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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-04-09 05:21:03 -0700
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@@ -0,0 +1,7997 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75824 ***
+
+
+
+
+
+======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
+
+
+=======================================================================
+
+
+
+
+ Geschwister Plüddekamp.
+
+
+ Roman
+
+ von
+
+ Jesco von Puttkamer.
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ Reutlingen.
+ Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung.
+
+
+
+
+ Nachdruck verboten.
+ Alle Rechte vorbehalten.
+ Übersetzungsrecht vorbehalten.
+ Vorgeschriebener Aufdruck für die Ausfuhr nach Amerika:
+ +Printed in Germany.
+ Copyright 1910 by Carl Duncker, Berlin.+
+
+
+
+
+ I.
+
+
+»Unser jahrelanges stilles Zusammenleben erfährt durch dein Vorhaben
+eine wesentliche Veränderung, Herta. Hast du es dir reiflich
+überlegt?« fragte Jürgen Plüddekamp und gab seiner Schwester die
+Photographie eines jungen Mädchens zurück, die er lange betrachtet
+hatte.
+
+»Ich kann meiner Freundin die Bitte nicht abschlagen,« erwiderte Herta
+Plüddekamp. »Warum soll ihre Tochter nicht bei mir die Hauswirtschaft
+erlernen? Es schadet nicht, wenn ein junges Mädchen mehr Leben bei uns
+hineinbringt.«
+
+»Du hast vollkommen recht, Herta,« fiel Wolf Plüddekamp, ihr jüngerer
+Bruder, eifrig ein. »Ich bin sehr dafür, Ilse Hergenbach aufzunehmen.
+Nach dem Bilde muß sie eine interessante Erscheinung sein.«
+
+»Ilse war bereits in einem Dresdner Pensionat. Sie malt, spielt
+Klavier und hat überhaupt künstlerischen Sinn,« erklärte Herta weiter.
+
+»Famos! So wird in unserer Unterhaltung über das ewige
+Kaufmannseinerlei endlich eine angenehme Abwechslung entstehen!« rief
+Wolf erfreut aus.
+
+Jürgen Plüddekamp, ein großer, breitschultriger Mann von etwa vierzig
+Jahren, dessen Haar und Vollbart einen rötlichblonden Schimmer zeigte,
+schüttelte unwillig den Kopf, ehe er begann:
+
+»Die völlige Ruhe im Hause ist für mich eine Hauptbedingung. Darin
+erstarkt die Schaffenskraft. Natürlich wird dies sofort anders sein,
+wenn ein junges Mädchen hier herumtollt und unser tägliches Geleise
+stört.«
+
+»Herumtollt? -- Du drückst dich stark aus, Jürgen! Sei nicht so
+selbstsüchtig,« hielt ihm Herta vor. »Ich schlug um deinetwillen die
+Hand unseres Freundes Martens aus. Du weißt, welchen inneren Kampf
+es mich gekostet hat und wie ich frühzeitig zu ernst geworden bin.
+Verhindere jetzt, bitte, nicht, daß durch Ilse eine fröhlichere
+Lebensauffassung in unsern engen Kreis gelangen kann!«
+
+»Wieso? Ist unser Wölfchen mit seinen sechsundzwanzig Jahren
+nicht genug junges Blut im Hause, Herta? Ich sollte meinen, deine
+schwesterliche Liebe hat sehr zu tun, um ihn etwas im Zaume zu halten.«
+
+Jürgen stand von dem Mittagessen auf und brannte sich eine kräftig
+ausschauende Zigarre an. Beide großen, starken Hände in die
+Hosentaschen steckend, stellte er sich vor Herta hin, die den
+Nachmittagskaffee einschenkte. Die Geschwister tranken diesen sofort
+nach der Mahlzeit. Jürgen und Wolf zogen sich dann bis zum Abend
+in die im Parterre des alten Kaufherrnhauses gelegenen Kontorräume
+zurück, während Herta meistens eine energische Tätigkeit für
+Frauenvereine und deren Veranstaltungen entfaltete.
+
+Alle drei liebten sich zärtlich, obwohl Jürgen nur ein Halbbruder war.
+Der verstorbene Geheime Kommerzienrat Plüddekamp hatte zwei Frauen
+gehabt. Die Mutter von Herta und Wolf ruhte ebenfalls seit Jahren in
+dem großen mit schwedischem Granit ausgelegten Erbbegräbnis der alten
+Kaufmannsfamilie.
+
+»Laß doch Wolf seinen Jugendmut!« trat die Schwester jetzt für diesen
+ein. »Es gibt noch andere Lebensaufgaben, als nur Weizen, Roggen und
+Gerste zu prüfen und neue Grassorten aufzustöbern. Wir sollen nicht
+vergessen, die idealen Güter der Menschheit zu pflegen.«
+
+Jürgen ließ als Antwort ein kurzes kräftiges Lachen ertönen.
+
+»Das Korn hat uns groß und reich werden lassen, Herta. Haus Plüddekamp
+ist seit hundert Jahren das erste Getreidegeschäft in Stettin. Die
+vornehmen Standesherren rechnen es sich zur Ehre an, nach Abschluß
+des Geschäftes das Frühstück an unserem Tische einzunehmen. Wir
+unterstützen die Landwirtschaft mit beträchtlichen Summen. Mancher
+Großgrundbesitzer hätte ohne uns Haus und Hof verlassen müssen,
+wenn wir in schlechten Jahren nicht eingesprungen wären. Wolf kann
+eines Tages ruhig um eine Gräfin anhalten und wird im Ansehen nicht
+zurückstehen.«
+
+»Ich gönne dir dein starkes Selbstbewußtsein, lieber Jürgen! Du
+erzogst auch mich dazu. -- Unser Wölfchen aber soll bei der strengen
+Pflichterfüllung an deiner Seite nicht versauern und das Leben
+genießen.«
+
+»Wahr gesprochen, Goldschwester! Du hast mich nicht für Kornkammern
+und kleine Komtessen bestimmt, und ich werde sicherlich einem
+ganz bürgerlichen Menschenkinde die Hand reichen. Es muß nur
+einen flotten Morgengalopp im Freien lieben, sich mit mir über
+die ›Dollarprinzessin‹ freuen, danach einer kalten Veuve Cliquot
+huldigen und mich über den neuesten Roman unterhalten können.
+Beileibe aber darf sie kein Wort über Ernteerträgnisse, Kornzölle
+und Grassamenbedarf fallen lassen! Dafür ist tagsüber Jürgen allein
+maßgebend.«
+
+»Spotte nur, Wölfchen!« erwiderte Jürgen, und seine Augen ruhten
+dabei wohlwollend auf der schlanken, biegsamen Gestalt des jüngeren
+Bruders. »Wirst du erst mein Alter erreicht haben, so pfeifst du dein
+Lied etwas anders.«
+
+»Nun, und -- Ilse?« wandte sich Wolf hastig zu Herta, als er sah,
+daß diese die Photographie in den Umschlag des erhaltenen Briefes
+zurücksteckte.
+
+»Sie wird in etwa acht Tagen eintreffen, wie mir Frau Hergenbach
+schreibt, und will nur ihren Geburtstag noch daheim verleben,«
+erwiderte die Schwester.
+
+»Hm,« machte Jürgen gedehnt. »Sie ist also erst knapp achtzehn Jahre
+alt?« Er trank seine Tasse Kaffee stehend aus und wollte fortgehen,
+gab sich jedoch noch selbst vorher die Antwort auf seine Frage, indem
+er weitersprach: »Eine neue Generation -- ein Kind der Jetztzeit! Das
+vorige Jahrhundert klebt ihm nicht mehr an. Es weiß nichts mehr von
+ihm, als daß damals rückständige Menschen lebten. Liebe Schwester
+Herta, wäre nicht Hergenbachs Brennerei in Nordhausen ein guter Kunde
+von uns, ich würde die Annahme dieser Gegenlieferung gern verweigern.«
+
+Er schloß bei den letzten Worten die hohe dunkle Tür hinter sich, und
+seine starken Schritte hallten durch den großen Treppenflur des alten
+Hauses.
+
+Wolf blieb noch einen Augenblick bei der Schwester zurück.
+
+»Jürgen ist nun einmal allen Neuerungen feind. Die Vaterstelle,
+die er an uns beiden vertreten, läßt ihn auch jetzt seine Fürsorge
+übertreiben.«
+
+»Leider,« seufzte Herta leicht auf. »Ich habe mit ihm deshalb manchen
+hartnäckigen Streit durchfechten müssen. Er will keine andere Ansicht
+als die seine hören. Schließlich aber gibt er mir doch nach.«
+
+»Zeig mir noch einmal das Bild von Ilse Hergenbach, Herta,« bat Wolf.
+
+Die Schwester sah ihn einen Augenblick etwas erstaunt an. Sie zog
+alsdann die Photographie aus dem Briefumschlag hervor und reichte sie
+ihm.
+
+Die lebhaften blauen Augen des jungen Mannes blieben eine Zeitlang
+darauf haften.
+
+»Die Züge sind nicht regelmäßig, aber die Augen -- -- in ihnen liegt
+außerordentlich viel, Herta! Sie verlangen, daß man hineinschaut, und
+je länger man es tut, desto vertiefter wird ihr Ausdruck.«
+
+»Ei, ei!« drohte die Schwester mit dem Finger, »gib schnell das Bild
+her, es verhext dich sonst.« Sie ließ es rasch wieder verschwinden
+und fuhr dann in ernstem Tone fort: »Du fängst wirklich etwas schnell
+Feuer, Wölfchen.«
+
+»Ich denke nicht daran, Herta! Das flüchtige Interesse für eine
+Photographie will doch nichts bedeuten! Man kann wohl in manchen
+Augen Romane lesen, aber diese dort, die du schleunigst hast wieder
+verschwinden lassen, -- sind noch ohne Geschichte --«
+
+»Vielleicht liegt aber die Erwartung einer solchen in ihnen -- und
+das darf nicht sein, Wolf. Ich trage die Verantwortung dafür, und du
+willst sie mir doch nicht erschweren? -- Wir verplaudern uns aber --
+geh hinunter! Du weißt, Jürgen liebt es nicht, wenn du bei der Öffnung
+der eingegangenen Nachmittagspost fehlst.«
+
+»Dieser ewige Zwang, Herta! Genau auf die Minute anfangen und --
+aufhören, wenn der letzte Laufbursche das Kontor verläßt. Ich dürste
+geradezu nach Erlösung von diesem Büroleben -- nach der Freiheit im
+Fühlen, Denken und Handeln! Jürgen hätte mich nicht zwingen sollen,
+in dem alten Geleise mitzutraben. Ich bin kein Paßpferd für ihn. Nun
+ist es zu spät, etwas anderes zu ergreifen. -- Heute nachmittag kommen
+Lieferungen für den Export, die erst in den Trieuren gereinigt werden
+müssen. Den Staub dabei zu schlucken -- einfach schauderhaft! Der
+Lagerhausinspektor kann aber nicht überall zugegen sein -- so heißt
+es: ›Wölfchen -- du siehst natürlich nach -- wir müssen absolut reine
+Ware haben.‹ -- Adieu, Schwester --« endete der junge Mann die ernst
+begonnene Rede mit lautem Lachen und rief noch von der Tür zurück:
+»Für den Abend, an dem Ilse eintrifft, halte ich mich frei und gehe
+nicht ins Theater.«
+
+Herta war allein. Sie ließ die elektrische Klingel ertönen, und sofort
+erschien ein sauber gekleidetes junges Mädchen mit einem weißen
+Häubchen auf dem Haar, das den Eßtisch abräumte.
+
+Das letzte Stäubchen mußte entfernt sein, ehe Herta das Speisezimmer
+verließ. Sie waltete mit einer Sorgfalt ihres Amts, die von den
+Brüdern bewundert wurde.
+
+Im Plüddekampschen Hause ging es musterhaft zu, und Frau Hergenbach,
+eine ältere Freundin Hertas, wollte darum, daß ihre Tochter gerade
+dort die Pflichten der Hausfrau erlernen sollte.
+
+Dies Kapitel war nicht einfach. Heute verstehen die jungen Mädchen
+alles eher, als die Führung eines Haushaltes, -- ›unmoderne Arbeit‹
+lautet die Bezeichnung dafür. Wozu gibt es geschulte Stützen der
+Hausfrau, die alle Fächer erlernt haben? Es ist immer noch Zeit,
+sich diese Kenntnisse nebenbei anzueignen, inzwischen muß aber die
+Jugend genossen werden. Das überschäumende, prickelnde Dasein in der
+Werdezeit hat für ernste Dinge so wenig Raum.
+
+Herta sann nach. Ob Ilse Hergenbach sich ihren Wünschen und
+Anforderungen unterziehen würde? Das junge Mädchen kam aus dem
+hochpulsierenden Leben Dresdens; würde es sich in den großen, dunklen
+Räumen des altertümlichen Hauses wohl fühlen?
+
+Die vorgefaßte Meinung des älteren Bruders gegen Ilse Hergenbach, --
+und wiederum die lebhafte Art Wolfs, dessen Herz sogleich unruhig
+wurde, wenn ihn ein schönes Frauengesicht fesselte! Der arme Bursch,
+er fühlte alles stark und tief, immer sprach das innere Leben bei ihm
+mit, so viel er auch scherzte und sich harmlos in seiner Bahn bewegen
+wollte. Jürgen, der klare, einfache Verstandesmensch, war besser daran.
+
+Herta befand sich plötzlich in ihrem Zimmer dem großen Wandspiegel
+gegenüber und warf einen Blick hinein. Sie war eine stolze, vornehme
+Erscheinung. Mit dem einfach gescheitelten Haar, den frischen Farben
+auf den Wangen und den klaren Augen konnte sie wohl noch gefallen
+und jene Sympathie dabei hervorrufen, die Frauenwürde beanspruchen
+darf. Nur um den feingeschnittenen Mund lag ein Hauch von Herbheit,
+etwas Fremdes, das zerstörend in die Gesichtslinien eingriff. -- Der
+Verzicht auf eigenes Glück sprach daraus, -- die Beendigung eines
+langen Seelenkampfes.
+
+Sie kleidete sich jetzt rasch zum Ausgehen an, um ihre Pflichten im
+Frauenverein zu erfüllen. Ehe sie aber das Haus verließ, gab sie
+ihren Mädchen noch bestimmte Anweisungen.
+
+Die hohen Wohnräume lagen in völliger Stille da. Von den
+holzgeschnitzten Decken herab, aus den heimlichen Winkeln und Ecken
+hervor ertönte ein kaum hörbares Flüstern und Raunen. Die kleinen
+Hausgeister hielten ihre Zwiesprache ab. Jahrhunderte stand Haus
+Plüddekamp fest in seinen Mauern und hatte allen Stürmen getrotzt.
+Es zeigte die altfränkische Einfachheit der Vorfahren, den ruhigen,
+lauterdenkenden Geist früherer Kaufherren. Die spöttelnden Blicke
+moderner Menschenkinder prallten von dieser Kraftfülle ab, oder
+sie flatterten scheu darüber hinweg, weil sie ein Verstehen alter,
+vornehmer Zeit nicht mehr in sich vorfanden.
+
+Das stolze Haus mit seinem hohen Giebel nach der Straße, dem malerisch
+vorspringenden Erker, der mächtigen Toreinfahrt sprach deutlich
+zu jedem, der es vernehmen wollte. Der Erker gehörte zu Jürgens
+Schreibzimmer, dessen ganze innere Einrichtung schwer massiv und
+altertümlich war. Nur das elektrische Licht und das Telephon hatte
+sich den Eingang erzwungen. Schon Urahne, Großvater und Vater gaben
+sich hier nach den täglichen Geschäftssorgen der Muße hin. Die
+Hausgeister waren in diesem Zimmer am lautesten. Sie begannen in dem
+entstandenen tiefen Dunkel ein ungezogenes Lärmen.
+
+»Jürgen! Jürgen! Jürgen!« summte es hin und her. Jürgen Großvater,
+Jürgen Vater, Jürgen Sohn -- alle groß, stark, von festem,
+unbezwingbarem Willen getragen. Sie hingen in goldumrahmten Bildnissen
+an der Wand, und die Lichtwellen der Straßenbeleuchtung huschten
+zuweilen darüber hinweg.
+
+Scharf umrissene Charakterköpfe, die nicht im Eisenpanzer gekämpft,
+aber mit rastloser Tatkraft gearbeitet hatten, um den Namen und
+Glanz der alten Firma zu begründen. Jürgen Plüddekamp, der Enkel,
+hing bereits dort, sich den Vorfahren in allen Eigenschaften des
+gediegenen, ehrenhaften Kaufmanns anreihend. Nur Wolf Plüddekamp
+fehlte noch, und als sein älterer Bruder ihn eines Tages bewegen
+wollte, einem Porträtmaler zu sitzen, sträubte er sich heftig dagegen.
+
+»Ich bin noch zu jung, um abkonterfeit zu werden! Die Ölfarben für
+mich sind noch nicht gemischt!« erwiderte er lachend.
+
+Jürgen schaute ihn nach diesen Worten lange an. Wolf hatte recht;
+seine sonnig-lächelnden, jugendlichen Züge paßten nicht in die Reihe
+der ernstblickenden Gesichter der Vorfahren hinein. Er aber, Jürgen,
+-- warum hing er schon zehn Jahre dort? Die mächtige weiße Stirn, der
+kräftige Nasenrücken hatten ihm schon mit dreißig Jahren das Äußere
+eines vollgereiften Mannes gegeben. Seit jener Zeit veränderte er sich
+wenig. Der Geheime Kommerzienrat Jürgen Plüddekamp stellte seinen
+ältesten Sohn mit achtzehn Jahren in dem Geschäft an. Drei Jahre
+später wurde dieser bereits Teilhaber. Jürgen war also von Jugend auf
+mit der Firma verwachsen -- und hatte für nichts anderes Gedanken
+gehabt. Diese zu hüten, zu fördern, wachte er am Morgen auf, legte er
+sich abends nieder.
+
+»Jürgen! Jürgen! Jürgen!« summte es weiter an den Wänden. »Habt ihr
+nicht über Arbeit und Geldaufhäufen -- das Leben vergessen? Nun ist
+ein Sproß des alten Hauses gekommen, der nach dem Sonnenlicht der
+Daseinsfreude Verlangen empfindet. Was kann daraus entstehen?«
+
+Ein Lichtstrahl erhellte die alten Jürgengesichter -- ihre Augen
+schauten streng in das sie umgebende Dunkel hinein. »Nicht die
+vorgezeichnete Bahn verlassen,« war in ihnen zu lesen.
+
+Langsam verschwand das Licht. Leise erstarb das summende Geräusch.
+Totenstille ringsum. -- --
+
+
+
+
+ II.
+
+
+»Jochen, -- Jochen!« erscholl es aus der großen Toreinfahrt über
+den Hof hinweg. »Teufel, wo steckt der Jochen wieder!« setzte Wolf
+Plüddekamp halblaut hinzu.
+
+Die große vierschrötige Gestalt des Aufsehers und Hausfaktotums
+stapfte jetzt über das Pflaster des Hofes heran. Der Mann mußte schon
+an sechzig Jahre zählen. Sein Rücken zeigte eine leichte Krümmung;
+das kam von der gehabten schweren Arbeit. Der mächtige Oberkörper des
+Riesen stak in einer dicken Flauschjacke, und an den Füßen trug er
+halbhohe Schaftstiefel, die einem Steindenkmal zur Ehre gereicht haben
+würden.
+
+Er stand nun vor dem jungen Kaufherrn, der bei seinem Anblick ein
+schalkhaftes Lächeln nicht unterdrücken konnte. Jochen Hindorf war
+eine biedere, ehrliche Seele, die, seit mehr als einem Menschenalter
+im Hause Plüddekamp erprobt, deshalb eine Sonderstellung einnahm. --
+
+»Jochen! Wo bleibst du denn? Du glaubst wohl, daß ich meine Lunge
+gestohlen habe?« fuhr Wolf ihn an.
+
+Jochen Hindorf wußte, daß die Worte nicht ernst gemeint waren.
+
+»Jäh -- Herr Wolf! Ich bin ja schon da!«
+
+»Das sehe ich, Jochen! Du hast mich aber lange genug warten lassen.
+Ist das Transportauto von der Lastadie gekommen?«
+
+»Jäh woll -- Herr Wolf!«
+
+»Wird abgeladen?«
+
+»Jäh woll -- Herr Wolf!«
+
+»Jochen -- du riechst mörderlich nach Schnabes -- -- du hast dich wohl
+schon vorzeitig gestärkt!«
+
+»Näh -- Herr Wolf! Nur 'nen kleinen Schnaps genommen.«
+
+»Jochen, der wird drei Daumen breit an der Flasche zu messen gewesen
+sein -- --«
+
+»Hö, hö, hö!« lachte Jochen Hindor wohlgefällig. »Meine Daumen sind
+eklig breit, damit kann ich nicht beim Schluck hantieren. Ich mach's
+nach Gutdünken.«
+
+»Dann bist du jeder Verantwortung in bezug auf das Quantum ledig,
+Jochen! Weiß schon --«
+
+»Jäh, Herr Wolf! So 'ne alte Haut -- hält keine Wärme mehr, -- da muß
+ich gründlich einheizen.«
+
+Wolf Plüddekamp lachte hell auf.
+
+»Hast recht, alter Knabe! Wer lang trinkt, der lebt lang! Ich glaube,
+du hast dies zur Richtschnur genommen. -- Muß ich noch auf den
+Speicher oder --?«
+
+»Hat der Chef es gesagt?« warf Jochen bedächtig ein. Er sprach
+manchmal Platt, dann aber wieder etwas Hochdeutsch dazwischen, je
+nachdem seine Stimmung war und der Pegel des Alkohols stand.
+
+Jürgen Plüddekamp galt den Leuten gegenüber immer als der Hauptchef
+der Firma, obwohl Wolf Plüddekamp ebenfalls an dieser beteiligt war.
+
+Herta und Wolf besaßen nicht das gleiche Vermögen wie Jürgen. Das
+mütterliche Erbe des ältesten Bruders war sehr bedeutend gewesen,
+während die zweite Frau des Geheimen Kommerzienrat Plüddekamp nur
+große Schönheit besaß, -- um derentwillen der reiche Mann sie
+heiratete.
+
+»Du kannst es dir doch denken, Jochen!« antwortete Wolf jetzt. »Aber
+hör mal, alte Schnapsseele! Wenn Jürgen fragt -- bin ich oben. Rauf
+steigt er ja nicht. -- Also verstanden! Ich habe etwas vor und da will
+ich -- --«
+
+»Ist auch gar nicht nötig -- Herr Wolf! Ich besorge alles prompt,
+amüsieren Sie sich man gut. Und dann wollt ich nur man noch sagen --
+die Flasche mit dem alten Dänen ist rein zu Ende, an der muß aber
+gründlich gemaust sein.«
+
+»Oder deine Daumen haben nicht ausgereicht, Jochen! Ich werde dir den
+Stoff wieder mitbringen!«
+
+»Bei der Winterzeit -- Herr Wolf! Kalte Füße.«
+
+»In deine Elefantenstiefel und die dicken Wollnen von Muttern dringt
+doch die Kälte nicht hinein, Jochen.«
+
+»Das sagen Sie so, Herr Wolf. Aber stundenlang beim Aufladen zu stehen
+-- nächstens --«
+
+»Ich glaube dir alles, Jochen!«
+
+»Jäh woll -- Herr Wolf.«
+
+Der Alte machte etwas schwerfällig kehrt und verschwand über den von
+hohen elektrischen Bogenlampen erleuchteten Hof nach den Speichern zu,
+denen sich ein tiefer Garten bis zur nächsten Straße anschloß.
+
+Das alte Haus mit seinem Hinterland war für neue Verhältnisse von sehr
+großer Ausdehnung und hatte darum einen hohen Wert. In der Bilanz
+standen Gebäude und Areal noch ebenso zu Buch wie vor hundert Jahren.
+Es war nie ein Wertzuwachs hinzugefügt worden. Diese stille Reserve
+des Familienvermögens betrug viele Hunderttausende.
+
+Jürgen Plüddekamp konnte alljährlich mit wohlberechtigtem Stolz
+auf die Zahlen hinschauen, die er Wolf nur flüchtig zeigte, um das
+Bilanzbuch sofort wieder in einem Sonderfach des Geldschrankes zu
+verschließen.
+
+Im großen Speicher begann das geräuschvolle Rollen und Schütteln
+des Korns in den Trieuren. Eine dichte graue Staubwolke umzog die
+Maschinen, durchhellt von dem Schein des elektrischen Lichtes.
+
+Der Roggen wurde in breite Haufen aufgeschüttet. Die Ware stieg durch
+das Reinigen bedeutend im Werte und sollte exportiert werden.
+
+Als das leere Transportauto durch die große Toreinfahrt wieder auf
+die Straße hinausrollte, sah Jürgen Plüddekamp im Kontor auf die
+Uhr. Er konnte nach der seit der Ankunft verflossenen Zeit genau
+kontrollieren, ob die Sackträger ihre Schuldigkeit getan hatten.
+Einen Augenblick schaute er auf den leeren Platz ihm gegenüber, den
+sonst sein Bruder Wolf einnahm, und nickte mit dem Kopfe, als ob er
+sich selbst eine Zustimmung gebe. -- Dann langte er nach einer blauen
+Kapitänsmütze, die zu seinem täglichen Gebrauch in Haus und Hof an der
+Wand hing, setzte sie auf und ging durch das anstoßende große Kontor
+zur Torflur hinaus.
+
+Die Buchhalter standen vor den mächtigen, stark gebundenen Büchern und
+machten ihre Eintragungen. In der Korrespondenzabteilung klapperten
+die Schreibmaschinen, sie wurden von jungen Leuten bedient. Jürgen
+Plüddekamp liebte keine Maschinenschreiberinnen.
+
+»Junge Mädchen lassen ihre Augen zuviel spazieren gehen, Herta! Es
+beeinträchtigt die Arbeit meiner Angestellten. Vor mir fallen die
+Augenklappen ernst herunter, hinter mir blitzt es gleich wieder los.
+Eine Schwerenöterin ist stets darunter, und der Ärger bleibt nicht
+aus. -- Danke dafür.« So lehnte er es seiner Schwester ab, einige
+ihrer Schützlinge unterzubringen.
+
+Im Kontor des Hauses Plüddekamp mußte ohne Unterbrechung gearbeitet
+werden, dafür gab es eine pünktliche Arbeitseinteilung.
+
+Jürgen war in der großen Toreinfahrt verschwunden, die jungen Leute im
+Kontor reckten ihre Köpfe in die Höhe. Die Schreibmaschinen standen
+einen Augenblick still und leises Gespräch wurde hörbar. Sowie es aber
+einen etwas lauteren Charakter annahm, ertönte die helle Stimme des
+Prokuristen Armin:
+
+»Bitte, meine Herren, äußerste Ruhe! Sie wissen, der Chef liebt keine
+Unterhaltung.«
+
+Einige hastig hingeworfene Worte ließen sich noch von den einzelnen
+Schreibtischen vernehmen, dann klapperten die Maschinen wieder mit dem
+raschen Aufschlag der Tasten.
+
+»In einer halben Stunde muß sämtliche Korrespondenz von heute dem
+Chef vorgelegt werden!« Der Prokurist Armin sprach kurz und bündig,
+seine Anordnungen klangen darum wie militärische Befehle. Er hatte
+mit Jürgen zusammen bei einem Stettiner Regiment gedient. Von dort
+datierte bereits ihre Freundschaft, aus der ein gegenseitiges hohes
+geschäftliches Vertrauen entstanden war. Wolf selbst konnte es bei
+seinem Bruder in dem Maße nicht erreichen.
+
+Jürgen tauchte aus der Dunkelheit auf und stand plötzlich vor dem
+alten Hindorf.
+
+»Jochen, warum bringst du die Ladeliste nicht ins Kontor?«
+
+Der Alte schrak zusammen und verbarg hastig etwas im Innern seiner
+dicken Flauschjacke. Jürgen hatte es aber bereits bemerkt.
+
+»Du bist unverbesserlich, Jochen! Nächstens setze ich dich ganz zur
+Ruhe. Ich brauche Leute, die pünktlich auf die Minute ihren Dienst
+versehen. Gib mir jetzt die Liste.«
+
+Der Alte holte diese aus einer vorderen Tasche der Jacke hervor und
+reichte sie Jürgen schweigend hin.
+
+»Hat sich beim Abladen nichts herausgestellt?«
+
+»Nä--h, Herr Plüddekamp!« Der Alte brachte es mit bitterer Betonung
+hervor.
+
+»Desto besser! Ist mein Bruder auf dem Speicher -- beim Kornreinigen?«
+
+»Nä--h, Herr Plüddekamp!«
+
+Jochen Hindorf hatte diese Antwort ohne Absicht in einem Anflug von
+verschlucktem Ärger und Bitterkeit hervorgestoßen. Er besann sich
+jedoch sofort und begann zu stottern: »Jäh -- woll, Herr Plüddekamp!
+Er -- ist oben!«
+
+»Du redest Unsinn, Jochen, und hast wieder zu tief in die Flasche
+gesehen! Es geht auf keinen Fall mit dir so weiter! Ich werde einmal
+selbst nachschauen!«
+
+Ganz bestürzt, daß nun das Fehlen Wolfs herauskommen mußte, stellte
+sich Jochen Hindorf rasch in die Treppentür des Speichers. Sein
+mächtiger Körper füllte den großen Türrahmen beinahe aus, so daß
+niemand an ihm vorüber konnte.
+
+»Es staubt ganz gewaltig, Herr Plüddekamp, und das ist der Lunge nicht
+gut!«
+
+»Was fällt dir ein, Jochen! Mach sofort Platz! Ich will hinauf!« stieß
+Jürgen barsch hervor.
+
+Jochen zögerte noch einen Augenblick, sein Liebling Wolf war in
+Gefahr. Lieber wollte er jetzt für den geschehenen Fehler alles auf
+sich nehmen.
+
+»Ich will Herrn Wolf doch runter rufen, Herr Plüddekamp. Sie haben
+keinen Staubkittel an.«
+
+»Es geht auch ohne diesen,« erwiderte Jürgen scharf, schob Jochen
+Hindorf trotz seiner Schwere schnell beiseite und sprang wuchtig die
+Stufen zu den Speicherräumen empor.
+
+Als er einige Zeit darauf wieder herunterkam, schritt er an dem alten
+Aufseher vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
+
+»Dunnerlüchting!« fluchte dieser. »Wie haben die franzö'schen
+Gefangenen bei uns im Barackenlager immer gesagt: ›Grand malhör!‹ Hm
+-- -- -- das ist nun da! Mein Herr Wolf ist reingefallen und der alte
+Däne ist für mich futsch.«
+
+Jürgen Plüddekamp hing in seinem Privatkontor die Mütze an die Wand
+und ging einige Male stark auf und ab. Die Dielen knarrten unter
+seinen schweren Schritten.
+
+»Wolf hat es doch nicht nötig, mir etwas vorzuflausen! Warum tut er
+es?« dachte er. »Er besitzt die völlige Freiheit, zu kommen und zu
+gehen, wie es ihm gefällt. Ist sein jetziges Verhalten eines echten
+Kaufmanns würdig? -- Auf das einfache Wort eines Mannes soll man
+Häuser bauen können. Und Wolf! -- Um sich zwei Stunden Aufsicht zu
+ersparen, zieht er selbst den alten Hindorf mit in Unwahrheiten
+hinein. -- Ich habe es dir in die Hand gelobt, Vater, über ihn zu
+wachen. Je älter er aber wird, desto schwerer ist es für mich.«
+
+Es klopfte. Ein Angestellter brachte die fertige Korrespondenz und sah
+sich erstaunt um, weil der Chef nicht den gewohnten Platz einnahm. --
+Jürgen atmete schwer auf. Er machte sich an die Arbeit, die Briefe zu
+unterzeichnen. Aus der breiten Goldfeder, deren er sich dazu bediente,
+floß es in markigen Buchstaben: »Jürgen Plüddekamp.«
+
+
+
+
+ III.
+
+
+Am nächsten Morgen hatten die Brüder eine längere Aussprache. Wolf
+hielt auf die Anschuldigungen Jürgens diesem sofort entgegen:
+
+»Du zwingst mich durch dein fortgesetztes Überwachen zu törichten
+Ausreden, die mir selbst zuwider sind. Zieh aber keine krause Miene,
+wenn ich zuweilen den Tagesdienst für ein paar Stunden satt habe.«
+
+»Wolf! Es ist doch unser Geschäft! Das deine -- wie das meine. --
+Haben wir nicht die verdammte Pflicht, jeder unser Bestes dafür
+einzusetzen? Sollen deine Nachkommen einst sagen: ›Die Firma
+Plüddekamp hat früher besser dagestanden!‹ Wird der Konkurrenzkampf
+nicht täglich, ja sogar stündlich gewaltiger? Können doch bereits
+in Stunden Gewinne verloren gehen, sogar Verluste entstehen. Die
+Nichtbeachtung eines späten Telegramms kostet unter Umständen
+Tausende. Man muß daher in einem derartigen Geschäftsbetriebe
+fortgesetzt auf dem Posten sein! Nur durch energische Arbeit,
+gepaart mit scharfem kaufmännischem Verstande, ist heute noch ein
+Vorwärtskommen möglich -- und vorwärts wollen wir!«
+
+Wolf hatte die Worte des Bruders ruhig über sich ergehen lassen.
+Seine lebhaften blauen Augen irrten ein paar Sekunden an der
+gegenüberliegenden Wand ziellos umher.
+
+»Du hast mir dies schon häufiger gesagt und bist in deinem Recht,
+Jürgen!« erwiderte er dann, und der Ton seiner Stimme vibrierte leise.
+»Ich besitze aber auch das meine, und es lautet etwas anders: das
+Leben ist nicht nur -- Arbeit, nicht nur -- Drang nach Kapitalbesitz!
+Das Leben verlangt auch gebieterisch, einer inneren Stimme zu genügen.
+Der eine Mensch drückt seinen Wert nur in Zahlen als Guthaben auf
+dem Bankkonto aus, er ist nach amerikanischem Muster bei seinen
+Mitmenschen -- fein-fein. Den andern aber, dem nicht nach weiterem
+Vermögen verlangt, treibt es -- das Schöne auf der Erde zu suchen und
+es an sich zu reißen, wo er es auch finden mag. Er ist ein Mensch, der
+sich noch ein Stück Idealismus bewahrt hat und Zahlen nicht schätzt,
+er ist in euren Augen ein -- Abtrünniger --«
+
+»Wolf -- kein Wort weiter!« Jürgen hatte es heftig ausgerufen. Auf
+seiner Stirn schwoll die Zornesader der Plüddekamp dunkelblau an.
+»Unser Vater hat es gewünscht, daß ich dich ins Geschäft aufnehmen
+sollte. Er kannte meine Abneigung, eine Ehe einzugehen! Meine Familie
+waret ihr, -- Herta und du! Habe ich je etwas in der Sorge für euer
+Wohl verabsäumt? Nun wuchern deine Vorwürfe wie schwarzes Mutterkorn
+in vollreifen Ähren. Das darf nicht sein, Wolf. Sonst --«
+
+»Nun, sonst?« fragte Wolf gereizt.
+
+Jürgen Plüddekamp richtete seine strengblickenden Augen fest auf den
+jungen Mann, aber sein Mund blieb geschlossen. Er sprach ein hartes
+Wort, das er gedacht hatte, nicht aus. Erst nach einer geraumen
+Weile, als die Frühpost hereingebracht wurde und Prokurist Armin die
+Anordnungen entgegennehmen wollte, sagte er plötzlich:
+
+»Es ist heute ein schöner Herbsttag. Graf Thadden-Bützenbrück verlangt
+einige tausend Zentner bestgereinigten Roggen zur Aussaat! Willst du
+mit ihm verhandeln, Wolf? Er ist einer unserer guten Kunden. Bleibe
+nur zu Tisch dort, du erhältst sicher eine Einladung.«
+
+Wolf schaute zur Straße hinaus. Die goldenen Sonnenstrahlen tummelten
+sich dort auf den Pflastersteinen umher, blitzten auch zuweilen auf
+den starken Stahlbändern des Lastautos auf, das soeben nach den
+Speichern auf der Lastadie abfahren sollte. Es zog ihn mächtig
+hinaus, -- nur fort aus der dumpfen, ihn bedrückenden Kontorstube! --
+
+»Gut! Ich werde hinausreiten!« erwiderte er dann, und auf seinem
+Gesicht begann ein freundliches Lächeln zu entstehen. »Ich habe also
+Urlaub für den ganzen Tag -- sollte jedoch Graf Thadden nicht anwesend
+sein oder mich nicht einladen --«
+
+»Ausgeschlossen, Wolf! Übrigens reite dann weiter zum Oberamtmann
+Wichers. Sage ihm einen Gruß von mir und -- horche einmal, wie hoch
+die Lieferung ausfallen wird. Von seinem Boden kommt immer das vollste
+Korn. Wichers ist einer unserer besten Landwirte. -- Wir können ihm
+ruhig etwas mehr zahlen. Wichers Roggen -- schüttet Gold.«
+
+»Ja, Jürgen! Zu Wichers reite ich noch auf alle Fälle. Wenn ich auch
+erst in der Nacht zurückkehren kann. Die Landstraße hat einen guten
+Sommerweg. -- Herr Armin,« wandte er sich an den Prokuristen, »ich
+möchte die Proben für Graf Thadden mit der heutigen Preisnotierung
+haben.«
+
+Der Prokurist verließ sofort das Privatkontor, um das Gewünschte zu
+holen.
+
+»Jürgen -- du bist doch ein guter Kerl,« fuhr Wolf fort, »und meine
+Worte von vorhin tun mir eigentlich leid. Du hast mich mit edler Waffe
+geschlagen. Ich bringe heute todsicher ein gutes Geschäft zustande.
+Am Abend spiele ich mit Lieschen Wichers vierhändig Klavier. -- Du
+sagst es Herta bei Tisch, damit sie nicht mit dem Abendbrot auf mich
+wartet. Und dann -- laß meine Flunkerei Jochen nicht entgelten. Ich
+hatte ihn gestempelt, -- der brave Alte konnte nicht anders.«
+
+Jürgen lachte aus vollem Halse.
+
+»So will ich dich haben, mein Wölfchen! Nun gefällst du mir wieder,
+und ich werde von heute ab den bösen Mentor einengen, wo und wie ich
+es nur kann.« --
+
+Eine halbe Stunde darauf schwang sich Wolf Plüddekamp in elegantem
+Reitanzug aufs Pferd. Man sah ihm dabei sofort den flotten Reiter an.
+
+Jürgen ging zu Wolf hinaus und klopfte den schlanken Hals des
+prächtigen Fuchses mit seiner kräftigen Hand. Das Blutpferd wurde
+unruhig und trat hin und her.
+
+»Verliere die Proben nicht, Wölfchen! Du hast sie nur lose in die
+Seitentasche gesteckt.« Der Fuchs wollte anspringen und kaute heftig
+auf dem Gebiß. -- »Warte noch einen Augenblick, -- ich knöpfe dir die
+Tasche zu,« und als dies geschehen, fuhr er fort: »Nun bist du sicher
+-- und kannst so stark traben, wie du willst! Vergiß nicht, Wichers zu
+grüßen.«
+
+Der feurige Fuchs ließ sich nicht länger zurückhalten und machte
+einige kräftige Sprünge. Wolf saß fest im Sattel und hatte ihn sofort
+wieder am Zügel. Er grüßte mit der Reitpeitsche und trabte die Straße
+hinunter, um bald auf dem weichen Reitweg der nahen Anlagen zu
+verschwinden.
+
+Jürgen schaute ihm eine Zeitlang nach.
+
+»Allzu scharf macht schartig! Ich will ihm die Zügel etwas länger
+lassen. Er kommt schon allein wieder auf das Richtige zurück,« dachte
+er bei sich, als er in das Kontor ging, um noch einige Anordnungen zu
+erteilen.
+
+ * * * * *
+
+Wolf ließ den Fuchs dahintraben. Das Gefühl von Jugend und Kraft,
+das ihn beseelte, brachte die glücklichste Stimmung in ihm hervor.
+Lieschen Wichers war ein liebes Mädchen, ein echtes zukünftiges
+Hausmütterchen, -- gut erzogen, ein wenig musikalisch, und hatte
+oft lustige, schalkhafte Einfälle. Sobald sie vierhändig Klavier
+spielten, schaute sie ihn neckisch an. Der Oberamtmann konnte sich
+natürlich keinen besseren Schwiegersohn wünschen, seine Tochter keinen
+hübscheren Mann. Wolf Plüddekamp entflammte die Herzen aller jungen
+Mädchen in der Umgegend, mit deren Vätern seine Firma geschäftliche
+Beziehungen pflegen mußte.
+
+Sein Bruder sandte ihn deshalb gern zu neuen Abschlüssen. Jeder
+töchterreiche Vater hoffte im stillen auf Absichten dabei, und Kauf
+wie Verkauf wickelte sich schneller ab als sonst. Lieschen Wichers
+war Wolf bisher ganz sympathisch gewesen, er hatte sogar manchmal
+weiter gedacht und sich geprüft, ob sein Puls in ihrer Nähe schneller
+schlage. -- Leider geschah es nicht, trotz der frischen Farben auf
+ihren Wangen. Wie dies nur zuging? Es fehlte etwas, das er sofort in
+den Augen auf Ilse Hergenbachs Bild erkannte. Ein unbewußt Anziehendes
+-- ein tolles Aufjauchzen vor Lust, und doch dabei ein tiefes
+Insichgekehrtsein und Zurückbeben -- miteinander streitende Gefühle,
+die jede Fiber des Körpers erregten. Wie kam dies alles nur in die
+Augen hinein? Es mußte sich ihm bald zeigen. Er wollte es ergründen,
+es kennen lernen. Würden Körper und Seele bei ihr schon soweit
+entwickelt sein, um alle Fragen beantworten zu können? -- Er erwartete
+den Tag der Ankunft Ilse Hergenbachs mit größter Spannung -- alles
+andere war ihm gleichgültig geworden. Klavierspiel, -- wie alltäglich!
+Jetzt kam etwas Aufrüttelndes, er sehnte die Stunde herbei, in der er
+endlich anfangen würde, es zu erleben. -- --
+
+Jürgen und Herta saßen noch bei einer Partie Schach, als er spät in
+der Nacht heimkehrte.
+
+»Tee und Sandwiches stehen für dich bereit, Wölfchen,« sagte Herta
+freundlich. »Du wirst sicher noch einen verborgenen Hunger haben,
+trotz der kräftigen Hausmannskost bei Oberamtmann Wichers. Hat nicht
+Fräulein Lieschen ihre Gänsesülze besonders gelobt?«
+
+»Erraten, Herta! Aufs Tüpfelchen erraten! -- Spielt nur eure Partie zu
+Ende, -- ich stärke mich einstweilen. Nach dem zweistundenlangen Trabe
+revoltiert der Magen wirklich noch einmal!«
+
+»Nun -- Wölfchen?« schaute Jürgen ihn fragend an, »Gutes erreicht?«
+
+»Du wirst mit mir zufrieden sein, Jürgen. Ich bin genau deinem Rate
+gefolgt. Graf Thadden hat Sorte B gekauft, -- längeres Ziel als sonst.
+Hm, darüber müssen wir noch reden. Sein Sohn hat etwas zu kräftig
+verbraucht. Komtesse Marie verriet es mir.«
+
+Jürgen lächelte.
+
+»Ein längeres Ziel macht nichts aus. Bützenbrück hat vortrefflichen
+Boden, der eine Scharte rasch wieder auswetzt. Der junge Graf schlägt
+über die Stränge. In Berlin verpulvert sich ein brauner Schein sehr
+schnell, wenn man Graf ist und den alten Namen glänzend vorstellen
+will.
+
+Manchmal reicht kein Vermögen hin. Der alte Graf legte als
+vorsichtiger Mann die Mitgift für Komtesse Marie auf der Reichsbank
+fest; -- der junge Graf sorgte dafür, daß sie wieder abgehoben wurde.«
+
+»Bei Wichers war es gemütlich wie immer,« erzählte Wolf mit
+Unterbrechung, indem er einige Sandwiches verzehrte. »Er kann
+zehntausend Zentner mehr liefern, als er gedacht hat. Die Proben
+habe ich mit. Als die Preisfrage besprochen wurde, kam Lieschen
+Wichers dreimal ins Zimmer hinein, und dabei gelang es mir richtig,
+einige Prozent Skonto abzuhandeln. Es ist über tausend Mark, und der
+Oberamtmann zog ein Gesicht, als wir die Abschlußnotizen in unseren
+Büchern vornahmen. -- -- ›Sie sind schlimmer als Ihr Bruder,‹ meinte
+er. Beim Abendessen fuhr er aber ein paar alte Flaschen Rheinwein auf
+und lud mich ein, bald wieder herauszukommen.«
+
+»Wirst du es tun, Wölfchen?« fragte Herta, vom Spiel aufsehend. Sie
+hatte soeben einen Springer günstig aufgestellt und hoffte Jürgen mit
+ein paar weiteren Zügen matt zu setzen.
+
+»Vielleicht!« antwortete Wolf gleichgültig. »Wie's Wetter wird. Es ist
+immer ein starker Ritt für den Fuchs nach Wershagen. Der Gaul spürt
+es ein paar Tage in den Knochen.« -- Der junge Mann ließ sich den
+Nachtimbiß weiter munden.
+
+Herta und Jürgen vertieften sich in ihre Partie, die anscheinend dem
+Ende zuging. Der Sieg schien sich, auf Hertas Seite zu neigen.
+
+»Wölfchen -- komm her! Jetzt kann Jürgens König nicht mehr entweichen
+-- seit langer Zeit gewinne ich einmal --«
+
+»Noch -- nicht,« warf Jürgen gedehnt ein.
+
+Er sann einige Minuten nach. Man sah förmlich, wie die Pläne in seinem
+Kopfe entstanden, so ausdrucksvoll gestalteten sich seine Züge. Dann
+ging das Spiel fort. Herta wurde in kurzem vollständig matt gesetzt.
+
+»Bravo Jürgen! Es waren Meisterzüge! Der blinde Neid muß dir dies
+lassen!« rief Wolf ihm zu.
+
+»Gräm dich nicht darum, liebe Herta,« lächelte Jürgen freundlich. »Wir
+sind nun einmal das stärkere Geschlecht.« --
+
+
+
+
+ IV.
+
+
+Die folgenden Tage brachten unfreundliches Wetter. Trübe, schwere
+Wolken zogen über die Stadt hinweg. Die kleinen Dampfer blieben im
+Hafen. Dieser war lange Zeit nicht mit so vielen Schiffen angefüllt
+gewesen. Die Steuerbeamten konnten kaum ihren Revisionen nachkommen.
+Zahlreiche nordische Dampfer warteten auf neue Ladung.
+
+Die Möwen flatterten von der Odermündung bis in die Hafenanlagen
+hinein. Draußen auf der See und im Pommerschen Haff traten Böen auf;
+es gab kurze, heftige Stoßwellen, die alle Fischerboote zur Heimkehr
+zwangen. Sturm war in Sicht.
+
+Es brauste auch bald aus Nordwest jäh und ungestüm heran. Die Wellen
+im Haff stürzten wild durcheinander, und selbst die größten Dampfer
+hatten schwere Fahrt. In der Stadt rüttelte der Sturm an den Dächern
+und Zäunen, entwurzelte in den Alleen große Bäume und trieb sein
+wildes, zügelloses Gebaren zum Verdruß der Einwohner.
+
+Schwarzgraues Gewölk jagte tief über die Häuser hinweg. Es wurde am
+Nachmittag so dunkel, daß die Laternen eine Stunde früher angezündet
+werden mußten. Der Regen fuhr sturmgepeitscht hernieder, und auf den
+Gassen floß das Wasser stromweise zu den Abzugskanälen hin.
+
+»Also heute abend,« sagte Wolf zu Herta. »Hast du den Wagen bestellt,
+oder kann ich Ilse Hergenbach von der Bahn abholen?«
+
+»Nein, Wölfchen! Zügle deine Neugierde. Ich bin selbst zur Ankunft des
+Zuges auf dem Bahnhof! Laß deinen Abonnementsplatz im Theater nicht
+leer. Du siehst Ilse noch früh genug.«
+
+»Sie ist doch die Tochter einer befreundeten Familie! Ich werde mir
+keine Unhöflichkeit zuschulden kommen lassen,« warf er hastig ein.
+
+Herta schaute ihn darauf prüfend an, sie erwiderte aber nichts.
+
+Zum Abendbrot war Ilse Hergenbach bereits eingetroffen. Wolf hatte
+sich sorgfältig umgekleidet, Jürgen erschien jedoch in seinem
+täglichen Kontoranzug.
+
+Das erste Sehen gestaltet sich meist eigenartig. Herta saß mit dem
+jungen Mädchen in einer Sofanische. Als die Brüder eintraten, erhoben
+sie sich, und Ilse wurde erst Jürgen, dann Wolf vorgestellt. Der
+Ältere machte die erste Begegnung kurz ab.
+
+»Seien Sie willkommen im Haus Plüddekamp, Fräulein Hergenbach. Lassen
+Sie es sich darin wohl sein.« Er dankte dann für die Grüße, die Ilse
+von ihren Eltern überbrachte. Die Augen des großen Mannes musterten
+kaum die schlanke Gestalt in dem einfachen grauen Reisekleide.
+
+Wie anders Wolf! Er trat dicht an sie heran und gab ihr die Hand mit
+kräftigem Druck.
+
+»Darf ich Fräulein Ilse sagen?« bat er sofort. »Wir beide sind jetzt
+die Jüngsten im Hause und werden hoffentlich gute Kameradschaft
+halten. Spielen Sie Lawn-Tennis? Wir haben im Garten einen Spielplatz.
+Morgen wird er allerdings durchweicht sein!«
+
+»Nun frage Ilse auch gleich noch, ob sie Galopp reitet, ob sie an der
+Dollarprinzessin Geschmack findet und gern Sekt trinkt. So lautet doch
+dein Programm, Wölfchen?« neckte ihn Herta.
+
+Wolf schien dies nicht ganz angenehm zu sein.
+
+»Glauben Sie es nicht, Fräulein Ilse!« warf er hastig ein. »Meine
+Schwester versucht unsere notwendige Kameradschaft von vornherein zu
+untergraben. Ich bin wahrhaftig besser als mein Ruf.«
+
+Ilse Hergenbach sah die leuchtenden blauen Augen dicht vor sich.
+Unwillkürlich weitete sich auch ihr Blick. Sie schaute ihn einen
+Augenblick hindurch etwas scheu an, dann flog ein leises Lächeln
+über die feinen, bleichen Züge. Wie seltsam ist solch ein erstes
+Begegnen! Impulsives Fragen und scheue, versteckte Antwort. Ilse und
+Wolf standen sich so gegenüber. Er mit freiem offenem Herzen, das
+sagte: »Ich freue mich, daß du zu uns gekommen bist! Ich finde dich
+interessant und will dich näher kennen lernen!« -- Sie dagegen mit dem
+klugen Instinkt des Weibes ihre Gedanken zurückhaltend und darum nur
+mehr anreizend, diese zu ergründen.
+
+»Tante Herta schrieb bereits, daß ich in Ihnen einen Freund der
+schönsten Künste finden würde. Ich soll freilich die Hauswirtschaft
+studieren, wie Mama es will. Nun, ein Stündchen am Tage werde ich doch
+musizieren oder malen dürfen, damit ich nicht alles verlerne.«
+
+»Gewiß, Ilse!« sagte Herta bereitwillig. »Du kannst dich auch an
+meiner Arbeit für notleidende arme Geschöpfe beteiligen. Überhaupt
+solltest du an allem in unserem einfachen Leben teilnehmen.«
+
+»Ich scheide dabei aus, Fräulein Hergenbach,« fiel Jürgen mit seiner
+starken Stimme ein. »Meine Domäne ist das Kontor, -- das große
+Geschäftsgetriebe einer alten Firma, darin gibt es keinen Raum für ein
+junges Mädchen.«
+
+»Warum nicht, Herr Plüddekamp? Ich habe bei meinem Vater oft aushelfen
+müssen. Ich stenographiere und bin auf der Schreibmaschine eingeübt.
+Ich habe kalkuliert und korrespondiert.«
+
+»Dabei widmeten Sie sich der Musik und Malerei und trieben
+Kunststudien. Nun wollen Sie die Haushaltung erlernen. Ein wenig
+viel, um eins davon gründlich zu verstehen,« gab ihr Jürgen zur
+Antwort.
+
+»Das moderne Mädchen soll doch in allen Sätteln gerecht sein, -- die
+Welt verlangt es, um uns für vollwertig zu halten!« vertrat Ilse ihren
+Standpunkt.
+
+»Entsetzlich!« fiel Wolf mit lächelndem Munde ein. »Welche Stunden
+bleiben dann für die Pflege der Schönheit übrig, -- die Hauptaufgabe
+der Frau -- dem Manne zu gefallen?«
+
+»Muß es denn unser Lebenszweck sein, Herr Plüddekamp, den Männern
+zu gefallen? Vielleicht war es früher so, heute -- wollen wir
+gleichberechtigt auftreten,« entgegnete Ilse. Keine Miene ihres
+Gesichtes verriet, ob ihre Gedanken und die ausgesprochenen Worte
+übereinstimmten.
+
+»Sagen Sie bitte -- Wolf, zum Unterschied von meinem Bruder, Fräulein
+Ilse,« ließ sich dieser nicht beirren. »Übrigens soll meine Ansicht
+nicht als allgemeine Regel gelten. Es gibt Ausnahmen -- meine
+Schwester Herta gehört dazu. Und doch besitzt die Schönheit der Frau
+ein unbestrittenes Recht, zu gefallen, das sie sich nicht verkümmern
+lassen darf.«
+
+»Wölfchen -- du windest dich in der Schlinge, -- du bist gefangen --«
+fiel Herta lachend ein. »Ilse hat ihre Sache tapfer verteidigt.«
+
+Der junge Mann versuchte wiederholt, Ilse Hergenbach in die Augen
+zu sehen. Sein Wunsch, darin zu lesen, war zu mächtig, um ihm
+widerstehen zu können. Sie mußte dies unwillkürlich fühlen, denn
+plötzlich traf ihr Blick voll den seinen. Er hatte dabei ein neues,
+ganz eigenartiges Empfinden, das seine Nerven heftig erregte. Das Blut
+quoll ihm heiß vom Herzen bis zu den Schläfen empor. Einen Augenblick
+war er wie berauscht, -- das also konnten diese Augen, diese grauen,
+unergründlich tiefen Augen hervorrufen!
+
+Welch eine wundersame Kraft strömte von ihr aus! Sie kam zu ihm, wohin
+würde sie ihn führen?
+
+Herta mußte diesen Augenblick des Selbstvergessens bemerkt haben.
+Sie sah Ilse schärfer an und forderte sogleich auf, das Abendbrot
+einzunehmen. Jürgen ging an den Speisetisch, und während seine hohe,
+kräftige Gestalt fest auftrat, folgten ihm Ilses Blicke. -- Sie
+zeigten Neugierde, aber auch eine Bewunderung der echt männlichen
+Erscheinung des ältesten Plüddekamp.
+
+Während der Mahlzeit wurde wenig gesprochen, und Herta hob früh
+die Tafel auf, damit sich Ilse nach der anstrengenden Reise bald
+zurückziehen konnte. Wolf war dies nicht recht.
+
+»Was soll ich heute abend beginnen, Herta?« klagte er.
+
+»Jürgen spielt Skat mit uns, du mußt dabei aufpassen, Wölfchen,«
+erwiderte die Schwester.
+
+Er war aber derart zerstreut, nachdem Ilse das Zimmer verlassen hatte,
+daß er die einfachsten Spiele umwarf.
+
+»Es geht heute wirklich nicht --« damit legte er unmutig die Karten
+hin. »Ihr müßt mich entschuldigen. Ich fahre nach dem ›Luftdichten‹,
+um mir die nötige Schlafschwere zu holen.«
+
+Jürgen und Herta sahen sich schweigend an und begannen dann ihre
+allabendliche Partie Schach.
+
+ * * * * *
+
+Seit Ilses Ankunft war Wolf wie ausgewechselt. Er verließ selten das
+Haus und schob das eingetretene schlechte Wetter vor. Jede freie
+Stunde des Tages brachte er bei Herta und ihrem Zögling zu, während
+Jürgen mehr denn je im Kontor arbeitete. Der Schimmer des elektrischen
+Lichtes fiel oft noch bis gegen Mitternacht auf die Straße hinaus.
+Spät begab er sich zur Ruhe.
+
+Er hatte recht gehabt, wenn auch in anderer Weise. Ilse Hergenbach
+tollte nicht laut umher, -- im Gegenteil, sie war äußerst ruhig,
+sprach wenig, glitt geräuschlos mit ihrer überschlanken Gestalt durch
+Zimmer und Gänge, aber sie zog dabei magnetisch an sich.
+
+Wolf folgte ihr, wo er es nur konnte; er mußte einen Blick, einige
+Worte von ihr erhaschen.
+
+Jürgen dagegen, sobald er sich dabei ertappte, daß er ihr
+unwillkürlich ein paar Schritte nachgegangen war, reckte sich
+plötzlich stolz empor und wandte sich kurz der Haupttreppe zu, um in
+sein Kontor zu eilen. Es ärgerte ihn, daß sein Auge auf den schlanken
+Linien ihres Körpers geruht hatte, und er ballte fest die Faust
+zusammen, -- es sollte nicht wieder vorkommen. Seine Brust hob sich
+schwer dabei. Er hatte nicht gesehen, wie Ilse bei seiner schroffen
+Wendung sofort stehen blieb und die großen Augen ihm scheu und
+unwillig nachschauten.
+
+Die Ruhe war aus dem alten Kaufherrnhause geschwunden. Das bisherige
+harmlose Zusammensein der Geschwister litt darunter, und Herta bereute
+schon, dem Wunsche ihrer Freundin nachgegeben zu haben.
+
+Ilse Hergenbach, obwohl keine Schönheit im Sinne des Wortes, besaß
+etwas unheilvoll Bestrickendes für die Männer, dem nur eine große
+Willensstärke widerstehen konnte. Selbst Konsul Martens, der einstige
+Verehrer Hertas und Freund der Familie, kam jetzt häufiger und blieb
+einsilbig, wenn Ilse nicht erschien.
+
+Herta sann darüber nach; ihr reiner, starker Sinn konnte sich lange
+keine Erklärung geben. Der Verkehr junger Männer wurde immer reger
+in ihrem Hause, und doch war Ilse nicht im mindesten kokett. Sie
+tat ruhig ihre Pflicht und plauderte nur zuweilen an den langen
+Winterabenden etwas angeregter mit Wolf. Auch Jürgen und Herta hörten
+gern zu, wenn sie von den erlebten Kunstgenüssen sprach und ihre
+tiefe, wohllautende Stimme die kleine Tafel beherrschte.
+
+Sobald aber Ilse dies bemerkte, schwieg sie plötzlich still und war
+nicht wieder zum Reden zu bringen. Nur ihr Auge glitt von einem zum
+anderen, als wenn es sagen wollte: »Ich habe als Jüngste nicht das
+Recht, die Unterhaltung zu führen.«
+
+Wolf konnte bitten, so viel er wollte, Ilse blieb stumm, -- es prallte
+jedes Wort bei ihr ab, selbst Herta erhielt auf ihre Fragen nur einige
+rasch hervorgestoßene Silben zur Antwort. Das junge Mädchen konnte
+durch sein Schweigen geradezu ungezogen erscheinen und gab sich auch
+keine Mühe, es zu verdecken.
+
+Herta ärgerte sich darüber; sie hielt dies Benehmen für einen Mangel
+an Erziehung. Einige Male sagte sie auch zu ihrem jüngeren Bruder:
+
+»Gib dir keine unnütze Mühe, Wölfchen! Wenn Ilse in ihre Stummheit
+versinkt, mag sie mit sich selbst fertig werden.«
+
+Jürgen hatte nur sein kräftiges Lachen dafür, aber auch dies stockte
+manchmal; dann verließ er mit irgendeinem kurzen Wort den kleinen
+Kreis und ging in sein Schreibzimmer.
+
+Nun kam das Seltsamste. Ilse fand plötzlich ihre Sprache wieder und
+war die Liebenswürdigkeit selbst zu den anderen.
+
+»Ilse ist ein merkwürdiges Geschöpf -- ich werde aus ihr nicht klug,«
+sagte Herta eines Tages zu Jürgen, »sie kommt mir zuweilen wie eine
+Sphinx vor -- --«
+
+»Nein, -- wie eine Hexe --« erwiderte er kurz.
+
+»Aber Jürgen! Wie kommst du darauf?« fragte Herta erschrocken.
+
+»Durch den starken Einfluß, den sie ausübt, liebe Schwester! Wölfchen
+hat sie ganz umstrickt, und seine Freunde rennen uns jetzt das Haus
+ein --«
+
+»Ilse ist aber peinlich in ihrer Arbeit und versäumt keine Pflicht.
+Sie erfüllt sofort jeden meiner Wünsche und kann eine tüchtige
+Hausfrau werden.«
+
+»Niemals!« stieß Jürgen barsch aus.
+
+»Sollte sich dies deiner Beurteilung nicht entziehen?« erwiderte Herta
+leicht gekränkt.
+
+Jürgen pfiff laut.
+
+»Ihre Zerstreuungen in der freien Zeit sind allerdings sonderbar,«
+fuhr Herta fort. »Sie geben mir zu Bedenken Veranlassung. Gestern war
+sie zwei Stunden ausgegangen. -- Bei ihrer Rückkehr antwortete sie
+auf meine Frage, daß sie sich die Schaufenster in der Breitenstraße
+angesehen habe. Später sprach ich zufällig Jochen Hindorf, und er
+erzählte mir, wie er Ilse bei den Kornträgern am Bollwerk fand.
+Sie sah dort den Männern zu, die schwere Säcke aufhoben und zum
+Transportauto trugen. Warum nun diese Unwahrheit von ihr, -- die mir
+sehr mißfällt! -- Wie kann überhaupt ein junges Mädchen an so grober
+Arbeit Gefallen finden, namentlich bei ihrem Kunstsinn --«
+
+Jürgen hatte die Hände in beiden Hosentaschen stecken und zuckte mit
+den Achseln.
+
+»Hm, -- weibliche Neugierde, -- es will weiter nichts sagen. Sie war
+noch in keiner Hafenstadt. Vielleicht erinnert es sie auch, an das
+väterliche Geschäft. Das ist wohl die einfachste Erklärung.« -- --
+
+Herta nahm sich vor, scharf aufzupassen. Sie war um Wolf besorgt.
+
+Dieser spielte täglich, stündlich mit dem Feuer. Er erzwang es, daß
+Ilse ihm oft in die Augen sah. Trotzdem es den harmlosesten Anschein
+haben sollte, wurde sie sich bald ihrer Gewalt bewußt. Anfangs war
+sie selbst darüber erstaunt gewesen, nun legte sie langsam ihre Scheu
+dabei ab. Herta durfte es nur nicht bemerken.
+
+Was lag in ihrem Blick? Jürgen hatte es rasch erkannt, aber er äußerte
+sich nicht darüber.
+
+Wolf spielte an sonnig-kalten Tagen mit Ilse im Garten Ball, und sein
+Auge hing an den schnellen Bewegungen ihres Körpers, wie sie diesen
+aufhielt und zurückschlug.
+
+Gewöhnlich gewann sie die Partie. Sobald sie zusammenstanden und er
+ihre Augen suchte, lachte sie ungezwungen auf, ein tiefes, melodisches
+Lachen, das er so gern von ihr hörte.
+
+Nach der gemeinsamen Abendmahlzeit spielten sie vierhändig Klavier.
+Sie schaute ihn nicht an, wie Lieschen Wichers, sobald er aber ihre
+schlanken Hände zufällig berührte, schoß eine fliegende Hitze in ihm
+empor. Sein ganzes Nervensystem war fortwährend in Erregung.
+
+Im Geschäft ließ seine Tätigkeit mehr und mehr nach. Seine Gedanken
+wanderten zu Ilse.
+
+»Eine tolle Staupe,« dachte Jürgen, »aber er muß sie durchmachen, um
+frei zu werden.« --
+
+
+
+
+ V.
+
+
+Jürgen saß bereits kurz nach acht Uhr morgens vor seinem Schreibtisch
+im Privatkontor und sah die Korrespondenz, sowie die eingegangenen
+Aufträge durch. Prokurist Armin stand neben ihm und gab auf seine
+Fragen kurze Erläuterungen ab. Der gegenübersitzende Wolf hörte kaum
+zu und langweilte sich sterblich. Ein paarmal griff er nach den
+neuesten Zeitungen, las die Berichte von der Getreidebörse, hastete
+über die Theaterkritiken hinweg und legte das Blatt wieder aus der
+Hand.
+
+Nun war die Post durchgesprochen. Jürgen hatte disponiert, und Wolf
+atmete schon freier auf, als Prokurist Armin von neuem begann:
+
+»Wir haben noch die Angelegenheit mit Smider & Sohn zu besprechen,
+Plüddekamp. Sie wollten sich heute entscheiden.«
+
+»Er kriegt keinen Pfennig mehr, als wir abgeschlossen haben,«
+erwiderte Jürgen ärgerlich. »Wie kommt der Mann überhaupt dazu, uns um
+eine Tariferhöhung anzugehen? Der Vertrag mit ihm ist klipp und klar.«
+
+»Die Frachtsätze sind im Steigen begriffen. Der Export verstärkt sich
+für das Frühjahr. Kein Wunder, wenn Smiders es probiert -- er glaubt,
+mehr herausschlagen zu können, und zieht nun an der Strippe, um --«
+
+»Einfach ausgeschlossen, Armin,« fiel ihm Jürgen ins Wort.
+
+»Ich kann es nicht behaupten, Plüddekamp. Der Dampfer liegt noch im
+Schwimmdock.«
+
+»Die Verlängerung ist aber gut vonstatten gegangen. Bei der Höhe
+unserer heutigen Technik im Schiffsbau bringen sie alles mit Eleganz
+fertig. Wie war's damals mit der ›Hohenzollern‹! Durchgeschnitten --
+ein ganzes Stück eingesetzt -- und wieder Volldampf voraus.« Jürgen
+ließ sein breites Lachen hören.
+
+»An Tonnengehalt wurde sie größer, an Geschwindigkeit und ruhigem
+Gang hat sie sich gerade nicht verbessert,« meinte Wolf, der jetzt
+aufhorchte, weil ihn diese Angelegenheit interessierte.
+
+»Beim Frachtdampfer fragt man auch nicht danach,« brummte Jürgen. »Du
+willst immer auf den Sport hinaus.«
+
+»Der ›Friedrich Barbarossa‹ war doch mit Eisenerzen überladen worden
+und blieb in der Kaiserfahrt stecken?« wandte sich Wolf an den
+Prokuristen.
+
+»Ja, -- er hatte sich beim Aufrennen den Boden eingedrückt, darum
+wurde er umgebaut und gleich vergrößert, Herr Plüddekamp,« gab Armin
+zur Antwort.
+
+»Die Eisenerze kamen wohl aus Vivero in Spanien?« frischte Wolf
+seine Erinnerungen auf. »Es konnte einen endlosen Prozeß geben
+-- die Versicherungsgesellschaft einigte sich aber mit der
+Henckel-Donnersmarck-Hütte. Es mußte alles in Leichter umgeladen
+werden, und die Kaiserfahrt war eine Zeitlang schlecht zu passieren --«
+
+»Stimmt,« unterbrach Jürgen seinen Bruder kurz. »Du bringst uns aber
+von der Sache ab -- oder willst du auf einen Vorschlag hinaus?«
+
+»Du hast mich damals den Vertrag mit Smider & Sohn lesen lassen -- er
+ist nicht ohne Häkchen. Ein wenig Jus klebt mir von den Semestern in
+Greifswald und Berlin noch an, darum glaube ich -- --«
+
+»Nun und -- --« forschte Jürgen.
+
+»-- -- -- daß der Passus ›bei rechtzeitiger Fertigstellung‹ uns
+auffliegen läßt, wenn Smider & Sohn den Vertrag nicht einhalten
+wollen.«
+
+»Es wäre eine dumme Sache -- unser Justizrat ist doch sonst immer
+vorsichtig gewesen! Holen Sie den Vertrag, Armin -- ich will ihn
+daraufhin durchsehen,« wandte sich Jürgen an diesen. -- »Kannst du
+nicht auf den jungen Smiders einwirken, Wolf?« fragte er seinen Bruder.
+
+Dieser schüttelte mit dem Kopfe.
+
+»Ich war wohl während der Schulzeit öfters mit ihm zusammen, -- jetzt
+zählt er nicht mehr zu meinen Freunden.«
+
+»Mir ist er höchst unsympathisch,« meinte Jürgen. »Eine zynische
+Natur, die am liebsten über Treu und Glauben hinwegschreitet. Hätte
+nicht sein Vater mit uns jahrzehntelang in Verbindung gestanden -- ich
+würde den geschäftlichen Verkehr mit der Firma abbrechen.«
+
+Der Prokurist brachte den Vertrag, und der ältere Plüddekamp vertiefte
+sich einige Minuten in diesen. Als er wieder aufsah, zeigte sein
+Gesicht eine unwillige Miene.
+
+»Es ist so, -- Wolf hat zwischen den Zeilen gelesen! Ich bin jetzt
+der Ansicht -- Smiders kann unter gewissen Umständen aus seinen
+Abmachungen entschlüpfen. Er sucht darum seinen Vorteil wahrzunehmen.
+Zahlen wir die höheren Frachtsätze, fällt es ihm natürlich nicht ein,
+den Vertrag zu beanstanden. Unser Gewinn aber wird dann Null sein, nur
+das Risiko bleibt.«
+
+»Wir müssen bestimmt in der vorgesehenen Frist liefern,« betonte
+Armin. »Die spanischen Brennereien sind darauf angewiesen und warten
+nicht. Es wird uns sonst ein großes Geschäft für die Zukunft verloren
+gehen.«
+
+»Gut -- das ist feststehend! Also was tun? Sie haben selbst dazu
+geraten, den ›Friedrich Barbarossa‹ zu chartern, Armin!« sagte Jürgen.
+
+»Weil er nach dem Umbau einen hohen Tonnengehalt aufweist und wir
+die Lieferung glatt fortbringen wollen. Die Tarife waren zudem sehr
+günstig,« erwiderte dieser.
+
+»Alles eine schlaue Kalkulation von dem jungen Smiders. Wir legten
+uns lange vorher fest und mußten ihm in die Hände fallen, sobald
+die Lieferung drängt.« Jürgen schlug mit der Faust auf die Platte
+des Schreibtisches, daß es dröhnte. »Am liebsten möchte ich ihm mit
+gleicher Münze dienen. Ich habe bisher bei unseren Verträgen mit
+Smiders & Sohn nie an eine Übervorteilung von der anderen Seite
+gedacht. -- Es muß auch so gehen,« fuhr er ruhiger fort. »Wir wollen
+rechtzeitig Maßnahmen treffen, Armin, und uns einige kleinere Dampfer
+sichern, die wir für andere Zwecke verwenden können, wenn die Frage
+nicht brennend wird.«
+
+»Die Stettiner Frachtdampfer sind für die Hauptfahrzeit belegt. Wir
+müssen in Hamburg, Bremen und Lübeck Umfrage halten. -- Auf den
+Zufall, daß spanische Dampfer Rückfracht nehmen, können wir uns nicht
+verlassen,« hielt Armin entgegen.
+
+»Teufel -- eine unangenehme Klemme,« brummte Jürgen. »Smiders soll
+an mich denken. Es ist wirklich notwendig, daß du ihm beikommst,
+Wolf! Natürlich mit der größten Liebenswürdigkeit -- lade ihn auch
+gelegentlich ein. -- Wenn ich ihn aufsuche, wittert er sofort
+Morgenluft.« --
+
+»Gern tue ich es nicht, Jürgen! Alfred Smiders verkehrt in keinem
+Kreise meiner Bekannten. Man trifft ihn höchstens in kleinen
+Weinstuben mit zweifelhafter Bedienung an. Ich muß mich ihm also
+nähern. In unser Haus möchte ich ihn lieber nicht einführen --« Wolf
+stockte plötzlich und dachte an Ilse. Sie brauchte diesen Menschen
+nicht kennen zu lernen.
+
+»Richte es nur ein, Wölfchen! Es hängt zuviel davon ab,« wurde Jürgen
+freundlich. Der geschäftliche Nutzen war bei ihm hoch angeschrieben,
+solange er in regulären Bahnen ging. Hier stand Großes auf dem Spiel.
+Der Vertrag mußte aufrecht erhalten bleiben. Später durfte solche Lage
+nicht wieder vorkommen, er wollte im stillen mit einer auswärtigen
+Reederei sofort Vereinbarungen anbahnen.
+
+»Ich werde ihn aufsuchen und -- lavieren,« sagte Wolf. »Schließlich
+kommt es darauf an, wer die besten Karten in der Hand hält, -- ich
+fürchte --«
+
+»Rufen Sie Smiders & Sohn telephonisch an, Armin. Mein Bruder würde
+die Angelegenheit mit Herrn Alfred Smiders in Kürze besprechen.«
+
+Für Jürgen war damit die Unterredung beendet. Er nahm die neuen
+Aufträge zur Hand, ließ sich das Lagerbuch geben und begann zu
+rechnen. Der Prokurist ging in die Korrespondenzabteilung, und Wolf
+blieb eine Weile seinen Gedanken überlassen.
+
+Im Grunde war ihm Alfred Smiders ein verhaßter Geselle. Dieser
+hatte sich während der Schulzeit in den oberen Klassen immer an ihn
+herangedrängt.
+
+»Reeder und Exporteur müssen schlau zusammenhalten,« sagte Smiders
+zu ihm, »und das sind wir beide doch eines Tages. -- Die Abnehmer --
+das konsumierende Volk muß mächtig berappen, damit wir schnell reich
+werden. Am besten schafft es sich bei einer Hungersnot -- oder im
+Kriegsfall -- da kann man Gold mit Scheffeln messen.«
+
+»Solche Vorsätze hat mein Bruder nicht,« erwiderte Wolf darauf, »er
+läßt nichts auf die Ehre des alten Kaufmannsstandes kommen.«
+
+»Nette Torheit,« suchte Alfred Smiders ihm zu beweisen. »Ich nehme mir
+die amerikanischen Grundsätze zur Richtschnur. Der beste Kaufmann
+ist, wer den höchsten Gewinn erzielt! Auf welche Weise, bleibt ganz
+gleichgültig.«
+
+»Bei Jürgen Plüddekamp aber nicht,« trumpfte ihn Wolf ab.
+
+»Du wirst sehen -- das moderne Geschäft verlangt es -- eines Tages
+bist du bekehrt! Wir wollen dann weiter darüber sprechen,« zog sich
+der andere zurück.
+
+Alfred Smiders gab schon als Primaner viel Geld aus, trotzdem sein
+Vater in jener Zeit geschäftlich zu kämpfen hatte und große Verluste
+erlitt. Er verkehrte mit Steuerleuten und Matrosen in den dunkelsten
+Kneipen am Hafen. Dort lernte er das Grogtrinken und konnte bald
+unglaubliche Mengen Alkohol vertragen. Es erschien ihm dies für seine
+Laufbahn notwendig. Er wollte sich später von keinem Kapitän unter den
+Tisch trinken lassen.
+
+Wolf hatte er ein paarmal mit verschleppt. Sie gerieten in eine
+wüste Gesellschaft von Matrosen hinein, die in den Hafenkneipen
+herumlungerten und mit einem Aushub von Mädchen das letzte Heuergeld
+vertaten. Während Smiders wie ein Fisch durch moderiges Wasser
+schlüpfte und Rede wie Antwort anzupassen wußte, konnte sich der
+junge Plüddekamp des Ekels über das wilde Gebaren nicht erwehren.
+
+Er schlich spät nach Hause und verdankte es nur der Freundschaft
+des alten Jochen Hindorf, daß er durch den Garten und über den Hof
+unbemerkt ins Haus hineingelangte. Dieser hatte den Schlüssel zu
+der kleinen Torpforte in Verwahrung und drückte bei seinem jungen
+Herrn gern ein Auge zu. Am nächsten Morgen hielt er einen kräftig
+eingelegten sauren Hering mit einer knusprigen trockenen Semmel
+bereit, damit konnte Wolf seinen Katzenjammer dämpfen Ein kleines
+Glas Porter mit Ale jagte ihm das Blut wohltuend durch die Adern. Zur
+Mittagszeit war alles überwunden und die blauen Augen lachten wieder
+die Welt an. --
+
+Wolf war eine gesunde, reine Natur, der nichts anhing, und in späteren
+Jahren mied er Smiders, wo er es nur konnte. Jetzt spielte dieser
+scheinbar eine große Rolle in der Stadt. Er hatte mehrere neue Dampfer
+bauen lassen und weite Fahrten eingerichtet. Die alten Schiffe liefen
+noch daneben und trugen hohe Versicherungen. Man munkelte allerlei,
+durfte sich aber nicht laut äußern. In den Kneipen einer Hafenstadt
+wird viel gesprochen.
+
+Der junge Reeder war seinem Äußeren nach eine große, elegante
+Erscheinung. Dunkles Haar und ein schwarzer, wohlgepflegter
+Schnurrbart hoben seine an und für sich matten Züge stärker hervor.
+Die Augen flackerten etwas unstät umher, besaßen aber zuweilen
+einen tiefergehenden Ausdruck, den er im geeigneten Falle geschickt
+anzuwenden wußte.
+
+Als Jürgen seinen Bruder aufforderte, die frühere Bekanntschaft
+mit Alfred Smiders zu erneuern, hatte er wichtige Gründe im Auge,
+diese überwogen bei ihm die persönliche Abneigung. Das spanische
+Geschäft mußte gepflegt werden, es bot sehr lohnende Aussicht und
+paßte stets mit den Rückfrachten. -- Wolf war zur Abwicklung solcher
+Sachen recht geeignet. Seine anscheinende Gutmütigkeit verdeckte den
+eigentlichen Kern, den er zur passenden Zeit scharf herauszuschälen
+verstand. Jürgen hatte eine zu derbe Geradeausnatur, er liebte kein
+Wortgeplänkel.
+
+»Ich gehe jetzt nach dem Speicher auf der Lastadie,« sagte Wolf zu
+seinem Bruder. »Die Stichproben von den neuen Roggenlieferungen sollen
+doch in meinem Beisein genommen werden.«
+
+Jürgen sah von seinen Kalkulationen auf.
+
+»Recht so, Wölfchen! Denk auch daran, daß die verschiedenen Grassamen
+bald umgestochen werden müssen. Es entsteht leicht ein dumpfiger
+Geruch, und bis zur Versandzeit sind noch einige Monate hin.«
+
+»Wird besorgt, Jürgen! Übrigens noch immer schauderhaftes Wetter,«
+sagte er, hinausschauend. »Ich laß mir einen Taxameter holen. Von
+nassen Füßen kriegt man bloß Katarrh. Davon bin ich kein Freund!«
+
+Er sprang dann in wenigen Sätzen die Treppe zur Wohnung hinauf. Ein
+Glas Portwein konnte an dem naßkalten Tage nicht schaden. Vielleicht,
+daß Ilse -- sie huschte gerade über den Korridor, als er die oberste
+Treppenstufe erreichte.
+
+»Fräulein Ilse -- nur einen Augenblick!«
+
+Sie blieb zögernd stehen und sah den hellen Schimmer in seinen blauen
+Augen, als er auf sie zukam. Er griff nach ihrer Hand, die sie ihm
+schnell wieder entzog.
+
+»Herr Wolf! Was haben Sie nur immer vor, wenn Tante Herta --«
+
+Er lachte hell auf.
+
+»Nichts -- rein gar nichts will ich -- als ein Stückchen Semmel mit
+Gänsebrust. Eine recht große saftige Scheibe -- Fräulein Ilse! Sie
+verstehen es, diese so appetitlich herzurichten. Aber bringen Sie mir
+den Happen selbst, bitte! -- Machen Sie sich nicht wieder unsichtbar
+--«
+
+»Das kommt nur auf Sie an, Herr Wolf,« entgegnete sie lächelnd und sah
+sich hastig um.
+
+»Auf mich, Fräulein Ilse? Dann würden Sie mich den ganzen Tag nicht
+los,« rief er belustigt. »Nun noch eine kleine Bitte -- schlagen Sie
+einmal schnell Ihre schönen Augen zu mir auf --«
+
+»Nein, -- Herr Wolf, -- das gehört nicht zur Erlernung der
+Hauswirtschaft,« -- ihr Blick aber traf ihn doch, ehe sie forteilte.
+
+Warum er nur so oft danach verlangte? Die anderen Herren, die sie
+hier kennen lernte, sahen sie ebenfalls so seltsam an. Sie empfand
+nichts dabei, nur wurde es ihr peinlich. Wolf war wirklich ein
+hübscher junger Mann, aber auch nicht mehr für sie. Als sie zu den
+Wirtschaftsräumen eilte, wußte sie unwillkürlich, daß seine Augen ihr
+folgten.
+
+»Schade, daß ich mich so in acht nehmen muß. Es verdirbt mir manchmal
+ganz die Laune,« dachte sie bei sich.
+
+Die Semmel mit Gänsebrust ließ sie durch das Mädchen ins Eßzimmer
+tragen, weil Herta dazukam. Diese ging sofort zu ihrem Bruder und
+schenkte ihm ein Glas Portwein ein. Sie kannte seine kleinen Wünsche.
+
+»Du willst auf die Lastadie, Wölfchen? Stärke dich nur zuvor.« Er
+hatte ihr sein Vorhaben rasch mitgeteilt.
+
+Sie bot ihm noch ein zweites Glas an, während er ihr von Alfred
+Smiders erzählte.
+
+»Wenn es geschäftlich notwendig ist, soll er das feinste Frühstück
+Stettins haben,« sagte sie dann.
+
+»Besser, es läßt sich vermeiden, Herta!« Damit ging Wolf fort. Ilse
+kam ja nicht wieder.
+
+ * * * * *
+
+Die Lastadie hängt mit dem Freihafengebiet zusammen. Dort hatte die
+Firma Jürgen Plüddekamp erst in den letzten Jahren neue Speicher
+erbaut. Als Wolf vorfuhr und eilig in das Tor hinein wollte, stieß er
+auf Jochen Hindorf. --
+
+»Hast du deine Kerle in Schuß, Jochen?«
+
+»Jäh woll -- Herr Wolf!«
+
+»Das ist man gut, Jochen! Sonst steig ich dir auch aufs Dach!«
+
+»Hm --« räusperte sich dieser.
+
+»Bei dem Wetter wär's kein Wunder, wenn sie davonliefen. Ich wollt
+gerade nach Haus. Haben Sie noch was, Herr Wolf? Mit'm Chef ist in
+der letzten Zeit nicht zu spaßen. Er gibt mir den Laufpaß, wenn ich
+nochmal für Sie flunkere.«
+
+»Kommt nicht wieder vor, alter Knabe --«
+
+»Hm -- hm -- damals war auch Fräulein Ilse noch nicht hier -- nu aber
+--«
+
+»Was nun aber! Denk keinen Unsinn, Jochen. Fräulein Ilse hat damit gar
+nichts zu tun.«
+
+»Näh -- näh, Herr Wolf, das weiß ich wohl! Sie ist aber ein verteufelt
+schlankes Ding, wie so'n Aal glitscht sie aus der Hand. Ich hab's
+gesehen!«
+
+»Du bist ein alter Drönbartel, Jochen -- mit dem, was du willst!
+Behalte man deine Speckschwarten für dich. Jetzt komm mal beiseite!
+Ich will dich etwas fragen.«
+
+»Jäh woll -- Herr Wolf!« Die Hünenfigur des Alten schob sich dicht an
+seinen jungen Herrn heran.
+
+»Du kennst doch den alten Aufseher von Smider & Sohn?«
+
+»Jäh woll -- Herr Wolf!«
+
+»Gut! -- Pürsch dich mal gleich an ihn heran. Kann auch 'n paar
+Schnäpse kosten. Frag ihn genau aus, wo Alfred Smiders seinen Wechsel
+hat. Du weißt schon! -- Ich muß nach ihm auf den Anstand raus.«
+
+»Aber -- Herr Wolf! Sie werden doch nich, 'ne kleine Auflage von
+damals --«
+
+»Unsinn! -- Ich muß ihn in einer günstigen Stunde antreffen, damit ich
+ihm geschäftlich langsam beikommen kann.«
+
+»Hm -- das weiß ich schon! Er hat etwas in der ›Grünen Schanze‹, wo
+die gelben Gardinen vor sind. Ein paar leere Champagnerflaschen stehen
+im Fenster.«
+
+»In der alten Weinspelunke sitzt er?« rief Wolf etwas betroffen aus.
+»Da kann ein anständiger Mann wahrhaftig nicht hineingehen.«
+
+»I was! Da gehen feine Leut' hinein. Bei Tag woll nicht -- aber abends
+sind alle Katers grau.«
+
+»Es ist also ganz sicher?«
+
+»Ich frag nach. In einer halben Stund bin ich wieder da. Wieviel
+Schnäpse -- kann ich ihm geben?«
+
+Wolf lachte und nahm Geld aus der Westentasche, das er Jochen Hindorf
+in die schwielige Hand drückte.
+
+»Was nicht draufgeht, ist für dich -- Alter!«
+
+»Jäh woll -- Herr Wolf!«
+
+Jochen Hindorf zog die Flauschjacke fest zusammen und trottete ab. --
+
+»Gibt's wohl eine ehrlichere alte Haut als diese dort?« dachte Wolf,
+ihm nachschauend. »Wenn's darauf ankäme, würde Jochen für mich das
+Tollste ausführen, aber eine Stärkung des inneren Menschen muß dabei
+sein.«
+
+
+
+
+ VI.
+
+
+Nach altem Brauch sah man im Plüddekampschen Hause Sonntags gern
+Tischgäste. Nähere Freunde sagten sich einfach an, zuweilen ergingen
+auch Einladungen. Konsul Martens kam jetzt häufiger als in den letzten
+Jahren.
+
+»Alte Liebe rostet nicht,« scherzte Wolf mit seiner Schwester.
+
+Herta entgegnete ihm darauf mit ernstem Blick:
+
+»Ich habe Martens stets als lieben Freund betrachtet, seitdem ich
+meine einstige Neigung zu ihm unterdrückte. Er war mir wert. Ich
+achtete ihn hoch und hielt ihn für einen jener Männer, die nach dem
+Herzen der Frau schauen und sich nicht durch Äußerlichkeiten blenden
+lassen. Wie bitter bin ich enttäuscht worden! -- Martens ist nicht
+viel mehr oder weniger, als es auch andere Dutzendmenschen sind.«
+
+»Es freut mich, daß dir endlich diese Erkenntnis kommt, Herta,« warf
+Wolf lachend ein. »Nun wirst du mich doch gleichwertig einschätzen.«
+
+»Dich, Wölfchen? Ich bedaure dich höchstens! Du hast mir zuviel --
+Herz!« entgegnete sie ihm.
+
+»Dafür empfinde ich auch mehr, als Jürgen und -- du --«
+
+»S--o--o--! -- Weißt du dies ganz genau? Was Ilse dir und anderen
+einflößt, die ihr nachrennen, ist -- keine Liebe. Höchstens der
+moderne Zug zum Weibe --«
+
+»Herta!« stieß Wolf heftig aus. »Du urteilst mit Bitterkeit.«
+
+»Ist es denn nicht wahr? Du, Martens, deine Freunde, -- ihr sucht in
+Ilse etwas, das ich verabscheue! Sie tut mir wahrhaftig leid und gibt
+keinen Anlaß für euer Verhalten.«
+
+»Ich sehe Ilse gern, leidenschaftlich gern! Es ist mir ein
+Lebensbedürfnis, in ihrer Nähe zu weilen. Ich habe ein tiefes
+Glücksgefühl dabei.«
+
+»Unterdrücke mit aller Kraft diese Regung, ehe sie sich in dein
+Herz hineinfrißt, sonst erleidest du mein Schicksal. Ilse ist nicht
+für dich geschaffen, auch würde Jürgen nie eine Verbindung mit ihr
+zugeben. Oder willst du eine Frau besitzen, Wolf, der andere Männer
+fortwährend nachstellen?«
+
+»Herta, du bist heute geradezu grausam. Du kränkst mich mit Absicht!«
+sagte dieser vorwurfsvoll.
+
+»Gewiß nicht, Wolf! Aber ich muß dich vor einer Torheit behüten.«
+
+»Nein, Herta! Sag es lieber rund heraus: Du bist eifersüchtig auf
+Ilse, weil Martens sie interessant findet, wie dies alle meine Freunde
+zugeben, die sie kennen lernten.«
+
+»Wolf! Das waren häßliche Worte! Ich bin sie von dir nicht gewohnt.
+Seit Ilse ins Haus gekommen, verstehen wir Geschwister uns nicht mehr.«
+
+Sie ging an das reichgeschnitzte Büfett und legte Früchte auf den
+großen Silberaufsatz, der die Mittagstafel zieren sollte. Ilse trat in
+diesem Augenblick ins Zimmer und wollte Herta behilflich sein, wurde
+aber von ihr kurz abgewiesen.
+
+»Bei Herta droht heute ein Wintergewitter, Fräulein Ilse! Kommen Sie
+schleunigst aus der gefahrdrohenden Nähe. Ich zeige Ihnen das neue
+Prachtwerk über die britische Nationalgalerie. Es ist noch Zeit, bis
+unsere Gäste eintreffen,« suchte Wolf ihre Aufmerksamkeit auf sich zu
+lenken.
+
+»Wie? -- Sie haben das schöne Werk gekauft, von dem ich sprach!« rief
+das junge Mädchen freudig aus.
+
+»Ja, Fräulein Ilse. Es liegt im kleinen Salon,« entgegnete er schnell
+und wartete, daß sie etwas darauf erwidern würde.
+
+Sie sah Herta fragend an. Diese nahm aber keine Notiz von ihr, sondern
+ordnete weiter an den Früchten und legte goldgelbe, mit grünen
+Blättern abgepflückte Mandarinen obenauf.
+
+Wolf schritt jetzt in den anschließenden Salon hinein. Ilse folgte
+ihm zögernd. Sie blieben vor einem Ebenholztisch stehen, auf dem
+die große Prachtmappe lag. Er schlug diese auf und zog einzelne der
+hervorragendsten Blätter in die richtige Beleuchtung zum Fenster hin.
+
+Sie stieß einen Ruf des Entzückens aus. Ihre Augen leuchteten hell;
+ihre Mienen nahmen einen lebhaften Ausdruck an. Sie ging vollständig
+in der Betrachtung der Kunstwerke auf.
+
+»Welcher Genuß, die alten berühmten englischen Meister Gainsborough,
+Reynolds, Lawrence mit Muße betrachten zu können! Wie dankbar bin
+ich Ihnen dafür, Herr Wolf. Ich werde meine freie Zeit oft damit
+verbringen.«
+
+»Ich darf doch dabei sein, Fräulein Ilse? Die beste Gelegenheit ist in
+den Nachmittagsstunden, sobald Herta in ihre Frauenvereine geht. Dann
+können wir uns gemeinsam an dem Schönen in der alten Kunst erfreuen.«
+
+»Sie müssen aber nachmittags im Kontor sein, Herr Wolf,« warf Ilse ein.
+
+»Wer kann mich dazu zwingen! Das Kontor wird mir rein zum Ekel. Ich
+habe keine Ruhe, über Korrespondenzen und Büchern zu sitzen oder in
+den Speichern Kontrolle zu üben, wenn ich Sie hier oben allein weiß.
+Wie oft sagte ich Ihnen dies schon.«
+
+»Ich darf Sie aber davon nicht abziehen! Herr Plüddekamp schaut mich
+schon streng genug an. Er ist wenig freundlich zu mir und wird es auch
+Sie fühlen lassen.«
+
+»Jürgen -- pah! Ich bin kein Kontorbeamter, sondern Teilhaber der
+Firma, und der ewigen Bevormundung längst überdrüssig. -- Sehen
+Sie diese herrlichen Bilder von Tizian, Tintoretto. Ich liebe die
+italienischen Schulen.«
+
+Er zog einige schöne Frauenbildnisse hervor.
+
+Ilse beugte sich tief darüber und war ganz im Anschauen versunken.
+Wolf stand ein wenig zurück und sah auf die feinen Linien ihres
+schlanken Halses hin. Bei dem tiefen Ausschnitt des Kleides bot er
+sich blendend weiß und verlockend seinen Blicken dar. Es reizte ihn,
+sie dort zu küssen. Je mehr er hinschaute, desto unwiderstehlicher zog
+es ihn an. Plötzlich ergriff ihn ein Taumel, er wußte nicht mehr, was
+er tat.
+
+Nun war es geschehen. --
+
+Seine heißen Lippen hatten eine Sekunde lang auf ihrem kühlen weißen
+Nacken geruht.
+
+Sie kehrte sich blitzschnell um. Ihr Gesicht war wie in Blut getaucht,
+und die großen Augen flammten empört auf.
+
+»Herr Plüddekamp! Was unterstehen Sie sich!« stieß sie beleidigt aus.
+»Bin ich ein Mädchen, dem gegenüber Sie es wagen dürfen --«
+
+»Um Gottes willen -- Ilse, sprechen Sie nicht so laut! Herta hört es
+sonst. Zürnen Sie mir nicht! Ich konnte wahrhaftig nicht widerstehen,
+-- ich wurde einfach fortgerissen. Es war nur ein Tribut, den ich der
+Schönheit zollte, der herrlichen Form Ihres Nackens!« Er hielt ihr, um
+Versöhnung bittend, die Hand hin. Sie nahm diese nicht an, trotzdem er
+fortfuhr: »Ilse, bei Tag und Nacht erfüllen Sie mein ganzes Denken.«
+
+»Ich weiß es, Herr Wolf!« unterbrach sie ihn, und ihre tiefe Stimme
+sank zum Flüsterton herab. »Sie zeigen es ja so deutlich, daß alle es
+sehen müssen! Sie werden mir dadurch den liebgewonnenen Aufenthalt
+hier sehr bald unmöglich machen.«
+
+»Sagen Sie mir doch, was ich tun soll, Ilse,« sprach er hastig auf sie
+ein. »Ich will mich sehr in acht nehmen. Nur schenken Sie mir täglich
+einige Minuten der Aussprache, solange wir nicht Lawn-Tennis spielen
+können, dann --«
+
+»Nein, nein!« ließ sie ihn nicht ausreden. »Es ist unmöglich! Ihre
+Geschwister denken darüber sehr streng, und ich möchte nicht falsch
+beurteilt werden.«
+
+»Ilse!« tönte es jetzt schroff vom Speisezimmer herüber.
+
+Sie erschrak leicht und eilte sofort zu Herta. Wolf blieb allein
+zurück.
+
+»Ich halte es nicht länger aus,« sagte er zu sich, »es muß zu einer
+Entscheidung kommen und Jürgen,« -- er dachte nicht weiter. Ein
+Glockenton zeigte an, daß die Gäste kamen. --
+
+Konsul Martens führte Herta zu Tisch. Er richtete aber seine Worte, so
+oft es ging, an Ilse. Der ältere Plüddekamp unterhielt sich mit Baron
+Berleburg, den er aus geschäftlichen Rücksichten zur Tafel zog. Das
+Konto des Schloßherrn im Hauptbuch zeigte eine ansehnliche Belastung.
+Berleburg war einmal früher Dragoneroffizier gewesen und hatte das von
+seinem Vater ererbte Gut ziemlich heruntergewirtschaftet. Er brauchte
+vielmal die Unterstützung des reichen Kaufmannes.
+
+»Die Aussichten der Wintersaat sind ganz prächtig, Herr
+Plüddekamp. Sie ist kräftig in den Winter gekommen, und die starke
+Bodenfeuchtigkeit kann frühzeitig den Wuchs fördern. Berleburg wird
+lange Jahre keine solche Ernte gesehen haben,« sagte der Schloßherr.
+
+Jürgen lächelte höflich.
+
+»Ich wünsche es Ihnen aufrichtig, Herr Baron. Es vergehen aber
+noch Monate bis zur Ernte, und der Landwirt ist leider von vielen
+Zufällen abhängig.« Er ahnte bereits, daß ein neuer Angriff auf
+seinen Kassenschrank bevorstand. Baron Berleburg wußte diesen stets
+mit großem Geschick einzuleiten. Seine geschäftliche Taktik ging gern
+durch gesellschaftliche Beziehungen auf das versteckte Ziel los.
+
+»Ah -- Herr Plüddekamp! Sie sind der vorsichtige Geschäftsmann!
+Bedenken Sie aber das Berleburgsche Glück, das mich noch nie verlassen
+hat,« fiel der Baron ein.
+
+»Damit meint er meine Vorschüsse,« dachte Jürgen bei sich, und Wolf
+sah ihn von der anderen Seite der Tafel her verständnisvoll an.
+
+»Sonnenschein und Regen kommen bestimmt zur rechten Zeit. Hagelwetter
+kennt Berleburg seit fünfzig Jahren nicht. Kraft ist im Boden --
+ganz richtig -- --« fuhr Berleburg fort, »wie sollte es dabei an
+etwas fehlen!« Er sah triumphierend im Kreise umher. Sein hagerer
+Oberkörper und das lange Gesicht mit dem scharfkantigen Kopf deuteten
+auf ein reichlich genossenes Leben hin. Er blinzelte behaglich einen
+Augenblick, als er den guten alten Rotwein aus dem feingeschliffenen
+Kristallglas schlürfte. -- »Ein Jahrgang, Herr Plüddekamp, -- ganz
+riesig, -- lagert sicher lange,« -- wandte er sich an Jürgen.
+
+»Mein verstorbener Vater kaufte das Oxhoft direkt in Bordeaux. Der
+Wein hat sich auf der Flasche gut entwickelt,« erwiderte dieser.
+
+»Sie sind heute so nachdenklich, Fräulein Hergenbach,« redete Konsul
+Martens seine Nachbarin zur Linken an. »Unsere alte Pommernstadt
+läßt Sie das schöne Dresden nicht vergessen, und wir schwerblütigen
+Nordländer können nicht so gut unterhalten --«
+
+»Sie offenbaren eine viel zu große Bescheidenheit, Konsul Martens,«
+fiel Wolf Plüddekamp ein. »Wollen Sie von Fräulein Ilse hören, daß Sie
+ein äußerst amüsanter Plauderer sind?«
+
+»Danke verbindlichst, mein junger Freund,« suchte Martens seine
+joviale Seite hervorzukehren, »danach gelüstet mich nicht. Fräulein
+Hergenbach hat aber einen müden, verschleierten Ausdruck in ihren
+Mienen, den ich mit Bedauern sehe.«
+
+»Ist das Leben nicht ernst genug, Herr Konsul?« erwiderte Ilse darauf.
+
+»Die Jugend muß stets froh sein, Fräulein Hergenbach. Ein Lächeln auf
+den Zügen ist wie heller Sonnenschein am klaren Wintertag.«
+
+»Heute regnet und schneit es aber durcheinander, Herr Konsul,«
+spottete Ilse leicht.
+
+»Um so mehr muß die Sonne jugendlicher Schönheit unter uns strahlen,«
+antwortete er galant.
+
+»Herr Konsul --« stieß das junge Mädchen peinlich berührt hervor, denn
+Hertas hohe Stirn hatte sich plötzlich verdüstert.
+
+»Von einem Manne in den Jahren unseres lieben Freundes kannst du dir
+eine solche Schmeichelei ruhig gefallen lassen, Ilse. Da ist sie
+aufrichtig gedacht,« betonte diese.
+
+Martens fühlte, daß er etwas versehen hatte, und wollte dies wieder
+gutmachen.
+
+»Schönheit ist nur sieghaft, wenn Gedankenreichtum sie begleitet,«
+wandte er sich an Herta.
+
+»Nicht immer,« entgegnete sie, »die meisten Männer legen heute bei der
+Frau weniger Wert auf Gedanken, desto mehr aber auf äußere Vorzüge. Es
+ist ihnen leider ganz gleich, worin sie bestehen.«
+
+Martens senkte den Blick, während er entgegnete:
+
+»Sie urteilen zu scharf! So tief steht unser innerer Wert doch nicht.
+Ich könnte dagegenhalten: viele Frauen lenken absichtlich unsere
+Blicke nur auf ihr Äußeres hin.«
+
+»Schalten Sie ein: viele schöne Frauen! Der größere Teil von uns
+strebt jetzt danach, sich mit gleichem Geisteswert und starker
+Tatkraft neben den Mann zu stellen.«
+
+»O armes drittes Geschlecht, das seine Lebensaufgabe vergißt!« rief
+Wolf dazwischen.
+
+»Ich folge lieber der reinen Vernunft, als daß ich ohne Überlegung mit
+dem Gefühl davonstürme, Wölfchen,« erwiderte ihm Herta ruhig.
+
+Baron Berleburg war auf die Unterhaltung aufmerksam geworden, kniff
+das linke Auge leicht zusammen und sah scharf zu Herta hinüber.
+
+»Muß Ihnen beipflichten, gnädiges Fräulein. Habe es in meinem Regiment
+immer erlebt, daß Kameraden bei Attacke mehr Besonnenheit zeigten, als
+bei Eingehen der Ehe. Es gibt Beispiele, -- ganz riesig! Bin darum bis
+jetzt ledig geblieben.« Er erhob das Glas gegen Herta und trank ihr zu.
+
+Wolf ballte Brotkrumen mit den Fingern zusammen und versuchte, ernst
+zu bleiben, auch um Jürgens' Mund zog sich ein kräftiges Lachen
+zusammen, das er kaum zurückhalten konnte. Baron Berleburg besaß etwas
+von dem Ritter Don Quichote.
+
+Es entstand plötzlich eine Stille, und Wolfs Blick streifte zu Ilse
+hinüber; er sah, wie ihre großen Augen erwartungsvoll an Jürgen
+hingen. Sie schien lachen zu wollen, wenn dieser lachen würde. Wolf
+wußte im ersten Augenblick nicht, wie es kam; ein häßliches Gefühl
+stieg heiß in ihm empor. War es Neid, der in ihm aufkeimte? Er gönnte
+Jürgen den Blick nicht und trank hastig ein Glas des schweren
+Bordeauxweines, um sich zu beruhigen.
+
+Rechte, -- er besaß keine und handelte immer auf Grund seines
+leidenschaftlichen Empfindens. Er war sich in keiner Hinsicht klar,
+was er eigentlich vorhatte. Nur eins sprach in ihm: der mächtige
+Drang, fortwährend Ilse nahe zu sein. Er faßte Jürgen, der oben an
+der Tafel saß, mehrmals länger ins Auge. Es quälte ihn beinahe,
+daß er keinen Blick von ihm bemerkte, der sie traf. Dann hätte er
+doch erkannt, -- nein, er mochte nicht weiterdenken, -- es war ja
+ausgeschlossen.
+
+Martens sprach jetzt eifrig auf Herta ein, er hatte den leisen Vorwurf
+wohl verstanden. Baron Berleburg versuchte ebenfalls, bei ihr den
+Liebenswürdigen zu spielen. Es entstand ein belustigendes Rennen
+zwischen den beiden Herren.
+
+Ilse hörte den Worten des Prokuristen Armin nur mit halbem Ohr zu. Das
+dunkelblonde, von einem Scheitel nach beiden Seiten liegende, reich
+gewellte Haar hob ihr Gesicht wirkungsvoll hervor. Der alte Rotwein
+hatte ihre Wangen leicht gefärbt; die Augen glänzten und verlangten
+nach Lebenslust.
+
+Wolf, der still geworden und sie unausgesetzt betrachtete, wurde von
+einer nervösen Unruhe ergriffen. Er wünschte sehnlichst das Ende der
+Tafel herbei, um sich ihr nähern zu können. Warum hatte er Ilse nicht
+zur Tischnachbarin erhalten? Herta bestimmte für sie stets einen
+anderen Herrn. Für das nächstemal wollte er es unbedingt sein. Bruder
+und Schwester führten ihn noch am Gängelband. Er dankte für diese
+ewige Bevormundung, die ein- für allemal ihr Ende finden sollte.
+
+Die große Kristallkrone über dem Eßtisch und die Deckenbeleuchtung
+flammten jetzt auf. Der durch die mattgeschliffenen Glasbirnen und
+opalfarbenen Deckengläser gedämpfte Schein des elektrischen Lichtes
+breitete sich geheimnisvoll über die Gesellschaft aus.
+
+Martens schwieg und überließ Berleburg das Feld. Seine Blicke
+streiften Ilse, während er sich aus dem Silberaufsatz eine Mandarine
+nahm. Er mußte zu ihr hinsehen, es zwang ihn dazu. Wolf bemerkte
+es sofort. -- Also auch Martens, der stets glattlächelnde vornehme
+Bankier, fing Feuer. Nur Jürgen sah nicht zu ihr hin. Keine Miene des
+starkknochigen Gesichts deutete an, daß er das geringste Interesse für
+das junge Mädchen hege. --
+
+
+
+
+ VII.
+
+
+Herta erhob sich, -- ihre Brüder zogen sich mit den Gästen in das
+Rauchzimmer zurück, in dem der Kaffee gereicht wurde.
+
+»Tante Herta,« bat Ilse herantretend, »laß mich das Silber in die
+Kästen einreihen. Ich habe darauf geachtet, wie du es fortlegst.«
+
+Fräulein Plüddekamp war in der Behandlung des wertvollen alten, aus
+mehreren Generationen stammenden Familiensilbers sehr peinlich. Sie
+besorgte das Fortlegen in die hohen, mit dunklem Samt ausgeschlagenen
+Eichenkästen stets selbst. -- Als sich Ilse nun mit der Bitte an sie
+wandte, ihr das Amt abzunehmen, war sie davon anfangs unangenehm
+berührt. Es schien ihr ein Eingriff in ihre Rechte zu sein. Sie sah
+deshalb das junge Mädchen einen Augenblick unfreundlich an. Dann
+besann sie sich aber rasch. Ilse sollte doch die Hausfrauenpflichten
+bei ihr erlernen. Dazu gehörte auch die Ordnung und Aufbewahrung des
+Silbers. Herta dachte und handelte in allen Dingen gerecht.
+
+»Ich will es dir überlassen, liebe Ilse. Ich erwarte aber die nötige
+Sorgfalt dabei,« erwiderte sie nach kurzer Überlegung.
+
+Das junge Mädchen sagte einfach: »Ich danke dir, Tante Herta,« und
+machte sich sofort an die Arbeit.
+
+»Wir können die große Kristallkrone ausdrehen, Ilse,« bemerkte
+Fräulein Plüddekamp, »die Deckenbeleuchtung genügt vollständig.«
+
+Ilse ging sofort an den Ausschalter, der sich am Eingang in das
+Speisezimmer befand, und durch einen raschen Griff wurde die Krone
+dunkel gestellt. Jetzt fiel das elektrische Licht nur noch matt aus
+den milchichten Gläsern an der Decke herab und hüllte die schlanke
+Mädchengestalt in eigenartige Beleuchtung ein. Herta hatte sich in der
+Sofanische niedergelassen und ruhte dort aus. Sie hörte leise Schritte
+im anstoßenden Salon. Ihre blauen, scharfblickenden Augen sahen
+sofort dorthin, und sie erkannte Wolf, der Ilse bei ihrer Tätigkeit
+zuschaute, ohne sich bemerkt zu glauben.
+
+»Er ist ihr ganz verfallen,« dachte Herta. »Was soll nur daraus
+werden? Schicke ich sie nach Nordhausen zurück, so muß ich einen Grund
+dafür angeben, und sie hat mir diesen bisher in keiner Weise geboten.
+Ich werde mit Jürgen reden; Wolf braucht eine Luftveränderung, um auf
+andere Gedanken zu kommen. Er liebt den Süden, mag er auf einige Zeit
+dorthin gehen.«
+
+Martens war Wolf Plüddekamp gefolgt und stand plötzlich neben ihm.
+
+»Als Nichtraucher ist es mir hier bei Ihnen angenehmer als dort
+drinnen, lieber Wolf,« sagte er plötzlich.
+
+Dieser fuhr wie aus Träumen auf. Er hatte den Konsul auf dem weichen
+Smyrnateppich nicht kommen hören.
+
+»Sie haben einen interessanten Ausblick hier!« fuhr Martens fort.
+»Fräulein Hergenbach waltet als Hausfrau. Eine brillante Erscheinung.
+Schlank wie eine Tanne und abgerundete Bewegungen. Sie treibt viel
+Sport -- nicht wahr?«
+
+»Wir spielen zuweilen Lawn-Tennis, -- wenn die Witterung es erlaubt,«
+entgegnete Wolf kurz.
+
+»Die junge Dame muß eine gute Figur zu Pferde haben. Sind Sie schon
+zusammen ausgeritten?« fragte Martens weiter.
+
+»Nein,« stieß Wolf förmlich abwehrend hervor. »Mein Fuchs ist zu
+unruhig und Jürgens Brauner -- ist ein grobknochiger Geselle, der
+unter dem Damensattel wie ein Elefant aussehen würde. Herta hat, wie
+Sie wohl wissen, ihr Reitpferd seit dem letzten Jahre abgeschafft.
+Sie hegt die Ansicht, bei ihrer Vereinstätigkeit keine Zeit mehr dafür
+erübrigen zu können.«
+
+»Schade, sehr schade,« fiel der Konsul ein. »Wenn Fräulein Hergenbach
+ausreiten will, -- ich habe eine ausgezeichnete lichtbraune Stute,
+die sehr gut zugeritten ist, und stelle sie gern der jungen Dame zur
+Verfügung.«
+
+Wolf mochte nicht darauf eingehen.
+
+»Ich glaube kaum, daß es Herta willkommen wäre, wenn Fräulein Ilse der
+Wirtschaft viel entführt wird.«
+
+»O, ich werde bei meiner lieben Freundin ein gutes Wort einlegen.
+Was bietet Stettin sonst Fräulein Hergenbach?« Er wollte in das
+Speisezimmer gehen, in dem Herta noch in der Sofanische saß.
+
+»Unterlassen Sie es, Konsul Martens,« sagte Wolf hastig und legte
+seine Hand fest auf den Arm des älteren Mannes. »Aus Ihrem Munde
+könnte es Herta leicht kränken.«
+
+Der halb getane Schritt des Konsuls wurde sofort gehemmt. Er seufzte
+leicht auf. »Sie haben recht, lieber Wolf! Der freieste Mensch hat
+Rücksichten zu nehmen, die uns gute Sitte auferlegt. Kommen Sie, wir
+kehren in den Rauch der Exporten zurück.«
+
+Jürgen, Baron Berleburg und der Prokurist Armin hatten sich in das
+beliebte Geschäftsgespräch über die Kornkonjunktur verwickelt. Dies
+floß bei den drei Herren am leichtesten.
+
+»Wäre Rußland nicht eine große Kornkammer,« betonte Armin, als Wolf
+Plüddekamp mit Konsul Martens eintrat, »es wäre um Europa schlecht
+bestellt.«
+
+»Sie sind unser Gegner, Herr Armin,« ließ sich Baron Berleburg
+hören. »Schutzzölle, immer höhere Schutzzölle brauchen wir, um die
+einheimische Landwirtschaft zu kräftigen. Nur darin liegt die Quelle
+dauernden Wohlstandes, -- die Industrie nimmt uns die Arbeiter fort,
+-- schadet uns -- ganz riesig.«
+
+»Seit dem Aufschwung der Industrie ist Deutschland erst ein Weltstaat
+geworden. Seine jetzige Wohlhabenheit kommt von dem Gold, das uns
+aus anderen Ländern für die versandten Waren zufließt. Auch unser
+Getreideexport spricht mit,« erwiderte Armin fest.
+
+Baron Berleburg wollte sich mit diesem nicht verfeinden, er brauchte
+ihn als Fürsprecher bei Jürgen Plüddekamp. Er versuchte darum,
+einzulenken.
+
+»Sie müssen auf der Seite der Landwirte sein, Herr Armin. Wir machen
+Ihnen doch die Geschäfte! Durch uns verdienen Sie die Goldbarren, die
+Haus Plüddekamp birgt --«
+
+»Es war mal,« meinte Jürgen darauf, »heute fällt der Gewinn verteufelt
+mager aus. Ein paar Prozente nur -- dafür riskiert man ein großes
+Kapital, das stets in der Schwebe hängt.«
+
+»Aber von sicherer Hand gehalten wird, Freund Jürgen,« sprach
+Martens dazwischen. »Bisher bist du von größeren Verlusten stets
+verschont geblieben. In unserer Industrie geht es nicht so sicher
+zu. Ich besitze als Bankier manche Kenntnis davon. -- Der Eisenmarkt
+zeigt zuweilen ein höhnisches Gesicht; wer konnte es ahnen, daß
+die Engländer und ihre Vettern über dem Wasser einen solchen bösen
+Fischfang vorhatten. Wunden, die ein ungeheurer Weltkrieg schlägt,
+bedürfen einer langen Heilung.«
+
+»Erst langer Friede schafft neue Werte. Korn ist Volksnahrung,
+-- Eisen dient zur Herstellung von Gebrauchsartikeln, wenn die
+Kriegsfurie es nicht fortsaugt, lieber Martens. Korn und Eisen hängt
+innig zusammen. Die eiserne Pflugschar schält den Boden und regt
+ihn an, neues Wachstum für die Einsaat hervorzubringen. Die eiserne
+Walze ebnet, und die eisernen Zinken der Egge lockern die harte
+Erdrinde auf, daß die Keime besser sprießen. So tut das Eisen seine
+Schuldigkeit. Ich meine, Industrie und Landwirtschaft ergänzen sich,
+wie zwei Schwestern, die gemeinsam den Haushalt führen, dabei sparsam
+und rationell wirtschaften.«
+
+»Gefällt mir -- ganz riesig,« rief Baron Berleburg begeistert aus.
+»Die Gelder müssen in einen Topp hinein und jeder den Vorteil davon
+haben.«
+
+Wolf verbiß sich ein Lachen. Der reine Egoismus, der nur nach
+leichtem Gewinn trachtete, stand auf der Fahne Berleburgs zu deutlich
+geschrieben. --
+
+Die Stunden verstrichen. Armin war ins Theater gegangen. Konsul
+Martens wollte ihm folgen.
+
+Ehe er sich verabschiedete, gab er Jürgen einen Wink. Sie traten vor
+eine große japanische Bronze hin, die ein gewaltiges sagenhaftes
+Drachentier darstellte. Indem sie dies anscheinend betrachteten,
+flüsterte Martens Jürgen zu:
+
+»Alfred Smiders war neulich bei mir. Er will schon wieder einen großen
+Dampfer bauen lassen, und der ›Friedrich Barbarossa‹ ist noch nicht
+einmal aus dem Dock heraus. Er gab an, daß seine Verbindung mit dir es
+dringend notwendig mache. Wie steht es damit, Jürgen?«
+
+Dieser hatte aufgehorcht. Er erkannte sofort, daß Smiders ihn nur für
+seine Zwecke ausspielen wollte, und antwortete:
+
+»Der ›Friedrich Barbarossa‹ genügt mir vollständig, Charles. Ich
+glaube kaum, daß der Export nach Spanien mehr verlangen wird.
+Hoffentlich wird er rechtzeitig fertig. Weißt du etwas davon?«
+
+»Nichts Genaues,« klang es leise zurück, »ich werde mich aber
+informieren. Du kennst doch Alfred Smiders!«
+
+»Stimmt, Charles! Er versucht bereits, uns zu schnellen. Wolf soll ihn
+in die Schere nehmen.«
+
+»Wolf?« fragte der Konsul zurück. »Ich kann mir's denken. Du bist für
+solche Nebensprünge in lichtscheue Lokale nicht geeicht. Smiders ist
+aber sonst nicht zu packen. Ich beneide deinen Bruder nicht um die
+erhaltene Aufgabe.«
+
+»Geht nicht anders!« fiel Jürgen ein. »Aber Charles, ich bitte dich,
+-- du schwebst doch über den Wassern, -- warne mich rechtzeitig, falls
+es dir notwendig erscheint.«
+
+»Natürlich, lieber Jürgen! Alfred Smiders segelt bei allen Banken
+umher. Ich bin nur insoweit für ihn interessiert, als er unsere
+Gesellschaft prompt bezahlen muß.«
+
+Sie schüttelten sich die Hände, und Martens ging zu Herta in den
+Salon. Berleburg hielt noch stand, er wollte einen günstigen
+Augenblick für seinen Angriff auf Jürgen abpassen. Dieser hatte Wolf
+ein Zeichen gegeben, daß er bei ihm bleiben sollte. Der junge Mann
+begann aber bald zu gähnen. Die Unterhaltung der beiden wurde ihm
+langweilig. Berleburg tat sich wichtig mit alten Garnisongeschichten,
+die er schon oft genug gehört hatte.
+
+»Martens ist fort und Herta allein im Salon,« sagte Wolf plötzlich.
+»Wollen wir ihr nicht Gesellschaft leisten?«
+
+Er erhob sich und ging voran. Jürgen war dies recht, darum forderte er
+den Baron zur Übersiedelung auf. Kaum hatten sie sich aber bei Herta
+niedergelassen, als Wolf rasch hinauseilte. Ilse war nicht dort; er
+hoffte, diese irgendwo allein anzutreffen.
+
+Berleburg saß wie auf Kohlen, die Umstände vereitelten sein Vorhaben,
+und er mußte dabei den Liebenswürdigen spielen. Fräulein Hergenbach
+erschien plötzlich im Speisezimmer und richtete den Teetisch vor. Das
+Stubenmädchen brachte auf silberner Platte ein Telegramm herein. Ilse
+nahm es ab und trat an die Salontür.
+
+»Herr Plüddekamp, einen Augenblick!«
+
+Jürgen erhob sich langsam und kam auf sie zu.
+
+»Sie wünschen, Fräulein Hergenbach?« fragte er mit seiner metallen
+klingenden Stimme.
+
+»Es ist ein Telegramm für Sie eingegangen.«
+
+Jürgen entzündete eine tief angebrachte elektrische Birne, riß das
+Telegramm auf und überflog es.
+
+»Entschuldigen Sie mich bitte bei meiner Schwester, und Baron
+Berleburg, Fräulein Hergenbach. Ich muß sofort ins Kontor, um ein
+eiliges Schreiben zu erledigen.«
+
+Schon war er hinaus und eilte die Treppe hinab. Ilse stand Minuten
+regungslos da. Die grauen Augen starrten auf die Tür, die Jürgen
+soeben rasch hinter sich geschlossen. Es war, als ob sie ein Traum
+umfing. Die Augenlider sanken ein wenig herab. Sie strich dann mit
+ihrer schmalen Hand langsam über die Stirn, als wolle sie dahinter
+eine Flut von Gedanken ordnen.
+
+Dann ging sie zu Herta in den Salon und teilte ihr mit, daß Herr
+Plüddekamp geschäftlich verhindert sei und erst in einiger Zeit
+zurückkehren würde. Sie setzte noch hinzu:
+
+»Der Tee wird gleich bereit sein, Tante Herta.« Darauf verschwand sie
+wieder.
+
+Baron Berleburg streckte sich ein wenig in dem bequemen Polstersessel
+aus und wurde immer liebenswürdiger. Es schien ein Gedanke in ihm
+aufgetaucht zu sein, der ihm noch ersprießlicher vorkam, als eine
+Anbohrung neuen Kredites bei Jürgen Plüddekamp. Glückte es ihm, so war
+er für immer geborgen. Herta, diese stattliche, vornehme Erscheinung
+dabei in den Kauf zu nehmen, hielt er für keine üble Aussicht. Ihre
+erste Jugend mußte vorüber sein. Es schadete auch nichts, um so
+verständiger würde sie als Frau auftreten und eine Baronin Berleburg
+auf Schloß Berleburg tadellos darstellen. Teufel -- es galt, nicht zu
+zögern! Er ging ans Werk.
+
+Herta kam aus dem Erstaunen gar nicht heraus, als jetzt der einstige
+Dragoneroffizier den Gefühlvollen zeigte und von ganz riesig tiefer
+Leidenschaft sprach, die er schon jahrelang gehegt und nur verborgen
+gehalten habe.
+
+»Wo bleibt nur Ilse?« dachte Herta. »Wolf kommt auch nicht wieder!«
+Sie glaubte anfangs, die lange Rede des Barons wäre eine seiner
+beliebten Tiraden, bis sie doch schließlich die direkte Absicht merkte
+und eine törichte Erklärung verhindern wollte.
+
+Er wurde immer deutlicher, und sie stand plötzlich auf.
+
+»Das Teewasser kocht bereits, Herr Baron! Verzeihen Sie -- ich will
+nur Fräulein Hergenbach rufen! -- Ilse -- Ilse!« rief sie laut auf den
+Korridor hinaus.
+
+Berleburg zog verdrießlich an seiner Krawatte. Er war so schön im Zuge
+gewesen, und die ältliche Patriziertochter mußte sich doch höchst
+geehrt fühlen, wenn er ihre Hand und die große Mitgift begehrte. Sein
+Konto im Hauptbuch Jürgen Plüddekamps würde dann ein sehr ansehnliches
+Guthaben aufweisen. Die Hypotheken von Rittergut Berleburg
+verminderten sich bis auf die Eintragungen der General-Landschaft. War
+das nicht eine sehr aussichtsvolle Lage? Herta machte sich aber recht
+lange am Teetisch zu schaffen und überließ den hageren Herrn seiner
+weiteren Gedankenmalerei. -- -- --
+
+Im Kontor leuchtete das elektrische Licht auf. Jürgen setzte sich an
+seinen Schreibtisch. Vor ihm lag das offene Telegramm; er schaute
+darauf hin und begann bereits in Gedanken zu disponieren. Ärgerlich,
+daß niemand zugegen war, dem er einen Brief diktieren konnte! Das
+Selbstschreiben war ihm unbequem. Er hatte auch keinen Kopierapparat
+zur Hand, da alle Briefe auf den Schreibmaschinen durchgeschlagen
+wurden. Es betraf aber eine Sache von größter Wichtigkeit, und Eile
+war geboten.
+
+Es klopfte leise an der Tür.
+
+»Herein!« rief er mit starker Stimme.
+
+Ilse Hergenbach trat ein und schlug die großen Augen bescheiden zu ihm
+auf.
+
+»Sie brauchen eine Stenogrammaufnahme, Herr Plüddekamp, und haben
+niemand zur Verfügung. Darf ich es ausführen? Ich stelle den Brief auf
+der Schreibmaschine schnell her. Die letzte Post wird erst in einer
+Stunde aus dem Briefkasten abgeholt.«
+
+Ihre Blicke trafen sich. Nur ein leises Zucken der harten Mundwinkel
+verriet, daß in dem überlegenen Geschäftsmann etwas vorging. Er
+zögerte noch.
+
+»Ich werde meinem Worte untreu, Fräulein Hergenbach --«
+
+»Warum nicht, Herr Plüddekamp! Es ist nur ein Ausnahmefall, und ich
+tue es gewiß gern für Sie.«
+
+Wie die grauen Augen gefährlich aufleuchteten und nicht weichen
+wollten! Ein bescheidenes Bitten und doch trotziges Verlangen lag in
+ihnen. Warum widerstehst du so lange? Die anderen sind glücklich, wenn
+ich ihnen einen Blick schenke. Du bist so hartnäckig, abwehrend -- ich
+will aber meine Kraft erproben, ich will wissen -- jetzt zeigte sich
+die volle gefährliche Glut in dem Blicke.
+
+Jürgen stand schweratmend von seinem Schreibsessel auf.
+
+»Nehmen Sie bitte Wolfs Platz ein, Fräulein Hergenbach. Ich bin
+gewohnt, schnell zu diktieren. Werden Sie mir folgen können?«
+
+»Ich werde es --«
+
+Er ließ sich wieder nieder; schon saß sie ihm gegenüber und hatte
+Papier und Bleistift zur Hand genommen.
+
+Jetzt konnte er ruhig aufsehen; während er sprach, mußte sie den Blick
+auf den weißen Bogen vor sich heften.
+
+Bei den ersten Worten zitterte seine Stimme ein wenig, dann gewann sie
+bald ihren festen Klang zurück. Das Diktat näherte sich bereits seinem
+Ende, als die Tür hastig geöffnet wurde und Wolf erschien.
+
+»Hier finde ich Sie endlich, Fräulein Ilse!« rief er erregt aus.
+»Meine Schwester läßt Sie im ganzen Hause suchen. Der Tee hat zu lange
+gezogen --«
+
+Ilse sah nicht auf, sie erwiderte auch nichts. Sie wußte, daß Jürgen
+antworten würde.
+
+»Entschuldige Fräulein Hergenbach bei Herta. Sie hat ein eiliges
+Stenogramm von mir aufgenommen und muß es noch mit der Schreibmaschine
+übertragen. Wir sind in kurzer Zeit fertig und kommen dann nach oben
+--«
+
+»Ausgezeichnet -- wirklich ausgezeichnet! Die Erlernung des Haushaltes
+ist bis zum Kontor hinuntergedrungen. Sie sind in allem eine Meisterin
+-- Fräulein Ilse! -- Und du -- Jürgen?« Es flammte etwas Unheilvolles
+in den blauen Augen auf, die sich fest auf den Bruder richteten.
+
+»Kein Zeitverlust, Wolf!« erwiderte Jürgen kalt. -- »Das Diktat ist
+noch nicht zu Ende -- du störst uns -- bitte --«
+
+Wolf pfiff zwischen den Zähnen hindurch, schloß aber die Tür wieder
+und stürmte, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben, die Treppe hinauf.
+
+»Ilse macht bei Jürgen -- dem Hasser alles Weiblichen im Kontor --
+das Tippfräulein! Was sagst du dazu, Herta?« rief er atemlos ins
+Speisezimmer hinein, in dem diese noch am Teetisch beschäftigt war.
+
+Sie sah den jüngeren Bruder erstaunt an.
+
+»Warum solche Scherze, Wolf!«
+
+»Scherze? -- -- Teure Herta, vollkommener Ernst -- eine unbestreitbare
+Tatsache. Geh hinunter und überzeuge dich. Die Männertollheit wird
+größer, immer größer, Herta -- wundere dich über nichts mehr!«
+
+Diese legte die Hand auf den Mund und deutete auf das Nebenzimmer; er
+sollte sich an die Gegenwart des Gastes erinnern. Sie trat dann dicht
+an ihn heran und flüsterte:
+
+»Du bleibst bei mir, Wolf! Berleburg ist unausstehlich, er war nahe
+daran, mir in aller Form einen Antrag zu machen!«
+
+Der junge Mann verzog das Gesicht zu einer tragikomischen Miene.
+
+»Um Gottes willen -- wenn es so fortgeht, ist Haus Plüddekamp eine
+offene Bühne für Irrungen und Wirrungen. -- Ilse kommandiert den
+strengen Jürgen, und ich spiele den Anstands-Wauwau bei meinem
+geliebten Mütterlein --«
+
+»Du bist ungezogen, Wolf; so alt bin ich noch nicht! Meine mütterliche
+Sorgfalt aber hat dir manchen Dienst erwiesen.«
+
+»Nicht zürnen, Herta,« bat er lächelnd ab. »Kommen Sie, Herr von
+Berleburg,« rief er darauf in den Salon hinein. -- »Eine Tasse
+Karawanentee von meiner lieben Schwester Hand ist tipp topp! Ich
+schenke Ihnen dazu einen Meukow ein, den Sie nirgends so alt getrunken
+haben. Mein Urahne hat ihn vermutlich 1812 aus der zurückgelassenen
+Bagage des großen Napoleon erstanden.«
+
+Der hagere Herr schaute verständnislos um sich. Er war aus seinen
+Gedankenverbindungen und der Nachwirkung des alten Bordeaux jäh
+erwacht. Die Wirklichkeit trat wieder vor ihn her. Schwerfällig erhob
+er sich und ging steif nach dem Speisezimmer.
+
+Als Jürgen und Ilse später an den Teetisch traten, sagte Fräulein
+Plüddekamp zwar kein Wort, aber ihre Blicke gaben deutlich ein
+Mißbehagen kund.
+
+»Verzeih, Tante Herta, daß ich den Tee im Stich ließ,« bat Ilse, »aber
+dein Bruder mußte die Angelegenheit sofort brieflich erledigen. Ich
+kenne die Wichtigkeit der dringenden Telegramme von Papas Geschäft
+her.«
+
+»Bekümmere dich in erster Linie um deine Obliegenheiten,« erwiderte
+Herta kurz. Es ärgerte sie, daß Ilse bei Jürgen mehr durchsetzte, als
+sie es je vermocht hatte. Die Kontorräume wurden nie von ihr betreten.
+
+Berleburg war kein Freund von Tee, wenn ihn auch der alte Meukow etwas
+entschädigte. Er fühlte, daß sein Plan verunglückt war, und ließ den
+Wagen anspannen, der bald mit ihm davonrollte.
+
+Als die Geschwister am späten Abend voneinander schieden, sagten sie
+sich kühl gute Nacht. Eins hegte gegen das andere Mißtrauen; Ilse
+stand dazwischen mit der siegreichen Macht, die von ihr auf die Brüder
+ausging. --
+
+Wolf versuchte es auf alle erdenkliche Weise, sie in der nächsten Zeit
+allein zu sprechen, sie wich ihm aber geflissentlich aus. Er bemerkte
+deutlich, daß sie sich Jürgen durch kleine harmlose Dienstleistungen
+fortgesetzt zu nähern versuchte. Dieser wollte Junggeselle bleiben, er
+hatte es oft genug mit Bestimmtheit ausgesprochen und bereits seine
+Geschwister in einem Testament als Erben eingesetzt. -- Welche Absicht
+verfolgte Ilse also? -- --
+
+
+
+
+ VIII.
+
+
+Wolf ging durch die großen Räume des alten Speichers und kontrollierte
+die Arbeiter, ob sie das Umstechen des Getreides gut ausführten.
+Auf die Roggensorten, die bis zur Zeit der Sommersaat lagerten, war
+besondere Sorgfalt zu verwenden. Die Sackträger standen in einer Reihe
+und so weit voneinander entfernt, daß sie die große Wurfschaufel
+bequem handhaben konnten. Die Leute waren derartig eingearbeitet, daß
+das Schaufeln des Getreides fast im Takte vor sich ging.
+
+Hell aufschimmernd flog der Roggen durch den Raum, sank schwer auf der
+anderen Seite nieder und türmte sich hoch auf. Der Luftzutritt, den er
+dadurch erhielt, gab ihm neue Frische.
+
+Als sich Wolf den Leuten näherte, tönte es aus dem Munde der einzelnen
+Männer, kurz, wie es ihre Art war:
+
+»Guten Tag, Herr Wolf.«
+
+Keiner sagte Herr Plüddekamp. Es war nun einmal gang und gäbe unter
+den Leuten, nur Jürgen hieß ›Herr Plüddekamp‹. Die meisten hatten
+Wolf noch als Knaben gekannt, unter ihnen groß geworden, blieb er
+darum ›Herr Wolf‹.
+
+Dieser trat zu dem Roggenhaufen, griff mit der Hand tief hinein und
+roch über die Probe hinweg. Er warf sie zurück und schritt zu dem
+umgeschaufelten Roggen. Hier nahm er die gleiche Probe vor und nickte
+dann befriedigt.
+
+»Der Roggen ist recht trocken. Er scheint sich gut zu halten,« wandte
+er sich an einen der breitschultrigen Männer.
+
+»Das will ich meinen, Herr Wolf,« erwiderte der angeredete Mann. »Der
+ist auch vom Oberamtmann Wichers aus Wershagen.«
+
+»Ja,« nickte Wolf, »ich weiß wohl. Wershagener Roggen ist immer der
+beste!«
+
+Seine Gedanken glitten in diesem Augenblicke unwillkürlich nach dem
+schön gelegenen Gute, auf dem er oft und gern geweilt. Das Bild von
+Lieschen Wichers, dem hübschen, rotwangigen Mädchen, trat vor ihn hin.
+Ob sie sich wohl wunderte, daß er so lange nicht dort gewesen? Warum
+darüber nachdenken! Er hatte kein Interesse mehr daran. Mit seinem
+Spazierstocke schrieb er den Namen Ilse in die glatten Seitenflächen
+des Roggenhaufens ein. Kaum hatte er aber die Buchstaben gezogen, so
+fiel das Korn langsam nach und füllte den Raum aus. Rasch, wie der
+Name geschrieben wurde, verschwand er auch wieder.
+
+»Soll es ein Zeichen für dich sein?« sagte Wolf zu sich. »Entstehen
+und vergehen Leidenschaften so schnell? Warum müssen wir sie dann erst
+fühlen? Es wird mir förmlich zur Pein, überall an Ilse zu denken. Die
+stete Unruhe, das Verlangen nach ihr ist eine Folter.«
+
+Ein polternder Schritt wurde hörbar. Jochen Hindorf keuchte mit der
+ganzen Schwere seines Körpers die Treppe hinauf. Der mächtige Kopf mit
+dem struppigen Bart schaute jetzt aus der Luke hervor, die den oberen
+Treppenraum abschloß, und gleich darauf kam die dicke Flauschjacke zum
+Vorschein.
+
+»Willst du was von mir, Jochen?« rief ihm Wolf zu.
+
+»Jäh -- woll!« tönte es zurück, und der Alte machte mit der Hand eine
+Bewegung, daß er seinen jungen Herrn gern allein sprechen möchte.
+
+»Was ist denn los, alter Knabe?« fragte Wolf, auf ihn zugehend.
+
+Der Alte versuchte seinen tiefen Baß möglichst zu dämpfen.
+
+»Smiders ist in der Weinstube. Er sitzt -- fest. Als ich vorbeikam,
+rief mich die Mamsell heran --«
+
+»Na, ich will nur gleich hingehen,« erwiderte Wolf. »Nette Aussichten
+für den Abend. Es hilft aber einmal nichts.«
+
+»Die Mamsell muß drei Mark kriegen, Herr Wolf. Ich hab ihr's
+versprochen.«
+
+»Wie heißt sie denn?« fragte Wolf lächelnd.
+
+»Das weiß ich nicht, Herr Wolf.«
+
+»Ja, den Teufel auch, Jochen! Woher soll ich es denn wissen?«
+
+»I, das macht sich von selbst, wenn Sie man erst dort sind.«
+
+Wolf stieß einen leisen Seufzer aus. Ein unangenehmer Gang lag vor
+ihm. Er hatte es aber Jürgen versprochen und noch mehr -- das Geschäft
+verlangte es.
+
+»Du hast deine Sache brav gemacht, Jochen! Hoffentlich treffe ich
+Smiders in der richtigen Stimmung an.« Mit den Worten ging er zur
+Treppe.
+
+Jochen Hindorf sah ihm zufrieden nach.
+
+»Heut steht er seinen Mann, das weiß ich!« murmelte er vor sich hin.
+
+Kurz darauf verließ Wolf durch den großen Torweg das Haus. Er sah sich
+noch einmal um, und sein Blick streifte die Fensterreihen. Wenn Ilse
+jetzt wüßte, wohin er ging! Würde sie darüber in Erregung geraten?
+Gleichgültig konnte es ihr doch nicht sein. Er hatte bisher noch
+keinen tieferen Einblick in ihren Charakter tun können, und doch besaß
+sie sicher ein starkes inneres Leben. --
+
+Er eilte rasch durch die Große Wollweberstraße, durchquerte die
+Breitenstraße und kam an die ›Grüne Schanze‹. Die kleine Weinstube lag
+vor ihm. Sein Fuß zögerte, ehe er die Schwelle zu dieser überschritt.
+Er hatte die Tür noch nicht geöffnet, als ein junges Mädchen aus dem
+daneben befindlichen Hausflur hervortrat und ihn anredete:
+
+»Ich habe Sie schon erwartet, Herr Plüddekamp. Ich bin die ›blonde
+Rieke‹. Der alte Hindorf wird es Ihnen wohl gesagt haben.«
+
+»Ach so,« meinte Wolf, griff in die Tasche und zog ein Dreimarkstück
+hervor.
+
+»Stimmt,« lachte sie auf. »Ich bringe Sie direkt in die Hinterstube,
+wo Herr Smiders sitzt. Er hält es mit der ›schwarzen Karli‹. Ich bin
+erst seit acht Tagen hier und -- noch frei.«
+
+In ihren Zügen zeigte sich ein entgegenkommendes Lächeln, das Wolf nur
+zu gut kannte. Ein offenes Angebot, das die Annahme erwartete.
+
+»Ich werde mich Ihnen weiter erkenntlich zeigen, Fräulein Rieke,«
+erwiderte er darauf, »wenn Sie im geeigneten Zeitpunkte Ihre Kollegin
+Karli mit fortnehmen, damit ich Smiders allein sprechen kann.«
+
+Die blonde Rieke ging jetzt voran und führte Wolf über den dunklen
+Hof. Dort gab es einen versteckt liegenden Eingang in die sogenannte
+Kavalierstube.
+
+Als sich die Tür öffnete, sah Wolf über das Mädchen hinweg in den
+nur wenig erhellten Raum, aus dem der Dunst geleerter Weinflaschen
+hervordrang. Eine alte verräucherte rotgoldene Tapete bedeckte die
+Wände. Von der Decke herab hing eine einst vergoldete Gaskrone, die
+wohl auf einer Auktion erstanden wurde. In dem ganzen Raum befand sich
+nur ein länglicher Tisch vor einem zerschlissenen Polstersofa, dann
+einige hochlehnige Stühle, die mit starkem Leder überzogen waren.
+
+Auf dem Sofa saß Alfred Smiders, der elegante junge Reeder, und hielt
+den Arm um ein derbes Mädchen geschlungen. Das tiefschwarze Haar und
+die stechend schwarzen Augen hatten ihr den Namen ›die schwarze Karli‹
+eingetragen. Vor ihnen auf dem Tisch stand ein altmodischer Weinkühler
+mit einer Flasche Sekt.
+
+»Du wirst den Hamburger ausfragen, Karli, sobald er da ist,« ertönte
+die scharfe Stimme von Smiders. »Sei entgegenkommend und geschickt, er
+darf nichts merken. Du bringst ihm dann bei --«
+
+Jetzt fiel sein Blick auf den eintretenden Wolf.
+
+»Zum Teufel, Wolf! Wo kommst du her?« rief er lachend. »Ah, ich sehe
+schon, die blonde Rieke hat dich am Wickel! Ist auch erst seit acht
+Tagen hier. Frisch aus Danzig importiert. Hast keinen schlechten
+Geschmack.«
+
+Der junge Plüddekamp trat näher an den Tisch und reichte Alfred
+Smiders mit anscheinender Vertraulichkeit die Hand. Es war ihm ganz
+erwünscht, daß die blonde Rieke als Grund seines Kommens galt. So
+konnte Smiders keinen Argwohn hegen.
+
+»Setz dich, Wölfchen,« sagte er dann, »wir haben lange keinen Sekt
+zusammen getrunken. Die erste Flasche ist schon angefahren, du gibst
+die nächste!«
+
+Er schenkte zwei neue Spitzgläser ein, die er Wolf und der blonden
+Weinkellnerin zuschob.
+
+»Prost, mein Junge, es lebe das Leben! Nämlich, wie wir es haben
+wollen.« Er stieß mit ihm an. »Keine Duckmäuserei!« Dabei gab er der
+schwarzen Karli einen starken Schlag auf die Schultern. »Sieh mal,
+das ist ein prächtiges Mädchen, Wolf! Mit der kann man reden, wie man
+will, und braucht nicht erst jedes Wort auf die Goldwage zu legen. Du
+weißt, das war mir immer eklig.«
+
+Wolf hatte seinen Stuhl neben Smiders gezogen, und die blonde Rieke
+setzte sich dicht neben ihn. Sie betrachtete ein paarmal den jungen
+Mann. Kein Wunder, daß er ihr gefiel. Wolf Plüddekamp bestach jedes
+Mädchen, dem er freundlich begegnete. Die blonde Rieke war noch kein
+Jahr von den Eltern fort und wußte vielleicht selbst nicht, wie sie
+dazu kam, Weinkellnerin in einer Animierstube zu sein. Nun hatte sie
+sich hineingefunden und wollte alle Minen springen lassen, um den
+jungen, reichen Mann in ihrer Weise zu erobern.
+
+Wolf nahm sich vor, wenig zu trinken und scharf aufzupassen. Alles
+ging nach Wunsch. Es wurde eine Flasche Sekt nach der anderen geleert
+und Smiders immer redseliger. Plötzlich sprang die blonde Rieke auf
+und flüsterte der schwarzen Karli etwas zu. Dann wollten sie beide
+hinausgehen.
+
+»Du, Karli!« rief Alfred Smiders, »bleib nicht lange fort. Hast wohl
+einen alten Freund im Vorderzimmer sitzen? Der wird abgeschüttelt!«
+
+Die beiden jungen Männer befanden sich allein. Wolf begann vorsichtig
+einige Fragen zu stellen und kam dabei auf die Reederei von Smiders zu
+sprechen, als dieser schon einwarf:
+
+»Wolf, ich habe ein feines Geschäft vor! Machst du mit?«
+
+»Warum nicht, Alfred! Wenn es etwas einbringt!«
+
+»Läßt sich hören! Du redest heute anders wie früher. Brauchst wohl
+auch ab und zu einen braunen Lappen extra? Die blonde Rieke wird
+dir nicht teuer werden, ist noch nicht ausgetragen. Teufel, wenn
+ich die schwarze Karli nicht hätte! -- Ich sage dir, Wolf, sie ist
+ein Staatsweib! Keine zweite gibt es so in Stettin. Ich habe lange
+gesucht, bis ich das richtige für mich fand. Man muß aber wie das
+Wetter dahinter sein. Alle laufen ihr nach, mir darf keiner in den
+Kram kommen, dafür bin ich Alfred Smiders.«
+
+Der viele Alkohol begann bei dem Reeder zu wirken. Wolf ließ den
+Redeschwall ruhig über sich ergehen und wartete auf den richtigen
+Zeitpunkt zum Eingreifen.
+
+»Also wie war es mit dem Geschäft?« brachte er ihn wieder aufs Thema
+zurück.
+
+»Verdammt einfach, Wölfchen! Du schreibst mir einen Brief, daß ihr
+regelmäßig größere Ladungen ins Ausland vorhabt. Kannst ja vollgültig
+Jürgen Plüddekamp unterzeichnen. Ich kriege dann einen neuen Dampfer
+gebaut. Die Gesellschaft zögert noch, sie denkt, ich habe die Guinees
+nicht in Haufen liegen, wie ihr das Korn. Sobald Jürgen Plüddekamp
+aber mitmacht, sticht's Martens und den anderen Bonzen gleich in die
+Nase. Topp, mein Junge! Trinken wir darauf --«
+
+»Wie stellst du mich, Alfred?« fragte Wolf, darauf scheinbar eingehend.
+
+»Na, zehn Mille fallen sicher für dich ab. -- Ich habe einen reichen
+Hamburger geangelt, der will bei mir mitmachen. Meine alten Kasten
+aber genieren ihn noch. Die müssen weg, alle weg! Dann kann ich erst
+antreten und bin der erste Reeder Stettins.«
+
+Er hatte sich in solche Erregung hineingeredet, daß Wolf gespannt
+aufhorchte.
+
+»Wir wollen sehen, ob es sich machen läßt, Alfred,« erwiderte er.
+»Hast du noch den ›Friedrich Barbarossa‹ im Dock liegen?«
+
+»Jotte ja! Der alte Kasten wird nur aufgemöbelt. -- Wo bleibt aber
+Karli? Ob sie sich bei meinem Hamburger vor Anker gelegt hat? Er ist
+ganz verschossen in sie! Das kann mir nur nützen.«
+
+Smiders erhob sich etwas schwer und ging auf die Verbindungstür zu,
+welche den allgemeinen Gastraum von der Kavalierstube trennte. Er
+schlug die vor dem Glasfenster angebrachte Gardine zurück und sah
+hindurch.
+
+»Nee,« sagte er vor sich hin. »Einfach verduftet! Die Sache stimmt
+nicht!« Als er sich jedoch umdrehte, traten die beiden Mädchen von der
+Hofseite in die Stube ein. »Donnerwetter, da seid ihr ja endlich! Hat
+das lange mit euch gedauert! Wolf, du gibst noch 'ne Flasche! Ich
+habe einen Durst, sage ich dir, vollkommen göttlich.«
+
+Wolf wurde der Aufenthalt in der kleinen, von Dunst und Rauch
+erfüllten Stube im hohen Maße lästig. Die fortgesetzten
+Annäherungsversuche des blonden Mädchens, die er aus Klugheit nicht
+zurückweisen durfte, behagten ihm ebenfalls nicht. »Ilse!« rief es in
+ihm, »Ilse! Was müßte sie von mir denken, wenn sie ahnte, wie ich hier
+--«
+
+Die blonde Rieke schmiegte sich an ihn, und er flüsterte dem drallen
+Mädchen zu: »Trinken Sie Smiders tüchtig zu, damit ich verschont
+bleibe.«
+
+»Für Sie alles, Herr Plüddekamp,« klang es leise zurück. Sie zupfte
+ihn leicht am Rockärmel, daß er den Kopf zu ihr niederbeugen sollte.
+»Darf ich Wolf sagen? Was habe ich nur für ein großes Glück, daß ich
+Sie kennen lernte. Wie Sie mir gut gefallen! Ich Ihnen auch? Ich
+möcht's gern hören.«
+
+»Na, Kinder, ihr seid ja ganz einig,« sagte Smiders mit
+schwerwerdender Zunge. Der viele genossene Sekt begann bei ihm zu
+wirken. »By Jim! Es freut mich, daß wir wieder mal zusammen sind,
+Wölfchen! Geschäft und Liebe, das macht einem Freude im Leben! Davon
+kann man nie genug haben.«
+
+Wolf hielt jetzt den geeigneten Augenblick für gekommen. Er neigte
+sich zu Smiders hinüber und fragte halblaut:
+
+»Mit dem ›Friedrich Barbarossa‹ machst du doch ein gutes Geschäft?«
+
+»Na und ob!« erwiderte Smiders. »Bringt jede Woche zehntausend Emmchen
+Entschädigung, wenn er nicht fertig wird, und dafür ist gesorgt. Mein
+Kapitän ist ein verteufelter Kerl! Dreht alles, wie ich will. Eher
+fährt er nicht ab, als bis jeder vereinbarte Nagel eingeklopft ist.« --
+
+Wolf wußte nun genug. Der Export nach Spanien war nach der langen
+Unterbrechung im höchsten Grade gefährdet. Der Dampfer ›Friedrich
+Barbarossa‹ fuhr nicht zur rechten Zeit ab, seine Indienststellung
+wurde hingehalten.
+
+»Ich muß jetzt gehen, Alfred,« sagte er nach einer Weile, als dessen
+Augen einen glasigen Ausdruck zu zeigen begannen und die schwarze
+Karli schon die vollen Gläser in die Weinkühler entleerte, um neu
+einschenken zu können.
+
+»Bist doch morgen pünktlich da, Wolf? Halt ihn nur fest am Bündel,
+Riekchen.« Die Worte kamen schwer über Smiders' Lippen.
+
+Wolf war aufgestanden und legte ein paar Goldstücke für seinen Anteil
+an dem Sekt auf den Tisch.
+
+»Adieu!«
+
+Er mußte Smiders und der schwarzen Karli noch die Hand geben. Dann war
+er glücklich dem üblen Dunst entronnen und trat auf den Hof hinaus.
+Die blonde Rieke kam ihm sofort nach.
+
+»Seien Sie doch ein wenig gut zu mir!« bat sie, sich an ihn drängend.
+»Ich mag die anderen nicht und will für Sie tun, was Sie wollen.«
+
+»Ich muß Smiders noch ein paarmal hier sprechen,« erwiderte er
+halblaut. »Geben Sie dem alten Hindorf Nachricht, wenn ein günstiger
+Augenblick dafür da ist. Ich komme dann sofort. Vor allen Dingen
+müssen Sie reinen Mund halten, es soll ihr Schade nicht sein.«
+
+Er eilte durch den Hausflur nach dem Bürgersteig der ›Grünen Schanze‹.
+Wie angenehm die kühle Luft seine Stirn umwehte! Er winkte der
+nächsten herankommenden Droschke und rief dem Kutscher zu: »Haus
+Plüddekamp!« Es trieb ihn, so rasch wie möglich dorthin zu gelangen.
+Er wollte Jürgen berichten und die verflossenen Stunden in der reinen
+Luft seines väterlichen Hauses vergessen.
+
+
+
+
+ IX.
+
+
+Nach einem heftigen Sturm trat starke Kälte ein. Die Oder und das
+Haff froren fest zu, und die größten Eisbrecher hatten Mühe, eine
+Fahrtrinne herzustellen. Konsul Martens war Aufsichtsrat bei einer
+Schiffswerft. Er lud die Geschwister und Fräulein Hergenbach ein, eine
+Fahrt über das Haff nach Swinemünde auf dem Eisbrecher mitzumachen.
+Ein tiefgehender Amerikadampfer sollte danach auslaufen.
+
+»Er will nur, daß Ilse bei der Partie ist,« sagte sich Wolf sofort. Es
+war ihm deshalb nicht viel daran gelegen. »Ich habe keine besondere
+Lust, man holt sich höchstens einen Katarrh bei dem kalten Wind,«
+erwiderte er Jürgen, als dieser ihm die telephonische Einladung
+mitteilte.
+
+Herta mußte eine Sitzung im Frauenverein aufgeben und zögerte
+deshalb mit der Antwort. Ilse bat, ihr die Fahrt durch die prächtige
+Winterlandschaft zu gestatten. Nun war Wolf sofort dabei, und Herta
+ließ sich ebenfalls bestimmen.
+
+»Ich werde dich mit einem Pelzmantel versorgen, Ilse,« sagte sie. »Die
+Luft auf dem freien Haff ist eisig und du bist sie nicht gewohnt.«
+
+»Sonst hätte ich Ihnen meinen Stadtpelz angeboten, Fräulein Ilse, der
+ist leicht und mollig,« scherzte Wolf.
+
+»Das sieht dir wieder einmal ähnlich, Wölfchen,« rief Herta darauf.
+»Du willst Ilse nur in Verlegenheit bringen!«
+
+»I wo,« erwiderte dieser, »was du immer von mir denkst. Ich bin wie
+ein Lamm --«
+
+»-- im Wolfskleide,« ergänzte Ilse plötzlich.
+
+Herta sah sie erstaunt an. In dem jungen Mädchen ging eine Entwicklung
+vor sich. -- --
+
+Zur festgesetzten Stunde fanden sie sich beim Dampfer ›Odin‹ ein.
+Konsul Martens kam in seinem Dogcart an, er hatte sich etwas verspätet.
+
+»Ein prächtiger Wintertag! Wir haben auf der Oder Schutz. Dann wird
+uns freilich der Wind aus Nord-Nord-Ost stark entgegenpfeifen,« rief
+er, nähertretend. »Es gibt rote Wangen, Fräulein Hergenbach,« wandte
+er sich an diese. »Hat Ihnen meine Idee gefallen?«
+
+»Er hat sich richtig den langen Eisrutsch ihretwegen ausgeklügelt,«
+murmelte Wolf.
+
+»Ich freue mich sehr, die Winterlandschaft des Haffs kennen zu lernen.
+Der Frost ist ja ein großer Meister in der Kunst,« erwiderte Ilse.
+
+»Gewiß! -- Sie werden heute einen malerischen Anblick haben, Fräulein
+Hergenbach.«
+
+»Und ich bin Ihnen dankbar dafür, Herr Konsul.«
+
+Dieser betrat schon mit Herta die ausgelegte Schiffsbrücke. Jürgen
+ergriff Ilses Hand, um sie bei der Glätte der Planken zu führen.
+Sie sah mit einem raschen Blick zu ihm auf. Was für eine kraftvolle
+Erscheinung dieser Mann doch besaß! Ein echt germanischer Recke der
+Vorzeit, wie sie ihn liebte. --
+
+Nun kamen sie an Deck. Auf der Kommandobrücke standen unter dem Schutz
+des Windfanges einige Sitze. Von dort war die beste Umschau.
+
+Der Kapitän des ›Odin‹, ein älterer, wetterfester Mann, begrüßte die
+Gäste und sprach dann mit Konsul Martens.
+
+»Wir werden mehr als die doppelte Fahrtzeit brauchen, Herr Konsul! Das
+Eis hat sich sehr verdickt und wir müssen stark dagegen anlaufen.«
+
+Ilse hörte diese Worte. Es wurde also nacht, bevor sie Swinemünde
+erreichten. Etwas Ungewisses, Nervenerregendes lag vor ihr. Das gefiel
+ihr. Nur nicht immer das Alltägliche. Sie nahm sich so sehr zusammen,
+um Herta zu genügen. Zuweilen aber kam stürmisch das Verlangen, etwas
+zu erleben. Jetzt kannte sie ihren Wert, weil die Männer um ihre
+Gunst warben. Sie brauchte eigentlich nur die Hand auszustrecken.
+Nur war sie sich nicht klar, ob es Liebelei, ein Erhaschen von
+leidenschaftlichen Augenblicken oder rechtschaffene Bewerbung
+bedeutete.
+
+»Du wirst mit deinen Blicken noch einmal Unheil anrichten,« warnte
+ihre Mutter schon, als sie noch jünger war.
+
+Warum nur? Es sagte ihr's keiner! Woher sollte sie es also wissen?
+
+Im Plüddekampschen Hause, in dem sie nun nach der Pensionszeit eine
+gewisse Stellung einnahm, begann sie viel selbstbewußter zu werden.
+Wolf Plüddekamp lag in ihrer Macht, sie fühlte es unwillkürlich. -- Er
+war ein schöner junger Mann, liebenswürdig, feurig, aber er hing zu
+sehr an ihren Augen. Sie vermißte den Kampf, nach dem sie sich im Sinn
+der Gleichberechtigung der Geschlechter sehnte.
+
+Kein Sichgehenlassen, -- ein wildes Aufwallen, -- ein gewaltsames
+Ringen und dann -- ein rascher Sieg. Konsul Martens war ein älterer,
+vornehmer Mann -- gewiß eine glänzende Partie -- doch fehlte ihm
+alles, wonach sie unbewußt verlangte. Er besaß nicht die Kraftfülle,
+der sie unterliegen mußte.
+
+Aber Jürgen -- dieser ernste Gewaltmensch, -- mit den Fäusten wie ein
+Sackträger, dem unbeugsamen Willen, -- der keine Frau an seiner Seite
+haben wollte, -- das Weib nur als ein notwendiges Übel betrachtete,
+ihn zu erringen, war eine Aufgabe.
+
+Sie hätte laut aufjauchzen mögen, als sich der Dampfer jetzt in
+Bewegung setzte, die Pleuelstangen im Maschinenraum dumpf anhoben,
+die Schraube schlug, die Dampfpfeife weithin heulte und das Eis
+am Bugspriet krachend brach. Die Schollen glitten knirschend und
+schlürfend an den Stahlplatten der Schiffswände entlang. Das Wasser
+rauschte über die Besiegten hinweg.
+
+Der Hafen mit den vielen eingefrorenen Dreimastern, Schonern, Briggs
+und Fischerschaluppen lag hinter ihnen, sie kamen auf das breite
+Stromeis hinaus. Es ging vorüber an den verschiedenen Schiffswerften,
+am Vulkan, auf dessen Hellingen mächtige Dampfer der Vollendung
+harrten, den gewaltigen Hochöfen der Henckel-Donnersmarkwerke,
+den Brikett- und Sandsteinfabriken, den chemischen Werken, kurz
+der gesamten Großindustrie an der Odermündung. Noch sah man den
+tiefverschneiten Höhenrücken, der sich am linken Oderufer bis in
+die weite Ferne hinzog. Hie und da schaute ein Dorf mit seinem
+Kirchturm in der klaren Winterluft fast greifbar herüber. Das Bellen
+eines Hundes, laute menschliche Stimmen drangen zuweilen durch das
+stampfende Geräusch des Schiffes, das Bersten des Eises.
+
+Die Wiesen zur Rechten waren eine große weißsamtne Fläche, die weiten
+Kiefernwaldungen dahinter von Schneemassen überlastet. Tief bogen sich
+die Äste herab und drohten abzubrechen. Die Kronen einzelner Tannen
+hingen schwer zur Seite.
+
+Ilse stand neben dem Kapitän, während sich die anderen unter dem
+Schutz des Windfanges niedergelassen hatten und die Füße auf
+wollumwickelte Wärmflaschen setzten. Jürgen und Wolf staken in langen
+Bärenpelzen, die sie sonst für weite Schlittenfahrten brauchten.
+Konsul Martens hatte eine große Pelzdecke mitgenommen. Gut versorgt
+waren alle. -- Nur Ilse trug weiter nichts als den von Herta
+erhaltenen Pelzmantel und Tuchstiefeletten.
+
+Bis hierher war das Eis noch mürbe gewesen, die starke Schiffsmaschine
+brachte den Dampfer schnell vorwärts. Nun wurden die Ufer an beiden
+Seiten eintöniger. Zur Linken tauchte in der Ferne die kleine
+Stadt Pölitz auf, deren Schornsteine bläuliche Rauchwolken hoch
+emporsandten. Hier begann das breitere Papenwasser.
+
+»Auf dem ›Friedrich Barbarossa‹ war heute alles still, Martens,«
+wandte sich Jürgen an den Freund.
+
+»Es ist für die meisten Arbeiten zu kalt, Jürgen. Die tragbaren
+kleinen Kohlenöfen reichen in den größeren inneren Räumen nicht aus.«
+
+»Smiders ist auf keiner guten Bahn --«
+
+»Na,« meinte Martens, »seine Lage wird anders, wenn er den reichen
+Hamburger in die Firma hineinbekommt, den er neuerdings an der Hand
+hat.«
+
+»Wolf sagte mir schon davon. Er faßte Smiders in der ›Grünen Schanze‹
+ab und horchte ihn aus.« Jürgen neigte sich zu dem Freund und
+flüsterte ihm etwas zu.
+
+»Ah,« machte dieser, »und Smiders hat nichts gemerkt?«
+
+»Nicht die Bohne! Wir lassen alle Minen springen. Du mußt mithelfen,
+daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur rechten Zeit fertig wird.«
+
+»Wir haben Sichtwechsel -- damit sitze ich ihm auf dem Nacken, wenn er
+falsches Spiel treibt.«
+
+Sie verloren sich noch eine Zeitlang in dem Gespräch.
+
+Wolf war mehrmals an Ilse herangetreten, die immer noch schweigsam mit
+großen glänzenden Augen in die Ferne schaute.
+
+»Sie müssen sich erkälten, Fräulein Ilse,« bat er wiederholt, »setzen
+Sie sich doch zu uns unter den Schutz des Windfanges und machen Sie
+von den Fußwärmern Gebrauch.«
+
+»Ich friere nicht, Herr Wolf!«
+
+Sie wollte nicht. Herta rief ihr zu: »Es ist deine Schuld nachher,
+Ilse, wenn du nicht hörst!«
+
+»Ich sehe nur einmal diese Winterpracht, Tante Herta, sie ist zu
+schön!« war ihre Antwort.
+
+Der Steward brachte jetzt heiße Bouillon und belegte Brötchen herauf.
+Er reichte das Tablett herum und trat auch zu Ilse heran. Nun mußte
+sie schon Platz nehmen, damit sie bequemer zugreifen konnte.
+
+»Endlich gesellen Sie sich zu uns, Fräulein Hergenbach,« sagte
+Martens. »Sie waren ziemlich lange in eine stumme Bewunderung
+versunken.«
+
+»Welcher Künstler vermöchte den Eindruck wiederzugeben, wie ich ihn
+in dieser Stunde gewonnen habe! Das Eisige, Starre der winterlichen
+Landschaft ist überwältigend schön, und da hinein dringt die
+Kraftfülle, mit der unser Dampfer spielend den Widerstand zerbricht,«
+antwortete sie nachdenklich.
+
+»Sie haben etwas von der Schwermut der Norwegerin, Fräulein
+Hergenbach,« bemerkte Konsul Martens auf ihre Worte hin.
+
+»Fräulein Ilse -- Schwermut! Sie sind auf dem Holzwege, lieber
+Konsul!« lachte Wolf. »Ich behaupte das Gegenteil.«
+
+»Jürgen mag zwischen uns entscheiden,« meinte Martens.
+
+Ilse hatte durch die kalte Luft leicht gerötete Wangen, die den sonst
+blassen Gesichtszügen eine anmutige Frische verliehen. Sie richtete
+jetzt ihre Augen erwartungsvoll auf Jürgen, was er sagen würde. Er sah
+sie einen flüchtigen Augenblick hindurch freundlicher als sonst an.
+
+»Ich kann mir nicht denken, daß es Fräulein Hergenbach angenehm ist,
+von euch beiden umstritten und von mir begutachtet zu werden. Sie
+kennt jedenfalls ihren Charakter am besten selbst und bedarf keines
+salomonischen Urteils.«
+
+»Ich danke Ihnen, Herr Plüddekamp,« fiel Ilse ein. »Anstatt mich
+geistig zu zerlegen, sprechen Sie mir das eigene Recht dafür zu.«
+
+»Wir Frauen bedürfen es dringend,« begann Herta, »um den Launen der
+Männerwelt gegenüber gewachsen zu sein.«
+
+»Um Gotteswillen, Schwester! Jetzt kommt dein Steckenpferdchen!« rief
+Wolf mit gutgespieltem Entsetzen aus. »Ich blase schleunigst Frieden.«
+
+»Wie immer, Wölfchen,« scherzte Herta. »Du bist keine Kampfesnatur.«
+
+»Nein!« Es klang ganz leise, kaum verständlich. Ilse mußte es vor sich
+hingesprochen haben.
+
+Die Sonne war inzwischen emporgestiegen, und ihre Strahlen erwärmten
+etwas die Luft. Die Kälte ließ bis auf wenige Grade nach. Eine
+Strecke vor ihnen lag auf dem Eise ein Schwarm Graugänse. Als der
+Dampfer näher kam, flogen sie mit lautem Geschnatter auf. Sofort
+sprang Jürgen in die Höhe, legte die Hand über die Augen, um diese
+gegen das Sonnenlicht zu schützen, und schaute ihnen nach.
+
+»Hätte ich nur meine Büchse mitgenommen, Charles!« rief er Martens zu.
+
+»Auf hundertfünfzig Meter, Jürgen?«
+
+»Ich habe wilde Schwäne noch in größerer Entfernung auf dem Eis
+getroffen, wenn der schlanke Hals und Kopf unter den Flügeln stak.«
+
+Ilse schaute begeistert zu ihm auf und rief:
+
+»Solch einen Schuß möchte ich sehen, Herr Plüddekamp. -- Einen
+Wildschwan zu schießen --«
+
+»Ich tue es nicht,« unterbrach sie Wolf. »Der Wildschwan ist ein
+herrlicher Vogel. Sein schneeweißes Gefieder, der wundervolle Hals,
+den er beim Fluge geradehin streckt, der weit hörbare hellklingende
+Ton, den er ausstößt! Warum ihn töten --?«
+
+»Eine interessante Jagdtrophäe -- lieber Wolf,« warf Martens ein. »Sie
+sind kein rechter Jäger, wie Ihr Bruder.«
+
+»Das kommt darauf an,« erwiderte dieser. »Ich halte auf ein Raubtier,
+Reh, Karnickel oder Rebhuhn hin, -- schädliche und schmackhafte
+Geschöpfe, -- aber auf einen Schwan, -- das schöne Geschöpf der
+sagenhaften Nordlandswelt -- nein! Mir fällt dabei immer das Märchen
+von den drei Schwanenjungfrauen ein, das mir Herta in der Kinderzeit
+erzählte.«
+
+»Auch für mich hat der Wildschwan etwas Sympathisches,« sagte diese.
+»Zu genießen ist er nicht, -- nur die Schwanendaunen geben ein weiches
+Schlummerkissen ab.«
+
+»Es herrscht ein alter Aberglaube,« begann Wolf und sah, wie Ilse
+aufhorchte, »daß ein toter Wildschwan Unglück ins Haus bringt. Jochen
+Hindorf sprach davon, daß unsere schöne Mutter kurz darauf gestorben
+sei, als mein Vater einen Schwan schoß und ihn heimsandte!«
+
+»Unsinn!« brummte Jürgen. »Der alte Jochen will nur mit solchen
+Flausen bewirken, daß dir grault. Ich selbst war damals mit dem Vater
+auf der Jagd, dort vor uns über Stepenitz hinaus, am rechten Haffufer.
+Wir schlichen durch hohes Rohr, damit uns die Schwäne nicht bemerken
+konnten. Es gibt sonst keinen scheueren Vogel. Er läßt selten an sich
+herankommen. Damals glückte es. Als wir am Rande des Rohres anlangten,
+lagen die Schwäne in Büchsenschußweite vor uns auf dem blanken Eis.
+Mein Vater stand vorn, er hob rasch das Gewehr, der Schuß krachte und
+saß. Sechs Schwäne flogen mit schrillen Tönen auf, -- der siebente
+blieb tot liegen. Ich selbst holte ihn heran und brachte ihn zum
+Schlitten. Deine Mutter aber, Wolf, war zu der Zeit schon ein Jahr
+vorher gestorben.«
+
+»Sie werden bald einen Wildschwan schießen, Herr Plüddekamp,«
+unterbrach Ilse plötzlich die entstandene Stille. Ihre tiefe Altstimme
+klang dabei fast feierlich.
+
+»Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung über meine Treffsicherheit,
+Fräulein Hergenbach. Aber so bestimmt ist es wirklich nicht. Vielen
+Jägern hier im Umkreis ist es während ihres ganzen Lebens nicht
+gelungen.«
+
+»Vielleicht gerade deshalb, -- sogar noch in diesem Winter, -- ich
+möchte einmal das schöne weiße Gefieder streicheln.«
+
+»Ilse!« Herta hatte es ausgerufen. »Was hast du für seltsame Wünsche!«
+
+Das junge Mädchen schrak zusammen, stand dann auf, streifte Jürgen mit
+einem hellen Aufleuchten ihrer Augen und trat zum Kapitän. Sie schaute
+wieder auf die starre Fläche des Haffes, die sich jetzt weithin
+öffnete.
+
+Das Eis wurde stärker, der Dampfer arbeitete keuchend dagegen an.
+Er hob sich vorn hoch empor, traf die hellglitzernde Masse und
+brach krachend hindurch. Ein paarmal mußte er auch zurückgehen
+und mit voller Wucht wieder anrennen, bis er eine starke Eiswand
+durchschnitten hatte. Sie kamen jetzt nur langsam vorwärts. --
+
+
+
+
+ X.
+
+
+In der Kajüte wurde eine wohlvorbereitete Mahlzeit aufgetragen.
+Konsul Martens war ein Feinschmecker, es gab die ersten Delikatessen
+der Jahreszeit und edle, feurige Weine. Er brachte nach dem zweiten
+Gericht einen Trinkspruch auf die Geschwister Plüddekamp aus, der
+in der seltenen, sie verbindenden Liebe und Treue gipfelte. Als er
+das Glas zuerst gegen Herta erhob, zeigten ihre blauen Augen einen
+wärmeren Ausdruck. Jürgen schüttelte ihm derb die Hand und sagte:
+
+»Meine Erwiderung, Charles, nimm als geschehen an -- ich bin kein
+Redner.«
+
+»Ich trinke auf Ihr Wohl, Fräulein Ilse,« flüsterte Wolf.
+
+Er saß an ihrer Seite und hob das Glas. Sie nickte nur leicht zum
+Dank, und die grauen leuchtenden Augen irrten über ihn hinweg, um
+einen flüchtigen Augenblick voll auf den markigen Zügen Jürgens haften
+zu bleiben. Dieser zuckte mit der Hand, als wolle er nach seinem Glas
+greifen. Martens kam ihm aber zuvor und stieß mit Ilse an.
+
+Der Aufenthalt in dem stark geheizten Raum und die reichliche Mahlzeit
+brachten eine gewisse Müdigkeit hervor. Herta setzte sich in eine
+Diwanecke, um zu schlafen. Jürgen und der Konsul Martens hatten
+die gleiche Absicht, wollten aber vorher noch eine Flasche Pontak
+ausproben.
+
+Der Dampfer stöhnte und keuchte, um die Eismassen zu bewältigen. Ilse
+eilte plötzlich die Treppe zum Deck hinauf, und Wolf folgte ihr sofort
+nach. Sie gingen ganz nach vorn ans Bugspriet. Dort hielt sich Ilse am
+Geländer an, weil der starke Anlauf des Dampfers gegen das Eis keinen
+festen Halt aufkommen ließ. Der Wind wehte schneidend aus Hoch-Nord.
+Nach der warmen Luft in der Kajüte traf er doppelt scharf das Gesicht
+und stach wie mit Nadeln in die Haut ein.
+
+Die Sonne stand glutrot im Westen dicht über den fernen
+tiefverschneiten Forsten und war am Untergehen.
+
+»Stellen Sie sich hinter mich, Fräulein Ilse,« bat Wolf, an sie
+herantretend. »Der eisige Wind trifft Sie alsdann nicht direkt.«
+
+»Ich finde ihn manchmal wohltuend, Herr Wolf,« erwiderte sie kurz.
+»Die heiße Kajüte und der starke Wein, -- ich kann Alkohol nicht
+vertragen, -- das Blut jagt mir durch die Adern.«
+
+Er sah sie an. Ihre Wangen zeigten rote Stellen, nicht eine
+gleichmäßige Röte. In den Augen, die sich einen flüchtigen Augenblick
+in die seinen tauchten, lag ein übernatürliches Glänzen.
+
+»Sie dürfen hier nicht bleiben, Ilse,« sagte er mit aller
+Bestimmtheit. »Sie können sich den Tod in diesem Eiswind holen.
+Entweder Sie folgen mir nach dem Windfang, -- dort können wir die
+Pelzdecke des Konsuls benutzen -- oder wir gehen hinunter und setzen
+uns in eine weniger durchwärmte Kabine.«
+
+»Nein ich will nicht!« rief sie aus. »Hier sehe ich unmittelbar, wie
+das Eis unter der Gewalt des Dampfers bricht.«
+
+»Ilse!« stieß er heftig aus. »Warum verlangt Sie nach roher
+Kraftentfaltung? Ist das Ihrer würdig?«
+
+»Ich kann mich nicht ändern! Lassen Sie mich, wie ich bin, Wolf!«
+entgegnete sie schroff.
+
+»Warum fügen Sie sich stets bei Herta? Wenn ich Sie um etwas bitte,
+Sie warne, sind Sie gänzlich abwehrend! Sie zeigen zwei Gesichter, --
+geben Sie mir eine Erklärung dafür.«
+
+»Nein!« Von nun an schwieg sie beharrlich.
+
+Die Sonne sank hinab. Die Kälte nahm zu. Trotz seines Pelzes begann
+Wolf nach einiger Zeit zu frieren, er konnte selbst seine Füße durch
+Hin- und Hertreten nicht warm erhalten. Ilse, die leichter gekleidet
+war, mußte sich eine schwere Erkrankung zuziehen. Sie gab auf seine
+wiederholten Fragen keine Antwort. -- Er faßte plötzlich einen raschen
+Entschluß, umschlang sie mit seinen Armen, fühlte, daß sie halb
+erstarrt war, und trug sie in eine Kabine hinunter. Dort legte er sie
+auf den Seitendiwan.
+
+Er zog seinen Pelz aus und deckte sie damit zu. Sie ließ alles
+willenlos geschehen. Die Kälte hatte ihr die Kraft des Widerstandes
+geraubt. Als der Steward zufällig vorüberging, bestellte Wolf heißen
+Tee.
+
+Schon nach einigen Minuten erholte sie sich wieder und wollte den
+schweren Reisepelz abstreifen.
+
+»Noch nicht,« befahl er. »Sie müssen erst Tee trinken und tüchtig heiß
+werden, damit das Blut im Körper stärker kreist, sonst sind Sie morgen
+krank.«
+
+Diesmal folgte sie. Er ließ ihren Gegenwillen nicht aufkommen.
+
+Der Steward brachte den Tee, den er ihr erst löffelweise einflößte,
+dann mußte sie den Rest auf einmal austrinken.
+
+»Mir ist wirklich ganz wohl, Herr Wolf!« bat sie, »nehmen Sie mir doch
+das Ungetüm von Pelz fort. Ich ersticke fast darunter.«
+
+Er fühlte mit der Hand an ihre Stirn. Es perlten helle Tropfen darauf.
+
+»So ist es gut! Nur noch zehn Minuten, dann haben Sie es überwunden,
+Ilse. Herta darf nichts erfahren, sonst wird sie bitterböse über Ihre
+Hartnäckigkeit.«
+
+»Sie sind eigentlich ein guter Mensch, Herr Wolf, und geben einen
+vortrefflichen Ehemann ab,« sagte sie mit dem tiefen Wohllaut, den
+ihre Stimme zuweilen besaß.
+
+»Finden Sie es wirklich, Ilse? Seien Sie endlich offen zu mir! Sie
+haben oft ein so seltsames Wesen. Nie weiß ich, woran ich bei Ihnen
+bin.« Er sah in ihre fieberhaft glänzenden Augen und war plötzlich wie
+verwandelt. Er neigte sich tief zu ihr herab.
+
+»Nein -- nein, Wolf! Ich liege hier wehrlos,« hielt sie sein Gesicht
+mit beiden Händen zurück. »Erst pflegen Sie mich -- und nun -- ich
+dulde es nicht, -- wie Sie mich wieder behandeln.«
+
+»Ilse!« brachte er schweratmend hervor. »Ich finde nicht den richtigen
+Weg zu Ihnen -- daran sind Sie aber schuld, nur Sie selbst. Wenn Ihre
+Augen mir so leidenschaftlich entgegenschauen, dann vergesse ich
+alles, -- ein blindes Verlangen kommt über mich, Sie wild an mich zu
+reißen. Ich leide qualvoll durch Sie, -- Ilse, und ich ertrage es
+nicht länger!«
+
+Sie zog den rechten Arm unter dem Pelz hervor und reichte ihm die Hand.
+
+»Sie sollen es auch nicht, Wolf! -- Wahrhaftig nicht! -- Nehmen Sie
+mir doch den schweren Pelz ab, wir wollen ruhig miteinander sprechen.«
+
+Er warf diesen in eine Ecke, und sie richtete sich schnell auf.
+
+»Endlich zeigen Sie ein wenig Herzensgüte, Ilse. Lassen Sie mich einen
+Einblick in Ihr Inneres tun.«
+
+»Es schreckt Sie nur ab, Wolf. Fragen Sie meine Geschwister, sie
+nannten mich ›Ilse -- die Hexe‹!«
+
+»Ohne Grund, Sie haben nur noch nicht Ihr eigenes Herz gefunden. Es
+irrt umher, schenken Sie es mir, ich werde es treu bewahren.«
+
+Bei dem matten Licht der Deckenlampe sah sie ihn lange schmerzlich an.
+
+»Jetzt liegt in Ihren Augen das Klagen des Rehes, wenn es schwer
+verwundet ist,« flüsterte er, »es gibt mir die Ruhe zurück, -- so
+liebe ich -- dich -- Ilse!«
+
+»Nein, nein, es geht nicht!« fuhr sie plötzlich auf, als er sie innig
+an sich ziehen wollte. »Wissen Sie, Wolf, woher die Ilse stammt? Hoch
+am Brocken -- in der rauhen Schlucht des Schneelochs fangen sich die
+Wasser aus dem Hexenbrunnen auf -- dann stürzen sie gewaltsam über
+Rollsteine und Felsblöcke abwärts, bis sie tief unten branden und
+schäumen. -- Wollen Sie das durchkosten? -- Nein, -- es geht nicht! --
+Ich weiß nicht -- wen ich liebe. Sie alle stehen vor mir und krallen
+mich mit Blicken an, als ob ich mein Blut hergeben sollte. Was habe
+ich nur an mir, daß man mich so verlangt?« -- Ihr Körper zitterte
+heftig, sie schluchzte krampfhaft auf. »Ich will nicht mehr mit Ihnen
+allein sein, Wolf, -- ich komme in Verdacht. Ihre Schwester sucht mich
+gewiß.« --
+
+»Ilse, ich lasse dich noch nicht gehen, -- erst ein Wort, -- nur ein
+einziges liebes Wort --«
+
+Sie sprang auf, drängte ihn zurück und hatte plötzlich ihre Ruhe
+wiedergefunden, -- der innere Sturm war vorübergebraust.
+
+Er ließ sie aber nicht von der Stelle. Der Dampfer hob und senkte
+sich gewaltig. Die Maschine trieb ihn mit voller Dampfkraft gegen die
+mächtigen Blöcke. -- Ein Krachen und Bersten der Eiswand erfolgte --
+dann kam ein erneuter starker Stoß -- Ilse sank, den Halt verlierend,
+in Wolfs Arme.
+
+Sie lag an seiner Brust, er küßte sie heiß, verlangend. Ein wildes
+Stöhnen entrang sich ihr -- sie war widerstandslos, -- hingebend. --
+
+Auf Deck ertönte lautes Gepolter, dazwischen drang ein starkes Zischen
+des Dampfers hervor, dem hastige Kommandorufe des Kapitäns folgten.
+Noch schlugen die Pleuelstangen, -- auf einmal ließen sie nach, -- der
+Dampfer stand still. Die Eisschollen rieben sich knirschend an den
+stählernen Seitenwänden. Unter dem Kiel gurgelte dumpf das Wasser des
+Haffes. --
+
+Herta, die fest geschlafen, erwachte und sah Ilse ganz verstört vor
+sich stehen. Jürgen und Konsul Martens sprangen die Treppe hinauf an
+Deck. Der Kapitän kam sofort auf sie zu.
+
+»Ein scheußliches Pech, Herr Konsul. Wir haben durch die starken
+Eiswände vor uns schweren Maschinendefekt und Rohrbrüche erlitten.
+Die Reparatur wird längere Zeit in Anspruch nehmen. Wir sind noch gut
+zwei Stunden von Swinemünde entfernt. In der Nähe ist kein Dorf oder
+Flecken. Das Eis hält wohl bis zum Ufer, aber in der Dunkelheit sind
+die eingehauenen Fischwaken nicht zu sehen. Am besten bleiben Sie mit
+Ihren Gästen an Bord, bis der Morgen anbricht. -- Vielleicht können
+Sie dann bis zu der allerdings entfernten Bahnstation gelangen.«
+
+»Fatal, -- höchst fatal!« stieß Martens aus. »Ich muß morgen vormittag
+zu einer wichtigen Besprechung in meiner Bank sein.« --
+
+»Ich kann unmöglich im Kontor fehlen,« setzte Jürgen nachdrücklich
+hinzu.
+
+Nur Wolf, der ihnen gefolgt war, frohlockte, -- er hoffte auf ein
+Wiederaufflammen des kurzen Rausches, auf ein Glücksgefühl, das er
+in seiner Größe kaum erfaßte. -- Er sann über die Möglichkeit nach,
+wie er mit Ilse allein sein konnte, ohne daß es den anderen auffallen
+würde.
+
+ * * * * *
+
+Eine Nacht an Bord. -- Die Maschine des Dampfers stand. Dieser lag
+still in der Fahrtrinne des Haffs und fror ein. Die Kälte drang durch
+alle Fugen. Das Eis hob und preßte die stählernen Platten, daß ein
+Stöhnen durch den ganzen Schiffsraum ging. Die sternenklare Nacht
+wurde bitterkalt. Der dichte Reif setzte sich überall fest und wob
+seine kristallnen Fäden um Maste, Schornstein, Planken und alle
+Gegenstände an Deck. Das Schlickwasser gefror, es bildeten sich lange
+Eiszapfen -- langsam entstand ein Märchenbild.
+
+Gegen zehn Uhr kam die bleiche Sichel des zunehmenden Mondes
+hervor. Nun lag das Eis des Haffes in dem mildfunkelnden Licht hell
+aufglitzernd da.
+
+Eine wunderbare Stimmung breitete sich über die weite, öde Fläche aus.
+Kein Laut wurde hörbar, als das Schieben und Pressen der Eisschollen
+an den Schiffswänden.
+
+Die kleine Gesellschaft ging trotz der Kälte eine Zeitlang auf dem
+Deck umher, um die unendliche Schönheit der Natur zu genießen. Der
+Wind hatte sich gelegt, die Kälte war trotz der zehn bis zwölf Grad
+nicht empfindlich.
+
+Ilse war an Hertas Seite, als sich aber Wolf zu ihnen gesellte, kam
+sie plötzlich bei einer Wendung neben Jürgen zu stehen und sprach ihn
+an, dann ging sie mit diesem und Konsul Martens weiter.
+
+Wolf stampfte mit dem Fuße auf.
+
+»Was ist dir, Wölfchen?« fragte Herta und schob ihren Arm unter den
+seinen.
+
+»Nichts besonderes, Herta! Ich wünschte nur manchmal, daß man nicht
+so töricht wäre, ein Herz unter den Rippen zu besitzen. Wenn es sich
+fühlbar macht --«
+
+»Du bist in deinen Gedanken bei Ilse, armer Kerl!« sagte diese
+tröstend. »Weise sie von dir --«
+
+»Wenn ich es nur könnte, Herta! Es zerreißt mir bald Leib und Seele.
+-- Sie ist nicht zu verstehen, -- glaub es mir, Schwester. -- Ich bin
+schon einfach verrückt und sie -- sie wurde von ihren Geschwistern
+›Ilse -- die Hexe‹ genannt!«
+
+»Ilse -- die Hexe!« wiederholte Herta langsam. »Merkwürdig, -- Jürgen
+sagte mir das gleiche.«
+
+»Und jetzt geht sie wieder neben ihm, -- wie sie ihn anschaut, -- ich
+kann es nicht ertragen, -- Herta, es reizt mich maßlos!«
+
+»Wölfchen -- sei gut,« bat Herta. »Denk an mich und Martens, -- so
+viel Leidenschaft, wie bei dir, war wohl bei uns nicht dabei, -- aber
+es saß tief genug! -- Heute bin ich sehr froh, daß es so gekommen ist!
+-- Du wirst Ilse auch erst erkennen, wenn du deinen Rausch überwunden
+hast.«
+
+»Ich kann mich nicht zur Ruhe zwingen, wie du es fertig brachtest,
+Herta! Willst du nicht einmal mit Ilse sprechen?«
+
+»Nein!« Herta stieß es kurz aus. »Es würde nur zu deinem Elend
+gereichen. Denke daran, sie ist -- die Hexe Ilse! Dafür bist du
+mir zu lieb, Wölfchen! Du mußt uns Geschwistern erhalten bleiben.
+Ihr Charakter ist unergründlich, -- sie kann dich vernichten, --
+vielleicht ohne daß sie es will.« --
+
+
+
+
+ XI.
+
+
+Nach Mitternacht, als alle in tiefem Schlafe lagen, Herta hatte Ilse
+mit in ihre Kabine genommen, überwölkte sich der Himmel, und mächtige
+Schneeflocken fielen langsam rieselnd nieder. Gegen Morgen wurde das
+Schneetreiben so dicht, daß man vom Dampfer aus keine zehn Schritt
+weit sehen konnte.
+
+Jürgen kam sehr früh an Deck. Als er die Lage überschaute und mit
+dem Kapitän in dessen Kajüte Rücksprache genommen hatte, grollte es
+gewaltig in ihm. Nirgends zeigte sich ein Ausweg aus der mißlichen
+Lage. Der Maschinendefekt ließ sich im besten Falle erst bis gegen
+Abend einigermaßen beheben. Ein weiteres Durchbrechen des Eises war
+unmöglich, der Dampfer mußte nach Stettin zurück. Die Rückfahrt würde
+schon schwierig genug sein und nur langsam vonstatten gehen.
+
+Bei dem dichten Schneetreiben konnte es niemand wagen, über das Eis
+ans Land zu gelangen. Also ausharren! Während Jürgen und der Kapitän
+noch sprachen, kam Konsul Martens hinzu, dem die Unruhe den Schlaf
+verkürzt hatte. Anstatt des Morgenkaffees wurde gleich ein heißer Tee
+mit Arrak gebraut. Die Schiffsräume waren stark durchkältet, denn die
+Dampfheizung war nicht in Ordnung. -- Als die Schiffsmaschine bei dem
+gewaltigen Anlauf gegen die starken Eiswände versagte, strömte der
+Dampf zurück. Durch die entstandene hohe Spannung wurden die Rohre
+undicht und erlitten mehrere Brüche. Die Feuerung mußte aufhören, weil
+der Dampf an vielen Stellen der Leitung gefahrdrohend herauszischte.
+Die Maschinisten hatten die ganze Nacht durchgearbeitet, um die
+Schäden auszubessern, und ermüdeten sichtlich.
+
+»Wann können wir bestimmt darauf rechnen, Fahrt zu haben?« fragte
+Martens den Kapitän.
+
+»Es kommt darauf an, wie lange die Kraft der Leute aushält, Herr
+Konsul.«
+
+»Gehen wir in den Maschinenraum hinunter, Charles,« warf Jürgen ein.
+»Vielleicht lassen sich die Leute durch eine Prämie anfeuern.«
+
+»Die Maschinisten geben ihr Bestes von selbst her,« erwiderte der
+Kapitän, »es bedarf keiner besonderen Belohnung. Sie können sich davon
+überzeugen, meine Herren!«
+
+In den unteren Schiffsräumen brannten Lampen, weil die elektrische
+Leitung durch den Stillstand der Dynamos versagte. Eine Anzahl Männer
+arbeiteten mit größtem Eifer bei spärlichem Lichte in der kleinen
+Werkstätte. Es wurde Eisen auf offenem Kohlenfeuer geglüht, das ein
+Blasebalg anfachte, und dann mit Hämmern bearbeitet. Andere waren
+dabei, auf einer Drehbank Gewinde zu ziehen und auf Schraubstöcken
+Eisenstangen passend zu feilen.
+
+Der Schiffsingenieur und der Obermaschinist griffen zu und besserten
+die Schäden an den Rohren aus. Die gesamte Leitung mußte untersucht
+werden. Die Männer im unteren Schiffsraum erstarrten fast vor Kälte
+und mußten fortgesetzt heiße Getränke erhalten.
+
+Die Tatsache lag klar -- unter weiteren zehn bis zwölf Stunden
+konnte an ein neues Arbeiten der Maschinen nicht gedacht werden,
+vorausgesetzt, daß die Mannschaften diese Überanstrengung aushielten.
+--
+
+»Unser Mißgeschick ist mir höchst unangenehm, lieber Jürgen,« sagte
+Konsul Martens zu dem Freunde. »Namentlich der Damen wegen. Auf dem
+›Odin‹, unserem stärksten Eisbrecher, kam noch nie etwas derartiges
+vor und lag außer der Berechnung. Nun heißt es aushalten.«
+
+An Deck begann jetzt die Schiffsglocke unausgesetzt zu läuten. Der
+Steuermann trat zum Kapitän und sagte: »Ich habe drei Mann ausgesucht,
+die sich halbstündlich ablösen!«
+
+»Es können Dampfer ausgelaufen sein. In den Zeitungen stand, daß der
+›Odin‹ nach Swinemünde ging. Die Fahrtrinne wird für offen gehalten.
+Die Dampfsignale gehen nicht, daher muß die Glocke in Bewegung
+bleiben,« erklärte der Kapitän den Herren die erhaltene Meldung.
+
+Jürgen sah darauf seinen Freund fragend an:
+
+»Ist das Aufrennen eines anderen Dampfers möglich?« fragte er langsam,
+jedes Wort abwägend.
+
+Martens wechselte mit dem Kapitän einen Blick.
+
+»Ausgeschlossen ist es nicht,« erwiderte dieser zögernd.
+
+Mit einem Ruck straffte sich Jürgens Gestalt.
+
+»Es muß ausgeschlossen sein, Charles! Meine Geschwister sind an Bord.«
+
+»Wir wollen überlegen, was zu tun ist, Jürgen.« Konsul Martens wurde
+jetzt die große Verantwortung fühlbar, die ihn traf.
+
+Sie kehrten in die obere Kajüte zurück. Herta, Wolf und Ilse hatten
+sich ebenfalls dort eingefunden. Das junge Mädchen sah bleich und
+übernächtig aus, sie mußte wenig geschlafen haben. Die gestrige gute
+Stimmung war verschwunden. Es fröstelte alle trotz der Pelzkleidung.
+
+Konsul Martens versuchte, den Damen die Lage im besten Lichte zu
+schildern, und machte Aussicht auf ein recht langes Frühstück und bald
+darauffolgendes Mittagessen.
+
+»Essen und Trinken erhält uns warm, und darin tritt in den nächsten
+vierundzwanzig Stunden kein Mangel ein,« schloß er.
+
+»Aber die Langeweile, lieber Freund,« sagte Herta, leicht gähnend.
+»Die Kälte macht uns müde und ungemütlich.«
+
+»Ich weiß eine Abwechslung, Ilse,« flüsterte Wolf dieser zu, als sie
+in der Kajüte auf und ab ging. »Der einzig warme Raum im Schiff ist
+die kleine Kambüse. Wir beide wollen uns dorthin flüchten und helfen
+dem Küchenchef bei der Zubereitung der Speisen, -- für die anderen
+gehen wir auf Deck.«
+
+Sie gab ihm kein Zeichen des Einverständnisses, sondern stellte sofort
+ihre Wanderung ein und blieb in Hertas Nähe stehen. Wolf trat heftig
+mit dem Fuße auf. Was war nun wieder in sie gefahren? Sie wollte
+anscheinend nichts von ihm wissen, und Herta unterstützte sie dabei.
+
+Konsul Martens ließ seine Pelzdecke holen und hüllte die Damen darin
+ein, obwohl sich Ilse anfangs gegen das Stillsitzen sträuben wollte.
+Auf Hertas Wunsch folgte sie jedoch sofort. --
+
+Draußen wurde es etwas heller, nur das Schneegestöber ließ nicht nach.
+Jürgen, Martens und der Kapitän standen an dem einen Kajütenfenster
+und beratschlagten.
+
+»In zwei bis drei Stunden kann der Amerikadampfer hier sein,« hörten
+die anderen des Kapitäns Stimme, »er ist sicher zur festgesetzten Zeit
+ausgelaufen. Bei langsamer Fahrt wird er unsere Glocke hoffentlich
+hören. Er versperrt aber die Fahrtrinne -- die Schwierigkeit,
+fortzukommen, wird bedeutend größer.«
+
+Wolf und Herta sahen sich bei diesen Worten an. Es gab also Gefahren;
+davon war ihnen bisher noch nichts bewußt gewesen.
+
+Jürgen Plüddekamp zog seine Uhr hervor.
+
+»Ich gehe ans Land, Charles,« sagte er dann kurz.
+
+»Du -- Jürgen?« stieß Martens erschrocken aus.
+
+»Die Gegend kenne ich, und mein Taschenkompaß gibt mir die Richtung
+an,« antwortete er.
+
+»Bedenke die offenen oder mit Schnee bedeckten Waken. Die Gefahr ist
+zu groß, Jürgen,« versuchte der Konsul ihm sein Vorhaben auszureden.
+
+»Ich nehme eine Stange mit, Charles! Weiteres Reden hat keinen Zweck
+-- ich gehe!« Man sah es der mächtigen Mannesgestalt an, daß sie von
+dem einmal gefaßten Entschluß nicht mehr abwich.
+
+»So laß wenigstens einen Matrosen folgen und dich anseilen, Jürgen,«
+bat der Konsul.
+
+»Warum? Dadurch kann höchstens Gefahr entstehen, die ich allein
+vermeide!« erwiderte dieser. »Steward!« rief er diesem zu, der soeben
+einen neuen Aufguß heißen Tees brachte. »Füllen Sie mir sofort eine
+Feldflasche mit Rum und Ingwer!«
+
+»Mir auch, Steward!« ertönte es aus Wolfs Munde. »Ich begleite dich,
+Jürgen!«
+
+»Auf keinen Fall -- mein Junge! Ausgeschlossen. -- Du mußt mit Charles
+bei Herta und Fräulein Hergenbach bleiben.« Das Gebot Jürgens klang
+fast schroff, er duldete in solcher Lage keinen Widerspruch.
+
+Kurz darauf verabschiedete er sich und reichte den Geschwistern, sowie
+Martens die Hand. Herta bat ihn noch: »Jürgen -- denk an uns -- sei
+vorsichtig!«
+
+»Ich bin es immer, liebe Herta! Soweit es allerdings möglich ist,«
+setzte er scherzend hinzu.
+
+Er zögerte einen Augenblick, ehe er Ilse die Hand gab. Sie mußte
+darauf gewartet haben; nun schlossen sich ihre schlanken Finger mit
+festem Druck um die seinen, als wollten sie ihn nicht fortlassen.
+
+Es war eine heftige Bewegung, mit der sich Jürgen alsdann abwandte
+und auf Deck eilte, wohin ihm Konsul Martens und Wolf folgten.
+Nach weiteren zwei Minuten hatte er sich eine kräftige Stange mit
+Eisenspitze ausgesucht und schwang sich über Bord.
+
+»Achtung!« rief Martens ihm nach. »Es ist noch junges Eis in der
+Fahrtrinne!«
+
+Die starken Schollen hatten sich aber am Dampfer dicht
+übereinandergeschoben und waren während der Nacht zusammengefroren,
+so daß Jürgen auf festem Eisboden dahinschritt. Er sah sich noch
+einmal um, winkte Bruder und Freund zu und verschwand dann in dem
+dichten Schneegestöber. Es kam ihm dabei im letzten Augenblick noch so
+vor, als wenn eine schlanke Frauengestalt auf Deck erschiene. Es mußte
+wohl Herta sein, die ihm besorgt nachschaute.
+
+Als jedoch Wolf und Konsul Martens in die Kajüte zurückkehrten, saß
+Herta auf ihrem alten Platz. Ilse war fortgegangen und kam erst nach
+einer geraumen Zeit wieder.
+
+»War es nicht angenehm in der Kambüse, Ilse?«
+
+»Nein, Tante Herta! Ich habe mich genug erwärmt.«
+
+Dabei strömte ihre Kleidung die frische Kälte vom Deck aus. -- -- --
+
+Jürgen schritt trotz seines schweren Pelzes rasch vorwärts. Er
+hatte seine Pelzkappe tief über die Ohren herabgezogen, so daß nur
+sein Gesicht hervorsah. An seinem Bart bildeten sich durch den
+ausgestoßenen Atem Eiszapfen, doch achtete er nicht darauf. Von
+Zeit zu Zeit holte er den kleinen Kompaß hervor, um die Richtung zu
+kontrollieren, in der er ging.
+
+Vom Dampfer mußte er schon ein ganzes Stück fort sein. Das Läuten
+der Schiffsglocke tönte nur noch schwach zu ihm herüber. In der
+zurückgelegten Strecke waren keine Waken zu erwarten gewesen. Jetzt
+aber näherte er sich mehr und mehr dem Ufer, und die Gefahr, in
+ein Loch zu geraten, das zum Fischen ins Eis geschlagen wurde, trat
+unmittelbar auf.
+
+Er schob seinen Stock vor sich hin; stieß dieser an eine kranzartige
+Erhöhung, so blieb er stehen und untersuchte den Umkreis. Mehrmals
+entdeckte er noch im letzten Augenblick eine Wake. Die Zeit verrann,
+er strengte sich stärker an. Der Amerikadampfer mußte auf jeden Fall
+aufgehalten werden, bevor er das Papenwasser verließ und durch Signale
+schwer erreichbar wurde. Mit Mühe zog er seine Uhr hervor. Über eine
+halbe Stunde befand er sich unterwegs, und noch spürte er nichts von
+den Eisschollen, die sich gegen das Ufer zu auftürmten.
+
+Er wollte immer schneller vorwärts kommen, aber der tiefe Schnee, der
+unaufhörlich weiter fiel, hemmte den Fuß. Schweißperlen traten auf
+seine Stirn; es war eine außerordentliche Leistung, selbst für den
+besten Fußgänger.
+
+Wo blieb nur das Ufer? Er mußte es der Zeit nach schon lange erreicht
+haben. Er stand jetzt still und versuchte, um sich zu schauen. Nichts
+war zu sehen.
+
+Jürgen lief es kalt über den Rücken. -- Wo befand er sich? War er irre
+gegangen? Er hatte doch genau auf seinen Kompaß geachtet. Wenn er an
+anderer Stelle in die Nähe der Fahrtrinne zurückkam und einbrach? Bei
+dem starken Schneetreiben konnte alles möglich sein.
+
+Warum setzte er sich diesen Gefahren aus? Es gab nur eine Richtschnur
+in seinem Leben -- Sorge für seine Familie, die aus den Geschwistern
+bestand. Von dem Tode seines Vaters an hatte er diese Pflicht
+übernommen und treu erfüllt. Wenn er sich die Abrechnung vorlegte,
+befand sich kein Fehler darin. Er handelte stets nach Ehre und
+Gewissen. Einmal ließ er in der Härte seiner Bestimmungen nach, als
+Ilse Hergenbach vor Monaten aufgenommen wurde.
+
+Ihre Gegenwart wirkte störend auf die Harmonie im alten
+Plüddekampschen Hause ein. Wolf war gänzlich verändert -- er selbst
+mußte dagegen ankämpfen, um ihr nicht ein größeres Interesse zu
+zeigen. Er sah deutlich, wie sie ihm entgegenkam, sich ihm immer mehr
+nähern wollte. So kalt war seine Natur nicht, aber seine Rauheit half
+ihm, und seine Charakterstärke schüttelte jede aufflammende Regung ab.
+
+Einige Augenblicke hatte er auf den Kompaß gestarrt, dabei flogen ihm
+diese Gedanken rasch durch den Kopf. Nun trieb es ihn wieder vorwärts,
+der Amerikadampfer mußte um jeden Preis ein Signal erhalten. Plötzlich
+hörte er zur Linken Laute; waren es menschliche Stimmen oder lag dort
+ein Schwarm Taucherenten? Er horchte aufmerksam hin. Jetzt klang es
+wie der dumpfe Hufschlag eines Pferdes. Es mußten also Leute aus einem
+naheliegenden Dorf sein, bei denen er sich Auskunft holen konnte.
+
+Eilig schritt er auf sie zu, und schon nach wenigen Minuten tauchte
+dicht vor ihm ein Kufenschlitten mit zwei Männern auf.
+
+»Holla!« rief er ihnen entgegen. »Wo seid ihr her? Ich komme von der
+Swinemünder Fahrt und will rasch ans Ufer.«
+
+Die Leute hielten das Pferd an. Auf dem Schlitten lag ein mächtiges
+Schleppnetz, wie es unter dem Eis von einer Wake zur anderen gezogen
+wird. Ein großer mit Fischen angefüllter Kasten stand daneben.
+
+»Wir sind aus Swantewitz,« sagte der eine, »und fahren nach Haus!«
+
+»Aus Swantewitz!« rief Jürgen erstaunt. »Das liegt ja am östlichen
+Ufer! So weit seid ihr fort.«
+
+»Nein, Herr! Das liegt ja dicht dabei. Wir sind gleich da!«
+
+»Es ist rein unmöglich! Ich habe vor etwa einer Stunde den Eisbrecher
+›Odin‹ verlassen und ging in der Richtung auf Neuwarp zu.«
+
+Die Fischer sahen sich verdutzt an.
+
+»Neuwarp? Das liegt ja zwei Meilen von hier, Herr!«
+
+Jürgen faßte sich an die Stirn.
+
+»Sollte ich -- rein unerklärlich! Alle Teufel -- ich werde doch in der
+Eile nicht steuerbords anstatt Backbord abgesprungen sein! -- Aber der
+Kompaß?«
+
+Er hatte doch Norden rechts und nicht an der linken Seite gehabt.
+Freilich war es nur ein kleiner Taschenkompaß, der sonst an seiner
+Uhrkette hing. Er schaute schnell noch einmal darauf -- die Nadel
+spielte richtig ein.
+
+»Das ist ja, um verrückt zu werden,« fluchte er ingrimmig. »Der Kompaß
+lügt nicht -- die Leute lügen nicht! Wer hat nun recht?«
+
+Er hielt den Kompaß mit dem linken Arm vor sich. Plötzlich fiel sein
+Auge auf das Magnetarmband, das er noch zufällig um das Handgelenk
+trug. Es diente zur Prüfung von Grassamen, der mit Eisenfeile
+beschwert schien.
+
+Nun wurde ihm der Vorgang sofort klar. Die Nadel spielte auf den
+starken Magnet ein und zeigte darum entgegengesetzt. Aus der Richtung
+des Papenwassers heulte jetzt dumpf ein Signal herüber. Jürgen
+erschrak.
+
+»Der Dampfer!« rief er aus. »Es ist zu spät, ihn aufzuhalten! Was wird
+daraus entstehen?«
+
+Die Sorge um die Seinen erfaßte ihn. --
+
+
+
+
+ XII.
+
+
+Alfred Smiders verfolgte einen bestimmten Plan. Nachdem sich sein
+gelähmter Vater jeder Verfügung begeben hatte, ergriff ihn die
+Großmannssucht. Er wollte um jeden Preis rasch vorwärtskommen. Das
+der Firma Smiders & Sohn gehörende Kapital reichte jedoch nicht im
+entferntesten aus, die sofort in Angriff genommenen Dampferbauten
+auszugleichen. So blieb er eine große Summe schuldig. Um wieder freie
+Bewegung zu bekommen, suchte er nach einem Großkapitalisten, der sein
+Geld zu mäßigem Zinsfuß bei ihm anlegen sollte.
+
+Durch seine Agenten war er auf den reichen Kaufmann Kneis in Hamburg
+aufmerksam geworden, dem er sich sofort vorstellte. Der Hamburger
+hatte sein überseeisches Geschäft günstig verkauft und befand sich im
+Besitz großer flüssiger Mittel, mit denen er sich wieder beteiligen
+wollte. Das also war sein Mann. Er bewog ihn, mit nach Stettin zu
+reisen.
+
+Nach Vorlage der letzten Bilanzen verlangte dieser in erster Linie die
+Dampfer der Reederei Smiders & Sohn zu besichtigen. Die alten Kasten
+waren glücklicherweise unterwegs, er konnte dafür nur die Angaben, aus
+dem Schiffsregister erhalten. Dagegen lag einer der neuen Dampfer im
+Eis des Swinemünder Hafens fest. Die beiden Herren fuhren von Stettin
+mit dem Schnellzug dorthin und waren eben im Begriff, den ›Triton‹ in
+Augenschein zu nehmen.
+
+Das starke Schneegestöber hatte aufgehört; die klare, helle
+Wintersonne schien leuchtend über Stadt und Hafen, sowie die vereisten
+Schiffe. Überall funkelte und glitzerte es in farbenprächtigem
+Schimmer.
+
+»Sehen Sie, mir lacht stets die Sonne, Herr Kneis,« sagte Alfred
+Smiders, als sie über das Deck des Dampfers ›Triton‹ gingen. »Nun kann
+es Sie nicht gereuen, trotz des Schneefalles von heute morgen, die
+Fahrt nach Swinemünde angetreten zu haben.«
+
+Der lange bedächtige Hamburger lächelte verbindlich.
+
+»Ich bin sehr zufrieden, Herr Smiders! Wenn es weiterschneien würde,
+wäre ich auch zufrieden. Wir blieben dann in Swinemünde. Es gibt hier
+gute Hotels.«
+
+»Gewiß, Herr Kneis! Aber Sie müssen heute abend wieder in Stettin
+sein« -- der Reeder machte eine bezeichnende Geste. »Sie haben doch
+fest versprochen --«
+
+Der Überseer lachte gemütlich auf.
+
+»Hm! Eine ganz lustige Bude. Wir gehen zusammen --«
+
+»Aber natürlich, Herr Kneis! Ich möchte nur nicht im Wege sein.«
+
+»Macht mir nichts aus, Herr Smiders. War jahrelang in Buenos Aires mit
+meinen Freunden stets einig, wenn's eine kleine Sache gab. Denke, es
+wird hier in Deutschland auch so sein.«
+
+Hätte er den Blick gesehen, der in Smiders' dunklen Augen aufflammte,
+so würde er wohl eine andere Meinung gehabt haben. Es lag darin so
+viel Hohn und Gehässigkeit, wie sie nur das Innere des jungen Reeders
+erfüllte.
+
+Nun ging es auf treppauf und treppab bis in die untersten
+Schiffsräume, und überall ließ der vorsichtige Hamburger seine Blicke
+hinschweifen. In aller Ruhe sah er sich um, nichts blieb seinem
+scharfen Auge verborgen.
+
+»Sehr gutes Schiff, Herr Smiders, sehr gutes Schiff,« wiederholte er
+alsdann, »wenn die anderen ebenso sind, bin ich bereit, den Vertrag
+mit Ihnen einzugehen.«
+
+Smiders streckte ihm sofort seine Hand entgegen:
+
+»Topp! Sie schlagen also ein?«
+
+»Noch nicht!« bewahrte der Hamburger eine gewisse Zurückhaltung, »es
+wäre verfrüht. Ich lasse mich nie vom Augenblick überrumpeln. Eine
+gute Portion Überlegung ist im Geschäftsleben alles. Dann handle ich
+aber rasch.«
+
+Alfred Smiders zog seine Hand ärgerlich zurück, als er die gemessene
+Miene des Hamburgers sah, der in diesem Augenblick zu einem
+Weitergehen nicht geneigt schien. Sie stiegen jetzt die Schiffstreppe
+wieder hinauf und wollten ans Land gehen, um in dem nahegelegenen
+Hotel ›Drei Kronen‹ ein bestelltes Essen einzunehmen. Smiders hatte
+wohlweislich alles vorbereitet.
+
+Plötzlich erscholl der dumpfe Ton einer Dampfpfeife über die weite
+Eisfläche des Haffes hinweg.
+
+»Holla, Kapitän! Was gibt's?« rief der Reeder diesem zu.
+
+»Die Eisbrecher kommen herein, Herr Smiders,« tönte es zurück. »Der
+›Fritjof‹ ist voran und schleppt den ›Odin‹ an der Stahltrosse.«
+
+»Dann muß dem ›Odin‹ etwas passiert sein,« meinte Smiders. »Er hat
+doch die stärksten Maschinen.«
+
+Anstatt, daß sich die Herren direkt aufs Bollwerk begaben, stiegen
+sie zur Kommandobrücke hinauf und wollten warten, bis die Eisbrecher
+landen würden. Das Eis krachte und barst in langen Spalten vor der
+Gewalt, mit der der ›Fritjof‹ vorwärtsdrang. Es dauerte nicht lange,
+so waren die Dampfer mit dem ›Triton‹ in gleicher Höhe, doch ließen
+sich die Gestalten auf Deck nicht genau erkennen.
+
+»Der ›Odin‹ schwankt wie eine lahme Ente! Er ist nicht unter Dampf,
+und der›Fritjof‹ bugsiert ihn zur Anlegestelle,« rief Smiders. »Wir
+sehen es besser vom Lande aus.«
+
+Er schritt, gefolgt von dem Hamburger, zum Bollwerk hinüber und ging
+auf diesem entlang. Es dauerte noch einige Zeit, bis der ›Fritjof‹ den
+›Odin‹ herangebracht hatte und die Stahltrosse löste. Allem Anschein
+nach wollte er sofort die Rückkehr nach Stettin antreten.
+
+Zwei Herren und zwei Damen kamen über die Schiffsbrücke, die der
+›Odin‹ auswarf, ans Land.
+
+Alfred Smiders schaute genauer hin, aber die Sonne blendete ihn. Er
+hielt deshalb die Hand über die Augen und sagte halblaut:
+
+»Den Teufel auch! Wenn ich recht sehe, ist es Konsul Martens, Wolf
+und Herta Plüddekamp und noch eine Dame, die ich nicht kenne. Eine
+vorzügliche Gelegenheit für mich, anzuschwirren!« Er entschuldigte
+sich rasch bei Kneis und eilte voran, um die Ankommenden zu
+begrüßen. »Direkt von Stettin, Herr Konsul?« rief er ihm schon von
+weitem zu. »Nette Spazierfahrt! Wie? Hat der ›Odin‹ Pech gehabt?«
+Als sie zusammentrafen, schüttelte er den beiden Herren die Hand
+und verbeugte sich, seinen Hut tief ziehend, vor den Damen. Er
+blickte erstaunt auf Ilse. Dann sagte er zu Herta: »Wollen Sie mich
+vorstellen, Fräulein Plüddekamp?«
+
+»Herr Smiders, von Smiders & Sohn -- Fräulein Hergenbach aus
+Nordhausen,« erledigte diese den Wunsch des Reeders.
+
+Abermals lüftete Smiders seinen Hut, und als sich Ilse leicht
+verneigte, begegneten sich ihre Blicke. Die dunklen Augen Smiders'
+ruhten mit einem prüfenden Ausdruck auf den Gesichtszügen des jungen
+Mädchens. Er warf dann einige nebensächliche Fragen hin, wie die Damen
+die Fahrt überstanden hätten, und hörte von Konsul Martens, welches
+Mißgeschick ihnen am verflossenen Tage mitten auf dem Haff begegnete.
+
+»In Gesellschaft so reizender Damen, -- riesig nett,« meinte er mit
+einem vielsagenden Blick zu Wolf hinüber. »Da aber die Dampfheizung
+nicht in Ordnung war -- zum mindesten unangenehm kalt.«
+
+»Es war noch ein Glück, daß der amerikanische Dampfer die Vorsicht
+brauchte, den ›Fritjof‹ vorauszuschicken. Rückte er selbst uns aufs
+Fell, so war die Durchfahrt versperrt und wir lägen noch im Eise,«
+flocht Konsul Martens ein.
+
+»Wenn wir nur erst wüßten, was aus Jürgen geworden ist,« sagte Herta
+mit besorgter Miene. »Sie waren wohl schon im Hotel, Herr Smiders!
+Haben Sie vielleicht dort etwas gehört?«
+
+»Keinen Ton, Fräulein Plüddekamp,« erwiderte dieser.
+
+Wolf erzählte darauf, wie Jürgen am Morgen in dem tollsten
+Schneetreiben über Bord aufs Eis gesprungen sei, um nach dem Ufer
+vorzudringen.
+
+»Na -- ein solcher Bär! -- Verzeihen Sie den Ausdruck, Fräulein
+Plüddekamp,« unterbrach sich Smiders. »Ihr Herr Bruder hat aber
+wirklich eine Bärennatur und sitzt jedenfalls in einem Dorfgasthause
+beim Glase Grog. Wir können ja von den ›Drei Kronen‹ aus -- Sie gehen
+doch gewiß mit dorthin -- nach allen Richtungen telephonieren.« --
+
+Der Ofen in dem großen Speisezimmer der ›Drei Kronen‹ strahlte eine
+gemütliche Wärme aus. Man legte Pelze und Mäntel ab und freute
+sich, wieder in einem behaglichen Raume zu sein. Der Überseer, der
+vorausgegangen war, wurde von Smiders vorgestellt. Er befand sich
+alsbald in regem Gespräch mit Konsul Martens, der die Gelegenheit
+benutzte, den Großkapitalisten näher kennen zu lernen.
+
+»Sie sind überzeugt, Herr Konsul, daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur
+Frühjahrszeit rechtzeitig ausläuft?«
+
+Wolf, der etwas entfernter stand, horchte bei diesen Worten auf. Es
+war naheliegend, daß ihn das Gespräch interessierte.
+
+»Ich werde den Dampfer besichtigen,« fuhr Herr Kneis fort, »es liegt
+mir außerdem viel daran, zu erfahren, ob sich die älteren Dampfer der
+Reederei in gleicher Weise umbauen lassen.«
+
+»Selbstverständlich,« fiel Smiders jetzt ein. »Sie eignen sich ebenso
+gut dazu wie der ›Friedrich Barbarossa‹. Herr Konsul Martens kennt
+ja unsere Dampfer. Er wird es Ihnen sicher bestätigen.« Dabei sah er
+Martens scharf an.
+
+Dieser war vor eine sehr peinliche Frage gestellt. Natürlich lag es in
+seinem Interesse, dem Geldmann gegenüber die Reederei Smiders & Sohn
+so hoch als möglich zu bewerten. Auf der anderen Seite kannte er das
+Alter der laufenden Schiffe und mußte daraus folgern, daß ein Umbau
+weggeworfenes Geld bedeuten würde. Er zögerte deshalb mit der Antwort,
+während ihn der Überseer anscheinend gleichgültig ansah.
+
+Aus den kleinen, scharfen Augen des Herrn Kneis sprach bei aller Ruhe
+eine hohe Intelligenz, und er schloß aus dem Zögern des Konsuls sofort
+auf dessen zurückgehaltene Ansicht.
+
+»Ich glaube wohl, Herr Kneis,« antwortete Martens jetzt, »aber
+bedenken Sie dabei, daß ich Bankier und nicht Schiffsbauer bin.«
+
+Smiders war von der Antwort des Konsuls Martens wenig befriedigt; er
+hatte sie bestimmter erhofft und fiel darum ein:
+
+»Wir werden morgen den ›Friedrich Barbarossa‹ anlaufen, Herr Kneis.
+Sie treffen dort seinen Kapitän an. Dieser hat bereits zwei meiner
+anderen Dampfer gefahren und ist ein anerkannter Fachmann.«
+
+»Es scheint Smiders auf den Nägeln zu brennen,« dachte Wolf bei sich.
+»Ich werde den Weg nach der ›Grünen Schanze‹ bald wieder einschlagen
+müssen, um auf dem Laufenden zu bleiben.«
+
+Der Oberkellner kam und forderte die beiden Herren auf, an dem
+bestellten Tisch Platz zu nehmen. Martens hatte für seine Gäste an der
+großen Tafel, die mitten im Speisezimmer stand, eine genügende Anzahl
+Gedecke auflegen lassen. Die Speisen wurden gebracht.
+
+Ilse Hergenbach saß in schräger Richtung von Smiders und bemerkte
+sehr bald, wie sie von ihm anhaltend beobachtet wurde. Sie wollte
+nicht hinübersehen. Trotzdem trat aber das Verlangen in ihr auf, die
+siegreiche Kraft ihres Blickes zu erproben.
+
+Sie hatte keine besondere Absicht dabei. Es war nur ein leichtes
+Spiel, das ihr Unterhaltung bieten sollte. Was aber alsdann vorging,
+wußte sie selbst kaum. Nicht ihr Blick siegte, sondern der, der sie
+jetzt traf. Sie erzitterte darunter, und rasch senkten sich ihre
+Lider. -- Dabei zwang sie eine unerklärliche Kraft, noch einmal
+hinüberzuschauen. Es wiederholte sich der gleiche Vorgang.
+
+Smiders trat kurze Zeit darauf, ein volles Weinglas in der Hand
+haltend, an die große Tafel heran. Er trank auf das angenehme
+Zusammentreffen in Swinemünde. Sich zu Ilse wendend, sagte er
+leichthin:
+
+»Ich muß Sie schon einmal gesehen haben. Helfen Sie meiner Erinnerung
+nach, Fräulein Hergenbach!«
+
+Er wollte nur, daß sie die Augen zu ihm aufschlug. Sie tat es aber
+nicht und gab kurz zur Antwort:
+
+»Ich wüßte nicht, Herr Smiders!«
+
+»Doch, doch, mein Fräulein,« wiederholte er. »Hoffentlich habe ich
+bald Gelegenheit, mit Ihnen darüber weiter plaudern zu können.«
+
+Wolf, der vor einiger Zeit ans Telephon gegangen war, kam jetzt
+zurück. Seine Züge verrieten großen Ernst.
+
+»Jürgen ist noch nirgends aufgetaucht, weder in den Ortschaften an
+der linken Haffseite, noch zu Hause. Ich habe Armin beauftragt,
+unausgesetzt nachzuforschen.«
+
+Herta legte sofort Messer und Gabel beiseite.
+
+»Um Gottes willen, Wolf,« sagte sie, »wenn Jürgen ein Unglück
+zugestoßen wäre! Wie schrecklich! Ich mag es nicht ausdenken.«
+
+»Aber verehrte Freundin,« fiel Martens ein, »unserem Riesen Jürgen
+geschieht so leicht nichts. Er wird sich in irgendeinem kleinen Dorf
+aufhalten und kein Telephon zur Verfügung haben. -- Mein Gott, wie
+bleich Sie plötzlich aussehen, Fräulein Hergenbach,« fuhr er, zu
+dieser gewandt, fort. »Ist Ihnen etwas?«
+
+Ilse schüttelte mit dem Kopf, brachte aber kein Wort heraus. Es
+schnürte ihr förmlich die Kehle zu. Wenn Jürgen in eine Fischwake
+geraten und tot wäre! Sie malte sich in diesem Augenblick das
+Entsetzlichste aus. Eine fieberhafte Unruhe bemächtigte sich ihrer. Es
+drängte sie, überall selbst nachzufragen. Nur nicht die Ungewißheit
+länger ertragen, was mit ihm geschehen sein konnte. Sie kam zu einem
+Entschluß.
+
+»Tante Herta, der Anruf von Stettin kann jeden Augenblick erfolgen!
+Dein Bruder hat noch nicht gegessen. Ich gehe ans Telephon!« Sie
+sprang auf und eilte hinaus, ohne eine Antwort von Fräulein Plüddekamp
+abzuwarten.
+
+Konsul Martens sah ihr erstaunt nach, während Wolf eine hastige
+Bewegung machte, als ob er ihr folgen wollte.
+
+»Es ist höchst unnötig, daß sich Fräulein Ilse in dem kalten
+Telephonraum aufhält,« stieß er dann ärgerlich aus. »Sowie der Anruf
+kommt, holt mich doch der Kellner.«
+
+Konsul Martens lächelte fein.
+
+»Fräulein Hergenbach tritt in letzter Zeit viel selbständiger auf,«
+sagte er zu dem Geschwisterpaar. »Es scheint, als ob ihr Charakter ein
+ganz anderer ist, als sie anfangs zeigte.«
+
+»Sie hat bald mehr Interesse für Jürgen, als wir selbst,« murmelte
+Wolf vor sich hin. Der Braten, den er sich bestellt hatte, war durch
+seine Abwesenheit kalt geworden und schmeckte ihm nicht mehr. Er stand
+plötzlich auf, in der Absicht, Ilse Gesellschaft zu leisten.
+
+»Bleib, Wölfchen,« sagte Herta, »es hat doch wirklich keinen Zweck,
+wenn ihr zu zweit dort draußen aufpaßt. Laß Ilse ihren Willen und
+unterhalte dich lieber mit uns.«
+
+»Hast wohl noch keine Nachricht von deinem Bruder, Wolf?« rief Smiders
+auf einmal herüber.
+
+»Nein!« klang es zurück. »Unser Prokurist telephoniert überallhin.«
+
+»Ich will meinem Büro auch den Auftrag geben,« bemerkte Smiders darauf
+und erhob sich lässig. »Entschuldigen Sie, Herr Kneis, ich komme
+sofort wieder.«
+
+Wolf trat ihm aber in den Weg und sagte: »Laß dies, bitte! Es hat
+wirklich keinen Zweck, wenn du deine Leute noch bemühst. Unser
+Prokurist traf bereits die umfassendsten Maßnahmen.«
+
+»Aber es geht doch schneller, wenn von zwei Seiten angefragt wird,«
+wehrte Smiders ihn ruhig ab und schritt weiter der Tür zu.
+
+In Wolfs Gesicht kämpfte jetzt Ärger und Unwille. Er kannte die
+Zudringlichkeit von Smiders und wollte nicht dulden, daß dieser mit
+Ilse allein war.
+
+Konsul Martens sah der kleinen Szene interessiert zu.
+
+»Merkwürdig,« sagte er, sich zu Herta wendend, »das Telephon muß heute
+eine besondere Anziehungskraft haben. Jetzt wollen sie sich schon
+zu dritt dort aufhalten. Unser braver Jürgen wird sich sicher bald
+melden, denn er steht gewiß mehr Sorge um uns aus, als wir seinetwegen
+zu haben brauchen.«
+
+Diese Worte sollten sich bewahrheiten, noch ehe die beiden Herren das
+Speisezimmer verlassen hatten, öffnete sich die Tür, und Ilse kam mit
+freudestrahlender Miene herein. Sie rief schon von weitem:
+
+»Welch ein Glück, Tante Herta! Dein Bruder ist wieder zu Hause! Ich
+habe soeben mit ihm selbst telephonisch gesprochen.« Ihr ganzes Wesen
+atmete eine Leidenschaftlichkeit aus, die allen auffallen mußte. Sie
+schien wie von einem Rausch erfaßt zu sein.
+
+»Erzähle nur ruhig, Ilse, wie es ihm ergangen ist,« erwiderte Herta.
+
+Diese nahm sich sofort zusammen. »Dein Bruder hat unterwegs ein paar
+Fischer angetroffen und sich nach Stepenitz bringen lassen. Von dort
+ist er mit dem nächsten Zuge direkt nach Stettin gefahren, weil er
+hörte, daß der Amerikadampfer nicht ausgelaufen wäre.«
+
+Wolf und Smiders traten ebenfalls an den Tisch heran, als Ilse weiter
+fortfuhr:
+
+»Herr Plüddekamp fragte mich sofort über alles aus, und ich habe kurz
+berichtet, daß uns der ›Fritjof‹ hierherschleppte. Wir werden mit dem
+Abendzug von ihm erwartet.«
+
+»Ich bin recht froh,« sagte Herta in herzlichem Tone, »daß wir nun
+beruhigt sein können!«
+
+»Du glaubst nicht, Tante Herta, wie mir zumute wurde, als ich deines
+Bruders Stimme durch das Telephon vernahm. Er war doch wieder da und
+ihm nichts zugestoßen.«
+
+Sie brachte diese Worte mit einer solchen Wärme des Ausdrucks hervor,
+daß Konsul Martens leicht den Kopf schüttelte und vor sich hinsprach:
+
+»Sonderbar, ich hätte doch gedacht --! Aber man lernt im Leben nie
+aus.« --
+
+Während der gemeinsamen Fahrt nach Stettin sagte Smiders zu Wolf:
+
+»Hätte nicht geglaubt, daß ich in Swinemünde so famose Stunden
+verleben würde. Gefällt mir riesig, mit euch zusammen zu sein. Du hast
+doch nichts dagegen, wenn ich euch in den nächsten Tagen meinen Besuch
+mache?«
+
+Wolf hatte schon auf der Zunge, zu antworten: »Es ist mir viel
+angenehmer, wenn du wegbleibst,« war aber gezwungen, ihm gerade das
+Gegenteil auszudrücken.
+
+Als der Zug in den Bahnhof einlief, stand die mächtige Gestalt Jürgens
+auf dem Perron. Er erwartete seine Geschwister. Herta stieg zuerst
+aus; er schloß sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn. Hierin
+lag der Ausdruck einer hohen Freude, sie wieder glücklich bei sich
+zu haben. Wolf und Martens schüttelte er derb die Hand. Dann stand
+plötzlich Ilse vor ihm, und er mußte ihr ebenfalls ein paar Worte
+sagen. Ihre Blicke strahlten ihm derartig entgegen, daß er davon
+peinlich berührt wurde.
+
+»Ich sandte Ihnen einen Wunsch nach, als Sie den gefahrvollen Weg
+über das Eis antraten, Herr Plüddekamp,« sagte sie mit ihrer tiefen
+Altstimme, »und er ist mir in Erfüllung gegangen.«
+
+Jürgen wurde seiner Antwort enthoben, da Martens, Smiders und der
+lange Hamburger dazwischen kamen.
+
+
+
+
+ XIII.
+
+
+Die Unruhe kehrte im Plüddekampschen Hause ein. Nach einer kurzen
+Nachtmahlzeit waren die Geschwister und Ilse auf ihre Zimmer gegangen.
+Wolf lief in dem seinen aufgeregt hin und her.
+
+Er verstand Ilses Verhalten nicht. Es war kein leichter Flirt, den
+sie trieb, oder ein unbewußter Drang erwachender Leidenschaft.
+Einen Augenblick hindurch fühlte er Liebe und Hingebung bei ihr,
+blitzschnell ging es vorüber. Martens lächelte sie verheißungsvoll an,
+dem fatalen Smiders schenkte sie Aufmerksamkeit, und Jürgen -- sie
+sorgte sich um ihn, als ob er ihr nahestände. Sie fesselte jeden, der
+ihr in den Weg trat, und wehrte dann durch plötzliche Stummheit von
+sich ab. Was ging in ihr vor? Hatte sie überhaupt kein Herz -- die
+Hexe Ilse? Eine wirkliche Hexennatur will niemand beglücken, -- es
+gelüstet sie nach Vernichtung, wie Herta sagte.
+
+Die Gedanken marterten ihn. Er versuchte zu schlafen und fand keinen
+Schlaf.
+
+Sollte er sie zu seiner Frau machen? Wie kam es, daß er erst jetzt
+daran dachte! Jürgen und Herta würden sich dagegen stellen. Aber Ilse,
+-- bei einem solchen Entschluß mußte sie ihm Rede stehen. -- --
+
+Ilses Zimmer lag im zweiten Stockwerk. Sie war langsam die Treppe
+hinaufgestiegen und hatte sich flüchtig umgesehen, da die zwei Brüder
+noch einen Augenblick auf dem Korridor stehen blieben. Jürgen, der
+große, kräftige Mann, -- daneben die schlanke, biegsame Gestalt des
+jüngeren Wolf, -- beide konnten wohl einem jungen Mädchen gefallen.
+
+In ihrem Zimmer angekommen, entkleidete sie sich langsam, und ihr
+Blick streifte dabei ein paarmal den hohen Pfeilerspiegel. Ein
+bleiches Gesicht sah ihr entgegen, aus dem die Augen mit stark
+leidenschaftlichem Ausdruck hervortraten. -- War sie das selbst
+-- Ilse Hergenbach? Sie mußte es wohl sein! Und doch kam ihr das
+Spiegelbild vollständig fremd vor. Hatte sie sich so verändert? Das
+Blut rollte ihr heiß durch die Adern -- in ihrem ganzen Wesen ging
+eine seltsame Wandlung vor. -- Sie wollte die Arme ausbreiten, um
+ein Schemen an sich zu ziehen. Ihr ganzer Körper dehnte und streckte
+sich, und sie empfand ein Verlangen, über das sie sich selbst keine
+Rechenschaft geben mochte. Wolfs Neigung erwiderte sie nicht. Sie
+fühlte, daß die von Jürgen ausströmende Kraft ihr Fühlen immer stärker
+beherrschte. Wie lange hatte sie das Leidenschaftliche ihres Wesen
+schon zurückdämmen müssen! Würde es jetzt jede Schranke hinwegreißen?
+
+»Jürgen! Jürgen!« stieß sie laut aus.
+
+Was konnte sie ihm sein? Würde er sie verstehen? Ein Mann, der für
+die Liebe zur Frau keine Zeit fand, mußte doch beglückt sein, wenn
+sie sich ihm rückhaltslos darbot. Aber -- kannte sie sich selbst?
+Jener Augenblick in Swinemünde trat plötzlich mit erschreckender
+Deutlichkeit vor sie hin. Sie zuckte darunter wie unter einem
+Peitschenhiebe zusammen. Ein heißer Blick -- ein überlegenes Lächeln
+tauchte vor ihr auf. Wer war dieser Mann, der es wagte, ihr so zu
+begegnen? Das Blut floß ihr wild durch die Adern, es prickelte in
+allen Nerven ihres Körpers. Sie mußte daran denken, ob sie es auch von
+sich abschütteln wollte.
+
+»Jürgen! Jürgen!« stöhnte sie leidenschaftlich auf.
+
+Welche widerstreitenden Gefühle regen sich im Menschen! Was ist Liebe?
+Was ist Leidenschaft? Wie wirr geht beides durcheinander, und keins
+vermag die Oberhand zu erringen!
+
+Es dauerte eine geraume Zeit, ehe das Licht in Ilses Zimmer erlosch.
+Über dem alten Kaufherrnhause ging in der klaren Winternacht der
+Mond mit hellem Schimmer auf. Sein milder Schein glitzerte auf den
+Fensterscheiben, er drang aber nicht durch die dichten Vorhänge, um
+ruhelose Seelen friedvoll zu stimmen. -- -- --
+
+In den Straßen der Stadt war durch den starken Schneefall eine gute
+Schlittenbahn entstanden. Die in der Wintersonne aufleuchtende weiße
+Decke warf ihren Glanz in die Kontorstube, in der jetzt Jürgen und
+Wolf die Lagerbücher einer Prüfung unterzogen.
+
+»Es fehlen noch eine Anzahl Lieferungen,« bemerkte der erstere,
+»sobald das Eis taut und die Schiffahrt beginnt, müssen wir für den
+Export gerüstet sein.«
+
+»Wie steht es mit Oberamtmann Wichers?« fragte alsdann Wolf. »Er
+wollte doch über zehntausend Zentner mehr liefern.«
+
+Jürgen nahm das Haustelephon zur Hand, drückte auf den Knopf und
+sprach zum Prokuristen Armin hinüber.
+
+»Wieviel Zentner Roggen haben wir aus Wershagen herein? Hm, hm,«
+machte er gedehnt. »Es hat in der letzten Zeit gestockt,« wandte er
+sich an seinen Bruder. »Armin gibt an, daß erst die ungefähre Hälfte
+gesandt ist.« Er legte das Hörrohr wieder fort. »Du wirst nachhelfen
+müssen, Wolf, -- bist auch recht lange nicht in Wershagen gewesen.«
+
+»Wie soll ich jetzt hinauskommen, Jürgen?« erwiderte dieser. »Zum
+Reiten ist es mir zu kalt. Auch liegt der Schnee sehr hoch.«
+
+»Bist du auf einmal schwerfällig!« meinte Jürgen. »Es ist doch die
+schönste Schlittenbahn von der Welt! Du wirst warm eingepackt und
+landest in zwei bis zweieinhalb Stunden in Wershagen.«
+
+Wolf zog ein gelangweiltes Gesicht. »Eine endlose Fahrt, Jürgen! In
+Gesellschaft lasse ich sie mir gefallen, aber stundenlang allein im
+Schlitten zu sitzen, kannst du mir wirklich nicht zumuten.«
+
+»Du hast es doch früher getan!« entgegnete Jürgen erstaunt. »Ich
+wundere mich überhaupt, daß du nicht mehr nach Wershagen hinausfährst.
+Was soll Oberamtmann Wichers von uns denken? Dir fiel es immer zu, den
+gesellschaftlichen Verkehr aufrechtzuerhalten.«
+
+»Fahr du doch hinaus, Jürgen!«
+
+»Ich bin hier nicht abkömmlich! Dann machst du auch deine Sache in
+Wershagen besser als ich.«
+
+»Ich will aber in Lieschen Wichers keine Hoffnung erwecken,« brummte
+der junge Mann, »was soll schließlich daraus werden?«
+
+»Soooo,« dehnte Jürgen das Wort aus, »Mieze Thadden siegt also im
+Rennen --«
+
+»Ich denke nicht daran, Jürgen!« sagte Wolf.
+
+»Holla, mein Junge! Was ist auf einmal mit dir los? Du pendelst doch
+schon lange zwischen den beiden hin und her.«
+
+»Ich höre damit auf, Jürgen!«
+
+»Du bist heute recht ungemütlich, Wolf,« lachte Jürgen auf. »Das kommt
+von deinem Junggesellentum. Du darfst es mir nicht nachmachen. Es wird
+Zeit, daß du dich entscheidest. Haus Plüddekamp braucht einen Erben.
+Das ist doch klar!«
+
+»Gewiß, Jürgen! Aber ich habe keine Lust, mir eine Frau zu nehmen, die
+nicht zu mir paßt. Vielleicht stellt sich über Nacht ein guter Gedanke
+ein, dann bin ich sofort dabei.«
+
+»Vorsicht, Wölfchen! Doppelte Vorsicht! Ein kluger Geschäftsmann wägt
+erst und dann wagt er. Hast du es getan?«
+
+»Ich denke noch nicht daran,« brachte Wolf unwillig hervor. »Warum
+fragst du mich so aus? Du willst mir meine Freiheit lassen und legst
+jetzt Daumenschrauben an.«
+
+»Kalt Blut,« sagte Jürgen begütigend, »es ist nicht so einfach damit.
+Die Herrin für Haus Plüddekamp muß vollwertig sein, sonst gibt Herta
+das Zepter nicht ab. Schaffe uns keine schwierige Lage. Von vornherein
+soll volle Klarheit herrschen.«
+
+»Du bist ein schrecklicher Mentor, Jürgen, und wirst es noch dahin
+bringen, daß ich aus dem alten Nest flügge werde.«
+
+»Auf keinen Fall, Wolf!«
+
+»Wieso, Jürgen? Du und Herta seid hier genug! Du versorgst
+vortrefflich das Geschäft, Herta ebenso das Haus. Außerdem hast du
+noch Armin zur Seite. Wenn ich die Zinsen von meinem Vermögen nehme,
+kann ich überall bequem auskommen. Ich halte es Herta gegenüber für
+ausgeschlossen, bei einer Verheiratung hier zu bleiben.«
+
+»Junge! Wolf! Das geht ja über die Hutschnur und Pappelbäume! Du, mein
+Bruder, ein Plüddekamp, und aus dem Plüddekampschen Hause fort -- das
+leide ich einfach nicht! -- Deine Söhne brauchen mich doch! Ich muß
+sie zu tüchtigen Kaufleuten erziehen, die unserer Firma einst Ehre
+machen!«
+
+»Du bist wirklich großartig, Jürgen! Deine Sorge um mich -- in allen
+Ehren. Daß du aber schon so weit gehst, meine Söhne, die noch gar
+nicht auf der Welt sind, unter deine Fuchtel nehmen zu wollen --«
+
+»Na, ja,« unterbrach ihn Jürgen lachend, »hör nur auf! Ich will dir
+wirklich dein Recht nicht rauben, Wölfchen! -- Jetzt bestelle ich den
+Schlitten, damit du noch zur Tischzeit in Wershagen eintriffst.«
+
+»Nein!« Wolf hatte es kurz ausgestoßen. »Ich kann heute nicht. Ich
+habe auch keine Laune dazu.«
+
+»Ja, zum Teufel, was ist eigentlich mit dir los!« wurde Jürgen
+aufgebracht.
+
+»Vorläufig noch gar nichts, aber es kann noch werden.«
+
+»Du sprichst in Rätseln, Wolf.«
+
+»Die Lösung sollst du bald erfahren!«
+
+Jürgen ahnte bereits, wohin dies zielte. Er wollte aber nicht
+gewaltsam auf seinen Bruder einwirken und überlegte einen Augenblick,
+wie er die Angelegenheit mit Wershagen am besten regeln konnte.
+
+Inzwischen ertönte auf der Straße helles Schellengeläut. Ein großer
+Jagdschlitten mit prächtigen Rappen, die von der schnellen Fahrt
+dampften, hielt vor dem Toreingang.
+
+»Das klappt geradezu wunderbar!« rief Jürgen aus. »Sieh nur hinaus,
+Wölfchen! Die Wershagener sind da! Was für ein rosiges Gesicht dort
+aus der Pelzkappe hervorschaut und neugierig zu unseren Fenstern
+herüberlugt, ob nicht ein gewisser junger Herr zugegen ist! Erkennst
+du Lieschen Wichers nicht?«
+
+»Ja, ich sehe wohl,« murrte Wolf, »nun haben wir sie auf dem Halse.«
+
+»Das war kein schönes Wort von dir, Wolf! Wichers sind prächtige
+Menschen, und ich freue mich, wenn sie zu uns kommen. Ein Beweis, na
+-- ich schweige --«
+
+Er griff hastig nach seiner blauen Mütze und eilte zum Toreingang,
+um den Oberamtmann und seine Tochter zu begrüßen. Ehe er an den
+Schlitten trat, drückte er auf den Kopf der elektrischen Leitung,
+die nach dem Stall führte. Die Pferde vor dem Wershagener Schlitten
+sollten ausgespannt werden.
+
+Oberamtmann Wichers war ein untersetzter rundlicher Herr mit roten
+Backen und einem starken blonden Vollbart. Er stieg aus dem Schlitten
+und reichte seinem Kutscher die Zügel hin. Dann half er seinem
+Töchterchen, die dem großen Pelzfußsack entrinnen wollte. Er wurde
+dabei sofort von Jürgen unterstützt, nachdem sie sich mit biederem
+Handschlag begrüßt hatten.
+
+»Muß doch selbst einmal hersehen, lieber Herr Plüddekamp,« meinte der
+Oberamtmann. »Wir haben Ihren Herrn Bruder fast täglich erwartet. Er
+ist hoffentlich nicht krank! Mein Lieschen verlangt nach ihrem Partner
+im Klavierspiel. Ich habe sie darum gleich mitgebracht.«
+
+Lieschen Wichers, die in dem gesunden, frischen Aussehen ganz ihrem
+Vater glich, legte jetzt ihre kleine Hand in die mächtige Rechte
+Jürgens hinein.
+
+»Guten Tag, Herr Plüddekamp! Ich will wirklich nicht stören und habe
+vieles in der Stadt zu besorgen. Der Schlitten soll mich weiterfahren.
+Vater hat ja mit Ihnen geschäftlich zu sprechen.«
+
+»I wo,« sagte Wichers, »du wolltest doch --«
+
+»Aber Papa! Das war nur so nebenbei --«
+
+Jürgen lächelte verständnisvoll. Er sah dem kleinen Landfräulein
+ganz deutlich an, daß ihr Herz nach dem hübschen Wolf Sehnsucht
+empfand. Dieser war inzwischen langsam nachgekommen. Er schüttelte dem
+Oberamtmann kräftig die Hand und begrüßte dann Lieschen Wichers, die
+ihn mit ihren blauen Augen freundlich anlächelte.
+
+»Wenn der Prophet nicht zum Berge kommt, muß der Berg wohl zum
+Propheten kommen,« meinte der Oberamtmann mit wohlgefälligem Lachen,
+»da sind wir nun! Immer eine kleine Weltreise nach Stettin herein,
+aber bei der prächtigen Schlittenfahrt ganz wunderbar. Sie hätten nur
+sehen sollen, wie meine Rappen auf der Landstraße dahinstoben! Solche
+glatte Bahn gab es lange nicht.«
+
+»Wir wollen aber nicht in der Kälte stehen bleiben!« sagte Jürgen.
+»Wolf, du begleitest wohl Fräulein Wichers zu Herta. -- Lieber
+Oberamtmann,« wandte er sich an diesen, »wir haben das Geschäftliche
+mit zwei Worten abgemacht und setzen uns dann an den Frühstückstisch.«
+
+»Ist mir nur angenehm,« erwiderte Wichers. »Ich habe zwar heute
+morgen tüchtig vorgelegt, aber nach der Fahrt bekomme ich immer einen
+Mordshunger.«
+
+»Um so besser,« fiel Jürgen ein, »es geht nichts über eine gemütlich
+lange Frühstückssitzung, die liebt jeder gute Pommer.«
+
+Die beiden Herren gingen in das Kontor, während Lieschen Wichers und
+Wolf die große Treppe emporstiegen. Als dieser ihr dann behilflich
+war, die äußeren warmen Hüllen abzunehmen, eilte Ilse sofort herbei.
+Wolf stellte kurz vor: »Fräulein Ilse Hergenbach, die Tochter einer
+Freundin Hertas -- Fräulein Lieschen Wichers aus Wershagen.«
+
+Die schlanke Figur Ilses überragte das junge Mädchen bedeutend. Sie
+standen jetzt nebeneinander, und Wolfs Augen konnten über beide
+prüfend hinweggleiten. Ein Blick sagte ihm, daß das einfache Äußere
+von Lieschen Wichers niemals Ilse die Wage halten konnte. Was
+verkörperte sich alles in diesem seltsamen Geschöpf!
+
+Herta, die jetzt gekommen war, drückte Lieschen freundlich die Hand
+und zog sie mit sich in den kleinen Damensalon hinein. Ilse und Wolf
+blieben einen Augenblick allein zurück.
+
+»Ilse,« flüsterte er, und ein Zittern lief dabei durch seinen Körper,
+»seitdem ich dich im Arm gehalten, bin ich vollständig ruhelos. Ich
+habe mich die Nacht zu einem Entschluß durchgerungen und ich muß dich
+unbedingt sprechen.«
+
+Sie gab ihm keine Antwort darauf.
+
+»So rede doch!« wurde er aufgeregter. »In einem Augenblick sind wir
+wieder mit den anderen zusammen.«
+
+Sie schwieg jedoch beharrlich, und als sein Auge leidenschaftlich
+das ihre suchte, sah sie über ihn hinweg in das Dunkel des langen
+Korridors hinein.
+
+»Ilse, du bringst mich noch zur Verzweiflung! Sprich endlich! Du hast
+doch an meiner Brust gelegen! Dein Mund duldete meine Küsse, und nun
+--«
+
+Sie trat schnell in das Speisezimmer. Wolf stampfte mit dem Fuße auf,
+und ihr hastig nacheilend, flüsterte er im Vorbeigehen: »Es muß anders
+werden, Ilse, sonst hast du mich auf dem Gewissen!«
+
+Lieschen Wichers schaute sich schon ein paarmal um, wo Wolf blieb.
+Als er jetzt, kaum Herr seiner Erregung, in den Salon trat, sah sie
+erstaunt zu ihm auf. Das war Wolf Plüddekamp nicht mehr, er schien ein
+ganz anderer geworden zu sein. Seine Blicke irrten unruhig umher, als
+er sie fragte:
+
+»Wie schaut es in Wershagen aus! Wohl alles verschneit?«
+
+»Ach -- reizend!« erwiderte sie. »Sie sollten es nur sehen, Herr
+Plüddekamp! Auf den Dächern und Bäumen die großen Schneelasten, neben
+den Fahrwegen hohe weiße Mauern, und auf dem Futterplatz die lieben
+Tauben, Hühner und viele kleine, arme Wintervögel. Ich verschaffe
+ihnen reichliches Futter. Papa muß es schon herausrücken.«
+
+Herta nickte ihr freundlich zu.
+
+»So ist es recht, Fräulein Wichers! Nur für die armen Tierchen sorgen,
+wenn der Winter hart und kalt ist. Hier in der Stadt liest man immer
+in den Zeitungen: Sorgt für die Vögel! Sorgt für die Zughunde! und
+wie die schönen Aufrufe alle heißen. Ich bin im Tierschutzverein und
+suche namentlich die kleinen Hundewagen auf, die Milch, Gemüse und
+Kartoffeln von draußen hereinschaffen. Bauersleute und Händler haben
+nicht immer ein warmes Herz für die armen Tiere.«
+
+Wolf nahm einen Platz, von dem aus er in das Speisezimmer sehen
+konnte. Lieschen Wichers plauderte in ihrer harmlosen Weise weiter.
+Er hörte es kaum. Seine Blicke bohrten sich förmlich in das andere
+Zimmer, ob sich Ilse nicht zeigen würde. Er bemerkte dann, wie sie mit
+den großen grauen Augen vorsichtig herüberlugte. Sie suchte ihn nicht,
+sie sah Lieschen Wichers an. War dies Neugierde, oder war es mehr?
+Zeigte sie Eifersucht -- dann stand ja alles gut für ihn.
+
+
+
+
+ XIV.
+
+
+Rittergut Wershagen war Jahrhunderte im Besitz einer alten adligen
+Familie gewesen. Der letzte Herr von Wershagen verlor beide Söhne
+kurz nacheinander, und er selbst wurde bei seinem hohen Alter
+müde, den großen Gutsbetrieb weiter zu leiten. Ohne Nachkommen,
+beschloß er endlich schweren Herzens, das Rittergut zu verkaufen.
+Oberamtmann Wichers, der lange Jahre Domänenpächter gewesen war,
+hatte Wershagen preiswert erstanden. Als hochbegabter Landwirt
+brachte er den schönen Besitz zu außerordentlicher Ertragsfähigkeit.
+Wershagen wurde ein Mustergut, das seiner Kornerträgnisse wegen in
+den landwirtschaftlichen Jahrbüchern die größte Anerkennung fand.
+Wichers hatte keinen Sohn, der Wershagen einst übernehmen konnte. Die
+ganze Zärtlichkeit richtete sich deshalb auf seine Tochter Lieschen.
+Mehrere Freier aus der Nachbarschaft pochten an, die das hübsche
+Oberamtmannstöchterlein mit der Aussicht auf die wertvolle Besitzung
+Wershagen gern heimführen wollten. Aber Lieschen Wichers schaute nur
+nach einem aus, den ihr Herz ersehnte -- Wolf Plüddekamp.
+
+Schon im verflossenen Jahre hoffte sie, daß er um sie anhalten würde.
+Er blieb aber stets gleichmäßig vertraulich, obwohl ihr Auge zuweilen
+recht offen zu ihm sprach. Sie standen wie ein Paar gute Freunde
+zueinander.
+
+Bei Lieschen Wichers ging in der letzten Zeit eine bedeutende
+Veränderung vor sich. Durch die lange Abwesenheit von Wolf empfand sie
+eine derartige Sehnsucht nach ihm, daß sie ihren Vater zu Plüddekamps
+begleitete. Oberamtmann Wichers wußte recht gut, wie es mit seinem
+Töchterchen bestellt war, und wollte sie gern glücklich sehen. --
+
+Nach dem Frühstück im Plüddekampschen Hause machten sie noch einige
+Besorgungen und fuhren dann heimwärts. Das kleine Landfräulein
+verhielt sich an der Seite ihres Vaters recht einsilbig.
+
+»Was hast du nur, Mädel?« fragte der Oberamtmann. »Du sitzt da wie
+eine verirrte Hoftaube.«
+
+»Mir ist nichts, Vater,« erwiderte sie ernst.
+
+»Du freutest dich doch so sehr auf die Fahrt, Lieschen!«
+
+»Gewiß, Vater! Es war aber alles anders, wie ich es mir dachte.«
+
+»Hm,« machte dieser und zog die Zügel der Rappen fester an, daß sie
+in scharfen Trab fielen. »Es ist mir bei Plüddekamps aufgefallen, daß
+sich Wolf völlig verändert hat. Er kommt mir hochgradig nervös vor. In
+seinem Alter müssen die Nerven wie Schiffstaue sein. Mir scheint, daß
+das Fräulein aus Nordhausen keinen guten Einfluß auf die Geschwister
+ausübt.«
+
+»Ich denke es auch, Vater,« erwiderte Lieschen. »Es trat leider sehr
+deutlich für mich hervor.«
+
+»Ja, ja,« knurrte der Alte vor sich hin, während der Schlitten auf der
+glatten Bahn und bei der raschen Fahrt leicht zu schlenkern begann.
+
+»Du wolltest schon lange Plüddekamps zu uns einladen,« setzte Lieschen
+das Gespräch nach einer Weile fort; »jetzt ist die beste Gelegenheit
+dazu.«
+
+»Hast recht, Kind,« sagte der Oberamtmann. »Die Wildgänse und
+Wildenten fallen seit Tagen scharenweise ein. Jürgen ist unser
+bester Jäger. Wir bitten seine Geschwister, mit nach Wershagen
+herauszukommen, und geben ein Jagdessen -- natürlich tipp-topp.«
+
+»Das ist reizend, Vater! Wie gern bin ich damit einverstanden! Unsere
+Wildkammer ist noch reichlich gefüllt. Aber Fräulein Hergenbach ladest
+du doch nicht mit ein?«
+
+»Kind!« Wichers wandte sich um und sah sie erstaunt an. »Es geht kaum
+anders! Sie ist in der Familie Plüddekamp aufgenommen. Wir begingen
+einen Verstoß, wenn wir sie bei der Einladung ausschließen würden.«
+
+Lieschen Wichers senkte den Kopf.
+
+»Sie gefällt mir aber ganz und gar nicht, Vater,« stieß sie plötzlich
+aus.
+
+»Mir auch nicht,« brummte der Oberamtmann. »Hat ein Paar Augen im
+Kopfe wie eine Katze, die auf Raub lüstern ist. Läßt sich aber nichts
+dran ändern, Lieschen, muß mit in den Kauf genommen werden.«
+
+ * * * * *
+
+Die Schlittenbahn blieb gut. An Plüddekamps ging eine Einladung zur
+Jagd mit anschließendem Jagddiner in Wershagen sofort ab. Der Tag kam
+heran.
+
+Lieschen Wichers hatte ein pelzbesetztes grünes Jagdkostüm angelegt,
+das sie allerliebst kleidete. Herta gab ihrem jüngeren Bruder einen
+leichten Rippenstoß.
+
+»Wölfchen,« flüsterte sie, »sieh einmal Lieschen an! Was ist sie doch
+für ein prächtiges, frisches Mädchen.«
+
+Wolf ließ den Blick flüchtig über sie hinweggleiten.
+
+»Ja, ja,« erwiderte er eintönig. Gleichzeitig schaute er schon nach
+Ilse aus, die soeben zu Lieschen Wichers trat und sich bei ihrer
+großen, schlanken Figur leicht vornüberneigte, um mit ihr zu sprechen.
+
+Nach einem kurzen Imbiß wurden die Schlittensitze eingeteilt. Es ging
+nach den Seen hinaus, auf denen die wilden Gänse in großer Anzahl
+einfielen. Oberamtmann Wichers trug für seine Frühjahrssaat Sorge. Es
+sollte deshalb unter den Eindringlingen tüchtig aufgeräumt werden.
+
+Eine ganze Reihe tadellos bespannter Schlitten hielt vor dem
+Wohnhause. Die Gäste stiegen ein. Voran fuhr Oberamtmann Wichers mit
+Herta Plüddekamp, dann folgte Jürgen mit Ilse Hergenbach und Wolf
+mit Lieschen Wichers. Ein leerer Schlitten für die bereits draußen
+befindlichen Jäger beschloß den Zug.
+
+Wolfs Schlitten wurde von ein paar flotten, jungen Pferden gezogen,
+die das schönste Schellengeläute trugen. Nun ging es hinaus in die
+prächtige Winterlandschaft nach den zusammenhängenden kleinen Seen.
+Förster und Inspektor von Wershagen sollten dort die Jagdgäste
+empfangen und ihnen den besten Stand anweisen.
+
+Lieschen Wichers plauderte munter drauflos. Wolf hatte vorläufig
+genügend mit seinem jungen Gespann zu schaffen. Die beiden
+Lichtbraunen tänzelten vor dem Schlitten hin und her und waren nicht
+gewillt, in der Reihe zu bleiben. Ihrem Lenker, der sehr viel Sinn
+für allen Sport besaß, machte dies viel Vergnügen.
+
+»Ein Paar tolle Racker,« sagte er zu Lieschen Wichers. »Ihr Papa
+scheint ein großes Vertrauen in meine Fahrkunst zu setzen.«
+
+»Gewiß,« erwiderte Lieschen Wichers stolz, »sonst hätte er Ihnen nicht
+die beiden jüngsten und besten Pferde aus dem Stall gegeben.«
+
+»Alle Hochachtung über die mir zugedachte Ehre, Fräulein Wichers! Sie
+kommen aber schlecht dabei weg.«
+
+»Wieso?« fragte Lieschen erstaunt.
+
+»Ich muß auf die Pferde aufpassen und kann mich nicht Ihnen widmen,
+wie ich es möchte.«
+
+»O, dann lassen Sie mich fahren! Sie wissen doch, ich bin ein
+geschulter Kutscher. Papa hat mir von klein auf die Fahrleine in die
+Hand gegeben.«
+
+Wolf mußte sie lachend abwehren, da sie bereits Anstalten traf, um
+seinen Platz einzunehmen.
+
+»Ich darf doch die Zügel nicht aus der Hand geben! Was würden die
+anderen dazu sagen,« meinte er scheinbar vorwurfsvoll. »Es kommt dem
+Manne zu --«
+
+»Zuweilen ist es ganz angebracht, Herr Plüddekamp, wenn die Frau den
+Mann ablöst,« fiel sie ein, und in ihren blauen Augen glänzte es wie
+klarer Wintersonnenschein.
+
+Wolfs Schlitten war dicht an den seines Bruders herangekommen. Die
+Pferde begannen zu galoppieren und wollten vorbei.
+
+»Kein Rennfahren, Wolf!« ließ Jürgen seine starke Stimme erschallen.
+
+Die Lichtbraunen ließen sich aber nicht halten, und Lieschen Wichers
+griff plötzlich in die Zügel hinein.
+
+»Das Sattelpferd kürzer fassen, den Hals links abbiegen, Herr
+Plüddekamp, dann stoppt das Handpferd von selbst,« und wirklich -- der
+Ratschlag war gut. Der Schlitten kam wieder in die Reihe hinein.
+
+»Sehen Sie,« lachte das junge Mädchen. »Ein wenig verstehe ich von der
+Fahrkunst meines Vaters.«
+
+ * * * * *
+
+Auf den Wershagener Seen war das Rohr bereits geschnitten. Von
+niedrigem Erlengebüsch umgeben, lag die weite weiße Fläche anscheinend
+still und eintönig da. Eine ganze Strecke vorher blieben die Schlitten
+halten und ihre Insassen stiegen aus. Die vorausgeschickten Stalleute
+hüllten die dampfenden Pferde in wollene Decken ein. Nun stapften
+alle tüchtig durch den Schnee, die Flinten im Arm. Der Förster und
+Inspektor kamen ihnen entgegen.
+
+»Auf dem oberen See liegt ein ganzer Schwarm wilder Gänse, Herr
+Oberamtmann,« meldete der Förster. »Wir müssen aber vorsichtig
+heranschleichen, sonst fliegen sie auf. Es sind ein paar große
+Schneewehen davor, die uns einigermaßen decken.«
+
+Jürgen richtete sich auf. Seine ganze Gestalt schien zu wachsen.
+Die Pelzmütze etwas von der Stirn zurückschiebend, schauten seine
+scharfen Augen zu den Seen hinüber. Die Jagdlust erwachte in ihm. Es
+war die einzige Leidenschaft, die er außer seinem Geschäft besaß. Ilse
+betrachtete ihn mit leuchtenden Blicken. Sie hätte laut aufjauchzen
+mögen, so schlug ihr plötzlich das Herz.
+
+Er hatte während der Fahrt mit ihr freundlich geplaudert. Der sonst so
+schweigsame und ernste Geschäftsmann konnte zuweilen dem Leben auch
+frohe Seiten abgewinnen. Jürgen kannte Nordhausen und ihr Elternhaus.
+Er war in früheren Jahren mehrmals dort gewesen, um die geschäftlichen
+Beziehungen fester zu gestalten.
+
+»Was macht ihr zwei nun?« fragte Jürgen, sich an Herta und Ilse
+wendend, die nicht jagdmäßig ausgerüstet waren.
+
+»Wir tragen die Beute heim,« erwiderte Ilse.
+
+»So,« stieß Jürgen gedehnt aus, »sind Sie ihrer schon gewiß?«
+
+»Ich hoffe es bestimmt.« Dabei schaute sie ihn bedeutungsvoll an.
+
+Die Jagd begann. Vorsichtig schlichen alle hinter den mächtigen
+Schneewehen auf den oberen See zu. Jürgen und der Oberamtmann kamen
+schneller vorwärts. Wolf und Lieschen Wichers bogen etwas nach
+links ab, während der Förster und der Inspektor weit voraus mit
+hochgehaltener Hand die Richtung angaben.
+
+»Wir stehen im zweiten Treffen,« sagte Lieschen zu ihrem Begleiter.
+»Der Schwarm steigt also in die Höhe, ehe wir zum Schuß kommen. Wir
+wollen aber den anderen ein Schnippchen schlagen und gehen jetzt ganz
+nach links auf das Erlengebüsch zu. Es bietet uns gute Deckung. Die
+Wildgänse müssen, nach dem Stand der anderen Schützen zu schließen,
+bei uns vorüberfliegen. Wir haben die besten Aussichten, ein paar
+herunterzuholen.«
+
+»Ganz mein Fall!« meinte Wolf, der jetzt Lust bekam, das Jagdglück zu
+erproben. »Sie sind wirklich eine gute Beraterin, Fräulein Lieschen!«
+
+Eine breite Schneewehe lag vor ihnen, sie mußten diese durchschreiten.
+
+»Oho,« lachte Lieschen Wichers laut auf und war tief in den Schnee
+eingesunken. Es schien ihr das größte Vergnügen zu bereiten.
+
+Sofort sprang Wolf an ihre Seite, faßte sie leicht um die Taille und
+hob sie heraus. Er trug hohe Jagdstiefel, es machte ihm nichts aus,
+weit hinein zu geraten.
+
+»Sie haben ja staunenswerte Kräfte, Herr Plüddekamp!« rief Lieschen
+belustigt. »Sie heben mich wie eine Daunenfeder hoch.«
+
+Wolf erwiderte in der gleichen Tonart:
+
+»So leicht sind Sie wirklich nicht, Fräulein Lieschen. Ich habe mich
+ganz gehörig plagen müssen,« und er schaute dabei auf ihre rundlichen
+Formen hin.
+
+Sie sah schelmisch zurück.
+
+»Ich habe neue vierhändige Stücke in Stettin gekauft. Kommen Sie bald
+wieder heraus, Herr Plüddekamp. Heute wird doch nichts aus unserem
+Spiel.«
+
+»Warum nicht, Fräulein Lieschen? Nach dem Essen!«
+
+»Ach, das wird endlos bei Papas Flaschenbatterien! Dann fahren Sie
+bald zurück. Ich erwarte Sie also bestimmt in den nächsten Tagen, aber
+als Solokrebs.«
+
+Ihr Auge ruhte mit voller Innigkeit auf ihm, als sie seine zusagende
+Antwort erwartete.
+
+»Ich kann jetzt schwer abkommen, Fräulein Lieschen,« erwiderte er
+zögernd. »Das Frühjahrsgeschäft muß vorbereitet werden. Jürgen läßt
+mich nicht aus dem Kontor fort.«
+
+»Ich sage es ihm selbst, dann tut er es,« fiel sie energisch
+ein. »Seine Anwesenheit reicht aus. Sie kommen mir gar nicht wie
+ein Kaufmann vor, Herr Plüddekamp, und eignen sich viel mehr
+zum Rittergutsbesitzer! Warum haben Sie überhaupt nicht die
+Landwirtschaft erlernt?«
+
+»Daran dachte ich früher nicht,« zuckte Wolf mit den Achseln. »Ich
+wäre am liebsten Offizier geworden. Freilich -- der Kaufmannsstand
+paßt mir sehr wenig.«
+
+»Machen Sie es wie die Raupen im Frühjahr, die entpuppen sich.«
+
+»Nein,« schüttelte er mit dem Kopf. »Das Plüddekampsche Hausgesetz
+schreibt mir vor, in den Bahnen meiner Väter zu wandeln.«
+
+»Dann durchbrechen Sie die Regel,« lachte Lieschen hell auf, »wenn
+auch die alten Herren auf ihren Bildern die Köpfe verwundert schütteln
+werden.«
+
+In diesem Augenblick fielen am oberen See eine Anzahl Schüsse schnell
+hintereinander.
+
+»Jetzt wird's die höchste Zeit,« rief Lieschen aus. »Wir müssen an die
+Erlen heran. Laufen wir, Herr Plüddekamp!« Flink wie ein Wiesel rannte
+sie vorwärts.
+
+Sie sah so zierlich und nett dabei aus, daß Wolf seine helle Freude
+hatte und mit langen Sätzen neben ihr hereilte.
+
+»Wir machen es wie unsere Lichtbraunen!« rief Lieschen weiter, »aber
+nicht durchgehen, Herr Plüddekamp!«
+
+Von weitem ertönte schon das starke Geschnatter der Wildgänse.
+
+»Sie steigen auf! Achtung!« stieß sie hastig aus.
+
+Sie blieben mitten im tiefen Schnee stehen, die Flinte im Anschlag.
+Ein Schwarm wilder Gänse kam verwirrt heran. Man sah, wie sie bestrebt
+waren, sich zu ordnen.
+
+»Halten Sie auf die Spitze des Zuges,« rief Lieschen im Jagdeifer,
+»noch ist er nicht hoch und zu erreichen! -- Jetzt -- Schuß!«
+
+Ein Doppelknall erfolgte. Oben in der Luft schlug eine Wildgans
+gewaltig mit den Flügeln. Der ganze Schwarm stieg rasch höher, während
+die Getroffene immer noch flatternd zurückblieb, langsam niedersank
+und, sich plötzlich überschlagend, tief in die weiche Schneedecke
+herabschoß.
+
+»Was sagen Sie nun, Herr Plüddekamp? Wir zwei haben eine Gans
+geschossen!«
+
+»Ich nicht,« meinte Wolf bedächtig, »ich glaube -- ich habe das blaue
+Himmelszelt getroffen.«
+
+»Merken Sie sich die Stelle, an der die Wildgans heruntergegangen ist.
+Es wird nicht lange dauern, dann kommt die zweite Auflage.« Sie schob
+neue Patronen in den Doppellauf des Gewehres hinein.
+
+Wolf setzte seine Büchse ab.
+
+»Ich habe heute kein Jagdglück,« sagte er.
+
+»Doch, Herr Plüddekamp,« fiel Lieschen ein. »Ein Mann wie Sie hat
+immer Glück.«
+
+Es kam dies so offen und ehrlich heraus und ihre Augen richteten sich
+so verheißungsvoll auf Wolf, daß er darin hätte leicht lesen können:
+das größte Glück steht an deiner Seite.
+
+Trotz der warmen Strahlen der Sonne flog Wolf ein kalter Schauer über
+den Rücken. Auf einem weiter unterhalb der Seen gelegenen Hügel waren
+Herta und Ilse plötzlich aufgetaucht. Unwillkürlich wandte sich sein
+Blick dorthin. Er seufzte tief auf.
+
+»Was haben Sie?« fragte Lieschen Wichers erstaunt.
+
+»Nichts,« erwiderte er kurz. Er wußte aber wohl, was in ihm vorging.
+
+Ein zweiter Schwarm wilder Gänse und vereinzelte Wildenten zogen
+vorüber, aber in solcher Höhe, daß ein Treffen unmöglich wurde.
+
+»Holen Sie unsere Beute,« bat Lieschen, zu Wolf gewandt. »Ich gehe
+inzwischen zu Ihrer Schwester, und Sie kommen mir dorthin nach.«
+
+Wolf mußte über das Eis des Sees schreiten, die Wildgans war in
+schräger Richtung am jenseitigen Ufer niedergegangen. Lieschen winkte
+ihm noch von weitem mit der Hand. Er kam in dem tiefen Schnee nur
+langsam vorwärts, dabei fröstelte ihn. --
+
+Nach einiger Zeit versammelten sich alle bei den Schlitten. Die jungen
+Lichtbraunen waren recht unruhig, und Jürgen rief seinem Bruder zu:
+
+»Gib gut acht, Wölfchen!«
+
+»Seien Sie ohne Sorge, Herr Plüddekamp!« lachte Lieschen hell auf.
+»Ich bin doch da, um aufzupassen.«
+
+Der erste Schlitten ging im schnellen Trabe voran. Die anderen drei
+folgten. Die Pferde griffen nach dem langen Stehen mutig aus, zumal
+es nach dem Stall ging. Namentlich die Lichtbraunen gallopierten
+fortgesetzt und waren kaum zu bändigen.
+
+»Fahr zu, Wolf!« rief Jürgen laut, »wenn die Braunen voran sind,
+werden sie ruhiger gehen!«
+
+Dieser hatte in dem kurzen Augenblick, während er im Schlitten
+vorbeisauste, einen Blick auf Ilse geworfen. Jürgen hielt seine Pferde
+fest in den Zügeln, sie sah mit den großen Augen stolz zu ihm auf.
+Wolf vergaß vor Ärger die Führung seiner Pferde; der Schlitten ging
+über eine Schneewehe und kam vollständig schräg zu stehen.
+
+»Oho, Wolf!« rief Jürgen ihm nach. »Beinahe hättest du eine Kippe
+gemacht!«
+
+Die Lichtbraunen aber jagten schon eine ganze Strecke voraus, und
+Jürgen wurde besorgt.
+
+»Sein Temperament reißt ihn wieder einmal fort,« brummte er vor sich
+hin. »Hätte Wolf nur mehr Ruhe in sich,« sagte er dann halblaut.
+
+Ilse hatte es gehört und erwiderte:
+
+»Herr Wolf ist manchmal recht ungestüm.«
+
+»Sooo,« meinte Jürgen gedehnt, »haben auch Sie dies an ihm bemerkt?«
+
+»Ja,« brachte sie ganz leise hervor, sah ihn aber durchdringend dabei
+an. »Ich habe es über mich ergehen lassen müssen.«
+
+»Müssen!« wiederholte Jürgen scharf. »Nein, Fräulein Hergenbach, Sie
+haben es nicht nötig! Wolf ist noch eine stürmische, nicht abgeklärte
+Natur. Weisen Sie ihn in seine Schranken zurück.«
+
+»Ich werde es tun, Herr Plüddekamp! Aber --« sie stockte.
+
+»Nun und?« fragte Jürgen.
+
+»Wenn Sie, Herr Plüddekamp --«
+
+»Ja, was soll ich dabei,« entgegnete er barsch, »ich stehe doch nicht
+immer neben Ihnen!«
+
+»Sie können viel tun, Herr Plüddekamp. Ihre Worte fallen schwer in
+die Wagschale. Herr Wolf ist manchmal ganz eigenartig zu mir -- ich
+weiß selbst nicht, was ich davon halten soll. Ich fühle mich glücklich
+in Ihrem Hause, und doch wird es mir zuweilen schwer, das richtige
+Verhalten in allen Dingen zu finden. Darum bitte ich Sie -- Herr
+Plüddekamp -- mir beizustehen.«
+
+Er sah sie an. Ihre Augen strahlten in voller Leidenschaft. Es wurde
+einen Augenblick hindurch siedendheiß in ihm. Was für eine Frau saß
+an seiner Seite? Welche Gewalt übte dieses Geschöpf selbst über ihn,
+den ruhigen Mann, aus! Es lag eine große Gefahr in ihr. -- Sollte er?
+-- Nein, nein, und dreimal nein! -- Sein Lebensweg war vorgezeichnet.
+Zurück mit solchen Gedanken! -- Er hob die Peitsche und hieb auf
+die Pferde ein, daß sie zum Galopp ansprangen und der Schlitten
+vorwärtsflog. -- Er hatte überwunden, und seine eiserne Ruhe kehrte
+zurück.
+
+»Es wäre besser gewesen, Sie kamen nie zu uns,« erwiderte er kalt.
+»Ich habe es auch nicht gewollt. Hätte ich gewußt, welchen Einfluß Sie
+auf Wolf ausüben würden, so wäre ich Herta schärfer gegenübergetreten.«
+
+»Herr Plüddekamp!« schrie sie gequält auf. »Sie nehmen mir durch Ihre
+Worte das Recht, länger in Ihrem Hause zu bleiben.«
+
+»Gewiß nicht, Fräulein Hergenbach! Ich habe meinen ersten
+Standpunkt aufgegeben. Herta sagte mir, daß Sie sehr tüchtig in der
+Hauswirtschaft sind. Ich bitte Sie nur um eins, lassen Sie Wolf ganz
+aus dem Spiele!«
+
+»Ich tue ja alles, daß er mir nicht nahe kommt, Herr Plüddekamp!«
+stieß sie erregt aus. »Ich beeinflusse sein Wesen in keiner Weise.
+Aber wie soll ich mich schützen, wenn er auf mich einstürmt --«
+
+»Kalt bleiben,« sagte Jürgen kurz, »das genügt!«
+
+In diesem Augenblick sah er, wie ein Schwarm Krähen, der eine Strecke
+voraus auf der Schneedecke lagerte, plötzlich mit lautem Gekrächze
+aufflog.
+
+Die Pferde Wolfs scheuten vor dieser schwarzen aufsteigenden Wolke
+und jagten in starkem Galopp davon. Lieschen Wichers griff mit beiden
+Händen in die Zügel. Dabei mußte sie zu sehr nach rechts gezogen
+haben, die Pferde bogen vom Wege ab, durchquerten eine Schneewehe und
+kamen aufs freie Feld hinaus. Dort rasten sie im weiten Bogen umher.
+Wolf strengte seine ganze Kraft an, um sie wieder an die Zügel zu
+bringen.
+
+Sie sausten jetzt in vollem Galopp auf den Weg zu. Der Schlitten von
+Jürgen befand sich in gleicher Höhe.
+
+»Weiter rechts, Wolf!« rief Jürgen.
+
+Es war bereits zu spät. Krachend stießen sie zusammen.
+
+Jürgens Schlitten wurde zur Seite geschleudert. Ilse flog heraus
+und schlug mit dem Kopf gegen einen am Wege stehenden Weidenstamm.
+Die Lichtbraunen rannten weiter. Nur mit Mühe konnte Jürgen seine
+ebenfalls aufgeregten Pferde zum Stehen bringen. Die Leine in der
+rechten Hand haltend, stieg er aus und beugte sich zu Ilse hernieder,
+um sie mit seinem freien linken Arm aufzuheben.
+
+Sie mußte einige Minuten bewußtlos gewesen sein. Als aber Jürgen
+ihren Körper berührte, schlug sie, wie aus einem Traum erwachend, die
+Augen groß zu ihm auf, ihre Arme umschlangen plötzlich seinen Hals,
+sie preßte sich fest an ihn, und »Jürgen, Jürgen!« klang es von ihren
+Lippen.
+
+»Sie vergessen sich, Fräulein Hergenbach,« sagte er ernst und löste
+seinen Arm von ihr. »Für Sie bin ich auch in einem solchen Augenblick
+-- Herr Plüddekamp.«
+
+Sie ließ von ihm ab, taumelte zurück und sank in sich zusammen.
+
+»Was ist mit mir geschehen?«
+
+»Haben Sie sich verletzt?« fragte Jürgen kalt.
+
+»Nein!« Sie stöhnte auf, als ob sie eine schwere Wunde empfangen
+hätte. »Es wird vorübergehen.« Dabei versuchte sie, sich aufzurichten.
+
+Mit gewaltiger Kraftanstrengung brachte Jürgen den Schlitten aus dem
+tiefen Schnee wieder auf die Bahn zurück.
+
+»Steigen Sie ein, Fräulein Hergenbach! Herta und Oberamtmann Wichers
+kommen schon heran.«
+
+Ohne ein Wort weiter zu wechseln, fuhren sie nach dem Gutshofe.
+
+
+
+
+ XV.
+
+
+Über dem Jagdessen hatte eine düstere Stimmung gelegen, die selbst
+Oberamtmann Wichers in seiner jovialen Weise nicht bannen konnte.
+Ilse saß bei Tisch wie eine leblose Statue an Jürgens Seite. Es
+wirkte dies lähmend auf die übrigen Gäste. Selbst Lieschen Wichers,
+das frohsinnige Geschöpf, wurde davon angesteckt. Wolfs Augen waren
+fortwährend auf Ilse gerichtet. Nach Aufhebung der Tafel fuhren
+Plüddekamps sofort nach Stettin zurück.
+
+»Nun brat mir einer eine Gans, aber recht knusprig,« sagte Oberamtmann
+Wichers, als die Geschwister fort waren. »Die Sache hat keinen guten
+Anstrich.«
+
+Lieschen Wichers war auf ihr Zimmer gegangen und weinte bitterlich.
+
+ * * * * *
+
+Jürgen und Wolf befanden sich am anderen Tage im Kontor stumm
+gegenüber. Keiner von beiden mochte das Gespräch anfangen. Es lag wie
+eine gefüllte Mine zwischen ihnen, die nicht entzündet werden sollte.
+Prokurist Armin kam wie täglich herein, um von Jürgen die Anordnungen
+entgegenzunehmen. Wolf erhob sich.
+
+»Du mußt mich heute entschuldigen, Jürgen! Ich habe starke
+Kopfschmerzen und will einen Spaziergang machen.« Er stand auf und
+ging hinaus.
+
+Jürgen stützte seinen Kopf schwer auf die Hand. Er besprach dann
+langsam die schwebenden Angelegenheiten.
+
+»Gestern war Herr Konsul Martens hier,« sagte Armin, »er wollte Herrn
+Wolf Plüddekamp fragen, ob Smiders & Sohn den Hamburger Herrn als
+stillen Teilhaber aufgenommen haben.«
+
+Jürgen zuckte mit den Achseln.
+
+»So viel ich weiß, ist es noch nicht so weit. Mein Bruder hat
+wenigstens nichts davon erwähnt.«
+
+ * * * * *
+
+Es war Tauwetter eingetreten. Die Straßen waren naß und schlüpfrig,
+von den Dächern tropfte der schmelzende Schnee herab.
+
+Wolf Plüddekamp ging durch die Anlagen, und der sonst so lebenslustige
+junge Mann schien ganz in Gedanken versunken zu sein. Er achtete kaum
+darauf, wer ihm begegnete.
+
+»Holla, junger Freund,« weckte ihn plötzlich die Stimme des Konsul
+Martens, der seinem Geschäft zueilte, aus dem tiefen Sinnen auf.
+»Wohin wollen Sie?«
+
+»Ziellos in die Welt!« erwiderte Wolf.
+
+»Das darf man nie, Freundchen,« erwiderte der Bankier. »Man muß stets
+ein Ziel vor Augen haben.« Er sah darauf den jungen Mann schärfer an.
+»Haben Sie gestern eine starke Sitzung gehabt?« fragte er weiter.
+
+»Nein, Herr Konsul! Wir waren in Wershagen zur Jagd.«
+
+»Natürlich hat Jürgen wieder die größte Strecke gehabt.«
+
+»Stimmt auffällig! Er erlegte eine stattliche Reihe Wildgänse.«
+
+»Und Sie?«
+
+»Eine -- dabei nur gemeinschaftlich mit Fräulein Lieschen Wichers. Wer
+sie eigentlich getroffen, wußten wir selbst nicht.«
+
+»Macht nichts, lieber Freund! Mit Lieschen Wichers können Sie sich
+ruhig in das Jagdglück teilen. Überhaupt -- das Fräulein ist eine
+Partie für Sie! Ich habe schon immer etwas munkeln hören. Greifen
+Sie doch zu! Neulich war der Oberamtmann mit seinem Töchterlein bei
+mir. Ich darf zwar nicht ausplaudern, aber das kann ich Ihnen doch
+sagen, die Staatspapiere, die er auf der Bank liegen hat, werden außer
+Wershagen eine stattliche Mitgift für die einzige Tochter sein. Sie
+können sich dann später den Roggen gleich selbst bauen, den Sie im
+Geschäft brauchen.«
+
+Wolf hatte den alten Freund der Familie ruhig sprechen lassen. Er
+seufzte jetzt tief auf.
+
+»Es ist richtig, was Sie sagen, Konsul Martens! Ich würde mich
+vielleicht auch eines Tages dazu entschließen, wenn nicht --«
+
+»Nanu,« meinte Martens verdutzt, »haben Sie noch mehr Ernsthaftes im
+Sinne?«
+
+»Ja!« fuhr es Wolf heraus. »Sind Sie eilig, in Ihre Bank zu kommen,
+oder können Sie noch mit mir ein wenig spazieren gehen?«
+
+»Gern,« erwiderte der Konsul. Sie schritten langsam auf den nassen
+Wegen dahin. Hie und da war der Schnee zu einer großen Wasserlache
+geworden, die sie in weitem Bogen umschreiten mußten.
+
+»Sie waren als junger Mann in Berlin?« begann Wolf plötzlich zu fragen.
+
+»Allerdings,« nickte der Konsul.
+
+»Sie erlebten dort manches?«
+
+»Natürlich,« erwiderte der Konsul lächelnd, »man muß sich doch in
+seiner Jugend die Hörner abstoßen, wie man so zu sagen pflegt --«
+
+»Und sind dann Junggeselle geblieben!«
+
+»Leider!« stieß Martens aus. »Sie wissen ja auch, warum.«
+
+»Gut! Sagen Sie mir jetzt, Konsul Martens: gibt es Frauen, die einen
+Mann so fesseln können, daß die Leidenschaft, die man für sie fühlt,
+ein Leben hindurch aushält?«
+
+Der Bankier schaute erstaunt auf.
+
+»Ei, ei, lieber Freund Wolf, das ist eine heikle Frage! Wie soll
+ich Ihnen diese beantworten! -- Es kommt ganz auf Charakter und
+Temperament an. Zum Guten führt es wohl selten. Für eine Ehe
+braucht man mehr. Dazu gehört vor allen Dingen eine beiderseitige
+Herzensbildung, gleiche Neigungen und ein alles umfassendes
+Wohlwollen, das man sich täglich und stündlich angedeihen lassen muß.
+Eine Ehe soll nicht Sturm auf dem Meere bedeuten, sondern Frieden und
+Ruhe im Hafen an einem sicheren Anker.«
+
+»Und wenn man dies nun nicht kann!« fuhr Wolf plötzlich auf. »Wenn
+es nicht möglich ist, daß man sich in ein solches Los hineinfindet?
+Wenn man sich mit allen Gedanken an ein Geschöpf kettet, das jeden
+Nerv in einem erregt! Dieses Geschöpf aber herumflattert, wie eine
+angeschossene Weihe, die noch im letzten Augenblick mit ihren Fängen
+zuschlagen will, -- was soll man dann tun?«
+
+»Brr!« schüttelte sich Konsul Martens, »was malen Sie für Bilder,
+lieber Wolf! Mit Raubvögeln mag ich nichts zu schaffen haben. Die
+läßt man hübsch beiseite. Das Interesse ist höchstens für einige
+flüchtige Minuten, -- aber nicht für das Leben. Ich weiß wohl, wen
+Sie meinen! Übrigens, Sie stehen damit nicht allein da. Es ging mir
+gerade so. Ilse Hergenbach, diese meinen Sie doch, hat auf uns alle
+eine merkwürdige Anziehungskraft ausgeübt. Wissen Sie, Freundchen, --
+sie ist ein Weib, das uns eine Zeitlang berauschen, aber nie beglücken
+wird.« Er setzte dann ernst hinzu: »Lassen Sie die Hand davon, Wolf
+Plüddekamp!«
+
+»Ich kann es nicht mehr! Ich kann es wirklich nicht mehr,« sagte der
+junge Mann mit ganz verstörtem Gesichtsausdruck. »Ich erliege fast
+unter den seelischen Qualen, die ich in den letzten Monaten erduldet
+habe. Wenn Sie wüßten, was alles unter uns vorgefallen ist, und dabei
+bin ich heute noch keinen Schritt weiter wie am ersten Tage! Es packt
+mich zuweilen eine Eifersucht, wenn sie andere Männer ansieht, daß
+ich rein toll werden könnte. Mit dem ersten Blick aus ihren grauen,
+rätselhaften Augen hat sie meinen ganzen Gemütszustand in eine wilde
+Erregung gebracht. Sie muß mein werden!«
+
+»Pah, pah! Lieber junger Freund,« erwiderte Konsul Martens. »Verstehe,
+verstehe! Ich bin gut zwei Dutzend Jahre älter als Sie, da denkt
+man ruhiger über solche Leidenschaft. Ich habe Fräulein Hergenbach
+mehrfach beobachtet! Ich glaube, wir erleben noch etwas an ihr --«
+
+»Dann bin ich dabei,« sagte Wolf kurz. »Ich ändere nichts mehr daran.«
+
+»Holla, mein Herr Wolf! Ehe Sie einen törichten Schritt vornehmen,
+vertrauen Sie sich erst vor allen Dingen Ihrem Bruder Jürgen an.«
+
+»Das kann ich nicht, Konsul Martens! Jürgen versteht mich nun einmal
+nicht!«
+
+Sie waren bis zu der Straße gekommen, bei der Konsul Martens abbiegen
+mußte, um in sein Geschäft zu gelangen.
+
+»Na, Gott befohlen! Wenn Sie eine Aussprache brauchen, so stehe ich
+gern zur Verfügung, schon um meiner Freundin Herta willen, die tief
+betrübt sein würde, wenn sich das Leben ihres Lieblingsbruders nicht
+glücklich gestaltete.« --
+
+Wolf trieb es noch eine Zeitlang ruhelos umher. Als er dann endlich
+den Schritt heimwärts wandte und die große Haustreppe emporstieg,
+vernahm er plötzlich die Stimme von Alfred Smiders. Er kannte diesen
+nachlässigen, halb vornehm sein sollenden, halb vertraulichen Ton.
+
+»Fragte schon Fräulein Plüddekamp nach Ihnen, Schönste. Ich freue
+mich, unter den breiten wohlbehäbigen pommerschen Gesichtern so
+interessante Züge zu sehen, wie die Ihrigen. Zum Teufel! Ich war ganz
+entzückt, als ich mich Ihnen in Swinemünde nähern konnte. Hatte
+Sie schon früher beobachtet. Sie waren auf der Lastadie. Solche
+Prachtaugen vergißt man nicht leicht.«
+
+Wolf war mit ein paar hastigen Sprüngen oben. Er sah, wie Ilse stumm,
+mit gesenkten Blicken vor Smiders stand.
+
+»Morgen, Alfred!« rief er so laut, daß sich dieser rasch umdrehte.
+
+»Ah -- Wölfchen!« Der anfangs überraschte Reeder faßte sich sofort
+wieder. »Freut mich, daß ich dich noch antreffe, habe deiner Schwester
+die schuldige Ehrfurcht bezeigt.« Er reichte Wolf die Hand hin, die
+dieser nur widerstrebend nahm.
+
+Ilse war wie vom Erdboden verschwunden.
+
+»Wie steht es mit dem Brief?« fragte Smiders darauf hastig. »Warum
+bist du nicht nach der ›Grünen Schanze‹ gekommen? Riekchen weint sich
+bald die Augen aus. Wir wollen uns doch heute nachmittag dort treffen.
+Komm um sechs Uhr, und jetzt -- Leb wohl! Ich habe noch einen eiligen
+Gang vor.«
+
+Die ganze Szene ging so blitzschnell an Wolf vorüber, daß er Smiders
+verwundert nachschaute, als dieser bereits die Treppe hinunterstieg.
+
+»Ein miserabler Bursche!« Er trat heftig mit dem Fuß auf. »Mit welchen
+faden Schmeicheleien er sich an Ilse herandrängen wollte! Er glaubt in
+ihren Augen zu lesen, wonach sein Wunsch steht. Ich dulde es nicht
+länger, daß sie derart umflattert wird.« --
+
+Jürgen Plüddekamp war sehr ernst gestimmt. Beim Mittagessen sprach er
+kein Wort, und es fiel Herta auf, daß er Ilse Hergenbach gar nicht
+beachtete. Auch diese zeigte ihm gegenüber eine große Zurückhaltung.
+Ihr Antlitz war bleicher als sonst. Sobald sie die Augenlider
+aufhob, schoß ein düsterer Blick hervor, der von gewaltigen inneren
+Kämpfen sprach. Jürgen hatte Ilse Hergenbach, wie er es bei seinen
+Geschwistern tat, nach der Mahlzeit stets die Hand gereicht. Dies fiel
+heute fort. Beide wandten sich stumm von einander ab.
+
+Wolf hatte die Speisen kaum angerührt. Auf Hertas Frage gab er zur
+Antwort, daß er sich nicht wohl befinde.
+
+»Ich habe ein gutes Mittel in der Hausapotheke, Wölfchen. Soll ich es
+dir holen?«
+
+»Danke, nein!« entgegnete Wolf kurz, »mir helfen jetzt keine Pulver.«
+
+»Was ist nur mit euch Männern los? Es ist kaum auszuhalten! Jürgen
+beträgt sich wie ein alter Brummbär, du machst eine jämmerliche Miene.
+Wohin soll dies führen?«
+
+»Ich hoffe, es wird bald anders sein, Schwester,« erwiderte Wolf
+ernst; damit ging er nach seinem Zimmer hinauf.
+
+Am Nachmittag arbeitete Jürgen wie immer im Kontor. Herta war
+ausgegangen, und die oberen Räume des Hauses lagen in tiefster Ruhe.
+Wolf befand sich auf seinem Zimmer. Er stand lauschend an der Tür und
+hoffte jeden Augenblick, den flüchtigen Tritt von Ilse zu vernehmen.
+Er wollte und mußte sie heute allein sprechen. Plötzlich kam es ihm
+vor, als ob jemand leise nach dem kleinen Salon zuschritte. Dies
+konnte nur Ilse sein. Sofort war er hinaus und schlich sich auf den
+Zehenspitzen bis zum Speisezimmer hin. Hier trat er ein und ging
+lautlos über den dicken Teppich bis zum Nebenzimmer.
+
+Ilse hatte sich vor dem kleinen Ebenholztisch auf einen Polstersessel
+niedergelassen und war im Begriff, die Mappe mit den großen
+Kunstblättern zu öffnen. Ehe sie dies ausführen konnte, stand Wolf
+schon hinter ihr.
+
+Sie sah sich scheinbar erschrocken um, und doch hatte sie ihn
+erwartet. Sie wußte, daß er jede Gelegenheit aufspürte, um ihrer
+habhaft zu werden, und erinnerte sich dabei an seine früheren Worte.
+
+Seit dem gestrigen Tage war in ihr ein Haß aufgestiegen, wie er nur
+aus einer abgewiesenen heißen Liebe entstehen kann. In Jürgen hatte
+sich alles für sie verkörpert, was sie ersehnte. Nun wollte sie sich
+an ihm durch den Bruder rächen.
+
+»Ilse! Endlich treffe ich dich allein!« Wolf legte seine Hand auf
+ihre Schulter und fühlte, wie ihr ganzer Körper unter diesem Druck zu
+zittern begann. »Warum gingst du mir aus dem Wege? Hast du keine Liebe
+für mich?«
+
+Sie wandte ihm das Gesicht zu. Ein heißer Blick aus ihren Augen traf
+ihn.
+
+»Was kann ich Ihnen sein!« erwiderte sie mit zuckenden Lippen. »Ich --
+das arme Brennermädel -- die Hexe Ilse!«
+
+»Was du mir sein kannst!« jubelte er laut. »Alles! Alles! Meine
+innig Geliebte -- mein Weib! Ich kann mir nichts Schöneres denken,
+als an deiner Seite zu leben! Ich will nur dich -- dich -- Ilse und
+weiter nichts! -- Mögen Herta und Jürgen mir gram sein, ich bin fest
+entschlossen, dich zu heiraten.«
+
+Sie senkte den Kopf und schluchzte krampfhaft auf.
+
+»Nein, nein, Wolf! Ihre Geschwister wollen es nicht! Sie behandeln
+mich nicht danach! Ich muß fort! Sie werden nur unglücklich durch
+mich.«
+
+»Ich unglücklich?« jauchzte er auf. »Toll vor Glück werde ich!« Er riß
+sie empor und preßte sie gewaltsam an sich. »Sieh mich an -- deine
+Augen haben so Wunderbares für mich.«
+
+Sie schaute zu ihm auf. Ihre Blicke ruhten in den seinen.
+
+»Ilse!« schrie er dann, »das Blut tobt in mir! Ich weiß kaum, wie ich
+es ertragen soll; du mußt mein sein -- mein für immer!«
+
+»Sie wollen meinetwegen den Kampf mit Ihren Geschwistern aufnehmen,
+Wolf?«
+
+»Sage du, du!« rief er glückstrahlend aus.
+
+Da bebte es von ihren Lippen:
+
+»Wolf -- du -- ich will dir ja -- folgen --« Ilse war wie verwandelt.
+Sie schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn wild an sich. Ein
+Rausch umfing beide, aus dem sie sich kaum wiederzufinden vermochten.
+
+»Ich werde noch heute Jürgen und Herta sagen, daß wir uns verlobt
+haben,« suchte sich Wolf zu fassen.
+
+»Nein, nein,« bat sie, »laß uns noch die Heimlichkeit. Ich fliehe dich
+jetzt nicht mehr, -- ich gehöre dir an! Wir wollen recht oft zusammen
+sein. Ach, -- die Stunden, -- die nun kommen werden --«. Wieder und
+immer wieder schlang sie die Arme um ihn. Sie atmete eine glühende
+Leidenschaft aus. Das Feuer, das in ihren Augen aufflammte, sprach
+mehr, als Worte zu sagen vermögen ...
+
+»Ich werde es doch lieber meinen Geschwistern mitteilen, Ilse!«
+wiederholte er hastig.
+
+»Dann kann ich nicht länger hier bleiben und muß nach Nordhausen zu
+meinen Eltern zurück. Es geht nicht anders, ich bitte dich darum, Wolf
+--«
+
+Seine Gedanken ordneten sich.
+
+»Ja, ja! Du hast recht, Ilse! Leider hat die Welt so sonderbare
+Ansichten. Wenn wir uns offen als Verlobte bekennen, müssen wir uns
+sofort trennen. Ich kann dich aber nicht fortlassen --«
+
+»So bleibt uns nur die Heimlichkeit, Wolf!«
+
+Er preßte ihre Hand.
+
+»Ich verspreche es dir, Ilse --«
+
+Nach einer geraumen Weile fragte er sie:
+
+»Was hast du nur mit Jürgen? Die schroffe Art, mit der ihr euch
+seit gestern gegenübersteht, ist doch nicht allein durch den Unfall
+hervorgerufen! Er konnte doch nichts dafür! Meine schlechte Fahrerei
+war daran schuld. Du würdest sonst nicht aus dem Schlitten gestürzt
+sein. -- Vertrau es mir an, Ilse.«
+
+Eine Weile blieb es stumm, dann kam es zögernd heraus:
+
+»Jürgen verlangte von mir, daß ich mich kalt und abwehrend gegen dich
+verhalten solle. Er will keine Annäherung zwischen uns dulden.«
+
+Wolf brauste heftig auf.
+
+»Nun sehe ich endlich klar, wohin der Chef des Hauses Plüddekamp
+zielt! Mein Wille steht aber aufrecht neben dem seinen! Wir werden
+dies alte Heim verlassen und uns ein neues gründen.«
+
+
+
+
+ XVI.
+
+
+Die ersten Frühlingsboten kamen ins Land. Oder und Haff waren schon
+längere Zeit eisfrei. Die Schiffahrt hatte begonnen. Die meisten
+Dampfer befanden sich auf ihren regelmäßigen Fahrten. Nur der
+verflossene harte Winter rief eine sonst selten eintretende Pause im
+Dampferdienst hervor.
+
+Das Leben im Plüddekampschen Hause lief wie früher eintönig dahin.
+Wolf war merkwürdig ruhig geworden, es stand sogar öfters ein
+glückliches Lächeln in seinem Gesicht. Herta und Jürgen konnten sich
+nicht vorstellen, woher diese Veränderung in seinem Wesen stammte.
+Weder Ilse noch Wolf verrieten das Geringste, aus dem die Geschwister
+auf irgendeine Annäherung der beiden zu schließen vermochten.
+
+Wolf war eifrig im Geschäft tätig, so daß Jürgen zuweilen ganz
+verwundert zu seinem Bruder hinüberschaute, wenn er für verwickelte
+Geschäftssachen bereits alles vorgearbeitet fand. Nur mit Smiders
+mochte Wolf nicht mehr zusammentreffen, um mit dessen Maßnahmen
+vertraut zu bleiben.
+
+»Ich wünschte, Jürgen, ich brauchte es nicht,« sagte er zu diesem,
+und es zuckte dabei eigenartig über die Züge des jungen Mannes.
+Schließlich mußte er sich doch der Angelegenheit unterziehen. Es war
+ihm höchst unangenehm, daß er dabei mit der blonden Rieke in einem
+gewissen Einvernehmen stand. Je öfter er gezwungenermaßen dorthin
+ging, desto vertraulicher wurde sie zu ihm. Sie sandte ihm sogar
+Briefe und machte darin auf manches aufmerksam. Zum Schluß kamen auch
+persönliche sehnsüchtige Wünsche hervor. Wolf verbrannte jedes dieser
+Schreiben.
+
+Der Hamburger Kapitalist, Herr Kneis, zögerte immer noch, Smiders
+seine Zusage zu erteilen. Er wartete auf das Einlaufen der anderen
+Dampfer.
+
+»Unsere spanische Lieferung wird außerordentlich dringend,« hatte
+Armin zu Jürgen gesagt. »Die Briefe von den Brennereien lassen keinen
+Zweifel aufkommen, daß die ganze Ladung zur abgeschlossenen Zeit
+verfrachtet sein muß. Es könnten uns große Verluste entstehen.«
+
+Jürgen, der sonst so ruhige und überlegene Kaufmann, kam in eine
+gewisse Erregung hinein. Ganz gegen seine Gewohnheit ging er bereits
+am Vormittag fort und suchte seinen Freund, Konsul Martens, in dessen
+Bankgeschäft auf.
+
+»Tue mir den Gefallen, Charles, und rufe die Direktion der Werft
+an, wie es mit dem ›Friedrich Barbarossa‹ steht. Ich habe trotz
+aller Bemühungen keinen genügenden Ersatz finden können und bin also
+unbedingt auf den Dampfer angewiesen.«
+
+»Lieber Freund,« zögerte Martens etwas, »ganz einfach ist die Sache
+nicht. Ich muß dir bereits im voraus sagen, daß Smiders die fälligen
+Raten nicht abgeführt hat und unsere Direktion sehr vorsichtig
+geworden ist. Sie wartet jetzt ab, ob die Reederei neues Kapital
+erhält. Der Überseer scheint ein sehr genau abwägender Kaufmann zu
+sein und es ist deshalb augenblicklich eine unangenehme Stockung
+eingetreten. Du kannst dich selbst davon überzeugen, -- ich komme
+deinem Wunsch jetzt nach.«
+
+Er nahm den Hörer vom Tischtelephon und ließ sich mit der Werft in
+Verbindung bringen. Nachdem er das Gespräch einige Zeit geführt, rief
+er Jürgen heran.
+
+»Du kannst jetzt mit dem Direktor sprechen, er wird dir bestätigen,
+was ich schon sagte.«
+
+Jürgen Plüddekamp machte eine sehr ernste Miene, als er die Auskunft
+von der Werft erhielt.
+
+»Die Mitteilung deiner Direktion heißt auf Deutsch: wir stellen die
+Arbeit an dem ›Friedrich Barbarossa‹ ein, wenn Smiders nicht zahlt!
+Ist dies auch richtig gehandelt?«
+
+»Sein Vertrag mit uns ist hinfällig geworden, Jürgen. Wir sind von
+der Konventionalstrafe befreit. Nun wird er wohl bald andere Saiten
+aufziehen müssen und sich beeilen, seine Sachen zu ordnen, wenn er
+nicht in große Schwierigkeiten geraten will.«
+
+Jürgen schüttelte mit dem Kopf.
+
+»Ich muß immer wieder betonen, Charles: bleibt ihr dabei stehen, so
+fällt die Firma um. Ich weiß aus anderer Quelle, welche hohen Summen
+auf sie laufen.«
+
+»Stimmt,« meinte der Bankier ruhig. »Smiders gibt sich alle Mühe,
+seine Papiere von der Reichsbank fernzuhalten, damit die Höhe seiner
+Verbindlichkeiten nicht genau beurteilt werden kann. Er sucht deshalb
+in Berlin fragwürdige Diskontstellen auf.«
+
+»Also Akzeptaustausch,« fiel Jürgen ein.
+
+»Mag sein,« erwiderte Martens. »Ich kann es nicht bestimmt behaupten.«
+
+»Smiders senior hat sein ganzes Vermögen im Geschäft stecken,« fuhr
+Jürgen fort. »Ein braver alter Herr, mit dem mein Vater und ich lange
+Zeit hindurch in angenehmer Verbindung standen. Wohin hat der Sohn die
+Reederei nun gebracht!«
+
+Martens zuckte mit den Achseln.
+
+»Wer von alten bewährten Geschäftsgrundsätzen abgeht und schnell
+groß werden will, begibt sich auf eine gefahrvolle Bahn. Glückt die
+Spekulation, dann preist man den Unternehmer. Im anderen Fall ist er
+abgetan.«
+
+»Das hilft mir aber nicht, Charles! Ich muß wirklich sagen, ich komme
+jetzt durch euch in eine häßliche Lage hinein.«
+
+»Ich bin dir gern in allen Dingen gefällig, hier hat meine Macht ein
+Ende. Ich will dir aber einen anderen Vorschlag machen. Du bist ein
+reicher Mann: wie wäre es, wenn du Smiders unter die Arme griffest?
+Ich würde mich dann ebenfalls dazu bereit erklären.«
+
+»Alle Wetter!« fuhr Jürgen auf, »du bist ein weißer Rabe, Charles, der
+bekanntlich als der Klügste unter den Klugen gilt. Nimm es mir nicht
+übel, ich denke nicht daran, diesem Manne mein Geld zu geben.«
+
+»Dann wirst du dich wohl gedulden müssen, was aus der Sache wird,«
+bemerkte der Bankier.
+
+»Wolf trifft heute mit Smiders zusammen, um zu erfahren, was dieser
+zu tun gedenkt. Er beehrte uns in letzter Zeit schon ein paarmal
+in unserer Häuslichkeit. Ich habe mich wegen Arbeit und Jagd
+entschuldigen lassen und bin ferngeblieben.«
+
+»Aha!« machte Martens. »Er ist ein lockerer Vogel und interessiert
+sich wohl für Fräulein Hergenbach?«
+
+In Jürgens Gesicht zog sich eine drohende Falte zusammen.
+
+»Charles, sage mir kein Wort davon! Ich bin froh, daß Wolf in der
+letzten Zeit ein anderes Gesicht zeigt. Er scheint die Krankheit
+hinter sich zu haben. Übrigens wird Herta Sorge tragen, daß Ilse
+Hergenbach mit Smiders nicht weiter in Berührung kommt.«
+
+Konsul Martens machte eine ziemlich überlegene Miene.
+
+»Du bist zwar das Oberhaupt der Familie, Jürgen, ob du aber in allem
+unterrichtet sein kannst, erscheint mir fraglich.«
+
+»Wieso, Charles?«
+
+»Hast du die volle Überzeugung von deinem Bruder, daß er sich nicht
+mehr um Ilse Hergenbach bekümmert?«
+
+»Ja,« antwortete Jürgen mit Nachdruck. »Es steckt kein Falsch in Wolf.
+Er ist ein offener, aufrichtiger Mensch.«
+
+»Soll mich freuen, wenn du recht hast, Jürgen! Die Leidenschaft spielt
+aber Männern manchmal arg mit, und namentlich bei einem so frischen
+jungen Menschen, wie deinem Bruder. -- Doch dies nur nebenbei. -- Wie
+steht es nun mit Smiders, bist du nicht bereit dazu?«
+
+»Nein,« antwortete Jürgen kurz. »Für Alfred Smiders habe ich keinen
+Groschen übrig. Ich muß mir auf andere Weise helfen.«
+
+Jürgen ging. Konsul Martens schüttelte den Kopf.
+
+»Wie sich doch zuweilen der tüchtigste Geschäftsmann verleiten läßt,
+durch Antipathien einen falschen Entschluß zu fassen. Wir würden
+zusammen das beste Geschäft machen, und Plüddekamp wäre aller Sorge
+ledig. Der ›Friedrich Barbarossa‹ wird so gut wie ein neues Schiff,
+darin liegt viel Aussicht.« --
+
+»Es wäre das erstemal, daß unsere Firma eine Ladung nicht prompt
+absenden würde,« sagte Jürgen mürrisch, als er in das Kontor
+zurückkehrte. »Ich mußte aber das Vertrauen in die Reederei setzen.
+Nun ist zum Überfluß noch durch den langandauernden Winter keine
+Schaluppe zu bekommen.«
+
+»Wir wollen uns doch mit den spanischen Brennereien einigen, Jürgen,«
+warf Wolf ein. »Etwas anderes wird kaum übrig bleiben.«
+
+»Du hast gut reden, Wolf!« erwiderte dieser. »Lies die letzten
+Antworten. Sie bestehen unbedingt auf den festen Abmachungen.« Er
+nahm auf seinem Schreibsessel Platz und legte die breite Hand auf die
+hohe Stirn. Sein ganzes Denken drängte auf die eine Sache hin. »Ich
+hab's!« rief er plötzlich aus. »Unser Vater stand vor langen Jahren
+mit einigen spanischen Getreidefirmen in Verbindung. Es muß einer von
+uns sofort dorthin fahren, die erste Lieferung Roggen aufkaufen und
+mit der Bahn verfrachten. Alsdann werden die Brennereien wohl mit sich
+reden lassen und wir gewinnen Zeit.«
+
+Wolf sah seinen Bruder erstaunt an. War diese Lösung das Ergebnis
+kurzen Nachdenkens, oder hatte sich Jürgen mit dem Gedanken schon
+länger vertraut gemacht?
+
+»So einfach ist es nicht,« erwiderte er dann. »Der Roggenbau Spaniens
+ist nicht bedeutend. Die mit den dortigen Getreidefirmen gepflogenen
+früheren Beziehungen sind eingeschlafen. Es wird schwer halten, deinen
+Gedanken auszuführen, wenn es überhaupt möglich ist!«
+
+»Möglich!« lachte Jürgen in seiner beliebten breiten Art. »Es ist
+alles möglich, sobald man mit einer Brieftasche voller Banknoten
+kommt, -- jedenfalls der einzige gescheite Gedanke. Ich bin überzeugt,
+daß du die Sache glatt erledigen wirst.«
+
+»Ich soll nach Spanien reisen!« sprang Wolf von seinem Sitz auf. »Ich
+denke nicht daran, Jürgen.«
+
+»Wieso?« fragte dieser verblüfft. »Du bist nun einmal der Minister des
+Auswärtigen. Übrigens ist es nicht allein eine interessante Aufgabe,
+sondern auch eine schöne Reise. Hierbei kannst du dein ganzes Können
+zeigen. Es muß dir eine Freude sein, unserer Firma einen solchen
+Dienst zu erweisen. Du hast Gewandtheit im Verkehr und sprichst gut
+französisch, die Spanier werden es sicherlich ebenfalls verstehen.
+Neben dem Geschäftlichen wirst du Vergnügen in Hülle und Fülle finden.
+Also woran hapert es noch, Wölfchen?«
+
+Dieser trat unruhig hin und her.
+
+»Ich kann mich nicht dazu verstehen, Jürgen. Die Reise nimmt mehrere
+Wochen in Anspruch. Die Sache ist von heute auf morgen nicht zu
+erledigen.«
+
+»Es schadet auch nichts! Wenn sie wirklich länger dauert! Ich gebe dir
+volle Freiheit des Handelns, und nun sage -- ja!«
+
+»Ich muß es dir leider abschlagen, Jürgen! Ich habe keine Lust dazu.«
+
+»Keine Lust!« fuhr Jürgen auf. »Einen solchen Grund darf ein ernster
+Geschäftsmann überhaupt nicht äußern.«
+
+»Ich bitte dich, Jürgen, wir wollen das Thema fallen lassen! Es hat
+keinen Zweck. Ich wiederhole dir nochmals, die Reise liegt mir nicht.
+Ich kann sie also nicht unternehmen. Es ist richtiger, wir treiben
+Smiders in die Enge und drohen ihm die Entziehung aller Frachten an,
+wenn er nicht für den ›Friedrich Barbarossa‹ Ersatz schafft.«
+
+»Donner und Doria!« fluchte Jürgen, »das hat doch gar keinen Zweck.
+Smiders sitzt schon fest genug. Packen wir auch zu, dann fällt er
+noch schneller als es so bereits kommen wird. Du willst heute mit ihm
+in der ›Grünen Schanze‹ verhandeln. Glaubst du, daß noch etwas dabei
+herauskommt? Er hält dich hin. Du mußt also fahren, Wolf! Es bleibt
+gar keine andere Wahl.«
+
+Wolf antwortete nicht, sondern zuckte mit den Achseln und schritt im
+Kontor unruhig auf und ab.
+
+»Herta sagte mir übrigens vor längerer Zeit, daß du eine Reise nach
+dem Süden machen wollest,« begann Jürgen wieder.
+
+»Ich habe kein Wort davon erwähnt,« erwiderte Wolf, »und weiß nicht,
+wie Herta darauf kommt.«
+
+Jürgen rief durchs Haustelephon Prokurist Armin herein und erklärte
+ihm seine Absichten.
+
+»In diesem Falle unbedingt das einzig Richtige,« bestätigte Armin,
+»ich rate dringend dazu.«
+
+»Du hörst es, Wölfchen,« sagte Jürgen, »Armin ist der gleichen Meinung
+wie ich. Sehen Sie doch einmal nach, mit welchen Firmen wir seinerzeit
+in Verbindung standen. Es mögen allerdings fünfzehn bis zwanzig Jahre
+her sein,« wandte er sich an diesen.
+
+Nachdem der Prokurist das Privatkontor verlassen hatte, stand Jürgen
+auf und trat an seinen Bruder heran. Ihm die schwere Hand auf die
+Schulter legend, bat er: »Sei gut, Wölfchen, und stimme zu. Du kannst
+dabei Lieschen Wichers einen Herzenswunsch erfüllen, indem du ihr die
+schönsten Ansichtskarten schickst.«
+
+»Es geht auf keinen Fall, Jürgen,« lehnte dieser kurz ab.
+
+»Dahinter steckt etwas,« wurde Jürgen nun ärgerlich, »gib mir
+wenigstens rundheraus an, warum du nicht fahren willst.«
+
+Wolf trat heftig mit dem Fuß auf.
+
+»Ich bin dir darüber keine Rechenschaft schuldig! Meine Ablehnung ist
+doch genug.«
+
+»In diesem Falle nicht,« entgegnete Jürgen sehr ernsten Tones. »Es
+handelt sich um derart wichtige Geschäftsinteressen, daß alle anderen
+Sachen, die dir vielleicht vorschweben, dahinter zurücktreten müssen.«
+
+»So -- -- müssen? Nein!« Es zuckte in Wolfs Zügen unruhig hin und her.
+Er wollte etwas sagen und hielt es wieder zurück.
+
+»Sprich dich endlich aus, Wolf,« wiederholte Jürgen, »wir sind doch
+Brüder und werden wohl keine Geheimnisse voreinander haben.«
+
+Wolf richtete sich auf und brachte abgerissen hervor:
+
+»Natürlich mußt du es erfahren! Es war auch meine Absicht, aber Ilse
+wollte nicht!«
+
+»Wie -- was!« rief Jürgen heftig aus, »Fräulein Hergenbach hat doch
+mit unserer Angelegenheit nichts zu tun?«
+
+»Doch -- in diesem Falle wohl, Jürgen! Ich habe mich mit Ilse
+Hergenbach verlobt --!«
+
+Es war, als ob ein plötzlicher Blitz über Jürgens Gesicht fuhr. In
+seinen Worten wetterleuchtete es weiter.
+
+»Ich glaube -- ich höre nicht recht! Du hast dich mit Fräulein
+Hergenbach verlobt -- und kein Wort mit Herta und mir vorher
+gesprochen! Das ist doch unerhört! Bei der wichtigsten Frage des
+Lebens geht man doch mit sich zu Rate, ehe man so töricht handelt!
+Ilse Hergenbach? -- Nie und nimmer können wir das zugeben! Sie muß
+sofort aus dem Hause.« Die Zornesader der Plüddekamps schwoll auf
+seiner Stirn drohend an. Er hatte in letzter Zeit geglaubt, daß Wolf
+zur Vernunft zurückgekehrt war, und nun sah er sich vor eine noch
+schlimmere Tatsache gestellt. Es empörte ihn aufs äußerste.
+
+Dieser war bei den Worten seines Bruders vor Aufregung bleich
+geworden. Seine sonst so freundlich dreinblickenden Augen funkelten
+zornig.
+
+»Ihr wollt mir also das Recht nehmen, mein Glück zu suchen, wo es
+mir gefällt! Ich soll nun einmal keinen eigenen Willen haben! Aber
+ihr sollt sehen, Jürgen, daß ich ihn habe! -- Ich will gar nicht im
+Plüddekampschen Hause bleiben. Ich gründe mir mein eigenes Heim und
+lasse mir keine Vorschriften mehr machen.«
+
+»Wolf! Wolf!« rief Jürgen warnend, »ist das der Dank, den du für mich
+übrig hast? Kein Vater kann mehr gesorgt haben, wie ich es als Bruder
+für dich tat, und nun kommst du mir mit einer solchen Torheit, mit
+einem solchen kindischen Trotz! Ilse Hergenbach, -- ich könnte dir
+etwas sagen, -- aber ich will es nicht! Verstehst du, -- ich will
+es nicht und ich werde es nicht tun! Bei deiner Auffassung würdest
+du mir sonst noch selbstsüchtige Gründe unterschieben. Ich sehe das
+Unheil über dich hereinbrechen, wenn du an ihr festhältst! Sie ist
+keine Mutter für unsere nächste Generation! Dazu gehört Biederkeit und
+lautere Gesinnung, aber nicht verstecktes Wesen.«
+
+»Genug, Jürgen!« trat ihm Wolf in voller Aufregung entgegen, »sage
+kein Wort weiter! Ilse Hergenbach -- ist meine Braut und ich trenne
+mich von euch, wenn ihr sie schmäht!«
+
+Die beiden Brüder sahen sich lange und durchdringend an, dann ließ
+Jürgen unwillig den hochgehobenen Arm sinken.
+
+»Ich will dich wegen einer Frau nicht verlieren, und ich sehe, du bist
+schon zu weit von uns abgeirrt, -- so magst du denn selbst über dein
+Los entscheiden! Ich will es dir nicht verwehren!«
+
+Man sah Jürgen an, wie schwer es ihm wurde, sich diese Worte
+abzuringen.
+
+»Ich werde dir nichts in den Weg legen, wenn du jetzt für unsere
+Firma die Reise ausführst, die auch für dich von größter Tragweite
+ist,« fuhr er fort. »Sie mag der Prüfstein für dich selbst sein. Bist
+du nach deiner Rückkehr noch derselben Anschauung wie heute, dann
+werde ich dich an deinem Vorhaben nicht mehr hindern. -- Natürlich
+kann Fräulein Hergenbach unter diesen Umständen hier im Hause nicht
+bleiben, sondern muß zu ihren Eltern nach Nordhausen zurückkehren.«
+
+Wolf schaute prüfend seinen älteren Bruder an.
+
+»Du willst wirklich nachgeben, Jürgen? Wirst du auch Herta dazu
+bestimmen?«
+
+»Zweifelst du an meinem Wort, Wolf?«
+
+»Nein, Jürgen! Was du einmal gesagt hast, hältst du. Ich bin damit
+einverstanden und will die Reise nach Spanien antreten. Du mußt mir
+aber noch einen Gefallen erweisen. Ilse soll bis zu meiner Rückkehr
+unter der Obhut von Herta bleiben, dann mag sie nach Nordhausen gehen,
+und ich werde mir von ihren Eltern das Jawort holen.«
+
+Die beiden Brüder sahen sich noch einmal ernst an. Dann streckte der
+ältere dem jüngeren die Hand entgegen.
+
+»Ich verspreche es dir, Wolf! Welche Folgen auch aus allem entstehen
+mögen, wir wollen sie gemeinsam tragen, wie es einem Paar echter
+Brüder geziemt!«
+
+
+
+
+ XVII.
+
+
+Wolf traf seine Vorbereitungen zur Abreise. Die Geschwister hatten
+vorher noch eine lange Unterredung. Herta wollte sich durchaus nicht
+mit der Nachgiebigkeit Jürgens einverstanden erklären und blieb auch
+taub gegen alle Vorstellungen des jüngeren Bruders.
+
+»Es scheint mir, als ob ich Ilse nur hierhergeholt habe, um euch
+Brüder zu verlieren, dich und Wolf!« sagte sie zu Jürgen.
+
+Als sie dann das Unabänderliche vor sich sah, mußte sie unter dem
+Zwang der Verhältnisse einlenken.
+
+»Ich habe es ihr versprochen,« bat Wolf seine Schwester, »euch erst
+später Kenntnis zu geben. Ich möchte nun nicht wortbrüchig erscheinen.
+Darum bitte ich euch herzlich, schweigt davon und wacht über sie. Ich
+werde der Firma gegenüber meine Pflicht redlich erfüllen.«
+
+Ilse sollte also bleiben, ohne daß man sie merken ließ, ihre Verlobung
+mit Wolf zu kennen.
+
+Der Abschied von ihr wurde Wolf sehr schwer. Sie sprachen sich noch
+einmal allein, und er schloß sie immer wieder in seine Arme.
+
+»Die Zeit wird rasch verstreichen,« tröstete er sich selbst mit. Seine
+Hand glitt über ihre Wangen und strich die üppig dunkelblonden Haare
+von ihrer Stirn zurück, die leicht darüber hinwegfielen. »Ich werde
+dir meiner Geschwister wegen nicht schreiben. Du erhältst aber meine
+Grüße durch sie. Noch einen langen Blick von dir, Ilse --«
+
+Sie legte ihre Arme auf seine Schulter, und ihre großen grauen Augen
+weiteten sich übernatürlich auf, als sie ihn dann anschaute.
+
+»Ich kann dich nicht von mir lassen, Wolf!« klagte sie. »Ein
+unbestimmtes Angstgefühl ist in mir. Ich möchte lieber mit dir gehen!
+Heute -- morgen -- kann es auf mich hereinstürmen, -- wie soll ich
+dann allein Widerstand leisten! Es wäre viel besser, wenn wir gleich
+zusammenreisten. Du willst mich doch zur Frau nehmen, Wolf! Was frage
+ich viel nach der Welt, -- ich bleibe bei dir, -- wir kehren nicht
+hierher zurück --«
+
+»Nein, Ilse!« erwiderte er fest, »solche Gedanken dürfen wir nicht
+fassen! Wenn ich meine Geschwister für dich gewinnen will, so muß
+es auf dem Wege sein, den uns Sitten und Gebräuche vorschreiben.
+Herta ist gütig, Jürgen -- ihr sprecht ja selten miteinander -- ist
+ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Andere Menschen kannst du
+meiden, was sollte dir also im Plüddekampschen Hause begegnen?«
+
+Trotzdem vermochte sie nicht, sich von ihm zu trennen. Immer wieder
+klammerte sie sich an ihn und bat:
+
+»Laß doch alle denken, was sie wollen, und trenne uns nicht, Wolf! Es
+ringt in den letzten Tagen und Wochen so unendlich viel in mir, das
+mir jede ruhige Überlegung raubt. -- Wenn ich aus deinen Armen gleite,
+so sehne ich mich in demselben Augenblick wieder hinein. Ein wildes
+Verlangen tobt in mir, das ich kaum zu bezwingen vermag. -- Denke an
+das Bild vom Ilsefluß, das ich dir beschrieb! So bin ich auch. -- Du
+mußt mich festhalten -- damit ich mich nicht selbst fortreiße.«
+
+Wolf versuchte sie zu beruhigen. Alles was sie sagte, erschien ihm
+dunkel und verwirrt. Er verstand sie nicht und sagte sich immer nur
+das eine, daß sie im Plüddekampschen Hause gut aufgehoben sei. Er
+konnte sie unter keinem besseren Schutz als bei seinen Geschwistern
+zurücklassen.
+
+»Es muß sein, Ilse,« blieb er fest. »Sogleich nach meiner Rückkehr
+gebe ich unsere Verlobung bekannt.« --
+
+Als Wolf abreisen wollte, hielt schon in aller Frühe der Wagen des
+Barons von Berleburg vor dem Plüddekampschen Hause. Dieser stieg
+herunter, warf dem hinter ihm sitzenden Kutscher die Zügel zu und
+hatte dann mit dem Prokuristen Armin ein kurzes, aber inhaltvolles
+Gespräch.
+
+»Besuchen Sie mich, Herr Armin, Sie werden selbst sehen --«
+bekräftigte er seine Vorstellungen.
+
+Der Prokurist unterbrach ihn mit feinem Lächeln:
+
+»Gedulden Sie sich nur einen Augenblick, Herr Baron! Ich werde mit
+Herrn Plüddekamp sprechen.«
+
+Baron Berleburg hatte den günstigsten Tag erwischt, um sein Anliegen
+erfüllt zu sehen.
+
+Jürgen Plüddekamp befand sich noch mit seinem Bruder in einer
+Unterredung und war über dessen klares Vorhaben sichtlich erfreut.
+
+»Sobald es darauf ankommt, bist du der Mann auf dem richtigen Posten,
+Wölfchen! Viel Glück auf die Reise und kehre frohen Sinnes wieder.«
+
+Armin hatte noch einen Augenblick gewartet, nun trug er Berleburgs
+Anliegen Jürgen vor. Dieser bestimmte kurz:
+
+»Zahlen Sie Berleburg das Gewünschte aus!«
+
+So kam es, daß der Baron von Berleburg wieder flott gemacht wurde. --
+-- --
+
+Eine eigene Stimmung zeigte sich im Plüddekampschen Hause. Jürgen
+blieb schweigsam, kalt. Herta übte eine gewisse Zurückhaltung gegen
+Ilse und beobachtete sie unwillkürlich mehr als vorher.
+
+»Seitdem Wolf fort ist, zeigt Ilse stark wechselnde Stimmungen,« sagte
+Herta eines Tages zu Jürgen. »Zuweilen stürzt sie sich auf die Arbeit,
+und ich muß sie davon zurückhalten, daß sie sich nicht überanstrengt.
+Dann wieder sitzt sie stundenlang im kleinen Salon und starrt die
+Kunstblätter an. Sie erkennt aber nicht das Bild, sondern schaut nur
+in das Leere hinein. -- Sollte sie Wolf so sehr lieben, daß sie die
+Trennung nicht zu ertragen vermag?«
+
+Jürgen schüttelte den Kopf.
+
+»Nein, Herta! Du verstehst sie nicht, weil du ganz anders geartet bist
+als die meisten deines Geschlechts. Bei dir weiß man sofort, woran man
+ist. Aber Ilse Hergenbach, -- in der steckt etwas Vulkanisches! Es
+wäre schlimm, käme es jetzt zum Ausbruch. Jedem Geschäftsbriefe Wolfs
+liegt ein einfacher Zettel bei: ›Schreibt mir, wie es Ilse geht,‹ und
+wohl oder übel muß ich ihm die Antwort darauf geben.«
+
+»Der arme Junge, er ist blind wie die Motte ins Licht gerannt,« fiel
+Herta ein. »Und doch, sobald ich Ilse seine Grüße bestelle, zeigt sich
+etwas in ihren Zügen, das meine Ansicht wankend machen könnte. Es
+zieht ein glücklicher Schimmer über sie hin, wie er nur bei tieferen
+Naturen in Erscheinung tritt.«
+
+»Ich sagte es dir bereits vor Monaten, Herta, -- Ilse ist ein echtes
+Kind der Neuzeit, sie fühlt, denkt und handelt in anderer Weise als
+wir.«
+
+Ilse war von einer fortgesetzten Unruhe erfüllt. Befand sie sich
+allein in ihrem Zimmer, so streckte sie die Arme weit aus und suchte
+sich vorzustellen, daß Wolf jetzt hereintreten müßte und sie ihm
+jubelnd an die Brust flog. Sie krankte an dieser Sehnsucht, und doch
+kamen Augenblicke, in denen sie sich fragte, ob sie ihn wirklich
+liebe. Dann hielt sie sich vor, daß Jürgen sie von sich gewiesen. Ein
+glühender Haß gegen diesen Mann beseelte sie, und sie flog aus einer
+Übertreibung in die andere. Bei jeder Begegnung mit ihm nahm sie sich
+zusammen, um die äußere Form einzuhalten und ihn nicht sichtlich zu
+verletzen. Sie wünschte aber nur, daß Wolf heimkehrte und sie an
+seinem Arm dem Bruder gegenübertreten könnte. An diesem Schlag, den
+sie zurückgab, wollte sie gesunden.
+
+»Wolf, Wolf!« flüsterte sie vor sich hin.
+
+Warum konnte sie ihn nicht so lieben, wie es das starke Gefühl in ihr
+verlangte? -- Nun hatte er sie in Stunden gewaltiger Seelenqualen
+allein gelassen, wo sie sonst zu ihm geflüchtet wäre. -- Es war eine
+Leidenschaftlichkeit in ihrem Wesen entstanden, die sich nicht mehr
+zügeln ließ, die allen Überlegungen Trotz bot.
+
+Sie hielt es nicht länger in ihrem Zimmer aus, es trieb sie in eine
+andere Umgebung, die durch neue Eindrücke ablenken und ihr Ruhe
+gewähren sollte. --
+
+In dem großen Garten hinter dem Speicher zeigten sich die ersten
+Frühlingsblumen. Unter den heißen Strahlen der höherstehenden Sonne
+kamen Krokusse, blaue Lederblumen und frühzeitige Hyazinthen hervor.
+Ilse liebte den Duft der Hyazinthen und beugte sich tief herab, um ihn
+voll einzusaugen. Als sie wieder aufsah, fiel ihr Blick auf Alfred
+Smiders, der sie von der Straße her grüßte.
+
+Sie neigte leicht den Kopf und wollte weiter in den Garten
+hineinschreiten, er rief sie aber an.
+
+»Fräulein Hergenbach! Nur auf ein Wort!«
+
+Sie blieb stehen.
+
+»Darf ich in den Garten eintreten? Die Pforte ist verschlossen. Oder
+kommen Sie lieber einen Augenblick näher zu mir.«
+
+Ein widerstrebendes Gefühl hielt sie noch zurück. Er ging aber nicht
+fort, und schließlich überwand sie sich und schritt an den niedrigen
+Zaun heran. Smiders streckte ihr die Hand entgegen, die sie nur leicht
+berührte.
+
+»Schade, daß ich Sie so selten sehen kann, Fräulein Hergenbach,« sagte
+er und suchte sie dabei fest ins Auge zu fassen. »Ich möchte gern mit
+Ihnen plaudern. Wenn ich aber Plüddekamps aufsuche, wie neulich, so
+erscheinen Sie nicht.«
+
+»Ich bin immer beschäftigt, Herr Smiders.«
+
+»Die dumme Hauswirtschaft! Für ein schönes junges Mädchen wie Sie gibt
+es doch interessantere Dinge, um sich das Leben reizvoll zu machen.«
+
+Sein auf ihr ruhender Blick wurde immer dreister, und plötzlich trat
+ein glühendes Rot in ihre Wangen.
+
+»Wahrhaftig, ich bin ganz bezaubert von Ihnen, Fräulein Hergenbach!
+Wie entzückend Sie mit den geröteten Wangen ausschauen.« Ilse wurde
+immer unruhiger. »Ich möchte gern einmal mit Ihnen allein plaudern,«
+flüsterte er, »gehen Sie gar nicht spazieren? Ich versuche schon
+einige Zeit, Sie irgendwo zu treffen.«
+
+Sie schwieg immer noch.
+
+»Ich wollte meinen Freund Wolf danach ausfragen, aber ich hörte, er
+ist auf längere Zeit verreist.«
+
+Sie nickte nur mit dem Kopfe.
+
+»Es stimmt also,« sprach er weiter. »Dann muß es doch schrecklich
+langweilig für Sie im Plüddekampschen Hause sein. Jürgen und Herta
+sind altbackene Menschen. Ich habe es Ihnen sofort angemerkt, daß
+Sie sich nach einer anderen Unterhaltung sehnen. Sie wollen etwas
+von dem lustigen Treiben in der Welt sehen und hören. Hier sitzen
+Sie wie hinter Klostermauern. Springen Sie flott darüber hinweg!
+Ich helfe Ihnen dabei. Geben Sie mir nur bald Gelegenheit, daß wir
+zusammenkommen.«
+
+Ilse schüttelte den Kopf.
+
+»Ich bedaure, Herr Smiders. Wenn ich wohl nichts dabei finde,
+Plüddekamps denken anders darüber. Ich bin auch mit Wolf nicht allein
+ausgegangen.«
+
+»Mit Wolf?« Ein zynisches Lächeln flog über seine scharfen Züge.
+»Ah -- das Wölfchen ist nicht so dumm und hat bemerkt, welch
+leidenschaftlich schöne Augen hier die beste Zeit vertrauern.«
+
+»Herr Smiders, ich bitte! -- Brechen wir die Unterhaltung ab!« Sie
+schickte sich an, fortzugehen.
+
+»Auf Wiedersehen!« rief er ihr noch nach. »Ich treffe Sie bald wieder
+und erzähle Ihnen dann recht Interessantes von Ihrem Freund Wolf!« Er
+lüftete den Hut und ging weiter.
+
+Unwillkürlich war Ilse Hergenbach einen Augenblick stehen geblieben
+und sah Smiders verstohlen nach.
+
+»Von Wolf?« wiederholte sie leise, »was will er damit sagen!« Sie
+erregte sich über diese hingeworfenen Worte. Wenn Smiders sie jetzt
+noch einmal gefragt hätte, ob er sie wiedersehen könne, würde sie
+zugestimmt haben, nur um zu erfahren, was er von Wolf wußte. Sollte
+dieser --? Nein! Es war unmöglich, -- Wolfs blaue Augen konnten nicht
+lügen. Trotzdem saß der Stachel der gefallenen Worte in ihr fest. --
+
+Von Wolf war in den letzten Tagen keine Nachricht eingetroffen.
+Er reiste im Norden Spaniens umher. Jürgen erzählte, daß es
+außerordentlich schwer hielt, die verlangten Lieferungen Roggen
+aufzukaufen. --
+
+Wie die Tage langweilig und öde dahinschlichen! Ilse überwand sich
+nur mit aller Kraft, ihren Verpflichtungen im Haushalte nachzukommen.
+Diese ewige Unruhe, dieses fortwährende Sehnen -- nichts konnte sie
+befriedigen! Selbst die Briefe an ihre jüngere Schwester Helene, an
+der sie am meisten hing, flossen ihr nicht aus der Feder, und sie
+zerriß mit ihren schlanken Fingern das Papier in kleine Stücke.
+
+»Ich vermag nichts zu erreichen und habe so viele Wünsche! Ich will
+so vieles und darf nicht handeln!« rief es in ihr. »Es ist nicht mehr
+auszuhalten! Immer nur in diesen düsteren hohen Räumen sein, in denen
+alle Lebenslust erstirbt! Das altjüngferliche Wesen von Herta, der
+überlegene Blick Jürgens, der mich streift, als wenn ich nichts wert
+wäre. Ich kann es nicht länger ertragen! Ich bedarf einer Abwechslung!
+Etwas, was mich aus diesem tötenden Einerlei herausreißt und mir
+irgendeine Befriedigung gewährt. Wenn nur Wolf zurückkäme! Wie lange
+läßt er mich allein, -- ich möchte ihm nachreisen! Könnte ich ihn
+nur auffinden und mit ihm in die Welt hineintollen. Alles wäre mir
+dann recht. -- Ich mag nicht hier bleiben, auch nicht nach Nordhausen
+zurück, und weiß selbst nicht -- wonach ich mich sehne!«
+
+Sie schrie laut vor sich hin: »Wolf! Wolf!« Dann glaubte sie das
+höhnische Lächeln in den Zügen von Alfred Smiders zu sehen. Was tat
+Wolf? Warum sagte es jener ihr nicht gleich? Es entstand ein heißer
+Drang in ihr, dies unbedingt zu erkunden. --
+
+Alfred Smiders war direkt nach seinem Kontor gegangen. Er fand dort
+den Hamburger vor und staunte nicht wenig, diesen in den Schiffslisten
+studieren zu sehen. »Mor'n Herr Kneis!« streckte er ihm die Hand
+entgegen. »Ich glaubte Sie in Berlin. Sie wollten doch geschäftliche
+Sachen dort erledigen.«
+
+»Kam mir was anderes in den Sinn,« erwiderte der lange Hamburger. »Bin
+heute morgen mit dem ersten Dampfer zum ›Friedrich Barbarossa‹ hinaus.
+Das Schwimmdock steht noch hoch, müßte aber mit Wasserfüllung gesenkt
+sein. Auf dem Dampfer selbst Totenstille, kein einziger Hammerschlag
+zu hören. Auf dem Deck waren ein paar Männer. Der eine rief etwas
+herunter, konnte es aber nicht verstehen.«
+
+Die Züge des Reeders drückten in dem Augenblick eine unverkennbare
+Verlegenheit aus. Er hatte nicht erwartet, daß Kneis gerade in diesen
+Tagen zum ›Friedrich Barbarossa‹, den er schon vor längerer Zeit
+besichtigt hatte, wieder hinausfahren würde. Sonst hätte er alles
+getan, um dies zu verhindern. Der Hamburger durfte nicht dahinter
+kommen, daß die Werft die Arbeit einstellte, weil die fälligen Raten
+nicht abgeführt worden waren.
+
+»Ich werde nachher die Direktion anrufen, Herr Kneis,« erwiderte er
+dann. »Vielleicht streiken die Arbeiter und wollen Lohnerhöhung haben.
+Wer kann immer wissen, was vorliegt. Übrigens -- mir kann's recht
+sein! Die Konventionalstrafe entschädigt mich doppelt und dreifach.
+Ich lasse mir keine grauen Haare darum wachsen!«
+
+»So, so,« meinte Kneis. »Sie haben aber doch Ladeverpflichtungen! Der
+Dampfer kann nicht rechtzeitig für Jürgen Plüddekamp auslaufen! Ich
+bin vollständig unterrichtet, Herr Smiders.«
+
+»Nun ja,« erwiderte dieser lässig, »mit dem Getreidehaus Jürgen
+Plüddekamp werde ich schon fertig. Solche uralten Kunden nehmen
+Rücksicht bei Zwischenfällen, wie sie alle Tage vorkommen können. --
+Sie wollten doch heute in Berlin den Betrag für die vorläufige erste
+Einzahlung erheben? Wir hatten es so besprochen.«
+
+»Nein, nein,« wehrte der Hamburger ab, »wir waren noch nicht so weit.
+Habe darum die Schiffslisten durchgesehen, ob Dampfer von Ihnen
+eingelaufen sind. Kann mir keiner verdenken, wenn ich die Katze nicht
+im Sack kaufen will.«
+
+Unter den starken schwarzen Augenbrauen von Smiders schoß ein giftiger
+Blick hervor. Von Tag zu Tag wurde er bereits hingehalten. Er hatte
+eine vorläufige Einzahlung verlangt, um die Werft zu befriedigen.
+Dies war in seiner Lage das Dringendste. -- Dann kam noch hinzu, daß
+in einiger Zeit große Wechselsummen fällig wurden. Dazu brauchte er
+auf jeden Fall weitere Beträge. -- Er mußte also, trotzdem der Ingrimm
+in ihm saß, gute Miene zum bösen Spiel machen.
+
+»Es war doch ein schöner Abend neulich,« klopfte er Kneis auf die
+Schulter. »Hm -- was sagen Sie dazu? Kann man sich in Stettin nicht
+gut amüsieren? Wir gehen bald wieder nach der ›Grünen Schanze‹.«
+
+Der Überseer schmunzelte über das ganze Gesicht.
+
+»Warum nicht! Denke aber, daß Sie jetzt genug Arbeit im Kontor haben.
+Der Grundsatz aller Überseer ist das Richtige: dreimal Arbeit --
+einmal Vergnügen! Man kommt dann vorwärts! Rate Ihnen auch zu dem
+Muster, Herr Smiders.«
+
+»Ich opferte manche Nachtruhe, Herr Kneis, wenn es darauf ankam, eilig
+zu verfrachten. Ihr Grundsatz ist mir daher nicht neu. Übrigens, wenn
+ich zu tun habe, können Sie doch allein nach der ›Grünen Schanze‹
+gehen. Mit Karli und Riekchen unterhalten Sie sich famos.«
+
+»Wie mir's gerade einfällt,« erwiderte dieser. »Wünschte, ich hätte
+mehr zu tun, als nur Kurszettel zu studieren. Ist gar nicht angenehm,
+auf der Bärenhaut zu liegen. Bin nicht abgeneigt, mitzuarbeiten.«
+
+Smiders horchte auf. Diese Idee war das Schlimmste, was kommen
+konnte. Er wollte nur das Geld von Kneis, dann konnte dieser ruhig
+nach Hamburg abdampfen. Bei einem tätigen Teilhaber geriet er in
+eine peinliche Lage. Es ging manches in seinem Geschäft vor, was er
+zu verbergen hatte. Der Wechselaustausch, die Schulden bei der Werft
+und vieles andere lief nicht durch die Bücher. Er hatte zu lauter
+Verschleierungen gegriffen.
+
+»Sie sagen nichts dazu, Herr Smiders,« stellte Kneis erneut seine
+Anfrage. »Sollte meinen, Sie könnten einen tätigen Kompagnon
+gebrauchen. Spielt sich alles dann viel rascher ab!«
+
+Es brannte hinter Smiders Stirn, als wenn ihm glühendes Eisen
+darangehalten würde. Er befand sich in einer derart zugespitzten Lage,
+daß er sich kaum noch länger halten konnte, wenn nicht bares Geld in
+die Reederei hineinkam. -- Auf der anderen Seite konnte er keinen
+Teilhaber aufnehmen, der Einsicht in den Betrieb erhielt. Jedenfalls
+jetzt noch nicht. Plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf.
+
+»Ich bin nicht abgeneigt, Herr Kneis, aber erst später! Sagen wir in
+einem Jahre, -- nach Abschluß der nächsten Bilanz.«
+
+»O, nein,« meinte der Hamburger, »wenn ich eintrete, dann gleich! Ich
+brenne auf Arbeit. Es ist mir das Leben sonst zu langweilig. Habe auch
+bereits mit Ihrem Vater gesprochen, der doch Mitinhaber ist, und sein
+ganzes Geld bei Ihnen stehen hat. Ist sofort dazu bereit, hält's sogar
+für außerordentlich notwendig. Fahre dann nach Berlin und hole Geld!«
+
+Smiders war nahe daran, vor Wut laut zu fluchen. Jetzt hatte sich
+Kneis hinter seinen Vater gesteckt. Der alte Mann lag im Lehnstuhl
+und konnte sich kaum rühren. Er war aber immer noch geistig rege und
+stellte zuweilen Fragen, deren Beantwortung in hohem Maße peinlich
+wurde.
+
+Dem Vater gegenüber hatte Smiders die schwere Lage der Reederei
+fortgesetzt verhüllt, und doch mußte der alte Herr davon Wind bekommen
+haben. Vor allen Dingen hieß es nun, den Hamburger noch hinzuhalten.
+Erst mußten die Wechsel eingelöst sein, ehe dieser in das Geheimbuch
+der Firma Einsicht nehmen konnte.
+
+»Würde nicht zögern,« meinte der Hamburger und hielt ihm die Hand hin,
+»ist dann gleich alles bis auf Einzelheiten im Vertrage abgemacht.«
+
+Smiders kämpfte schwer mit sich. Sollte er? Sollte er nicht? Da er
+doch nicht sofort einschlug, zog der Hamburger seine Hand zurück. Der
+einzige Augenblick, der ihn noch retten konnte, war verpaßt.
+
+»Sie haben Zeit zur Überlegung, Herr Smiders. Sprechen Sie mit Ihrem
+Vater und folgen Sie seinem Rat. Ich kann warten!« Kneis nahm seinen
+Hut, wünschte guten Morgen und ging hinaus.
+
+Smiders sank auf seinen Schreibstuhl zurück. Seine Stirn zog sich in
+tiefe Falten.
+
+»Himmel und Hölle,« fluchte er vor sich hin, »als ob jetzt alles
+versessen ist, mich in den Dreck hineinzurennen! Es gelingt mir nichts
+mehr! Alles schlägt fehl -- so gut ich's auch eingefädelt hatte!
+Dieser Protz von Überseer! Dieser ekelhafte Kerl! Seine Fratze täglich
+vor mir sehen zu sollen! Das kann ich schon lange nicht. Es widert
+mich an. Überhaupt -- alle meine Maßnahmen kritisieren zu lassen
+-- alle meine feinen Mittelchen, mit denen ich so manches nebenbei
+verdiene, fortzulassen -- fällt mir gar nicht ein. Das Geld mag er
+einzahlen und dann weg mit ihm, so rasch als möglich! Ich habe es
+gründlich satt, mit dem Kerl alle Tage schön zu tun.«
+
+Er hatte sich in eine helle Wut hineingeredet. Aus einem Fach seines
+Schreibtisches zog er ein langes schmales Buch hervor, in dem er seine
+Privatnotizen zu machen pflegte. Er blätterte eine Weile darin herum
+und schlug dann gewaltsam auf den Tisch.
+
+»Bald kann ich nicht mehr! Was diese Werft von mir schluckt, ist
+geradezu hundemiserabel! Das ganze Betriebskapital hat sie mir
+weggeholt. Es läuft nun auf Wechsel. Ich kann hinkommen, wo ich
+will, überall sieht man die Dinger mit Mißtrauen an. Ob ich Jürgen
+Plüddekamp anpumpe? -- Das wäre noch ein Gedanke! Er könnte mir mit
+einem Federstrich helfen. Teufel, wenn ich es nun dem Alten sage, der
+holt das Geld leichter heraus! Sie hielten immer dicke Freundschaft
+miteinander. Aber der drüben weiß ja von allem nichts. Ich muß bei ihm
+zu Kreuze kriechen.«
+
+Er nahm das Buch und warf es wieder ins Fach zurück, das er verschloß.
+Dann stieß er zwischen den Zähnen einen langen Pfiff hervor, und auf
+sein Gesicht trat plötzlich ein zynisches Lächeln.
+
+»Bei den Frauen glückt es mir immer! Ich weiß nicht, was sie an mir
+haben? Wenn es nur so im Geschäft ginge! Jetzt die Ilse Hergenbach, --
+das ist mein Geschmack. Es schlummert noch viel in ihr, aber ich will
+es wecken. Ja, mein Wölfchen, bis du zurückkommst, dauert es noch ein
+Weilchen! Ich habe mich genau erkundigt. Ilse Hergenbach soll mir den
+miserablen Ärger versüßen.« --
+
+
+
+
+ XVIII.
+
+
+Die Verhältnisse bei Smiders & Sohn spitzten sich immer mehr zu.
+Trotzdem fand der junge Reeder noch Zeit, auf Ilse Obacht zu geben.
+Schon nach einigen Tagen sah er sie ausgehen. Sie wollte noch gegen
+Abend einige Besorgungen erledigen und war auf dem Wege nach der
+Breitenstraße, als Alfred Smiders aus einem Nebengäßchen auftauchte
+und ihr plötzlich entgegentrat. Er führte diese Begegnung mit Absicht
+herbei.
+
+»Endlich habe ich das Glück, Sie zu treffen, Fräulein Hergenbach!« zog
+er den Hut.
+
+Sie verneigte sich nur wenig.
+
+»Ich wartete jeden Tag auf Sie,« sagte er dann.
+
+»Warum, Herr Smiders? Es ist doch zwecklos --« entgegnete sie hastig.
+
+Als er sie aber nach diesen Worten scharf ansah, begann sie stark zu
+erröten. Sie bemerkte es und war darüber auf sich selbst ärgerlich.
+Warum geschah es gerade unter seinen Blicken? Ihre Pulse klopften
+fühlbar, als er jetzt neben ihr herging, und doch vermochte sie seine
+Begleitung nicht abzulehnen.
+
+»Sie wollten von Wolf hören, Fräulein Hergenbach! Es hat Sie aus dem
+alten Haus getrieben. Habe ich nicht recht?« fragte er überlegen.
+»Ich weiß es auch ohne Ihre Antwort. Wolf genügt Ihnen nicht. Er lebt
+in so törichter Abhängigkeit von seinen Geschwistern. Bei mir ist
+es anders. Einer solchen Partnerin wie Sie böte ich jeden Reiz des
+Lebens.«
+
+Warum erzitterte nur Ilse Hergenbach unter diesen Worten? Das war es,
+was in ihr gärte. Eingeengt in den alten Brauch des Plüddekampschen
+Hauses, drängte alles in ihr gewaltsam nach Lebensgenuß. Alfred
+Smiders durchschaute sie sofort, und sie fühlte dies Erkennen vom
+ersten Augenblick an. Obwohl sie kein Interesse für ihn hatte, zwang
+er sie doch in seinen Bann hinein. Und nun dieses direkte Hindeuten
+auf Wolf! Was konnte er von ihm sagen! Wußte er um alles? Es quälte
+sie seit Tagen, und sie wollte es heute bestimmt ergründen.
+
+»Ich habe in diesem Laden etwas zu besorgen, Herr Smiders,« blieb sie
+plötzlich stehen.
+
+»Ich warte gern draußen, Fräulein Hergenbach,« erwiderte er
+zuvorkommend, »denn mit hineinnehmen wollen Sie mich wohl nicht.«
+
+»Nein,« erwiderte sie mit eigentümlichem Lächeln, »man denkt hier zu
+kleinstädtisch!«
+
+Sie trat in das Geschäft ein und kam nach kurzer Zeit mit den
+eingekauften Sachen wieder heraus. »Ich gehe jetzt heim, Herr
+Smiders,« sagte sie leichthin.
+
+Er bemerkte sogleich, daß es ihr damit nicht ernst war, und faßte sie
+scharf ins Auge.
+
+»Ich möchte gern mit Ihnen eine Stunde zusammen sein, so viel Zeit
+haben Sie, Fräulein Hergenbach.«
+
+Sie suchte hastig nach Worten, durch die sie dies ablehnen konnte,
+aber die Neugierde, über Wolf etwas zu erfahren, hielt sie davon
+zurück.
+
+»Sie müssen mir aber erzählen, was Sie von Wolf wissen, Herr Smiders,«
+gab sie nun zur Antwort.
+
+Dieser, der sie dabei beobachtete, frohlockte. Der abgesandte
+Pfeil hatte getroffen. Ilse mußte an Wolf stark interessiert sein,
+wahrscheinlich noch mehr -- die beiden hatten ein Liebesverhältnis
+miteinander! Es war nach seiner Meinung leicht zu durchbrechen.
+
+»Ich kann Ihnen viel von meinem Freunde Wolf erzählen. Wenn Sie
+mir auf ein halbes Stündchen folgen, -- sollen Sie sogar -- seine
+Liebesirrung kennen lernen --«
+
+»Seine Liebesirrung, Herr Smiders? --« Ilses Herz zog sich krampfhaft
+zusammen.
+
+»Na und ob,« meinte Smiders höhnisch. »Ist ein hübsches junges
+Mädchen. Natürlich nichts Besonderes! Aber Herr Jürgen und Fräulein
+Herta würden sich wundern, wenn sie wüßten, in wessen Armen Wölfchen
+seine freien Stunden verbringt.«
+
+Ilse zitterte am ganzen Körper vor Wut. Wolf Plüddekamp hatte ein
+Verhältnis. Die Frau in ihr war tief beleidigt.
+
+»Aha!« dachte Smiders, der den Seelenzustand in ihrem Gesicht las,
+»Wölfchen scheint recht weit mit ihr zu sein. Die Sache ist nicht so
+schwierig, wie sie aussah. -- Kommen Sie, Fräulein Ilse,« er nahm
+einfach ihren Arm, »das blonde Riekchen haust ganz in der Nähe. Wir
+trinken dort eine Flasche Wein zusammen.«
+
+Ilse zog den Arm rasch zurück. Einen Augenblick wollte es in ihr
+über diese Zumutung zornig aufwallen. Noch stärker wirkte aber die
+angetane Kränkung. Jürgen Plüddekamp hatte ihre Liebe verschmäht. Wolf
+Plüddekamp, der sie zur Frau verlangte -- betrog sie mit einer andern!
+Der Ingrimm packte sie mit voller Gewalt.
+
+»Nun?« fragte der Reeder, »ist die Kenntnis nicht wertvoll für Sie?«
+Er zog abermals ihren Arm unter den seinen, und jetzt ging sie mit.
+
+Es waren nur wenige Schritte bis zur ›Grünen Schanze.‹ Es schauderte
+ihr kalt über den Rücken, als sie mit Alfred Smiders den dunklen
+Hausflur durchschritt und in den Hof kam. Wohin führte er sie? -- Eine
+innere Stimme rief: »Zurück! Zurück!« Ihr Fuß ging aber vorwärts.
+Smiders riß die Tür auf, und sie traten in das alte räucherige Zimmer
+ein. Von dem Sofa erhob sich gähnend eine weibliche Person.
+
+»Ach -- Sie sind's, Herr Smiders!« sagte diese. Es war das blonde
+Riekchen. »Karli hat heute ihren Ausgehtag -- der Hamburger sitzt
+vorn. Ist der schöne Wolf noch nicht zurück?« Sie brachte alles in
+einem Atem vor.
+
+Smiders ließ Ilse stehen und flüsterte Riekchen rasch einige Worte zu.
+
+»Ah -- so,« meinte die dralle Person darauf, »wird bestens besorgt.«
+Sie sah dann neugierig auf die junge Dame, die unbeweglich inmitten
+des Raumes stand.
+
+»Der Hamburger braucht nicht zu wissen, daß ich hier bin, Rieke!« Der
+Reeder wiederholte dies anscheinend laut.
+
+»Schon gut, Herr Smiders.«
+
+Riekchen drehte das Gas mehr auf, es wurde heller. Smiders schritt auf
+Ilse zu, nahm ihren Mantel ab und führte sie mit überlegenem Lächeln
+zum Sofa.
+
+»Dort setze ich mich nicht, Herr Smiders,« ihre tiefe Stimme hatte
+einen unsicheren Klang, »ich werde diesen Stuhl nehmen.«
+
+Die blonde Rieke ging hinaus, um Sekt zu holen.
+
+»Also das ist das Mädchen, mit dem Wolf Plüddekamp ein Verhältnis
+hat?« brachte Ilse mühsam hervor.
+
+»Ja, -- meine schöne Ilse, -- das ist das Mädchen! Eine nette
+Weinkellnerin, wie?«
+
+Ilse war leichenblaß geworden.
+
+»Was halten Sie nun von Wölfchen? Lockrer Zeisig -- he? Und Sie,
+schöne Ilse? Sie haben doch geglaubt, ihn ganz allein zu besitzen!«
+
+»Herr Smiders,« rang es sich von ihren Lippen, »Sie sind brutal mit
+mir, -- Wolf ist mein Verlobter.«
+
+»Na, -- so im geheimen, -- damit meint er's nicht so genau! Sie
+gehören doch zu den Modernen! Hab es gleich gewußt. Die kennen keine
+Engherzigkeit. Ärgern -- Unsinn, schöne Ilse! Wir trinken jetzt ein
+Glas Champagner zusammen.«
+
+Die blonde Rieke trat ein und brachte Sekt. Smiders schenkte einige
+Gläser ein, dann reichte er Ilse und der Kellnerin davon hin.
+
+»Auf Schönheit und Leidenschaft -- Prost!«
+
+Ilse hielt krampfhaft das Glas in der Hand. Ihre Augen hatten einen
+wilden Ausdruck angenommen, -- die Wangen brannten ihr wie Feuer, --
+seine Blicke ließen nicht von ihr ab. Zwar noch widerstrebend, dann
+aber von einem plötzlichen Entschluß erfaßt, stieß sie mit ihm an. Die
+blonde Rieke hob ebenfalls das Sektglas gegen Ilse. Sofort setzte
+diese das ihre nieder.
+
+»Sie kennen Wolf Plüddekamp?« rief sie aus.
+
+»Ja,« meinte Rieke ganz verwundert. »Natürlich kenne ich ihn. Ein
+bildschöner Herr! Er ist schon oft hier gewesen.«
+
+»Und Sie, -- Sie lieben Wolf Plüddekamp?«
+
+»Lieben?« meinte die blonde Rieke ironisch. »Bei unserem Handwerk muß
+man ein weites Herz haben. Freilich, -- ihn kann man schon lieben.«
+
+Ilse Hergenbach war innerlich wütend. Sie goß das volle Glas
+Champagner auf einmal hinunter, und Smiders schenkte ihr rasch wieder
+ein. Es war rein zum Tollwerden! Wolf -- und diese Person, die für
+jeden Gast das gleiche Entgegenkommen übrig hatte. Alle Leidenschaft
+wallte auf einmal in ihr empor. Sie hätte rasen können vor Zorn. War
+sie so wenig wert, galt sie nur etwas für männliche Launen? Woran
+sollte sie noch glauben, sich anklammern? Der feste Boden schwand
+unter ihr. Die Liebe war in ihr niedergerungen, der Haß entstanden --
+Manneswort -- leerer Schall. Ihre ganze Natur bäumte sich wild auf,
+-- dann lieber toll genießen, -- alles in die Schanze schlagen! Kein
+Heute -- kein Morgen! Mehr war das Leben nicht wert. Sie goß ein Glas
+Champagner nach dem anderen hinunter. Schon begannen sich ihre Sinne
+vollständig zu verwirren. Alfred Smiders schaute immer begehrlicher
+auf sie hin. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entrinnen.
+
+Ilse sah den Kopf der blonden Rieke nur noch wie im Nebel, sie hörte
+nicht, wie Smiders dieser sagte, sie allein zu lassen.
+
+»Halt Karli zurück, wenn sie kommen sollte,« flüsterte er. »Steck sie
+zu Kneis -- das ist notwendig. -- Diese da,« er deutete rückwärts
+auf Ilse, »spioniert bloß! Sie lernt bei Plüddekamps die Wirtschaft,
+-- will dir meinen Freund Wolf wegkapern. Ich leid's aber nicht --
+deinetwegen, Riekchen!«
+
+»Wolf laß ich mir nicht nehmen,« ereiferte sich diese. »Nach einem
+Reichen angeln sie alle, -- aber daraus wird nichts!«
+
+Smiders gab ihr einen Wink, vorsichtig zu sein.
+
+»Ich gehe schon --«
+
+Er schenkte Ilse Hergenbach immer von neuem ein. Sie konnte schon
+keinen klaren Gedanken mehr fassen. Plötzlich fuhr sie aus ihrer
+wilden Träumerei auf. »Ich muß nach Hause, -- Tante Herta --«
+
+»Sie haben Zeit,« beruhigte er sie, »es ist noch lange keine Stunde
+um.«
+
+»Wolf! Wolf!« schrie sie plötzlich auf.
+
+»Lassen Sie ihn laufen,« flüsterte Smiders, sich Ilse mehr und mehr
+nähernd. »Ich will Ihnen ein glänzendes Leben bieten. Ich liebe Sie
+verzehrend -- Ilse.«
+
+»Nein, nein,« wehrte sie ihn mechanisch ab.
+
+Die großen grauen Augen starrten wie geistesabwesend vor sich hin.
+Ihre Lippen zuckten, -- ihre Züge nahmen einen verzerrten Ausdruck an.
+Sie suchte nach Worten:
+
+»Leben -- ist alles, was bleibt -- leben -- nicht tot sein --«
+
+Die ungeheure seelische Erregung -- der hastig genossene Champagner
+ließen sie wie betäubt zurücksinken. --
+
+Die Tür von der vorderen Weinstube wurde aufgerissen. Karli stand
+plötzlich mitten im Zimmer.
+
+»Du bist hier!« schrie sie Smiders an, »wen hast du da mitgebracht!
+Das ist arg! Du willst mir vorreden, -- na warte, -- das sollst du mir
+büßen!« -- Sie warf die Verbindungstür schmetternd zu.
+
+Ilse erhob sich taumelnd. Sie war leichenblaß. Wo war sie hingeraten?
+Der Gedankengang setzte wieder bei ihr ein.
+
+»Ich will fort -- fort!« rief sie aus.
+
+In diesem Augenblick stand sie schon an der Tür.
+
+»Ilse!« Er wollte sie zurückhalten. Sie war aber hinausgeeilt. Die
+blonde Rieke kam jetzt, und Smiders bezahlte.
+
+»Rede Karli ins Gewissen,« raunte er ihr hastig zu, »daß sie bei
+dem Hamburger keine Dummheiten macht. Warum hast du sie auch
+hereingelassen?«
+
+»Ich konnte sie nicht zurückhalten, Herr Smiders. Sie hatte Wind
+bekommen, daß Sie da sind. Sie durften das Fräulein nicht hierher
+mitnehmen! Das war nicht schön von Ihnen.«
+
+»Ach was, dummes Mädel! Kümmere dich nicht um meine Sachen! Ich setze
+keinen Schritt mehr in die Bude, wenn Karli nicht vernünftig ist. Sage
+ihr das!« Es drängte Smiders hinaus, um Ilse Hergenbach nachzueilen.
+-- -- --
+
+Diese stürmte durch die Straßen vorwärts. In wilder Hast bog sie in
+Nebengassen ab, um den Weg nach dem Plüddekampschen Hause abzukürzen.
+Ein kalter Regen, der niederging, schlug ihr ins Gesicht, durchnäßte
+ihre Kleider und Haare und kühlte die brennende Stirn. Wenn ihr nur
+niemand im Hause begegnete, ehe sie das Zimmer erreichte! Es wäre ihr
+unmöglich gewesen, Worte zu wechseln oder einen forschenden Blick zu
+ertragen.
+
+Sie flog die Stufen der großen Treppe hinauf und wollte sofort weiter
+zum zweiten Stockwerk, als Herta auf den Korridor trat.
+
+Ilse erschrak heftig. Ihr Fuß zögerte, ihr Atem stockte.
+
+»Ich wartete auf dich, Ilse! Du bist lange fortgeblieben.«
+
+»Entschuldige, Tante Herta! Ich bin vollständig durchnäßt!«
+
+Bei diesen Worten eilte sie bereits weiter. Trotz des Halbdunkels, das
+im Korridor herrschte, hatte Herta mit einem Blick die verstörten Züge
+Ilses gesehen.
+
+»Sie ist doch ein merkwürdiges Geschöpf,« schoß es ihr durch den Sinn.
+»Von einem Regenschauer sieht man doch nicht so verstört aus.«
+
+Ilse war inzwischen auf dem Zimmer angelangt. Sie riß den Hut vom
+Kopfe und warf sich schluchzend auf ihr Lager hin. Die Gedanken rasten
+noch in ihr. Unaufhaltsam erschienen wirre Bilder vor ihren Augen.
+Das ganze Nervensystem schien aufs äußerste erschüttert zu sein. Sie
+vermochte sich keine klare Rechenschaft über die letzten Stunden zu
+geben. Ein unbeschreibliches Angstgefühl trieb sie wieder empor und
+ließ sie das elektrische Licht aufdrehen.
+
+Nur erst wieder einen einzigen vernünftigen Gedanken fassen, --
+richtig überlegen können, was sie tun mußte, um aus den Irrungen
+herauszukommen.
+
+Wolf hatte sie betrogen, -- ein neuer Tränenstrom brach aus ihren
+Augen hervor.
+
+»Alles in der Welt ist Lüge, erbärmliche Lüge!« rief es verzweifelt
+in ihr. »Ich selbst -- bin die Lüge und Alfred Smiders verfallen. Ich
+kann hier nicht bleiben, bis Wolf zurückkehrt! Ich kann auch nicht
+nach Nordhausen zurück!« --
+
+Die Kleidung wurde ihr über der Brust zu eng. Sie riß mit beiden
+Händen das Mieder auf, um leichter zu atmen.
+
+Wenn nur diese entsetzlich quälenden Gedanken erst nachließen! Zum
+ersten Male sah sie in das Leben hinein. Wie hatte sie sich nach
+seinen Freuden gesehnt! Und nun empfand sie anstatt des erhofften
+Glücksgefühls -- eine gänzliche Vernichtung ihrer selbst.
+
+Ein paarmal raste sie durch das Zimmer. Dann warf sie sich wieder hin
+und schluchzte wild auf.
+
+Fort von hier, fort! Damit sie die prüfenden Blicke im Hause nicht
+zu ertragen brauchte! Ihr Kopf schmerzte entsetzlich. Ein Schwindel
+ergriff sie. --
+
+Es klopfte an der Tür. Das Mädchen öffnete und fragte, ob Fräulein
+Hergenbach nicht zum Abendbrot kommen wolle. Sie antwortete hastig:
+
+»Ich leide an starkem Kopfweh. Entschuldigen Sie mich bitte!«
+
+Die Tür schloß sich wieder, und Ilse Hergenbach war mit sich und ihren
+wilden Gedanken allein.
+
+
+
+
+ XIX.
+
+
+Es waren unangenehme Nachrichten eingegangen. Die Reederei befand
+sich in einer gefahrdrohenden Lage. Trotz der klugen Machenschaften
+von Alfred Smiders war eine Anzahl Papiere, die er in Akzeptaustausch
+nach Berlin gegeben hatte, auf der Reichsbank zusammengekommen. Ein
+Bankhaus, mit dem er noch nicht lange verkehrte, ersuchte plötzlich
+um genaue Auskunft über die hereingegebenen Wechsel und wollte sofort
+jeden weiteren Verkehr abbrechen, wenn kein genügender Ausweis
+vorhanden war. Was sollte er tun? Gestern abend kehrte er noch in der
+rosigsten Laune heim. Er fühlte etwas von einem verteufelten Kerl in
+sich, dem alles gelingen mußte. Und nun?
+
+»Verdammt! Immer nur die Frauen!« zischte er zwischen den Zähnen
+hervor, als er den Brief von der Bank wütend auf den Schreibtisch
+warf. »Im Geschäft wird es täglich toller! Es darf aber nicht
+zusammenbrechen. Ich bin gezwungen, heute mit dem Hamburger fertig zu
+werden. Nur eine große Barsumme, mit der ich alles glatt machen kann,
+bringt mich wieder in das richtige Fahrwasser hinein.«
+
+Er stützte sein Haupt schwer auf und sann einige Augenblicke nach.
+
+»Es bleibt mir kein anderer Weg, ich muß zu dem Alten hinüberlaufen
+und ihm die Sache langsam beibringen.«
+
+Trotz der frühen Stunde ging er sofort zu seinem Vater. Smiders senior
+bewohnte einen Teil des Parterres. Der alte, vollständig gelähmte
+Herr lag auf dem Krankenstuhl und ließ sich vom Diener das Frühstück
+reichen. Alfred Smiders trat mit lächelnder Miene an ihn heran.
+
+»Guten Morgen, Papa! Schon auf? Es geht dir heute wohl gut?«
+
+»Nicht besser und schlechter als jeden anderen Tag, mein Sohn. Nur die
+Untätigkeit, zu der ich verdammt bin, ist mir schrecklich.« Der Diener
+verließ inzwischen das Zimmer. »Ich sehe dich wenig, -- du bist mit
+Arbeit überhäuft. Könnte ich dir doch helfen!«
+
+»Leider läßt sich daran nichts ändern, Papa. Ich komme wegen Herrn
+Kneis. Er war bei dir und hat mit dir gesprochen.«
+
+»Ja, ja,« nickte der alte Smiders mit dem Kopfe. »Ein tüchtiger Mann!
+Du kannst keinen besseren Teilhaber erlangen, als diesen gewiegten
+Überseer. Er besitzt bedeutende geschäftliche Kenntnisse und großes
+Vermögen. Ich bin dafür, wir nehmen ihn als tätigen Kompagnon auf. Du
+wirst dann entlastet, und wir erhalten noch viele neue Verbindungen.«
+
+»Das ist alles gut und schön, Papa! Ich bin der Sache auch nicht
+abgeneigt, obwohl es wenig angenehm ist, bei jeder größeren
+geschäftlichen Verfügung erst eine Rücksprache nehmen zu müssen. Das
+Ding hat aber noch einen Haken.«
+
+»Wieso?« fragte der alte Herr.
+
+»Na, -- du weißt doch, Papa! Die alten Kasten wollten nicht mehr
+ziehen. Wir sind immerhin ziemliche Verbindlichkeiten bei der
+Schiffswerft eingegangen, um unseren Dampferbestand zu erneuern.
+Die Rechnungen laufen noch ein, und die Ratenzahlungen folgen dicht
+aufeinander. Ich möchte nicht, daß Kneis darin Einblick bekommt. Er
+gewinnt dann sofort Oberwasser bei uns.«
+
+Der alte Smiders sah mit den matten Augen erschrocken zu seinem Sohne
+auf.
+
+»In dieser Form hast du es mir noch nie gesagt, Alfred. Bisher war
+deine Ansicht stets, mit unseren Mitteln alles glatt bestreiten zu
+können. Nun geht es auf einmal nicht mehr! -- Ich habe dir doch
+deswegen mein ganzes Barvermögen gegeben, das ich noch besaß. Wir
+stehen jetzt also vor neuem Bedarf, den du nicht decken kannst. Sage
+es nur gerade heraus! Wir müssen dann Kredit bei unserer Bank nehmen.
+Bei dem langen Verkehr mit uns wird sie ihn sicherlich einräumen.«
+
+Alfred Smiders kam bei diesen Worten in eine höchst unangenehme Lage.
+Er überlegte schnell, wie weit er seinen Vater über den schlechten
+Geldstand der Firma einweihen sollte.
+
+»Ich möchte es nicht, Papa! Sobald man erst bei den Banken Kredit
+braucht, ziehen sie gleich die Bedingungen an. Bei unseren großen
+Umsätzen kostet dies viel Zinsen und Provisionen. Offen gestanden, --
+ich will nicht in diese Abhängigkeit geraten.«
+
+»Es ist schon richtig,« fiel sein Vater ein. »Aber was dann? Der
+›Friedrich Barbarossa‹ muß bald aus dem Dock heraus sein. Geh doch zu
+Jürgen Plüddekamp. Er wird dir gewiß helfen und eine größere Summe
+über das Konto vorweg geben.«
+
+Alfred Smiders pfiff leise durch die Zähne.
+
+»Ich stehe mit Jürgen nicht sehr gut, und Wolf ist auf längere Zeit
+verreist. Am besten wäre es, du sprächst selbst mit ihm, Papa.
+Dir schlägt er es sicherlich nicht ab, und zwar muß es noch heute
+geschehen. Wir nehmen dann Kneis sofort herein, und alles ist wieder
+in bester Ordnung.«
+
+»Alfred! Wie soll ich zu Jürgen Plüddekamp hinkommen? Ich fühle mich
+viel zu schwach dazu.«
+
+»Nein, nein, Papa! Es ist unbedingt notwendig, daß du es tust. Ich
+werde dich gleich telephonisch anmelden, und du läßt dich in deinem
+Wagen hinfahren.«
+
+»Ja, wenn es sein muß!« stöhnte der alte Smiders leise auf. »Ich mache
+es deinetwegen, mein Sohn. Meine Lebenstage sind doch gezählt.«
+
+Der junge Smiders reichte seinem Vater mit freundlichem Drucke die
+Hand.
+
+»Gut, Papa! Wir sind jetzt vollkommen einig. Ich rufe dir deinen
+Diener und gehe gleich nach dem Kontor hinüber.«
+
+Er befand sich wieder in bester Laune. Ein Stein war ihm vom Herzen
+gefallen. So mußte es gehen. Nun schwamm er wieder oben. --
+
+Jürgen Plüddekamp erstaunte nicht wenig, als ihm telephonisch gemeldet
+wurde, daß der alte gelähmte Herr Smiders ihn aufsuchen würde. Eine
+Stunde darauf brachte der Diener diesen bereits angefahren. Mit
+einigen Umständen wurde der Wagen bis an das Privatkontor von Jürgen
+Plüddekamp gebracht. Der alte Mann kam schon in einem ziemlich
+erschöpften Zustande an, und Jürgen suchte ihm die Aussprache in jeder
+Weise zu erleichtern.
+
+Er ließ sofort ein stärkendes Glas Wein für ihn holen und fragte dann
+teilnehmend, wie sein Befinden wäre. Da er ihn lange nicht gesehen
+habe, freue er sich, daß es ihm anscheinend gut ginge.
+
+»-- und nun -- was führt Sie zu mir, Herr Smiders?«
+
+»Lieber Herr Plüddekamp,« begann dieser. »Ich komme heute als alter
+Freund Ihrer Firma zu Ihnen, dem schon Ihr Herr Vater volles Vertrauen
+schenkte. Es handelt sich um einen Vorschlag. Die Erweiterung unserer
+Dampferlinien, um der wachsenden Konkurrenz zu begegnen, stellte große
+Anforderungen an die Reederei. Wir haben uns deshalb entschlossen,
+einen tätigen Teilhaber mit größerem Kapital hereinzunehmen. Es ist
+Herr Kneis aus Hamburg. Vorher aber möchte Alfred vollständig reinen
+Tisch haben. Wir wollen uns nicht der Bank in die Hand geben, und ich
+bitte Sie, uns dabei entgegenzukommen. Die Summe für den gecharterten
+›Friedrich Barbarossa‹ ist allerdings erst später zu zahlen. Es wird
+Ihnen nichts ausmachen, uns diese -- natürlich mit Abzug eines Skontos
+-- schon jetzt zu überweisen. Sie werden uns zu gleichen Diensten
+stets bereit finden.«
+
+Jürgen war dieses Ansinnen sehr peinlich. Der alte gebrechliche Herr
+tat ihm außerordentlich leid. Sollte er ihm die bittere Wahrheit ins
+Gesicht sagen?
+
+Herr Smiders senior sah ihn fragend an. Warum erfolgte nicht gleich
+die Antwort? Es war doch nur eine kleine Gefälligkeit, um die er die
+reiche Firma anging.
+
+»So leid es mir tut, Herr Smiders, und so gern ich Ihnen gefällig sein
+möchte, -- in diesem Falle geht es nicht,« brachte Jürgen leicht
+stockend hervor. »Die Fracht für den ›Friedrich Barbarossa‹ hängt
+vollständig in der Luft, und unser Vertrag ist hinfällig. Der Dampfer
+liegt noch im Dock, und es ist nicht abzusehen, wann er auslaufen
+kann. Ich hörte, die Werft hat die Arbeit eingestellt!«
+
+»Die Werft hat die Arbeit eingestellt, Herr Plüddekamp! Großer Gott,
+davon weiß ich gar nichts!« erwiderte der alte Smiders zitternd. »Ich
+glaubte, der Dampfer sei zum Auslaufen bereit. Darauf begründete sich
+mein Plan. Nun tut es mir leid, daß ich Sie behelligt habe. -- Ich muß
+sofort mit Alfred sprechen. Ich verstehe alles nicht mehr -- ich bin
+-- ganz verstört darüber.«
+
+Jürgen Plüddekamp sah ihn mit bedauernden Blicken an. Er hätte ihm
+wohl noch manches sagen können, wovon er nichts wußte. Aber dazu
+lag kein Grund vor, und er wollte dem alten Herrn nicht die letzten
+Lebenstage verbittern. --
+
+Smiders senior fuhr unverrichteter Sache ab. Gleich darauf rief Jürgen
+den Prokuristen Armin herein und teilte ihm alles mit.
+
+»Was sagen Sie dazu, Armin? Ich habe das Gefühl, daß Smiders & Sohn
+vor dem gänzlichen Zusammenbruch stehen. Ein wahres Glück, daß wir
+Wolf nach Spanien sandten. Hoffentlich erhalten wir recht bald gute
+Nachrichten von ihm. Unsere sonstigen Beziehungen zu der Reederei sind
+doch vollständig geregelt, so daß wir mit ihr in gar keiner Berührung
+mehr stehen.«
+
+»Es liegen noch ein paar kleinere Frachten vor, Plüddekamp,« erwiderte
+Armin, »aber diese machen uns keine Umstände. Ich kann sie auch einer
+anderen Reederei überschreiben.«
+
+»Tun Sie das, Armin! Es ist besser, wir brechen alle Verbindungen mit
+der Firma ab.« -- -- --
+
+Alfred Smiders saß an seinem Schreibtisch. Er hatte einen weißen
+Bogen vor sich hingelegt und rechnete. Nach einer Weile nickte er
+befriedigt. So mußte es gehen! Ein Angestellter brachte ihm die
+Mittagspost herein. Bei flüchtigem Durchsehen erkannte er auf einem
+Kuvert die Handschrift von Kneis. Sofort riß er dies zuerst auf und
+überflog hastig die darin enthaltenen Zeilen. Ein wilder Ausruf
+entfuhr seinem Munde. Er schlug mit beiden Händen auf den Tisch und
+wurde dann fahlbleich.
+
+»Es ist ja nicht möglich!« rief er laut aus. »Was ist in den Mann
+gefahren! So lasse ich mich nicht abspeisen! -- Bis zum Abgang des
+Schnellzuges nach Hamburg ist noch eine Stunde. -- Er darf nicht
+fahren!« Und schon hatte er seinen Hut ergriffen und eilte fort. --
+
+Inzwischen kehrte der Wagen mit dem gelähmten alten Smiders zurück. Er
+ließ seinen Sohn sofort zu sich bitten und erhielt zur Antwort, daß
+dieser ausgegangen sei. Nach einer halben Stunde kam Alfred Smiders
+jedoch zurück. Sein sonst elastischer Gang war unsicher, seine Züge
+gefurcht, als ob er um Jahre gealtert sei. Er suchte sofort seinen
+Vater auf und war völlig niedergeschmettert, als er die Ablehnung von
+Jürgen Plüddekamp erfuhr.
+
+»Was nun?« rief es in ihm.
+
+»Sprich sofort mit Herrn Kneis!« sagte ihm der Vater. »Du mußt mit
+ihm einig werden! Es ist der einzige Ausweg! Geh, mein Sohn, versäume
+keine Zeit.«
+
+Alfred Smiders wankte nach seinem Kontor hinaus. Er konnte seinem
+Vater nicht sagen, daß bei dem Hamburger alles verloren sei. Mit der
+gewohnten Ruhe hatte ihm der Überseer ins Gesicht gesagt, daß er
+dafür danke, mit der Firma Smiders & Sohn in irgendeine Verbindung
+zu treten. Als Alfred Smiders nach der Ursache seines plötzlichen
+Verhaltens forschte, erwiderte er kaltlächelnd:
+
+»Fragen Sie die schwarze Karli in der ›Grünen Schanze‹, die Sie mir
+so warm empfohlen haben, warum ich mit Ihnen nichts mehr zu tun
+haben will.« Damit verbeugte er sich kurz, und Alfred Smiders war
+abgewiesen.
+
+Die letzte Hoffnung hatte er noch auf die Unterredung seines Vaters
+mit Jürgen Plüddekamp gesetzt. Auch diese schlug fehl.
+
+Wohin er auch blickte, kein Ausweg mehr. Alle Fäden, die er gehalten,
+waren abgeschnitten. Schon in den nächsten Tagen mußte die Firma
+zusammenbrechen. Einen Konkurs konnte er nicht machen. Seine Bücher
+waren nicht in Ordnung. Er hatte eine Anzahl Posten nicht buchen
+lassen. Der ganze Akzeptaustausch, durch den er sich Geld verschaffte,
+stand nur auf einem Blatt Papier verzeichnet. Er wußte genau, der
+Staatsanwalt würde sich mit ihm befassen. Das verzweifelte Spiel, das
+er aus wilder Sucht nach Reichtum begonnen, war verloren! Er wollte
+noch so viel als möglich zusammenraffen und damit fliehen. Weiter
+blieb ihm nichts übrig. -- Einen Augenblick dachte er an seinen alten
+Vater, er schüttelte aber den Gedanken mit aller Kraft wieder von
+sich ab. Mochten sich andere seiner annehmen, er wollte den Sturz
+nicht erleben. Es war nicht hohe -- nein, es war die höchste Zeit, daß
+er fortging. -- Es ergriff ihn eine Wut auf die schwarze Karli, die
+ihn an den Hamburger verriet. Warum vertraute er sich ihr auch an!
+Er suchte bei diesen Gedanken nach dem Grunde, und die Gestalt Ilse
+Hergenbachs trat plötzlich vor ihn hin. Durch diese Torheit entstand
+jetzt sein ganzes Unglück. Sie hatte ihm gefallen, wie ihm jedes
+andere Mädchen gefiel, nach dem er siegesgewiß seine Hand ausstreckte.
+Aber der Einsatz kam ihm teuer zu stehen. Nun galt es, keine Sekunde
+mehr zu zögern.
+
+Er rief seinen vertrauten Buchhalter herein und ließ sich das
+Kontokorrentbuch vorlegen. Mit fiebernden Pulsen blätterte er darin
+herum, machte sich Notizen und bestellte dann einen Wagen. Die Leute
+konnten ihm nachreden, was sie wollten, er würde drüben in der Neuen
+Welt untertauchen. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe, und es gelang
+ihm, einen geeigneten Plan zu schmieden. Inzwischen fuhr der Wagen
+vor. Er war schon im Begriff, hinauszueilen, als einer der Kommis ihm
+meldete, daß ihn eine junge Dame zu sprechen wünsche.
+
+»Ich habe keine Zeit!« schrie er diesen an, »sagen Sie ihr dies.«
+
+Der Kommis kehrte aber nochmals zurück. »Sie läßt sich nicht abweisen,
+Herr Smiders, und hat ihren Namen genannt -- Fräulein Ilse Hergenbach!«
+
+Smiders warf das Hauptbuch dröhnend auf die Schreibtischplatte.
+
+»Es ist rein wie verhext! Gut,« rief er dem Kommis zu, »das Fräulein
+soll eintreten.«
+
+
+
+
+ XX.
+
+
+Herta Plüddekamp sah Ilse fragend an, als sie am nächsten Morgen ihre
+Tätigkeit im Haushalt wieder aufnahm.
+
+»Dein Gesicht kommt mir so verändert vor, Ilse. Hast du eine schlechte
+Nachricht erhalten?«
+
+»Nein!« erwiderte diese zögernd. »Ich fühle mich nicht ganz wohl und
+muß mir eine starke Kopferkältung zugezogen haben. Eine Schwere liegt
+mir in allen Gliedern, daß ich mich kaum aufrecht erhalte.«
+
+»So bleibe doch in deinem Zimmer! Ich sende dir die Mahlzeiten
+hinauf,« sagte Herta in gütigem Tone.
+
+»Ich danke dir, Tante Herta.«
+
+Ilse war recht froh, dem Wirtschaftsgetriebe fernbleiben zu können,
+und zog sich sofort auf ihr Zimmer zurück. Nach einer schlaflos
+verbrachten Nacht fühlte sie eine starke Ermattung in ihren Gliedern.
+Aus dem Gewirr der Gedanken hatte sie sich zu einem Entschluß
+durchgerungen. Sie wollte das Plüddekampsche Haus verlassen, um Wolf
+nie wiederzusehen. Alfred Smiders mußte ihr dazu die Hand bieten. Sie
+würde ihn schon zu zwingen wissen. -- Es konnte ihr niemand verdenken,
+wenn sie eine Stunde ausging, um frische Luft zu schöpfen. Der Weg
+aber, sollte sie zu Alfred Smiders führen. --
+
+Jochen Hindorf war an dem Vormittag zufällig fortgeschickt worden. Als
+er bei der ›Grünen Schanze‹ vorbeikam, stand die blonde Rieke vor der
+Tür.
+
+»Morjen, Mamsell!« rief er ihr zu.
+
+»Guten Tag, Herr Hindorf! Kommen Sie ein bißchen herein. Ich will
+Ihnen ein Glas Wein geben.«
+
+Damit erklärte sich Jochen sofort einverstanden. Er setzte sich in die
+Vorderstube und trank mit Behagen einen Schnitt ›Weißen‹ vom Faß, den
+ihm das junge Mädchen hinstellte.
+
+»Wann kommt Herr Wolf Plüddekamp zurück?« fragte sie ihn aus.
+
+»Jäh -- das weiß ich nicht! So was ist Geschäftsgeheimnis,« meinte der
+Alte ernst.
+
+»Ich habe ihm aber sehr Wichtiges zu erzählen,« fuhr Riekchen fort.
+
+»So, was Wichtiges! Das können Sie mir auch gleich sagen.«
+
+»Nein, nein!« schüttelte Rieke den Kopf, »es geht nicht ohne
+weiteres.«
+
+Jochen Hindorf war aber ein alter Pfiffikus. Wenn er etwas erfahren
+wollte, so ließ er nicht nach, und in seiner gemütlichen, halb
+dummdreisten Art brachte er schließlich alles heraus.
+
+»Dunnerlüchting!« rief er plötzlich aus, »das ist keine andere, als
+Fräulein Ilse gewesen. Herrgott und die Welt -- nun möcht' ich bloß
+wissen, wie das zugegangen ist. Ich hab keine Zeit mehr, mein kleines
+Fräulein, sonst krieg ich was ab.«
+
+»Sobald Herr Plüddekamp wieder hier ist, geben Sie mir sofort
+Nachricht,« bat Rieke, »und sagen Sie keinem Menschen ein Wort davon,
+was ich Ihnen anvertraute.«
+
+»I Gott du bewahre! Ich bin doch keine Plapperlott!« gab der Alte zur
+Antwort.
+
+Jochen Hindorf ging trotz der Schwere seiner Beine viel schneller,
+als es ihn sonst zur Arbeit trieb. Er machte ein finsteres Gesicht.
+Es würgte etwas in ihm herum, und er mußte doch zu einem Entschlusse
+kommen, bevor er Haus Plüddekamp erreichte. Wie sollte er es aber nur
+andrehen? Eine ganz tolle Sache, die er da erfahren hatte, und sein
+junger Herr stak dazwischen.
+
+Er befand sich schon dicht vor dem Hause, als Ilse aus dem Torweg
+scheu hervorhuschte und ihm entgegenkam. Sie wollte schnell an ihm
+vorüber.
+
+»Guten Morgen, Fräulein! Sie haben aber Eil!« sagte er mit seiner
+tiefen Brummstimme und machte dabei ein listiges Gesicht. Er glaubte,
+daß Ilse stehen bleiben und ihm antworten würde. Er hatte sich aber
+getäuscht. Sie gab kaum den Gruß zurück und ging hastig weiter.
+
+»I, sieh einmal,« meinte der Alte, »sie beachtet mich gar nicht, na
+man zu, ich bin ihr nichts schuldig.«
+
+Er schritt in den Torweg hinein und gab seine Besorgungen im Kontor
+ab. Als er dann nach dem Hof ging, stand Herta an der Gartenpforte und
+winkte ihn heran.
+
+»Jochen, du sollst mir etwas helfen!« rief sie. »Es fehlen ein paar
+Bretter auf den Warmbeeten, du könntest sie mir wohl aussuchen und
+zurechtschneiden.«
+
+»Jäh woll, gnädiges Fräulein, das werde ich tun,« Er wollte sich
+gleich auf den Weg machen.
+
+»Jochen, warte noch einen Augenblick,« sagte Herta, »hast du noch
+immer starkes Kopfreißen?«
+
+»Jäh woll, gnädiges Fräulein,« erwiderte Jochen, und sein breites
+Gesicht verzog sich zu einem versteckten Lächeln. Er hatte sich mit
+seinem angeblichen Kopfreißen manche alkoholische Vorteile verschafft.
+
+»Du hast doch ein gutes Mittel dafür und kannst es mir besorgen.
+Fräulein Ilse leidet gleichfalls daran.«
+
+»I was!« rief der Alte aus, »sie ist doch eben ausgegangen!«
+
+»Ilse ist ausgegangen?« wiederholte Herta fragend. »Hast du sie
+angetroffen?«
+
+»Jäh woll, gnädiges Fräulein.«
+
+»Dann möchte ich nur noch sagen --«
+
+»Ja, was denn, Jochen?«
+
+Der Alte stand plötzlich eine Weile stumm da; die Worte wollten nicht
+über seine Lippen. Herta kannte ihn aber zu gut, als daß sie nicht
+weiter nachgeforscht hätte. Sie ließ ihm erst einen Augenblick Zeit,
+dann fragte sie:
+
+»Du willst mir etwas anvertrauen, Jochen? Ich sehe es dir an. Du
+kannst es ruhig tun. Es ist wohl wegen meines Bruders Wolf?«
+
+»Näh, gnädiges Fräulein, es ist nicht wegen Herrn Wolf! Aber wegen
+der da --« er zeigte auf den Torweg hin, durch den Ilse vorher
+hinausgegangen war -- »und wegen Herrn Smiders.«
+
+»Wie, Jochen?« Herta wurde jetzt gespannt. »Komm -- wir gehen einen
+Augenblick in den Garten, da hört uns niemand.« Sie schritt voran, und
+der Alte stapfte ihr nach.
+
+Als Herta einige Zeit darauf in das Haus zurückkehrte, lag ein
+düsterer Ernst auf ihrem Gesicht. Das Erfahrene war geradezu unerhört.
+Sie fühlte sich gewissermaßen verantwortlich, weil sie Ilse
+Hergenbach in ihrem Hause aufgenommen hatte. -- Wie sollte sie nun
+Jürgen mit diesen Tatsachen unter die Augen treten, -- wie würde der
+arme Wolf unter der Wucht der Ereignisse leiden? Sie suchte nach einem
+Ausweg in diesem Wirrnis und mußte erst mit sich zu Rate gehen, um das
+drohende Unheil abzuwenden. -- Was sie gefürchtet, war zum Ereignis
+geworden.
+
+Wolf durfte Ilse bei seiner Rückkehr nicht mehr vorfinden; noch wußte
+niemand etwas von der Verlobung -- die Ehre konnte gewahrt bleiben.
+Sie schritt zum Haustelephon und rief Jürgen in seinem Privatkontor an.
+
+»Hallo!« sagte dieser, »du wünschst, liebe Herta?«
+
+»Ich bitte dich, sogleich zu mir heraufzukommen.«
+
+»Es muß etwas ganz Außergewöhnliches sein,« tönte es zurück, »wenn du
+mich von der Arbeit wegholst.«
+
+»Sogar sehr Dringendes!«
+
+»Gut! Ich bin sogleich bei dir.«
+
+Wenige Minuten später saßen die beiden Geschwister in Hertas Zimmer
+zusammen. Jürgen hörte alles mit an, ehe er ruhig erwiderte:
+
+»Wir waren auf falschem Wege, Herta, als wir Ilse in unsern engen
+Familienkreis aufnahmen. Wohin wir gekommen sind, liegt heute klar
+vor uns. Ich glaube vorläufig noch nicht alles, was Jochen Hindorf dir
+erzählte. Er kann in seinem ewigen Tran manches durcheinandergebracht
+haben. Es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als mich an Ort und
+Stelle selbst zu erkundigen. Es gibt natürlich nur einen Entschluß:
+Ilse Hergenbach packt sofort ihre Koffer und fährt nach Nordhausen
+zurück. Wir brechen jede Beziehung mit ihr für immer ab. Gut, daß Wolf
+dadurch von ihr lassen wird. Ich sehe jetzt noch viel klarer. Vorhin
+war der alte Smiders bei mir. Ein erbarmungsvoller Anblick -- der alte
+gelähmte Mann bittend für den auf Abwege geratenen Sohn. Dann Smiders
+und Ilse -- es ist wahrhaftig nicht zu glauben!«
+
+»Sie hat erst Krankheit vorgeschützt, darauf ist sie ausgegangen.
+Wahrscheinlich wird sie bei ihm sein. Die Ereignisse überstürzen sich.
+Zürne mir nicht, Jürgen, daß ich dir so viel Unangenehmes bereitet
+habe.«
+
+»Nicht doch -- liebe Herta! Wir Geschwister tragen alles
+gemeinschaftlich -- Freude und Leid! Ich gehe jetzt, um mich zu
+vergewissern.«
+
+Jürgen kam alles so ungeheuerlich vor, daß er es kaum zu glauben
+vermochte. Es kostete ihm einen starken Entschluß, sich in die
+Weinstube auf der ›Grünen Schanze‹ zu begeben -- jedoch es mußte
+sein. Er wollte niemand Unrecht tun.
+
+Als er eine halbe Stunde darauf sein Haus wieder betrat, hielt der
+starke Mann den Kopf gebeugt. Das Erfahrene überstieg alles, was er
+für möglich gehalten hatte. Wie konnte sich ein Mädchen, das bei
+ihnen lebte, so weit vergessen! Smiders war ein gewöhnlicher Schurke,
+er hatte dies schon lange erkannt. Der Zusammenbruch von Smiders &
+Sohn erschien unvermeidlich. Aber Ilse Hergenbach! -- Wie konnte sich
+dieser Bursche ihrer nur so bemeistern?
+
+Herta wartete auf ihrem Zimmer mit Bangen die Rückkehr von Jürgen
+ab. Als er die Tür öffnete, stand die Antwort auf seinen Zügen
+geschrieben. Er brauchte ihr nichts zu sagen. Es lag noch schlimmer,
+als Jochen bereits mitgeteilt hatte.
+
+»Ist das -- modernes Menschentum?« endete Jürgen seine Rede mit
+Bitterkeit. »Sind das die Früchte unserer jetzigen Erziehung? Besteht
+darin die Gleichberechtigung der Frau, daß alle vornehme Gesinnung und
+gute Sitte bei ihr schwindet? Es gibt nur noch den Drang, zu leben --
+ohne Rücksicht auf andere. Ich fürchte für Wolf! Sein reiches Gemüt
+wird diesen Schlag kaum verwinden. Besser, er bleibt noch lange fort,
+damit die Spuren des Vorganges sich verwischen. Es ist keine heilsame
+Lehre für ihn, sondern das Bild einer Vernichtung von Treu und
+Glauben.«
+
+Die Geschwister schwiegen darauf eine ganze Zeit, bis plötzlich Herta
+die Stille unterbrach:
+
+»Sobald Ilse heimkehrt, werde ich mit ihr sprechen. Es ist ein
+schweres Amt für mich. Darf ich ihren Eltern das Geschehene
+verschweigen? Wenn sie alsdann von ihnen verstoßen wird? Ich kann
+nur handeln, wie es mir Frauengesetz und Recht vorschreibt. Welch
+schwere Augenblicke gibt es doch, in denen von wenigen Worten ein
+Lebensschicksal abhängt!«
+
+Jürgen mußte seiner Tätigkeit weiter nachgehen. Herta aber versank in
+tiefes Nachdenken. Wie sollte sie es nur anfangen, Ilse Hergenbach
+wieder auf den rechten Weg zu bringen? Die Schuld traf diese nicht
+allein. Sie war von allen -- außer Jürgen -- mit schönen Worten und
+Schmeicheleien genug umgarnt worden.
+
+»Das ist der Fluch, der auf uns Frauen lastet! Woher sollen diese
+stets den starken Charakter haben, wenn sie nicht dazu erzogen werden!
+Ist Ilse Hergenbach wirklich so schlecht, wie wir glauben?«
+
+Je mehr sie alles durchdachte, desto mehr suchte sie nach Gründen,
+die ihr Verhalten entschuldigen konnten. Es drang immer wieder ein:
+»Nein -- nein!« hervor. »Niemand ist gezwungen, die abschüssige Bahn
+zu betreten. Die Frau muß den Halt in der Reinheit der Seele und der
+Gedanken finden -- in dem Stolz, gleichberechtigt neben dem Manne zu
+stehen. Sie darf nicht zu Handlungen schreiten, die ihrer unwürdig
+sind.«
+
+Wie war es nur möglich, daß Ilse mit einem Mann, den sie kaum
+kannte, in ein solch verrufenes Lokal ging? Dachte sie nicht an die
+Folgerungen? Sie wurde doch genug von ihr behütet. -- Was gibt es doch
+für Rätsel der Menschenseele, die unauflöslich sind! --
+
+Die Mittagszeit kam heran, ohne daß Ilse wieder eintraf. In Herta
+stieg der Gedanke auf, daß sie zu verzweifelten Schritten gelangt sein
+könne.
+
+Die sonst so ruhige, abgeklärte Herta befand sich in großer Aufregung.
+Sie berührte kaum die zum Mittagessen aufgetragenen Speisen, und sagte
+zu Jürgen:
+
+»Wenn Ilse bis zum Abend nicht wieder hier ist, bleibt uns nichts
+anderes übrig, als sie suchen zu lassen.«
+
+»Dann haben wir den öffentlichen Skandal, Herta!« erwiderte dieser.
+»Bedenke -- ein solcher Fall im Hause Plüddekamp!«
+
+»Es kann aber nichts helfen! Wir wollen nur hoffen, daß er vermieden
+bleibt.«
+
+Am späten Nachmittag stand Ilse jedoch vor Herta. Ihre Wangen waren
+bleich, eine hektische Röte erschien auf ihnen und schwand wieder;
+die Augen zeigten ein fieberhaftes Glänzen.
+
+»Ich habe eine Bitte an dich, Tante Herta,« sagte sie mit zu Boden
+gesenkten Blicken. »Ich fürchte, krank zu werden, und möchte euch
+nicht zur Last fallen. Ich will mit dem Abendschnellzug über Berlin
+nach Nordhausen fahren.«
+
+»Es steht dir vollständig frei,« erwiderte Herta in kaltem Ton. »Du
+denkst wohl nicht an eine Rückkehr?«
+
+»Nein, Tante Herta!«
+
+»So ordne deine Sachen. Unser Wagen wird dich mit dem Gepäck an die
+Bahn bringen. Bestelle deiner Mutter Grüße von mir.«
+
+Einen Augenblick war Herta der Ansicht, jede Auseinandersetzung
+mit Ilse zu vermeiden. Sie wollte auch den Eltern keine Mitteilung
+zugehen lassen, um nicht die Zukunft des jungen Mädchens dadurch zu
+untergraben. Dann fragte sie sich aber in ihrem Innern: Ist es recht,
+sie ohne Aussprache von mir gehen zu lassen? Sie mußte sich doch von
+ihrem Seelenzustand überzeugen.
+
+»Du siehst krank aus, Ilse,« begann sie. »Es erscheint mir aber nicht,
+als ob ein körperliches Leiden die Ursache davon ist. Hast du mir
+nicht noch etwas zu sagen?«
+
+Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Sie konnte den Blick zu der
+Freundin ihrer Mutter nicht erheben. Ihr Mund blieb geschlossen. Sie
+zeigte wieder die alte trotzige Stummheit.
+
+»Dein Schweigen deutet mir viel,« fuhr Herta fort. »Du willst deine
+Seele nicht entlasten. Was richtiger wäre, mußt du dir selbst sagen.
+Ich könnte dir noch einen Rat auf deinen späteren Lebensweg mitgeben,
+wie du ihn wohl so uneigennützig nicht wieder erhalten wirst. Das
+Wohl jeder meiner Mitschwestern liegt mir am Herzen. Ich will mich
+aber nicht gewaltsam in dein Gemüt eindrängen, -- du selbst mußt das
+Bedürfnis haben, mir anzuvertrauen, was vielleicht andere Zungen
+geschwätzig herumtragen werden. Ich habe den Zorn, der über dein
+Verhalten in mir entstand, bekämpft. An seine Stelle ist aufrichtiges
+Mitleid getreten, und dies erfüllt mich jedem weiblichen Wesen
+gegenüber, das vom richtigen Weg abweicht. Such das rechte Wort zu
+mir, Ilse!«
+
+Herta sah, wie die blassen Lippen der Gegenüberstehenden zuckten. Sie
+schien in diesen Stunden um Jahre älter geworden zu sein. Ihr Mund
+blieb aber stumm.
+
+»So geh, Ilse, wenn du kein Vertrauen finden kannst,« sagte Herta
+kalt. »Nun haben wir nichts mehr miteinander zu sprechen. Jürgen
+entbindet dich des Abschiednehmens.« Sie reichte ihr nicht mehr die
+Hand. Ilse verließ das Zimmer.
+
+
+
+
+ XXI.
+
+
+Der Wagen war vorgefahren. Ilse stieg ein. Die Sachen wurden
+aufgeladen. Niemand begleitete sie -- niemand bot ihr den
+Abschiedsgruß. Nur der alte Jochen Hindorf kam und machte den
+Wagenschlag zu. Ein breites Lächeln glitt über sein Gesicht, als die
+Pferde anzogen.
+
+»Sie hat nicht einmal schön Dank gesagt, und das Portemonnaie saß ihr
+verteufelt fest in der Tasche. Na -- es ist gut, daß sie weg ist. Nun
+wird mein lieber Wolf wohl wieder vernünftig sein,« brummte er und
+ging an seine Arbeit. --
+
+Auf dem Bahnhof angelangt, übergab Ilse ihre Koffer einem Gepäckträger
+und trat an den Billettschalter. Sie sah sich scheu um. Vielleicht
+fürchtete sie, beobachtet zu werden. Sie nahm ein Billett bis zur
+nächsten Station und begab sich dann nach dem großen Wartesaal. Hier
+hielt sie sich eine Zeitlang auf, um anscheinend den Schnellzug
+abzuwarten.
+
+Als er donnernd in die Halle fuhr, hatte sie einen Augenblick das
+Gefühl, daß es für sie besser wäre, mit einzusteigen. Dann kam aber
+der Gedanke wieder: »Es ist unmöglich! Ich darf Smiders nicht
+freigeben! Für mich ist kein Raum mehr daheim, -- ich will in die Welt
+hinaus. Der Kampf mit ihm war nicht leicht. Nur gut, daß er gerade
+auf längere Zeit nach London gehen muß, dort ist eine Verbindung ohne
+Schwierigkeit zu bewerkstelligen.« --
+
+In später Nachtstunde löste sich ein kleiner Dampfkutter von der
+Landungsstelle in Bredow ab und fuhr die Oder hinunter. Sowie sich
+gegen Morgen der Landwind stärker erhob, schaukelte das kleine
+Fahrzeug heftig auf den kurzen Stoßwellen des Haffes. Außer dem
+Maschinisten und dem Heizer waren nur noch ein Herr in langem dunklem
+Mantel und eine dichtverschleierte junge Dame an Bord.
+
+»Ich tue es um deinetwillen, Ilse,« sagte Alfred Smiders, »es braucht
+niemand zu wissen, daß du mit mir fortgegangen bist. Am Bollwerk gibt
+es beim Einsteigen hundert neugierige Menschen, die jedes Vorkommnis
+beobachten und weitertragen.«
+
+»Was mache ich mir jetzt daraus,« antwortete Ilse, »für mich ist alles
+vorbei! Du hast mich doch besitzen wollen, -- nun bin ich bei dir, und
+du mußt für mich sorgen.«
+
+Das Gesicht von Alfred Smiders zeigte bei ihren Worten ein höhnisches
+Lächeln.
+
+»Ich werde es auch tun,« erwiderte er. »Du verstehst es ja
+meisterhaft, deinen Willen durchzusetzen.«
+
+Die Wellen im Haff wurden immer höher, und ihr weißer Gischt schlug
+zuweilen über die Spitze des kleinen Kutters hinweg. Er lag hart an
+der Swinemünder Fahrt. Alfred Smiders hatte den Auftrag gegeben, den
+dänischen Dampfer ›Klampenborg‹, der am frühen Morgen von Stettin
+abging, anzulaufen.
+
+Ilse, die das Seefahren nicht gewohnt war, befand sich in schlechter
+Stimmung. Das fortgesetzte Schaukeln des kleinen Kutters verursachte
+ihr das größte Unbehagen.
+
+»Wenn nur erst der Dampfer kommen möchte,« sagte sie, »ich fühle mich
+grenzenlos elend!«
+
+Smiders erwiderte nichts darauf. Er starrte in die Wellenberge
+hinein, die sich gegen das kleine Fahrzeug auftürmten. Würde nicht
+jetzt das Leben ebenso auf ihn hereinbrausen? Viel hatte er aus dem
+Zusammenbruch, der ihm nachfolgen mußte, nicht retten können, und nun
+hängte sich dieses Geschöpf noch an ihn. --
+
+Es war bereits heller Tag, als endlich die Signalmasten und das
+Bugspriet des großen dänischen Schiffes sichtbar wurden.
+
+»Geschickt anfahren!« befahl Smiders.
+
+Der Dampfer kam rasch näher. Der Maschinist des Kutters gab mit
+der Dampfpfeife ein Zeichen, daß er Passagiere abgeben wollte. Der
+Kapitän des Dänen, der oben auf der Kommandobrücke stand, winkte ab.
+Die Wellen gingen zu hoch, so daß ein sicheres Anlaufen während der
+Fahrt nicht möglich war. Der kleine Kutter legte sich aber beharrlich
+in den Weg, und trotz der Warnungszeichen vom Schiff schoß er im
+nächsten Augenblick hart an dieses heran. Der Heizer griff nach einem
+vom Steuerbord herabhängenden Tau, und nun flog das kleine Fahrzeug
+äußerst gefährdet neben dem großen Dampfer hin.
+
+Die Weilen schlugen darüber hinweg. Die Mannschaft des Dampfers kam
+auf Deck zusammen und schaute hinunter.
+
+»Laßt ab!« donnerte der Kapitän oben. Der Kutter hielt aber stand.
+Seine Insassen schwebten in größter Lebensgefahr. Schlugen die Wellen
+in die Maschine hinein, so war eine Explosion des Kessels sehr leicht
+möglich.
+
+Die Aufnahme wurde gewaltsam erzwungen. Es öffnete sich die
+tiefgelegene Schiffsluke, eine Strickleiter wurde hinuntergeworfen.
+Alfred Smiders brachte im nächsten Augenblick die vor Aufregung und
+Angst halb bewußtlose Ilse hinauf. Der Heizer gab rasch das Gepäck
+nach, dann löste sich der Kutter ab und blieb mit den starken Wellen
+kämpfend zurück.
+
+Ilse Hergenbach stand gänzlich durchnäßt und fröstelnd auf dem Deck.
+Der Kapitän, der herangekommen war, geriet mit Alfred Smiders in
+heftigen Wortwechsel. Sie sprachen dänisch miteinander. Dann mußten
+sie sich aber geeinigt haben. Es wurde kurz darauf den beiden
+Passagieren eine Kabine zur Überfahrt nach Kopenhagen eingeräumt. Der
+Dampfer ›Klampenborg‹, der des Kutters wegen leicht gestoppt hatte,
+nahm jetzt wieder volle Fahrt auf und ging mit nördlichem Kurs in die
+See hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Wochen waren verstrichen. Herta hatte es vermieden, an Frau Hergenbach
+zu schreiben. Sie erwartete deshalb auch keine Nachricht aus
+Nordhausen. Die beiden Geschwister hatten sich beraten, was sie Wolfs
+wegen tun wollten.
+
+»Ich kann ihn bloß noch mit vieler Mühe fernhalten,« meinte Jürgen.
+»Wenn er nur mit anderer Anschauung zurückkäme, als er fortgegangen
+ist!«
+
+»Nein, Jürgen,« erwiderte seine Schwester, »du hältst Wolf für
+oberflächlicher, als er es in der Tat ist. Ich fürchte nach den
+Briefen an mich, daß sich die starke Neigung zu Ilse nicht vermindert,
+sondern durch seine Abwesenheit sogar noch vertieft hat. Der Schlag
+wird so gewaltig für ihn sein, daß wir das Schlimmste dabei befürchten
+können. Was sollen wir ihm nur bei seiner Rückkehr sagen?«
+
+»Weiß nicht,« brummte Jürgen, »Wolf ist nun einmal aus anderem Holz,
+als wir Plüddekamps sonst geschnitzt wurden. Wir rütteln und schütteln
+uns Gutes und Böses ab. Einen Augenblick mag es uns im Innern stark
+erfassen, dann aber sind wir wieder gefestigt und lassen uns nicht
+mehr beirren.«
+
+»Wolf ist das Bild meiner lieben Mutter, dieser schönen, gütigen
+und lebenslustigen Frau. Auf ihn haben sich alle ihre herrlichen
+Eigenschaften vererbt,« erwiderte Herta.
+
+Jürgen nickte mit dem Kopf.
+
+»Es wäre besser, er gliche unserem Vater, wie du, Herta. Sein Weg in
+der Welt würde ihm leichter werden.«
+
+Beide Geschwister waren schwer bedrückt. Sie liebten Wolf zärtlich
+und empfanden, welcher Schmerz ihn bei der bevorstehenden Eröffnung
+treffen mußte. Jürgen versuchte Wolfs Aufenthalt in Spanien durch
+Depeschen zu verlängern. Er bat ihn in einem Schreiben, sich durch die
+Schönheiten und den Reiz der alten Städte Südspaniens festhalten zu
+lassen. Es sei doch zweifelhaft, ob er noch einmal dorthin käme. Wolfs
+Briefe lauteten aber entgegengesetzt.
+
+So eifrig er alles Geschäftliche erledigte, die Sehnsucht nach Ilse
+sprach aus den Schlußzeilen im erhöhten Maße hervor. In Spanien trat
+bereits die wärmere Jahreszeit ein, und Wolf liebte als guter Pommer
+die starke kühle Seebrise seiner Heimat.
+
+»Du meinst es gut mit mir, Jürgen,« schrieb er in seiner Antwort. »Es
+nutzt dir aber nichts, lieber Bruder, die Sehnsucht nach Hause ist
+stärker in mir, als der Drang, alte arabische Kunst und spanische
+Schönheit näher kennen zu lernen. Es wird mir im Leben schon noch
+einmal vergönnt sein, diese mit Ilse zusammen anschauen zu können.«
+
+Jürgen sandte wieder Depesche auf Depesche. Er fürchtete geradezu die
+Stunde der Heimkehr Wolfs. In einem folgenden Briefe schien es sogar,
+als wenn sich dieser noch zur Reise nach Südspanien entschließen
+wolle. --
+
+Eines Tages jedoch gegen Mittag hielt plötzlich eine Droschke vor dem
+Plüddekampschen Hause an. Wolf sprang heraus und eilte ins Kontor.
+
+Als Jürgen ihn so frisch und lebenslustig, voll glücklicher Erwartung
+in den Zügen kommen sah, breitete er unwillkürlich seine Arme aus und
+drückte den Bruder an seine breite Brust.
+
+»Wölfchen, du bist ein Prachtkerl!« rief er aus. »Wie dunkelgebräunt
+du von Spaniens Sonne ausschaust! Hast deine Sache wacker gemacht,
+mein Junge. Komm, setz dich auf deinen alten Platz und erzähle uns.«
+
+Der Prokurist war ebenfalls hinzugetreten und hatte seinem zweiten
+Chef kräftig die Hand geschüttelt. Wolf war so erregt von dem
+augenblicklichen Gefühl des Glückes, wieder in der Heimat zu sein,
+daß er seine Erlebnisse fast übersprudelnd hervorbrachte. Er hatte
+vorzüglich abgeschnitten. Die spanischen Firmen waren ihm in der
+liebenswürdigsten Weise entgegengekommen und verhalfen ihm trotz
+der Schwierigkeiten zum Ankauf von Korn. Ebenso fand er die größte
+Bereitwilligkeit bei den Leitern der spanischen Brennereien, ihre
+Anforderungen zu ermäßigen. Er brachte sogar noch bedeutende Aufträge
+mit. Die Verbindungen waren durch sein persönliches Eingreifen stark
+gefestigt worden.
+
+»Du bist ein famoser Minister des Auswärtigen,« lobte ihn Jürgen, »nur
+schade, daß du so wenig an dich selbst gedacht hast. Du konntest dir
+viel mehr Zeit gönnen und brauchtest dich nicht abzuhetzen. Hier ist
+es geschäftlich glatt gegangen.«
+
+Der Prokurist lächelte fein. Unter Jürgen Plüddekamps Leitung war
+stets ein ruhiger, sicherer Betrieb.
+
+»Was sagst du zu Alfred Smiders?« fuhr Jürgen jetzt fort. »Ein netter
+Bursche! Er hat sich stark hineingebuddelt und auf alle mögliche Weise
+Geld verschafft. Der Sturz mußte endlich kommen. Er war schon vorher
+verschwunden.«
+
+»Es ist ein betrügerischer Bankrott,« setzte Armin hinzu. »Alfred
+Smiders wird steckbrieflich verfolgt.«
+
+»So weit ist es mit ihm gekommen?« rief Wolf erstaunt aus und sah zu
+seinem Bruder fragend hinüber.
+
+Jürgen vermied den Blick und schaute zur Seite. Die Hand des sonst so
+ruhigen Mannes zuckte nervös.
+
+»Ich bedaure den alten Herrn Smiders. Er wird aus dem Zusammenbruch
+kaum etwas retten. Die Werft hat die Dampfer mit Beschlag belegt und
+baut den ›Friedrich Barbarossa‹ auf eigene Rechnung fertig. Es sind
+eine ganze Anzahl Banken stark in Mitleidenschaft gezogen worden.
+Alfred Smiders hat in unglaublicher Höhe Wechselreiterei getrieben.
+Er muß im Auslande sein. Bis jetzt hat man ihn noch nicht erwischen
+können.«
+
+»Der Hamburger Großkapitalist, den Smiders hereinhaben wollte, sprang
+im letzten Augenblick ab,« fügte der Prokurist hinzu. »Man spricht
+alles mögliche. Die Ursache soll auf die Weinstube an der ›Grünen
+Schanze‹ zurückzuführen sein, in der sich beide Herren für eines der
+Mädchen interessierten.«
+
+Jürgen wurde unruhig.
+
+»Schon gut, Armin,« sagte er, um jedes weitere Wort abzuschneiden.
+»Bei solchen Vorfällen wird in der Stadt viel geklatscht.«
+
+Armin schaute betroffen zu Jürgen auf. Warum wies der Freund ihn so
+schroff zurück? Lagen noch tiefere Gründe vor? Sein Blick überflog
+beide Brüder. Merkwürdig, die Freude des Wiedersehens schien bei
+Jürgen in eine stetig wachsende Unruhe übergegangen zu sein, die ihm
+bei diesem noch nie aufgefallen war. Zu feinfühlend aber, um nach
+der Ursache zu forschen, gab er einen Vorwand an und ging in sein
+Arbeitszimmer.
+
+»Jürgen!« rief Wolf sofort aus, als sich die Tür hinter Armin
+geschlossen hatte, »mein erster Weg war zu dir! Jetzt aber will ich
+hinauf, ich muß Herta und -- Ilse begrüßen. Das eine kann ich dir
+sagen, es war gut, daß du mich fortschicktest. Während der Zeit konnte
+ich mich prüfen, ob mein Herz Ilse wirklich gehört. Heute gestehe ich
+dir offen: ich habe sie mehr denn je lieb, und ich kann den Augenblick
+nicht erwarten, sie wiederzusehen!«
+
+Es zuckte gewaltig in den Gesichtszügen des sonst so eisenfesten
+Kaufmannes, als er entgegnete:
+
+»Wolf, mein lieber Wolf! Wir wollen zusammen zu Herta gehen!« Der Ton
+seiner Stimme mußte diesem aufgefallen sein. Er sah plötzlich scharf
+auf den Bruder hin.
+
+»Jürgen, du sprichst so eigenartig zu mir! Ist etwas vorgefallen? Sage
+es mir, ehe ich hinaufgehe.«
+
+Jürgen vermochte aber nicht weiter zu sprechen. Er hatte bereits die
+Tür geöffnet. Die beiden Brüder stiegen die Treppen nach dem ersten
+Stockwerk empor. Bei jeder Stufe, die Jürgen betrat, zögerte sein Fuß.
+Es war immer, als ob er Wolf etwas sagen wolle, und doch preßte es ihm
+die Kehle zusammen. Er konnte es nicht. Nur in seinem Innern wurde das
+Wehgefühl stärker, daß seinem Bruder, den er von Herzen liebte, eine
+so schwere Eröffnung bevorstand.
+
+Herta hatte schon erfahren, daß Wolf zurückgekehrt war. Sie erwartete
+ihn auf dem oberen Korridor.
+
+»Wölfchen! Gott sei Dank, daß du wieder bei uns bist!« rief sie ihm
+entgegen und faßte seine beiden Hände, »ich habe dir schnell ein paar
+Brötchen zurechtgemacht, und dein Glas Portwein findest du auch vor.«
+
+Als sie dann in das Speisezimmer eintraten, schlang sie plötzlich
+den Arm um seinen Hals und küßte ihn auf beide Wangen. »Wie gut du
+aussiehst, Wölfchen!« sagte sie. »Nun setz dich aber und iß in aller
+Ruhe.«
+
+Jürgen legte Wolf, der vor einem der hohen Lehnstühle stand, seine
+Hand leicht auf die Schulter, damit er sich niederlassen solle. Dieser
+sah sich unruhig um.
+
+»Ich freue mich herzlich, wieder bei euch zu sein,« sprach er hastig,
+»aber seid mir nicht böse, ich muß -- zu Ilse! Wo ist sie, Herta?«
+
+»In Nordhausen, Wolf!« gab Jürgen anstatt Herta zur Antwort.
+
+»In Nordhausen? Was ist denn geschehen? Ihr habt mir doch versprochen,
+sie bei euch zu behalten! Jürgen -- Herta -- habt ihr euch mit ihr
+erzürnt? Ist sie freiwillig fortgegangen?«
+
+Seine Fragen überstürzten sich.
+
+»Nichts von alledem,« erwiderte jetzt Herta. »Ich bitte dich noch
+einmal, Wolf, nimm zuerst etwas zu dir. Wir werden dann in Ruhe alles
+erzählen.«
+
+»Nein, nein! Ich kann keinen Bissen essen!« faßte sich Wolf an die
+Stirn. »Das Schönste, das ich mir bei meiner Rückkehr ausmalte, war --
+Ilse in die Arme schließen zu können. Und nun --?«
+
+Die beiden Geschwister kämpften mit sich, und keins von ihnen
+vermochte das erste Wort herauszubringen, um Wolf die schlimme
+Botschaft mitzuteilen.
+
+»Es war sehr unrecht von mir, daß ich Ilses Wunsch erfüllte!« rief er
+aus. »Hätte ich nur in voller Offenheit gehandelt, dann konnte ich
+mit ihr in Briefwechsel bleiben. -- Sagt mir nur endlich: was ist
+geschehen? Haben die Eltern sie zurückgerufen?«
+
+»Nein, Wölfchen! Sie ist schon seit Wochen fort! Wir mußten es dir
+verschweigen, damit du nicht unruhig wurdest,« antwortete seine
+Schwester.
+
+»Schon seit Wochen!« fuhr Wolf auf. »Ihr habt mir in euren Briefen
+doch noch Grüße von ihr bestellt,« und seine blauen Augen richteten
+sich drohend auf Herta. »Du -- die Wahrheit selbst! Warum machst du
+solche Ausflüchte?«
+
+»Es mußte sein, Wolf! Ich habe es nicht gern getan! Es ist aber um
+deiner selbst willen geschehen!«
+
+»Um meinetwillen? Jetzt weiß ich, daß etwas vorgefallen ist. Also
+heraus damit! Euer Zögern peinigt mich.«
+
+»Ilse ging aus eigenem Antriebe fort,« erwiderte Herta. »Sie glaubte
+erkrankt zu sein und wollte deshalb schnell nach Hause.«
+
+»Sie hat dir aber Nachricht gegeben, Herta, wie es ihr jetzt geht?«
+
+»Nein, Wolf!« entgegnete Herta aufrichtig, »ich habe keine Zeile aus
+Nordhausen erhalten.«
+
+»Unmöglich!« rief Wolf erregt aus. »Seit Wochen keine Zeile? Ihr
+verbergt mir etwas! -- Ich fühle es! Krankheit kann nicht der Grund
+sein, warum sie fortgegangen ist. Erkrankt reist man ohne Not nicht
+eine solche Strecke!«
+
+»Es nützt nichts, Herta,« fiel jetzt Jürgen ein, »ich will es Wolf
+sagen. Ilse ist abgereist, weil sie von uns fort -- mußte! Es hing
+dies mit Alfred Smiders zusammen.«
+
+»Wie? -- Alfred Smiders!« Wolf wurde dunkelrot im Gesicht. »Ich habe
+es oft gefürchtet! Er sah sie vom ersten Augenblick so sonderbar an,
+und ihr habt sie nicht vor ihm beschützt!«
+
+Er war in solche Erregung geraten, daß er nicht mehr stehen bleiben
+konnte, sondern im Zimmer hin und her lief.
+
+»Herta, du vertratest die Stelle der Mutter an ihr! Du hast doch über
+sie gewacht! Ist es denn so schlimm, daß ihr mir nicht anvertrauen
+könnt, was vorliegt?«
+
+»Komm, Wolf,« sagte Jürgen traurig, »wir wollen in mein Schreibzimmer
+gehen. Die Plüddekamps haben dort alle ernsten Sachen überdacht und
+sich stets einen neuen festen Boden geschaffen. Wir beide müssen über
+Ilse Hergenbach sprechen.«
+
+
+
+
+ XXII.
+
+
+Schwere Tage kamen über das Plüddekampsche Haus. Wolf war unter
+der Wucht der auf ihn hereindrängenden Tatsachen gänzlich
+zusammengesunken. Seine Liebe und Sehnsucht nach Ilse war durch die
+wochenlange Abwesenheit so gewaltig geworden, daß er die nackte
+Wahrheit, die ihm Jürgen eröffnete, nicht zu ertragen vermochte. Eine
+Zeitlang ging er wie geistesabwesend einher. Er konnte seine Gedanken
+von dem Geschehnis nicht ablenken und vermied es, sich mit Herta und
+Jürgen in ein Gespräch einzulassen.
+
+Tagsüber hielt er sich meistens im Garten auf, pflückte dort Blumen
+und zerblätterte sie. Wenn der alte Jochen Hindorf ihm in den Weg
+kam, gab er kaum dessen Gruß zurück. Durch seinen Verrat hatten die
+Geschwister alles erfahren. Warum hatte er Ilse nicht mitgenommen?
+Dann wäre sie für ihn gerettet gewesen. Zuweilen wollte er alles nicht
+glauben und versuchte, es sich auszureden. Die Wucht der Gedanken aber
+brach danach doppelt stark auf ihn herein.
+
+Eines Tages kam ein Brief aus Nordhausen für Herta an, den ihm
+der Briefträger zufällig übergab. Er war von Ilses Mutter. In der
+Aufregung, etwas über sie zu erfahren, wartete er nicht, bis er die
+Schwester fand, sondern riß das Schreiben auf. Seine Augen überflogen
+die Zeilen, dann ballte er mit der Hand das Papier zusammen.
+
+»Sie ist nicht dort!« rief er die Treppe hinaufeilend seiner Schwester
+zu. »Ilse ist nicht in Nordhausen! Ihr habt mir doch gesagt, sie sei
+bei ihren Eltern! Ich mag nicht ausdenken, wo sie sein kann! Das Blut
+tobt in mir! Es zermalmt mir das Gehirn! Ich will Smiders suchen, ich
+muß ihn zur Rechenschaft ziehen! Der Bube soll seine Strafe erhalten!«
+--
+
+Von dieser Stunde an war Wolf fieberhaft bemüht, etwas über Smiders'
+Verbleib zu erfahren. Der Staatsanwalt, der die Anklage gegen den
+Reeder erhoben und hinter ihm einen Steckbrief erlassen hatte, fand
+keinen willigeren Helfer, als Wolf Plüddekamp. Dieser sah nur noch ein
+Ziel vor sich: Smiders aufzufinden.
+
+Er unterstützte die Bemühungen der Kriminalbeamten. Jeder Schritt,
+den der Reeder noch in Stettin gemacht, wurde verfolgt. Man konnte
+nachweisen, welche Summen er schnell eingezogen und wo er sich bis
+zum Abend des Fluchttages aufgehalten hatte, dann aber war jede Spur
+verwischt. Ebenso forschte Wolf Ilse nach. Der Kutscher sah noch
+deutlich, wie sie die Fahrkarte löste und in den Wartesaal ging. Von
+hier ab lag alles weitere im Dunkel.
+
+Tag für Tag blieb Wolf unermüdlich tätig, Klarheit in die Dinge zu
+schaffen. Es hatte sich bei ihm zur fanatischen Idee ausgebildet, daß
+Smiders Ilse bewogen, mit ihm zu fliehen. Der sonst so lebensfrohe
+junge Mann war vollständig verwandelt. Ein verbissener, ingrimmiger
+Zug lag in seinem Gesicht. Mit wilder Glut wühlte es täglich in seinem
+Herzen: »Ilse ist für dich verloren, -- Smiders aber erwürge ich mit
+eigener Hand!«
+
+In dieser fortgesetzten Aufregung untergruben sich seine Körperkräfte.
+Das Ausbleiben von Resultaten ließ eine derartige Nervenüberspannung
+entstehen, daß er zusammenbrach. Ein heftiges Nervenfieber warf ihn
+aufs Krankenlager hin. Herta pflegte ihn mit Aufopferung.
+
+Im Hause Plüddekamp wurde es unheimlich still. Niemand wagte fest
+aufzutreten, aus Furcht, den Schwerleidenden zu stören. In wilden
+Fieberphantasien wälzte sich Wolf auf seinem Lager. Die Ausbrüche von
+Sehnsucht nach Ilse waren für Herta kaum zu ertragen. Als nach Wochen
+noch keine Besserung eintrat und sie selbst von der Pflege derartig
+angegriffen wurde, daß ihre Kräfte nachließen, sollte Wolf bereits in
+eine Anstalt überführt werden. --
+
+Die Kunde von seiner schweren Erkrankung war auch nach Wershagen
+gedrungen. Lieschen Wichers schrieb mehrmals an Herta. Da diese nicht
+gleich antworten konnte, kam sie selbst. Das liebenswürdige, heitere
+Geschöpf brach in Tränen aus, als es von dem schweren Leiden Wolfs
+erfuhr, und offenbarte dabei ihre ganze tiefe Liebe zu ihm.
+
+»Lassen Sie mich ihn pflegen,« bat Lieschen die Geschwister, »ich
+stehe an Ihrer Seite, um ihn für das Leben zu erhalten.« Sie mußten
+einwilligen, daß das junge Mädchen im Plüddekampschen Hause blieb.
+
+Lieschen waltete wie ein guter, freundlicher Geist in der
+Krankenstube. Wolf erkannte sie zuweilen, und ein Lächeln glitt dann
+über seine schlaff gewordenen Züge. Sobald aber das hohe Fieber
+auftrat, schien sein Denken vollständig umnachtet zu sein.
+
+Die Geschwister zogen Lieschen vollständig in ihr Vertrauen; sie
+vernahm so vieles aus seinen wirren Reden, da mußte eine Aufklärung
+stattfinden.
+
+Endlich kam die Krisis.
+
+Es waren Stunden der reinsten Verzweiflung, in denen alle verharrten.
+Die gute Natur Wolfs siegte. Nach einem tagelangen, wenig
+unterbrochenen tiefen Schlaf kam langsam die Genesung. Das Fieber
+hörte auf. Nun galt es, die alten Erinnerungen in ihm durch eine
+andere Umgebung zu verdrängen. Nur dadurch konnte sein Gemüt zur Ruhe
+gelangen und sein Körper genesen.
+
+Lieschen Wichers bat flehentlich, ihn mit nach Wershagen nehmen zu
+dürfen. Was konnte den Geschwistern lieber sein, als den Bruder in der
+herrlichen gesunden Luft von Wershagen, der freundlichen Landschaft,
+dem gemütlichen Heim des Oberamtmanns zu wissen! Dort konnte er sich
+von dem schweren körperlichen Leiden wie der starken Erschütterung
+seines Innern am besten erholen.
+
+Während seiner Krankheit liefen von vielen Seiten täglich Anfragen
+ein. Es zeigte sich recht, welche Freundschaft er sich überall
+erworben hatte. Graf Thadden-Bützenbrück war gekommen, um sich nach
+Wolf zu erkundigen. Der Berleburger Schloßherr fehlte natürlich nicht
+und so viele andere.
+
+Die Übersiedlung nach Wershagen ging vor sich. Lieschen Wichers, die
+von der Pflege etwas bleich geworden, saß strahlend an der Seite
+Wolfs, als sie auf dem Gut eintrafen. Zusammengefallen und kraftlos
+wurde er aus dem Wagen gehoben, nur in seinen Augen lag trotz des
+matten Schimmers eine Hoffnung auf baldige Genesung. --
+
+Jürgen Plüddekamp war in der letzten Zeit recht gealtert. Starke
+Falten hatten sich auf seiner Stirn eingegraben. Das wochenlange
+Schweben seines Bruders zwischen Leben und Tod rüttelte gewaltig an
+diesem eisernen Mann. Sobald die Hoffnung in ihm zurückkehrte, daß
+Wolf den Geschwistern erhalten blieb, belebte sich sein Blick wieder,
+und er sah zuversichtlicher aus. Jetzt mußte sich noch alles zum Guten
+wenden. Warum nur war Ilse Hergenbach in die glückliche Harmonie des
+Plüddekampschen Hauses eingedrungen? Die Geschwister selbst trugen
+die Schuld daran. Sie durften kein fremdes Wesen bei sich aufnehmen.
+So war es ein Jahrhundert lang gehalten worden. Der Durchbruch dieser
+alten Überlieferung beschwor die Gefahr herauf.
+
+Während Jürgen Plüddekamp über die eingegangene Korrespondenz gebeugt
+saß und an den Rand der Briefe Bemerkungen schrieb, läutete plötzlich
+der neben ihm befindliche Telephonapparat. Er nahm den Hörer in die
+Hand.
+
+»Hallo! Hier Jürgen Plüddekamp!«
+
+»Hier Charles Martens! Ich möchte dich heute sprechen, Jürgen!«
+
+»Du bist mir jederzeit willkommen, Charles! Hast du irgend etwas
+Wichtiges? Es handelt sich wohl um Smiders?«
+
+»Ja und nein, Jürgen! Ich bin in einer Viertelstunde bei dir.«
+
+Jürgen arbeitete ruhig weiter. Prokurist Armin kam herein und legte
+Abschlüsse vor, die unterzeichnet werden mußten.
+
+»Wird Berleburg in diesem Jahre viel liefern können?« fragte Jürgen
+und sah zu seinem Prokuristen auf.
+
+»Das Berleburgsche Glück hat sich bewahrheitet,« erwiderte Armin.
+»Er läßt bereits auf dem Felde dreschen. Die landwirtschaftliche
+Genossenschaft seines Bezirks hat eine große fahrbare
+Dampfdreschmaschine angeschafft, die überallhin verliehen wird.
+Dadurch läßt sich die Lieferung des ersten Roggens sehr beschleunigen.«
+
+»Seine Schuld wird wohl herunterkommen, Armin?«
+
+»Der Baron hofft sogar auf einen vollständigen Ausgleich seines
+Kontos bei uns, Plüddekamp! Es soll sogar noch eine Badereise für ihn
+übrigbleiben. Er will dabei, wie seit Jahren, nach einer reichen Frau
+suchen.«
+
+»Bei ihm wird der Anschluß wohl verpaßt sein, Armin, und Berleburg
+einst dem Schicksal der Aufteilung nicht entgehen. Schade um diese
+alten Besitzungen! Sie fallen eine nach der anderen den Anforderungen
+der Neuzeit zum Opfer.«
+
+»Uns erschwert es nur das Geschäft,« warf der Prokurist ein. »In
+großen Posten kaufen wir viel günstiger, als wenn wir uns im
+Kleinbetrieb verzetteln müssen.«
+
+»Die Aufkäufer wollen immer mehr Prozente haben,« erwiderte Jürgen.
+»Was bleibt schließlich noch für uns übrig! Ich sehe manchmal mit
+Bitterkeit in die Zukunft. Würden wir nicht in früheren Jahren so groß
+geworden sein, heute gehörte es zur Unmöglichkeit!«
+
+»Leider!« stimmte Armin ihm bei. »Wie bei den Gütern, so wird auch
+im alten ehrenwerten Kaufmannsstand manche Bresche geschlagen. Der
+Weltbetrieb läuft zu rasch vorwärts und überhastet sich.«
+
+In diesem Augenblick wurden sie durch die Anmeldung von Konsul Martens
+unterbrochen, der auch gleich darauf eintrat. Armin verließ das
+Zimmer, und die beiden Freunde waren allein.
+
+»Setz dich auf Wolfs Platz, Charles,« bat Jürgen, »was bringst du uns?«
+
+»Wie geht es ihm vor allen Dingen?« fragte Konsul Martens dazwischen.
+
+»Von Tag zu Tag langsam besser, Charles! Der Aufenthalt in Wershagen
+scheint ihm gut zu bekommen. Er ist schon ein paarmal im Park gewesen.
+Wichers und seine Tochter sind wahrhaft liebe Menschen, bei denen man
+in dem Gedanken wieder erstarken kann, daß Treue und Aufopferung noch
+nicht ganz aus der Welt geschwunden sind.«
+
+Konsul Martens nickte mit dem Kopf.
+
+»Auf der anderen Seite breitet sich Lug und Trug in immer
+größerem Maße aus. Mit der wachsenden Menschenzahl nimmt auch die
+Schlechtigkeit erschreckend überhand. Hier ist wieder ein Beispiel
+davon.«
+
+Er zog einen Brief aus seiner Tasche und setzte sich das Augenglas auf.
+
+»Ich komme deshalb heute zu dir, Jürgen. Dieses Schreiben an mich
+kommt aus Amsterdam und ist -- von Ilse Hergenbach.«
+
+»Ilse Hergenbach!« fuhr Jürgen auf. »Nenne mir nicht den Namen,
+Charles! Sie kostet uns beinahe den Bruder.«
+
+»Trotzdem mußt du mich anhören, Jürgen! Da du mich als besten Freund
+der Familie in alles einweihtest, bin ich auch verpflichtet, dir von
+diesem Schreiben Kenntnis zu geben. Ich will vorausschicken: mag das
+junge Mädchen auch gefehlt haben, das Los, das sie jetzt betroffen
+hat, ist erbarmungsvoll!«
+
+»Wieso?« unterbrach ihn Jürgen in barschem Ton. »Wer bei Nacht und
+Nebel davonläuft, kann es nicht anders erwarten!«
+
+»Sie ist vor Monaten mit Smiders nach Amsterdam gefahren. Er ging dann
+bald auf und davon und hat sie dem Elend überlassen. Wahrscheinlich
+fürchtete er, daß seine Spur entdeckt werden würde. Der Schrei einer
+Verzweifelten ist heute an mich gelangt. Sie will nicht weiter sinken,
+und doch steht ihr das Furchtbarste bevor.«
+
+Jürgen, der sonst so gelassene und ruhige Geschäftsmann, stand
+plötzlich auf und schritt erregt im Zimmer hin und her.
+
+»Was ist zu tun, Charles?« blieb er einen Augenblick stehen.
+
+»Dies wollte ich mit dir besprechen, Jürgen! Ich halte es für richtig,
+wenn jemand sofort nach Amsterdam fährt und sie abholt, ehe sie in
+einen Abgrund versinkt. Ich kam hierher, um dich darum zu bitten.«
+
+»Charles! Was fällt dir ein! Ich soll nach Amsterdam fahren?«
+
+»Allerdings!« erwiderte der Konsul ruhig, »du bist der einzige, der
+dafür geeignet ist. Irgend einen Fremden können wir nicht einweihen.
+Mir selbst traue ich, offen gestanden, die Erledigung dieser
+Angelegenheit nicht recht zu. Du bist allein der geeignete Mann dafür.«
+
+»So? Es wird immer schöner!« rief Jürgen aufgeregt. »Dafür, daß sie
+mir Frieden und Ruhe im Hause zerstörte, soll ich auch noch nach
+Amsterdam fahren, um sie vor weiterer Schmach zu behüten!«
+
+»Ja,« sprach Martens bestimmt, »du wirst es tun, Jürgen! Ich bitte
+dich bei unserer Freundschaft darum. Man soll eine Frau, die noch
+einen Funken von guter Gesinnung in sich hat, in einer fremden Stadt
+nicht dem Menschenpöbel überlassen. Hast du nicht auch das Bewußtsein?«
+
+Einen Augenblick hindurch bäumte sich der ganze Stolz Jürgens gegen
+diese Zumutung auf. Seine Augen sandten förmliche Blitze, als er jetzt
+ausrief:
+
+»Sage es einem anderen, Charles, aber nicht mir! Ich bin dabei der
+Letzte, der berufen ist, zu helfen!«
+
+»Nein, Jürgen,« entgegnete der Konsul energisch, »du bist der Erste
+dazu! Ich will jetzt nicht weiter in dich dringen. Überlege es dir
+eine Stunde! Um zwei Uhr geht der Schnellzug, du kannst in Tag und
+Nacht dort sein. Brauchst auch niemand etwas davon wissen zu lassen.
+Bei euch sind ja geschäftliche Reisen an der Tagesordnung. Wolf ist
+nicht hier, und Herta wird nicht erfahren, was du tust. Hier ist der
+Brief, -- die Adresse von Ilse Hergenbach steht darin.«
+
+Jürgen kämpfte noch mit sich. Die Adern an seiner Stirn waren stark
+angeschwollen, ein Zeichen der inneren Erregung. Als Martens darauf
+fortgehen wollte, hielt er ihn zurück.
+
+»Warte, Charles,« sagte er kurz, »es fällt schwer, mich selbst zu
+überwinden. Doch hier ist meine Hand, -- ich fahre nach Amsterdam!«
+
+Konsul Martens zeigte ein feines Lächeln.
+
+»Ich war davon überzeugt, Jürgen, du konntest nicht anders handeln! An
+den Kosten darf ich mich doch beteiligen?«
+
+»Nein, Charles, das darfst du nicht! Was ich will -- tue ich auch
+ganz!«
+
+Prokurist Armin trat herein. Er hielt ein Zeitungsblatt in der Hand.
+
+»Sie haben Alfred Smiders gefaßt, Plüddekamp,« rief er befriedigt
+aus, »hier, lesen Sie das Telegramm. Er ist bei seiner Ankunft in Rio
+de Janeiro von einem Angestellten des deutschen Konsuls erkannt und
+verhaftet worden. Seine Auslieferung steht bevor.«
+
+»Ich gönne es dem Burschen,« fiel Jürgen ein, »die wohlverdiente
+Strafe muß ihn treffen.«
+
+»Solche Verhandlungen wirbeln nur Staub auf, säen Mißtrauen und
+verderben das gute Geschäft,« meinte Konsul Martens.
+
+»Mir tut der alte Vater leid. Besser für ihn, der Sohn wäre tot, als
+daß er jetzt vor den Richter gezogen wird.«
+
+»Er wird das Urteil nicht mehr erfahren,« erwiderte der Bankier. »Du
+hast ja beigesteuert, daß wir ihn im Johanniterhospital unterbringen
+konnten. Seine letzten Tage stehen bevor.«
+
+Konsul Martens war schon an der Tür, als er sich noch einmal umwandte.
+
+»Der ›Friedrich Barbarossa‹ ist glücklich aus dem Dock heraus! Ist ein
+schmuckes Schiff geworden. Die Werft rechnet stark darauf, daß du ihn
+chartern wirst! Vielleicht kauft ihn auch die neue Reederei, die die
+Dampferlinien von Smiders & Sohn übernommen hat. Kneis aus Hamburg
+soll dahinter stecken und sich mit großem Kapital beteiligt haben.
+Sicher tritt er auch an dich heran. Dabei kannst du ein paar Worte für
+unsern Dampfer mit einfließen lassen.«
+
+»Wird geschehen, Martens! Für ein solides Geschäft bin ich stets zu
+haben. Kneis kann vorzügliche Referenzen aufweisen und versteht als
+alter Überseer sein Handwerk.«
+
+»Lebe wohl, Jürgen! Gib mir Nachricht, wenn du zurück bist. Wir wollen
+dann die Sache weiter besprechen.«
+
+Dieser war in seinem Zimmer allein; er sah eine geraume Zeit vor sich
+in das Leere.
+
+»Menschen und Schicksale,« murmelte er dann, »ich hätte wahrhaftig nie
+geglaubt, daß ich Ilse Hergenbach im Leben noch einmal wiedersehen
+müßte.«
+
+
+
+
+ XXIII.
+
+
+Herta war erstaunt, als Jürgen ihr mitteilte, daß er auf einige Zeit
+ins Ausland verreisen wollte.
+
+»So plötzlich?« fragte sie.
+
+»Du kennst doch unser Geschäft, Herta. Solange Wolf ausfällt, muß
+ich jeden Augenblick reisefertig sein. Armin hat bereits die nötigen
+Instruktionen.« Damit war er gegangen.
+
+Am nächsten Abend traf er in Amsterdam auf dem Bahnhof ein und
+ging direkt nach dem nahegelegenen Viktoriahotel. Von hier aus
+konnte er leicht überall hingelangen. Das interessante Leben in den
+Gesellschaftsräumen des bekannten Hotels regte ihn unwillkürlich
+an. Viele fremde Nationen waren vertreten. Ein Gewirr von mehreren
+Sprachen drang an sein Ohr. So mancher Roman spielte sich hier täglich
+ab. Er selbst sollte jetzt das Ende eines solchen erleben.
+
+Er faßte den Entschluß, Ilse Hergenbach bereits am frühen Morgen
+aufzusuchen, ohne daß er ihr vorher eine Mitteilung davon machte. Als
+kluger Geschäftsmann wollte er sich überzeugen, wie weit die Wahrheit
+ihrer Worte zutraf.
+
+Er hatte sich vorgenommen, die Angelegenheit als einen Geschäftsfall
+aufzufassen. Während er aber in dem geräuschvollen Treiben des Saales
+saß und die volle Lebenslust froher Menschen ihn umbrandete, entstand
+ein seltsames Gefühl in ihm -- wie er Ilse Hergenbach morgen auffinden
+würde. Mußte er sie mit einem anderen Maßstab messen, wie sonst
+Durchschnittsgeschöpfe? Er entsann sich seiner eigenen Worte, die er
+zu Herta gesprochen: »Ein Kind der Jetztzeit! Das vorige Jahrhundert
+klebt ihm nicht mehr an! Es weiß nichts mehr von ihm, als daß damals
+rückständige Menschen lebten!«
+
+War er nicht selbst solch ein rückständiger Mensch? Hatte nicht die
+heraufkommende Zeit gewaltsam an ihm gerüttelt? Er fühlte, wie die
+jetzt herrschende Auffassung eine ganz andere wurde. Sprach man nicht
+allerorten von der Gleichberechtigung der Frauen? Die Frau strebte aus
+ihrer Einengung gewaltsam heraus, sie wollte die persönliche Freiheit
+des Mannes erreichen. Würde sie nicht mit dem erlangten Recht auch in
+alle Fehler des Mannes verfallen?
+
+Ilse Hergenbach hatte zu ihm von der Gleichberechtigung der Frau
+gesprochen. Das Ergebnis lag nun vor. Was Herta mit ihrem hohen
+ernsten Sittlichkeitsgefühl erreichte, daran war Ilse bei dem ersten
+Schritt aus dem Elternhaus und in die Freiheit gescheitert. --
+
+Jürgen erfreute sich eines gesunden Schlafes und hatte eine ruhige
+Nacht verbracht. Sein Leben lag wie immer im Gleichgewicht.
+
+In aller Frühe bestellte er eine Autodroschke und gab Straße und
+Nummer an, wohin er fahren wollte. Der Chauffeur sah den stattlichen,
+fremden Herrn erstaunt an, als dieser einen armseligen Bezirk angab.
+
+Das Auto hielt vor einer riesigen düsteren Mietskaserne. Schon das
+ganze Äußere des Hauses deutete darauf hin, daß hier die Armut ihre
+Stätte aufgeschlagen hatte. In diesem Haus mit den vielen kleinen
+Wohnungen lebten zusammengedrängt Hunderte von Menschen.
+
+Jürgen erstieg die Treppen bis zum obersten Stockwerk. Ein häßlicher
+Geruch drang ihm überall entgegen; schmutzige, seit Jahrzehnten nicht
+mehr im Anstrich erneuerte Wände starrten ihn an. Endlich hatte er die
+Wohnung erreicht. Er las: Friedrich Kern. Der Name eines deutschen
+eingewanderten Arbeiters, bei dem sich Ilse Hergenbach aufhalten
+sollte.
+
+Ein Klingelzug war nicht vorhanden, -- er klopfte. Nach einer ganzen
+Weile wurde erst die Tür geöffnet. Eine ärmlich aussehende ältere
+Frau kam heraus und schaute verwundert auf den elegant gekleideten
+Herrn hin, der zu so früher Stunde hier erschien.
+
+»Ist Fräulein Hergenbach zugegen?«
+
+»Sie meinen die Ilse! Ich werde sie gleich rufen.«
+
+»Unterlassen Sie es bitte!« fiel Jürgen ein. »Ich will sie in ihrem
+Zimmer aufsuchen.«
+
+Die Frau zeigte ein mattes Lächeln.
+
+»Die Ilse hat kein Zimmer, Herr! Die hilft mir beim Kochen und der
+groben Arbeit und schläft in der Küche.«
+
+Jürgen Plüddekamp wurde von dieser Antwort stark berührt. Er hatte
+noch bis zu diesem Augenblick nicht geglaubt, in welch grauenvoller
+Lage sich Ilse Hergenbach befand, nun überzeugte er sich davon.
+
+»Ich gehe zu ihr,« schob er die vor ihm Stehende beiseite. Er schritt
+hastig in den kleinen dunklen Korridor hinein, von dem drei Türen
+abgingen.
+
+»Rechts wohnt ein Genosse von meinem Mann, dann kommt unsere Kammer,
+und diese Tür links ist die Küche,« erklärte die nachfolgende Frau.
+
+Jürgen Plüddekamp faßte nach dem Türdrücker und trat dann ein. Ein
+düsterer, von Rauch geschwärzter kleiner Raum, dessen schmales Fenster
+nach dem Hof hinausführte, lag vor ihm. Ein alter Kochherd, weniges
+Küchengerät und eine schmale eiserne Bettstelle befanden sich darin.
+Ilse reinigte das Geschirr in einer Blechwanne. Sie hörte den starken
+Männertritt und wandte sich rasch um. Vielleicht glaubte sie, daß der
+Arbeiter zurückkehre; im gleichen Augenblick aber erkannte sie Jürgen
+Plüddekamp.
+
+Sie unterdrückte einen Schrei. Ihre Gestalt begann zu schwanken, so
+daß sie sich mit einer Hand schwer gegen die Wand stützen mußte, um
+nicht zusammenzubrechen.
+
+»Sie kommen -- zu mir, Herr Plüddekamp!« brachte sie tonlos über die
+Lippen, -- »das ist -- entsetzlich!«
+
+»Lassen wir alles Unnötige, Fräulein Hergenbach,« erwiderte Jürgen
+kurz. »Ich bin hier, um Sie aus einer unwürdigen Lage zu befreien!
+Sind Sie den Leuten noch etwas schuldig? Bitte sagen Sie es mir! Ihre
+Sachen mag die Frau hinunterschaffen. Sie folgen mir sofort!«
+
+»Nein, nein!« stieß sie heftig aus. »Lassen Sie mich in meinem
+Unglück! Von Ihnen kann und will ich keine Hilfe annehmen.«
+
+»Das ist Torheit, Fräulein Hergenbach!« fiel er scharf ein. »In einem
+solchen Augenblick dürfen Sie keiner falschen Empfindung Raum geben.«
+
+Sie sah erschreckend bleich aus. Tiefe Furchen lagerten sich um den
+kleinen Mund. Die Augen lagen glanzlos in ihren Höhlen. Ihre Kleidung
+war ordentlich gehalten, aber vollständig abgetragen. Ihren schmalen
+Händen sah man die grobe Arbeit an, die sie zu verrichten hatten.
+
+Jürgen wandte sich an die Arbeiterfrau, die nach einer kurzen
+Rücksprache den Raum verließ.
+
+»Gehen Sie jetzt mit mir,« trat Jürgen auf Ilse zu. »Sie haben an
+Konsul Martens geschrieben, um wieder in geordnete Verhältnisse zu
+kommen. Er verständigte sich mit mir. Ich bin sofort hierhergeeilt, --
+zögern Sie nun nicht länger --«
+
+Sie hielt ihm abwehrend beide Hände entgegen.
+
+»Ich kann es nicht!« flammte es plötzlich in ihr auf. »Jedem anderen
+würde ich folgen -- Ihnen aber nicht! -- Hätte ich Sie doch nie
+gesehen! Daraus entstanden meine Vergehungen --«
+
+»Denken Sie ruhiger, Fräulein Hergenbach,« unterbrach er sie ernst.
+»Sie haben kein Recht, mir Vorwürfe entgegenzuschleudern!«
+
+Ilses Augen blickten ihn wild an.
+
+»Recht, -- Herr Plüddekamp? Nein! -- Kennt Liebe aber etwas anderes
+als ein Naturgesetz, -- und wenn dies verhöhnt wird --« Sie wandte
+sich ab und suchte ihr Schluchzen zu verbergen. »Ich ertrage mein Los
+nicht länger -- jetzt bleibt mir nur -- die Amstel!«
+
+»Das wäre ein leichtes Mittel -- um Torheit auszulöschen. Wem der
+innere Halt fehlt -- der greift gern danach -- aber Kraft zeigen,
+-- sich aufrichten, -- ein Leben neu aufbauen -- wenn die Hand dazu
+geboten wird --.«
+
+»Halten Sie ein!« schrie sie gequält auf. »Wie könnte ich mich wieder
+hineinfinden --«
+
+»Sie werden es -- Sie müssen es! Sie haben die Pflicht, Ihren
+Charakter zu stählen -- es ist nicht so schwer -- als es Ihnen
+erscheinen mag.«
+
+Sie hörte zu weinen auf. Was waren dies für Worte? Durfte sie wirklich
+noch hoffen, konnte sie sich selbst überwinden?
+
+Er merkte sofort den Eindruck, den sie erhalten, und suchte diesen
+rasch auszunutzen.
+
+»Vor allen Dingen kommen Sie hier fort. Sie sollen sich dann in Ruhe
+mit mir aussprechen, -- wir werden Ihre Zukunft überlegen, -- schenken
+Sie mir endlich doch Vertrauen!«
+
+Es kämpfte noch eine geraume Zeit gewaltig in ihr, -- dann rang sie
+sich aber zu einem plötzlichen Entschluß durch.
+
+»Ein Felsen kann nicht härter sein, als Sie zu mir waren, Herr
+Plüddekamp, ich zerbrach daran! Nun wollen Sie mich wieder
+aufrichten, -- ich fühle Ihren kalten Stolz, -- aber auch das
+Stark-Ehrenhafte in Ihnen, -- und will den Haß im mir niederdrücken,
+-- der mich ins Elend brachte. -- Ich -- folge Ihnen.«
+
+Frau Kern brachte die Sachen Ilses. Sie wurden in eine kleine
+Handtasche getan. Jürgen gab der Frau ein Goldstück. Dann schritt Ilse
+vor ihm die Treppe hinunter und stieg mit in das Auto ein.
+
+»Wir fahren zuerst nach einem Magazin. Sie müssen entsprechend
+gekleidet sein, ehe Sie das Hotel betreten.«
+
+Sie wollte dagegen aufbegehren. Ein Blick aus den großen, grauen Augen
+traf ihn, der zu fragen schien: »Was denkst du von mir?!« Jürgen mußte
+ihn verstanden haben.
+
+»Seien Sie beruhigt, Fräulein Hergenbach! Ich traf Sie heute lieber
+in dieser elenden Behausung an, als elegant gekleidet in bequem
+möblierter Wohnung!«
+
+Sie holte tief Atem und erwiderte dann:
+
+»Sie handeln ohne Eigennutz an mir, Herr Plüddekamp! Ich füge mich
+Ihren Anordnungen.«
+
+Obwohl sich Jürgen mit weiblicher Ausstattung nie befaßt hatte, sprach
+er doch ganz gewandt über diese Dinge. Kurz darauf hielten sie vor
+einem großen Modemagazin. Er mußte dort einige Zeit geduldig warten,
+damit sie sich eine neue Kleidung auswählen konnte. Als sie dann vor
+ihn trat, war sie eine ganz andere geworden. Nach deutschem Muster,
+einfach aber geschmackvoll angezogen, machte sie mit ihrer schlanken
+Gestalt wieder einen angenehmen Eindruck. Nur in ihren bleichen Zügen
+war noch das Elend der letzten Zeit zu erkennen. Jürgen sah sie
+prüfend an.
+
+»So,« sagte er darauf kurz, »jetzt können wir in das Hotel fahren.«
+
+In den vornehmen Restaurationsräumen des Hotels stand das zweite
+Frühstück bereit. Jürgen forderte Ilse auf, daran teilzunehmen.
+
+Wie seltsam sich doch ihr Geschick gestaltete? Hätte nicht alles
+anders sein können? Jetzt saß sie ihm an dem kleinen gedeckten Tisch
+gegenüber, und es wurden ihnen die ausgewähltesten Speisen aufgetragen.
+
+»So schön wie auf einer Hochzeitsreise,« dachte sie. Wohin aber hatte
+sie das Schicksal geführt! -- Der ungeheure Unterschied von gestern
+und heute drang zu gewaltig auf sie ein. Sie berührte kaum die Speisen.
+
+»Essen Sie doch, Fräulein Hergenbach, Sie werden wohl in der letzten
+Zeit keine genügende Kost gehabt haben!«
+
+Sie versuchte ein leises Lächeln.
+
+»Gewiß, Herr Plüddekamp, ich habe manchen Tag sogar gehungert. Der
+Arbeiter Kern nahm mich auf, als ich in den Straßen umherirrte und aus
+Schwäche von einer Ohnmacht befallen wurde. Ich vermochte mich niemand
+in meiner Not anzuvertrauen; auch jetzt gab ich die Hoffnung auf, daß
+Konsul Martens mir helfen würde. -- Heute drang alles so unerwartet
+auf mich ein, daß ich kaum daran glauben mag. Ich sitze hier wie in
+einem schönen Traum. Aus dem düsteren Raum heraus -- in diesen Glanz
+der Welt hinein! -- Der Gegensatz ist zu schroff. Lassen Sie mir Zeit,
+daß ich mich wiederfinde!«
+
+»Das sollen Sie, Fräulein Hergenbach! Ich bin kein Unmensch und will,
+daß Sie sich Ihre Stellung in der Welt zurückerobern. Noch können Sie
+es.«
+
+Sie richtete ihr Auge fragend auf ihn. In dem Blick war nicht mehr
+das Überwältigen der Sinne des Mannes geboten, etwas Demütiges,
+Unterordnendes lag in ihm. Jürgen erkannte daraus, daß sie eine
+furchtbare Lehre empfangen hatte, die sie läuterte. Schade, daß manche
+Menschen erst irren müssen, um dann auf den rechten Weg zu gelangen.
+
+»Trinken Sie doch ein Glas Wein!« forderte er sie auf. Sie ließ aber
+das Glas unberührt, das er ihr reichte.
+
+»Ich bin es nicht gewohnt, Herr Plüddekamp. Der Alkohol würde mir zu
+Kopf steigen.«
+
+Er nahm ein auf dem Tisch stehendes größeres Glas, goß Wasser hinein
+und vermischte dies mit dem Wein.
+
+»So kann es Ihnen nicht schaden!«
+
+»Es schmerzt mich, Herr Plüddekamp, daß Sie jetzt gütig zu mir sind.
+Ihre Schroffheit war mir verständlicher.«
+
+»Warum? Mir hat Mitleid nie ferngelegen,« erwiderte er kurz. »Es ist
+jetzt meine Pflicht, daß es es Ihnen zuteil wird.«
+
+Das Frühstück war vorüber. Jürgen wandte sich zu Ilse.
+
+»Ehe Sie Ihr Zimmer aufsuchen, Fräulein Hergenbach, wollen wir ein
+Programm entwerfen. In einem der kleinen Konferenzzimmer sind wir
+ungestört. Ich muß meine Zigarre dabei rauchen.«
+
+Es standen nur ein Tisch mit grüner Tuchplatte, ein paar hochlehnige
+Stühle und einige Klubsessel in dem kleinen Raum, den sie nun
+betraten. Jürgen ließ sich bequem nieder, langte eine kräftige Importe
+heraus, die er nach jeder Mahlzeit rauchte, schnitt behutsam die
+Spitze ab und brannte sie an. Ilse nahm auf einem Stuhl Platz.
+
+»Hier sind wir besser aufgehoben, als vor Stunden in der Küche,
+Fräulein Hergenbach. Sie können sich offen aussprechen. Es wird
+niemand etwas davon erfahren. Ich bin nicht neugierig, muß aber klar
+sehen, damit ich handeln kann.« Er reichte ihr freundschaftlich seine
+Hand, in die sie die ihre zögernd legte. Er drückte diese kräftig.
+»So, -- unser Pakt ist geschlossen -- nun reden Sie!«
+
+Ilse atmete tief.
+
+»Es wird mir schwer, die Worte zu finden, um Ihnen das Erlebte zu
+schildern, Herr Plüddekamp.«
+
+»Na, -- ohne Worte geht es schon nicht ab, Fräulein Hergenbach! Sie
+liebten früher in solchem Falle -- stumm zu bleiben. Diesen Zug Ihres
+Charakters haben Sie wahrscheinlich fallen lassen.«
+
+Ihr Gesicht überflog eine schnelle Röte.
+
+»Ich möchte reden -- und kann es nicht, Herr Plüddekamp! Sie würden
+mich doch nicht verstehen! Ich erniedrige mich nur noch mehr, als es
+schon geschah.«
+
+»Unsinn! Es fällt kein Mensch so tief, daß er nicht wieder aufsteht.
+Übrigens -- es macht mir besondere Freude, Sie -- die Moderne --
+wieder auf die gute alte verstoßene Bahn zu heben --.« Er ließ
+wohlgefällig sein breites Lachen ertönen.
+
+Ilse fühlte die Herzensgüte, die sich unter den derben Worten Jürgens
+offenbarte; dadurch kam ein sicheres Gefühl über sie. Wie ein
+gewaltiger, lange zurückgedämmter Strom drang es jetzt hervor:
+
+»Ja, -- Sie sollen es hören, Herr Plüddekamp, und dann mögen Sie mich
+richten! -- Ich wurde hinausgesandt, ohne mich selbst zu kennen.
+Meinen Eltern und Geschwistern glaubte ich nicht, -- warum sollte ich
+auch anders geartet sein? Es lag aber ein wilder Drang in mir, den
+ich den Blicken fremder Menschen verschließen mußte. Ich blieb stumm,
+wenn ich am liebsten hinausgeschrien hätte: ›Laßt mich ausleben!‹ --
+In der Pension erfuhr ich nur Überflüssiges, -- was einfache Mädchen
+belastet. Eine Sucht nach der Schönheit im Leben, -- künstlerische
+Neigungen wurden in mir erweckt, -- ich konnte stundenlang in den
+Galerien die Bilder betrachten.«
+
+»Die meisten Mädchen waren aus der Großstadt und mir in allem voraus.
+Sie schürten mich täglich an -- die Kraft der Frau den Männern
+gegenüber zu erproben -- Siegerin zu werden. Was war dies? Ich
+verstand es nicht!«
+
+»Kurz darauf kam ich in Ihr Haus. Der Ernst, der darin waltete,
+erdrückte mich anfangs, -- ich sah mißmutig in eine andere Welt
+hinein. Bald fühlte ich aber die siegreiche Macht der Frau. Sie
+haschten alle nach mir. Ihr Bruder Wolf voran --«
+
+»Leider,« warf Jürgen ein.
+
+»Nur einer nicht --«
+
+»Lassen Sie diesen einen beiseite, Fräulein Hergenbach. -- Es ist
+kein Verdienst, -- nur eine Verstandeseigenschaft, die heute vielen
+verkehrt erscheint.«
+
+»Nein, es muß heraus, Herr Plüddekamp!« fuhr sie in leidenschaftlichem
+Ton fort, und auf ihren Wangen entstanden scharf umrissene rote
+Kreise. »Ich haßte Sie, und um mich zu rächen, gab ich Wolf mein Wort.
+Ich wußte, daß Sie dies nicht wollten und ich Sie nicht tiefer treffen
+konnte. Es war schlecht gehandelt --«
+
+»Allerdings! Sie haben Wolf bis an den Rand des Todes gebracht,« fiel
+er bitter ein.
+
+Sie stand zitternd auf.
+
+»Wolf -- Ihren Bruder -- unmöglich!«
+
+»Es ist jetzt noch kaum genesen -- von Ihnen allerdings geheilt.«
+
+»Wie soll ich dies verstehen, -- er hat mich betrogen, -- die blonde
+Person in der Weinkneipe, -- in die mich Smiders lockte, -- stand ihm
+näher --«
+
+»Smiders fing Sie durch eine lächerliche Komödie. Er benutzte die
+weibliche Eitelkeit. -- Sie sollen jetzt von mir die Wahrheit hören
+--«
+
+Wort für Wort drang auf Ilse ein. Sie sah ihn starr an, -- jeder
+Blutstropfen ihres Gesichts wich zurück.
+
+»Mein Gott -- Herr Plüddekamp,« stöhnte sie auf, »was kann ich tun, um
+Wolfs Verzeihung zu erlangen!«
+
+»Nichts, Fräulein Hergenbach,« erwiderte er ernst, »als daß Sie nie
+mehr vor ihn hintreten. -- Er hat Ruhe und Frieden wiedergefunden.« --
+--
+
+Sie hörte von diesem Augenblick geduldig an, was er ihr vorschlug.
+
+»Ich werde Sie nach Nordhausen in Ihr Elternhaus zurückbringen. Herta
+war gezwungen, auf einen Brief Ihrer Mutter zu antworten, daß Sie uns
+verlassen hatten. Trotzdem können Sie ruhig sein, -- ich spreche für
+Sie. --«
+
+
+
+
+ XXIV.
+
+
+Wolf blieb wochenlang in Wershagen. Er sah die Halme gelb werden
+und die Ähren reifen. Die Ernte ging vorüber. Der Weizen und Roggen
+füllte die Scheunen. Das frische Korn breitete sich nach und nach zu
+mächtigen Haufen in den Speichern aus.
+
+Wolf Plüddekamp war in dem einfachen, ruhigen Landleben an Körper und
+Seele wieder gesundet. Er ritt täglich mit Oberamtmann Wichers auf die
+Felder hinaus, und die launige Art des Landwirtes wirkte wohltuend
+auf sein Gemüt ein. An den Abenden spielte er mit Lieschen vierhändig
+Klavier. Die blauen Augen des jungen Mädchens schauten froh und
+schelmisch drein, als wollten sie sagen: »Bin ich nicht ein lustiger
+Kamerad?« Wenn sich Wolf auch noch nicht ausgesprochen hatte, Lieschen
+wußte genau, daß mit seiner Krankheit alle törichte Leidenschaft in
+ihm geschwunden war. Sie hatte sich den zukünftigen Gatten durch
+Liebe und Aufopferung erkämpft. Was zwischen ihnen lag, war kein
+wildes Empfinden, das sie gewaltsam zusammenband, sondern die milde,
+wohltuende Flamme einer reinen Neigung, die am häuslichen Herd wärmend
+und beglückend ausdauert.
+
+Wolf Plüddekamp wollte nach Stettin zurück. Er nahm keinen Abschied
+von Wershagen; ein kräftiger Händedruck, den er Oberamtmann Wichers
+und Lieschen gab, offenbarte die Tiefe seines Gefühls. Der Händedruck
+sprach aus: »Wir sind einig fürs Leben!«
+
+ * * * * *
+
+Im alten Kaufherrnhause herrschte ungewohntes Leben und Treiben. Die
+freudige Erregung ging von Jürgen Plüddekamp selbst aus. Schon am
+frühen Morgen rief er seinen Freund und Prokuristen Armin herein.
+
+»Die Kontore werden heute nachmittag geschlossen. Die jungen Leute
+sollen den schönen Herbsttag benutzen und einen Ausflug machen. Sie
+vertreten mich dabei, Armin! Ich will mich meinem Bruder widmen
+und die Freude empfinden, daß er uns Geschwistern nach der langen,
+schweren Krankheit gesund wieder geschenkt wurde.« --
+
+Jochen war damit beschäftigt, eine mächtige Girlande über dem
+Treppenaufgang anzubringen.
+
+»Heute kommt mein Wolf,« schmunzelte er vor sich hin, »es wird auch
+man Zeit. Das alte Haus schläft sonst noch ganz ein. Er pfeift doch
+manchmal eins!«
+
+Kurz vor Beginn der Mittagszeit traf Wolf Plüddekamp ein. Jürgen stand
+vor dem Toreingang. Als sein Bruder aus dem Wagen sprang, sagte ihm
+ein einziger Blick, daß dieser im Vollbesitz seiner Kraft wiederkam.
+
+Der alte Hüne, Jochen Hindorf, hatte mit abgezogener Kappe neben
+seiner Girlande Aufstellung genommen. Wolf gab ihm einen tüchtigen
+Schlag auf die Schulter.
+
+»Ich danke dir, Alter,« sagte er, ihm die Hand reichend, »und morgen
+komm zu mir, dann sollst du deinen Dänen haben, der dir wohl schon
+lange gefehlt hat.«
+
+»Es muß ja nicht sein, Herr Wolf,« lachte Jochen über das ganze
+Gesicht. »Die größte Freude habe ich, daß Sie wieder vergnügt sein
+können.«
+
+Die Geschwister zogen sich nach dem Mittagessen in die gemütliche Ecke
+des Speisezimmers zurück.
+
+»Ihr waret mit euren Briefen recht karg,« meinte Wolf lachend. »Es kam
+mir auch ganz erwünscht. Ich mochte nichts mehr von dem Vergangenen
+hören und selbst keine Feder zum Schreiben ansetzen. Dafür lief ich
+den ganzen Tag in Feld und Wald herum. Du siehst, Jürgen, welche
+starke Einwirkung die Natur auf mich ausübte. Ich habe die Empfindung,
+daß ein ganz neues Leben in mir erwacht ist.«
+
+»Du verspürst also keine Lust, Wölfchen, auf deinen Kontorsitz
+zurückzukehren?«
+
+»Offen gestanden, nein, Jürgen! Ich habe großes Gefallen an der
+Tätigkeit eines Landwirtes gefunden, daß ich diese gern ausüben
+möchte.«
+
+Herta lächelte fein.
+
+»Natürlich unter Mitwirkung einer hübschen kleinen Frau, Wölfchen!«
+
+»Ja, Herta, du hast das Richtige getroffen! Als ich heute von
+Wershagen fortfuhr, um euch im alten Plüddekampschen Hause
+aufzusuchen, hatte ich dabei im stillen die Empfindung, bald aufs Land
+zurückzukehren. Ich will mir ein eigenes Nest bauen, und Wichers hilft
+mir dazu. Jürgen und du, ihr werdet noch lange unter Aufrechterhaltung
+alten Herkommens eure Pflicht hier erfüllen. Mich aber soll nichts
+mehr daran erinnern -- was einmal war. Ich habe Lieschen Wichers und
+Wershagen herzlich lieb gewonnen.«
+
+Jürgen blickte seinen Bruder ernst, aber mit größtem Wohlwollen an.
+
+»Ich habe deinen Entschluß geahnt, und er wird für dich der richtige
+sein. Das alte Haus vereint uns noch einmal -- dann werden wir dich
+freigeben müssen. Das Leben verlangt das Schaffen von neuen Werten.
+Wir wollen es hier und dort redlich tun. In deinen Söhnen wird uns
+eine neue Generation erstehen. Land und Stadt sollen sich ergänzen,
+dann kann ein kerniges Geschlecht neue Erfolge zeitigen.«
+
+Herta hatte diesen Worten still zugehört. Sie seufzte tief auf und
+setzte dann leise hinzu:
+
+»Wenn ich euch Männer so sprechen höre, ist es mir wie ein vergessenes
+Klingen und Singen einstiger Jahre. -- Ein Zeichen, daß ich dem wahren
+Glück des Lebens aus dem Wege gegangen bin.«
+
+ [Illustration]
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75824 ***
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+ Geschwister Plüddekamp | Project Gutenberg
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75824 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.<br>
+Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+
+</div>
+
+
+<figure class="figcenter illowp43" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="" title="">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<h1 class="mtop2"><b>Geschwister Plüddekamp.</b></h1>
+<p class="p2 s2 center">Roman</p>
+<p class="s4 center">von</p>
+<h2 class="mbot2"><b>Jesco von Puttkamer.</b></h2><br>
+
+<figure class="figcenter illowe25" id="illu-003">
+ <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="signet">
+</figure>
+
+<p class="p2 center">Reutlingen.<br>
+Enßlin &amp; Laiblins Verlagsbuchhandlung.</p><br>
+
+<hr class="r35">
+<p class="p2 s5 center">Nachdruck verboten.<br>
+Alle Rechte vorbehalten.<br>
+Übersetzungsrecht vorbehalten.<br>
+Vorgeschriebener Aufdruck für die Ausfuhr nach Amerika:<br>
+<em class="antiqua">Printed in Germany.<br>
+Copyright 1910 by Carl Duncker, Berlin.</em></p><br>
+
+<hr class="r35">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p>
+
+<h2>I.</h2>
+</div>
+
+<div class="dc">
+ <img class="h3em" id="drop-u" src="images/drop-u.jpg" alt="U">
+</div>
+
+<p class="p0"><span class="hide-first">»U</span>nser jahrelanges stilles Zusammenleben erfährt durch dein Vorhaben
+eine wesentliche Veränderung, Herta. Hast du es dir reiflich
+überlegt?« fragte Jürgen Plüddekamp und gab seiner Schwester die
+Photographie eines jungen Mädchens zurück, die er lange betrachtet
+hatte.</p>
+
+<p>»Ich kann meiner Freundin die Bitte nicht abschlagen,« erwiderte Herta
+Plüddekamp. »Warum soll ihre Tochter nicht bei mir die Hauswirtschaft
+erlernen? Es schadet nicht, wenn ein junges Mädchen mehr Leben bei uns
+hineinbringt.«</p>
+
+<p>»Du hast vollkommen recht, Herta,« fiel Wolf Plüddekamp, ihr jüngerer
+Bruder, eifrig ein. »Ich bin sehr dafür, Ilse Hergenbach aufzunehmen.
+Nach dem Bilde muß sie eine interessante Erscheinung sein.«</p>
+
+<p>»Ilse war bereits in einem Dresdner Pensionat. Sie malt, spielt
+Klavier und hat überhaupt künstlerischen Sinn,« erklärte Herta weiter.</p>
+
+<p>»Famos! So wird in unserer Unterhaltung über das ewige
+Kaufmannseinerlei endlich eine angenehme Abwechslung entstehen!« rief
+Wolf erfreut aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp, ein großer, breitschultriger Mann von etwa vierzig
+Jahren, dessen Haar und Vollbart einen rötlichblonden Schimmer zeigte,
+schüttelte unwillig den Kopf, ehe er begann:</p>
+
+<p>»Die völlige Ruhe im Hause ist für mich eine Hauptbedingung. Darin
+erstarkt die Schaffenskraft. Natürlich wird dies sofort anders sein,
+wenn ein junges Mädchen hier herumtollt und unser tägliches Geleise
+stört.«</p>
+
+<p>»Herumtollt? — Du drückst dich stark aus, Jürgen! Sei nicht so
+selbstsüchtig,« hielt ihm Herta vor. »Ich schlug um deinetwillen die
+Hand unseres Freundes Martens aus. Du weißt, welchen inneren Kampf
+es mich gekostet hat und wie ich frühzeitig zu ernst geworden bin.
+Verhindere jetzt, bitte, nicht, daß durch Ilse eine fröhlichere
+Lebensauffassung in unsern engen Kreis gelangen kann!«</p>
+
+<p>»Wieso? Ist unser Wölfchen mit seinen sechsundzwanzig Jahren
+nicht genug junges Blut im Hause, Herta? Ich sollte meinen, deine
+schwesterliche Liebe hat sehr zu tun, um ihn etwas im Zaume zu halten.«</p>
+
+<p>Jürgen stand von dem Mittagessen auf und brannte sich eine kräftig
+ausschauende Zigarre an. Beide großen, starken Hände in die
+Hosentaschen steckend, stellte er sich vor Herta hin, die den
+Nachmittagskaffee einschenkte. Die Geschwister tranken<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> diesen sofort
+nach der Mahlzeit. Jürgen und Wolf zogen sich dann bis zum Abend
+in die im Parterre des alten Kaufherrnhauses gelegenen Kontorräume
+zurück, während Herta meistens eine energische Tätigkeit für
+Frauenvereine und deren Veranstaltungen entfaltete.</p>
+
+<p>Alle drei liebten sich zärtlich, obwohl Jürgen nur ein Halbbruder war.
+Der verstorbene Geheime Kommerzienrat Plüddekamp hatte zwei Frauen
+gehabt. Die Mutter von Herta und Wolf ruhte ebenfalls seit Jahren in
+dem großen mit schwedischem Granit ausgelegten Erbbegräbnis der alten
+Kaufmannsfamilie.</p>
+
+<p>»Laß doch Wolf seinen Jugendmut!« trat die Schwester jetzt für diesen
+ein. »Es gibt noch andere Lebensaufgaben, als nur Weizen, Roggen und
+Gerste zu prüfen und neue Grassorten aufzustöbern. Wir sollen nicht
+vergessen, die idealen Güter der Menschheit zu pflegen.«</p>
+
+<p>Jürgen ließ als Antwort ein kurzes kräftiges Lachen ertönen.</p>
+
+<p>»Das Korn hat uns groß und reich werden lassen, Herta. Haus Plüddekamp
+ist seit hundert Jahren das erste Getreidegeschäft in Stettin. Die
+vornehmen Standesherren rechnen es sich zur Ehre an, nach Abschluß
+des Geschäftes das Frühstück an<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> unserem Tische einzunehmen. Wir
+unterstützen die Landwirtschaft mit beträchtlichen Summen. Mancher
+Großgrundbesitzer hätte ohne uns Haus und Hof verlassen müssen,
+wenn wir in schlechten Jahren nicht eingesprungen wären. Wolf kann
+eines Tages ruhig um eine Gräfin anhalten und wird im Ansehen nicht
+zurückstehen.«</p>
+
+<p>»Ich gönne dir dein starkes Selbstbewußtsein, lieber Jürgen! Du
+erzogst auch mich dazu. — Unser Wölfchen aber soll bei der strengen
+Pflichterfüllung an deiner Seite nicht versauern und das Leben
+genießen.«</p>
+
+<p>»Wahr gesprochen, Goldschwester! Du hast mich nicht für Kornkammern
+und kleine Komtessen bestimmt, und ich werde sicherlich einem
+ganz bürgerlichen Menschenkinde die Hand reichen. Es muß nur
+einen flotten Morgengalopp im Freien lieben, sich mit mir über
+die ›Dollarprinzessin‹ freuen, danach einer kalten Veuve Cliquot
+huldigen und mich über den neuesten Roman unterhalten können.
+Beileibe aber darf sie kein Wort über Ernteerträgnisse, Kornzölle
+und Grassamenbedarf fallen lassen! Dafür ist tagsüber Jürgen allein
+maßgebend.«</p>
+
+<p>»Spotte nur, Wölfchen!« erwiderte Jürgen, und seine Augen ruhten
+dabei wohlwollend auf der schlanken, biegsamen Gestalt des jüngeren
+Bruders.<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> »Wirst du erst mein Alter erreicht haben, so pfeifst du dein
+Lied etwas anders.«</p>
+
+<p>»Nun, und — Ilse?« wandte sich Wolf hastig zu Herta, als er sah,
+daß diese die Photographie in den Umschlag des erhaltenen Briefes
+zurücksteckte.</p>
+
+<p>»Sie wird in etwa acht Tagen eintreffen, wie mir Frau Hergenbach
+schreibt, und will nur ihren Geburtstag noch daheim verleben,«
+erwiderte die Schwester.</p>
+
+<p>»Hm,« machte Jürgen gedehnt. »Sie ist also erst knapp achtzehn Jahre
+alt?« Er trank seine Tasse Kaffee stehend aus und wollte fortgehen,
+gab sich jedoch noch selbst vorher die Antwort auf seine Frage, indem
+er weitersprach: »Eine neue Generation — ein Kind der Jetztzeit! Das
+vorige Jahrhundert klebt ihm nicht mehr an. Es weiß nichts mehr von
+ihm, als daß damals rückständige Menschen lebten. Liebe Schwester
+Herta, wäre nicht Hergenbachs Brennerei in Nordhausen ein guter Kunde
+von uns, ich würde die Annahme dieser Gegenlieferung gern verweigern.«</p>
+
+<p>Er schloß bei den letzten Worten die hohe dunkle Tür hinter sich, und
+seine starken Schritte hallten durch den großen Treppenflur des alten
+Hauses.</p>
+
+<p>Wolf blieb noch einen Augenblick bei der Schwester zurück.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p>
+
+<p>»Jürgen ist nun einmal allen Neuerungen feind. Die Vaterstelle,
+die er an uns beiden vertreten, läßt ihn auch jetzt seine Fürsorge
+übertreiben.«</p>
+
+<p>»Leider,« seufzte Herta leicht auf. »Ich habe mit ihm deshalb manchen
+hartnäckigen Streit durchfechten müssen. Er will keine andere Ansicht
+als die seine hören. Schließlich aber gibt er mir doch nach.«</p>
+
+<p>»Zeig mir noch einmal das Bild von Ilse Hergenbach, Herta,« bat Wolf.</p>
+
+<p>Die Schwester sah ihn einen Augenblick etwas erstaunt an. Sie zog
+alsdann die Photographie aus dem Briefumschlag hervor und reichte sie
+ihm.</p>
+
+<p>Die lebhaften blauen Augen des jungen Mannes blieben eine Zeitlang
+darauf haften.</p>
+
+<p>»Die Züge sind nicht regelmäßig, aber die Augen — — in ihnen liegt
+außerordentlich viel, Herta! Sie verlangen, daß man hineinschaut, und
+je länger man es tut, desto vertiefter wird ihr Ausdruck.«</p>
+
+<p>»Ei, ei!« drohte die Schwester mit dem Finger, »gib schnell das Bild
+her, es verhext dich sonst.« Sie ließ es rasch wieder verschwinden
+und fuhr dann in ernstem Tone fort: »Du fängst wirklich etwas schnell
+Feuer, Wölfchen.«</p>
+
+<p>»Ich denke nicht daran, Herta! Das flüchtige Interesse für eine
+Photographie will doch nichts bedeuten! Man kann wohl in manchen
+Augen Romane<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> lesen, aber diese dort, die du schleunigst hast wieder
+verschwinden lassen, — sind noch ohne Geschichte —«</p>
+
+<p>»Vielleicht liegt aber die Erwartung einer solchen in ihnen — und
+das darf nicht sein, Wolf. Ich trage die Verantwortung dafür, und du
+willst sie mir doch nicht erschweren? — Wir verplaudern uns aber —
+geh hinunter! Du weißt, Jürgen liebt es nicht, wenn du bei der Öffnung
+der eingegangenen Nachmittagspost fehlst.«</p>
+
+<p>»Dieser ewige Zwang, Herta! Genau auf die Minute anfangen und —
+aufhören, wenn der letzte Laufbursche das Kontor verläßt. Ich dürste
+geradezu nach Erlösung von diesem Büroleben — nach der Freiheit im
+Fühlen, Denken und Handeln! Jürgen hätte mich nicht zwingen sollen,
+in dem alten Geleise mitzutraben. Ich bin kein Paßpferd für ihn. Nun
+ist es zu spät, etwas anderes zu ergreifen. — Heute nachmittag kommen
+Lieferungen für den Export, die erst in den Trieuren gereinigt werden
+müssen. Den Staub dabei zu schlucken — einfach schauderhaft! Der
+Lagerhausinspektor kann aber nicht überall zugegen sein — so heißt
+es: ›Wölfchen — du siehst natürlich nach — wir müssen absolut reine
+Ware haben.‹ — Adieu, Schwester —« endete der junge Mann die ernst
+begonnene Rede mit lautem Lachen<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> und rief noch von der Tür zurück:
+»Für den Abend, an dem Ilse eintrifft, halte ich mich frei und gehe
+nicht ins Theater.«</p>
+
+<p>Herta war allein. Sie ließ die elektrische Klingel ertönen, und sofort
+erschien ein sauber gekleidetes junges Mädchen mit einem weißen
+Häubchen auf dem Haar, das den Eßtisch abräumte.</p>
+
+<p>Das letzte Stäubchen mußte entfernt sein, ehe Herta das Speisezimmer
+verließ. Sie waltete mit einer Sorgfalt ihres Amts, die von den
+Brüdern bewundert wurde.</p>
+
+<p>Im Plüddekampschen Hause ging es musterhaft zu, und Frau Hergenbach,
+eine ältere Freundin Hertas, wollte darum, daß ihre Tochter gerade
+dort die Pflichten der Hausfrau erlernen sollte.</p>
+
+<p>Dies Kapitel war nicht einfach. Heute verstehen die jungen Mädchen
+alles eher, als die Führung eines Haushaltes, — ›unmoderne Arbeit‹
+lautet die Bezeichnung dafür. Wozu gibt es geschulte Stützen der
+Hausfrau, die alle Fächer erlernt haben? Es ist immer noch Zeit,
+sich diese Kenntnisse nebenbei anzueignen, inzwischen muß aber die
+Jugend genossen werden. Das überschäumende, prickelnde Dasein in der
+Werdezeit hat für ernste Dinge so wenig Raum.</p>
+
+<p>Herta sann nach. Ob Ilse Hergenbach sich ihren Wünschen und
+Anforderungen unterziehen würde?<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Das junge Mädchen kam aus dem
+hochpulsierenden Leben Dresdens; würde es sich in den großen, dunklen
+Räumen des altertümlichen Hauses wohl fühlen?</p>
+
+<p>Die vorgefaßte Meinung des älteren Bruders gegen Ilse Hergenbach, —
+und wiederum die lebhafte Art Wolfs, dessen Herz sogleich unruhig
+wurde, wenn ihn ein schönes Frauengesicht fesselte! Der arme Bursch,
+er fühlte alles stark und tief, immer sprach das innere Leben bei ihm
+mit, so viel er auch scherzte und sich harmlos in seiner Bahn bewegen
+wollte. Jürgen, der klare, einfache Verstandesmensch, war besser daran.</p>
+
+<p>Herta befand sich plötzlich in ihrem Zimmer dem großen Wandspiegel
+gegenüber und warf einen Blick hinein. Sie war eine stolze, vornehme
+Erscheinung. Mit dem einfach gescheitelten Haar, den frischen Farben
+auf den Wangen und den klaren Augen konnte sie wohl noch gefallen
+und jene Sympathie dabei hervorrufen, die Frauenwürde beanspruchen
+darf. Nur um den feingeschnittenen Mund lag ein Hauch von Herbheit,
+etwas Fremdes, das zerstörend in die Gesichtslinien eingriff. — Der
+Verzicht auf eigenes Glück sprach daraus, — die Beendigung eines
+langen Seelenkampfes.</p>
+
+<p>Sie kleidete sich jetzt rasch zum Ausgehen an, um ihre Pflichten im
+Frauenverein zu erfüllen.<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Ehe sie aber das Haus verließ, gab sie
+ihren Mädchen noch bestimmte Anweisungen.</p>
+
+<p>Die hohen Wohnräume lagen in völliger Stille da. Von den
+holzgeschnitzten Decken herab, aus den heimlichen Winkeln und Ecken
+hervor ertönte ein kaum hörbares Flüstern und Raunen. Die kleinen
+Hausgeister hielten ihre Zwiesprache ab. Jahrhunderte stand Haus
+Plüddekamp fest in seinen Mauern und hatte allen Stürmen getrotzt.
+Es zeigte die altfränkische Einfachheit der Vorfahren, den ruhigen,
+lauterdenkenden Geist früherer Kaufherren. Die spöttelnden Blicke
+moderner Menschenkinder prallten von dieser Kraftfülle ab, oder
+sie flatterten scheu darüber hinweg, weil sie ein Verstehen alter,
+vornehmer Zeit nicht mehr in sich vorfanden.</p>
+
+<p>Das stolze Haus mit seinem hohen Giebel nach der Straße, dem malerisch
+vorspringenden Erker, der mächtigen Toreinfahrt sprach deutlich
+zu jedem, der es vernehmen wollte. Der Erker gehörte zu Jürgens
+Schreibzimmer, dessen ganze innere Einrichtung schwer massiv und
+altertümlich war. Nur das elektrische Licht und das Telephon hatte
+sich den Eingang erzwungen. Schon Urahne, Großvater und Vater gaben
+sich hier nach den täglichen Geschäftssorgen der Muße hin. Die
+Hausgeister waren in diesem Zimmer am lautesten. Sie begannen in<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> dem
+entstandenen tiefen Dunkel ein ungezogenes Lärmen.</p>
+
+<p>»Jürgen! Jürgen! Jürgen!« summte es hin und her. Jürgen Großvater,
+Jürgen Vater, Jürgen Sohn — alle groß, stark, von festem,
+unbezwingbarem Willen getragen. Sie hingen in goldumrahmten Bildnissen
+an der Wand, und die Lichtwellen der Straßenbeleuchtung huschten
+zuweilen darüber hinweg.</p>
+
+<p>Scharf umrissene Charakterköpfe, die nicht im Eisenpanzer gekämpft,
+aber mit rastloser Tatkraft gearbeitet hatten, um den Namen und
+Glanz der alten Firma zu begründen. Jürgen Plüddekamp, der Enkel,
+hing bereits dort, sich den Vorfahren in allen Eigenschaften des
+gediegenen, ehrenhaften Kaufmanns anreihend. Nur Wolf Plüddekamp
+fehlte noch, und als sein älterer Bruder ihn eines Tages bewegen
+wollte, einem Porträtmaler zu sitzen, sträubte er sich heftig dagegen.</p>
+
+<p>»Ich bin noch zu jung, um abkonterfeit zu werden! Die Ölfarben für
+mich sind noch nicht gemischt!« erwiderte er lachend.</p>
+
+<p>Jürgen schaute ihn nach diesen Worten lange an. Wolf hatte recht;
+seine sonnig-lächelnden, jugendlichen Züge paßten nicht in die Reihe
+der ernstblickenden Gesichter der Vorfahren hinein. Er aber, Jürgen,
+— warum hing er schon zehn Jahre dort?<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> Die mächtige weiße Stirn, der
+kräftige Nasenrücken hatten ihm schon mit dreißig Jahren das Äußere
+eines vollgereiften Mannes gegeben. Seit jener Zeit veränderte er sich
+wenig. Der Geheime Kommerzienrat Jürgen Plüddekamp stellte seinen
+ältesten Sohn mit achtzehn Jahren in dem Geschäft an. Drei Jahre
+später wurde dieser bereits Teilhaber. Jürgen war also von Jugend auf
+mit der Firma verwachsen — und hatte für nichts anderes Gedanken
+gehabt. Diese zu hüten, zu fördern, wachte er am Morgen auf, legte er
+sich abends nieder.</p>
+
+<p>»Jürgen! Jürgen! Jürgen!« summte es weiter an den Wänden. »Habt ihr
+nicht über Arbeit und Geldaufhäufen — das Leben vergessen? Nun ist
+ein Sproß des alten Hauses gekommen, der nach dem Sonnenlicht der
+Daseinsfreude Verlangen empfindet. Was kann daraus entstehen?«</p>
+
+<p>Ein Lichtstrahl erhellte die alten Jürgengesichter — ihre Augen
+schauten streng in das sie umgebende Dunkel hinein. »Nicht die
+vorgezeichnete Bahn verlassen,« war in ihnen zu lesen.</p>
+
+<p>Langsam verschwand das Licht. Leise erstarb das summende Geräusch.
+Totenstille ringsum. — —</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p>
+
+<h2>II.</h2>
+</div>
+
+
+<p>»Jochen, — Jochen!« erscholl es aus der großen Toreinfahrt über
+den Hof hinweg. »Teufel, wo steckt der Jochen wieder!« setzte Wolf
+Plüddekamp halblaut hinzu.</p>
+
+<p>Die große vierschrötige Gestalt des Aufsehers und Hausfaktotums
+stapfte jetzt über das Pflaster des Hofes heran. Der Mann mußte schon
+an sechzig Jahre zählen. Sein Rücken zeigte eine leichte Krümmung;
+das kam von der gehabten schweren Arbeit. Der mächtige Oberkörper des
+Riesen stak in einer dicken Flauschjacke, und an den Füßen trug er
+halbhohe Schaftstiefel, die einem Steindenkmal zur Ehre gereicht haben
+würden.</p>
+
+<p>Er stand nun vor dem jungen Kaufherrn, der bei seinem Anblick ein
+schalkhaftes Lächeln nicht unterdrücken konnte. Jochen Hindorf war
+eine biedere, ehrliche Seele, die, seit mehr als einem Menschenalter
+im Hause Plüddekamp erprobt, deshalb eine Sonderstellung einnahm. —</p>
+
+<p>»Jochen! Wo bleibst du denn? Du glaubst wohl, daß ich meine Lunge
+gestohlen habe?« fuhr Wolf ihn an.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p>
+
+<p>Jochen Hindorf wußte, daß die Worte nicht ernst gemeint waren.</p>
+
+<p>»Jäh — Herr Wolf! Ich bin ja schon da!«</p>
+
+<p>»Das sehe ich, Jochen! Du hast mich aber lange genug warten lassen.
+Ist das Transportauto von der Lastadie gekommen?«</p>
+
+<p>»Jäh woll — Herr Wolf!«</p>
+
+<p>»Wird abgeladen?«</p>
+
+<p>»Jäh woll — Herr Wolf!«</p>
+
+<p>»Jochen — du riechst mörderlich nach Schnabes — — du hast dich wohl
+schon vorzeitig gestärkt!«</p>
+
+<p>»Näh — Herr Wolf! Nur 'nen kleinen Schnaps genommen.«</p>
+
+<p>»Jochen, der wird drei Daumen breit an der Flasche zu messen gewesen
+sein — —«</p>
+
+<p>»Hö, hö, hö!« lachte Jochen Hindor wohlgefällig. »Meine Daumen sind
+eklig breit, damit kann ich nicht beim Schluck hantieren. Ich mach's
+nach Gutdünken.«</p>
+
+<p>»Dann bist du jeder Verantwortung in bezug auf das Quantum ledig,
+Jochen! Weiß schon —«</p>
+
+<p>»Jäh, Herr Wolf! So 'ne alte Haut — hält keine Wärme mehr, — da muß
+ich gründlich einheizen.«</p>
+
+<p>Wolf Plüddekamp lachte hell auf.</p>
+
+<p>»Hast recht, alter Knabe! Wer lang trinkt, der lebt lang! Ich glaube,
+du hast dies zur Richtschnur genommen. — Muß ich noch auf den
+Speicher oder —?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p>
+
+<p>»Hat der Chef es gesagt?« warf Jochen bedächtig ein. Er sprach
+manchmal Platt, dann aber wieder etwas Hochdeutsch dazwischen, je
+nachdem seine Stimmung war und der Pegel des Alkohols stand.</p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp galt den Leuten gegenüber immer als der Hauptchef
+der Firma, obwohl Wolf Plüddekamp ebenfalls an dieser beteiligt war.</p>
+
+<p>Herta und Wolf besaßen nicht das gleiche Vermögen wie Jürgen. Das
+mütterliche Erbe des ältesten Bruders war sehr bedeutend gewesen,
+während die zweite Frau des Geheimen Kommerzienrat Plüddekamp nur
+große Schönheit besaß, — um derentwillen der reiche Mann sie
+heiratete.</p>
+
+<p>»Du kannst es dir doch denken, Jochen!« antwortete Wolf jetzt. »Aber
+hör mal, alte Schnapsseele! Wenn Jürgen fragt — bin ich oben. Rauf
+steigt er ja nicht. — Also verstanden! Ich habe etwas vor und da will
+ich — —«</p>
+
+<p>»Ist auch gar nicht nötig — Herr Wolf! Ich besorge alles prompt,
+amüsieren Sie sich man gut. Und dann wollt ich nur man noch sagen —
+die Flasche mit dem alten Dänen ist rein zu Ende, an der muß aber
+gründlich gemaust sein.«</p>
+
+<p>»Oder deine Daumen haben nicht ausgereicht, Jochen! Ich werde dir den
+Stoff wieder mitbringen!«</p>
+
+<p>»Bei der Winterzeit — Herr Wolf! Kalte Füße.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p>
+
+<p>»In deine Elefantenstiefel und die dicken Wollnen von Muttern dringt
+doch die Kälte nicht hinein, Jochen.«</p>
+
+<p>»Das sagen Sie so, Herr Wolf. Aber stundenlang beim Aufladen zu stehen
+— nächstens —«</p>
+
+<p>»Ich glaube dir alles, Jochen!«</p>
+
+<p>»Jäh woll — Herr Wolf.«</p>
+
+<p>Der Alte machte etwas schwerfällig kehrt und verschwand über den von
+hohen elektrischen Bogenlampen erleuchteten Hof nach den Speichern zu,
+denen sich ein tiefer Garten bis zur nächsten Straße anschloß.</p>
+
+<p>Das alte Haus mit seinem Hinterland war für neue Verhältnisse von sehr
+großer Ausdehnung und hatte darum einen hohen Wert. In der Bilanz
+standen Gebäude und Areal noch ebenso zu Buch wie vor hundert Jahren.
+Es war nie ein Wertzuwachs hinzugefügt worden. Diese stille Reserve
+des Familienvermögens betrug viele Hunderttausende.</p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp konnte alljährlich mit wohlberechtigtem Stolz
+auf die Zahlen hinschauen, die er Wolf nur flüchtig zeigte, um das
+Bilanzbuch sofort wieder in einem Sonderfach des Geldschrankes zu
+verschließen.</p>
+
+<p>Im großen Speicher begann das geräuschvolle Rollen und Schütteln
+des Korns in den Trieuren. Eine dichte graue Staubwolke umzog die
+Maschinen, durchhellt von dem Schein des elektrischen Lichtes.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p>
+
+<p>Der Roggen wurde in breite Haufen aufgeschüttet. Die Ware stieg durch
+das Reinigen bedeutend im Werte und sollte exportiert werden.</p>
+
+<p>Als das leere Transportauto durch die große Toreinfahrt wieder auf
+die Straße hinausrollte, sah Jürgen Plüddekamp im Kontor auf die
+Uhr. Er konnte nach der seit der Ankunft verflossenen Zeit genau
+kontrollieren, ob die Sackträger ihre Schuldigkeit getan hatten.
+Einen Augenblick schaute er auf den leeren Platz ihm gegenüber, den
+sonst sein Bruder Wolf einnahm, und nickte mit dem Kopfe, als ob er
+sich selbst eine Zustimmung gebe. — Dann langte er nach einer blauen
+Kapitänsmütze, die zu seinem täglichen Gebrauch in Haus und Hof an der
+Wand hing, setzte sie auf und ging durch das anstoßende große Kontor
+zur Torflur hinaus.</p>
+
+<p>Die Buchhalter standen vor den mächtigen, stark gebundenen Büchern und
+machten ihre Eintragungen. In der Korrespondenzabteilung klapperten
+die Schreibmaschinen, sie wurden von jungen Leuten bedient. Jürgen
+Plüddekamp liebte keine Maschinenschreiberinnen.</p>
+
+<p>»Junge Mädchen lassen ihre Augen zuviel spazieren gehen, Herta! Es
+beeinträchtigt die Arbeit meiner Angestellten. Vor mir fallen die
+Augenklappen ernst herunter, hinter mir blitzt es gleich wieder los.
+Eine Schwerenöterin ist stets darunter,<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> und der Ärger bleibt nicht
+aus. — Danke dafür.« So lehnte er es seiner Schwester ab, einige
+ihrer Schützlinge unterzubringen.</p>
+
+<p>Im Kontor des Hauses Plüddekamp mußte ohne Unterbrechung gearbeitet
+werden, dafür gab es eine pünktliche Arbeitseinteilung.</p>
+
+<p>Jürgen war in der großen Toreinfahrt verschwunden, die jungen Leute im
+Kontor reckten ihre Köpfe in die Höhe. Die Schreibmaschinen standen
+einen Augenblick still und leises Gespräch wurde hörbar. Sowie es aber
+einen etwas lauteren Charakter annahm, ertönte die helle Stimme des
+Prokuristen Armin:</p>
+
+<p>»Bitte, meine Herren, äußerste Ruhe! Sie wissen, der Chef liebt keine
+Unterhaltung.«</p>
+
+<p>Einige hastig hingeworfene Worte ließen sich noch von den einzelnen
+Schreibtischen vernehmen, dann klapperten die Maschinen wieder mit dem
+raschen Aufschlag der Tasten.</p>
+
+<p>»In einer halben Stunde muß sämtliche Korrespondenz von heute dem
+Chef vorgelegt werden!« Der Prokurist Armin sprach kurz und bündig,
+seine Anordnungen klangen darum wie militärische Befehle. Er hatte
+mit Jürgen zusammen bei einem Stettiner Regiment gedient. Von dort
+datierte bereits ihre Freundschaft, aus der ein gegenseitiges hohes
+geschäftliches<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Vertrauen entstanden war. Wolf selbst konnte es bei
+seinem Bruder in dem Maße nicht erreichen.</p>
+
+<p>Jürgen tauchte aus der Dunkelheit auf und stand plötzlich vor dem
+alten Hindorf.</p>
+
+<p>»Jochen, warum bringst du die Ladeliste nicht ins Kontor?«</p>
+
+<p>Der Alte schrak zusammen und verbarg hastig etwas im Innern seiner
+dicken Flauschjacke. Jürgen hatte es aber bereits bemerkt.</p>
+
+<p>»Du bist unverbesserlich, Jochen! Nächstens setze ich dich ganz zur
+Ruhe. Ich brauche Leute, die pünktlich auf die Minute ihren Dienst
+versehen. Gib mir jetzt die Liste.«</p>
+
+<p>Der Alte holte diese aus einer vorderen Tasche der Jacke hervor und
+reichte sie Jürgen schweigend hin.</p>
+
+<p>»Hat sich beim Abladen nichts herausgestellt?«</p>
+
+<p>»Nä—h, Herr Plüddekamp!« Der Alte brachte es mit bitterer Betonung
+hervor.</p>
+
+<p>»Desto besser! Ist mein Bruder auf dem Speicher — beim Kornreinigen?«</p>
+
+<p>»Nä—h, Herr Plüddekamp!«</p>
+
+<p>Jochen Hindorf hatte diese Antwort ohne Absicht in einem Anflug von
+verschlucktem Ärger und Bitterkeit hervorgestoßen. Er besann sich
+jedoch sofort und begann zu stottern: »Jäh — woll, Herr Plüddekamp!
+Er — ist oben!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p>
+
+<p>»Du redest Unsinn, Jochen, und hast wieder zu tief in die Flasche
+gesehen! Es geht auf keinen Fall mit dir so weiter! Ich werde einmal
+selbst nachschauen!«</p>
+
+<p>Ganz bestürzt, daß nun das Fehlen Wolfs herauskommen mußte, stellte
+sich Jochen Hindorf rasch in die Treppentür des Speichers. Sein
+mächtiger Körper füllte den großen Türrahmen beinahe aus, so daß
+niemand an ihm vorüber konnte.</p>
+
+<p>»Es staubt ganz gewaltig, Herr Plüddekamp, und das ist der Lunge nicht
+gut!«</p>
+
+<p>»Was fällt dir ein, Jochen! Mach sofort Platz! Ich will hinauf!« stieß
+Jürgen barsch hervor.</p>
+
+<p>Jochen zögerte noch einen Augenblick, sein Liebling Wolf war in
+Gefahr. Lieber wollte er jetzt für den geschehenen Fehler alles auf
+sich nehmen.</p>
+
+<p>»Ich will Herrn Wolf doch runter rufen, Herr Plüddekamp. Sie haben
+keinen Staubkittel an.«</p>
+
+<p>»Es geht auch ohne diesen,« erwiderte Jürgen scharf, schob Jochen
+Hindorf trotz seiner Schwere schnell beiseite und sprang wuchtig die
+Stufen zu den Speicherräumen empor.</p>
+
+<p>Als er einige Zeit darauf wieder herunterkam, schritt er an dem alten
+Aufseher vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.</p>
+
+<p>»Dunnerlüchting!« fluchte dieser. »Wie haben die franzö'schen
+Gefangenen bei uns im Barackenlager<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> immer gesagt: ›Grand malhör!‹ Hm
+— — — das ist nun da! Mein Herr Wolf ist reingefallen und der alte
+Däne ist für mich futsch.«</p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp hing in seinem Privatkontor die Mütze an die Wand
+und ging einige Male stark auf und ab. Die Dielen knarrten unter
+seinen schweren Schritten.</p>
+
+<p>»Wolf hat es doch nicht nötig, mir etwas vorzuflausen! Warum tut er
+es?« dachte er. »Er besitzt die völlige Freiheit, zu kommen und zu
+gehen, wie es ihm gefällt. Ist sein jetziges Verhalten eines echten
+Kaufmanns würdig? — Auf das einfache Wort eines Mannes soll man
+Häuser bauen können. Und Wolf! — Um sich zwei Stunden Aufsicht zu
+ersparen, zieht er selbst den alten Hindorf mit in Unwahrheiten
+hinein. — Ich habe es dir in die Hand gelobt, Vater, über ihn zu
+wachen. Je älter er aber wird, desto schwerer ist es für mich.«</p>
+
+<p>Es klopfte. Ein Angestellter brachte die fertige Korrespondenz und sah
+sich erstaunt um, weil der Chef nicht den gewohnten Platz einnahm. —
+Jürgen atmete schwer auf. Er machte sich an die Arbeit, die Briefe zu
+unterzeichnen. Aus der breiten Goldfeder, deren er sich dazu bediente,
+floß es in markigen Buchstaben: »Jürgen Plüddekamp.«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p>
+
+<h2>III.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Am nächsten Morgen hatten die Brüder eine längere Aussprache. Wolf
+hielt auf die Anschuldigungen Jürgens diesem sofort entgegen:</p>
+
+<p>»Du zwingst mich durch dein fortgesetztes Überwachen zu törichten
+Ausreden, die mir selbst zuwider sind. Zieh aber keine krause Miene,
+wenn ich zuweilen den Tagesdienst für ein paar Stunden satt habe.«</p>
+
+<p>»Wolf! Es ist doch unser Geschäft! Das deine — wie das meine. —
+Haben wir nicht die verdammte Pflicht, jeder unser Bestes dafür
+einzusetzen? Sollen deine Nachkommen einst sagen: ›Die Firma
+Plüddekamp hat früher besser dagestanden!‹ Wird der Konkurrenzkampf
+nicht täglich, ja sogar stündlich gewaltiger? Können doch bereits
+in Stunden Gewinne verloren gehen, sogar Verluste entstehen. Die
+Nichtbeachtung eines späten Telegramms kostet unter Umständen
+Tausende. Man muß daher in einem derartigen Geschäftsbetriebe
+fortgesetzt auf dem Posten sein! Nur durch energische Arbeit,
+gepaart mit scharfem kaufmännischem Verstande, ist heute noch<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> ein
+Vorwärtskommen möglich — und vorwärts wollen wir!«</p>
+
+<p>Wolf hatte die Worte des Bruders ruhig über sich ergehen lassen.
+Seine lebhaften blauen Augen irrten ein paar Sekunden an der
+gegenüberliegenden Wand ziellos umher.</p>
+
+<p>»Du hast mir dies schon häufiger gesagt und bist in deinem Recht,
+Jürgen!« erwiderte er dann, und der Ton seiner Stimme vibrierte leise.
+»Ich besitze aber auch das meine, und es lautet etwas anders: das
+Leben ist nicht nur — Arbeit, nicht nur — Drang nach Kapitalbesitz!
+Das Leben verlangt auch gebieterisch, einer inneren Stimme zu genügen.
+Der eine Mensch drückt seinen Wert nur in Zahlen als Guthaben auf
+dem Bankkonto aus, er ist nach amerikanischem Muster bei seinen
+Mitmenschen — fein-fein. Den andern aber, dem nicht nach weiterem
+Vermögen verlangt, treibt es — das Schöne auf der Erde zu suchen und
+es an sich zu reißen, wo er es auch finden mag. Er ist ein Mensch, der
+sich noch ein Stück Idealismus bewahrt hat und Zahlen nicht schätzt,
+er ist in euren Augen ein — Abtrünniger —«</p>
+
+<p>»Wolf — kein Wort weiter!« Jürgen hatte es heftig ausgerufen. Auf
+seiner Stirn schwoll die Zornesader der Plüddekamp dunkelblau an.
+»Unser Vater hat es gewünscht, daß ich dich ins Geschäft<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> aufnehmen
+sollte. Er kannte meine Abneigung, eine Ehe einzugehen! Meine Familie
+waret ihr, — Herta und du! Habe ich je etwas in der Sorge für euer
+Wohl verabsäumt? Nun wuchern deine Vorwürfe wie schwarzes Mutterkorn
+in vollreifen Ähren. Das darf nicht sein, Wolf. Sonst —«</p>
+
+<p>»Nun, sonst?« fragte Wolf gereizt.</p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp richtete seine strengblickenden Augen fest auf den
+jungen Mann, aber sein Mund blieb geschlossen. Er sprach ein hartes
+Wort, das er gedacht hatte, nicht aus. Erst nach einer geraumen
+Weile, als die Frühpost hereingebracht wurde und Prokurist Armin die
+Anordnungen entgegennehmen wollte, sagte er plötzlich:</p>
+
+<p>»Es ist heute ein schöner Herbsttag. Graf Thadden-Bützenbrück verlangt
+einige tausend Zentner bestgereinigten Roggen zur Aussaat! Willst du
+mit ihm verhandeln, Wolf? Er ist einer unserer guten Kunden. Bleibe
+nur zu Tisch dort, du erhältst sicher eine Einladung.«</p>
+
+<p>Wolf schaute zur Straße hinaus. Die goldenen Sonnenstrahlen tummelten
+sich dort auf den Pflastersteinen umher, blitzten auch zuweilen auf
+den starken Stahlbändern des Lastautos auf, das soeben nach den
+Speichern auf der Lastadie abfahren sollte. Es<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> zog ihn mächtig
+hinaus, — nur fort aus der dumpfen, ihn bedrückenden Kontorstube! —</p>
+
+<p>»Gut! Ich werde hinausreiten!« erwiderte er dann, und auf seinem
+Gesicht begann ein freundliches Lächeln zu entstehen. »Ich habe also
+Urlaub für den ganzen Tag — sollte jedoch Graf Thadden nicht anwesend
+sein oder mich nicht einladen —«</p>
+
+<p>»Ausgeschlossen, Wolf! Übrigens reite dann weiter zum Oberamtmann
+Wichers. Sage ihm einen Gruß von mir und — horche einmal, wie hoch
+die Lieferung ausfallen wird. Von seinem Boden kommt immer das vollste
+Korn. Wichers ist einer unserer besten Landwirte. — Wir können ihm
+ruhig etwas mehr zahlen. Wichers Roggen — schüttet Gold.«</p>
+
+<p>»Ja, Jürgen! Zu Wichers reite ich noch auf alle Fälle. Wenn ich auch
+erst in der Nacht zurückkehren kann. Die Landstraße hat einen guten
+Sommerweg. — Herr Armin,« wandte er sich an den Prokuristen, »ich
+möchte die Proben für Graf Thadden mit der heutigen Preisnotierung
+haben.«</p>
+
+<p>Der Prokurist verließ sofort das Privatkontor, um das Gewünschte zu
+holen.</p>
+
+<p>»Jürgen — du bist doch ein guter Kerl,« fuhr Wolf fort, »und meine
+Worte von vorhin tun mir eigentlich leid. Du hast mich mit edler Waffe
+geschlagen. Ich bringe heute todsicher ein gutes Geschäft<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> zustande.
+Am Abend spiele ich mit Lieschen Wichers vierhändig Klavier. — Du
+sagst es Herta bei Tisch, damit sie nicht mit dem Abendbrot auf mich
+wartet. Und dann — laß meine Flunkerei Jochen nicht entgelten. Ich
+hatte ihn gestempelt, — der brave Alte konnte nicht anders.«</p>
+
+<p>Jürgen lachte aus vollem Halse.</p>
+
+<p>»So will ich dich haben, mein Wölfchen! Nun gefällst du mir wieder,
+und ich werde von heute ab den bösen Mentor einengen, wo und wie ich
+es nur kann.« —</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde darauf schwang sich Wolf Plüddekamp in elegantem
+Reitanzug aufs Pferd. Man sah ihm dabei sofort den flotten Reiter an.</p>
+
+<p>Jürgen ging zu Wolf hinaus und klopfte den schlanken Hals des
+prächtigen Fuchses mit seiner kräftigen Hand. Das Blutpferd wurde
+unruhig und trat hin und her.</p>
+
+<p>»Verliere die Proben nicht, Wölfchen! Du hast sie nur lose in die
+Seitentasche gesteckt.« Der Fuchs wollte anspringen und kaute heftig
+auf dem Gebiß. — »Warte noch einen Augenblick, — ich knöpfe dir die
+Tasche zu,« und als dies geschehen, fuhr er fort: »Nun bist du sicher
+— und kannst so stark traben, wie du willst! Vergiß nicht, Wichers zu
+grüßen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p>
+
+<p>Der feurige Fuchs ließ sich nicht länger zurückhalten und machte
+einige kräftige Sprünge. Wolf saß fest im Sattel und hatte ihn sofort
+wieder am Zügel. Er grüßte mit der Reitpeitsche und trabte die Straße
+hinunter, um bald auf dem weichen Reitweg der nahen Anlagen zu
+verschwinden.</p>
+
+<p>Jürgen schaute ihm eine Zeitlang nach.</p>
+
+<p>»Allzu scharf macht schartig! Ich will ihm die Zügel etwas länger
+lassen. Er kommt schon allein wieder auf das Richtige zurück,« dachte
+er bei sich, als er in das Kontor ging, um noch einige Anordnungen zu
+erteilen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wolf ließ den Fuchs dahintraben. Das Gefühl von Jugend und Kraft,
+das ihn beseelte, brachte die glücklichste Stimmung in ihm hervor.
+Lieschen Wichers war ein liebes Mädchen, ein echtes zukünftiges
+Hausmütterchen, — gut erzogen, ein wenig musikalisch, und hatte
+oft lustige, schalkhafte Einfälle. Sobald sie vierhändig Klavier
+spielten, schaute sie ihn neckisch an. Der Oberamtmann konnte sich
+natürlich keinen besseren Schwiegersohn wünschen, seine Tochter keinen
+hübscheren Mann. Wolf Plüddekamp entflammte die Herzen aller jungen
+Mädchen in der Umgegend, mit deren Vätern seine Firma geschäftliche
+Beziehungen pflegen mußte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span></p>
+
+<p>Sein Bruder sandte ihn deshalb gern zu neuen Abschlüssen. Jeder
+töchterreiche Vater hoffte im stillen auf Absichten dabei, und Kauf
+wie Verkauf wickelte sich schneller ab als sonst. Lieschen Wichers
+war Wolf bisher ganz sympathisch gewesen, er hatte sogar manchmal
+weiter gedacht und sich geprüft, ob sein Puls in ihrer Nähe schneller
+schlage. — Leider geschah es nicht, trotz der frischen Farben auf
+ihren Wangen. Wie dies nur zuging? Es fehlte etwas, das er sofort in
+den Augen auf Ilse Hergenbachs Bild erkannte. Ein unbewußt Anziehendes
+— ein tolles Aufjauchzen vor Lust, und doch dabei ein tiefes
+Insichgekehrtsein und Zurückbeben — miteinander streitende Gefühle,
+die jede Fiber des Körpers erregten. Wie kam dies alles nur in die
+Augen hinein? Es mußte sich ihm bald zeigen. Er wollte es ergründen,
+es kennen lernen. Würden Körper und Seele bei ihr schon soweit
+entwickelt sein, um alle Fragen beantworten zu können? — Er erwartete
+den Tag der Ankunft Ilse Hergenbachs mit größter Spannung — alles
+andere war ihm gleichgültig geworden. Klavierspiel, — wie alltäglich!
+Jetzt kam etwas Aufrüttelndes, er sehnte die Stunde herbei, in der er
+endlich anfangen würde, es zu erleben. — —</p>
+
+<p>Jürgen und Herta saßen noch bei einer Partie Schach, als er spät in
+der Nacht heimkehrte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p>
+
+<p>»Tee und Sandwiches stehen für dich bereit, Wölfchen,« sagte Herta
+freundlich. »Du wirst sicher noch einen verborgenen Hunger haben,
+trotz der kräftigen Hausmannskost bei Oberamtmann Wichers. Hat nicht
+Fräulein Lieschen ihre Gänsesülze besonders gelobt?«</p>
+
+<p>»Erraten, Herta! Aufs Tüpfelchen erraten! — Spielt nur eure Partie zu
+Ende, — ich stärke mich einstweilen. Nach dem zweistundenlangen Trabe
+revoltiert der Magen wirklich noch einmal!«</p>
+
+<p>»Nun — Wölfchen?« schaute Jürgen ihn fragend an, »Gutes erreicht?«</p>
+
+<p>»Du wirst mit mir zufrieden sein, Jürgen. Ich bin genau deinem Rate
+gefolgt. Graf Thadden hat Sorte B gekauft, — längeres Ziel als sonst.
+Hm, darüber müssen wir noch reden. Sein Sohn hat etwas zu kräftig
+verbraucht. Komtesse Marie verriet es mir.«</p>
+
+<p>Jürgen lächelte.</p>
+
+<p>»Ein längeres Ziel macht nichts aus. Bützenbrück hat vortrefflichen
+Boden, der eine Scharte rasch wieder auswetzt. Der junge Graf schlägt
+über die Stränge. In Berlin verpulvert sich ein brauner Schein sehr
+schnell, wenn man Graf ist und den alten Namen glänzend vorstellen
+will.</p>
+
+<p>Manchmal reicht kein Vermögen hin. Der alte Graf legte als
+vorsichtiger Mann die Mitgift für<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Komtesse Marie auf der Reichsbank
+fest; — der junge Graf sorgte dafür, daß sie wieder abgehoben wurde.«</p>
+
+<p>»Bei Wichers war es gemütlich wie immer,« erzählte Wolf mit
+Unterbrechung, indem er einige Sandwiches verzehrte. »Er kann
+zehntausend Zentner mehr liefern, als er gedacht hat. Die Proben
+habe ich mit. Als die Preisfrage besprochen wurde, kam Lieschen
+Wichers dreimal ins Zimmer hinein, und dabei gelang es mir richtig,
+einige Prozent Skonto abzuhandeln. Es ist über tausend Mark, und der
+Oberamtmann zog ein Gesicht, als wir die Abschlußnotizen in unseren
+Büchern vornahmen. — — ›Sie sind schlimmer als Ihr Bruder,‹ meinte
+er. Beim Abendessen fuhr er aber ein paar alte Flaschen Rheinwein auf
+und lud mich ein, bald wieder herauszukommen.«</p>
+
+<p>»Wirst du es tun, Wölfchen?« fragte Herta, vom Spiel aufsehend. Sie
+hatte soeben einen Springer günstig aufgestellt und hoffte Jürgen mit
+ein paar weiteren Zügen matt zu setzen.</p>
+
+<p>»Vielleicht!« antwortete Wolf gleichgültig. »Wie's Wetter wird. Es ist
+immer ein starker Ritt für den Fuchs nach Wershagen. Der Gaul spürt
+es ein paar Tage in den Knochen.« — Der junge Mann ließ sich den
+Nachtimbiß weiter munden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p>
+
+<p>Herta und Jürgen vertieften sich in ihre Partie, die anscheinend dem
+Ende zuging. Der Sieg schien sich, auf Hertas Seite zu neigen.</p>
+
+<p>»Wölfchen — komm her! Jetzt kann Jürgens König nicht mehr entweichen
+— seit langer Zeit gewinne ich einmal —«</p>
+
+<p>»Noch — nicht,« warf Jürgen gedehnt ein.</p>
+
+<p>Er sann einige Minuten nach. Man sah förmlich, wie die Pläne in seinem
+Kopfe entstanden, so ausdrucksvoll gestalteten sich seine Züge. Dann
+ging das Spiel fort. Herta wurde in kurzem vollständig matt gesetzt.</p>
+
+<p>»Bravo Jürgen! Es waren Meisterzüge! Der blinde Neid muß dir dies
+lassen!« rief Wolf ihm zu.</p>
+
+<p>»Gräm dich nicht darum, liebe Herta,« lächelte Jürgen freundlich. »Wir
+sind nun einmal das stärkere Geschlecht.« —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p>
+
+<h2>IV.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Die folgenden Tage brachten unfreundliches Wetter. Trübe, schwere
+Wolken zogen über die Stadt hinweg. Die kleinen Dampfer blieben im
+Hafen. Dieser war lange Zeit nicht mit so vielen Schiffen angefüllt
+gewesen. Die Steuerbeamten konnten kaum ihren Revisionen nachkommen.
+Zahlreiche nordische Dampfer warteten auf neue Ladung.</p>
+
+<p>Die Möwen flatterten von der Odermündung bis in die Hafenanlagen
+hinein. Draußen auf der See und im Pommerschen Haff traten Böen auf;
+es gab kurze, heftige Stoßwellen, die alle Fischerboote zur Heimkehr
+zwangen. Sturm war in Sicht.</p>
+
+<p>Es brauste auch bald aus Nordwest jäh und ungestüm heran. Die Wellen
+im Haff stürzten wild durcheinander, und selbst die größten Dampfer
+hatten schwere Fahrt. In der Stadt rüttelte der Sturm an den Dächern
+und Zäunen, entwurzelte in den Alleen große Bäume und trieb sein
+wildes, zügelloses Gebaren zum Verdruß der Einwohner.</p>
+
+<p>Schwarzgraues Gewölk jagte tief über die Häuser hinweg. Es wurde am
+Nachmittag so dunkel, daß die Laternen eine Stunde früher angezündet
+werden mußten. Der Regen fuhr sturmgepeitscht<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> hernieder, und auf den
+Gassen floß das Wasser stromweise zu den Abzugskanälen hin.</p>
+
+<p>»Also heute abend,« sagte Wolf zu Herta. »Hast du den Wagen bestellt,
+oder kann ich Ilse Hergenbach von der Bahn abholen?«</p>
+
+<p>»Nein, Wölfchen! Zügle deine Neugierde. Ich bin selbst zur Ankunft des
+Zuges auf dem Bahnhof! Laß deinen Abonnementsplatz im Theater nicht
+leer. Du siehst Ilse noch früh genug.«</p>
+
+<p>»Sie ist doch die Tochter einer befreundeten Familie! Ich werde mir
+keine Unhöflichkeit zuschulden kommen lassen,« warf er hastig ein.</p>
+
+<p>Herta schaute ihn darauf prüfend an, sie erwiderte aber nichts.</p>
+
+<p>Zum Abendbrot war Ilse Hergenbach bereits eingetroffen. Wolf hatte
+sich sorgfältig umgekleidet, Jürgen erschien jedoch in seinem
+täglichen Kontoranzug.</p>
+
+<p>Das erste Sehen gestaltet sich meist eigenartig. Herta saß mit dem
+jungen Mädchen in einer Sofanische. Als die Brüder eintraten, erhoben
+sie sich, und Ilse wurde erst Jürgen, dann Wolf vorgestellt. Der
+Ältere machte die erste Begegnung kurz ab.</p>
+
+<p>»Seien Sie willkommen im Haus Plüddekamp, Fräulein Hergenbach. Lassen
+Sie es sich darin wohl sein.« Er dankte dann für die Grüße, die Ilse
+von ihren Eltern überbrachte. Die Augen des großen<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> Mannes musterten
+kaum die schlanke Gestalt in dem einfachen grauen Reisekleide.</p>
+
+<p>Wie anders Wolf! Er trat dicht an sie heran und gab ihr die Hand mit
+kräftigem Druck.</p>
+
+<p>»Darf ich Fräulein Ilse sagen?« bat er sofort. »Wir beide sind jetzt
+die Jüngsten im Hause und werden hoffentlich gute Kameradschaft
+halten. Spielen Sie Lawn-Tennis? Wir haben im Garten einen Spielplatz.
+Morgen wird er allerdings durchweicht sein!«</p>
+
+<p>»Nun frage Ilse auch gleich noch, ob sie Galopp reitet, ob sie an der
+Dollarprinzessin Geschmack findet und gern Sekt trinkt. So lautet doch
+dein Programm, Wölfchen?« neckte ihn Herta.</p>
+
+<p>Wolf schien dies nicht ganz angenehm zu sein.</p>
+
+<p>»Glauben Sie es nicht, Fräulein Ilse!« warf er hastig ein. »Meine
+Schwester versucht unsere notwendige Kameradschaft von vornherein zu
+untergraben. Ich bin wahrhaftig besser als mein Ruf.«</p>
+
+<p>Ilse Hergenbach sah die leuchtenden blauen Augen dicht vor sich.
+Unwillkürlich weitete sich auch ihr Blick. Sie schaute ihn einen
+Augenblick hindurch etwas scheu an, dann flog ein leises Lächeln
+über die feinen, bleichen Züge. Wie seltsam ist solch ein erstes
+Begegnen! Impulsives Fragen und scheue, versteckte Antwort. Ilse und
+Wolf standen sich so gegenüber. Er mit freiem offenem Herzen, das
+sagte: »Ich freue<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> mich, daß du zu uns gekommen bist! Ich finde dich
+interessant und will dich näher kennen lernen!« — Sie dagegen mit dem
+klugen Instinkt des Weibes ihre Gedanken zurückhaltend und darum nur
+mehr anreizend, diese zu ergründen.</p>
+
+<p>»Tante Herta schrieb bereits, daß ich in Ihnen einen Freund der
+schönsten Künste finden würde. Ich soll freilich die Hauswirtschaft
+studieren, wie Mama es will. Nun, ein Stündchen am Tage werde ich doch
+musizieren oder malen dürfen, damit ich nicht alles verlerne.«</p>
+
+<p>»Gewiß, Ilse!« sagte Herta bereitwillig. »Du kannst dich auch an
+meiner Arbeit für notleidende arme Geschöpfe beteiligen. Überhaupt
+solltest du an allem in unserem einfachen Leben teilnehmen.«</p>
+
+<p>»Ich scheide dabei aus, Fräulein Hergenbach,« fiel Jürgen mit seiner
+starken Stimme ein. »Meine Domäne ist das Kontor, — das große
+Geschäftsgetriebe einer alten Firma, darin gibt es keinen Raum für ein
+junges Mädchen.«</p>
+
+<p>»Warum nicht, Herr Plüddekamp? Ich habe bei meinem Vater oft aushelfen
+müssen. Ich stenographiere und bin auf der Schreibmaschine eingeübt.
+Ich habe kalkuliert und korrespondiert.«</p>
+
+<p>»Dabei widmeten Sie sich der Musik und Malerei und trieben
+Kunststudien. Nun wollen Sie<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> die Haushaltung erlernen. Ein wenig
+viel, um eins davon gründlich zu verstehen,« gab ihr Jürgen zur
+Antwort.</p>
+
+<p>»Das moderne Mädchen soll doch in allen Sätteln gerecht sein, — die
+Welt verlangt es, um uns für vollwertig zu halten!« vertrat Ilse ihren
+Standpunkt.</p>
+
+<p>»Entsetzlich!« fiel Wolf mit lächelndem Munde ein. »Welche Stunden
+bleiben dann für die Pflege der Schönheit übrig, — die Hauptaufgabe
+der Frau — dem Manne zu gefallen?«</p>
+
+<p>»Muß es denn unser Lebenszweck sein, Herr Plüddekamp, den Männern
+zu gefallen? Vielleicht war es früher so, heute — wollen wir
+gleichberechtigt auftreten,« entgegnete Ilse. Keine Miene ihres
+Gesichtes verriet, ob ihre Gedanken und die ausgesprochenen Worte
+übereinstimmten.</p>
+
+<p>»Sagen Sie bitte — Wolf, zum Unterschied von meinem Bruder, Fräulein
+Ilse,« ließ sich dieser nicht beirren. »Übrigens soll meine Ansicht
+nicht als allgemeine Regel gelten. Es gibt Ausnahmen — meine
+Schwester Herta gehört dazu. Und doch besitzt die Schönheit der Frau
+ein unbestrittenes Recht, zu gefallen, das sie sich nicht verkümmern
+lassen darf.«</p>
+
+<p>»Wölfchen — du windest dich in der Schlinge, — du bist gefangen —«
+fiel Herta lachend ein. »Ilse hat ihre Sache tapfer verteidigt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<p>Der junge Mann versuchte wiederholt, Ilse Hergenbach in die Augen
+zu sehen. Sein Wunsch, darin zu lesen, war zu mächtig, um ihm
+widerstehen zu können. Sie mußte dies unwillkürlich fühlen, denn
+plötzlich traf ihr Blick voll den seinen. Er hatte dabei ein neues,
+ganz eigenartiges Empfinden, das seine Nerven heftig erregte. Das Blut
+quoll ihm heiß vom Herzen bis zu den Schläfen empor. Einen Augenblick
+war er wie berauscht, — das also konnten diese Augen, diese grauen,
+unergründlich tiefen Augen hervorrufen!</p>
+
+<p>Welch eine wundersame Kraft strömte von ihr aus! Sie kam zu ihm, wohin
+würde sie ihn führen?</p>
+
+<p>Herta mußte diesen Augenblick des Selbstvergessens bemerkt haben.
+Sie sah Ilse schärfer an und forderte sogleich auf, das Abendbrot
+einzunehmen. Jürgen ging an den Speisetisch, und während seine hohe,
+kräftige Gestalt fest auftrat, folgten ihm Ilses Blicke. — Sie
+zeigten Neugierde, aber auch eine Bewunderung der echt männlichen
+Erscheinung des ältesten Plüddekamp.</p>
+
+<p>Während der Mahlzeit wurde wenig gesprochen, und Herta hob früh
+die Tafel auf, damit sich Ilse nach der anstrengenden Reise bald
+zurückziehen konnte. Wolf war dies nicht recht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p>
+
+<p>»Was soll ich heute abend beginnen, Herta?« klagte er.</p>
+
+<p>»Jürgen spielt Skat mit uns, du mußt dabei aufpassen, Wölfchen,«
+erwiderte die Schwester.</p>
+
+<p>Er war aber derart zerstreut, nachdem Ilse das Zimmer verlassen hatte,
+daß er die einfachsten Spiele umwarf.</p>
+
+<p>»Es geht heute wirklich nicht —« damit legte er unmutig die Karten
+hin. »Ihr müßt mich entschuldigen. Ich fahre nach dem ›Luftdichten‹,
+um mir die nötige Schlafschwere zu holen.«</p>
+
+<p>Jürgen und Herta sahen sich schweigend an und begannen dann ihre
+allabendliche Partie Schach.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Seit Ilses Ankunft war Wolf wie ausgewechselt. Er verließ selten das
+Haus und schob das eingetretene schlechte Wetter vor. Jede freie
+Stunde des Tages brachte er bei Herta und ihrem Zögling zu, während
+Jürgen mehr denn je im Kontor arbeitete. Der Schimmer des elektrischen
+Lichtes fiel oft noch bis gegen Mitternacht auf die Straße hinaus.
+Spät begab er sich zur Ruhe.</p>
+
+<p>Er hatte recht gehabt, wenn auch in anderer Weise. Ilse Hergenbach
+tollte nicht laut umher, — im Gegenteil, sie war äußerst ruhig,
+sprach wenig,<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> glitt geräuschlos mit ihrer überschlanken Gestalt durch
+Zimmer und Gänge, aber sie zog dabei magnetisch an sich.</p>
+
+<p>Wolf folgte ihr, wo er es nur konnte; er mußte einen Blick, einige
+Worte von ihr erhaschen.</p>
+
+<p>Jürgen dagegen, sobald er sich dabei ertappte, daß er ihr
+unwillkürlich ein paar Schritte nachgegangen war, reckte sich
+plötzlich stolz empor und wandte sich kurz der Haupttreppe zu, um in
+sein Kontor zu eilen. Es ärgerte ihn, daß sein Auge auf den schlanken
+Linien ihres Körpers geruht hatte, und er ballte fest die Faust
+zusammen, — es sollte nicht wieder vorkommen. Seine Brust hob sich
+schwer dabei. Er hatte nicht gesehen, wie Ilse bei seiner schroffen
+Wendung sofort stehen blieb und die großen Augen ihm scheu und
+unwillig nachschauten.</p>
+
+<p>Die Ruhe war aus dem alten Kaufherrnhause geschwunden. Das bisherige
+harmlose Zusammensein der Geschwister litt darunter, und Herta bereute
+schon, dem Wunsche ihrer Freundin nachgegeben zu haben.</p>
+
+<p>Ilse Hergenbach, obwohl keine Schönheit im Sinne des Wortes, besaß
+etwas unheilvoll Bestrickendes für die Männer, dem nur eine große
+Willensstärke widerstehen konnte. Selbst Konsul Martens, der einstige
+Verehrer Hertas und Freund der Familie, kam<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> jetzt häufiger und blieb
+einsilbig, wenn Ilse nicht erschien.</p>
+
+<p>Herta sann darüber nach; ihr reiner, starker Sinn konnte sich lange
+keine Erklärung geben. Der Verkehr junger Männer wurde immer reger
+in ihrem Hause, und doch war Ilse nicht im mindesten kokett. Sie
+tat ruhig ihre Pflicht und plauderte nur zuweilen an den langen
+Winterabenden etwas angeregter mit Wolf. Auch Jürgen und Herta hörten
+gern zu, wenn sie von den erlebten Kunstgenüssen sprach und ihre
+tiefe, wohllautende Stimme die kleine Tafel beherrschte.</p>
+
+<p>Sobald aber Ilse dies bemerkte, schwieg sie plötzlich still und war
+nicht wieder zum Reden zu bringen. Nur ihr Auge glitt von einem zum
+anderen, als wenn es sagen wollte: »Ich habe als Jüngste nicht das
+Recht, die Unterhaltung zu führen.«</p>
+
+<p>Wolf konnte bitten, so viel er wollte, Ilse blieb stumm, — es prallte
+jedes Wort bei ihr ab, selbst Herta erhielt auf ihre Fragen nur einige
+rasch hervorgestoßene Silben zur Antwort. Das junge Mädchen konnte
+durch sein Schweigen geradezu ungezogen erscheinen und gab sich auch
+keine Mühe, es zu verdecken.</p>
+
+<p>Herta ärgerte sich darüber; sie hielt dies Benehmen für einen Mangel
+an Erziehung. Einige Male sagte sie auch zu ihrem jüngeren Bruder:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p>
+
+<p>»Gib dir keine unnütze Mühe, Wölfchen! Wenn Ilse in ihre Stummheit
+versinkt, mag sie mit sich selbst fertig werden.«</p>
+
+<p>Jürgen hatte nur sein kräftiges Lachen dafür, aber auch dies stockte
+manchmal; dann verließ er mit irgendeinem kurzen Wort den kleinen
+Kreis und ging in sein Schreibzimmer.</p>
+
+<p>Nun kam das Seltsamste. Ilse fand plötzlich ihre Sprache wieder und
+war die Liebenswürdigkeit selbst zu den anderen.</p>
+
+<p>»Ilse ist ein merkwürdiges Geschöpf — ich werde aus ihr nicht klug,«
+sagte Herta eines Tages zu Jürgen, »sie kommt mir zuweilen wie eine
+Sphinx vor — —«</p>
+
+<p>»Nein, — wie eine Hexe —« erwiderte er kurz.</p>
+
+<p>»Aber Jürgen! Wie kommst du darauf?« fragte Herta erschrocken.</p>
+
+<p>»Durch den starken Einfluß, den sie ausübt, liebe Schwester! Wölfchen
+hat sie ganz umstrickt, und seine Freunde rennen uns jetzt das Haus
+ein —«</p>
+
+<p>»Ilse ist aber peinlich in ihrer Arbeit und versäumt keine Pflicht.
+Sie erfüllt sofort jeden meiner Wünsche und kann eine tüchtige
+Hausfrau werden.«</p>
+
+<p>»Niemals!« stieß Jürgen barsch aus.</p>
+
+<p>»Sollte sich dies deiner Beurteilung nicht entziehen?« erwiderte Herta
+leicht gekränkt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
+
+<p>Jürgen pfiff laut.</p>
+
+<p>»Ihre Zerstreuungen in der freien Zeit sind allerdings sonderbar,«
+fuhr Herta fort. »Sie geben mir zu Bedenken Veranlassung. Gestern war
+sie zwei Stunden ausgegangen. — Bei ihrer Rückkehr antwortete sie
+auf meine Frage, daß sie sich die Schaufenster in der Breitenstraße
+angesehen habe. Später sprach ich zufällig Jochen Hindorf, und er
+erzählte mir, wie er Ilse bei den Kornträgern am Bollwerk fand.
+Sie sah dort den Männern zu, die schwere Säcke aufhoben und zum
+Transportauto trugen. Warum nun diese Unwahrheit von ihr, — die mir
+sehr mißfällt! — Wie kann überhaupt ein junges Mädchen an so grober
+Arbeit Gefallen finden, namentlich bei ihrem Kunstsinn —«</p>
+
+<p>Jürgen hatte die Hände in beiden Hosentaschen stecken und zuckte mit
+den Achseln.</p>
+
+<p>»Hm, — weibliche Neugierde, — es will weiter nichts sagen. Sie war
+noch in keiner Hafenstadt. Vielleicht erinnert es sie auch, an das
+väterliche Geschäft. Das ist wohl die einfachste Erklärung.« — —</p>
+
+<p>Herta nahm sich vor, scharf aufzupassen. Sie war um Wolf besorgt.</p>
+
+<p>Dieser spielte täglich, stündlich mit dem Feuer. Er erzwang es, daß
+Ilse ihm oft in die Augen sah. Trotzdem es den harmlosesten Anschein
+haben sollte,<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> wurde sie sich bald ihrer Gewalt bewußt. Anfangs war
+sie selbst darüber erstaunt gewesen, nun legte sie langsam ihre Scheu
+dabei ab. Herta durfte es nur nicht bemerken.</p>
+
+<p>Was lag in ihrem Blick? Jürgen hatte es rasch erkannt, aber er äußerte
+sich nicht darüber.</p>
+
+<p>Wolf spielte an sonnig-kalten Tagen mit Ilse im Garten Ball, und sein
+Auge hing an den schnellen Bewegungen ihres Körpers, wie sie diesen
+aufhielt und zurückschlug.</p>
+
+<p>Gewöhnlich gewann sie die Partie. Sobald sie zusammenstanden und er
+ihre Augen suchte, lachte sie ungezwungen auf, ein tiefes, melodisches
+Lachen, das er so gern von ihr hörte.</p>
+
+<p>Nach der gemeinsamen Abendmahlzeit spielten sie vierhändig Klavier.
+Sie schaute ihn nicht an, wie Lieschen Wichers, sobald er aber ihre
+schlanken Hände zufällig berührte, schoß eine fliegende Hitze in ihm
+empor. Sein ganzes Nervensystem war fortwährend in Erregung.</p>
+
+<p>Im Geschäft ließ seine Tätigkeit mehr und mehr nach. Seine Gedanken
+wanderten zu Ilse.</p>
+
+<p>»Eine tolle Staupe,« dachte Jürgen, »aber er muß sie durchmachen, um
+frei zu werden.« —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p>
+
+<h2>V.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Jürgen saß bereits kurz nach acht Uhr morgens vor seinem Schreibtisch
+im Privatkontor und sah die Korrespondenz, sowie die eingegangenen
+Aufträge durch. Prokurist Armin stand neben ihm und gab auf seine
+Fragen kurze Erläuterungen ab. Der gegenübersitzende Wolf hörte kaum
+zu und langweilte sich sterblich. Ein paarmal griff er nach den
+neuesten Zeitungen, las die Berichte von der Getreidebörse, hastete
+über die Theaterkritiken hinweg und legte das Blatt wieder aus der
+Hand.</p>
+
+<p>Nun war die Post durchgesprochen. Jürgen hatte disponiert, und Wolf
+atmete schon freier auf, als Prokurist Armin von neuem begann:</p>
+
+<p>»Wir haben noch die Angelegenheit mit Smider &amp; Sohn zu besprechen,
+Plüddekamp. Sie wollten sich heute entscheiden.«</p>
+
+<p>»Er kriegt keinen Pfennig mehr, als wir abgeschlossen haben,«
+erwiderte Jürgen ärgerlich. »Wie kommt der Mann überhaupt dazu, uns um
+eine Tariferhöhung anzugehen? Der Vertrag mit ihm ist klipp und klar.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p>
+
+<p>»Die Frachtsätze sind im Steigen begriffen. Der Export verstärkt sich
+für das Frühjahr. Kein Wunder, wenn Smiders es probiert — er glaubt,
+mehr herausschlagen zu können, und zieht nun an der Strippe, um —«</p>
+
+<p>»Einfach ausgeschlossen, Armin,« fiel ihm Jürgen ins Wort.</p>
+
+<p>»Ich kann es nicht behaupten, Plüddekamp. Der Dampfer liegt noch im
+Schwimmdock.«</p>
+
+<p>»Die Verlängerung ist aber gut vonstatten gegangen. Bei der Höhe
+unserer heutigen Technik im Schiffsbau bringen sie alles mit Eleganz
+fertig. Wie war's damals mit der ›Hohenzollern‹! Durchgeschnitten —
+ein ganzes Stück eingesetzt — und wieder Volldampf voraus.« Jürgen
+ließ sein breites Lachen hören.</p>
+
+<p>»An Tonnengehalt wurde sie größer, an Geschwindigkeit und ruhigem
+Gang hat sie sich gerade nicht verbessert,« meinte Wolf, der jetzt
+aufhorchte, weil ihn diese Angelegenheit interessierte.</p>
+
+<p>»Beim Frachtdampfer fragt man auch nicht danach,« brummte Jürgen. »Du
+willst immer auf den Sport hinaus.«</p>
+
+<p>»Der ›Friedrich Barbarossa‹ war doch mit Eisenerzen überladen worden
+und blieb in der Kaiserfahrt stecken?« wandte sich Wolf an den
+Prokuristen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p>
+
+<p>»Ja, — er hatte sich beim Aufrennen den Boden eingedrückt, darum
+wurde er umgebaut und gleich vergrößert, Herr Plüddekamp,« gab Armin
+zur Antwort.</p>
+
+<p>»Die Eisenerze kamen wohl aus Vivero in Spanien?« frischte Wolf
+seine Erinnerungen auf. »Es konnte einen endlosen Prozeß geben
+— die Versicherungsgesellschaft einigte sich aber mit der
+Henckel-Donnersmarck-Hütte. Es mußte alles in Leichter umgeladen
+werden, und die Kaiserfahrt war eine Zeitlang schlecht zu passieren —«</p>
+
+<p>»Stimmt,« unterbrach Jürgen seinen Bruder kurz. »Du bringst uns aber
+von der Sache ab — oder willst du auf einen Vorschlag hinaus?«</p>
+
+<p>»Du hast mich damals den Vertrag mit Smider &amp; Sohn lesen lassen — er
+ist nicht ohne Häkchen. Ein wenig Jus klebt mir von den Semestern in
+Greifswald und Berlin noch an, darum glaube ich — —«</p>
+
+<p>»Nun und — —« forschte Jürgen.</p>
+
+<p>»— — — daß der Passus ›bei rechtzeitiger Fertigstellung‹ uns
+auffliegen läßt, wenn Smider &amp; Sohn den Vertrag nicht einhalten
+wollen.«</p>
+
+<p>»Es wäre eine dumme Sache — unser Justizrat ist doch sonst immer
+vorsichtig gewesen! Holen Sie den Vertrag, Armin — ich will ihn
+daraufhin<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> durchsehen,« wandte sich Jürgen an diesen. — »Kannst du
+nicht auf den jungen Smiders einwirken, Wolf?« fragte er seinen Bruder.</p>
+
+<p>Dieser schüttelte mit dem Kopfe.</p>
+
+<p>»Ich war wohl während der Schulzeit öfters mit ihm zusammen, — jetzt
+zählt er nicht mehr zu meinen Freunden.«</p>
+
+<p>»Mir ist er höchst unsympathisch,« meinte Jürgen. »Eine zynische
+Natur, die am liebsten über Treu und Glauben hinwegschreitet. Hätte
+nicht sein Vater mit uns jahrzehntelang in Verbindung gestanden — ich
+würde den geschäftlichen Verkehr mit der Firma abbrechen.«</p>
+
+<p>Der Prokurist brachte den Vertrag, und der ältere Plüddekamp vertiefte
+sich einige Minuten in diesen. Als er wieder aufsah, zeigte sein
+Gesicht eine unwillige Miene.</p>
+
+<p>»Es ist so, — Wolf hat zwischen den Zeilen gelesen! Ich bin jetzt
+der Ansicht — Smiders kann unter gewissen Umständen aus seinen
+Abmachungen entschlüpfen. Er sucht darum seinen Vorteil wahrzunehmen.
+Zahlen wir die höheren Frachtsätze, fällt es ihm natürlich nicht ein,
+den Vertrag zu beanstanden. Unser Gewinn aber wird dann Null sein, nur
+das Risiko bleibt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p>
+
+<p>»Wir müssen bestimmt in der vorgesehenen Frist liefern,« betonte
+Armin. »Die spanischen Brennereien sind darauf angewiesen und warten
+nicht. Es wird uns sonst ein großes Geschäft für die Zukunft verloren
+gehen.«</p>
+
+<p>»Gut — das ist feststehend! Also was tun? Sie haben selbst dazu
+geraten, den ›Friedrich Barbarossa‹ zu chartern, Armin!« sagte Jürgen.</p>
+
+<p>»Weil er nach dem Umbau einen hohen Tonnengehalt aufweist und wir
+die Lieferung glatt fortbringen wollen. Die Tarife waren zudem sehr
+günstig,« erwiderte dieser.</p>
+
+<p>»Alles eine schlaue Kalkulation von dem jungen Smiders. Wir legten
+uns lange vorher fest und mußten ihm in die Hände fallen, sobald
+die Lieferung drängt.« Jürgen schlug mit der Faust auf die Platte
+des Schreibtisches, daß es dröhnte. »Am liebsten möchte ich ihm mit
+gleicher Münze dienen. Ich habe bisher bei unseren Verträgen mit
+Smiders &amp; Sohn nie an eine Übervorteilung von der anderen Seite
+gedacht. — Es muß auch so gehen,« fuhr er ruhiger fort. »Wir wollen
+rechtzeitig Maßnahmen treffen, Armin, und uns einige kleinere Dampfer
+sichern, die wir für andere Zwecke verwenden können, wenn die Frage
+nicht brennend wird.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p>
+
+<p>»Die Stettiner Frachtdampfer sind für die Hauptfahrzeit belegt. Wir
+müssen in Hamburg, Bremen und Lübeck Umfrage halten. — Auf den
+Zufall, daß spanische Dampfer Rückfracht nehmen, können wir uns nicht
+verlassen,« hielt Armin entgegen.</p>
+
+<p>»Teufel — eine unangenehme Klemme,« brummte Jürgen. »Smiders soll
+an mich denken. Es ist wirklich notwendig, daß du ihm beikommst,
+Wolf! Natürlich mit der größten Liebenswürdigkeit — lade ihn auch
+gelegentlich ein. — Wenn ich ihn aufsuche, wittert er sofort
+Morgenluft.« —</p>
+
+<p>»Gern tue ich es nicht, Jürgen! Alfred Smiders verkehrt in keinem
+Kreise meiner Bekannten. Man trifft ihn höchstens in kleinen
+Weinstuben mit zweifelhafter Bedienung an. Ich muß mich ihm also
+nähern. In unser Haus möchte ich ihn lieber nicht einführen —« Wolf
+stockte plötzlich und dachte an Ilse. Sie brauchte diesen Menschen
+nicht kennen zu lernen.</p>
+
+<p>»Richte es nur ein, Wölfchen! Es hängt zuviel davon ab,« wurde Jürgen
+freundlich. Der geschäftliche Nutzen war bei ihm hoch angeschrieben,
+solange er in regulären Bahnen ging. Hier stand Großes auf dem Spiel.
+Der Vertrag mußte aufrecht erhalten bleiben. Später durfte solche Lage
+nicht wieder vorkommen, er wollte im stillen mit einer auswärtigen
+Reederei sofort Vereinbarungen anbahnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<p>»Ich werde ihn aufsuchen und — lavieren,« sagte Wolf. »Schließlich
+kommt es darauf an, wer die besten Karten in der Hand hält, — ich
+fürchte —«</p>
+
+<p>»Rufen Sie Smiders &amp; Sohn telephonisch an, Armin. Mein Bruder würde
+die Angelegenheit mit Herrn Alfred Smiders in Kürze besprechen.«</p>
+
+<p>Für Jürgen war damit die Unterredung beendet. Er nahm die neuen
+Aufträge zur Hand, ließ sich das Lagerbuch geben und begann zu
+rechnen. Der Prokurist ging in die Korrespondenzabteilung, und Wolf
+blieb eine Weile seinen Gedanken überlassen.</p>
+
+<p>Im Grunde war ihm Alfred Smiders ein verhaßter Geselle. Dieser
+hatte sich während der Schulzeit in den oberen Klassen immer an ihn
+herangedrängt.</p>
+
+<p>»Reeder und Exporteur müssen schlau zusammenhalten,« sagte Smiders
+zu ihm, »und das sind wir beide doch eines Tages. — Die Abnehmer —
+das konsumierende Volk muß mächtig berappen, damit wir schnell reich
+werden. Am besten schafft es sich bei einer Hungersnot — oder im
+Kriegsfall — da kann man Gold mit Scheffeln messen.«</p>
+
+<p>»Solche Vorsätze hat mein Bruder nicht,« erwiderte Wolf darauf, »er
+läßt nichts auf die Ehre des alten Kaufmannsstandes kommen.«</p>
+
+<p>»Nette Torheit,« suchte Alfred Smiders ihm zu beweisen. »Ich nehme mir
+die amerikanischen<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> Grundsätze zur Richtschnur. Der beste Kaufmann
+ist, wer den höchsten Gewinn erzielt! Auf welche Weise, bleibt ganz
+gleichgültig.«</p>
+
+<p>»Bei Jürgen Plüddekamp aber nicht,« trumpfte ihn Wolf ab.</p>
+
+<p>»Du wirst sehen — das moderne Geschäft verlangt es — eines Tages
+bist du bekehrt! Wir wollen dann weiter darüber sprechen,« zog sich
+der andere zurück.</p>
+
+<p>Alfred Smiders gab schon als Primaner viel Geld aus, trotzdem sein
+Vater in jener Zeit geschäftlich zu kämpfen hatte und große Verluste
+erlitt. Er verkehrte mit Steuerleuten und Matrosen in den dunkelsten
+Kneipen am Hafen. Dort lernte er das Grogtrinken und konnte bald
+unglaubliche Mengen Alkohol vertragen. Es erschien ihm dies für seine
+Laufbahn notwendig. Er wollte sich später von keinem Kapitän unter den
+Tisch trinken lassen.</p>
+
+<p>Wolf hatte er ein paarmal mit verschleppt. Sie gerieten in eine
+wüste Gesellschaft von Matrosen hinein, die in den Hafenkneipen
+herumlungerten und mit einem Aushub von Mädchen das letzte Heuergeld
+vertaten. Während Smiders wie ein Fisch durch moderiges Wasser
+schlüpfte und Rede wie Antwort anzupassen wußte, konnte sich der
+junge<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> Plüddekamp des Ekels über das wilde Gebaren nicht erwehren.</p>
+
+<p>Er schlich spät nach Hause und verdankte es nur der Freundschaft
+des alten Jochen Hindorf, daß er durch den Garten und über den Hof
+unbemerkt ins Haus hineingelangte. Dieser hatte den Schlüssel zu
+der kleinen Torpforte in Verwahrung und drückte bei seinem jungen
+Herrn gern ein Auge zu. Am nächsten Morgen hielt er einen kräftig
+eingelegten sauren Hering mit einer knusprigen trockenen Semmel
+bereit, damit konnte Wolf seinen Katzenjammer dämpfen Ein kleines
+Glas Porter mit Ale jagte ihm das Blut wohltuend durch die Adern. Zur
+Mittagszeit war alles überwunden und die blauen Augen lachten wieder
+die Welt an. —</p>
+
+<p>Wolf war eine gesunde, reine Natur, der nichts anhing, und in späteren
+Jahren mied er Smiders, wo er es nur konnte. Jetzt spielte dieser
+scheinbar eine große Rolle in der Stadt. Er hatte mehrere neue Dampfer
+bauen lassen und weite Fahrten eingerichtet. Die alten Schiffe liefen
+noch daneben und trugen hohe Versicherungen. Man munkelte allerlei,
+durfte sich aber nicht laut äußern. In den Kneipen einer Hafenstadt
+wird viel gesprochen.</p>
+
+<p>Der junge Reeder war seinem Äußeren nach eine große, elegante
+Erscheinung. Dunkles Haar<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> und ein schwarzer, wohlgepflegter
+Schnurrbart hoben seine an und für sich matten Züge stärker hervor.
+Die Augen flackerten etwas unstät umher, besaßen aber zuweilen
+einen tiefergehenden Ausdruck, den er im geeigneten Falle geschickt
+anzuwenden wußte.</p>
+
+<p>Als Jürgen seinen Bruder aufforderte, die frühere Bekanntschaft
+mit Alfred Smiders zu erneuern, hatte er wichtige Gründe im Auge,
+diese überwogen bei ihm die persönliche Abneigung. Das spanische
+Geschäft mußte gepflegt werden, es bot sehr lohnende Aussicht und
+paßte stets mit den Rückfrachten. — Wolf war zur Abwicklung solcher
+Sachen recht geeignet. Seine anscheinende Gutmütigkeit verdeckte den
+eigentlichen Kern, den er zur passenden Zeit scharf herauszuschälen
+verstand. Jürgen hatte eine zu derbe Geradeausnatur, er liebte kein
+Wortgeplänkel.</p>
+
+<p>»Ich gehe jetzt nach dem Speicher auf der Lastadie,« sagte Wolf zu
+seinem Bruder. »Die Stichproben von den neuen Roggenlieferungen sollen
+doch in meinem Beisein genommen werden.«</p>
+
+<p>Jürgen sah von seinen Kalkulationen auf.</p>
+
+<p>»Recht so, Wölfchen! Denk auch daran, daß die verschiedenen Grassamen
+bald umgestochen werden müssen. Es entsteht leicht ein dumpfiger
+Geruch, und bis zur Versandzeit sind noch einige Monate hin.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p>
+
+<p>»Wird besorgt, Jürgen! Übrigens noch immer schauderhaftes Wetter,«
+sagte er, hinausschauend. »Ich laß mir einen Taxameter holen. Von
+nassen Füßen kriegt man bloß Katarrh. Davon bin ich kein Freund!«</p>
+
+<p>Er sprang dann in wenigen Sätzen die Treppe zur Wohnung hinauf. Ein
+Glas Portwein konnte an dem naßkalten Tage nicht schaden. Vielleicht,
+daß Ilse — sie huschte gerade über den Korridor, als er die oberste
+Treppenstufe erreichte.</p>
+
+<p>»Fräulein Ilse — nur einen Augenblick!«</p>
+
+<p>Sie blieb zögernd stehen und sah den hellen Schimmer in seinen blauen
+Augen, als er auf sie zukam. Er griff nach ihrer Hand, die sie ihm
+schnell wieder entzog.</p>
+
+<p>»Herr Wolf! Was haben Sie nur immer vor, wenn Tante Herta —«</p>
+
+<p>Er lachte hell auf.</p>
+
+<p>»Nichts — rein gar nichts will ich — als ein Stückchen Semmel mit
+Gänsebrust. Eine recht große saftige Scheibe — Fräulein Ilse! Sie
+verstehen es, diese so appetitlich herzurichten. Aber bringen Sie mir
+den Happen selbst, bitte! — Machen Sie sich nicht wieder unsichtbar
+—«</p>
+
+<p>»Das kommt nur auf Sie an, Herr Wolf,« entgegnete sie lächelnd und sah
+sich hastig um.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p>
+
+<p>»Auf mich, Fräulein Ilse? Dann würden Sie mich den ganzen Tag nicht
+los,« rief er belustigt. »Nun noch eine kleine Bitte — schlagen Sie
+einmal schnell Ihre schönen Augen zu mir auf —«</p>
+
+<p>»Nein, — Herr Wolf, — das gehört nicht zur Erlernung der
+Hauswirtschaft,« — ihr Blick aber traf ihn doch, ehe sie forteilte.</p>
+
+<p>Warum er nur so oft danach verlangte? Die anderen Herren, die sie
+hier kennen lernte, sahen sie ebenfalls so seltsam an. Sie empfand
+nichts dabei, nur wurde es ihr peinlich. Wolf war wirklich ein
+hübscher junger Mann, aber auch nicht mehr für sie. Als sie zu den
+Wirtschaftsräumen eilte, wußte sie unwillkürlich, daß seine Augen ihr
+folgten.</p>
+
+<p>»Schade, daß ich mich so in acht nehmen muß. Es verdirbt mir manchmal
+ganz die Laune,« dachte sie bei sich.</p>
+
+<p>Die Semmel mit Gänsebrust ließ sie durch das Mädchen ins Eßzimmer
+tragen, weil Herta dazukam. Diese ging sofort zu ihrem Bruder und
+schenkte ihm ein Glas Portwein ein. Sie kannte seine kleinen Wünsche.</p>
+
+<p>»Du willst auf die Lastadie, Wölfchen? Stärke dich nur zuvor.« Er
+hatte ihr sein Vorhaben rasch mitgeteilt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p>
+
+<p>Sie bot ihm noch ein zweites Glas an, während er ihr von Alfred
+Smiders erzählte.</p>
+
+<p>»Wenn es geschäftlich notwendig ist, soll er das feinste Frühstück
+Stettins haben,« sagte sie dann.</p>
+
+<p>»Besser, es läßt sich vermeiden, Herta!« Damit ging Wolf fort. Ilse
+kam ja nicht wieder.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Lastadie hängt mit dem Freihafengebiet zusammen. Dort hatte die
+Firma Jürgen Plüddekamp erst in den letzten Jahren neue Speicher
+erbaut. Als Wolf vorfuhr und eilig in das Tor hinein wollte, stieß er
+auf Jochen Hindorf. —</p>
+
+<p>»Hast du deine Kerle in Schuß, Jochen?«</p>
+
+<p>»Jäh woll — Herr Wolf!«</p>
+
+<p>»Das ist man gut, Jochen! Sonst steig ich dir auch aufs Dach!«</p>
+
+<p>»Hm —« räusperte sich dieser.</p>
+
+<p>»Bei dem Wetter wär's kein Wunder, wenn sie davonliefen. Ich wollt
+gerade nach Haus. Haben Sie noch was, Herr Wolf? Mit'm Chef ist in
+der letzten Zeit nicht zu spaßen. Er gibt mir den Laufpaß, wenn ich
+nochmal für Sie flunkere.«</p>
+
+<p>»Kommt nicht wieder vor, alter Knabe —«</p>
+
+<p>»Hm — hm — damals war auch Fräulein Ilse noch nicht hier — nu aber
+—«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p>
+
+<p>»Was nun aber! Denk keinen Unsinn, Jochen. Fräulein Ilse hat damit gar
+nichts zu tun.«</p>
+
+<p>»Näh — näh, Herr Wolf, das weiß ich wohl! Sie ist aber ein verteufelt
+schlankes Ding, wie so'n Aal glitscht sie aus der Hand. Ich hab's
+gesehen!«</p>
+
+<p>»Du bist ein alter Drönbartel, Jochen — mit dem, was du willst!
+Behalte man deine Speckschwarten für dich. Jetzt komm mal beiseite!
+Ich will dich etwas fragen.«</p>
+
+<p>»Jäh woll — Herr Wolf!« Die Hünenfigur des Alten schob sich dicht an
+seinen jungen Herrn heran.</p>
+
+<p>»Du kennst doch den alten Aufseher von Smider &amp; Sohn?«</p>
+
+<p>»Jäh woll — Herr Wolf!«</p>
+
+<p>»Gut! — Pürsch dich mal gleich an ihn heran. Kann auch 'n paar
+Schnäpse kosten. Frag ihn genau aus, wo Alfred Smiders seinen Wechsel
+hat. Du weißt schon! — Ich muß nach ihm auf den Anstand raus.«</p>
+
+<p>»Aber — Herr Wolf! Sie werden doch nich, 'ne kleine Auflage von
+damals —«</p>
+
+<p>»Unsinn! — Ich muß ihn in einer günstigen Stunde antreffen, damit ich
+ihm geschäftlich langsam beikommen kann.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p>
+
+<p>»Hm — das weiß ich schon! Er hat etwas in der ›Grünen Schanze‹, wo
+die gelben Gardinen vor sind. Ein paar leere Champagnerflaschen stehen
+im Fenster.«</p>
+
+<p>»In der alten Weinspelunke sitzt er?« rief Wolf etwas betroffen aus.
+»Da kann ein anständiger Mann wahrhaftig nicht hineingehen.«</p>
+
+<p>»I was! Da gehen feine Leut' hinein. Bei Tag woll nicht — aber abends
+sind alle Katers grau.«</p>
+
+<p>»Es ist also ganz sicher?«</p>
+
+<p>»Ich frag nach. In einer halben Stund bin ich wieder da. Wieviel
+Schnäpse — kann ich ihm geben?«</p>
+
+<p>Wolf lachte und nahm Geld aus der Westentasche, das er Jochen Hindorf
+in die schwielige Hand drückte.</p>
+
+<p>»Was nicht draufgeht, ist für dich — Alter!«</p>
+
+<p>»Jäh woll — Herr Wolf!«</p>
+
+<p>Jochen Hindorf zog die Flauschjacke fest zusammen und trottete ab. —</p>
+
+<p>»Gibt's wohl eine ehrlichere alte Haut als diese dort?« dachte Wolf,
+ihm nachschauend. »Wenn's darauf ankäme, würde Jochen für mich das
+Tollste ausführen, aber eine Stärkung des inneren Menschen muß dabei
+sein.«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p>
+
+<h2>VI.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Nach altem Brauch sah man im Plüddekampschen Hause Sonntags gern
+Tischgäste. Nähere Freunde sagten sich einfach an, zuweilen ergingen
+auch Einladungen. Konsul Martens kam jetzt häufiger als in den letzten
+Jahren.</p>
+
+<p>»Alte Liebe rostet nicht,« scherzte Wolf mit seiner Schwester.</p>
+
+<p>Herta entgegnete ihm darauf mit ernstem Blick:</p>
+
+<p>»Ich habe Martens stets als lieben Freund betrachtet, seitdem ich
+meine einstige Neigung zu ihm unterdrückte. Er war mir wert. Ich
+achtete ihn hoch und hielt ihn für einen jener Männer, die nach dem
+Herzen der Frau schauen und sich nicht durch Äußerlichkeiten blenden
+lassen. Wie bitter bin ich enttäuscht worden! — Martens ist nicht
+viel mehr oder weniger, als es auch andere Dutzendmenschen sind.«</p>
+
+<p>»Es freut mich, daß dir endlich diese Erkenntnis kommt, Herta,« warf
+Wolf lachend ein. »Nun wirst du mich doch gleichwertig einschätzen.«</p>
+
+<p>»Dich, Wölfchen? Ich bedaure dich höchstens! Du hast mir zuviel —
+Herz!« entgegnete sie ihm.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p>
+
+<p>»Dafür empfinde ich auch mehr, als Jürgen und — du —«</p>
+
+<p>»S—o—o—! — Weißt du dies ganz genau? Was Ilse dir und anderen
+einflößt, die ihr nachrennen, ist — keine Liebe. Höchstens der
+moderne Zug zum Weibe —«</p>
+
+<p>»Herta!« stieß Wolf heftig aus. »Du urteilst mit Bitterkeit.«</p>
+
+<p>»Ist es denn nicht wahr? Du, Martens, deine Freunde, — ihr sucht in
+Ilse etwas, das ich verabscheue! Sie tut mir wahrhaftig leid und gibt
+keinen Anlaß für euer Verhalten.«</p>
+
+<p>»Ich sehe Ilse gern, leidenschaftlich gern! Es ist mir ein
+Lebensbedürfnis, in ihrer Nähe zu weilen. Ich habe ein tiefes
+Glücksgefühl dabei.«</p>
+
+<p>»Unterdrücke mit aller Kraft diese Regung, ehe sie sich in dein
+Herz hineinfrißt, sonst erleidest du mein Schicksal. Ilse ist nicht
+für dich geschaffen, auch würde Jürgen nie eine Verbindung mit ihr
+zugeben. Oder willst du eine Frau besitzen, Wolf, der andere Männer
+fortwährend nachstellen?«</p>
+
+<p>»Herta, du bist heute geradezu grausam. Du kränkst mich mit Absicht!«
+sagte dieser vorwurfsvoll.</p>
+
+<p>»Gewiß nicht, Wolf! Aber ich muß dich vor einer Torheit behüten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p>
+
+<p>»Nein, Herta! Sag es lieber rund heraus: Du bist eifersüchtig auf
+Ilse, weil Martens sie interessant findet, wie dies alle meine Freunde
+zugeben, die sie kennen lernten.«</p>
+
+<p>»Wolf! Das waren häßliche Worte! Ich bin sie von dir nicht gewohnt.
+Seit Ilse ins Haus gekommen, verstehen wir Geschwister uns nicht mehr.«</p>
+
+<p>Sie ging an das reichgeschnitzte Büfett und legte Früchte auf den
+großen Silberaufsatz, der die Mittagstafel zieren sollte. Ilse trat in
+diesem Augenblick ins Zimmer und wollte Herta behilflich sein, wurde
+aber von ihr kurz abgewiesen.</p>
+
+<p>»Bei Herta droht heute ein Wintergewitter, Fräulein Ilse! Kommen Sie
+schleunigst aus der gefahrdrohenden Nähe. Ich zeige Ihnen das neue
+Prachtwerk über die britische Nationalgalerie. Es ist noch Zeit, bis
+unsere Gäste eintreffen,« suchte Wolf ihre Aufmerksamkeit auf sich zu
+lenken.</p>
+
+<p>»Wie? — Sie haben das schöne Werk gekauft, von dem ich sprach!« rief
+das junge Mädchen freudig aus.</p>
+
+<p>»Ja, Fräulein Ilse. Es liegt im kleinen Salon,« entgegnete er schnell
+und wartete, daß sie etwas darauf erwidern würde.</p>
+
+<p>Sie sah Herta fragend an. Diese nahm aber keine Notiz von ihr, sondern
+ordnete weiter an den<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> Früchten und legte goldgelbe, mit grünen
+Blättern abgepflückte Mandarinen obenauf.</p>
+
+<p>Wolf schritt jetzt in den anschließenden Salon hinein. Ilse folgte
+ihm zögernd. Sie blieben vor einem Ebenholztisch stehen, auf dem
+die große Prachtmappe lag. Er schlug diese auf und zog einzelne der
+hervorragendsten Blätter in die richtige Beleuchtung zum Fenster hin.</p>
+
+<p>Sie stieß einen Ruf des Entzückens aus. Ihre Augen leuchteten hell;
+ihre Mienen nahmen einen lebhaften Ausdruck an. Sie ging vollständig
+in der Betrachtung der Kunstwerke auf.</p>
+
+<p>»Welcher Genuß, die alten berühmten englischen Meister Gainsborough,
+Reynolds, Lawrence mit Muße betrachten zu können! Wie dankbar bin
+ich Ihnen dafür, Herr Wolf. Ich werde meine freie Zeit oft damit
+verbringen.«</p>
+
+<p>»Ich darf doch dabei sein, Fräulein Ilse? Die beste Gelegenheit ist in
+den Nachmittagsstunden, sobald Herta in ihre Frauenvereine geht. Dann
+können wir uns gemeinsam an dem Schönen in der alten Kunst erfreuen.«</p>
+
+<p>»Sie müssen aber nachmittags im Kontor sein, Herr Wolf,« warf Ilse ein.</p>
+
+<p>»Wer kann mich dazu zwingen! Das Kontor wird mir rein zum Ekel. Ich
+habe keine Ruhe, über<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> Korrespondenzen und Büchern zu sitzen oder in
+den Speichern Kontrolle zu üben, wenn ich Sie hier oben allein weiß.
+Wie oft sagte ich Ihnen dies schon.«</p>
+
+<p>»Ich darf Sie aber davon nicht abziehen! Herr Plüddekamp schaut mich
+schon streng genug an. Er ist wenig freundlich zu mir und wird es auch
+Sie fühlen lassen.«</p>
+
+<p>»Jürgen — pah! Ich bin kein Kontorbeamter, sondern Teilhaber der
+Firma, und der ewigen Bevormundung längst überdrüssig. — Sehen
+Sie diese herrlichen Bilder von Tizian, Tintoretto. Ich liebe die
+italienischen Schulen.«</p>
+
+<p>Er zog einige schöne Frauenbildnisse hervor.</p>
+
+<p>Ilse beugte sich tief darüber und war ganz im Anschauen versunken.
+Wolf stand ein wenig zurück und sah auf die feinen Linien ihres
+schlanken Halses hin. Bei dem tiefen Ausschnitt des Kleides bot er
+sich blendend weiß und verlockend seinen Blicken dar. Es reizte ihn,
+sie dort zu küssen. Je mehr er hinschaute, desto unwiderstehlicher zog
+es ihn an. Plötzlich ergriff ihn ein Taumel, er wußte nicht mehr, was
+er tat.</p>
+
+<p>Nun war es geschehen. —</p>
+
+<p>Seine heißen Lippen hatten eine Sekunde lang auf ihrem kühlen weißen
+Nacken geruht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p>
+
+<p>Sie kehrte sich blitzschnell um. Ihr Gesicht war wie in Blut getaucht,
+und die großen Augen flammten empört auf.</p>
+
+<p>»Herr Plüddekamp! Was unterstehen Sie sich!« stieß sie beleidigt aus.
+»Bin ich ein Mädchen, dem gegenüber Sie es wagen dürfen —«</p>
+
+<p>»Um Gottes willen — Ilse, sprechen Sie nicht so laut! Herta hört es
+sonst. Zürnen Sie mir nicht! Ich konnte wahrhaftig nicht widerstehen,
+— ich wurde einfach fortgerissen. Es war nur ein Tribut, den ich der
+Schönheit zollte, der herrlichen Form Ihres Nackens!« Er hielt ihr, um
+Versöhnung bittend, die Hand hin. Sie nahm diese nicht an, trotzdem er
+fortfuhr: »Ilse, bei Tag und Nacht erfüllen Sie mein ganzes Denken.«</p>
+
+<p>»Ich weiß es, Herr Wolf!« unterbrach sie ihn, und ihre tiefe Stimme
+sank zum Flüsterton herab. »Sie zeigen es ja so deutlich, daß alle es
+sehen müssen! Sie werden mir dadurch den liebgewonnenen Aufenthalt
+hier sehr bald unmöglich machen.«</p>
+
+<p>»Sagen Sie mir doch, was ich tun soll, Ilse,« sprach er hastig auf sie
+ein. »Ich will mich sehr in acht nehmen. Nur schenken Sie mir täglich
+einige Minuten der Aussprache, solange wir nicht Lawn-Tennis spielen
+können, dann —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p>
+
+<p>»Nein, nein!« ließ sie ihn nicht ausreden. »Es ist unmöglich! Ihre
+Geschwister denken darüber sehr streng, und ich möchte nicht falsch
+beurteilt werden.«</p>
+
+<p>»Ilse!« tönte es jetzt schroff vom Speisezimmer herüber.</p>
+
+<p>Sie erschrak leicht und eilte sofort zu Herta. Wolf blieb allein
+zurück.</p>
+
+<p>»Ich halte es nicht länger aus,« sagte er zu sich, »es muß zu einer
+Entscheidung kommen und Jürgen,« — er dachte nicht weiter. Ein
+Glockenton zeigte an, daß die Gäste kamen. —</p>
+
+<p>Konsul Martens führte Herta zu Tisch. Er richtete aber seine Worte, so
+oft es ging, an Ilse. Der ältere Plüddekamp unterhielt sich mit Baron
+Berleburg, den er aus geschäftlichen Rücksichten zur Tafel zog. Das
+Konto des Schloßherrn im Hauptbuch zeigte eine ansehnliche Belastung.
+Berleburg war einmal früher Dragoneroffizier gewesen und hatte das von
+seinem Vater ererbte Gut ziemlich heruntergewirtschaftet. Er brauchte
+vielmal die Unterstützung des reichen Kaufmannes.</p>
+
+<p>»Die Aussichten der Wintersaat sind ganz prächtig, Herr
+Plüddekamp. Sie ist kräftig in den Winter gekommen, und die starke
+Bodenfeuchtigkeit kann frühzeitig den Wuchs fördern. Berleburg wird
+lange Jahre keine solche Ernte gesehen haben,« sagte der Schloßherr.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p>
+
+<p>Jürgen lächelte höflich.</p>
+
+<p>»Ich wünsche es Ihnen aufrichtig, Herr Baron. Es vergehen aber
+noch Monate bis zur Ernte, und der Landwirt ist leider von vielen
+Zufällen abhängig.« Er ahnte bereits, daß ein neuer Angriff auf
+seinen Kassenschrank bevorstand. Baron Berleburg wußte diesen stets
+mit großem Geschick einzuleiten. Seine geschäftliche Taktik ging gern
+durch gesellschaftliche Beziehungen auf das versteckte Ziel los.</p>
+
+<p>»Ah — Herr Plüddekamp! Sie sind der vorsichtige Geschäftsmann!
+Bedenken Sie aber das Berleburgsche Glück, das mich noch nie verlassen
+hat,« fiel der Baron ein.</p>
+
+<p>»Damit meint er meine Vorschüsse,« dachte Jürgen bei sich, und Wolf
+sah ihn von der anderen Seite der Tafel her verständnisvoll an.</p>
+
+<p>»Sonnenschein und Regen kommen bestimmt zur rechten Zeit. Hagelwetter
+kennt Berleburg seit fünfzig Jahren nicht. Kraft ist im Boden —
+ganz richtig — —« fuhr Berleburg fort, »wie sollte es dabei an
+etwas fehlen!« Er sah triumphierend im Kreise umher. Sein hagerer
+Oberkörper und das lange Gesicht mit dem scharfkantigen Kopf deuteten
+auf ein reichlich genossenes Leben hin. Er blinzelte behaglich einen
+Augenblick, als er den guten alten Rotwein aus dem feingeschliffenen
+Kristallglas schlürfte. —<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> »Ein Jahrgang, Herr Plüddekamp, — ganz
+riesig, — lagert sicher lange,« — wandte er sich an Jürgen.</p>
+
+<p>»Mein verstorbener Vater kaufte das Oxhoft direkt in Bordeaux. Der
+Wein hat sich auf der Flasche gut entwickelt,« erwiderte dieser.</p>
+
+<p>»Sie sind heute so nachdenklich, Fräulein Hergenbach,« redete Konsul
+Martens seine Nachbarin zur Linken an. »Unsere alte Pommernstadt
+läßt Sie das schöne Dresden nicht vergessen, und wir schwerblütigen
+Nordländer können nicht so gut unterhalten —«</p>
+
+<p>»Sie offenbaren eine viel zu große Bescheidenheit, Konsul Martens,«
+fiel Wolf Plüddekamp ein. »Wollen Sie von Fräulein Ilse hören, daß Sie
+ein äußerst amüsanter Plauderer sind?«</p>
+
+<p>»Danke verbindlichst, mein junger Freund,« suchte Martens seine
+joviale Seite hervorzukehren, »danach gelüstet mich nicht. Fräulein
+Hergenbach hat aber einen müden, verschleierten Ausdruck in ihren
+Mienen, den ich mit Bedauern sehe.«</p>
+
+<p>»Ist das Leben nicht ernst genug, Herr Konsul?« erwiderte Ilse darauf.</p>
+
+<p>»Die Jugend muß stets froh sein, Fräulein Hergenbach. Ein Lächeln auf
+den Zügen ist wie heller Sonnenschein am klaren Wintertag.«</p>
+
+<p>»Heute regnet und schneit es aber durcheinander, Herr Konsul,«
+spottete Ilse leicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p>
+
+<p>»Um so mehr muß die Sonne jugendlicher Schönheit unter uns strahlen,«
+antwortete er galant.</p>
+
+<p>»Herr Konsul —« stieß das junge Mädchen peinlich berührt hervor, denn
+Hertas hohe Stirn hatte sich plötzlich verdüstert.</p>
+
+<p>»Von einem Manne in den Jahren unseres lieben Freundes kannst du dir
+eine solche Schmeichelei ruhig gefallen lassen, Ilse. Da ist sie
+aufrichtig gedacht,« betonte diese.</p>
+
+<p>Martens fühlte, daß er etwas versehen hatte, und wollte dies wieder
+gutmachen.</p>
+
+<p>»Schönheit ist nur sieghaft, wenn Gedankenreichtum sie begleitet,«
+wandte er sich an Herta.</p>
+
+<p>»Nicht immer,« entgegnete sie, »die meisten Männer legen heute bei der
+Frau weniger Wert auf Gedanken, desto mehr aber auf äußere Vorzüge. Es
+ist ihnen leider ganz gleich, worin sie bestehen.«</p>
+
+<p>Martens senkte den Blick, während er entgegnete:</p>
+
+<p>»Sie urteilen zu scharf! So tief steht unser innerer Wert doch nicht.
+Ich könnte dagegenhalten: viele Frauen lenken absichtlich unsere
+Blicke nur auf ihr Äußeres hin.«</p>
+
+<p>»Schalten Sie ein: viele schöne Frauen! Der größere Teil von uns
+strebt jetzt danach, sich mit gleichem Geisteswert und starker
+Tatkraft neben den Mann zu stellen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p>
+
+<p>»O armes drittes Geschlecht, das seine Lebensaufgabe vergißt!« rief
+Wolf dazwischen.</p>
+
+<p>»Ich folge lieber der reinen Vernunft, als daß ich ohne Überlegung mit
+dem Gefühl davonstürme, Wölfchen,« erwiderte ihm Herta ruhig.</p>
+
+<p>Baron Berleburg war auf die Unterhaltung aufmerksam geworden, kniff
+das linke Auge leicht zusammen und sah scharf zu Herta hinüber.</p>
+
+<p>»Muß Ihnen beipflichten, gnädiges Fräulein. Habe es in meinem Regiment
+immer erlebt, daß Kameraden bei Attacke mehr Besonnenheit zeigten, als
+bei Eingehen der Ehe. Es gibt Beispiele, — ganz riesig! Bin darum bis
+jetzt ledig geblieben.« Er erhob das Glas gegen Herta und trank ihr zu.</p>
+
+<p>Wolf ballte Brotkrumen mit den Fingern zusammen und versuchte, ernst
+zu bleiben, auch um Jürgens' Mund zog sich ein kräftiges Lachen
+zusammen, das er kaum zurückhalten konnte. Baron Berleburg besaß etwas
+von dem Ritter Don Quichote.</p>
+
+<p>Es entstand plötzlich eine Stille, und Wolfs Blick streifte zu Ilse
+hinüber; er sah, wie ihre großen Augen erwartungsvoll an Jürgen
+hingen. Sie schien lachen zu wollen, wenn dieser lachen würde. Wolf
+wußte im ersten Augenblick nicht, wie es kam; ein häßliches Gefühl
+stieg heiß in ihm empor. War es Neid, der in ihm aufkeimte? Er gönnte
+Jürgen den<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Blick nicht und trank hastig ein Glas des schweren
+Bordeauxweines, um sich zu beruhigen.</p>
+
+<p>Rechte, — er besaß keine und handelte immer auf Grund seines
+leidenschaftlichen Empfindens. Er war sich in keiner Hinsicht klar,
+was er eigentlich vorhatte. Nur eins sprach in ihm: der mächtige
+Drang, fortwährend Ilse nahe zu sein. Er faßte Jürgen, der oben an
+der Tafel saß, mehrmals länger ins Auge. Es quälte ihn beinahe,
+daß er keinen Blick von ihm bemerkte, der sie traf. Dann hätte er
+doch erkannt, — nein, er mochte nicht weiterdenken, — es war ja
+ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Martens sprach jetzt eifrig auf Herta ein, er hatte den leisen Vorwurf
+wohl verstanden. Baron Berleburg versuchte ebenfalls, bei ihr den
+Liebenswürdigen zu spielen. Es entstand ein belustigendes Rennen
+zwischen den beiden Herren.</p>
+
+<p>Ilse hörte den Worten des Prokuristen Armin nur mit halbem Ohr zu. Das
+dunkelblonde, von einem Scheitel nach beiden Seiten liegende, reich
+gewellte Haar hob ihr Gesicht wirkungsvoll hervor. Der alte Rotwein
+hatte ihre Wangen leicht gefärbt; die Augen glänzten und verlangten
+nach Lebenslust.</p>
+
+<p>Wolf, der still geworden und sie unausgesetzt betrachtete, wurde von
+einer nervösen Unruhe ergriffen. Er wünschte sehnlichst das Ende der
+Tafel<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> herbei, um sich ihr nähern zu können. Warum hatte er Ilse nicht
+zur Tischnachbarin erhalten? Herta bestimmte für sie stets einen
+anderen Herrn. Für das nächstemal wollte er es unbedingt sein. Bruder
+und Schwester führten ihn noch am Gängelband. Er dankte für diese
+ewige Bevormundung, die ein- für allemal ihr Ende finden sollte.</p>
+
+<p>Die große Kristallkrone über dem Eßtisch und die Deckenbeleuchtung
+flammten jetzt auf. Der durch die mattgeschliffenen Glasbirnen und
+opalfarbenen Deckengläser gedämpfte Schein des elektrischen Lichtes
+breitete sich geheimnisvoll über die Gesellschaft aus.</p>
+
+<p>Martens schwieg und überließ Berleburg das Feld. Seine Blicke
+streiften Ilse, während er sich aus dem Silberaufsatz eine Mandarine
+nahm. Er mußte zu ihr hinsehen, es zwang ihn dazu. Wolf bemerkte
+es sofort. — Also auch Martens, der stets glattlächelnde vornehme
+Bankier, fing Feuer. Nur Jürgen sah nicht zu ihr hin. Keine Miene des
+starkknochigen Gesichts deutete an, daß er das geringste Interesse für
+das junge Mädchen hege. —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p>
+
+<h2>VII.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Herta erhob sich, — ihre Brüder zogen sich mit den Gästen in das
+Rauchzimmer zurück, in dem der Kaffee gereicht wurde.</p>
+
+<p>»Tante Herta,« bat Ilse herantretend, »laß mich das Silber in die
+Kästen einreihen. Ich habe darauf geachtet, wie du es fortlegst.«</p>
+
+<p>Fräulein Plüddekamp war in der Behandlung des wertvollen alten, aus
+mehreren Generationen stammenden Familiensilbers sehr peinlich. Sie
+besorgte das Fortlegen in die hohen, mit dunklem Samt ausgeschlagenen
+Eichenkästen stets selbst. — Als sich Ilse nun mit der Bitte an sie
+wandte, ihr das Amt abzunehmen, war sie davon anfangs unangenehm
+berührt. Es schien ihr ein Eingriff in ihre Rechte zu sein. Sie sah
+deshalb das junge Mädchen einen Augenblick unfreundlich an. Dann
+besann sie sich aber rasch. Ilse sollte doch die Hausfrauenpflichten
+bei ihr erlernen. Dazu gehörte auch die Ordnung und Aufbewahrung des
+Silbers. Herta dachte und handelte in allen Dingen gerecht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p>
+
+<p>»Ich will es dir überlassen, liebe Ilse. Ich erwarte aber die nötige
+Sorgfalt dabei,« erwiderte sie nach kurzer Überlegung.</p>
+
+<p>Das junge Mädchen sagte einfach: »Ich danke dir, Tante Herta,« und
+machte sich sofort an die Arbeit.</p>
+
+<p>»Wir können die große Kristallkrone ausdrehen, Ilse,« bemerkte
+Fräulein Plüddekamp, »die Deckenbeleuchtung genügt vollständig.«</p>
+
+<p>Ilse ging sofort an den Ausschalter, der sich am Eingang in das
+Speisezimmer befand, und durch einen raschen Griff wurde die Krone
+dunkel gestellt. Jetzt fiel das elektrische Licht nur noch matt aus
+den milchichten Gläsern an der Decke herab und hüllte die schlanke
+Mädchengestalt in eigenartige Beleuchtung ein. Herta hatte sich in der
+Sofanische niedergelassen und ruhte dort aus. Sie hörte leise Schritte
+im anstoßenden Salon. Ihre blauen, scharfblickenden Augen sahen
+sofort dorthin, und sie erkannte Wolf, der Ilse bei ihrer Tätigkeit
+zuschaute, ohne sich bemerkt zu glauben.</p>
+
+<p>»Er ist ihr ganz verfallen,« dachte Herta. »Was soll nur daraus
+werden? Schicke ich sie nach Nordhausen zurück, so muß ich einen Grund
+dafür angeben, und sie hat mir diesen bisher in keiner Weise geboten.
+Ich werde mit Jürgen reden; Wolf braucht eine Luftveränderung,<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> um auf
+andere Gedanken zu kommen. Er liebt den Süden, mag er auf einige Zeit
+dorthin gehen.«</p>
+
+<p>Martens war Wolf Plüddekamp gefolgt und stand plötzlich neben ihm.</p>
+
+<p>»Als Nichtraucher ist es mir hier bei Ihnen angenehmer als dort
+drinnen, lieber Wolf,« sagte er plötzlich.</p>
+
+<p>Dieser fuhr wie aus Träumen auf. Er hatte den Konsul auf dem weichen
+Smyrnateppich nicht kommen hören.</p>
+
+<p>»Sie haben einen interessanten Ausblick hier!« fuhr Martens fort.
+»Fräulein Hergenbach waltet als Hausfrau. Eine brillante Erscheinung.
+Schlank wie eine Tanne und abgerundete Bewegungen. Sie treibt viel
+Sport — nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Wir spielen zuweilen Lawn-Tennis, — wenn die Witterung es erlaubt,«
+entgegnete Wolf kurz.</p>
+
+<p>»Die junge Dame muß eine gute Figur zu Pferde haben. Sind Sie schon
+zusammen ausgeritten?« fragte Martens weiter.</p>
+
+<p>»Nein,« stieß Wolf förmlich abwehrend hervor. »Mein Fuchs ist zu
+unruhig und Jürgens Brauner — ist ein grobknochiger Geselle, der
+unter dem Damensattel wie ein Elefant aussehen würde. Herta hat, wie
+Sie wohl wissen, ihr Reitpferd seit dem letzten<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Jahre abgeschafft.
+Sie hegt die Ansicht, bei ihrer Vereinstätigkeit keine Zeit mehr dafür
+erübrigen zu können.«</p>
+
+<p>»Schade, sehr schade,« fiel der Konsul ein. »Wenn Fräulein Hergenbach
+ausreiten will, — ich habe eine ausgezeichnete lichtbraune Stute,
+die sehr gut zugeritten ist, und stelle sie gern der jungen Dame zur
+Verfügung.«</p>
+
+<p>Wolf mochte nicht darauf eingehen.</p>
+
+<p>»Ich glaube kaum, daß es Herta willkommen wäre, wenn Fräulein Ilse der
+Wirtschaft viel entführt wird.«</p>
+
+<p>»O, ich werde bei meiner lieben Freundin ein gutes Wort einlegen.
+Was bietet Stettin sonst Fräulein Hergenbach?« Er wollte in das
+Speisezimmer gehen, in dem Herta noch in der Sofanische saß.</p>
+
+<p>»Unterlassen Sie es, Konsul Martens,« sagte Wolf hastig und legte
+seine Hand fest auf den Arm des älteren Mannes. »Aus Ihrem Munde
+könnte es Herta leicht kränken.«</p>
+
+<p>Der halb getane Schritt des Konsuls wurde sofort gehemmt. Er seufzte
+leicht auf. »Sie haben recht, lieber Wolf! Der freieste Mensch hat
+Rücksichten zu nehmen, die uns gute Sitte auferlegt. Kommen Sie, wir
+kehren in den Rauch der Exporten zurück.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p>
+
+<p>Jürgen, Baron Berleburg und der Prokurist Armin hatten sich in das
+beliebte Geschäftsgespräch über die Kornkonjunktur verwickelt. Dies
+floß bei den drei Herren am leichtesten.</p>
+
+<p>»Wäre Rußland nicht eine große Kornkammer,« betonte Armin, als Wolf
+Plüddekamp mit Konsul Martens eintrat, »es wäre um Europa schlecht
+bestellt.«</p>
+
+<p>»Sie sind unser Gegner, Herr Armin,« ließ sich Baron Berleburg
+hören. »Schutzzölle, immer höhere Schutzzölle brauchen wir, um die
+einheimische Landwirtschaft zu kräftigen. Nur darin liegt die Quelle
+dauernden Wohlstandes, — die Industrie nimmt uns die Arbeiter fort,
+— schadet uns — ganz riesig.«</p>
+
+<p>»Seit dem Aufschwung der Industrie ist Deutschland erst ein Weltstaat
+geworden. Seine jetzige Wohlhabenheit kommt von dem Gold, das uns
+aus anderen Ländern für die versandten Waren zufließt. Auch unser
+Getreideexport spricht mit,« erwiderte Armin fest.</p>
+
+<p>Baron Berleburg wollte sich mit diesem nicht verfeinden, er brauchte
+ihn als Fürsprecher bei Jürgen Plüddekamp. Er versuchte darum,
+einzulenken.</p>
+
+<p>»Sie müssen auf der Seite der Landwirte sein, Herr Armin. Wir machen
+Ihnen doch die Geschäfte!<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Durch uns verdienen Sie die Goldbarren, die
+Haus Plüddekamp birgt —«</p>
+
+<p>»Es war mal,« meinte Jürgen darauf, »heute fällt der Gewinn verteufelt
+mager aus. Ein paar Prozente nur — dafür riskiert man ein großes
+Kapital, das stets in der Schwebe hängt.«</p>
+
+<p>»Aber von sicherer Hand gehalten wird, Freund Jürgen,« sprach
+Martens dazwischen. »Bisher bist du von größeren Verlusten stets
+verschont geblieben. In unserer Industrie geht es nicht so sicher
+zu. Ich besitze als Bankier manche Kenntnis davon. — Der Eisenmarkt
+zeigt zuweilen ein höhnisches Gesicht; wer konnte es ahnen, daß
+die Engländer und ihre Vettern über dem Wasser einen solchen bösen
+Fischfang vorhatten. Wunden, die ein ungeheurer Weltkrieg schlägt,
+bedürfen einer langen Heilung.«</p>
+
+<p>»Erst langer Friede schafft neue Werte. Korn ist Volksnahrung,
+— Eisen dient zur Herstellung von Gebrauchsartikeln, wenn die
+Kriegsfurie es nicht fortsaugt, lieber Martens. Korn und Eisen hängt
+innig zusammen. Die eiserne Pflugschar schält den Boden und regt
+ihn an, neues Wachstum für die Einsaat hervorzubringen. Die eiserne
+Walze ebnet, und die eisernen Zinken der Egge lockern die harte
+Erdrinde auf, daß die Keime besser sprießen. So tut das Eisen seine
+Schuldigkeit. Ich meine, Industrie<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> und Landwirtschaft ergänzen sich,
+wie zwei Schwestern, die gemeinsam den Haushalt führen, dabei sparsam
+und rationell wirtschaften.«</p>
+
+<p>»Gefällt mir — ganz riesig,« rief Baron Berleburg begeistert aus.
+»Die Gelder müssen in einen Topp hinein und jeder den Vorteil davon
+haben.«</p>
+
+<p>Wolf verbiß sich ein Lachen. Der reine Egoismus, der nur nach
+leichtem Gewinn trachtete, stand auf der Fahne Berleburgs zu deutlich
+geschrieben. —</p>
+
+<p>Die Stunden verstrichen. Armin war ins Theater gegangen. Konsul
+Martens wollte ihm folgen.</p>
+
+<p>Ehe er sich verabschiedete, gab er Jürgen einen Wink. Sie traten vor
+eine große japanische Bronze hin, die ein gewaltiges sagenhaftes
+Drachentier darstellte. Indem sie dies anscheinend betrachteten,
+flüsterte Martens Jürgen zu:</p>
+
+<p>»Alfred Smiders war neulich bei mir. Er will schon wieder einen großen
+Dampfer bauen lassen, und der ›Friedrich Barbarossa‹ ist noch nicht
+einmal aus dem Dock heraus. Er gab an, daß seine Verbindung mit dir es
+dringend notwendig mache. Wie steht es damit, Jürgen?«</p>
+
+<p>Dieser hatte aufgehorcht. Er erkannte sofort, daß Smiders ihn nur für
+seine Zwecke ausspielen wollte, und antwortete:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p>
+
+<p>»Der ›Friedrich Barbarossa‹ genügt mir vollständig, Charles. Ich
+glaube kaum, daß der Export nach Spanien mehr verlangen wird.
+Hoffentlich wird er rechtzeitig fertig. Weißt du etwas davon?«</p>
+
+<p>»Nichts Genaues,« klang es leise zurück, »ich werde mich aber
+informieren. Du kennst doch Alfred Smiders!«</p>
+
+<p>»Stimmt, Charles! Er versucht bereits, uns zu schnellen. Wolf soll ihn
+in die Schere nehmen.«</p>
+
+<p>»Wolf?« fragte der Konsul zurück. »Ich kann mir's denken. Du bist für
+solche Nebensprünge in lichtscheue Lokale nicht geeicht. Smiders ist
+aber sonst nicht zu packen. Ich beneide deinen Bruder nicht um die
+erhaltene Aufgabe.«</p>
+
+<p>»Geht nicht anders!« fiel Jürgen ein. »Aber Charles, ich bitte dich,
+— du schwebst doch über den Wassern, — warne mich rechtzeitig, falls
+es dir notwendig erscheint.«</p>
+
+<p>»Natürlich, lieber Jürgen! Alfred Smiders segelt bei allen Banken
+umher. Ich bin nur insoweit für ihn interessiert, als er unsere
+Gesellschaft prompt bezahlen muß.«</p>
+
+<p>Sie schüttelten sich die Hände, und Martens ging zu Herta in den
+Salon. Berleburg hielt noch stand, er wollte einen günstigen
+Augenblick für seinen Angriff auf Jürgen abpassen. Dieser hatte Wolf
+ein<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Zeichen gegeben, daß er bei ihm bleiben sollte. Der junge Mann
+begann aber bald zu gähnen. Die Unterhaltung der beiden wurde ihm
+langweilig. Berleburg tat sich wichtig mit alten Garnisongeschichten,
+die er schon oft genug gehört hatte.</p>
+
+<p>»Martens ist fort und Herta allein im Salon,« sagte Wolf plötzlich.
+»Wollen wir ihr nicht Gesellschaft leisten?«</p>
+
+<p>Er erhob sich und ging voran. Jürgen war dies recht, darum forderte er
+den Baron zur Übersiedelung auf. Kaum hatten sie sich aber bei Herta
+niedergelassen, als Wolf rasch hinauseilte. Ilse war nicht dort; er
+hoffte, diese irgendwo allein anzutreffen.</p>
+
+<p>Berleburg saß wie auf Kohlen, die Umstände vereitelten sein Vorhaben,
+und er mußte dabei den Liebenswürdigen spielen. Fräulein Hergenbach
+erschien plötzlich im Speisezimmer und richtete den Teetisch vor. Das
+Stubenmädchen brachte auf silberner Platte ein Telegramm herein. Ilse
+nahm es ab und trat an die Salontür.</p>
+
+<p>»Herr Plüddekamp, einen Augenblick!«</p>
+
+<p>Jürgen erhob sich langsam und kam auf sie zu.</p>
+
+<p>»Sie wünschen, Fräulein Hergenbach?« fragte er mit seiner metallen
+klingenden Stimme.</p>
+
+<p>»Es ist ein Telegramm für Sie eingegangen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p>
+
+<p>Jürgen entzündete eine tief angebrachte elektrische Birne, riß das
+Telegramm auf und überflog es.</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie mich bitte bei meiner Schwester, und Baron
+Berleburg, Fräulein Hergenbach. Ich muß sofort ins Kontor, um ein
+eiliges Schreiben zu erledigen.«</p>
+
+<p>Schon war er hinaus und eilte die Treppe hinab. Ilse stand Minuten
+regungslos da. Die grauen Augen starrten auf die Tür, die Jürgen
+soeben rasch hinter sich geschlossen. Es war, als ob sie ein Traum
+umfing. Die Augenlider sanken ein wenig herab. Sie strich dann mit
+ihrer schmalen Hand langsam über die Stirn, als wolle sie dahinter
+eine Flut von Gedanken ordnen.</p>
+
+<p>Dann ging sie zu Herta in den Salon und teilte ihr mit, daß Herr
+Plüddekamp geschäftlich verhindert sei und erst in einiger Zeit
+zurückkehren würde. Sie setzte noch hinzu:</p>
+
+<p>»Der Tee wird gleich bereit sein, Tante Herta.« Darauf verschwand sie
+wieder.</p>
+
+<p>Baron Berleburg streckte sich ein wenig in dem bequemen Polstersessel
+aus und wurde immer liebenswürdiger. Es schien ein Gedanke in ihm
+aufgetaucht zu sein, der ihm noch ersprießlicher vorkam, als eine
+Anbohrung neuen Kredites bei Jürgen Plüddekamp. Glückte es ihm, so war
+er für immer<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> geborgen. Herta, diese stattliche, vornehme Erscheinung
+dabei in den Kauf zu nehmen, hielt er für keine üble Aussicht. Ihre
+erste Jugend mußte vorüber sein. Es schadete auch nichts, um so
+verständiger würde sie als Frau auftreten und eine Baronin Berleburg
+auf Schloß Berleburg tadellos darstellen. Teufel — es galt, nicht zu
+zögern! Er ging ans Werk.</p>
+
+<p>Herta kam aus dem Erstaunen gar nicht heraus, als jetzt der einstige
+Dragoneroffizier den Gefühlvollen zeigte und von ganz riesig tiefer
+Leidenschaft sprach, die er schon jahrelang gehegt und nur verborgen
+gehalten habe.</p>
+
+<p>»Wo bleibt nur Ilse?« dachte Herta. »Wolf kommt auch nicht wieder!«
+Sie glaubte anfangs, die lange Rede des Barons wäre eine seiner
+beliebten Tiraden, bis sie doch schließlich die direkte Absicht merkte
+und eine törichte Erklärung verhindern wollte.</p>
+
+<p>Er wurde immer deutlicher, und sie stand plötzlich auf.</p>
+
+<p>»Das Teewasser kocht bereits, Herr Baron! Verzeihen Sie — ich will
+nur Fräulein Hergenbach rufen! — Ilse — Ilse!« rief sie laut auf den
+Korridor hinaus.</p>
+
+<p>Berleburg zog verdrießlich an seiner Krawatte. Er war so schön im Zuge
+gewesen, und die ältliche Patriziertochter mußte sich doch höchst
+geehrt fühlen,<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> wenn er ihre Hand und die große Mitgift begehrte. Sein
+Konto im Hauptbuch Jürgen Plüddekamps würde dann ein sehr ansehnliches
+Guthaben aufweisen. Die Hypotheken von Rittergut Berleburg
+verminderten sich bis auf die Eintragungen der General-Landschaft. War
+das nicht eine sehr aussichtsvolle Lage? Herta machte sich aber recht
+lange am Teetisch zu schaffen und überließ den hageren Herrn seiner
+weiteren Gedankenmalerei. — — —</p>
+
+<p>Im Kontor leuchtete das elektrische Licht auf. Jürgen setzte sich an
+seinen Schreibtisch. Vor ihm lag das offene Telegramm; er schaute
+darauf hin und begann bereits in Gedanken zu disponieren. Ärgerlich,
+daß niemand zugegen war, dem er einen Brief diktieren konnte! Das
+Selbstschreiben war ihm unbequem. Er hatte auch keinen Kopierapparat
+zur Hand, da alle Briefe auf den Schreibmaschinen durchgeschlagen
+wurden. Es betraf aber eine Sache von größter Wichtigkeit, und Eile
+war geboten.</p>
+
+<p>Es klopfte leise an der Tür.</p>
+
+<p>»Herein!« rief er mit starker Stimme.</p>
+
+<p>Ilse Hergenbach trat ein und schlug die großen Augen bescheiden zu ihm
+auf.</p>
+
+<p>»Sie brauchen eine Stenogrammaufnahme, Herr Plüddekamp, und haben
+niemand zur Verfügung. Darf ich es ausführen? Ich stelle den Brief auf
+der<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Schreibmaschine schnell her. Die letzte Post wird erst in einer
+Stunde aus dem Briefkasten abgeholt.«</p>
+
+<p>Ihre Blicke trafen sich. Nur ein leises Zucken der harten Mundwinkel
+verriet, daß in dem überlegenen Geschäftsmann etwas vorging. Er
+zögerte noch.</p>
+
+<p>»Ich werde meinem Worte untreu, Fräulein Hergenbach —«</p>
+
+<p>»Warum nicht, Herr Plüddekamp! Es ist nur ein Ausnahmefall, und ich
+tue es gewiß gern für Sie.«</p>
+
+<p>Wie die grauen Augen gefährlich aufleuchteten und nicht weichen
+wollten! Ein bescheidenes Bitten und doch trotziges Verlangen lag in
+ihnen. Warum widerstehst du so lange? Die anderen sind glücklich, wenn
+ich ihnen einen Blick schenke. Du bist so hartnäckig, abwehrend — ich
+will aber meine Kraft erproben, ich will wissen — jetzt zeigte sich
+die volle gefährliche Glut in dem Blicke.</p>
+
+<p>Jürgen stand schweratmend von seinem Schreibsessel auf.</p>
+
+<p>»Nehmen Sie bitte Wolfs Platz ein, Fräulein Hergenbach. Ich bin
+gewohnt, schnell zu diktieren. Werden Sie mir folgen können?«</p>
+
+<p>»Ich werde es —«</p>
+
+<p>Er ließ sich wieder nieder; schon saß sie ihm gegenüber und hatte
+Papier und Bleistift zur Hand genommen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p>
+
+<p>Jetzt konnte er ruhig aufsehen; während er sprach, mußte sie den Blick
+auf den weißen Bogen vor sich heften.</p>
+
+<p>Bei den ersten Worten zitterte seine Stimme ein wenig, dann gewann sie
+bald ihren festen Klang zurück. Das Diktat näherte sich bereits seinem
+Ende, als die Tür hastig geöffnet wurde und Wolf erschien.</p>
+
+<p>»Hier finde ich Sie endlich, Fräulein Ilse!« rief er erregt aus.
+»Meine Schwester läßt Sie im ganzen Hause suchen. Der Tee hat zu lange
+gezogen —«</p>
+
+<p>Ilse sah nicht auf, sie erwiderte auch nichts. Sie wußte, daß Jürgen
+antworten würde.</p>
+
+<p>»Entschuldige Fräulein Hergenbach bei Herta. Sie hat ein eiliges
+Stenogramm von mir aufgenommen und muß es noch mit der Schreibmaschine
+übertragen. Wir sind in kurzer Zeit fertig und kommen dann nach oben
+—«</p>
+
+<p>»Ausgezeichnet — wirklich ausgezeichnet! Die Erlernung des Haushaltes
+ist bis zum Kontor hinuntergedrungen. Sie sind in allem eine Meisterin
+— Fräulein Ilse! — Und du — Jürgen?« Es flammte etwas Unheilvolles
+in den blauen Augen auf, die sich fest auf den Bruder richteten.</p>
+
+<p>»Kein Zeitverlust, Wolf!« erwiderte Jürgen kalt. — »Das Diktat ist
+noch nicht zu Ende — du störst uns — bitte —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p>
+
+<p>Wolf pfiff zwischen den Zähnen hindurch, schloß aber die Tür wieder
+und stürmte, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben, die Treppe hinauf.</p>
+
+<p>»Ilse macht bei Jürgen — dem Hasser alles Weiblichen im Kontor —
+das Tippfräulein! Was sagst du dazu, Herta?« rief er atemlos ins
+Speisezimmer hinein, in dem diese noch am Teetisch beschäftigt war.</p>
+
+<p>Sie sah den jüngeren Bruder erstaunt an.</p>
+
+<p>»Warum solche Scherze, Wolf!«</p>
+
+<p>»Scherze? — — Teure Herta, vollkommener Ernst — eine unbestreitbare
+Tatsache. Geh hinunter und überzeuge dich. Die Männertollheit wird
+größer, immer größer, Herta — wundere dich über nichts mehr!«</p>
+
+<p>Diese legte die Hand auf den Mund und deutete auf das Nebenzimmer; er
+sollte sich an die Gegenwart des Gastes erinnern. Sie trat dann dicht
+an ihn heran und flüsterte:</p>
+
+<p>»Du bleibst bei mir, Wolf! Berleburg ist unausstehlich, er war nahe
+daran, mir in aller Form einen Antrag zu machen!«</p>
+
+<p>Der junge Mann verzog das Gesicht zu einer tragikomischen Miene.</p>
+
+<p>»Um Gottes willen — wenn es so fortgeht, ist Haus Plüddekamp eine
+offene Bühne für Irrungen<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> und Wirrungen. — Ilse kommandiert den
+strengen Jürgen, und ich spiele den Anstands-Wauwau bei meinem
+geliebten Mütterlein —«</p>
+
+<p>»Du bist ungezogen, Wolf; so alt bin ich noch nicht! Meine mütterliche
+Sorgfalt aber hat dir manchen Dienst erwiesen.«</p>
+
+<p>»Nicht zürnen, Herta,« bat er lächelnd ab. »Kommen Sie, Herr von
+Berleburg,« rief er darauf in den Salon hinein. — »Eine Tasse
+Karawanentee von meiner lieben Schwester Hand ist tipp topp! Ich
+schenke Ihnen dazu einen Meukow ein, den Sie nirgends so alt getrunken
+haben. Mein Urahne hat ihn vermutlich 1812 aus der zurückgelassenen
+Bagage des großen Napoleon erstanden.«</p>
+
+<p>Der hagere Herr schaute verständnislos um sich. Er war aus seinen
+Gedankenverbindungen und der Nachwirkung des alten Bordeaux jäh
+erwacht. Die Wirklichkeit trat wieder vor ihn her. Schwerfällig erhob
+er sich und ging steif nach dem Speisezimmer.</p>
+
+<p>Als Jürgen und Ilse später an den Teetisch traten, sagte Fräulein
+Plüddekamp zwar kein Wort, aber ihre Blicke gaben deutlich ein
+Mißbehagen kund.</p>
+
+<p>»Verzeih, Tante Herta, daß ich den Tee im Stich ließ,« bat Ilse, »aber
+dein Bruder mußte die Angelegenheit sofort brieflich erledigen. Ich
+kenne<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> die Wichtigkeit der dringenden Telegramme von Papas Geschäft
+her.«</p>
+
+<p>»Bekümmere dich in erster Linie um deine Obliegenheiten,« erwiderte
+Herta kurz. Es ärgerte sie, daß Ilse bei Jürgen mehr durchsetzte, als
+sie es je vermocht hatte. Die Kontorräume wurden nie von ihr betreten.</p>
+
+<p>Berleburg war kein Freund von Tee, wenn ihn auch der alte Meukow etwas
+entschädigte. Er fühlte, daß sein Plan verunglückt war, und ließ den
+Wagen anspannen, der bald mit ihm davonrollte.</p>
+
+<p>Als die Geschwister am späten Abend voneinander schieden, sagten sie
+sich kühl gute Nacht. Eins hegte gegen das andere Mißtrauen; Ilse
+stand dazwischen mit der siegreichen Macht, die von ihr auf die Brüder
+ausging. —</p>
+
+<p>Wolf versuchte es auf alle erdenkliche Weise, sie in der nächsten Zeit
+allein zu sprechen, sie wich ihm aber geflissentlich aus. Er bemerkte
+deutlich, daß sie sich Jürgen durch kleine harmlose Dienstleistungen
+fortgesetzt zu nähern versuchte. Dieser wollte Junggeselle bleiben, er
+hatte es oft genug mit Bestimmtheit ausgesprochen und bereits seine
+Geschwister in einem Testament als Erben eingesetzt. — Welche Absicht
+verfolgte Ilse also? — —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p>
+
+<h2>VIII.</h2>
+</div>
+
+<p>Wolf ging durch die großen Räume des alten Speichers und kontrollierte
+die Arbeiter, ob sie das Umstechen des Getreides gut ausführten.
+Auf die Roggensorten, die bis zur Zeit der Sommersaat lagerten, war
+besondere Sorgfalt zu verwenden. Die Sackträger standen in einer Reihe
+und so weit voneinander entfernt, daß sie die große Wurfschaufel
+bequem handhaben konnten. Die Leute waren derartig eingearbeitet, daß
+das Schaufeln des Getreides fast im Takte vor sich ging.</p>
+
+<p>Hell aufschimmernd flog der Roggen durch den Raum, sank schwer auf der
+anderen Seite nieder und türmte sich hoch auf. Der Luftzutritt, den er
+dadurch erhielt, gab ihm neue Frische.</p>
+
+<p>Als sich Wolf den Leuten näherte, tönte es aus dem Munde der einzelnen
+Männer, kurz, wie es ihre Art war:</p>
+
+<p>»Guten Tag, Herr Wolf.«</p>
+
+<p>Keiner sagte Herr Plüddekamp. Es war nun einmal gang und gäbe unter
+den Leuten, nur Jürgen<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> hieß ›Herr Plüddekamp‹. Die meisten hatten
+Wolf noch als Knaben gekannt, unter ihnen groß geworden, blieb er
+darum ›Herr Wolf‹.</p>
+
+<p>Dieser trat zu dem Roggenhaufen, griff mit der Hand tief hinein und
+roch über die Probe hinweg. Er warf sie zurück und schritt zu dem
+umgeschaufelten Roggen. Hier nahm er die gleiche Probe vor und nickte
+dann befriedigt.</p>
+
+<p>»Der Roggen ist recht trocken. Er scheint sich gut zu halten,« wandte
+er sich an einen der breitschultrigen Männer.</p>
+
+<p>»Das will ich meinen, Herr Wolf,« erwiderte der angeredete Mann. »Der
+ist auch vom Oberamtmann Wichers aus Wershagen.«</p>
+
+<p>»Ja,« nickte Wolf, »ich weiß wohl. Wershagener Roggen ist immer der
+beste!«</p>
+
+<p>Seine Gedanken glitten in diesem Augenblicke unwillkürlich nach dem
+schön gelegenen Gute, auf dem er oft und gern geweilt. Das Bild von
+Lieschen Wichers, dem hübschen, rotwangigen Mädchen, trat vor ihn hin.
+Ob sie sich wohl wunderte, daß er so lange nicht dort gewesen? Warum
+darüber nachdenken! Er hatte kein Interesse mehr daran. Mit seinem
+Spazierstocke schrieb er den Namen Ilse in die glatten Seitenflächen
+des Roggenhaufens ein. Kaum hatte er aber die Buchstaben gezogen, so
+fiel<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> das Korn langsam nach und füllte den Raum aus. Rasch, wie der
+Name geschrieben wurde, verschwand er auch wieder.</p>
+
+<p>»Soll es ein Zeichen für dich sein?« sagte Wolf zu sich. »Entstehen
+und vergehen Leidenschaften so schnell? Warum müssen wir sie dann erst
+fühlen? Es wird mir förmlich zur Pein, überall an Ilse zu denken. Die
+stete Unruhe, das Verlangen nach ihr ist eine Folter.«</p>
+
+<p>Ein polternder Schritt wurde hörbar. Jochen Hindorf keuchte mit der
+ganzen Schwere seines Körpers die Treppe hinauf. Der mächtige Kopf mit
+dem struppigen Bart schaute jetzt aus der Luke hervor, die den oberen
+Treppenraum abschloß, und gleich darauf kam die dicke Flauschjacke zum
+Vorschein.</p>
+
+<p>»Willst du was von mir, Jochen?« rief ihm Wolf zu.</p>
+
+<p>»Jäh — woll!« tönte es zurück, und der Alte machte mit der Hand eine
+Bewegung, daß er seinen jungen Herrn gern allein sprechen möchte.</p>
+
+<p>»Was ist denn los, alter Knabe?« fragte Wolf, auf ihn zugehend.</p>
+
+<p>Der Alte versuchte seinen tiefen Baß möglichst zu dämpfen.</p>
+
+<p>»Smiders ist in der Weinstube. Er sitzt — fest. Als ich vorbeikam,
+rief mich die Mamsell heran —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p>
+
+<p>»Na, ich will nur gleich hingehen,« erwiderte Wolf. »Nette Aussichten
+für den Abend. Es hilft aber einmal nichts.«</p>
+
+<p>»Die Mamsell muß drei Mark kriegen, Herr Wolf. Ich hab ihr's
+versprochen.«</p>
+
+<p>»Wie heißt sie denn?« fragte Wolf lächelnd.</p>
+
+<p>»Das weiß ich nicht, Herr Wolf.«</p>
+
+<p>»Ja, den Teufel auch, Jochen! Woher soll ich es denn wissen?«</p>
+
+<p>»I, das macht sich von selbst, wenn Sie man erst dort sind.«</p>
+
+<p>Wolf stieß einen leisen Seufzer aus. Ein unangenehmer Gang lag vor
+ihm. Er hatte es aber Jürgen versprochen und noch mehr — das Geschäft
+verlangte es.</p>
+
+<p>»Du hast deine Sache brav gemacht, Jochen! Hoffentlich treffe ich
+Smiders in der richtigen Stimmung an.« Mit den Worten ging er zur
+Treppe.</p>
+
+<p>Jochen Hindorf sah ihm zufrieden nach.</p>
+
+<p>»Heut steht er seinen Mann, das weiß ich!« murmelte er vor sich hin.</p>
+
+<p>Kurz darauf verließ Wolf durch den großen Torweg das Haus. Er sah sich
+noch einmal um, und sein Blick streifte die Fensterreihen. Wenn Ilse
+jetzt wüßte, wohin er ging! Würde sie darüber in Erregung geraten?
+Gleichgültig konnte es ihr<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> doch nicht sein. Er hatte bisher noch
+keinen tieferen Einblick in ihren Charakter tun können, und doch besaß
+sie sicher ein starkes inneres Leben. —</p>
+
+<p>Er eilte rasch durch die Große Wollweberstraße, durchquerte die
+Breitenstraße und kam an die ›Grüne Schanze‹. Die kleine Weinstube lag
+vor ihm. Sein Fuß zögerte, ehe er die Schwelle zu dieser überschritt.
+Er hatte die Tür noch nicht geöffnet, als ein junges Mädchen aus dem
+daneben befindlichen Hausflur hervortrat und ihn anredete:</p>
+
+<p>»Ich habe Sie schon erwartet, Herr Plüddekamp. Ich bin die ›blonde
+Rieke‹. Der alte Hindorf wird es Ihnen wohl gesagt haben.«</p>
+
+<p>»Ach so,« meinte Wolf, griff in die Tasche und zog ein Dreimarkstück
+hervor.</p>
+
+<p>»Stimmt,« lachte sie auf. »Ich bringe Sie direkt in die Hinterstube,
+wo Herr Smiders sitzt. Er hält es mit der ›schwarzen Karli‹. Ich bin
+erst seit acht Tagen hier und — noch frei.«</p>
+
+<p>In ihren Zügen zeigte sich ein entgegenkommendes Lächeln, das Wolf nur
+zu gut kannte. Ein offenes Angebot, das die Annahme erwartete.</p>
+
+<p>»Ich werde mich Ihnen weiter erkenntlich zeigen, Fräulein Rieke,«
+erwiderte er darauf, »wenn Sie im geeigneten Zeitpunkte Ihre Kollegin
+Karli<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> mit fortnehmen, damit ich Smiders allein sprechen kann.«</p>
+
+<p>Die blonde Rieke ging jetzt voran und führte Wolf über den dunklen
+Hof. Dort gab es einen versteckt liegenden Eingang in die sogenannte
+Kavalierstube.</p>
+
+<p>Als sich die Tür öffnete, sah Wolf über das Mädchen hinweg in den
+nur wenig erhellten Raum, aus dem der Dunst geleerter Weinflaschen
+hervordrang. Eine alte verräucherte rotgoldene Tapete bedeckte die
+Wände. Von der Decke herab hing eine einst vergoldete Gaskrone, die
+wohl auf einer Auktion erstanden wurde. In dem ganzen Raum befand sich
+nur ein länglicher Tisch vor einem zerschlissenen Polstersofa, dann
+einige hochlehnige Stühle, die mit starkem Leder überzogen waren.</p>
+
+<p>Auf dem Sofa saß Alfred Smiders, der elegante junge Reeder, und hielt
+den Arm um ein derbes Mädchen geschlungen. Das tiefschwarze Haar und
+die stechend schwarzen Augen hatten ihr den Namen ›die schwarze Karli‹
+eingetragen. Vor ihnen auf dem Tisch stand ein altmodischer Weinkühler
+mit einer Flasche Sekt.</p>
+
+<p>»Du wirst den Hamburger ausfragen, Karli, sobald er da ist,« ertönte
+die scharfe Stimme von Smiders. »Sei entgegenkommend und geschickt, er
+darf nichts merken. Du bringst ihm dann bei —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p>
+
+<p>Jetzt fiel sein Blick auf den eintretenden Wolf.</p>
+
+<p>»Zum Teufel, Wolf! Wo kommst du her?« rief er lachend. »Ah, ich sehe
+schon, die blonde Rieke hat dich am Wickel! Ist auch erst seit acht
+Tagen hier. Frisch aus Danzig importiert. Hast keinen schlechten
+Geschmack.«</p>
+
+<p>Der junge Plüddekamp trat näher an den Tisch und reichte Alfred
+Smiders mit anscheinender Vertraulichkeit die Hand. Es war ihm ganz
+erwünscht, daß die blonde Rieke als Grund seines Kommens galt. So
+konnte Smiders keinen Argwohn hegen.</p>
+
+<p>»Setz dich, Wölfchen,« sagte er dann, »wir haben lange keinen Sekt
+zusammen getrunken. Die erste Flasche ist schon angefahren, du gibst
+die nächste!«</p>
+
+<p>Er schenkte zwei neue Spitzgläser ein, die er Wolf und der blonden
+Weinkellnerin zuschob.</p>
+
+<p>»Prost, mein Junge, es lebe das Leben! Nämlich, wie wir es haben
+wollen.« Er stieß mit ihm an. »Keine Duckmäuserei!« Dabei gab er der
+schwarzen Karli einen starken Schlag auf die Schultern. »Sieh mal,
+das ist ein prächtiges Mädchen, Wolf! Mit der kann man reden, wie man
+will, und braucht nicht erst jedes Wort auf die Goldwage zu legen. Du
+weißt, das war mir immer eklig.«</p>
+
+<p>Wolf hatte seinen Stuhl neben Smiders gezogen, und die blonde Rieke
+setzte sich dicht neben ihn. Sie<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> betrachtete ein paarmal den jungen
+Mann. Kein Wunder, daß er ihr gefiel. Wolf Plüddekamp bestach jedes
+Mädchen, dem er freundlich begegnete. Die blonde Rieke war noch kein
+Jahr von den Eltern fort und wußte vielleicht selbst nicht, wie sie
+dazu kam, Weinkellnerin in einer Animierstube zu sein. Nun hatte sie
+sich hineingefunden und wollte alle Minen springen lassen, um den
+jungen, reichen Mann in ihrer Weise zu erobern.</p>
+
+<p>Wolf nahm sich vor, wenig zu trinken und scharf aufzupassen. Alles
+ging nach Wunsch. Es wurde eine Flasche Sekt nach der anderen geleert
+und Smiders immer redseliger. Plötzlich sprang die blonde Rieke auf
+und flüsterte der schwarzen Karli etwas zu. Dann wollten sie beide
+hinausgehen.</p>
+
+<p>»Du, Karli!« rief Alfred Smiders, »bleib nicht lange fort. Hast wohl
+einen alten Freund im Vorderzimmer sitzen? Der wird abgeschüttelt!«</p>
+
+<p>Die beiden jungen Männer befanden sich allein. Wolf begann vorsichtig
+einige Fragen zu stellen und kam dabei auf die Reederei von Smiders zu
+sprechen, als dieser schon einwarf:</p>
+
+<p>»Wolf, ich habe ein feines Geschäft vor! Machst du mit?«</p>
+
+<p>»Warum nicht, Alfred! Wenn es etwas einbringt!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p>
+
+<p>»Läßt sich hören! Du redest heute anders wie früher. Brauchst wohl
+auch ab und zu einen braunen Lappen extra? Die blonde Rieke wird
+dir nicht teuer werden, ist noch nicht ausgetragen. Teufel, wenn
+ich die schwarze Karli nicht hätte! — Ich sage dir, Wolf, sie ist
+ein Staatsweib! Keine zweite gibt es so in Stettin. Ich habe lange
+gesucht, bis ich das richtige für mich fand. Man muß aber wie das
+Wetter dahinter sein. Alle laufen ihr nach, mir darf keiner in den
+Kram kommen, dafür bin ich Alfred Smiders.«</p>
+
+<p>Der viele Alkohol begann bei dem Reeder zu wirken. Wolf ließ den
+Redeschwall ruhig über sich ergehen und wartete auf den richtigen
+Zeitpunkt zum Eingreifen.</p>
+
+<p>»Also wie war es mit dem Geschäft?« brachte er ihn wieder aufs Thema
+zurück.</p>
+
+<p>»Verdammt einfach, Wölfchen! Du schreibst mir einen Brief, daß ihr
+regelmäßig größere Ladungen ins Ausland vorhabt. Kannst ja vollgültig
+Jürgen Plüddekamp unterzeichnen. Ich kriege dann einen neuen Dampfer
+gebaut. Die Gesellschaft zögert noch, sie denkt, ich habe die Guinees
+nicht in Haufen liegen, wie ihr das Korn. Sobald Jürgen Plüddekamp
+aber mitmacht, sticht's Martens und den anderen Bonzen gleich in die
+Nase. Topp, mein Junge! Trinken wir darauf —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p>
+
+<p>»Wie stellst du mich, Alfred?« fragte Wolf, darauf scheinbar eingehend.</p>
+
+<p>»Na, zehn Mille fallen sicher für dich ab. — Ich habe einen reichen
+Hamburger geangelt, der will bei mir mitmachen. Meine alten Kasten
+aber genieren ihn noch. Die müssen weg, alle weg! Dann kann ich erst
+antreten und bin der erste Reeder Stettins.«</p>
+
+<p>Er hatte sich in solche Erregung hineingeredet, daß Wolf gespannt
+aufhorchte.</p>
+
+<p>»Wir wollen sehen, ob es sich machen läßt, Alfred,« erwiderte er.
+»Hast du noch den ›Friedrich Barbarossa‹ im Dock liegen?«</p>
+
+<p>»Jotte ja! Der alte Kasten wird nur aufgemöbelt. — Wo bleibt aber
+Karli? Ob sie sich bei meinem Hamburger vor Anker gelegt hat? Er ist
+ganz verschossen in sie! Das kann mir nur nützen.«</p>
+
+<p>Smiders erhob sich etwas schwer und ging auf die Verbindungstür zu,
+welche den allgemeinen Gastraum von der Kavalierstube trennte. Er
+schlug die vor dem Glasfenster angebrachte Gardine zurück und sah
+hindurch.</p>
+
+<p>»Nee,« sagte er vor sich hin. »Einfach verduftet! Die Sache stimmt
+nicht!« Als er sich jedoch umdrehte, traten die beiden Mädchen von der
+Hofseite in die Stube ein. »Donnerwetter, da seid ihr ja endlich! Hat
+das lange mit euch gedauert! Wolf, du gibst noch<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> 'ne Flasche! Ich
+habe einen Durst, sage ich dir, vollkommen göttlich.«</p>
+
+<p>Wolf wurde der Aufenthalt in der kleinen, von Dunst und Rauch
+erfüllten Stube im hohen Maße lästig. Die fortgesetzten
+Annäherungsversuche des blonden Mädchens, die er aus Klugheit nicht
+zurückweisen durfte, behagten ihm ebenfalls nicht. »Ilse!« rief es in
+ihm, »Ilse! Was müßte sie von mir denken, wenn sie ahnte, wie ich hier
+—«</p>
+
+<p>Die blonde Rieke schmiegte sich an ihn, und er flüsterte dem drallen
+Mädchen zu: »Trinken Sie Smiders tüchtig zu, damit ich verschont
+bleibe.«</p>
+
+<p>»Für Sie alles, Herr Plüddekamp,« klang es leise zurück. Sie zupfte
+ihn leicht am Rockärmel, daß er den Kopf zu ihr niederbeugen sollte.
+»Darf ich Wolf sagen? Was habe ich nur für ein großes Glück, daß ich
+Sie kennen lernte. Wie Sie mir gut gefallen! Ich Ihnen auch? Ich
+möcht's gern hören.«</p>
+
+<p>»Na, Kinder, ihr seid ja ganz einig,« sagte Smiders mit
+schwerwerdender Zunge. Der viele genossene Sekt begann bei ihm zu
+wirken. »By Jim! Es freut mich, daß wir wieder mal zusammen sind,
+Wölfchen! Geschäft und Liebe, das macht einem Freude im Leben! Davon
+kann man nie genug haben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p>
+
+<p>Wolf hielt jetzt den geeigneten Augenblick für gekommen. Er neigte
+sich zu Smiders hinüber und fragte halblaut:</p>
+
+<p>»Mit dem ›Friedrich Barbarossa‹ machst du doch ein gutes Geschäft?«</p>
+
+<p>»Na und ob!« erwiderte Smiders. »Bringt jede Woche zehntausend Emmchen
+Entschädigung, wenn er nicht fertig wird, und dafür ist gesorgt. Mein
+Kapitän ist ein verteufelter Kerl! Dreht alles, wie ich will. Eher
+fährt er nicht ab, als bis jeder vereinbarte Nagel eingeklopft ist.« —</p>
+
+<p>Wolf wußte nun genug. Der Export nach Spanien war nach der langen
+Unterbrechung im höchsten Grade gefährdet. Der Dampfer ›Friedrich
+Barbarossa‹ fuhr nicht zur rechten Zeit ab, seine Indienststellung
+wurde hingehalten.</p>
+
+<p>»Ich muß jetzt gehen, Alfred,« sagte er nach einer Weile, als dessen
+Augen einen glasigen Ausdruck zu zeigen begannen und die schwarze
+Karli schon die vollen Gläser in die Weinkühler entleerte, um neu
+einschenken zu können.</p>
+
+<p>»Bist doch morgen pünktlich da, Wolf? Halt ihn nur fest am Bündel,
+Riekchen.« Die Worte kamen schwer über Smiders' Lippen.</p>
+
+<p>Wolf war aufgestanden und legte ein paar Goldstücke für seinen Anteil
+an dem Sekt auf den Tisch.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p>
+
+<p>»Adieu!«</p>
+
+<p>Er mußte Smiders und der schwarzen Karli noch die Hand geben. Dann war
+er glücklich dem üblen Dunst entronnen und trat auf den Hof hinaus.
+Die blonde Rieke kam ihm sofort nach.</p>
+
+<p>»Seien Sie doch ein wenig gut zu mir!« bat sie, sich an ihn drängend.
+»Ich mag die anderen nicht und will für Sie tun, was Sie wollen.«</p>
+
+<p>»Ich muß Smiders noch ein paarmal hier sprechen,« erwiderte er
+halblaut. »Geben Sie dem alten Hindorf Nachricht, wenn ein günstiger
+Augenblick dafür da ist. Ich komme dann sofort. Vor allen Dingen
+müssen Sie reinen Mund halten, es soll ihr Schade nicht sein.«</p>
+
+<p>Er eilte durch den Hausflur nach dem Bürgersteig der ›Grünen Schanze‹.
+Wie angenehm die kühle Luft seine Stirn umwehte! Er winkte der
+nächsten herankommenden Droschke und rief dem Kutscher zu: »Haus
+Plüddekamp!« Es trieb ihn, so rasch wie möglich dorthin zu gelangen.
+Er wollte Jürgen berichten und die verflossenen Stunden in der reinen
+Luft seines väterlichen Hauses vergessen.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p>
+
+<h2>IX.</h2>
+</div>
+
+<p>Nach einem heftigen Sturm trat starke Kälte ein. Die Oder und das
+Haff froren fest zu, und die größten Eisbrecher hatten Mühe, eine
+Fahrtrinne herzustellen. Konsul Martens war Aufsichtsrat bei einer
+Schiffswerft. Er lud die Geschwister und Fräulein Hergenbach ein, eine
+Fahrt über das Haff nach Swinemünde auf dem Eisbrecher mitzumachen.
+Ein tiefgehender Amerikadampfer sollte danach auslaufen.</p>
+
+<p>»Er will nur, daß Ilse bei der Partie ist,« sagte sich Wolf sofort. Es
+war ihm deshalb nicht viel daran gelegen. »Ich habe keine besondere
+Lust, man holt sich höchstens einen Katarrh bei dem kalten Wind,«
+erwiderte er Jürgen, als dieser ihm die telephonische Einladung
+mitteilte.</p>
+
+<p>Herta mußte eine Sitzung im Frauenverein aufgeben und zögerte
+deshalb mit der Antwort. Ilse bat, ihr die Fahrt durch die prächtige
+Winterlandschaft zu gestatten. Nun war Wolf sofort dabei, und Herta
+ließ sich ebenfalls bestimmen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p>
+
+<p>»Ich werde dich mit einem Pelzmantel versorgen, Ilse,« sagte sie. »Die
+Luft auf dem freien Haff ist eisig und du bist sie nicht gewohnt.«</p>
+
+<p>»Sonst hätte ich Ihnen meinen Stadtpelz angeboten, Fräulein Ilse, der
+ist leicht und mollig,« scherzte Wolf.</p>
+
+<p>»Das sieht dir wieder einmal ähnlich, Wölfchen,« rief Herta darauf.
+»Du willst Ilse nur in Verlegenheit bringen!«</p>
+
+<p>»I wo,« erwiderte dieser, »was du immer von mir denkst. Ich bin wie
+ein Lamm —«</p>
+
+<p>»— im Wolfskleide,« ergänzte Ilse plötzlich.</p>
+
+<p>Herta sah sie erstaunt an. In dem jungen Mädchen ging eine Entwicklung
+vor sich. — —</p>
+
+<p>Zur festgesetzten Stunde fanden sie sich beim Dampfer ›Odin‹ ein.
+Konsul Martens kam in seinem Dogcart an, er hatte sich etwas verspätet.</p>
+
+<p>»Ein prächtiger Wintertag! Wir haben auf der Oder Schutz. Dann wird
+uns freilich der Wind aus Nord-Nord-Ost stark entgegenpfeifen,« rief
+er, nähertretend. »Es gibt rote Wangen, Fräulein Hergenbach,« wandte
+er sich an diese. »Hat Ihnen meine Idee gefallen?«</p>
+
+<p>»Er hat sich richtig den langen Eisrutsch ihretwegen ausgeklügelt,«
+murmelte Wolf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p>
+
+<p>»Ich freue mich sehr, die Winterlandschaft des Haffs kennen zu lernen.
+Der Frost ist ja ein großer Meister in der Kunst,« erwiderte Ilse.</p>
+
+<p>»Gewiß! — Sie werden heute einen malerischen Anblick haben, Fräulein
+Hergenbach.«</p>
+
+<p>»Und ich bin Ihnen dankbar dafür, Herr Konsul.«</p>
+
+<p>Dieser betrat schon mit Herta die ausgelegte Schiffsbrücke. Jürgen
+ergriff Ilses Hand, um sie bei der Glätte der Planken zu führen.
+Sie sah mit einem raschen Blick zu ihm auf. Was für eine kraftvolle
+Erscheinung dieser Mann doch besaß! Ein echt germanischer Recke der
+Vorzeit, wie sie ihn liebte. —</p>
+
+<p>Nun kamen sie an Deck. Auf der Kommandobrücke standen unter dem Schutz
+des Windfanges einige Sitze. Von dort war die beste Umschau.</p>
+
+<p>Der Kapitän des ›Odin‹, ein älterer, wetterfester Mann, begrüßte die
+Gäste und sprach dann mit Konsul Martens.</p>
+
+<p>»Wir werden mehr als die doppelte Fahrtzeit brauchen, Herr Konsul! Das
+Eis hat sich sehr verdickt und wir müssen stark dagegen anlaufen.«</p>
+
+<p>Ilse hörte diese Worte. Es wurde also nacht, bevor sie Swinemünde
+erreichten. Etwas Ungewisses, Nervenerregendes lag vor ihr. Das gefiel
+ihr. Nur nicht immer das Alltägliche. Sie nahm sich so sehr zusammen,
+um Herta zu genügen. Zuweilen<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> aber kam stürmisch das Verlangen, etwas
+zu erleben. Jetzt kannte sie ihren Wert, weil die Männer um ihre
+Gunst warben. Sie brauchte eigentlich nur die Hand auszustrecken.
+Nur war sie sich nicht klar, ob es Liebelei, ein Erhaschen von
+leidenschaftlichen Augenblicken oder rechtschaffene Bewerbung
+bedeutete.</p>
+
+<p>»Du wirst mit deinen Blicken noch einmal Unheil anrichten,« warnte
+ihre Mutter schon, als sie noch jünger war.</p>
+
+<p>Warum nur? Es sagte ihr's keiner! Woher sollte sie es also wissen?</p>
+
+<p>Im Plüddekampschen Hause, in dem sie nun nach der Pensionszeit eine
+gewisse Stellung einnahm, begann sie viel selbstbewußter zu werden.
+Wolf Plüddekamp lag in ihrer Macht, sie fühlte es unwillkürlich. — Er
+war ein schöner junger Mann, liebenswürdig, feurig, aber er hing zu
+sehr an ihren Augen. Sie vermißte den Kampf, nach dem sie sich im Sinn
+der Gleichberechtigung der Geschlechter sehnte.</p>
+
+<p>Kein Sichgehenlassen, — ein wildes Aufwallen, — ein gewaltsames
+Ringen und dann — ein rascher Sieg. Konsul Martens war ein älterer,
+vornehmer Mann — gewiß eine glänzende Partie — doch fehlte ihm
+alles, wonach sie unbewußt verlangte. Er besaß nicht die Kraftfülle,
+der sie unterliegen mußte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p>
+
+<p>Aber Jürgen — dieser ernste Gewaltmensch, — mit den Fäusten wie ein
+Sackträger, dem unbeugsamen Willen, — der keine Frau an seiner Seite
+haben wollte, — das Weib nur als ein notwendiges Übel betrachtete,
+ihn zu erringen, war eine Aufgabe.</p>
+
+<p>Sie hätte laut aufjauchzen mögen, als sich der Dampfer jetzt in
+Bewegung setzte, die Pleuelstangen im Maschinenraum dumpf anhoben,
+die Schraube schlug, die Dampfpfeife weithin heulte und das Eis
+am Bugspriet krachend brach. Die Schollen glitten knirschend und
+schlürfend an den Stahlplatten der Schiffswände entlang. Das Wasser
+rauschte über die Besiegten hinweg.</p>
+
+<p>Der Hafen mit den vielen eingefrorenen Dreimastern, Schonern, Briggs
+und Fischerschaluppen lag hinter ihnen, sie kamen auf das breite
+Stromeis hinaus. Es ging vorüber an den verschiedenen Schiffswerften,
+am Vulkan, auf dessen Hellingen mächtige Dampfer der Vollendung
+harrten, den gewaltigen Hochöfen der Henckel-Donnersmarkwerke,
+den Brikett- und Sandsteinfabriken, den chemischen Werken, kurz
+der gesamten Großindustrie an der Odermündung. Noch sah man den
+tiefverschneiten Höhenrücken, der sich am linken Oderufer bis in
+die weite Ferne hinzog. Hie und da schaute ein Dorf mit seinem
+Kirchturm in der klaren Winterluft fast greifbar<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> herüber. Das Bellen
+eines Hundes, laute menschliche Stimmen drangen zuweilen durch das
+stampfende Geräusch des Schiffes, das Bersten des Eises.</p>
+
+<p>Die Wiesen zur Rechten waren eine große weißsamtne Fläche, die weiten
+Kiefernwaldungen dahinter von Schneemassen überlastet. Tief bogen sich
+die Äste herab und drohten abzubrechen. Die Kronen einzelner Tannen
+hingen schwer zur Seite.</p>
+
+<p>Ilse stand neben dem Kapitän, während sich die anderen unter dem
+Schutz des Windfanges niedergelassen hatten und die Füße auf
+wollumwickelte Wärmflaschen setzten. Jürgen und Wolf staken in langen
+Bärenpelzen, die sie sonst für weite Schlittenfahrten brauchten.
+Konsul Martens hatte eine große Pelzdecke mitgenommen. Gut versorgt
+waren alle. — Nur Ilse trug weiter nichts als den von Herta
+erhaltenen Pelzmantel und Tuchstiefeletten.</p>
+
+<p>Bis hierher war das Eis noch mürbe gewesen, die starke Schiffsmaschine
+brachte den Dampfer schnell vorwärts. Nun wurden die Ufer an beiden
+Seiten eintöniger. Zur Linken tauchte in der Ferne die kleine
+Stadt Pölitz auf, deren Schornsteine bläuliche Rauchwolken hoch
+emporsandten. Hier begann das breitere Papenwasser.</p>
+
+<p>»Auf dem ›Friedrich Barbarossa‹ war heute alles still, Martens,«
+wandte sich Jürgen an den Freund.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p>
+
+<p>»Es ist für die meisten Arbeiten zu kalt, Jürgen. Die tragbaren
+kleinen Kohlenöfen reichen in den größeren inneren Räumen nicht aus.«</p>
+
+<p>»Smiders ist auf keiner guten Bahn —«</p>
+
+<p>»Na,« meinte Martens, »seine Lage wird anders, wenn er den reichen
+Hamburger in die Firma hineinbekommt, den er neuerdings an der Hand
+hat.«</p>
+
+<p>»Wolf sagte mir schon davon. Er faßte Smiders in der ›Grünen Schanze‹
+ab und horchte ihn aus.« Jürgen neigte sich zu dem Freund und
+flüsterte ihm etwas zu.</p>
+
+<p>»Ah,« machte dieser, »und Smiders hat nichts gemerkt?«</p>
+
+<p>»Nicht die Bohne! Wir lassen alle Minen springen. Du mußt mithelfen,
+daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur rechten Zeit fertig wird.«</p>
+
+<p>»Wir haben Sichtwechsel — damit sitze ich ihm auf dem Nacken, wenn er
+falsches Spiel treibt.«</p>
+
+<p>Sie verloren sich noch eine Zeitlang in dem Gespräch.</p>
+
+<p>Wolf war mehrmals an Ilse herangetreten, die immer noch schweigsam mit
+großen glänzenden Augen in die Ferne schaute.</p>
+
+<p>»Sie müssen sich erkälten, Fräulein Ilse,« bat er wiederholt, »setzen
+Sie sich doch zu uns unter den Schutz des Windfanges und machen Sie
+von den Fußwärmern Gebrauch.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span></p>
+
+<p>»Ich friere nicht, Herr Wolf!«</p>
+
+<p>Sie wollte nicht. Herta rief ihr zu: »Es ist deine Schuld nachher,
+Ilse, wenn du nicht hörst!«</p>
+
+<p>»Ich sehe nur einmal diese Winterpracht, Tante Herta, sie ist zu
+schön!« war ihre Antwort.</p>
+
+<p>Der Steward brachte jetzt heiße Bouillon und belegte Brötchen herauf.
+Er reichte das Tablett herum und trat auch zu Ilse heran. Nun mußte
+sie schon Platz nehmen, damit sie bequemer zugreifen konnte.</p>
+
+<p>»Endlich gesellen Sie sich zu uns, Fräulein Hergenbach,« sagte
+Martens. »Sie waren ziemlich lange in eine stumme Bewunderung
+versunken.«</p>
+
+<p>»Welcher Künstler vermöchte den Eindruck wiederzugeben, wie ich ihn
+in dieser Stunde gewonnen habe! Das Eisige, Starre der winterlichen
+Landschaft ist überwältigend schön, und da hinein dringt die
+Kraftfülle, mit der unser Dampfer spielend den Widerstand zerbricht,«
+antwortete sie nachdenklich.</p>
+
+<p>»Sie haben etwas von der Schwermut der Norwegerin, Fräulein
+Hergenbach,« bemerkte Konsul Martens auf ihre Worte hin.</p>
+
+<p>»Fräulein Ilse — Schwermut! Sie sind auf dem Holzwege, lieber
+Konsul!« lachte Wolf. »Ich behaupte das Gegenteil.«</p>
+
+<p>»Jürgen mag zwischen uns entscheiden,« meinte Martens.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p>
+
+<p>Ilse hatte durch die kalte Luft leicht gerötete Wangen, die den sonst
+blassen Gesichtszügen eine anmutige Frische verliehen. Sie richtete
+jetzt ihre Augen erwartungsvoll auf Jürgen, was er sagen würde. Er sah
+sie einen flüchtigen Augenblick hindurch freundlicher als sonst an.</p>
+
+<p>»Ich kann mir nicht denken, daß es Fräulein Hergenbach angenehm ist,
+von euch beiden umstritten und von mir begutachtet zu werden. Sie
+kennt jedenfalls ihren Charakter am besten selbst und bedarf keines
+salomonischen Urteils.«</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen, Herr Plüddekamp,« fiel Ilse ein. »Anstatt mich
+geistig zu zerlegen, sprechen Sie mir das eigene Recht dafür zu.«</p>
+
+<p>»Wir Frauen bedürfen es dringend,« begann Herta, »um den Launen der
+Männerwelt gegenüber gewachsen zu sein.«</p>
+
+<p>»Um Gotteswillen, Schwester! Jetzt kommt dein Steckenpferdchen!« rief
+Wolf mit gutgespieltem Entsetzen aus. »Ich blase schleunigst Frieden.«</p>
+
+<p>»Wie immer, Wölfchen,« scherzte Herta. »Du bist keine Kampfesnatur.«</p>
+
+<p>»Nein!« Es klang ganz leise, kaum verständlich. Ilse mußte es vor sich
+hingesprochen haben.</p>
+
+<p>Die Sonne war inzwischen emporgestiegen, und ihre Strahlen erwärmten
+etwas die Luft. Die Kälte<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> ließ bis auf wenige Grade nach. Eine
+Strecke vor ihnen lag auf dem Eise ein Schwarm Graugänse. Als der
+Dampfer näher kam, flogen sie mit lautem Geschnatter auf. Sofort
+sprang Jürgen in die Höhe, legte die Hand über die Augen, um diese
+gegen das Sonnenlicht zu schützen, und schaute ihnen nach.</p>
+
+<p>»Hätte ich nur meine Büchse mitgenommen, Charles!« rief er Martens zu.</p>
+
+<p>»Auf hundertfünfzig Meter, Jürgen?«</p>
+
+<p>»Ich habe wilde Schwäne noch in größerer Entfernung auf dem Eis
+getroffen, wenn der schlanke Hals und Kopf unter den Flügeln stak.«</p>
+
+<p>Ilse schaute begeistert zu ihm auf und rief:</p>
+
+<p>»Solch einen Schuß möchte ich sehen, Herr Plüddekamp. — Einen
+Wildschwan zu schießen —«</p>
+
+<p>»Ich tue es nicht,« unterbrach sie Wolf. »Der Wildschwan ist ein
+herrlicher Vogel. Sein schneeweißes Gefieder, der wundervolle Hals,
+den er beim Fluge geradehin streckt, der weit hörbare hellklingende
+Ton, den er ausstößt! Warum ihn töten —?«</p>
+
+<p>»Eine interessante Jagdtrophäe — lieber Wolf,« warf Martens ein. »Sie
+sind kein rechter Jäger, wie Ihr Bruder.«</p>
+
+<p>»Das kommt darauf an,« erwiderte dieser. »Ich halte auf ein Raubtier,
+Reh, Karnickel oder Rebhuhn hin, — schädliche und schmackhafte
+Geschöpfe, — aber<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> auf einen Schwan, — das schöne Geschöpf der
+sagenhaften Nordlandswelt — nein! Mir fällt dabei immer das Märchen
+von den drei Schwanenjungfrauen ein, das mir Herta in der Kinderzeit
+erzählte.«</p>
+
+<p>»Auch für mich hat der Wildschwan etwas Sympathisches,« sagte diese.
+»Zu genießen ist er nicht, — nur die Schwanendaunen geben ein weiches
+Schlummerkissen ab.«</p>
+
+<p>»Es herrscht ein alter Aberglaube,« begann Wolf und sah, wie Ilse
+aufhorchte, »daß ein toter Wildschwan Unglück ins Haus bringt. Jochen
+Hindorf sprach davon, daß unsere schöne Mutter kurz darauf gestorben
+sei, als mein Vater einen Schwan schoß und ihn heimsandte!«</p>
+
+<p>»Unsinn!« brummte Jürgen. »Der alte Jochen will nur mit solchen
+Flausen bewirken, daß dir grault. Ich selbst war damals mit dem Vater
+auf der Jagd, dort vor uns über Stepenitz hinaus, am rechten Haffufer.
+Wir schlichen durch hohes Rohr, damit uns die Schwäne nicht bemerken
+konnten. Es gibt sonst keinen scheueren Vogel. Er läßt selten an sich
+herankommen. Damals glückte es. Als wir am Rande des Rohres anlangten,
+lagen die Schwäne in Büchsenschußweite vor uns auf dem blanken Eis.
+Mein Vater stand vorn, er hob rasch das Gewehr, der Schuß krachte und
+saß. Sechs Schwäne flogen mit schrillen Tönen auf, — der siebente
+blieb tot liegen.<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> Ich selbst holte ihn heran und brachte ihn zum
+Schlitten. Deine Mutter aber, Wolf, war zu der Zeit schon ein Jahr
+vorher gestorben.«</p>
+
+<p>»Sie werden bald einen Wildschwan schießen, Herr Plüddekamp,«
+unterbrach Ilse plötzlich die entstandene Stille. Ihre tiefe Altstimme
+klang dabei fast feierlich.</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung über meine Treffsicherheit,
+Fräulein Hergenbach. Aber so bestimmt ist es wirklich nicht. Vielen
+Jägern hier im Umkreis ist es während ihres ganzen Lebens nicht
+gelungen.«</p>
+
+<p>»Vielleicht gerade deshalb, — sogar noch in diesem Winter, — ich
+möchte einmal das schöne weiße Gefieder streicheln.«</p>
+
+<p>»Ilse!« Herta hatte es ausgerufen. »Was hast du für seltsame Wünsche!«</p>
+
+<p>Das junge Mädchen schrak zusammen, stand dann auf, streifte Jürgen mit
+einem hellen Aufleuchten ihrer Augen und trat zum Kapitän. Sie schaute
+wieder auf die starre Fläche des Haffes, die sich jetzt weithin
+öffnete.</p>
+
+<p>Das Eis wurde stärker, der Dampfer arbeitete keuchend dagegen an.
+Er hob sich vorn hoch empor, traf die hellglitzernde Masse und
+brach krachend hindurch. Ein paarmal mußte er auch zurückgehen
+und mit voller Wucht wieder anrennen, bis er eine starke Eiswand
+durchschnitten hatte. Sie kamen jetzt nur langsam vorwärts. —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p>
+
+<h2>X.</h2>
+</div>
+
+
+<p>In der Kajüte wurde eine wohlvorbereitete Mahlzeit aufgetragen.
+Konsul Martens war ein Feinschmecker, es gab die ersten Delikatessen
+der Jahreszeit und edle, feurige Weine. Er brachte nach dem zweiten
+Gericht einen Trinkspruch auf die Geschwister Plüddekamp aus, der
+in der seltenen, sie verbindenden Liebe und Treue gipfelte. Als er
+das Glas zuerst gegen Herta erhob, zeigten ihre blauen Augen einen
+wärmeren Ausdruck. Jürgen schüttelte ihm derb die Hand und sagte:</p>
+
+<p>»Meine Erwiderung, Charles, nimm als geschehen an — ich bin kein
+Redner.«</p>
+
+<p>»Ich trinke auf Ihr Wohl, Fräulein Ilse,« flüsterte Wolf.</p>
+
+<p>Er saß an ihrer Seite und hob das Glas. Sie nickte nur leicht zum
+Dank, und die grauen leuchtenden Augen irrten über ihn hinweg, um
+einen flüchtigen Augenblick voll auf den markigen Zügen Jürgens haften
+zu bleiben. Dieser zuckte mit der Hand,<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> als wolle er nach seinem Glas
+greifen. Martens kam ihm aber zuvor und stieß mit Ilse an.</p>
+
+<p>Der Aufenthalt in dem stark geheizten Raum und die reichliche Mahlzeit
+brachten eine gewisse Müdigkeit hervor. Herta setzte sich in eine
+Diwanecke, um zu schlafen. Jürgen und der Konsul Martens hatten
+die gleiche Absicht, wollten aber vorher noch eine Flasche Pontak
+ausproben.</p>
+
+<p>Der Dampfer stöhnte und keuchte, um die Eismassen zu bewältigen. Ilse
+eilte plötzlich die Treppe zum Deck hinauf, und Wolf folgte ihr sofort
+nach. Sie gingen ganz nach vorn ans Bugspriet. Dort hielt sich Ilse am
+Geländer an, weil der starke Anlauf des Dampfers gegen das Eis keinen
+festen Halt aufkommen ließ. Der Wind wehte schneidend aus Hoch-Nord.
+Nach der warmen Luft in der Kajüte traf er doppelt scharf das Gesicht
+und stach wie mit Nadeln in die Haut ein.</p>
+
+<p>Die Sonne stand glutrot im Westen dicht über den fernen
+tiefverschneiten Forsten und war am Untergehen.</p>
+
+<p>»Stellen Sie sich hinter mich, Fräulein Ilse,« bat Wolf, an sie
+herantretend. »Der eisige Wind trifft Sie alsdann nicht direkt.«</p>
+
+<p>»Ich finde ihn manchmal wohltuend, Herr Wolf,« erwiderte sie kurz.
+»Die heiße Kajüte und der starke<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Wein, — ich kann Alkohol nicht
+vertragen, — das Blut jagt mir durch die Adern.«</p>
+
+<p>Er sah sie an. Ihre Wangen zeigten rote Stellen, nicht eine
+gleichmäßige Röte. In den Augen, die sich einen flüchtigen Augenblick
+in die seinen tauchten, lag ein übernatürliches Glänzen.</p>
+
+<p>»Sie dürfen hier nicht bleiben, Ilse,« sagte er mit aller
+Bestimmtheit. »Sie können sich den Tod in diesem Eiswind holen.
+Entweder Sie folgen mir nach dem Windfang, — dort können wir die
+Pelzdecke des Konsuls benutzen — oder wir gehen hinunter und setzen
+uns in eine weniger durchwärmte Kabine.«</p>
+
+<p>»Nein ich will nicht!« rief sie aus. »Hier sehe ich unmittelbar, wie
+das Eis unter der Gewalt des Dampfers bricht.«</p>
+
+<p>»Ilse!« stieß er heftig aus. »Warum verlangt Sie nach roher
+Kraftentfaltung? Ist das Ihrer würdig?«</p>
+
+<p>»Ich kann mich nicht ändern! Lassen Sie mich, wie ich bin, Wolf!«
+entgegnete sie schroff.</p>
+
+<p>»Warum fügen Sie sich stets bei Herta? Wenn ich Sie um etwas bitte,
+Sie warne, sind Sie gänzlich abwehrend! Sie zeigen zwei Gesichter, —
+geben Sie mir eine Erklärung dafür.«</p>
+
+<p>»Nein!« Von nun an schwieg sie beharrlich.</p>
+
+<p>Die Sonne sank hinab. Die Kälte nahm zu. Trotz seines Pelzes begann
+Wolf nach einiger Zeit<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> zu frieren, er konnte selbst seine Füße durch
+Hin- und Hertreten nicht warm erhalten. Ilse, die leichter gekleidet
+war, mußte sich eine schwere Erkrankung zuziehen. Sie gab auf seine
+wiederholten Fragen keine Antwort. — Er faßte plötzlich einen raschen
+Entschluß, umschlang sie mit seinen Armen, fühlte, daß sie halb
+erstarrt war, und trug sie in eine Kabine hinunter. Dort legte er sie
+auf den Seitendiwan.</p>
+
+<p>Er zog seinen Pelz aus und deckte sie damit zu. Sie ließ alles
+willenlos geschehen. Die Kälte hatte ihr die Kraft des Widerstandes
+geraubt. Als der Steward zufällig vorüberging, bestellte Wolf heißen
+Tee.</p>
+
+<p>Schon nach einigen Minuten erholte sie sich wieder und wollte den
+schweren Reisepelz abstreifen.</p>
+
+<p>»Noch nicht,« befahl er. »Sie müssen erst Tee trinken und tüchtig heiß
+werden, damit das Blut im Körper stärker kreist, sonst sind Sie morgen
+krank.«</p>
+
+<p>Diesmal folgte sie. Er ließ ihren Gegenwillen nicht aufkommen.</p>
+
+<p>Der Steward brachte den Tee, den er ihr erst löffelweise einflößte,
+dann mußte sie den Rest auf einmal austrinken.</p>
+
+<p>»Mir ist wirklich ganz wohl, Herr Wolf!« bat sie, »nehmen Sie mir doch
+das Ungetüm von Pelz fort. Ich ersticke fast darunter.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p>
+
+<p>Er fühlte mit der Hand an ihre Stirn. Es perlten helle Tropfen darauf.</p>
+
+<p>»So ist es gut! Nur noch zehn Minuten, dann haben Sie es überwunden,
+Ilse. Herta darf nichts erfahren, sonst wird sie bitterböse über Ihre
+Hartnäckigkeit.«</p>
+
+<p>»Sie sind eigentlich ein guter Mensch, Herr Wolf, und geben einen
+vortrefflichen Ehemann ab,« sagte sie mit dem tiefen Wohllaut, den
+ihre Stimme zuweilen besaß.</p>
+
+<p>»Finden Sie es wirklich, Ilse? Seien Sie endlich offen zu mir! Sie
+haben oft ein so seltsames Wesen. Nie weiß ich, woran ich bei Ihnen
+bin.« Er sah in ihre fieberhaft glänzenden Augen und war plötzlich wie
+verwandelt. Er neigte sich tief zu ihr herab.</p>
+
+<p>»Nein — nein, Wolf! Ich liege hier wehrlos,« hielt sie sein Gesicht
+mit beiden Händen zurück. »Erst pflegen Sie mich — und nun — ich
+dulde es nicht, — wie Sie mich wieder behandeln.«</p>
+
+<p>»Ilse!« brachte er schweratmend hervor. »Ich finde nicht den richtigen
+Weg zu Ihnen — daran sind Sie aber schuld, nur Sie selbst. Wenn Ihre
+Augen mir so leidenschaftlich entgegenschauen, dann vergesse ich
+alles, — ein blindes Verlangen kommt über mich, Sie wild an mich zu
+reißen. Ich leide qualvoll durch Sie, — Ilse, und ich ertrage es
+nicht länger!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p>
+
+<p>Sie zog den rechten Arm unter dem Pelz hervor und reichte ihm die Hand.</p>
+
+<p>»Sie sollen es auch nicht, Wolf! — Wahrhaftig nicht! — Nehmen Sie
+mir doch den schweren Pelz ab, wir wollen ruhig miteinander sprechen.«</p>
+
+<p>Er warf diesen in eine Ecke, und sie richtete sich schnell auf.</p>
+
+<p>»Endlich zeigen Sie ein wenig Herzensgüte, Ilse. Lassen Sie mich einen
+Einblick in Ihr Inneres tun.«</p>
+
+<p>»Es schreckt Sie nur ab, Wolf. Fragen Sie meine Geschwister, sie
+nannten mich ›Ilse — die Hexe‹!«</p>
+
+<p>»Ohne Grund, Sie haben nur noch nicht Ihr eigenes Herz gefunden. Es
+irrt umher, schenken Sie es mir, ich werde es treu bewahren.«</p>
+
+<p>Bei dem matten Licht der Deckenlampe sah sie ihn lange schmerzlich an.</p>
+
+<p>»Jetzt liegt in Ihren Augen das Klagen des Rehes, wenn es schwer
+verwundet ist,« flüsterte er, »es gibt mir die Ruhe zurück, — so
+liebe ich — dich — Ilse!«</p>
+
+<p>»Nein, nein, es geht nicht!« fuhr sie plötzlich auf, als er sie innig
+an sich ziehen wollte. »Wissen Sie, Wolf, woher die Ilse stammt? Hoch
+am Brocken — in der rauhen Schlucht des Schneelochs fangen sich die
+Wasser aus dem Hexenbrunnen auf — dann<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> stürzen sie gewaltsam über
+Rollsteine und Felsblöcke abwärts, bis sie tief unten branden und
+schäumen. — Wollen Sie das durchkosten? — Nein, — es geht nicht! —
+Ich weiß nicht — wen ich liebe. Sie alle stehen vor mir und krallen
+mich mit Blicken an, als ob ich mein Blut hergeben sollte. Was habe
+ich nur an mir, daß man mich so verlangt?« — Ihr Körper zitterte
+heftig, sie schluchzte krampfhaft auf. »Ich will nicht mehr mit Ihnen
+allein sein, Wolf, — ich komme in Verdacht. Ihre Schwester sucht mich
+gewiß.« —</p>
+
+<p>»Ilse, ich lasse dich noch nicht gehen, — erst ein Wort, — nur ein
+einziges liebes Wort —«</p>
+
+<p>Sie sprang auf, drängte ihn zurück und hatte plötzlich ihre Ruhe
+wiedergefunden, — der innere Sturm war vorübergebraust.</p>
+
+<p>Er ließ sie aber nicht von der Stelle. Der Dampfer hob und senkte
+sich gewaltig. Die Maschine trieb ihn mit voller Dampfkraft gegen die
+mächtigen Blöcke. — Ein Krachen und Bersten der Eiswand erfolgte —
+dann kam ein erneuter starker Stoß — Ilse sank, den Halt verlierend,
+in Wolfs Arme.</p>
+
+<p>Sie lag an seiner Brust, er küßte sie heiß, verlangend. Ein wildes
+Stöhnen entrang sich ihr — sie war widerstandslos, — hingebend. —</p>
+
+<p>Auf Deck ertönte lautes Gepolter, dazwischen drang ein starkes Zischen
+des Dampfers hervor, dem<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> hastige Kommandorufe des Kapitäns folgten.
+Noch schlugen die Pleuelstangen, — auf einmal ließen sie nach, — der
+Dampfer stand still. Die Eisschollen rieben sich knirschend an den
+stählernen Seitenwänden. Unter dem Kiel gurgelte dumpf das Wasser des
+Haffes. —</p>
+
+<p>Herta, die fest geschlafen, erwachte und sah Ilse ganz verstört vor
+sich stehen. Jürgen und Konsul Martens sprangen die Treppe hinauf an
+Deck. Der Kapitän kam sofort auf sie zu.</p>
+
+<p>»Ein scheußliches Pech, Herr Konsul. Wir haben durch die starken
+Eiswände vor uns schweren Maschinendefekt und Rohrbrüche erlitten.
+Die Reparatur wird längere Zeit in Anspruch nehmen. Wir sind noch gut
+zwei Stunden von Swinemünde entfernt. In der Nähe ist kein Dorf oder
+Flecken. Das Eis hält wohl bis zum Ufer, aber in der Dunkelheit sind
+die eingehauenen Fischwaken nicht zu sehen. Am besten bleiben Sie mit
+Ihren Gästen an Bord, bis der Morgen anbricht. — Vielleicht können
+Sie dann bis zu der allerdings entfernten Bahnstation gelangen.«</p>
+
+<p>»Fatal, — höchst fatal!« stieß Martens aus. »Ich muß morgen vormittag
+zu einer wichtigen Besprechung in meiner Bank sein.« —</p>
+
+<p>»Ich kann unmöglich im Kontor fehlen,« setzte Jürgen nachdrücklich
+hinzu.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span></p>
+
+<p>Nur Wolf, der ihnen gefolgt war, frohlockte, — er hoffte auf ein
+Wiederaufflammen des kurzen Rausches, auf ein Glücksgefühl, das er
+in seiner Größe kaum erfaßte. — Er sann über die Möglichkeit nach,
+wie er mit Ilse allein sein konnte, ohne daß es den anderen auffallen
+würde.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eine Nacht an Bord. — Die Maschine des Dampfers stand. Dieser lag
+still in der Fahrtrinne des Haffs und fror ein. Die Kälte drang durch
+alle Fugen. Das Eis hob und preßte die stählernen Platten, daß ein
+Stöhnen durch den ganzen Schiffsraum ging. Die sternenklare Nacht
+wurde bitterkalt. Der dichte Reif setzte sich überall fest und wob
+seine kristallnen Fäden um Maste, Schornstein, Planken und alle
+Gegenstände an Deck. Das Schlickwasser gefror, es bildeten sich lange
+Eiszapfen — langsam entstand ein Märchenbild.</p>
+
+<p>Gegen zehn Uhr kam die bleiche Sichel des zunehmenden Mondes
+hervor. Nun lag das Eis des Haffes in dem mildfunkelnden Licht hell
+aufglitzernd da.</p>
+
+<p>Eine wunderbare Stimmung breitete sich über die weite, öde Fläche aus.
+Kein Laut wurde hörbar, als das Schieben und Pressen der Eisschollen
+an den Schiffswänden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p>
+
+<p>Die kleine Gesellschaft ging trotz der Kälte eine Zeitlang auf dem
+Deck umher, um die unendliche Schönheit der Natur zu genießen. Der
+Wind hatte sich gelegt, die Kälte war trotz der zehn bis zwölf Grad
+nicht empfindlich.</p>
+
+<p>Ilse war an Hertas Seite, als sich aber Wolf zu ihnen gesellte, kam
+sie plötzlich bei einer Wendung neben Jürgen zu stehen und sprach ihn
+an, dann ging sie mit diesem und Konsul Martens weiter.</p>
+
+<p>Wolf stampfte mit dem Fuße auf.</p>
+
+<p>»Was ist dir, Wölfchen?« fragte Herta und schob ihren Arm unter den
+seinen.</p>
+
+<p>»Nichts besonderes, Herta! Ich wünschte nur manchmal, daß man nicht
+so töricht wäre, ein Herz unter den Rippen zu besitzen. Wenn es sich
+fühlbar macht —«</p>
+
+<p>»Du bist in deinen Gedanken bei Ilse, armer Kerl!« sagte diese
+tröstend. »Weise sie von dir —«</p>
+
+<p>»Wenn ich es nur könnte, Herta! Es zerreißt mir bald Leib und Seele.
+— Sie ist nicht zu verstehen, — glaub es mir, Schwester. — Ich bin
+schon einfach verrückt und sie — sie wurde von ihren Geschwistern
+›Ilse — die Hexe‹ genannt!«</p>
+
+<p>»Ilse — die Hexe!« wiederholte Herta langsam. »Merkwürdig, — Jürgen
+sagte mir das gleiche.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span></p>
+
+<p>»Und jetzt geht sie wieder neben ihm, — wie sie ihn anschaut, — ich
+kann es nicht ertragen, — Herta, es reizt mich maßlos!«</p>
+
+<p>»Wölfchen — sei gut,« bat Herta. »Denk an mich und Martens, — so
+viel Leidenschaft, wie bei dir, war wohl bei uns nicht dabei, — aber
+es saß tief genug! — Heute bin ich sehr froh, daß es so gekommen ist!
+— Du wirst Ilse auch erst erkennen, wenn du deinen Rausch überwunden
+hast.«</p>
+
+<p>»Ich kann mich nicht zur Ruhe zwingen, wie du es fertig brachtest,
+Herta! Willst du nicht einmal mit Ilse sprechen?«</p>
+
+<p>»Nein!« Herta stieß es kurz aus. »Es würde nur zu deinem Elend
+gereichen. Denke daran, sie ist — die Hexe Ilse! Dafür bist du
+mir zu lieb, Wölfchen! Du mußt uns Geschwistern erhalten bleiben.
+Ihr Charakter ist unergründlich, — sie kann dich vernichten, —
+vielleicht ohne daß sie es will.« —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p>
+
+<h2>XI.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Nach Mitternacht, als alle in tiefem Schlafe lagen, Herta hatte Ilse
+mit in ihre Kabine genommen, überwölkte sich der Himmel, und mächtige
+Schneeflocken fielen langsam rieselnd nieder. Gegen Morgen wurde das
+Schneetreiben so dicht, daß man vom Dampfer aus keine zehn Schritt
+weit sehen konnte.</p>
+
+<p>Jürgen kam sehr früh an Deck. Als er die Lage überschaute und mit
+dem Kapitän in dessen Kajüte Rücksprache genommen hatte, grollte es
+gewaltig in ihm. Nirgends zeigte sich ein Ausweg aus der mißlichen
+Lage. Der Maschinendefekt ließ sich im besten Falle erst bis gegen
+Abend einigermaßen beheben. Ein weiteres Durchbrechen des Eises war
+unmöglich, der Dampfer mußte nach Stettin zurück. Die Rückfahrt würde
+schon schwierig genug sein und nur langsam vonstatten gehen.</p>
+
+<p>Bei dem dichten Schneetreiben konnte es niemand wagen, über das Eis
+ans Land zu gelangen. Also ausharren! Während Jürgen und der Kapitän
+noch sprachen, kam Konsul Martens hinzu, dem die Unruhe den Schlaf
+verkürzt hatte. Anstatt des Morgenkaffees wurde gleich ein heißer Tee
+mit Arrak gebraut. Die Schiffsräume waren stark durchkältet,<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> denn die
+Dampfheizung war nicht in Ordnung. — Als die Schiffsmaschine bei dem
+gewaltigen Anlauf gegen die starken Eiswände versagte, strömte der
+Dampf zurück. Durch die entstandene hohe Spannung wurden die Rohre
+undicht und erlitten mehrere Brüche. Die Feuerung mußte aufhören, weil
+der Dampf an vielen Stellen der Leitung gefahrdrohend herauszischte.
+Die Maschinisten hatten die ganze Nacht durchgearbeitet, um die
+Schäden auszubessern, und ermüdeten sichtlich.</p>
+
+<p>»Wann können wir bestimmt darauf rechnen, Fahrt zu haben?« fragte
+Martens den Kapitän.</p>
+
+<p>»Es kommt darauf an, wie lange die Kraft der Leute aushält, Herr
+Konsul.«</p>
+
+<p>»Gehen wir in den Maschinenraum hinunter, Charles,« warf Jürgen ein.
+»Vielleicht lassen sich die Leute durch eine Prämie anfeuern.«</p>
+
+<p>»Die Maschinisten geben ihr Bestes von selbst her,« erwiderte der
+Kapitän, »es bedarf keiner besonderen Belohnung. Sie können sich davon
+überzeugen, meine Herren!«</p>
+
+<p>In den unteren Schiffsräumen brannten Lampen, weil die elektrische
+Leitung durch den Stillstand der Dynamos versagte. Eine Anzahl Männer
+arbeiteten mit größtem Eifer bei spärlichem Lichte in der kleinen
+Werkstätte. Es wurde Eisen auf offenem<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> Kohlenfeuer geglüht, das ein
+Blasebalg anfachte, und dann mit Hämmern bearbeitet. Andere waren
+dabei, auf einer Drehbank Gewinde zu ziehen und auf Schraubstöcken
+Eisenstangen passend zu feilen.</p>
+
+<p>Der Schiffsingenieur und der Obermaschinist griffen zu und besserten
+die Schäden an den Rohren aus. Die gesamte Leitung mußte untersucht
+werden. Die Männer im unteren Schiffsraum erstarrten fast vor Kälte
+und mußten fortgesetzt heiße Getränke erhalten.</p>
+
+<p>Die Tatsache lag klar — unter weiteren zehn bis zwölf Stunden
+konnte an ein neues Arbeiten der Maschinen nicht gedacht werden,
+vorausgesetzt, daß die Mannschaften diese Überanstrengung aushielten.
+—</p>
+
+<p>»Unser Mißgeschick ist mir höchst unangenehm, lieber Jürgen,« sagte
+Konsul Martens zu dem Freunde. »Namentlich der Damen wegen. Auf dem
+›Odin‹, unserem stärksten Eisbrecher, kam noch nie etwas derartiges
+vor und lag außer der Berechnung. Nun heißt es aushalten.«</p>
+
+<p>An Deck begann jetzt die Schiffsglocke unausgesetzt zu läuten. Der
+Steuermann trat zum Kapitän und sagte: »Ich habe drei Mann ausgesucht,
+die sich halbstündlich ablösen!«</p>
+
+<p>»Es können Dampfer ausgelaufen sein. In den Zeitungen stand, daß der
+›Odin‹ nach Swinemünde<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> ging. Die Fahrtrinne wird für offen gehalten.
+Die Dampfsignale gehen nicht, daher muß die Glocke in Bewegung
+bleiben,« erklärte der Kapitän den Herren die erhaltene Meldung.</p>
+
+<p>Jürgen sah darauf seinen Freund fragend an:</p>
+
+<p>»Ist das Aufrennen eines anderen Dampfers möglich?« fragte er langsam,
+jedes Wort abwägend.</p>
+
+<p>Martens wechselte mit dem Kapitän einen Blick.</p>
+
+<p>»Ausgeschlossen ist es nicht,« erwiderte dieser zögernd.</p>
+
+<p>Mit einem Ruck straffte sich Jürgens Gestalt.</p>
+
+<p>»Es muß ausgeschlossen sein, Charles! Meine Geschwister sind an Bord.«</p>
+
+<p>»Wir wollen überlegen, was zu tun ist, Jürgen.« Konsul Martens wurde
+jetzt die große Verantwortung fühlbar, die ihn traf.</p>
+
+<p>Sie kehrten in die obere Kajüte zurück. Herta, Wolf und Ilse hatten
+sich ebenfalls dort eingefunden. Das junge Mädchen sah bleich und
+übernächtig aus, sie mußte wenig geschlafen haben. Die gestrige gute
+Stimmung war verschwunden. Es fröstelte alle trotz der Pelzkleidung.</p>
+
+<p>Konsul Martens versuchte, den Damen die Lage im besten Lichte zu
+schildern, und machte Aussicht auf ein recht langes Frühstück und bald
+darauffolgendes Mittagessen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p>
+
+<p>»Essen und Trinken erhält uns warm, und darin tritt in den nächsten
+vierundzwanzig Stunden kein Mangel ein,« schloß er.</p>
+
+<p>»Aber die Langeweile, lieber Freund,« sagte Herta, leicht gähnend.
+»Die Kälte macht uns müde und ungemütlich.«</p>
+
+<p>»Ich weiß eine Abwechslung, Ilse,« flüsterte Wolf dieser zu, als sie
+in der Kajüte auf und ab ging. »Der einzig warme Raum im Schiff ist
+die kleine Kambüse. Wir beide wollen uns dorthin flüchten und helfen
+dem Küchenchef bei der Zubereitung der Speisen, — für die anderen
+gehen wir auf Deck.«</p>
+
+<p>Sie gab ihm kein Zeichen des Einverständnisses, sondern stellte sofort
+ihre Wanderung ein und blieb in Hertas Nähe stehen. Wolf trat heftig
+mit dem Fuße auf. Was war nun wieder in sie gefahren? Sie wollte
+anscheinend nichts von ihm wissen, und Herta unterstützte sie dabei.</p>
+
+<p>Konsul Martens ließ seine Pelzdecke holen und hüllte die Damen darin
+ein, obwohl sich Ilse anfangs gegen das Stillsitzen sträuben wollte.
+Auf Hertas Wunsch folgte sie jedoch sofort. —</p>
+
+<p>Draußen wurde es etwas heller, nur das Schneegestöber ließ nicht nach.
+Jürgen, Martens und der Kapitän standen an dem einen Kajütenfenster
+und beratschlagten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p>
+
+<p>»In zwei bis drei Stunden kann der Amerikadampfer hier sein,« hörten
+die anderen des Kapitäns Stimme, »er ist sicher zur festgesetzten Zeit
+ausgelaufen. Bei langsamer Fahrt wird er unsere Glocke hoffentlich
+hören. Er versperrt aber die Fahrtrinne — die Schwierigkeit,
+fortzukommen, wird bedeutend größer.«</p>
+
+<p>Wolf und Herta sahen sich bei diesen Worten an. Es gab also Gefahren;
+davon war ihnen bisher noch nichts bewußt gewesen.</p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp zog seine Uhr hervor.</p>
+
+<p>»Ich gehe ans Land, Charles,« sagte er dann kurz.</p>
+
+<p>»Du — Jürgen?« stieß Martens erschrocken aus.</p>
+
+<p>»Die Gegend kenne ich, und mein Taschenkompaß gibt mir die Richtung
+an,« antwortete er.</p>
+
+<p>»Bedenke die offenen oder mit Schnee bedeckten Waken. Die Gefahr ist
+zu groß, Jürgen,« versuchte der Konsul ihm sein Vorhaben auszureden.</p>
+
+<p>»Ich nehme eine Stange mit, Charles! Weiteres Reden hat keinen Zweck
+— ich gehe!« Man sah es der mächtigen Mannesgestalt an, daß sie von
+dem einmal gefaßten Entschluß nicht mehr abwich.</p>
+
+<p>»So laß wenigstens einen Matrosen folgen und dich anseilen, Jürgen,«
+bat der Konsul.</p>
+
+<p>»Warum? Dadurch kann höchstens Gefahr entstehen, die ich allein
+vermeide!« erwiderte dieser. »Steward!« rief er diesem zu, der soeben
+einen neuen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Aufguß heißen Tees brachte. »Füllen Sie mir sofort eine
+Feldflasche mit Rum und Ingwer!«</p>
+
+<p>»Mir auch, Steward!« ertönte es aus Wolfs Munde. »Ich begleite dich,
+Jürgen!«</p>
+
+<p>»Auf keinen Fall — mein Junge! Ausgeschlossen. — Du mußt mit Charles
+bei Herta und Fräulein Hergenbach bleiben.« Das Gebot Jürgens klang
+fast schroff, er duldete in solcher Lage keinen Widerspruch.</p>
+
+<p>Kurz darauf verabschiedete er sich und reichte den Geschwistern, sowie
+Martens die Hand. Herta bat ihn noch: »Jürgen — denk an uns — sei
+vorsichtig!«</p>
+
+<p>»Ich bin es immer, liebe Herta! Soweit es allerdings möglich ist,«
+setzte er scherzend hinzu.</p>
+
+<p>Er zögerte einen Augenblick, ehe er Ilse die Hand gab. Sie mußte
+darauf gewartet haben; nun schlossen sich ihre schlanken Finger mit
+festem Druck um die seinen, als wollten sie ihn nicht fortlassen.</p>
+
+<p>Es war eine heftige Bewegung, mit der sich Jürgen alsdann abwandte
+und auf Deck eilte, wohin ihm Konsul Martens und Wolf folgten.
+Nach weiteren zwei Minuten hatte er sich eine kräftige Stange mit
+Eisenspitze ausgesucht und schwang sich über Bord.</p>
+
+<p>»Achtung!« rief Martens ihm nach. »Es ist noch junges Eis in der
+Fahrtrinne!«</p>
+
+<p>Die starken Schollen hatten sich aber am Dampfer dicht
+übereinandergeschoben und waren während der<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> Nacht zusammengefroren,
+so daß Jürgen auf festem Eisboden dahinschritt. Er sah sich noch
+einmal um, winkte Bruder und Freund zu und verschwand dann in dem
+dichten Schneegestöber. Es kam ihm dabei im letzten Augenblick noch so
+vor, als wenn eine schlanke Frauengestalt auf Deck erschiene. Es mußte
+wohl Herta sein, die ihm besorgt nachschaute.</p>
+
+<p>Als jedoch Wolf und Konsul Martens in die Kajüte zurückkehrten, saß
+Herta auf ihrem alten Platz. Ilse war fortgegangen und kam erst nach
+einer geraumen Zeit wieder.</p>
+
+<p>»War es nicht angenehm in der Kambüse, Ilse?«</p>
+
+<p>»Nein, Tante Herta! Ich habe mich genug erwärmt.«</p>
+
+<p>Dabei strömte ihre Kleidung die frische Kälte vom Deck aus. — — —</p>
+
+<p>Jürgen schritt trotz seines schweren Pelzes rasch vorwärts. Er
+hatte seine Pelzkappe tief über die Ohren herabgezogen, so daß nur
+sein Gesicht hervorsah. An seinem Bart bildeten sich durch den
+ausgestoßenen Atem Eiszapfen, doch achtete er nicht darauf. Von
+Zeit zu Zeit holte er den kleinen Kompaß hervor, um die Richtung zu
+kontrollieren, in der er ging.</p>
+
+<p>Vom Dampfer mußte er schon ein ganzes Stück fort sein. Das Läuten
+der Schiffsglocke tönte nur noch schwach zu ihm herüber. In der
+zurückgelegten Strecke waren keine Waken zu erwarten gewesen. Jetzt
+aber<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> näherte er sich mehr und mehr dem Ufer, und die Gefahr, in
+ein Loch zu geraten, das zum Fischen ins Eis geschlagen wurde, trat
+unmittelbar auf.</p>
+
+<p>Er schob seinen Stock vor sich hin; stieß dieser an eine kranzartige
+Erhöhung, so blieb er stehen und untersuchte den Umkreis. Mehrmals
+entdeckte er noch im letzten Augenblick eine Wake. Die Zeit verrann,
+er strengte sich stärker an. Der Amerikadampfer mußte auf jeden Fall
+aufgehalten werden, bevor er das Papenwasser verließ und durch Signale
+schwer erreichbar wurde. Mit Mühe zog er seine Uhr hervor. Über eine
+halbe Stunde befand er sich unterwegs, und noch spürte er nichts von
+den Eisschollen, die sich gegen das Ufer zu auftürmten.</p>
+
+<p>Er wollte immer schneller vorwärts kommen, aber der tiefe Schnee, der
+unaufhörlich weiter fiel, hemmte den Fuß. Schweißperlen traten auf
+seine Stirn; es war eine außerordentliche Leistung, selbst für den
+besten Fußgänger.</p>
+
+<p>Wo blieb nur das Ufer? Er mußte es der Zeit nach schon lange erreicht
+haben. Er stand jetzt still und versuchte, um sich zu schauen. Nichts
+war zu sehen.</p>
+
+<p>Jürgen lief es kalt über den Rücken. — Wo befand er sich? War er irre
+gegangen? Er hatte doch genau auf seinen Kompaß geachtet. Wenn er an
+anderer Stelle in die Nähe der Fahrtrinne zurückkam<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> und einbrach? Bei
+dem starken Schneetreiben konnte alles möglich sein.</p>
+
+<p>Warum setzte er sich diesen Gefahren aus? Es gab nur eine Richtschnur
+in seinem Leben — Sorge für seine Familie, die aus den Geschwistern
+bestand. Von dem Tode seines Vaters an hatte er diese Pflicht
+übernommen und treu erfüllt. Wenn er sich die Abrechnung vorlegte,
+befand sich kein Fehler darin. Er handelte stets nach Ehre und
+Gewissen. Einmal ließ er in der Härte seiner Bestimmungen nach, als
+Ilse Hergenbach vor Monaten aufgenommen wurde.</p>
+
+<p>Ihre Gegenwart wirkte störend auf die Harmonie im alten
+Plüddekampschen Hause ein. Wolf war gänzlich verändert — er selbst
+mußte dagegen ankämpfen, um ihr nicht ein größeres Interesse zu
+zeigen. Er sah deutlich, wie sie ihm entgegenkam, sich ihm immer mehr
+nähern wollte. So kalt war seine Natur nicht, aber seine Rauheit half
+ihm, und seine Charakterstärke schüttelte jede aufflammende Regung ab.</p>
+
+<p>Einige Augenblicke hatte er auf den Kompaß gestarrt, dabei flogen ihm
+diese Gedanken rasch durch den Kopf. Nun trieb es ihn wieder vorwärts,
+der Amerikadampfer mußte um jeden Preis ein Signal erhalten. Plötzlich
+hörte er zur Linken Laute; waren es menschliche Stimmen oder lag dort
+ein Schwarm<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> Taucherenten? Er horchte aufmerksam hin. Jetzt klang es
+wie der dumpfe Hufschlag eines Pferdes. Es mußten also Leute aus einem
+naheliegenden Dorf sein, bei denen er sich Auskunft holen konnte.</p>
+
+<p>Eilig schritt er auf sie zu, und schon nach wenigen Minuten tauchte
+dicht vor ihm ein Kufenschlitten mit zwei Männern auf.</p>
+
+<p>»Holla!« rief er ihnen entgegen. »Wo seid ihr her? Ich komme von der
+Swinemünder Fahrt und will rasch ans Ufer.«</p>
+
+<p>Die Leute hielten das Pferd an. Auf dem Schlitten lag ein mächtiges
+Schleppnetz, wie es unter dem Eis von einer Wake zur anderen gezogen
+wird. Ein großer mit Fischen angefüllter Kasten stand daneben.</p>
+
+<p>»Wir sind aus Swantewitz,« sagte der eine, »und fahren nach Haus!«</p>
+
+<p>»Aus Swantewitz!« rief Jürgen erstaunt. »Das liegt ja am östlichen
+Ufer! So weit seid ihr fort.«</p>
+
+<p>»Nein, Herr! Das liegt ja dicht dabei. Wir sind gleich da!«</p>
+
+<p>»Es ist rein unmöglich! Ich habe vor etwa einer Stunde den Eisbrecher
+›Odin‹ verlassen und ging in der Richtung auf Neuwarp zu.«</p>
+
+<p>Die Fischer sahen sich verdutzt an.</p>
+
+<p>»Neuwarp? Das liegt ja zwei Meilen von hier, Herr!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p>
+
+<p>Jürgen faßte sich an die Stirn.</p>
+
+<p>»Sollte ich — rein unerklärlich! Alle Teufel — ich werde doch in der
+Eile nicht steuerbords anstatt Backbord abgesprungen sein! — Aber der
+Kompaß?«</p>
+
+<p>Er hatte doch Norden rechts und nicht an der linken Seite gehabt.
+Freilich war es nur ein kleiner Taschenkompaß, der sonst an seiner
+Uhrkette hing. Er schaute schnell noch einmal darauf — die Nadel
+spielte richtig ein.</p>
+
+<p>»Das ist ja, um verrückt zu werden,« fluchte er ingrimmig. »Der Kompaß
+lügt nicht — die Leute lügen nicht! Wer hat nun recht?«</p>
+
+<p>Er hielt den Kompaß mit dem linken Arm vor sich. Plötzlich fiel sein
+Auge auf das Magnetarmband, das er noch zufällig um das Handgelenk
+trug. Es diente zur Prüfung von Grassamen, der mit Eisenfeile
+beschwert schien.</p>
+
+<p>Nun wurde ihm der Vorgang sofort klar. Die Nadel spielte auf den
+starken Magnet ein und zeigte darum entgegengesetzt. Aus der Richtung
+des Papenwassers heulte jetzt dumpf ein Signal herüber. Jürgen
+erschrak.</p>
+
+<p>»Der Dampfer!« rief er aus. »Es ist zu spät, ihn aufzuhalten! Was wird
+daraus entstehen?«</p>
+
+<p>Die Sorge um die Seinen erfaßte ihn. —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p>
+
+<h2>XII.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Alfred Smiders verfolgte einen bestimmten Plan. Nachdem sich sein
+gelähmter Vater jeder Verfügung begeben hatte, ergriff ihn die
+Großmannssucht. Er wollte um jeden Preis rasch vorwärtskommen. Das
+der Firma Smiders &amp; Sohn gehörende Kapital reichte jedoch nicht im
+entferntesten aus, die sofort in Angriff genommenen Dampferbauten
+auszugleichen. So blieb er eine große Summe schuldig. Um wieder freie
+Bewegung zu bekommen, suchte er nach einem Großkapitalisten, der sein
+Geld zu mäßigem Zinsfuß bei ihm anlegen sollte.</p>
+
+<p>Durch seine Agenten war er auf den reichen Kaufmann Kneis in Hamburg
+aufmerksam geworden, dem er sich sofort vorstellte. Der Hamburger
+hatte sein überseeisches Geschäft günstig verkauft und befand sich im
+Besitz großer flüssiger Mittel, mit denen er sich wieder beteiligen
+wollte. Das also war sein Mann. Er bewog ihn, mit nach Stettin zu
+reisen.</p>
+
+<p>Nach Vorlage der letzten Bilanzen verlangte dieser in erster Linie die
+Dampfer der Reederei Smiders &amp; Sohn zu besichtigen. Die alten Kasten<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span>
+waren glücklicherweise unterwegs, er konnte dafür nur die Angaben, aus
+dem Schiffsregister erhalten. Dagegen lag einer der neuen Dampfer im
+Eis des Swinemünder Hafens fest. Die beiden Herren fuhren von Stettin
+mit dem Schnellzug dorthin und waren eben im Begriff, den ›Triton‹ in
+Augenschein zu nehmen.</p>
+
+<p>Das starke Schneegestöber hatte aufgehört; die klare, helle
+Wintersonne schien leuchtend über Stadt und Hafen, sowie die vereisten
+Schiffe. Überall funkelte und glitzerte es in farbenprächtigem
+Schimmer.</p>
+
+<p>»Sehen Sie, mir lacht stets die Sonne, Herr Kneis,« sagte Alfred
+Smiders, als sie über das Deck des Dampfers ›Triton‹ gingen. »Nun kann
+es Sie nicht gereuen, trotz des Schneefalles von heute morgen, die
+Fahrt nach Swinemünde angetreten zu haben.«</p>
+
+<p>Der lange bedächtige Hamburger lächelte verbindlich.</p>
+
+<p>»Ich bin sehr zufrieden, Herr Smiders! Wenn es weiterschneien würde,
+wäre ich auch zufrieden. Wir blieben dann in Swinemünde. Es gibt hier
+gute Hotels.«</p>
+
+<p>»Gewiß, Herr Kneis! Aber Sie müssen heute abend wieder in Stettin
+sein« — der Reeder machte eine bezeichnende Geste. »Sie haben doch
+fest versprochen —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p>
+
+<p>Der Überseer lachte gemütlich auf.</p>
+
+<p>»Hm! Eine ganz lustige Bude. Wir gehen zusammen —«</p>
+
+<p>»Aber natürlich, Herr Kneis! Ich möchte nur nicht im Wege sein.«</p>
+
+<p>»Macht mir nichts aus, Herr Smiders. War jahrelang in Buenos Aires mit
+meinen Freunden stets einig, wenn's eine kleine Sache gab. Denke, es
+wird hier in Deutschland auch so sein.«</p>
+
+<p>Hätte er den Blick gesehen, der in Smiders' dunklen Augen aufflammte,
+so würde er wohl eine andere Meinung gehabt haben. Es lag darin so
+viel Hohn und Gehässigkeit, wie sie nur das Innere des jungen Reeders
+erfüllte.</p>
+
+<p>Nun ging es auf treppauf und treppab bis in die untersten
+Schiffsräume, und überall ließ der vorsichtige Hamburger seine Blicke
+hinschweifen. In aller Ruhe sah er sich um, nichts blieb seinem
+scharfen Auge verborgen.</p>
+
+<p>»Sehr gutes Schiff, Herr Smiders, sehr gutes Schiff,« wiederholte er
+alsdann, »wenn die anderen ebenso sind, bin ich bereit, den Vertrag
+mit Ihnen einzugehen.«</p>
+
+<p>Smiders streckte ihm sofort seine Hand entgegen:</p>
+
+<p>»Topp! Sie schlagen also ein?«</p>
+
+<p>»Noch nicht!« bewahrte der Hamburger eine gewisse Zurückhaltung, »es
+wäre verfrüht. Ich lasse<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> mich nie vom Augenblick überrumpeln. Eine
+gute Portion Überlegung ist im Geschäftsleben alles. Dann handle ich
+aber rasch.«</p>
+
+<p>Alfred Smiders zog seine Hand ärgerlich zurück, als er die gemessene
+Miene des Hamburgers sah, der in diesem Augenblick zu einem
+Weitergehen nicht geneigt schien. Sie stiegen jetzt die Schiffstreppe
+wieder hinauf und wollten ans Land gehen, um in dem nahegelegenen
+Hotel ›Drei Kronen‹ ein bestelltes Essen einzunehmen. Smiders hatte
+wohlweislich alles vorbereitet.</p>
+
+<p>Plötzlich erscholl der dumpfe Ton einer Dampfpfeife über die weite
+Eisfläche des Haffes hinweg.</p>
+
+<p>»Holla, Kapitän! Was gibt's?« rief der Reeder diesem zu.</p>
+
+<p>»Die Eisbrecher kommen herein, Herr Smiders,« tönte es zurück. »Der
+›Fritjof‹ ist voran und schleppt den ›Odin‹ an der Stahltrosse.«</p>
+
+<p>»Dann muß dem ›Odin‹ etwas passiert sein,« meinte Smiders. »Er hat
+doch die stärksten Maschinen.«</p>
+
+<p>Anstatt, daß sich die Herren direkt aufs Bollwerk begaben, stiegen
+sie zur Kommandobrücke hinauf und wollten warten, bis die Eisbrecher
+landen würden. Das Eis krachte und barst in langen Spalten vor der
+Gewalt, mit der der ›Fritjof‹ vorwärtsdrang. Es dauerte nicht lange,
+so waren die Dampfer mit<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> dem ›Triton‹ in gleicher Höhe, doch ließen
+sich die Gestalten auf Deck nicht genau erkennen.</p>
+
+<p>»Der ›Odin‹ schwankt wie eine lahme Ente! Er ist nicht unter Dampf,
+und der›Fritjof‹ bugsiert ihn zur Anlegestelle,« rief Smiders. »Wir
+sehen es besser vom Lande aus.«</p>
+
+<p>Er schritt, gefolgt von dem Hamburger, zum Bollwerk hinüber und ging
+auf diesem entlang. Es dauerte noch einige Zeit, bis der ›Fritjof‹ den
+›Odin‹ herangebracht hatte und die Stahltrosse löste. Allem Anschein
+nach wollte er sofort die Rückkehr nach Stettin antreten.</p>
+
+<p>Zwei Herren und zwei Damen kamen über die Schiffsbrücke, die der
+›Odin‹ auswarf, ans Land.</p>
+
+<p>Alfred Smiders schaute genauer hin, aber die Sonne blendete ihn. Er
+hielt deshalb die Hand über die Augen und sagte halblaut:</p>
+
+<p>»Den Teufel auch! Wenn ich recht sehe, ist es Konsul Martens, Wolf
+und Herta Plüddekamp und noch eine Dame, die ich nicht kenne. Eine
+vorzügliche Gelegenheit für mich, anzuschwirren!« Er entschuldigte
+sich rasch bei Kneis und eilte voran, um die Ankommenden zu
+begrüßen. »Direkt von Stettin, Herr Konsul?« rief er ihm schon von
+weitem zu. »Nette Spazierfahrt! Wie? Hat der ›Odin‹ Pech gehabt?«
+Als sie zusammentrafen, schüttelte er den<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> beiden Herren die Hand
+und verbeugte sich, seinen Hut tief ziehend, vor den Damen. Er
+blickte erstaunt auf Ilse. Dann sagte er zu Herta: »Wollen Sie mich
+vorstellen, Fräulein Plüddekamp?«</p>
+
+<p>»Herr Smiders, von Smiders &amp; Sohn — Fräulein Hergenbach aus
+Nordhausen,« erledigte diese den Wunsch des Reeders.</p>
+
+<p>Abermals lüftete Smiders seinen Hut, und als sich Ilse leicht
+verneigte, begegneten sich ihre Blicke. Die dunklen Augen Smiders'
+ruhten mit einem prüfenden Ausdruck auf den Gesichtszügen des jungen
+Mädchens. Er warf dann einige nebensächliche Fragen hin, wie die Damen
+die Fahrt überstanden hätten, und hörte von Konsul Martens, welches
+Mißgeschick ihnen am verflossenen Tage mitten auf dem Haff begegnete.</p>
+
+<p>»In Gesellschaft so reizender Damen, — riesig nett,« meinte er mit
+einem vielsagenden Blick zu Wolf hinüber. »Da aber die Dampfheizung
+nicht in Ordnung war — zum mindesten unangenehm kalt.«</p>
+
+<p>»Es war noch ein Glück, daß der amerikanische Dampfer die Vorsicht
+brauchte, den ›Fritjof‹ vorauszuschicken. Rückte er selbst uns aufs
+Fell, so war die Durchfahrt versperrt und wir lägen noch im Eise,«
+flocht Konsul Martens ein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p>
+
+<p>»Wenn wir nur erst wüßten, was aus Jürgen geworden ist,« sagte Herta
+mit besorgter Miene. »Sie waren wohl schon im Hotel, Herr Smiders!
+Haben Sie vielleicht dort etwas gehört?«</p>
+
+<p>»Keinen Ton, Fräulein Plüddekamp,« erwiderte dieser.</p>
+
+<p>Wolf erzählte darauf, wie Jürgen am Morgen in dem tollsten
+Schneetreiben über Bord aufs Eis gesprungen sei, um nach dem Ufer
+vorzudringen.</p>
+
+<p>»Na — ein solcher Bär! — Verzeihen Sie den Ausdruck, Fräulein
+Plüddekamp,« unterbrach sich Smiders. »Ihr Herr Bruder hat aber
+wirklich eine Bärennatur und sitzt jedenfalls in einem Dorfgasthause
+beim Glase Grog. Wir können ja von den ›Drei Kronen‹ aus — Sie gehen
+doch gewiß mit dorthin — nach allen Richtungen telephonieren.« —</p>
+
+<p>Der Ofen in dem großen Speisezimmer der ›Drei Kronen‹ strahlte eine
+gemütliche Wärme aus. Man legte Pelze und Mäntel ab und freute
+sich, wieder in einem behaglichen Raume zu sein. Der Überseer, der
+vorausgegangen war, wurde von Smiders vorgestellt. Er befand sich
+alsbald in regem Gespräch mit Konsul Martens, der die Gelegenheit
+benutzte, den Großkapitalisten näher kennen zu lernen.</p>
+
+<p>»Sie sind überzeugt, Herr Konsul, daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur
+Frühjahrszeit rechtzeitig ausläuft?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span></p>
+
+<p>Wolf, der etwas entfernter stand, horchte bei diesen Worten auf. Es
+war naheliegend, daß ihn das Gespräch interessierte.</p>
+
+<p>»Ich werde den Dampfer besichtigen,« fuhr Herr Kneis fort, »es liegt
+mir außerdem viel daran, zu erfahren, ob sich die älteren Dampfer der
+Reederei in gleicher Weise umbauen lassen.«</p>
+
+<p>»Selbstverständlich,« fiel Smiders jetzt ein. »Sie eignen sich ebenso
+gut dazu wie der ›Friedrich Barbarossa‹. Herr Konsul Martens kennt
+ja unsere Dampfer. Er wird es Ihnen sicher bestätigen.« Dabei sah er
+Martens scharf an.</p>
+
+<p>Dieser war vor eine sehr peinliche Frage gestellt. Natürlich lag es in
+seinem Interesse, dem Geldmann gegenüber die Reederei Smiders &amp; Sohn
+so hoch als möglich zu bewerten. Auf der anderen Seite kannte er das
+Alter der laufenden Schiffe und mußte daraus folgern, daß ein Umbau
+weggeworfenes Geld bedeuten würde. Er zögerte deshalb mit der Antwort,
+während ihn der Überseer anscheinend gleichgültig ansah.</p>
+
+<p>Aus den kleinen, scharfen Augen des Herrn Kneis sprach bei aller Ruhe
+eine hohe Intelligenz, und er schloß aus dem Zögern des Konsuls sofort
+auf dessen zurückgehaltene Ansicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p>
+
+<p>»Ich glaube wohl, Herr Kneis,« antwortete Martens jetzt, »aber
+bedenken Sie dabei, daß ich Bankier und nicht Schiffsbauer bin.«</p>
+
+<p>Smiders war von der Antwort des Konsuls Martens wenig befriedigt; er
+hatte sie bestimmter erhofft und fiel darum ein:</p>
+
+<p>»Wir werden morgen den ›Friedrich Barbarossa‹ anlaufen, Herr Kneis.
+Sie treffen dort seinen Kapitän an. Dieser hat bereits zwei meiner
+anderen Dampfer gefahren und ist ein anerkannter Fachmann.«</p>
+
+<p>»Es scheint Smiders auf den Nägeln zu brennen,« dachte Wolf bei sich.
+»Ich werde den Weg nach der ›Grünen Schanze‹ bald wieder einschlagen
+müssen, um auf dem Laufenden zu bleiben.«</p>
+
+<p>Der Oberkellner kam und forderte die beiden Herren auf, an dem
+bestellten Tisch Platz zu nehmen. Martens hatte für seine Gäste an der
+großen Tafel, die mitten im Speisezimmer stand, eine genügende Anzahl
+Gedecke auflegen lassen. Die Speisen wurden gebracht.</p>
+
+<p>Ilse Hergenbach saß in schräger Richtung von Smiders und bemerkte
+sehr bald, wie sie von ihm anhaltend beobachtet wurde. Sie wollte
+nicht hinübersehen. Trotzdem trat aber das Verlangen in ihr auf, die
+siegreiche Kraft ihres Blickes zu erproben.</p>
+
+<p>Sie hatte keine besondere Absicht dabei. Es war nur ein leichtes
+Spiel, das ihr Unterhaltung<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> bieten sollte. Was aber alsdann vorging,
+wußte sie selbst kaum. Nicht ihr Blick siegte, sondern der, der sie
+jetzt traf. Sie erzitterte darunter, und rasch senkten sich ihre
+Lider. — Dabei zwang sie eine unerklärliche Kraft, noch einmal
+hinüberzuschauen. Es wiederholte sich der gleiche Vorgang.</p>
+
+<p>Smiders trat kurze Zeit darauf, ein volles Weinglas in der Hand
+haltend, an die große Tafel heran. Er trank auf das angenehme
+Zusammentreffen in Swinemünde. Sich zu Ilse wendend, sagte er
+leichthin:</p>
+
+<p>»Ich muß Sie schon einmal gesehen haben. Helfen Sie meiner Erinnerung
+nach, Fräulein Hergenbach!«</p>
+
+<p>Er wollte nur, daß sie die Augen zu ihm aufschlug. Sie tat es aber
+nicht und gab kurz zur Antwort:</p>
+
+<p>»Ich wüßte nicht, Herr Smiders!«</p>
+
+<p>»Doch, doch, mein Fräulein,« wiederholte er. »Hoffentlich habe ich
+bald Gelegenheit, mit Ihnen darüber weiter plaudern zu können.«</p>
+
+<p>Wolf, der vor einiger Zeit ans Telephon gegangen war, kam jetzt
+zurück. Seine Züge verrieten großen Ernst.</p>
+
+<p>»Jürgen ist noch nirgends aufgetaucht, weder in den Ortschaften an
+der linken Haffseite, noch zu Hause. Ich habe Armin beauftragt,
+unausgesetzt nachzuforschen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p>
+
+<p>Herta legte sofort Messer und Gabel beiseite.</p>
+
+<p>»Um Gottes willen, Wolf,« sagte sie, »wenn Jürgen ein Unglück
+zugestoßen wäre! Wie schrecklich! Ich mag es nicht ausdenken.«</p>
+
+<p>»Aber verehrte Freundin,« fiel Martens ein, »unserem Riesen Jürgen
+geschieht so leicht nichts. Er wird sich in irgendeinem kleinen Dorf
+aufhalten und kein Telephon zur Verfügung haben. — Mein Gott, wie
+bleich Sie plötzlich aussehen, Fräulein Hergenbach,« fuhr er, zu
+dieser gewandt, fort. »Ist Ihnen etwas?«</p>
+
+<p>Ilse schüttelte mit dem Kopf, brachte aber kein Wort heraus. Es
+schnürte ihr förmlich die Kehle zu. Wenn Jürgen in eine Fischwake
+geraten und tot wäre! Sie malte sich in diesem Augenblick das
+Entsetzlichste aus. Eine fieberhafte Unruhe bemächtigte sich ihrer. Es
+drängte sie, überall selbst nachzufragen. Nur nicht die Ungewißheit
+länger ertragen, was mit ihm geschehen sein konnte. Sie kam zu einem
+Entschluß.</p>
+
+<p>»Tante Herta, der Anruf von Stettin kann jeden Augenblick erfolgen!
+Dein Bruder hat noch nicht gegessen. Ich gehe ans Telephon!« Sie
+sprang auf und eilte hinaus, ohne eine Antwort von Fräulein Plüddekamp
+abzuwarten.</p>
+
+<p>Konsul Martens sah ihr erstaunt nach, während Wolf eine hastige
+Bewegung machte, als ob er ihr folgen wollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p>
+
+<p>»Es ist höchst unnötig, daß sich Fräulein Ilse in dem kalten
+Telephonraum aufhält,« stieß er dann ärgerlich aus. »Sowie der Anruf
+kommt, holt mich doch der Kellner.«</p>
+
+<p>Konsul Martens lächelte fein.</p>
+
+<p>»Fräulein Hergenbach tritt in letzter Zeit viel selbständiger auf,«
+sagte er zu dem Geschwisterpaar. »Es scheint, als ob ihr Charakter ein
+ganz anderer ist, als sie anfangs zeigte.«</p>
+
+<p>»Sie hat bald mehr Interesse für Jürgen, als wir selbst,« murmelte
+Wolf vor sich hin. Der Braten, den er sich bestellt hatte, war durch
+seine Abwesenheit kalt geworden und schmeckte ihm nicht mehr. Er stand
+plötzlich auf, in der Absicht, Ilse Gesellschaft zu leisten.</p>
+
+<p>»Bleib, Wölfchen,« sagte Herta, »es hat doch wirklich keinen Zweck,
+wenn ihr zu zweit dort draußen aufpaßt. Laß Ilse ihren Willen und
+unterhalte dich lieber mit uns.«</p>
+
+<p>»Hast wohl noch keine Nachricht von deinem Bruder, Wolf?« rief Smiders
+auf einmal herüber.</p>
+
+<p>»Nein!« klang es zurück. »Unser Prokurist telephoniert überallhin.«</p>
+
+<p>»Ich will meinem Büro auch den Auftrag geben,« bemerkte Smiders darauf
+und erhob sich lässig. »Entschuldigen Sie, Herr Kneis, ich komme
+sofort wieder.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p>
+
+<p>Wolf trat ihm aber in den Weg und sagte: »Laß dies, bitte! Es hat
+wirklich keinen Zweck, wenn du deine Leute noch bemühst. Unser
+Prokurist traf bereits die umfassendsten Maßnahmen.«</p>
+
+<p>»Aber es geht doch schneller, wenn von zwei Seiten angefragt wird,«
+wehrte Smiders ihn ruhig ab und schritt weiter der Tür zu.</p>
+
+<p>In Wolfs Gesicht kämpfte jetzt Ärger und Unwille. Er kannte die
+Zudringlichkeit von Smiders und wollte nicht dulden, daß dieser mit
+Ilse allein war.</p>
+
+<p>Konsul Martens sah der kleinen Szene interessiert zu.</p>
+
+<p>»Merkwürdig,« sagte er, sich zu Herta wendend, »das Telephon muß heute
+eine besondere Anziehungskraft haben. Jetzt wollen sie sich schon
+zu dritt dort aufhalten. Unser braver Jürgen wird sich sicher bald
+melden, denn er steht gewiß mehr Sorge um uns aus, als wir seinetwegen
+zu haben brauchen.«</p>
+
+<p>Diese Worte sollten sich bewahrheiten, noch ehe die beiden Herren das
+Speisezimmer verlassen hatten, öffnete sich die Tür, und Ilse kam mit
+freudestrahlender Miene herein. Sie rief schon von weitem:</p>
+
+<p>»Welch ein Glück, Tante Herta! Dein Bruder ist wieder zu Hause! Ich
+habe soeben mit ihm selbst telephonisch gesprochen.« Ihr ganzes Wesen
+atmete eine Leidenschaftlichkeit aus, die allen auffallen mußte. Sie
+schien wie von einem Rausch erfaßt zu sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span></p>
+
+<p>»Erzähle nur ruhig, Ilse, wie es ihm ergangen ist,« erwiderte Herta.</p>
+
+<p>Diese nahm sich sofort zusammen. »Dein Bruder hat unterwegs ein paar
+Fischer angetroffen und sich nach Stepenitz bringen lassen. Von dort
+ist er mit dem nächsten Zuge direkt nach Stettin gefahren, weil er
+hörte, daß der Amerikadampfer nicht ausgelaufen wäre.«</p>
+
+<p>Wolf und Smiders traten ebenfalls an den Tisch heran, als Ilse weiter
+fortfuhr:</p>
+
+<p>»Herr Plüddekamp fragte mich sofort über alles aus, und ich habe kurz
+berichtet, daß uns der ›Fritjof‹ hierherschleppte. Wir werden mit dem
+Abendzug von ihm erwartet.«</p>
+
+<p>»Ich bin recht froh,« sagte Herta in herzlichem Tone, »daß wir nun
+beruhigt sein können!«</p>
+
+<p>»Du glaubst nicht, Tante Herta, wie mir zumute wurde, als ich deines
+Bruders Stimme durch das Telephon vernahm. Er war doch wieder da und
+ihm nichts zugestoßen.«</p>
+
+<p>Sie brachte diese Worte mit einer solchen Wärme des Ausdrucks hervor,
+daß Konsul Martens leicht den Kopf schüttelte und vor sich hinsprach:</p>
+
+<p>»Sonderbar, ich hätte doch gedacht —! Aber man lernt im Leben nie
+aus.« —</p>
+
+<p>Während der gemeinsamen Fahrt nach Stettin sagte Smiders zu Wolf:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p>
+
+<p>»Hätte nicht geglaubt, daß ich in Swinemünde so famose Stunden
+verleben würde. Gefällt mir riesig, mit euch zusammen zu sein. Du hast
+doch nichts dagegen, wenn ich euch in den nächsten Tagen meinen Besuch
+mache?«</p>
+
+<p>Wolf hatte schon auf der Zunge, zu antworten: »Es ist mir viel
+angenehmer, wenn du wegbleibst,« war aber gezwungen, ihm gerade das
+Gegenteil auszudrücken.</p>
+
+<p>Als der Zug in den Bahnhof einlief, stand die mächtige Gestalt Jürgens
+auf dem Perron. Er erwartete seine Geschwister. Herta stieg zuerst
+aus; er schloß sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn. Hierin
+lag der Ausdruck einer hohen Freude, sie wieder glücklich bei sich
+zu haben. Wolf und Martens schüttelte er derb die Hand. Dann stand
+plötzlich Ilse vor ihm, und er mußte ihr ebenfalls ein paar Worte
+sagen. Ihre Blicke strahlten ihm derartig entgegen, daß er davon
+peinlich berührt wurde.</p>
+
+<p>»Ich sandte Ihnen einen Wunsch nach, als Sie den gefahrvollen Weg
+über das Eis antraten, Herr Plüddekamp,« sagte sie mit ihrer tiefen
+Altstimme, »und er ist mir in Erfüllung gegangen.«</p>
+
+<p>Jürgen wurde seiner Antwort enthoben, da Martens, Smiders und der
+lange Hamburger dazwischen kamen.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p>
+
+<h2>XIII.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Die Unruhe kehrte im Plüddekampschen Hause ein. Nach einer kurzen
+Nachtmahlzeit waren die Geschwister und Ilse auf ihre Zimmer gegangen.
+Wolf lief in dem seinen aufgeregt hin und her.</p>
+
+<p>Er verstand Ilses Verhalten nicht. Es war kein leichter Flirt, den
+sie trieb, oder ein unbewußter Drang erwachender Leidenschaft.
+Einen Augenblick hindurch fühlte er Liebe und Hingebung bei ihr,
+blitzschnell ging es vorüber. Martens lächelte sie verheißungsvoll an,
+dem fatalen Smiders schenkte sie Aufmerksamkeit, und Jürgen — sie
+sorgte sich um ihn, als ob er ihr nahestände. Sie fesselte jeden, der
+ihr in den Weg trat, und wehrte dann durch plötzliche Stummheit von
+sich ab. Was ging in ihr vor? Hatte sie überhaupt kein Herz — die
+Hexe Ilse? Eine wirkliche Hexennatur will niemand beglücken, — es
+gelüstet sie nach Vernichtung, wie Herta sagte.</p>
+
+<p>Die Gedanken marterten ihn. Er versuchte zu schlafen und fand keinen
+Schlaf.</p>
+
+<p>Sollte er sie zu seiner Frau machen? Wie kam es, daß er erst jetzt
+daran dachte! Jürgen und Herta würden sich dagegen stellen. Aber Ilse,
+— bei einem solchen Entschluß mußte sie ihm Rede stehen. — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p>
+
+<p>Ilses Zimmer lag im zweiten Stockwerk. Sie war langsam die Treppe
+hinaufgestiegen und hatte sich flüchtig umgesehen, da die zwei Brüder
+noch einen Augenblick auf dem Korridor stehen blieben. Jürgen, der
+große, kräftige Mann, — daneben die schlanke, biegsame Gestalt des
+jüngeren Wolf, — beide konnten wohl einem jungen Mädchen gefallen.</p>
+
+<p>In ihrem Zimmer angekommen, entkleidete sie sich langsam, und ihr
+Blick streifte dabei ein paarmal den hohen Pfeilerspiegel. Ein
+bleiches Gesicht sah ihr entgegen, aus dem die Augen mit stark
+leidenschaftlichem Ausdruck hervortraten. — War sie das selbst
+— Ilse Hergenbach? Sie mußte es wohl sein! Und doch kam ihr das
+Spiegelbild vollständig fremd vor. Hatte sie sich so verändert? Das
+Blut rollte ihr heiß durch die Adern — in ihrem ganzen Wesen ging
+eine seltsame Wandlung vor. — Sie wollte die Arme ausbreiten, um
+ein Schemen an sich zu ziehen. Ihr ganzer Körper dehnte und streckte
+sich, und sie empfand ein Verlangen, über das sie sich selbst keine
+Rechenschaft geben mochte. Wolfs Neigung erwiderte sie nicht. Sie
+fühlte, daß die von Jürgen ausströmende Kraft ihr Fühlen immer stärker
+beherrschte. Wie lange hatte sie das Leidenschaftliche ihres Wesen
+schon zurückdämmen müssen! Würde es jetzt jede Schranke hinwegreißen?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p>
+
+<p>»Jürgen! Jürgen!« stieß sie laut aus.</p>
+
+<p>Was konnte sie ihm sein? Würde er sie verstehen? Ein Mann, der für
+die Liebe zur Frau keine Zeit fand, mußte doch beglückt sein, wenn
+sie sich ihm rückhaltslos darbot. Aber — kannte sie sich selbst?
+Jener Augenblick in Swinemünde trat plötzlich mit erschreckender
+Deutlichkeit vor sie hin. Sie zuckte darunter wie unter einem
+Peitschenhiebe zusammen. Ein heißer Blick — ein überlegenes Lächeln
+tauchte vor ihr auf. Wer war dieser Mann, der es wagte, ihr so zu
+begegnen? Das Blut floß ihr wild durch die Adern, es prickelte in
+allen Nerven ihres Körpers. Sie mußte daran denken, ob sie es auch von
+sich abschütteln wollte.</p>
+
+<p>»Jürgen! Jürgen!« stöhnte sie leidenschaftlich auf.</p>
+
+<p>Welche widerstreitenden Gefühle regen sich im Menschen! Was ist Liebe?
+Was ist Leidenschaft? Wie wirr geht beides durcheinander, und keins
+vermag die Oberhand zu erringen!</p>
+
+<p>Es dauerte eine geraume Zeit, ehe das Licht in Ilses Zimmer erlosch.
+Über dem alten Kaufherrnhause ging in der klaren Winternacht der
+Mond mit hellem Schimmer auf. Sein milder Schein glitzerte auf den
+Fensterscheiben, er drang aber nicht durch die dichten Vorhänge, um
+ruhelose Seelen friedvoll zu stimmen. — — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p>
+
+<p>In den Straßen der Stadt war durch den starken Schneefall eine gute
+Schlittenbahn entstanden. Die in der Wintersonne aufleuchtende weiße
+Decke warf ihren Glanz in die Kontorstube, in der jetzt Jürgen und
+Wolf die Lagerbücher einer Prüfung unterzogen.</p>
+
+<p>»Es fehlen noch eine Anzahl Lieferungen,« bemerkte der erstere,
+»sobald das Eis taut und die Schiffahrt beginnt, müssen wir für den
+Export gerüstet sein.«</p>
+
+<p>»Wie steht es mit Oberamtmann Wichers?« fragte alsdann Wolf. »Er
+wollte doch über zehntausend Zentner mehr liefern.«</p>
+
+<p>Jürgen nahm das Haustelephon zur Hand, drückte auf den Knopf und
+sprach zum Prokuristen Armin hinüber.</p>
+
+<p>»Wieviel Zentner Roggen haben wir aus Wershagen herein? Hm, hm,«
+machte er gedehnt. »Es hat in der letzten Zeit gestockt,« wandte er
+sich an seinen Bruder. »Armin gibt an, daß erst die ungefähre Hälfte
+gesandt ist.« Er legte das Hörrohr wieder fort. »Du wirst nachhelfen
+müssen, Wolf, — bist auch recht lange nicht in Wershagen gewesen.«</p>
+
+<p>»Wie soll ich jetzt hinauskommen, Jürgen?« erwiderte dieser. »Zum
+Reiten ist es mir zu kalt. Auch liegt der Schnee sehr hoch.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p>
+
+<p>»Bist du auf einmal schwerfällig!« meinte Jürgen. »Es ist doch die
+schönste Schlittenbahn von der Welt! Du wirst warm eingepackt und
+landest in zwei bis zweieinhalb Stunden in Wershagen.«</p>
+
+<p>Wolf zog ein gelangweiltes Gesicht. »Eine endlose Fahrt, Jürgen! In
+Gesellschaft lasse ich sie mir gefallen, aber stundenlang allein im
+Schlitten zu sitzen, kannst du mir wirklich nicht zumuten.«</p>
+
+<p>»Du hast es doch früher getan!« entgegnete Jürgen erstaunt. »Ich
+wundere mich überhaupt, daß du nicht mehr nach Wershagen hinausfährst.
+Was soll Oberamtmann Wichers von uns denken? Dir fiel es immer zu, den
+gesellschaftlichen Verkehr aufrechtzuerhalten.«</p>
+
+<p>»Fahr du doch hinaus, Jürgen!«</p>
+
+<p>»Ich bin hier nicht abkömmlich! Dann machst du auch deine Sache in
+Wershagen besser als ich.«</p>
+
+<p>»Ich will aber in Lieschen Wichers keine Hoffnung erwecken,« brummte
+der junge Mann, »was soll schließlich daraus werden?«</p>
+
+<p>»Soooo,« dehnte Jürgen das Wort aus, »Mieze Thadden siegt also im
+Rennen —«</p>
+
+<p>»Ich denke nicht daran, Jürgen!« sagte Wolf.</p>
+
+<p>»Holla, mein Junge! Was ist auf einmal mit dir los? Du pendelst doch
+schon lange zwischen den beiden hin und her.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span></p>
+
+<p>»Ich höre damit auf, Jürgen!«</p>
+
+<p>»Du bist heute recht ungemütlich, Wolf,« lachte Jürgen auf. »Das kommt
+von deinem Junggesellentum. Du darfst es mir nicht nachmachen. Es wird
+Zeit, daß du dich entscheidest. Haus Plüddekamp braucht einen Erben.
+Das ist doch klar!«</p>
+
+<p>»Gewiß, Jürgen! Aber ich habe keine Lust, mir eine Frau zu nehmen, die
+nicht zu mir paßt. Vielleicht stellt sich über Nacht ein guter Gedanke
+ein, dann bin ich sofort dabei.«</p>
+
+<p>»Vorsicht, Wölfchen! Doppelte Vorsicht! Ein kluger Geschäftsmann wägt
+erst und dann wagt er. Hast du es getan?«</p>
+
+<p>»Ich denke noch nicht daran,« brachte Wolf unwillig hervor. »Warum
+fragst du mich so aus? Du willst mir meine Freiheit lassen und legst
+jetzt Daumenschrauben an.«</p>
+
+<p>»Kalt Blut,« sagte Jürgen begütigend, »es ist nicht so einfach damit.
+Die Herrin für Haus Plüddekamp muß vollwertig sein, sonst gibt Herta
+das Zepter nicht ab. Schaffe uns keine schwierige Lage. Von vornherein
+soll volle Klarheit herrschen.«</p>
+
+<p>»Du bist ein schrecklicher Mentor, Jürgen, und wirst es noch dahin
+bringen, daß ich aus dem alten Nest flügge werde.«</p>
+
+<p>»Auf keinen Fall, Wolf!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>»Wieso, Jürgen? Du und Herta seid hier genug! Du versorgst
+vortrefflich das Geschäft, Herta ebenso das Haus. Außerdem hast du
+noch Armin zur Seite. Wenn ich die Zinsen von meinem Vermögen nehme,
+kann ich überall bequem auskommen. Ich halte es Herta gegenüber für
+ausgeschlossen, bei einer Verheiratung hier zu bleiben.«</p>
+
+<p>»Junge! Wolf! Das geht ja über die Hutschnur und Pappelbäume! Du, mein
+Bruder, ein Plüddekamp, und aus dem Plüddekampschen Hause fort — das
+leide ich einfach nicht! — Deine Söhne brauchen mich doch! Ich muß
+sie zu tüchtigen Kaufleuten erziehen, die unserer Firma einst Ehre
+machen!«</p>
+
+<p>»Du bist wirklich großartig, Jürgen! Deine Sorge um mich — in allen
+Ehren. Daß du aber schon so weit gehst, meine Söhne, die noch gar
+nicht auf der Welt sind, unter deine Fuchtel nehmen zu wollen —«</p>
+
+<p>»Na, ja,« unterbrach ihn Jürgen lachend, »hör nur auf! Ich will dir
+wirklich dein Recht nicht rauben, Wölfchen! — Jetzt bestelle ich den
+Schlitten, damit du noch zur Tischzeit in Wershagen eintriffst.«</p>
+
+<p>»Nein!« Wolf hatte es kurz ausgestoßen. »Ich kann heute nicht. Ich
+habe auch keine Laune dazu.«</p>
+
+<p>»Ja, zum Teufel, was ist eigentlich mit dir los!« wurde Jürgen
+aufgebracht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p>
+
+<p>»Vorläufig noch gar nichts, aber es kann noch werden.«</p>
+
+<p>»Du sprichst in Rätseln, Wolf.«</p>
+
+<p>»Die Lösung sollst du bald erfahren!«</p>
+
+<p>Jürgen ahnte bereits, wohin dies zielte. Er wollte aber nicht
+gewaltsam auf seinen Bruder einwirken und überlegte einen Augenblick,
+wie er die Angelegenheit mit Wershagen am besten regeln konnte.</p>
+
+<p>Inzwischen ertönte auf der Straße helles Schellengeläut. Ein großer
+Jagdschlitten mit prächtigen Rappen, die von der schnellen Fahrt
+dampften, hielt vor dem Toreingang.</p>
+
+<p>»Das klappt geradezu wunderbar!« rief Jürgen aus. »Sieh nur hinaus,
+Wölfchen! Die Wershagener sind da! Was für ein rosiges Gesicht dort
+aus der Pelzkappe hervorschaut und neugierig zu unseren Fenstern
+herüberlugt, ob nicht ein gewisser junger Herr zugegen ist! Erkennst
+du Lieschen Wichers nicht?«</p>
+
+<p>»Ja, ich sehe wohl,« murrte Wolf, »nun haben wir sie auf dem Halse.«</p>
+
+<p>»Das war kein schönes Wort von dir, Wolf! Wichers sind prächtige
+Menschen, und ich freue mich, wenn sie zu uns kommen. Ein Beweis, na
+— ich schweige —«</p>
+
+<p>Er griff hastig nach seiner blauen Mütze und eilte zum Toreingang,
+um den Oberamtmann und seine<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> Tochter zu begrüßen. Ehe er an den
+Schlitten trat, drückte er auf den Kopf der elektrischen Leitung,
+die nach dem Stall führte. Die Pferde vor dem Wershagener Schlitten
+sollten ausgespannt werden.</p>
+
+<p>Oberamtmann Wichers war ein untersetzter rundlicher Herr mit roten
+Backen und einem starken blonden Vollbart. Er stieg aus dem Schlitten
+und reichte seinem Kutscher die Zügel hin. Dann half er seinem
+Töchterchen, die dem großen Pelzfußsack entrinnen wollte. Er wurde
+dabei sofort von Jürgen unterstützt, nachdem sie sich mit biederem
+Handschlag begrüßt hatten.</p>
+
+<p>»Muß doch selbst einmal hersehen, lieber Herr Plüddekamp,« meinte der
+Oberamtmann. »Wir haben Ihren Herrn Bruder fast täglich erwartet. Er
+ist hoffentlich nicht krank! Mein Lieschen verlangt nach ihrem Partner
+im Klavierspiel. Ich habe sie darum gleich mitgebracht.«</p>
+
+<p>Lieschen Wichers, die in dem gesunden, frischen Aussehen ganz ihrem
+Vater glich, legte jetzt ihre kleine Hand in die mächtige Rechte
+Jürgens hinein.</p>
+
+<p>»Guten Tag, Herr Plüddekamp! Ich will wirklich nicht stören und habe
+vieles in der Stadt zu besorgen. Der Schlitten soll mich weiterfahren.
+Vater hat ja mit Ihnen geschäftlich zu sprechen.«</p>
+
+<p>»I wo,« sagte Wichers, »du wolltest doch —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span></p>
+
+<p>»Aber Papa! Das war nur so nebenbei —«</p>
+
+<p>Jürgen lächelte verständnisvoll. Er sah dem kleinen Landfräulein
+ganz deutlich an, daß ihr Herz nach dem hübschen Wolf Sehnsucht
+empfand. Dieser war inzwischen langsam nachgekommen. Er schüttelte dem
+Oberamtmann kräftig die Hand und begrüßte dann Lieschen Wichers, die
+ihn mit ihren blauen Augen freundlich anlächelte.</p>
+
+<p>»Wenn der Prophet nicht zum Berge kommt, muß der Berg wohl zum
+Propheten kommen,« meinte der Oberamtmann mit wohlgefälligem Lachen,
+»da sind wir nun! Immer eine kleine Weltreise nach Stettin herein,
+aber bei der prächtigen Schlittenfahrt ganz wunderbar. Sie hätten nur
+sehen sollen, wie meine Rappen auf der Landstraße dahinstoben! Solche
+glatte Bahn gab es lange nicht.«</p>
+
+<p>»Wir wollen aber nicht in der Kälte stehen bleiben!« sagte Jürgen.
+»Wolf, du begleitest wohl Fräulein Wichers zu Herta. — Lieber
+Oberamtmann,« wandte er sich an diesen, »wir haben das Geschäftliche
+mit zwei Worten abgemacht und setzen uns dann an den Frühstückstisch.«</p>
+
+<p>»Ist mir nur angenehm,« erwiderte Wichers. »Ich habe zwar heute
+morgen tüchtig vorgelegt, aber nach der Fahrt bekomme ich immer einen
+Mordshunger.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p>
+
+<p>»Um so besser,« fiel Jürgen ein, »es geht nichts über eine gemütlich
+lange Frühstückssitzung, die liebt jeder gute Pommer.«</p>
+
+<p>Die beiden Herren gingen in das Kontor, während Lieschen Wichers und
+Wolf die große Treppe emporstiegen. Als dieser ihr dann behilflich
+war, die äußeren warmen Hüllen abzunehmen, eilte Ilse sofort herbei.
+Wolf stellte kurz vor: »Fräulein Ilse Hergenbach, die Tochter einer
+Freundin Hertas — Fräulein Lieschen Wichers aus Wershagen.«</p>
+
+<p>Die schlanke Figur Ilses überragte das junge Mädchen bedeutend. Sie
+standen jetzt nebeneinander, und Wolfs Augen konnten über beide
+prüfend hinweggleiten. Ein Blick sagte ihm, daß das einfache Äußere
+von Lieschen Wichers niemals Ilse die Wage halten konnte. Was
+verkörperte sich alles in diesem seltsamen Geschöpf!</p>
+
+<p>Herta, die jetzt gekommen war, drückte Lieschen freundlich die Hand
+und zog sie mit sich in den kleinen Damensalon hinein. Ilse und Wolf
+blieben einen Augenblick allein zurück.</p>
+
+<p>»Ilse,« flüsterte er, und ein Zittern lief dabei durch seinen Körper,
+»seitdem ich dich im Arm gehalten, bin ich vollständig ruhelos. Ich
+habe mich die Nacht zu einem Entschluß durchgerungen und ich muß dich
+unbedingt sprechen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p>
+
+<p>Sie gab ihm keine Antwort darauf.</p>
+
+<p>»So rede doch!« wurde er aufgeregter. »In einem Augenblick sind wir
+wieder mit den anderen zusammen.«</p>
+
+<p>Sie schwieg jedoch beharrlich, und als sein Auge leidenschaftlich
+das ihre suchte, sah sie über ihn hinweg in das Dunkel des langen
+Korridors hinein.</p>
+
+<p>»Ilse, du bringst mich noch zur Verzweiflung! Sprich endlich! Du hast
+doch an meiner Brust gelegen! Dein Mund duldete meine Küsse, und nun
+—«</p>
+
+<p>Sie trat schnell in das Speisezimmer. Wolf stampfte mit dem Fuße auf,
+und ihr hastig nacheilend, flüsterte er im Vorbeigehen: »Es muß anders
+werden, Ilse, sonst hast du mich auf dem Gewissen!«</p>
+
+<p>Lieschen Wichers schaute sich schon ein paarmal um, wo Wolf blieb.
+Als er jetzt, kaum Herr seiner Erregung, in den Salon trat, sah sie
+erstaunt zu ihm auf. Das war Wolf Plüddekamp nicht mehr, er schien ein
+ganz anderer geworden zu sein. Seine Blicke irrten unruhig umher, als
+er sie fragte:</p>
+
+<p>»Wie schaut es in Wershagen aus! Wohl alles verschneit?«</p>
+
+<p>»Ach — reizend!« erwiderte sie. »Sie sollten es nur sehen, Herr
+Plüddekamp! Auf den Dächern und Bäumen die großen Schneelasten, neben
+den Fahrwegen hohe weiße Mauern, und auf dem Futterplatz<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> die lieben
+Tauben, Hühner und viele kleine, arme Wintervögel. Ich verschaffe
+ihnen reichliches Futter. Papa muß es schon herausrücken.«</p>
+
+<p>Herta nickte ihr freundlich zu.</p>
+
+<p>»So ist es recht, Fräulein Wichers! Nur für die armen Tierchen sorgen,
+wenn der Winter hart und kalt ist. Hier in der Stadt liest man immer
+in den Zeitungen: Sorgt für die Vögel! Sorgt für die Zughunde! und
+wie die schönen Aufrufe alle heißen. Ich bin im Tierschutzverein und
+suche namentlich die kleinen Hundewagen auf, die Milch, Gemüse und
+Kartoffeln von draußen hereinschaffen. Bauersleute und Händler haben
+nicht immer ein warmes Herz für die armen Tiere.«</p>
+
+<p>Wolf nahm einen Platz, von dem aus er in das Speisezimmer sehen
+konnte. Lieschen Wichers plauderte in ihrer harmlosen Weise weiter.
+Er hörte es kaum. Seine Blicke bohrten sich förmlich in das andere
+Zimmer, ob sich Ilse nicht zeigen würde. Er bemerkte dann, wie sie mit
+den großen grauen Augen vorsichtig herüberlugte. Sie suchte ihn nicht,
+sie sah Lieschen Wichers an. War dies Neugierde, oder war es mehr?
+Zeigte sie Eifersucht — dann stand ja alles gut für ihn.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p>
+
+<h2>XIV.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Rittergut Wershagen war Jahrhunderte im Besitz einer alten adligen
+Familie gewesen. Der letzte Herr von Wershagen verlor beide Söhne
+kurz nacheinander, und er selbst wurde bei seinem hohen Alter
+müde, den großen Gutsbetrieb weiter zu leiten. Ohne Nachkommen,
+beschloß er endlich schweren Herzens, das Rittergut zu verkaufen.
+Oberamtmann Wichers, der lange Jahre Domänenpächter gewesen war,
+hatte Wershagen preiswert erstanden. Als hochbegabter Landwirt
+brachte er den schönen Besitz zu außerordentlicher Ertragsfähigkeit.
+Wershagen wurde ein Mustergut, das seiner Kornerträgnisse wegen in
+den landwirtschaftlichen Jahrbüchern die größte Anerkennung fand.
+Wichers hatte keinen Sohn, der Wershagen einst übernehmen konnte. Die
+ganze Zärtlichkeit richtete sich deshalb auf seine Tochter Lieschen.
+Mehrere Freier aus der Nachbarschaft pochten an, die das hübsche
+Oberamtmannstöchterlein mit der Aussicht auf die wertvolle Besitzung
+Wershagen gern heimführen wollten. Aber Lieschen<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> Wichers schaute nur
+nach einem aus, den ihr Herz ersehnte — Wolf Plüddekamp.</p>
+
+<p>Schon im verflossenen Jahre hoffte sie, daß er um sie anhalten würde.
+Er blieb aber stets gleichmäßig vertraulich, obwohl ihr Auge zuweilen
+recht offen zu ihm sprach. Sie standen wie ein Paar gute Freunde
+zueinander.</p>
+
+<p>Bei Lieschen Wichers ging in der letzten Zeit eine bedeutende
+Veränderung vor sich. Durch die lange Abwesenheit von Wolf empfand sie
+eine derartige Sehnsucht nach ihm, daß sie ihren Vater zu Plüddekamps
+begleitete. Oberamtmann Wichers wußte recht gut, wie es mit seinem
+Töchterchen bestellt war, und wollte sie gern glücklich sehen. —</p>
+
+<p>Nach dem Frühstück im Plüddekampschen Hause machten sie noch einige
+Besorgungen und fuhren dann heimwärts. Das kleine Landfräulein
+verhielt sich an der Seite ihres Vaters recht einsilbig.</p>
+
+<p>»Was hast du nur, Mädel?« fragte der Oberamtmann. »Du sitzt da wie
+eine verirrte Hoftaube.«</p>
+
+<p>»Mir ist nichts, Vater,« erwiderte sie ernst.</p>
+
+<p>»Du freutest dich doch so sehr auf die Fahrt, Lieschen!«</p>
+
+<p>»Gewiß, Vater! Es war aber alles anders, wie ich es mir dachte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p>
+
+<p>»Hm,« machte dieser und zog die Zügel der Rappen fester an, daß sie
+in scharfen Trab fielen. »Es ist mir bei Plüddekamps aufgefallen, daß
+sich Wolf völlig verändert hat. Er kommt mir hochgradig nervös vor. In
+seinem Alter müssen die Nerven wie Schiffstaue sein. Mir scheint, daß
+das Fräulein aus Nordhausen keinen guten Einfluß auf die Geschwister
+ausübt.«</p>
+
+<p>»Ich denke es auch, Vater,« erwiderte Lieschen. »Es trat leider sehr
+deutlich für mich hervor.«</p>
+
+<p>»Ja, ja,« knurrte der Alte vor sich hin, während der Schlitten auf der
+glatten Bahn und bei der raschen Fahrt leicht zu schlenkern begann.</p>
+
+<p>»Du wolltest schon lange Plüddekamps zu uns einladen,« setzte Lieschen
+das Gespräch nach einer Weile fort; »jetzt ist die beste Gelegenheit
+dazu.«</p>
+
+<p>»Hast recht, Kind,« sagte der Oberamtmann. »Die Wildgänse und
+Wildenten fallen seit Tagen scharenweise ein. Jürgen ist unser
+bester Jäger. Wir bitten seine Geschwister, mit nach Wershagen
+herauszukommen, und geben ein Jagdessen — natürlich tipp-topp.«</p>
+
+<p>»Das ist reizend, Vater! Wie gern bin ich damit einverstanden! Unsere
+Wildkammer ist noch reichlich gefüllt. Aber Fräulein Hergenbach ladest
+du doch nicht mit ein?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p>
+
+<p>»Kind!« Wichers wandte sich um und sah sie erstaunt an. »Es geht kaum
+anders! Sie ist in der Familie Plüddekamp aufgenommen. Wir begingen
+einen Verstoß, wenn wir sie bei der Einladung ausschließen würden.«</p>
+
+<p>Lieschen Wichers senkte den Kopf.</p>
+
+<p>»Sie gefällt mir aber ganz und gar nicht, Vater,« stieß sie plötzlich
+aus.</p>
+
+<p>»Mir auch nicht,« brummte der Oberamtmann. »Hat ein Paar Augen im
+Kopfe wie eine Katze, die auf Raub lüstern ist. Läßt sich aber nichts
+dran ändern, Lieschen, muß mit in den Kauf genommen werden.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Schlittenbahn blieb gut. An Plüddekamps ging eine Einladung zur
+Jagd mit anschließendem Jagddiner in Wershagen sofort ab. Der Tag kam
+heran.</p>
+
+<p>Lieschen Wichers hatte ein pelzbesetztes grünes Jagdkostüm angelegt,
+das sie allerliebst kleidete. Herta gab ihrem jüngeren Bruder einen
+leichten Rippenstoß.</p>
+
+<p>»Wölfchen,« flüsterte sie, »sieh einmal Lieschen an! Was ist sie doch
+für ein prächtiges, frisches Mädchen.«</p>
+
+<p>Wolf ließ den Blick flüchtig über sie hinweggleiten.</p>
+
+<p>»Ja, ja,« erwiderte er eintönig. Gleichzeitig schaute er schon nach
+Ilse aus, die soeben zu Lieschen<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Wichers trat und sich bei ihrer
+großen, schlanken Figur leicht vornüberneigte, um mit ihr zu sprechen.</p>
+
+<p>Nach einem kurzen Imbiß wurden die Schlittensitze eingeteilt. Es ging
+nach den Seen hinaus, auf denen die wilden Gänse in großer Anzahl
+einfielen. Oberamtmann Wichers trug für seine Frühjahrssaat Sorge. Es
+sollte deshalb unter den Eindringlingen tüchtig aufgeräumt werden.</p>
+
+<p>Eine ganze Reihe tadellos bespannter Schlitten hielt vor dem
+Wohnhause. Die Gäste stiegen ein. Voran fuhr Oberamtmann Wichers mit
+Herta Plüddekamp, dann folgte Jürgen mit Ilse Hergenbach und Wolf
+mit Lieschen Wichers. Ein leerer Schlitten für die bereits draußen
+befindlichen Jäger beschloß den Zug.</p>
+
+<p>Wolfs Schlitten wurde von ein paar flotten, jungen Pferden gezogen,
+die das schönste Schellengeläute trugen. Nun ging es hinaus in die
+prächtige Winterlandschaft nach den zusammenhängenden kleinen Seen.
+Förster und Inspektor von Wershagen sollten dort die Jagdgäste
+empfangen und ihnen den besten Stand anweisen.</p>
+
+<p>Lieschen Wichers plauderte munter drauflos. Wolf hatte vorläufig
+genügend mit seinem jungen Gespann zu schaffen. Die beiden
+Lichtbraunen tänzelten vor dem Schlitten hin und her und waren nicht
+gewillt, in der Reihe zu bleiben. Ihrem Lenker, der<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> sehr viel Sinn
+für allen Sport besaß, machte dies viel Vergnügen.</p>
+
+<p>»Ein Paar tolle Racker,« sagte er zu Lieschen Wichers. »Ihr Papa
+scheint ein großes Vertrauen in meine Fahrkunst zu setzen.«</p>
+
+<p>»Gewiß,« erwiderte Lieschen Wichers stolz, »sonst hätte er Ihnen nicht
+die beiden jüngsten und besten Pferde aus dem Stall gegeben.«</p>
+
+<p>»Alle Hochachtung über die mir zugedachte Ehre, Fräulein Wichers! Sie
+kommen aber schlecht dabei weg.«</p>
+
+<p>»Wieso?« fragte Lieschen erstaunt.</p>
+
+<p>»Ich muß auf die Pferde aufpassen und kann mich nicht Ihnen widmen,
+wie ich es möchte.«</p>
+
+<p>»O, dann lassen Sie mich fahren! Sie wissen doch, ich bin ein
+geschulter Kutscher. Papa hat mir von klein auf die Fahrleine in die
+Hand gegeben.«</p>
+
+<p>Wolf mußte sie lachend abwehren, da sie bereits Anstalten traf, um
+seinen Platz einzunehmen.</p>
+
+<p>»Ich darf doch die Zügel nicht aus der Hand geben! Was würden die
+anderen dazu sagen,« meinte er scheinbar vorwurfsvoll. »Es kommt dem
+Manne zu —«</p>
+
+<p>»Zuweilen ist es ganz angebracht, Herr Plüddekamp, wenn die Frau den
+Mann ablöst,« fiel sie ein, und in ihren blauen Augen glänzte es wie
+klarer Wintersonnenschein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p>
+
+<p>Wolfs Schlitten war dicht an den seines Bruders herangekommen. Die
+Pferde begannen zu galoppieren und wollten vorbei.</p>
+
+<p>»Kein Rennfahren, Wolf!« ließ Jürgen seine starke Stimme erschallen.</p>
+
+<p>Die Lichtbraunen ließen sich aber nicht halten, und Lieschen Wichers
+griff plötzlich in die Zügel hinein.</p>
+
+<p>»Das Sattelpferd kürzer fassen, den Hals links abbiegen, Herr
+Plüddekamp, dann stoppt das Handpferd von selbst,« und wirklich — der
+Ratschlag war gut. Der Schlitten kam wieder in die Reihe hinein.</p>
+
+<p>»Sehen Sie,« lachte das junge Mädchen. »Ein wenig verstehe ich von der
+Fahrkunst meines Vaters.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auf den Wershagener Seen war das Rohr bereits geschnitten. Von
+niedrigem Erlengebüsch umgeben, lag die weite weiße Fläche anscheinend
+still und eintönig da. Eine ganze Strecke vorher blieben die Schlitten
+halten und ihre Insassen stiegen aus. Die vorausgeschickten Stalleute
+hüllten die dampfenden Pferde in wollene Decken ein. Nun stapften
+alle tüchtig durch den Schnee, die Flinten im Arm. Der Förster und
+Inspektor kamen ihnen entgegen.</p>
+
+<p>»Auf dem oberen See liegt ein ganzer Schwarm wilder Gänse, Herr
+Oberamtmann,« meldete der<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Förster. »Wir müssen aber vorsichtig
+heranschleichen, sonst fliegen sie auf. Es sind ein paar große
+Schneewehen davor, die uns einigermaßen decken.«</p>
+
+<p>Jürgen richtete sich auf. Seine ganze Gestalt schien zu wachsen.
+Die Pelzmütze etwas von der Stirn zurückschiebend, schauten seine
+scharfen Augen zu den Seen hinüber. Die Jagdlust erwachte in ihm. Es
+war die einzige Leidenschaft, die er außer seinem Geschäft besaß. Ilse
+betrachtete ihn mit leuchtenden Blicken. Sie hätte laut aufjauchzen
+mögen, so schlug ihr plötzlich das Herz.</p>
+
+<p>Er hatte während der Fahrt mit ihr freundlich geplaudert. Der sonst so
+schweigsame und ernste Geschäftsmann konnte zuweilen dem Leben auch
+frohe Seiten abgewinnen. Jürgen kannte Nordhausen und ihr Elternhaus.
+Er war in früheren Jahren mehrmals dort gewesen, um die geschäftlichen
+Beziehungen fester zu gestalten.</p>
+
+<p>»Was macht ihr zwei nun?« fragte Jürgen, sich an Herta und Ilse
+wendend, die nicht jagdmäßig ausgerüstet waren.</p>
+
+<p>»Wir tragen die Beute heim,« erwiderte Ilse.</p>
+
+<p>»So,« stieß Jürgen gedehnt aus, »sind Sie ihrer schon gewiß?«</p>
+
+<p>»Ich hoffe es bestimmt.« Dabei schaute sie ihn bedeutungsvoll an.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p>
+
+<p>Die Jagd begann. Vorsichtig schlichen alle hinter den mächtigen
+Schneewehen auf den oberen See zu. Jürgen und der Oberamtmann kamen
+schneller vorwärts. Wolf und Lieschen Wichers bogen etwas nach
+links ab, während der Förster und der Inspektor weit voraus mit
+hochgehaltener Hand die Richtung angaben.</p>
+
+<p>»Wir stehen im zweiten Treffen,« sagte Lieschen zu ihrem Begleiter.
+»Der Schwarm steigt also in die Höhe, ehe wir zum Schuß kommen. Wir
+wollen aber den anderen ein Schnippchen schlagen und gehen jetzt ganz
+nach links auf das Erlengebüsch zu. Es bietet uns gute Deckung. Die
+Wildgänse müssen, nach dem Stand der anderen Schützen zu schließen,
+bei uns vorüberfliegen. Wir haben die besten Aussichten, ein paar
+herunterzuholen.«</p>
+
+<p>»Ganz mein Fall!« meinte Wolf, der jetzt Lust bekam, das Jagdglück zu
+erproben. »Sie sind wirklich eine gute Beraterin, Fräulein Lieschen!«</p>
+
+<p>Eine breite Schneewehe lag vor ihnen, sie mußten diese durchschreiten.</p>
+
+<p>»Oho,« lachte Lieschen Wichers laut auf und war tief in den Schnee
+eingesunken. Es schien ihr das größte Vergnügen zu bereiten.</p>
+
+<p>Sofort sprang Wolf an ihre Seite, faßte sie leicht um die Taille und
+hob sie heraus. Er trug hohe Jagdstiefel, es machte ihm nichts aus,
+weit hinein zu geraten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p>
+
+<p>»Sie haben ja staunenswerte Kräfte, Herr Plüddekamp!« rief Lieschen
+belustigt. »Sie heben mich wie eine Daunenfeder hoch.«</p>
+
+<p>Wolf erwiderte in der gleichen Tonart:</p>
+
+<p>»So leicht sind Sie wirklich nicht, Fräulein Lieschen. Ich habe mich
+ganz gehörig plagen müssen,« und er schaute dabei auf ihre rundlichen
+Formen hin.</p>
+
+<p>Sie sah schelmisch zurück.</p>
+
+<p>»Ich habe neue vierhändige Stücke in Stettin gekauft. Kommen Sie bald
+wieder heraus, Herr Plüddekamp. Heute wird doch nichts aus unserem
+Spiel.«</p>
+
+<p>»Warum nicht, Fräulein Lieschen? Nach dem Essen!«</p>
+
+<p>»Ach, das wird endlos bei Papas Flaschenbatterien! Dann fahren Sie
+bald zurück. Ich erwarte Sie also bestimmt in den nächsten Tagen, aber
+als Solokrebs.«</p>
+
+<p>Ihr Auge ruhte mit voller Innigkeit auf ihm, als sie seine zusagende
+Antwort erwartete.</p>
+
+<p>»Ich kann jetzt schwer abkommen, Fräulein Lieschen,« erwiderte er
+zögernd. »Das Frühjahrsgeschäft muß vorbereitet werden. Jürgen läßt
+mich nicht aus dem Kontor fort.«</p>
+
+<p>»Ich sage es ihm selbst, dann tut er es,« fiel sie energisch
+ein. »Seine Anwesenheit reicht aus. Sie kommen mir gar nicht wie
+ein Kaufmann vor, Herr Plüddekamp, und eignen sich viel mehr
+zum Rittergutsbesitzer!<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> Warum haben Sie überhaupt nicht die
+Landwirtschaft erlernt?«</p>
+
+<p>»Daran dachte ich früher nicht,« zuckte Wolf mit den Achseln. »Ich
+wäre am liebsten Offizier geworden. Freilich — der Kaufmannsstand
+paßt mir sehr wenig.«</p>
+
+<p>»Machen Sie es wie die Raupen im Frühjahr, die entpuppen sich.«</p>
+
+<p>»Nein,« schüttelte er mit dem Kopf. »Das Plüddekampsche Hausgesetz
+schreibt mir vor, in den Bahnen meiner Väter zu wandeln.«</p>
+
+<p>»Dann durchbrechen Sie die Regel,« lachte Lieschen hell auf, »wenn
+auch die alten Herren auf ihren Bildern die Köpfe verwundert schütteln
+werden.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick fielen am oberen See eine Anzahl Schüsse schnell
+hintereinander.</p>
+
+<p>»Jetzt wird's die höchste Zeit,« rief Lieschen aus. »Wir müssen an die
+Erlen heran. Laufen wir, Herr Plüddekamp!« Flink wie ein Wiesel rannte
+sie vorwärts.</p>
+
+<p>Sie sah so zierlich und nett dabei aus, daß Wolf seine helle Freude
+hatte und mit langen Sätzen neben ihr hereilte.</p>
+
+<p>»Wir machen es wie unsere Lichtbraunen!« rief Lieschen weiter, »aber
+nicht durchgehen, Herr Plüddekamp!«</p>
+
+<p>Von weitem ertönte schon das starke Geschnatter der Wildgänse.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p>
+
+<p>»Sie steigen auf! Achtung!« stieß sie hastig aus.</p>
+
+<p>Sie blieben mitten im tiefen Schnee stehen, die Flinte im Anschlag.
+Ein Schwarm wilder Gänse kam verwirrt heran. Man sah, wie sie bestrebt
+waren, sich zu ordnen.</p>
+
+<p>»Halten Sie auf die Spitze des Zuges,« rief Lieschen im Jagdeifer,
+»noch ist er nicht hoch und zu erreichen! — Jetzt — Schuß!«</p>
+
+<p>Ein Doppelknall erfolgte. Oben in der Luft schlug eine Wildgans
+gewaltig mit den Flügeln. Der ganze Schwarm stieg rasch höher, während
+die Getroffene immer noch flatternd zurückblieb, langsam niedersank
+und, sich plötzlich überschlagend, tief in die weiche Schneedecke
+herabschoß.</p>
+
+<p>»Was sagen Sie nun, Herr Plüddekamp? Wir zwei haben eine Gans
+geschossen!«</p>
+
+<p>»Ich nicht,« meinte Wolf bedächtig, »ich glaube — ich habe das blaue
+Himmelszelt getroffen.«</p>
+
+<p>»Merken Sie sich die Stelle, an der die Wildgans heruntergegangen ist.
+Es wird nicht lange dauern, dann kommt die zweite Auflage.« Sie schob
+neue Patronen in den Doppellauf des Gewehres hinein.</p>
+
+<p>Wolf setzte seine Büchse ab.</p>
+
+<p>»Ich habe heute kein Jagdglück,« sagte er.</p>
+
+<p>»Doch, Herr Plüddekamp,« fiel Lieschen ein. »Ein Mann wie Sie hat
+immer Glück.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p>
+
+<p>Es kam dies so offen und ehrlich heraus und ihre Augen richteten sich
+so verheißungsvoll auf Wolf, daß er darin hätte leicht lesen können:
+das größte Glück steht an deiner Seite.</p>
+
+<p>Trotz der warmen Strahlen der Sonne flog Wolf ein kalter Schauer über
+den Rücken. Auf einem weiter unterhalb der Seen gelegenen Hügel waren
+Herta und Ilse plötzlich aufgetaucht. Unwillkürlich wandte sich sein
+Blick dorthin. Er seufzte tief auf.</p>
+
+<p>»Was haben Sie?« fragte Lieschen Wichers erstaunt.</p>
+
+<p>»Nichts,« erwiderte er kurz. Er wußte aber wohl, was in ihm vorging.</p>
+
+<p>Ein zweiter Schwarm wilder Gänse und vereinzelte Wildenten zogen
+vorüber, aber in solcher Höhe, daß ein Treffen unmöglich wurde.</p>
+
+<p>»Holen Sie unsere Beute,« bat Lieschen, zu Wolf gewandt. »Ich gehe
+inzwischen zu Ihrer Schwester, und Sie kommen mir dorthin nach.«</p>
+
+<p>Wolf mußte über das Eis des Sees schreiten, die Wildgans war in
+schräger Richtung am jenseitigen Ufer niedergegangen. Lieschen winkte
+ihm noch von weitem mit der Hand. Er kam in dem tiefen Schnee nur
+langsam vorwärts, dabei fröstelte ihn. —</p>
+
+<p>Nach einiger Zeit versammelten sich alle bei den Schlitten. Die jungen
+Lichtbraunen waren recht unruhig, und Jürgen rief seinem Bruder zu:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p>
+
+<p>»Gib gut acht, Wölfchen!«</p>
+
+<p>»Seien Sie ohne Sorge, Herr Plüddekamp!« lachte Lieschen hell auf.
+»Ich bin doch da, um aufzupassen.«</p>
+
+<p>Der erste Schlitten ging im schnellen Trabe voran. Die anderen drei
+folgten. Die Pferde griffen nach dem langen Stehen mutig aus, zumal
+es nach dem Stall ging. Namentlich die Lichtbraunen gallopierten
+fortgesetzt und waren kaum zu bändigen.</p>
+
+<p>»Fahr zu, Wolf!« rief Jürgen laut, »wenn die Braunen voran sind,
+werden sie ruhiger gehen!«</p>
+
+<p>Dieser hatte in dem kurzen Augenblick, während er im Schlitten
+vorbeisauste, einen Blick auf Ilse geworfen. Jürgen hielt seine Pferde
+fest in den Zügeln, sie sah mit den großen Augen stolz zu ihm auf.
+Wolf vergaß vor Ärger die Führung seiner Pferde; der Schlitten ging
+über eine Schneewehe und kam vollständig schräg zu stehen.</p>
+
+<p>»Oho, Wolf!« rief Jürgen ihm nach. »Beinahe hättest du eine Kippe
+gemacht!«</p>
+
+<p>Die Lichtbraunen aber jagten schon eine ganze Strecke voraus, und
+Jürgen wurde besorgt.</p>
+
+<p>»Sein Temperament reißt ihn wieder einmal fort,« brummte er vor sich
+hin. »Hätte Wolf nur mehr Ruhe in sich,« sagte er dann halblaut.</p>
+
+<p>Ilse hatte es gehört und erwiderte:</p>
+
+<p>»Herr Wolf ist manchmal recht ungestüm.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p>
+
+<p>»Sooo,« meinte Jürgen gedehnt, »haben auch Sie dies an ihm bemerkt?«</p>
+
+<p>»Ja,« brachte sie ganz leise hervor, sah ihn aber durchdringend dabei
+an. »Ich habe es über mich ergehen lassen müssen.«</p>
+
+<p>»Müssen!« wiederholte Jürgen scharf. »Nein, Fräulein Hergenbach, Sie
+haben es nicht nötig! Wolf ist noch eine stürmische, nicht abgeklärte
+Natur. Weisen Sie ihn in seine Schranken zurück.«</p>
+
+<p>»Ich werde es tun, Herr Plüddekamp! Aber —« sie stockte.</p>
+
+<p>»Nun und?« fragte Jürgen.</p>
+
+<p>»Wenn Sie, Herr Plüddekamp —«</p>
+
+<p>»Ja, was soll ich dabei,« entgegnete er barsch, »ich stehe doch nicht
+immer neben Ihnen!«</p>
+
+<p>»Sie können viel tun, Herr Plüddekamp. Ihre Worte fallen schwer in
+die Wagschale. Herr Wolf ist manchmal ganz eigenartig zu mir — ich
+weiß selbst nicht, was ich davon halten soll. Ich fühle mich glücklich
+in Ihrem Hause, und doch wird es mir zuweilen schwer, das richtige
+Verhalten in allen Dingen zu finden. Darum bitte ich Sie — Herr
+Plüddekamp — mir beizustehen.«</p>
+
+<p>Er sah sie an. Ihre Augen strahlten in voller Leidenschaft. Es wurde
+einen Augenblick hindurch siedendheiß in ihm. Was für eine Frau saß
+an seiner<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> Seite? Welche Gewalt übte dieses Geschöpf selbst über ihn,
+den ruhigen Mann, aus! Es lag eine große Gefahr in ihr. — Sollte er?
+— Nein, nein, und dreimal nein! — Sein Lebensweg war vorgezeichnet.
+Zurück mit solchen Gedanken! — Er hob die Peitsche und hieb auf
+die Pferde ein, daß sie zum Galopp ansprangen und der Schlitten
+vorwärtsflog. — Er hatte überwunden, und seine eiserne Ruhe kehrte
+zurück.</p>
+
+<p>»Es wäre besser gewesen, Sie kamen nie zu uns,« erwiderte er kalt.
+»Ich habe es auch nicht gewollt. Hätte ich gewußt, welchen Einfluß Sie
+auf Wolf ausüben würden, so wäre ich Herta schärfer gegenübergetreten.«</p>
+
+<p>»Herr Plüddekamp!« schrie sie gequält auf. »Sie nehmen mir durch Ihre
+Worte das Recht, länger in Ihrem Hause zu bleiben.«</p>
+
+<p>»Gewiß nicht, Fräulein Hergenbach! Ich habe meinen ersten
+Standpunkt aufgegeben. Herta sagte mir, daß Sie sehr tüchtig in der
+Hauswirtschaft sind. Ich bitte Sie nur um eins, lassen Sie Wolf ganz
+aus dem Spiele!«</p>
+
+<p>»Ich tue ja alles, daß er mir nicht nahe kommt, Herr Plüddekamp!«
+stieß sie erregt aus. »Ich beeinflusse sein Wesen in keiner Weise.
+Aber wie soll ich mich schützen, wenn er auf mich einstürmt —«</p>
+
+<p>»Kalt bleiben,« sagte Jürgen kurz, »das genügt!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p>
+
+<p>In diesem Augenblick sah er, wie ein Schwarm Krähen, der eine Strecke
+voraus auf der Schneedecke lagerte, plötzlich mit lautem Gekrächze
+aufflog.</p>
+
+<p>Die Pferde Wolfs scheuten vor dieser schwarzen aufsteigenden Wolke
+und jagten in starkem Galopp davon. Lieschen Wichers griff mit beiden
+Händen in die Zügel. Dabei mußte sie zu sehr nach rechts gezogen
+haben, die Pferde bogen vom Wege ab, durchquerten eine Schneewehe und
+kamen aufs freie Feld hinaus. Dort rasten sie im weiten Bogen umher.
+Wolf strengte seine ganze Kraft an, um sie wieder an die Zügel zu
+bringen.</p>
+
+<p>Sie sausten jetzt in vollem Galopp auf den Weg zu. Der Schlitten von
+Jürgen befand sich in gleicher Höhe.</p>
+
+<p>»Weiter rechts, Wolf!« rief Jürgen.</p>
+
+<p>Es war bereits zu spät. Krachend stießen sie zusammen.</p>
+
+<p>Jürgens Schlitten wurde zur Seite geschleudert. Ilse flog heraus
+und schlug mit dem Kopf gegen einen am Wege stehenden Weidenstamm.
+Die Lichtbraunen rannten weiter. Nur mit Mühe konnte Jürgen seine
+ebenfalls aufgeregten Pferde zum Stehen bringen. Die Leine in der
+rechten Hand haltend, stieg er aus und beugte sich zu Ilse hernieder,
+um sie mit seinem freien linken Arm aufzuheben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span></p>
+
+<p>Sie mußte einige Minuten bewußtlos gewesen sein. Als aber Jürgen
+ihren Körper berührte, schlug sie, wie aus einem Traum erwachend, die
+Augen groß zu ihm auf, ihre Arme umschlangen plötzlich seinen Hals,
+sie preßte sich fest an ihn, und »Jürgen, Jürgen!« klang es von ihren
+Lippen.</p>
+
+<p>»Sie vergessen sich, Fräulein Hergenbach,« sagte er ernst und löste
+seinen Arm von ihr. »Für Sie bin ich auch in einem solchen Augenblick
+— Herr Plüddekamp.«</p>
+
+<p>Sie ließ von ihm ab, taumelte zurück und sank in sich zusammen.</p>
+
+<p>»Was ist mit mir geschehen?«</p>
+
+<p>»Haben Sie sich verletzt?« fragte Jürgen kalt.</p>
+
+<p>»Nein!« Sie stöhnte auf, als ob sie eine schwere Wunde empfangen
+hätte. »Es wird vorübergehen.« Dabei versuchte sie, sich aufzurichten.</p>
+
+<p>Mit gewaltiger Kraftanstrengung brachte Jürgen den Schlitten aus dem
+tiefen Schnee wieder auf die Bahn zurück.</p>
+
+<p>»Steigen Sie ein, Fräulein Hergenbach! Herta und Oberamtmann Wichers
+kommen schon heran.«</p>
+
+<p>Ohne ein Wort weiter zu wechseln, fuhren sie nach dem Gutshofe.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p>
+
+<h2>XV.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Über dem Jagdessen hatte eine düstere Stimmung gelegen, die selbst
+Oberamtmann Wichers in seiner jovialen Weise nicht bannen konnte.
+Ilse saß bei Tisch wie eine leblose Statue an Jürgens Seite. Es
+wirkte dies lähmend auf die übrigen Gäste. Selbst Lieschen Wichers,
+das frohsinnige Geschöpf, wurde davon angesteckt. Wolfs Augen waren
+fortwährend auf Ilse gerichtet. Nach Aufhebung der Tafel fuhren
+Plüddekamps sofort nach Stettin zurück.</p>
+
+<p>»Nun brat mir einer eine Gans, aber recht knusprig,« sagte Oberamtmann
+Wichers, als die Geschwister fort waren. »Die Sache hat keinen guten
+Anstrich.«</p>
+
+<p>Lieschen Wichers war auf ihr Zimmer gegangen und weinte bitterlich.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Jürgen und Wolf befanden sich am anderen Tage im Kontor stumm
+gegenüber. Keiner von beiden mochte das Gespräch anfangen. Es lag wie
+eine gefüllte Mine zwischen ihnen, die nicht entzündet<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> werden sollte.
+Prokurist Armin kam wie täglich herein, um von Jürgen die Anordnungen
+entgegenzunehmen. Wolf erhob sich.</p>
+
+<p>»Du mußt mich heute entschuldigen, Jürgen! Ich habe starke
+Kopfschmerzen und will einen Spaziergang machen.« Er stand auf und
+ging hinaus.</p>
+
+<p>Jürgen stützte seinen Kopf schwer auf die Hand. Er besprach dann
+langsam die schwebenden Angelegenheiten.</p>
+
+<p>»Gestern war Herr Konsul Martens hier,« sagte Armin, »er wollte Herrn
+Wolf Plüddekamp fragen, ob Smiders &amp; Sohn den Hamburger Herrn als
+stillen Teilhaber aufgenommen haben.«</p>
+
+<p>Jürgen zuckte mit den Achseln.</p>
+
+<p>»So viel ich weiß, ist es noch nicht so weit. Mein Bruder hat
+wenigstens nichts davon erwähnt.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war Tauwetter eingetreten. Die Straßen waren naß und schlüpfrig,
+von den Dächern tropfte der schmelzende Schnee herab.</p>
+
+<p>Wolf Plüddekamp ging durch die Anlagen, und der sonst so lebenslustige
+junge Mann schien ganz in Gedanken versunken zu sein. Er achtete kaum
+darauf, wer ihm begegnete.</p>
+
+<p>»Holla, junger Freund,« weckte ihn plötzlich die Stimme des Konsul
+Martens, der seinem Geschäft zueilte, aus dem tiefen Sinnen auf.
+»Wohin wollen Sie?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p>
+
+<p>»Ziellos in die Welt!« erwiderte Wolf.</p>
+
+<p>»Das darf man nie, Freundchen,« erwiderte der Bankier. »Man muß stets
+ein Ziel vor Augen haben.« Er sah darauf den jungen Mann schärfer an.
+»Haben Sie gestern eine starke Sitzung gehabt?« fragte er weiter.</p>
+
+<p>»Nein, Herr Konsul! Wir waren in Wershagen zur Jagd.«</p>
+
+<p>»Natürlich hat Jürgen wieder die größte Strecke gehabt.«</p>
+
+<p>»Stimmt auffällig! Er erlegte eine stattliche Reihe Wildgänse.«</p>
+
+<p>»Und Sie?«</p>
+
+<p>»Eine — dabei nur gemeinschaftlich mit Fräulein Lieschen Wichers. Wer
+sie eigentlich getroffen, wußten wir selbst nicht.«</p>
+
+<p>»Macht nichts, lieber Freund! Mit Lieschen Wichers können Sie sich
+ruhig in das Jagdglück teilen. Überhaupt — das Fräulein ist eine
+Partie für Sie! Ich habe schon immer etwas munkeln hören. Greifen
+Sie doch zu! Neulich war der Oberamtmann mit seinem Töchterlein bei
+mir. Ich darf zwar nicht ausplaudern, aber das kann ich Ihnen doch
+sagen, die Staatspapiere, die er auf der Bank liegen hat, werden außer
+Wershagen eine stattliche Mitgift für die einzige Tochter sein. Sie
+können sich dann später den Roggen gleich selbst bauen, den Sie im
+Geschäft brauchen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p>
+
+<p>Wolf hatte den alten Freund der Familie ruhig sprechen lassen. Er
+seufzte jetzt tief auf.</p>
+
+<p>»Es ist richtig, was Sie sagen, Konsul Martens! Ich würde mich
+vielleicht auch eines Tages dazu entschließen, wenn nicht —«</p>
+
+<p>»Nanu,« meinte Martens verdutzt, »haben Sie noch mehr Ernsthaftes im
+Sinne?«</p>
+
+<p>»Ja!« fuhr es Wolf heraus. »Sind Sie eilig, in Ihre Bank zu kommen,
+oder können Sie noch mit mir ein wenig spazieren gehen?«</p>
+
+<p>»Gern,« erwiderte der Konsul. Sie schritten langsam auf den nassen
+Wegen dahin. Hie und da war der Schnee zu einer großen Wasserlache
+geworden, die sie in weitem Bogen umschreiten mußten.</p>
+
+<p>»Sie waren als junger Mann in Berlin?« begann Wolf plötzlich zu fragen.</p>
+
+<p>»Allerdings,« nickte der Konsul.</p>
+
+<p>»Sie erlebten dort manches?«</p>
+
+<p>»Natürlich,« erwiderte der Konsul lächelnd, »man muß sich doch in
+seiner Jugend die Hörner abstoßen, wie man so zu sagen pflegt —«</p>
+
+<p>»Und sind dann Junggeselle geblieben!«</p>
+
+<p>»Leider!« stieß Martens aus. »Sie wissen ja auch, warum.«</p>
+
+<p>»Gut! Sagen Sie mir jetzt, Konsul Martens: gibt es Frauen, die einen
+Mann so fesseln können,<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> daß die Leidenschaft, die man für sie fühlt,
+ein Leben hindurch aushält?«</p>
+
+<p>Der Bankier schaute erstaunt auf.</p>
+
+<p>»Ei, ei, lieber Freund Wolf, das ist eine heikle Frage! Wie soll
+ich Ihnen diese beantworten! — Es kommt ganz auf Charakter und
+Temperament an. Zum Guten führt es wohl selten. Für eine Ehe
+braucht man mehr. Dazu gehört vor allen Dingen eine beiderseitige
+Herzensbildung, gleiche Neigungen und ein alles umfassendes
+Wohlwollen, das man sich täglich und stündlich angedeihen lassen muß.
+Eine Ehe soll nicht Sturm auf dem Meere bedeuten, sondern Frieden und
+Ruhe im Hafen an einem sicheren Anker.«</p>
+
+<p>»Und wenn man dies nun nicht kann!« fuhr Wolf plötzlich auf. »Wenn
+es nicht möglich ist, daß man sich in ein solches Los hineinfindet?
+Wenn man sich mit allen Gedanken an ein Geschöpf kettet, das jeden
+Nerv in einem erregt! Dieses Geschöpf aber herumflattert, wie eine
+angeschossene Weihe, die noch im letzten Augenblick mit ihren Fängen
+zuschlagen will, — was soll man dann tun?«</p>
+
+<p>»Brr!« schüttelte sich Konsul Martens, »was malen Sie für Bilder,
+lieber Wolf! Mit Raubvögeln mag ich nichts zu schaffen haben. Die
+läßt man hübsch beiseite. Das Interesse ist höchstens für einige
+flüchtige Minuten, — aber nicht für das Leben. Ich weiß<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> wohl, wen
+Sie meinen! Übrigens, Sie stehen damit nicht allein da. Es ging mir
+gerade so. Ilse Hergenbach, diese meinen Sie doch, hat auf uns alle
+eine merkwürdige Anziehungskraft ausgeübt. Wissen Sie, Freundchen, —
+sie ist ein Weib, das uns eine Zeitlang berauschen, aber nie beglücken
+wird.« Er setzte dann ernst hinzu: »Lassen Sie die Hand davon, Wolf
+Plüddekamp!«</p>
+
+<p>»Ich kann es nicht mehr! Ich kann es wirklich nicht mehr,« sagte der
+junge Mann mit ganz verstörtem Gesichtsausdruck. »Ich erliege fast
+unter den seelischen Qualen, die ich in den letzten Monaten erduldet
+habe. Wenn Sie wüßten, was alles unter uns vorgefallen ist, und dabei
+bin ich heute noch keinen Schritt weiter wie am ersten Tage! Es packt
+mich zuweilen eine Eifersucht, wenn sie andere Männer ansieht, daß
+ich rein toll werden könnte. Mit dem ersten Blick aus ihren grauen,
+rätselhaften Augen hat sie meinen ganzen Gemütszustand in eine wilde
+Erregung gebracht. Sie muß mein werden!«</p>
+
+<p>»Pah, pah! Lieber junger Freund,« erwiderte Konsul Martens. »Verstehe,
+verstehe! Ich bin gut zwei Dutzend Jahre älter als Sie, da denkt
+man ruhiger über solche Leidenschaft. Ich habe Fräulein Hergenbach
+mehrfach beobachtet! Ich glaube, wir erleben noch etwas an ihr —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p>
+
+<p>»Dann bin ich dabei,« sagte Wolf kurz. »Ich ändere nichts mehr daran.«</p>
+
+<p>»Holla, mein Herr Wolf! Ehe Sie einen törichten Schritt vornehmen,
+vertrauen Sie sich erst vor allen Dingen Ihrem Bruder Jürgen an.«</p>
+
+<p>»Das kann ich nicht, Konsul Martens! Jürgen versteht mich nun einmal
+nicht!«</p>
+
+<p>Sie waren bis zu der Straße gekommen, bei der Konsul Martens abbiegen
+mußte, um in sein Geschäft zu gelangen.</p>
+
+<p>»Na, Gott befohlen! Wenn Sie eine Aussprache brauchen, so stehe ich
+gern zur Verfügung, schon um meiner Freundin Herta willen, die tief
+betrübt sein würde, wenn sich das Leben ihres Lieblingsbruders nicht
+glücklich gestaltete.« —</p>
+
+<p>Wolf trieb es noch eine Zeitlang ruhelos umher. Als er dann endlich
+den Schritt heimwärts wandte und die große Haustreppe emporstieg,
+vernahm er plötzlich die Stimme von Alfred Smiders. Er kannte diesen
+nachlässigen, halb vornehm sein sollenden, halb vertraulichen Ton.</p>
+
+<p>»Fragte schon Fräulein Plüddekamp nach Ihnen, Schönste. Ich freue
+mich, unter den breiten wohlbehäbigen pommerschen Gesichtern so
+interessante Züge zu sehen, wie die Ihrigen. Zum Teufel! Ich war ganz
+entzückt, als ich mich Ihnen in Swinemünde<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> nähern konnte. Hatte
+Sie schon früher beobachtet. Sie waren auf der Lastadie. Solche
+Prachtaugen vergißt man nicht leicht.«</p>
+
+<p>Wolf war mit ein paar hastigen Sprüngen oben. Er sah, wie Ilse stumm,
+mit gesenkten Blicken vor Smiders stand.</p>
+
+<p>»Morgen, Alfred!« rief er so laut, daß sich dieser rasch umdrehte.</p>
+
+<p>»Ah — Wölfchen!« Der anfangs überraschte Reeder faßte sich sofort
+wieder. »Freut mich, daß ich dich noch antreffe, habe deiner Schwester
+die schuldige Ehrfurcht bezeigt.« Er reichte Wolf die Hand hin, die
+dieser nur widerstrebend nahm.</p>
+
+<p>Ilse war wie vom Erdboden verschwunden.</p>
+
+<p>»Wie steht es mit dem Brief?« fragte Smiders darauf hastig. »Warum
+bist du nicht nach der ›Grünen Schanze‹ gekommen? Riekchen weint sich
+bald die Augen aus. Wir wollen uns doch heute nachmittag dort treffen.
+Komm um sechs Uhr, und jetzt — Leb wohl! Ich habe noch einen eiligen
+Gang vor.«</p>
+
+<p>Die ganze Szene ging so blitzschnell an Wolf vorüber, daß er Smiders
+verwundert nachschaute, als dieser bereits die Treppe hinunterstieg.</p>
+
+<p>»Ein miserabler Bursche!« Er trat heftig mit dem Fuß auf. »Mit welchen
+faden Schmeicheleien er sich an Ilse herandrängen wollte! Er glaubt in
+ihren<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> Augen zu lesen, wonach sein Wunsch steht. Ich dulde es nicht
+länger, daß sie derart umflattert wird.« —</p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp war sehr ernst gestimmt. Beim Mittagessen sprach er
+kein Wort, und es fiel Herta auf, daß er Ilse Hergenbach gar nicht
+beachtete. Auch diese zeigte ihm gegenüber eine große Zurückhaltung.
+Ihr Antlitz war bleicher als sonst. Sobald sie die Augenlider
+aufhob, schoß ein düsterer Blick hervor, der von gewaltigen inneren
+Kämpfen sprach. Jürgen hatte Ilse Hergenbach, wie er es bei seinen
+Geschwistern tat, nach der Mahlzeit stets die Hand gereicht. Dies fiel
+heute fort. Beide wandten sich stumm von einander ab.</p>
+
+<p>Wolf hatte die Speisen kaum angerührt. Auf Hertas Frage gab er zur
+Antwort, daß er sich nicht wohl befinde.</p>
+
+<p>»Ich habe ein gutes Mittel in der Hausapotheke, Wölfchen. Soll ich es
+dir holen?«</p>
+
+<p>»Danke, nein!« entgegnete Wolf kurz, »mir helfen jetzt keine Pulver.«</p>
+
+<p>»Was ist nur mit euch Männern los? Es ist kaum auszuhalten! Jürgen
+beträgt sich wie ein alter Brummbär, du machst eine jämmerliche Miene.
+Wohin soll dies führen?«</p>
+
+<p>»Ich hoffe, es wird bald anders sein, Schwester,« erwiderte Wolf
+ernst; damit ging er nach seinem Zimmer hinauf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p>
+
+<p>Am Nachmittag arbeitete Jürgen wie immer im Kontor. Herta war
+ausgegangen, und die oberen Räume des Hauses lagen in tiefster Ruhe.
+Wolf befand sich auf seinem Zimmer. Er stand lauschend an der Tür und
+hoffte jeden Augenblick, den flüchtigen Tritt von Ilse zu vernehmen.
+Er wollte und mußte sie heute allein sprechen. Plötzlich kam es ihm
+vor, als ob jemand leise nach dem kleinen Salon zuschritte. Dies
+konnte nur Ilse sein. Sofort war er hinaus und schlich sich auf den
+Zehenspitzen bis zum Speisezimmer hin. Hier trat er ein und ging
+lautlos über den dicken Teppich bis zum Nebenzimmer.</p>
+
+<p>Ilse hatte sich vor dem kleinen Ebenholztisch auf einen Polstersessel
+niedergelassen und war im Begriff, die Mappe mit den großen
+Kunstblättern zu öffnen. Ehe sie dies ausführen konnte, stand Wolf
+schon hinter ihr.</p>
+
+<p>Sie sah sich scheinbar erschrocken um, und doch hatte sie ihn
+erwartet. Sie wußte, daß er jede Gelegenheit aufspürte, um ihrer
+habhaft zu werden, und erinnerte sich dabei an seine früheren Worte.</p>
+
+<p>Seit dem gestrigen Tage war in ihr ein Haß aufgestiegen, wie er nur
+aus einer abgewiesenen heißen Liebe entstehen kann. In Jürgen hatte
+sich alles für sie verkörpert, was sie ersehnte. Nun wollte sie sich
+an ihm durch den Bruder rächen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p>
+
+<p>»Ilse! Endlich treffe ich dich allein!« Wolf legte seine Hand auf
+ihre Schulter und fühlte, wie ihr ganzer Körper unter diesem Druck zu
+zittern begann. »Warum gingst du mir aus dem Wege? Hast du keine Liebe
+für mich?«</p>
+
+<p>Sie wandte ihm das Gesicht zu. Ein heißer Blick aus ihren Augen traf
+ihn.</p>
+
+<p>»Was kann ich Ihnen sein!« erwiderte sie mit zuckenden Lippen. »Ich —
+das arme Brennermädel — die Hexe Ilse!«</p>
+
+<p>»Was du mir sein kannst!« jubelte er laut. »Alles! Alles! Meine
+innig Geliebte — mein Weib! Ich kann mir nichts Schöneres denken,
+als an deiner Seite zu leben! Ich will nur dich — dich — Ilse und
+weiter nichts! — Mögen Herta und Jürgen mir gram sein, ich bin fest
+entschlossen, dich zu heiraten.«</p>
+
+<p>Sie senkte den Kopf und schluchzte krampfhaft auf.</p>
+
+<p>»Nein, nein, Wolf! Ihre Geschwister wollen es nicht! Sie behandeln
+mich nicht danach! Ich muß fort! Sie werden nur unglücklich durch
+mich.«</p>
+
+<p>»Ich unglücklich?« jauchzte er auf. »Toll vor Glück werde ich!« Er riß
+sie empor und preßte sie gewaltsam an sich. »Sieh mich an — deine
+Augen haben so Wunderbares für mich.«</p>
+
+<p>Sie schaute zu ihm auf. Ihre Blicke ruhten in den seinen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p>
+
+<p>»Ilse!« schrie er dann, »das Blut tobt in mir! Ich weiß kaum, wie ich
+es ertragen soll; du mußt mein sein — mein für immer!«</p>
+
+<p>»Sie wollen meinetwegen den Kampf mit Ihren Geschwistern aufnehmen,
+Wolf?«</p>
+
+<p>»Sage du, du!« rief er glückstrahlend aus.</p>
+
+<p>Da bebte es von ihren Lippen:</p>
+
+<p>»Wolf — du — ich will dir ja — folgen —« Ilse war wie verwandelt.
+Sie schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn wild an sich. Ein
+Rausch umfing beide, aus dem sie sich kaum wiederzufinden vermochten.</p>
+
+<p>»Ich werde noch heute Jürgen und Herta sagen, daß wir uns verlobt
+haben,« suchte sich Wolf zu fassen.</p>
+
+<p>»Nein, nein,« bat sie, »laß uns noch die Heimlichkeit. Ich fliehe dich
+jetzt nicht mehr, — ich gehöre dir an! Wir wollen recht oft zusammen
+sein. Ach, — die Stunden, — die nun kommen werden —«. Wieder und
+immer wieder schlang sie die Arme um ihn. Sie atmete eine glühende
+Leidenschaft aus. Das Feuer, das in ihren Augen aufflammte, sprach
+mehr, als Worte zu sagen vermögen ...</p>
+
+<p>»Ich werde es doch lieber meinen Geschwistern mitteilen, Ilse!«
+wiederholte er hastig.</p>
+
+<p>»Dann kann ich nicht länger hier bleiben und muß nach Nordhausen zu
+meinen Eltern zurück. Es geht nicht anders, ich bitte dich darum, Wolf
+—«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p>
+
+<p>Seine Gedanken ordneten sich.</p>
+
+<p>»Ja, ja! Du hast recht, Ilse! Leider hat die Welt so sonderbare
+Ansichten. Wenn wir uns offen als Verlobte bekennen, müssen wir uns
+sofort trennen. Ich kann dich aber nicht fortlassen —«</p>
+
+<p>»So bleibt uns nur die Heimlichkeit, Wolf!«</p>
+
+<p>Er preßte ihre Hand.</p>
+
+<p>»Ich verspreche es dir, Ilse —«</p>
+
+<p>Nach einer geraumen Weile fragte er sie:</p>
+
+<p>»Was hast du nur mit Jürgen? Die schroffe Art, mit der ihr euch
+seit gestern gegenübersteht, ist doch nicht allein durch den Unfall
+hervorgerufen! Er konnte doch nichts dafür! Meine schlechte Fahrerei
+war daran schuld. Du würdest sonst nicht aus dem Schlitten gestürzt
+sein. — Vertrau es mir an, Ilse.«</p>
+
+<p>Eine Weile blieb es stumm, dann kam es zögernd heraus:</p>
+
+<p>»Jürgen verlangte von mir, daß ich mich kalt und abwehrend gegen dich
+verhalten solle. Er will keine Annäherung zwischen uns dulden.«</p>
+
+<p>Wolf brauste heftig auf.</p>
+
+<p>»Nun sehe ich endlich klar, wohin der Chef des Hauses Plüddekamp
+zielt! Mein Wille steht aber aufrecht neben dem seinen! Wir werden
+dies alte Heim verlassen und uns ein neues gründen.«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p>
+
+<h2>XVI.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Die ersten Frühlingsboten kamen ins Land. Oder und Haff waren schon
+längere Zeit eisfrei. Die Schiffahrt hatte begonnen. Die meisten
+Dampfer befanden sich auf ihren regelmäßigen Fahrten. Nur der
+verflossene harte Winter rief eine sonst selten eintretende Pause im
+Dampferdienst hervor.</p>
+
+<p>Das Leben im Plüddekampschen Hause lief wie früher eintönig dahin.
+Wolf war merkwürdig ruhig geworden, es stand sogar öfters ein
+glückliches Lächeln in seinem Gesicht. Herta und Jürgen konnten sich
+nicht vorstellen, woher diese Veränderung in seinem Wesen stammte.
+Weder Ilse noch Wolf verrieten das Geringste, aus dem die Geschwister
+auf irgendeine Annäherung der beiden zu schließen vermochten.</p>
+
+<p>Wolf war eifrig im Geschäft tätig, so daß Jürgen zuweilen ganz
+verwundert zu seinem Bruder hinüberschaute, wenn er für verwickelte
+Geschäftssachen bereits alles vorgearbeitet fand. Nur mit Smiders
+mochte Wolf nicht mehr zusammentreffen, um mit dessen Maßnahmen
+vertraut zu bleiben.</p>
+
+<p>»Ich wünschte, Jürgen, ich brauchte es nicht,« sagte er zu diesem,
+und es zuckte dabei eigenartig über<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> die Züge des jungen Mannes.
+Schließlich mußte er sich doch der Angelegenheit unterziehen. Es war
+ihm höchst unangenehm, daß er dabei mit der blonden Rieke in einem
+gewissen Einvernehmen stand. Je öfter er gezwungenermaßen dorthin
+ging, desto vertraulicher wurde sie zu ihm. Sie sandte ihm sogar
+Briefe und machte darin auf manches aufmerksam. Zum Schluß kamen auch
+persönliche sehnsüchtige Wünsche hervor. Wolf verbrannte jedes dieser
+Schreiben.</p>
+
+<p>Der Hamburger Kapitalist, Herr Kneis, zögerte immer noch, Smiders
+seine Zusage zu erteilen. Er wartete auf das Einlaufen der anderen
+Dampfer.</p>
+
+<p>»Unsere spanische Lieferung wird außerordentlich dringend,« hatte
+Armin zu Jürgen gesagt. »Die Briefe von den Brennereien lassen keinen
+Zweifel aufkommen, daß die ganze Ladung zur abgeschlossenen Zeit
+verfrachtet sein muß. Es könnten uns große Verluste entstehen.«</p>
+
+<p>Jürgen, der sonst so ruhige und überlegene Kaufmann, kam in eine
+gewisse Erregung hinein. Ganz gegen seine Gewohnheit ging er bereits
+am Vormittag fort und suchte seinen Freund, Konsul Martens, in dessen
+Bankgeschäft auf.</p>
+
+<p>»Tue mir den Gefallen, Charles, und rufe die Direktion der Werft
+an, wie es mit dem ›Friedrich<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Barbarossa‹ steht. Ich habe trotz
+aller Bemühungen keinen genügenden Ersatz finden können und bin also
+unbedingt auf den Dampfer angewiesen.«</p>
+
+<p>»Lieber Freund,« zögerte Martens etwas, »ganz einfach ist die Sache
+nicht. Ich muß dir bereits im voraus sagen, daß Smiders die fälligen
+Raten nicht abgeführt hat und unsere Direktion sehr vorsichtig
+geworden ist. Sie wartet jetzt ab, ob die Reederei neues Kapital
+erhält. Der Überseer scheint ein sehr genau abwägender Kaufmann zu
+sein und es ist deshalb augenblicklich eine unangenehme Stockung
+eingetreten. Du kannst dich selbst davon überzeugen, — ich komme
+deinem Wunsch jetzt nach.«</p>
+
+<p>Er nahm den Hörer vom Tischtelephon und ließ sich mit der Werft in
+Verbindung bringen. Nachdem er das Gespräch einige Zeit geführt, rief
+er Jürgen heran.</p>
+
+<p>»Du kannst jetzt mit dem Direktor sprechen, er wird dir bestätigen,
+was ich schon sagte.«</p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp machte eine sehr ernste Miene, als er die Auskunft
+von der Werft erhielt.</p>
+
+<p>»Die Mitteilung deiner Direktion heißt auf Deutsch: wir stellen die
+Arbeit an dem ›Friedrich Barbarossa‹ ein, wenn Smiders nicht zahlt!
+Ist dies auch richtig gehandelt?«</p>
+
+<p>»Sein Vertrag mit uns ist hinfällig geworden, Jürgen. Wir sind von
+der Konventionalstrafe befreit.<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Nun wird er wohl bald andere Saiten
+aufziehen müssen und sich beeilen, seine Sachen zu ordnen, wenn er
+nicht in große Schwierigkeiten geraten will.«</p>
+
+<p>Jürgen schüttelte mit dem Kopf.</p>
+
+<p>»Ich muß immer wieder betonen, Charles: bleibt ihr dabei stehen, so
+fällt die Firma um. Ich weiß aus anderer Quelle, welche hohen Summen
+auf sie laufen.«</p>
+
+<p>»Stimmt,« meinte der Bankier ruhig. »Smiders gibt sich alle Mühe,
+seine Papiere von der Reichsbank fernzuhalten, damit die Höhe seiner
+Verbindlichkeiten nicht genau beurteilt werden kann. Er sucht deshalb
+in Berlin fragwürdige Diskontstellen auf.«</p>
+
+<p>»Also Akzeptaustausch,« fiel Jürgen ein.</p>
+
+<p>»Mag sein,« erwiderte Martens. »Ich kann es nicht bestimmt behaupten.«</p>
+
+<p>»Smiders senior hat sein ganzes Vermögen im Geschäft stecken,« fuhr
+Jürgen fort. »Ein braver alter Herr, mit dem mein Vater und ich lange
+Zeit hindurch in angenehmer Verbindung standen. Wohin hat der Sohn die
+Reederei nun gebracht!«</p>
+
+<p>Martens zuckte mit den Achseln.</p>
+
+<p>»Wer von alten bewährten Geschäftsgrundsätzen abgeht und schnell
+groß werden will, begibt sich auf eine gefahrvolle Bahn. Glückt die
+Spekulation, dann preist man den Unternehmer. Im anderen Fall ist er
+abgetan.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p>
+
+<p>»Das hilft mir aber nicht, Charles! Ich muß wirklich sagen, ich komme
+jetzt durch euch in eine häßliche Lage hinein.«</p>
+
+<p>»Ich bin dir gern in allen Dingen gefällig, hier hat meine Macht ein
+Ende. Ich will dir aber einen anderen Vorschlag machen. Du bist ein
+reicher Mann: wie wäre es, wenn du Smiders unter die Arme griffest?
+Ich würde mich dann ebenfalls dazu bereit erklären.«</p>
+
+<p>»Alle Wetter!« fuhr Jürgen auf, »du bist ein weißer Rabe, Charles, der
+bekanntlich als der Klügste unter den Klugen gilt. Nimm es mir nicht
+übel, ich denke nicht daran, diesem Manne mein Geld zu geben.«</p>
+
+<p>»Dann wirst du dich wohl gedulden müssen, was aus der Sache wird,«
+bemerkte der Bankier.</p>
+
+<p>»Wolf trifft heute mit Smiders zusammen, um zu erfahren, was dieser
+zu tun gedenkt. Er beehrte uns in letzter Zeit schon ein paarmal
+in unserer Häuslichkeit. Ich habe mich wegen Arbeit und Jagd
+entschuldigen lassen und bin ferngeblieben.«</p>
+
+<p>»Aha!« machte Martens. »Er ist ein lockerer Vogel und interessiert
+sich wohl für Fräulein Hergenbach?«</p>
+
+<p>In Jürgens Gesicht zog sich eine drohende Falte zusammen.</p>
+
+<p>»Charles, sage mir kein Wort davon! Ich bin froh, daß Wolf in der
+letzten Zeit ein anderes Gesicht zeigt. Er scheint die Krankheit
+hinter sich zu haben.<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Übrigens wird Herta Sorge tragen, daß Ilse
+Hergenbach mit Smiders nicht weiter in Berührung kommt.«</p>
+
+<p>Konsul Martens machte eine ziemlich überlegene Miene.</p>
+
+<p>»Du bist zwar das Oberhaupt der Familie, Jürgen, ob du aber in allem
+unterrichtet sein kannst, erscheint mir fraglich.«</p>
+
+<p>»Wieso, Charles?«</p>
+
+<p>»Hast du die volle Überzeugung von deinem Bruder, daß er sich nicht
+mehr um Ilse Hergenbach bekümmert?«</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Jürgen mit Nachdruck. »Es steckt kein Falsch in Wolf.
+Er ist ein offener, aufrichtiger Mensch.«</p>
+
+<p>»Soll mich freuen, wenn du recht hast, Jürgen! Die Leidenschaft spielt
+aber Männern manchmal arg mit, und namentlich bei einem so frischen
+jungen Menschen, wie deinem Bruder. — Doch dies nur nebenbei. — Wie
+steht es nun mit Smiders, bist du nicht bereit dazu?«</p>
+
+<p>»Nein,« antwortete Jürgen kurz. »Für Alfred Smiders habe ich keinen
+Groschen übrig. Ich muß mir auf andere Weise helfen.«</p>
+
+<p>Jürgen ging. Konsul Martens schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Wie sich doch zuweilen der tüchtigste Geschäftsmann verleiten läßt,
+durch Antipathien einen falschen Entschluß zu fassen. Wir würden
+zusammen das<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> beste Geschäft machen, und Plüddekamp wäre aller Sorge
+ledig. Der ›Friedrich Barbarossa‹ wird so gut wie ein neues Schiff,
+darin liegt viel Aussicht.« —</p>
+
+<p>»Es wäre das erstemal, daß unsere Firma eine Ladung nicht prompt
+absenden würde,« sagte Jürgen mürrisch, als er in das Kontor
+zurückkehrte. »Ich mußte aber das Vertrauen in die Reederei setzen.
+Nun ist zum Überfluß noch durch den langandauernden Winter keine
+Schaluppe zu bekommen.«</p>
+
+<p>»Wir wollen uns doch mit den spanischen Brennereien einigen, Jürgen,«
+warf Wolf ein. »Etwas anderes wird kaum übrig bleiben.«</p>
+
+<p>»Du hast gut reden, Wolf!« erwiderte dieser. »Lies die letzten
+Antworten. Sie bestehen unbedingt auf den festen Abmachungen.« Er
+nahm auf seinem Schreibsessel Platz und legte die breite Hand auf die
+hohe Stirn. Sein ganzes Denken drängte auf die eine Sache hin. »Ich
+hab's!« rief er plötzlich aus. »Unser Vater stand vor langen Jahren
+mit einigen spanischen Getreidefirmen in Verbindung. Es muß einer von
+uns sofort dorthin fahren, die erste Lieferung Roggen aufkaufen und
+mit der Bahn verfrachten. Alsdann werden die Brennereien wohl mit sich
+reden lassen und wir gewinnen Zeit.«</p>
+
+<p>Wolf sah seinen Bruder erstaunt an. War diese Lösung das Ergebnis
+kurzen Nachdenkens, oder hatte<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> sich Jürgen mit dem Gedanken schon
+länger vertraut gemacht?</p>
+
+<p>»So einfach ist es nicht,« erwiderte er dann. »Der Roggenbau Spaniens
+ist nicht bedeutend. Die mit den dortigen Getreidefirmen gepflogenen
+früheren Beziehungen sind eingeschlafen. Es wird schwer halten, deinen
+Gedanken auszuführen, wenn es überhaupt möglich ist!«</p>
+
+<p>»Möglich!« lachte Jürgen in seiner beliebten breiten Art. »Es ist
+alles möglich, sobald man mit einer Brieftasche voller Banknoten
+kommt, — jedenfalls der einzige gescheite Gedanke. Ich bin überzeugt,
+daß du die Sache glatt erledigen wirst.«</p>
+
+<p>»Ich soll nach Spanien reisen!« sprang Wolf von seinem Sitz auf. »Ich
+denke nicht daran, Jürgen.«</p>
+
+<p>»Wieso?« fragte dieser verblüfft. »Du bist nun einmal der Minister des
+Auswärtigen. Übrigens ist es nicht allein eine interessante Aufgabe,
+sondern auch eine schöne Reise. Hierbei kannst du dein ganzes Können
+zeigen. Es muß dir eine Freude sein, unserer Firma einen solchen
+Dienst zu erweisen. Du hast Gewandtheit im Verkehr und sprichst gut
+französisch, die Spanier werden es sicherlich ebenfalls verstehen.
+Neben dem Geschäftlichen wirst du Vergnügen in Hülle und Fülle finden.
+Also woran hapert es noch, Wölfchen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p>
+
+<p>Dieser trat unruhig hin und her.</p>
+
+<p>»Ich kann mich nicht dazu verstehen, Jürgen. Die Reise nimmt mehrere
+Wochen in Anspruch. Die Sache ist von heute auf morgen nicht zu
+erledigen.«</p>
+
+<p>»Es schadet auch nichts! Wenn sie wirklich länger dauert! Ich gebe dir
+volle Freiheit des Handelns, und nun sage — ja!«</p>
+
+<p>»Ich muß es dir leider abschlagen, Jürgen! Ich habe keine Lust dazu.«</p>
+
+<p>»Keine Lust!« fuhr Jürgen auf. »Einen solchen Grund darf ein ernster
+Geschäftsmann überhaupt nicht äußern.«</p>
+
+<p>»Ich bitte dich, Jürgen, wir wollen das Thema fallen lassen! Es hat
+keinen Zweck. Ich wiederhole dir nochmals, die Reise liegt mir nicht.
+Ich kann sie also nicht unternehmen. Es ist richtiger, wir treiben
+Smiders in die Enge und drohen ihm die Entziehung aller Frachten an,
+wenn er nicht für den ›Friedrich Barbarossa‹ Ersatz schafft.«</p>
+
+<p>»Donner und Doria!« fluchte Jürgen, »das hat doch gar keinen Zweck.
+Smiders sitzt schon fest genug. Packen wir auch zu, dann fällt er
+noch schneller als es so bereits kommen wird. Du willst heute mit ihm
+in der ›Grünen Schanze‹ verhandeln. Glaubst du, daß noch etwas dabei
+herauskommt? Er hält<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> dich hin. Du mußt also fahren, Wolf! Es bleibt
+gar keine andere Wahl.«</p>
+
+<p>Wolf antwortete nicht, sondern zuckte mit den Achseln und schritt im
+Kontor unruhig auf und ab.</p>
+
+<p>»Herta sagte mir übrigens vor längerer Zeit, daß du eine Reise nach
+dem Süden machen wollest,« begann Jürgen wieder.</p>
+
+<p>»Ich habe kein Wort davon erwähnt,« erwiderte Wolf, »und weiß nicht,
+wie Herta darauf kommt.«</p>
+
+<p>Jürgen rief durchs Haustelephon Prokurist Armin herein und erklärte
+ihm seine Absichten.</p>
+
+<p>»In diesem Falle unbedingt das einzig Richtige,« bestätigte Armin,
+»ich rate dringend dazu.«</p>
+
+<p>»Du hörst es, Wölfchen,« sagte Jürgen, »Armin ist der gleichen Meinung
+wie ich. Sehen Sie doch einmal nach, mit welchen Firmen wir seinerzeit
+in Verbindung standen. Es mögen allerdings fünfzehn bis zwanzig Jahre
+her sein,« wandte er sich an diesen.</p>
+
+<p>Nachdem der Prokurist das Privatkontor verlassen hatte, stand Jürgen
+auf und trat an seinen Bruder heran. Ihm die schwere Hand auf die
+Schulter legend, bat er: »Sei gut, Wölfchen, und stimme zu. Du kannst
+dabei Lieschen Wichers einen Herzenswunsch erfüllen, indem du ihr die
+schönsten Ansichtskarten schickst.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span></p>
+
+<p>»Es geht auf keinen Fall, Jürgen,« lehnte dieser kurz ab.</p>
+
+<p>»Dahinter steckt etwas,« wurde Jürgen nun ärgerlich, »gib mir
+wenigstens rundheraus an, warum du nicht fahren willst.«</p>
+
+<p>Wolf trat heftig mit dem Fuß auf.</p>
+
+<p>»Ich bin dir darüber keine Rechenschaft schuldig! Meine Ablehnung ist
+doch genug.«</p>
+
+<p>»In diesem Falle nicht,« entgegnete Jürgen sehr ernsten Tones. »Es
+handelt sich um derart wichtige Geschäftsinteressen, daß alle anderen
+Sachen, die dir vielleicht vorschweben, dahinter zurücktreten müssen.«</p>
+
+<p>»So — — müssen? Nein!« Es zuckte in Wolfs Zügen unruhig hin und her.
+Er wollte etwas sagen und hielt es wieder zurück.</p>
+
+<p>»Sprich dich endlich aus, Wolf,« wiederholte Jürgen, »wir sind doch
+Brüder und werden wohl keine Geheimnisse voreinander haben.«</p>
+
+<p>Wolf richtete sich auf und brachte abgerissen hervor:</p>
+
+<p>»Natürlich mußt du es erfahren! Es war auch meine Absicht, aber Ilse
+wollte nicht!«</p>
+
+<p>»Wie — was!« rief Jürgen heftig aus, »Fräulein Hergenbach hat doch
+mit unserer Angelegenheit nichts zu tun?«</p>
+
+<p>»Doch — in diesem Falle wohl, Jürgen! Ich habe mich mit Ilse
+Hergenbach verlobt —!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p>
+
+<p>Es war, als ob ein plötzlicher Blitz über Jürgens Gesicht fuhr. In
+seinen Worten wetterleuchtete es weiter.</p>
+
+<p>»Ich glaube — ich höre nicht recht! Du hast dich mit Fräulein
+Hergenbach verlobt — und kein Wort mit Herta und mir vorher
+gesprochen! Das ist doch unerhört! Bei der wichtigsten Frage des
+Lebens geht man doch mit sich zu Rate, ehe man so töricht handelt!
+Ilse Hergenbach? — Nie und nimmer können wir das zugeben! Sie muß
+sofort aus dem Hause.« Die Zornesader der Plüddekamps schwoll auf
+seiner Stirn drohend an. Er hatte in letzter Zeit geglaubt, daß Wolf
+zur Vernunft zurückgekehrt war, und nun sah er sich vor eine noch
+schlimmere Tatsache gestellt. Es empörte ihn aufs äußerste.</p>
+
+<p>Dieser war bei den Worten seines Bruders vor Aufregung bleich
+geworden. Seine sonst so freundlich dreinblickenden Augen funkelten
+zornig.</p>
+
+<p>»Ihr wollt mir also das Recht nehmen, mein Glück zu suchen, wo es
+mir gefällt! Ich soll nun einmal keinen eigenen Willen haben! Aber
+ihr sollt sehen, Jürgen, daß ich ihn habe! — Ich will gar nicht im
+Plüddekampschen Hause bleiben. Ich gründe mir mein eigenes Heim und
+lasse mir keine Vorschriften mehr machen.«</p>
+
+<p>»Wolf! Wolf!« rief Jürgen warnend, »ist das der Dank, den du für mich
+übrig hast? Kein Vater<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> kann mehr gesorgt haben, wie ich es als Bruder
+für dich tat, und nun kommst du mir mit einer solchen Torheit, mit
+einem solchen kindischen Trotz! Ilse Hergenbach, — ich könnte dir
+etwas sagen, — aber ich will es nicht! Verstehst du, — ich will
+es nicht und ich werde es nicht tun! Bei deiner Auffassung würdest
+du mir sonst noch selbstsüchtige Gründe unterschieben. Ich sehe das
+Unheil über dich hereinbrechen, wenn du an ihr festhältst! Sie ist
+keine Mutter für unsere nächste Generation! Dazu gehört Biederkeit und
+lautere Gesinnung, aber nicht verstecktes Wesen.«</p>
+
+<p>»Genug, Jürgen!« trat ihm Wolf in voller Aufregung entgegen, »sage
+kein Wort weiter! Ilse Hergenbach — ist meine Braut und ich trenne
+mich von euch, wenn ihr sie schmäht!«</p>
+
+<p>Die beiden Brüder sahen sich lange und durchdringend an, dann ließ
+Jürgen unwillig den hochgehobenen Arm sinken.</p>
+
+<p>»Ich will dich wegen einer Frau nicht verlieren, und ich sehe, du bist
+schon zu weit von uns abgeirrt, — so magst du denn selbst über dein
+Los entscheiden! Ich will es dir nicht verwehren!«</p>
+
+<p>Man sah Jürgen an, wie schwer es ihm wurde, sich diese Worte
+abzuringen.</p>
+
+<p>»Ich werde dir nichts in den Weg legen, wenn du jetzt für unsere
+Firma die Reise ausführst, die auch<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> für dich von größter Tragweite
+ist,« fuhr er fort. »Sie mag der Prüfstein für dich selbst sein. Bist
+du nach deiner Rückkehr noch derselben Anschauung wie heute, dann
+werde ich dich an deinem Vorhaben nicht mehr hindern. — Natürlich
+kann Fräulein Hergenbach unter diesen Umständen hier im Hause nicht
+bleiben, sondern muß zu ihren Eltern nach Nordhausen zurückkehren.«</p>
+
+<p>Wolf schaute prüfend seinen älteren Bruder an.</p>
+
+<p>»Du willst wirklich nachgeben, Jürgen? Wirst du auch Herta dazu
+bestimmen?«</p>
+
+<p>»Zweifelst du an meinem Wort, Wolf?«</p>
+
+<p>»Nein, Jürgen! Was du einmal gesagt hast, hältst du. Ich bin damit
+einverstanden und will die Reise nach Spanien antreten. Du mußt mir
+aber noch einen Gefallen erweisen. Ilse soll bis zu meiner Rückkehr
+unter der Obhut von Herta bleiben, dann mag sie nach Nordhausen gehen,
+und ich werde mir von ihren Eltern das Jawort holen.«</p>
+
+<p>Die beiden Brüder sahen sich noch einmal ernst an. Dann streckte der
+ältere dem jüngeren die Hand entgegen.</p>
+
+<p>»Ich verspreche es dir, Wolf! Welche Folgen auch aus allem entstehen
+mögen, wir wollen sie gemeinsam tragen, wie es einem Paar echter
+Brüder geziemt!«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span></p>
+
+<h2>XVII.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Wolf traf seine Vorbereitungen zur Abreise. Die Geschwister hatten
+vorher noch eine lange Unterredung. Herta wollte sich durchaus nicht
+mit der Nachgiebigkeit Jürgens einverstanden erklären und blieb auch
+taub gegen alle Vorstellungen des jüngeren Bruders.</p>
+
+<p>»Es scheint mir, als ob ich Ilse nur hierhergeholt habe, um euch
+Brüder zu verlieren, dich und Wolf!« sagte sie zu Jürgen.</p>
+
+<p>Als sie dann das Unabänderliche vor sich sah, mußte sie unter dem
+Zwang der Verhältnisse einlenken.</p>
+
+<p>»Ich habe es ihr versprochen,« bat Wolf seine Schwester, »euch erst
+später Kenntnis zu geben. Ich möchte nun nicht wortbrüchig erscheinen.
+Darum bitte ich euch herzlich, schweigt davon und wacht über sie. Ich
+werde der Firma gegenüber meine Pflicht redlich erfüllen.«</p>
+
+<p>Ilse sollte also bleiben, ohne daß man sie merken ließ, ihre Verlobung
+mit Wolf zu kennen.</p>
+
+<p>Der Abschied von ihr wurde Wolf sehr schwer. Sie sprachen sich noch
+einmal allein, und er schloß sie immer wieder in seine Arme.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p>
+
+<p>»Die Zeit wird rasch verstreichen,« tröstete er sich selbst mit. Seine
+Hand glitt über ihre Wangen und strich die üppig dunkelblonden Haare
+von ihrer Stirn zurück, die leicht darüber hinwegfielen. »Ich werde
+dir meiner Geschwister wegen nicht schreiben. Du erhältst aber meine
+Grüße durch sie. Noch einen langen Blick von dir, Ilse —«</p>
+
+<p>Sie legte ihre Arme auf seine Schulter, und ihre großen grauen Augen
+weiteten sich übernatürlich auf, als sie ihn dann anschaute.</p>
+
+<p>»Ich kann dich nicht von mir lassen, Wolf!« klagte sie. »Ein
+unbestimmtes Angstgefühl ist in mir. Ich möchte lieber mit dir gehen!
+Heute — morgen — kann es auf mich hereinstürmen, — wie soll ich
+dann allein Widerstand leisten! Es wäre viel besser, wenn wir gleich
+zusammenreisten. Du willst mich doch zur Frau nehmen, Wolf! Was frage
+ich viel nach der Welt, — ich bleibe bei dir, — wir kehren nicht
+hierher zurück —«</p>
+
+<p>»Nein, Ilse!« erwiderte er fest, »solche Gedanken dürfen wir nicht
+fassen! Wenn ich meine Geschwister für dich gewinnen will, so muß
+es auf dem Wege sein, den uns Sitten und Gebräuche vorschreiben.
+Herta ist gütig, Jürgen — ihr sprecht ja selten miteinander — ist
+ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Andere Menschen kannst du
+meiden, was sollte dir also im Plüddekampschen Hause begegnen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span></p>
+
+<p>Trotzdem vermochte sie nicht, sich von ihm zu trennen. Immer wieder
+klammerte sie sich an ihn und bat:</p>
+
+<p>»Laß doch alle denken, was sie wollen, und trenne uns nicht, Wolf! Es
+ringt in den letzten Tagen und Wochen so unendlich viel in mir, das
+mir jede ruhige Überlegung raubt. — Wenn ich aus deinen Armen gleite,
+so sehne ich mich in demselben Augenblick wieder hinein. Ein wildes
+Verlangen tobt in mir, das ich kaum zu bezwingen vermag. — Denke an
+das Bild vom Ilsefluß, das ich dir beschrieb! So bin ich auch. — Du
+mußt mich festhalten — damit ich mich nicht selbst fortreiße.«</p>
+
+<p>Wolf versuchte sie zu beruhigen. Alles was sie sagte, erschien ihm
+dunkel und verwirrt. Er verstand sie nicht und sagte sich immer nur
+das eine, daß sie im Plüddekampschen Hause gut aufgehoben sei. Er
+konnte sie unter keinem besseren Schutz als bei seinen Geschwistern
+zurücklassen.</p>
+
+<p>»Es muß sein, Ilse,« blieb er fest. »Sogleich nach meiner Rückkehr
+gebe ich unsere Verlobung bekannt.« —</p>
+
+<p>Als Wolf abreisen wollte, hielt schon in aller Frühe der Wagen des
+Barons von Berleburg vor dem Plüddekampschen Hause. Dieser stieg
+herunter, warf dem hinter ihm sitzenden Kutscher die Zügel zu und
+hatte dann mit dem Prokuristen Armin ein kurzes, aber inhaltvolles
+Gespräch.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p>
+
+<p>»Besuchen Sie mich, Herr Armin, Sie werden selbst sehen —«
+bekräftigte er seine Vorstellungen.</p>
+
+<p>Der Prokurist unterbrach ihn mit feinem Lächeln:</p>
+
+<p>»Gedulden Sie sich nur einen Augenblick, Herr Baron! Ich werde mit
+Herrn Plüddekamp sprechen.«</p>
+
+<p>Baron Berleburg hatte den günstigsten Tag erwischt, um sein Anliegen
+erfüllt zu sehen.</p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp befand sich noch mit seinem Bruder in einer
+Unterredung und war über dessen klares Vorhaben sichtlich erfreut.</p>
+
+<p>»Sobald es darauf ankommt, bist du der Mann auf dem richtigen Posten,
+Wölfchen! Viel Glück auf die Reise und kehre frohen Sinnes wieder.«</p>
+
+<p>Armin hatte noch einen Augenblick gewartet, nun trug er Berleburgs
+Anliegen Jürgen vor. Dieser bestimmte kurz:</p>
+
+<p>»Zahlen Sie Berleburg das Gewünschte aus!«</p>
+
+<p>So kam es, daß der Baron von Berleburg wieder flott gemacht wurde. —
+— —</p>
+
+<p>Eine eigene Stimmung zeigte sich im Plüddekampschen Hause. Jürgen
+blieb schweigsam, kalt. Herta übte eine gewisse Zurückhaltung gegen
+Ilse und beobachtete sie unwillkürlich mehr als vorher.</p>
+
+<p>»Seitdem Wolf fort ist, zeigt Ilse stark wechselnde Stimmungen,« sagte
+Herta eines Tages zu Jürgen. »Zuweilen stürzt sie sich auf die Arbeit,
+und ich muß<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> sie davon zurückhalten, daß sie sich nicht überanstrengt.
+Dann wieder sitzt sie stundenlang im kleinen Salon und starrt die
+Kunstblätter an. Sie erkennt aber nicht das Bild, sondern schaut nur
+in das Leere hinein. — Sollte sie Wolf so sehr lieben, daß sie die
+Trennung nicht zu ertragen vermag?«</p>
+
+<p>Jürgen schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Nein, Herta! Du verstehst sie nicht, weil du ganz anders geartet bist
+als die meisten deines Geschlechts. Bei dir weiß man sofort, woran man
+ist. Aber Ilse Hergenbach, — in der steckt etwas Vulkanisches! Es
+wäre schlimm, käme es jetzt zum Ausbruch. Jedem Geschäftsbriefe Wolfs
+liegt ein einfacher Zettel bei: ›Schreibt mir, wie es Ilse geht,‹ und
+wohl oder übel muß ich ihm die Antwort darauf geben.«</p>
+
+<p>»Der arme Junge, er ist blind wie die Motte ins Licht gerannt,« fiel
+Herta ein. »Und doch, sobald ich Ilse seine Grüße bestelle, zeigt sich
+etwas in ihren Zügen, das meine Ansicht wankend machen könnte. Es
+zieht ein glücklicher Schimmer über sie hin, wie er nur bei tieferen
+Naturen in Erscheinung tritt.«</p>
+
+<p>»Ich sagte es dir bereits vor Monaten, Herta, — Ilse ist ein echtes
+Kind der Neuzeit, sie fühlt, denkt und handelt in anderer Weise als
+wir.«</p>
+
+<p>Ilse war von einer fortgesetzten Unruhe erfüllt. Befand sie sich
+allein in ihrem Zimmer, so streckte<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> sie die Arme weit aus und suchte
+sich vorzustellen, daß Wolf jetzt hereintreten müßte und sie ihm
+jubelnd an die Brust flog. Sie krankte an dieser Sehnsucht, und doch
+kamen Augenblicke, in denen sie sich fragte, ob sie ihn wirklich
+liebe. Dann hielt sie sich vor, daß Jürgen sie von sich gewiesen. Ein
+glühender Haß gegen diesen Mann beseelte sie, und sie flog aus einer
+Übertreibung in die andere. Bei jeder Begegnung mit ihm nahm sie sich
+zusammen, um die äußere Form einzuhalten und ihn nicht sichtlich zu
+verletzen. Sie wünschte aber nur, daß Wolf heimkehrte und sie an
+seinem Arm dem Bruder gegenübertreten könnte. An diesem Schlag, den
+sie zurückgab, wollte sie gesunden.</p>
+
+<p>»Wolf, Wolf!« flüsterte sie vor sich hin.</p>
+
+<p>Warum konnte sie ihn nicht so lieben, wie es das starke Gefühl in ihr
+verlangte? — Nun hatte er sie in Stunden gewaltiger Seelenqualen
+allein gelassen, wo sie sonst zu ihm geflüchtet wäre. — Es war eine
+Leidenschaftlichkeit in ihrem Wesen entstanden, die sich nicht mehr
+zügeln ließ, die allen Überlegungen Trotz bot.</p>
+
+<p>Sie hielt es nicht länger in ihrem Zimmer aus, es trieb sie in eine
+andere Umgebung, die durch neue Eindrücke ablenken und ihr Ruhe
+gewähren sollte. —</p>
+
+<p>In dem großen Garten hinter dem Speicher zeigten sich die ersten
+Frühlingsblumen. Unter den<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> heißen Strahlen der höherstehenden Sonne
+kamen Krokusse, blaue Lederblumen und frühzeitige Hyazinthen hervor.
+Ilse liebte den Duft der Hyazinthen und beugte sich tief herab, um ihn
+voll einzusaugen. Als sie wieder aufsah, fiel ihr Blick auf Alfred
+Smiders, der sie von der Straße her grüßte.</p>
+
+<p>Sie neigte leicht den Kopf und wollte weiter in den Garten
+hineinschreiten, er rief sie aber an.</p>
+
+<p>»Fräulein Hergenbach! Nur auf ein Wort!«</p>
+
+<p>Sie blieb stehen.</p>
+
+<p>»Darf ich in den Garten eintreten? Die Pforte ist verschlossen. Oder
+kommen Sie lieber einen Augenblick näher zu mir.«</p>
+
+<p>Ein widerstrebendes Gefühl hielt sie noch zurück. Er ging aber nicht
+fort, und schließlich überwand sie sich und schritt an den niedrigen
+Zaun heran. Smiders streckte ihr die Hand entgegen, die sie nur leicht
+berührte.</p>
+
+<p>»Schade, daß ich Sie so selten sehen kann, Fräulein Hergenbach,« sagte
+er und suchte sie dabei fest ins Auge zu fassen. »Ich möchte gern mit
+Ihnen plaudern. Wenn ich aber Plüddekamps aufsuche, wie neulich, so
+erscheinen Sie nicht.«</p>
+
+<p>»Ich bin immer beschäftigt, Herr Smiders.«</p>
+
+<p>»Die dumme Hauswirtschaft! Für ein schönes junges Mädchen wie Sie gibt
+es doch interessantere Dinge, um sich das Leben reizvoll zu machen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span></p>
+
+<p>Sein auf ihr ruhender Blick wurde immer dreister, und plötzlich trat
+ein glühendes Rot in ihre Wangen.</p>
+
+<p>»Wahrhaftig, ich bin ganz bezaubert von Ihnen, Fräulein Hergenbach!
+Wie entzückend Sie mit den geröteten Wangen ausschauen.« Ilse wurde
+immer unruhiger. »Ich möchte gern einmal mit Ihnen allein plaudern,«
+flüsterte er, »gehen Sie gar nicht spazieren? Ich versuche schon
+einige Zeit, Sie irgendwo zu treffen.«</p>
+
+<p>Sie schwieg immer noch.</p>
+
+<p>»Ich wollte meinen Freund Wolf danach ausfragen, aber ich hörte, er
+ist auf längere Zeit verreist.«</p>
+
+<p>Sie nickte nur mit dem Kopfe.</p>
+
+<p>»Es stimmt also,« sprach er weiter. »Dann muß es doch schrecklich
+langweilig für Sie im Plüddekampschen Hause sein. Jürgen und Herta
+sind altbackene Menschen. Ich habe es Ihnen sofort angemerkt, daß
+Sie sich nach einer anderen Unterhaltung sehnen. Sie wollen etwas
+von dem lustigen Treiben in der Welt sehen und hören. Hier sitzen
+Sie wie hinter Klostermauern. Springen Sie flott darüber hinweg!
+Ich helfe Ihnen dabei. Geben Sie mir nur bald Gelegenheit, daß wir
+zusammenkommen.«</p>
+
+<p>Ilse schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Ich bedaure, Herr Smiders. Wenn ich wohl nichts dabei finde,
+Plüddekamps denken anders darüber. Ich bin auch mit Wolf nicht allein
+ausgegangen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p>
+
+<p>»Mit Wolf?« Ein zynisches Lächeln flog über seine scharfen Züge.
+»Ah — das Wölfchen ist nicht so dumm und hat bemerkt, welch
+leidenschaftlich schöne Augen hier die beste Zeit vertrauern.«</p>
+
+<p>»Herr Smiders, ich bitte! — Brechen wir die Unterhaltung ab!« Sie
+schickte sich an, fortzugehen.</p>
+
+<p>»Auf Wiedersehen!« rief er ihr noch nach. »Ich treffe Sie bald wieder
+und erzähle Ihnen dann recht Interessantes von Ihrem Freund Wolf!« Er
+lüftete den Hut und ging weiter.</p>
+
+<p>Unwillkürlich war Ilse Hergenbach einen Augenblick stehen geblieben
+und sah Smiders verstohlen nach.</p>
+
+<p>»Von Wolf?« wiederholte sie leise, »was will er damit sagen!« Sie
+erregte sich über diese hingeworfenen Worte. Wenn Smiders sie jetzt
+noch einmal gefragt hätte, ob er sie wiedersehen könne, würde sie
+zugestimmt haben, nur um zu erfahren, was er von Wolf wußte. Sollte
+dieser —? Nein! Es war unmöglich, — Wolfs blaue Augen konnten nicht
+lügen. Trotzdem saß der Stachel der gefallenen Worte in ihr fest. —</p>
+
+<p>Von Wolf war in den letzten Tagen keine Nachricht eingetroffen.
+Er reiste im Norden Spaniens umher. Jürgen erzählte, daß es
+außerordentlich schwer hielt, die verlangten Lieferungen Roggen
+aufzukaufen. —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p>
+
+<p>Wie die Tage langweilig und öde dahinschlichen! Ilse überwand sich
+nur mit aller Kraft, ihren Verpflichtungen im Haushalte nachzukommen.
+Diese ewige Unruhe, dieses fortwährende Sehnen — nichts konnte sie
+befriedigen! Selbst die Briefe an ihre jüngere Schwester Helene, an
+der sie am meisten hing, flossen ihr nicht aus der Feder, und sie
+zerriß mit ihren schlanken Fingern das Papier in kleine Stücke.</p>
+
+<p>»Ich vermag nichts zu erreichen und habe so viele Wünsche! Ich will
+so vieles und darf nicht handeln!« rief es in ihr. »Es ist nicht mehr
+auszuhalten! Immer nur in diesen düsteren hohen Räumen sein, in denen
+alle Lebenslust erstirbt! Das altjüngferliche Wesen von Herta, der
+überlegene Blick Jürgens, der mich streift, als wenn ich nichts wert
+wäre. Ich kann es nicht länger ertragen! Ich bedarf einer Abwechslung!
+Etwas, was mich aus diesem tötenden Einerlei herausreißt und mir
+irgendeine Befriedigung gewährt. Wenn nur Wolf zurückkäme! Wie lange
+läßt er mich allein, — ich möchte ihm nachreisen! Könnte ich ihn
+nur auffinden und mit ihm in die Welt hineintollen. Alles wäre mir
+dann recht. — Ich mag nicht hier bleiben, auch nicht nach Nordhausen
+zurück, und weiß selbst nicht — wonach ich mich sehne!«</p>
+
+<p>Sie schrie laut vor sich hin: »Wolf! Wolf!« Dann glaubte sie das
+höhnische Lächeln in den Zügen<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> von Alfred Smiders zu sehen. Was tat
+Wolf? Warum sagte es jener ihr nicht gleich? Es entstand ein heißer
+Drang in ihr, dies unbedingt zu erkunden. —</p>
+
+<p>Alfred Smiders war direkt nach seinem Kontor gegangen. Er fand dort
+den Hamburger vor und staunte nicht wenig, diesen in den Schiffslisten
+studieren zu sehen. »Mor'n Herr Kneis!« streckte er ihm die Hand
+entgegen. »Ich glaubte Sie in Berlin. Sie wollten doch geschäftliche
+Sachen dort erledigen.«</p>
+
+<p>»Kam mir was anderes in den Sinn,« erwiderte der lange Hamburger. »Bin
+heute morgen mit dem ersten Dampfer zum ›Friedrich Barbarossa‹ hinaus.
+Das Schwimmdock steht noch hoch, müßte aber mit Wasserfüllung gesenkt
+sein. Auf dem Dampfer selbst Totenstille, kein einziger Hammerschlag
+zu hören. Auf dem Deck waren ein paar Männer. Der eine rief etwas
+herunter, konnte es aber nicht verstehen.«</p>
+
+<p>Die Züge des Reeders drückten in dem Augenblick eine unverkennbare
+Verlegenheit aus. Er hatte nicht erwartet, daß Kneis gerade in diesen
+Tagen zum ›Friedrich Barbarossa‹, den er schon vor längerer Zeit
+besichtigt hatte, wieder hinausfahren würde. Sonst hätte er alles
+getan, um dies zu verhindern. Der Hamburger durfte nicht dahinter
+kommen, daß die Werft die Arbeit einstellte, weil die fälligen Raten
+nicht abgeführt worden waren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p>
+
+<p>»Ich werde nachher die Direktion anrufen, Herr Kneis,« erwiderte er
+dann. »Vielleicht streiken die Arbeiter und wollen Lohnerhöhung haben.
+Wer kann immer wissen, was vorliegt. Übrigens — mir kann's recht
+sein! Die Konventionalstrafe entschädigt mich doppelt und dreifach.
+Ich lasse mir keine grauen Haare darum wachsen!«</p>
+
+<p>»So, so,« meinte Kneis. »Sie haben aber doch Ladeverpflichtungen! Der
+Dampfer kann nicht rechtzeitig für Jürgen Plüddekamp auslaufen! Ich
+bin vollständig unterrichtet, Herr Smiders.«</p>
+
+<p>»Nun ja,« erwiderte dieser lässig, »mit dem Getreidehaus Jürgen
+Plüddekamp werde ich schon fertig. Solche uralten Kunden nehmen
+Rücksicht bei Zwischenfällen, wie sie alle Tage vorkommen können. —
+Sie wollten doch heute in Berlin den Betrag für die vorläufige erste
+Einzahlung erheben? Wir hatten es so besprochen.«</p>
+
+<p>»Nein, nein,« wehrte der Hamburger ab, »wir waren noch nicht so weit.
+Habe darum die Schiffslisten durchgesehen, ob Dampfer von Ihnen
+eingelaufen sind. Kann mir keiner verdenken, wenn ich die Katze nicht
+im Sack kaufen will.«</p>
+
+<p>Unter den starken schwarzen Augenbrauen von Smiders schoß ein giftiger
+Blick hervor. Von Tag zu Tag wurde er bereits hingehalten. Er hatte
+eine<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> vorläufige Einzahlung verlangt, um die Werft zu befriedigen.
+Dies war in seiner Lage das Dringendste. — Dann kam noch hinzu, daß
+in einiger Zeit große Wechselsummen fällig wurden. Dazu brauchte er
+auf jeden Fall weitere Beträge. — Er mußte also, trotzdem der Ingrimm
+in ihm saß, gute Miene zum bösen Spiel machen.</p>
+
+<p>»Es war doch ein schöner Abend neulich,« klopfte er Kneis auf die
+Schulter. »Hm — was sagen Sie dazu? Kann man sich in Stettin nicht
+gut amüsieren? Wir gehen bald wieder nach der ›Grünen Schanze‹.«</p>
+
+<p>Der Überseer schmunzelte über das ganze Gesicht.</p>
+
+<p>»Warum nicht! Denke aber, daß Sie jetzt genug Arbeit im Kontor haben.
+Der Grundsatz aller Überseer ist das Richtige: dreimal Arbeit —
+einmal Vergnügen! Man kommt dann vorwärts! Rate Ihnen auch zu dem
+Muster, Herr Smiders.«</p>
+
+<p>»Ich opferte manche Nachtruhe, Herr Kneis, wenn es darauf ankam, eilig
+zu verfrachten. Ihr Grundsatz ist mir daher nicht neu. Übrigens, wenn
+ich zu tun habe, können Sie doch allein nach der ›Grünen Schanze‹
+gehen. Mit Karli und Riekchen unterhalten Sie sich famos.«</p>
+
+<p>»Wie mir's gerade einfällt,« erwiderte dieser. »Wünschte, ich hätte
+mehr zu tun, als nur Kurszettel<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> zu studieren. Ist gar nicht angenehm,
+auf der Bärenhaut zu liegen. Bin nicht abgeneigt, mitzuarbeiten.«</p>
+
+<p>Smiders horchte auf. Diese Idee war das Schlimmste, was kommen
+konnte. Er wollte nur das Geld von Kneis, dann konnte dieser ruhig
+nach Hamburg abdampfen. Bei einem tätigen Teilhaber geriet er in
+eine peinliche Lage. Es ging manches in seinem Geschäft vor, was er
+zu verbergen hatte. Der Wechselaustausch, die Schulden bei der Werft
+und vieles andere lief nicht durch die Bücher. Er hatte zu lauter
+Verschleierungen gegriffen.</p>
+
+<p>»Sie sagen nichts dazu, Herr Smiders,« stellte Kneis erneut seine
+Anfrage. »Sollte meinen, Sie könnten einen tätigen Kompagnon
+gebrauchen. Spielt sich alles dann viel rascher ab!«</p>
+
+<p>Es brannte hinter Smiders Stirn, als wenn ihm glühendes Eisen
+darangehalten würde. Er befand sich in einer derart zugespitzten Lage,
+daß er sich kaum noch länger halten konnte, wenn nicht bares Geld in
+die Reederei hineinkam. — Auf der anderen Seite konnte er keinen
+Teilhaber aufnehmen, der Einsicht in den Betrieb erhielt. Jedenfalls
+jetzt noch nicht. Plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf.</p>
+
+<p>»Ich bin nicht abgeneigt, Herr Kneis, aber erst später! Sagen wir in
+einem Jahre, — nach Abschluß der nächsten Bilanz.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p>
+
+<p>»O, nein,« meinte der Hamburger, »wenn ich eintrete, dann gleich! Ich
+brenne auf Arbeit. Es ist mir das Leben sonst zu langweilig. Habe auch
+bereits mit Ihrem Vater gesprochen, der doch Mitinhaber ist, und sein
+ganzes Geld bei Ihnen stehen hat. Ist sofort dazu bereit, hält's sogar
+für außerordentlich notwendig. Fahre dann nach Berlin und hole Geld!«</p>
+
+<p>Smiders war nahe daran, vor Wut laut zu fluchen. Jetzt hatte sich
+Kneis hinter seinen Vater gesteckt. Der alte Mann lag im Lehnstuhl
+und konnte sich kaum rühren. Er war aber immer noch geistig rege und
+stellte zuweilen Fragen, deren Beantwortung in hohem Maße peinlich
+wurde.</p>
+
+<p>Dem Vater gegenüber hatte Smiders die schwere Lage der Reederei
+fortgesetzt verhüllt, und doch mußte der alte Herr davon Wind bekommen
+haben. Vor allen Dingen hieß es nun, den Hamburger noch hinzuhalten.
+Erst mußten die Wechsel eingelöst sein, ehe dieser in das Geheimbuch
+der Firma Einsicht nehmen konnte.</p>
+
+<p>»Würde nicht zögern,« meinte der Hamburger und hielt ihm die Hand hin,
+»ist dann gleich alles bis auf Einzelheiten im Vertrage abgemacht.«</p>
+
+<p>Smiders kämpfte schwer mit sich. Sollte er? Sollte er nicht? Da er
+doch nicht sofort einschlug,<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> zog der Hamburger seine Hand zurück. Der
+einzige Augenblick, der ihn noch retten konnte, war verpaßt.</p>
+
+<p>»Sie haben Zeit zur Überlegung, Herr Smiders. Sprechen Sie mit Ihrem
+Vater und folgen Sie seinem Rat. Ich kann warten!« Kneis nahm seinen
+Hut, wünschte guten Morgen und ging hinaus.</p>
+
+<p>Smiders sank auf seinen Schreibstuhl zurück. Seine Stirn zog sich in
+tiefe Falten.</p>
+
+<p>»Himmel und Hölle,« fluchte er vor sich hin, »als ob jetzt alles
+versessen ist, mich in den Dreck hineinzurennen! Es gelingt mir nichts
+mehr! Alles schlägt fehl — so gut ich's auch eingefädelt hatte!
+Dieser Protz von Überseer! Dieser ekelhafte Kerl! Seine Fratze täglich
+vor mir sehen zu sollen! Das kann ich schon lange nicht. Es widert
+mich an. Überhaupt — alle meine Maßnahmen kritisieren zu lassen
+— alle meine feinen Mittelchen, mit denen ich so manches nebenbei
+verdiene, fortzulassen — fällt mir gar nicht ein. Das Geld mag er
+einzahlen und dann weg mit ihm, so rasch als möglich! Ich habe es
+gründlich satt, mit dem Kerl alle Tage schön zu tun.«</p>
+
+<p>Er hatte sich in eine helle Wut hineingeredet. Aus einem Fach seines
+Schreibtisches zog er ein langes schmales Buch hervor, in dem er seine
+Privatnotizen zu machen pflegte. Er blätterte eine Weile darin herum
+und schlug dann gewaltsam auf den Tisch.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p>
+
+<p>»Bald kann ich nicht mehr! Was diese Werft von mir schluckt, ist
+geradezu hundemiserabel! Das ganze Betriebskapital hat sie mir
+weggeholt. Es läuft nun auf Wechsel. Ich kann hinkommen, wo ich
+will, überall sieht man die Dinger mit Mißtrauen an. Ob ich Jürgen
+Plüddekamp anpumpe? — Das wäre noch ein Gedanke! Er könnte mir mit
+einem Federstrich helfen. Teufel, wenn ich es nun dem Alten sage, der
+holt das Geld leichter heraus! Sie hielten immer dicke Freundschaft
+miteinander. Aber der drüben weiß ja von allem nichts. Ich muß bei ihm
+zu Kreuze kriechen.«</p>
+
+<p>Er nahm das Buch und warf es wieder ins Fach zurück, das er verschloß.
+Dann stieß er zwischen den Zähnen einen langen Pfiff hervor, und auf
+sein Gesicht trat plötzlich ein zynisches Lächeln.</p>
+
+<p>»Bei den Frauen glückt es mir immer! Ich weiß nicht, was sie an mir
+haben? Wenn es nur so im Geschäft ginge! Jetzt die Ilse Hergenbach, —
+das ist mein Geschmack. Es schlummert noch viel in ihr, aber ich will
+es wecken. Ja, mein Wölfchen, bis du zurückkommst, dauert es noch ein
+Weilchen! Ich habe mich genau erkundigt. Ilse Hergenbach soll mir den
+miserablen Ärger versüßen.« —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span></p>
+
+<h2>XVIII.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Die Verhältnisse bei Smiders &amp; Sohn spitzten sich immer mehr zu.
+Trotzdem fand der junge Reeder noch Zeit, auf Ilse Obacht zu geben.
+Schon nach einigen Tagen sah er sie ausgehen. Sie wollte noch gegen
+Abend einige Besorgungen erledigen und war auf dem Wege nach der
+Breitenstraße, als Alfred Smiders aus einem Nebengäßchen auftauchte
+und ihr plötzlich entgegentrat. Er führte diese Begegnung mit Absicht
+herbei.</p>
+
+<p>»Endlich habe ich das Glück, Sie zu treffen, Fräulein Hergenbach!« zog
+er den Hut.</p>
+
+<p>Sie verneigte sich nur wenig.</p>
+
+<p>»Ich wartete jeden Tag auf Sie,« sagte er dann.</p>
+
+<p>»Warum, Herr Smiders? Es ist doch zwecklos —« entgegnete sie hastig.</p>
+
+<p>Als er sie aber nach diesen Worten scharf ansah, begann sie stark zu
+erröten. Sie bemerkte es und war darüber auf sich selbst ärgerlich.
+Warum geschah es gerade unter seinen Blicken? Ihre Pulse klopften
+fühlbar, als er jetzt neben ihr herging, und doch vermochte sie seine
+Begleitung nicht abzulehnen.</p>
+
+<p>»Sie wollten von Wolf hören, Fräulein Hergenbach! Es hat Sie aus dem
+alten Haus getrieben.<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> Habe ich nicht recht?« fragte er überlegen.
+»Ich weiß es auch ohne Ihre Antwort. Wolf genügt Ihnen nicht. Er lebt
+in so törichter Abhängigkeit von seinen Geschwistern. Bei mir ist
+es anders. Einer solchen Partnerin wie Sie böte ich jeden Reiz des
+Lebens.«</p>
+
+<p>Warum erzitterte nur Ilse Hergenbach unter diesen Worten? Das war es,
+was in ihr gärte. Eingeengt in den alten Brauch des Plüddekampschen
+Hauses, drängte alles in ihr gewaltsam nach Lebensgenuß. Alfred
+Smiders durchschaute sie sofort, und sie fühlte dies Erkennen vom
+ersten Augenblick an. Obwohl sie kein Interesse für ihn hatte, zwang
+er sie doch in seinen Bann hinein. Und nun dieses direkte Hindeuten
+auf Wolf! Was konnte er von ihm sagen! Wußte er um alles? Es quälte
+sie seit Tagen, und sie wollte es heute bestimmt ergründen.</p>
+
+<p>»Ich habe in diesem Laden etwas zu besorgen, Herr Smiders,« blieb sie
+plötzlich stehen.</p>
+
+<p>»Ich warte gern draußen, Fräulein Hergenbach,« erwiderte er
+zuvorkommend, »denn mit hineinnehmen wollen Sie mich wohl nicht.«</p>
+
+<p>»Nein,« erwiderte sie mit eigentümlichem Lächeln, »man denkt hier zu
+kleinstädtisch!«</p>
+
+<p>Sie trat in das Geschäft ein und kam nach kurzer Zeit mit den
+eingekauften Sachen wieder heraus. »Ich gehe jetzt heim, Herr
+Smiders,« sagte sie leichthin.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p>
+
+<p>Er bemerkte sogleich, daß es ihr damit nicht ernst war, und faßte sie
+scharf ins Auge.</p>
+
+<p>»Ich möchte gern mit Ihnen eine Stunde zusammen sein, so viel Zeit
+haben Sie, Fräulein Hergenbach.«</p>
+
+<p>Sie suchte hastig nach Worten, durch die sie dies ablehnen konnte,
+aber die Neugierde, über Wolf etwas zu erfahren, hielt sie davon
+zurück.</p>
+
+<p>»Sie müssen mir aber erzählen, was Sie von Wolf wissen, Herr Smiders,«
+gab sie nun zur Antwort.</p>
+
+<p>Dieser, der sie dabei beobachtete, frohlockte. Der abgesandte
+Pfeil hatte getroffen. Ilse mußte an Wolf stark interessiert sein,
+wahrscheinlich noch mehr — die beiden hatten ein Liebesverhältnis
+miteinander! Es war nach seiner Meinung leicht zu durchbrechen.</p>
+
+<p>»Ich kann Ihnen viel von meinem Freunde Wolf erzählen. Wenn Sie
+mir auf ein halbes Stündchen folgen, — sollen Sie sogar — seine
+Liebesirrung kennen lernen —«</p>
+
+<p>»Seine Liebesirrung, Herr Smiders? —« Ilses Herz zog sich krampfhaft
+zusammen.</p>
+
+<p>»Na und ob,« meinte Smiders höhnisch. »Ist ein hübsches junges
+Mädchen. Natürlich nichts Besonderes! Aber Herr Jürgen und Fräulein
+Herta würden sich wundern, wenn sie wüßten, in wessen Armen Wölfchen
+seine freien Stunden verbringt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p>
+
+<p>Ilse zitterte am ganzen Körper vor Wut. Wolf Plüddekamp hatte ein
+Verhältnis. Die Frau in ihr war tief beleidigt.</p>
+
+<p>»Aha!« dachte Smiders, der den Seelenzustand in ihrem Gesicht las,
+»Wölfchen scheint recht weit mit ihr zu sein. Die Sache ist nicht so
+schwierig, wie sie aussah. — Kommen Sie, Fräulein Ilse,« er nahm
+einfach ihren Arm, »das blonde Riekchen haust ganz in der Nähe. Wir
+trinken dort eine Flasche Wein zusammen.«</p>
+
+<p>Ilse zog den Arm rasch zurück. Einen Augenblick wollte es in ihr
+über diese Zumutung zornig aufwallen. Noch stärker wirkte aber die
+angetane Kränkung. Jürgen Plüddekamp hatte ihre Liebe verschmäht. Wolf
+Plüddekamp, der sie zur Frau verlangte — betrog sie mit einer andern!
+Der Ingrimm packte sie mit voller Gewalt.</p>
+
+<p>»Nun?« fragte der Reeder, »ist die Kenntnis nicht wertvoll für Sie?«
+Er zog abermals ihren Arm unter den seinen, und jetzt ging sie mit.</p>
+
+<p>Es waren nur wenige Schritte bis zur ›Grünen Schanze.‹ Es schauderte
+ihr kalt über den Rücken, als sie mit Alfred Smiders den dunklen
+Hausflur durchschritt und in den Hof kam. Wohin führte er sie? — Eine
+innere Stimme rief: »Zurück! Zurück!« Ihr Fuß ging aber vorwärts.
+Smiders riß die Tür<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> auf, und sie traten in das alte räucherige Zimmer
+ein. Von dem Sofa erhob sich gähnend eine weibliche Person.</p>
+
+<p>»Ach — Sie sind's, Herr Smiders!« sagte diese. Es war das blonde
+Riekchen. »Karli hat heute ihren Ausgehtag — der Hamburger sitzt
+vorn. Ist der schöne Wolf noch nicht zurück?« Sie brachte alles in
+einem Atem vor.</p>
+
+<p>Smiders ließ Ilse stehen und flüsterte Riekchen rasch einige Worte zu.</p>
+
+<p>»Ah — so,« meinte die dralle Person darauf, »wird bestens besorgt.«
+Sie sah dann neugierig auf die junge Dame, die unbeweglich inmitten
+des Raumes stand.</p>
+
+<p>»Der Hamburger braucht nicht zu wissen, daß ich hier bin, Rieke!« Der
+Reeder wiederholte dies anscheinend laut.</p>
+
+<p>»Schon gut, Herr Smiders.«</p>
+
+<p>Riekchen drehte das Gas mehr auf, es wurde heller. Smiders schritt auf
+Ilse zu, nahm ihren Mantel ab und führte sie mit überlegenem Lächeln
+zum Sofa.</p>
+
+<p>»Dort setze ich mich nicht, Herr Smiders,« ihre tiefe Stimme hatte
+einen unsicheren Klang, »ich werde diesen Stuhl nehmen.«</p>
+
+<p>Die blonde Rieke ging hinaus, um Sekt zu holen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span></p>
+
+<p>»Also das ist das Mädchen, mit dem Wolf Plüddekamp ein Verhältnis
+hat?« brachte Ilse mühsam hervor.</p>
+
+<p>»Ja, — meine schöne Ilse, — das ist das Mädchen! Eine nette
+Weinkellnerin, wie?«</p>
+
+<p>Ilse war leichenblaß geworden.</p>
+
+<p>»Was halten Sie nun von Wölfchen? Lockrer Zeisig — he? Und Sie,
+schöne Ilse? Sie haben doch geglaubt, ihn ganz allein zu besitzen!«</p>
+
+<p>»Herr Smiders,« rang es sich von ihren Lippen, »Sie sind brutal mit
+mir, — Wolf ist mein Verlobter.«</p>
+
+<p>»Na, — so im geheimen, — damit meint er's nicht so genau! Sie
+gehören doch zu den Modernen! Hab es gleich gewußt. Die kennen keine
+Engherzigkeit. Ärgern — Unsinn, schöne Ilse! Wir trinken jetzt ein
+Glas Champagner zusammen.«</p>
+
+<p>Die blonde Rieke trat ein und brachte Sekt. Smiders schenkte einige
+Gläser ein, dann reichte er Ilse und der Kellnerin davon hin.</p>
+
+<p>»Auf Schönheit und Leidenschaft — Prost!«</p>
+
+<p>Ilse hielt krampfhaft das Glas in der Hand. Ihre Augen hatten einen
+wilden Ausdruck angenommen, — die Wangen brannten ihr wie Feuer, —
+seine Blicke ließen nicht von ihr ab. Zwar noch widerstrebend, dann
+aber von einem plötzlichen Entschluß erfaßt, stieß sie mit ihm an. Die
+blonde Rieke<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> hob ebenfalls das Sektglas gegen Ilse. Sofort setzte
+diese das ihre nieder.</p>
+
+<p>»Sie kennen Wolf Plüddekamp?« rief sie aus.</p>
+
+<p>»Ja,« meinte Rieke ganz verwundert. »Natürlich kenne ich ihn. Ein
+bildschöner Herr! Er ist schon oft hier gewesen.«</p>
+
+<p>»Und Sie, — Sie lieben Wolf Plüddekamp?«</p>
+
+<p>»Lieben?« meinte die blonde Rieke ironisch. »Bei unserem Handwerk muß
+man ein weites Herz haben. Freilich, — ihn kann man schon lieben.«</p>
+
+<p>Ilse Hergenbach war innerlich wütend. Sie goß das volle Glas
+Champagner auf einmal hinunter, und Smiders schenkte ihr rasch wieder
+ein. Es war rein zum Tollwerden! Wolf — und diese Person, die für
+jeden Gast das gleiche Entgegenkommen übrig hatte. Alle Leidenschaft
+wallte auf einmal in ihr empor. Sie hätte rasen können vor Zorn. War
+sie so wenig wert, galt sie nur etwas für männliche Launen? Woran
+sollte sie noch glauben, sich anklammern? Der feste Boden schwand
+unter ihr. Die Liebe war in ihr niedergerungen, der Haß entstanden —
+Manneswort — leerer Schall. Ihre ganze Natur bäumte sich wild auf,
+— dann lieber toll genießen, — alles in die Schanze schlagen! Kein
+Heute — kein Morgen! Mehr war das Leben nicht wert. Sie goß ein Glas
+Champagner nach dem anderen hinunter. Schon<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> begannen sich ihre Sinne
+vollständig zu verwirren. Alfred Smiders schaute immer begehrlicher
+auf sie hin. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entrinnen.</p>
+
+<p>Ilse sah den Kopf der blonden Rieke nur noch wie im Nebel, sie hörte
+nicht, wie Smiders dieser sagte, sie allein zu lassen.</p>
+
+<p>»Halt Karli zurück, wenn sie kommen sollte,« flüsterte er. »Steck sie
+zu Kneis — das ist notwendig. — Diese da,« er deutete rückwärts
+auf Ilse, »spioniert bloß! Sie lernt bei Plüddekamps die Wirtschaft,
+— will dir meinen Freund Wolf wegkapern. Ich leid's aber nicht —
+deinetwegen, Riekchen!«</p>
+
+<p>»Wolf laß ich mir nicht nehmen,« ereiferte sich diese. »Nach einem
+Reichen angeln sie alle, — aber daraus wird nichts!«</p>
+
+<p>Smiders gab ihr einen Wink, vorsichtig zu sein.</p>
+
+<p>»Ich gehe schon —«</p>
+
+<p>Er schenkte Ilse Hergenbach immer von neuem ein. Sie konnte schon
+keinen klaren Gedanken mehr fassen. Plötzlich fuhr sie aus ihrer
+wilden Träumerei auf. »Ich muß nach Hause, — Tante Herta —«</p>
+
+<p>»Sie haben Zeit,« beruhigte er sie, »es ist noch lange keine Stunde
+um.«</p>
+
+<p>»Wolf! Wolf!« schrie sie plötzlich auf.</p>
+
+<p>»Lassen Sie ihn laufen,« flüsterte Smiders, sich Ilse mehr und mehr
+nähernd. »Ich will Ihnen ein<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> glänzendes Leben bieten. Ich liebe Sie
+verzehrend — Ilse.«</p>
+
+<p>»Nein, nein,« wehrte sie ihn mechanisch ab.</p>
+
+<p>Die großen grauen Augen starrten wie geistesabwesend vor sich hin.
+Ihre Lippen zuckten, — ihre Züge nahmen einen verzerrten Ausdruck an.
+Sie suchte nach Worten:</p>
+
+<p>»Leben — ist alles, was bleibt — leben — nicht tot sein —«</p>
+
+<p>Die ungeheure seelische Erregung — der hastig genossene Champagner
+ließen sie wie betäubt zurücksinken. —</p>
+
+<p>Die Tür von der vorderen Weinstube wurde aufgerissen. Karli stand
+plötzlich mitten im Zimmer.</p>
+
+<p>»Du bist hier!« schrie sie Smiders an, »wen hast du da mitgebracht!
+Das ist arg! Du willst mir vorreden, — na warte, — das sollst du mir
+büßen!« — Sie warf die Verbindungstür schmetternd zu.</p>
+
+<p>Ilse erhob sich taumelnd. Sie war leichenblaß. Wo war sie hingeraten?
+Der Gedankengang setzte wieder bei ihr ein.</p>
+
+<p>»Ich will fort — fort!« rief sie aus.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick stand sie schon an der Tür.</p>
+
+<p>»Ilse!« Er wollte sie zurückhalten. Sie war aber hinausgeeilt. Die
+blonde Rieke kam jetzt, und Smiders bezahlte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p>
+
+<p>»Rede Karli ins Gewissen,« raunte er ihr hastig zu, »daß sie bei
+dem Hamburger keine Dummheiten macht. Warum hast du sie auch
+hereingelassen?«</p>
+
+<p>»Ich konnte sie nicht zurückhalten, Herr Smiders. Sie hatte Wind
+bekommen, daß Sie da sind. Sie durften das Fräulein nicht hierher
+mitnehmen! Das war nicht schön von Ihnen.«</p>
+
+<p>»Ach was, dummes Mädel! Kümmere dich nicht um meine Sachen! Ich setze
+keinen Schritt mehr in die Bude, wenn Karli nicht vernünftig ist. Sage
+ihr das!« Es drängte Smiders hinaus, um Ilse Hergenbach nachzueilen.
+— — —</p>
+
+<p>Diese stürmte durch die Straßen vorwärts. In wilder Hast bog sie in
+Nebengassen ab, um den Weg nach dem Plüddekampschen Hause abzukürzen.
+Ein kalter Regen, der niederging, schlug ihr ins Gesicht, durchnäßte
+ihre Kleider und Haare und kühlte die brennende Stirn. Wenn ihr nur
+niemand im Hause begegnete, ehe sie das Zimmer erreichte! Es wäre ihr
+unmöglich gewesen, Worte zu wechseln oder einen forschenden Blick zu
+ertragen.</p>
+
+<p>Sie flog die Stufen der großen Treppe hinauf und wollte sofort weiter
+zum zweiten Stockwerk, als Herta auf den Korridor trat.</p>
+
+<p>Ilse erschrak heftig. Ihr Fuß zögerte, ihr Atem stockte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p>
+
+<p>»Ich wartete auf dich, Ilse! Du bist lange fortgeblieben.«</p>
+
+<p>»Entschuldige, Tante Herta! Ich bin vollständig durchnäßt!«</p>
+
+<p>Bei diesen Worten eilte sie bereits weiter. Trotz des Halbdunkels, das
+im Korridor herrschte, hatte Herta mit einem Blick die verstörten Züge
+Ilses gesehen.</p>
+
+<p>»Sie ist doch ein merkwürdiges Geschöpf,« schoß es ihr durch den Sinn.
+»Von einem Regenschauer sieht man doch nicht so verstört aus.«</p>
+
+<p>Ilse war inzwischen auf dem Zimmer angelangt. Sie riß den Hut vom
+Kopfe und warf sich schluchzend auf ihr Lager hin. Die Gedanken rasten
+noch in ihr. Unaufhaltsam erschienen wirre Bilder vor ihren Augen.
+Das ganze Nervensystem schien aufs äußerste erschüttert zu sein. Sie
+vermochte sich keine klare Rechenschaft über die letzten Stunden zu
+geben. Ein unbeschreibliches Angstgefühl trieb sie wieder empor und
+ließ sie das elektrische Licht aufdrehen.</p>
+
+<p>Nur erst wieder einen einzigen vernünftigen Gedanken fassen, —
+richtig überlegen können, was sie tun mußte, um aus den Irrungen
+herauszukommen.</p>
+
+<p>Wolf hatte sie betrogen, — ein neuer Tränenstrom brach aus ihren
+Augen hervor.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p>
+
+<p>»Alles in der Welt ist Lüge, erbärmliche Lüge!« rief es verzweifelt
+in ihr. »Ich selbst — bin die Lüge und Alfred Smiders verfallen. Ich
+kann hier nicht bleiben, bis Wolf zurückkehrt! Ich kann auch nicht
+nach Nordhausen zurück!« —</p>
+
+<p>Die Kleidung wurde ihr über der Brust zu eng. Sie riß mit beiden
+Händen das Mieder auf, um leichter zu atmen.</p>
+
+<p>Wenn nur diese entsetzlich quälenden Gedanken erst nachließen! Zum
+ersten Male sah sie in das Leben hinein. Wie hatte sie sich nach
+seinen Freuden gesehnt! Und nun empfand sie anstatt des erhofften
+Glücksgefühls — eine gänzliche Vernichtung ihrer selbst.</p>
+
+<p>Ein paarmal raste sie durch das Zimmer. Dann warf sie sich wieder hin
+und schluchzte wild auf.</p>
+
+<p>Fort von hier, fort! Damit sie die prüfenden Blicke im Hause nicht
+zu ertragen brauchte! Ihr Kopf schmerzte entsetzlich. Ein Schwindel
+ergriff sie. —</p>
+
+<p>Es klopfte an der Tür. Das Mädchen öffnete und fragte, ob Fräulein
+Hergenbach nicht zum Abendbrot kommen wolle. Sie antwortete hastig:</p>
+
+<p>»Ich leide an starkem Kopfweh. Entschuldigen Sie mich bitte!«</p>
+
+<p>Die Tür schloß sich wieder, und Ilse Hergenbach war mit sich und ihren
+wilden Gedanken allein.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p>
+
+<h2>XIX.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Es waren unangenehme Nachrichten eingegangen. Die Reederei befand
+sich in einer gefahrdrohenden Lage. Trotz der klugen Machenschaften
+von Alfred Smiders war eine Anzahl Papiere, die er in Akzeptaustausch
+nach Berlin gegeben hatte, auf der Reichsbank zusammengekommen. Ein
+Bankhaus, mit dem er noch nicht lange verkehrte, ersuchte plötzlich
+um genaue Auskunft über die hereingegebenen Wechsel und wollte sofort
+jeden weiteren Verkehr abbrechen, wenn kein genügender Ausweis
+vorhanden war. Was sollte er tun? Gestern abend kehrte er noch in der
+rosigsten Laune heim. Er fühlte etwas von einem verteufelten Kerl in
+sich, dem alles gelingen mußte. Und nun?</p>
+
+<p>»Verdammt! Immer nur die Frauen!« zischte er zwischen den Zähnen
+hervor, als er den Brief von der Bank wütend auf den Schreibtisch
+warf. »Im Geschäft wird es täglich toller! Es darf aber nicht
+zusammenbrechen. Ich bin gezwungen, heute mit dem Hamburger fertig zu
+werden. Nur eine große Barsumme, mit der ich alles glatt machen kann,
+bringt mich wieder in das richtige Fahrwasser hinein.«</p>
+
+<p>Er stützte sein Haupt schwer auf und sann einige Augenblicke nach.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span></p>
+
+<p>»Es bleibt mir kein anderer Weg, ich muß zu dem Alten hinüberlaufen
+und ihm die Sache langsam beibringen.«</p>
+
+<p>Trotz der frühen Stunde ging er sofort zu seinem Vater. Smiders senior
+bewohnte einen Teil des Parterres. Der alte, vollständig gelähmte
+Herr lag auf dem Krankenstuhl und ließ sich vom Diener das Frühstück
+reichen. Alfred Smiders trat mit lächelnder Miene an ihn heran.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Papa! Schon auf? Es geht dir heute wohl gut?«</p>
+
+<p>»Nicht besser und schlechter als jeden anderen Tag, mein Sohn. Nur die
+Untätigkeit, zu der ich verdammt bin, ist mir schrecklich.« Der Diener
+verließ inzwischen das Zimmer. »Ich sehe dich wenig, — du bist mit
+Arbeit überhäuft. Könnte ich dir doch helfen!«</p>
+
+<p>»Leider läßt sich daran nichts ändern, Papa. Ich komme wegen Herrn
+Kneis. Er war bei dir und hat mit dir gesprochen.«</p>
+
+<p>»Ja, ja,« nickte der alte Smiders mit dem Kopfe. »Ein tüchtiger Mann!
+Du kannst keinen besseren Teilhaber erlangen, als diesen gewiegten
+Überseer. Er besitzt bedeutende geschäftliche Kenntnisse und großes
+Vermögen. Ich bin dafür, wir nehmen ihn als tätigen Kompagnon auf. Du
+wirst dann entlastet, und wir erhalten noch viele neue Verbindungen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p>
+
+<p>»Das ist alles gut und schön, Papa! Ich bin der Sache auch nicht
+abgeneigt, obwohl es wenig angenehm ist, bei jeder größeren
+geschäftlichen Verfügung erst eine Rücksprache nehmen zu müssen. Das
+Ding hat aber noch einen Haken.«</p>
+
+<p>»Wieso?« fragte der alte Herr.</p>
+
+<p>»Na, — du weißt doch, Papa! Die alten Kasten wollten nicht mehr
+ziehen. Wir sind immerhin ziemliche Verbindlichkeiten bei der
+Schiffswerft eingegangen, um unseren Dampferbestand zu erneuern.
+Die Rechnungen laufen noch ein, und die Ratenzahlungen folgen dicht
+aufeinander. Ich möchte nicht, daß Kneis darin Einblick bekommt. Er
+gewinnt dann sofort Oberwasser bei uns.«</p>
+
+<p>Der alte Smiders sah mit den matten Augen erschrocken zu seinem Sohne
+auf.</p>
+
+<p>»In dieser Form hast du es mir noch nie gesagt, Alfred. Bisher war
+deine Ansicht stets, mit unseren Mitteln alles glatt bestreiten zu
+können. Nun geht es auf einmal nicht mehr! — Ich habe dir doch
+deswegen mein ganzes Barvermögen gegeben, das ich noch besaß. Wir
+stehen jetzt also vor neuem Bedarf, den du nicht decken kannst. Sage
+es nur gerade heraus! Wir müssen dann Kredit bei unserer Bank nehmen.
+Bei dem langen Verkehr mit uns wird sie ihn sicherlich einräumen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p>
+
+<p>Alfred Smiders kam bei diesen Worten in eine höchst unangenehme Lage.
+Er überlegte schnell, wie weit er seinen Vater über den schlechten
+Geldstand der Firma einweihen sollte.</p>
+
+<p>»Ich möchte es nicht, Papa! Sobald man erst bei den Banken Kredit
+braucht, ziehen sie gleich die Bedingungen an. Bei unseren großen
+Umsätzen kostet dies viel Zinsen und Provisionen. Offen gestanden, —
+ich will nicht in diese Abhängigkeit geraten.«</p>
+
+<p>»Es ist schon richtig,« fiel sein Vater ein. »Aber was dann? Der
+›Friedrich Barbarossa‹ muß bald aus dem Dock heraus sein. Geh doch zu
+Jürgen Plüddekamp. Er wird dir gewiß helfen und eine größere Summe
+über das Konto vorweg geben.«</p>
+
+<p>Alfred Smiders pfiff leise durch die Zähne.</p>
+
+<p>»Ich stehe mit Jürgen nicht sehr gut, und Wolf ist auf längere Zeit
+verreist. Am besten wäre es, du sprächst selbst mit ihm, Papa.
+Dir schlägt er es sicherlich nicht ab, und zwar muß es noch heute
+geschehen. Wir nehmen dann Kneis sofort herein, und alles ist wieder
+in bester Ordnung.«</p>
+
+<p>»Alfred! Wie soll ich zu Jürgen Plüddekamp hinkommen? Ich fühle mich
+viel zu schwach dazu.«</p>
+
+<p>»Nein, nein, Papa! Es ist unbedingt notwendig, daß du es tust. Ich
+werde dich gleich telephonisch anmelden, und du läßt dich in deinem
+Wagen hinfahren.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p>
+
+<p>»Ja, wenn es sein muß!« stöhnte der alte Smiders leise auf. »Ich mache
+es deinetwegen, mein Sohn. Meine Lebenstage sind doch gezählt.«</p>
+
+<p>Der junge Smiders reichte seinem Vater mit freundlichem Drucke die
+Hand.</p>
+
+<p>»Gut, Papa! Wir sind jetzt vollkommen einig. Ich rufe dir deinen
+Diener und gehe gleich nach dem Kontor hinüber.«</p>
+
+<p>Er befand sich wieder in bester Laune. Ein Stein war ihm vom Herzen
+gefallen. So mußte es gehen. Nun schwamm er wieder oben. —</p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp erstaunte nicht wenig, als ihm telephonisch gemeldet
+wurde, daß der alte gelähmte Herr Smiders ihn aufsuchen würde. Eine
+Stunde darauf brachte der Diener diesen bereits angefahren. Mit
+einigen Umständen wurde der Wagen bis an das Privatkontor von Jürgen
+Plüddekamp gebracht. Der alte Mann kam schon in einem ziemlich
+erschöpften Zustande an, und Jürgen suchte ihm die Aussprache in jeder
+Weise zu erleichtern.</p>
+
+<p>Er ließ sofort ein stärkendes Glas Wein für ihn holen und fragte dann
+teilnehmend, wie sein Befinden wäre. Da er ihn lange nicht gesehen
+habe, freue er sich, daß es ihm anscheinend gut ginge.</p>
+
+<p>»— und nun — was führt Sie zu mir, Herr Smiders?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p>
+
+<p>»Lieber Herr Plüddekamp,« begann dieser. »Ich komme heute als alter
+Freund Ihrer Firma zu Ihnen, dem schon Ihr Herr Vater volles Vertrauen
+schenkte. Es handelt sich um einen Vorschlag. Die Erweiterung unserer
+Dampferlinien, um der wachsenden Konkurrenz zu begegnen, stellte große
+Anforderungen an die Reederei. Wir haben uns deshalb entschlossen,
+einen tätigen Teilhaber mit größerem Kapital hereinzunehmen. Es ist
+Herr Kneis aus Hamburg. Vorher aber möchte Alfred vollständig reinen
+Tisch haben. Wir wollen uns nicht der Bank in die Hand geben, und ich
+bitte Sie, uns dabei entgegenzukommen. Die Summe für den gecharterten
+›Friedrich Barbarossa‹ ist allerdings erst später zu zahlen. Es wird
+Ihnen nichts ausmachen, uns diese — natürlich mit Abzug eines Skontos
+— schon jetzt zu überweisen. Sie werden uns zu gleichen Diensten
+stets bereit finden.«</p>
+
+<p>Jürgen war dieses Ansinnen sehr peinlich. Der alte gebrechliche Herr
+tat ihm außerordentlich leid. Sollte er ihm die bittere Wahrheit ins
+Gesicht sagen?</p>
+
+<p>Herr Smiders senior sah ihn fragend an. Warum erfolgte nicht gleich
+die Antwort? Es war doch nur eine kleine Gefälligkeit, um die er die
+reiche Firma anging.</p>
+
+<p>»So leid es mir tut, Herr Smiders, und so gern ich Ihnen gefällig sein
+möchte, — in diesem Falle<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> geht es nicht,« brachte Jürgen leicht
+stockend hervor. »Die Fracht für den ›Friedrich Barbarossa‹ hängt
+vollständig in der Luft, und unser Vertrag ist hinfällig. Der Dampfer
+liegt noch im Dock, und es ist nicht abzusehen, wann er auslaufen
+kann. Ich hörte, die Werft hat die Arbeit eingestellt!«</p>
+
+<p>»Die Werft hat die Arbeit eingestellt, Herr Plüddekamp! Großer Gott,
+davon weiß ich gar nichts!« erwiderte der alte Smiders zitternd. »Ich
+glaubte, der Dampfer sei zum Auslaufen bereit. Darauf begründete sich
+mein Plan. Nun tut es mir leid, daß ich Sie behelligt habe. — Ich muß
+sofort mit Alfred sprechen. Ich verstehe alles nicht mehr — ich bin
+— ganz verstört darüber.«</p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp sah ihn mit bedauernden Blicken an. Er hätte ihm
+wohl noch manches sagen können, wovon er nichts wußte. Aber dazu
+lag kein Grund vor, und er wollte dem alten Herrn nicht die letzten
+Lebenstage verbittern. —</p>
+
+<p>Smiders senior fuhr unverrichteter Sache ab. Gleich darauf rief Jürgen
+den Prokuristen Armin herein und teilte ihm alles mit.</p>
+
+<p>»Was sagen Sie dazu, Armin? Ich habe das Gefühl, daß Smiders &amp; Sohn
+vor dem gänzlichen Zusammenbruch stehen. Ein wahres Glück, daß wir
+Wolf nach Spanien sandten. Hoffentlich erhalten<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> wir recht bald gute
+Nachrichten von ihm. Unsere sonstigen Beziehungen zu der Reederei sind
+doch vollständig geregelt, so daß wir mit ihr in gar keiner Berührung
+mehr stehen.«</p>
+
+<p>»Es liegen noch ein paar kleinere Frachten vor, Plüddekamp,« erwiderte
+Armin, »aber diese machen uns keine Umstände. Ich kann sie auch einer
+anderen Reederei überschreiben.«</p>
+
+<p>»Tun Sie das, Armin! Es ist besser, wir brechen alle Verbindungen mit
+der Firma ab.« — — —</p>
+
+<p>Alfred Smiders saß an seinem Schreibtisch. Er hatte einen weißen
+Bogen vor sich hingelegt und rechnete. Nach einer Weile nickte er
+befriedigt. So mußte es gehen! Ein Angestellter brachte ihm die
+Mittagspost herein. Bei flüchtigem Durchsehen erkannte er auf einem
+Kuvert die Handschrift von Kneis. Sofort riß er dies zuerst auf und
+überflog hastig die darin enthaltenen Zeilen. Ein wilder Ausruf
+entfuhr seinem Munde. Er schlug mit beiden Händen auf den Tisch und
+wurde dann fahlbleich.</p>
+
+<p>»Es ist ja nicht möglich!« rief er laut aus. »Was ist in den Mann
+gefahren! So lasse ich mich nicht abspeisen! — Bis zum Abgang des
+Schnellzuges nach Hamburg ist noch eine Stunde. — Er darf nicht
+fahren!« Und schon hatte er seinen Hut ergriffen und eilte fort. —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p>
+
+<p>Inzwischen kehrte der Wagen mit dem gelähmten alten Smiders zurück. Er
+ließ seinen Sohn sofort zu sich bitten und erhielt zur Antwort, daß
+dieser ausgegangen sei. Nach einer halben Stunde kam Alfred Smiders
+jedoch zurück. Sein sonst elastischer Gang war unsicher, seine Züge
+gefurcht, als ob er um Jahre gealtert sei. Er suchte sofort seinen
+Vater auf und war völlig niedergeschmettert, als er die Ablehnung von
+Jürgen Plüddekamp erfuhr.</p>
+
+<p>»Was nun?« rief es in ihm.</p>
+
+<p>»Sprich sofort mit Herrn Kneis!« sagte ihm der Vater. »Du mußt mit
+ihm einig werden! Es ist der einzige Ausweg! Geh, mein Sohn, versäume
+keine Zeit.«</p>
+
+<p>Alfred Smiders wankte nach seinem Kontor hinaus. Er konnte seinem
+Vater nicht sagen, daß bei dem Hamburger alles verloren sei. Mit der
+gewohnten Ruhe hatte ihm der Überseer ins Gesicht gesagt, daß er
+dafür danke, mit der Firma Smiders &amp; Sohn in irgendeine Verbindung
+zu treten. Als Alfred Smiders nach der Ursache seines plötzlichen
+Verhaltens forschte, erwiderte er kaltlächelnd:</p>
+
+<p>»Fragen Sie die schwarze Karli in der ›Grünen Schanze‹, die Sie mir
+so warm empfohlen haben, warum ich mit Ihnen nichts mehr zu tun
+haben will.« Damit verbeugte er sich kurz, und Alfred Smiders war
+abgewiesen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p>
+
+<p>Die letzte Hoffnung hatte er noch auf die Unterredung seines Vaters
+mit Jürgen Plüddekamp gesetzt. Auch diese schlug fehl.</p>
+
+<p>Wohin er auch blickte, kein Ausweg mehr. Alle Fäden, die er gehalten,
+waren abgeschnitten. Schon in den nächsten Tagen mußte die Firma
+zusammenbrechen. Einen Konkurs konnte er nicht machen. Seine Bücher
+waren nicht in Ordnung. Er hatte eine Anzahl Posten nicht buchen
+lassen. Der ganze Akzeptaustausch, durch den er sich Geld verschaffte,
+stand nur auf einem Blatt Papier verzeichnet. Er wußte genau, der
+Staatsanwalt würde sich mit ihm befassen. Das verzweifelte Spiel, das
+er aus wilder Sucht nach Reichtum begonnen, war verloren! Er wollte
+noch so viel als möglich zusammenraffen und damit fliehen. Weiter
+blieb ihm nichts übrig. — Einen Augenblick dachte er an seinen alten
+Vater, er schüttelte aber den Gedanken mit aller Kraft wieder von
+sich ab. Mochten sich andere seiner annehmen, er wollte den Sturz
+nicht erleben. Es war nicht hohe — nein, es war die höchste Zeit, daß
+er fortging. — Es ergriff ihn eine Wut auf die schwarze Karli, die
+ihn an den Hamburger verriet. Warum vertraute er sich ihr auch an!
+Er suchte bei diesen Gedanken nach dem Grunde, und die Gestalt Ilse
+Hergenbachs trat plötzlich vor ihn hin. Durch diese Torheit<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> entstand
+jetzt sein ganzes Unglück. Sie hatte ihm gefallen, wie ihm jedes
+andere Mädchen gefiel, nach dem er siegesgewiß seine Hand ausstreckte.
+Aber der Einsatz kam ihm teuer zu stehen. Nun galt es, keine Sekunde
+mehr zu zögern.</p>
+
+<p>Er rief seinen vertrauten Buchhalter herein und ließ sich das
+Kontokorrentbuch vorlegen. Mit fiebernden Pulsen blätterte er darin
+herum, machte sich Notizen und bestellte dann einen Wagen. Die Leute
+konnten ihm nachreden, was sie wollten, er würde drüben in der Neuen
+Welt untertauchen. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe, und es gelang
+ihm, einen geeigneten Plan zu schmieden. Inzwischen fuhr der Wagen
+vor. Er war schon im Begriff, hinauszueilen, als einer der Kommis ihm
+meldete, daß ihn eine junge Dame zu sprechen wünsche.</p>
+
+<p>»Ich habe keine Zeit!« schrie er diesen an, »sagen Sie ihr dies.«</p>
+
+<p>Der Kommis kehrte aber nochmals zurück. »Sie läßt sich nicht abweisen,
+Herr Smiders, und hat ihren Namen genannt — Fräulein Ilse Hergenbach!«</p>
+
+<p>Smiders warf das Hauptbuch dröhnend auf die Schreibtischplatte.</p>
+
+<p>»Es ist rein wie verhext! Gut,« rief er dem Kommis zu, »das Fräulein
+soll eintreten.«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span></p>
+
+<h2>XX.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Herta Plüddekamp sah Ilse fragend an, als sie am nächsten Morgen ihre
+Tätigkeit im Haushalt wieder aufnahm.</p>
+
+<p>»Dein Gesicht kommt mir so verändert vor, Ilse. Hast du eine schlechte
+Nachricht erhalten?«</p>
+
+<p>»Nein!« erwiderte diese zögernd. »Ich fühle mich nicht ganz wohl und
+muß mir eine starke Kopferkältung zugezogen haben. Eine Schwere liegt
+mir in allen Gliedern, daß ich mich kaum aufrecht erhalte.«</p>
+
+<p>»So bleibe doch in deinem Zimmer! Ich sende dir die Mahlzeiten
+hinauf,« sagte Herta in gütigem Tone.</p>
+
+<p>»Ich danke dir, Tante Herta.«</p>
+
+<p>Ilse war recht froh, dem Wirtschaftsgetriebe fernbleiben zu können,
+und zog sich sofort auf ihr Zimmer zurück. Nach einer schlaflos
+verbrachten Nacht fühlte sie eine starke Ermattung in ihren Gliedern.
+Aus dem Gewirr der Gedanken hatte sie sich zu einem Entschluß
+durchgerungen. Sie wollte das Plüddekampsche Haus verlassen, um Wolf
+nie<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> wiederzusehen. Alfred Smiders mußte ihr dazu die Hand bieten. Sie
+würde ihn schon zu zwingen wissen. — Es konnte ihr niemand verdenken,
+wenn sie eine Stunde ausging, um frische Luft zu schöpfen. Der Weg
+aber, sollte sie zu Alfred Smiders führen. —</p>
+
+<p>Jochen Hindorf war an dem Vormittag zufällig fortgeschickt worden. Als
+er bei der ›Grünen Schanze‹ vorbeikam, stand die blonde Rieke vor der
+Tür.</p>
+
+<p>»Morjen, Mamsell!« rief er ihr zu.</p>
+
+<p>»Guten Tag, Herr Hindorf! Kommen Sie ein bißchen herein. Ich will
+Ihnen ein Glas Wein geben.«</p>
+
+<p>Damit erklärte sich Jochen sofort einverstanden. Er setzte sich in die
+Vorderstube und trank mit Behagen einen Schnitt ›Weißen‹ vom Faß, den
+ihm das junge Mädchen hinstellte.</p>
+
+<p>»Wann kommt Herr Wolf Plüddekamp zurück?« fragte sie ihn aus.</p>
+
+<p>»Jäh — das weiß ich nicht! So was ist Geschäftsgeheimnis,« meinte der
+Alte ernst.</p>
+
+<p>»Ich habe ihm aber sehr Wichtiges zu erzählen,« fuhr Riekchen fort.</p>
+
+<p>»So, was Wichtiges! Das können Sie mir auch gleich sagen.«</p>
+
+<p>»Nein, nein!« schüttelte Rieke den Kopf, »es geht nicht ohne
+weiteres.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span></p>
+
+<p>Jochen Hindorf war aber ein alter Pfiffikus. Wenn er etwas erfahren
+wollte, so ließ er nicht nach, und in seiner gemütlichen, halb
+dummdreisten Art brachte er schließlich alles heraus.</p>
+
+<p>»Dunnerlüchting!« rief er plötzlich aus, »das ist keine andere, als
+Fräulein Ilse gewesen. Herrgott und die Welt — nun möcht' ich bloß
+wissen, wie das zugegangen ist. Ich hab keine Zeit mehr, mein kleines
+Fräulein, sonst krieg ich was ab.«</p>
+
+<p>»Sobald Herr Plüddekamp wieder hier ist, geben Sie mir sofort
+Nachricht,« bat Rieke, »und sagen Sie keinem Menschen ein Wort davon,
+was ich Ihnen anvertraute.«</p>
+
+<p>»I Gott du bewahre! Ich bin doch keine Plapperlott!« gab der Alte zur
+Antwort.</p>
+
+<p>Jochen Hindorf ging trotz der Schwere seiner Beine viel schneller,
+als es ihn sonst zur Arbeit trieb. Er machte ein finsteres Gesicht.
+Es würgte etwas in ihm herum, und er mußte doch zu einem Entschlusse
+kommen, bevor er Haus Plüddekamp erreichte. Wie sollte er es aber nur
+andrehen? Eine ganz tolle Sache, die er da erfahren hatte, und sein
+junger Herr stak dazwischen.</p>
+
+<p>Er befand sich schon dicht vor dem Hause, als Ilse aus dem Torweg
+scheu hervorhuschte und ihm entgegenkam. Sie wollte schnell an ihm
+vorüber.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p>
+
+<p>»Guten Morgen, Fräulein! Sie haben aber Eil!« sagte er mit seiner
+tiefen Brummstimme und machte dabei ein listiges Gesicht. Er glaubte,
+daß Ilse stehen bleiben und ihm antworten würde. Er hatte sich aber
+getäuscht. Sie gab kaum den Gruß zurück und ging hastig weiter.</p>
+
+<p>»I, sieh einmal,« meinte der Alte, »sie beachtet mich gar nicht, na
+man zu, ich bin ihr nichts schuldig.«</p>
+
+<p>Er schritt in den Torweg hinein und gab seine Besorgungen im Kontor
+ab. Als er dann nach dem Hof ging, stand Herta an der Gartenpforte und
+winkte ihn heran.</p>
+
+<p>»Jochen, du sollst mir etwas helfen!« rief sie. »Es fehlen ein paar
+Bretter auf den Warmbeeten, du könntest sie mir wohl aussuchen und
+zurechtschneiden.«</p>
+
+<p>»Jäh woll, gnädiges Fräulein, das werde ich tun,« Er wollte sich
+gleich auf den Weg machen.</p>
+
+<p>»Jochen, warte noch einen Augenblick,« sagte Herta, »hast du noch
+immer starkes Kopfreißen?«</p>
+
+<p>»Jäh woll, gnädiges Fräulein,« erwiderte Jochen, und sein breites
+Gesicht verzog sich zu einem versteckten Lächeln. Er hatte sich mit
+seinem angeblichen Kopfreißen manche alkoholische Vorteile verschafft.</p>
+
+<p>»Du hast doch ein gutes Mittel dafür und kannst es mir besorgen.
+Fräulein Ilse leidet gleichfalls daran.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p>
+
+<p>»I was!« rief der Alte aus, »sie ist doch eben ausgegangen!«</p>
+
+<p>»Ilse ist ausgegangen?« wiederholte Herta fragend. »Hast du sie
+angetroffen?«</p>
+
+<p>»Jäh woll, gnädiges Fräulein.«</p>
+
+<p>»Dann möchte ich nur noch sagen —«</p>
+
+<p>»Ja, was denn, Jochen?«</p>
+
+<p>Der Alte stand plötzlich eine Weile stumm da; die Worte wollten nicht
+über seine Lippen. Herta kannte ihn aber zu gut, als daß sie nicht
+weiter nachgeforscht hätte. Sie ließ ihm erst einen Augenblick Zeit,
+dann fragte sie:</p>
+
+<p>»Du willst mir etwas anvertrauen, Jochen? Ich sehe es dir an. Du
+kannst es ruhig tun. Es ist wohl wegen meines Bruders Wolf?«</p>
+
+<p>»Näh, gnädiges Fräulein, es ist nicht wegen Herrn Wolf! Aber wegen
+der da —« er zeigte auf den Torweg hin, durch den Ilse vorher
+hinausgegangen war — »und wegen Herrn Smiders.«</p>
+
+<p>»Wie, Jochen?« Herta wurde jetzt gespannt. »Komm — wir gehen einen
+Augenblick in den Garten, da hört uns niemand.« Sie schritt voran, und
+der Alte stapfte ihr nach.</p>
+
+<p>Als Herta einige Zeit darauf in das Haus zurückkehrte, lag ein
+düsterer Ernst auf ihrem Gesicht. Das Erfahrene war geradezu unerhört.
+Sie fühlte<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> sich gewissermaßen verantwortlich, weil sie Ilse
+Hergenbach in ihrem Hause aufgenommen hatte. — Wie sollte sie nun
+Jürgen mit diesen Tatsachen unter die Augen treten, — wie würde der
+arme Wolf unter der Wucht der Ereignisse leiden? Sie suchte nach einem
+Ausweg in diesem Wirrnis und mußte erst mit sich zu Rate gehen, um das
+drohende Unheil abzuwenden. — Was sie gefürchtet, war zum Ereignis
+geworden.</p>
+
+<p>Wolf durfte Ilse bei seiner Rückkehr nicht mehr vorfinden; noch wußte
+niemand etwas von der Verlobung — die Ehre konnte gewahrt bleiben.
+Sie schritt zum Haustelephon und rief Jürgen in seinem Privatkontor an.</p>
+
+<p>»Hallo!« sagte dieser, »du wünschst, liebe Herta?«</p>
+
+<p>»Ich bitte dich, sogleich zu mir heraufzukommen.«</p>
+
+<p>»Es muß etwas ganz Außergewöhnliches sein,« tönte es zurück, »wenn du
+mich von der Arbeit wegholst.«</p>
+
+<p>»Sogar sehr Dringendes!«</p>
+
+<p>»Gut! Ich bin sogleich bei dir.«</p>
+
+<p>Wenige Minuten später saßen die beiden Geschwister in Hertas Zimmer
+zusammen. Jürgen hörte alles mit an, ehe er ruhig erwiderte:</p>
+
+<p>»Wir waren auf falschem Wege, Herta, als wir Ilse in unsern engen
+Familienkreis aufnahmen.<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> Wohin wir gekommen sind, liegt heute klar
+vor uns. Ich glaube vorläufig noch nicht alles, was Jochen Hindorf dir
+erzählte. Er kann in seinem ewigen Tran manches durcheinandergebracht
+haben. Es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als mich an Ort und
+Stelle selbst zu erkundigen. Es gibt natürlich nur einen Entschluß:
+Ilse Hergenbach packt sofort ihre Koffer und fährt nach Nordhausen
+zurück. Wir brechen jede Beziehung mit ihr für immer ab. Gut, daß Wolf
+dadurch von ihr lassen wird. Ich sehe jetzt noch viel klarer. Vorhin
+war der alte Smiders bei mir. Ein erbarmungsvoller Anblick — der alte
+gelähmte Mann bittend für den auf Abwege geratenen Sohn. Dann Smiders
+und Ilse — es ist wahrhaftig nicht zu glauben!«</p>
+
+<p>»Sie hat erst Krankheit vorgeschützt, darauf ist sie ausgegangen.
+Wahrscheinlich wird sie bei ihm sein. Die Ereignisse überstürzen sich.
+Zürne mir nicht, Jürgen, daß ich dir so viel Unangenehmes bereitet
+habe.«</p>
+
+<p>»Nicht doch — liebe Herta! Wir Geschwister tragen alles
+gemeinschaftlich — Freude und Leid! Ich gehe jetzt, um mich zu
+vergewissern.«</p>
+
+<p>Jürgen kam alles so ungeheuerlich vor, daß er es kaum zu glauben
+vermochte. Es kostete ihm einen starken Entschluß, sich in die
+Weinstube auf<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> der ›Grünen Schanze‹ zu begeben — jedoch es mußte
+sein. Er wollte niemand Unrecht tun.</p>
+
+<p>Als er eine halbe Stunde darauf sein Haus wieder betrat, hielt der
+starke Mann den Kopf gebeugt. Das Erfahrene überstieg alles, was er
+für möglich gehalten hatte. Wie konnte sich ein Mädchen, das bei
+ihnen lebte, so weit vergessen! Smiders war ein gewöhnlicher Schurke,
+er hatte dies schon lange erkannt. Der Zusammenbruch von Smiders &amp;
+Sohn erschien unvermeidlich. Aber Ilse Hergenbach! — Wie konnte sich
+dieser Bursche ihrer nur so bemeistern?</p>
+
+<p>Herta wartete auf ihrem Zimmer mit Bangen die Rückkehr von Jürgen
+ab. Als er die Tür öffnete, stand die Antwort auf seinen Zügen
+geschrieben. Er brauchte ihr nichts zu sagen. Es lag noch schlimmer,
+als Jochen bereits mitgeteilt hatte.</p>
+
+<p>»Ist das — modernes Menschentum?« endete Jürgen seine Rede mit
+Bitterkeit. »Sind das die Früchte unserer jetzigen Erziehung? Besteht
+darin die Gleichberechtigung der Frau, daß alle vornehme Gesinnung und
+gute Sitte bei ihr schwindet? Es gibt nur noch den Drang, zu leben —
+ohne Rücksicht auf andere. Ich fürchte für Wolf! Sein reiches Gemüt
+wird diesen Schlag kaum verwinden. Besser, er bleibt noch lange fort,
+damit die Spuren des Vorganges sich verwischen. Es ist keine heilsame
+Lehre<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> für ihn, sondern das Bild einer Vernichtung von Treu und
+Glauben.«</p>
+
+<p>Die Geschwister schwiegen darauf eine ganze Zeit, bis plötzlich Herta
+die Stille unterbrach:</p>
+
+<p>»Sobald Ilse heimkehrt, werde ich mit ihr sprechen. Es ist ein
+schweres Amt für mich. Darf ich ihren Eltern das Geschehene
+verschweigen? Wenn sie alsdann von ihnen verstoßen wird? Ich kann
+nur handeln, wie es mir Frauengesetz und Recht vorschreibt. Welch
+schwere Augenblicke gibt es doch, in denen von wenigen Worten ein
+Lebensschicksal abhängt!«</p>
+
+<p>Jürgen mußte seiner Tätigkeit weiter nachgehen. Herta aber versank in
+tiefes Nachdenken. Wie sollte sie es nur anfangen, Ilse Hergenbach
+wieder auf den rechten Weg zu bringen? Die Schuld traf diese nicht
+allein. Sie war von allen — außer Jürgen — mit schönen Worten und
+Schmeicheleien genug umgarnt worden.</p>
+
+<p>»Das ist der Fluch, der auf uns Frauen lastet! Woher sollen diese
+stets den starken Charakter haben, wenn sie nicht dazu erzogen werden!
+Ist Ilse Hergenbach wirklich so schlecht, wie wir glauben?«</p>
+
+<p>Je mehr sie alles durchdachte, desto mehr suchte sie nach Gründen,
+die ihr Verhalten entschuldigen konnten. Es drang immer wieder ein:
+»Nein — nein!« hervor. »Niemand ist gezwungen, die abschüssige Bahn
+zu betreten. Die Frau muß den Halt<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> in der Reinheit der Seele und der
+Gedanken finden — in dem Stolz, gleichberechtigt neben dem Manne zu
+stehen. Sie darf nicht zu Handlungen schreiten, die ihrer unwürdig
+sind.«</p>
+
+<p>Wie war es nur möglich, daß Ilse mit einem Mann, den sie kaum
+kannte, in ein solch verrufenes Lokal ging? Dachte sie nicht an die
+Folgerungen? Sie wurde doch genug von ihr behütet. — Was gibt es doch
+für Rätsel der Menschenseele, die unauflöslich sind! —</p>
+
+<p>Die Mittagszeit kam heran, ohne daß Ilse wieder eintraf. In Herta
+stieg der Gedanke auf, daß sie zu verzweifelten Schritten gelangt sein
+könne.</p>
+
+<p>Die sonst so ruhige, abgeklärte Herta befand sich in großer Aufregung.
+Sie berührte kaum die zum Mittagessen aufgetragenen Speisen, und sagte
+zu Jürgen:</p>
+
+<p>»Wenn Ilse bis zum Abend nicht wieder hier ist, bleibt uns nichts
+anderes übrig, als sie suchen zu lassen.«</p>
+
+<p>»Dann haben wir den öffentlichen Skandal, Herta!« erwiderte dieser.
+»Bedenke — ein solcher Fall im Hause Plüddekamp!«</p>
+
+<p>»Es kann aber nichts helfen! Wir wollen nur hoffen, daß er vermieden
+bleibt.«</p>
+
+<p>Am späten Nachmittag stand Ilse jedoch vor Herta. Ihre Wangen waren
+bleich, eine hektische<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> Röte erschien auf ihnen und schwand wieder;
+die Augen zeigten ein fieberhaftes Glänzen.</p>
+
+<p>»Ich habe eine Bitte an dich, Tante Herta,« sagte sie mit zu Boden
+gesenkten Blicken. »Ich fürchte, krank zu werden, und möchte euch
+nicht zur Last fallen. Ich will mit dem Abendschnellzug über Berlin
+nach Nordhausen fahren.«</p>
+
+<p>»Es steht dir vollständig frei,« erwiderte Herta in kaltem Ton. »Du
+denkst wohl nicht an eine Rückkehr?«</p>
+
+<p>»Nein, Tante Herta!«</p>
+
+<p>»So ordne deine Sachen. Unser Wagen wird dich mit dem Gepäck an die
+Bahn bringen. Bestelle deiner Mutter Grüße von mir.«</p>
+
+<p>Einen Augenblick war Herta der Ansicht, jede Auseinandersetzung
+mit Ilse zu vermeiden. Sie wollte auch den Eltern keine Mitteilung
+zugehen lassen, um nicht die Zukunft des jungen Mädchens dadurch zu
+untergraben. Dann fragte sie sich aber in ihrem Innern: Ist es recht,
+sie ohne Aussprache von mir gehen zu lassen? Sie mußte sich doch von
+ihrem Seelenzustand überzeugen.</p>
+
+<p>»Du siehst krank aus, Ilse,« begann sie. »Es erscheint mir aber nicht,
+als ob ein körperliches Leiden die Ursache davon ist. Hast du mir
+nicht noch etwas zu sagen?«</p>
+
+<p>Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Sie konnte den Blick zu der
+Freundin ihrer Mutter nicht<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> erheben. Ihr Mund blieb geschlossen. Sie
+zeigte wieder die alte trotzige Stummheit.</p>
+
+<p>»Dein Schweigen deutet mir viel,« fuhr Herta fort. »Du willst deine
+Seele nicht entlasten. Was richtiger wäre, mußt du dir selbst sagen.
+Ich könnte dir noch einen Rat auf deinen späteren Lebensweg mitgeben,
+wie du ihn wohl so uneigennützig nicht wieder erhalten wirst. Das
+Wohl jeder meiner Mitschwestern liegt mir am Herzen. Ich will mich
+aber nicht gewaltsam in dein Gemüt eindrängen, — du selbst mußt das
+Bedürfnis haben, mir anzuvertrauen, was vielleicht andere Zungen
+geschwätzig herumtragen werden. Ich habe den Zorn, der über dein
+Verhalten in mir entstand, bekämpft. An seine Stelle ist aufrichtiges
+Mitleid getreten, und dies erfüllt mich jedem weiblichen Wesen
+gegenüber, das vom richtigen Weg abweicht. Such das rechte Wort zu
+mir, Ilse!«</p>
+
+<p>Herta sah, wie die blassen Lippen der Gegenüberstehenden zuckten. Sie
+schien in diesen Stunden um Jahre älter geworden zu sein. Ihr Mund
+blieb aber stumm.</p>
+
+<p>»So geh, Ilse, wenn du kein Vertrauen finden kannst,« sagte Herta
+kalt. »Nun haben wir nichts mehr miteinander zu sprechen. Jürgen
+entbindet dich des Abschiednehmens.« Sie reichte ihr nicht mehr die
+Hand. Ilse verließ das Zimmer.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span></p>
+
+<h2>XXI.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Der Wagen war vorgefahren. Ilse stieg ein. Die Sachen wurden
+aufgeladen. Niemand begleitete sie — niemand bot ihr den
+Abschiedsgruß. Nur der alte Jochen Hindorf kam und machte den
+Wagenschlag zu. Ein breites Lächeln glitt über sein Gesicht, als die
+Pferde anzogen.</p>
+
+<p>»Sie hat nicht einmal schön Dank gesagt, und das Portemonnaie saß ihr
+verteufelt fest in der Tasche. Na — es ist gut, daß sie weg ist. Nun
+wird mein lieber Wolf wohl wieder vernünftig sein,« brummte er und
+ging an seine Arbeit. —</p>
+
+<p>Auf dem Bahnhof angelangt, übergab Ilse ihre Koffer einem Gepäckträger
+und trat an den Billettschalter. Sie sah sich scheu um. Vielleicht
+fürchtete sie, beobachtet zu werden. Sie nahm ein Billett bis zur
+nächsten Station und begab sich dann nach dem großen Wartesaal. Hier
+hielt sie sich eine Zeitlang auf, um anscheinend den Schnellzug
+abzuwarten.</p>
+
+<p>Als er donnernd in die Halle fuhr, hatte sie einen Augenblick das
+Gefühl, daß es für sie besser wäre, mit einzusteigen. Dann kam aber
+der Gedanke wieder: »Es ist unmöglich! Ich darf Smiders<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> nicht
+freigeben! Für mich ist kein Raum mehr daheim, — ich will in die Welt
+hinaus. Der Kampf mit ihm war nicht leicht. Nur gut, daß er gerade
+auf längere Zeit nach London gehen muß, dort ist eine Verbindung ohne
+Schwierigkeit zu bewerkstelligen.« —</p>
+
+<p>In später Nachtstunde löste sich ein kleiner Dampfkutter von der
+Landungsstelle in Bredow ab und fuhr die Oder hinunter. Sowie sich
+gegen Morgen der Landwind stärker erhob, schaukelte das kleine
+Fahrzeug heftig auf den kurzen Stoßwellen des Haffes. Außer dem
+Maschinisten und dem Heizer waren nur noch ein Herr in langem dunklem
+Mantel und eine dichtverschleierte junge Dame an Bord.</p>
+
+<p>»Ich tue es um deinetwillen, Ilse,« sagte Alfred Smiders, »es braucht
+niemand zu wissen, daß du mit mir fortgegangen bist. Am Bollwerk gibt
+es beim Einsteigen hundert neugierige Menschen, die jedes Vorkommnis
+beobachten und weitertragen.«</p>
+
+<p>»Was mache ich mir jetzt daraus,« antwortete Ilse, »für mich ist alles
+vorbei! Du hast mich doch besitzen wollen, — nun bin ich bei dir, und
+du mußt für mich sorgen.«</p>
+
+<p>Das Gesicht von Alfred Smiders zeigte bei ihren Worten ein höhnisches
+Lächeln.</p>
+
+<p>»Ich werde es auch tun,« erwiderte er. »Du verstehst es ja
+meisterhaft, deinen Willen durchzusetzen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span></p>
+
+<p>Die Wellen im Haff wurden immer höher, und ihr weißer Gischt schlug
+zuweilen über die Spitze des kleinen Kutters hinweg. Er lag hart an
+der Swinemünder Fahrt. Alfred Smiders hatte den Auftrag gegeben, den
+dänischen Dampfer ›Klampenborg‹, der am frühen Morgen von Stettin
+abging, anzulaufen.</p>
+
+<p>Ilse, die das Seefahren nicht gewohnt war, befand sich in schlechter
+Stimmung. Das fortgesetzte Schaukeln des kleinen Kutters verursachte
+ihr das größte Unbehagen.</p>
+
+<p>»Wenn nur erst der Dampfer kommen möchte,« sagte sie, »ich fühle mich
+grenzenlos elend!«</p>
+
+<p>Smiders erwiderte nichts darauf. Er starrte in die Wellenberge
+hinein, die sich gegen das kleine Fahrzeug auftürmten. Würde nicht
+jetzt das Leben ebenso auf ihn hereinbrausen? Viel hatte er aus dem
+Zusammenbruch, der ihm nachfolgen mußte, nicht retten können, und nun
+hängte sich dieses Geschöpf noch an ihn. —</p>
+
+<p>Es war bereits heller Tag, als endlich die Signalmasten und das
+Bugspriet des großen dänischen Schiffes sichtbar wurden.</p>
+
+<p>»Geschickt anfahren!« befahl Smiders.</p>
+
+<p>Der Dampfer kam rasch näher. Der Maschinist des Kutters gab mit
+der Dampfpfeife ein Zeichen, daß er Passagiere abgeben wollte. Der
+Kapitän des<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> Dänen, der oben auf der Kommandobrücke stand, winkte ab.
+Die Wellen gingen zu hoch, so daß ein sicheres Anlaufen während der
+Fahrt nicht möglich war. Der kleine Kutter legte sich aber beharrlich
+in den Weg, und trotz der Warnungszeichen vom Schiff schoß er im
+nächsten Augenblick hart an dieses heran. Der Heizer griff nach einem
+vom Steuerbord herabhängenden Tau, und nun flog das kleine Fahrzeug
+äußerst gefährdet neben dem großen Dampfer hin.</p>
+
+<p>Die Weilen schlugen darüber hinweg. Die Mannschaft des Dampfers kam
+auf Deck zusammen und schaute hinunter.</p>
+
+<p>»Laßt ab!« donnerte der Kapitän oben. Der Kutter hielt aber stand.
+Seine Insassen schwebten in größter Lebensgefahr. Schlugen die Wellen
+in die Maschine hinein, so war eine Explosion des Kessels sehr leicht
+möglich.</p>
+
+<p>Die Aufnahme wurde gewaltsam erzwungen. Es öffnete sich die
+tiefgelegene Schiffsluke, eine Strickleiter wurde hinuntergeworfen.
+Alfred Smiders brachte im nächsten Augenblick die vor Aufregung und
+Angst halb bewußtlose Ilse hinauf. Der Heizer gab rasch das Gepäck
+nach, dann löste sich der Kutter ab und blieb mit den starken Wellen
+kämpfend zurück.</p>
+
+<p>Ilse Hergenbach stand gänzlich durchnäßt und fröstelnd auf dem Deck.
+Der Kapitän, der herangekommen<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> war, geriet mit Alfred Smiders in
+heftigen Wortwechsel. Sie sprachen dänisch miteinander. Dann mußten
+sie sich aber geeinigt haben. Es wurde kurz darauf den beiden
+Passagieren eine Kabine zur Überfahrt nach Kopenhagen eingeräumt. Der
+Dampfer ›Klampenborg‹, der des Kutters wegen leicht gestoppt hatte,
+nahm jetzt wieder volle Fahrt auf und ging mit nördlichem Kurs in die
+See hinaus.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wochen waren verstrichen. Herta hatte es vermieden, an Frau Hergenbach
+zu schreiben. Sie erwartete deshalb auch keine Nachricht aus
+Nordhausen. Die beiden Geschwister hatten sich beraten, was sie Wolfs
+wegen tun wollten.</p>
+
+<p>»Ich kann ihn bloß noch mit vieler Mühe fernhalten,« meinte Jürgen.
+»Wenn er nur mit anderer Anschauung zurückkäme, als er fortgegangen
+ist!«</p>
+
+<p>»Nein, Jürgen,« erwiderte seine Schwester, »du hältst Wolf für
+oberflächlicher, als er es in der Tat ist. Ich fürchte nach den
+Briefen an mich, daß sich die starke Neigung zu Ilse nicht vermindert,
+sondern durch seine Abwesenheit sogar noch vertieft hat. Der Schlag
+wird so gewaltig für ihn sein, daß wir das Schlimmste dabei befürchten
+können. Was sollen wir ihm nur bei seiner Rückkehr sagen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p>
+
+<p>»Weiß nicht,« brummte Jürgen, »Wolf ist nun einmal aus anderem Holz,
+als wir Plüddekamps sonst geschnitzt wurden. Wir rütteln und schütteln
+uns Gutes und Böses ab. Einen Augenblick mag es uns im Innern stark
+erfassen, dann aber sind wir wieder gefestigt und lassen uns nicht
+mehr beirren.«</p>
+
+<p>»Wolf ist das Bild meiner lieben Mutter, dieser schönen, gütigen
+und lebenslustigen Frau. Auf ihn haben sich alle ihre herrlichen
+Eigenschaften vererbt,« erwiderte Herta.</p>
+
+<p>Jürgen nickte mit dem Kopf.</p>
+
+<p>»Es wäre besser, er gliche unserem Vater, wie du, Herta. Sein Weg in
+der Welt würde ihm leichter werden.«</p>
+
+<p>Beide Geschwister waren schwer bedrückt. Sie liebten Wolf zärtlich
+und empfanden, welcher Schmerz ihn bei der bevorstehenden Eröffnung
+treffen mußte. Jürgen versuchte Wolfs Aufenthalt in Spanien durch
+Depeschen zu verlängern. Er bat ihn in einem Schreiben, sich durch die
+Schönheiten und den Reiz der alten Städte Südspaniens festhalten zu
+lassen. Es sei doch zweifelhaft, ob er noch einmal dorthin käme. Wolfs
+Briefe lauteten aber entgegengesetzt.</p>
+
+<p>So eifrig er alles Geschäftliche erledigte, die Sehnsucht nach Ilse
+sprach aus den Schlußzeilen im erhöhten Maße hervor. In Spanien trat
+bereits<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> die wärmere Jahreszeit ein, und Wolf liebte als guter Pommer
+die starke kühle Seebrise seiner Heimat.</p>
+
+<p>»Du meinst es gut mit mir, Jürgen,« schrieb er in seiner Antwort. »Es
+nutzt dir aber nichts, lieber Bruder, die Sehnsucht nach Hause ist
+stärker in mir, als der Drang, alte arabische Kunst und spanische
+Schönheit näher kennen zu lernen. Es wird mir im Leben schon noch
+einmal vergönnt sein, diese mit Ilse zusammen anschauen zu können.«</p>
+
+<p>Jürgen sandte wieder Depesche auf Depesche. Er fürchtete geradezu die
+Stunde der Heimkehr Wolfs. In einem folgenden Briefe schien es sogar,
+als wenn sich dieser noch zur Reise nach Südspanien entschließen
+wolle. —</p>
+
+<p>Eines Tages jedoch gegen Mittag hielt plötzlich eine Droschke vor dem
+Plüddekampschen Hause an. Wolf sprang heraus und eilte ins Kontor.</p>
+
+<p>Als Jürgen ihn so frisch und lebenslustig, voll glücklicher Erwartung
+in den Zügen kommen sah, breitete er unwillkürlich seine Arme aus und
+drückte den Bruder an seine breite Brust.</p>
+
+<p>»Wölfchen, du bist ein Prachtkerl!« rief er aus. »Wie dunkelgebräunt
+du von Spaniens Sonne ausschaust! Hast deine Sache wacker gemacht,
+mein Junge. Komm, setz dich auf deinen alten Platz und erzähle uns.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span></p>
+
+<p>Der Prokurist war ebenfalls hinzugetreten und hatte seinem zweiten
+Chef kräftig die Hand geschüttelt. Wolf war so erregt von dem
+augenblicklichen Gefühl des Glückes, wieder in der Heimat zu sein,
+daß er seine Erlebnisse fast übersprudelnd hervorbrachte. Er hatte
+vorzüglich abgeschnitten. Die spanischen Firmen waren ihm in der
+liebenswürdigsten Weise entgegengekommen und verhalfen ihm trotz
+der Schwierigkeiten zum Ankauf von Korn. Ebenso fand er die größte
+Bereitwilligkeit bei den Leitern der spanischen Brennereien, ihre
+Anforderungen zu ermäßigen. Er brachte sogar noch bedeutende Aufträge
+mit. Die Verbindungen waren durch sein persönliches Eingreifen stark
+gefestigt worden.</p>
+
+<p>»Du bist ein famoser Minister des Auswärtigen,« lobte ihn Jürgen, »nur
+schade, daß du so wenig an dich selbst gedacht hast. Du konntest dir
+viel mehr Zeit gönnen und brauchtest dich nicht abzuhetzen. Hier ist
+es geschäftlich glatt gegangen.«</p>
+
+<p>Der Prokurist lächelte fein. Unter Jürgen Plüddekamps Leitung war
+stets ein ruhiger, sicherer Betrieb.</p>
+
+<p>»Was sagst du zu Alfred Smiders?« fuhr Jürgen jetzt fort. »Ein netter
+Bursche! Er hat sich stark hineingebuddelt und auf alle mögliche Weise
+Geld verschafft. Der Sturz mußte endlich kommen. Er war schon vorher
+verschwunden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p>
+
+<p>»Es ist ein betrügerischer Bankrott,« setzte Armin hinzu. »Alfred
+Smiders wird steckbrieflich verfolgt.«</p>
+
+<p>»So weit ist es mit ihm gekommen?« rief Wolf erstaunt aus und sah zu
+seinem Bruder fragend hinüber.</p>
+
+<p>Jürgen vermied den Blick und schaute zur Seite. Die Hand des sonst so
+ruhigen Mannes zuckte nervös.</p>
+
+<p>»Ich bedaure den alten Herrn Smiders. Er wird aus dem Zusammenbruch
+kaum etwas retten. Die Werft hat die Dampfer mit Beschlag belegt und
+baut den ›Friedrich Barbarossa‹ auf eigene Rechnung fertig. Es sind
+eine ganze Anzahl Banken stark in Mitleidenschaft gezogen worden.
+Alfred Smiders hat in unglaublicher Höhe Wechselreiterei getrieben.
+Er muß im Auslande sein. Bis jetzt hat man ihn noch nicht erwischen
+können.«</p>
+
+<p>»Der Hamburger Großkapitalist, den Smiders hereinhaben wollte, sprang
+im letzten Augenblick ab,« fügte der Prokurist hinzu. »Man spricht
+alles mögliche. Die Ursache soll auf die Weinstube an der ›Grünen
+Schanze‹ zurückzuführen sein, in der sich beide Herren für eines der
+Mädchen interessierten.«</p>
+
+<p>Jürgen wurde unruhig.</p>
+
+<p>»Schon gut, Armin,« sagte er, um jedes weitere Wort abzuschneiden.
+»Bei solchen Vorfällen wird in der Stadt viel geklatscht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span></p>
+
+<p>Armin schaute betroffen zu Jürgen auf. Warum wies der Freund ihn so
+schroff zurück? Lagen noch tiefere Gründe vor? Sein Blick überflog
+beide Brüder. Merkwürdig, die Freude des Wiedersehens schien bei
+Jürgen in eine stetig wachsende Unruhe übergegangen zu sein, die ihm
+bei diesem noch nie aufgefallen war. Zu feinfühlend aber, um nach
+der Ursache zu forschen, gab er einen Vorwand an und ging in sein
+Arbeitszimmer.</p>
+
+<p>»Jürgen!« rief Wolf sofort aus, als sich die Tür hinter Armin
+geschlossen hatte, »mein erster Weg war zu dir! Jetzt aber will ich
+hinauf, ich muß Herta und — Ilse begrüßen. Das eine kann ich dir
+sagen, es war gut, daß du mich fortschicktest. Während der Zeit konnte
+ich mich prüfen, ob mein Herz Ilse wirklich gehört. Heute gestehe ich
+dir offen: ich habe sie mehr denn je lieb, und ich kann den Augenblick
+nicht erwarten, sie wiederzusehen!«</p>
+
+<p>Es zuckte gewaltig in den Gesichtszügen des sonst so eisenfesten
+Kaufmannes, als er entgegnete:</p>
+
+<p>»Wolf, mein lieber Wolf! Wir wollen zusammen zu Herta gehen!« Der Ton
+seiner Stimme mußte diesem aufgefallen sein. Er sah plötzlich scharf
+auf den Bruder hin.</p>
+
+<p>»Jürgen, du sprichst so eigenartig zu mir! Ist etwas vorgefallen? Sage
+es mir, ehe ich hinaufgehe.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p>
+
+<p>Jürgen vermochte aber nicht weiter zu sprechen. Er hatte bereits die
+Tür geöffnet. Die beiden Brüder stiegen die Treppen nach dem ersten
+Stockwerk empor. Bei jeder Stufe, die Jürgen betrat, zögerte sein Fuß.
+Es war immer, als ob er Wolf etwas sagen wolle, und doch preßte es ihm
+die Kehle zusammen. Er konnte es nicht. Nur in seinem Innern wurde das
+Wehgefühl stärker, daß seinem Bruder, den er von Herzen liebte, eine
+so schwere Eröffnung bevorstand.</p>
+
+<p>Herta hatte schon erfahren, daß Wolf zurückgekehrt war. Sie erwartete
+ihn auf dem oberen Korridor.</p>
+
+<p>»Wölfchen! Gott sei Dank, daß du wieder bei uns bist!« rief sie ihm
+entgegen und faßte seine beiden Hände, »ich habe dir schnell ein paar
+Brötchen zurechtgemacht, und dein Glas Portwein findest du auch vor.«</p>
+
+<p>Als sie dann in das Speisezimmer eintraten, schlang sie plötzlich
+den Arm um seinen Hals und küßte ihn auf beide Wangen. »Wie gut du
+aussiehst, Wölfchen!« sagte sie. »Nun setz dich aber und iß in aller
+Ruhe.«</p>
+
+<p>Jürgen legte Wolf, der vor einem der hohen Lehnstühle stand, seine
+Hand leicht auf die Schulter, damit er sich niederlassen solle. Dieser
+sah sich unruhig um.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p>
+
+<p>»Ich freue mich herzlich, wieder bei euch zu sein,« sprach er hastig,
+»aber seid mir nicht böse, ich muß — zu Ilse! Wo ist sie, Herta?«</p>
+
+<p>»In Nordhausen, Wolf!« gab Jürgen anstatt Herta zur Antwort.</p>
+
+<p>»In Nordhausen? Was ist denn geschehen? Ihr habt mir doch versprochen,
+sie bei euch zu behalten! Jürgen — Herta — habt ihr euch mit ihr
+erzürnt? Ist sie freiwillig fortgegangen?«</p>
+
+<p>Seine Fragen überstürzten sich.</p>
+
+<p>»Nichts von alledem,« erwiderte jetzt Herta. »Ich bitte dich noch
+einmal, Wolf, nimm zuerst etwas zu dir. Wir werden dann in Ruhe alles
+erzählen.«</p>
+
+<p>»Nein, nein! Ich kann keinen Bissen essen!« faßte sich Wolf an die
+Stirn. »Das Schönste, das ich mir bei meiner Rückkehr ausmalte, war —
+Ilse in die Arme schließen zu können. Und nun —?«</p>
+
+<p>Die beiden Geschwister kämpften mit sich, und keins von ihnen
+vermochte das erste Wort herauszubringen, um Wolf die schlimme
+Botschaft mitzuteilen.</p>
+
+<p>»Es war sehr unrecht von mir, daß ich Ilses Wunsch erfüllte!« rief er
+aus. »Hätte ich nur in voller Offenheit gehandelt, dann konnte ich
+mit ihr in Briefwechsel bleiben. — Sagt mir nur endlich: was ist
+geschehen? Haben die Eltern sie zurückgerufen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span></p>
+
+<p>»Nein, Wölfchen! Sie ist schon seit Wochen fort! Wir mußten es dir
+verschweigen, damit du nicht unruhig wurdest,« antwortete seine
+Schwester.</p>
+
+<p>»Schon seit Wochen!« fuhr Wolf auf. »Ihr habt mir in euren Briefen
+doch noch Grüße von ihr bestellt,« und seine blauen Augen richteten
+sich drohend auf Herta. »Du — die Wahrheit selbst! Warum machst du
+solche Ausflüchte?«</p>
+
+<p>»Es mußte sein, Wolf! Ich habe es nicht gern getan! Es ist aber um
+deiner selbst willen geschehen!«</p>
+
+<p>»Um meinetwillen? Jetzt weiß ich, daß etwas vorgefallen ist. Also
+heraus damit! Euer Zögern peinigt mich.«</p>
+
+<p>»Ilse ging aus eigenem Antriebe fort,« erwiderte Herta. »Sie glaubte
+erkrankt zu sein und wollte deshalb schnell nach Hause.«</p>
+
+<p>»Sie hat dir aber Nachricht gegeben, Herta, wie es ihr jetzt geht?«</p>
+
+<p>»Nein, Wolf!« entgegnete Herta aufrichtig, »ich habe keine Zeile aus
+Nordhausen erhalten.«</p>
+
+<p>»Unmöglich!« rief Wolf erregt aus. »Seit Wochen keine Zeile? Ihr
+verbergt mir etwas! — Ich fühle es! Krankheit kann nicht der Grund
+sein, warum sie fortgegangen ist. Erkrankt reist man ohne Not nicht
+eine solche Strecke!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p>
+
+<p>»Es nützt nichts, Herta,« fiel jetzt Jürgen ein, »ich will es Wolf
+sagen. Ilse ist abgereist, weil sie von uns fort — mußte! Es hing
+dies mit Alfred Smiders zusammen.«</p>
+
+<p>»Wie? — Alfred Smiders!« Wolf wurde dunkelrot im Gesicht. »Ich habe
+es oft gefürchtet! Er sah sie vom ersten Augenblick so sonderbar an,
+und ihr habt sie nicht vor ihm beschützt!«</p>
+
+<p>Er war in solche Erregung geraten, daß er nicht mehr stehen bleiben
+konnte, sondern im Zimmer hin und her lief.</p>
+
+<p>»Herta, du vertratest die Stelle der Mutter an ihr! Du hast doch über
+sie gewacht! Ist es denn so schlimm, daß ihr mir nicht anvertrauen
+könnt, was vorliegt?«</p>
+
+<p>»Komm, Wolf,« sagte Jürgen traurig, »wir wollen in mein Schreibzimmer
+gehen. Die Plüddekamps haben dort alle ernsten Sachen überdacht und
+sich stets einen neuen festen Boden geschaffen. Wir beide müssen über
+Ilse Hergenbach sprechen.«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p>
+
+<h2>XXII.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Schwere Tage kamen über das Plüddekampsche Haus. Wolf war unter
+der Wucht der auf ihn hereindrängenden Tatsachen gänzlich
+zusammengesunken. Seine Liebe und Sehnsucht nach Ilse war durch die
+wochenlange Abwesenheit so gewaltig geworden, daß er die nackte
+Wahrheit, die ihm Jürgen eröffnete, nicht zu ertragen vermochte. Eine
+Zeitlang ging er wie geistesabwesend einher. Er konnte seine Gedanken
+von dem Geschehnis nicht ablenken und vermied es, sich mit Herta und
+Jürgen in ein Gespräch einzulassen.</p>
+
+<p>Tagsüber hielt er sich meistens im Garten auf, pflückte dort Blumen
+und zerblätterte sie. Wenn der alte Jochen Hindorf ihm in den Weg
+kam, gab er kaum dessen Gruß zurück. Durch seinen Verrat hatten die
+Geschwister alles erfahren. Warum hatte er Ilse nicht mitgenommen?
+Dann wäre sie für ihn gerettet gewesen. Zuweilen wollte er alles nicht
+glauben und versuchte, es sich auszureden. Die Wucht der Gedanken aber
+brach danach doppelt stark auf ihn herein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p>
+
+<p>Eines Tages kam ein Brief aus Nordhausen für Herta an, den ihm
+der Briefträger zufällig übergab. Er war von Ilses Mutter. In der
+Aufregung, etwas über sie zu erfahren, wartete er nicht, bis er die
+Schwester fand, sondern riß das Schreiben auf. Seine Augen überflogen
+die Zeilen, dann ballte er mit der Hand das Papier zusammen.</p>
+
+<p>»Sie ist nicht dort!« rief er die Treppe hinaufeilend seiner Schwester
+zu. »Ilse ist nicht in Nordhausen! Ihr habt mir doch gesagt, sie sei
+bei ihren Eltern! Ich mag nicht ausdenken, wo sie sein kann! Das Blut
+tobt in mir! Es zermalmt mir das Gehirn! Ich will Smiders suchen, ich
+muß ihn zur Rechenschaft ziehen! Der Bube soll seine Strafe erhalten!«
+—</p>
+
+<p>Von dieser Stunde an war Wolf fieberhaft bemüht, etwas über Smiders'
+Verbleib zu erfahren. Der Staatsanwalt, der die Anklage gegen den
+Reeder erhoben und hinter ihm einen Steckbrief erlassen hatte, fand
+keinen willigeren Helfer, als Wolf Plüddekamp. Dieser sah nur noch ein
+Ziel vor sich: Smiders aufzufinden.</p>
+
+<p>Er unterstützte die Bemühungen der Kriminalbeamten. Jeder Schritt,
+den der Reeder noch in Stettin gemacht, wurde verfolgt. Man konnte
+nachweisen, welche Summen er schnell eingezogen und wo er sich bis
+zum Abend des Fluchttages aufgehalten<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> hatte, dann aber war jede Spur
+verwischt. Ebenso forschte Wolf Ilse nach. Der Kutscher sah noch
+deutlich, wie sie die Fahrkarte löste und in den Wartesaal ging. Von
+hier ab lag alles weitere im Dunkel.</p>
+
+<p>Tag für Tag blieb Wolf unermüdlich tätig, Klarheit in die Dinge zu
+schaffen. Es hatte sich bei ihm zur fanatischen Idee ausgebildet, daß
+Smiders Ilse bewogen, mit ihm zu fliehen. Der sonst so lebensfrohe
+junge Mann war vollständig verwandelt. Ein verbissener, ingrimmiger
+Zug lag in seinem Gesicht. Mit wilder Glut wühlte es täglich in seinem
+Herzen: »Ilse ist für dich verloren, — Smiders aber erwürge ich mit
+eigener Hand!«</p>
+
+<p>In dieser fortgesetzten Aufregung untergruben sich seine Körperkräfte.
+Das Ausbleiben von Resultaten ließ eine derartige Nervenüberspannung
+entstehen, daß er zusammenbrach. Ein heftiges Nervenfieber warf ihn
+aufs Krankenlager hin. Herta pflegte ihn mit Aufopferung.</p>
+
+<p>Im Hause Plüddekamp wurde es unheimlich still. Niemand wagte fest
+aufzutreten, aus Furcht, den Schwerleidenden zu stören. In wilden
+Fieberphantasien wälzte sich Wolf auf seinem Lager. Die Ausbrüche von
+Sehnsucht nach Ilse waren für Herta kaum zu ertragen. Als nach Wochen
+noch keine Besserung eintrat und sie selbst von der Pflege derartig<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span>
+angegriffen wurde, daß ihre Kräfte nachließen, sollte Wolf bereits in
+eine Anstalt überführt werden. —</p>
+
+<p>Die Kunde von seiner schweren Erkrankung war auch nach Wershagen
+gedrungen. Lieschen Wichers schrieb mehrmals an Herta. Da diese nicht
+gleich antworten konnte, kam sie selbst. Das liebenswürdige, heitere
+Geschöpf brach in Tränen aus, als es von dem schweren Leiden Wolfs
+erfuhr, und offenbarte dabei ihre ganze tiefe Liebe zu ihm.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich ihn pflegen,« bat Lieschen die Geschwister, »ich
+stehe an Ihrer Seite, um ihn für das Leben zu erhalten.« Sie mußten
+einwilligen, daß das junge Mädchen im Plüddekampschen Hause blieb.</p>
+
+<p>Lieschen waltete wie ein guter, freundlicher Geist in der
+Krankenstube. Wolf erkannte sie zuweilen, und ein Lächeln glitt dann
+über seine schlaff gewordenen Züge. Sobald aber das hohe Fieber
+auftrat, schien sein Denken vollständig umnachtet zu sein.</p>
+
+<p>Die Geschwister zogen Lieschen vollständig in ihr Vertrauen; sie
+vernahm so vieles aus seinen wirren Reden, da mußte eine Aufklärung
+stattfinden.</p>
+
+<p>Endlich kam die Krisis.</p>
+
+<p>Es waren Stunden der reinsten Verzweiflung, in denen alle verharrten.
+Die gute Natur Wolfs siegte. Nach einem tagelangen, wenig
+unterbrochenen<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> tiefen Schlaf kam langsam die Genesung. Das Fieber
+hörte auf. Nun galt es, die alten Erinnerungen in ihm durch eine
+andere Umgebung zu verdrängen. Nur dadurch konnte sein Gemüt zur Ruhe
+gelangen und sein Körper genesen.</p>
+
+<p>Lieschen Wichers bat flehentlich, ihn mit nach Wershagen nehmen zu
+dürfen. Was konnte den Geschwistern lieber sein, als den Bruder in der
+herrlichen gesunden Luft von Wershagen, der freundlichen Landschaft,
+dem gemütlichen Heim des Oberamtmanns zu wissen! Dort konnte er sich
+von dem schweren körperlichen Leiden wie der starken Erschütterung
+seines Innern am besten erholen.</p>
+
+<p>Während seiner Krankheit liefen von vielen Seiten täglich Anfragen
+ein. Es zeigte sich recht, welche Freundschaft er sich überall
+erworben hatte. Graf Thadden-Bützenbrück war gekommen, um sich nach
+Wolf zu erkundigen. Der Berleburger Schloßherr fehlte natürlich nicht
+und so viele andere.</p>
+
+<p>Die Übersiedlung nach Wershagen ging vor sich. Lieschen Wichers, die
+von der Pflege etwas bleich geworden, saß strahlend an der Seite
+Wolfs, als sie auf dem Gut eintrafen. Zusammengefallen und kraftlos
+wurde er aus dem Wagen gehoben, nur in seinen Augen lag trotz des
+matten Schimmers eine Hoffnung auf baldige Genesung. —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span></p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp war in der letzten Zeit recht gealtert. Starke
+Falten hatten sich auf seiner Stirn eingegraben. Das wochenlange
+Schweben seines Bruders zwischen Leben und Tod rüttelte gewaltig an
+diesem eisernen Mann. Sobald die Hoffnung in ihm zurückkehrte, daß
+Wolf den Geschwistern erhalten blieb, belebte sich sein Blick wieder,
+und er sah zuversichtlicher aus. Jetzt mußte sich noch alles zum Guten
+wenden. Warum nur war Ilse Hergenbach in die glückliche Harmonie des
+Plüddekampschen Hauses eingedrungen? Die Geschwister selbst trugen
+die Schuld daran. Sie durften kein fremdes Wesen bei sich aufnehmen.
+So war es ein Jahrhundert lang gehalten worden. Der Durchbruch dieser
+alten Überlieferung beschwor die Gefahr herauf.</p>
+
+<p>Während Jürgen Plüddekamp über die eingegangene Korrespondenz gebeugt
+saß und an den Rand der Briefe Bemerkungen schrieb, läutete plötzlich
+der neben ihm befindliche Telephonapparat. Er nahm den Hörer in die
+Hand.</p>
+
+<p>»Hallo! Hier Jürgen Plüddekamp!«</p>
+
+<p>»Hier Charles Martens! Ich möchte dich heute sprechen, Jürgen!«</p>
+
+<p>»Du bist mir jederzeit willkommen, Charles! Hast du irgend etwas
+Wichtiges? Es handelt sich wohl um Smiders?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span></p>
+
+<p>»Ja und nein, Jürgen! Ich bin in einer Viertelstunde bei dir.«</p>
+
+<p>Jürgen arbeitete ruhig weiter. Prokurist Armin kam herein und legte
+Abschlüsse vor, die unterzeichnet werden mußten.</p>
+
+<p>»Wird Berleburg in diesem Jahre viel liefern können?« fragte Jürgen
+und sah zu seinem Prokuristen auf.</p>
+
+<p>»Das Berleburgsche Glück hat sich bewahrheitet,« erwiderte Armin.
+»Er läßt bereits auf dem Felde dreschen. Die landwirtschaftliche
+Genossenschaft seines Bezirks hat eine große fahrbare
+Dampfdreschmaschine angeschafft, die überallhin verliehen wird.
+Dadurch läßt sich die Lieferung des ersten Roggens sehr beschleunigen.«</p>
+
+<p>»Seine Schuld wird wohl herunterkommen, Armin?«</p>
+
+<p>»Der Baron hofft sogar auf einen vollständigen Ausgleich seines
+Kontos bei uns, Plüddekamp! Es soll sogar noch eine Badereise für ihn
+übrigbleiben. Er will dabei, wie seit Jahren, nach einer reichen Frau
+suchen.«</p>
+
+<p>»Bei ihm wird der Anschluß wohl verpaßt sein, Armin, und Berleburg
+einst dem Schicksal der Aufteilung nicht entgehen. Schade um diese
+alten Besitzungen! Sie fallen eine nach der anderen den Anforderungen
+der Neuzeit zum Opfer.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p>
+
+<p>»Uns erschwert es nur das Geschäft,« warf der Prokurist ein. »In
+großen Posten kaufen wir viel günstiger, als wenn wir uns im
+Kleinbetrieb verzetteln müssen.«</p>
+
+<p>»Die Aufkäufer wollen immer mehr Prozente haben,« erwiderte Jürgen.
+»Was bleibt schließlich noch für uns übrig! Ich sehe manchmal mit
+Bitterkeit in die Zukunft. Würden wir nicht in früheren Jahren so groß
+geworden sein, heute gehörte es zur Unmöglichkeit!«</p>
+
+<p>»Leider!« stimmte Armin ihm bei. »Wie bei den Gütern, so wird auch
+im alten ehrenwerten Kaufmannsstand manche Bresche geschlagen. Der
+Weltbetrieb läuft zu rasch vorwärts und überhastet sich.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick wurden sie durch die Anmeldung von Konsul Martens
+unterbrochen, der auch gleich darauf eintrat. Armin verließ das
+Zimmer, und die beiden Freunde waren allein.</p>
+
+<p>»Setz dich auf Wolfs Platz, Charles,« bat Jürgen, »was bringst du uns?«</p>
+
+<p>»Wie geht es ihm vor allen Dingen?« fragte Konsul Martens dazwischen.</p>
+
+<p>»Von Tag zu Tag langsam besser, Charles! Der Aufenthalt in Wershagen
+scheint ihm gut zu bekommen. Er ist schon ein paarmal im Park gewesen.
+Wichers und seine Tochter sind wahrhaft liebe Menschen,<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> bei denen man
+in dem Gedanken wieder erstarken kann, daß Treue und Aufopferung noch
+nicht ganz aus der Welt geschwunden sind.«</p>
+
+<p>Konsul Martens nickte mit dem Kopf.</p>
+
+<p>»Auf der anderen Seite breitet sich Lug und Trug in immer
+größerem Maße aus. Mit der wachsenden Menschenzahl nimmt auch die
+Schlechtigkeit erschreckend überhand. Hier ist wieder ein Beispiel
+davon.«</p>
+
+<p>Er zog einen Brief aus seiner Tasche und setzte sich das Augenglas auf.</p>
+
+<p>»Ich komme deshalb heute zu dir, Jürgen. Dieses Schreiben an mich
+kommt aus Amsterdam und ist — von Ilse Hergenbach.«</p>
+
+<p>»Ilse Hergenbach!« fuhr Jürgen auf. »Nenne mir nicht den Namen,
+Charles! Sie kostet uns beinahe den Bruder.«</p>
+
+<p>»Trotzdem mußt du mich anhören, Jürgen! Da du mich als besten Freund
+der Familie in alles einweihtest, bin ich auch verpflichtet, dir von
+diesem Schreiben Kenntnis zu geben. Ich will vorausschicken: mag das
+junge Mädchen auch gefehlt haben, das Los, das sie jetzt betroffen
+hat, ist erbarmungsvoll!«</p>
+
+<p>»Wieso?« unterbrach ihn Jürgen in barschem Ton. »Wer bei Nacht und
+Nebel davonläuft, kann es nicht anders erwarten!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p>
+
+<p>»Sie ist vor Monaten mit Smiders nach Amsterdam gefahren. Er ging dann
+bald auf und davon und hat sie dem Elend überlassen. Wahrscheinlich
+fürchtete er, daß seine Spur entdeckt werden würde. Der Schrei einer
+Verzweifelten ist heute an mich gelangt. Sie will nicht weiter sinken,
+und doch steht ihr das Furchtbarste bevor.«</p>
+
+<p>Jürgen, der sonst so gelassene und ruhige Geschäftsmann, stand
+plötzlich auf und schritt erregt im Zimmer hin und her.</p>
+
+<p>»Was ist zu tun, Charles?« blieb er einen Augenblick stehen.</p>
+
+<p>»Dies wollte ich mit dir besprechen, Jürgen! Ich halte es für richtig,
+wenn jemand sofort nach Amsterdam fährt und sie abholt, ehe sie in
+einen Abgrund versinkt. Ich kam hierher, um dich darum zu bitten.«</p>
+
+<p>»Charles! Was fällt dir ein! Ich soll nach Amsterdam fahren?«</p>
+
+<p>»Allerdings!« erwiderte der Konsul ruhig, »du bist der einzige, der
+dafür geeignet ist. Irgend einen Fremden können wir nicht einweihen.
+Mir selbst traue ich, offen gestanden, die Erledigung dieser
+Angelegenheit nicht recht zu. Du bist allein der geeignete Mann dafür.«</p>
+
+<p>»So? Es wird immer schöner!« rief Jürgen aufgeregt. »Dafür, daß sie
+mir Frieden und Ruhe im<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> Hause zerstörte, soll ich auch noch nach
+Amsterdam fahren, um sie vor weiterer Schmach zu behüten!«</p>
+
+<p>»Ja,« sprach Martens bestimmt, »du wirst es tun, Jürgen! Ich bitte
+dich bei unserer Freundschaft darum. Man soll eine Frau, die noch
+einen Funken von guter Gesinnung in sich hat, in einer fremden Stadt
+nicht dem Menschenpöbel überlassen. Hast du nicht auch das Bewußtsein?«</p>
+
+<p>Einen Augenblick hindurch bäumte sich der ganze Stolz Jürgens gegen
+diese Zumutung auf. Seine Augen sandten förmliche Blitze, als er jetzt
+ausrief:</p>
+
+<p>»Sage es einem anderen, Charles, aber nicht mir! Ich bin dabei der
+Letzte, der berufen ist, zu helfen!«</p>
+
+<p>»Nein, Jürgen,« entgegnete der Konsul energisch, »du bist der Erste
+dazu! Ich will jetzt nicht weiter in dich dringen. Überlege es dir
+eine Stunde! Um zwei Uhr geht der Schnellzug, du kannst in Tag und
+Nacht dort sein. Brauchst auch niemand etwas davon wissen zu lassen.
+Bei euch sind ja geschäftliche Reisen an der Tagesordnung. Wolf ist
+nicht hier, und Herta wird nicht erfahren, was du tust. Hier ist der
+Brief, — die Adresse von Ilse Hergenbach steht darin.«</p>
+
+<p>Jürgen kämpfte noch mit sich. Die Adern an seiner Stirn waren stark
+angeschwollen, ein Zeichen der inneren Erregung. Als Martens darauf
+fortgehen wollte, hielt er ihn zurück.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p>
+
+<p>»Warte, Charles,« sagte er kurz, »es fällt schwer, mich selbst zu
+überwinden. Doch hier ist meine Hand, — ich fahre nach Amsterdam!«</p>
+
+<p>Konsul Martens zeigte ein feines Lächeln.</p>
+
+<p>»Ich war davon überzeugt, Jürgen, du konntest nicht anders handeln! An
+den Kosten darf ich mich doch beteiligen?«</p>
+
+<p>»Nein, Charles, das darfst du nicht! Was ich will — tue ich auch
+ganz!«</p>
+
+<p>Prokurist Armin trat herein. Er hielt ein Zeitungsblatt in der Hand.</p>
+
+<p>»Sie haben Alfred Smiders gefaßt, Plüddekamp,« rief er befriedigt
+aus, »hier, lesen Sie das Telegramm. Er ist bei seiner Ankunft in Rio
+de Janeiro von einem Angestellten des deutschen Konsuls erkannt und
+verhaftet worden. Seine Auslieferung steht bevor.«</p>
+
+<p>»Ich gönne es dem Burschen,« fiel Jürgen ein, »die wohlverdiente
+Strafe muß ihn treffen.«</p>
+
+<p>»Solche Verhandlungen wirbeln nur Staub auf, säen Mißtrauen und
+verderben das gute Geschäft,« meinte Konsul Martens.</p>
+
+<p>»Mir tut der alte Vater leid. Besser für ihn, der Sohn wäre tot, als
+daß er jetzt vor den Richter gezogen wird.«</p>
+
+<p>»Er wird das Urteil nicht mehr erfahren,« erwiderte der Bankier. »Du
+hast ja beigesteuert, daß<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> wir ihn im Johanniterhospital unterbringen
+konnten. Seine letzten Tage stehen bevor.«</p>
+
+<p>Konsul Martens war schon an der Tür, als er sich noch einmal umwandte.</p>
+
+<p>»Der ›Friedrich Barbarossa‹ ist glücklich aus dem Dock heraus! Ist ein
+schmuckes Schiff geworden. Die Werft rechnet stark darauf, daß du ihn
+chartern wirst! Vielleicht kauft ihn auch die neue Reederei, die die
+Dampferlinien von Smiders &amp; Sohn übernommen hat. Kneis aus Hamburg
+soll dahinter stecken und sich mit großem Kapital beteiligt haben.
+Sicher tritt er auch an dich heran. Dabei kannst du ein paar Worte für
+unsern Dampfer mit einfließen lassen.«</p>
+
+<p>»Wird geschehen, Martens! Für ein solides Geschäft bin ich stets zu
+haben. Kneis kann vorzügliche Referenzen aufweisen und versteht als
+alter Überseer sein Handwerk.«</p>
+
+<p>»Lebe wohl, Jürgen! Gib mir Nachricht, wenn du zurück bist. Wir wollen
+dann die Sache weiter besprechen.«</p>
+
+<p>Dieser war in seinem Zimmer allein; er sah eine geraume Zeit vor sich
+in das Leere.</p>
+
+<p>»Menschen und Schicksale,« murmelte er dann, »ich hätte wahrhaftig nie
+geglaubt, daß ich Ilse Hergenbach im Leben noch einmal wiedersehen
+müßte.«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p>
+
+<h2>XXIII.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Herta war erstaunt, als Jürgen ihr mitteilte, daß er auf einige Zeit
+ins Ausland verreisen wollte.</p>
+
+<p>»So plötzlich?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Du kennst doch unser Geschäft, Herta. Solange Wolf ausfällt, muß
+ich jeden Augenblick reisefertig sein. Armin hat bereits die nötigen
+Instruktionen.« Damit war er gegangen.</p>
+
+<p>Am nächsten Abend traf er in Amsterdam auf dem Bahnhof ein und
+ging direkt nach dem nahegelegenen Viktoriahotel. Von hier aus
+konnte er leicht überall hingelangen. Das interessante Leben in den
+Gesellschaftsräumen des bekannten Hotels regte ihn unwillkürlich
+an. Viele fremde Nationen waren vertreten. Ein Gewirr von mehreren
+Sprachen drang an sein Ohr. So mancher Roman spielte sich hier täglich
+ab. Er selbst sollte jetzt das Ende eines solchen erleben.</p>
+
+<p>Er faßte den Entschluß, Ilse Hergenbach bereits am frühen Morgen
+aufzusuchen, ohne daß er ihr vorher eine Mitteilung davon machte. Als
+kluger Geschäftsmann wollte er sich überzeugen, wie weit die Wahrheit
+ihrer Worte zutraf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span></p>
+
+<p>Er hatte sich vorgenommen, die Angelegenheit als einen Geschäftsfall
+aufzufassen. Während er aber in dem geräuschvollen Treiben des Saales
+saß und die volle Lebenslust froher Menschen ihn umbrandete, entstand
+ein seltsames Gefühl in ihm — wie er Ilse Hergenbach morgen auffinden
+würde. Mußte er sie mit einem anderen Maßstab messen, wie sonst
+Durchschnittsgeschöpfe? Er entsann sich seiner eigenen Worte, die er
+zu Herta gesprochen: »Ein Kind der Jetztzeit! Das vorige Jahrhundert
+klebt ihm nicht mehr an! Es weiß nichts mehr von ihm, als daß damals
+rückständige Menschen lebten!«</p>
+
+<p>War er nicht selbst solch ein rückständiger Mensch? Hatte nicht die
+heraufkommende Zeit gewaltsam an ihm gerüttelt? Er fühlte, wie die
+jetzt herrschende Auffassung eine ganz andere wurde. Sprach man nicht
+allerorten von der Gleichberechtigung der Frauen? Die Frau strebte aus
+ihrer Einengung gewaltsam heraus, sie wollte die persönliche Freiheit
+des Mannes erreichen. Würde sie nicht mit dem erlangten Recht auch in
+alle Fehler des Mannes verfallen?</p>
+
+<p>Ilse Hergenbach hatte zu ihm von der Gleichberechtigung der Frau
+gesprochen. Das Ergebnis lag nun vor. Was Herta mit ihrem hohen
+ernsten Sittlichkeitsgefühl erreichte, daran war Ilse bei dem<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> ersten
+Schritt aus dem Elternhaus und in die Freiheit gescheitert. —</p>
+
+<p>Jürgen erfreute sich eines gesunden Schlafes und hatte eine ruhige
+Nacht verbracht. Sein Leben lag wie immer im Gleichgewicht.</p>
+
+<p>In aller Frühe bestellte er eine Autodroschke und gab Straße und
+Nummer an, wohin er fahren wollte. Der Chauffeur sah den stattlichen,
+fremden Herrn erstaunt an, als dieser einen armseligen Bezirk angab.</p>
+
+<p>Das Auto hielt vor einer riesigen düsteren Mietskaserne. Schon das
+ganze Äußere des Hauses deutete darauf hin, daß hier die Armut ihre
+Stätte aufgeschlagen hatte. In diesem Haus mit den vielen kleinen
+Wohnungen lebten zusammengedrängt Hunderte von Menschen.</p>
+
+<p>Jürgen erstieg die Treppen bis zum obersten Stockwerk. Ein häßlicher
+Geruch drang ihm überall entgegen; schmutzige, seit Jahrzehnten nicht
+mehr im Anstrich erneuerte Wände starrten ihn an. Endlich hatte er die
+Wohnung erreicht. Er las: Friedrich Kern. Der Name eines deutschen
+eingewanderten Arbeiters, bei dem sich Ilse Hergenbach aufhalten
+sollte.</p>
+
+<p>Ein Klingelzug war nicht vorhanden, — er klopfte. Nach einer ganzen
+Weile wurde erst die<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> Tür geöffnet. Eine ärmlich aussehende ältere
+Frau kam heraus und schaute verwundert auf den elegant gekleideten
+Herrn hin, der zu so früher Stunde hier erschien.</p>
+
+<p>»Ist Fräulein Hergenbach zugegen?«</p>
+
+<p>»Sie meinen die Ilse! Ich werde sie gleich rufen.«</p>
+
+<p>»Unterlassen Sie es bitte!« fiel Jürgen ein. »Ich will sie in ihrem
+Zimmer aufsuchen.«</p>
+
+<p>Die Frau zeigte ein mattes Lächeln.</p>
+
+<p>»Die Ilse hat kein Zimmer, Herr! Die hilft mir beim Kochen und der
+groben Arbeit und schläft in der Küche.«</p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp wurde von dieser Antwort stark berührt. Er hatte
+noch bis zu diesem Augenblick nicht geglaubt, in welch grauenvoller
+Lage sich Ilse Hergenbach befand, nun überzeugte er sich davon.</p>
+
+<p>»Ich gehe zu ihr,« schob er die vor ihm Stehende beiseite. Er schritt
+hastig in den kleinen dunklen Korridor hinein, von dem drei Türen
+abgingen.</p>
+
+<p>»Rechts wohnt ein Genosse von meinem Mann, dann kommt unsere Kammer,
+und diese Tür links ist die Küche,« erklärte die nachfolgende Frau.</p>
+
+<p>Jürgen Plüddekamp faßte nach dem Türdrücker und trat dann ein. Ein
+düsterer, von Rauch geschwärzter kleiner Raum, dessen schmales Fenster
+nach dem Hof hinausführte, lag vor ihm. Ein alter<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> Kochherd, weniges
+Küchengerät und eine schmale eiserne Bettstelle befanden sich darin.
+Ilse reinigte das Geschirr in einer Blechwanne. Sie hörte den starken
+Männertritt und wandte sich rasch um. Vielleicht glaubte sie, daß der
+Arbeiter zurückkehre; im gleichen Augenblick aber erkannte sie Jürgen
+Plüddekamp.</p>
+
+<p>Sie unterdrückte einen Schrei. Ihre Gestalt begann zu schwanken, so
+daß sie sich mit einer Hand schwer gegen die Wand stützen mußte, um
+nicht zusammenzubrechen.</p>
+
+<p>»Sie kommen — zu mir, Herr Plüddekamp!« brachte sie tonlos über die
+Lippen, — »das ist — entsetzlich!«</p>
+
+<p>»Lassen wir alles Unnötige, Fräulein Hergenbach,« erwiderte Jürgen
+kurz. »Ich bin hier, um Sie aus einer unwürdigen Lage zu befreien!
+Sind Sie den Leuten noch etwas schuldig? Bitte sagen Sie es mir! Ihre
+Sachen mag die Frau hinunterschaffen. Sie folgen mir sofort!«</p>
+
+<p>»Nein, nein!« stieß sie heftig aus. »Lassen Sie mich in meinem
+Unglück! Von Ihnen kann und will ich keine Hilfe annehmen.«</p>
+
+<p>»Das ist Torheit, Fräulein Hergenbach!« fiel er scharf ein. »In einem
+solchen Augenblick dürfen Sie keiner falschen Empfindung Raum geben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span></p>
+
+<p>Sie sah erschreckend bleich aus. Tiefe Furchen lagerten sich um den
+kleinen Mund. Die Augen lagen glanzlos in ihren Höhlen. Ihre Kleidung
+war ordentlich gehalten, aber vollständig abgetragen. Ihren schmalen
+Händen sah man die grobe Arbeit an, die sie zu verrichten hatten.</p>
+
+<p>Jürgen wandte sich an die Arbeiterfrau, die nach einer kurzen
+Rücksprache den Raum verließ.</p>
+
+<p>»Gehen Sie jetzt mit mir,« trat Jürgen auf Ilse zu. »Sie haben an
+Konsul Martens geschrieben, um wieder in geordnete Verhältnisse zu
+kommen. Er verständigte sich mit mir. Ich bin sofort hierhergeeilt, —
+zögern Sie nun nicht länger —«</p>
+
+<p>Sie hielt ihm abwehrend beide Hände entgegen.</p>
+
+<p>»Ich kann es nicht!« flammte es plötzlich in ihr auf. »Jedem anderen
+würde ich folgen — Ihnen aber nicht! — Hätte ich Sie doch nie
+gesehen! Daraus entstanden meine Vergehungen —«</p>
+
+<p>»Denken Sie ruhiger, Fräulein Hergenbach,« unterbrach er sie ernst.
+»Sie haben kein Recht, mir Vorwürfe entgegenzuschleudern!«</p>
+
+<p>Ilses Augen blickten ihn wild an.</p>
+
+<p>»Recht, — Herr Plüddekamp? Nein! — Kennt Liebe aber etwas anderes
+als ein Naturgesetz, — und wenn dies verhöhnt wird —« Sie wandte
+sich ab und suchte ihr Schluchzen zu verbergen. »Ich ertrage<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> mein Los
+nicht länger — jetzt bleibt mir nur — die Amstel!«</p>
+
+<p>»Das wäre ein leichtes Mittel — um Torheit auszulöschen. Wem der
+innere Halt fehlt — der greift gern danach — aber Kraft zeigen,
+— sich aufrichten, — ein Leben neu aufbauen — wenn die Hand dazu
+geboten wird —.«</p>
+
+<p>»Halten Sie ein!« schrie sie gequält auf. »Wie könnte ich mich wieder
+hineinfinden —«</p>
+
+<p>»Sie werden es — Sie müssen es! Sie haben die Pflicht, Ihren
+Charakter zu stählen — es ist nicht so schwer — als es Ihnen
+erscheinen mag.«</p>
+
+<p>Sie hörte zu weinen auf. Was waren dies für Worte? Durfte sie wirklich
+noch hoffen, konnte sie sich selbst überwinden?</p>
+
+<p>Er merkte sofort den Eindruck, den sie erhalten, und suchte diesen
+rasch auszunutzen.</p>
+
+<p>»Vor allen Dingen kommen Sie hier fort. Sie sollen sich dann in Ruhe
+mit mir aussprechen, — wir werden Ihre Zukunft überlegen, — schenken
+Sie mir endlich doch Vertrauen!«</p>
+
+<p>Es kämpfte noch eine geraume Zeit gewaltig in ihr, — dann rang sie
+sich aber zu einem plötzlichen Entschluß durch.</p>
+
+<p>»Ein Felsen kann nicht härter sein, als Sie zu mir waren, Herr
+Plüddekamp, ich zerbrach daran! Nun<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> wollen Sie mich wieder
+aufrichten, — ich fühle Ihren kalten Stolz, — aber auch das
+Stark-Ehrenhafte in Ihnen, — und will den Haß im mir niederdrücken,
+— der mich ins Elend brachte. — Ich — folge Ihnen.«</p>
+
+<p>Frau Kern brachte die Sachen Ilses. Sie wurden in eine kleine
+Handtasche getan. Jürgen gab der Frau ein Goldstück. Dann schritt Ilse
+vor ihm die Treppe hinunter und stieg mit in das Auto ein.</p>
+
+<p>»Wir fahren zuerst nach einem Magazin. Sie müssen entsprechend
+gekleidet sein, ehe Sie das Hotel betreten.«</p>
+
+<p>Sie wollte dagegen aufbegehren. Ein Blick aus den großen, grauen Augen
+traf ihn, der zu fragen schien: »Was denkst du von mir?!« Jürgen mußte
+ihn verstanden haben.</p>
+
+<p>»Seien Sie beruhigt, Fräulein Hergenbach! Ich traf Sie heute lieber
+in dieser elenden Behausung an, als elegant gekleidet in bequem
+möblierter Wohnung!«</p>
+
+<p>Sie holte tief Atem und erwiderte dann:</p>
+
+<p>»Sie handeln ohne Eigennutz an mir, Herr Plüddekamp! Ich füge mich
+Ihren Anordnungen.«</p>
+
+<p>Obwohl sich Jürgen mit weiblicher Ausstattung nie befaßt hatte, sprach
+er doch ganz gewandt über diese Dinge. Kurz darauf hielten sie vor
+einem großen Modemagazin. Er mußte dort einige Zeit geduldig warten,
+damit sie sich eine neue Kleidung<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> auswählen konnte. Als sie dann vor
+ihn trat, war sie eine ganz andere geworden. Nach deutschem Muster,
+einfach aber geschmackvoll angezogen, machte sie mit ihrer schlanken
+Gestalt wieder einen angenehmen Eindruck. Nur in ihren bleichen Zügen
+war noch das Elend der letzten Zeit zu erkennen. Jürgen sah sie
+prüfend an.</p>
+
+<p>»So,« sagte er darauf kurz, »jetzt können wir in das Hotel fahren.«</p>
+
+<p>In den vornehmen Restaurationsräumen des Hotels stand das zweite
+Frühstück bereit. Jürgen forderte Ilse auf, daran teilzunehmen.</p>
+
+<p>Wie seltsam sich doch ihr Geschick gestaltete? Hätte nicht alles
+anders sein können? Jetzt saß sie ihm an dem kleinen gedeckten Tisch
+gegenüber, und es wurden ihnen die ausgewähltesten Speisen aufgetragen.</p>
+
+<p>»So schön wie auf einer Hochzeitsreise,« dachte sie. Wohin aber hatte
+sie das Schicksal geführt! — Der ungeheure Unterschied von gestern
+und heute drang zu gewaltig auf sie ein. Sie berührte kaum die Speisen.</p>
+
+<p>»Essen Sie doch, Fräulein Hergenbach, Sie werden wohl in der letzten
+Zeit keine genügende Kost gehabt haben!«</p>
+
+<p>Sie versuchte ein leises Lächeln.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span></p>
+
+<p>»Gewiß, Herr Plüddekamp, ich habe manchen Tag sogar gehungert. Der
+Arbeiter Kern nahm mich auf, als ich in den Straßen umherirrte und aus
+Schwäche von einer Ohnmacht befallen wurde. Ich vermochte mich niemand
+in meiner Not anzuvertrauen; auch jetzt gab ich die Hoffnung auf, daß
+Konsul Martens mir helfen würde. — Heute drang alles so unerwartet
+auf mich ein, daß ich kaum daran glauben mag. Ich sitze hier wie in
+einem schönen Traum. Aus dem düsteren Raum heraus — in diesen Glanz
+der Welt hinein! — Der Gegensatz ist zu schroff. Lassen Sie mir Zeit,
+daß ich mich wiederfinde!«</p>
+
+<p>»Das sollen Sie, Fräulein Hergenbach! Ich bin kein Unmensch und will,
+daß Sie sich Ihre Stellung in der Welt zurückerobern. Noch können Sie
+es.«</p>
+
+<p>Sie richtete ihr Auge fragend auf ihn. In dem Blick war nicht mehr
+das Überwältigen der Sinne des Mannes geboten, etwas Demütiges,
+Unterordnendes lag in ihm. Jürgen erkannte daraus, daß sie eine
+furchtbare Lehre empfangen hatte, die sie läuterte. Schade, daß manche
+Menschen erst irren müssen, um dann auf den rechten Weg zu gelangen.</p>
+
+<p>»Trinken Sie doch ein Glas Wein!« forderte er sie auf. Sie ließ aber
+das Glas unberührt, das er ihr reichte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p>
+
+<p>»Ich bin es nicht gewohnt, Herr Plüddekamp. Der Alkohol würde mir zu
+Kopf steigen.«</p>
+
+<p>Er nahm ein auf dem Tisch stehendes größeres Glas, goß Wasser hinein
+und vermischte dies mit dem Wein.</p>
+
+<p>»So kann es Ihnen nicht schaden!«</p>
+
+<p>»Es schmerzt mich, Herr Plüddekamp, daß Sie jetzt gütig zu mir sind.
+Ihre Schroffheit war mir verständlicher.«</p>
+
+<p>»Warum? Mir hat Mitleid nie ferngelegen,« erwiderte er kurz. »Es ist
+jetzt meine Pflicht, daß es es Ihnen zuteil wird.«</p>
+
+<p>Das Frühstück war vorüber. Jürgen wandte sich zu Ilse.</p>
+
+<p>»Ehe Sie Ihr Zimmer aufsuchen, Fräulein Hergenbach, wollen wir ein
+Programm entwerfen. In einem der kleinen Konferenzzimmer sind wir
+ungestört. Ich muß meine Zigarre dabei rauchen.«</p>
+
+<p>Es standen nur ein Tisch mit grüner Tuchplatte, ein paar hochlehnige
+Stühle und einige Klubsessel in dem kleinen Raum, den sie nun
+betraten. Jürgen ließ sich bequem nieder, langte eine kräftige Importe
+heraus, die er nach jeder Mahlzeit rauchte, schnitt behutsam die
+Spitze ab und brannte sie an. Ilse nahm auf einem Stuhl Platz.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span></p>
+
+<p>»Hier sind wir besser aufgehoben, als vor Stunden in der Küche,
+Fräulein Hergenbach. Sie können sich offen aussprechen. Es wird
+niemand etwas davon erfahren. Ich bin nicht neugierig, muß aber klar
+sehen, damit ich handeln kann.« Er reichte ihr freundschaftlich seine
+Hand, in die sie die ihre zögernd legte. Er drückte diese kräftig.
+»So, — unser Pakt ist geschlossen — nun reden Sie!«</p>
+
+<p>Ilse atmete tief.</p>
+
+<p>»Es wird mir schwer, die Worte zu finden, um Ihnen das Erlebte zu
+schildern, Herr Plüddekamp.«</p>
+
+<p>»Na, — ohne Worte geht es schon nicht ab, Fräulein Hergenbach! Sie
+liebten früher in solchem Falle — stumm zu bleiben. Diesen Zug Ihres
+Charakters haben Sie wahrscheinlich fallen lassen.«</p>
+
+<p>Ihr Gesicht überflog eine schnelle Röte.</p>
+
+<p>»Ich möchte reden — und kann es nicht, Herr Plüddekamp! Sie würden
+mich doch nicht verstehen! Ich erniedrige mich nur noch mehr, als es
+schon geschah.«</p>
+
+<p>»Unsinn! Es fällt kein Mensch so tief, daß er nicht wieder aufsteht.
+Übrigens — es macht mir besondere Freude, Sie — die Moderne —
+wieder auf die gute alte verstoßene Bahn zu heben —.« Er ließ
+wohlgefällig sein breites Lachen ertönen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p>
+
+<p>Ilse fühlte die Herzensgüte, die sich unter den derben Worten Jürgens
+offenbarte; dadurch kam ein sicheres Gefühl über sie. Wie ein
+gewaltiger, lange zurückgedämmter Strom drang es jetzt hervor:</p>
+
+<p>»Ja, — Sie sollen es hören, Herr Plüddekamp, und dann mögen Sie mich
+richten! — Ich wurde hinausgesandt, ohne mich selbst zu kennen.
+Meinen Eltern und Geschwistern glaubte ich nicht, — warum sollte ich
+auch anders geartet sein? Es lag aber ein wilder Drang in mir, den
+ich den Blicken fremder Menschen verschließen mußte. Ich blieb stumm,
+wenn ich am liebsten hinausgeschrien hätte: ›Laßt mich ausleben!‹ —
+In der Pension erfuhr ich nur Überflüssiges, — was einfache Mädchen
+belastet. Eine Sucht nach der Schönheit im Leben, — künstlerische
+Neigungen wurden in mir erweckt, — ich konnte stundenlang in den
+Galerien die Bilder betrachten.«</p>
+
+<p>»Die meisten Mädchen waren aus der Großstadt und mir in allem voraus.
+Sie schürten mich täglich an — die Kraft der Frau den Männern
+gegenüber zu erproben — Siegerin zu werden. Was war dies? Ich
+verstand es nicht!«</p>
+
+<p>»Kurz darauf kam ich in Ihr Haus. Der Ernst, der darin waltete,
+erdrückte mich anfangs, — ich sah mißmutig in eine andere Welt
+hinein. Bald fühlte<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> ich aber die siegreiche Macht der Frau. Sie
+haschten alle nach mir. Ihr Bruder Wolf voran —«</p>
+
+<p>»Leider,« warf Jürgen ein.</p>
+
+<p>»Nur einer nicht —«</p>
+
+<p>»Lassen Sie diesen einen beiseite, Fräulein Hergenbach. — Es ist
+kein Verdienst, — nur eine Verstandeseigenschaft, die heute vielen
+verkehrt erscheint.«</p>
+
+<p>»Nein, es muß heraus, Herr Plüddekamp!« fuhr sie in leidenschaftlichem
+Ton fort, und auf ihren Wangen entstanden scharf umrissene rote
+Kreise. »Ich haßte Sie, und um mich zu rächen, gab ich Wolf mein Wort.
+Ich wußte, daß Sie dies nicht wollten und ich Sie nicht tiefer treffen
+konnte. Es war schlecht gehandelt —«</p>
+
+<p>»Allerdings! Sie haben Wolf bis an den Rand des Todes gebracht,« fiel
+er bitter ein.</p>
+
+<p>Sie stand zitternd auf.</p>
+
+<p>»Wolf — Ihren Bruder — unmöglich!«</p>
+
+<p>»Es ist jetzt noch kaum genesen — von Ihnen allerdings geheilt.«</p>
+
+<p>»Wie soll ich dies verstehen, — er hat mich betrogen, — die blonde
+Person in der Weinkneipe, — in die mich Smiders lockte, — stand ihm
+näher —«</p>
+
+<p>»Smiders fing Sie durch eine lächerliche Komödie. Er benutzte die
+weibliche Eitelkeit. — Sie sollen jetzt von mir die Wahrheit hören
+—«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span></p>
+
+<p>Wort für Wort drang auf Ilse ein. Sie sah ihn starr an, — jeder
+Blutstropfen ihres Gesichts wich zurück.</p>
+
+<p>»Mein Gott — Herr Plüddekamp,« stöhnte sie auf, »was kann ich tun, um
+Wolfs Verzeihung zu erlangen!«</p>
+
+<p>»Nichts, Fräulein Hergenbach,« erwiderte er ernst, »als daß Sie nie
+mehr vor ihn hintreten. — Er hat Ruhe und Frieden wiedergefunden.« —
+—</p>
+
+<p>Sie hörte von diesem Augenblick geduldig an, was er ihr vorschlug.</p>
+
+<p>»Ich werde Sie nach Nordhausen in Ihr Elternhaus zurückbringen. Herta
+war gezwungen, auf einen Brief Ihrer Mutter zu antworten, daß Sie uns
+verlassen hatten. Trotzdem können Sie ruhig sein, — ich spreche für
+Sie. —«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p>
+
+<h2>XXIV.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Wolf blieb wochenlang in Wershagen. Er sah die Halme gelb werden
+und die Ähren reifen. Die Ernte ging vorüber. Der Weizen und Roggen
+füllte die Scheunen. Das frische Korn breitete sich nach und nach zu
+mächtigen Haufen in den Speichern aus.</p>
+
+<p>Wolf Plüddekamp war in dem einfachen, ruhigen Landleben an Körper und
+Seele wieder gesundet. Er ritt täglich mit Oberamtmann Wichers auf die
+Felder hinaus, und die launige Art des Landwirtes wirkte wohltuend
+auf sein Gemüt ein. An den Abenden spielte er mit Lieschen vierhändig
+Klavier. Die blauen Augen des jungen Mädchens schauten froh und
+schelmisch drein, als wollten sie sagen: »Bin ich nicht ein lustiger
+Kamerad?« Wenn sich Wolf auch noch nicht ausgesprochen hatte, Lieschen
+wußte genau, daß mit seiner Krankheit alle törichte Leidenschaft in
+ihm geschwunden war. Sie hatte sich den zukünftigen Gatten durch
+Liebe und Aufopferung erkämpft. Was zwischen ihnen lag, war kein
+wildes Empfinden, das sie gewaltsam zusammenband, sondern<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> die milde,
+wohltuende Flamme einer reinen Neigung, die am häuslichen Herd wärmend
+und beglückend ausdauert.</p>
+
+<p>Wolf Plüddekamp wollte nach Stettin zurück. Er nahm keinen Abschied
+von Wershagen; ein kräftiger Händedruck, den er Oberamtmann Wichers
+und Lieschen gab, offenbarte die Tiefe seines Gefühls. Der Händedruck
+sprach aus: »Wir sind einig fürs Leben!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im alten Kaufherrnhause herrschte ungewohntes Leben und Treiben. Die
+freudige Erregung ging von Jürgen Plüddekamp selbst aus. Schon am
+frühen Morgen rief er seinen Freund und Prokuristen Armin herein.</p>
+
+<p>»Die Kontore werden heute nachmittag geschlossen. Die jungen Leute
+sollen den schönen Herbsttag benutzen und einen Ausflug machen. Sie
+vertreten mich dabei, Armin! Ich will mich meinem Bruder widmen
+und die Freude empfinden, daß er uns Geschwistern nach der langen,
+schweren Krankheit gesund wieder geschenkt wurde.« —</p>
+
+<p>Jochen war damit beschäftigt, eine mächtige Girlande über dem
+Treppenaufgang anzubringen.</p>
+
+<p>»Heute kommt mein Wolf,« schmunzelte er vor sich hin, »es wird auch
+man Zeit. Das alte Haus<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> schläft sonst noch ganz ein. Er pfeift doch
+manchmal eins!«</p>
+
+<p>Kurz vor Beginn der Mittagszeit traf Wolf Plüddekamp ein. Jürgen stand
+vor dem Toreingang. Als sein Bruder aus dem Wagen sprang, sagte ihm
+ein einziger Blick, daß dieser im Vollbesitz seiner Kraft wiederkam.</p>
+
+<p>Der alte Hüne, Jochen Hindorf, hatte mit abgezogener Kappe neben
+seiner Girlande Aufstellung genommen. Wolf gab ihm einen tüchtigen
+Schlag auf die Schulter.</p>
+
+<p>»Ich danke dir, Alter,« sagte er, ihm die Hand reichend, »und morgen
+komm zu mir, dann sollst du deinen Dänen haben, der dir wohl schon
+lange gefehlt hat.«</p>
+
+<p>»Es muß ja nicht sein, Herr Wolf,« lachte Jochen über das ganze
+Gesicht. »Die größte Freude habe ich, daß Sie wieder vergnügt sein
+können.«</p>
+
+<p>Die Geschwister zogen sich nach dem Mittagessen in die gemütliche Ecke
+des Speisezimmers zurück.</p>
+
+<p>»Ihr waret mit euren Briefen recht karg,« meinte Wolf lachend. »Es kam
+mir auch ganz erwünscht. Ich mochte nichts mehr von dem Vergangenen
+hören und selbst keine Feder zum Schreiben ansetzen. Dafür lief ich
+den ganzen Tag in Feld und Wald herum.<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> Du siehst, Jürgen, welche
+starke Einwirkung die Natur auf mich ausübte. Ich habe die Empfindung,
+daß ein ganz neues Leben in mir erwacht ist.«</p>
+
+<p>»Du verspürst also keine Lust, Wölfchen, auf deinen Kontorsitz
+zurückzukehren?«</p>
+
+<p>»Offen gestanden, nein, Jürgen! Ich habe großes Gefallen an der
+Tätigkeit eines Landwirtes gefunden, daß ich diese gern ausüben
+möchte.«</p>
+
+<p>Herta lächelte fein.</p>
+
+<p>»Natürlich unter Mitwirkung einer hübschen kleinen Frau, Wölfchen!«</p>
+
+<p>»Ja, Herta, du hast das Richtige getroffen! Als ich heute von
+Wershagen fortfuhr, um euch im alten Plüddekampschen Hause
+aufzusuchen, hatte ich dabei im stillen die Empfindung, bald aufs Land
+zurückzukehren. Ich will mir ein eigenes Nest bauen, und Wichers hilft
+mir dazu. Jürgen und du, ihr werdet noch lange unter Aufrechterhaltung
+alten Herkommens eure Pflicht hier erfüllen. Mich aber soll nichts
+mehr daran erinnern — was einmal war. Ich habe Lieschen Wichers und
+Wershagen herzlich lieb gewonnen.«</p>
+
+<p>Jürgen blickte seinen Bruder ernst, aber mit größtem Wohlwollen an.</p>
+
+<p>»Ich habe deinen Entschluß geahnt, und er wird für dich der richtige
+sein. Das alte Haus vereint uns<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> noch einmal — dann werden wir dich
+freigeben müssen. Das Leben verlangt das Schaffen von neuen Werten.
+Wir wollen es hier und dort redlich tun. In deinen Söhnen wird uns
+eine neue Generation erstehen. Land und Stadt sollen sich ergänzen,
+dann kann ein kerniges Geschlecht neue Erfolge zeitigen.«</p>
+
+<p>Herta hatte diesen Worten still zugehört. Sie seufzte tief auf und
+setzte dann leise hinzu:</p>
+
+<p>»Wenn ich euch Männer so sprechen höre, ist es mir wie ein vergessenes
+Klingen und Singen einstiger Jahre. — Ein Zeichen, daß ich dem wahren
+Glück des Lebens aus dem Wege gegangen bin.«</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe7" id="illu-312">
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+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75824 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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+This book, including all associated images, markup, improvements,
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