rückte auch unsre Kavallerie an,
+wir machten Lücke und ließen sie vor auf die feindliche losgaloppieren.
+Das war ein Gehagel, das knarrte und blinkerte, als sie einhieben!
+Allein kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reiterei, von
+der österreichischen geschlagen, und bis nahe unter unsre Kanonen
+verfolgt, zurück. Da hätte man den Spektakel sehen sollen, Pferde,
+die ihren Mann im Stegreif hängend, andre die ihre Gedärme auf der
+Erde nachschleppten. Inzwischen stunden wir noch immer im feindlichen
+Kanonenfeuer bis gegen elf Uhr, ohne daß unser linker Flügel mit dem
+kleinen Gewehrfeuer zusammentraf, obschon es bereits auf dem rechten
+sehr hitzig zuging. Viele meinten, wir müßten noch auf die kaiserlichen
+Schanzen Sturm laufen. Mir war's schon nicht mehr so bange wie anfangs,
+obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beiden Seiten neben mir
+wegrafften und der Wahlplatz mit Toten und Verwundeten übersät war; als
+mit eins, ungefähr um zwölf Uhr, die Order kam, unser Regiment nebst
+zwei andern, ich glaube Bevern und Kalkstein, müßten zurückmarschieren.
+Nun dachten wir, es gehe dem Lager zu, und alle Gefahr sei vorbei.
+Wir eilten darum mit muntern Schritten die gähen Weinberge hinauf,
+brachen unsre Hüte voll schöne rote Trauben, aßen vor uns her nach
+Herzenslust, und mir und denen, welche neben mir stunden, kam nichts
+Arges in Sinn, obgleich wir von der Höhe herunter unsre Brüder noch
+in Feuer und Rauch stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelärm
+hörten und nicht entscheiden konnten, auf welcher Seite der Sieg war.
+Mittlerweile trieben unsre Anführer uns immer höher den Berg hinan,
+auf dessen Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durchging, der auf
+der andern Seite wieder hinunter führte. Sobald unsre Avantgarde den
+erwähnten Gipfel erreicht hatte, ging ein entsetzlicher Musketenhagel
+an, und nun merkten wir erst, wo der Has im Stroh lag. Etliche
+tausend kaiserliche Panduren waren nämlich auf der andern Seite den
+Berg hinauf beordert, um unsrer Armee in den Rücken zu fallen. Dies
+muß unsern Anführern verraten worden sein, und wir mußten ihnen
+zuvorkommen. Nur etliche Minuten später, so hätten sie uns die Höhe
+abgewonnen, und wir wahrscheinlich den kürzern gezogen. Nun setzte es
+ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe man die Panduren aus jenem Gehölz
+vertreiben konnte. Unsre Vordertruppen litten stark, allein die hintern
+drangen ebenfalls über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe
+gewonnen hatten. Da mußten wir über Hügel von Toten und Verwundeten
+stolpern. Alsdann ging's Hudri, Hudri, mit den Panduren die Weinberge
+hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern herab, in die
+Ebene. Unsre gebornen Preußen und Brandenburger packten die Panduren
+wie Furien. Ich selber war in Jast[48] und Hitze wie vertaumelt, und,
+mir weder Furcht noch Schreckens bewußt, schoß ich eines Schießens fast
+alle meine sechzig Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war und
+ich sie am Riemen nachschleppen mußte. Indessen glaub' ich nicht, daß
+ich eine lebendige Seele traf, sondern alles ging in die freie Luft.
+Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz postierten sich die
+Panduren wieder und pülverten so tapfer in die Weinberge hinauf, daß
+noch mancher vor und neben mir ins Gras biß. Preußen und Panduren lagen
+überall durcheinander, und wo sich einer von letzteren noch regte,
+wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen oder ihm ein Bajonett
+durch den Leib gestoßen. Nun ging in der Ebene das Gefecht von neuem
+an. Aber wer wird das beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von
+Lowositz ausging, wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde
+hätten zergehen wollen; wo das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert
+Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art
+Feldmusik, das Rufen so vieler Kommandeurs und das Brüllen ihrer
+Adjutanten, das Zeter- und Mordiogeheul so vieler tausend elender,
+zerquetschter, halbtoter Opfer dieses Tages, alle Sinnen betäubte! Um
+diese Zeit, es mochte etwa drei Uhr sein, da Lowositz schon im Feuer
+stand, viele hundert Panduren, auf welche unsre Vordertruppen wieder
+wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann auf das
+Städtchen selber losging; um diese Zeit war ich freilich nicht der
+Vorderste, sondern unter dem Nachtrab noch im Weinberg droben, von
+denen mancher, wie gesagt, weit behender als ich von einer Mauer über
+die andre hinuntersprang, um seinen Brüdern zu Hilf' zu eilen. Da ich
+also noch ein wenig erhöht stand, und in die Ebene wie in ein finsteres
+Donner- und Hagelwetter hineinsah, in diesem Augenblick deucht' es
+mich Zeit, oder vielmehr mahnte mich mein Schutzengel, mich mit der
+Flucht zu retten. Ich sah mich nach allen Seiten um. Vor mir war alles
+Feuer, Rauch und Dampf, hinter mir noch viele nachkommende auf die
+Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwei Hauptarmeen in voller
+Schlachtordnung. Zur Linken Weinberge, Büsche, Wäldchen, nur hie und da
+einzelne Menschen, Preußen, Panduren, Husaren, und von diesen mehr Tote
+und Verwundete als Lebende. Da, da, auf diese Seite! dacht' ich, sonst
+ist's nur lautere Unmöglichkeit!
+
+[Sidenote: Desertion]
+
+[Sidenote: Glücklich entronnen]
+
+[Sidenote: In Prag]
+
+Ich schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf die linke
+Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preußen bei mir vorbei.
+»Komm', komm', Bruder!« sagten sie, »Viktoria!« Ich ripostierte kein
+Wort, tat nur ein wenig blessiert, und ging immer allgemach fort,
+freilich mit Furcht und Zittern. Sobald ich mich indessen so weit
+entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen mochte, verdoppelte,
+verdrei-, vier-, fünf-, sechsfachte ich meine Schritte, blickte rechts
+und links wie ein Jäger, sah noch von weitem, zum letztenmal in meinem
+Leben, morden und totschlagen; strich dann in vollem Galopp ein Gehölz
+vorbei, das voll toter Husaren, Panduren und Pferde lag, rannte eines
+Rennens gerade dem Fluß nach hinunter, und stand jetzt an einem
+Tobel. Jenseits desselben kamen soeben etliche kaiserliche Soldaten
+angestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weggestohlen hatten,
+und schlugen, als sie mich so daherlaufen sahen, zum drittenmal auf
+mich an, ungeachtet ich immer das Gewehr streckte und ihnen mit dem
+Hut den gewohnten Wink gab. Doch brannten sie niemals los. Ich faßte
+also den Entschluß, gerad' auf sie zuzulaufen. Hätt' ich einen andern
+Weg genommen, würden sie, wie ich nachwärts erfuhr, unfehlbar auf mich
+gefeuert haben. Ihr Hunde, dacht' ich, hättet ihr eure Courage bei
+Lowositz gezeigt! Als ich zu ihnen kam und mich als Deserteur angab,
+nahmen sie mir das Gewehr ab, unterm Versprechen, mir's nachwärts
+wieder zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatroniert hatte,
+verlor sich bald darauf, und nahm das Füsil mit. Nun so sei's! Alsdann
+führten sie mich ins nächste Dorf Scheniseck, eine starke Stunde unter
+Lowositz. Hier war eine Fahrt über das Wasser, aber ein einziger Kahn
+zum Transport. Da gab's ein Zetermordiogeschrei von Männern, Weibern
+und Kindern. Jedes wollte zuerst in dem Teich sein, aus Furcht vor
+den Preußen, denn alles glaubte sie schon auf der Haube zu haben.
+Auch ich war keiner von den letzten, der mitten unter eine Schar von
+Weibern hineinsprang. Wo nicht der Fährmann etliche hinausgeworfen,
+hätten wir alle ersaufen müssen. Jenseits des Flusses stand eine
+Panduren-Hauptwache. Meine Begleiter führten mich auf dieselbe zu,
+und die roten Schnurrbärte begegneten mir aufs manierlichste, gaben
+mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstunden, Toback,
+Branntwein und Geleit auf Leitmeritz, glaub' ich, wo ich unter lauter
+Stockböhmen übernachtete, und freilich nicht wußte, ob ich da mein
+Haupt sicher zur Ruhe legen konnte. Allein ich hatte von dem Tumult
+des Tags noch einen so vertaumelten Kopf, daß dieser Kapitalpunkt mir
+am mindesten betrug. Morgens darauf, den zweiten Oktober, ging ich mit
+einem Transport ins kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf
+ich bei zweihundert andrer preußischer Deserteurs, von denen, so zu
+reden, jeder seinen eignen Weg und sein Tempo in Obacht genommen hatte;
+neben andern auch unsern Bachmann. Wie sprangen wir beide hoch auf vor
+Entzücken, uns so unerwartet wieder in Freiheit zu sehn! Da ging's an
+ein Erzählen und Jubilieren, als wenn wir schon zu Haus hinterm Ofen
+säßen. Einzig hieß es bisweilen: Ach wäre nur auch der Schärer von Wil
+bei uns! Wo mag der geblieben sein? Wir hatten die Erlaubnis, alles
+im Lager zu besichtigen. Offiziers und Soldaten stunden bei Haufen
+um uns, denen wir mehr erzählen sollten als uns bekannt war. Etliche
+wußten Winds genug zu machen, ihren Wirten zu schmeicheln und zur
+Verkleinerung der Preußen hundert Lügen auszuhecken. Da gab's auch
+unter den Kaiserlichen manchen Erzprahler; und der kleinste Zwerg
+rühmte sich, wer weiß wie manchen langbeinigten Brandenburger auf
+seiner eignen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Drauf führte
+man uns zu etwa fünfzig Mann Gefangenen von der preußischen Kavallerie.
+Ein erbärmlich Spektakel! Da war kaum einer an Wunden oder Beulen leer
+ausgegangen; etliche übers ganze Gesicht heruntergehauen, andre ins
+Genick, andre über die Ohren, über die Schultern oder Schenkel. Da war
+alles ein Ächzen und Wehklagen! Wie priesen uns diese armen Wichte
+selig, einem ähnlichen Schicksal so glücklich entronnen zu sein; und
+wie dankten wir selber Gott dafür! Wir mußten im Lager übernachten und
+bekamen jeder einen Dukaten Reisegeld. Dann schickte man uns mit einem
+Kavallerietransport nach einem böhmischen Dorfe, wo wir, nach einem
+kurzen Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgingen. Dort verteilten
+wir uns, und bekamen Pässe, je zu sechs, zehn bis zwölf, welche einen
+Weg gingen. Wir waren ein wunderseltsames Gemengsel von Schweizern,
+Schwaben, Sachsen, Bayern, Tirolern, Welschen, Franzosen, Polacken und
+Türken. Einen solchen Paß bekamen unser sechs zusammen bis Regensburg.
+In Prag selbst war ein Zittern und Beben vor den Preußen ohne
+seinesgleichen. Man hatte den Ausgang der Schlacht bei Lowositz bereits
+vernommen und glaubte den Sieger schon vor den Toren zu sehn. Auch da
+stunden ganze Truppen Soldaten und Bürger um uns her, denen wir sagen
+sollten, was der Preuß' im Sinn habe? Einige von uns trösteten diese
+neugierigen Hasen; andre hatten noch ihre Freude daran, sie tapfer zu
+schrecken, und sagten ihnen, der Feind werde spätstens in vier Tagen
+anlangen und sei ergrimmt wie der Teufel. Dann schlugen viele die Händ'
+über'm Kopf zusammen; Weiber und Kinder wälzten sich gar heulend im Kot
+herum.
+
+
+
+
+ Heimkehr
+
+
+[Sidenote: Heimreise mit Bachmann]
+
+Den fünften Oktober traten wir unsre wirkliche Heimreise an. Es war
+schon abends, als wir von Prag ausmarschierten. Es ging bald über
+eine Anhöhe, von welcher wir eine unvergleichliche Aussicht über das
+ganze schöne königliche Prag hatten. Die liebe Sonne vergüldete seine
+mit Blech bedeckten zahllosen Turmspitzen zum Entzücken. Wir stunden
+eine Weile still, unter allerhand Gesprächen und mannigfaltigen
+Empfindungen dieses herrlichen Anblicks zu genießen. Einige bedauerten
+den prächtigen Ort, wenn er sollte bombardiert werden; andre hätten
+mögen dabei sein, wenigstens während dem Plündern. Ich konnte mich
+kaum satt sehn; sonst aber war mein einziges Sehnen wieder nach Haus,
+zu den Meinigen, zum Anneli. Wir kamen noch bis auf Schibrack; den
+sechsten bis Pilsen. Dort hatte der Wirt eine Tochter, das schönste
+Mädchen, das ich in meinem Leben gesehn. Mein Herr Bachmann wollte mit
+ihr hübsch tun, und fast einzig ihr zulieb hielten wir da Rasttag. Aber
+der Wirt verdeutete ihm, sein Kind sei keine Berlinerin! Vom achten
+bis zwölften ging's über Stab, Lensch, Rötz, Kürn auf Regensburg, wo
+wir zum zweitenmal rasteten. Bisher hatten wir nur kurze Tagreisen
+von zwei bis drei Meilen gemacht, aber desto längere Zechen. Mein
+Dukaten Reisegeld war schon dünn wie ein Laub worden, sonst hatt' ich
+keinen Heller in der Ficke, und ward also genötigt, auf den Dörfern
+zu fechten. Da bekam ich oft beide Taschen voll Brot, aber nie einen
+Heller bar. Bachmann hingegen hatte noch von seinem Handgeld übrig,
+ging in die Schenke, und ließ sich's wohlschmecken. Nur etwa zu
+vornehmen Häusern, Pfarrhöfen und Klöstern, kam er mit. Da mußten wir
+oft halbe Stunden stehn und den Herren alle Hergangenheit erzählen;
+des wurde besonders Bachmann meist überdrüssig, sonderlich wo für die
+Geschichte einer ganzen Schlacht, der er nicht beigewohnt, nur ein paar
+Pfennige flogen. Er gab immer vor, daß er bei Lowositz gewesen, und
+ich mußt' ihm die Lüge frisieren helfen; dafür hat er mir die ganze
+Reis' über keinen Krug Bier bezahlt. In den Klöstern gab's Suppen,
+oft auch Fleisch. Zu Regensburg, oder vielmehr im Bayerschen Hof
+verteilten wir uns wieder. Bachmann und ich erhielten einen Paß nach
+der Schweiz. Die andern, ein Bayer, zween Schwaben und ein Franzose,
+von denen ich nichts weiter zu sagen weiß, als daß sie alle vier
+rüstige Kerls und uns Tölpeln weit überlegen waren, nahmen jeder seine
+Straße. Die unsrige ging, der kleinern Orte nicht zu gedenken, über
+Ingolstadt, Donauwörth, Dillingen, Bregenz, Rheineck, nach Rorschach.
+Oberhalb Rheineck begegnete mir bald ein trauriger Spaß. Bisher waren
+wir unter lauter muntern Gesprächen über unsre glückliche Flucht,
+über unsre ältern und neuern Schicksale und unsre Aussichten für die
+Zukunft ganz brüderlich gereist. Bachmann, dem, von vorigen Zeiten
+her, fast alle Tag Hünd' und Hasen wieder in den Sinn stiegen, hatte
+sich, sobald wir von Prag weg waren, eine Jagdflinte gekauft, die er
+mit sich trug. Ich war seiner ewigen Diskurse von Hetzen und Treiben
+schon längst müde geworden, als wir, wie gesagt, oberhalb Rheineck in
+den Weinbergen Hunde jagen hörten. Hier machte mein Urian vor Entzücken
+ordentliche Purzelsprünge und behauptete, es wären, beim Himmel! seine
+alten Bekannten; er kenne sie noch am Bellen! Ich lachte ihn aus.
+Hierüber ward er böse, befahl mir stillzustehn, und der schönen Musik
+zuzuhorchen. Jetzt spottete ich vollends seiner und stampfte mit den
+Füßen. Das hätt' ich freilich sollen bleiben lassen. Er ward rasend,
+stand ganz schäumend mit aufgehobener Flinte vor mich hin, und setzte
+sie mir zähneknirschend vor den Kopf, als wenn er mich den Augenblick
+töten wollte. Ich erschrak. Er war bewaffnet, ich nicht; und auch
+dies und seine Wut ungerechnet, glaub' ich kaum, daß ich dem ohnehin
+verzweifelt wilden, handfesten Kerle, der beinahe zwei Zoll höher als
+ich war, hätte gewachsen sein können. Doch, ich weiß nicht, ob aus Mut
+oder Furcht, stand ich bockstill und guckte nach allen Seiten herum,
+ob ich niemand zu Hilf rufen könnte? Aber, es war an einem einsamen
+Ort, auf einer Allmend;[49] ich sah kein Mäuschen. »Sei kein Narr!«
+sagt' ich zu ihm, »wirst wohl Spaß verstehn.« Damit legte sich seine
+Wut schon um ein ziemliches. Wir gingen stillschweigend weiter, und
+ich war froh, als wir unvermerkt ins Städtchen Rheineck traten. Jetzt
+flattierte er mir wieder, eines Talers wegen, den ich auf dem Weg von
+ihm geborgt hatte; und ich dachte oft, dies Lumpenstück Geld hab' mir
+das Leben gerettet. Aber von dem Augenblick an schwand alles Vertrauen
+unter uns. Doch hab' ich mich nie gerochen, obgleich's der Anlässe
+viele gab, und mein Vater zahlte ihm den Taler willig, als er wenig
+Tage nach meiner Heimkunft in unser Haus kam. Wir kamen noch bis
+Rorschach, und des folgenden Tags (25. Oktober) auf Herisau, denn mein
+Herr Bachmann mochte nicht eilen, und ich merkte, daß er sich nicht
+recht nach Haus getraute, bis er sich erkundigt hätte, wie seiner
+vorigen Frevel wegen der Wind blies.
+
+[Sidenote: Trennung]
+
+[Sidenote: Heim! Heim!]
+
+[Sidenote: Nichts als Heim!]
+
+Länger konnt' ich dem Burschen nicht abpassen; denn, so nahe bei meiner
+Heimat, brannt' ich vor Begierde, dieselbe völlig zu erreichen. Also
+den sechsundzwanzigsten Oktober morgens früh nahm ich den Weg zum
+letztenmal unter die Füße, rannte wie ein Reh über Stock und Stein, und
+die lebhafte Vorstellung des Wiedersehns von Eltern, Geschwistern und
+meinem Liebchen ging mir einstweilen vor Essen und Trinken. Als ich nun
+meinem geliebten Wattweil immer näher und näher, und endlich auf die
+schöne Anhöhe kam, von welcher ich seinen Kirchturm ganz nahe unter
+mir erblickte, bewegte sich alles in mir, und rollten große Tränen
+haufenweis über meine Wangen herab. Oh, du erwünschter, gesegneter Ort!
+so hab' ich dich wieder, und niemand wird mich weiter von dir nehmen,
+dacht' ich im Heruntertrollen wohl hundertmal, und dankte dabei Gottes
+Vorsehung, die mich aus so vielen Gefahren wo nicht wunderbar doch
+höchstgütig gerettet hat. Auf der Brücke zu Wattweil redete mich ein
+alter Bekannter an, der vor meinem Weggehn um meine Liebesgeschichte
+gewußt hatte, und dessen erstes Wort war: »Je, gelt! deine Anne ist
+auch verplempert; dein Vetter Michel war so glückselig, und sie hat
+schon ein Kind.« Das fuhr mir durch Mark und Bein; indessen ließ ich's
+den Unglücksboten nicht merken: »Eh' nun,« sagt' ich, »hin ist hin!«
+Und in der Tat, zu meinem größten Erstaunen, faßt' ich mich bald, und
+dachte wirklich: »Nun freilich, das hätt' ich nicht hinter ihr gesucht!
+Aber, wenn's so sein muß, so sei's, und hab' sie eben ihren Michel!«
+Dann eilt' ich unserm Wohnort zu. Es war ein schöner Herbstabend. Als
+ich in die Stube trat, Vater und Mutter waren nicht zu Hause, merkt'
+ich bald, daß auch nicht eines von meinen Geschwistern mich erkannte,
+und sie über den ungewohnten Spektakel eines preußischen Soldaten nicht
+wenig erschraken, der so in seiner vollen Montierung, den Tornister
+auf dem Rücken, mit 'runtergelassnem Zottenhut und einem tüchtigen
+Schnurrbart sie anredte. Die Kleinern zitterten; der Größte griff nach
+einer Heugabel, und lief davon. Hinwieder wollt' auch ich mich nicht
+zu erkennen geben, bis meine Eltern da wären. Endlich kam die Mutter.
+Ich sprach sie um Nachtherberg an. Sie hatte viele Bedenklichkeiten;
+der Mann sei nicht da und dergleichen. Länger konnt' ich mich nicht
+halten, ergriff ihre Hand und sagte: »Mutter, Mutter! kennst mich nicht
+mehr?« Oh, da ging's zuerst an ein lärmendes, von Zeit zu Zeit mit
+Tränen vermengtes Freudengeschrei von Kleinen und Großen, dann an ein
+Bewillkommnen, Betasten und Begucken, Fragen und Antworten, daß es eine
+Tausendslust war. Jedes sagte, was es getan und geraten, um mich wieder
+bei ihnen zu haben. So wollte meine älteste Schwester ihr Sonntagskleid
+verkaufen, und mich daraus heimholen lassen. Mittlerweile langte auch
+der Vater an, den man ziemlich aus der Ferne rufen mußte. Dem guten
+Mann rannen auch Tropfen die Backen herunter: »Ach! Willkomm, willkomm,
+mein Sohn! Gottlob, daß du gesund da bist, und ich einmal alle meine
+Zehn wieder beisammen habe. Obschon wir arm sind, gibt's doch alleweil
+Arbeit und Brot.« Jetzt brannte mein Herz lichterloh, und fühlte tief
+die Wonne, so viele Menschen auf einmal, und zwar die Meinigen, zu
+erfreuen. Dann erzählt' ich ihnen noch denselben und etliche folgende
+Abende haarklein meine ganze Geschichte. Da war's mir wieder so
+ungewohnt herzlich wohl! Nach ein paar Tagen kam Bachmann, holte, wie
+gesagt, seinen Taler, und bestätigte alle meine Aussagen. Sonntags
+früh putzt' ich meine Montur, wie in Berlin zur Kirchenparade. Alle
+Bekannten bewillkommten mich; die andern gafften mich an, wie einen
+Türken. Auch nicht mehr meine, sondern Vetter Michels Anne tat es,
+und zwar ziemlich frech, ohne zu erröten. Ich hinwieder dankte ihr
+hohnlächelnd und trocken. Dennoch besucht' ich sie eine Weile hernach,
+als sie mir sagen ließ, sie wünschte allein mit mir zu reden. Da machte
+sie freilich allerlei kahle Entschuldigungen. Sie hab' mich auf immer
+verloren geglaubt, der Michel hab' sie übertölpelt, und so weiter.
+Dann wollte sie gar meine Kupplerin abgeben. Aber ich bedankte mich
+schönstens, und ging.
+
+[Sidenote: Anne]
+
+[Sidenote: Was nun anfangen?]
+
+Und nun, hieß es, was anfangen? Graben mag ich nicht; doch schäm' ich
+mich zu betteln. Nein! für mein Brot war ich nie besorgt, und jetzt am
+allerwenigsten; denn, dacht' ich, nun bist du wieder an deines Vaters
+Kost, und arbeiten willst du auch wieder lernen. Doch merkt' ich, daß
+mein Vater meinetwegen ein bißchen verlegen war, und vielleicht obige
+Textesworte auf mich anwandte, obschon er nichts davon sagte. In der
+Tat war mir die schwarze, gefährliche Kunst eines Pulvermachers höchst
+zuwider; denn dergleichen Spezerei hatt' ich genug gerochen. Jetzt
+sollt' ich auch wieder Kleider haben, und der gute Ätti strengte alles
+an, mir solche zu verschaffen. Den Winter über konnt' ich Holz zügeln
+und Baumwolle kämmen. Allein im Frühjahr 1757 beorderte mich mein Vater
+zum Salpetersieden. Da gab's schmutzige und zum Teil strenge Arbeit.
+Doch blieb mir immer so viel Zeit übrig, meinen Geist wieder in die
+weite Welt fliegen zu lassen. Da dacht' ich: »Warst doch als Soldat
+nicht so ein Schweinskerl, und hattest bei aller deiner Angst und Not
+manch lustiges Tägel!« Ha! wie veränderlich ist das Herz des Menschen.
+Denn jetzt ging ich wirklich manche Stunde mit mir zu Rat, ob ich
+nicht aufs neue den Weg unter die Füße nehmen wollte; stunden mir doch
+Frankreich, Holland, Piemont, die ganze Welt, außer Brandenburg, offen.
+Mittlerweile wurde mir ein Herrndienst im Johanniterhaus Bubickheim,
+Zürcher Gebiets, angetragen. Ich ging zwar hin, mich zu erkundigen.
+Allein, ich gefiel, oder, was weiß ich, man gefiel mir nicht; und so
+blieb ich bei meinem Salpeter, war ein armer Tropf, hatte kein Geld,
+und mochte gleichwohl gern mit andern Burschen laichen.[50] Mein Vater
+gab mir zwar bisweilen, wenn ein Trinktag oder andrer Ehrenanlaß
+einfiel, etliche Batzen in den Sack; allein die waren bald über die
+Hand geblasen. Der ehrliche Kreuztrager hatte eben sonst immer mehr
+auszugeben als einzunehmen, und Kummer und Sorgen machten ihn lange
+vor der Zeit grau. Die Wahrheit zu sagen: Keins von allen seinen zehn
+Kindern wollte ihm recht ans Rad stehn. Jedes sah vor sich, und doch
+mochte keines was vor sich bringen. Die einen waren zu jung. Von den
+zwei Brüdern, die nächst auf mich folgten, gab sich der ältere mit
+Baumwollenkämmen ab, und zahlte dem Ätti das Tischgeld; der andre half
+ihm zwar in der Pulvermühle. Überhaupt aber ließ der liebe Mann jedes
+sozusagen machen, was es wollte, erteilte uns viel gute Lehren und
+Ermahnungen, und las uns aus gottseligen Büchern allerlei vor; aber
+dabei ließ er's bewenden, und brauchte kurz keinen Ernst. Die Mutter
+mit den Töchtern machte es ebenso, und war gar zu gut. -- Wie spät
+kommt der Verstand! Bei mir sollte er damals schon längst gekommen, und
+ich meines Vaters beste Stütze geworden sein. Ja! wenn das sinnliche
+Vergnügen nicht so anziehend wäre. An guten Vorsätzen fehlte es nie.
+Aber da hieß es:
+
+ Zwar billig' ich nicht mehr das Böse, das ich tue --
+ Doch tu' ich nicht das Gute, das ich will.
+
+Und so stolpert' ich immer meinem wahren Glücke vorbei.
+
+[Sidenote: Heiratsgedanken]
+
+[Sidenote: Lieschen]
+
+Schon im vorigen Jahre geriet ich bei meinem Herumpatrouillieren hie
+und da an eine sogenannte Schöne; und es gab deren nicht wenig, die mir
+herzlich gut waren, aber meist ohne Vermögen. Ich nichts, sie nichts,
+dacht' ich dann, ist doch zu wenig, denn so unbedachtsam war ich nicht
+mehr wie im zwanzigsten. Auch sprach der Vater immer zu uns: »Buben!
+seid doch nicht so wohlfeil. Seht euch vor. Ich will's euch zwar
+nicht wehren; aber werft den Bengel ein Bißlin hoch, er fällt schon
+von selbst wieder tief; in diesem Punkt darf sich einer alleweil was
+Rechtes einbilden.« Nun, das war schön und gut; aber es muß einer denn
+doch durch, wo's ihm geschaufelt ist. Gleichwohl dacht' ich etwas zu
+erhaschen, und glaubte mich eigentlich zum Ehestand bestimmt, sonst
+wär' ich um diese Zeit sicher in die weite Welt gegangen. Inzwischen
+war, aller meiner obbelobten Bedächtlichkeit ungeachtet, der Geiz
+wirklich nicht meine Sache. Ein Mädchen, ganz nach meinem Herzen, hätt'
+ich nackend genommen. Aber da leuchtete mir eben keine vollkommen
+ein, wie weiland mein Ännchen. Mit einem gewissen Lieschen war ich
+ein paarmal auf dem Sprung. Erst machte das Ding Bedenklichkeiten;
+nachwärts bot es sich selber an. Aber meine Neigung zu ihr war zu
+schwach; und doch glaub' ich nicht, daß ich unglücklich mit ihr
+gefahren wäre. Aber zu stockig ist zu stockig. Bald darauf kam ich
+fast ohne mein Wissen und Willen mit der Tochter einer katholischen
+Witwe in einen Handel, welcher ziemliches Aufsehen machte, obschon ich
+nur ein paarmal mit ihr spazieren gegangen war und ein Glas Wein mit
+ihr getrunken hatte, alles ohne sonderliche Absicht, und vornehmlich
+ohne sonderliche Liebe. Aber da blies man meinem Vater ein, ich wolle
+katholisch, und Marianchens Mutter, sie wolle reformiert werden; und
+doch hatte keins von uns so wenig an den Glauben als eine Änderung
+desselben gedacht. Das arme Ding kam wirklich darüber in eine Art
+geheimer Inquisition von Geist- und Weltlichen, erzählte mir alles
+haarklein, und ihr ward himmelangst. Ich hingegen lachte im Herzen
+des dummen Lärms, um so viel mehr, da mein Vater solider zu Werk
+ging, mich zwar freundernstlich examinierte, aber mir dann auch auf
+mein Wort glaubte, als ich ihm sagte, daß ich so steif und fest auf
+mein Bekenntnis leben und sterben wollte, als Lutherus oder unsre
+Landskraft Zwingli. Inzwischen wurde die Sache auf Marianchens Seite
+ernsthafter, als ich glaubte. Das gute Kind ward so vernarrt in mich
+wie ein Kätzchen, und befeuchtete mich oft mit seinen Tränen. Ich
+glaube, das Närrchen wär' mit mir ans End der Welt gelaufen; und wenn
+ihm schon sein mütterlicher Glaube sehr ans Herz gewachsen war, meint'
+ich fast, ich hätt' in der Wagschal' überwogen. Auch setzte mir das
+Mitleid fast mehr zu, als je zuvor die Liebe. Doch mußt' ich, wenn ich
+alles und alles überdachte, durchaus allmählich abbrechen, und tat es
+wirklich. Hier falle eine mitleidige Träne auf das Grab dieses armen
+Töchterchens! Es zehrte sich nach und nach ab, und starb nach wenig
+Monaten im Frühling seines zarten Lebens. Gott verzeihe mir meine
+schwere Sünde, wenn ich an diesem Tod einige Schuld trug. Und wie
+sollt' ich mir dies verbergen wollen?
+
+Indem ich so hin und wieder meinen Salpeter brannte, sah' ich eines
+Tags ein Mädchen mit einem Amazonengesicht vorbeigehn, das mir, als
+einem »alten Preußen« nicht übel gefiel, und das ich bald nachher auch
+in der Kirche bemerkte. Dieser fragte ich erst ganz verstohlen nach,
+und was ich von ihr vernahm, behagte mir ziemlich, einen Kapitalpunkt
+ausgenommen, daß es hieß, sie sei verzweifelt böse, doch im bessern
+Sinn; und dann glaubten einige, sie habe schon einen Liebhaber. Nun,
+mit alledem, dacht' ich, 's muß doch einmal gewagt sein! Ich sucht'
+ihr also näherzukommen und mit ihr bekannt zu werden. Zu dem End'
+kauft' ich in Eggberg, wo mein Schatz daheim war, etwas Salpetererde,
+und zugleich ihres Vaters Gaden, ihr zulieb viel zu teuer, denn es war
+fast verloren Geld. Schon bei diesem Handel merkt' ich, daß sie gern
+den Herrn und Meister spiele; aber der Verstand, womit sie's tat, war
+mir nicht zuwider. Nun hatt' ich alle Tag Gelegenheit, sie zu sehen;
+doch ließ ich ihr lange meine Absichten unentdeckt, und dachte, du mußt
+sie erst recht ausstudieren. Die Böse, wovon man mir so viel Wesens
+gemacht, konnt' ich nicht an ihr finden. Aber der Henker hol' ein
+lediges Mädchen aus! Meine Besuche wurden immer häufiger. Endlich leert
+ich den Kram aus und gewahrte, daß ihr mein Antrag nicht unerwartet
+fiel. Dennoch hatte sie viele Bedenken, und ihr Ziel ging offenbar
+dahin, mich auf eine lange Probe zu setzen. Setz' du nur, dacht' ich,
+wanderte unterdessen mit meinem Salpeterplunder von einem Ort zum
+andern, und machte noch mit verschiedenen andern Mädchen Bekanntschaft,
+welche mir, die Wahrheit zu gestehen, vielleicht besser gefielen, von
+denen aber keine so gut für mich zu taugen schien als sie. Endlich
+begriff ich, oder vielmehr gab mir's mein guter Genius ein, daß ich
+nicht bloß meiner Sinnlichkeit folgen solle. Inzwischen setzte es jetzt
+schon fast allemal, wenn ich meine Schöne sah, irgendeinen Strauß oder
+Wortwechsel, aus denen ich wahrnehmen konnte, daß unsre Seelen eben
+nicht gleichgestimmt waren. Aber selbst diese Disharmonie war mir
+nicht zuwider, und ich bestärkte mich immer mehr in einer gewissen
+Überzeugung: Diese Person wird dein Nutzen sein, wie die Arznei dem
+Kranken. Einst ließ sie sich gegen mich heraus, daß ihr meine dreckige
+Hantierung mit dem Salpetersieden gar nicht gefalle, und mir war's
+selber so. Sie riet mir, ein kleines Händelchen mit Baumwollengarn
+anzufangen, wie's ihr Schwager getan, dem's auch nicht übel gelungen
+sei. Das leuchtete mir so ziemlich ein. Aber wo 's Geld hernehmen?
+war meine erste und letzte Frage. Sie bot mir wohl etwas an, aber
+das kleckte nicht. Nun ging ich mit meinem Vater zu Rat. Der hatte
+ebenfalls nichts dawider und verschaffte mir hundert Gulden, die er
+noch von der Mutter zu beziehen hatte.
+
+Um diese Zeit hatt' ich eine gefährliche Krankheit zu bestehen, da mir
+ein Geschwür, an welchem ich beinahe das Leben verloren hätte, tief im
+Schlunde wuchs. Endlich schnitten's mir die Herren Doktors Mettler,
+Vater und Sohn, mit einem krummen Instrumente so glücklich auf, daß
+ich gleichsam in einem Nu wieder schlucken und reden konnte.
+
+[Sidenote: Als Garnhändler]
+
+[Sidenote: Wohnungspläne]
+
+Im März des folgenden Jahres, 1759, fing ich wirklich an,
+Baumwollengarn zu kaufen. Damals mußt' ich noch den Spinnern auf ihr
+Wort glauben, und den Lehrbletz teuer genug bezahlen. Indessen ging
+ich den fünften April das erstemal mit meinem Garn nach St. Gallen,
+und konnt' es so mit ziemlichem Nutzen absetzen. Dann schaffte ich mir
+sechsundsiebenzig Pfund Baumwolle, das Pfund zu zwei Gulden, an, ward
+also in aller Form ein Garnhändler, und bildete mir schon mehr ein, als
+der Pfifferling wert war. Ungefähr ein Jahr lang trieb ich nebenbei
+noch mein Salpetersieden fort, und da meine Barschaft gering war, mußt'
+ich sie um so viel öftrer umzusetzen suchen. Ich wanderte deswegen
+einmal übers andere nach St. Gallen und befand mich dabei nicht übel;
+doch betrug mein Vorschlag in diesem Jahr nicht über zwölf Gulden. Aber
+das deuchte mir damals schon ein Großes.
+
+Als ich so den Handelsherrn spielte, dacht' ich, Liebchen sollte nun
+keine Einwendung mehr gegen meine Anträge machen. Aber weit gefehlt!
+Das verschmitzte Geschöpf wollte meine Ergebenheit noch auf andre Weise
+probieren. Nun, was ohnehin in meinen Planen stund, mochte hingehn. Als
+ich ihr daher eines Tags mit großem Ernst vom Heiraten redete, hieß
+es: Aber wo hausen und hofen? Ich schlug ihr verschiedene Wohnungen
+vor, die damals eben zu vermieten stunden, »das will ich nicht,« sagte
+sie, »in meinem Leben nehm' ich keinen, der nicht sein eigen Haus
+hat!« »Ganz recht!« erwiderte ich; aber hätt's nicht auch in meinem
+Kopf gelegen, ich wollt's probiert haben. Von der Zeit an fragt' ich
+jedem feilgebotenen Häuschen nach; aber es wollte sich nirgends fügen.
+Endlich entschloß ich mich, selber eins zu bauen, und sagte es meiner
+Schönen. Sie war's zufrieden, und bot mir wieder Geld dazu an. Dann
+eröffnete ich meine Absicht auch meinem Vater, der versprach, ebenfalls
+mir mit Rat und Tat beizustehn, wie er's auch redlich hielt. Nun erst
+sah ich mich nach einem Platz um und kaufte einen Boden um ungefähr
+hundert Taler, dann hie und da Holz. Einige Tännchen bekam ich zum
+Geschenk. Nun bot ich alle meine Kräfte auf, fällte das Holz, das
+meist in einem Bachtobel stund, und zügelte es -- der gute Ätti half
+mir wacker -- nach der Säge, dann auf den Zimmerplatz. Aber Sägen und
+Zimmern kostete Geld. Alle Tag' mußt' ich dem Seckel die Riemen ziehn,
+und das war doch nur der Schmerzen ein Anfang. Doch bisher ging alles
+gut von statten; der Garnhandel ersetzte die Lücken. Meinem Schatze
+rapportiert' ich alles fleißig, und sie trug an meinem Tun und Lassen
+meist ein gnädiges Belieben. Den Sommer, Herbst und Winter durch macht'
+ich alle nötigen Zubereitungen mit Holz, Stein, Kalk und Ziegel, um
+im künftigen Frühjahr mit meinem Bau zeitig genug anfangen und je
+eher je lieber mit meiner jungen Hausehre einziehen zu können. Nebst
+meinem kleinen Handel pfuscht' ich, zumal im Winter, allerlei Mobilien
+und Werkgeschirr. Ich dachte, in ein Haus würde auch Hausrat gehören,
+von meiner Liebsten werd' ich nicht viel zu erwarten haben, und von
+meinem Vater, dem ich jetzt ein geringes Kostgeld bezahlen mußte, noch
+minder. Überhaupt war wohl nichts unüberlegter, als dergestalt, bloß
+einem Weibsbild und meiner Eitelkeit zulieb, um eine eigene Hofstätte
+zu haben, mich in ein Labyrinth zu vertiefen, aus welchem nur Gott und
+Glück wieder herausführen konnten. Auch lächelten mich ein paar meiner
+Nachbarn immer schalkhaft an, so oft ich bei ihnen vorüberging. Andre
+waren offenherziger und sagten mir's rund ins Gesicht: »Ulrich, Ulrich!
+du wirst's schwerlich aushalten.« Einige hatten vollends die Gutheit,
+mir nach dem Maß ihrer Kräfte, bloß auf mein und des Ätti Ehrenwort,
+tätlich unter die Arme zu greifen.
+
+[Sidenote: Bräutigamsstand]
+
+Übrigens war dies Tausendsiebenhundertundsechzig ein vom Himmel
+außerordentlich gesegnetes Wunderjahr, durch ein seltenes Gedeihen der
+Erdfrüchte und namhaften Verdienst, bei äußerst geringem Preis aller
+Arten von Lebensmitteln. Ein Pfund Brot galt zehn Pfennige, ein Pfund
+Butter zehn Kreuzer. Das Viertel Äpfel, Birnen und Erdäpfel konnt' ich
+beim Haus um zwölf Kreuzer haben; die Maß Wein um sechs Kreuzer, und
+die Maß Branz um sieben Batzen. Alles, reich und arm, hatte vollauf.
+Mit meinem Bauelgewerb wär's mir um diese Zeit gewiß gut gegangen, wenn
+ich ihn nur besser verstanden und mehr Geld und Zeit dareinzusetzen
+gehabt hätte. So floß mir dieses Jahr ziemlich schnell dahin. Mit
+meiner Schönen gab's manchmal ein Zerwürfnis, wenn sie etwa meine
+Lebensart tadelte, mir Verhaltungsbefehle vorschreiben wollte, und
+ich mich, wie noch heutzutag, rebellisch stellte; aber der Faden war
+allemal bald wieder angesponnen und bald wieder zerbrochen.
+
+
+
+
+ Ehe- und Wehestand
+
+
+[Sidenote: Der Hausbau]
+
+Nachdem ich, wie gesagt, den Winter über alle möglichen Anstalten
+zu meinem Bauen gemacht, das Holz auf den Platz geschleift und der
+Frühling nun heranrückte, langten auch meine Zimmerleute auf den Tag
+an, wie sie mir's versprochen hatten. Es waren außer meinem Bruder
+Georg, den ich ebenfalls gedingt, und für den ich darum meinem
+Vater jetzt Kostgeld entrichten mußte, sieben Mann, deren jedem ich
+alle Tag für Speis' und Lohn sieben Batzen, dem Meister Hans Jörg
+Brunner von Krinau aber neun Batzen bezahlte und darüber noch täglich
+eine halbe Maß Branz, Sell-,[51] Beschluß- und Firstwein. Es war
+den siebenundzwanzigsten März, da die Selle zu meiner Hütte gelegt
+wurde, bei sehr schönem Wetter, das bis Mitte April dauerte, wo die
+Arbeit durch eingefallenen großen Schnee einige Tage unterbrochen
+ward. Bis Mitte Mai, also in zirka sieben Wochen, kam alles unter
+Dach. Noch vorher aber, End' Aprils, spielte mir das Schicksal
+etliche fatale Streiche, die mir, so unbedachtsam ich sonst alles dem
+Himmel anheimstellte, der doch nirgends für den Leichtsinn zu sorgen
+versprochen hat, beinahe allen Mut zu Boden warfen. Es hatten sich
+nämlich drei oder vier Unsterne miteinander vereinigt, meinen Bau zu
+hintertreiben. Der eine war, daß ich noch viel zu wenig Holz hatte,
+ungeachtet der Meister mir gesagt, es sei genug, und daher es erst
+jetzt einsah, als er an die oberste oder Firstkammer kam. Also mußt'
+ich von neuem in den Wald, Bäum kaufen, fällen, und sie in die Säge
+und auf den Zimmerplatz führen. Der zweite Unstern war, daß, als bei
+dem ebengedachten Geschäft mein Fuhrmann mit einem schweren Stück
+zwischen zwei Felsen durch, und ich nebenein galoppieren wollte, mir
+der Baum im Renken den rechten Fuß erwischte, Schuh' und Strümpf'
+zerriß, und Haut, Fleisch und Bein zerquetschte, so daß ich ziemlich
+miserabel auf dem einen Roß heimreiten, und unter großen Schmerzen
+viele Tag' inliegen mußte, bis ich wieder zu meinen Leuten konnte.
+Nebendem vereinigten sich während dieser meiner Niederlage noch zwei
+andre Fatalitäten mit den erstern. Die eine, einer meiner Landsmänner,
+dem ich hundertzwanzig Gulden schuldig war, schickte mir unversehns den
+Boten, daß er zur Stund' wolle bezahlt sein. Ich kannte meinen Mann und
+wußte, daß da Bitten und Beten umsonst sei. Also dacht' ich hin und
+her, was anzufangen wäre. Endlich entschloß ich mich, meinen Vorrat an
+Garn aus allen Winkeln zusammenzulesen, nach St. Gallen zu schicken
+und um jeden Preis loszuschlagen. Aber, o weh! das vierte Ungeheuer!
+Mein Abgesandter kam, statt mit Barschaft, mit der entsetzlichen
+Nachricht, mein Garn liege im Arrest wegen allzu kurzen Häspeln, ich
+müsse selber auf St. Gallen gehn und mich vor den Herren Zunftmeistern
+stellen. Was sollt' ich nun anfangen? Jetzt hatt' ich weder Garn noch
+Geld, sozusagen keinen Schilling mehr, meine Arbeiter zu bezahlen, die
+indessen drauflos zimmerten, als ob sie Salomonis Tempel bauen müßten.
+Und dann mein unerbittlicher Gläubiger! Aufs neue borgen? Gut! Aber wer
+wird mir armen Buben trauen? Mein Vater sah meine Angst, und mein Vater
+im Himmel sah sie noch besser. Sonst fanden der Ätti und ich noch immer
+Kredit. Aber sollten wir den mißbrauchen? Kurz, er rannte in seinem
+und meinem Namen, und fand endlich Menschen, die sich unser erbarmten,
+Menschen und keine Wuchrer! Gott vergelt' es ihnen in Ewigkeit!
+
+[Sidenote: Einzug]
+
+Sobald ich wieder aushoppen und meinen Sachen nachgehen konnte, war
+meine Not, vielleicht nur zu bald, vergessen. Mein Schatz besuchte mich
+während meiner Krankheit oft. Aber von allen jenen Unsternen ließ ich
+ihr keinen Schein sehn; und mein guter Engel verhütete, daß sie nichts
+davon erfuhr; denn ich merkte wohl, daß sie noch unschlüssig, nur mein
+Verhalten, und den Ausgang vieler ungewisser Dinge erwarten wollte.
+Unser Umgang war daher nie recht vertraut. Zu St. Gallen kam ich mit
+fünfzehn Gulden Buß davon. Als die Zimmerleut' fertig waren, ging's
+ans Mauern. Dann kam der Hafner, Glaser, Schlosser, Schreiner, einer
+nach dem andern. Dem letzten zumal half ich aus allen Kräften, so daß
+ich dies Handwerk so ziemlich gelernt und mir mit meiner Selbstarbeit
+manchen Schilling erspart habe. Mit meinem Fuß war's indessen noch
+lange nicht recht, und ich mußte bei Jahren daran bayern,[52] sonst
+wäre alles viel hurtiger vonstatten gegangen. Endlich konnt' ich am
+siebenzehnten Juni mit dem Bruder in mein neues Haus einziehn, der nun
+einzig, nebst mir, unsern kleinen Rauch führte. Wir beide stellten also
+Herr, Frau, Knecht, Magd, Koch und Keller, alles an einem Stiel vor.
+Aber es fehlte noch an vielem. Wo ich herumsah, erblickt' ich meist
+heitre und sonnenreiche, aber leere Winkel. Immer mußt' ich die Hand
+in Beutel stecken, und der war klein und dünn, so daß es mich jetzt
+noch Wunder nimmt, wie die Kreuzer, Batzen und Gulden alle heraus- oder
+vielmehr hineingekrochen. Aber freilich am End erklärte sich manches
+durch eine Schuldenlast von fast tausend Gulden.
+
+[Sidenote: Hochzeit]
+
+Inzwischen war ich nun beinahe vier Jahre lang einem stettigen[53]
+Mädchen nachgelaufen; und sie mir, wenn auch etwas minder. Wenn
+wir uns nicht sehen konnten, mußten bald alle Tage gebundene und
+ungebundene Briefe gewechselt sein, wie mich denn über diesen Punkt
+mein verschmitzter Schatz meisterlich zu betrügen wußte. Sie schrieb
+mir nämlich ihre Briefe meist in Versen, so nett, daß sie mich darin
+weit übertraf. Ich hatte eine große Freude an dem gelehrten Ding,
+und glaubte eine vortreffliche Dichterin an ihr zu haben. Aber am End
+kam's heraus, daß sie weder schreiben noch Geschriebenes lesen konnte,
+sondern alles durch einen vertrauten Nachbar verrichten ließ. »Nun,
+Schatz!« sagt' ich eines Tags, »jetzt ist unser Haus fertig, und ich
+muß doch einmal wissen, woran ich bin.« Sie brachte noch einen ganzen
+Plunder von Entschuldigungen hervor. Zuletzt wurden wir darüber einig,
+ich müss' ihr noch Zeit lassen bis im Herbst. Endlich ward im Oktober
+(1761) unsre Hochzeit öffentlich verkündet. Jetzt, so schwer war's kaum
+Rom zu bauen, spielte mir ein niederträchtiger Kerl noch den Streich,
+daß er im Namen seines Bruders, der in piemontesischen Diensten
+stand, Ansprache auf meine Braut machte, die aber bald für ungültig
+erkannt wurde. An Aller Seelen-Tag wurden wir kopuliert. Herr Pfarrer
+Seelmatter hielt uns einen schönen Sermon, und knüpfte uns zusammen.
+So nahm meine Freiheit ein Ende, und das Zanken gleich den ersten Tag
+seinen Anfang. Ich sollte mich unterwerfen, wollte nicht, und will's
+noch nicht. Sie sollt' es auch, und will's noch viel minder. Auch
+darf ich einmal nicht verhehlen, daß mich eigentlich bloß politische
+Absichten zu meiner Heirat bewogen hatten, und ich nie jene zärtliche
+Neigung zu ihr verspürte, die man Liebe zu nennen gewohnt ist. Nur das
+erkannt' ich wohl, und erkenne ich noch in der gegenwärtigen Stunde,
+daß sie für meine Umstände unter allen, die ich bekommen hätte, die
+tauglichste war. Mein Bruder Jakob hatte ein Jahr vor mir, und meine
+älteste Schwester ein Jahr nach mir sich verheiratet, und keins von
+beiden traf's so gut wie ich. Nicht zu gedenken, daß die Familie
+meiner Frau weit besser war, als die, worein meine beiden Geschwister
+sich hineingemannet und geweibet hatten, sind diese auch immer ärmer
+geblieben. Bruder Jakob zumal mußte in den teuern siebenziger Jahren
+von Weib und Kindern weg in den Krieg laufen.
+
+[Sidenote: Tod des Vaters]
+
+Das Jahr 1762 war mir besonders um des sechsundzwanzigsten Märzens
+und zehnten Septembers willen merkwürdig. An dem erstern starb mein
+geliebter Vater eines schnellen, gewaltsamen Todes, den ich lange
+nicht verschmerzen konnte. Er ging am Morgen in den Wald, etwas Holz
+zu suchen. Gegen Abend kam Schwester Anne-Marie mit Tränen in den
+Augen zu mir und sagte, der Ätti sei in aller Frühe fort und noch
+nicht heimgekommen, sie fürchten alle, es sei ihm was Böses begegnet,
+ich solle doch fort und ihn suchen, sein Hündlein sei etlichemal
+heimgekommen und wieder weggelaufen. Mir ging ein Stich durch Mark und
+Bein. Ich rannte in aller Eil' dem Gehölze zu, das Hündlein trabte vor
+mir her und führte mich gerade zu dem vermißten Vater. Er saß neben
+seinem Schlitten, an ein Tännchen gelehnt, die Lederkappe auf dem Schoß
+und die Augen sperroffen. Ich glaubte, er sehe mich starr an. Ich
+rief: Vater, Vater! aber keine Antwort. Seine Seele war ausgefahren,
+gestabet[54] und kalt waren seine lieben Hände, und ein Ärmel hing von
+seinem Futterhemd herunter, den er mag ausgerissen haben, als er mit
+dem Tode rang. Voll Angst und Verwirrung fing ich ein Zetergeschrei
+an, welches in kurzem alle meine Geschwisterte herbeibrachte. Eins
+nach dem andern legte sich auf den erblaßten Leichnam. Unser Geheul
+ertönte durch den ganzen Wald. Man zog ihn auf seinem Schlitten nach
+Haus, wo die Mutter samt den Kleinen ihr Wehklagen mit dem unsrigen
+vereinte. Ein armer Bube aß die Suppe, die auf den guten Herzensvater
+gewartet hatte. Zehn Tage vorher hatt' ich das letztemal, oh, hätt'
+ich's gewußt, daß es das letztemal! mit ihm gesprochen, und sagte er
+mir unter anderm, er möchte sich die Augen ausweinen, wenn er bedenke,
+wie oft er den lieben Gott erzürnt habe. Oh, welch einen guten Vater
+hatten wir, welch einen zärtlichen Ehemann unsre Mutter, welch eine
+redliche Seele und Biedermann alle, die ihn kannten, an ihm verloren.
+Gott tröste seine Seele in alle Ewigkeit! Er hatte eine mühsame
+Pilgrimschaft. Kummer und Sorgen aller Art, Krankheiten, drückende
+Schuldenlast folgten ihm stets auf der Ferse nach. Sonntags, den
+achtundzwanzigsten März, wurde er unter einem zahlreichen Gefolge zu
+seiner Ruhestatt begleitet, und in unser aller Mutter Schoß gelegt.
+Herr Pfarrherr Bösch ab dem Ebnet hielt ihm die Leichenrede, die für
+seine betrübten Hinterlassenen ungemein tröstlich ausfiel. Der Selige
+mag sein Alter auf fünfundfünfzig Jahre gebracht haben. Oh, wie oft
+besucht' ich seither das Plätzchen, wo er den letzten Atem ausgehaucht.
+Die sicherste Vermutung über seine eigentliche Todesart gab mir der Ort
+selbst an die Hand. Es war sehr gähe, wo er mit seinem Füderchen Holz
+hinunterfuhr. Der Schnee trug den Schlitten, aber mit den Füßen mußte
+er an einer lockern Stelle, die ich noch wohl wahrnehmen konnte, unter
+den letztern gekommen, und derselbe mit ihm gegen eine Tanne geschossen
+sein, die ihm den Herzstoß gab. Doch muß er noch eine Weile gelebt,
+sich freimachen gewollt, und über dieser Bemühung sein Futterhemd
+zerrissen haben.
+
+[Sidenote: Familiensorgen]
+
+Nach diesem traurigen Hinschied fiel eine schwere Last auf mich.
+Da waren noch vier unerzogene Kinder, bei welchen ich Vaterstelle
+vertreten sollte. Unsre Mutter war so immer geradezu und sagte zu
+allem: Ja, ja! Ich tat, was ich konnte, wenn ich gleich mit mir selbst
+schon genug zu schaffen hatte. Bruder Georg nahm den eigentlichen
+Haushalt über sich. Aus den hundert Gulden, die mir der Selige gegeben
+hatte, tilgte ich seine Schulden. In meinem eigenen Häuschen machte ich
+einen Webkeller zurecht. Ich lernte selbst weben und lehrte es nach
+und nach meine Brüder, so daß zuletzt alle damit ihr Brot verdienen
+konnten. Die Schwestern verstunden recht gut Löthligarn zu spinnen, die
+jüngste lernte nähen.
+
+[Sidenote: Das erste Kind]
+
+Der zehnte September war wieder der erste frohe Tag für mich, an
+welchem meine Frau mir einen Sohn zur Welt brachte, den ich nach meinem
+und meines Schwähers Namen Uli nannte. Ich hatte eine solche Freude mit
+diesem Jungen, daß ich ihn nicht nur allen Leuten zeigte, die ins Haus
+kamen, sondern auch jedem vorübergehenden Bekannten zurief: Ich hab'
+einen Buben, obgleich ich schon voraus wußte, daß mich mancher darüber
+auslachen und denken werde: Wart nur, du wirst noch des Dings genug
+bekommen, wie's denn auch wirklich geschah. Inzwischen kam mein gutes
+Weib dies erstemal nicht leicht davon und mußte viele Wochen das Bett
+hüten. Das Kind wuchs und nahm wunderbar zu.
+
+Bald nachher erzeugten die Angelegenheiten der Meinigen manchen
+kleinern und größern Ehestreit zwischen mir und meiner Hausehre. Die
+letztre mochte nämlich nach Gewohnheit die erstern nie recht leiden,
+und meinte immer, ich dächt' und gäb' ihnen zu viel. Freilich waren
+meine Brüder ziemlich ungezogene Bursche, aber immer meine Brüder,
+und ich also verbunden, mich ihrer anzunehmen. Endlich kam einer nach
+dem andern unter die Fremden, Georg ausgenommen, der ein ziemlich
+liederliches Weib heiratete. Die andern alle verdienten, meines
+Wissens, ihr Brot mit Gott und mit Ehren.
+
+[Sidenote: Eheleben]
+
+Die Flitterwochen meines Ehestands waren nun längst vorbei, obgleich
+ich wenig von ihrem Honig zu sagen weiß. Mein Weib wollte immer gar
+zu scharfe Mannszucht halten; und wo viel Gebote sind, gibt's mehr
+Übertretung. Sobald ich nur ein bischen ausschweifte, waren gleich alle
+Teufel los. Das machte mich bitter und launisch, und verführte mich zu
+allerlei eiteln Projekten. Mein Handel ging bald gut, bald schlecht.
+Bald kam mir ein Nachbar in die Quere und verstümmelte mir meinen
+schönen Gewerb; bald betrogen mich arge Buben um Baumwolle und Geld,
+denn ich war gar zu leichtgläubig. Ich hatte mir eines der herrlichsten
+Luftschlösser gemacht, meine Schulden in wenig Jahren zu tilgen; aber
+die Ausgaben mehrten sich von Jahr zu Jahr. Im Winter 63 gebar mir
+meine Frau eine Tochter, und 65 noch eine. Ich bekam wieder das Heimweh
+nach Geißen; auf der Stelle mußten deren etliche herbeigeschafft sein.
+Die Milch stund mir und meinen drei Jungen trefflich an; aber die Tiere
+gaben mir viel zu schaffen. Andremal hielt ich eine Kuh; oft gar zwei
+und drei. Ich pflanzte Erdäpfel und Gemüse, und probierte alles, wie
+ich am leichtesten zurechtkommen möchte. Aber ich blieb immer so auf
+dem alten Fleck stehn, ohne weit vor, doch auch nicht hinterwärts zu
+rücken.
+
+[Sidenote: Die Sechzigerjahre]
+
+Überhaupt vertrödelte ich diese Sechzigerjahre, daß ich nicht recht
+sagen kann, wie? und so, daß sie meinem Gedächtnis weit entfernter
+sind als die entferntesten Jugendjahre. Nur etwas Weniges also von
+meiner damaligen Herzens- und Gemütslage. Schon mehrmals hab' ich
+bemerkt, wie ich in meiner Bubenhaut ein lustiger, leichtsinniger,
+kummer- und sorgenloser Junge war, der dann doch von Zeit zu Zeit
+manche gute Regungen zur Buße und manche angenehme Empfindung, wenn
+er in der Besserung auch nur einen halben Fortschritt tat, bei sich
+verspürte. Nun war die Zeit längst da, einmal mit Ernst ein ganz
+anderes Leben anzufangen. Gerade von meiner Verheiratung an wollt'
+ich mit nichts Geringerm beginnen, als der Welt völlig abzusagen, und
+das Fleisch mit allen seinen Gelüsten zu kreuzigen. Aber, oh, ich
+einfältiger Mensch! Was es da für ein Gewirre und für Widersprüche in
+meinem Innern absetzte. Vor meinem Ehestand bildete ich mir ein, wenn
+ich nur erst meine Frau und eigen Haus und Heimat hätte, würden alle
+andern Begierden und Leidenschaften wie Schuppen von meinem Herzen
+fallen. Aber, potztausend! welch' eine Rebellion gab's da. Lange Zeit
+wendete ich jeden Augenblick, den ich entbehren, aber auch manchen,
+den ich nicht entbehren konnte, aufs Lesen an. Ich schnappte jedes
+Buch auf, das mir zu erhaschen stund. Ich hatte acht Foliobände von
+der Berlenburger Bibel vollendet, nahm dann, wie es sich gebührt,
+eine scharfe Kinderzucht vor, ging dann und wann in die Versammlung
+etlicher Heiliger und Frommen, und ward darüber, wie es mir jetzt
+vorkommt, ein unerträglicher, eher gottloser Mann, der alle andern
+Menschen um ihn her für bös, sich selber allein für gut hielt, und
+darum jedes Bein nach seiner Pfeife wollte tanzen lehren. Jede auch
+noch so schuldlose Freude des Lebens machte mir Skrupel über Skrupel,
+ich wollte mir bald sogar die Befriedigung eigentlich unentbehrlicher
+Bedürfnisse versagen, und mein Busen steckte doch voll schnöder Lust
+und tausend abenteuerlicher Begierden, die ich so oft ertappte, als
+ich hineinzugucken Mut genug hatte. Ich geriet dann freilich fast
+in Verzweiflung, faßte aber doch allemal von neuem wieder Posto und
+suchte meine Sachen mit Beten, Lesen und -- oh, ich abscheulicher
+Kerl! -- hauptsächlich damit wieder zu verbessern, daß ich meiner Frau
+und Geschwisterten wie ein Pfarrer zusprach, und die Höll' bis zum
+Zerspringen heiß machte. Oft fiel mir's gar ein, ich sollte, gleich
+den Herrnhutern und Inspirierten, in der weiten Welt herumziehn und
+Buß' predigen. Wenn ich aber so nur einem meiner Brüder oder Schwestern
+einen Sermon hielt, und schon im Text stockte, dacht' ich wieder:
+Du Narr! Hast ja keine Gaben zu einem Apostel, und also auch keinen
+Beruf dazu. Dann fiel ich darauf, ich könnte vielleicht besser mit der
+Feder zurechtkommen, und flugs entschloß ich mich, ein Büchlein zum
+Trost und Heil wo nicht ganz Tockenburgs, wenigstens meiner Gemeinde
+zu schreiben, oder es auch nur meiner Nachkommenschaft -- statt des
+Erbguts zu hinterlassen.
+
+ Das Jahr 1767 hatte mir wieder einen Buben beschert. Ich nannte ihn
+ nach meinem Vater Johannes. Um die nämliche Zeit fiel mein Bruder
+ Samson im Laubergaden ab einem Kirschbaum zu Tod. Im Jahre 68 fing
+ ich obbelobtes Büchlein und zugleich ein Tagebuch an, das ich bis zu
+ dieser Stunde fortsetze, das anfangs aber voll Schwärmereien stak, und
+ nur bisweilen ein guter Gedanke in hundert leeren Worten ersäuft war,
+ mit denen nb. meine Handlungen nie übereinstimmten.
+
+ * * * * *
+
+Sonst ward ich in diesen frommen Jahren des Garnhandels bald
+überdrüssig, weil ich dabei, wie ich wähnte, mit zu viel rohen und
+gewissenlosen Menschen umzugehen hätte. Aber, oh, des Tucks! warum
+überließ ich ihn denn meiner Frau und beschäftigte mich selbst mit
+der Baumwolltüchlerei? Ich glaubte halt, für meine Haut und mein
+Temperament mit den Webern besser als mit den Spinnern auskommen zu
+können. Aber es war für meine Haushaltung ein törichter Schritt, oder
+wenigstens fiel er übel aus. Im Anfang kostete mich das Webgeschirr
+viel, und mußt' ich überhaupt ein hübsches Lehrgeld geben: und als ich
+die Sachen ein wenig im Gang hatte, schlug die War' ab. Doch, dacht'
+ich, es wird schon wieder anders kommen.
+
+Das Jahr 1769 bescherte mir den dritten Sohn. »Ha!« überlegt' ich eines
+Tags, »nun mußt du einmal mit Ernst ans Sparen denken; bist immer
+noch so viel schuldig wie im Anfang, und dein Haushalt wird je länger
+je stärker. Frisch! die Händ' aus den Hosen getan, und die Bären
+abbezahlt. Jetzt kann's sein. Bisher hattest noch stets an deiner Hütte
+zu flicken, und fehlte immer hie und da ein Stück; andrer Ausgaben
+in deinem Gewerb zu geschweigen. Dann hast du unvernünftig viel Zeit
+mit Lesen und Schreiben zugebracht. Nein, nein! Jetzt willst anders
+dahinter. Zwar das Reichwerdenwollen soll von heut an aufgegeben sein.
+Der Faule stirbt über seinen Wünschen, sagt Salomon. Aber jenes ewige
+Studieren zumal, was nützt es dir? Bist ja immer der alte Mensch, und
+kein Haar besser als vor zehn Jahren, da du kaum lesen und schreiben
+konntest. Etwas Geld mußt' freilich noch aufnehmen; aber dann desto
+wackerer gearbeitet, und zwar alles, wie's dir vor die Hand kömmt.
+Verstehst ja, neben deinem eigentlichen Berufe noch das Zimmern,
+Tischlern und anderes wie ein Meister; hast schon Webstühl', Trög',
+Kästen und Särg' bei Dutzenden gemacht. Freilich ist schlechter Lohn
+dabei, und: Neun Handwerk', zehn Bettler, lautet das Sprichwort, doch
+wenig ist besser als nichts.« So dacht' ich. Aber es liegt nicht an
+jemands Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Verhängnis, an Zeit und
+Glück!
+
+[Sidenote: Die schlimmen Siebenzigerjahre]
+
+Während diesem meinem neuen Planmachen und Projekteschmieden rückten
+die heißhungrigen Siebenzigerjahre heran, und das erste brach ein, ganz
+unerwartet wie ein Dieb in der Nacht ein, da jedermann auf ganz andre
+Zeiten hoffte. Freilich gab's seit dem Jahr 1760 in unsern Gegenden
+kein recht volles Jahr mehr. Die Jahre 1768 und 1769 fehlten gänzlich,
+hatten nasse Sommer, kalte und lange Winter, großen Schnee, so daß viel
+Frucht darunter verfaulte, und man im Frühling aufs neue pflügen mußte.
+Das mögen politische Kornjuden wohl gemerkt und der nachfolgenden
+Teurung vollends den Schwung gegeben haben. Dies konnte man daraus
+schließen, daß fürs Geld immer Brot genug vorhanden war; aber eben
+jenes fehlte, und zwar nicht bloß bei dem Armen, sondern auch bei dem
+Mittelmann. Also war diese Epoche für Händler, Bäcker und Müller eine
+goldene Zeit, wo sich viele bereicherten oder wenigstens ein Hübsches
+auf die Seite schaffen konnten. Hinwieder fiel der Baumwollengewerb
+fast gänzlich in den Kot und war aller diesfällige Verdienst äußerst
+klein, so daß man Arbeiter genug ums bloße Essen haben konnte. Ohne
+dies wäre der Preis der Lebensmittel noch viel höher gestiegen, und
+hätte die teure Zeit bald gar kein End' genommen.
+
+Das siebenziger Jahr neigte sich schon im Frühling zum Aufschlagen.
+Der Schnee lag auf der Saat bis im Maien, so daß gar viel darunter
+erstickte. Indessen tröstete man sich den ganzen Sommer auf eine
+leidliche Ernte, dann auf das Ausdreschen; aber alles umsonst. Ich
+hatte eine gute Portion Erdäpfel im Boden; es wurden mir aber viel
+gestohlen. Den Sommer über hatte ich zwo Kühe auf fremder Weide, und
+ein paar Geißen, welche mein erstgeborener Junge hütete; im Herbst
+aber mußt' ich aus Mangel an Geld und Futter alle diese Schwänze
+verkaufen. Der Handel nahm ab, so wie die Fruchtpreise stiegen, und bei
+den armen Spinnern und Webern war nichts als Borgen und Borgen. Nun
+tröstete ich die Meinigen und mich selbst mit meinem: »Es wird schon
+besser kommen!« so gut ich konnte; ich mußte aber auch dafür manche
+bittre Pille verschlucken, die meine Bettgenossin wegen meinem vorigen
+Verhalten, Sorglosigkeit und Leichtsinn mir auftischte, und die ich
+nicht allemal geduldig und gleichgültig ertragen mochte. Gleichwohl
+sagte mir mein Gewissen meist: Sie hat recht. Wenn sie's nur nicht so
+herb' präpariert hätte.
+
+[Sidenote: Mein erstes Hungerjahr]
+
+Nun brach der große Winter ein, der schauervollste, den ich erlebt
+habe. Ich hatte fünf Kinder und keinen Verdienst, ein bißchen Gespunst
+ausgenommen. Bei meinem Händelchen büßt' ich von Woche zu Woche mehr
+ein. Ich hatte viel vorrätig Garn, das ich zu hohem Preis eingekauft,
+und an dem ich verlieren mußte, ich mocht' es wieder roh verkaufen
+oder zu Tüchern machen. Doch tat ich das letztere und hielt mit dem
+Losschlagen zurück, mich immer meines Waidspruchs getröstend: »Es
+wird schon besser werden!« Aber es ward immer schlimmer, den ganzen
+Winter durch. Inzwischen dacht' ich: »dein kleiner Gewerb hat dich
+bisher genährt, wenn du damit gleich nichts beiseite legen konntest.
+Du magst und kannst's also nicht aufgeben. Tätest du's, müßtest du
+gleich deine Schulden bezahlen, und das wär' dir jetzt pur unmöglich.«
+Auch in andern Punkten ging's mir nicht besser. Mein kleiner Vorrat
+von Erdäpfeln und anderm Gemüs' aus meinem Gärtchen, was mir die Diebe
+übriggelassen, war aufgezehrt, ich mußte mich also Tag für Tag aus der
+Mühle verproviantieren; das kostete am End' der Woche eine hübsche
+Handvoll Münze, nur für Rotmehl und Rauchbrot. Dennoch war ich noch
+immer guter Hoffnung, hatte auch nicht eine schlaflose Nacht, und sagte
+alleweil: »Der Himmel wird schon sorgen und noch alles zum Besten
+lenken!« »Ja!« ripostierte meine Jöbin: »wie du's verdient; ich bin
+unschuldig. Hätt'st du die gute Zeit in Obacht genommen, und deine
+Hände mehr in den Teig gesteckt, als deine Nase in die Bücher!« »Sie
+hat recht!« dacht' ich dann, »aber der Himmel wird doch sorgen,« und
+schwieg. Freilich konnt' ich meine schuldlosen Kinder unmöglich Hunger
+leiden sehn, so lang ich noch Kredit fand. Die Not stieg um diese
+Zeit so hoch, daß viele eigentlich blutarme Leute kaum den Frühling
+erwarten mochten, wo sie Wurzeln und Kräuter finden konnten. Auch
+ich kochte allerhand dergleichen, und hätte meine jungen Vögel noch
+lieber mit frischem Laub genährt, als es einem meiner erbarmenswürdigen
+Landsmänner nachgemacht, dem ich mit eignen Augen zusah, wie er mit
+seinen Kindern von einem verreckten Pferd einen ganzen Sack voll
+Fleisch abhackte, woran sich schon mehrere Tage Hunde und Vögel satt
+gefressen hatten. Noch jetzt, wenn ich des Anblicks gedenke, durchfährt
+Schauer und Entsetzen alle meine Glieder. Bei alledem ging mir mein
+eigner Zustand nicht so sehr zu nahe, als die Not meiner Mutter und
+Geschwisterte, welche alle noch ärmer waren als ich, und denen ich so
+wenig helfen konnte. Indessen half ich über Vermögen, da ich stets
+noch einigen Kredit fand, und sie gar keinen. Im Mai 1771 verhalf mir
+ein gutmütiger Mann wieder zu einer Kuh und zu ein paar Geißen, da er
+mir Geld dazu bis auf den Herbst lieh. Nunmehr hatte ich wenigstens
+ein bißchen Milch für meine Jungen. Aber verdienen konnt' ich nichts.
+Was mir noch etwa von meinem Gewerb einging, mußt' ich auf die Atzung
+von Menschen und Tieren verwenden. Meine Schuldner bezahlten mich
+nicht, ich konnte also auch meine Gläubiger nicht befriedigen und
+mußte Geld und Baumwolle auf Borg nehmen wo ich's fand. Endlich ging
+dem Faß vollends der Boden aus. Zwar kam mir mein gewöhnliches: »Gott
+lebt noch! 's wird schon besser werden!« noch immer in den Sinn, aber
+meine Gläubiger fingen nichtsdestoweniger an, mich zu mahnen und
+zu drohen. Von Zeit zu Zeit mußt' ich hören, wie dieser und jener
+bankerott machte. Es gab hartherzige Kerls, die alle Tag mit den
+Schätzern im Feld waren, ihre Schulden einzutreiben. Neben andern traf
+die Reihe auch meinen Schwager; ich hatte ebenfalls eine Anforderung
+an ihn, und war selber bei dem Auffallsakt gegenwärtig; freilich mehr
+ihm zum Beistande, als um meiner Schuld willen. Oh, was das für ein
+erbärmlicher Spektakel ist, wenn einer so wie ein armer Delinquent
+dastehn, sein Schulden- und Sündenregister vorlesen hören, so viele
+bittre, teils laute, teils leise Vorwürfe in sich fressen, sein Haus,
+seine Mobilien, alles, bis auf ein armseliges Bett und Gewand, um einen
+Spottpreis verganten sehn, das Geheul von Weib und Kindern hören und
+zu allem schweigen muß wie eine Maus. Oh, wie fuhr's mir da durch Mark
+und Bein! Und doch konnt' ich weder raten noch helfen, nichts tun, als
+für meiner Schwester Kinder beten und im Herzen denken: »Auch du, auch
+du steckst ebenso tief im Kot! heut oder morgen kann es, muß es dir
+ebenso gehn, wenn's nicht bald anders wird. Und wie sollt' es anders
+werden? Oder darf ich Tor auf ein Wunder hoffen? Nach dem natürlichen
+Gang der Dinge kann ich mich unmöglich erholen. Vielleicht harren deine
+Gläubiger noch eine Weile, aber alle Augenblick' kann die Geduld ihnen
+ausgehn. Doch, wer weiß? Der alte Gott lebt noch! Es wird nicht immer
+so währen. Aber, ach! Und wenn's auch besser würde, braucht' es Jahre,
+bis ich mich wieder erholen könnte. So lang werden meine Schuldherren
+mir gewiß nicht Zeit lassen. Ach, mein Gott! Was soll ich anfangen?
+Keiner Seele darf ich mich vertrauen, muß ich doch vor meinem eignen
+Weib meinen Kummer verbergen.« Mit solchen Gedanken wälzt' ich mich ein
+paar lange Nächte auf meinem Lager herum, dann faßt' ich, wie mit Eins,
+wieder Mut, tröstete mich aufs neue mit der Hilfe von oben, befahl
+dem Himmel meine Sachen und ging meine Wege wie zuvor. Zwar prüft' ich
+mich selbst unterweilen, ob und inwiefern ich an meinen gegenwärtigen
+Umständen Schuld trage. Aber, wie geneigt ist man in solcher Lage, sich
+selbst zu rechtfertigen! Freilich konnt' ich mir keine eigentliche
+Verschwendung oder Liederlichkeit vorwerfen, aber doch ein gewisses
+gleichgültiges, leichtgläubiges, ungeschicktes Wesen. Erstlich hatt'
+ich nie gelernt, recht mit dem Geld umzugehn, auch hatte es nie Reize
+für mich, als inwiefern ich's alle Tag zu brauchen wußte. Hiernächst
+traute ich jedem Halunken, wenn er mir nur ein gut Wort gab; und noch
+jetzt könnte mich ein ehrlich Gesicht um den letzten Heller im Sack
+betrügen. Endlich und vornehmlich verstunden lange weder ich noch mein
+Weib den Handel, und kauften und verkauften immer zur verkehrten Zeit.
+
+[Sidenote: Not und Tod]
+
+Mittlerweile ward meine Frau schwanger, den ganzen Sommer 1772 über
+kränklich, und schämte sich vor allen Wänden, daß sie bei diesen
+betrübten Zeitläufen ein Kind haben sollte. Ja, sie hätte selbst mir
+bald eine ähnliche Empfindung eingepredigt. Im Herbstmonate, da die
+rote Ruhr allenthalben grassierte, kehrte sie auch bei mir ein, und
+traf zuerst meinen lieben Erstgebornen. Von der ersten Stund' an, da
+er sich legte, wollt' er, außer lauterm Brunnenwasser, nichts, weder
+Speis' noch Trank mehr zu sich nehmen, und in acht Tagen war er eine
+Leiche. Nur Gott weiß, was ich bei diesem Unfall empfunden. Ein
+so gutartiges Kind, das ich wie meine Seele liebte, unter einer so
+schmerzhaften Krankheit geduldig wie ein Lamm Tag und Nacht, denn es
+genoß auch nicht eine Minute Ruh', leiden zu sehn! Noch in der letzten
+Todesstunde riß es mich mit seinen schon kalten Händchen auf sein
+Gesicht herunter, küßte mich noch mit seinem erstorbnen Mündchen und
+sagte unter leisem Wimmern, mit stammelndem Zünglin: »Lieber Ätti! es
+ist genug. Komm auch bald nach« -- rang dann mit dem Tod und verschied.
+Mir war, mein Herz wollte mir in tausend Stücke zerspringen. -- Noch
+war mein Söhnlein nicht begraben, so griff die wütende Seuche mein
+ältestes Töchterchen an, und es war aller Sorgfalt der Ärzte ungeachtet
+noch schneller hingerafft. Diese Krankheit kam mir so ekelhaft vor,
+daß ich's sogar bei meinen Kindern nie ohne Grausen aushalten konnte.
+Als das Mädchen kaum tot, ich von Wachen, Sorgen und Wehmut wie
+vertaumelt war, fing's auch mir an im Leibe zu zerren, und hätt' ich
+in diesen Tagen tausendmal gewünscht zu sterben und mit meinen Lieben
+hinzufahren. Doch ging ich, auf dringendes Bitten meiner Frau, selbst
+zu Herrn Doktor Wirth. Er verordnete mir Rhabarber und sonst was.
+Sobald ich nach Haus kam, mußt' ich zu Bett liegen. Ein Grimmen und
+Durchfall fing mit aller Wut an, und die Arznei schien die Schmerzen
+zu verdoppeln. Der Doktor kam selbst zu mir und sah meine Schwäche,
+aber nicht meine Angst. Gott, Zeit und Ewigkeit, meine geist- und
+leiblichen Schulden stunden fürchterlich vor und hinter meinem Bett.
+Keine Minute Schlaf, Tod und Grab, Sterben, und nicht mit Ehren, welche
+Pein! Ich wälzte mich Tag und Nacht in meinem Bett herum, krümmte mich
+wie ein Wurm, und durfte, nach meiner alten Leier, meinen Zustand doch
+keiner Seele entdecken. Ich flehte zum Himmel, aber der Zweifel, ob der
+mich hören wollte, ging mir jetzt zum erstenmal durch Mark und Bein,
+und die Unmöglichkeit, daß mir bei meinem allfälligen Wiederaufkommen
+noch gründlich zu helfen sei, stellte sich mir lebhafter als je vor.
+Indessen ward mein Töchterchen begraben, und in wenig Tagen lagen meine
+drei übrigen Kinder nebst mir an der nämlichen Krankheit darnieder. Nur
+mein ehrliches Weib war bis dahin ganz frei ausgegangen. Da sie nicht
+allem abwarten konnte, kam ihre ledige Schwester ihr zu Hilf'; sonst
+übertraf sie mich an Mut und Standhaftigkeit weit. Ich stund, teils
+meiner leiblichen Schmerzen, teils meiner schrecklichen Vorstellungen
+wegen, noch ein paar Tage Höllenangst aus, bis es mir in einer
+glücklichen Stunde gelang, mich und meine Sachen dem lieben Gott auf
+Gnad und Ungnad zu übergeben. Bisher war ich ein ziemlich mürrischer
+Patient. Nun ließ ich mit mir machen, was jeder gern wollte. Meine
+Frau, ihre Schwester und Herr Doktor Wirth gaben sich alle ersinnliche
+Sorge um mich. Der Höchste segnete ihre Mühe, so daß ich inner acht
+Tagen wieder aufkam und auch meine drei Kleinen sich wieder allmählich
+erholten. Als ich noch darniederlag, kam eines Abends meine Schwägerin
+und eröffnete mir, meine zwei Geißen seien auf und davon. »Ei so fahre
+denn alles hin!« sagt' ich, »wenn's so sein muß.« Allein des folgenden
+Morgens rafft' ich mich, so schwach und blöd' ich noch war, auf, meine
+Tiere zu suchen, und fand sie wieder, zu mein und meiner Kinder großer
+Freude.
+
+Sonst war der Jammer, Hunger und Kummer damals im Land allgemein. Alle
+Tag' trug man Leichen zu Grabe, oft drei, vier bis elf miteinander.
+Nun dankt' ich dem lieben Gott, daß er mir wieder so geholfen, und
+ebensosehr, daß er meine zwei Lieben versorgt hatte, denen ich nicht
+helfen konnte. Aber lange schwebten mir die anmutigen Dinger, ihr
+gutartiges kindliches Wesen, wie leibhaftig vor Augen. »Oh, ihr
+geliebten Kinder!« stöhnt' ich dann des Tages hundertmal, »wann werd'
+ich einst zu euch hinfahren? Denn ach! zu mir kommt ihr nicht wieder.«
+Viele Wochen lang ging ich umher wie der Schatten an der Wand, staunte
+Himmel und Erde an, tat zwar, was ich konnte, konnte aber nicht viel.
+Zur Bezahlung meiner Gläubiger wurden die Aussichten immer enger und
+kürzer. Aus einem Sack in den andern zu schleufen und mich so lange zu
+wehren, wie möglich, mußt' jetzt mein einziges Dichten und Trachten
+sein.
+
+[Sidenote: Fünf weitere Jahre]
+
+Fünf Jahre lang (1773-77) kroch ich so immer zwischen Furcht und
+Hoffnung unter meiner Schuldenlast fort, trieb mein Händelchen und
+arbeitete daneben, was mir vor die Hand kam. Zu Anfang dieser Epoche
+ging's vollends den Krebsgang. So viel unnütze Mäuler, denn die
+Fünfzahl meiner Kinder war jetzt wieder komplett, die Ausgaben für
+Essen, Kleider, Holz und die leidigen Zinse fraßen meinen kleinen
+Gewinst noch etwas mehr als auf. Meine schönste Hoffnung erstreckte
+sich erst auf Jahre hinaus, wo meine Jungen mir zur Hilfe gewachsen
+sein würden. Aber wenn meine Gläubiger bös gewesen, sie hätten mich
+lange vorher überrumpelt. Nein! sie trugen Geduld mit mir; freilich
+bestrebt' ich mich aus allen Kräften Wort zu halten so gut wie
+möglich; aber das bestund meist in neuem Schuldenmachen, um die
+alten zu tilgen. Da waren mir allemal die nächsten Wochen vor der
+Zurzacher-Messe sehr schwarze Tag' im Kalender, wo ich viele Dutzend
+Stunden verlaufen mußte, um wieder Kredit zu finden. Oh, wie mir da
+manch' liebes Mal das Herz klopfte, wenn ich so an drei, vier Orten
+ein christliches Helf dir Gott! bekam. Wie rang ich oft meine Hände
+gen Himmel, und betete zu dem, der die Herzen wendet, wohin er will,
+auch eines zu meinem Beistand zu lenken. Und allemal ward's mir von
+Stund' an leichter um das meinige, und fand sich zuletzt, freilich nach
+unermüdetem Suchen und Anklopfen, noch irgendeine gutmütige Seele,
+meist in einem unverhofften Winkel. Ich hatte ein paar Bekannte, die
+mir wohl schon hundertmal aus der Not geholfen, aber die Furcht, sie
+endlich zu ermüden, machte, daß ich immer zuletzt zu ihnen kehrte, und
+dann, hätt' ich ihnen ein einzigmal nicht Wort gehalten, so wäre mir
+auch diese Hilfsquelle auf immer versiegt; ich trug darum zu ihr wie
+zu meinem Leben Sorg'. Übrigens trauten's mir nur wenige von meinen
+Nachbarn und nächsten Gefreundten zu, daß ich sogar bis an die Ohren in
+Schulden stecke; vielmehr wußt' ich das Ding ziemlich geheim zu halten,
+meinen Kummer und Unmut zu verbergen, und mich bei den Leuten allezeit
+aufgeräumt und wohlauf zu stellen. Auch glaub' ich, ohne diesen
+ehrlichen Kunstgriff wär' es längst mit mir aus gewesen. Freilich
+hatt' ich, wer sollte es glauben? auch meine Neider, von denen ich
+wohl wußte, daß sie allen Personen, die mit mir zu tun hatten, fleißig
+ins Ohr zischten, was sie unmöglich mit Sicherheit wissen konnten. Da
+hieß es: »Er steckt verzweifelt im Dreck, lange hält er's nicht mehr
+aus. Wenn er nur nicht einpackt, oder Weib und Kinder im Stich läßt.
+Ich fürcht', ich fürcht', will aber nichts gesagt haben; wenn er's
+nur nicht inne wird.« Zu mir kamen die Kerls als die besten Freunde,
+förschelten und frägelten mich aus, taten so mitleidig, als wenn sie
+mir mit Gut und Blut helfen wollten, wenn ich nur Zutrauen zu ihnen
+hätte, und jammerten über die bösen Zeiten und Stümpler. Wie ich's doch
+bei meinem kleinen verderbten Händelchen mit meiner großen Haushaltung
+mache? Einst, ich weiß nicht mehr, ob aus Schalkheit oder Not, sprach
+ich einen dieser Uriane um ein halbdutzend Dublonen auf einen Monat
+an. Mein Herr hatte hundert Ausflüchte, schlug mir's am End' rund ab,
+und raunt' dann in jedes Ohr, das ihn hören wollte: Der Bräker hat
+gestern Geld von mir lehnen wollen. Er machte freilich auch einige
+meiner Kreditoren mißtrauisch; andere hingegen sagten: »Ha, er hat doch
+immer Wort gehalten, und so lang er das tut, soll er offne Tür bei mir
+finden. Er ist ein ehrlicher Mann.« Also eben jene falschen Freunde
+waren es, welche mir die meiste Mühe machten, und denen ich mich nicht
+entdecken durfte, wenn ich nicht völlig kaput sein wollte. Ich hatte
+schon im Jahre 1771 oder 1772 meine Weberei, obgleich mit ziemlichen
+Verlust, ab mir geladen und das brachte mir auch nicht den besten Ruf,
+da mein Baumwollenbrauch dadurch geringer und mein Baumwollenherr
+unzufrieden und mürrisch wurde. Desto eher sollt' ich nun die alten
+Baumwollenschulden bezahlen und konnt' es doch desto weniger. So
+verstrich ein Jahr nach dem andern. Bald flößte mir mein guter Geist
+frischen Mut und neue Hoffnung ein, daß mir noch einst durch die Zeit
+zu helfen sein werde. Nur allzuoft aber verfiel ich wieder in düstre
+Schwermut, und zwar, die Wahrheit zu gestehen, meist, wenn ich zahlen
+sollte und weder aus noch ein wußte. Da ich mich, wie schon gesagt,
+keiner Seele glaubte entdecken zu dürfen, nahm ich in diesen mutlosen
+Stunden meine Zuflucht zum Lesen und Schreiben. Ich entlehnte und
+durchstänkerte jedes Buch, das ich kriegen konnte, in der Hoffnung,
+etwas zu finden, das auf meinen Zustand paßte, fing halbe Nächte durch
+weiße und schwarze Grillen, und fand allemal Erleichterung, wenn
+ich meine gedrängte Brust aufs Papier ausschütten konnte. Dann war
+der Entschluß bei mir fest, die Dinge, die da kommen sollten, ruhig
+abzuwarten, wie sie kommen würden; und in solcher Gemütsstimmung ging
+ich allemal zufrieden zu Bett und schlief wie ein König.
+
+[Sidenote: Das Samenkorn meiner Autorschaft]
+
+Um diese Zeit kam einst ein Mitglied der Moralischen Gesellschaft zu
+Lichtensteig in mein Haus, als ich eben die Geschichte von Brand und
+Struensee durchblätterte, und etwas von meinen Schreibereien auf dem
+Tisch lag. »Das hätt' ich bei dir nicht gesucht,« sagte er, und fragte:
+Ob ich gern so etwas lese, und oft dergleichen Sächelchen schreibe?
+»Ja!« sagt' ich: »Das ist neben meinen Geschäften mein einziges
+Wohlleben.« Von da an wurden wir Freunde und besuchten einander zum
+öftersten. Er anerbot mir seine kleine Büchersammlung, ließ sich aber
+in ökonomischen Sachen noch lieber von mir helfen, als daß er mir
+hätte beispringen können, obschon ich ihm von weitem meine Umstände
+merken ließ. In einem dieser Jahre schrieb die erwähnte Gesellschaft
+über verschiedene Gegenstände Preisfragen aus, welche jeder Landmann
+beantworten könnte. Mein Freund munterte mich zu einer solchen Arbeit
+auf; ich hatte große Lust dazu, machte ihm aber die Einwendung:
+Man würde mich armen Tropf nur auslachen. »Was tut das?« sagte er:
+»Schreib du nur zu, in aller Einfalt, wie's kommt und dich dünkt.«
+Da schrieb ich denn über den Baumwollengewerb und den Kredit, sandte
+mein Geschmiere zur bestimmten Zeit neben vielen andern ein, und die
+Herren waren so gut, mir den Preis von einem Dukaten zuzuerkennen. Ob
+zum Gespötte? Nein, wahrlich nicht. Oder vielleicht in Betrachtung
+meiner dürftigen Umstände? Kurz, ich konnt' es nicht begreifen, und
+noch viel minder, daß man mich jetzt gar von ein paar Orten her einlud,
+ein förmliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. »Oh, behüte
+Gott!« dacht' und sagt' ich anfangs, »das darf ich mir nicht träumen
+lassen. Ich würde einen Korb bekommen. Und wenn auch nicht, ich mag
+so gelehrten Herren keine Schande machen. Über kurz oder lang würden
+sie mich gewiß wieder ausmustern.« Endlich aber, nach vielem Hin- und
+Herwanken, und besonders aufgemuntert durch einen der Vorsteher, bei
+dem ich sehr wohl gelitten war, wagt ich's, mich zu melden. Ich kann
+übrigens versichern, daß mich weniger die Eitelkeit als die Begierde
+reizte, an der schönen Lesekommun der Gesellschaft um ein geringes
+Geldlein Anteil zu nehmen. Indessen ging es, wie ich vermutet hatte,
+und gab's allerlei Schwierigkeiten. Einige Mitglieder widersetzten
+sich, und bemerkten mit Recht, ich sei von armer Familie, dazu ein
+ausgerissener Soldat, ein Mann, von dem man nicht wisse wie er stehe,
+von dem wenig Ersprießliches zu erwarten sei. Gleichwohl ward ich
+durch Mehrheit der Stimmen angenommen. Aber erst jetzt reute mich mein
+unbesonnener Schritt, als ich bedachte: Jene Herren sagten ja nichts
+als die nur lautere Wahrheit und könnten noch einst damit triumphieren.
+Inzwischen mußt' ich's gelten lassen, und tröstete ich mich mit dem
+auch nicht ganz uneigennützigen Gedanken, das ein und andre Mitglied
+könnte mir im Verfolg zu manchen wichtigen Dingen nützlich sein.
+
+[Sidenote: Mitglied einer gelehrten Gesellschaft]
+
+[Sidenote: Lesewut]
+
+[Sidenote: Selbstanklagen]
+
+[Sidenote: Schuldner und Gläubiger]
+
+[Sidenote: Harte Versuchungen]
+
+Was hatt' ich da für eine kindische Freude an der großen Anzahl Bücher,
+deren ich in meinem Leben nie so viele beisammen gesehn, und an denen
+allen ich nun Anteil hatte. Ich errötete zwar noch immer bei dem bloßen
+Gedanken, ein eigentliches Mitglied einer gelehrten Gesellschaft zu
+heißen und zu sein, und besuchte sie darum nur selten und verstohlen.
+Aber da half alles nichts; es ging mir wie dem Raben, der mit den Enten
+fliegen wollte. Meine Nachbarn und andre alte Freunde und Bekannte,
+kurz, meinesgleichen, sahen mich, wo ich stund und ging, überzwerch
+an. Hier hört' ich ein höhnisches Gezisch; dort erblickt' ich ein
+verachtendes Lächeln. Denn es ging unsrer Moralischen Gesellschaft im
+Tockenburg anfangs wie allen solchen Instituten in noch rohen Ländern.
+Man nannte ihre Mitglieder Neuherren, Bücherfresser, Jesuiten und
+dergleichen. Meine Frau vollends speite Feuer und Flammen über mich
+aus, wollte sich viele Wochen nicht besänftigen lassen, und gewann nun
+gar Ekel und Widerwillen gegen jedes Buch, wenn's zumal aus unsrer
+Bibliothek kam. Einmal hatt' ich den Argwohn, sie selbst habe um diese
+Zeit meinen Kreditoren eingeblasen, daß sie mich nur brav ängstigen
+sollten. Sie leugnet's zwar noch auf den heutigen Tag, und Gott
+verzeih' mir's! wenn ich falsch gemutmaßt habe; aber damals hätt' ich
+mir's nicht nehmen lassen. Genug, meine Treiber setzten stärker in mich
+als sonst. Da hieß es: Hast du Geld, dich in die Büchergesellschaft
+einzukaufen, so zahl' auch mich. Wollt' ich etwas borgen, so wies man
+mich an meine Herren Kollegen. »Oh, du armer Mann!« dacht' ich, »was
+hast du für einen hundsdummen Streich gemacht, der dir vollends den
+Rest geben muß. Hätt'st du dich mit deinem Morgen- und Abendsegen
+begnügt, wie so viele andre deiner redlichen Mitlandsleute. Jetzt hast
+du deine alten Freund' verloren, von den neuen darfst und magst du
+keinen um einen Kreuzer ansprechen. Deine Frau hagelt auf dich zu. Du
+Narr! was nützt dir jetzt all' dein Lesen und Schreiben? Kaum wirst
+du noch dir und deinen Kindern den Bettelstab dafür kaufen können.«
+So macht' ich mir selber die bittersten Vorwürfe und rang oft beinahe
+mit der Verzweiflung. Dann sucht' ich freilich von Zeit zu Zeit aus
+einem andern Sack auch meine Entschuldigungen hervor, die hießen:
+»Ha! das Lesen kostet mich doch nur ein Geringes, und das hab' ich
+an Kleidern und anderm mehr als erspart. Auch bracht' ich nur die
+müßigen Stunden damit zu, wo andre ebenfalls nicht arbeiten, meist
+bei nächtlicher Weile. Wahr ist's, meine Gedanken beschäftigten sich
+auch in der übrigen Zeit nur allzuviel mit dem Gelesenen und waren zu
+meinem Hauptberuf selten bei Hause. Doch hab' ich nichts verludert, und
+trank höchstens zuweilen eine Flasche Wein, meinen Unmut zu ersäufen.
+Das hätt' ich freilich auch sollen bleiben lassen. Aber was ist ein
+Leben ohne Wein, und zumal ein Leben wie meines?« Dann kam's wieder
+einmal ans Anklagen: »Aber, wie nachlässig und ungeschickt warst du
+in allem, was Handel und Wandel heißt. Mit deiner unzeitigen Güte
+nahmst du alles, wie man's dir gab, gabst jedem, was er dich bat, ohne
+zu bedenken, daß du nur andrer Leute Geld im Säckel hattest, oder
+daß dich ein redlich scheinendes Gesicht betrügen könnte. Deine Ware
+vertrautest du dem ersten besten und glaubtest ihm auf sein Wort,
+wenn er dir vorlog, er könne dir auf sein Gewissen nur soundsoviel
+bezahlen. Oh, könnt'st du noch einmal wieder von vornen anfangen. Aber,
+vergeblicher Wunsch! Nun, so willst du doch alles versuchen, willst
+denen, die dir schuldig sind, eben auch drohen wie man dir droht.« So
+dacht' ich elender Tropf und setzte wirklich zween meiner Debitoren
+den Tag an; freilich mehr um sie und andre zu schrecken, als daß es
+Ernst gegolten hätte. Aber sie verstunden's nicht so. Ich ging auf die
+bestimmte Zeit mit den Schätzern zu ihren Häusern; und, Gott weiß! mir
+war's viel bänger als ihnen. In dem ersten Augenblick, da ich in des
+einen Wohnung trat, dacht' ich: Wer kann das tun? Die Frau bat, und
+wies mit den Fingern auf das zerfetzte Bett und die wenigen Scherben
+in der Küche; die Kinder in ihren Lumpen heulten. Oh, wenn ich nur
+wieder weg wäre! dacht' ich, bezahlte Schätzer und Weibel, und strich
+mich unverrichteter Sachen fort, nachdem man mir in bestimmten Terminen
+Bezahlung versprochen, die noch auf den heutigen Tag aussteht. Auch
+erfuhr ich nachwärts, daß diese Leute, einige Stunden vorher, eh' ich
+in ihr Haus kam, die besten Habseligkeiten geflöchnet,[55] und ihre
+Kinder expreß so zerlöchert angezogen hätten. »Meinetwegen,« sagt'
+ich da zu mir selbst, »das will ich in meinem Leben nicht mehr tun.
+Meine Gläubiger mögen eines Tages Barbaren gegen mich, ich will's
+nicht gegen andre sein. Es geh' mir wie es geh', diese Schulden
+müssen zuletzt doch auch zu meinem Vermögen gerechnet werden.« Aber
+jene fragten nichts darnach, und diesen jagte eine solche Denk- und
+Verfahrungsart gerade keine Scheu ein. Die erstern trieben mich immer
+stärker und unerbittlicher, so daß mich meine überspannte Einbildung
+zuletzt wirklich glauben ließ, Gott habe nun einmal beschlossen, mich
+vor aller Welt zu Spott und Schande zu machen und mich die Folgen
+meiner Unvorsichtigkeit abbüßen zu lassen. Der Versucher feiert bei
+solchen Gelegenheiten gewiß nicht, und mir war's oft, ich fühlte seine
+Eingebungen, wenn ich den ganzen Tag vergeblich nach Menschenhilfe
+umhergelaufen war und abends schwermütig oder halb verrückt der Thur
+nach schlich, mit starrem Blick in den Strom hinuntersah, wo er am
+tiefsten ist. Dann deuchte es mir, der schwarze Engel hauche mich an
+und flüsterte mir zu: Stürz dich hinein, Tor, du hältst es doch nicht
+länger aus. Sieh' nur, wie sanft das Wasser rollt! Ein Augenblick, und
+dein ganzes Sein wird ebenso dahinwogen. Dann schläfst du so ruhig
+und so wohl, so wohl! Da wird für dich kein Leid und kein Geschrei
+mehr sein und dein Geist und Herz ewig in süßem Vergessen schlummern.
+Himmel, wenn ich dürfte! dacht' ich jetzt wohl. Aber welch ein Schauer,
+Gott, welch ein Grausen durchfährt alle meine Glieder! Sollt' ich
+meiner besseren Überzeugung vergessen können? Nein, Satan, packe
+dich! ich will ausharren und erdulden, was ich verschuldet habe. Ein
+andermal riet mir der Böse wieder, ich sollt' mein Bündel aufpacken
+und davonlaufen. Mit meiner noch übrigen Barschaft könnte ich in einem
+entfernten Lande etwas Neues anfangen, und zu Hause würden Weib und
+Kind schon gutherzige Seelen finden. -- Was! ich davonlaufen? Mein zwar
+unsanftes aber getreues Weib und meine unschuldigen kleinen Kinder im
+Stich lassen? Die Winkelprophezeiungen meiner Feinde zu ihrer größten
+Freude wahrmachen? In welcher Ecke der Erde könnt' ich eine Stunde Ruhe
+genießen, wo mich verbergen, daß der Wurm in meinem Busen mich nicht
+fände? Und stell' ich mir meine Sachen am Ende nicht zu schrecklich
+vor? Wenn mich nun auch meine Sünden so wie jetzt nur meine Schulden
+quälten?
+
+So bekam ich von Zeit zu Zeit wieder guten, festen Mut, der freilich
+nicht länger währte, als bis ich mich bei einer neuen Gelegenheit
+abermals des Gedankens nicht erwehren konnte: Jetzt ist's aus. Es
+ist kein Kraut für ein unheilbares Übel gewachsen. Aber auch alsdann
+bestand es weit mehr in der Einbildung als in der Wirklichkeit.
+
+Eines Tages, als ich eben auch vergebens herumgelaufen, um etliche
+Gulden zu borgen, und einer meiner Gläubiger mir mit entsetzlicher
+Roheit begegnet war, ging ich voll trübsinniger Phantasien zu Bett und
+wälzte mich bis Mitternacht schlaflos auf meinem Kissen hin und her.
+
+[Sidenote: Brief an Lavater]
+
+Da kam mir mit einemmale der menschenfreundliche Lavater in den Sinn,
+und ich entschloß mich augenblicklich, ihm zu schreiben. Ich stund auf
+und entwarf einen Brief an ihn, den ich gleich des anderen Morgens an
+seine Behörde abzusenden gedachte. Je öfter ich ihn aber, als die Zeit
+dazu gekommen war, überlas und überdachte, desto weniger wollte er mir
+in dem Bewußtsein dessen gefallen, wie sehr der teure Menschenfreund
+von Kollektanten, Bettlern und Bettelbriefen bestürmt werde. Um auch
+den bloßen Schein zu vermeiden, als beabsichtige ich die Zahl der
+Unverschämten zu vermehren, unterdrückte ich mein Geschreibsel wieder
+und nahm von dieser Stund' an meine Zuflucht ganz allein zu Gott.
+Ich hatte zwar in der Folge noch öftere Anfälle meines eingewurzelten
+Kummerfiebers, wandte nun aber alle meine Leibes- und Seelenkräfte an,
+meine kleinen Geschäfte zu vermehren, und sah allenthalben selbst zu
+meinen Sachen.
+
+Gegen meine Bekannten stellte ich mich weit weniger mutlos als ich war,
+und tat immer munter und guter Dinge. Meinen Gläubigern gab ich die
+besten Worte, indem ich die älteren bezahlte und wieder bei anderen
+borgte. In der benachbarten Gemeinde Ganterschwil sah ich mich nach
+neuen Spinnern, soviel ich deren aufzutreiben wußte, um.
+
+[Sidenote: Bessere Zeiten]
+
+Das Jahr 1778 gab mir ganz besondern Mut und Zuversicht; mein
+Händelchen ging damals vortrefflich vonstatten, und bald konnt' ich
+glauben, daß ich mit Zeit und Weile mich vollkommen erholen und meiner
+Schuldenlast entledigen würde. Aber die Angst will ich mein Tage nicht
+vergessen, die mich auch jetzt noch quälte, wenn ich den Geschäften
+nach traurig meine Straße ging und mich dem Kontor eines überlegenen
+Handelsmanns oder der Tür eines harten Gläubigers nahte. Wie es mir da
+zumute war! wie ich meine Hände gen Himmel rang: »Herr! du weißt alle
+Dinge! Alle Herzen sind in deiner Hand; du leitest sie wie Wasserbäche,
+wohin du willst! Ach! gebiete auch diesem Laban, daß er nicht anders
+mit Jakob rede als freundlich!« Und der Allgütige erhörte meine Bitte;
+ich bekam mildere Antwort, als ich's hätte erwarten dürfen. Oh, wie
+köstlich ist's, auf den Herrn hoffen und ihm alle sein Anliegen mit
+Vertrauen klagen. Dies hab' ich so manchmal und so deutlich erfahren,
+daß mir die felsenfeste Überzeugung davon nichts in der Welt mehr
+rauben kann.
+
+Zu Anfang des Jahres 1779 ward mir ohne mein Bewerben und Bemühen der
+Antrag gemacht, einem auswärtigen Fabrikanten von Glarus, Johannes
+Zwicki, Baumwollentücher weben zu lassen. Anfangs lehnt' ich den Antrag
+aus dem Grunde ab, weil vor mir ein gewisser Grob bei der nämlichen
+Kommission Bankerott gemacht. Da man mich aber versichert, daß die
+Ursache seines Unfalls eine ganz andre gewesen, ließ ich mich endlich
+bereden, und traf den Akkord vollkommen auf den Fuß wie jener. Sofort
+hob ich diesen Verkehr an. Man lieferte mir das Garn, und zwar zuerst
+sehr schlechtes; aber nach und nach ging's besser. Auch hatt' ich
+anfangs viel Mühe genug, Spuler und Weber zu kriegen. Doch merkt' ich
+bald, daß zwar mit diesem Geschäft viel Verdruß und Arbeit verbunden,
+aber auch etwas zu gewinnen sei. Im Jahre 1780 erweitert' ich meine
+Anstalt um ein merkliches, fing auch an, für eigne Rechnung Tücher
+zu machen, und befand mich gut dabei. Mein Kredit wuchs wieder von
+Tag zu Tag, und meine Gläubiger merkten bald, daß die Sachen eine
+andere Wendung genommen. Ich hüpfte daher nicht selten in meiner
+Warenkammer vor Freuden hoch auf und betrachtete meine Errettung als
+ein Beinahe-Wunder. Und doch ging in der Welt von jeher und geht noch
+alles seinen natürlichen Lauf! Glück und Unglück richteten sich immer,
+teils nach meinem Verhalten, das in meiner Macht stund, teils nach den
+Zeitumständen, die ich nicht ändern konnte. Auch die folgenden Jahre
+bis 1785 förderten meinen Wohlstand je mehr und mehr und änderten
+in meinem Innern nichts, als daß mir meine Geschäfte mehr zu denken
+gaben und meinen Hang zum Schreiben um ein gut Teil minderten. Hätte
+ich schon damals alle meine Waren und ausstehende Schulden zu Geld
+gemacht, so würde ich haben meine Gläubiger vollkommen befriedigen
+können und mein Haus und Garten mit all meiner Habe mir frei und ledig
+zu eigen verblieben sein. Es hat zwar seitdem den Anschein gewonnen,
+als ob der Baumwollentücherverkehr in unserem Lande nimmer wieder zu
+seinem vorigen Flor gelangen könne. Indessen ergeht es mir fortwährend
+leidlich genug, und würde ich, wenn ich mich zu einer ängstlichen
+Sparsamkeit bekehren wollen, heutigen Tages gewiß ein sogenannter
+bemittelter Mann sein.
+
+
+
+
+ Schluß
+
+
+[Sidenote: Stilling und Rousseau]
+
+[Sidenote: Meine Geständnisse]
+
+[Sidenote: Liebesgeschichte]
+
+[Sidenote: Käthchen]
+
+Als ich dies Büchel zu schreiben anfing, dacht' ich Wunder, welch'
+eine herrliche Geschicht' voll der seltsamsten Abenteuer es absetzen
+würde. Ich Tor! Und doch -- bei besserm Nachdenken -- was soll ich
+mich selbst tadeln? Wäre das nicht Narrheit auf Narrheit gehäuft? Mir
+ist's, als wenn mir jemand die Hand zurückzöge. Das Selbsttadeln muß
+also etwas Unnatürliches, das Entschuldigen und sich selbst alles zum
+Besten deuten etwas ganz Natürliches sein. Ich will mich also herzlich
+gern entschuldigen, daß ich anfangs so verliebt in meine Geschichte
+war, wie es jeder Fürst und -- jeder Bettelmann in die seinige ist.
+Oder, wer hörte nicht schon manches alte, eisgraue Bäurlein von seinen
+Schicksalen, Jugendstreichen und so fort ganze Stunden lang mit
+selbstzufriedenem Lächeln so geläufig und beredt daherschwatzen, wie
+ein Procurator, und wenn er sonst der größte Stockfisch war. Freilich
+kömmt's denn meist ein bißel langweilig für andre heraus. Aber was
+jeder tut, muß auch jeder leiden. Freilich hätt' ich, wie gesagt, mein
+Geschreibe ganz anders gewünscht; und kaum war ich damit zur Hälfte
+fertig, sah' ich das kuderwelsche Ding schon schief an; alles schien
+mir unschicklich, am unrechten Orte zu stehn, ohne daß ich mir denn
+doch getraut hätte, zu bestimmen, wie es eigentlich sein sollte; sonst
+hätt' ich's flugs auf diesen Fuß, z. B. nach dem Modell eines Heinrich
+Stillings, umgegossen. »Aber, Himmel! welch ein Contrast! Stilling
+und ich!« dacht' ich. »Nein, daran ist nicht zu gedenken. Ich dürfte
+nicht in Stillings Schatten stehn.« Freilich hätt' ich mich oft gerne
+so gut und fromm schildern mögen, wie dieser edle Mann es war. Aber
+konnt' ich es, ohne zu lügen? Und das wollt' ich nicht, und hätte mir
+auch wenig geholfen. Nein! Das kann ich vor Gott bezeugen, daß ich die
+pur lautere Wahrheit schrieb; entweder Sachen, die ich selbst gesehen
+und erfahren, oder von andern glaubwürdigen Menschen als Wahrheit
+erzählen gehört. Freilich Geständnisse, wie Rousseau's seine, enthält
+meine Geschichte auch nicht, und sollte auch keine solchen enthalten.
+
+Um indessen doch einigermaßen ein solches Geständnis abzulegen, und
+dem Leser einen Blick wenigstens auf die Oberfläche meines Herzens zu
+öffnen, so will ich sagen: Daß ich ein Mensch bin, der alle seine Tage
+mit heftigen Leidenschaften zu kämpfen hatte. In meinen Jugendjahren
+erwachten nur allzufrüh gewisse Naturtriebe in mir; etliche Geißbuben
+und ein paar alte Narren von Nachbarn sagten mir Dinge vor, die einen
+unauslöschlichen Eindruck auf mein Gemüt machten, und es mit tausend
+romantischen Bildern und Fantaseyen erfüllten, denen ich, trotz alles
+Kämpfens und Widerstrebens, oft bis zum unsinnig werden nachhängen
+mußte, und dabei wahre Höllenangst ausstund. Denn um die nämliche Zeit
+hatte ich von meinem Vater, und aus ein paar seiner Lieblingsbücher
+allerlei, nach meinen jetzigen Begriffen übertriebene Vorstellungen
+von dem, was eigentlich fromm und reinen Herzens sei, eingesogen. Da
+wurde mir nur das allerstrengste Gesetz eingepredigt; da schwebten
+mir immer unübersteigliche Berge, und die schwersten Stellen aus
+dem Neuen Testament von Händ' und Füß' abhauen, Augausreißen und so
+ferner vor. Mein Herz war von jeher äußerst empfindlich; ich erstaunte
+daher sehr oft, wenn ich weit bessere Menschen als ich, bei diesem
+oder jenem Zufall, bei Erzählung irgendeines Unglücks, bei Anhörung
+einer rührenden Predigt und dergleichen, wie ich wähnte, ganz frostig
+bleiben sah. Man denke sich also meine damalige Lage in einem rohen
+einsamen Schneegebürg': Ohne Gesellschaft, außer jenen schmutzigen
+Buben und unflätigen Alten auf der einen -- auf der andern Seite
+jenen schwärmerischen Unterricht, den mein junger feuerfangender
+Busen so begierig aufnahm; dann mein von Natur tobendes Temperament
+und eine Einbildungskraft, welche mir nicht nur den ganzen Tag über
+keine Minute Ruhe ließ, sondern mich auch des Nachts verfolgte, und
+mir oft Träume bildete, daß mir noch beim Erwachen der Schweiß über
+alle Finger lief. Damals war es (wie man schon zum Teil aus meiner
+obigen Geschichte wird ersehen haben) meine größte Lust, an einem
+schönen Morgen oder stillen Abend, während dem Hüten meiner Geißen,
+mich auf irgend einem hohen Berge in einen Dornbusch zu setzen --
+dann jenes Büchelchen hervorzulangen, das ich viele Zeit überall und
+immer bei mir trug, und daraus mich über meine Pflichten gegen Gott,
+gegen meine Eltern, gegen alle Menschen und gegen mich selbst, so lang
+zu erbauen, bis ich in eine Art wilder Empfindung geriet, und (ich
+entsinne mich noch vollkommen) allemal mit einer Ermahnung an Kinder
+endete, deren Anfang lautete: »Kommt Kinder! Wir wollen uns vor dem
+Thron des himmlischen Vaters niederwerfen.« Dann richtete ich meine
+Augen starr in die Höhe, und häufige Tränen flossen die Wangen herab.
+-- Dann hing ich wieder für etwas Zeit Grillen von ganz andrer Natur,
+und auch diesen bis zur Wut nach; baute mir ein, zwei, drei Dutzend
+spanischer Schlösser auf, riß alle Abend die alten nieder, und schuf
+ein paar neue. -- So dauerte es bis ungefähr in mein achtzehntes
+Jahr, da mein Vater seinen Wohnort veränderte, und ich sozusagen in
+eine ganz neue Welt trat, wo ich mehr Gesellschaft, Zeitvertreib, und
+minder Anlaß zum Phantasieren hatte. Hier fingen dann auch, besonders
+eine Art der Kinder meiner Einbildungskraft -- und zwar leider eben
+die schönste von allen -- an, sich in Wirklichkeit umzuschaffen,
+und kamen mir eben nahe an Leib. Aber zu meinem Glücke hielt mich
+meine angeborene Schüchternheit, Schamhaftigkeit, oder wie man das
+Ding nennen will, noch Jahre lang zurück, eh' ich nur ein einziges
+dieser Geschöpfe mit einem Finger berührte. Da fing endlich jene
+Liebesgeschichte mit Aennchen an, die ich oben, wie ich denke, nur mit
+allzusüßer Rückerinnerung, beschrieben habe. Noch lebt diese Person,
+so gesund und munter wie ich; und mir steigt eine kleine Freude ins
+Herz, so oft ich sie sehe, obgleich ich mit Wahrheit bezeugen kann,
+daß sie alle eigentlichen Reize für mich verloren hat. Hie und da
+geriet ich auch an andre Mädchen; aber da stund mir keine an wie mein
+Aennchen. Nur eines gewissen Käthchens und Mariechens erinnr' ich mich
+noch mit Vergnügen, obschon unsere Bekanntschaft nur eine kleine Zeit
+währte. Wenn ein Weibsbild, sonst noch so hübsch, dastund oder saß
+wie ein Stück Fleisch, mir auf halbem Weg entgegen kam, oder mich gar
+noch an Frechheit übertreffen wollte, so hatte sie's schon bei mir
+verdorben; und wenn ich dann auch etwa in der Vertraulichkeit mit ihr
+ein bißchen zu weit ging, war's gewiß das erste und letzte Mal. Nie
+hab' ich mir auf meine Bildung und Gesicht viel zu gut getan, obschon
+ich bei den artigen Närrchen sehr wohl gelitten war, und einige aus
+ihnen gar die Schwachheit hatten, mir zu sagen, ich sei einer der
+hübschesten Buben. Wenn gleich meine Kleidung nur aus drei Stücken
+bestund, einer Lederkappe, einem schmutzigen Hemd, und ein Paar
+Zwilchhosen, so schämte sich doch auch das niedlichst geputzte Mädchen
+nicht, ganze Stunden mit mir zu schäkern. Insgeheim war ich denn
+freilich stolz auf solche Eroberungen, ohne recht zu wissen warum?
+Andremal nagte mir, wie gesagt, wirklich die Liebe ein Weilchen am
+Herzen: Dann sucht' ich mich des lästigen Gastes durch Zerstreuungen
+zu entledigen; jauchzte, pfiff, und trillerte einen Gassenhauer,
+deren ich in kurzer Zeit viele von meinen Kameraden gelernt hatte;
+oder brütete an abgelegenen Orten wieder etliche Fantaseyen aus, und
+träumte von lauter Glück und guten Tagen, ohne daß ich mir einfallen
+ließ, mich auch zu fragen: Wann und woher sie auch kommen sollten,
+was ich mir auch sicher nicht hätte beantworten können. Denn die
+Wahrheit zu gestehn, ich war ein Erzlappe und Stockfisch, und besaß
+zumal keine Unze Klugheit oder gründliches Wissen, wenn ich schon
+über alles ganz artlich zu reden wußte. Daß ich bei jedermann,
+und bei jenen schönen Dingern insonderheit wohl gelitten war, kam
+einzig daher, weil ich so ziemlich gut an jedem Ort augenblicklich
+den für dasselbe schicklichsten Ton zu treffen wußte, und mir, wie
+meine Nymphen behaupteten, alles zierlich nett anstund. -- Und nun
+abermals ein neuer Akt meines Lebens. Als mich nämlich bald hernach
+das Verhängnis in Kriegsdienste führte, und vorzüglich in den sechs
+Monaten, da ich noch auf der Werbung herumstreifte, ja da geht's über
+alle Beschreibung, wie ich mich nun fast gänzlich im Getümmel der Welt
+verlor. Zwar unterließ ich auch während meiner wildesten Schwärmereien
+nie, Gott täglich mein Morgen- und Abendopfer zu bringen, und meinen
+Geschwisterten gute Lehren nach Haus zu schreiben. Aber damit war's
+dann auch getan; und ob der Himmel daran große Freude hatte, muß ich
+zweifeln. Doch, wer weiß! Selbst diese flüchtige Andacht unterhielt
+vielleicht manche gute Gesinnung in mir, die sonst auch noch zu
+Trümmern gegangen wäre, und behütete mich vor groben Ausschweifungen,
+deren ich mir, Gott Lob! keiner einzigen bewußt bin. So z. B. wenn
+ich schon mit hübschen Mädchens für mein Leben gern umgehen mochte,
+hätt' ich's doch auf allen meinen Reisen und Kriegszügen nie über's
+Herz gebracht, nur ein einziges zu übertölpeln, wenn ich auch dazu
+noch so viel Reizung gehabt. Wahrlich, mein Gewissen war so zart über
+diesen Punkt, daß ich mir vielmehr oft nachwärts ruchlose Vorwürfe
+über meine eigne Feigheit gemacht und den und diesen guten Anlaß
+wieder zurückgewünscht. Aber wenn sich denn wirklich die Gelegenheit
+von neuem ereignete, und alles bis zum Genusse fix und fertig war,
+so fuhr ein zitternder Schauer mir durch Mark und Beine, daß ich
+zurückbebte, meinen Gegenstand mit guten Worten abfertigte oder leise
+davon schlich. Auf dem ganzen Transport bis nach Berlin bin ich, bis
+auf ein einziges Nestchen, vollends ganz rein davon gekommen. In
+dieser großen Stadt hätt' ich an gemeinen Weibsleuten keinen Schuh'
+gewischt. Hingegen will ich's nicht verbergen, daß meine zügellose
+Einbildungskraft ein paarmal über glänzende Damen und Mamselles
+brütete. Aber es stellten sich immer noch zu rechter Zeit genugsame
+Hindernisse in den Weg; die Anfechtungen verschwanden, und besserer
+Sinn und Denken erwachten wieder. Während meiner Campagne und auf der
+Heimreise hab' ich abermals keinen weiblichen Finger berührt. Was
+meine Desertion betrifft, so machte mir mein Gewissen darüber nie die
+mindesten Vorwürfe. Gezwungener Eid ist Gott leid! dacht' ich; und die
+Ceremonie, die ich da mitmachte, wähnt' ich wenigstens, könne kaum
+ein Schwören heißen. -- Nach meiner Rückkehr ins Vaterland ergriff
+ich wieder meine vorige Lebensart. Auch Buhlschaften spannen sich
+bald von neuem an. Meine herzliebe Anne war freilich verplempert;
+aber es fanden sich in kurzem andere Mädels, mehr als eines, denen
+ich zu behagen schien. Mein Aeußeres hatte sich ziemlich verschönert.
+Ich ging nicht mehr so läppisch daher, sondern hübsch gerade. Die
+Uniform, die mein ganzes Vermögen war, und eine schöne Frisur, die
+ich recht gut zu machen wußte, gaben meiner Bildung ein Ansehn,
+daß dürftige Dirnen wenigstens die Augen aufsperrten. Bemittelte
+Jungfern dann -- ja, o bewahre! -- die warfen freilich auf einen
+armen ausgerissnen Soldat keinen Blick. Die Mütter würden ihnen
+fein ausgemistet haben. Und doch wenn ich's nur ein wenig pfiffiger
+und politischer angefangen, hätt' es mir mit einer ziemlich reichen
+Rosina geglückt, wie ich nachwärts zu spät erfuhr. Inzwischen erhob
+selbst dieser mißlungene Versuch meinen Mut und meine Einbildung
+nicht um ein geringes -- und der geschossene Bock wäre mir nicht um
+tausend Gulden feil gewesen. Ich sah darum von erwähnter Zeit an alle
+meine bisherigen Liebschaften so ziemlich über die Achsel an, und
+warf den Bengel höher auf. Aber meine sorglose lüderliche Lebensart
+verderbte immer alles wieder. Mit Kindern meines Standes war mein
+Umgang freilich, Gott verzeih' mir's! oft nur allzufrei; in Absicht
+auf solche hingegen, die über mir standen, verließ mich meine Feigheit
+nie; und das war mir am meisten hinderlich. Denn wer weiß nicht, wie
+oft der dümmste Labetsch[56] bloß mit einem beherzten angriffigen
+Wesen zuerst sein Glück macht. Aber mir so viele Mühe geben, kriechen,
+bitten, seufzen und verzweifeln, konnt' ich eben nicht. -- Eines
+Tages ging ich nach Herisau an eine Landsgemeinde. Meine gute Mutter
+steckte mir all' ihr kleines Spargeldlin von etwa 6 Gulden bei. Einer
+meiner Bekannten im Appenzeller Land trachtete mir zu Trogen, in einer
+großen Gesellschaft, eine gewisse Ursel aufzusalzen, die mir aber
+durchaus nicht behagen wollte. Ich suchte also, sie je eher je lieber
+wieder los zu werden. Es glückte mir auf dem Rückweg nach Herisau, wo
+sie sich, oder vielmehr ich mich, unter dem großen Haufen verlor. Es
+war eine große Menge jungen Volkes. Bei einbrechender Abenddämmerung
+näherte man sich einander, und formierte Paar und Paar, als ich mit
+eins ein wunderschönes Mädel, sauber wie Milch und Blut, erblickte,
+das mit zwei andern solchen Dingern davon schlenterte. Ich streckt'
+ihm die Hand entgegen, es ergriff sie mit den beiden seinigen, und
+wir marschierten bald Arm an Arm +in dulci jubilo+ unter Singen
+und Schäkern unsre Straße. Als wir zu Herisau ankamen, wollt' ich sie
+nach Haus begleiten. »Das bei Leib nicht!« sagte sie, »ich dürft's um
+alles in der Welt nicht. Nach dem Nachtessen vielleicht, kann ich denn
+eher noch ein Weilchen zum Schwanen kommen.« Mit einem solchen Ersatz
+war ich natürlich sehr zufrieden. Damals wußt' ich noch nicht, wer
+mein Schätzgen war, und erfuhr erst jetzt im Wirtshaus, daß sie ein
+Töchterchen aus einem guten Kaufmannshaus, und ungefähr sechszehn Jahr
+alt sei. Ungefähr nach einer Stunde kam das liebe Geschöpf -- Käthchen
+hieß es -- mit einem artigen jungen Kind auf dem Arm, das sein
+Schwesterchen war, denn anders hätt' es nicht entrinnen können, als
+eben auch die verwünschte Ursel in die Stube trat, mich gleichfalls
+aufsuchen wollte, bald aber Unrat merkte, mir bittere Vorwürfe machte,
+und davon ging. Alsdann gab uns der Wirt ein eigen Zimmer; Käthchen
+hinein, und ich nach, geschwind wie der Wind. Ich hatte ein artiges
+Essen bestellt. Nun waren ich und das herrliche Mädchen allein,
+allein. O was dieses einzige Wort in sich faßt! Tage hätt' es währen
+sollen, und nicht zwei oder drei wie Augenblicke verflossene Stunden.
+Und doch -- die Wände unsers Stübchens -- das Kind auf Käthchens Schoß
+-- die Sternen am Himmel sollen Zeugen sein unsrer süßen, zärtlichen,
+aber schuldlosen Vertraulichkeit. Ich blieb noch die halbe Woche dort.
+Mein Engel kam alle Tage mit ihrem Schwesterchen vier bis fünfmal
+zu mir. Endlich aber ging mir die Barschaft aus, ich mußte mich
+losreißen. Käthchen gab mir, immer mit dem Kind auf dem Arm, trotz
+aller Furcht vor seinen Eltern, das Geleit noch weit vor den Flecken
+hinaus. Wie der Abschied war, läßt sich denken. Tränen vom Liebchen
+trug ich auf meinen Wangen genug nach Haus. Wir winkten einander mit
+Schürze und Schnupftüchern unser Lebewohl mehr als hundertmal, und so
+weit wir uns sehen konnten. O man verzeihe mir meine Torheit! Gehören
+doch diese Tage zu den allerglücklichsten, und ihre Freuden zu den
+allerunschuldigsten meines Lebens. Denn mein guter Engel hatte mir
+gegen dies holde Mädchen ordentlich eben so viel Ehrfurcht als Liebe
+eingeflößt; so daß ich sie, wie ein Vater sein Kind, umarmte, und
+sie mich hinwieder, wie eine Tochter ihren Erzeuger, sanft an ihren
+reinen Busen drückte, und mein Gesicht mit ihren Küssen bedeckte.
+-- Jetzt war ich dem Leibe nach wieder bei Haus, aber im Geiste
+immer mit diesem herzigen Schätzgen beschäftigt, dem weiland Ännchen
+sogar weit nachstand. Indessen kam mir nur kein Gedanke daran, daß
+ich jemals zu ihrem Besitz gelangen könnte; vielmehr sucht' ich mir
+alles Vorgegangene vollkommen aus dem Sinn zu schlagen, und es gelang
+mir. Denn dies war von jeher meine Art: Was einen schnellen Eindruck
+auf mich machte, war auch bald wieder vergessen, und von neuen
+Gegenständen verdrängt. Allein, wer hätte daran gedacht? An einem
+schönen Abend brachte mir der Herisauer Bote ein Briefchen von meinem
+Käthchen, worin sie in zärtlich verliebten und dabei recht kindisch
+naiven Ausdrücken mir sagte, wie's ihr sei seit unserm Abschied; wie
+sie mich gern wieder sehen, noch einmal mit mir reden möchte, und
+wenn das nicht möglich wäre, mich wenigstens zu einem schriftlichen
+Verkehr auffordere. Ich küßte das Papier, las es wohl hundertmal,
+und trug's immer in der Tasche, bis es ganz verschmutzt und zerfetzt
+war. Also -- ich flog eilends nach Herisau? Nein! Ich antwortete auf
+der Stelle? Nein! auch das nicht; kein Wort. Kurz ich ging nicht und
+schrieb nicht. Warum? Daß ich gerade damals kein Geld hatte, dessen
+erinnere ich mich; daß sonst noch etwas dazwischen kam, weiß ich auch;
+die eigentliche Ursach' aber ist mir aus dem Gedächtnis entfallen.
+Genug, ich vergaß meinen Herisauer Schatz, worüber ich mir nachwärts
+manchen bittern Vorwurf gemacht. Endlich, erst nach zwanzig Jahren,
+dacht' ich wieder einmal dieser Begebenheit so lange und so ernsthaft
+nach, und die Begierde, zu erfahren, ob das liebe Kind noch lebe,
+und was aus ihr geworden sei, ward so stark in mir, daß ich eigens
+deswegen auf Herisau ging (ungeachtet ich in der Zwischenzeit manchmal
+mich tagelang dort aufhielt, ohne daß mir nur ein Sinn an sie kam)
+nach ihrer Wohnung fragte, und bald erfuhr, daß sie schon Mutter von
+zehn Kindern, und auf einem Wirtshaus sei. Ich flog dahin. Der Mann
+war eben nicht zu Hause. Ich sprach sie um Nachtherberg an, setzte
+mich zu Tisch' und beguckte mein -- nun nicht mehr mein Käthchen.
+Himmel! wie das arme Ding ganz verlottert war. Und doch erkannt' ich
+ihre ehevorigen jugendlichen Gesichtszüge mitunter noch deutlich. Ich
+konnte mich der Tränen kaum erwehren. Sie war unglücklicher Weise
+an einen brutalen und dabei lüderlichen Mann geraten, der nachwärts
+wirklich bankerott machte. Schon damals war sie in sehr ärmlichen
+Umständen. Sie kannte mich nicht mehr. Ich fragte sie alles aus, nach
+ihrer Herkunft, wer ihr Mann sei, und so fort. Und endlich auch: Ob
+sie sich nicht mehr eines gewissen U. B. erinnre, den sie vor zwanzig
+Jahren etliche Tag' nacheinander beim Schwanen angetroffen. Hier sah
+sie mir starr ins Gesicht, fiel mir an die Hand: »Ja! Er ist's, er
+ist's!« und große Tropfen rollten über ihre blassen Wangen herab. Nun
+ließ sie alles stehn, setzte sich zu mir hin, erzählte mir der Länge
+und Breite nach ihre Schicksale, und ich ihr die meinigen, bis spät in
+die Nacht hinein. Beim Schlafengehen konnten wir uns nicht erwehren,
+jene seligen Stunden durch ein paar Küsse zu erneuern; aber weiter
+stieg mir auch nur kein arger Gedanke auf. Im Verfolg kehrte ich noch
+manchmal bei ihr ein. Sie starb etwa vier Jahre nach unserm ersten
+Wiedersehen, und es tut mir so wohl, noch eine Träne auf ihr Grab zu
+weinen, wo sie jetzt mit so viel andern guten Seelen im Frieden wohnt.
+
+[Sidenote: Wirklichkeit und Idealwelt]
+
+Daß ich in meiner obigen Geschichte über die allerernsthaftesten Scenen
+meines Lebens, wie ich an meine Dulcinea kam -- ein eigen Haus baute
+-- einen Gewerb anfing, und so fort so kurz hinweggeschlüpft, kömmt
+wahrscheinlich daher, daß diese Epoche meines Daseins mir unendlich
+weniger Vergnügen als meine jünger Jahre gewährte, und darum auch
+weit früher aus meinem Gedächtnis entwichen ist. So viel weiß ich
+noch gar wohl: Daß, als ich auch im Ehestand mich betrogen sah, und
+statt des Glücks, das ich darin zu finden mir eingebildet hatte, nur
+auf einen Haufen ganz neuer unerwarteter Widerwärtigkeiten stieß,
+ich mich wieder aufs Grillenfangen legte, und meine Berufsgeschäfte
+nur so maschinenmäßig lässig und oft ganz verkehrt verrichtete, und
+mein Geist, wie in einer andern Welt, immer in Lüften schwebte, sich
+bald die Herrschaft über goldene Berge, bald eine Robinsonsche Insel,
+oder irgend ein andres Schlaraffenland erträumte. Da ich hier um
+die nämliche Zeit anfing, mich aufs Lesen zu legen, und ich zuerst
+auf lauter mystisches Zeug, dann auf die Geschichte, dann auf die
+Philosophie, und endlich gar auf die verwünschten Romane fiel, schickte
+sich zwar alles dies vortrefflich in meine idealische Welt, machte
+mir aber den Kopf nur noch verwirrter. Jeden Helden und Abenteurer
+alter und neuer Zeit macht' ich mir eigen, lebte vollkommen in ihrer
+Lage, und bildete mir Umstände dazu und davon, wie es mir beliebte.
+Die Romane hinwieder machten mich ganz unzufrieden mit meinem eigenen
+Schicksal und den Geschäften meines Berufes, und weckten mich aus
+meinen Träumen, aber eben nur zu größerm Verdruß auf. Bisweilen, wenn
+ich denn so mürrisch war, sucht' ich mich durch irgend eine lustige
+Lektur wieder zu ermuntern. Alsdann je lustiger, je lieber; so daß ich
+darüber bald zum Freigeist geworden, und dergestalt immer von einem
+Extrem ins andre fiel. In dieser Absicht bedaur' ich die Gefährtin
+meines Lebens von Herzen. Denn so wenig Geschmack ich an ihr fand, so
+hatte sie doch noch viel mehr Ursache, keinen an mir zu finden. Dennoch
+war ihre Neigung zu mir stark, obgleich nichts weniger als zärtlich.
+Ein Betragen ganz nach ihrem Geschmack, meine Unterwürfigkeit und
+Liebe zu ihr, das alles wollte sie von dem ersten Tag' an erpochen und
+erpoltern -- und macht's heute mit mir und meinem Jungen noch ebenso
+und wird es so wenig lassen, als ein Mohr seine Haut ändern kann.
+Und doch ist dies, wie ich's nun aus Erfahrung weiß, gewiß das ganz
+unrechte Mittel, einen an das Joch zu gewöhnen. Inzwischen flossen
+meine Tage so halb vergnügt, halb mißvergnügt dahin. Ich suchte mein
+Glück in der Ferne und in der Welt, mittlerweile es lange ganz nahe bei
+mir vergebens auf mich wartete. Und noch jetzt, da ich doch überzeugt
+bin, daß es nirgends als in meinem eigenen Busen wohnt, vergeß ich nur
+allzuoft, in mich selbst zurückzukehren, flattre in einer idealischen
+Welt herum, oder wähle in dieser gegenwärtigen falsche, Ekel und Unlust
+erweckende Scheingüter außer mir.
+
+[Sidenote: Glücksumstände und Wohnort]
+
+[Sidenote: Die ganze Welt ist unser]
+
+[Sidenote: Glücksempfindung]
+
+Meine Lebensgeschichte so weit geschrieben, bleibt mir nur noch weniges
+von mir zu sagen übrig. Ein Häuschen und ein Gärtchen ist mein ganzes
+Vermögen. Eine Frau und vier Kinder, also sechs Mäuler und ein Dutzend
+Hände machen meinen Haushalt aus. Aber das gesunde Speisen der erstern,
+Kleider und anders mit eingezählt, zehrt das Produkt einer noch so
+muntern Arbeit der letztern beinahe auf. Meinen Baumwollengewerb hab'
+ich schon beschrieben. Dieser ist wie ein Vogel auf dem Zweig, und
+wie das Wetter im April. Wer sein ganzes Studium darauf wendet, und
+zumal die rechte Zeit abzupassen weiß, kann noch sein Glück damit
+machen. Aber dies Talent in gehörigem Maße hatt' ich nie, war immer ein
+Stümper, und werd' es ewig bleiben. Und doch hab' ich diese Art Handel
+und Wandel gleichsam von Jahr zu Jahr lieber gewonnen. Warum? Ich
+denke, natürlich, weil derselbe das Mittel war, durch welches mich die
+gütige Vorsehung, ohne mein sonderliches Zutun, aus meiner drückenden
+Lage wenigstens in eine sehr leidliche emporhob. Freilich wär' ich,
+ohne die Rolle eines Handelsmanns zu spielen, vielleicht auch niemals
+so tief in jene hineingeraten. Doch, wer weiß? Es wäre wohl gleich
+viel gewesen, mit welchem Berufe ich mich lässig, unvorsichtig und
+ungeschickt beschäftigt hätte. Und heißt's, denk' ich, auch hier: Der
+Hund, der ihn biß, leckt' ihn wieder, bis er heil war.
+
+[Sidenote: Haus und Garten]
+
+Mein Vaterland ist zwar kein Schlaraffenland, kein glückliches
+Arabien und kein reizendes Pays de Vaud. Es ist das Tockenburg, dessen
+Einwohner von jeher als unruhige und ungeschliffene Leute verschrien
+waren, aber allerorten, soweit ich gekommen bin, hab ich ebenso grobe,
+wo nicht viel gröbere -- ebenso dumme, wo nicht viel dümmere Leut'
+angetroffen. -- Unser Tockenburg ist ein anmutiges, zwölf Stunden
+langes Tal, mit vielen Nebentälchen und fruchtbaren Bergen umschlossen.
+Das Haupttal zieht sich in einer Krümmung von Südost nach Nordost
+hinab. Gerade in der Mitte desselben, auf einer Anhöhe, steht mein
+Edelsitz, am Fuß eines Berges, von dessen Spitze man eine treffliche
+Aussicht beinahe über das ganze Land genießt, die mir schon so manchmal
+das entzückendste Vergnügen gewährte, bald in das mit Dörfern reich
+besetzte Tal hinab, bald auf die mit den fettesten Weiden, Wiesen und
+Gehölzen bekleideten und abermals mit zahllosen Häusern übersäten
+Anhöhen zu beiden Seiten, über welche sich noch die Gipfel der Alpen
+hoch in die Wolken erheben, dann wieder hinunter auf die durch viele
+Krümmungen sich mitten durch unser Haupttal schlängelnde Thur, deren
+Dämme und mit Erlen und Weiden bepflanzten Ufer die angenehmsten
+Spaziergänge bilden. Mein hölzernes Häuschen liegt gerade da, wo das
+Gelände am allerlieblichsten ist, und besteht aus einer Stube, drei
+Kammern, Küche und Keller -- Potz Tausend! die Nebenstube hätt' ich
+bald vergessen -- einem Geißställchen, Holzschopf, und dann rings ums
+Häuschen ein Gärtchen, mit etlichen kleinen Bäumen besetzt, und mit
+einem Dornhag tapfer umzäunt. Aus meinem Fenster hör' ich von drei
+bis vier Orten her läuten und schlagen. Kaum etliche Schritte vor
+meiner Türe liegt ein meinem Nachbar zudienender artiger beschatteter
+Rasenplatz. Von da seh' ich senkrecht in die Thur hinab, auf die
+Bleichen hinüber, auf das schöne Dorf Wattwil, auf das Städtchen
+Lichtensteig und hinwieder durchs Tal hinauf. Hinter meinem Haus rinnt
+ein Bach herab, der Thur zu, der aus einem romantischen Tobel kömmt,
+wo er über Steinschrofen[57] daherrauscht. Sein jenseitiges Ufer
+ist ein sonnenreiches Wäldchen, mit einer hohen Felswand begrenzt.
+In dieser nisten alle Jahr' etliche Sperber und Habichte in einer
+unzugänglichen Höhle. Diese, und dann noch ein gewisser Berg, der mir
+um die Tag- und Nachtgleiche die liebe Sonne des Morgens eine Stunde zu
+lang aufhält, sind mir unter allem, was zu dieser meiner Lage gehört,
+allein widerlich. Beide würd' ich gern verkaufen oder gar verschenken.
+Die vertrackten Sperber zumal plagen nicht nur von Mitte April bis
+spät in den Herbst mit ihrem Zetergeschrei meine Ohren, sondern,
+was noch weit ärger ist, verjagen mir die lieben Singvögelchen, daß
+bald kein einziges mehr in der Gegend sich einzunisten wagt. Meine
+Nachbarn sind recht gute ehrliche Leute, die ich aufrichtig schätze
+und liebe. Freilich läuft bisweilen auch ein andrer mit unter, wie
+überall. Innige Freunde, mit denen man Gedanken wechseln und Herzen
+tauschen kann, hab' ich in der Nähe keine. Dies ersetzen mir meine
+platonischen Geliebten in meinem Stübchen. Im Frühling liegt mir der
+Schnee auch ein bißchen zu lang in meinem Gärtchen. Aber ich fange
+einen Krieg mit ihm an, zerfetze ihn zu kleinen Stücken, und werfe
+ihm Asche und Kot auf die Nase; dann verkriecht er sich in die Erde,
+so daß ich noch mit den Frühesten gärtnen kann. Und überhaupt macht
+mir dies kleine Grundstück viel Vergnügen. Zwar ist die Erde ziemlich
+grob und ungeschlacht, obgleich ich sie schon an die fünfundzwanzig
+Jahr bearbeitet habe, demungeachtet gibt das Ding Kraut, Kohl, Erbsen,
+und was ich immer auf meinen Tisch brauche, zur Genüge; mitunter auch
+Blumenwerk und Rosen die Fülle. Kurz, es freut mich so wohl, als
+manchen Fürsten all' seine babylonischen Gärten. -- Sag' also, Bub! ist
+unser Wohnort nicht so angenehm, als je einer in der Welt? Einsam, und
+doch nahe bei den Leuten; mitten im Tal, und doch ein wenig erhöht.
+Oder geh' mir einmal im Maimond auf jenen Rasenhügel vor unserer Hütte.
+Schau durchs buntgeschmückte Tal hinauf; sieh', wie die Thur sich
+mitten durch die schönsten Auen schlängelt; wie sie ihre noch trüben
+Schneewasser gerade unter deinen Füßen fortwälzt. Sieh', wie an ihren
+beiden Ufern unzählige Kühe mit geschwollenen Eutern im Gras waten.
+Höre das Jubelgetön von den großen und kleinen Buschsängern. Ein Weg
+geht zwar an unsern Fenstern vorbei; aber der ist noch nichts. Sieh'
+erst jenseits der Thur jene Landstraße mitten durchs Tal, die nie leer
+ist. Sieh' jene Reihe Häuser, welche Lichtensteig und Wattwil wie
+zusammenketten. Da hast du einigermaßen, was man in Städten und auf
+dem Lande nur haben kann. Ha! sagst du vielleicht, aber diese Matten
+und Kühe sind nicht unser! Närrchen! freilich sind sie und die ganze
+Welt ist unser. Oder wer wehrt dir, sie anzusehn, und Lust und Freud'
+an ihnen zu haben? Butter und Milch bekomm' ich ja von dem Vieh, das
+darauf weidet, so viel mir gelüstet, also haben ihre Eigentümer nur
+die Mühe zum Vorteil. Was braucht es, jene Alpen mein zu heißen? Oder
+jene zierlich prangenden Obstbäume? Bringt man uns ja ihre schönsten
+Früchte ins Haus! Oder jenen großen Garten? Riechen wir ja seine Blumen
+von weitem! Und selbst unser eigener kleiner, wächst nicht alles
+darin, was wir hineinsetzen, pflegen und warten? Also, lieber Junge!
+wünsch' ich dir, daß du bei allen diesen Gegenständen nur das empfinden
+möchtest, was ich dabei schon empfunden habe und noch täglich empfinde;
+daß du mit eben dieser Wonne und Wollust den Höchstgütigen in allem
+findest und fühlest, wie ich ihn fand und fühlte, so nahe bei mir,
+rings um mich her, und in mir, wie er dies mein Herz aufschloß, das er
+so weich und so fühlend schuf. Lieber Knabe! Beschreiben kann ich's
+nicht. Aber mir war schon oft, ich sei verzückt, wenn ich all' diese
+Herrlichkeit überschaute, und so, in Gedanken vertieft, den Vollmond
+über mir, dieser Wiese entlang hin und her ging, oder an einem schönen
+Sommerabend dort jenen Hügel bestieg, die Sonne sinken, die Schatten
+steigen sah, mein Häuschen schon in blauer Dämmerung stand, die
+schwirrenden Weste mich umsäuselten, die Vögel ihr sanftes Abendlied
+anhuben. Wenn ich dann vollends bedachte: »Und dies alles für dich,
+armer, schuldiger Mann?« Und eine göttliche Stimme mir zu antworten
+schien: »Sohn! dir sind deine Sünden vergeben.« Oh! wie da mein Herz in
+süßer Wehmut zerschmolz, wie ich dem Strom meiner Freudentränen freien
+Lauf ließ, und alles rings um mich her, Himmel und Erde, hätte umarmen
+mögen, und noch selige Träume der folgenden Nacht mein gestriges Glück
+wiederholten.
+
+
+ ENDE
+
+
+Fußnoten:
+
+[Footnote 1: Abgemessene Garnmenge.]
+
+[Footnote 2: Vorraum zum Haus.]
+
+[Footnote 3: Hütte für Vieh und Heu.]
+
+[Footnote 4: Bachschlucht.]
+
+[Footnote 5: Rinne, die über einen Abhang fällt, in der man das
+gefällte Holz hinabgleiten läßt.]
+
+[Footnote 6: Des anderen Tages.]
+
+[Footnote 7: Aus gröberem minderwertigen Flachs- oder Hanfwerg Garn
+spinnen.]
+
+[Footnote 8: Sävenstrauch (+Juniperus Sabina+), eine Wacholderart.]
+
+[Footnote 9: Schmalvieh, junges Vieh, Aufzucht.]
+
+[Footnote 10: Nach einem Jahr aus dem Dienst gehen.]
+
+[Footnote 11: Geschenk von Fleisch und Würsten beim Schlachten.]
+
+[Footnote 12: Erlös; Einnahme.]
+
+[Footnote 13: Armselig haushalten.]
+
+[Footnote 14: Stecken für einen Hag; Zaunpfahl.]
+
+[Footnote 15: Lehm.]
+
+[Footnote 16: Bezwingen; meistern.]
+
+[Footnote 17: Bald auf der Sonnen-, bald auf der Schattenseite.]
+
+[Footnote 18: Kleines Handbeil mit langer Schneide.]
+
+[Footnote 19: Nagen.]
+
+[Footnote 20: Äcker von weißen Rüben und Kohl.]
+
+[Footnote 21: Weder aufwärts noch abwärts.]
+
+[Footnote 22: Emporbringen, heben.]
+
+[Footnote 23: Herumstreichen.]
+
+[Footnote 24: Fetzen.]
+
+[Footnote 25: Heer = Pfarrer.]
+
+[Footnote 26: Katechismus.]
+
+[Footnote 27: Haus- und Ackergerät.]
+
+[Footnote 28: Weide für die Sommerszeit.]
+
+[Footnote 29: Taglöhnern; um Taglohn arbeiten.]
+
+[Footnote 30: Meiner Seel!]
+
+[Footnote 31: Zerbrechen, zerreißen.]
+
+[Footnote 32: Branntwein.]
+
+[Footnote 33: Flink.]
+
+[Footnote 34: Zu Besuch.]
+
+[Footnote 35: Die Zeche.]
+
+[Footnote 36: Lustiger Feiertag.]
+
+[Footnote 37: Heidelbeeren.]
+
+[Footnote 38: Weinen.]
+
+[Footnote 39: Schwenkten.]
+
+[Footnote 40: Flüsterten.]
+
+[Footnote 41: Poltern, groß sprechen, Wind machen.]
+
+[Footnote 42: Rotte.]
+
+[Footnote 43: Der Große Kurfürst.]
+
+[Footnote 44: Kohlköpfe; in verächtlicher Bedeutung: Dickköpfe.]
+
+[Footnote 45: Ursprünglich: im Kloster gebrautes Bier; hier: Dünnbier.]
+
+[Footnote 46: Sittsam: Gegenteil von ungeschlacht.]
+
+[Footnote 47: Erhasten.]
+
+[Footnote 48: Ungestüm.]
+
+[Footnote 49: Gemeindeweide.]
+
+[Footnote 50: Herumstreichen.]
+
+[Footnote 51: Selle: der wagerechte Grundbalken des Hauses.
+(Schwelle.)]
+
+[Footnote 52: Mit dem Klöpel an die Glocke schlagen; übertragen:
+hinken.]
+
+[Footnote 53: Eigensinnig.]
+
+[Footnote 54: Steif wie ein Stab, starr.]
+
+[Footnote 55: Geflüchtet; in Sicherheit gebracht.]
+
+[Footnote 56: Tropf, Tölpel.]
+
+[Footnote 57: Felsabsatz.]
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75825 ***
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+ Das Leben und die Abentheuer des Armen Mannes im Tockenburg | Project Gutenberg
+ </title>
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75825 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und
+Interpunktion des Originaltextes wurde übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>.
+</div>
+
+<figure class="figcenter padbot3 illowp46" id="cover">
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+</figure>
+
+<h1>Das Leben<br>
+und die Abentheuer<br>
+<em class="gesperrt">des</em><br>
+Armen Mannes<br>
+<i>im</i><br>
+Tockenburg</h1>
+
+<hr class="full">
+
+<p class="s2 p2 center"><i>Von ihm selbst erzählt</i></p><br>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowe5_8125" id="signet">
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+</figure>
+
+<p class="p2 center" >1910</p><br>
+
+<p class="center">Bei Meyer &amp; Jessen<br>
+Berlin</p>
+
+<p class="p4 center"><i>Bhd</i></p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="center"> Gedruckt in der Buchdruckerei von Herrosé &amp;<br>
+Ziemsen, G. m. b. H. in Wittenberg. Titel und<br>
+Einband zeichnete Lucian Bernhard in Berlin</p><br>
+
+<p class="p2 center">Vierte durchgesehene Auflage<br></p>
+</div>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_v">[S. v]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Zur_Einfuehrung">Zur Einführung</h2>
+</div>
+
+<p>»Kennen Sie den ›armen Mann im Tockenburg‹?« hab' ich wie oft gefragt;
+Männer und Frauen von allerlei Art. Die Antwort war fast immer: »Wer
+ist das?« Und doch hat man das Wenige, was wir von ihm haben, seit dem
+achtzehnten Jahrhundert nicht selten gedruckt; er hat Leser und Freunde
+gefunden, auch Bewunderer. Immer ist er wieder vergessen worden; auf
+seinen eigentlichen Platz in unserer Geschichte hat ihn noch niemand
+gestellt. Darum hat es mich oft hingerissen, in dieser oder jener
+Gesellschaft, die nichts von ihm wußte, mit so viel Lobpreisung von ihm
+zu sprechen, daß ich mich hinterdrein wohl fragte: Hast du in deinem
+Feuereifer nicht zu <em class="gesperrt">viel</em> gepriesen? Wenn diese Aufgestachelten
+ihn nun lesen<span class="pagenum" id="Seite_vi">[S. vi]</span> werden, werden sie nicht sagen: nun ja, recht hübsch,
+aber warum <em class="gesperrt">übertreibt</em> er so? — Dann hab' ich wohl zu Haus den
+»armen Mann« wieder zur Hand genommen und hier und da aufgeschlagen
+und gleichsam mit dem Ohr dieser andern hineingehorcht. Zuletzt bin
+ich lächelnd beruhigt und neu gerührt wieder aufgestanden. Nein!
+Ich sagte nicht zu viel von ihm. Er ist ein Phänomen, ein Einziger,
+Unvergleichlicher. Er war kein Fabulierer, kein Fruchtbarer wie Hans
+Sachs, aber zehnmal mehr Poet. In dem kleinen Schatz, den er uns
+hinterlassen hat, sind Perlen und Rubinen.</p>
+
+<p>Ulrich oder Uli Braeker kam am 22. Dezember 1735 in dem Schweizer
+Tal zur Welt, das Tockenburg oder Toggenburg genannt wird; fast
+sieben Jahre nach Lessing, nicht vierzehn vor Goethe. Die dem Leser
+hier vorgelegte Geschichte seines Lebens erzählt in entzückender
+Aufrichtigkeit und poesievoller Lebendigkeit, wie er, eines ewig
+blutarmen<span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. vii]</span> Mannes ewig um sein Dasein kämpfender Sohn, Geißen weidet,
+liebt, tagelöhnert, webt, handelt, träumt, liest, phantasiert; kurz,
+wie er das Leben eines zum Dichter geborenen Habenichts führt, der
+redlich arbeitend, wenig erreichend, oft leichtgläubig, oft betrogen,
+bald im Elend verzagt, bald sich eine Welt von Luftschlössern bauend,
+von seiner keifenden Hausehre immer gemeistert, nie an seinem Gott
+verzweifelnd, sich durch gute und böse Jahre wie ein vielgekrümmter
+Fluß durch sein Engtal hinwindet; bis er endlich, noch nicht
+dreiundsechzig Jahre alt, in Gottes Schoß zurückkehrt, als dessen Kind
+er sich sein Leben lang in immer reinerer und verklärterer Frömmigkeit
+gefühlt hatte.</p>
+
+<p>Als Zweiunddreißiger begann Uli zu schriftstellern, bald auch Verse
+zu machen; aber noch mehr einem moralisierenden Nachmittagsprediger
+gleich; 1770 fing er an ein <em class="gesperrt">Tagebuch</em> zu schreiben, sein
+dürftiges Leben mit Betrachtungen zu begleiten und<span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. viii]</span> jenen Natursinn in
+sich auszubilden, der allmählich seine schönste Kraft werden sollte
+und sein holdester Trost. In seiner Prosa wuchs, Gott weiß wie, dieser
+ganz eigene Duft heran, der seine entbauerte Seele, seinen geadelten
+Geist zu den wirklichen Poeten gesellt. Er ward ein Dichter und wußte
+es nicht. Er lernte ohne Lehrer seine Gefühle und Gedanken formen, wie
+der Bildner Wachs und Ton. Als Dichter schrieb er auch sein Büchlein
+»Etwas über Shakespeare«, nachdem er in der kleinen Büchersammlung der
+»Moralischen Gesellschaft« (in dem benachbarten Städtchen Lichtensteig)
+diesen seinen Abgott kennen gelernt hatte, dem er fortan, wie Faust
+der Helena »Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn« zollte. Nicht vieles
+ist so rührend zu lesen, wie diese Ergießungen einer tief verstehend
+begeisterten, oft feurig beredten, in demutsvoller Andacht hingegebenen
+Auchdichterseele.</p>
+
+<p>Die Geschichte seines Lebens, die er in den<span class="pagenum" id="Seite_ix">[S. ix]</span> Jahren der Reife,
+1781 und weiter, schrieb, gab er hernach seinem Seelenhirten und
+begönnernden Freund, dem Pfarrer Martin Imhof zu Wattwil, nebst andern
+Werken seiner Feder zu lesen; durch Imhof kam sie zu H. G. Füßli,
+dem Inhaber der Buchhandlung Orell Geßner Füßli und Comp. in Zürich,
+auch Schriftsteller, Lehrer und Staatsmann. Füßli teilte 1788 im
+»Schweizerischen Museum« das erste Probestück mit, das, wie er selber
+erzählt, »auch unter den verschiedensten Klassen von Lesern allgemeinen
+Beifall fand«. »Man mochte die einander ziemlich schnell gefolgten
+Fortsetzungen kaum erwarten; niemals wurde auch die gespannteste
+Neugierde getäuscht, und jedesmal nach dem Verfasser lüsterner
+gemacht.« Durch diesen Erfolg ermutigt gab Füßli 1789 das Ganze
+als Buch heraus, unter dem Titel: »Lebensgeschichte und Natürliche
+Abentheuer des Armen Mannes im Tockenburg«. Nur wenige Schilderungen
+aus dem<span class="pagenum" id="Seite_x">[S. x]</span> eigenen Leben gibt es auf der Erde, die an Frische, Natur,
+Anmut, Poesie mit Ulrich Braekers Werk zu vergleichen sind. Wie er
+seine Geißhirtenjahre, wie er seine Liebe zu Ännchen erzählt, das ist
+des größten Künstlers würdig. Aber <em class="gesperrt">alles</em> lebt. Alles blüht auch.
+Oft reißt uns eine dramatische Kraft mit sich fort. Und ein Wunderding
+zum Kopfschütteln ist, wie ein Mensch, in dem keine kriegerische Ader
+lebte, die Lowositzer Schlacht beschrieben hat, in der er (der durch
+Werberlist Verlockte) desertiert.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_xii">[S. xii]</span></p>
+
+<p>Fast um dieselbe Zeit, in der Goethes Prosa sich im »Werther« zu ihrer
+höchsten Jugendblüte entfaltete, rang sich im alemannischen Gebirge
+ein ungebildeter Weber zu einem Schriftsteller empor, den man ruhig
+neben Goethe nennen kann; ja vielleicht steht als Prosadichter niemand
+dem jungen Goethe so nahe wie er. Es war eine Begabung in ihm, die man
+immer anstaunen muß, schwer begreifen kann. Er hatte alle Eigenschaften
+des Dichters, nur Erfindung fehlte; von den Tönen, die unsere ganze
+Natur mit Kunst ergreifen, hat ihm vielleicht keiner gefehlt. Mitten
+in musenlosester Umgebung, in allen Bitternissen widerwärtigster Art,
+in selbstbildender, unberatener Einsamkeit, gewinnt er einen solchen
+Reichtum an Stimmungen, Vorstellungen, Empfindungen, einen so hohen,
+unzerstörbar freudigen Lebenssinn, eine solche Stufenleiter von
+Ausdrucksmitteln, daß man gerührt und beschämt vor diesem Naturwunder
+steht. Zuweilen, durch irgendein angelesenes Gefühl fortgetragen, zieht
+er wohl an einem fremden, kunstmäßigen Geläut; im nächsten Augenblick
+kehrt er zur Natur zurück. Kein Mensch hat lebendiger erzählt als er.
+Eine der schönsten Erscheinungen in der deutschen Literaturgeschichte;
+eine allerhöchste Bekräftigung und Bestätigung, daß die große Zeit
+unsrer Poesie aus der Urkraft unsres Volks hervorgegangen ist.</p>
+
+<p>Für den hier vorliegenden Neudruck der Lebensgeschichte ist eine
+so wünschens- wie dankenswerte Arbeit gemacht worden: die früheren
+Ausgaben, die von Füßli und die von Eduard Bülow, sind verglichen und
+auseinander verbessert oder ergänzt worden, wo es möglich war; da
+<em class="gesperrt">beide</em> Herausgeber dem Urtext nicht überall treu gefolgt sind,
+sondern mit persönlicher Willkür gekürzt, auch »verbessert« haben.
+So ist denn diese Ausgabe, wenn sie auch nicht die verschwundene
+Urhandschrift zugrunde legen konnte, jedem andern Abdruck vorzuziehen.</p>
+
+<p class="mright"><em class="gesperrt">Adolf Wilbrandt</em></p><br>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 center"><b>Das Leben und die Abenteuer<br>
+des armen Mannes im Tockenburg<br>
+Von ihm selbst erzählt</b></p><br>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kindheit">Kindheit</h2>
+</div>
+
+<div class="sidenote">Meine Voreltern</div>
+
+<p>Meiner Voreltern wegen bin ich so unwissend, als es wenige sein mögen.
+Daß ich Vater und Mutter gehabt, weiß ich. Meinen seligen Vater kannt'
+ich viele Jahre, und meine Mutter lebt noch. Daß diese auch ihre Eltern
+gehabt, kann ich mir einbilden. Aber ich kannte sie nicht und habe auch
+nichts von ihnen vernommen, außer daß mein Großvater, M. Bräker, aus
+dem Käbisboden gebürtig gewesen, und meine Großmutter, deren Namen und
+Heimat ich niemals vernommen, an meines Vaters Geburt gestorben sei.
+Meinen Vater nahm daher ein kinderloser Vetter im Näbis, der Gemeind
+Wattwil, an Kindes Statt an, und den hielt und liebte ich nebst seiner
+Frau für meine rechten Großeltern, so wie sie mich hinwieder auch als
+Großkind behandelten. Meine mütterlichen Großeltern ab der Laad kannte
+ich noch wohl.</p>
+
+<p>Mein Vater war sein Tage ein armer Mann; auch meine ganze Freundschaft
+hatte keinen reichen Mann aufzuweisen. Unser Geschlecht gehört zu
+dem Stipendigut. Wenn ich oder meine Nachkommen einen Sohn wollten
+studieren lassen, hätte er sechshundert Gulden zu beziehen. Ich weiß
+aber noch von keinem Bräker, der studiert hätte. Mein Vater hat viele
+Jahre das Hofjüngergeld bekommen, ist aber bei einer vorgenommenen
+Reform nebst andern Geschlechtern, welche wie das seinige, nicht
+genugsame Urkunden darbringen<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> mochten, ausgemerzt worden. Mit der
+Genoßsame des Stipendii hingegen hat es seine Richtigkeit, obschon ich
+nicht recht weiß, wie es gestiftet worden und wer von meinen Voreltern
+dazu geholfen hat.</p>
+
+<p>Ich habe also nicht Ursach, ahnenstolz zu sein. Alle meine Freunde und
+Blutsverwandten sind unbemittelte Leute, und von allen meinen Vorfahren
+hab' ich nichts anderes gehört. Fast von keinem, der das geringste
+Ämtli bekleidete. Meines Großvaters Bruder war Mesmer zu Kappel, und
+sein Sohn Stipendipfleger. Das ist alles aus der ganzen weitläufigen
+Verwandtschaft. Da können wir wohl vor dem Hochmut gesichert sein,
+der so viele arme Narren anwandelt, wenn sie reiche und angesehene
+Vettern haben, obgleich ihnen diese keinen Pfifferling geben. Nein!
+Von uns Bräkers quält diese Sucht, soviel ich weiß, keinen einzigen;
+und daß sie auch mich nicht plagt, sieht man; — sonst hätt' ich
+wenigstens unserm Stammbaum genauer nachgeforscht. Ich weiß, daß mein
+Großvater und dessen Vater arme Leute waren, die sich kümmerlich nähren
+mußten, daß mein Vater keinen Pfennig erbte, daß ihn die Not sein
+Leben lang drückte, und er nicht selten über seine kleine Schuldenlast
+seufzte. Aber deswegen schäm' ich mich meiner Eltern und Voreltern
+bei weitem nicht. Vielmehr bin ich noch eher ein bißchen stolz auf
+sie. Denn, ihrer Armut ungeachtet, hab' ich von keinem Dieb oder sonst
+einem Verbrecher, den die Justiz hätte strafen müssen, von keinem
+Lasterbuben, Schwelger, Flucher<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> oder Verleumder unter ihnen gehört,
+von keinem, den man nicht als einen Biedermann mußte gelten lassen,
+der sich nicht ehrlich und redlich in der Welt nährte, von keinem,
+der betteln ging. Dagegen kannt' ich recht manchen wackern, frommen
+Mann mit zartem Gewissen. Das ist's allein, worauf ich stolz bin und
+wünsche, daß auch meine Kinder stolz werden, daß wir diesen Ruhm nicht
+besudeln, sondern denselben fortzupflanzen suchen.</p>
+
+<div class="sidenote">Mein Geburtstag</div>
+
+<p>Der für mich wichtige Tag meiner Geburt ist der zweiundzwanzigste
+Dezember 1735. Ich sei ein bißchen zu früh auf der Welt erschienen,
+sagte man mir. Meine Eltern mußten sich dafür verantworten. Mag sein,
+daß ich mich schon im Mutterleibe nach Tageslicht gesehnt habe, und
+dies nach dem Licht Sehnen geht mir all mein' Tage nach! Daneben war
+ich die erste Kraft meines Vaters, und Dank sei ihm unter der Erde von
+mir auch dafür gesagt! Er war ein hitziger Mann, voll warmen Blutes.
+O, ich habe schon tausendmal drüber nachgedacht, und mir bisweilen
+einen andern Ursprung gewünscht, wenn flammende Leidenschaften in
+meinem Busen tobten, und ich den heftigsten Kampf mit ihnen bestehen
+mußte. Aber sobald Sturm und Wetter vorbei war, dankt' ich ihm doch
+wieder, daß er mir sein feuriges Temperament mitgeteilt hat, womit
+ich unzählige schuldlose Freuden lebhafter als so viele andere Leute
+genießen kann. Genug, an diesem zweiundzwanzigsten Dezember kam ich
+ans Tageslicht. Mein Vater sagte mir oft, er habe sich gar nicht über
+mich gefreut,<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> ich sei ein armes, elendes Geschöpf gewesen; nichts als
+kleine Beinerchen, mit einem verschrumpften Häutchen überzogen; und
+doch hätt' ich Tag und Nacht ein Zetergeschrei erhoben, das man bis
+ins Holz hören können. Er hat mich oft recht bös gemacht. Dachte: »Ha,
+ich werd's auch gemacht haben wie andre neugeborene Kinder!« Aber die
+Mutter gab ihm allemal Beifall. Nun, es kann sein.</p>
+
+<p>Am heiligen Weihnachtstag ward ich in Wattwil getauft und ich freute
+mich schon oft, daß es gerad an diesem Tage geschah, da wir die Geburt
+unsers Erlösers feiern. Wenn's eine einfältige Freude ist, was macht's?
+gibt's doch gewiß noch viel kindischere! Meine Taufpaten waren ein
+feuriger reicher Junggesell von Kappel aus der Au und eine bemittelte
+hübsche Jungfer aus der Schamaten. Er starb ledig; sie lebt noch im
+Witwenstand.</p>
+
+<div class="sidenote">Erstes Lebensjahr</div>
+
+<p>In meinen ersten Lebensjahren mag ich wohl ein wenig verzärtelt worden
+sein, wie's gewöhnlich mit ersten Kindern geht. Doch wollte mein
+Vater schon früh genug mit der Rute auf mich dar; aber die Mutter und
+Großmutter nahmen mich in Schutz. Mein Vater war wenig daheim; er
+brannte hier und da im Land und an benachbarten Orten Salpeter. Wenn
+er dann wieder nach Hause kam, war er mir fremd. Ich floh ihn. Dies
+verdroß den guten Mann so sehr, daß er mich mit der Rute zahm machen
+wollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p>
+
+<div class="sidenote">Mein fernstes Denken</div>
+
+<p>Ich kann mich beinah bis auf mein zweites Lebensjahr zurückerinnern.
+Ganz deutlich besinn' ich mich, wie ich auf allen Vieren einen
+steinigen Fußweg hinabkroch, und einer alten Base durch Gebärden
+Äpfel abbettelte. — Ich weiß gewiß, daß ich wenig Schlaf hatte und
+daß meine Mutter, um hinter den Großeltern einen geheimen Pfennig zu
+verdienen, des Nachts verstohlner Weise beim Licht gesponnen hat. Wenn
+ich dann nicht in der Kammer allein bleiben wollte, mußte sie eine
+Schürze auf den Boden spreiten, worauf sie mich nackt setzte und ich
+mit dem Schatten und ihrer Spindel spielte. Ich weiß, daß sie mich oft
+durch die Wiese auf dem Arm dem Vater entgegentrug und daß ich ein
+Mordiogeschrei anfing, sobald ich ihn erblickte, weil er mich immer
+rauh anfuhr, wenn ich nicht zu ihm wollte. Seine Figur und Gebärden,
+die er machte, seh ich jetzt noch lebendig vor mir.</p>
+
+<div class="sidenote">Zeitumstände</div>
+
+<p>Um diese Zeit waren alle Lebensmittel wohlfeil, aber wenig Verdienst
+im Lande. Die Teuerung und der Zwölferkrieg waren noch in frischem
+Angedenken. Ich hörte meine Mutter viel davon erzählen, das mich
+zittern und beben machte. Erst zu Ende der dreißiger Jahre ward das
+Baumwollspinnen in unserem Dorf eingeführt, und meine Mutter mag
+eine von den ersten gewesen sein, die Lötligarn<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> gesponnen. Unser
+Nachbar trug das erste um einen Schilling Lohn an den Zürchsee, bis er
+eine eigne Dublone vermochte. Dann fing<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> er selber an zu kaufen und
+verdiente nach und nach etlich tausend Gulden. Da hörte er auf, setzte
+sich zur Ruhe, und starb. In meinen Kinderjahren sind auch die ersten
+Erdäpfel in unserm Ort gepflanzt worden.</p>
+
+<div class="sidenote">Schon in Gefahr</div>
+
+<p>Sobald ich die ersten Hosen trug, war ich meinem Vater schon lieber. Er
+nahm mich hier und da mit sich. Im Herbst des Jahres 1739 brannte er im
+Gandten, eine halbe Stunde von Näbis entfernt, Salpeter. Eines Tages
+nahm er mich mit, und da Wind und Wetter einfiel, behielt er mich zu
+Nacht bei sich. Die Salpeterhütte war vor dem Tenn,<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> und sein Bett
+im Tenn. Er legte mich darein und sagte liebkosend, er wolle bald auch
+zu mir liegen. Unterdessen fuhr er fort zu feuern und ich schlief ein.
+Nach einem Weilchen erwacht' ich wieder und rief ihm. Keine Antwort.
+Ich stand auf, trippelte im Hemdli nach der Hütte und um den Gaden<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>
+überall herum, rief, schrie: nirgends kein Vater. Run glaubt' ich
+gewiß, er wäre heim zu der Mutter gegangen. Ich also hurtig, legte
+die Höslin an, nahm das Brusttüchlin übern Kopf, und rannte in der
+stockfinstern Regennacht zuerst über die nächstanstoßende lange Wiese.
+Am End derselben rauschte ein wildangelaufener Bach durch ein Tobel.<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>
+Den Steg konnt' ich nicht finden, und wollte darum ohne weiteres
+gerade hinüber, dem Näbis zu, glitschte aber<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> über eine Riese<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> zum
+Bach hinab, wo mich das Wasser beinahe ergriffen hätte. Die äußerste
+Anstrengung meiner jugendlichen Kräfte half mir noch glücklich davon.
+Ich kroch wieder auf allen Vieren durch Stauden und Dörn' hinauf, der
+Wiese zu, auf welcher ich überall herumirrte, und den Gaden nicht mehr
+finden konnte. Gegen eine Windhelle ward ich zwei Kerls, Birn- oder
+Apfeldiebe, auf einem Baum ansichtig. Diesen ruft' ich zu, sie sollten
+mir auf den Weg helfen. Aber da war kein Bescheid; vielleicht, daß sie
+mich für ein Ungeheuer hielten und oben im Gipfel noch ärger zittern
+mochten, als ich armer Bube unten im Kot. Inzwischen war mein Vater,
+der während meinem Schlummer nach einem ziemlich entfernten Haus etwas
+zu holen gegangen, zurückgekehrt. Da er mich vermißte, suchte er in
+allen Winkeln nach, wo ich mich möchte verkrochen haben. Er zündete
+bis in die siedenden Kessel hinein, hörte endlich mein Geschrei, dem
+er nachging, und machte mich nun bald ausfindig. O, wie er mich da
+herzte und küßte, mit Freudentränen Gott dankte, und mich, sobald wir
+zum Gaden zurückkamen, sauber und trocken machte. Ich war mausnaß,
+dreckig bis über die Ohren, und hatte aus Angst noch in die Hosen ...
+Morndeß<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> am Morgen führte er mich an der Hand durch die Wiese: ich
+sollt' ihm den Ort zeigen,<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> wo ich heruntergepurzelt. Ich konnt' ihn
+nicht finden. Zuletzt fand er ihn an dem Geschlirpe, das ich beim
+Hinabrutschen gemacht hatte, und schlug die Händ' überm Kopf zusammen,
+vor Entsetzen über die Gefahren, worin ich geschwebt, und vor Lob und
+Preis der Wunderhand Gottes, die mich allein erretten können. »Siehst
+du,« sprach er, »nur noch wenige Schritte, so stürzt der Bach über den
+Felsen hinab. Hätt' dich das Wasser fassen können, so lägst du dort
+unten tot und zermürset!« Von allem diesem begriff ich damals kein
+Wort; ich wußte nur von meiner Angst, nichts von Gefahr. Besonders aber
+schwebten die Kerle auf dem Baum mir viele Jahre vor Augen, sobald mich
+nur ein Wort an die Geschichte erinnerte.</p>
+
+<div class="sidenote">Unsre Nachbarn</div>
+
+<p>Der Näbis liegt im Berg, ob Scheftenau. Von Kappel hört man die Glocke
+läuten und schlagen. Es sind nur zwei Häuser. Die aufgehende Sonne
+strahlt beiden gerad in die Fenster. Meine Großmutter und die Frau im
+andern Haus waren Schwestern; fromme alte Mütterle, welche von andern
+gottseligen Weibern in der Nachbarschaft fleißig besucht wurden. Damals
+gab es viel fromme Leute daherum. Mein Vater, Großvater und andere
+Männer sahen's zwar ungern, durften aber nichts sagen, aus Furcht,
+sie könnten sich versündigen. Der Betbeele (seinem Bruder sagte man
+Schwörbeele) war ihr Lehrer, ein großer langer Mann,<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> der sich vom
+Kuderspinnen<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> und etwas Almosen nährte. In Scheftenau war fast in
+jedem Haus eins, das ihm anhing. Meine Großmutter nahm mich oft mit
+zu diesen Zusammenkünften. Was eigentlich da verhandelt wurde, weiß
+ich nicht mehr, nur so viel, daß mir dabei die Weil verzweifelt lang
+ward. Ich mußte mäuslinstill sitzen, oder gar knieen. Dann gab's
+unaufhörliche Ermahnungen und Bestrafungen von den Basen allen,
+die ich so wenig verstund als eine Katze. Dann und wann stahl mich
+mein Großvater zum voraus weg, und mußt' ich mit ihm in den Berg,
+wo unsre Kühe weideten. Da zeigte er mir allerlei Vögel, Käfer und
+Würmchen, dieweil er die Matten säuberte, oder junge Tännchen, den
+wilden Seevi<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> und anderes ausraufte. Wenn er alles an einen Haufen
+warf und es bei einbrechendem Abend anzündete, war's mir erst recht
+gekocht. Anderer Buben, die etwa dabei sein mochten, erinnere ich mich
+nicht mehr, wohl aber etlicher halberwachsener Maidlinen, die mit mir
+spielten. Ich ging damals in mein sechstes Jahr und hatte schon zwei
+Brüder und eine Schwester, von denen es hieß, daß eine alte Frau sie in
+einer Butte gebracht.</p>
+
+<div class="sidenote">Wanderung nach Dreyschlatt</div>
+
+<p>Mein Vater hatte einen Wandergeist, der zum Teil auch auf mich gekommen
+ist. Im Jahre 1741 kaufte er ein groß Gut, für acht Kühe Sömmer- und
+Winterung,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> Dreyschlatt genannt, in der Gemeind Krinau, zu hinterst
+in einer Wildnis, nahe an den Alpen. Das nicht halb so große Gütchen
+im Näbis verkaufte er dafür, weil er, wie er sagte, sah, daß ihn eine
+große Haushaltung anfallen wolle, und damit er für viele Kinder Platz
+und Arbeit genug habe, die er in dieser Einöde nach seinem Willen
+erziehen könne, wo sie vor der Verführung der Welt sicher seien. Auch
+riet der Großvater, der von Jugend an ein starker Viehmann gewesen,
+sehr dazu. Aber mein guter Ätti verband sich den unrechten Finger,
+und watete sich, da er an das Gut nichts zu geben hatte, in eine
+Schuldenlast hinein, unter welcher er nachwärts dreizehn Jahre lang
+genug seufzen mußte. Also im Herbst 1741 zügelten wir mit Sack und Pack
+ins Dreyschlatt. Mein Großätti war Senn, ich jagte die Kühe nach, mein
+kleiner nur zwanzig Wochen alter Bruder ward in einem Korb getragen.
+Mutter und Großmutter mit den zwei andern Kindern kamen hinten nach,
+und der Vater mit dem übrigen Plunder beschloß den Zug.</p>
+
+<div class="sidenote">Ökonomische Einrichtung</div>
+
+<p>Mein Vater wollte das Salpetersieden nicht aufgeben, und dachte damit
+wenigstens etwas zu Abherrschung der Zinse zu verdienen. Aber so ein
+Gut, wie das Dreyschlatt, braucht Händ' und Armschmalz. Wir Kinder
+waren noch für nichts zu rechnen; der Großätti hatte mit dem Vieh, und
+die Mutter genug im Haus zu tun. Es mußten also ein Knecht und eine
+Magd gedungen werden. Im folgenden Frühjahr ging<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> der Vater wieder
+dem Salpeterwerk nach. Inzwischen hatte man mehr Küh' und Geißen
+angeschafft. Der Großätti zog jungen Fasel<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> nach. Das war mir eine
+Tausendslust, mit den Gitzen so im Gras herumzulaufen, und ich wußte
+nicht, ob der Alte eine größere Freud' an mir oder an ihnen hatte, wenn
+er sich, nachdem das Vieh besorgt war, an unsern Sprüngen ergötzte.
+So oft er vom Melken kam, nahm er mich mit sich in den Milchkeller,
+zog dann ein Stück Brot aus dem Futterhemd, brockt' es in eine kleine
+Mutte, und machte ein kühwarmes Milchsüppli. Das aßen ich und er alle
+Tage. So verging mir meine Zeit unter Spiel und Herumtrillern, ich
+wußt' nicht wie? Dem Großätti ging's ebenso. Aber, aber — Knecht
+und Magd taten inzwischen was sie gern wollten. Die Mutter war ein
+gutherziges Weib, nicht gewohnt, jemand mit Strenge zur Arbeit
+anzuhalten. Es mußte allerhand Milch- und Werkgeschirr gekauft werden,
+und da man viel Weide zu Wiesen einschlug, auch Heu und Stroh, um mehr
+Mist zu machen. Im Winter hatten wir allemal zu wenig Futter, oder
+zu viel fressende War. Man mußt' immer mehr Geld entlehen, die Zinse
+häuften sich, und die Kinder wurden größer, Knecht und Magd feist, der
+Vater mager.</p>
+
+<div class="sidenote">Tod des Großvaters</div>
+
+<p>Er merkte endlich, daß so die Wirtschaft nicht gehen könne. Er änderte
+sie also und gab das Salpetersieden<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> auf, blieb daheim, führte das
+Gesind selber zur Arbeit an, und war allenthalben der erste. Ich weiß
+nicht, ob er auf einmal gar zu streng angefangen, oder ob Knecht und
+Magd, wie oben gesagt, sonst zu meisterlos geworden; kurz, sie jahrten
+aus<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> und liefen davon. Um die gleiche Zeit wurde der Großätti
+krank. Erst stach er sich nur an einem Dorn in den Daumen; der wurde
+geschwollen. Er band frischwarmen Kuhmist drauf; da schwoll die ganze
+Hand. Er empfand entsetzliche Hitz; ging zum Brunnen, und wusch den
+Mist unter der Röhre wieder ab. Aber das hatte nun gar böse Folgen.
+Er mußte sich bald zu Bett legen und bekam die Wassersucht. Er ließ
+sich abzapfen; das Wasser rann in den Keller hinab. Nachdem er so fünf
+Monate gelegen, starb er zum Leidwesen des ganzen Hauses; denn alle
+liebten ihn, vom Kleinsten bis zum Größten. Er war ein angenehmer,
+Freud' und Friede liebender Mann. Er hatte an meinem Vater und mir
+ungemein viel getan, und ich habe nie von einem Menschen Böses über
+ihn sagen gehört. Mein Vater und Mutter erzählten noch viele Jahre
+allerhand Löbliches und Schönes von ihm. Als ich ein wenig zu Verstand
+kam, erinnerte ich mich seiner erst recht, und verehrt' ihn im Staub
+und Moder. Er liegt im Kirchhof zu Krinau begraben.</p>
+
+<div class="sidenote">Die nächsten Folgen</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p>
+
+<p>Nun wurde wieder eine Magd angeschafft; die war dem Vater recht,
+weil sie brav arbeitete. Aber Mutter und Großmutter konnten sie
+nicht leiden, weil sie glaubten, sie schmeichle dem Vater, und trag'
+ihm alles zu Ohren. Auch war sie krätzig, so daß wir alle die Raud
+von ihr erbten. Und kurz, die Mütter ruhten nicht; sie mußte fort,
+und eine andre zu. Die war nun ihnen recht, aber dem Vater nicht,
+weil sie nur das Haus- aber nicht das Feldwerk verstand. Auch meinte
+er, sie helfe den Weibern allerhand verschmauchen. Jetzt gab's bald
+alle Tage Zank. Die Weibervölker stunden zusammen, der Mann hinwieder
+glaubte, er sei einmal Meister, und kurz, es schien, als wenn der alte
+Näbis-Joggeli einen guten Teil vom Hausfrieden mit sich unter den
+Boden genommen hätte. Aus Verdruß ging der Vater einstweilig wieder
+dem Salpetersieden nach, übergab die Wirtschaft seinem Bruder, als
+Knecht, und glaubte mit einem so nahen Blutsfreunde wohl versorgt zu
+sein. Er betrog sich. Er konnt' ihn nur ein Jahr behalten und sah noch
+zu rechter Zeit die Wahrheit des Sprichworts ein: Wer will, daß es ihm
+ling, schau selber zu seinem Ding! Nun ging er nicht mehr fort, trat
+aufs neue an die Spitze der Haushaltung, arbeitete über Kopf und Hals,
+und hirtete die Kühe selber; ich war sein Handbub, und mußte mich brav
+tummeln. Die Magd schaffte er ab und dingte dafür einen Geißenknab,
+da er jetzt einen Fasel Geißen gekauft, mit deren Mist er viel Weid
+und Wiesen machte. Inzwischen wollten ihn die Weiber noch immer
+meistern; das konnt' er nicht leiden; 's gab wieder allerlei Händel.
+Endlich, da er einmal der Großmutter in der Hitz' ein Habermußbecken
+nachgeschmissen, lief sie davon, und ging wieder zu ihren Freunden
+in den Näbis. Die Sach' kam vor die Amtsleut. Der Vater mußt' ihr
+alle Wochen sechs Batzen und etwas Schmalz geben. Sie war ein kleines
+buckliges Fräulein, mir eine liebe Großmutter, die hinwieder auch
+mich hielt wie ihr rechtes Großkind, aber, die Wahrheit zu sagen, ein
+wenig wunderlich, wetterwendisch, ging immer den sogenannten Frommen
+nach und fand doch niemand recht nach ihrem Sinn. Ich mußt' ihr alle
+Jahr die Metzgeten<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> bringen, und blieb dann ein paar Tage bei
+ihr. Da war gut Leben, ich ließ mir's schmecken, ihre wohlgemeinten
+Ermahnungen hingegen zum einen Ohr ein und zum andern wieder aus.
+Gewiß kein Ruhm für mich. Aber dergleichen Buben machen's leider Gott
+erbarm! so. Zuletzt war sie einige Jahre blind, und starb endlich in
+der Feuerschwand in einem hohen Alter im Jahre 50, 51, oder 52. Sie
+vermachte mir ein Buch, Arndts wahres Christentum, apart. Sie war gewiß
+ein gottseliges Weib, in der Schamaten hoch estimiert, und die Leut
+dort sind mir noch besonders lieb um ihretwillen. Auch glaub' ich gewiß
+noch Glück von ihr her zu haben; denn Elternsegen ruht auf Kindern und
+Kindeskindern.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p>
+
+<div class="sidenote">Allerlei Schicksale</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p>
+
+<p>Unsre Haushaltung vermehrte sich. Es kam alle zwei Jahr geflissentlich
+ein Kind; Tischgänger genug, aber darum keine Arbeiter. Wir mußten
+immer viel Taglöhner haben. Mit dem Vieh war mein Vater nie recht
+glücklich, es gab immer etwas krankes. Er meinte, die starken Kräuter
+auf unsrer Weid seien nicht wenig schuld daran. Der Zins überstieg
+alle Jahr die Losung.<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> Wir reuteten viel Wald aus, um mehr Mattland
+und Geld von dem Holz zu bekommen; und doch kamen wir je länger je
+tiefer in die Schulden, und mußten immer aus einem Sack in den andern
+schleufen. Im Winter sollten ich und die ältesten, welche auf mich
+folgten, in die Schule; aber die dauerte zu Krinau nur zehn Wochen,
+und davon gingen uns wegen tiefem Schnee noch etliche ab. Dabei konnte
+man mich schon zu allerlei Nützlichem brauchen. Wir sollten anfangen,
+Winterszeit etwas zu verdienen. Mein Vater probierte aller Gattung
+Gespunst: Flachs, Hanf, Seiden, Wollen, Baumwollen; auch lehrte er
+uns letztere kämbeln, Strümpfstricken und dergleichen. Aber keins
+warf damals viel Lohn ab. Man schmälerte uns den Tisch, meist Milch
+und Milch, ließ uns lumpen und lempen,<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a> um zu sparen. Bis in mein
+sechzehntes Jahr ging ich selten, und im Sommer barfuß in meinem
+Zwilchröcklin, zur Kirche. Alle Frühjahr mußte der Vater mit dem Vieh
+oft weit nach Heu fahren und es teuer bezahlen.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Bubenjahre">Bubenjahre</h2>
+</div>
+
+
+<div class="sidenote">Knabenspiele</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p>
+
+<p>Indessen kümmerte mich alle dies kein Haar. Auch wußt' ich eigentlich
+nichts davon, und war überhaupt ein leichtsinniger Bube, wie es je
+einen gab. Alle Tag dacht' ich dreimal ans Essen, und damit aus. Wenn
+mich der Vater nur mit langanhaltender oder strenger Arbeit verschonte,
+oder ich eine Weile davonlaufen konnte, war mir alles recht. Im Sommer
+sprang ich in der Wiese und an den Bächen herum, riß Kräuter und Blumen
+ab, und machte Sträuße wie Besen; dann durch alles Gebüsch, den Vögeln
+nach, kletterte auf die Bäume und suchte Nester. Oder ich las ganze
+Haufen Schneckenhäuslein oder hübsche Steine zusammen. War ich müd',
+so setzt' ich mich an die Sonne und schnitzte zuerst Hagstecken,<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a>
+dann Vögel, und zuletzt gar Kühe; denen gab ich Namen, zäunt' ihnen
+eine Weid ein, baut' ihnen Ställe, und fütterte sie, verhandelte dann
+bald dies bald jenes Stück, und machte immer wieder schönere. Ein
+andermal richtete ich Öfen und Feuerherd auf und kochte aus Sand und
+Lett<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> einen saubern Brei. Im Winter wälzt ich mich im Schnee herum,
+und rutschte bald in einer Scherbe von einem zerbrochenen Napf, bald
+auf dem bloßen Hintern, die Gähen hinunter. Das trieb ich alles so,
+wie's die Jahreszeit mitbrachte, bis mir der Vater durch den Finger
+pfiff, oder ich sonst merkte, daß es Zeit über Zeit war. Noch hatt' ich
+keine Kameraden; doch wurd' ich in der Schule mit einem Buben bekannt,
+der oft zu mir kam, und mir allerhand Lappereien um Geld anbot, weil
+er wußte, daß ich von Zeit zu Zeit einen halben Batzen zu Trinkgeld
+erhielt. Einst gab er mir ein Vogelnest in einem Mausloch zu kaufen.
+Ich sah täglich darnach. Aber eines Tages waren die Jungen fort; das
+verdroß mich mehr, als wenn man dem Vater alle Küh' gestohlen hätte.
+Ein andermal, an einem Sonntag, bracht' er Pulver mit — bisher kannt'
+ich diesen Höllensamen nicht — und lehrte mich Feuerteufel machen.
+Eines Abends hatt' ich den Einfall: Wenn ich auch schießen könnte! Zu
+dem End' nahm ich eine alte, eiserne Brunnröhre, verklebte sie hinten
+mit Lehm, und machte eine Zündpfanne, auch von Lehm; in diese tat ich
+das Pulver, und legte brennenden Zunder daran. Da's nicht losgehen
+wollte, blies ich ... Puh! mir Feuer und Lehm alles ins Gesicht. Dies
+geschah hinterm Haus; ich merkte wohl, daß ich was Unrechtes tat.
+Inzwischen kam meine Mutter, die den Klapf gehört hatte, herunter. Ich
+war elend blessiert. Sie jammerte und half mir hinauf. Auch der Vater
+hatte oben in der Weide die Flamm gesehen, weil's fast Nacht war. Als
+er heimkam, mich im Bett antraf, und die Ursache vernahm, ward er
+grimmig böse. Aber sein Zorn stillte sich bald, als er mein verbranntes
+Gesicht erblickte. Ich litt große Schmerzen. Aber ich verbiß sie, weil
+ich sonst fürchtete, noch Schläge obendrein zu bekommen, und wußte, daß
+ich solche verdient hätte. Doch mein Vater empfand, daß ich Schläge
+genug habe. Vierzehn Tage sah ich keinen Stich; an den Augen hatt' ich
+kein Härlein mehr. Man hatte große Sorgen wegen dem Gesicht. Endlich
+ward's allmählig und von Tag zu Tag wieder besser. Jetzt, sobald ich
+vollkommen hergestellt war, machte es der Vater mit mir, wie Pharao mit
+den Israeliten, ließ mich tüchtig arbeiten und dachte: So würden mir
+die Possen am besten vergehen. Er hatte recht. Aber damals konnt' ich's
+nicht einsehen, und hielt ihn für einen Tyrann, wenn er mich so des
+Morgens früh aus dem Schlaf nahm, und an das Werk musterte. Ich meinte,
+das wär' eben nicht nötig; die Kühe gäben ja die Milch von sich selber.</p>
+
+<div class="sidenote">Beschreibung von Dreyschlatt</div>
+
+<p>Dreyschlatt ist ein wilder, einöder Ort, zuhinderst an den Alpen
+Schwämle, Kreutzegg und Aueralp; vorzeiten war's eine Sennweid. Hier
+gibt's immer kurzen Sommer und langen Winter, während letzterm meist
+ungeheuern Schnee, der oft noch im Mai ein paar Klafter tief liegt.
+Einst mußten wir noch am heiligen Pfingstabend einer neuangelangten
+Kuh mit der Schaufel zum Haus pfaden. In den kürzesten Tagen hatten
+wir die Sonn' nur fünf Viertelstunden. Dort entsteht unser Rotenbach,
+der dem Fäsi in seiner Erdbeschreibung und dem Walser in seiner
+Kart entwischte, ungeachtet er zweimal größer als der Schwendi-
+oder Lederbach<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> ist, der viele Mühlen, Sägen, Walken, Stampfen und
+Pulvermühlen treibt. Doch beim Dreyschlatt hat es das herrlichste
+Quellwasser; und wir in unserm Haus und Scheuer aneinander hatten
+einen Brunnen, der nie gefror, unterm Dach, so daß das Vieh den ganzen
+Winter über nie den Himmel sah. — Wenn's im Dreyschlatt stürmt, so
+stürmt's recht. Wir hatten eine gute, nicht gähe Wiese von vierzig bis
+fünfzig Klafter Heu und eine grasreiche Weide. Auf der Sommerseite im
+Altischwil ist's schon früher, aber auch gäher und rauher. Holz und
+Stroh gibt's genug. Hinterm Haus ist ein Sonnenrain, wo's den Schnee
+wegbläst, der hingegen an einem Schattenrain vor dem Haus im Frühjahr
+oft noch liegen bleibt, wenn's an jenem schon Gras und Schmalzblumen
+hat. Am frühesten und am spätesten Ort auf dem Gut trifft's wohl vier
+Wochen an.</p>
+
+<p>Ja! ja! sagte jetzt eines Tags mein Vater, der Bub wächst, wenn er nur
+nicht so ein Narr wäre, ein verzweifelter Lappi; auch gar kein Hirn.
+Sobald er an die Arbeit muß, weiß er nicht mehr, was er tut. Aber von
+nun an muß er mir die Geißen hüten, so kann ich den Geißbub abschaffen.
+Ach! sagte meine Mutter, so kommst du um Geißen und Bub. Nein! Nein! Er
+ist noch zu jung. Was, jung? sagte der Vater, ich will es drauf wagen,
+er lernt's nie jünger, die Geißen werden ihn schon lehren, sie sind oft
+witziger als die Buben, ich weiß sonst nichts mit ihm anzufangen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p>
+
+<div class="sidenote">Der Geißbube</div>
+
+<p><em class="gesperrt">Mutter</em>: Ach! was wird mir das für Sorg' und Kummer machen.
+Sinn' ihm auch nach! Einen so jungen Bub mit einem Fasel Geißen in den
+wilden, einöden Kohlwald schicken, wo ihm weder Steg noch Weg bekannt
+sind, und es so gräßliche Töbler hat. Und wer weiß, was für Tier sich
+dort aufhalten, und was für schreckliches Wetter einfallen kann? Denk'
+doch, eine ganze Stund' weit! und bei Donner und Hagel, oder wenn die
+Nacht einfällt, nie wissen, wo er ist. Das ist mein Tod, und du mußt's
+verantworten.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Ich</em>: Nein, nein, Mutter! Ich will schon Sorge haben, und kann
+ja dreinschlagen, wenn ein Tier kommt, und vorm Wetter untern Felsen
+kreuchen, und wenn's nachtet, heimfahren, und die Geißen will ich, was
+gilt's, schon paschgen.<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a></p>
+
+<p><em class="gesperrt">Vater</em>: Hörst jetzt! Eine Woche mußt' mir erst mit dem Geißbub
+gehen. Dann gib Achtung, wie er's macht, wie er die Geißen alle heißt
+und ihnen lockt und pfeift, wo er durchfahrt, und wo sie die beste Weid
+finden.</p>
+
+<div class="sidenote">Der Beckle</div>
+
+<p>Ja, ja! sagt' ich, sprang hochauf und dacht': Im Kohlwald bist du frei;
+da wird dir der Vater nicht immer pfeifen und dich von einer Arbeit
+zur andern jagen. Ich ging also etliche Tage mit unserm Beckle hin, so
+hieß der Bub, ein rauher, wilder, aber ehrlicher Bursche. Denkt doch!
+Er stund eines Tags wegen<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> einer Mordtat im Verdacht, da man eine
+alte Frau, welche wahrscheinlich über einen Felsen hinunterstürzte,
+auf der Kreutzegg tot gefunden. Der Amtsdiener holte ihn aus dem Bett
+nach Lichtensteig. Man merkte aber bald, daß er ganz unschuldig war,
+und er kam zu meiner großen Freud noch denselben Abend wieder heim.
+— Nun trat ich mein neues Ehrenamt an. Der Vater wollte zwar den
+Beckle als Knecht behalten; aber die Arbeit war ihm zu streng, und
+er nahm im Frieden seinen Abschied. Anfangs wollten mir die Geißen,
+deren ich bis dreißig Stück hatte, kein gut tun; das machte mich wild,
+und ich versucht' es, ihnen mit Steinen und Prügeln den Meister zu
+zeigen, aber sie zeigten ihn mir, ich mußte also die glatten Wort'
+und das Streicheln und Schmeicheln zur Hand nehmen. Da taten sie, was
+ich wollte. Auf die vorige Art hingegen verscheucht' ich sie so, daß
+ich oft nicht mehr wußte, was anfangen, wenn sie alle ins Holz und
+Gesträuch liefen, und ich meist rundum keine einzige mehr erblicken
+konnte, halbe Tage herumlaufen, pfeifen und johlen, sie an den Galgen
+verwünschen, brüllen und lamentieren mußte, bis ich sie wieder
+beieinander hatte.</p>
+
+<div class="sidenote">Hirtenstand</div>
+
+<p>Drei Jahre hatte ich so meine Herde gehütet; sie ward immer größer,
+zuletzt über hundert Köpf; mir immer lieber, und ich ihnen. Im Herbst
+und Frühling fuhren wir auf die benachbarten Berge, oft bis zwei
+Stunden weit. Im Sommer hingegen durft' ich nirgends hüten als im
+Kohlwald, eine mehr als Stund<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> weite Wüstenei, wo kein recht Stück Vieh
+weiden kann. Dann ging's zur Aueralp, zum Kloster St. Maria gehörig,
+lauter Wald, oder Kohlplätz und Gesträuch, manches dunkle Tobel und
+steile Felswand, an denen noch die beste Geißweid zu finden war. Von
+unserm Dreyschlatt weg hatt' ich alle Morgen eine Stunde Wegs zu
+fahren, eh' ich nur ein Tier durfte anbeißen lassen; erst durch unsre
+Viehweid, dann durch einen großen Wald, in die Kreuz und Quer, bald
+durch diese, bald durch jene Abteilung der Gegend, deren ich jede
+mit einem eigenen Namen taufte. Da hieß es im vordern Boden; dort,
+zwischen den Felsen; hier, in der Weißlauwe; dort im Köllermelch, auf
+der Platten, im Kessel. Alle Tag hütete ich an einem andern Ort, bald
+sonnen-, bald schattenhalb.<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a> Zu Mittag aß ich mein Brötlein, und
+was mir sonst die Mutter verstohlen mitgab. Auch hatt' ich meine eigne
+Geiß, an der ich sog. Die Geißaugen waren meine Uhr. Gegen Abend fuhr
+ich immer wieder den nämlichen Weg nach Haus, auf dem ich gekommen war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p>
+
+<p>Welche Lust, bei angenehmen Sommertagen über die Hügel fahren, durch
+Schattenwälder streichen, durchs Gebüsch Eichhörnchen jagen und
+Vogelnester ausnehmen! Alle Mittag lagerten wir uns am Bach; da ruhten
+meine Geißen zwei bis drei Stunden aus, wann es heiß war noch mehr. Ich
+aß mein Mittagsbrot, sog mein Geißchen, badete im spiegelhellen Wasser
+und spielte mit den jungen Gitzen. Immer hatt' ich einen Gertel<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>
+oder eine kleine Axt bei mir und fällte junge Tännchen, Weiden oder
+Ilmen. Dann kamen meine Geißen haufenweis und kafelten<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a> das Laub
+ab. Wenn ich ihnen Leck, Leck rufte, ging's gar im Galopp, und wurd'
+ich von ihnen wie eingemauert. Alles Laub und Kräuter, die sie fraßen,
+kostete auch ich; und einige schmeckten mir sehr gut. Solang der Sommer
+währte, florierten die Erd-, Im-, Heidel- und Brombeeren; deren hatt'
+ich immer vollauf, und konnte noch der Mutter am Abend mehr als genug
+nach Haus bringen. Das war ein herrliches Labsal, bis ich mich einst
+daran zum Ekel überfraß. Und welch' Vergnügen machte mir jeder Tag,
+jeder neue Morgen! wenn jetzt die Sonne die Hügel vergoldete, denen ich
+mit meiner Herde entgegenstieg, dann jenen haldigen Buchenwald, und
+endlich die Wiesen und Weidplätze beschien. Tausendmal denk' ich dran,
+und oft dünkt's mich, die Sonne scheine jetzt nicht mehr so schön. Wenn
+dann alle anliegenden Gebüsche von jubilierenden Vögeln ertönten, und
+dieselben um mich her hüpften, oh! was fühlt' ich da! Ha, ich weiß es
+nicht! Halt süße, süße Lust! Da sang' und trillerte ich mit, bis ich
+heiser ward. Ein andermal spürte ich den muntern Waldbürgern durch alle
+Stauden nach, ergötzte mich an ihrem hübschen Gefieder, und wünschte,
+daß sie nur halb so zahm wären wie meine Geißen, beguckte ihre Jungen
+und ihre Eier, und erstaunte über den wundervollen Bau ihrer Nester.
+Oft fand ich deren in der Erde, im Moos, im Farrn, unter alten Stöcken,
+in den dicksten Dörnern, in Felsritzen, in hohlen Tannen oder Buchen;
+oft hoch im Gipfel, in der Mitte, zu äußerst auf einem Ast. Meist wußt'
+ich ihrer etliche. Das war mir eine Wonne, und fast mein einziges
+Sinnen und Denken, alle Tag gewiß einmal nach allen zu sehn, wie die
+Jungen wuchsen, wie das Gefieder zunahm, wie die Alten sie fütterten.
+Anfangs trug ich einige mit mir nach Haus, oder brachte sie sonst
+an einen bequemeren Ort. Aber dann waren sie dahin. Nun ließ ich's
+bleiben und sie lieber groß werden. Da flogen sie mir aus. Ebensoviel
+Freuden brachten mir meist meine Geißen. Ich hatte von allen Farben,
+große und kleine, kurz- und langhaarige, bös- und gutgeartete. Alle
+Tage ruft' ich sie zwei- bis dreimal zusammen und überzählte sie, ob
+ich's voll habe? Ich hatte sie gewöhnt, daß sie auf mein Zub, Zub!
+Leck, Leck! aus allen Büschen hergesprungen kamen. Einige liebten mich
+sonderbar, und gingen den ganzen Tag nie einen Büchsenschuß weit von
+mir; wenn ich mich verbarg, fingen sie alle ein Zetergeschrei an. Von
+meinem Duglöörle, so hieß ich meine Mittagsgeiß, konnt' ich mich nur
+mit List entfernen. Das war ganz mein eigen. Wo ich mich setzte oder
+legte, stellte es sich über mich hin, und war gleich<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> parat zum Saugen
+oder Melken; und doch mußt' ich's in der besten Sommerszeit oft noch
+ganz voll heimführen. Andremal melkt' ich es einem Köhler, bei dem ich
+manche liebe Stund zubrachte, wenn er Holz schrotete oder Kohlhaufen
+brannte.</p>
+
+<p>Welch' Vergnügen dann am Abend, meiner Herde auf meinem Horn zur
+Heimreise zu blasen! Zuzuschauen, wie sie alle mit runden Bäuchen und
+vollen Eutern dastunden, und zu hören, wie munter sie sich heimblökten.
+Wie stolz war ich, wann mich der Vater lobte, daß ich gut gehütet habe!
+Run ging's an ein Melken, bei gutem Wetter unter freiem Himmel. Da
+wollte jede zuerst über dem Eimer von der drückenden Last ihrer Milch
+los sein und beleckte dankbar ihren Befreier.</p>
+
+<p>Nicht daß lauter Lust beim Hirtenleben wäre! Potz Tausend, nein! Da
+gibt's Beschwerden genug. Für mich war's lang die empfindlichste, des
+Morgens so früh mein warmes Bettlin zu verlassen, und bloß und barfuß
+ins kalte Feld zu marschieren, wenn's zumal einen baumstarken Reif
+hatte, oder ein dicker Nebel über die Berge herabging. Wenn dann dieser
+gar so hoch ging, daß ich ihm mit meiner bergansteigenden Herde das
+Feld nicht abgewinnen und keine Sonn' erreichen konnte, verwünscht'
+ich ihn in Ägypten hinein, und eilte, was ich eilen konnte, aus der
+Finsternis wieder in ein Tälchen hinab. Erhielt ich hingegen den Sieg,
+und gewann die Sonne und den hellen Himmel über mir, das große Weltmeer
+von Nebeln, und hie<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> und da einen hervorragenden Berg, wie eine Insel
+unter meine Füße, was das dann für ein Stolz und eine Lust war! Da
+verließ ich den ganzen Tag die Berge nicht, und mein Aug' konnt' sich
+nie satt schauen, wie die Sonnenstrahlen auf diesem Ozean spielten, und
+Wogen von Dünsten in den seltsamsten Figuren sich drauf herumtaumelten,
+bis sie gegen Abend mich wieder zu übersteigen drohten. Dann wünscht'
+ich mir Jakobs Leiter; aber umsonst, ich mußte fort. Ich ward traurig,
+und alles stimmte in meine Trauer ein. Einsame Vögel flatterten matt
+und mißmütig über mir her, und die großen Herbstfliegen summsten mir so
+melancholisch um die Ohren, daß ich weinen mußte. Dann fror ich fast
+noch mehr als am frühen Morgen, und empfand Schmerzen an den Füßen,
+obgleich diese so hart als Sohlleder waren. Auch hatt' ich die meiste
+Zeit Wunden oder Beulen an ein paar Gliedern, und wenn eine Blessur
+heil war, macht' ich mir richtig wieder eine andre, sprang entweder
+auf einen spitzen Stein auf, verlor einen Nagel oder ein Stück Haut
+an einem Zehen, oder hieb mir mit meinen Instrumenten eins in die
+Finger. Ans Verbinden war selten zu gedenken; und doch ging's meist
+bald vorüber. Die Geißen hiernächst machten mir, wie schon gesagt,
+anfangs großen Verdruß, wenn sie mir nicht gehorchen wollten, weil
+ich ihnen nicht recht zu befehlen verstund. Ferner prügelte mich der
+Vater nicht selten, wenn ich nicht hütete, wo er mir befohlen hatte,
+und nur hinfuhr, wo ich gerne<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> sein mochte, und die Geißen nicht das
+rechte Bauchmaß heimbrachten, oder er sonst ein loses Stücklein von
+mir erfuhr. Dann hat ein Geißbub überhaupt viel von andern Leuten zu
+leiden. Wer will einen Fasel Geißen immer so in Schranken halten,
+daß sie nicht einem Nachbar in die Wiesen oder Weid gucken? Wer mit
+soviel lüsternen Tieren zwischen Korn- und Haberbrachen, Räb- und
+Kabisäckern<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> durchfahren, daß keins ein Maul voll versuchte? Da
+ging's an ein Fluchen und Lamentieren: Bärenhäuter! Galgenvogel! waren
+meine gewöhnlichen Ehrentitel. Man sprang mir mit Äxten, Prügeln und
+Hagstecken, einst gar einer mit einer Sense nach, der schwur, mir ein
+Bein vom Leibe wegzuhauen. Aber ich war leicht genug auf den Füßen,
+und nie hat mich einer erwischen mögen. Die schuldigen Geißen wohl
+haben sie mir oft ertappt und mit Arrest belegt; dann mußte mein Vater
+hin und sie lösen. Fand er mich schuldig, so gab's Schläge. Etliche
+unsrer Nachbarn waren mir ganz besonders widerwärtig und richteten
+mir manchen Streich auf den Rücken. Dann dacht' ich freilich: Wartet
+nur, ihr Kerls, bis mir eure Schuh' recht sind, so will ich euch
+auch die Buckel salben. Aber man vergißt's, und das ist gut. Und
+dann hat das Sprichwort doch auch seinen wahren Sinn: »Wer will ein
+Biedermann sein und heißen, der hüt' sich vor Tauben und Geißen.« —
+So gibt es freilich dieser und<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> anderer Widerwärtigkeiten genug in
+dem Hirtenstand. Aber die bösen Tage werden reichlich von den guten
+ersetzt, wo es gewiß keinem König so wohl ist.</p>
+
+<div class="sidenote">Neue Lebensgefahren</div>
+
+<p>Im Kohlwald war eine Buche gerad über einem mehr als turmhohen Fels
+herausgewachsen, so daß ich über ihren Stamm wie über einen Steg
+spazieren und in eine gräßlich finstre Tiefe hinabgucken konnte; wo
+die Äste angingen, stund sie wieder geradeauf. In dieses seltsame Nest
+bin ich oft gestiegen und hatte meine größte Lust daran, so in den
+fürchterlichen Abgrund zu schauen, um zu sehen, wie ein Bächlein neben
+mir herunterstürzte und sich in Staub zermalmte. Einst schwebte mir
+diese Gegend im Traume so schauderhaft vor, daß ich von da an nicht
+mehr hinging. Ein andermal befand ich mich mit meinen Geißen jenseits
+der Aueralp, auf der Dürrwälder Seite gegen den Rotenstein. Ein Junges
+hatte sich zwischen zween Felsen verstiegen und ließ eine jämmerliche
+Melodie von sich hören. Ich kletterte nach, um ihm zu helfen. Es
+ging so eng und gäh, und zickzack zwischen Klippen durch, daß ich
+weder obsich noch niedsich<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a> sehen konnte und oft auf allen Vieren
+kriechen mußte. Endlich verstieg ich mich gänzlich. Über mir stund ein
+unerklimmbarer Fels; unter mir schien's fast senkrecht, ich weiß selbst
+nicht wie weit hinab. Ich fing an zu rufen und zu beten, so laut ich
+konnte. In einer kleinen Entfernung sah ich zwei<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Menschen durch eine
+Wiese marschieren. Ich gewahrt' es gar wohl, sie hörten mich; aber sie
+spotteten meiner und gingen ihre Straße. Endlich entschloß ich mich,
+das Äußerste zu wagen und lieber mit eins des Todes zu sein, als noch
+weiter in dieser peinlichen Lage zu verharren, und doch nicht lange
+mehr ausharren zu können. Ich schrie zu Gott in Angst und Not, ließ
+mich auf den Bauch nieder, meine Händ' obsich verspreitet, daß ich mich
+an den kahlen Fels so gut als möglich anklammern könne. Aber ich war
+todmüd, fuhr wie ein Pfeil hinunter, zum Glück war's nicht so hoch, als
+ich im Schrecken geglaubt hatte, und blieb ebenrecht in einem Schlund
+stecken, wo ich mich wieder halten konnte. Freilich hatt' ich Haut und
+Kleider zerrissen und blutete an Händen und Füßen. Aber wie glücklich
+schätzt' ich mich nicht, daß ich nur mit dem Leben und unzerbrochnen
+Gliedern davonkam! Mein Geißchen mag sich auch durch einen Sprung
+gerettet haben; einmal, ich fand's schon wieder bei den übrigen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p>
+
+<p>Ein andermal, da ich an einem schönen Sommertag mit meiner Herde
+herumgetrillert, überzog sich der Himmel gegen Abend mit schwarzen
+Wolken; es fing gewaltig an zu blitzen und zu donnern. Ich eilte nach
+einer Felshöhle, diese oder eine große Wettertann waren in solchen
+Fällen immer mein Zufluchtsort, und rief meine Geißen zusammen. Die,
+weil's sonst bald Zeit war, meinten, es gelte zur Heimfahrt und
+sprangen über Kopf und Hals mir vor, daß ich bald keinen Schwanz mehr
+sah. Ich eilte ihnen nach. Es fing entsetzlich an zu hageln, daß mir
+Kopf und Rücken von den Püffen sausten. Der Boden war dicht mit Steinen
+bedeckt; ich rannte in vollem Galopp drüber fort, fiel aber oft auf den
+Hintern und fuhr große Stück weit wie auf einem Schlitten. Endlich, in
+einem Wald, wo's gäh zwischen Felsen hinunterging, konnt' ich vollends
+nicht anhalten und glitschte bis zu äußerst auf einen Rand, von dem
+ich, wenn mich nicht Gott und seine guten Engel behütet hätten, viele
+Klafter tief herabgestürzt und zermürst worden wäre. Jetzt ließ das
+Wetter allmählig nach, und als ich nach Haus kam, waren meine Geißen
+schon eine halbe Stunde daheim. Etliche Tage lang fühlt' ich von dieser
+Partie keinerlei Ungemach; aber mit eins fingen meine Füß zu sieden
+an, als wenn man sie in einem Kessel kochte. Dann kamen die Schmerzen.
+Mein Vater sah nach und fand mitten in der einen Fußsohle ein groß
+Loch, und Moos und Gras darin. Nun erinnert' ich mich erst, daß ich
+an einem spitzen Weißtannast aufgesprungen war: Moos und Gras war
+mit hineingegangen. Der Ätti grub mir's mit einem Messer heraus und
+verband mir den Fuß. Nun mußt' ich freilich ein paar Tage meinen Geißen
+langsam nachhinken, dann verlor ich die Binde, Kot und Dreck füllten
+das Loch, und es war bald wieder besser. Viel andre Mal, wenn's durch
+die Felsen ging, liefen die Tiere ob mir weg und rollten große Steine
+herab, die mir hart an den Ohren vorbeipfiffen. Oft stieg ich einem
+Wälschtraubenknöpfli, Frauenschühlin oder andern Blümchen über Klippen
+nach, daß es eine halsbrechende Arbeit war. Wieder zündete ich große,
+halbverdorrte Tannen von unten an, die bisweilen acht bis zehn Tage
+aneinander fortbrannten, bis sie fielen. Alle Morgen und Abend sah ich
+nach, wie's mit ihnen stund. Einst hätte mich eine maustot schlagen
+können: denn indem ich meine Geißen forttrieb, daß sie nicht getroffen
+würden, krachte sie hart an mir in Stücken zusammen. So viele Gefahren
+drohten mir während meinem Hirtenstand mehrmal, Leibs und Lebens
+verlustig zu werden, ohne daß ich's viel achtete, oder doch alles bald
+wieder vergaß, und leider damals nie daran dachte, daß du allein es
+warst, mein himmlischer Vater und Erhalter! der in den Winkeln einöder
+Wüste die Raben nährt, und auch Sorge für mein junges Leben trug.</p>
+
+<div class="sidenote">Kameradschaft</div>
+
+<p>Mein Vater hatte bisweilen aus der Geißmilch Käse gemacht, bisweilen
+Kälber gesäugt und seine Wiesen mit dem Mist geäufnet.<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> Dies reizte
+unsere Nachbarn, daß ihrer vier auch Geißen anschafften und beim
+Kloster um Erlaubnis baten, ebenfalls im Kohlwald hüten zu dürfen. Da
+gab's nun Kameradschaft. Unser drei oder vier Geißbuben kamen alle
+Tag zusammen. Ich will nicht sagen, ob ich der beste oder schlimmste
+unter ihnen gewesen, aber gewiß ein purer Narr gegen<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> die andern, bis
+auf einen, der ein gutes Bürschchen war. Einmal, die übrigen alle
+gaben uns leider kein gutes Exempel. Ich wurde ein Bißlein witziger,
+aber desto schlimmer. Auch sah's mein Vater gar nicht gern, daß ich
+mit ihnen laichte,<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a> und sagte mir, ich sollte lieber allein hüten
+und alle Tage auf eine andere Gegend treiben. Aber Gesellschaft war
+mir zu neu und zu angenehm; und wenn ich auch etwa einen Tag den Rat
+befolgte und hörte die andern hüpfen und johlen, so war's, als wenn
+mich ein paar beim Rock zerrten, bis ich sie erreicht hatte. Bisweilen
+gab's Zänkereien, dann fuhr ich wieder einen Morgen allein oder mit
+dem guten Jacobli, von dem hab' ich selten ein unnützes Wort gehört,
+aber die andern waren mir kurzweiliger. Ich hätte noch viele Jahre
+für mich können Geißen hüten, eh' ich den Zehnteil von dem allem inne
+worden wäre, was ich da in kurzem vernahm. Sie waren alle größer und
+älter als ich, fast aufgeschossene Bengel, bei denen schon alle argen
+Leidenschaften aufgewacht. Schmutzige Zoten waren alle ihre Reden
+und unzüchtig alle ihre Lieder, bei deren Anhören ich oft Maul und
+Augen auftat, oft aber auch aus Schamröte niederschlug. Über meinen
+bisherigen Zeitvertreib lachten sie sich die Haut voll. Späne und
+junge Vögel galten ihnen gleich viel, außer wenn sie glaubten, Geld
+aus einem zu lösen, sonst schmissen sie dieselben samt den<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Nestern
+fort. Das tat mir anfangs weh; doch macht' ich's bald mit. So geschwind
+konnten sie mich hingegen nicht überreden, schamlos zu baden wie sie.
+Einer besonders war ein rechter Unflat, aber sonst weder streit- noch
+zanksüchtig, und darum nur desto verführerischer. Ein anderer war auf
+alles verpicht, womit er einen Batzen verdienen konnte, der liebte
+darum die Vögel mehr als die andern, die nämlich, welche man ißt;
+suchte allerlei Waldkräuter, Harz, Zunderschwamm und dergleichen. Von
+dem lernt' ich manche Pflanze kennen, aber auch, was der Geiz ist.
+Noch einer war etwas besser als die schlimmern; er machte mit, aber
+furchtsam. Jedem ging sein Hang sein Leben lang nach. Jacobli ist noch
+ein guter Mann, der andre blieb immer ein geiler Schwätzer und ward
+zuletzt ein miserabler hinkender Tropf; der dritte hatte mit List und
+Ränken etwas erworben, aber nie Glück dabei. Vom vierten weiß ich
+nicht, wo er hingekommen ist.</p>
+
+<div class="sidenote">Sonderbare Gemütsstimmung</div>
+
+<div class="sidenote">Ende des Hirtenstandes</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p>
+
+<p>Daheim durft' ich mir von dem, was ich bei diesen Kameraden sah und
+hörte, nichts merken lassen. Ich genoß aber nicht mehr meine vorige
+Fröhlichkeit und Gemütsruhe. Die Kerls hatten Leidenschaften in mir
+rege gemacht, die ich noch selbst nicht kannte, doch merkte ich, daß es
+nicht richtig stund. Im Herbst, wo die Fahrt frei war, hütete ich meist
+allein. Ein Büchlein, das mir bloß darum jetzt noch lieb ist, trug
+ich bei mir und las oft darin. Noch weiß ich verschiedene sonderbare
+Stellen auswendig, die mich damals bis zu Tränen rührten. Jetzt kamen
+mir die bösen Neigungen in meinem Busen abscheulich vor, und sie
+machten mir angst und bang. Ich betete, rang die Hände, sah zum Himmel,
+bis mir die hellen Tränen über die Backen rollten, faßte einen Vorsatz
+über den andern und machte mir so strenge Pläne für ein künftiges
+frommes Leben, daß ich darüber allen Frohmut verlor. Ich versagte mir
+alle Arten von Freude, und hatte zum Beispiel lang einen ernstlichen
+Kampf mit mir selber wegen eines Distelfinken, der mir sehr lieb war,
+ob ich ihn weggeben oder behalten sollte? Über diesen einzigen Vogel
+dacht' ich oft weit und breit herum. Bald kam mir die Frommkeit, wie
+ich mir solche damals vorstellte, als ein unersteiglicher Berg, bald
+wieder federleicht vor. Meine Geschwister mocht' ich herzlich lieben,
+aber je mehr ich's wollte, je mehr sah ich Widriges an ihnen. In kurzem
+wußt' ich weder Anfang noch End, und es war niemand mehr, der mir
+heraushelfen konnte, da ich meine Lage keiner Menschenseele entdeckte.
+Ich machte mir alles zur Sünde: Lachen, Jauchzen und Pfeifen. Meine
+Geißen sollten mich nicht mehr erzürnen dürfen, und ich ward eher böser
+auf sie. Eines Tags bracht' ich einen toten Vogel nach Haus, den ein
+Mann geschossen und auf einem Stecken in die Wiese aufgesteckt hatte.
+Ich nahm ihn, wie ich in dem Augenblick wähnte, mit gutem Gewissen weg,
+ohne Zweifel, weil mir seine zierlichen Federn vorzüglich gefielen.
+Aber sobald mir der Vater sagte, das heiße auch gestohlen, weint' ich
+bitterlich — ich hatte diesmal recht — und trug das Äschen morgens
+darauf in aller Frühe wieder an seinen Ort. Doch behielt ich etliche
+von den schönsten Federn; aber auch dies kostete mich ziemliche
+Überwindung. Doch dacht' ich: Die Federn sind nun ausgerupft, wenn du
+sie schon auch hinträgst, verblast sie der Wind, und dem Mann nützen
+sie so nichts. Bisweilen fing ich wieder an zu jauchzen und zu johlen
+und trollte aufs neue sorglos über alle Berge. Dann dacht' ich: So
+alles, alles verleugnen, bis auf meine selbstgeschnitzelten hölzernen
+Kühe — wie ich mir damals den rechten Christensinn buchstäblich
+vorstellte — sei doch ein traurig elendes Ding. Indessen wurde der
+Kohlwald von den immer zunehmenden Geißen übertrieben; die Rosse,
+die man auf den fettern Grasplätzen weiden ließ, bisweilen von den
+Geißbuben verfolgt oder gesprengt. Einmal legten die Bursche ihnen
+Nesseln unter die Schwänze; ein paar stürzten sich im Lauf über einen
+Felsen zu Tode. Es gab schwere Händel, und das Hüten im Kohlwald wurde
+gänzlich verboten. Ich hütete darauf noch eine Weile auf unserm eignen
+Gut. Dann löste mich mein Bruder a. Und so nahm mein Hirtenstand ein
+Ende.</p>
+
+<div class="sidenote">Neue Geschäfte</div>
+
+<div class="sidenote">Neue Sorgen</div>
+
+<p>Nun hieß es: Eingespannt in den Karrn mit dem Buben, ins Joch! Er ist
+groß genug! Wirklich tummelte mich mein Vater meisterlich herum; in
+Holz und Feld sollt' ich ihm statt eines vollkommenen<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Knechtes dienen.
+Die mehrern Mal überlud er mich, ich hatte die Kräfte noch nicht, die
+er mir nach meiner Größe zutraute, und doch wollt' ich stark sein
+und keine schwere Bürde liegen lassen. In Gesellschaft von ihm oder
+mit den Taglöhnern arbeitete ich gern; aber sobald er mich allein an
+ein Geschäft schickte, war ich faul und lässig, staunte Himmel und
+Erde an und hing, ich weiß selbst nicht was für Gedanken und Grillen
+nach; das freie Geißbubenleben hatte mich halt verwöhnt. Das zog mir
+Scheltwort oder gar Streiche zu, und diese Strenge war nötig, obschon
+ich's damals nicht fassen konnte. Im Heuet besonders gab's bisweilen
+fast unerträgliche Bürden. Oft streckt' ich mich vor Mattigkeit und
+fast zerschmolzen von Schweiß, der Länge nach auf den Boden und
+dachte: Ob's wohl auch in der Welt überall so mühselig zugehe? Ob ich
+mich grad' jetzt aus dem Staub machen sollte? Es werde doch an andern
+Orten auch Brot geben, und nicht gleich Henken gelten. Ich hätte auf
+der Kreutzegg beim Geißhüten mehrere solche Bursche gesehen, denen's
+außer ihrem Vaterland, wie sie mir erzählten, recht wohl gegangen, und
+was des Zeugs mehr war. Dann aber fand ich: Nein! es wäre doch Sünd',
+von Vater und Mutter wegzulaufen; wie? wenn ich ihnen ein Stück Boden
+abhandeln, es bauen, brav Geld daraus ziehen, dann aus der Losung ein
+Häuschen drauf stellen und so für mich leben würde? Husch! sagt' ich
+eines Tags, das muß jetzt sein! Aber, wenn mir's der<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Ätti abschlägt?
+Ei! frisch gewagt, ist halb gewonnen. Ich nahm also das Herz in beide
+Händ', und bat den Vater noch desselben Abends, daß er mir ein gewisses
+Stücklein Lands abtrete. Nun sah er freilich meine Narrheit ein, aber
+er ließ mich's nicht merken und fragte nur, was ich damit anfangen
+wolle? »Ha! sagt' ich, es in Ehren legen, Mattland daraus machen und
+den Gewinn beiseite tun.« Ohne ein mehreres Wort zu verlieren, sprach
+er: »So nimm eben die Zipfelweid, ich gebe sie dir um fünf Gulden.«
+Das war nun spottwohlfeil; hier zu Wattwil wär' so ein Grundstück mehr
+als hundert Gulden wert. Ich sprang darum vor Freuden hoch auf und
+fing sogleich die neue Wirtschaft an. Den Tag über arbeitete ich für
+den Vater; sobald der Feierabend kam, für mich, sogar bei Mondschein.
+Da macht' ich aus dem noch vor Nacht gehauenen Holz und Stauden kleine
+Bürden von Brennholz zum Verkaufen. Eines Abends dacht' ich so meiner
+jetzigen Lage nach; mir fiel ein: Deine Zipfelweid ist gar wohlfeil! Es
+könnte den Vater reuen und er's wieder an sich ziehen, wenn ich ihm den
+Kaufschilling nicht bar erlege. Ich muß um Geld schauen, so kann er mir
+nicht mehr ab der Hand gehn. Ich ging also zum Nachbar Görg, erzählt'
+ihm den ganzen Handel und bat ihn, mir die fünf Gulden zu leihen, ich
+woll' ihm bis auf Wiederbezahlung mein Land zum Pfand einsetzen. Er gab
+mir's ohne Bedenken. Ganz entzückt lief ich damit zum Vater und wollt'
+ihn ausbezahlen. Potz hundert!<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> wie der mich abschnauzte: »Wo hast du
+das Geld her?« Es fehlte wenig, so hätt' es noch Ohrfeigen obendrein
+gesetzt. Im ersten Augenblick begriff ich nicht, was ihn so entsetzlich
+bös mache. Aber erklärte mir's bald, da er fortfuhr: »Du Bärenhäuter!
+Mir mein Gut zu verpfänden!« riß mir die fünf Gulden aus der Hand,
+rannte im Augenblick zu Görg und gab sie ihm wieder, mit Bedeuten, daß
+er, so lieb ihm Gott sei! dem Buben kein Geld mehr leihe, er woll'
+ihm schon geben, was er brauchte. So war meine Freude kurz. Der Ätti,
+nachdem er bald wieder besänftigt war, mocht' mir lang sagen, ich
+brauch' ihm das Ding gar nicht zu zahlen, ich könn' ihm ja ein billiges
+Zinslein geben, der Schlempen Weid werde die Sach nicht ausmachen, ich
+soll damit schalten und walten wie mit meinem Eigentum. Ich konnt'
+es ihm nicht glauben, denn er lachte dabei immer hinten im Maul. Das
+war mir verdächtig. Aber er hatte guten Grund dafür. Endlich fing ich
+einfältiger Tölpel an, mich wieder zu beruhigen und machte aufs neue
+die Rechnung hinterm Wirt, was ich aus dem Bletz<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[244]</a> mit der Zeit für
+Nutzen ziehen wollte; als eines Tags mir die Kühe in mein Äckerlein
+brachen, den jungen Samen abfraßen, auch mein Holz eben keine Käufer
+fand und mir fast alles liegen blieb. Solche gehäufte Unglücksstreiche
+nahmen mir mit eins den Mut, ich überließ den ganzen Plunder<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> wieder
+dem Vater und bekam von ihm zur Entschädigung ein flanellenes
+Brusttuch.</p>
+
+<div class="sidenote">Wißbegierde</div>
+
+<p>Ich bin in meinen Kinderjahren nur wenige Wochen in die Schule
+gegangen; bei Haus hingegen mangelte es mir gar nicht an Lust, mich in
+mancherlei unterweisen zu lassen. Das Auswendiglernen gab mir wenig
+Müh, besonders übt' ich mich fleißig in der Bibel, konnte viele darin
+enthaltene Geschichten aus dem Stegreif erzählen und gab überhaupt
+auf alles Achtung, was mein Wissen vermehren konnte. Mein Vater las
+auch gern etwas Historisches oder Mystisches. Gerad um diese Zeit ging
+ein Buch aus, der flüchtige Pater genannt. Er und unser Nachbar Hans
+vertrieben sich manche liebe Stunde damit und glaubten an den darin
+prophezeiten Fall des Antichrists und die dem End der Welt vorgehenden
+nahen Strafgerichte, wie ans Evangelium. Auch ich las viel darin,
+predigte etlichen unsrer Nachbarn mit ängstlich andächtiger Miene,
+die Hand vor die Stirn gestemmt, halbe Abende aus dem Pater vor und
+gab ihnen alles für bare Münz aus; dies nach meiner eignen völligsten
+Überzeugung. Mir stieg kein Gedanke auf, daß ein Mensch ein Buch
+schreiben könnte, worin nicht alles nur lautere Wahrheit wäre; und
+da mein Vater und der Hans nicht daran zweifelten, schien mir alles
+vollends Ja und Amen zu sein. Aber das brachte mich eben auf allerlei
+jammerhafte Vorstellungen. Ich wollte mich gern auf den bevorstehenden
+jüngsten Tag recht zubereiten; allein da fand ich entsetzliche
+Schwierigkeiten,<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> nicht so fast in einem bösen Tun und Lassen, als in
+meinem oft argen Sinn und Denken. Dann wollt' ich mir wieder alles
+aus dem Kopf schlagen, aber vergebens. Wenn ich zumal bisweilen in
+der Offenbarung Johannis oder im Propheten Daniel las, schien mir
+alles, was der Pater schrieb, vollends gewiß und unfehlbar. Und was
+das schlimmste war, so verlor ich ob dieser Überzeugung alle Freud'
+und Mut. Wenn ich im Gegenteil den Ätti und den Nachbar fast noch
+fröhlicher sah als zuvor, machte mich solches gar konfus, und kann ich
+mir's noch jetzt nicht erklären, wie das zuging. So viel weiß ich wohl,
+sie steckten damals beide in schweren Schulden und hofften vielleicht
+durch das Ende der Welt davon befreit zu werden: wenigstens hört' ich
+sie oft vom Neufunden Land, Carolina, Pensylvani und Virgini sprechen,
+ein andermal überhaupt von einer Flucht, vom Auszug aus Babel, von
+den Reisekosten und dergleichen. Da spitz' ich die Ohren wie ein Has.
+Einmal, erinnr' ich mich, fiel mir wirklich ein gedrucktes Blatt in die
+Hände, das einer von ihnen auf dem Tisch liegen gelassen und welches
+Nachrichten von jenen Gegenden enthielt. Das las ich wohl hundertmal;
+mein Herz hüpfte mir im Leib bei dem Gedanken an dies herrliche Kanaan,
+wie ich mir's vorstellte. Ach! wenn wir nur alle schon da wären, dacht'
+ich. Aber die guten Männer, denk' ich, wußten ebensowenig als ich Steg
+und Weg und wahrscheinlich noch minder, wo das Geld herzunehmen. Also
+blieb das<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> schöne Abenteuer stecken und entschlief nach und nach von
+selbst. Indessen las ich immer fleißig in der Bibel, doch noch mehr
+in meinem Pater und andern Büchern, unter anderen in dem sogenannten
+Pantli Karrer, und in dem weltlichen Liederbuch, dessen Titel mir
+entfallen ist. Sonst vergaß ich, was ich gelesen, nicht so bald. Allein
+mein unruhiges Wesen nahm dabei sichtbarlich zu, so sehr ich mich auf
+mancherlei Weise zu zerstreuen suchte; und, was das Schlimmste war,
+hatt' ich das Herz nie, dem Pfarrer oder auch nur dem Vater hievon das
+Mindeste zu offenbaren.</p>
+
+<div class="sidenote">Geistliche Unterweisung</div>
+
+<p>Indessen wundert' es mich doch bisweilen, wie mein Vater und der
+Pfarrer von diesem und jenem Spruch in der Bibel, von diesem und jenem
+Büchlin denke. Letzterer kam oft zu uns, selbst zur Winterszeit, wenn
+er schier im Schnee stecken blieb. Da war ich sehr aufmerksam auf alle
+Diskurse und merkte bald, daß sie meist bei weitem nicht einerlei
+Meinung waren. Anfangs kam's mir unbegreiflich vor, wie der Ätti so
+frech sein und dem Pfarrer widersprechen dürfe. Dann dacht' ich auf
+der andern Seite: Aber mein Vater und der flüchtige Pater zusammen
+sind doch auch keine Narren und schöpfen ihre Gründe wie jener aus
+der gleichen Bibel. Das ging in meinem Sinn so hin und her, bis ich's
+etwa wieder vergaß und andern Fantaseyen nachhing. Inzwischen kam
+ich im Jahre 1752 zu diesem Pfarrer Heinrich Näf von Zürich in die
+Unterweisung zum heiligen Abendmahl. Er unterrichtete mich sehr<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span>
+gründlich und war mir in der Seele lieb. Oft erzählt' ich meinem Vater
+ganze Stunden lang, was er mit mir geredet hatte und meinte, er sollte
+davon so gerührt werden wie ich. Bisweilen tat er mir zu Gefallen
+dergleichen; aber ich merkte wohl, daß es ihm nicht recht zu Herzen
+ging. Doch sah ich auch, daß er überhaupt Wohlgefallen an meinen
+Empfindungen und an meiner Aufmerksamkeit hatte. Nachwärts ward dieser
+Heinrich Näf Pfarrer gen Humbrechtikon am Zürichsee; und seither,
+glaub' ich, kam er noch näher an die Stadt. Noch auf den heutigen Tag
+ist meine Liebe zu ihm nicht erloschen. Viel hundertmal denk' ich
+mit gerührter Seele an des redlichen Manns Treu und Eifer, an den
+liebevollen Unterricht, welchen ich von seinen holdseligen Lippen sog,
+und den mein damals gewiß für das Gute weiches und empfängliches Herz
+begierig aufnahm. Oh, der redlichen Vorsätze und heiligen Entschlüsse,
+die ich so oft in diesen unvergeßlichen Stunden faßte! Wo seid ihr
+geblieben? Welchen Weg seid ihr gegangen? Ach! wie oft seid ihr von
+mir zurückgerufen und leider wieder verabschiedet worden! O Gott! Wie
+freudig ging ich stets aus dem Pfarrhause heim, nahm gleich das Buch
+wieder zur Hand und erfrischte damit das Angedenken an die empfangenen
+heilsamen Lehren. Aber dann war bald alles wieder verflogen. Selbst
+in späteren Tagen, in Augenblicken, wo Lockungen von allen Seiten mir
+die süßesten Mienen machten und mich bereden wollten, Schwarz sei,
+wo nicht Weiß, doch Grau, stiegen mir<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> meines ehemaligen Seelsorgers
+treugemeinte Warnungen noch oft zu Sinn und halfen mir in manchem
+Scharmützel mit meinen Leidenschaften den Sieg erringen. Was ich mir
+aber noch zu dieser Stunde nicht vergeben kann, ist mein damaliges
+öfteres Heucheln, und daß ich, selbst wenn ich mir keines eigentlichen
+Bösen bewußt war, immer besser scheinen wollte, als ich zu sein mich
+fühlte. Endlich — ich weiß nicht, war vielleicht auch das ein Tuck
+des armen Herzens? — sang ich, und zwar, wenn ich ganz allein bei
+der Arbeit war, wirklich mit größerer Lust etliche geistliche Lieder,
+die ich von meiner Mutter gelernt, als meine weltlichen Quodlibet und
+wünschte nur freilich allemal, daß mich mein Vater auch hören möchte,
+wie er mich sonst meist über meinem losen Lirum Larum ertappt hatte.</p>
+
+<div class="sidenote">Neue Kameraden</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<p>Übrigens hatte der Pfarrer in seinem kleinen Krinau neben mir nur
+einen einzigen Buben in der Unterweisung. Dieser hieß H. B., ein
+fuchsroter Erzstockfisch. Wenn ihn der Heer<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a> was fragte, hielt der
+Bursch' immer sein Ohr an mich, daß ich's ihm einblasen sollte. Was
+man ihm hundertmal sagte, vergaß er hundertmal wieder. Am Heiligen
+Abend, da man uns der Gemeind vorstellte, war er vollends verstummt.
+Ich mußte darum fast aneinander antworten, von zwei bis fünf Uhr. Im
+Jahr zuvor ward hingegen ein anderer Knabe, J. W., unterwiesen, ein gar
+geschicktes Bürschlein, der die Bibel und den Catecist<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a> vollkommen
+inne hatte. Mit dem macht' ich um diese Zeit Bekanntschaft. Von
+Angesicht war er häßlich, die Kinderblattern hatten ihn jämmerlich
+zugerichtet, aber sonst ein Kind wie die liebe Stunde. Er hatte einen
+gesprächigen Vater, von dem er viel lernte, der aber daneben nicht der
+beste und besonders als ein Erzlügner berühmt war. Der konnt' euch
+stundenlang die abenteuerlichsten Dinge erzählen, die weder gestoben
+noch geflogen waren; so daß es zum Sprichwort wurde, wenn einer etwas
+Unwahrscheinliches sagt: »Das ist ein W. — Lug!« Wenn er redete,
+rutschte er auf dem Hintern beständig hin und her. Von seinen Fehlern
+hatte sein kleiner Bube keinen geerbt, das Lügen am allerwenigsten.
+Jedermann liebte ihn. Mir war er die Kron in Augen. Wir fingen an,
+über allerlei Sachen Brieflin zu wechseln, gaben einander Rätsel auf
+oder schrieben uns Verse aus der Bibel zu, ohne Spezifikation, wo sie
+stünden; da mußte ein jeder selbst nachschlagen. Oft hielt es schwer
+oder gar unmöglich, in den Psalmen und Propheten zumal, wo die Verslin
+meist erstaunlich kurz, und viele fast gleichlautend sind. Bisweilen
+schrieben wir einander von allen Tieren, welche uns die liebsten seien;
+dann von allerhand Speisen, welche uns die besten dünkten; dann wieder
+von Kleidungsstücken, Zeug und Farben, welche uns die angenehmsten
+wären, und so fort. Da bemühte sich je einer den andern an Anmut zu
+übertreffen. Oft mocht' ich's kaum erwarten, bis wieder so ein Brieflin
+von meinem Freunde kam. Er war mir darin noch viel lieber als in seinem
+persönlichen Umgang. So dauerte es lange, bis einst ein unverschämter
+Nachbar allerlei wüste Sachen über ihn aussprengte. Obschon ich's nicht
+glaubte, verringerte sich doch nun, es ist wunderbar, meine Zuneigung
+zu ihm augenblicklich. Ein paar Jahre nachher, es war vielleicht ein
+Glück für uns beide, fiel er in eine Krankheit und starb. Ein andrer
+unsrer Nachbarn, H., hatte auch Kinder von meinem Alter. Aber mit denen
+konnt' ich nichts; sie waren mir zu witznasig, arge Förschler und
+Frägler. Um diese Zeit gab mir Nachbar Joggli heimlich um drei Kreuzer
+eine Tabakspfeife zu kaufen und lehrte mich schmauchen. Lange mußt'
+ich's im Geheim tun, bis einst ein Zahnweh mir den Vorwand verschaffte,
+es fortan öffentlich zu treiben. Und, oh, der Torheit! darauf bildete
+ich mir nicht wenig ein.</p>
+
+<div class="sidenote">Häusliche Umstände</div>
+
+<div class="sidenote">Der Verkauf</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p>
+
+<p>Unterdessen war unsre Familie bis auf acht Kinder angewachsen. Mein
+Vater stak je länger je tiefer in Schulden, so daß er oft nicht
+wußte, wo aus noch ein. Mir sagte er nichts; aber mit der Mutter
+hielt er oft heimlich Rat. Davon hört' ich eines Tags ein paar Worte
+und merkte nun die Sache halb und halb. Allein es focht mich wenig
+an, ich ging leichtsinnig meinen kindischen Gang und ließ meine
+armen Eltern inzwischen über hundert unausführbaren Projekten sich
+den Kopf zerbrechen. Unter diesen war auch der einer Wanderung ins
+Gelobte Land, zu meinem größten Verdrusse, zu Wasser worden. Endlich
+entschloß sich mein Vater,<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> alle seine Habe seinen Gläubigern auf
+Gnad und Ungnad zu übergeben. Er berief sie eines Tags zusammen,
+entdeckte ihnen mit Wehmut, aber redlich, seine ganze Lage und bat
+sie: In Gottes Namen Haus und Hof, Vieh, Schiff und Geschirr<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a> zu
+ihren Handen zu nehmen und seinetwegen ihn, nebst Weib und Kindern,
+bis aufs Hemd auszuziehen; er wolle ihnen noch dafür danken, wenn sie
+ihn nur einmal der unerträglichen Last entledigten. Die meisten von
+ihnen, und selbst die, welche ihm mit Treiben am unerbittlichsten
+zugesetzt hatten, erstaunten über diesen Vortrag. Sie untersuchten Soll
+und Haben; und das Fazit war, daß sie die Sachen bei weitem nicht so
+schlimm fanden, als sie sich's vorgestellt hatten. Sie baten ihn also
+alle wie aus einem Munde, er soll doch nicht so kläglich tun, guten
+Muts sein, sich tapfer wehren, und seine Wirtschaft emsig treiben wie
+bisher; sie wollten gern Geduld mit ihm tragen und ihm noch aus Kräften
+beraten und beholfen sein; er habe eine Stube voll braver Kinder, die
+werden ja alle Tag' größer und können ihm an die Hand gehen. Was er
+mit diesen armen Schafen draußen in der weiten Welt anfangen wollte?
+Allein mein Vater unterbrach sie in diesen liebreichen Äußerungen ihres
+Mitleids alle Augenblick: »Nein, um Gottes willen, nein! Nehmt mir
+die entsetzliche Bürde ab. Das Leben ist mir so ganz verleidet! Aufs
+Besserwerden hofft' ich schon dreizehn Jahr vergebens. Und kurz, bei
+unserm Gut hab' ich einmal weder Glück noch Stern. Mit sauerm Schweiß
+und so vielen schlaflosen Nächten grub ich mich nur immer tiefer in
+die Schulden hinein. Geb, wie ich's machte, da half Hausen und Sparen,
+Hunger und Mangel leiden, bis aufs Blut arbeiten, kurz, alles und alles
+nichts. Besonders mit dem Vieh wollt's mir nie gelingen. Verkauft'
+ich die Küh', um das Futter versilbern zu können, und daraus meine
+Zinse zu bestreiten, so hatt' ich mit meiner Haushaltung, die außer
+dem Güterarbeiten keinen Kreuzer verdienen konnte, nichts zu essen,
+wenn ich gleich die halbe Losung wieder in andre Speisen steckte.
+Schon von Anfang an mußt' ich immer Taglöhner halten, Geld entlehnen
+und aus einem Sack in den andern schleufen, bis ich mich nicht mehr zu
+kehren wußte. Noch einmal, um Gottes willen! Da ist all' mein Vermögen.
+Nehmt, was ihr findet und laßt mich ruhig meine Straße ziehen. Mit
+meinen ältern Kindern wird's mir wohl möglich werden, uns allen ein
+schmales Stücklein Brot zu erwerben. Wer weiß, was der liebe Gott uns
+noch für die Zukunft beschert hat!« Als nun endlich unsere Gläubiger
+sahen, daß mit meinem Vater anders nichts anzufangen wäre, nahmen sie
+das Dreyschlatt mit aller Zubehörd gemeinschaftlich zu ihren Handen,
+setzten einen Gildenvogt, ließen einen neuen Überschlag machen und
+fanden wieder, daß einmal da kein großer Verlust herauskommen könne.
+Sie schenkten darum dem armen Ätti nicht allein allen Hausrat, Schiff
+und Geschirr, sondern baten ihn auch, bis sich ein Käufer fände, weiter
+auf dem Gut zu bleiben und es um billigen Lohn zu bearbeiten. Dieser
+bestund, nebst freier Behausung und Holzes genug, in der Sömmerung<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a>
+für acht Kühe, und Grund und Boden, zu pflanzen, was und wieviel
+wir konnten und mochten. Jetzt war meinem Vater wieder so wohl, als
+wenn er im Himmel wäre; und was ihm am meisten Freud' machte, seine
+alten Schuldherren waren fast noch zufriedner als er, so daß von dem
+ersten Augenblick an keiner ihm nur eine saure Miene gemacht. Wir
+hatten ein recht gutes Jahr und konnten neben unsrer Güterarbeit noch
+eine ziemliche Zeit für Salpetersieden erübrigen. Ich lernte dieses
+ebenfalls, als mein Vater einst an einem Bein Ungelegenheit hatte und
+hernach wirklich bettliegerig ward. Die Schmerzen nahmen täglich so
+sehr überhand, daß er eines Abends von uns allen Abschied nahm. Endlich
+gelang es dem Herrn Doktor Müller aus der Schamaten, ihn wieder zu
+kurieren. Derselbe tat solches nicht nur unentgeltlich, sondern gab
+uns noch Geld dazu. Der Himmel wird es ihm reichlich vergelten. —
+Inzwischen zeigte sich ein Käufer zum Dreyschlatt. Wir waren im Grund
+alle froh, diese Einöde zu verlassen, aber niemand so wie ich, da ich
+hoffte, das strenge Arbeiten sollt' nun ein Ende nehmen. Wie ich mich
+betrog, wird die Folge lehren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p>
+
+<div class="sidenote">Wanderung nach Wattweil</div>
+
+<div class="sidenote">Schlimme Hausgenossenschaft</div>
+
+<p>Mitten im März des Jahres 1754 zogen wir mit Sack und Pack aus dem
+Dreyschlatt weg und sagten dem wilden Ort auf ewig gute Nacht! Noch
+lag dort klaftertiefer Schnee. Von Ochs oder Pferd war keine Rede. Wir
+mußten unsern Hausrat und die jüngern Geschwister auf Schlitten selbst
+fortzügeln. Ich zog an dem meinigen wie ein Pferd, so daß ich am End
+fast atemlos hinsank. Doch die Lust, unsre Wohnung zu verändern und
+einmal auch im Tal, in einem Dorf, und unter Menschen zu leben, machten
+mir die saure Arbeit lieb. Wir langten an. Das muß ein rechtes Kanaan
+sein, dacht' ich; denn hier guckten die Grasspitzen schon unterm Schnee
+hervor. Unser Gütlin (es hieß die Staig), das wir zu Lehen empfangen
+hatten, stund voll großer Bäume, und ein Bach rollte angenehm mitten
+durch. Im Gärtlin bemerkt' ich einen Zipartenbaum. Im Haus hatten wir
+eine schöne Aussicht das Tal hinauf. Aber übrigens, was das für eine
+dunkle, schwarze, wurmstichige Rauchhütte war! Lauter faule Fußboden
+und Stiegen; ein unerhörter Unflat und Gestank in allen Gemächern. Aber
+das alles war noch nichts gegen den lebendigen Einsiegel, den wir im
+Haus haben mußten: ein abscheuliches Bettelmensch, das sich besoff, so
+oft es ein Kirchenalmosen erhielt und auf die Art zu Wein kam, dann in
+der Trunkenheit sich mutternackt auszog, und so im Haus herumsprang und
+pfiff, auch, wenn man ihm das geringste einreden wollte, ein Fluchen
+und Lamentieren erhob wie eine Besessene. Es bekamz war<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> deshalb oft
+den Rinderriemen, der aber leider meist aus übel ärger machte. Das
+Ungeheuer war überdies auf junge Mannspersonen erpicht — Puh! mir
+schaudert noch die Haut davor — und hätte gern auch mich angepackt.
+Das war mir eine völlig neue Erscheinung, und ich redete davon mit
+meinem Vater, ohne der Versuchung selbst zu erwähnen. Der sagte mir
+dann, was eine Katze sei, und nun bekam ich einen solchen Ekel vor dem
+Tier, daß mir ein Stich durch alle Adern ging, so oft es mir unter
+Augen kam.</p>
+
+<div class="sidenote">Göttliche Heimsuchung</div>
+
+<p>Wenige Tage nach unsrer Ankunft ward ich mit einem heftigen Frost
+und Fieber befallen. Ob mir das plötzliche Vertauschen der frischen
+Bergluft mit der im Tal, oder die unreinliche Wohnung, oder ein schon
+mitgebrachter Stoff dazu im Körper, oder endlich gar der Abscheu
+vor dem entsetzlichen Geschöpfe das Übel zugezogen, weiß ich nicht.
+Einmal zuvor war, außer leichten Kopf- und Zahnschmerzen, jedes andre
+Übelbehagen mir ganz unbekannt. Man ließ den lieben Herrn Doktor
+Müller kommen; er verordnete mir eine doppelte Aderlässe, zweifelte
+aber gleich beim ersten Anblick an meinem Aufkommen. Am dritten Tag
+glaubt' ich, nun sei's gewiß mit mir aus, da mein armer Kopf beinah
+zerspringen wollte. Ich rang, wimmerte, krümmte mich wie ein Wurm,
+und stund Höllenangst aus: Tod und Ewigkeit kamen mir schrecklich
+vor. Meinem Vater, der sich fast nie von mir entfernte und oft ganz
+allein um mich war, beichtete ich in einem solchen Augenblick alles,<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span>
+was mir auf dem Herzen lag, sonderlich auch wegen der Verfolgungen des
+vorerwähnten Unholds, der mir viel zu schaffen machte. Der gute Ätti
+erschrak entsetzlich und fragte mich, ob ich mit dem Tier etwas Böses
+getan? »Nein, gewiß nicht, Vater!« antwortete ich schluchzend, »aber
+das Ungeheuer wollt' mich dazu bereden; und ich hab's dir verschwiegen.
+Das nun, fürcht' ich, sei eine große Sünd'.« »Sei nur ruhig, mein
+Sohn!« versetzte mein Vater, »halt dich im stillen zu Gott. Er ist
+gütig und wird dir deine Sünden vergeben.« Dies einzige Wort des
+Trostes machte mich gleichsam wieder auflebend. Oh, wie eifrig gelobt'
+ich in diesem Augenblick, ein ganz andrer Mensch zu werden, wenn ich's
+länger auf Erden treiben sollte. Indessen gab's noch verschiedene
+Rückfälle. Einmal wußt' ich vierundzwanzig Stunden lang nichts mehr
+von mir; aber dies war die Krisis. Beim Erwachen fühlt' ich zwar meine
+Schmerzen wieder, doch in weit geringerm Grade, und was für mich viel
+wichtiger war, die bangen, angsthaften Gedanken blieben aus. Der Doktor
+fing an, Hoffnung zu schöpfen, und ich nicht minder; und kurz, es
+ließ sich täglich mehr zur Besserung an, bis ich, freilich erst nach
+etlichen Wochen, wieder ganz auf die Beine kam. Aber das Tiermensch,
+das wir im Haus hatten und dulden mußten, war mir unausstehlicher
+als jemals. Mich und alle meine Geschwister überhäufte es mit den
+unflätigsten Schimpfworten. Während meiner Krankheit sagte es mir oft
+ins Gesicht,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> ich sei ein mutwilliger Bankert, es fehle mir nichts,
+man sollte mir statt Arzneien die Rute geben, und dergleichen. Ich bat
+meinen Vater, so hoch ich konnte, er solle uns die Kreatur vom Hals
+schaffen, sonst könnt' ich in Ewigkeit nicht vollkommen gesund werden.
+Aber es war unmöglich, für einmal wollt' sie uns niemand abnehmen. Wenn
+sie's gar zu schlimm machte, ließen wir sie, wie gesagt, karbatschen.
+Aber zuletzt wollt' uns auch diesen Dienst niemand mehr leisten, denn
+jedermann fürchtete sich vor ihr, wie vor dem bösen Geist. Mit guten
+Worten kam man ihr gewissermaßen noch am leichtesten bei. Was mir
+indessen als die allerherbste Prüfung vorkam, war, daß ich und meine
+Geschwister in ihrer Gesellschaft mit Baumwollen-Kämmen und Spinnen
+unsern Feierabend machen mußten. Sobald aber der Sommer anrückte, half
+ich mir damit, daß ich meine Arbeit, so viel's immer die Witterung
+zuließ, außer dem Haus verrichtete.</p>
+
+<div class="sidenote">Jetzt Tagelöhner</div>
+
+<p>»Danke deinem Schöpfer,« sagte inzwischen eines Tags mein Vater zu
+mir, »er hat dein Flehen erhört und dir von neuem das Leben geschenkt.
+Ich zwar, ich will dir's nur gestehen, dachte nicht, wie du, Uli, und
+hätt' dich und mich nicht unglücklich geschätzt, wenn du dahingefahren
+wärst. Denn, ach! große Kinder, große Sorgen! Unsre Haushaltung ist
+überladen. Ich hab' kein Vermögen, keins von euch kann noch sicher sein
+Brot gewinnen. Du bist das älteste. Was willst du<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> nun anfangen? In
+der Stube hocken und mit der Baumwolle hantieren, seh' ich wohl, magst
+du nicht. Du wirst müssen tagmen!«<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> — »Was du willst, mein Vater!«
+antwortete ich, »nur ja nicht ofenbruten!« Wir waren bald einig. Der
+damalige Schloßbauer, Weibel K., nahm mich zum Knecht an. Von meiner
+überstandenen Krankheit war ich noch ziemlich abgemattet, aber mein
+Meister, als ein vernünftiger und stets aufgeräumter Mann, trug alle
+Geduld mit mir, um so viel mehr, da er eigne Buben von gleichem Schrot
+hatte. Die meiste Zeit mußt' er seinen Amtsgeschäften nach, dann
+ging's freilich oft bunt über Eck. Indessen gab er mir auch blutwenig
+Lohn, und die Frau Bäurin ließ uns manchmal bis um zehn Uhr nüchtern.
+Bei strenger Arbeit erhielten wir auch immer bessere Kost. Bisweilen
+brachten wir ihm etwas Wildbret, einen Vogel oder Fisch nach Haus; das
+ließ er sich vortrefflich schmecken. Eines Tages erbeuteten wir ein
+ganzes Nest voll junger Krähen, die mußt' ihm seine Hausehre wunderbar
+präparieren. Er verschlang mit ungeheurer Lust alle bis auf die letzte.
+Aber mit eins gab's eine Rebellion im Magen. Er sprang vom Stuhl und
+rannte todblaß und schnellen Schrittes den Saal auf und nieder, wo die
+Füß' und Federn noch überall zerstreut am Boden lagen! Endlich schnauzt
+er uns Buben mit lächerlichem Grimm an: »Tut mir das<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Schinderszeug
+da weg, oder ich kotze euch hunderttausend Dutzend von euern Bestien
+heraus. Einmal in meinem Leben solche schwarze Teufel gefressen, und
+nimmermehr!« Dann legte sich der launigte Mann zu Bett, und mit einem
+tüchtigen Schweiß ging alles vorbei.</p>
+
+<p>Auch mein Bruder Jakob verrichtete um die nämliche Zeit ähnliche
+Knechtdienst'. Die Kleinern mußten in den Stunden neben der Schule
+spinnen. Unter diesen war Georg ein besonders lustiger Erzvogel. Wenn
+man ihn an seinem Rädchen glaubte, saß er auf einem Baum oder auf dem
+Dach, und schrie Kuckuck! »Du fauler Lecker!« hieß es dann etwa von
+seite der Mutter, wenn sie ihn so in den Lüften erblickte, und von
+seiner: »Ich will kommen, wenn du mich nicht schlagen willst, sonst
+steig ich dir bis in Himmel auf!« Was war da zu tun? Man mußte meist
+des Elends lachen.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_erste_Liebe">Die erste Liebe</h2>
+</div>
+
+
+<p>Wenn einer in sein zwanzigstes Jahr geht, darf er schon ahnden, es
+gebe zweierlei Leute in der Welt. Der Weibel hatte ein bluthübsches
+Töchterchen, aber scheu wie ein Hase. Es war mir eine Freud', wenn ich
+sie sah, ohne zu wissen warum? Nach etlichen Jahren heiratete sie einen
+Schlingel, der ihr ein Häufchen Jungens auflud, und sich endlich als
+ein Schelm aus dem Land machte. Das gute Kind!</p>
+
+<div class="sidenote">Ännchen</div>
+
+<div class="sidenote">Auf dem Pfingstmarkt</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p>
+
+<p>Dann hatte unser Nachbar Uli eine Stieftochter, Ännchen; die konnt'
+ich alle Sonntage sehen. Allemal winselt es mir ein wenig ums
+Herzgrübchen. Ich wußte wieder nicht warum, denk' aber wohl, weil's
+mich so hübsch dünkte; einmal etwas anderes kam mir gewiß nicht in
+den Sinn. An den gedachten Sonntagen zu Abend machten wir jungen
+Leute miteinander Buntreihen, Kettenschleuffen, Habersieden, Schühle
+verbergen und dergleichen. Ich war wie in einer neuen Welt, nicht
+mehr ein Eremit wie im Dreyschlatt. Nun merkt' ich zwar, daß mich
+Ännchen wohl leiden mocht', dacht' indessen, sie würd' sonst schon ihre
+Liebsten haben. Einst aber hatte meine Mutter die Schwachheit, mir, und
+zwar als wenn sie stolz drauf wäre, zu sagen: »Ännchen sehe mich gern.«
+Dieser Bericht rannte mir wie ein Feuer durch alle Glieder. Bisher
+hielt ich dafür, meine Eltern würden's nicht zugeben, daß ich, noch so
+jung, nur die geringste Bekanntschaft mit einem fremden Mädchen hätte.
+Jetzt aber — so wichtig ist es, die Menschen in nützlichen Meinungen
+durch kein unvorsichtiges Wort irrezumachen — merkt ich's meiner
+Mutter deutlich an, daß ich so etwas schon wagen dürfte. Indessen tat
+ich nicht dergleichen, aber meine innre Freud' war nur desto größer,
+daß man mir jetzt selbst die Tür aufgetan, unter das junge lustige
+Volk zu wandeln. Von dieser Zeit an, versteht sich's, schnitt' ich
+bei allen Anlässen Ännchen ein entschieden freundlich Gesichtchen;
+aber daß ich ihr mit Worten etwas von Liebe sagen durfte, oh, um
+aller Welt Gut willen hätt' ich dazu nicht Herz gehabt. Einst erhielt
+ich Erlaubnis, auf den Pfingst-Jahrmarkt zu gehn. Da sann ich lang
+hin und her, ob ich sie aufs Rathaus zum Wein führen dürfe? Aber das
+schien mir schon zuviel gewagt. Dort sah ich sie eins herumschlängeln.
+Herodes mag das Herz nicht so gepocht haben, als er Herodias Tochter
+tänzeln sah. Ach! so ein schönes, schlankes, nettes Kind, in der
+allerliebsten Zürchbietler-Tracht! Wie ihm die goldfarbnen Zöpf' so
+fein herunterhingen! Ich stellte mich in einen Winkel, um meine Augen
+im Verborgenen an ihr weiden zu können. Da sagt' ich zu mir selbst: Ah!
+in deinem Leben wirst du Lümmel nie das Glück haben, ein solch Kind
+zu bekommen, sie ist viel, viel zu gut für dich! Hundert andre weit
+bessre Kerls werden sie lang vor dir erhaschen. So dacht' ich, als
+Ännchen, die mich und meine Schüchternheit schon geraume Zeit mochte
+bemerkt haben, auf mich zukam, mich freundlich bei der Hand nahm und
+sagte: »Uli! führ' du mich auch eins herum!« Ich feuerrot erwiderte:
+»Ich kann's nicht, Ännchen! gewiß ich kann's nicht!« — »So zahl' mir
+eine halbe,« versetzte sie, ich wußt' nicht ob im Schimpf oder Ernst.
+»Es ist dir nicht Ernst, Schleppsack,« erwidert' ich darum. Und sie:
+»Mi See,<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a> 's ist mir ernst!« Ich todblaß: »Mi See, Ännchen, ich
+darf heut' nicht!« Ein andermal. »Gwüß ich möcht' gern, aber ich darf
+nicht!« Das mocht ihr ein wenig in den Kopf steigen, sie ließ sich's
+aber nicht merken, trat, mir nix dir nix rückwärts und machte ihre
+Sachen wie zuvor. So auch ich, stolperte noch eine Weile aus einer
+Ecke in die andre, und machte mich endlich, wie alle übrigen, auf den
+Heimweg. Ohne Zweifel, daß Ännchen auf mich acht gegeben. Nahe beim
+Dorf kam sie hinter mir drein: »Uli! Uli! Jetzt sind wir allein. Komm'
+noch mit mir zu des Seppen, und zahl mir eine Halbe!« »Wo du willst,«
+sagt' ich, und damit setzten wir ein paar Minuten stillschweigend unsre
+Straße fort. »Ännchen! Ännchen!« hob ich dann wieder an, »ich muß dir's
+nur grad sagen, ich hab' kein Geld. Der Ätti gibt mir keins in Sack,
+als etwa zu einem Schöppli, und das hab' ich schon im Städtli verputzt.
+Glaub' mir's, ich wollt' herzlich gern — und dich dann heim geleiten!
+Oh! Aber da müßt' ich wieder meinen Vater<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> fürchten. Gwüß, Ännchen! 's
+wär das erstemal. Noch nie hätt' ich mich unterstanden, ein Mädle zum
+Wein zu führen, und jetzt, wie gern ich's möcht', und auf Gottes Welt
+keine lieber als dich, bitte, bitte, glaub mir's, kann und darf ich's
+nicht. Gwüß ein andermal, wenn du mir nur wart'st, bis ich darf und
+Geld hab'.« — »Ei, Possen, Närrlin!« versetzte Ännchen, »dein Vater
+sagt nichts, und bei der Mutter will ich's verantworten — weiß schon,
+wo der Has lauft. Geld? Mit samt dem Geld! 's ist mir nicht ums Trinken
+und nicht ums Geld — und damit griff sie ins Säcklin — hier hast du,
+glaub' ich, genug, zu zahlen, wie's der Brauch ist. Mir wär's Ein Ding,
+ich wollt' lieber für dich zahlen, wenn's so Mode wär'.« Paf! Jetzt
+stand ich da, wie die Butter an der Sonne. Ich gab endlich Ännchen mit
+Zittern und Beben die Hand, und so ging's vollends ins Dorf hinein, zum
+Engel. Mir ward's blau und schwarz vor den Augen, als ich mit ihr in
+die Stube trat, und da alles von Tischen voll Leute wimmelte, die einen
+Augenblick wenigstens auf uns ihre Blicke richteten. Indessen deucht'
+es mich auch wieder, Himmel und Erde müss' einem gut sein, der ein so
+holdes Mädchen zur Seite hat. Wir tranken unsre Maß, weder zu langsam
+noch zu geschwind; zu schwatzen gab's, ich denk' durch meine Schuld,
+eben nicht viel. Entzückt, und ganz durchglüht von Wein und Liebe, aber
+immer voll Furcht, führt' ich nun das herrliche Kind nach Haus, bis an
+die Türe. Keinen<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> Kuß? Keinen Fuß über ihre Schwelle? Ich schwöre es:
+Nein! Auch ich lief nun schnurstracks heim, ging mausstill zu Bett',
+und dachte: Heut wirst du bald und süßer entschlummern, als sonst noch
+nie in deinem Leben! Aber wie ich mich betrog! Da war von Schlaf keine
+Rede. Tausend wunderbare Grillen gingen mir im Kopf herum und wälzten
+mich auf meinem Lager hin und her. Hauptsächlich verwünscht' ich jetzt
+meine kindische Blödigkeit und Furcht: Oh, das himmlische süße Mädchen!
+dacht' ich, konnt' es wohl mehr tun, und ich weniger? Ach! es weiß
+nicht, wie's in meinem Busen brennt, und nur durch meine Schuld. Oh,
+ich Hasenherz! Solch ein Liebchen nicht küssen, nicht halb zerdrücken!
+Kann Ännchen so einen Narren, so einen Lümmel lieben? Nein! Nein! Warum
+spring' ich nicht auf und davon, zu ihrem Haus, klopf an ihrer Tür' und
+rufe: Ännchen, Ännchen, liebstes Ännchen! Steh' auf, ich will abbitten!
+Ich war ein Ochs, ein Esel! verzeih mir's doch! O, ich will's künftig
+besser machen, und dir gewiß zeigen, wie lieb mir bist! Herziger
+Schatz! ich bitt' dich drum, sei mir doch weiter gut und gib mich nicht
+auf. Ich will mich bekehren, bin noch jung und was ich nicht kann, will
+ich lernen. — So machte mich, gleich vielen andern, die erste Liebe
+zum Narren.</p>
+
+<p>Des Morgens in aller Frühe flog ich nach Ännchens Haus. — Ja, das
+hätt' ich tun sollen, tat's aber eben nicht. Ich schämt' mich vor ihr,
+daß mir's Herz davon<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> weh tat, in die Seel' hinein schämt ich mich, vor
+den Wänden, vor Sonn' und Mond, vor allen Stauden schämt' ich mich,
+daß ich gestern so erzalbern tat. Meine einzige Entschuldigung vor
+mir selber war, daß ich dachte, es hätte so seine eigne studierte Art
+mit den Mädels umzugehn, und ich wüßte diese Art nicht, niemand sage
+mir's, und ich hätt' nicht das Herz, jemand zu fragen. Aber so (roch's
+mir dann wieder auf) darfst du Ännchen nie, nie mehr unter die Augen
+treten, fliehen mußt du vielmehr das holde Kind, oder kannst wenigstens
+nur im Verborgenen mit ihr deine Freud' haben, nur verstohlen nach ihr
+blicken. Inzwischen macht' ich eine neue Bekanntschaft mit ein paar
+Nachbarsbuben, die auch ihre Schätz' hatten, um heimlich von ihnen
+zu erfahren, wie man mit diesen schönen Dingen umgehen und es machen
+müsse, ihnen zu gefallen. Einmal nahm ich gar das Herz in beide Händ'
+und fragte sie darum, aber sie lachten mich aus, und sagten mir so
+närrisches und unglaubliches Zeug, daß ich gar nicht mehr wußte, wo ich
+zu Haus war.</p>
+
+<p>Inzwischen ward diese Liebesgeschichte, die ich gern vor mir selber
+verborgen hätte, bald überall laut. Die ganze Nachbarschaft, und
+besonders die Weiber, gafften mir, wo ich stund und ging, ins Gesicht,
+als ob ich ein Eisländer wäre: »Ha, ha, Uli!« hieß es dann, »du hast
+die Kinderschuh auch verheyt.«<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a> Meine Eltern wurden's ebenfalls
+inne. Die Mutter lächelte dazu, denn<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Ännchen war ihr lieb, aber
+der Vater blickte mich desto trüber an, doch ließ er kein Wörtchen
+verlauten, als ob er in meinem Busen Unrat lese. Das war nun desto
+peinigender für mich. Ich ging überall umher wie der Schatten an der
+Wand und wünschte oft, daß ich Ännchen nie mit einem Aug' gesehen
+hätte. Auch meine Bauersleute rochen bald den Braten und spotteten
+meiner.</p>
+
+<div class="sidenote">Nachtbesuch</div>
+
+<div class="sidenote">Eifersucht</div>
+
+<p>Eines Abends kam mir Ännchen so in den Wurf, daß ich nicht entwischen
+konnte. Ich stund wie versteinert. »Uli!« sagte sie, »komm heut z'Nacht
+ein bißli zu mir, ich hab' mit dir z'reden. Willst kommen, sag'?« —
+»Ich weiß nicht,« stotterte ich. »Eh, komm! Ich muß notwendig mit
+dir reden, sag, versprich mir's!« »Ja, ja gewiß, wenn ich kann!« Wir
+mußten scheiden. Ich rannte eilends nach Haus. Himmel! dacht' ich, was
+mag das sein? Kann das liebe Ännchen mir noch so freundlich begegnen?
+Soll ich, darf ich? Ja, ich muß, ich will gehn. Nun geriet ich, ob aus
+Ehrlichkeit oder List weiß ich selbst nicht, auf den guten Einfall,
+das Ding der Mutter zu sagen. »Ja ja, geh' nur,« sprach diese, »ich
+will dir nach dem Essen schon forthelfen, daß kein Hahn darnach krähen
+soll.« Das war mir recht gekocht. Alles gesagt, getan. Ich ging hin
+und traf Ännchen, ihre Mutter und ihren Stiefätti, sie hielten sonst
+eine Schenke, ganz allein an. Ich ließ ein Glas Branz<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a> holen, um
+doch etwas zu tun, bis die Alten im<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Bett' wären, weil ich nichts
+zu reden wußte. Aus lauter Furcht saß ich weit von Ännchen weg.
+Aber darum mocht' ich's doch kaum erwarten, bis die Eltern zur Ruh'
+gingen. Endlich geriet's. Da fing mein Liebchen an, in einem fort zu
+schnättern, daß es lieblich und doch betrübt zu hören war, als sie mir
+über mein kaltes Bezeigen Vorwürf' über Vorwürf' machte, und alles,
+was sie die Zeit her über mich schwatzen gehört, mir unter die Nase
+rieb. Ich faßte Mut, verantwortete mich so gut ich konnte, und sagt'
+ihr auch gerad' allen Kram heraus, was die Leut' von ihr redeten und
+wofür man sie hielt, von meinen Gesinnungen hingegen kein Wort: »So!«
+sagte sie, »was schiert mich der Leute Reden! Ich weiß schon, wer
+ich bin, und hinter dir hätt' ich ein wenig mehr als soviel gesucht.
+Macht aber nichts, schadet gar nichts!« Nachdem dieser Wortwechsel
+noch ein Weilchen fortgedauert hatte, und mir das Brenz ein wenig in
+den Kopf stieg, wagt' ich's ihr ein bißchen näher zu rücken, denn
+das zwar bösscheinende, aber verzweifelt artige Räsonnieren gefiel
+mir in der Seele wohl. Ich erkühnte mich sogar, ihr einige läppische
+Lehrstücke von erznärrischen Liebkosungen zu machen. Sie wies mich
+aber frostig zurück und sagte: »Kannst mir warten! Wer hat dich das
+gelehrt?« Dann schwieg sie eine Weile still, guckte steif ins Licht,
+und ich ein gut' Klafter von ihr entfernt, ihr ins Gesicht. Oh, ihre
+zwei blauen Äuglin, die gelben Haarlocken, das nette Näschen, das
+lose<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Mäulchen, die sanft roten Bäcklin, das feine Ohrläpplin, das
+geründelte Kinn, das glänzend weiße Hälschen, o, in meinem Leben hab'
+ich so nichts gesehn. Kein Maler vom Himmel könnt's schöner malen.
+»Dürft' ich doch,« dacht' ich, »nur ein einziges Mal einen Kuß auf
+ihr holdes Mündlein tun! Aber nun hab' ich's schon wieder, und ach!
+wohl auf ewig verdorben.« Ich nahm also kurz und gut Abschied. Ganz
+frostig sagte sie: »Adieu!« Ich noch einmal: »Leb' wohl, Anne!« und im
+Herzen: Leb' ewig wohl, herzallerliebstes Schätzchen! Aber vergessen
+konnt' ich sie nun einmal nicht. In der Kirch' sah ich sie mehr als
+den Pfarrer, und wo ich sie erblickte, war mir wohl ums Herz. Eines
+Sonntagabends sah ich einen Schneiderbursch Ännchen heimführen. Wie
+da urplötzlich mein Blut sich empörte, und alle Säfte mir in allen
+Gliedern rebellierten! Halb sinnlos sprang ich ihnen auf dem Fuß nach,
+ich hätte den Schneider erwürgen können, aber ein gebietender Blick von
+Ännchen hielt mich zurück. Inzwischen macht' ich ihr nachwärts bittere
+Vorwürf' drüber, und eine ganze Litanei von räudigen Schneidern und
+Schneidereigenschaften. Dacht' halt: Verloren ist verloren! — Aber
+Anne blieb mir nichts schuldig, wie ihr's leicht denken könnt.</p>
+
+<div class="sidenote">Die Eltern</div>
+
+<p>Ännchens Stiefätti war ein leichtsinniger Brenzwirt; ihm galt's
+gleichviel, wer kam und ihm sein Brenz absoff. Ich war nun in kurzem
+bei seinem Töchterchen wieder wohl am Brett, und genoß dann und<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> wann
+ein herrliches Viertelstündchen bei ihr. Das lag meinem Vater gar
+nicht recht. Er sprach mir ernstlich zu, es half aber alles nichts,
+Ännchen war mir viel zu lieb. Fürchterlich schimpft' er bisweilen
+auf das verdammte Brenznest, wie er es nannte; und Anne sah' er für
+eine liederliche Dirn' an. Aber Gott weiß es! das war sie nicht; das
+redlichste bravste Mädchen, fast meiner Länge, so schlank und hübsch
+geformt, daß es eine Lust war. Aber ja, schwätzen konnt' sie wie eine
+Dohle. Ihre Stimme klang wie ein Orgelpfeifchen. Sie war immer munter
+und allert;<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a> um und um lauter Leben; und das macht es eben, daß
+mancher Sauertopf so schlimm von ihr dachte. Wenn meine Mutter meinen
+Vater nicht bisweilen eines Besseren belehrt, er hätt' mit Stock und
+Stein dreingeschlagen.</p>
+
+<div class="sidenote">Ännchen zum Besuch</div>
+
+<p>So verstrich der Sommer. Noch in keinem hatten mir die Vögel, die ich
+alle Morgen mit Entzücken behorchte, so lieblich gesungen. Gegen den
+Herbst zogen wir in die Pulverstampfe, wo um diese Zeit mein Vater zum
+Pulvermacher angenommen worden war. Der Meister, C. Gasser, wurde von
+Bern verschrieben, und lehrt' uns das Handwerk aus dem Fundament, so
+daß wir auch das Schwerste in wenig Wochen begreifen konnten. Unter
+andern war mein Ätti froh, mich jetzt ein Stück weit von Ännchen
+weg zu haben. Auch überwand ich mich ziemlich lang — als das liebe
+Kind<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> einst unversehens zu uns zu Stubeten<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a> kam. Ich erschrak
+sehr, und dacht' da würd' ein Wetter losgehen. So lang' sie da war,
+hingen des Vaters Augenbraunen tief herunter, er schnaubte vor Grimm,
+redte kein Wort, horchte aber, wie man leicht merken mochte, auf alle
+Scheltwort'. Oh, wie dauerte mich das herrliche Schätzchen! Würd's
+doch mein Vater wie ich kennen, wie ganz anders wär's da empfangen
+worden. Des Abends geleitete ich sie nach Haus. Noch war ich immer
+der alte blöde Junge. Sie neckte mich artlicher als sonst, aber doch
+mußt's geneckt sein. Morgens drauf erst ging des Ättis Predigt an:
+was er an Ännchen Ungereimtes bemerkt, oder vielmehr bemerkt haben
+wollte, was er gehört und nicht gehört, sondern nur vermutet, das
+alles kam in die Nutzanwendung seines Sermons. Allerhand Spottnamen,
+und kurz, alles was Ännchen in meinen Augen verächtlich machen sollte,
+blieb <span class="antiqua">per se</span> nicht aus. Und wirklich, so lieb mir das Mädchen
+war, nahm ich mir jetzund doch vor, von ihr abzustehn, weil mir der
+Vater sie schwerlich jemals lassen würde, und inzwischen noch mancher
+Ehrenpfennig ihretwegen spazieren müßte. Gleichwohl darf ich zu ihrem
+Preis auch nicht verschweigen, daß sie mich nie um Geld bringen wollte,
+ja, daß sie sogar, wenn ich für sie ein Brenzlin zahlte, nicht selten
+die Ürte<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a> mir heimlich<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> wieder zusteckte. Eines Tags nun sagt' ich
+zum Ätti: »Ich will nicht mehr zur Anne gehn', ich versprech dir's.«
+»Das wird mich freuen,« sprach er, »und dich nicht gereuen, Uli! Ich
+mein's gewiß gut mit dir. Sei doch nicht so wohlfeil. Du bist noch
+jung, und kommst alleweil früh genug zum Schick. Unterdessen geht's dir
+sicher mehr auf als ab. So eine gibt's noch, wann der Markt vorbei ist.
+Führ' dich brav auf, bet' und arbeite, und bleib fein bei Haus. Dann
+gibst einen rechten Kerl, einen Mann ins Feld, und, ich wette, bekommst
+mit der Zeit ein braves Bauernmädle. Indessen will ich immer für dich
+sorgen.«</p>
+
+<p>So ging der Winter vorbei. Aber mein Wort hielt ich wenig, und sah
+Ännchen, so oft es insgeheim geschehen konnte.</p>
+
+<div class="sidenote">Immer noch Liebesgeschichten</div>
+
+<p>Von Gallitag bis in März konnten wir kein Pulver machen. Ich verdient'
+also mein Brot mit Baumwollenkämmen; die andern mit Spinnen. Der Vater
+machte die Hausgeschäfte, las uns an den Abenden aus David Hollatz,
+Böhm und Meads »Beinahe-Christ« die erbaulichsten Stellen vor, und
+erklärte uns, was er für unverständlich hielt, eben nicht allemal am
+verständlichsten. Ich las auch für mich. Aber mein Sinn stund meist
+nicht im Buch, sondern in der weiten Welt.</p>
+
+<p>Im folgenden Frühling (1755) hieß es: Wohin nun mit so viel
+Buben? Jakob und Jörg wurden zum Pulvermachen bestimmt, ich zum
+Salpetersieden. Bei<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> diesem Geschäft gab mir mein Vater den Uli
+M., einen groben, aber geraden, ehrlichen Menschen zum Gehilfen,
+der ehemals Soldat gewesen, und das Handwerk von seinem Vater her
+verstand, der in seinem Beruf, aber auch elend genug, verstorben, da
+er in einen siedenden Salpeterkessel fiel. Wir beiden Ulis fingen
+also miteinander im März 1755 in der Schamatten unsern Gewerb an. Da
+gab's unter der Arbeit allerlei Gespräche, die mein Kamerad wohl durch
+einen Umweg, und wie ich nachwärts erfuhr, geflissen, vielleicht gar
+auf Anstiften meines Vaters auf Heiratsmaterien zu lenken wußte. Er
+empfahl mir endlich eine schon ziemlich ältliche Tochter zur Frau,
+die auch meinen Eltern, dem Ätti besonders, ihres bestandenen Alters
+und stillen Wandels wegen, wohl gefiel. Ihnen zu Gefallen, führt' ich
+diese Ursel ein paar Mal zum Wein. Mein Uli machte viel Rühmens von
+diesem Esaugesicht, das er, nach seiner eignen Sag', schon vor zehn
+Jahren karessiert hätte. Daß ich eben wenig Reizendes an ihr entdeckte,
+versteht sich schon. Eine Stunde bei ihr dünkte mich eine halbe Nacht,
+so gut sie mir immer begegnete, ja, je besser, desto schlimmer für
+mich. Übrigens trug sie eine ordentliche Bauerntracht. Aber mit Ännchen
+verglichen war's halt wie Tag und Nacht. Als mich daher letztre eines
+Tags an der Straß' auffing, sprach sie mit bitterm Spott: »Pfui, Uli!
+So ein Haargesicht, so eine Iltishaut, so ein Tanzbär! Mir sollt'
+keiner mehr auf einen Büchsenschuß nahe kommen, der sich an einer<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span>
+solchen Dreckpatsche beschmiert hätte! Uhi! wie stinkst!« Das ging mir
+durch Mark und Bein. Ich fühlte, daß Ännchen recht hatte; aber dennoch
+verdroß es mich. Ich verbiß meinen Unmut, schlug ein erzwungenes
+Gelächter auf, und sagte: »Gut, gut, Ännchen! Nächstens will ich dir
+alles erklären!« und damit gingen wir voneinander. Es währte kaum
+vierundzwanzig Stunden, so gab ich meiner grauen Ursel förmlichen
+Abschied. Sie sah mir wehmütig nach und rief immer hintendrein: »Ist
+denn nichts mehr zu machen? Bin ich dir zu alt oder nicht hübsch gnug?
+Nur noch einmal.« Aber ein Wort, ein Mann.</p>
+
+<p>Am nächsten Huheijatag,<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a> wo Ännchen auch gegenwärtig war, sah sie,
+daß ich allein trank. Sie kam freundlich zu mir und lud mich auf den
+Abend ein. Voll Entzücken flog ich zu ihr hin, und merkte bald, daß ich
+wieder recht willkomm war, obschon mir das schlaue Mädle über meine
+Bekanntschaft mit Urseln aufs neue die bittersten Vorwürfe machte. Ich
+erzählte ihr haarklein, wie das Ding zugegangen. Sie schien sich zu
+beruhigen. Das machte mich herzhafter; ich wagte zum erstenmal, es zu
+versuchen, sie an meine Brust zu drücken, und einen Kuß anzubringen.
+Aber, potz Welt! da hieß es: »So! Wer hat dich das gelehrt? G'wiß die
+alte Hudlerin. Geh, geh, scher' dich, und sitz erst ins Bad, dir den
+Unrat abzuwaschen.« — Ich: »Ha! Ich bitt' dich, Schätzle! sei mir
+nicht kurios. Hab' dich<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> ja alleweil geliebt, und lieb dich je länger
+je stärker. Laß mich doch — nur eins!« — Sie: »Abslut nicht! Um alles
+Geld und Gut nicht! Fort, fort, nimm deine Trallwatsch, die dir das
+Ding gewiesen!« — Ich: »Ach! Ännchen! Schätzchen! Laß mich! Hätt'
+dich schon lang für mein Leben gern — ach, mein Gott!« — Sie: »Laß
+mich gehn — ich bitt' dich! — Gewiß nicht. — Einmal jetzt nicht.«
+— Endlich sagte sie freundlich lächelnd: »Wenn du wiederkommst!« Aber
+dreimal, wenn ich wiederkam, fing das verschmitzte Mädchen immer das
+nämliche Spiel an. So können diese schlauen Dinger die dummen Buben
+lehren. Endlich schlug die erwünschte Stunde: »Ännchen, Ännchen!
+liebstes Ännchen! Kannst's auch übers Herz bringen? Bist mir doch so
+herzinniglich lieb! Und ich sollt' kein einzig Mal dein holdes Mündchen
+küssen? Gelt, du erlaubst's mir? Ich kann's länger nicht aushalten.
+Lieber will ich dich ganz und gar meiden.« Jetzt drückte sie mir
+freundlich die Hand, sagte aber wieder: »Nun gewiß, das nächstemal,
+wenn du wiederkommst!« Hier fing mir an, die Geduld auszugehn. Ich ward
+wild und schnippisch. Sie hinwieder befürchtete, glaub' ich, Unrat;
+foppte mich zwar, wie es scheinen sollte, noch immerfort, daß es eine
+Lust war; aber mit eins kam ihr ein Tränchen ins Aug', und sie wurde
+zahm wie ein Täubchen: »Nun ja!« sagte sie: »'s ist wahr, du hast die
+Prob' ausgehalten. Du solltest mir für deine Sünd' büßen. Aber die
+Straf' hat mich mehr gekostet, als<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> dich, liebes, herziges Üchelin!«
+Dies sagte sie mit einem so süßen Ton, der mir jetzt noch wie ein
+fernes Silberglöcklin ins Ohr läutet: Ha! dacht' ich einen Augenblick,
+jetzt könnt' ich dich wieder strafen, loses Kind! Aber ich bedacht'
+mich bald eines Bessern, riß mein Liebchen in meine Arme, gab ihr wohl
+tausend Schmätzchen auf ihr zartes Gesichtlin, überall herum, von einem
+Ohr bis zum andern, und Ännchen blieb mir kein einziges schuldig;
+nur daß ich schwören wollte, daß die ihrigen noch feuriger als die
+meinigen waren. So ging's ohne Unterlaß fort mit Herzen und Schäkern
+und Plaudern bis zur Morgendämmerung. Jetzt kehrt' ich jauchzend nach
+Haus und glaubte der erste und glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden
+zu sein. Aber bei alldem fühlt' ich's lebhaft, noch fehle mir, ich
+wußte doch nicht was? Meist kam's, glaub ich, darauf hinaus: Oh, könnt'
+ich mein Ännchen, könnt' ich dies holde, holde Kind ganz besitzen,
+völlig mein heißen, und ich sein, sein Schätzchen, sein Liebchen! Wo
+ich darum stund und ging, waren meine Gedanken bei ihr. Alle Wochen
+durft' ich eine Nacht zu ihr wandeln; die schien mir eine Minute, die
+Zwischenzeit sechs Jahre zu sein. Oh, der seligen Stunden! Da setzte es
+tausend und hunderterlei verliebte Gespräche, da eiferten wir in die
+Wette, einander in Honigwörtchen zu übertreffen, und jeder neue oder
+alte Ausdruck galt einen neuen Kuß. Ich mag nicht schwören und schwöre
+nicht, aber das waren gewiß nicht nur die seligsten, sondern auch
+die<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> schuldlosesten Nächte meines Lebens! Und doch, ich darf's einmal
+nicht verbergen, war Ännchens Ruf nicht der beste. Dies hatte sie ohne
+Zweifel ihrem freien, geschwätzigen Mäulchen zu verdanken. Ich habe
+stets und immer mehr das redlichste, beste, züchtigste Mädchen an ihr
+gefunden. Freilich, von jenen eigentlichen Verführerkünsten braucht'
+ich und kannt' ich wirklich keine, doch bin ich überzeugt, daß sie auch
+dergleichen siegreich widerstanden wäre.</p>
+
+<p>So ging der mir unvergeßliche Sommer des Jahres 1755 wie eine Woche
+vorbei, und täglich gewann ich mein Ännchen lieber. Vor allen andern
+Mädels ekelte mir's, obgleich ich von Zeit zu Zeit Gelegenheit hatte,
+mit den artlichsten Töchtern des Lands bekannt zu werden. Inzwischen
+war ich ein muntrer Salpetersieder, bald allein, bald in Gesellschaft
+mit jenem andern Uli, der sich noch immer große Mühe gab, mir die
+wunderbarsten Dinger anzukuppeln. Aber, puh! davon war keine Rede mehr,
+nebendem daß ich noch überall an kein Heiraten denken durfte.</p>
+
+<div class="sidenote">Es geht auf Reisen</div>
+
+<p>Es war im Herbst, als ich eines Tages meinem Vater eine hübsche Buche
+im Wald fällen half. Ein gewisser Laurenz Aller von Schwellbrunn,
+ein Rechen- und Gabelmacher, war uns dabei behilflich und kaufte uns
+nachwärts das schönste davon ab. Unter allerhand Gesprächen kam's auch
+auf mich: »Ei, ei, Hans!« sagte Laurenz, »du hast da einen ganzen
+Haufen Buben. Was willst mit allen anfangen? Hast doch kein Gut,<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> und
+kann keiner ein Handwerk. Schad', daß du nicht die größten in die Welt
+'nausschickst. Da könnten sie ihr Glück machen. Siehst's ja an des
+Hans Joggelis seinen: Die haben im Welsch-Berngebiet gleich Dienst
+gefunden, sind noch kaum ein Jahr fort, und kommen schon wie ganze
+Herren neumontiert, mit goldbordierten Hüten heim, sich zu zeigen. Sie
+würden um kein Geld mehr hiezuland bleiben.« »Ha!« sagte mein Vater:
+»Aber meine Buben sind dazu zu läppisch und ungeschickt, des Hans
+Joggelis hingegen witzig und wohlgeschult; können lesen, schreiben,
+singen und geigen. Meine sind nur lauter Narren in Vergleichung; sie
+stehen, wo man's stellt, und tun's Maul auf.« »Behüte Gott!« versetzte
+Laurenz, »mußt das nicht sagen, Hans! Sie wären gewiß zu brauchen;
+sonderlich der große da ist wohl gewachsen, kann auch lesen und
+schreiben, und ist sicher kein Stockfisch — seh's ihm wohl an. Potz
+Wetter! wenn der recht getummelt wird, das gäb' einen Kerl. Würd'st die
+Augen aufsperren! Hans, ich will dir Mann dafür sein, daß er nach Jahr
+und Tag heimkommt gestiefelt und gespornt, und Geld hat wie Hünd,<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a>
+daß es dir ein' Ehr' und Freud' sein soll.« Während diesem Gespräch
+sperrt' ich Maul und Augen auf und guckte dem Vater ins Gesicht. Er
+mir dergleichen und sprach: »Was meinst, Uli?« Aber eh' ich antworten
+konnte, fuhr Laurenz fort: »Potz Hagel! wenn ich noch<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> so jung wär',
+und 's Maul voll hübsche Zähn' hätte, wie du, das ganze Tockenburg mit
+allen seinen Stricken und Seilern sollten mich nicht im Land behalten.
+Ich bin auch in der Welt 'rumkommen. Ha! da gibt's G'lobte Länder, und
+Geld z' verdienen wie Dreck. Weiß, was ich da gesehen hab'. Aber ich
+war halt ein liederlicher Narr, und nun ist's zu spät, wenn man dem
+Alter zuruckt, und gar ein Weib hat. Oh, ich möchte noch brieggen<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a>
+darob. Aber, was ist zu machen?« »Alles gut,« fiel mein Vater ein;
+»aber da müßt' er Empfehlungsschreiben oder sonst jemand haben, der ihm
+in den Teich hülfe. Ich wollte freilich gern all meine Kinder versorgt
+wissen, und keinem vor dem Glück stehn. Aber« — »Aber, was aber?«
+unterbrach ihn Laurenz. »Dafür laß mich sorgen, es soll dich nicht
+einen Heller kosten, Hans! und Bürg will ich dir sein, dein Bub soll
+versorgt werden, daß er einen Mann, daß er einen Herrn gibt. Ich kenne
+weit und breit angesehene Leut' genug, die solche Bursch' glücklich
+machen können; und da will ich dem Uli g'wiß den besten aussuchen, daß
+er mir's sein Lebtag danken soll.« — Mein Vater traute gegen seine
+Gewohnheit diesmal geschwind; denn er war dem Laurenz gut. Und von
+mir kam's, einige Liebesskrupel ausgenommen, von denen wir bald reden
+werden, gar nicht in Frage. Sobald es einmal von des Ätti Seite hieß:
+»Wie, Uli,<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> hätt'st Lust?« hieß es von meiner: »Ja!« Mein Vater mochte
+um so viel zufriedener sein, da er mich dergestalt vollends von Ännchen
+entfernen konnte. Der Mutter hingegen lag's gar nicht recht. Aber, man
+weiß es schon, wenn der Näbishans einmal einen Entschluß gefaßt, hätten
+ihn Himmel und Erde nicht mehr davon abwendig gemacht. Es ward also Tag
+und Stund' abgeredt, wo ich mit Laurenz verreisen sollte, ohne weiter
+einem Menschen ein Wort davon zu sagen: denn es mache nur unnötigen
+Lärm, sagte mein Führer.</p>
+
+<p>Gute Nacht, Welt! Ich geh' ins Tirol. So hieß es bei mir. Denn
+einesteils wenigstens war ich lauter Freude, meinte, der Himmel hange
+voll Geigen und Hackbrettlin, und hätt' Siegel und Brief in der Tasche,
+daß mein Glück gemacht sei. Andersteils ging mir's freilich entsetzlich
+nahe, nicht eben das Vaterland, aber das Land zu meiden, wo mein
+Liebstes wohnte. Ach! könnt' ich mein Ännchen nur mitnehmen, dacht' ich
+wohl hunderttausendmal. Aber dann wieder: Fünf, höchstens sechs Jahr'
+sind doch bald vorbei. Und wie wird's dann mein Schätzchen freuen, wenn
+ich mit Ehr' und Gut beladen, wie ein Herr nach Haus kehren, oder es zu
+mir in ein Gelobt Land abholen kann.</p>
+
+<div class="sidenote">Abschied vom Vaterland</div>
+
+<p>Also, auf den siebenundzwanzigsten des Herbstmonats (1755), Samstag
+abends, ward's abgeredt, den Weg in Gottes Namen unter die Füße zu
+nehmen. »Wir wollen bei Nacht und Nebel fort,« sagte Laurenz; »es gibt
+sonst ein gar zu wunderfitzig Gelüg, und an einem<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> Werktag hab' ich
+nicht Zeit. Mach' dich also reis'fertig. Einen guten Rock, damit ist's
+getan.« Samstag morgens macht' ich alles zurecht. Nun ging's an den
+Abschied. Mutter und Schwestern vergossen häufige Tränen, und fingen
+schon um Mittag an, mir tausendmal: Gott behüt', Gott geleit' dich!
+zu sagen. Mein Vater, ebenfalls voll Wehmut, gab mir nebst etlichen
+Batzen folgendes auf den Weg: »Uli!« sprach er, »du gehst fort, Uli!
+Ich weiß nicht wohin, und du weißt's ebensowenig. Aber Laurenz ist ein
+gereister Mann, und ich trau' ihm die Redlichkeit zu, er werd' irgendwo
+ein gutes Nest kennen, wo er dich absetzen kann. Du von deiner Seite
+halt' dich nur redlich und brav, so wird's, will's Gott! nicht übel
+fehlen. Jetzt bist du noch wie ein ungebacknes Brötlin. Gib Achtung und
+laß dich weisen, du bist gelehrig. Übrigens weißt du, ich hab' dir das
+Ding nie mit einem Wort weder geraten noch mißraten. Es war Laurenzens
+Einfall und dein Wille; denen fügt' ich mich, und zwar noch mit
+ziemlich schwerem Herzen. Denn am End' konnt' ich dir noch wie bisher
+Brot geben, wenn du dich weiter willig zu saurer und nicht saurer
+Arbeit, wie sie kommt, bequemt hättest. Aber darum werd' ich mich nicht
+minder freuen, wenn du jetzt Speis' und Lohn dazu auf eine leichtere
+Art verdienen oder gar dein Glück machen kannst. Was mir am meisten
+Mühe macht, Uli! ist deine Jugend und dein Leichtsinn. Glaub mir's, du
+gehst in eine verführerische Welt hinaus, wo's Halunken und Schurken<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span>
+genug gibt, die auf die Unschuld solcher Buben lauern. Ich bitt' dich,
+trau' keinem Gesicht, bis du's kennst, und laß dich zu nichts bereden,
+was dich nicht recht dünkt. Bete fleißig, wie Daniel zu Babel, und
+vergiß nie, daß, wenn ich dich schon nicht mehr sehe und höre, dein
+bessrer Vater im Himmel in alle Winkel der Welt sieht und hört, was du
+denkest und tust. Du weißt ja die Bibel, das heißt Gottes Wort, in- und
+auswendig. Sinn' ihm nach, und vergiß es nie, wie wohl's den frommen
+Leuten, die Gott liebten, gegangen ist. Denk! Ein Abraham, Joseph,
+David. Und wie hingegen jenen nichtsnutzen, gottlosen Buben, wie
+unglücklich sie worden sind. Um deiner Seelen willen, Uli! um deiner
+zeitlichen und ewigen Wohlfahrt willen, vergiß deines Gottes nicht.
+Wo der Himmel über dir steht, ist er stets bei dir. Ich kann weiter
+nichts, als dich seinem allmächtigen Schutz anbefehlen, und das will
+ich tun, unablässig.« — — So ging's noch eine kurze Weile fort. Mein
+Herz ward weich wie Wachs. Vor Schluchzen konnt' ich nichts sagen, als:
+»Ja, Vater, ja!« und in meinem Inwendigen hallt' es wieder: »Ja, Vater,
+ja!« Endlich, nach einer kurzen Stille, sprach er: »Nun, in Gottes
+Namen, geh!« und ich: »Ja, ich will gehen!« und: »Liebe, liebe Mutter!
+tu doch nicht so, es wird mir nicht gänzlich fehlen. Behüt' euch Gott!
+lieber Vater, liebe Mutter! Behüt' euch Gott alle, liebe Geschwisterte!
+Folgt doch dem Vater und der Mutter! Ich will ihren guten Ermahnungen
+auch folgen in der<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> weit'sten weiten Ferne.« Dann gab mir jedes die
+Hand. Die Zähren rollten ihnen über die feuerroten Backen. Ich mußte
+fast ersticken. Drauf gab mir die Mutter den Reisebündel und ging
+beiseite. Mein Vater geleitete mich noch ein Stück Wegs. Es war schon
+Abenddämmerung. In der Schamatten begegnete mir Kaspar Müller. Der gab
+mir ein artiges Reis'geldlin und Gottes Geleit auf die Straße.</p>
+
+<div class="sidenote">Abschied vom Schätzle</div>
+
+<p>Nun flog ich noch zu meinem Ännchen hin, welcher ich erst ein paar
+Nächte vorher mein Vorhaben entdeckt hatte. Sie ward darüber gewaltig
+verdrießlich, wollt' sich's aber anfangs nicht merken lassen.
+»Meinethalben,« sagte sie mit ihrem unnachahmlichen Bitterlächeln,
+»kannst gehen, hab' gemeint, wer nur so liebt, mag sich packen, wohin
+er will.« »Ach! Liebchen,« sprach ich, »du weißt wahrlich nicht, wie
+weh 's mir tut; aber du siehst wohl, mit Ehren könnten wir's so nicht
+mehr lang aushalten. Und ans Heiraten darf ich jetzt nicht denken. Bin
+noch zu jung; du bist noch jünger, und beide haben wir keines Kreuzers
+Wert. Unsre Eltern vermöchten nicht uns ein Nestlin zu schaffen, wir
+gäben ein ausgemachtes Bettelvölklin. Und wer weiß, das Glück ist
+kugelrund. Einmal, ich lebe der guten Hoffnung.« »Nun, wenn's so ist,
+was liegt mir dran?« fiel Ännchen ein. »Aber, gelt! du kommst noch
+einmal zu mir, eh' du gehst?« »Ja, freilich, warum nicht?« versetzt
+ich: »Das hätt' ich sonst getan!« Jetzt ging ich, wie gesagt, wirklich,
+meinem Herzchen<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> das letzte Lebewohl zu sagen. Sie stund an der Tür,
+sah meine Reisepäckchen, hüllte ihr hold gesenktes Köpfchen in ihre
+Schürze und schluchzte, ohne ein Wort zu sagen. Das Herz brach mir
+schier. Es machte mich wirklich schon wankend in meinem Vorhaben, bis
+ich mich wieder ein wenig erholt hatte. Da dacht' ich: In Gottes Namen!
+es muß denn doch sein, so weh' es tut. Sie führt mich in ihr Kämmerlin,
+setzt sich aufs Bett, zieht mich wild an ihren Busen, und — ach! ich
+muß einen Vorhang über diese Szene ziehn, so rein sie übrigens war, und
+so honigsüß mir noch heute ihre Vergegenwärtigung ist. Wer nie geliebt,
+kann's und soll's nicht wissen, und wer geliebt hat, kann sich's
+vorstellen. G'nug, wir ließen nicht ab, bis wir beide matt von Drücken,
+geschwollen von Küssen, naß von Tränen waren, und die andächtige Nonne
+in der Nachbarschaft Mitternacht läutete. Dann riß ich mich endlich
+aus Ännchens weichen, holden Armen los. »Muß es denn sein?« sagte sie:
+»Ist auf Himmel und Erde nichts dafür? Nein! Ich lass' dich nicht,
+geh' mit dir, so weit der Himmel blau ist. Nein, in Ewigkeit lass' ich
+dich nicht, mein alles, alles auf der Welt!« Und ich: »Sei doch ruhig,
+liebes, liebes Herzchen! Denk einmal ein wenig hinaus, was für Freude,
+wenn wir uns wiedersehen und ich glücklich bin!« Und sie: »Ach! ach!
+dann laßst du mich sitzen!« Und ich: »Ha! in alle Ewigkeit nicht, und
+sollt' ich der größte Herr werden und bei Tausenden gewinnen, in alle
+Ewigkeit lass' ich dich nicht<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> aus meinem Herzen. Und wenn ich fünf,
+sechs, zehn Jahre wandern müßte, werd' ich dir immer, immer getreu
+sein. Ich schwör' dir's«! (wir waren jetzt auf der Straße nach dem
+Dorf, wo Laurenz mich erwartete, fest umschlungen, und gaben uns Kuß
+und Kuß —) »Der blaue Himmel da ob uns mit allen seinen funkelnden
+Sternen, diese stille Mitternacht — diese Straße da sollen Zeugen
+sein!« Und sie: »Ja! ja! Hier meine Hand und mein Herz, fühl' meinen
+klopfenden Busen, Himmel und Erde seien Zeugen, daß du mein bist, daß
+ich dein bin; daß ich, dir unveränderlich getreu, still und einsam
+deiner harren will, und wenn's zehn und zwanzig Jahre dauern, wenn
+unsre Haare drüber grau werden sollten; daß mich kein männlicher Finger
+berühren, mein Herz immer bei dir sein, mein Mund dich im Schlaf küssen
+soll, bis« — — hier erstickten ihr die Tränen alle Worte. Endlich
+kamen wir zu Laurenzes Haus. Ich klopfte an. Wir setzten uns vors Haus
+aufs Bänkchen, bis er herunterkam. Wir achteten seiner kaum. Wirklich
+fing Ännchen jetzt wieder aufs neue an; die Scheu vor einem lebendigen
+Zeugen gab uns selber den Mut, uns besser zu fassen. Wir waren beide so
+beredt wie Landvögte. Aber freilich übertraf mich mein Schätzchen in
+der Redekunst, in Liebkosungen und Schwüren himmelweit. Bald ging's ein
+wenig bergauf. Nun wollte Laurenz Ännchen nicht weiterlassen. »Genug
+ist genug, ihr Bürschlin!« sagte er. »Uchel! so kämen wir ewig nicht
+fort. Ihr klebt da aneinander wie<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Harz. Was hilft jetzt das Brieggen?
+Mädel, es ist Zeit, mit dir ins Dorf zurück. Es gibt noch der Knaben
+mehr als genug!« Endlich, freilich währt' es lange genug, mußt' ich
+Ännchen selber bitten, umzukehren: »Es muß, es muß doch sein!« Dann
+noch einen einzigen Kuß, aber einen, wie's in meinem Leben der erste
+und der letzte war, und ein paar Dutzend Händedrück', und: Leb', leb'
+wohl! Vergiß mein nicht! Nein, gewiß nicht, nie, in Ewigkeit nicht! Wir
+gingen; sie stand still, verhüllte ihr Gesicht und weinte überlaut, ich
+nicht viel minder. Soweit wir uns noch sehen konnten, schweiten<a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a> wir
+die Schnupftücher und warfen einander Küsse zu. Jetzt war's vorbei.
+Wir kamen ihr aus dem Gesicht. Oh, wie's mir da zumute war! Laurenz
+wollte mir Mut einsprechen und fing eine ganze Predigt an: wie's in
+der Fremde auch schöne Engel gebe, gegen welche mein Ännchen nur ein
+Rotznäschen sei und dergleichen. Ich ward böse auf ihn, sagte aber kein
+Wort, ging immer stumm hinter ihm her, sah wehmütig ans Siebengestirn
+hinauf. Zwei kleine Sterne gegen Mittag sah ich, wie mir's deuchte,
+so nahe beisammen, als wenn sie sich küssen wollten, und der ganze
+Himmel schien mir voll liebender Wehmut zu sein. So ging's fort,
+ohne meinerseits zu wissen wohin, und ohne den mindesten Gedanken an
+Gutes oder Böses, das mir etwa bevorstehen könnte. Laurenz plauderte
+beständig;<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> ich hörte wenig und betete in meinem Inwendigen fast
+unaufhörlich: Gott behüte meine liebe Anne! Gott segne meine lieben
+Eltern! Gegen Tagesanbruch kamen wir nach Herisau. Ich seufzte noch
+immer meinem Schätzchen nach: Ännchen, Ännchen, liebstes Ännchen! Und
+nun, vielleicht für lange das letztemal, schreib' ich's noch mit großen
+Buchstaben: ÄNNCHEN!</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Wanderschaft">Wanderschaft</h2>
+</div>
+
+
+<p>Es war ein Sonntag. Wir kehrten im Hecht ein und blieben da den ganzen
+Tag. Alles gaffte mich an, als wenn sie nie einen jungen Tockenburger
+oder Appenzeller gesehen hätten, der in die Fremde ging, nicht wußte
+wohin, noch viel minder warum. An allen Tischen hört' ich viel von
+Wohlleben und lustigen Tagen reden. Man setzte uns wacker zu trinken
+vor. Ich war des Weins nicht gewohnt und darum bald aufgeräumt und
+recht guter Dingen.</p>
+
+<div class="sidenote">Nachtwanderung</div>
+
+<p>Wir machten uns erst bei anbrechender Nacht wieder auf den Weg. Ein
+fuchsroter Herisauer, und, wie Laurenz, ein Müller, war unser Gefährte.
+Es ging auf Gossau und Flohweil zu. An letzterm Ort kamen wir bei einem
+Schopf vorbei, wo etliche Mädel beim Licht Flachs schwungen. »Laßt mich
+einmal,« sagt' ich, »ich muß die Dinger sehn, ob keine meinem Schatz
+gleiche?« Damit setzt' ich mich unter sie hin und spaßte ein wenig
+mit ihnen. Aber da war wenig zu vergleichen. Indessen musterten mich
+meine Führer fort, sagten, ich werde derlei Zeug noch genug bekommen,
+und machten allerlei schmutzige Anmerkungen, daß ich rot bis über
+die Ohren ward. Dann kamen wir auf Rickenbach, Frauenfeld, Nünforn.
+Hier überfiel mich mit eins eine entsetzliche Mattigkeit. Es war, des
+Marschierens und Trinkens nicht einmal zu gedenken,<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> das erstemal
+in meinem Leben, daß ich zwo Nächte nacheinander nicht geschlafen
+hatte. Allein die Kerls wollten nichts vom Rasten hören, pressierten
+gewaltig auf Schaffhausen zu, und gaben mir endlich, da ich schwur,
+ich könnte keinen Schritt weiter, ein Pferd. Das gefiel mir nicht
+unfein. Unterwegs ging's an ein Predigen, wie ich mich in Schaffhausen
+verhalten, hübsch grad strecken und frisch antworten sollte. Dann
+flismeten<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a> sie zwei miteinander, doch mit Fleiß so, daß ich's hören
+mußte, von galanten Herren, die sie kennten, deren Diener es so gut
+hätten als die Größten im Tockenburg. »Sonderlich,« sagte Laurenz,
+»kenn' ich einen Deutschländer, der sich dort inkognito aufhält, gar
+ein vornehmer Herr von Adel, der allerlei Bediente braucht, wo's der
+geringste besser hat als ein Landamman.« »Ach!« sagt' ich, »wenn ich
+nur nicht zu ungeschickt wäre, mit solchen Herren zu reden!« — »Nur
+gradzu gered't, wie's kömmt,« sagten sie, »so haben's dergleichen
+vornehme Leut' am liebsten.«</p>
+
+<div class="sidenote">In Schaffhausen</div>
+
+<div class="sidenote">Preußische Werbeoffiziere</div>
+
+<p>Wir kamen noch bei guter Zeit in Schaffhausen an und kehrten beim
+Schiff ein. Als ich vom Pferd eher fiel als stieg, war ich halb
+lahm und stund da wie ein Hosendämpfer. Da ging's von Seite meiner
+Führer an ein Mustern, das mich bald wild machte, da ich nicht
+begreifen konnte, was endlich draus werden sollte. Als wir die Stiege
+hinaufkamen, hießen sie mich ein wenig<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> auf der Laube warten, traten
+in die Stube und riefen mich nach wenigen Minuten hinein. Da sah ich
+einen großen hübschen Mann, der mich freundlich anlächelte. Sofort
+hieß man mich die Schuh' ausziehn, stellte mich an eine Säul' unter
+ein Maß und betrachtete mich vom Kopf bis zu'n Füßen. Dann red'ten
+sie etwas Heimliches miteinander; und hier stieg mir armen Bürschchen
+der erste Verdacht auf, die zwei Kerls möchten's nicht zum besten
+mit mir meinen. Dieser Argwohn verstärkte sich, als ich deutlich die
+Worte vernahm: »Hier wird nichts draus, wir müssen weiter gehn.«
+»Heut' setz' ich keinen Fuß mehr aus diesem Haus,« sagt' ich zu mir
+selber; »ich hab' noch Geld!« Meine Führer gingen hinaus. Ich saß
+am Tische. Der Herr spazierte das Zimmer auf und ab und guckte mich
+unterweilen an. Neben mir schnarchte ein großer Bengel auf der Bank,
+der wahrscheinlich im Rausch in die Hosen geschwitzt, daß es kaum zu
+erleiden war. Als der Herr während der Zeit einmal aus der Stube ging,
+nahm ich die Gelegenheit wahr, die Wirtsjungfer zu fragen, wer denn
+wohl dieser Bursche sein möchte. »Ein Lumpenkerl,« sagte sie. »Erst
+heute hat ihn der Herr zum Bedienten angenommen, und schon sauft der
+H. sich blindstern voll und macht e'n Gestank, puh!« — »Ha!« sagt'
+ich, eben als der Herr wieder hereintrat, »so ein Bedienter könnt'
+ich auch werden.« Dies hört' er, wandte sich gegen mich und sprach:
+»Hätt'st du zu so was Lust?« »Nachdem es ist,« antwortet' ich. »Alle
+Tag neun<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Batzen,« fuhr er fort, »und Kleider so viel du nötig hast.«
+»Und was dafür tun?« versetzt' ich. Er: Mich bedienen. Ich: Ja! wenn
+ich's könnte. Er: Will dich's schon lehren. Pursch, du gefällst mir.
+Wir wollen's vierzehn Tag probieren. Ich: Es bleibt dabei. Damit war
+der Markt richtig. Ich mußt' ihm meinen Namen sagen. Er ließ mir
+Essen und Trinken vorsetzen und tat allerlei gutmütige Fragen an
+mich. Unterdessen waren meine Gefährten, wie ich nachwärts erfuhr,
+zu ein paar andern preußischen Werbeoffizieren gegangen, deren sich
+damals fünf auf einmal in Schaffhausen befanden, und machten bei
+ihrer Zurückkunft große Augen, als sie mich so draufloszechen sahen.
+»Was ist das?« sagte Laurenz. »Geschwind, komm! Jetzt haben wir dir
+einen Herrn gefunden.« »Ich hab' schon einen,« antwortet' ich. Und
+Er: »Wie, was? ohne Umständ« und wollten schon Gewalt brauchen. »Das
+geht nicht an, ihr Leute!« sagte mein Herr. »Der Bursch' soll bei mir
+bleiben!« »Das soll er nicht,« versetzte Laurenz. »Er ist uns von
+seinen Eltern anvertraut.« »Lirum! Larum!« erwiderte der Herr. »Er hat
+zu mir gedungen, und damit auf und Holla!« Nach einem ziemlich heftigen
+Wortwechsel gingen sie miteinander in ein Nebenkabinett, wo Laurenz
+und der Herisauer, wie ich im Verfolg hörte, sich mit drei Dukaten
+abspeisen ließen, von denen einer meinem Vater werden sollte, den er
+aber nie ansichtig ward. Damit brachen sie ganz zornig auf, ohne nur
+mit einem<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> Wort von mir Abschied zu nehmen. Anfangs sollen sie bis auf
+zwanzig Louisdor für mich gefordert haben.</p>
+
+<div class="sidenote">Als Bedienter</div>
+
+<p>Den folgenden Tag ließ mein Herr einen Schneider kommen und mir das Maß
+von einer Montierung nehmen. Alle andern Beitaten folgten in kurzem.
+Da stand ich gestiefelt und gespornt, funkelnagelneu vom Scheitel bis
+an die Sohlen. Ein hübscher bordierter Hut, samtne Halsbinde, ein
+grüner Frack, weißtüchene Weste und Hosen, neue Stiefel, nebst zwei
+paar Schuhen: alles so nett angepaßt. — Sackerlot! Da bildet' ich
+mir kein kaltes Kraut ein. Mein Herr reizte mich noch dazu, nur ein
+wenig stolz zu tun. »Ollrich!« sagte er: »Wenn du die Stadt auf- und
+abgehst, mußt du hübsch gravitätisch marschieren, den Kopf recht in
+die Höhe, den Hut ein wenig auf's eine Ohr.« Mit eigner Hand gürtete
+er mir einen Pallasch an die Seite. Als ich so das erstenmal über
+die Straße ging, war's mir, als ob ganz Schaffhausen mein wäre. Auch
+rückte alles den Hut vor mir. Die Leut' im Haus begegneten mir wie
+einem Herrn. Wir hatten in unserm Gasthof hübsch möblierte Zimmer, und
+ich selber ein ganz artiges. Ich sah aus meinem Fenster alle Stunden
+des Tags das frohe Gewimmel der durchs Schifftor aus- und eingehenden
+Menschen, Pferde, Wagen, Kutschen und Chaisen, und, was mir nicht wenig
+schmeichelte, man sah und bemerkte auch mich. Mein Herr, der mir bald
+so gut war, als ob ich sein eigner Sohn wäre,<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> lehrte mich frisieren,
+frisierte mich anfangs selbst und flocht mir einen tüchtigen Haarzopf.
+Ich hatte nichts zu tun, als ihm bei Tisch zu servieren, seine Kleider
+auszuklopfen, mit ihm spazieren zu fahren, auf die Vögeljagd zu gehn
+und dergleichen. Ha! das war ein Leben für mich. Die meiste Zeit durft'
+ich vollends allein wandeln, wohin es mir beliebte. Alle Tag' ging
+ich bald durch alle Gassen in dem hübschen Schaffhausen; denn außer
+Lichtensteig hatt' ich bisher noch keine Stadt gesehn, und kein größer
+Wasser als die Thur. Ich spazierte also bald alle Abend an den Rhein
+hinaus und konnte mich an diesem mächtigen Fluß kaum satt sehn. Als ich
+den Sturz bei Laufen das erstemal sah und hörte, ward mir's braun und
+blau vor den Augen. Ich hatte mir's, wie so viele, ganz anders, aber so
+furchtbar majestätisch nie eingebildet. Was ich mir da für ein klein
+winziges Ding schien! Nach einem stundenlangen Anstaunen kehrt' ich
+ordentlich wie beschämt nach Haus. Bisweilen ging's auf den Bonenberg,
+der schönen Aussicht wegen. An der Lände half ich den Schiffleuten, und
+fuhr bald selbst mit Pläsier hin und her.</p>
+
+<div class="sidenote">Unerwarteter Besuch</div>
+
+<p>So stund's, und mir war himmelwohl, als, ohne Zweifel durch meine
+wackern Begleiter, das Gerücht in meine Heimat kam, man hätte mich aufs
+Meer verkauft; namentlich sollte dies ein Mann ausgesagt haben, der
+mich mit eignen Augen anschmieden und den Rhein hinunterführen gesehn.
+Schon stellte man mich<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> allen Kindern zum Exempel vor, daß sie fein
+bei Haus bleiben und sich nicht in die böse Welt wagen sollten. Zwar
+glaubte mein Vater kein Wort hievon; weil aber die Mutter so grämlich
+tat, ihm Vorwürf' über Vorwürfe machte und Tag und Nacht keine Ruhe
+ließ, entschloß er sich endlich, auf Schaffhausen zu kehren und sich
+selbst nach dem Grund oder Ungrund dieser Märe zu erkundigen. Also an
+einem Abend, welche Freude für uns beide, als mein innigstgeliebter
+Vater so ganz unerwartet, daß ich meinen Augen kaum trauen durfte, in
+meine Kammer trat! Er erzählte mir, was ihn hergeführt, und ich ihm,
+wie glücklich ich sei. Ich zeigte ihm meinen Kasten, die scharmanten
+Kleider darin, alles Stück für Stück bis auf die Hemdknöpflin, und
+stellte ihn meinem guten Herrn vor, der ihn freundlich bewillkommte
+und bestens zu traktieren befahl. — Nun aber traf's sich, daß man
+gerade den Abend nach dem Nachtessen in unserm Gasthof tanzte, und
+mein Herr als ein Liebhaber von allen Lustbarkeiten sich solches auch
+schmecken ließ, so wie mein Vater und ich uns am Tischchen in einem
+Winkel der großen Gaststube unsern Braten. Ganz unversehens kam er
+auf mich zu: »Ollrich! komm, mußt auch eins mit den jungen Leuten
+da tanzen.« Vergebens entschuldigt' ich mich und bezeugte auch mein
+Vater, daß ich mein Lebtag nie getanzt hätte. Da half alles nichts.
+Er riß mich hinterm Tisch hervor und gab mir die Köchin im Haus, ein
+artiges Schwabenmeitlin, an die Hand. Der<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Schweiß tropfte mir von der
+Stirn vor Scham, daß ich in Gegenwart meines Vaters tanzen sollte. Das
+Mädchen inzwischen riß mich so vertummelt herum, daß ich in kurzem
+sinnlos von einer Wand zu der andern platschte, und damit allen
+Zuschauern zum Spektakel ward. Mein lieber Ätti red'te zwar bei dieser
+ganzen Szene kein Wort; aber von Zeit zu Zeit warf er auf mich einen
+wehmütigen Blick, der mir durch die Seele ging. Wir legten uns noch
+zeitig genug zu Bette. Ich ward nicht müde, ihm nochmals eine ganze
+Predigt zu machen, wie wohl ich mich befinde, was ich für einen gütigen
+Herrn habe, wie freundlich und väterlich er mir begegne und so fort.
+Er gab mir nur mit abgebrochenen Worten Bescheid: Ja, so, es ist gut,
+und schlief, so wie ich nicht minder, ziemlich unruhig ein. Des Morgens
+nahm er Abschied, sobald mein Herr erwacht war. Derselbe zahlte ihm die
+Reisekosten, gab ihm noch einen Taler auf den Weg, und versicherte ihn
+hoch und teuer, ich sollt' es gewiß gut bei ihm haben und wohl versorgt
+sein, wenn ich mich weiter treu und redlich betragen würde. Mein
+redlicher Vater, der nun schon wieder Mut und Zutrauen faßte, dankte
+höflich und empfahl mich aufs beste. Ich gab ihm das Geleit bis zum
+Kloster Paradies. Auf der Straße sprachen wir so herzlich miteinander,
+als es seit jener Krankheit in meiner Jugend nie geschehen. Er gab mir
+vortreffliche Erinnerungen: »Vergiß deine Pflichten, deine Eltern und
+deine Heimat nicht, so wird dich<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> Gottes Vaterhand gewiß auf gute Wege
+leiten, welche freilich weder ich noch du voraussehn.« Beim Abschied
+zerdrückten wir uns fast. Ich konnte vor Schluchzen kaum ein: Behüte,
+behüte Gott! herstammeln, und dachte immer: Ach! könnt' ich doch mein
+gegenwärtiges Glück ungetrennt von meinem guten Ätti genießen, jeden
+Bissen mit ihm teilen, und dergleichen.</p>
+
+<div class="sidenote">Der Dienst</div>
+
+<div class="sidenote">Johann Markoni</div>
+
+<p>Meines Diensts war ich bald gewohnt. Mein Herr hatte, ohne mein Wissen,
+etlichemal meine Treu auf die Probe gestellt, und hie und da im
+Zimmer Geld liegen lassen. Als bald nachher einem andern preußischen
+Werboffizier sein Bedienter mit dem Schelmen davonging und ihm über
+achtzig Gulden enttrug, sagte mein Herr zu mir: »Willst du mir's auch
+einmal so machen, Ollrich?« Ich versetzte lachend: Wenn er mir so
+etwas zutraue, soll er mich lieber fortjagen. Ich hatte aber wirklich
+sein Vertrauen so sehr gewonnen, daß er mir den ganzen Winter durch
+die Schlüssel zu seiner Stube und Kammer ließ, wenn er etwa ohne
+Bedienten kleine Touren machte. Hinwieder ehrte und liebte ich ihn wie
+einen Vater. Aber er war auch freundlich und gütig danach. Nur zu viel
+konnt' ich spazieren und müßig gehn, und fuhr ich, besonders im Herbst,
+oft über Rhein auf Feuerthalen, denn die alte Brücke war kurz vorher
+eingefallen, und die neue erst akkordiert, in die Weinlese. Dort half
+ich dem jungen Volke Trauben essen, bis ans Halszäpflin. Einmal bei
+einer solchen Überfahrt sagte mir jemand: »Nun, wie geht's Ulrich?<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span>
+Weißt du auch, daß dein Herr ein preußischer Offizier ist?« Ich: »Ja!
+meinetwegen, er ist ein herzguter Herr.« »Ja, ja!« sagte jener, »wart'
+nur, bis d'enmal in Preußen bist, da mußt Soldat sein und dir den
+Buckel braun und blau gerben lassen. Um tausend Taler möcht' ich nicht
+in deiner Haut stecken.« Ich sah dem Burschen starr ins Gesicht, und
+dachte bloß, der Kerl rede so aus Bosheit oder Neid; ich ging dann
+geschwind nach Haus und erzählte meinem Herrn alles haarklein, worauf
+derselbe versetzte: »Ollrich, Ollrich! Du mußt nicht so jedem Narren
+und Flegel dein Ohr geben. Ja! es ist wahr, preußischer Offizier bin
+ich — und was ist's denn? von Geburt ein polnischer Edelmann, und
+damit ich dir alles auf die Nase binde, heiß' ich Johann Markoni.
+Bisher nanntest du mich Herr Leutnant. Aber eben dieser Grobiane wegen
+sollst du mich künftig Ihr Gnaden! schelten! Übrigens sei nur getrost
+und guten Muts, dir soll's, bei Edelmanns Parole! nie fehlen, wenn du
+anders ein wackrer Bursche bleibst. Soldat solltest werden? Nein, bei
+meiner Seel' nicht! Ich konnt' dich ja haben, um ein paar schlichte
+Louisdor wollten deine beiden saubern Landsleut' dich verkaufen. Aber
+du warst mir dazu etwas zu kurz; von deiner Länge nimmt man noch keinen
+an, und ich behielt dir was Besseres vor.« Nun, dacht' ich, bin ich
+Leibs und Guts sicher. Ha, der gute Herr! Er hätt' mich können haben.
+Die Schurken! Ja wohl, mich verkaufen? Der Henker lohn's ihnen! Aber
+komm'<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> mir mehr so einer, ich will ihm das Maul mit Erde stopfen. Was
+für ein vornehmer Herr muß nicht Markoni sein, und dabei so gut! Kurz,
+ich glaubte ihm von nun an alles wie ein Evangelium.</p>
+
+<div class="sidenote">Oh, die Mütter</div>
+
+<p>Markoni machte bald hernach eine Reise nach Rottweil am Neckar, zwölf
+Stunden von Schaffhausen. Ich mußte mit, und zwar in der Chaise. In
+meinem Leben war ich in keinem solchen Ding gesessen. Der Kutscher
+sprengte die Stadt hinauf bis ans Schwabentor, daß es donnerte. Ich
+meinte alle Augenblick', es müsse umschlagen, und wollte mich an
+allen Wänden halten. Markoni lachte sich die Haut voll: »Du fällst
+nicht, Ollrich! Nur hübsch gerade!« Ich war's bald gewohnt, und das
+Fuhrwerk, sowie überhaupt die ganze Tour machte mir viel Vergnügen.
+Indessen begegnete mir während der Zeit ein fataler Streich. Meine
+Mutter war wenige Tage nach unserer Abreise gen Schaffhausen gekommen,
+und mußte, da ihr der Wirt nicht sagen konnte, wenn wir zurückkämen,
+noch welchen Weg wir genommen, wieder nach Haus kehren, ohne ihr
+liebes Kind gesehen zu haben. Sie hatte mir mein Neues Testament und
+etliche Hemden gebracht, und dem Wirt befohlen, mir's nachzuschicken,
+falls ich nicht wieder auf Schaffhausen käme. Oh, die gute Mutter! Es
+war eine kleine Buße für ihren Unglauben, sie wollte dem Vater nicht
+trauen, daß er mich angetroffen, sondern mit eignen Augen sehen und
+erst dann glauben. Ganz trostlos, unter tausend Tränen soll sie wieder
+von Schaffhausen<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> heimgegangen sein. Dies schrieb mir auf ihr Ansuchen
+bald darauf Herr Schulmeister Am Bühl zu Wattweil, mit dem Beifügen,
+sie lasse mir, da sie keine Hoffnung habe, mich jemals wieder zu sehen,
+hiemit ihr letztes Lebewohl sagen, und gebe mir ihren Segen. Es war
+ein sehr schöner Brief, er rührte mich innig. Unter anderm stand auch
+darin: Als das Gerücht in meine Heimat gekommen, ich müsse über Meer,
+hätten meine jungen Schwesterchen all ihr armes Gewändlin dahingeben
+wollen, mich loszukaufen, die Mutter desgleichen. Damals waren ihrer
+neun Geschwisterte bei Hause. Man sollte denken, das wären ihrer genug.
+Aber eine rechte Mutter will keins verlieren, denn keins ist das andre.
+Wirklich war sie drei Wochen vorher noch im Kindbett gelegen und kaum
+aufgestanden, als sie meinetwegen auf Schaffhausen kam. Oh, die Mütter,
+die Mütter!</p>
+
+<div class="sidenote">Hin und her</div>
+
+<div class="sidenote">Leben in Rottweil</div>
+
+<p>Da wir uns einstweilig in Rottweil im Gasthof zur Armbrust
+niederließen, schrieb mein Herr auf Schaffhausen, wo er wäre, damit,
+wenn seine Wachtmeister Rekruten machten, man ihm solche nachschicken
+könnte. Er bekam bald Antwort. Derselben war auch das Geschenk meiner
+Mutter, das Schreiben des Herrn Am Bühl, und — ich sprang hochauf! —
+eines von Ännchen beigebogen; dieses letztre offen, denn es sollte ein
+Zürchgulden zum Grüßchen drinstecken, und der war fort. Was schierte
+mich das? Die süßen Fuchswörtlin<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> in dem Briefchen entschädigten mich
+reichlich. Meiner unverschobnen ausführlichen Antworten auf diese
+Zuschriften will ich nicht gedenken. Die an Ännchen zumal war lang wie
+ein Nestelwurm. — Diesmal blieben wir nur kurze Zeit zu Rottweil,
+gingen wieder nach dem lieben Schaffhausen zurück, und machten von
+Zeit zu Zeit kleine Touren auf Dießenhofen, Stein am Rhein, Frauenfeld
+u. s. f. Alle Wochen kamen Säumer aus dem Tockenburg herunter. Schon
+als Landskraft waren sie mir lieb, und ich freute mich immer, sobald
+ich nur die Schellen ihrer Tiere hörte. Jetzt machte ich nähere
+Bekanntschaft mit ihnen, und gab ihnen ein paarmal Briefe und kleine
+Geschenke an mein Liebchen und an meine Geschwister mit, erhielt aber
+keine Antwort. Ich wußte nicht, wo es fehlte. Das drittemal bat ich
+einen solchen Kerl, mir doch alles richtig zu bestellen. Er guckte das
+Päckchen an, runzelte die Stirn und wollte weder ja noch nein sagen.
+Ich gab ihm einen Batzen. »So, so,« sprach jetzt mein Herr Landsmann,
+»das Ding soll richtig bestellt werden.« Und wirklich bekam ich bald
+ordentliche Empfangscheine. Meine ältern Briefe und schweren Sachen
+hingegen waren natürlich nach Holland geschwommen.</p>
+
+<p>In Schaffhausen lagen damals fünf preußische Werboffiziers in
+verschiedenen Wirtshäusern. Alle Tag traktierte einer die andern.
+So kam's auch jeden fünften Tag an uns. Das kostete jedesmal einen
+Louisdor, dafür gab's freilich Burgunder und Champagner<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> gnug zu
+trinken. Aber bald hernach wurde ihnen ihr Handwerk gelegt, wie die
+Sag' ging, weil ein junger Schaffhauser, der in Preußen seine Jahre
+ausgedient, keinen Abschied kriegen konnte. Kurz, sie mußten alle fort,
+und neue Nester suchen. Mein Herr hatte ohnehin hier schlechte Beute
+gemacht, drei einzige Erzschurken ausgenommen, die sich, Verbrechen
+wegen, auf flüchtigen Fuß setzen mußten. Wir begaben uns wieder nach
+Rottweil. Hier kriegten wir in etlichen Wochen vollends einen einzigen
+Kerl, einen Deserteur aus Piemont, der aber Markoni viel Freude
+machte, weil er sein Landsmann war, und mit ihm polnisch parlieren
+konnte. Sonst war's in Rottweil ein lustig Leben. Besonders gingen
+wir oft mit einem andern Werboffizier, nebst unserm braven Wirt und
+etlichen Geistlichen, in die Nachbarschaft aufs Jagen. Im Hornung
+1756 machten wir eine Reise nach Straßburg. Auf dem Weg nahmen wir zu
+Haßlach im Kinzingertal unser Schlafquartier. In derselben Nacht war
+das entsetzliche Erdbeben, welches man durch ganz Europa verspürte.
+Ich empfand nichts davon, denn ich hatte mich tags vorher auf einem
+Karrngaul todmüd geritten. Am Morgen aber sah' ich alle Gassen voll
+Schornsteine, und im nächsten Wald war die Straße mit umgeworfenen
+Bäumen in die Kreuz und Quer so verhackt, daß wir mehrmals Umwege
+nehmen mußten. In Straßburg mußt' ich Maul' und Augen aufsperren, denn
+da sah' ich erstens: die erste, große Stadt; zweitens:<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> die erste
+Festung; drittens: die erste Garnison; und viertens: am dortigen
+Münster das erste Kirchengebäud', bei dessen Anblick ich nicht lächeln
+mußte, wenn man es einen Tempel nannte. Wir brauchten acht Tag' zu
+dieser Tour. Mein Herr hielt mich auch diesmal gastfrei und zahlte mir
+gleich meinen Sold. Da hätt' ich Geld machen können wie Heu, wär' ich
+nicht ein liederlicher Tropf gewesen. Er selbst hielt nicht viel besser
+Haus. Bei unsrer Rückkehr hatten wir zu Rottweil alle Tage Ball, bald
+in diesem, bald in jenem Wirtshause. Fast alle Hochzeiten richtete man,
+Markoni zu Gefallen, in dem unsrigen an. Der beschenkte alle Bräute,
+und trillerte dann eins mit ihnen herum. Auch für mich war dies ein
+ganzes Fressen. Zwar hatt' ich mir's fest vorgenommen, meinem Ännchen
+treu zu bleiben, und hielt wirklich mein Wort, gleichwohl aber macht'
+ich mir kein Gewissen daraus, hie und da mit einem hübschen Kind zu
+schäkern, wie mich denn auch die Dinger recht wohl leiden mochten.
+Mein Herr war vollends ein Liebhaber des schönen Geschlechts bis zum
+Entsetzen, und im Notfall jede Köchin ihm gut genug. Mich bewahre
+Gott davor, dacht' ich oft, so ein armes bisher ehrliches Mädchen zu
+besudeln, dann heut oder morgen wegzureisen und es sitzen zu lassen.
+Eine von den beiden Köchinnen im Wirtshause, Mariane, dauerte mich
+innig. Sie liebte mich heftig, gab und tat mir, was sie mir an den
+Augen ansah. Ich hingegen bezeigte mich immer schnurrig, sie ließ
+sich's<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> aber nicht anfechten, und blieb gegen mich stets dieselbe.
+Schön war sie nicht, aber herzlich gut. Die andre Köchin, Hanne, machte
+mir schon mehr Anfechtungen. Diese war zierlich hübsch, und ich,
+vermutlich darum, eine Zeitlang sterblich verliebt in sie. Hätt' sie
+meine Aufwart williger angenommen, wär' ich wirklich an ihr zum Narren
+worden. Aber ich sah bald, daß sie gut mit Markoni stund. Ich merkte,
+daß sie alle Morgen zu ihm aufs Zimmer schlich. Damit tat sie mir
+einen doppelten Dienst: Erstlich verwandelte sich meine Liebe in Haß,
+zweitens stand nun mein Herr nicht mehr so früh als gewöhnlich auf,
+also konnt' auch ich hinwieder um so viel länger schlafen. Bisweilen
+kam er schon gestiefelt und gespornt auf meine Kammer und traf mich
+noch im Bett' an, ohne mir Vorwürf' zu machen, denn er merkte, daß
+ich wußte, wo die Katz' im Stroh lag. Nichtsdestoweniger warnte er
+mich, nach solcher Herren Weise, vor seinen eignen Sünden mit großem
+Ernst. »Ollrich!« hieß es da, »hörst, mußt dich mit den Mädels nicht
+zu weit einlassen, du könnt'st die schwere Not kriegen!« Übrigens
+hatt' ich's in allen Dingen bei und mit ihm wie von Anfang, viel
+Wohlleben für wenig Geschäfte, und meist einen Patron wie die liebe
+Stunde, zwei einzige Mal ausgenommen, einmal, da ich den Schlüssel
+zum Halsband seines Pudels nicht auf der Stell' finden konnte, das
+andre Mal, da ich einen Spiegel sollte zerbrochen haben. Beidemal
+war ich unschuldig. Aber das hätt' mir wenig geholfen,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> sondern nur
+durch demütiges Schweigen entging ich der zumal des Schlüssels wegen
+schon über mir gezogenen Fuchtel. Derlei Geschichtchen, kurz, alles,
+was mir Süßes oder Saures widerfuhr, meine Liebesmücken ausgenommen,
+schrieb ich fleißig nach Haus, und predigte bei solchen Anlässen meinen
+Geschwistern ganze Litaneien voll, wie sie Vater, Mutter und andern
+Vorgesetzten ja nie widerbelfern, sondern, auch wo sie Unrecht zu
+leiden vermeinen, sich hübsch gewöhnen sollten, das Maul zu halten,
+damit sie's nicht von fremden Leuten erst zu spät lernen müßten. Alle
+meine Briefe ließ ich meinem Herrn lesen, nicht selten klopfte er mir
+während der Lektur auf die Schulter! Bravo, Bravo! sagte er dann,
+verpitschierte sie mit seinem Siegel, und hielt mich in Ansehung aller
+an mich eingehenden Depeschen portofrei.</p>
+
+<p>Mir ist so wohl beim Zurückdenken an diese glücklichen Tage! Heute noch
+schreib' ich mit innigem Vergnügen davon, und ich bin jetzt noch so
+wohl zufrieden mit meinem damaligen Ich, so geneigt, mich über alles zu
+rechtfertigen, was ich in diesem Zeitraum tat und ließ. Freilich vor
+dir nicht, Allwissender! Aber vor Menschen darf ich's sagen: Damals war
+ich ein guter Bursch' ohne Falsch, vielleicht für die arge Welt nur
+zu redlich. Harmlos und unbekümmert bracht' ich meine Tage hin, heut'
+wie gestern, und morgen wie heute. Kein Gedanke stieg in mir auf, daß
+es mir jemals anders als gut gehen könnte. In allen Briefen<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> schrieb
+ich meinen Eltern, sie sollten zwar für mich beten, aber nicht für
+mich sorgen, der Himmel und mein guter Herr sorgten schon für mich.
+Man glaube mir's oder nicht, der einzige Kummer, der mich bisweilen
+anfocht, war dieser: Es dürft' mir noch zu wohl werden, und dann möcht'
+ich Gottes vergessen. Aber nein! beruhigte ich mich bald wieder, das
+werd' ich nie: War er's nicht, der mir, durch Mittel, die nur seine
+Weisheit zum besten lenken konnte, zu meinem jetzigen erwünschten Los
+half? Mein erster Schritt in die Welt geriet unter seiner leitenden
+Fürsorge so gut; warum sollten die folgenden nicht noch besser
+gelingen? Auf irgendeinem Fleck der Erde werd' ich vollends mein Glück
+bau'n. Dann hol' ich Ännchen, meine Eltern und Geschwister zu mir,
+und mache sie des gleichen Wohlstands teilhaft. Durch welche Wege?
+fragt' ich mich nie, und hätt' ich daran gedacht, so wär's mir nicht
+schwer gewesen, drauf zu antworten, denn damals war mir alles leicht.
+Zudem kam mein Herr tagtäglich mit allerlei Exempeln von Bauern, die
+zu Herren worden, und andern Fortunaskindern angestochen. Der Herren,
+die zu Bettlern worden, tat er keine Meldung. Er versprach auch, an
+meinem ferneren Fortkommen wie ein treuer Vater zu arbeiten. Was hätt'
+ich weiter befürchten sollen, oder vielmehr, was nicht alles hoffen
+dürfen? Von einem Herrn wie Markoni, einem so großen Herrn, dacht'
+ich Esel, dem zweit- oder drittnächsten vielleicht auf den König, der
+Länder und<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Städte, geschweige Gelds zu vergeben hat, soviel er will.
+Aus seiner jetzigen Güte zu schließen, was wird er erst für mich in
+der Zukunft tun? Oder warum sollt' er auf mich groben, ungeschliffenen
+Flegel jetzt schon so viel wenden, wenn er nicht große Dinge mit mir
+im Sinn hätte? Konnt' er mich nicht, gleich andern Rekruten, geradezu
+nach Berlin transportieren lassen, wenn er je im Sinn hätte, mich zum
+Soldaten zu machen, wie mir's ehemals ein paar böse Mäuler aufbinden
+wollten? Nein! Das wird in Ewigkeit nicht gescheh'n, darauf will ich
+leben und sterben. So dacht' ich, wenn ich vor lauter Wohlbehagen je
+Zeit zu denken hatte. Gesund war ich wie ein Fisch. Das Traktement
+konnt' ich nach meinem Geschmack wählen, und Mariane ließ mir's an
+guten Bissen nie fehlen. Tanz und Jagd förderten die Dauung; denn ohne
+das hätt's mir freilich an Bewegung gefehlt. Markoni besuchte, bald hie
+bald da, alle Edelleut' in der Runde. Ich mußte überall mit; und es tat
+mir in der Seele wohl, wenn ich sah, wie er ordentlich Hoffart mit mir
+trieb. Sonst waren solche Ausritte zu diesen meist armen Schmalzgrafen
+seinem Geldbeutel wenig nutz. Dann kostete ihn das Tarockspiel mit
+Pfaffen und Laien auch schöne Batzen. Einst mußt' ich darum die Karten
+vor seinen Augen in kleine Stück zerreißen und dem Vulkan zum Opfer
+bringen, aber morgens drauf ihm schon wieder neue holen. Ein andermal
+hatt' er auch eine ziemliche Summ' verloren, und kam abends um neun
+Uhr<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> mit einem tüchtigen Räuschchen verdrießlich nach Haus. »Ollrich!«
+sagte er, »geh', schaff mir Spielleut', es koste, was es will.« »Ja,
+Ihr Gnaden!« antwortet ich, »wenn ich dergleichen wüßte; und dann ist's
+schon so spät und stockfinster.« »Fort, Racker!« fuhr er fort, »oder
+—« und machte ein fürchterlich wildes Gesicht. Ich mußte mich packen,
+stolperte im Dunkeln durch alle Straßen, und spitzte die Ohren, ob
+ich nirgends eine Geige höre? Als ich endlich zu oberst im Städtchen
+an die Müller- und Bäckerherberg' kam, merkt' ich, daß es da etwas
+Herumspringens absetzen wollte. Ich schlich mich hinauf und ließ einen
+Spielmann herausrufen. Die Bursch' in der Stube schmeckten den Braten;
+ein paar von ihnen kamen ihm auf dem Fuß nach, und husch! mit Fäusten
+über mich her. Dem Wirt hatt' ich's zu danken, daß sie mich nicht fast
+zu Tod geschlagen. Der Apollossohn hatte mir zwar ins Ohr geraunt,
+sie wollten bald aufwarten. Jetzt aber zweifelt' ich, ob er mir Wort
+halten könnte. Dennoch war ich Tropfs genug, sobald ich nach Haus
+kam, mit den Worten ins Zimmer zu treten: »Ihr Gnaden! innert einer
+Viertelstund' werden sie da sein!« — Die Furcht vor neuen Prügeln, eh'
+noch die alten versaust wären, verführte mich zu diesem Wagestück. Aber
+nun stand ich Höllenangst aus, bis ich wußte, ob ich nicht aus übel
+ärger gemacht. Mittlerweile erzählt' ich Markoni, was ich seinetwegen
+gelitten, um <span class="antiqua">per Avanzo</span> sein Mitleid rege zu machen, wenn der
+Guß fehlen<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> sollte. Die tausendslieben Leute kamen, eh' wir's uns
+versahen. Unser Wirt hatte inzwischen etliche lustige Brüder und ein
+paar Jungfern rufen lassen. Jetzt kommandierte Markoni Essen und
+Trinken, was Küche und Keller vermochten, warf den Musikanten zum
+voraus einen Dukaten hin, und tanzte eine Menuett und einen Polnischen.
+Bald aber fing er auf seinem Stuhl an zu schnarchen; dann erwacht' er
+wieder, und rief: »Ollrich! mir ist's so hundsföttisch!« Ich mußt' ihn
+also zu Bett bringen. Im Augenblick schlief er ein wie ein Stock. Das
+war uns übrigen recht gekocht. Wir machten uns lustig wie die Vögel im
+Hanfe; alles so durcheinander, Herren und Dienstboten. Es währte bis
+morgens um vier Uhr. Mein Herr erwachte um fünf. Seine ersten Worte
+waren: »Ollrich! Sein Tage trau' Er keinem Menschen; 's ist alles
+falsch wie'n Teufel. Wenn der Kujon von R*** kömmt, so sag' Er, ich sei
+nicht zu Hause.«</p>
+
+<div class="sidenote">Adieu Rottweil!</div>
+
+<p>Dieser von R*** war einer von Markonis faulen Debitoren, wie er deren
+viel hatte. Nun fürchtete er zwar nicht, daß derselbe ihm Geld bringen,
+aber wohl, daß er noch mehr bei ihm holen möchte; denn mein Herr konnte
+keinem Menschen etwas abschlagen. Indessen wollt' er mich von Zeit
+zu Zeit dazu brauchen, ihm dergleichen Schulden wieder einzutreiben;
+dazu aber taugt' ich in Grundsboden nicht: die Kerls gaben mir gute
+Wort'; und ich ging zufrieden nach Haus. Aber länger mocht' eine solche
+Wirtschaft nicht dauern.<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Dazu kam, daß Markoni am End' das ärgste
+befürchten mußte, wenn er bedachte, wie wenig Bursche er für so viel
+Geldverzehrens seinem König geliefert hatte; denn der Große Friedrich,
+wußt' er wohl, war zugleich der genaueste Rechenmeister seiner Zeit.
+Er strengte darum mich, unsern Wirt, und alle seine Bekannten an, uns
+doch umzusehn, ob wir ihm nicht noch ein paar Kerls ins Garn bringen
+könnten? Aber alles vergebens. Auch die beiden Wachtmeister Hevel und
+Krüger langten um die gleiche Zeit ebenfalls mit leeren Händen wieder
+zu Rottweil an. Nun mußten wir uns sämtlich reisefertig machen. Vorher
+aber gab's noch ein paar lustige Tägel. Hevel war ein Virtuos' auf
+der Guitarr, Krüger eine gute Violine; beide feine Herren, solang
+sie auf der Werbung lagen, beim Regiment aber magere Korporals. Ein
+dritter endlich, Labrot, ein großer, handfester Kerl, ließ ebenfalls
+seinen Schnurrbart wieder wachsen, den er als Werber geschoren trug.
+Diese drei Bursche belustigten noch zu guter Letzt ganz Rottweil mit
+ihren Sprüngen. Es war eben Fastnacht, wo die sogenannte Narrenzunft,
+ein ordentliches Institut dieser Stadt, bei welchem über zweihundert
+Personen von allen Ständen eingeschrieben sind, ohnehin ihre Gaukeleien
+machte, die meinem Herrn schwer Geld kosteten. Und kurz, es war hohe
+Zeit, den Fleck zu räumen. Jetzt ging's an ein Abschiednehmen. Mariane
+flocht mir einen zierlichen Strauß von kostbaren künstlichen Blumen,
+den sie mir<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> mit Tränen gab, und den ich ebensowenig mit trockenem Aug'
+abnehmen konnte. Und nun ade! Rottweil, liebes friedsames Städtchen!
+liebe, tolerante, katholische Herren und Bürger! Wie war's mir so
+tausendswohl bei euerm vertrauten, brüderlichen Zechen! Ade! ihr
+wackern Bauern, die ich an den Markttagen in unserm Wirtshaus so gern
+von ihren Geschäften plaudern hörte, und so vergnügt auf ihren Eseln
+heimreiten sah! Wie trefflich schmeckten mir oft Milch und Eier in
+euern Strohhütten! Wie manche Lust genoß ich auf euern schönen Fluren,
+wo Markoni so viel Dutzend singende Lerchen aus der Luft schoß, die
+mich in die Seele dauerten! Wie entzückt war ich, so oft mein Herr
+mir's vergönnte, in euern topfebenen Wäldern, an des Neckars reizenden
+Ufern, auf und nieder zu schlendern, wo ich ihm Hasen ausspähen sollte,
+aber lieber die Vögel behorchte, und das Schwirren des Wests in den
+Wipfeln der Tannen! Und nirgends war's so lustig als um Hefendorf,
+und dann bei dem auf einem schauerlich schönen Felsenberg gelegenen
+Schlosse Rotenstein, welches der dasselbe fast rund umrauschende Neckar
+zu einer höchst romantischen Halbinsel macht. — Nochmal also ade!
+Rottweil, wertes, teures Nestchen! Ach! vielleicht auf ewig! Ich hab'
+seit der Zeit so viel Städte gesehn, zehnmal größer, und zwanzigmal
+saubrer und netter als du bist! Aber mit aller deiner Kleinheit, und
+mit allen deinen Miststöcken, warst du mir zehn- und zwanzigmal lieber
+als sie! Ade, Marianchen! Tausend<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Dank für deine innige, und doch
+so unverdiente Liebe zu mir! Ade! Sebastian Zipfel, lieber, guter
+Armbrustwirt! und deine zarte Mühle desgleichen! Lebt alle, alle wohl!</p>
+
+<div class="sidenote">Reise nach Berlin</div>
+
+<p>Den fünfzehnten März 1756 reisten wir in Gottes Namen, Wachtmeister
+Hevel, Krüger, Labrot, ich und Kaminski, mit Sack und Pack, und, den
+letztern ausgenommen, alle mit Unter- und Übergewehr, von Rottweil ab.
+Marianchen nähte mir den Strauß aufn Hut und schluchzte; ich drückte
+ihr einen Neunbätzner in die Hand und konnt's auch kaum vor Wehmut.
+Denn so entschlossen ich zu dieser Reis war, und so wenig Arges ich
+vermutete, fiel's mir doch ungewohnt schwer auf die Brust, ohne daß
+ich eigentlich wußte, warum? War's Rottweil oder Marianchen, oder daß
+ich ohne meinen Herrn reisen sollte, oder die immer weitere Entfernung
+vom Vaterland und Ännchen? — Ich hatte allen zu Hause mein letztes
+Lebewohl geschrieben. Markoni gab mir zwanzig Gulden auf den Weg; was
+ich mehr brauche, sagte er, werde mir Hevel schießen. Dann klopfte
+er mir auf die Schulter: »Gott bewahre dich, mein Sohn, mein lieber,
+lieber Ollrich, auf allen deinen Wegen! In Berlin sehn wir uns bald
+wieder.« Dies sprach er sehr wehmütig; denn er hatte gewiß ein weiches
+Herz. Unsre erste Tagreise ging sieben Stunden weit, bis ins Städtchen
+Ebingen, meist über schlechte Wege durch Kot und Schnee. Die zweite bis
+auf<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> Obermarkt neun Stunden. Auf der erstgenannten Station logierten
+wir beim Reh; auf der zweiten weiß ich selbst nicht mehr, was es für
+ein Tier war. An beiden Orten gab's nur kalte Küche und ein Gesöff ohne
+Namen. Den dritten Abend bis Ulm wieder neun Stunden. Diesen Tag fing
+ich an, die Beschwerlichkeiten der Reise zu fühlen; schon hatt' ich
+Schwielen an den Füßen, und war mir's sonst sterbensübel. Im Städtchen
+Egna setzten wir uns ein Stück Wegs auf einen Bauernwagen, da denn das
+gewaltige Schütteln dieses Fuhrwerks, zumal bei mir, seine gewohnte,
+herzbrechende Wirkung tat. Als wir unweit Ulm abstiegen, ward's
+mir schwarz und blau vor den Augen. Ich sank zu Boden. »Um Gottes
+Barmherzigkeit willen,« sagt' ich, »weiter kann ich nicht; lieber laßt
+mich auf der Gasse liegen.« Ein barmherziger Samariter lud mich endlich
+auf seine nackte Mähre, auf der ich mich vollends bis ins Städtchen
+so lahm ritt, daß ich weder mehr stehen noch gehen konnte. Zu Ulm
+logierten wir beim Adler und hatten dort unsern ersten Rasttag. Meine
+Kameraden besorgten da ihre alten Herzensangelegenheiten. Ich legte
+mich auf die faule Haut. Nur sah ich an diesem Ort einen Leichenzug,
+der mir sehr wohl gefiel. Das Weibsvolk ging ganz weiß bis auf die
+Füße. Den fünften Tag marschierten wir bis Gengen sieben Stunden. Den
+sechsten auf Nördlingen, wieder sieben Stunden, und hielten da den
+zweiten Rasttag. Hevel hatte dort beim Wilden Mann ein lieb's Liesel.<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span>
+Sie spielte artig die Guitarr, er sang Lieder dazu. Sonst weiß ich
+von diesem und so vielen andern Orten, wo wir durchkamen, nichts zu
+erzählen. Meist erst nachts langten wir müd' und schläfrig an, und
+morgens früh mußten wir wieder fort. Wer wollte da etwas recht sehen
+und beobachten können? Ach Gott! dacht' ich oft, wenn ich nur einmal an
+Ort und Stell' wäre, mein Lebtag wollt' ich nicht mehr eine so lange
+Reise antreten. Kaminski war, wie ich schon einmal angedeutet, ein
+lustiger Polack, ein Mann wie ein Baum, ein paar Beine wie zwei Säulen,
+und lief wie ein Elefant. Labrot hatte auch seinen tüchtigen Schritt.
+Krüger, Hevel und ich hingegen schonten ihrer Füße, und bald alle sechs
+Tage mußte man uns flicken oder versohlen. Am achten Tage ging's nach
+Gunzenhausen, acht Stunden. Gegen Mittag sahen wir Hevels Lieschen über
+ein Feld dahertrippeln. Das arme Ding rannte ihm durch andere Wege bis
+hierher nach, und wollte sich nicht abweisen lassen, ihn wenigstens bis
+auf unsere Station zu begleiten. Von hier gingen wir über Nürnberg,
+Bayreuth und Hof weiter und erreichten in sechs Tagen Schleiz, wo wir
+endlich wieder Rasttag hielten. Von Gunzenhausen an hatten wir in
+keinen Betten gelegen, sondern wenn's gut ging, auf elendem Stroh.
+Und überhaupt, obschon wir viel Geld verzehrten, war's ein miserabel
+Leben, meist schlecht Wetter, und oft abscheuliche Wege. Krüger und
+Labrot fluchten und pestierten den ganzen Tag; Hevel hingegen war
+ein<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> feiner, sittlicher Mann, der uns immer Geduld und Mut einsprach.
+Den neunzehnten Tag gelangten wir über die Elbe bis auf Halle. Als
+wir den breiten Strom passiert hatten, bezeugten die Sergeanten
+große Freude, denn nun betraten wir Brandenburger Boden. Zu Halle
+logierten wir bei Hevels Bruder, einem Geistlichen, der aber nichts
+desto minder den ganzen Abend mit uns spielte und haselierte,<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a> so
+daß ich glaube, sein Bruder Sergeant war frommer als er. Inzwischen
+war mein Geld alle geworden, und Hevel mußte mir noch zehn Gulden
+herschießen. Den zwanzigsten bis vierundzwanzigsten Tag ging's über
+Zerbst, Dessau, Spandau und Charlottenburg in vierundvierzig Stunden
+nach Berlin. An den letztern Orten zumal wimmelte es von Militär aller
+Gattungen und Farben, so daß ich mich nicht satt gucken konnte, die
+Türme von Berlin zeigte man uns schon, eh' wir nach Spandau kamen.
+Ich dachte, wir hätten's in einer Stunde erreicht, wie erstaunt'
+ich darum, als es hieß, wir gelangten erst morgen hin. Und nun, wie
+war ich so herzlich froh, als wir endlich die große herrliche Stadt
+erreicht. Wir gingen zum Spandauertor ein, dann durch die melancholisch
+angenehme Lindenstraße, und noch ein paar Gassen durch. Da, dacht' ich
+Einfaltspinsel, bringt man dich dein Lebtag nicht mehr weg, da wirst
+du dir dein Glück bauen, dann schickst du einen Kerl mit<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Briefen ins
+Tockenburg, der muß dir deine Eltern und Ännchen zurückbringen, die
+werden die Augen aufsperren. Nun bat ich meine Führer, sie sollten mich
+zu meinem Herrn führen. »Ei!« erwiderte Krüger, »wir wissen ja nicht,
+ob er schon angelangt ist, und noch viel minder, wo er Quartier nimmt!«
+»Der Henker!« sagt' ich, »hat er denn kein eigen Haus hier?« Über diese
+Frage lachten sie sich die Haut voll. Mögen sie immer lachen, dacht'
+ich, Markoni wird doch, will's Gott! ein eigen Haus haben.</p>
+
+<div class="sidenote">In Berlin</div>
+
+<p>Es war den achten April, als wir zu Berlin einmarschierten und ich
+vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr,
+schon acht Tage vor uns angelangt war. Labrot, denn die anderen
+verloren sich nach und nach von mir, ohne daß ich wußte, wo sie
+hinkamen, transportierte mich in die Krausenstraße, in Friedrichsstadt,
+wies mir ein Quartier an und verließ mich kurz mit den Worten: »Da,
+Mußier, bleib' Er, bis auf fernere Order!« Der Henker! dacht' ich, was
+soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus! Wie ich so staunte, kam
+ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit auf seine Stube, wo
+sich schon zwei andre Martissöhne befanden. Nun ging's an ein Wundern
+und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch
+konnt' ich ihre Sprache nicht recht verstehen. Ich antwortete kurz,
+ich komme aus der Schweiz, und sei Sr. Exzellenz<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> des Herrn Leutnant
+Markoni Lakai, die Sergeanten hätten mich hierher gewiesen, ich möchte
+aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo
+er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, daß ich hätte weinen
+mögen; und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz
+wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß
+mit wenigem Appetit. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl
+ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein
+müsse. Es war ein Feldweibel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm,
+die er über den Tisch ausspreitete, legte ein Sechsgroschenstück dazu
+und sagte: »Das ist für dich, mein Sohn! Gleich werd' ich dir noch ein
+Kommißbrot bringen.« »Was? für mich?« versetzt' ich, »von wem, wozu?«
+»Ei, deine Montierung und Traktement, Bursche! Was gilt's da Fragens?
+Bist ja ein Rekrute.« »Wie, was? Rekrute?« erwidert' ich! »Behüte Gott!
+da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein, in meinem Leben nicht.
+Markonis Bedienter bin ich. So hab' ich gedungen, und anders nicht.
+Da wird mir kein Mensch anders sagen können!« »Und ich sag' dir, du
+bist Soldat, Kerl! Ich steh' dir dafür. Da hilft jetzt alles nichts.«
+Ich: Ach! wenn nur mein Herr Markoni da wäre. Er: Den wirst du sobald
+nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener
+sein, als seines Leutnants? Damit ging er weg. »Um Gottes willen, Herr
+Zittemann!«<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> fuhr ich fort, »was soll das werden?« »Nichts, Herr!«
+antwortete dieser, »als daß Er, wie ich und die andern Herren da,
+Soldat und wir folglich alle Brüder sind, und Ihm alles Widersetzen
+nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache
+führt, kreuzweis schließt, und Ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen
+krachen, bis Er kontent ist!« Ich: Das wär', beim Sacker! unverschämt,
+gottlos. Er: Glaub' Er mir's auf mein Wort, ander's ist's nicht, und
+geht's nicht. Ich: So will ich's dem Herrn König klagen. Hier lachten
+alle hoch auf. Er: Da kömmt Er sein Tage nicht hin. Ich: Oder wo muß
+ich mich sonst melden? Er: Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist
+alles umsonst. Ich: Nun so will ich's probieren, ob's so gelte? Die
+Bursche lachten wieder, ich aber entschloß mich wirklich, morgens zum
+Major zu gehn und meinem treulosen Herrn nachzufragen.</p>
+
+<div class="sidenote">Zum Rekruten gepreßt </div>
+
+<p>Sobald also der Tag an Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier
+zeigen. Potz Most! das dünkte mich ein königlicher Palast und der Major
+der König selbst zu sein, so majestätisch kam er mir vor, ein gewaltig
+großer Mann, mit einem Heldengesicht und ein paar feurigen Augen wie
+Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: »Herr ... Major! Ich bin ...
+Herr Leutnants Markonis Be ... Bedienter. Fü ... fü ... für das bi ...
+bi ... bin ich angewo ... worben, und sonst wei ... weiters für ni ...
+ni ... nichts. Si ... Si ... Sie können ihn selbst fra ...<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> gen. I ...
+Ich weiß nicht wo er i ... i ... ist. Jetzt sagen's da, ich müsse So
+... o ... oldat sei ... ei ... ein, ich wolle o ... der wolle nicht.«
+— »So!« unterbrach er mich, »so ist Er das saubre Bürschchen! Sein
+feiner Herr hat uns gewirtschaftet, daß es eine Lust ist, und Er wird
+wohl auch seinen Teil gezogen haben. Und kurz, jetzt soll Er dem König
+dienen, da ist's aus und vorbei.« Ich: Aber Herr Major! Er: Kein Wort,
+Kerl! oder die Schwernot! Ich: Aber ich hab' ja weder Kapitulation noch
+Handgeld! Ach! Könnt' ich doch mit meinem Herrn reden! Er: Den wird
+Er sobald nicht zu sehen kriegen, und Handgeld hat Er mehr gekost't
+als zehn andre. Sein Leutnant hat eine saubere Rechnung, und Er steht
+darin obenan. Eine Kapitulation soll Er haben. Ich: Aber — Er: Fort,
+Er ist ja ein Zwerg, daß — Ich: Ich bi ... bi ... bitte. — Er:
+Kanaille! scher' Er sich zum Teufel. Damit zog er die Fuchtel. Ich zum
+Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem Quartier, das ich vor Angst
+und Not kaum finden konnte. Da klagt' ich Zittemann mein Elend in den
+allerhöchsten Tönen. Der gute Mann sprach mir Mut ein. »Geduld, mein
+Sohn! Es wird schon alles besser gehn. Jetzt mußt' dich leiden, viel
+hundert brave Bursche aus guten Häusern müssen das gleiche tun. Denn,
+gesetzt auch, Markoni könnte und wollte dich behalten, so müßt' er dich
+doch unter sein Regiment abgeben, sobald es hieß: ins Feld, marsch!
+Aber wirklich, einstweilen würd' er kaum</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p>
+
+<div class="sidenote">Kapitulation</div>
+
+<p>einen zu nähren imstande sein, da er auf der Werbung ungeheure Summen
+verzehrt und dafür so wenig Kerls eingeschickt haben soll, wie ich
+unsern Oberst und Major schon oft lamentieren gehört, man wird ihn
+gewiß nicht mehr so geschwind zu derlei Geschäften brauchen.« So
+tröstete mich Zittemann, und ich mußt's wohl annehmen, da mir kein
+besserer Trost übrigblieb. Nur dacht' ich dabei, die Größern richten
+solche Suppen an, und die Kleinern müssen sie aufessen.</p>
+
+<div class="sidenote">Soldatenleben</div>
+
+<p>Des Nachmittags brachte mir der Feldweibel mein Kommißbrot nebst Unter-
+und Übergewehr und fragte, ob ich mich nun eines Besseren bedacht.
+»Warum nicht?« antwortete Zittemann für mich, »er ist der beste Bursch'
+von der Welt.« Jetzt führte man mich in die Montierungskammer, paßte
+mir Hosen, Schuh' und Stiefeletten an und gab mir einen Hut, Halsbinde
+und Strümpfe. Dann mußt' ich mit noch etwa zwanzig andern Rekruten zum
+Herrn Oberst Latorf. Man führte uns in ein Gemach, so groß wie eine
+Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem,
+einen Zipfel anzufassen. Ein Adjutant, oder wer er war, las uns einen
+ganzen Sack voll Kriegsartikel her und sprach uns einige Worte vor,
+welche die mehrern nachmurmelten, ich regte mein Maul nicht, dachte
+dafür was ich gern wollte, ich glaube an Ännchen; er schwung dann
+die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine
+Garküche und ließ mir ein Mittagessen nebst einem Krug Bier<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> geben.
+Dafür mußt' ich zwei Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen sechsen
+noch viere übrig; mit diesen sollt' ich vier Tage wirtschaften, und
+sie reichten doch bloß für zwei hin. Bei dieser Überrechnung fing ich
+gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran,
+einer derselben, sagte mir mit Lachen: »Es wird dich schon lehren.
+Jetzt tut es nichts, hast ja noch allerlei zu verkaufen! Per Exempel
+deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar doppelt armiert, das läßt
+sich alles versilbern. Auch kriegen solche junge Bursche oft noch eine
+Traktements-Zulage, und kannst dich deswegen beim Obrist melden.« »Oh!
+oh! Da geh' ich mein Tage nicht mehr hin,« sagt' ich. »Potz Velten!«
+antwortete Cran, »du mußt mal des Donners gewohnt werden, sei's ein
+wenig früher oder später. Und dann der Menage wegen nur fein aufmerksam
+zugesehn, wie's die andern machen. Da heben's drei, vier bis fünf
+miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirnen und kochen selbst.
+Des Morgens um e'n Dreier Fusel und e'n Stück Kommißbrot. Mittags
+holen sie in der Garküche um e'n andern Dreier Suppe und nehmen wieder
+e'n Stück Kommiß. Des Abends um zwei Pfennig Konvent oder Dünnbier
+und abermals Kommiß.« »Aber das ist, beim Strehl, ein verdammtes
+Leben,« versetzt' ich, und Er: Ja! So kommt man aus und anders nicht.
+Ein Soldat muß das lernen, denn es braucht noch viel andre Ware:
+Kreide, Puder, Schuhwachs, Öl, Schmirgel, Seife und was<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> der hundert
+Siebensachen mehr sind. Ich: Und das muß einer alles von den sechs
+Groschen bezahlen? Er: Ja! und noch viel mehr, wie z. B. den Lohn für
+die Wäsche, für das Gewehrputzen und so fort, wenn Er solche Dinge
+nicht selber kann. Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte
+alles zurecht, so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche hatt' ich
+noch Vakanz. Ich ging in der Stadt herum, auf alle Exerzierplätze,
+sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir
+schon zum voraus der Angstschweiß von der Stirne troff. Ich bat daher
+Zittemann, mir zu Hause die Handgriffe zu zeigen. »Die wirst du wohl
+lernen,« sagte er, »aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an. Da geht's
+dir wie e'n Blitz!« Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu
+weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf
+Soldatenmanier frisieren sollte. Nach Crans Rat verkaufte ich meine
+Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche.
+Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las im Hallischen
+Gesangbuch, oder betete. Dann spaziert' ich etwa an die Spree und sah
+da hundert Soldatenhände sich mit Aus- und Einladen der Kaufmannswaren
+beschäftigen, oder auf die Zimmerplätze, da steckte wieder alles voll
+arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Kasernen, da fand ich
+überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von
+Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache,<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> so
+gab's deren, die spielten, soffen und haselierten; andre, welche ruhig
+ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten; etwa auch einer, der in
+einem erbaulichen Buch las und's den andern erklärte. In den Garküchen
+und Bierbrauereien ging's ebenso her. Kurz, in Berlin hat's unter dem
+Militär, wie, denk' ich freilich, in großen Staaten überall, Leute
+aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Religionen, von
+allen Charakteren, und von jedem Berufe, womit einer noch nebenzu sein
+Stücklein Brot gewinnen kann. Das dachte auch ich zu verdienen, wenn
+ich nur erst recht exerzieren könnte; etwa an der Spree? Doch nein!
+da lärmt's zu stark, aber z. E. auf einem Zimmerplatz, da ich mich
+so ziemlich auf die Art verstund. So war ich wieder fix und fertig,
+neue Pläne zu machen, ungeachtet ich mit meinem erstern so schändlich
+gescheitert. Gibt's doch hier, damit schläferte ich mich immer ein,
+selbst unter den gemeinen Soldaten ganze Leute, die ihre hübschen
+Kapitalien haben, Wirtschaft, Kaufmannschaft treiben, und anders. Aber
+dann erwog ich nicht, daß man vorzeiten ganz andere Handgelder gekriegt
+als heutzutag oder dergleichen Bursche bisweilen ein Namhaftes mochten
+erheiratet haben, besonders aber, daß sie ganz gewiß mit dem Schilling
+gut hausgehalten, und nur darum den Gulden gewinnen konnten; ich
+hingegen weder mit dem Schilling noch mit dem Gulden umzugehen wisse.
+Und endlich, wenn alles fehlen sollte, fand ich auch einen elenden<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span>
+Trost in dem Gedanken: Geht's einmal zu Felde, so schont das Blei jene
+Glückskinder so wenig, als dich armen Hudler! — Also bist du so gut
+wie sie.</p>
+
+<div class="sidenote">Soldatendressur</div>
+
+<div class="sidenote">Wiedersehen mit Markoni</div>
+
+<p>Die zweite Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz
+stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann
+und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente
+Itzenblitz, die beiden erstern vollends unter der nämlichen Kompagnie
+Lüderitz befanden. Da sollt' ich vor allen Dingen unter einem
+mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase, Mengke mit Namen,
+marschieren lernen. Den Kerl mocht' ich für den Tod nicht vertragen;
+wenn er mich gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den
+Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein Tage nichts begreifen
+können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem
+gleichen Platz manöverierte, tauschte mich gegen einen andern aus, und
+nahm mich unter sein Peloton.<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a> Das war mir eine Herzensfreude. Jetzt
+kapiert' ich in einer Stund' mehr als sonst in zehn Tagen. Von diesem
+guten Manne vernahm ich auch bald, wo Markoni wohne; aber, bat er um
+Gottes willen, ich solle ihn nicht verraten. Des folgenden Tags, sobald
+das Exerzitium vorbei war, flog ich nach dem Quartier, das mir Hevel
+verdeutet hatte, und murmelte immer vor mich her: »Ja, ja, Markoni!
+wart' nur, ich will dir deinen<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> an mir verübten Lumpenstreich, deine
+verfluchte Verräterei so unter die Nase reiben, daß es dich gereuen
+soll! Nun weiß ich schon, daß du hier nur Leutnant und nirgends Ihr
+Gnaden bist!« — Bei geringer Nachfrage fand ich das mir benannte
+Haus. Es war eins von den geringsten in ganz Berlin. Ich pochte an;
+ein kleines, magres, fuchsrotes Bürschchen öffnete mir die Tür und
+führte mich eine Treppe hinauf in das Zimmer meines Herrn. Sobald er
+mich erblickte, kam er auf mich zu, drückte mir die Hand, und sprach
+zu mir mit einem Engelsgesicht, das in einem Nu allen meinen Grimm
+entwaffnete und mir die Tränen in die Augen trieb: »Ollrich! mein
+Ollrich! mach' mir keine Vorwürf'. Du warst mir lieb, bist's noch, und
+wirst's immer bleiben. Aber ich mußte nach meinen Umständen handeln.
+Gib dich zufrieden. Ich und du dienen nun Einem Herrn.« — »Ja, Ihr
+Gnaden« — — »Nichts Gnaden!« sagte er: »Beim Regiment heißt es nur:
+›Herr Leutnant!‹« Jetzt klagt' ich ihm, nach aller Ausführlichkeit,
+meine gegenwärtige große Not. Er bezeugte mir sein ganzes Mitleid.
+»Aber,« fuhr er fort, »hast ja noch allerlei Sachen, die du versilbern
+kannst, wie z. E. die Flinte von mir, die Reisemütze, die dir Leutnant
+Hofmann in Offenburg verehrt, und dergleichen. Bring sie nur mir, ich
+zahl' dir dafür, so viel sie je wert sind. Dann könntst du dich, wie
+andre Rekruten, um Gehaltserhöhung beim Major« — »Potz Wetter!« fiel
+ich ein. »Nein, den sah ich einmal<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> und nimmermehr!« Drauf erzählt'
+ich ihm, wie dieser Sir mir begegnet sei. »Ha!« versetzte er, »die
+Lümmels meinen, man könn' auf Werbung von Luft leben und Kerle im
+Strick fangen.« »Ja!« sagt' ich, »hätt' ich's gewußt, wollt' ich mir
+wenigstens in Rottweil auch einen Notpfennig erspart haben.« »Alles
+hat seine Zeit, Ollrich!« erwiderte er, »halt' dich nur brav! Wenn
+einmal die Exerzitien vorbei sind, kannst du was verdienen. Und wer
+weiß, vielleicht geht's bald ins Feld, und dann« — Weiter sagte er
+nichts; ich merkte aber, was er damit wollte, und ging vergnügt, als
+ob ich mit meinem Vater geredet hätte, nach Haus. Nach etlichen Tagen
+trug ich Flinte, Pallasch und die samtene Mütze wirklich zu ihm hin;
+er zahlte mir etwas weniges dafür, aber von Markoni war ich alles
+zufrieden. Bald darauf verkauft' ich auch meinen Tressenhut, den grünen
+Frack, so wie alles Übrige, und ließ mir nichts mangeln, so lang ich
+was anzugreifen hatte. Schärer war ebenso arm als ich, allein er bekam
+ein paar Groschen Zulage und doppelte Portion Brot. Der Major hielt ein
+gut Stück mehr auf ihn als auf mich. Indessen waren wir Herzensbrüder,
+solang einer was zu brechen hatte, konnte der andre mitbeißen. Bachmann
+hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl und
+harmonierte nie mit uns; doch schien immer die Stunde ein Tag lang,
+wo wir nicht beisammen sein konnten. Gästli mußten wir in schlechten
+Häusern suchen, wenn wir ihn haben<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> wollten; er kam bald hernach ins
+Lazarett. Ich und Schärer waren auch darin völlig gleichgesinnt, daß
+uns das Berliner Weibsvolk ekelhaft und abscheulich vorkam. Ich wollt'
+für ihn so gut wie für mich einen Eid schwören, daß wir keine mit
+einem Finger berührt haben. Sobald das Exerzieren vorbei war, flogen
+wir miteinander in Schottmanns Keller, tranken unsern Krug Ruhiner-
+oder Gottwitzerbier, schmauchten ein Pfeifchen, und trillerten ein
+Schweizerlied. Immer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner
+mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine
+Garküche rufen, ihnen den Kuhreihen zu singen. Meist bestand der
+Spielerlohn bloß in einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage
+nimmt man mit noch weniger vorlieb.</p>
+
+<div class="sidenote">Spaziergänge in Berlin</div>
+
+<div class="sidenote">Vom Desertieren</div>
+
+<div class="sidenote">Exerzierübungen</div>
+
+<div class="sidenote">Schmale Kost</div>
+
+<div class="sidenote">Heimweh</div>
+
+<div class="sidenote">Der Gefangene</div>
+
+<p>Berlin ist der größte Ort in der Welt, den ich gesehen; und doch bin
+ich bei weitem nie ganz darin herumgekommen. Wir drei Schweizer machten
+zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise; aber bald gebrach's uns
+an Zeit, bald an Geld, oder wir waren von Strapazen so marode, daß wir
+uns lieber der Länge nach hinlegten.</p>
+
+<p>Von der Stadt Berlin sagen zwar viele, sie bestehe aus sieben
+Städten; unsereinem hat man aber nur drei genannt: Berlin, Neustadt
+und Friedrichsstadt. Alle drei sind in der Bauart verschieden. In
+Berlin oder Cölln, wie man auch sagt, sind die Häuser so hoch wie<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span>
+in den Reichsstädten; aber die Gassen nicht so breit wie in Neu- und
+Friedrichsstadt, wo die Häuser wieder niedriger, aber egaler gebaut
+sind. Da sehen auch die kleinsten, oft von sehr armen Leuten bewohnt,
+wenigstens sauber und nett aus. An vielen Orten gibt es ungeheuer
+große, leere Plätze, die teils zum Exerzieren und zur Parade, teils zu
+gar nichts gebraucht werden; ferner Äcker, Gärten, Alleen, alles in die
+Stadt eingeschlossen. Vorzüglich oft gingen wir auf die lange Brücke,
+auf deren Mitte ein alter Markgraf von Brandenburg,<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a> zu Pferd
+in Lebensgröße, von Erz gegossen steht, und etliche Enakssöhne mit
+krausen Haaren zu seinen Füßen gefesselt sitzen, dann der Spree nach,
+auf den Weidendamm, wo's gar lustig ist, dann ins Lazarett, um das
+traurigste Spektakel unter der Sonne zu sehn, bei dem einen, der nicht
+gar unsinnig ist, die Lust an Ausschweifungen bald vergehen muß. In
+diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, steht Bett an Bett gereiht,
+in deren jedem ein elender Menschensohn auf seine eigene Art den Tod,
+und nur wenige ihre Genesung erwarten. Hier ein Dutzend, die unter den
+Händen der Feldscherer ein erbärmliches Zetergeschrei erheben; dort
+andre, die sich unter ihren Decken krümmen, wie ein halb zertretener
+Wurm; viele mit an- und weggefaulten Gliedern. Meist mochten wir's da
+nur wenige Minuten aushalten, gingen wieder an<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> Gottes Luft und setzten
+uns auf einen Rasenplatz. Da führte unsre Einbildungskraft uns fast
+immer unwillkürlich in unser Schweizerland zurück, und erzählten wir
+einander unsere Lebensart zu Hause: wie wohl's uns war, wie frei wir
+gewesen und was es hier für ein verwünschtes Leben sei. Dann machten
+wir Pläne zu unsrer Entledigung. Bald hatten wir Hoffnung, daß uns
+heut oder morgen einer gelingen möchte; bald sahen wir vor jedem einen
+unübersteiglichen Berg; am meisten schreckte uns die Vorstellung der
+Folgen eines fehlschlagenden Versuches. Fast alle Wochen hörten wir
+nämlich neue, ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs,
+die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und
+andre Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen
+und Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen,
+wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und
+ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken — wie sie des
+folgenden Tags aufs neue dran mußten, die Kleider vom zerhackten
+Rücken heruntergerissen, und wie wieder frisch drauflosgehauen wurde,
+bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann
+sahen Schärer und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten
+einander in die Ohren: »Die verdammten Barbaren!« Was hiernächst auch
+auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen
+Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> prügelsüchtigen
+Jünkerleins, und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein
+Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und
+tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh,
+andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und selber
+jahrein, jahraus so kujoniert zu sehn: oft ganzer fünf Stunden lang,
+in unsrer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz
+und Quer pfahlgerad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle
+Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers,
+der mit furiosem Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stund, und alle
+Augenblicke wie unter Kabisköpfe<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a> dreinzuhauen drohte. Bei einem
+solchen Traktement mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und
+der geduldigste rasend werden. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so
+ging's schon wieder über Hals und Kopf, unsre Wäsche zurechtzumachen
+und jedes Fleckchen auszumustern, denn bis auf den blauen Rock war
+unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf
+an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an
+einem dieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der
+Frisur nicht recht, so war, wenn man auf den Platz kam, die erste
+Begrüßung eine derbe Tracht Prügel. Das währte so den ganzen Mai und
+Juni fort. Selbst den Sonntag hatten wir nicht<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> frei; dann mußten wir
+auf das properste Kirchenparade machen. Also blieben uns zu jenen
+Spaziergängen nur wenige zerstreute Stunden übrig, und wir hatten
+kurz und gut zu nichts Zeit, als zum Hungerleiden. Wahr ist's, unsre
+Offiziere erhielten gerade damals die gemessenste Order, uns über Kopf
+und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten den Henker davon und
+dachten halt, das sei so Kriegsmanier. Alte Soldaten vermuteten wohl so
+etwas, schwiegen aber mausstill. Indessen waren Schärer und ich blutarm
+geworden; und was uns nicht an den Hintern gewachsen war, hatten wir
+alles verkauft. Nun mußten wir mit Brot und Wasser oder Kovent,<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a>
+das nicht viel besser als Wasser ist, vorlieb nehmen. Mittlerweile
+war ich von Zittemann weg, zu Wolfram und Meewis ins Quartier kommen,
+von denen der erstre ein Zimmermann, der andre ein Schuster war, und
+die beide einen guten Verdienst hatten. Mit diesen macht' ich anfangs
+ebenfalls Menage. Sie hatten so ihren Bauerntisch: Suppe und Fleisch,
+mit Erdäpfeln und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwei Dreier:
+Abends und zum Frühstück lebte jeder für sich. Ich aß besonders gern
+eine Ochsenpfote, einen Hering oder ein Dreierkäschen. Nun aber konnt'
+ich's nicht mehr mit ihnen halten; zu verkaufen hatt' ich nichts, und
+mein Sold ging meist für Wäsche, Puder, Schuhwachs, Kreide,<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Schmirgel,
+Öl und anderes Plunderzeug auf. Jetzt fing ich erst recht an, Trübsal
+zu blasen, und keinem Menschen konnt' ich so recht von Herzensgrund
+meine Not klagen. Des Tags ging ich umher wie der Schatten an der
+Wand. Des Nachts legt' ich mich ins Fenster, guckte weinend in den
+Mond hinauf, und erzählte dem mein bittres Elend: »Du, der jetzt auch
+überm Tockenburg schwebt, sag' es meinen Leuten daheim, wie armselig
+es um mich stehe, meinen Eltern, meinen Geschwisterten, meinem Ännchen
+sag's, wie ich schmachte, wie treu ich ihr bin, daß sie alle Gott für
+mich bitten. Aber du schweigst so stille, wandelst so harmlos deinen
+Weg fort? Ach, könnt' ich ein Vöglein sein und dir nach in meine Heimat
+fliegen! Ich armer, unbesonnener Mensch! Gott erbarm' sich mein! Ich
+wollte mein Glück bauen, und baute mein Elend. Was nützt mir dieser
+herrliche Ort, worin ich verschmachten muß! Ja, wenn ich die Meinigen
+hier hätte und so ein schön Häuschen, wie dort grad' gegenübersteht,
+und nicht Soldat sein müßte, dann wär's hier gut wohnen; dann wollt'
+ich arbeiten, handeln, wirtschaften, und ewig mein Vaterland meiden!
+Doch nein! Denn auch so müßt' ich den Jammer so vieler Elenden täglich
+vor Augen sehn! Nein, geliebtes, liebes Tockenburg! Du wirst mir immer
+vorzüglich wert bleiben! Aber, ach! Vielleicht seh' ich dich in meinem
+Leben nicht wieder, verliere sogar den Trost, von Zeit zu Zeit an die
+Lieben zu schreiben, die in dir wohnen! Jedermann erzählt<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> mir ja von
+der Unmöglichkeit, wenn's einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile
+fortzubringen, worin ich mein Herz ausschütten könnte. Doch, wer weiß?
+Noch lebt mein guter Vater im Himmel; dem ist's bekannt, wie ich nicht
+aus Vorsatz oder Liederlichkeit dies Sklavenleben gewählt, sondern böse
+Menschen mich betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen sollte. Doch, nein!
+desertieren will ich nicht. Lieber sterben, als Spießrutenlaufen. Und
+dann kann sich's ja auch ändern. Sechs Jahre sind noch auszuhalten.
+Freilich eine lange, lange Zeit; wenn's zumal wahr sein sollte, daß
+auch dann kein Abscheid zu hoffen wäre! Doch, was? Kein Abscheid? Hab'
+ich doch eine, und zwar mir aufgedrungene Kapitulation! — Ha! Dann
+müßten sie mich eher töten! Der König müßte mich hören! Ich wollte
+seiner Kutsche nachrennen, mich anhängen, bis er mir sein Ohr verleiht.
+Da wollt' ich ihm alles sagen, was der Brief ausweist. Und der gerechte
+Friedrich wird nicht gegen mich allein ungerecht sein.« — Das waren so
+damals meine Selbstgespräche.</p>
+
+<p>In diesen Umständen flogen Schärer und ich zusammen, wo wir konnten;
+klagten, überlegten, beschlossen, verwarfen. Schärer zeigte mehr
+Standhaftigkeit als ich, hatte aber auch mehr Sold. Ich gab jetzt,
+wie so viele andre, den letzten Dreier um Genever, meinen Kummer
+zu vertreiben. Ein Mecklenburger, der nahe bei mir im Quartier und
+mit mir in gleichen<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> Umständen war, machte es ebenso. Aber wenn der
+seinen Brand im Kopf hatte, setzte er sich in der Abenddämmerung vors
+Haus, fluchte und haselierte da mutterseels allein, schimpfte auf
+seine Offiziere, und sogar auf den König, wünschte Berlin und allen
+Brandenburgern tausend Millionen Schwernot auf den Hals und fand,
+wie der arme Teufel, so oft er wieder nüchtern ward, behauptete, in
+diesem unvernünftigen Rasen seinen einzigen Trost im Unglück. Wolfram
+und Meewis warnten ihn oft; denn sonst war er noch vor kurzem ein
+recht guter, umgänglicher Bursche: »Kerl!« sagten sie zu ihm, »gewiß
+wirst du noch ins Tollhaus wandern!« Dieses war nicht weit von uns.
+Oft sah ich dort einen Soldat vor dem Gegitter auf einem Bänkchen
+sitzen, und fragte einst Meewis, wer er wäre. Ich hatte ihn nie
+bei der Kompagnie gesehn: »Just so einer, wie der Mecklenburger,«
+antwortete Meewis; »darum hat man ihn hier versorgt, wo er anfangs
+brüllte wie ein ungarscher Stier. Aber seit etlichen Wochen soll er
+so geschlacht<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a> wie ein Lamm sein.« Diese Beschreibung machte mich
+lüstern, den Menschen näher kennen zu lernen. Er war ein Anspacher.
+Anfangs ging ich nur wie verstohlen bei ihm hin und wieder, sah mit
+wehmütigem Vergnügen, wie er, seinen Blick bald zum Himmel gerichtet,
+bald auf den Boden geheftet, melancholisch dasaß, bisweilen aber, ganz
+für<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> sich, sanft lächelte, und übrigens meiner nicht zu achten schien.
+Schon aus seiner Physiognomie war mir ein solcher Erdensohn in seiner
+Lage heilig. Endlich wagt' ich es, mich zu ihm zu setzen. Er sah mich
+starr und ernst an, und schwatzte zuerst lange meist unverständiges
+Zeug, das ich doch gerne hörte, weil mitunter etwas höchst Vernünftiges
+zum Vorschein kam. Was ihm am meisten Mühe zu machen schien, war,
+soviel ich merken mochte, daß er von gutem Haus, und nur durch Verdruß
+in diese Umstände gekommen sein mußte, jetzt aber von Nachreu und
+Heimweh erbärmlich litt. Nun entdeckt' ich ihm durch Umwege auch
+meine Gemütsstimmung, hauptsächlich in der Absicht, zu horchen, was
+er allenfalls zu meiner Entweichung sagen würde; denn der Mann schien
+mir ordentlich einen Geist der Weissagung zu haben: »Brüderchen!«
+sprach er, aus Veranlassung eines solchen Diskurses, einst zu mir:
+»Brüderchen, halt' du still! Deine Schuld ist's sicher, daß du leidest,
+und was du leidest, mehr oder minder verdiente Züchtigung. Durch
+Zappeln machst du's nur ärger. Es wird schon noch anders und immer
+anders kommen. Der König allein ist König; seine Generals, Obersten,
+Majoren sind selber seine Bedienten und wir, ach! wir, so hingeworfene,
+verkaufte Hunde, zum Abschmieren im Frieden, zum Totstechen und
+Totschießen im Krieg bestimmt. Aber all' eins, Brüderchen! Vielleicht
+kommst du nahe an eine Türe; geht sie dir auf, so tu', was du willst.
+Aber halt still, Brüderchen! nur<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> nichts erfrettet<a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a> oder erzwungen,
+sonst ist's mit einmal aus!« Dergleichen und noch viel anderes sagte er
+öfters zu mir. Aller Welt Priester und Leviten hätten mir nicht so gut
+predigen und mich zugleich so gut trösten können wie er.</p>
+
+<div class="sidenote">Kriegsgerüchte</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p>
+
+<p>Indessen murmelte es immer stärker vom Kriege. In Berlin kamen von
+Zeit zu Zeit neue Regimenter an; wir Rekruten wurden auch unter
+eins gesteckt. Da ging's alle Tag vor die Tore zum Manövrieren,
+links und rechts avancieren, attackieren, retirieren, pelotons- und
+divisionsweise chargieren, und was der Gott Mars sonst alles lehrte.
+Endlich gedieh es zur Generalrevue; da ging's zu und her, daß dies
+ganze Büchelchen nicht klecken würde, das Ding zu beschreiben; und wenn
+ich's wollte, so könnt' ich's nicht. Erstlich wegen der schweren Menge
+aller Arten Kriegsgrümpel, die ich hier großenteils zum erstenmal sah.
+Zweitens hatt' ich immer Kopf und Ohren so voll von dem entsetzlichen
+Lärm der knallenden Büchsen, der Trommeln und Feldmusik, des Rufens
+der Kommandeurs und dergleichen, daß ich oft hätte bersten mögen.
+Drittens war mir das Exerziz seit einiger Zeit so widerlich geworden,
+daß ich nur nicht mehr bemerken mochte, was all' die Korps zu Fuß und
+zu Pferde für Millionszeug machten. Freilich kam mich hernach manchmal
+große Reue an, daß ich diese Dinge nicht besser in Obacht genommen;
+denn allen meinen Freunden und allen Leuten hierzulande wünscht' ich,
+daß sie solches nur einen Tag sehen möchten, es würde ihnen zu hundert
+und aberhundert vernünftigen Betrachtungen Anlaß geben. Also nur dies
+wenige. Da waren unübersehbare Felder mit Kriegsleuten bedeckt; viele
+tausend Zuschauer an allen Ecken und Enden. Hier stehen zwei große
+Armeen in künstlicher Schlachtordnung; schon brüllt von den Flanken das
+grobe Geschütz aufeinander los. Sie avancieren, kommen zum Feuer, und
+machen ein so entsetzliches Donnern, daß man seinen nächsten Nachbar
+nicht hören und vor Rauch nicht mehr sehen kann: Dort versuchen etliche
+Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen's einander in die Flanke, da
+blockieren sie Batterien, dort formieren sie ein doppeltes Kreuz. Hier
+marschieren sie über eine Schiffbrücke, dort hauen Kürassiers und
+Dragoner ein, und sprengen etliche Schwadrons Husaren von allen Farben
+aufeinander los, daß Staubwolken über Roß und Mann emporwallen. Hier
+überrumpeln's ein Lager; die Avantgarde, unter der ich zu manövrieren
+die Ehre hatte, bricht Zelte ab und flieht. Doch noch einmal: Ich müßte
+ein Narr sein, wenn ich glaubte, hier eine preußische Generalrevue
+beschrieben zu haben. Ich hoffe also, man nimmt mit diesem wenigen
+vorlieb, oder, vielmehr, verzeiht's mir, um der Freude willen, mein
+Gewäsch nicht länger anzuhören.</p>
+
+<div class="sidenote">Behüte Gott Berlin!</div>
+
+<div class="sidenote">Ausmarsch</div>
+
+<p>Endlich kam der erwünschte Zeitpunkt, wo es hieß: Allons, ins Feld!
+Schon im Heumonat marschierten etliche Regimenter von Berlin ab, und
+kamen hinwieder andre aus Preußen und Pommern an. Jetzt mußten sich
+alle Beurlaubten stellen, und in der großen Stadt wimmelte alles von
+Soldaten. Dennoch wußte noch niemand eigentlich, wohin alle diese
+Bewegungen zielten. Ich horchte wie ein Schwein am Gatter. Einige
+sagten, wenn's ins Feld gehe, könnten wir neue Rekruten doch nicht mit,
+sondern würden unter ein Garnisonsregiment gesteckt. Das hätte mir
+himmelangst gemacht; aber ich glaubte es nicht. Indessen bot ich alle
+meine Leibes- und Seelenkräfte auf, mich bei allen Manövers als einen
+fertigen, tapfern Soldaten zu zeigen, denn einige bei der Kompagnie,
+die älter waren als ich, mußten wirklich zurückbleiben. Und nun den
+einundzwanzigsten August abends spät kam die gewünschte Order, uns auf
+morgen marschfertig zu halten. Potz Wetter! wie ging es da her mit
+Putzen und Packen! Einmal, wenn's mir auch an Geld nicht gebrochen,
+hätt' ich nicht mehr Zeit gehabt, einem Bäcker zwei geborgte Brote zu
+bezahlen. Auch hieß es, in diesem Fall dürfte kein Gläubiger mehr ans
+Mahnen denken: Doch ich ließ mein Wäschkistchen zurück; und wenn es
+der Bäcker nicht abgefordert hat, hab' ich heutigen Tages noch einen
+Kreditor in Berlin, auch etliche Debitoren für ein paar Batzen, und
+geht's ungefähr so wett auf. Den zweiundzwanzigsten August morgens um
+drei Uhr ward Alarm geschlagen,<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> und mit Anbruch des Tages stand unser
+Regiment Itzenblitz — ein herrlicher Name! — das die Soldaten wegen
+der gewaltigen Schärfe unseres Obristen auch Donner und Blitz nannten,
+in der Krausenstraße schon Parade. Jede seiner zwölf Kompagnien war
+hundertfünfzig Mann stark. Die in Berlin nächst um uns einquartierten
+Regimenter, deren ich mich erinnere, waren Vokat, Winterfeld, Meyring
+und Kalkstein; dann vier Prinzenregimenter: Prinz von Preußen, Prinz
+Ferdinand, Prinz Karl und Prinz von Württemberg, die alle teils vor,
+teils nach uns abmarschierten, nachwärts aber im Feld meist wieder zu
+uns gestoßen sind. Jetzt wurde Marsch geschlagen, Tränen von Bürgern,
+Soldatenweibern, Huren und dergleichen flossen zu Haufen. Auch die
+Kriegsleute selber, die Landskinder nämlich, welche Weiber und Kinder
+zurückließen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmut und Kummer; die
+Fremden jauchzten heimlich vor Freuden und riefen: Endlich ist unsre
+Erlösung da! Jeder war bebündelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt
+umschnallt, dann die Patrontasche über der Schulter mit einem fünf
+Zoll langen Riemen; über die andre Achsel der Tornister, mit Wäsche
+und so weiter bepackt; item der Habersack mit Brot und anderer Furage
+gestopft. Hiernächst mußte jeder noch ein Stück Feldgerät tragen;
+Flasche, Kessel, Haken, oder so was, alles an Riemen; dann erst noch
+eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal kreuzweis
+über die Brust geschlossen,<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> daß anfangs jeder glaubte, unter solcher
+Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge, gepreßte Montur und
+eine solche Hundstagshitze, daß mir's manchmal deuchte, ich geh' auf
+glühenden Kohlen. Wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, kam
+ein Dampf heraus wie aus einem siedenden Kessel. Oft hatt' ich keinen
+trockenen Faden mehr am Leib und verschmachtete bald vor Durst.</p>
+
+<div class="sidenote">Marschroute bis Pirna</div>
+
+<p>So marschierten wir den ersten Tag (22. August 1756) zum Köpenicker
+Tor aus, und machten noch vier Stunden bis zum Städtchen Köpenick, wo
+wir zu dreißig bis fünfzig bei Bürgern einquartiert waren, die uns für
+einen Groschen traktieren mußten. Potz Plunder, wie ging's da her! Ha!
+da wurde gefressen. Aber denk' man sich nur so viele, große, hungrige
+Kerls! Immer hieß es, schaff her, Kanaille, was d' im hintersten Winkel
+hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh gefüllt, da lagen wir alle
+in Reihen, den Wänden nach. Wahrlich, eine kuriose Wirtschaft! In jedem
+Haus befand sich ein Offizier, welcher auf gute Mannszucht halten
+sollte; sie waren aber oft die Fäulsten. Den zweiten Tag ging's zehn
+Stunden weit bis Fürstenwalde, da gab's schon Marode, die sich auf
+Wagen packen lassen mußten. Es war auch kein Wunder, da wir diesen
+ganzen Tag nur ein einzigmal haltmachen, und stehenden Fußes etwas
+Erfrischung zu uns nehmen durften. Am letztgedachten Orte ging es wie
+an dem erstern, nur daß hier die meisten lieber soffen als<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> fraßen,
+und viele sich halbtot hinlegten. Den dritten Tag ging's sechs Stunden
+bis Jakobsdorf, wo wir drei Rasttage hielten, aber desto schlimmer
+hantierten und die armen Bauern bis aufs Blut aussogen. Vom siebenten
+bis vierzehnten Tage kamen wir über Guben, Spremberg und Hoyerswerda
+bis Kamenz, dem letzten Örtchen, wo wir einquartiert wurden. Von da
+an kampierten wir im Felde, und machten Märsche und Kontermärsche,
+so daß ich selbst nicht weiß, wo wir all durchkamen, da es oft bei
+dunkler Nacht geschah. Nur so viel erinnr' ich mich, daß wir am zehnten
+September Pirna erreichten, wo noch einige Regimenter zu uns stießen,
+und wir ein weites, fast unübersehbares Lager aufschlugen, sowie auch
+das über Pirna gelegene Schloß Königstein diesseits und den Lilienstein
+jenseits der Elbe besetzten. Denn in der Nähe dieses letzteren Berges
+befand sich die sächsische Armee, in deren Lager wir gerade übers Tal
+hinübersehen konnten. Unter uns im Tale an der Elbe lag Pirna, das
+jetzt ebenfalls von unserm Volke besetzt ward.</p>
+
+<p>Bis hierher hatte der Herr geholfen! Diese Worte waren der erste Text
+unsers Feldpredigers bei Pirna. O ja, dacht' ich, das hat er, er wird
+auch ferner helfen, und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland; denn
+was gehen mich eure Kriege an?</p>
+
+<p>Mittlerweile ging's, wie's bei einer marschierenden Armee zu gehen
+pflegt, bunt übereck und kraus, so daß ich alles zu beschreiben nicht
+imstande bin, auch solches,<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> wie ich denke, zu wenig Dingen nütz wäre.
+Unser Major Lüderiz, denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl besonders
+Achtung, mag mir oft meinen Unmut aus dem Gesichte gelesen haben. Dann
+drohte er mir mit dem Finger: »Nimm dich in acht, Kerl!« Schärern
+hingegen klopfte er bei den nämlichen Anlässen auf die Schulter, und
+nannte ihn mit lächelnder Miene einen braven Burschen, denn der war
+immer lustig und wohlgemuts und sang bald seine Maurerlieder, bald
+den Kühreih'n. Im Herzen dachte er wie ich, obschon er es besser
+verbergen konnte. Ein andermal freilich faßt' ich wieder Mut und
+dachte: Gott wird alles wohl machen! Wenn ich vollends Markoni, der
+doch keine geringe Schuld an meinem Unglück war, auf dem Marsch oder
+im Lager erblickte, war's mir immer, ich sehe meinen Vater oder meinen
+besten Freund, wenn er mir zumal vom Pferd herunter seine Hand bot,
+die meinige traulich schüttelte, mir mit liebreicher Wehmut gleichsam
+in die Seele 'nein guckte: »Wie geht's, Ollrich! wie geht's? 's
+wird schon besser kommen!« zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu
+erwarten, dieselbe aus meinem tränenschimmernden Aug' lesen wollte.
+Oh! ich wünsche dem Mann, wo er immer tot oder lebendig sein mag,
+noch auf den heutigen Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir
+nie mehr zu Gesicht gekommen. Mittlerweile hatten wir alle Morgen die
+gemessene Order erhalten, scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den
+ältern Soldaten ein Gerede:<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> »Heute gibt's was! Heut setzt's gewiß
+was ab!« Dann schwitzten wir Jungen freilich an allen Fingern, wenn
+wir bei einem Gebüsch oder Gehölz vorbeimarschierten und uns verfaßt
+halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete
+einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, sobald man wieder
+ins Freie kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten
+entwischen konnte, denn wir hatten immer feindliche Kürassiers,
+Dragoner und Soldaten zu beiden Seiten. Als wir einst die halbe Nacht
+durchmarschierten, versuchte Bachmann den Reißaus zu nehmen, und irrte
+etliche Stunden im Wald herum, aber am Morgen war er wieder hart
+bei uns und kam noch eben recht mit der Ausflucht weg, er habe beim
+Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns verloren. Von da an sahen
+wir andern die Schwierigkeit, wegzukommen, alle Tag' deutlicher ein,
+und doch hatten wir fest im Sinn, keine Bataille abzuwarten, es koste
+was es wolle.</p>
+
+<div class="sidenote">Das Lager zu Pirna</div>
+
+<p>Eine umständliche Beschreibung unsers Lagers zwischen Königstein und
+Pirna sowohl als des gerade vor uns überliegenden Sächsischen bei
+Lilienstein wird man von mir nicht erwarten. Ich schreibe nur, was ich
+gesehen, was allernächst um mich her vor- und besonders was mich selbst
+anging. Von den wichtigsten Dingen wußten wir gemeine Hungerschlucker
+am allerwenigsten, auch kümmerten wir uns nicht viel darum. Mein und so
+vieler andrer ganzer Sinn war<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> vollends allein auf: Fort, fort! Heim
+ins Vaterland! gerichtet.</p>
+
+<div class="sidenote">Lagerleben</div>
+
+<p>Vom elften bis zweiundzwanzigsten September saßen wir in unserm Lager
+ganz still, und wer gern Soldat war, dem mußt' es damals recht wohl
+sein. Da ging's vollkommen wie in einer Stadt zu. Da gab's Marketender
+und Feldschlächter zu Haufen. Den ganzen Tag, ganze lange Gassen durch,
+nichts als Sieden und Braten. Da konnte jeder haben was er wollte, oder
+vielmehr was er zu bezahlen vermochte: Fleisch, Butter, Käs, Brot,
+aller Gattung Baum- und Erdfrüchte. Die Wachten ausgenommen, mochte
+jeder machen was ihm beliebte, kegeln, spielen, in und außer dem Lager
+spazieren gehen. Nur wenige hockten müßig in ihren Zelten. Der eine
+beschäftigte sich mit Gewehrputzen, der andre mit Waschen, der dritte
+kochte, der vierte flickte Hosen, der fünfte Schuhe, der sechste
+schnifelte was von Holz und verkauft' es den Bauern. Jedes Zelt hatte
+seine sechs Mann und einen Überkompletten. Unter diesen sieben war
+immer einer gefreit, dieser mußte gute Mannszucht halten. Von den sechs
+übrigen ging einer auf die Wache, einer mußte kochen, einer Proviant
+herbeiholen, einer ging nach Holz, einer nach Stroh, und einer machte
+den Seckelmeister, alle zusammen aber eine Haushaltung, einen Tisch
+und ein Bett aus. Auf den Märschen stopfte jeder in seinen Habersack,
+was er, versteht sich in Feindesland, erhaschen konnte. Mehl, Rüben,
+Erdbirnen, Hühner, Enten. Wer nichts aufzutreiben<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> vermochte, ward von
+den übrigen ausgeschimpft, wie denn mir das zum öfteren begegnete.
+Was das für ein Mordiogeschrei gab, wenn's durch ein Dorf ging, von
+Weibern, Kindern, Gänsen und Spanferkeln. Da mußte alles mit, was sich
+tragen ließ. Husch! den Hals umgedreht und eingepackt. Da brach man in
+alle Ställ' und Gärten ein, prügelte auf alle Bäume los und riß die
+Äste mit den Früchten ab. Der Hände sind viel, hieß es, was einer nicht
+kann, mag der andre. Da durft' keine Seel' Mux machen, wenn's nur der
+Offizier erlaubte, oder auch bloß halb erlaubte. Da tat jeder sein
+Devoir zum Überfluß. Wir drei Schweizer, Schärer, Bachmann und ich, es
+gab unsrer Landsleute zwar beim Regiment noch mehr, wir kannten sie
+aber nicht, kamen keiner zum andern ins Zelt, auch nie zusammen auf die
+Wache. Hingegen spazierten wir oft miteinander außer das Lager bis auf
+die Vorposten, besonders auf einen gewissen Bühel, wo wir eine weite
+zierliche Aussicht über das Sächsische, unser ganzes Lager und durchs
+Tal hinab bis auf Dresden hatten. Da hielten wir unsern Kriegsrat:
+was wir machen, wo hinaus, welchen Weg wir nehmen, wo wir uns wieder
+treffen sollten. Aber zur Hauptsache, zum Hinaus fanden wir alle Löcher
+verstopft. Zudem wären Schärer und ich lieber in einer schönen Nacht
+allein, ohne Bachmann, davon geschlichen, denn wir trauten ihm nie
+ganz, und sahen dabei alle Tag' die Husaren Deserteurs einbringen,
+hörten Spießrutenmarsch schlagen,<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> und was es solcher Aufmunterungen
+mehr gab. Und doch sahen wir alle Stunden einem Treffen entgegen.</p>
+
+<div class="sidenote">Einnahme des sächsischen Lagers</div>
+
+<div class="sidenote">Marsch und Kontermarsch</div>
+
+<p>Endlich, den zweiundzwanzigsten September, ward Alarm geschlagen und
+erhielten wir Order aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung,
+in etlichen Minuten war ein stundenweites Lager, wie die allergrößte
+Stadt, zerstört, aufgepackt und allons, Marsch! Jetzt zogen wir ins Tal
+hinab, schlugen bei Pirna eine Schiffbrücke und formierten oberhalb dem
+Städtchen, dem sächsischen Lager <span class="antiqua">en front</span>, eine Gasse wie zum
+Spießrutenlaufen, deren eines End' bis zum Pirnaer Tor ging, und durch
+welche viele gefangene Sachsen zu vieren hoch spazieren, vorher aber
+das Gewehr ablegen, und, man kann sich's einbilden, die ganze lange
+Straße durch Schimpf- und Stichelreden genug anhören mußten. Einige
+gingen traurig mit gesenktem Gesicht daher, andre trotzig und wild,
+und noch andre mit einem Lächeln, das den preußischen Spottvögeln gern
+nichts schuldig bleiben wollte. An dem nämlichen Tage marschierten wir
+noch ein Stück Wegs fort und schlugen unser Lager bei Lilienstein auf.
+Den dreiundzwanzigsten mußte unser Regiment die Proviantwagen decken.
+Den vierundzwanzigsten machten wir einen Kontermarsch, und kamen bei
+Nacht und Nebel, der Henker weiß wohin. Den fünfundzwanzigsten früh
+ging's schon wieder fort, vier Meilen bis Aussig. Hier<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> schlugen
+wir ein Lager, blieben da bis auf den neunundzwanzigsten und mußten
+alle Tag' auf Furage aus. Bei diesen Anlässen wurden wir oft von den
+kaiserlichen Panduren attackiert, oder es kam sonst aus einem Gebüsch
+ein Karabinerhagel auf uns los, so daß mancher tot auf der Stelle
+blieb und noch mehrere blessiert wurden. Wenn aber unsre Artilleristen
+nur etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, flog der Feind über
+Kopf und Hals davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt, ich
+wäre sein bald gewohnt worden, und dacht' oft: Pah! wenn's nur den
+Weg hergeht, ist's so übel nicht. Den dreißigsten marschierten wir
+wieder den ganzen Tag und kamen erst des Nachts auf einem Berg an, den
+ich und meinesgleichen abermals so wenig kannten, als ein Blinder.
+Inzwischen bekamen wir Order, hier kein Gezelt aufzuschlagen, auch
+kein Gewehr niederzulegen, sondern immer mit scharfer Ladung parat zu
+stehn, weil der Feind in der Nähe sei. Endlich sahen und hörten wir mit
+anbrechendem Tag unten im Tal gewaltig blitzen und feuern. In dieser
+bangen Nacht desertierten viele, neben andern auch Bruder Bachmann. Für
+mich wollt' es sich noch nicht schicken, so wohl's mir sonst behagt
+hätte.</p>
+
+<div class="sidenote">Die Schlacht bei Lowositz</div>
+
+<p>Früh morgens mußten wir uns rangieren und durch ein enges Tälchen
+gegen das große Tal hinuntermarschieren. Vor dem dicken Nebel konnten
+wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine kamen und
+zur großen Armee stießen, rückten wir in drei Treffen<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> weiter vor und
+erblickten von ferne durch den Nebel, wie durch einen Flor, feindliche
+Truppen auf einer Ebene, oberhalb dem böhmischen Städtchen Lowositz.
+Es war kaiserliche Kavallerie, denn die Infanterie bekamen wir nie zu
+Gesicht, da sich dieselbe bei gedachtem Städtchen verschanzt hatte.
+Um sechs Uhr ging schon das Donnern der Artillerie sowohl aus unserm
+Vordertreffen als aus den kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß
+die Kanonenkugeln bis zu unserm Regiment, das im mittlern Treffen
+stund, durchschnurrten. Bisher hatt' ich immer noch Hoffnung, vor
+einer Bataille zu entwischen; jetzt sah' ich keine Ausflucht mehr,
+weder vor noch hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken. Wir
+rückten inzwischen immer vorwärts. Da fiel mir vollends aller Mut in
+die Hosen. In den Bauch der Erde hätt' ich mich verkriechen mögen, und
+eine ähnliche Angst, ja Todesblässe las man bald auf allen Gesichtern,
+selbst derer, die sonst noch so viel Herzhaftigkeit gleißneten. Die
+geleerten Brenzfläschchen, deren jeder Soldat eines hat, flogen unter
+den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen ihren kleinen Vorrat bis
+auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute braucht es Courage und morgen
+vielleicht keinen Fusel mehr! Jetzt avancierten wir bis unter die
+Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen abwechseln mußten. Potz Himmel!
+wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen weg, fuhren bald vor,
+bald hinter uns in die Erde, daß Stein und Rasen hoch in die Luft
+sprang,<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> bald mitten ein und spickten uns die Leute aus den Gliedern
+weg, als wenn's Strohhälme wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als
+feindliche Kavallerie, die allerhand Bewegungen machte, sich bald in
+die Länge ausdehnte, bald in einen halben Mond, dann in ein Drei- und
+Viereck sich wieder zusammenzog. Nun rückte auch unsre Kavallerie an,
+wir machten Lücke und ließen sie vor auf die feindliche losgaloppieren.
+Das war ein Gehagel, das knarrte und blinkerte, als sie einhieben!
+Allein kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reiterei, von
+der österreichischen geschlagen, und bis nahe unter unsre Kanonen
+verfolgt, zurück. Da hätte man den Spektakel sehen sollen, Pferde,
+die ihren Mann im Stegreif hängend, andre die ihre Gedärme auf der
+Erde nachschleppten. Inzwischen stunden wir noch immer im feindlichen
+Kanonenfeuer bis gegen elf Uhr, ohne daß unser linker Flügel mit dem
+kleinen Gewehrfeuer zusammentraf, obschon es bereits auf dem rechten
+sehr hitzig zuging. Viele meinten, wir müßten noch auf die kaiserlichen
+Schanzen Sturm laufen. Mir war's schon nicht mehr so bange wie anfangs,
+obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beiden Seiten neben mir
+wegrafften und der Wahlplatz mit Toten und Verwundeten übersät war; als
+mit eins, ungefähr um zwölf Uhr, die Order kam, unser Regiment nebst
+zwei andern, ich glaube Bevern und Kalkstein, müßten zurückmarschieren.
+Nun dachten wir, es gehe dem Lager zu, und alle Gefahr sei vorbei.
+Wir eilten darum mit muntern Schritten<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> die gähen Weinberge hinauf,
+brachen unsre Hüte voll schöne rote Trauben, aßen vor uns her nach
+Herzenslust, und mir und denen, welche neben mir stunden, kam nichts
+Arges in Sinn, obgleich wir von der Höhe herunter unsre Brüder noch
+in Feuer und Rauch stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelärm
+hörten und nicht entscheiden konnten, auf welcher Seite der Sieg war.
+Mittlerweile trieben unsre Anführer uns immer höher den Berg hinan,
+auf dessen Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durchging, der auf
+der andern Seite wieder hinunter führte. Sobald unsre Avantgarde den
+erwähnten Gipfel erreicht hatte, ging ein entsetzlicher Musketenhagel
+an, und nun merkten wir erst, wo der Has im Stroh lag. Etliche
+tausend kaiserliche Panduren waren nämlich auf der andern Seite den
+Berg hinauf beordert, um unsrer Armee in den Rücken zu fallen. Dies
+muß unsern Anführern verraten worden sein, und wir mußten ihnen
+zuvorkommen. Nur etliche Minuten später, so hätten sie uns die Höhe
+abgewonnen, und wir wahrscheinlich den kürzern gezogen. Nun setzte es
+ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe man die Panduren aus jenem Gehölz
+vertreiben konnte. Unsre Vordertruppen litten stark, allein die hintern
+drangen ebenfalls über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe
+gewonnen hatten. Da mußten wir über Hügel von Toten und Verwundeten
+stolpern. Alsdann ging's Hudri, Hudri, mit den Panduren die Weinberge
+hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> herab, in die
+Ebene. Unsre gebornen Preußen und Brandenburger packten die Panduren
+wie Furien. Ich selber war in Jast<a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a> und Hitze wie vertaumelt, und,
+mir weder Furcht noch Schreckens bewußt, schoß ich eines Schießens fast
+alle meine sechzig Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war und
+ich sie am Riemen nachschleppen mußte. Indessen glaub' ich nicht, daß
+ich eine lebendige Seele traf, sondern alles ging in die freie Luft.
+Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz postierten sich die
+Panduren wieder und pülverten so tapfer in die Weinberge hinauf, daß
+noch mancher vor und neben mir ins Gras biß. Preußen und Panduren lagen
+überall durcheinander, und wo sich einer von letzteren noch regte,
+wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen oder ihm ein Bajonett
+durch den Leib gestoßen. Nun ging in der Ebene das Gefecht von neuem
+an. Aber wer wird das beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von
+Lowositz ausging, wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde
+hätten zergehen wollen; wo das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert
+Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art
+Feldmusik, das Rufen so vieler Kommandeurs und das Brüllen ihrer
+Adjutanten, das Zeter- und Mordiogeheul so vieler tausend elender,
+zerquetschter, halbtoter Opfer dieses Tages, alle Sinnen betäubte! Um
+diese Zeit, es mochte<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> etwa drei Uhr sein, da Lowositz schon im Feuer
+stand, viele hundert Panduren, auf welche unsre Vordertruppen wieder
+wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann auf das
+Städtchen selber losging; um diese Zeit war ich freilich nicht der
+Vorderste, sondern unter dem Nachtrab noch im Weinberg droben, von
+denen mancher, wie gesagt, weit behender als ich von einer Mauer über
+die andre hinuntersprang, um seinen Brüdern zu Hilf' zu eilen. Da ich
+also noch ein wenig erhöht stand, und in die Ebene wie in ein finsteres
+Donner- und Hagelwetter hineinsah, in diesem Augenblick deucht' es
+mich Zeit, oder vielmehr mahnte mich mein Schutzengel, mich mit der
+Flucht zu retten. Ich sah mich nach allen Seiten um. Vor mir war alles
+Feuer, Rauch und Dampf, hinter mir noch viele nachkommende auf die
+Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwei Hauptarmeen in voller
+Schlachtordnung. Zur Linken Weinberge, Büsche, Wäldchen, nur hie und da
+einzelne Menschen, Preußen, Panduren, Husaren, und von diesen mehr Tote
+und Verwundete als Lebende. Da, da, auf diese Seite! dacht' ich, sonst
+ist's nur lautere Unmöglichkeit!</p>
+
+<div class="sidenote">Desertion</div>
+
+<div class="sidenote">Glücklich entronnen</div>
+
+<div class="sidenote">In Prag</div>
+
+<p>Ich schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf die linke
+Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preußen bei mir vorbei.
+»Komm', komm', Bruder!« sagten sie, »Viktoria!« Ich ripostierte kein
+Wort, tat nur ein wenig blessiert, und ging immer allgemach fort,
+freilich mit Furcht und Zittern. Sobald<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> ich mich indessen so weit
+entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen mochte, verdoppelte,
+verdrei-, vier-, fünf-, sechsfachte ich meine Schritte, blickte rechts
+und links wie ein Jäger, sah noch von weitem, zum letztenmal in meinem
+Leben, morden und totschlagen; strich dann in vollem Galopp ein Gehölz
+vorbei, das voll toter Husaren, Panduren und Pferde lag, rannte eines
+Rennens gerade dem Fluß nach hinunter, und stand jetzt an einem
+Tobel. Jenseits desselben kamen soeben etliche kaiserliche Soldaten
+angestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weggestohlen hatten,
+und schlugen, als sie mich so daherlaufen sahen, zum drittenmal auf
+mich an, ungeachtet ich immer das Gewehr streckte und ihnen mit dem
+Hut den gewohnten Wink gab. Doch brannten sie niemals los. Ich faßte
+also den Entschluß, gerad' auf sie zuzulaufen. Hätt' ich einen andern
+Weg genommen, würden sie, wie ich nachwärts erfuhr, unfehlbar auf mich
+gefeuert haben. Ihr Hunde, dacht' ich, hättet ihr eure Courage bei
+Lowositz gezeigt! Als ich zu ihnen kam und mich als Deserteur angab,
+nahmen sie mir das Gewehr ab, unterm Versprechen, mir's nachwärts
+wieder zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatroniert hatte,
+verlor sich bald darauf, und nahm das Füsil mit. Nun so sei's! Alsdann
+führten sie mich ins nächste Dorf Scheniseck, eine starke Stunde unter
+Lowositz. Hier war eine Fahrt über das Wasser, aber ein einziger Kahn
+zum Transport. Da gab's ein Zetermordiogeschrei von Männern, Weibern
+und Kindern.<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Jedes wollte zuerst in dem Teich sein, aus Furcht vor
+den Preußen, denn alles glaubte sie schon auf der Haube zu haben.
+Auch ich war keiner von den letzten, der mitten unter eine Schar von
+Weibern hineinsprang. Wo nicht der Fährmann etliche hinausgeworfen,
+hätten wir alle ersaufen müssen. Jenseits des Flusses stand eine
+Panduren-Hauptwache. Meine Begleiter führten mich auf dieselbe zu,
+und die roten Schnurrbärte begegneten mir aufs manierlichste, gaben
+mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstunden, Toback,
+Branntwein und Geleit auf Leitmeritz, glaub' ich, wo ich unter lauter
+Stockböhmen übernachtete, und freilich nicht wußte, ob ich da mein
+Haupt sicher zur Ruhe legen konnte. Allein ich hatte von dem Tumult
+des Tags noch einen so vertaumelten Kopf, daß dieser Kapitalpunkt mir
+am mindesten betrug. Morgens darauf, den zweiten Oktober, ging ich mit
+einem Transport ins kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf
+ich bei zweihundert andrer preußischer Deserteurs, von denen, so zu
+reden, jeder seinen eignen Weg und sein Tempo in Obacht genommen hatte;
+neben andern auch unsern Bachmann. Wie sprangen wir beide hoch auf vor
+Entzücken, uns so unerwartet wieder in Freiheit zu sehn! Da ging's an
+ein Erzählen und Jubilieren, als wenn wir schon zu Haus hinterm Ofen
+säßen. Einzig hieß es bisweilen: Ach wäre nur auch der Schärer von Wil
+bei uns! Wo mag der geblieben sein? Wir hatten die Erlaubnis, alles
+im Lager zu besichtigen.<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Offiziers und Soldaten stunden bei Haufen
+um uns, denen wir mehr erzählen sollten als uns bekannt war. Etliche
+wußten Winds genug zu machen, ihren Wirten zu schmeicheln und zur
+Verkleinerung der Preußen hundert Lügen auszuhecken. Da gab's auch
+unter den Kaiserlichen manchen Erzprahler; und der kleinste Zwerg
+rühmte sich, wer weiß wie manchen langbeinigten Brandenburger auf
+seiner eignen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Drauf führte
+man uns zu etwa fünfzig Mann Gefangenen von der preußischen Kavallerie.
+Ein erbärmlich Spektakel! Da war kaum einer an Wunden oder Beulen leer
+ausgegangen; etliche übers ganze Gesicht heruntergehauen, andre ins
+Genick, andre über die Ohren, über die Schultern oder Schenkel. Da war
+alles ein Ächzen und Wehklagen! Wie priesen uns diese armen Wichte
+selig, einem ähnlichen Schicksal so glücklich entronnen zu sein; und
+wie dankten wir selber Gott dafür! Wir mußten im Lager übernachten und
+bekamen jeder einen Dukaten Reisegeld. Dann schickte man uns mit einem
+Kavallerietransport nach einem böhmischen Dorfe, wo wir, nach einem
+kurzen Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgingen. Dort verteilten
+wir uns, und bekamen Pässe, je zu sechs, zehn bis zwölf, welche einen
+Weg gingen. Wir waren ein wunderseltsames Gemengsel von Schweizern,
+Schwaben, Sachsen, Bayern, Tirolern, Welschen, Franzosen, Polacken und
+Türken. Einen solchen Paß bekamen unser sechs zusammen bis Regensburg.
+In Prag selbst<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> war ein Zittern und Beben vor den Preußen ohne
+seinesgleichen. Man hatte den Ausgang der Schlacht bei Lowositz bereits
+vernommen und glaubte den Sieger schon vor den Toren zu sehn. Auch da
+stunden ganze Truppen Soldaten und Bürger um uns her, denen wir sagen
+sollten, was der Preuß' im Sinn habe? Einige von uns trösteten diese
+neugierigen Hasen; andre hatten noch ihre Freude daran, sie tapfer zu
+schrecken, und sagten ihnen, der Feind werde spätstens in vier Tagen
+anlangen und sei ergrimmt wie der Teufel. Dann schlugen viele die Händ'
+über'm Kopf zusammen; Weiber und Kinder wälzten sich gar heulend im Kot
+herum.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Heimkehr">Heimkehr</h2>
+</div>
+
+
+<div class="sidenote">Heimreise mit Bachmann</div>
+
+<p>Den fünften Oktober traten wir unsre wirkliche Heimreise an. Es war
+schon abends, als wir von Prag ausmarschierten. Es ging bald über
+eine Anhöhe, von welcher wir eine unvergleichliche Aussicht über das
+ganze schöne königliche Prag hatten. Die liebe Sonne vergüldete seine
+mit Blech bedeckten zahllosen Turmspitzen zum Entzücken. Wir stunden
+eine Weile still, unter allerhand Gesprächen und mannigfaltigen
+Empfindungen dieses herrlichen Anblicks zu genießen. Einige bedauerten
+den prächtigen Ort, wenn er sollte bombardiert werden; andre hätten
+mögen dabei sein, wenigstens während dem Plündern. Ich konnte mich
+kaum satt sehn; sonst aber war mein einziges Sehnen wieder nach Haus,
+zu den Meinigen, zum Anneli. Wir kamen noch bis auf Schibrack; den
+sechsten bis Pilsen. Dort hatte der Wirt eine Tochter, das schönste
+Mädchen, das ich in meinem Leben gesehn. Mein Herr Bachmann wollte mit
+ihr hübsch tun, und fast einzig ihr zulieb hielten wir da Rasttag. Aber
+der Wirt verdeutete ihm, sein Kind sei keine Berlinerin! Vom achten
+bis zwölften ging's über Stab, Lensch, Rötz, Kürn auf Regensburg, wo
+wir zum zweitenmal rasteten. Bisher hatten wir nur kurze Tagreisen
+von zwei bis drei Meilen gemacht, aber desto längere Zechen. Mein
+Dukaten Reisegeld war schon dünn wie ein Laub worden, sonst hatt' ich
+keinen Heller in der Ficke, und ward<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> also genötigt, auf den Dörfern
+zu fechten. Da bekam ich oft beide Taschen voll Brot, aber nie einen
+Heller bar. Bachmann hingegen hatte noch von seinem Handgeld übrig,
+ging in die Schenke, und ließ sich's wohlschmecken. Nur etwa zu
+vornehmen Häusern, Pfarrhöfen und Klöstern, kam er mit. Da mußten wir
+oft halbe Stunden stehn und den Herren alle Hergangenheit erzählen;
+des wurde besonders Bachmann meist überdrüssig, sonderlich wo für die
+Geschichte einer ganzen Schlacht, der er nicht beigewohnt, nur ein paar
+Pfennige flogen. Er gab immer vor, daß er bei Lowositz gewesen, und
+ich mußt' ihm die Lüge frisieren helfen; dafür hat er mir die ganze
+Reis' über keinen Krug Bier bezahlt. In den Klöstern gab's Suppen,
+oft auch Fleisch. Zu Regensburg, oder vielmehr im Bayerschen Hof
+verteilten wir uns wieder. Bachmann und ich erhielten einen Paß nach
+der Schweiz. Die andern, ein Bayer, zween Schwaben und ein Franzose,
+von denen ich nichts weiter zu sagen weiß, als daß sie alle vier
+rüstige Kerls und uns Tölpeln weit überlegen waren, nahmen jeder seine
+Straße. Die unsrige ging, der kleinern Orte nicht zu gedenken, über
+Ingolstadt, Donauwörth, Dillingen, Bregenz, Rheineck, nach Rorschach.
+Oberhalb Rheineck begegnete mir bald ein trauriger Spaß. Bisher waren
+wir unter lauter muntern Gesprächen über unsre glückliche Flucht,
+über unsre ältern und neuern Schicksale und unsre Aussichten für die
+Zukunft ganz brüderlich gereist. Bachmann,<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> dem, von vorigen Zeiten
+her, fast alle Tag Hünd' und Hasen wieder in den Sinn stiegen, hatte
+sich, sobald wir von Prag weg waren, eine Jagdflinte gekauft, die er
+mit sich trug. Ich war seiner ewigen Diskurse von Hetzen und Treiben
+schon längst müde geworden, als wir, wie gesagt, oberhalb Rheineck in
+den Weinbergen Hunde jagen hörten. Hier machte mein Urian vor Entzücken
+ordentliche Purzelsprünge und behauptete, es wären, beim Himmel! seine
+alten Bekannten; er kenne sie noch am Bellen! Ich lachte ihn aus.
+Hierüber ward er böse, befahl mir stillzustehn, und der schönen Musik
+zuzuhorchen. Jetzt spottete ich vollends seiner und stampfte mit den
+Füßen. Das hätt' ich freilich sollen bleiben lassen. Er ward rasend,
+stand ganz schäumend mit aufgehobener Flinte vor mich hin, und setzte
+sie mir zähneknirschend vor den Kopf, als wenn er mich den Augenblick
+töten wollte. Ich erschrak. Er war bewaffnet, ich nicht; und auch
+dies und seine Wut ungerechnet, glaub' ich kaum, daß ich dem ohnehin
+verzweifelt wilden, handfesten Kerle, der beinahe zwei Zoll höher als
+ich war, hätte gewachsen sein können. Doch, ich weiß nicht, ob aus Mut
+oder Furcht, stand ich bockstill und guckte nach allen Seiten herum,
+ob ich niemand zu Hilf rufen könnte? Aber, es war an einem einsamen
+Ort, auf einer Allmend;<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[49]</a> ich sah kein Mäuschen. »Sei kein Narr!«
+sagt' ich zu ihm, »wirst wohl<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> Spaß verstehn.« Damit legte sich seine
+Wut schon um ein ziemliches. Wir gingen stillschweigend weiter, und
+ich war froh, als wir unvermerkt ins Städtchen Rheineck traten. Jetzt
+flattierte er mir wieder, eines Talers wegen, den ich auf dem Weg von
+ihm geborgt hatte; und ich dachte oft, dies Lumpenstück Geld hab' mir
+das Leben gerettet. Aber von dem Augenblick an schwand alles Vertrauen
+unter uns. Doch hab' ich mich nie gerochen, obgleich's der Anlässe
+viele gab, und mein Vater zahlte ihm den Taler willig, als er wenig
+Tage nach meiner Heimkunft in unser Haus kam. Wir kamen noch bis
+Rorschach, und des folgenden Tags (25. Oktober) auf Herisau, denn mein
+Herr Bachmann mochte nicht eilen, und ich merkte, daß er sich nicht
+recht nach Haus getraute, bis er sich erkundigt hätte, wie seiner
+vorigen Frevel wegen der Wind blies.</p>
+
+<div class="sidenote">Trennung</div>
+
+<div class="sidenote">Heim! Heim!</div>
+
+<div class="sidenote">Nichts als Heim!</div>
+
+<p>Länger konnt' ich dem Burschen nicht abpassen; denn, so nahe bei meiner
+Heimat, brannt' ich vor Begierde, dieselbe völlig zu erreichen. Also
+den sechsundzwanzigsten Oktober morgens früh nahm ich den Weg zum
+letztenmal unter die Füße, rannte wie ein Reh über Stock und Stein, und
+die lebhafte Vorstellung des Wiedersehns von Eltern, Geschwistern und
+meinem Liebchen ging mir einstweilen vor Essen und Trinken. Als ich nun
+meinem geliebten Wattweil immer näher und näher, und endlich auf die
+schöne Anhöhe kam, von welcher ich seinen Kirchturm ganz nahe unter
+mir erblickte, bewegte sich alles in mir, und rollten große<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> Tränen
+haufenweis über meine Wangen herab. Oh, du erwünschter, gesegneter Ort!
+so hab' ich dich wieder, und niemand wird mich weiter von dir nehmen,
+dacht' ich im Heruntertrollen wohl hundertmal, und dankte dabei Gottes
+Vorsehung, die mich aus so vielen Gefahren wo nicht wunderbar doch
+höchstgütig gerettet hat. Auf der Brücke zu Wattweil redete mich ein
+alter Bekannter an, der vor meinem Weggehn um meine Liebesgeschichte
+gewußt hatte, und dessen erstes Wort war: »Je, gelt! deine Anne ist
+auch verplempert; dein Vetter Michel war so glückselig, und sie hat
+schon ein Kind.« Das fuhr mir durch Mark und Bein; indessen ließ ich's
+den Unglücksboten nicht merken: »Eh' nun,« sagt' ich, »hin ist hin!«
+Und in der Tat, zu meinem größten Erstaunen, faßt' ich mich bald, und
+dachte wirklich: »Nun freilich, das hätt' ich nicht hinter ihr gesucht!
+Aber, wenn's so sein muß, so sei's, und hab' sie eben ihren Michel!«
+Dann eilt' ich unserm Wohnort zu. Es war ein schöner Herbstabend. Als
+ich in die Stube trat, Vater und Mutter waren nicht zu Hause, merkt'
+ich bald, daß auch nicht eines von meinen Geschwistern mich erkannte,
+und sie über den ungewohnten Spektakel eines preußischen Soldaten nicht
+wenig erschraken, der so in seiner vollen Montierung, den Tornister
+auf dem Rücken, mit 'runtergelassnem Zottenhut und einem tüchtigen
+Schnurrbart sie anredte. Die Kleinern zitterten; der Größte griff nach
+einer Heugabel, und lief davon. Hinwieder wollt' auch ich mich<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> nicht
+zu erkennen geben, bis meine Eltern da wären. Endlich kam die Mutter.
+Ich sprach sie um Nachtherberg an. Sie hatte viele Bedenklichkeiten;
+der Mann sei nicht da und dergleichen. Länger konnt' ich mich nicht
+halten, ergriff ihre Hand und sagte: »Mutter, Mutter! kennst mich nicht
+mehr?« Oh, da ging's zuerst an ein lärmendes, von Zeit zu Zeit mit
+Tränen vermengtes Freudengeschrei von Kleinen und Großen, dann an ein
+Bewillkommnen, Betasten und Begucken, Fragen und Antworten, daß es eine
+Tausendslust war. Jedes sagte, was es getan und geraten, um mich wieder
+bei ihnen zu haben. So wollte meine älteste Schwester ihr Sonntagskleid
+verkaufen, und mich daraus heimholen lassen. Mittlerweile langte auch
+der Vater an, den man ziemlich aus der Ferne rufen mußte. Dem guten
+Mann rannen auch Tropfen die Backen herunter: »Ach! Willkomm, willkomm,
+mein Sohn! Gottlob, daß du gesund da bist, und ich einmal alle meine
+Zehn wieder beisammen habe. Obschon wir arm sind, gibt's doch alleweil
+Arbeit und Brot.« Jetzt brannte mein Herz lichterloh, und fühlte tief
+die Wonne, so viele Menschen auf einmal, und zwar die Meinigen, zu
+erfreuen. Dann erzählt' ich ihnen noch denselben und etliche folgende
+Abende haarklein meine ganze Geschichte. Da war's mir wieder so
+ungewohnt herzlich wohl! Nach ein paar Tagen kam Bachmann, holte, wie
+gesagt, seinen Taler, und bestätigte alle meine Aussagen. Sonntags
+früh putzt' ich meine Montur,<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> wie in Berlin zur Kirchenparade. Alle
+Bekannten bewillkommten mich; die andern gafften mich an, wie einen
+Türken. Auch nicht mehr meine, sondern Vetter Michels Anne tat es,
+und zwar ziemlich frech, ohne zu erröten. Ich hinwieder dankte ihr
+hohnlächelnd und trocken. Dennoch besucht' ich sie eine Weile hernach,
+als sie mir sagen ließ, sie wünschte allein mit mir zu reden. Da machte
+sie freilich allerlei kahle Entschuldigungen. Sie hab' mich auf immer
+verloren geglaubt, der Michel hab' sie übertölpelt, und so weiter.
+Dann wollte sie gar meine Kupplerin abgeben. Aber ich bedankte mich
+schönstens, und ging.</p>
+
+<div class="sidenote">Anne</div>
+
+<div class="sidenote">Was nun anfangen?</div>
+
+<p>Und nun, hieß es, was anfangen? Graben mag ich nicht; doch schäm' ich
+mich zu betteln. Nein! für mein Brot war ich nie besorgt, und jetzt am
+allerwenigsten; denn, dacht' ich, nun bist du wieder an deines Vaters
+Kost, und arbeiten willst du auch wieder lernen. Doch merkt' ich, daß
+mein Vater meinetwegen ein bißchen verlegen war, und vielleicht obige
+Textesworte auf mich anwandte, obschon er nichts davon sagte. In der
+Tat war mir die schwarze, gefährliche Kunst eines Pulvermachers höchst
+zuwider; denn dergleichen Spezerei hatt' ich genug gerochen. Jetzt
+sollt' ich auch wieder Kleider haben, und der gute Ätti strengte alles
+an, mir solche zu verschaffen. Den Winter über konnt' ich Holz zügeln
+und Baumwolle kämmen. Allein im Frühjahr 1757 beorderte mich mein Vater
+zum Salpetersieden.<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> Da gab's schmutzige und zum Teil strenge Arbeit.
+Doch blieb mir immer so viel Zeit übrig, meinen Geist wieder in die
+weite Welt fliegen zu lassen. Da dacht' ich: »Warst doch als Soldat
+nicht so ein Schweinskerl, und hattest bei aller deiner Angst und Not
+manch lustiges Tägel!« Ha! wie veränderlich ist das Herz des Menschen.
+Denn jetzt ging ich wirklich manche Stunde mit mir zu Rat, ob ich
+nicht aufs neue den Weg unter die Füße nehmen wollte; stunden mir doch
+Frankreich, Holland, Piemont, die ganze Welt, außer Brandenburg, offen.
+Mittlerweile wurde mir ein Herrndienst im Johanniterhaus Bubickheim,
+Zürcher Gebiets, angetragen. Ich ging zwar hin, mich zu erkundigen.
+Allein, ich gefiel, oder, was weiß ich, man gefiel mir nicht; und so
+blieb ich bei meinem Salpeter, war ein armer Tropf, hatte kein Geld,
+und mochte gleichwohl gern mit andern Burschen laichen.<a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[50]</a> Mein Vater
+gab mir zwar bisweilen, wenn ein Trinktag oder andrer Ehrenanlaß
+einfiel, etliche Batzen in den Sack; allein die waren bald über die
+Hand geblasen. Der ehrliche Kreuztrager hatte eben sonst immer mehr
+auszugeben als einzunehmen, und Kummer und Sorgen machten ihn lange
+vor der Zeit grau. Die Wahrheit zu sagen: Keins von allen seinen zehn
+Kindern wollte ihm recht ans Rad stehn. Jedes sah vor sich, und doch
+mochte keines was vor sich bringen. Die einen waren<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> zu jung. Von den
+zwei Brüdern, die nächst auf mich folgten, gab sich der ältere mit
+Baumwollenkämmen ab, und zahlte dem Ätti das Tischgeld; der andre half
+ihm zwar in der Pulvermühle. Überhaupt aber ließ der liebe Mann jedes
+sozusagen machen, was es wollte, erteilte uns viel gute Lehren und
+Ermahnungen, und las uns aus gottseligen Büchern allerlei vor; aber
+dabei ließ er's bewenden, und brauchte kurz keinen Ernst. Die Mutter
+mit den Töchtern machte es ebenso, und war gar zu gut. — Wie spät
+kommt der Verstand! Bei mir sollte er damals schon längst gekommen, und
+ich meines Vaters beste Stütze geworden sein. Ja! wenn das sinnliche
+Vergnügen nicht so anziehend wäre. An guten Vorsätzen fehlte es nie.
+Aber da hieß es:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p class="p0">Zwar billig' ich nicht mehr das Böse, das ich tue —<br>
+Doch tu' ich nicht das Gute, das ich will.</p>
+</div>
+
+<p>Und so stolpert' ich immer meinem wahren Glücke vorbei.</p>
+
+<div class="sidenote">Heiratsgedanken</div>
+
+<div class="sidenote">Lieschen</div>
+
+<p>Schon im vorigen Jahre geriet ich bei meinem Herumpatrouillieren hie
+und da an eine sogenannte Schöne; und es gab deren nicht wenig, die mir
+herzlich gut waren, aber meist ohne Vermögen. Ich nichts, sie nichts,
+dacht' ich dann, ist doch zu wenig, denn so unbedachtsam war ich nicht
+mehr wie im zwanzigsten. Auch sprach der Vater immer zu uns: »Buben!
+seid doch nicht so wohlfeil. Seht euch vor. Ich will's euch<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> zwar
+nicht wehren; aber werft den Bengel ein Bißlin hoch, er fällt schon
+von selbst wieder tief; in diesem Punkt darf sich einer alleweil was
+Rechtes einbilden.« Nun, das war schön und gut; aber es muß einer denn
+doch durch, wo's ihm geschaufelt ist. Gleichwohl dacht' ich etwas zu
+erhaschen, und glaubte mich eigentlich zum Ehestand bestimmt, sonst
+wär' ich um diese Zeit sicher in die weite Welt gegangen. Inzwischen
+war, aller meiner obbelobten Bedächtlichkeit ungeachtet, der Geiz
+wirklich nicht meine Sache. Ein Mädchen, ganz nach meinem Herzen, hätt'
+ich nackend genommen. Aber da leuchtete mir eben keine vollkommen
+ein, wie weiland mein Ännchen. Mit einem gewissen Lieschen war ich
+ein paarmal auf dem Sprung. Erst machte das Ding Bedenklichkeiten;
+nachwärts bot es sich selber an. Aber meine Neigung zu ihr war zu
+schwach; und doch glaub' ich nicht, daß ich unglücklich mit ihr
+gefahren wäre. Aber zu stockig ist zu stockig. Bald darauf kam ich
+fast ohne mein Wissen und Willen mit der Tochter einer katholischen
+Witwe in einen Handel, welcher ziemliches Aufsehen machte, obschon ich
+nur ein paarmal mit ihr spazieren gegangen war und ein Glas Wein mit
+ihr getrunken hatte, alles ohne sonderliche Absicht, und vornehmlich
+ohne sonderliche Liebe. Aber da blies man meinem Vater ein, ich wolle
+katholisch, und Marianchens Mutter, sie wolle reformiert werden; und
+doch hatte keins von uns so wenig an den Glauben als eine Änderung
+desselben gedacht. Das arme Ding kam<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> wirklich darüber in eine Art
+geheimer Inquisition von Geist- und Weltlichen, erzählte mir alles
+haarklein, und ihr ward himmelangst. Ich hingegen lachte im Herzen
+des dummen Lärms, um so viel mehr, da mein Vater solider zu Werk
+ging, mich zwar freundernstlich examinierte, aber mir dann auch auf
+mein Wort glaubte, als ich ihm sagte, daß ich so steif und fest auf
+mein Bekenntnis leben und sterben wollte, als Lutherus oder unsre
+Landskraft Zwingli. Inzwischen wurde die Sache auf Marianchens Seite
+ernsthafter, als ich glaubte. Das gute Kind ward so vernarrt in mich
+wie ein Kätzchen, und befeuchtete mich oft mit seinen Tränen. Ich
+glaube, das Närrchen wär' mit mir ans End der Welt gelaufen; und wenn
+ihm schon sein mütterlicher Glaube sehr ans Herz gewachsen war, meint'
+ich fast, ich hätt' in der Wagschal' überwogen. Auch setzte mir das
+Mitleid fast mehr zu, als je zuvor die Liebe. Doch mußt' ich, wenn ich
+alles und alles überdachte, durchaus allmählich abbrechen, und tat es
+wirklich. Hier falle eine mitleidige Träne auf das Grab dieses armen
+Töchterchens! Es zehrte sich nach und nach ab, und starb nach wenig
+Monaten im Frühling seines zarten Lebens. Gott verzeihe mir meine
+schwere Sünde, wenn ich an diesem Tod einige Schuld trug. Und wie
+sollt' ich mir dies verbergen wollen?</p>
+
+<p>Indem ich so hin und wieder meinen Salpeter brannte, sah' ich eines
+Tags ein Mädchen mit einem Amazonengesicht vorbeigehn, das mir, als
+einem »alten<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Preußen« nicht übel gefiel, und das ich bald nachher auch
+in der Kirche bemerkte. Dieser fragte ich erst ganz verstohlen nach,
+und was ich von ihr vernahm, behagte mir ziemlich, einen Kapitalpunkt
+ausgenommen, daß es hieß, sie sei verzweifelt böse, doch im bessern
+Sinn; und dann glaubten einige, sie habe schon einen Liebhaber. Nun,
+mit alledem, dacht' ich, 's muß doch einmal gewagt sein! Ich sucht'
+ihr also näherzukommen und mit ihr bekannt zu werden. Zu dem End'
+kauft' ich in Eggberg, wo mein Schatz daheim war, etwas Salpetererde,
+und zugleich ihres Vaters Gaden, ihr zulieb viel zu teuer, denn es war
+fast verloren Geld. Schon bei diesem Handel merkt' ich, daß sie gern
+den Herrn und Meister spiele; aber der Verstand, womit sie's tat, war
+mir nicht zuwider. Nun hatt' ich alle Tag Gelegenheit, sie zu sehen;
+doch ließ ich ihr lange meine Absichten unentdeckt, und dachte, du mußt
+sie erst recht ausstudieren. Die Böse, wovon man mir so viel Wesens
+gemacht, konnt' ich nicht an ihr finden. Aber der Henker hol' ein
+lediges Mädchen aus! Meine Besuche wurden immer häufiger. Endlich leert
+ich den Kram aus und gewahrte, daß ihr mein Antrag nicht unerwartet
+fiel. Dennoch hatte sie viele Bedenken, und ihr Ziel ging offenbar
+dahin, mich auf eine lange Probe zu setzen. Setz' du nur, dacht' ich,
+wanderte unterdessen mit meinem Salpeterplunder von einem Ort zum
+andern, und machte noch mit verschiedenen andern Mädchen Bekanntschaft,
+welche mir, die Wahrheit zu gestehen,<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> vielleicht besser gefielen, von
+denen aber keine so gut für mich zu taugen schien als sie. Endlich
+begriff ich, oder vielmehr gab mir's mein guter Genius ein, daß ich
+nicht bloß meiner Sinnlichkeit folgen solle. Inzwischen setzte es jetzt
+schon fast allemal, wenn ich meine Schöne sah, irgendeinen Strauß oder
+Wortwechsel, aus denen ich wahrnehmen konnte, daß unsre Seelen eben
+nicht gleichgestimmt waren. Aber selbst diese Disharmonie war mir
+nicht zuwider, und ich bestärkte mich immer mehr in einer gewissen
+Überzeugung: Diese Person wird dein Nutzen sein, wie die Arznei dem
+Kranken. Einst ließ sie sich gegen mich heraus, daß ihr meine dreckige
+Hantierung mit dem Salpetersieden gar nicht gefalle, und mir war's
+selber so. Sie riet mir, ein kleines Händelchen mit Baumwollengarn
+anzufangen, wie's ihr Schwager getan, dem's auch nicht übel gelungen
+sei. Das leuchtete mir so ziemlich ein. Aber wo 's Geld hernehmen?
+war meine erste und letzte Frage. Sie bot mir wohl etwas an, aber
+das kleckte nicht. Nun ging ich mit meinem Vater zu Rat. Der hatte
+ebenfalls nichts dawider und verschaffte mir hundert Gulden, die er
+noch von der Mutter zu beziehen hatte.</p>
+
+<p>Um diese Zeit hatt' ich eine gefährliche Krankheit zu bestehen, da mir
+ein Geschwür, an welchem ich beinahe das Leben verloren hätte, tief im
+Schlunde wuchs. Endlich schnitten's mir die Herren Doktors Mettler,
+Vater und Sohn, mit einem krummen Instrumente so glücklich<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> auf, daß
+ich gleichsam in einem Nu wieder schlucken und reden konnte.</p>
+
+<div class="sidenote">Als Garnhändler</div>
+
+<div class="sidenote">Wohnungspläne</div>
+
+<p>Im März des folgenden Jahres, 1759, fing ich wirklich an,
+Baumwollengarn zu kaufen. Damals mußt' ich noch den Spinnern auf ihr
+Wort glauben, und den Lehrbletz teuer genug bezahlen. Indessen ging
+ich den fünften April das erstemal mit meinem Garn nach St. Gallen,
+und konnt' es so mit ziemlichem Nutzen absetzen. Dann schaffte ich mir
+sechsundsiebenzig Pfund Baumwolle, das Pfund zu zwei Gulden, an, ward
+also in aller Form ein Garnhändler, und bildete mir schon mehr ein, als
+der Pfifferling wert war. Ungefähr ein Jahr lang trieb ich nebenbei
+noch mein Salpetersieden fort, und da meine Barschaft gering war, mußt'
+ich sie um so viel öftrer umzusetzen suchen. Ich wanderte deswegen
+einmal übers andere nach St. Gallen und befand mich dabei nicht übel;
+doch betrug mein Vorschlag in diesem Jahr nicht über zwölf Gulden. Aber
+das deuchte mir damals schon ein Großes.</p>
+
+<p>Als ich so den Handelsherrn spielte, dacht' ich, Liebchen sollte nun
+keine Einwendung mehr gegen meine Anträge machen. Aber weit gefehlt!
+Das verschmitzte Geschöpf wollte meine Ergebenheit noch auf andre Weise
+probieren. Nun, was ohnehin in meinen Planen stund, mochte hingehn. Als
+ich ihr daher eines Tags mit großem Ernst vom Heiraten redete, hieß
+es: Aber wo hausen und hofen? Ich schlug ihr verschiedene Wohnungen
+vor, die damals eben zu vermieten stunden,<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> »das will ich nicht,« sagte
+sie, »in meinem Leben nehm' ich keinen, der nicht sein eigen Haus
+hat!« »Ganz recht!« erwiderte ich; aber hätt's nicht auch in meinem
+Kopf gelegen, ich wollt's probiert haben. Von der Zeit an fragt' ich
+jedem feilgebotenen Häuschen nach; aber es wollte sich nirgends fügen.
+Endlich entschloß ich mich, selber eins zu bauen, und sagte es meiner
+Schönen. Sie war's zufrieden, und bot mir wieder Geld dazu an. Dann
+eröffnete ich meine Absicht auch meinem Vater, der versprach, ebenfalls
+mir mit Rat und Tat beizustehn, wie er's auch redlich hielt. Nun erst
+sah ich mich nach einem Platz um und kaufte einen Boden um ungefähr
+hundert Taler, dann hie und da Holz. Einige Tännchen bekam ich zum
+Geschenk. Nun bot ich alle meine Kräfte auf, fällte das Holz, das
+meist in einem Bachtobel stund, und zügelte es — der gute Ätti half
+mir wacker — nach der Säge, dann auf den Zimmerplatz. Aber Sägen und
+Zimmern kostete Geld. Alle Tag' mußt' ich dem Seckel die Riemen ziehn,
+und das war doch nur der Schmerzen ein Anfang. Doch bisher ging alles
+gut von statten; der Garnhandel ersetzte die Lücken. Meinem Schatze
+rapportiert' ich alles fleißig, und sie trug an meinem Tun und Lassen
+meist ein gnädiges Belieben. Den Sommer, Herbst und Winter durch macht'
+ich alle nötigen Zubereitungen mit Holz, Stein, Kalk und Ziegel, um
+im künftigen Frühjahr mit meinem Bau zeitig genug anfangen und je
+eher je lieber mit meiner jungen Hausehre einziehen zu können. Nebst<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span>
+meinem kleinen Handel pfuscht' ich, zumal im Winter, allerlei Mobilien
+und Werkgeschirr. Ich dachte, in ein Haus würde auch Hausrat gehören,
+von meiner Liebsten werd' ich nicht viel zu erwarten haben, und von
+meinem Vater, dem ich jetzt ein geringes Kostgeld bezahlen mußte, noch
+minder. Überhaupt war wohl nichts unüberlegter, als dergestalt, bloß
+einem Weibsbild und meiner Eitelkeit zulieb, um eine eigene Hofstätte
+zu haben, mich in ein Labyrinth zu vertiefen, aus welchem nur Gott und
+Glück wieder herausführen konnten. Auch lächelten mich ein paar meiner
+Nachbarn immer schalkhaft an, so oft ich bei ihnen vorüberging. Andre
+waren offenherziger und sagten mir's rund ins Gesicht: »Ulrich, Ulrich!
+du wirst's schwerlich aushalten.« Einige hatten vollends die Gutheit,
+mir nach dem Maß ihrer Kräfte, bloß auf mein und des Ätti Ehrenwort,
+tätlich unter die Arme zu greifen.</p>
+
+<div class="sidenote">Bräutigamsstand</div>
+
+<p>Übrigens war dies Tausendsiebenhundertundsechzig ein vom Himmel
+außerordentlich gesegnetes Wunderjahr, durch ein seltenes Gedeihen der
+Erdfrüchte und namhaften Verdienst, bei äußerst geringem Preis aller
+Arten von Lebensmitteln. Ein Pfund Brot galt zehn Pfennige, ein Pfund
+Butter zehn Kreuzer. Das Viertel Äpfel, Birnen und Erdäpfel konnt' ich
+beim Haus um zwölf Kreuzer haben; die Maß Wein um sechs Kreuzer, und
+die Maß Branz um sieben Batzen. Alles, reich und arm, hatte vollauf.
+Mit meinem Bauelgewerb wär's mir um diese Zeit gewiß gut gegangen, wenn
+ich<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> ihn nur besser verstanden und mehr Geld und Zeit dareinzusetzen
+gehabt hätte. So floß mir dieses Jahr ziemlich schnell dahin. Mit
+meiner Schönen gab's manchmal ein Zerwürfnis, wenn sie etwa meine
+Lebensart tadelte, mir Verhaltungsbefehle vorschreiben wollte, und
+ich mich, wie noch heutzutag, rebellisch stellte; aber der Faden war
+allemal bald wieder angesponnen und bald wieder zerbrochen.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Ehe-_und_Wehestand">Ehe- und Wehestand</h2>
+</div>
+
+
+<div class="sidenote">Der Hausbau</div>
+
+<p>Nachdem ich, wie gesagt, den Winter über alle möglichen Anstalten
+zu meinem Bauen gemacht, das Holz auf den Platz geschleift und der
+Frühling nun heranrückte, langten auch meine Zimmerleute auf den Tag
+an, wie sie mir's versprochen hatten. Es waren außer meinem Bruder
+Georg, den ich ebenfalls gedingt, und für den ich darum meinem
+Vater jetzt Kostgeld entrichten mußte, sieben Mann, deren jedem ich
+alle Tag für Speis' und Lohn sieben Batzen, dem Meister Hans Jörg
+Brunner von Krinau aber neun Batzen bezahlte und darüber noch täglich
+eine halbe Maß Branz, Sell-,<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[51]</a> Beschluß- und Firstwein. Es war
+den siebenundzwanzigsten März, da die Selle zu meiner Hütte gelegt
+wurde, bei sehr schönem Wetter, das bis Mitte April dauerte, wo die
+Arbeit durch eingefallenen großen Schnee einige Tage unterbrochen
+ward. Bis Mitte Mai, also in zirka sieben Wochen, kam alles unter
+Dach. Noch vorher aber, End' Aprils, spielte mir das Schicksal
+etliche fatale Streiche, die mir, so unbedachtsam ich sonst alles dem
+Himmel anheimstellte, der doch nirgends für den Leichtsinn zu sorgen
+versprochen hat, beinahe allen Mut zu Boden warfen. Es hatten sich
+nämlich drei oder vier Unsterne miteinander vereinigt, meinen Bau zu
+hintertreiben. Der eine war, daß ich noch viel zu wenig Holz<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> hatte,
+ungeachtet der Meister mir gesagt, es sei genug, und daher es erst
+jetzt einsah, als er an die oberste oder Firstkammer kam. Also mußt'
+ich von neuem in den Wald, Bäum kaufen, fällen, und sie in die Säge
+und auf den Zimmerplatz führen. Der zweite Unstern war, daß, als bei
+dem ebengedachten Geschäft mein Fuhrmann mit einem schweren Stück
+zwischen zwei Felsen durch, und ich nebenein galoppieren wollte, mir
+der Baum im Renken den rechten Fuß erwischte, Schuh' und Strümpf'
+zerriß, und Haut, Fleisch und Bein zerquetschte, so daß ich ziemlich
+miserabel auf dem einen Roß heimreiten, und unter großen Schmerzen
+viele Tag' inliegen mußte, bis ich wieder zu meinen Leuten konnte.
+Nebendem vereinigten sich während dieser meiner Niederlage noch zwei
+andre Fatalitäten mit den erstern. Die eine, einer meiner Landsmänner,
+dem ich hundertzwanzig Gulden schuldig war, schickte mir unversehns den
+Boten, daß er zur Stund' wolle bezahlt sein. Ich kannte meinen Mann und
+wußte, daß da Bitten und Beten umsonst sei. Also dacht' ich hin und
+her, was anzufangen wäre. Endlich entschloß ich mich, meinen Vorrat an
+Garn aus allen Winkeln zusammenzulesen, nach St. Gallen zu schicken
+und um jeden Preis loszuschlagen. Aber, o weh! das vierte Ungeheuer!
+Mein Abgesandter kam, statt mit Barschaft, mit der entsetzlichen
+Nachricht, mein Garn liege im Arrest wegen allzu kurzen Häspeln, ich
+müsse selber auf St. Gallen gehn und mich vor den Herren Zunftmeistern
+stellen.<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Was sollt' ich nun anfangen? Jetzt hatt' ich weder Garn noch
+Geld, sozusagen keinen Schilling mehr, meine Arbeiter zu bezahlen, die
+indessen drauflos zimmerten, als ob sie Salomonis Tempel bauen müßten.
+Und dann mein unerbittlicher Gläubiger! Aufs neue borgen? Gut! Aber wer
+wird mir armen Buben trauen? Mein Vater sah meine Angst, und mein Vater
+im Himmel sah sie noch besser. Sonst fanden der Ätti und ich noch immer
+Kredit. Aber sollten wir den mißbrauchen? Kurz, er rannte in seinem
+und meinem Namen, und fand endlich Menschen, die sich unser erbarmten,
+Menschen und keine Wuchrer! Gott vergelt' es ihnen in Ewigkeit!</p>
+
+<div class="sidenote">Einzug</div>
+
+<p>Sobald ich wieder aushoppen und meinen Sachen nachgehen konnte, war
+meine Not, vielleicht nur zu bald, vergessen. Mein Schatz besuchte mich
+während meiner Krankheit oft. Aber von allen jenen Unsternen ließ ich
+ihr keinen Schein sehn; und mein guter Engel verhütete, daß sie nichts
+davon erfuhr; denn ich merkte wohl, daß sie noch unschlüssig, nur mein
+Verhalten, und den Ausgang vieler ungewisser Dinge erwarten wollte.
+Unser Umgang war daher nie recht vertraut. Zu St. Gallen kam ich mit
+fünfzehn Gulden Buß davon. Als die Zimmerleut' fertig waren, ging's
+ans Mauern. Dann kam der Hafner, Glaser, Schlosser, Schreiner, einer
+nach dem andern. Dem letzten zumal half ich aus allen Kräften, so daß
+ich dies Handwerk so ziemlich gelernt und mir mit meiner Selbstarbeit
+manchen Schilling<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> erspart habe. Mit meinem Fuß war's indessen noch
+lange nicht recht, und ich mußte bei Jahren daran bayern,<a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor">[52]</a> sonst
+wäre alles viel hurtiger vonstatten gegangen. Endlich konnt' ich am
+siebenzehnten Juni mit dem Bruder in mein neues Haus einziehn, der nun
+einzig, nebst mir, unsern kleinen Rauch führte. Wir beide stellten also
+Herr, Frau, Knecht, Magd, Koch und Keller, alles an einem Stiel vor.
+Aber es fehlte noch an vielem. Wo ich herumsah, erblickt' ich meist
+heitre und sonnenreiche, aber leere Winkel. Immer mußt' ich die Hand
+in Beutel stecken, und der war klein und dünn, so daß es mich jetzt
+noch Wunder nimmt, wie die Kreuzer, Batzen und Gulden alle heraus- oder
+vielmehr hineingekrochen. Aber freilich am End erklärte sich manches
+durch eine Schuldenlast von fast tausend Gulden.</p>
+
+<div class="sidenote">Hochzeit</div>
+
+<p>Inzwischen war ich nun beinahe vier Jahre lang einem stettigen<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[53]</a>
+Mädchen nachgelaufen; und sie mir, wenn auch etwas minder. Wenn
+wir uns nicht sehen konnten, mußten bald alle Tage gebundene und
+ungebundene Briefe gewechselt sein, wie mich denn über diesen Punkt
+mein verschmitzter Schatz meisterlich zu betrügen wußte. Sie schrieb
+mir nämlich ihre Briefe meist in Versen, so nett, daß sie mich darin
+weit übertraf. Ich hatte eine große Freude an dem gelehrten<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> Ding,
+und glaubte eine vortreffliche Dichterin an ihr zu haben. Aber am End
+kam's heraus, daß sie weder schreiben noch Geschriebenes lesen konnte,
+sondern alles durch einen vertrauten Nachbar verrichten ließ. »Nun,
+Schatz!« sagt' ich eines Tags, »jetzt ist unser Haus fertig, und ich
+muß doch einmal wissen, woran ich bin.« Sie brachte noch einen ganzen
+Plunder von Entschuldigungen hervor. Zuletzt wurden wir darüber einig,
+ich müss' ihr noch Zeit lassen bis im Herbst. Endlich ward im Oktober
+(1761) unsre Hochzeit öffentlich verkündet. Jetzt, so schwer war's kaum
+Rom zu bauen, spielte mir ein niederträchtiger Kerl noch den Streich,
+daß er im Namen seines Bruders, der in piemontesischen Diensten
+stand, Ansprache auf meine Braut machte, die aber bald für ungültig
+erkannt wurde. An Aller Seelen-Tag wurden wir kopuliert. Herr Pfarrer
+Seelmatter hielt uns einen schönen Sermon, und knüpfte uns zusammen.
+So nahm meine Freiheit ein Ende, und das Zanken gleich den ersten Tag
+seinen Anfang. Ich sollte mich unterwerfen, wollte nicht, und will's
+noch nicht. Sie sollt' es auch, und will's noch viel minder. Auch
+darf ich einmal nicht verhehlen, daß mich eigentlich bloß politische
+Absichten zu meiner Heirat bewogen hatten, und ich nie jene zärtliche
+Neigung zu ihr verspürte, die man Liebe zu nennen gewohnt ist. Nur das
+erkannt' ich wohl, und erkenne ich noch in der gegenwärtigen Stunde,
+daß sie für meine Umstände unter allen, die ich bekommen hätte, die
+tauglichste war. Mein Bruder<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> Jakob hatte ein Jahr vor mir, und meine
+älteste Schwester ein Jahr nach mir sich verheiratet, und keins von
+beiden traf's so gut wie ich. Nicht zu gedenken, daß die Familie
+meiner Frau weit besser war, als die, worein meine beiden Geschwister
+sich hineingemannet und geweibet hatten, sind diese auch immer ärmer
+geblieben. Bruder Jakob zumal mußte in den teuern siebenziger Jahren
+von Weib und Kindern weg in den Krieg laufen.</p>
+
+<div class="sidenote">Tod des Vaters</div>
+
+<p>Das Jahr 1762 war mir besonders um des sechsundzwanzigsten Märzens
+und zehnten Septembers willen merkwürdig. An dem erstern starb mein
+geliebter Vater eines schnellen, gewaltsamen Todes, den ich lange
+nicht verschmerzen konnte. Er ging am Morgen in den Wald, etwas Holz
+zu suchen. Gegen Abend kam Schwester Anne-Marie mit Tränen in den
+Augen zu mir und sagte, der Ätti sei in aller Frühe fort und noch
+nicht heimgekommen, sie fürchten alle, es sei ihm was Böses begegnet,
+ich solle doch fort und ihn suchen, sein Hündlein sei etlichemal
+heimgekommen und wieder weggelaufen. Mir ging ein Stich durch Mark und
+Bein. Ich rannte in aller Eil' dem Gehölze zu, das Hündlein trabte vor
+mir her und führte mich gerade zu dem vermißten Vater. Er saß neben
+seinem Schlitten, an ein Tännchen gelehnt, die Lederkappe auf dem Schoß
+und die Augen sperroffen. Ich glaubte, er sehe mich starr an. Ich
+rief: Vater, Vater! aber keine Antwort. Seine Seele war ausgefahren,
+gestabet<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[54]</a> und kalt waren seine<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> lieben Hände, und ein Ärmel hing von
+seinem Futterhemd herunter, den er mag ausgerissen haben, als er mit
+dem Tode rang. Voll Angst und Verwirrung fing ich ein Zetergeschrei
+an, welches in kurzem alle meine Geschwisterte herbeibrachte. Eins
+nach dem andern legte sich auf den erblaßten Leichnam. Unser Geheul
+ertönte durch den ganzen Wald. Man zog ihn auf seinem Schlitten nach
+Haus, wo die Mutter samt den Kleinen ihr Wehklagen mit dem unsrigen
+vereinte. Ein armer Bube aß die Suppe, die auf den guten Herzensvater
+gewartet hatte. Zehn Tage vorher hatt' ich das letztemal, oh, hätt'
+ich's gewußt, daß es das letztemal! mit ihm gesprochen, und sagte er
+mir unter anderm, er möchte sich die Augen ausweinen, wenn er bedenke,
+wie oft er den lieben Gott erzürnt habe. Oh, welch einen guten Vater
+hatten wir, welch einen zärtlichen Ehemann unsre Mutter, welch eine
+redliche Seele und Biedermann alle, die ihn kannten, an ihm verloren.
+Gott tröste seine Seele in alle Ewigkeit! Er hatte eine mühsame
+Pilgrimschaft. Kummer und Sorgen aller Art, Krankheiten, drückende
+Schuldenlast folgten ihm stets auf der Ferse nach. Sonntags, den
+achtundzwanzigsten März, wurde er unter einem zahlreichen Gefolge zu
+seiner Ruhestatt begleitet, und in unser aller Mutter Schoß gelegt.
+Herr Pfarrherr Bösch ab dem Ebnet hielt ihm die Leichenrede, die für
+seine betrübten Hinterlassenen<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> ungemein tröstlich ausfiel. Der Selige
+mag sein Alter auf fünfundfünfzig Jahre gebracht haben. Oh, wie oft
+besucht' ich seither das Plätzchen, wo er den letzten Atem ausgehaucht.
+Die sicherste Vermutung über seine eigentliche Todesart gab mir der Ort
+selbst an die Hand. Es war sehr gähe, wo er mit seinem Füderchen Holz
+hinunterfuhr. Der Schnee trug den Schlitten, aber mit den Füßen mußte
+er an einer lockern Stelle, die ich noch wohl wahrnehmen konnte, unter
+den letztern gekommen, und derselbe mit ihm gegen eine Tanne geschossen
+sein, die ihm den Herzstoß gab. Doch muß er noch eine Weile gelebt,
+sich freimachen gewollt, und über dieser Bemühung sein Futterhemd
+zerrissen haben.</p>
+
+<div class="sidenote">Familiensorgen</div>
+
+<p>Nach diesem traurigen Hinschied fiel eine schwere Last auf mich.
+Da waren noch vier unerzogene Kinder, bei welchen ich Vaterstelle
+vertreten sollte. Unsre Mutter war so immer geradezu und sagte zu
+allem: Ja, ja! Ich tat, was ich konnte, wenn ich gleich mit mir selbst
+schon genug zu schaffen hatte. Bruder Georg nahm den eigentlichen
+Haushalt über sich. Aus den hundert Gulden, die mir der Selige gegeben
+hatte, tilgte ich seine Schulden. In meinem eigenen Häuschen machte ich
+einen Webkeller zurecht. Ich lernte selbst weben und lehrte es nach
+und nach meine Brüder, so daß zuletzt alle damit ihr Brot verdienen
+konnten. Die Schwestern verstunden recht gut Löthligarn zu spinnen, die
+jüngste lernte nähen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p>
+
+<div class="sidenote">Das erste Kind</div>
+
+<p>Der zehnte September war wieder der erste frohe Tag für mich, an
+welchem meine Frau mir einen Sohn zur Welt brachte, den ich nach meinem
+und meines Schwähers Namen Uli nannte. Ich hatte eine solche Freude mit
+diesem Jungen, daß ich ihn nicht nur allen Leuten zeigte, die ins Haus
+kamen, sondern auch jedem vorübergehenden Bekannten zurief: Ich hab'
+einen Buben, obgleich ich schon voraus wußte, daß mich mancher darüber
+auslachen und denken werde: Wart nur, du wirst noch des Dings genug
+bekommen, wie's denn auch wirklich geschah. Inzwischen kam mein gutes
+Weib dies erstemal nicht leicht davon und mußte viele Wochen das Bett
+hüten. Das Kind wuchs und nahm wunderbar zu.</p>
+
+<p>Bald nachher erzeugten die Angelegenheiten der Meinigen manchen
+kleinern und größern Ehestreit zwischen mir und meiner Hausehre. Die
+letztre mochte nämlich nach Gewohnheit die erstern nie recht leiden,
+und meinte immer, ich dächt' und gäb' ihnen zu viel. Freilich waren
+meine Brüder ziemlich ungezogene Bursche, aber immer meine Brüder,
+und ich also verbunden, mich ihrer anzunehmen. Endlich kam einer nach
+dem andern unter die Fremden, Georg ausgenommen, der ein ziemlich
+liederliches Weib heiratete. Die andern alle verdienten, meines
+Wissens, ihr Brot mit Gott und mit Ehren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p>
+
+<div class="sidenote">Eheleben</div>
+
+<p>Die Flitterwochen meines Ehestands waren nun längst vorbei, obgleich
+ich wenig von ihrem Honig zu sagen weiß. Mein Weib wollte immer gar
+zu scharfe Mannszucht halten; und wo viel Gebote sind, gibt's mehr
+Übertretung. Sobald ich nur ein bischen ausschweifte, waren gleich alle
+Teufel los. Das machte mich bitter und launisch, und verführte mich zu
+allerlei eiteln Projekten. Mein Handel ging bald gut, bald schlecht.
+Bald kam mir ein Nachbar in die Quere und verstümmelte mir meinen
+schönen Gewerb; bald betrogen mich arge Buben um Baumwolle und Geld,
+denn ich war gar zu leichtgläubig. Ich hatte mir eines der herrlichsten
+Luftschlösser gemacht, meine Schulden in wenig Jahren zu tilgen; aber
+die Ausgaben mehrten sich von Jahr zu Jahr. Im Winter 63 gebar mir
+meine Frau eine Tochter, und 65 noch eine. Ich bekam wieder das Heimweh
+nach Geißen; auf der Stelle mußten deren etliche herbeigeschafft sein.
+Die Milch stund mir und meinen drei Jungen trefflich an; aber die Tiere
+gaben mir viel zu schaffen. Andremal hielt ich eine Kuh; oft gar zwei
+und drei. Ich pflanzte Erdäpfel und Gemüse, und probierte alles, wie
+ich am leichtesten zurechtkommen möchte. Aber ich blieb immer so auf
+dem alten Fleck stehn, ohne weit vor, doch auch nicht hinterwärts zu
+rücken.</p>
+
+<div class="sidenote">Die Sechzigerjahre</div>
+
+<p>Überhaupt vertrödelte ich diese Sechzigerjahre, daß ich nicht recht
+sagen kann, wie? und so, daß sie meinem Gedächtnis weit entfernter
+sind als die entferntesten<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Jugendjahre. Nur etwas Weniges also von
+meiner damaligen Herzens- und Gemütslage. Schon mehrmals hab' ich
+bemerkt, wie ich in meiner Bubenhaut ein lustiger, leichtsinniger,
+kummer- und sorgenloser Junge war, der dann doch von Zeit zu Zeit
+manche gute Regungen zur Buße und manche angenehme Empfindung, wenn
+er in der Besserung auch nur einen halben Fortschritt tat, bei sich
+verspürte. Nun war die Zeit längst da, einmal mit Ernst ein ganz
+anderes Leben anzufangen. Gerade von meiner Verheiratung an wollt'
+ich mit nichts Geringerm beginnen, als der Welt völlig abzusagen, und
+das Fleisch mit allen seinen Gelüsten zu kreuzigen. Aber, oh, ich
+einfältiger Mensch! Was es da für ein Gewirre und für Widersprüche in
+meinem Innern absetzte. Vor meinem Ehestand bildete ich mir ein, wenn
+ich nur erst meine Frau und eigen Haus und Heimat hätte, würden alle
+andern Begierden und Leidenschaften wie Schuppen von meinem Herzen
+fallen. Aber, potztausend! welch' eine Rebellion gab's da. Lange Zeit
+wendete ich jeden Augenblick, den ich entbehren, aber auch manchen,
+den ich nicht entbehren konnte, aufs Lesen an. Ich schnappte jedes
+Buch auf, das mir zu erhaschen stund. Ich hatte acht Foliobände von
+der Berlenburger Bibel vollendet, nahm dann, wie es sich gebührt,
+eine scharfe Kinderzucht vor, ging dann und wann in die Versammlung
+etlicher Heiliger und Frommen, und ward darüber, wie es mir jetzt
+vorkommt, ein unerträglicher, eher gottloser Mann, der alle andern<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span>
+Menschen um ihn her für bös, sich selber allein für gut hielt, und
+darum jedes Bein nach seiner Pfeife wollte tanzen lehren. Jede auch
+noch so schuldlose Freude des Lebens machte mir Skrupel über Skrupel,
+ich wollte mir bald sogar die Befriedigung eigentlich unentbehrlicher
+Bedürfnisse versagen, und mein Busen steckte doch voll schnöder Lust
+und tausend abenteuerlicher Begierden, die ich so oft ertappte, als
+ich hineinzugucken Mut genug hatte. Ich geriet dann freilich fast
+in Verzweiflung, faßte aber doch allemal von neuem wieder Posto und
+suchte meine Sachen mit Beten, Lesen und — oh, ich abscheulicher
+Kerl! — hauptsächlich damit wieder zu verbessern, daß ich meiner Frau
+und Geschwisterten wie ein Pfarrer zusprach, und die Höll' bis zum
+Zerspringen heiß machte. Oft fiel mir's gar ein, ich sollte, gleich
+den Herrnhutern und Inspirierten, in der weiten Welt herumziehn und
+Buß' predigen. Wenn ich aber so nur einem meiner Brüder oder Schwestern
+einen Sermon hielt, und schon im Text stockte, dacht' ich wieder:
+Du Narr! Hast ja keine Gaben zu einem Apostel, und also auch keinen
+Beruf dazu. Dann fiel ich darauf, ich könnte vielleicht besser mit der
+Feder zurechtkommen, und flugs entschloß ich mich, ein Büchlein zum
+Trost und Heil wo nicht ganz Tockenburgs, wenigstens meiner Gemeinde
+zu schreiben, oder es auch nur meiner Nachkommenschaft — statt des
+Erbguts zu hinterlassen.</p>
+
+<p>Das Jahr 1767 hatte mir wieder einen Buben beschert. Ich nannte ihn
+<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span>nach meinem Vater Johannes. Um die nämliche Zeit fiel mein Bruder
+Samson im Laubergaden ab einem Kirschbaum zu Tod. Im Jahre 68 fing
+ich obbelobtes Büchlein und zugleich ein Tagebuch an, das ich bis zu
+dieser Stunde fortsetze, das anfangs aber voll Schwärmereien stak, und
+nur bisweilen ein guter Gedanke in hundert leeren Worten ersäuft war,
+mit denen <span class="antiqua">nb.</span> meine Handlungen nie übereinstimmten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Sonst ward ich in diesen frommen Jahren des Garnhandels bald
+überdrüssig, weil ich dabei, wie ich wähnte, mit zu viel rohen und
+gewissenlosen Menschen umzugehen hätte. Aber, oh, des Tucks! warum
+überließ ich ihn denn meiner Frau und beschäftigte mich selbst mit
+der Baumwolltüchlerei? Ich glaubte halt, für meine Haut und mein
+Temperament mit den Webern besser als mit den Spinnern auskommen zu
+können. Aber es war für meine Haushaltung ein törichter Schritt, oder
+wenigstens fiel er übel aus. Im Anfang kostete mich das Webgeschirr
+viel, und mußt' ich überhaupt ein hübsches Lehrgeld geben: und als ich
+die Sachen ein wenig im Gang hatte, schlug die War' ab. Doch, dacht'
+ich, es wird schon wieder anders kommen.</p>
+
+<p>Das Jahr 1769 bescherte mir den dritten Sohn. »Ha!« überlegt' ich eines
+Tags, »nun mußt du einmal mit Ernst ans Sparen denken; bist immer
+noch so viel schuldig wie im Anfang, und dein Haushalt wird je länger
+je stärker. Frisch! die Händ' aus den Hosen getan,<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> und die Bären
+abbezahlt. Jetzt kann's sein. Bisher hattest noch stets an deiner Hütte
+zu flicken, und fehlte immer hie und da ein Stück; andrer Ausgaben
+in deinem Gewerb zu geschweigen. Dann hast du unvernünftig viel Zeit
+mit Lesen und Schreiben zugebracht. Nein, nein! Jetzt willst anders
+dahinter. Zwar das Reichwerdenwollen soll von heut an aufgegeben sein.
+Der Faule stirbt über seinen Wünschen, sagt Salomon. Aber jenes ewige
+Studieren zumal, was nützt es dir? Bist ja immer der alte Mensch, und
+kein Haar besser als vor zehn Jahren, da du kaum lesen und schreiben
+konntest. Etwas Geld mußt' freilich noch aufnehmen; aber dann desto
+wackerer gearbeitet, und zwar alles, wie's dir vor die Hand kömmt.
+Verstehst ja, neben deinem eigentlichen Berufe noch das Zimmern,
+Tischlern und anderes wie ein Meister; hast schon Webstühl', Trög',
+Kästen und Särg' bei Dutzenden gemacht. Freilich ist schlechter Lohn
+dabei, und: Neun Handwerk', zehn Bettler, lautet das Sprichwort, doch
+wenig ist besser als nichts.« So dacht' ich. Aber es liegt nicht an
+jemands Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Verhängnis, an Zeit und
+Glück!</p>
+
+<div class="sidenote">Die schlimmen Siebenzigerjahre</div>
+
+<p>Während diesem meinem neuen Planmachen und Projekteschmieden rückten
+die heißhungrigen Siebenzigerjahre heran, und das erste brach ein, ganz
+unerwartet wie ein Dieb in der Nacht ein, da jedermann auf ganz andre
+Zeiten hoffte. Freilich gab's seit dem<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> Jahr 1760 in unsern Gegenden
+kein recht volles Jahr mehr. Die Jahre 1768 und 1769 fehlten gänzlich,
+hatten nasse Sommer, kalte und lange Winter, großen Schnee, so daß viel
+Frucht darunter verfaulte, und man im Frühling aufs neue pflügen mußte.
+Das mögen politische Kornjuden wohl gemerkt und der nachfolgenden
+Teurung vollends den Schwung gegeben haben. Dies konnte man daraus
+schließen, daß fürs Geld immer Brot genug vorhanden war; aber eben
+jenes fehlte, und zwar nicht bloß bei dem Armen, sondern auch bei dem
+Mittelmann. Also war diese Epoche für Händler, Bäcker und Müller eine
+goldene Zeit, wo sich viele bereicherten oder wenigstens ein Hübsches
+auf die Seite schaffen konnten. Hinwieder fiel der Baumwollengewerb
+fast gänzlich in den Kot und war aller diesfällige Verdienst äußerst
+klein, so daß man Arbeiter genug ums bloße Essen haben konnte. Ohne
+dies wäre der Preis der Lebensmittel noch viel höher gestiegen, und
+hätte die teure Zeit bald gar kein End' genommen.</p>
+
+<p>Das siebenziger Jahr neigte sich schon im Frühling zum Aufschlagen.
+Der Schnee lag auf der Saat bis im Maien, so daß gar viel darunter
+erstickte. Indessen tröstete man sich den ganzen Sommer auf eine
+leidliche Ernte, dann auf das Ausdreschen; aber alles umsonst. Ich
+hatte eine gute Portion Erdäpfel im Boden; es wurden mir aber viel
+gestohlen. Den Sommer über hatte ich zwo Kühe auf fremder Weide, und
+ein paar<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> Geißen, welche mein erstgeborener Junge hütete; im Herbst
+aber mußt' ich aus Mangel an Geld und Futter alle diese Schwänze
+verkaufen. Der Handel nahm ab, so wie die Fruchtpreise stiegen, und bei
+den armen Spinnern und Webern war nichts als Borgen und Borgen. Nun
+tröstete ich die Meinigen und mich selbst mit meinem: »Es wird schon
+besser kommen!« so gut ich konnte; ich mußte aber auch dafür manche
+bittre Pille verschlucken, die meine Bettgenossin wegen meinem vorigen
+Verhalten, Sorglosigkeit und Leichtsinn mir auftischte, und die ich
+nicht allemal geduldig und gleichgültig ertragen mochte. Gleichwohl
+sagte mir mein Gewissen meist: Sie hat recht. Wenn sie's nur nicht so
+herb' präpariert hätte.</p>
+
+<div class="sidenote">Mein erstes Hungerjahr</div>
+
+<p>Nun brach der große Winter ein, der schauervollste, den ich erlebt
+habe. Ich hatte fünf Kinder und keinen Verdienst, ein bißchen Gespunst
+ausgenommen. Bei meinem Händelchen büßt' ich von Woche zu Woche mehr
+ein. Ich hatte viel vorrätig Garn, das ich zu hohem Preis eingekauft,
+und an dem ich verlieren mußte, ich mocht' es wieder roh verkaufen
+oder zu Tüchern machen. Doch tat ich das letztere und hielt mit dem
+Losschlagen zurück, mich immer meines Waidspruchs getröstend: »Es
+wird schon besser werden!« Aber es ward immer schlimmer, den ganzen
+Winter durch. Inzwischen dacht' ich: »dein kleiner Gewerb hat dich
+bisher genährt, wenn du damit gleich nichts beiseite legen konntest.
+Du magst und kannst's also nicht<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> aufgeben. Tätest du's, müßtest du
+gleich deine Schulden bezahlen, und das wär' dir jetzt pur unmöglich.«
+Auch in andern Punkten ging's mir nicht besser. Mein kleiner Vorrat
+von Erdäpfeln und anderm Gemüs' aus meinem Gärtchen, was mir die Diebe
+übriggelassen, war aufgezehrt, ich mußte mich also Tag für Tag aus der
+Mühle verproviantieren; das kostete am End' der Woche eine hübsche
+Handvoll Münze, nur für Rotmehl und Rauchbrot. Dennoch war ich noch
+immer guter Hoffnung, hatte auch nicht eine schlaflose Nacht, und sagte
+alleweil: »Der Himmel wird schon sorgen und noch alles zum Besten
+lenken!« »Ja!« ripostierte meine Jöbin: »wie du's verdient; ich bin
+unschuldig. Hätt'st du die gute Zeit in Obacht genommen, und deine
+Hände mehr in den Teig gesteckt, als deine Nase in die Bücher!« »Sie
+hat recht!« dacht' ich dann, »aber der Himmel wird doch sorgen,« und
+schwieg. Freilich konnt' ich meine schuldlosen Kinder unmöglich Hunger
+leiden sehn, so lang ich noch Kredit fand. Die Not stieg um diese
+Zeit so hoch, daß viele eigentlich blutarme Leute kaum den Frühling
+erwarten mochten, wo sie Wurzeln und Kräuter finden konnten. Auch
+ich kochte allerhand dergleichen, und hätte meine jungen Vögel noch
+lieber mit frischem Laub genährt, als es einem meiner erbarmenswürdigen
+Landsmänner nachgemacht, dem ich mit eignen Augen zusah, wie er mit
+seinen Kindern von einem verreckten Pferd einen ganzen Sack voll
+Fleisch abhackte, woran sich schon mehrere Tage Hunde und Vögel satt<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span>
+gefressen hatten. Noch jetzt, wenn ich des Anblicks gedenke, durchfährt
+Schauer und Entsetzen alle meine Glieder. Bei alledem ging mir mein
+eigner Zustand nicht so sehr zu nahe, als die Not meiner Mutter und
+Geschwisterte, welche alle noch ärmer waren als ich, und denen ich so
+wenig helfen konnte. Indessen half ich über Vermögen, da ich stets
+noch einigen Kredit fand, und sie gar keinen. Im Mai 1771 verhalf mir
+ein gutmütiger Mann wieder zu einer Kuh und zu ein paar Geißen, da er
+mir Geld dazu bis auf den Herbst lieh. Nunmehr hatte ich wenigstens
+ein bißchen Milch für meine Jungen. Aber verdienen konnt' ich nichts.
+Was mir noch etwa von meinem Gewerb einging, mußt' ich auf die Atzung
+von Menschen und Tieren verwenden. Meine Schuldner bezahlten mich
+nicht, ich konnte also auch meine Gläubiger nicht befriedigen und
+mußte Geld und Baumwolle auf Borg nehmen wo ich's fand. Endlich ging
+dem Faß vollends der Boden aus. Zwar kam mir mein gewöhnliches: »Gott
+lebt noch! 's wird schon besser werden!« noch immer in den Sinn, aber
+meine Gläubiger fingen nichtsdestoweniger an, mich zu mahnen und
+zu drohen. Von Zeit zu Zeit mußt' ich hören, wie dieser und jener
+bankerott machte. Es gab hartherzige Kerls, die alle Tag mit den
+Schätzern im Feld waren, ihre Schulden einzutreiben. Neben andern traf
+die Reihe auch meinen Schwager; ich hatte ebenfalls eine Anforderung
+an ihn, und war selber bei dem Auffallsakt gegenwärtig; freilich mehr
+ihm zum Beistande, als<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> um meiner Schuld willen. Oh, was das für ein
+erbärmlicher Spektakel ist, wenn einer so wie ein armer Delinquent
+dastehn, sein Schulden- und Sündenregister vorlesen hören, so viele
+bittre, teils laute, teils leise Vorwürfe in sich fressen, sein Haus,
+seine Mobilien, alles, bis auf ein armseliges Bett und Gewand, um einen
+Spottpreis verganten sehn, das Geheul von Weib und Kindern hören und
+zu allem schweigen muß wie eine Maus. Oh, wie fuhr's mir da durch Mark
+und Bein! Und doch konnt' ich weder raten noch helfen, nichts tun, als
+für meiner Schwester Kinder beten und im Herzen denken: »Auch du, auch
+du steckst ebenso tief im Kot! heut oder morgen kann es, muß es dir
+ebenso gehn, wenn's nicht bald anders wird. Und wie sollt' es anders
+werden? Oder darf ich Tor auf ein Wunder hoffen? Nach dem natürlichen
+Gang der Dinge kann ich mich unmöglich erholen. Vielleicht harren deine
+Gläubiger noch eine Weile, aber alle Augenblick' kann die Geduld ihnen
+ausgehn. Doch, wer weiß? Der alte Gott lebt noch! Es wird nicht immer
+so währen. Aber, ach! Und wenn's auch besser würde, braucht' es Jahre,
+bis ich mich wieder erholen könnte. So lang werden meine Schuldherren
+mir gewiß nicht Zeit lassen. Ach, mein Gott! Was soll ich anfangen?
+Keiner Seele darf ich mich vertrauen, muß ich doch vor meinem eignen
+Weib meinen Kummer verbergen.« Mit solchen Gedanken wälzt' ich mich ein
+paar lange Nächte auf meinem Lager herum, dann faßt' ich, wie mit Eins,
+wieder<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Mut, tröstete mich aufs neue mit der Hilfe von oben, befahl
+dem Himmel meine Sachen und ging meine Wege wie zuvor. Zwar prüft' ich
+mich selbst unterweilen, ob und inwiefern ich an meinen gegenwärtigen
+Umständen Schuld trage. Aber, wie geneigt ist man in solcher Lage, sich
+selbst zu rechtfertigen! Freilich konnt' ich mir keine eigentliche
+Verschwendung oder Liederlichkeit vorwerfen, aber doch ein gewisses
+gleichgültiges, leichtgläubiges, ungeschicktes Wesen. Erstlich hatt'
+ich nie gelernt, recht mit dem Geld umzugehn, auch hatte es nie Reize
+für mich, als inwiefern ich's alle Tag zu brauchen wußte. Hiernächst
+traute ich jedem Halunken, wenn er mir nur ein gut Wort gab; und noch
+jetzt könnte mich ein ehrlich Gesicht um den letzten Heller im Sack
+betrügen. Endlich und vornehmlich verstunden lange weder ich noch mein
+Weib den Handel, und kauften und verkauften immer zur verkehrten Zeit.</p>
+
+<div class="sidenote">Not und Tod</div>
+
+<p>Mittlerweile ward meine Frau schwanger, den ganzen Sommer 1772 über
+kränklich, und schämte sich vor allen Wänden, daß sie bei diesen
+betrübten Zeitläufen ein Kind haben sollte. Ja, sie hätte selbst mir
+bald eine ähnliche Empfindung eingepredigt. Im Herbstmonate, da die
+rote Ruhr allenthalben grassierte, kehrte sie auch bei mir ein, und
+traf zuerst meinen lieben Erstgebornen. Von der ersten Stund' an, da
+er sich legte, wollt' er, außer lauterm Brunnenwasser, nichts, weder
+Speis' noch Trank mehr zu sich nehmen, und in acht Tagen war er eine
+Leiche. Nur Gott weiß, was ich bei<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> diesem Unfall empfunden. Ein
+so gutartiges Kind, das ich wie meine Seele liebte, unter einer so
+schmerzhaften Krankheit geduldig wie ein Lamm Tag und Nacht, denn es
+genoß auch nicht eine Minute Ruh', leiden zu sehn! Noch in der letzten
+Todesstunde riß es mich mit seinen schon kalten Händchen auf sein
+Gesicht herunter, küßte mich noch mit seinem erstorbnen Mündchen und
+sagte unter leisem Wimmern, mit stammelndem Zünglin: »Lieber Ätti! es
+ist genug. Komm auch bald nach« — rang dann mit dem Tod und verschied.
+Mir war, mein Herz wollte mir in tausend Stücke zerspringen. — Noch
+war mein Söhnlein nicht begraben, so griff die wütende Seuche mein
+ältestes Töchterchen an, und es war aller Sorgfalt der Ärzte ungeachtet
+noch schneller hingerafft. Diese Krankheit kam mir so ekelhaft vor,
+daß ich's sogar bei meinen Kindern nie ohne Grausen aushalten konnte.
+Als das Mädchen kaum tot, ich von Wachen, Sorgen und Wehmut wie
+vertaumelt war, fing's auch mir an im Leibe zu zerren, und hätt' ich
+in diesen Tagen tausendmal gewünscht zu sterben und mit meinen Lieben
+hinzufahren. Doch ging ich, auf dringendes Bitten meiner Frau, selbst
+zu Herrn Doktor Wirth. Er verordnete mir Rhabarber und sonst was.
+Sobald ich nach Haus kam, mußt' ich zu Bett liegen. Ein Grimmen und
+Durchfall fing mit aller Wut an, und die Arznei schien die Schmerzen
+zu verdoppeln. Der Doktor kam selbst zu mir und sah meine Schwäche,
+aber nicht meine Angst. Gott, Zeit und Ewigkeit, meine geist- und<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span>
+leiblichen Schulden stunden fürchterlich vor und hinter meinem Bett.
+Keine Minute Schlaf, Tod und Grab, Sterben, und nicht mit Ehren, welche
+Pein! Ich wälzte mich Tag und Nacht in meinem Bett herum, krümmte mich
+wie ein Wurm, und durfte, nach meiner alten Leier, meinen Zustand doch
+keiner Seele entdecken. Ich flehte zum Himmel, aber der Zweifel, ob der
+mich hören wollte, ging mir jetzt zum erstenmal durch Mark und Bein,
+und die Unmöglichkeit, daß mir bei meinem allfälligen Wiederaufkommen
+noch gründlich zu helfen sei, stellte sich mir lebhafter als je vor.
+Indessen ward mein Töchterchen begraben, und in wenig Tagen lagen meine
+drei übrigen Kinder nebst mir an der nämlichen Krankheit darnieder. Nur
+mein ehrliches Weib war bis dahin ganz frei ausgegangen. Da sie nicht
+allem abwarten konnte, kam ihre ledige Schwester ihr zu Hilf'; sonst
+übertraf sie mich an Mut und Standhaftigkeit weit. Ich stund, teils
+meiner leiblichen Schmerzen, teils meiner schrecklichen Vorstellungen
+wegen, noch ein paar Tage Höllenangst aus, bis es mir in einer
+glücklichen Stunde gelang, mich und meine Sachen dem lieben Gott auf
+Gnad und Ungnad zu übergeben. Bisher war ich ein ziemlich mürrischer
+Patient. Nun ließ ich mit mir machen, was jeder gern wollte. Meine
+Frau, ihre Schwester und Herr Doktor Wirth gaben sich alle ersinnliche
+Sorge um mich. Der Höchste segnete ihre Mühe, so daß ich inner acht
+Tagen wieder aufkam und auch meine drei Kleinen sich wieder allmählich
+erholten.<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> Als ich noch darniederlag, kam eines Abends meine Schwägerin
+und eröffnete mir, meine zwei Geißen seien auf und davon. »Ei so fahre
+denn alles hin!« sagt' ich, »wenn's so sein muß.« Allein des folgenden
+Morgens rafft' ich mich, so schwach und blöd' ich noch war, auf, meine
+Tiere zu suchen, und fand sie wieder, zu mein und meiner Kinder großer
+Freude.</p>
+
+<p>Sonst war der Jammer, Hunger und Kummer damals im Land allgemein. Alle
+Tag' trug man Leichen zu Grabe, oft drei, vier bis elf miteinander.
+Nun dankt' ich dem lieben Gott, daß er mir wieder so geholfen, und
+ebensosehr, daß er meine zwei Lieben versorgt hatte, denen ich nicht
+helfen konnte. Aber lange schwebten mir die anmutigen Dinger, ihr
+gutartiges kindliches Wesen, wie leibhaftig vor Augen. »Oh, ihr
+geliebten Kinder!« stöhnt' ich dann des Tages hundertmal, »wann werd'
+ich einst zu euch hinfahren? Denn ach! zu mir kommt ihr nicht wieder.«
+Viele Wochen lang ging ich umher wie der Schatten an der Wand, staunte
+Himmel und Erde an, tat zwar, was ich konnte, konnte aber nicht viel.
+Zur Bezahlung meiner Gläubiger wurden die Aussichten immer enger und
+kürzer. Aus einem Sack in den andern zu schleufen und mich so lange zu
+wehren, wie möglich, mußt' jetzt mein einziges Dichten und Trachten
+sein.</p>
+
+<div class="sidenote">Fünf weitere Jahre</div>
+
+<p>Fünf Jahre lang (1773-77) kroch ich so immer zwischen Furcht und
+Hoffnung unter meiner Schuldenlast<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> fort, trieb mein Händelchen und
+arbeitete daneben, was mir vor die Hand kam. Zu Anfang dieser Epoche
+ging's vollends den Krebsgang. So viel unnütze Mäuler, denn die
+Fünfzahl meiner Kinder war jetzt wieder komplett, die Ausgaben für
+Essen, Kleider, Holz und die leidigen Zinse fraßen meinen kleinen
+Gewinst noch etwas mehr als auf. Meine schönste Hoffnung erstreckte
+sich erst auf Jahre hinaus, wo meine Jungen mir zur Hilfe gewachsen
+sein würden. Aber wenn meine Gläubiger bös gewesen, sie hätten mich
+lange vorher überrumpelt. Nein! sie trugen Geduld mit mir; freilich
+bestrebt' ich mich aus allen Kräften Wort zu halten so gut wie
+möglich; aber das bestund meist in neuem Schuldenmachen, um die
+alten zu tilgen. Da waren mir allemal die nächsten Wochen vor der
+Zurzacher-Messe sehr schwarze Tag' im Kalender, wo ich viele Dutzend
+Stunden verlaufen mußte, um wieder Kredit zu finden. Oh, wie mir da
+manch' liebes Mal das Herz klopfte, wenn ich so an drei, vier Orten
+ein christliches Helf dir Gott! bekam. Wie rang ich oft meine Hände
+gen Himmel, und betete zu dem, der die Herzen wendet, wohin er will,
+auch eines zu meinem Beistand zu lenken. Und allemal ward's mir von
+Stund' an leichter um das meinige, und fand sich zuletzt, freilich nach
+unermüdetem Suchen und Anklopfen, noch irgendeine gutmütige Seele,
+meist in einem unverhofften Winkel. Ich hatte ein paar Bekannte, die
+mir wohl schon hundertmal aus der Not geholfen, aber die Furcht,<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> sie
+endlich zu ermüden, machte, daß ich immer zuletzt zu ihnen kehrte, und
+dann, hätt' ich ihnen ein einzigmal nicht Wort gehalten, so wäre mir
+auch diese Hilfsquelle auf immer versiegt; ich trug darum zu ihr wie
+zu meinem Leben Sorg'. Übrigens trauten's mir nur wenige von meinen
+Nachbarn und nächsten Gefreundten zu, daß ich sogar bis an die Ohren in
+Schulden stecke; vielmehr wußt' ich das Ding ziemlich geheim zu halten,
+meinen Kummer und Unmut zu verbergen, und mich bei den Leuten allezeit
+aufgeräumt und wohlauf zu stellen. Auch glaub' ich, ohne diesen
+ehrlichen Kunstgriff wär' es längst mit mir aus gewesen. Freilich
+hatt' ich, wer sollte es glauben? auch meine Neider, von denen ich
+wohl wußte, daß sie allen Personen, die mit mir zu tun hatten, fleißig
+ins Ohr zischten, was sie unmöglich mit Sicherheit wissen konnten. Da
+hieß es: »Er steckt verzweifelt im Dreck, lange hält er's nicht mehr
+aus. Wenn er nur nicht einpackt, oder Weib und Kinder im Stich läßt.
+Ich fürcht', ich fürcht', will aber nichts gesagt haben; wenn er's
+nur nicht inne wird.« Zu mir kamen die Kerls als die besten Freunde,
+förschelten und frägelten mich aus, taten so mitleidig, als wenn sie
+mir mit Gut und Blut helfen wollten, wenn ich nur Zutrauen zu ihnen
+hätte, und jammerten über die bösen Zeiten und Stümpler. Wie ich's doch
+bei meinem kleinen verderbten Händelchen mit meiner großen Haushaltung
+mache? Einst, ich weiß nicht mehr, ob aus Schalkheit oder Not, sprach
+ich einen dieser Uriane um ein halbdutzend<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Dublonen auf einen Monat
+an. Mein Herr hatte hundert Ausflüchte, schlug mir's am End' rund ab,
+und raunt' dann in jedes Ohr, das ihn hören wollte: Der Bräker hat
+gestern Geld von mir lehnen wollen. Er machte freilich auch einige
+meiner Kreditoren mißtrauisch; andere hingegen sagten: »Ha, er hat doch
+immer Wort gehalten, und so lang er das tut, soll er offne Tür bei mir
+finden. Er ist ein ehrlicher Mann.« Also eben jene falschen Freunde
+waren es, welche mir die meiste Mühe machten, und denen ich mich nicht
+entdecken durfte, wenn ich nicht völlig kaput sein wollte. Ich hatte
+schon im Jahre 1771 oder 1772 meine Weberei, obgleich mit ziemlichen
+Verlust, ab mir geladen und das brachte mir auch nicht den besten Ruf,
+da mein Baumwollenbrauch dadurch geringer und mein Baumwollenherr
+unzufrieden und mürrisch wurde. Desto eher sollt' ich nun die alten
+Baumwollenschulden bezahlen und konnt' es doch desto weniger. So
+verstrich ein Jahr nach dem andern. Bald flößte mir mein guter Geist
+frischen Mut und neue Hoffnung ein, daß mir noch einst durch die Zeit
+zu helfen sein werde. Nur allzuoft aber verfiel ich wieder in düstre
+Schwermut, und zwar, die Wahrheit zu gestehen, meist, wenn ich zahlen
+sollte und weder aus noch ein wußte. Da ich mich, wie schon gesagt,
+keiner Seele glaubte entdecken zu dürfen, nahm ich in diesen mutlosen
+Stunden meine Zuflucht zum Lesen und Schreiben. Ich entlehnte und
+durchstänkerte jedes Buch, das ich kriegen<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> konnte, in der Hoffnung,
+etwas zu finden, das auf meinen Zustand paßte, fing halbe Nächte durch
+weiße und schwarze Grillen, und fand allemal Erleichterung, wenn
+ich meine gedrängte Brust aufs Papier ausschütten konnte. Dann war
+der Entschluß bei mir fest, die Dinge, die da kommen sollten, ruhig
+abzuwarten, wie sie kommen würden; und in solcher Gemütsstimmung ging
+ich allemal zufrieden zu Bett und schlief wie ein König.</p>
+
+<div class="sidenote">Das Samenkorn meiner Autorschaft</div>
+
+<p>Um diese Zeit kam einst ein Mitglied der Moralischen Gesellschaft zu
+Lichtensteig in mein Haus, als ich eben die Geschichte von Brand und
+Struensee durchblätterte, und etwas von meinen Schreibereien auf dem
+Tisch lag. »Das hätt' ich bei dir nicht gesucht,« sagte er, und fragte:
+Ob ich gern so etwas lese, und oft dergleichen Sächelchen schreibe?
+»Ja!« sagt' ich: »Das ist neben meinen Geschäften mein einziges
+Wohlleben.« Von da an wurden wir Freunde und besuchten einander zum
+öftersten. Er anerbot mir seine kleine Büchersammlung, ließ sich aber
+in ökonomischen Sachen noch lieber von mir helfen, als daß er mir
+hätte beispringen können, obschon ich ihm von weitem meine Umstände
+merken ließ. In einem dieser Jahre schrieb die erwähnte Gesellschaft
+über verschiedene Gegenstände Preisfragen aus, welche jeder Landmann
+beantworten könnte. Mein Freund munterte mich zu einer solchen Arbeit
+auf; ich hatte große Lust dazu, machte ihm aber die Einwendung:<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span>
+Man würde mich armen Tropf nur auslachen. »Was tut das?« sagte er:
+»Schreib du nur zu, in aller Einfalt, wie's kommt und dich dünkt.«
+Da schrieb ich denn über den Baumwollengewerb und den Kredit, sandte
+mein Geschmiere zur bestimmten Zeit neben vielen andern ein, und die
+Herren waren so gut, mir den Preis von einem Dukaten zuzuerkennen. Ob
+zum Gespötte? Nein, wahrlich nicht. Oder vielleicht in Betrachtung
+meiner dürftigen Umstände? Kurz, ich konnt' es nicht begreifen, und
+noch viel minder, daß man mich jetzt gar von ein paar Orten her einlud,
+ein förmliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. »Oh, behüte
+Gott!« dacht' und sagt' ich anfangs, »das darf ich mir nicht träumen
+lassen. Ich würde einen Korb bekommen. Und wenn auch nicht, ich mag
+so gelehrten Herren keine Schande machen. Über kurz oder lang würden
+sie mich gewiß wieder ausmustern.« Endlich aber, nach vielem Hin- und
+Herwanken, und besonders aufgemuntert durch einen der Vorsteher, bei
+dem ich sehr wohl gelitten war, wagt ich's, mich zu melden. Ich kann
+übrigens versichern, daß mich weniger die Eitelkeit als die Begierde
+reizte, an der schönen Lesekommun der Gesellschaft um ein geringes
+Geldlein Anteil zu nehmen. Indessen ging es, wie ich vermutet hatte,
+und gab's allerlei Schwierigkeiten. Einige Mitglieder widersetzten
+sich, und bemerkten mit Recht, ich sei von armer Familie, dazu ein
+ausgerissener Soldat, ein Mann, von dem man nicht wisse wie er stehe,
+von dem wenig Ersprießliches<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> zu erwarten sei. Gleichwohl ward ich
+durch Mehrheit der Stimmen angenommen. Aber erst jetzt reute mich mein
+unbesonnener Schritt, als ich bedachte: Jene Herren sagten ja nichts
+als die nur lautere Wahrheit und könnten noch einst damit triumphieren.
+Inzwischen mußt' ich's gelten lassen, und tröstete ich mich mit dem
+auch nicht ganz uneigennützigen Gedanken, das ein und andre Mitglied
+könnte mir im Verfolg zu manchen wichtigen Dingen nützlich sein.</p>
+
+<div class="sidenote">Mitglied einer gelehrten Gesellschaft</div>
+
+<div class="sidenote">Lesewut</div>
+
+<div class="sidenote">Selbstanklagen</div>
+
+<div class="sidenote">Schuldner und Gläubiger</div>
+
+<div class="sidenote">Harte Versuchungen</div>
+
+<p>Was hatt' ich da für eine kindische Freude an der großen Anzahl Bücher,
+deren ich in meinem Leben nie so viele beisammen gesehn, und an denen
+allen ich nun Anteil hatte. Ich errötete zwar noch immer bei dem bloßen
+Gedanken, ein eigentliches Mitglied einer gelehrten Gesellschaft zu
+heißen und zu sein, und besuchte sie darum nur selten und verstohlen.
+Aber da half alles nichts; es ging mir wie dem Raben, der mit den Enten
+fliegen wollte. Meine Nachbarn und andre alte Freunde und Bekannte,
+kurz, meinesgleichen, sahen mich, wo ich stund und ging, überzwerch
+an. Hier hört' ich ein höhnisches Gezisch; dort erblickt' ich ein
+verachtendes Lächeln. Denn es ging unsrer Moralischen Gesellschaft im
+Tockenburg anfangs wie allen solchen Instituten in noch rohen Ländern.
+Man nannte ihre Mitglieder Neuherren, Bücherfresser, Jesuiten und
+dergleichen. Meine Frau vollends speite Feuer und Flammen über mich
+aus, wollte sich viele Wochen nicht besänftigen lassen, und gewann nun
+gar Ekel und Widerwillen gegen<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> jedes Buch, wenn's zumal aus unsrer
+Bibliothek kam. Einmal hatt' ich den Argwohn, sie selbst habe um diese
+Zeit meinen Kreditoren eingeblasen, daß sie mich nur brav ängstigen
+sollten. Sie leugnet's zwar noch auf den heutigen Tag, und Gott
+verzeih' mir's! wenn ich falsch gemutmaßt habe; aber damals hätt' ich
+mir's nicht nehmen lassen. Genug, meine Treiber setzten stärker in mich
+als sonst. Da hieß es: Hast du Geld, dich in die Büchergesellschaft
+einzukaufen, so zahl' auch mich. Wollt' ich etwas borgen, so wies man
+mich an meine Herren Kollegen. »Oh, du armer Mann!« dacht' ich, »was
+hast du für einen hundsdummen Streich gemacht, der dir vollends den
+Rest geben muß. Hätt'st du dich mit deinem Morgen- und Abendsegen
+begnügt, wie so viele andre deiner redlichen Mitlandsleute. Jetzt hast
+du deine alten Freund' verloren, von den neuen darfst und magst du
+keinen um einen Kreuzer ansprechen. Deine Frau hagelt auf dich zu. Du
+Narr! was nützt dir jetzt all' dein Lesen und Schreiben? Kaum wirst
+du noch dir und deinen Kindern den Bettelstab dafür kaufen können.«
+So macht' ich mir selber die bittersten Vorwürfe und rang oft beinahe
+mit der Verzweiflung. Dann sucht' ich freilich von Zeit zu Zeit aus
+einem andern Sack auch meine Entschuldigungen hervor, die hießen:
+»Ha! das Lesen kostet mich doch nur ein Geringes, und das hab' ich
+an Kleidern und anderm mehr als erspart. Auch bracht' ich nur die
+müßigen Stunden damit zu, wo andre ebenfalls nicht<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> arbeiten, meist
+bei nächtlicher Weile. Wahr ist's, meine Gedanken beschäftigten sich
+auch in der übrigen Zeit nur allzuviel mit dem Gelesenen und waren zu
+meinem Hauptberuf selten bei Hause. Doch hab' ich nichts verludert, und
+trank höchstens zuweilen eine Flasche Wein, meinen Unmut zu ersäufen.
+Das hätt' ich freilich auch sollen bleiben lassen. Aber was ist ein
+Leben ohne Wein, und zumal ein Leben wie meines?« Dann kam's wieder
+einmal ans Anklagen: »Aber, wie nachlässig und ungeschickt warst du
+in allem, was Handel und Wandel heißt. Mit deiner unzeitigen Güte
+nahmst du alles, wie man's dir gab, gabst jedem, was er dich bat, ohne
+zu bedenken, daß du nur andrer Leute Geld im Säckel hattest, oder
+daß dich ein redlich scheinendes Gesicht betrügen könnte. Deine Ware
+vertrautest du dem ersten besten und glaubtest ihm auf sein Wort,
+wenn er dir vorlog, er könne dir auf sein Gewissen nur soundsoviel
+bezahlen. Oh, könnt'st du noch einmal wieder von vornen anfangen. Aber,
+vergeblicher Wunsch! Nun, so willst du doch alles versuchen, willst
+denen, die dir schuldig sind, eben auch drohen wie man dir droht.« So
+dacht' ich elender Tropf und setzte wirklich zween meiner Debitoren
+den Tag an; freilich mehr um sie und andre zu schrecken, als daß es
+Ernst gegolten hätte. Aber sie verstunden's nicht so. Ich ging auf die
+bestimmte Zeit mit den Schätzern zu ihren Häusern; und, Gott weiß! mir
+war's viel bänger als ihnen. In dem ersten Augenblick, da ich in des
+einen Wohnung trat,<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> dacht' ich: Wer kann das tun? Die Frau bat, und
+wies mit den Fingern auf das zerfetzte Bett und die wenigen Scherben
+in der Küche; die Kinder in ihren Lumpen heulten. Oh, wenn ich nur
+wieder weg wäre! dacht' ich, bezahlte Schätzer und Weibel, und strich
+mich unverrichteter Sachen fort, nachdem man mir in bestimmten Terminen
+Bezahlung versprochen, die noch auf den heutigen Tag aussteht. Auch
+erfuhr ich nachwärts, daß diese Leute, einige Stunden vorher, eh' ich
+in ihr Haus kam, die besten Habseligkeiten geflöchnet,<a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[55]</a> und ihre
+Kinder expreß so zerlöchert angezogen hätten. »Meinetwegen,« sagt'
+ich da zu mir selbst, »das will ich in meinem Leben nicht mehr tun.
+Meine Gläubiger mögen eines Tages Barbaren gegen mich, ich will's
+nicht gegen andre sein. Es geh' mir wie es geh', diese Schulden
+müssen zuletzt doch auch zu meinem Vermögen gerechnet werden.« Aber
+jene fragten nichts darnach, und diesen jagte eine solche Denk- und
+Verfahrungsart gerade keine Scheu ein. Die erstern trieben mich immer
+stärker und unerbittlicher, so daß mich meine überspannte Einbildung
+zuletzt wirklich glauben ließ, Gott habe nun einmal beschlossen, mich
+vor aller Welt zu Spott und Schande zu machen und mich die Folgen
+meiner Unvorsichtigkeit abbüßen zu lassen. Der Versucher feiert bei
+solchen Gelegenheiten gewiß nicht, und mir war's oft, ich fühlte seine
+Eingebungen, wenn ich<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> den ganzen Tag vergeblich nach Menschenhilfe
+umhergelaufen war und abends schwermütig oder halb verrückt der Thur
+nach schlich, mit starrem Blick in den Strom hinuntersah, wo er am
+tiefsten ist. Dann deuchte es mir, der schwarze Engel hauche mich an
+und flüsterte mir zu: Stürz dich hinein, Tor, du hältst es doch nicht
+länger aus. Sieh' nur, wie sanft das Wasser rollt! Ein Augenblick, und
+dein ganzes Sein wird ebenso dahinwogen. Dann schläfst du so ruhig
+und so wohl, so wohl! Da wird für dich kein Leid und kein Geschrei
+mehr sein und dein Geist und Herz ewig in süßem Vergessen schlummern.
+Himmel, wenn ich dürfte! dacht' ich jetzt wohl. Aber welch ein Schauer,
+Gott, welch ein Grausen durchfährt alle meine Glieder! Sollt' ich
+meiner besseren Überzeugung vergessen können? Nein, Satan, packe
+dich! ich will ausharren und erdulden, was ich verschuldet habe. Ein
+andermal riet mir der Böse wieder, ich sollt' mein Bündel aufpacken
+und davonlaufen. Mit meiner noch übrigen Barschaft könnte ich in einem
+entfernten Lande etwas Neues anfangen, und zu Hause würden Weib und
+Kind schon gutherzige Seelen finden. — Was! ich davonlaufen? Mein zwar
+unsanftes aber getreues Weib und meine unschuldigen kleinen Kinder im
+Stich lassen? Die Winkelprophezeiungen meiner Feinde zu ihrer größten
+Freude wahrmachen? In welcher Ecke der Erde könnt' ich eine Stunde Ruhe
+genießen, wo mich verbergen, daß der Wurm in meinem Busen mich nicht
+fände? Und stell'<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> ich mir meine Sachen am Ende nicht zu schrecklich
+vor? Wenn mich nun auch meine Sünden so wie jetzt nur meine Schulden
+quälten?</p>
+
+<p>So bekam ich von Zeit zu Zeit wieder guten, festen Mut, der freilich
+nicht länger währte, als bis ich mich bei einer neuen Gelegenheit
+abermals des Gedankens nicht erwehren konnte: Jetzt ist's aus. Es
+ist kein Kraut für ein unheilbares Übel gewachsen. Aber auch alsdann
+bestand es weit mehr in der Einbildung als in der Wirklichkeit.</p>
+
+<p>Eines Tages, als ich eben auch vergebens herumgelaufen, um etliche
+Gulden zu borgen, und einer meiner Gläubiger mir mit entsetzlicher
+Roheit begegnet war, ging ich voll trübsinniger Phantasien zu Bett und
+wälzte mich bis Mitternacht schlaflos auf meinem Kissen hin und her.</p>
+
+<div class="sidenote">Brief an Lavater</div>
+
+<p>Da kam mir mit einemmale der menschenfreundliche Lavater in den Sinn,
+und ich entschloß mich augenblicklich, ihm zu schreiben. Ich stund auf
+und entwarf einen Brief an ihn, den ich gleich des anderen Morgens an
+seine Behörde abzusenden gedachte. Je öfter ich ihn aber, als die Zeit
+dazu gekommen war, überlas und überdachte, desto weniger wollte er mir
+in dem Bewußtsein dessen gefallen, wie sehr der teure Menschenfreund
+von Kollektanten, Bettlern und Bettelbriefen bestürmt werde. Um auch
+den bloßen Schein zu vermeiden, als beabsichtige ich die Zahl der
+Unverschämten zu vermehren, unterdrückte ich mein Geschreibsel wieder
+und<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> nahm von dieser Stund' an meine Zuflucht ganz allein zu Gott.
+Ich hatte zwar in der Folge noch öftere Anfälle meines eingewurzelten
+Kummerfiebers, wandte nun aber alle meine Leibes- und Seelenkräfte an,
+meine kleinen Geschäfte zu vermehren, und sah allenthalben selbst zu
+meinen Sachen.</p>
+
+<p>Gegen meine Bekannten stellte ich mich weit weniger mutlos als ich war,
+und tat immer munter und guter Dinge. Meinen Gläubigern gab ich die
+besten Worte, indem ich die älteren bezahlte und wieder bei anderen
+borgte. In der benachbarten Gemeinde Ganterschwil sah ich mich nach
+neuen Spinnern, soviel ich deren aufzutreiben wußte, um.</p>
+
+<div class="sidenote">Bessere Zeiten</div>
+
+<p>Das Jahr 1778 gab mir ganz besondern Mut und Zuversicht; mein
+Händelchen ging damals vortrefflich vonstatten, und bald konnt' ich
+glauben, daß ich mit Zeit und Weile mich vollkommen erholen und meiner
+Schuldenlast entledigen würde. Aber die Angst will ich mein Tage nicht
+vergessen, die mich auch jetzt noch quälte, wenn ich den Geschäften
+nach traurig meine Straße ging und mich dem Kontor eines überlegenen
+Handelsmanns oder der Tür eines harten Gläubigers nahte. Wie es mir da
+zumute war! wie ich meine Hände gen Himmel rang: »Herr! du weißt alle
+Dinge! Alle Herzen sind in deiner Hand; du leitest sie wie Wasserbäche,
+wohin du willst! Ach! gebiete auch diesem Laban, daß er nicht anders
+mit Jakob rede als freundlich!« Und der Allgütige erhörte meine Bitte;
+ich bekam<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> mildere Antwort, als ich's hätte erwarten dürfen. Oh, wie
+köstlich ist's, auf den Herrn hoffen und ihm alle sein Anliegen mit
+Vertrauen klagen. Dies hab' ich so manchmal und so deutlich erfahren,
+daß mir die felsenfeste Überzeugung davon nichts in der Welt mehr
+rauben kann.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p>
+
+<p>Zu Anfang des Jahres 1779 ward mir ohne mein Bewerben und Bemühen der
+Antrag gemacht, einem auswärtigen Fabrikanten von Glarus, Johannes
+Zwicki, Baumwollentücher weben zu lassen. Anfangs lehnt' ich den Antrag
+aus dem Grunde ab, weil vor mir ein gewisser Grob bei der nämlichen
+Kommission Bankerott gemacht. Da man mich aber versichert, daß die
+Ursache seines Unfalls eine ganz andre gewesen, ließ ich mich endlich
+bereden, und traf den Akkord vollkommen auf den Fuß wie jener. Sofort
+hob ich diesen Verkehr an. Man lieferte mir das Garn, und zwar zuerst
+sehr schlechtes; aber nach und nach ging's besser. Auch hatt' ich
+anfangs viel Mühe genug, Spuler und Weber zu kriegen. Doch merkt' ich
+bald, daß zwar mit diesem Geschäft viel Verdruß und Arbeit verbunden,
+aber auch etwas zu gewinnen sei. Im Jahre 1780 erweitert' ich meine
+Anstalt um ein merkliches, fing auch an, für eigne Rechnung Tücher
+zu machen, und befand mich gut dabei. Mein Kredit wuchs wieder von
+Tag zu Tag, und meine Gläubiger merkten bald, daß die Sachen eine
+andere Wendung genommen. Ich hüpfte daher nicht selten in meiner
+Warenkammer vor Freuden hoch auf und betrachtete meine Errettung als
+ein Beinahe-Wunder. Und doch ging in der Welt von jeher und geht noch
+alles seinen natürlichen Lauf! Glück und Unglück richteten sich immer,
+teils nach meinem Verhalten, das in meiner Macht stund, teils nach den
+Zeitumständen, die ich nicht ändern konnte. Auch die folgenden Jahre
+bis 1785 förderten meinen Wohlstand je mehr und mehr und änderten
+in meinem Innern nichts, als daß mir meine Geschäfte mehr zu denken
+gaben und meinen Hang zum Schreiben um ein gut Teil minderten. Hätte
+ich schon damals alle meine Waren und ausstehende Schulden zu Geld
+gemacht, so würde ich haben meine Gläubiger vollkommen befriedigen
+können und mein Haus und Garten mit all meiner Habe mir frei und ledig
+zu eigen verblieben sein. Es hat zwar seitdem den Anschein gewonnen,
+als ob der Baumwollentücherverkehr in unserem Lande nimmer wieder zu
+seinem vorigen Flor gelangen könne. Indessen ergeht es mir fortwährend
+leidlich genug, und würde ich, wenn ich mich zu einer ängstlichen
+Sparsamkeit bekehren wollen, heutigen Tages gewiß ein sogenannter
+bemittelter Mann sein.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Schluß">Schluß</h2>
+</div>
+
+
+<div class="sidenote">Stilling und Rousseau</div>
+
+<div class="sidenote">Meine Geständnisse</div>
+
+<div class="sidenote">Liebesgeschichte</div>
+
+<div class="sidenote">Käthchen</div>
+
+<p>Als ich dies Büchel zu schreiben anfing, dacht' ich Wunder, welch'
+eine herrliche Geschicht' voll der seltsamsten Abenteuer es absetzen
+würde. Ich Tor! Und doch — bei besserm Nachdenken — was soll ich
+mich selbst tadeln? Wäre das nicht Narrheit auf Narrheit gehäuft? Mir
+ist's, als wenn mir jemand die Hand zurückzöge. Das Selbsttadeln muß
+also etwas Unnatürliches, das Entschuldigen und sich selbst alles zum
+Besten deuten etwas ganz Natürliches sein. Ich will mich also herzlich
+gern entschuldigen, daß ich anfangs so verliebt in meine Geschichte
+war, wie es jeder Fürst und — jeder Bettelmann in die seinige ist.
+Oder, wer hörte nicht schon manches alte, eisgraue Bäurlein von seinen
+Schicksalen, Jugendstreichen und so fort ganze Stunden lang mit
+selbstzufriedenem Lächeln so geläufig und beredt daherschwatzen, wie
+ein Procurator, und wenn er sonst der größte Stockfisch war. Freilich
+kömmt's denn meist ein bißel langweilig für andre heraus. Aber was
+jeder tut, muß auch jeder leiden. Freilich hätt' ich, wie gesagt, mein
+Geschreibe ganz anders gewünscht; und kaum war ich damit zur Hälfte
+fertig, sah' ich das kuderwelsche Ding schon schief an; alles schien
+mir unschicklich, am unrechten Orte zu stehn, ohne daß ich mir denn
+doch getraut hätte, zu bestimmen, wie es eigentlich sein sollte; sonst
+hätt' ich's flugs auf diesen Fuß, z. B. nach dem Modell eines Heinrich
+Stillings, umgegossen.<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> »Aber, Himmel! welch ein Contrast! Stilling
+und ich!« dacht' ich. »Nein, daran ist nicht zu gedenken. Ich dürfte
+nicht in Stillings Schatten stehn.« Freilich hätt' ich mich oft gerne
+so gut und fromm schildern mögen, wie dieser edle Mann es war. Aber
+konnt' ich es, ohne zu lügen? Und das wollt' ich nicht, und hätte mir
+auch wenig geholfen. Nein! Das kann ich vor Gott bezeugen, daß ich die
+pur lautere Wahrheit schrieb; entweder Sachen, die ich selbst gesehen
+und erfahren, oder von andern glaubwürdigen Menschen als Wahrheit
+erzählen gehört. Freilich Geständnisse, wie Rousseau's seine, enthält
+meine Geschichte auch nicht, und sollte auch keine solchen enthalten.</p>
+
+<p>Um indessen doch einigermaßen ein solches Geständnis abzulegen, und
+dem Leser einen Blick wenigstens auf die Oberfläche meines Herzens zu
+öffnen, so will ich sagen: Daß ich ein Mensch bin, der alle seine Tage
+mit heftigen Leidenschaften zu kämpfen hatte. In meinen Jugendjahren
+erwachten nur allzufrüh gewisse Naturtriebe in mir; etliche Geißbuben
+und ein paar alte Narren von Nachbarn sagten mir Dinge vor, die einen
+unauslöschlichen Eindruck auf mein Gemüt machten, und es mit tausend
+romantischen Bildern und Fantaseyen erfüllten, denen ich, trotz alles
+Kämpfens und Widerstrebens, oft bis zum unsinnig werden nachhängen
+mußte, und dabei wahre Höllenangst ausstund. Denn um die nämliche Zeit
+hatte ich von meinem Vater, und aus ein paar seiner Lieblingsbücher
+allerlei, nach<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> meinen jetzigen Begriffen übertriebene Vorstellungen
+von dem, was eigentlich fromm und reinen Herzens sei, eingesogen. Da
+wurde mir nur das allerstrengste Gesetz eingepredigt; da schwebten
+mir immer unübersteigliche Berge, und die schwersten Stellen aus
+dem Neuen Testament von Händ' und Füß' abhauen, Augausreißen und so
+ferner vor. Mein Herz war von jeher äußerst empfindlich; ich erstaunte
+daher sehr oft, wenn ich weit bessere Menschen als ich, bei diesem
+oder jenem Zufall, bei Erzählung irgendeines Unglücks, bei Anhörung
+einer rührenden Predigt und dergleichen, wie ich wähnte, ganz frostig
+bleiben sah. Man denke sich also meine damalige Lage in einem rohen
+einsamen Schneegebürg': Ohne Gesellschaft, außer jenen schmutzigen
+Buben und unflätigen Alten auf der einen — auf der andern Seite
+jenen schwärmerischen Unterricht, den mein junger feuerfangender
+Busen so begierig aufnahm; dann mein von Natur tobendes Temperament
+und eine Einbildungskraft, welche mir nicht nur den ganzen Tag über
+keine Minute Ruhe ließ, sondern mich auch des Nachts verfolgte, und
+mir oft Träume bildete, daß mir noch beim Erwachen der Schweiß über
+alle Finger lief. Damals war es (wie man schon zum Teil aus meiner
+obigen Geschichte wird ersehen haben) meine größte Lust, an einem
+schönen Morgen oder stillen Abend, während dem Hüten meiner Geißen,
+mich auf irgend einem hohen Berge in einen Dornbusch zu setzen —
+dann jenes Büchelchen hervorzulangen, das ich viele Zeit überall<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> und
+immer bei mir trug, und daraus mich über meine Pflichten gegen Gott,
+gegen meine Eltern, gegen alle Menschen und gegen mich selbst, so lang
+zu erbauen, bis ich in eine Art wilder Empfindung geriet, und (ich
+entsinne mich noch vollkommen) allemal mit einer Ermahnung an Kinder
+endete, deren Anfang lautete: »Kommt Kinder! Wir wollen uns vor dem
+Thron des himmlischen Vaters niederwerfen.« Dann richtete ich meine
+Augen starr in die Höhe, und häufige Tränen flossen die Wangen herab.
+— Dann hing ich wieder für etwas Zeit Grillen von ganz andrer Natur,
+und auch diesen bis zur Wut nach; baute mir ein, zwei, drei Dutzend
+spanischer Schlösser auf, riß alle Abend die alten nieder, und schuf
+ein paar neue. — So dauerte es bis ungefähr in mein achtzehntes
+Jahr, da mein Vater seinen Wohnort veränderte, und ich sozusagen in
+eine ganz neue Welt trat, wo ich mehr Gesellschaft, Zeitvertreib, und
+minder Anlaß zum Phantasieren hatte. Hier fingen dann auch, besonders
+eine Art der Kinder meiner Einbildungskraft — und zwar leider eben
+die schönste von allen — an, sich in Wirklichkeit umzuschaffen,
+und kamen mir eben nahe an Leib. Aber zu meinem Glücke hielt mich
+meine angeborene Schüchternheit, Schamhaftigkeit, oder wie man das
+Ding nennen will, noch Jahre lang zurück, eh' ich nur ein einziges
+dieser Geschöpfe mit einem Finger berührte. Da fing endlich jene
+Liebesgeschichte mit Aennchen an, die ich oben, wie ich denke, nur mit
+allzusüßer Rückerinnerung,<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> beschrieben habe. Noch lebt diese Person,
+so gesund und munter wie ich; und mir steigt eine kleine Freude ins
+Herz, so oft ich sie sehe, obgleich ich mit Wahrheit bezeugen kann,
+daß sie alle eigentlichen Reize für mich verloren hat. Hie und da
+geriet ich auch an andre Mädchen; aber da stund mir keine an wie mein
+Aennchen. Nur eines gewissen Käthchens und Mariechens erinnr' ich mich
+noch mit Vergnügen, obschon unsere Bekanntschaft nur eine kleine Zeit
+währte. Wenn ein Weibsbild, sonst noch so hübsch, dastund oder saß
+wie ein Stück Fleisch, mir auf halbem Weg entgegen kam, oder mich gar
+noch an Frechheit übertreffen wollte, so hatte sie's schon bei mir
+verdorben; und wenn ich dann auch etwa in der Vertraulichkeit mit ihr
+ein bißchen zu weit ging, war's gewiß das erste und letzte Mal. Nie
+hab' ich mir auf meine Bildung und Gesicht viel zu gut getan, obschon
+ich bei den artigen Närrchen sehr wohl gelitten war, und einige aus
+ihnen gar die Schwachheit hatten, mir zu sagen, ich sei einer der
+hübschesten Buben. Wenn gleich meine Kleidung nur aus drei Stücken
+bestund, einer Lederkappe, einem schmutzigen Hemd, und ein Paar
+Zwilchhosen, so schämte sich doch auch das niedlichst geputzte Mädchen
+nicht, ganze Stunden mit mir zu schäkern. Insgeheim war ich denn
+freilich stolz auf solche Eroberungen, ohne recht zu wissen warum?
+Andremal nagte mir, wie gesagt, wirklich die Liebe ein Weilchen am
+Herzen: Dann sucht' ich mich des lästigen Gastes durch Zerstreuungen
+zu entledigen;<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> jauchzte, pfiff, und trillerte einen Gassenhauer,
+deren ich in kurzer Zeit viele von meinen Kameraden gelernt hatte;
+oder brütete an abgelegenen Orten wieder etliche Fantaseyen aus, und
+träumte von lauter Glück und guten Tagen, ohne daß ich mir einfallen
+ließ, mich auch zu fragen: Wann und woher sie auch kommen sollten,
+was ich mir auch sicher nicht hätte beantworten können. Denn die
+Wahrheit zu gestehn, ich war ein Erzlappe und Stockfisch, und besaß
+zumal keine Unze Klugheit oder gründliches Wissen, wenn ich schon
+über alles ganz artlich zu reden wußte. Daß ich bei jedermann,
+und bei jenen schönen Dingern insonderheit wohl gelitten war, kam
+einzig daher, weil ich so ziemlich gut an jedem Ort augenblicklich
+den für dasselbe schicklichsten Ton zu treffen wußte, und mir, wie
+meine Nymphen behaupteten, alles zierlich nett anstund. — Und nun
+abermals ein neuer Akt meines Lebens. Als mich nämlich bald hernach
+das Verhängnis in Kriegsdienste führte, und vorzüglich in den sechs
+Monaten, da ich noch auf der Werbung herumstreifte, ja da geht's über
+alle Beschreibung, wie ich mich nun fast gänzlich im Getümmel der Welt
+verlor. Zwar unterließ ich auch während meiner wildesten Schwärmereien
+nie, Gott täglich mein Morgen- und Abendopfer zu bringen, und meinen
+Geschwisterten gute Lehren nach Haus zu schreiben. Aber damit war's
+dann auch getan; und ob der Himmel daran große Freude hatte, muß ich
+zweifeln. Doch, wer weiß! Selbst diese flüchtige Andacht unterhielt<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span>
+vielleicht manche gute Gesinnung in mir, die sonst auch noch zu
+Trümmern gegangen wäre, und behütete mich vor groben Ausschweifungen,
+deren ich mir, Gott Lob! keiner einzigen bewußt bin. So z. B. wenn
+ich schon mit hübschen Mädchens für mein Leben gern umgehen mochte,
+hätt' ich's doch auf allen meinen Reisen und Kriegszügen nie über's
+Herz gebracht, nur ein einziges zu übertölpeln, wenn ich auch dazu
+noch so viel Reizung gehabt. Wahrlich, mein Gewissen war so zart über
+diesen Punkt, daß ich mir vielmehr oft nachwärts ruchlose Vorwürfe
+über meine eigne Feigheit gemacht und den und diesen guten Anlaß
+wieder zurückgewünscht. Aber wenn sich denn wirklich die Gelegenheit
+von neuem ereignete, und alles bis zum Genusse fix und fertig war,
+so fuhr ein zitternder Schauer mir durch Mark und Beine, daß ich
+zurückbebte, meinen Gegenstand mit guten Worten abfertigte oder leise
+davon schlich. Auf dem ganzen Transport bis nach Berlin bin ich, bis
+auf ein einziges Nestchen, vollends ganz rein davon gekommen. In
+dieser großen Stadt hätt' ich an gemeinen Weibsleuten keinen Schuh'
+gewischt. Hingegen will ich's nicht verbergen, daß meine zügellose
+Einbildungskraft ein paarmal über glänzende Damen und Mamselles
+brütete. Aber es stellten sich immer noch zu rechter Zeit genugsame
+Hindernisse in den Weg; die Anfechtungen verschwanden, und besserer
+Sinn und Denken erwachten wieder. Während meiner Campagne und auf der
+Heimreise hab' ich abermals keinen weiblichen<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Finger berührt. Was
+meine Desertion betrifft, so machte mir mein Gewissen darüber nie die
+mindesten Vorwürfe. Gezwungener Eid ist Gott leid! dacht' ich; und die
+Ceremonie, die ich da mitmachte, wähnt' ich wenigstens, könne kaum
+ein Schwören heißen. — Nach meiner Rückkehr ins Vaterland ergriff
+ich wieder meine vorige Lebensart. Auch Buhlschaften spannen sich
+bald von neuem an. Meine herzliebe Anne war freilich verplempert;
+aber es fanden sich in kurzem andere Mädels, mehr als eines, denen
+ich zu behagen schien. Mein Aeußeres hatte sich ziemlich verschönert.
+Ich ging nicht mehr so läppisch daher, sondern hübsch gerade. Die
+Uniform, die mein ganzes Vermögen war, und eine schöne Frisur, die
+ich recht gut zu machen wußte, gaben meiner Bildung ein Ansehn,
+daß dürftige Dirnen wenigstens die Augen aufsperrten. Bemittelte
+Jungfern dann — ja, o bewahre! — die warfen freilich auf einen
+armen ausgerissnen Soldat keinen Blick. Die Mütter würden ihnen
+fein ausgemistet haben. Und doch wenn ich's nur ein wenig pfiffiger
+und politischer angefangen, hätt' es mir mit einer ziemlich reichen
+Rosina geglückt, wie ich nachwärts zu spät erfuhr. Inzwischen erhob
+selbst dieser mißlungene Versuch meinen Mut und meine Einbildung
+nicht um ein geringes — und der geschossene Bock wäre mir nicht um
+tausend Gulden feil gewesen. Ich sah darum von erwähnter Zeit an alle
+meine bisherigen Liebschaften so ziemlich über die Achsel an, und
+warf den Bengel höher auf. Aber meine<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> sorglose lüderliche Lebensart
+verderbte immer alles wieder. Mit Kindern meines Standes war mein
+Umgang freilich, Gott verzeih' mir's! oft nur allzufrei; in Absicht
+auf solche hingegen, die über mir standen, verließ mich meine Feigheit
+nie; und das war mir am meisten hinderlich. Denn wer weiß nicht, wie
+oft der dümmste Labetsch<a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[56]</a> bloß mit einem beherzten angriffigen
+Wesen zuerst sein Glück macht. Aber mir so viele Mühe geben, kriechen,
+bitten, seufzen und verzweifeln, konnt' ich eben nicht. — Eines
+Tages ging ich nach Herisau an eine Landsgemeinde. Meine gute Mutter
+steckte mir all' ihr kleines Spargeldlin von etwa 6 Gulden bei. Einer
+meiner Bekannten im Appenzeller Land trachtete mir zu Trogen, in einer
+großen Gesellschaft, eine gewisse Ursel aufzusalzen, die mir aber
+durchaus nicht behagen wollte. Ich suchte also, sie je eher je lieber
+wieder los zu werden. Es glückte mir auf dem Rückweg nach Herisau, wo
+sie sich, oder vielmehr ich mich, unter dem großen Haufen verlor. Es
+war eine große Menge jungen Volkes. Bei einbrechender Abenddämmerung
+näherte man sich einander, und formierte Paar und Paar, als ich mit
+eins ein wunderschönes Mädel, sauber wie Milch und Blut, erblickte,
+das mit zwei andern solchen Dingern davon schlenterte. Ich streckt'
+ihm die Hand entgegen, es ergriff sie mit den beiden seinigen, und
+wir marschierten bald Arm an Arm <span class="antiqua">in dulci jubilo</span> unter Singen<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span>
+und Schäkern unsre Straße. Als wir zu Herisau ankamen, wollt' ich sie
+nach Haus begleiten. »Das bei Leib nicht!« sagte sie, »ich dürft's um
+alles in der Welt nicht. Nach dem Nachtessen vielleicht, kann ich denn
+eher noch ein Weilchen zum Schwanen kommen.« Mit einem solchen Ersatz
+war ich natürlich sehr zufrieden. Damals wußt' ich noch nicht, wer
+mein Schätzgen war, und erfuhr erst jetzt im Wirtshaus, daß sie ein
+Töchterchen aus einem guten Kaufmannshaus, und ungefähr sechszehn Jahr
+alt sei. Ungefähr nach einer Stunde kam das liebe Geschöpf — Käthchen
+hieß es — mit einem artigen jungen Kind auf dem Arm, das sein
+Schwesterchen war, denn anders hätt' es nicht entrinnen können, als
+eben auch die verwünschte Ursel in die Stube trat, mich gleichfalls
+aufsuchen wollte, bald aber Unrat merkte, mir bittere Vorwürfe machte,
+und davon ging. Alsdann gab uns der Wirt ein eigen Zimmer; Käthchen
+hinein, und ich nach, geschwind wie der Wind. Ich hatte ein artiges
+Essen bestellt. Nun waren ich und das herrliche Mädchen allein,
+allein. O was dieses einzige Wort in sich faßt! Tage hätt' es währen
+sollen, und nicht zwei oder drei wie Augenblicke verflossene Stunden.
+Und doch — die Wände unsers Stübchens — das Kind auf Käthchens Schoß
+— die Sternen am Himmel sollen Zeugen sein unsrer süßen, zärtlichen,
+aber schuldlosen Vertraulichkeit. Ich blieb noch die halbe Woche dort.
+Mein Engel kam alle Tage mit ihrem Schwesterchen vier bis fünfmal
+zu mir. Endlich<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> aber ging mir die Barschaft aus, ich mußte mich
+losreißen. Käthchen gab mir, immer mit dem Kind auf dem Arm, trotz
+aller Furcht vor seinen Eltern, das Geleit noch weit vor den Flecken
+hinaus. Wie der Abschied war, läßt sich denken. Tränen vom Liebchen
+trug ich auf meinen Wangen genug nach Haus. Wir winkten einander mit
+Schürze und Schnupftüchern unser Lebewohl mehr als hundertmal, und so
+weit wir uns sehen konnten. O man verzeihe mir meine Torheit! Gehören
+doch diese Tage zu den allerglücklichsten, und ihre Freuden zu den
+allerunschuldigsten meines Lebens. Denn mein guter Engel hatte mir
+gegen dies holde Mädchen ordentlich eben so viel Ehrfurcht als Liebe
+eingeflößt; so daß ich sie, wie ein Vater sein Kind, umarmte, und
+sie mich hinwieder, wie eine Tochter ihren Erzeuger, sanft an ihren
+reinen Busen drückte, und mein Gesicht mit ihren Küssen bedeckte.
+— Jetzt war ich dem Leibe nach wieder bei Haus, aber im Geiste
+immer mit diesem herzigen Schätzgen beschäftigt, dem weiland Ännchen
+sogar weit nachstand. Indessen kam mir nur kein Gedanke daran, daß
+ich jemals zu ihrem Besitz gelangen könnte; vielmehr sucht' ich mir
+alles Vorgegangene vollkommen aus dem Sinn zu schlagen, und es gelang
+mir. Denn dies war von jeher meine Art: Was einen schnellen Eindruck
+auf mich machte, war auch bald wieder vergessen, und von neuen
+Gegenständen verdrängt. Allein, wer hätte daran gedacht? An einem
+schönen Abend brachte mir der Herisauer<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> Bote ein Briefchen von meinem
+Käthchen, worin sie in zärtlich verliebten und dabei recht kindisch
+naiven Ausdrücken mir sagte, wie's ihr sei seit unserm Abschied; wie
+sie mich gern wieder sehen, noch einmal mit mir reden möchte, und
+wenn das nicht möglich wäre, mich wenigstens zu einem schriftlichen
+Verkehr auffordere. Ich küßte das Papier, las es wohl hundertmal,
+und trug's immer in der Tasche, bis es ganz verschmutzt und zerfetzt
+war. Also — ich flog eilends nach Herisau? Nein! Ich antwortete auf
+der Stelle? Nein! auch das nicht; kein Wort. Kurz ich ging nicht und
+schrieb nicht. Warum? Daß ich gerade damals kein Geld hatte, dessen
+erinnere ich mich; daß sonst noch etwas dazwischen kam, weiß ich auch;
+die eigentliche Ursach' aber ist mir aus dem Gedächtnis entfallen.
+Genug, ich vergaß meinen Herisauer Schatz, worüber ich mir nachwärts
+manchen bittern Vorwurf gemacht. Endlich, erst nach zwanzig Jahren,
+dacht' ich wieder einmal dieser Begebenheit so lange und so ernsthaft
+nach, und die Begierde, zu erfahren, ob das liebe Kind noch lebe,
+und was aus ihr geworden sei, ward so stark in mir, daß ich eigens
+deswegen auf Herisau ging (ungeachtet ich in der Zwischenzeit manchmal
+mich tagelang dort aufhielt, ohne daß mir nur ein Sinn an sie kam)
+nach ihrer Wohnung fragte, und bald erfuhr, daß sie schon Mutter von
+zehn Kindern, und auf einem Wirtshaus sei. Ich flog dahin. Der Mann
+war eben nicht zu Hause. Ich sprach sie um Nachtherberg an, setzte
+mich<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> zu Tisch' und beguckte mein — nun nicht mehr mein Käthchen.
+Himmel! wie das arme Ding ganz verlottert war. Und doch erkannt' ich
+ihre ehevorigen jugendlichen Gesichtszüge mitunter noch deutlich. Ich
+konnte mich der Tränen kaum erwehren. Sie war unglücklicher Weise
+an einen brutalen und dabei lüderlichen Mann geraten, der nachwärts
+wirklich bankerott machte. Schon damals war sie in sehr ärmlichen
+Umständen. Sie kannte mich nicht mehr. Ich fragte sie alles aus, nach
+ihrer Herkunft, wer ihr Mann sei, und so fort. Und endlich auch: Ob
+sie sich nicht mehr eines gewissen U. B. erinnre, den sie vor zwanzig
+Jahren etliche Tag' nacheinander beim Schwanen angetroffen. Hier sah
+sie mir starr ins Gesicht, fiel mir an die Hand: »Ja! Er ist's, er
+ist's!« und große Tropfen rollten über ihre blassen Wangen herab. Nun
+ließ sie alles stehn, setzte sich zu mir hin, erzählte mir der Länge
+und Breite nach ihre Schicksale, und ich ihr die meinigen, bis spät in
+die Nacht hinein. Beim Schlafengehen konnten wir uns nicht erwehren,
+jene seligen Stunden durch ein paar Küsse zu erneuern; aber weiter
+stieg mir auch nur kein arger Gedanke auf. Im Verfolg kehrte ich noch
+manchmal bei ihr ein. Sie starb etwa vier Jahre nach unserm ersten
+Wiedersehen, und es tut mir so wohl, noch eine Träne auf ihr Grab zu
+weinen, wo sie jetzt mit so viel andern guten Seelen im Frieden wohnt.</p>
+
+<div class="sidenote">Wirklichkeit und Idealwelt</div>
+
+<p>Daß ich in meiner obigen Geschichte über die allerernsthaftesten Scenen
+meines Lebens, wie ich an meine<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> Dulcinea kam — ein eigen Haus baute
+— einen Gewerb anfing, und so fort so kurz hinweggeschlüpft, kömmt
+wahrscheinlich daher, daß diese Epoche meines Daseins mir unendlich
+weniger Vergnügen als meine jünger Jahre gewährte, und darum auch
+weit früher aus meinem Gedächtnis entwichen ist. So viel weiß ich
+noch gar wohl: Daß, als ich auch im Ehestand mich betrogen sah, und
+statt des Glücks, das ich darin zu finden mir eingebildet hatte, nur
+auf einen Haufen ganz neuer unerwarteter Widerwärtigkeiten stieß,
+ich mich wieder aufs Grillenfangen legte, und meine Berufsgeschäfte
+nur so maschinenmäßig lässig und oft ganz verkehrt verrichtete, und
+mein Geist, wie in einer andern Welt, immer in Lüften schwebte, sich
+bald die Herrschaft über goldene Berge, bald eine Robinsonsche Insel,
+oder irgend ein andres Schlaraffenland erträumte. Da ich hier um
+die nämliche<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> Zeit anfing, mich aufs Lesen zu legen, und ich zuerst
+auf lauter mystisches Zeug, dann auf die Geschichte, dann auf die
+Philosophie, und endlich gar auf die verwünschten Romane fiel, schickte
+sich zwar alles dies vortrefflich in meine idealische Welt, machte
+mir aber den Kopf nur noch verwirrter. Jeden Helden und Abenteurer
+alter und neuer Zeit macht' ich mir eigen, lebte vollkommen in ihrer
+Lage, und bildete mir Umstände dazu und davon, wie es mir beliebte.
+Die Romane hinwieder machten mich ganz unzufrieden mit meinem eigenen
+Schicksal und den Geschäften meines Berufes, und weckten mich aus
+meinen Träumen, aber eben nur zu größerm Verdruß auf. Bisweilen, wenn
+ich denn so mürrisch war, sucht' ich mich durch irgend eine lustige
+Lektur wieder zu ermuntern. Alsdann je lustiger, je lieber; so daß ich
+darüber bald zum Freigeist geworden, und dergestalt immer von einem
+Extrem ins andre fiel. In dieser Absicht bedaur' ich die Gefährtin
+meines Lebens von Herzen. Denn so wenig Geschmack ich an ihr fand, so
+hatte sie doch noch viel mehr Ursache, keinen an mir zu finden. Dennoch
+war ihre Neigung zu mir stark, obgleich nichts weniger als zärtlich.
+Ein Betragen ganz nach ihrem Geschmack, meine Unterwürfigkeit und
+Liebe zu ihr, das alles wollte sie von dem ersten Tag' an erpochen und
+erpoltern — und macht's heute mit mir und meinem Jungen noch ebenso
+und wird es so wenig lassen, als ein Mohr seine Haut ändern kann.
+Und doch ist dies, wie ich's nun aus Erfahrung weiß, gewiß das ganz
+unrechte Mittel, einen an das Joch zu gewöhnen. Inzwischen flossen
+meine Tage so halb vergnügt, halb mißvergnügt dahin. Ich suchte mein
+Glück in der Ferne und in der Welt, mittlerweile es lange ganz nahe bei
+mir vergebens auf mich wartete. Und noch jetzt, da ich doch überzeugt
+bin, daß es nirgends als in meinem eigenen Busen wohnt, vergeß ich nur
+allzuoft, in mich selbst zurückzukehren, flattre in einer idealischen
+Welt herum, oder wähle in dieser gegenwärtigen falsche, Ekel und Unlust
+erweckende Scheingüter außer mir.</p>
+
+<div class="sidenote">Glücksumstände und Wohnort</div>
+
+<div class="sidenote">Die ganze Welt ist unser</div>
+
+<div class="sidenote">Glücksempfindung</div>
+
+<p>Meine Lebensgeschichte so weit geschrieben, bleibt mir nur noch weniges
+von mir zu sagen übrig. Ein Häuschen und ein Gärtchen ist mein ganzes
+Vermögen. Eine Frau und vier Kinder, also sechs Mäuler und ein Dutzend
+Hände machen meinen Haushalt aus. Aber das gesunde Speisen der erstern,
+Kleider und anders mit eingezählt, zehrt das Produkt einer noch so
+muntern Arbeit der letztern beinahe auf. Meinen Baumwollengewerb hab'
+ich schon beschrieben. Dieser ist wie ein Vogel auf dem Zweig, und
+wie das Wetter im April. Wer sein ganzes Studium darauf wendet, und
+zumal die rechte<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> Zeit abzupassen weiß, kann noch sein Glück damit
+machen. Aber dies Talent in gehörigem Maße hatt' ich nie, war immer ein
+Stümper, und werd' es ewig bleiben. Und doch hab' ich diese Art Handel
+und Wandel gleichsam von Jahr zu Jahr lieber gewonnen. Warum? Ich
+denke, natürlich, weil derselbe das Mittel war, durch welches mich die
+gütige Vorsehung, ohne mein sonderliches Zutun, aus meiner drückenden
+Lage wenigstens in eine sehr leidliche emporhob. Freilich wär' ich,
+ohne die Rolle eines Handelsmanns zu spielen, vielleicht auch niemals
+so tief in jene hineingeraten. Doch, wer weiß? Es wäre wohl gleich
+viel gewesen, mit welchem Berufe ich mich lässig, unvorsichtig und
+ungeschickt beschäftigt hätte. Und heißt's, denk' ich, auch hier: Der
+Hund, der ihn biß, leckt' ihn wieder, bis er heil war.</p>
+
+<div class="sidenote">Haus und Garten</div>
+
+<p>Mein Vaterland ist zwar kein Schlaraffenland, kein<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> glückliches
+Arabien und kein reizendes Pays de Vaud. Es ist das Tockenburg, dessen
+Einwohner von jeher als unruhige und ungeschliffene Leute verschrien
+waren, aber allerorten, soweit ich gekommen bin, hab ich ebenso grobe,
+wo nicht viel gröbere — ebenso dumme, wo nicht viel dümmere Leut'
+angetroffen. — Unser Tockenburg ist ein anmutiges, zwölf Stunden
+langes Tal, mit vielen Nebentälchen und fruchtbaren Bergen umschlossen.
+Das Haupttal zieht sich in einer Krümmung von Südost nach Nordost
+hinab. Gerade in der Mitte desselben, auf einer Anhöhe, steht mein
+Edelsitz, am Fuß eines Berges, von dessen Spitze man eine treffliche
+Aussicht beinahe über das ganze Land genießt, die mir schon so manchmal
+das entzückendste Vergnügen gewährte, bald in das mit Dörfern reich
+besetzte Tal hinab, bald auf die mit den fettesten Weiden, Wiesen und
+Gehölzen bekleideten und abermals mit zahllosen Häusern übersäten
+Anhöhen zu beiden Seiten, über welche sich noch die Gipfel der Alpen
+hoch in die Wolken erheben, dann wieder hinunter auf die durch viele
+Krümmungen sich mitten durch unser Haupttal schlängelnde Thur, deren
+Dämme und mit Erlen und Weiden bepflanzten Ufer die angenehmsten
+Spaziergänge bilden. Mein hölzernes Häuschen liegt gerade da, wo das
+Gelände am allerlieblichsten ist, und besteht aus einer Stube, drei
+Kammern, Küche und Keller — Potz Tausend! die Nebenstube hätt' ich
+bald vergessen — einem Geißställchen, Holzschopf, und dann rings ums
+Häuschen<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> ein Gärtchen, mit etlichen kleinen Bäumen besetzt, und mit
+einem Dornhag tapfer umzäunt. Aus meinem Fenster hör' ich von drei
+bis vier Orten her läuten und schlagen. Kaum etliche Schritte vor
+meiner Türe liegt ein meinem Nachbar zudienender artiger beschatteter
+Rasenplatz. Von da seh' ich senkrecht in die Thur hinab, auf die
+Bleichen hinüber, auf das schöne Dorf Wattwil, auf das Städtchen
+Lichtensteig und hinwieder durchs Tal hinauf. Hinter meinem Haus rinnt
+ein Bach herab, der Thur zu, der aus einem romantischen Tobel kömmt,
+wo er über Steinschrofen<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[57]</a> daherrauscht. Sein jenseitiges Ufer
+ist ein sonnenreiches Wäldchen, mit einer hohen Felswand begrenzt.
+In dieser nisten alle Jahr' etliche Sperber und Habichte in einer
+unzugänglichen Höhle. Diese, und dann noch ein gewisser Berg, der mir
+um die Tag- und Nachtgleiche die liebe Sonne des Morgens eine Stunde zu
+lang aufhält, sind mir unter allem, was zu dieser meiner Lage gehört,
+allein widerlich. Beide würd' ich gern verkaufen oder gar verschenken.
+Die vertrackten Sperber zumal plagen nicht nur von Mitte April bis
+spät in den Herbst mit ihrem Zetergeschrei meine Ohren, sondern,
+was noch weit ärger ist, verjagen mir die lieben Singvögelchen, daß
+bald kein einziges mehr in der Gegend sich einzunisten wagt. Meine
+Nachbarn sind recht gute ehrliche Leute, die ich aufrichtig schätze
+und liebe. Freilich läuft<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> bisweilen auch ein andrer mit unter, wie
+überall. Innige Freunde, mit denen man Gedanken wechseln und Herzen
+tauschen kann, hab' ich in der Nähe keine. Dies ersetzen mir meine
+platonischen Geliebten in meinem Stübchen. Im Frühling liegt mir der
+Schnee auch ein bißchen zu lang in meinem Gärtchen. Aber ich fange
+einen Krieg mit ihm an, zerfetze ihn zu kleinen Stücken, und werfe
+ihm Asche und Kot auf die Nase; dann verkriecht er sich in die Erde,
+so daß ich noch mit den Frühesten gärtnen kann. Und überhaupt macht
+mir dies kleine Grundstück viel Vergnügen. Zwar ist die Erde ziemlich
+grob und ungeschlacht, obgleich ich sie schon an die fünfundzwanzig
+Jahr bearbeitet habe, demungeachtet gibt das Ding Kraut, Kohl, Erbsen,
+und was ich immer auf meinen Tisch brauche, zur Genüge; mitunter auch
+Blumenwerk und Rosen die Fülle. Kurz, es freut mich so wohl, als
+manchen Fürsten all' seine babylonischen Gärten. — Sag' also, Bub! ist
+unser Wohnort nicht so angenehm, als je einer in der Welt? Einsam, und
+doch nahe bei den Leuten; mitten im Tal, und doch ein wenig erhöht.
+Oder geh' mir einmal im Maimond auf jenen Rasenhügel vor unserer Hütte.
+Schau durchs buntgeschmückte Tal hinauf; sieh', wie die Thur sich
+mitten durch die schönsten Auen schlängelt; wie sie ihre noch trüben
+Schneewasser gerade unter deinen Füßen fortwälzt. Sieh', wie an ihren
+beiden Ufern unzählige Kühe mit geschwollenen Eutern im Gras waten.
+Höre das Jubelgetön von den großen und<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> kleinen Buschsängern. Ein Weg
+geht zwar an unsern Fenstern vorbei; aber der ist noch nichts. Sieh'
+erst jenseits der Thur jene Landstraße mitten durchs Tal, die nie leer
+ist. Sieh' jene Reihe Häuser, welche Lichtensteig und Wattwil wie
+zusammenketten. Da hast du einigermaßen, was man in Städten und auf
+dem Lande nur haben kann. Ha! sagst du vielleicht, aber diese Matten
+und Kühe sind nicht unser! Närrchen! freilich sind sie und die ganze
+Welt ist unser. Oder wer wehrt dir, sie anzusehn, und Lust und Freud'
+an ihnen zu haben? Butter und Milch bekomm' ich ja von dem Vieh, das
+darauf weidet, so viel mir gelüstet, also haben ihre Eigentümer nur
+die Mühe zum Vorteil. Was braucht es, jene Alpen mein zu heißen? Oder
+jene zierlich prangenden Obstbäume? Bringt man uns ja ihre schönsten
+Früchte ins Haus! Oder jenen großen Garten? Riechen wir ja seine Blumen
+von weitem! Und selbst unser eigener kleiner, wächst nicht alles
+darin, was wir hineinsetzen, pflegen und warten? Also, lieber Junge!
+wünsch' ich dir, daß du bei allen diesen Gegenständen nur das empfinden
+möchtest, was ich dabei schon empfunden habe und noch täglich empfinde;
+daß du mit eben dieser Wonne und Wollust den Höchstgütigen in allem
+findest und fühlest, wie ich ihn fand und fühlte, so nahe bei mir,
+rings um mich her, und in mir, wie er dies mein Herz aufschloß, das er
+so weich und so fühlend schuf. Lieber Knabe! Beschreiben kann ich's
+nicht. Aber mir war schon oft, ich sei verzückt, wenn ich all' diese
+Herrlichkeit<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> überschaute, und so, in Gedanken vertieft, den Vollmond
+über mir, dieser Wiese entlang hin und her ging, oder an einem schönen
+Sommerabend dort jenen Hügel bestieg, die Sonne sinken, die Schatten
+steigen sah, mein Häuschen schon in blauer Dämmerung stand, die
+schwirrenden Weste mich umsäuselten, die Vögel ihr sanftes Abendlied
+anhuben. Wenn ich dann vollends bedachte: »Und dies alles für dich,
+armer, schuldiger Mann?« Und eine göttliche Stimme mir zu antworten
+schien: »Sohn! dir sind deine Sünden vergeben.« Oh! wie da mein Herz in
+süßer Wehmut zerschmolz, wie ich dem Strom meiner Freudentränen freien
+Lauf ließ, und alles rings um mich her, Himmel und Erde, hätte umarmen
+mögen, und noch selige Träume der folgenden Nacht mein gestriges Glück
+wiederholten.</p><br>
+
+
+<p class="s2 center">ENDE</p><br>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<h3>Fußnoten:</h3>
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Abgemessene Garnmenge.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Vorraum zum Haus.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Hütte für Vieh und Heu.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Bachschlucht.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Rinne, die über einen Abhang fällt, in der man das
+gefällte Holz hinabgleiten läßt.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Des anderen Tages.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Aus gröberem minderwertigen Flachs- oder Hanfwerg Garn spinnen.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Sävenstrauch (<span class="antiqua">Juniperus Sabina</span>), eine Wacholderart.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Schmalvieh, junges Vieh, Aufzucht.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Nach einem Jahr aus dem Dienst gehen.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Geschenk von Fleisch und Würsten beim Schlachten.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Erlös; Einnahme.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Armselig haushalten.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Stecken für einen Hag; Zaunpfahl.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Lehm.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Bezwingen; meistern.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Bald auf der Sonnen-, bald auf der Schattenseite.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Kleines Handbeil mit langer Schneide.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Nagen.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Äcker von weißen Rüben und Kohl.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Weder aufwärts noch abwärts.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Emporbringen, heben.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Herumstreichen.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Fetzen.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Heer = Pfarrer.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Katechismus.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Haus- und Ackergerät.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Weide für die Sommerszeit.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> Taglöhnern; um Taglohn arbeiten.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Meiner Seel!</p>
+
+<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> Zerbrechen, zerreißen.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Branntwein.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Flink.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> Zu Besuch.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Die Zeche.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a >Lustiger Feiertag.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Heidelbeeren.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Weinen.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Schwenkten.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> Flüsterten.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> Poltern, groß sprechen, Wind machen.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Rotte.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Der Große Kurfürst.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> Kohlköpfe; in verächtlicher Bedeutung: Dickköpfe.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> Ursprünglich: im Kloster gebrautes Bier; hier: Dünnbier.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> Sittsam: Gegenteil von ungeschlacht.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Erhasten.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> Ungestüm.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[49]</a> Gemeindeweide.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[50]</a> Herumstreichen.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[51]</a> Selle: der wagerechte Grundbalken des Hauses. (Schwelle.)</p>
+
+<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[52]</a> Mit dem Klöpel an die Glocke schlagen; übertragen: hinken.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[53]</a> Eigensinnig.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[54]</a> Steif wie ein Stab, starr.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[55]</a> Geflüchtet; in Sicherheit gebracht.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[56]</a> Tropf, Tölpel.</p>
+
+<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[57]</a> Felsabsatz.</p>
+</div>
+</div>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75825 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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