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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-04-09 05:21:03 -0700 |
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Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~ + + +======================================================================= + + + + + Geschwister Plüddekamp. + + + Roman + + von + + Jesco von Puttkamer. + + + [Illustration] + + + Reutlingen. + Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung. + + + + + Nachdruck verboten. + Alle Rechte vorbehalten. + Übersetzungsrecht vorbehalten. + Vorgeschriebener Aufdruck für die Ausfuhr nach Amerika: + +Printed in Germany. + Copyright 1910 by Carl Duncker, Berlin.+ + + + + + I. + + +»Unser jahrelanges stilles Zusammenleben erfährt durch dein Vorhaben +eine wesentliche Veränderung, Herta. Hast du es dir reiflich +überlegt?« fragte Jürgen Plüddekamp und gab seiner Schwester die +Photographie eines jungen Mädchens zurück, die er lange betrachtet +hatte. + +»Ich kann meiner Freundin die Bitte nicht abschlagen,« erwiderte Herta +Plüddekamp. »Warum soll ihre Tochter nicht bei mir die Hauswirtschaft +erlernen? Es schadet nicht, wenn ein junges Mädchen mehr Leben bei uns +hineinbringt.« + +»Du hast vollkommen recht, Herta,« fiel Wolf Plüddekamp, ihr jüngerer +Bruder, eifrig ein. »Ich bin sehr dafür, Ilse Hergenbach aufzunehmen. +Nach dem Bilde muß sie eine interessante Erscheinung sein.« + +»Ilse war bereits in einem Dresdner Pensionat. Sie malt, spielt +Klavier und hat überhaupt künstlerischen Sinn,« erklärte Herta weiter. + +»Famos! So wird in unserer Unterhaltung über das ewige +Kaufmannseinerlei endlich eine angenehme Abwechslung entstehen!« rief +Wolf erfreut aus. + +Jürgen Plüddekamp, ein großer, breitschultriger Mann von etwa vierzig +Jahren, dessen Haar und Vollbart einen rötlichblonden Schimmer zeigte, +schüttelte unwillig den Kopf, ehe er begann: + +»Die völlige Ruhe im Hause ist für mich eine Hauptbedingung. Darin +erstarkt die Schaffenskraft. Natürlich wird dies sofort anders sein, +wenn ein junges Mädchen hier herumtollt und unser tägliches Geleise +stört.« + +»Herumtollt? -- Du drückst dich stark aus, Jürgen! Sei nicht so +selbstsüchtig,« hielt ihm Herta vor. »Ich schlug um deinetwillen die +Hand unseres Freundes Martens aus. Du weißt, welchen inneren Kampf +es mich gekostet hat und wie ich frühzeitig zu ernst geworden bin. +Verhindere jetzt, bitte, nicht, daß durch Ilse eine fröhlichere +Lebensauffassung in unsern engen Kreis gelangen kann!« + +»Wieso? Ist unser Wölfchen mit seinen sechsundzwanzig Jahren +nicht genug junges Blut im Hause, Herta? Ich sollte meinen, deine +schwesterliche Liebe hat sehr zu tun, um ihn etwas im Zaume zu halten.« + +Jürgen stand von dem Mittagessen auf und brannte sich eine kräftig +ausschauende Zigarre an. Beide großen, starken Hände in die +Hosentaschen steckend, stellte er sich vor Herta hin, die den +Nachmittagskaffee einschenkte. Die Geschwister tranken diesen sofort +nach der Mahlzeit. Jürgen und Wolf zogen sich dann bis zum Abend +in die im Parterre des alten Kaufherrnhauses gelegenen Kontorräume +zurück, während Herta meistens eine energische Tätigkeit für +Frauenvereine und deren Veranstaltungen entfaltete. + +Alle drei liebten sich zärtlich, obwohl Jürgen nur ein Halbbruder war. +Der verstorbene Geheime Kommerzienrat Plüddekamp hatte zwei Frauen +gehabt. Die Mutter von Herta und Wolf ruhte ebenfalls seit Jahren in +dem großen mit schwedischem Granit ausgelegten Erbbegräbnis der alten +Kaufmannsfamilie. + +»Laß doch Wolf seinen Jugendmut!« trat die Schwester jetzt für diesen +ein. »Es gibt noch andere Lebensaufgaben, als nur Weizen, Roggen und +Gerste zu prüfen und neue Grassorten aufzustöbern. Wir sollen nicht +vergessen, die idealen Güter der Menschheit zu pflegen.« + +Jürgen ließ als Antwort ein kurzes kräftiges Lachen ertönen. + +»Das Korn hat uns groß und reich werden lassen, Herta. Haus Plüddekamp +ist seit hundert Jahren das erste Getreidegeschäft in Stettin. Die +vornehmen Standesherren rechnen es sich zur Ehre an, nach Abschluß +des Geschäftes das Frühstück an unserem Tische einzunehmen. Wir +unterstützen die Landwirtschaft mit beträchtlichen Summen. Mancher +Großgrundbesitzer hätte ohne uns Haus und Hof verlassen müssen, +wenn wir in schlechten Jahren nicht eingesprungen wären. Wolf kann +eines Tages ruhig um eine Gräfin anhalten und wird im Ansehen nicht +zurückstehen.« + +»Ich gönne dir dein starkes Selbstbewußtsein, lieber Jürgen! Du +erzogst auch mich dazu. -- Unser Wölfchen aber soll bei der strengen +Pflichterfüllung an deiner Seite nicht versauern und das Leben +genießen.« + +»Wahr gesprochen, Goldschwester! Du hast mich nicht für Kornkammern +und kleine Komtessen bestimmt, und ich werde sicherlich einem +ganz bürgerlichen Menschenkinde die Hand reichen. Es muß nur +einen flotten Morgengalopp im Freien lieben, sich mit mir über +die ›Dollarprinzessin‹ freuen, danach einer kalten Veuve Cliquot +huldigen und mich über den neuesten Roman unterhalten können. +Beileibe aber darf sie kein Wort über Ernteerträgnisse, Kornzölle +und Grassamenbedarf fallen lassen! Dafür ist tagsüber Jürgen allein +maßgebend.« + +»Spotte nur, Wölfchen!« erwiderte Jürgen, und seine Augen ruhten +dabei wohlwollend auf der schlanken, biegsamen Gestalt des jüngeren +Bruders. »Wirst du erst mein Alter erreicht haben, so pfeifst du dein +Lied etwas anders.« + +»Nun, und -- Ilse?« wandte sich Wolf hastig zu Herta, als er sah, +daß diese die Photographie in den Umschlag des erhaltenen Briefes +zurücksteckte. + +»Sie wird in etwa acht Tagen eintreffen, wie mir Frau Hergenbach +schreibt, und will nur ihren Geburtstag noch daheim verleben,« +erwiderte die Schwester. + +»Hm,« machte Jürgen gedehnt. »Sie ist also erst knapp achtzehn Jahre +alt?« Er trank seine Tasse Kaffee stehend aus und wollte fortgehen, +gab sich jedoch noch selbst vorher die Antwort auf seine Frage, indem +er weitersprach: »Eine neue Generation -- ein Kind der Jetztzeit! Das +vorige Jahrhundert klebt ihm nicht mehr an. Es weiß nichts mehr von +ihm, als daß damals rückständige Menschen lebten. Liebe Schwester +Herta, wäre nicht Hergenbachs Brennerei in Nordhausen ein guter Kunde +von uns, ich würde die Annahme dieser Gegenlieferung gern verweigern.« + +Er schloß bei den letzten Worten die hohe dunkle Tür hinter sich, und +seine starken Schritte hallten durch den großen Treppenflur des alten +Hauses. + +Wolf blieb noch einen Augenblick bei der Schwester zurück. + +»Jürgen ist nun einmal allen Neuerungen feind. Die Vaterstelle, +die er an uns beiden vertreten, läßt ihn auch jetzt seine Fürsorge +übertreiben.« + +»Leider,« seufzte Herta leicht auf. »Ich habe mit ihm deshalb manchen +hartnäckigen Streit durchfechten müssen. Er will keine andere Ansicht +als die seine hören. Schließlich aber gibt er mir doch nach.« + +»Zeig mir noch einmal das Bild von Ilse Hergenbach, Herta,« bat Wolf. + +Die Schwester sah ihn einen Augenblick etwas erstaunt an. Sie zog +alsdann die Photographie aus dem Briefumschlag hervor und reichte sie +ihm. + +Die lebhaften blauen Augen des jungen Mannes blieben eine Zeitlang +darauf haften. + +»Die Züge sind nicht regelmäßig, aber die Augen -- -- in ihnen liegt +außerordentlich viel, Herta! Sie verlangen, daß man hineinschaut, und +je länger man es tut, desto vertiefter wird ihr Ausdruck.« + +»Ei, ei!« drohte die Schwester mit dem Finger, »gib schnell das Bild +her, es verhext dich sonst.« Sie ließ es rasch wieder verschwinden +und fuhr dann in ernstem Tone fort: »Du fängst wirklich etwas schnell +Feuer, Wölfchen.« + +»Ich denke nicht daran, Herta! Das flüchtige Interesse für eine +Photographie will doch nichts bedeuten! Man kann wohl in manchen +Augen Romane lesen, aber diese dort, die du schleunigst hast wieder +verschwinden lassen, -- sind noch ohne Geschichte --« + +»Vielleicht liegt aber die Erwartung einer solchen in ihnen -- und +das darf nicht sein, Wolf. Ich trage die Verantwortung dafür, und du +willst sie mir doch nicht erschweren? -- Wir verplaudern uns aber -- +geh hinunter! Du weißt, Jürgen liebt es nicht, wenn du bei der Öffnung +der eingegangenen Nachmittagspost fehlst.« + +»Dieser ewige Zwang, Herta! Genau auf die Minute anfangen und -- +aufhören, wenn der letzte Laufbursche das Kontor verläßt. Ich dürste +geradezu nach Erlösung von diesem Büroleben -- nach der Freiheit im +Fühlen, Denken und Handeln! Jürgen hätte mich nicht zwingen sollen, +in dem alten Geleise mitzutraben. Ich bin kein Paßpferd für ihn. Nun +ist es zu spät, etwas anderes zu ergreifen. -- Heute nachmittag kommen +Lieferungen für den Export, die erst in den Trieuren gereinigt werden +müssen. Den Staub dabei zu schlucken -- einfach schauderhaft! Der +Lagerhausinspektor kann aber nicht überall zugegen sein -- so heißt +es: ›Wölfchen -- du siehst natürlich nach -- wir müssen absolut reine +Ware haben.‹ -- Adieu, Schwester --« endete der junge Mann die ernst +begonnene Rede mit lautem Lachen und rief noch von der Tür zurück: +»Für den Abend, an dem Ilse eintrifft, halte ich mich frei und gehe +nicht ins Theater.« + +Herta war allein. Sie ließ die elektrische Klingel ertönen, und sofort +erschien ein sauber gekleidetes junges Mädchen mit einem weißen +Häubchen auf dem Haar, das den Eßtisch abräumte. + +Das letzte Stäubchen mußte entfernt sein, ehe Herta das Speisezimmer +verließ. Sie waltete mit einer Sorgfalt ihres Amts, die von den +Brüdern bewundert wurde. + +Im Plüddekampschen Hause ging es musterhaft zu, und Frau Hergenbach, +eine ältere Freundin Hertas, wollte darum, daß ihre Tochter gerade +dort die Pflichten der Hausfrau erlernen sollte. + +Dies Kapitel war nicht einfach. Heute verstehen die jungen Mädchen +alles eher, als die Führung eines Haushaltes, -- ›unmoderne Arbeit‹ +lautet die Bezeichnung dafür. Wozu gibt es geschulte Stützen der +Hausfrau, die alle Fächer erlernt haben? Es ist immer noch Zeit, +sich diese Kenntnisse nebenbei anzueignen, inzwischen muß aber die +Jugend genossen werden. Das überschäumende, prickelnde Dasein in der +Werdezeit hat für ernste Dinge so wenig Raum. + +Herta sann nach. Ob Ilse Hergenbach sich ihren Wünschen und +Anforderungen unterziehen würde? Das junge Mädchen kam aus dem +hochpulsierenden Leben Dresdens; würde es sich in den großen, dunklen +Räumen des altertümlichen Hauses wohl fühlen? + +Die vorgefaßte Meinung des älteren Bruders gegen Ilse Hergenbach, -- +und wiederum die lebhafte Art Wolfs, dessen Herz sogleich unruhig +wurde, wenn ihn ein schönes Frauengesicht fesselte! Der arme Bursch, +er fühlte alles stark und tief, immer sprach das innere Leben bei ihm +mit, so viel er auch scherzte und sich harmlos in seiner Bahn bewegen +wollte. Jürgen, der klare, einfache Verstandesmensch, war besser daran. + +Herta befand sich plötzlich in ihrem Zimmer dem großen Wandspiegel +gegenüber und warf einen Blick hinein. Sie war eine stolze, vornehme +Erscheinung. Mit dem einfach gescheitelten Haar, den frischen Farben +auf den Wangen und den klaren Augen konnte sie wohl noch gefallen +und jene Sympathie dabei hervorrufen, die Frauenwürde beanspruchen +darf. Nur um den feingeschnittenen Mund lag ein Hauch von Herbheit, +etwas Fremdes, das zerstörend in die Gesichtslinien eingriff. -- Der +Verzicht auf eigenes Glück sprach daraus, -- die Beendigung eines +langen Seelenkampfes. + +Sie kleidete sich jetzt rasch zum Ausgehen an, um ihre Pflichten im +Frauenverein zu erfüllen. Ehe sie aber das Haus verließ, gab sie +ihren Mädchen noch bestimmte Anweisungen. + +Die hohen Wohnräume lagen in völliger Stille da. Von den +holzgeschnitzten Decken herab, aus den heimlichen Winkeln und Ecken +hervor ertönte ein kaum hörbares Flüstern und Raunen. Die kleinen +Hausgeister hielten ihre Zwiesprache ab. Jahrhunderte stand Haus +Plüddekamp fest in seinen Mauern und hatte allen Stürmen getrotzt. +Es zeigte die altfränkische Einfachheit der Vorfahren, den ruhigen, +lauterdenkenden Geist früherer Kaufherren. Die spöttelnden Blicke +moderner Menschenkinder prallten von dieser Kraftfülle ab, oder +sie flatterten scheu darüber hinweg, weil sie ein Verstehen alter, +vornehmer Zeit nicht mehr in sich vorfanden. + +Das stolze Haus mit seinem hohen Giebel nach der Straße, dem malerisch +vorspringenden Erker, der mächtigen Toreinfahrt sprach deutlich +zu jedem, der es vernehmen wollte. Der Erker gehörte zu Jürgens +Schreibzimmer, dessen ganze innere Einrichtung schwer massiv und +altertümlich war. Nur das elektrische Licht und das Telephon hatte +sich den Eingang erzwungen. Schon Urahne, Großvater und Vater gaben +sich hier nach den täglichen Geschäftssorgen der Muße hin. Die +Hausgeister waren in diesem Zimmer am lautesten. Sie begannen in dem +entstandenen tiefen Dunkel ein ungezogenes Lärmen. + +»Jürgen! Jürgen! Jürgen!« summte es hin und her. Jürgen Großvater, +Jürgen Vater, Jürgen Sohn -- alle groß, stark, von festem, +unbezwingbarem Willen getragen. Sie hingen in goldumrahmten Bildnissen +an der Wand, und die Lichtwellen der Straßenbeleuchtung huschten +zuweilen darüber hinweg. + +Scharf umrissene Charakterköpfe, die nicht im Eisenpanzer gekämpft, +aber mit rastloser Tatkraft gearbeitet hatten, um den Namen und +Glanz der alten Firma zu begründen. Jürgen Plüddekamp, der Enkel, +hing bereits dort, sich den Vorfahren in allen Eigenschaften des +gediegenen, ehrenhaften Kaufmanns anreihend. Nur Wolf Plüddekamp +fehlte noch, und als sein älterer Bruder ihn eines Tages bewegen +wollte, einem Porträtmaler zu sitzen, sträubte er sich heftig dagegen. + +»Ich bin noch zu jung, um abkonterfeit zu werden! Die Ölfarben für +mich sind noch nicht gemischt!« erwiderte er lachend. + +Jürgen schaute ihn nach diesen Worten lange an. Wolf hatte recht; +seine sonnig-lächelnden, jugendlichen Züge paßten nicht in die Reihe +der ernstblickenden Gesichter der Vorfahren hinein. Er aber, Jürgen, +-- warum hing er schon zehn Jahre dort? Die mächtige weiße Stirn, der +kräftige Nasenrücken hatten ihm schon mit dreißig Jahren das Äußere +eines vollgereiften Mannes gegeben. Seit jener Zeit veränderte er sich +wenig. Der Geheime Kommerzienrat Jürgen Plüddekamp stellte seinen +ältesten Sohn mit achtzehn Jahren in dem Geschäft an. Drei Jahre +später wurde dieser bereits Teilhaber. Jürgen war also von Jugend auf +mit der Firma verwachsen -- und hatte für nichts anderes Gedanken +gehabt. Diese zu hüten, zu fördern, wachte er am Morgen auf, legte er +sich abends nieder. + +»Jürgen! Jürgen! Jürgen!« summte es weiter an den Wänden. »Habt ihr +nicht über Arbeit und Geldaufhäufen -- das Leben vergessen? Nun ist +ein Sproß des alten Hauses gekommen, der nach dem Sonnenlicht der +Daseinsfreude Verlangen empfindet. Was kann daraus entstehen?« + +Ein Lichtstrahl erhellte die alten Jürgengesichter -- ihre Augen +schauten streng in das sie umgebende Dunkel hinein. »Nicht die +vorgezeichnete Bahn verlassen,« war in ihnen zu lesen. + +Langsam verschwand das Licht. Leise erstarb das summende Geräusch. +Totenstille ringsum. -- -- + + + + + II. + + +»Jochen, -- Jochen!« erscholl es aus der großen Toreinfahrt über +den Hof hinweg. »Teufel, wo steckt der Jochen wieder!« setzte Wolf +Plüddekamp halblaut hinzu. + +Die große vierschrötige Gestalt des Aufsehers und Hausfaktotums +stapfte jetzt über das Pflaster des Hofes heran. Der Mann mußte schon +an sechzig Jahre zählen. Sein Rücken zeigte eine leichte Krümmung; +das kam von der gehabten schweren Arbeit. Der mächtige Oberkörper des +Riesen stak in einer dicken Flauschjacke, und an den Füßen trug er +halbhohe Schaftstiefel, die einem Steindenkmal zur Ehre gereicht haben +würden. + +Er stand nun vor dem jungen Kaufherrn, der bei seinem Anblick ein +schalkhaftes Lächeln nicht unterdrücken konnte. Jochen Hindorf war +eine biedere, ehrliche Seele, die, seit mehr als einem Menschenalter +im Hause Plüddekamp erprobt, deshalb eine Sonderstellung einnahm. -- + +»Jochen! Wo bleibst du denn? Du glaubst wohl, daß ich meine Lunge +gestohlen habe?« fuhr Wolf ihn an. + +Jochen Hindorf wußte, daß die Worte nicht ernst gemeint waren. + +»Jäh -- Herr Wolf! Ich bin ja schon da!« + +»Das sehe ich, Jochen! Du hast mich aber lange genug warten lassen. +Ist das Transportauto von der Lastadie gekommen?« + +»Jäh woll -- Herr Wolf!« + +»Wird abgeladen?« + +»Jäh woll -- Herr Wolf!« + +»Jochen -- du riechst mörderlich nach Schnabes -- -- du hast dich wohl +schon vorzeitig gestärkt!« + +»Näh -- Herr Wolf! Nur 'nen kleinen Schnaps genommen.« + +»Jochen, der wird drei Daumen breit an der Flasche zu messen gewesen +sein -- --« + +»Hö, hö, hö!« lachte Jochen Hindor wohlgefällig. »Meine Daumen sind +eklig breit, damit kann ich nicht beim Schluck hantieren. Ich mach's +nach Gutdünken.« + +»Dann bist du jeder Verantwortung in bezug auf das Quantum ledig, +Jochen! Weiß schon --« + +»Jäh, Herr Wolf! So 'ne alte Haut -- hält keine Wärme mehr, -- da muß +ich gründlich einheizen.« + +Wolf Plüddekamp lachte hell auf. + +»Hast recht, alter Knabe! Wer lang trinkt, der lebt lang! Ich glaube, +du hast dies zur Richtschnur genommen. -- Muß ich noch auf den +Speicher oder --?« + +»Hat der Chef es gesagt?« warf Jochen bedächtig ein. Er sprach +manchmal Platt, dann aber wieder etwas Hochdeutsch dazwischen, je +nachdem seine Stimmung war und der Pegel des Alkohols stand. + +Jürgen Plüddekamp galt den Leuten gegenüber immer als der Hauptchef +der Firma, obwohl Wolf Plüddekamp ebenfalls an dieser beteiligt war. + +Herta und Wolf besaßen nicht das gleiche Vermögen wie Jürgen. Das +mütterliche Erbe des ältesten Bruders war sehr bedeutend gewesen, +während die zweite Frau des Geheimen Kommerzienrat Plüddekamp nur +große Schönheit besaß, -- um derentwillen der reiche Mann sie +heiratete. + +»Du kannst es dir doch denken, Jochen!« antwortete Wolf jetzt. »Aber +hör mal, alte Schnapsseele! Wenn Jürgen fragt -- bin ich oben. Rauf +steigt er ja nicht. -- Also verstanden! Ich habe etwas vor und da will +ich -- --« + +»Ist auch gar nicht nötig -- Herr Wolf! Ich besorge alles prompt, +amüsieren Sie sich man gut. Und dann wollt ich nur man noch sagen -- +die Flasche mit dem alten Dänen ist rein zu Ende, an der muß aber +gründlich gemaust sein.« + +»Oder deine Daumen haben nicht ausgereicht, Jochen! Ich werde dir den +Stoff wieder mitbringen!« + +»Bei der Winterzeit -- Herr Wolf! Kalte Füße.« + +»In deine Elefantenstiefel und die dicken Wollnen von Muttern dringt +doch die Kälte nicht hinein, Jochen.« + +»Das sagen Sie so, Herr Wolf. Aber stundenlang beim Aufladen zu stehen +-- nächstens --« + +»Ich glaube dir alles, Jochen!« + +»Jäh woll -- Herr Wolf.« + +Der Alte machte etwas schwerfällig kehrt und verschwand über den von +hohen elektrischen Bogenlampen erleuchteten Hof nach den Speichern zu, +denen sich ein tiefer Garten bis zur nächsten Straße anschloß. + +Das alte Haus mit seinem Hinterland war für neue Verhältnisse von sehr +großer Ausdehnung und hatte darum einen hohen Wert. In der Bilanz +standen Gebäude und Areal noch ebenso zu Buch wie vor hundert Jahren. +Es war nie ein Wertzuwachs hinzugefügt worden. Diese stille Reserve +des Familienvermögens betrug viele Hunderttausende. + +Jürgen Plüddekamp konnte alljährlich mit wohlberechtigtem Stolz +auf die Zahlen hinschauen, die er Wolf nur flüchtig zeigte, um das +Bilanzbuch sofort wieder in einem Sonderfach des Geldschrankes zu +verschließen. + +Im großen Speicher begann das geräuschvolle Rollen und Schütteln +des Korns in den Trieuren. Eine dichte graue Staubwolke umzog die +Maschinen, durchhellt von dem Schein des elektrischen Lichtes. + +Der Roggen wurde in breite Haufen aufgeschüttet. Die Ware stieg durch +das Reinigen bedeutend im Werte und sollte exportiert werden. + +Als das leere Transportauto durch die große Toreinfahrt wieder auf +die Straße hinausrollte, sah Jürgen Plüddekamp im Kontor auf die +Uhr. Er konnte nach der seit der Ankunft verflossenen Zeit genau +kontrollieren, ob die Sackträger ihre Schuldigkeit getan hatten. +Einen Augenblick schaute er auf den leeren Platz ihm gegenüber, den +sonst sein Bruder Wolf einnahm, und nickte mit dem Kopfe, als ob er +sich selbst eine Zustimmung gebe. -- Dann langte er nach einer blauen +Kapitänsmütze, die zu seinem täglichen Gebrauch in Haus und Hof an der +Wand hing, setzte sie auf und ging durch das anstoßende große Kontor +zur Torflur hinaus. + +Die Buchhalter standen vor den mächtigen, stark gebundenen Büchern und +machten ihre Eintragungen. In der Korrespondenzabteilung klapperten +die Schreibmaschinen, sie wurden von jungen Leuten bedient. Jürgen +Plüddekamp liebte keine Maschinenschreiberinnen. + +»Junge Mädchen lassen ihre Augen zuviel spazieren gehen, Herta! Es +beeinträchtigt die Arbeit meiner Angestellten. Vor mir fallen die +Augenklappen ernst herunter, hinter mir blitzt es gleich wieder los. +Eine Schwerenöterin ist stets darunter, und der Ärger bleibt nicht +aus. -- Danke dafür.« So lehnte er es seiner Schwester ab, einige +ihrer Schützlinge unterzubringen. + +Im Kontor des Hauses Plüddekamp mußte ohne Unterbrechung gearbeitet +werden, dafür gab es eine pünktliche Arbeitseinteilung. + +Jürgen war in der großen Toreinfahrt verschwunden, die jungen Leute im +Kontor reckten ihre Köpfe in die Höhe. Die Schreibmaschinen standen +einen Augenblick still und leises Gespräch wurde hörbar. Sowie es aber +einen etwas lauteren Charakter annahm, ertönte die helle Stimme des +Prokuristen Armin: + +»Bitte, meine Herren, äußerste Ruhe! Sie wissen, der Chef liebt keine +Unterhaltung.« + +Einige hastig hingeworfene Worte ließen sich noch von den einzelnen +Schreibtischen vernehmen, dann klapperten die Maschinen wieder mit dem +raschen Aufschlag der Tasten. + +»In einer halben Stunde muß sämtliche Korrespondenz von heute dem +Chef vorgelegt werden!« Der Prokurist Armin sprach kurz und bündig, +seine Anordnungen klangen darum wie militärische Befehle. Er hatte +mit Jürgen zusammen bei einem Stettiner Regiment gedient. Von dort +datierte bereits ihre Freundschaft, aus der ein gegenseitiges hohes +geschäftliches Vertrauen entstanden war. Wolf selbst konnte es bei +seinem Bruder in dem Maße nicht erreichen. + +Jürgen tauchte aus der Dunkelheit auf und stand plötzlich vor dem +alten Hindorf. + +»Jochen, warum bringst du die Ladeliste nicht ins Kontor?« + +Der Alte schrak zusammen und verbarg hastig etwas im Innern seiner +dicken Flauschjacke. Jürgen hatte es aber bereits bemerkt. + +»Du bist unverbesserlich, Jochen! Nächstens setze ich dich ganz zur +Ruhe. Ich brauche Leute, die pünktlich auf die Minute ihren Dienst +versehen. Gib mir jetzt die Liste.« + +Der Alte holte diese aus einer vorderen Tasche der Jacke hervor und +reichte sie Jürgen schweigend hin. + +»Hat sich beim Abladen nichts herausgestellt?« + +»Nä--h, Herr Plüddekamp!« Der Alte brachte es mit bitterer Betonung +hervor. + +»Desto besser! Ist mein Bruder auf dem Speicher -- beim Kornreinigen?« + +»Nä--h, Herr Plüddekamp!« + +Jochen Hindorf hatte diese Antwort ohne Absicht in einem Anflug von +verschlucktem Ärger und Bitterkeit hervorgestoßen. Er besann sich +jedoch sofort und begann zu stottern: »Jäh -- woll, Herr Plüddekamp! +Er -- ist oben!« + +»Du redest Unsinn, Jochen, und hast wieder zu tief in die Flasche +gesehen! Es geht auf keinen Fall mit dir so weiter! Ich werde einmal +selbst nachschauen!« + +Ganz bestürzt, daß nun das Fehlen Wolfs herauskommen mußte, stellte +sich Jochen Hindorf rasch in die Treppentür des Speichers. Sein +mächtiger Körper füllte den großen Türrahmen beinahe aus, so daß +niemand an ihm vorüber konnte. + +»Es staubt ganz gewaltig, Herr Plüddekamp, und das ist der Lunge nicht +gut!« + +»Was fällt dir ein, Jochen! Mach sofort Platz! Ich will hinauf!« stieß +Jürgen barsch hervor. + +Jochen zögerte noch einen Augenblick, sein Liebling Wolf war in +Gefahr. Lieber wollte er jetzt für den geschehenen Fehler alles auf +sich nehmen. + +»Ich will Herrn Wolf doch runter rufen, Herr Plüddekamp. Sie haben +keinen Staubkittel an.« + +»Es geht auch ohne diesen,« erwiderte Jürgen scharf, schob Jochen +Hindorf trotz seiner Schwere schnell beiseite und sprang wuchtig die +Stufen zu den Speicherräumen empor. + +Als er einige Zeit darauf wieder herunterkam, schritt er an dem alten +Aufseher vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. + +»Dunnerlüchting!« fluchte dieser. »Wie haben die franzö'schen +Gefangenen bei uns im Barackenlager immer gesagt: ›Grand malhör!‹ Hm +-- -- -- das ist nun da! Mein Herr Wolf ist reingefallen und der alte +Däne ist für mich futsch.« + +Jürgen Plüddekamp hing in seinem Privatkontor die Mütze an die Wand +und ging einige Male stark auf und ab. Die Dielen knarrten unter +seinen schweren Schritten. + +»Wolf hat es doch nicht nötig, mir etwas vorzuflausen! Warum tut er +es?« dachte er. »Er besitzt die völlige Freiheit, zu kommen und zu +gehen, wie es ihm gefällt. Ist sein jetziges Verhalten eines echten +Kaufmanns würdig? -- Auf das einfache Wort eines Mannes soll man +Häuser bauen können. Und Wolf! -- Um sich zwei Stunden Aufsicht zu +ersparen, zieht er selbst den alten Hindorf mit in Unwahrheiten +hinein. -- Ich habe es dir in die Hand gelobt, Vater, über ihn zu +wachen. Je älter er aber wird, desto schwerer ist es für mich.« + +Es klopfte. Ein Angestellter brachte die fertige Korrespondenz und sah +sich erstaunt um, weil der Chef nicht den gewohnten Platz einnahm. -- +Jürgen atmete schwer auf. Er machte sich an die Arbeit, die Briefe zu +unterzeichnen. Aus der breiten Goldfeder, deren er sich dazu bediente, +floß es in markigen Buchstaben: »Jürgen Plüddekamp.« + + + + + III. + + +Am nächsten Morgen hatten die Brüder eine längere Aussprache. Wolf +hielt auf die Anschuldigungen Jürgens diesem sofort entgegen: + +»Du zwingst mich durch dein fortgesetztes Überwachen zu törichten +Ausreden, die mir selbst zuwider sind. Zieh aber keine krause Miene, +wenn ich zuweilen den Tagesdienst für ein paar Stunden satt habe.« + +»Wolf! Es ist doch unser Geschäft! Das deine -- wie das meine. -- +Haben wir nicht die verdammte Pflicht, jeder unser Bestes dafür +einzusetzen? Sollen deine Nachkommen einst sagen: ›Die Firma +Plüddekamp hat früher besser dagestanden!‹ Wird der Konkurrenzkampf +nicht täglich, ja sogar stündlich gewaltiger? Können doch bereits +in Stunden Gewinne verloren gehen, sogar Verluste entstehen. Die +Nichtbeachtung eines späten Telegramms kostet unter Umständen +Tausende. Man muß daher in einem derartigen Geschäftsbetriebe +fortgesetzt auf dem Posten sein! Nur durch energische Arbeit, +gepaart mit scharfem kaufmännischem Verstande, ist heute noch ein +Vorwärtskommen möglich -- und vorwärts wollen wir!« + +Wolf hatte die Worte des Bruders ruhig über sich ergehen lassen. +Seine lebhaften blauen Augen irrten ein paar Sekunden an der +gegenüberliegenden Wand ziellos umher. + +»Du hast mir dies schon häufiger gesagt und bist in deinem Recht, +Jürgen!« erwiderte er dann, und der Ton seiner Stimme vibrierte leise. +»Ich besitze aber auch das meine, und es lautet etwas anders: das +Leben ist nicht nur -- Arbeit, nicht nur -- Drang nach Kapitalbesitz! +Das Leben verlangt auch gebieterisch, einer inneren Stimme zu genügen. +Der eine Mensch drückt seinen Wert nur in Zahlen als Guthaben auf +dem Bankkonto aus, er ist nach amerikanischem Muster bei seinen +Mitmenschen -- fein-fein. Den andern aber, dem nicht nach weiterem +Vermögen verlangt, treibt es -- das Schöne auf der Erde zu suchen und +es an sich zu reißen, wo er es auch finden mag. Er ist ein Mensch, der +sich noch ein Stück Idealismus bewahrt hat und Zahlen nicht schätzt, +er ist in euren Augen ein -- Abtrünniger --« + +»Wolf -- kein Wort weiter!« Jürgen hatte es heftig ausgerufen. Auf +seiner Stirn schwoll die Zornesader der Plüddekamp dunkelblau an. +»Unser Vater hat es gewünscht, daß ich dich ins Geschäft aufnehmen +sollte. Er kannte meine Abneigung, eine Ehe einzugehen! Meine Familie +waret ihr, -- Herta und du! Habe ich je etwas in der Sorge für euer +Wohl verabsäumt? Nun wuchern deine Vorwürfe wie schwarzes Mutterkorn +in vollreifen Ähren. Das darf nicht sein, Wolf. Sonst --« + +»Nun, sonst?« fragte Wolf gereizt. + +Jürgen Plüddekamp richtete seine strengblickenden Augen fest auf den +jungen Mann, aber sein Mund blieb geschlossen. Er sprach ein hartes +Wort, das er gedacht hatte, nicht aus. Erst nach einer geraumen +Weile, als die Frühpost hereingebracht wurde und Prokurist Armin die +Anordnungen entgegennehmen wollte, sagte er plötzlich: + +»Es ist heute ein schöner Herbsttag. Graf Thadden-Bützenbrück verlangt +einige tausend Zentner bestgereinigten Roggen zur Aussaat! Willst du +mit ihm verhandeln, Wolf? Er ist einer unserer guten Kunden. Bleibe +nur zu Tisch dort, du erhältst sicher eine Einladung.« + +Wolf schaute zur Straße hinaus. Die goldenen Sonnenstrahlen tummelten +sich dort auf den Pflastersteinen umher, blitzten auch zuweilen auf +den starken Stahlbändern des Lastautos auf, das soeben nach den +Speichern auf der Lastadie abfahren sollte. Es zog ihn mächtig +hinaus, -- nur fort aus der dumpfen, ihn bedrückenden Kontorstube! -- + +»Gut! Ich werde hinausreiten!« erwiderte er dann, und auf seinem +Gesicht begann ein freundliches Lächeln zu entstehen. »Ich habe also +Urlaub für den ganzen Tag -- sollte jedoch Graf Thadden nicht anwesend +sein oder mich nicht einladen --« + +»Ausgeschlossen, Wolf! Übrigens reite dann weiter zum Oberamtmann +Wichers. Sage ihm einen Gruß von mir und -- horche einmal, wie hoch +die Lieferung ausfallen wird. Von seinem Boden kommt immer das vollste +Korn. Wichers ist einer unserer besten Landwirte. -- Wir können ihm +ruhig etwas mehr zahlen. Wichers Roggen -- schüttet Gold.« + +»Ja, Jürgen! Zu Wichers reite ich noch auf alle Fälle. Wenn ich auch +erst in der Nacht zurückkehren kann. Die Landstraße hat einen guten +Sommerweg. -- Herr Armin,« wandte er sich an den Prokuristen, »ich +möchte die Proben für Graf Thadden mit der heutigen Preisnotierung +haben.« + +Der Prokurist verließ sofort das Privatkontor, um das Gewünschte zu +holen. + +»Jürgen -- du bist doch ein guter Kerl,« fuhr Wolf fort, »und meine +Worte von vorhin tun mir eigentlich leid. Du hast mich mit edler Waffe +geschlagen. Ich bringe heute todsicher ein gutes Geschäft zustande. +Am Abend spiele ich mit Lieschen Wichers vierhändig Klavier. -- Du +sagst es Herta bei Tisch, damit sie nicht mit dem Abendbrot auf mich +wartet. Und dann -- laß meine Flunkerei Jochen nicht entgelten. Ich +hatte ihn gestempelt, -- der brave Alte konnte nicht anders.« + +Jürgen lachte aus vollem Halse. + +»So will ich dich haben, mein Wölfchen! Nun gefällst du mir wieder, +und ich werde von heute ab den bösen Mentor einengen, wo und wie ich +es nur kann.« -- + +Eine halbe Stunde darauf schwang sich Wolf Plüddekamp in elegantem +Reitanzug aufs Pferd. Man sah ihm dabei sofort den flotten Reiter an. + +Jürgen ging zu Wolf hinaus und klopfte den schlanken Hals des +prächtigen Fuchses mit seiner kräftigen Hand. Das Blutpferd wurde +unruhig und trat hin und her. + +»Verliere die Proben nicht, Wölfchen! Du hast sie nur lose in die +Seitentasche gesteckt.« Der Fuchs wollte anspringen und kaute heftig +auf dem Gebiß. -- »Warte noch einen Augenblick, -- ich knöpfe dir die +Tasche zu,« und als dies geschehen, fuhr er fort: »Nun bist du sicher +-- und kannst so stark traben, wie du willst! Vergiß nicht, Wichers zu +grüßen.« + +Der feurige Fuchs ließ sich nicht länger zurückhalten und machte +einige kräftige Sprünge. Wolf saß fest im Sattel und hatte ihn sofort +wieder am Zügel. Er grüßte mit der Reitpeitsche und trabte die Straße +hinunter, um bald auf dem weichen Reitweg der nahen Anlagen zu +verschwinden. + +Jürgen schaute ihm eine Zeitlang nach. + +»Allzu scharf macht schartig! Ich will ihm die Zügel etwas länger +lassen. Er kommt schon allein wieder auf das Richtige zurück,« dachte +er bei sich, als er in das Kontor ging, um noch einige Anordnungen zu +erteilen. + + * * * * * + +Wolf ließ den Fuchs dahintraben. Das Gefühl von Jugend und Kraft, +das ihn beseelte, brachte die glücklichste Stimmung in ihm hervor. +Lieschen Wichers war ein liebes Mädchen, ein echtes zukünftiges +Hausmütterchen, -- gut erzogen, ein wenig musikalisch, und hatte +oft lustige, schalkhafte Einfälle. Sobald sie vierhändig Klavier +spielten, schaute sie ihn neckisch an. Der Oberamtmann konnte sich +natürlich keinen besseren Schwiegersohn wünschen, seine Tochter keinen +hübscheren Mann. Wolf Plüddekamp entflammte die Herzen aller jungen +Mädchen in der Umgegend, mit deren Vätern seine Firma geschäftliche +Beziehungen pflegen mußte. + +Sein Bruder sandte ihn deshalb gern zu neuen Abschlüssen. Jeder +töchterreiche Vater hoffte im stillen auf Absichten dabei, und Kauf +wie Verkauf wickelte sich schneller ab als sonst. Lieschen Wichers +war Wolf bisher ganz sympathisch gewesen, er hatte sogar manchmal +weiter gedacht und sich geprüft, ob sein Puls in ihrer Nähe schneller +schlage. -- Leider geschah es nicht, trotz der frischen Farben auf +ihren Wangen. Wie dies nur zuging? Es fehlte etwas, das er sofort in +den Augen auf Ilse Hergenbachs Bild erkannte. Ein unbewußt Anziehendes +-- ein tolles Aufjauchzen vor Lust, und doch dabei ein tiefes +Insichgekehrtsein und Zurückbeben -- miteinander streitende Gefühle, +die jede Fiber des Körpers erregten. Wie kam dies alles nur in die +Augen hinein? Es mußte sich ihm bald zeigen. Er wollte es ergründen, +es kennen lernen. Würden Körper und Seele bei ihr schon soweit +entwickelt sein, um alle Fragen beantworten zu können? -- Er erwartete +den Tag der Ankunft Ilse Hergenbachs mit größter Spannung -- alles +andere war ihm gleichgültig geworden. Klavierspiel, -- wie alltäglich! +Jetzt kam etwas Aufrüttelndes, er sehnte die Stunde herbei, in der er +endlich anfangen würde, es zu erleben. -- -- + +Jürgen und Herta saßen noch bei einer Partie Schach, als er spät in +der Nacht heimkehrte. + +»Tee und Sandwiches stehen für dich bereit, Wölfchen,« sagte Herta +freundlich. »Du wirst sicher noch einen verborgenen Hunger haben, +trotz der kräftigen Hausmannskost bei Oberamtmann Wichers. Hat nicht +Fräulein Lieschen ihre Gänsesülze besonders gelobt?« + +»Erraten, Herta! Aufs Tüpfelchen erraten! -- Spielt nur eure Partie zu +Ende, -- ich stärke mich einstweilen. Nach dem zweistundenlangen Trabe +revoltiert der Magen wirklich noch einmal!« + +»Nun -- Wölfchen?« schaute Jürgen ihn fragend an, »Gutes erreicht?« + +»Du wirst mit mir zufrieden sein, Jürgen. Ich bin genau deinem Rate +gefolgt. Graf Thadden hat Sorte B gekauft, -- längeres Ziel als sonst. +Hm, darüber müssen wir noch reden. Sein Sohn hat etwas zu kräftig +verbraucht. Komtesse Marie verriet es mir.« + +Jürgen lächelte. + +»Ein längeres Ziel macht nichts aus. Bützenbrück hat vortrefflichen +Boden, der eine Scharte rasch wieder auswetzt. Der junge Graf schlägt +über die Stränge. In Berlin verpulvert sich ein brauner Schein sehr +schnell, wenn man Graf ist und den alten Namen glänzend vorstellen +will. + +Manchmal reicht kein Vermögen hin. Der alte Graf legte als +vorsichtiger Mann die Mitgift für Komtesse Marie auf der Reichsbank +fest; -- der junge Graf sorgte dafür, daß sie wieder abgehoben wurde.« + +»Bei Wichers war es gemütlich wie immer,« erzählte Wolf mit +Unterbrechung, indem er einige Sandwiches verzehrte. »Er kann +zehntausend Zentner mehr liefern, als er gedacht hat. Die Proben +habe ich mit. Als die Preisfrage besprochen wurde, kam Lieschen +Wichers dreimal ins Zimmer hinein, und dabei gelang es mir richtig, +einige Prozent Skonto abzuhandeln. Es ist über tausend Mark, und der +Oberamtmann zog ein Gesicht, als wir die Abschlußnotizen in unseren +Büchern vornahmen. -- -- ›Sie sind schlimmer als Ihr Bruder,‹ meinte +er. Beim Abendessen fuhr er aber ein paar alte Flaschen Rheinwein auf +und lud mich ein, bald wieder herauszukommen.« + +»Wirst du es tun, Wölfchen?« fragte Herta, vom Spiel aufsehend. Sie +hatte soeben einen Springer günstig aufgestellt und hoffte Jürgen mit +ein paar weiteren Zügen matt zu setzen. + +»Vielleicht!« antwortete Wolf gleichgültig. »Wie's Wetter wird. Es ist +immer ein starker Ritt für den Fuchs nach Wershagen. Der Gaul spürt +es ein paar Tage in den Knochen.« -- Der junge Mann ließ sich den +Nachtimbiß weiter munden. + +Herta und Jürgen vertieften sich in ihre Partie, die anscheinend dem +Ende zuging. Der Sieg schien sich, auf Hertas Seite zu neigen. + +»Wölfchen -- komm her! Jetzt kann Jürgens König nicht mehr entweichen +-- seit langer Zeit gewinne ich einmal --« + +»Noch -- nicht,« warf Jürgen gedehnt ein. + +Er sann einige Minuten nach. Man sah förmlich, wie die Pläne in seinem +Kopfe entstanden, so ausdrucksvoll gestalteten sich seine Züge. Dann +ging das Spiel fort. Herta wurde in kurzem vollständig matt gesetzt. + +»Bravo Jürgen! Es waren Meisterzüge! Der blinde Neid muß dir dies +lassen!« rief Wolf ihm zu. + +»Gräm dich nicht darum, liebe Herta,« lächelte Jürgen freundlich. »Wir +sind nun einmal das stärkere Geschlecht.« -- + + + + + IV. + + +Die folgenden Tage brachten unfreundliches Wetter. Trübe, schwere +Wolken zogen über die Stadt hinweg. Die kleinen Dampfer blieben im +Hafen. Dieser war lange Zeit nicht mit so vielen Schiffen angefüllt +gewesen. Die Steuerbeamten konnten kaum ihren Revisionen nachkommen. +Zahlreiche nordische Dampfer warteten auf neue Ladung. + +Die Möwen flatterten von der Odermündung bis in die Hafenanlagen +hinein. Draußen auf der See und im Pommerschen Haff traten Böen auf; +es gab kurze, heftige Stoßwellen, die alle Fischerboote zur Heimkehr +zwangen. Sturm war in Sicht. + +Es brauste auch bald aus Nordwest jäh und ungestüm heran. Die Wellen +im Haff stürzten wild durcheinander, und selbst die größten Dampfer +hatten schwere Fahrt. In der Stadt rüttelte der Sturm an den Dächern +und Zäunen, entwurzelte in den Alleen große Bäume und trieb sein +wildes, zügelloses Gebaren zum Verdruß der Einwohner. + +Schwarzgraues Gewölk jagte tief über die Häuser hinweg. Es wurde am +Nachmittag so dunkel, daß die Laternen eine Stunde früher angezündet +werden mußten. Der Regen fuhr sturmgepeitscht hernieder, und auf den +Gassen floß das Wasser stromweise zu den Abzugskanälen hin. + +»Also heute abend,« sagte Wolf zu Herta. »Hast du den Wagen bestellt, +oder kann ich Ilse Hergenbach von der Bahn abholen?« + +»Nein, Wölfchen! Zügle deine Neugierde. Ich bin selbst zur Ankunft des +Zuges auf dem Bahnhof! Laß deinen Abonnementsplatz im Theater nicht +leer. Du siehst Ilse noch früh genug.« + +»Sie ist doch die Tochter einer befreundeten Familie! Ich werde mir +keine Unhöflichkeit zuschulden kommen lassen,« warf er hastig ein. + +Herta schaute ihn darauf prüfend an, sie erwiderte aber nichts. + +Zum Abendbrot war Ilse Hergenbach bereits eingetroffen. Wolf hatte +sich sorgfältig umgekleidet, Jürgen erschien jedoch in seinem +täglichen Kontoranzug. + +Das erste Sehen gestaltet sich meist eigenartig. Herta saß mit dem +jungen Mädchen in einer Sofanische. Als die Brüder eintraten, erhoben +sie sich, und Ilse wurde erst Jürgen, dann Wolf vorgestellt. Der +Ältere machte die erste Begegnung kurz ab. + +»Seien Sie willkommen im Haus Plüddekamp, Fräulein Hergenbach. Lassen +Sie es sich darin wohl sein.« Er dankte dann für die Grüße, die Ilse +von ihren Eltern überbrachte. Die Augen des großen Mannes musterten +kaum die schlanke Gestalt in dem einfachen grauen Reisekleide. + +Wie anders Wolf! Er trat dicht an sie heran und gab ihr die Hand mit +kräftigem Druck. + +»Darf ich Fräulein Ilse sagen?« bat er sofort. »Wir beide sind jetzt +die Jüngsten im Hause und werden hoffentlich gute Kameradschaft +halten. Spielen Sie Lawn-Tennis? Wir haben im Garten einen Spielplatz. +Morgen wird er allerdings durchweicht sein!« + +»Nun frage Ilse auch gleich noch, ob sie Galopp reitet, ob sie an der +Dollarprinzessin Geschmack findet und gern Sekt trinkt. So lautet doch +dein Programm, Wölfchen?« neckte ihn Herta. + +Wolf schien dies nicht ganz angenehm zu sein. + +»Glauben Sie es nicht, Fräulein Ilse!« warf er hastig ein. »Meine +Schwester versucht unsere notwendige Kameradschaft von vornherein zu +untergraben. Ich bin wahrhaftig besser als mein Ruf.« + +Ilse Hergenbach sah die leuchtenden blauen Augen dicht vor sich. +Unwillkürlich weitete sich auch ihr Blick. Sie schaute ihn einen +Augenblick hindurch etwas scheu an, dann flog ein leises Lächeln +über die feinen, bleichen Züge. Wie seltsam ist solch ein erstes +Begegnen! Impulsives Fragen und scheue, versteckte Antwort. Ilse und +Wolf standen sich so gegenüber. Er mit freiem offenem Herzen, das +sagte: »Ich freue mich, daß du zu uns gekommen bist! Ich finde dich +interessant und will dich näher kennen lernen!« -- Sie dagegen mit dem +klugen Instinkt des Weibes ihre Gedanken zurückhaltend und darum nur +mehr anreizend, diese zu ergründen. + +»Tante Herta schrieb bereits, daß ich in Ihnen einen Freund der +schönsten Künste finden würde. Ich soll freilich die Hauswirtschaft +studieren, wie Mama es will. Nun, ein Stündchen am Tage werde ich doch +musizieren oder malen dürfen, damit ich nicht alles verlerne.« + +»Gewiß, Ilse!« sagte Herta bereitwillig. »Du kannst dich auch an +meiner Arbeit für notleidende arme Geschöpfe beteiligen. Überhaupt +solltest du an allem in unserem einfachen Leben teilnehmen.« + +»Ich scheide dabei aus, Fräulein Hergenbach,« fiel Jürgen mit seiner +starken Stimme ein. »Meine Domäne ist das Kontor, -- das große +Geschäftsgetriebe einer alten Firma, darin gibt es keinen Raum für ein +junges Mädchen.« + +»Warum nicht, Herr Plüddekamp? Ich habe bei meinem Vater oft aushelfen +müssen. Ich stenographiere und bin auf der Schreibmaschine eingeübt. +Ich habe kalkuliert und korrespondiert.« + +»Dabei widmeten Sie sich der Musik und Malerei und trieben +Kunststudien. Nun wollen Sie die Haushaltung erlernen. Ein wenig +viel, um eins davon gründlich zu verstehen,« gab ihr Jürgen zur +Antwort. + +»Das moderne Mädchen soll doch in allen Sätteln gerecht sein, -- die +Welt verlangt es, um uns für vollwertig zu halten!« vertrat Ilse ihren +Standpunkt. + +»Entsetzlich!« fiel Wolf mit lächelndem Munde ein. »Welche Stunden +bleiben dann für die Pflege der Schönheit übrig, -- die Hauptaufgabe +der Frau -- dem Manne zu gefallen?« + +»Muß es denn unser Lebenszweck sein, Herr Plüddekamp, den Männern +zu gefallen? Vielleicht war es früher so, heute -- wollen wir +gleichberechtigt auftreten,« entgegnete Ilse. Keine Miene ihres +Gesichtes verriet, ob ihre Gedanken und die ausgesprochenen Worte +übereinstimmten. + +»Sagen Sie bitte -- Wolf, zum Unterschied von meinem Bruder, Fräulein +Ilse,« ließ sich dieser nicht beirren. »Übrigens soll meine Ansicht +nicht als allgemeine Regel gelten. Es gibt Ausnahmen -- meine +Schwester Herta gehört dazu. Und doch besitzt die Schönheit der Frau +ein unbestrittenes Recht, zu gefallen, das sie sich nicht verkümmern +lassen darf.« + +»Wölfchen -- du windest dich in der Schlinge, -- du bist gefangen --« +fiel Herta lachend ein. »Ilse hat ihre Sache tapfer verteidigt.« + +Der junge Mann versuchte wiederholt, Ilse Hergenbach in die Augen +zu sehen. Sein Wunsch, darin zu lesen, war zu mächtig, um ihm +widerstehen zu können. Sie mußte dies unwillkürlich fühlen, denn +plötzlich traf ihr Blick voll den seinen. Er hatte dabei ein neues, +ganz eigenartiges Empfinden, das seine Nerven heftig erregte. Das Blut +quoll ihm heiß vom Herzen bis zu den Schläfen empor. Einen Augenblick +war er wie berauscht, -- das also konnten diese Augen, diese grauen, +unergründlich tiefen Augen hervorrufen! + +Welch eine wundersame Kraft strömte von ihr aus! Sie kam zu ihm, wohin +würde sie ihn führen? + +Herta mußte diesen Augenblick des Selbstvergessens bemerkt haben. +Sie sah Ilse schärfer an und forderte sogleich auf, das Abendbrot +einzunehmen. Jürgen ging an den Speisetisch, und während seine hohe, +kräftige Gestalt fest auftrat, folgten ihm Ilses Blicke. -- Sie +zeigten Neugierde, aber auch eine Bewunderung der echt männlichen +Erscheinung des ältesten Plüddekamp. + +Während der Mahlzeit wurde wenig gesprochen, und Herta hob früh +die Tafel auf, damit sich Ilse nach der anstrengenden Reise bald +zurückziehen konnte. Wolf war dies nicht recht. + +»Was soll ich heute abend beginnen, Herta?« klagte er. + +»Jürgen spielt Skat mit uns, du mußt dabei aufpassen, Wölfchen,« +erwiderte die Schwester. + +Er war aber derart zerstreut, nachdem Ilse das Zimmer verlassen hatte, +daß er die einfachsten Spiele umwarf. + +»Es geht heute wirklich nicht --« damit legte er unmutig die Karten +hin. »Ihr müßt mich entschuldigen. Ich fahre nach dem ›Luftdichten‹, +um mir die nötige Schlafschwere zu holen.« + +Jürgen und Herta sahen sich schweigend an und begannen dann ihre +allabendliche Partie Schach. + + * * * * * + +Seit Ilses Ankunft war Wolf wie ausgewechselt. Er verließ selten das +Haus und schob das eingetretene schlechte Wetter vor. Jede freie +Stunde des Tages brachte er bei Herta und ihrem Zögling zu, während +Jürgen mehr denn je im Kontor arbeitete. Der Schimmer des elektrischen +Lichtes fiel oft noch bis gegen Mitternacht auf die Straße hinaus. +Spät begab er sich zur Ruhe. + +Er hatte recht gehabt, wenn auch in anderer Weise. Ilse Hergenbach +tollte nicht laut umher, -- im Gegenteil, sie war äußerst ruhig, +sprach wenig, glitt geräuschlos mit ihrer überschlanken Gestalt durch +Zimmer und Gänge, aber sie zog dabei magnetisch an sich. + +Wolf folgte ihr, wo er es nur konnte; er mußte einen Blick, einige +Worte von ihr erhaschen. + +Jürgen dagegen, sobald er sich dabei ertappte, daß er ihr +unwillkürlich ein paar Schritte nachgegangen war, reckte sich +plötzlich stolz empor und wandte sich kurz der Haupttreppe zu, um in +sein Kontor zu eilen. Es ärgerte ihn, daß sein Auge auf den schlanken +Linien ihres Körpers geruht hatte, und er ballte fest die Faust +zusammen, -- es sollte nicht wieder vorkommen. Seine Brust hob sich +schwer dabei. Er hatte nicht gesehen, wie Ilse bei seiner schroffen +Wendung sofort stehen blieb und die großen Augen ihm scheu und +unwillig nachschauten. + +Die Ruhe war aus dem alten Kaufherrnhause geschwunden. Das bisherige +harmlose Zusammensein der Geschwister litt darunter, und Herta bereute +schon, dem Wunsche ihrer Freundin nachgegeben zu haben. + +Ilse Hergenbach, obwohl keine Schönheit im Sinne des Wortes, besaß +etwas unheilvoll Bestrickendes für die Männer, dem nur eine große +Willensstärke widerstehen konnte. Selbst Konsul Martens, der einstige +Verehrer Hertas und Freund der Familie, kam jetzt häufiger und blieb +einsilbig, wenn Ilse nicht erschien. + +Herta sann darüber nach; ihr reiner, starker Sinn konnte sich lange +keine Erklärung geben. Der Verkehr junger Männer wurde immer reger +in ihrem Hause, und doch war Ilse nicht im mindesten kokett. Sie +tat ruhig ihre Pflicht und plauderte nur zuweilen an den langen +Winterabenden etwas angeregter mit Wolf. Auch Jürgen und Herta hörten +gern zu, wenn sie von den erlebten Kunstgenüssen sprach und ihre +tiefe, wohllautende Stimme die kleine Tafel beherrschte. + +Sobald aber Ilse dies bemerkte, schwieg sie plötzlich still und war +nicht wieder zum Reden zu bringen. Nur ihr Auge glitt von einem zum +anderen, als wenn es sagen wollte: »Ich habe als Jüngste nicht das +Recht, die Unterhaltung zu führen.« + +Wolf konnte bitten, so viel er wollte, Ilse blieb stumm, -- es prallte +jedes Wort bei ihr ab, selbst Herta erhielt auf ihre Fragen nur einige +rasch hervorgestoßene Silben zur Antwort. Das junge Mädchen konnte +durch sein Schweigen geradezu ungezogen erscheinen und gab sich auch +keine Mühe, es zu verdecken. + +Herta ärgerte sich darüber; sie hielt dies Benehmen für einen Mangel +an Erziehung. Einige Male sagte sie auch zu ihrem jüngeren Bruder: + +»Gib dir keine unnütze Mühe, Wölfchen! Wenn Ilse in ihre Stummheit +versinkt, mag sie mit sich selbst fertig werden.« + +Jürgen hatte nur sein kräftiges Lachen dafür, aber auch dies stockte +manchmal; dann verließ er mit irgendeinem kurzen Wort den kleinen +Kreis und ging in sein Schreibzimmer. + +Nun kam das Seltsamste. Ilse fand plötzlich ihre Sprache wieder und +war die Liebenswürdigkeit selbst zu den anderen. + +»Ilse ist ein merkwürdiges Geschöpf -- ich werde aus ihr nicht klug,« +sagte Herta eines Tages zu Jürgen, »sie kommt mir zuweilen wie eine +Sphinx vor -- --« + +»Nein, -- wie eine Hexe --« erwiderte er kurz. + +»Aber Jürgen! Wie kommst du darauf?« fragte Herta erschrocken. + +»Durch den starken Einfluß, den sie ausübt, liebe Schwester! Wölfchen +hat sie ganz umstrickt, und seine Freunde rennen uns jetzt das Haus +ein --« + +»Ilse ist aber peinlich in ihrer Arbeit und versäumt keine Pflicht. +Sie erfüllt sofort jeden meiner Wünsche und kann eine tüchtige +Hausfrau werden.« + +»Niemals!« stieß Jürgen barsch aus. + +»Sollte sich dies deiner Beurteilung nicht entziehen?« erwiderte Herta +leicht gekränkt. + +Jürgen pfiff laut. + +»Ihre Zerstreuungen in der freien Zeit sind allerdings sonderbar,« +fuhr Herta fort. »Sie geben mir zu Bedenken Veranlassung. Gestern war +sie zwei Stunden ausgegangen. -- Bei ihrer Rückkehr antwortete sie +auf meine Frage, daß sie sich die Schaufenster in der Breitenstraße +angesehen habe. Später sprach ich zufällig Jochen Hindorf, und er +erzählte mir, wie er Ilse bei den Kornträgern am Bollwerk fand. +Sie sah dort den Männern zu, die schwere Säcke aufhoben und zum +Transportauto trugen. Warum nun diese Unwahrheit von ihr, -- die mir +sehr mißfällt! -- Wie kann überhaupt ein junges Mädchen an so grober +Arbeit Gefallen finden, namentlich bei ihrem Kunstsinn --« + +Jürgen hatte die Hände in beiden Hosentaschen stecken und zuckte mit +den Achseln. + +»Hm, -- weibliche Neugierde, -- es will weiter nichts sagen. Sie war +noch in keiner Hafenstadt. Vielleicht erinnert es sie auch, an das +väterliche Geschäft. Das ist wohl die einfachste Erklärung.« -- -- + +Herta nahm sich vor, scharf aufzupassen. Sie war um Wolf besorgt. + +Dieser spielte täglich, stündlich mit dem Feuer. Er erzwang es, daß +Ilse ihm oft in die Augen sah. Trotzdem es den harmlosesten Anschein +haben sollte, wurde sie sich bald ihrer Gewalt bewußt. Anfangs war +sie selbst darüber erstaunt gewesen, nun legte sie langsam ihre Scheu +dabei ab. Herta durfte es nur nicht bemerken. + +Was lag in ihrem Blick? Jürgen hatte es rasch erkannt, aber er äußerte +sich nicht darüber. + +Wolf spielte an sonnig-kalten Tagen mit Ilse im Garten Ball, und sein +Auge hing an den schnellen Bewegungen ihres Körpers, wie sie diesen +aufhielt und zurückschlug. + +Gewöhnlich gewann sie die Partie. Sobald sie zusammenstanden und er +ihre Augen suchte, lachte sie ungezwungen auf, ein tiefes, melodisches +Lachen, das er so gern von ihr hörte. + +Nach der gemeinsamen Abendmahlzeit spielten sie vierhändig Klavier. +Sie schaute ihn nicht an, wie Lieschen Wichers, sobald er aber ihre +schlanken Hände zufällig berührte, schoß eine fliegende Hitze in ihm +empor. Sein ganzes Nervensystem war fortwährend in Erregung. + +Im Geschäft ließ seine Tätigkeit mehr und mehr nach. Seine Gedanken +wanderten zu Ilse. + +»Eine tolle Staupe,« dachte Jürgen, »aber er muß sie durchmachen, um +frei zu werden.« -- + + + + + V. + + +Jürgen saß bereits kurz nach acht Uhr morgens vor seinem Schreibtisch +im Privatkontor und sah die Korrespondenz, sowie die eingegangenen +Aufträge durch. Prokurist Armin stand neben ihm und gab auf seine +Fragen kurze Erläuterungen ab. Der gegenübersitzende Wolf hörte kaum +zu und langweilte sich sterblich. Ein paarmal griff er nach den +neuesten Zeitungen, las die Berichte von der Getreidebörse, hastete +über die Theaterkritiken hinweg und legte das Blatt wieder aus der +Hand. + +Nun war die Post durchgesprochen. Jürgen hatte disponiert, und Wolf +atmete schon freier auf, als Prokurist Armin von neuem begann: + +»Wir haben noch die Angelegenheit mit Smider & Sohn zu besprechen, +Plüddekamp. Sie wollten sich heute entscheiden.« + +»Er kriegt keinen Pfennig mehr, als wir abgeschlossen haben,« +erwiderte Jürgen ärgerlich. »Wie kommt der Mann überhaupt dazu, uns um +eine Tariferhöhung anzugehen? Der Vertrag mit ihm ist klipp und klar.« + +»Die Frachtsätze sind im Steigen begriffen. Der Export verstärkt sich +für das Frühjahr. Kein Wunder, wenn Smiders es probiert -- er glaubt, +mehr herausschlagen zu können, und zieht nun an der Strippe, um --« + +»Einfach ausgeschlossen, Armin,« fiel ihm Jürgen ins Wort. + +»Ich kann es nicht behaupten, Plüddekamp. Der Dampfer liegt noch im +Schwimmdock.« + +»Die Verlängerung ist aber gut vonstatten gegangen. Bei der Höhe +unserer heutigen Technik im Schiffsbau bringen sie alles mit Eleganz +fertig. Wie war's damals mit der ›Hohenzollern‹! Durchgeschnitten -- +ein ganzes Stück eingesetzt -- und wieder Volldampf voraus.« Jürgen +ließ sein breites Lachen hören. + +»An Tonnengehalt wurde sie größer, an Geschwindigkeit und ruhigem +Gang hat sie sich gerade nicht verbessert,« meinte Wolf, der jetzt +aufhorchte, weil ihn diese Angelegenheit interessierte. + +»Beim Frachtdampfer fragt man auch nicht danach,« brummte Jürgen. »Du +willst immer auf den Sport hinaus.« + +»Der ›Friedrich Barbarossa‹ war doch mit Eisenerzen überladen worden +und blieb in der Kaiserfahrt stecken?« wandte sich Wolf an den +Prokuristen. + +»Ja, -- er hatte sich beim Aufrennen den Boden eingedrückt, darum +wurde er umgebaut und gleich vergrößert, Herr Plüddekamp,« gab Armin +zur Antwort. + +»Die Eisenerze kamen wohl aus Vivero in Spanien?« frischte Wolf +seine Erinnerungen auf. »Es konnte einen endlosen Prozeß geben +-- die Versicherungsgesellschaft einigte sich aber mit der +Henckel-Donnersmarck-Hütte. Es mußte alles in Leichter umgeladen +werden, und die Kaiserfahrt war eine Zeitlang schlecht zu passieren --« + +»Stimmt,« unterbrach Jürgen seinen Bruder kurz. »Du bringst uns aber +von der Sache ab -- oder willst du auf einen Vorschlag hinaus?« + +»Du hast mich damals den Vertrag mit Smider & Sohn lesen lassen -- er +ist nicht ohne Häkchen. Ein wenig Jus klebt mir von den Semestern in +Greifswald und Berlin noch an, darum glaube ich -- --« + +»Nun und -- --« forschte Jürgen. + +»-- -- -- daß der Passus ›bei rechtzeitiger Fertigstellung‹ uns +auffliegen läßt, wenn Smider & Sohn den Vertrag nicht einhalten +wollen.« + +»Es wäre eine dumme Sache -- unser Justizrat ist doch sonst immer +vorsichtig gewesen! Holen Sie den Vertrag, Armin -- ich will ihn +daraufhin durchsehen,« wandte sich Jürgen an diesen. -- »Kannst du +nicht auf den jungen Smiders einwirken, Wolf?« fragte er seinen Bruder. + +Dieser schüttelte mit dem Kopfe. + +»Ich war wohl während der Schulzeit öfters mit ihm zusammen, -- jetzt +zählt er nicht mehr zu meinen Freunden.« + +»Mir ist er höchst unsympathisch,« meinte Jürgen. »Eine zynische +Natur, die am liebsten über Treu und Glauben hinwegschreitet. Hätte +nicht sein Vater mit uns jahrzehntelang in Verbindung gestanden -- ich +würde den geschäftlichen Verkehr mit der Firma abbrechen.« + +Der Prokurist brachte den Vertrag, und der ältere Plüddekamp vertiefte +sich einige Minuten in diesen. Als er wieder aufsah, zeigte sein +Gesicht eine unwillige Miene. + +»Es ist so, -- Wolf hat zwischen den Zeilen gelesen! Ich bin jetzt +der Ansicht -- Smiders kann unter gewissen Umständen aus seinen +Abmachungen entschlüpfen. Er sucht darum seinen Vorteil wahrzunehmen. +Zahlen wir die höheren Frachtsätze, fällt es ihm natürlich nicht ein, +den Vertrag zu beanstanden. Unser Gewinn aber wird dann Null sein, nur +das Risiko bleibt.« + +»Wir müssen bestimmt in der vorgesehenen Frist liefern,« betonte +Armin. »Die spanischen Brennereien sind darauf angewiesen und warten +nicht. Es wird uns sonst ein großes Geschäft für die Zukunft verloren +gehen.« + +»Gut -- das ist feststehend! Also was tun? Sie haben selbst dazu +geraten, den ›Friedrich Barbarossa‹ zu chartern, Armin!« sagte Jürgen. + +»Weil er nach dem Umbau einen hohen Tonnengehalt aufweist und wir +die Lieferung glatt fortbringen wollen. Die Tarife waren zudem sehr +günstig,« erwiderte dieser. + +»Alles eine schlaue Kalkulation von dem jungen Smiders. Wir legten +uns lange vorher fest und mußten ihm in die Hände fallen, sobald +die Lieferung drängt.« Jürgen schlug mit der Faust auf die Platte +des Schreibtisches, daß es dröhnte. »Am liebsten möchte ich ihm mit +gleicher Münze dienen. Ich habe bisher bei unseren Verträgen mit +Smiders & Sohn nie an eine Übervorteilung von der anderen Seite +gedacht. -- Es muß auch so gehen,« fuhr er ruhiger fort. »Wir wollen +rechtzeitig Maßnahmen treffen, Armin, und uns einige kleinere Dampfer +sichern, die wir für andere Zwecke verwenden können, wenn die Frage +nicht brennend wird.« + +»Die Stettiner Frachtdampfer sind für die Hauptfahrzeit belegt. Wir +müssen in Hamburg, Bremen und Lübeck Umfrage halten. -- Auf den +Zufall, daß spanische Dampfer Rückfracht nehmen, können wir uns nicht +verlassen,« hielt Armin entgegen. + +»Teufel -- eine unangenehme Klemme,« brummte Jürgen. »Smiders soll +an mich denken. Es ist wirklich notwendig, daß du ihm beikommst, +Wolf! Natürlich mit der größten Liebenswürdigkeit -- lade ihn auch +gelegentlich ein. -- Wenn ich ihn aufsuche, wittert er sofort +Morgenluft.« -- + +»Gern tue ich es nicht, Jürgen! Alfred Smiders verkehrt in keinem +Kreise meiner Bekannten. Man trifft ihn höchstens in kleinen +Weinstuben mit zweifelhafter Bedienung an. Ich muß mich ihm also +nähern. In unser Haus möchte ich ihn lieber nicht einführen --« Wolf +stockte plötzlich und dachte an Ilse. Sie brauchte diesen Menschen +nicht kennen zu lernen. + +»Richte es nur ein, Wölfchen! Es hängt zuviel davon ab,« wurde Jürgen +freundlich. Der geschäftliche Nutzen war bei ihm hoch angeschrieben, +solange er in regulären Bahnen ging. Hier stand Großes auf dem Spiel. +Der Vertrag mußte aufrecht erhalten bleiben. Später durfte solche Lage +nicht wieder vorkommen, er wollte im stillen mit einer auswärtigen +Reederei sofort Vereinbarungen anbahnen. + +»Ich werde ihn aufsuchen und -- lavieren,« sagte Wolf. »Schließlich +kommt es darauf an, wer die besten Karten in der Hand hält, -- ich +fürchte --« + +»Rufen Sie Smiders & Sohn telephonisch an, Armin. Mein Bruder würde +die Angelegenheit mit Herrn Alfred Smiders in Kürze besprechen.« + +Für Jürgen war damit die Unterredung beendet. Er nahm die neuen +Aufträge zur Hand, ließ sich das Lagerbuch geben und begann zu +rechnen. Der Prokurist ging in die Korrespondenzabteilung, und Wolf +blieb eine Weile seinen Gedanken überlassen. + +Im Grunde war ihm Alfred Smiders ein verhaßter Geselle. Dieser +hatte sich während der Schulzeit in den oberen Klassen immer an ihn +herangedrängt. + +»Reeder und Exporteur müssen schlau zusammenhalten,« sagte Smiders +zu ihm, »und das sind wir beide doch eines Tages. -- Die Abnehmer -- +das konsumierende Volk muß mächtig berappen, damit wir schnell reich +werden. Am besten schafft es sich bei einer Hungersnot -- oder im +Kriegsfall -- da kann man Gold mit Scheffeln messen.« + +»Solche Vorsätze hat mein Bruder nicht,« erwiderte Wolf darauf, »er +läßt nichts auf die Ehre des alten Kaufmannsstandes kommen.« + +»Nette Torheit,« suchte Alfred Smiders ihm zu beweisen. »Ich nehme mir +die amerikanischen Grundsätze zur Richtschnur. Der beste Kaufmann +ist, wer den höchsten Gewinn erzielt! Auf welche Weise, bleibt ganz +gleichgültig.« + +»Bei Jürgen Plüddekamp aber nicht,« trumpfte ihn Wolf ab. + +»Du wirst sehen -- das moderne Geschäft verlangt es -- eines Tages +bist du bekehrt! Wir wollen dann weiter darüber sprechen,« zog sich +der andere zurück. + +Alfred Smiders gab schon als Primaner viel Geld aus, trotzdem sein +Vater in jener Zeit geschäftlich zu kämpfen hatte und große Verluste +erlitt. Er verkehrte mit Steuerleuten und Matrosen in den dunkelsten +Kneipen am Hafen. Dort lernte er das Grogtrinken und konnte bald +unglaubliche Mengen Alkohol vertragen. Es erschien ihm dies für seine +Laufbahn notwendig. Er wollte sich später von keinem Kapitän unter den +Tisch trinken lassen. + +Wolf hatte er ein paarmal mit verschleppt. Sie gerieten in eine +wüste Gesellschaft von Matrosen hinein, die in den Hafenkneipen +herumlungerten und mit einem Aushub von Mädchen das letzte Heuergeld +vertaten. Während Smiders wie ein Fisch durch moderiges Wasser +schlüpfte und Rede wie Antwort anzupassen wußte, konnte sich der +junge Plüddekamp des Ekels über das wilde Gebaren nicht erwehren. + +Er schlich spät nach Hause und verdankte es nur der Freundschaft +des alten Jochen Hindorf, daß er durch den Garten und über den Hof +unbemerkt ins Haus hineingelangte. Dieser hatte den Schlüssel zu +der kleinen Torpforte in Verwahrung und drückte bei seinem jungen +Herrn gern ein Auge zu. Am nächsten Morgen hielt er einen kräftig +eingelegten sauren Hering mit einer knusprigen trockenen Semmel +bereit, damit konnte Wolf seinen Katzenjammer dämpfen Ein kleines +Glas Porter mit Ale jagte ihm das Blut wohltuend durch die Adern. Zur +Mittagszeit war alles überwunden und die blauen Augen lachten wieder +die Welt an. -- + +Wolf war eine gesunde, reine Natur, der nichts anhing, und in späteren +Jahren mied er Smiders, wo er es nur konnte. Jetzt spielte dieser +scheinbar eine große Rolle in der Stadt. Er hatte mehrere neue Dampfer +bauen lassen und weite Fahrten eingerichtet. Die alten Schiffe liefen +noch daneben und trugen hohe Versicherungen. Man munkelte allerlei, +durfte sich aber nicht laut äußern. In den Kneipen einer Hafenstadt +wird viel gesprochen. + +Der junge Reeder war seinem Äußeren nach eine große, elegante +Erscheinung. Dunkles Haar und ein schwarzer, wohlgepflegter +Schnurrbart hoben seine an und für sich matten Züge stärker hervor. +Die Augen flackerten etwas unstät umher, besaßen aber zuweilen +einen tiefergehenden Ausdruck, den er im geeigneten Falle geschickt +anzuwenden wußte. + +Als Jürgen seinen Bruder aufforderte, die frühere Bekanntschaft +mit Alfred Smiders zu erneuern, hatte er wichtige Gründe im Auge, +diese überwogen bei ihm die persönliche Abneigung. Das spanische +Geschäft mußte gepflegt werden, es bot sehr lohnende Aussicht und +paßte stets mit den Rückfrachten. -- Wolf war zur Abwicklung solcher +Sachen recht geeignet. Seine anscheinende Gutmütigkeit verdeckte den +eigentlichen Kern, den er zur passenden Zeit scharf herauszuschälen +verstand. Jürgen hatte eine zu derbe Geradeausnatur, er liebte kein +Wortgeplänkel. + +»Ich gehe jetzt nach dem Speicher auf der Lastadie,« sagte Wolf zu +seinem Bruder. »Die Stichproben von den neuen Roggenlieferungen sollen +doch in meinem Beisein genommen werden.« + +Jürgen sah von seinen Kalkulationen auf. + +»Recht so, Wölfchen! Denk auch daran, daß die verschiedenen Grassamen +bald umgestochen werden müssen. Es entsteht leicht ein dumpfiger +Geruch, und bis zur Versandzeit sind noch einige Monate hin.« + +»Wird besorgt, Jürgen! Übrigens noch immer schauderhaftes Wetter,« +sagte er, hinausschauend. »Ich laß mir einen Taxameter holen. Von +nassen Füßen kriegt man bloß Katarrh. Davon bin ich kein Freund!« + +Er sprang dann in wenigen Sätzen die Treppe zur Wohnung hinauf. Ein +Glas Portwein konnte an dem naßkalten Tage nicht schaden. Vielleicht, +daß Ilse -- sie huschte gerade über den Korridor, als er die oberste +Treppenstufe erreichte. + +»Fräulein Ilse -- nur einen Augenblick!« + +Sie blieb zögernd stehen und sah den hellen Schimmer in seinen blauen +Augen, als er auf sie zukam. Er griff nach ihrer Hand, die sie ihm +schnell wieder entzog. + +»Herr Wolf! Was haben Sie nur immer vor, wenn Tante Herta --« + +Er lachte hell auf. + +»Nichts -- rein gar nichts will ich -- als ein Stückchen Semmel mit +Gänsebrust. Eine recht große saftige Scheibe -- Fräulein Ilse! Sie +verstehen es, diese so appetitlich herzurichten. Aber bringen Sie mir +den Happen selbst, bitte! -- Machen Sie sich nicht wieder unsichtbar +--« + +»Das kommt nur auf Sie an, Herr Wolf,« entgegnete sie lächelnd und sah +sich hastig um. + +»Auf mich, Fräulein Ilse? Dann würden Sie mich den ganzen Tag nicht +los,« rief er belustigt. »Nun noch eine kleine Bitte -- schlagen Sie +einmal schnell Ihre schönen Augen zu mir auf --« + +»Nein, -- Herr Wolf, -- das gehört nicht zur Erlernung der +Hauswirtschaft,« -- ihr Blick aber traf ihn doch, ehe sie forteilte. + +Warum er nur so oft danach verlangte? Die anderen Herren, die sie +hier kennen lernte, sahen sie ebenfalls so seltsam an. Sie empfand +nichts dabei, nur wurde es ihr peinlich. Wolf war wirklich ein +hübscher junger Mann, aber auch nicht mehr für sie. Als sie zu den +Wirtschaftsräumen eilte, wußte sie unwillkürlich, daß seine Augen ihr +folgten. + +»Schade, daß ich mich so in acht nehmen muß. Es verdirbt mir manchmal +ganz die Laune,« dachte sie bei sich. + +Die Semmel mit Gänsebrust ließ sie durch das Mädchen ins Eßzimmer +tragen, weil Herta dazukam. Diese ging sofort zu ihrem Bruder und +schenkte ihm ein Glas Portwein ein. Sie kannte seine kleinen Wünsche. + +»Du willst auf die Lastadie, Wölfchen? Stärke dich nur zuvor.« Er +hatte ihr sein Vorhaben rasch mitgeteilt. + +Sie bot ihm noch ein zweites Glas an, während er ihr von Alfred +Smiders erzählte. + +»Wenn es geschäftlich notwendig ist, soll er das feinste Frühstück +Stettins haben,« sagte sie dann. + +»Besser, es läßt sich vermeiden, Herta!« Damit ging Wolf fort. Ilse +kam ja nicht wieder. + + * * * * * + +Die Lastadie hängt mit dem Freihafengebiet zusammen. Dort hatte die +Firma Jürgen Plüddekamp erst in den letzten Jahren neue Speicher +erbaut. Als Wolf vorfuhr und eilig in das Tor hinein wollte, stieß er +auf Jochen Hindorf. -- + +»Hast du deine Kerle in Schuß, Jochen?« + +»Jäh woll -- Herr Wolf!« + +»Das ist man gut, Jochen! Sonst steig ich dir auch aufs Dach!« + +»Hm --« räusperte sich dieser. + +»Bei dem Wetter wär's kein Wunder, wenn sie davonliefen. Ich wollt +gerade nach Haus. Haben Sie noch was, Herr Wolf? Mit'm Chef ist in +der letzten Zeit nicht zu spaßen. Er gibt mir den Laufpaß, wenn ich +nochmal für Sie flunkere.« + +»Kommt nicht wieder vor, alter Knabe --« + +»Hm -- hm -- damals war auch Fräulein Ilse noch nicht hier -- nu aber +--« + +»Was nun aber! Denk keinen Unsinn, Jochen. Fräulein Ilse hat damit gar +nichts zu tun.« + +»Näh -- näh, Herr Wolf, das weiß ich wohl! Sie ist aber ein verteufelt +schlankes Ding, wie so'n Aal glitscht sie aus der Hand. Ich hab's +gesehen!« + +»Du bist ein alter Drönbartel, Jochen -- mit dem, was du willst! +Behalte man deine Speckschwarten für dich. Jetzt komm mal beiseite! +Ich will dich etwas fragen.« + +»Jäh woll -- Herr Wolf!« Die Hünenfigur des Alten schob sich dicht an +seinen jungen Herrn heran. + +»Du kennst doch den alten Aufseher von Smider & Sohn?« + +»Jäh woll -- Herr Wolf!« + +»Gut! -- Pürsch dich mal gleich an ihn heran. Kann auch 'n paar +Schnäpse kosten. Frag ihn genau aus, wo Alfred Smiders seinen Wechsel +hat. Du weißt schon! -- Ich muß nach ihm auf den Anstand raus.« + +»Aber -- Herr Wolf! Sie werden doch nich, 'ne kleine Auflage von +damals --« + +»Unsinn! -- Ich muß ihn in einer günstigen Stunde antreffen, damit ich +ihm geschäftlich langsam beikommen kann.« + +»Hm -- das weiß ich schon! Er hat etwas in der ›Grünen Schanze‹, wo +die gelben Gardinen vor sind. Ein paar leere Champagnerflaschen stehen +im Fenster.« + +»In der alten Weinspelunke sitzt er?« rief Wolf etwas betroffen aus. +»Da kann ein anständiger Mann wahrhaftig nicht hineingehen.« + +»I was! Da gehen feine Leut' hinein. Bei Tag woll nicht -- aber abends +sind alle Katers grau.« + +»Es ist also ganz sicher?« + +»Ich frag nach. In einer halben Stund bin ich wieder da. Wieviel +Schnäpse -- kann ich ihm geben?« + +Wolf lachte und nahm Geld aus der Westentasche, das er Jochen Hindorf +in die schwielige Hand drückte. + +»Was nicht draufgeht, ist für dich -- Alter!« + +»Jäh woll -- Herr Wolf!« + +Jochen Hindorf zog die Flauschjacke fest zusammen und trottete ab. -- + +»Gibt's wohl eine ehrlichere alte Haut als diese dort?« dachte Wolf, +ihm nachschauend. »Wenn's darauf ankäme, würde Jochen für mich das +Tollste ausführen, aber eine Stärkung des inneren Menschen muß dabei +sein.« + + + + + VI. + + +Nach altem Brauch sah man im Plüddekampschen Hause Sonntags gern +Tischgäste. Nähere Freunde sagten sich einfach an, zuweilen ergingen +auch Einladungen. Konsul Martens kam jetzt häufiger als in den letzten +Jahren. + +»Alte Liebe rostet nicht,« scherzte Wolf mit seiner Schwester. + +Herta entgegnete ihm darauf mit ernstem Blick: + +»Ich habe Martens stets als lieben Freund betrachtet, seitdem ich +meine einstige Neigung zu ihm unterdrückte. Er war mir wert. Ich +achtete ihn hoch und hielt ihn für einen jener Männer, die nach dem +Herzen der Frau schauen und sich nicht durch Äußerlichkeiten blenden +lassen. Wie bitter bin ich enttäuscht worden! -- Martens ist nicht +viel mehr oder weniger, als es auch andere Dutzendmenschen sind.« + +»Es freut mich, daß dir endlich diese Erkenntnis kommt, Herta,« warf +Wolf lachend ein. »Nun wirst du mich doch gleichwertig einschätzen.« + +»Dich, Wölfchen? Ich bedaure dich höchstens! Du hast mir zuviel -- +Herz!« entgegnete sie ihm. + +»Dafür empfinde ich auch mehr, als Jürgen und -- du --« + +»S--o--o--! -- Weißt du dies ganz genau? Was Ilse dir und anderen +einflößt, die ihr nachrennen, ist -- keine Liebe. Höchstens der +moderne Zug zum Weibe --« + +»Herta!« stieß Wolf heftig aus. »Du urteilst mit Bitterkeit.« + +»Ist es denn nicht wahr? Du, Martens, deine Freunde, -- ihr sucht in +Ilse etwas, das ich verabscheue! Sie tut mir wahrhaftig leid und gibt +keinen Anlaß für euer Verhalten.« + +»Ich sehe Ilse gern, leidenschaftlich gern! Es ist mir ein +Lebensbedürfnis, in ihrer Nähe zu weilen. Ich habe ein tiefes +Glücksgefühl dabei.« + +»Unterdrücke mit aller Kraft diese Regung, ehe sie sich in dein +Herz hineinfrißt, sonst erleidest du mein Schicksal. Ilse ist nicht +für dich geschaffen, auch würde Jürgen nie eine Verbindung mit ihr +zugeben. Oder willst du eine Frau besitzen, Wolf, der andere Männer +fortwährend nachstellen?« + +»Herta, du bist heute geradezu grausam. Du kränkst mich mit Absicht!« +sagte dieser vorwurfsvoll. + +»Gewiß nicht, Wolf! Aber ich muß dich vor einer Torheit behüten.« + +»Nein, Herta! Sag es lieber rund heraus: Du bist eifersüchtig auf +Ilse, weil Martens sie interessant findet, wie dies alle meine Freunde +zugeben, die sie kennen lernten.« + +»Wolf! Das waren häßliche Worte! Ich bin sie von dir nicht gewohnt. +Seit Ilse ins Haus gekommen, verstehen wir Geschwister uns nicht mehr.« + +Sie ging an das reichgeschnitzte Büfett und legte Früchte auf den +großen Silberaufsatz, der die Mittagstafel zieren sollte. Ilse trat in +diesem Augenblick ins Zimmer und wollte Herta behilflich sein, wurde +aber von ihr kurz abgewiesen. + +»Bei Herta droht heute ein Wintergewitter, Fräulein Ilse! Kommen Sie +schleunigst aus der gefahrdrohenden Nähe. Ich zeige Ihnen das neue +Prachtwerk über die britische Nationalgalerie. Es ist noch Zeit, bis +unsere Gäste eintreffen,« suchte Wolf ihre Aufmerksamkeit auf sich zu +lenken. + +»Wie? -- Sie haben das schöne Werk gekauft, von dem ich sprach!« rief +das junge Mädchen freudig aus. + +»Ja, Fräulein Ilse. Es liegt im kleinen Salon,« entgegnete er schnell +und wartete, daß sie etwas darauf erwidern würde. + +Sie sah Herta fragend an. Diese nahm aber keine Notiz von ihr, sondern +ordnete weiter an den Früchten und legte goldgelbe, mit grünen +Blättern abgepflückte Mandarinen obenauf. + +Wolf schritt jetzt in den anschließenden Salon hinein. Ilse folgte +ihm zögernd. Sie blieben vor einem Ebenholztisch stehen, auf dem +die große Prachtmappe lag. Er schlug diese auf und zog einzelne der +hervorragendsten Blätter in die richtige Beleuchtung zum Fenster hin. + +Sie stieß einen Ruf des Entzückens aus. Ihre Augen leuchteten hell; +ihre Mienen nahmen einen lebhaften Ausdruck an. Sie ging vollständig +in der Betrachtung der Kunstwerke auf. + +»Welcher Genuß, die alten berühmten englischen Meister Gainsborough, +Reynolds, Lawrence mit Muße betrachten zu können! Wie dankbar bin +ich Ihnen dafür, Herr Wolf. Ich werde meine freie Zeit oft damit +verbringen.« + +»Ich darf doch dabei sein, Fräulein Ilse? Die beste Gelegenheit ist in +den Nachmittagsstunden, sobald Herta in ihre Frauenvereine geht. Dann +können wir uns gemeinsam an dem Schönen in der alten Kunst erfreuen.« + +»Sie müssen aber nachmittags im Kontor sein, Herr Wolf,« warf Ilse ein. + +»Wer kann mich dazu zwingen! Das Kontor wird mir rein zum Ekel. Ich +habe keine Ruhe, über Korrespondenzen und Büchern zu sitzen oder in +den Speichern Kontrolle zu üben, wenn ich Sie hier oben allein weiß. +Wie oft sagte ich Ihnen dies schon.« + +»Ich darf Sie aber davon nicht abziehen! Herr Plüddekamp schaut mich +schon streng genug an. Er ist wenig freundlich zu mir und wird es auch +Sie fühlen lassen.« + +»Jürgen -- pah! Ich bin kein Kontorbeamter, sondern Teilhaber der +Firma, und der ewigen Bevormundung längst überdrüssig. -- Sehen +Sie diese herrlichen Bilder von Tizian, Tintoretto. Ich liebe die +italienischen Schulen.« + +Er zog einige schöne Frauenbildnisse hervor. + +Ilse beugte sich tief darüber und war ganz im Anschauen versunken. +Wolf stand ein wenig zurück und sah auf die feinen Linien ihres +schlanken Halses hin. Bei dem tiefen Ausschnitt des Kleides bot er +sich blendend weiß und verlockend seinen Blicken dar. Es reizte ihn, +sie dort zu küssen. Je mehr er hinschaute, desto unwiderstehlicher zog +es ihn an. Plötzlich ergriff ihn ein Taumel, er wußte nicht mehr, was +er tat. + +Nun war es geschehen. -- + +Seine heißen Lippen hatten eine Sekunde lang auf ihrem kühlen weißen +Nacken geruht. + +Sie kehrte sich blitzschnell um. Ihr Gesicht war wie in Blut getaucht, +und die großen Augen flammten empört auf. + +»Herr Plüddekamp! Was unterstehen Sie sich!« stieß sie beleidigt aus. +»Bin ich ein Mädchen, dem gegenüber Sie es wagen dürfen --« + +»Um Gottes willen -- Ilse, sprechen Sie nicht so laut! Herta hört es +sonst. Zürnen Sie mir nicht! Ich konnte wahrhaftig nicht widerstehen, +-- ich wurde einfach fortgerissen. Es war nur ein Tribut, den ich der +Schönheit zollte, der herrlichen Form Ihres Nackens!« Er hielt ihr, um +Versöhnung bittend, die Hand hin. Sie nahm diese nicht an, trotzdem er +fortfuhr: »Ilse, bei Tag und Nacht erfüllen Sie mein ganzes Denken.« + +»Ich weiß es, Herr Wolf!« unterbrach sie ihn, und ihre tiefe Stimme +sank zum Flüsterton herab. »Sie zeigen es ja so deutlich, daß alle es +sehen müssen! Sie werden mir dadurch den liebgewonnenen Aufenthalt +hier sehr bald unmöglich machen.« + +»Sagen Sie mir doch, was ich tun soll, Ilse,« sprach er hastig auf sie +ein. »Ich will mich sehr in acht nehmen. Nur schenken Sie mir täglich +einige Minuten der Aussprache, solange wir nicht Lawn-Tennis spielen +können, dann --« + +»Nein, nein!« ließ sie ihn nicht ausreden. »Es ist unmöglich! Ihre +Geschwister denken darüber sehr streng, und ich möchte nicht falsch +beurteilt werden.« + +»Ilse!« tönte es jetzt schroff vom Speisezimmer herüber. + +Sie erschrak leicht und eilte sofort zu Herta. Wolf blieb allein +zurück. + +»Ich halte es nicht länger aus,« sagte er zu sich, »es muß zu einer +Entscheidung kommen und Jürgen,« -- er dachte nicht weiter. Ein +Glockenton zeigte an, daß die Gäste kamen. -- + +Konsul Martens führte Herta zu Tisch. Er richtete aber seine Worte, so +oft es ging, an Ilse. Der ältere Plüddekamp unterhielt sich mit Baron +Berleburg, den er aus geschäftlichen Rücksichten zur Tafel zog. Das +Konto des Schloßherrn im Hauptbuch zeigte eine ansehnliche Belastung. +Berleburg war einmal früher Dragoneroffizier gewesen und hatte das von +seinem Vater ererbte Gut ziemlich heruntergewirtschaftet. Er brauchte +vielmal die Unterstützung des reichen Kaufmannes. + +»Die Aussichten der Wintersaat sind ganz prächtig, Herr +Plüddekamp. Sie ist kräftig in den Winter gekommen, und die starke +Bodenfeuchtigkeit kann frühzeitig den Wuchs fördern. Berleburg wird +lange Jahre keine solche Ernte gesehen haben,« sagte der Schloßherr. + +Jürgen lächelte höflich. + +»Ich wünsche es Ihnen aufrichtig, Herr Baron. Es vergehen aber +noch Monate bis zur Ernte, und der Landwirt ist leider von vielen +Zufällen abhängig.« Er ahnte bereits, daß ein neuer Angriff auf +seinen Kassenschrank bevorstand. Baron Berleburg wußte diesen stets +mit großem Geschick einzuleiten. Seine geschäftliche Taktik ging gern +durch gesellschaftliche Beziehungen auf das versteckte Ziel los. + +»Ah -- Herr Plüddekamp! Sie sind der vorsichtige Geschäftsmann! +Bedenken Sie aber das Berleburgsche Glück, das mich noch nie verlassen +hat,« fiel der Baron ein. + +»Damit meint er meine Vorschüsse,« dachte Jürgen bei sich, und Wolf +sah ihn von der anderen Seite der Tafel her verständnisvoll an. + +»Sonnenschein und Regen kommen bestimmt zur rechten Zeit. Hagelwetter +kennt Berleburg seit fünfzig Jahren nicht. Kraft ist im Boden -- +ganz richtig -- --« fuhr Berleburg fort, »wie sollte es dabei an +etwas fehlen!« Er sah triumphierend im Kreise umher. Sein hagerer +Oberkörper und das lange Gesicht mit dem scharfkantigen Kopf deuteten +auf ein reichlich genossenes Leben hin. Er blinzelte behaglich einen +Augenblick, als er den guten alten Rotwein aus dem feingeschliffenen +Kristallglas schlürfte. -- »Ein Jahrgang, Herr Plüddekamp, -- ganz +riesig, -- lagert sicher lange,« -- wandte er sich an Jürgen. + +»Mein verstorbener Vater kaufte das Oxhoft direkt in Bordeaux. Der +Wein hat sich auf der Flasche gut entwickelt,« erwiderte dieser. + +»Sie sind heute so nachdenklich, Fräulein Hergenbach,« redete Konsul +Martens seine Nachbarin zur Linken an. »Unsere alte Pommernstadt +läßt Sie das schöne Dresden nicht vergessen, und wir schwerblütigen +Nordländer können nicht so gut unterhalten --« + +»Sie offenbaren eine viel zu große Bescheidenheit, Konsul Martens,« +fiel Wolf Plüddekamp ein. »Wollen Sie von Fräulein Ilse hören, daß Sie +ein äußerst amüsanter Plauderer sind?« + +»Danke verbindlichst, mein junger Freund,« suchte Martens seine +joviale Seite hervorzukehren, »danach gelüstet mich nicht. Fräulein +Hergenbach hat aber einen müden, verschleierten Ausdruck in ihren +Mienen, den ich mit Bedauern sehe.« + +»Ist das Leben nicht ernst genug, Herr Konsul?« erwiderte Ilse darauf. + +»Die Jugend muß stets froh sein, Fräulein Hergenbach. Ein Lächeln auf +den Zügen ist wie heller Sonnenschein am klaren Wintertag.« + +»Heute regnet und schneit es aber durcheinander, Herr Konsul,« +spottete Ilse leicht. + +»Um so mehr muß die Sonne jugendlicher Schönheit unter uns strahlen,« +antwortete er galant. + +»Herr Konsul --« stieß das junge Mädchen peinlich berührt hervor, denn +Hertas hohe Stirn hatte sich plötzlich verdüstert. + +»Von einem Manne in den Jahren unseres lieben Freundes kannst du dir +eine solche Schmeichelei ruhig gefallen lassen, Ilse. Da ist sie +aufrichtig gedacht,« betonte diese. + +Martens fühlte, daß er etwas versehen hatte, und wollte dies wieder +gutmachen. + +»Schönheit ist nur sieghaft, wenn Gedankenreichtum sie begleitet,« +wandte er sich an Herta. + +»Nicht immer,« entgegnete sie, »die meisten Männer legen heute bei der +Frau weniger Wert auf Gedanken, desto mehr aber auf äußere Vorzüge. Es +ist ihnen leider ganz gleich, worin sie bestehen.« + +Martens senkte den Blick, während er entgegnete: + +»Sie urteilen zu scharf! So tief steht unser innerer Wert doch nicht. +Ich könnte dagegenhalten: viele Frauen lenken absichtlich unsere +Blicke nur auf ihr Äußeres hin.« + +»Schalten Sie ein: viele schöne Frauen! Der größere Teil von uns +strebt jetzt danach, sich mit gleichem Geisteswert und starker +Tatkraft neben den Mann zu stellen.« + +»O armes drittes Geschlecht, das seine Lebensaufgabe vergißt!« rief +Wolf dazwischen. + +»Ich folge lieber der reinen Vernunft, als daß ich ohne Überlegung mit +dem Gefühl davonstürme, Wölfchen,« erwiderte ihm Herta ruhig. + +Baron Berleburg war auf die Unterhaltung aufmerksam geworden, kniff +das linke Auge leicht zusammen und sah scharf zu Herta hinüber. + +»Muß Ihnen beipflichten, gnädiges Fräulein. Habe es in meinem Regiment +immer erlebt, daß Kameraden bei Attacke mehr Besonnenheit zeigten, als +bei Eingehen der Ehe. Es gibt Beispiele, -- ganz riesig! Bin darum bis +jetzt ledig geblieben.« Er erhob das Glas gegen Herta und trank ihr zu. + +Wolf ballte Brotkrumen mit den Fingern zusammen und versuchte, ernst +zu bleiben, auch um Jürgens' Mund zog sich ein kräftiges Lachen +zusammen, das er kaum zurückhalten konnte. Baron Berleburg besaß etwas +von dem Ritter Don Quichote. + +Es entstand plötzlich eine Stille, und Wolfs Blick streifte zu Ilse +hinüber; er sah, wie ihre großen Augen erwartungsvoll an Jürgen +hingen. Sie schien lachen zu wollen, wenn dieser lachen würde. Wolf +wußte im ersten Augenblick nicht, wie es kam; ein häßliches Gefühl +stieg heiß in ihm empor. War es Neid, der in ihm aufkeimte? Er gönnte +Jürgen den Blick nicht und trank hastig ein Glas des schweren +Bordeauxweines, um sich zu beruhigen. + +Rechte, -- er besaß keine und handelte immer auf Grund seines +leidenschaftlichen Empfindens. Er war sich in keiner Hinsicht klar, +was er eigentlich vorhatte. Nur eins sprach in ihm: der mächtige +Drang, fortwährend Ilse nahe zu sein. Er faßte Jürgen, der oben an +der Tafel saß, mehrmals länger ins Auge. Es quälte ihn beinahe, +daß er keinen Blick von ihm bemerkte, der sie traf. Dann hätte er +doch erkannt, -- nein, er mochte nicht weiterdenken, -- es war ja +ausgeschlossen. + +Martens sprach jetzt eifrig auf Herta ein, er hatte den leisen Vorwurf +wohl verstanden. Baron Berleburg versuchte ebenfalls, bei ihr den +Liebenswürdigen zu spielen. Es entstand ein belustigendes Rennen +zwischen den beiden Herren. + +Ilse hörte den Worten des Prokuristen Armin nur mit halbem Ohr zu. Das +dunkelblonde, von einem Scheitel nach beiden Seiten liegende, reich +gewellte Haar hob ihr Gesicht wirkungsvoll hervor. Der alte Rotwein +hatte ihre Wangen leicht gefärbt; die Augen glänzten und verlangten +nach Lebenslust. + +Wolf, der still geworden und sie unausgesetzt betrachtete, wurde von +einer nervösen Unruhe ergriffen. Er wünschte sehnlichst das Ende der +Tafel herbei, um sich ihr nähern zu können. Warum hatte er Ilse nicht +zur Tischnachbarin erhalten? Herta bestimmte für sie stets einen +anderen Herrn. Für das nächstemal wollte er es unbedingt sein. Bruder +und Schwester führten ihn noch am Gängelband. Er dankte für diese +ewige Bevormundung, die ein- für allemal ihr Ende finden sollte. + +Die große Kristallkrone über dem Eßtisch und die Deckenbeleuchtung +flammten jetzt auf. Der durch die mattgeschliffenen Glasbirnen und +opalfarbenen Deckengläser gedämpfte Schein des elektrischen Lichtes +breitete sich geheimnisvoll über die Gesellschaft aus. + +Martens schwieg und überließ Berleburg das Feld. Seine Blicke +streiften Ilse, während er sich aus dem Silberaufsatz eine Mandarine +nahm. Er mußte zu ihr hinsehen, es zwang ihn dazu. Wolf bemerkte +es sofort. -- Also auch Martens, der stets glattlächelnde vornehme +Bankier, fing Feuer. Nur Jürgen sah nicht zu ihr hin. Keine Miene des +starkknochigen Gesichts deutete an, daß er das geringste Interesse für +das junge Mädchen hege. -- + + + + + VII. + + +Herta erhob sich, -- ihre Brüder zogen sich mit den Gästen in das +Rauchzimmer zurück, in dem der Kaffee gereicht wurde. + +»Tante Herta,« bat Ilse herantretend, »laß mich das Silber in die +Kästen einreihen. Ich habe darauf geachtet, wie du es fortlegst.« + +Fräulein Plüddekamp war in der Behandlung des wertvollen alten, aus +mehreren Generationen stammenden Familiensilbers sehr peinlich. Sie +besorgte das Fortlegen in die hohen, mit dunklem Samt ausgeschlagenen +Eichenkästen stets selbst. -- Als sich Ilse nun mit der Bitte an sie +wandte, ihr das Amt abzunehmen, war sie davon anfangs unangenehm +berührt. Es schien ihr ein Eingriff in ihre Rechte zu sein. Sie sah +deshalb das junge Mädchen einen Augenblick unfreundlich an. Dann +besann sie sich aber rasch. Ilse sollte doch die Hausfrauenpflichten +bei ihr erlernen. Dazu gehörte auch die Ordnung und Aufbewahrung des +Silbers. Herta dachte und handelte in allen Dingen gerecht. + +»Ich will es dir überlassen, liebe Ilse. Ich erwarte aber die nötige +Sorgfalt dabei,« erwiderte sie nach kurzer Überlegung. + +Das junge Mädchen sagte einfach: »Ich danke dir, Tante Herta,« und +machte sich sofort an die Arbeit. + +»Wir können die große Kristallkrone ausdrehen, Ilse,« bemerkte +Fräulein Plüddekamp, »die Deckenbeleuchtung genügt vollständig.« + +Ilse ging sofort an den Ausschalter, der sich am Eingang in das +Speisezimmer befand, und durch einen raschen Griff wurde die Krone +dunkel gestellt. Jetzt fiel das elektrische Licht nur noch matt aus +den milchichten Gläsern an der Decke herab und hüllte die schlanke +Mädchengestalt in eigenartige Beleuchtung ein. Herta hatte sich in der +Sofanische niedergelassen und ruhte dort aus. Sie hörte leise Schritte +im anstoßenden Salon. Ihre blauen, scharfblickenden Augen sahen +sofort dorthin, und sie erkannte Wolf, der Ilse bei ihrer Tätigkeit +zuschaute, ohne sich bemerkt zu glauben. + +»Er ist ihr ganz verfallen,« dachte Herta. »Was soll nur daraus +werden? Schicke ich sie nach Nordhausen zurück, so muß ich einen Grund +dafür angeben, und sie hat mir diesen bisher in keiner Weise geboten. +Ich werde mit Jürgen reden; Wolf braucht eine Luftveränderung, um auf +andere Gedanken zu kommen. Er liebt den Süden, mag er auf einige Zeit +dorthin gehen.« + +Martens war Wolf Plüddekamp gefolgt und stand plötzlich neben ihm. + +»Als Nichtraucher ist es mir hier bei Ihnen angenehmer als dort +drinnen, lieber Wolf,« sagte er plötzlich. + +Dieser fuhr wie aus Träumen auf. Er hatte den Konsul auf dem weichen +Smyrnateppich nicht kommen hören. + +»Sie haben einen interessanten Ausblick hier!« fuhr Martens fort. +»Fräulein Hergenbach waltet als Hausfrau. Eine brillante Erscheinung. +Schlank wie eine Tanne und abgerundete Bewegungen. Sie treibt viel +Sport -- nicht wahr?« + +»Wir spielen zuweilen Lawn-Tennis, -- wenn die Witterung es erlaubt,« +entgegnete Wolf kurz. + +»Die junge Dame muß eine gute Figur zu Pferde haben. Sind Sie schon +zusammen ausgeritten?« fragte Martens weiter. + +»Nein,« stieß Wolf förmlich abwehrend hervor. »Mein Fuchs ist zu +unruhig und Jürgens Brauner -- ist ein grobknochiger Geselle, der +unter dem Damensattel wie ein Elefant aussehen würde. Herta hat, wie +Sie wohl wissen, ihr Reitpferd seit dem letzten Jahre abgeschafft. +Sie hegt die Ansicht, bei ihrer Vereinstätigkeit keine Zeit mehr dafür +erübrigen zu können.« + +»Schade, sehr schade,« fiel der Konsul ein. »Wenn Fräulein Hergenbach +ausreiten will, -- ich habe eine ausgezeichnete lichtbraune Stute, +die sehr gut zugeritten ist, und stelle sie gern der jungen Dame zur +Verfügung.« + +Wolf mochte nicht darauf eingehen. + +»Ich glaube kaum, daß es Herta willkommen wäre, wenn Fräulein Ilse der +Wirtschaft viel entführt wird.« + +»O, ich werde bei meiner lieben Freundin ein gutes Wort einlegen. +Was bietet Stettin sonst Fräulein Hergenbach?« Er wollte in das +Speisezimmer gehen, in dem Herta noch in der Sofanische saß. + +»Unterlassen Sie es, Konsul Martens,« sagte Wolf hastig und legte +seine Hand fest auf den Arm des älteren Mannes. »Aus Ihrem Munde +könnte es Herta leicht kränken.« + +Der halb getane Schritt des Konsuls wurde sofort gehemmt. Er seufzte +leicht auf. »Sie haben recht, lieber Wolf! Der freieste Mensch hat +Rücksichten zu nehmen, die uns gute Sitte auferlegt. Kommen Sie, wir +kehren in den Rauch der Exporten zurück.« + +Jürgen, Baron Berleburg und der Prokurist Armin hatten sich in das +beliebte Geschäftsgespräch über die Kornkonjunktur verwickelt. Dies +floß bei den drei Herren am leichtesten. + +»Wäre Rußland nicht eine große Kornkammer,« betonte Armin, als Wolf +Plüddekamp mit Konsul Martens eintrat, »es wäre um Europa schlecht +bestellt.« + +»Sie sind unser Gegner, Herr Armin,« ließ sich Baron Berleburg +hören. »Schutzzölle, immer höhere Schutzzölle brauchen wir, um die +einheimische Landwirtschaft zu kräftigen. Nur darin liegt die Quelle +dauernden Wohlstandes, -- die Industrie nimmt uns die Arbeiter fort, +-- schadet uns -- ganz riesig.« + +»Seit dem Aufschwung der Industrie ist Deutschland erst ein Weltstaat +geworden. Seine jetzige Wohlhabenheit kommt von dem Gold, das uns +aus anderen Ländern für die versandten Waren zufließt. Auch unser +Getreideexport spricht mit,« erwiderte Armin fest. + +Baron Berleburg wollte sich mit diesem nicht verfeinden, er brauchte +ihn als Fürsprecher bei Jürgen Plüddekamp. Er versuchte darum, +einzulenken. + +»Sie müssen auf der Seite der Landwirte sein, Herr Armin. Wir machen +Ihnen doch die Geschäfte! Durch uns verdienen Sie die Goldbarren, die +Haus Plüddekamp birgt --« + +»Es war mal,« meinte Jürgen darauf, »heute fällt der Gewinn verteufelt +mager aus. Ein paar Prozente nur -- dafür riskiert man ein großes +Kapital, das stets in der Schwebe hängt.« + +»Aber von sicherer Hand gehalten wird, Freund Jürgen,« sprach +Martens dazwischen. »Bisher bist du von größeren Verlusten stets +verschont geblieben. In unserer Industrie geht es nicht so sicher +zu. Ich besitze als Bankier manche Kenntnis davon. -- Der Eisenmarkt +zeigt zuweilen ein höhnisches Gesicht; wer konnte es ahnen, daß +die Engländer und ihre Vettern über dem Wasser einen solchen bösen +Fischfang vorhatten. Wunden, die ein ungeheurer Weltkrieg schlägt, +bedürfen einer langen Heilung.« + +»Erst langer Friede schafft neue Werte. Korn ist Volksnahrung, +-- Eisen dient zur Herstellung von Gebrauchsartikeln, wenn die +Kriegsfurie es nicht fortsaugt, lieber Martens. Korn und Eisen hängt +innig zusammen. Die eiserne Pflugschar schält den Boden und regt +ihn an, neues Wachstum für die Einsaat hervorzubringen. Die eiserne +Walze ebnet, und die eisernen Zinken der Egge lockern die harte +Erdrinde auf, daß die Keime besser sprießen. So tut das Eisen seine +Schuldigkeit. Ich meine, Industrie und Landwirtschaft ergänzen sich, +wie zwei Schwestern, die gemeinsam den Haushalt führen, dabei sparsam +und rationell wirtschaften.« + +»Gefällt mir -- ganz riesig,« rief Baron Berleburg begeistert aus. +»Die Gelder müssen in einen Topp hinein und jeder den Vorteil davon +haben.« + +Wolf verbiß sich ein Lachen. Der reine Egoismus, der nur nach +leichtem Gewinn trachtete, stand auf der Fahne Berleburgs zu deutlich +geschrieben. -- + +Die Stunden verstrichen. Armin war ins Theater gegangen. Konsul +Martens wollte ihm folgen. + +Ehe er sich verabschiedete, gab er Jürgen einen Wink. Sie traten vor +eine große japanische Bronze hin, die ein gewaltiges sagenhaftes +Drachentier darstellte. Indem sie dies anscheinend betrachteten, +flüsterte Martens Jürgen zu: + +»Alfred Smiders war neulich bei mir. Er will schon wieder einen großen +Dampfer bauen lassen, und der ›Friedrich Barbarossa‹ ist noch nicht +einmal aus dem Dock heraus. Er gab an, daß seine Verbindung mit dir es +dringend notwendig mache. Wie steht es damit, Jürgen?« + +Dieser hatte aufgehorcht. Er erkannte sofort, daß Smiders ihn nur für +seine Zwecke ausspielen wollte, und antwortete: + +»Der ›Friedrich Barbarossa‹ genügt mir vollständig, Charles. Ich +glaube kaum, daß der Export nach Spanien mehr verlangen wird. +Hoffentlich wird er rechtzeitig fertig. Weißt du etwas davon?« + +»Nichts Genaues,« klang es leise zurück, »ich werde mich aber +informieren. Du kennst doch Alfred Smiders!« + +»Stimmt, Charles! Er versucht bereits, uns zu schnellen. Wolf soll ihn +in die Schere nehmen.« + +»Wolf?« fragte der Konsul zurück. »Ich kann mir's denken. Du bist für +solche Nebensprünge in lichtscheue Lokale nicht geeicht. Smiders ist +aber sonst nicht zu packen. Ich beneide deinen Bruder nicht um die +erhaltene Aufgabe.« + +»Geht nicht anders!« fiel Jürgen ein. »Aber Charles, ich bitte dich, +-- du schwebst doch über den Wassern, -- warne mich rechtzeitig, falls +es dir notwendig erscheint.« + +»Natürlich, lieber Jürgen! Alfred Smiders segelt bei allen Banken +umher. Ich bin nur insoweit für ihn interessiert, als er unsere +Gesellschaft prompt bezahlen muß.« + +Sie schüttelten sich die Hände, und Martens ging zu Herta in den +Salon. Berleburg hielt noch stand, er wollte einen günstigen +Augenblick für seinen Angriff auf Jürgen abpassen. Dieser hatte Wolf +ein Zeichen gegeben, daß er bei ihm bleiben sollte. Der junge Mann +begann aber bald zu gähnen. Die Unterhaltung der beiden wurde ihm +langweilig. Berleburg tat sich wichtig mit alten Garnisongeschichten, +die er schon oft genug gehört hatte. + +»Martens ist fort und Herta allein im Salon,« sagte Wolf plötzlich. +»Wollen wir ihr nicht Gesellschaft leisten?« + +Er erhob sich und ging voran. Jürgen war dies recht, darum forderte er +den Baron zur Übersiedelung auf. Kaum hatten sie sich aber bei Herta +niedergelassen, als Wolf rasch hinauseilte. Ilse war nicht dort; er +hoffte, diese irgendwo allein anzutreffen. + +Berleburg saß wie auf Kohlen, die Umstände vereitelten sein Vorhaben, +und er mußte dabei den Liebenswürdigen spielen. Fräulein Hergenbach +erschien plötzlich im Speisezimmer und richtete den Teetisch vor. Das +Stubenmädchen brachte auf silberner Platte ein Telegramm herein. Ilse +nahm es ab und trat an die Salontür. + +»Herr Plüddekamp, einen Augenblick!« + +Jürgen erhob sich langsam und kam auf sie zu. + +»Sie wünschen, Fräulein Hergenbach?« fragte er mit seiner metallen +klingenden Stimme. + +»Es ist ein Telegramm für Sie eingegangen.« + +Jürgen entzündete eine tief angebrachte elektrische Birne, riß das +Telegramm auf und überflog es. + +»Entschuldigen Sie mich bitte bei meiner Schwester, und Baron +Berleburg, Fräulein Hergenbach. Ich muß sofort ins Kontor, um ein +eiliges Schreiben zu erledigen.« + +Schon war er hinaus und eilte die Treppe hinab. Ilse stand Minuten +regungslos da. Die grauen Augen starrten auf die Tür, die Jürgen +soeben rasch hinter sich geschlossen. Es war, als ob sie ein Traum +umfing. Die Augenlider sanken ein wenig herab. Sie strich dann mit +ihrer schmalen Hand langsam über die Stirn, als wolle sie dahinter +eine Flut von Gedanken ordnen. + +Dann ging sie zu Herta in den Salon und teilte ihr mit, daß Herr +Plüddekamp geschäftlich verhindert sei und erst in einiger Zeit +zurückkehren würde. Sie setzte noch hinzu: + +»Der Tee wird gleich bereit sein, Tante Herta.« Darauf verschwand sie +wieder. + +Baron Berleburg streckte sich ein wenig in dem bequemen Polstersessel +aus und wurde immer liebenswürdiger. Es schien ein Gedanke in ihm +aufgetaucht zu sein, der ihm noch ersprießlicher vorkam, als eine +Anbohrung neuen Kredites bei Jürgen Plüddekamp. Glückte es ihm, so war +er für immer geborgen. Herta, diese stattliche, vornehme Erscheinung +dabei in den Kauf zu nehmen, hielt er für keine üble Aussicht. Ihre +erste Jugend mußte vorüber sein. Es schadete auch nichts, um so +verständiger würde sie als Frau auftreten und eine Baronin Berleburg +auf Schloß Berleburg tadellos darstellen. Teufel -- es galt, nicht zu +zögern! Er ging ans Werk. + +Herta kam aus dem Erstaunen gar nicht heraus, als jetzt der einstige +Dragoneroffizier den Gefühlvollen zeigte und von ganz riesig tiefer +Leidenschaft sprach, die er schon jahrelang gehegt und nur verborgen +gehalten habe. + +»Wo bleibt nur Ilse?« dachte Herta. »Wolf kommt auch nicht wieder!« +Sie glaubte anfangs, die lange Rede des Barons wäre eine seiner +beliebten Tiraden, bis sie doch schließlich die direkte Absicht merkte +und eine törichte Erklärung verhindern wollte. + +Er wurde immer deutlicher, und sie stand plötzlich auf. + +»Das Teewasser kocht bereits, Herr Baron! Verzeihen Sie -- ich will +nur Fräulein Hergenbach rufen! -- Ilse -- Ilse!« rief sie laut auf den +Korridor hinaus. + +Berleburg zog verdrießlich an seiner Krawatte. Er war so schön im Zuge +gewesen, und die ältliche Patriziertochter mußte sich doch höchst +geehrt fühlen, wenn er ihre Hand und die große Mitgift begehrte. Sein +Konto im Hauptbuch Jürgen Plüddekamps würde dann ein sehr ansehnliches +Guthaben aufweisen. Die Hypotheken von Rittergut Berleburg +verminderten sich bis auf die Eintragungen der General-Landschaft. War +das nicht eine sehr aussichtsvolle Lage? Herta machte sich aber recht +lange am Teetisch zu schaffen und überließ den hageren Herrn seiner +weiteren Gedankenmalerei. -- -- -- + +Im Kontor leuchtete das elektrische Licht auf. Jürgen setzte sich an +seinen Schreibtisch. Vor ihm lag das offene Telegramm; er schaute +darauf hin und begann bereits in Gedanken zu disponieren. Ärgerlich, +daß niemand zugegen war, dem er einen Brief diktieren konnte! Das +Selbstschreiben war ihm unbequem. Er hatte auch keinen Kopierapparat +zur Hand, da alle Briefe auf den Schreibmaschinen durchgeschlagen +wurden. Es betraf aber eine Sache von größter Wichtigkeit, und Eile +war geboten. + +Es klopfte leise an der Tür. + +»Herein!« rief er mit starker Stimme. + +Ilse Hergenbach trat ein und schlug die großen Augen bescheiden zu ihm +auf. + +»Sie brauchen eine Stenogrammaufnahme, Herr Plüddekamp, und haben +niemand zur Verfügung. Darf ich es ausführen? Ich stelle den Brief auf +der Schreibmaschine schnell her. Die letzte Post wird erst in einer +Stunde aus dem Briefkasten abgeholt.« + +Ihre Blicke trafen sich. Nur ein leises Zucken der harten Mundwinkel +verriet, daß in dem überlegenen Geschäftsmann etwas vorging. Er +zögerte noch. + +»Ich werde meinem Worte untreu, Fräulein Hergenbach --« + +»Warum nicht, Herr Plüddekamp! Es ist nur ein Ausnahmefall, und ich +tue es gewiß gern für Sie.« + +Wie die grauen Augen gefährlich aufleuchteten und nicht weichen +wollten! Ein bescheidenes Bitten und doch trotziges Verlangen lag in +ihnen. Warum widerstehst du so lange? Die anderen sind glücklich, wenn +ich ihnen einen Blick schenke. Du bist so hartnäckig, abwehrend -- ich +will aber meine Kraft erproben, ich will wissen -- jetzt zeigte sich +die volle gefährliche Glut in dem Blicke. + +Jürgen stand schweratmend von seinem Schreibsessel auf. + +»Nehmen Sie bitte Wolfs Platz ein, Fräulein Hergenbach. Ich bin +gewohnt, schnell zu diktieren. Werden Sie mir folgen können?« + +»Ich werde es --« + +Er ließ sich wieder nieder; schon saß sie ihm gegenüber und hatte +Papier und Bleistift zur Hand genommen. + +Jetzt konnte er ruhig aufsehen; während er sprach, mußte sie den Blick +auf den weißen Bogen vor sich heften. + +Bei den ersten Worten zitterte seine Stimme ein wenig, dann gewann sie +bald ihren festen Klang zurück. Das Diktat näherte sich bereits seinem +Ende, als die Tür hastig geöffnet wurde und Wolf erschien. + +»Hier finde ich Sie endlich, Fräulein Ilse!« rief er erregt aus. +»Meine Schwester läßt Sie im ganzen Hause suchen. Der Tee hat zu lange +gezogen --« + +Ilse sah nicht auf, sie erwiderte auch nichts. Sie wußte, daß Jürgen +antworten würde. + +»Entschuldige Fräulein Hergenbach bei Herta. Sie hat ein eiliges +Stenogramm von mir aufgenommen und muß es noch mit der Schreibmaschine +übertragen. Wir sind in kurzer Zeit fertig und kommen dann nach oben +--« + +»Ausgezeichnet -- wirklich ausgezeichnet! Die Erlernung des Haushaltes +ist bis zum Kontor hinuntergedrungen. Sie sind in allem eine Meisterin +-- Fräulein Ilse! -- Und du -- Jürgen?« Es flammte etwas Unheilvolles +in den blauen Augen auf, die sich fest auf den Bruder richteten. + +»Kein Zeitverlust, Wolf!« erwiderte Jürgen kalt. -- »Das Diktat ist +noch nicht zu Ende -- du störst uns -- bitte --« + +Wolf pfiff zwischen den Zähnen hindurch, schloß aber die Tür wieder +und stürmte, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben, die Treppe hinauf. + +»Ilse macht bei Jürgen -- dem Hasser alles Weiblichen im Kontor -- +das Tippfräulein! Was sagst du dazu, Herta?« rief er atemlos ins +Speisezimmer hinein, in dem diese noch am Teetisch beschäftigt war. + +Sie sah den jüngeren Bruder erstaunt an. + +»Warum solche Scherze, Wolf!« + +»Scherze? -- -- Teure Herta, vollkommener Ernst -- eine unbestreitbare +Tatsache. Geh hinunter und überzeuge dich. Die Männertollheit wird +größer, immer größer, Herta -- wundere dich über nichts mehr!« + +Diese legte die Hand auf den Mund und deutete auf das Nebenzimmer; er +sollte sich an die Gegenwart des Gastes erinnern. Sie trat dann dicht +an ihn heran und flüsterte: + +»Du bleibst bei mir, Wolf! Berleburg ist unausstehlich, er war nahe +daran, mir in aller Form einen Antrag zu machen!« + +Der junge Mann verzog das Gesicht zu einer tragikomischen Miene. + +»Um Gottes willen -- wenn es so fortgeht, ist Haus Plüddekamp eine +offene Bühne für Irrungen und Wirrungen. -- Ilse kommandiert den +strengen Jürgen, und ich spiele den Anstands-Wauwau bei meinem +geliebten Mütterlein --« + +»Du bist ungezogen, Wolf; so alt bin ich noch nicht! Meine mütterliche +Sorgfalt aber hat dir manchen Dienst erwiesen.« + +»Nicht zürnen, Herta,« bat er lächelnd ab. »Kommen Sie, Herr von +Berleburg,« rief er darauf in den Salon hinein. -- »Eine Tasse +Karawanentee von meiner lieben Schwester Hand ist tipp topp! Ich +schenke Ihnen dazu einen Meukow ein, den Sie nirgends so alt getrunken +haben. Mein Urahne hat ihn vermutlich 1812 aus der zurückgelassenen +Bagage des großen Napoleon erstanden.« + +Der hagere Herr schaute verständnislos um sich. Er war aus seinen +Gedankenverbindungen und der Nachwirkung des alten Bordeaux jäh +erwacht. Die Wirklichkeit trat wieder vor ihn her. Schwerfällig erhob +er sich und ging steif nach dem Speisezimmer. + +Als Jürgen und Ilse später an den Teetisch traten, sagte Fräulein +Plüddekamp zwar kein Wort, aber ihre Blicke gaben deutlich ein +Mißbehagen kund. + +»Verzeih, Tante Herta, daß ich den Tee im Stich ließ,« bat Ilse, »aber +dein Bruder mußte die Angelegenheit sofort brieflich erledigen. Ich +kenne die Wichtigkeit der dringenden Telegramme von Papas Geschäft +her.« + +»Bekümmere dich in erster Linie um deine Obliegenheiten,« erwiderte +Herta kurz. Es ärgerte sie, daß Ilse bei Jürgen mehr durchsetzte, als +sie es je vermocht hatte. Die Kontorräume wurden nie von ihr betreten. + +Berleburg war kein Freund von Tee, wenn ihn auch der alte Meukow etwas +entschädigte. Er fühlte, daß sein Plan verunglückt war, und ließ den +Wagen anspannen, der bald mit ihm davonrollte. + +Als die Geschwister am späten Abend voneinander schieden, sagten sie +sich kühl gute Nacht. Eins hegte gegen das andere Mißtrauen; Ilse +stand dazwischen mit der siegreichen Macht, die von ihr auf die Brüder +ausging. -- + +Wolf versuchte es auf alle erdenkliche Weise, sie in der nächsten Zeit +allein zu sprechen, sie wich ihm aber geflissentlich aus. Er bemerkte +deutlich, daß sie sich Jürgen durch kleine harmlose Dienstleistungen +fortgesetzt zu nähern versuchte. Dieser wollte Junggeselle bleiben, er +hatte es oft genug mit Bestimmtheit ausgesprochen und bereits seine +Geschwister in einem Testament als Erben eingesetzt. -- Welche Absicht +verfolgte Ilse also? -- -- + + + + + VIII. + + +Wolf ging durch die großen Räume des alten Speichers und kontrollierte +die Arbeiter, ob sie das Umstechen des Getreides gut ausführten. +Auf die Roggensorten, die bis zur Zeit der Sommersaat lagerten, war +besondere Sorgfalt zu verwenden. Die Sackträger standen in einer Reihe +und so weit voneinander entfernt, daß sie die große Wurfschaufel +bequem handhaben konnten. Die Leute waren derartig eingearbeitet, daß +das Schaufeln des Getreides fast im Takte vor sich ging. + +Hell aufschimmernd flog der Roggen durch den Raum, sank schwer auf der +anderen Seite nieder und türmte sich hoch auf. Der Luftzutritt, den er +dadurch erhielt, gab ihm neue Frische. + +Als sich Wolf den Leuten näherte, tönte es aus dem Munde der einzelnen +Männer, kurz, wie es ihre Art war: + +»Guten Tag, Herr Wolf.« + +Keiner sagte Herr Plüddekamp. Es war nun einmal gang und gäbe unter +den Leuten, nur Jürgen hieß ›Herr Plüddekamp‹. Die meisten hatten +Wolf noch als Knaben gekannt, unter ihnen groß geworden, blieb er +darum ›Herr Wolf‹. + +Dieser trat zu dem Roggenhaufen, griff mit der Hand tief hinein und +roch über die Probe hinweg. Er warf sie zurück und schritt zu dem +umgeschaufelten Roggen. Hier nahm er die gleiche Probe vor und nickte +dann befriedigt. + +»Der Roggen ist recht trocken. Er scheint sich gut zu halten,« wandte +er sich an einen der breitschultrigen Männer. + +»Das will ich meinen, Herr Wolf,« erwiderte der angeredete Mann. »Der +ist auch vom Oberamtmann Wichers aus Wershagen.« + +»Ja,« nickte Wolf, »ich weiß wohl. Wershagener Roggen ist immer der +beste!« + +Seine Gedanken glitten in diesem Augenblicke unwillkürlich nach dem +schön gelegenen Gute, auf dem er oft und gern geweilt. Das Bild von +Lieschen Wichers, dem hübschen, rotwangigen Mädchen, trat vor ihn hin. +Ob sie sich wohl wunderte, daß er so lange nicht dort gewesen? Warum +darüber nachdenken! Er hatte kein Interesse mehr daran. Mit seinem +Spazierstocke schrieb er den Namen Ilse in die glatten Seitenflächen +des Roggenhaufens ein. Kaum hatte er aber die Buchstaben gezogen, so +fiel das Korn langsam nach und füllte den Raum aus. Rasch, wie der +Name geschrieben wurde, verschwand er auch wieder. + +»Soll es ein Zeichen für dich sein?« sagte Wolf zu sich. »Entstehen +und vergehen Leidenschaften so schnell? Warum müssen wir sie dann erst +fühlen? Es wird mir förmlich zur Pein, überall an Ilse zu denken. Die +stete Unruhe, das Verlangen nach ihr ist eine Folter.« + +Ein polternder Schritt wurde hörbar. Jochen Hindorf keuchte mit der +ganzen Schwere seines Körpers die Treppe hinauf. Der mächtige Kopf mit +dem struppigen Bart schaute jetzt aus der Luke hervor, die den oberen +Treppenraum abschloß, und gleich darauf kam die dicke Flauschjacke zum +Vorschein. + +»Willst du was von mir, Jochen?« rief ihm Wolf zu. + +»Jäh -- woll!« tönte es zurück, und der Alte machte mit der Hand eine +Bewegung, daß er seinen jungen Herrn gern allein sprechen möchte. + +»Was ist denn los, alter Knabe?« fragte Wolf, auf ihn zugehend. + +Der Alte versuchte seinen tiefen Baß möglichst zu dämpfen. + +»Smiders ist in der Weinstube. Er sitzt -- fest. Als ich vorbeikam, +rief mich die Mamsell heran --« + +»Na, ich will nur gleich hingehen,« erwiderte Wolf. »Nette Aussichten +für den Abend. Es hilft aber einmal nichts.« + +»Die Mamsell muß drei Mark kriegen, Herr Wolf. Ich hab ihr's +versprochen.« + +»Wie heißt sie denn?« fragte Wolf lächelnd. + +»Das weiß ich nicht, Herr Wolf.« + +»Ja, den Teufel auch, Jochen! Woher soll ich es denn wissen?« + +»I, das macht sich von selbst, wenn Sie man erst dort sind.« + +Wolf stieß einen leisen Seufzer aus. Ein unangenehmer Gang lag vor +ihm. Er hatte es aber Jürgen versprochen und noch mehr -- das Geschäft +verlangte es. + +»Du hast deine Sache brav gemacht, Jochen! Hoffentlich treffe ich +Smiders in der richtigen Stimmung an.« Mit den Worten ging er zur +Treppe. + +Jochen Hindorf sah ihm zufrieden nach. + +»Heut steht er seinen Mann, das weiß ich!« murmelte er vor sich hin. + +Kurz darauf verließ Wolf durch den großen Torweg das Haus. Er sah sich +noch einmal um, und sein Blick streifte die Fensterreihen. Wenn Ilse +jetzt wüßte, wohin er ging! Würde sie darüber in Erregung geraten? +Gleichgültig konnte es ihr doch nicht sein. Er hatte bisher noch +keinen tieferen Einblick in ihren Charakter tun können, und doch besaß +sie sicher ein starkes inneres Leben. -- + +Er eilte rasch durch die Große Wollweberstraße, durchquerte die +Breitenstraße und kam an die ›Grüne Schanze‹. Die kleine Weinstube lag +vor ihm. Sein Fuß zögerte, ehe er die Schwelle zu dieser überschritt. +Er hatte die Tür noch nicht geöffnet, als ein junges Mädchen aus dem +daneben befindlichen Hausflur hervortrat und ihn anredete: + +»Ich habe Sie schon erwartet, Herr Plüddekamp. Ich bin die ›blonde +Rieke‹. Der alte Hindorf wird es Ihnen wohl gesagt haben.« + +»Ach so,« meinte Wolf, griff in die Tasche und zog ein Dreimarkstück +hervor. + +»Stimmt,« lachte sie auf. »Ich bringe Sie direkt in die Hinterstube, +wo Herr Smiders sitzt. Er hält es mit der ›schwarzen Karli‹. Ich bin +erst seit acht Tagen hier und -- noch frei.« + +In ihren Zügen zeigte sich ein entgegenkommendes Lächeln, das Wolf nur +zu gut kannte. Ein offenes Angebot, das die Annahme erwartete. + +»Ich werde mich Ihnen weiter erkenntlich zeigen, Fräulein Rieke,« +erwiderte er darauf, »wenn Sie im geeigneten Zeitpunkte Ihre Kollegin +Karli mit fortnehmen, damit ich Smiders allein sprechen kann.« + +Die blonde Rieke ging jetzt voran und führte Wolf über den dunklen +Hof. Dort gab es einen versteckt liegenden Eingang in die sogenannte +Kavalierstube. + +Als sich die Tür öffnete, sah Wolf über das Mädchen hinweg in den +nur wenig erhellten Raum, aus dem der Dunst geleerter Weinflaschen +hervordrang. Eine alte verräucherte rotgoldene Tapete bedeckte die +Wände. Von der Decke herab hing eine einst vergoldete Gaskrone, die +wohl auf einer Auktion erstanden wurde. In dem ganzen Raum befand sich +nur ein länglicher Tisch vor einem zerschlissenen Polstersofa, dann +einige hochlehnige Stühle, die mit starkem Leder überzogen waren. + +Auf dem Sofa saß Alfred Smiders, der elegante junge Reeder, und hielt +den Arm um ein derbes Mädchen geschlungen. Das tiefschwarze Haar und +die stechend schwarzen Augen hatten ihr den Namen ›die schwarze Karli‹ +eingetragen. Vor ihnen auf dem Tisch stand ein altmodischer Weinkühler +mit einer Flasche Sekt. + +»Du wirst den Hamburger ausfragen, Karli, sobald er da ist,« ertönte +die scharfe Stimme von Smiders. »Sei entgegenkommend und geschickt, er +darf nichts merken. Du bringst ihm dann bei --« + +Jetzt fiel sein Blick auf den eintretenden Wolf. + +»Zum Teufel, Wolf! Wo kommst du her?« rief er lachend. »Ah, ich sehe +schon, die blonde Rieke hat dich am Wickel! Ist auch erst seit acht +Tagen hier. Frisch aus Danzig importiert. Hast keinen schlechten +Geschmack.« + +Der junge Plüddekamp trat näher an den Tisch und reichte Alfred +Smiders mit anscheinender Vertraulichkeit die Hand. Es war ihm ganz +erwünscht, daß die blonde Rieke als Grund seines Kommens galt. So +konnte Smiders keinen Argwohn hegen. + +»Setz dich, Wölfchen,« sagte er dann, »wir haben lange keinen Sekt +zusammen getrunken. Die erste Flasche ist schon angefahren, du gibst +die nächste!« + +Er schenkte zwei neue Spitzgläser ein, die er Wolf und der blonden +Weinkellnerin zuschob. + +»Prost, mein Junge, es lebe das Leben! Nämlich, wie wir es haben +wollen.« Er stieß mit ihm an. »Keine Duckmäuserei!« Dabei gab er der +schwarzen Karli einen starken Schlag auf die Schultern. »Sieh mal, +das ist ein prächtiges Mädchen, Wolf! Mit der kann man reden, wie man +will, und braucht nicht erst jedes Wort auf die Goldwage zu legen. Du +weißt, das war mir immer eklig.« + +Wolf hatte seinen Stuhl neben Smiders gezogen, und die blonde Rieke +setzte sich dicht neben ihn. Sie betrachtete ein paarmal den jungen +Mann. Kein Wunder, daß er ihr gefiel. Wolf Plüddekamp bestach jedes +Mädchen, dem er freundlich begegnete. Die blonde Rieke war noch kein +Jahr von den Eltern fort und wußte vielleicht selbst nicht, wie sie +dazu kam, Weinkellnerin in einer Animierstube zu sein. Nun hatte sie +sich hineingefunden und wollte alle Minen springen lassen, um den +jungen, reichen Mann in ihrer Weise zu erobern. + +Wolf nahm sich vor, wenig zu trinken und scharf aufzupassen. Alles +ging nach Wunsch. Es wurde eine Flasche Sekt nach der anderen geleert +und Smiders immer redseliger. Plötzlich sprang die blonde Rieke auf +und flüsterte der schwarzen Karli etwas zu. Dann wollten sie beide +hinausgehen. + +»Du, Karli!« rief Alfred Smiders, »bleib nicht lange fort. Hast wohl +einen alten Freund im Vorderzimmer sitzen? Der wird abgeschüttelt!« + +Die beiden jungen Männer befanden sich allein. Wolf begann vorsichtig +einige Fragen zu stellen und kam dabei auf die Reederei von Smiders zu +sprechen, als dieser schon einwarf: + +»Wolf, ich habe ein feines Geschäft vor! Machst du mit?« + +»Warum nicht, Alfred! Wenn es etwas einbringt!« + +»Läßt sich hören! Du redest heute anders wie früher. Brauchst wohl +auch ab und zu einen braunen Lappen extra? Die blonde Rieke wird +dir nicht teuer werden, ist noch nicht ausgetragen. Teufel, wenn +ich die schwarze Karli nicht hätte! -- Ich sage dir, Wolf, sie ist +ein Staatsweib! Keine zweite gibt es so in Stettin. Ich habe lange +gesucht, bis ich das richtige für mich fand. Man muß aber wie das +Wetter dahinter sein. Alle laufen ihr nach, mir darf keiner in den +Kram kommen, dafür bin ich Alfred Smiders.« + +Der viele Alkohol begann bei dem Reeder zu wirken. Wolf ließ den +Redeschwall ruhig über sich ergehen und wartete auf den richtigen +Zeitpunkt zum Eingreifen. + +»Also wie war es mit dem Geschäft?« brachte er ihn wieder aufs Thema +zurück. + +»Verdammt einfach, Wölfchen! Du schreibst mir einen Brief, daß ihr +regelmäßig größere Ladungen ins Ausland vorhabt. Kannst ja vollgültig +Jürgen Plüddekamp unterzeichnen. Ich kriege dann einen neuen Dampfer +gebaut. Die Gesellschaft zögert noch, sie denkt, ich habe die Guinees +nicht in Haufen liegen, wie ihr das Korn. Sobald Jürgen Plüddekamp +aber mitmacht, sticht's Martens und den anderen Bonzen gleich in die +Nase. Topp, mein Junge! Trinken wir darauf --« + +»Wie stellst du mich, Alfred?« fragte Wolf, darauf scheinbar eingehend. + +»Na, zehn Mille fallen sicher für dich ab. -- Ich habe einen reichen +Hamburger geangelt, der will bei mir mitmachen. Meine alten Kasten +aber genieren ihn noch. Die müssen weg, alle weg! Dann kann ich erst +antreten und bin der erste Reeder Stettins.« + +Er hatte sich in solche Erregung hineingeredet, daß Wolf gespannt +aufhorchte. + +»Wir wollen sehen, ob es sich machen läßt, Alfred,« erwiderte er. +»Hast du noch den ›Friedrich Barbarossa‹ im Dock liegen?« + +»Jotte ja! Der alte Kasten wird nur aufgemöbelt. -- Wo bleibt aber +Karli? Ob sie sich bei meinem Hamburger vor Anker gelegt hat? Er ist +ganz verschossen in sie! Das kann mir nur nützen.« + +Smiders erhob sich etwas schwer und ging auf die Verbindungstür zu, +welche den allgemeinen Gastraum von der Kavalierstube trennte. Er +schlug die vor dem Glasfenster angebrachte Gardine zurück und sah +hindurch. + +»Nee,« sagte er vor sich hin. »Einfach verduftet! Die Sache stimmt +nicht!« Als er sich jedoch umdrehte, traten die beiden Mädchen von der +Hofseite in die Stube ein. »Donnerwetter, da seid ihr ja endlich! Hat +das lange mit euch gedauert! Wolf, du gibst noch 'ne Flasche! Ich +habe einen Durst, sage ich dir, vollkommen göttlich.« + +Wolf wurde der Aufenthalt in der kleinen, von Dunst und Rauch +erfüllten Stube im hohen Maße lästig. Die fortgesetzten +Annäherungsversuche des blonden Mädchens, die er aus Klugheit nicht +zurückweisen durfte, behagten ihm ebenfalls nicht. »Ilse!« rief es in +ihm, »Ilse! Was müßte sie von mir denken, wenn sie ahnte, wie ich hier +--« + +Die blonde Rieke schmiegte sich an ihn, und er flüsterte dem drallen +Mädchen zu: »Trinken Sie Smiders tüchtig zu, damit ich verschont +bleibe.« + +»Für Sie alles, Herr Plüddekamp,« klang es leise zurück. Sie zupfte +ihn leicht am Rockärmel, daß er den Kopf zu ihr niederbeugen sollte. +»Darf ich Wolf sagen? Was habe ich nur für ein großes Glück, daß ich +Sie kennen lernte. Wie Sie mir gut gefallen! Ich Ihnen auch? Ich +möcht's gern hören.« + +»Na, Kinder, ihr seid ja ganz einig,« sagte Smiders mit +schwerwerdender Zunge. Der viele genossene Sekt begann bei ihm zu +wirken. »By Jim! Es freut mich, daß wir wieder mal zusammen sind, +Wölfchen! Geschäft und Liebe, das macht einem Freude im Leben! Davon +kann man nie genug haben.« + +Wolf hielt jetzt den geeigneten Augenblick für gekommen. Er neigte +sich zu Smiders hinüber und fragte halblaut: + +»Mit dem ›Friedrich Barbarossa‹ machst du doch ein gutes Geschäft?« + +»Na und ob!« erwiderte Smiders. »Bringt jede Woche zehntausend Emmchen +Entschädigung, wenn er nicht fertig wird, und dafür ist gesorgt. Mein +Kapitän ist ein verteufelter Kerl! Dreht alles, wie ich will. Eher +fährt er nicht ab, als bis jeder vereinbarte Nagel eingeklopft ist.« -- + +Wolf wußte nun genug. Der Export nach Spanien war nach der langen +Unterbrechung im höchsten Grade gefährdet. Der Dampfer ›Friedrich +Barbarossa‹ fuhr nicht zur rechten Zeit ab, seine Indienststellung +wurde hingehalten. + +»Ich muß jetzt gehen, Alfred,« sagte er nach einer Weile, als dessen +Augen einen glasigen Ausdruck zu zeigen begannen und die schwarze +Karli schon die vollen Gläser in die Weinkühler entleerte, um neu +einschenken zu können. + +»Bist doch morgen pünktlich da, Wolf? Halt ihn nur fest am Bündel, +Riekchen.« Die Worte kamen schwer über Smiders' Lippen. + +Wolf war aufgestanden und legte ein paar Goldstücke für seinen Anteil +an dem Sekt auf den Tisch. + +»Adieu!« + +Er mußte Smiders und der schwarzen Karli noch die Hand geben. Dann war +er glücklich dem üblen Dunst entronnen und trat auf den Hof hinaus. +Die blonde Rieke kam ihm sofort nach. + +»Seien Sie doch ein wenig gut zu mir!« bat sie, sich an ihn drängend. +»Ich mag die anderen nicht und will für Sie tun, was Sie wollen.« + +»Ich muß Smiders noch ein paarmal hier sprechen,« erwiderte er +halblaut. »Geben Sie dem alten Hindorf Nachricht, wenn ein günstiger +Augenblick dafür da ist. Ich komme dann sofort. Vor allen Dingen +müssen Sie reinen Mund halten, es soll ihr Schade nicht sein.« + +Er eilte durch den Hausflur nach dem Bürgersteig der ›Grünen Schanze‹. +Wie angenehm die kühle Luft seine Stirn umwehte! Er winkte der +nächsten herankommenden Droschke und rief dem Kutscher zu: »Haus +Plüddekamp!« Es trieb ihn, so rasch wie möglich dorthin zu gelangen. +Er wollte Jürgen berichten und die verflossenen Stunden in der reinen +Luft seines väterlichen Hauses vergessen. + + + + + IX. + + +Nach einem heftigen Sturm trat starke Kälte ein. Die Oder und das +Haff froren fest zu, und die größten Eisbrecher hatten Mühe, eine +Fahrtrinne herzustellen. Konsul Martens war Aufsichtsrat bei einer +Schiffswerft. Er lud die Geschwister und Fräulein Hergenbach ein, eine +Fahrt über das Haff nach Swinemünde auf dem Eisbrecher mitzumachen. +Ein tiefgehender Amerikadampfer sollte danach auslaufen. + +»Er will nur, daß Ilse bei der Partie ist,« sagte sich Wolf sofort. Es +war ihm deshalb nicht viel daran gelegen. »Ich habe keine besondere +Lust, man holt sich höchstens einen Katarrh bei dem kalten Wind,« +erwiderte er Jürgen, als dieser ihm die telephonische Einladung +mitteilte. + +Herta mußte eine Sitzung im Frauenverein aufgeben und zögerte +deshalb mit der Antwort. Ilse bat, ihr die Fahrt durch die prächtige +Winterlandschaft zu gestatten. Nun war Wolf sofort dabei, und Herta +ließ sich ebenfalls bestimmen. + +»Ich werde dich mit einem Pelzmantel versorgen, Ilse,« sagte sie. »Die +Luft auf dem freien Haff ist eisig und du bist sie nicht gewohnt.« + +»Sonst hätte ich Ihnen meinen Stadtpelz angeboten, Fräulein Ilse, der +ist leicht und mollig,« scherzte Wolf. + +»Das sieht dir wieder einmal ähnlich, Wölfchen,« rief Herta darauf. +»Du willst Ilse nur in Verlegenheit bringen!« + +»I wo,« erwiderte dieser, »was du immer von mir denkst. Ich bin wie +ein Lamm --« + +»-- im Wolfskleide,« ergänzte Ilse plötzlich. + +Herta sah sie erstaunt an. In dem jungen Mädchen ging eine Entwicklung +vor sich. -- -- + +Zur festgesetzten Stunde fanden sie sich beim Dampfer ›Odin‹ ein. +Konsul Martens kam in seinem Dogcart an, er hatte sich etwas verspätet. + +»Ein prächtiger Wintertag! Wir haben auf der Oder Schutz. Dann wird +uns freilich der Wind aus Nord-Nord-Ost stark entgegenpfeifen,« rief +er, nähertretend. »Es gibt rote Wangen, Fräulein Hergenbach,« wandte +er sich an diese. »Hat Ihnen meine Idee gefallen?« + +»Er hat sich richtig den langen Eisrutsch ihretwegen ausgeklügelt,« +murmelte Wolf. + +»Ich freue mich sehr, die Winterlandschaft des Haffs kennen zu lernen. +Der Frost ist ja ein großer Meister in der Kunst,« erwiderte Ilse. + +»Gewiß! -- Sie werden heute einen malerischen Anblick haben, Fräulein +Hergenbach.« + +»Und ich bin Ihnen dankbar dafür, Herr Konsul.« + +Dieser betrat schon mit Herta die ausgelegte Schiffsbrücke. Jürgen +ergriff Ilses Hand, um sie bei der Glätte der Planken zu führen. +Sie sah mit einem raschen Blick zu ihm auf. Was für eine kraftvolle +Erscheinung dieser Mann doch besaß! Ein echt germanischer Recke der +Vorzeit, wie sie ihn liebte. -- + +Nun kamen sie an Deck. Auf der Kommandobrücke standen unter dem Schutz +des Windfanges einige Sitze. Von dort war die beste Umschau. + +Der Kapitän des ›Odin‹, ein älterer, wetterfester Mann, begrüßte die +Gäste und sprach dann mit Konsul Martens. + +»Wir werden mehr als die doppelte Fahrtzeit brauchen, Herr Konsul! Das +Eis hat sich sehr verdickt und wir müssen stark dagegen anlaufen.« + +Ilse hörte diese Worte. Es wurde also nacht, bevor sie Swinemünde +erreichten. Etwas Ungewisses, Nervenerregendes lag vor ihr. Das gefiel +ihr. Nur nicht immer das Alltägliche. Sie nahm sich so sehr zusammen, +um Herta zu genügen. Zuweilen aber kam stürmisch das Verlangen, etwas +zu erleben. Jetzt kannte sie ihren Wert, weil die Männer um ihre +Gunst warben. Sie brauchte eigentlich nur die Hand auszustrecken. +Nur war sie sich nicht klar, ob es Liebelei, ein Erhaschen von +leidenschaftlichen Augenblicken oder rechtschaffene Bewerbung +bedeutete. + +»Du wirst mit deinen Blicken noch einmal Unheil anrichten,« warnte +ihre Mutter schon, als sie noch jünger war. + +Warum nur? Es sagte ihr's keiner! Woher sollte sie es also wissen? + +Im Plüddekampschen Hause, in dem sie nun nach der Pensionszeit eine +gewisse Stellung einnahm, begann sie viel selbstbewußter zu werden. +Wolf Plüddekamp lag in ihrer Macht, sie fühlte es unwillkürlich. -- Er +war ein schöner junger Mann, liebenswürdig, feurig, aber er hing zu +sehr an ihren Augen. Sie vermißte den Kampf, nach dem sie sich im Sinn +der Gleichberechtigung der Geschlechter sehnte. + +Kein Sichgehenlassen, -- ein wildes Aufwallen, -- ein gewaltsames +Ringen und dann -- ein rascher Sieg. Konsul Martens war ein älterer, +vornehmer Mann -- gewiß eine glänzende Partie -- doch fehlte ihm +alles, wonach sie unbewußt verlangte. Er besaß nicht die Kraftfülle, +der sie unterliegen mußte. + +Aber Jürgen -- dieser ernste Gewaltmensch, -- mit den Fäusten wie ein +Sackträger, dem unbeugsamen Willen, -- der keine Frau an seiner Seite +haben wollte, -- das Weib nur als ein notwendiges Übel betrachtete, +ihn zu erringen, war eine Aufgabe. + +Sie hätte laut aufjauchzen mögen, als sich der Dampfer jetzt in +Bewegung setzte, die Pleuelstangen im Maschinenraum dumpf anhoben, +die Schraube schlug, die Dampfpfeife weithin heulte und das Eis +am Bugspriet krachend brach. Die Schollen glitten knirschend und +schlürfend an den Stahlplatten der Schiffswände entlang. Das Wasser +rauschte über die Besiegten hinweg. + +Der Hafen mit den vielen eingefrorenen Dreimastern, Schonern, Briggs +und Fischerschaluppen lag hinter ihnen, sie kamen auf das breite +Stromeis hinaus. Es ging vorüber an den verschiedenen Schiffswerften, +am Vulkan, auf dessen Hellingen mächtige Dampfer der Vollendung +harrten, den gewaltigen Hochöfen der Henckel-Donnersmarkwerke, +den Brikett- und Sandsteinfabriken, den chemischen Werken, kurz +der gesamten Großindustrie an der Odermündung. Noch sah man den +tiefverschneiten Höhenrücken, der sich am linken Oderufer bis in +die weite Ferne hinzog. Hie und da schaute ein Dorf mit seinem +Kirchturm in der klaren Winterluft fast greifbar herüber. Das Bellen +eines Hundes, laute menschliche Stimmen drangen zuweilen durch das +stampfende Geräusch des Schiffes, das Bersten des Eises. + +Die Wiesen zur Rechten waren eine große weißsamtne Fläche, die weiten +Kiefernwaldungen dahinter von Schneemassen überlastet. Tief bogen sich +die Äste herab und drohten abzubrechen. Die Kronen einzelner Tannen +hingen schwer zur Seite. + +Ilse stand neben dem Kapitän, während sich die anderen unter dem +Schutz des Windfanges niedergelassen hatten und die Füße auf +wollumwickelte Wärmflaschen setzten. Jürgen und Wolf staken in langen +Bärenpelzen, die sie sonst für weite Schlittenfahrten brauchten. +Konsul Martens hatte eine große Pelzdecke mitgenommen. Gut versorgt +waren alle. -- Nur Ilse trug weiter nichts als den von Herta +erhaltenen Pelzmantel und Tuchstiefeletten. + +Bis hierher war das Eis noch mürbe gewesen, die starke Schiffsmaschine +brachte den Dampfer schnell vorwärts. Nun wurden die Ufer an beiden +Seiten eintöniger. Zur Linken tauchte in der Ferne die kleine +Stadt Pölitz auf, deren Schornsteine bläuliche Rauchwolken hoch +emporsandten. Hier begann das breitere Papenwasser. + +»Auf dem ›Friedrich Barbarossa‹ war heute alles still, Martens,« +wandte sich Jürgen an den Freund. + +»Es ist für die meisten Arbeiten zu kalt, Jürgen. Die tragbaren +kleinen Kohlenöfen reichen in den größeren inneren Räumen nicht aus.« + +»Smiders ist auf keiner guten Bahn --« + +»Na,« meinte Martens, »seine Lage wird anders, wenn er den reichen +Hamburger in die Firma hineinbekommt, den er neuerdings an der Hand +hat.« + +»Wolf sagte mir schon davon. Er faßte Smiders in der ›Grünen Schanze‹ +ab und horchte ihn aus.« Jürgen neigte sich zu dem Freund und +flüsterte ihm etwas zu. + +»Ah,« machte dieser, »und Smiders hat nichts gemerkt?« + +»Nicht die Bohne! Wir lassen alle Minen springen. Du mußt mithelfen, +daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur rechten Zeit fertig wird.« + +»Wir haben Sichtwechsel -- damit sitze ich ihm auf dem Nacken, wenn er +falsches Spiel treibt.« + +Sie verloren sich noch eine Zeitlang in dem Gespräch. + +Wolf war mehrmals an Ilse herangetreten, die immer noch schweigsam mit +großen glänzenden Augen in die Ferne schaute. + +»Sie müssen sich erkälten, Fräulein Ilse,« bat er wiederholt, »setzen +Sie sich doch zu uns unter den Schutz des Windfanges und machen Sie +von den Fußwärmern Gebrauch.« + +»Ich friere nicht, Herr Wolf!« + +Sie wollte nicht. Herta rief ihr zu: »Es ist deine Schuld nachher, +Ilse, wenn du nicht hörst!« + +»Ich sehe nur einmal diese Winterpracht, Tante Herta, sie ist zu +schön!« war ihre Antwort. + +Der Steward brachte jetzt heiße Bouillon und belegte Brötchen herauf. +Er reichte das Tablett herum und trat auch zu Ilse heran. Nun mußte +sie schon Platz nehmen, damit sie bequemer zugreifen konnte. + +»Endlich gesellen Sie sich zu uns, Fräulein Hergenbach,« sagte +Martens. »Sie waren ziemlich lange in eine stumme Bewunderung +versunken.« + +»Welcher Künstler vermöchte den Eindruck wiederzugeben, wie ich ihn +in dieser Stunde gewonnen habe! Das Eisige, Starre der winterlichen +Landschaft ist überwältigend schön, und da hinein dringt die +Kraftfülle, mit der unser Dampfer spielend den Widerstand zerbricht,« +antwortete sie nachdenklich. + +»Sie haben etwas von der Schwermut der Norwegerin, Fräulein +Hergenbach,« bemerkte Konsul Martens auf ihre Worte hin. + +»Fräulein Ilse -- Schwermut! Sie sind auf dem Holzwege, lieber +Konsul!« lachte Wolf. »Ich behaupte das Gegenteil.« + +»Jürgen mag zwischen uns entscheiden,« meinte Martens. + +Ilse hatte durch die kalte Luft leicht gerötete Wangen, die den sonst +blassen Gesichtszügen eine anmutige Frische verliehen. Sie richtete +jetzt ihre Augen erwartungsvoll auf Jürgen, was er sagen würde. Er sah +sie einen flüchtigen Augenblick hindurch freundlicher als sonst an. + +»Ich kann mir nicht denken, daß es Fräulein Hergenbach angenehm ist, +von euch beiden umstritten und von mir begutachtet zu werden. Sie +kennt jedenfalls ihren Charakter am besten selbst und bedarf keines +salomonischen Urteils.« + +»Ich danke Ihnen, Herr Plüddekamp,« fiel Ilse ein. »Anstatt mich +geistig zu zerlegen, sprechen Sie mir das eigene Recht dafür zu.« + +»Wir Frauen bedürfen es dringend,« begann Herta, »um den Launen der +Männerwelt gegenüber gewachsen zu sein.« + +»Um Gotteswillen, Schwester! Jetzt kommt dein Steckenpferdchen!« rief +Wolf mit gutgespieltem Entsetzen aus. »Ich blase schleunigst Frieden.« + +»Wie immer, Wölfchen,« scherzte Herta. »Du bist keine Kampfesnatur.« + +»Nein!« Es klang ganz leise, kaum verständlich. Ilse mußte es vor sich +hingesprochen haben. + +Die Sonne war inzwischen emporgestiegen, und ihre Strahlen erwärmten +etwas die Luft. Die Kälte ließ bis auf wenige Grade nach. Eine +Strecke vor ihnen lag auf dem Eise ein Schwarm Graugänse. Als der +Dampfer näher kam, flogen sie mit lautem Geschnatter auf. Sofort +sprang Jürgen in die Höhe, legte die Hand über die Augen, um diese +gegen das Sonnenlicht zu schützen, und schaute ihnen nach. + +»Hätte ich nur meine Büchse mitgenommen, Charles!« rief er Martens zu. + +»Auf hundertfünfzig Meter, Jürgen?« + +»Ich habe wilde Schwäne noch in größerer Entfernung auf dem Eis +getroffen, wenn der schlanke Hals und Kopf unter den Flügeln stak.« + +Ilse schaute begeistert zu ihm auf und rief: + +»Solch einen Schuß möchte ich sehen, Herr Plüddekamp. -- Einen +Wildschwan zu schießen --« + +»Ich tue es nicht,« unterbrach sie Wolf. »Der Wildschwan ist ein +herrlicher Vogel. Sein schneeweißes Gefieder, der wundervolle Hals, +den er beim Fluge geradehin streckt, der weit hörbare hellklingende +Ton, den er ausstößt! Warum ihn töten --?« + +»Eine interessante Jagdtrophäe -- lieber Wolf,« warf Martens ein. »Sie +sind kein rechter Jäger, wie Ihr Bruder.« + +»Das kommt darauf an,« erwiderte dieser. »Ich halte auf ein Raubtier, +Reh, Karnickel oder Rebhuhn hin, -- schädliche und schmackhafte +Geschöpfe, -- aber auf einen Schwan, -- das schöne Geschöpf der +sagenhaften Nordlandswelt -- nein! Mir fällt dabei immer das Märchen +von den drei Schwanenjungfrauen ein, das mir Herta in der Kinderzeit +erzählte.« + +»Auch für mich hat der Wildschwan etwas Sympathisches,« sagte diese. +»Zu genießen ist er nicht, -- nur die Schwanendaunen geben ein weiches +Schlummerkissen ab.« + +»Es herrscht ein alter Aberglaube,« begann Wolf und sah, wie Ilse +aufhorchte, »daß ein toter Wildschwan Unglück ins Haus bringt. Jochen +Hindorf sprach davon, daß unsere schöne Mutter kurz darauf gestorben +sei, als mein Vater einen Schwan schoß und ihn heimsandte!« + +»Unsinn!« brummte Jürgen. »Der alte Jochen will nur mit solchen +Flausen bewirken, daß dir grault. Ich selbst war damals mit dem Vater +auf der Jagd, dort vor uns über Stepenitz hinaus, am rechten Haffufer. +Wir schlichen durch hohes Rohr, damit uns die Schwäne nicht bemerken +konnten. Es gibt sonst keinen scheueren Vogel. Er läßt selten an sich +herankommen. Damals glückte es. Als wir am Rande des Rohres anlangten, +lagen die Schwäne in Büchsenschußweite vor uns auf dem blanken Eis. +Mein Vater stand vorn, er hob rasch das Gewehr, der Schuß krachte und +saß. Sechs Schwäne flogen mit schrillen Tönen auf, -- der siebente +blieb tot liegen. Ich selbst holte ihn heran und brachte ihn zum +Schlitten. Deine Mutter aber, Wolf, war zu der Zeit schon ein Jahr +vorher gestorben.« + +»Sie werden bald einen Wildschwan schießen, Herr Plüddekamp,« +unterbrach Ilse plötzlich die entstandene Stille. Ihre tiefe Altstimme +klang dabei fast feierlich. + +»Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung über meine Treffsicherheit, +Fräulein Hergenbach. Aber so bestimmt ist es wirklich nicht. Vielen +Jägern hier im Umkreis ist es während ihres ganzen Lebens nicht +gelungen.« + +»Vielleicht gerade deshalb, -- sogar noch in diesem Winter, -- ich +möchte einmal das schöne weiße Gefieder streicheln.« + +»Ilse!« Herta hatte es ausgerufen. »Was hast du für seltsame Wünsche!« + +Das junge Mädchen schrak zusammen, stand dann auf, streifte Jürgen mit +einem hellen Aufleuchten ihrer Augen und trat zum Kapitän. Sie schaute +wieder auf die starre Fläche des Haffes, die sich jetzt weithin +öffnete. + +Das Eis wurde stärker, der Dampfer arbeitete keuchend dagegen an. +Er hob sich vorn hoch empor, traf die hellglitzernde Masse und +brach krachend hindurch. Ein paarmal mußte er auch zurückgehen +und mit voller Wucht wieder anrennen, bis er eine starke Eiswand +durchschnitten hatte. Sie kamen jetzt nur langsam vorwärts. -- + + + + + X. + + +In der Kajüte wurde eine wohlvorbereitete Mahlzeit aufgetragen. +Konsul Martens war ein Feinschmecker, es gab die ersten Delikatessen +der Jahreszeit und edle, feurige Weine. Er brachte nach dem zweiten +Gericht einen Trinkspruch auf die Geschwister Plüddekamp aus, der +in der seltenen, sie verbindenden Liebe und Treue gipfelte. Als er +das Glas zuerst gegen Herta erhob, zeigten ihre blauen Augen einen +wärmeren Ausdruck. Jürgen schüttelte ihm derb die Hand und sagte: + +»Meine Erwiderung, Charles, nimm als geschehen an -- ich bin kein +Redner.« + +»Ich trinke auf Ihr Wohl, Fräulein Ilse,« flüsterte Wolf. + +Er saß an ihrer Seite und hob das Glas. Sie nickte nur leicht zum +Dank, und die grauen leuchtenden Augen irrten über ihn hinweg, um +einen flüchtigen Augenblick voll auf den markigen Zügen Jürgens haften +zu bleiben. Dieser zuckte mit der Hand, als wolle er nach seinem Glas +greifen. Martens kam ihm aber zuvor und stieß mit Ilse an. + +Der Aufenthalt in dem stark geheizten Raum und die reichliche Mahlzeit +brachten eine gewisse Müdigkeit hervor. Herta setzte sich in eine +Diwanecke, um zu schlafen. Jürgen und der Konsul Martens hatten +die gleiche Absicht, wollten aber vorher noch eine Flasche Pontak +ausproben. + +Der Dampfer stöhnte und keuchte, um die Eismassen zu bewältigen. Ilse +eilte plötzlich die Treppe zum Deck hinauf, und Wolf folgte ihr sofort +nach. Sie gingen ganz nach vorn ans Bugspriet. Dort hielt sich Ilse am +Geländer an, weil der starke Anlauf des Dampfers gegen das Eis keinen +festen Halt aufkommen ließ. Der Wind wehte schneidend aus Hoch-Nord. +Nach der warmen Luft in der Kajüte traf er doppelt scharf das Gesicht +und stach wie mit Nadeln in die Haut ein. + +Die Sonne stand glutrot im Westen dicht über den fernen +tiefverschneiten Forsten und war am Untergehen. + +»Stellen Sie sich hinter mich, Fräulein Ilse,« bat Wolf, an sie +herantretend. »Der eisige Wind trifft Sie alsdann nicht direkt.« + +»Ich finde ihn manchmal wohltuend, Herr Wolf,« erwiderte sie kurz. +»Die heiße Kajüte und der starke Wein, -- ich kann Alkohol nicht +vertragen, -- das Blut jagt mir durch die Adern.« + +Er sah sie an. Ihre Wangen zeigten rote Stellen, nicht eine +gleichmäßige Röte. In den Augen, die sich einen flüchtigen Augenblick +in die seinen tauchten, lag ein übernatürliches Glänzen. + +»Sie dürfen hier nicht bleiben, Ilse,« sagte er mit aller +Bestimmtheit. »Sie können sich den Tod in diesem Eiswind holen. +Entweder Sie folgen mir nach dem Windfang, -- dort können wir die +Pelzdecke des Konsuls benutzen -- oder wir gehen hinunter und setzen +uns in eine weniger durchwärmte Kabine.« + +»Nein ich will nicht!« rief sie aus. »Hier sehe ich unmittelbar, wie +das Eis unter der Gewalt des Dampfers bricht.« + +»Ilse!« stieß er heftig aus. »Warum verlangt Sie nach roher +Kraftentfaltung? Ist das Ihrer würdig?« + +»Ich kann mich nicht ändern! Lassen Sie mich, wie ich bin, Wolf!« +entgegnete sie schroff. + +»Warum fügen Sie sich stets bei Herta? Wenn ich Sie um etwas bitte, +Sie warne, sind Sie gänzlich abwehrend! Sie zeigen zwei Gesichter, -- +geben Sie mir eine Erklärung dafür.« + +»Nein!« Von nun an schwieg sie beharrlich. + +Die Sonne sank hinab. Die Kälte nahm zu. Trotz seines Pelzes begann +Wolf nach einiger Zeit zu frieren, er konnte selbst seine Füße durch +Hin- und Hertreten nicht warm erhalten. Ilse, die leichter gekleidet +war, mußte sich eine schwere Erkrankung zuziehen. Sie gab auf seine +wiederholten Fragen keine Antwort. -- Er faßte plötzlich einen raschen +Entschluß, umschlang sie mit seinen Armen, fühlte, daß sie halb +erstarrt war, und trug sie in eine Kabine hinunter. Dort legte er sie +auf den Seitendiwan. + +Er zog seinen Pelz aus und deckte sie damit zu. Sie ließ alles +willenlos geschehen. Die Kälte hatte ihr die Kraft des Widerstandes +geraubt. Als der Steward zufällig vorüberging, bestellte Wolf heißen +Tee. + +Schon nach einigen Minuten erholte sie sich wieder und wollte den +schweren Reisepelz abstreifen. + +»Noch nicht,« befahl er. »Sie müssen erst Tee trinken und tüchtig heiß +werden, damit das Blut im Körper stärker kreist, sonst sind Sie morgen +krank.« + +Diesmal folgte sie. Er ließ ihren Gegenwillen nicht aufkommen. + +Der Steward brachte den Tee, den er ihr erst löffelweise einflößte, +dann mußte sie den Rest auf einmal austrinken. + +»Mir ist wirklich ganz wohl, Herr Wolf!« bat sie, »nehmen Sie mir doch +das Ungetüm von Pelz fort. Ich ersticke fast darunter.« + +Er fühlte mit der Hand an ihre Stirn. Es perlten helle Tropfen darauf. + +»So ist es gut! Nur noch zehn Minuten, dann haben Sie es überwunden, +Ilse. Herta darf nichts erfahren, sonst wird sie bitterböse über Ihre +Hartnäckigkeit.« + +»Sie sind eigentlich ein guter Mensch, Herr Wolf, und geben einen +vortrefflichen Ehemann ab,« sagte sie mit dem tiefen Wohllaut, den +ihre Stimme zuweilen besaß. + +»Finden Sie es wirklich, Ilse? Seien Sie endlich offen zu mir! Sie +haben oft ein so seltsames Wesen. Nie weiß ich, woran ich bei Ihnen +bin.« Er sah in ihre fieberhaft glänzenden Augen und war plötzlich wie +verwandelt. Er neigte sich tief zu ihr herab. + +»Nein -- nein, Wolf! Ich liege hier wehrlos,« hielt sie sein Gesicht +mit beiden Händen zurück. »Erst pflegen Sie mich -- und nun -- ich +dulde es nicht, -- wie Sie mich wieder behandeln.« + +»Ilse!« brachte er schweratmend hervor. »Ich finde nicht den richtigen +Weg zu Ihnen -- daran sind Sie aber schuld, nur Sie selbst. Wenn Ihre +Augen mir so leidenschaftlich entgegenschauen, dann vergesse ich +alles, -- ein blindes Verlangen kommt über mich, Sie wild an mich zu +reißen. Ich leide qualvoll durch Sie, -- Ilse, und ich ertrage es +nicht länger!« + +Sie zog den rechten Arm unter dem Pelz hervor und reichte ihm die Hand. + +»Sie sollen es auch nicht, Wolf! -- Wahrhaftig nicht! -- Nehmen Sie +mir doch den schweren Pelz ab, wir wollen ruhig miteinander sprechen.« + +Er warf diesen in eine Ecke, und sie richtete sich schnell auf. + +»Endlich zeigen Sie ein wenig Herzensgüte, Ilse. Lassen Sie mich einen +Einblick in Ihr Inneres tun.« + +»Es schreckt Sie nur ab, Wolf. Fragen Sie meine Geschwister, sie +nannten mich ›Ilse -- die Hexe‹!« + +»Ohne Grund, Sie haben nur noch nicht Ihr eigenes Herz gefunden. Es +irrt umher, schenken Sie es mir, ich werde es treu bewahren.« + +Bei dem matten Licht der Deckenlampe sah sie ihn lange schmerzlich an. + +»Jetzt liegt in Ihren Augen das Klagen des Rehes, wenn es schwer +verwundet ist,« flüsterte er, »es gibt mir die Ruhe zurück, -- so +liebe ich -- dich -- Ilse!« + +»Nein, nein, es geht nicht!« fuhr sie plötzlich auf, als er sie innig +an sich ziehen wollte. »Wissen Sie, Wolf, woher die Ilse stammt? Hoch +am Brocken -- in der rauhen Schlucht des Schneelochs fangen sich die +Wasser aus dem Hexenbrunnen auf -- dann stürzen sie gewaltsam über +Rollsteine und Felsblöcke abwärts, bis sie tief unten branden und +schäumen. -- Wollen Sie das durchkosten? -- Nein, -- es geht nicht! -- +Ich weiß nicht -- wen ich liebe. Sie alle stehen vor mir und krallen +mich mit Blicken an, als ob ich mein Blut hergeben sollte. Was habe +ich nur an mir, daß man mich so verlangt?« -- Ihr Körper zitterte +heftig, sie schluchzte krampfhaft auf. »Ich will nicht mehr mit Ihnen +allein sein, Wolf, -- ich komme in Verdacht. Ihre Schwester sucht mich +gewiß.« -- + +»Ilse, ich lasse dich noch nicht gehen, -- erst ein Wort, -- nur ein +einziges liebes Wort --« + +Sie sprang auf, drängte ihn zurück und hatte plötzlich ihre Ruhe +wiedergefunden, -- der innere Sturm war vorübergebraust. + +Er ließ sie aber nicht von der Stelle. Der Dampfer hob und senkte +sich gewaltig. Die Maschine trieb ihn mit voller Dampfkraft gegen die +mächtigen Blöcke. -- Ein Krachen und Bersten der Eiswand erfolgte -- +dann kam ein erneuter starker Stoß -- Ilse sank, den Halt verlierend, +in Wolfs Arme. + +Sie lag an seiner Brust, er küßte sie heiß, verlangend. Ein wildes +Stöhnen entrang sich ihr -- sie war widerstandslos, -- hingebend. -- + +Auf Deck ertönte lautes Gepolter, dazwischen drang ein starkes Zischen +des Dampfers hervor, dem hastige Kommandorufe des Kapitäns folgten. +Noch schlugen die Pleuelstangen, -- auf einmal ließen sie nach, -- der +Dampfer stand still. Die Eisschollen rieben sich knirschend an den +stählernen Seitenwänden. Unter dem Kiel gurgelte dumpf das Wasser des +Haffes. -- + +Herta, die fest geschlafen, erwachte und sah Ilse ganz verstört vor +sich stehen. Jürgen und Konsul Martens sprangen die Treppe hinauf an +Deck. Der Kapitän kam sofort auf sie zu. + +»Ein scheußliches Pech, Herr Konsul. Wir haben durch die starken +Eiswände vor uns schweren Maschinendefekt und Rohrbrüche erlitten. +Die Reparatur wird längere Zeit in Anspruch nehmen. Wir sind noch gut +zwei Stunden von Swinemünde entfernt. In der Nähe ist kein Dorf oder +Flecken. Das Eis hält wohl bis zum Ufer, aber in der Dunkelheit sind +die eingehauenen Fischwaken nicht zu sehen. Am besten bleiben Sie mit +Ihren Gästen an Bord, bis der Morgen anbricht. -- Vielleicht können +Sie dann bis zu der allerdings entfernten Bahnstation gelangen.« + +»Fatal, -- höchst fatal!« stieß Martens aus. »Ich muß morgen vormittag +zu einer wichtigen Besprechung in meiner Bank sein.« -- + +»Ich kann unmöglich im Kontor fehlen,« setzte Jürgen nachdrücklich +hinzu. + +Nur Wolf, der ihnen gefolgt war, frohlockte, -- er hoffte auf ein +Wiederaufflammen des kurzen Rausches, auf ein Glücksgefühl, das er +in seiner Größe kaum erfaßte. -- Er sann über die Möglichkeit nach, +wie er mit Ilse allein sein konnte, ohne daß es den anderen auffallen +würde. + + * * * * * + +Eine Nacht an Bord. -- Die Maschine des Dampfers stand. Dieser lag +still in der Fahrtrinne des Haffs und fror ein. Die Kälte drang durch +alle Fugen. Das Eis hob und preßte die stählernen Platten, daß ein +Stöhnen durch den ganzen Schiffsraum ging. Die sternenklare Nacht +wurde bitterkalt. Der dichte Reif setzte sich überall fest und wob +seine kristallnen Fäden um Maste, Schornstein, Planken und alle +Gegenstände an Deck. Das Schlickwasser gefror, es bildeten sich lange +Eiszapfen -- langsam entstand ein Märchenbild. + +Gegen zehn Uhr kam die bleiche Sichel des zunehmenden Mondes +hervor. Nun lag das Eis des Haffes in dem mildfunkelnden Licht hell +aufglitzernd da. + +Eine wunderbare Stimmung breitete sich über die weite, öde Fläche aus. +Kein Laut wurde hörbar, als das Schieben und Pressen der Eisschollen +an den Schiffswänden. + +Die kleine Gesellschaft ging trotz der Kälte eine Zeitlang auf dem +Deck umher, um die unendliche Schönheit der Natur zu genießen. Der +Wind hatte sich gelegt, die Kälte war trotz der zehn bis zwölf Grad +nicht empfindlich. + +Ilse war an Hertas Seite, als sich aber Wolf zu ihnen gesellte, kam +sie plötzlich bei einer Wendung neben Jürgen zu stehen und sprach ihn +an, dann ging sie mit diesem und Konsul Martens weiter. + +Wolf stampfte mit dem Fuße auf. + +»Was ist dir, Wölfchen?« fragte Herta und schob ihren Arm unter den +seinen. + +»Nichts besonderes, Herta! Ich wünschte nur manchmal, daß man nicht +so töricht wäre, ein Herz unter den Rippen zu besitzen. Wenn es sich +fühlbar macht --« + +»Du bist in deinen Gedanken bei Ilse, armer Kerl!« sagte diese +tröstend. »Weise sie von dir --« + +»Wenn ich es nur könnte, Herta! Es zerreißt mir bald Leib und Seele. +-- Sie ist nicht zu verstehen, -- glaub es mir, Schwester. -- Ich bin +schon einfach verrückt und sie -- sie wurde von ihren Geschwistern +›Ilse -- die Hexe‹ genannt!« + +»Ilse -- die Hexe!« wiederholte Herta langsam. »Merkwürdig, -- Jürgen +sagte mir das gleiche.« + +»Und jetzt geht sie wieder neben ihm, -- wie sie ihn anschaut, -- ich +kann es nicht ertragen, -- Herta, es reizt mich maßlos!« + +»Wölfchen -- sei gut,« bat Herta. »Denk an mich und Martens, -- so +viel Leidenschaft, wie bei dir, war wohl bei uns nicht dabei, -- aber +es saß tief genug! -- Heute bin ich sehr froh, daß es so gekommen ist! +-- Du wirst Ilse auch erst erkennen, wenn du deinen Rausch überwunden +hast.« + +»Ich kann mich nicht zur Ruhe zwingen, wie du es fertig brachtest, +Herta! Willst du nicht einmal mit Ilse sprechen?« + +»Nein!« Herta stieß es kurz aus. »Es würde nur zu deinem Elend +gereichen. Denke daran, sie ist -- die Hexe Ilse! Dafür bist du +mir zu lieb, Wölfchen! Du mußt uns Geschwistern erhalten bleiben. +Ihr Charakter ist unergründlich, -- sie kann dich vernichten, -- +vielleicht ohne daß sie es will.« -- + + + + + XI. + + +Nach Mitternacht, als alle in tiefem Schlafe lagen, Herta hatte Ilse +mit in ihre Kabine genommen, überwölkte sich der Himmel, und mächtige +Schneeflocken fielen langsam rieselnd nieder. Gegen Morgen wurde das +Schneetreiben so dicht, daß man vom Dampfer aus keine zehn Schritt +weit sehen konnte. + +Jürgen kam sehr früh an Deck. Als er die Lage überschaute und mit +dem Kapitän in dessen Kajüte Rücksprache genommen hatte, grollte es +gewaltig in ihm. Nirgends zeigte sich ein Ausweg aus der mißlichen +Lage. Der Maschinendefekt ließ sich im besten Falle erst bis gegen +Abend einigermaßen beheben. Ein weiteres Durchbrechen des Eises war +unmöglich, der Dampfer mußte nach Stettin zurück. Die Rückfahrt würde +schon schwierig genug sein und nur langsam vonstatten gehen. + +Bei dem dichten Schneetreiben konnte es niemand wagen, über das Eis +ans Land zu gelangen. Also ausharren! Während Jürgen und der Kapitän +noch sprachen, kam Konsul Martens hinzu, dem die Unruhe den Schlaf +verkürzt hatte. Anstatt des Morgenkaffees wurde gleich ein heißer Tee +mit Arrak gebraut. Die Schiffsräume waren stark durchkältet, denn die +Dampfheizung war nicht in Ordnung. -- Als die Schiffsmaschine bei dem +gewaltigen Anlauf gegen die starken Eiswände versagte, strömte der +Dampf zurück. Durch die entstandene hohe Spannung wurden die Rohre +undicht und erlitten mehrere Brüche. Die Feuerung mußte aufhören, weil +der Dampf an vielen Stellen der Leitung gefahrdrohend herauszischte. +Die Maschinisten hatten die ganze Nacht durchgearbeitet, um die +Schäden auszubessern, und ermüdeten sichtlich. + +»Wann können wir bestimmt darauf rechnen, Fahrt zu haben?« fragte +Martens den Kapitän. + +»Es kommt darauf an, wie lange die Kraft der Leute aushält, Herr +Konsul.« + +»Gehen wir in den Maschinenraum hinunter, Charles,« warf Jürgen ein. +»Vielleicht lassen sich die Leute durch eine Prämie anfeuern.« + +»Die Maschinisten geben ihr Bestes von selbst her,« erwiderte der +Kapitän, »es bedarf keiner besonderen Belohnung. Sie können sich davon +überzeugen, meine Herren!« + +In den unteren Schiffsräumen brannten Lampen, weil die elektrische +Leitung durch den Stillstand der Dynamos versagte. Eine Anzahl Männer +arbeiteten mit größtem Eifer bei spärlichem Lichte in der kleinen +Werkstätte. Es wurde Eisen auf offenem Kohlenfeuer geglüht, das ein +Blasebalg anfachte, und dann mit Hämmern bearbeitet. Andere waren +dabei, auf einer Drehbank Gewinde zu ziehen und auf Schraubstöcken +Eisenstangen passend zu feilen. + +Der Schiffsingenieur und der Obermaschinist griffen zu und besserten +die Schäden an den Rohren aus. Die gesamte Leitung mußte untersucht +werden. Die Männer im unteren Schiffsraum erstarrten fast vor Kälte +und mußten fortgesetzt heiße Getränke erhalten. + +Die Tatsache lag klar -- unter weiteren zehn bis zwölf Stunden +konnte an ein neues Arbeiten der Maschinen nicht gedacht werden, +vorausgesetzt, daß die Mannschaften diese Überanstrengung aushielten. +-- + +»Unser Mißgeschick ist mir höchst unangenehm, lieber Jürgen,« sagte +Konsul Martens zu dem Freunde. »Namentlich der Damen wegen. Auf dem +›Odin‹, unserem stärksten Eisbrecher, kam noch nie etwas derartiges +vor und lag außer der Berechnung. Nun heißt es aushalten.« + +An Deck begann jetzt die Schiffsglocke unausgesetzt zu läuten. Der +Steuermann trat zum Kapitän und sagte: »Ich habe drei Mann ausgesucht, +die sich halbstündlich ablösen!« + +»Es können Dampfer ausgelaufen sein. In den Zeitungen stand, daß der +›Odin‹ nach Swinemünde ging. Die Fahrtrinne wird für offen gehalten. +Die Dampfsignale gehen nicht, daher muß die Glocke in Bewegung +bleiben,« erklärte der Kapitän den Herren die erhaltene Meldung. + +Jürgen sah darauf seinen Freund fragend an: + +»Ist das Aufrennen eines anderen Dampfers möglich?« fragte er langsam, +jedes Wort abwägend. + +Martens wechselte mit dem Kapitän einen Blick. + +»Ausgeschlossen ist es nicht,« erwiderte dieser zögernd. + +Mit einem Ruck straffte sich Jürgens Gestalt. + +»Es muß ausgeschlossen sein, Charles! Meine Geschwister sind an Bord.« + +»Wir wollen überlegen, was zu tun ist, Jürgen.« Konsul Martens wurde +jetzt die große Verantwortung fühlbar, die ihn traf. + +Sie kehrten in die obere Kajüte zurück. Herta, Wolf und Ilse hatten +sich ebenfalls dort eingefunden. Das junge Mädchen sah bleich und +übernächtig aus, sie mußte wenig geschlafen haben. Die gestrige gute +Stimmung war verschwunden. Es fröstelte alle trotz der Pelzkleidung. + +Konsul Martens versuchte, den Damen die Lage im besten Lichte zu +schildern, und machte Aussicht auf ein recht langes Frühstück und bald +darauffolgendes Mittagessen. + +»Essen und Trinken erhält uns warm, und darin tritt in den nächsten +vierundzwanzig Stunden kein Mangel ein,« schloß er. + +»Aber die Langeweile, lieber Freund,« sagte Herta, leicht gähnend. +»Die Kälte macht uns müde und ungemütlich.« + +»Ich weiß eine Abwechslung, Ilse,« flüsterte Wolf dieser zu, als sie +in der Kajüte auf und ab ging. »Der einzig warme Raum im Schiff ist +die kleine Kambüse. Wir beide wollen uns dorthin flüchten und helfen +dem Küchenchef bei der Zubereitung der Speisen, -- für die anderen +gehen wir auf Deck.« + +Sie gab ihm kein Zeichen des Einverständnisses, sondern stellte sofort +ihre Wanderung ein und blieb in Hertas Nähe stehen. Wolf trat heftig +mit dem Fuße auf. Was war nun wieder in sie gefahren? Sie wollte +anscheinend nichts von ihm wissen, und Herta unterstützte sie dabei. + +Konsul Martens ließ seine Pelzdecke holen und hüllte die Damen darin +ein, obwohl sich Ilse anfangs gegen das Stillsitzen sträuben wollte. +Auf Hertas Wunsch folgte sie jedoch sofort. -- + +Draußen wurde es etwas heller, nur das Schneegestöber ließ nicht nach. +Jürgen, Martens und der Kapitän standen an dem einen Kajütenfenster +und beratschlagten. + +»In zwei bis drei Stunden kann der Amerikadampfer hier sein,« hörten +die anderen des Kapitäns Stimme, »er ist sicher zur festgesetzten Zeit +ausgelaufen. Bei langsamer Fahrt wird er unsere Glocke hoffentlich +hören. Er versperrt aber die Fahrtrinne -- die Schwierigkeit, +fortzukommen, wird bedeutend größer.« + +Wolf und Herta sahen sich bei diesen Worten an. Es gab also Gefahren; +davon war ihnen bisher noch nichts bewußt gewesen. + +Jürgen Plüddekamp zog seine Uhr hervor. + +»Ich gehe ans Land, Charles,« sagte er dann kurz. + +»Du -- Jürgen?« stieß Martens erschrocken aus. + +»Die Gegend kenne ich, und mein Taschenkompaß gibt mir die Richtung +an,« antwortete er. + +»Bedenke die offenen oder mit Schnee bedeckten Waken. Die Gefahr ist +zu groß, Jürgen,« versuchte der Konsul ihm sein Vorhaben auszureden. + +»Ich nehme eine Stange mit, Charles! Weiteres Reden hat keinen Zweck +-- ich gehe!« Man sah es der mächtigen Mannesgestalt an, daß sie von +dem einmal gefaßten Entschluß nicht mehr abwich. + +»So laß wenigstens einen Matrosen folgen und dich anseilen, Jürgen,« +bat der Konsul. + +»Warum? Dadurch kann höchstens Gefahr entstehen, die ich allein +vermeide!« erwiderte dieser. »Steward!« rief er diesem zu, der soeben +einen neuen Aufguß heißen Tees brachte. »Füllen Sie mir sofort eine +Feldflasche mit Rum und Ingwer!« + +»Mir auch, Steward!« ertönte es aus Wolfs Munde. »Ich begleite dich, +Jürgen!« + +»Auf keinen Fall -- mein Junge! Ausgeschlossen. -- Du mußt mit Charles +bei Herta und Fräulein Hergenbach bleiben.« Das Gebot Jürgens klang +fast schroff, er duldete in solcher Lage keinen Widerspruch. + +Kurz darauf verabschiedete er sich und reichte den Geschwistern, sowie +Martens die Hand. Herta bat ihn noch: »Jürgen -- denk an uns -- sei +vorsichtig!« + +»Ich bin es immer, liebe Herta! Soweit es allerdings möglich ist,« +setzte er scherzend hinzu. + +Er zögerte einen Augenblick, ehe er Ilse die Hand gab. Sie mußte +darauf gewartet haben; nun schlossen sich ihre schlanken Finger mit +festem Druck um die seinen, als wollten sie ihn nicht fortlassen. + +Es war eine heftige Bewegung, mit der sich Jürgen alsdann abwandte +und auf Deck eilte, wohin ihm Konsul Martens und Wolf folgten. +Nach weiteren zwei Minuten hatte er sich eine kräftige Stange mit +Eisenspitze ausgesucht und schwang sich über Bord. + +»Achtung!« rief Martens ihm nach. »Es ist noch junges Eis in der +Fahrtrinne!« + +Die starken Schollen hatten sich aber am Dampfer dicht +übereinandergeschoben und waren während der Nacht zusammengefroren, +so daß Jürgen auf festem Eisboden dahinschritt. Er sah sich noch +einmal um, winkte Bruder und Freund zu und verschwand dann in dem +dichten Schneegestöber. Es kam ihm dabei im letzten Augenblick noch so +vor, als wenn eine schlanke Frauengestalt auf Deck erschiene. Es mußte +wohl Herta sein, die ihm besorgt nachschaute. + +Als jedoch Wolf und Konsul Martens in die Kajüte zurückkehrten, saß +Herta auf ihrem alten Platz. Ilse war fortgegangen und kam erst nach +einer geraumen Zeit wieder. + +»War es nicht angenehm in der Kambüse, Ilse?« + +»Nein, Tante Herta! Ich habe mich genug erwärmt.« + +Dabei strömte ihre Kleidung die frische Kälte vom Deck aus. -- -- -- + +Jürgen schritt trotz seines schweren Pelzes rasch vorwärts. Er +hatte seine Pelzkappe tief über die Ohren herabgezogen, so daß nur +sein Gesicht hervorsah. An seinem Bart bildeten sich durch den +ausgestoßenen Atem Eiszapfen, doch achtete er nicht darauf. Von +Zeit zu Zeit holte er den kleinen Kompaß hervor, um die Richtung zu +kontrollieren, in der er ging. + +Vom Dampfer mußte er schon ein ganzes Stück fort sein. Das Läuten +der Schiffsglocke tönte nur noch schwach zu ihm herüber. In der +zurückgelegten Strecke waren keine Waken zu erwarten gewesen. Jetzt +aber näherte er sich mehr und mehr dem Ufer, und die Gefahr, in +ein Loch zu geraten, das zum Fischen ins Eis geschlagen wurde, trat +unmittelbar auf. + +Er schob seinen Stock vor sich hin; stieß dieser an eine kranzartige +Erhöhung, so blieb er stehen und untersuchte den Umkreis. Mehrmals +entdeckte er noch im letzten Augenblick eine Wake. Die Zeit verrann, +er strengte sich stärker an. Der Amerikadampfer mußte auf jeden Fall +aufgehalten werden, bevor er das Papenwasser verließ und durch Signale +schwer erreichbar wurde. Mit Mühe zog er seine Uhr hervor. Über eine +halbe Stunde befand er sich unterwegs, und noch spürte er nichts von +den Eisschollen, die sich gegen das Ufer zu auftürmten. + +Er wollte immer schneller vorwärts kommen, aber der tiefe Schnee, der +unaufhörlich weiter fiel, hemmte den Fuß. Schweißperlen traten auf +seine Stirn; es war eine außerordentliche Leistung, selbst für den +besten Fußgänger. + +Wo blieb nur das Ufer? Er mußte es der Zeit nach schon lange erreicht +haben. Er stand jetzt still und versuchte, um sich zu schauen. Nichts +war zu sehen. + +Jürgen lief es kalt über den Rücken. -- Wo befand er sich? War er irre +gegangen? Er hatte doch genau auf seinen Kompaß geachtet. Wenn er an +anderer Stelle in die Nähe der Fahrtrinne zurückkam und einbrach? Bei +dem starken Schneetreiben konnte alles möglich sein. + +Warum setzte er sich diesen Gefahren aus? Es gab nur eine Richtschnur +in seinem Leben -- Sorge für seine Familie, die aus den Geschwistern +bestand. Von dem Tode seines Vaters an hatte er diese Pflicht +übernommen und treu erfüllt. Wenn er sich die Abrechnung vorlegte, +befand sich kein Fehler darin. Er handelte stets nach Ehre und +Gewissen. Einmal ließ er in der Härte seiner Bestimmungen nach, als +Ilse Hergenbach vor Monaten aufgenommen wurde. + +Ihre Gegenwart wirkte störend auf die Harmonie im alten +Plüddekampschen Hause ein. Wolf war gänzlich verändert -- er selbst +mußte dagegen ankämpfen, um ihr nicht ein größeres Interesse zu +zeigen. Er sah deutlich, wie sie ihm entgegenkam, sich ihm immer mehr +nähern wollte. So kalt war seine Natur nicht, aber seine Rauheit half +ihm, und seine Charakterstärke schüttelte jede aufflammende Regung ab. + +Einige Augenblicke hatte er auf den Kompaß gestarrt, dabei flogen ihm +diese Gedanken rasch durch den Kopf. Nun trieb es ihn wieder vorwärts, +der Amerikadampfer mußte um jeden Preis ein Signal erhalten. Plötzlich +hörte er zur Linken Laute; waren es menschliche Stimmen oder lag dort +ein Schwarm Taucherenten? Er horchte aufmerksam hin. Jetzt klang es +wie der dumpfe Hufschlag eines Pferdes. Es mußten also Leute aus einem +naheliegenden Dorf sein, bei denen er sich Auskunft holen konnte. + +Eilig schritt er auf sie zu, und schon nach wenigen Minuten tauchte +dicht vor ihm ein Kufenschlitten mit zwei Männern auf. + +»Holla!« rief er ihnen entgegen. »Wo seid ihr her? Ich komme von der +Swinemünder Fahrt und will rasch ans Ufer.« + +Die Leute hielten das Pferd an. Auf dem Schlitten lag ein mächtiges +Schleppnetz, wie es unter dem Eis von einer Wake zur anderen gezogen +wird. Ein großer mit Fischen angefüllter Kasten stand daneben. + +»Wir sind aus Swantewitz,« sagte der eine, »und fahren nach Haus!« + +»Aus Swantewitz!« rief Jürgen erstaunt. »Das liegt ja am östlichen +Ufer! So weit seid ihr fort.« + +»Nein, Herr! Das liegt ja dicht dabei. Wir sind gleich da!« + +»Es ist rein unmöglich! Ich habe vor etwa einer Stunde den Eisbrecher +›Odin‹ verlassen und ging in der Richtung auf Neuwarp zu.« + +Die Fischer sahen sich verdutzt an. + +»Neuwarp? Das liegt ja zwei Meilen von hier, Herr!« + +Jürgen faßte sich an die Stirn. + +»Sollte ich -- rein unerklärlich! Alle Teufel -- ich werde doch in der +Eile nicht steuerbords anstatt Backbord abgesprungen sein! -- Aber der +Kompaß?« + +Er hatte doch Norden rechts und nicht an der linken Seite gehabt. +Freilich war es nur ein kleiner Taschenkompaß, der sonst an seiner +Uhrkette hing. Er schaute schnell noch einmal darauf -- die Nadel +spielte richtig ein. + +»Das ist ja, um verrückt zu werden,« fluchte er ingrimmig. »Der Kompaß +lügt nicht -- die Leute lügen nicht! Wer hat nun recht?« + +Er hielt den Kompaß mit dem linken Arm vor sich. Plötzlich fiel sein +Auge auf das Magnetarmband, das er noch zufällig um das Handgelenk +trug. Es diente zur Prüfung von Grassamen, der mit Eisenfeile +beschwert schien. + +Nun wurde ihm der Vorgang sofort klar. Die Nadel spielte auf den +starken Magnet ein und zeigte darum entgegengesetzt. Aus der Richtung +des Papenwassers heulte jetzt dumpf ein Signal herüber. Jürgen +erschrak. + +»Der Dampfer!« rief er aus. »Es ist zu spät, ihn aufzuhalten! Was wird +daraus entstehen?« + +Die Sorge um die Seinen erfaßte ihn. -- + + + + + XII. + + +Alfred Smiders verfolgte einen bestimmten Plan. Nachdem sich sein +gelähmter Vater jeder Verfügung begeben hatte, ergriff ihn die +Großmannssucht. Er wollte um jeden Preis rasch vorwärtskommen. Das +der Firma Smiders & Sohn gehörende Kapital reichte jedoch nicht im +entferntesten aus, die sofort in Angriff genommenen Dampferbauten +auszugleichen. So blieb er eine große Summe schuldig. Um wieder freie +Bewegung zu bekommen, suchte er nach einem Großkapitalisten, der sein +Geld zu mäßigem Zinsfuß bei ihm anlegen sollte. + +Durch seine Agenten war er auf den reichen Kaufmann Kneis in Hamburg +aufmerksam geworden, dem er sich sofort vorstellte. Der Hamburger +hatte sein überseeisches Geschäft günstig verkauft und befand sich im +Besitz großer flüssiger Mittel, mit denen er sich wieder beteiligen +wollte. Das also war sein Mann. Er bewog ihn, mit nach Stettin zu +reisen. + +Nach Vorlage der letzten Bilanzen verlangte dieser in erster Linie die +Dampfer der Reederei Smiders & Sohn zu besichtigen. Die alten Kasten +waren glücklicherweise unterwegs, er konnte dafür nur die Angaben, aus +dem Schiffsregister erhalten. Dagegen lag einer der neuen Dampfer im +Eis des Swinemünder Hafens fest. Die beiden Herren fuhren von Stettin +mit dem Schnellzug dorthin und waren eben im Begriff, den ›Triton‹ in +Augenschein zu nehmen. + +Das starke Schneegestöber hatte aufgehört; die klare, helle +Wintersonne schien leuchtend über Stadt und Hafen, sowie die vereisten +Schiffe. Überall funkelte und glitzerte es in farbenprächtigem +Schimmer. + +»Sehen Sie, mir lacht stets die Sonne, Herr Kneis,« sagte Alfred +Smiders, als sie über das Deck des Dampfers ›Triton‹ gingen. »Nun kann +es Sie nicht gereuen, trotz des Schneefalles von heute morgen, die +Fahrt nach Swinemünde angetreten zu haben.« + +Der lange bedächtige Hamburger lächelte verbindlich. + +»Ich bin sehr zufrieden, Herr Smiders! Wenn es weiterschneien würde, +wäre ich auch zufrieden. Wir blieben dann in Swinemünde. Es gibt hier +gute Hotels.« + +»Gewiß, Herr Kneis! Aber Sie müssen heute abend wieder in Stettin +sein« -- der Reeder machte eine bezeichnende Geste. »Sie haben doch +fest versprochen --« + +Der Überseer lachte gemütlich auf. + +»Hm! Eine ganz lustige Bude. Wir gehen zusammen --« + +»Aber natürlich, Herr Kneis! Ich möchte nur nicht im Wege sein.« + +»Macht mir nichts aus, Herr Smiders. War jahrelang in Buenos Aires mit +meinen Freunden stets einig, wenn's eine kleine Sache gab. Denke, es +wird hier in Deutschland auch so sein.« + +Hätte er den Blick gesehen, der in Smiders' dunklen Augen aufflammte, +so würde er wohl eine andere Meinung gehabt haben. Es lag darin so +viel Hohn und Gehässigkeit, wie sie nur das Innere des jungen Reeders +erfüllte. + +Nun ging es auf treppauf und treppab bis in die untersten +Schiffsräume, und überall ließ der vorsichtige Hamburger seine Blicke +hinschweifen. In aller Ruhe sah er sich um, nichts blieb seinem +scharfen Auge verborgen. + +»Sehr gutes Schiff, Herr Smiders, sehr gutes Schiff,« wiederholte er +alsdann, »wenn die anderen ebenso sind, bin ich bereit, den Vertrag +mit Ihnen einzugehen.« + +Smiders streckte ihm sofort seine Hand entgegen: + +»Topp! Sie schlagen also ein?« + +»Noch nicht!« bewahrte der Hamburger eine gewisse Zurückhaltung, »es +wäre verfrüht. Ich lasse mich nie vom Augenblick überrumpeln. Eine +gute Portion Überlegung ist im Geschäftsleben alles. Dann handle ich +aber rasch.« + +Alfred Smiders zog seine Hand ärgerlich zurück, als er die gemessene +Miene des Hamburgers sah, der in diesem Augenblick zu einem +Weitergehen nicht geneigt schien. Sie stiegen jetzt die Schiffstreppe +wieder hinauf und wollten ans Land gehen, um in dem nahegelegenen +Hotel ›Drei Kronen‹ ein bestelltes Essen einzunehmen. Smiders hatte +wohlweislich alles vorbereitet. + +Plötzlich erscholl der dumpfe Ton einer Dampfpfeife über die weite +Eisfläche des Haffes hinweg. + +»Holla, Kapitän! Was gibt's?« rief der Reeder diesem zu. + +»Die Eisbrecher kommen herein, Herr Smiders,« tönte es zurück. »Der +›Fritjof‹ ist voran und schleppt den ›Odin‹ an der Stahltrosse.« + +»Dann muß dem ›Odin‹ etwas passiert sein,« meinte Smiders. »Er hat +doch die stärksten Maschinen.« + +Anstatt, daß sich die Herren direkt aufs Bollwerk begaben, stiegen +sie zur Kommandobrücke hinauf und wollten warten, bis die Eisbrecher +landen würden. Das Eis krachte und barst in langen Spalten vor der +Gewalt, mit der der ›Fritjof‹ vorwärtsdrang. Es dauerte nicht lange, +so waren die Dampfer mit dem ›Triton‹ in gleicher Höhe, doch ließen +sich die Gestalten auf Deck nicht genau erkennen. + +»Der ›Odin‹ schwankt wie eine lahme Ente! Er ist nicht unter Dampf, +und der›Fritjof‹ bugsiert ihn zur Anlegestelle,« rief Smiders. »Wir +sehen es besser vom Lande aus.« + +Er schritt, gefolgt von dem Hamburger, zum Bollwerk hinüber und ging +auf diesem entlang. Es dauerte noch einige Zeit, bis der ›Fritjof‹ den +›Odin‹ herangebracht hatte und die Stahltrosse löste. Allem Anschein +nach wollte er sofort die Rückkehr nach Stettin antreten. + +Zwei Herren und zwei Damen kamen über die Schiffsbrücke, die der +›Odin‹ auswarf, ans Land. + +Alfred Smiders schaute genauer hin, aber die Sonne blendete ihn. Er +hielt deshalb die Hand über die Augen und sagte halblaut: + +»Den Teufel auch! Wenn ich recht sehe, ist es Konsul Martens, Wolf +und Herta Plüddekamp und noch eine Dame, die ich nicht kenne. Eine +vorzügliche Gelegenheit für mich, anzuschwirren!« Er entschuldigte +sich rasch bei Kneis und eilte voran, um die Ankommenden zu +begrüßen. »Direkt von Stettin, Herr Konsul?« rief er ihm schon von +weitem zu. »Nette Spazierfahrt! Wie? Hat der ›Odin‹ Pech gehabt?« +Als sie zusammentrafen, schüttelte er den beiden Herren die Hand +und verbeugte sich, seinen Hut tief ziehend, vor den Damen. Er +blickte erstaunt auf Ilse. Dann sagte er zu Herta: »Wollen Sie mich +vorstellen, Fräulein Plüddekamp?« + +»Herr Smiders, von Smiders & Sohn -- Fräulein Hergenbach aus +Nordhausen,« erledigte diese den Wunsch des Reeders. + +Abermals lüftete Smiders seinen Hut, und als sich Ilse leicht +verneigte, begegneten sich ihre Blicke. Die dunklen Augen Smiders' +ruhten mit einem prüfenden Ausdruck auf den Gesichtszügen des jungen +Mädchens. Er warf dann einige nebensächliche Fragen hin, wie die Damen +die Fahrt überstanden hätten, und hörte von Konsul Martens, welches +Mißgeschick ihnen am verflossenen Tage mitten auf dem Haff begegnete. + +»In Gesellschaft so reizender Damen, -- riesig nett,« meinte er mit +einem vielsagenden Blick zu Wolf hinüber. »Da aber die Dampfheizung +nicht in Ordnung war -- zum mindesten unangenehm kalt.« + +»Es war noch ein Glück, daß der amerikanische Dampfer die Vorsicht +brauchte, den ›Fritjof‹ vorauszuschicken. Rückte er selbst uns aufs +Fell, so war die Durchfahrt versperrt und wir lägen noch im Eise,« +flocht Konsul Martens ein. + +»Wenn wir nur erst wüßten, was aus Jürgen geworden ist,« sagte Herta +mit besorgter Miene. »Sie waren wohl schon im Hotel, Herr Smiders! +Haben Sie vielleicht dort etwas gehört?« + +»Keinen Ton, Fräulein Plüddekamp,« erwiderte dieser. + +Wolf erzählte darauf, wie Jürgen am Morgen in dem tollsten +Schneetreiben über Bord aufs Eis gesprungen sei, um nach dem Ufer +vorzudringen. + +»Na -- ein solcher Bär! -- Verzeihen Sie den Ausdruck, Fräulein +Plüddekamp,« unterbrach sich Smiders. »Ihr Herr Bruder hat aber +wirklich eine Bärennatur und sitzt jedenfalls in einem Dorfgasthause +beim Glase Grog. Wir können ja von den ›Drei Kronen‹ aus -- Sie gehen +doch gewiß mit dorthin -- nach allen Richtungen telephonieren.« -- + +Der Ofen in dem großen Speisezimmer der ›Drei Kronen‹ strahlte eine +gemütliche Wärme aus. Man legte Pelze und Mäntel ab und freute +sich, wieder in einem behaglichen Raume zu sein. Der Überseer, der +vorausgegangen war, wurde von Smiders vorgestellt. Er befand sich +alsbald in regem Gespräch mit Konsul Martens, der die Gelegenheit +benutzte, den Großkapitalisten näher kennen zu lernen. + +»Sie sind überzeugt, Herr Konsul, daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur +Frühjahrszeit rechtzeitig ausläuft?« + +Wolf, der etwas entfernter stand, horchte bei diesen Worten auf. Es +war naheliegend, daß ihn das Gespräch interessierte. + +»Ich werde den Dampfer besichtigen,« fuhr Herr Kneis fort, »es liegt +mir außerdem viel daran, zu erfahren, ob sich die älteren Dampfer der +Reederei in gleicher Weise umbauen lassen.« + +»Selbstverständlich,« fiel Smiders jetzt ein. »Sie eignen sich ebenso +gut dazu wie der ›Friedrich Barbarossa‹. Herr Konsul Martens kennt +ja unsere Dampfer. Er wird es Ihnen sicher bestätigen.« Dabei sah er +Martens scharf an. + +Dieser war vor eine sehr peinliche Frage gestellt. Natürlich lag es in +seinem Interesse, dem Geldmann gegenüber die Reederei Smiders & Sohn +so hoch als möglich zu bewerten. Auf der anderen Seite kannte er das +Alter der laufenden Schiffe und mußte daraus folgern, daß ein Umbau +weggeworfenes Geld bedeuten würde. Er zögerte deshalb mit der Antwort, +während ihn der Überseer anscheinend gleichgültig ansah. + +Aus den kleinen, scharfen Augen des Herrn Kneis sprach bei aller Ruhe +eine hohe Intelligenz, und er schloß aus dem Zögern des Konsuls sofort +auf dessen zurückgehaltene Ansicht. + +»Ich glaube wohl, Herr Kneis,« antwortete Martens jetzt, »aber +bedenken Sie dabei, daß ich Bankier und nicht Schiffsbauer bin.« + +Smiders war von der Antwort des Konsuls Martens wenig befriedigt; er +hatte sie bestimmter erhofft und fiel darum ein: + +»Wir werden morgen den ›Friedrich Barbarossa‹ anlaufen, Herr Kneis. +Sie treffen dort seinen Kapitän an. Dieser hat bereits zwei meiner +anderen Dampfer gefahren und ist ein anerkannter Fachmann.« + +»Es scheint Smiders auf den Nägeln zu brennen,« dachte Wolf bei sich. +»Ich werde den Weg nach der ›Grünen Schanze‹ bald wieder einschlagen +müssen, um auf dem Laufenden zu bleiben.« + +Der Oberkellner kam und forderte die beiden Herren auf, an dem +bestellten Tisch Platz zu nehmen. Martens hatte für seine Gäste an der +großen Tafel, die mitten im Speisezimmer stand, eine genügende Anzahl +Gedecke auflegen lassen. Die Speisen wurden gebracht. + +Ilse Hergenbach saß in schräger Richtung von Smiders und bemerkte +sehr bald, wie sie von ihm anhaltend beobachtet wurde. Sie wollte +nicht hinübersehen. Trotzdem trat aber das Verlangen in ihr auf, die +siegreiche Kraft ihres Blickes zu erproben. + +Sie hatte keine besondere Absicht dabei. Es war nur ein leichtes +Spiel, das ihr Unterhaltung bieten sollte. Was aber alsdann vorging, +wußte sie selbst kaum. Nicht ihr Blick siegte, sondern der, der sie +jetzt traf. Sie erzitterte darunter, und rasch senkten sich ihre +Lider. -- Dabei zwang sie eine unerklärliche Kraft, noch einmal +hinüberzuschauen. Es wiederholte sich der gleiche Vorgang. + +Smiders trat kurze Zeit darauf, ein volles Weinglas in der Hand +haltend, an die große Tafel heran. Er trank auf das angenehme +Zusammentreffen in Swinemünde. Sich zu Ilse wendend, sagte er +leichthin: + +»Ich muß Sie schon einmal gesehen haben. Helfen Sie meiner Erinnerung +nach, Fräulein Hergenbach!« + +Er wollte nur, daß sie die Augen zu ihm aufschlug. Sie tat es aber +nicht und gab kurz zur Antwort: + +»Ich wüßte nicht, Herr Smiders!« + +»Doch, doch, mein Fräulein,« wiederholte er. »Hoffentlich habe ich +bald Gelegenheit, mit Ihnen darüber weiter plaudern zu können.« + +Wolf, der vor einiger Zeit ans Telephon gegangen war, kam jetzt +zurück. Seine Züge verrieten großen Ernst. + +»Jürgen ist noch nirgends aufgetaucht, weder in den Ortschaften an +der linken Haffseite, noch zu Hause. Ich habe Armin beauftragt, +unausgesetzt nachzuforschen.« + +Herta legte sofort Messer und Gabel beiseite. + +»Um Gottes willen, Wolf,« sagte sie, »wenn Jürgen ein Unglück +zugestoßen wäre! Wie schrecklich! Ich mag es nicht ausdenken.« + +»Aber verehrte Freundin,« fiel Martens ein, »unserem Riesen Jürgen +geschieht so leicht nichts. Er wird sich in irgendeinem kleinen Dorf +aufhalten und kein Telephon zur Verfügung haben. -- Mein Gott, wie +bleich Sie plötzlich aussehen, Fräulein Hergenbach,« fuhr er, zu +dieser gewandt, fort. »Ist Ihnen etwas?« + +Ilse schüttelte mit dem Kopf, brachte aber kein Wort heraus. Es +schnürte ihr förmlich die Kehle zu. Wenn Jürgen in eine Fischwake +geraten und tot wäre! Sie malte sich in diesem Augenblick das +Entsetzlichste aus. Eine fieberhafte Unruhe bemächtigte sich ihrer. Es +drängte sie, überall selbst nachzufragen. Nur nicht die Ungewißheit +länger ertragen, was mit ihm geschehen sein konnte. Sie kam zu einem +Entschluß. + +»Tante Herta, der Anruf von Stettin kann jeden Augenblick erfolgen! +Dein Bruder hat noch nicht gegessen. Ich gehe ans Telephon!« Sie +sprang auf und eilte hinaus, ohne eine Antwort von Fräulein Plüddekamp +abzuwarten. + +Konsul Martens sah ihr erstaunt nach, während Wolf eine hastige +Bewegung machte, als ob er ihr folgen wollte. + +»Es ist höchst unnötig, daß sich Fräulein Ilse in dem kalten +Telephonraum aufhält,« stieß er dann ärgerlich aus. »Sowie der Anruf +kommt, holt mich doch der Kellner.« + +Konsul Martens lächelte fein. + +»Fräulein Hergenbach tritt in letzter Zeit viel selbständiger auf,« +sagte er zu dem Geschwisterpaar. »Es scheint, als ob ihr Charakter ein +ganz anderer ist, als sie anfangs zeigte.« + +»Sie hat bald mehr Interesse für Jürgen, als wir selbst,« murmelte +Wolf vor sich hin. Der Braten, den er sich bestellt hatte, war durch +seine Abwesenheit kalt geworden und schmeckte ihm nicht mehr. Er stand +plötzlich auf, in der Absicht, Ilse Gesellschaft zu leisten. + +»Bleib, Wölfchen,« sagte Herta, »es hat doch wirklich keinen Zweck, +wenn ihr zu zweit dort draußen aufpaßt. Laß Ilse ihren Willen und +unterhalte dich lieber mit uns.« + +»Hast wohl noch keine Nachricht von deinem Bruder, Wolf?« rief Smiders +auf einmal herüber. + +»Nein!« klang es zurück. »Unser Prokurist telephoniert überallhin.« + +»Ich will meinem Büro auch den Auftrag geben,« bemerkte Smiders darauf +und erhob sich lässig. »Entschuldigen Sie, Herr Kneis, ich komme +sofort wieder.« + +Wolf trat ihm aber in den Weg und sagte: »Laß dies, bitte! Es hat +wirklich keinen Zweck, wenn du deine Leute noch bemühst. Unser +Prokurist traf bereits die umfassendsten Maßnahmen.« + +»Aber es geht doch schneller, wenn von zwei Seiten angefragt wird,« +wehrte Smiders ihn ruhig ab und schritt weiter der Tür zu. + +In Wolfs Gesicht kämpfte jetzt Ärger und Unwille. Er kannte die +Zudringlichkeit von Smiders und wollte nicht dulden, daß dieser mit +Ilse allein war. + +Konsul Martens sah der kleinen Szene interessiert zu. + +»Merkwürdig,« sagte er, sich zu Herta wendend, »das Telephon muß heute +eine besondere Anziehungskraft haben. Jetzt wollen sie sich schon +zu dritt dort aufhalten. Unser braver Jürgen wird sich sicher bald +melden, denn er steht gewiß mehr Sorge um uns aus, als wir seinetwegen +zu haben brauchen.« + +Diese Worte sollten sich bewahrheiten, noch ehe die beiden Herren das +Speisezimmer verlassen hatten, öffnete sich die Tür, und Ilse kam mit +freudestrahlender Miene herein. Sie rief schon von weitem: + +»Welch ein Glück, Tante Herta! Dein Bruder ist wieder zu Hause! Ich +habe soeben mit ihm selbst telephonisch gesprochen.« Ihr ganzes Wesen +atmete eine Leidenschaftlichkeit aus, die allen auffallen mußte. Sie +schien wie von einem Rausch erfaßt zu sein. + +»Erzähle nur ruhig, Ilse, wie es ihm ergangen ist,« erwiderte Herta. + +Diese nahm sich sofort zusammen. »Dein Bruder hat unterwegs ein paar +Fischer angetroffen und sich nach Stepenitz bringen lassen. Von dort +ist er mit dem nächsten Zuge direkt nach Stettin gefahren, weil er +hörte, daß der Amerikadampfer nicht ausgelaufen wäre.« + +Wolf und Smiders traten ebenfalls an den Tisch heran, als Ilse weiter +fortfuhr: + +»Herr Plüddekamp fragte mich sofort über alles aus, und ich habe kurz +berichtet, daß uns der ›Fritjof‹ hierherschleppte. Wir werden mit dem +Abendzug von ihm erwartet.« + +»Ich bin recht froh,« sagte Herta in herzlichem Tone, »daß wir nun +beruhigt sein können!« + +»Du glaubst nicht, Tante Herta, wie mir zumute wurde, als ich deines +Bruders Stimme durch das Telephon vernahm. Er war doch wieder da und +ihm nichts zugestoßen.« + +Sie brachte diese Worte mit einer solchen Wärme des Ausdrucks hervor, +daß Konsul Martens leicht den Kopf schüttelte und vor sich hinsprach: + +»Sonderbar, ich hätte doch gedacht --! Aber man lernt im Leben nie +aus.« -- + +Während der gemeinsamen Fahrt nach Stettin sagte Smiders zu Wolf: + +»Hätte nicht geglaubt, daß ich in Swinemünde so famose Stunden +verleben würde. Gefällt mir riesig, mit euch zusammen zu sein. Du hast +doch nichts dagegen, wenn ich euch in den nächsten Tagen meinen Besuch +mache?« + +Wolf hatte schon auf der Zunge, zu antworten: »Es ist mir viel +angenehmer, wenn du wegbleibst,« war aber gezwungen, ihm gerade das +Gegenteil auszudrücken. + +Als der Zug in den Bahnhof einlief, stand die mächtige Gestalt Jürgens +auf dem Perron. Er erwartete seine Geschwister. Herta stieg zuerst +aus; er schloß sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn. Hierin +lag der Ausdruck einer hohen Freude, sie wieder glücklich bei sich +zu haben. Wolf und Martens schüttelte er derb die Hand. Dann stand +plötzlich Ilse vor ihm, und er mußte ihr ebenfalls ein paar Worte +sagen. Ihre Blicke strahlten ihm derartig entgegen, daß er davon +peinlich berührt wurde. + +»Ich sandte Ihnen einen Wunsch nach, als Sie den gefahrvollen Weg +über das Eis antraten, Herr Plüddekamp,« sagte sie mit ihrer tiefen +Altstimme, »und er ist mir in Erfüllung gegangen.« + +Jürgen wurde seiner Antwort enthoben, da Martens, Smiders und der +lange Hamburger dazwischen kamen. + + + + + XIII. + + +Die Unruhe kehrte im Plüddekampschen Hause ein. Nach einer kurzen +Nachtmahlzeit waren die Geschwister und Ilse auf ihre Zimmer gegangen. +Wolf lief in dem seinen aufgeregt hin und her. + +Er verstand Ilses Verhalten nicht. Es war kein leichter Flirt, den +sie trieb, oder ein unbewußter Drang erwachender Leidenschaft. +Einen Augenblick hindurch fühlte er Liebe und Hingebung bei ihr, +blitzschnell ging es vorüber. Martens lächelte sie verheißungsvoll an, +dem fatalen Smiders schenkte sie Aufmerksamkeit, und Jürgen -- sie +sorgte sich um ihn, als ob er ihr nahestände. Sie fesselte jeden, der +ihr in den Weg trat, und wehrte dann durch plötzliche Stummheit von +sich ab. Was ging in ihr vor? Hatte sie überhaupt kein Herz -- die +Hexe Ilse? Eine wirkliche Hexennatur will niemand beglücken, -- es +gelüstet sie nach Vernichtung, wie Herta sagte. + +Die Gedanken marterten ihn. Er versuchte zu schlafen und fand keinen +Schlaf. + +Sollte er sie zu seiner Frau machen? Wie kam es, daß er erst jetzt +daran dachte! Jürgen und Herta würden sich dagegen stellen. Aber Ilse, +-- bei einem solchen Entschluß mußte sie ihm Rede stehen. -- -- + +Ilses Zimmer lag im zweiten Stockwerk. Sie war langsam die Treppe +hinaufgestiegen und hatte sich flüchtig umgesehen, da die zwei Brüder +noch einen Augenblick auf dem Korridor stehen blieben. Jürgen, der +große, kräftige Mann, -- daneben die schlanke, biegsame Gestalt des +jüngeren Wolf, -- beide konnten wohl einem jungen Mädchen gefallen. + +In ihrem Zimmer angekommen, entkleidete sie sich langsam, und ihr +Blick streifte dabei ein paarmal den hohen Pfeilerspiegel. Ein +bleiches Gesicht sah ihr entgegen, aus dem die Augen mit stark +leidenschaftlichem Ausdruck hervortraten. -- War sie das selbst +-- Ilse Hergenbach? Sie mußte es wohl sein! Und doch kam ihr das +Spiegelbild vollständig fremd vor. Hatte sie sich so verändert? Das +Blut rollte ihr heiß durch die Adern -- in ihrem ganzen Wesen ging +eine seltsame Wandlung vor. -- Sie wollte die Arme ausbreiten, um +ein Schemen an sich zu ziehen. Ihr ganzer Körper dehnte und streckte +sich, und sie empfand ein Verlangen, über das sie sich selbst keine +Rechenschaft geben mochte. Wolfs Neigung erwiderte sie nicht. Sie +fühlte, daß die von Jürgen ausströmende Kraft ihr Fühlen immer stärker +beherrschte. Wie lange hatte sie das Leidenschaftliche ihres Wesen +schon zurückdämmen müssen! Würde es jetzt jede Schranke hinwegreißen? + +»Jürgen! Jürgen!« stieß sie laut aus. + +Was konnte sie ihm sein? Würde er sie verstehen? Ein Mann, der für +die Liebe zur Frau keine Zeit fand, mußte doch beglückt sein, wenn +sie sich ihm rückhaltslos darbot. Aber -- kannte sie sich selbst? +Jener Augenblick in Swinemünde trat plötzlich mit erschreckender +Deutlichkeit vor sie hin. Sie zuckte darunter wie unter einem +Peitschenhiebe zusammen. Ein heißer Blick -- ein überlegenes Lächeln +tauchte vor ihr auf. Wer war dieser Mann, der es wagte, ihr so zu +begegnen? Das Blut floß ihr wild durch die Adern, es prickelte in +allen Nerven ihres Körpers. Sie mußte daran denken, ob sie es auch von +sich abschütteln wollte. + +»Jürgen! Jürgen!« stöhnte sie leidenschaftlich auf. + +Welche widerstreitenden Gefühle regen sich im Menschen! Was ist Liebe? +Was ist Leidenschaft? Wie wirr geht beides durcheinander, und keins +vermag die Oberhand zu erringen! + +Es dauerte eine geraume Zeit, ehe das Licht in Ilses Zimmer erlosch. +Über dem alten Kaufherrnhause ging in der klaren Winternacht der +Mond mit hellem Schimmer auf. Sein milder Schein glitzerte auf den +Fensterscheiben, er drang aber nicht durch die dichten Vorhänge, um +ruhelose Seelen friedvoll zu stimmen. -- -- -- + +In den Straßen der Stadt war durch den starken Schneefall eine gute +Schlittenbahn entstanden. Die in der Wintersonne aufleuchtende weiße +Decke warf ihren Glanz in die Kontorstube, in der jetzt Jürgen und +Wolf die Lagerbücher einer Prüfung unterzogen. + +»Es fehlen noch eine Anzahl Lieferungen,« bemerkte der erstere, +»sobald das Eis taut und die Schiffahrt beginnt, müssen wir für den +Export gerüstet sein.« + +»Wie steht es mit Oberamtmann Wichers?« fragte alsdann Wolf. »Er +wollte doch über zehntausend Zentner mehr liefern.« + +Jürgen nahm das Haustelephon zur Hand, drückte auf den Knopf und +sprach zum Prokuristen Armin hinüber. + +»Wieviel Zentner Roggen haben wir aus Wershagen herein? Hm, hm,« +machte er gedehnt. »Es hat in der letzten Zeit gestockt,« wandte er +sich an seinen Bruder. »Armin gibt an, daß erst die ungefähre Hälfte +gesandt ist.« Er legte das Hörrohr wieder fort. »Du wirst nachhelfen +müssen, Wolf, -- bist auch recht lange nicht in Wershagen gewesen.« + +»Wie soll ich jetzt hinauskommen, Jürgen?« erwiderte dieser. »Zum +Reiten ist es mir zu kalt. Auch liegt der Schnee sehr hoch.« + +»Bist du auf einmal schwerfällig!« meinte Jürgen. »Es ist doch die +schönste Schlittenbahn von der Welt! Du wirst warm eingepackt und +landest in zwei bis zweieinhalb Stunden in Wershagen.« + +Wolf zog ein gelangweiltes Gesicht. »Eine endlose Fahrt, Jürgen! In +Gesellschaft lasse ich sie mir gefallen, aber stundenlang allein im +Schlitten zu sitzen, kannst du mir wirklich nicht zumuten.« + +»Du hast es doch früher getan!« entgegnete Jürgen erstaunt. »Ich +wundere mich überhaupt, daß du nicht mehr nach Wershagen hinausfährst. +Was soll Oberamtmann Wichers von uns denken? Dir fiel es immer zu, den +gesellschaftlichen Verkehr aufrechtzuerhalten.« + +»Fahr du doch hinaus, Jürgen!« + +»Ich bin hier nicht abkömmlich! Dann machst du auch deine Sache in +Wershagen besser als ich.« + +»Ich will aber in Lieschen Wichers keine Hoffnung erwecken,« brummte +der junge Mann, »was soll schließlich daraus werden?« + +»Soooo,« dehnte Jürgen das Wort aus, »Mieze Thadden siegt also im +Rennen --« + +»Ich denke nicht daran, Jürgen!« sagte Wolf. + +»Holla, mein Junge! Was ist auf einmal mit dir los? Du pendelst doch +schon lange zwischen den beiden hin und her.« + +»Ich höre damit auf, Jürgen!« + +»Du bist heute recht ungemütlich, Wolf,« lachte Jürgen auf. »Das kommt +von deinem Junggesellentum. Du darfst es mir nicht nachmachen. Es wird +Zeit, daß du dich entscheidest. Haus Plüddekamp braucht einen Erben. +Das ist doch klar!« + +»Gewiß, Jürgen! Aber ich habe keine Lust, mir eine Frau zu nehmen, die +nicht zu mir paßt. Vielleicht stellt sich über Nacht ein guter Gedanke +ein, dann bin ich sofort dabei.« + +»Vorsicht, Wölfchen! Doppelte Vorsicht! Ein kluger Geschäftsmann wägt +erst und dann wagt er. Hast du es getan?« + +»Ich denke noch nicht daran,« brachte Wolf unwillig hervor. »Warum +fragst du mich so aus? Du willst mir meine Freiheit lassen und legst +jetzt Daumenschrauben an.« + +»Kalt Blut,« sagte Jürgen begütigend, »es ist nicht so einfach damit. +Die Herrin für Haus Plüddekamp muß vollwertig sein, sonst gibt Herta +das Zepter nicht ab. Schaffe uns keine schwierige Lage. Von vornherein +soll volle Klarheit herrschen.« + +»Du bist ein schrecklicher Mentor, Jürgen, und wirst es noch dahin +bringen, daß ich aus dem alten Nest flügge werde.« + +»Auf keinen Fall, Wolf!« + +»Wieso, Jürgen? Du und Herta seid hier genug! Du versorgst +vortrefflich das Geschäft, Herta ebenso das Haus. Außerdem hast du +noch Armin zur Seite. Wenn ich die Zinsen von meinem Vermögen nehme, +kann ich überall bequem auskommen. Ich halte es Herta gegenüber für +ausgeschlossen, bei einer Verheiratung hier zu bleiben.« + +»Junge! Wolf! Das geht ja über die Hutschnur und Pappelbäume! Du, mein +Bruder, ein Plüddekamp, und aus dem Plüddekampschen Hause fort -- das +leide ich einfach nicht! -- Deine Söhne brauchen mich doch! Ich muß +sie zu tüchtigen Kaufleuten erziehen, die unserer Firma einst Ehre +machen!« + +»Du bist wirklich großartig, Jürgen! Deine Sorge um mich -- in allen +Ehren. Daß du aber schon so weit gehst, meine Söhne, die noch gar +nicht auf der Welt sind, unter deine Fuchtel nehmen zu wollen --« + +»Na, ja,« unterbrach ihn Jürgen lachend, »hör nur auf! Ich will dir +wirklich dein Recht nicht rauben, Wölfchen! -- Jetzt bestelle ich den +Schlitten, damit du noch zur Tischzeit in Wershagen eintriffst.« + +»Nein!« Wolf hatte es kurz ausgestoßen. »Ich kann heute nicht. Ich +habe auch keine Laune dazu.« + +»Ja, zum Teufel, was ist eigentlich mit dir los!« wurde Jürgen +aufgebracht. + +»Vorläufig noch gar nichts, aber es kann noch werden.« + +»Du sprichst in Rätseln, Wolf.« + +»Die Lösung sollst du bald erfahren!« + +Jürgen ahnte bereits, wohin dies zielte. Er wollte aber nicht +gewaltsam auf seinen Bruder einwirken und überlegte einen Augenblick, +wie er die Angelegenheit mit Wershagen am besten regeln konnte. + +Inzwischen ertönte auf der Straße helles Schellengeläut. Ein großer +Jagdschlitten mit prächtigen Rappen, die von der schnellen Fahrt +dampften, hielt vor dem Toreingang. + +»Das klappt geradezu wunderbar!« rief Jürgen aus. »Sieh nur hinaus, +Wölfchen! Die Wershagener sind da! Was für ein rosiges Gesicht dort +aus der Pelzkappe hervorschaut und neugierig zu unseren Fenstern +herüberlugt, ob nicht ein gewisser junger Herr zugegen ist! Erkennst +du Lieschen Wichers nicht?« + +»Ja, ich sehe wohl,« murrte Wolf, »nun haben wir sie auf dem Halse.« + +»Das war kein schönes Wort von dir, Wolf! Wichers sind prächtige +Menschen, und ich freue mich, wenn sie zu uns kommen. Ein Beweis, na +-- ich schweige --« + +Er griff hastig nach seiner blauen Mütze und eilte zum Toreingang, +um den Oberamtmann und seine Tochter zu begrüßen. Ehe er an den +Schlitten trat, drückte er auf den Kopf der elektrischen Leitung, +die nach dem Stall führte. Die Pferde vor dem Wershagener Schlitten +sollten ausgespannt werden. + +Oberamtmann Wichers war ein untersetzter rundlicher Herr mit roten +Backen und einem starken blonden Vollbart. Er stieg aus dem Schlitten +und reichte seinem Kutscher die Zügel hin. Dann half er seinem +Töchterchen, die dem großen Pelzfußsack entrinnen wollte. Er wurde +dabei sofort von Jürgen unterstützt, nachdem sie sich mit biederem +Handschlag begrüßt hatten. + +»Muß doch selbst einmal hersehen, lieber Herr Plüddekamp,« meinte der +Oberamtmann. »Wir haben Ihren Herrn Bruder fast täglich erwartet. Er +ist hoffentlich nicht krank! Mein Lieschen verlangt nach ihrem Partner +im Klavierspiel. Ich habe sie darum gleich mitgebracht.« + +Lieschen Wichers, die in dem gesunden, frischen Aussehen ganz ihrem +Vater glich, legte jetzt ihre kleine Hand in die mächtige Rechte +Jürgens hinein. + +»Guten Tag, Herr Plüddekamp! Ich will wirklich nicht stören und habe +vieles in der Stadt zu besorgen. Der Schlitten soll mich weiterfahren. +Vater hat ja mit Ihnen geschäftlich zu sprechen.« + +»I wo,« sagte Wichers, »du wolltest doch --« + +»Aber Papa! Das war nur so nebenbei --« + +Jürgen lächelte verständnisvoll. Er sah dem kleinen Landfräulein +ganz deutlich an, daß ihr Herz nach dem hübschen Wolf Sehnsucht +empfand. Dieser war inzwischen langsam nachgekommen. Er schüttelte dem +Oberamtmann kräftig die Hand und begrüßte dann Lieschen Wichers, die +ihn mit ihren blauen Augen freundlich anlächelte. + +»Wenn der Prophet nicht zum Berge kommt, muß der Berg wohl zum +Propheten kommen,« meinte der Oberamtmann mit wohlgefälligem Lachen, +»da sind wir nun! Immer eine kleine Weltreise nach Stettin herein, +aber bei der prächtigen Schlittenfahrt ganz wunderbar. Sie hätten nur +sehen sollen, wie meine Rappen auf der Landstraße dahinstoben! Solche +glatte Bahn gab es lange nicht.« + +»Wir wollen aber nicht in der Kälte stehen bleiben!« sagte Jürgen. +»Wolf, du begleitest wohl Fräulein Wichers zu Herta. -- Lieber +Oberamtmann,« wandte er sich an diesen, »wir haben das Geschäftliche +mit zwei Worten abgemacht und setzen uns dann an den Frühstückstisch.« + +»Ist mir nur angenehm,« erwiderte Wichers. »Ich habe zwar heute +morgen tüchtig vorgelegt, aber nach der Fahrt bekomme ich immer einen +Mordshunger.« + +»Um so besser,« fiel Jürgen ein, »es geht nichts über eine gemütlich +lange Frühstückssitzung, die liebt jeder gute Pommer.« + +Die beiden Herren gingen in das Kontor, während Lieschen Wichers und +Wolf die große Treppe emporstiegen. Als dieser ihr dann behilflich +war, die äußeren warmen Hüllen abzunehmen, eilte Ilse sofort herbei. +Wolf stellte kurz vor: »Fräulein Ilse Hergenbach, die Tochter einer +Freundin Hertas -- Fräulein Lieschen Wichers aus Wershagen.« + +Die schlanke Figur Ilses überragte das junge Mädchen bedeutend. Sie +standen jetzt nebeneinander, und Wolfs Augen konnten über beide +prüfend hinweggleiten. Ein Blick sagte ihm, daß das einfache Äußere +von Lieschen Wichers niemals Ilse die Wage halten konnte. Was +verkörperte sich alles in diesem seltsamen Geschöpf! + +Herta, die jetzt gekommen war, drückte Lieschen freundlich die Hand +und zog sie mit sich in den kleinen Damensalon hinein. Ilse und Wolf +blieben einen Augenblick allein zurück. + +»Ilse,« flüsterte er, und ein Zittern lief dabei durch seinen Körper, +»seitdem ich dich im Arm gehalten, bin ich vollständig ruhelos. Ich +habe mich die Nacht zu einem Entschluß durchgerungen und ich muß dich +unbedingt sprechen.« + +Sie gab ihm keine Antwort darauf. + +»So rede doch!« wurde er aufgeregter. »In einem Augenblick sind wir +wieder mit den anderen zusammen.« + +Sie schwieg jedoch beharrlich, und als sein Auge leidenschaftlich +das ihre suchte, sah sie über ihn hinweg in das Dunkel des langen +Korridors hinein. + +»Ilse, du bringst mich noch zur Verzweiflung! Sprich endlich! Du hast +doch an meiner Brust gelegen! Dein Mund duldete meine Küsse, und nun +--« + +Sie trat schnell in das Speisezimmer. Wolf stampfte mit dem Fuße auf, +und ihr hastig nacheilend, flüsterte er im Vorbeigehen: »Es muß anders +werden, Ilse, sonst hast du mich auf dem Gewissen!« + +Lieschen Wichers schaute sich schon ein paarmal um, wo Wolf blieb. +Als er jetzt, kaum Herr seiner Erregung, in den Salon trat, sah sie +erstaunt zu ihm auf. Das war Wolf Plüddekamp nicht mehr, er schien ein +ganz anderer geworden zu sein. Seine Blicke irrten unruhig umher, als +er sie fragte: + +»Wie schaut es in Wershagen aus! Wohl alles verschneit?« + +»Ach -- reizend!« erwiderte sie. »Sie sollten es nur sehen, Herr +Plüddekamp! Auf den Dächern und Bäumen die großen Schneelasten, neben +den Fahrwegen hohe weiße Mauern, und auf dem Futterplatz die lieben +Tauben, Hühner und viele kleine, arme Wintervögel. Ich verschaffe +ihnen reichliches Futter. Papa muß es schon herausrücken.« + +Herta nickte ihr freundlich zu. + +»So ist es recht, Fräulein Wichers! Nur für die armen Tierchen sorgen, +wenn der Winter hart und kalt ist. Hier in der Stadt liest man immer +in den Zeitungen: Sorgt für die Vögel! Sorgt für die Zughunde! und +wie die schönen Aufrufe alle heißen. Ich bin im Tierschutzverein und +suche namentlich die kleinen Hundewagen auf, die Milch, Gemüse und +Kartoffeln von draußen hereinschaffen. Bauersleute und Händler haben +nicht immer ein warmes Herz für die armen Tiere.« + +Wolf nahm einen Platz, von dem aus er in das Speisezimmer sehen +konnte. Lieschen Wichers plauderte in ihrer harmlosen Weise weiter. +Er hörte es kaum. Seine Blicke bohrten sich förmlich in das andere +Zimmer, ob sich Ilse nicht zeigen würde. Er bemerkte dann, wie sie mit +den großen grauen Augen vorsichtig herüberlugte. Sie suchte ihn nicht, +sie sah Lieschen Wichers an. War dies Neugierde, oder war es mehr? +Zeigte sie Eifersucht -- dann stand ja alles gut für ihn. + + + + + XIV. + + +Rittergut Wershagen war Jahrhunderte im Besitz einer alten adligen +Familie gewesen. Der letzte Herr von Wershagen verlor beide Söhne +kurz nacheinander, und er selbst wurde bei seinem hohen Alter +müde, den großen Gutsbetrieb weiter zu leiten. Ohne Nachkommen, +beschloß er endlich schweren Herzens, das Rittergut zu verkaufen. +Oberamtmann Wichers, der lange Jahre Domänenpächter gewesen war, +hatte Wershagen preiswert erstanden. Als hochbegabter Landwirt +brachte er den schönen Besitz zu außerordentlicher Ertragsfähigkeit. +Wershagen wurde ein Mustergut, das seiner Kornerträgnisse wegen in +den landwirtschaftlichen Jahrbüchern die größte Anerkennung fand. +Wichers hatte keinen Sohn, der Wershagen einst übernehmen konnte. Die +ganze Zärtlichkeit richtete sich deshalb auf seine Tochter Lieschen. +Mehrere Freier aus der Nachbarschaft pochten an, die das hübsche +Oberamtmannstöchterlein mit der Aussicht auf die wertvolle Besitzung +Wershagen gern heimführen wollten. Aber Lieschen Wichers schaute nur +nach einem aus, den ihr Herz ersehnte -- Wolf Plüddekamp. + +Schon im verflossenen Jahre hoffte sie, daß er um sie anhalten würde. +Er blieb aber stets gleichmäßig vertraulich, obwohl ihr Auge zuweilen +recht offen zu ihm sprach. Sie standen wie ein Paar gute Freunde +zueinander. + +Bei Lieschen Wichers ging in der letzten Zeit eine bedeutende +Veränderung vor sich. Durch die lange Abwesenheit von Wolf empfand sie +eine derartige Sehnsucht nach ihm, daß sie ihren Vater zu Plüddekamps +begleitete. Oberamtmann Wichers wußte recht gut, wie es mit seinem +Töchterchen bestellt war, und wollte sie gern glücklich sehen. -- + +Nach dem Frühstück im Plüddekampschen Hause machten sie noch einige +Besorgungen und fuhren dann heimwärts. Das kleine Landfräulein +verhielt sich an der Seite ihres Vaters recht einsilbig. + +»Was hast du nur, Mädel?« fragte der Oberamtmann. »Du sitzt da wie +eine verirrte Hoftaube.« + +»Mir ist nichts, Vater,« erwiderte sie ernst. + +»Du freutest dich doch so sehr auf die Fahrt, Lieschen!« + +»Gewiß, Vater! Es war aber alles anders, wie ich es mir dachte.« + +»Hm,« machte dieser und zog die Zügel der Rappen fester an, daß sie +in scharfen Trab fielen. »Es ist mir bei Plüddekamps aufgefallen, daß +sich Wolf völlig verändert hat. Er kommt mir hochgradig nervös vor. In +seinem Alter müssen die Nerven wie Schiffstaue sein. Mir scheint, daß +das Fräulein aus Nordhausen keinen guten Einfluß auf die Geschwister +ausübt.« + +»Ich denke es auch, Vater,« erwiderte Lieschen. »Es trat leider sehr +deutlich für mich hervor.« + +»Ja, ja,« knurrte der Alte vor sich hin, während der Schlitten auf der +glatten Bahn und bei der raschen Fahrt leicht zu schlenkern begann. + +»Du wolltest schon lange Plüddekamps zu uns einladen,« setzte Lieschen +das Gespräch nach einer Weile fort; »jetzt ist die beste Gelegenheit +dazu.« + +»Hast recht, Kind,« sagte der Oberamtmann. »Die Wildgänse und +Wildenten fallen seit Tagen scharenweise ein. Jürgen ist unser +bester Jäger. Wir bitten seine Geschwister, mit nach Wershagen +herauszukommen, und geben ein Jagdessen -- natürlich tipp-topp.« + +»Das ist reizend, Vater! Wie gern bin ich damit einverstanden! Unsere +Wildkammer ist noch reichlich gefüllt. Aber Fräulein Hergenbach ladest +du doch nicht mit ein?« + +»Kind!« Wichers wandte sich um und sah sie erstaunt an. »Es geht kaum +anders! Sie ist in der Familie Plüddekamp aufgenommen. Wir begingen +einen Verstoß, wenn wir sie bei der Einladung ausschließen würden.« + +Lieschen Wichers senkte den Kopf. + +»Sie gefällt mir aber ganz und gar nicht, Vater,« stieß sie plötzlich +aus. + +»Mir auch nicht,« brummte der Oberamtmann. »Hat ein Paar Augen im +Kopfe wie eine Katze, die auf Raub lüstern ist. Läßt sich aber nichts +dran ändern, Lieschen, muß mit in den Kauf genommen werden.« + + * * * * * + +Die Schlittenbahn blieb gut. An Plüddekamps ging eine Einladung zur +Jagd mit anschließendem Jagddiner in Wershagen sofort ab. Der Tag kam +heran. + +Lieschen Wichers hatte ein pelzbesetztes grünes Jagdkostüm angelegt, +das sie allerliebst kleidete. Herta gab ihrem jüngeren Bruder einen +leichten Rippenstoß. + +»Wölfchen,« flüsterte sie, »sieh einmal Lieschen an! Was ist sie doch +für ein prächtiges, frisches Mädchen.« + +Wolf ließ den Blick flüchtig über sie hinweggleiten. + +»Ja, ja,« erwiderte er eintönig. Gleichzeitig schaute er schon nach +Ilse aus, die soeben zu Lieschen Wichers trat und sich bei ihrer +großen, schlanken Figur leicht vornüberneigte, um mit ihr zu sprechen. + +Nach einem kurzen Imbiß wurden die Schlittensitze eingeteilt. Es ging +nach den Seen hinaus, auf denen die wilden Gänse in großer Anzahl +einfielen. Oberamtmann Wichers trug für seine Frühjahrssaat Sorge. Es +sollte deshalb unter den Eindringlingen tüchtig aufgeräumt werden. + +Eine ganze Reihe tadellos bespannter Schlitten hielt vor dem +Wohnhause. Die Gäste stiegen ein. Voran fuhr Oberamtmann Wichers mit +Herta Plüddekamp, dann folgte Jürgen mit Ilse Hergenbach und Wolf +mit Lieschen Wichers. Ein leerer Schlitten für die bereits draußen +befindlichen Jäger beschloß den Zug. + +Wolfs Schlitten wurde von ein paar flotten, jungen Pferden gezogen, +die das schönste Schellengeläute trugen. Nun ging es hinaus in die +prächtige Winterlandschaft nach den zusammenhängenden kleinen Seen. +Förster und Inspektor von Wershagen sollten dort die Jagdgäste +empfangen und ihnen den besten Stand anweisen. + +Lieschen Wichers plauderte munter drauflos. Wolf hatte vorläufig +genügend mit seinem jungen Gespann zu schaffen. Die beiden +Lichtbraunen tänzelten vor dem Schlitten hin und her und waren nicht +gewillt, in der Reihe zu bleiben. Ihrem Lenker, der sehr viel Sinn +für allen Sport besaß, machte dies viel Vergnügen. + +»Ein Paar tolle Racker,« sagte er zu Lieschen Wichers. »Ihr Papa +scheint ein großes Vertrauen in meine Fahrkunst zu setzen.« + +»Gewiß,« erwiderte Lieschen Wichers stolz, »sonst hätte er Ihnen nicht +die beiden jüngsten und besten Pferde aus dem Stall gegeben.« + +»Alle Hochachtung über die mir zugedachte Ehre, Fräulein Wichers! Sie +kommen aber schlecht dabei weg.« + +»Wieso?« fragte Lieschen erstaunt. + +»Ich muß auf die Pferde aufpassen und kann mich nicht Ihnen widmen, +wie ich es möchte.« + +»O, dann lassen Sie mich fahren! Sie wissen doch, ich bin ein +geschulter Kutscher. Papa hat mir von klein auf die Fahrleine in die +Hand gegeben.« + +Wolf mußte sie lachend abwehren, da sie bereits Anstalten traf, um +seinen Platz einzunehmen. + +»Ich darf doch die Zügel nicht aus der Hand geben! Was würden die +anderen dazu sagen,« meinte er scheinbar vorwurfsvoll. »Es kommt dem +Manne zu --« + +»Zuweilen ist es ganz angebracht, Herr Plüddekamp, wenn die Frau den +Mann ablöst,« fiel sie ein, und in ihren blauen Augen glänzte es wie +klarer Wintersonnenschein. + +Wolfs Schlitten war dicht an den seines Bruders herangekommen. Die +Pferde begannen zu galoppieren und wollten vorbei. + +»Kein Rennfahren, Wolf!« ließ Jürgen seine starke Stimme erschallen. + +Die Lichtbraunen ließen sich aber nicht halten, und Lieschen Wichers +griff plötzlich in die Zügel hinein. + +»Das Sattelpferd kürzer fassen, den Hals links abbiegen, Herr +Plüddekamp, dann stoppt das Handpferd von selbst,« und wirklich -- der +Ratschlag war gut. Der Schlitten kam wieder in die Reihe hinein. + +»Sehen Sie,« lachte das junge Mädchen. »Ein wenig verstehe ich von der +Fahrkunst meines Vaters.« + + * * * * * + +Auf den Wershagener Seen war das Rohr bereits geschnitten. Von +niedrigem Erlengebüsch umgeben, lag die weite weiße Fläche anscheinend +still und eintönig da. Eine ganze Strecke vorher blieben die Schlitten +halten und ihre Insassen stiegen aus. Die vorausgeschickten Stalleute +hüllten die dampfenden Pferde in wollene Decken ein. Nun stapften +alle tüchtig durch den Schnee, die Flinten im Arm. Der Förster und +Inspektor kamen ihnen entgegen. + +»Auf dem oberen See liegt ein ganzer Schwarm wilder Gänse, Herr +Oberamtmann,« meldete der Förster. »Wir müssen aber vorsichtig +heranschleichen, sonst fliegen sie auf. Es sind ein paar große +Schneewehen davor, die uns einigermaßen decken.« + +Jürgen richtete sich auf. Seine ganze Gestalt schien zu wachsen. +Die Pelzmütze etwas von der Stirn zurückschiebend, schauten seine +scharfen Augen zu den Seen hinüber. Die Jagdlust erwachte in ihm. Es +war die einzige Leidenschaft, die er außer seinem Geschäft besaß. Ilse +betrachtete ihn mit leuchtenden Blicken. Sie hätte laut aufjauchzen +mögen, so schlug ihr plötzlich das Herz. + +Er hatte während der Fahrt mit ihr freundlich geplaudert. Der sonst so +schweigsame und ernste Geschäftsmann konnte zuweilen dem Leben auch +frohe Seiten abgewinnen. Jürgen kannte Nordhausen und ihr Elternhaus. +Er war in früheren Jahren mehrmals dort gewesen, um die geschäftlichen +Beziehungen fester zu gestalten. + +»Was macht ihr zwei nun?« fragte Jürgen, sich an Herta und Ilse +wendend, die nicht jagdmäßig ausgerüstet waren. + +»Wir tragen die Beute heim,« erwiderte Ilse. + +»So,« stieß Jürgen gedehnt aus, »sind Sie ihrer schon gewiß?« + +»Ich hoffe es bestimmt.« Dabei schaute sie ihn bedeutungsvoll an. + +Die Jagd begann. Vorsichtig schlichen alle hinter den mächtigen +Schneewehen auf den oberen See zu. Jürgen und der Oberamtmann kamen +schneller vorwärts. Wolf und Lieschen Wichers bogen etwas nach +links ab, während der Förster und der Inspektor weit voraus mit +hochgehaltener Hand die Richtung angaben. + +»Wir stehen im zweiten Treffen,« sagte Lieschen zu ihrem Begleiter. +»Der Schwarm steigt also in die Höhe, ehe wir zum Schuß kommen. Wir +wollen aber den anderen ein Schnippchen schlagen und gehen jetzt ganz +nach links auf das Erlengebüsch zu. Es bietet uns gute Deckung. Die +Wildgänse müssen, nach dem Stand der anderen Schützen zu schließen, +bei uns vorüberfliegen. Wir haben die besten Aussichten, ein paar +herunterzuholen.« + +»Ganz mein Fall!« meinte Wolf, der jetzt Lust bekam, das Jagdglück zu +erproben. »Sie sind wirklich eine gute Beraterin, Fräulein Lieschen!« + +Eine breite Schneewehe lag vor ihnen, sie mußten diese durchschreiten. + +»Oho,« lachte Lieschen Wichers laut auf und war tief in den Schnee +eingesunken. Es schien ihr das größte Vergnügen zu bereiten. + +Sofort sprang Wolf an ihre Seite, faßte sie leicht um die Taille und +hob sie heraus. Er trug hohe Jagdstiefel, es machte ihm nichts aus, +weit hinein zu geraten. + +»Sie haben ja staunenswerte Kräfte, Herr Plüddekamp!« rief Lieschen +belustigt. »Sie heben mich wie eine Daunenfeder hoch.« + +Wolf erwiderte in der gleichen Tonart: + +»So leicht sind Sie wirklich nicht, Fräulein Lieschen. Ich habe mich +ganz gehörig plagen müssen,« und er schaute dabei auf ihre rundlichen +Formen hin. + +Sie sah schelmisch zurück. + +»Ich habe neue vierhändige Stücke in Stettin gekauft. Kommen Sie bald +wieder heraus, Herr Plüddekamp. Heute wird doch nichts aus unserem +Spiel.« + +»Warum nicht, Fräulein Lieschen? Nach dem Essen!« + +»Ach, das wird endlos bei Papas Flaschenbatterien! Dann fahren Sie +bald zurück. Ich erwarte Sie also bestimmt in den nächsten Tagen, aber +als Solokrebs.« + +Ihr Auge ruhte mit voller Innigkeit auf ihm, als sie seine zusagende +Antwort erwartete. + +»Ich kann jetzt schwer abkommen, Fräulein Lieschen,« erwiderte er +zögernd. »Das Frühjahrsgeschäft muß vorbereitet werden. Jürgen läßt +mich nicht aus dem Kontor fort.« + +»Ich sage es ihm selbst, dann tut er es,« fiel sie energisch +ein. »Seine Anwesenheit reicht aus. Sie kommen mir gar nicht wie +ein Kaufmann vor, Herr Plüddekamp, und eignen sich viel mehr +zum Rittergutsbesitzer! Warum haben Sie überhaupt nicht die +Landwirtschaft erlernt?« + +»Daran dachte ich früher nicht,« zuckte Wolf mit den Achseln. »Ich +wäre am liebsten Offizier geworden. Freilich -- der Kaufmannsstand +paßt mir sehr wenig.« + +»Machen Sie es wie die Raupen im Frühjahr, die entpuppen sich.« + +»Nein,« schüttelte er mit dem Kopf. »Das Plüddekampsche Hausgesetz +schreibt mir vor, in den Bahnen meiner Väter zu wandeln.« + +»Dann durchbrechen Sie die Regel,« lachte Lieschen hell auf, »wenn +auch die alten Herren auf ihren Bildern die Köpfe verwundert schütteln +werden.« + +In diesem Augenblick fielen am oberen See eine Anzahl Schüsse schnell +hintereinander. + +»Jetzt wird's die höchste Zeit,« rief Lieschen aus. »Wir müssen an die +Erlen heran. Laufen wir, Herr Plüddekamp!« Flink wie ein Wiesel rannte +sie vorwärts. + +Sie sah so zierlich und nett dabei aus, daß Wolf seine helle Freude +hatte und mit langen Sätzen neben ihr hereilte. + +»Wir machen es wie unsere Lichtbraunen!« rief Lieschen weiter, »aber +nicht durchgehen, Herr Plüddekamp!« + +Von weitem ertönte schon das starke Geschnatter der Wildgänse. + +»Sie steigen auf! Achtung!« stieß sie hastig aus. + +Sie blieben mitten im tiefen Schnee stehen, die Flinte im Anschlag. +Ein Schwarm wilder Gänse kam verwirrt heran. Man sah, wie sie bestrebt +waren, sich zu ordnen. + +»Halten Sie auf die Spitze des Zuges,« rief Lieschen im Jagdeifer, +»noch ist er nicht hoch und zu erreichen! -- Jetzt -- Schuß!« + +Ein Doppelknall erfolgte. Oben in der Luft schlug eine Wildgans +gewaltig mit den Flügeln. Der ganze Schwarm stieg rasch höher, während +die Getroffene immer noch flatternd zurückblieb, langsam niedersank +und, sich plötzlich überschlagend, tief in die weiche Schneedecke +herabschoß. + +»Was sagen Sie nun, Herr Plüddekamp? Wir zwei haben eine Gans +geschossen!« + +»Ich nicht,« meinte Wolf bedächtig, »ich glaube -- ich habe das blaue +Himmelszelt getroffen.« + +»Merken Sie sich die Stelle, an der die Wildgans heruntergegangen ist. +Es wird nicht lange dauern, dann kommt die zweite Auflage.« Sie schob +neue Patronen in den Doppellauf des Gewehres hinein. + +Wolf setzte seine Büchse ab. + +»Ich habe heute kein Jagdglück,« sagte er. + +»Doch, Herr Plüddekamp,« fiel Lieschen ein. »Ein Mann wie Sie hat +immer Glück.« + +Es kam dies so offen und ehrlich heraus und ihre Augen richteten sich +so verheißungsvoll auf Wolf, daß er darin hätte leicht lesen können: +das größte Glück steht an deiner Seite. + +Trotz der warmen Strahlen der Sonne flog Wolf ein kalter Schauer über +den Rücken. Auf einem weiter unterhalb der Seen gelegenen Hügel waren +Herta und Ilse plötzlich aufgetaucht. Unwillkürlich wandte sich sein +Blick dorthin. Er seufzte tief auf. + +»Was haben Sie?« fragte Lieschen Wichers erstaunt. + +»Nichts,« erwiderte er kurz. Er wußte aber wohl, was in ihm vorging. + +Ein zweiter Schwarm wilder Gänse und vereinzelte Wildenten zogen +vorüber, aber in solcher Höhe, daß ein Treffen unmöglich wurde. + +»Holen Sie unsere Beute,« bat Lieschen, zu Wolf gewandt. »Ich gehe +inzwischen zu Ihrer Schwester, und Sie kommen mir dorthin nach.« + +Wolf mußte über das Eis des Sees schreiten, die Wildgans war in +schräger Richtung am jenseitigen Ufer niedergegangen. Lieschen winkte +ihm noch von weitem mit der Hand. Er kam in dem tiefen Schnee nur +langsam vorwärts, dabei fröstelte ihn. -- + +Nach einiger Zeit versammelten sich alle bei den Schlitten. Die jungen +Lichtbraunen waren recht unruhig, und Jürgen rief seinem Bruder zu: + +»Gib gut acht, Wölfchen!« + +»Seien Sie ohne Sorge, Herr Plüddekamp!« lachte Lieschen hell auf. +»Ich bin doch da, um aufzupassen.« + +Der erste Schlitten ging im schnellen Trabe voran. Die anderen drei +folgten. Die Pferde griffen nach dem langen Stehen mutig aus, zumal +es nach dem Stall ging. Namentlich die Lichtbraunen gallopierten +fortgesetzt und waren kaum zu bändigen. + +»Fahr zu, Wolf!« rief Jürgen laut, »wenn die Braunen voran sind, +werden sie ruhiger gehen!« + +Dieser hatte in dem kurzen Augenblick, während er im Schlitten +vorbeisauste, einen Blick auf Ilse geworfen. Jürgen hielt seine Pferde +fest in den Zügeln, sie sah mit den großen Augen stolz zu ihm auf. +Wolf vergaß vor Ärger die Führung seiner Pferde; der Schlitten ging +über eine Schneewehe und kam vollständig schräg zu stehen. + +»Oho, Wolf!« rief Jürgen ihm nach. »Beinahe hättest du eine Kippe +gemacht!« + +Die Lichtbraunen aber jagten schon eine ganze Strecke voraus, und +Jürgen wurde besorgt. + +»Sein Temperament reißt ihn wieder einmal fort,« brummte er vor sich +hin. »Hätte Wolf nur mehr Ruhe in sich,« sagte er dann halblaut. + +Ilse hatte es gehört und erwiderte: + +»Herr Wolf ist manchmal recht ungestüm.« + +»Sooo,« meinte Jürgen gedehnt, »haben auch Sie dies an ihm bemerkt?« + +»Ja,« brachte sie ganz leise hervor, sah ihn aber durchdringend dabei +an. »Ich habe es über mich ergehen lassen müssen.« + +»Müssen!« wiederholte Jürgen scharf. »Nein, Fräulein Hergenbach, Sie +haben es nicht nötig! Wolf ist noch eine stürmische, nicht abgeklärte +Natur. Weisen Sie ihn in seine Schranken zurück.« + +»Ich werde es tun, Herr Plüddekamp! Aber --« sie stockte. + +»Nun und?« fragte Jürgen. + +»Wenn Sie, Herr Plüddekamp --« + +»Ja, was soll ich dabei,« entgegnete er barsch, »ich stehe doch nicht +immer neben Ihnen!« + +»Sie können viel tun, Herr Plüddekamp. Ihre Worte fallen schwer in +die Wagschale. Herr Wolf ist manchmal ganz eigenartig zu mir -- ich +weiß selbst nicht, was ich davon halten soll. Ich fühle mich glücklich +in Ihrem Hause, und doch wird es mir zuweilen schwer, das richtige +Verhalten in allen Dingen zu finden. Darum bitte ich Sie -- Herr +Plüddekamp -- mir beizustehen.« + +Er sah sie an. Ihre Augen strahlten in voller Leidenschaft. Es wurde +einen Augenblick hindurch siedendheiß in ihm. Was für eine Frau saß +an seiner Seite? Welche Gewalt übte dieses Geschöpf selbst über ihn, +den ruhigen Mann, aus! Es lag eine große Gefahr in ihr. -- Sollte er? +-- Nein, nein, und dreimal nein! -- Sein Lebensweg war vorgezeichnet. +Zurück mit solchen Gedanken! -- Er hob die Peitsche und hieb auf +die Pferde ein, daß sie zum Galopp ansprangen und der Schlitten +vorwärtsflog. -- Er hatte überwunden, und seine eiserne Ruhe kehrte +zurück. + +»Es wäre besser gewesen, Sie kamen nie zu uns,« erwiderte er kalt. +»Ich habe es auch nicht gewollt. Hätte ich gewußt, welchen Einfluß Sie +auf Wolf ausüben würden, so wäre ich Herta schärfer gegenübergetreten.« + +»Herr Plüddekamp!« schrie sie gequält auf. »Sie nehmen mir durch Ihre +Worte das Recht, länger in Ihrem Hause zu bleiben.« + +»Gewiß nicht, Fräulein Hergenbach! Ich habe meinen ersten +Standpunkt aufgegeben. Herta sagte mir, daß Sie sehr tüchtig in der +Hauswirtschaft sind. Ich bitte Sie nur um eins, lassen Sie Wolf ganz +aus dem Spiele!« + +»Ich tue ja alles, daß er mir nicht nahe kommt, Herr Plüddekamp!« +stieß sie erregt aus. »Ich beeinflusse sein Wesen in keiner Weise. +Aber wie soll ich mich schützen, wenn er auf mich einstürmt --« + +»Kalt bleiben,« sagte Jürgen kurz, »das genügt!« + +In diesem Augenblick sah er, wie ein Schwarm Krähen, der eine Strecke +voraus auf der Schneedecke lagerte, plötzlich mit lautem Gekrächze +aufflog. + +Die Pferde Wolfs scheuten vor dieser schwarzen aufsteigenden Wolke +und jagten in starkem Galopp davon. Lieschen Wichers griff mit beiden +Händen in die Zügel. Dabei mußte sie zu sehr nach rechts gezogen +haben, die Pferde bogen vom Wege ab, durchquerten eine Schneewehe und +kamen aufs freie Feld hinaus. Dort rasten sie im weiten Bogen umher. +Wolf strengte seine ganze Kraft an, um sie wieder an die Zügel zu +bringen. + +Sie sausten jetzt in vollem Galopp auf den Weg zu. Der Schlitten von +Jürgen befand sich in gleicher Höhe. + +»Weiter rechts, Wolf!« rief Jürgen. + +Es war bereits zu spät. Krachend stießen sie zusammen. + +Jürgens Schlitten wurde zur Seite geschleudert. Ilse flog heraus +und schlug mit dem Kopf gegen einen am Wege stehenden Weidenstamm. +Die Lichtbraunen rannten weiter. Nur mit Mühe konnte Jürgen seine +ebenfalls aufgeregten Pferde zum Stehen bringen. Die Leine in der +rechten Hand haltend, stieg er aus und beugte sich zu Ilse hernieder, +um sie mit seinem freien linken Arm aufzuheben. + +Sie mußte einige Minuten bewußtlos gewesen sein. Als aber Jürgen +ihren Körper berührte, schlug sie, wie aus einem Traum erwachend, die +Augen groß zu ihm auf, ihre Arme umschlangen plötzlich seinen Hals, +sie preßte sich fest an ihn, und »Jürgen, Jürgen!« klang es von ihren +Lippen. + +»Sie vergessen sich, Fräulein Hergenbach,« sagte er ernst und löste +seinen Arm von ihr. »Für Sie bin ich auch in einem solchen Augenblick +-- Herr Plüddekamp.« + +Sie ließ von ihm ab, taumelte zurück und sank in sich zusammen. + +»Was ist mit mir geschehen?« + +»Haben Sie sich verletzt?« fragte Jürgen kalt. + +»Nein!« Sie stöhnte auf, als ob sie eine schwere Wunde empfangen +hätte. »Es wird vorübergehen.« Dabei versuchte sie, sich aufzurichten. + +Mit gewaltiger Kraftanstrengung brachte Jürgen den Schlitten aus dem +tiefen Schnee wieder auf die Bahn zurück. + +»Steigen Sie ein, Fräulein Hergenbach! Herta und Oberamtmann Wichers +kommen schon heran.« + +Ohne ein Wort weiter zu wechseln, fuhren sie nach dem Gutshofe. + + + + + XV. + + +Über dem Jagdessen hatte eine düstere Stimmung gelegen, die selbst +Oberamtmann Wichers in seiner jovialen Weise nicht bannen konnte. +Ilse saß bei Tisch wie eine leblose Statue an Jürgens Seite. Es +wirkte dies lähmend auf die übrigen Gäste. Selbst Lieschen Wichers, +das frohsinnige Geschöpf, wurde davon angesteckt. Wolfs Augen waren +fortwährend auf Ilse gerichtet. Nach Aufhebung der Tafel fuhren +Plüddekamps sofort nach Stettin zurück. + +»Nun brat mir einer eine Gans, aber recht knusprig,« sagte Oberamtmann +Wichers, als die Geschwister fort waren. »Die Sache hat keinen guten +Anstrich.« + +Lieschen Wichers war auf ihr Zimmer gegangen und weinte bitterlich. + + * * * * * + +Jürgen und Wolf befanden sich am anderen Tage im Kontor stumm +gegenüber. Keiner von beiden mochte das Gespräch anfangen. Es lag wie +eine gefüllte Mine zwischen ihnen, die nicht entzündet werden sollte. +Prokurist Armin kam wie täglich herein, um von Jürgen die Anordnungen +entgegenzunehmen. Wolf erhob sich. + +»Du mußt mich heute entschuldigen, Jürgen! Ich habe starke +Kopfschmerzen und will einen Spaziergang machen.« Er stand auf und +ging hinaus. + +Jürgen stützte seinen Kopf schwer auf die Hand. Er besprach dann +langsam die schwebenden Angelegenheiten. + +»Gestern war Herr Konsul Martens hier,« sagte Armin, »er wollte Herrn +Wolf Plüddekamp fragen, ob Smiders & Sohn den Hamburger Herrn als +stillen Teilhaber aufgenommen haben.« + +Jürgen zuckte mit den Achseln. + +»So viel ich weiß, ist es noch nicht so weit. Mein Bruder hat +wenigstens nichts davon erwähnt.« + + * * * * * + +Es war Tauwetter eingetreten. Die Straßen waren naß und schlüpfrig, +von den Dächern tropfte der schmelzende Schnee herab. + +Wolf Plüddekamp ging durch die Anlagen, und der sonst so lebenslustige +junge Mann schien ganz in Gedanken versunken zu sein. Er achtete kaum +darauf, wer ihm begegnete. + +»Holla, junger Freund,« weckte ihn plötzlich die Stimme des Konsul +Martens, der seinem Geschäft zueilte, aus dem tiefen Sinnen auf. +»Wohin wollen Sie?« + +»Ziellos in die Welt!« erwiderte Wolf. + +»Das darf man nie, Freundchen,« erwiderte der Bankier. »Man muß stets +ein Ziel vor Augen haben.« Er sah darauf den jungen Mann schärfer an. +»Haben Sie gestern eine starke Sitzung gehabt?« fragte er weiter. + +»Nein, Herr Konsul! Wir waren in Wershagen zur Jagd.« + +»Natürlich hat Jürgen wieder die größte Strecke gehabt.« + +»Stimmt auffällig! Er erlegte eine stattliche Reihe Wildgänse.« + +»Und Sie?« + +»Eine -- dabei nur gemeinschaftlich mit Fräulein Lieschen Wichers. Wer +sie eigentlich getroffen, wußten wir selbst nicht.« + +»Macht nichts, lieber Freund! Mit Lieschen Wichers können Sie sich +ruhig in das Jagdglück teilen. Überhaupt -- das Fräulein ist eine +Partie für Sie! Ich habe schon immer etwas munkeln hören. Greifen +Sie doch zu! Neulich war der Oberamtmann mit seinem Töchterlein bei +mir. Ich darf zwar nicht ausplaudern, aber das kann ich Ihnen doch +sagen, die Staatspapiere, die er auf der Bank liegen hat, werden außer +Wershagen eine stattliche Mitgift für die einzige Tochter sein. Sie +können sich dann später den Roggen gleich selbst bauen, den Sie im +Geschäft brauchen.« + +Wolf hatte den alten Freund der Familie ruhig sprechen lassen. Er +seufzte jetzt tief auf. + +»Es ist richtig, was Sie sagen, Konsul Martens! Ich würde mich +vielleicht auch eines Tages dazu entschließen, wenn nicht --« + +»Nanu,« meinte Martens verdutzt, »haben Sie noch mehr Ernsthaftes im +Sinne?« + +»Ja!« fuhr es Wolf heraus. »Sind Sie eilig, in Ihre Bank zu kommen, +oder können Sie noch mit mir ein wenig spazieren gehen?« + +»Gern,« erwiderte der Konsul. Sie schritten langsam auf den nassen +Wegen dahin. Hie und da war der Schnee zu einer großen Wasserlache +geworden, die sie in weitem Bogen umschreiten mußten. + +»Sie waren als junger Mann in Berlin?« begann Wolf plötzlich zu fragen. + +»Allerdings,« nickte der Konsul. + +»Sie erlebten dort manches?« + +»Natürlich,« erwiderte der Konsul lächelnd, »man muß sich doch in +seiner Jugend die Hörner abstoßen, wie man so zu sagen pflegt --« + +»Und sind dann Junggeselle geblieben!« + +»Leider!« stieß Martens aus. »Sie wissen ja auch, warum.« + +»Gut! Sagen Sie mir jetzt, Konsul Martens: gibt es Frauen, die einen +Mann so fesseln können, daß die Leidenschaft, die man für sie fühlt, +ein Leben hindurch aushält?« + +Der Bankier schaute erstaunt auf. + +»Ei, ei, lieber Freund Wolf, das ist eine heikle Frage! Wie soll +ich Ihnen diese beantworten! -- Es kommt ganz auf Charakter und +Temperament an. Zum Guten führt es wohl selten. Für eine Ehe +braucht man mehr. Dazu gehört vor allen Dingen eine beiderseitige +Herzensbildung, gleiche Neigungen und ein alles umfassendes +Wohlwollen, das man sich täglich und stündlich angedeihen lassen muß. +Eine Ehe soll nicht Sturm auf dem Meere bedeuten, sondern Frieden und +Ruhe im Hafen an einem sicheren Anker.« + +»Und wenn man dies nun nicht kann!« fuhr Wolf plötzlich auf. »Wenn +es nicht möglich ist, daß man sich in ein solches Los hineinfindet? +Wenn man sich mit allen Gedanken an ein Geschöpf kettet, das jeden +Nerv in einem erregt! Dieses Geschöpf aber herumflattert, wie eine +angeschossene Weihe, die noch im letzten Augenblick mit ihren Fängen +zuschlagen will, -- was soll man dann tun?« + +»Brr!« schüttelte sich Konsul Martens, »was malen Sie für Bilder, +lieber Wolf! Mit Raubvögeln mag ich nichts zu schaffen haben. Die +läßt man hübsch beiseite. Das Interesse ist höchstens für einige +flüchtige Minuten, -- aber nicht für das Leben. Ich weiß wohl, wen +Sie meinen! Übrigens, Sie stehen damit nicht allein da. Es ging mir +gerade so. Ilse Hergenbach, diese meinen Sie doch, hat auf uns alle +eine merkwürdige Anziehungskraft ausgeübt. Wissen Sie, Freundchen, -- +sie ist ein Weib, das uns eine Zeitlang berauschen, aber nie beglücken +wird.« Er setzte dann ernst hinzu: »Lassen Sie die Hand davon, Wolf +Plüddekamp!« + +»Ich kann es nicht mehr! Ich kann es wirklich nicht mehr,« sagte der +junge Mann mit ganz verstörtem Gesichtsausdruck. »Ich erliege fast +unter den seelischen Qualen, die ich in den letzten Monaten erduldet +habe. Wenn Sie wüßten, was alles unter uns vorgefallen ist, und dabei +bin ich heute noch keinen Schritt weiter wie am ersten Tage! Es packt +mich zuweilen eine Eifersucht, wenn sie andere Männer ansieht, daß +ich rein toll werden könnte. Mit dem ersten Blick aus ihren grauen, +rätselhaften Augen hat sie meinen ganzen Gemütszustand in eine wilde +Erregung gebracht. Sie muß mein werden!« + +»Pah, pah! Lieber junger Freund,« erwiderte Konsul Martens. »Verstehe, +verstehe! Ich bin gut zwei Dutzend Jahre älter als Sie, da denkt +man ruhiger über solche Leidenschaft. Ich habe Fräulein Hergenbach +mehrfach beobachtet! Ich glaube, wir erleben noch etwas an ihr --« + +»Dann bin ich dabei,« sagte Wolf kurz. »Ich ändere nichts mehr daran.« + +»Holla, mein Herr Wolf! Ehe Sie einen törichten Schritt vornehmen, +vertrauen Sie sich erst vor allen Dingen Ihrem Bruder Jürgen an.« + +»Das kann ich nicht, Konsul Martens! Jürgen versteht mich nun einmal +nicht!« + +Sie waren bis zu der Straße gekommen, bei der Konsul Martens abbiegen +mußte, um in sein Geschäft zu gelangen. + +»Na, Gott befohlen! Wenn Sie eine Aussprache brauchen, so stehe ich +gern zur Verfügung, schon um meiner Freundin Herta willen, die tief +betrübt sein würde, wenn sich das Leben ihres Lieblingsbruders nicht +glücklich gestaltete.« -- + +Wolf trieb es noch eine Zeitlang ruhelos umher. Als er dann endlich +den Schritt heimwärts wandte und die große Haustreppe emporstieg, +vernahm er plötzlich die Stimme von Alfred Smiders. Er kannte diesen +nachlässigen, halb vornehm sein sollenden, halb vertraulichen Ton. + +»Fragte schon Fräulein Plüddekamp nach Ihnen, Schönste. Ich freue +mich, unter den breiten wohlbehäbigen pommerschen Gesichtern so +interessante Züge zu sehen, wie die Ihrigen. Zum Teufel! Ich war ganz +entzückt, als ich mich Ihnen in Swinemünde nähern konnte. Hatte +Sie schon früher beobachtet. Sie waren auf der Lastadie. Solche +Prachtaugen vergißt man nicht leicht.« + +Wolf war mit ein paar hastigen Sprüngen oben. Er sah, wie Ilse stumm, +mit gesenkten Blicken vor Smiders stand. + +»Morgen, Alfred!« rief er so laut, daß sich dieser rasch umdrehte. + +»Ah -- Wölfchen!« Der anfangs überraschte Reeder faßte sich sofort +wieder. »Freut mich, daß ich dich noch antreffe, habe deiner Schwester +die schuldige Ehrfurcht bezeigt.« Er reichte Wolf die Hand hin, die +dieser nur widerstrebend nahm. + +Ilse war wie vom Erdboden verschwunden. + +»Wie steht es mit dem Brief?« fragte Smiders darauf hastig. »Warum +bist du nicht nach der ›Grünen Schanze‹ gekommen? Riekchen weint sich +bald die Augen aus. Wir wollen uns doch heute nachmittag dort treffen. +Komm um sechs Uhr, und jetzt -- Leb wohl! Ich habe noch einen eiligen +Gang vor.« + +Die ganze Szene ging so blitzschnell an Wolf vorüber, daß er Smiders +verwundert nachschaute, als dieser bereits die Treppe hinunterstieg. + +»Ein miserabler Bursche!« Er trat heftig mit dem Fuß auf. »Mit welchen +faden Schmeicheleien er sich an Ilse herandrängen wollte! Er glaubt in +ihren Augen zu lesen, wonach sein Wunsch steht. Ich dulde es nicht +länger, daß sie derart umflattert wird.« -- + +Jürgen Plüddekamp war sehr ernst gestimmt. Beim Mittagessen sprach er +kein Wort, und es fiel Herta auf, daß er Ilse Hergenbach gar nicht +beachtete. Auch diese zeigte ihm gegenüber eine große Zurückhaltung. +Ihr Antlitz war bleicher als sonst. Sobald sie die Augenlider +aufhob, schoß ein düsterer Blick hervor, der von gewaltigen inneren +Kämpfen sprach. Jürgen hatte Ilse Hergenbach, wie er es bei seinen +Geschwistern tat, nach der Mahlzeit stets die Hand gereicht. Dies fiel +heute fort. Beide wandten sich stumm von einander ab. + +Wolf hatte die Speisen kaum angerührt. Auf Hertas Frage gab er zur +Antwort, daß er sich nicht wohl befinde. + +»Ich habe ein gutes Mittel in der Hausapotheke, Wölfchen. Soll ich es +dir holen?« + +»Danke, nein!« entgegnete Wolf kurz, »mir helfen jetzt keine Pulver.« + +»Was ist nur mit euch Männern los? Es ist kaum auszuhalten! Jürgen +beträgt sich wie ein alter Brummbär, du machst eine jämmerliche Miene. +Wohin soll dies führen?« + +»Ich hoffe, es wird bald anders sein, Schwester,« erwiderte Wolf +ernst; damit ging er nach seinem Zimmer hinauf. + +Am Nachmittag arbeitete Jürgen wie immer im Kontor. Herta war +ausgegangen, und die oberen Räume des Hauses lagen in tiefster Ruhe. +Wolf befand sich auf seinem Zimmer. Er stand lauschend an der Tür und +hoffte jeden Augenblick, den flüchtigen Tritt von Ilse zu vernehmen. +Er wollte und mußte sie heute allein sprechen. Plötzlich kam es ihm +vor, als ob jemand leise nach dem kleinen Salon zuschritte. Dies +konnte nur Ilse sein. Sofort war er hinaus und schlich sich auf den +Zehenspitzen bis zum Speisezimmer hin. Hier trat er ein und ging +lautlos über den dicken Teppich bis zum Nebenzimmer. + +Ilse hatte sich vor dem kleinen Ebenholztisch auf einen Polstersessel +niedergelassen und war im Begriff, die Mappe mit den großen +Kunstblättern zu öffnen. Ehe sie dies ausführen konnte, stand Wolf +schon hinter ihr. + +Sie sah sich scheinbar erschrocken um, und doch hatte sie ihn +erwartet. Sie wußte, daß er jede Gelegenheit aufspürte, um ihrer +habhaft zu werden, und erinnerte sich dabei an seine früheren Worte. + +Seit dem gestrigen Tage war in ihr ein Haß aufgestiegen, wie er nur +aus einer abgewiesenen heißen Liebe entstehen kann. In Jürgen hatte +sich alles für sie verkörpert, was sie ersehnte. Nun wollte sie sich +an ihm durch den Bruder rächen. + +»Ilse! Endlich treffe ich dich allein!« Wolf legte seine Hand auf +ihre Schulter und fühlte, wie ihr ganzer Körper unter diesem Druck zu +zittern begann. »Warum gingst du mir aus dem Wege? Hast du keine Liebe +für mich?« + +Sie wandte ihm das Gesicht zu. Ein heißer Blick aus ihren Augen traf +ihn. + +»Was kann ich Ihnen sein!« erwiderte sie mit zuckenden Lippen. »Ich -- +das arme Brennermädel -- die Hexe Ilse!« + +»Was du mir sein kannst!« jubelte er laut. »Alles! Alles! Meine +innig Geliebte -- mein Weib! Ich kann mir nichts Schöneres denken, +als an deiner Seite zu leben! Ich will nur dich -- dich -- Ilse und +weiter nichts! -- Mögen Herta und Jürgen mir gram sein, ich bin fest +entschlossen, dich zu heiraten.« + +Sie senkte den Kopf und schluchzte krampfhaft auf. + +»Nein, nein, Wolf! Ihre Geschwister wollen es nicht! Sie behandeln +mich nicht danach! Ich muß fort! Sie werden nur unglücklich durch +mich.« + +»Ich unglücklich?« jauchzte er auf. »Toll vor Glück werde ich!« Er riß +sie empor und preßte sie gewaltsam an sich. »Sieh mich an -- deine +Augen haben so Wunderbares für mich.« + +Sie schaute zu ihm auf. Ihre Blicke ruhten in den seinen. + +»Ilse!« schrie er dann, »das Blut tobt in mir! Ich weiß kaum, wie ich +es ertragen soll; du mußt mein sein -- mein für immer!« + +»Sie wollen meinetwegen den Kampf mit Ihren Geschwistern aufnehmen, +Wolf?« + +»Sage du, du!« rief er glückstrahlend aus. + +Da bebte es von ihren Lippen: + +»Wolf -- du -- ich will dir ja -- folgen --« Ilse war wie verwandelt. +Sie schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn wild an sich. Ein +Rausch umfing beide, aus dem sie sich kaum wiederzufinden vermochten. + +»Ich werde noch heute Jürgen und Herta sagen, daß wir uns verlobt +haben,« suchte sich Wolf zu fassen. + +»Nein, nein,« bat sie, »laß uns noch die Heimlichkeit. Ich fliehe dich +jetzt nicht mehr, -- ich gehöre dir an! Wir wollen recht oft zusammen +sein. Ach, -- die Stunden, -- die nun kommen werden --«. Wieder und +immer wieder schlang sie die Arme um ihn. Sie atmete eine glühende +Leidenschaft aus. Das Feuer, das in ihren Augen aufflammte, sprach +mehr, als Worte zu sagen vermögen ... + +»Ich werde es doch lieber meinen Geschwistern mitteilen, Ilse!« +wiederholte er hastig. + +»Dann kann ich nicht länger hier bleiben und muß nach Nordhausen zu +meinen Eltern zurück. Es geht nicht anders, ich bitte dich darum, Wolf +--« + +Seine Gedanken ordneten sich. + +»Ja, ja! Du hast recht, Ilse! Leider hat die Welt so sonderbare +Ansichten. Wenn wir uns offen als Verlobte bekennen, müssen wir uns +sofort trennen. Ich kann dich aber nicht fortlassen --« + +»So bleibt uns nur die Heimlichkeit, Wolf!« + +Er preßte ihre Hand. + +»Ich verspreche es dir, Ilse --« + +Nach einer geraumen Weile fragte er sie: + +»Was hast du nur mit Jürgen? Die schroffe Art, mit der ihr euch +seit gestern gegenübersteht, ist doch nicht allein durch den Unfall +hervorgerufen! Er konnte doch nichts dafür! Meine schlechte Fahrerei +war daran schuld. Du würdest sonst nicht aus dem Schlitten gestürzt +sein. -- Vertrau es mir an, Ilse.« + +Eine Weile blieb es stumm, dann kam es zögernd heraus: + +»Jürgen verlangte von mir, daß ich mich kalt und abwehrend gegen dich +verhalten solle. Er will keine Annäherung zwischen uns dulden.« + +Wolf brauste heftig auf. + +»Nun sehe ich endlich klar, wohin der Chef des Hauses Plüddekamp +zielt! Mein Wille steht aber aufrecht neben dem seinen! Wir werden +dies alte Heim verlassen und uns ein neues gründen.« + + + + + XVI. + + +Die ersten Frühlingsboten kamen ins Land. Oder und Haff waren schon +längere Zeit eisfrei. Die Schiffahrt hatte begonnen. Die meisten +Dampfer befanden sich auf ihren regelmäßigen Fahrten. Nur der +verflossene harte Winter rief eine sonst selten eintretende Pause im +Dampferdienst hervor. + +Das Leben im Plüddekampschen Hause lief wie früher eintönig dahin. +Wolf war merkwürdig ruhig geworden, es stand sogar öfters ein +glückliches Lächeln in seinem Gesicht. Herta und Jürgen konnten sich +nicht vorstellen, woher diese Veränderung in seinem Wesen stammte. +Weder Ilse noch Wolf verrieten das Geringste, aus dem die Geschwister +auf irgendeine Annäherung der beiden zu schließen vermochten. + +Wolf war eifrig im Geschäft tätig, so daß Jürgen zuweilen ganz +verwundert zu seinem Bruder hinüberschaute, wenn er für verwickelte +Geschäftssachen bereits alles vorgearbeitet fand. Nur mit Smiders +mochte Wolf nicht mehr zusammentreffen, um mit dessen Maßnahmen +vertraut zu bleiben. + +»Ich wünschte, Jürgen, ich brauchte es nicht,« sagte er zu diesem, +und es zuckte dabei eigenartig über die Züge des jungen Mannes. +Schließlich mußte er sich doch der Angelegenheit unterziehen. Es war +ihm höchst unangenehm, daß er dabei mit der blonden Rieke in einem +gewissen Einvernehmen stand. Je öfter er gezwungenermaßen dorthin +ging, desto vertraulicher wurde sie zu ihm. Sie sandte ihm sogar +Briefe und machte darin auf manches aufmerksam. Zum Schluß kamen auch +persönliche sehnsüchtige Wünsche hervor. Wolf verbrannte jedes dieser +Schreiben. + +Der Hamburger Kapitalist, Herr Kneis, zögerte immer noch, Smiders +seine Zusage zu erteilen. Er wartete auf das Einlaufen der anderen +Dampfer. + +»Unsere spanische Lieferung wird außerordentlich dringend,« hatte +Armin zu Jürgen gesagt. »Die Briefe von den Brennereien lassen keinen +Zweifel aufkommen, daß die ganze Ladung zur abgeschlossenen Zeit +verfrachtet sein muß. Es könnten uns große Verluste entstehen.« + +Jürgen, der sonst so ruhige und überlegene Kaufmann, kam in eine +gewisse Erregung hinein. Ganz gegen seine Gewohnheit ging er bereits +am Vormittag fort und suchte seinen Freund, Konsul Martens, in dessen +Bankgeschäft auf. + +»Tue mir den Gefallen, Charles, und rufe die Direktion der Werft +an, wie es mit dem ›Friedrich Barbarossa‹ steht. Ich habe trotz +aller Bemühungen keinen genügenden Ersatz finden können und bin also +unbedingt auf den Dampfer angewiesen.« + +»Lieber Freund,« zögerte Martens etwas, »ganz einfach ist die Sache +nicht. Ich muß dir bereits im voraus sagen, daß Smiders die fälligen +Raten nicht abgeführt hat und unsere Direktion sehr vorsichtig +geworden ist. Sie wartet jetzt ab, ob die Reederei neues Kapital +erhält. Der Überseer scheint ein sehr genau abwägender Kaufmann zu +sein und es ist deshalb augenblicklich eine unangenehme Stockung +eingetreten. Du kannst dich selbst davon überzeugen, -- ich komme +deinem Wunsch jetzt nach.« + +Er nahm den Hörer vom Tischtelephon und ließ sich mit der Werft in +Verbindung bringen. Nachdem er das Gespräch einige Zeit geführt, rief +er Jürgen heran. + +»Du kannst jetzt mit dem Direktor sprechen, er wird dir bestätigen, +was ich schon sagte.« + +Jürgen Plüddekamp machte eine sehr ernste Miene, als er die Auskunft +von der Werft erhielt. + +»Die Mitteilung deiner Direktion heißt auf Deutsch: wir stellen die +Arbeit an dem ›Friedrich Barbarossa‹ ein, wenn Smiders nicht zahlt! +Ist dies auch richtig gehandelt?« + +»Sein Vertrag mit uns ist hinfällig geworden, Jürgen. Wir sind von +der Konventionalstrafe befreit. Nun wird er wohl bald andere Saiten +aufziehen müssen und sich beeilen, seine Sachen zu ordnen, wenn er +nicht in große Schwierigkeiten geraten will.« + +Jürgen schüttelte mit dem Kopf. + +»Ich muß immer wieder betonen, Charles: bleibt ihr dabei stehen, so +fällt die Firma um. Ich weiß aus anderer Quelle, welche hohen Summen +auf sie laufen.« + +»Stimmt,« meinte der Bankier ruhig. »Smiders gibt sich alle Mühe, +seine Papiere von der Reichsbank fernzuhalten, damit die Höhe seiner +Verbindlichkeiten nicht genau beurteilt werden kann. Er sucht deshalb +in Berlin fragwürdige Diskontstellen auf.« + +»Also Akzeptaustausch,« fiel Jürgen ein. + +»Mag sein,« erwiderte Martens. »Ich kann es nicht bestimmt behaupten.« + +»Smiders senior hat sein ganzes Vermögen im Geschäft stecken,« fuhr +Jürgen fort. »Ein braver alter Herr, mit dem mein Vater und ich lange +Zeit hindurch in angenehmer Verbindung standen. Wohin hat der Sohn die +Reederei nun gebracht!« + +Martens zuckte mit den Achseln. + +»Wer von alten bewährten Geschäftsgrundsätzen abgeht und schnell +groß werden will, begibt sich auf eine gefahrvolle Bahn. Glückt die +Spekulation, dann preist man den Unternehmer. Im anderen Fall ist er +abgetan.« + +»Das hilft mir aber nicht, Charles! Ich muß wirklich sagen, ich komme +jetzt durch euch in eine häßliche Lage hinein.« + +»Ich bin dir gern in allen Dingen gefällig, hier hat meine Macht ein +Ende. Ich will dir aber einen anderen Vorschlag machen. Du bist ein +reicher Mann: wie wäre es, wenn du Smiders unter die Arme griffest? +Ich würde mich dann ebenfalls dazu bereit erklären.« + +»Alle Wetter!« fuhr Jürgen auf, »du bist ein weißer Rabe, Charles, der +bekanntlich als der Klügste unter den Klugen gilt. Nimm es mir nicht +übel, ich denke nicht daran, diesem Manne mein Geld zu geben.« + +»Dann wirst du dich wohl gedulden müssen, was aus der Sache wird,« +bemerkte der Bankier. + +»Wolf trifft heute mit Smiders zusammen, um zu erfahren, was dieser +zu tun gedenkt. Er beehrte uns in letzter Zeit schon ein paarmal +in unserer Häuslichkeit. Ich habe mich wegen Arbeit und Jagd +entschuldigen lassen und bin ferngeblieben.« + +»Aha!« machte Martens. »Er ist ein lockerer Vogel und interessiert +sich wohl für Fräulein Hergenbach?« + +In Jürgens Gesicht zog sich eine drohende Falte zusammen. + +»Charles, sage mir kein Wort davon! Ich bin froh, daß Wolf in der +letzten Zeit ein anderes Gesicht zeigt. Er scheint die Krankheit +hinter sich zu haben. Übrigens wird Herta Sorge tragen, daß Ilse +Hergenbach mit Smiders nicht weiter in Berührung kommt.« + +Konsul Martens machte eine ziemlich überlegene Miene. + +»Du bist zwar das Oberhaupt der Familie, Jürgen, ob du aber in allem +unterrichtet sein kannst, erscheint mir fraglich.« + +»Wieso, Charles?« + +»Hast du die volle Überzeugung von deinem Bruder, daß er sich nicht +mehr um Ilse Hergenbach bekümmert?« + +»Ja,« antwortete Jürgen mit Nachdruck. »Es steckt kein Falsch in Wolf. +Er ist ein offener, aufrichtiger Mensch.« + +»Soll mich freuen, wenn du recht hast, Jürgen! Die Leidenschaft spielt +aber Männern manchmal arg mit, und namentlich bei einem so frischen +jungen Menschen, wie deinem Bruder. -- Doch dies nur nebenbei. -- Wie +steht es nun mit Smiders, bist du nicht bereit dazu?« + +»Nein,« antwortete Jürgen kurz. »Für Alfred Smiders habe ich keinen +Groschen übrig. Ich muß mir auf andere Weise helfen.« + +Jürgen ging. Konsul Martens schüttelte den Kopf. + +»Wie sich doch zuweilen der tüchtigste Geschäftsmann verleiten läßt, +durch Antipathien einen falschen Entschluß zu fassen. Wir würden +zusammen das beste Geschäft machen, und Plüddekamp wäre aller Sorge +ledig. Der ›Friedrich Barbarossa‹ wird so gut wie ein neues Schiff, +darin liegt viel Aussicht.« -- + +»Es wäre das erstemal, daß unsere Firma eine Ladung nicht prompt +absenden würde,« sagte Jürgen mürrisch, als er in das Kontor +zurückkehrte. »Ich mußte aber das Vertrauen in die Reederei setzen. +Nun ist zum Überfluß noch durch den langandauernden Winter keine +Schaluppe zu bekommen.« + +»Wir wollen uns doch mit den spanischen Brennereien einigen, Jürgen,« +warf Wolf ein. »Etwas anderes wird kaum übrig bleiben.« + +»Du hast gut reden, Wolf!« erwiderte dieser. »Lies die letzten +Antworten. Sie bestehen unbedingt auf den festen Abmachungen.« Er +nahm auf seinem Schreibsessel Platz und legte die breite Hand auf die +hohe Stirn. Sein ganzes Denken drängte auf die eine Sache hin. »Ich +hab's!« rief er plötzlich aus. »Unser Vater stand vor langen Jahren +mit einigen spanischen Getreidefirmen in Verbindung. Es muß einer von +uns sofort dorthin fahren, die erste Lieferung Roggen aufkaufen und +mit der Bahn verfrachten. Alsdann werden die Brennereien wohl mit sich +reden lassen und wir gewinnen Zeit.« + +Wolf sah seinen Bruder erstaunt an. War diese Lösung das Ergebnis +kurzen Nachdenkens, oder hatte sich Jürgen mit dem Gedanken schon +länger vertraut gemacht? + +»So einfach ist es nicht,« erwiderte er dann. »Der Roggenbau Spaniens +ist nicht bedeutend. Die mit den dortigen Getreidefirmen gepflogenen +früheren Beziehungen sind eingeschlafen. Es wird schwer halten, deinen +Gedanken auszuführen, wenn es überhaupt möglich ist!« + +»Möglich!« lachte Jürgen in seiner beliebten breiten Art. »Es ist +alles möglich, sobald man mit einer Brieftasche voller Banknoten +kommt, -- jedenfalls der einzige gescheite Gedanke. Ich bin überzeugt, +daß du die Sache glatt erledigen wirst.« + +»Ich soll nach Spanien reisen!« sprang Wolf von seinem Sitz auf. »Ich +denke nicht daran, Jürgen.« + +»Wieso?« fragte dieser verblüfft. »Du bist nun einmal der Minister des +Auswärtigen. Übrigens ist es nicht allein eine interessante Aufgabe, +sondern auch eine schöne Reise. Hierbei kannst du dein ganzes Können +zeigen. Es muß dir eine Freude sein, unserer Firma einen solchen +Dienst zu erweisen. Du hast Gewandtheit im Verkehr und sprichst gut +französisch, die Spanier werden es sicherlich ebenfalls verstehen. +Neben dem Geschäftlichen wirst du Vergnügen in Hülle und Fülle finden. +Also woran hapert es noch, Wölfchen?« + +Dieser trat unruhig hin und her. + +»Ich kann mich nicht dazu verstehen, Jürgen. Die Reise nimmt mehrere +Wochen in Anspruch. Die Sache ist von heute auf morgen nicht zu +erledigen.« + +»Es schadet auch nichts! Wenn sie wirklich länger dauert! Ich gebe dir +volle Freiheit des Handelns, und nun sage -- ja!« + +»Ich muß es dir leider abschlagen, Jürgen! Ich habe keine Lust dazu.« + +»Keine Lust!« fuhr Jürgen auf. »Einen solchen Grund darf ein ernster +Geschäftsmann überhaupt nicht äußern.« + +»Ich bitte dich, Jürgen, wir wollen das Thema fallen lassen! Es hat +keinen Zweck. Ich wiederhole dir nochmals, die Reise liegt mir nicht. +Ich kann sie also nicht unternehmen. Es ist richtiger, wir treiben +Smiders in die Enge und drohen ihm die Entziehung aller Frachten an, +wenn er nicht für den ›Friedrich Barbarossa‹ Ersatz schafft.« + +»Donner und Doria!« fluchte Jürgen, »das hat doch gar keinen Zweck. +Smiders sitzt schon fest genug. Packen wir auch zu, dann fällt er +noch schneller als es so bereits kommen wird. Du willst heute mit ihm +in der ›Grünen Schanze‹ verhandeln. Glaubst du, daß noch etwas dabei +herauskommt? Er hält dich hin. Du mußt also fahren, Wolf! Es bleibt +gar keine andere Wahl.« + +Wolf antwortete nicht, sondern zuckte mit den Achseln und schritt im +Kontor unruhig auf und ab. + +»Herta sagte mir übrigens vor längerer Zeit, daß du eine Reise nach +dem Süden machen wollest,« begann Jürgen wieder. + +»Ich habe kein Wort davon erwähnt,« erwiderte Wolf, »und weiß nicht, +wie Herta darauf kommt.« + +Jürgen rief durchs Haustelephon Prokurist Armin herein und erklärte +ihm seine Absichten. + +»In diesem Falle unbedingt das einzig Richtige,« bestätigte Armin, +»ich rate dringend dazu.« + +»Du hörst es, Wölfchen,« sagte Jürgen, »Armin ist der gleichen Meinung +wie ich. Sehen Sie doch einmal nach, mit welchen Firmen wir seinerzeit +in Verbindung standen. Es mögen allerdings fünfzehn bis zwanzig Jahre +her sein,« wandte er sich an diesen. + +Nachdem der Prokurist das Privatkontor verlassen hatte, stand Jürgen +auf und trat an seinen Bruder heran. Ihm die schwere Hand auf die +Schulter legend, bat er: »Sei gut, Wölfchen, und stimme zu. Du kannst +dabei Lieschen Wichers einen Herzenswunsch erfüllen, indem du ihr die +schönsten Ansichtskarten schickst.« + +»Es geht auf keinen Fall, Jürgen,« lehnte dieser kurz ab. + +»Dahinter steckt etwas,« wurde Jürgen nun ärgerlich, »gib mir +wenigstens rundheraus an, warum du nicht fahren willst.« + +Wolf trat heftig mit dem Fuß auf. + +»Ich bin dir darüber keine Rechenschaft schuldig! Meine Ablehnung ist +doch genug.« + +»In diesem Falle nicht,« entgegnete Jürgen sehr ernsten Tones. »Es +handelt sich um derart wichtige Geschäftsinteressen, daß alle anderen +Sachen, die dir vielleicht vorschweben, dahinter zurücktreten müssen.« + +»So -- -- müssen? Nein!« Es zuckte in Wolfs Zügen unruhig hin und her. +Er wollte etwas sagen und hielt es wieder zurück. + +»Sprich dich endlich aus, Wolf,« wiederholte Jürgen, »wir sind doch +Brüder und werden wohl keine Geheimnisse voreinander haben.« + +Wolf richtete sich auf und brachte abgerissen hervor: + +»Natürlich mußt du es erfahren! Es war auch meine Absicht, aber Ilse +wollte nicht!« + +»Wie -- was!« rief Jürgen heftig aus, »Fräulein Hergenbach hat doch +mit unserer Angelegenheit nichts zu tun?« + +»Doch -- in diesem Falle wohl, Jürgen! Ich habe mich mit Ilse +Hergenbach verlobt --!« + +Es war, als ob ein plötzlicher Blitz über Jürgens Gesicht fuhr. In +seinen Worten wetterleuchtete es weiter. + +»Ich glaube -- ich höre nicht recht! Du hast dich mit Fräulein +Hergenbach verlobt -- und kein Wort mit Herta und mir vorher +gesprochen! Das ist doch unerhört! Bei der wichtigsten Frage des +Lebens geht man doch mit sich zu Rate, ehe man so töricht handelt! +Ilse Hergenbach? -- Nie und nimmer können wir das zugeben! Sie muß +sofort aus dem Hause.« Die Zornesader der Plüddekamps schwoll auf +seiner Stirn drohend an. Er hatte in letzter Zeit geglaubt, daß Wolf +zur Vernunft zurückgekehrt war, und nun sah er sich vor eine noch +schlimmere Tatsache gestellt. Es empörte ihn aufs äußerste. + +Dieser war bei den Worten seines Bruders vor Aufregung bleich +geworden. Seine sonst so freundlich dreinblickenden Augen funkelten +zornig. + +»Ihr wollt mir also das Recht nehmen, mein Glück zu suchen, wo es +mir gefällt! Ich soll nun einmal keinen eigenen Willen haben! Aber +ihr sollt sehen, Jürgen, daß ich ihn habe! -- Ich will gar nicht im +Plüddekampschen Hause bleiben. Ich gründe mir mein eigenes Heim und +lasse mir keine Vorschriften mehr machen.« + +»Wolf! Wolf!« rief Jürgen warnend, »ist das der Dank, den du für mich +übrig hast? Kein Vater kann mehr gesorgt haben, wie ich es als Bruder +für dich tat, und nun kommst du mir mit einer solchen Torheit, mit +einem solchen kindischen Trotz! Ilse Hergenbach, -- ich könnte dir +etwas sagen, -- aber ich will es nicht! Verstehst du, -- ich will +es nicht und ich werde es nicht tun! Bei deiner Auffassung würdest +du mir sonst noch selbstsüchtige Gründe unterschieben. Ich sehe das +Unheil über dich hereinbrechen, wenn du an ihr festhältst! Sie ist +keine Mutter für unsere nächste Generation! Dazu gehört Biederkeit und +lautere Gesinnung, aber nicht verstecktes Wesen.« + +»Genug, Jürgen!« trat ihm Wolf in voller Aufregung entgegen, »sage +kein Wort weiter! Ilse Hergenbach -- ist meine Braut und ich trenne +mich von euch, wenn ihr sie schmäht!« + +Die beiden Brüder sahen sich lange und durchdringend an, dann ließ +Jürgen unwillig den hochgehobenen Arm sinken. + +»Ich will dich wegen einer Frau nicht verlieren, und ich sehe, du bist +schon zu weit von uns abgeirrt, -- so magst du denn selbst über dein +Los entscheiden! Ich will es dir nicht verwehren!« + +Man sah Jürgen an, wie schwer es ihm wurde, sich diese Worte +abzuringen. + +»Ich werde dir nichts in den Weg legen, wenn du jetzt für unsere +Firma die Reise ausführst, die auch für dich von größter Tragweite +ist,« fuhr er fort. »Sie mag der Prüfstein für dich selbst sein. Bist +du nach deiner Rückkehr noch derselben Anschauung wie heute, dann +werde ich dich an deinem Vorhaben nicht mehr hindern. -- Natürlich +kann Fräulein Hergenbach unter diesen Umständen hier im Hause nicht +bleiben, sondern muß zu ihren Eltern nach Nordhausen zurückkehren.« + +Wolf schaute prüfend seinen älteren Bruder an. + +»Du willst wirklich nachgeben, Jürgen? Wirst du auch Herta dazu +bestimmen?« + +»Zweifelst du an meinem Wort, Wolf?« + +»Nein, Jürgen! Was du einmal gesagt hast, hältst du. Ich bin damit +einverstanden und will die Reise nach Spanien antreten. Du mußt mir +aber noch einen Gefallen erweisen. Ilse soll bis zu meiner Rückkehr +unter der Obhut von Herta bleiben, dann mag sie nach Nordhausen gehen, +und ich werde mir von ihren Eltern das Jawort holen.« + +Die beiden Brüder sahen sich noch einmal ernst an. Dann streckte der +ältere dem jüngeren die Hand entgegen. + +»Ich verspreche es dir, Wolf! Welche Folgen auch aus allem entstehen +mögen, wir wollen sie gemeinsam tragen, wie es einem Paar echter +Brüder geziemt!« + + + + + XVII. + + +Wolf traf seine Vorbereitungen zur Abreise. Die Geschwister hatten +vorher noch eine lange Unterredung. Herta wollte sich durchaus nicht +mit der Nachgiebigkeit Jürgens einverstanden erklären und blieb auch +taub gegen alle Vorstellungen des jüngeren Bruders. + +»Es scheint mir, als ob ich Ilse nur hierhergeholt habe, um euch +Brüder zu verlieren, dich und Wolf!« sagte sie zu Jürgen. + +Als sie dann das Unabänderliche vor sich sah, mußte sie unter dem +Zwang der Verhältnisse einlenken. + +»Ich habe es ihr versprochen,« bat Wolf seine Schwester, »euch erst +später Kenntnis zu geben. Ich möchte nun nicht wortbrüchig erscheinen. +Darum bitte ich euch herzlich, schweigt davon und wacht über sie. Ich +werde der Firma gegenüber meine Pflicht redlich erfüllen.« + +Ilse sollte also bleiben, ohne daß man sie merken ließ, ihre Verlobung +mit Wolf zu kennen. + +Der Abschied von ihr wurde Wolf sehr schwer. Sie sprachen sich noch +einmal allein, und er schloß sie immer wieder in seine Arme. + +»Die Zeit wird rasch verstreichen,« tröstete er sich selbst mit. Seine +Hand glitt über ihre Wangen und strich die üppig dunkelblonden Haare +von ihrer Stirn zurück, die leicht darüber hinwegfielen. »Ich werde +dir meiner Geschwister wegen nicht schreiben. Du erhältst aber meine +Grüße durch sie. Noch einen langen Blick von dir, Ilse --« + +Sie legte ihre Arme auf seine Schulter, und ihre großen grauen Augen +weiteten sich übernatürlich auf, als sie ihn dann anschaute. + +»Ich kann dich nicht von mir lassen, Wolf!« klagte sie. »Ein +unbestimmtes Angstgefühl ist in mir. Ich möchte lieber mit dir gehen! +Heute -- morgen -- kann es auf mich hereinstürmen, -- wie soll ich +dann allein Widerstand leisten! Es wäre viel besser, wenn wir gleich +zusammenreisten. Du willst mich doch zur Frau nehmen, Wolf! Was frage +ich viel nach der Welt, -- ich bleibe bei dir, -- wir kehren nicht +hierher zurück --« + +»Nein, Ilse!« erwiderte er fest, »solche Gedanken dürfen wir nicht +fassen! Wenn ich meine Geschwister für dich gewinnen will, so muß +es auf dem Wege sein, den uns Sitten und Gebräuche vorschreiben. +Herta ist gütig, Jürgen -- ihr sprecht ja selten miteinander -- ist +ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Andere Menschen kannst du +meiden, was sollte dir also im Plüddekampschen Hause begegnen?« + +Trotzdem vermochte sie nicht, sich von ihm zu trennen. Immer wieder +klammerte sie sich an ihn und bat: + +»Laß doch alle denken, was sie wollen, und trenne uns nicht, Wolf! Es +ringt in den letzten Tagen und Wochen so unendlich viel in mir, das +mir jede ruhige Überlegung raubt. -- Wenn ich aus deinen Armen gleite, +so sehne ich mich in demselben Augenblick wieder hinein. Ein wildes +Verlangen tobt in mir, das ich kaum zu bezwingen vermag. -- Denke an +das Bild vom Ilsefluß, das ich dir beschrieb! So bin ich auch. -- Du +mußt mich festhalten -- damit ich mich nicht selbst fortreiße.« + +Wolf versuchte sie zu beruhigen. Alles was sie sagte, erschien ihm +dunkel und verwirrt. Er verstand sie nicht und sagte sich immer nur +das eine, daß sie im Plüddekampschen Hause gut aufgehoben sei. Er +konnte sie unter keinem besseren Schutz als bei seinen Geschwistern +zurücklassen. + +»Es muß sein, Ilse,« blieb er fest. »Sogleich nach meiner Rückkehr +gebe ich unsere Verlobung bekannt.« -- + +Als Wolf abreisen wollte, hielt schon in aller Frühe der Wagen des +Barons von Berleburg vor dem Plüddekampschen Hause. Dieser stieg +herunter, warf dem hinter ihm sitzenden Kutscher die Zügel zu und +hatte dann mit dem Prokuristen Armin ein kurzes, aber inhaltvolles +Gespräch. + +»Besuchen Sie mich, Herr Armin, Sie werden selbst sehen --« +bekräftigte er seine Vorstellungen. + +Der Prokurist unterbrach ihn mit feinem Lächeln: + +»Gedulden Sie sich nur einen Augenblick, Herr Baron! Ich werde mit +Herrn Plüddekamp sprechen.« + +Baron Berleburg hatte den günstigsten Tag erwischt, um sein Anliegen +erfüllt zu sehen. + +Jürgen Plüddekamp befand sich noch mit seinem Bruder in einer +Unterredung und war über dessen klares Vorhaben sichtlich erfreut. + +»Sobald es darauf ankommt, bist du der Mann auf dem richtigen Posten, +Wölfchen! Viel Glück auf die Reise und kehre frohen Sinnes wieder.« + +Armin hatte noch einen Augenblick gewartet, nun trug er Berleburgs +Anliegen Jürgen vor. Dieser bestimmte kurz: + +»Zahlen Sie Berleburg das Gewünschte aus!« + +So kam es, daß der Baron von Berleburg wieder flott gemacht wurde. -- +-- -- + +Eine eigene Stimmung zeigte sich im Plüddekampschen Hause. Jürgen +blieb schweigsam, kalt. Herta übte eine gewisse Zurückhaltung gegen +Ilse und beobachtete sie unwillkürlich mehr als vorher. + +»Seitdem Wolf fort ist, zeigt Ilse stark wechselnde Stimmungen,« sagte +Herta eines Tages zu Jürgen. »Zuweilen stürzt sie sich auf die Arbeit, +und ich muß sie davon zurückhalten, daß sie sich nicht überanstrengt. +Dann wieder sitzt sie stundenlang im kleinen Salon und starrt die +Kunstblätter an. Sie erkennt aber nicht das Bild, sondern schaut nur +in das Leere hinein. -- Sollte sie Wolf so sehr lieben, daß sie die +Trennung nicht zu ertragen vermag?« + +Jürgen schüttelte den Kopf. + +»Nein, Herta! Du verstehst sie nicht, weil du ganz anders geartet bist +als die meisten deines Geschlechts. Bei dir weiß man sofort, woran man +ist. Aber Ilse Hergenbach, -- in der steckt etwas Vulkanisches! Es +wäre schlimm, käme es jetzt zum Ausbruch. Jedem Geschäftsbriefe Wolfs +liegt ein einfacher Zettel bei: ›Schreibt mir, wie es Ilse geht,‹ und +wohl oder übel muß ich ihm die Antwort darauf geben.« + +»Der arme Junge, er ist blind wie die Motte ins Licht gerannt,« fiel +Herta ein. »Und doch, sobald ich Ilse seine Grüße bestelle, zeigt sich +etwas in ihren Zügen, das meine Ansicht wankend machen könnte. Es +zieht ein glücklicher Schimmer über sie hin, wie er nur bei tieferen +Naturen in Erscheinung tritt.« + +»Ich sagte es dir bereits vor Monaten, Herta, -- Ilse ist ein echtes +Kind der Neuzeit, sie fühlt, denkt und handelt in anderer Weise als +wir.« + +Ilse war von einer fortgesetzten Unruhe erfüllt. Befand sie sich +allein in ihrem Zimmer, so streckte sie die Arme weit aus und suchte +sich vorzustellen, daß Wolf jetzt hereintreten müßte und sie ihm +jubelnd an die Brust flog. Sie krankte an dieser Sehnsucht, und doch +kamen Augenblicke, in denen sie sich fragte, ob sie ihn wirklich +liebe. Dann hielt sie sich vor, daß Jürgen sie von sich gewiesen. Ein +glühender Haß gegen diesen Mann beseelte sie, und sie flog aus einer +Übertreibung in die andere. Bei jeder Begegnung mit ihm nahm sie sich +zusammen, um die äußere Form einzuhalten und ihn nicht sichtlich zu +verletzen. Sie wünschte aber nur, daß Wolf heimkehrte und sie an +seinem Arm dem Bruder gegenübertreten könnte. An diesem Schlag, den +sie zurückgab, wollte sie gesunden. + +»Wolf, Wolf!« flüsterte sie vor sich hin. + +Warum konnte sie ihn nicht so lieben, wie es das starke Gefühl in ihr +verlangte? -- Nun hatte er sie in Stunden gewaltiger Seelenqualen +allein gelassen, wo sie sonst zu ihm geflüchtet wäre. -- Es war eine +Leidenschaftlichkeit in ihrem Wesen entstanden, die sich nicht mehr +zügeln ließ, die allen Überlegungen Trotz bot. + +Sie hielt es nicht länger in ihrem Zimmer aus, es trieb sie in eine +andere Umgebung, die durch neue Eindrücke ablenken und ihr Ruhe +gewähren sollte. -- + +In dem großen Garten hinter dem Speicher zeigten sich die ersten +Frühlingsblumen. Unter den heißen Strahlen der höherstehenden Sonne +kamen Krokusse, blaue Lederblumen und frühzeitige Hyazinthen hervor. +Ilse liebte den Duft der Hyazinthen und beugte sich tief herab, um ihn +voll einzusaugen. Als sie wieder aufsah, fiel ihr Blick auf Alfred +Smiders, der sie von der Straße her grüßte. + +Sie neigte leicht den Kopf und wollte weiter in den Garten +hineinschreiten, er rief sie aber an. + +»Fräulein Hergenbach! Nur auf ein Wort!« + +Sie blieb stehen. + +»Darf ich in den Garten eintreten? Die Pforte ist verschlossen. Oder +kommen Sie lieber einen Augenblick näher zu mir.« + +Ein widerstrebendes Gefühl hielt sie noch zurück. Er ging aber nicht +fort, und schließlich überwand sie sich und schritt an den niedrigen +Zaun heran. Smiders streckte ihr die Hand entgegen, die sie nur leicht +berührte. + +»Schade, daß ich Sie so selten sehen kann, Fräulein Hergenbach,« sagte +er und suchte sie dabei fest ins Auge zu fassen. »Ich möchte gern mit +Ihnen plaudern. Wenn ich aber Plüddekamps aufsuche, wie neulich, so +erscheinen Sie nicht.« + +»Ich bin immer beschäftigt, Herr Smiders.« + +»Die dumme Hauswirtschaft! Für ein schönes junges Mädchen wie Sie gibt +es doch interessantere Dinge, um sich das Leben reizvoll zu machen.« + +Sein auf ihr ruhender Blick wurde immer dreister, und plötzlich trat +ein glühendes Rot in ihre Wangen. + +»Wahrhaftig, ich bin ganz bezaubert von Ihnen, Fräulein Hergenbach! +Wie entzückend Sie mit den geröteten Wangen ausschauen.« Ilse wurde +immer unruhiger. »Ich möchte gern einmal mit Ihnen allein plaudern,« +flüsterte er, »gehen Sie gar nicht spazieren? Ich versuche schon +einige Zeit, Sie irgendwo zu treffen.« + +Sie schwieg immer noch. + +»Ich wollte meinen Freund Wolf danach ausfragen, aber ich hörte, er +ist auf längere Zeit verreist.« + +Sie nickte nur mit dem Kopfe. + +»Es stimmt also,« sprach er weiter. »Dann muß es doch schrecklich +langweilig für Sie im Plüddekampschen Hause sein. Jürgen und Herta +sind altbackene Menschen. Ich habe es Ihnen sofort angemerkt, daß +Sie sich nach einer anderen Unterhaltung sehnen. Sie wollen etwas +von dem lustigen Treiben in der Welt sehen und hören. Hier sitzen +Sie wie hinter Klostermauern. Springen Sie flott darüber hinweg! +Ich helfe Ihnen dabei. Geben Sie mir nur bald Gelegenheit, daß wir +zusammenkommen.« + +Ilse schüttelte den Kopf. + +»Ich bedaure, Herr Smiders. Wenn ich wohl nichts dabei finde, +Plüddekamps denken anders darüber. Ich bin auch mit Wolf nicht allein +ausgegangen.« + +»Mit Wolf?« Ein zynisches Lächeln flog über seine scharfen Züge. +»Ah -- das Wölfchen ist nicht so dumm und hat bemerkt, welch +leidenschaftlich schöne Augen hier die beste Zeit vertrauern.« + +»Herr Smiders, ich bitte! -- Brechen wir die Unterhaltung ab!« Sie +schickte sich an, fortzugehen. + +»Auf Wiedersehen!« rief er ihr noch nach. »Ich treffe Sie bald wieder +und erzähle Ihnen dann recht Interessantes von Ihrem Freund Wolf!« Er +lüftete den Hut und ging weiter. + +Unwillkürlich war Ilse Hergenbach einen Augenblick stehen geblieben +und sah Smiders verstohlen nach. + +»Von Wolf?« wiederholte sie leise, »was will er damit sagen!« Sie +erregte sich über diese hingeworfenen Worte. Wenn Smiders sie jetzt +noch einmal gefragt hätte, ob er sie wiedersehen könne, würde sie +zugestimmt haben, nur um zu erfahren, was er von Wolf wußte. Sollte +dieser --? Nein! Es war unmöglich, -- Wolfs blaue Augen konnten nicht +lügen. Trotzdem saß der Stachel der gefallenen Worte in ihr fest. -- + +Von Wolf war in den letzten Tagen keine Nachricht eingetroffen. +Er reiste im Norden Spaniens umher. Jürgen erzählte, daß es +außerordentlich schwer hielt, die verlangten Lieferungen Roggen +aufzukaufen. -- + +Wie die Tage langweilig und öde dahinschlichen! Ilse überwand sich +nur mit aller Kraft, ihren Verpflichtungen im Haushalte nachzukommen. +Diese ewige Unruhe, dieses fortwährende Sehnen -- nichts konnte sie +befriedigen! Selbst die Briefe an ihre jüngere Schwester Helene, an +der sie am meisten hing, flossen ihr nicht aus der Feder, und sie +zerriß mit ihren schlanken Fingern das Papier in kleine Stücke. + +»Ich vermag nichts zu erreichen und habe so viele Wünsche! Ich will +so vieles und darf nicht handeln!« rief es in ihr. »Es ist nicht mehr +auszuhalten! Immer nur in diesen düsteren hohen Räumen sein, in denen +alle Lebenslust erstirbt! Das altjüngferliche Wesen von Herta, der +überlegene Blick Jürgens, der mich streift, als wenn ich nichts wert +wäre. Ich kann es nicht länger ertragen! Ich bedarf einer Abwechslung! +Etwas, was mich aus diesem tötenden Einerlei herausreißt und mir +irgendeine Befriedigung gewährt. Wenn nur Wolf zurückkäme! Wie lange +läßt er mich allein, -- ich möchte ihm nachreisen! Könnte ich ihn +nur auffinden und mit ihm in die Welt hineintollen. Alles wäre mir +dann recht. -- Ich mag nicht hier bleiben, auch nicht nach Nordhausen +zurück, und weiß selbst nicht -- wonach ich mich sehne!« + +Sie schrie laut vor sich hin: »Wolf! Wolf!« Dann glaubte sie das +höhnische Lächeln in den Zügen von Alfred Smiders zu sehen. Was tat +Wolf? Warum sagte es jener ihr nicht gleich? Es entstand ein heißer +Drang in ihr, dies unbedingt zu erkunden. -- + +Alfred Smiders war direkt nach seinem Kontor gegangen. Er fand dort +den Hamburger vor und staunte nicht wenig, diesen in den Schiffslisten +studieren zu sehen. »Mor'n Herr Kneis!« streckte er ihm die Hand +entgegen. »Ich glaubte Sie in Berlin. Sie wollten doch geschäftliche +Sachen dort erledigen.« + +»Kam mir was anderes in den Sinn,« erwiderte der lange Hamburger. »Bin +heute morgen mit dem ersten Dampfer zum ›Friedrich Barbarossa‹ hinaus. +Das Schwimmdock steht noch hoch, müßte aber mit Wasserfüllung gesenkt +sein. Auf dem Dampfer selbst Totenstille, kein einziger Hammerschlag +zu hören. Auf dem Deck waren ein paar Männer. Der eine rief etwas +herunter, konnte es aber nicht verstehen.« + +Die Züge des Reeders drückten in dem Augenblick eine unverkennbare +Verlegenheit aus. Er hatte nicht erwartet, daß Kneis gerade in diesen +Tagen zum ›Friedrich Barbarossa‹, den er schon vor längerer Zeit +besichtigt hatte, wieder hinausfahren würde. Sonst hätte er alles +getan, um dies zu verhindern. Der Hamburger durfte nicht dahinter +kommen, daß die Werft die Arbeit einstellte, weil die fälligen Raten +nicht abgeführt worden waren. + +»Ich werde nachher die Direktion anrufen, Herr Kneis,« erwiderte er +dann. »Vielleicht streiken die Arbeiter und wollen Lohnerhöhung haben. +Wer kann immer wissen, was vorliegt. Übrigens -- mir kann's recht +sein! Die Konventionalstrafe entschädigt mich doppelt und dreifach. +Ich lasse mir keine grauen Haare darum wachsen!« + +»So, so,« meinte Kneis. »Sie haben aber doch Ladeverpflichtungen! Der +Dampfer kann nicht rechtzeitig für Jürgen Plüddekamp auslaufen! Ich +bin vollständig unterrichtet, Herr Smiders.« + +»Nun ja,« erwiderte dieser lässig, »mit dem Getreidehaus Jürgen +Plüddekamp werde ich schon fertig. Solche uralten Kunden nehmen +Rücksicht bei Zwischenfällen, wie sie alle Tage vorkommen können. -- +Sie wollten doch heute in Berlin den Betrag für die vorläufige erste +Einzahlung erheben? Wir hatten es so besprochen.« + +»Nein, nein,« wehrte der Hamburger ab, »wir waren noch nicht so weit. +Habe darum die Schiffslisten durchgesehen, ob Dampfer von Ihnen +eingelaufen sind. Kann mir keiner verdenken, wenn ich die Katze nicht +im Sack kaufen will.« + +Unter den starken schwarzen Augenbrauen von Smiders schoß ein giftiger +Blick hervor. Von Tag zu Tag wurde er bereits hingehalten. Er hatte +eine vorläufige Einzahlung verlangt, um die Werft zu befriedigen. +Dies war in seiner Lage das Dringendste. -- Dann kam noch hinzu, daß +in einiger Zeit große Wechselsummen fällig wurden. Dazu brauchte er +auf jeden Fall weitere Beträge. -- Er mußte also, trotzdem der Ingrimm +in ihm saß, gute Miene zum bösen Spiel machen. + +»Es war doch ein schöner Abend neulich,« klopfte er Kneis auf die +Schulter. »Hm -- was sagen Sie dazu? Kann man sich in Stettin nicht +gut amüsieren? Wir gehen bald wieder nach der ›Grünen Schanze‹.« + +Der Überseer schmunzelte über das ganze Gesicht. + +»Warum nicht! Denke aber, daß Sie jetzt genug Arbeit im Kontor haben. +Der Grundsatz aller Überseer ist das Richtige: dreimal Arbeit -- +einmal Vergnügen! Man kommt dann vorwärts! Rate Ihnen auch zu dem +Muster, Herr Smiders.« + +»Ich opferte manche Nachtruhe, Herr Kneis, wenn es darauf ankam, eilig +zu verfrachten. Ihr Grundsatz ist mir daher nicht neu. Übrigens, wenn +ich zu tun habe, können Sie doch allein nach der ›Grünen Schanze‹ +gehen. Mit Karli und Riekchen unterhalten Sie sich famos.« + +»Wie mir's gerade einfällt,« erwiderte dieser. »Wünschte, ich hätte +mehr zu tun, als nur Kurszettel zu studieren. Ist gar nicht angenehm, +auf der Bärenhaut zu liegen. Bin nicht abgeneigt, mitzuarbeiten.« + +Smiders horchte auf. Diese Idee war das Schlimmste, was kommen +konnte. Er wollte nur das Geld von Kneis, dann konnte dieser ruhig +nach Hamburg abdampfen. Bei einem tätigen Teilhaber geriet er in +eine peinliche Lage. Es ging manches in seinem Geschäft vor, was er +zu verbergen hatte. Der Wechselaustausch, die Schulden bei der Werft +und vieles andere lief nicht durch die Bücher. Er hatte zu lauter +Verschleierungen gegriffen. + +»Sie sagen nichts dazu, Herr Smiders,« stellte Kneis erneut seine +Anfrage. »Sollte meinen, Sie könnten einen tätigen Kompagnon +gebrauchen. Spielt sich alles dann viel rascher ab!« + +Es brannte hinter Smiders Stirn, als wenn ihm glühendes Eisen +darangehalten würde. Er befand sich in einer derart zugespitzten Lage, +daß er sich kaum noch länger halten konnte, wenn nicht bares Geld in +die Reederei hineinkam. -- Auf der anderen Seite konnte er keinen +Teilhaber aufnehmen, der Einsicht in den Betrieb erhielt. Jedenfalls +jetzt noch nicht. Plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. + +»Ich bin nicht abgeneigt, Herr Kneis, aber erst später! Sagen wir in +einem Jahre, -- nach Abschluß der nächsten Bilanz.« + +»O, nein,« meinte der Hamburger, »wenn ich eintrete, dann gleich! Ich +brenne auf Arbeit. Es ist mir das Leben sonst zu langweilig. Habe auch +bereits mit Ihrem Vater gesprochen, der doch Mitinhaber ist, und sein +ganzes Geld bei Ihnen stehen hat. Ist sofort dazu bereit, hält's sogar +für außerordentlich notwendig. Fahre dann nach Berlin und hole Geld!« + +Smiders war nahe daran, vor Wut laut zu fluchen. Jetzt hatte sich +Kneis hinter seinen Vater gesteckt. Der alte Mann lag im Lehnstuhl +und konnte sich kaum rühren. Er war aber immer noch geistig rege und +stellte zuweilen Fragen, deren Beantwortung in hohem Maße peinlich +wurde. + +Dem Vater gegenüber hatte Smiders die schwere Lage der Reederei +fortgesetzt verhüllt, und doch mußte der alte Herr davon Wind bekommen +haben. Vor allen Dingen hieß es nun, den Hamburger noch hinzuhalten. +Erst mußten die Wechsel eingelöst sein, ehe dieser in das Geheimbuch +der Firma Einsicht nehmen konnte. + +»Würde nicht zögern,« meinte der Hamburger und hielt ihm die Hand hin, +»ist dann gleich alles bis auf Einzelheiten im Vertrage abgemacht.« + +Smiders kämpfte schwer mit sich. Sollte er? Sollte er nicht? Da er +doch nicht sofort einschlug, zog der Hamburger seine Hand zurück. Der +einzige Augenblick, der ihn noch retten konnte, war verpaßt. + +»Sie haben Zeit zur Überlegung, Herr Smiders. Sprechen Sie mit Ihrem +Vater und folgen Sie seinem Rat. Ich kann warten!« Kneis nahm seinen +Hut, wünschte guten Morgen und ging hinaus. + +Smiders sank auf seinen Schreibstuhl zurück. Seine Stirn zog sich in +tiefe Falten. + +»Himmel und Hölle,« fluchte er vor sich hin, »als ob jetzt alles +versessen ist, mich in den Dreck hineinzurennen! Es gelingt mir nichts +mehr! Alles schlägt fehl -- so gut ich's auch eingefädelt hatte! +Dieser Protz von Überseer! Dieser ekelhafte Kerl! Seine Fratze täglich +vor mir sehen zu sollen! Das kann ich schon lange nicht. Es widert +mich an. Überhaupt -- alle meine Maßnahmen kritisieren zu lassen +-- alle meine feinen Mittelchen, mit denen ich so manches nebenbei +verdiene, fortzulassen -- fällt mir gar nicht ein. Das Geld mag er +einzahlen und dann weg mit ihm, so rasch als möglich! Ich habe es +gründlich satt, mit dem Kerl alle Tage schön zu tun.« + +Er hatte sich in eine helle Wut hineingeredet. Aus einem Fach seines +Schreibtisches zog er ein langes schmales Buch hervor, in dem er seine +Privatnotizen zu machen pflegte. Er blätterte eine Weile darin herum +und schlug dann gewaltsam auf den Tisch. + +»Bald kann ich nicht mehr! Was diese Werft von mir schluckt, ist +geradezu hundemiserabel! Das ganze Betriebskapital hat sie mir +weggeholt. Es läuft nun auf Wechsel. Ich kann hinkommen, wo ich +will, überall sieht man die Dinger mit Mißtrauen an. Ob ich Jürgen +Plüddekamp anpumpe? -- Das wäre noch ein Gedanke! Er könnte mir mit +einem Federstrich helfen. Teufel, wenn ich es nun dem Alten sage, der +holt das Geld leichter heraus! Sie hielten immer dicke Freundschaft +miteinander. Aber der drüben weiß ja von allem nichts. Ich muß bei ihm +zu Kreuze kriechen.« + +Er nahm das Buch und warf es wieder ins Fach zurück, das er verschloß. +Dann stieß er zwischen den Zähnen einen langen Pfiff hervor, und auf +sein Gesicht trat plötzlich ein zynisches Lächeln. + +»Bei den Frauen glückt es mir immer! Ich weiß nicht, was sie an mir +haben? Wenn es nur so im Geschäft ginge! Jetzt die Ilse Hergenbach, -- +das ist mein Geschmack. Es schlummert noch viel in ihr, aber ich will +es wecken. Ja, mein Wölfchen, bis du zurückkommst, dauert es noch ein +Weilchen! Ich habe mich genau erkundigt. Ilse Hergenbach soll mir den +miserablen Ärger versüßen.« -- + + + + + XVIII. + + +Die Verhältnisse bei Smiders & Sohn spitzten sich immer mehr zu. +Trotzdem fand der junge Reeder noch Zeit, auf Ilse Obacht zu geben. +Schon nach einigen Tagen sah er sie ausgehen. Sie wollte noch gegen +Abend einige Besorgungen erledigen und war auf dem Wege nach der +Breitenstraße, als Alfred Smiders aus einem Nebengäßchen auftauchte +und ihr plötzlich entgegentrat. Er führte diese Begegnung mit Absicht +herbei. + +»Endlich habe ich das Glück, Sie zu treffen, Fräulein Hergenbach!« zog +er den Hut. + +Sie verneigte sich nur wenig. + +»Ich wartete jeden Tag auf Sie,« sagte er dann. + +»Warum, Herr Smiders? Es ist doch zwecklos --« entgegnete sie hastig. + +Als er sie aber nach diesen Worten scharf ansah, begann sie stark zu +erröten. Sie bemerkte es und war darüber auf sich selbst ärgerlich. +Warum geschah es gerade unter seinen Blicken? Ihre Pulse klopften +fühlbar, als er jetzt neben ihr herging, und doch vermochte sie seine +Begleitung nicht abzulehnen. + +»Sie wollten von Wolf hören, Fräulein Hergenbach! Es hat Sie aus dem +alten Haus getrieben. Habe ich nicht recht?« fragte er überlegen. +»Ich weiß es auch ohne Ihre Antwort. Wolf genügt Ihnen nicht. Er lebt +in so törichter Abhängigkeit von seinen Geschwistern. Bei mir ist +es anders. Einer solchen Partnerin wie Sie böte ich jeden Reiz des +Lebens.« + +Warum erzitterte nur Ilse Hergenbach unter diesen Worten? Das war es, +was in ihr gärte. Eingeengt in den alten Brauch des Plüddekampschen +Hauses, drängte alles in ihr gewaltsam nach Lebensgenuß. Alfred +Smiders durchschaute sie sofort, und sie fühlte dies Erkennen vom +ersten Augenblick an. Obwohl sie kein Interesse für ihn hatte, zwang +er sie doch in seinen Bann hinein. Und nun dieses direkte Hindeuten +auf Wolf! Was konnte er von ihm sagen! Wußte er um alles? Es quälte +sie seit Tagen, und sie wollte es heute bestimmt ergründen. + +»Ich habe in diesem Laden etwas zu besorgen, Herr Smiders,« blieb sie +plötzlich stehen. + +»Ich warte gern draußen, Fräulein Hergenbach,« erwiderte er +zuvorkommend, »denn mit hineinnehmen wollen Sie mich wohl nicht.« + +»Nein,« erwiderte sie mit eigentümlichem Lächeln, »man denkt hier zu +kleinstädtisch!« + +Sie trat in das Geschäft ein und kam nach kurzer Zeit mit den +eingekauften Sachen wieder heraus. »Ich gehe jetzt heim, Herr +Smiders,« sagte sie leichthin. + +Er bemerkte sogleich, daß es ihr damit nicht ernst war, und faßte sie +scharf ins Auge. + +»Ich möchte gern mit Ihnen eine Stunde zusammen sein, so viel Zeit +haben Sie, Fräulein Hergenbach.« + +Sie suchte hastig nach Worten, durch die sie dies ablehnen konnte, +aber die Neugierde, über Wolf etwas zu erfahren, hielt sie davon +zurück. + +»Sie müssen mir aber erzählen, was Sie von Wolf wissen, Herr Smiders,« +gab sie nun zur Antwort. + +Dieser, der sie dabei beobachtete, frohlockte. Der abgesandte +Pfeil hatte getroffen. Ilse mußte an Wolf stark interessiert sein, +wahrscheinlich noch mehr -- die beiden hatten ein Liebesverhältnis +miteinander! Es war nach seiner Meinung leicht zu durchbrechen. + +»Ich kann Ihnen viel von meinem Freunde Wolf erzählen. Wenn Sie +mir auf ein halbes Stündchen folgen, -- sollen Sie sogar -- seine +Liebesirrung kennen lernen --« + +»Seine Liebesirrung, Herr Smiders? --« Ilses Herz zog sich krampfhaft +zusammen. + +»Na und ob,« meinte Smiders höhnisch. »Ist ein hübsches junges +Mädchen. Natürlich nichts Besonderes! Aber Herr Jürgen und Fräulein +Herta würden sich wundern, wenn sie wüßten, in wessen Armen Wölfchen +seine freien Stunden verbringt.« + +Ilse zitterte am ganzen Körper vor Wut. Wolf Plüddekamp hatte ein +Verhältnis. Die Frau in ihr war tief beleidigt. + +»Aha!« dachte Smiders, der den Seelenzustand in ihrem Gesicht las, +»Wölfchen scheint recht weit mit ihr zu sein. Die Sache ist nicht so +schwierig, wie sie aussah. -- Kommen Sie, Fräulein Ilse,« er nahm +einfach ihren Arm, »das blonde Riekchen haust ganz in der Nähe. Wir +trinken dort eine Flasche Wein zusammen.« + +Ilse zog den Arm rasch zurück. Einen Augenblick wollte es in ihr +über diese Zumutung zornig aufwallen. Noch stärker wirkte aber die +angetane Kränkung. Jürgen Plüddekamp hatte ihre Liebe verschmäht. Wolf +Plüddekamp, der sie zur Frau verlangte -- betrog sie mit einer andern! +Der Ingrimm packte sie mit voller Gewalt. + +»Nun?« fragte der Reeder, »ist die Kenntnis nicht wertvoll für Sie?« +Er zog abermals ihren Arm unter den seinen, und jetzt ging sie mit. + +Es waren nur wenige Schritte bis zur ›Grünen Schanze.‹ Es schauderte +ihr kalt über den Rücken, als sie mit Alfred Smiders den dunklen +Hausflur durchschritt und in den Hof kam. Wohin führte er sie? -- Eine +innere Stimme rief: »Zurück! Zurück!« Ihr Fuß ging aber vorwärts. +Smiders riß die Tür auf, und sie traten in das alte räucherige Zimmer +ein. Von dem Sofa erhob sich gähnend eine weibliche Person. + +»Ach -- Sie sind's, Herr Smiders!« sagte diese. Es war das blonde +Riekchen. »Karli hat heute ihren Ausgehtag -- der Hamburger sitzt +vorn. Ist der schöne Wolf noch nicht zurück?« Sie brachte alles in +einem Atem vor. + +Smiders ließ Ilse stehen und flüsterte Riekchen rasch einige Worte zu. + +»Ah -- so,« meinte die dralle Person darauf, »wird bestens besorgt.« +Sie sah dann neugierig auf die junge Dame, die unbeweglich inmitten +des Raumes stand. + +»Der Hamburger braucht nicht zu wissen, daß ich hier bin, Rieke!« Der +Reeder wiederholte dies anscheinend laut. + +»Schon gut, Herr Smiders.« + +Riekchen drehte das Gas mehr auf, es wurde heller. Smiders schritt auf +Ilse zu, nahm ihren Mantel ab und führte sie mit überlegenem Lächeln +zum Sofa. + +»Dort setze ich mich nicht, Herr Smiders,« ihre tiefe Stimme hatte +einen unsicheren Klang, »ich werde diesen Stuhl nehmen.« + +Die blonde Rieke ging hinaus, um Sekt zu holen. + +»Also das ist das Mädchen, mit dem Wolf Plüddekamp ein Verhältnis +hat?« brachte Ilse mühsam hervor. + +»Ja, -- meine schöne Ilse, -- das ist das Mädchen! Eine nette +Weinkellnerin, wie?« + +Ilse war leichenblaß geworden. + +»Was halten Sie nun von Wölfchen? Lockrer Zeisig -- he? Und Sie, +schöne Ilse? Sie haben doch geglaubt, ihn ganz allein zu besitzen!« + +»Herr Smiders,« rang es sich von ihren Lippen, »Sie sind brutal mit +mir, -- Wolf ist mein Verlobter.« + +»Na, -- so im geheimen, -- damit meint er's nicht so genau! Sie +gehören doch zu den Modernen! Hab es gleich gewußt. Die kennen keine +Engherzigkeit. Ärgern -- Unsinn, schöne Ilse! Wir trinken jetzt ein +Glas Champagner zusammen.« + +Die blonde Rieke trat ein und brachte Sekt. Smiders schenkte einige +Gläser ein, dann reichte er Ilse und der Kellnerin davon hin. + +»Auf Schönheit und Leidenschaft -- Prost!« + +Ilse hielt krampfhaft das Glas in der Hand. Ihre Augen hatten einen +wilden Ausdruck angenommen, -- die Wangen brannten ihr wie Feuer, -- +seine Blicke ließen nicht von ihr ab. Zwar noch widerstrebend, dann +aber von einem plötzlichen Entschluß erfaßt, stieß sie mit ihm an. Die +blonde Rieke hob ebenfalls das Sektglas gegen Ilse. Sofort setzte +diese das ihre nieder. + +»Sie kennen Wolf Plüddekamp?« rief sie aus. + +»Ja,« meinte Rieke ganz verwundert. »Natürlich kenne ich ihn. Ein +bildschöner Herr! Er ist schon oft hier gewesen.« + +»Und Sie, -- Sie lieben Wolf Plüddekamp?« + +»Lieben?« meinte die blonde Rieke ironisch. »Bei unserem Handwerk muß +man ein weites Herz haben. Freilich, -- ihn kann man schon lieben.« + +Ilse Hergenbach war innerlich wütend. Sie goß das volle Glas +Champagner auf einmal hinunter, und Smiders schenkte ihr rasch wieder +ein. Es war rein zum Tollwerden! Wolf -- und diese Person, die für +jeden Gast das gleiche Entgegenkommen übrig hatte. Alle Leidenschaft +wallte auf einmal in ihr empor. Sie hätte rasen können vor Zorn. War +sie so wenig wert, galt sie nur etwas für männliche Launen? Woran +sollte sie noch glauben, sich anklammern? Der feste Boden schwand +unter ihr. Die Liebe war in ihr niedergerungen, der Haß entstanden -- +Manneswort -- leerer Schall. Ihre ganze Natur bäumte sich wild auf, +-- dann lieber toll genießen, -- alles in die Schanze schlagen! Kein +Heute -- kein Morgen! Mehr war das Leben nicht wert. Sie goß ein Glas +Champagner nach dem anderen hinunter. Schon begannen sich ihre Sinne +vollständig zu verwirren. Alfred Smiders schaute immer begehrlicher +auf sie hin. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entrinnen. + +Ilse sah den Kopf der blonden Rieke nur noch wie im Nebel, sie hörte +nicht, wie Smiders dieser sagte, sie allein zu lassen. + +»Halt Karli zurück, wenn sie kommen sollte,« flüsterte er. »Steck sie +zu Kneis -- das ist notwendig. -- Diese da,« er deutete rückwärts +auf Ilse, »spioniert bloß! Sie lernt bei Plüddekamps die Wirtschaft, +-- will dir meinen Freund Wolf wegkapern. Ich leid's aber nicht -- +deinetwegen, Riekchen!« + +»Wolf laß ich mir nicht nehmen,« ereiferte sich diese. »Nach einem +Reichen angeln sie alle, -- aber daraus wird nichts!« + +Smiders gab ihr einen Wink, vorsichtig zu sein. + +»Ich gehe schon --« + +Er schenkte Ilse Hergenbach immer von neuem ein. Sie konnte schon +keinen klaren Gedanken mehr fassen. Plötzlich fuhr sie aus ihrer +wilden Träumerei auf. »Ich muß nach Hause, -- Tante Herta --« + +»Sie haben Zeit,« beruhigte er sie, »es ist noch lange keine Stunde +um.« + +»Wolf! Wolf!« schrie sie plötzlich auf. + +»Lassen Sie ihn laufen,« flüsterte Smiders, sich Ilse mehr und mehr +nähernd. »Ich will Ihnen ein glänzendes Leben bieten. Ich liebe Sie +verzehrend -- Ilse.« + +»Nein, nein,« wehrte sie ihn mechanisch ab. + +Die großen grauen Augen starrten wie geistesabwesend vor sich hin. +Ihre Lippen zuckten, -- ihre Züge nahmen einen verzerrten Ausdruck an. +Sie suchte nach Worten: + +»Leben -- ist alles, was bleibt -- leben -- nicht tot sein --« + +Die ungeheure seelische Erregung -- der hastig genossene Champagner +ließen sie wie betäubt zurücksinken. -- + +Die Tür von der vorderen Weinstube wurde aufgerissen. Karli stand +plötzlich mitten im Zimmer. + +»Du bist hier!« schrie sie Smiders an, »wen hast du da mitgebracht! +Das ist arg! Du willst mir vorreden, -- na warte, -- das sollst du mir +büßen!« -- Sie warf die Verbindungstür schmetternd zu. + +Ilse erhob sich taumelnd. Sie war leichenblaß. Wo war sie hingeraten? +Der Gedankengang setzte wieder bei ihr ein. + +»Ich will fort -- fort!« rief sie aus. + +In diesem Augenblick stand sie schon an der Tür. + +»Ilse!« Er wollte sie zurückhalten. Sie war aber hinausgeeilt. Die +blonde Rieke kam jetzt, und Smiders bezahlte. + +»Rede Karli ins Gewissen,« raunte er ihr hastig zu, »daß sie bei +dem Hamburger keine Dummheiten macht. Warum hast du sie auch +hereingelassen?« + +»Ich konnte sie nicht zurückhalten, Herr Smiders. Sie hatte Wind +bekommen, daß Sie da sind. Sie durften das Fräulein nicht hierher +mitnehmen! Das war nicht schön von Ihnen.« + +»Ach was, dummes Mädel! Kümmere dich nicht um meine Sachen! Ich setze +keinen Schritt mehr in die Bude, wenn Karli nicht vernünftig ist. Sage +ihr das!« Es drängte Smiders hinaus, um Ilse Hergenbach nachzueilen. +-- -- -- + +Diese stürmte durch die Straßen vorwärts. In wilder Hast bog sie in +Nebengassen ab, um den Weg nach dem Plüddekampschen Hause abzukürzen. +Ein kalter Regen, der niederging, schlug ihr ins Gesicht, durchnäßte +ihre Kleider und Haare und kühlte die brennende Stirn. Wenn ihr nur +niemand im Hause begegnete, ehe sie das Zimmer erreichte! Es wäre ihr +unmöglich gewesen, Worte zu wechseln oder einen forschenden Blick zu +ertragen. + +Sie flog die Stufen der großen Treppe hinauf und wollte sofort weiter +zum zweiten Stockwerk, als Herta auf den Korridor trat. + +Ilse erschrak heftig. Ihr Fuß zögerte, ihr Atem stockte. + +»Ich wartete auf dich, Ilse! Du bist lange fortgeblieben.« + +»Entschuldige, Tante Herta! Ich bin vollständig durchnäßt!« + +Bei diesen Worten eilte sie bereits weiter. Trotz des Halbdunkels, das +im Korridor herrschte, hatte Herta mit einem Blick die verstörten Züge +Ilses gesehen. + +»Sie ist doch ein merkwürdiges Geschöpf,« schoß es ihr durch den Sinn. +»Von einem Regenschauer sieht man doch nicht so verstört aus.« + +Ilse war inzwischen auf dem Zimmer angelangt. Sie riß den Hut vom +Kopfe und warf sich schluchzend auf ihr Lager hin. Die Gedanken rasten +noch in ihr. Unaufhaltsam erschienen wirre Bilder vor ihren Augen. +Das ganze Nervensystem schien aufs äußerste erschüttert zu sein. Sie +vermochte sich keine klare Rechenschaft über die letzten Stunden zu +geben. Ein unbeschreibliches Angstgefühl trieb sie wieder empor und +ließ sie das elektrische Licht aufdrehen. + +Nur erst wieder einen einzigen vernünftigen Gedanken fassen, -- +richtig überlegen können, was sie tun mußte, um aus den Irrungen +herauszukommen. + +Wolf hatte sie betrogen, -- ein neuer Tränenstrom brach aus ihren +Augen hervor. + +»Alles in der Welt ist Lüge, erbärmliche Lüge!« rief es verzweifelt +in ihr. »Ich selbst -- bin die Lüge und Alfred Smiders verfallen. Ich +kann hier nicht bleiben, bis Wolf zurückkehrt! Ich kann auch nicht +nach Nordhausen zurück!« -- + +Die Kleidung wurde ihr über der Brust zu eng. Sie riß mit beiden +Händen das Mieder auf, um leichter zu atmen. + +Wenn nur diese entsetzlich quälenden Gedanken erst nachließen! Zum +ersten Male sah sie in das Leben hinein. Wie hatte sie sich nach +seinen Freuden gesehnt! Und nun empfand sie anstatt des erhofften +Glücksgefühls -- eine gänzliche Vernichtung ihrer selbst. + +Ein paarmal raste sie durch das Zimmer. Dann warf sie sich wieder hin +und schluchzte wild auf. + +Fort von hier, fort! Damit sie die prüfenden Blicke im Hause nicht +zu ertragen brauchte! Ihr Kopf schmerzte entsetzlich. Ein Schwindel +ergriff sie. -- + +Es klopfte an der Tür. Das Mädchen öffnete und fragte, ob Fräulein +Hergenbach nicht zum Abendbrot kommen wolle. Sie antwortete hastig: + +»Ich leide an starkem Kopfweh. Entschuldigen Sie mich bitte!« + +Die Tür schloß sich wieder, und Ilse Hergenbach war mit sich und ihren +wilden Gedanken allein. + + + + + XIX. + + +Es waren unangenehme Nachrichten eingegangen. Die Reederei befand +sich in einer gefahrdrohenden Lage. Trotz der klugen Machenschaften +von Alfred Smiders war eine Anzahl Papiere, die er in Akzeptaustausch +nach Berlin gegeben hatte, auf der Reichsbank zusammengekommen. Ein +Bankhaus, mit dem er noch nicht lange verkehrte, ersuchte plötzlich +um genaue Auskunft über die hereingegebenen Wechsel und wollte sofort +jeden weiteren Verkehr abbrechen, wenn kein genügender Ausweis +vorhanden war. Was sollte er tun? Gestern abend kehrte er noch in der +rosigsten Laune heim. Er fühlte etwas von einem verteufelten Kerl in +sich, dem alles gelingen mußte. Und nun? + +»Verdammt! Immer nur die Frauen!« zischte er zwischen den Zähnen +hervor, als er den Brief von der Bank wütend auf den Schreibtisch +warf. »Im Geschäft wird es täglich toller! Es darf aber nicht +zusammenbrechen. Ich bin gezwungen, heute mit dem Hamburger fertig zu +werden. Nur eine große Barsumme, mit der ich alles glatt machen kann, +bringt mich wieder in das richtige Fahrwasser hinein.« + +Er stützte sein Haupt schwer auf und sann einige Augenblicke nach. + +»Es bleibt mir kein anderer Weg, ich muß zu dem Alten hinüberlaufen +und ihm die Sache langsam beibringen.« + +Trotz der frühen Stunde ging er sofort zu seinem Vater. Smiders senior +bewohnte einen Teil des Parterres. Der alte, vollständig gelähmte +Herr lag auf dem Krankenstuhl und ließ sich vom Diener das Frühstück +reichen. Alfred Smiders trat mit lächelnder Miene an ihn heran. + +»Guten Morgen, Papa! Schon auf? Es geht dir heute wohl gut?« + +»Nicht besser und schlechter als jeden anderen Tag, mein Sohn. Nur die +Untätigkeit, zu der ich verdammt bin, ist mir schrecklich.« Der Diener +verließ inzwischen das Zimmer. »Ich sehe dich wenig, -- du bist mit +Arbeit überhäuft. Könnte ich dir doch helfen!« + +»Leider läßt sich daran nichts ändern, Papa. Ich komme wegen Herrn +Kneis. Er war bei dir und hat mit dir gesprochen.« + +»Ja, ja,« nickte der alte Smiders mit dem Kopfe. »Ein tüchtiger Mann! +Du kannst keinen besseren Teilhaber erlangen, als diesen gewiegten +Überseer. Er besitzt bedeutende geschäftliche Kenntnisse und großes +Vermögen. Ich bin dafür, wir nehmen ihn als tätigen Kompagnon auf. Du +wirst dann entlastet, und wir erhalten noch viele neue Verbindungen.« + +»Das ist alles gut und schön, Papa! Ich bin der Sache auch nicht +abgeneigt, obwohl es wenig angenehm ist, bei jeder größeren +geschäftlichen Verfügung erst eine Rücksprache nehmen zu müssen. Das +Ding hat aber noch einen Haken.« + +»Wieso?« fragte der alte Herr. + +»Na, -- du weißt doch, Papa! Die alten Kasten wollten nicht mehr +ziehen. Wir sind immerhin ziemliche Verbindlichkeiten bei der +Schiffswerft eingegangen, um unseren Dampferbestand zu erneuern. +Die Rechnungen laufen noch ein, und die Ratenzahlungen folgen dicht +aufeinander. Ich möchte nicht, daß Kneis darin Einblick bekommt. Er +gewinnt dann sofort Oberwasser bei uns.« + +Der alte Smiders sah mit den matten Augen erschrocken zu seinem Sohne +auf. + +»In dieser Form hast du es mir noch nie gesagt, Alfred. Bisher war +deine Ansicht stets, mit unseren Mitteln alles glatt bestreiten zu +können. Nun geht es auf einmal nicht mehr! -- Ich habe dir doch +deswegen mein ganzes Barvermögen gegeben, das ich noch besaß. Wir +stehen jetzt also vor neuem Bedarf, den du nicht decken kannst. Sage +es nur gerade heraus! Wir müssen dann Kredit bei unserer Bank nehmen. +Bei dem langen Verkehr mit uns wird sie ihn sicherlich einräumen.« + +Alfred Smiders kam bei diesen Worten in eine höchst unangenehme Lage. +Er überlegte schnell, wie weit er seinen Vater über den schlechten +Geldstand der Firma einweihen sollte. + +»Ich möchte es nicht, Papa! Sobald man erst bei den Banken Kredit +braucht, ziehen sie gleich die Bedingungen an. Bei unseren großen +Umsätzen kostet dies viel Zinsen und Provisionen. Offen gestanden, -- +ich will nicht in diese Abhängigkeit geraten.« + +»Es ist schon richtig,« fiel sein Vater ein. »Aber was dann? Der +›Friedrich Barbarossa‹ muß bald aus dem Dock heraus sein. Geh doch zu +Jürgen Plüddekamp. Er wird dir gewiß helfen und eine größere Summe +über das Konto vorweg geben.« + +Alfred Smiders pfiff leise durch die Zähne. + +»Ich stehe mit Jürgen nicht sehr gut, und Wolf ist auf längere Zeit +verreist. Am besten wäre es, du sprächst selbst mit ihm, Papa. +Dir schlägt er es sicherlich nicht ab, und zwar muß es noch heute +geschehen. Wir nehmen dann Kneis sofort herein, und alles ist wieder +in bester Ordnung.« + +»Alfred! Wie soll ich zu Jürgen Plüddekamp hinkommen? Ich fühle mich +viel zu schwach dazu.« + +»Nein, nein, Papa! Es ist unbedingt notwendig, daß du es tust. Ich +werde dich gleich telephonisch anmelden, und du läßt dich in deinem +Wagen hinfahren.« + +»Ja, wenn es sein muß!« stöhnte der alte Smiders leise auf. »Ich mache +es deinetwegen, mein Sohn. Meine Lebenstage sind doch gezählt.« + +Der junge Smiders reichte seinem Vater mit freundlichem Drucke die +Hand. + +»Gut, Papa! Wir sind jetzt vollkommen einig. Ich rufe dir deinen +Diener und gehe gleich nach dem Kontor hinüber.« + +Er befand sich wieder in bester Laune. Ein Stein war ihm vom Herzen +gefallen. So mußte es gehen. Nun schwamm er wieder oben. -- + +Jürgen Plüddekamp erstaunte nicht wenig, als ihm telephonisch gemeldet +wurde, daß der alte gelähmte Herr Smiders ihn aufsuchen würde. Eine +Stunde darauf brachte der Diener diesen bereits angefahren. Mit +einigen Umständen wurde der Wagen bis an das Privatkontor von Jürgen +Plüddekamp gebracht. Der alte Mann kam schon in einem ziemlich +erschöpften Zustande an, und Jürgen suchte ihm die Aussprache in jeder +Weise zu erleichtern. + +Er ließ sofort ein stärkendes Glas Wein für ihn holen und fragte dann +teilnehmend, wie sein Befinden wäre. Da er ihn lange nicht gesehen +habe, freue er sich, daß es ihm anscheinend gut ginge. + +»-- und nun -- was führt Sie zu mir, Herr Smiders?« + +»Lieber Herr Plüddekamp,« begann dieser. »Ich komme heute als alter +Freund Ihrer Firma zu Ihnen, dem schon Ihr Herr Vater volles Vertrauen +schenkte. Es handelt sich um einen Vorschlag. Die Erweiterung unserer +Dampferlinien, um der wachsenden Konkurrenz zu begegnen, stellte große +Anforderungen an die Reederei. Wir haben uns deshalb entschlossen, +einen tätigen Teilhaber mit größerem Kapital hereinzunehmen. Es ist +Herr Kneis aus Hamburg. Vorher aber möchte Alfred vollständig reinen +Tisch haben. Wir wollen uns nicht der Bank in die Hand geben, und ich +bitte Sie, uns dabei entgegenzukommen. Die Summe für den gecharterten +›Friedrich Barbarossa‹ ist allerdings erst später zu zahlen. Es wird +Ihnen nichts ausmachen, uns diese -- natürlich mit Abzug eines Skontos +-- schon jetzt zu überweisen. Sie werden uns zu gleichen Diensten +stets bereit finden.« + +Jürgen war dieses Ansinnen sehr peinlich. Der alte gebrechliche Herr +tat ihm außerordentlich leid. Sollte er ihm die bittere Wahrheit ins +Gesicht sagen? + +Herr Smiders senior sah ihn fragend an. Warum erfolgte nicht gleich +die Antwort? Es war doch nur eine kleine Gefälligkeit, um die er die +reiche Firma anging. + +»So leid es mir tut, Herr Smiders, und so gern ich Ihnen gefällig sein +möchte, -- in diesem Falle geht es nicht,« brachte Jürgen leicht +stockend hervor. »Die Fracht für den ›Friedrich Barbarossa‹ hängt +vollständig in der Luft, und unser Vertrag ist hinfällig. Der Dampfer +liegt noch im Dock, und es ist nicht abzusehen, wann er auslaufen +kann. Ich hörte, die Werft hat die Arbeit eingestellt!« + +»Die Werft hat die Arbeit eingestellt, Herr Plüddekamp! Großer Gott, +davon weiß ich gar nichts!« erwiderte der alte Smiders zitternd. »Ich +glaubte, der Dampfer sei zum Auslaufen bereit. Darauf begründete sich +mein Plan. Nun tut es mir leid, daß ich Sie behelligt habe. -- Ich muß +sofort mit Alfred sprechen. Ich verstehe alles nicht mehr -- ich bin +-- ganz verstört darüber.« + +Jürgen Plüddekamp sah ihn mit bedauernden Blicken an. Er hätte ihm +wohl noch manches sagen können, wovon er nichts wußte. Aber dazu +lag kein Grund vor, und er wollte dem alten Herrn nicht die letzten +Lebenstage verbittern. -- + +Smiders senior fuhr unverrichteter Sache ab. Gleich darauf rief Jürgen +den Prokuristen Armin herein und teilte ihm alles mit. + +»Was sagen Sie dazu, Armin? Ich habe das Gefühl, daß Smiders & Sohn +vor dem gänzlichen Zusammenbruch stehen. Ein wahres Glück, daß wir +Wolf nach Spanien sandten. Hoffentlich erhalten wir recht bald gute +Nachrichten von ihm. Unsere sonstigen Beziehungen zu der Reederei sind +doch vollständig geregelt, so daß wir mit ihr in gar keiner Berührung +mehr stehen.« + +»Es liegen noch ein paar kleinere Frachten vor, Plüddekamp,« erwiderte +Armin, »aber diese machen uns keine Umstände. Ich kann sie auch einer +anderen Reederei überschreiben.« + +»Tun Sie das, Armin! Es ist besser, wir brechen alle Verbindungen mit +der Firma ab.« -- -- -- + +Alfred Smiders saß an seinem Schreibtisch. Er hatte einen weißen +Bogen vor sich hingelegt und rechnete. Nach einer Weile nickte er +befriedigt. So mußte es gehen! Ein Angestellter brachte ihm die +Mittagspost herein. Bei flüchtigem Durchsehen erkannte er auf einem +Kuvert die Handschrift von Kneis. Sofort riß er dies zuerst auf und +überflog hastig die darin enthaltenen Zeilen. Ein wilder Ausruf +entfuhr seinem Munde. Er schlug mit beiden Händen auf den Tisch und +wurde dann fahlbleich. + +»Es ist ja nicht möglich!« rief er laut aus. »Was ist in den Mann +gefahren! So lasse ich mich nicht abspeisen! -- Bis zum Abgang des +Schnellzuges nach Hamburg ist noch eine Stunde. -- Er darf nicht +fahren!« Und schon hatte er seinen Hut ergriffen und eilte fort. -- + +Inzwischen kehrte der Wagen mit dem gelähmten alten Smiders zurück. Er +ließ seinen Sohn sofort zu sich bitten und erhielt zur Antwort, daß +dieser ausgegangen sei. Nach einer halben Stunde kam Alfred Smiders +jedoch zurück. Sein sonst elastischer Gang war unsicher, seine Züge +gefurcht, als ob er um Jahre gealtert sei. Er suchte sofort seinen +Vater auf und war völlig niedergeschmettert, als er die Ablehnung von +Jürgen Plüddekamp erfuhr. + +»Was nun?« rief es in ihm. + +»Sprich sofort mit Herrn Kneis!« sagte ihm der Vater. »Du mußt mit +ihm einig werden! Es ist der einzige Ausweg! Geh, mein Sohn, versäume +keine Zeit.« + +Alfred Smiders wankte nach seinem Kontor hinaus. Er konnte seinem +Vater nicht sagen, daß bei dem Hamburger alles verloren sei. Mit der +gewohnten Ruhe hatte ihm der Überseer ins Gesicht gesagt, daß er +dafür danke, mit der Firma Smiders & Sohn in irgendeine Verbindung +zu treten. Als Alfred Smiders nach der Ursache seines plötzlichen +Verhaltens forschte, erwiderte er kaltlächelnd: + +»Fragen Sie die schwarze Karli in der ›Grünen Schanze‹, die Sie mir +so warm empfohlen haben, warum ich mit Ihnen nichts mehr zu tun +haben will.« Damit verbeugte er sich kurz, und Alfred Smiders war +abgewiesen. + +Die letzte Hoffnung hatte er noch auf die Unterredung seines Vaters +mit Jürgen Plüddekamp gesetzt. Auch diese schlug fehl. + +Wohin er auch blickte, kein Ausweg mehr. Alle Fäden, die er gehalten, +waren abgeschnitten. Schon in den nächsten Tagen mußte die Firma +zusammenbrechen. Einen Konkurs konnte er nicht machen. Seine Bücher +waren nicht in Ordnung. Er hatte eine Anzahl Posten nicht buchen +lassen. Der ganze Akzeptaustausch, durch den er sich Geld verschaffte, +stand nur auf einem Blatt Papier verzeichnet. Er wußte genau, der +Staatsanwalt würde sich mit ihm befassen. Das verzweifelte Spiel, das +er aus wilder Sucht nach Reichtum begonnen, war verloren! Er wollte +noch so viel als möglich zusammenraffen und damit fliehen. Weiter +blieb ihm nichts übrig. -- Einen Augenblick dachte er an seinen alten +Vater, er schüttelte aber den Gedanken mit aller Kraft wieder von +sich ab. Mochten sich andere seiner annehmen, er wollte den Sturz +nicht erleben. Es war nicht hohe -- nein, es war die höchste Zeit, daß +er fortging. -- Es ergriff ihn eine Wut auf die schwarze Karli, die +ihn an den Hamburger verriet. Warum vertraute er sich ihr auch an! +Er suchte bei diesen Gedanken nach dem Grunde, und die Gestalt Ilse +Hergenbachs trat plötzlich vor ihn hin. Durch diese Torheit entstand +jetzt sein ganzes Unglück. Sie hatte ihm gefallen, wie ihm jedes +andere Mädchen gefiel, nach dem er siegesgewiß seine Hand ausstreckte. +Aber der Einsatz kam ihm teuer zu stehen. Nun galt es, keine Sekunde +mehr zu zögern. + +Er rief seinen vertrauten Buchhalter herein und ließ sich das +Kontokorrentbuch vorlegen. Mit fiebernden Pulsen blätterte er darin +herum, machte sich Notizen und bestellte dann einen Wagen. Die Leute +konnten ihm nachreden, was sie wollten, er würde drüben in der Neuen +Welt untertauchen. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe, und es gelang +ihm, einen geeigneten Plan zu schmieden. Inzwischen fuhr der Wagen +vor. Er war schon im Begriff, hinauszueilen, als einer der Kommis ihm +meldete, daß ihn eine junge Dame zu sprechen wünsche. + +»Ich habe keine Zeit!« schrie er diesen an, »sagen Sie ihr dies.« + +Der Kommis kehrte aber nochmals zurück. »Sie läßt sich nicht abweisen, +Herr Smiders, und hat ihren Namen genannt -- Fräulein Ilse Hergenbach!« + +Smiders warf das Hauptbuch dröhnend auf die Schreibtischplatte. + +»Es ist rein wie verhext! Gut,« rief er dem Kommis zu, »das Fräulein +soll eintreten.« + + + + + XX. + + +Herta Plüddekamp sah Ilse fragend an, als sie am nächsten Morgen ihre +Tätigkeit im Haushalt wieder aufnahm. + +»Dein Gesicht kommt mir so verändert vor, Ilse. Hast du eine schlechte +Nachricht erhalten?« + +»Nein!« erwiderte diese zögernd. »Ich fühle mich nicht ganz wohl und +muß mir eine starke Kopferkältung zugezogen haben. Eine Schwere liegt +mir in allen Gliedern, daß ich mich kaum aufrecht erhalte.« + +»So bleibe doch in deinem Zimmer! Ich sende dir die Mahlzeiten +hinauf,« sagte Herta in gütigem Tone. + +»Ich danke dir, Tante Herta.« + +Ilse war recht froh, dem Wirtschaftsgetriebe fernbleiben zu können, +und zog sich sofort auf ihr Zimmer zurück. Nach einer schlaflos +verbrachten Nacht fühlte sie eine starke Ermattung in ihren Gliedern. +Aus dem Gewirr der Gedanken hatte sie sich zu einem Entschluß +durchgerungen. Sie wollte das Plüddekampsche Haus verlassen, um Wolf +nie wiederzusehen. Alfred Smiders mußte ihr dazu die Hand bieten. Sie +würde ihn schon zu zwingen wissen. -- Es konnte ihr niemand verdenken, +wenn sie eine Stunde ausging, um frische Luft zu schöpfen. Der Weg +aber, sollte sie zu Alfred Smiders führen. -- + +Jochen Hindorf war an dem Vormittag zufällig fortgeschickt worden. Als +er bei der ›Grünen Schanze‹ vorbeikam, stand die blonde Rieke vor der +Tür. + +»Morjen, Mamsell!« rief er ihr zu. + +»Guten Tag, Herr Hindorf! Kommen Sie ein bißchen herein. Ich will +Ihnen ein Glas Wein geben.« + +Damit erklärte sich Jochen sofort einverstanden. Er setzte sich in die +Vorderstube und trank mit Behagen einen Schnitt ›Weißen‹ vom Faß, den +ihm das junge Mädchen hinstellte. + +»Wann kommt Herr Wolf Plüddekamp zurück?« fragte sie ihn aus. + +»Jäh -- das weiß ich nicht! So was ist Geschäftsgeheimnis,« meinte der +Alte ernst. + +»Ich habe ihm aber sehr Wichtiges zu erzählen,« fuhr Riekchen fort. + +»So, was Wichtiges! Das können Sie mir auch gleich sagen.« + +»Nein, nein!« schüttelte Rieke den Kopf, »es geht nicht ohne +weiteres.« + +Jochen Hindorf war aber ein alter Pfiffikus. Wenn er etwas erfahren +wollte, so ließ er nicht nach, und in seiner gemütlichen, halb +dummdreisten Art brachte er schließlich alles heraus. + +»Dunnerlüchting!« rief er plötzlich aus, »das ist keine andere, als +Fräulein Ilse gewesen. Herrgott und die Welt -- nun möcht' ich bloß +wissen, wie das zugegangen ist. Ich hab keine Zeit mehr, mein kleines +Fräulein, sonst krieg ich was ab.« + +»Sobald Herr Plüddekamp wieder hier ist, geben Sie mir sofort +Nachricht,« bat Rieke, »und sagen Sie keinem Menschen ein Wort davon, +was ich Ihnen anvertraute.« + +»I Gott du bewahre! Ich bin doch keine Plapperlott!« gab der Alte zur +Antwort. + +Jochen Hindorf ging trotz der Schwere seiner Beine viel schneller, +als es ihn sonst zur Arbeit trieb. Er machte ein finsteres Gesicht. +Es würgte etwas in ihm herum, und er mußte doch zu einem Entschlusse +kommen, bevor er Haus Plüddekamp erreichte. Wie sollte er es aber nur +andrehen? Eine ganz tolle Sache, die er da erfahren hatte, und sein +junger Herr stak dazwischen. + +Er befand sich schon dicht vor dem Hause, als Ilse aus dem Torweg +scheu hervorhuschte und ihm entgegenkam. Sie wollte schnell an ihm +vorüber. + +»Guten Morgen, Fräulein! Sie haben aber Eil!« sagte er mit seiner +tiefen Brummstimme und machte dabei ein listiges Gesicht. Er glaubte, +daß Ilse stehen bleiben und ihm antworten würde. Er hatte sich aber +getäuscht. Sie gab kaum den Gruß zurück und ging hastig weiter. + +»I, sieh einmal,« meinte der Alte, »sie beachtet mich gar nicht, na +man zu, ich bin ihr nichts schuldig.« + +Er schritt in den Torweg hinein und gab seine Besorgungen im Kontor +ab. Als er dann nach dem Hof ging, stand Herta an der Gartenpforte und +winkte ihn heran. + +»Jochen, du sollst mir etwas helfen!« rief sie. »Es fehlen ein paar +Bretter auf den Warmbeeten, du könntest sie mir wohl aussuchen und +zurechtschneiden.« + +»Jäh woll, gnädiges Fräulein, das werde ich tun,« Er wollte sich +gleich auf den Weg machen. + +»Jochen, warte noch einen Augenblick,« sagte Herta, »hast du noch +immer starkes Kopfreißen?« + +»Jäh woll, gnädiges Fräulein,« erwiderte Jochen, und sein breites +Gesicht verzog sich zu einem versteckten Lächeln. Er hatte sich mit +seinem angeblichen Kopfreißen manche alkoholische Vorteile verschafft. + +»Du hast doch ein gutes Mittel dafür und kannst es mir besorgen. +Fräulein Ilse leidet gleichfalls daran.« + +»I was!« rief der Alte aus, »sie ist doch eben ausgegangen!« + +»Ilse ist ausgegangen?« wiederholte Herta fragend. »Hast du sie +angetroffen?« + +»Jäh woll, gnädiges Fräulein.« + +»Dann möchte ich nur noch sagen --« + +»Ja, was denn, Jochen?« + +Der Alte stand plötzlich eine Weile stumm da; die Worte wollten nicht +über seine Lippen. Herta kannte ihn aber zu gut, als daß sie nicht +weiter nachgeforscht hätte. Sie ließ ihm erst einen Augenblick Zeit, +dann fragte sie: + +»Du willst mir etwas anvertrauen, Jochen? Ich sehe es dir an. Du +kannst es ruhig tun. Es ist wohl wegen meines Bruders Wolf?« + +»Näh, gnädiges Fräulein, es ist nicht wegen Herrn Wolf! Aber wegen +der da --« er zeigte auf den Torweg hin, durch den Ilse vorher +hinausgegangen war -- »und wegen Herrn Smiders.« + +»Wie, Jochen?« Herta wurde jetzt gespannt. »Komm -- wir gehen einen +Augenblick in den Garten, da hört uns niemand.« Sie schritt voran, und +der Alte stapfte ihr nach. + +Als Herta einige Zeit darauf in das Haus zurückkehrte, lag ein +düsterer Ernst auf ihrem Gesicht. Das Erfahrene war geradezu unerhört. +Sie fühlte sich gewissermaßen verantwortlich, weil sie Ilse +Hergenbach in ihrem Hause aufgenommen hatte. -- Wie sollte sie nun +Jürgen mit diesen Tatsachen unter die Augen treten, -- wie würde der +arme Wolf unter der Wucht der Ereignisse leiden? Sie suchte nach einem +Ausweg in diesem Wirrnis und mußte erst mit sich zu Rate gehen, um das +drohende Unheil abzuwenden. -- Was sie gefürchtet, war zum Ereignis +geworden. + +Wolf durfte Ilse bei seiner Rückkehr nicht mehr vorfinden; noch wußte +niemand etwas von der Verlobung -- die Ehre konnte gewahrt bleiben. +Sie schritt zum Haustelephon und rief Jürgen in seinem Privatkontor an. + +»Hallo!« sagte dieser, »du wünschst, liebe Herta?« + +»Ich bitte dich, sogleich zu mir heraufzukommen.« + +»Es muß etwas ganz Außergewöhnliches sein,« tönte es zurück, »wenn du +mich von der Arbeit wegholst.« + +»Sogar sehr Dringendes!« + +»Gut! Ich bin sogleich bei dir.« + +Wenige Minuten später saßen die beiden Geschwister in Hertas Zimmer +zusammen. Jürgen hörte alles mit an, ehe er ruhig erwiderte: + +»Wir waren auf falschem Wege, Herta, als wir Ilse in unsern engen +Familienkreis aufnahmen. Wohin wir gekommen sind, liegt heute klar +vor uns. Ich glaube vorläufig noch nicht alles, was Jochen Hindorf dir +erzählte. Er kann in seinem ewigen Tran manches durcheinandergebracht +haben. Es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als mich an Ort und +Stelle selbst zu erkundigen. Es gibt natürlich nur einen Entschluß: +Ilse Hergenbach packt sofort ihre Koffer und fährt nach Nordhausen +zurück. Wir brechen jede Beziehung mit ihr für immer ab. Gut, daß Wolf +dadurch von ihr lassen wird. Ich sehe jetzt noch viel klarer. Vorhin +war der alte Smiders bei mir. Ein erbarmungsvoller Anblick -- der alte +gelähmte Mann bittend für den auf Abwege geratenen Sohn. Dann Smiders +und Ilse -- es ist wahrhaftig nicht zu glauben!« + +»Sie hat erst Krankheit vorgeschützt, darauf ist sie ausgegangen. +Wahrscheinlich wird sie bei ihm sein. Die Ereignisse überstürzen sich. +Zürne mir nicht, Jürgen, daß ich dir so viel Unangenehmes bereitet +habe.« + +»Nicht doch -- liebe Herta! Wir Geschwister tragen alles +gemeinschaftlich -- Freude und Leid! Ich gehe jetzt, um mich zu +vergewissern.« + +Jürgen kam alles so ungeheuerlich vor, daß er es kaum zu glauben +vermochte. Es kostete ihm einen starken Entschluß, sich in die +Weinstube auf der ›Grünen Schanze‹ zu begeben -- jedoch es mußte +sein. Er wollte niemand Unrecht tun. + +Als er eine halbe Stunde darauf sein Haus wieder betrat, hielt der +starke Mann den Kopf gebeugt. Das Erfahrene überstieg alles, was er +für möglich gehalten hatte. Wie konnte sich ein Mädchen, das bei +ihnen lebte, so weit vergessen! Smiders war ein gewöhnlicher Schurke, +er hatte dies schon lange erkannt. Der Zusammenbruch von Smiders & +Sohn erschien unvermeidlich. Aber Ilse Hergenbach! -- Wie konnte sich +dieser Bursche ihrer nur so bemeistern? + +Herta wartete auf ihrem Zimmer mit Bangen die Rückkehr von Jürgen +ab. Als er die Tür öffnete, stand die Antwort auf seinen Zügen +geschrieben. Er brauchte ihr nichts zu sagen. Es lag noch schlimmer, +als Jochen bereits mitgeteilt hatte. + +»Ist das -- modernes Menschentum?« endete Jürgen seine Rede mit +Bitterkeit. »Sind das die Früchte unserer jetzigen Erziehung? Besteht +darin die Gleichberechtigung der Frau, daß alle vornehme Gesinnung und +gute Sitte bei ihr schwindet? Es gibt nur noch den Drang, zu leben -- +ohne Rücksicht auf andere. Ich fürchte für Wolf! Sein reiches Gemüt +wird diesen Schlag kaum verwinden. Besser, er bleibt noch lange fort, +damit die Spuren des Vorganges sich verwischen. Es ist keine heilsame +Lehre für ihn, sondern das Bild einer Vernichtung von Treu und +Glauben.« + +Die Geschwister schwiegen darauf eine ganze Zeit, bis plötzlich Herta +die Stille unterbrach: + +»Sobald Ilse heimkehrt, werde ich mit ihr sprechen. Es ist ein +schweres Amt für mich. Darf ich ihren Eltern das Geschehene +verschweigen? Wenn sie alsdann von ihnen verstoßen wird? Ich kann +nur handeln, wie es mir Frauengesetz und Recht vorschreibt. Welch +schwere Augenblicke gibt es doch, in denen von wenigen Worten ein +Lebensschicksal abhängt!« + +Jürgen mußte seiner Tätigkeit weiter nachgehen. Herta aber versank in +tiefes Nachdenken. Wie sollte sie es nur anfangen, Ilse Hergenbach +wieder auf den rechten Weg zu bringen? Die Schuld traf diese nicht +allein. Sie war von allen -- außer Jürgen -- mit schönen Worten und +Schmeicheleien genug umgarnt worden. + +»Das ist der Fluch, der auf uns Frauen lastet! Woher sollen diese +stets den starken Charakter haben, wenn sie nicht dazu erzogen werden! +Ist Ilse Hergenbach wirklich so schlecht, wie wir glauben?« + +Je mehr sie alles durchdachte, desto mehr suchte sie nach Gründen, +die ihr Verhalten entschuldigen konnten. Es drang immer wieder ein: +»Nein -- nein!« hervor. »Niemand ist gezwungen, die abschüssige Bahn +zu betreten. Die Frau muß den Halt in der Reinheit der Seele und der +Gedanken finden -- in dem Stolz, gleichberechtigt neben dem Manne zu +stehen. Sie darf nicht zu Handlungen schreiten, die ihrer unwürdig +sind.« + +Wie war es nur möglich, daß Ilse mit einem Mann, den sie kaum +kannte, in ein solch verrufenes Lokal ging? Dachte sie nicht an die +Folgerungen? Sie wurde doch genug von ihr behütet. -- Was gibt es doch +für Rätsel der Menschenseele, die unauflöslich sind! -- + +Die Mittagszeit kam heran, ohne daß Ilse wieder eintraf. In Herta +stieg der Gedanke auf, daß sie zu verzweifelten Schritten gelangt sein +könne. + +Die sonst so ruhige, abgeklärte Herta befand sich in großer Aufregung. +Sie berührte kaum die zum Mittagessen aufgetragenen Speisen, und sagte +zu Jürgen: + +»Wenn Ilse bis zum Abend nicht wieder hier ist, bleibt uns nichts +anderes übrig, als sie suchen zu lassen.« + +»Dann haben wir den öffentlichen Skandal, Herta!« erwiderte dieser. +»Bedenke -- ein solcher Fall im Hause Plüddekamp!« + +»Es kann aber nichts helfen! Wir wollen nur hoffen, daß er vermieden +bleibt.« + +Am späten Nachmittag stand Ilse jedoch vor Herta. Ihre Wangen waren +bleich, eine hektische Röte erschien auf ihnen und schwand wieder; +die Augen zeigten ein fieberhaftes Glänzen. + +»Ich habe eine Bitte an dich, Tante Herta,« sagte sie mit zu Boden +gesenkten Blicken. »Ich fürchte, krank zu werden, und möchte euch +nicht zur Last fallen. Ich will mit dem Abendschnellzug über Berlin +nach Nordhausen fahren.« + +»Es steht dir vollständig frei,« erwiderte Herta in kaltem Ton. »Du +denkst wohl nicht an eine Rückkehr?« + +»Nein, Tante Herta!« + +»So ordne deine Sachen. Unser Wagen wird dich mit dem Gepäck an die +Bahn bringen. Bestelle deiner Mutter Grüße von mir.« + +Einen Augenblick war Herta der Ansicht, jede Auseinandersetzung +mit Ilse zu vermeiden. Sie wollte auch den Eltern keine Mitteilung +zugehen lassen, um nicht die Zukunft des jungen Mädchens dadurch zu +untergraben. Dann fragte sie sich aber in ihrem Innern: Ist es recht, +sie ohne Aussprache von mir gehen zu lassen? Sie mußte sich doch von +ihrem Seelenzustand überzeugen. + +»Du siehst krank aus, Ilse,« begann sie. »Es erscheint mir aber nicht, +als ob ein körperliches Leiden die Ursache davon ist. Hast du mir +nicht noch etwas zu sagen?« + +Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Sie konnte den Blick zu der +Freundin ihrer Mutter nicht erheben. Ihr Mund blieb geschlossen. Sie +zeigte wieder die alte trotzige Stummheit. + +»Dein Schweigen deutet mir viel,« fuhr Herta fort. »Du willst deine +Seele nicht entlasten. Was richtiger wäre, mußt du dir selbst sagen. +Ich könnte dir noch einen Rat auf deinen späteren Lebensweg mitgeben, +wie du ihn wohl so uneigennützig nicht wieder erhalten wirst. Das +Wohl jeder meiner Mitschwestern liegt mir am Herzen. Ich will mich +aber nicht gewaltsam in dein Gemüt eindrängen, -- du selbst mußt das +Bedürfnis haben, mir anzuvertrauen, was vielleicht andere Zungen +geschwätzig herumtragen werden. Ich habe den Zorn, der über dein +Verhalten in mir entstand, bekämpft. An seine Stelle ist aufrichtiges +Mitleid getreten, und dies erfüllt mich jedem weiblichen Wesen +gegenüber, das vom richtigen Weg abweicht. Such das rechte Wort zu +mir, Ilse!« + +Herta sah, wie die blassen Lippen der Gegenüberstehenden zuckten. Sie +schien in diesen Stunden um Jahre älter geworden zu sein. Ihr Mund +blieb aber stumm. + +»So geh, Ilse, wenn du kein Vertrauen finden kannst,« sagte Herta +kalt. »Nun haben wir nichts mehr miteinander zu sprechen. Jürgen +entbindet dich des Abschiednehmens.« Sie reichte ihr nicht mehr die +Hand. Ilse verließ das Zimmer. + + + + + XXI. + + +Der Wagen war vorgefahren. Ilse stieg ein. Die Sachen wurden +aufgeladen. Niemand begleitete sie -- niemand bot ihr den +Abschiedsgruß. Nur der alte Jochen Hindorf kam und machte den +Wagenschlag zu. Ein breites Lächeln glitt über sein Gesicht, als die +Pferde anzogen. + +»Sie hat nicht einmal schön Dank gesagt, und das Portemonnaie saß ihr +verteufelt fest in der Tasche. Na -- es ist gut, daß sie weg ist. Nun +wird mein lieber Wolf wohl wieder vernünftig sein,« brummte er und +ging an seine Arbeit. -- + +Auf dem Bahnhof angelangt, übergab Ilse ihre Koffer einem Gepäckträger +und trat an den Billettschalter. Sie sah sich scheu um. Vielleicht +fürchtete sie, beobachtet zu werden. Sie nahm ein Billett bis zur +nächsten Station und begab sich dann nach dem großen Wartesaal. Hier +hielt sie sich eine Zeitlang auf, um anscheinend den Schnellzug +abzuwarten. + +Als er donnernd in die Halle fuhr, hatte sie einen Augenblick das +Gefühl, daß es für sie besser wäre, mit einzusteigen. Dann kam aber +der Gedanke wieder: »Es ist unmöglich! Ich darf Smiders nicht +freigeben! Für mich ist kein Raum mehr daheim, -- ich will in die Welt +hinaus. Der Kampf mit ihm war nicht leicht. Nur gut, daß er gerade +auf längere Zeit nach London gehen muß, dort ist eine Verbindung ohne +Schwierigkeit zu bewerkstelligen.« -- + +In später Nachtstunde löste sich ein kleiner Dampfkutter von der +Landungsstelle in Bredow ab und fuhr die Oder hinunter. Sowie sich +gegen Morgen der Landwind stärker erhob, schaukelte das kleine +Fahrzeug heftig auf den kurzen Stoßwellen des Haffes. Außer dem +Maschinisten und dem Heizer waren nur noch ein Herr in langem dunklem +Mantel und eine dichtverschleierte junge Dame an Bord. + +»Ich tue es um deinetwillen, Ilse,« sagte Alfred Smiders, »es braucht +niemand zu wissen, daß du mit mir fortgegangen bist. Am Bollwerk gibt +es beim Einsteigen hundert neugierige Menschen, die jedes Vorkommnis +beobachten und weitertragen.« + +»Was mache ich mir jetzt daraus,« antwortete Ilse, »für mich ist alles +vorbei! Du hast mich doch besitzen wollen, -- nun bin ich bei dir, und +du mußt für mich sorgen.« + +Das Gesicht von Alfred Smiders zeigte bei ihren Worten ein höhnisches +Lächeln. + +»Ich werde es auch tun,« erwiderte er. »Du verstehst es ja +meisterhaft, deinen Willen durchzusetzen.« + +Die Wellen im Haff wurden immer höher, und ihr weißer Gischt schlug +zuweilen über die Spitze des kleinen Kutters hinweg. Er lag hart an +der Swinemünder Fahrt. Alfred Smiders hatte den Auftrag gegeben, den +dänischen Dampfer ›Klampenborg‹, der am frühen Morgen von Stettin +abging, anzulaufen. + +Ilse, die das Seefahren nicht gewohnt war, befand sich in schlechter +Stimmung. Das fortgesetzte Schaukeln des kleinen Kutters verursachte +ihr das größte Unbehagen. + +»Wenn nur erst der Dampfer kommen möchte,« sagte sie, »ich fühle mich +grenzenlos elend!« + +Smiders erwiderte nichts darauf. Er starrte in die Wellenberge +hinein, die sich gegen das kleine Fahrzeug auftürmten. Würde nicht +jetzt das Leben ebenso auf ihn hereinbrausen? Viel hatte er aus dem +Zusammenbruch, der ihm nachfolgen mußte, nicht retten können, und nun +hängte sich dieses Geschöpf noch an ihn. -- + +Es war bereits heller Tag, als endlich die Signalmasten und das +Bugspriet des großen dänischen Schiffes sichtbar wurden. + +»Geschickt anfahren!« befahl Smiders. + +Der Dampfer kam rasch näher. Der Maschinist des Kutters gab mit +der Dampfpfeife ein Zeichen, daß er Passagiere abgeben wollte. Der +Kapitän des Dänen, der oben auf der Kommandobrücke stand, winkte ab. +Die Wellen gingen zu hoch, so daß ein sicheres Anlaufen während der +Fahrt nicht möglich war. Der kleine Kutter legte sich aber beharrlich +in den Weg, und trotz der Warnungszeichen vom Schiff schoß er im +nächsten Augenblick hart an dieses heran. Der Heizer griff nach einem +vom Steuerbord herabhängenden Tau, und nun flog das kleine Fahrzeug +äußerst gefährdet neben dem großen Dampfer hin. + +Die Weilen schlugen darüber hinweg. Die Mannschaft des Dampfers kam +auf Deck zusammen und schaute hinunter. + +»Laßt ab!« donnerte der Kapitän oben. Der Kutter hielt aber stand. +Seine Insassen schwebten in größter Lebensgefahr. Schlugen die Wellen +in die Maschine hinein, so war eine Explosion des Kessels sehr leicht +möglich. + +Die Aufnahme wurde gewaltsam erzwungen. Es öffnete sich die +tiefgelegene Schiffsluke, eine Strickleiter wurde hinuntergeworfen. +Alfred Smiders brachte im nächsten Augenblick die vor Aufregung und +Angst halb bewußtlose Ilse hinauf. Der Heizer gab rasch das Gepäck +nach, dann löste sich der Kutter ab und blieb mit den starken Wellen +kämpfend zurück. + +Ilse Hergenbach stand gänzlich durchnäßt und fröstelnd auf dem Deck. +Der Kapitän, der herangekommen war, geriet mit Alfred Smiders in +heftigen Wortwechsel. Sie sprachen dänisch miteinander. Dann mußten +sie sich aber geeinigt haben. Es wurde kurz darauf den beiden +Passagieren eine Kabine zur Überfahrt nach Kopenhagen eingeräumt. Der +Dampfer ›Klampenborg‹, der des Kutters wegen leicht gestoppt hatte, +nahm jetzt wieder volle Fahrt auf und ging mit nördlichem Kurs in die +See hinaus. + + * * * * * + +Wochen waren verstrichen. Herta hatte es vermieden, an Frau Hergenbach +zu schreiben. Sie erwartete deshalb auch keine Nachricht aus +Nordhausen. Die beiden Geschwister hatten sich beraten, was sie Wolfs +wegen tun wollten. + +»Ich kann ihn bloß noch mit vieler Mühe fernhalten,« meinte Jürgen. +»Wenn er nur mit anderer Anschauung zurückkäme, als er fortgegangen +ist!« + +»Nein, Jürgen,« erwiderte seine Schwester, »du hältst Wolf für +oberflächlicher, als er es in der Tat ist. Ich fürchte nach den +Briefen an mich, daß sich die starke Neigung zu Ilse nicht vermindert, +sondern durch seine Abwesenheit sogar noch vertieft hat. Der Schlag +wird so gewaltig für ihn sein, daß wir das Schlimmste dabei befürchten +können. Was sollen wir ihm nur bei seiner Rückkehr sagen?« + +»Weiß nicht,« brummte Jürgen, »Wolf ist nun einmal aus anderem Holz, +als wir Plüddekamps sonst geschnitzt wurden. Wir rütteln und schütteln +uns Gutes und Böses ab. Einen Augenblick mag es uns im Innern stark +erfassen, dann aber sind wir wieder gefestigt und lassen uns nicht +mehr beirren.« + +»Wolf ist das Bild meiner lieben Mutter, dieser schönen, gütigen +und lebenslustigen Frau. Auf ihn haben sich alle ihre herrlichen +Eigenschaften vererbt,« erwiderte Herta. + +Jürgen nickte mit dem Kopf. + +»Es wäre besser, er gliche unserem Vater, wie du, Herta. Sein Weg in +der Welt würde ihm leichter werden.« + +Beide Geschwister waren schwer bedrückt. Sie liebten Wolf zärtlich +und empfanden, welcher Schmerz ihn bei der bevorstehenden Eröffnung +treffen mußte. Jürgen versuchte Wolfs Aufenthalt in Spanien durch +Depeschen zu verlängern. Er bat ihn in einem Schreiben, sich durch die +Schönheiten und den Reiz der alten Städte Südspaniens festhalten zu +lassen. Es sei doch zweifelhaft, ob er noch einmal dorthin käme. Wolfs +Briefe lauteten aber entgegengesetzt. + +So eifrig er alles Geschäftliche erledigte, die Sehnsucht nach Ilse +sprach aus den Schlußzeilen im erhöhten Maße hervor. In Spanien trat +bereits die wärmere Jahreszeit ein, und Wolf liebte als guter Pommer +die starke kühle Seebrise seiner Heimat. + +»Du meinst es gut mit mir, Jürgen,« schrieb er in seiner Antwort. »Es +nutzt dir aber nichts, lieber Bruder, die Sehnsucht nach Hause ist +stärker in mir, als der Drang, alte arabische Kunst und spanische +Schönheit näher kennen zu lernen. Es wird mir im Leben schon noch +einmal vergönnt sein, diese mit Ilse zusammen anschauen zu können.« + +Jürgen sandte wieder Depesche auf Depesche. Er fürchtete geradezu die +Stunde der Heimkehr Wolfs. In einem folgenden Briefe schien es sogar, +als wenn sich dieser noch zur Reise nach Südspanien entschließen +wolle. -- + +Eines Tages jedoch gegen Mittag hielt plötzlich eine Droschke vor dem +Plüddekampschen Hause an. Wolf sprang heraus und eilte ins Kontor. + +Als Jürgen ihn so frisch und lebenslustig, voll glücklicher Erwartung +in den Zügen kommen sah, breitete er unwillkürlich seine Arme aus und +drückte den Bruder an seine breite Brust. + +»Wölfchen, du bist ein Prachtkerl!« rief er aus. »Wie dunkelgebräunt +du von Spaniens Sonne ausschaust! Hast deine Sache wacker gemacht, +mein Junge. Komm, setz dich auf deinen alten Platz und erzähle uns.« + +Der Prokurist war ebenfalls hinzugetreten und hatte seinem zweiten +Chef kräftig die Hand geschüttelt. Wolf war so erregt von dem +augenblicklichen Gefühl des Glückes, wieder in der Heimat zu sein, +daß er seine Erlebnisse fast übersprudelnd hervorbrachte. Er hatte +vorzüglich abgeschnitten. Die spanischen Firmen waren ihm in der +liebenswürdigsten Weise entgegengekommen und verhalfen ihm trotz +der Schwierigkeiten zum Ankauf von Korn. Ebenso fand er die größte +Bereitwilligkeit bei den Leitern der spanischen Brennereien, ihre +Anforderungen zu ermäßigen. Er brachte sogar noch bedeutende Aufträge +mit. Die Verbindungen waren durch sein persönliches Eingreifen stark +gefestigt worden. + +»Du bist ein famoser Minister des Auswärtigen,« lobte ihn Jürgen, »nur +schade, daß du so wenig an dich selbst gedacht hast. Du konntest dir +viel mehr Zeit gönnen und brauchtest dich nicht abzuhetzen. Hier ist +es geschäftlich glatt gegangen.« + +Der Prokurist lächelte fein. Unter Jürgen Plüddekamps Leitung war +stets ein ruhiger, sicherer Betrieb. + +»Was sagst du zu Alfred Smiders?« fuhr Jürgen jetzt fort. »Ein netter +Bursche! Er hat sich stark hineingebuddelt und auf alle mögliche Weise +Geld verschafft. Der Sturz mußte endlich kommen. Er war schon vorher +verschwunden.« + +»Es ist ein betrügerischer Bankrott,« setzte Armin hinzu. »Alfred +Smiders wird steckbrieflich verfolgt.« + +»So weit ist es mit ihm gekommen?« rief Wolf erstaunt aus und sah zu +seinem Bruder fragend hinüber. + +Jürgen vermied den Blick und schaute zur Seite. Die Hand des sonst so +ruhigen Mannes zuckte nervös. + +»Ich bedaure den alten Herrn Smiders. Er wird aus dem Zusammenbruch +kaum etwas retten. Die Werft hat die Dampfer mit Beschlag belegt und +baut den ›Friedrich Barbarossa‹ auf eigene Rechnung fertig. Es sind +eine ganze Anzahl Banken stark in Mitleidenschaft gezogen worden. +Alfred Smiders hat in unglaublicher Höhe Wechselreiterei getrieben. +Er muß im Auslande sein. Bis jetzt hat man ihn noch nicht erwischen +können.« + +»Der Hamburger Großkapitalist, den Smiders hereinhaben wollte, sprang +im letzten Augenblick ab,« fügte der Prokurist hinzu. »Man spricht +alles mögliche. Die Ursache soll auf die Weinstube an der ›Grünen +Schanze‹ zurückzuführen sein, in der sich beide Herren für eines der +Mädchen interessierten.« + +Jürgen wurde unruhig. + +»Schon gut, Armin,« sagte er, um jedes weitere Wort abzuschneiden. +»Bei solchen Vorfällen wird in der Stadt viel geklatscht.« + +Armin schaute betroffen zu Jürgen auf. Warum wies der Freund ihn so +schroff zurück? Lagen noch tiefere Gründe vor? Sein Blick überflog +beide Brüder. Merkwürdig, die Freude des Wiedersehens schien bei +Jürgen in eine stetig wachsende Unruhe übergegangen zu sein, die ihm +bei diesem noch nie aufgefallen war. Zu feinfühlend aber, um nach +der Ursache zu forschen, gab er einen Vorwand an und ging in sein +Arbeitszimmer. + +»Jürgen!« rief Wolf sofort aus, als sich die Tür hinter Armin +geschlossen hatte, »mein erster Weg war zu dir! Jetzt aber will ich +hinauf, ich muß Herta und -- Ilse begrüßen. Das eine kann ich dir +sagen, es war gut, daß du mich fortschicktest. Während der Zeit konnte +ich mich prüfen, ob mein Herz Ilse wirklich gehört. Heute gestehe ich +dir offen: ich habe sie mehr denn je lieb, und ich kann den Augenblick +nicht erwarten, sie wiederzusehen!« + +Es zuckte gewaltig in den Gesichtszügen des sonst so eisenfesten +Kaufmannes, als er entgegnete: + +»Wolf, mein lieber Wolf! Wir wollen zusammen zu Herta gehen!« Der Ton +seiner Stimme mußte diesem aufgefallen sein. Er sah plötzlich scharf +auf den Bruder hin. + +»Jürgen, du sprichst so eigenartig zu mir! Ist etwas vorgefallen? Sage +es mir, ehe ich hinaufgehe.« + +Jürgen vermochte aber nicht weiter zu sprechen. Er hatte bereits die +Tür geöffnet. Die beiden Brüder stiegen die Treppen nach dem ersten +Stockwerk empor. Bei jeder Stufe, die Jürgen betrat, zögerte sein Fuß. +Es war immer, als ob er Wolf etwas sagen wolle, und doch preßte es ihm +die Kehle zusammen. Er konnte es nicht. Nur in seinem Innern wurde das +Wehgefühl stärker, daß seinem Bruder, den er von Herzen liebte, eine +so schwere Eröffnung bevorstand. + +Herta hatte schon erfahren, daß Wolf zurückgekehrt war. Sie erwartete +ihn auf dem oberen Korridor. + +»Wölfchen! Gott sei Dank, daß du wieder bei uns bist!« rief sie ihm +entgegen und faßte seine beiden Hände, »ich habe dir schnell ein paar +Brötchen zurechtgemacht, und dein Glas Portwein findest du auch vor.« + +Als sie dann in das Speisezimmer eintraten, schlang sie plötzlich +den Arm um seinen Hals und küßte ihn auf beide Wangen. »Wie gut du +aussiehst, Wölfchen!« sagte sie. »Nun setz dich aber und iß in aller +Ruhe.« + +Jürgen legte Wolf, der vor einem der hohen Lehnstühle stand, seine +Hand leicht auf die Schulter, damit er sich niederlassen solle. Dieser +sah sich unruhig um. + +»Ich freue mich herzlich, wieder bei euch zu sein,« sprach er hastig, +»aber seid mir nicht böse, ich muß -- zu Ilse! Wo ist sie, Herta?« + +»In Nordhausen, Wolf!« gab Jürgen anstatt Herta zur Antwort. + +»In Nordhausen? Was ist denn geschehen? Ihr habt mir doch versprochen, +sie bei euch zu behalten! Jürgen -- Herta -- habt ihr euch mit ihr +erzürnt? Ist sie freiwillig fortgegangen?« + +Seine Fragen überstürzten sich. + +»Nichts von alledem,« erwiderte jetzt Herta. »Ich bitte dich noch +einmal, Wolf, nimm zuerst etwas zu dir. Wir werden dann in Ruhe alles +erzählen.« + +»Nein, nein! Ich kann keinen Bissen essen!« faßte sich Wolf an die +Stirn. »Das Schönste, das ich mir bei meiner Rückkehr ausmalte, war -- +Ilse in die Arme schließen zu können. Und nun --?« + +Die beiden Geschwister kämpften mit sich, und keins von ihnen +vermochte das erste Wort herauszubringen, um Wolf die schlimme +Botschaft mitzuteilen. + +»Es war sehr unrecht von mir, daß ich Ilses Wunsch erfüllte!« rief er +aus. »Hätte ich nur in voller Offenheit gehandelt, dann konnte ich +mit ihr in Briefwechsel bleiben. -- Sagt mir nur endlich: was ist +geschehen? Haben die Eltern sie zurückgerufen?« + +»Nein, Wölfchen! Sie ist schon seit Wochen fort! Wir mußten es dir +verschweigen, damit du nicht unruhig wurdest,« antwortete seine +Schwester. + +»Schon seit Wochen!« fuhr Wolf auf. »Ihr habt mir in euren Briefen +doch noch Grüße von ihr bestellt,« und seine blauen Augen richteten +sich drohend auf Herta. »Du -- die Wahrheit selbst! Warum machst du +solche Ausflüchte?« + +»Es mußte sein, Wolf! Ich habe es nicht gern getan! Es ist aber um +deiner selbst willen geschehen!« + +»Um meinetwillen? Jetzt weiß ich, daß etwas vorgefallen ist. Also +heraus damit! Euer Zögern peinigt mich.« + +»Ilse ging aus eigenem Antriebe fort,« erwiderte Herta. »Sie glaubte +erkrankt zu sein und wollte deshalb schnell nach Hause.« + +»Sie hat dir aber Nachricht gegeben, Herta, wie es ihr jetzt geht?« + +»Nein, Wolf!« entgegnete Herta aufrichtig, »ich habe keine Zeile aus +Nordhausen erhalten.« + +»Unmöglich!« rief Wolf erregt aus. »Seit Wochen keine Zeile? Ihr +verbergt mir etwas! -- Ich fühle es! Krankheit kann nicht der Grund +sein, warum sie fortgegangen ist. Erkrankt reist man ohne Not nicht +eine solche Strecke!« + +»Es nützt nichts, Herta,« fiel jetzt Jürgen ein, »ich will es Wolf +sagen. Ilse ist abgereist, weil sie von uns fort -- mußte! Es hing +dies mit Alfred Smiders zusammen.« + +»Wie? -- Alfred Smiders!« Wolf wurde dunkelrot im Gesicht. »Ich habe +es oft gefürchtet! Er sah sie vom ersten Augenblick so sonderbar an, +und ihr habt sie nicht vor ihm beschützt!« + +Er war in solche Erregung geraten, daß er nicht mehr stehen bleiben +konnte, sondern im Zimmer hin und her lief. + +»Herta, du vertratest die Stelle der Mutter an ihr! Du hast doch über +sie gewacht! Ist es denn so schlimm, daß ihr mir nicht anvertrauen +könnt, was vorliegt?« + +»Komm, Wolf,« sagte Jürgen traurig, »wir wollen in mein Schreibzimmer +gehen. Die Plüddekamps haben dort alle ernsten Sachen überdacht und +sich stets einen neuen festen Boden geschaffen. Wir beide müssen über +Ilse Hergenbach sprechen.« + + + + + XXII. + + +Schwere Tage kamen über das Plüddekampsche Haus. Wolf war unter +der Wucht der auf ihn hereindrängenden Tatsachen gänzlich +zusammengesunken. Seine Liebe und Sehnsucht nach Ilse war durch die +wochenlange Abwesenheit so gewaltig geworden, daß er die nackte +Wahrheit, die ihm Jürgen eröffnete, nicht zu ertragen vermochte. Eine +Zeitlang ging er wie geistesabwesend einher. Er konnte seine Gedanken +von dem Geschehnis nicht ablenken und vermied es, sich mit Herta und +Jürgen in ein Gespräch einzulassen. + +Tagsüber hielt er sich meistens im Garten auf, pflückte dort Blumen +und zerblätterte sie. Wenn der alte Jochen Hindorf ihm in den Weg +kam, gab er kaum dessen Gruß zurück. Durch seinen Verrat hatten die +Geschwister alles erfahren. Warum hatte er Ilse nicht mitgenommen? +Dann wäre sie für ihn gerettet gewesen. Zuweilen wollte er alles nicht +glauben und versuchte, es sich auszureden. Die Wucht der Gedanken aber +brach danach doppelt stark auf ihn herein. + +Eines Tages kam ein Brief aus Nordhausen für Herta an, den ihm +der Briefträger zufällig übergab. Er war von Ilses Mutter. In der +Aufregung, etwas über sie zu erfahren, wartete er nicht, bis er die +Schwester fand, sondern riß das Schreiben auf. Seine Augen überflogen +die Zeilen, dann ballte er mit der Hand das Papier zusammen. + +»Sie ist nicht dort!« rief er die Treppe hinaufeilend seiner Schwester +zu. »Ilse ist nicht in Nordhausen! Ihr habt mir doch gesagt, sie sei +bei ihren Eltern! Ich mag nicht ausdenken, wo sie sein kann! Das Blut +tobt in mir! Es zermalmt mir das Gehirn! Ich will Smiders suchen, ich +muß ihn zur Rechenschaft ziehen! Der Bube soll seine Strafe erhalten!« +-- + +Von dieser Stunde an war Wolf fieberhaft bemüht, etwas über Smiders' +Verbleib zu erfahren. Der Staatsanwalt, der die Anklage gegen den +Reeder erhoben und hinter ihm einen Steckbrief erlassen hatte, fand +keinen willigeren Helfer, als Wolf Plüddekamp. Dieser sah nur noch ein +Ziel vor sich: Smiders aufzufinden. + +Er unterstützte die Bemühungen der Kriminalbeamten. Jeder Schritt, +den der Reeder noch in Stettin gemacht, wurde verfolgt. Man konnte +nachweisen, welche Summen er schnell eingezogen und wo er sich bis +zum Abend des Fluchttages aufgehalten hatte, dann aber war jede Spur +verwischt. Ebenso forschte Wolf Ilse nach. Der Kutscher sah noch +deutlich, wie sie die Fahrkarte löste und in den Wartesaal ging. Von +hier ab lag alles weitere im Dunkel. + +Tag für Tag blieb Wolf unermüdlich tätig, Klarheit in die Dinge zu +schaffen. Es hatte sich bei ihm zur fanatischen Idee ausgebildet, daß +Smiders Ilse bewogen, mit ihm zu fliehen. Der sonst so lebensfrohe +junge Mann war vollständig verwandelt. Ein verbissener, ingrimmiger +Zug lag in seinem Gesicht. Mit wilder Glut wühlte es täglich in seinem +Herzen: »Ilse ist für dich verloren, -- Smiders aber erwürge ich mit +eigener Hand!« + +In dieser fortgesetzten Aufregung untergruben sich seine Körperkräfte. +Das Ausbleiben von Resultaten ließ eine derartige Nervenüberspannung +entstehen, daß er zusammenbrach. Ein heftiges Nervenfieber warf ihn +aufs Krankenlager hin. Herta pflegte ihn mit Aufopferung. + +Im Hause Plüddekamp wurde es unheimlich still. Niemand wagte fest +aufzutreten, aus Furcht, den Schwerleidenden zu stören. In wilden +Fieberphantasien wälzte sich Wolf auf seinem Lager. Die Ausbrüche von +Sehnsucht nach Ilse waren für Herta kaum zu ertragen. Als nach Wochen +noch keine Besserung eintrat und sie selbst von der Pflege derartig +angegriffen wurde, daß ihre Kräfte nachließen, sollte Wolf bereits in +eine Anstalt überführt werden. -- + +Die Kunde von seiner schweren Erkrankung war auch nach Wershagen +gedrungen. Lieschen Wichers schrieb mehrmals an Herta. Da diese nicht +gleich antworten konnte, kam sie selbst. Das liebenswürdige, heitere +Geschöpf brach in Tränen aus, als es von dem schweren Leiden Wolfs +erfuhr, und offenbarte dabei ihre ganze tiefe Liebe zu ihm. + +»Lassen Sie mich ihn pflegen,« bat Lieschen die Geschwister, »ich +stehe an Ihrer Seite, um ihn für das Leben zu erhalten.« Sie mußten +einwilligen, daß das junge Mädchen im Plüddekampschen Hause blieb. + +Lieschen waltete wie ein guter, freundlicher Geist in der +Krankenstube. Wolf erkannte sie zuweilen, und ein Lächeln glitt dann +über seine schlaff gewordenen Züge. Sobald aber das hohe Fieber +auftrat, schien sein Denken vollständig umnachtet zu sein. + +Die Geschwister zogen Lieschen vollständig in ihr Vertrauen; sie +vernahm so vieles aus seinen wirren Reden, da mußte eine Aufklärung +stattfinden. + +Endlich kam die Krisis. + +Es waren Stunden der reinsten Verzweiflung, in denen alle verharrten. +Die gute Natur Wolfs siegte. Nach einem tagelangen, wenig +unterbrochenen tiefen Schlaf kam langsam die Genesung. Das Fieber +hörte auf. Nun galt es, die alten Erinnerungen in ihm durch eine +andere Umgebung zu verdrängen. Nur dadurch konnte sein Gemüt zur Ruhe +gelangen und sein Körper genesen. + +Lieschen Wichers bat flehentlich, ihn mit nach Wershagen nehmen zu +dürfen. Was konnte den Geschwistern lieber sein, als den Bruder in der +herrlichen gesunden Luft von Wershagen, der freundlichen Landschaft, +dem gemütlichen Heim des Oberamtmanns zu wissen! Dort konnte er sich +von dem schweren körperlichen Leiden wie der starken Erschütterung +seines Innern am besten erholen. + +Während seiner Krankheit liefen von vielen Seiten täglich Anfragen +ein. Es zeigte sich recht, welche Freundschaft er sich überall +erworben hatte. Graf Thadden-Bützenbrück war gekommen, um sich nach +Wolf zu erkundigen. Der Berleburger Schloßherr fehlte natürlich nicht +und so viele andere. + +Die Übersiedlung nach Wershagen ging vor sich. Lieschen Wichers, die +von der Pflege etwas bleich geworden, saß strahlend an der Seite +Wolfs, als sie auf dem Gut eintrafen. Zusammengefallen und kraftlos +wurde er aus dem Wagen gehoben, nur in seinen Augen lag trotz des +matten Schimmers eine Hoffnung auf baldige Genesung. -- + +Jürgen Plüddekamp war in der letzten Zeit recht gealtert. Starke +Falten hatten sich auf seiner Stirn eingegraben. Das wochenlange +Schweben seines Bruders zwischen Leben und Tod rüttelte gewaltig an +diesem eisernen Mann. Sobald die Hoffnung in ihm zurückkehrte, daß +Wolf den Geschwistern erhalten blieb, belebte sich sein Blick wieder, +und er sah zuversichtlicher aus. Jetzt mußte sich noch alles zum Guten +wenden. Warum nur war Ilse Hergenbach in die glückliche Harmonie des +Plüddekampschen Hauses eingedrungen? Die Geschwister selbst trugen +die Schuld daran. Sie durften kein fremdes Wesen bei sich aufnehmen. +So war es ein Jahrhundert lang gehalten worden. Der Durchbruch dieser +alten Überlieferung beschwor die Gefahr herauf. + +Während Jürgen Plüddekamp über die eingegangene Korrespondenz gebeugt +saß und an den Rand der Briefe Bemerkungen schrieb, läutete plötzlich +der neben ihm befindliche Telephonapparat. Er nahm den Hörer in die +Hand. + +»Hallo! Hier Jürgen Plüddekamp!« + +»Hier Charles Martens! Ich möchte dich heute sprechen, Jürgen!« + +»Du bist mir jederzeit willkommen, Charles! Hast du irgend etwas +Wichtiges? Es handelt sich wohl um Smiders?« + +»Ja und nein, Jürgen! Ich bin in einer Viertelstunde bei dir.« + +Jürgen arbeitete ruhig weiter. Prokurist Armin kam herein und legte +Abschlüsse vor, die unterzeichnet werden mußten. + +»Wird Berleburg in diesem Jahre viel liefern können?« fragte Jürgen +und sah zu seinem Prokuristen auf. + +»Das Berleburgsche Glück hat sich bewahrheitet,« erwiderte Armin. +»Er läßt bereits auf dem Felde dreschen. Die landwirtschaftliche +Genossenschaft seines Bezirks hat eine große fahrbare +Dampfdreschmaschine angeschafft, die überallhin verliehen wird. +Dadurch läßt sich die Lieferung des ersten Roggens sehr beschleunigen.« + +»Seine Schuld wird wohl herunterkommen, Armin?« + +»Der Baron hofft sogar auf einen vollständigen Ausgleich seines +Kontos bei uns, Plüddekamp! Es soll sogar noch eine Badereise für ihn +übrigbleiben. Er will dabei, wie seit Jahren, nach einer reichen Frau +suchen.« + +»Bei ihm wird der Anschluß wohl verpaßt sein, Armin, und Berleburg +einst dem Schicksal der Aufteilung nicht entgehen. Schade um diese +alten Besitzungen! Sie fallen eine nach der anderen den Anforderungen +der Neuzeit zum Opfer.« + +»Uns erschwert es nur das Geschäft,« warf der Prokurist ein. »In +großen Posten kaufen wir viel günstiger, als wenn wir uns im +Kleinbetrieb verzetteln müssen.« + +»Die Aufkäufer wollen immer mehr Prozente haben,« erwiderte Jürgen. +»Was bleibt schließlich noch für uns übrig! Ich sehe manchmal mit +Bitterkeit in die Zukunft. Würden wir nicht in früheren Jahren so groß +geworden sein, heute gehörte es zur Unmöglichkeit!« + +»Leider!« stimmte Armin ihm bei. »Wie bei den Gütern, so wird auch +im alten ehrenwerten Kaufmannsstand manche Bresche geschlagen. Der +Weltbetrieb läuft zu rasch vorwärts und überhastet sich.« + +In diesem Augenblick wurden sie durch die Anmeldung von Konsul Martens +unterbrochen, der auch gleich darauf eintrat. Armin verließ das +Zimmer, und die beiden Freunde waren allein. + +»Setz dich auf Wolfs Platz, Charles,« bat Jürgen, »was bringst du uns?« + +»Wie geht es ihm vor allen Dingen?« fragte Konsul Martens dazwischen. + +»Von Tag zu Tag langsam besser, Charles! Der Aufenthalt in Wershagen +scheint ihm gut zu bekommen. Er ist schon ein paarmal im Park gewesen. +Wichers und seine Tochter sind wahrhaft liebe Menschen, bei denen man +in dem Gedanken wieder erstarken kann, daß Treue und Aufopferung noch +nicht ganz aus der Welt geschwunden sind.« + +Konsul Martens nickte mit dem Kopf. + +»Auf der anderen Seite breitet sich Lug und Trug in immer +größerem Maße aus. Mit der wachsenden Menschenzahl nimmt auch die +Schlechtigkeit erschreckend überhand. Hier ist wieder ein Beispiel +davon.« + +Er zog einen Brief aus seiner Tasche und setzte sich das Augenglas auf. + +»Ich komme deshalb heute zu dir, Jürgen. Dieses Schreiben an mich +kommt aus Amsterdam und ist -- von Ilse Hergenbach.« + +»Ilse Hergenbach!« fuhr Jürgen auf. »Nenne mir nicht den Namen, +Charles! Sie kostet uns beinahe den Bruder.« + +»Trotzdem mußt du mich anhören, Jürgen! Da du mich als besten Freund +der Familie in alles einweihtest, bin ich auch verpflichtet, dir von +diesem Schreiben Kenntnis zu geben. Ich will vorausschicken: mag das +junge Mädchen auch gefehlt haben, das Los, das sie jetzt betroffen +hat, ist erbarmungsvoll!« + +»Wieso?« unterbrach ihn Jürgen in barschem Ton. »Wer bei Nacht und +Nebel davonläuft, kann es nicht anders erwarten!« + +»Sie ist vor Monaten mit Smiders nach Amsterdam gefahren. Er ging dann +bald auf und davon und hat sie dem Elend überlassen. Wahrscheinlich +fürchtete er, daß seine Spur entdeckt werden würde. Der Schrei einer +Verzweifelten ist heute an mich gelangt. Sie will nicht weiter sinken, +und doch steht ihr das Furchtbarste bevor.« + +Jürgen, der sonst so gelassene und ruhige Geschäftsmann, stand +plötzlich auf und schritt erregt im Zimmer hin und her. + +»Was ist zu tun, Charles?« blieb er einen Augenblick stehen. + +»Dies wollte ich mit dir besprechen, Jürgen! Ich halte es für richtig, +wenn jemand sofort nach Amsterdam fährt und sie abholt, ehe sie in +einen Abgrund versinkt. Ich kam hierher, um dich darum zu bitten.« + +»Charles! Was fällt dir ein! Ich soll nach Amsterdam fahren?« + +»Allerdings!« erwiderte der Konsul ruhig, »du bist der einzige, der +dafür geeignet ist. Irgend einen Fremden können wir nicht einweihen. +Mir selbst traue ich, offen gestanden, die Erledigung dieser +Angelegenheit nicht recht zu. Du bist allein der geeignete Mann dafür.« + +»So? Es wird immer schöner!« rief Jürgen aufgeregt. »Dafür, daß sie +mir Frieden und Ruhe im Hause zerstörte, soll ich auch noch nach +Amsterdam fahren, um sie vor weiterer Schmach zu behüten!« + +»Ja,« sprach Martens bestimmt, »du wirst es tun, Jürgen! Ich bitte +dich bei unserer Freundschaft darum. Man soll eine Frau, die noch +einen Funken von guter Gesinnung in sich hat, in einer fremden Stadt +nicht dem Menschenpöbel überlassen. Hast du nicht auch das Bewußtsein?« + +Einen Augenblick hindurch bäumte sich der ganze Stolz Jürgens gegen +diese Zumutung auf. Seine Augen sandten förmliche Blitze, als er jetzt +ausrief: + +»Sage es einem anderen, Charles, aber nicht mir! Ich bin dabei der +Letzte, der berufen ist, zu helfen!« + +»Nein, Jürgen,« entgegnete der Konsul energisch, »du bist der Erste +dazu! Ich will jetzt nicht weiter in dich dringen. Überlege es dir +eine Stunde! Um zwei Uhr geht der Schnellzug, du kannst in Tag und +Nacht dort sein. Brauchst auch niemand etwas davon wissen zu lassen. +Bei euch sind ja geschäftliche Reisen an der Tagesordnung. Wolf ist +nicht hier, und Herta wird nicht erfahren, was du tust. Hier ist der +Brief, -- die Adresse von Ilse Hergenbach steht darin.« + +Jürgen kämpfte noch mit sich. Die Adern an seiner Stirn waren stark +angeschwollen, ein Zeichen der inneren Erregung. Als Martens darauf +fortgehen wollte, hielt er ihn zurück. + +»Warte, Charles,« sagte er kurz, »es fällt schwer, mich selbst zu +überwinden. Doch hier ist meine Hand, -- ich fahre nach Amsterdam!« + +Konsul Martens zeigte ein feines Lächeln. + +»Ich war davon überzeugt, Jürgen, du konntest nicht anders handeln! An +den Kosten darf ich mich doch beteiligen?« + +»Nein, Charles, das darfst du nicht! Was ich will -- tue ich auch +ganz!« + +Prokurist Armin trat herein. Er hielt ein Zeitungsblatt in der Hand. + +»Sie haben Alfred Smiders gefaßt, Plüddekamp,« rief er befriedigt +aus, »hier, lesen Sie das Telegramm. Er ist bei seiner Ankunft in Rio +de Janeiro von einem Angestellten des deutschen Konsuls erkannt und +verhaftet worden. Seine Auslieferung steht bevor.« + +»Ich gönne es dem Burschen,« fiel Jürgen ein, »die wohlverdiente +Strafe muß ihn treffen.« + +»Solche Verhandlungen wirbeln nur Staub auf, säen Mißtrauen und +verderben das gute Geschäft,« meinte Konsul Martens. + +»Mir tut der alte Vater leid. Besser für ihn, der Sohn wäre tot, als +daß er jetzt vor den Richter gezogen wird.« + +»Er wird das Urteil nicht mehr erfahren,« erwiderte der Bankier. »Du +hast ja beigesteuert, daß wir ihn im Johanniterhospital unterbringen +konnten. Seine letzten Tage stehen bevor.« + +Konsul Martens war schon an der Tür, als er sich noch einmal umwandte. + +»Der ›Friedrich Barbarossa‹ ist glücklich aus dem Dock heraus! Ist ein +schmuckes Schiff geworden. Die Werft rechnet stark darauf, daß du ihn +chartern wirst! Vielleicht kauft ihn auch die neue Reederei, die die +Dampferlinien von Smiders & Sohn übernommen hat. Kneis aus Hamburg +soll dahinter stecken und sich mit großem Kapital beteiligt haben. +Sicher tritt er auch an dich heran. Dabei kannst du ein paar Worte für +unsern Dampfer mit einfließen lassen.« + +»Wird geschehen, Martens! Für ein solides Geschäft bin ich stets zu +haben. Kneis kann vorzügliche Referenzen aufweisen und versteht als +alter Überseer sein Handwerk.« + +»Lebe wohl, Jürgen! Gib mir Nachricht, wenn du zurück bist. Wir wollen +dann die Sache weiter besprechen.« + +Dieser war in seinem Zimmer allein; er sah eine geraume Zeit vor sich +in das Leere. + +»Menschen und Schicksale,« murmelte er dann, »ich hätte wahrhaftig nie +geglaubt, daß ich Ilse Hergenbach im Leben noch einmal wiedersehen +müßte.« + + + + + XXIII. + + +Herta war erstaunt, als Jürgen ihr mitteilte, daß er auf einige Zeit +ins Ausland verreisen wollte. + +»So plötzlich?« fragte sie. + +»Du kennst doch unser Geschäft, Herta. Solange Wolf ausfällt, muß +ich jeden Augenblick reisefertig sein. Armin hat bereits die nötigen +Instruktionen.« Damit war er gegangen. + +Am nächsten Abend traf er in Amsterdam auf dem Bahnhof ein und +ging direkt nach dem nahegelegenen Viktoriahotel. Von hier aus +konnte er leicht überall hingelangen. Das interessante Leben in den +Gesellschaftsräumen des bekannten Hotels regte ihn unwillkürlich +an. Viele fremde Nationen waren vertreten. Ein Gewirr von mehreren +Sprachen drang an sein Ohr. So mancher Roman spielte sich hier täglich +ab. Er selbst sollte jetzt das Ende eines solchen erleben. + +Er faßte den Entschluß, Ilse Hergenbach bereits am frühen Morgen +aufzusuchen, ohne daß er ihr vorher eine Mitteilung davon machte. Als +kluger Geschäftsmann wollte er sich überzeugen, wie weit die Wahrheit +ihrer Worte zutraf. + +Er hatte sich vorgenommen, die Angelegenheit als einen Geschäftsfall +aufzufassen. Während er aber in dem geräuschvollen Treiben des Saales +saß und die volle Lebenslust froher Menschen ihn umbrandete, entstand +ein seltsames Gefühl in ihm -- wie er Ilse Hergenbach morgen auffinden +würde. Mußte er sie mit einem anderen Maßstab messen, wie sonst +Durchschnittsgeschöpfe? Er entsann sich seiner eigenen Worte, die er +zu Herta gesprochen: »Ein Kind der Jetztzeit! Das vorige Jahrhundert +klebt ihm nicht mehr an! Es weiß nichts mehr von ihm, als daß damals +rückständige Menschen lebten!« + +War er nicht selbst solch ein rückständiger Mensch? Hatte nicht die +heraufkommende Zeit gewaltsam an ihm gerüttelt? Er fühlte, wie die +jetzt herrschende Auffassung eine ganz andere wurde. Sprach man nicht +allerorten von der Gleichberechtigung der Frauen? Die Frau strebte aus +ihrer Einengung gewaltsam heraus, sie wollte die persönliche Freiheit +des Mannes erreichen. Würde sie nicht mit dem erlangten Recht auch in +alle Fehler des Mannes verfallen? + +Ilse Hergenbach hatte zu ihm von der Gleichberechtigung der Frau +gesprochen. Das Ergebnis lag nun vor. Was Herta mit ihrem hohen +ernsten Sittlichkeitsgefühl erreichte, daran war Ilse bei dem ersten +Schritt aus dem Elternhaus und in die Freiheit gescheitert. -- + +Jürgen erfreute sich eines gesunden Schlafes und hatte eine ruhige +Nacht verbracht. Sein Leben lag wie immer im Gleichgewicht. + +In aller Frühe bestellte er eine Autodroschke und gab Straße und +Nummer an, wohin er fahren wollte. Der Chauffeur sah den stattlichen, +fremden Herrn erstaunt an, als dieser einen armseligen Bezirk angab. + +Das Auto hielt vor einer riesigen düsteren Mietskaserne. Schon das +ganze Äußere des Hauses deutete darauf hin, daß hier die Armut ihre +Stätte aufgeschlagen hatte. In diesem Haus mit den vielen kleinen +Wohnungen lebten zusammengedrängt Hunderte von Menschen. + +Jürgen erstieg die Treppen bis zum obersten Stockwerk. Ein häßlicher +Geruch drang ihm überall entgegen; schmutzige, seit Jahrzehnten nicht +mehr im Anstrich erneuerte Wände starrten ihn an. Endlich hatte er die +Wohnung erreicht. Er las: Friedrich Kern. Der Name eines deutschen +eingewanderten Arbeiters, bei dem sich Ilse Hergenbach aufhalten +sollte. + +Ein Klingelzug war nicht vorhanden, -- er klopfte. Nach einer ganzen +Weile wurde erst die Tür geöffnet. Eine ärmlich aussehende ältere +Frau kam heraus und schaute verwundert auf den elegant gekleideten +Herrn hin, der zu so früher Stunde hier erschien. + +»Ist Fräulein Hergenbach zugegen?« + +»Sie meinen die Ilse! Ich werde sie gleich rufen.« + +»Unterlassen Sie es bitte!« fiel Jürgen ein. »Ich will sie in ihrem +Zimmer aufsuchen.« + +Die Frau zeigte ein mattes Lächeln. + +»Die Ilse hat kein Zimmer, Herr! Die hilft mir beim Kochen und der +groben Arbeit und schläft in der Küche.« + +Jürgen Plüddekamp wurde von dieser Antwort stark berührt. Er hatte +noch bis zu diesem Augenblick nicht geglaubt, in welch grauenvoller +Lage sich Ilse Hergenbach befand, nun überzeugte er sich davon. + +»Ich gehe zu ihr,« schob er die vor ihm Stehende beiseite. Er schritt +hastig in den kleinen dunklen Korridor hinein, von dem drei Türen +abgingen. + +»Rechts wohnt ein Genosse von meinem Mann, dann kommt unsere Kammer, +und diese Tür links ist die Küche,« erklärte die nachfolgende Frau. + +Jürgen Plüddekamp faßte nach dem Türdrücker und trat dann ein. Ein +düsterer, von Rauch geschwärzter kleiner Raum, dessen schmales Fenster +nach dem Hof hinausführte, lag vor ihm. Ein alter Kochherd, weniges +Küchengerät und eine schmale eiserne Bettstelle befanden sich darin. +Ilse reinigte das Geschirr in einer Blechwanne. Sie hörte den starken +Männertritt und wandte sich rasch um. Vielleicht glaubte sie, daß der +Arbeiter zurückkehre; im gleichen Augenblick aber erkannte sie Jürgen +Plüddekamp. + +Sie unterdrückte einen Schrei. Ihre Gestalt begann zu schwanken, so +daß sie sich mit einer Hand schwer gegen die Wand stützen mußte, um +nicht zusammenzubrechen. + +»Sie kommen -- zu mir, Herr Plüddekamp!« brachte sie tonlos über die +Lippen, -- »das ist -- entsetzlich!« + +»Lassen wir alles Unnötige, Fräulein Hergenbach,« erwiderte Jürgen +kurz. »Ich bin hier, um Sie aus einer unwürdigen Lage zu befreien! +Sind Sie den Leuten noch etwas schuldig? Bitte sagen Sie es mir! Ihre +Sachen mag die Frau hinunterschaffen. Sie folgen mir sofort!« + +»Nein, nein!« stieß sie heftig aus. »Lassen Sie mich in meinem +Unglück! Von Ihnen kann und will ich keine Hilfe annehmen.« + +»Das ist Torheit, Fräulein Hergenbach!« fiel er scharf ein. »In einem +solchen Augenblick dürfen Sie keiner falschen Empfindung Raum geben.« + +Sie sah erschreckend bleich aus. Tiefe Furchen lagerten sich um den +kleinen Mund. Die Augen lagen glanzlos in ihren Höhlen. Ihre Kleidung +war ordentlich gehalten, aber vollständig abgetragen. Ihren schmalen +Händen sah man die grobe Arbeit an, die sie zu verrichten hatten. + +Jürgen wandte sich an die Arbeiterfrau, die nach einer kurzen +Rücksprache den Raum verließ. + +»Gehen Sie jetzt mit mir,« trat Jürgen auf Ilse zu. »Sie haben an +Konsul Martens geschrieben, um wieder in geordnete Verhältnisse zu +kommen. Er verständigte sich mit mir. Ich bin sofort hierhergeeilt, -- +zögern Sie nun nicht länger --« + +Sie hielt ihm abwehrend beide Hände entgegen. + +»Ich kann es nicht!« flammte es plötzlich in ihr auf. »Jedem anderen +würde ich folgen -- Ihnen aber nicht! -- Hätte ich Sie doch nie +gesehen! Daraus entstanden meine Vergehungen --« + +»Denken Sie ruhiger, Fräulein Hergenbach,« unterbrach er sie ernst. +»Sie haben kein Recht, mir Vorwürfe entgegenzuschleudern!« + +Ilses Augen blickten ihn wild an. + +»Recht, -- Herr Plüddekamp? Nein! -- Kennt Liebe aber etwas anderes +als ein Naturgesetz, -- und wenn dies verhöhnt wird --« Sie wandte +sich ab und suchte ihr Schluchzen zu verbergen. »Ich ertrage mein Los +nicht länger -- jetzt bleibt mir nur -- die Amstel!« + +»Das wäre ein leichtes Mittel -- um Torheit auszulöschen. Wem der +innere Halt fehlt -- der greift gern danach -- aber Kraft zeigen, +-- sich aufrichten, -- ein Leben neu aufbauen -- wenn die Hand dazu +geboten wird --.« + +»Halten Sie ein!« schrie sie gequält auf. »Wie könnte ich mich wieder +hineinfinden --« + +»Sie werden es -- Sie müssen es! Sie haben die Pflicht, Ihren +Charakter zu stählen -- es ist nicht so schwer -- als es Ihnen +erscheinen mag.« + +Sie hörte zu weinen auf. Was waren dies für Worte? Durfte sie wirklich +noch hoffen, konnte sie sich selbst überwinden? + +Er merkte sofort den Eindruck, den sie erhalten, und suchte diesen +rasch auszunutzen. + +»Vor allen Dingen kommen Sie hier fort. Sie sollen sich dann in Ruhe +mit mir aussprechen, -- wir werden Ihre Zukunft überlegen, -- schenken +Sie mir endlich doch Vertrauen!« + +Es kämpfte noch eine geraume Zeit gewaltig in ihr, -- dann rang sie +sich aber zu einem plötzlichen Entschluß durch. + +»Ein Felsen kann nicht härter sein, als Sie zu mir waren, Herr +Plüddekamp, ich zerbrach daran! Nun wollen Sie mich wieder +aufrichten, -- ich fühle Ihren kalten Stolz, -- aber auch das +Stark-Ehrenhafte in Ihnen, -- und will den Haß im mir niederdrücken, +-- der mich ins Elend brachte. -- Ich -- folge Ihnen.« + +Frau Kern brachte die Sachen Ilses. Sie wurden in eine kleine +Handtasche getan. Jürgen gab der Frau ein Goldstück. Dann schritt Ilse +vor ihm die Treppe hinunter und stieg mit in das Auto ein. + +»Wir fahren zuerst nach einem Magazin. Sie müssen entsprechend +gekleidet sein, ehe Sie das Hotel betreten.« + +Sie wollte dagegen aufbegehren. Ein Blick aus den großen, grauen Augen +traf ihn, der zu fragen schien: »Was denkst du von mir?!« Jürgen mußte +ihn verstanden haben. + +»Seien Sie beruhigt, Fräulein Hergenbach! Ich traf Sie heute lieber +in dieser elenden Behausung an, als elegant gekleidet in bequem +möblierter Wohnung!« + +Sie holte tief Atem und erwiderte dann: + +»Sie handeln ohne Eigennutz an mir, Herr Plüddekamp! Ich füge mich +Ihren Anordnungen.« + +Obwohl sich Jürgen mit weiblicher Ausstattung nie befaßt hatte, sprach +er doch ganz gewandt über diese Dinge. Kurz darauf hielten sie vor +einem großen Modemagazin. Er mußte dort einige Zeit geduldig warten, +damit sie sich eine neue Kleidung auswählen konnte. Als sie dann vor +ihn trat, war sie eine ganz andere geworden. Nach deutschem Muster, +einfach aber geschmackvoll angezogen, machte sie mit ihrer schlanken +Gestalt wieder einen angenehmen Eindruck. Nur in ihren bleichen Zügen +war noch das Elend der letzten Zeit zu erkennen. Jürgen sah sie +prüfend an. + +»So,« sagte er darauf kurz, »jetzt können wir in das Hotel fahren.« + +In den vornehmen Restaurationsräumen des Hotels stand das zweite +Frühstück bereit. Jürgen forderte Ilse auf, daran teilzunehmen. + +Wie seltsam sich doch ihr Geschick gestaltete? Hätte nicht alles +anders sein können? Jetzt saß sie ihm an dem kleinen gedeckten Tisch +gegenüber, und es wurden ihnen die ausgewähltesten Speisen aufgetragen. + +»So schön wie auf einer Hochzeitsreise,« dachte sie. Wohin aber hatte +sie das Schicksal geführt! -- Der ungeheure Unterschied von gestern +und heute drang zu gewaltig auf sie ein. Sie berührte kaum die Speisen. + +»Essen Sie doch, Fräulein Hergenbach, Sie werden wohl in der letzten +Zeit keine genügende Kost gehabt haben!« + +Sie versuchte ein leises Lächeln. + +»Gewiß, Herr Plüddekamp, ich habe manchen Tag sogar gehungert. Der +Arbeiter Kern nahm mich auf, als ich in den Straßen umherirrte und aus +Schwäche von einer Ohnmacht befallen wurde. Ich vermochte mich niemand +in meiner Not anzuvertrauen; auch jetzt gab ich die Hoffnung auf, daß +Konsul Martens mir helfen würde. -- Heute drang alles so unerwartet +auf mich ein, daß ich kaum daran glauben mag. Ich sitze hier wie in +einem schönen Traum. Aus dem düsteren Raum heraus -- in diesen Glanz +der Welt hinein! -- Der Gegensatz ist zu schroff. Lassen Sie mir Zeit, +daß ich mich wiederfinde!« + +»Das sollen Sie, Fräulein Hergenbach! Ich bin kein Unmensch und will, +daß Sie sich Ihre Stellung in der Welt zurückerobern. Noch können Sie +es.« + +Sie richtete ihr Auge fragend auf ihn. In dem Blick war nicht mehr +das Überwältigen der Sinne des Mannes geboten, etwas Demütiges, +Unterordnendes lag in ihm. Jürgen erkannte daraus, daß sie eine +furchtbare Lehre empfangen hatte, die sie läuterte. Schade, daß manche +Menschen erst irren müssen, um dann auf den rechten Weg zu gelangen. + +»Trinken Sie doch ein Glas Wein!« forderte er sie auf. Sie ließ aber +das Glas unberührt, das er ihr reichte. + +»Ich bin es nicht gewohnt, Herr Plüddekamp. Der Alkohol würde mir zu +Kopf steigen.« + +Er nahm ein auf dem Tisch stehendes größeres Glas, goß Wasser hinein +und vermischte dies mit dem Wein. + +»So kann es Ihnen nicht schaden!« + +»Es schmerzt mich, Herr Plüddekamp, daß Sie jetzt gütig zu mir sind. +Ihre Schroffheit war mir verständlicher.« + +»Warum? Mir hat Mitleid nie ferngelegen,« erwiderte er kurz. »Es ist +jetzt meine Pflicht, daß es es Ihnen zuteil wird.« + +Das Frühstück war vorüber. Jürgen wandte sich zu Ilse. + +»Ehe Sie Ihr Zimmer aufsuchen, Fräulein Hergenbach, wollen wir ein +Programm entwerfen. In einem der kleinen Konferenzzimmer sind wir +ungestört. Ich muß meine Zigarre dabei rauchen.« + +Es standen nur ein Tisch mit grüner Tuchplatte, ein paar hochlehnige +Stühle und einige Klubsessel in dem kleinen Raum, den sie nun +betraten. Jürgen ließ sich bequem nieder, langte eine kräftige Importe +heraus, die er nach jeder Mahlzeit rauchte, schnitt behutsam die +Spitze ab und brannte sie an. Ilse nahm auf einem Stuhl Platz. + +»Hier sind wir besser aufgehoben, als vor Stunden in der Küche, +Fräulein Hergenbach. Sie können sich offen aussprechen. Es wird +niemand etwas davon erfahren. Ich bin nicht neugierig, muß aber klar +sehen, damit ich handeln kann.« Er reichte ihr freundschaftlich seine +Hand, in die sie die ihre zögernd legte. Er drückte diese kräftig. +»So, -- unser Pakt ist geschlossen -- nun reden Sie!« + +Ilse atmete tief. + +»Es wird mir schwer, die Worte zu finden, um Ihnen das Erlebte zu +schildern, Herr Plüddekamp.« + +»Na, -- ohne Worte geht es schon nicht ab, Fräulein Hergenbach! Sie +liebten früher in solchem Falle -- stumm zu bleiben. Diesen Zug Ihres +Charakters haben Sie wahrscheinlich fallen lassen.« + +Ihr Gesicht überflog eine schnelle Röte. + +»Ich möchte reden -- und kann es nicht, Herr Plüddekamp! Sie würden +mich doch nicht verstehen! Ich erniedrige mich nur noch mehr, als es +schon geschah.« + +»Unsinn! Es fällt kein Mensch so tief, daß er nicht wieder aufsteht. +Übrigens -- es macht mir besondere Freude, Sie -- die Moderne -- +wieder auf die gute alte verstoßene Bahn zu heben --.« Er ließ +wohlgefällig sein breites Lachen ertönen. + +Ilse fühlte die Herzensgüte, die sich unter den derben Worten Jürgens +offenbarte; dadurch kam ein sicheres Gefühl über sie. Wie ein +gewaltiger, lange zurückgedämmter Strom drang es jetzt hervor: + +»Ja, -- Sie sollen es hören, Herr Plüddekamp, und dann mögen Sie mich +richten! -- Ich wurde hinausgesandt, ohne mich selbst zu kennen. +Meinen Eltern und Geschwistern glaubte ich nicht, -- warum sollte ich +auch anders geartet sein? Es lag aber ein wilder Drang in mir, den +ich den Blicken fremder Menschen verschließen mußte. Ich blieb stumm, +wenn ich am liebsten hinausgeschrien hätte: ›Laßt mich ausleben!‹ -- +In der Pension erfuhr ich nur Überflüssiges, -- was einfache Mädchen +belastet. Eine Sucht nach der Schönheit im Leben, -- künstlerische +Neigungen wurden in mir erweckt, -- ich konnte stundenlang in den +Galerien die Bilder betrachten.« + +»Die meisten Mädchen waren aus der Großstadt und mir in allem voraus. +Sie schürten mich täglich an -- die Kraft der Frau den Männern +gegenüber zu erproben -- Siegerin zu werden. Was war dies? Ich +verstand es nicht!« + +»Kurz darauf kam ich in Ihr Haus. Der Ernst, der darin waltete, +erdrückte mich anfangs, -- ich sah mißmutig in eine andere Welt +hinein. Bald fühlte ich aber die siegreiche Macht der Frau. Sie +haschten alle nach mir. Ihr Bruder Wolf voran --« + +»Leider,« warf Jürgen ein. + +»Nur einer nicht --« + +»Lassen Sie diesen einen beiseite, Fräulein Hergenbach. -- Es ist +kein Verdienst, -- nur eine Verstandeseigenschaft, die heute vielen +verkehrt erscheint.« + +»Nein, es muß heraus, Herr Plüddekamp!« fuhr sie in leidenschaftlichem +Ton fort, und auf ihren Wangen entstanden scharf umrissene rote +Kreise. »Ich haßte Sie, und um mich zu rächen, gab ich Wolf mein Wort. +Ich wußte, daß Sie dies nicht wollten und ich Sie nicht tiefer treffen +konnte. Es war schlecht gehandelt --« + +»Allerdings! Sie haben Wolf bis an den Rand des Todes gebracht,« fiel +er bitter ein. + +Sie stand zitternd auf. + +»Wolf -- Ihren Bruder -- unmöglich!« + +»Es ist jetzt noch kaum genesen -- von Ihnen allerdings geheilt.« + +»Wie soll ich dies verstehen, -- er hat mich betrogen, -- die blonde +Person in der Weinkneipe, -- in die mich Smiders lockte, -- stand ihm +näher --« + +»Smiders fing Sie durch eine lächerliche Komödie. Er benutzte die +weibliche Eitelkeit. -- Sie sollen jetzt von mir die Wahrheit hören +--« + +Wort für Wort drang auf Ilse ein. Sie sah ihn starr an, -- jeder +Blutstropfen ihres Gesichts wich zurück. + +»Mein Gott -- Herr Plüddekamp,« stöhnte sie auf, »was kann ich tun, um +Wolfs Verzeihung zu erlangen!« + +»Nichts, Fräulein Hergenbach,« erwiderte er ernst, »als daß Sie nie +mehr vor ihn hintreten. -- Er hat Ruhe und Frieden wiedergefunden.« -- +-- + +Sie hörte von diesem Augenblick geduldig an, was er ihr vorschlug. + +»Ich werde Sie nach Nordhausen in Ihr Elternhaus zurückbringen. Herta +war gezwungen, auf einen Brief Ihrer Mutter zu antworten, daß Sie uns +verlassen hatten. Trotzdem können Sie ruhig sein, -- ich spreche für +Sie. --« + + + + + XXIV. + + +Wolf blieb wochenlang in Wershagen. Er sah die Halme gelb werden +und die Ähren reifen. Die Ernte ging vorüber. Der Weizen und Roggen +füllte die Scheunen. Das frische Korn breitete sich nach und nach zu +mächtigen Haufen in den Speichern aus. + +Wolf Plüddekamp war in dem einfachen, ruhigen Landleben an Körper und +Seele wieder gesundet. Er ritt täglich mit Oberamtmann Wichers auf die +Felder hinaus, und die launige Art des Landwirtes wirkte wohltuend +auf sein Gemüt ein. An den Abenden spielte er mit Lieschen vierhändig +Klavier. Die blauen Augen des jungen Mädchens schauten froh und +schelmisch drein, als wollten sie sagen: »Bin ich nicht ein lustiger +Kamerad?« Wenn sich Wolf auch noch nicht ausgesprochen hatte, Lieschen +wußte genau, daß mit seiner Krankheit alle törichte Leidenschaft in +ihm geschwunden war. Sie hatte sich den zukünftigen Gatten durch +Liebe und Aufopferung erkämpft. Was zwischen ihnen lag, war kein +wildes Empfinden, das sie gewaltsam zusammenband, sondern die milde, +wohltuende Flamme einer reinen Neigung, die am häuslichen Herd wärmend +und beglückend ausdauert. + +Wolf Plüddekamp wollte nach Stettin zurück. Er nahm keinen Abschied +von Wershagen; ein kräftiger Händedruck, den er Oberamtmann Wichers +und Lieschen gab, offenbarte die Tiefe seines Gefühls. Der Händedruck +sprach aus: »Wir sind einig fürs Leben!« + + * * * * * + +Im alten Kaufherrnhause herrschte ungewohntes Leben und Treiben. Die +freudige Erregung ging von Jürgen Plüddekamp selbst aus. Schon am +frühen Morgen rief er seinen Freund und Prokuristen Armin herein. + +»Die Kontore werden heute nachmittag geschlossen. Die jungen Leute +sollen den schönen Herbsttag benutzen und einen Ausflug machen. Sie +vertreten mich dabei, Armin! Ich will mich meinem Bruder widmen +und die Freude empfinden, daß er uns Geschwistern nach der langen, +schweren Krankheit gesund wieder geschenkt wurde.« -- + +Jochen war damit beschäftigt, eine mächtige Girlande über dem +Treppenaufgang anzubringen. + +»Heute kommt mein Wolf,« schmunzelte er vor sich hin, »es wird auch +man Zeit. Das alte Haus schläft sonst noch ganz ein. Er pfeift doch +manchmal eins!« + +Kurz vor Beginn der Mittagszeit traf Wolf Plüddekamp ein. Jürgen stand +vor dem Toreingang. Als sein Bruder aus dem Wagen sprang, sagte ihm +ein einziger Blick, daß dieser im Vollbesitz seiner Kraft wiederkam. + +Der alte Hüne, Jochen Hindorf, hatte mit abgezogener Kappe neben +seiner Girlande Aufstellung genommen. Wolf gab ihm einen tüchtigen +Schlag auf die Schulter. + +»Ich danke dir, Alter,« sagte er, ihm die Hand reichend, »und morgen +komm zu mir, dann sollst du deinen Dänen haben, der dir wohl schon +lange gefehlt hat.« + +»Es muß ja nicht sein, Herr Wolf,« lachte Jochen über das ganze +Gesicht. »Die größte Freude habe ich, daß Sie wieder vergnügt sein +können.« + +Die Geschwister zogen sich nach dem Mittagessen in die gemütliche Ecke +des Speisezimmers zurück. + +»Ihr waret mit euren Briefen recht karg,« meinte Wolf lachend. »Es kam +mir auch ganz erwünscht. Ich mochte nichts mehr von dem Vergangenen +hören und selbst keine Feder zum Schreiben ansetzen. Dafür lief ich +den ganzen Tag in Feld und Wald herum. Du siehst, Jürgen, welche +starke Einwirkung die Natur auf mich ausübte. Ich habe die Empfindung, +daß ein ganz neues Leben in mir erwacht ist.« + +»Du verspürst also keine Lust, Wölfchen, auf deinen Kontorsitz +zurückzukehren?« + +»Offen gestanden, nein, Jürgen! Ich habe großes Gefallen an der +Tätigkeit eines Landwirtes gefunden, daß ich diese gern ausüben +möchte.« + +Herta lächelte fein. + +»Natürlich unter Mitwirkung einer hübschen kleinen Frau, Wölfchen!« + +»Ja, Herta, du hast das Richtige getroffen! Als ich heute von +Wershagen fortfuhr, um euch im alten Plüddekampschen Hause +aufzusuchen, hatte ich dabei im stillen die Empfindung, bald aufs Land +zurückzukehren. Ich will mir ein eigenes Nest bauen, und Wichers hilft +mir dazu. Jürgen und du, ihr werdet noch lange unter Aufrechterhaltung +alten Herkommens eure Pflicht hier erfüllen. Mich aber soll nichts +mehr daran erinnern -- was einmal war. Ich habe Lieschen Wichers und +Wershagen herzlich lieb gewonnen.« + +Jürgen blickte seinen Bruder ernst, aber mit größtem Wohlwollen an. + +»Ich habe deinen Entschluß geahnt, und er wird für dich der richtige +sein. Das alte Haus vereint uns noch einmal -- dann werden wir dich +freigeben müssen. Das Leben verlangt das Schaffen von neuen Werten. +Wir wollen es hier und dort redlich tun. In deinen Söhnen wird uns +eine neue Generation erstehen. Land und Stadt sollen sich ergänzen, +dann kann ein kerniges Geschlecht neue Erfolge zeitigen.« + +Herta hatte diesen Worten still zugehört. Sie seufzte tief auf und +setzte dann leise hinzu: + +»Wenn ich euch Männer so sprechen höre, ist es mir wie ein vergessenes +Klingen und Singen einstiger Jahre. -- Ein Zeichen, daß ich dem wahren +Glück des Lebens aus dem Wege gegangen bin.« + + [Illustration] + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75824 *** diff --git a/75824-h/75824-h.htm b/75824-h/75824-h.htm new file mode 100644 index 0000000..8ab7448 --- /dev/null +++ b/75824-h/75824-h.htm @@ -0,0 +1,8480 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Geschwister Plüddekamp | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + + h1,h2 { + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal;} + + +h1 {font-size: 220%} +h2,.s2 {font-size: 150%} + .s3 {font-size: 110%} + .s4 {font-size: 90%} + .s5 {font-size: 80%} + +h1 { + page-break-before: always} + +h2 { + padding-top: 1em; + margin-bottom: 1.5em; + page-break-before: avoid; + font-weight: normal;} + + +p { margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; } + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p2 {margin-top: 2em;} + +.mtop2 {margin-top: 2em;} + +.mbot2 {margin-bottom: 2em;} + +hr { width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.chap { + width: 65%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 17.5%; + margin-right: 17.5%; + clear: both;} + +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } + + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } + +hr.r35 { + width: 35%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + margin-left: 32.5%; + margin-right: 32.5%; + border-top: 3px solid black } + +div.chapter {page-break-before: always;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + +.center {text-align: center;} + +.antiqua { + font-style: italic;} + +.h3em {height: 3em; width: auto;} + +.hide-first { + visibility: hidden; + margin-left: -0.75em;} + +div.dc { + float: left; + margin: 0.25em 0.5em 0 0; + line-height: 1;} +.x-ebookmaker div.dc { + float: left; + margin: 0.25em 0.9em 0 0; + line-height: 1;} + + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto;} + +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif;} + +/* Illustration classes */ +.illowe7 {width: 7em;} +.illowe25 {width: 25em;} +.x-ebookmaker .illowe7 {width: 14%; margin: auto 43%;} +.x-ebookmaker .illowe25 {width: 50%; margin: auto 25%;} + +.illowp43 {width: 43%;} +.x-ebookmaker .illowp43 {width: 100%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75824 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.<br> +Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> + +</div> + + +<figure class="figcenter illowp43" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="" title=""> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<h1 class="mtop2"><b>Geschwister Plüddekamp.</b></h1> +<p class="p2 s2 center">Roman</p> +<p class="s4 center">von</p> +<h2 class="mbot2"><b>Jesco von Puttkamer.</b></h2><br> + +<figure class="figcenter illowe25" id="illu-003"> + <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="signet"> +</figure> + +<p class="p2 center">Reutlingen.<br> +Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung.</p><br> + +<hr class="r35"> +<p class="p2 s5 center">Nachdruck verboten.<br> +Alle Rechte vorbehalten.<br> +Übersetzungsrecht vorbehalten.<br> +Vorgeschriebener Aufdruck für die Ausfuhr nach Amerika:<br> +<em class="antiqua">Printed in Germany.<br> +Copyright 1910 by Carl Duncker, Berlin.</em></p><br> + +<hr class="r35"> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p> + +<h2>I.</h2> +</div> + +<div class="dc"> + <img class="h3em" id="drop-u" src="images/drop-u.jpg" alt="U"> +</div> + +<p class="p0"><span class="hide-first">»U</span>nser jahrelanges stilles Zusammenleben erfährt durch dein Vorhaben +eine wesentliche Veränderung, Herta. Hast du es dir reiflich +überlegt?« fragte Jürgen Plüddekamp und gab seiner Schwester die +Photographie eines jungen Mädchens zurück, die er lange betrachtet +hatte.</p> + +<p>»Ich kann meiner Freundin die Bitte nicht abschlagen,« erwiderte Herta +Plüddekamp. »Warum soll ihre Tochter nicht bei mir die Hauswirtschaft +erlernen? Es schadet nicht, wenn ein junges Mädchen mehr Leben bei uns +hineinbringt.«</p> + +<p>»Du hast vollkommen recht, Herta,« fiel Wolf Plüddekamp, ihr jüngerer +Bruder, eifrig ein. »Ich bin sehr dafür, Ilse Hergenbach aufzunehmen. +Nach dem Bilde muß sie eine interessante Erscheinung sein.«</p> + +<p>»Ilse war bereits in einem Dresdner Pensionat. Sie malt, spielt +Klavier und hat überhaupt künstlerischen Sinn,« erklärte Herta weiter.</p> + +<p>»Famos! So wird in unserer Unterhaltung über das ewige +Kaufmannseinerlei endlich eine angenehme Abwechslung entstehen!« rief +Wolf erfreut aus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p> + +<p>Jürgen Plüddekamp, ein großer, breitschultriger Mann von etwa vierzig +Jahren, dessen Haar und Vollbart einen rötlichblonden Schimmer zeigte, +schüttelte unwillig den Kopf, ehe er begann:</p> + +<p>»Die völlige Ruhe im Hause ist für mich eine Hauptbedingung. Darin +erstarkt die Schaffenskraft. Natürlich wird dies sofort anders sein, +wenn ein junges Mädchen hier herumtollt und unser tägliches Geleise +stört.«</p> + +<p>»Herumtollt? — Du drückst dich stark aus, Jürgen! Sei nicht so +selbstsüchtig,« hielt ihm Herta vor. »Ich schlug um deinetwillen die +Hand unseres Freundes Martens aus. Du weißt, welchen inneren Kampf +es mich gekostet hat und wie ich frühzeitig zu ernst geworden bin. +Verhindere jetzt, bitte, nicht, daß durch Ilse eine fröhlichere +Lebensauffassung in unsern engen Kreis gelangen kann!«</p> + +<p>»Wieso? Ist unser Wölfchen mit seinen sechsundzwanzig Jahren +nicht genug junges Blut im Hause, Herta? Ich sollte meinen, deine +schwesterliche Liebe hat sehr zu tun, um ihn etwas im Zaume zu halten.«</p> + +<p>Jürgen stand von dem Mittagessen auf und brannte sich eine kräftig +ausschauende Zigarre an. Beide großen, starken Hände in die +Hosentaschen steckend, stellte er sich vor Herta hin, die den +Nachmittagskaffee einschenkte. Die Geschwister tranken<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> diesen sofort +nach der Mahlzeit. Jürgen und Wolf zogen sich dann bis zum Abend +in die im Parterre des alten Kaufherrnhauses gelegenen Kontorräume +zurück, während Herta meistens eine energische Tätigkeit für +Frauenvereine und deren Veranstaltungen entfaltete.</p> + +<p>Alle drei liebten sich zärtlich, obwohl Jürgen nur ein Halbbruder war. +Der verstorbene Geheime Kommerzienrat Plüddekamp hatte zwei Frauen +gehabt. Die Mutter von Herta und Wolf ruhte ebenfalls seit Jahren in +dem großen mit schwedischem Granit ausgelegten Erbbegräbnis der alten +Kaufmannsfamilie.</p> + +<p>»Laß doch Wolf seinen Jugendmut!« trat die Schwester jetzt für diesen +ein. »Es gibt noch andere Lebensaufgaben, als nur Weizen, Roggen und +Gerste zu prüfen und neue Grassorten aufzustöbern. Wir sollen nicht +vergessen, die idealen Güter der Menschheit zu pflegen.«</p> + +<p>Jürgen ließ als Antwort ein kurzes kräftiges Lachen ertönen.</p> + +<p>»Das Korn hat uns groß und reich werden lassen, Herta. Haus Plüddekamp +ist seit hundert Jahren das erste Getreidegeschäft in Stettin. Die +vornehmen Standesherren rechnen es sich zur Ehre an, nach Abschluß +des Geschäftes das Frühstück an<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> unserem Tische einzunehmen. Wir +unterstützen die Landwirtschaft mit beträchtlichen Summen. Mancher +Großgrundbesitzer hätte ohne uns Haus und Hof verlassen müssen, +wenn wir in schlechten Jahren nicht eingesprungen wären. Wolf kann +eines Tages ruhig um eine Gräfin anhalten und wird im Ansehen nicht +zurückstehen.«</p> + +<p>»Ich gönne dir dein starkes Selbstbewußtsein, lieber Jürgen! Du +erzogst auch mich dazu. — Unser Wölfchen aber soll bei der strengen +Pflichterfüllung an deiner Seite nicht versauern und das Leben +genießen.«</p> + +<p>»Wahr gesprochen, Goldschwester! Du hast mich nicht für Kornkammern +und kleine Komtessen bestimmt, und ich werde sicherlich einem +ganz bürgerlichen Menschenkinde die Hand reichen. Es muß nur +einen flotten Morgengalopp im Freien lieben, sich mit mir über +die ›Dollarprinzessin‹ freuen, danach einer kalten Veuve Cliquot +huldigen und mich über den neuesten Roman unterhalten können. +Beileibe aber darf sie kein Wort über Ernteerträgnisse, Kornzölle +und Grassamenbedarf fallen lassen! Dafür ist tagsüber Jürgen allein +maßgebend.«</p> + +<p>»Spotte nur, Wölfchen!« erwiderte Jürgen, und seine Augen ruhten +dabei wohlwollend auf der schlanken, biegsamen Gestalt des jüngeren +Bruders.<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> »Wirst du erst mein Alter erreicht haben, so pfeifst du dein +Lied etwas anders.«</p> + +<p>»Nun, und — Ilse?« wandte sich Wolf hastig zu Herta, als er sah, +daß diese die Photographie in den Umschlag des erhaltenen Briefes +zurücksteckte.</p> + +<p>»Sie wird in etwa acht Tagen eintreffen, wie mir Frau Hergenbach +schreibt, und will nur ihren Geburtstag noch daheim verleben,« +erwiderte die Schwester.</p> + +<p>»Hm,« machte Jürgen gedehnt. »Sie ist also erst knapp achtzehn Jahre +alt?« Er trank seine Tasse Kaffee stehend aus und wollte fortgehen, +gab sich jedoch noch selbst vorher die Antwort auf seine Frage, indem +er weitersprach: »Eine neue Generation — ein Kind der Jetztzeit! Das +vorige Jahrhundert klebt ihm nicht mehr an. Es weiß nichts mehr von +ihm, als daß damals rückständige Menschen lebten. Liebe Schwester +Herta, wäre nicht Hergenbachs Brennerei in Nordhausen ein guter Kunde +von uns, ich würde die Annahme dieser Gegenlieferung gern verweigern.«</p> + +<p>Er schloß bei den letzten Worten die hohe dunkle Tür hinter sich, und +seine starken Schritte hallten durch den großen Treppenflur des alten +Hauses.</p> + +<p>Wolf blieb noch einen Augenblick bei der Schwester zurück.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p> + +<p>»Jürgen ist nun einmal allen Neuerungen feind. Die Vaterstelle, +die er an uns beiden vertreten, läßt ihn auch jetzt seine Fürsorge +übertreiben.«</p> + +<p>»Leider,« seufzte Herta leicht auf. »Ich habe mit ihm deshalb manchen +hartnäckigen Streit durchfechten müssen. Er will keine andere Ansicht +als die seine hören. Schließlich aber gibt er mir doch nach.«</p> + +<p>»Zeig mir noch einmal das Bild von Ilse Hergenbach, Herta,« bat Wolf.</p> + +<p>Die Schwester sah ihn einen Augenblick etwas erstaunt an. Sie zog +alsdann die Photographie aus dem Briefumschlag hervor und reichte sie +ihm.</p> + +<p>Die lebhaften blauen Augen des jungen Mannes blieben eine Zeitlang +darauf haften.</p> + +<p>»Die Züge sind nicht regelmäßig, aber die Augen — — in ihnen liegt +außerordentlich viel, Herta! Sie verlangen, daß man hineinschaut, und +je länger man es tut, desto vertiefter wird ihr Ausdruck.«</p> + +<p>»Ei, ei!« drohte die Schwester mit dem Finger, »gib schnell das Bild +her, es verhext dich sonst.« Sie ließ es rasch wieder verschwinden +und fuhr dann in ernstem Tone fort: »Du fängst wirklich etwas schnell +Feuer, Wölfchen.«</p> + +<p>»Ich denke nicht daran, Herta! Das flüchtige Interesse für eine +Photographie will doch nichts bedeuten! Man kann wohl in manchen +Augen Romane<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> lesen, aber diese dort, die du schleunigst hast wieder +verschwinden lassen, — sind noch ohne Geschichte —«</p> + +<p>»Vielleicht liegt aber die Erwartung einer solchen in ihnen — und +das darf nicht sein, Wolf. Ich trage die Verantwortung dafür, und du +willst sie mir doch nicht erschweren? — Wir verplaudern uns aber — +geh hinunter! Du weißt, Jürgen liebt es nicht, wenn du bei der Öffnung +der eingegangenen Nachmittagspost fehlst.«</p> + +<p>»Dieser ewige Zwang, Herta! Genau auf die Minute anfangen und — +aufhören, wenn der letzte Laufbursche das Kontor verläßt. Ich dürste +geradezu nach Erlösung von diesem Büroleben — nach der Freiheit im +Fühlen, Denken und Handeln! Jürgen hätte mich nicht zwingen sollen, +in dem alten Geleise mitzutraben. Ich bin kein Paßpferd für ihn. Nun +ist es zu spät, etwas anderes zu ergreifen. — Heute nachmittag kommen +Lieferungen für den Export, die erst in den Trieuren gereinigt werden +müssen. Den Staub dabei zu schlucken — einfach schauderhaft! Der +Lagerhausinspektor kann aber nicht überall zugegen sein — so heißt +es: ›Wölfchen — du siehst natürlich nach — wir müssen absolut reine +Ware haben.‹ — Adieu, Schwester —« endete der junge Mann die ernst +begonnene Rede mit lautem Lachen<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> und rief noch von der Tür zurück: +»Für den Abend, an dem Ilse eintrifft, halte ich mich frei und gehe +nicht ins Theater.«</p> + +<p>Herta war allein. Sie ließ die elektrische Klingel ertönen, und sofort +erschien ein sauber gekleidetes junges Mädchen mit einem weißen +Häubchen auf dem Haar, das den Eßtisch abräumte.</p> + +<p>Das letzte Stäubchen mußte entfernt sein, ehe Herta das Speisezimmer +verließ. Sie waltete mit einer Sorgfalt ihres Amts, die von den +Brüdern bewundert wurde.</p> + +<p>Im Plüddekampschen Hause ging es musterhaft zu, und Frau Hergenbach, +eine ältere Freundin Hertas, wollte darum, daß ihre Tochter gerade +dort die Pflichten der Hausfrau erlernen sollte.</p> + +<p>Dies Kapitel war nicht einfach. Heute verstehen die jungen Mädchen +alles eher, als die Führung eines Haushaltes, — ›unmoderne Arbeit‹ +lautet die Bezeichnung dafür. Wozu gibt es geschulte Stützen der +Hausfrau, die alle Fächer erlernt haben? Es ist immer noch Zeit, +sich diese Kenntnisse nebenbei anzueignen, inzwischen muß aber die +Jugend genossen werden. Das überschäumende, prickelnde Dasein in der +Werdezeit hat für ernste Dinge so wenig Raum.</p> + +<p>Herta sann nach. Ob Ilse Hergenbach sich ihren Wünschen und +Anforderungen unterziehen würde?<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Das junge Mädchen kam aus dem +hochpulsierenden Leben Dresdens; würde es sich in den großen, dunklen +Räumen des altertümlichen Hauses wohl fühlen?</p> + +<p>Die vorgefaßte Meinung des älteren Bruders gegen Ilse Hergenbach, — +und wiederum die lebhafte Art Wolfs, dessen Herz sogleich unruhig +wurde, wenn ihn ein schönes Frauengesicht fesselte! Der arme Bursch, +er fühlte alles stark und tief, immer sprach das innere Leben bei ihm +mit, so viel er auch scherzte und sich harmlos in seiner Bahn bewegen +wollte. Jürgen, der klare, einfache Verstandesmensch, war besser daran.</p> + +<p>Herta befand sich plötzlich in ihrem Zimmer dem großen Wandspiegel +gegenüber und warf einen Blick hinein. Sie war eine stolze, vornehme +Erscheinung. Mit dem einfach gescheitelten Haar, den frischen Farben +auf den Wangen und den klaren Augen konnte sie wohl noch gefallen +und jene Sympathie dabei hervorrufen, die Frauenwürde beanspruchen +darf. Nur um den feingeschnittenen Mund lag ein Hauch von Herbheit, +etwas Fremdes, das zerstörend in die Gesichtslinien eingriff. — Der +Verzicht auf eigenes Glück sprach daraus, — die Beendigung eines +langen Seelenkampfes.</p> + +<p>Sie kleidete sich jetzt rasch zum Ausgehen an, um ihre Pflichten im +Frauenverein zu erfüllen.<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Ehe sie aber das Haus verließ, gab sie +ihren Mädchen noch bestimmte Anweisungen.</p> + +<p>Die hohen Wohnräume lagen in völliger Stille da. Von den +holzgeschnitzten Decken herab, aus den heimlichen Winkeln und Ecken +hervor ertönte ein kaum hörbares Flüstern und Raunen. Die kleinen +Hausgeister hielten ihre Zwiesprache ab. Jahrhunderte stand Haus +Plüddekamp fest in seinen Mauern und hatte allen Stürmen getrotzt. +Es zeigte die altfränkische Einfachheit der Vorfahren, den ruhigen, +lauterdenkenden Geist früherer Kaufherren. Die spöttelnden Blicke +moderner Menschenkinder prallten von dieser Kraftfülle ab, oder +sie flatterten scheu darüber hinweg, weil sie ein Verstehen alter, +vornehmer Zeit nicht mehr in sich vorfanden.</p> + +<p>Das stolze Haus mit seinem hohen Giebel nach der Straße, dem malerisch +vorspringenden Erker, der mächtigen Toreinfahrt sprach deutlich +zu jedem, der es vernehmen wollte. Der Erker gehörte zu Jürgens +Schreibzimmer, dessen ganze innere Einrichtung schwer massiv und +altertümlich war. Nur das elektrische Licht und das Telephon hatte +sich den Eingang erzwungen. Schon Urahne, Großvater und Vater gaben +sich hier nach den täglichen Geschäftssorgen der Muße hin. Die +Hausgeister waren in diesem Zimmer am lautesten. Sie begannen in<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> dem +entstandenen tiefen Dunkel ein ungezogenes Lärmen.</p> + +<p>»Jürgen! Jürgen! Jürgen!« summte es hin und her. Jürgen Großvater, +Jürgen Vater, Jürgen Sohn — alle groß, stark, von festem, +unbezwingbarem Willen getragen. Sie hingen in goldumrahmten Bildnissen +an der Wand, und die Lichtwellen der Straßenbeleuchtung huschten +zuweilen darüber hinweg.</p> + +<p>Scharf umrissene Charakterköpfe, die nicht im Eisenpanzer gekämpft, +aber mit rastloser Tatkraft gearbeitet hatten, um den Namen und +Glanz der alten Firma zu begründen. Jürgen Plüddekamp, der Enkel, +hing bereits dort, sich den Vorfahren in allen Eigenschaften des +gediegenen, ehrenhaften Kaufmanns anreihend. Nur Wolf Plüddekamp +fehlte noch, und als sein älterer Bruder ihn eines Tages bewegen +wollte, einem Porträtmaler zu sitzen, sträubte er sich heftig dagegen.</p> + +<p>»Ich bin noch zu jung, um abkonterfeit zu werden! Die Ölfarben für +mich sind noch nicht gemischt!« erwiderte er lachend.</p> + +<p>Jürgen schaute ihn nach diesen Worten lange an. Wolf hatte recht; +seine sonnig-lächelnden, jugendlichen Züge paßten nicht in die Reihe +der ernstblickenden Gesichter der Vorfahren hinein. Er aber, Jürgen, +— warum hing er schon zehn Jahre dort?<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> Die mächtige weiße Stirn, der +kräftige Nasenrücken hatten ihm schon mit dreißig Jahren das Äußere +eines vollgereiften Mannes gegeben. Seit jener Zeit veränderte er sich +wenig. Der Geheime Kommerzienrat Jürgen Plüddekamp stellte seinen +ältesten Sohn mit achtzehn Jahren in dem Geschäft an. Drei Jahre +später wurde dieser bereits Teilhaber. Jürgen war also von Jugend auf +mit der Firma verwachsen — und hatte für nichts anderes Gedanken +gehabt. Diese zu hüten, zu fördern, wachte er am Morgen auf, legte er +sich abends nieder.</p> + +<p>»Jürgen! Jürgen! Jürgen!« summte es weiter an den Wänden. »Habt ihr +nicht über Arbeit und Geldaufhäufen — das Leben vergessen? Nun ist +ein Sproß des alten Hauses gekommen, der nach dem Sonnenlicht der +Daseinsfreude Verlangen empfindet. Was kann daraus entstehen?«</p> + +<p>Ein Lichtstrahl erhellte die alten Jürgengesichter — ihre Augen +schauten streng in das sie umgebende Dunkel hinein. »Nicht die +vorgezeichnete Bahn verlassen,« war in ihnen zu lesen.</p> + +<p>Langsam verschwand das Licht. Leise erstarb das summende Geräusch. +Totenstille ringsum. — —</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p> + +<h2>II.</h2> +</div> + + +<p>»Jochen, — Jochen!« erscholl es aus der großen Toreinfahrt über +den Hof hinweg. »Teufel, wo steckt der Jochen wieder!« setzte Wolf +Plüddekamp halblaut hinzu.</p> + +<p>Die große vierschrötige Gestalt des Aufsehers und Hausfaktotums +stapfte jetzt über das Pflaster des Hofes heran. Der Mann mußte schon +an sechzig Jahre zählen. Sein Rücken zeigte eine leichte Krümmung; +das kam von der gehabten schweren Arbeit. Der mächtige Oberkörper des +Riesen stak in einer dicken Flauschjacke, und an den Füßen trug er +halbhohe Schaftstiefel, die einem Steindenkmal zur Ehre gereicht haben +würden.</p> + +<p>Er stand nun vor dem jungen Kaufherrn, der bei seinem Anblick ein +schalkhaftes Lächeln nicht unterdrücken konnte. Jochen Hindorf war +eine biedere, ehrliche Seele, die, seit mehr als einem Menschenalter +im Hause Plüddekamp erprobt, deshalb eine Sonderstellung einnahm. —</p> + +<p>»Jochen! Wo bleibst du denn? Du glaubst wohl, daß ich meine Lunge +gestohlen habe?« fuhr Wolf ihn an.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> + +<p>Jochen Hindorf wußte, daß die Worte nicht ernst gemeint waren.</p> + +<p>»Jäh — Herr Wolf! Ich bin ja schon da!«</p> + +<p>»Das sehe ich, Jochen! Du hast mich aber lange genug warten lassen. +Ist das Transportauto von der Lastadie gekommen?«</p> + +<p>»Jäh woll — Herr Wolf!«</p> + +<p>»Wird abgeladen?«</p> + +<p>»Jäh woll — Herr Wolf!«</p> + +<p>»Jochen — du riechst mörderlich nach Schnabes — — du hast dich wohl +schon vorzeitig gestärkt!«</p> + +<p>»Näh — Herr Wolf! Nur 'nen kleinen Schnaps genommen.«</p> + +<p>»Jochen, der wird drei Daumen breit an der Flasche zu messen gewesen +sein — —«</p> + +<p>»Hö, hö, hö!« lachte Jochen Hindor wohlgefällig. »Meine Daumen sind +eklig breit, damit kann ich nicht beim Schluck hantieren. Ich mach's +nach Gutdünken.«</p> + +<p>»Dann bist du jeder Verantwortung in bezug auf das Quantum ledig, +Jochen! Weiß schon —«</p> + +<p>»Jäh, Herr Wolf! So 'ne alte Haut — hält keine Wärme mehr, — da muß +ich gründlich einheizen.«</p> + +<p>Wolf Plüddekamp lachte hell auf.</p> + +<p>»Hast recht, alter Knabe! Wer lang trinkt, der lebt lang! Ich glaube, +du hast dies zur Richtschnur genommen. — Muß ich noch auf den +Speicher oder —?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p> + +<p>»Hat der Chef es gesagt?« warf Jochen bedächtig ein. Er sprach +manchmal Platt, dann aber wieder etwas Hochdeutsch dazwischen, je +nachdem seine Stimmung war und der Pegel des Alkohols stand.</p> + +<p>Jürgen Plüddekamp galt den Leuten gegenüber immer als der Hauptchef +der Firma, obwohl Wolf Plüddekamp ebenfalls an dieser beteiligt war.</p> + +<p>Herta und Wolf besaßen nicht das gleiche Vermögen wie Jürgen. Das +mütterliche Erbe des ältesten Bruders war sehr bedeutend gewesen, +während die zweite Frau des Geheimen Kommerzienrat Plüddekamp nur +große Schönheit besaß, — um derentwillen der reiche Mann sie +heiratete.</p> + +<p>»Du kannst es dir doch denken, Jochen!« antwortete Wolf jetzt. »Aber +hör mal, alte Schnapsseele! Wenn Jürgen fragt — bin ich oben. Rauf +steigt er ja nicht. — Also verstanden! Ich habe etwas vor und da will +ich — —«</p> + +<p>»Ist auch gar nicht nötig — Herr Wolf! Ich besorge alles prompt, +amüsieren Sie sich man gut. Und dann wollt ich nur man noch sagen — +die Flasche mit dem alten Dänen ist rein zu Ende, an der muß aber +gründlich gemaust sein.«</p> + +<p>»Oder deine Daumen haben nicht ausgereicht, Jochen! Ich werde dir den +Stoff wieder mitbringen!«</p> + +<p>»Bei der Winterzeit — Herr Wolf! Kalte Füße.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> + +<p>»In deine Elefantenstiefel und die dicken Wollnen von Muttern dringt +doch die Kälte nicht hinein, Jochen.«</p> + +<p>»Das sagen Sie so, Herr Wolf. Aber stundenlang beim Aufladen zu stehen +— nächstens —«</p> + +<p>»Ich glaube dir alles, Jochen!«</p> + +<p>»Jäh woll — Herr Wolf.«</p> + +<p>Der Alte machte etwas schwerfällig kehrt und verschwand über den von +hohen elektrischen Bogenlampen erleuchteten Hof nach den Speichern zu, +denen sich ein tiefer Garten bis zur nächsten Straße anschloß.</p> + +<p>Das alte Haus mit seinem Hinterland war für neue Verhältnisse von sehr +großer Ausdehnung und hatte darum einen hohen Wert. In der Bilanz +standen Gebäude und Areal noch ebenso zu Buch wie vor hundert Jahren. +Es war nie ein Wertzuwachs hinzugefügt worden. Diese stille Reserve +des Familienvermögens betrug viele Hunderttausende.</p> + +<p>Jürgen Plüddekamp konnte alljährlich mit wohlberechtigtem Stolz +auf die Zahlen hinschauen, die er Wolf nur flüchtig zeigte, um das +Bilanzbuch sofort wieder in einem Sonderfach des Geldschrankes zu +verschließen.</p> + +<p>Im großen Speicher begann das geräuschvolle Rollen und Schütteln +des Korns in den Trieuren. Eine dichte graue Staubwolke umzog die +Maschinen, durchhellt von dem Schein des elektrischen Lichtes.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p> + +<p>Der Roggen wurde in breite Haufen aufgeschüttet. Die Ware stieg durch +das Reinigen bedeutend im Werte und sollte exportiert werden.</p> + +<p>Als das leere Transportauto durch die große Toreinfahrt wieder auf +die Straße hinausrollte, sah Jürgen Plüddekamp im Kontor auf die +Uhr. Er konnte nach der seit der Ankunft verflossenen Zeit genau +kontrollieren, ob die Sackträger ihre Schuldigkeit getan hatten. +Einen Augenblick schaute er auf den leeren Platz ihm gegenüber, den +sonst sein Bruder Wolf einnahm, und nickte mit dem Kopfe, als ob er +sich selbst eine Zustimmung gebe. — Dann langte er nach einer blauen +Kapitänsmütze, die zu seinem täglichen Gebrauch in Haus und Hof an der +Wand hing, setzte sie auf und ging durch das anstoßende große Kontor +zur Torflur hinaus.</p> + +<p>Die Buchhalter standen vor den mächtigen, stark gebundenen Büchern und +machten ihre Eintragungen. In der Korrespondenzabteilung klapperten +die Schreibmaschinen, sie wurden von jungen Leuten bedient. Jürgen +Plüddekamp liebte keine Maschinenschreiberinnen.</p> + +<p>»Junge Mädchen lassen ihre Augen zuviel spazieren gehen, Herta! Es +beeinträchtigt die Arbeit meiner Angestellten. Vor mir fallen die +Augenklappen ernst herunter, hinter mir blitzt es gleich wieder los. +Eine Schwerenöterin ist stets darunter,<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> und der Ärger bleibt nicht +aus. — Danke dafür.« So lehnte er es seiner Schwester ab, einige +ihrer Schützlinge unterzubringen.</p> + +<p>Im Kontor des Hauses Plüddekamp mußte ohne Unterbrechung gearbeitet +werden, dafür gab es eine pünktliche Arbeitseinteilung.</p> + +<p>Jürgen war in der großen Toreinfahrt verschwunden, die jungen Leute im +Kontor reckten ihre Köpfe in die Höhe. Die Schreibmaschinen standen +einen Augenblick still und leises Gespräch wurde hörbar. Sowie es aber +einen etwas lauteren Charakter annahm, ertönte die helle Stimme des +Prokuristen Armin:</p> + +<p>»Bitte, meine Herren, äußerste Ruhe! Sie wissen, der Chef liebt keine +Unterhaltung.«</p> + +<p>Einige hastig hingeworfene Worte ließen sich noch von den einzelnen +Schreibtischen vernehmen, dann klapperten die Maschinen wieder mit dem +raschen Aufschlag der Tasten.</p> + +<p>»In einer halben Stunde muß sämtliche Korrespondenz von heute dem +Chef vorgelegt werden!« Der Prokurist Armin sprach kurz und bündig, +seine Anordnungen klangen darum wie militärische Befehle. Er hatte +mit Jürgen zusammen bei einem Stettiner Regiment gedient. Von dort +datierte bereits ihre Freundschaft, aus der ein gegenseitiges hohes +geschäftliches<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Vertrauen entstanden war. Wolf selbst konnte es bei +seinem Bruder in dem Maße nicht erreichen.</p> + +<p>Jürgen tauchte aus der Dunkelheit auf und stand plötzlich vor dem +alten Hindorf.</p> + +<p>»Jochen, warum bringst du die Ladeliste nicht ins Kontor?«</p> + +<p>Der Alte schrak zusammen und verbarg hastig etwas im Innern seiner +dicken Flauschjacke. Jürgen hatte es aber bereits bemerkt.</p> + +<p>»Du bist unverbesserlich, Jochen! Nächstens setze ich dich ganz zur +Ruhe. Ich brauche Leute, die pünktlich auf die Minute ihren Dienst +versehen. Gib mir jetzt die Liste.«</p> + +<p>Der Alte holte diese aus einer vorderen Tasche der Jacke hervor und +reichte sie Jürgen schweigend hin.</p> + +<p>»Hat sich beim Abladen nichts herausgestellt?«</p> + +<p>»Nä—h, Herr Plüddekamp!« Der Alte brachte es mit bitterer Betonung +hervor.</p> + +<p>»Desto besser! Ist mein Bruder auf dem Speicher — beim Kornreinigen?«</p> + +<p>»Nä—h, Herr Plüddekamp!«</p> + +<p>Jochen Hindorf hatte diese Antwort ohne Absicht in einem Anflug von +verschlucktem Ärger und Bitterkeit hervorgestoßen. Er besann sich +jedoch sofort und begann zu stottern: »Jäh — woll, Herr Plüddekamp! +Er — ist oben!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> + +<p>»Du redest Unsinn, Jochen, und hast wieder zu tief in die Flasche +gesehen! Es geht auf keinen Fall mit dir so weiter! Ich werde einmal +selbst nachschauen!«</p> + +<p>Ganz bestürzt, daß nun das Fehlen Wolfs herauskommen mußte, stellte +sich Jochen Hindorf rasch in die Treppentür des Speichers. Sein +mächtiger Körper füllte den großen Türrahmen beinahe aus, so daß +niemand an ihm vorüber konnte.</p> + +<p>»Es staubt ganz gewaltig, Herr Plüddekamp, und das ist der Lunge nicht +gut!«</p> + +<p>»Was fällt dir ein, Jochen! Mach sofort Platz! Ich will hinauf!« stieß +Jürgen barsch hervor.</p> + +<p>Jochen zögerte noch einen Augenblick, sein Liebling Wolf war in +Gefahr. Lieber wollte er jetzt für den geschehenen Fehler alles auf +sich nehmen.</p> + +<p>»Ich will Herrn Wolf doch runter rufen, Herr Plüddekamp. Sie haben +keinen Staubkittel an.«</p> + +<p>»Es geht auch ohne diesen,« erwiderte Jürgen scharf, schob Jochen +Hindorf trotz seiner Schwere schnell beiseite und sprang wuchtig die +Stufen zu den Speicherräumen empor.</p> + +<p>Als er einige Zeit darauf wieder herunterkam, schritt er an dem alten +Aufseher vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.</p> + +<p>»Dunnerlüchting!« fluchte dieser. »Wie haben die franzö'schen +Gefangenen bei uns im Barackenlager<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> immer gesagt: ›Grand malhör!‹ Hm +— — — das ist nun da! Mein Herr Wolf ist reingefallen und der alte +Däne ist für mich futsch.«</p> + +<p>Jürgen Plüddekamp hing in seinem Privatkontor die Mütze an die Wand +und ging einige Male stark auf und ab. Die Dielen knarrten unter +seinen schweren Schritten.</p> + +<p>»Wolf hat es doch nicht nötig, mir etwas vorzuflausen! Warum tut er +es?« dachte er. »Er besitzt die völlige Freiheit, zu kommen und zu +gehen, wie es ihm gefällt. Ist sein jetziges Verhalten eines echten +Kaufmanns würdig? — Auf das einfache Wort eines Mannes soll man +Häuser bauen können. Und Wolf! — Um sich zwei Stunden Aufsicht zu +ersparen, zieht er selbst den alten Hindorf mit in Unwahrheiten +hinein. — Ich habe es dir in die Hand gelobt, Vater, über ihn zu +wachen. Je älter er aber wird, desto schwerer ist es für mich.«</p> + +<p>Es klopfte. Ein Angestellter brachte die fertige Korrespondenz und sah +sich erstaunt um, weil der Chef nicht den gewohnten Platz einnahm. — +Jürgen atmete schwer auf. Er machte sich an die Arbeit, die Briefe zu +unterzeichnen. Aus der breiten Goldfeder, deren er sich dazu bediente, +floß es in markigen Buchstaben: »Jürgen Plüddekamp.«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p> + +<h2>III.</h2> +</div> + + +<p>Am nächsten Morgen hatten die Brüder eine längere Aussprache. Wolf +hielt auf die Anschuldigungen Jürgens diesem sofort entgegen:</p> + +<p>»Du zwingst mich durch dein fortgesetztes Überwachen zu törichten +Ausreden, die mir selbst zuwider sind. Zieh aber keine krause Miene, +wenn ich zuweilen den Tagesdienst für ein paar Stunden satt habe.«</p> + +<p>»Wolf! Es ist doch unser Geschäft! Das deine — wie das meine. — +Haben wir nicht die verdammte Pflicht, jeder unser Bestes dafür +einzusetzen? Sollen deine Nachkommen einst sagen: ›Die Firma +Plüddekamp hat früher besser dagestanden!‹ Wird der Konkurrenzkampf +nicht täglich, ja sogar stündlich gewaltiger? Können doch bereits +in Stunden Gewinne verloren gehen, sogar Verluste entstehen. Die +Nichtbeachtung eines späten Telegramms kostet unter Umständen +Tausende. Man muß daher in einem derartigen Geschäftsbetriebe +fortgesetzt auf dem Posten sein! Nur durch energische Arbeit, +gepaart mit scharfem kaufmännischem Verstande, ist heute noch<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> ein +Vorwärtskommen möglich — und vorwärts wollen wir!«</p> + +<p>Wolf hatte die Worte des Bruders ruhig über sich ergehen lassen. +Seine lebhaften blauen Augen irrten ein paar Sekunden an der +gegenüberliegenden Wand ziellos umher.</p> + +<p>»Du hast mir dies schon häufiger gesagt und bist in deinem Recht, +Jürgen!« erwiderte er dann, und der Ton seiner Stimme vibrierte leise. +»Ich besitze aber auch das meine, und es lautet etwas anders: das +Leben ist nicht nur — Arbeit, nicht nur — Drang nach Kapitalbesitz! +Das Leben verlangt auch gebieterisch, einer inneren Stimme zu genügen. +Der eine Mensch drückt seinen Wert nur in Zahlen als Guthaben auf +dem Bankkonto aus, er ist nach amerikanischem Muster bei seinen +Mitmenschen — fein-fein. Den andern aber, dem nicht nach weiterem +Vermögen verlangt, treibt es — das Schöne auf der Erde zu suchen und +es an sich zu reißen, wo er es auch finden mag. Er ist ein Mensch, der +sich noch ein Stück Idealismus bewahrt hat und Zahlen nicht schätzt, +er ist in euren Augen ein — Abtrünniger —«</p> + +<p>»Wolf — kein Wort weiter!« Jürgen hatte es heftig ausgerufen. Auf +seiner Stirn schwoll die Zornesader der Plüddekamp dunkelblau an. +»Unser Vater hat es gewünscht, daß ich dich ins Geschäft<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> aufnehmen +sollte. Er kannte meine Abneigung, eine Ehe einzugehen! Meine Familie +waret ihr, — Herta und du! Habe ich je etwas in der Sorge für euer +Wohl verabsäumt? Nun wuchern deine Vorwürfe wie schwarzes Mutterkorn +in vollreifen Ähren. Das darf nicht sein, Wolf. Sonst —«</p> + +<p>»Nun, sonst?« fragte Wolf gereizt.</p> + +<p>Jürgen Plüddekamp richtete seine strengblickenden Augen fest auf den +jungen Mann, aber sein Mund blieb geschlossen. Er sprach ein hartes +Wort, das er gedacht hatte, nicht aus. Erst nach einer geraumen +Weile, als die Frühpost hereingebracht wurde und Prokurist Armin die +Anordnungen entgegennehmen wollte, sagte er plötzlich:</p> + +<p>»Es ist heute ein schöner Herbsttag. Graf Thadden-Bützenbrück verlangt +einige tausend Zentner bestgereinigten Roggen zur Aussaat! Willst du +mit ihm verhandeln, Wolf? Er ist einer unserer guten Kunden. Bleibe +nur zu Tisch dort, du erhältst sicher eine Einladung.«</p> + +<p>Wolf schaute zur Straße hinaus. Die goldenen Sonnenstrahlen tummelten +sich dort auf den Pflastersteinen umher, blitzten auch zuweilen auf +den starken Stahlbändern des Lastautos auf, das soeben nach den +Speichern auf der Lastadie abfahren sollte. Es<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> zog ihn mächtig +hinaus, — nur fort aus der dumpfen, ihn bedrückenden Kontorstube! —</p> + +<p>»Gut! Ich werde hinausreiten!« erwiderte er dann, und auf seinem +Gesicht begann ein freundliches Lächeln zu entstehen. »Ich habe also +Urlaub für den ganzen Tag — sollte jedoch Graf Thadden nicht anwesend +sein oder mich nicht einladen —«</p> + +<p>»Ausgeschlossen, Wolf! Übrigens reite dann weiter zum Oberamtmann +Wichers. Sage ihm einen Gruß von mir und — horche einmal, wie hoch +die Lieferung ausfallen wird. Von seinem Boden kommt immer das vollste +Korn. Wichers ist einer unserer besten Landwirte. — Wir können ihm +ruhig etwas mehr zahlen. Wichers Roggen — schüttet Gold.«</p> + +<p>»Ja, Jürgen! Zu Wichers reite ich noch auf alle Fälle. Wenn ich auch +erst in der Nacht zurückkehren kann. Die Landstraße hat einen guten +Sommerweg. — Herr Armin,« wandte er sich an den Prokuristen, »ich +möchte die Proben für Graf Thadden mit der heutigen Preisnotierung +haben.«</p> + +<p>Der Prokurist verließ sofort das Privatkontor, um das Gewünschte zu +holen.</p> + +<p>»Jürgen — du bist doch ein guter Kerl,« fuhr Wolf fort, »und meine +Worte von vorhin tun mir eigentlich leid. Du hast mich mit edler Waffe +geschlagen. Ich bringe heute todsicher ein gutes Geschäft<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> zustande. +Am Abend spiele ich mit Lieschen Wichers vierhändig Klavier. — Du +sagst es Herta bei Tisch, damit sie nicht mit dem Abendbrot auf mich +wartet. Und dann — laß meine Flunkerei Jochen nicht entgelten. Ich +hatte ihn gestempelt, — der brave Alte konnte nicht anders.«</p> + +<p>Jürgen lachte aus vollem Halse.</p> + +<p>»So will ich dich haben, mein Wölfchen! Nun gefällst du mir wieder, +und ich werde von heute ab den bösen Mentor einengen, wo und wie ich +es nur kann.« —</p> + +<p>Eine halbe Stunde darauf schwang sich Wolf Plüddekamp in elegantem +Reitanzug aufs Pferd. Man sah ihm dabei sofort den flotten Reiter an.</p> + +<p>Jürgen ging zu Wolf hinaus und klopfte den schlanken Hals des +prächtigen Fuchses mit seiner kräftigen Hand. Das Blutpferd wurde +unruhig und trat hin und her.</p> + +<p>»Verliere die Proben nicht, Wölfchen! Du hast sie nur lose in die +Seitentasche gesteckt.« Der Fuchs wollte anspringen und kaute heftig +auf dem Gebiß. — »Warte noch einen Augenblick, — ich knöpfe dir die +Tasche zu,« und als dies geschehen, fuhr er fort: »Nun bist du sicher +— und kannst so stark traben, wie du willst! Vergiß nicht, Wichers zu +grüßen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> + +<p>Der feurige Fuchs ließ sich nicht länger zurückhalten und machte +einige kräftige Sprünge. Wolf saß fest im Sattel und hatte ihn sofort +wieder am Zügel. Er grüßte mit der Reitpeitsche und trabte die Straße +hinunter, um bald auf dem weichen Reitweg der nahen Anlagen zu +verschwinden.</p> + +<p>Jürgen schaute ihm eine Zeitlang nach.</p> + +<p>»Allzu scharf macht schartig! Ich will ihm die Zügel etwas länger +lassen. Er kommt schon allein wieder auf das Richtige zurück,« dachte +er bei sich, als er in das Kontor ging, um noch einige Anordnungen zu +erteilen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wolf ließ den Fuchs dahintraben. Das Gefühl von Jugend und Kraft, +das ihn beseelte, brachte die glücklichste Stimmung in ihm hervor. +Lieschen Wichers war ein liebes Mädchen, ein echtes zukünftiges +Hausmütterchen, — gut erzogen, ein wenig musikalisch, und hatte +oft lustige, schalkhafte Einfälle. Sobald sie vierhändig Klavier +spielten, schaute sie ihn neckisch an. Der Oberamtmann konnte sich +natürlich keinen besseren Schwiegersohn wünschen, seine Tochter keinen +hübscheren Mann. Wolf Plüddekamp entflammte die Herzen aller jungen +Mädchen in der Umgegend, mit deren Vätern seine Firma geschäftliche +Beziehungen pflegen mußte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span></p> + +<p>Sein Bruder sandte ihn deshalb gern zu neuen Abschlüssen. Jeder +töchterreiche Vater hoffte im stillen auf Absichten dabei, und Kauf +wie Verkauf wickelte sich schneller ab als sonst. Lieschen Wichers +war Wolf bisher ganz sympathisch gewesen, er hatte sogar manchmal +weiter gedacht und sich geprüft, ob sein Puls in ihrer Nähe schneller +schlage. — Leider geschah es nicht, trotz der frischen Farben auf +ihren Wangen. Wie dies nur zuging? Es fehlte etwas, das er sofort in +den Augen auf Ilse Hergenbachs Bild erkannte. Ein unbewußt Anziehendes +— ein tolles Aufjauchzen vor Lust, und doch dabei ein tiefes +Insichgekehrtsein und Zurückbeben — miteinander streitende Gefühle, +die jede Fiber des Körpers erregten. Wie kam dies alles nur in die +Augen hinein? Es mußte sich ihm bald zeigen. Er wollte es ergründen, +es kennen lernen. Würden Körper und Seele bei ihr schon soweit +entwickelt sein, um alle Fragen beantworten zu können? — Er erwartete +den Tag der Ankunft Ilse Hergenbachs mit größter Spannung — alles +andere war ihm gleichgültig geworden. Klavierspiel, — wie alltäglich! +Jetzt kam etwas Aufrüttelndes, er sehnte die Stunde herbei, in der er +endlich anfangen würde, es zu erleben. — —</p> + +<p>Jürgen und Herta saßen noch bei einer Partie Schach, als er spät in +der Nacht heimkehrte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p> + +<p>»Tee und Sandwiches stehen für dich bereit, Wölfchen,« sagte Herta +freundlich. »Du wirst sicher noch einen verborgenen Hunger haben, +trotz der kräftigen Hausmannskost bei Oberamtmann Wichers. Hat nicht +Fräulein Lieschen ihre Gänsesülze besonders gelobt?«</p> + +<p>»Erraten, Herta! Aufs Tüpfelchen erraten! — Spielt nur eure Partie zu +Ende, — ich stärke mich einstweilen. Nach dem zweistundenlangen Trabe +revoltiert der Magen wirklich noch einmal!«</p> + +<p>»Nun — Wölfchen?« schaute Jürgen ihn fragend an, »Gutes erreicht?«</p> + +<p>»Du wirst mit mir zufrieden sein, Jürgen. Ich bin genau deinem Rate +gefolgt. Graf Thadden hat Sorte B gekauft, — längeres Ziel als sonst. +Hm, darüber müssen wir noch reden. Sein Sohn hat etwas zu kräftig +verbraucht. Komtesse Marie verriet es mir.«</p> + +<p>Jürgen lächelte.</p> + +<p>»Ein längeres Ziel macht nichts aus. Bützenbrück hat vortrefflichen +Boden, der eine Scharte rasch wieder auswetzt. Der junge Graf schlägt +über die Stränge. In Berlin verpulvert sich ein brauner Schein sehr +schnell, wenn man Graf ist und den alten Namen glänzend vorstellen +will.</p> + +<p>Manchmal reicht kein Vermögen hin. Der alte Graf legte als +vorsichtiger Mann die Mitgift für<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Komtesse Marie auf der Reichsbank +fest; — der junge Graf sorgte dafür, daß sie wieder abgehoben wurde.«</p> + +<p>»Bei Wichers war es gemütlich wie immer,« erzählte Wolf mit +Unterbrechung, indem er einige Sandwiches verzehrte. »Er kann +zehntausend Zentner mehr liefern, als er gedacht hat. Die Proben +habe ich mit. Als die Preisfrage besprochen wurde, kam Lieschen +Wichers dreimal ins Zimmer hinein, und dabei gelang es mir richtig, +einige Prozent Skonto abzuhandeln. Es ist über tausend Mark, und der +Oberamtmann zog ein Gesicht, als wir die Abschlußnotizen in unseren +Büchern vornahmen. — — ›Sie sind schlimmer als Ihr Bruder,‹ meinte +er. Beim Abendessen fuhr er aber ein paar alte Flaschen Rheinwein auf +und lud mich ein, bald wieder herauszukommen.«</p> + +<p>»Wirst du es tun, Wölfchen?« fragte Herta, vom Spiel aufsehend. Sie +hatte soeben einen Springer günstig aufgestellt und hoffte Jürgen mit +ein paar weiteren Zügen matt zu setzen.</p> + +<p>»Vielleicht!« antwortete Wolf gleichgültig. »Wie's Wetter wird. Es ist +immer ein starker Ritt für den Fuchs nach Wershagen. Der Gaul spürt +es ein paar Tage in den Knochen.« — Der junge Mann ließ sich den +Nachtimbiß weiter munden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p> + +<p>Herta und Jürgen vertieften sich in ihre Partie, die anscheinend dem +Ende zuging. Der Sieg schien sich, auf Hertas Seite zu neigen.</p> + +<p>»Wölfchen — komm her! Jetzt kann Jürgens König nicht mehr entweichen +— seit langer Zeit gewinne ich einmal —«</p> + +<p>»Noch — nicht,« warf Jürgen gedehnt ein.</p> + +<p>Er sann einige Minuten nach. Man sah förmlich, wie die Pläne in seinem +Kopfe entstanden, so ausdrucksvoll gestalteten sich seine Züge. Dann +ging das Spiel fort. Herta wurde in kurzem vollständig matt gesetzt.</p> + +<p>»Bravo Jürgen! Es waren Meisterzüge! Der blinde Neid muß dir dies +lassen!« rief Wolf ihm zu.</p> + +<p>»Gräm dich nicht darum, liebe Herta,« lächelte Jürgen freundlich. »Wir +sind nun einmal das stärkere Geschlecht.« —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p> + +<h2>IV.</h2> +</div> + + +<p>Die folgenden Tage brachten unfreundliches Wetter. Trübe, schwere +Wolken zogen über die Stadt hinweg. Die kleinen Dampfer blieben im +Hafen. Dieser war lange Zeit nicht mit so vielen Schiffen angefüllt +gewesen. Die Steuerbeamten konnten kaum ihren Revisionen nachkommen. +Zahlreiche nordische Dampfer warteten auf neue Ladung.</p> + +<p>Die Möwen flatterten von der Odermündung bis in die Hafenanlagen +hinein. Draußen auf der See und im Pommerschen Haff traten Böen auf; +es gab kurze, heftige Stoßwellen, die alle Fischerboote zur Heimkehr +zwangen. Sturm war in Sicht.</p> + +<p>Es brauste auch bald aus Nordwest jäh und ungestüm heran. Die Wellen +im Haff stürzten wild durcheinander, und selbst die größten Dampfer +hatten schwere Fahrt. In der Stadt rüttelte der Sturm an den Dächern +und Zäunen, entwurzelte in den Alleen große Bäume und trieb sein +wildes, zügelloses Gebaren zum Verdruß der Einwohner.</p> + +<p>Schwarzgraues Gewölk jagte tief über die Häuser hinweg. Es wurde am +Nachmittag so dunkel, daß die Laternen eine Stunde früher angezündet +werden mußten. Der Regen fuhr sturmgepeitscht<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> hernieder, und auf den +Gassen floß das Wasser stromweise zu den Abzugskanälen hin.</p> + +<p>»Also heute abend,« sagte Wolf zu Herta. »Hast du den Wagen bestellt, +oder kann ich Ilse Hergenbach von der Bahn abholen?«</p> + +<p>»Nein, Wölfchen! Zügle deine Neugierde. Ich bin selbst zur Ankunft des +Zuges auf dem Bahnhof! Laß deinen Abonnementsplatz im Theater nicht +leer. Du siehst Ilse noch früh genug.«</p> + +<p>»Sie ist doch die Tochter einer befreundeten Familie! Ich werde mir +keine Unhöflichkeit zuschulden kommen lassen,« warf er hastig ein.</p> + +<p>Herta schaute ihn darauf prüfend an, sie erwiderte aber nichts.</p> + +<p>Zum Abendbrot war Ilse Hergenbach bereits eingetroffen. Wolf hatte +sich sorgfältig umgekleidet, Jürgen erschien jedoch in seinem +täglichen Kontoranzug.</p> + +<p>Das erste Sehen gestaltet sich meist eigenartig. Herta saß mit dem +jungen Mädchen in einer Sofanische. Als die Brüder eintraten, erhoben +sie sich, und Ilse wurde erst Jürgen, dann Wolf vorgestellt. Der +Ältere machte die erste Begegnung kurz ab.</p> + +<p>»Seien Sie willkommen im Haus Plüddekamp, Fräulein Hergenbach. Lassen +Sie es sich darin wohl sein.« Er dankte dann für die Grüße, die Ilse +von ihren Eltern überbrachte. Die Augen des großen<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> Mannes musterten +kaum die schlanke Gestalt in dem einfachen grauen Reisekleide.</p> + +<p>Wie anders Wolf! Er trat dicht an sie heran und gab ihr die Hand mit +kräftigem Druck.</p> + +<p>»Darf ich Fräulein Ilse sagen?« bat er sofort. »Wir beide sind jetzt +die Jüngsten im Hause und werden hoffentlich gute Kameradschaft +halten. Spielen Sie Lawn-Tennis? Wir haben im Garten einen Spielplatz. +Morgen wird er allerdings durchweicht sein!«</p> + +<p>»Nun frage Ilse auch gleich noch, ob sie Galopp reitet, ob sie an der +Dollarprinzessin Geschmack findet und gern Sekt trinkt. So lautet doch +dein Programm, Wölfchen?« neckte ihn Herta.</p> + +<p>Wolf schien dies nicht ganz angenehm zu sein.</p> + +<p>»Glauben Sie es nicht, Fräulein Ilse!« warf er hastig ein. »Meine +Schwester versucht unsere notwendige Kameradschaft von vornherein zu +untergraben. Ich bin wahrhaftig besser als mein Ruf.«</p> + +<p>Ilse Hergenbach sah die leuchtenden blauen Augen dicht vor sich. +Unwillkürlich weitete sich auch ihr Blick. Sie schaute ihn einen +Augenblick hindurch etwas scheu an, dann flog ein leises Lächeln +über die feinen, bleichen Züge. Wie seltsam ist solch ein erstes +Begegnen! Impulsives Fragen und scheue, versteckte Antwort. Ilse und +Wolf standen sich so gegenüber. Er mit freiem offenem Herzen, das +sagte: »Ich freue<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> mich, daß du zu uns gekommen bist! Ich finde dich +interessant und will dich näher kennen lernen!« — Sie dagegen mit dem +klugen Instinkt des Weibes ihre Gedanken zurückhaltend und darum nur +mehr anreizend, diese zu ergründen.</p> + +<p>»Tante Herta schrieb bereits, daß ich in Ihnen einen Freund der +schönsten Künste finden würde. Ich soll freilich die Hauswirtschaft +studieren, wie Mama es will. Nun, ein Stündchen am Tage werde ich doch +musizieren oder malen dürfen, damit ich nicht alles verlerne.«</p> + +<p>»Gewiß, Ilse!« sagte Herta bereitwillig. »Du kannst dich auch an +meiner Arbeit für notleidende arme Geschöpfe beteiligen. Überhaupt +solltest du an allem in unserem einfachen Leben teilnehmen.«</p> + +<p>»Ich scheide dabei aus, Fräulein Hergenbach,« fiel Jürgen mit seiner +starken Stimme ein. »Meine Domäne ist das Kontor, — das große +Geschäftsgetriebe einer alten Firma, darin gibt es keinen Raum für ein +junges Mädchen.«</p> + +<p>»Warum nicht, Herr Plüddekamp? Ich habe bei meinem Vater oft aushelfen +müssen. Ich stenographiere und bin auf der Schreibmaschine eingeübt. +Ich habe kalkuliert und korrespondiert.«</p> + +<p>»Dabei widmeten Sie sich der Musik und Malerei und trieben +Kunststudien. Nun wollen Sie<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> die Haushaltung erlernen. Ein wenig +viel, um eins davon gründlich zu verstehen,« gab ihr Jürgen zur +Antwort.</p> + +<p>»Das moderne Mädchen soll doch in allen Sätteln gerecht sein, — die +Welt verlangt es, um uns für vollwertig zu halten!« vertrat Ilse ihren +Standpunkt.</p> + +<p>»Entsetzlich!« fiel Wolf mit lächelndem Munde ein. »Welche Stunden +bleiben dann für die Pflege der Schönheit übrig, — die Hauptaufgabe +der Frau — dem Manne zu gefallen?«</p> + +<p>»Muß es denn unser Lebenszweck sein, Herr Plüddekamp, den Männern +zu gefallen? Vielleicht war es früher so, heute — wollen wir +gleichberechtigt auftreten,« entgegnete Ilse. Keine Miene ihres +Gesichtes verriet, ob ihre Gedanken und die ausgesprochenen Worte +übereinstimmten.</p> + +<p>»Sagen Sie bitte — Wolf, zum Unterschied von meinem Bruder, Fräulein +Ilse,« ließ sich dieser nicht beirren. »Übrigens soll meine Ansicht +nicht als allgemeine Regel gelten. Es gibt Ausnahmen — meine +Schwester Herta gehört dazu. Und doch besitzt die Schönheit der Frau +ein unbestrittenes Recht, zu gefallen, das sie sich nicht verkümmern +lassen darf.«</p> + +<p>»Wölfchen — du windest dich in der Schlinge, — du bist gefangen —« +fiel Herta lachend ein. »Ilse hat ihre Sache tapfer verteidigt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<p>Der junge Mann versuchte wiederholt, Ilse Hergenbach in die Augen +zu sehen. Sein Wunsch, darin zu lesen, war zu mächtig, um ihm +widerstehen zu können. Sie mußte dies unwillkürlich fühlen, denn +plötzlich traf ihr Blick voll den seinen. Er hatte dabei ein neues, +ganz eigenartiges Empfinden, das seine Nerven heftig erregte. Das Blut +quoll ihm heiß vom Herzen bis zu den Schläfen empor. Einen Augenblick +war er wie berauscht, — das also konnten diese Augen, diese grauen, +unergründlich tiefen Augen hervorrufen!</p> + +<p>Welch eine wundersame Kraft strömte von ihr aus! Sie kam zu ihm, wohin +würde sie ihn führen?</p> + +<p>Herta mußte diesen Augenblick des Selbstvergessens bemerkt haben. +Sie sah Ilse schärfer an und forderte sogleich auf, das Abendbrot +einzunehmen. Jürgen ging an den Speisetisch, und während seine hohe, +kräftige Gestalt fest auftrat, folgten ihm Ilses Blicke. — Sie +zeigten Neugierde, aber auch eine Bewunderung der echt männlichen +Erscheinung des ältesten Plüddekamp.</p> + +<p>Während der Mahlzeit wurde wenig gesprochen, und Herta hob früh +die Tafel auf, damit sich Ilse nach der anstrengenden Reise bald +zurückziehen konnte. Wolf war dies nicht recht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p> + +<p>»Was soll ich heute abend beginnen, Herta?« klagte er.</p> + +<p>»Jürgen spielt Skat mit uns, du mußt dabei aufpassen, Wölfchen,« +erwiderte die Schwester.</p> + +<p>Er war aber derart zerstreut, nachdem Ilse das Zimmer verlassen hatte, +daß er die einfachsten Spiele umwarf.</p> + +<p>»Es geht heute wirklich nicht —« damit legte er unmutig die Karten +hin. »Ihr müßt mich entschuldigen. Ich fahre nach dem ›Luftdichten‹, +um mir die nötige Schlafschwere zu holen.«</p> + +<p>Jürgen und Herta sahen sich schweigend an und begannen dann ihre +allabendliche Partie Schach.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Seit Ilses Ankunft war Wolf wie ausgewechselt. Er verließ selten das +Haus und schob das eingetretene schlechte Wetter vor. Jede freie +Stunde des Tages brachte er bei Herta und ihrem Zögling zu, während +Jürgen mehr denn je im Kontor arbeitete. Der Schimmer des elektrischen +Lichtes fiel oft noch bis gegen Mitternacht auf die Straße hinaus. +Spät begab er sich zur Ruhe.</p> + +<p>Er hatte recht gehabt, wenn auch in anderer Weise. Ilse Hergenbach +tollte nicht laut umher, — im Gegenteil, sie war äußerst ruhig, +sprach wenig,<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> glitt geräuschlos mit ihrer überschlanken Gestalt durch +Zimmer und Gänge, aber sie zog dabei magnetisch an sich.</p> + +<p>Wolf folgte ihr, wo er es nur konnte; er mußte einen Blick, einige +Worte von ihr erhaschen.</p> + +<p>Jürgen dagegen, sobald er sich dabei ertappte, daß er ihr +unwillkürlich ein paar Schritte nachgegangen war, reckte sich +plötzlich stolz empor und wandte sich kurz der Haupttreppe zu, um in +sein Kontor zu eilen. Es ärgerte ihn, daß sein Auge auf den schlanken +Linien ihres Körpers geruht hatte, und er ballte fest die Faust +zusammen, — es sollte nicht wieder vorkommen. Seine Brust hob sich +schwer dabei. Er hatte nicht gesehen, wie Ilse bei seiner schroffen +Wendung sofort stehen blieb und die großen Augen ihm scheu und +unwillig nachschauten.</p> + +<p>Die Ruhe war aus dem alten Kaufherrnhause geschwunden. Das bisherige +harmlose Zusammensein der Geschwister litt darunter, und Herta bereute +schon, dem Wunsche ihrer Freundin nachgegeben zu haben.</p> + +<p>Ilse Hergenbach, obwohl keine Schönheit im Sinne des Wortes, besaß +etwas unheilvoll Bestrickendes für die Männer, dem nur eine große +Willensstärke widerstehen konnte. Selbst Konsul Martens, der einstige +Verehrer Hertas und Freund der Familie, kam<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> jetzt häufiger und blieb +einsilbig, wenn Ilse nicht erschien.</p> + +<p>Herta sann darüber nach; ihr reiner, starker Sinn konnte sich lange +keine Erklärung geben. Der Verkehr junger Männer wurde immer reger +in ihrem Hause, und doch war Ilse nicht im mindesten kokett. Sie +tat ruhig ihre Pflicht und plauderte nur zuweilen an den langen +Winterabenden etwas angeregter mit Wolf. Auch Jürgen und Herta hörten +gern zu, wenn sie von den erlebten Kunstgenüssen sprach und ihre +tiefe, wohllautende Stimme die kleine Tafel beherrschte.</p> + +<p>Sobald aber Ilse dies bemerkte, schwieg sie plötzlich still und war +nicht wieder zum Reden zu bringen. Nur ihr Auge glitt von einem zum +anderen, als wenn es sagen wollte: »Ich habe als Jüngste nicht das +Recht, die Unterhaltung zu führen.«</p> + +<p>Wolf konnte bitten, so viel er wollte, Ilse blieb stumm, — es prallte +jedes Wort bei ihr ab, selbst Herta erhielt auf ihre Fragen nur einige +rasch hervorgestoßene Silben zur Antwort. Das junge Mädchen konnte +durch sein Schweigen geradezu ungezogen erscheinen und gab sich auch +keine Mühe, es zu verdecken.</p> + +<p>Herta ärgerte sich darüber; sie hielt dies Benehmen für einen Mangel +an Erziehung. Einige Male sagte sie auch zu ihrem jüngeren Bruder:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> + +<p>»Gib dir keine unnütze Mühe, Wölfchen! Wenn Ilse in ihre Stummheit +versinkt, mag sie mit sich selbst fertig werden.«</p> + +<p>Jürgen hatte nur sein kräftiges Lachen dafür, aber auch dies stockte +manchmal; dann verließ er mit irgendeinem kurzen Wort den kleinen +Kreis und ging in sein Schreibzimmer.</p> + +<p>Nun kam das Seltsamste. Ilse fand plötzlich ihre Sprache wieder und +war die Liebenswürdigkeit selbst zu den anderen.</p> + +<p>»Ilse ist ein merkwürdiges Geschöpf — ich werde aus ihr nicht klug,« +sagte Herta eines Tages zu Jürgen, »sie kommt mir zuweilen wie eine +Sphinx vor — —«</p> + +<p>»Nein, — wie eine Hexe —« erwiderte er kurz.</p> + +<p>»Aber Jürgen! Wie kommst du darauf?« fragte Herta erschrocken.</p> + +<p>»Durch den starken Einfluß, den sie ausübt, liebe Schwester! Wölfchen +hat sie ganz umstrickt, und seine Freunde rennen uns jetzt das Haus +ein —«</p> + +<p>»Ilse ist aber peinlich in ihrer Arbeit und versäumt keine Pflicht. +Sie erfüllt sofort jeden meiner Wünsche und kann eine tüchtige +Hausfrau werden.«</p> + +<p>»Niemals!« stieß Jürgen barsch aus.</p> + +<p>»Sollte sich dies deiner Beurteilung nicht entziehen?« erwiderte Herta +leicht gekränkt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<p>Jürgen pfiff laut.</p> + +<p>»Ihre Zerstreuungen in der freien Zeit sind allerdings sonderbar,« +fuhr Herta fort. »Sie geben mir zu Bedenken Veranlassung. Gestern war +sie zwei Stunden ausgegangen. — Bei ihrer Rückkehr antwortete sie +auf meine Frage, daß sie sich die Schaufenster in der Breitenstraße +angesehen habe. Später sprach ich zufällig Jochen Hindorf, und er +erzählte mir, wie er Ilse bei den Kornträgern am Bollwerk fand. +Sie sah dort den Männern zu, die schwere Säcke aufhoben und zum +Transportauto trugen. Warum nun diese Unwahrheit von ihr, — die mir +sehr mißfällt! — Wie kann überhaupt ein junges Mädchen an so grober +Arbeit Gefallen finden, namentlich bei ihrem Kunstsinn —«</p> + +<p>Jürgen hatte die Hände in beiden Hosentaschen stecken und zuckte mit +den Achseln.</p> + +<p>»Hm, — weibliche Neugierde, — es will weiter nichts sagen. Sie war +noch in keiner Hafenstadt. Vielleicht erinnert es sie auch, an das +väterliche Geschäft. Das ist wohl die einfachste Erklärung.« — —</p> + +<p>Herta nahm sich vor, scharf aufzupassen. Sie war um Wolf besorgt.</p> + +<p>Dieser spielte täglich, stündlich mit dem Feuer. Er erzwang es, daß +Ilse ihm oft in die Augen sah. Trotzdem es den harmlosesten Anschein +haben sollte,<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> wurde sie sich bald ihrer Gewalt bewußt. Anfangs war +sie selbst darüber erstaunt gewesen, nun legte sie langsam ihre Scheu +dabei ab. Herta durfte es nur nicht bemerken.</p> + +<p>Was lag in ihrem Blick? Jürgen hatte es rasch erkannt, aber er äußerte +sich nicht darüber.</p> + +<p>Wolf spielte an sonnig-kalten Tagen mit Ilse im Garten Ball, und sein +Auge hing an den schnellen Bewegungen ihres Körpers, wie sie diesen +aufhielt und zurückschlug.</p> + +<p>Gewöhnlich gewann sie die Partie. Sobald sie zusammenstanden und er +ihre Augen suchte, lachte sie ungezwungen auf, ein tiefes, melodisches +Lachen, das er so gern von ihr hörte.</p> + +<p>Nach der gemeinsamen Abendmahlzeit spielten sie vierhändig Klavier. +Sie schaute ihn nicht an, wie Lieschen Wichers, sobald er aber ihre +schlanken Hände zufällig berührte, schoß eine fliegende Hitze in ihm +empor. Sein ganzes Nervensystem war fortwährend in Erregung.</p> + +<p>Im Geschäft ließ seine Tätigkeit mehr und mehr nach. Seine Gedanken +wanderten zu Ilse.</p> + +<p>»Eine tolle Staupe,« dachte Jürgen, »aber er muß sie durchmachen, um +frei zu werden.« —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p> + +<h2>V.</h2> +</div> + + +<p>Jürgen saß bereits kurz nach acht Uhr morgens vor seinem Schreibtisch +im Privatkontor und sah die Korrespondenz, sowie die eingegangenen +Aufträge durch. Prokurist Armin stand neben ihm und gab auf seine +Fragen kurze Erläuterungen ab. Der gegenübersitzende Wolf hörte kaum +zu und langweilte sich sterblich. Ein paarmal griff er nach den +neuesten Zeitungen, las die Berichte von der Getreidebörse, hastete +über die Theaterkritiken hinweg und legte das Blatt wieder aus der +Hand.</p> + +<p>Nun war die Post durchgesprochen. Jürgen hatte disponiert, und Wolf +atmete schon freier auf, als Prokurist Armin von neuem begann:</p> + +<p>»Wir haben noch die Angelegenheit mit Smider & Sohn zu besprechen, +Plüddekamp. Sie wollten sich heute entscheiden.«</p> + +<p>»Er kriegt keinen Pfennig mehr, als wir abgeschlossen haben,« +erwiderte Jürgen ärgerlich. »Wie kommt der Mann überhaupt dazu, uns um +eine Tariferhöhung anzugehen? Der Vertrag mit ihm ist klipp und klar.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> + +<p>»Die Frachtsätze sind im Steigen begriffen. Der Export verstärkt sich +für das Frühjahr. Kein Wunder, wenn Smiders es probiert — er glaubt, +mehr herausschlagen zu können, und zieht nun an der Strippe, um —«</p> + +<p>»Einfach ausgeschlossen, Armin,« fiel ihm Jürgen ins Wort.</p> + +<p>»Ich kann es nicht behaupten, Plüddekamp. Der Dampfer liegt noch im +Schwimmdock.«</p> + +<p>»Die Verlängerung ist aber gut vonstatten gegangen. Bei der Höhe +unserer heutigen Technik im Schiffsbau bringen sie alles mit Eleganz +fertig. Wie war's damals mit der ›Hohenzollern‹! Durchgeschnitten — +ein ganzes Stück eingesetzt — und wieder Volldampf voraus.« Jürgen +ließ sein breites Lachen hören.</p> + +<p>»An Tonnengehalt wurde sie größer, an Geschwindigkeit und ruhigem +Gang hat sie sich gerade nicht verbessert,« meinte Wolf, der jetzt +aufhorchte, weil ihn diese Angelegenheit interessierte.</p> + +<p>»Beim Frachtdampfer fragt man auch nicht danach,« brummte Jürgen. »Du +willst immer auf den Sport hinaus.«</p> + +<p>»Der ›Friedrich Barbarossa‹ war doch mit Eisenerzen überladen worden +und blieb in der Kaiserfahrt stecken?« wandte sich Wolf an den +Prokuristen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p> + +<p>»Ja, — er hatte sich beim Aufrennen den Boden eingedrückt, darum +wurde er umgebaut und gleich vergrößert, Herr Plüddekamp,« gab Armin +zur Antwort.</p> + +<p>»Die Eisenerze kamen wohl aus Vivero in Spanien?« frischte Wolf +seine Erinnerungen auf. »Es konnte einen endlosen Prozeß geben +— die Versicherungsgesellschaft einigte sich aber mit der +Henckel-Donnersmarck-Hütte. Es mußte alles in Leichter umgeladen +werden, und die Kaiserfahrt war eine Zeitlang schlecht zu passieren —«</p> + +<p>»Stimmt,« unterbrach Jürgen seinen Bruder kurz. »Du bringst uns aber +von der Sache ab — oder willst du auf einen Vorschlag hinaus?«</p> + +<p>»Du hast mich damals den Vertrag mit Smider & Sohn lesen lassen — er +ist nicht ohne Häkchen. Ein wenig Jus klebt mir von den Semestern in +Greifswald und Berlin noch an, darum glaube ich — —«</p> + +<p>»Nun und — —« forschte Jürgen.</p> + +<p>»— — — daß der Passus ›bei rechtzeitiger Fertigstellung‹ uns +auffliegen läßt, wenn Smider & Sohn den Vertrag nicht einhalten +wollen.«</p> + +<p>»Es wäre eine dumme Sache — unser Justizrat ist doch sonst immer +vorsichtig gewesen! Holen Sie den Vertrag, Armin — ich will ihn +daraufhin<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> durchsehen,« wandte sich Jürgen an diesen. — »Kannst du +nicht auf den jungen Smiders einwirken, Wolf?« fragte er seinen Bruder.</p> + +<p>Dieser schüttelte mit dem Kopfe.</p> + +<p>»Ich war wohl während der Schulzeit öfters mit ihm zusammen, — jetzt +zählt er nicht mehr zu meinen Freunden.«</p> + +<p>»Mir ist er höchst unsympathisch,« meinte Jürgen. »Eine zynische +Natur, die am liebsten über Treu und Glauben hinwegschreitet. Hätte +nicht sein Vater mit uns jahrzehntelang in Verbindung gestanden — ich +würde den geschäftlichen Verkehr mit der Firma abbrechen.«</p> + +<p>Der Prokurist brachte den Vertrag, und der ältere Plüddekamp vertiefte +sich einige Minuten in diesen. Als er wieder aufsah, zeigte sein +Gesicht eine unwillige Miene.</p> + +<p>»Es ist so, — Wolf hat zwischen den Zeilen gelesen! Ich bin jetzt +der Ansicht — Smiders kann unter gewissen Umständen aus seinen +Abmachungen entschlüpfen. Er sucht darum seinen Vorteil wahrzunehmen. +Zahlen wir die höheren Frachtsätze, fällt es ihm natürlich nicht ein, +den Vertrag zu beanstanden. Unser Gewinn aber wird dann Null sein, nur +das Risiko bleibt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> + +<p>»Wir müssen bestimmt in der vorgesehenen Frist liefern,« betonte +Armin. »Die spanischen Brennereien sind darauf angewiesen und warten +nicht. Es wird uns sonst ein großes Geschäft für die Zukunft verloren +gehen.«</p> + +<p>»Gut — das ist feststehend! Also was tun? Sie haben selbst dazu +geraten, den ›Friedrich Barbarossa‹ zu chartern, Armin!« sagte Jürgen.</p> + +<p>»Weil er nach dem Umbau einen hohen Tonnengehalt aufweist und wir +die Lieferung glatt fortbringen wollen. Die Tarife waren zudem sehr +günstig,« erwiderte dieser.</p> + +<p>»Alles eine schlaue Kalkulation von dem jungen Smiders. Wir legten +uns lange vorher fest und mußten ihm in die Hände fallen, sobald +die Lieferung drängt.« Jürgen schlug mit der Faust auf die Platte +des Schreibtisches, daß es dröhnte. »Am liebsten möchte ich ihm mit +gleicher Münze dienen. Ich habe bisher bei unseren Verträgen mit +Smiders & Sohn nie an eine Übervorteilung von der anderen Seite +gedacht. — Es muß auch so gehen,« fuhr er ruhiger fort. »Wir wollen +rechtzeitig Maßnahmen treffen, Armin, und uns einige kleinere Dampfer +sichern, die wir für andere Zwecke verwenden können, wenn die Frage +nicht brennend wird.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p> + +<p>»Die Stettiner Frachtdampfer sind für die Hauptfahrzeit belegt. Wir +müssen in Hamburg, Bremen und Lübeck Umfrage halten. — Auf den +Zufall, daß spanische Dampfer Rückfracht nehmen, können wir uns nicht +verlassen,« hielt Armin entgegen.</p> + +<p>»Teufel — eine unangenehme Klemme,« brummte Jürgen. »Smiders soll +an mich denken. Es ist wirklich notwendig, daß du ihm beikommst, +Wolf! Natürlich mit der größten Liebenswürdigkeit — lade ihn auch +gelegentlich ein. — Wenn ich ihn aufsuche, wittert er sofort +Morgenluft.« —</p> + +<p>»Gern tue ich es nicht, Jürgen! Alfred Smiders verkehrt in keinem +Kreise meiner Bekannten. Man trifft ihn höchstens in kleinen +Weinstuben mit zweifelhafter Bedienung an. Ich muß mich ihm also +nähern. In unser Haus möchte ich ihn lieber nicht einführen —« Wolf +stockte plötzlich und dachte an Ilse. Sie brauchte diesen Menschen +nicht kennen zu lernen.</p> + +<p>»Richte es nur ein, Wölfchen! Es hängt zuviel davon ab,« wurde Jürgen +freundlich. Der geschäftliche Nutzen war bei ihm hoch angeschrieben, +solange er in regulären Bahnen ging. Hier stand Großes auf dem Spiel. +Der Vertrag mußte aufrecht erhalten bleiben. Später durfte solche Lage +nicht wieder vorkommen, er wollte im stillen mit einer auswärtigen +Reederei sofort Vereinbarungen anbahnen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p> + +<p>»Ich werde ihn aufsuchen und — lavieren,« sagte Wolf. »Schließlich +kommt es darauf an, wer die besten Karten in der Hand hält, — ich +fürchte —«</p> + +<p>»Rufen Sie Smiders & Sohn telephonisch an, Armin. Mein Bruder würde +die Angelegenheit mit Herrn Alfred Smiders in Kürze besprechen.«</p> + +<p>Für Jürgen war damit die Unterredung beendet. Er nahm die neuen +Aufträge zur Hand, ließ sich das Lagerbuch geben und begann zu +rechnen. Der Prokurist ging in die Korrespondenzabteilung, und Wolf +blieb eine Weile seinen Gedanken überlassen.</p> + +<p>Im Grunde war ihm Alfred Smiders ein verhaßter Geselle. Dieser +hatte sich während der Schulzeit in den oberen Klassen immer an ihn +herangedrängt.</p> + +<p>»Reeder und Exporteur müssen schlau zusammenhalten,« sagte Smiders +zu ihm, »und das sind wir beide doch eines Tages. — Die Abnehmer — +das konsumierende Volk muß mächtig berappen, damit wir schnell reich +werden. Am besten schafft es sich bei einer Hungersnot — oder im +Kriegsfall — da kann man Gold mit Scheffeln messen.«</p> + +<p>»Solche Vorsätze hat mein Bruder nicht,« erwiderte Wolf darauf, »er +läßt nichts auf die Ehre des alten Kaufmannsstandes kommen.«</p> + +<p>»Nette Torheit,« suchte Alfred Smiders ihm zu beweisen. »Ich nehme mir +die amerikanischen<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> Grundsätze zur Richtschnur. Der beste Kaufmann +ist, wer den höchsten Gewinn erzielt! Auf welche Weise, bleibt ganz +gleichgültig.«</p> + +<p>»Bei Jürgen Plüddekamp aber nicht,« trumpfte ihn Wolf ab.</p> + +<p>»Du wirst sehen — das moderne Geschäft verlangt es — eines Tages +bist du bekehrt! Wir wollen dann weiter darüber sprechen,« zog sich +der andere zurück.</p> + +<p>Alfred Smiders gab schon als Primaner viel Geld aus, trotzdem sein +Vater in jener Zeit geschäftlich zu kämpfen hatte und große Verluste +erlitt. Er verkehrte mit Steuerleuten und Matrosen in den dunkelsten +Kneipen am Hafen. Dort lernte er das Grogtrinken und konnte bald +unglaubliche Mengen Alkohol vertragen. Es erschien ihm dies für seine +Laufbahn notwendig. Er wollte sich später von keinem Kapitän unter den +Tisch trinken lassen.</p> + +<p>Wolf hatte er ein paarmal mit verschleppt. Sie gerieten in eine +wüste Gesellschaft von Matrosen hinein, die in den Hafenkneipen +herumlungerten und mit einem Aushub von Mädchen das letzte Heuergeld +vertaten. Während Smiders wie ein Fisch durch moderiges Wasser +schlüpfte und Rede wie Antwort anzupassen wußte, konnte sich der +junge<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> Plüddekamp des Ekels über das wilde Gebaren nicht erwehren.</p> + +<p>Er schlich spät nach Hause und verdankte es nur der Freundschaft +des alten Jochen Hindorf, daß er durch den Garten und über den Hof +unbemerkt ins Haus hineingelangte. Dieser hatte den Schlüssel zu +der kleinen Torpforte in Verwahrung und drückte bei seinem jungen +Herrn gern ein Auge zu. Am nächsten Morgen hielt er einen kräftig +eingelegten sauren Hering mit einer knusprigen trockenen Semmel +bereit, damit konnte Wolf seinen Katzenjammer dämpfen Ein kleines +Glas Porter mit Ale jagte ihm das Blut wohltuend durch die Adern. Zur +Mittagszeit war alles überwunden und die blauen Augen lachten wieder +die Welt an. —</p> + +<p>Wolf war eine gesunde, reine Natur, der nichts anhing, und in späteren +Jahren mied er Smiders, wo er es nur konnte. Jetzt spielte dieser +scheinbar eine große Rolle in der Stadt. Er hatte mehrere neue Dampfer +bauen lassen und weite Fahrten eingerichtet. Die alten Schiffe liefen +noch daneben und trugen hohe Versicherungen. Man munkelte allerlei, +durfte sich aber nicht laut äußern. In den Kneipen einer Hafenstadt +wird viel gesprochen.</p> + +<p>Der junge Reeder war seinem Äußeren nach eine große, elegante +Erscheinung. Dunkles Haar<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> und ein schwarzer, wohlgepflegter +Schnurrbart hoben seine an und für sich matten Züge stärker hervor. +Die Augen flackerten etwas unstät umher, besaßen aber zuweilen +einen tiefergehenden Ausdruck, den er im geeigneten Falle geschickt +anzuwenden wußte.</p> + +<p>Als Jürgen seinen Bruder aufforderte, die frühere Bekanntschaft +mit Alfred Smiders zu erneuern, hatte er wichtige Gründe im Auge, +diese überwogen bei ihm die persönliche Abneigung. Das spanische +Geschäft mußte gepflegt werden, es bot sehr lohnende Aussicht und +paßte stets mit den Rückfrachten. — Wolf war zur Abwicklung solcher +Sachen recht geeignet. Seine anscheinende Gutmütigkeit verdeckte den +eigentlichen Kern, den er zur passenden Zeit scharf herauszuschälen +verstand. Jürgen hatte eine zu derbe Geradeausnatur, er liebte kein +Wortgeplänkel.</p> + +<p>»Ich gehe jetzt nach dem Speicher auf der Lastadie,« sagte Wolf zu +seinem Bruder. »Die Stichproben von den neuen Roggenlieferungen sollen +doch in meinem Beisein genommen werden.«</p> + +<p>Jürgen sah von seinen Kalkulationen auf.</p> + +<p>»Recht so, Wölfchen! Denk auch daran, daß die verschiedenen Grassamen +bald umgestochen werden müssen. Es entsteht leicht ein dumpfiger +Geruch, und bis zur Versandzeit sind noch einige Monate hin.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p> + +<p>»Wird besorgt, Jürgen! Übrigens noch immer schauderhaftes Wetter,« +sagte er, hinausschauend. »Ich laß mir einen Taxameter holen. Von +nassen Füßen kriegt man bloß Katarrh. Davon bin ich kein Freund!«</p> + +<p>Er sprang dann in wenigen Sätzen die Treppe zur Wohnung hinauf. Ein +Glas Portwein konnte an dem naßkalten Tage nicht schaden. Vielleicht, +daß Ilse — sie huschte gerade über den Korridor, als er die oberste +Treppenstufe erreichte.</p> + +<p>»Fräulein Ilse — nur einen Augenblick!«</p> + +<p>Sie blieb zögernd stehen und sah den hellen Schimmer in seinen blauen +Augen, als er auf sie zukam. Er griff nach ihrer Hand, die sie ihm +schnell wieder entzog.</p> + +<p>»Herr Wolf! Was haben Sie nur immer vor, wenn Tante Herta —«</p> + +<p>Er lachte hell auf.</p> + +<p>»Nichts — rein gar nichts will ich — als ein Stückchen Semmel mit +Gänsebrust. Eine recht große saftige Scheibe — Fräulein Ilse! Sie +verstehen es, diese so appetitlich herzurichten. Aber bringen Sie mir +den Happen selbst, bitte! — Machen Sie sich nicht wieder unsichtbar +—«</p> + +<p>»Das kommt nur auf Sie an, Herr Wolf,« entgegnete sie lächelnd und sah +sich hastig um.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p> + +<p>»Auf mich, Fräulein Ilse? Dann würden Sie mich den ganzen Tag nicht +los,« rief er belustigt. »Nun noch eine kleine Bitte — schlagen Sie +einmal schnell Ihre schönen Augen zu mir auf —«</p> + +<p>»Nein, — Herr Wolf, — das gehört nicht zur Erlernung der +Hauswirtschaft,« — ihr Blick aber traf ihn doch, ehe sie forteilte.</p> + +<p>Warum er nur so oft danach verlangte? Die anderen Herren, die sie +hier kennen lernte, sahen sie ebenfalls so seltsam an. Sie empfand +nichts dabei, nur wurde es ihr peinlich. Wolf war wirklich ein +hübscher junger Mann, aber auch nicht mehr für sie. Als sie zu den +Wirtschaftsräumen eilte, wußte sie unwillkürlich, daß seine Augen ihr +folgten.</p> + +<p>»Schade, daß ich mich so in acht nehmen muß. Es verdirbt mir manchmal +ganz die Laune,« dachte sie bei sich.</p> + +<p>Die Semmel mit Gänsebrust ließ sie durch das Mädchen ins Eßzimmer +tragen, weil Herta dazukam. Diese ging sofort zu ihrem Bruder und +schenkte ihm ein Glas Portwein ein. Sie kannte seine kleinen Wünsche.</p> + +<p>»Du willst auf die Lastadie, Wölfchen? Stärke dich nur zuvor.« Er +hatte ihr sein Vorhaben rasch mitgeteilt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> + +<p>Sie bot ihm noch ein zweites Glas an, während er ihr von Alfred +Smiders erzählte.</p> + +<p>»Wenn es geschäftlich notwendig ist, soll er das feinste Frühstück +Stettins haben,« sagte sie dann.</p> + +<p>»Besser, es läßt sich vermeiden, Herta!« Damit ging Wolf fort. Ilse +kam ja nicht wieder.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Lastadie hängt mit dem Freihafengebiet zusammen. Dort hatte die +Firma Jürgen Plüddekamp erst in den letzten Jahren neue Speicher +erbaut. Als Wolf vorfuhr und eilig in das Tor hinein wollte, stieß er +auf Jochen Hindorf. —</p> + +<p>»Hast du deine Kerle in Schuß, Jochen?«</p> + +<p>»Jäh woll — Herr Wolf!«</p> + +<p>»Das ist man gut, Jochen! Sonst steig ich dir auch aufs Dach!«</p> + +<p>»Hm —« räusperte sich dieser.</p> + +<p>»Bei dem Wetter wär's kein Wunder, wenn sie davonliefen. Ich wollt +gerade nach Haus. Haben Sie noch was, Herr Wolf? Mit'm Chef ist in +der letzten Zeit nicht zu spaßen. Er gibt mir den Laufpaß, wenn ich +nochmal für Sie flunkere.«</p> + +<p>»Kommt nicht wieder vor, alter Knabe —«</p> + +<p>»Hm — hm — damals war auch Fräulein Ilse noch nicht hier — nu aber +—«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p> + +<p>»Was nun aber! Denk keinen Unsinn, Jochen. Fräulein Ilse hat damit gar +nichts zu tun.«</p> + +<p>»Näh — näh, Herr Wolf, das weiß ich wohl! Sie ist aber ein verteufelt +schlankes Ding, wie so'n Aal glitscht sie aus der Hand. Ich hab's +gesehen!«</p> + +<p>»Du bist ein alter Drönbartel, Jochen — mit dem, was du willst! +Behalte man deine Speckschwarten für dich. Jetzt komm mal beiseite! +Ich will dich etwas fragen.«</p> + +<p>»Jäh woll — Herr Wolf!« Die Hünenfigur des Alten schob sich dicht an +seinen jungen Herrn heran.</p> + +<p>»Du kennst doch den alten Aufseher von Smider & Sohn?«</p> + +<p>»Jäh woll — Herr Wolf!«</p> + +<p>»Gut! — Pürsch dich mal gleich an ihn heran. Kann auch 'n paar +Schnäpse kosten. Frag ihn genau aus, wo Alfred Smiders seinen Wechsel +hat. Du weißt schon! — Ich muß nach ihm auf den Anstand raus.«</p> + +<p>»Aber — Herr Wolf! Sie werden doch nich, 'ne kleine Auflage von +damals —«</p> + +<p>»Unsinn! — Ich muß ihn in einer günstigen Stunde antreffen, damit ich +ihm geschäftlich langsam beikommen kann.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p> + +<p>»Hm — das weiß ich schon! Er hat etwas in der ›Grünen Schanze‹, wo +die gelben Gardinen vor sind. Ein paar leere Champagnerflaschen stehen +im Fenster.«</p> + +<p>»In der alten Weinspelunke sitzt er?« rief Wolf etwas betroffen aus. +»Da kann ein anständiger Mann wahrhaftig nicht hineingehen.«</p> + +<p>»I was! Da gehen feine Leut' hinein. Bei Tag woll nicht — aber abends +sind alle Katers grau.«</p> + +<p>»Es ist also ganz sicher?«</p> + +<p>»Ich frag nach. In einer halben Stund bin ich wieder da. Wieviel +Schnäpse — kann ich ihm geben?«</p> + +<p>Wolf lachte und nahm Geld aus der Westentasche, das er Jochen Hindorf +in die schwielige Hand drückte.</p> + +<p>»Was nicht draufgeht, ist für dich — Alter!«</p> + +<p>»Jäh woll — Herr Wolf!«</p> + +<p>Jochen Hindorf zog die Flauschjacke fest zusammen und trottete ab. —</p> + +<p>»Gibt's wohl eine ehrlichere alte Haut als diese dort?« dachte Wolf, +ihm nachschauend. »Wenn's darauf ankäme, würde Jochen für mich das +Tollste ausführen, aber eine Stärkung des inneren Menschen muß dabei +sein.«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p> + +<h2>VI.</h2> +</div> + + +<p>Nach altem Brauch sah man im Plüddekampschen Hause Sonntags gern +Tischgäste. Nähere Freunde sagten sich einfach an, zuweilen ergingen +auch Einladungen. Konsul Martens kam jetzt häufiger als in den letzten +Jahren.</p> + +<p>»Alte Liebe rostet nicht,« scherzte Wolf mit seiner Schwester.</p> + +<p>Herta entgegnete ihm darauf mit ernstem Blick:</p> + +<p>»Ich habe Martens stets als lieben Freund betrachtet, seitdem ich +meine einstige Neigung zu ihm unterdrückte. Er war mir wert. Ich +achtete ihn hoch und hielt ihn für einen jener Männer, die nach dem +Herzen der Frau schauen und sich nicht durch Äußerlichkeiten blenden +lassen. Wie bitter bin ich enttäuscht worden! — Martens ist nicht +viel mehr oder weniger, als es auch andere Dutzendmenschen sind.«</p> + +<p>»Es freut mich, daß dir endlich diese Erkenntnis kommt, Herta,« warf +Wolf lachend ein. »Nun wirst du mich doch gleichwertig einschätzen.«</p> + +<p>»Dich, Wölfchen? Ich bedaure dich höchstens! Du hast mir zuviel — +Herz!« entgegnete sie ihm.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p> + +<p>»Dafür empfinde ich auch mehr, als Jürgen und — du —«</p> + +<p>»S—o—o—! — Weißt du dies ganz genau? Was Ilse dir und anderen +einflößt, die ihr nachrennen, ist — keine Liebe. Höchstens der +moderne Zug zum Weibe —«</p> + +<p>»Herta!« stieß Wolf heftig aus. »Du urteilst mit Bitterkeit.«</p> + +<p>»Ist es denn nicht wahr? Du, Martens, deine Freunde, — ihr sucht in +Ilse etwas, das ich verabscheue! Sie tut mir wahrhaftig leid und gibt +keinen Anlaß für euer Verhalten.«</p> + +<p>»Ich sehe Ilse gern, leidenschaftlich gern! Es ist mir ein +Lebensbedürfnis, in ihrer Nähe zu weilen. Ich habe ein tiefes +Glücksgefühl dabei.«</p> + +<p>»Unterdrücke mit aller Kraft diese Regung, ehe sie sich in dein +Herz hineinfrißt, sonst erleidest du mein Schicksal. Ilse ist nicht +für dich geschaffen, auch würde Jürgen nie eine Verbindung mit ihr +zugeben. Oder willst du eine Frau besitzen, Wolf, der andere Männer +fortwährend nachstellen?«</p> + +<p>»Herta, du bist heute geradezu grausam. Du kränkst mich mit Absicht!« +sagte dieser vorwurfsvoll.</p> + +<p>»Gewiß nicht, Wolf! Aber ich muß dich vor einer Torheit behüten.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p> + +<p>»Nein, Herta! Sag es lieber rund heraus: Du bist eifersüchtig auf +Ilse, weil Martens sie interessant findet, wie dies alle meine Freunde +zugeben, die sie kennen lernten.«</p> + +<p>»Wolf! Das waren häßliche Worte! Ich bin sie von dir nicht gewohnt. +Seit Ilse ins Haus gekommen, verstehen wir Geschwister uns nicht mehr.«</p> + +<p>Sie ging an das reichgeschnitzte Büfett und legte Früchte auf den +großen Silberaufsatz, der die Mittagstafel zieren sollte. Ilse trat in +diesem Augenblick ins Zimmer und wollte Herta behilflich sein, wurde +aber von ihr kurz abgewiesen.</p> + +<p>»Bei Herta droht heute ein Wintergewitter, Fräulein Ilse! Kommen Sie +schleunigst aus der gefahrdrohenden Nähe. Ich zeige Ihnen das neue +Prachtwerk über die britische Nationalgalerie. Es ist noch Zeit, bis +unsere Gäste eintreffen,« suchte Wolf ihre Aufmerksamkeit auf sich zu +lenken.</p> + +<p>»Wie? — Sie haben das schöne Werk gekauft, von dem ich sprach!« rief +das junge Mädchen freudig aus.</p> + +<p>»Ja, Fräulein Ilse. Es liegt im kleinen Salon,« entgegnete er schnell +und wartete, daß sie etwas darauf erwidern würde.</p> + +<p>Sie sah Herta fragend an. Diese nahm aber keine Notiz von ihr, sondern +ordnete weiter an den<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> Früchten und legte goldgelbe, mit grünen +Blättern abgepflückte Mandarinen obenauf.</p> + +<p>Wolf schritt jetzt in den anschließenden Salon hinein. Ilse folgte +ihm zögernd. Sie blieben vor einem Ebenholztisch stehen, auf dem +die große Prachtmappe lag. Er schlug diese auf und zog einzelne der +hervorragendsten Blätter in die richtige Beleuchtung zum Fenster hin.</p> + +<p>Sie stieß einen Ruf des Entzückens aus. Ihre Augen leuchteten hell; +ihre Mienen nahmen einen lebhaften Ausdruck an. Sie ging vollständig +in der Betrachtung der Kunstwerke auf.</p> + +<p>»Welcher Genuß, die alten berühmten englischen Meister Gainsborough, +Reynolds, Lawrence mit Muße betrachten zu können! Wie dankbar bin +ich Ihnen dafür, Herr Wolf. Ich werde meine freie Zeit oft damit +verbringen.«</p> + +<p>»Ich darf doch dabei sein, Fräulein Ilse? Die beste Gelegenheit ist in +den Nachmittagsstunden, sobald Herta in ihre Frauenvereine geht. Dann +können wir uns gemeinsam an dem Schönen in der alten Kunst erfreuen.«</p> + +<p>»Sie müssen aber nachmittags im Kontor sein, Herr Wolf,« warf Ilse ein.</p> + +<p>»Wer kann mich dazu zwingen! Das Kontor wird mir rein zum Ekel. Ich +habe keine Ruhe, über<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> Korrespondenzen und Büchern zu sitzen oder in +den Speichern Kontrolle zu üben, wenn ich Sie hier oben allein weiß. +Wie oft sagte ich Ihnen dies schon.«</p> + +<p>»Ich darf Sie aber davon nicht abziehen! Herr Plüddekamp schaut mich +schon streng genug an. Er ist wenig freundlich zu mir und wird es auch +Sie fühlen lassen.«</p> + +<p>»Jürgen — pah! Ich bin kein Kontorbeamter, sondern Teilhaber der +Firma, und der ewigen Bevormundung längst überdrüssig. — Sehen +Sie diese herrlichen Bilder von Tizian, Tintoretto. Ich liebe die +italienischen Schulen.«</p> + +<p>Er zog einige schöne Frauenbildnisse hervor.</p> + +<p>Ilse beugte sich tief darüber und war ganz im Anschauen versunken. +Wolf stand ein wenig zurück und sah auf die feinen Linien ihres +schlanken Halses hin. Bei dem tiefen Ausschnitt des Kleides bot er +sich blendend weiß und verlockend seinen Blicken dar. Es reizte ihn, +sie dort zu küssen. Je mehr er hinschaute, desto unwiderstehlicher zog +es ihn an. Plötzlich ergriff ihn ein Taumel, er wußte nicht mehr, was +er tat.</p> + +<p>Nun war es geschehen. —</p> + +<p>Seine heißen Lippen hatten eine Sekunde lang auf ihrem kühlen weißen +Nacken geruht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p> + +<p>Sie kehrte sich blitzschnell um. Ihr Gesicht war wie in Blut getaucht, +und die großen Augen flammten empört auf.</p> + +<p>»Herr Plüddekamp! Was unterstehen Sie sich!« stieß sie beleidigt aus. +»Bin ich ein Mädchen, dem gegenüber Sie es wagen dürfen —«</p> + +<p>»Um Gottes willen — Ilse, sprechen Sie nicht so laut! Herta hört es +sonst. Zürnen Sie mir nicht! Ich konnte wahrhaftig nicht widerstehen, +— ich wurde einfach fortgerissen. Es war nur ein Tribut, den ich der +Schönheit zollte, der herrlichen Form Ihres Nackens!« Er hielt ihr, um +Versöhnung bittend, die Hand hin. Sie nahm diese nicht an, trotzdem er +fortfuhr: »Ilse, bei Tag und Nacht erfüllen Sie mein ganzes Denken.«</p> + +<p>»Ich weiß es, Herr Wolf!« unterbrach sie ihn, und ihre tiefe Stimme +sank zum Flüsterton herab. »Sie zeigen es ja so deutlich, daß alle es +sehen müssen! Sie werden mir dadurch den liebgewonnenen Aufenthalt +hier sehr bald unmöglich machen.«</p> + +<p>»Sagen Sie mir doch, was ich tun soll, Ilse,« sprach er hastig auf sie +ein. »Ich will mich sehr in acht nehmen. Nur schenken Sie mir täglich +einige Minuten der Aussprache, solange wir nicht Lawn-Tennis spielen +können, dann —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p> + +<p>»Nein, nein!« ließ sie ihn nicht ausreden. »Es ist unmöglich! Ihre +Geschwister denken darüber sehr streng, und ich möchte nicht falsch +beurteilt werden.«</p> + +<p>»Ilse!« tönte es jetzt schroff vom Speisezimmer herüber.</p> + +<p>Sie erschrak leicht und eilte sofort zu Herta. Wolf blieb allein +zurück.</p> + +<p>»Ich halte es nicht länger aus,« sagte er zu sich, »es muß zu einer +Entscheidung kommen und Jürgen,« — er dachte nicht weiter. Ein +Glockenton zeigte an, daß die Gäste kamen. —</p> + +<p>Konsul Martens führte Herta zu Tisch. Er richtete aber seine Worte, so +oft es ging, an Ilse. Der ältere Plüddekamp unterhielt sich mit Baron +Berleburg, den er aus geschäftlichen Rücksichten zur Tafel zog. Das +Konto des Schloßherrn im Hauptbuch zeigte eine ansehnliche Belastung. +Berleburg war einmal früher Dragoneroffizier gewesen und hatte das von +seinem Vater ererbte Gut ziemlich heruntergewirtschaftet. Er brauchte +vielmal die Unterstützung des reichen Kaufmannes.</p> + +<p>»Die Aussichten der Wintersaat sind ganz prächtig, Herr +Plüddekamp. Sie ist kräftig in den Winter gekommen, und die starke +Bodenfeuchtigkeit kann frühzeitig den Wuchs fördern. Berleburg wird +lange Jahre keine solche Ernte gesehen haben,« sagte der Schloßherr.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p> + +<p>Jürgen lächelte höflich.</p> + +<p>»Ich wünsche es Ihnen aufrichtig, Herr Baron. Es vergehen aber +noch Monate bis zur Ernte, und der Landwirt ist leider von vielen +Zufällen abhängig.« Er ahnte bereits, daß ein neuer Angriff auf +seinen Kassenschrank bevorstand. Baron Berleburg wußte diesen stets +mit großem Geschick einzuleiten. Seine geschäftliche Taktik ging gern +durch gesellschaftliche Beziehungen auf das versteckte Ziel los.</p> + +<p>»Ah — Herr Plüddekamp! Sie sind der vorsichtige Geschäftsmann! +Bedenken Sie aber das Berleburgsche Glück, das mich noch nie verlassen +hat,« fiel der Baron ein.</p> + +<p>»Damit meint er meine Vorschüsse,« dachte Jürgen bei sich, und Wolf +sah ihn von der anderen Seite der Tafel her verständnisvoll an.</p> + +<p>»Sonnenschein und Regen kommen bestimmt zur rechten Zeit. Hagelwetter +kennt Berleburg seit fünfzig Jahren nicht. Kraft ist im Boden — +ganz richtig — —« fuhr Berleburg fort, »wie sollte es dabei an +etwas fehlen!« Er sah triumphierend im Kreise umher. Sein hagerer +Oberkörper und das lange Gesicht mit dem scharfkantigen Kopf deuteten +auf ein reichlich genossenes Leben hin. Er blinzelte behaglich einen +Augenblick, als er den guten alten Rotwein aus dem feingeschliffenen +Kristallglas schlürfte. —<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> »Ein Jahrgang, Herr Plüddekamp, — ganz +riesig, — lagert sicher lange,« — wandte er sich an Jürgen.</p> + +<p>»Mein verstorbener Vater kaufte das Oxhoft direkt in Bordeaux. Der +Wein hat sich auf der Flasche gut entwickelt,« erwiderte dieser.</p> + +<p>»Sie sind heute so nachdenklich, Fräulein Hergenbach,« redete Konsul +Martens seine Nachbarin zur Linken an. »Unsere alte Pommernstadt +läßt Sie das schöne Dresden nicht vergessen, und wir schwerblütigen +Nordländer können nicht so gut unterhalten —«</p> + +<p>»Sie offenbaren eine viel zu große Bescheidenheit, Konsul Martens,« +fiel Wolf Plüddekamp ein. »Wollen Sie von Fräulein Ilse hören, daß Sie +ein äußerst amüsanter Plauderer sind?«</p> + +<p>»Danke verbindlichst, mein junger Freund,« suchte Martens seine +joviale Seite hervorzukehren, »danach gelüstet mich nicht. Fräulein +Hergenbach hat aber einen müden, verschleierten Ausdruck in ihren +Mienen, den ich mit Bedauern sehe.«</p> + +<p>»Ist das Leben nicht ernst genug, Herr Konsul?« erwiderte Ilse darauf.</p> + +<p>»Die Jugend muß stets froh sein, Fräulein Hergenbach. Ein Lächeln auf +den Zügen ist wie heller Sonnenschein am klaren Wintertag.«</p> + +<p>»Heute regnet und schneit es aber durcheinander, Herr Konsul,« +spottete Ilse leicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p> + +<p>»Um so mehr muß die Sonne jugendlicher Schönheit unter uns strahlen,« +antwortete er galant.</p> + +<p>»Herr Konsul —« stieß das junge Mädchen peinlich berührt hervor, denn +Hertas hohe Stirn hatte sich plötzlich verdüstert.</p> + +<p>»Von einem Manne in den Jahren unseres lieben Freundes kannst du dir +eine solche Schmeichelei ruhig gefallen lassen, Ilse. Da ist sie +aufrichtig gedacht,« betonte diese.</p> + +<p>Martens fühlte, daß er etwas versehen hatte, und wollte dies wieder +gutmachen.</p> + +<p>»Schönheit ist nur sieghaft, wenn Gedankenreichtum sie begleitet,« +wandte er sich an Herta.</p> + +<p>»Nicht immer,« entgegnete sie, »die meisten Männer legen heute bei der +Frau weniger Wert auf Gedanken, desto mehr aber auf äußere Vorzüge. Es +ist ihnen leider ganz gleich, worin sie bestehen.«</p> + +<p>Martens senkte den Blick, während er entgegnete:</p> + +<p>»Sie urteilen zu scharf! So tief steht unser innerer Wert doch nicht. +Ich könnte dagegenhalten: viele Frauen lenken absichtlich unsere +Blicke nur auf ihr Äußeres hin.«</p> + +<p>»Schalten Sie ein: viele schöne Frauen! Der größere Teil von uns +strebt jetzt danach, sich mit gleichem Geisteswert und starker +Tatkraft neben den Mann zu stellen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p> + +<p>»O armes drittes Geschlecht, das seine Lebensaufgabe vergißt!« rief +Wolf dazwischen.</p> + +<p>»Ich folge lieber der reinen Vernunft, als daß ich ohne Überlegung mit +dem Gefühl davonstürme, Wölfchen,« erwiderte ihm Herta ruhig.</p> + +<p>Baron Berleburg war auf die Unterhaltung aufmerksam geworden, kniff +das linke Auge leicht zusammen und sah scharf zu Herta hinüber.</p> + +<p>»Muß Ihnen beipflichten, gnädiges Fräulein. Habe es in meinem Regiment +immer erlebt, daß Kameraden bei Attacke mehr Besonnenheit zeigten, als +bei Eingehen der Ehe. Es gibt Beispiele, — ganz riesig! Bin darum bis +jetzt ledig geblieben.« Er erhob das Glas gegen Herta und trank ihr zu.</p> + +<p>Wolf ballte Brotkrumen mit den Fingern zusammen und versuchte, ernst +zu bleiben, auch um Jürgens' Mund zog sich ein kräftiges Lachen +zusammen, das er kaum zurückhalten konnte. Baron Berleburg besaß etwas +von dem Ritter Don Quichote.</p> + +<p>Es entstand plötzlich eine Stille, und Wolfs Blick streifte zu Ilse +hinüber; er sah, wie ihre großen Augen erwartungsvoll an Jürgen +hingen. Sie schien lachen zu wollen, wenn dieser lachen würde. Wolf +wußte im ersten Augenblick nicht, wie es kam; ein häßliches Gefühl +stieg heiß in ihm empor. War es Neid, der in ihm aufkeimte? Er gönnte +Jürgen den<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Blick nicht und trank hastig ein Glas des schweren +Bordeauxweines, um sich zu beruhigen.</p> + +<p>Rechte, — er besaß keine und handelte immer auf Grund seines +leidenschaftlichen Empfindens. Er war sich in keiner Hinsicht klar, +was er eigentlich vorhatte. Nur eins sprach in ihm: der mächtige +Drang, fortwährend Ilse nahe zu sein. Er faßte Jürgen, der oben an +der Tafel saß, mehrmals länger ins Auge. Es quälte ihn beinahe, +daß er keinen Blick von ihm bemerkte, der sie traf. Dann hätte er +doch erkannt, — nein, er mochte nicht weiterdenken, — es war ja +ausgeschlossen.</p> + +<p>Martens sprach jetzt eifrig auf Herta ein, er hatte den leisen Vorwurf +wohl verstanden. Baron Berleburg versuchte ebenfalls, bei ihr den +Liebenswürdigen zu spielen. Es entstand ein belustigendes Rennen +zwischen den beiden Herren.</p> + +<p>Ilse hörte den Worten des Prokuristen Armin nur mit halbem Ohr zu. Das +dunkelblonde, von einem Scheitel nach beiden Seiten liegende, reich +gewellte Haar hob ihr Gesicht wirkungsvoll hervor. Der alte Rotwein +hatte ihre Wangen leicht gefärbt; die Augen glänzten und verlangten +nach Lebenslust.</p> + +<p>Wolf, der still geworden und sie unausgesetzt betrachtete, wurde von +einer nervösen Unruhe ergriffen. Er wünschte sehnlichst das Ende der +Tafel<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> herbei, um sich ihr nähern zu können. Warum hatte er Ilse nicht +zur Tischnachbarin erhalten? Herta bestimmte für sie stets einen +anderen Herrn. Für das nächstemal wollte er es unbedingt sein. Bruder +und Schwester führten ihn noch am Gängelband. Er dankte für diese +ewige Bevormundung, die ein- für allemal ihr Ende finden sollte.</p> + +<p>Die große Kristallkrone über dem Eßtisch und die Deckenbeleuchtung +flammten jetzt auf. Der durch die mattgeschliffenen Glasbirnen und +opalfarbenen Deckengläser gedämpfte Schein des elektrischen Lichtes +breitete sich geheimnisvoll über die Gesellschaft aus.</p> + +<p>Martens schwieg und überließ Berleburg das Feld. Seine Blicke +streiften Ilse, während er sich aus dem Silberaufsatz eine Mandarine +nahm. Er mußte zu ihr hinsehen, es zwang ihn dazu. Wolf bemerkte +es sofort. — Also auch Martens, der stets glattlächelnde vornehme +Bankier, fing Feuer. Nur Jürgen sah nicht zu ihr hin. Keine Miene des +starkknochigen Gesichts deutete an, daß er das geringste Interesse für +das junge Mädchen hege. —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p> + +<h2>VII.</h2> +</div> + + +<p>Herta erhob sich, — ihre Brüder zogen sich mit den Gästen in das +Rauchzimmer zurück, in dem der Kaffee gereicht wurde.</p> + +<p>»Tante Herta,« bat Ilse herantretend, »laß mich das Silber in die +Kästen einreihen. Ich habe darauf geachtet, wie du es fortlegst.«</p> + +<p>Fräulein Plüddekamp war in der Behandlung des wertvollen alten, aus +mehreren Generationen stammenden Familiensilbers sehr peinlich. Sie +besorgte das Fortlegen in die hohen, mit dunklem Samt ausgeschlagenen +Eichenkästen stets selbst. — Als sich Ilse nun mit der Bitte an sie +wandte, ihr das Amt abzunehmen, war sie davon anfangs unangenehm +berührt. Es schien ihr ein Eingriff in ihre Rechte zu sein. Sie sah +deshalb das junge Mädchen einen Augenblick unfreundlich an. Dann +besann sie sich aber rasch. Ilse sollte doch die Hausfrauenpflichten +bei ihr erlernen. Dazu gehörte auch die Ordnung und Aufbewahrung des +Silbers. Herta dachte und handelte in allen Dingen gerecht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> + +<p>»Ich will es dir überlassen, liebe Ilse. Ich erwarte aber die nötige +Sorgfalt dabei,« erwiderte sie nach kurzer Überlegung.</p> + +<p>Das junge Mädchen sagte einfach: »Ich danke dir, Tante Herta,« und +machte sich sofort an die Arbeit.</p> + +<p>»Wir können die große Kristallkrone ausdrehen, Ilse,« bemerkte +Fräulein Plüddekamp, »die Deckenbeleuchtung genügt vollständig.«</p> + +<p>Ilse ging sofort an den Ausschalter, der sich am Eingang in das +Speisezimmer befand, und durch einen raschen Griff wurde die Krone +dunkel gestellt. Jetzt fiel das elektrische Licht nur noch matt aus +den milchichten Gläsern an der Decke herab und hüllte die schlanke +Mädchengestalt in eigenartige Beleuchtung ein. Herta hatte sich in der +Sofanische niedergelassen und ruhte dort aus. Sie hörte leise Schritte +im anstoßenden Salon. Ihre blauen, scharfblickenden Augen sahen +sofort dorthin, und sie erkannte Wolf, der Ilse bei ihrer Tätigkeit +zuschaute, ohne sich bemerkt zu glauben.</p> + +<p>»Er ist ihr ganz verfallen,« dachte Herta. »Was soll nur daraus +werden? Schicke ich sie nach Nordhausen zurück, so muß ich einen Grund +dafür angeben, und sie hat mir diesen bisher in keiner Weise geboten. +Ich werde mit Jürgen reden; Wolf braucht eine Luftveränderung,<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> um auf +andere Gedanken zu kommen. Er liebt den Süden, mag er auf einige Zeit +dorthin gehen.«</p> + +<p>Martens war Wolf Plüddekamp gefolgt und stand plötzlich neben ihm.</p> + +<p>»Als Nichtraucher ist es mir hier bei Ihnen angenehmer als dort +drinnen, lieber Wolf,« sagte er plötzlich.</p> + +<p>Dieser fuhr wie aus Träumen auf. Er hatte den Konsul auf dem weichen +Smyrnateppich nicht kommen hören.</p> + +<p>»Sie haben einen interessanten Ausblick hier!« fuhr Martens fort. +»Fräulein Hergenbach waltet als Hausfrau. Eine brillante Erscheinung. +Schlank wie eine Tanne und abgerundete Bewegungen. Sie treibt viel +Sport — nicht wahr?«</p> + +<p>»Wir spielen zuweilen Lawn-Tennis, — wenn die Witterung es erlaubt,« +entgegnete Wolf kurz.</p> + +<p>»Die junge Dame muß eine gute Figur zu Pferde haben. Sind Sie schon +zusammen ausgeritten?« fragte Martens weiter.</p> + +<p>»Nein,« stieß Wolf förmlich abwehrend hervor. »Mein Fuchs ist zu +unruhig und Jürgens Brauner — ist ein grobknochiger Geselle, der +unter dem Damensattel wie ein Elefant aussehen würde. Herta hat, wie +Sie wohl wissen, ihr Reitpferd seit dem letzten<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Jahre abgeschafft. +Sie hegt die Ansicht, bei ihrer Vereinstätigkeit keine Zeit mehr dafür +erübrigen zu können.«</p> + +<p>»Schade, sehr schade,« fiel der Konsul ein. »Wenn Fräulein Hergenbach +ausreiten will, — ich habe eine ausgezeichnete lichtbraune Stute, +die sehr gut zugeritten ist, und stelle sie gern der jungen Dame zur +Verfügung.«</p> + +<p>Wolf mochte nicht darauf eingehen.</p> + +<p>»Ich glaube kaum, daß es Herta willkommen wäre, wenn Fräulein Ilse der +Wirtschaft viel entführt wird.«</p> + +<p>»O, ich werde bei meiner lieben Freundin ein gutes Wort einlegen. +Was bietet Stettin sonst Fräulein Hergenbach?« Er wollte in das +Speisezimmer gehen, in dem Herta noch in der Sofanische saß.</p> + +<p>»Unterlassen Sie es, Konsul Martens,« sagte Wolf hastig und legte +seine Hand fest auf den Arm des älteren Mannes. »Aus Ihrem Munde +könnte es Herta leicht kränken.«</p> + +<p>Der halb getane Schritt des Konsuls wurde sofort gehemmt. Er seufzte +leicht auf. »Sie haben recht, lieber Wolf! Der freieste Mensch hat +Rücksichten zu nehmen, die uns gute Sitte auferlegt. Kommen Sie, wir +kehren in den Rauch der Exporten zurück.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p> + +<p>Jürgen, Baron Berleburg und der Prokurist Armin hatten sich in das +beliebte Geschäftsgespräch über die Kornkonjunktur verwickelt. Dies +floß bei den drei Herren am leichtesten.</p> + +<p>»Wäre Rußland nicht eine große Kornkammer,« betonte Armin, als Wolf +Plüddekamp mit Konsul Martens eintrat, »es wäre um Europa schlecht +bestellt.«</p> + +<p>»Sie sind unser Gegner, Herr Armin,« ließ sich Baron Berleburg +hören. »Schutzzölle, immer höhere Schutzzölle brauchen wir, um die +einheimische Landwirtschaft zu kräftigen. Nur darin liegt die Quelle +dauernden Wohlstandes, — die Industrie nimmt uns die Arbeiter fort, +— schadet uns — ganz riesig.«</p> + +<p>»Seit dem Aufschwung der Industrie ist Deutschland erst ein Weltstaat +geworden. Seine jetzige Wohlhabenheit kommt von dem Gold, das uns +aus anderen Ländern für die versandten Waren zufließt. Auch unser +Getreideexport spricht mit,« erwiderte Armin fest.</p> + +<p>Baron Berleburg wollte sich mit diesem nicht verfeinden, er brauchte +ihn als Fürsprecher bei Jürgen Plüddekamp. Er versuchte darum, +einzulenken.</p> + +<p>»Sie müssen auf der Seite der Landwirte sein, Herr Armin. Wir machen +Ihnen doch die Geschäfte!<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Durch uns verdienen Sie die Goldbarren, die +Haus Plüddekamp birgt —«</p> + +<p>»Es war mal,« meinte Jürgen darauf, »heute fällt der Gewinn verteufelt +mager aus. Ein paar Prozente nur — dafür riskiert man ein großes +Kapital, das stets in der Schwebe hängt.«</p> + +<p>»Aber von sicherer Hand gehalten wird, Freund Jürgen,« sprach +Martens dazwischen. »Bisher bist du von größeren Verlusten stets +verschont geblieben. In unserer Industrie geht es nicht so sicher +zu. Ich besitze als Bankier manche Kenntnis davon. — Der Eisenmarkt +zeigt zuweilen ein höhnisches Gesicht; wer konnte es ahnen, daß +die Engländer und ihre Vettern über dem Wasser einen solchen bösen +Fischfang vorhatten. Wunden, die ein ungeheurer Weltkrieg schlägt, +bedürfen einer langen Heilung.«</p> + +<p>»Erst langer Friede schafft neue Werte. Korn ist Volksnahrung, +— Eisen dient zur Herstellung von Gebrauchsartikeln, wenn die +Kriegsfurie es nicht fortsaugt, lieber Martens. Korn und Eisen hängt +innig zusammen. Die eiserne Pflugschar schält den Boden und regt +ihn an, neues Wachstum für die Einsaat hervorzubringen. Die eiserne +Walze ebnet, und die eisernen Zinken der Egge lockern die harte +Erdrinde auf, daß die Keime besser sprießen. So tut das Eisen seine +Schuldigkeit. Ich meine, Industrie<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> und Landwirtschaft ergänzen sich, +wie zwei Schwestern, die gemeinsam den Haushalt führen, dabei sparsam +und rationell wirtschaften.«</p> + +<p>»Gefällt mir — ganz riesig,« rief Baron Berleburg begeistert aus. +»Die Gelder müssen in einen Topp hinein und jeder den Vorteil davon +haben.«</p> + +<p>Wolf verbiß sich ein Lachen. Der reine Egoismus, der nur nach +leichtem Gewinn trachtete, stand auf der Fahne Berleburgs zu deutlich +geschrieben. —</p> + +<p>Die Stunden verstrichen. Armin war ins Theater gegangen. Konsul +Martens wollte ihm folgen.</p> + +<p>Ehe er sich verabschiedete, gab er Jürgen einen Wink. Sie traten vor +eine große japanische Bronze hin, die ein gewaltiges sagenhaftes +Drachentier darstellte. Indem sie dies anscheinend betrachteten, +flüsterte Martens Jürgen zu:</p> + +<p>»Alfred Smiders war neulich bei mir. Er will schon wieder einen großen +Dampfer bauen lassen, und der ›Friedrich Barbarossa‹ ist noch nicht +einmal aus dem Dock heraus. Er gab an, daß seine Verbindung mit dir es +dringend notwendig mache. Wie steht es damit, Jürgen?«</p> + +<p>Dieser hatte aufgehorcht. Er erkannte sofort, daß Smiders ihn nur für +seine Zwecke ausspielen wollte, und antwortete:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p> + +<p>»Der ›Friedrich Barbarossa‹ genügt mir vollständig, Charles. Ich +glaube kaum, daß der Export nach Spanien mehr verlangen wird. +Hoffentlich wird er rechtzeitig fertig. Weißt du etwas davon?«</p> + +<p>»Nichts Genaues,« klang es leise zurück, »ich werde mich aber +informieren. Du kennst doch Alfred Smiders!«</p> + +<p>»Stimmt, Charles! Er versucht bereits, uns zu schnellen. Wolf soll ihn +in die Schere nehmen.«</p> + +<p>»Wolf?« fragte der Konsul zurück. »Ich kann mir's denken. Du bist für +solche Nebensprünge in lichtscheue Lokale nicht geeicht. Smiders ist +aber sonst nicht zu packen. Ich beneide deinen Bruder nicht um die +erhaltene Aufgabe.«</p> + +<p>»Geht nicht anders!« fiel Jürgen ein. »Aber Charles, ich bitte dich, +— du schwebst doch über den Wassern, — warne mich rechtzeitig, falls +es dir notwendig erscheint.«</p> + +<p>»Natürlich, lieber Jürgen! Alfred Smiders segelt bei allen Banken +umher. Ich bin nur insoweit für ihn interessiert, als er unsere +Gesellschaft prompt bezahlen muß.«</p> + +<p>Sie schüttelten sich die Hände, und Martens ging zu Herta in den +Salon. Berleburg hielt noch stand, er wollte einen günstigen +Augenblick für seinen Angriff auf Jürgen abpassen. Dieser hatte Wolf +ein<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Zeichen gegeben, daß er bei ihm bleiben sollte. Der junge Mann +begann aber bald zu gähnen. Die Unterhaltung der beiden wurde ihm +langweilig. Berleburg tat sich wichtig mit alten Garnisongeschichten, +die er schon oft genug gehört hatte.</p> + +<p>»Martens ist fort und Herta allein im Salon,« sagte Wolf plötzlich. +»Wollen wir ihr nicht Gesellschaft leisten?«</p> + +<p>Er erhob sich und ging voran. Jürgen war dies recht, darum forderte er +den Baron zur Übersiedelung auf. Kaum hatten sie sich aber bei Herta +niedergelassen, als Wolf rasch hinauseilte. Ilse war nicht dort; er +hoffte, diese irgendwo allein anzutreffen.</p> + +<p>Berleburg saß wie auf Kohlen, die Umstände vereitelten sein Vorhaben, +und er mußte dabei den Liebenswürdigen spielen. Fräulein Hergenbach +erschien plötzlich im Speisezimmer und richtete den Teetisch vor. Das +Stubenmädchen brachte auf silberner Platte ein Telegramm herein. Ilse +nahm es ab und trat an die Salontür.</p> + +<p>»Herr Plüddekamp, einen Augenblick!«</p> + +<p>Jürgen erhob sich langsam und kam auf sie zu.</p> + +<p>»Sie wünschen, Fräulein Hergenbach?« fragte er mit seiner metallen +klingenden Stimme.</p> + +<p>»Es ist ein Telegramm für Sie eingegangen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p> + +<p>Jürgen entzündete eine tief angebrachte elektrische Birne, riß das +Telegramm auf und überflog es.</p> + +<p>»Entschuldigen Sie mich bitte bei meiner Schwester, und Baron +Berleburg, Fräulein Hergenbach. Ich muß sofort ins Kontor, um ein +eiliges Schreiben zu erledigen.«</p> + +<p>Schon war er hinaus und eilte die Treppe hinab. Ilse stand Minuten +regungslos da. Die grauen Augen starrten auf die Tür, die Jürgen +soeben rasch hinter sich geschlossen. Es war, als ob sie ein Traum +umfing. Die Augenlider sanken ein wenig herab. Sie strich dann mit +ihrer schmalen Hand langsam über die Stirn, als wolle sie dahinter +eine Flut von Gedanken ordnen.</p> + +<p>Dann ging sie zu Herta in den Salon und teilte ihr mit, daß Herr +Plüddekamp geschäftlich verhindert sei und erst in einiger Zeit +zurückkehren würde. Sie setzte noch hinzu:</p> + +<p>»Der Tee wird gleich bereit sein, Tante Herta.« Darauf verschwand sie +wieder.</p> + +<p>Baron Berleburg streckte sich ein wenig in dem bequemen Polstersessel +aus und wurde immer liebenswürdiger. Es schien ein Gedanke in ihm +aufgetaucht zu sein, der ihm noch ersprießlicher vorkam, als eine +Anbohrung neuen Kredites bei Jürgen Plüddekamp. Glückte es ihm, so war +er für immer<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> geborgen. Herta, diese stattliche, vornehme Erscheinung +dabei in den Kauf zu nehmen, hielt er für keine üble Aussicht. Ihre +erste Jugend mußte vorüber sein. Es schadete auch nichts, um so +verständiger würde sie als Frau auftreten und eine Baronin Berleburg +auf Schloß Berleburg tadellos darstellen. Teufel — es galt, nicht zu +zögern! Er ging ans Werk.</p> + +<p>Herta kam aus dem Erstaunen gar nicht heraus, als jetzt der einstige +Dragoneroffizier den Gefühlvollen zeigte und von ganz riesig tiefer +Leidenschaft sprach, die er schon jahrelang gehegt und nur verborgen +gehalten habe.</p> + +<p>»Wo bleibt nur Ilse?« dachte Herta. »Wolf kommt auch nicht wieder!« +Sie glaubte anfangs, die lange Rede des Barons wäre eine seiner +beliebten Tiraden, bis sie doch schließlich die direkte Absicht merkte +und eine törichte Erklärung verhindern wollte.</p> + +<p>Er wurde immer deutlicher, und sie stand plötzlich auf.</p> + +<p>»Das Teewasser kocht bereits, Herr Baron! Verzeihen Sie — ich will +nur Fräulein Hergenbach rufen! — Ilse — Ilse!« rief sie laut auf den +Korridor hinaus.</p> + +<p>Berleburg zog verdrießlich an seiner Krawatte. Er war so schön im Zuge +gewesen, und die ältliche Patriziertochter mußte sich doch höchst +geehrt fühlen,<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> wenn er ihre Hand und die große Mitgift begehrte. Sein +Konto im Hauptbuch Jürgen Plüddekamps würde dann ein sehr ansehnliches +Guthaben aufweisen. Die Hypotheken von Rittergut Berleburg +verminderten sich bis auf die Eintragungen der General-Landschaft. War +das nicht eine sehr aussichtsvolle Lage? Herta machte sich aber recht +lange am Teetisch zu schaffen und überließ den hageren Herrn seiner +weiteren Gedankenmalerei. — — —</p> + +<p>Im Kontor leuchtete das elektrische Licht auf. Jürgen setzte sich an +seinen Schreibtisch. Vor ihm lag das offene Telegramm; er schaute +darauf hin und begann bereits in Gedanken zu disponieren. Ärgerlich, +daß niemand zugegen war, dem er einen Brief diktieren konnte! Das +Selbstschreiben war ihm unbequem. Er hatte auch keinen Kopierapparat +zur Hand, da alle Briefe auf den Schreibmaschinen durchgeschlagen +wurden. Es betraf aber eine Sache von größter Wichtigkeit, und Eile +war geboten.</p> + +<p>Es klopfte leise an der Tür.</p> + +<p>»Herein!« rief er mit starker Stimme.</p> + +<p>Ilse Hergenbach trat ein und schlug die großen Augen bescheiden zu ihm +auf.</p> + +<p>»Sie brauchen eine Stenogrammaufnahme, Herr Plüddekamp, und haben +niemand zur Verfügung. Darf ich es ausführen? Ich stelle den Brief auf +der<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Schreibmaschine schnell her. Die letzte Post wird erst in einer +Stunde aus dem Briefkasten abgeholt.«</p> + +<p>Ihre Blicke trafen sich. Nur ein leises Zucken der harten Mundwinkel +verriet, daß in dem überlegenen Geschäftsmann etwas vorging. Er +zögerte noch.</p> + +<p>»Ich werde meinem Worte untreu, Fräulein Hergenbach —«</p> + +<p>»Warum nicht, Herr Plüddekamp! Es ist nur ein Ausnahmefall, und ich +tue es gewiß gern für Sie.«</p> + +<p>Wie die grauen Augen gefährlich aufleuchteten und nicht weichen +wollten! Ein bescheidenes Bitten und doch trotziges Verlangen lag in +ihnen. Warum widerstehst du so lange? Die anderen sind glücklich, wenn +ich ihnen einen Blick schenke. Du bist so hartnäckig, abwehrend — ich +will aber meine Kraft erproben, ich will wissen — jetzt zeigte sich +die volle gefährliche Glut in dem Blicke.</p> + +<p>Jürgen stand schweratmend von seinem Schreibsessel auf.</p> + +<p>»Nehmen Sie bitte Wolfs Platz ein, Fräulein Hergenbach. Ich bin +gewohnt, schnell zu diktieren. Werden Sie mir folgen können?«</p> + +<p>»Ich werde es —«</p> + +<p>Er ließ sich wieder nieder; schon saß sie ihm gegenüber und hatte +Papier und Bleistift zur Hand genommen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> + +<p>Jetzt konnte er ruhig aufsehen; während er sprach, mußte sie den Blick +auf den weißen Bogen vor sich heften.</p> + +<p>Bei den ersten Worten zitterte seine Stimme ein wenig, dann gewann sie +bald ihren festen Klang zurück. Das Diktat näherte sich bereits seinem +Ende, als die Tür hastig geöffnet wurde und Wolf erschien.</p> + +<p>»Hier finde ich Sie endlich, Fräulein Ilse!« rief er erregt aus. +»Meine Schwester läßt Sie im ganzen Hause suchen. Der Tee hat zu lange +gezogen —«</p> + +<p>Ilse sah nicht auf, sie erwiderte auch nichts. Sie wußte, daß Jürgen +antworten würde.</p> + +<p>»Entschuldige Fräulein Hergenbach bei Herta. Sie hat ein eiliges +Stenogramm von mir aufgenommen und muß es noch mit der Schreibmaschine +übertragen. Wir sind in kurzer Zeit fertig und kommen dann nach oben +—«</p> + +<p>»Ausgezeichnet — wirklich ausgezeichnet! Die Erlernung des Haushaltes +ist bis zum Kontor hinuntergedrungen. Sie sind in allem eine Meisterin +— Fräulein Ilse! — Und du — Jürgen?« Es flammte etwas Unheilvolles +in den blauen Augen auf, die sich fest auf den Bruder richteten.</p> + +<p>»Kein Zeitverlust, Wolf!« erwiderte Jürgen kalt. — »Das Diktat ist +noch nicht zu Ende — du störst uns — bitte —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p> + +<p>Wolf pfiff zwischen den Zähnen hindurch, schloß aber die Tür wieder +und stürmte, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben, die Treppe hinauf.</p> + +<p>»Ilse macht bei Jürgen — dem Hasser alles Weiblichen im Kontor — +das Tippfräulein! Was sagst du dazu, Herta?« rief er atemlos ins +Speisezimmer hinein, in dem diese noch am Teetisch beschäftigt war.</p> + +<p>Sie sah den jüngeren Bruder erstaunt an.</p> + +<p>»Warum solche Scherze, Wolf!«</p> + +<p>»Scherze? — — Teure Herta, vollkommener Ernst — eine unbestreitbare +Tatsache. Geh hinunter und überzeuge dich. Die Männertollheit wird +größer, immer größer, Herta — wundere dich über nichts mehr!«</p> + +<p>Diese legte die Hand auf den Mund und deutete auf das Nebenzimmer; er +sollte sich an die Gegenwart des Gastes erinnern. Sie trat dann dicht +an ihn heran und flüsterte:</p> + +<p>»Du bleibst bei mir, Wolf! Berleburg ist unausstehlich, er war nahe +daran, mir in aller Form einen Antrag zu machen!«</p> + +<p>Der junge Mann verzog das Gesicht zu einer tragikomischen Miene.</p> + +<p>»Um Gottes willen — wenn es so fortgeht, ist Haus Plüddekamp eine +offene Bühne für Irrungen<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> und Wirrungen. — Ilse kommandiert den +strengen Jürgen, und ich spiele den Anstands-Wauwau bei meinem +geliebten Mütterlein —«</p> + +<p>»Du bist ungezogen, Wolf; so alt bin ich noch nicht! Meine mütterliche +Sorgfalt aber hat dir manchen Dienst erwiesen.«</p> + +<p>»Nicht zürnen, Herta,« bat er lächelnd ab. »Kommen Sie, Herr von +Berleburg,« rief er darauf in den Salon hinein. — »Eine Tasse +Karawanentee von meiner lieben Schwester Hand ist tipp topp! Ich +schenke Ihnen dazu einen Meukow ein, den Sie nirgends so alt getrunken +haben. Mein Urahne hat ihn vermutlich 1812 aus der zurückgelassenen +Bagage des großen Napoleon erstanden.«</p> + +<p>Der hagere Herr schaute verständnislos um sich. Er war aus seinen +Gedankenverbindungen und der Nachwirkung des alten Bordeaux jäh +erwacht. Die Wirklichkeit trat wieder vor ihn her. Schwerfällig erhob +er sich und ging steif nach dem Speisezimmer.</p> + +<p>Als Jürgen und Ilse später an den Teetisch traten, sagte Fräulein +Plüddekamp zwar kein Wort, aber ihre Blicke gaben deutlich ein +Mißbehagen kund.</p> + +<p>»Verzeih, Tante Herta, daß ich den Tee im Stich ließ,« bat Ilse, »aber +dein Bruder mußte die Angelegenheit sofort brieflich erledigen. Ich +kenne<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> die Wichtigkeit der dringenden Telegramme von Papas Geschäft +her.«</p> + +<p>»Bekümmere dich in erster Linie um deine Obliegenheiten,« erwiderte +Herta kurz. Es ärgerte sie, daß Ilse bei Jürgen mehr durchsetzte, als +sie es je vermocht hatte. Die Kontorräume wurden nie von ihr betreten.</p> + +<p>Berleburg war kein Freund von Tee, wenn ihn auch der alte Meukow etwas +entschädigte. Er fühlte, daß sein Plan verunglückt war, und ließ den +Wagen anspannen, der bald mit ihm davonrollte.</p> + +<p>Als die Geschwister am späten Abend voneinander schieden, sagten sie +sich kühl gute Nacht. Eins hegte gegen das andere Mißtrauen; Ilse +stand dazwischen mit der siegreichen Macht, die von ihr auf die Brüder +ausging. —</p> + +<p>Wolf versuchte es auf alle erdenkliche Weise, sie in der nächsten Zeit +allein zu sprechen, sie wich ihm aber geflissentlich aus. Er bemerkte +deutlich, daß sie sich Jürgen durch kleine harmlose Dienstleistungen +fortgesetzt zu nähern versuchte. Dieser wollte Junggeselle bleiben, er +hatte es oft genug mit Bestimmtheit ausgesprochen und bereits seine +Geschwister in einem Testament als Erben eingesetzt. — Welche Absicht +verfolgte Ilse also? — —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p> + +<h2>VIII.</h2> +</div> + +<p>Wolf ging durch die großen Räume des alten Speichers und kontrollierte +die Arbeiter, ob sie das Umstechen des Getreides gut ausführten. +Auf die Roggensorten, die bis zur Zeit der Sommersaat lagerten, war +besondere Sorgfalt zu verwenden. Die Sackträger standen in einer Reihe +und so weit voneinander entfernt, daß sie die große Wurfschaufel +bequem handhaben konnten. Die Leute waren derartig eingearbeitet, daß +das Schaufeln des Getreides fast im Takte vor sich ging.</p> + +<p>Hell aufschimmernd flog der Roggen durch den Raum, sank schwer auf der +anderen Seite nieder und türmte sich hoch auf. Der Luftzutritt, den er +dadurch erhielt, gab ihm neue Frische.</p> + +<p>Als sich Wolf den Leuten näherte, tönte es aus dem Munde der einzelnen +Männer, kurz, wie es ihre Art war:</p> + +<p>»Guten Tag, Herr Wolf.«</p> + +<p>Keiner sagte Herr Plüddekamp. Es war nun einmal gang und gäbe unter +den Leuten, nur Jürgen<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> hieß ›Herr Plüddekamp‹. Die meisten hatten +Wolf noch als Knaben gekannt, unter ihnen groß geworden, blieb er +darum ›Herr Wolf‹.</p> + +<p>Dieser trat zu dem Roggenhaufen, griff mit der Hand tief hinein und +roch über die Probe hinweg. Er warf sie zurück und schritt zu dem +umgeschaufelten Roggen. Hier nahm er die gleiche Probe vor und nickte +dann befriedigt.</p> + +<p>»Der Roggen ist recht trocken. Er scheint sich gut zu halten,« wandte +er sich an einen der breitschultrigen Männer.</p> + +<p>»Das will ich meinen, Herr Wolf,« erwiderte der angeredete Mann. »Der +ist auch vom Oberamtmann Wichers aus Wershagen.«</p> + +<p>»Ja,« nickte Wolf, »ich weiß wohl. Wershagener Roggen ist immer der +beste!«</p> + +<p>Seine Gedanken glitten in diesem Augenblicke unwillkürlich nach dem +schön gelegenen Gute, auf dem er oft und gern geweilt. Das Bild von +Lieschen Wichers, dem hübschen, rotwangigen Mädchen, trat vor ihn hin. +Ob sie sich wohl wunderte, daß er so lange nicht dort gewesen? Warum +darüber nachdenken! Er hatte kein Interesse mehr daran. Mit seinem +Spazierstocke schrieb er den Namen Ilse in die glatten Seitenflächen +des Roggenhaufens ein. Kaum hatte er aber die Buchstaben gezogen, so +fiel<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> das Korn langsam nach und füllte den Raum aus. Rasch, wie der +Name geschrieben wurde, verschwand er auch wieder.</p> + +<p>»Soll es ein Zeichen für dich sein?« sagte Wolf zu sich. »Entstehen +und vergehen Leidenschaften so schnell? Warum müssen wir sie dann erst +fühlen? Es wird mir förmlich zur Pein, überall an Ilse zu denken. Die +stete Unruhe, das Verlangen nach ihr ist eine Folter.«</p> + +<p>Ein polternder Schritt wurde hörbar. Jochen Hindorf keuchte mit der +ganzen Schwere seines Körpers die Treppe hinauf. Der mächtige Kopf mit +dem struppigen Bart schaute jetzt aus der Luke hervor, die den oberen +Treppenraum abschloß, und gleich darauf kam die dicke Flauschjacke zum +Vorschein.</p> + +<p>»Willst du was von mir, Jochen?« rief ihm Wolf zu.</p> + +<p>»Jäh — woll!« tönte es zurück, und der Alte machte mit der Hand eine +Bewegung, daß er seinen jungen Herrn gern allein sprechen möchte.</p> + +<p>»Was ist denn los, alter Knabe?« fragte Wolf, auf ihn zugehend.</p> + +<p>Der Alte versuchte seinen tiefen Baß möglichst zu dämpfen.</p> + +<p>»Smiders ist in der Weinstube. Er sitzt — fest. Als ich vorbeikam, +rief mich die Mamsell heran —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p> + +<p>»Na, ich will nur gleich hingehen,« erwiderte Wolf. »Nette Aussichten +für den Abend. Es hilft aber einmal nichts.«</p> + +<p>»Die Mamsell muß drei Mark kriegen, Herr Wolf. Ich hab ihr's +versprochen.«</p> + +<p>»Wie heißt sie denn?« fragte Wolf lächelnd.</p> + +<p>»Das weiß ich nicht, Herr Wolf.«</p> + +<p>»Ja, den Teufel auch, Jochen! Woher soll ich es denn wissen?«</p> + +<p>»I, das macht sich von selbst, wenn Sie man erst dort sind.«</p> + +<p>Wolf stieß einen leisen Seufzer aus. Ein unangenehmer Gang lag vor +ihm. Er hatte es aber Jürgen versprochen und noch mehr — das Geschäft +verlangte es.</p> + +<p>»Du hast deine Sache brav gemacht, Jochen! Hoffentlich treffe ich +Smiders in der richtigen Stimmung an.« Mit den Worten ging er zur +Treppe.</p> + +<p>Jochen Hindorf sah ihm zufrieden nach.</p> + +<p>»Heut steht er seinen Mann, das weiß ich!« murmelte er vor sich hin.</p> + +<p>Kurz darauf verließ Wolf durch den großen Torweg das Haus. Er sah sich +noch einmal um, und sein Blick streifte die Fensterreihen. Wenn Ilse +jetzt wüßte, wohin er ging! Würde sie darüber in Erregung geraten? +Gleichgültig konnte es ihr<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> doch nicht sein. Er hatte bisher noch +keinen tieferen Einblick in ihren Charakter tun können, und doch besaß +sie sicher ein starkes inneres Leben. —</p> + +<p>Er eilte rasch durch die Große Wollweberstraße, durchquerte die +Breitenstraße und kam an die ›Grüne Schanze‹. Die kleine Weinstube lag +vor ihm. Sein Fuß zögerte, ehe er die Schwelle zu dieser überschritt. +Er hatte die Tür noch nicht geöffnet, als ein junges Mädchen aus dem +daneben befindlichen Hausflur hervortrat und ihn anredete:</p> + +<p>»Ich habe Sie schon erwartet, Herr Plüddekamp. Ich bin die ›blonde +Rieke‹. Der alte Hindorf wird es Ihnen wohl gesagt haben.«</p> + +<p>»Ach so,« meinte Wolf, griff in die Tasche und zog ein Dreimarkstück +hervor.</p> + +<p>»Stimmt,« lachte sie auf. »Ich bringe Sie direkt in die Hinterstube, +wo Herr Smiders sitzt. Er hält es mit der ›schwarzen Karli‹. Ich bin +erst seit acht Tagen hier und — noch frei.«</p> + +<p>In ihren Zügen zeigte sich ein entgegenkommendes Lächeln, das Wolf nur +zu gut kannte. Ein offenes Angebot, das die Annahme erwartete.</p> + +<p>»Ich werde mich Ihnen weiter erkenntlich zeigen, Fräulein Rieke,« +erwiderte er darauf, »wenn Sie im geeigneten Zeitpunkte Ihre Kollegin +Karli<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> mit fortnehmen, damit ich Smiders allein sprechen kann.«</p> + +<p>Die blonde Rieke ging jetzt voran und führte Wolf über den dunklen +Hof. Dort gab es einen versteckt liegenden Eingang in die sogenannte +Kavalierstube.</p> + +<p>Als sich die Tür öffnete, sah Wolf über das Mädchen hinweg in den +nur wenig erhellten Raum, aus dem der Dunst geleerter Weinflaschen +hervordrang. Eine alte verräucherte rotgoldene Tapete bedeckte die +Wände. Von der Decke herab hing eine einst vergoldete Gaskrone, die +wohl auf einer Auktion erstanden wurde. In dem ganzen Raum befand sich +nur ein länglicher Tisch vor einem zerschlissenen Polstersofa, dann +einige hochlehnige Stühle, die mit starkem Leder überzogen waren.</p> + +<p>Auf dem Sofa saß Alfred Smiders, der elegante junge Reeder, und hielt +den Arm um ein derbes Mädchen geschlungen. Das tiefschwarze Haar und +die stechend schwarzen Augen hatten ihr den Namen ›die schwarze Karli‹ +eingetragen. Vor ihnen auf dem Tisch stand ein altmodischer Weinkühler +mit einer Flasche Sekt.</p> + +<p>»Du wirst den Hamburger ausfragen, Karli, sobald er da ist,« ertönte +die scharfe Stimme von Smiders. »Sei entgegenkommend und geschickt, er +darf nichts merken. Du bringst ihm dann bei —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p> + +<p>Jetzt fiel sein Blick auf den eintretenden Wolf.</p> + +<p>»Zum Teufel, Wolf! Wo kommst du her?« rief er lachend. »Ah, ich sehe +schon, die blonde Rieke hat dich am Wickel! Ist auch erst seit acht +Tagen hier. Frisch aus Danzig importiert. Hast keinen schlechten +Geschmack.«</p> + +<p>Der junge Plüddekamp trat näher an den Tisch und reichte Alfred +Smiders mit anscheinender Vertraulichkeit die Hand. Es war ihm ganz +erwünscht, daß die blonde Rieke als Grund seines Kommens galt. So +konnte Smiders keinen Argwohn hegen.</p> + +<p>»Setz dich, Wölfchen,« sagte er dann, »wir haben lange keinen Sekt +zusammen getrunken. Die erste Flasche ist schon angefahren, du gibst +die nächste!«</p> + +<p>Er schenkte zwei neue Spitzgläser ein, die er Wolf und der blonden +Weinkellnerin zuschob.</p> + +<p>»Prost, mein Junge, es lebe das Leben! Nämlich, wie wir es haben +wollen.« Er stieß mit ihm an. »Keine Duckmäuserei!« Dabei gab er der +schwarzen Karli einen starken Schlag auf die Schultern. »Sieh mal, +das ist ein prächtiges Mädchen, Wolf! Mit der kann man reden, wie man +will, und braucht nicht erst jedes Wort auf die Goldwage zu legen. Du +weißt, das war mir immer eklig.«</p> + +<p>Wolf hatte seinen Stuhl neben Smiders gezogen, und die blonde Rieke +setzte sich dicht neben ihn. Sie<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> betrachtete ein paarmal den jungen +Mann. Kein Wunder, daß er ihr gefiel. Wolf Plüddekamp bestach jedes +Mädchen, dem er freundlich begegnete. Die blonde Rieke war noch kein +Jahr von den Eltern fort und wußte vielleicht selbst nicht, wie sie +dazu kam, Weinkellnerin in einer Animierstube zu sein. Nun hatte sie +sich hineingefunden und wollte alle Minen springen lassen, um den +jungen, reichen Mann in ihrer Weise zu erobern.</p> + +<p>Wolf nahm sich vor, wenig zu trinken und scharf aufzupassen. Alles +ging nach Wunsch. Es wurde eine Flasche Sekt nach der anderen geleert +und Smiders immer redseliger. Plötzlich sprang die blonde Rieke auf +und flüsterte der schwarzen Karli etwas zu. Dann wollten sie beide +hinausgehen.</p> + +<p>»Du, Karli!« rief Alfred Smiders, »bleib nicht lange fort. Hast wohl +einen alten Freund im Vorderzimmer sitzen? Der wird abgeschüttelt!«</p> + +<p>Die beiden jungen Männer befanden sich allein. Wolf begann vorsichtig +einige Fragen zu stellen und kam dabei auf die Reederei von Smiders zu +sprechen, als dieser schon einwarf:</p> + +<p>»Wolf, ich habe ein feines Geschäft vor! Machst du mit?«</p> + +<p>»Warum nicht, Alfred! Wenn es etwas einbringt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p> + +<p>»Läßt sich hören! Du redest heute anders wie früher. Brauchst wohl +auch ab und zu einen braunen Lappen extra? Die blonde Rieke wird +dir nicht teuer werden, ist noch nicht ausgetragen. Teufel, wenn +ich die schwarze Karli nicht hätte! — Ich sage dir, Wolf, sie ist +ein Staatsweib! Keine zweite gibt es so in Stettin. Ich habe lange +gesucht, bis ich das richtige für mich fand. Man muß aber wie das +Wetter dahinter sein. Alle laufen ihr nach, mir darf keiner in den +Kram kommen, dafür bin ich Alfred Smiders.«</p> + +<p>Der viele Alkohol begann bei dem Reeder zu wirken. Wolf ließ den +Redeschwall ruhig über sich ergehen und wartete auf den richtigen +Zeitpunkt zum Eingreifen.</p> + +<p>»Also wie war es mit dem Geschäft?« brachte er ihn wieder aufs Thema +zurück.</p> + +<p>»Verdammt einfach, Wölfchen! Du schreibst mir einen Brief, daß ihr +regelmäßig größere Ladungen ins Ausland vorhabt. Kannst ja vollgültig +Jürgen Plüddekamp unterzeichnen. Ich kriege dann einen neuen Dampfer +gebaut. Die Gesellschaft zögert noch, sie denkt, ich habe die Guinees +nicht in Haufen liegen, wie ihr das Korn. Sobald Jürgen Plüddekamp +aber mitmacht, sticht's Martens und den anderen Bonzen gleich in die +Nase. Topp, mein Junge! Trinken wir darauf —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p> + +<p>»Wie stellst du mich, Alfred?« fragte Wolf, darauf scheinbar eingehend.</p> + +<p>»Na, zehn Mille fallen sicher für dich ab. — Ich habe einen reichen +Hamburger geangelt, der will bei mir mitmachen. Meine alten Kasten +aber genieren ihn noch. Die müssen weg, alle weg! Dann kann ich erst +antreten und bin der erste Reeder Stettins.«</p> + +<p>Er hatte sich in solche Erregung hineingeredet, daß Wolf gespannt +aufhorchte.</p> + +<p>»Wir wollen sehen, ob es sich machen läßt, Alfred,« erwiderte er. +»Hast du noch den ›Friedrich Barbarossa‹ im Dock liegen?«</p> + +<p>»Jotte ja! Der alte Kasten wird nur aufgemöbelt. — Wo bleibt aber +Karli? Ob sie sich bei meinem Hamburger vor Anker gelegt hat? Er ist +ganz verschossen in sie! Das kann mir nur nützen.«</p> + +<p>Smiders erhob sich etwas schwer und ging auf die Verbindungstür zu, +welche den allgemeinen Gastraum von der Kavalierstube trennte. Er +schlug die vor dem Glasfenster angebrachte Gardine zurück und sah +hindurch.</p> + +<p>»Nee,« sagte er vor sich hin. »Einfach verduftet! Die Sache stimmt +nicht!« Als er sich jedoch umdrehte, traten die beiden Mädchen von der +Hofseite in die Stube ein. »Donnerwetter, da seid ihr ja endlich! Hat +das lange mit euch gedauert! Wolf, du gibst noch<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> 'ne Flasche! Ich +habe einen Durst, sage ich dir, vollkommen göttlich.«</p> + +<p>Wolf wurde der Aufenthalt in der kleinen, von Dunst und Rauch +erfüllten Stube im hohen Maße lästig. Die fortgesetzten +Annäherungsversuche des blonden Mädchens, die er aus Klugheit nicht +zurückweisen durfte, behagten ihm ebenfalls nicht. »Ilse!« rief es in +ihm, »Ilse! Was müßte sie von mir denken, wenn sie ahnte, wie ich hier +—«</p> + +<p>Die blonde Rieke schmiegte sich an ihn, und er flüsterte dem drallen +Mädchen zu: »Trinken Sie Smiders tüchtig zu, damit ich verschont +bleibe.«</p> + +<p>»Für Sie alles, Herr Plüddekamp,« klang es leise zurück. Sie zupfte +ihn leicht am Rockärmel, daß er den Kopf zu ihr niederbeugen sollte. +»Darf ich Wolf sagen? Was habe ich nur für ein großes Glück, daß ich +Sie kennen lernte. Wie Sie mir gut gefallen! Ich Ihnen auch? Ich +möcht's gern hören.«</p> + +<p>»Na, Kinder, ihr seid ja ganz einig,« sagte Smiders mit +schwerwerdender Zunge. Der viele genossene Sekt begann bei ihm zu +wirken. »By Jim! Es freut mich, daß wir wieder mal zusammen sind, +Wölfchen! Geschäft und Liebe, das macht einem Freude im Leben! Davon +kann man nie genug haben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p> + +<p>Wolf hielt jetzt den geeigneten Augenblick für gekommen. Er neigte +sich zu Smiders hinüber und fragte halblaut:</p> + +<p>»Mit dem ›Friedrich Barbarossa‹ machst du doch ein gutes Geschäft?«</p> + +<p>»Na und ob!« erwiderte Smiders. »Bringt jede Woche zehntausend Emmchen +Entschädigung, wenn er nicht fertig wird, und dafür ist gesorgt. Mein +Kapitän ist ein verteufelter Kerl! Dreht alles, wie ich will. Eher +fährt er nicht ab, als bis jeder vereinbarte Nagel eingeklopft ist.« —</p> + +<p>Wolf wußte nun genug. Der Export nach Spanien war nach der langen +Unterbrechung im höchsten Grade gefährdet. Der Dampfer ›Friedrich +Barbarossa‹ fuhr nicht zur rechten Zeit ab, seine Indienststellung +wurde hingehalten.</p> + +<p>»Ich muß jetzt gehen, Alfred,« sagte er nach einer Weile, als dessen +Augen einen glasigen Ausdruck zu zeigen begannen und die schwarze +Karli schon die vollen Gläser in die Weinkühler entleerte, um neu +einschenken zu können.</p> + +<p>»Bist doch morgen pünktlich da, Wolf? Halt ihn nur fest am Bündel, +Riekchen.« Die Worte kamen schwer über Smiders' Lippen.</p> + +<p>Wolf war aufgestanden und legte ein paar Goldstücke für seinen Anteil +an dem Sekt auf den Tisch.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p> + +<p>»Adieu!«</p> + +<p>Er mußte Smiders und der schwarzen Karli noch die Hand geben. Dann war +er glücklich dem üblen Dunst entronnen und trat auf den Hof hinaus. +Die blonde Rieke kam ihm sofort nach.</p> + +<p>»Seien Sie doch ein wenig gut zu mir!« bat sie, sich an ihn drängend. +»Ich mag die anderen nicht und will für Sie tun, was Sie wollen.«</p> + +<p>»Ich muß Smiders noch ein paarmal hier sprechen,« erwiderte er +halblaut. »Geben Sie dem alten Hindorf Nachricht, wenn ein günstiger +Augenblick dafür da ist. Ich komme dann sofort. Vor allen Dingen +müssen Sie reinen Mund halten, es soll ihr Schade nicht sein.«</p> + +<p>Er eilte durch den Hausflur nach dem Bürgersteig der ›Grünen Schanze‹. +Wie angenehm die kühle Luft seine Stirn umwehte! Er winkte der +nächsten herankommenden Droschke und rief dem Kutscher zu: »Haus +Plüddekamp!« Es trieb ihn, so rasch wie möglich dorthin zu gelangen. +Er wollte Jürgen berichten und die verflossenen Stunden in der reinen +Luft seines väterlichen Hauses vergessen.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> + +<h2>IX.</h2> +</div> + +<p>Nach einem heftigen Sturm trat starke Kälte ein. Die Oder und das +Haff froren fest zu, und die größten Eisbrecher hatten Mühe, eine +Fahrtrinne herzustellen. Konsul Martens war Aufsichtsrat bei einer +Schiffswerft. Er lud die Geschwister und Fräulein Hergenbach ein, eine +Fahrt über das Haff nach Swinemünde auf dem Eisbrecher mitzumachen. +Ein tiefgehender Amerikadampfer sollte danach auslaufen.</p> + +<p>»Er will nur, daß Ilse bei der Partie ist,« sagte sich Wolf sofort. Es +war ihm deshalb nicht viel daran gelegen. »Ich habe keine besondere +Lust, man holt sich höchstens einen Katarrh bei dem kalten Wind,« +erwiderte er Jürgen, als dieser ihm die telephonische Einladung +mitteilte.</p> + +<p>Herta mußte eine Sitzung im Frauenverein aufgeben und zögerte +deshalb mit der Antwort. Ilse bat, ihr die Fahrt durch die prächtige +Winterlandschaft zu gestatten. Nun war Wolf sofort dabei, und Herta +ließ sich ebenfalls bestimmen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p> + +<p>»Ich werde dich mit einem Pelzmantel versorgen, Ilse,« sagte sie. »Die +Luft auf dem freien Haff ist eisig und du bist sie nicht gewohnt.«</p> + +<p>»Sonst hätte ich Ihnen meinen Stadtpelz angeboten, Fräulein Ilse, der +ist leicht und mollig,« scherzte Wolf.</p> + +<p>»Das sieht dir wieder einmal ähnlich, Wölfchen,« rief Herta darauf. +»Du willst Ilse nur in Verlegenheit bringen!«</p> + +<p>»I wo,« erwiderte dieser, »was du immer von mir denkst. Ich bin wie +ein Lamm —«</p> + +<p>»— im Wolfskleide,« ergänzte Ilse plötzlich.</p> + +<p>Herta sah sie erstaunt an. In dem jungen Mädchen ging eine Entwicklung +vor sich. — —</p> + +<p>Zur festgesetzten Stunde fanden sie sich beim Dampfer ›Odin‹ ein. +Konsul Martens kam in seinem Dogcart an, er hatte sich etwas verspätet.</p> + +<p>»Ein prächtiger Wintertag! Wir haben auf der Oder Schutz. Dann wird +uns freilich der Wind aus Nord-Nord-Ost stark entgegenpfeifen,« rief +er, nähertretend. »Es gibt rote Wangen, Fräulein Hergenbach,« wandte +er sich an diese. »Hat Ihnen meine Idee gefallen?«</p> + +<p>»Er hat sich richtig den langen Eisrutsch ihretwegen ausgeklügelt,« +murmelte Wolf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> + +<p>»Ich freue mich sehr, die Winterlandschaft des Haffs kennen zu lernen. +Der Frost ist ja ein großer Meister in der Kunst,« erwiderte Ilse.</p> + +<p>»Gewiß! — Sie werden heute einen malerischen Anblick haben, Fräulein +Hergenbach.«</p> + +<p>»Und ich bin Ihnen dankbar dafür, Herr Konsul.«</p> + +<p>Dieser betrat schon mit Herta die ausgelegte Schiffsbrücke. Jürgen +ergriff Ilses Hand, um sie bei der Glätte der Planken zu führen. +Sie sah mit einem raschen Blick zu ihm auf. Was für eine kraftvolle +Erscheinung dieser Mann doch besaß! Ein echt germanischer Recke der +Vorzeit, wie sie ihn liebte. —</p> + +<p>Nun kamen sie an Deck. Auf der Kommandobrücke standen unter dem Schutz +des Windfanges einige Sitze. Von dort war die beste Umschau.</p> + +<p>Der Kapitän des ›Odin‹, ein älterer, wetterfester Mann, begrüßte die +Gäste und sprach dann mit Konsul Martens.</p> + +<p>»Wir werden mehr als die doppelte Fahrtzeit brauchen, Herr Konsul! Das +Eis hat sich sehr verdickt und wir müssen stark dagegen anlaufen.«</p> + +<p>Ilse hörte diese Worte. Es wurde also nacht, bevor sie Swinemünde +erreichten. Etwas Ungewisses, Nervenerregendes lag vor ihr. Das gefiel +ihr. Nur nicht immer das Alltägliche. Sie nahm sich so sehr zusammen, +um Herta zu genügen. Zuweilen<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> aber kam stürmisch das Verlangen, etwas +zu erleben. Jetzt kannte sie ihren Wert, weil die Männer um ihre +Gunst warben. Sie brauchte eigentlich nur die Hand auszustrecken. +Nur war sie sich nicht klar, ob es Liebelei, ein Erhaschen von +leidenschaftlichen Augenblicken oder rechtschaffene Bewerbung +bedeutete.</p> + +<p>»Du wirst mit deinen Blicken noch einmal Unheil anrichten,« warnte +ihre Mutter schon, als sie noch jünger war.</p> + +<p>Warum nur? Es sagte ihr's keiner! Woher sollte sie es also wissen?</p> + +<p>Im Plüddekampschen Hause, in dem sie nun nach der Pensionszeit eine +gewisse Stellung einnahm, begann sie viel selbstbewußter zu werden. +Wolf Plüddekamp lag in ihrer Macht, sie fühlte es unwillkürlich. — Er +war ein schöner junger Mann, liebenswürdig, feurig, aber er hing zu +sehr an ihren Augen. Sie vermißte den Kampf, nach dem sie sich im Sinn +der Gleichberechtigung der Geschlechter sehnte.</p> + +<p>Kein Sichgehenlassen, — ein wildes Aufwallen, — ein gewaltsames +Ringen und dann — ein rascher Sieg. Konsul Martens war ein älterer, +vornehmer Mann — gewiß eine glänzende Partie — doch fehlte ihm +alles, wonach sie unbewußt verlangte. Er besaß nicht die Kraftfülle, +der sie unterliegen mußte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p> + +<p>Aber Jürgen — dieser ernste Gewaltmensch, — mit den Fäusten wie ein +Sackträger, dem unbeugsamen Willen, — der keine Frau an seiner Seite +haben wollte, — das Weib nur als ein notwendiges Übel betrachtete, +ihn zu erringen, war eine Aufgabe.</p> + +<p>Sie hätte laut aufjauchzen mögen, als sich der Dampfer jetzt in +Bewegung setzte, die Pleuelstangen im Maschinenraum dumpf anhoben, +die Schraube schlug, die Dampfpfeife weithin heulte und das Eis +am Bugspriet krachend brach. Die Schollen glitten knirschend und +schlürfend an den Stahlplatten der Schiffswände entlang. Das Wasser +rauschte über die Besiegten hinweg.</p> + +<p>Der Hafen mit den vielen eingefrorenen Dreimastern, Schonern, Briggs +und Fischerschaluppen lag hinter ihnen, sie kamen auf das breite +Stromeis hinaus. Es ging vorüber an den verschiedenen Schiffswerften, +am Vulkan, auf dessen Hellingen mächtige Dampfer der Vollendung +harrten, den gewaltigen Hochöfen der Henckel-Donnersmarkwerke, +den Brikett- und Sandsteinfabriken, den chemischen Werken, kurz +der gesamten Großindustrie an der Odermündung. Noch sah man den +tiefverschneiten Höhenrücken, der sich am linken Oderufer bis in +die weite Ferne hinzog. Hie und da schaute ein Dorf mit seinem +Kirchturm in der klaren Winterluft fast greifbar<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> herüber. Das Bellen +eines Hundes, laute menschliche Stimmen drangen zuweilen durch das +stampfende Geräusch des Schiffes, das Bersten des Eises.</p> + +<p>Die Wiesen zur Rechten waren eine große weißsamtne Fläche, die weiten +Kiefernwaldungen dahinter von Schneemassen überlastet. Tief bogen sich +die Äste herab und drohten abzubrechen. Die Kronen einzelner Tannen +hingen schwer zur Seite.</p> + +<p>Ilse stand neben dem Kapitän, während sich die anderen unter dem +Schutz des Windfanges niedergelassen hatten und die Füße auf +wollumwickelte Wärmflaschen setzten. Jürgen und Wolf staken in langen +Bärenpelzen, die sie sonst für weite Schlittenfahrten brauchten. +Konsul Martens hatte eine große Pelzdecke mitgenommen. Gut versorgt +waren alle. — Nur Ilse trug weiter nichts als den von Herta +erhaltenen Pelzmantel und Tuchstiefeletten.</p> + +<p>Bis hierher war das Eis noch mürbe gewesen, die starke Schiffsmaschine +brachte den Dampfer schnell vorwärts. Nun wurden die Ufer an beiden +Seiten eintöniger. Zur Linken tauchte in der Ferne die kleine +Stadt Pölitz auf, deren Schornsteine bläuliche Rauchwolken hoch +emporsandten. Hier begann das breitere Papenwasser.</p> + +<p>»Auf dem ›Friedrich Barbarossa‹ war heute alles still, Martens,« +wandte sich Jürgen an den Freund.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p> + +<p>»Es ist für die meisten Arbeiten zu kalt, Jürgen. Die tragbaren +kleinen Kohlenöfen reichen in den größeren inneren Räumen nicht aus.«</p> + +<p>»Smiders ist auf keiner guten Bahn —«</p> + +<p>»Na,« meinte Martens, »seine Lage wird anders, wenn er den reichen +Hamburger in die Firma hineinbekommt, den er neuerdings an der Hand +hat.«</p> + +<p>»Wolf sagte mir schon davon. Er faßte Smiders in der ›Grünen Schanze‹ +ab und horchte ihn aus.« Jürgen neigte sich zu dem Freund und +flüsterte ihm etwas zu.</p> + +<p>»Ah,« machte dieser, »und Smiders hat nichts gemerkt?«</p> + +<p>»Nicht die Bohne! Wir lassen alle Minen springen. Du mußt mithelfen, +daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur rechten Zeit fertig wird.«</p> + +<p>»Wir haben Sichtwechsel — damit sitze ich ihm auf dem Nacken, wenn er +falsches Spiel treibt.«</p> + +<p>Sie verloren sich noch eine Zeitlang in dem Gespräch.</p> + +<p>Wolf war mehrmals an Ilse herangetreten, die immer noch schweigsam mit +großen glänzenden Augen in die Ferne schaute.</p> + +<p>»Sie müssen sich erkälten, Fräulein Ilse,« bat er wiederholt, »setzen +Sie sich doch zu uns unter den Schutz des Windfanges und machen Sie +von den Fußwärmern Gebrauch.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span></p> + +<p>»Ich friere nicht, Herr Wolf!«</p> + +<p>Sie wollte nicht. Herta rief ihr zu: »Es ist deine Schuld nachher, +Ilse, wenn du nicht hörst!«</p> + +<p>»Ich sehe nur einmal diese Winterpracht, Tante Herta, sie ist zu +schön!« war ihre Antwort.</p> + +<p>Der Steward brachte jetzt heiße Bouillon und belegte Brötchen herauf. +Er reichte das Tablett herum und trat auch zu Ilse heran. Nun mußte +sie schon Platz nehmen, damit sie bequemer zugreifen konnte.</p> + +<p>»Endlich gesellen Sie sich zu uns, Fräulein Hergenbach,« sagte +Martens. »Sie waren ziemlich lange in eine stumme Bewunderung +versunken.«</p> + +<p>»Welcher Künstler vermöchte den Eindruck wiederzugeben, wie ich ihn +in dieser Stunde gewonnen habe! Das Eisige, Starre der winterlichen +Landschaft ist überwältigend schön, und da hinein dringt die +Kraftfülle, mit der unser Dampfer spielend den Widerstand zerbricht,« +antwortete sie nachdenklich.</p> + +<p>»Sie haben etwas von der Schwermut der Norwegerin, Fräulein +Hergenbach,« bemerkte Konsul Martens auf ihre Worte hin.</p> + +<p>»Fräulein Ilse — Schwermut! Sie sind auf dem Holzwege, lieber +Konsul!« lachte Wolf. »Ich behaupte das Gegenteil.«</p> + +<p>»Jürgen mag zwischen uns entscheiden,« meinte Martens.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p> + +<p>Ilse hatte durch die kalte Luft leicht gerötete Wangen, die den sonst +blassen Gesichtszügen eine anmutige Frische verliehen. Sie richtete +jetzt ihre Augen erwartungsvoll auf Jürgen, was er sagen würde. Er sah +sie einen flüchtigen Augenblick hindurch freundlicher als sonst an.</p> + +<p>»Ich kann mir nicht denken, daß es Fräulein Hergenbach angenehm ist, +von euch beiden umstritten und von mir begutachtet zu werden. Sie +kennt jedenfalls ihren Charakter am besten selbst und bedarf keines +salomonischen Urteils.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Herr Plüddekamp,« fiel Ilse ein. »Anstatt mich +geistig zu zerlegen, sprechen Sie mir das eigene Recht dafür zu.«</p> + +<p>»Wir Frauen bedürfen es dringend,« begann Herta, »um den Launen der +Männerwelt gegenüber gewachsen zu sein.«</p> + +<p>»Um Gotteswillen, Schwester! Jetzt kommt dein Steckenpferdchen!« rief +Wolf mit gutgespieltem Entsetzen aus. »Ich blase schleunigst Frieden.«</p> + +<p>»Wie immer, Wölfchen,« scherzte Herta. »Du bist keine Kampfesnatur.«</p> + +<p>»Nein!« Es klang ganz leise, kaum verständlich. Ilse mußte es vor sich +hingesprochen haben.</p> + +<p>Die Sonne war inzwischen emporgestiegen, und ihre Strahlen erwärmten +etwas die Luft. Die Kälte<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> ließ bis auf wenige Grade nach. Eine +Strecke vor ihnen lag auf dem Eise ein Schwarm Graugänse. Als der +Dampfer näher kam, flogen sie mit lautem Geschnatter auf. Sofort +sprang Jürgen in die Höhe, legte die Hand über die Augen, um diese +gegen das Sonnenlicht zu schützen, und schaute ihnen nach.</p> + +<p>»Hätte ich nur meine Büchse mitgenommen, Charles!« rief er Martens zu.</p> + +<p>»Auf hundertfünfzig Meter, Jürgen?«</p> + +<p>»Ich habe wilde Schwäne noch in größerer Entfernung auf dem Eis +getroffen, wenn der schlanke Hals und Kopf unter den Flügeln stak.«</p> + +<p>Ilse schaute begeistert zu ihm auf und rief:</p> + +<p>»Solch einen Schuß möchte ich sehen, Herr Plüddekamp. — Einen +Wildschwan zu schießen —«</p> + +<p>»Ich tue es nicht,« unterbrach sie Wolf. »Der Wildschwan ist ein +herrlicher Vogel. Sein schneeweißes Gefieder, der wundervolle Hals, +den er beim Fluge geradehin streckt, der weit hörbare hellklingende +Ton, den er ausstößt! Warum ihn töten —?«</p> + +<p>»Eine interessante Jagdtrophäe — lieber Wolf,« warf Martens ein. »Sie +sind kein rechter Jäger, wie Ihr Bruder.«</p> + +<p>»Das kommt darauf an,« erwiderte dieser. »Ich halte auf ein Raubtier, +Reh, Karnickel oder Rebhuhn hin, — schädliche und schmackhafte +Geschöpfe, — aber<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> auf einen Schwan, — das schöne Geschöpf der +sagenhaften Nordlandswelt — nein! Mir fällt dabei immer das Märchen +von den drei Schwanenjungfrauen ein, das mir Herta in der Kinderzeit +erzählte.«</p> + +<p>»Auch für mich hat der Wildschwan etwas Sympathisches,« sagte diese. +»Zu genießen ist er nicht, — nur die Schwanendaunen geben ein weiches +Schlummerkissen ab.«</p> + +<p>»Es herrscht ein alter Aberglaube,« begann Wolf und sah, wie Ilse +aufhorchte, »daß ein toter Wildschwan Unglück ins Haus bringt. Jochen +Hindorf sprach davon, daß unsere schöne Mutter kurz darauf gestorben +sei, als mein Vater einen Schwan schoß und ihn heimsandte!«</p> + +<p>»Unsinn!« brummte Jürgen. »Der alte Jochen will nur mit solchen +Flausen bewirken, daß dir grault. Ich selbst war damals mit dem Vater +auf der Jagd, dort vor uns über Stepenitz hinaus, am rechten Haffufer. +Wir schlichen durch hohes Rohr, damit uns die Schwäne nicht bemerken +konnten. Es gibt sonst keinen scheueren Vogel. Er läßt selten an sich +herankommen. Damals glückte es. Als wir am Rande des Rohres anlangten, +lagen die Schwäne in Büchsenschußweite vor uns auf dem blanken Eis. +Mein Vater stand vorn, er hob rasch das Gewehr, der Schuß krachte und +saß. Sechs Schwäne flogen mit schrillen Tönen auf, — der siebente +blieb tot liegen.<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> Ich selbst holte ihn heran und brachte ihn zum +Schlitten. Deine Mutter aber, Wolf, war zu der Zeit schon ein Jahr +vorher gestorben.«</p> + +<p>»Sie werden bald einen Wildschwan schießen, Herr Plüddekamp,« +unterbrach Ilse plötzlich die entstandene Stille. Ihre tiefe Altstimme +klang dabei fast feierlich.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung über meine Treffsicherheit, +Fräulein Hergenbach. Aber so bestimmt ist es wirklich nicht. Vielen +Jägern hier im Umkreis ist es während ihres ganzen Lebens nicht +gelungen.«</p> + +<p>»Vielleicht gerade deshalb, — sogar noch in diesem Winter, — ich +möchte einmal das schöne weiße Gefieder streicheln.«</p> + +<p>»Ilse!« Herta hatte es ausgerufen. »Was hast du für seltsame Wünsche!«</p> + +<p>Das junge Mädchen schrak zusammen, stand dann auf, streifte Jürgen mit +einem hellen Aufleuchten ihrer Augen und trat zum Kapitän. Sie schaute +wieder auf die starre Fläche des Haffes, die sich jetzt weithin +öffnete.</p> + +<p>Das Eis wurde stärker, der Dampfer arbeitete keuchend dagegen an. +Er hob sich vorn hoch empor, traf die hellglitzernde Masse und +brach krachend hindurch. Ein paarmal mußte er auch zurückgehen +und mit voller Wucht wieder anrennen, bis er eine starke Eiswand +durchschnitten hatte. Sie kamen jetzt nur langsam vorwärts. —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p> + +<h2>X.</h2> +</div> + + +<p>In der Kajüte wurde eine wohlvorbereitete Mahlzeit aufgetragen. +Konsul Martens war ein Feinschmecker, es gab die ersten Delikatessen +der Jahreszeit und edle, feurige Weine. Er brachte nach dem zweiten +Gericht einen Trinkspruch auf die Geschwister Plüddekamp aus, der +in der seltenen, sie verbindenden Liebe und Treue gipfelte. Als er +das Glas zuerst gegen Herta erhob, zeigten ihre blauen Augen einen +wärmeren Ausdruck. Jürgen schüttelte ihm derb die Hand und sagte:</p> + +<p>»Meine Erwiderung, Charles, nimm als geschehen an — ich bin kein +Redner.«</p> + +<p>»Ich trinke auf Ihr Wohl, Fräulein Ilse,« flüsterte Wolf.</p> + +<p>Er saß an ihrer Seite und hob das Glas. Sie nickte nur leicht zum +Dank, und die grauen leuchtenden Augen irrten über ihn hinweg, um +einen flüchtigen Augenblick voll auf den markigen Zügen Jürgens haften +zu bleiben. Dieser zuckte mit der Hand,<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> als wolle er nach seinem Glas +greifen. Martens kam ihm aber zuvor und stieß mit Ilse an.</p> + +<p>Der Aufenthalt in dem stark geheizten Raum und die reichliche Mahlzeit +brachten eine gewisse Müdigkeit hervor. Herta setzte sich in eine +Diwanecke, um zu schlafen. Jürgen und der Konsul Martens hatten +die gleiche Absicht, wollten aber vorher noch eine Flasche Pontak +ausproben.</p> + +<p>Der Dampfer stöhnte und keuchte, um die Eismassen zu bewältigen. Ilse +eilte plötzlich die Treppe zum Deck hinauf, und Wolf folgte ihr sofort +nach. Sie gingen ganz nach vorn ans Bugspriet. Dort hielt sich Ilse am +Geländer an, weil der starke Anlauf des Dampfers gegen das Eis keinen +festen Halt aufkommen ließ. Der Wind wehte schneidend aus Hoch-Nord. +Nach der warmen Luft in der Kajüte traf er doppelt scharf das Gesicht +und stach wie mit Nadeln in die Haut ein.</p> + +<p>Die Sonne stand glutrot im Westen dicht über den fernen +tiefverschneiten Forsten und war am Untergehen.</p> + +<p>»Stellen Sie sich hinter mich, Fräulein Ilse,« bat Wolf, an sie +herantretend. »Der eisige Wind trifft Sie alsdann nicht direkt.«</p> + +<p>»Ich finde ihn manchmal wohltuend, Herr Wolf,« erwiderte sie kurz. +»Die heiße Kajüte und der starke<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Wein, — ich kann Alkohol nicht +vertragen, — das Blut jagt mir durch die Adern.«</p> + +<p>Er sah sie an. Ihre Wangen zeigten rote Stellen, nicht eine +gleichmäßige Röte. In den Augen, die sich einen flüchtigen Augenblick +in die seinen tauchten, lag ein übernatürliches Glänzen.</p> + +<p>»Sie dürfen hier nicht bleiben, Ilse,« sagte er mit aller +Bestimmtheit. »Sie können sich den Tod in diesem Eiswind holen. +Entweder Sie folgen mir nach dem Windfang, — dort können wir die +Pelzdecke des Konsuls benutzen — oder wir gehen hinunter und setzen +uns in eine weniger durchwärmte Kabine.«</p> + +<p>»Nein ich will nicht!« rief sie aus. »Hier sehe ich unmittelbar, wie +das Eis unter der Gewalt des Dampfers bricht.«</p> + +<p>»Ilse!« stieß er heftig aus. »Warum verlangt Sie nach roher +Kraftentfaltung? Ist das Ihrer würdig?«</p> + +<p>»Ich kann mich nicht ändern! Lassen Sie mich, wie ich bin, Wolf!« +entgegnete sie schroff.</p> + +<p>»Warum fügen Sie sich stets bei Herta? Wenn ich Sie um etwas bitte, +Sie warne, sind Sie gänzlich abwehrend! Sie zeigen zwei Gesichter, — +geben Sie mir eine Erklärung dafür.«</p> + +<p>»Nein!« Von nun an schwieg sie beharrlich.</p> + +<p>Die Sonne sank hinab. Die Kälte nahm zu. Trotz seines Pelzes begann +Wolf nach einiger Zeit<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> zu frieren, er konnte selbst seine Füße durch +Hin- und Hertreten nicht warm erhalten. Ilse, die leichter gekleidet +war, mußte sich eine schwere Erkrankung zuziehen. Sie gab auf seine +wiederholten Fragen keine Antwort. — Er faßte plötzlich einen raschen +Entschluß, umschlang sie mit seinen Armen, fühlte, daß sie halb +erstarrt war, und trug sie in eine Kabine hinunter. Dort legte er sie +auf den Seitendiwan.</p> + +<p>Er zog seinen Pelz aus und deckte sie damit zu. Sie ließ alles +willenlos geschehen. Die Kälte hatte ihr die Kraft des Widerstandes +geraubt. Als der Steward zufällig vorüberging, bestellte Wolf heißen +Tee.</p> + +<p>Schon nach einigen Minuten erholte sie sich wieder und wollte den +schweren Reisepelz abstreifen.</p> + +<p>»Noch nicht,« befahl er. »Sie müssen erst Tee trinken und tüchtig heiß +werden, damit das Blut im Körper stärker kreist, sonst sind Sie morgen +krank.«</p> + +<p>Diesmal folgte sie. Er ließ ihren Gegenwillen nicht aufkommen.</p> + +<p>Der Steward brachte den Tee, den er ihr erst löffelweise einflößte, +dann mußte sie den Rest auf einmal austrinken.</p> + +<p>»Mir ist wirklich ganz wohl, Herr Wolf!« bat sie, »nehmen Sie mir doch +das Ungetüm von Pelz fort. Ich ersticke fast darunter.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p> + +<p>Er fühlte mit der Hand an ihre Stirn. Es perlten helle Tropfen darauf.</p> + +<p>»So ist es gut! Nur noch zehn Minuten, dann haben Sie es überwunden, +Ilse. Herta darf nichts erfahren, sonst wird sie bitterböse über Ihre +Hartnäckigkeit.«</p> + +<p>»Sie sind eigentlich ein guter Mensch, Herr Wolf, und geben einen +vortrefflichen Ehemann ab,« sagte sie mit dem tiefen Wohllaut, den +ihre Stimme zuweilen besaß.</p> + +<p>»Finden Sie es wirklich, Ilse? Seien Sie endlich offen zu mir! Sie +haben oft ein so seltsames Wesen. Nie weiß ich, woran ich bei Ihnen +bin.« Er sah in ihre fieberhaft glänzenden Augen und war plötzlich wie +verwandelt. Er neigte sich tief zu ihr herab.</p> + +<p>»Nein — nein, Wolf! Ich liege hier wehrlos,« hielt sie sein Gesicht +mit beiden Händen zurück. »Erst pflegen Sie mich — und nun — ich +dulde es nicht, — wie Sie mich wieder behandeln.«</p> + +<p>»Ilse!« brachte er schweratmend hervor. »Ich finde nicht den richtigen +Weg zu Ihnen — daran sind Sie aber schuld, nur Sie selbst. Wenn Ihre +Augen mir so leidenschaftlich entgegenschauen, dann vergesse ich +alles, — ein blindes Verlangen kommt über mich, Sie wild an mich zu +reißen. Ich leide qualvoll durch Sie, — Ilse, und ich ertrage es +nicht länger!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p> + +<p>Sie zog den rechten Arm unter dem Pelz hervor und reichte ihm die Hand.</p> + +<p>»Sie sollen es auch nicht, Wolf! — Wahrhaftig nicht! — Nehmen Sie +mir doch den schweren Pelz ab, wir wollen ruhig miteinander sprechen.«</p> + +<p>Er warf diesen in eine Ecke, und sie richtete sich schnell auf.</p> + +<p>»Endlich zeigen Sie ein wenig Herzensgüte, Ilse. Lassen Sie mich einen +Einblick in Ihr Inneres tun.«</p> + +<p>»Es schreckt Sie nur ab, Wolf. Fragen Sie meine Geschwister, sie +nannten mich ›Ilse — die Hexe‹!«</p> + +<p>»Ohne Grund, Sie haben nur noch nicht Ihr eigenes Herz gefunden. Es +irrt umher, schenken Sie es mir, ich werde es treu bewahren.«</p> + +<p>Bei dem matten Licht der Deckenlampe sah sie ihn lange schmerzlich an.</p> + +<p>»Jetzt liegt in Ihren Augen das Klagen des Rehes, wenn es schwer +verwundet ist,« flüsterte er, »es gibt mir die Ruhe zurück, — so +liebe ich — dich — Ilse!«</p> + +<p>»Nein, nein, es geht nicht!« fuhr sie plötzlich auf, als er sie innig +an sich ziehen wollte. »Wissen Sie, Wolf, woher die Ilse stammt? Hoch +am Brocken — in der rauhen Schlucht des Schneelochs fangen sich die +Wasser aus dem Hexenbrunnen auf — dann<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> stürzen sie gewaltsam über +Rollsteine und Felsblöcke abwärts, bis sie tief unten branden und +schäumen. — Wollen Sie das durchkosten? — Nein, — es geht nicht! — +Ich weiß nicht — wen ich liebe. Sie alle stehen vor mir und krallen +mich mit Blicken an, als ob ich mein Blut hergeben sollte. Was habe +ich nur an mir, daß man mich so verlangt?« — Ihr Körper zitterte +heftig, sie schluchzte krampfhaft auf. »Ich will nicht mehr mit Ihnen +allein sein, Wolf, — ich komme in Verdacht. Ihre Schwester sucht mich +gewiß.« —</p> + +<p>»Ilse, ich lasse dich noch nicht gehen, — erst ein Wort, — nur ein +einziges liebes Wort —«</p> + +<p>Sie sprang auf, drängte ihn zurück und hatte plötzlich ihre Ruhe +wiedergefunden, — der innere Sturm war vorübergebraust.</p> + +<p>Er ließ sie aber nicht von der Stelle. Der Dampfer hob und senkte +sich gewaltig. Die Maschine trieb ihn mit voller Dampfkraft gegen die +mächtigen Blöcke. — Ein Krachen und Bersten der Eiswand erfolgte — +dann kam ein erneuter starker Stoß — Ilse sank, den Halt verlierend, +in Wolfs Arme.</p> + +<p>Sie lag an seiner Brust, er küßte sie heiß, verlangend. Ein wildes +Stöhnen entrang sich ihr — sie war widerstandslos, — hingebend. —</p> + +<p>Auf Deck ertönte lautes Gepolter, dazwischen drang ein starkes Zischen +des Dampfers hervor, dem<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> hastige Kommandorufe des Kapitäns folgten. +Noch schlugen die Pleuelstangen, — auf einmal ließen sie nach, — der +Dampfer stand still. Die Eisschollen rieben sich knirschend an den +stählernen Seitenwänden. Unter dem Kiel gurgelte dumpf das Wasser des +Haffes. —</p> + +<p>Herta, die fest geschlafen, erwachte und sah Ilse ganz verstört vor +sich stehen. Jürgen und Konsul Martens sprangen die Treppe hinauf an +Deck. Der Kapitän kam sofort auf sie zu.</p> + +<p>»Ein scheußliches Pech, Herr Konsul. Wir haben durch die starken +Eiswände vor uns schweren Maschinendefekt und Rohrbrüche erlitten. +Die Reparatur wird längere Zeit in Anspruch nehmen. Wir sind noch gut +zwei Stunden von Swinemünde entfernt. In der Nähe ist kein Dorf oder +Flecken. Das Eis hält wohl bis zum Ufer, aber in der Dunkelheit sind +die eingehauenen Fischwaken nicht zu sehen. Am besten bleiben Sie mit +Ihren Gästen an Bord, bis der Morgen anbricht. — Vielleicht können +Sie dann bis zu der allerdings entfernten Bahnstation gelangen.«</p> + +<p>»Fatal, — höchst fatal!« stieß Martens aus. »Ich muß morgen vormittag +zu einer wichtigen Besprechung in meiner Bank sein.« —</p> + +<p>»Ich kann unmöglich im Kontor fehlen,« setzte Jürgen nachdrücklich +hinzu.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span></p> + +<p>Nur Wolf, der ihnen gefolgt war, frohlockte, — er hoffte auf ein +Wiederaufflammen des kurzen Rausches, auf ein Glücksgefühl, das er +in seiner Größe kaum erfaßte. — Er sann über die Möglichkeit nach, +wie er mit Ilse allein sein konnte, ohne daß es den anderen auffallen +würde.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eine Nacht an Bord. — Die Maschine des Dampfers stand. Dieser lag +still in der Fahrtrinne des Haffs und fror ein. Die Kälte drang durch +alle Fugen. Das Eis hob und preßte die stählernen Platten, daß ein +Stöhnen durch den ganzen Schiffsraum ging. Die sternenklare Nacht +wurde bitterkalt. Der dichte Reif setzte sich überall fest und wob +seine kristallnen Fäden um Maste, Schornstein, Planken und alle +Gegenstände an Deck. Das Schlickwasser gefror, es bildeten sich lange +Eiszapfen — langsam entstand ein Märchenbild.</p> + +<p>Gegen zehn Uhr kam die bleiche Sichel des zunehmenden Mondes +hervor. Nun lag das Eis des Haffes in dem mildfunkelnden Licht hell +aufglitzernd da.</p> + +<p>Eine wunderbare Stimmung breitete sich über die weite, öde Fläche aus. +Kein Laut wurde hörbar, als das Schieben und Pressen der Eisschollen +an den Schiffswänden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p> + +<p>Die kleine Gesellschaft ging trotz der Kälte eine Zeitlang auf dem +Deck umher, um die unendliche Schönheit der Natur zu genießen. Der +Wind hatte sich gelegt, die Kälte war trotz der zehn bis zwölf Grad +nicht empfindlich.</p> + +<p>Ilse war an Hertas Seite, als sich aber Wolf zu ihnen gesellte, kam +sie plötzlich bei einer Wendung neben Jürgen zu stehen und sprach ihn +an, dann ging sie mit diesem und Konsul Martens weiter.</p> + +<p>Wolf stampfte mit dem Fuße auf.</p> + +<p>»Was ist dir, Wölfchen?« fragte Herta und schob ihren Arm unter den +seinen.</p> + +<p>»Nichts besonderes, Herta! Ich wünschte nur manchmal, daß man nicht +so töricht wäre, ein Herz unter den Rippen zu besitzen. Wenn es sich +fühlbar macht —«</p> + +<p>»Du bist in deinen Gedanken bei Ilse, armer Kerl!« sagte diese +tröstend. »Weise sie von dir —«</p> + +<p>»Wenn ich es nur könnte, Herta! Es zerreißt mir bald Leib und Seele. +— Sie ist nicht zu verstehen, — glaub es mir, Schwester. — Ich bin +schon einfach verrückt und sie — sie wurde von ihren Geschwistern +›Ilse — die Hexe‹ genannt!«</p> + +<p>»Ilse — die Hexe!« wiederholte Herta langsam. »Merkwürdig, — Jürgen +sagte mir das gleiche.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span></p> + +<p>»Und jetzt geht sie wieder neben ihm, — wie sie ihn anschaut, — ich +kann es nicht ertragen, — Herta, es reizt mich maßlos!«</p> + +<p>»Wölfchen — sei gut,« bat Herta. »Denk an mich und Martens, — so +viel Leidenschaft, wie bei dir, war wohl bei uns nicht dabei, — aber +es saß tief genug! — Heute bin ich sehr froh, daß es so gekommen ist! +— Du wirst Ilse auch erst erkennen, wenn du deinen Rausch überwunden +hast.«</p> + +<p>»Ich kann mich nicht zur Ruhe zwingen, wie du es fertig brachtest, +Herta! Willst du nicht einmal mit Ilse sprechen?«</p> + +<p>»Nein!« Herta stieß es kurz aus. »Es würde nur zu deinem Elend +gereichen. Denke daran, sie ist — die Hexe Ilse! Dafür bist du +mir zu lieb, Wölfchen! Du mußt uns Geschwistern erhalten bleiben. +Ihr Charakter ist unergründlich, — sie kann dich vernichten, — +vielleicht ohne daß sie es will.« —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p> + +<h2>XI.</h2> +</div> + + +<p>Nach Mitternacht, als alle in tiefem Schlafe lagen, Herta hatte Ilse +mit in ihre Kabine genommen, überwölkte sich der Himmel, und mächtige +Schneeflocken fielen langsam rieselnd nieder. Gegen Morgen wurde das +Schneetreiben so dicht, daß man vom Dampfer aus keine zehn Schritt +weit sehen konnte.</p> + +<p>Jürgen kam sehr früh an Deck. Als er die Lage überschaute und mit +dem Kapitän in dessen Kajüte Rücksprache genommen hatte, grollte es +gewaltig in ihm. Nirgends zeigte sich ein Ausweg aus der mißlichen +Lage. Der Maschinendefekt ließ sich im besten Falle erst bis gegen +Abend einigermaßen beheben. Ein weiteres Durchbrechen des Eises war +unmöglich, der Dampfer mußte nach Stettin zurück. Die Rückfahrt würde +schon schwierig genug sein und nur langsam vonstatten gehen.</p> + +<p>Bei dem dichten Schneetreiben konnte es niemand wagen, über das Eis +ans Land zu gelangen. Also ausharren! Während Jürgen und der Kapitän +noch sprachen, kam Konsul Martens hinzu, dem die Unruhe den Schlaf +verkürzt hatte. Anstatt des Morgenkaffees wurde gleich ein heißer Tee +mit Arrak gebraut. Die Schiffsräume waren stark durchkältet,<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> denn die +Dampfheizung war nicht in Ordnung. — Als die Schiffsmaschine bei dem +gewaltigen Anlauf gegen die starken Eiswände versagte, strömte der +Dampf zurück. Durch die entstandene hohe Spannung wurden die Rohre +undicht und erlitten mehrere Brüche. Die Feuerung mußte aufhören, weil +der Dampf an vielen Stellen der Leitung gefahrdrohend herauszischte. +Die Maschinisten hatten die ganze Nacht durchgearbeitet, um die +Schäden auszubessern, und ermüdeten sichtlich.</p> + +<p>»Wann können wir bestimmt darauf rechnen, Fahrt zu haben?« fragte +Martens den Kapitän.</p> + +<p>»Es kommt darauf an, wie lange die Kraft der Leute aushält, Herr +Konsul.«</p> + +<p>»Gehen wir in den Maschinenraum hinunter, Charles,« warf Jürgen ein. +»Vielleicht lassen sich die Leute durch eine Prämie anfeuern.«</p> + +<p>»Die Maschinisten geben ihr Bestes von selbst her,« erwiderte der +Kapitän, »es bedarf keiner besonderen Belohnung. Sie können sich davon +überzeugen, meine Herren!«</p> + +<p>In den unteren Schiffsräumen brannten Lampen, weil die elektrische +Leitung durch den Stillstand der Dynamos versagte. Eine Anzahl Männer +arbeiteten mit größtem Eifer bei spärlichem Lichte in der kleinen +Werkstätte. Es wurde Eisen auf offenem<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> Kohlenfeuer geglüht, das ein +Blasebalg anfachte, und dann mit Hämmern bearbeitet. Andere waren +dabei, auf einer Drehbank Gewinde zu ziehen und auf Schraubstöcken +Eisenstangen passend zu feilen.</p> + +<p>Der Schiffsingenieur und der Obermaschinist griffen zu und besserten +die Schäden an den Rohren aus. Die gesamte Leitung mußte untersucht +werden. Die Männer im unteren Schiffsraum erstarrten fast vor Kälte +und mußten fortgesetzt heiße Getränke erhalten.</p> + +<p>Die Tatsache lag klar — unter weiteren zehn bis zwölf Stunden +konnte an ein neues Arbeiten der Maschinen nicht gedacht werden, +vorausgesetzt, daß die Mannschaften diese Überanstrengung aushielten. +—</p> + +<p>»Unser Mißgeschick ist mir höchst unangenehm, lieber Jürgen,« sagte +Konsul Martens zu dem Freunde. »Namentlich der Damen wegen. Auf dem +›Odin‹, unserem stärksten Eisbrecher, kam noch nie etwas derartiges +vor und lag außer der Berechnung. Nun heißt es aushalten.«</p> + +<p>An Deck begann jetzt die Schiffsglocke unausgesetzt zu läuten. Der +Steuermann trat zum Kapitän und sagte: »Ich habe drei Mann ausgesucht, +die sich halbstündlich ablösen!«</p> + +<p>»Es können Dampfer ausgelaufen sein. In den Zeitungen stand, daß der +›Odin‹ nach Swinemünde<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> ging. Die Fahrtrinne wird für offen gehalten. +Die Dampfsignale gehen nicht, daher muß die Glocke in Bewegung +bleiben,« erklärte der Kapitän den Herren die erhaltene Meldung.</p> + +<p>Jürgen sah darauf seinen Freund fragend an:</p> + +<p>»Ist das Aufrennen eines anderen Dampfers möglich?« fragte er langsam, +jedes Wort abwägend.</p> + +<p>Martens wechselte mit dem Kapitän einen Blick.</p> + +<p>»Ausgeschlossen ist es nicht,« erwiderte dieser zögernd.</p> + +<p>Mit einem Ruck straffte sich Jürgens Gestalt.</p> + +<p>»Es muß ausgeschlossen sein, Charles! Meine Geschwister sind an Bord.«</p> + +<p>»Wir wollen überlegen, was zu tun ist, Jürgen.« Konsul Martens wurde +jetzt die große Verantwortung fühlbar, die ihn traf.</p> + +<p>Sie kehrten in die obere Kajüte zurück. Herta, Wolf und Ilse hatten +sich ebenfalls dort eingefunden. Das junge Mädchen sah bleich und +übernächtig aus, sie mußte wenig geschlafen haben. Die gestrige gute +Stimmung war verschwunden. Es fröstelte alle trotz der Pelzkleidung.</p> + +<p>Konsul Martens versuchte, den Damen die Lage im besten Lichte zu +schildern, und machte Aussicht auf ein recht langes Frühstück und bald +darauffolgendes Mittagessen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p> + +<p>»Essen und Trinken erhält uns warm, und darin tritt in den nächsten +vierundzwanzig Stunden kein Mangel ein,« schloß er.</p> + +<p>»Aber die Langeweile, lieber Freund,« sagte Herta, leicht gähnend. +»Die Kälte macht uns müde und ungemütlich.«</p> + +<p>»Ich weiß eine Abwechslung, Ilse,« flüsterte Wolf dieser zu, als sie +in der Kajüte auf und ab ging. »Der einzig warme Raum im Schiff ist +die kleine Kambüse. Wir beide wollen uns dorthin flüchten und helfen +dem Küchenchef bei der Zubereitung der Speisen, — für die anderen +gehen wir auf Deck.«</p> + +<p>Sie gab ihm kein Zeichen des Einverständnisses, sondern stellte sofort +ihre Wanderung ein und blieb in Hertas Nähe stehen. Wolf trat heftig +mit dem Fuße auf. Was war nun wieder in sie gefahren? Sie wollte +anscheinend nichts von ihm wissen, und Herta unterstützte sie dabei.</p> + +<p>Konsul Martens ließ seine Pelzdecke holen und hüllte die Damen darin +ein, obwohl sich Ilse anfangs gegen das Stillsitzen sträuben wollte. +Auf Hertas Wunsch folgte sie jedoch sofort. —</p> + +<p>Draußen wurde es etwas heller, nur das Schneegestöber ließ nicht nach. +Jürgen, Martens und der Kapitän standen an dem einen Kajütenfenster +und beratschlagten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p> + +<p>»In zwei bis drei Stunden kann der Amerikadampfer hier sein,« hörten +die anderen des Kapitäns Stimme, »er ist sicher zur festgesetzten Zeit +ausgelaufen. Bei langsamer Fahrt wird er unsere Glocke hoffentlich +hören. Er versperrt aber die Fahrtrinne — die Schwierigkeit, +fortzukommen, wird bedeutend größer.«</p> + +<p>Wolf und Herta sahen sich bei diesen Worten an. Es gab also Gefahren; +davon war ihnen bisher noch nichts bewußt gewesen.</p> + +<p>Jürgen Plüddekamp zog seine Uhr hervor.</p> + +<p>»Ich gehe ans Land, Charles,« sagte er dann kurz.</p> + +<p>»Du — Jürgen?« stieß Martens erschrocken aus.</p> + +<p>»Die Gegend kenne ich, und mein Taschenkompaß gibt mir die Richtung +an,« antwortete er.</p> + +<p>»Bedenke die offenen oder mit Schnee bedeckten Waken. Die Gefahr ist +zu groß, Jürgen,« versuchte der Konsul ihm sein Vorhaben auszureden.</p> + +<p>»Ich nehme eine Stange mit, Charles! Weiteres Reden hat keinen Zweck +— ich gehe!« Man sah es der mächtigen Mannesgestalt an, daß sie von +dem einmal gefaßten Entschluß nicht mehr abwich.</p> + +<p>»So laß wenigstens einen Matrosen folgen und dich anseilen, Jürgen,« +bat der Konsul.</p> + +<p>»Warum? Dadurch kann höchstens Gefahr entstehen, die ich allein +vermeide!« erwiderte dieser. »Steward!« rief er diesem zu, der soeben +einen neuen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Aufguß heißen Tees brachte. »Füllen Sie mir sofort eine +Feldflasche mit Rum und Ingwer!«</p> + +<p>»Mir auch, Steward!« ertönte es aus Wolfs Munde. »Ich begleite dich, +Jürgen!«</p> + +<p>»Auf keinen Fall — mein Junge! Ausgeschlossen. — Du mußt mit Charles +bei Herta und Fräulein Hergenbach bleiben.« Das Gebot Jürgens klang +fast schroff, er duldete in solcher Lage keinen Widerspruch.</p> + +<p>Kurz darauf verabschiedete er sich und reichte den Geschwistern, sowie +Martens die Hand. Herta bat ihn noch: »Jürgen — denk an uns — sei +vorsichtig!«</p> + +<p>»Ich bin es immer, liebe Herta! Soweit es allerdings möglich ist,« +setzte er scherzend hinzu.</p> + +<p>Er zögerte einen Augenblick, ehe er Ilse die Hand gab. Sie mußte +darauf gewartet haben; nun schlossen sich ihre schlanken Finger mit +festem Druck um die seinen, als wollten sie ihn nicht fortlassen.</p> + +<p>Es war eine heftige Bewegung, mit der sich Jürgen alsdann abwandte +und auf Deck eilte, wohin ihm Konsul Martens und Wolf folgten. +Nach weiteren zwei Minuten hatte er sich eine kräftige Stange mit +Eisenspitze ausgesucht und schwang sich über Bord.</p> + +<p>»Achtung!« rief Martens ihm nach. »Es ist noch junges Eis in der +Fahrtrinne!«</p> + +<p>Die starken Schollen hatten sich aber am Dampfer dicht +übereinandergeschoben und waren während der<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> Nacht zusammengefroren, +so daß Jürgen auf festem Eisboden dahinschritt. Er sah sich noch +einmal um, winkte Bruder und Freund zu und verschwand dann in dem +dichten Schneegestöber. Es kam ihm dabei im letzten Augenblick noch so +vor, als wenn eine schlanke Frauengestalt auf Deck erschiene. Es mußte +wohl Herta sein, die ihm besorgt nachschaute.</p> + +<p>Als jedoch Wolf und Konsul Martens in die Kajüte zurückkehrten, saß +Herta auf ihrem alten Platz. Ilse war fortgegangen und kam erst nach +einer geraumen Zeit wieder.</p> + +<p>»War es nicht angenehm in der Kambüse, Ilse?«</p> + +<p>»Nein, Tante Herta! Ich habe mich genug erwärmt.«</p> + +<p>Dabei strömte ihre Kleidung die frische Kälte vom Deck aus. — — —</p> + +<p>Jürgen schritt trotz seines schweren Pelzes rasch vorwärts. Er +hatte seine Pelzkappe tief über die Ohren herabgezogen, so daß nur +sein Gesicht hervorsah. An seinem Bart bildeten sich durch den +ausgestoßenen Atem Eiszapfen, doch achtete er nicht darauf. Von +Zeit zu Zeit holte er den kleinen Kompaß hervor, um die Richtung zu +kontrollieren, in der er ging.</p> + +<p>Vom Dampfer mußte er schon ein ganzes Stück fort sein. Das Läuten +der Schiffsglocke tönte nur noch schwach zu ihm herüber. In der +zurückgelegten Strecke waren keine Waken zu erwarten gewesen. Jetzt +aber<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> näherte er sich mehr und mehr dem Ufer, und die Gefahr, in +ein Loch zu geraten, das zum Fischen ins Eis geschlagen wurde, trat +unmittelbar auf.</p> + +<p>Er schob seinen Stock vor sich hin; stieß dieser an eine kranzartige +Erhöhung, so blieb er stehen und untersuchte den Umkreis. Mehrmals +entdeckte er noch im letzten Augenblick eine Wake. Die Zeit verrann, +er strengte sich stärker an. Der Amerikadampfer mußte auf jeden Fall +aufgehalten werden, bevor er das Papenwasser verließ und durch Signale +schwer erreichbar wurde. Mit Mühe zog er seine Uhr hervor. Über eine +halbe Stunde befand er sich unterwegs, und noch spürte er nichts von +den Eisschollen, die sich gegen das Ufer zu auftürmten.</p> + +<p>Er wollte immer schneller vorwärts kommen, aber der tiefe Schnee, der +unaufhörlich weiter fiel, hemmte den Fuß. Schweißperlen traten auf +seine Stirn; es war eine außerordentliche Leistung, selbst für den +besten Fußgänger.</p> + +<p>Wo blieb nur das Ufer? Er mußte es der Zeit nach schon lange erreicht +haben. Er stand jetzt still und versuchte, um sich zu schauen. Nichts +war zu sehen.</p> + +<p>Jürgen lief es kalt über den Rücken. — Wo befand er sich? War er irre +gegangen? Er hatte doch genau auf seinen Kompaß geachtet. Wenn er an +anderer Stelle in die Nähe der Fahrtrinne zurückkam<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> und einbrach? Bei +dem starken Schneetreiben konnte alles möglich sein.</p> + +<p>Warum setzte er sich diesen Gefahren aus? Es gab nur eine Richtschnur +in seinem Leben — Sorge für seine Familie, die aus den Geschwistern +bestand. Von dem Tode seines Vaters an hatte er diese Pflicht +übernommen und treu erfüllt. Wenn er sich die Abrechnung vorlegte, +befand sich kein Fehler darin. Er handelte stets nach Ehre und +Gewissen. Einmal ließ er in der Härte seiner Bestimmungen nach, als +Ilse Hergenbach vor Monaten aufgenommen wurde.</p> + +<p>Ihre Gegenwart wirkte störend auf die Harmonie im alten +Plüddekampschen Hause ein. Wolf war gänzlich verändert — er selbst +mußte dagegen ankämpfen, um ihr nicht ein größeres Interesse zu +zeigen. Er sah deutlich, wie sie ihm entgegenkam, sich ihm immer mehr +nähern wollte. So kalt war seine Natur nicht, aber seine Rauheit half +ihm, und seine Charakterstärke schüttelte jede aufflammende Regung ab.</p> + +<p>Einige Augenblicke hatte er auf den Kompaß gestarrt, dabei flogen ihm +diese Gedanken rasch durch den Kopf. Nun trieb es ihn wieder vorwärts, +der Amerikadampfer mußte um jeden Preis ein Signal erhalten. Plötzlich +hörte er zur Linken Laute; waren es menschliche Stimmen oder lag dort +ein Schwarm<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> Taucherenten? Er horchte aufmerksam hin. Jetzt klang es +wie der dumpfe Hufschlag eines Pferdes. Es mußten also Leute aus einem +naheliegenden Dorf sein, bei denen er sich Auskunft holen konnte.</p> + +<p>Eilig schritt er auf sie zu, und schon nach wenigen Minuten tauchte +dicht vor ihm ein Kufenschlitten mit zwei Männern auf.</p> + +<p>»Holla!« rief er ihnen entgegen. »Wo seid ihr her? Ich komme von der +Swinemünder Fahrt und will rasch ans Ufer.«</p> + +<p>Die Leute hielten das Pferd an. Auf dem Schlitten lag ein mächtiges +Schleppnetz, wie es unter dem Eis von einer Wake zur anderen gezogen +wird. Ein großer mit Fischen angefüllter Kasten stand daneben.</p> + +<p>»Wir sind aus Swantewitz,« sagte der eine, »und fahren nach Haus!«</p> + +<p>»Aus Swantewitz!« rief Jürgen erstaunt. »Das liegt ja am östlichen +Ufer! So weit seid ihr fort.«</p> + +<p>»Nein, Herr! Das liegt ja dicht dabei. Wir sind gleich da!«</p> + +<p>»Es ist rein unmöglich! Ich habe vor etwa einer Stunde den Eisbrecher +›Odin‹ verlassen und ging in der Richtung auf Neuwarp zu.«</p> + +<p>Die Fischer sahen sich verdutzt an.</p> + +<p>»Neuwarp? Das liegt ja zwei Meilen von hier, Herr!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p> + +<p>Jürgen faßte sich an die Stirn.</p> + +<p>»Sollte ich — rein unerklärlich! Alle Teufel — ich werde doch in der +Eile nicht steuerbords anstatt Backbord abgesprungen sein! — Aber der +Kompaß?«</p> + +<p>Er hatte doch Norden rechts und nicht an der linken Seite gehabt. +Freilich war es nur ein kleiner Taschenkompaß, der sonst an seiner +Uhrkette hing. Er schaute schnell noch einmal darauf — die Nadel +spielte richtig ein.</p> + +<p>»Das ist ja, um verrückt zu werden,« fluchte er ingrimmig. »Der Kompaß +lügt nicht — die Leute lügen nicht! Wer hat nun recht?«</p> + +<p>Er hielt den Kompaß mit dem linken Arm vor sich. Plötzlich fiel sein +Auge auf das Magnetarmband, das er noch zufällig um das Handgelenk +trug. Es diente zur Prüfung von Grassamen, der mit Eisenfeile +beschwert schien.</p> + +<p>Nun wurde ihm der Vorgang sofort klar. Die Nadel spielte auf den +starken Magnet ein und zeigte darum entgegengesetzt. Aus der Richtung +des Papenwassers heulte jetzt dumpf ein Signal herüber. Jürgen +erschrak.</p> + +<p>»Der Dampfer!« rief er aus. »Es ist zu spät, ihn aufzuhalten! Was wird +daraus entstehen?«</p> + +<p>Die Sorge um die Seinen erfaßte ihn. —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p> + +<h2>XII.</h2> +</div> + + +<p>Alfred Smiders verfolgte einen bestimmten Plan. Nachdem sich sein +gelähmter Vater jeder Verfügung begeben hatte, ergriff ihn die +Großmannssucht. Er wollte um jeden Preis rasch vorwärtskommen. Das +der Firma Smiders & Sohn gehörende Kapital reichte jedoch nicht im +entferntesten aus, die sofort in Angriff genommenen Dampferbauten +auszugleichen. So blieb er eine große Summe schuldig. Um wieder freie +Bewegung zu bekommen, suchte er nach einem Großkapitalisten, der sein +Geld zu mäßigem Zinsfuß bei ihm anlegen sollte.</p> + +<p>Durch seine Agenten war er auf den reichen Kaufmann Kneis in Hamburg +aufmerksam geworden, dem er sich sofort vorstellte. Der Hamburger +hatte sein überseeisches Geschäft günstig verkauft und befand sich im +Besitz großer flüssiger Mittel, mit denen er sich wieder beteiligen +wollte. Das also war sein Mann. Er bewog ihn, mit nach Stettin zu +reisen.</p> + +<p>Nach Vorlage der letzten Bilanzen verlangte dieser in erster Linie die +Dampfer der Reederei Smiders & Sohn zu besichtigen. Die alten Kasten<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> +waren glücklicherweise unterwegs, er konnte dafür nur die Angaben, aus +dem Schiffsregister erhalten. Dagegen lag einer der neuen Dampfer im +Eis des Swinemünder Hafens fest. Die beiden Herren fuhren von Stettin +mit dem Schnellzug dorthin und waren eben im Begriff, den ›Triton‹ in +Augenschein zu nehmen.</p> + +<p>Das starke Schneegestöber hatte aufgehört; die klare, helle +Wintersonne schien leuchtend über Stadt und Hafen, sowie die vereisten +Schiffe. Überall funkelte und glitzerte es in farbenprächtigem +Schimmer.</p> + +<p>»Sehen Sie, mir lacht stets die Sonne, Herr Kneis,« sagte Alfred +Smiders, als sie über das Deck des Dampfers ›Triton‹ gingen. »Nun kann +es Sie nicht gereuen, trotz des Schneefalles von heute morgen, die +Fahrt nach Swinemünde angetreten zu haben.«</p> + +<p>Der lange bedächtige Hamburger lächelte verbindlich.</p> + +<p>»Ich bin sehr zufrieden, Herr Smiders! Wenn es weiterschneien würde, +wäre ich auch zufrieden. Wir blieben dann in Swinemünde. Es gibt hier +gute Hotels.«</p> + +<p>»Gewiß, Herr Kneis! Aber Sie müssen heute abend wieder in Stettin +sein« — der Reeder machte eine bezeichnende Geste. »Sie haben doch +fest versprochen —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p> + +<p>Der Überseer lachte gemütlich auf.</p> + +<p>»Hm! Eine ganz lustige Bude. Wir gehen zusammen —«</p> + +<p>»Aber natürlich, Herr Kneis! Ich möchte nur nicht im Wege sein.«</p> + +<p>»Macht mir nichts aus, Herr Smiders. War jahrelang in Buenos Aires mit +meinen Freunden stets einig, wenn's eine kleine Sache gab. Denke, es +wird hier in Deutschland auch so sein.«</p> + +<p>Hätte er den Blick gesehen, der in Smiders' dunklen Augen aufflammte, +so würde er wohl eine andere Meinung gehabt haben. Es lag darin so +viel Hohn und Gehässigkeit, wie sie nur das Innere des jungen Reeders +erfüllte.</p> + +<p>Nun ging es auf treppauf und treppab bis in die untersten +Schiffsräume, und überall ließ der vorsichtige Hamburger seine Blicke +hinschweifen. In aller Ruhe sah er sich um, nichts blieb seinem +scharfen Auge verborgen.</p> + +<p>»Sehr gutes Schiff, Herr Smiders, sehr gutes Schiff,« wiederholte er +alsdann, »wenn die anderen ebenso sind, bin ich bereit, den Vertrag +mit Ihnen einzugehen.«</p> + +<p>Smiders streckte ihm sofort seine Hand entgegen:</p> + +<p>»Topp! Sie schlagen also ein?«</p> + +<p>»Noch nicht!« bewahrte der Hamburger eine gewisse Zurückhaltung, »es +wäre verfrüht. Ich lasse<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> mich nie vom Augenblick überrumpeln. Eine +gute Portion Überlegung ist im Geschäftsleben alles. Dann handle ich +aber rasch.«</p> + +<p>Alfred Smiders zog seine Hand ärgerlich zurück, als er die gemessene +Miene des Hamburgers sah, der in diesem Augenblick zu einem +Weitergehen nicht geneigt schien. Sie stiegen jetzt die Schiffstreppe +wieder hinauf und wollten ans Land gehen, um in dem nahegelegenen +Hotel ›Drei Kronen‹ ein bestelltes Essen einzunehmen. Smiders hatte +wohlweislich alles vorbereitet.</p> + +<p>Plötzlich erscholl der dumpfe Ton einer Dampfpfeife über die weite +Eisfläche des Haffes hinweg.</p> + +<p>»Holla, Kapitän! Was gibt's?« rief der Reeder diesem zu.</p> + +<p>»Die Eisbrecher kommen herein, Herr Smiders,« tönte es zurück. »Der +›Fritjof‹ ist voran und schleppt den ›Odin‹ an der Stahltrosse.«</p> + +<p>»Dann muß dem ›Odin‹ etwas passiert sein,« meinte Smiders. »Er hat +doch die stärksten Maschinen.«</p> + +<p>Anstatt, daß sich die Herren direkt aufs Bollwerk begaben, stiegen +sie zur Kommandobrücke hinauf und wollten warten, bis die Eisbrecher +landen würden. Das Eis krachte und barst in langen Spalten vor der +Gewalt, mit der der ›Fritjof‹ vorwärtsdrang. Es dauerte nicht lange, +so waren die Dampfer mit<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> dem ›Triton‹ in gleicher Höhe, doch ließen +sich die Gestalten auf Deck nicht genau erkennen.</p> + +<p>»Der ›Odin‹ schwankt wie eine lahme Ente! Er ist nicht unter Dampf, +und der›Fritjof‹ bugsiert ihn zur Anlegestelle,« rief Smiders. »Wir +sehen es besser vom Lande aus.«</p> + +<p>Er schritt, gefolgt von dem Hamburger, zum Bollwerk hinüber und ging +auf diesem entlang. Es dauerte noch einige Zeit, bis der ›Fritjof‹ den +›Odin‹ herangebracht hatte und die Stahltrosse löste. Allem Anschein +nach wollte er sofort die Rückkehr nach Stettin antreten.</p> + +<p>Zwei Herren und zwei Damen kamen über die Schiffsbrücke, die der +›Odin‹ auswarf, ans Land.</p> + +<p>Alfred Smiders schaute genauer hin, aber die Sonne blendete ihn. Er +hielt deshalb die Hand über die Augen und sagte halblaut:</p> + +<p>»Den Teufel auch! Wenn ich recht sehe, ist es Konsul Martens, Wolf +und Herta Plüddekamp und noch eine Dame, die ich nicht kenne. Eine +vorzügliche Gelegenheit für mich, anzuschwirren!« Er entschuldigte +sich rasch bei Kneis und eilte voran, um die Ankommenden zu +begrüßen. »Direkt von Stettin, Herr Konsul?« rief er ihm schon von +weitem zu. »Nette Spazierfahrt! Wie? Hat der ›Odin‹ Pech gehabt?« +Als sie zusammentrafen, schüttelte er den<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> beiden Herren die Hand +und verbeugte sich, seinen Hut tief ziehend, vor den Damen. Er +blickte erstaunt auf Ilse. Dann sagte er zu Herta: »Wollen Sie mich +vorstellen, Fräulein Plüddekamp?«</p> + +<p>»Herr Smiders, von Smiders & Sohn — Fräulein Hergenbach aus +Nordhausen,« erledigte diese den Wunsch des Reeders.</p> + +<p>Abermals lüftete Smiders seinen Hut, und als sich Ilse leicht +verneigte, begegneten sich ihre Blicke. Die dunklen Augen Smiders' +ruhten mit einem prüfenden Ausdruck auf den Gesichtszügen des jungen +Mädchens. Er warf dann einige nebensächliche Fragen hin, wie die Damen +die Fahrt überstanden hätten, und hörte von Konsul Martens, welches +Mißgeschick ihnen am verflossenen Tage mitten auf dem Haff begegnete.</p> + +<p>»In Gesellschaft so reizender Damen, — riesig nett,« meinte er mit +einem vielsagenden Blick zu Wolf hinüber. »Da aber die Dampfheizung +nicht in Ordnung war — zum mindesten unangenehm kalt.«</p> + +<p>»Es war noch ein Glück, daß der amerikanische Dampfer die Vorsicht +brauchte, den ›Fritjof‹ vorauszuschicken. Rückte er selbst uns aufs +Fell, so war die Durchfahrt versperrt und wir lägen noch im Eise,« +flocht Konsul Martens ein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> + +<p>»Wenn wir nur erst wüßten, was aus Jürgen geworden ist,« sagte Herta +mit besorgter Miene. »Sie waren wohl schon im Hotel, Herr Smiders! +Haben Sie vielleicht dort etwas gehört?«</p> + +<p>»Keinen Ton, Fräulein Plüddekamp,« erwiderte dieser.</p> + +<p>Wolf erzählte darauf, wie Jürgen am Morgen in dem tollsten +Schneetreiben über Bord aufs Eis gesprungen sei, um nach dem Ufer +vorzudringen.</p> + +<p>»Na — ein solcher Bär! — Verzeihen Sie den Ausdruck, Fräulein +Plüddekamp,« unterbrach sich Smiders. »Ihr Herr Bruder hat aber +wirklich eine Bärennatur und sitzt jedenfalls in einem Dorfgasthause +beim Glase Grog. Wir können ja von den ›Drei Kronen‹ aus — Sie gehen +doch gewiß mit dorthin — nach allen Richtungen telephonieren.« —</p> + +<p>Der Ofen in dem großen Speisezimmer der ›Drei Kronen‹ strahlte eine +gemütliche Wärme aus. Man legte Pelze und Mäntel ab und freute +sich, wieder in einem behaglichen Raume zu sein. Der Überseer, der +vorausgegangen war, wurde von Smiders vorgestellt. Er befand sich +alsbald in regem Gespräch mit Konsul Martens, der die Gelegenheit +benutzte, den Großkapitalisten näher kennen zu lernen.</p> + +<p>»Sie sind überzeugt, Herr Konsul, daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur +Frühjahrszeit rechtzeitig ausläuft?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span></p> + +<p>Wolf, der etwas entfernter stand, horchte bei diesen Worten auf. Es +war naheliegend, daß ihn das Gespräch interessierte.</p> + +<p>»Ich werde den Dampfer besichtigen,« fuhr Herr Kneis fort, »es liegt +mir außerdem viel daran, zu erfahren, ob sich die älteren Dampfer der +Reederei in gleicher Weise umbauen lassen.«</p> + +<p>»Selbstverständlich,« fiel Smiders jetzt ein. »Sie eignen sich ebenso +gut dazu wie der ›Friedrich Barbarossa‹. Herr Konsul Martens kennt +ja unsere Dampfer. Er wird es Ihnen sicher bestätigen.« Dabei sah er +Martens scharf an.</p> + +<p>Dieser war vor eine sehr peinliche Frage gestellt. Natürlich lag es in +seinem Interesse, dem Geldmann gegenüber die Reederei Smiders & Sohn +so hoch als möglich zu bewerten. Auf der anderen Seite kannte er das +Alter der laufenden Schiffe und mußte daraus folgern, daß ein Umbau +weggeworfenes Geld bedeuten würde. Er zögerte deshalb mit der Antwort, +während ihn der Überseer anscheinend gleichgültig ansah.</p> + +<p>Aus den kleinen, scharfen Augen des Herrn Kneis sprach bei aller Ruhe +eine hohe Intelligenz, und er schloß aus dem Zögern des Konsuls sofort +auf dessen zurückgehaltene Ansicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p> + +<p>»Ich glaube wohl, Herr Kneis,« antwortete Martens jetzt, »aber +bedenken Sie dabei, daß ich Bankier und nicht Schiffsbauer bin.«</p> + +<p>Smiders war von der Antwort des Konsuls Martens wenig befriedigt; er +hatte sie bestimmter erhofft und fiel darum ein:</p> + +<p>»Wir werden morgen den ›Friedrich Barbarossa‹ anlaufen, Herr Kneis. +Sie treffen dort seinen Kapitän an. Dieser hat bereits zwei meiner +anderen Dampfer gefahren und ist ein anerkannter Fachmann.«</p> + +<p>»Es scheint Smiders auf den Nägeln zu brennen,« dachte Wolf bei sich. +»Ich werde den Weg nach der ›Grünen Schanze‹ bald wieder einschlagen +müssen, um auf dem Laufenden zu bleiben.«</p> + +<p>Der Oberkellner kam und forderte die beiden Herren auf, an dem +bestellten Tisch Platz zu nehmen. Martens hatte für seine Gäste an der +großen Tafel, die mitten im Speisezimmer stand, eine genügende Anzahl +Gedecke auflegen lassen. Die Speisen wurden gebracht.</p> + +<p>Ilse Hergenbach saß in schräger Richtung von Smiders und bemerkte +sehr bald, wie sie von ihm anhaltend beobachtet wurde. Sie wollte +nicht hinübersehen. Trotzdem trat aber das Verlangen in ihr auf, die +siegreiche Kraft ihres Blickes zu erproben.</p> + +<p>Sie hatte keine besondere Absicht dabei. Es war nur ein leichtes +Spiel, das ihr Unterhaltung<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> bieten sollte. Was aber alsdann vorging, +wußte sie selbst kaum. Nicht ihr Blick siegte, sondern der, der sie +jetzt traf. Sie erzitterte darunter, und rasch senkten sich ihre +Lider. — Dabei zwang sie eine unerklärliche Kraft, noch einmal +hinüberzuschauen. Es wiederholte sich der gleiche Vorgang.</p> + +<p>Smiders trat kurze Zeit darauf, ein volles Weinglas in der Hand +haltend, an die große Tafel heran. Er trank auf das angenehme +Zusammentreffen in Swinemünde. Sich zu Ilse wendend, sagte er +leichthin:</p> + +<p>»Ich muß Sie schon einmal gesehen haben. Helfen Sie meiner Erinnerung +nach, Fräulein Hergenbach!«</p> + +<p>Er wollte nur, daß sie die Augen zu ihm aufschlug. Sie tat es aber +nicht und gab kurz zur Antwort:</p> + +<p>»Ich wüßte nicht, Herr Smiders!«</p> + +<p>»Doch, doch, mein Fräulein,« wiederholte er. »Hoffentlich habe ich +bald Gelegenheit, mit Ihnen darüber weiter plaudern zu können.«</p> + +<p>Wolf, der vor einiger Zeit ans Telephon gegangen war, kam jetzt +zurück. Seine Züge verrieten großen Ernst.</p> + +<p>»Jürgen ist noch nirgends aufgetaucht, weder in den Ortschaften an +der linken Haffseite, noch zu Hause. Ich habe Armin beauftragt, +unausgesetzt nachzuforschen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p> + +<p>Herta legte sofort Messer und Gabel beiseite.</p> + +<p>»Um Gottes willen, Wolf,« sagte sie, »wenn Jürgen ein Unglück +zugestoßen wäre! Wie schrecklich! Ich mag es nicht ausdenken.«</p> + +<p>»Aber verehrte Freundin,« fiel Martens ein, »unserem Riesen Jürgen +geschieht so leicht nichts. Er wird sich in irgendeinem kleinen Dorf +aufhalten und kein Telephon zur Verfügung haben. — Mein Gott, wie +bleich Sie plötzlich aussehen, Fräulein Hergenbach,« fuhr er, zu +dieser gewandt, fort. »Ist Ihnen etwas?«</p> + +<p>Ilse schüttelte mit dem Kopf, brachte aber kein Wort heraus. Es +schnürte ihr förmlich die Kehle zu. Wenn Jürgen in eine Fischwake +geraten und tot wäre! Sie malte sich in diesem Augenblick das +Entsetzlichste aus. Eine fieberhafte Unruhe bemächtigte sich ihrer. Es +drängte sie, überall selbst nachzufragen. Nur nicht die Ungewißheit +länger ertragen, was mit ihm geschehen sein konnte. Sie kam zu einem +Entschluß.</p> + +<p>»Tante Herta, der Anruf von Stettin kann jeden Augenblick erfolgen! +Dein Bruder hat noch nicht gegessen. Ich gehe ans Telephon!« Sie +sprang auf und eilte hinaus, ohne eine Antwort von Fräulein Plüddekamp +abzuwarten.</p> + +<p>Konsul Martens sah ihr erstaunt nach, während Wolf eine hastige +Bewegung machte, als ob er ihr folgen wollte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p> + +<p>»Es ist höchst unnötig, daß sich Fräulein Ilse in dem kalten +Telephonraum aufhält,« stieß er dann ärgerlich aus. »Sowie der Anruf +kommt, holt mich doch der Kellner.«</p> + +<p>Konsul Martens lächelte fein.</p> + +<p>»Fräulein Hergenbach tritt in letzter Zeit viel selbständiger auf,« +sagte er zu dem Geschwisterpaar. »Es scheint, als ob ihr Charakter ein +ganz anderer ist, als sie anfangs zeigte.«</p> + +<p>»Sie hat bald mehr Interesse für Jürgen, als wir selbst,« murmelte +Wolf vor sich hin. Der Braten, den er sich bestellt hatte, war durch +seine Abwesenheit kalt geworden und schmeckte ihm nicht mehr. Er stand +plötzlich auf, in der Absicht, Ilse Gesellschaft zu leisten.</p> + +<p>»Bleib, Wölfchen,« sagte Herta, »es hat doch wirklich keinen Zweck, +wenn ihr zu zweit dort draußen aufpaßt. Laß Ilse ihren Willen und +unterhalte dich lieber mit uns.«</p> + +<p>»Hast wohl noch keine Nachricht von deinem Bruder, Wolf?« rief Smiders +auf einmal herüber.</p> + +<p>»Nein!« klang es zurück. »Unser Prokurist telephoniert überallhin.«</p> + +<p>»Ich will meinem Büro auch den Auftrag geben,« bemerkte Smiders darauf +und erhob sich lässig. »Entschuldigen Sie, Herr Kneis, ich komme +sofort wieder.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p> + +<p>Wolf trat ihm aber in den Weg und sagte: »Laß dies, bitte! Es hat +wirklich keinen Zweck, wenn du deine Leute noch bemühst. Unser +Prokurist traf bereits die umfassendsten Maßnahmen.«</p> + +<p>»Aber es geht doch schneller, wenn von zwei Seiten angefragt wird,« +wehrte Smiders ihn ruhig ab und schritt weiter der Tür zu.</p> + +<p>In Wolfs Gesicht kämpfte jetzt Ärger und Unwille. Er kannte die +Zudringlichkeit von Smiders und wollte nicht dulden, daß dieser mit +Ilse allein war.</p> + +<p>Konsul Martens sah der kleinen Szene interessiert zu.</p> + +<p>»Merkwürdig,« sagte er, sich zu Herta wendend, »das Telephon muß heute +eine besondere Anziehungskraft haben. Jetzt wollen sie sich schon +zu dritt dort aufhalten. Unser braver Jürgen wird sich sicher bald +melden, denn er steht gewiß mehr Sorge um uns aus, als wir seinetwegen +zu haben brauchen.«</p> + +<p>Diese Worte sollten sich bewahrheiten, noch ehe die beiden Herren das +Speisezimmer verlassen hatten, öffnete sich die Tür, und Ilse kam mit +freudestrahlender Miene herein. Sie rief schon von weitem:</p> + +<p>»Welch ein Glück, Tante Herta! Dein Bruder ist wieder zu Hause! Ich +habe soeben mit ihm selbst telephonisch gesprochen.« Ihr ganzes Wesen +atmete eine Leidenschaftlichkeit aus, die allen auffallen mußte. Sie +schien wie von einem Rausch erfaßt zu sein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span></p> + +<p>»Erzähle nur ruhig, Ilse, wie es ihm ergangen ist,« erwiderte Herta.</p> + +<p>Diese nahm sich sofort zusammen. »Dein Bruder hat unterwegs ein paar +Fischer angetroffen und sich nach Stepenitz bringen lassen. Von dort +ist er mit dem nächsten Zuge direkt nach Stettin gefahren, weil er +hörte, daß der Amerikadampfer nicht ausgelaufen wäre.«</p> + +<p>Wolf und Smiders traten ebenfalls an den Tisch heran, als Ilse weiter +fortfuhr:</p> + +<p>»Herr Plüddekamp fragte mich sofort über alles aus, und ich habe kurz +berichtet, daß uns der ›Fritjof‹ hierherschleppte. Wir werden mit dem +Abendzug von ihm erwartet.«</p> + +<p>»Ich bin recht froh,« sagte Herta in herzlichem Tone, »daß wir nun +beruhigt sein können!«</p> + +<p>»Du glaubst nicht, Tante Herta, wie mir zumute wurde, als ich deines +Bruders Stimme durch das Telephon vernahm. Er war doch wieder da und +ihm nichts zugestoßen.«</p> + +<p>Sie brachte diese Worte mit einer solchen Wärme des Ausdrucks hervor, +daß Konsul Martens leicht den Kopf schüttelte und vor sich hinsprach:</p> + +<p>»Sonderbar, ich hätte doch gedacht —! Aber man lernt im Leben nie +aus.« —</p> + +<p>Während der gemeinsamen Fahrt nach Stettin sagte Smiders zu Wolf:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p> + +<p>»Hätte nicht geglaubt, daß ich in Swinemünde so famose Stunden +verleben würde. Gefällt mir riesig, mit euch zusammen zu sein. Du hast +doch nichts dagegen, wenn ich euch in den nächsten Tagen meinen Besuch +mache?«</p> + +<p>Wolf hatte schon auf der Zunge, zu antworten: »Es ist mir viel +angenehmer, wenn du wegbleibst,« war aber gezwungen, ihm gerade das +Gegenteil auszudrücken.</p> + +<p>Als der Zug in den Bahnhof einlief, stand die mächtige Gestalt Jürgens +auf dem Perron. Er erwartete seine Geschwister. Herta stieg zuerst +aus; er schloß sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn. Hierin +lag der Ausdruck einer hohen Freude, sie wieder glücklich bei sich +zu haben. Wolf und Martens schüttelte er derb die Hand. Dann stand +plötzlich Ilse vor ihm, und er mußte ihr ebenfalls ein paar Worte +sagen. Ihre Blicke strahlten ihm derartig entgegen, daß er davon +peinlich berührt wurde.</p> + +<p>»Ich sandte Ihnen einen Wunsch nach, als Sie den gefahrvollen Weg +über das Eis antraten, Herr Plüddekamp,« sagte sie mit ihrer tiefen +Altstimme, »und er ist mir in Erfüllung gegangen.«</p> + +<p>Jürgen wurde seiner Antwort enthoben, da Martens, Smiders und der +lange Hamburger dazwischen kamen.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p> + +<h2>XIII.</h2> +</div> + + +<p>Die Unruhe kehrte im Plüddekampschen Hause ein. Nach einer kurzen +Nachtmahlzeit waren die Geschwister und Ilse auf ihre Zimmer gegangen. +Wolf lief in dem seinen aufgeregt hin und her.</p> + +<p>Er verstand Ilses Verhalten nicht. Es war kein leichter Flirt, den +sie trieb, oder ein unbewußter Drang erwachender Leidenschaft. +Einen Augenblick hindurch fühlte er Liebe und Hingebung bei ihr, +blitzschnell ging es vorüber. Martens lächelte sie verheißungsvoll an, +dem fatalen Smiders schenkte sie Aufmerksamkeit, und Jürgen — sie +sorgte sich um ihn, als ob er ihr nahestände. Sie fesselte jeden, der +ihr in den Weg trat, und wehrte dann durch plötzliche Stummheit von +sich ab. Was ging in ihr vor? Hatte sie überhaupt kein Herz — die +Hexe Ilse? Eine wirkliche Hexennatur will niemand beglücken, — es +gelüstet sie nach Vernichtung, wie Herta sagte.</p> + +<p>Die Gedanken marterten ihn. Er versuchte zu schlafen und fand keinen +Schlaf.</p> + +<p>Sollte er sie zu seiner Frau machen? Wie kam es, daß er erst jetzt +daran dachte! Jürgen und Herta würden sich dagegen stellen. Aber Ilse, +— bei einem solchen Entschluß mußte sie ihm Rede stehen. — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p> + +<p>Ilses Zimmer lag im zweiten Stockwerk. Sie war langsam die Treppe +hinaufgestiegen und hatte sich flüchtig umgesehen, da die zwei Brüder +noch einen Augenblick auf dem Korridor stehen blieben. Jürgen, der +große, kräftige Mann, — daneben die schlanke, biegsame Gestalt des +jüngeren Wolf, — beide konnten wohl einem jungen Mädchen gefallen.</p> + +<p>In ihrem Zimmer angekommen, entkleidete sie sich langsam, und ihr +Blick streifte dabei ein paarmal den hohen Pfeilerspiegel. Ein +bleiches Gesicht sah ihr entgegen, aus dem die Augen mit stark +leidenschaftlichem Ausdruck hervortraten. — War sie das selbst +— Ilse Hergenbach? Sie mußte es wohl sein! Und doch kam ihr das +Spiegelbild vollständig fremd vor. Hatte sie sich so verändert? Das +Blut rollte ihr heiß durch die Adern — in ihrem ganzen Wesen ging +eine seltsame Wandlung vor. — Sie wollte die Arme ausbreiten, um +ein Schemen an sich zu ziehen. Ihr ganzer Körper dehnte und streckte +sich, und sie empfand ein Verlangen, über das sie sich selbst keine +Rechenschaft geben mochte. Wolfs Neigung erwiderte sie nicht. Sie +fühlte, daß die von Jürgen ausströmende Kraft ihr Fühlen immer stärker +beherrschte. Wie lange hatte sie das Leidenschaftliche ihres Wesen +schon zurückdämmen müssen! Würde es jetzt jede Schranke hinwegreißen?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p> + +<p>»Jürgen! Jürgen!« stieß sie laut aus.</p> + +<p>Was konnte sie ihm sein? Würde er sie verstehen? Ein Mann, der für +die Liebe zur Frau keine Zeit fand, mußte doch beglückt sein, wenn +sie sich ihm rückhaltslos darbot. Aber — kannte sie sich selbst? +Jener Augenblick in Swinemünde trat plötzlich mit erschreckender +Deutlichkeit vor sie hin. Sie zuckte darunter wie unter einem +Peitschenhiebe zusammen. Ein heißer Blick — ein überlegenes Lächeln +tauchte vor ihr auf. Wer war dieser Mann, der es wagte, ihr so zu +begegnen? Das Blut floß ihr wild durch die Adern, es prickelte in +allen Nerven ihres Körpers. Sie mußte daran denken, ob sie es auch von +sich abschütteln wollte.</p> + +<p>»Jürgen! Jürgen!« stöhnte sie leidenschaftlich auf.</p> + +<p>Welche widerstreitenden Gefühle regen sich im Menschen! Was ist Liebe? +Was ist Leidenschaft? Wie wirr geht beides durcheinander, und keins +vermag die Oberhand zu erringen!</p> + +<p>Es dauerte eine geraume Zeit, ehe das Licht in Ilses Zimmer erlosch. +Über dem alten Kaufherrnhause ging in der klaren Winternacht der +Mond mit hellem Schimmer auf. Sein milder Schein glitzerte auf den +Fensterscheiben, er drang aber nicht durch die dichten Vorhänge, um +ruhelose Seelen friedvoll zu stimmen. — — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p> + +<p>In den Straßen der Stadt war durch den starken Schneefall eine gute +Schlittenbahn entstanden. Die in der Wintersonne aufleuchtende weiße +Decke warf ihren Glanz in die Kontorstube, in der jetzt Jürgen und +Wolf die Lagerbücher einer Prüfung unterzogen.</p> + +<p>»Es fehlen noch eine Anzahl Lieferungen,« bemerkte der erstere, +»sobald das Eis taut und die Schiffahrt beginnt, müssen wir für den +Export gerüstet sein.«</p> + +<p>»Wie steht es mit Oberamtmann Wichers?« fragte alsdann Wolf. »Er +wollte doch über zehntausend Zentner mehr liefern.«</p> + +<p>Jürgen nahm das Haustelephon zur Hand, drückte auf den Knopf und +sprach zum Prokuristen Armin hinüber.</p> + +<p>»Wieviel Zentner Roggen haben wir aus Wershagen herein? Hm, hm,« +machte er gedehnt. »Es hat in der letzten Zeit gestockt,« wandte er +sich an seinen Bruder. »Armin gibt an, daß erst die ungefähre Hälfte +gesandt ist.« Er legte das Hörrohr wieder fort. »Du wirst nachhelfen +müssen, Wolf, — bist auch recht lange nicht in Wershagen gewesen.«</p> + +<p>»Wie soll ich jetzt hinauskommen, Jürgen?« erwiderte dieser. »Zum +Reiten ist es mir zu kalt. Auch liegt der Schnee sehr hoch.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p> + +<p>»Bist du auf einmal schwerfällig!« meinte Jürgen. »Es ist doch die +schönste Schlittenbahn von der Welt! Du wirst warm eingepackt und +landest in zwei bis zweieinhalb Stunden in Wershagen.«</p> + +<p>Wolf zog ein gelangweiltes Gesicht. »Eine endlose Fahrt, Jürgen! In +Gesellschaft lasse ich sie mir gefallen, aber stundenlang allein im +Schlitten zu sitzen, kannst du mir wirklich nicht zumuten.«</p> + +<p>»Du hast es doch früher getan!« entgegnete Jürgen erstaunt. »Ich +wundere mich überhaupt, daß du nicht mehr nach Wershagen hinausfährst. +Was soll Oberamtmann Wichers von uns denken? Dir fiel es immer zu, den +gesellschaftlichen Verkehr aufrechtzuerhalten.«</p> + +<p>»Fahr du doch hinaus, Jürgen!«</p> + +<p>»Ich bin hier nicht abkömmlich! Dann machst du auch deine Sache in +Wershagen besser als ich.«</p> + +<p>»Ich will aber in Lieschen Wichers keine Hoffnung erwecken,« brummte +der junge Mann, »was soll schließlich daraus werden?«</p> + +<p>»Soooo,« dehnte Jürgen das Wort aus, »Mieze Thadden siegt also im +Rennen —«</p> + +<p>»Ich denke nicht daran, Jürgen!« sagte Wolf.</p> + +<p>»Holla, mein Junge! Was ist auf einmal mit dir los? Du pendelst doch +schon lange zwischen den beiden hin und her.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span></p> + +<p>»Ich höre damit auf, Jürgen!«</p> + +<p>»Du bist heute recht ungemütlich, Wolf,« lachte Jürgen auf. »Das kommt +von deinem Junggesellentum. Du darfst es mir nicht nachmachen. Es wird +Zeit, daß du dich entscheidest. Haus Plüddekamp braucht einen Erben. +Das ist doch klar!«</p> + +<p>»Gewiß, Jürgen! Aber ich habe keine Lust, mir eine Frau zu nehmen, die +nicht zu mir paßt. Vielleicht stellt sich über Nacht ein guter Gedanke +ein, dann bin ich sofort dabei.«</p> + +<p>»Vorsicht, Wölfchen! Doppelte Vorsicht! Ein kluger Geschäftsmann wägt +erst und dann wagt er. Hast du es getan?«</p> + +<p>»Ich denke noch nicht daran,« brachte Wolf unwillig hervor. »Warum +fragst du mich so aus? Du willst mir meine Freiheit lassen und legst +jetzt Daumenschrauben an.«</p> + +<p>»Kalt Blut,« sagte Jürgen begütigend, »es ist nicht so einfach damit. +Die Herrin für Haus Plüddekamp muß vollwertig sein, sonst gibt Herta +das Zepter nicht ab. Schaffe uns keine schwierige Lage. Von vornherein +soll volle Klarheit herrschen.«</p> + +<p>»Du bist ein schrecklicher Mentor, Jürgen, und wirst es noch dahin +bringen, daß ich aus dem alten Nest flügge werde.«</p> + +<p>»Auf keinen Fall, Wolf!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p> + +<p>»Wieso, Jürgen? Du und Herta seid hier genug! Du versorgst +vortrefflich das Geschäft, Herta ebenso das Haus. Außerdem hast du +noch Armin zur Seite. Wenn ich die Zinsen von meinem Vermögen nehme, +kann ich überall bequem auskommen. Ich halte es Herta gegenüber für +ausgeschlossen, bei einer Verheiratung hier zu bleiben.«</p> + +<p>»Junge! Wolf! Das geht ja über die Hutschnur und Pappelbäume! Du, mein +Bruder, ein Plüddekamp, und aus dem Plüddekampschen Hause fort — das +leide ich einfach nicht! — Deine Söhne brauchen mich doch! Ich muß +sie zu tüchtigen Kaufleuten erziehen, die unserer Firma einst Ehre +machen!«</p> + +<p>»Du bist wirklich großartig, Jürgen! Deine Sorge um mich — in allen +Ehren. Daß du aber schon so weit gehst, meine Söhne, die noch gar +nicht auf der Welt sind, unter deine Fuchtel nehmen zu wollen —«</p> + +<p>»Na, ja,« unterbrach ihn Jürgen lachend, »hör nur auf! Ich will dir +wirklich dein Recht nicht rauben, Wölfchen! — Jetzt bestelle ich den +Schlitten, damit du noch zur Tischzeit in Wershagen eintriffst.«</p> + +<p>»Nein!« Wolf hatte es kurz ausgestoßen. »Ich kann heute nicht. Ich +habe auch keine Laune dazu.«</p> + +<p>»Ja, zum Teufel, was ist eigentlich mit dir los!« wurde Jürgen +aufgebracht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p> + +<p>»Vorläufig noch gar nichts, aber es kann noch werden.«</p> + +<p>»Du sprichst in Rätseln, Wolf.«</p> + +<p>»Die Lösung sollst du bald erfahren!«</p> + +<p>Jürgen ahnte bereits, wohin dies zielte. Er wollte aber nicht +gewaltsam auf seinen Bruder einwirken und überlegte einen Augenblick, +wie er die Angelegenheit mit Wershagen am besten regeln konnte.</p> + +<p>Inzwischen ertönte auf der Straße helles Schellengeläut. Ein großer +Jagdschlitten mit prächtigen Rappen, die von der schnellen Fahrt +dampften, hielt vor dem Toreingang.</p> + +<p>»Das klappt geradezu wunderbar!« rief Jürgen aus. »Sieh nur hinaus, +Wölfchen! Die Wershagener sind da! Was für ein rosiges Gesicht dort +aus der Pelzkappe hervorschaut und neugierig zu unseren Fenstern +herüberlugt, ob nicht ein gewisser junger Herr zugegen ist! Erkennst +du Lieschen Wichers nicht?«</p> + +<p>»Ja, ich sehe wohl,« murrte Wolf, »nun haben wir sie auf dem Halse.«</p> + +<p>»Das war kein schönes Wort von dir, Wolf! Wichers sind prächtige +Menschen, und ich freue mich, wenn sie zu uns kommen. Ein Beweis, na +— ich schweige —«</p> + +<p>Er griff hastig nach seiner blauen Mütze und eilte zum Toreingang, +um den Oberamtmann und seine<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> Tochter zu begrüßen. Ehe er an den +Schlitten trat, drückte er auf den Kopf der elektrischen Leitung, +die nach dem Stall führte. Die Pferde vor dem Wershagener Schlitten +sollten ausgespannt werden.</p> + +<p>Oberamtmann Wichers war ein untersetzter rundlicher Herr mit roten +Backen und einem starken blonden Vollbart. Er stieg aus dem Schlitten +und reichte seinem Kutscher die Zügel hin. Dann half er seinem +Töchterchen, die dem großen Pelzfußsack entrinnen wollte. Er wurde +dabei sofort von Jürgen unterstützt, nachdem sie sich mit biederem +Handschlag begrüßt hatten.</p> + +<p>»Muß doch selbst einmal hersehen, lieber Herr Plüddekamp,« meinte der +Oberamtmann. »Wir haben Ihren Herrn Bruder fast täglich erwartet. Er +ist hoffentlich nicht krank! Mein Lieschen verlangt nach ihrem Partner +im Klavierspiel. Ich habe sie darum gleich mitgebracht.«</p> + +<p>Lieschen Wichers, die in dem gesunden, frischen Aussehen ganz ihrem +Vater glich, legte jetzt ihre kleine Hand in die mächtige Rechte +Jürgens hinein.</p> + +<p>»Guten Tag, Herr Plüddekamp! Ich will wirklich nicht stören und habe +vieles in der Stadt zu besorgen. Der Schlitten soll mich weiterfahren. +Vater hat ja mit Ihnen geschäftlich zu sprechen.«</p> + +<p>»I wo,« sagte Wichers, »du wolltest doch —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span></p> + +<p>»Aber Papa! Das war nur so nebenbei —«</p> + +<p>Jürgen lächelte verständnisvoll. Er sah dem kleinen Landfräulein +ganz deutlich an, daß ihr Herz nach dem hübschen Wolf Sehnsucht +empfand. Dieser war inzwischen langsam nachgekommen. Er schüttelte dem +Oberamtmann kräftig die Hand und begrüßte dann Lieschen Wichers, die +ihn mit ihren blauen Augen freundlich anlächelte.</p> + +<p>»Wenn der Prophet nicht zum Berge kommt, muß der Berg wohl zum +Propheten kommen,« meinte der Oberamtmann mit wohlgefälligem Lachen, +»da sind wir nun! Immer eine kleine Weltreise nach Stettin herein, +aber bei der prächtigen Schlittenfahrt ganz wunderbar. Sie hätten nur +sehen sollen, wie meine Rappen auf der Landstraße dahinstoben! Solche +glatte Bahn gab es lange nicht.«</p> + +<p>»Wir wollen aber nicht in der Kälte stehen bleiben!« sagte Jürgen. +»Wolf, du begleitest wohl Fräulein Wichers zu Herta. — Lieber +Oberamtmann,« wandte er sich an diesen, »wir haben das Geschäftliche +mit zwei Worten abgemacht und setzen uns dann an den Frühstückstisch.«</p> + +<p>»Ist mir nur angenehm,« erwiderte Wichers. »Ich habe zwar heute +morgen tüchtig vorgelegt, aber nach der Fahrt bekomme ich immer einen +Mordshunger.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p> + +<p>»Um so besser,« fiel Jürgen ein, »es geht nichts über eine gemütlich +lange Frühstückssitzung, die liebt jeder gute Pommer.«</p> + +<p>Die beiden Herren gingen in das Kontor, während Lieschen Wichers und +Wolf die große Treppe emporstiegen. Als dieser ihr dann behilflich +war, die äußeren warmen Hüllen abzunehmen, eilte Ilse sofort herbei. +Wolf stellte kurz vor: »Fräulein Ilse Hergenbach, die Tochter einer +Freundin Hertas — Fräulein Lieschen Wichers aus Wershagen.«</p> + +<p>Die schlanke Figur Ilses überragte das junge Mädchen bedeutend. Sie +standen jetzt nebeneinander, und Wolfs Augen konnten über beide +prüfend hinweggleiten. Ein Blick sagte ihm, daß das einfache Äußere +von Lieschen Wichers niemals Ilse die Wage halten konnte. Was +verkörperte sich alles in diesem seltsamen Geschöpf!</p> + +<p>Herta, die jetzt gekommen war, drückte Lieschen freundlich die Hand +und zog sie mit sich in den kleinen Damensalon hinein. Ilse und Wolf +blieben einen Augenblick allein zurück.</p> + +<p>»Ilse,« flüsterte er, und ein Zittern lief dabei durch seinen Körper, +»seitdem ich dich im Arm gehalten, bin ich vollständig ruhelos. Ich +habe mich die Nacht zu einem Entschluß durchgerungen und ich muß dich +unbedingt sprechen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p> + +<p>Sie gab ihm keine Antwort darauf.</p> + +<p>»So rede doch!« wurde er aufgeregter. »In einem Augenblick sind wir +wieder mit den anderen zusammen.«</p> + +<p>Sie schwieg jedoch beharrlich, und als sein Auge leidenschaftlich +das ihre suchte, sah sie über ihn hinweg in das Dunkel des langen +Korridors hinein.</p> + +<p>»Ilse, du bringst mich noch zur Verzweiflung! Sprich endlich! Du hast +doch an meiner Brust gelegen! Dein Mund duldete meine Küsse, und nun +—«</p> + +<p>Sie trat schnell in das Speisezimmer. Wolf stampfte mit dem Fuße auf, +und ihr hastig nacheilend, flüsterte er im Vorbeigehen: »Es muß anders +werden, Ilse, sonst hast du mich auf dem Gewissen!«</p> + +<p>Lieschen Wichers schaute sich schon ein paarmal um, wo Wolf blieb. +Als er jetzt, kaum Herr seiner Erregung, in den Salon trat, sah sie +erstaunt zu ihm auf. Das war Wolf Plüddekamp nicht mehr, er schien ein +ganz anderer geworden zu sein. Seine Blicke irrten unruhig umher, als +er sie fragte:</p> + +<p>»Wie schaut es in Wershagen aus! Wohl alles verschneit?«</p> + +<p>»Ach — reizend!« erwiderte sie. »Sie sollten es nur sehen, Herr +Plüddekamp! Auf den Dächern und Bäumen die großen Schneelasten, neben +den Fahrwegen hohe weiße Mauern, und auf dem Futterplatz<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> die lieben +Tauben, Hühner und viele kleine, arme Wintervögel. Ich verschaffe +ihnen reichliches Futter. Papa muß es schon herausrücken.«</p> + +<p>Herta nickte ihr freundlich zu.</p> + +<p>»So ist es recht, Fräulein Wichers! Nur für die armen Tierchen sorgen, +wenn der Winter hart und kalt ist. Hier in der Stadt liest man immer +in den Zeitungen: Sorgt für die Vögel! Sorgt für die Zughunde! und +wie die schönen Aufrufe alle heißen. Ich bin im Tierschutzverein und +suche namentlich die kleinen Hundewagen auf, die Milch, Gemüse und +Kartoffeln von draußen hereinschaffen. Bauersleute und Händler haben +nicht immer ein warmes Herz für die armen Tiere.«</p> + +<p>Wolf nahm einen Platz, von dem aus er in das Speisezimmer sehen +konnte. Lieschen Wichers plauderte in ihrer harmlosen Weise weiter. +Er hörte es kaum. Seine Blicke bohrten sich förmlich in das andere +Zimmer, ob sich Ilse nicht zeigen würde. Er bemerkte dann, wie sie mit +den großen grauen Augen vorsichtig herüberlugte. Sie suchte ihn nicht, +sie sah Lieschen Wichers an. War dies Neugierde, oder war es mehr? +Zeigte sie Eifersucht — dann stand ja alles gut für ihn.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p> + +<h2>XIV.</h2> +</div> + + +<p>Rittergut Wershagen war Jahrhunderte im Besitz einer alten adligen +Familie gewesen. Der letzte Herr von Wershagen verlor beide Söhne +kurz nacheinander, und er selbst wurde bei seinem hohen Alter +müde, den großen Gutsbetrieb weiter zu leiten. Ohne Nachkommen, +beschloß er endlich schweren Herzens, das Rittergut zu verkaufen. +Oberamtmann Wichers, der lange Jahre Domänenpächter gewesen war, +hatte Wershagen preiswert erstanden. Als hochbegabter Landwirt +brachte er den schönen Besitz zu außerordentlicher Ertragsfähigkeit. +Wershagen wurde ein Mustergut, das seiner Kornerträgnisse wegen in +den landwirtschaftlichen Jahrbüchern die größte Anerkennung fand. +Wichers hatte keinen Sohn, der Wershagen einst übernehmen konnte. Die +ganze Zärtlichkeit richtete sich deshalb auf seine Tochter Lieschen. +Mehrere Freier aus der Nachbarschaft pochten an, die das hübsche +Oberamtmannstöchterlein mit der Aussicht auf die wertvolle Besitzung +Wershagen gern heimführen wollten. Aber Lieschen<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> Wichers schaute nur +nach einem aus, den ihr Herz ersehnte — Wolf Plüddekamp.</p> + +<p>Schon im verflossenen Jahre hoffte sie, daß er um sie anhalten würde. +Er blieb aber stets gleichmäßig vertraulich, obwohl ihr Auge zuweilen +recht offen zu ihm sprach. Sie standen wie ein Paar gute Freunde +zueinander.</p> + +<p>Bei Lieschen Wichers ging in der letzten Zeit eine bedeutende +Veränderung vor sich. Durch die lange Abwesenheit von Wolf empfand sie +eine derartige Sehnsucht nach ihm, daß sie ihren Vater zu Plüddekamps +begleitete. Oberamtmann Wichers wußte recht gut, wie es mit seinem +Töchterchen bestellt war, und wollte sie gern glücklich sehen. —</p> + +<p>Nach dem Frühstück im Plüddekampschen Hause machten sie noch einige +Besorgungen und fuhren dann heimwärts. Das kleine Landfräulein +verhielt sich an der Seite ihres Vaters recht einsilbig.</p> + +<p>»Was hast du nur, Mädel?« fragte der Oberamtmann. »Du sitzt da wie +eine verirrte Hoftaube.«</p> + +<p>»Mir ist nichts, Vater,« erwiderte sie ernst.</p> + +<p>»Du freutest dich doch so sehr auf die Fahrt, Lieschen!«</p> + +<p>»Gewiß, Vater! Es war aber alles anders, wie ich es mir dachte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p> + +<p>»Hm,« machte dieser und zog die Zügel der Rappen fester an, daß sie +in scharfen Trab fielen. »Es ist mir bei Plüddekamps aufgefallen, daß +sich Wolf völlig verändert hat. Er kommt mir hochgradig nervös vor. In +seinem Alter müssen die Nerven wie Schiffstaue sein. Mir scheint, daß +das Fräulein aus Nordhausen keinen guten Einfluß auf die Geschwister +ausübt.«</p> + +<p>»Ich denke es auch, Vater,« erwiderte Lieschen. »Es trat leider sehr +deutlich für mich hervor.«</p> + +<p>»Ja, ja,« knurrte der Alte vor sich hin, während der Schlitten auf der +glatten Bahn und bei der raschen Fahrt leicht zu schlenkern begann.</p> + +<p>»Du wolltest schon lange Plüddekamps zu uns einladen,« setzte Lieschen +das Gespräch nach einer Weile fort; »jetzt ist die beste Gelegenheit +dazu.«</p> + +<p>»Hast recht, Kind,« sagte der Oberamtmann. »Die Wildgänse und +Wildenten fallen seit Tagen scharenweise ein. Jürgen ist unser +bester Jäger. Wir bitten seine Geschwister, mit nach Wershagen +herauszukommen, und geben ein Jagdessen — natürlich tipp-topp.«</p> + +<p>»Das ist reizend, Vater! Wie gern bin ich damit einverstanden! Unsere +Wildkammer ist noch reichlich gefüllt. Aber Fräulein Hergenbach ladest +du doch nicht mit ein?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p> + +<p>»Kind!« Wichers wandte sich um und sah sie erstaunt an. »Es geht kaum +anders! Sie ist in der Familie Plüddekamp aufgenommen. Wir begingen +einen Verstoß, wenn wir sie bei der Einladung ausschließen würden.«</p> + +<p>Lieschen Wichers senkte den Kopf.</p> + +<p>»Sie gefällt mir aber ganz und gar nicht, Vater,« stieß sie plötzlich +aus.</p> + +<p>»Mir auch nicht,« brummte der Oberamtmann. »Hat ein Paar Augen im +Kopfe wie eine Katze, die auf Raub lüstern ist. Läßt sich aber nichts +dran ändern, Lieschen, muß mit in den Kauf genommen werden.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Schlittenbahn blieb gut. An Plüddekamps ging eine Einladung zur +Jagd mit anschließendem Jagddiner in Wershagen sofort ab. Der Tag kam +heran.</p> + +<p>Lieschen Wichers hatte ein pelzbesetztes grünes Jagdkostüm angelegt, +das sie allerliebst kleidete. Herta gab ihrem jüngeren Bruder einen +leichten Rippenstoß.</p> + +<p>»Wölfchen,« flüsterte sie, »sieh einmal Lieschen an! Was ist sie doch +für ein prächtiges, frisches Mädchen.«</p> + +<p>Wolf ließ den Blick flüchtig über sie hinweggleiten.</p> + +<p>»Ja, ja,« erwiderte er eintönig. Gleichzeitig schaute er schon nach +Ilse aus, die soeben zu Lieschen<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Wichers trat und sich bei ihrer +großen, schlanken Figur leicht vornüberneigte, um mit ihr zu sprechen.</p> + +<p>Nach einem kurzen Imbiß wurden die Schlittensitze eingeteilt. Es ging +nach den Seen hinaus, auf denen die wilden Gänse in großer Anzahl +einfielen. Oberamtmann Wichers trug für seine Frühjahrssaat Sorge. Es +sollte deshalb unter den Eindringlingen tüchtig aufgeräumt werden.</p> + +<p>Eine ganze Reihe tadellos bespannter Schlitten hielt vor dem +Wohnhause. Die Gäste stiegen ein. Voran fuhr Oberamtmann Wichers mit +Herta Plüddekamp, dann folgte Jürgen mit Ilse Hergenbach und Wolf +mit Lieschen Wichers. Ein leerer Schlitten für die bereits draußen +befindlichen Jäger beschloß den Zug.</p> + +<p>Wolfs Schlitten wurde von ein paar flotten, jungen Pferden gezogen, +die das schönste Schellengeläute trugen. Nun ging es hinaus in die +prächtige Winterlandschaft nach den zusammenhängenden kleinen Seen. +Förster und Inspektor von Wershagen sollten dort die Jagdgäste +empfangen und ihnen den besten Stand anweisen.</p> + +<p>Lieschen Wichers plauderte munter drauflos. Wolf hatte vorläufig +genügend mit seinem jungen Gespann zu schaffen. Die beiden +Lichtbraunen tänzelten vor dem Schlitten hin und her und waren nicht +gewillt, in der Reihe zu bleiben. Ihrem Lenker, der<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> sehr viel Sinn +für allen Sport besaß, machte dies viel Vergnügen.</p> + +<p>»Ein Paar tolle Racker,« sagte er zu Lieschen Wichers. »Ihr Papa +scheint ein großes Vertrauen in meine Fahrkunst zu setzen.«</p> + +<p>»Gewiß,« erwiderte Lieschen Wichers stolz, »sonst hätte er Ihnen nicht +die beiden jüngsten und besten Pferde aus dem Stall gegeben.«</p> + +<p>»Alle Hochachtung über die mir zugedachte Ehre, Fräulein Wichers! Sie +kommen aber schlecht dabei weg.«</p> + +<p>»Wieso?« fragte Lieschen erstaunt.</p> + +<p>»Ich muß auf die Pferde aufpassen und kann mich nicht Ihnen widmen, +wie ich es möchte.«</p> + +<p>»O, dann lassen Sie mich fahren! Sie wissen doch, ich bin ein +geschulter Kutscher. Papa hat mir von klein auf die Fahrleine in die +Hand gegeben.«</p> + +<p>Wolf mußte sie lachend abwehren, da sie bereits Anstalten traf, um +seinen Platz einzunehmen.</p> + +<p>»Ich darf doch die Zügel nicht aus der Hand geben! Was würden die +anderen dazu sagen,« meinte er scheinbar vorwurfsvoll. »Es kommt dem +Manne zu —«</p> + +<p>»Zuweilen ist es ganz angebracht, Herr Plüddekamp, wenn die Frau den +Mann ablöst,« fiel sie ein, und in ihren blauen Augen glänzte es wie +klarer Wintersonnenschein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p> + +<p>Wolfs Schlitten war dicht an den seines Bruders herangekommen. Die +Pferde begannen zu galoppieren und wollten vorbei.</p> + +<p>»Kein Rennfahren, Wolf!« ließ Jürgen seine starke Stimme erschallen.</p> + +<p>Die Lichtbraunen ließen sich aber nicht halten, und Lieschen Wichers +griff plötzlich in die Zügel hinein.</p> + +<p>»Das Sattelpferd kürzer fassen, den Hals links abbiegen, Herr +Plüddekamp, dann stoppt das Handpferd von selbst,« und wirklich — der +Ratschlag war gut. Der Schlitten kam wieder in die Reihe hinein.</p> + +<p>»Sehen Sie,« lachte das junge Mädchen. »Ein wenig verstehe ich von der +Fahrkunst meines Vaters.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auf den Wershagener Seen war das Rohr bereits geschnitten. Von +niedrigem Erlengebüsch umgeben, lag die weite weiße Fläche anscheinend +still und eintönig da. Eine ganze Strecke vorher blieben die Schlitten +halten und ihre Insassen stiegen aus. Die vorausgeschickten Stalleute +hüllten die dampfenden Pferde in wollene Decken ein. Nun stapften +alle tüchtig durch den Schnee, die Flinten im Arm. Der Förster und +Inspektor kamen ihnen entgegen.</p> + +<p>»Auf dem oberen See liegt ein ganzer Schwarm wilder Gänse, Herr +Oberamtmann,« meldete der<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Förster. »Wir müssen aber vorsichtig +heranschleichen, sonst fliegen sie auf. Es sind ein paar große +Schneewehen davor, die uns einigermaßen decken.«</p> + +<p>Jürgen richtete sich auf. Seine ganze Gestalt schien zu wachsen. +Die Pelzmütze etwas von der Stirn zurückschiebend, schauten seine +scharfen Augen zu den Seen hinüber. Die Jagdlust erwachte in ihm. Es +war die einzige Leidenschaft, die er außer seinem Geschäft besaß. Ilse +betrachtete ihn mit leuchtenden Blicken. Sie hätte laut aufjauchzen +mögen, so schlug ihr plötzlich das Herz.</p> + +<p>Er hatte während der Fahrt mit ihr freundlich geplaudert. Der sonst so +schweigsame und ernste Geschäftsmann konnte zuweilen dem Leben auch +frohe Seiten abgewinnen. Jürgen kannte Nordhausen und ihr Elternhaus. +Er war in früheren Jahren mehrmals dort gewesen, um die geschäftlichen +Beziehungen fester zu gestalten.</p> + +<p>»Was macht ihr zwei nun?« fragte Jürgen, sich an Herta und Ilse +wendend, die nicht jagdmäßig ausgerüstet waren.</p> + +<p>»Wir tragen die Beute heim,« erwiderte Ilse.</p> + +<p>»So,« stieß Jürgen gedehnt aus, »sind Sie ihrer schon gewiß?«</p> + +<p>»Ich hoffe es bestimmt.« Dabei schaute sie ihn bedeutungsvoll an.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p> + +<p>Die Jagd begann. Vorsichtig schlichen alle hinter den mächtigen +Schneewehen auf den oberen See zu. Jürgen und der Oberamtmann kamen +schneller vorwärts. Wolf und Lieschen Wichers bogen etwas nach +links ab, während der Förster und der Inspektor weit voraus mit +hochgehaltener Hand die Richtung angaben.</p> + +<p>»Wir stehen im zweiten Treffen,« sagte Lieschen zu ihrem Begleiter. +»Der Schwarm steigt also in die Höhe, ehe wir zum Schuß kommen. Wir +wollen aber den anderen ein Schnippchen schlagen und gehen jetzt ganz +nach links auf das Erlengebüsch zu. Es bietet uns gute Deckung. Die +Wildgänse müssen, nach dem Stand der anderen Schützen zu schließen, +bei uns vorüberfliegen. Wir haben die besten Aussichten, ein paar +herunterzuholen.«</p> + +<p>»Ganz mein Fall!« meinte Wolf, der jetzt Lust bekam, das Jagdglück zu +erproben. »Sie sind wirklich eine gute Beraterin, Fräulein Lieschen!«</p> + +<p>Eine breite Schneewehe lag vor ihnen, sie mußten diese durchschreiten.</p> + +<p>»Oho,« lachte Lieschen Wichers laut auf und war tief in den Schnee +eingesunken. Es schien ihr das größte Vergnügen zu bereiten.</p> + +<p>Sofort sprang Wolf an ihre Seite, faßte sie leicht um die Taille und +hob sie heraus. Er trug hohe Jagdstiefel, es machte ihm nichts aus, +weit hinein zu geraten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p> + +<p>»Sie haben ja staunenswerte Kräfte, Herr Plüddekamp!« rief Lieschen +belustigt. »Sie heben mich wie eine Daunenfeder hoch.«</p> + +<p>Wolf erwiderte in der gleichen Tonart:</p> + +<p>»So leicht sind Sie wirklich nicht, Fräulein Lieschen. Ich habe mich +ganz gehörig plagen müssen,« und er schaute dabei auf ihre rundlichen +Formen hin.</p> + +<p>Sie sah schelmisch zurück.</p> + +<p>»Ich habe neue vierhändige Stücke in Stettin gekauft. Kommen Sie bald +wieder heraus, Herr Plüddekamp. Heute wird doch nichts aus unserem +Spiel.«</p> + +<p>»Warum nicht, Fräulein Lieschen? Nach dem Essen!«</p> + +<p>»Ach, das wird endlos bei Papas Flaschenbatterien! Dann fahren Sie +bald zurück. Ich erwarte Sie also bestimmt in den nächsten Tagen, aber +als Solokrebs.«</p> + +<p>Ihr Auge ruhte mit voller Innigkeit auf ihm, als sie seine zusagende +Antwort erwartete.</p> + +<p>»Ich kann jetzt schwer abkommen, Fräulein Lieschen,« erwiderte er +zögernd. »Das Frühjahrsgeschäft muß vorbereitet werden. Jürgen läßt +mich nicht aus dem Kontor fort.«</p> + +<p>»Ich sage es ihm selbst, dann tut er es,« fiel sie energisch +ein. »Seine Anwesenheit reicht aus. Sie kommen mir gar nicht wie +ein Kaufmann vor, Herr Plüddekamp, und eignen sich viel mehr +zum Rittergutsbesitzer!<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> Warum haben Sie überhaupt nicht die +Landwirtschaft erlernt?«</p> + +<p>»Daran dachte ich früher nicht,« zuckte Wolf mit den Achseln. »Ich +wäre am liebsten Offizier geworden. Freilich — der Kaufmannsstand +paßt mir sehr wenig.«</p> + +<p>»Machen Sie es wie die Raupen im Frühjahr, die entpuppen sich.«</p> + +<p>»Nein,« schüttelte er mit dem Kopf. »Das Plüddekampsche Hausgesetz +schreibt mir vor, in den Bahnen meiner Väter zu wandeln.«</p> + +<p>»Dann durchbrechen Sie die Regel,« lachte Lieschen hell auf, »wenn +auch die alten Herren auf ihren Bildern die Köpfe verwundert schütteln +werden.«</p> + +<p>In diesem Augenblick fielen am oberen See eine Anzahl Schüsse schnell +hintereinander.</p> + +<p>»Jetzt wird's die höchste Zeit,« rief Lieschen aus. »Wir müssen an die +Erlen heran. Laufen wir, Herr Plüddekamp!« Flink wie ein Wiesel rannte +sie vorwärts.</p> + +<p>Sie sah so zierlich und nett dabei aus, daß Wolf seine helle Freude +hatte und mit langen Sätzen neben ihr hereilte.</p> + +<p>»Wir machen es wie unsere Lichtbraunen!« rief Lieschen weiter, »aber +nicht durchgehen, Herr Plüddekamp!«</p> + +<p>Von weitem ertönte schon das starke Geschnatter der Wildgänse.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p> + +<p>»Sie steigen auf! Achtung!« stieß sie hastig aus.</p> + +<p>Sie blieben mitten im tiefen Schnee stehen, die Flinte im Anschlag. +Ein Schwarm wilder Gänse kam verwirrt heran. Man sah, wie sie bestrebt +waren, sich zu ordnen.</p> + +<p>»Halten Sie auf die Spitze des Zuges,« rief Lieschen im Jagdeifer, +»noch ist er nicht hoch und zu erreichen! — Jetzt — Schuß!«</p> + +<p>Ein Doppelknall erfolgte. Oben in der Luft schlug eine Wildgans +gewaltig mit den Flügeln. Der ganze Schwarm stieg rasch höher, während +die Getroffene immer noch flatternd zurückblieb, langsam niedersank +und, sich plötzlich überschlagend, tief in die weiche Schneedecke +herabschoß.</p> + +<p>»Was sagen Sie nun, Herr Plüddekamp? Wir zwei haben eine Gans +geschossen!«</p> + +<p>»Ich nicht,« meinte Wolf bedächtig, »ich glaube — ich habe das blaue +Himmelszelt getroffen.«</p> + +<p>»Merken Sie sich die Stelle, an der die Wildgans heruntergegangen ist. +Es wird nicht lange dauern, dann kommt die zweite Auflage.« Sie schob +neue Patronen in den Doppellauf des Gewehres hinein.</p> + +<p>Wolf setzte seine Büchse ab.</p> + +<p>»Ich habe heute kein Jagdglück,« sagte er.</p> + +<p>»Doch, Herr Plüddekamp,« fiel Lieschen ein. »Ein Mann wie Sie hat +immer Glück.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p> + +<p>Es kam dies so offen und ehrlich heraus und ihre Augen richteten sich +so verheißungsvoll auf Wolf, daß er darin hätte leicht lesen können: +das größte Glück steht an deiner Seite.</p> + +<p>Trotz der warmen Strahlen der Sonne flog Wolf ein kalter Schauer über +den Rücken. Auf einem weiter unterhalb der Seen gelegenen Hügel waren +Herta und Ilse plötzlich aufgetaucht. Unwillkürlich wandte sich sein +Blick dorthin. Er seufzte tief auf.</p> + +<p>»Was haben Sie?« fragte Lieschen Wichers erstaunt.</p> + +<p>»Nichts,« erwiderte er kurz. Er wußte aber wohl, was in ihm vorging.</p> + +<p>Ein zweiter Schwarm wilder Gänse und vereinzelte Wildenten zogen +vorüber, aber in solcher Höhe, daß ein Treffen unmöglich wurde.</p> + +<p>»Holen Sie unsere Beute,« bat Lieschen, zu Wolf gewandt. »Ich gehe +inzwischen zu Ihrer Schwester, und Sie kommen mir dorthin nach.«</p> + +<p>Wolf mußte über das Eis des Sees schreiten, die Wildgans war in +schräger Richtung am jenseitigen Ufer niedergegangen. Lieschen winkte +ihm noch von weitem mit der Hand. Er kam in dem tiefen Schnee nur +langsam vorwärts, dabei fröstelte ihn. —</p> + +<p>Nach einiger Zeit versammelten sich alle bei den Schlitten. Die jungen +Lichtbraunen waren recht unruhig, und Jürgen rief seinem Bruder zu:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p> + +<p>»Gib gut acht, Wölfchen!«</p> + +<p>»Seien Sie ohne Sorge, Herr Plüddekamp!« lachte Lieschen hell auf. +»Ich bin doch da, um aufzupassen.«</p> + +<p>Der erste Schlitten ging im schnellen Trabe voran. Die anderen drei +folgten. Die Pferde griffen nach dem langen Stehen mutig aus, zumal +es nach dem Stall ging. Namentlich die Lichtbraunen gallopierten +fortgesetzt und waren kaum zu bändigen.</p> + +<p>»Fahr zu, Wolf!« rief Jürgen laut, »wenn die Braunen voran sind, +werden sie ruhiger gehen!«</p> + +<p>Dieser hatte in dem kurzen Augenblick, während er im Schlitten +vorbeisauste, einen Blick auf Ilse geworfen. Jürgen hielt seine Pferde +fest in den Zügeln, sie sah mit den großen Augen stolz zu ihm auf. +Wolf vergaß vor Ärger die Führung seiner Pferde; der Schlitten ging +über eine Schneewehe und kam vollständig schräg zu stehen.</p> + +<p>»Oho, Wolf!« rief Jürgen ihm nach. »Beinahe hättest du eine Kippe +gemacht!«</p> + +<p>Die Lichtbraunen aber jagten schon eine ganze Strecke voraus, und +Jürgen wurde besorgt.</p> + +<p>»Sein Temperament reißt ihn wieder einmal fort,« brummte er vor sich +hin. »Hätte Wolf nur mehr Ruhe in sich,« sagte er dann halblaut.</p> + +<p>Ilse hatte es gehört und erwiderte:</p> + +<p>»Herr Wolf ist manchmal recht ungestüm.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p> + +<p>»Sooo,« meinte Jürgen gedehnt, »haben auch Sie dies an ihm bemerkt?«</p> + +<p>»Ja,« brachte sie ganz leise hervor, sah ihn aber durchdringend dabei +an. »Ich habe es über mich ergehen lassen müssen.«</p> + +<p>»Müssen!« wiederholte Jürgen scharf. »Nein, Fräulein Hergenbach, Sie +haben es nicht nötig! Wolf ist noch eine stürmische, nicht abgeklärte +Natur. Weisen Sie ihn in seine Schranken zurück.«</p> + +<p>»Ich werde es tun, Herr Plüddekamp! Aber —« sie stockte.</p> + +<p>»Nun und?« fragte Jürgen.</p> + +<p>»Wenn Sie, Herr Plüddekamp —«</p> + +<p>»Ja, was soll ich dabei,« entgegnete er barsch, »ich stehe doch nicht +immer neben Ihnen!«</p> + +<p>»Sie können viel tun, Herr Plüddekamp. Ihre Worte fallen schwer in +die Wagschale. Herr Wolf ist manchmal ganz eigenartig zu mir — ich +weiß selbst nicht, was ich davon halten soll. Ich fühle mich glücklich +in Ihrem Hause, und doch wird es mir zuweilen schwer, das richtige +Verhalten in allen Dingen zu finden. Darum bitte ich Sie — Herr +Plüddekamp — mir beizustehen.«</p> + +<p>Er sah sie an. Ihre Augen strahlten in voller Leidenschaft. Es wurde +einen Augenblick hindurch siedendheiß in ihm. Was für eine Frau saß +an seiner<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> Seite? Welche Gewalt übte dieses Geschöpf selbst über ihn, +den ruhigen Mann, aus! Es lag eine große Gefahr in ihr. — Sollte er? +— Nein, nein, und dreimal nein! — Sein Lebensweg war vorgezeichnet. +Zurück mit solchen Gedanken! — Er hob die Peitsche und hieb auf +die Pferde ein, daß sie zum Galopp ansprangen und der Schlitten +vorwärtsflog. — Er hatte überwunden, und seine eiserne Ruhe kehrte +zurück.</p> + +<p>»Es wäre besser gewesen, Sie kamen nie zu uns,« erwiderte er kalt. +»Ich habe es auch nicht gewollt. Hätte ich gewußt, welchen Einfluß Sie +auf Wolf ausüben würden, so wäre ich Herta schärfer gegenübergetreten.«</p> + +<p>»Herr Plüddekamp!« schrie sie gequält auf. »Sie nehmen mir durch Ihre +Worte das Recht, länger in Ihrem Hause zu bleiben.«</p> + +<p>»Gewiß nicht, Fräulein Hergenbach! Ich habe meinen ersten +Standpunkt aufgegeben. Herta sagte mir, daß Sie sehr tüchtig in der +Hauswirtschaft sind. Ich bitte Sie nur um eins, lassen Sie Wolf ganz +aus dem Spiele!«</p> + +<p>»Ich tue ja alles, daß er mir nicht nahe kommt, Herr Plüddekamp!« +stieß sie erregt aus. »Ich beeinflusse sein Wesen in keiner Weise. +Aber wie soll ich mich schützen, wenn er auf mich einstürmt —«</p> + +<p>»Kalt bleiben,« sagte Jürgen kurz, »das genügt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p> + +<p>In diesem Augenblick sah er, wie ein Schwarm Krähen, der eine Strecke +voraus auf der Schneedecke lagerte, plötzlich mit lautem Gekrächze +aufflog.</p> + +<p>Die Pferde Wolfs scheuten vor dieser schwarzen aufsteigenden Wolke +und jagten in starkem Galopp davon. Lieschen Wichers griff mit beiden +Händen in die Zügel. Dabei mußte sie zu sehr nach rechts gezogen +haben, die Pferde bogen vom Wege ab, durchquerten eine Schneewehe und +kamen aufs freie Feld hinaus. Dort rasten sie im weiten Bogen umher. +Wolf strengte seine ganze Kraft an, um sie wieder an die Zügel zu +bringen.</p> + +<p>Sie sausten jetzt in vollem Galopp auf den Weg zu. Der Schlitten von +Jürgen befand sich in gleicher Höhe.</p> + +<p>»Weiter rechts, Wolf!« rief Jürgen.</p> + +<p>Es war bereits zu spät. Krachend stießen sie zusammen.</p> + +<p>Jürgens Schlitten wurde zur Seite geschleudert. Ilse flog heraus +und schlug mit dem Kopf gegen einen am Wege stehenden Weidenstamm. +Die Lichtbraunen rannten weiter. Nur mit Mühe konnte Jürgen seine +ebenfalls aufgeregten Pferde zum Stehen bringen. Die Leine in der +rechten Hand haltend, stieg er aus und beugte sich zu Ilse hernieder, +um sie mit seinem freien linken Arm aufzuheben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span></p> + +<p>Sie mußte einige Minuten bewußtlos gewesen sein. Als aber Jürgen +ihren Körper berührte, schlug sie, wie aus einem Traum erwachend, die +Augen groß zu ihm auf, ihre Arme umschlangen plötzlich seinen Hals, +sie preßte sich fest an ihn, und »Jürgen, Jürgen!« klang es von ihren +Lippen.</p> + +<p>»Sie vergessen sich, Fräulein Hergenbach,« sagte er ernst und löste +seinen Arm von ihr. »Für Sie bin ich auch in einem solchen Augenblick +— Herr Plüddekamp.«</p> + +<p>Sie ließ von ihm ab, taumelte zurück und sank in sich zusammen.</p> + +<p>»Was ist mit mir geschehen?«</p> + +<p>»Haben Sie sich verletzt?« fragte Jürgen kalt.</p> + +<p>»Nein!« Sie stöhnte auf, als ob sie eine schwere Wunde empfangen +hätte. »Es wird vorübergehen.« Dabei versuchte sie, sich aufzurichten.</p> + +<p>Mit gewaltiger Kraftanstrengung brachte Jürgen den Schlitten aus dem +tiefen Schnee wieder auf die Bahn zurück.</p> + +<p>»Steigen Sie ein, Fräulein Hergenbach! Herta und Oberamtmann Wichers +kommen schon heran.«</p> + +<p>Ohne ein Wort weiter zu wechseln, fuhren sie nach dem Gutshofe.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p> + +<h2>XV.</h2> +</div> + + +<p>Über dem Jagdessen hatte eine düstere Stimmung gelegen, die selbst +Oberamtmann Wichers in seiner jovialen Weise nicht bannen konnte. +Ilse saß bei Tisch wie eine leblose Statue an Jürgens Seite. Es +wirkte dies lähmend auf die übrigen Gäste. Selbst Lieschen Wichers, +das frohsinnige Geschöpf, wurde davon angesteckt. Wolfs Augen waren +fortwährend auf Ilse gerichtet. Nach Aufhebung der Tafel fuhren +Plüddekamps sofort nach Stettin zurück.</p> + +<p>»Nun brat mir einer eine Gans, aber recht knusprig,« sagte Oberamtmann +Wichers, als die Geschwister fort waren. »Die Sache hat keinen guten +Anstrich.«</p> + +<p>Lieschen Wichers war auf ihr Zimmer gegangen und weinte bitterlich.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Jürgen und Wolf befanden sich am anderen Tage im Kontor stumm +gegenüber. Keiner von beiden mochte das Gespräch anfangen. Es lag wie +eine gefüllte Mine zwischen ihnen, die nicht entzündet<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> werden sollte. +Prokurist Armin kam wie täglich herein, um von Jürgen die Anordnungen +entgegenzunehmen. Wolf erhob sich.</p> + +<p>»Du mußt mich heute entschuldigen, Jürgen! Ich habe starke +Kopfschmerzen und will einen Spaziergang machen.« Er stand auf und +ging hinaus.</p> + +<p>Jürgen stützte seinen Kopf schwer auf die Hand. Er besprach dann +langsam die schwebenden Angelegenheiten.</p> + +<p>»Gestern war Herr Konsul Martens hier,« sagte Armin, »er wollte Herrn +Wolf Plüddekamp fragen, ob Smiders & Sohn den Hamburger Herrn als +stillen Teilhaber aufgenommen haben.«</p> + +<p>Jürgen zuckte mit den Achseln.</p> + +<p>»So viel ich weiß, ist es noch nicht so weit. Mein Bruder hat +wenigstens nichts davon erwähnt.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war Tauwetter eingetreten. Die Straßen waren naß und schlüpfrig, +von den Dächern tropfte der schmelzende Schnee herab.</p> + +<p>Wolf Plüddekamp ging durch die Anlagen, und der sonst so lebenslustige +junge Mann schien ganz in Gedanken versunken zu sein. Er achtete kaum +darauf, wer ihm begegnete.</p> + +<p>»Holla, junger Freund,« weckte ihn plötzlich die Stimme des Konsul +Martens, der seinem Geschäft zueilte, aus dem tiefen Sinnen auf. +»Wohin wollen Sie?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p> + +<p>»Ziellos in die Welt!« erwiderte Wolf.</p> + +<p>»Das darf man nie, Freundchen,« erwiderte der Bankier. »Man muß stets +ein Ziel vor Augen haben.« Er sah darauf den jungen Mann schärfer an. +»Haben Sie gestern eine starke Sitzung gehabt?« fragte er weiter.</p> + +<p>»Nein, Herr Konsul! Wir waren in Wershagen zur Jagd.«</p> + +<p>»Natürlich hat Jürgen wieder die größte Strecke gehabt.«</p> + +<p>»Stimmt auffällig! Er erlegte eine stattliche Reihe Wildgänse.«</p> + +<p>»Und Sie?«</p> + +<p>»Eine — dabei nur gemeinschaftlich mit Fräulein Lieschen Wichers. Wer +sie eigentlich getroffen, wußten wir selbst nicht.«</p> + +<p>»Macht nichts, lieber Freund! Mit Lieschen Wichers können Sie sich +ruhig in das Jagdglück teilen. Überhaupt — das Fräulein ist eine +Partie für Sie! Ich habe schon immer etwas munkeln hören. Greifen +Sie doch zu! Neulich war der Oberamtmann mit seinem Töchterlein bei +mir. Ich darf zwar nicht ausplaudern, aber das kann ich Ihnen doch +sagen, die Staatspapiere, die er auf der Bank liegen hat, werden außer +Wershagen eine stattliche Mitgift für die einzige Tochter sein. Sie +können sich dann später den Roggen gleich selbst bauen, den Sie im +Geschäft brauchen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p> + +<p>Wolf hatte den alten Freund der Familie ruhig sprechen lassen. Er +seufzte jetzt tief auf.</p> + +<p>»Es ist richtig, was Sie sagen, Konsul Martens! Ich würde mich +vielleicht auch eines Tages dazu entschließen, wenn nicht —«</p> + +<p>»Nanu,« meinte Martens verdutzt, »haben Sie noch mehr Ernsthaftes im +Sinne?«</p> + +<p>»Ja!« fuhr es Wolf heraus. »Sind Sie eilig, in Ihre Bank zu kommen, +oder können Sie noch mit mir ein wenig spazieren gehen?«</p> + +<p>»Gern,« erwiderte der Konsul. Sie schritten langsam auf den nassen +Wegen dahin. Hie und da war der Schnee zu einer großen Wasserlache +geworden, die sie in weitem Bogen umschreiten mußten.</p> + +<p>»Sie waren als junger Mann in Berlin?« begann Wolf plötzlich zu fragen.</p> + +<p>»Allerdings,« nickte der Konsul.</p> + +<p>»Sie erlebten dort manches?«</p> + +<p>»Natürlich,« erwiderte der Konsul lächelnd, »man muß sich doch in +seiner Jugend die Hörner abstoßen, wie man so zu sagen pflegt —«</p> + +<p>»Und sind dann Junggeselle geblieben!«</p> + +<p>»Leider!« stieß Martens aus. »Sie wissen ja auch, warum.«</p> + +<p>»Gut! Sagen Sie mir jetzt, Konsul Martens: gibt es Frauen, die einen +Mann so fesseln können,<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> daß die Leidenschaft, die man für sie fühlt, +ein Leben hindurch aushält?«</p> + +<p>Der Bankier schaute erstaunt auf.</p> + +<p>»Ei, ei, lieber Freund Wolf, das ist eine heikle Frage! Wie soll +ich Ihnen diese beantworten! — Es kommt ganz auf Charakter und +Temperament an. Zum Guten führt es wohl selten. Für eine Ehe +braucht man mehr. Dazu gehört vor allen Dingen eine beiderseitige +Herzensbildung, gleiche Neigungen und ein alles umfassendes +Wohlwollen, das man sich täglich und stündlich angedeihen lassen muß. +Eine Ehe soll nicht Sturm auf dem Meere bedeuten, sondern Frieden und +Ruhe im Hafen an einem sicheren Anker.«</p> + +<p>»Und wenn man dies nun nicht kann!« fuhr Wolf plötzlich auf. »Wenn +es nicht möglich ist, daß man sich in ein solches Los hineinfindet? +Wenn man sich mit allen Gedanken an ein Geschöpf kettet, das jeden +Nerv in einem erregt! Dieses Geschöpf aber herumflattert, wie eine +angeschossene Weihe, die noch im letzten Augenblick mit ihren Fängen +zuschlagen will, — was soll man dann tun?«</p> + +<p>»Brr!« schüttelte sich Konsul Martens, »was malen Sie für Bilder, +lieber Wolf! Mit Raubvögeln mag ich nichts zu schaffen haben. Die +läßt man hübsch beiseite. Das Interesse ist höchstens für einige +flüchtige Minuten, — aber nicht für das Leben. Ich weiß<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> wohl, wen +Sie meinen! Übrigens, Sie stehen damit nicht allein da. Es ging mir +gerade so. Ilse Hergenbach, diese meinen Sie doch, hat auf uns alle +eine merkwürdige Anziehungskraft ausgeübt. Wissen Sie, Freundchen, — +sie ist ein Weib, das uns eine Zeitlang berauschen, aber nie beglücken +wird.« Er setzte dann ernst hinzu: »Lassen Sie die Hand davon, Wolf +Plüddekamp!«</p> + +<p>»Ich kann es nicht mehr! Ich kann es wirklich nicht mehr,« sagte der +junge Mann mit ganz verstörtem Gesichtsausdruck. »Ich erliege fast +unter den seelischen Qualen, die ich in den letzten Monaten erduldet +habe. Wenn Sie wüßten, was alles unter uns vorgefallen ist, und dabei +bin ich heute noch keinen Schritt weiter wie am ersten Tage! Es packt +mich zuweilen eine Eifersucht, wenn sie andere Männer ansieht, daß +ich rein toll werden könnte. Mit dem ersten Blick aus ihren grauen, +rätselhaften Augen hat sie meinen ganzen Gemütszustand in eine wilde +Erregung gebracht. Sie muß mein werden!«</p> + +<p>»Pah, pah! Lieber junger Freund,« erwiderte Konsul Martens. »Verstehe, +verstehe! Ich bin gut zwei Dutzend Jahre älter als Sie, da denkt +man ruhiger über solche Leidenschaft. Ich habe Fräulein Hergenbach +mehrfach beobachtet! Ich glaube, wir erleben noch etwas an ihr —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p> + +<p>»Dann bin ich dabei,« sagte Wolf kurz. »Ich ändere nichts mehr daran.«</p> + +<p>»Holla, mein Herr Wolf! Ehe Sie einen törichten Schritt vornehmen, +vertrauen Sie sich erst vor allen Dingen Ihrem Bruder Jürgen an.«</p> + +<p>»Das kann ich nicht, Konsul Martens! Jürgen versteht mich nun einmal +nicht!«</p> + +<p>Sie waren bis zu der Straße gekommen, bei der Konsul Martens abbiegen +mußte, um in sein Geschäft zu gelangen.</p> + +<p>»Na, Gott befohlen! Wenn Sie eine Aussprache brauchen, so stehe ich +gern zur Verfügung, schon um meiner Freundin Herta willen, die tief +betrübt sein würde, wenn sich das Leben ihres Lieblingsbruders nicht +glücklich gestaltete.« —</p> + +<p>Wolf trieb es noch eine Zeitlang ruhelos umher. Als er dann endlich +den Schritt heimwärts wandte und die große Haustreppe emporstieg, +vernahm er plötzlich die Stimme von Alfred Smiders. Er kannte diesen +nachlässigen, halb vornehm sein sollenden, halb vertraulichen Ton.</p> + +<p>»Fragte schon Fräulein Plüddekamp nach Ihnen, Schönste. Ich freue +mich, unter den breiten wohlbehäbigen pommerschen Gesichtern so +interessante Züge zu sehen, wie die Ihrigen. Zum Teufel! Ich war ganz +entzückt, als ich mich Ihnen in Swinemünde<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> nähern konnte. Hatte +Sie schon früher beobachtet. Sie waren auf der Lastadie. Solche +Prachtaugen vergißt man nicht leicht.«</p> + +<p>Wolf war mit ein paar hastigen Sprüngen oben. Er sah, wie Ilse stumm, +mit gesenkten Blicken vor Smiders stand.</p> + +<p>»Morgen, Alfred!« rief er so laut, daß sich dieser rasch umdrehte.</p> + +<p>»Ah — Wölfchen!« Der anfangs überraschte Reeder faßte sich sofort +wieder. »Freut mich, daß ich dich noch antreffe, habe deiner Schwester +die schuldige Ehrfurcht bezeigt.« Er reichte Wolf die Hand hin, die +dieser nur widerstrebend nahm.</p> + +<p>Ilse war wie vom Erdboden verschwunden.</p> + +<p>»Wie steht es mit dem Brief?« fragte Smiders darauf hastig. »Warum +bist du nicht nach der ›Grünen Schanze‹ gekommen? Riekchen weint sich +bald die Augen aus. Wir wollen uns doch heute nachmittag dort treffen. +Komm um sechs Uhr, und jetzt — Leb wohl! Ich habe noch einen eiligen +Gang vor.«</p> + +<p>Die ganze Szene ging so blitzschnell an Wolf vorüber, daß er Smiders +verwundert nachschaute, als dieser bereits die Treppe hinunterstieg.</p> + +<p>»Ein miserabler Bursche!« Er trat heftig mit dem Fuß auf. »Mit welchen +faden Schmeicheleien er sich an Ilse herandrängen wollte! Er glaubt in +ihren<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> Augen zu lesen, wonach sein Wunsch steht. Ich dulde es nicht +länger, daß sie derart umflattert wird.« —</p> + +<p>Jürgen Plüddekamp war sehr ernst gestimmt. Beim Mittagessen sprach er +kein Wort, und es fiel Herta auf, daß er Ilse Hergenbach gar nicht +beachtete. Auch diese zeigte ihm gegenüber eine große Zurückhaltung. +Ihr Antlitz war bleicher als sonst. Sobald sie die Augenlider +aufhob, schoß ein düsterer Blick hervor, der von gewaltigen inneren +Kämpfen sprach. Jürgen hatte Ilse Hergenbach, wie er es bei seinen +Geschwistern tat, nach der Mahlzeit stets die Hand gereicht. Dies fiel +heute fort. Beide wandten sich stumm von einander ab.</p> + +<p>Wolf hatte die Speisen kaum angerührt. Auf Hertas Frage gab er zur +Antwort, daß er sich nicht wohl befinde.</p> + +<p>»Ich habe ein gutes Mittel in der Hausapotheke, Wölfchen. Soll ich es +dir holen?«</p> + +<p>»Danke, nein!« entgegnete Wolf kurz, »mir helfen jetzt keine Pulver.«</p> + +<p>»Was ist nur mit euch Männern los? Es ist kaum auszuhalten! Jürgen +beträgt sich wie ein alter Brummbär, du machst eine jämmerliche Miene. +Wohin soll dies führen?«</p> + +<p>»Ich hoffe, es wird bald anders sein, Schwester,« erwiderte Wolf +ernst; damit ging er nach seinem Zimmer hinauf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p> + +<p>Am Nachmittag arbeitete Jürgen wie immer im Kontor. Herta war +ausgegangen, und die oberen Räume des Hauses lagen in tiefster Ruhe. +Wolf befand sich auf seinem Zimmer. Er stand lauschend an der Tür und +hoffte jeden Augenblick, den flüchtigen Tritt von Ilse zu vernehmen. +Er wollte und mußte sie heute allein sprechen. Plötzlich kam es ihm +vor, als ob jemand leise nach dem kleinen Salon zuschritte. Dies +konnte nur Ilse sein. Sofort war er hinaus und schlich sich auf den +Zehenspitzen bis zum Speisezimmer hin. Hier trat er ein und ging +lautlos über den dicken Teppich bis zum Nebenzimmer.</p> + +<p>Ilse hatte sich vor dem kleinen Ebenholztisch auf einen Polstersessel +niedergelassen und war im Begriff, die Mappe mit den großen +Kunstblättern zu öffnen. Ehe sie dies ausführen konnte, stand Wolf +schon hinter ihr.</p> + +<p>Sie sah sich scheinbar erschrocken um, und doch hatte sie ihn +erwartet. Sie wußte, daß er jede Gelegenheit aufspürte, um ihrer +habhaft zu werden, und erinnerte sich dabei an seine früheren Worte.</p> + +<p>Seit dem gestrigen Tage war in ihr ein Haß aufgestiegen, wie er nur +aus einer abgewiesenen heißen Liebe entstehen kann. In Jürgen hatte +sich alles für sie verkörpert, was sie ersehnte. Nun wollte sie sich +an ihm durch den Bruder rächen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p> + +<p>»Ilse! Endlich treffe ich dich allein!« Wolf legte seine Hand auf +ihre Schulter und fühlte, wie ihr ganzer Körper unter diesem Druck zu +zittern begann. »Warum gingst du mir aus dem Wege? Hast du keine Liebe +für mich?«</p> + +<p>Sie wandte ihm das Gesicht zu. Ein heißer Blick aus ihren Augen traf +ihn.</p> + +<p>»Was kann ich Ihnen sein!« erwiderte sie mit zuckenden Lippen. »Ich — +das arme Brennermädel — die Hexe Ilse!«</p> + +<p>»Was du mir sein kannst!« jubelte er laut. »Alles! Alles! Meine +innig Geliebte — mein Weib! Ich kann mir nichts Schöneres denken, +als an deiner Seite zu leben! Ich will nur dich — dich — Ilse und +weiter nichts! — Mögen Herta und Jürgen mir gram sein, ich bin fest +entschlossen, dich zu heiraten.«</p> + +<p>Sie senkte den Kopf und schluchzte krampfhaft auf.</p> + +<p>»Nein, nein, Wolf! Ihre Geschwister wollen es nicht! Sie behandeln +mich nicht danach! Ich muß fort! Sie werden nur unglücklich durch +mich.«</p> + +<p>»Ich unglücklich?« jauchzte er auf. »Toll vor Glück werde ich!« Er riß +sie empor und preßte sie gewaltsam an sich. »Sieh mich an — deine +Augen haben so Wunderbares für mich.«</p> + +<p>Sie schaute zu ihm auf. Ihre Blicke ruhten in den seinen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p> + +<p>»Ilse!« schrie er dann, »das Blut tobt in mir! Ich weiß kaum, wie ich +es ertragen soll; du mußt mein sein — mein für immer!«</p> + +<p>»Sie wollen meinetwegen den Kampf mit Ihren Geschwistern aufnehmen, +Wolf?«</p> + +<p>»Sage du, du!« rief er glückstrahlend aus.</p> + +<p>Da bebte es von ihren Lippen:</p> + +<p>»Wolf — du — ich will dir ja — folgen —« Ilse war wie verwandelt. +Sie schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn wild an sich. Ein +Rausch umfing beide, aus dem sie sich kaum wiederzufinden vermochten.</p> + +<p>»Ich werde noch heute Jürgen und Herta sagen, daß wir uns verlobt +haben,« suchte sich Wolf zu fassen.</p> + +<p>»Nein, nein,« bat sie, »laß uns noch die Heimlichkeit. Ich fliehe dich +jetzt nicht mehr, — ich gehöre dir an! Wir wollen recht oft zusammen +sein. Ach, — die Stunden, — die nun kommen werden —«. Wieder und +immer wieder schlang sie die Arme um ihn. Sie atmete eine glühende +Leidenschaft aus. Das Feuer, das in ihren Augen aufflammte, sprach +mehr, als Worte zu sagen vermögen ...</p> + +<p>»Ich werde es doch lieber meinen Geschwistern mitteilen, Ilse!« +wiederholte er hastig.</p> + +<p>»Dann kann ich nicht länger hier bleiben und muß nach Nordhausen zu +meinen Eltern zurück. Es geht nicht anders, ich bitte dich darum, Wolf +—«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p> + +<p>Seine Gedanken ordneten sich.</p> + +<p>»Ja, ja! Du hast recht, Ilse! Leider hat die Welt so sonderbare +Ansichten. Wenn wir uns offen als Verlobte bekennen, müssen wir uns +sofort trennen. Ich kann dich aber nicht fortlassen —«</p> + +<p>»So bleibt uns nur die Heimlichkeit, Wolf!«</p> + +<p>Er preßte ihre Hand.</p> + +<p>»Ich verspreche es dir, Ilse —«</p> + +<p>Nach einer geraumen Weile fragte er sie:</p> + +<p>»Was hast du nur mit Jürgen? Die schroffe Art, mit der ihr euch +seit gestern gegenübersteht, ist doch nicht allein durch den Unfall +hervorgerufen! Er konnte doch nichts dafür! Meine schlechte Fahrerei +war daran schuld. Du würdest sonst nicht aus dem Schlitten gestürzt +sein. — Vertrau es mir an, Ilse.«</p> + +<p>Eine Weile blieb es stumm, dann kam es zögernd heraus:</p> + +<p>»Jürgen verlangte von mir, daß ich mich kalt und abwehrend gegen dich +verhalten solle. Er will keine Annäherung zwischen uns dulden.«</p> + +<p>Wolf brauste heftig auf.</p> + +<p>»Nun sehe ich endlich klar, wohin der Chef des Hauses Plüddekamp +zielt! Mein Wille steht aber aufrecht neben dem seinen! Wir werden +dies alte Heim verlassen und uns ein neues gründen.«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p> + +<h2>XVI.</h2> +</div> + + +<p>Die ersten Frühlingsboten kamen ins Land. Oder und Haff waren schon +längere Zeit eisfrei. Die Schiffahrt hatte begonnen. Die meisten +Dampfer befanden sich auf ihren regelmäßigen Fahrten. Nur der +verflossene harte Winter rief eine sonst selten eintretende Pause im +Dampferdienst hervor.</p> + +<p>Das Leben im Plüddekampschen Hause lief wie früher eintönig dahin. +Wolf war merkwürdig ruhig geworden, es stand sogar öfters ein +glückliches Lächeln in seinem Gesicht. Herta und Jürgen konnten sich +nicht vorstellen, woher diese Veränderung in seinem Wesen stammte. +Weder Ilse noch Wolf verrieten das Geringste, aus dem die Geschwister +auf irgendeine Annäherung der beiden zu schließen vermochten.</p> + +<p>Wolf war eifrig im Geschäft tätig, so daß Jürgen zuweilen ganz +verwundert zu seinem Bruder hinüberschaute, wenn er für verwickelte +Geschäftssachen bereits alles vorgearbeitet fand. Nur mit Smiders +mochte Wolf nicht mehr zusammentreffen, um mit dessen Maßnahmen +vertraut zu bleiben.</p> + +<p>»Ich wünschte, Jürgen, ich brauchte es nicht,« sagte er zu diesem, +und es zuckte dabei eigenartig über<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> die Züge des jungen Mannes. +Schließlich mußte er sich doch der Angelegenheit unterziehen. Es war +ihm höchst unangenehm, daß er dabei mit der blonden Rieke in einem +gewissen Einvernehmen stand. Je öfter er gezwungenermaßen dorthin +ging, desto vertraulicher wurde sie zu ihm. Sie sandte ihm sogar +Briefe und machte darin auf manches aufmerksam. Zum Schluß kamen auch +persönliche sehnsüchtige Wünsche hervor. Wolf verbrannte jedes dieser +Schreiben.</p> + +<p>Der Hamburger Kapitalist, Herr Kneis, zögerte immer noch, Smiders +seine Zusage zu erteilen. Er wartete auf das Einlaufen der anderen +Dampfer.</p> + +<p>»Unsere spanische Lieferung wird außerordentlich dringend,« hatte +Armin zu Jürgen gesagt. »Die Briefe von den Brennereien lassen keinen +Zweifel aufkommen, daß die ganze Ladung zur abgeschlossenen Zeit +verfrachtet sein muß. Es könnten uns große Verluste entstehen.«</p> + +<p>Jürgen, der sonst so ruhige und überlegene Kaufmann, kam in eine +gewisse Erregung hinein. Ganz gegen seine Gewohnheit ging er bereits +am Vormittag fort und suchte seinen Freund, Konsul Martens, in dessen +Bankgeschäft auf.</p> + +<p>»Tue mir den Gefallen, Charles, und rufe die Direktion der Werft +an, wie es mit dem ›Friedrich<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Barbarossa‹ steht. Ich habe trotz +aller Bemühungen keinen genügenden Ersatz finden können und bin also +unbedingt auf den Dampfer angewiesen.«</p> + +<p>»Lieber Freund,« zögerte Martens etwas, »ganz einfach ist die Sache +nicht. Ich muß dir bereits im voraus sagen, daß Smiders die fälligen +Raten nicht abgeführt hat und unsere Direktion sehr vorsichtig +geworden ist. Sie wartet jetzt ab, ob die Reederei neues Kapital +erhält. Der Überseer scheint ein sehr genau abwägender Kaufmann zu +sein und es ist deshalb augenblicklich eine unangenehme Stockung +eingetreten. Du kannst dich selbst davon überzeugen, — ich komme +deinem Wunsch jetzt nach.«</p> + +<p>Er nahm den Hörer vom Tischtelephon und ließ sich mit der Werft in +Verbindung bringen. Nachdem er das Gespräch einige Zeit geführt, rief +er Jürgen heran.</p> + +<p>»Du kannst jetzt mit dem Direktor sprechen, er wird dir bestätigen, +was ich schon sagte.«</p> + +<p>Jürgen Plüddekamp machte eine sehr ernste Miene, als er die Auskunft +von der Werft erhielt.</p> + +<p>»Die Mitteilung deiner Direktion heißt auf Deutsch: wir stellen die +Arbeit an dem ›Friedrich Barbarossa‹ ein, wenn Smiders nicht zahlt! +Ist dies auch richtig gehandelt?«</p> + +<p>»Sein Vertrag mit uns ist hinfällig geworden, Jürgen. Wir sind von +der Konventionalstrafe befreit.<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Nun wird er wohl bald andere Saiten +aufziehen müssen und sich beeilen, seine Sachen zu ordnen, wenn er +nicht in große Schwierigkeiten geraten will.«</p> + +<p>Jürgen schüttelte mit dem Kopf.</p> + +<p>»Ich muß immer wieder betonen, Charles: bleibt ihr dabei stehen, so +fällt die Firma um. Ich weiß aus anderer Quelle, welche hohen Summen +auf sie laufen.«</p> + +<p>»Stimmt,« meinte der Bankier ruhig. »Smiders gibt sich alle Mühe, +seine Papiere von der Reichsbank fernzuhalten, damit die Höhe seiner +Verbindlichkeiten nicht genau beurteilt werden kann. Er sucht deshalb +in Berlin fragwürdige Diskontstellen auf.«</p> + +<p>»Also Akzeptaustausch,« fiel Jürgen ein.</p> + +<p>»Mag sein,« erwiderte Martens. »Ich kann es nicht bestimmt behaupten.«</p> + +<p>»Smiders senior hat sein ganzes Vermögen im Geschäft stecken,« fuhr +Jürgen fort. »Ein braver alter Herr, mit dem mein Vater und ich lange +Zeit hindurch in angenehmer Verbindung standen. Wohin hat der Sohn die +Reederei nun gebracht!«</p> + +<p>Martens zuckte mit den Achseln.</p> + +<p>»Wer von alten bewährten Geschäftsgrundsätzen abgeht und schnell +groß werden will, begibt sich auf eine gefahrvolle Bahn. Glückt die +Spekulation, dann preist man den Unternehmer. Im anderen Fall ist er +abgetan.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p> + +<p>»Das hilft mir aber nicht, Charles! Ich muß wirklich sagen, ich komme +jetzt durch euch in eine häßliche Lage hinein.«</p> + +<p>»Ich bin dir gern in allen Dingen gefällig, hier hat meine Macht ein +Ende. Ich will dir aber einen anderen Vorschlag machen. Du bist ein +reicher Mann: wie wäre es, wenn du Smiders unter die Arme griffest? +Ich würde mich dann ebenfalls dazu bereit erklären.«</p> + +<p>»Alle Wetter!« fuhr Jürgen auf, »du bist ein weißer Rabe, Charles, der +bekanntlich als der Klügste unter den Klugen gilt. Nimm es mir nicht +übel, ich denke nicht daran, diesem Manne mein Geld zu geben.«</p> + +<p>»Dann wirst du dich wohl gedulden müssen, was aus der Sache wird,« +bemerkte der Bankier.</p> + +<p>»Wolf trifft heute mit Smiders zusammen, um zu erfahren, was dieser +zu tun gedenkt. Er beehrte uns in letzter Zeit schon ein paarmal +in unserer Häuslichkeit. Ich habe mich wegen Arbeit und Jagd +entschuldigen lassen und bin ferngeblieben.«</p> + +<p>»Aha!« machte Martens. »Er ist ein lockerer Vogel und interessiert +sich wohl für Fräulein Hergenbach?«</p> + +<p>In Jürgens Gesicht zog sich eine drohende Falte zusammen.</p> + +<p>»Charles, sage mir kein Wort davon! Ich bin froh, daß Wolf in der +letzten Zeit ein anderes Gesicht zeigt. Er scheint die Krankheit +hinter sich zu haben.<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Übrigens wird Herta Sorge tragen, daß Ilse +Hergenbach mit Smiders nicht weiter in Berührung kommt.«</p> + +<p>Konsul Martens machte eine ziemlich überlegene Miene.</p> + +<p>»Du bist zwar das Oberhaupt der Familie, Jürgen, ob du aber in allem +unterrichtet sein kannst, erscheint mir fraglich.«</p> + +<p>»Wieso, Charles?«</p> + +<p>»Hast du die volle Überzeugung von deinem Bruder, daß er sich nicht +mehr um Ilse Hergenbach bekümmert?«</p> + +<p>»Ja,« antwortete Jürgen mit Nachdruck. »Es steckt kein Falsch in Wolf. +Er ist ein offener, aufrichtiger Mensch.«</p> + +<p>»Soll mich freuen, wenn du recht hast, Jürgen! Die Leidenschaft spielt +aber Männern manchmal arg mit, und namentlich bei einem so frischen +jungen Menschen, wie deinem Bruder. — Doch dies nur nebenbei. — Wie +steht es nun mit Smiders, bist du nicht bereit dazu?«</p> + +<p>»Nein,« antwortete Jürgen kurz. »Für Alfred Smiders habe ich keinen +Groschen übrig. Ich muß mir auf andere Weise helfen.«</p> + +<p>Jürgen ging. Konsul Martens schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Wie sich doch zuweilen der tüchtigste Geschäftsmann verleiten läßt, +durch Antipathien einen falschen Entschluß zu fassen. Wir würden +zusammen das<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> beste Geschäft machen, und Plüddekamp wäre aller Sorge +ledig. Der ›Friedrich Barbarossa‹ wird so gut wie ein neues Schiff, +darin liegt viel Aussicht.« —</p> + +<p>»Es wäre das erstemal, daß unsere Firma eine Ladung nicht prompt +absenden würde,« sagte Jürgen mürrisch, als er in das Kontor +zurückkehrte. »Ich mußte aber das Vertrauen in die Reederei setzen. +Nun ist zum Überfluß noch durch den langandauernden Winter keine +Schaluppe zu bekommen.«</p> + +<p>»Wir wollen uns doch mit den spanischen Brennereien einigen, Jürgen,« +warf Wolf ein. »Etwas anderes wird kaum übrig bleiben.«</p> + +<p>»Du hast gut reden, Wolf!« erwiderte dieser. »Lies die letzten +Antworten. Sie bestehen unbedingt auf den festen Abmachungen.« Er +nahm auf seinem Schreibsessel Platz und legte die breite Hand auf die +hohe Stirn. Sein ganzes Denken drängte auf die eine Sache hin. »Ich +hab's!« rief er plötzlich aus. »Unser Vater stand vor langen Jahren +mit einigen spanischen Getreidefirmen in Verbindung. Es muß einer von +uns sofort dorthin fahren, die erste Lieferung Roggen aufkaufen und +mit der Bahn verfrachten. Alsdann werden die Brennereien wohl mit sich +reden lassen und wir gewinnen Zeit.«</p> + +<p>Wolf sah seinen Bruder erstaunt an. War diese Lösung das Ergebnis +kurzen Nachdenkens, oder hatte<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> sich Jürgen mit dem Gedanken schon +länger vertraut gemacht?</p> + +<p>»So einfach ist es nicht,« erwiderte er dann. »Der Roggenbau Spaniens +ist nicht bedeutend. Die mit den dortigen Getreidefirmen gepflogenen +früheren Beziehungen sind eingeschlafen. Es wird schwer halten, deinen +Gedanken auszuführen, wenn es überhaupt möglich ist!«</p> + +<p>»Möglich!« lachte Jürgen in seiner beliebten breiten Art. »Es ist +alles möglich, sobald man mit einer Brieftasche voller Banknoten +kommt, — jedenfalls der einzige gescheite Gedanke. Ich bin überzeugt, +daß du die Sache glatt erledigen wirst.«</p> + +<p>»Ich soll nach Spanien reisen!« sprang Wolf von seinem Sitz auf. »Ich +denke nicht daran, Jürgen.«</p> + +<p>»Wieso?« fragte dieser verblüfft. »Du bist nun einmal der Minister des +Auswärtigen. Übrigens ist es nicht allein eine interessante Aufgabe, +sondern auch eine schöne Reise. Hierbei kannst du dein ganzes Können +zeigen. Es muß dir eine Freude sein, unserer Firma einen solchen +Dienst zu erweisen. Du hast Gewandtheit im Verkehr und sprichst gut +französisch, die Spanier werden es sicherlich ebenfalls verstehen. +Neben dem Geschäftlichen wirst du Vergnügen in Hülle und Fülle finden. +Also woran hapert es noch, Wölfchen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p> + +<p>Dieser trat unruhig hin und her.</p> + +<p>»Ich kann mich nicht dazu verstehen, Jürgen. Die Reise nimmt mehrere +Wochen in Anspruch. Die Sache ist von heute auf morgen nicht zu +erledigen.«</p> + +<p>»Es schadet auch nichts! Wenn sie wirklich länger dauert! Ich gebe dir +volle Freiheit des Handelns, und nun sage — ja!«</p> + +<p>»Ich muß es dir leider abschlagen, Jürgen! Ich habe keine Lust dazu.«</p> + +<p>»Keine Lust!« fuhr Jürgen auf. »Einen solchen Grund darf ein ernster +Geschäftsmann überhaupt nicht äußern.«</p> + +<p>»Ich bitte dich, Jürgen, wir wollen das Thema fallen lassen! Es hat +keinen Zweck. Ich wiederhole dir nochmals, die Reise liegt mir nicht. +Ich kann sie also nicht unternehmen. Es ist richtiger, wir treiben +Smiders in die Enge und drohen ihm die Entziehung aller Frachten an, +wenn er nicht für den ›Friedrich Barbarossa‹ Ersatz schafft.«</p> + +<p>»Donner und Doria!« fluchte Jürgen, »das hat doch gar keinen Zweck. +Smiders sitzt schon fest genug. Packen wir auch zu, dann fällt er +noch schneller als es so bereits kommen wird. Du willst heute mit ihm +in der ›Grünen Schanze‹ verhandeln. Glaubst du, daß noch etwas dabei +herauskommt? Er hält<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> dich hin. Du mußt also fahren, Wolf! Es bleibt +gar keine andere Wahl.«</p> + +<p>Wolf antwortete nicht, sondern zuckte mit den Achseln und schritt im +Kontor unruhig auf und ab.</p> + +<p>»Herta sagte mir übrigens vor längerer Zeit, daß du eine Reise nach +dem Süden machen wollest,« begann Jürgen wieder.</p> + +<p>»Ich habe kein Wort davon erwähnt,« erwiderte Wolf, »und weiß nicht, +wie Herta darauf kommt.«</p> + +<p>Jürgen rief durchs Haustelephon Prokurist Armin herein und erklärte +ihm seine Absichten.</p> + +<p>»In diesem Falle unbedingt das einzig Richtige,« bestätigte Armin, +»ich rate dringend dazu.«</p> + +<p>»Du hörst es, Wölfchen,« sagte Jürgen, »Armin ist der gleichen Meinung +wie ich. Sehen Sie doch einmal nach, mit welchen Firmen wir seinerzeit +in Verbindung standen. Es mögen allerdings fünfzehn bis zwanzig Jahre +her sein,« wandte er sich an diesen.</p> + +<p>Nachdem der Prokurist das Privatkontor verlassen hatte, stand Jürgen +auf und trat an seinen Bruder heran. Ihm die schwere Hand auf die +Schulter legend, bat er: »Sei gut, Wölfchen, und stimme zu. Du kannst +dabei Lieschen Wichers einen Herzenswunsch erfüllen, indem du ihr die +schönsten Ansichtskarten schickst.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span></p> + +<p>»Es geht auf keinen Fall, Jürgen,« lehnte dieser kurz ab.</p> + +<p>»Dahinter steckt etwas,« wurde Jürgen nun ärgerlich, »gib mir +wenigstens rundheraus an, warum du nicht fahren willst.«</p> + +<p>Wolf trat heftig mit dem Fuß auf.</p> + +<p>»Ich bin dir darüber keine Rechenschaft schuldig! Meine Ablehnung ist +doch genug.«</p> + +<p>»In diesem Falle nicht,« entgegnete Jürgen sehr ernsten Tones. »Es +handelt sich um derart wichtige Geschäftsinteressen, daß alle anderen +Sachen, die dir vielleicht vorschweben, dahinter zurücktreten müssen.«</p> + +<p>»So — — müssen? Nein!« Es zuckte in Wolfs Zügen unruhig hin und her. +Er wollte etwas sagen und hielt es wieder zurück.</p> + +<p>»Sprich dich endlich aus, Wolf,« wiederholte Jürgen, »wir sind doch +Brüder und werden wohl keine Geheimnisse voreinander haben.«</p> + +<p>Wolf richtete sich auf und brachte abgerissen hervor:</p> + +<p>»Natürlich mußt du es erfahren! Es war auch meine Absicht, aber Ilse +wollte nicht!«</p> + +<p>»Wie — was!« rief Jürgen heftig aus, »Fräulein Hergenbach hat doch +mit unserer Angelegenheit nichts zu tun?«</p> + +<p>»Doch — in diesem Falle wohl, Jürgen! Ich habe mich mit Ilse +Hergenbach verlobt —!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p> + +<p>Es war, als ob ein plötzlicher Blitz über Jürgens Gesicht fuhr. In +seinen Worten wetterleuchtete es weiter.</p> + +<p>»Ich glaube — ich höre nicht recht! Du hast dich mit Fräulein +Hergenbach verlobt — und kein Wort mit Herta und mir vorher +gesprochen! Das ist doch unerhört! Bei der wichtigsten Frage des +Lebens geht man doch mit sich zu Rate, ehe man so töricht handelt! +Ilse Hergenbach? — Nie und nimmer können wir das zugeben! Sie muß +sofort aus dem Hause.« Die Zornesader der Plüddekamps schwoll auf +seiner Stirn drohend an. Er hatte in letzter Zeit geglaubt, daß Wolf +zur Vernunft zurückgekehrt war, und nun sah er sich vor eine noch +schlimmere Tatsache gestellt. Es empörte ihn aufs äußerste.</p> + +<p>Dieser war bei den Worten seines Bruders vor Aufregung bleich +geworden. Seine sonst so freundlich dreinblickenden Augen funkelten +zornig.</p> + +<p>»Ihr wollt mir also das Recht nehmen, mein Glück zu suchen, wo es +mir gefällt! Ich soll nun einmal keinen eigenen Willen haben! Aber +ihr sollt sehen, Jürgen, daß ich ihn habe! — Ich will gar nicht im +Plüddekampschen Hause bleiben. Ich gründe mir mein eigenes Heim und +lasse mir keine Vorschriften mehr machen.«</p> + +<p>»Wolf! Wolf!« rief Jürgen warnend, »ist das der Dank, den du für mich +übrig hast? Kein Vater<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> kann mehr gesorgt haben, wie ich es als Bruder +für dich tat, und nun kommst du mir mit einer solchen Torheit, mit +einem solchen kindischen Trotz! Ilse Hergenbach, — ich könnte dir +etwas sagen, — aber ich will es nicht! Verstehst du, — ich will +es nicht und ich werde es nicht tun! Bei deiner Auffassung würdest +du mir sonst noch selbstsüchtige Gründe unterschieben. Ich sehe das +Unheil über dich hereinbrechen, wenn du an ihr festhältst! Sie ist +keine Mutter für unsere nächste Generation! Dazu gehört Biederkeit und +lautere Gesinnung, aber nicht verstecktes Wesen.«</p> + +<p>»Genug, Jürgen!« trat ihm Wolf in voller Aufregung entgegen, »sage +kein Wort weiter! Ilse Hergenbach — ist meine Braut und ich trenne +mich von euch, wenn ihr sie schmäht!«</p> + +<p>Die beiden Brüder sahen sich lange und durchdringend an, dann ließ +Jürgen unwillig den hochgehobenen Arm sinken.</p> + +<p>»Ich will dich wegen einer Frau nicht verlieren, und ich sehe, du bist +schon zu weit von uns abgeirrt, — so magst du denn selbst über dein +Los entscheiden! Ich will es dir nicht verwehren!«</p> + +<p>Man sah Jürgen an, wie schwer es ihm wurde, sich diese Worte +abzuringen.</p> + +<p>»Ich werde dir nichts in den Weg legen, wenn du jetzt für unsere +Firma die Reise ausführst, die auch<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> für dich von größter Tragweite +ist,« fuhr er fort. »Sie mag der Prüfstein für dich selbst sein. Bist +du nach deiner Rückkehr noch derselben Anschauung wie heute, dann +werde ich dich an deinem Vorhaben nicht mehr hindern. — Natürlich +kann Fräulein Hergenbach unter diesen Umständen hier im Hause nicht +bleiben, sondern muß zu ihren Eltern nach Nordhausen zurückkehren.«</p> + +<p>Wolf schaute prüfend seinen älteren Bruder an.</p> + +<p>»Du willst wirklich nachgeben, Jürgen? Wirst du auch Herta dazu +bestimmen?«</p> + +<p>»Zweifelst du an meinem Wort, Wolf?«</p> + +<p>»Nein, Jürgen! Was du einmal gesagt hast, hältst du. Ich bin damit +einverstanden und will die Reise nach Spanien antreten. Du mußt mir +aber noch einen Gefallen erweisen. Ilse soll bis zu meiner Rückkehr +unter der Obhut von Herta bleiben, dann mag sie nach Nordhausen gehen, +und ich werde mir von ihren Eltern das Jawort holen.«</p> + +<p>Die beiden Brüder sahen sich noch einmal ernst an. Dann streckte der +ältere dem jüngeren die Hand entgegen.</p> + +<p>»Ich verspreche es dir, Wolf! Welche Folgen auch aus allem entstehen +mögen, wir wollen sie gemeinsam tragen, wie es einem Paar echter +Brüder geziemt!«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span></p> + +<h2>XVII.</h2> +</div> + + +<p>Wolf traf seine Vorbereitungen zur Abreise. Die Geschwister hatten +vorher noch eine lange Unterredung. Herta wollte sich durchaus nicht +mit der Nachgiebigkeit Jürgens einverstanden erklären und blieb auch +taub gegen alle Vorstellungen des jüngeren Bruders.</p> + +<p>»Es scheint mir, als ob ich Ilse nur hierhergeholt habe, um euch +Brüder zu verlieren, dich und Wolf!« sagte sie zu Jürgen.</p> + +<p>Als sie dann das Unabänderliche vor sich sah, mußte sie unter dem +Zwang der Verhältnisse einlenken.</p> + +<p>»Ich habe es ihr versprochen,« bat Wolf seine Schwester, »euch erst +später Kenntnis zu geben. Ich möchte nun nicht wortbrüchig erscheinen. +Darum bitte ich euch herzlich, schweigt davon und wacht über sie. Ich +werde der Firma gegenüber meine Pflicht redlich erfüllen.«</p> + +<p>Ilse sollte also bleiben, ohne daß man sie merken ließ, ihre Verlobung +mit Wolf zu kennen.</p> + +<p>Der Abschied von ihr wurde Wolf sehr schwer. Sie sprachen sich noch +einmal allein, und er schloß sie immer wieder in seine Arme.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p> + +<p>»Die Zeit wird rasch verstreichen,« tröstete er sich selbst mit. Seine +Hand glitt über ihre Wangen und strich die üppig dunkelblonden Haare +von ihrer Stirn zurück, die leicht darüber hinwegfielen. »Ich werde +dir meiner Geschwister wegen nicht schreiben. Du erhältst aber meine +Grüße durch sie. Noch einen langen Blick von dir, Ilse —«</p> + +<p>Sie legte ihre Arme auf seine Schulter, und ihre großen grauen Augen +weiteten sich übernatürlich auf, als sie ihn dann anschaute.</p> + +<p>»Ich kann dich nicht von mir lassen, Wolf!« klagte sie. »Ein +unbestimmtes Angstgefühl ist in mir. Ich möchte lieber mit dir gehen! +Heute — morgen — kann es auf mich hereinstürmen, — wie soll ich +dann allein Widerstand leisten! Es wäre viel besser, wenn wir gleich +zusammenreisten. Du willst mich doch zur Frau nehmen, Wolf! Was frage +ich viel nach der Welt, — ich bleibe bei dir, — wir kehren nicht +hierher zurück —«</p> + +<p>»Nein, Ilse!« erwiderte er fest, »solche Gedanken dürfen wir nicht +fassen! Wenn ich meine Geschwister für dich gewinnen will, so muß +es auf dem Wege sein, den uns Sitten und Gebräuche vorschreiben. +Herta ist gütig, Jürgen — ihr sprecht ja selten miteinander — ist +ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Andere Menschen kannst du +meiden, was sollte dir also im Plüddekampschen Hause begegnen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span></p> + +<p>Trotzdem vermochte sie nicht, sich von ihm zu trennen. Immer wieder +klammerte sie sich an ihn und bat:</p> + +<p>»Laß doch alle denken, was sie wollen, und trenne uns nicht, Wolf! Es +ringt in den letzten Tagen und Wochen so unendlich viel in mir, das +mir jede ruhige Überlegung raubt. — Wenn ich aus deinen Armen gleite, +so sehne ich mich in demselben Augenblick wieder hinein. Ein wildes +Verlangen tobt in mir, das ich kaum zu bezwingen vermag. — Denke an +das Bild vom Ilsefluß, das ich dir beschrieb! So bin ich auch. — Du +mußt mich festhalten — damit ich mich nicht selbst fortreiße.«</p> + +<p>Wolf versuchte sie zu beruhigen. Alles was sie sagte, erschien ihm +dunkel und verwirrt. Er verstand sie nicht und sagte sich immer nur +das eine, daß sie im Plüddekampschen Hause gut aufgehoben sei. Er +konnte sie unter keinem besseren Schutz als bei seinen Geschwistern +zurücklassen.</p> + +<p>»Es muß sein, Ilse,« blieb er fest. »Sogleich nach meiner Rückkehr +gebe ich unsere Verlobung bekannt.« —</p> + +<p>Als Wolf abreisen wollte, hielt schon in aller Frühe der Wagen des +Barons von Berleburg vor dem Plüddekampschen Hause. Dieser stieg +herunter, warf dem hinter ihm sitzenden Kutscher die Zügel zu und +hatte dann mit dem Prokuristen Armin ein kurzes, aber inhaltvolles +Gespräch.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p> + +<p>»Besuchen Sie mich, Herr Armin, Sie werden selbst sehen —« +bekräftigte er seine Vorstellungen.</p> + +<p>Der Prokurist unterbrach ihn mit feinem Lächeln:</p> + +<p>»Gedulden Sie sich nur einen Augenblick, Herr Baron! Ich werde mit +Herrn Plüddekamp sprechen.«</p> + +<p>Baron Berleburg hatte den günstigsten Tag erwischt, um sein Anliegen +erfüllt zu sehen.</p> + +<p>Jürgen Plüddekamp befand sich noch mit seinem Bruder in einer +Unterredung und war über dessen klares Vorhaben sichtlich erfreut.</p> + +<p>»Sobald es darauf ankommt, bist du der Mann auf dem richtigen Posten, +Wölfchen! Viel Glück auf die Reise und kehre frohen Sinnes wieder.«</p> + +<p>Armin hatte noch einen Augenblick gewartet, nun trug er Berleburgs +Anliegen Jürgen vor. Dieser bestimmte kurz:</p> + +<p>»Zahlen Sie Berleburg das Gewünschte aus!«</p> + +<p>So kam es, daß der Baron von Berleburg wieder flott gemacht wurde. — +— —</p> + +<p>Eine eigene Stimmung zeigte sich im Plüddekampschen Hause. Jürgen +blieb schweigsam, kalt. Herta übte eine gewisse Zurückhaltung gegen +Ilse und beobachtete sie unwillkürlich mehr als vorher.</p> + +<p>»Seitdem Wolf fort ist, zeigt Ilse stark wechselnde Stimmungen,« sagte +Herta eines Tages zu Jürgen. »Zuweilen stürzt sie sich auf die Arbeit, +und ich muß<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> sie davon zurückhalten, daß sie sich nicht überanstrengt. +Dann wieder sitzt sie stundenlang im kleinen Salon und starrt die +Kunstblätter an. Sie erkennt aber nicht das Bild, sondern schaut nur +in das Leere hinein. — Sollte sie Wolf so sehr lieben, daß sie die +Trennung nicht zu ertragen vermag?«</p> + +<p>Jürgen schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Nein, Herta! Du verstehst sie nicht, weil du ganz anders geartet bist +als die meisten deines Geschlechts. Bei dir weiß man sofort, woran man +ist. Aber Ilse Hergenbach, — in der steckt etwas Vulkanisches! Es +wäre schlimm, käme es jetzt zum Ausbruch. Jedem Geschäftsbriefe Wolfs +liegt ein einfacher Zettel bei: ›Schreibt mir, wie es Ilse geht,‹ und +wohl oder übel muß ich ihm die Antwort darauf geben.«</p> + +<p>»Der arme Junge, er ist blind wie die Motte ins Licht gerannt,« fiel +Herta ein. »Und doch, sobald ich Ilse seine Grüße bestelle, zeigt sich +etwas in ihren Zügen, das meine Ansicht wankend machen könnte. Es +zieht ein glücklicher Schimmer über sie hin, wie er nur bei tieferen +Naturen in Erscheinung tritt.«</p> + +<p>»Ich sagte es dir bereits vor Monaten, Herta, — Ilse ist ein echtes +Kind der Neuzeit, sie fühlt, denkt und handelt in anderer Weise als +wir.«</p> + +<p>Ilse war von einer fortgesetzten Unruhe erfüllt. Befand sie sich +allein in ihrem Zimmer, so streckte<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> sie die Arme weit aus und suchte +sich vorzustellen, daß Wolf jetzt hereintreten müßte und sie ihm +jubelnd an die Brust flog. Sie krankte an dieser Sehnsucht, und doch +kamen Augenblicke, in denen sie sich fragte, ob sie ihn wirklich +liebe. Dann hielt sie sich vor, daß Jürgen sie von sich gewiesen. Ein +glühender Haß gegen diesen Mann beseelte sie, und sie flog aus einer +Übertreibung in die andere. Bei jeder Begegnung mit ihm nahm sie sich +zusammen, um die äußere Form einzuhalten und ihn nicht sichtlich zu +verletzen. Sie wünschte aber nur, daß Wolf heimkehrte und sie an +seinem Arm dem Bruder gegenübertreten könnte. An diesem Schlag, den +sie zurückgab, wollte sie gesunden.</p> + +<p>»Wolf, Wolf!« flüsterte sie vor sich hin.</p> + +<p>Warum konnte sie ihn nicht so lieben, wie es das starke Gefühl in ihr +verlangte? — Nun hatte er sie in Stunden gewaltiger Seelenqualen +allein gelassen, wo sie sonst zu ihm geflüchtet wäre. — Es war eine +Leidenschaftlichkeit in ihrem Wesen entstanden, die sich nicht mehr +zügeln ließ, die allen Überlegungen Trotz bot.</p> + +<p>Sie hielt es nicht länger in ihrem Zimmer aus, es trieb sie in eine +andere Umgebung, die durch neue Eindrücke ablenken und ihr Ruhe +gewähren sollte. —</p> + +<p>In dem großen Garten hinter dem Speicher zeigten sich die ersten +Frühlingsblumen. Unter den<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> heißen Strahlen der höherstehenden Sonne +kamen Krokusse, blaue Lederblumen und frühzeitige Hyazinthen hervor. +Ilse liebte den Duft der Hyazinthen und beugte sich tief herab, um ihn +voll einzusaugen. Als sie wieder aufsah, fiel ihr Blick auf Alfred +Smiders, der sie von der Straße her grüßte.</p> + +<p>Sie neigte leicht den Kopf und wollte weiter in den Garten +hineinschreiten, er rief sie aber an.</p> + +<p>»Fräulein Hergenbach! Nur auf ein Wort!«</p> + +<p>Sie blieb stehen.</p> + +<p>»Darf ich in den Garten eintreten? Die Pforte ist verschlossen. Oder +kommen Sie lieber einen Augenblick näher zu mir.«</p> + +<p>Ein widerstrebendes Gefühl hielt sie noch zurück. Er ging aber nicht +fort, und schließlich überwand sie sich und schritt an den niedrigen +Zaun heran. Smiders streckte ihr die Hand entgegen, die sie nur leicht +berührte.</p> + +<p>»Schade, daß ich Sie so selten sehen kann, Fräulein Hergenbach,« sagte +er und suchte sie dabei fest ins Auge zu fassen. »Ich möchte gern mit +Ihnen plaudern. Wenn ich aber Plüddekamps aufsuche, wie neulich, so +erscheinen Sie nicht.«</p> + +<p>»Ich bin immer beschäftigt, Herr Smiders.«</p> + +<p>»Die dumme Hauswirtschaft! Für ein schönes junges Mädchen wie Sie gibt +es doch interessantere Dinge, um sich das Leben reizvoll zu machen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span></p> + +<p>Sein auf ihr ruhender Blick wurde immer dreister, und plötzlich trat +ein glühendes Rot in ihre Wangen.</p> + +<p>»Wahrhaftig, ich bin ganz bezaubert von Ihnen, Fräulein Hergenbach! +Wie entzückend Sie mit den geröteten Wangen ausschauen.« Ilse wurde +immer unruhiger. »Ich möchte gern einmal mit Ihnen allein plaudern,« +flüsterte er, »gehen Sie gar nicht spazieren? Ich versuche schon +einige Zeit, Sie irgendwo zu treffen.«</p> + +<p>Sie schwieg immer noch.</p> + +<p>»Ich wollte meinen Freund Wolf danach ausfragen, aber ich hörte, er +ist auf längere Zeit verreist.«</p> + +<p>Sie nickte nur mit dem Kopfe.</p> + +<p>»Es stimmt also,« sprach er weiter. »Dann muß es doch schrecklich +langweilig für Sie im Plüddekampschen Hause sein. Jürgen und Herta +sind altbackene Menschen. Ich habe es Ihnen sofort angemerkt, daß +Sie sich nach einer anderen Unterhaltung sehnen. Sie wollen etwas +von dem lustigen Treiben in der Welt sehen und hören. Hier sitzen +Sie wie hinter Klostermauern. Springen Sie flott darüber hinweg! +Ich helfe Ihnen dabei. Geben Sie mir nur bald Gelegenheit, daß wir +zusammenkommen.«</p> + +<p>Ilse schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Ich bedaure, Herr Smiders. Wenn ich wohl nichts dabei finde, +Plüddekamps denken anders darüber. Ich bin auch mit Wolf nicht allein +ausgegangen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p> + +<p>»Mit Wolf?« Ein zynisches Lächeln flog über seine scharfen Züge. +»Ah — das Wölfchen ist nicht so dumm und hat bemerkt, welch +leidenschaftlich schöne Augen hier die beste Zeit vertrauern.«</p> + +<p>»Herr Smiders, ich bitte! — Brechen wir die Unterhaltung ab!« Sie +schickte sich an, fortzugehen.</p> + +<p>»Auf Wiedersehen!« rief er ihr noch nach. »Ich treffe Sie bald wieder +und erzähle Ihnen dann recht Interessantes von Ihrem Freund Wolf!« Er +lüftete den Hut und ging weiter.</p> + +<p>Unwillkürlich war Ilse Hergenbach einen Augenblick stehen geblieben +und sah Smiders verstohlen nach.</p> + +<p>»Von Wolf?« wiederholte sie leise, »was will er damit sagen!« Sie +erregte sich über diese hingeworfenen Worte. Wenn Smiders sie jetzt +noch einmal gefragt hätte, ob er sie wiedersehen könne, würde sie +zugestimmt haben, nur um zu erfahren, was er von Wolf wußte. Sollte +dieser —? Nein! Es war unmöglich, — Wolfs blaue Augen konnten nicht +lügen. Trotzdem saß der Stachel der gefallenen Worte in ihr fest. —</p> + +<p>Von Wolf war in den letzten Tagen keine Nachricht eingetroffen. +Er reiste im Norden Spaniens umher. Jürgen erzählte, daß es +außerordentlich schwer hielt, die verlangten Lieferungen Roggen +aufzukaufen. —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> + +<p>Wie die Tage langweilig und öde dahinschlichen! Ilse überwand sich +nur mit aller Kraft, ihren Verpflichtungen im Haushalte nachzukommen. +Diese ewige Unruhe, dieses fortwährende Sehnen — nichts konnte sie +befriedigen! Selbst die Briefe an ihre jüngere Schwester Helene, an +der sie am meisten hing, flossen ihr nicht aus der Feder, und sie +zerriß mit ihren schlanken Fingern das Papier in kleine Stücke.</p> + +<p>»Ich vermag nichts zu erreichen und habe so viele Wünsche! Ich will +so vieles und darf nicht handeln!« rief es in ihr. »Es ist nicht mehr +auszuhalten! Immer nur in diesen düsteren hohen Räumen sein, in denen +alle Lebenslust erstirbt! Das altjüngferliche Wesen von Herta, der +überlegene Blick Jürgens, der mich streift, als wenn ich nichts wert +wäre. Ich kann es nicht länger ertragen! Ich bedarf einer Abwechslung! +Etwas, was mich aus diesem tötenden Einerlei herausreißt und mir +irgendeine Befriedigung gewährt. Wenn nur Wolf zurückkäme! Wie lange +läßt er mich allein, — ich möchte ihm nachreisen! Könnte ich ihn +nur auffinden und mit ihm in die Welt hineintollen. Alles wäre mir +dann recht. — Ich mag nicht hier bleiben, auch nicht nach Nordhausen +zurück, und weiß selbst nicht — wonach ich mich sehne!«</p> + +<p>Sie schrie laut vor sich hin: »Wolf! Wolf!« Dann glaubte sie das +höhnische Lächeln in den Zügen<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> von Alfred Smiders zu sehen. Was tat +Wolf? Warum sagte es jener ihr nicht gleich? Es entstand ein heißer +Drang in ihr, dies unbedingt zu erkunden. —</p> + +<p>Alfred Smiders war direkt nach seinem Kontor gegangen. Er fand dort +den Hamburger vor und staunte nicht wenig, diesen in den Schiffslisten +studieren zu sehen. »Mor'n Herr Kneis!« streckte er ihm die Hand +entgegen. »Ich glaubte Sie in Berlin. Sie wollten doch geschäftliche +Sachen dort erledigen.«</p> + +<p>»Kam mir was anderes in den Sinn,« erwiderte der lange Hamburger. »Bin +heute morgen mit dem ersten Dampfer zum ›Friedrich Barbarossa‹ hinaus. +Das Schwimmdock steht noch hoch, müßte aber mit Wasserfüllung gesenkt +sein. Auf dem Dampfer selbst Totenstille, kein einziger Hammerschlag +zu hören. Auf dem Deck waren ein paar Männer. Der eine rief etwas +herunter, konnte es aber nicht verstehen.«</p> + +<p>Die Züge des Reeders drückten in dem Augenblick eine unverkennbare +Verlegenheit aus. Er hatte nicht erwartet, daß Kneis gerade in diesen +Tagen zum ›Friedrich Barbarossa‹, den er schon vor längerer Zeit +besichtigt hatte, wieder hinausfahren würde. Sonst hätte er alles +getan, um dies zu verhindern. Der Hamburger durfte nicht dahinter +kommen, daß die Werft die Arbeit einstellte, weil die fälligen Raten +nicht abgeführt worden waren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p> + +<p>»Ich werde nachher die Direktion anrufen, Herr Kneis,« erwiderte er +dann. »Vielleicht streiken die Arbeiter und wollen Lohnerhöhung haben. +Wer kann immer wissen, was vorliegt. Übrigens — mir kann's recht +sein! Die Konventionalstrafe entschädigt mich doppelt und dreifach. +Ich lasse mir keine grauen Haare darum wachsen!«</p> + +<p>»So, so,« meinte Kneis. »Sie haben aber doch Ladeverpflichtungen! Der +Dampfer kann nicht rechtzeitig für Jürgen Plüddekamp auslaufen! Ich +bin vollständig unterrichtet, Herr Smiders.«</p> + +<p>»Nun ja,« erwiderte dieser lässig, »mit dem Getreidehaus Jürgen +Plüddekamp werde ich schon fertig. Solche uralten Kunden nehmen +Rücksicht bei Zwischenfällen, wie sie alle Tage vorkommen können. — +Sie wollten doch heute in Berlin den Betrag für die vorläufige erste +Einzahlung erheben? Wir hatten es so besprochen.«</p> + +<p>»Nein, nein,« wehrte der Hamburger ab, »wir waren noch nicht so weit. +Habe darum die Schiffslisten durchgesehen, ob Dampfer von Ihnen +eingelaufen sind. Kann mir keiner verdenken, wenn ich die Katze nicht +im Sack kaufen will.«</p> + +<p>Unter den starken schwarzen Augenbrauen von Smiders schoß ein giftiger +Blick hervor. Von Tag zu Tag wurde er bereits hingehalten. Er hatte +eine<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> vorläufige Einzahlung verlangt, um die Werft zu befriedigen. +Dies war in seiner Lage das Dringendste. — Dann kam noch hinzu, daß +in einiger Zeit große Wechselsummen fällig wurden. Dazu brauchte er +auf jeden Fall weitere Beträge. — Er mußte also, trotzdem der Ingrimm +in ihm saß, gute Miene zum bösen Spiel machen.</p> + +<p>»Es war doch ein schöner Abend neulich,« klopfte er Kneis auf die +Schulter. »Hm — was sagen Sie dazu? Kann man sich in Stettin nicht +gut amüsieren? Wir gehen bald wieder nach der ›Grünen Schanze‹.«</p> + +<p>Der Überseer schmunzelte über das ganze Gesicht.</p> + +<p>»Warum nicht! Denke aber, daß Sie jetzt genug Arbeit im Kontor haben. +Der Grundsatz aller Überseer ist das Richtige: dreimal Arbeit — +einmal Vergnügen! Man kommt dann vorwärts! Rate Ihnen auch zu dem +Muster, Herr Smiders.«</p> + +<p>»Ich opferte manche Nachtruhe, Herr Kneis, wenn es darauf ankam, eilig +zu verfrachten. Ihr Grundsatz ist mir daher nicht neu. Übrigens, wenn +ich zu tun habe, können Sie doch allein nach der ›Grünen Schanze‹ +gehen. Mit Karli und Riekchen unterhalten Sie sich famos.«</p> + +<p>»Wie mir's gerade einfällt,« erwiderte dieser. »Wünschte, ich hätte +mehr zu tun, als nur Kurszettel<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> zu studieren. Ist gar nicht angenehm, +auf der Bärenhaut zu liegen. Bin nicht abgeneigt, mitzuarbeiten.«</p> + +<p>Smiders horchte auf. Diese Idee war das Schlimmste, was kommen +konnte. Er wollte nur das Geld von Kneis, dann konnte dieser ruhig +nach Hamburg abdampfen. Bei einem tätigen Teilhaber geriet er in +eine peinliche Lage. Es ging manches in seinem Geschäft vor, was er +zu verbergen hatte. Der Wechselaustausch, die Schulden bei der Werft +und vieles andere lief nicht durch die Bücher. Er hatte zu lauter +Verschleierungen gegriffen.</p> + +<p>»Sie sagen nichts dazu, Herr Smiders,« stellte Kneis erneut seine +Anfrage. »Sollte meinen, Sie könnten einen tätigen Kompagnon +gebrauchen. Spielt sich alles dann viel rascher ab!«</p> + +<p>Es brannte hinter Smiders Stirn, als wenn ihm glühendes Eisen +darangehalten würde. Er befand sich in einer derart zugespitzten Lage, +daß er sich kaum noch länger halten konnte, wenn nicht bares Geld in +die Reederei hineinkam. — Auf der anderen Seite konnte er keinen +Teilhaber aufnehmen, der Einsicht in den Betrieb erhielt. Jedenfalls +jetzt noch nicht. Plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf.</p> + +<p>»Ich bin nicht abgeneigt, Herr Kneis, aber erst später! Sagen wir in +einem Jahre, — nach Abschluß der nächsten Bilanz.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p> + +<p>»O, nein,« meinte der Hamburger, »wenn ich eintrete, dann gleich! Ich +brenne auf Arbeit. Es ist mir das Leben sonst zu langweilig. Habe auch +bereits mit Ihrem Vater gesprochen, der doch Mitinhaber ist, und sein +ganzes Geld bei Ihnen stehen hat. Ist sofort dazu bereit, hält's sogar +für außerordentlich notwendig. Fahre dann nach Berlin und hole Geld!«</p> + +<p>Smiders war nahe daran, vor Wut laut zu fluchen. Jetzt hatte sich +Kneis hinter seinen Vater gesteckt. Der alte Mann lag im Lehnstuhl +und konnte sich kaum rühren. Er war aber immer noch geistig rege und +stellte zuweilen Fragen, deren Beantwortung in hohem Maße peinlich +wurde.</p> + +<p>Dem Vater gegenüber hatte Smiders die schwere Lage der Reederei +fortgesetzt verhüllt, und doch mußte der alte Herr davon Wind bekommen +haben. Vor allen Dingen hieß es nun, den Hamburger noch hinzuhalten. +Erst mußten die Wechsel eingelöst sein, ehe dieser in das Geheimbuch +der Firma Einsicht nehmen konnte.</p> + +<p>»Würde nicht zögern,« meinte der Hamburger und hielt ihm die Hand hin, +»ist dann gleich alles bis auf Einzelheiten im Vertrage abgemacht.«</p> + +<p>Smiders kämpfte schwer mit sich. Sollte er? Sollte er nicht? Da er +doch nicht sofort einschlug,<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> zog der Hamburger seine Hand zurück. Der +einzige Augenblick, der ihn noch retten konnte, war verpaßt.</p> + +<p>»Sie haben Zeit zur Überlegung, Herr Smiders. Sprechen Sie mit Ihrem +Vater und folgen Sie seinem Rat. Ich kann warten!« Kneis nahm seinen +Hut, wünschte guten Morgen und ging hinaus.</p> + +<p>Smiders sank auf seinen Schreibstuhl zurück. Seine Stirn zog sich in +tiefe Falten.</p> + +<p>»Himmel und Hölle,« fluchte er vor sich hin, »als ob jetzt alles +versessen ist, mich in den Dreck hineinzurennen! Es gelingt mir nichts +mehr! Alles schlägt fehl — so gut ich's auch eingefädelt hatte! +Dieser Protz von Überseer! Dieser ekelhafte Kerl! Seine Fratze täglich +vor mir sehen zu sollen! Das kann ich schon lange nicht. Es widert +mich an. Überhaupt — alle meine Maßnahmen kritisieren zu lassen +— alle meine feinen Mittelchen, mit denen ich so manches nebenbei +verdiene, fortzulassen — fällt mir gar nicht ein. Das Geld mag er +einzahlen und dann weg mit ihm, so rasch als möglich! Ich habe es +gründlich satt, mit dem Kerl alle Tage schön zu tun.«</p> + +<p>Er hatte sich in eine helle Wut hineingeredet. Aus einem Fach seines +Schreibtisches zog er ein langes schmales Buch hervor, in dem er seine +Privatnotizen zu machen pflegte. Er blätterte eine Weile darin herum +und schlug dann gewaltsam auf den Tisch.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p> + +<p>»Bald kann ich nicht mehr! Was diese Werft von mir schluckt, ist +geradezu hundemiserabel! Das ganze Betriebskapital hat sie mir +weggeholt. Es läuft nun auf Wechsel. Ich kann hinkommen, wo ich +will, überall sieht man die Dinger mit Mißtrauen an. Ob ich Jürgen +Plüddekamp anpumpe? — Das wäre noch ein Gedanke! Er könnte mir mit +einem Federstrich helfen. Teufel, wenn ich es nun dem Alten sage, der +holt das Geld leichter heraus! Sie hielten immer dicke Freundschaft +miteinander. Aber der drüben weiß ja von allem nichts. Ich muß bei ihm +zu Kreuze kriechen.«</p> + +<p>Er nahm das Buch und warf es wieder ins Fach zurück, das er verschloß. +Dann stieß er zwischen den Zähnen einen langen Pfiff hervor, und auf +sein Gesicht trat plötzlich ein zynisches Lächeln.</p> + +<p>»Bei den Frauen glückt es mir immer! Ich weiß nicht, was sie an mir +haben? Wenn es nur so im Geschäft ginge! Jetzt die Ilse Hergenbach, — +das ist mein Geschmack. Es schlummert noch viel in ihr, aber ich will +es wecken. Ja, mein Wölfchen, bis du zurückkommst, dauert es noch ein +Weilchen! Ich habe mich genau erkundigt. Ilse Hergenbach soll mir den +miserablen Ärger versüßen.« —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span></p> + +<h2>XVIII.</h2> +</div> + + +<p>Die Verhältnisse bei Smiders & Sohn spitzten sich immer mehr zu. +Trotzdem fand der junge Reeder noch Zeit, auf Ilse Obacht zu geben. +Schon nach einigen Tagen sah er sie ausgehen. Sie wollte noch gegen +Abend einige Besorgungen erledigen und war auf dem Wege nach der +Breitenstraße, als Alfred Smiders aus einem Nebengäßchen auftauchte +und ihr plötzlich entgegentrat. Er führte diese Begegnung mit Absicht +herbei.</p> + +<p>»Endlich habe ich das Glück, Sie zu treffen, Fräulein Hergenbach!« zog +er den Hut.</p> + +<p>Sie verneigte sich nur wenig.</p> + +<p>»Ich wartete jeden Tag auf Sie,« sagte er dann.</p> + +<p>»Warum, Herr Smiders? Es ist doch zwecklos —« entgegnete sie hastig.</p> + +<p>Als er sie aber nach diesen Worten scharf ansah, begann sie stark zu +erröten. Sie bemerkte es und war darüber auf sich selbst ärgerlich. +Warum geschah es gerade unter seinen Blicken? Ihre Pulse klopften +fühlbar, als er jetzt neben ihr herging, und doch vermochte sie seine +Begleitung nicht abzulehnen.</p> + +<p>»Sie wollten von Wolf hören, Fräulein Hergenbach! Es hat Sie aus dem +alten Haus getrieben.<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> Habe ich nicht recht?« fragte er überlegen. +»Ich weiß es auch ohne Ihre Antwort. Wolf genügt Ihnen nicht. Er lebt +in so törichter Abhängigkeit von seinen Geschwistern. Bei mir ist +es anders. Einer solchen Partnerin wie Sie böte ich jeden Reiz des +Lebens.«</p> + +<p>Warum erzitterte nur Ilse Hergenbach unter diesen Worten? Das war es, +was in ihr gärte. Eingeengt in den alten Brauch des Plüddekampschen +Hauses, drängte alles in ihr gewaltsam nach Lebensgenuß. Alfred +Smiders durchschaute sie sofort, und sie fühlte dies Erkennen vom +ersten Augenblick an. Obwohl sie kein Interesse für ihn hatte, zwang +er sie doch in seinen Bann hinein. Und nun dieses direkte Hindeuten +auf Wolf! Was konnte er von ihm sagen! Wußte er um alles? Es quälte +sie seit Tagen, und sie wollte es heute bestimmt ergründen.</p> + +<p>»Ich habe in diesem Laden etwas zu besorgen, Herr Smiders,« blieb sie +plötzlich stehen.</p> + +<p>»Ich warte gern draußen, Fräulein Hergenbach,« erwiderte er +zuvorkommend, »denn mit hineinnehmen wollen Sie mich wohl nicht.«</p> + +<p>»Nein,« erwiderte sie mit eigentümlichem Lächeln, »man denkt hier zu +kleinstädtisch!«</p> + +<p>Sie trat in das Geschäft ein und kam nach kurzer Zeit mit den +eingekauften Sachen wieder heraus. »Ich gehe jetzt heim, Herr +Smiders,« sagte sie leichthin.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p> + +<p>Er bemerkte sogleich, daß es ihr damit nicht ernst war, und faßte sie +scharf ins Auge.</p> + +<p>»Ich möchte gern mit Ihnen eine Stunde zusammen sein, so viel Zeit +haben Sie, Fräulein Hergenbach.«</p> + +<p>Sie suchte hastig nach Worten, durch die sie dies ablehnen konnte, +aber die Neugierde, über Wolf etwas zu erfahren, hielt sie davon +zurück.</p> + +<p>»Sie müssen mir aber erzählen, was Sie von Wolf wissen, Herr Smiders,« +gab sie nun zur Antwort.</p> + +<p>Dieser, der sie dabei beobachtete, frohlockte. Der abgesandte +Pfeil hatte getroffen. Ilse mußte an Wolf stark interessiert sein, +wahrscheinlich noch mehr — die beiden hatten ein Liebesverhältnis +miteinander! Es war nach seiner Meinung leicht zu durchbrechen.</p> + +<p>»Ich kann Ihnen viel von meinem Freunde Wolf erzählen. Wenn Sie +mir auf ein halbes Stündchen folgen, — sollen Sie sogar — seine +Liebesirrung kennen lernen —«</p> + +<p>»Seine Liebesirrung, Herr Smiders? —« Ilses Herz zog sich krampfhaft +zusammen.</p> + +<p>»Na und ob,« meinte Smiders höhnisch. »Ist ein hübsches junges +Mädchen. Natürlich nichts Besonderes! Aber Herr Jürgen und Fräulein +Herta würden sich wundern, wenn sie wüßten, in wessen Armen Wölfchen +seine freien Stunden verbringt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p> + +<p>Ilse zitterte am ganzen Körper vor Wut. Wolf Plüddekamp hatte ein +Verhältnis. Die Frau in ihr war tief beleidigt.</p> + +<p>»Aha!« dachte Smiders, der den Seelenzustand in ihrem Gesicht las, +»Wölfchen scheint recht weit mit ihr zu sein. Die Sache ist nicht so +schwierig, wie sie aussah. — Kommen Sie, Fräulein Ilse,« er nahm +einfach ihren Arm, »das blonde Riekchen haust ganz in der Nähe. Wir +trinken dort eine Flasche Wein zusammen.«</p> + +<p>Ilse zog den Arm rasch zurück. Einen Augenblick wollte es in ihr +über diese Zumutung zornig aufwallen. Noch stärker wirkte aber die +angetane Kränkung. Jürgen Plüddekamp hatte ihre Liebe verschmäht. Wolf +Plüddekamp, der sie zur Frau verlangte — betrog sie mit einer andern! +Der Ingrimm packte sie mit voller Gewalt.</p> + +<p>»Nun?« fragte der Reeder, »ist die Kenntnis nicht wertvoll für Sie?« +Er zog abermals ihren Arm unter den seinen, und jetzt ging sie mit.</p> + +<p>Es waren nur wenige Schritte bis zur ›Grünen Schanze.‹ Es schauderte +ihr kalt über den Rücken, als sie mit Alfred Smiders den dunklen +Hausflur durchschritt und in den Hof kam. Wohin führte er sie? — Eine +innere Stimme rief: »Zurück! Zurück!« Ihr Fuß ging aber vorwärts. +Smiders riß die Tür<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> auf, und sie traten in das alte räucherige Zimmer +ein. Von dem Sofa erhob sich gähnend eine weibliche Person.</p> + +<p>»Ach — Sie sind's, Herr Smiders!« sagte diese. Es war das blonde +Riekchen. »Karli hat heute ihren Ausgehtag — der Hamburger sitzt +vorn. Ist der schöne Wolf noch nicht zurück?« Sie brachte alles in +einem Atem vor.</p> + +<p>Smiders ließ Ilse stehen und flüsterte Riekchen rasch einige Worte zu.</p> + +<p>»Ah — so,« meinte die dralle Person darauf, »wird bestens besorgt.« +Sie sah dann neugierig auf die junge Dame, die unbeweglich inmitten +des Raumes stand.</p> + +<p>»Der Hamburger braucht nicht zu wissen, daß ich hier bin, Rieke!« Der +Reeder wiederholte dies anscheinend laut.</p> + +<p>»Schon gut, Herr Smiders.«</p> + +<p>Riekchen drehte das Gas mehr auf, es wurde heller. Smiders schritt auf +Ilse zu, nahm ihren Mantel ab und führte sie mit überlegenem Lächeln +zum Sofa.</p> + +<p>»Dort setze ich mich nicht, Herr Smiders,« ihre tiefe Stimme hatte +einen unsicheren Klang, »ich werde diesen Stuhl nehmen.«</p> + +<p>Die blonde Rieke ging hinaus, um Sekt zu holen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span></p> + +<p>»Also das ist das Mädchen, mit dem Wolf Plüddekamp ein Verhältnis +hat?« brachte Ilse mühsam hervor.</p> + +<p>»Ja, — meine schöne Ilse, — das ist das Mädchen! Eine nette +Weinkellnerin, wie?«</p> + +<p>Ilse war leichenblaß geworden.</p> + +<p>»Was halten Sie nun von Wölfchen? Lockrer Zeisig — he? Und Sie, +schöne Ilse? Sie haben doch geglaubt, ihn ganz allein zu besitzen!«</p> + +<p>»Herr Smiders,« rang es sich von ihren Lippen, »Sie sind brutal mit +mir, — Wolf ist mein Verlobter.«</p> + +<p>»Na, — so im geheimen, — damit meint er's nicht so genau! Sie +gehören doch zu den Modernen! Hab es gleich gewußt. Die kennen keine +Engherzigkeit. Ärgern — Unsinn, schöne Ilse! Wir trinken jetzt ein +Glas Champagner zusammen.«</p> + +<p>Die blonde Rieke trat ein und brachte Sekt. Smiders schenkte einige +Gläser ein, dann reichte er Ilse und der Kellnerin davon hin.</p> + +<p>»Auf Schönheit und Leidenschaft — Prost!«</p> + +<p>Ilse hielt krampfhaft das Glas in der Hand. Ihre Augen hatten einen +wilden Ausdruck angenommen, — die Wangen brannten ihr wie Feuer, — +seine Blicke ließen nicht von ihr ab. Zwar noch widerstrebend, dann +aber von einem plötzlichen Entschluß erfaßt, stieß sie mit ihm an. Die +blonde Rieke<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> hob ebenfalls das Sektglas gegen Ilse. Sofort setzte +diese das ihre nieder.</p> + +<p>»Sie kennen Wolf Plüddekamp?« rief sie aus.</p> + +<p>»Ja,« meinte Rieke ganz verwundert. »Natürlich kenne ich ihn. Ein +bildschöner Herr! Er ist schon oft hier gewesen.«</p> + +<p>»Und Sie, — Sie lieben Wolf Plüddekamp?«</p> + +<p>»Lieben?« meinte die blonde Rieke ironisch. »Bei unserem Handwerk muß +man ein weites Herz haben. Freilich, — ihn kann man schon lieben.«</p> + +<p>Ilse Hergenbach war innerlich wütend. Sie goß das volle Glas +Champagner auf einmal hinunter, und Smiders schenkte ihr rasch wieder +ein. Es war rein zum Tollwerden! Wolf — und diese Person, die für +jeden Gast das gleiche Entgegenkommen übrig hatte. Alle Leidenschaft +wallte auf einmal in ihr empor. Sie hätte rasen können vor Zorn. War +sie so wenig wert, galt sie nur etwas für männliche Launen? Woran +sollte sie noch glauben, sich anklammern? Der feste Boden schwand +unter ihr. Die Liebe war in ihr niedergerungen, der Haß entstanden — +Manneswort — leerer Schall. Ihre ganze Natur bäumte sich wild auf, +— dann lieber toll genießen, — alles in die Schanze schlagen! Kein +Heute — kein Morgen! Mehr war das Leben nicht wert. Sie goß ein Glas +Champagner nach dem anderen hinunter. Schon<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> begannen sich ihre Sinne +vollständig zu verwirren. Alfred Smiders schaute immer begehrlicher +auf sie hin. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entrinnen.</p> + +<p>Ilse sah den Kopf der blonden Rieke nur noch wie im Nebel, sie hörte +nicht, wie Smiders dieser sagte, sie allein zu lassen.</p> + +<p>»Halt Karli zurück, wenn sie kommen sollte,« flüsterte er. »Steck sie +zu Kneis — das ist notwendig. — Diese da,« er deutete rückwärts +auf Ilse, »spioniert bloß! Sie lernt bei Plüddekamps die Wirtschaft, +— will dir meinen Freund Wolf wegkapern. Ich leid's aber nicht — +deinetwegen, Riekchen!«</p> + +<p>»Wolf laß ich mir nicht nehmen,« ereiferte sich diese. »Nach einem +Reichen angeln sie alle, — aber daraus wird nichts!«</p> + +<p>Smiders gab ihr einen Wink, vorsichtig zu sein.</p> + +<p>»Ich gehe schon —«</p> + +<p>Er schenkte Ilse Hergenbach immer von neuem ein. Sie konnte schon +keinen klaren Gedanken mehr fassen. Plötzlich fuhr sie aus ihrer +wilden Träumerei auf. »Ich muß nach Hause, — Tante Herta —«</p> + +<p>»Sie haben Zeit,« beruhigte er sie, »es ist noch lange keine Stunde +um.«</p> + +<p>»Wolf! Wolf!« schrie sie plötzlich auf.</p> + +<p>»Lassen Sie ihn laufen,« flüsterte Smiders, sich Ilse mehr und mehr +nähernd. »Ich will Ihnen ein<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> glänzendes Leben bieten. Ich liebe Sie +verzehrend — Ilse.«</p> + +<p>»Nein, nein,« wehrte sie ihn mechanisch ab.</p> + +<p>Die großen grauen Augen starrten wie geistesabwesend vor sich hin. +Ihre Lippen zuckten, — ihre Züge nahmen einen verzerrten Ausdruck an. +Sie suchte nach Worten:</p> + +<p>»Leben — ist alles, was bleibt — leben — nicht tot sein —«</p> + +<p>Die ungeheure seelische Erregung — der hastig genossene Champagner +ließen sie wie betäubt zurücksinken. —</p> + +<p>Die Tür von der vorderen Weinstube wurde aufgerissen. Karli stand +plötzlich mitten im Zimmer.</p> + +<p>»Du bist hier!« schrie sie Smiders an, »wen hast du da mitgebracht! +Das ist arg! Du willst mir vorreden, — na warte, — das sollst du mir +büßen!« — Sie warf die Verbindungstür schmetternd zu.</p> + +<p>Ilse erhob sich taumelnd. Sie war leichenblaß. Wo war sie hingeraten? +Der Gedankengang setzte wieder bei ihr ein.</p> + +<p>»Ich will fort — fort!« rief sie aus.</p> + +<p>In diesem Augenblick stand sie schon an der Tür.</p> + +<p>»Ilse!« Er wollte sie zurückhalten. Sie war aber hinausgeeilt. Die +blonde Rieke kam jetzt, und Smiders bezahlte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p> + +<p>»Rede Karli ins Gewissen,« raunte er ihr hastig zu, »daß sie bei +dem Hamburger keine Dummheiten macht. Warum hast du sie auch +hereingelassen?«</p> + +<p>»Ich konnte sie nicht zurückhalten, Herr Smiders. Sie hatte Wind +bekommen, daß Sie da sind. Sie durften das Fräulein nicht hierher +mitnehmen! Das war nicht schön von Ihnen.«</p> + +<p>»Ach was, dummes Mädel! Kümmere dich nicht um meine Sachen! Ich setze +keinen Schritt mehr in die Bude, wenn Karli nicht vernünftig ist. Sage +ihr das!« Es drängte Smiders hinaus, um Ilse Hergenbach nachzueilen. +— — —</p> + +<p>Diese stürmte durch die Straßen vorwärts. In wilder Hast bog sie in +Nebengassen ab, um den Weg nach dem Plüddekampschen Hause abzukürzen. +Ein kalter Regen, der niederging, schlug ihr ins Gesicht, durchnäßte +ihre Kleider und Haare und kühlte die brennende Stirn. Wenn ihr nur +niemand im Hause begegnete, ehe sie das Zimmer erreichte! Es wäre ihr +unmöglich gewesen, Worte zu wechseln oder einen forschenden Blick zu +ertragen.</p> + +<p>Sie flog die Stufen der großen Treppe hinauf und wollte sofort weiter +zum zweiten Stockwerk, als Herta auf den Korridor trat.</p> + +<p>Ilse erschrak heftig. Ihr Fuß zögerte, ihr Atem stockte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p> + +<p>»Ich wartete auf dich, Ilse! Du bist lange fortgeblieben.«</p> + +<p>»Entschuldige, Tante Herta! Ich bin vollständig durchnäßt!«</p> + +<p>Bei diesen Worten eilte sie bereits weiter. Trotz des Halbdunkels, das +im Korridor herrschte, hatte Herta mit einem Blick die verstörten Züge +Ilses gesehen.</p> + +<p>»Sie ist doch ein merkwürdiges Geschöpf,« schoß es ihr durch den Sinn. +»Von einem Regenschauer sieht man doch nicht so verstört aus.«</p> + +<p>Ilse war inzwischen auf dem Zimmer angelangt. Sie riß den Hut vom +Kopfe und warf sich schluchzend auf ihr Lager hin. Die Gedanken rasten +noch in ihr. Unaufhaltsam erschienen wirre Bilder vor ihren Augen. +Das ganze Nervensystem schien aufs äußerste erschüttert zu sein. Sie +vermochte sich keine klare Rechenschaft über die letzten Stunden zu +geben. Ein unbeschreibliches Angstgefühl trieb sie wieder empor und +ließ sie das elektrische Licht aufdrehen.</p> + +<p>Nur erst wieder einen einzigen vernünftigen Gedanken fassen, — +richtig überlegen können, was sie tun mußte, um aus den Irrungen +herauszukommen.</p> + +<p>Wolf hatte sie betrogen, — ein neuer Tränenstrom brach aus ihren +Augen hervor.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p> + +<p>»Alles in der Welt ist Lüge, erbärmliche Lüge!« rief es verzweifelt +in ihr. »Ich selbst — bin die Lüge und Alfred Smiders verfallen. Ich +kann hier nicht bleiben, bis Wolf zurückkehrt! Ich kann auch nicht +nach Nordhausen zurück!« —</p> + +<p>Die Kleidung wurde ihr über der Brust zu eng. Sie riß mit beiden +Händen das Mieder auf, um leichter zu atmen.</p> + +<p>Wenn nur diese entsetzlich quälenden Gedanken erst nachließen! Zum +ersten Male sah sie in das Leben hinein. Wie hatte sie sich nach +seinen Freuden gesehnt! Und nun empfand sie anstatt des erhofften +Glücksgefühls — eine gänzliche Vernichtung ihrer selbst.</p> + +<p>Ein paarmal raste sie durch das Zimmer. Dann warf sie sich wieder hin +und schluchzte wild auf.</p> + +<p>Fort von hier, fort! Damit sie die prüfenden Blicke im Hause nicht +zu ertragen brauchte! Ihr Kopf schmerzte entsetzlich. Ein Schwindel +ergriff sie. —</p> + +<p>Es klopfte an der Tür. Das Mädchen öffnete und fragte, ob Fräulein +Hergenbach nicht zum Abendbrot kommen wolle. Sie antwortete hastig:</p> + +<p>»Ich leide an starkem Kopfweh. Entschuldigen Sie mich bitte!«</p> + +<p>Die Tür schloß sich wieder, und Ilse Hergenbach war mit sich und ihren +wilden Gedanken allein.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p> + +<h2>XIX.</h2> +</div> + + +<p>Es waren unangenehme Nachrichten eingegangen. Die Reederei befand +sich in einer gefahrdrohenden Lage. Trotz der klugen Machenschaften +von Alfred Smiders war eine Anzahl Papiere, die er in Akzeptaustausch +nach Berlin gegeben hatte, auf der Reichsbank zusammengekommen. Ein +Bankhaus, mit dem er noch nicht lange verkehrte, ersuchte plötzlich +um genaue Auskunft über die hereingegebenen Wechsel und wollte sofort +jeden weiteren Verkehr abbrechen, wenn kein genügender Ausweis +vorhanden war. Was sollte er tun? Gestern abend kehrte er noch in der +rosigsten Laune heim. Er fühlte etwas von einem verteufelten Kerl in +sich, dem alles gelingen mußte. Und nun?</p> + +<p>»Verdammt! Immer nur die Frauen!« zischte er zwischen den Zähnen +hervor, als er den Brief von der Bank wütend auf den Schreibtisch +warf. »Im Geschäft wird es täglich toller! Es darf aber nicht +zusammenbrechen. Ich bin gezwungen, heute mit dem Hamburger fertig zu +werden. Nur eine große Barsumme, mit der ich alles glatt machen kann, +bringt mich wieder in das richtige Fahrwasser hinein.«</p> + +<p>Er stützte sein Haupt schwer auf und sann einige Augenblicke nach.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span></p> + +<p>»Es bleibt mir kein anderer Weg, ich muß zu dem Alten hinüberlaufen +und ihm die Sache langsam beibringen.«</p> + +<p>Trotz der frühen Stunde ging er sofort zu seinem Vater. Smiders senior +bewohnte einen Teil des Parterres. Der alte, vollständig gelähmte +Herr lag auf dem Krankenstuhl und ließ sich vom Diener das Frühstück +reichen. Alfred Smiders trat mit lächelnder Miene an ihn heran.</p> + +<p>»Guten Morgen, Papa! Schon auf? Es geht dir heute wohl gut?«</p> + +<p>»Nicht besser und schlechter als jeden anderen Tag, mein Sohn. Nur die +Untätigkeit, zu der ich verdammt bin, ist mir schrecklich.« Der Diener +verließ inzwischen das Zimmer. »Ich sehe dich wenig, — du bist mit +Arbeit überhäuft. Könnte ich dir doch helfen!«</p> + +<p>»Leider läßt sich daran nichts ändern, Papa. Ich komme wegen Herrn +Kneis. Er war bei dir und hat mit dir gesprochen.«</p> + +<p>»Ja, ja,« nickte der alte Smiders mit dem Kopfe. »Ein tüchtiger Mann! +Du kannst keinen besseren Teilhaber erlangen, als diesen gewiegten +Überseer. Er besitzt bedeutende geschäftliche Kenntnisse und großes +Vermögen. Ich bin dafür, wir nehmen ihn als tätigen Kompagnon auf. Du +wirst dann entlastet, und wir erhalten noch viele neue Verbindungen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p> + +<p>»Das ist alles gut und schön, Papa! Ich bin der Sache auch nicht +abgeneigt, obwohl es wenig angenehm ist, bei jeder größeren +geschäftlichen Verfügung erst eine Rücksprache nehmen zu müssen. Das +Ding hat aber noch einen Haken.«</p> + +<p>»Wieso?« fragte der alte Herr.</p> + +<p>»Na, — du weißt doch, Papa! Die alten Kasten wollten nicht mehr +ziehen. Wir sind immerhin ziemliche Verbindlichkeiten bei der +Schiffswerft eingegangen, um unseren Dampferbestand zu erneuern. +Die Rechnungen laufen noch ein, und die Ratenzahlungen folgen dicht +aufeinander. Ich möchte nicht, daß Kneis darin Einblick bekommt. Er +gewinnt dann sofort Oberwasser bei uns.«</p> + +<p>Der alte Smiders sah mit den matten Augen erschrocken zu seinem Sohne +auf.</p> + +<p>»In dieser Form hast du es mir noch nie gesagt, Alfred. Bisher war +deine Ansicht stets, mit unseren Mitteln alles glatt bestreiten zu +können. Nun geht es auf einmal nicht mehr! — Ich habe dir doch +deswegen mein ganzes Barvermögen gegeben, das ich noch besaß. Wir +stehen jetzt also vor neuem Bedarf, den du nicht decken kannst. Sage +es nur gerade heraus! Wir müssen dann Kredit bei unserer Bank nehmen. +Bei dem langen Verkehr mit uns wird sie ihn sicherlich einräumen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p> + +<p>Alfred Smiders kam bei diesen Worten in eine höchst unangenehme Lage. +Er überlegte schnell, wie weit er seinen Vater über den schlechten +Geldstand der Firma einweihen sollte.</p> + +<p>»Ich möchte es nicht, Papa! Sobald man erst bei den Banken Kredit +braucht, ziehen sie gleich die Bedingungen an. Bei unseren großen +Umsätzen kostet dies viel Zinsen und Provisionen. Offen gestanden, — +ich will nicht in diese Abhängigkeit geraten.«</p> + +<p>»Es ist schon richtig,« fiel sein Vater ein. »Aber was dann? Der +›Friedrich Barbarossa‹ muß bald aus dem Dock heraus sein. Geh doch zu +Jürgen Plüddekamp. Er wird dir gewiß helfen und eine größere Summe +über das Konto vorweg geben.«</p> + +<p>Alfred Smiders pfiff leise durch die Zähne.</p> + +<p>»Ich stehe mit Jürgen nicht sehr gut, und Wolf ist auf längere Zeit +verreist. Am besten wäre es, du sprächst selbst mit ihm, Papa. +Dir schlägt er es sicherlich nicht ab, und zwar muß es noch heute +geschehen. Wir nehmen dann Kneis sofort herein, und alles ist wieder +in bester Ordnung.«</p> + +<p>»Alfred! Wie soll ich zu Jürgen Plüddekamp hinkommen? Ich fühle mich +viel zu schwach dazu.«</p> + +<p>»Nein, nein, Papa! Es ist unbedingt notwendig, daß du es tust. Ich +werde dich gleich telephonisch anmelden, und du läßt dich in deinem +Wagen hinfahren.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p> + +<p>»Ja, wenn es sein muß!« stöhnte der alte Smiders leise auf. »Ich mache +es deinetwegen, mein Sohn. Meine Lebenstage sind doch gezählt.«</p> + +<p>Der junge Smiders reichte seinem Vater mit freundlichem Drucke die +Hand.</p> + +<p>»Gut, Papa! Wir sind jetzt vollkommen einig. Ich rufe dir deinen +Diener und gehe gleich nach dem Kontor hinüber.«</p> + +<p>Er befand sich wieder in bester Laune. Ein Stein war ihm vom Herzen +gefallen. So mußte es gehen. Nun schwamm er wieder oben. —</p> + +<p>Jürgen Plüddekamp erstaunte nicht wenig, als ihm telephonisch gemeldet +wurde, daß der alte gelähmte Herr Smiders ihn aufsuchen würde. Eine +Stunde darauf brachte der Diener diesen bereits angefahren. Mit +einigen Umständen wurde der Wagen bis an das Privatkontor von Jürgen +Plüddekamp gebracht. Der alte Mann kam schon in einem ziemlich +erschöpften Zustande an, und Jürgen suchte ihm die Aussprache in jeder +Weise zu erleichtern.</p> + +<p>Er ließ sofort ein stärkendes Glas Wein für ihn holen und fragte dann +teilnehmend, wie sein Befinden wäre. Da er ihn lange nicht gesehen +habe, freue er sich, daß es ihm anscheinend gut ginge.</p> + +<p>»— und nun — was führt Sie zu mir, Herr Smiders?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p> + +<p>»Lieber Herr Plüddekamp,« begann dieser. »Ich komme heute als alter +Freund Ihrer Firma zu Ihnen, dem schon Ihr Herr Vater volles Vertrauen +schenkte. Es handelt sich um einen Vorschlag. Die Erweiterung unserer +Dampferlinien, um der wachsenden Konkurrenz zu begegnen, stellte große +Anforderungen an die Reederei. Wir haben uns deshalb entschlossen, +einen tätigen Teilhaber mit größerem Kapital hereinzunehmen. Es ist +Herr Kneis aus Hamburg. Vorher aber möchte Alfred vollständig reinen +Tisch haben. Wir wollen uns nicht der Bank in die Hand geben, und ich +bitte Sie, uns dabei entgegenzukommen. Die Summe für den gecharterten +›Friedrich Barbarossa‹ ist allerdings erst später zu zahlen. Es wird +Ihnen nichts ausmachen, uns diese — natürlich mit Abzug eines Skontos +— schon jetzt zu überweisen. Sie werden uns zu gleichen Diensten +stets bereit finden.«</p> + +<p>Jürgen war dieses Ansinnen sehr peinlich. Der alte gebrechliche Herr +tat ihm außerordentlich leid. Sollte er ihm die bittere Wahrheit ins +Gesicht sagen?</p> + +<p>Herr Smiders senior sah ihn fragend an. Warum erfolgte nicht gleich +die Antwort? Es war doch nur eine kleine Gefälligkeit, um die er die +reiche Firma anging.</p> + +<p>»So leid es mir tut, Herr Smiders, und so gern ich Ihnen gefällig sein +möchte, — in diesem Falle<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> geht es nicht,« brachte Jürgen leicht +stockend hervor. »Die Fracht für den ›Friedrich Barbarossa‹ hängt +vollständig in der Luft, und unser Vertrag ist hinfällig. Der Dampfer +liegt noch im Dock, und es ist nicht abzusehen, wann er auslaufen +kann. Ich hörte, die Werft hat die Arbeit eingestellt!«</p> + +<p>»Die Werft hat die Arbeit eingestellt, Herr Plüddekamp! Großer Gott, +davon weiß ich gar nichts!« erwiderte der alte Smiders zitternd. »Ich +glaubte, der Dampfer sei zum Auslaufen bereit. Darauf begründete sich +mein Plan. Nun tut es mir leid, daß ich Sie behelligt habe. — Ich muß +sofort mit Alfred sprechen. Ich verstehe alles nicht mehr — ich bin +— ganz verstört darüber.«</p> + +<p>Jürgen Plüddekamp sah ihn mit bedauernden Blicken an. Er hätte ihm +wohl noch manches sagen können, wovon er nichts wußte. Aber dazu +lag kein Grund vor, und er wollte dem alten Herrn nicht die letzten +Lebenstage verbittern. —</p> + +<p>Smiders senior fuhr unverrichteter Sache ab. Gleich darauf rief Jürgen +den Prokuristen Armin herein und teilte ihm alles mit.</p> + +<p>»Was sagen Sie dazu, Armin? Ich habe das Gefühl, daß Smiders & Sohn +vor dem gänzlichen Zusammenbruch stehen. Ein wahres Glück, daß wir +Wolf nach Spanien sandten. Hoffentlich erhalten<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> wir recht bald gute +Nachrichten von ihm. Unsere sonstigen Beziehungen zu der Reederei sind +doch vollständig geregelt, so daß wir mit ihr in gar keiner Berührung +mehr stehen.«</p> + +<p>»Es liegen noch ein paar kleinere Frachten vor, Plüddekamp,« erwiderte +Armin, »aber diese machen uns keine Umstände. Ich kann sie auch einer +anderen Reederei überschreiben.«</p> + +<p>»Tun Sie das, Armin! Es ist besser, wir brechen alle Verbindungen mit +der Firma ab.« — — —</p> + +<p>Alfred Smiders saß an seinem Schreibtisch. Er hatte einen weißen +Bogen vor sich hingelegt und rechnete. Nach einer Weile nickte er +befriedigt. So mußte es gehen! Ein Angestellter brachte ihm die +Mittagspost herein. Bei flüchtigem Durchsehen erkannte er auf einem +Kuvert die Handschrift von Kneis. Sofort riß er dies zuerst auf und +überflog hastig die darin enthaltenen Zeilen. Ein wilder Ausruf +entfuhr seinem Munde. Er schlug mit beiden Händen auf den Tisch und +wurde dann fahlbleich.</p> + +<p>»Es ist ja nicht möglich!« rief er laut aus. »Was ist in den Mann +gefahren! So lasse ich mich nicht abspeisen! — Bis zum Abgang des +Schnellzuges nach Hamburg ist noch eine Stunde. — Er darf nicht +fahren!« Und schon hatte er seinen Hut ergriffen und eilte fort. —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p> + +<p>Inzwischen kehrte der Wagen mit dem gelähmten alten Smiders zurück. Er +ließ seinen Sohn sofort zu sich bitten und erhielt zur Antwort, daß +dieser ausgegangen sei. Nach einer halben Stunde kam Alfred Smiders +jedoch zurück. Sein sonst elastischer Gang war unsicher, seine Züge +gefurcht, als ob er um Jahre gealtert sei. Er suchte sofort seinen +Vater auf und war völlig niedergeschmettert, als er die Ablehnung von +Jürgen Plüddekamp erfuhr.</p> + +<p>»Was nun?« rief es in ihm.</p> + +<p>»Sprich sofort mit Herrn Kneis!« sagte ihm der Vater. »Du mußt mit +ihm einig werden! Es ist der einzige Ausweg! Geh, mein Sohn, versäume +keine Zeit.«</p> + +<p>Alfred Smiders wankte nach seinem Kontor hinaus. Er konnte seinem +Vater nicht sagen, daß bei dem Hamburger alles verloren sei. Mit der +gewohnten Ruhe hatte ihm der Überseer ins Gesicht gesagt, daß er +dafür danke, mit der Firma Smiders & Sohn in irgendeine Verbindung +zu treten. Als Alfred Smiders nach der Ursache seines plötzlichen +Verhaltens forschte, erwiderte er kaltlächelnd:</p> + +<p>»Fragen Sie die schwarze Karli in der ›Grünen Schanze‹, die Sie mir +so warm empfohlen haben, warum ich mit Ihnen nichts mehr zu tun +haben will.« Damit verbeugte er sich kurz, und Alfred Smiders war +abgewiesen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p> + +<p>Die letzte Hoffnung hatte er noch auf die Unterredung seines Vaters +mit Jürgen Plüddekamp gesetzt. Auch diese schlug fehl.</p> + +<p>Wohin er auch blickte, kein Ausweg mehr. Alle Fäden, die er gehalten, +waren abgeschnitten. Schon in den nächsten Tagen mußte die Firma +zusammenbrechen. Einen Konkurs konnte er nicht machen. Seine Bücher +waren nicht in Ordnung. Er hatte eine Anzahl Posten nicht buchen +lassen. Der ganze Akzeptaustausch, durch den er sich Geld verschaffte, +stand nur auf einem Blatt Papier verzeichnet. Er wußte genau, der +Staatsanwalt würde sich mit ihm befassen. Das verzweifelte Spiel, das +er aus wilder Sucht nach Reichtum begonnen, war verloren! Er wollte +noch so viel als möglich zusammenraffen und damit fliehen. Weiter +blieb ihm nichts übrig. — Einen Augenblick dachte er an seinen alten +Vater, er schüttelte aber den Gedanken mit aller Kraft wieder von +sich ab. Mochten sich andere seiner annehmen, er wollte den Sturz +nicht erleben. Es war nicht hohe — nein, es war die höchste Zeit, daß +er fortging. — Es ergriff ihn eine Wut auf die schwarze Karli, die +ihn an den Hamburger verriet. Warum vertraute er sich ihr auch an! +Er suchte bei diesen Gedanken nach dem Grunde, und die Gestalt Ilse +Hergenbachs trat plötzlich vor ihn hin. Durch diese Torheit<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> entstand +jetzt sein ganzes Unglück. Sie hatte ihm gefallen, wie ihm jedes +andere Mädchen gefiel, nach dem er siegesgewiß seine Hand ausstreckte. +Aber der Einsatz kam ihm teuer zu stehen. Nun galt es, keine Sekunde +mehr zu zögern.</p> + +<p>Er rief seinen vertrauten Buchhalter herein und ließ sich das +Kontokorrentbuch vorlegen. Mit fiebernden Pulsen blätterte er darin +herum, machte sich Notizen und bestellte dann einen Wagen. Die Leute +konnten ihm nachreden, was sie wollten, er würde drüben in der Neuen +Welt untertauchen. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe, und es gelang +ihm, einen geeigneten Plan zu schmieden. Inzwischen fuhr der Wagen +vor. Er war schon im Begriff, hinauszueilen, als einer der Kommis ihm +meldete, daß ihn eine junge Dame zu sprechen wünsche.</p> + +<p>»Ich habe keine Zeit!« schrie er diesen an, »sagen Sie ihr dies.«</p> + +<p>Der Kommis kehrte aber nochmals zurück. »Sie läßt sich nicht abweisen, +Herr Smiders, und hat ihren Namen genannt — Fräulein Ilse Hergenbach!«</p> + +<p>Smiders warf das Hauptbuch dröhnend auf die Schreibtischplatte.</p> + +<p>»Es ist rein wie verhext! Gut,« rief er dem Kommis zu, »das Fräulein +soll eintreten.«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span></p> + +<h2>XX.</h2> +</div> + + +<p>Herta Plüddekamp sah Ilse fragend an, als sie am nächsten Morgen ihre +Tätigkeit im Haushalt wieder aufnahm.</p> + +<p>»Dein Gesicht kommt mir so verändert vor, Ilse. Hast du eine schlechte +Nachricht erhalten?«</p> + +<p>»Nein!« erwiderte diese zögernd. »Ich fühle mich nicht ganz wohl und +muß mir eine starke Kopferkältung zugezogen haben. Eine Schwere liegt +mir in allen Gliedern, daß ich mich kaum aufrecht erhalte.«</p> + +<p>»So bleibe doch in deinem Zimmer! Ich sende dir die Mahlzeiten +hinauf,« sagte Herta in gütigem Tone.</p> + +<p>»Ich danke dir, Tante Herta.«</p> + +<p>Ilse war recht froh, dem Wirtschaftsgetriebe fernbleiben zu können, +und zog sich sofort auf ihr Zimmer zurück. Nach einer schlaflos +verbrachten Nacht fühlte sie eine starke Ermattung in ihren Gliedern. +Aus dem Gewirr der Gedanken hatte sie sich zu einem Entschluß +durchgerungen. Sie wollte das Plüddekampsche Haus verlassen, um Wolf +nie<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> wiederzusehen. Alfred Smiders mußte ihr dazu die Hand bieten. Sie +würde ihn schon zu zwingen wissen. — Es konnte ihr niemand verdenken, +wenn sie eine Stunde ausging, um frische Luft zu schöpfen. Der Weg +aber, sollte sie zu Alfred Smiders führen. —</p> + +<p>Jochen Hindorf war an dem Vormittag zufällig fortgeschickt worden. Als +er bei der ›Grünen Schanze‹ vorbeikam, stand die blonde Rieke vor der +Tür.</p> + +<p>»Morjen, Mamsell!« rief er ihr zu.</p> + +<p>»Guten Tag, Herr Hindorf! Kommen Sie ein bißchen herein. Ich will +Ihnen ein Glas Wein geben.«</p> + +<p>Damit erklärte sich Jochen sofort einverstanden. Er setzte sich in die +Vorderstube und trank mit Behagen einen Schnitt ›Weißen‹ vom Faß, den +ihm das junge Mädchen hinstellte.</p> + +<p>»Wann kommt Herr Wolf Plüddekamp zurück?« fragte sie ihn aus.</p> + +<p>»Jäh — das weiß ich nicht! So was ist Geschäftsgeheimnis,« meinte der +Alte ernst.</p> + +<p>»Ich habe ihm aber sehr Wichtiges zu erzählen,« fuhr Riekchen fort.</p> + +<p>»So, was Wichtiges! Das können Sie mir auch gleich sagen.«</p> + +<p>»Nein, nein!« schüttelte Rieke den Kopf, »es geht nicht ohne +weiteres.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span></p> + +<p>Jochen Hindorf war aber ein alter Pfiffikus. Wenn er etwas erfahren +wollte, so ließ er nicht nach, und in seiner gemütlichen, halb +dummdreisten Art brachte er schließlich alles heraus.</p> + +<p>»Dunnerlüchting!« rief er plötzlich aus, »das ist keine andere, als +Fräulein Ilse gewesen. Herrgott und die Welt — nun möcht' ich bloß +wissen, wie das zugegangen ist. Ich hab keine Zeit mehr, mein kleines +Fräulein, sonst krieg ich was ab.«</p> + +<p>»Sobald Herr Plüddekamp wieder hier ist, geben Sie mir sofort +Nachricht,« bat Rieke, »und sagen Sie keinem Menschen ein Wort davon, +was ich Ihnen anvertraute.«</p> + +<p>»I Gott du bewahre! Ich bin doch keine Plapperlott!« gab der Alte zur +Antwort.</p> + +<p>Jochen Hindorf ging trotz der Schwere seiner Beine viel schneller, +als es ihn sonst zur Arbeit trieb. Er machte ein finsteres Gesicht. +Es würgte etwas in ihm herum, und er mußte doch zu einem Entschlusse +kommen, bevor er Haus Plüddekamp erreichte. Wie sollte er es aber nur +andrehen? Eine ganz tolle Sache, die er da erfahren hatte, und sein +junger Herr stak dazwischen.</p> + +<p>Er befand sich schon dicht vor dem Hause, als Ilse aus dem Torweg +scheu hervorhuschte und ihm entgegenkam. Sie wollte schnell an ihm +vorüber.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p> + +<p>»Guten Morgen, Fräulein! Sie haben aber Eil!« sagte er mit seiner +tiefen Brummstimme und machte dabei ein listiges Gesicht. Er glaubte, +daß Ilse stehen bleiben und ihm antworten würde. Er hatte sich aber +getäuscht. Sie gab kaum den Gruß zurück und ging hastig weiter.</p> + +<p>»I, sieh einmal,« meinte der Alte, »sie beachtet mich gar nicht, na +man zu, ich bin ihr nichts schuldig.«</p> + +<p>Er schritt in den Torweg hinein und gab seine Besorgungen im Kontor +ab. Als er dann nach dem Hof ging, stand Herta an der Gartenpforte und +winkte ihn heran.</p> + +<p>»Jochen, du sollst mir etwas helfen!« rief sie. »Es fehlen ein paar +Bretter auf den Warmbeeten, du könntest sie mir wohl aussuchen und +zurechtschneiden.«</p> + +<p>»Jäh woll, gnädiges Fräulein, das werde ich tun,« Er wollte sich +gleich auf den Weg machen.</p> + +<p>»Jochen, warte noch einen Augenblick,« sagte Herta, »hast du noch +immer starkes Kopfreißen?«</p> + +<p>»Jäh woll, gnädiges Fräulein,« erwiderte Jochen, und sein breites +Gesicht verzog sich zu einem versteckten Lächeln. Er hatte sich mit +seinem angeblichen Kopfreißen manche alkoholische Vorteile verschafft.</p> + +<p>»Du hast doch ein gutes Mittel dafür und kannst es mir besorgen. +Fräulein Ilse leidet gleichfalls daran.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p> + +<p>»I was!« rief der Alte aus, »sie ist doch eben ausgegangen!«</p> + +<p>»Ilse ist ausgegangen?« wiederholte Herta fragend. »Hast du sie +angetroffen?«</p> + +<p>»Jäh woll, gnädiges Fräulein.«</p> + +<p>»Dann möchte ich nur noch sagen —«</p> + +<p>»Ja, was denn, Jochen?«</p> + +<p>Der Alte stand plötzlich eine Weile stumm da; die Worte wollten nicht +über seine Lippen. Herta kannte ihn aber zu gut, als daß sie nicht +weiter nachgeforscht hätte. Sie ließ ihm erst einen Augenblick Zeit, +dann fragte sie:</p> + +<p>»Du willst mir etwas anvertrauen, Jochen? Ich sehe es dir an. Du +kannst es ruhig tun. Es ist wohl wegen meines Bruders Wolf?«</p> + +<p>»Näh, gnädiges Fräulein, es ist nicht wegen Herrn Wolf! Aber wegen +der da —« er zeigte auf den Torweg hin, durch den Ilse vorher +hinausgegangen war — »und wegen Herrn Smiders.«</p> + +<p>»Wie, Jochen?« Herta wurde jetzt gespannt. »Komm — wir gehen einen +Augenblick in den Garten, da hört uns niemand.« Sie schritt voran, und +der Alte stapfte ihr nach.</p> + +<p>Als Herta einige Zeit darauf in das Haus zurückkehrte, lag ein +düsterer Ernst auf ihrem Gesicht. Das Erfahrene war geradezu unerhört. +Sie fühlte<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> sich gewissermaßen verantwortlich, weil sie Ilse +Hergenbach in ihrem Hause aufgenommen hatte. — Wie sollte sie nun +Jürgen mit diesen Tatsachen unter die Augen treten, — wie würde der +arme Wolf unter der Wucht der Ereignisse leiden? Sie suchte nach einem +Ausweg in diesem Wirrnis und mußte erst mit sich zu Rate gehen, um das +drohende Unheil abzuwenden. — Was sie gefürchtet, war zum Ereignis +geworden.</p> + +<p>Wolf durfte Ilse bei seiner Rückkehr nicht mehr vorfinden; noch wußte +niemand etwas von der Verlobung — die Ehre konnte gewahrt bleiben. +Sie schritt zum Haustelephon und rief Jürgen in seinem Privatkontor an.</p> + +<p>»Hallo!« sagte dieser, »du wünschst, liebe Herta?«</p> + +<p>»Ich bitte dich, sogleich zu mir heraufzukommen.«</p> + +<p>»Es muß etwas ganz Außergewöhnliches sein,« tönte es zurück, »wenn du +mich von der Arbeit wegholst.«</p> + +<p>»Sogar sehr Dringendes!«</p> + +<p>»Gut! Ich bin sogleich bei dir.«</p> + +<p>Wenige Minuten später saßen die beiden Geschwister in Hertas Zimmer +zusammen. Jürgen hörte alles mit an, ehe er ruhig erwiderte:</p> + +<p>»Wir waren auf falschem Wege, Herta, als wir Ilse in unsern engen +Familienkreis aufnahmen.<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> Wohin wir gekommen sind, liegt heute klar +vor uns. Ich glaube vorläufig noch nicht alles, was Jochen Hindorf dir +erzählte. Er kann in seinem ewigen Tran manches durcheinandergebracht +haben. Es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als mich an Ort und +Stelle selbst zu erkundigen. Es gibt natürlich nur einen Entschluß: +Ilse Hergenbach packt sofort ihre Koffer und fährt nach Nordhausen +zurück. Wir brechen jede Beziehung mit ihr für immer ab. Gut, daß Wolf +dadurch von ihr lassen wird. Ich sehe jetzt noch viel klarer. Vorhin +war der alte Smiders bei mir. Ein erbarmungsvoller Anblick — der alte +gelähmte Mann bittend für den auf Abwege geratenen Sohn. Dann Smiders +und Ilse — es ist wahrhaftig nicht zu glauben!«</p> + +<p>»Sie hat erst Krankheit vorgeschützt, darauf ist sie ausgegangen. +Wahrscheinlich wird sie bei ihm sein. Die Ereignisse überstürzen sich. +Zürne mir nicht, Jürgen, daß ich dir so viel Unangenehmes bereitet +habe.«</p> + +<p>»Nicht doch — liebe Herta! Wir Geschwister tragen alles +gemeinschaftlich — Freude und Leid! Ich gehe jetzt, um mich zu +vergewissern.«</p> + +<p>Jürgen kam alles so ungeheuerlich vor, daß er es kaum zu glauben +vermochte. Es kostete ihm einen starken Entschluß, sich in die +Weinstube auf<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> der ›Grünen Schanze‹ zu begeben — jedoch es mußte +sein. Er wollte niemand Unrecht tun.</p> + +<p>Als er eine halbe Stunde darauf sein Haus wieder betrat, hielt der +starke Mann den Kopf gebeugt. Das Erfahrene überstieg alles, was er +für möglich gehalten hatte. Wie konnte sich ein Mädchen, das bei +ihnen lebte, so weit vergessen! Smiders war ein gewöhnlicher Schurke, +er hatte dies schon lange erkannt. Der Zusammenbruch von Smiders & +Sohn erschien unvermeidlich. Aber Ilse Hergenbach! — Wie konnte sich +dieser Bursche ihrer nur so bemeistern?</p> + +<p>Herta wartete auf ihrem Zimmer mit Bangen die Rückkehr von Jürgen +ab. Als er die Tür öffnete, stand die Antwort auf seinen Zügen +geschrieben. Er brauchte ihr nichts zu sagen. Es lag noch schlimmer, +als Jochen bereits mitgeteilt hatte.</p> + +<p>»Ist das — modernes Menschentum?« endete Jürgen seine Rede mit +Bitterkeit. »Sind das die Früchte unserer jetzigen Erziehung? Besteht +darin die Gleichberechtigung der Frau, daß alle vornehme Gesinnung und +gute Sitte bei ihr schwindet? Es gibt nur noch den Drang, zu leben — +ohne Rücksicht auf andere. Ich fürchte für Wolf! Sein reiches Gemüt +wird diesen Schlag kaum verwinden. Besser, er bleibt noch lange fort, +damit die Spuren des Vorganges sich verwischen. Es ist keine heilsame +Lehre<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> für ihn, sondern das Bild einer Vernichtung von Treu und +Glauben.«</p> + +<p>Die Geschwister schwiegen darauf eine ganze Zeit, bis plötzlich Herta +die Stille unterbrach:</p> + +<p>»Sobald Ilse heimkehrt, werde ich mit ihr sprechen. Es ist ein +schweres Amt für mich. Darf ich ihren Eltern das Geschehene +verschweigen? Wenn sie alsdann von ihnen verstoßen wird? Ich kann +nur handeln, wie es mir Frauengesetz und Recht vorschreibt. Welch +schwere Augenblicke gibt es doch, in denen von wenigen Worten ein +Lebensschicksal abhängt!«</p> + +<p>Jürgen mußte seiner Tätigkeit weiter nachgehen. Herta aber versank in +tiefes Nachdenken. Wie sollte sie es nur anfangen, Ilse Hergenbach +wieder auf den rechten Weg zu bringen? Die Schuld traf diese nicht +allein. Sie war von allen — außer Jürgen — mit schönen Worten und +Schmeicheleien genug umgarnt worden.</p> + +<p>»Das ist der Fluch, der auf uns Frauen lastet! Woher sollen diese +stets den starken Charakter haben, wenn sie nicht dazu erzogen werden! +Ist Ilse Hergenbach wirklich so schlecht, wie wir glauben?«</p> + +<p>Je mehr sie alles durchdachte, desto mehr suchte sie nach Gründen, +die ihr Verhalten entschuldigen konnten. Es drang immer wieder ein: +»Nein — nein!« hervor. »Niemand ist gezwungen, die abschüssige Bahn +zu betreten. Die Frau muß den Halt<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> in der Reinheit der Seele und der +Gedanken finden — in dem Stolz, gleichberechtigt neben dem Manne zu +stehen. Sie darf nicht zu Handlungen schreiten, die ihrer unwürdig +sind.«</p> + +<p>Wie war es nur möglich, daß Ilse mit einem Mann, den sie kaum +kannte, in ein solch verrufenes Lokal ging? Dachte sie nicht an die +Folgerungen? Sie wurde doch genug von ihr behütet. — Was gibt es doch +für Rätsel der Menschenseele, die unauflöslich sind! —</p> + +<p>Die Mittagszeit kam heran, ohne daß Ilse wieder eintraf. In Herta +stieg der Gedanke auf, daß sie zu verzweifelten Schritten gelangt sein +könne.</p> + +<p>Die sonst so ruhige, abgeklärte Herta befand sich in großer Aufregung. +Sie berührte kaum die zum Mittagessen aufgetragenen Speisen, und sagte +zu Jürgen:</p> + +<p>»Wenn Ilse bis zum Abend nicht wieder hier ist, bleibt uns nichts +anderes übrig, als sie suchen zu lassen.«</p> + +<p>»Dann haben wir den öffentlichen Skandal, Herta!« erwiderte dieser. +»Bedenke — ein solcher Fall im Hause Plüddekamp!«</p> + +<p>»Es kann aber nichts helfen! Wir wollen nur hoffen, daß er vermieden +bleibt.«</p> + +<p>Am späten Nachmittag stand Ilse jedoch vor Herta. Ihre Wangen waren +bleich, eine hektische<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> Röte erschien auf ihnen und schwand wieder; +die Augen zeigten ein fieberhaftes Glänzen.</p> + +<p>»Ich habe eine Bitte an dich, Tante Herta,« sagte sie mit zu Boden +gesenkten Blicken. »Ich fürchte, krank zu werden, und möchte euch +nicht zur Last fallen. Ich will mit dem Abendschnellzug über Berlin +nach Nordhausen fahren.«</p> + +<p>»Es steht dir vollständig frei,« erwiderte Herta in kaltem Ton. »Du +denkst wohl nicht an eine Rückkehr?«</p> + +<p>»Nein, Tante Herta!«</p> + +<p>»So ordne deine Sachen. Unser Wagen wird dich mit dem Gepäck an die +Bahn bringen. Bestelle deiner Mutter Grüße von mir.«</p> + +<p>Einen Augenblick war Herta der Ansicht, jede Auseinandersetzung +mit Ilse zu vermeiden. Sie wollte auch den Eltern keine Mitteilung +zugehen lassen, um nicht die Zukunft des jungen Mädchens dadurch zu +untergraben. Dann fragte sie sich aber in ihrem Innern: Ist es recht, +sie ohne Aussprache von mir gehen zu lassen? Sie mußte sich doch von +ihrem Seelenzustand überzeugen.</p> + +<p>»Du siehst krank aus, Ilse,« begann sie. »Es erscheint mir aber nicht, +als ob ein körperliches Leiden die Ursache davon ist. Hast du mir +nicht noch etwas zu sagen?«</p> + +<p>Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Sie konnte den Blick zu der +Freundin ihrer Mutter nicht<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> erheben. Ihr Mund blieb geschlossen. Sie +zeigte wieder die alte trotzige Stummheit.</p> + +<p>»Dein Schweigen deutet mir viel,« fuhr Herta fort. »Du willst deine +Seele nicht entlasten. Was richtiger wäre, mußt du dir selbst sagen. +Ich könnte dir noch einen Rat auf deinen späteren Lebensweg mitgeben, +wie du ihn wohl so uneigennützig nicht wieder erhalten wirst. Das +Wohl jeder meiner Mitschwestern liegt mir am Herzen. Ich will mich +aber nicht gewaltsam in dein Gemüt eindrängen, — du selbst mußt das +Bedürfnis haben, mir anzuvertrauen, was vielleicht andere Zungen +geschwätzig herumtragen werden. Ich habe den Zorn, der über dein +Verhalten in mir entstand, bekämpft. An seine Stelle ist aufrichtiges +Mitleid getreten, und dies erfüllt mich jedem weiblichen Wesen +gegenüber, das vom richtigen Weg abweicht. Such das rechte Wort zu +mir, Ilse!«</p> + +<p>Herta sah, wie die blassen Lippen der Gegenüberstehenden zuckten. Sie +schien in diesen Stunden um Jahre älter geworden zu sein. Ihr Mund +blieb aber stumm.</p> + +<p>»So geh, Ilse, wenn du kein Vertrauen finden kannst,« sagte Herta +kalt. »Nun haben wir nichts mehr miteinander zu sprechen. Jürgen +entbindet dich des Abschiednehmens.« Sie reichte ihr nicht mehr die +Hand. Ilse verließ das Zimmer.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span></p> + +<h2>XXI.</h2> +</div> + + +<p>Der Wagen war vorgefahren. Ilse stieg ein. Die Sachen wurden +aufgeladen. Niemand begleitete sie — niemand bot ihr den +Abschiedsgruß. Nur der alte Jochen Hindorf kam und machte den +Wagenschlag zu. Ein breites Lächeln glitt über sein Gesicht, als die +Pferde anzogen.</p> + +<p>»Sie hat nicht einmal schön Dank gesagt, und das Portemonnaie saß ihr +verteufelt fest in der Tasche. Na — es ist gut, daß sie weg ist. Nun +wird mein lieber Wolf wohl wieder vernünftig sein,« brummte er und +ging an seine Arbeit. —</p> + +<p>Auf dem Bahnhof angelangt, übergab Ilse ihre Koffer einem Gepäckträger +und trat an den Billettschalter. Sie sah sich scheu um. Vielleicht +fürchtete sie, beobachtet zu werden. Sie nahm ein Billett bis zur +nächsten Station und begab sich dann nach dem großen Wartesaal. Hier +hielt sie sich eine Zeitlang auf, um anscheinend den Schnellzug +abzuwarten.</p> + +<p>Als er donnernd in die Halle fuhr, hatte sie einen Augenblick das +Gefühl, daß es für sie besser wäre, mit einzusteigen. Dann kam aber +der Gedanke wieder: »Es ist unmöglich! Ich darf Smiders<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> nicht +freigeben! Für mich ist kein Raum mehr daheim, — ich will in die Welt +hinaus. Der Kampf mit ihm war nicht leicht. Nur gut, daß er gerade +auf längere Zeit nach London gehen muß, dort ist eine Verbindung ohne +Schwierigkeit zu bewerkstelligen.« —</p> + +<p>In später Nachtstunde löste sich ein kleiner Dampfkutter von der +Landungsstelle in Bredow ab und fuhr die Oder hinunter. Sowie sich +gegen Morgen der Landwind stärker erhob, schaukelte das kleine +Fahrzeug heftig auf den kurzen Stoßwellen des Haffes. Außer dem +Maschinisten und dem Heizer waren nur noch ein Herr in langem dunklem +Mantel und eine dichtverschleierte junge Dame an Bord.</p> + +<p>»Ich tue es um deinetwillen, Ilse,« sagte Alfred Smiders, »es braucht +niemand zu wissen, daß du mit mir fortgegangen bist. Am Bollwerk gibt +es beim Einsteigen hundert neugierige Menschen, die jedes Vorkommnis +beobachten und weitertragen.«</p> + +<p>»Was mache ich mir jetzt daraus,« antwortete Ilse, »für mich ist alles +vorbei! Du hast mich doch besitzen wollen, — nun bin ich bei dir, und +du mußt für mich sorgen.«</p> + +<p>Das Gesicht von Alfred Smiders zeigte bei ihren Worten ein höhnisches +Lächeln.</p> + +<p>»Ich werde es auch tun,« erwiderte er. »Du verstehst es ja +meisterhaft, deinen Willen durchzusetzen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span></p> + +<p>Die Wellen im Haff wurden immer höher, und ihr weißer Gischt schlug +zuweilen über die Spitze des kleinen Kutters hinweg. Er lag hart an +der Swinemünder Fahrt. Alfred Smiders hatte den Auftrag gegeben, den +dänischen Dampfer ›Klampenborg‹, der am frühen Morgen von Stettin +abging, anzulaufen.</p> + +<p>Ilse, die das Seefahren nicht gewohnt war, befand sich in schlechter +Stimmung. Das fortgesetzte Schaukeln des kleinen Kutters verursachte +ihr das größte Unbehagen.</p> + +<p>»Wenn nur erst der Dampfer kommen möchte,« sagte sie, »ich fühle mich +grenzenlos elend!«</p> + +<p>Smiders erwiderte nichts darauf. Er starrte in die Wellenberge +hinein, die sich gegen das kleine Fahrzeug auftürmten. Würde nicht +jetzt das Leben ebenso auf ihn hereinbrausen? Viel hatte er aus dem +Zusammenbruch, der ihm nachfolgen mußte, nicht retten können, und nun +hängte sich dieses Geschöpf noch an ihn. —</p> + +<p>Es war bereits heller Tag, als endlich die Signalmasten und das +Bugspriet des großen dänischen Schiffes sichtbar wurden.</p> + +<p>»Geschickt anfahren!« befahl Smiders.</p> + +<p>Der Dampfer kam rasch näher. Der Maschinist des Kutters gab mit +der Dampfpfeife ein Zeichen, daß er Passagiere abgeben wollte. Der +Kapitän des<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> Dänen, der oben auf der Kommandobrücke stand, winkte ab. +Die Wellen gingen zu hoch, so daß ein sicheres Anlaufen während der +Fahrt nicht möglich war. Der kleine Kutter legte sich aber beharrlich +in den Weg, und trotz der Warnungszeichen vom Schiff schoß er im +nächsten Augenblick hart an dieses heran. Der Heizer griff nach einem +vom Steuerbord herabhängenden Tau, und nun flog das kleine Fahrzeug +äußerst gefährdet neben dem großen Dampfer hin.</p> + +<p>Die Weilen schlugen darüber hinweg. Die Mannschaft des Dampfers kam +auf Deck zusammen und schaute hinunter.</p> + +<p>»Laßt ab!« donnerte der Kapitän oben. Der Kutter hielt aber stand. +Seine Insassen schwebten in größter Lebensgefahr. Schlugen die Wellen +in die Maschine hinein, so war eine Explosion des Kessels sehr leicht +möglich.</p> + +<p>Die Aufnahme wurde gewaltsam erzwungen. Es öffnete sich die +tiefgelegene Schiffsluke, eine Strickleiter wurde hinuntergeworfen. +Alfred Smiders brachte im nächsten Augenblick die vor Aufregung und +Angst halb bewußtlose Ilse hinauf. Der Heizer gab rasch das Gepäck +nach, dann löste sich der Kutter ab und blieb mit den starken Wellen +kämpfend zurück.</p> + +<p>Ilse Hergenbach stand gänzlich durchnäßt und fröstelnd auf dem Deck. +Der Kapitän, der herangekommen<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> war, geriet mit Alfred Smiders in +heftigen Wortwechsel. Sie sprachen dänisch miteinander. Dann mußten +sie sich aber geeinigt haben. Es wurde kurz darauf den beiden +Passagieren eine Kabine zur Überfahrt nach Kopenhagen eingeräumt. Der +Dampfer ›Klampenborg‹, der des Kutters wegen leicht gestoppt hatte, +nahm jetzt wieder volle Fahrt auf und ging mit nördlichem Kurs in die +See hinaus.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wochen waren verstrichen. Herta hatte es vermieden, an Frau Hergenbach +zu schreiben. Sie erwartete deshalb auch keine Nachricht aus +Nordhausen. Die beiden Geschwister hatten sich beraten, was sie Wolfs +wegen tun wollten.</p> + +<p>»Ich kann ihn bloß noch mit vieler Mühe fernhalten,« meinte Jürgen. +»Wenn er nur mit anderer Anschauung zurückkäme, als er fortgegangen +ist!«</p> + +<p>»Nein, Jürgen,« erwiderte seine Schwester, »du hältst Wolf für +oberflächlicher, als er es in der Tat ist. Ich fürchte nach den +Briefen an mich, daß sich die starke Neigung zu Ilse nicht vermindert, +sondern durch seine Abwesenheit sogar noch vertieft hat. Der Schlag +wird so gewaltig für ihn sein, daß wir das Schlimmste dabei befürchten +können. Was sollen wir ihm nur bei seiner Rückkehr sagen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p> + +<p>»Weiß nicht,« brummte Jürgen, »Wolf ist nun einmal aus anderem Holz, +als wir Plüddekamps sonst geschnitzt wurden. Wir rütteln und schütteln +uns Gutes und Böses ab. Einen Augenblick mag es uns im Innern stark +erfassen, dann aber sind wir wieder gefestigt und lassen uns nicht +mehr beirren.«</p> + +<p>»Wolf ist das Bild meiner lieben Mutter, dieser schönen, gütigen +und lebenslustigen Frau. Auf ihn haben sich alle ihre herrlichen +Eigenschaften vererbt,« erwiderte Herta.</p> + +<p>Jürgen nickte mit dem Kopf.</p> + +<p>»Es wäre besser, er gliche unserem Vater, wie du, Herta. Sein Weg in +der Welt würde ihm leichter werden.«</p> + +<p>Beide Geschwister waren schwer bedrückt. Sie liebten Wolf zärtlich +und empfanden, welcher Schmerz ihn bei der bevorstehenden Eröffnung +treffen mußte. Jürgen versuchte Wolfs Aufenthalt in Spanien durch +Depeschen zu verlängern. Er bat ihn in einem Schreiben, sich durch die +Schönheiten und den Reiz der alten Städte Südspaniens festhalten zu +lassen. Es sei doch zweifelhaft, ob er noch einmal dorthin käme. Wolfs +Briefe lauteten aber entgegengesetzt.</p> + +<p>So eifrig er alles Geschäftliche erledigte, die Sehnsucht nach Ilse +sprach aus den Schlußzeilen im erhöhten Maße hervor. In Spanien trat +bereits<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> die wärmere Jahreszeit ein, und Wolf liebte als guter Pommer +die starke kühle Seebrise seiner Heimat.</p> + +<p>»Du meinst es gut mit mir, Jürgen,« schrieb er in seiner Antwort. »Es +nutzt dir aber nichts, lieber Bruder, die Sehnsucht nach Hause ist +stärker in mir, als der Drang, alte arabische Kunst und spanische +Schönheit näher kennen zu lernen. Es wird mir im Leben schon noch +einmal vergönnt sein, diese mit Ilse zusammen anschauen zu können.«</p> + +<p>Jürgen sandte wieder Depesche auf Depesche. Er fürchtete geradezu die +Stunde der Heimkehr Wolfs. In einem folgenden Briefe schien es sogar, +als wenn sich dieser noch zur Reise nach Südspanien entschließen +wolle. —</p> + +<p>Eines Tages jedoch gegen Mittag hielt plötzlich eine Droschke vor dem +Plüddekampschen Hause an. Wolf sprang heraus und eilte ins Kontor.</p> + +<p>Als Jürgen ihn so frisch und lebenslustig, voll glücklicher Erwartung +in den Zügen kommen sah, breitete er unwillkürlich seine Arme aus und +drückte den Bruder an seine breite Brust.</p> + +<p>»Wölfchen, du bist ein Prachtkerl!« rief er aus. »Wie dunkelgebräunt +du von Spaniens Sonne ausschaust! Hast deine Sache wacker gemacht, +mein Junge. Komm, setz dich auf deinen alten Platz und erzähle uns.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span></p> + +<p>Der Prokurist war ebenfalls hinzugetreten und hatte seinem zweiten +Chef kräftig die Hand geschüttelt. Wolf war so erregt von dem +augenblicklichen Gefühl des Glückes, wieder in der Heimat zu sein, +daß er seine Erlebnisse fast übersprudelnd hervorbrachte. Er hatte +vorzüglich abgeschnitten. Die spanischen Firmen waren ihm in der +liebenswürdigsten Weise entgegengekommen und verhalfen ihm trotz +der Schwierigkeiten zum Ankauf von Korn. Ebenso fand er die größte +Bereitwilligkeit bei den Leitern der spanischen Brennereien, ihre +Anforderungen zu ermäßigen. Er brachte sogar noch bedeutende Aufträge +mit. Die Verbindungen waren durch sein persönliches Eingreifen stark +gefestigt worden.</p> + +<p>»Du bist ein famoser Minister des Auswärtigen,« lobte ihn Jürgen, »nur +schade, daß du so wenig an dich selbst gedacht hast. Du konntest dir +viel mehr Zeit gönnen und brauchtest dich nicht abzuhetzen. Hier ist +es geschäftlich glatt gegangen.«</p> + +<p>Der Prokurist lächelte fein. Unter Jürgen Plüddekamps Leitung war +stets ein ruhiger, sicherer Betrieb.</p> + +<p>»Was sagst du zu Alfred Smiders?« fuhr Jürgen jetzt fort. »Ein netter +Bursche! Er hat sich stark hineingebuddelt und auf alle mögliche Weise +Geld verschafft. Der Sturz mußte endlich kommen. Er war schon vorher +verschwunden.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p> + +<p>»Es ist ein betrügerischer Bankrott,« setzte Armin hinzu. »Alfred +Smiders wird steckbrieflich verfolgt.«</p> + +<p>»So weit ist es mit ihm gekommen?« rief Wolf erstaunt aus und sah zu +seinem Bruder fragend hinüber.</p> + +<p>Jürgen vermied den Blick und schaute zur Seite. Die Hand des sonst so +ruhigen Mannes zuckte nervös.</p> + +<p>»Ich bedaure den alten Herrn Smiders. Er wird aus dem Zusammenbruch +kaum etwas retten. Die Werft hat die Dampfer mit Beschlag belegt und +baut den ›Friedrich Barbarossa‹ auf eigene Rechnung fertig. Es sind +eine ganze Anzahl Banken stark in Mitleidenschaft gezogen worden. +Alfred Smiders hat in unglaublicher Höhe Wechselreiterei getrieben. +Er muß im Auslande sein. Bis jetzt hat man ihn noch nicht erwischen +können.«</p> + +<p>»Der Hamburger Großkapitalist, den Smiders hereinhaben wollte, sprang +im letzten Augenblick ab,« fügte der Prokurist hinzu. »Man spricht +alles mögliche. Die Ursache soll auf die Weinstube an der ›Grünen +Schanze‹ zurückzuführen sein, in der sich beide Herren für eines der +Mädchen interessierten.«</p> + +<p>Jürgen wurde unruhig.</p> + +<p>»Schon gut, Armin,« sagte er, um jedes weitere Wort abzuschneiden. +»Bei solchen Vorfällen wird in der Stadt viel geklatscht.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span></p> + +<p>Armin schaute betroffen zu Jürgen auf. Warum wies der Freund ihn so +schroff zurück? Lagen noch tiefere Gründe vor? Sein Blick überflog +beide Brüder. Merkwürdig, die Freude des Wiedersehens schien bei +Jürgen in eine stetig wachsende Unruhe übergegangen zu sein, die ihm +bei diesem noch nie aufgefallen war. Zu feinfühlend aber, um nach +der Ursache zu forschen, gab er einen Vorwand an und ging in sein +Arbeitszimmer.</p> + +<p>»Jürgen!« rief Wolf sofort aus, als sich die Tür hinter Armin +geschlossen hatte, »mein erster Weg war zu dir! Jetzt aber will ich +hinauf, ich muß Herta und — Ilse begrüßen. Das eine kann ich dir +sagen, es war gut, daß du mich fortschicktest. Während der Zeit konnte +ich mich prüfen, ob mein Herz Ilse wirklich gehört. Heute gestehe ich +dir offen: ich habe sie mehr denn je lieb, und ich kann den Augenblick +nicht erwarten, sie wiederzusehen!«</p> + +<p>Es zuckte gewaltig in den Gesichtszügen des sonst so eisenfesten +Kaufmannes, als er entgegnete:</p> + +<p>»Wolf, mein lieber Wolf! Wir wollen zusammen zu Herta gehen!« Der Ton +seiner Stimme mußte diesem aufgefallen sein. Er sah plötzlich scharf +auf den Bruder hin.</p> + +<p>»Jürgen, du sprichst so eigenartig zu mir! Ist etwas vorgefallen? Sage +es mir, ehe ich hinaufgehe.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p> + +<p>Jürgen vermochte aber nicht weiter zu sprechen. Er hatte bereits die +Tür geöffnet. Die beiden Brüder stiegen die Treppen nach dem ersten +Stockwerk empor. Bei jeder Stufe, die Jürgen betrat, zögerte sein Fuß. +Es war immer, als ob er Wolf etwas sagen wolle, und doch preßte es ihm +die Kehle zusammen. Er konnte es nicht. Nur in seinem Innern wurde das +Wehgefühl stärker, daß seinem Bruder, den er von Herzen liebte, eine +so schwere Eröffnung bevorstand.</p> + +<p>Herta hatte schon erfahren, daß Wolf zurückgekehrt war. Sie erwartete +ihn auf dem oberen Korridor.</p> + +<p>»Wölfchen! Gott sei Dank, daß du wieder bei uns bist!« rief sie ihm +entgegen und faßte seine beiden Hände, »ich habe dir schnell ein paar +Brötchen zurechtgemacht, und dein Glas Portwein findest du auch vor.«</p> + +<p>Als sie dann in das Speisezimmer eintraten, schlang sie plötzlich +den Arm um seinen Hals und küßte ihn auf beide Wangen. »Wie gut du +aussiehst, Wölfchen!« sagte sie. »Nun setz dich aber und iß in aller +Ruhe.«</p> + +<p>Jürgen legte Wolf, der vor einem der hohen Lehnstühle stand, seine +Hand leicht auf die Schulter, damit er sich niederlassen solle. Dieser +sah sich unruhig um.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p> + +<p>»Ich freue mich herzlich, wieder bei euch zu sein,« sprach er hastig, +»aber seid mir nicht böse, ich muß — zu Ilse! Wo ist sie, Herta?«</p> + +<p>»In Nordhausen, Wolf!« gab Jürgen anstatt Herta zur Antwort.</p> + +<p>»In Nordhausen? Was ist denn geschehen? Ihr habt mir doch versprochen, +sie bei euch zu behalten! Jürgen — Herta — habt ihr euch mit ihr +erzürnt? Ist sie freiwillig fortgegangen?«</p> + +<p>Seine Fragen überstürzten sich.</p> + +<p>»Nichts von alledem,« erwiderte jetzt Herta. »Ich bitte dich noch +einmal, Wolf, nimm zuerst etwas zu dir. Wir werden dann in Ruhe alles +erzählen.«</p> + +<p>»Nein, nein! Ich kann keinen Bissen essen!« faßte sich Wolf an die +Stirn. »Das Schönste, das ich mir bei meiner Rückkehr ausmalte, war — +Ilse in die Arme schließen zu können. Und nun —?«</p> + +<p>Die beiden Geschwister kämpften mit sich, und keins von ihnen +vermochte das erste Wort herauszubringen, um Wolf die schlimme +Botschaft mitzuteilen.</p> + +<p>»Es war sehr unrecht von mir, daß ich Ilses Wunsch erfüllte!« rief er +aus. »Hätte ich nur in voller Offenheit gehandelt, dann konnte ich +mit ihr in Briefwechsel bleiben. — Sagt mir nur endlich: was ist +geschehen? Haben die Eltern sie zurückgerufen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span></p> + +<p>»Nein, Wölfchen! Sie ist schon seit Wochen fort! Wir mußten es dir +verschweigen, damit du nicht unruhig wurdest,« antwortete seine +Schwester.</p> + +<p>»Schon seit Wochen!« fuhr Wolf auf. »Ihr habt mir in euren Briefen +doch noch Grüße von ihr bestellt,« und seine blauen Augen richteten +sich drohend auf Herta. »Du — die Wahrheit selbst! Warum machst du +solche Ausflüchte?«</p> + +<p>»Es mußte sein, Wolf! Ich habe es nicht gern getan! Es ist aber um +deiner selbst willen geschehen!«</p> + +<p>»Um meinetwillen? Jetzt weiß ich, daß etwas vorgefallen ist. Also +heraus damit! Euer Zögern peinigt mich.«</p> + +<p>»Ilse ging aus eigenem Antriebe fort,« erwiderte Herta. »Sie glaubte +erkrankt zu sein und wollte deshalb schnell nach Hause.«</p> + +<p>»Sie hat dir aber Nachricht gegeben, Herta, wie es ihr jetzt geht?«</p> + +<p>»Nein, Wolf!« entgegnete Herta aufrichtig, »ich habe keine Zeile aus +Nordhausen erhalten.«</p> + +<p>»Unmöglich!« rief Wolf erregt aus. »Seit Wochen keine Zeile? Ihr +verbergt mir etwas! — Ich fühle es! Krankheit kann nicht der Grund +sein, warum sie fortgegangen ist. Erkrankt reist man ohne Not nicht +eine solche Strecke!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p> + +<p>»Es nützt nichts, Herta,« fiel jetzt Jürgen ein, »ich will es Wolf +sagen. Ilse ist abgereist, weil sie von uns fort — mußte! Es hing +dies mit Alfred Smiders zusammen.«</p> + +<p>»Wie? — Alfred Smiders!« Wolf wurde dunkelrot im Gesicht. »Ich habe +es oft gefürchtet! Er sah sie vom ersten Augenblick so sonderbar an, +und ihr habt sie nicht vor ihm beschützt!«</p> + +<p>Er war in solche Erregung geraten, daß er nicht mehr stehen bleiben +konnte, sondern im Zimmer hin und her lief.</p> + +<p>»Herta, du vertratest die Stelle der Mutter an ihr! Du hast doch über +sie gewacht! Ist es denn so schlimm, daß ihr mir nicht anvertrauen +könnt, was vorliegt?«</p> + +<p>»Komm, Wolf,« sagte Jürgen traurig, »wir wollen in mein Schreibzimmer +gehen. Die Plüddekamps haben dort alle ernsten Sachen überdacht und +sich stets einen neuen festen Boden geschaffen. Wir beide müssen über +Ilse Hergenbach sprechen.«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p> + +<h2>XXII.</h2> +</div> + + +<p>Schwere Tage kamen über das Plüddekampsche Haus. Wolf war unter +der Wucht der auf ihn hereindrängenden Tatsachen gänzlich +zusammengesunken. Seine Liebe und Sehnsucht nach Ilse war durch die +wochenlange Abwesenheit so gewaltig geworden, daß er die nackte +Wahrheit, die ihm Jürgen eröffnete, nicht zu ertragen vermochte. Eine +Zeitlang ging er wie geistesabwesend einher. Er konnte seine Gedanken +von dem Geschehnis nicht ablenken und vermied es, sich mit Herta und +Jürgen in ein Gespräch einzulassen.</p> + +<p>Tagsüber hielt er sich meistens im Garten auf, pflückte dort Blumen +und zerblätterte sie. Wenn der alte Jochen Hindorf ihm in den Weg +kam, gab er kaum dessen Gruß zurück. Durch seinen Verrat hatten die +Geschwister alles erfahren. Warum hatte er Ilse nicht mitgenommen? +Dann wäre sie für ihn gerettet gewesen. Zuweilen wollte er alles nicht +glauben und versuchte, es sich auszureden. Die Wucht der Gedanken aber +brach danach doppelt stark auf ihn herein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p> + +<p>Eines Tages kam ein Brief aus Nordhausen für Herta an, den ihm +der Briefträger zufällig übergab. Er war von Ilses Mutter. In der +Aufregung, etwas über sie zu erfahren, wartete er nicht, bis er die +Schwester fand, sondern riß das Schreiben auf. Seine Augen überflogen +die Zeilen, dann ballte er mit der Hand das Papier zusammen.</p> + +<p>»Sie ist nicht dort!« rief er die Treppe hinaufeilend seiner Schwester +zu. »Ilse ist nicht in Nordhausen! Ihr habt mir doch gesagt, sie sei +bei ihren Eltern! Ich mag nicht ausdenken, wo sie sein kann! Das Blut +tobt in mir! Es zermalmt mir das Gehirn! Ich will Smiders suchen, ich +muß ihn zur Rechenschaft ziehen! Der Bube soll seine Strafe erhalten!« +—</p> + +<p>Von dieser Stunde an war Wolf fieberhaft bemüht, etwas über Smiders' +Verbleib zu erfahren. Der Staatsanwalt, der die Anklage gegen den +Reeder erhoben und hinter ihm einen Steckbrief erlassen hatte, fand +keinen willigeren Helfer, als Wolf Plüddekamp. Dieser sah nur noch ein +Ziel vor sich: Smiders aufzufinden.</p> + +<p>Er unterstützte die Bemühungen der Kriminalbeamten. Jeder Schritt, +den der Reeder noch in Stettin gemacht, wurde verfolgt. Man konnte +nachweisen, welche Summen er schnell eingezogen und wo er sich bis +zum Abend des Fluchttages aufgehalten<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> hatte, dann aber war jede Spur +verwischt. Ebenso forschte Wolf Ilse nach. Der Kutscher sah noch +deutlich, wie sie die Fahrkarte löste und in den Wartesaal ging. Von +hier ab lag alles weitere im Dunkel.</p> + +<p>Tag für Tag blieb Wolf unermüdlich tätig, Klarheit in die Dinge zu +schaffen. Es hatte sich bei ihm zur fanatischen Idee ausgebildet, daß +Smiders Ilse bewogen, mit ihm zu fliehen. Der sonst so lebensfrohe +junge Mann war vollständig verwandelt. Ein verbissener, ingrimmiger +Zug lag in seinem Gesicht. Mit wilder Glut wühlte es täglich in seinem +Herzen: »Ilse ist für dich verloren, — Smiders aber erwürge ich mit +eigener Hand!«</p> + +<p>In dieser fortgesetzten Aufregung untergruben sich seine Körperkräfte. +Das Ausbleiben von Resultaten ließ eine derartige Nervenüberspannung +entstehen, daß er zusammenbrach. Ein heftiges Nervenfieber warf ihn +aufs Krankenlager hin. Herta pflegte ihn mit Aufopferung.</p> + +<p>Im Hause Plüddekamp wurde es unheimlich still. Niemand wagte fest +aufzutreten, aus Furcht, den Schwerleidenden zu stören. In wilden +Fieberphantasien wälzte sich Wolf auf seinem Lager. Die Ausbrüche von +Sehnsucht nach Ilse waren für Herta kaum zu ertragen. Als nach Wochen +noch keine Besserung eintrat und sie selbst von der Pflege derartig<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> +angegriffen wurde, daß ihre Kräfte nachließen, sollte Wolf bereits in +eine Anstalt überführt werden. —</p> + +<p>Die Kunde von seiner schweren Erkrankung war auch nach Wershagen +gedrungen. Lieschen Wichers schrieb mehrmals an Herta. Da diese nicht +gleich antworten konnte, kam sie selbst. Das liebenswürdige, heitere +Geschöpf brach in Tränen aus, als es von dem schweren Leiden Wolfs +erfuhr, und offenbarte dabei ihre ganze tiefe Liebe zu ihm.</p> + +<p>»Lassen Sie mich ihn pflegen,« bat Lieschen die Geschwister, »ich +stehe an Ihrer Seite, um ihn für das Leben zu erhalten.« Sie mußten +einwilligen, daß das junge Mädchen im Plüddekampschen Hause blieb.</p> + +<p>Lieschen waltete wie ein guter, freundlicher Geist in der +Krankenstube. Wolf erkannte sie zuweilen, und ein Lächeln glitt dann +über seine schlaff gewordenen Züge. Sobald aber das hohe Fieber +auftrat, schien sein Denken vollständig umnachtet zu sein.</p> + +<p>Die Geschwister zogen Lieschen vollständig in ihr Vertrauen; sie +vernahm so vieles aus seinen wirren Reden, da mußte eine Aufklärung +stattfinden.</p> + +<p>Endlich kam die Krisis.</p> + +<p>Es waren Stunden der reinsten Verzweiflung, in denen alle verharrten. +Die gute Natur Wolfs siegte. Nach einem tagelangen, wenig +unterbrochenen<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> tiefen Schlaf kam langsam die Genesung. Das Fieber +hörte auf. Nun galt es, die alten Erinnerungen in ihm durch eine +andere Umgebung zu verdrängen. Nur dadurch konnte sein Gemüt zur Ruhe +gelangen und sein Körper genesen.</p> + +<p>Lieschen Wichers bat flehentlich, ihn mit nach Wershagen nehmen zu +dürfen. Was konnte den Geschwistern lieber sein, als den Bruder in der +herrlichen gesunden Luft von Wershagen, der freundlichen Landschaft, +dem gemütlichen Heim des Oberamtmanns zu wissen! Dort konnte er sich +von dem schweren körperlichen Leiden wie der starken Erschütterung +seines Innern am besten erholen.</p> + +<p>Während seiner Krankheit liefen von vielen Seiten täglich Anfragen +ein. Es zeigte sich recht, welche Freundschaft er sich überall +erworben hatte. Graf Thadden-Bützenbrück war gekommen, um sich nach +Wolf zu erkundigen. Der Berleburger Schloßherr fehlte natürlich nicht +und so viele andere.</p> + +<p>Die Übersiedlung nach Wershagen ging vor sich. Lieschen Wichers, die +von der Pflege etwas bleich geworden, saß strahlend an der Seite +Wolfs, als sie auf dem Gut eintrafen. Zusammengefallen und kraftlos +wurde er aus dem Wagen gehoben, nur in seinen Augen lag trotz des +matten Schimmers eine Hoffnung auf baldige Genesung. —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span></p> + +<p>Jürgen Plüddekamp war in der letzten Zeit recht gealtert. Starke +Falten hatten sich auf seiner Stirn eingegraben. Das wochenlange +Schweben seines Bruders zwischen Leben und Tod rüttelte gewaltig an +diesem eisernen Mann. Sobald die Hoffnung in ihm zurückkehrte, daß +Wolf den Geschwistern erhalten blieb, belebte sich sein Blick wieder, +und er sah zuversichtlicher aus. Jetzt mußte sich noch alles zum Guten +wenden. Warum nur war Ilse Hergenbach in die glückliche Harmonie des +Plüddekampschen Hauses eingedrungen? Die Geschwister selbst trugen +die Schuld daran. Sie durften kein fremdes Wesen bei sich aufnehmen. +So war es ein Jahrhundert lang gehalten worden. Der Durchbruch dieser +alten Überlieferung beschwor die Gefahr herauf.</p> + +<p>Während Jürgen Plüddekamp über die eingegangene Korrespondenz gebeugt +saß und an den Rand der Briefe Bemerkungen schrieb, läutete plötzlich +der neben ihm befindliche Telephonapparat. Er nahm den Hörer in die +Hand.</p> + +<p>»Hallo! Hier Jürgen Plüddekamp!«</p> + +<p>»Hier Charles Martens! Ich möchte dich heute sprechen, Jürgen!«</p> + +<p>»Du bist mir jederzeit willkommen, Charles! Hast du irgend etwas +Wichtiges? Es handelt sich wohl um Smiders?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span></p> + +<p>»Ja und nein, Jürgen! Ich bin in einer Viertelstunde bei dir.«</p> + +<p>Jürgen arbeitete ruhig weiter. Prokurist Armin kam herein und legte +Abschlüsse vor, die unterzeichnet werden mußten.</p> + +<p>»Wird Berleburg in diesem Jahre viel liefern können?« fragte Jürgen +und sah zu seinem Prokuristen auf.</p> + +<p>»Das Berleburgsche Glück hat sich bewahrheitet,« erwiderte Armin. +»Er läßt bereits auf dem Felde dreschen. Die landwirtschaftliche +Genossenschaft seines Bezirks hat eine große fahrbare +Dampfdreschmaschine angeschafft, die überallhin verliehen wird. +Dadurch läßt sich die Lieferung des ersten Roggens sehr beschleunigen.«</p> + +<p>»Seine Schuld wird wohl herunterkommen, Armin?«</p> + +<p>»Der Baron hofft sogar auf einen vollständigen Ausgleich seines +Kontos bei uns, Plüddekamp! Es soll sogar noch eine Badereise für ihn +übrigbleiben. Er will dabei, wie seit Jahren, nach einer reichen Frau +suchen.«</p> + +<p>»Bei ihm wird der Anschluß wohl verpaßt sein, Armin, und Berleburg +einst dem Schicksal der Aufteilung nicht entgehen. Schade um diese +alten Besitzungen! Sie fallen eine nach der anderen den Anforderungen +der Neuzeit zum Opfer.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p> + +<p>»Uns erschwert es nur das Geschäft,« warf der Prokurist ein. »In +großen Posten kaufen wir viel günstiger, als wenn wir uns im +Kleinbetrieb verzetteln müssen.«</p> + +<p>»Die Aufkäufer wollen immer mehr Prozente haben,« erwiderte Jürgen. +»Was bleibt schließlich noch für uns übrig! Ich sehe manchmal mit +Bitterkeit in die Zukunft. Würden wir nicht in früheren Jahren so groß +geworden sein, heute gehörte es zur Unmöglichkeit!«</p> + +<p>»Leider!« stimmte Armin ihm bei. »Wie bei den Gütern, so wird auch +im alten ehrenwerten Kaufmannsstand manche Bresche geschlagen. Der +Weltbetrieb läuft zu rasch vorwärts und überhastet sich.«</p> + +<p>In diesem Augenblick wurden sie durch die Anmeldung von Konsul Martens +unterbrochen, der auch gleich darauf eintrat. Armin verließ das +Zimmer, und die beiden Freunde waren allein.</p> + +<p>»Setz dich auf Wolfs Platz, Charles,« bat Jürgen, »was bringst du uns?«</p> + +<p>»Wie geht es ihm vor allen Dingen?« fragte Konsul Martens dazwischen.</p> + +<p>»Von Tag zu Tag langsam besser, Charles! Der Aufenthalt in Wershagen +scheint ihm gut zu bekommen. Er ist schon ein paarmal im Park gewesen. +Wichers und seine Tochter sind wahrhaft liebe Menschen,<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> bei denen man +in dem Gedanken wieder erstarken kann, daß Treue und Aufopferung noch +nicht ganz aus der Welt geschwunden sind.«</p> + +<p>Konsul Martens nickte mit dem Kopf.</p> + +<p>»Auf der anderen Seite breitet sich Lug und Trug in immer +größerem Maße aus. Mit der wachsenden Menschenzahl nimmt auch die +Schlechtigkeit erschreckend überhand. Hier ist wieder ein Beispiel +davon.«</p> + +<p>Er zog einen Brief aus seiner Tasche und setzte sich das Augenglas auf.</p> + +<p>»Ich komme deshalb heute zu dir, Jürgen. Dieses Schreiben an mich +kommt aus Amsterdam und ist — von Ilse Hergenbach.«</p> + +<p>»Ilse Hergenbach!« fuhr Jürgen auf. »Nenne mir nicht den Namen, +Charles! Sie kostet uns beinahe den Bruder.«</p> + +<p>»Trotzdem mußt du mich anhören, Jürgen! Da du mich als besten Freund +der Familie in alles einweihtest, bin ich auch verpflichtet, dir von +diesem Schreiben Kenntnis zu geben. Ich will vorausschicken: mag das +junge Mädchen auch gefehlt haben, das Los, das sie jetzt betroffen +hat, ist erbarmungsvoll!«</p> + +<p>»Wieso?« unterbrach ihn Jürgen in barschem Ton. »Wer bei Nacht und +Nebel davonläuft, kann es nicht anders erwarten!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p> + +<p>»Sie ist vor Monaten mit Smiders nach Amsterdam gefahren. Er ging dann +bald auf und davon und hat sie dem Elend überlassen. Wahrscheinlich +fürchtete er, daß seine Spur entdeckt werden würde. Der Schrei einer +Verzweifelten ist heute an mich gelangt. Sie will nicht weiter sinken, +und doch steht ihr das Furchtbarste bevor.«</p> + +<p>Jürgen, der sonst so gelassene und ruhige Geschäftsmann, stand +plötzlich auf und schritt erregt im Zimmer hin und her.</p> + +<p>»Was ist zu tun, Charles?« blieb er einen Augenblick stehen.</p> + +<p>»Dies wollte ich mit dir besprechen, Jürgen! Ich halte es für richtig, +wenn jemand sofort nach Amsterdam fährt und sie abholt, ehe sie in +einen Abgrund versinkt. Ich kam hierher, um dich darum zu bitten.«</p> + +<p>»Charles! Was fällt dir ein! Ich soll nach Amsterdam fahren?«</p> + +<p>»Allerdings!« erwiderte der Konsul ruhig, »du bist der einzige, der +dafür geeignet ist. Irgend einen Fremden können wir nicht einweihen. +Mir selbst traue ich, offen gestanden, die Erledigung dieser +Angelegenheit nicht recht zu. Du bist allein der geeignete Mann dafür.«</p> + +<p>»So? Es wird immer schöner!« rief Jürgen aufgeregt. »Dafür, daß sie +mir Frieden und Ruhe im<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> Hause zerstörte, soll ich auch noch nach +Amsterdam fahren, um sie vor weiterer Schmach zu behüten!«</p> + +<p>»Ja,« sprach Martens bestimmt, »du wirst es tun, Jürgen! Ich bitte +dich bei unserer Freundschaft darum. Man soll eine Frau, die noch +einen Funken von guter Gesinnung in sich hat, in einer fremden Stadt +nicht dem Menschenpöbel überlassen. Hast du nicht auch das Bewußtsein?«</p> + +<p>Einen Augenblick hindurch bäumte sich der ganze Stolz Jürgens gegen +diese Zumutung auf. Seine Augen sandten förmliche Blitze, als er jetzt +ausrief:</p> + +<p>»Sage es einem anderen, Charles, aber nicht mir! Ich bin dabei der +Letzte, der berufen ist, zu helfen!«</p> + +<p>»Nein, Jürgen,« entgegnete der Konsul energisch, »du bist der Erste +dazu! Ich will jetzt nicht weiter in dich dringen. Überlege es dir +eine Stunde! Um zwei Uhr geht der Schnellzug, du kannst in Tag und +Nacht dort sein. Brauchst auch niemand etwas davon wissen zu lassen. +Bei euch sind ja geschäftliche Reisen an der Tagesordnung. Wolf ist +nicht hier, und Herta wird nicht erfahren, was du tust. Hier ist der +Brief, — die Adresse von Ilse Hergenbach steht darin.«</p> + +<p>Jürgen kämpfte noch mit sich. Die Adern an seiner Stirn waren stark +angeschwollen, ein Zeichen der inneren Erregung. Als Martens darauf +fortgehen wollte, hielt er ihn zurück.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p> + +<p>»Warte, Charles,« sagte er kurz, »es fällt schwer, mich selbst zu +überwinden. Doch hier ist meine Hand, — ich fahre nach Amsterdam!«</p> + +<p>Konsul Martens zeigte ein feines Lächeln.</p> + +<p>»Ich war davon überzeugt, Jürgen, du konntest nicht anders handeln! An +den Kosten darf ich mich doch beteiligen?«</p> + +<p>»Nein, Charles, das darfst du nicht! Was ich will — tue ich auch +ganz!«</p> + +<p>Prokurist Armin trat herein. Er hielt ein Zeitungsblatt in der Hand.</p> + +<p>»Sie haben Alfred Smiders gefaßt, Plüddekamp,« rief er befriedigt +aus, »hier, lesen Sie das Telegramm. Er ist bei seiner Ankunft in Rio +de Janeiro von einem Angestellten des deutschen Konsuls erkannt und +verhaftet worden. Seine Auslieferung steht bevor.«</p> + +<p>»Ich gönne es dem Burschen,« fiel Jürgen ein, »die wohlverdiente +Strafe muß ihn treffen.«</p> + +<p>»Solche Verhandlungen wirbeln nur Staub auf, säen Mißtrauen und +verderben das gute Geschäft,« meinte Konsul Martens.</p> + +<p>»Mir tut der alte Vater leid. Besser für ihn, der Sohn wäre tot, als +daß er jetzt vor den Richter gezogen wird.«</p> + +<p>»Er wird das Urteil nicht mehr erfahren,« erwiderte der Bankier. »Du +hast ja beigesteuert, daß<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> wir ihn im Johanniterhospital unterbringen +konnten. Seine letzten Tage stehen bevor.«</p> + +<p>Konsul Martens war schon an der Tür, als er sich noch einmal umwandte.</p> + +<p>»Der ›Friedrich Barbarossa‹ ist glücklich aus dem Dock heraus! Ist ein +schmuckes Schiff geworden. Die Werft rechnet stark darauf, daß du ihn +chartern wirst! Vielleicht kauft ihn auch die neue Reederei, die die +Dampferlinien von Smiders & Sohn übernommen hat. Kneis aus Hamburg +soll dahinter stecken und sich mit großem Kapital beteiligt haben. +Sicher tritt er auch an dich heran. Dabei kannst du ein paar Worte für +unsern Dampfer mit einfließen lassen.«</p> + +<p>»Wird geschehen, Martens! Für ein solides Geschäft bin ich stets zu +haben. Kneis kann vorzügliche Referenzen aufweisen und versteht als +alter Überseer sein Handwerk.«</p> + +<p>»Lebe wohl, Jürgen! Gib mir Nachricht, wenn du zurück bist. Wir wollen +dann die Sache weiter besprechen.«</p> + +<p>Dieser war in seinem Zimmer allein; er sah eine geraume Zeit vor sich +in das Leere.</p> + +<p>»Menschen und Schicksale,« murmelte er dann, »ich hätte wahrhaftig nie +geglaubt, daß ich Ilse Hergenbach im Leben noch einmal wiedersehen +müßte.«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p> + +<h2>XXIII.</h2> +</div> + + +<p>Herta war erstaunt, als Jürgen ihr mitteilte, daß er auf einige Zeit +ins Ausland verreisen wollte.</p> + +<p>»So plötzlich?« fragte sie.</p> + +<p>»Du kennst doch unser Geschäft, Herta. Solange Wolf ausfällt, muß +ich jeden Augenblick reisefertig sein. Armin hat bereits die nötigen +Instruktionen.« Damit war er gegangen.</p> + +<p>Am nächsten Abend traf er in Amsterdam auf dem Bahnhof ein und +ging direkt nach dem nahegelegenen Viktoriahotel. Von hier aus +konnte er leicht überall hingelangen. Das interessante Leben in den +Gesellschaftsräumen des bekannten Hotels regte ihn unwillkürlich +an. Viele fremde Nationen waren vertreten. Ein Gewirr von mehreren +Sprachen drang an sein Ohr. So mancher Roman spielte sich hier täglich +ab. Er selbst sollte jetzt das Ende eines solchen erleben.</p> + +<p>Er faßte den Entschluß, Ilse Hergenbach bereits am frühen Morgen +aufzusuchen, ohne daß er ihr vorher eine Mitteilung davon machte. Als +kluger Geschäftsmann wollte er sich überzeugen, wie weit die Wahrheit +ihrer Worte zutraf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span></p> + +<p>Er hatte sich vorgenommen, die Angelegenheit als einen Geschäftsfall +aufzufassen. Während er aber in dem geräuschvollen Treiben des Saales +saß und die volle Lebenslust froher Menschen ihn umbrandete, entstand +ein seltsames Gefühl in ihm — wie er Ilse Hergenbach morgen auffinden +würde. Mußte er sie mit einem anderen Maßstab messen, wie sonst +Durchschnittsgeschöpfe? Er entsann sich seiner eigenen Worte, die er +zu Herta gesprochen: »Ein Kind der Jetztzeit! Das vorige Jahrhundert +klebt ihm nicht mehr an! Es weiß nichts mehr von ihm, als daß damals +rückständige Menschen lebten!«</p> + +<p>War er nicht selbst solch ein rückständiger Mensch? Hatte nicht die +heraufkommende Zeit gewaltsam an ihm gerüttelt? Er fühlte, wie die +jetzt herrschende Auffassung eine ganz andere wurde. Sprach man nicht +allerorten von der Gleichberechtigung der Frauen? Die Frau strebte aus +ihrer Einengung gewaltsam heraus, sie wollte die persönliche Freiheit +des Mannes erreichen. Würde sie nicht mit dem erlangten Recht auch in +alle Fehler des Mannes verfallen?</p> + +<p>Ilse Hergenbach hatte zu ihm von der Gleichberechtigung der Frau +gesprochen. Das Ergebnis lag nun vor. Was Herta mit ihrem hohen +ernsten Sittlichkeitsgefühl erreichte, daran war Ilse bei dem<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> ersten +Schritt aus dem Elternhaus und in die Freiheit gescheitert. —</p> + +<p>Jürgen erfreute sich eines gesunden Schlafes und hatte eine ruhige +Nacht verbracht. Sein Leben lag wie immer im Gleichgewicht.</p> + +<p>In aller Frühe bestellte er eine Autodroschke und gab Straße und +Nummer an, wohin er fahren wollte. Der Chauffeur sah den stattlichen, +fremden Herrn erstaunt an, als dieser einen armseligen Bezirk angab.</p> + +<p>Das Auto hielt vor einer riesigen düsteren Mietskaserne. Schon das +ganze Äußere des Hauses deutete darauf hin, daß hier die Armut ihre +Stätte aufgeschlagen hatte. In diesem Haus mit den vielen kleinen +Wohnungen lebten zusammengedrängt Hunderte von Menschen.</p> + +<p>Jürgen erstieg die Treppen bis zum obersten Stockwerk. Ein häßlicher +Geruch drang ihm überall entgegen; schmutzige, seit Jahrzehnten nicht +mehr im Anstrich erneuerte Wände starrten ihn an. Endlich hatte er die +Wohnung erreicht. Er las: Friedrich Kern. Der Name eines deutschen +eingewanderten Arbeiters, bei dem sich Ilse Hergenbach aufhalten +sollte.</p> + +<p>Ein Klingelzug war nicht vorhanden, — er klopfte. Nach einer ganzen +Weile wurde erst die<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> Tür geöffnet. Eine ärmlich aussehende ältere +Frau kam heraus und schaute verwundert auf den elegant gekleideten +Herrn hin, der zu so früher Stunde hier erschien.</p> + +<p>»Ist Fräulein Hergenbach zugegen?«</p> + +<p>»Sie meinen die Ilse! Ich werde sie gleich rufen.«</p> + +<p>»Unterlassen Sie es bitte!« fiel Jürgen ein. »Ich will sie in ihrem +Zimmer aufsuchen.«</p> + +<p>Die Frau zeigte ein mattes Lächeln.</p> + +<p>»Die Ilse hat kein Zimmer, Herr! Die hilft mir beim Kochen und der +groben Arbeit und schläft in der Küche.«</p> + +<p>Jürgen Plüddekamp wurde von dieser Antwort stark berührt. Er hatte +noch bis zu diesem Augenblick nicht geglaubt, in welch grauenvoller +Lage sich Ilse Hergenbach befand, nun überzeugte er sich davon.</p> + +<p>»Ich gehe zu ihr,« schob er die vor ihm Stehende beiseite. Er schritt +hastig in den kleinen dunklen Korridor hinein, von dem drei Türen +abgingen.</p> + +<p>»Rechts wohnt ein Genosse von meinem Mann, dann kommt unsere Kammer, +und diese Tür links ist die Küche,« erklärte die nachfolgende Frau.</p> + +<p>Jürgen Plüddekamp faßte nach dem Türdrücker und trat dann ein. Ein +düsterer, von Rauch geschwärzter kleiner Raum, dessen schmales Fenster +nach dem Hof hinausführte, lag vor ihm. Ein alter<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> Kochherd, weniges +Küchengerät und eine schmale eiserne Bettstelle befanden sich darin. +Ilse reinigte das Geschirr in einer Blechwanne. Sie hörte den starken +Männertritt und wandte sich rasch um. Vielleicht glaubte sie, daß der +Arbeiter zurückkehre; im gleichen Augenblick aber erkannte sie Jürgen +Plüddekamp.</p> + +<p>Sie unterdrückte einen Schrei. Ihre Gestalt begann zu schwanken, so +daß sie sich mit einer Hand schwer gegen die Wand stützen mußte, um +nicht zusammenzubrechen.</p> + +<p>»Sie kommen — zu mir, Herr Plüddekamp!« brachte sie tonlos über die +Lippen, — »das ist — entsetzlich!«</p> + +<p>»Lassen wir alles Unnötige, Fräulein Hergenbach,« erwiderte Jürgen +kurz. »Ich bin hier, um Sie aus einer unwürdigen Lage zu befreien! +Sind Sie den Leuten noch etwas schuldig? Bitte sagen Sie es mir! Ihre +Sachen mag die Frau hinunterschaffen. Sie folgen mir sofort!«</p> + +<p>»Nein, nein!« stieß sie heftig aus. »Lassen Sie mich in meinem +Unglück! Von Ihnen kann und will ich keine Hilfe annehmen.«</p> + +<p>»Das ist Torheit, Fräulein Hergenbach!« fiel er scharf ein. »In einem +solchen Augenblick dürfen Sie keiner falschen Empfindung Raum geben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span></p> + +<p>Sie sah erschreckend bleich aus. Tiefe Furchen lagerten sich um den +kleinen Mund. Die Augen lagen glanzlos in ihren Höhlen. Ihre Kleidung +war ordentlich gehalten, aber vollständig abgetragen. Ihren schmalen +Händen sah man die grobe Arbeit an, die sie zu verrichten hatten.</p> + +<p>Jürgen wandte sich an die Arbeiterfrau, die nach einer kurzen +Rücksprache den Raum verließ.</p> + +<p>»Gehen Sie jetzt mit mir,« trat Jürgen auf Ilse zu. »Sie haben an +Konsul Martens geschrieben, um wieder in geordnete Verhältnisse zu +kommen. Er verständigte sich mit mir. Ich bin sofort hierhergeeilt, — +zögern Sie nun nicht länger —«</p> + +<p>Sie hielt ihm abwehrend beide Hände entgegen.</p> + +<p>»Ich kann es nicht!« flammte es plötzlich in ihr auf. »Jedem anderen +würde ich folgen — Ihnen aber nicht! — Hätte ich Sie doch nie +gesehen! Daraus entstanden meine Vergehungen —«</p> + +<p>»Denken Sie ruhiger, Fräulein Hergenbach,« unterbrach er sie ernst. +»Sie haben kein Recht, mir Vorwürfe entgegenzuschleudern!«</p> + +<p>Ilses Augen blickten ihn wild an.</p> + +<p>»Recht, — Herr Plüddekamp? Nein! — Kennt Liebe aber etwas anderes +als ein Naturgesetz, — und wenn dies verhöhnt wird —« Sie wandte +sich ab und suchte ihr Schluchzen zu verbergen. »Ich ertrage<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> mein Los +nicht länger — jetzt bleibt mir nur — die Amstel!«</p> + +<p>»Das wäre ein leichtes Mittel — um Torheit auszulöschen. Wem der +innere Halt fehlt — der greift gern danach — aber Kraft zeigen, +— sich aufrichten, — ein Leben neu aufbauen — wenn die Hand dazu +geboten wird —.«</p> + +<p>»Halten Sie ein!« schrie sie gequält auf. »Wie könnte ich mich wieder +hineinfinden —«</p> + +<p>»Sie werden es — Sie müssen es! Sie haben die Pflicht, Ihren +Charakter zu stählen — es ist nicht so schwer — als es Ihnen +erscheinen mag.«</p> + +<p>Sie hörte zu weinen auf. Was waren dies für Worte? Durfte sie wirklich +noch hoffen, konnte sie sich selbst überwinden?</p> + +<p>Er merkte sofort den Eindruck, den sie erhalten, und suchte diesen +rasch auszunutzen.</p> + +<p>»Vor allen Dingen kommen Sie hier fort. Sie sollen sich dann in Ruhe +mit mir aussprechen, — wir werden Ihre Zukunft überlegen, — schenken +Sie mir endlich doch Vertrauen!«</p> + +<p>Es kämpfte noch eine geraume Zeit gewaltig in ihr, — dann rang sie +sich aber zu einem plötzlichen Entschluß durch.</p> + +<p>»Ein Felsen kann nicht härter sein, als Sie zu mir waren, Herr +Plüddekamp, ich zerbrach daran! Nun<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> wollen Sie mich wieder +aufrichten, — ich fühle Ihren kalten Stolz, — aber auch das +Stark-Ehrenhafte in Ihnen, — und will den Haß im mir niederdrücken, +— der mich ins Elend brachte. — Ich — folge Ihnen.«</p> + +<p>Frau Kern brachte die Sachen Ilses. Sie wurden in eine kleine +Handtasche getan. Jürgen gab der Frau ein Goldstück. Dann schritt Ilse +vor ihm die Treppe hinunter und stieg mit in das Auto ein.</p> + +<p>»Wir fahren zuerst nach einem Magazin. Sie müssen entsprechend +gekleidet sein, ehe Sie das Hotel betreten.«</p> + +<p>Sie wollte dagegen aufbegehren. Ein Blick aus den großen, grauen Augen +traf ihn, der zu fragen schien: »Was denkst du von mir?!« Jürgen mußte +ihn verstanden haben.</p> + +<p>»Seien Sie beruhigt, Fräulein Hergenbach! Ich traf Sie heute lieber +in dieser elenden Behausung an, als elegant gekleidet in bequem +möblierter Wohnung!«</p> + +<p>Sie holte tief Atem und erwiderte dann:</p> + +<p>»Sie handeln ohne Eigennutz an mir, Herr Plüddekamp! Ich füge mich +Ihren Anordnungen.«</p> + +<p>Obwohl sich Jürgen mit weiblicher Ausstattung nie befaßt hatte, sprach +er doch ganz gewandt über diese Dinge. Kurz darauf hielten sie vor +einem großen Modemagazin. Er mußte dort einige Zeit geduldig warten, +damit sie sich eine neue Kleidung<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> auswählen konnte. Als sie dann vor +ihn trat, war sie eine ganz andere geworden. Nach deutschem Muster, +einfach aber geschmackvoll angezogen, machte sie mit ihrer schlanken +Gestalt wieder einen angenehmen Eindruck. Nur in ihren bleichen Zügen +war noch das Elend der letzten Zeit zu erkennen. Jürgen sah sie +prüfend an.</p> + +<p>»So,« sagte er darauf kurz, »jetzt können wir in das Hotel fahren.«</p> + +<p>In den vornehmen Restaurationsräumen des Hotels stand das zweite +Frühstück bereit. Jürgen forderte Ilse auf, daran teilzunehmen.</p> + +<p>Wie seltsam sich doch ihr Geschick gestaltete? Hätte nicht alles +anders sein können? Jetzt saß sie ihm an dem kleinen gedeckten Tisch +gegenüber, und es wurden ihnen die ausgewähltesten Speisen aufgetragen.</p> + +<p>»So schön wie auf einer Hochzeitsreise,« dachte sie. Wohin aber hatte +sie das Schicksal geführt! — Der ungeheure Unterschied von gestern +und heute drang zu gewaltig auf sie ein. Sie berührte kaum die Speisen.</p> + +<p>»Essen Sie doch, Fräulein Hergenbach, Sie werden wohl in der letzten +Zeit keine genügende Kost gehabt haben!«</p> + +<p>Sie versuchte ein leises Lächeln.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span></p> + +<p>»Gewiß, Herr Plüddekamp, ich habe manchen Tag sogar gehungert. Der +Arbeiter Kern nahm mich auf, als ich in den Straßen umherirrte und aus +Schwäche von einer Ohnmacht befallen wurde. Ich vermochte mich niemand +in meiner Not anzuvertrauen; auch jetzt gab ich die Hoffnung auf, daß +Konsul Martens mir helfen würde. — Heute drang alles so unerwartet +auf mich ein, daß ich kaum daran glauben mag. Ich sitze hier wie in +einem schönen Traum. Aus dem düsteren Raum heraus — in diesen Glanz +der Welt hinein! — Der Gegensatz ist zu schroff. Lassen Sie mir Zeit, +daß ich mich wiederfinde!«</p> + +<p>»Das sollen Sie, Fräulein Hergenbach! Ich bin kein Unmensch und will, +daß Sie sich Ihre Stellung in der Welt zurückerobern. Noch können Sie +es.«</p> + +<p>Sie richtete ihr Auge fragend auf ihn. In dem Blick war nicht mehr +das Überwältigen der Sinne des Mannes geboten, etwas Demütiges, +Unterordnendes lag in ihm. Jürgen erkannte daraus, daß sie eine +furchtbare Lehre empfangen hatte, die sie läuterte. Schade, daß manche +Menschen erst irren müssen, um dann auf den rechten Weg zu gelangen.</p> + +<p>»Trinken Sie doch ein Glas Wein!« forderte er sie auf. Sie ließ aber +das Glas unberührt, das er ihr reichte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p> + +<p>»Ich bin es nicht gewohnt, Herr Plüddekamp. Der Alkohol würde mir zu +Kopf steigen.«</p> + +<p>Er nahm ein auf dem Tisch stehendes größeres Glas, goß Wasser hinein +und vermischte dies mit dem Wein.</p> + +<p>»So kann es Ihnen nicht schaden!«</p> + +<p>»Es schmerzt mich, Herr Plüddekamp, daß Sie jetzt gütig zu mir sind. +Ihre Schroffheit war mir verständlicher.«</p> + +<p>»Warum? Mir hat Mitleid nie ferngelegen,« erwiderte er kurz. »Es ist +jetzt meine Pflicht, daß es es Ihnen zuteil wird.«</p> + +<p>Das Frühstück war vorüber. Jürgen wandte sich zu Ilse.</p> + +<p>»Ehe Sie Ihr Zimmer aufsuchen, Fräulein Hergenbach, wollen wir ein +Programm entwerfen. In einem der kleinen Konferenzzimmer sind wir +ungestört. Ich muß meine Zigarre dabei rauchen.«</p> + +<p>Es standen nur ein Tisch mit grüner Tuchplatte, ein paar hochlehnige +Stühle und einige Klubsessel in dem kleinen Raum, den sie nun +betraten. Jürgen ließ sich bequem nieder, langte eine kräftige Importe +heraus, die er nach jeder Mahlzeit rauchte, schnitt behutsam die +Spitze ab und brannte sie an. Ilse nahm auf einem Stuhl Platz.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span></p> + +<p>»Hier sind wir besser aufgehoben, als vor Stunden in der Küche, +Fräulein Hergenbach. Sie können sich offen aussprechen. Es wird +niemand etwas davon erfahren. Ich bin nicht neugierig, muß aber klar +sehen, damit ich handeln kann.« Er reichte ihr freundschaftlich seine +Hand, in die sie die ihre zögernd legte. Er drückte diese kräftig. +»So, — unser Pakt ist geschlossen — nun reden Sie!«</p> + +<p>Ilse atmete tief.</p> + +<p>»Es wird mir schwer, die Worte zu finden, um Ihnen das Erlebte zu +schildern, Herr Plüddekamp.«</p> + +<p>»Na, — ohne Worte geht es schon nicht ab, Fräulein Hergenbach! Sie +liebten früher in solchem Falle — stumm zu bleiben. Diesen Zug Ihres +Charakters haben Sie wahrscheinlich fallen lassen.«</p> + +<p>Ihr Gesicht überflog eine schnelle Röte.</p> + +<p>»Ich möchte reden — und kann es nicht, Herr Plüddekamp! Sie würden +mich doch nicht verstehen! Ich erniedrige mich nur noch mehr, als es +schon geschah.«</p> + +<p>»Unsinn! Es fällt kein Mensch so tief, daß er nicht wieder aufsteht. +Übrigens — es macht mir besondere Freude, Sie — die Moderne — +wieder auf die gute alte verstoßene Bahn zu heben —.« Er ließ +wohlgefällig sein breites Lachen ertönen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p> + +<p>Ilse fühlte die Herzensgüte, die sich unter den derben Worten Jürgens +offenbarte; dadurch kam ein sicheres Gefühl über sie. Wie ein +gewaltiger, lange zurückgedämmter Strom drang es jetzt hervor:</p> + +<p>»Ja, — Sie sollen es hören, Herr Plüddekamp, und dann mögen Sie mich +richten! — Ich wurde hinausgesandt, ohne mich selbst zu kennen. +Meinen Eltern und Geschwistern glaubte ich nicht, — warum sollte ich +auch anders geartet sein? Es lag aber ein wilder Drang in mir, den +ich den Blicken fremder Menschen verschließen mußte. Ich blieb stumm, +wenn ich am liebsten hinausgeschrien hätte: ›Laßt mich ausleben!‹ — +In der Pension erfuhr ich nur Überflüssiges, — was einfache Mädchen +belastet. Eine Sucht nach der Schönheit im Leben, — künstlerische +Neigungen wurden in mir erweckt, — ich konnte stundenlang in den +Galerien die Bilder betrachten.«</p> + +<p>»Die meisten Mädchen waren aus der Großstadt und mir in allem voraus. +Sie schürten mich täglich an — die Kraft der Frau den Männern +gegenüber zu erproben — Siegerin zu werden. Was war dies? Ich +verstand es nicht!«</p> + +<p>»Kurz darauf kam ich in Ihr Haus. Der Ernst, der darin waltete, +erdrückte mich anfangs, — ich sah mißmutig in eine andere Welt +hinein. Bald fühlte<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> ich aber die siegreiche Macht der Frau. Sie +haschten alle nach mir. Ihr Bruder Wolf voran —«</p> + +<p>»Leider,« warf Jürgen ein.</p> + +<p>»Nur einer nicht —«</p> + +<p>»Lassen Sie diesen einen beiseite, Fräulein Hergenbach. — Es ist +kein Verdienst, — nur eine Verstandeseigenschaft, die heute vielen +verkehrt erscheint.«</p> + +<p>»Nein, es muß heraus, Herr Plüddekamp!« fuhr sie in leidenschaftlichem +Ton fort, und auf ihren Wangen entstanden scharf umrissene rote +Kreise. »Ich haßte Sie, und um mich zu rächen, gab ich Wolf mein Wort. +Ich wußte, daß Sie dies nicht wollten und ich Sie nicht tiefer treffen +konnte. Es war schlecht gehandelt —«</p> + +<p>»Allerdings! Sie haben Wolf bis an den Rand des Todes gebracht,« fiel +er bitter ein.</p> + +<p>Sie stand zitternd auf.</p> + +<p>»Wolf — Ihren Bruder — unmöglich!«</p> + +<p>»Es ist jetzt noch kaum genesen — von Ihnen allerdings geheilt.«</p> + +<p>»Wie soll ich dies verstehen, — er hat mich betrogen, — die blonde +Person in der Weinkneipe, — in die mich Smiders lockte, — stand ihm +näher —«</p> + +<p>»Smiders fing Sie durch eine lächerliche Komödie. Er benutzte die +weibliche Eitelkeit. — Sie sollen jetzt von mir die Wahrheit hören +—«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span></p> + +<p>Wort für Wort drang auf Ilse ein. Sie sah ihn starr an, — jeder +Blutstropfen ihres Gesichts wich zurück.</p> + +<p>»Mein Gott — Herr Plüddekamp,« stöhnte sie auf, »was kann ich tun, um +Wolfs Verzeihung zu erlangen!«</p> + +<p>»Nichts, Fräulein Hergenbach,« erwiderte er ernst, »als daß Sie nie +mehr vor ihn hintreten. — Er hat Ruhe und Frieden wiedergefunden.« — +—</p> + +<p>Sie hörte von diesem Augenblick geduldig an, was er ihr vorschlug.</p> + +<p>»Ich werde Sie nach Nordhausen in Ihr Elternhaus zurückbringen. Herta +war gezwungen, auf einen Brief Ihrer Mutter zu antworten, daß Sie uns +verlassen hatten. Trotzdem können Sie ruhig sein, — ich spreche für +Sie. —«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p> + +<h2>XXIV.</h2> +</div> + + +<p>Wolf blieb wochenlang in Wershagen. Er sah die Halme gelb werden +und die Ähren reifen. Die Ernte ging vorüber. Der Weizen und Roggen +füllte die Scheunen. Das frische Korn breitete sich nach und nach zu +mächtigen Haufen in den Speichern aus.</p> + +<p>Wolf Plüddekamp war in dem einfachen, ruhigen Landleben an Körper und +Seele wieder gesundet. Er ritt täglich mit Oberamtmann Wichers auf die +Felder hinaus, und die launige Art des Landwirtes wirkte wohltuend +auf sein Gemüt ein. An den Abenden spielte er mit Lieschen vierhändig +Klavier. Die blauen Augen des jungen Mädchens schauten froh und +schelmisch drein, als wollten sie sagen: »Bin ich nicht ein lustiger +Kamerad?« Wenn sich Wolf auch noch nicht ausgesprochen hatte, Lieschen +wußte genau, daß mit seiner Krankheit alle törichte Leidenschaft in +ihm geschwunden war. Sie hatte sich den zukünftigen Gatten durch +Liebe und Aufopferung erkämpft. Was zwischen ihnen lag, war kein +wildes Empfinden, das sie gewaltsam zusammenband, sondern<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> die milde, +wohltuende Flamme einer reinen Neigung, die am häuslichen Herd wärmend +und beglückend ausdauert.</p> + +<p>Wolf Plüddekamp wollte nach Stettin zurück. Er nahm keinen Abschied +von Wershagen; ein kräftiger Händedruck, den er Oberamtmann Wichers +und Lieschen gab, offenbarte die Tiefe seines Gefühls. Der Händedruck +sprach aus: »Wir sind einig fürs Leben!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im alten Kaufherrnhause herrschte ungewohntes Leben und Treiben. Die +freudige Erregung ging von Jürgen Plüddekamp selbst aus. Schon am +frühen Morgen rief er seinen Freund und Prokuristen Armin herein.</p> + +<p>»Die Kontore werden heute nachmittag geschlossen. Die jungen Leute +sollen den schönen Herbsttag benutzen und einen Ausflug machen. Sie +vertreten mich dabei, Armin! Ich will mich meinem Bruder widmen +und die Freude empfinden, daß er uns Geschwistern nach der langen, +schweren Krankheit gesund wieder geschenkt wurde.« —</p> + +<p>Jochen war damit beschäftigt, eine mächtige Girlande über dem +Treppenaufgang anzubringen.</p> + +<p>»Heute kommt mein Wolf,« schmunzelte er vor sich hin, »es wird auch +man Zeit. Das alte Haus<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> schläft sonst noch ganz ein. Er pfeift doch +manchmal eins!«</p> + +<p>Kurz vor Beginn der Mittagszeit traf Wolf Plüddekamp ein. Jürgen stand +vor dem Toreingang. Als sein Bruder aus dem Wagen sprang, sagte ihm +ein einziger Blick, daß dieser im Vollbesitz seiner Kraft wiederkam.</p> + +<p>Der alte Hüne, Jochen Hindorf, hatte mit abgezogener Kappe neben +seiner Girlande Aufstellung genommen. Wolf gab ihm einen tüchtigen +Schlag auf die Schulter.</p> + +<p>»Ich danke dir, Alter,« sagte er, ihm die Hand reichend, »und morgen +komm zu mir, dann sollst du deinen Dänen haben, der dir wohl schon +lange gefehlt hat.«</p> + +<p>»Es muß ja nicht sein, Herr Wolf,« lachte Jochen über das ganze +Gesicht. »Die größte Freude habe ich, daß Sie wieder vergnügt sein +können.«</p> + +<p>Die Geschwister zogen sich nach dem Mittagessen in die gemütliche Ecke +des Speisezimmers zurück.</p> + +<p>»Ihr waret mit euren Briefen recht karg,« meinte Wolf lachend. »Es kam +mir auch ganz erwünscht. Ich mochte nichts mehr von dem Vergangenen +hören und selbst keine Feder zum Schreiben ansetzen. Dafür lief ich +den ganzen Tag in Feld und Wald herum.<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> Du siehst, Jürgen, welche +starke Einwirkung die Natur auf mich ausübte. Ich habe die Empfindung, +daß ein ganz neues Leben in mir erwacht ist.«</p> + +<p>»Du verspürst also keine Lust, Wölfchen, auf deinen Kontorsitz +zurückzukehren?«</p> + +<p>»Offen gestanden, nein, Jürgen! Ich habe großes Gefallen an der +Tätigkeit eines Landwirtes gefunden, daß ich diese gern ausüben +möchte.«</p> + +<p>Herta lächelte fein.</p> + +<p>»Natürlich unter Mitwirkung einer hübschen kleinen Frau, Wölfchen!«</p> + +<p>»Ja, Herta, du hast das Richtige getroffen! Als ich heute von +Wershagen fortfuhr, um euch im alten Plüddekampschen Hause +aufzusuchen, hatte ich dabei im stillen die Empfindung, bald aufs Land +zurückzukehren. Ich will mir ein eigenes Nest bauen, und Wichers hilft +mir dazu. Jürgen und du, ihr werdet noch lange unter Aufrechterhaltung +alten Herkommens eure Pflicht hier erfüllen. Mich aber soll nichts +mehr daran erinnern — was einmal war. Ich habe Lieschen Wichers und +Wershagen herzlich lieb gewonnen.«</p> + +<p>Jürgen blickte seinen Bruder ernst, aber mit größtem Wohlwollen an.</p> + +<p>»Ich habe deinen Entschluß geahnt, und er wird für dich der richtige +sein. Das alte Haus vereint uns<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> noch einmal — dann werden wir dich +freigeben müssen. Das Leben verlangt das Schaffen von neuen Werten. +Wir wollen es hier und dort redlich tun. In deinen Söhnen wird uns +eine neue Generation erstehen. Land und Stadt sollen sich ergänzen, +dann kann ein kerniges Geschlecht neue Erfolge zeitigen.«</p> + +<p>Herta hatte diesen Worten still zugehört. Sie seufzte tief auf und +setzte dann leise hinzu:</p> + +<p>»Wenn ich euch Männer so sprechen höre, ist es mir wie ein vergessenes +Klingen und Singen einstiger Jahre. — Ein Zeichen, daß ich dem wahren +Glück des Lebens aus dem Wege gegangen bin.«</p><br> + +<figure class="figcenter illowe7" id="illu-312"> + <img class="w100" src="images/illu-312.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75824 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75824-h/images/cover.jpg b/75824-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c3065b7 --- /dev/null +++ b/75824-h/images/cover.jpg diff --git a/75824-h/images/drop-u.jpg b/75824-h/images/drop-u.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d4d6bc4 --- /dev/null +++ b/75824-h/images/drop-u.jpg diff --git a/75824-h/images/illu-003.jpg b/75824-h/images/illu-003.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b54a5e0 --- /dev/null +++ b/75824-h/images/illu-003.jpg diff --git a/75824-h/images/illu-312.jpg b/75824-h/images/illu-312.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4e369a1 --- /dev/null +++ b/75824-h/images/illu-312.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..b5dba15 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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