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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75362 ***
+
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.
+
+Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
+worden:
+
+ ~gesperrt gedruckter Text~ =antiqua gedruckter Text=
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+=======================================================================
+
+
+
+
+ [Illustration:
+ _Wiedersehen!_]
+
+
+
+
+ Die
+
+ drei Ostindienfahrer,
+
+ abentheuerliche Reisegeschichten;
+
+
+ herausgegeben
+
+ von
+
+ Christian August Fischer.
+
+
+ Mit einem Kupfer.
+
+
+ Leipzig 1817.
+
+ Hartleben's Verlagsexpedition.
+
+
+
+
+ ~An die Leser.~
+
+
+Wie jeder Künstler, so hat auch der Schriftsteller seine
+eigenthümlichen Studien. Wenn mir die Kraft zu Allem fehlt; hierzu
+gebricht sie mir nie. So beschäftigte ich mich auch diesen, für mich so
+traurigen, Winter hindurch.
+
+Ein Theil dieser Reisegeschichten fand vor sieben bis acht Jahren in
+einem unserer geschäztesten Tagblätter Plaz. Man erhält jezt das Ganze
+in einer neuen, veredelten Form. Es ist eine Ueberarbeitung, bei der
+ich in jeder Hinsicht sehr streng gewesen bin. Möchte die kleine Gabe
+willkommen seyn!
+
+Wie mit mir, so hat der thätige Verleger, auch mit andern
+Schriftstellern außerhalb Oesterreich, Verbindungen angeknüpft. Man
+sieht, wie vortheilhaft dieses, des leichten Tausches wegen, für den
+gesammten Buchhandel zu werden verspricht. Darum muntere ihn auf, wer
+es zu thun vermag.
+
+~Würzburg~, O. M. 1817.
+
+ C. A. ~Fischer.~
+
+
+
+
+ Die
+
+ drei Ostindienfahrer.
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis
+
+
+ Seite
+
+ Erste Abtheilung, Jacob Haafner. 1
+
+ Zweite Abtheilung, Ch. Fr. Tombe. 185
+
+ Dritte Abtheilung, Heinrich Potter. 231
+
+
+
+
+ Erste Abtheilung,
+
+ ~Jacob Haafner.~
+
+
+ ~Erstes Buch.~
+
+
+
+
+ ~Quellen.~
+
+ =L'otgevallen op eene Reize van Madras nar het Eiland Ceilon. Door
+ Jac. ~Haafner~. Haarlem 1814. 8. 2. Aufl.=
+
+ =Reize in eenen Palankin etc. door Jacob ~Haafner~. Amsterdam
+ 1814. 2 Bde. 8. 2. Aufl.=
+
+
+
+
+ Erstes Capitel.
+
+
+Ich befand mich als zweiter Steuermannsgehülfe am Bord eines
+holländischen Compagnieschiffes, das von Chinsura nach Negapatnam
+bestimmt war. Aber nie hatten wir eine so lange und beschwerliche Reise
+gehabt. Auf einer Ueberfahrt, die man in fünf Wochen machen kann,
+brachten wir eben so viel Monate zu. Dazu kam der heftige, grausame
+Charakter des Capitains, der nach den Schiffsgesetzen an seinem Bord
+unumschränkt gebot. Eines Tages ließ er unter andern zwei arme schwarze
+Matrosen (Lascars) um einer Kleinigkeit willen so lange geißeln, daß
+der eine noch denselben Abend, der andere in der folgenden Nacht
+verschied. Dies empörte das ganze Schiff. Es ward daher eine förmliche
+Klage gegen ihn aufgesetzt, und nach der Ankunft zu Negapatnam bei dem
+Fiscal angebracht. Die Folge davon war, daß dieser uns Unteroffiziere
+sämmtlich zu sich rufen ließ. Hier ist es, wo meine Geschichte
+eigentlich anfängt.
+
+Nach Unterzeichnung des Protocolles, kam nämlich der Fiscal noch einmal
+auf die Klagschrift zurück, und fragte, wer der Concipient davon
+gewesen sey. Der Wahrheit gemäß ward ich genannt. Er sprach hierauf
+mit Lobe von der Arbeit. -- »Es ist Schade« -- wendet er sich zu mir,
+-- »daß Sie in keinen angemessenern Verhältnissen sind. Wenn Sie hier
+bleiben wollten, hätte ich wohl eine Stelle für Sie.« -- Ich gestehe
+es, dieser Antrag machte nicht wenig Eindruck auf mich. Zwar hatte ich
+die Aussicht Steuermann zu werden; allein der Civildienst schien mir
+ungleich bequemer und einträglicher zu seyn. Ueberdem hatte ich des
+Capitains Rache zu fürchten. -- Mit einem Worte, ich blieb am Lande,
+und erhielt eine Stelle auf dem Hauptcomtoir.
+
+Von meiner frühesten Jugend an, war ich ein Spiel des Zufalles gewesen,
+und hatte von dem Leben noch nichts, als das Mühselige desselben kennen
+gelernt. Jetzt endlich hoffte ich Ruhe und Genuß zu finden, ja ich
+schmeichelte mir sogar mit der baldigen Rückkehr ins Vaterland. Allein
+bald sah ich mich in meinen Erwartungen aufs bitterste getäuscht.
+Spärliche Besoldung, ekelhafte mechanische Arbeit, und so gut als
+keine Aussicht zu einer Verbesserung! Fast sehnte ich mich nach dem
+Seeleben zurück. Indessen beschloß ich auszuhalten, und mich auf ein
+Fach zu werfen, das mir bedeutende Vortheile versprach; ich meine die
+italienische Buchhaltung.
+
+Dieser Gedanke bot sich mir bei der Lage der holländischen
+Compagniecomtoirs sehr natürlich dar. Es fehlte nämlich überall an
+Subjekten dazu. Wir, in Negapatnam, z. B. hatten nur einen einzigen
+Mann, der die Bücher auf diese Art zu führen verstand, und dafür
+allein sechshundert Pagoden (zu 4½ Fl.) bezog. Die Sache von ihm
+zu lernen, war freilich keine Möglichkeit; denn seinen Mangel an
+Gefälligkeit abgerechnet, stand er überdem viel zu hoch über mir.
+Ich mußte mir also selbst zu helfen suchen, was freilich mit vielen
+Schwierigkeiten verbunden war. Indessen, da ich keine Arbeit scheute,
+ward ich in Jahr und Tag ziemlich vertraut damit.
+
+Ich hoffte nun nichts Geringeres, als zweiter Buchhalter zu werden;
+allein, wie sehr hatte ich mich abermals getäuscht! Zwar ward mein
+Fleiß nicht wenig gelobt, und erhielt einen kleinen Monatszuschuß;
+allein von einer eigentlichen Beförderung war durchaus die Rede nicht.
+Täglich mehr Arbeit; endlich mußte ich beinahe alles thun. Dies war
+zu viel, ich verlangte daher meinen Abschied. Da versprach mir der
+Buchhalter hundert Pagoden jährlich, und nach drei Jahren die förmliche
+Substitur. Ich gieng es ein, allein was geschah? Im ersten Jahr keine
+Rupie; im zweiten eben so, im dritten abermals nichts. Ich klagte bei
+dem Gouverneur, er gab mir Unrecht. Ich mußte die Bücher noch drei
+Jahre, und abermals unentgeldlich führen, dann erst wollte man weiter
+sehen. Ich verweigerte es, es sey ganz und gar meine Schuldigkeit nicht.
+
+»Wie?« -- rief der Gouverneur zornig -- »Ihr wagt es, mir zu
+widersprechen? Ihr müßt die Bücher führen, sonst nach Batavia, oder
+außer Dienst!«
+
+»Ich wähle das Letzte, gnädiger Herr!«
+
+»Ist das euer Ernst?« fragte er erstaunt. -- »Ueberlegt es wohl!«
+
+»Es ist mein völliger Ernst!«
+
+»Nun gut!« -- sagte er hastig -- »So seyd ihr hiemit augenblicklich
+entlassen -- Sucht euer Glück anderswo!« -- Mit diesen Worten drehte er
+sich um, und verließ den Saal.
+
+So war ich denn endlich wieder frei; allein wegen der Zukunft
+allerdings nicht ganz unbesorgt. Ich hatte wenig Geld, und keinen
+Credit; meine meisten Freunde verließen mich. Indessen hatte ich mir
+neben dem Französischen auch einige Kenntnisse im Englischen erworben;
+es schien mir daher am rathsamsten nach ~Madras~ zu gehen. Schon
+hatte ich alle Anstalten dazu gemacht, als ich unvermuthet eine
+Einladung von Herrn Simons, unserem Magazininspector, erhielt. Dieser
+brave Mann hatte von meinem Plane gehört, und wollte mir, wie er sagte,
+einen besseren Vorschlag thun. Sein Bruder war nämlich Oberbuchhalter
+zu ~Sadras~, und brauchte gerade einen Gehülfen meiner Art. Dieser
+Antrag war wirklich aller Ehre werth; doch gestehe ich gern, daß mich
+die Nähe von Madras (12 Meilen) auch mit bestimmen half. Leicht kamen
+wir daher über die Bedingungen überein. So verließ ich Negapatnam, und
+langte wohlbehalten in Sadras an.
+
+
+
+
+ Zweites Capitel.
+
+
+In der That, Herr Simons hatte mich nicht getäuscht; ich fand mich
+wirklich in eine sehr angenehme Lage versetzt. Guter Gehalt, mäßige
+Arbeit, freundliche Behandlung, herzlicher Umgang; nie hatte ich noch
+so zufrieden gelebt. Die Luft war gesund, die Gegend angenehm, Sadras
+selbst ein wohlhabender, und sehr lebhafter Ort. Ich hebe aus dem
+Ganzen einige Parthien aus.
+
+Zuerst der ~Bazar~, oder Marktplatz, der aus einer breiten, mit
+Bäumen besezten Straße besteht. Schon Morgens um fünf Uhr strömen
+von allen Seiten Marktleute herbei. Junge Mädchen und Weiber mit
+Gemüsen und Früchten; alte Weiber mit Matten und Töpferwaaren;
+Reis- und Getreide-, Betel-, Areka-, Spezerei- und Tabakshändler;
+Verkäufer von Palmzucker, Palmblättern und Sandelholz; Korbflechter,
+Reiskuchenbäcker, Armringsfabrikanten u. s. w.; alle eilen herbei,
+alle stellen sich in Reihen auf. Zu gleicher Zeit erscheinen Gaukler
+und Wahrsager, Banianen mit ihren Probiersteinen, Tattowirer mit ihren
+Nadeln, endlich Sanias und Foguis (Bettelmönche) mit nackten Fakirs
+vermischt.
+
+So wird es acht Uhr, und alle Buden, und alle Gewölbe öffnen sich.
+Die Menschenmasse vermehrt sich, das Getümmel nimmt zu, der ganze
+Bazar ertönt von Geschrei. -- Mangas! Reife Mangas! -- Tamarinden!
+Tamarinden! -- Areka und Betel! -- Büffelkuhmilch! -- Eingemachte
+Früchte! Kauft Früchte in Zucker! -- Reife und frische Cocosnüsse!
+Frischer Palmkohl u. dgl. m. Dazu der Gesang der Mönche, mit
+Trommeln und Tambourins, die Glöckchen der Putchares (geistliche
+Balladensänger), die Hörner der Sarpojans (Schlangenbeschwörer), die
+Schellen der Pandoces (geistliche Bänkelsänger) mit dem Lärm der
+malabarischen Schulen, dem gellenden hundertstimmigen ~Ana~,
+~Awena~, ~Han~, (A. B. C.) und dem fast alles übertäubenden
+Gekrächz von tausenden von Raben vermischt. Endlich mitten im dicksten
+Getümmel der Beriesocheng, der weiße heilige Stier, dem alles Platz
+macht, und alles liebkosend Geschenke reicht.
+
+Das gesellschaftliche Leben war höchst angenehm. Bald giengen wir in
+einen Palmenbusch, um eben gezapften, frischen, blauen Palmsaft zu
+trinken; bald machten wir eine Jagd- oder Fischparthie. Ein andermal
+ritten wir nach den Austerfelsen, oder brachten unsern Tag in stiller
+Ländlichkeit in einer Chauderie (öffentliche Herbergen an den
+Landstraßen, in Wäldern u. s. w.) zu. Die hohen, schattigen Pipals, der
+Weiher mit Cocosbäumen bepflanzt, der nahe Palmenwald, die Menge von
+Pilgrimen und Reisenden -- auch ein solcher »=Dia do campo=« im
+noch immer beibehaltenen Portugiesisch so genannt, hatte seinen eigenen
+Reiz.
+
+Dann die Gesellschaften, wo sich alles der Freude und der Lebendigkeit
+überließ. Die fröhlichen Abendessen mit allem was Land und Jahrszeit
+Auserlesenes zu liefern im Stande war. Die von der Liebe geschlossenen
+Vereine, wo jeder zu den Füßen der Auserwählten saß, und ihr ein süßes
+Versprechen abgewann. Die blinkenden Becher, die Gesänge, die Tänze und
+die vaterländische Kraft mit ostindischer Ueppigkeit gepaart!
+
+
+
+
+ Drittes Capitel.
+
+
+Fast anderthalb Jahre hatte ich auf diese Art höchst vergnügt in
+Sadras verlebt, als mein Glück auf einmal vernichtet ward. Es war den
+17. Juni 17-- ungefähr um vier Uhr Nachmittags. Wir waren bei dem
+Generaldirector Herrn von Neis, zu einem Geburtstagsschmause, und
+tranken lustig Gesundheiten herum. »Nun noch eins!« -- rief eben unser
+Wirth -- »Noch eins, meine Herren! Auf das Wohlergehen von Sadras!« --
+In dem Augenblicke trat der wachthabende Sergeant herein und meldete,
+daß ein englischer Offizier angekommen sey. Er verlange Herrn von Neis
+zu sprechen, und habe ein weißes Tuch an seinem Stock. -- Niemand, und
+am wenigsten Herrn von Neis fiel das weiße Tuch auch nur im mindesten
+auf. -- »Nur herein!« -- antwortete er sehr vergnügt -- »Ein neuer Gast
+macht neuen Durst! -- Er soll mit auf das Wohl von Sadras trinken! Nur
+herein!« --
+
+Der Sergeant gieng, um die Thür zu öffnen, und der Offizier trat
+in den Saal. -- »Es thut mir leid« -- hub er an, indem er sich zu
+Herrn von Neis wandte -- »Es thut mir leid, der Ueberbringer einer
+unangenehmen Botschaft zu seyn. England hat Holland den Krieg erklärt.
+Der Commandant von Chenglepet (englisches Fort in der Nachbarschaft)
+steht mit seinen Truppen nur noch eine Stunde von hier. Er läßt Sie
+hiermit auffordern, das Fort und die Factorei von Sadras auf Diskretion
+zu übergeben. Dies mein Auftrag; in zwei Stunden bitte ich mir ihre
+Antwort aus!« -- Mit diesen Worten machte er uns eine Verbeugung und
+entfernte sich.
+
+Welche Nachricht! Bleich und sprachlos saßen wir einige Augenblicke wie
+vom Donner gerührt. Endlich trug Herr von Neis auf eine Berathschlagung
+der fünf Hauptbeamten an. Dies wurde so fort genehmigt, und alle
+übrigen Gäste entfernten sich. Lange sannen wir nun hin und her,
+was anzufangen sey. Widerstand konnten wir freilich nicht leisten;
+dazu waren wir viel zu schwach. Aber uns auf Diskretion ergeben,
+dies durften wir ebenfalls nicht. Wir beschlossen daher auf einer
+ordentlichen Capitulation zu bestehen. Im Fall dieselbe jedoch
+verweigert würde, wollten wir uns in das Fort zurückziehen. Bei diesem
+Entschlusse blieb es, und so ward das Ganze zu Papier gebracht. Nach
+sechs Uhr gieng ich damit in Begleitung des Oberbuchhalters und des
+Parlementärs zu dem englischen Commandanten, einen Capitain Mackay ab.
+Sein Lager war wirklich nur eine Stunde von Sadras entfernt.
+
+Wir kamen an und passirten die Vorposten ohne Schwierigkeit. Alles war
+still und finster, nie hatte ich noch ein so ruhiges Lager, ohne das
+mindeste Licht gesehen. Doch kaum waren wir angemeldet, als es etwas
+lebendiger ward. Man zündete Lichter an und brachte Stühle für uns.
+Einige Minuten und wir saßen dem Commandanten gegen über, der uns sehr
+stolz ansah.
+
+»Capitain!« -- hub ich an -- »hier sind die Bedingungen, auf welche das
+Fort und die Factorei übergeben werden soll.«
+
+Hastig riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie durch, und
+warf sie mir wieder zu. -- »Sagt eurem Direktor, daß keine seiner
+Bedingungen angenommen wird. Es bleibe bei der Aufforderung. Ich habe
+Canonen und Leitern bei mir.«
+
+»Capitain! Sie behandeln uns wie Callouris (indische Räuber). Wir sind
+Holländer, wissen Sie das?«
+
+Er that, als verstünde er mich nicht, und schwieg einige Zeit. Endlich
+fuhr er trotzig auf: -- »Nun, habt ihrs gehört, nur auf Discretion! --
+Versteht ihr mich?«
+
+»Nimmermehr!« -- antwortete ich mit Festigkeit! -- »Lieber das
+Aeußerste als dies!« --
+
+»Nun so will ich euch denn zeigen, ihr -- ihr!« --
+
+»Gut! Wir wollen's erwarten, Capitain! Aber Sie werden für unser Blut
+verantwortlich seyn. Eher soll man uns in Stücken hauen!« --
+
+Er antwortete nichts, gieng aber mehrere Minuten nachdenkend auf und
+ab. Endlich riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie noch
+einmal durch, unterzeichnete sie sehr bedächtlich, und gab sie mir ganz
+gelassen zurück. Jezt hieß es: Auf nach Sadras! und augenblicklich
+war alles mit Lichtern bedeckt, und überall ertönte Trompeten- und
+Paukenschall. Wir eilten den Truppen voraus, um unsern Bericht
+abzustatten, zufrieden, daß wenigstens so viel erlangt worden war.
+Endlich um elf Uhr zogen die Engländer mit klingendem Spiele ein,
+besezten das Fort, die Packhäuser u. s. w., und brachten die ganze
+Nacht mit Trinken und Lärmen zu.
+
+Am folgenden Morgen ward unser Schicksal näher bestimmt. Die Garnison
+mußte Dienste nehmen, wir Compagniebeamten wurden nach Madras
+geschickt. Indessen fehlte es an Platz, um unser Eigenthum mitzunehmen;
+alles ward daher vorläufig in die Packhäuser gebracht. Dies war
+offenbar Treulosigkeit; keiner von uns hat je das Mindeste wieder davon
+gesehen. Ich selbst verlor auf diese Art ungefähr dreitausend Pagoden
+an Werth. Eben so kam ich um andere tausende, die mir die Compagnie
+schuldig war. Alles, was ich noch retten konnte, mochten hundert und
+einige zwanzig seyn. So kam ich mit meinen Unglücksgefährten in Madras
+an.
+
+
+
+
+ Viertes Capitel.
+
+
+Aber was nun anfangen? -- Ohne Geld, ohne Freunde, ohne Empfehlungen!
+-- Ich fühlte nur zu sehr, wie verlassen ich war. -- Endlich fiel mir
+ein gewisser Herr Franck, ein deutscher Landsmann, ein. Ich hatte
+ihn zufällig in Sadras kennen gelernt, und ihm selbst einige kleine
+Gefälligkeiten erzeigt. Diesen suchte ich auf, und fand die herzlichste
+Theilnahme bei ihm. Sehr bereitwillig bot er mir sogleich sein Haus,
+seinen Tisch, ja sogar seine Börse an; allein er war selbst nicht
+reich; ich machte daher nur einige Tage von seiner Güte Gebrauch.
+Eben war ich im Begriff mit einigen unverheiratheten jungen Leuten
+zusammen zu ziehen, als ich auf einmal -- doch hierüber muß ich etwas
+umständlicher seyn.
+
+Während meines Aufenthaltes zu Sadras hatte ich einem alten
+braven Sergeanten, Namens Winter, gegen über gewohnt, und so die
+Bekanntschaft seiner eben so schönen als sittsamen Tochter Sophie
+gemacht. Ich wußte, daß der arme kranke Mann bei der Uebergabe nach
+Madras eingeschifft worden war. Leider hatte ich ihn aber aus dem
+Gesichte verloren, fand ihn jetzt nur mit Mühe wieder, und traf ihn in
+den traurigsten Umständen an. Augenblicklich war mein Entschluß gefaßt.
+Ich miethete ein malabarisches Häuschen, kaufte die nothwendigsten
+Mobilien u. s. w., und nahm die Familie zu mir. Nur wenig Wochen hatten
+wir indessen zusammengelebt, als der alte Mann nach einem kurzen
+Krankenlager in meinen Armen verschied. Ich liebte Sophien heiß und
+innig, leider war sie aber an einen andern verlobt. Sie theilte meine
+Empfindungen, sie hatte nur aus Noth eingewilligt, und fürchtete das
+verhaßte Band. Ich beschloß sie nicht zu verlassen, und die Mutter
+dankte mir mit Thränen dafür.
+
+Aber um so furchtbarer lag der Gedanke an die Zukunft auf mir.
+Mein Geld nahm ab; die Gelegenheit zum Verdienste war bei dem
+stockenden Handel ziemlich beschränkt; ich befand mich bald in großer
+Verlegenheit. Endlich brachte mich Herr Franck bei einem Mr. Popham als
+Schreiber an. Aber auch jezt verschaffte uns meine Einnahme täglich
+nur eine Mahlzeit; die Theurung war gar zu groß. In dieser traurigen
+Lage ward ich zufällig einen der reichsten portugiesischen Kaufleuten
+von Madras, Shor. Antonio de Souza, bekannt. Ich hatte ihm nämlich
+einige Papiere zu überbringen, fand ihn gerade mit Shra de Souza beim
+Frühstück, und redete ihn englisch (seine Lieblingssprache) an.
+
+»Wie lange sind Sie aus England?« -- fiel er mir plözlich ein.
+
+»Ich bin kein Engländer, mein Herr, und war auch niemals dort.«
+
+»So? -- Also sind Sie in Indien geboren?«
+
+»Nein! Ich bin ein Holländer, mein Herr, und war Buchhalter zu Sadras.«
+
+»Können Sie die Bücher englisch führen?«
+
+Ich verbeugte mich.
+
+»Gut! Gut!« -- fuhr er mit Lebhaftigkeit fort. »Ich brauche eben
+einen Buchhalter. Sie sollen monatlich sechzig Pagoden und freien
+Mittagstisch haben, auch das Frühstück, wenn Sie wollen. Jetzt sagen
+Sie!« --
+
+»Mein Herr! -- Ich bin zu Ihren Diensten. -- Aber wie soll ich Herrn
+Popham.« --
+
+»Das ist meine Sorge. -- Treten Sie nur in Gottes Namen an. -- Aber Sie
+sehen so elend aus? -- Sind Sie krank?« --
+
+»Das nicht, mein Herr -- Aber« -- gieng ich aufrichtig über meine Lage
+u. s. w. heraus, wobei ich auch Sophien nicht vergaß.
+
+»Das ist brav!« -- sagte er lebhaft, und schüttelte mir die Hand. --
+»Bei Gott, das ist brav! -- Sie sind ein ehrlicher Mann!« »Hier« --
+fuhr er fort, indem er in die Casse griff -- »Hier sind hundert Pagoden
+auf Abschlag -- Und diesen Abend schicke ich Ihnen zehn Säcke Reis.
+Gott mit Ihnen, morgen sehen wir uns!«
+
+War es ein Traum? -- O überglückliche Veränderung! Sophie weinte vor
+Freuden. -- Abends wurden mir richtig zehn große Säcke mit Reis, und
+überdem mehrere schöne Stücke Zitz und dergl. für Mutter und Tochter
+gebracht. Jetzt erst erinnerte ich mich, wie sehr Madame de Souza bei
+meiner Erzählung gewesen war. Seliger, unvergeßlicher Abend! So waren
+wir denn auf einmal aller unserer Sorgen los!
+
+
+
+
+ Fünftes Capitel.
+
+
+Unterdessen war das Carnatik der Schauplatz des Krieges geworden;
+stündlich kamen mehr Flüchtlinge bei uns an, und die Theurung nahm
+von Tage zu Tage zu. Vergebens schickte man aus Bengalen eine Menge
+Schiffe ab; die Franzosen brachten sie fast vor unsern Augen auf.
+Schon wurden wir daher von dem schrecklichsten Mangel bedroht, als
+unvermuthet auf der Rhede eine achtzig Segel starke Flotte erschien,
+die den Feinden unter Begünstigung eines Nebels entgangen war.
+Entzückender Anblick! Alles eilte an den Strand; alles wollte die
+kornbeladenen Schiffe sehen; lautes Freudengeschrei erfüllte die ganze
+Stadt.
+
+Der Eintritt des Regenmonßons war nahe; gleichwohl zögerte man, zu
+meinem Erstaunen, mit der Ausschiffung. Wirklich wurden, weder den
+ersten noch den zweiten Tag, nicht die mindesten Anstalten dazu
+gemacht; der dritte vergieng auf gleiche Art; der vierte brach an;
+jetzt war es zu spät dazu. Seit zweimal vier und zwanzig Stunden
+nämlich hatte man alle Vorzeichen eines Orkans bemerkt.
+
+Aengstlich drängten sich die Kühe auf der Weide zusammen, und stöhnend
+eilte das Wild den dichtesten Büschen zu; die Hunde heulten, die Vögel
+flogen unruhig umher, die meisten Thiere verkrochen sich. Stoßweis lief
+der Wind alle Compassstriche durch, und rings am Horizonte schossen
+feurige Flammen auf. Heftig schien das Meer in seinem Innern zu kochen,
+und warf eine Menge Muscheln und Seegewächse aus. Auf den schäumenden
+Wellen zeigten sich unbekannte Ungeheuer, und mit ängstlichem Geschrei
+flüchteten Tausende von Seevögeln an's Land.
+
+Heute, als am fünften Tage traten alle diese Anzeichen mit verdoppelter
+Stärke ein. Die Luft war glühend heiß, der ganze Himmel mit schwarzen
+Wolken bedeckt. Furchtbar, in dumpfem Donnergemurmel, zogen sie gegen
+einander; tiefer und immer tiefer senkten sich die ungeheuern Massen,
+und feurige Blitze durchkreuzten die wachsende Finsterniß.
+
+Endlich brach der Orcan mit tausend Donnerschlägen los. Der Regen in
+Strömen herab; die Cocos-Wälder wie Binsen zerknickt; die Trümmer wie
+Spreu umher; die schäumende Brandung bergehoch; Blitz auf Blitz; Schlag
+auf Schlag; ein Donner, eine Flamme; die ganze Natur in Untergang.
+Wenig Minuten, und die Rhede war mit treibenden Schiffen bedeckt. Bald
+verschwanden sie in den Abgrund; bald flogen sie wieder himmelan. Die
+Masten brachen; die Segel zerrissen; die Seiten öffneten sich. Schiff
+gegen Schiff geschleudert; ein's an dem andern zerschellt. So wirbelten
+sie in immer schnelleren Kreisen, bis sie endlich der schwarze Abgrund
+verschlang. Fünf Secunden, und unsere lezte Hoffnung war auf ewig
+dahin. -- Welche Nacht! -- Noch jezt denke ich mit Entsetzen daran.
+Als der Tag anbrach, war der ganze Strand mit Leichnamen und Trümmern
+bedeckt.
+
+
+
+
+ Sechstes Capitel.
+
+
+So brach denn auch diesmal die schrecklichste Hungersnoth aus. Mochten
+die armen Hindus auch Alles verkaufen, sie fristeten ihr Leben doch
+nur einige Tage damit. Bald lagen Tausende dieser Unglücklichen, ohne
+Nahrung, ohne Kleidung, ohne Obdach, bei den heftigsten Regengüssen,
+auf den Straßen umher. Fürchterlich wüthete der Tod darunter, jeden
+Morgen fuhren an fünfzig Karren mit Leichnamen aus der Stadt. Endlich
+trieb man die lezten zweitausend Hindus auf das Glacis. Hier starben
+sie den langsamen Hungertod. Drey Tage und Nächte stieg ihr Wimmern zum
+Himmel auf. Endlich ward alles still. -- O Menschen, und Menschenleben!
+-- Doch, ich kehre zu meinen eigenen Schicksalen zurück.
+
+Ich hatte meine Stelle bei Herrn de Souza aufgeben müssen; sein Jähzorn
+war gar zu groß. Noch keiner hatte so lange bei ihm ausgehalten; ich
+weiß am besten, wie viel ich mir gefallen ließ. Endlich aber ward es
+gar zu arg, und so brach ich förmlich mit ihm. Dennoch machte er mir
+noch hundert Pagoden zum Geschenk. Es war einer der sonderbarsten und
+veränderlichsten Menschen, die mir vorgekommen sind.
+
+Alles machte mir nun den Aufenthalt in Madras unangenehm. Dazu kam
+die Furcht vor Hyder Ali, dem die schwarze Stadt -- wo wir wohnten --
+am ersten offen stand. Ich dachte also ernstlich an eine Veränderung.
+Endlich lief ein Doppel-Thony (großer Küstenfahrer) unter dänischer
+Flagge ein, die nach Tranquebar bestimmt war. Ohne Mühe ward ich mit
+dem Tandel (Schiffer) einig, ließ unsere Effekten an Bord bringen,
+geleitete am andern Morgen Sophien mit ihrer Mutter selbst dahin, und
+kehrte dann, zur Abmachung einer lezten Angelegenheit, noch einmal an's
+Land zurück.
+
+Unerwartet vergieng mir indessen darüber der ganze Vormittag. Jezt war
+es drei Uhr, und alles besorgt. Nach einer kurzen Mahlzeit machte
+ich mich auf, um noch einmal Freund Sabico Lebewohl zu sagen, dessen
+Haus überdem in meinem Wege lag. Plözlich biege ich um eine Ecke
+in ein schmales Gäßchen, wo alles mit Leichnamen bedeckt ist. Ein
+sterbendes Weib windet sich auf der Erde, und zerfleischt den blutigen
+Leichnam ihres Säuglings. Dieser Anblick, der Gestank, die Hitze, meine
+Ermüdung, alles überwältigte mich. Ich sank ohnmächtig nieder; ward zu
+Sabico getragen; und kam erst nach sechs Stunden wieder zu mir.
+
+Mein erster Gedanke war Sophie und das Schiff. Mit einem Schreie
+raffte ich mich auf, und stürzte durch die finstere Nacht, bei Sturm
+und Regen, dem Strande zu. Vergebens, nirgends war ein Schiffslicht zu
+sehen. Ich wollte rufen; meine Stimme ward durch die tosende Brandung
+übertäubt. So brachte ich eine höchst traurige Nacht im nächsten
+Wirthshause zu. Endlich mit grauendem Morgen, eile ich wieder an den
+Strand. Der Nebel zerfließt, die Küsten werden sichtbar, das wogende
+Meer erhellt sich! -- Kein Schiff, so weit das Auge reicht!
+
+
+
+
+ Siebentes Capitel.
+
+
+Mein Schmerz war grenzenlos; aber zu diesen Seelenleiden kam nun noch
+Geldverlegenheit. Meine Coffres waren an Bord, kaum hatte ich achtzig
+Pagoden bei mir. Zwar bot mir der gute Sabico Kost und Wohnung an; auch
+machte ich wirklich Gebrauch davon; allein wir hatten beide nicht viel.
+Mein Herz war unaufhörlich in Tranquebar. Tag und Nacht brütete ich
+über meinen Reiseplan.
+
+Gleichwohl fehlte es immer an Schiffsgelegenheit, denn die
+französischen Kaper nahmen alle Küstenfahrer weg. Eben so wenig war
+an die Landreise zu denken; Hyder Ali's Reuter durchstreiften den
+ganzen Distrikt. Aber die Theurung ward immer größer; ich fühlte, daß
+ich meinem Freunde lästig zu werden anfieng. Sichtbar griff mich der
+beständige Kummer an. Was war zu thun? Es galt auch diesmal einen
+verzweifelten Entschluß. -- Ich mußte nach Tranquebar -- Tot oder
+lebendig; ich mußte nach Tranquebar.
+
+Vergebens rieth mir der gute bedächtige Sabico von diesem -- wie er's
+nannte -- entsetzlichen Wagstück ab. Ich blieb unerschütterlich, meine
+Liebe gab mir zu allem Muth. Ohne Zeitverlust kaufte ich so eine alte
+Chialeng, (Ruderboot) brachte vier Ruderer zusammen, versah mich mit
+Reis, Fleisch, Wasser, Natten, u. s. w. und stieß endlich am 24. Nov.
+17-- Nachmittags um 3 Uhr -- vom Ufer ab.
+
+Doch kaum hatten wir uns einige Klaftern weit entfernt, als schon das
+Wasser auf allen Seiten in die Chialeng drang. Sie war sehr lange
+ungebraucht gewesen, und sog es daher auf allen Fugen ein. Man rieth
+mir, sie bis zum andern Morgen verquellen zu lassen, doch dies erlaubte
+mir meine Ungeduld nicht. Ich nahm daher noch einen fünften Mann,
+einzig zum Ausschöpfen, an, und fuhr so endlich zum zweitenmale ab.
+
+Glücklich waren wir über die Brandung gekommen; zum erstenmal athmete
+ich wieder mit Leichtigkeit. Jeder Ruderschlag, der mich von Madras
+entfernte, führte mich der Geliebten zu. Der Himmel war heiter, das
+Meer vollkommen ruhig, die nach Süden laufende Strömung uns förderlich.
+Freundlich sank die Sonne in's blaue Meer hinab, und die Spitzen
+der Pagoden, und die Wipfel der Cocospalmen glänzten im Abendroth.
+Zufällig blickte ich auf das Fort St. Georges; man ließ die Flagge
+herab. Wenig Minuten darauf geschah ein Schuß, und pfeifend fuhr die
+Kugel über die Chialeng hin.
+
+Mehr verwundernd als erschrocken hielten wir einen Augenblick mit
+Rudern ein. Wir waren allein auf der Rhede, und nirgends ein anderes
+Fahrzeug zu sehen. -- »Wahrscheinlich ein Signalschuß!« -- sagte ich
+ruhig -- »Und ein Mißgriff vom Canonier. Aber bei einem Haar hätte er
+uns doch in den Grund gebohrt. Jetzt in Gottes Namen wieder frisch
+daran!« --
+
+Herzhaft ruderten wir weiter; doch in demselben Augenblicke geschah ein
+zweiter Schuß, und die Kugel schlug keine Klafter von uns in's Meer.
+Jetzt sah ich deutlich, daß es auf unsere Chialeng angelegt war. --
+»Zurück! -- Zurück!« -- rief ich meinen Leuten zu -- »Arbeitet, was ihr
+könnt! Um Gotteswillen, ehe der dritte Schuß geschieht!« -- Wir thaten
+nun unser Möglichstes, wiewohl uns die Strömung entgegen war. Man
+schien es auf dem Fort zu bemerken, und hielt wirklich mit Schießen ein.
+
+Nichts von meinen Empfindungen; ich war außer mir. -- Schweigend
+ruderten wir fort, bis es immer düsterer ward. Bald hörten wir ein
+anderes Fahrzeug auf uns zukommen, und nicht lange darauf lag eine
+stark bemannte Chialeng neben uns. -- Zwei Srapoys sprangen herüber --
+»Im Namen des Gouverneurs! -- Ihr seyd arretirt. -- Vorwärts! Frisch
+an den Strand!« -- Ich vermochte kein Wort zu sagen, meine Gedanken
+verwirrten sich. -- O Sophie! -- O Tranquebar!
+
+
+
+
+ Achtes Capitel.
+
+
+So langten wir, ohngefähr um zehn Uhr Abends, bei dem am Strande
+stehenden Hause des Equipagen-Meisters an. Alles war hier mit Menschen
+angefüllt, alles wollte den Arrestanten sehen. -- »Da ist er! Da ist
+er!« -- rief man von allen Seiten, und der ganze Haufe drängte sich um
+mich. -- »Wer seyd ihr?« (=who are you?=) fragten mich hundert
+Stimmen zugleich. -- »Es ist ein Spion! Es ist ein Franzos!« (=It
+is a spy! It is a French dog!=) schrie man hier. -- »Nein! Es ist
+ein Holländer! Ich kenne ihn!« (=It is a Dutchman, I know him=)
+antwortete man dort. -- Endlich fiel eine mir wohl bekannte Stimme
+ein. -- »Es ist ein ehrlicher Mann, ich bürge dafür!« (=It is an
+honest man; I'll answer for it!=) Es war der gute ~Franck~,
+er erkannte mich erst in diesem Augenblick. Doch eben trat der
+Equipagen-Meister, Mr. ~Hall~, heraus.
+
+»Wer seyd ihr?« -- fuhr er mich mit barscher Stimme an.
+
+»Ein Holländer von Sadraspatnam.«
+
+»Wo ist euer Erlaubnißschein?«
+
+»Ich habe keinen, weil ich es nicht für nöthig hielt.«
+
+»Wie? Keinen Erlaubnißschein? -- Also wißt Ihr auch nicht, daß ich der
+Equipagen-Meister bin, und daß, ohne mein Wissen, Niemand die Rhede
+verlassen darf?«
+
+»Sir! Haben Sie die Güte zu bedenken, daß ein Fremder« --
+
+»Was Fremder? Fremder? -- Ausflüchte! Nichts als Ausflüchte. -- Ihr
+müßt die Gesetze von dem Lande kennen, worin ihr lebt. -- Man schleicht
+nicht, wie ein Dieb davon, wenn man nichts Böses im Schilde führt. --
+Ich wette, ihr seyd am Ende ein französischer Spion! -- Aber nehmt euch
+in Acht -- He Srapoys! führt ihn« --
+
+In diesem Augenblicke trat der gute ~Franck~ hinzu, und sagte
+ihm etwas in's Ohr. -- »Das ist was anderes« -- fuhr er jetzt etwas
+milder fort. -- »Aber, was soll ich machen? -- Melden muß ich es doch
+dem Gouverneur! -- Nun gehen Sie unterdessen nur auf die Hauptwache.
+-- Nachher wollen wir weiter sehen! Hoffentlich wird es so arg nicht
+werden! -- Gehen Sie nur!«
+
+So gieng ich denn, und brachte ohngefähr eine Stunde auf der Hauptwache
+zu. Endlich, nach elf Uhr, trat ein wohlgekleideter Mann herein, und
+fragte nach dem »~Gentleman~«, der arretirt worden sey. Ich nahm
+dies Wort für eine gute Vorbedeutung an. Wirklich begleitete er mich
+auch zum Gouverneur, wo ich in einen großen Saal geführt ward.
+
+Es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe sich jemand sehen ließ. Endlich
+trat der Plazmajor, Mr. Sydenham herein; er kannte mich unter andern
+von Herrn Souza her. -- »Wie?« -- fragte er verwundernd -- »Sind Sie
+es, Haafner? -- Welche Tollheit ficht sie an, bei Nacht mit einer
+Chialeng in See zu gehen? -- Wo wollen Sie hin? Was haben Sie vor?«
+
+»Ach, Sir!« -- antwortete ich seufzend -- »Mangel und Liebe treiben
+mich fort!« -- Zugleich machte ich ihn mit meiner Lage bekannt. --
+»Sprechen Sie für mich!« -- fuhr ich fort -- »Ich weiß, daß ein Wort
+von Ihnen hinreichend ist!« -- Meine Erzählung schien ihn gerührt zu
+haben; er versprach, sein Möglichstes zu thun, und verließ mich.
+
+Doch bald darauf kam er lächelnd zurück. -- »Beruhigen Sie sich. Die
+Sache wird besser gehen, als Sie denken.« -- »Hier!« indem er mich in
+ein Nebenzimmer wies, wo ein kleiner Tisch gedeckt war -- »Hier trinken
+Sie unterdessen ein Glas Wein. In einer halben Stunde bin ich wieder
+da.« -- Ich dankte ihm auf's herzlichste für seine Güte, denn ich war
+wirklich bis zum Aeußersten erschöpft.
+
+Eben hatte ich das kleine Mahl geendigt, als die Thüre aufgieng, und
+der Gouverneur, Lord Macartney, in Begleitung des Plazmajors und eines
+Secretärs, in das Zimmer trat. Er schien keinesweges zornig, fixirte
+mich indessen mit großer Aufmerksamkeit.
+
+»Wissen Sie nicht?« hub er endlich an, -- »daß wer sich in Kriegszeiten
+heimlich aus einer Stadt zu schleichen sucht, wie ein Spion angesehen
+werden muß?«
+
+»Ich weiß es, Mylord, aber ich bitte Ew. Exc. zu bemerken, daß ich
+nichts weniger als heimlich, sondern bei hellem lichten Tage, und in
+Beiseyn vieler Zeugen abgefahren bin.«
+
+»Aber doch immer ohne Erlaubnißschein. -- Warum machten Sie dem
+Equipagen-Meister keine Anzeige davon? -- Es ist ein Glück für Sie, daß
+Mr. Sydenham Sie kennt. Um seines Zeugnisses willen, mag die Sache auf
+sich beruhen!«
+
+Ich machte eine tiefe Verbeugung.
+
+»Nun gut! Sie können abreisen; allein es ist eine Bedingung dabei.
+Sie müssen einige Briefe für den Obersten Hamilton bei Tranquebar
+mitnehmen, die ihm eigenhändig zu übergeben sind.«
+
+Ich verbeugte mich abermals.
+
+»Es sind Briefe von der äußersten Wichtigkeit. Sie können leicht
+denken, daß mir an der richtigen Bestellung derselben sehr viel gelegen
+ist. Bei der Uebergabe werden Ihnen sofort tausend Pagoden ausgezahlt.
+Ueberdem werde ich, im Falle ihrer Zurückkunft, auf Ihre Versorgung
+bedacht seyn.« --
+
+Ich dankte ihm für sein Zutrauen, und versprach mein Möglichstes zu
+thun. Hierauf händigte er mir die Briefe, in lauter kleinen Röllchen,
+nebst der Ordre für die tausend Pagoden, ein; wünschte mir glückliche
+Reise, und entfernte sich. Mr. Sydenham befahl darauf einigen Srapoys,
+mich an den Strand zu begleiten, und ein Couti (Träger) folgte mir
+mit einem Korbe voll Lebensmittel nach. So trat ich wieder in meine
+Chialeng, und kam endlich um zwei Uhr nach Mitternacht glücklich in See.
+
+
+
+
+ Neuntes Capitel.
+
+
+Wunderbare Veränderung! -- Und das alles verdankte ich den Briefen
+von Lord Macartney. Aber warum legte er so viel Wichtigkeit darauf?
+Weil die Verbindung mit dem englischen Lager schon seit mehreren
+Wochen unterbrochen war. Alle Couriers (Harkarrahs) wurden von den
+mahrattischen Streifparthien ermordet, oder mit verstümmelten Nasen
+und Ohren zurückgeschickt. Niemand wollte sich mehr zu dieser Reise
+verstehen. Aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes dienen, oder
+sollte ich nicht vielmehr -- Doch das Wetter war vortrefflich, der
+Mond stand groß und freundlich am Himmel, und das ruhige Meer glänzte
+in Silberschein. Wir spannten unser kleines Segel auf, und steuerten
+fröhlich nach Süden zu.
+
+Als die Sonne aufgieng, befanden wir uns auf der Höhe von Covilom,
+und schon um zwei Uhr Nachmittags hatten wir mein liebes Sadras
+im Gesichte. Plözlich tagte im Südost eine Fregatte auf, die mir
+verdächtig schien. Ich ließ daher zwischen die Brandung rudern, und
+lief in eine kleine Sandbucht ein. Jezt, so nahe bei Sadras, mußte ich
+diesen freundlichen Ort doch noch einmal sehen. Ich ließ demnach die
+Chialeng an den Strand ziehen, und eilte den wohlbekannten Fußsteig
+hinan.
+
+Allein was fand ich? Alles öde, alles mit Schutt und Trümmern bedeckt.
+Die Einwohner waren durchs Schwerdt, oder den Hunger umgekommen; die
+Engländer, die mahrattischen Streifparthien, die Räuberbanden hatten
+allmählich Alles zerstört. Traurig wandelte ich durch die einsamen
+Straßen hin, bis ich endlich an mein eigenes Häuschen kam. Noch
+breitete der hohe, schattige Tamarindenbaum seine kühlenden Aeste
+darüber aus; aber es hatte das Schicksal der übrigen gehabt. Voll
+wehmüthiger Erinnerungen eilte ich an den Strand zurück, und beschloß,
+wo möglich, noch bis Alamparve zu gehen. Es war ohngefähr vier Uhr
+Nachmittags.
+
+Eine Stunde darauf befanden wir uns auf der Höhe von Arialchery. Aber
+inzwischen war der Wind weniger günstig geworden, und der Himmel hatte
+sich mit schwarzen Wolken bedeckt. Die See gieng hohl; die Möwen flogen
+nach dem Lande; Alles kündigte ein Ungewitter an. Dennoch hoffte ich
+Alamparve noch erreichen zu können, und ließ daher die Leute rudern,
+was nur möglich war. Bald aber versank die Küste in Nacht, und der
+glänzende Schaum der Brandung war das Einzige, was ihre Nähe verrieth.
+
+Noch eine gute Stunde hatten wir ungefähr in dieser Richtung
+fortgesteuert; als der Wind allmählig aus Norden aufzufrischen
+anfieng. Bald war er uns völlig entgegen, und Alamparve zu erreichen
+pure Unmöglichkeit. Zugleich brach das Ungewitter los, und der Regen
+schoß in Strömen herab. »Ans Land! Ans Land!« -- schrien wir alle, und
+ruderten muthig in die schäumende Brandung hinein. Die Chialeng stieg
+und sank, bis sie endlich von der lezten Welle, wie ein Pfeil ans Ufer
+geschnellt ward.
+
+Die Gegend, wo wir uns befanden, war mit Gebüsch und wilden Palmbäumen
+bedeckt, und schien gänzlich unbewohnt. Wir zogen die Chialeng so hoch
+als möglich ans Land, nahmen einige Lebensmittel daraus, und verbargen
+uns im Gehölz. Der Sturm wüthete mit Heftigkeit fort. Die Palmen
+rauschten; der Regen schoß zwischen den Zweigen herab; und furchtbar
+tönte die Brandung vom Ufer her. Keiner von uns vermochte ein Auge
+zuzuthun.
+
+Gegen Morgen schien das Wetter etwas besser zu werden; doch gieng die
+See entsezlich hoch. Wir beschlossen daher, ruhig am Lande zu bleiben,
+worauf sich jeder dem Schlafe überließ. Einige Stunden darauf erwachte
+ich plözlich von einem Sonnenstrahl, stand auf, und legte mich an einen
+Baum. -- Auf einmal -- Menschenstimmen ganz nahe bei mir. -- Ich warf
+mich auf den Boden; der Ton kam vom Strande her -- Mit zurückgehaltenem
+Athem kroch ich an den Rand des Gehölzes, da zogen sie hin. -- Zwanzig
+Mann von einer mahrattischen Streifparthie.
+
+So ritten sie vorüber, und eilends weckte ich meine schlafenden Leute
+auf. -- Was sollte ich thun? -- In See gehen? -- Der Sturm hielt noch
+immer an. -- Am Lande bleiben? -- Die Gefahr nahm mit jedem Augenblick
+zu. -- Unterdessen hatte sich der Himmel aufgeklärt. -- Ich beschloß,
+mein Schicksal dem Meere anzuvertrauen. -- »In See!« -- rief ich meinen
+Leuten zu; sie schüttelten den Kopf. -- »So wißt denn« -- fuhr ich
+fort, und theilte ihnen den Vorfall mit. -- Mehr bedurfte es nicht;
+augenblicklich war die Chialeng flott gemacht. Muthig ruderten wir
+durch die Brandung, und kamen bei dem dritten Versuche glücklich in See.
+
+
+
+
+ Zehntes Capitel.
+
+
+Das Wetter blieb gut, das Meer wurde von Stunde zu Stunde ruhiger,
+langsam steuerten wir längs der Küste hin. So hatten wir ungefähr
+eine Meile zurückgelegt. Plözlich wurden wir am Strande einen Menschen
+gewahr. Er rang die Hände, warf sich auf die Knie, kurz, er schien
+unsere Hülfe anzuflehen. -- »Wir müssen ihn aufnehmen!« -- rief ich
+meinen Leuten zu, und sie waren sämmtlich dazu bereit. Auf einmal
+hören wir Pferde wiehern! -- »Verrath!« -- rief ich heftig -- »Zurück!
+Zurück! Um Gotteswillen zurück!« -- Schwer schwebten wir auf der Spitze
+der zweiten Welle -- Einige Minuten später, und die Chialeng würde an
+den Strand geflogen seyn. Mit gräßlichem Geschrei kam jezt ein Haufen
+Räuber aus dem Gebüsche. Einer davon schwang sich auf ein Pferd und
+jagte fort. Doch wir waren schon wieder in offener See.
+
+Gegen Mittag konnten wir bereits das rothe Dach der Chauderie[1] von
+Alamparve sehen. Gern wäre ich einen Augenblick gelandet, um Wasser
+einzunehmen, allein der Truppen wegen, beschloß ich, es lieber an einer
+einsamern Stelle zu thun. Wir ruderten also herzhaft fort, bis wir
+ungefähr auf der Höhe des Dorfes waren, das mit seinen Baumgruppen gar
+lieblich vor uns lag. Plözlich sahen wir zwei, dann zehn, dann immer
+mehr Reiter auf den Strand zueilen, bis er endlich fast ganz damit
+bedeckt war. Sie riefen uns zu, ans Land zu kommen -- »Morgen! Morgen!«
+(Nalekie! Nalekie!) gaben wir lachend zur Antwort, und hatten nur
+unsern Scherz damit.
+
+Doch mit wüthenden Geberden wiederholten sie ihre Aufforderung,
+und legten zu gleicher Zeit ihre Büchsen auf uns an. Jezt fand ich
+räthlich vom Lande abzuhalten, und gab sofort das Zeichen dazu. Aber
+in demselben Augenblicke schossen sie, und einer meiner Leute that
+einen gräßlichen Schrei. -- »O Vater! Vater!« (Are appa! Are appa!) --
+»Wo? Wo?« -- rief ich erschrocken, in der Meinung, daß er verwundet
+sey. Doch es war noch viel schrecklicher -- Er zeigte auf zwei
+Kattamarans[2] -- Sie waren mit Srapoys bemannt, suchten uns den Weg
+abzuschneiden, und ruderten eilig auf uns zu. Wahrscheinlich hatten sie
+an einer andern Stelle vom Ufer gestoßen, während uns der Räuberhaufen
+beschäftigt hielt.
+
+Was war zu thun? -- Wir arbeiteten was wir konnten, allein nach wenig
+Minuten hatten sie uns eingeholt. -- »Zurück! Ihr Spitzbuben!« (Rirau
+Bantjot!) -- riefen sie uns zu, und legten auf uns an. -- Wir waren
+verloren; ich sah es vollkommen ein. Einen so schrecklichen Augenblick
+hatte ich noch nie gehabt. Doch plözlich faßte ich wieder Muth. --
+»Seyd unbesorgt!« -- sagte ich zu meinen Leuten -- »Ich habe meinen
+Plan gemacht; es wird euch nichts zu Leid geschehen. Wir haben uns bei
+Nacht von Madras geflüchtet! Vergeßt es nicht, bei Nacht von Madras!«
+-- In diesem Augenblick waren die Kattamarans neben uns, und fluchend
+sprangen die Srapoys in unsere Chialeng.
+
+»Ich bin ein Holländer!« -- rief ich ihnen zu, ohne daß es jedoch etwas
+zu helfen schien. Einer war besonders so kühn, daß er seinen Säbel
+über meinen Kopf schwang -- »Nehmt euch in Acht« -- fuhr ich fort, --
+»und bedenkt, was ihr thun wollt. Ich bin ein Abgesandter; ich habe
+eine äußerst wichtige Botschaft an den französischen Admiral, und an
+den Nabob Hyder Bahadur. Die geringste Beleidigung, die ihr mir, oder
+meinen Leuten zufügt, kostet euch euren Kopf, dafür stehe ich euch!«
+-- Dies wirkte, und sie steckten sofort ihre Säbel ein. Zugleich
+erfuhr ich, daß ich auf Befehl des Jammedaars (Districtscommandanten)
+eingeholt worden war.
+
+Als ich ans Land trat, ward ich von der ganzen Masse umringt, und mit
+den niedrigsten Schimpfwörtern überhäuft -- »Wie?« -- rief ich -- »Ihr
+wagts, den Vakirl (Gesandten) an den Nabob zu schmähen? -- Wartet! Es
+soll euch gereuen!« -- »Hier!« -- fuhr ich mit gebieterischem Tone zu
+einem der Offiziere fort -- »Hier liegt meine Chialeng! Ich übergebe
+sie eurer Obhut! Stellt augenblicklich eine Wache dabei! Es sind
+Briefschaften und Papiere für den Nabob darin! -- Daß sie kein Mensch
+anrührt; hört ihrs! Ich fordere Alles von euch zurück!« --
+
+»Und ihr!« -- indem ich mich zu meinen Leuten wandte, -- »Ihr bleibt
+hier, bis ich wieder komme, und wehe dem, der euch etwas zu Leide thut!«
+
+»Jezt!« -- zu den Srapoys -- »Jezt, laßt uns gehen! -- Meine Zeit ist
+kostbar!«
+
+
+
+
+ Eilftes Capitel.
+
+
+Wir kamen an, der Jammedaar saß vor der Thüre der Chauderie. Mein
+Plan war gemacht; nichts konnte mich retten, als die kühnste
+Entschlossenheit. Stolz und ruhig gieng ich auf ihn zu, grüßte ihn, und
+sezte mich ohne weiteres neben ihn. Er griff nach seinem Dolche, allein
+ich kam ihm mit meiner Anrede zuvor. -- »Jammedaar!« -- sagte ich --
+»Du kennst mich und meinen wichtigen Auftrag nicht; das entschuldigt
+dich! Aber ich wünsche um deinetwillen, daß der Nabob nichts davon
+erfährt. Bei dem allmächtigen Gott! Er würde dich für diese schnöde
+Behandlung zu bestrafen wissen, ich stehe dir dafür!« --
+
+Was ich voraus gesehen hatte, geschah. Der Jammedaar war überrascht,
+und sah schweigend und unentschlossen vor sich hin. -- »Ich bin
+ein Holländer!« -- fuhr ich im vorigen Tone fort -- »Und muß nach
+Pondichery, -- der französische Admiral.« --
+
+»Jammedaar!« -- rief hier plözlich ein Srapoy, und trat aus dem uns
+umgebenden Haufen hervor. -- »Jammedaar! Laß dich nicht von diesem
+Prahler hintergehen! Ich habe seine Leute befragt. Sie kommen von
+Madras und gehen nach Tranquebar. Es ist gewiß ein englischer Hund, der
+nach dem Lager von Cudelore will!« -- Bei diesem Worten gerieth der
+ganze Haufen in Wuth -- »Ja! Ja! Es ist ein englischer Hund!« wurde von
+allen Seiten wiederholt.
+
+»Nein!« -- rief ich entrüstet -- »Kein Engländer! -- Ein Holländer von
+Sadringapatnam bin ich. -- Warum die giftigen Worte? -- Ihr sagt, daß
+ich von Madras komme? Wer läugnet es? -- Aber warum verschweigt ihr,
+daß wir bei Nacht von dort geflüchtet sind?« --
+
+»Jammedaar!« -- fuhr ich ungeduldig fort, indem ich mich wieder zu ihm
+wandte -- »Halt mich nicht länger auf! Ich muß durchaus noch heute in
+Pondichery seyn. Die Nachrichten, die ich dem französischen Admiral
+zu überbringen habe, sind von der äußersten Wichtigkeit. Jede Stunde,
+die du mich aufhältst, kann dem Nabob gefährlicher werden, als eine
+verlorne Schlacht!« --
+
+Er schien verlegen, stand auf und sprach mit einem seiner Offiziere
+einige Minuten zur Seite. Endlich kam er zurück. -- »Du sollst und
+kannst abreisen, so bald du bewiesen hast, daß du ein Holländer, und
+kein Engländer bist.«
+
+»Wie, Jammedaar! spottest du meiner? Wie soll ich das beweisen? Sind
+wir nicht von einer Farbe? Ist in unsern Zügen, unserer Kleidung,
+unseren Manieren irgend ein Unterschied? Ja, wenn du die Sprachen
+verständest, aber so? -- Weißt du was, Jammedaar! Laß mich nach
+Pondichery bringen, wenn du mir nicht glauben willst! Hörst du, nach
+Pondichery!« --
+
+Er konnte nichts darauf erwidern, aber mich reisen zu lassen, dazu
+hatte er eben so wenig Lust. -- »Es ist am besten« -- sagte er endlich
+-- »ich lasse dich zu Nabob bringen, der bei Arcot steht. So bin ich
+von aller Verantwortung frei!« --
+
+»Ei nicht doch!« -- erwiederte ich, denn diese Reise war ganz und gar
+nicht in meinem Sinne. -- »Ich sage dir ja, daß ich noch heute in
+Pondichery seyn muß!« -- Allein vergebens. Nur mit der äußersten Mühe
+brachte ich ihn am Ende noch auf eine andere Idee.
+
+»Azoaf!« -- rief er einem seiner Srapoys zu -- »Schwing dich auf
+dein Roß, flieg nach Marampette, und sage Rosan Alichan, daß ein
+Weißer in meine Hände gefallen ist, der sich für einen Holländer aus
+Sadringapatnam ausgiebt.« --
+
+»Und sag ihm zu gleicher Zeit« -- fiel ich ein -- »daß es derselbe
+Holländer ist, der ihn einmal aus den Händen der Engländer gerettet
+hat.« --
+
+Bei diesen Worten schrie der Jammedaar auf, während mir der Srapoy zu
+Füßen fiel. -- »Maharadja« (Herr) -- rief er -- »Verzeih! Ich erkannte
+dich nicht. Ja! ich war damals bei Rosan Alichan, als du unser aller
+Retter warst. Jezt flieg ich zu ihm, um ihm zu melden, daß du hier
+bist!« -- So sprach er, schwang sich auf sein Pferd, und eilte im
+Galopp davon.
+
+Jezt wendete sich auch der Jammedaar zu mir -- »Freund!« -- sagte er
+mit Innigkeit, und legte die linke Hand aufs Herz -- »Freund! Mache
+mich zu deinem Sclaven für diese Beleidigung. Ich weiß, welchen
+Dienst du Rosan Alichan erzeigt hast; er hat mir oft davon erzählt!«
+-- Zu gleicher Zeit bot er mir seine Huka (Pfeife) an, und befahl,
+meine Leute augenblicklich frei zu lassen, auch sie reichlich mit
+Lebensmitteln zu versehen.
+
+Nach ungefähr einer Stunde traf Rosan Alichan ein, und begrüßte mich
+mit vieler Herzlichkeit. -- »Warlich!« -- rufte er voll Freude aus --
+»Der Fang ist mir lieber als die halbe englische Armee!«-- Hierauf
+sezten wir uns zum Pillau (Reis mit Fleisch u. s. w.) hin, wobei es
+nicht an Arrac gebrach. Endlich um vier Uhr ward ich in stattlicher
+Begleitung ans Ufer getragen, und eine halbe Stunde später befanden
+wir uns wieder in See.
+
+
+
+
+ Zwölftes Capitel.
+
+
+Der Abend war still und freundlich; singend ruderten meine Leute längs
+der Küste hin, während ich in tiefe Betrachtungen versank. Man erinnert
+sich der Briefe von Lord Macartney. Ich hatte geschehen lassen, was
+nicht zu ändern war; aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes
+dienen? -- Nimmermehr! -- Mich band weder Eid noch Pflicht. -- Ich
+beschloß demnach, in Pondichery einzulaufen, die Briefe dort abzugeben,
+und dann so fort nach Tranquebar zu gehen. Mit Schrecken bemerkte ich
+indessen, daß das Wasser immer stärker in die Chialeng drang. Ich war
+daher gezwungen die Nacht am Strande zuzubringen, bis der langersehnte
+Morgen anbrach. Jezt ward der Leck entdeckt und sorgfältig verstopft.
+Mit erneuerten Kräften ruderten wir nun weiter, und langten endlich um
+zehn Uhr auf der Rhede von Pondichery an.
+
+Als wir ans Land gestiegen waren, versammelte sich Alles um uns her.
+-- »Wie, von Madras? Mit dieser Chialeng?« -- Es schien allerdings
+ein halbes Wunderwerk, denn alle Cocosstricke an den Planken waren
+fast gänzlich verfault. Bei einer schweren Ladung hätten wir dies alte
+Fahrzeug sicher nicht so weit gebracht. Ich gab es jezt meinen armen
+Leuten Preis, bezahlte ihnen den bedungenen Lohn, und wanderte langsam
+in die Stadt hinein. Sofort kam ein Pron (Diener) auf mich zu, und wieß
+mich zu dem Equipagenmeister, einen Mr. de Salmiac.
+
+Als ich in das Zimmer trat, sah ich ein kleines, rundes, dickbäuchigtes
+Männchen, bloß in Hemde und Pantalons vor mir. Ich war ein wenig
+erstaunt, und glaubte unrecht gegangen zu seyn. -- »Nein! Nein!« --
+fiel er mir lebhaft ins Wort -- »Ich bin es selbst -- Sie sind freilich
+nicht der erste, der sich über mein Neglige verwundert; aber so laufe
+ich, der Hitze wegen, immer im Hause herum. Es ist doch ein Herzleid,
+wenn man so dick ist -- =Mais l'habit ne fait pas le moine= -- Was
+haben Sie anzubringen? -- Setzen Sie sich.«
+
+»Ich habe englische Briefe für den Admiral de Suffroin!«
+
+»Wie, englische Briefe für den Admiral?« -- rief er mit Verwunderung
+und Freude aus -- »Vielleicht Nachricht vom Frieden? -- Sagen Sie,
+wissen Sie etwas davon? Haben Sie etwas davon gehört?« -- So ging
+es, in einem Athem, wohl eine Viertelstunde lang fort. Er war ganz
+begeistert von seiner Friedensidee. Endlich erzählte ich ihm den
+Zusammenhang.
+
+»Bravo! Bravo! « -- rief er in die Hände klatschend -- »Tausend
+Pagoden! Warlich, das ist keine Kleinigkeit. Aber Sie haben
+wahrscheinlich Vermögen?« -- »Im Gegentheil, ich bin nichts weniger
+als reich« -- »=c'est fort!=« -- sagte er halblaut für sich,
+und dann mit Lebhaftigkeit zu mir: »=Ma foi, vous êtes un honnête
+homme!=«
+
+»Aber!« -- fiel er plözlich in einem anderen Tone ein -- »An wen denken
+Sie Ihre Briefe abzugeben? -- Der Admiral ist abgesegelt, wie Sie
+sehen; der Intendant ist auf einige Tage verreist. Sie wollen gern nach
+Tranquebar, wie Sie sagen, und da geht eben ein Thony (Küstenfahrer)
+hin. Ich erwarte den Capitain jeden Augenblick. Wissen Sie was? lassen
+Sie die Briefe bei mir; so ist es gut!« --
+
+»Sehr gern!« -- erwiederte ich, und war im Grunde herzlich froh, sie
+endlich los zu seyn. Es waren fünf und dreißig zusammen, worüber ich
+einen Empfangschein erhielt. Zu gleicher Zeit schrieb Mr. de Salmiac
+meinen Namen, nebst der Adresse eines meiner Freunde zu Tranquebar auf.
+
+Jezt kam der Capitain der Thony, ich ward mit ihm um drey Pagoden
+eins. Es war mein leztes Geld; Mr. de Salmiac hörte es, blieb aber ganz
+gleichgültig dabei. -- »Essen Sie zu Mittag!« -- sagte der Capitain:
+»Sie haben gerade noch zwei Stunden Zeit!« -- Sofort überhäufte mich
+Mr. de Salmiac mit tausend Entschuldigungen, daß er heute selbst zu
+Gaste gebeten sey. -- »Wenn Sie indessen durchaus Niemand anders
+kennen« -- fuhr er fort -- »So werde ich Sie mitnehmen -- Ja! Ja! --
+Ich werde Sie mitnehmen, wenn nämlich der Capitain warten will!« --
+
+Sein zweideutiges Wesen misfiel mir; ich nahm daher augenblicklich
+Abschied von ihm. -- »=Mais!= -- =Mais!=« -- fiel er ein --
+»=J'en suis fâché! J'en suis an desespoir!=« -- führte mich unter
+einer Menge Complimente zur Thüre hinaus, und ließ mich auf der Straße
+stehen. Ich darf es sagen, eine Belohnung verlangte ich nicht; aber
+ein gutes Mittagsessen hätte mir allerdings Vergnügen gemacht. Ich
+verkaufte nun einige kleine Pretiosen, aß in einer Taverne, und begab
+mich hierauf an Bord. Der Wind war günstig; schon um acht Uhr Abends
+ankerten wir auf der Rhede von Tranquebar. Vor Freude und Ungeduld war
+ich außer mir.
+
+Alle Chialengs waren indessen bereits in Sicherheit gebracht; ich sah
+keine Möglichkeit ans Land zu gehen. Endlich vernahm ich Rudergesang.
+Es waren Fischer; sie kamen aus der See zurück. -- »He!« -- rief ich
+ihnen zu -- »Wollt ihr einen Weißen mit ans Land nehmen?« -- Sie
+achteten wenig, oder gar nicht darauf. -- »Eine Rupie, wenn ihr wollt«
+-- fuhr ich fort, und in wenig Minuten war ich auf dem Kattamaran
+(Floß). Wohl wußte ich, was ich wagte, und wie gefährlich das Landen
+war; allein ich dachte an Sophien, und verließ mich auf mein bisheriges
+Glück.
+
+Jezt waren wir bei der glänzenden Brandung, die sich mit dumpfem
+Donner am Ufer brach. -- »Noch eine Rupie!« -- rief ich den Fischern
+zu, wenn ihr mich glücklich hinüber bringt. Zu gleicher Zeit warf ich
+mich nieder, und klammerte mich an die Balken an. Glücklich kamen wir
+über die zwei ersten Wellen hinweg, nicht so über die dritte, so groß
+auch die Anstrengung der Ruderer war. Sie holte uns ein, hieng, wie
+ein schreckliches Gewölbe, einen Augenblick über uns, und stürzte dann
+donnernd auf uns herab. Ich verlor das Bewußtseyn. -- Als ich wieder zu
+mir kam, lagen wir hoch und trocken auf dem Strande von Tranquebar.
+
+
+
+
+ Dreizehntes Capitel.
+
+
+Ohne Aufenthalt eilte ich nun vollends in die Stadt hinein, und
+beschloß bei dem ersten besten nach Sophien Erkundigungen einzuziehen.
+Eben kam ich bei dem Zollhause vorbei; es war noch Licht darin. --
+»Guten Abend!« -- sagte ich zu den Kannekas (Schreibern) -- »Könnt ihr
+mir nicht sagen, ob die Thony von Maleappa -- so hieß der Schiffer --
+angekommen ist?« --
+
+»O ja, schon vor geraumer Zeit! -- Dort liegt sie auf dem Strande --
+Wenn's Tag wäre, könntet ihr sie gleich vor euch sehen. -- Sie wird
+reparirt; sie hat einen schweren Sturm auszuhalten gehabt.« --
+
+»Wo wohnt Maleappa? Ich muß ihn sprechen.« --
+
+»Wo er wohnt? -- Nun vermuthlich bei den Fischern, denn beim Sturme
+fiel er über Bord.« --
+
+»Und die Frau mit dem jungen Mädchen? -- Sie befanden sich als
+Passagiere auf der Tony. -- Sind sie noch in Tranquebar?« --
+
+Die Schreiber sahen einander an; keiner hatte ein Wort von diesen
+Personen gehört; ich ward leichenblaß. In diesem Augenblicke trat ein
+Kuli (Träger) auf mich zu. Er hatte bisher an der Thüre gesessen und
+unserem Gespräche zugehört. -- »Aya!« -- sagte er -- »Gieb mir ein
+Paar Panams und ich führe dich hin. Ich habe ihre Sachen getragen, und
+weiß, wo sie eingekehrt sind.« -- »Du sollst eine Rupie haben!« rief
+ich, und eilte mit ihm fort.
+
+»Hier!« -- sagte er endlich, indem er auf ein malabarisches Häuschen
+zeigte -- »Hier Aya, hier wohnen sie! Soll ich anklopfen?« -- »Nein!
+Nein!« --sagte ich hastig, und hielt ihn zurück. -- »Hier hast du dein
+Geld, und gute Nacht!« --
+
+In dem Augenblick gieng die Thür auf, und Sophie trat mit einer Lampe
+heraus. -- »O mein Gott!« -- rief sie und flog an meinen Hals. Seliger
+und unbeschreiblicher Augenblick. So fand uns die Mutter in stummer
+Umarmung. -- »Ach! wie haben wir uns geängstiget« -- sagte sie. -- »Nun
+Gott sey hoch gedankt!« --
+
+Am andern Morgen dachte ich nun im ganzen Ernste an meine Einrichtung.
+Alle meine Sachen waren unversehrt; allein Tranquebar bot wenig,
+oder gar keine Hülfsquellen dar. Der dänische Handel ist unbedeutend;
+das Comtoir beschäftigt nur wenig Leute! überall herrscht die größte
+Sparsamkeit. Ich mußte mir einen bedeutenden Plaz wählen, wo ich
+überdem von dem Kriege sicher war. Es schien mir daher am besten, nach
+Jaffanapatnam auf Ceylon zu gehen. Die Mutter freute sich über meinen
+Entschluß, Sophie aber sagte kein Wort dazu. Erst jezt hörte ich von
+jener, daß der Bräutigam zu Trinconomale sey. -- In wenig Tagen hatte
+ich eine gute, geräumige Chialeng mit einem Sonnendeck gekauft, und
+tüchtige Ruderer u. s. w. besorgt. Da erschien auf einmal ein alter
+gutgekleideter Herr bei mir.
+
+»Ich bin der Graf von Bonvoux« -- hub er französisch an -- »Sie
+befrachten eine Chialeng nach Jaffanapatnam; ich suche ebenfalls eine
+Gelegenheit dahin -- Wenn Sie mich mitnehmen könnten, wär' es mir
+angenehm. -- Ich habe nur ein Paar Coffers, vier Kisten mit Wein, zwei
+Ballen Musselin, und zwei weibliche Bedienten bei mir!« -- Ich sah
+an seinem Orden, daß er Maltheser war, und lachte herzlich über seine
+Dienerschaft.
+
+»Das ist so einmal meine Art!« -- gab er jovialisch zur Antwort -- »Ich
+habe immer zwei Mädchen bei mir. Die eine besorgt die Küche, die andere
+meine Person.« -- »=D'ailleurs!=« -- indem er mich sehr bedeutend
+ansah -- »=Le nom ne fait rien à la chose. Vous le verrez!=«
+
+Ich hatte anfangs wenig Lust zu dieser Reisegesellschaft, und
+entschuldigte mich durch den Mangel an Plaz, was auch nicht ganz
+ungegründet war. Allein der alte Ritter wußte mir alles so leicht
+vorzustellen, und schien zugleich so jovialisch zu seyn; daß ich ihm
+endlich die Ueberfahrt, und obendrein umsonst zugestand.
+
+»Nun gut!« -- sagte er -- »So kaufen sie wenigstens keine
+Provisionen ein! Das will ich auf mich nehmen, und ich denke zu
+ihrer Zufriedenheit. Geben Sie keinen Sous dafür aus, ich bitte Sie!
+Verlassen Sie sich ganz auf mich!« -- So gieng er, und ich verließ
+mich wirklich auf ihn.
+
+Beim Mittagsessen erklärte mir die Mutter, daß sie nicht mit zu reisen
+willens sey. Sie habe ein treffliches Unterkommen als Haushälterin bei
+einem Hollsteiner erhalten, sie vertraue Sophien meiner Rechtlichkeit
+an. Zerschlüge sich die Heirath, so hätte ich ihre Einwilligung. Sophie
+schien über dies alles äußerst vergnügt; man kann denken, wie sehr ich
+es selbst war.
+
+So schlug es vier Uhr, und wir eilten in die Chialeng. Die gute Mutter
+begleitete uns an den Strand; wir nahmen herzlichen Abschied von ihr.
+Der Graf befand sich mit seinen beiden Mädchen bereits an Bord, und war
+äußerst höflich, wiewohl er einen kleinen Hieb zu haben schien. -- Wir
+richteten uns ein, so gut es möglich war. -- Endlich Anker auf! -- Da
+segelten wir lustig die Rhede hinaus.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Capitel.
+
+
+So verließ ich denn die Küste von Coromandel, wo ferner kein Glück
+für mich zu blühen schien. Mit vermischten Gefühlen blickte ich noch
+einmal auf das verschwindende Gestade zurück. Die Stadt, das Fort, die
+Pagoden, die Cocos-Wälder -- alles glänzte im Dufte des Abendroths;
+alles sank allmählich in Dämmerung.
+
+Bald war es Zeit zum Abendessen, und der Graf öffnete seinen
+Speisekorb. Noch jezt sah ich ihn vor mir, wie er vier kleine gebratene
+Hühner, zehn Sousbrode, und eine Flasche Madera heraus nahm. Da ich
+dies natürlich nur für eine Art Voressen hielt, expedirte ich mein
+Huhn, und meine zwei Brode mit gutem Seemannsappetit.
+
+»=Parbleu!=« -- sagte der Graf -- »Hätte ich das gewußt, ich hätte
+mich mit einem Huhn, und einem Paar Broden mehr versehen!« --
+
+»Wie, Herr Graf?« fiel ich lebhaft ein -- »Das ist Alles?« --
+
+»Wie Sie sehen, ja! -- =Vraiement! J'en suis fâché!= -- Aber
+es hat gar nichts zu sagen. Wir frühstücken zu Caix[3], ich stehe
+Ihnen dafür. Lassen Sie mich nur machen; ich bin ein alter erfahrner
+Steuermann!«
+
+Ich ließ ihn schwatzen; denn ich merkte wohl, er hatte abermals zu
+tief ins Glas gesehen. Im Nothfall gab es überdem längs der Küste noch
+kleine Häfen genug. Völlig unbesorgt streckte ich mich also, wie die
+ganze Gesellschaft, auf meine Matte hin.
+
+So mochte ich ungefähr bis fünf Uhr Morgens geschlafen haben, als ich
+von dem Tandel (Steuermann) geweckt ward. -- »Steht auf, lieber Herr!«
+-- sagte er sehr betrübt. -- »Ich kann keinen Grund mehr finden, und
+sehe auch kein Land mehr.« --
+
+»Wie?« rief ich erschrocken -- »Kein Land? Wie ist das möglich?« --
+Und mit einem Sprunge war ich auf, und sah leider, daß es gegründet
+war. -- »Aber« -- fuhr ich heftig fort -- »Warum hast du die Küste
+verlassen?« -- »Um Gotteswillen!« -- antwortete er zitternd -- »Nicht
+ich, der Franzose« -- »Wie, der Franzose?« -- »Ja Herr! Er hat es
+gethan! -- Er zwang mich dazu, er sezte mir die Pistole auf die Brust!«
+--
+
+Es war in der That ein entsezlicher Streich. Die See gieng hoch; die
+Strömung lief nach Nordost; das Rudern war äußerst beschwerlich; unsere
+Richtung gerade entgegengesezt. Hierzu die Hitze, die Windstille, der
+Mangel an Proviant -- Ich gestehe es; ich war außer mir vor Zorn. Ich
+hätte den gräßlichen Patron über Bord werfen können; so erbittert war
+ich auf ihn. -- »Da!« sagte ich, und weckte ihn ziemlich unsanft auf
+-- »Da! Sehen Sie ihre verdammte Steuermannnskunst! -- Wir treiben in
+offener See.«
+
+»=Vous êtes une bête!=« -- war seine Antwort -- »Was verstehen
+denn Sie davon? Nun ja! Ich habe diese Nacht gesteuert, und danken
+sollten Sie mir noch dafür. -- =Parbleu!= -- So an der Küste
+hinzuschleichen, wenn man Curs halten kann. In ein Paar Stunden müssen
+wir zu Caix seyn. Wenn man die Küste nicht sieht, so ist der Nebel
+daran Schuld.«
+
+Jezt wurde es mir zu arg, und ich bewieß ihm mit der Charte, daß er ein
+Windbeutel sey. -- »Treiben wir die Nordspitze von Ceylon vorbei« --
+fuhr ich fort -- »so ist es um uns geschehen. Also ans Ruder, bis der
+Wind auffrischt! Geben Sie den Leuten Geld, sonst stehe ich Ihnen für
+nichts!« --
+
+Er schien mir Recht zu geben, und warf eine Hand voll Rupien hin. Diese
+theilte ich sofort unter die Ruderer aus, und machte sie wirklich ganz
+munter dadurch. Zu gleicher Zeit theilte ich Reis und Wasser unter sie
+aus. Wir andern behalfen uns mit etwas Zwieback und Maderawein.
+
+So kam der Abend heran; der Wind schien aufzufrischen; die armen
+Ruderer konnten wenigstens etwas ruhen. Ich selbst löste den Tandel am
+Steuer ab, und war endlich der einzige, der auf der Chialeng wachend
+blieb. Zu meiner großen Freude ward der Wind immer stärker, und so
+steuerte ich muthig nach Südwest fort.
+
+
+
+
+ Fünfzehntes Capitel.
+
+
+Die Sonne gieng auf. Rings umher nichts als Himmel und Wasser, und bald
+gänzliche Stille, wie vorher. Mit kummervollem Herzen rief ich die
+armen Malabaren an ihr beschwerliches Tagewerk. -- »Noch kein Land?«
+-- fragten sie traurig, als sie die weite, öde Wasserfläche vor sich
+sahen. -- »Noch kein Land, lieber Herr?« -- »Diesen Abend gewiß« --
+antwortete ich mit erkünstelter Heiterkeit, und in dem Augenblicke
+trieb ein Bananasstamm vorbei. -- »Seht ihr?« -- fuhr ich fort, und
+faßte selbst einige Hoffnung -- »Seht ihr? Es kann nicht weit mehr
+seyn!« --
+
+In diesem Augenblicke stürzte der Graf herbei -- »Hier«! -- schrie er
+einem seiner Mädchen aus der Caste der Parias zu -- »Hier! Sag den
+armen Leuten, daß der Mensch da ein Betrüger ist, daß er sie nun und
+nimmermehr in einen Hafen bringen wird. Von nun an will ich selber
+steuern, und wette tausend Rupien, daß wir morgen in Caix sind. Wer mir
+nicht gehorcht, dem jage ich den Degen durch den Leib!« -- Mit diesen
+Worten stieß er den Tandel auf die Seite, und wollte die Chialeng
+wieder nach Osten drehen.
+
+»Freunde!« -- rief ich mit Heftigkeit -- »Nehmen wir einen andern
+Curs, so mag uns Gott beistehen!« -- Zu gleicher Zeit packte ich den
+Grafen beim Kragen, und entfernte ihn etwas unsanft von seinem Platz.
+Er stolperte, wollte ein Tau fassen, verfehlte es, und flog über Bord.
+Augenblicklich sprang ihm aber ein Ruderer nach, und brachte ihn wieder
+herauf, so daß er mit der Abkühlung davon kam.
+
+Nachmittags ward ich in Osten einige Wolken gewahr. Dies versprach
+für die Nacht äußerst günstigen Wind. Gegen Abend indessen waren die
+Ruderer so ermüdet, daß einer nach dem andern zu Boden sank. Es ward
+finster; noch immer frischte kein Lüftchen auf. Jeder Seufzer Sophiens
+zerriß mir das Herz. Endlich schlief alles ein, und mir selbst sanken
+zulezt die Augen zu.
+
+Plözlich -- vielleicht nach einigen Stunden -- erwachte ich von einem
+heftigen Stoße der Chialeng, und fand, zu meiner unsäglichen Freude,
+daß der Wind frisch aus Norden blies. -- »Auf Freunde, auf!« -- rief
+ich jezt dem Tandel, und den Ruderern zu -- »Der Wind ist da! Der Wind
+ist da! Jezt lustig das Segel auf! Morgen laufen wir in Caix ein!« --
+Alle sprangen in Eile auf; alle waren mit neuem Muthe erfüllt. Ich
+steuerte nunmehr mit fester Hand, und rauschend flog die Chialeng durch
+die glänzenden Fluthen hin. Sophie kam zu mir, wir sprachen zusammen,
+bis der Tag anbrach.
+
+Die Sterne blühten, in Osten fieng es an heller zu werden; mit
+klopfendem Herzen blickte ich nach der ersehnten Küste, die meiner
+Rechnung nach, in Süden zu finden war. Da gieng die Sonne auf, und wie
+ein bläulich glänzender Nebelstreif stieg das Land aus dem wellenden
+Meer empor. -- »Land! Land!« -- rief ich freudig, und zeigte mit der
+Hand dahin! -- »Land! Land!« -- tönte es durch die ganze Chialeng. --
+Einige Stunden, und wir konnten schon die dunkeln Waldungen sehen.
+Endlich kamen wir näher und näher, und ich erkannte die kleine Insel
+~Caradiva~, oder ~Amsterdam~, ungefähr zwei Seemeilen von
+Ceylon.
+
+Gern hätte ich die Chialeng auf den Strand gesezt, allein der
+Felsenriffe wegen mußten wir vor Anker gehen. Eilig kletterten wir
+nun, den Grafen ausgenommen, vom Fahrzeuge herunter, wadeten über die
+Klippen, und langten wohlbehalten am Ufer an. Eine Frau zeigte uns den
+nächsten Brunnen, und besorgte uns bald ein gutes Mittagsmahl. Der Graf
+ließ seine Sachen in eine andere Chialeng bringen, und befreite mich
+so, zu meiner großen Freude, von seiner Gegenwart. Um vier Uhr ankerten
+wir bei dem Fort Ham an Hiel, und am andern Morgen kamen wir glücklich
+zu Jaffanapatnam an. Hier ward Sophie die meinige, und hier fand ich
+auf eine kurze Zeit, ein nie genossenes Glück.
+
+
+
+
+ Erste Abtheilung,
+
+
+ Jacob Haafner.
+
+ Zweites Buch.
+
+
+
+
+ Erstes Capitel.
+
+
+Zwei Jahre darauf verlor ich meine geliebte Sophie, und mit ihr meine
+ganze Freude auf der Welt. In tiefer Schwermuth brachte ich vier Monate
+auf meinem Gartenhause zu, und sah nur einen einzigen Freund. Diesem
+gelang es endlich, mich durch einen großen Reiseplan zu zerstreuen.
+Es kam auf nichts Geringeres an, als durch das Innere der Insel nach
+~Colombo~ zu gehen. Indessen beschlossen wir außer den Sclaven
+und Trägern, noch einen europäischen Reisegefährten zu suchen, um
+wenigstens unserer drei zu seyn.
+
+Dies war schwerer, als es scheinen mag; doch mit einiger Mühe fanden
+wir endlich unseren Mann. Es war ein verabschiedeter holländischer
+Sergeant, Namens Georgi aus Strasburg. Freilich war er ein wenig taub,
+und trank für sein Leben gern; aber er kochte vortrefflich, war der
+lustigste Kauz von der Welt, und fürchtete sich selbst vor dem Teufel
+nicht. Bei so viel guten Eigenschaften drückten wir gern ein Auge zu.
+Da er nun überdem selbst nach Colombo wollte, kam der Handel sehr bald
+in Richtigkeit. Einige Tage nachher gesellte sich noch ein vierter
+Europäer, ein Mr. d'Allemand zu uns. Er hatte Depeschen vom Admiral
+Suffrer an den französischen Agenten zu Colombo zu überbringen, und bot
+sich uns daher zum Gefährten an. Zwar hätte er die Reise gern längs
+des Strandes gemacht, allein es fehlte an Gelegenheit. Nachdem nun
+alle Anstalten getroffen waren, wurde der neunte Juni 17-- zur Abreise
+festgesezt.
+
+Unsere ganze Caravane war jezt sechszehn Mann stark; wir vier Europäer,
+zwei Sclaven, und zehn Trägern, oder Chivias. Drei der leztern, und
+zwar die stärksten, trugen jeder sechszig Pfund Reis, und zwei andere
+den Coffre von d'Allemand. Der sechste war mit zwei großen kupfernen
+Wassertöpfen, der siebente mit zwei Körben voll Zucker, Caffee, Wein
+u. s. w. bepackt. Der achte trug das Tisch- und Küchengeräth; der
+eine meine und Templyns[4] Kleider und Wäsche; der zehnte endlich
+unsere Matten, und die Fougritos oder Raketen, die man auf die wilden
+Thiere wirft. Templyns, d'Allemand, und ich, wir hatten jeder unsern
+Hirschfänger an der Seite, eine tüchtige Büchse auf der Schulter, und
+ein Paar Pistolen im Gurt. Der Sergeant trug seine ganze Bagage auf dem
+Leibe, und schleppte einen großen Husarenpallasch hinter sich drein.
+Es versteht sich, daß wir die Oppa nicht vergessen hatten, d. h. den
+Generalbefehl an die Majorals oder Dorfältesten, uns gegen Bezahlung
+mit Lebensmitteln zu versehen.
+
+So zogen wir dann am 9. Juni, Nachmittags um drei Uhr, unter einem
+gewaltigen Zulaufe aus der Stadt. Vorn die beiden Sclaven, als
+Cymbelschläger; dann wir Europäer; zulezt die Träger, oder Chirias.
+Um vier Uhr kamen wir zu Colombogamme an. Dies ist ein kleines
+Fischerdorf, hart am Meerbusen (Passo de Catchai), wo man nach dem
+eigentlichen Ceylon überfährt. Um sechs Uhr machten wir am andern
+Ufer unter einem großen Platanus Halt. Es ward beschlossen, hier zu
+übernachten, indem das nächste Fischerdorf nur aus elenden Hütten
+bestand.
+
+Unser Sergeant gab uns viel zu lachen, indem er der Flasche gar
+gewaltig zusprach. Dabei ergoß er sich in einen Strom von Flüchen gegen
+das weibliche Geschlecht. Er war nicht weniger als fünfmal verheirathet
+gewesen, und alle seine Weiber hatten ihm entsezlich mitgespielt.
+Die eine war ein Hausteufel gewesen, der ihm keinen Augenblick Ruhe
+ließ. Die zweite hatte ihn an preußische Werber verkauft. Die dritte
+brachte ihn an den Bettelstab. Die vierte hatte ihn holländischen
+Seelenverkäufern in die Hände gespielt. Die fünfte, eine Paria
+(gemeines indisches Mädchen) hatte ihm nach dem Leben gestellt. Diese
+Ehestands-Abentheuer erzählte er uns in einem höchstpossirlichen
+Gemische von Holländisch und Hochdeutsch, das durch seinen elsaßischen
+Accent nur noch komischer ward.
+
+
+
+
+ Zweites Capitel.
+
+
+Am folgenden Morgen traten wir unsere eigentliche Reise an. Die Luft
+war kühl; der herrliche Golf glänzte im Morgenroth. Wir verließen die
+gewöhnliche Straße, um längs der Küste hin zu gehen. So kamen wir
+gegen neun Uhr, bei einem Ambelan, am Eingange des Dorfes Manur an.
+Diese Ambelans sind eine Art Schuppen, mit Stroh gedeckt, und zum
+Besten der Reisenden erbaut. Wir nahmen hier ein Frühstück ein, das aus
+Reis und Callou, oder Palmwein bestand. Von nun an gieng es wieder
+landeinwärts, fast immer zwischen waldigen Hügeln hin. Dörfer wurden
+wir keine, sondern nur einige Gehöfte, und einzelne Hütten gewahr.
+
+Es war gegen elf Uhr, und schon zeigte sich in der Ferne das kleine
+verfallene Fort Panoryn, als unsere Mittagsstation. Templyn hatte zu
+Manur frische Cocosmilch getrunken, und seitdem über Leibschmerzen
+geklagt. Plözlich warf er sich vor einer Hütte nieder, und erklärte,
+er könne nicht weiter fort. Vergebens suchten wir ihm durch Arrak u.
+s. w. einige Linderung zu verschaffen, die Krämpfe nahmen mit jedem
+Augenblick zu. Endlich trat ein alter Mann aus der Hütte, und reichte
+ihm eine Art Pflanzensamen auf einem Betelblatt. Dies that sofort die
+beste Wirkung, worauf fröhlich nach Panoryn gewandert ward.
+
+Der Commandant dieses Postens empfieng uns mit vieler Herzlichkeit. Er
+hieß König, war sieben und siebenzig Jahr alt, und hatte davon drei und
+dreißig hier verlebt. Danke bar nahmen wir gegen vier Uhr Abschied
+von ihm. Bald sahen wir nun den ungeheuren Wald in seiner ganzen
+Ausdehnung vor uns, und kaum eine Stunde, so hatten wir den Eingang
+desselben erreicht. Unser Führer, der erste Chiria, ein alter erfahrner
+Elephantenjäger, gieng nun voran. In ungeheuren Massen strebten die
+hohen, verschlungenen Bäume empor; kaum fiel hier und da ein schwacher
+Schimmer hindurch. Um vorwärts zu kommen, mußten wir häufig das Beil
+gebrauchen; bis wir endlich einen schmalen Fußpfad fanden, der sich in
+einer Schlangenlinie hinwand. Dies war einer von den drei oder vier
+geheimen Wegen, die durch diese Wälder bis in das Innerste der Insel
+gehen. Sie sind sämmtlich mit einer dichten Seite eingefaßt.
+
+Wir mußten hier einer hinter dem andern marschiren, so daß man sich,
+bei den vielen Krümmungen häufig aus dem Gesichte verlor. Ich hatte
+d'Allemand hinter mir, und sprach über ein gewisses Etwas sehr lebhaft
+mit ihm. Plözlich springt links ein ungeheurer Bär aus der Hecke,
+und bleibt quer auf dem Fußsteige stehen. Ich falle über ihn weg, er
+richtet sich auf, und schlägt seine Tatzen auf mich hin. Schon fühle
+ich seinen brennenden Athem an meinem Gesichte; als plözlich ein Schuß
+fällt, der Bär sich abkehrt, und die Flucht ergreift. D'Allemand hatte
+diesen Schuß gethan; die Kugel sauste mir hart an den Ohren vorbei.
+
+Um indessen dergleichen Vorfälle künftig zu vermeiden, änderten wir
+die Ordnung unseres Zuges, und ließen die Cymbelschläger, nebst zwei
+bewaffneten Trägern, zwanzig Schritte vor uns gehen. Ueberdem wurden
+mit einbrechender Dämmerung Pechfackeln angezündet, und jeder machte
+sich zum Schusse bereit. Von dem Geräusch der Cymbeln und dem Lichte
+wurden eine Menge Vögel und Affen munter, so daß alles um uns lebendig
+war.
+
+Gegen neun Uhr kamen wir bei einem Ambelan an, der aber ganz verfallen
+war. Da dergleichen Hütten immer voll Schlangen sind, schlugen wir
+unser Lager unter freiem Himmel auf. Es ward dabei eine gewisse Methode
+beobachtet, die ich beschreiben will, weil sie bei allen übrigen
+Nachfolgern dieselbe blieb. Zuerst ward der Platz so weit als möglich
+vom Wasser gewählt. Dies geschah der wilden Thiere wegen, die hier zu
+saufen gewohnt sind. Dann wurden die Träger zum Holzfällen abgeschickt,
+und von zweien von uns escortirt. Hierauf wurden ein großes, und um
+dasselbe noch drei kleine Feuer angezündet, worauf die ganze Caravane
+Platz dazwischen nahm. Bald war nun das Abendessen verzehrt, und einer
+schlief nach dem andern ein. Nur die zwei Wächter mußten sich munter
+halten, und fleißig nach den Feuern sehen. Daß sie regelmäßig abgelöst
+wurden, versteht sich.
+
+Als wir Holz zu fällen anfiengen, belebte sich auf einmal der ganze
+Wald. Vögel, Affen, Hirsche u. s. w. erfüllten mit ihren Stimmen die
+Dunkelheit. Die Affen besonders, die sich zu Tausenden versammelten,
+schrien zwei volle Stunden fort. Endlich ward es wieder still. Kein
+Blättchen rauschte; kein Lüftchen säuselte; der Wald war todt und öde,
+wie ein weites Grab. Doch plözlich vernahmen wir in der Ferne ein
+dumpfes Getös, das immer näher kam. Die Erde erbebte; der Wald rauschte
+wie vom heftigsten Strome bewegt; krachend stürzten unzählige Bäume
+zusammen -- Was war es? --Ein Trupp Elephanten bahnte sich einen Weg
+durch den Wald. Sie kamen im heftigsten Trabe, und lautem Geschrei
+daher. Es war ein donnerähnliches, wie mit Trompetentönen vermischtes
+Getös. Endlich ward es völlig ruhig; nur dann und wann hörte man einen
+Tiger brüllen, oder einige Schakals schreien.
+
+
+
+
+ Drittes Capitel.
+
+
+Der Tag brach an, und der ganze Wald war mit Leben und Freude erfüllt.
+Auf allen Bäumen wimmelte es von Affen, Papagayen, Pfauen und
+unzähligen andern Vögeln von ausgezeichneter Schönheit. Tausende von
+bunten Schmetterlingen schwärmten zwischen den Gesträuchen umher. Dabei
+der liebliche Duft der blühenden Bäume, der uns bei jedem Schritte
+entgegenschwamm. Und welche Kühle und Frischzeit unter dem dichten
+grünenden Obdach, nur schwach von der Morgensonne beglänzt.
+
+So zogen wir fort, voll Muth und Heiterkeit, bis ungefähr gegen elf
+Uhr, wo an einem klaren Bache Halt gemacht, und das Mittagsessen
+bereitet ward. Templyn hatte hierzu ein Dutzend Hasen geschossen;
+denn sie liefen uns im eigentlichen Sinne unter den Füßen herum. Auch
+jezt ward bei der Einrichtung unsers Lagers eine gewisse Ordnung
+eingeführt; so daß z. B. jeden seine Reihe zum Wachestehen traf.
+Ich sage zum Wachestehen, weil natürlich einige Stunden Mittagsruhe
+gehalten ward, was für uns alle, besonders für die Träger so nöthig war.
+
+Erst um drei Uhr Nachmittags brachen wir demnach von diesem Lagerplatze
+auf. Anfangs war der Wald außerordentlich verwachsen, und kaum noch
+eine Spur des vorigen Weges zu sehen. Wir mußten uns daher nach dem
+Compasse richten, und legten es folglich, wie die Schiffer sprachen,
+auf Südwest an. So erreichten wir mit sinkendem Abend eine bequeme
+Lagerstelle, wo alles auf oben beschriebene Weise eingerichtet ward.
+Die Nacht vergieng ohne Abentheuer; nur daß einmal ein Elephant in
+unsere Nähe kam.
+
+Die folgende Tagereise (12. Juni) bot durchaus nichts Merkwürdiges dar,
+war aber außerordentlich lang -- Wir kamen erst Abends um zehn Uhr bei
+unserem Lagerplatze an. Ich mußte diese Nacht die erste Wache halten,
+und mochte vor Müdigkeit wohl ein wenig eingeschlummert seyn. Plözlich
+wurde ich durch ein lautes Geschrei geweckt -- »Ein Tiger! Herr! Ein
+Tiger!« -- riefen die Träger mit Entsetzen, und zeigten auf ein Paar
+glänzende Punkte, die ich mitten durch die Finsterniß, wie zwei kleine
+Lichter schimmern sah. Es waren die Augen des Tigers, der auf seine
+Beute zu lauern schien. Ich nahm meine Flinte und weckte Freund Templyn
+auf, der ein sehr guter Schütze war. Wir beschlossen gerade auf die
+Mitte zwischen den beiden Punkten zu zielen, und drückten zu gleicher
+Zeit ab. Bald darauf vernahmen wir ein Stöhnen, das uns über den Tod
+des Thieres keinen Zweifel übrig ließ. Wirklich fanden wir den Tiger am
+andern Morgen, und nahmen seine Haut als Siegeszeichen mit.
+
+Unser Weg ward immer steinigter, wie der Wald lichter zu werden
+anfieng. Wir waren nämlich kaum einige Meilen von den Gebirgen von
+Couragahing entfernt. Als wir so einige Zeit fortmarschirt waren,
+wurden wir auf einem Baume einen Bienenstock gewahr. Sogleich bot sich
+einer unserer Träger an, hinaufzuklettern, und den Ast abzuhauen.
+Er thut es, erreicht den Ast, und führt den ersten Streich. Allein
+plözlich stürzen die Bienen auf ihn los, und hängen sich an seine
+nackten Glieder an. Brüllend von Schmerz will er heruntersteigen, thut
+einen Fehltritt, stürzt herab, und bricht das Bein. Um ihm Hülfe zu
+verschaffen, beschlossen wir uns östlich nach der Küste zu wenden, wo
+allein Dörfer anzutreffen sind.
+
+Eilends wurde nun der Bienenschwarm mit Rauch vertrieben, eine
+Tragbahre von Baumästen gemacht, der arme Träger (Kulie) darauf
+gelegt, und der Marsch fortgesezt. Um ein Uhr Nachmittags hielten wir
+eine halbe Stunde an, und nahmen etwas Kaltes zu uns. Der Rest der
+Tagereise war wegen des schlechten Weges, und des Mangels an Wasser
+sehr unangenehm. Gegen acht Uhr Abends kamen wir endlich aus dem Walde
+heraus, und gegen zehn Uhr erreichten wir das große Dorf Vedative,
+wo ein holländischer Posten ist. Hier brachten wir den armen Träger
+zu einem Töpfer[5], versahen ihn mit dem nöthigen Gelde zur Kur und
+Heimreise, und nahmen einen andern an seine Stelle an. Hierauf begaben
+wir uns zu dem Kommandanten des Postens, wo Gesellschaft von Verwandten
+war.
+
+Wir mußten uns sogleich zum Abendessen niedersetzen, das aus Reis
+und vortrefflichem Wildpret bestand. Der gute alte Mann hieß Joseph
+~Voit~, und hatte bereits fünf und sechzig Jahre hier gelebt. Sein
+Vater und Großvater hatten jeder die Stelle fünfzig Jahre bekleidet,
+und er selbst war nicht weit mehr von dieser Zahl. -- O Menschenleben!
+-- O Glück der Beschränktheit! --
+
+
+
+
+ Viertes Capitel.
+
+
+Der Tag brach an (14. Juni); bald war Abschied genommen, und Vedative
+blieb hinter uns. Um zwei Uhr Nachmittags erreichten wir das große
+und schöne Dorf Mantore, fanden aber keine Lebensmittel daselbst. Ich
+schickte daher einen unserer Träger mit einem Briefe nach Manaar, an
+meinen alten Freund, den Ingenieurhauptmann Nagel ab. Unterdessen
+behalfen wir uns mit einigen übriggebliebenen Rebhühnern, und
+beschlossen für heute nicht weiter zu gehen. Gegen Abend kam endlich
+mein Bote mit Arrak, Anisliqueur und Lebensmitteln zurück, worauf es
+eine recht fröhliche Abendmahlzeit gab.
+
+Am folgenden Morgen ward die Reise mit erneuerten Kräften fortgesezt.
+Wir durchschnitten eine große, sandige Ebene, auf der wir eine Menge
+Schakals schwärmen sahen. Bald aber kamen wir an den Strand, wo der
+Weg äußerst beschwerlich ward. Wir begegneten drei malabarischen
+Reisenden, die von Colombo kamen, und langten Abends gegen fünf Uhr
+in Bangala an. Dies ist ein ansehnliches Dorf, das von getauften
+Singalesen bewohnt wird. Hier übernachteten wir in der katholischen
+Kirche, die uns der Majoral gegen eine billige Vergütung öffnen ließ.
+
+Unsere ~siebente~ Tagereise war höchst unangenehm, und bot überdem
+durchaus nichts Merkwürdiges dar. Wenig Schatten, höchstbeschwerlicher
+Fußsteig längs dem Strande hin, und auf dem ganzen langen Wege kein
+einziges Dorf. Endlich giengen wir Abends um sechs Uhr über den Calear,
+der beinahe ausgetrocknet war, und fanden am andern Ufer eine Pagode,
+deren Bramin uns sehr freundlich aufnahm. Wir übernachteten in der Nähe
+auf die gewöhnliche Art.
+
+Am folgenden Morgen sahen wir einem heftigen Kampfe zwischen zwei
+Büffeln zu. Sie trafen so gewaltig zusammen, daß jedes Stirn von Eisen
+zu seyn schien. Ich fühlte mich unpaß; auch fieng es heftig zu regnen
+an. Wir brachen daher erst um zwei Uhr Nachmittags auf, und legten nur
+vier Stunden zurück.
+
+Die nächsten zwei Tagereisen führten uns wieder in den Wald, der in
+geringer Entfernung neben dem Strande hinläuft. Wir sahen die Ruinen
+einer portugiesischen Kirche und dachten der großen Vergangenheit. Das
+Wetter klärte sich auf; ich befand mich wieder vollkommen wohl.
+
+Fröhlich traten wir nun am 20. Juni unsere elfte Tagereise an, und
+erreichten Mittags den Ambelan, Conderipo genannt. Hier sprang uns
+ein schöner Jagdhund entgegen, und schmiegte sich liebkosend an uns
+an. Mit Sonnenuntergang glaubten wir, wie gewöhnlich uns lagern zu
+können, allein diesmal hatte sich unser Wegweiser selbst verirrt. Wir
+mußten also noch einige Stunden marschiren, bis endlich in der Nähe
+eines Baches Halt zu machen beschlossen ward. Die Luft war äußerst
+schwül; endlich brach ein furchtbares Ungewitter los. Der Wald erbebte;
+krachend stürzten tausende von Wipfeln und Aesten herab. Da schlug der
+Bliz in eine Gruppe von Cocospalmen, und knisternd loderten sie in
+hellen Flammen auf. Es war eine schreckliche Nacht, in der keiner von
+uns ein Auge zuthat.
+
+Am folgenden Tage neue Verlegenheit. Der Fluß, den wir zu passiren
+hatten, war mit Krokodillen angefüllt. Wir kamen indessen mit Hülfe
+unserer Cymbeln glücklich hindurch. Gegen Mittag begegneten wir einer
+kleinen singalesischen Caravane, die aus drei und zwanzig Mann mit
+siebzehn Stieren bestand. Der Anführer nannte sich Manioppu, und war
+ein alter sehr verständiger Mann. Er schenkte mir zwei Kuchen, wogegen
+ich ihm, nach seinem Wunsche, einen Bleistift gab. Abends kamen wir bis
+zum Dorfe Golgom, wo wir uns mit Lebensmitteln im Ueberflusse versahen.
+
+Unsere dreizehnte Tagereise (22. Juni) führte uns nach Putlan, wo
+ein holländischer Posten ist. Der Commandant, ein Deutscher, Herr
+Bodenschatz, war in Colombo; sein Sergeant nahm uns aber sehr gastfrei
+auf. Wir mußten zwei Tage bleiben, was uns wirklich gar sehr zu
+statten kam. Putlan ist ein sehr nahrhaftes Dorf. Es werden sehr viel
+Schaluppen, Thonys, und andere ähnliche Fahrzeuge hier gebaut. Der
+Hühnerhund, der uns zugelaufen war, gehörte dem Commandanten, und wurde
+seit länger als einem Monate vermißt. Die drei nächsten Tagereisen
+waren eben so beschwerlich, als uninteressant. Am 28. Juni hielten wir
+abermals einen Rasttag.
+
+Am 29. Abends erreichten wir Maravilla, ein sehr ansehnliches Dorf,
+das nur eine halbe Stunde vom Meere liegt. Alles war hier mit Fremden
+angefüllt; wir übernachteten daher in einem ziemlich entfernten
+Ambelan. Ich hatte die Wache von ein bis drei Uhr Morgens, und sah
+starr in die grause Finsterniß hinaus. Furchtbar tönte das Brüllen der
+Schakals, das Rauschen des Waldes, das Tosen der Brandung durch die
+stille Nacht zu mir.
+
+Am 30. Juni marschirten wir abermals längs des Strandes hin. Hier
+fanden wir eine Reihe Lascars (Seesoldaten) als Küstenwächter
+aufgestellt. Bei der Annäherung eines Feindes haben sie von Posten zu
+Posten große Holzhaufen anzuzünden, die deshalb aufgestapelt sind.
+Um zwei Uhr giengen wir über den Caimella, fanden das schön gelegene
+Dorf Gannipellie, und hielten mit frischem Seefisch ein stattliches
+Mittagsmahl. Die Landschaft ward nun äußerst angenehm. Ansehnliche
+Dörfer, dichte Cocospflanzungen, üppige Wiesen und Felder wechselten
+in lieblicher Mischung ab. Wir nahmen unser Nachtlager in Topture, das
+von katholischen, noch aus den Zeiten der Portugiesen herstammenden,
+Singalesen bewohnt wird. Der Pfarrer, ein Franziskaner aus Dijon, nahm
+uns sehr freundlich auf.
+
+Unsere folgende Tagereise war eben so angenehm, und die Gegend
+entzückend schön. Ein Gewitter trieb uns indessen in großer Eile nach
+~Negombo~ hinein. An dem Commandanten fanden wir einen sehr
+jovialen Mann. Er machte ganz und gar kein Geheimniß daraus, daß er
+früher Haushofmeister des Generalgouverneurs gewesen sey. Negombo ist
+ein sehr fester Plaz, und überflüßig mit süssem Wasser versehen. Der
+hiesige Zimmet wird für den besten gehalten, die Bäume vermehren sich
+ungemein. Man schreibt dies, und nicht mit Unrecht, den ~Raben~
+zu. Diese suchen nämlich die Früchte sehr begierig auf, und geben sie
+unverdaut von sich. Daher denn auch die Unverlezlichkeit dieser Vögel
+auf Ceylon und ihre unglaubliche Unverschämtheit.
+
+Am 2. Juli, dieselbe reizende Landschaft; man merkt deutlich, daß man
+~Colombo~ immer näher kommt. Endlich am dritten, als dem ~ein
+und zwanzigsten~ Tage unserer Reise, langten wir bei guter Zeit
+daselbst an. Die herrlichen Umgebungen voll Gärten und Landhäuser; die
+schönen Alleen, die breiten Straßen, die prächtigen Häuser -- alles
+verkündigt eine Hauptstadt.
+
+
+
+
+ Fünftes Capitel.
+
+
+Drei Monate waren wir bereits in Colombo gewesen, und hatten manchen
+fröhlichen Tag mit alten Freunden verlebt. Endlich waren Templyns
+Angelegenheiten geordnet, und wir mußten auf unsere Rückkehr bedacht
+seyn. Am leichtesten und bequemsten hätte dies zu Wasser geschehen
+können; allein es war keine Gelegenheit vorhanden, überdem hielt auch
+der Regenmonßon noch an. Es ward daher beschlossen, den gewöhnlichen
+Landweg zu nehmen, der längs der Küste hinläuft. Was mich indessen
+anlangt, so hätte ich vorher noch gern eine Reise in die Gebirge von
+Boucout gemacht. Allein Templyn war durchaus dagegen, und nannte die
+ganze Unternehmung abenteuerlich.
+
+Unter diesen Umständen ward ich mit einem Portugiesen, Namens Don
+Manuel de Sylva, bekannt. Es war ein sehr einnehmender Mann, der durch
+eine Reihe der sonderbarsten Schicksale nach Colombo verschlagen worden
+war. Er hatte, wie er sagte, in den Gebirgen von Candy, eine unbekannte
+Diamantengrube entdeckt, dachte auf eine zweite Reise dahin, und lud
+mich zur Gesellschaft ein. Allein ich fand die Sache so gefährlich, daß
+ich den Vorschlag von mir wieß, worauf er sich seinerseits zu unseren
+Reisegefährten anbot. Wir ließen uns dies gern gefallen, nahmen noch
+drei Träger an, und brachen endlich Nachmittags um fünf Uhr von Colombo
+auf.
+
+Der Himmel war mit dicken Wolken bedeckt; von Zeit zu Zeit fielen
+Regenschauer herab, und der Wind blies mit Heftigkeit. Unsere Träger
+hatten ein wenig zu viel Talwag (eine Sorte Arrak) getrunken, und kamen
+daher in der Dämmerung vom rechten Wege ab. So irrten wir die halbe
+Nacht herum, bis wir endlich das Dorf Werigur erreichten, wo nun den
+ganzen folgenden Vormittag ausgeruht ward.
+
+Die nächsten zwei Märsche waren nicht weniger beschwerlich, auch ward
+der angeschwollene Colombo mit vieler Mühe passirt. Abends erreichten
+wir Negombo. Um jedoch dem Commandanten nicht beschwerlich zu fallen,
+quartierten wir uns in dem benachbarten Dorfe Sunneput, in einer alten
+Kirche, ein.
+
+Die beiden folgenden Tage, weitere Reise, und Nachtlager auf die
+gewöhnliche Art. Templyn verließ mich hier; ein Brief von seiner
+kranken Frau rufte ihn eilig nach Jaffanapatnam zurück. Don Manuel, der
+Portugiese, fieng nun zum zweitenmale von seiner Reise an. Er gestand
+mir jezt, daß es keine Diamantengrube, sondern ein Familienschatz sey.
+Er hatte die sichersten Anweisungen über die Stelle, wo er vergraben
+war. Da dies zu meinem Plane, die Gebirge von Bocour zu bereisen,
+vortrefflich paßte, willigte ich ohne viel Mühe ein. So erreichten
+wir Chilaw, lohnten unsere Träger ab, machten im Stillen die nöthigen
+Einkäufe, und brachen endlich am dritten Tage wieder auf.
+
+Anfangs, und um die Einwohner zu täuschen, verfolgten wir den nämlichen
+Weg; bald aber schlugen wir uns seitwärts in die Wälder, und nahmen
+unsere Richtung gegen das Gebirge zu. Unsern Reisevorrath hatte der
+Portugiese schon den Abend zuvor in der Nähe versteckt. Das Ganze
+bestand aus einem Sacke mit ungefähr zwanzig Pfund Reis; einem Paar
+Pistolen nebst Pulver und Blei; zwei Calebassen, die eine mit Arrak
+gefüllt, die andere zum Wasser bestimmt; einem Paar kupferner Schüsseln
+und Teller; einem Beile und einem kleinen Taue, einigen Feilen und
+Brecheisen, und einer großen Bärenhaut. Wir passirten den Manasseran,
+und hatten diesen Tag noch einen erträglichen Marsch.
+
+Am folgenden Morgen erblickten wir die Gipfel der Gebirge in blauem
+Nebelduft. Der Wald ward nun mit jedem Schritte dichter; bald mußten
+wir uns mit dem Beile durchhauen. Wir richteten uns sorgfältig nach dem
+Compasse, und wanderten so immer nach Osten fort. Als es Nacht geworden
+war, wimmelte es von wilden Thieren um uns her. Doch hielten wir sie
+durch Feuerbrände und Pistolenschüsse von uns ab.
+
+
+
+
+ Sechstes Capitel.
+
+
+Mit unserer fünften Tagereise ward der Weg nun je länger, desto
+beschwerlicher. Hier hatte noch nie ein menschlicher Fuß gewandelt;
+hier herrschte die Natur noch in ihrer ganzen ursprünglichen Macht.
+Mit unsäglicher Mühe arbeiteten wir uns durch das Gebüsch hindurch, wo
+jeden Augenblick der Anfall eines Tigers zu befürchten war. Gegen ein
+Uhr machten wir Halt, um einige Stunden auszuruhen. Als wir wieder
+aufbrachen, nahm der Wald allmählig an Dichtigkeit ab. Bald aber sahen
+wir eine ungeheure, hohe Grasmasse gleich einer Mauer vor uns. Keine
+Möglichkeit hindurchzudringen, so oft auch der Versuch wiederholt ward.
+Unterdessen fieng es an dunkel zu werden, und wir mußten auf unser
+Nachtlager bedacht seyn. An ein großes Feuer war nicht zu denken, kaum
+hatten wir Holz zum Kochen genug. Wir brachten daher die Nacht auf
+einem Baume zu, wobei uns unser Tau vortrefflich zu statten kam.
+
+Am folgenden Morgen gelang es uns endlich in der Graswand einen Eingang
+zu entdecken, der hindurchzuführen schien. Der Schlangen wegen war
+indessen große Vorsicht erforderlich. Dabei eine erstickende Hitze,
+ein glänzender Sandboden, eine brennendheiße verpestete Luft. Gegen
+Mittag fanden wir endlich einen kleinen Raum, verzehrten die Ueberreste
+unseres Abendessens, und legten uns dann wechselsweise zum Schlafen
+hin.
+
+Als wir wieder aufbrachen, bemerkten wir mit Freuden, daß die Graswand
+immer dünner, und die Anzahl der Oeffnungen immer häufiger ward. Bald
+sahen wir wieder Bäume, und bald gewann der Wald wieder völlig die
+Oberhand. In glänzendem Sonnenlichte lagen die Gebirge von Bocour
+nun ganz vor uns. Nur noch einige Stunden, und der Fuß derselben war
+erreicht. Mit beflügelten Schritten eilten wir über den obern Boden
+dahin. -- Plözlich! -- O Schreck! o Entsetzen! -- Plözlich sahen wir
+einen breiten und tiefen Canal vor uns, der von oben bis unten, mit
+dichtem, eng verflochtenem Gebüsch angefüllt war.
+
+Neue Hindernisse! neuen Schmerz! Endlich beschlossen wir längs des
+Ufers abwärts zu gehen, um zu sehen, ob der Uebergang möglich sey.
+Doch vergebens! Je weiter wir kamen, desto breiter und tiefer ward
+der Canal. So brach der Abend an; ein Glück für uns, daß Holz im
+Ueberfluß vorhanden war. Am folgenden Morgen kehrten wir wieder um,
+und entdeckten endlich eine Stelle, wo wenigstens meinem Gefährten der
+Uebergang möglich schien. Was ich ihm auch sagen mochte, er bestand
+darauf. So ließ er sich denn an dem Taue hinab, nachdem es um einen
+Baum befestigt worden war.
+
+Es dauerte indessen ziemlich lange, ehe er eindringen konnte, dann aber
+war er mir auch augenblicklich aus dem Gesicht. Unverwandt hatte ich
+indessen meine Augen auf das andere Ufer gerichtet; als ich plözlich
+in der Mitte des Dickichts ein starkes Geräusch, und bald darauf sein
+Angstgeschrei vernahm. Er war in Gefahr; wie wahnsinnig sprang ich die
+Tiefe hinab, und drang in der Oeffnung vor. Doch alles vergebens! Kein
+Laut; keine Antwort; nichts gewisser, als daß er von einer Schlange
+erwürgt worden war.
+
+Mit zerrissenem Herzen, mit thränenden Augen stieg ich wieder hinauf,
+und fühlte das Elend meiner Lage in seiner ganzen Schrecklichkeit.
+Ich war allein in dieser Wüste, und auf allen Seiten von Gefahren
+umringt. Ich war allein! -- Die Sonne sank tiefer, ich beschloß
+in der nämlichen Richtung fortzugehen. War es Instinkt, war es
+Gleichgültigkeit? es schien mir am besten so. Zum Glück hatte ich noch
+etwas Reis, nebst der Arrakcalabasse, und den Pistolen bei mir.
+
+Die Nacht brach an; ich machte bei einem Baume Halt, kletterte hinauf,
+und band mich mit dem Taue an zwei Aeste fest. Bald schlief ich vor
+Ermüdung ein. Doch mein Schlaf war nicht erquickend; das Bild meines
+unglücklichen Gefährten schwebte mir unaufhörlich vor.
+
+
+
+
+ Siebentes Capitel.
+
+
+Als ich erwachte, war es hoher Mittag, und ich fühlte mich an allen
+Gliedern gelähmt. Nur mit Mühe vermochte ich mich loszubinden,
+worauf meine traurige Wanderung weiter gieng. Der Weg war mit feinem
+aschfarbenem Sande bedeckt, der mir bei jedem Schritte entgegenflog;
+daher ich von heftigem Durste gepeinigt ward. Zum Glück kam ich endlich
+an einen Bach, wo ich den Rest meines Arrakes mit Wasser vermischte,
+und so ein kühlendes Getränk erhielt. Unterdessen zogen am Horizonte
+furchtbare Gewitterwolken auf. Ich eilte daher, einen großen schattigen
+Baum zu erreichen, den ich in einiger Entfernung vor mir sah.
+
+Es mochte ungefähr um sechs Uhr Abends seyn, als ich glücklich auf
+dieser Stelle ankam. Sofort bratete ich mir einige gefundene Schnecken,
+und kletterte dann auf den Baum, wo ich mich wie gewöhnlich mit dem
+Taue anband. Kaum hatte ich indessen einige Stunden geschlafen; als
+ich aus einem schrecklichen Traume erwachte, und mich über und über
+von Feuer umgeben sah. Das furchtbarste Ungewitter war losgebrochen;
+der ganze Himmel ein wallendes Flammenmeer. Mit unsäglicher Heftigkeit
+raste der Sturm in den Aesten, und warf mich wie einen Ball hin und
+her. Den Kopf auf die Knie gestüzt, schloß ich die Augen, und brachte
+den Rest der Nacht in einer Art Betäubung zu.
+
+Der Tag brach an; der Regen hörte auf, der Himmel ward heiter, und
+alles glänzte in goldnem Sonnenlicht. Ich trocknete meine durchnäßten
+Kleider, und machte mich auf den Weg. Allmählig lief der Canal nach
+Osten, eine Richtung, die sehr erfreulich für mich war. Voll Muth und
+Hoffnung wanderte ich so bis Nachmittags um 3 Uhr fort. Plözlich stand
+ich vor einer hohen Felsenwand, die mir den Weg verschloß.
+
+Keine Möglichkeit weiter zu kommen, es mußte denn von Seite des Waldes
+gewesen seyn. Ich beschloß es daher zu versuchen, und drang auch
+wirklich zwischen zwei Dornengebüschen durch. Doch in dem Augenblicke
+schoß eine ungeheure Schlange auf mich los. Wohin sollte ich fliehen?
+Nirgends mehr Rettung für mich! Rechts hatte ich den Canal, links das
+Ungeheuer, vor mir die hohe Felsenwand. Ohne zu wissen, warum, eilte
+ich indessen den vorigen Weg wieder nach derselben zurück.
+
+Unterdessen war die Schlange immer näher gekommen, und kaum war sie
+noch drei bis vier Fuß von mir entfernt. In dieser entsezlichen Lage
+folgte ich blos meiner Verzweiflung, und sprang, wie wahnsinnig auf
+ein hervorragendes Felsenstück. Von diesem arbeitete ich mich, ohne zu
+wissen wie, allmählich höher hinauf, bis ich endlich oben war. Jezt
+aber sank ich ermattet zu Boden, und lag eine gute Weile, ehe ich
+wieder zu mir kam.
+
+Als ich die Augen aufschlug, und in die Tiefe richtete, sah ich die
+fünfzig Fuß lange Schlange, die sich langsam in den Wald zurück begab.
+Aber zu gleicher Zeit bemerkte ich mit großem Schmerze, daß mein ganzes
+Reisegeräthe verloren war. Ich fühlte, daß meine Lage doppelt elend
+werden mußte, und überließ mich der Verzweiflung. Wohin ich blickte,
+sah ich ein Felsenchaos vor mir, in dessen Mitte sich ein furchtbarer
+Abgrund befand.
+
+Der Abend dämmerte; ich suchte in meinen Taschen, und fand zu meiner
+großen Freude noch ein Stück Zwieback und mein Feuerzeug. Von wilden
+Thieren war in dieser Einöde nichts zu fürchten; ich machte daher blos
+Feuer zur Vertreibung des Gewürmes an. So nahm ich mein Lager auf dem
+harten Boden, mein Haupt an die Felsen gelehnt. Alles war still und öde
+um mich; ach! diese Wüste schien mein eigenes Grab zu seyn.
+
+
+
+
+ Achtes Capitel.
+
+
+Am folgenden Morgen neues Erwachen; neue Noth. Mein ganzes Frühstück
+bestand in ein wenig Regenwasser, das ich in einer kleinen
+Felsenhöhlung fand. Mühsam schleppte ich mich nun in diesem Labyrinthe
+fort; bis ich endlich gegen Mittag an dem Fuße eines hohen steilen
+Berges ankam, der mir abermals den Weg verschloß. Indessen nahm ich
+allen meinen Muth und meine Kraft zusammen, denselben zu erklimmen,
+in der festen Hoffnung, jenseits werde das Ziel meiner Leiden seyn.
+Doch wie groß war mein Entsetzen, als ich mich endlich auf dem Gipfel
+befand, und nichts erblickte, als ein ödes, wildes, mit Klippen
+besäetes Thal!
+
+Es mochte zwei Uhr Nachmittags seyn; ich war gänzlich erschöpft, und
+sah mich vergebens nach etwas Nahrung um. Als ich so da saß, erblickte
+ich eine kleine Schlange, die begierig hinter einer Eidechse herschoß.
+Ich zerschmetterte die erstere mit einem Steine, schnitt ihr, des
+Giftes wegen, den Kopf ab, und bereitete mir ein gutes Mahl von ihr. So
+ist die Existenz der Wesen verknüpft; ein ewiger Kampf der Kräfte, wo
+eine der andern Opfer ist!
+
+Der Berg war auf dieser Seite fast senkrecht abgeschnitten, und der
+ganze Abhang mit spitzigen Klippen bedeckt. Gleichwohl mußte ich das
+Thal zu erreichen suchen, ehe mich auf dem Gipfel die Nacht überfiel.
+-- »Nun, wie Gott will!« -- sagte zu mir selbst, sezte den rechten
+Fuß vorwärts, klammerte mich mit den Händen an, und fand, daß das
+Herabsteigen wenigstens nicht unmöglich war. Mit unsäglicher Mühe
+arbeitete ich mich nun immer tiefer und tiefer hinab. Doch die Hand des
+Allmächtigen leitete mich sicher neben dem Abgrunde hin. So kam ich
+glücklich an dem Fuße des Berges an.
+
+Als ich das Thal genauer betrachtete, bemerkte ich einen Canal, der
+aber blos in der Mitte, und selbst da nur ganz dünn mit Gesträuch
+bewachsen war. Allein, da es düster zu werden anfieng, beschloß ich in
+einer Felsenhöhle zu übernachten, wo ich zum Glück einige Vogeleier
+fand. Am folgenden Morgen erquickte ich mich mit etwas Regenwasser, und
+wanderte anfangs eine gute Strecke längs des Canals hin. Endlich kam
+ich an eine Stelle, wo der Rand eingestürzt, und die Tiefe zur Hälfte
+damit ausgefüllt war. Fröhlich stieg ich hinunter, und kam bald auf
+der andern Seite an. Hier schlug ich einen Reiher nieder, der gebraten
+wenigstens eßbar war. Von nun an ward der Weg immer ebener, immer
+bequemer, so daß ich die Gebirge bald sehr weit hinter mir sah.
+
+Am andern Morgen, am 16. August, trieb mich die brennende Sonne etwas
+tiefer in den Wald, der neben dem Wege hinlief. Unvermuthet finde ich
+einen gebahnten Weg, und plözlich werde ich frische Fußtapfen gewahr.
+Bald höre ich in der Entfernung Stimmen, und bald vernahm ich, daß es
+bekannte Töne sind. -- Gott, welcher Augenblick! Es durchbebte mich,
+wie ein elektrischer Schlag. Ich wollte rufen, ich konnte es nicht.
+Da stürzte ich fort, und stand in wenig Minuten vor einem Haufen
+Singalesen, unter denen mein alter Freund Manioppu war.
+
+Sie zogen nach Putlan, um Salz zu holen, wir waren nur noch drei
+Tagereisen davon entfernt. Nachdem ich daselbst eine Woche ausgeruht
+hatte, kehrte ich zu Wasser nach Jaffanapatnam zurück. Hier fand ich
+Gelegenheit ein äußerst vorteilhaftes Geschäft zu machen, wodurch mir
+mein ausgestandenes Elend sehr reichlich vergütet ward. Als nun endlich
+die Nachricht von dem Pariser Frieden ankam, hielt ich's fürs beste,
+wieder nach der Küste zurückzukehren, und kam nach einer sehr kurzen
+Fahrt, glücklich in Bimilipatnam an.
+
+
+
+
+ Neuntes Capitel.
+
+
+Ein Jahr lang hatte ich hier meine Geschäfte mit vielem Erfolge
+betrieben, als ich mich, um dieselben noch mehr zu erweitern, zu
+einer Landreise nach Madras veranlaßt sah. Dieses geschah in einem
+Palankin. Man kann in der That durchaus nicht sicherer, bequemer und
+angenehmer reisen, als auf diese Art. Ein Palankin ist nämlich eine Art
+von Canapegestell, das ungefähr sieben Fuß lang, und drei Fuß breit
+zu seyn pflegt. Er hat einen mäßig hohen Rand, vier kleine Füße, und
+eine gewölbte Decke von Bambusrohr. Inwendig ist er mit einer weißen
+Matrazze und einigen Kissen belegt, während die Decke entweder mit Tuch
+oder Wachsleinwand überzogen wird.
+
+In der Mitte dieses zeltartigen Daches, ist außerdem noch ein großes
+Stück grüner Cattun befestigt, das nach der Länge des Palankins,
+an beiden Seiten bis auf den Boden reichen muß. Bei Tage wird es
+aufgerollt, und in eine Wulst zusammengeknüpft; bei Nacht aber, wenn
+man in dem Palankin schläft, bildet es eine Art Bettvorhang. Ueberhaupt
+braucht man den Palankin gerade wie ein Canape.
+
+Ein solcher Palankin wird von vier Männern getragen, denen noch vier
+andere zum Ablösen beigesellt sind. Zwei der Träger gehen vorn, zwei
+andere hinten, und jene wie diese halten den Palankin vermittelst
+eines Bambusrohres, das vorn und hinten mitten aus der Decke geht. Sie
+marschiren indessen nicht neben, sondern hinter einander, wobei das
+Bambusrohr auf der Schulter ruht. Da sie nun eine Art Takt im Schritte
+halten, den sie auch von Zeit zu Zeit mit der Stimme angeben, so ist
+die Bewegung eben so gleichförmig als angenehm. Man kann dabei lesen,
+schreiben, schlafen u. s. w. wie es einem beliebt. Wäsche, Vorräthe u.
+s. w. werden theils zu den Füßen, theils unter das Kopfkissen gepackt.
+
+Es war vier Uhr Morgens -- »Tschollo!« (Marsch!) -- riefen meine
+Träger, nahmen den Palankin auf, und wanderten lustig die Straße
+entlang. Als wir Bimilipatnam im Rücken hatten, fieng es eben an
+vollends Tag zu werden, und überall flogen Schaaren von Krähen von
+den hohen schattigen Bäumen auf. Bald kamen wir bei einem schönen
+Mangabusche vorbei. Lieblich schimmerten die goldenen Früchte durch die
+dunkelgrünen glänzenden Blätter, und zwischen den freundlichen Aesten
+flatterten girrende Turteltauben herum.
+
+Weiterhin holten wir eine Menge indischer Pilgrime von allen Sorten
+ein. Sie zogen sämmtlich nach dem heiligen Berge Schiemanchelom, den
+ich ebenfalls zu besehen willens war. Lange mußten wir zwischen diesen
+betenden und singenden Haufen bleiben, bis wir endlich das große schöne
+Thal erreichten, worin sich jener hohe steile Berg erhebt.
+
+Eben sollte am folgenden Morgen das große Jahresfest beginnen, das
+immer neun Tage zu dauern pflegt. Der Zufluß von Menschen war daher
+außerordentlich. Nur mit Mühe fand ich noch einen schattigen Platz für
+meine Palankin, ruhte daselbst bis fünf Uhr, und stieg endlich den Berg
+auf einer breiten bequemen Treppe hinan. Das Thal, das kleine Dörfchen
+Chindopillie, der dabei befindliche See, u. s. w. alles bietet die
+mannichfaltigsten Aussichten dar.
+
+Die ersten 430 Stufen hat man nichts als sanfte Abhänge neben sich.
+Plözlich aber stößt man auf einen steilen Felsenkranz, den man durch
+ein ausgehauenes Portal passirt. Von diesem Thore bis zum Gipfel werden
+noch 1160 Stufen gezählt. So wie man diesen erreicht hat, findet man
+das Dorf Schiemanchelom, und am südlichen Ende desselben den Tempel,
+der dem Gotte Appana geheiligt, und einer der ältesten in ganz Indien
+ist. In der Nähe desselben entspringt die heilige Quelle, die nach
+der Religion der Hindus für eben so wirksam wie das Wasser des Ganges
+gehalten wird. Kein Hindu darf sich dem Tempel nähern, wenn er sich
+nicht vorher in diesem Wasser gebadet, oder wenigstens seinen Kopf
+einige Minuten unter eine der fünf Adern gehalten hat. Das Gedränge um
+dieselben war daher außerordentlich, zumal da der ganze Badeplatz kaum
+hundert Schritt lang, und etwa halb so breit ist. Indessen fand dennoch
+die größte Ordnung, und das beste Betragen dabei statt. Einer half dem
+andern, einer machte dem andern Platz.
+
+Noch bunter waren die Gruppen längs dem übrigen Wege, und auf dem
+Gipfel des Berges selbst. Zu beiden Seiten der Treppe ziehen sich
+nämlich schöne schattige Rasenplätze hin, wo die wandernde Masse
+von Zeit zu Zeit auszuruhen pflegt. Eben so ist es oben in der Nähe
+des Tempels, wo der ganze Haufen zusammentrifft. In dichten Kreisen
+knieten Männer und Weiber an dem Eingange des Heiligthums. Einige waren
+in tiefer Betrachtung; andere beteten mit stiller Lippenbewegung;
+noch andere stimmten Lobgesänge an. Die Luft war mit Weihrauchsdampf
+erfüllt; schöne Tänzerinnen scherzten mit ihren Liebhabern, und überall
+ertönten die Dools (Trommeln), und die Chelimbies (Becken).
+
+
+
+
+ Zehntes Capitel.
+
+
+Es mochte ungefähr um vier Uhr Morgens seyn, als einer meiner Träger
+mich zu wecken kam. Noch war es völlig dunkel; gleichwohl hatte sich
+bereits der ganze Haufen Pilgrime in Bewegung gesezt. Das Geräusch
+glich dem dumpfen Donner eines Wasserfalles. Alles eilte nach dem
+Berge, der aufs prächtigste mit Fackeln und Pechkränzen erleuchtet war.
+Ich folgte dem Menschenstrome auf der von tausend Lichtern flammenden
+Treppen nach, verließ aber bald das Getümmel, um auf der andern Seite
+des Berges die Sonne aufgehen zu sehen. Nie habe ich eines schöneren
+Morgens, nie einer entzückenderen Aussicht genossen; alles war Licht
+und Klarheit, Leben und Herrlichkeit. Endlich stieg ich auf einem
+schattigen Fußpfade wieder in das Thal hinab, wo ich verabredetermaßen
+meinen Palankin fand.
+
+Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen durch eine schön bebaute
+Ebene nach Nabob Pette, das zwar ein kleines, aber recht artiges
+Dörfchen ist. Hier hielten wir unser Mittagsessen in einem angenehmen
+Mangawäldchen, und sezten dann unsere Reise bis Dovigram, einem etwas
+seitwärts liegenden Dorfe fort, wo eine große und bequeme Chauderie
+befindlich ist. Unter den Reisenden, die sich bereits dort einlogirt
+hatten, fielen mir besonders zwei büßende Fakirs auf, wovon der eine
+ungefähr dreißig, der andere fünfzig Jahre alt war. Jener gieng völlig
+nackend, und trug in seinem Geschlechsgliede einen dicken und großen
+eisernen Ring. Der zweite hatte sich die entsezliche Buße aufgelegt,
+seine Arme und gefalteten Hände, hoch ausgestreckt, unaufhörlich über
+dem Kopfe zu halten, und es wirklich ausgeführt. Die Arme waren nun
+völlig steif geworden, und die Hände gleichsam in einander verwachsen,
+so daß alles ganz unbeweglich stand.
+
+Als ich am andern Morgen in meinem Palankin erwachte, befand ich mich
+unvermuthet bereits zu Vizagapatnam. Meine Träger hatten ihn nämlich
+vorsichtig aufgenommen, und in der Kühle die Paar Stunden schnell
+zurückgelegt. Vizagapatnam ist eine Stadt, oder vielmehr ein Dorf mit
+einer englischen Factorei. Es ist ein unangenehmer, einsamer, trauriger
+Ort, der mitten zwischen kahlen Bergen, wie in einem Kessel liegt.
+Indessen hat es einen schiffbaren Fluß, und viele Baumwollenfabriken;
+auch sind die Einwohner wegen ihren feinen Elfenbeinarbeiten berühmt.
+Eben waren meine Geschäfte abgemacht, und ich wollte weiter reisen,
+als ich von einem Begräbnisse in der Nachbarschaft hörte, das ich mit
+anzusehen beschloß.
+
+Es war zu Velur, nur anderthalb Stunden von Vizagapatnam. Eine junge
+Wittwe von der Caste der Chetries sollte sich mit dem Leichname ihres
+Mannes in einer Grube verbrennen, wie es im südlichen Theile von
+Coromandel auf einem Scheiterhaufen geschieht. Bei meiner Ankunft
+ward ich sogleich nach einem Hause gewiesen, wo die Wittwe in der
+Mitte ihrer sämmtlichen Verwandten, unter einer Art Baldachin saß.
+Es war ein junges wohlgebildetes Weib von höchstens ein und zwanzig
+Jahren, mit einer äußerst sanften Physiognomie. Sie bewegte die Lippen,
+wie eine Betende, theilte dann und wann unter ihre Verwandten Betel
+aus, und schien vollkommen gefaßt zu seyn. Ich betrachtete sie mit
+innigem Mitleid; bald aber zog mich die Menschenmasse nach dem zur
+Feierlichkeit bestimmten Platze fort.
+
+Dieser lag außerhalb des Dorfes, ungefähr eine Viertelstunde davon. In
+der Mitte desselben befand sich eine Grube, die bei zehn Fuß Länge,
+acht Fuß breit und tief zu seyn schien. Sie war bereits mit einer
+großen Menge Kohlen angefüllt, dennoch warf man noch von allen Seiten
+Holz hinein. Endlich rückte der Leichenzug näher, rund um die Grube
+wurden Matten aufgehängt, und die ganze Masse der Zuschauer bildete
+einen unübersehbaren Kreis.
+
+Die Wittwe war aufs prächtigste gekleidet, und überall mit Juwelen
+bedeckt. In der Hand hielt sie eine kleine, mit Gewürznelken besteckte
+Citrone, woran sie bisweilen zu riechen schien. Neben und hinter ihr,
+giengen ihre Verwandten, mit mehrern Braminen, und eine Menge Weiber
+beschloß den Zug. In einer gewissen Entfernung von der Grube ward Halt
+gemacht. Die Wittwe legte ihre Prachtgewänder und Juwelen ab, badete
+sich in dem benachbarten Weiher, den ein dichter Kreis von Freundinnen
+umschloß, und kam endlich in einem ganz einfachen weißen Gewande
+zurück. So gieng der Zug bis in die Nähe der Grube, an deren Rande der
+Leichnam des Mannes auf einer Bahre lag.
+
+Als die Wittwe hier angekommen war, blieb sie einige Augenblicke
+davor stehen, sah ihn mit zärtlichen Blicken an, schlug sich vor die
+Brust, und brach in Thränen aus. Zulezt verbeugte sie sich, verließ
+die Bahre, und gieng dreimal um die Grube herum, wobei sie nie den
+Leichnam zu begrüßen vergaß. Jezt bei dem Leztenmale blieb sie wieder
+davor stehen; wendete sich zu ihren Verwandten; nahm mit völliger Ruhe
+Abschied von ihnen; empfieng von einem Braminen einen Krug mit Oel; goß
+etwas davon auf den Leichnam; sezte sich das Gefäß auf den Kopf; rief
+dreimal mit lauter Stimme: Naraina! (Gott) und sprang dann muthig in
+das brennende Grab hinein. Man hatte in demselben Momente die Matten
+fallen lassen; zu gleicher Zeit ward auch der Leichnam hineingeworfen,
+und alles mit tausend bereit gehaltenen Bränden bedeckt. Hoch schlugen
+die knisternden Flammen in die Lüfte empor, und die Weiber erhoben
+unter dem Lärm der Trommeln, Trompeten und Becken, ein gräßliches
+Freudengeschrei.
+
+So sehr ich überzeugt war, daß die Unglückliche sogleich erstickt
+seyn mußte; so machte das Ganze dennoch einen sehr schmerzhaften
+Eindruck auf mich. Ich verließ den Platz, und trat meinen Rückweg nach
+Vizagapatnam an. Schon war es dunkel geworden, und in tiefen Gedanken
+wanderte ich wohl eine Stunde fort, bis ich endlich bemerkte, daß
+ich auf dem unrechten Wege war. Ein guter alter Mann, den ich eben
+einholte, bestätigte mir dieses, rieth mir nach Velur zurückzugehen,
+und zeigte mir einen kürzeren Fußsteig dahin. Ich kehrte demnach um,
+gieng einige Zeit auf diesem Fußsteige fort, glaubte aber bald in der
+Entfernung einige Lichter zu sehen, und beschloß geradesweges darauf
+zuzugehen. Doch die Lichter verschwanden, und ich fühlte mit Entsetzen,
+daß der Boden unter mir wich. Vergebens suchte ich mich an einem Busche
+festzuhalten; der Ast brach, und ich stürzte in einen tiefen Abgrund
+hinab.
+
+
+
+
+ Eilftes Capitel.
+
+
+Als ich wieder zu mir kam, spürte ich in meiner Nähe einen scheußlichen
+Verwesungsgeruch. Es war ein todter Büffel, auf dem ich lag.
+Hastig raffte ich mich auf, und starrte verzweiflungsvoll in die
+undurchdringliche Finsterniß. Zorn und Wehmuth, Verdruß und Ungeduld;
+alle diese Empfindungen wechselten unaufhörlich in meiner Seele
+ab. Doch suchte ich mich endlich zu beruhigen, sezte mich auf den
+steinigten Boden nieder, und fiel in einen tiefen Schlaf.
+
+Der Tag brach an; die finstere Gruft erhellte sich; ich erwachte,
+und wurde mit Entsetzen mein ganzes Unglück gewahr. Ich befand mich
+nämlich in einer Höhle, die sich zu beiden Seiten tief in die Erde zu
+erstrecken schien. Aus dem Gewölbe war ein großes Stück eingebrochen,
+und durch diese Oeffnung fiel das Licht hinein. Die hohen Wände waren
+völlig steil, und auf allen Seiten gleich weit davon entfernt.
+
+Was sollte ich thun? Die Gegend schien durchaus menschenleer. Dennoch
+beschloß ich zu rufen, und verstärkte die Stimme nach Möglichkeit.
+Allein vergebens, sie verhallte in dem ungeheuren Raume, der mich
+umgab. Der Tag vergieng, das tröstende Licht verschwand, und Finsterniß
+des Grabes hüllte mich abermals ein. Diese zweite Nacht war ungleich
+schrecklicher für mich. Tausende von Uhus flogen über meinem Kopfe aus
+und ein, und ganze Haufen heulender Schakals umringten die Oeffnung. So
+saß ich mehrere Stunden lang, bis endlich ein schwacher Mondstrahl in
+die Höhle fiel, und meine Stimmung etwas ruhiger ward. Bald darauf sank
+ich in tiefen Schlaf.
+
+So vergieng die Nacht, und mit dem ersten Sonnenstrahle floß neue
+Hoffnung in mein Herz. Durch die Oeffnung aus der Höhle zu kommen, war
+unmöglich; aber durch einen der Seitengänge vielleicht einen Ausweg zu
+finden, schien, troz der Gefahren, eines Versuches werth. -- »Wohlan!«
+-- sagte ich zu mir selbst -- »Wohlan! das Aeußerste gewagt!« -- So
+raffte ich mich ungefähr um Mittag auf, und schlug den Weg in einen
+der düsteren Seitengänge ein.
+
+So lange ich noch etwas Tageslicht hatte, gieng es ziemlich gut. Als
+aber auch der lezte Schimmer verschwand, hielt ich mit klopfendem
+Herzen an. Doch auch diesmal trug die Ueberlegung den Sieg davon,
+und so stürzte ich mich muthig in die unermeßliche Nacht hinein. Die
+einzige Vorsicht, die ich brauchte, war, mich Schritt vor Schritt an
+der Wand zu halten, und allen Biegungen derselben nachzugehen.
+
+Der Boden war rauh, und ungleich. Steinhaufen, und einzelne
+Felsenstücke, Erhebungen und Vertiefungen wechselten unaufhörlich
+ab. Ich mußte den Weg unaufhörlich mit dem Hirschfänger untersuchen,
+und rückte daher nur langsam fort. So mochte ich mich ohngefähr zwei
+Stunden fortgearbeitet haben; als ich plözlich an etwas Bewegliches
+stieß. Ich befühlte es mit dem Fuße; es schienen Knochen zu seyn. Ich
+griff es an; es war ein Menschenskelett. Welche Entdeckung! -- »Das
+Bild meines Schicksals!« -- sagte ich zu mir selbst, und lehnte mich
+tief erschüttert an die Wand.
+
+Unterdessen glaubte ich einiges Geräusch zu hören, und rufte laut durch
+die starrende Finsterniß. Zugleich verdoppelte ich meine Schritte,
+entschlossen, dem Tode, oder dem Leben entgegen zu gehen. Plözlich ward
+ich zwei kleine feurige Punkte gewahr. -- Vielleicht eine Schlange die
+auf mich zugeschossen kam. -- Aber die Punkte blieben unbeweglich; es
+schien von zwei Lampen zu seyn. In dem Augenblicke machte die Wand
+einen starken Abfall, und ich erblickte eine Felsenspalte, die vom
+glänzenden Abendrothe beleuchtet war. Eilends kappte ich das Gesträuch
+hinweg, zwang mich mit muthiger Brust hindurch, und athmete nun wie
+neue geschaffen, in der freien herrlichen Gotteswelt.
+
+Die Sonne gieng unter, und im Purpurglanze lag die ganze liebliche
+Landschaft, und Vizagapatnam in geringer Entfernung vor mir. Ich eilte
+dahin, und ward mit großer Freude empfangen; jedermann hatte mich todt
+geglaubt. Es zeigte sich jezt, daß ich in einer der Höhlen gewesen war,
+die ehedem mit den Pagoden in Verbindung standen, und deren Eingänge
+nur noch wenigen Braminen bekannt sind.
+
+
+
+
+ Zwölftes Capitel.
+
+
+Nach einigen Tagen Erholung brach ich von Vizagapatnam weiter auf. Die
+Hitze war groß, der Weg beschwerlich; mit Vergnügen hielt ich gegen
+Mittag in dem freundlichen Dörfchen Chieriepille an. Es liegt in einem
+reizenden Thale, ist mit einer Menge Obst- und Betelgärten umgeben, und
+hat eine der schönsten und bequemsten Chauderies, die mir vorgekommen
+sind. Wir fanden hier einen Wahrsager, dergleichen sind in Indien sehr
+häufig. Zum Spaß ließ ich mir auch die flache Hand besehen, und bekam
+eine Menge Glück und Segen gewünscht.
+
+Man darf diesen Leuten kein Geld anbieten, weil ihnen dergleichen
+anzunehmen, nach ihren Geboten nicht erlaubt ist. Man giebt daher
+Cattun, Musselin u. s. w., auch wohl eine Portion Reis. Alle diese
+Effekten müssen sie aber erst neun Tage an ihrem Leibe herumtragen,
+ehe ihnen der Verkauf davon gestattet ist. Was sie dann an Geld dafür
+lösen, dürfen sie nehmen, weil es auf indirektem Wege gewonnen wird.
+Der arme Teufel in unserer Chauderie schien die lezten neun Tage über,
+gewaltig beschäftigt gewesen zu seyn. Er hatte eine solche Menge Zeug,
+Schnupftücher, Turbans u. s. w. an seinem Gürtel hängen, daß er wie
+eine wandernde Schnittwaaren-Bude aussah.
+
+Um meine armen Träger zu schonen, beschloß ich erst am andern Morgen
+weiter zu gehen. Ich benuzte daher den lieblichen Abend zu einem
+Spaziergange in dem schönen Thale, das mit herrlichen grünenden Bergen
+eingefaßt ist. Mit einbrechender Dämmerung gieng ich nach meinem
+Palankin zurück, fand einen vortrefflichen Pillau von Hühnern, und
+Bananas in Eiern gebacken, zum Abendessen, und schlief endlich unter
+den Gesängen einiger reisenden Tänzerinnen ein.
+
+Am andern Morgen gieng es nun rasch über Berg und Thal, durch eine
+Menge Dörfer bis zur Chauderie Darma-Oro, wo zu Mittag angehalten
+ward. Hier sah ich einen Pandarone oder Mönch, der jedem Reisenden auf
+Verlangen, einen Trunk Reiswasser (Canje) gab. Dies geschah, indem er
+es ihm aus einem kleinen kupfernen Topfe in die Hände goß. Kein Hindu
+pflegt nämlich ein Trinkgefäß an die Lippen zu setzen; er hält es
+vielmehr so, daß ihm das Wasser, wie ein kleiner Strahl in den Mund
+schießen muß. Da nun aber eine niedere Caste das Gefäß schon durch die
+bloße Berührung für eine höhere unrein machen kann, so giebt es der
+Pandarone lieber Niemanden in die Hand.
+
+Wir reisten weiter, bekamen bald das Meer zu Gesicht, und langten
+Abends in einem Fischerdorfe hart am Strande an. Hier ward ich für eine
+Kleinigkeit mit einem Gericht trefflicher Seefische bewirthet, und
+konnte die Ankunft der Kattamarans mit großer Bequemlichkeit sehen. Es
+ist dies in der That ein Schauspiel, das der Mühe lohnt. Man erinnert
+sich, daß ein Kattamaran ein, fünfzehn bis zwanzig Fuß langes, Floß
+ist, das aus fünf Balken besteht.
+
+Man weiß, daß immer zwei Männer darauf befindlich sind, wovon der eine
+vorn, der andere hinten zu rudern pflegt; eben so, daß bei günstigem
+Winde ein kleines Segel aufgespannt werden kann.
+
+Die Sonne sank tiefer, und von allen Seiten eilten diese Fahrzeuge
+dem Ufer zu. Es war eine ganze, kleine Flotte, pfeilschnell flog sie
+zwischen den purpurnen Fluthen hindurch, von tausenden von Möwen
+umringt, und vom fröhlichen Gesange der Ruderer belebt. Bald näherte
+sie sich nun der Brandung, die bekanntlich an diesen Küsten ungeheuer
+ist. Schnell wurden die Segel gestrichen, und die Ruder eingetaucht;
+da flogen die Kattamarans in die tosenden Wogen hinein. Hier sah man
+einige auf der Spitze derselben, dort andere wie in einem Abgrunde
+schweben, der sich darüber zu schließen schien. Aber wenig Minuten, und
+die ganze Flotte flog in einem Augenblicke auf den sandigen Strand.
+
+Wir hatten unser Nachtlager zwischen den Dünen genommen, wo die
+angenehmste Kühlung herrschte, und nichts von Moskitos zu fürchten war.
+Am folgenden Morgen fanden wir uns daher außerordentlich gestärkt, und
+legten die ganze Tagereise schneller als gewöhnlich zurück. Abends
+kamen wir bei einem Mangabusche an. Hier hatte sich bereits ein großer
+Haufen Reisender gelagert, um am folgenden Tage zusammen durch einen
+Wald zu ziehen, der nicht für ganz sicher gehalten ward. Da ich mit
+Schießgewehr versehen, und überdem ein Europäer war, so baten sie
+mich, sie anzuführen, wozu ich dann auch ganz willig war.
+
+Mit Tagesanbruch machten wir uns demnach auf den Weg. Indessen stießen
+wir auf nichts, als eine Menge rother Affen, von denen der ganze Wald
+bevölkert war. Als wir denselben hinter uns hatten, nahm ich von
+meinen Gefährten Abschied, und stieg wieder in den Palankin. Der Weg
+gieng nun durch eine sehr reizende Landschaft, Dorf an Dorf, und alles
+mit Tamarinden-, Cocos- und ähnlichen Baumpflanzungen, so wie mit
+Betelgärten bedeckt. Jezt bekamen wir auch wieder das Meer zu sehen,
+und athmeten erquickende Kühlung ein.
+
+Ich mußte die Nacht im Palankin zubringen; die ganze Chauderie war
+mit Kaschie-Kauris angefüllt. Es sind dies eine Art Mönche, die zehn,
+zwanzig, und mehrere zusammen, nach Kaschie (oder Bonares) wandern,
+dort Wasser aus dem Ganges holen, und damit beladen, in ihre Heimath
+zurückgehen. Sie füllen dies heilige Wasser in runde irdene Krüge,
+wovon jeder zwanzig bis fünf und zwanzig Kannen halten kann. Diese
+Krüge sind mit dickem Netzwerk umflochten, und mit einem kurzen Halse
+versehen, der sorgfältig vergipst und versiegelt wird. An dem Siegel
+des Oberpriesters von Bonares, so wie an dem Certificate jedes Pilgers,
+erkennt man, ob das Wasser ächt ist. Ein jeder Kaschie-Kauris trägt
+zwei Krüge, den einen vorn, den andern hinten, an einem Bambusrohr.
+Dies Wasser wird entweder an Tempel verschenkt, oder an reiche Hindus
+verkauft. Für leztere ist es ein Gegenstand eines religiösen Luxus. Man
+benezt Sterbenden Haupt und Lippen damit; giebt es aber auch bei großen
+Gastmählern herum.
+
+Am folgenden Tage passirten wir die Stadt Mongletur, die auf indische
+Weise befestigt ist, und langten Abends ziemlich spät in Tallapalar
+an. Hier mußten wir die Chauderie einer Abtheilung englischer Srapoys
+überlassen, und trieben nur mit Mühe etwas zum Abendessen auf. Am
+nächsten Morgen gieng es vollends nach Mazulipatnam. Wir kamen dabei
+durch das Dorf Pakaat. Hier sah ich einen Barbier, der einen ziemlich
+dicken Bart, auf das allervollkommenste mit zwei -- Glasscherben abnahm.
+
+
+
+
+ Dreizehntes Capitel.
+
+
+Nachdem ich meine Geschäfte besorgt hatte, sezte ich meine Reise ohne
+Verzögerung fort. Vorher hatte sich noch ein Gefährte, ein gewisser
+holländischer Capitain, Namens Holtrop, zu mir gefunden, der nach
+dem Verluste seines Schiffes nach Madras zurückging. Wir kamen durch
+die Dörfer Okalgatta und Sorligatta, und nahmen unser Nachtlager in
+einer Chauderie hinter Naralcor. Der lezte Theil des Weges war äußerst
+angenehm; er lief durch eine fruchtbare Ebene, mit den mannigfaltigsten
+Pflanzungen bedeckt. Kaum hatten wir aber die Chauderie erreicht, als
+ein heftiges Ungewitter ausbrach. Da sich nun außer uns noch an sechzig
+Reisenden darin befanden, konnten wir allerdings nicht ohne Besorgnisse
+seyn. Indessen gieng alles glücklich vorüber, und nach einigen Stunden
+war der Himmel wieder völlig wolkenleer.
+
+Unsere harmlosen Hindus hatten inzwischen nicht die mindeste Furcht
+gezeigt. Die Männer lasen oder sprachen; die Weiber und Mädchen
+schäkerten und kochten; die Kinder spielten mit unbefangener
+Fröhlichkeit fort. Nach dem Essen wurde erzählt und getanzt, und alles
+war voll Milde und Fröhlichkeit.
+
+Die folgende Tagereise war entzückend schön; die ganze Landschaft
+blühte und grünte in üppiger Fruchtbarkeit. Wir giengen über den
+Kischtna, der in dieser Jahrszeit nicht besonders wasserreich war.
+Die Ueberfahrt ward wie gewöhnlich, in großen, runden, platten Körben
+gemacht. Diese Körbe haben ungefähr zwölf Fuß im Umfange, sind mit
+Leder überzogen, und werden mit Pagaien (kurzen Rudern) in Bewegung
+gesezt. Man muß sich indessen in diesen Körben sehr ruhig verhalten,
+indem sie beständig im Kreise drehen. Einige sind groß genug, um zehn
+bis zwölf Personen zu fassen; allein Hokkeries (indisches Fuhrwerk),
+Palankins u. s. w. werden niemals auf diese Art übergesezt. Hierzu
+bedient man sich der sogenannten Sangaries, welches ausgehölte
+Cocosstämme sind.
+
+Wir ergözten uns während der Ueberfahrt an den herrlichen
+Uferansichten, und langten endlich in dem freundlichen Dorfe
+Kischtnapatnam an. Die Chauderie lag in der Nähe des Stromes, was uns
+der Kühlung wegen höchst willkommen war. Hier hörte ich zum erstenmale
+die melodischen Minkurwies (eine Art Wasservögel), die, wie man
+behauptet, in dem Kischtna ausschließend zu finden sind. Ich glaubte
+die Töne einer Aeolsharfe zu hören, und sank dabei in den süßesten
+Schlaf.
+
+Nach einem stärkenden Morgenbade sezten wir unsere Reise weiter fort.
+Die Gegend war eben, und meistens mit Reis- und Gerstenfeldern
+bedeckt. Nur hie und da ragten aus den gelblichten Aehrenfluten einige
+glänzend grüne Hügel hervor. Dann folgte eine sandige, mit lichtem
+Tannengebüsch bedeckte Ebene, von einer Menge Schakals bewohnt. Endlich
+zeigte sich eine Reihe düsterer Cocoshaine, von Tausenden von Vögeln
+belebt. So langten wir um ein Uhr in Pampeton an. Dies ist ein großes
+volkreiches Dorf, das von einer Menge Betelgärten und Baumpflanzungen,
+Tamarinden und Arekagebüsche umringt ist.
+
+Nachmittags kamen wir bei einer neuen Chauderie, und einem dem
+Goneisch (Gott der Andacht) geheiligten Tempel vorbei. Das Götzenbild
+lag indessen noch auf dem Boden; es fehlte noch das nothwendigste
+Erforderniß seiner Göttlichkeit. Dies waren die ~Augen~, die immer
+erst der Oberpriester mit vielen Feierlichkeiten einsezt. So lange ein
+Götzenbild noch dieser entbehrt, wird es blos für einen gewöhnlichen
+Block angesehen.
+
+Mit einbrechender Dämmerung kamen wir in einem großen, auf einer
+Anhöhe gelegenen Dorfe an. Hier quartierten wir uns in einer Trivasel
+(der kleinsten Art von Chauderies) ein, und fanden zu unserer Freude
+nur wenig Reisende darin. Allein da es bald darauf heftig zu regnen
+anfieng, kam in kurzem noch ein ganzer Schwarm dazu. Ich eilte
+daher mein Abendessen einzunehmen, ließ den Palankin unter einen
+dickblätterigen Baum stellen, streckte mich hinter den Vorhängen auf
+meine Matrazze hin, und schlief, troz der Clapper eines Reisfeldhüters,
+in wenig Minuten ein.
+
+Am folgenden Morgen, das herrlichste Wetter, und alles voll Leben und
+Heiterkeit. Indessen begegnete mir schon in der ersten Stunde ein
+Unfall, der wenigstens meinen armen Trägern den ganzen Tag verdarb. Als
+ich nämlich einmal aus dem Palankin steigen wollte, ward ich einige
+Schritte vor mir eine ganz still liegende Brillenschlange gewahr;
+ich hielt sie für todt, und gieng unbesorgt darauf los. Allein wie
+groß war mein Entsetzen, als sie sich auf einmal mit glühenden Augen,
+geöffnetem Rachen und blitzender Zunge aufzurichten anfieng! Plözlich
+flog ich zurück, ergriff die Flinte und drückte los, worauf die
+Schlange nach einem benachbarten Busche kroch.
+
+Unterdessen war auch Capitain Holtrop und mein Bedienter hinzugeeilt,
+jeder mit einem Hirschfänger in der Hand. Wir beschlossen den Busch
+anzuzünden, und auf die Schlange, die dann herauskommen mußte,
+vereinigt loszugehen. Bald stand der Busch in vollen Flammen, und noch
+immer erschien sie nicht. Schon glaubte ich mich geirrt zu haben,
+plözlich schoß sie zwischen meinen Füßen hindurch.
+
+»Herr! Das bedeutet Unglück!« -- riefen meine Träger mit kläglicher
+Stimme, und ich selbst war fast außer mir. Aus gleichem Aberglauben
+natürlich nicht; nur weil ich einer so großen Gefahr entgangen war.
+Meine Träger boten jezt alles auf, um mich zum Umkehren zu bewegen,
+allein ich gab durchaus nicht nach. So legten wir unsern gewöhnlichen
+Tagesmarsch zurück, und kamen mit Sonnenuntergang Wohlbehalten in
+Pariatschirli an.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Capitel.
+
+
+Unter der großen Menge anderer Reisenden, die sich allmählig in der
+Chauderie zu uns gesellten, befand sich auch ein Trupp herumziehender
+Tänzerinnen, Sutred-Haries genannt. Es waren ihrer sieben zusammen, wie
+gewöhnlich von ihrem Tanzmeister (Chelcinbikarea) und ihrem Musikanten
+(Juntries) begleitet. Nachdem sie sich in dem benachbarten Weiher
+gebadet, und ihre Tanzkleider angelegt hatten, kam die erste Tänzerin
+auf mich zu, überreichte mir einen Blumenstrauß und fragte, ob es mir
+gefällig sey, ihre Gesellschaft tanzen zu sehen. Ich erwiederte ihren
+Gruß, bestellte sie nach dem Abendessen wieder, und ward dafür von
+allen Anwesenden mit Danksagungen überhäuft. -- »Der gute Herr! Der
+große Herr!« -- tönte es in der ganzen Chauderie wieder; denn tanzen zu
+sehen, ist für die Hindus, besonders für das weibliche Geschlecht, ein
+höchst angenehmer Zeitvertreib. Kaum war ich nun mit dem Essen fertig,
+als alles die Matten bei Seite schaffte, und einen großen Kreis um
+mich schloß. Bald darauf erschienen die Tänzerinnen, hinter ihnen die
+Juntries. Die Musik fieng an; die lieblichen Nymphen entschleierten
+sich, und begangen den kunstreichsten Elfentanz. Sie waren aus Surate,
+das von jeher für den Geburtsort der schönsten und vorzüglichsten
+Tänzerinnen galt. Mit großem Vergnügen sah ich ihnen wohl eine Stunde
+zu.
+
+Aber endlich war es Zeit aufzuhören; ich gab demnach das Zeichen dazu
+-- »Genug, schöne Mädchen!« -- sagte ich im indischen Stil -- »Genug
+für diesmal! -- Ihr habt mir mit eurem kunstreichen Tanze die höchste
+Genüge gethan, und mein Herz mit Entzücken erfüllt. Gewiß, Rhambe (die
+Göttin des Tanzes) selbst übertrifft euch nicht. Seyd ihr nicht zu sehr
+ermüdet, so vergönnt mir, daß ich nun auch eure lieblichen Stimmen
+hören kann!« -- Dieses Lob gefiel ihnen außerordentlich, zumal, da es
+von einem Europäer kam. Sofort sezten sie sich in einen Halbkreis, und
+sangen mir eine der schönsten indischen Romanzen, die Liebesgeschichte
+des Prinzen Sondor, und der Prinzessin Biddrah vor. Dies dauerte bis
+Mitternacht. Endlich machte ich der ersten Sängerin ein angenehmes
+Geschenk, und entließ die ganze Truppe, höchst vergnügt über meine
+Freigebigkeit.
+
+Alles eilte nun schlafen zu gehen, und ich selbst suchte meinen
+Palankin auf. Kaum hatte ich aber einige Minuten geschlummert, als
+ich durch ein leichtes Zupfen am Ueberhange wieder geweckt ward. --
+»Wer da?« -- rufte ich, indem ich denselben aufhob. -- »Ich bin es,
+mein Herr!« antwortete eine leise Stimme -- »Die Daja (Aufwärterin)
+der Sutred-Haries (Tänzerinnen). Ich bringe euch tausend Grüße von
+dem lieblichen Mädchen, mit dem Kranze von weißen Rosen im Haar. Eure
+Freundlichkeit hat ihr Herz geöffnet, wie sich die Lilie der Sonne
+aufschließt. Empfangt diesen Betel; sie bereitete ihn selbst für euch.
+Sie sizt zu den Füßen eures Lagers und erwartet euren Befehl!« --
+
+Das liebliche Mädchen mit dem Kranze von weißen Rosen war mir
+allerdings sehr erinnerlich. Es hatte bei seiner Jugend, Grazie und
+Schönheit, einen sehr lebhaften Eindruck auf mich gemacht. Indessen
+kannte ich die reisenden Tänzerinnen etwas genauer, beschloß daher auf
+meiner Hut zu seyn, und fertigte die Daja mit einer ziemlich kalten
+Antwort ab.
+
+»Wie, mein Herr!« -- erwiederte sie lebhaft -- »Ihr verschmäht die
+schöne Mamia? -- Ich glaubte doch bemerkt zu haben, daß sie euch nicht
+gleichgültig war. -- Was fürchtet ihr? -- Sie ist mein liebstes Kind,
+und ihr seyd der erste, dem sie den Betel der Liebe[6] schickt.«
+
+Ich mußte lächeln -- »~In Wahrheit?~« -- fragte ich etwas
+spöttisch -- »Aber seyd so gut, und laßt mich mit eurem Kampaak in
+Ruhe, ich bitte euch darum.« -- Sie verbeugte sich tief und gieng.
+
+Als ich indessen am folgenden Morgen das schöne Mädchen noch einmal
+sah, ward ich in meinem Innersten gerührt. Wie viel Liebreiz! Welche
+Sehnsucht! Und welcher stille Schmerz! Ihre Augen schwammen in Thränen;
+sie wandte ihr Gesicht von mir ab, und verschleierte sich. Wir brachen
+auf, ich hoffte die Tänzerinnen nachkommen zu sehen; allein sie hatten
+andere Stationen gewählt.
+
+Wir aßen Mittags zu Pondipitly, wo wegen eines Festes alles voll
+Fröhlichkeit war. Unter andern sahen wir einen Schonir (eine Art
+Bettelmönche), der die Flöte durch die ~Nase~ blies. Er steckte
+nämlich zwei kleine, ungefähr anderthalb Spannen lange, Flöten in die
+Nasenlöcher, und blies Prime und Secunde mit großer Fertigkeit darauf.
+Nachmittags kamen wir bei einem schönen Ala[7] vorbei. Er mochte
+ungefähr erst hundert Jahre alt seyn; gleichwohl bildete er mit seinen
+unzähligen herabhängenden Aesten bereits ein grünendes Gewölbe, das
+wenigstens tausend Schritte im Umfange hielt. Abends blieben wir in
+Palpatte, wo eine der größten Chauderies von ganz Indien ist.
+
+Unsere lezte Tagereise bot wenig Merkwürdigkeiten dar. Wir begegneten
+einer anderen Truppe Tänzerinnen, und ich dachte lebhaft an die
+liebliche Mamia. Gegen fünf Uhr kamen wir in Carraconde an. Die
+Chauderie war bereits völlig besezt, wir lagerten uns daher in einem
+benachbarten Mangabusch. Um schneller Feuer zu bekommen, raffte ich
+einige trockene Baumblätter auf. In dem Augenblicke fühle ich einen
+stechenden Schmerz; ziehe die Hand zurück, sehe, daß eine schwärzliche
+Schlange daran hängt, und verliehre das Bewußtseyn.
+
+
+
+
+ Fünfzehntes Capitel.
+
+
+Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Feuer, von meinen Trägern
+umringt. Sie fuhren fort, meinen Finger gegen die Flamme zu halten, um,
+wie sie glaubten, das Gift heraus zu ziehen; während bereits nach dem
+Schorpojan, oder Schlangenbeschwörer geschickt worden war. Bald darauf
+kam der Bote mit der Nachricht zurück, daß derselbe abwesend sey.
+Indessen brachte er dafür einen mohrischen Waitium (Arzt) mit. Dieser
+besah meinen Finger mit großer Aufmerksamkeit, und erklärte mir ohne
+Umschweife, daß ich allerdings nicht außer Gefahr sey. Indessen gab er
+mir einen Löffel von einer höchst bittern Latwerge ein, versprach den
+andern Tag wieder zu kommen, und nahm mit den Worten: Gott ist groß!
+(Tambrane meharse!) Abschied von mir.
+
+Es währte keine halbe Stunde, als mich ein allgemeines Frösteln mit
+heftigem Schwindel überfiel -- »Freunde!« -- rief ich mit gebrochener
+Stimme. -- »Es ist vorbei! Ich sterbe! Lebt wohl! Lebt alle wohl!« --
+Alle schwiegen und weinten; ich fühlte wie es immer düsterer um mich
+ward. Auf einmal hörte ich ein lautes Pfeifen neben mir. Ich schlug die
+Augen auf, und erblickte dieselbe Schlange, von der ich gebissen worden
+war. -- »Das ist sie! Das ist sie!« -- rief ich mit Entsetzen, während
+sie langsam an einem vom Feuer beleuchteten Stamme herunterkroch.
+Meine Leute betrachteten sie nun genauer, und versicherten einstimmig,
+daß sie nicht giftig sey. Mein Schwindel verlor sich; ich athmete mit
+leichterer Brust.
+
+Indessen nahm der Schmerz am Finger außerordentlich zu. Bald zeigte
+sich der Anfang einer Entzündung, die allmählig die ganze Hand zu
+ergreifen schien. Ich beschloß daher, auf den eigenen Rath des Waitiums
+nach Naporlie zu gehen, wo ein berühmter Schorpojan wohnhaft war. Wir
+kamen an, aber leider befand er sich nicht mehr daselbst. In dieser
+verzweifelten Lage beschloß ich so schnell als möglich nach Madras zu
+eilen, und brach auch wirklich am folgenden Morgen in aller Frühe auf.
+
+Aber welcher Unterschied! Meine Träger niedergeschlagen; ich von den
+heftigsten Schmerzen gequält; mein Reisegefährte ebenfalls krank.
+Schweigend und traurig zogen wir daher; das einförmige Hei! Hei! Hei!
+der Träger[8] war alles, was von Zeit zu Zeit die melancholische
+Stille unterbrach. So kamen wir Mittags nach Kalurie, wo wir ganze
+Heerden calecuttischer Hühner sahen, und übernachteten bei Madupatte
+unter Bäumen in freier Luft. Mein Schmerz war unerträglich; ich konnte
+keine Viertelstunde ruhen; wir machten uns daher noch vor Sonnenaufgang
+auf den Weg.
+
+Der Boden ward sandiger, die Landschaft kahler, die Bevölkerung
+schwächer; alles kündigte die Nähe des Meeres an. Indessen fanden
+wir doch noch ein sehr schönes Dorf, Anenabob genannt, wo zu Mittag
+gegessen ward. Nachmittags passirten wir den Gondakama in einem
+Sangarie (hohlen Cocosstamme) und kamen Abends nach Pandalur, das
+ganz mit Betelgärten umgeben ist. Ich hatte eine sehr traurige
+Nacht. Gegen Morgen indessen bekam ich einige Linderung, und durfte
+einer erträglichen Tagereise entgegen sehen. Sie bot jedoch nichts
+Merkwürdiges dar. Wir hielten Mittags zu Binganapilli an, und
+übernachteten zu Aschacoldindi, das in der Nähe des Meeres liegt.
+Die Chauderie war völlig leer; ich ließ daher meinen Palankin
+hineinbringen, und fiel in einen tiefen Schlaf.
+
+Als ich am andern Morgen erwachte, war der Schmerz in meiner Hand
+beinahe verschwunden, allein der Finger völlig fühllos, folglich der
+Brand nur zu gewiß. Eilends rief ich meine Träger herbei. -- »Ich muß
+nach Madras, Freunde« -- sagte ich -- »Nach Madras, oder es ist um mich
+geschehen. -- Ich muß Tag und Nacht durch reisen, oder es ist keine
+Hülfe mehr für mich!« --
+
+Meine Kulies sahen einander an, und gaben dann einstimmig ihre
+Einwilligung. -- »Ja Herr!« -- riefen sie -- »Wir wollen bei euch
+aushalten; wir wollen euch nach Madras bringen, verlaßt euch darauf!«
+-- Ich nahm nun noch sechs andere Träger, theils zum Ablösen, theils
+zum Fackeltragen an, und die Reise ward fortgesezt.
+
+Dieser Tag war einer der traurigsten meines Lebens, dessen ich mich
+erinnern kann. Er endigte jedoch mit einer Entdeckung, worüber
+ich allen meinen Schmerz vergaß. Gegen vier Uhr Nachmittags kamen
+wir nämlich durch Nebabpent, ein großes, wegen eines alten Tempels
+berühmtes Dorf. Diesem Tempel gegen über war ein schöner Weiher, mit
+einer Menge Badender angefüllt, worunter sich an dem einen Ende auch
+ein Haufen junger Mädchen befand. Ziemlich flüchtig hatte ich auf diese
+Gruppen hingeblickt, als ich plözlich einen durchdringenden Schrei
+vernahm. Die Stimme schien mir bekannt, ich sah noch einmal hin, und
+sah -- O gütiger Himmel! -- sah Mamia, die liebliche Tänzerin, die eben
+aus dem Bade gestiegen war.
+
+»Halt! Halt!« -- rief ich den Trägern zu, sprang aus dem Palankin,
+und flog auf das Mädchen zu. -- »O Mamia! Geliebte Mamia!« -- sagte
+ich -- »Wie oft habe ich an dich gedacht!« -- Nie hatte ich sie so
+reizend gesehen. Sie glich in ihrem feuchten, die schönen Glieder dicht
+umschließenden Gewande, einer dem Meere entstiegenen Huldgöttin. --
+»O mein Herr!« -- erwiederte sie mit holdem Erröthen -- »Aller Augen
+sind auf uns gerichtet!« -- »Wohl süße Mamia!« -- gab ich zur Antwort
+-- »Ich spreche dich in der Chauderie.« -- Sie bejahte es mit einem
+himmlischen Lächeln, und eilte mit ihren Gespielinnen zurück. Wir aber
+nahmen so fort von der Chauderie Besiz.
+
+
+
+
+ Sechzehntes Capitel.
+
+
+Indessen war ich nicht wenig verwundert, weder die Juntries
+(Spielleute) noch die Bagage der Tänzerinnen daselbst zu sehen. War
+es ein Mißverstand? Hatten sie einen andern Lagerplatz? -- Oder waren
+sie plözlich abgereist? -- Beinahe fieng ich an ungeduldig zu werden,
+als die Daja mit vielen Grüßen von Mamia erschien. Sie waren in einem
+Mangabusche gelagert, in wenig Minuten würde sie bei mir seyn. Ich gab
+der Alten einige Rupien, ließ noch mehr Lampen anzünden, und harrte des
+lieblichen Mädchens am Eingange der Chauderie. Endlich erschien sie,
+doch des Wohlstandes halber die Daja mit ihr.
+
+Sie verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen; allein das Klopfen ihres
+Busens verrieth, wie sehr sie in Bewegung war. Ich führte sie sogleich
+zu einem Teppich, und bot ihr Betel an. -- »Freue dich, schöne Mamia!«
+-- sagte ich -- »Du bist gerächt!« -- Und hiermit erzählte ich ihr die
+ganze Geschichte meiner Leidenschaft.
+
+»O mein Herr!« -- erwiederte sie -- »Ich habe sie längst entschuldigt.
+Ich erkenne mein Schicksal, das mich auch in meiner Liebe verfolgt!«
+-- So erklärte sie mir mit sanftem Erröthen den ganzen Zusammenhang.
+-- »Mein Herz war immer bei Ihnen!« -- fuhr sie fort -- »Ich klage
+niemand als mein Unglück an!« -- Sie war aus der Caste der Aerzte,
+und nur aus Noth eine Tänzerin geworden[9], da sie sich nach dem Tode
+ihrer Eltern gänzlich verlassen sah. Für meine Hand versprach sie mir
+einen köstlichen Balsam zu bereiten, und eilte deshalb sofort zu dem
+Lagerplatze zurück.
+
+Während ihrer Abwesenheit unterhielt mich die Daja sehr lebhaft von
+ihr. Sie konnte mir nicht beschreiben, wie betrübt das gute Kind über
+meine Gleichgültigkeit und meine Abreise gewesen war. Nach einer
+kleinen halben Stunde war das liebliche Mädchen schon wieder mit dem
+Balsam da, und verband meine Wunde mit vieler Geschicklichkeit. Ich
+konnte mich nicht enthalten, sie an mein Herz zu drücken, und sie
+erwiederte meinen Kuß mit Zärtlichkeit.
+
+»Ach!« -- rief sie wehmüthig aus -- »Das ist ja doch das Leztemal, daß
+ich sie sehen kann!« -- »Das Leztemal?« -- fragte ich bestürzt -- »Wie
+meinst du das lieblichste Mamia?« -- »Ach mein Herr! Ich fürchte es
+wenigstens!« -- erwiederte sie, und erzählte nun, wie weder sie, noch
+die Daja, noch irgend eine ihrer Gespielinnen jemals in Madras gewesen
+sey. -- »Wie werde ich sie wiederfinden können?« -- fuhr sie fort --
+»Ach nimmermehr! -- Ich werde vor Sehnsucht sterben; ich fühle es.« --
+Ihre Thränen flossen; sie verbarg ihr Gesicht an meiner Brust.
+
+»Nein, bei Gott nicht!« -- rief ich mit Lebhaftigkeit aus -- »Bei Gott
+nicht!« -- »Hier Mamia!« -- indem ich eine Ola[10] herausnahm. --
+»Hier Mamia, hast du Namen und Wohnung von drei Freunden, bei denen
+du mich aufsuchen kannst.« -- Zu gleicher Zeit schrieb ich ihr noch
+mein Speisehaus u. s. w. auf. -- »So wirst du mich nicht verfehlen,
+liebstes Herz!« -- fuhr ich fort, und hatte die Freude, sie beruhigt zu
+sehen.
+
+Mein Entschluß war gefaßt, Mamias Zukunft für immer bestimmt. Noch
+eine Umarmung, und ich stieg in den Palankin. Meine Träger hatten fünf
+Stunden geruht; mit brennenden Fackeln zogen wir zum Dorfe hinaus. Die
+Nacht war still und schön; bald schlief ich unter den lieblichsten
+Erinnerungen ein. Als ich am andern Morgen erwachte, lag die herrliche
+Landschaft schon in vollem Sonnenglanz. Ich war sehr vergnügt; meine
+Wunde ließ sich vortrefflich an. Sorgfältig goß ich von Zeit zu Zeit
+neuen Balsam darauf.
+
+Mittags hielten wir in Jasurpalam, in einer etwas kleinen, aber sehr
+reinlichen Chauderie an. Bald darauf kamen noch drei andere Reisende
+zu uns. Es war ein Mr. Harclay mit seinem Intendanten und Secretär.
+Er kam von Madras, und gieng als Gouverneur nach Mazulipatnam. Wider
+Gewohnheit der Engländer war er sehr gesprächig, und lud mich zum
+Mittagsessen ein. Er gestand mit vieler Offenherzigkeit, daß er blos,
+um ein Paar Plumbs[11] zusammenzubringen, nach Ostindien gekommen sey.
+Nach einigen Stunden brachen wir wieder auf, und ruhten dann die halbe
+Nacht zu Kukenpuron. Am folgenden Morgen kamen wir zu Palliacatta, und
+so am vierzehnten Tage zu Madras an.
+
+
+
+
+ Siebenzehntes Capitel.
+
+
+Ich war bei meinem alten Freund ~Frank~ abgetreten, und lernte
+durch diesen einen französischen Arzt, Namens ~Beißer~ kennen,
+der seiner Geschicklichkeit wegen, in großem Rufe stand. Doctor Beißer
+besah meine Wunde, zuckte die Achseln, nahm einige Operationen vor,
+und legte einen neuen Verband an. Nur Mamias Balsam mußte ich es
+verdanken, wenn noch Möglichkeit zur Rettung vorhanden war. Während
+wir so von meinen Abentheuern sprachen, kam endlich Doctor Beißer auf
+meinen Namen zurück.
+
+»Aber Haafner! Haafner!« -- sagte er -- »Der Name kommt mir so bekannt
+vor. War ihr Vater vielleicht aus Kolmar?« -- Ich bejahte es. -- »Und
+ihr Großvater Bürgermeister daselbst?« -- »Ganz richtig!« -- erwiederte
+ich -- »Nun so seyn Sie mir herzlich willkommen, liebster Vetter« --
+rief er auf einmal zu meiner Verwunderung aus, und umarmte mich. --
+»Ihres Vaters Schwester war meine Schwiegermutter; ich bin ebenfalls
+aus dem Elsaß.« -- Nun ruhte der gute Mann nicht länger; ich mußte noch
+denselben Tag zu ihm ziehen.
+
+Er war von Isle de France hierher gekommen, und hatte sich durch
+einige glückliche Kuren, in kurzer Zeit eine sehr ansehnliche Praxis
+verschafft. Dies sezte ihn in den Stand auf einem höchst glänzenden
+Fuße zu leben, so daß sein Haus den reichsten Kaufmannshäusern ähnlich
+war. Unter seiner Aufsicht ließ sich nun meine Wunde immer besser an,
+und heilte endlich vollkommen zu. Auch das hatte ich also im Grunde dem
+lieben Mädchen zu danken, deren Ankunft ich sehnsuchtsvoll entgegensah.
+
+Bald waren indessen vierzehn Tage vergangen, und noch immer hatte
+ich keine Nachricht davon. Doch endlich kam ein Juntrie, und brachte
+mir tausend Grüße von ihr. Ich folgte ihm außerhalb der Stadt in ein
+Wäldchen, wo die ganze Truppe gelagert war. Wenig Minuten und Mamia
+sank mit süßem Erröthen an meine Brust. -- Ich erfuhr nun, daß ihre
+Ankunft blos durch eine Unpäßlichkeit der Daja verzögert worden war,
+und daß sie die Gesellschaft verlassen könnte, so bald ich es für
+dienlich hielt.
+
+»Wohlan denn, liebstes Herz!« -- sagte ich -- »Das soll den Augenblick
+geschehen!« -- Und so bat ich sie, mich in die Stadt zu begleiten,
+und die für sie bestimmte Wohnung zu besehen. Ich hatte ihr nämlich
+in einem malabarischen Hause, bei einer alten Wittwe, ein Paar artige
+Zimmer gemiethet, und auch für eine Aufwärterin gesorgt. So brachen
+wir auf; ein Juntrie trug die Sachen des lieben Mädchens, und ehe zwei
+Stunden vergiengen, war alles in Ordnung gebracht. Noch denselben Tag
+nahm ich das erste Abendessen bei dem holden Mädchen ein. -- Von nun an
+war der Tag meinen Geschäften, der Abend meiner Liebe geweiht. Doch,
+ehe wir Madras verlassen, noch einige Bemerkungen über diese Stadt.
+
+Madras, von den Eingebornen Tschinepatnam (Chinesenstadt) genannt, wird
+in die weiße und schwarze Stadt eingetheilt. Jene von vier bis fünf
+hundert Häusern, und mit einer Menge großer Magazingebäude, befindet
+sich in der Mitte der starkbefestigten Citadelle, Fort St. George
+genannt, das hart am Strande liegt. Diese, durch einen großen Plaz
+davon getrennt, hat ungefähr eine Stunde im Umfang. Die weiße Stadt
+ist der Siz der Regierung, auch wohnen die vornehmsten und reichsten
+Leute daselbst. Die schwarze Stadt wird hauptsächlich von Malabaren,
+Armeniern, Mestizen u. s. w. bewohnt, doch trifft man auch hier viel
+Engländer an.
+
+Die englischen Häuser in der weißen, so wie die armenischen in der
+schwarzen Stadt, zeichnen sich durch ihren Umfang und ihre Nettigkeit
+aus. Sie sind von Quadern oder Backsteinen, glänzend weiß angestrichen,
+und mit Balkons, und platten Dächern versehen. Glasfenster findet man
+nirgends, wohl aber welche von Bambusfäden, auch sogenannte Jalousien;
+die malabarischen Häuser u. s. w. in der schwarzen Stadt sind äußerst
+einfach, und haben alle nur ein Erdgeschoß.
+
+Der Boden von Madras ist dürres Sandland, wo man nur mit Mühe einige
+Produkte ziehen kann. Das Wasser ist schlecht. Man muß sich mit
+Brunnen- und Teichwasser behelfen, weil das Seewasser alle Quellen
+verdirbt. Die Rhede ist unsicher; die Schiffe befinden sich wie
+in offener See, zumal bei Veränderung des Moußon (Jahreszeit).
+Ehedem mußten daher die englischen Kriegsschiffe, vor Eintritt des
+Regenmonßon, immer nach Bombay abgehen, und die englischen Besitzungen
+auf der Küste, blieben allen feindlichen Angriffen von Trinconomale
+(auf Ceylon) ausgesezt. Seitdem sich aber die Engländer dieses
+wichtigen Punktes, so wie der ganzen reichen Insel bemächtigt haben,
+können sie nicht nur ihre Flotten in der Nachbarschaft überwintern
+lassen, sondern auch vor jedem Angriffe sicher seyn. Die englischen
+Einwohner von Madras leben im Allgemeinen auf einem sehr glänzenden
+Fuß. Der Gouverneur giebt den Ton an, und alles ahmt ihm nach, so
+weit es möglich ist. Dieser asiatische Pomp zeigt sich vorzüglich in
+einer zahlreichen Dienerschaft, in glänzenden Equipagen, in prächtigen
+Wohnungen, in schönen Gartenhäusern, in einer vortrefflichen Tafel
+und einer großen Gastfreiheit. Freilich sezt dies sehr ansehnliche
+Einkünfte voraus; allein diese fehlen auch nicht. Sowohl die höhern,
+als die niedern Compagniebeamten beziehen sehr hohe Gehalte, und
+erwerben überdem durch Handelsgeschäfte außerordentlich viel. Die
+eigentlichen Kaufleute, die Mäkler, die Aerzte und Wundärzte, die
+Advokaten u. s. w. alle häufen in kurzem ansehnliche Reichthümer auf.
+
+Mit Anbruch des Tages, d. h. um fünf Uhr Morgens steht man auf, und
+fährt oder reitet spazieren bis gegen acht Uhr, wo gefrühstückt wird.
+Dies ist zugleich die beste Zeit, wo man jedermann zu Hause treffen,
+und Geschäfte machen kann. Die Büreauarbeit hat von neun bis zwei
+Uhr statt. Jezt wird gespeist, worauf die Siesta (Nachmittagsschlaf)
+folgt. Um fünf Uhr fangen die Assembleen an. Um neun Uhr wird zu
+Abend gegessen, was hier die Hauptmahlzeit ist. Selten pflegt man vor
+Mitternacht, in der Regel, erst gegen ein Uhr schlafen zu gehen.
+
+Ein stehendes Theater giebt es nicht, doch finden zuweilen
+Vorstellungen von Liebhabern statt. Dafür werden desto mehr
+Pferderennen mit indischen und arabischen Pferden gehalten, wozu
+man die kühlen Morgenstunden wählt. Gelegenheit zu Landparthien u.
+s. w. giebt es mancherlei, z. B. nach dem St. Thomasberge, wo noch
+ein portugiesisches Kloster ist, nach Emnore, wo man das Seebad
+brauchen kann, nach Meliapar, wo sehr viel artige Landhäuser sind, und
+dergleichen mehr.
+
+Eines der angenehmsten Ereignisse für Madras ist die Ankunft eines
+~Indiaman~, oder großen Compagnieschiffes, wovon die meisten auf
+vier und dreißig Canonen gebohrt sind. Dann ist alles voll Leben und
+Thätigkeit, und überall werden die neu angelangten Waaren zum Verkaufe
+ausgestellt. Die Beamten der Compagnie haben dabei den Vortheil, daß
+ihnen Tuch und Maderawein für den Facturenpreis überlassen werden
+muß. Sehr angenehm ist auch die Ankunft der großen Chinafahrer auf
+ihrer Rückreise nach England. Sie bringen die schönsten Seidenzeuge,
+Nankins, Frauenzimmerschuhe, Porcellanwaaren, Gemälde, Fächer,
+Spielsachen u. s. w. mit.
+
+
+
+
+ Achtzehntes Capitel.
+
+
+Ich kehre zu meiner Geschichte zurück. Meine Verhältnisse erlaubten
+mir, meiner Neigung zum Landleben zu folgen, und mich von allen
+Geschäften völlig zurückzuziehen. Allein um dieses ausführen zu können,
+mußte ich durchaus noch eine Reise nach Pondichery machen, wo ich in
+weitläuftigen Verbindungen stand. Theils der Ersparniß, theils der
+Schnelligkeit wegen, beschloß ich diesmal zu Wasser zu gehen, und
+brachte den Abend vor der Abreise, wie gewöhnlich bei Mamia zu.
+
+Sie war mit meinen Angelegenheiten bekannt; sie wußte wie nothwendig
+diese Reise war. Kaum hörte sie mich aber vom Schiffe sprechen, als
+sie zu weinen anfieng. Sie fürchtete das Meer, sie bat mich aufs
+zärtlichste, zu Lande zu gehen. Allein es ließ sich nun nicht ändern,
+ich suchte sie daher zu beruhigen, und verließ sie endlich nach
+Mitternacht. Jezt nach einigen Stunden Ruhe begab ich mich an den
+Strand, um mit einer Chialeng (Ruderboot) nach dem Schiffe zu fahren,
+das bereits auf der äußeren Rhede lag.
+
+Indem ich mich der Chialeng näherte, erblickte ich zwei Frauenzimmer
+dabei, und erkannte sie bald für Mamia und ihre Begleiterin. -- »Herz
+meines Herzens!« -- sagte sie -- »Ich mußte dich noch einmal sehen! Ich
+wollte dich um Erlaubniß bitten, dich auf das Schiff zu begleiten; es
+ist mir, als würde ich dann ruhiger seyn!« --
+
+Vergebens suchte ich ihr dies auszureden, besonders der ungewöhnlich
+hohen Brandung wegen; sie bat nun noch dringender darum -- »Gerade
+deswegen!« -- fuhr sie fort -- »Wenn dir ein Unglück begegnet, bin ich
+wenigstens bei dir!« -- So willigte ich endlich ein, um ihr nicht wehe
+zu thun.
+
+Allein, wie groß war mein Erstaunen, als ich die Chialeng fast ganz mit
+Waarenballen angefüllt sah. -- »Was ist das?« -- fragte ich unwillig
+-- »Ist das unserm gestrigen Accorde gemäß?« -- Der arme Tandel
+(Steuermann) erzählte mir nun, daß die Chialeng von dem Hafenmeister
+gepreßt worden sey. Wirklich trat auch in dem Augenblick ein Seecadet
+auf uns zu, und befahl ihm ungestüm in See zu gehen.
+
+Ich fühlte, daß gegen Gewalt nichts auszurichten war, und schränkte
+mich daher blos auf Vorstellungen ein. -- »Die Brandung geht zu hoch!
+Es ist unmöglich, daß die schwere Chialeng hinüber kommt.« -- Der arme
+Tandel bestätigte es -- »Gott ist groß!« -- sezte er bedeutend hinzu --
+Allein vergebens, der junge tollkühne Midshipmann bestand darauf.
+
+Was sollte ich thun? Alle meine Papiere befanden sich bereits an Bord.
+Wenn ich das Schiff absegeln ließ, war ich völlig ruinirt. Noch stand
+ich unschlüßig, als Mamia beherzt in die Chialeng sprang, und so alles
+entschied. Wir waren nun nebst den sechs Ruderern vier Passagiere
+zusammen, indem außer dem Seecadet, noch eine alte Mestize dazu
+gekommen war.
+
+Allein kaum hatten wir uns einige Klaftern vom Ufer entfernt, als die
+Chialeng kaum eine Hand breit Bord behielt. Ich winkte daher meinem
+Dobasch (Bedienten) der am Ufer stand, uns ein Paar Kattamarans (kleine
+Flöße) nachzuschicken, was auch sofort bewerkstelligt ward. Indessen
+wälzte sich bereits die erste Woge mit donnerndem Getöse gegen die
+Chialeng. Der Tandel that sein möglichstes derselben auszuweichen;
+dennoch stürzte sie zum Theil auf uns herab, und die Chialeng sank bis
+auf einige Zoll ins Wasser. Jeder Augenblick war kostbar -- »Komm,
+Mamia!« -- rief ich, und sprang mit ihr Hand in Hand über Bord. --
+Indem brach die Brandung wie ein niederschmetterndes Gewölbe über mich
+her. Als ich wieder empor kam, war die Chialeng verschwunden, und Mamia
+befand sich dicht hinter mir. Muthig schwammen wir nunmehr dem Ufer zu,
+das ungefähr nur noch hundert Schritte von uns entfernt war.
+
+Plözlich fühlte ich mich in die Tiefe gezogen, und erblickte mit
+Entsetzen die alte Mestize, die sich an meinen Kleidern festhielt.
+Vergebens suchte ich mich loszureißen; sie hatte mich im Todeskampfe
+gefaßt. -- »O Mamia!« -- rief ich -- »Ich bin verloren! Rette dich!« --
+»Nein!« -- erwiederte sie -- »Ich verlasse dich nicht.« -- In diesem
+Augenblicke stürzte die lezte Brandung über uns her, und ich verlor das
+Bewußtseyn.
+
+Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Strande, von einer Menge
+Menschen umringt, in einem Palankin. Ich erblickte meinen Dobasch, und
+fragte nach Mamia. -- »Sie ist gerettet, lieber Herr!« -- erwiederte
+er. -- Freudig hieß ich ihn nach dem Schiffe fahren, um meine Sachen
+zu holen, und ward so glücklich nach Hause gebracht. Bald kam mein
+Dobasch mit den Coffres zurück. Jezt erfuhr ich, wie alles zugegangen
+war. Mamia hatte mich mit unsäglicher Anstrengung emporgehalten, bis
+uns der eine Kattamaran zu Hülfe kam. Indem wir so sprachen, flog sie
+mit einem lauten Schrei in meine Arme, und drückte mich aufs innigste
+an sich. Zu ihrer großen Freude beschloß ich nun zu Lande zu gehen.
+
+Alle Anstalten waren gemacht; Mamia lag zum leztenmale an meiner Brust.
+-- »Ach!« -- sagte sie weinend -- »Ach Freund meiner Seele, komm so
+bald als möglich zurück, wenn ich dich noch einmal sehen soll!« --
+»Hier, hier schmerzt es« -- indem sie die Hand an ihr Herz legte
+-- »Ich fürchte, du findest mich todt!« -- Es war ein wehmüthiger
+Abschied. -- Nach einem langen, heißen Kuße riß ich mich endlich los.
+
+
+
+
+ Neunzehntes Capitel.
+
+
+Es war gerade drei Uhr Nachmittags; langsam zogen wir durch den
+Schattengang, der von Madras nach St. Thomas (indisch Maliapur) führt.
+Hinter diesem Dorfe fingen die Verwüstungen des lezten Krieges
+an, alles war daher mit Ruinen bedeckt. Zum Glück hatten wir uns
+hinlänglich mit Lebensmitteln versehen.
+
+Am dritten Tage kamen wir durch das Thal Maweliewarom, das seiner
+wunderbaren Ruinen wegen berühmt ist. Man sieht hier nämlich eine
+Reihe von Tempeln, Piramiden, Chauderies, Gewölben u. s. w., die
+sämmtlich aus einem Stücke in den Felsen gehauen sind. Mit Ehrfurcht
+betrachtet man diese Ueberreste einer eben so kühnen, als romantischen
+Architektur, aus den ersten Jahrtausenden der Welt.
+
+Am merkwürdigsten sind sieben Tempel, die sich in gerader Linie, einer
+hinter den andern, vom Strande aus, über eine Meile weit, ins Meer
+hinausziehen. Der erste steht beinahe noch ganz auf dem Lande, das
+Wasser steigt nur bei sehr hohen Fluthen hinein. Die vier folgenden
+ragen immer weniger, die zwei lezten fast gar nicht aus dem Meere empor.
+
+Noch weiter in den See hinaus, erblickt man eine Menge ähnlicher
+Ruinen, die bei hohem Wasser sehr gefährlich sind. Die sieben Pagoden
+von Maweliewarom, pflegen daher auf allen Seekarten bemerkt zu seyn.
+
+Alle diese ungeheuren Gebäude hält man für die Ueberreste einer
+der ältesten und größesten Städte von Indien, deren Geschichte
+indessen in tiefer Nacht verborgen liegt. Blos ein berühmtes
+indisches Heldengedicht (Mahebaroth) erwähnt des mächtigen Königs
+Joudishter, der daselbst residirt haben soll. Wie dem indessen
+auch seyn mag; die Aufführung solcher Massen beweißt einen hohen
+Grad artistisch-scientifischer Cultur. Das Ganze muß übrigens von
+unermeßlichem Umfange gewesen seyn, da nicht nur das Thal, sondern
+auch ein so beträchtlicher, jezt vom Meere verschlungener, Küstenstrich
+damit bedeckt war. Mitten unter diesen Denkmälern längstverschwundener
+Generationen, findet man ein kleines, meistens von Braminen bewohntes
+Dorf, an dessen Eingange die Chauderie steht.
+
+Indessen pflegen nur wenig Reisende hier zu übernachten, weil alles
+mit Tigern, Schakals u. s. w. angefüllt ist. Da wir uns aber zu lange
+aufgehalten hatten, schien es noch weniger räthlich, in der Dämmerung
+weiter zu gehen. Wir beschlossen daher, vor der Chauderie ein großes
+Feuer anzuzünden, und wechselweis dabei Wache zu halten, wo mich dann
+nach dem Abendessen die erste Wache traf.
+
+Es war fast Mitternacht, der Mond gieng hinter den waldigen Gebirgen
+unter, und goß sein schwindendes Licht auf die gigantischen Ruinen
+einer Pagode herab. Bald lag nun alles in Dunkelheit; kein Lüftchen
+wehte; kein Blättchen rauschte; selbst das Heulen der Schakals
+hatte aufgehört. Da starrte ich hinaus in die schwarze Nacht, und
+auf das einsame Thal, wie auf das Grab einer entschlafenen Welt.
+O Menschenleben! O Menschengröße! Augenblicke -- Jahrtausende! --
+~Ein~ Tropfen aus dem Ocean der Ewigkeit.
+
+Am sechsten Tage kam ich durch lauter verwüstete Gegenden in Pondichery
+an, und fand in dem deshalb bezeichneten Wirthshause bereits einen
+Brief von Mamia, der den Tag nach meiner Abreise abgegangen[12]
+war. Sie schrieb mir in den zärtlichsten Ausdrücken, und hoffte
+mich unverzüglich wieder zu sehen. Ihre Brustbeschwerden schienen
+zuzunehmen, doch war sie im übrigen vollkommen wohl. Ich selbst ward
+aber leider nunmehr von einem Fieber befallen, das mich nun alle Tage
+im Bette hielt. Unterdessen hatte ich dem lieben Mädchen geantwortet,
+und ihr versprochen, in zehn, zwölf Tagen wieder in Madras zu seyn.
+
+Schon stand ich jezt im Begriffe, meine Rückreise anzutreten, als
+ich von meinem Dobasch einen Brief mit der Nachricht erhielt, daß
+Mamia plözlich verschwunden sey. Ein Gunekare (Wahrsager) hatte ihr
+einige Tage vorher, ihren Horoscop gestellt, und ihr die nahe Trennung
+von ihrem Geliebten vorhergesagt. Seit diesem Augenblick hatte sie
+unaufhörlich geweint, und ihre Brustschmerzen dadurch vermehrt. In
+ihrem Zimmer war jedoch nicht die mindeste Anzeige von einer Reise zu
+finden; im Gegentheile waren Juwelen, Kleider u. s. w. in der besten
+Ordnung. Ich gestehe es, ich erschrack über diese Nachricht so sehr,
+daß ich mich kaum zu fassen im Stande war.
+
+So hatte ich einige Tage in großer Unruhe zugebracht, als eines
+Abends ein Malabar bei mir erschien, der gerade von ~Omur~ kam.
+Er brachte mir Nachrichten von Mamia; sie war krank, und befand
+sich in dem Hause seiner Mutter, die ebenfalls von der Caste der
+Tänzerinnen war. -- »Wie?« -- rief ich mit wehmüthiger Freude aus: --
+»Krank, und zu Omur?« -- »Ja Herr!« -- erwiederte der Juntrie, und
+erzählte mir den Zusammenhang. Mamia kam wirklich von Madras, und
+wollte nach Pondichery. Sie hatte diese Reise so eilig angetreten, daß
+sie nun gefährlich darnieder lag. Die Daja hatte den Juntrie auf ihr
+ausdrückliches Verlangen abgeschickt: -- »Sie wünsche mich vor ihrem
+Tode nur noch einmal zu sehen.«
+
+Man denke sich meine Empfindungen. -- Soviel Liebe, soviel
+Anhänglichkeit! Und ich sollte ~sie~ verlieren, die mein Alles
+war! -- Schnell ließ ich einen Palankin kommen, reiste die ganze Nacht,
+und kam schon Morgens um sieben Uhr zu Omur an. Da stand ich nun mit
+klopfendem Herzen vor dem kleinen malabarischen Häuschen, das meine
+geliebte Freundin verbarg, während der Juntrie hineingegangen war, und
+der Daja von meiner Ankunft Nachricht gab.
+
+Die gute alte Frau erschien, und erzählte mit thränenden Augen, wie
+alles zugegangen war. Mamia hatte seit meiner Abreise keinen ruhigen
+Augenblick gehabt. Nichts war im Stande gewesen, sie von der Reise nach
+Pondichery abzubringen; sie wollte, sie mußte mich noch einmal sehen.
+Aber am fünften Tage hatte sie ein heftiges Fieber bekommen, und war
+halbtodt in Omur angelangt.
+
+Der Juntrie kam uns jezt zu sagen, daß Mamia aufgewacht sey. Die Daja
+gieng hinein, sie auf meine Ankunft vorzubereiten; ich hörte meinen
+Namen nennen, und folgte ihr auf dem Fuße nach. Mamia lag auf einer
+Matte ausgestreckt. Ihr himmlisches Gesicht war todtenbleich; ihr
+ganzes Ansehen zeigte die höchste Erschöpfung an. Aber kaum ward sie
+mich gewahr, so richtete sie sich auf, und breitete ihre Arme nach mir
+aus. -- »Ach mein bester Freund!« -- rief sie mit heißen Thränen --
+»Wie bist du so gut! -- Nun will ich gern sterben, habe ich dich doch
+noch einmal gesehen!« --
+
+Ich suchte sie zu trösten, aber vergebens -- »Ach Gott!« -- fuhr sie
+fort -- »Nein! Für mich ist keine Hülfe mehr, ich fühle es nur zu gut!
+Mein Schmerz ist tödlich; meine Augenblicke sind gezählt! Geliebtester!
+Ich habe nur noch eine Bitte an dich!« --
+
+»Und was soll ich für dich thun, o Einzige meines Lebens« -- sagte ich.
+--
+
+»Du bist mir Alles! Ich habe keinen Freund als dich! Zünde du meinen
+Scheiterhaufen an!« --
+
+Ich versprach es ihr -- Sie legte ihr Haupt an meine Brust, und hob
+ihre brechenden Augen noch einmal voll Zärtlichkeit zu mir empor. --
+»Leb wohl, Geliebtester! -- Leb ewig wohl!« -- Dies waren ihre lezten
+Worte, und so entschlummerte sie.
+
+Nichts von meinen Empfindungen; einen solchen Schmerz hatte ich
+noch nie gefühlt. Das holde theure Mädchen war das Opfer ihrer
+Zärtlichkeit. Erst seit jenem schrecklichen Tage, wo sie mich rettete,
+hatte sie über Brustbeschwerden geklagt.
+
+»Theure, geliebte Seele!« -- rief ich mit heißen Thränen -- »Ach! Ohne
+dich ist das Leben nur eine Marter für mich!« -- Traurig vergieng der
+Tag; die Braminen richteten alles zum feierlichsten Begräbnisse ein.
+-- Zum leztenmal sah ich das himmlische Gesicht -- die Flamme loderte
+auf -- der unsterbliche Theil meiner Geliebten stieg zu Brama empor. --
+Lebt wohl, ihr Gestade Ostindiens! -- Ich kehrte nach Pondichery, und
+bald darauf nach Europa zurück!
+
+
+
+
+ Zweite Abtheilung.
+
+
+ ~Ch. Fr. Tombe.~
+
+
+
+
+ ~Quelle.~
+
+
+ =Voyage aux Indes Orientales etc. par ~Ch. Franc. Tombe.~
+
+ Paris VI. Vol. 8. 1810.=
+
+
+
+
+ ~Erstes Capitel.~
+
+
+Ich war Ingenieur-Capitain, und hatte seit 1796 bei der Nord- und
+Rheinarmee alle Feldzüge mitgemacht. Allein nach dem Frieden von Amiens
+(1802) ward ich auf Pension gesezt, was für mich, als Familienvater,
+sehr traurig war. Ich suchte nun irgend eine passende Stelle zu
+erhalten, meine Bemühungen hatten jedoch keinen Erfolg. Endlich ward
+ich mit einem Kaufmanne aus Isle de France bekannt, der daselbst
+ansehnliche Plantagen besaß. Er that mir den Vorschlag, ihn dahin zu
+begleiten, versprach mich als Supercargo nach Ostindien zu senden, und
+bestimmte mich ohne viel Mühe zur Annahme seines Antrags. Ich erbat,
+und erhielt hierauf den nöthigen unbestimmten Urlaub, wieß meiner
+Familie inzwischen meine Pension an, und schiffte mich endlich am 24.
+September 1802 mit meinem neuen Freunde, nach unserer Bestimmung ein.
+
+Unsere Ueberfahrt bis nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung bot wenig
+Merkwürdiges dar. Wir waren neun und dreißig Passagiere, worunter
+fünfzehn Frauen, an Bord, so daß es gar sehr an Bequemlichkeit gebrach.
+Am 25. December Vormittags um 4 Uhr, erreichten wir das Cap, wo noch
+die englische Flagge wehte, aber auch eine holländische Flotte vor
+Anker lag. Wie gewöhnlich, kamen sofort zwei Gesundheitsbeamten u. s.
+w. zu uns, ließen uns sämmtlich die Musterung passiren, und erlaubten
+uns, nach einer kurzen Berathschlagung ans Land zu gehen. Wir hörten
+jezt, daß der englische Gouverneur, General Dundas, das Cap an die
+Holländer zurückzugeben im Begriffe war.
+
+Was ich über die Capstadt sagen könnte, ist bekannt; überdem war mein
+Aufenthalt äußerst kurz. Die Uebergabe war auf den 1. Jan. 1803
+festgesezt, die Einwohner bereiteten eine Menge Feierlichkeiten vor.
+Plözlich am 31. December Nachmittags kam eine englische Corvette an.
+Sie hatte die Reise von Plymouth in neun und fünfzig Tagen gemacht,
+und brachte wichtige Depeschen an den General Dundas mit. Er erhielt
+nämlich Befehl, die Uebergabe aufzuschieben, wenn es noch irgend
+möglich sey. Schon waren fünfzehnhundert Mann von den englischen
+Truppen eingeschifft, und sollten in einigen Tagen nach Ostindien unter
+Segel gehen. Vier und zwanzig Stunden später, und Alles hätte eine
+andere Gestalt gehabt! So aber wurden die Truppen wieder ausgeschifft,
+die Posten verdoppelt, und die Holländer in die Caserne gesperrt. Die
+Bestürzung der Einwohner war unbeschreiblich.
+
+Bald darauf verbreitete sich das Gerücht vom nahen Ausbruche eines
+neuen Krieges, und einem provisorischen Embargo. In diesem Falle
+wartete unserer förmliche Kriegsgefangenschaft. Zum Glück ward
+indessen dem Capitain abzusegeln erlaubt. Wir begaben uns daher
+noch denselben Abend wieder an Bord. Endlich am 2. Januar kamen wir
+glücklich in See, und am 6. Februar liefen wir in Port Louis, auf Isle
+de France ein. So hatten wir die ganze Reise in fünftehalb Monaten
+gemacht.
+
+Während dieser Zeit war mir mein neuer angeblicher Freund bereits nicht
+wenig verdächtig geworden, aus Gründen, die ich eher andeuten, als
+sagen kann. Wirklich fand ich mich auch bei meiner Ankunft auf Isle de
+France sehr bitter getäuscht; jedermann rieth mir von dieser Verbindung
+ab. Ich trennte mich daher augenblicklich von ihm, und dachte auf eine
+Unternehmung auf eigene Hand. Ein Pariser Freund hatte mir mehrere
+Wechsel auf hiesige Häuser anvertraut. Ich beschloß Waaren dafür
+einzukaufen, und damit nach Pondichery zu gehen. Allein die Schuldner
+waren nicht zahlungsfähig; man denke sich daher meine Verlegenheit.
+Noch war ich dem Capitain achtzehnhundert Livres für meine Ueberfahrt
+schuldig, und hatte keinen Sol zu meinem Unterhalt. Das einzige,
+worauf ich hoffen konnte, war eine Anstellung in Pondichery, zu dessen
+Besizergreifung Admiral Linois eben abgegangen war. Unterdessen nahm
+ich eine Hofmeisterstelle in einem Hause an, wo ich die liberalste
+Behandlung fand.
+
+So waren an sechstehalb Monate vergangen, als mein Schicksal plözlich
+eine andere Wendung bekam. Am 17. August Morgens lief nämlich die
+französische Fregatte la belle Poule, Capitain Bouillac, hier ein.
+Sie gehörte zur Division des Admirals Linois, und überbrachte die
+Nachricht, daß die Uebergabe von Pondichery verweigert worden sey.
+Da dies den nahen Ausbruch eines neuen Krieges anzudeuten schien,
+ward sofort auf den Batterien Alles in Vertheidigungsstand gesezt.
+Nachmittags um zwei Uhr ankerte der Admiral selbst mit seiner ganzen
+Division. Wenig Tage nach seiner Ankunft auf der Rhede von Pondichery
+hatte er nämlich Depeschen aus Frankreich erhalten, mit dem Befehle,
+sogleich nach Isle de France unter Segel zu gehen. Dem zu Folge hatte
+er in der Nacht die Anker gekappt. Am Bord des Admiralschiffes, befand
+sich der nach Pondichery bestimmte Generalgouverneur Decaen, und der
+Colonialpräfect Leger, dessen Familie zu Pondichery zurückgeblieben
+war. Niemand zweifelte mehr am Kriege; doch wußte Niemand etwas
+Gewisses davon. Endlich am 28. August kam der Cutter le Berceau,
+Capitain Holgan von l'Orient an, und brachte die officielle Bestätigung
+mit. Zugleich war der General Decaen zum Generalgouverneur aller
+französischen Besitzungen, östlich vom Cap, folglich auch von Isle de
+France ernannt. Durch ihn, der sich meiner wohl erinnerte, ward ich
+wieder bei dem Ingenieurcorps angestellt. Dabei erhielt ich den Befehl,
+mich zu einer geheimen Expedition bereit zu halten, die eben im Werke
+war.
+
+
+
+
+ Zweites Capitel.
+
+
+Am 9. October bekam ich Befehl mich einzuschiffen, und zwar an Bord
+der Corvette Le Berceau, Capitain Helgan. Die Expedition bestand
+aus dem Marengo von 80 Kanonen und einigen Fregatten, sämmtlich
+unter dem Commando des Admirals Linois. An Landtruppen hatten wir
+ein Bataillon bei uns; der Ort unserer Bestimmung indessen war noch
+ungewiß. Unterdessen kamen wir glücklich in See. Hier öffneten die
+Commandanten ihre versiegelten Befehle, und nun ward alles bekannt.
+Der Admiral sollte eine Zeitlang in den indischen Gewässern kreuzen,
+die englische Faktorei auf Sumatra zerstören, und dann nach Batavia
+gehen. Hier sollten die Truppen, dem Verlangen der Holländer gemäß, als
+Hülfstruppen bleiben, wie es schon einmal der Fall gewesen war.
+
+Unser Kreuzzug war indessen, wie es meistens zu gehen pflegt, einförmig
+genug. Wir verloren ein Paar Matrosen; wir hatten einige Windstöße
+auszuhalten; wir machten mehrere zum Theil sehr reiche Prisen, und
+dergleichen mehr. Am 1. December bekamen wir die Insel Sumatra zu
+Gesicht; am 2. näherten wir uns der Bay von Bencoule, am 3. in der
+Nacht griffen wir die daselbst befindliche Schiffe an. Drei wurden
+genommen, die übrigen fünf verbrannt. Zugleich wurden sämmtliche
+Magazine der Faktorei zerstört. Am meisten schien uns zu statten zu
+kommen, daß man überrascht ward, und uns anfangs selbst für Landsleute
+hielt.
+
+Am 12. December Morgens näherten wir uns der Rhede von Batavia,
+und wurden von dem kleinen Fort auf der Insel Onruß, wo sich die
+Kompagniewerfte befinden, sehr feierlich begrüßt. Indessen machten
+die Schiffe auf der Rhede eilige Anstalten unter Segel zu gehn.
+Wahrscheinlich sahen sie uns für Engländer an, denn ihre Bewegungen
+verriethen Aengstlichkeit. Um sie zu beruhigen, schickte der Admiral
+unsere Corvette ab. Wir sezten zu diesem Ende Segel auf Segel bei,
+und so war in kurzem die Wachtfregatte erreicht. Nachdem wir diese
+unterrichtet hatten, machte sie einige Signale, und alle Schiffe zogen
+ihre Flaggen auf. Bald war die Ruhe wieder hergestellt, und die ganze
+Division konnte vor Anker gehn.
+
+Wir Offiziere hofften schon den Nachmittag an's Land zu kommen, sahen
+uns aber sehr unangenehm getäuscht. Die holländischen Behörden fanden
+die Forderungen unseres Kommandanten übertrieben, wollten nichts von
+überzählichen Offizieren wissen, und machten Schwierigkeiten aller
+Art. Es zeigte sich nachher, daß dies alles von dem holländischen
+Oberkommandanten, dem Brigadier Sandoley, einem Schweizer, herkam,
+der das ganze Vertrauen des Generalgouverneurs Syberg besaß, und ein
+geschworner Feind der Franzosen war. Auf diese Art vergiengen acht
+Tage, ehe eine Uebereinkunft wegen des Soldes, der Verpflegung u. s.
+w. zu Stande kam. In Folge derselben wurden wir endlich ausgeschifft,
+worauf ich meinen Dienst als wirklicher Ingenieur-Capitain antrat.
+
+Die Lage von Batavia ist bekannt. Eben so weiß jedermann, daß es eine
+der größten und reichsten Städte in ganz Asien, und der Mittelpunkt
+aller holländisch-ostindischen Besitzungen ist. Endlich giebt es von
+der regelmäßigen Bauart, den Kanälen, Alleen, Spaziergängen u. s.
+w. Beschreibungen in Ueberfluß. Ich füge daher nur einige, weniger
+bekannte Bemerkungen hinzu. Das Clima von Batavia ist an und für sich
+selbst nicht ungesund, es wird nur bei der Lage und den Umgebungen der
+Stadt so mörderisch. Die vielen Canäle mit stehenden Wasser, worein man
+allen Unrath wirft, der morastige Boden, endlich die große Moderbank
+vor der Mündung des Jacatra[13], sind die vornehmsten Ursachen davon.
+Die kleinste Unordnung in der Diät, die kleinste Erkältung u. dgl.
+zieht meistens ein tödtliches Fieber nach sich, der Kranke legt sich,
+verliert nach fünf bis sechs Stunden die Besinnung, und ist nach andern
+sechs Stunden todt.
+
+Wahr bleibt indessen, daß man bei einer ungeschwächten Constitution
+weit weniger zu fürchten hat, sobald man nur mäßig und vorsichtig
+ist. Würden übrigens die Kanäle gereinigt, die Moräste ausgetrocknet,
+und die Moderbänke weggeschafft, so würde Batavia ein ganz gesunder
+Aufenthalt seyn. Doch, wie es scheint, ist hier holländische Politik
+im Spiel. Man wünscht selbst keine Verbesserung. Jene Moräste und
+Moderbänke geben nämlich eine natürliche Vertheidigungslinie ab.
+Eben so zwingt jene Ungesundheit alle Blokadeflotten zulezt zum
+Abzug. Endlich hält die Furcht vor dem mörderischen Clima, eine Menge
+Handelsnebenbuhler von der Niederlassung ab.
+
+Die Bevölkerung von Batavia wird auf 160,000 Seelen geschäzt. Hierunter
+sind 100,000 Chinesen, die in den Vorstädten wohnen, während der Rest
+aus Armeniern, Arabern, Persern und Europäern besteht. Die leztern,
+zwölf bis fünfzehnhundert zusammen, sind theils Kaufleute, theils
+Beamte der Compagnie. Sie leben fast alle auf ihren Landhäusern, eine
+bis anderthalb Stunden von Batavia, und kommen in der Regel nur Morgens
+in die Stadt. Alle Geschäfte werden daher gewöhnlich Vormittags von
+sieben bis acht Uhr abgemacht. Nichts fällt anfangs dem Fremden so
+sehr auf, als die Gleichgültigkeit, womit man von jenen plözlichen
+Todesfällen spricht. -- »~=Mynheer, Mevrouv is overleden=~«
+-- der Herr, die Frau ist gestorben -- heißt es, als hätten sie eine
+Spazierfahrt gemacht. Jeder Europäer hält übrigens immer sein Testament
+bereit.
+
+Der Handel von Batavia ist sehr bedeutend, so drückend auch für
+die Fremden seine Eigenheiten sind. Batavia ist nämlich als die
+Hauptniederlage aller Gewürze von den Molucken, und aller Produkte von
+Java (Reis, Zucker, Caffee, Pfeffer u. s. w.) anzusehen. Es kommen
+daher aus allen Theilen Ostindiens, so wie aus China, Amerika, Afrika,
+Isle de France und Europa, Schiffe hier an. Sie führen die Produkte
+ihrer Länder ein, und dagegen hiesige aus. Diese Geschäfte werden
+aber auf folgende für Fremde höchst beschwerliche Weise abgemacht.
+Es ist ein Schabendar, oder General-Handels-Agent vorhanden, der für
+alle Nationen den einzigen Mäkler abgiebt. An diesen wenden sich die
+Capitains und Supercargo's, und theilen ihm ihre Ladungslisten mit. Er
+wählt davon, was der Compagnie anständig ist, besonders Artikel des
+Alleinhandels[14] und bietet dagegen andere an. Beide Theile dingen nun
+mit einander, und schließen nach gemachter Berechnung ab. Dabei muß
+aber fast jeder Capitain immer ein Drittheil oder Viertheil des Werthes
+in Gewürzen nehmen, auch wenn es ihm eben nicht anständig ist. Erst
+dann erhält er die Erlaubniß, den Rest der Ladung an andere Kaufleute
+abzugeben, was durch öffentlichen Anschlag bekannt gemacht wird. In
+keinem Falle ist ihm aber die Ausfuhr von baarem Gelde erlaubt. Er
+muß vielmehr alles in Waaren, oder Barren umsetzen, wenn er es nicht
+verlieren will. Die Chinesen, die den Zoll gepachtet haben, durchsuchen
+daher alle abgehende Schiffe mit unglaublicher Genauigkeit.
+
+Man hat häufig behauptet, daß Batavia äußerst leicht zu nehmen sey. Ich
+kann jedoch versichern, daß diese Meinung ganz irrig ist. Einmal sind
+die Festungswerke nichts weniger als schlecht; auch wird die Stadt, so
+wie die Mündung des Jacatra durch eine gute Citadelle gedeckt. Denn ist
+die ganze Küste mit starken Batterien versehen, und die Besatzung nicht
+schwächer als fünftausend Mann. Mögen darunter auch immer viel Kranke,
+viel Feige, viel Unzufriedene seyn; die Localität bietet dem Feinde
+doch stets sehr große Hindernisse dar.
+
+Er wird die Rhede blokiren; er wird die vorhandenen Schiffe auf den
+Strand jagen, und vielleicht verbrennen; aber Batavia selbst wegnehmen,
+das wird er ohne geheime Verständnisse sicher nicht. Aber auch das
+schlimmste angenommen; er machte sich durch einen Ueberfall u. s. w.
+wirklich Meister davon. Was würde geschehen? Der Generalgouverneur
+u. s. w. würde sich nach Samarang (auf der Nordküste) begeben; er
+würde bei den inländischen Prinzen, die den Holländern keinesweges
+abgeneigt sind, alle nur mögliche Unterstützung finden; er würde in
+kurzem eine Armee von 25 bis 30,000 Mann zusammenziehen. Unterdessen
+hätte es der Feind in Batavia, mit einer ungeheuren, ohnehin höchst
+unruhigen Volksmenge zu thun. Man brauchte der Stadt nur die Zufuhren
+abzuschneiden, und der Aufstand der hunderttausend Chinesen, die alle
+Handwerker, Krämer, Gärtner u. s. w. sind, wäre gewiß. Alles dies wird
+beweisen, daß Batavia weder leicht zu erobern, noch leicht zu behaupten
+ist.
+
+Bei den Chinesen fällt mir noch eine artige Bemerkung ein, womit ich
+dieses Capitel schließen will. Man weiß, wie sehr die wohlhabenderen
+unter ihnen auf lange Nägel und Zöpfe halten, weil sie ein Zeichen des
+Ansehens und Reichthums sind. Die holländische Regierung hat dieses
+nicht unbeachtet gelassen, und auf beides eine ansehnliche Abgabe
+gelegt. Je länger sie ein Chinese tragen will, desto mehr zahlt er
+davon. Es ist ein ordentlicher Tarif darüber vorhanden, auch finden von
+Zeit zu Zeit die nöthigen Messungen statt. Man muß gestehen, daß solche
+Abgaben die allerbilligsten sind.
+
+
+
+
+ Drittes Capitel.
+
+
+So hatte ich ungefähr fünf Monate in Batavia zugebracht, als ich
+bei einer beschwerlichen trigonometrischen Arbeit krank ward. Zum
+Glück fiel ich in die Hände eines geschickten deutschen Arztes, des
+Doctors ~Raspe~ aus dem Preußischen, und wurde in kurzem wieder
+hergestellt. Indessen benutzte ich diesen Umstand, um bei dem General
+Decaen um meine Zurückberufung anzuhalten, erreichte meinen Zweck, und
+wartete nun mit Sehnsucht auf Schiffsgelegenheit.
+
+Diese fand sich endlich in der Brigg »~=le petite Alphonse=~«
+Capitain Souriac, die von Isle de France mit Wein und Hüten gekommen,
+und jezt dahin zurückzukehren im Begriffe war. Der Abrede gemäß, begab
+ich mich am 14. December 1804 an Bord, und fand noch drei andere
+Passagiers. Leider aber waren von unsern vierzehn Matrosen kaum drei
+gesund. Nun ist zwar wahr, daß man die Ueberfahrt in dreißig bis fünf
+und dreißig Tagen machen kann, ohne daß der beständigen Ostwinde wegen,
+viel Schiffsarbeit dabei nöthig ist. Demungeachtet hätten wir auf alle
+Fälle wenigstens noch sechs bis 8 Matrosen gebraucht. Dieser Mangel
+zeigte sich gleich anfangs, als es am 15. December Nachmittags in See
+gieng. Wir sämmtliche Passagiere mußten die Anker mit aufwinden helfen,
+denn die meisten Matrosen waren zu schwach dazu.
+
+Schon in der ersten Nacht kamen wir durch den Eigensinn des wenig
+erfahrnen Capitains in große Gefahr. Wir trieben nämlich auf eine der
+vielen kleinen Inseln, so daß das Hintertheil des Schiffes kaum zwei
+Fuß weit von den zackigten Felsen abstand. Der Capitain gebehrdete sich
+wie ein Verzweifelter, und schrie nach dem Boot. Zum Glück erhob sich
+aber plözlich ein leichter Landwind, so das Schiff wieder abgebracht
+ward. Wir mußten hierauf zwei Tage laviren, und legten in dieser kurzen
+Zeit keine drei Seemeilen zurück.
+
+Noch nicht genug; troz seinen schönen Versprechungen hatte sich auch
+der Capitain nur äußerst spärlich mit Vorräthen versehen. Vergebens
+drangen wir in ihn, doch nach Batavia zurückzukehren; er fürchtete
+zu viel Demüthigungen für seine Eitelkeit. Hartnäckig bestand er
+daher darauf, im Gressec, oder Surabaye (an der Nordküste von Java)
+einzulaufen, wo er Matrosen und Vorräthe zu besorgen versprach. So
+steuerten wir also bis zum 24. December fort. Endlich befanden wir
+uns ungefähr zwei Seemeile von der Spitze von Banka, durch welche
+der Eingang in die Meerenge von Madure bezeichnet wird. Der Capitain
+beschloß, hier einige Zeit vor Anker zu gehen, um einen der Lootsen zu
+erwarten, die hier immer vorhanden sind. Da aber keiner davon sichtbar
+wurde, glaubte er sich noch wenigstens zehn Seemeilen vom Eingange
+der Meerenge entfernt. Er ließ daher die Anker lichten, und steuerte
+westwärts. Bald aber ward das Schiff von der heftigen Strömung gegen
+die Bank von Madure getrieben, so daß die Gefahr mit jedem Augenblicke
+stieg.
+
+Man hatte uns am vorigen Tage allerdings bei dem Posten von Banka
+gesehen. Allein die See gieng gar zu hoch; uns zu Hülfe zu kommen, war
+eine Unmöglichkeit. Wir erfuhren dies von dem Lootsen selbst, der jezt
+in einer großen Pirogue zu uns kam. Zehn Stunden lang wendete er alles
+mögliche zu unserer Rettung an. Doch da Wind und Strömung gleich heftig
+waren, blieb ihm nichts übrig, als uns zu verlassen, und nach Banka
+zurückzugehen. Wir wurden von nun an, unserer neun zusammen, täglich
+auf ein Huhn, und jeder für sich, auf einen Zwieback, zwei Tassen
+Caffe, und ein Glas Wasser eingeschränkt. Erst am 1. Januar 1805 gelang
+es uns aus der Straße von Baly herauszukommen, worauf längs der Küste
+fortgesteuert ward.
+
+Um fünf Uhr Nachmittags befanden wir uns einem holländischen Posten
+gegen über, der mit schönen Pflanzungen bedeckt zu seyn schien. Sobald
+uns der Commandant ansichtig ward, schickte er eine Pirogue ab, ließ
+uns Erfrischungen anbieten, und lud uns ein, vor Anker zu gehen. Leider
+konnten wir aber diese Erlaubniß nicht benutzen, indem selbst unser
+lezter Anker verloren gegangen war. Am folgenden Morgen befanden wie
+uns auf der Höhe von Balambouang. Jezt bekamen wir Stille, dann höchst
+veränderlichen Wind, endlich einen entsezlichen Sturm aus Nordwest.
+Wir verloren Segel und Masten, und trieben noch wenig Stunden, wie ein
+Wrack herum. Die Pumpen thaten fast keine Dienste mehr. Dabei waren
+wir täglich auf ein kleines Glas stinkendes Wasser, und etwas Reis
+beschränkt. Endlich beschloß der Capitain, die Ladung anzugreifen, die
+aus Zucker bestand. Er ließ daher ein Faß in die Cajüte bringen, wovon
+jeder nach Belieben nahm.
+
+In den zwei folgenden Tagen hatten wir unterdessen einen Nothmast, und
+einige Nothsegel zu Stande gebracht. Auf diese Art hofften wir Timor
+zu erreichen, wo eine holländische Factorei befindlich ist. Allein vom
+dritten Februar an, trieb uns ein zweiter Sturm wieder rückwärts, so
+daß wir schon am sechsten die Spitze von Baly sahen. Am 7. Morgens um
+fünf Uhr erblickten wir ein großes dreimastiges Schiff, das aus der
+Meerenge heraus zu kommen schien. Wir hielten es für ein holländisches,
+oder amerikanisches, und wirklich zog es auch die leztere Flagge
+auf. Kaum hatte es sich aber etwas genähert, so öffnete es seine
+Stückpforten, zeigte englische Flagge, und kam mit vollen Segeln auf
+uns zu.
+
+Jezt sahen wir nur zu deutlich, daß es ein großer englischer Caper war.
+Augenblicklich warf ich meine Depeschen und Carten über Bord. Noch
+einige Minuten, und der Capercapitain rief uns durch das Sprachrohr
+zu -- »~=Strike amain! Strike amain, if you please!=~« --
+»Streicht! Streicht! wenn's beliebt!« -- Dies war in der That eine
+satyrische Aufforderung, denn wie konnten wir nur einen Augenblick
+widerstehen? Bald darauf kam ein Offizier mit acht Matrosen an Bord,
+nahm von dem Schiffe Besitze; stellte an alle Rudern Schildwachen, und
+hieß uns an Bord des Capers gehen.
+
+
+
+
+ Viertes Capitel.
+
+
+Als wir daselbst ankamen, hörten wir, daß es ~der Diligent~,
+Capitain ~Hall~ von ~Calcutta~ war. Der Capitain sagte uns,
+daß er selbst zweimal von französischen Capern[15] genommen worden
+sey. Man habe ihn liberal behandelt; er wolle es ebenfalls thun. Alle
+unsere Bagage u. s. w. bliebe uns daher. Zu gleicher Zeit sezte er uns
+ein vortreffliches Frühstück vor. Die Prise an 60,000 Franken an Werth,
+ward auf das Schlepptau genommen, und so lavirten wir längs der Küste
+hin.
+
+Um vier Uhr Nachmittags bekamen wir ein großes dreimastiges Schiff,
+und bald darauf noch zwei andere zu Gesicht. Capitain Hall hielt
+sie für holländische oder französische Fregatten, von den Divisionen
+der Admirale Hartsink oder Linois. Seine Lage ward gefährlich, die
+nachzuschleppende Prise hielt ihn im Segeln auf. Er ließ uns daher auf
+unser Wrak zurückkehren, rief dagegen seinen Prisenmeister, und seine
+Matrosen ab, und eilte mit vollen Segeln davon. Bald darauf erkannten
+wir die drei Schiffe für amerikanische Ostindienfahrer, und steuerten
+so gut wir konnten, auf die Bay von Balambouang zu.
+
+Der Tag brach an. Was sahen wir? Unsern Caper, der an der Küste
+geblieben war, und nun ganz lustig wieder auf uns zugesegelt kam.
+In weniger als einer halben Stunde befanden wir uns wieder am Bord
+desselben, und alles war in den vorigen Zustand versezt. Da der
+Capitain Wasser einnehmen mußte, behielt er den Curs von Balambouang.
+Wir erreichten indessen die Bay erst in der Nacht auf den zehnten
+Februar. Mit Anbruche des Tages erblickten wir den holländischen
+Posten Bagouwangie, und zogen sofort amerikanische Flagge auf. Zu
+gleicher Zeit schickte der Capitain einen Offizier ans Land, um zu
+fragen, wo Holz und Wasser zu finden sey. Die Nachricht war sehr
+befriedigend, und wir trafen eine vortreffliche Quelle an.
+
+Unterdessen hatte unser Schiff mit seinen Batterien, und der Prise auf
+dem Schlepptaue, troz der amerikanischen Flagge, bei dem Commandanten
+von Bagouwangie Verdacht erregt. Er schickte daher zwei seiner
+Offiziere zu uns an Bord. Beide sprachen englisch; beide sollten die
+nöthigen Nachrichten einziehen. Capitain Hall war indessen auf alles
+gefaßt. Er hieß uns in den Raum hinuntersteigen, versicherte sich
+unseres Ehrenwortes, und wartete die Ankunft der holländischen Pirogue
+ganz ruhig ab.
+
+Kaum waren die Herren gegen Mittag an Bord angekommen, so lud
+er sie zum Essen ein, und sprach ihnen dabei reichlich aus der
+Flasche zu. Als er nun das Geschäft auf diese Art eingeleitet hatte,
+zeigte er ihnen falsche amerikanische Pässe, und ein eben so ächtes
+Schiffsjournal vor, speiste sie in Ansehung der Prise mit einem
+Mährchen ab, und verkaufte ihnen zulezt einige ostindische Waaren für
+eine Kleinigkeit. Die armen Holländer wurden vollkommen getäuscht, und
+fuhren seelenvergnügt ans Land zurück.
+
+Indessen beschloß der Capitain die reiche Prise in Sicherheit zu
+bringen, und gab sofort Befehl zu ihrer Ausrüstung. Es wurde auch so
+eifrig daran gearbeitet, daß sie schon am folgenden Tage abzusegeln im
+Stande war. Wohin, blieb unbekannt. Unsere Bagage war uns im besten
+Zustande übergeben worden, doch brachten wir den ganzen Tag, wegen
+unserer künftigen Bestimmung, in großer Ungewißheit zu.
+
+So mochte es ungefähr acht Uhr Abends seyn, als uns der Capitain zu
+sich rufen ließ. Er war sehr höflich, und sagte uns, daß er uns diese
+Nacht ans Land zu setzen Willens sey. Unsere Freude darüber war sehr
+groß; im Unglück faßt man nur den Augenblick fest. Sofort wurden nun
+Anstalten zu unserer Ueberfahrt gemacht. Es fand sich aber, daß die
+Schaluppe für uns nicht groß genug war. Wir mußten daher in zwei
+Parthien abgehen. Bei der lezten befand ich mich selbst.
+
+Es war Mitternacht; der Mond gieng auf; der Posten lag nur einen
+Büchsenschuß von uns. Unsere Gefährten kamen uns entgegen, in wenig
+Minuten langten wir bei dem Commandanten an. Er war ein geborner
+Brandenburger, und hatte fünf und zwanzig Mann unter sich. Da ich
+ein wenig Deutsch und Malayisch verstand, verständigten wir uns ohne
+Schwierigkeit. Rund um ein großes Feuer gelagert, nahmen wir eine derbe
+Mahlzeit von Fischen und Eiern ein, wobei uns Capitain Halls Madera und
+Genever trefflich zu statten kam. Unser guter alter Sergeant, sein Name
+war Bitter, schickte sogleich eine Pirogue mit seinem Berichte nach
+Bagouwangie ab.
+
+
+
+
+ Fünftes Capitel.
+
+
+Die Sonne gieng auf, und eine neue Welt voll Leben und voll Hoffnung
+breitete sich vor mir aus. Bald langte nun ein Abgeordneter von
+dem benachbarten Fürsten von Balambouang an. Er sagte uns, daß der
+holländische Commandant zu Bagouwangie bereits von unserer Lage
+unterrichtet, und auf der Reise hierher begriffen sey. Indessen verzog
+sich seine Ankunft bis Nachmittags um drei Uhr. Unser Anblick schien
+ihn zu rühren, wir selbst waren nicht weniger bewegt. Er allein konnte
+uns die Mittel zur Rückkehr nach Batavia verschaffen; von ihm allein
+hieng unsere Zukunft ab. Er sprach und alles verbürgte uns seinen
+Edelmuth. Er war ein Deutscher; ein Herr von ~Winckelmann~. Wir
+mußten sogleich seine prächtige Jacht besteigen, wo die Tafel bereits
+gedeckt war. Endlich um vier Uhr segelten wir ab, während er unser
+Gepäck in einer Pirogue nachzuführen befahl. So hielten wir See bis
+Mitternacht, stiegen dann ans Land, und lagerten uns um ein gutes Feuer
+herum.
+
+Um fünf Uhr Morgens ward weiter gesegelt; drei Stunden und wir kamen
+zu Bagouwangie an. Sogleich führte uns der Commandant in seine schöne
+Wohnung, und stellte uns seiner Gemahlin vor. Sie empfieng uns mit
+vieler Höflichkeit, und ließ ein vortreffliches Frühstück auftragen,
+das zum Theil aus den herrlichsten Früchten bestand. Am folgenden
+Tage wurde nun unser Reiseplan festgesezt; indessen erforderten
+die Anstalten einige Zeit. Wir blieben daher fast zwei Wochen in
+Bagouwangie. Nach reifer Ueberlegung schien es am besten, bis Surabaye
+zu Lande, und dann nach Batavia vollends zu Wasser zu gehen.
+
+Bis Surabaye werden achtzig Lieuen gerechnet, zum Theil durch ein
+wüstes unbewohntes Land. Indessen hatte der treffliche Herr von
+Winckelmann für alles gesorgt. Fünf und zwanzig Malayen waren zu
+unserer Bedeckung, und fünf und siebenzig zum Tragen unseres Gepäckes
+bestimmt. Wir und die Bedeckung waren beritten, und hatten überdem
+noch fünfzehn Packpferde mit Lebensmitteln bei uns. Endlich waren
+uns als Wegweiser und Anführer, zwei Malayen-Hauptleute oder Mandors
+mitgegeben, von denen der eine etwas Deutsch verstand. So traten wir,
+nach einem herzlichen Abschiede von unserem edeln Freunde, am 23.
+Februar 1805 unsere Reise an.
+
+Die ersten drei Lieuen gieng es längs der Küste hin. Bald aber kamen
+wir in die große Wüste, die drei Tagereisen lang ist. Indessen hat
+die Regierung aller zwölf Lieuen, große Scuoppen von Bambus errichten
+lassen, die mit Gräben und lebendigen Hecken umgeben sind. Bei jedem
+dieser Caravansenai's, wie man sie nennen könnte, befindet sich eine
+Wache von Malayen. Diese müssen Tag und Nacht rund um die Einzäumung
+große Feuer unterhalten, so daß nichts von wilden Thieren zu fürchten
+ist.
+
+Der erste Posten dieser Art heißt ~Bagnou-Matie~. Der Weg dahin
+war blos ein schmaler Fußsteig, der zwischen hohem Grase hinlief. Ich
+kann ohne Uebertreibung sagen, daß dieses neun bis zehn Fuß hoch war.
+Wir sahen mehrere Tiger und Leoparden darin versteckt, langten indessen
+auf unserer Station ohne Unfall an. Als es finster wurde, verdoppelten
+wir die Feuer, und hielten auf diese Art die wilden Thiere ab. Indessen
+hörten wir die Tiger ziemlich brüllen, sobald nur ein Feuer abgebrennt
+war.
+
+Am folgenden Morgen früh um vier Uhr gieng unser Gepäcke ab; wir
+selbst aber folgten erst um zehn Uhr nach. Bei dem zweiten Posten
+~Son-bou-rou-arou~, fanden wir einige Häuschen von Bambus, nebst
+einer Ziegen- und Damhirsch-Heerde, auch einer Menge Federvieh. Dies
+alles gehörte einem Großen am Hofe des Königes von Balambouang. Wir
+füllten hier unsere Bambusrohre mit gutem Quellwasser, weil man
+von nun an nur schlechtes trifft. Am 25. verließen wir die Wüste,
+und kamen durch eine schöne, mit Reisfeldern bedeckte Ebene, nach
+~Panaroukan~, was ein kleiner Flecken ist. Hier traten wir bei
+dem Oberhaupte, einem reichen Chinesen ab, und wurden zu unserer
+Verwunderung ganz auf europäische Art traktirt. Auch nöthigte er uns so
+dringend, einen Rasttag bei ihm zu halten, daß es sich durchaus nicht
+ablehnen ließ.
+
+
+
+
+ Sechstes Capitel.
+
+
+Am 27. Februar ward nun die Reise fortgesezt. Wir kamen indessen nur
+bis ~Besouki~, einem großen Dorfe, das ungefähr drei Lieuen von
+der Küste liegt. Der Weg geht fast durch lauter Wald, und ist äußerst
+schlecht. Nur in der Nähe von Besouki wird die Landschaft etwas
+lichter, und bald sieht man Reisfelder mit Baumgruppen vermischt. Bei
+unserer Ankunft, wurden wir in das Haus des Commandanten (Tomogon)
+geführt, der eben abwesend war, fanden aber dennoch ein vortreffliches
+Mittagsmahl daselbst. Am 28. hatten wir eine sehr starke Tagereise bis
+~Bangro~. Auch hier fanden wir bei dem Tomogon eine sehr glänzende
+Bewirthung, und tranken zum erstenmale wieder Bordeauxwein. Zimmer und
+Betten waren ebenfalls sehr gut.
+
+Die folgende Tagereise bis ~Paßourang~ war kurz und angenehm.
+Die Landschaft ward immer schöner, wir konnten uns nicht satt daran
+sehen. Um zehn Uhr begegneten wir einem schönen offenen Wagen, mit
+vier Pferden bespannt. Er kam von Paßourang, gehörte dem dortigen
+holländischen Commandanten, und war für uns bestimmt. Wir zogen
+indessen vor, zu Pferde zu bleiben, und langten so bald bei unserem
+freundlichen Wirthe an. Er hieß Heßetaar, und nahm uns mit vieler Güte
+auf. Bei einem Einkommen von fünfzehn tausend holländischen Thalern
+machte er ein ansehnliches Haus. So hat er z. B. an dreißig Sclaven,
+worunter zehn musikalisch sind. Sie lernten die meisten Instrumente von
+einem Chinesen spielen, der der Schüler eines ~Deutschen~ gewesen
+war.
+
+Paßourang, an einem schiffbaren Strome gelegen, ist der Hauptort eines
+ansehnlichen Fürstentums, und mit schönen Caffe- und Pfeffer-Plantagen
+umringt. Die ostindische Compagnie hat ein Werft für Küstenfahrer
+daselbst. Zwei Lieuen von Paßourang liegt ein mäßig hoher Berg, an
+dessen Anhängen alle ~europäischen~ Gemüse, ohne alle Ausartung
+gedeihen, dies giebt zu einem bedeutenden Gemüsehandel nach Surabaye
+Gelegenheit. Wenig Tage vor unserer Ankunft war der Oberwundarzt
+unseres Bataillons hier durch gereist. Er wollte im Innern der Insel
+die Schuzblattern einführen, was von den wohltätigsten Folgen seyn wird.
+
+Am 3. März gieng es bis Bangall; auch diese Tagereise war sehr
+angenehm. Der Fürst, ein siebenzigjähriger Greis, empfieng uns mit
+vieler Zuvorkommung. Er sprach viel von Europa, besonders von den
+lezten Feldzügen in Italien, und schien ein sehr unterrichteter Mann zu
+seyn. Seinem ältesten Sohn und Nachfolger hatte er von einem Holländer
+erziehen lassen, daher dieser junge Prinz sehr gute Kenntnisse,
+besonders in der Mathematik besaß.
+
+Am folgenden Morgen brachen wir nach Surabaye auf. Der Weg war gut,
+die Gegend schön, der Boden vortrefflich angebaut. ~Surabaye~
+selbst ist eine kleine artige Stadt, und als erster Posten in der
+Meerenge von Madure von Wichtigkeit. Sie wird von dem Flusse Calianas
+durchschnitten, der für Küstenfahrer landeinwärts ziemlich weit
+schiffbar ist. Am Ausflusse desselben befinden sich zwei Hafendämme,
+mit Batterien versehen. Gewöhnlich laufen hier alle Schiffe ein, die
+nach China und den Philippinen bestimmt sind, besonders wegen des
+Wintermonßuns. Sie finden hier alle mögliche Erfrischungen, worunter
+auch die vortrefflichen Gemüse von Paßourang. Die Luft von Surabaye ist
+sehr gesund, und die Gebend entzückend schön.
+
+Bei unserer Ankunft wurden wir zu einem Juden geführt, der eine gar
+nicht schlechte Herberge hielt. Wir machten die Bekanntschaft eines
+holländischen Capitains, des Herrn Rußler, und wurden durch ihn,
+am folgenden Morgen, seinem Schwiegervater, dem Gouverneur, Herrn
+Rothenthal, vorgestellt. Dieser nahm uns mit vieler Güte auf, und
+versprach wegen unserer ferneren Reise sein möglichstes zu thun. Wir
+wünschten nämlich bis Batavia zu Lande zu gehen. Dies erforderte jedoch
+Bericht an den Generalgouverneur. Ich machte hierauf dem Commandanten,
+dem Major von Franquemont, aus dem Würtembergischen, einen Besuch. Er
+empfieng mich aufs beste, räumte mir ein Zimmer in seiner Wohnung ein,
+und überhäufte mich mit Höflichkeiten aller Art. Dasselbe muß ich von
+dem Admiral Hartsink sagen, der hier mit seiner Escadre vor Anker lag.
+
+Nach ungefähr vierzehn Tagen traf die Antwort des Generalgouverneurs
+ein. Sie war, wie wir befürchtet hatten, abschläglich, man fand die
+Kosten gar zu groß. Herr Rothenthal bekam daher den Auftrag, uns die
+Ueberfahrt nach Samarang, an Bord einer Brigg zu verschaffen, die
+ohnehin zu einem Kreuzzuge bestimmt war.
+
+Plözlich mußte es sich fügen, daß ein Schiff von der Escadre des
+Admirals Hartsink nach Batavia abgieng. Sofort suchte ich nebst meinem
+Freunde Harsaud um Plätze darauf an. Unsere Bitte ward bewilligt, und
+so begaben wir uns an Bord, wo uns der Capitain mit vieler Güte aufnahm
+(5. April).
+
+
+
+
+ Siebentes Capitel.
+
+
+Wir waren noch denselben Abend unter Segel gegangen, und kamen bei dem
+ziemlich günstigen Winde, schon am folgenden Tage aus der Meerenge
+heraus. Capitain ~Ruysch~ hatte uns die Hälfte seiner Cajüte
+eingeräumt, und wir speisten regelmäßig Mittags und Abends bei ihm.
+So kamen wir ohne weitere Vorfälle am neunten Tage (14. April) auf
+der Rhede von ~Samarang~ an, welches der Hauptposten auf der
+ganzen Nordküste ist. Samarang giebt nämlich den Mittelpunkt aller
+Verbindungen, und die Hauptniederlage aller Erzeugnisse der Insel
+ab. Die dortige Gouverneursstelle ist, nach der von Batavia, die
+einträglichste im ganzen holländischen Indien. Sie wirft jährlich an
+250,000 Piaster ab. Herr Engelhard, der sie jezt bekleidet, macht
+daher ein sehr glänzendes Haus. Die Luft von Samarang ist gesund, die
+Gegend schön, das gesellschaftliche Leben angenehm. Wir lernten unter
+andern einen Major ~Keller~ kennen, der früher General-Adjutant in
+französischen Diensten, und schweizerischer Kriegsminister gewesen war.
+
+Nach einem achttägigen Aufenthalte giengen wir am 23. April wieder
+in See, und segelten zwei Tage lang, längs der reizenden Küste hin.
+Am 26. Mittags ankerten wir auf der Rhede von ~Tcheribon~, und
+begaben uns sogleich ans Land. Hier wurden wir bei dem Wachtposten
+sehr feierlich empfangen, und fanden zwei prächtige Wagen bereit. Der
+Resident, Herr Roose, der anderthalb Lieuen von der Küste wohnt, hatte
+uns dieselben entgegengeschickt. Wir fuhren hierauf durch eine sehr
+schöne Landschaft, die einem großen Graben glich, und kamen so bei
+Herrn Roose an. Er vereinigt asiatischen Luxus, und europäische Eleganz
+auf eine seltene Art. Der Distrikt von Tcheribon liefert den besten
+Caffe von ganz Java; die Residentenstelle trägt jährlich an 60,000
+Piaster ein.
+
+Wir blieben drei Tage in Tcheribon, und giengen dann mit mehreren
+kleinen Küstenfahrern, die wir unter Convoy nahmen, in See. Die Küste
+wimmelt von Seeräubern aus Banca, Sumatra und Java selbst. Diese
+fallen kleine Schiffe, besonders chinesische Junken, mit vieler
+Kühnheit an. Europäer werden ermordet, Asiaten zu Sclaven gemacht.
+Der Hauptschlupfwinkel dieser Seeräuber ist die Insel Carimon, zehn
+Seemeilen von der Küste, auf der Höhe von Samarang. Hier sind ihrer oft
+hundert, ja hundert und fünfzig bis zweihundert beisammen, besonders,
+wenn ein Hauptschlag ausgeführt werden soll. Vor kurzem hatte man von
+Batavia zwei Fregatten, und eine Brigg gegen sie abgeschickt. Diese
+Schiffe kamen gerade zu rechter Zeit an, denn eben war die ganze Bay
+von Carimon mit Seeräubern angefüllt. Man blokirte daher sogleich den
+Eingang, und bereitete den Angriff auf den folgenden Morgen vor. Es
+schien um die Räuber geschehen zu seyn, allein zum Unglück war der
+Capitain der Brigg nicht wachsam genug. Sie entwischte daher in der
+Dunkelheit, und waren am andern Morgen längst aus dem Gesichte der
+Division.
+
+Am 27. April kamen wir endlich auf der Rhede von Batavia an. Kaum
+zeigte ich mich in der Stadt, als ich mit Freude und Erstaunen
+aufgenommen ward, denn jedermann hatte mich todt geglaubt. Der
+Gouverneur wünschte mich von neuem in Dienste zu nehmen; allein alles
+rief und zog mich nach Europa zurück. Zum Glück befand sich gerade
+ein Caper von jener Insel auf der Rhede, der dahin zurückzugehen im
+Begriffe war. Nach einigen Unterhandlungen erhielt ich einen Plaz
+darauf, und begab mich demnach am 8. Mai an Bord. Diesmal war unsere
+Fahrt glücklicher; am 1. Juni bekamen wir schon die Insel Bourbon zu
+Gesicht.
+
+Der Engländer wegen, hatte der Capitain von seinen Rheden den Befehl,
+mit der größten Vorsicht zu Werke zu gehen. Wir suchten daher die Küste
+zu gewinnen, um wo möglich Erkundigungen einzuziehen. Allein der Wind
+war fortdauernd ungünstig; wir brachten also sechs volle Tage damit zu.
+Endlich erhielten wir Nachricht, daß die englische Escadre verschwunden
+sey. So sezten wir unsere Fahrt nach Isle de France fort, und erkannten
+am 8. Juni Morgens, einen der höchsten Berge dieser Insel, Morne
+Brabant genannt.
+
+Gegen Mittag erblickten wir nicht weit von uns ein dreimastiges Schiff,
+zogen die Flagge auf, und riefen es an. Es zog ebenfalls französische
+Flagge auf, und zwar dreimal hinter einander, was uns, da es keine
+Antwort gab, äußerst verdächtig vorkam. Um acht Uhr Abends waren wir
+nur noch einige Seemeilen von der Insel entfernt. Plözlich stiegen von
+einem Bergposten zwei Raketen auf; bekanntlich das Signal, wodurch die
+Nähe des Feindes angezeigt wird. Wir hielten es indessen für einen
+Irrthum, und glaubten nicht daran. Als aber das Signal, nach Verlauf
+von zwei Stunden, der Regel gemäß, wiederholt ward, drehten wir
+plözlich um, und sezten alle Segel bei. Jezt gieng es abermals auf Isle
+de Bourbon zu, wo auch am 10. Morgens der Anker fiel.
+
+Mein Aufenthalt auf dieser Insel dauerte jedoch nur kurze Zeit. Schon
+am 18. gieng ich nämlich, meiner mündlichen Mittheilungen wegen, auf
+einem Aviso nach Isle de France ab. Dies Fahrzeug war mit Rudern
+versehen, und ganz zu einer schnellen Ueberfahrt geschickt. Wir
+entkamen den Engländern glücklich, und liefen am 22. Juni Abends in der
+Riviere Noire ein. Bei meiner Ankunft zu Port Louis, ward ich von dem
+General Decaen mit großer Freude empfangen; auch er hatte mich auf den
+Bericht eines amerikanischen Schiffers todt geglaubt.
+
+Er machte mir Hoffnung, mich in wenig Monaten nach Europa abzusenden,
+und stellte mich inzwischen wieder bei dem Ingenieurscorps an. Allein
+es vergieng ein volles Jahr, ehe sich eine passende Gelegenheit zu
+meiner Rückreise fand. Erst im August 1806 war endlich das dazu
+bestimmte Schiff segelfertig, und alles gehörig in Richtigkeit. Am
+11. August schiffte ich mich ein, am 15. November kam ich, nach einer
+ziemlich glücklichen Fahrt, in dem spanischen Hafen Passages bei St.
+Sebastian an. Von dort sezte ich meine Reise über Bayonne, Bordeaux u.
+s. w. nach meinem Geburtsorte, wo meine Familie lebte, zu Lande fort.
+
+
+
+
+ Dritte Abtheilung.
+
+
+ ~Heinrich Potter.~
+
+
+
+
+ ~Quelle.~
+
+
+=L'otgevallen en Ontmoetingen op eene mislukte Reize naar de Kaap de
+Goede Hoop. Door ~H. Potter~. 1807 -- 9. IV. Vol. 8.=
+
+
+
+
+ ~Einleitung.~
+
+
+Der Verfasser war Prediger zu Peins, in der Nähe von Franken, und
+erhielt im Jahre 1804 einen Ruf nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung.
+Allein da bald darauf der Krieg wieder ausbrach, so fand sich keine
+sichere Gelegenheit zur Reise dahin. Erst zu Ende des genannten Jahres
+bot sich eine solche in einem preußischen Hafen dar. Wir haben uns
+bemüht, die ~niederländische~ Manier des Verfassers sorgfältig
+beizubehalten, überzeugt, daß es den gemüthlichen Lesern gewiß
+Vergnügen machen wird.
+
+
+
+
+ ~Erster Brief.~
+
+
+ ~Leer~ Novemb. 1804.
+
+Liebster Freund. Am 15. October erhielt ich Befehl und Anweisung,
+bis zum 10. November an Bord zu seyn. Ich eilte daher sofort nach
+Amsterdam, um alle meine Einrichtungen zu treffen, welches Gott sey
+Dank, über meine Erwartung von statten gieng. Hierauf kehrte ich am 27.
+October nach Peins zurück, wo meine Frau inzwischen alles eingepackt
+hatte, und reiste am folgenden Morgen mit ihr und den Kindern nach
+Dockum ab. Hier sollte sie bleiben, bis sich bequeme Schiffsgelegenheit
+nach der Capstadt fand.
+
+So war alles in Ordnung gebracht. -- Endlich am 5. Morgens -- Nie werde
+ich den Augenblick vergessen, liebster Freund. -- »O bleibe bei uns
+Vater! Verlaß uns nicht!« -- riefen meine ältesten drei Kinder, und
+klammerten sich an mich an, während der Säugling ruhig in der Wiege
+schlief. -- Wäre meine Frau nicht standhafter gewesen, als ich -- Ich
+glaube, ich hätte in diesem Augenblicke auf Alles Verzicht gethan. So
+riß ich mich endlich mit gepreßtem Herzen los. Meine Sachen wurden jezt
+in die Schuit[16] gebracht, und ich folgte mit thränenden Augen nach.
+Zu meiner Freude waren nur noch zwei Personen in dem Roef[17] daher ich
+ziemlich ungestört blieb. Abends kamen wir so in Gröningen an.
+
+Ich hatte von Gröningen am nächsten Tage mit der Schuit nach Delfzyl
+zu gehen gedacht, wo ich Gelegenheit nach Leer zu finden sicher war.
+Allein es fror die Nacht so heftig, daß ich nicht weiter daran denken
+konnte. Ich ließ daher meine Sachen auf einen Wagen laden, auf dem sich
+zugleich ein Siz für mich und den Fuhrmann befand. Da es schon zwei Uhr
+war, als wir abfuhren, kamen wir Abends nicht weiter als Scheemda, ein
+großes, schönes Dorf, wo Nachtquartier gemacht ward.
+
+Am folgenden Morgen gieng es bei schönem hellen Wetter, durch den
+reichsten und fruchtbarsten Theil der Provinz, nämlich das Oldampt.
+Besonders groß und prächtig sind die Pfarrwohnungen, wie denn die
+Geistlichen hier solche Einkünfte haben, wie vielleicht nirgends
+anderes in unserem Vaterland.
+
+In der Nähe von Neuschanz (=de Nieuwe Schans=) war der Weg
+außerordentlich schlecht. Indessen kamen wir Abends ohne Unfall an.
+Hier lohnte ich meinen Fuhrmann ab, weil mit seinem schweren Wagen
+unmöglich weiter zu kommen war. Ich hielt es fürs beste, zwei kleinere
+zu nehmen, worauf die Reise am nächsten Tage weiter gieng.
+
+Bald kamen wir nun auf preußischen Boden, indem der Grenzpfahl ganz
+nahe bei Neuschanz steht. Das Land verräth viel Wohlstand, besonders
+der Theil, der unter dem Namen, der Preußische Polder bekannt ist.
+Ueberall herrliches Wiese- und Ackerland, und die schönsten Bauernhöfe,
+von städtischem Ansehen. Dies machte mich den schlechten Weg
+vergessen, der bei dem eingetretenen Thauwetter fast ganz ungangbar
+war. So kamen wir Nachmittags an dem Wirthshause an, das am rechten
+Ufer der Ems, ungefähr eine Viertelstunde von Leer, gelegen ist.
+
+Ich hätte mich gern noch diesen Abend über den Fluß setzen lassen,
+allein es war unmöglich, weil er mit Treibeis gieng, und nur das
+kleine Boot mit großer Mühe hin und wieder fuhr. Da ich nun meine
+Sachen unmöglich zurücklassen konnte, ließ ich sie abladen, und in
+einen Schoppen bringen, wo nach der Versicherung des Wirthes alles in
+Sicherheit war. Bei meinem Eintritt in das Zimmer sah ich sogleich an
+dem schmutzigen Boden, und der sparsamen Erleuchtung, daß ich mich
+außer dem Vaterland befand. Ein Dutzend Münsterländer mit langen blauen
+Hemden, und dicken weißen Schlafmützen, saßen mit dampfenden Pfeifen
+vor dem Kamine, und erwiederten meinen Gruß in ihrer eigenthümlichen
+platten Mundart.
+
+Nachdem man mir an der einen Ecke Plaz gemacht hatte, brachte mir der
+Wirth eine Pfeife, und stellte einen kleinen Tisch mit einer Flasche
+Wein vor mich. Hierauf fuhr er in einer Erzählung fort, die durch meine
+Ankunft unterbrochen worden war. Sie betraf seine Jugend, Verheiratung,
+und Ehe. Nach dem Tode seiner ersten Frau hätte er gern eine zweite
+genommen, allein er war zu alt dazu. Eine junge würde ~ihn~ nicht
+gewollt haben, und zu einer von seinen Jahren hatte er selbst keine
+Lust gehabt.
+
+Auch schmerzte es ihn bitter, daß er in seiner Jugend nicht hatte
+reisen können, es würde etwas ganz anderes, als ein Landwirth aus ihm
+geworden seyn. Zum Beweise seiner großen Kenntnisse sprach er dann vom
+Vorgebirge der guten Hoffnung, was bei ihm Ostindien hieß, und von der
+unerträglichen Hitze, und den hottentottischen Affen daselbst, und
+dergleichen mehr. Die guten Münsterländer hörten mit offenen Mäulern
+und Ohren zu, ganz erstaunt über die unerhörte Gelehrsamkeit des alten
+dicken Wirths. Indessen muß ich ihm lassen, daß er mir ein Abendessen
+vorsezte, das gar nicht übel war. Auch bekam ich im oberen Stocke ein
+reinliches Zimmer mit einem rechten guten Bett.
+
+Am andern Morgen ließ ich mich nun mit meinen Sachen übersetzen, und
+gelangte in einer Viertelstunde nach Leer, mein vorläufiges Reiseziel.
+Hier nahm ich ein Zimmer in einem großen Wirthshause, bei einem
+gewissen Wagner, wo es mir aber durchaus nicht gefiel. Besonders
+stieß mich der gemeine liederliche Ton des Wirthes ab, den dieser am
+Gesellschaftstische angab. Ich sahe mich also noch denselben Tag nach
+einer andern Wohnung um, und fand auch bald ein recht artiges Zimmer
+mit einer angenehmen Aussicht obendrein.
+
+Es war bei einer Schiffscapitainsfrau, die mir zugleich Kost, Licht
+und Heizung zu geben versprach. Für alles zusammen, das Zimmer mit
+eingerechnet, forderte sie nicht mehr als sieben Gulden, die Woche,
+was gewiß äußerst billig war. Das Schiff ist leider noch nicht
+angekommen, man erwartet es aber, so bald die Ems vom Eise frei
+ist. Unterdessen habe ich einen Theil meiner Bücher ausgepackt und
+beschäftige mich so gut es gehen will. Leer selbst, mit seinen 4000
+Einwohnern, und seiner jetzigen Handelsstille, bietet so gut als
+gar keine gesellschaftlichen Hülfsquellen dar. Indessen kann mein
+Aufenthalt nicht lange dauern, und so nehme ich mit allem vorlieb.
+
+
+
+
+ ~Zweiter Brief.~
+
+ ~Leer~ Febr. 1805.
+
+»Der harte Frost macht alle Schiffarth unmöglich; drum will ich noch
+einmal Frau und Kinder sehn!« -- So rief ich am Neujahrstage aus, und
+trat sofort die Reise an. Ich überraschte meine Lieben, brachte noch
+einiges im Haag in Ordnung, und kam vor ungefähr acht Tagen wieder
+hierher zurück. Seitdem hat es nun so stark getaut, daß die Ems
+völlig offen ist. Schon liegt ein Schiff nach dem Cap in Ladung, allein
+das unserige kommt erst übermorgen an. Der Himmel gebe, daß kein neuer
+Aufenthalt entsteht, damit ich doch endlich einmal meine Gemeinde
+begrüßen kann.
+
+Unterdessen habe ich Leer ziemlich kennen gelernt. Würden Sie
+glauben, daß dieser kleine Ort eine lutherische, eine reformirte,
+eine katholische und eine mennonitische Kirche, so wie eine Synagoge
+hat? Die Ems fließt hinten daran weg, und ist im Flecken selbst nur
+von einigen Stellen zu sehen. Indessen trägt sie sehr große Schiffe,
+so, daß diese vor den Packhäusern ankern können, die an jener Seite
+befindlich sind.
+
+Als ich gestern fortfahren wollte, kam meine Wirthin, mir zu sagen,
+daß eben unser Schiff angekommen sey. Sofort ließ ich mich übersetzen,
+stieg auf den Damm, und sahe es in der untergehenden Sonne gerade vor
+mir. Bald darauf langte der Capitain mit den übrigen Passagieren an,
+und wir machten die erste Bekanntschaft bei einer guten Abendmahlzeit.
+Diesen Morgen kam das Schiff vollends an den Wal, wie man hier sagt,
+so, daß es die Ladung einnehmen kann. Ich gieng mit einigen Freunden,
+es zu besehen, und fand, daß es ein gutes, festes, aber etwas kleines
+Fregattenschiff war. Nun, wir werden uns zu behelfen suchen, so gut es
+gehen will. Der Capitain, ein geborner Ostfriese, scheint ein recht
+guter Mann, und sorgt, dem Vernehmen nach, aufs reichlichste für unsern
+Schiffsbedarf. Er ist das freilich wohl im Stande, da jeder von uns
+eine sehr ansehnliche Summe für die Ueberfahrt zahlt. Dies ist indessen
+seine erste große Reise dieser Art. Doch hat er einen erfahrnen
+Steuermann, einen gebornen Holländer, der schon mehrere Reisen nach
+Ost-Indien gemacht hat. Eben so erwartet er einen Supercargo, der
+gleichfalls sehr gute Kenntnisse von diesen Gegenden haben soll.
+Indessen fand ich die Mannschaft, nur sechszehn Köpfe zusammen, für
+eine so weite Reise etwas schwach, weil doch immer ein Drittheil davon
+erkranken kann.
+
+Leer ist der vielen Schiffe und Fremden wegen jezt äußerst lebendig,
+wobei sich der reiche Theil der Kaufleute besonders in Gastmählern
+zu zeigen sucht. Gewöhnlich sind es Abendmahlzeiten, von denen man
+aber oft erst Morgens aufsteht. In diesen legt man hier den größten
+Luxus zur Schau, besonders was die Weine betrifft. Der Bordeaux macht
+dabei den Anfang, und der Champagner den Beschluß. Ueberhaupt ist der
+Ostfriese von ruhigem, gutmüthigem, gastfreundlichem Charakter, so, daß
+es fast allen Fremden hier sehr wohl zu gefallen pflegt.
+
+Dazu tragen denn auch in vieler Hinsicht die angenehmen Spaziergänge in
+der Nachbarschaft bei. Der besuchteste davon führt nach Bollinghusen,
+eine Art Gehöfte mit einem Herrenhause, das dem Baron von Reede gehört.
+Dabei befindet sich ein schöner Park und Garten, die jedermann offen
+stehn. Ein großes wohleingerichtetes Wirthshaus mit einem Tanzsaal
+fehlt ebenfalls nicht. Es ist daher alle Tage, besonders aber Sonntags,
+große Gesellschaft hier.
+
+Ein anderer angenehmer Weg führt nach Loga, ohngefähr eine halbe Stunde
+östlich von Leer, auf der großen Straße nach Deutschland. Dieses Loga
+ist ein ansehnliches Dorf, das aus einigen Straßen besteht und viele
+stattliche Gebäude hat. Unter diesen befinden sich mehrere Landhäuser,
+die sehr geschmackvoll eingerichtet sind. Besonders zeichnet sich
+das Schloß des Grundherrn, des Grafen ~von Wedel~, aus. Es ist
+fürstlich zu nennen, und mit den herrlichsten Park- und Gartenanlagen
+versehen.
+
+Eine Viertelstunde nördlich von Leer erhebt sich mitten im freien Felde
+eine nicht unbedeutende Anhöhe, der ~Plettenberg~ genannt. Der
+Weg dahin führt zum Theil durch eine hohe Ulmenallee, bei den Ruinen
+eines alten Schlosses vorbei. Man hat von diesem Anhöhe eine sehr
+ausgebreitete Aussicht auf den schlängelnden Fluß, und einen großen
+Theil von Ostfriesland. Bei heiterem Wetter kann man selbst Embden,
+und die Schiffe auf der dortigen Rhede sehn. Nun, in kurzem werden wir
+selbst dort liegen, und dann mit Gott in offene See.
+
+
+
+
+ ~Dritter Brief.~
+
+
+ An Bord, auf der Rhede von
+ ~Embden~, April 1808.
+
+Da bin ich denn an Bord unserer Anna Wilhelmina, dies ist der Name
+unseres Fregattenschiffs. Nach Abgang meines lezten blieb ich ohngefähr
+noch acht Tage in Leer. Unterdessen nahm das Schiff den Rest seiner
+Ladung ein, und segelte den Fluß hinab. Wir Passagiere, acht zusammen,
+folgten zu Lande nach. Morgens fuhren wir ab, Mittags kamen wir in
+Embden an. Die Rhede von Embden hat das Unbequeme, daß kein großes
+Schiff in der Nähe der Stadt vor Anker gehen kann. Man muß daher oft
+eine Stunde, ja zwei Stunden fahren, ehe man zu seinem Schiffe kommt.
+Dies war leider auch unser Fall, doch endlich hatten wir die gehörige
+Höhe erreicht, und konnten unser Schiff gerade vor uns sehn. Da es aber
+gerade Ebbe war, entstand ein neuer Aufenthalt. So harrten wir bis
+sechs Uhr Abends am Strande, bis endlich die Schaluppe uns abzuholen
+kam.
+
+Sobald wir uns an Bord befanden, wies uns der Capitain, je zwei und
+zwei zusammen, unsere Hütten an. Mit meinem Gefährten hatte ich schon
+in Leer Bekanntschaft gemacht. Es war ein alter herzensguter Mann, der
+als Aufseher der afrikanischen Wallfischfang-Gesellschaft ebenfalls
+nach der Kapstadt gieng. Ich übernahm die Mühe, unsere Hütte in Ordnung
+zu bringen, was mir denn auch nicht übel gelang.
+
+Denken Sie sich einen kleinen Verschlag, der höchstens drei Personen
+fassen kann, und das Licht nur durch ein kleines Fenster in der Thür
+erhält. Denken Sie sich ferner in der einen Wand derselben zwei Koyen,
+oder Schlafstellen über einander, so haben Sie unsere Hütte vor sich.
+Hier muß man denn nun sehn, wie man seine Sachen unterbringt. Ein
+Glück, daß ich beim Einladen unserer Provisionen zugegen war, so ward
+alles gleich in die Hütte gesezt.
+
+Was wir daher am nöthigsten brauchten, wie Wäsche, Bücher u. s. w.
+kam unter die Matrazze, oder fand an den Enden der Koye einen Plaz.
+Andere Sachen, wie Töpfe mit Eingemachtem, Thee, Kaffee, Zucker, Gläser,
+Seife, Liqueur u. s. w. wurden in einen Schrank verschlossen, der
+an der entgegengesezten Wand befindlich war. Einige Kleidungsstücke
+wurden zwischen die Balken an der Decke der Koye gesteckt. Die größeren
+Vorräthe, wie die Weinkisten, das Selteserwasser u. s. w. befanden sich
+im Raume, doch oben aufgesetzt. Auf diese Art war unsere Haushaltung
+sehr bald in Ordnung gebracht. Wir nahmen hierauf bei dem Capitain das
+Abendessen ein, und sanken zulezt unter dem Rauschen des Wassers in
+tiefen Schlaf.
+
+ * * * * *
+
+Diesen Morgen gieng ich nur auf das Verdeck, fand aber dort alles in
+der größten Unordnung. Das Schiff ist so voll geladen, daß man die
+besten Sachen nicht mehr in den Raum bringen kann. So müssen z. B. die
+Fleisch- und Gemüse-Tonnen sämmtlich oben bleiben, was den Platz gar
+sehr beengt, und die Schiffsarbeit nicht wenig erschwert. Dazu kommen
+die Passagiergüter, alles darunter und darüber, wovon jeder nach dem
+Seinigen sucht. Man will versuchen, aufzuräumen, ich fürchte aber,
+daß es wenig helfen wird. Von allen den schönen Vorräthen an Hämmeln,
+Geflügel u. s. w. die uns der Capitain versprochen hatte, ist nicht das
+mindeste zu sehen. Mehrere Passagiere denken daher, mit der Schaluppe
+nach Embden zu fahren, und einzukaufen, was zu bekommen ist. Auch für
+uns werden Hühner, und einige Ochsenviertel mitgebracht. So eben kommt
+unser Rheder zum Abschiedsbesuch. Ich muß schließen, man ruft mich.
+
+
+ Morgens 7 Uhr.
+
+Der Wind ist günstig, der Lootse an Bord. Eben wird das Anker
+aufgewunden, wir gehen in See. So leben Sie denn wohl, herzlich wohl.
+Die Inlage an meine liebe Frau. Gott gebe, daß wir uns alle glücklich
+wieder sehn! Noch einmal, leben Sie herzlich wohl, und denken Sie
+meiner mit Freundschaft, wie Ihrer ewig denken wird.
+
+ Ihr P.
+
+
+
+
+ ~Vierter Brief.~
+
+
+ ~In See~ Mai 1805.
+
+Wir laviren im Kanal; die Küsten von England und Frankreich liegen
+deutlich vor uns. Besonders sind wir jener so nahe, daß wir die
+herrlichen Landhäuser zu erkennen im Stande sind. Es ist das
+herrlichste Wetter von der Welt, nur Schade, daß uns der Wind entgegen
+ist. Anfangs gieng es sehr gut, wir kamen schon am zweiten Tag in den
+Kanal. Aber seitdem haben wir schon vier verloren, und Gott weiß, wie
+lange das dauern kann. Mein Reisegefährte sagt mir, daß auf diese Art
+oft drei bis vier Wochen vergehn.
+
+Unterdessen suche ich mich zu beschäftigen, so gut ich kann. Ich lese,
+ich schreibe, ich meditire, bald sitzend, bald stehend, wobei mein
+kleines Pult in die Koye gesteckt wird. Meistens wachen wir schon um
+vier Uhr auf. Dennoch bleibt jede Parthei allein bis acht Uhr, wo
+alles zum Frühstück in der großen Cajüte zusammenkommt. Dann folgt ein
+Spaziergang auf dem Verdecke, worauf jeder wieder in seine Hütte geht.
+Um elf Uhr versammelt man sich wieder im Caffehause, das von uns selbst
+errichtet worden ist.
+
+Wir haben nämlich die Einrichtung getroffen, daß jeder nach seiner
+Reihe den Wirth machen und die andern mit Genever u. s. w. traktiren
+muß. Um 12 Uhr wird zu Mittag gegessen, wobei jeder aus seinen
+Provisionen etwas zum Nachtisch hergiebt, und so die ewigen Kartoffeln
+und das ewige Pökelfleisch etwas erträglicher macht. Wer eine halbe
+Stunde Mittagsruhe halten will, mag es thun, ich selbst befinde mich
+wohl dabei. Von drei bis sieben Uhr beschäftigen wir uns mit Lesen,
+Schreiben, Kommerzspielen und dergl. mehr. Um sieben haben wir das
+Abendessen, und dann kleine Wein- oder Punschparthien meistens auf dem
+Verdeck. Um zehn Uhr ist Schlafenszeit, wenigstens muß es in allen
+Hütten still seyn. Da haben Sie unsere Einrichtung, Tag für Tag, ohne
+Abänderung.
+
+
+ ~Fünf Tage darauf.~
+
+Gott Lob, wir haben endlich günstigen Wind bekommen, und nun geht es im
+Fluge den Kanal hinaus. Schon nähern wir uns dem Cap Lezard, oder der
+südwestlichsten Spitze von England. Indessen gab es diesen Morgen einen
+so heftigen Streit an Bord, daß wenig fehlte, wir wären umgekehrt. Ich
+habe ihnen schon gesagt, wie schlecht es mit den frischen Vorräthen
+des Capitain bestellt war. Dazu kam, daß er uns bei weitem nicht die
+kontraktmäßige Tafel gab. Hieraus entstand nun zwischen ihm, und
+dem Supercargo ein heftiger Wortwechsel, wobei natürlich jeder von
+uns des lezteren Parthei ergriff. Allein dies sezte den Capitain in
+solche Wuth, daß er sofort das Schiff wenden, und gegen den günstigen
+Wind anlaviren ließ. Nach einigen Stunden indessen nahm er seinen
+unvernünftigen Befehl zurück, und ersäufte seinen Zorn in einigen
+Flaschen Portwein, wovon er ein großer Liebhaber ist. Sie können jedoch
+leicht glauben, daß dieser Vorfall einen sehr unangenehmen Eindruck auf
+uns gemacht hat.
+
+
+ 27. Mai.
+
+Das herrlichste Wetter, der günstigste Wind. Gestern Morgens segelten
+wir bei Teneriffa vorbei. Herrlich war der Wiederschein des
+majestätischen Pics in der klaren, spiegelnden Fluth. Nachmittags
+begegneten wir einem englischen Kaper, der uns beilegen hieß. Hierauf
+kam der Capitain desselben mit einiger Mannschaft zu uns an Bord. Er
+verlangte die Schiffspapiere, sah sie durch, erklärte sie endlich für
+gut, und verließ uns. Wir Passagiere hatten uns inzwischen in unseren
+Hütten verborgen gehalten, und kamen so mit dem bloßen Schrecken davon.
+
+ * * * * *
+
+Die Hitze wird nur täglich stärker, wir fühlen sie besonders des
+Nachts. Schon früh um neun Uhr ist das Holzwerk so heiß, daß man die
+Hand nicht darauf legen kann. Mit unserem Tische geht es so, so; wir
+helfen uns mit dem Mitgebrachten aus. Das Meer ist sehr schön, und
+bietet uns eine Menge wunderbarer Erscheinungen dar. Wir bleiben oft
+bis Mitternacht auf dem Verdeck. Alles ist dann Glanz und Feuer um das
+Schiff. Dazu der sternbedeckte Himmel gleich einem reinen ätherischen
+Lichtmeere! Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr dieser Anblick das
+Herz erhebt!
+
+
+ Eine Stunde darauf.
+
+Während ich obiges niederschrieb, tagte in Südost ein Fahrzeug auf,
+das bald für ein dänisches Schiff erkannt ward. Es hielt auf uns zu,
+und kam endlich ganz nahe heran. Es lag drei Wochen in der Tafelbai,
+und ist nach Rotterdam bestimmt. Unser Supercargo hat eine lange
+Unterredung mit dem Capitain gehabt, und giebt ihm ein Paket mit. Mein
+Brief soll darin eingeschlossen werden, daher für diesmal genug. Leben
+Sie wohl, verehrter Freund; meinen nächsten erhalten Sie wahrscheinlich
+aus der Kapstadt selbst.
+
+
+
+
+ ~Fünfter Brief.~
+
+
+ Insel ~St. Helena~, Juli 1805.
+
+Erschrecken Sie nicht, mein werthester Freund, unser Schiff ist von
+den Engländern genommen, und hier als gute Prise eingebracht. Noch
+weiß ich nicht, was aus mir werden soll, fast dürfte die weitere Reise
+unmöglich seyn. Doch ich will Ihnen in der Ordnung erzählen, wie Alles
+zugegangen ist. Wir hatten den Passatwind bekommen, und rückten nun
+immer nach der Linie vor. Sonnenaufgang und Untergang, der Mond und
+die Sterne, es war ein neuer glänzender Himmel in der reinsten Pracht.
+So sahen wir unter andern einmal einen Regenbogen, der durch den
+~Mond~ gebildet ward, und dennoch dem schönsten Sonnenregenbogen
+nur wenig nachgab.
+
+Auf diese Art waren wir ungefähr bis unter den fünften Grad nördlicher
+Breite gekommen, als wir am ~sechsten Juni~, Morgens, gerade
+in Südwesten ein großes Schiff auftagen sahen. Wir freuten uns sehr
+darüber, denn wir hielten es für einen heimkehrenden, holländischen
+Ostindienfahrer, dem es auch vollkommen in Bauart und Segelwerk glich.
+Jeder beeilte sich nun Briefe an seine Freunde zu schreiben, und ich
+selbst fieng einen an Sie Geliebter an. Doch wie schrecklich sahen
+wir uns in unserer Hoffnung getäuscht! Das Schiff kam näher, und ward
+bald für ein englisches Kriegsschiff erkannt. Jezt erfolgten die zwei
+gewöhnlichen Schüsse, das erstemal blind, das zweitemal hinter dem
+Schiffe hin, und wir waren gezwungen, beizudrehen. Sofort sezten die
+Engländer ein Boot aus, und schickten zwei Offiziere, nebst ungefähr
+zwanzig Mann Seesoldaten nach uns ab. Kaum waren nun diese an Bord, so
+wurden die Schiffspapiere untersucht, unzulänglich befunden, und Schiff
+und Ladung für gute Prise erklärt.
+
+Denken Sie sich, wie uns Passagieren bei dieser Nachricht zu Muthe war!
+Um keinen Argwohn zu erregen, hielten wir uns während der Untersuchung,
+troz der erstickenden Hitze, in unsern Hütten auf. Hier brachten wir
+zwischen Furcht und Hoffnung wohl eine Stunde zu. Endlich erfuhren wir
+unser Schicksal. Unser Supercargo, Herr Van der Pulten, mußte sich an
+Bord des Kriegsschiffs begeben; eben so wurden auch unsere sämmtlichen
+Matrosen dahin gebracht. Unser Capitain verlor das Commando, und an
+seiner Stelle übernahm es ein englischer Lieutenant. Auch erhielten
+wir eine englische Schiffsmannschaft. Um uns andere schien man sich
+wenig oder gar nicht zu bekümmern, wie uns denn auch nicht das Mindeste
+genommen ward.
+
+Aber welcher Lärm, welche Verwirrung auf dem Verdeck! Alles unter, und
+durch einander; ein Schreien, Fluchen und Rasen, daß man sein eigenes
+Wort nicht verstand. Dazu das Ueberpacken der Hangmatten, Kisten u.
+s. w. Die fremden Gesichter, die fremde Sprache, der ganz veränderte
+Zustand. Endlich drangen ein halbes Dutzend englische Matrosen in die
+Cajüte, erbrachen die Kisten unseres Capitains, und bemächtigten sich
+seines Eigenthums. So gieng es fort bis vier Uhr, wo alles allmählig
+wieder in Ordnung kam. Bald darauf gab das Kriegsschiff ein Signal, und
+sogleich ward alles zum Weitersegeln in Bereitschaft gesezt. Endlich
+steuerte das Kriegsschiff voran, und das unserige hinter demselben
+drein. Der Curs war südlich; doch wohin es eigentlich gieng, blieb ein
+Geheimniß für uns.
+
+Am folgenden Tage neue Verwirrung, neue Angst. Die Engländer
+beschlossen die Ladung Stück für Stück zu untersuchen, um der Prise
+desto gewisser versichert zu seyn. Da sie nämlich unser Schiff durchaus
+für ein verkapptes holländisches hielten, vermutheten sie auch Pulver,
+Blei, Gewehre u. s. w. unter der Ladung, was bekanntlich gegen die
+Kriegsgesetze ist. Zu diesem Ende wurden nun alle Kisten und Fässer
+auf das Verdeck gebracht, und theils zerschlagen, theils angebohrt.
+Sie wurden dabei so hoch aufgestapelt, daß fast das Umschlagen zu
+befürchten war. Man fand indessen nichts, als einige Fässer Harz, was
+dann zur Contrebande gestempelt ward. Hierauf ward alles wieder in den
+Raum geschafft, wiewohl in größter Unordnung. Diese ganze Untersuchung
+dauerte von Morgens sechs, bis Abends acht Uhr, und zwar während
+der Himmel mit furchtbaren Gewitterwolken bedeckt war. Ein einziger
+Windstoß, ein einziger Wetterschlag, und es würde um uns geschehen
+gewesen seyn.
+
+Die Nacht war still, aber drückend heiß. Endlich gegen Morgen brach das
+Ungewitter mit tausend Donnerschlägen los. Das Echo in den Wolken war
+fürchterlich; der Regen floß in Strömen herab; der Sturm peitschte die
+Wogen himmelan; unzählige Blitze durchkreuzten sich. Zum Glück waren
+wir auf diese ~Travate~ -- dies ist der Schiffsausdruck -- schon
+seit dem Abende vorbereitet, so daß sie uns nicht den mindesten Schaden
+that.
+
+Am 20. Juni passirten wir die Linie, was mit den gewöhnlichen
+Feierlichkeiten geschah, und steuerten immer tiefer nach Süden hinab.
+Oft nahm uns das Kriegsschiff nunmehr aufs Schlepptau[18], wobei es
+natürlich tüchtige Stöße gab. Am 3. Juli verließ uns das Kriegsschiff
+auf eine kurze Zeit. Es beschloß auf einige Schiffe Jagd zu machen, die
+man in Osten erblickte, und der Capitain für spanische ansah. Er gab
+uns den Curs auf, den wir in der nächsten Nacht halten sollten, und
+versprach am andern Morgen wieder bei uns zu seyn. Allein wir harrten
+vergebens; selbst am dritten Tage erschien er noch nicht. So kreuzten
+wir immer in der Irre herum.
+
+Das schlimmste dabei war, daß unser Wasser zu Ende gieng, und daß nun
+jeder auf eine Kanne täglich gesetzt ward. Zum Unglück hatten sich
+die Ratten auch schon längst über unser Selteserwasser gemacht; wir
+waren daher auf Wein und Branntewein eingeschränkt. Gekocht konnte
+nun durchaus nichts weiter werden, wenigstens in süßem Wasser nicht;
+dagegen machte das Seewasser alle Speisen beinahe ungenießbar.
+
+Um einmal eine gute Tasse Caffe zu haben, gab ich zwei Flaschen
+Genever, jede zu sieben bis acht Gulden, für eine einzige Flasche
+Wasser hin. Zwar hatten wir zuweilen starke Regenschauer, allein dies
+half uns nichts. Segel, Holz- und Tauwerk waren nämlich so stark mit
+Salztheilen besezt, daß das herabfließende Wasser durchaus denselben
+Geschmack bekam. An unserem Mangel waren indessen die englischen
+Offiziere und Matrosen eigentlich selbst Schuld. Bei dem Umladen hatten
+sie nämlich mehrere Wasserfässer, die ihnen im Wege waren, zerschlagen;
+eben so hatten sie den größten Theil unseres Vorrathes zum Waschen
+verbraucht.
+
+Fünf Tage hatten wir so aufs ungewisse herumgekreuzt, als endlich
+unser Lieutenant den Kurs nach ~St. Helena~ zu nehmen beschloß.
+Der Wind war heftig, aber auch äußerst günstig für uns. Dies war ein
+großes Glück, da jeder nur noch ein einziges Glas Wasser erhielt. So
+durchschnitten wir den ungeheuern Ocean ohngefähr vom Rio de la Plata
+an bis nach diesem einsamen Eiland. Vierzehn Tage waren vorüber, wir
+hatten nur noch Wasser auf einen einzigen, was gestern war. Da sahen
+wir mit aufgehender Sonne die schwarze, verbrannte, tausendfach in
+sich zerklüftete Felsenmasse vor uns. Aber bald verloren wir den Wind,
+und kamen nur mit Mühe heran. Doch als wir endlich um die hohen Felsen
+bogen, welch ein erfreulicher Anblick! Es war St. Jamestown, von hohen
+tropischen Bäumen beschattet, im Hintergrunde einer herrlichen Bai.
+Unvergeßlicher Abend! Meere und Himmel glänzten in Rosenglut. Bald
+erkannten wir auch unser Kriegsschiff, das vor 3 Tagen hier eingelaufen
+war, und ankerten sofort nicht weit davon.
+
+Abends erhielten wir einen Besuch von einem Hamburger Capitain, der
+unter dänischer Flagge von Ostindien kommt. Er erbot sich, Briefe von
+uns mitzunehmen, und so wird ihm auch dieser zugestellt. Eben trifft
+die Antwort des Gouverneurs auf unser Bittgesuch ein, an's Land zu
+gehen. Sie ist, wie gewöhnlich, bejahend, und wir machen noch heute
+Gebrauch davon. -- Ich umarme Sie mit Herzlichkeit; nächstens mehr von
+mir.
+
+
+
+
+ ~Sechster Brief.~
+
+
+ ~Bai~ von ~St. Helena~~,
+ Juli 1805.
+
+Es ist ein trüber, regnigter Tag, wie immer in dieser Jahrszeit. Ich
+bin allein in der Cajüte, alle meine Reisegefährten befinden sich am
+Lande, so werde ich denn von Niemanden gestört. In der ersten Nacht,
+nachdem wir vor Anker gegangen waren, hatten wir noch einen gewaltigen
+Schrecken. Denken Sie, im Vertrauen auf den guten Ankergrund, hatte
+sich der Capitain mit einem einzigen Anker begnügt. Dieser »~raakte
+los~«, wie es in der Schiffersprache heißt, und wir trieben in die
+offene See. Es war kurz vor Mitternacht, als es die Wache zum Glück
+noch inne ward. Jezt entstand ein entsezlicher Lärm, und alles mußte
+sofort an die Arbeit. Wir Passagiere fuhren aus dem ersten Schlafe
+auf, und glaubten anfangs, daß Feuer ausgekommen sey. Mit vieler Mühe
+ward nun das Schiff wieder gewendet und in Sicherheit gebracht. Wir
+wurden indessen nicht eher ruhig, als bis auf jeder Seite ein großer
+Anker gefallen war.
+
+Nachmittags fuhr ich nun mit dem Supercargo, der uns vom Kriegsschiffe
+aus besucht hatte, ans Land. Wir stiegen an einem schattigen Wege
+aus, der längs den Batterien bis zu dem Thore hinläuft. Was einem nun
+zuerst in die Augen fällt, ist Jamestown, zu deutsch Jacobsstadt. So
+heißt der einzige Ort, der auf der Insel befindlich ist. Denken Sie
+sich ein schmales, noch keine halbe Stunde langes Thal, auf beiden
+Seiten mit 2000 Fuß hohen Bergen eingefaßt. In diesem Thale denken
+Sie sich nun 3 bis 4 Straßen mit zierlichen Häusern besezt, und hier
+und da mit Bäumen vermischt, und Sie sehen Jamestown in der Natur vor
+sich. Die vornehmste Straße geht von Süden nach Norden, und endigt
+in einem sehr schönen Graben, der der Regierung gehört. Hier findet
+man die besten Häuser, alle in orientalischem Geschmacke, mit platten
+Dächern, und Gallerien erbaut. Sie haben sämmtlich kleine Gärten,
+wo man die herrlichsten Blumen zieht. Da das Thal aufwärts steigt,
+ragen die hintersten Häuser etwas über die vordersten empor, und
+haben die Aussicht auf die Bai. In der Mitte der Straße befindet sich
+ein Grasplatz mit Bäumen besezt, auf dem ein schöner Brunnen steht.
+Ganz am Ende liegt ein schöner schattiger Gottesacker, wo wir einige
+geschmackvolle Grabmäler sahen.
+
+Als wir die Straße wieder herunter giengen, traten wir einen Augenblick
+in den oben erwähnten Graben hinein. Er steht jedermann offen, und
+ist mit den herrlichsten Pflanzen aller Welttheile bedeckt. Ein
+artiges Haus von Bananas, Citronen, Orangen und Palmen beschattet,
+zog besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es schien uns der
+beneidenswertheste Aufenthalt auf der Welt. Plözlich hörten wir hinter
+uns holländisch sprechen, und erfuhren zu unserm Erstaunen, daß ein
+großer Theil der gefangenen Garnison von Surinam hier in englische
+Dienste getreten sey. Die Soldaten klagten aber sehr über die Theurung,
+besonders über den Mangel an frischem Fleisch. Es ist freilich
+natürlich, daß man alles für die Schiffe aufhebt, und daß sich folglich
+der gemeine Mann mit seinen gesalzenen Rationen begnügen muß.
+
+Wir giengen nun weiter, um die übrigen merkwürdigen Gebäude von
+Jamestown zu besehen. Hier wurde uns zuerst das Haus des Gouverneurs
+gezeigt. Es liegt hart am Strande, mit der Vorderseite nach der Bai
+gekehrt, wird aber von dem Wege, der an der Batterie hinläuft, durch
+eine Mauer getrennt. Es ist unstreitig das schönste und größte Gebäude
+auf St. Helena. Die meisten Zimmer sind mit persischen Teppichen,
+ostindischen Moußelinbehängen u. s. w. verziert, und mit prächtigen
+Mobilien von Ebenholz versehen. In einem derselben sind die Bildnisse
+der englischen Könige von Carl =I.= bis Georg =III.= ausgehängt; auch
+findet man einen schönen Waffensaal. Der Graben enthält eine Menge
+seltner Pflanzen, und zeichnet sich durch seine trefliche Lage aus.
+Allein es ist ein eigener Anblick, wenn man die hohen Felsen dahinter
+so darüber herhängen sieht.
+
+Weiter besahen wir die Kirche, die auf einem freien Platze steht.
+Sie ist von innen und außen recht zierlich anzusehen, und hat auch
+einen schönen Thurm mit Glocke und Uhrwerk. Eben so nimmt sich das
+Schauspielhaus, in geringer Entfernung davon, nicht übel aus. Dasselbe
+gilt von der Freimaurerloge, der neuen Offizierscaserne, und dem
+Billiardhaus. Lezteres ist zugleich ein Wirthshaus, wo ich die Nacht zu
+bleiben beschloß, indem der Supercargo zu einem Bekannten eingeladen
+war. Mein Abendessen bestand aus Salat, und einem Schinkenbeine, nebst
+zwei Gläschen Rum. Mein Bett war nicht das beste, und ein Frühstück
+forderte ich nicht. Jezt rathen Sie einmal, was die Zeche war? O nur
+eine Kleinigkeit! Nicht mehr als sechs und zwanzig Gulden holl., man
+kann nicht billiger seyn! -- So sah ich denn mit einemmale, wie theuer
+hier Alles ist. Gegen Mittag fuhren wir an Bord zurück.
+
+
+
+
+ ~Siebenter Brief.~
+
+
+ ~Bai~ von ~St. Helena~,
+ Juli 1805.
+
+Vorgestern erhielt ich einen unvermutheten Besuch von einem unserer
+Landsleute, der hier ein artiges Haus und einen großen Kaufladen
+besizt. Ich mußte ihn an's Land begleiten, und den Sonntag bei ihm
+zubringen, was ich natürlich sehr gern annahm. Er bewirthete mich aufs
+Beste, und ganz auf vaterländische Art. Bis auf den Roodkorß[19],
+nichts, gar nichts fehlte; alles war da. Später nahmen wir den Thee in
+seinem Garten unter einem herrlichen Orangenbaume ein.
+
+Das Innere der guten Häuser ist sich hier fast durchgehends gleich.
+Die meisten haben zwei, auch wohl drei Stockwerke, die sehr regelmäßig
+eingetheilt sind. Um die beiden ersten Stockwerke pflegen Gallerien
+zu laufen, was sehr viel zur Kühlung beiträgt. Verwundert bin ich
+indessen, keine steinerne Fußböden zu sehen. Die Möbeln sind alle aus
+England; doch werden auch Stühle und Kanapees aus einer Art hiesigen
+ostindischen Binsen gemacht. Diese schönen Häuser sind aber einen
+großen Theil des Jahrs gänzlich unbewohnt.
+
+Die Eigenthümer halten sich nämlich im Innern der Insel auf ihren
+Landgütern auf. Diese sind als eben so viele Einsiedeleien zu
+betrachten, indem jedes von dem andern durch Felsen und Schluchten
+getrennt ist. Nur wenn die ostindischen Flotten ankommen, eilt alles
+nach der Stadt. Jedes Haus wird dann ein Gasthaus, wo der Fremde Kost
+und Wohnung finden kann, sobald er kein Geld zu sparen braucht. St.
+Jamestown ist dann äußerst belebt; Concerte, Bälle u. s. w. wechseln
+unaufhörlich ab. Auch werden zu dieser Zeit große Geschäfte in
+ostindischen und chinesischen Waaren gemacht. Hieraus wird erklärlich,
+warum die hiesigen Kaufläden so überflüßig damit versehen sind.
+
+Man lebt hier im Allgemeinen ganz auf englische Art. Zum Frühstück:
+Thee, Butterbrod, kaltes Fleisch, gebackenen Fisch, und Kapwein. Zum
+Mittag: Rostbeef, oder Beefsteeck, gesottenen oder gebackenen Fisch,
+Gemüse und Pudding. Der Nachtisch von den auserlesensten Früchten;
+Kapwein, Madera und Bordeaux. Abends eine Kleinigkeit. Ein kleines
+Gebäcke, oder auch nur Brod mit einem Glase Milch, Ale, Groy[20], oder
+Wein. Ich finde dies sehr gesund; man schläft vortrefflich darauf.
+
+Die Insel selbst bringt mancherlei Lebensmittel hervor. Dahin rechne
+ich außer etwas Weizen, vorzüglich die vortrefflichen Erdäpfel, die man
+das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß hat. Dann die köstlichen Yams,
+die mit den Erdäpfeln verbunden das beste Brodsurrogat sind. Eben so
+eine Menge herrlicher Früchte, wie Citronen, Orangen, Melonen, Ananasse
+u. dgl. mehr. Auch fehlt es nicht an europäischen Gemüsen fast aller
+Art. Mehrere antiscorbutische Gewächse und Kräuter, wie z. B. eine
+Art Portulak, und Sellerie, die Petersilie, die Wasserkresse u. s. w.
+findet man hier das ganze Jahr an der Küste im Ueberfluß.
+
+Das hiesige Rindfleisch ist vortrefflich, aber freilich so theuer, daß
+es nur der Wohlhabende bezahlen kann. Dieß kommt von den Viehseuchen
+her, die nicht selten aus Mangel an Wasser entstehen. Noch vor wenig
+Jahren z. B. kamen mehr als 2000 Stück schöne Rinder bei einer
+anhaltenden Dürre um. Schaafe und Ziegen giebt es viel, doch ist das
+Hammelfleisch etwas zäh. Das Schweinefleisch hingegen ist ausnehmend
+gut. Wir hatten gestern ein Spanferkel von einzigem Geschmack.
+
+An Geflügel und kleinem Wildpret fehlt es ebenfalls nicht. Man hat
+Rebhühner, Fasanen, Tauben u. s. w. besonders aber Hühner und Enten
+in Ueberfluß. Der aus Ostindien eingeführte Reisvogel vermehrt sich
+hier außerordentlich, und zwar sonderbar genug auf den Anhöhen. Auch
+die Kaninchen und Guineahühner, die der Gouverneur aus Liebhaberei
+unterhält, dürften in kurzem sehr zahlreich seyn. Seefische werden in
+ungeheurer Menge gefangen; man zählt nicht weniger als 70 Arten davon.
+Auch an Schildkröten fehlt es nicht, doch erhält man die größten von
+der Insel Ascension. Das Trinkwasser ist das treflichste, das man
+finden kann.
+
+Was St. Helena sonst noch braucht, wird aus Englands vom Kap, aus
+Brasilien und von Angola zugeführt. Jährlich kommen nämlich wenigstens
+vier, und zuweilen noch mehr Proviantschiffe mit den nöthigen
+Artikeln, wie Mehl, Pökelfleisch, Schinken, Zungen, Weizen, Schaafen,
+Butter, Wein, Manufakturwaaren u. s. w. an. Es fehlt daher in der Regel
+an nichts in St. Helena, nur daß alles, zumal wenn die ostindischen
+Flotten da liegen, ungemein theuer ist.
+
+So kostet z. B. ein Huhn nicht weniger als zwölf Gulden
+holländisch[21], während ein kaum jähriges Ferkel mit hundert siebenzig
+Gulden bezahlt wird. Ein Pfund Havanah Cigarren kostet 36 Gulden, ein
+Glas Liqueur einen Gulden, und so fort. Jeder Verkäufer nimmt hier
+180 bis 200 pro Cent. So der Einwohner, der an die Schiffe abgiebt, so
+der Schiffer, der seine Waaren absezt. Man sollte gar nicht glauben,
+wie viel Geld hier in Umlauf kommt. Vor einigen Tagen z. B. verkaufte
+nur ein Capitain in weniger als 2 Stunden für 7000 Pagoden[22] an
+Werth. Die Kriegsschiffe, die hier mit Prisen einlaufen, lassen oft
+hunderttausende zurück. Auf diese Art leben die Einwohner, wenn man
+die Beamten abrechnet, durchgehends von der Landwirtschaft und dem
+Schiffsverkehr.
+
+
+
+
+ ~Achter Brief.~
+
+
+ ~Bai~ von ~St. Helena~,
+ Juli 1805.
+
+Was ich so oft gehört habe, finde ich nun vollkommen bestätigt: das
+Clima von St. Helena ist wirklich sehr angenehm. Dies kommt besonders
+von dem Paßatwinde her, der unaufhörlich über die Insel weht, und
+die Luft beständig rein und kühl erhält. Erdbeben und Orkane, in den
+tropischen Gegenden sonst so häufig, sind hier unbekannt. Es regnet
+selten, oft, wie man behauptet, in zehn, zwölf Monaten und darüber
+nicht. Als Ursache hiervon giebt man die Stätigkeit des Paßatwindes,
+so wie die abgeschnittene Lage, den geringen Umfang, und die
+verhältnißmäßige Kahlheit der Insel an. Indessen scheint gewiß, daß
+die hiesige Atmosphäre seit ungefähr 50 Jahren etwas feuchter geworden
+ist, daß seit dem vermehrten Anbaue ungleich mehr Regen fällt, und daß
+man eine anhaltende Dürre immer weniger zu fürchten hat.
+
+Wichtig scheint die Bemerkung, daß die Luft auf St. Helena überall, in
+den Thälern wie auf den Bergen, an den Küsten wie im Innern der Insel,
+gleich vortreflich ist. Der Wärmegrad hingegen wechselt natürlich nach
+den Höhepunkten ab. Auf den höchsten Punkten fällt der Wärmemesser
+bis unter 54° Fahr. herab, während er im St. Jamesthale bis 84°
+steigt. Beides wird aber freilich nur selten bemerkt. Der sogenannte
+Wintermonat, der halbe Juni und Juli, pflegt hier am kühlsten zu seyn.
+Der Himmel ist dann häufig bedeckt, es fallen ziemliche Regenschauer,
+und nicht selten ist die ganze Insel in einen leichten Nebel verhüllt.
+
+Wie gesund die Luft von St. Helena sey, beweißt unter andern auch das
+Ansehen der Einwohner, besonders derer, die hier geboren sind. Da
+ist keine Spur von jener Totenfarbe, jener Abmagerung und Schwäche,
+wie man sie in andern Theilen von Asien und Afrika bemerkt. Ohne
+etwas von schweren Krankheiten oder peinigenden chronischen Uebeln
+zu wissen, erreichen die meisten Einwohner ein sehr hohes Alter, und
+zeigen noch oft im 70, ja 80sten Jahre, ungemeine Kraft und Munterkeit.
+Eben so erholen sich die siechsten Personen, an deren Leben man in
+Ostindien verzweifelte, auf St. Helena größtentheils mit unglaublicher
+Schnelligkeit.
+
+Von der gefährlichen Nachtluft, die in den tropischen Ländern oft so
+tödtlich ist, weiß man hier ebenfalls nichts. Im Gegentheil, man kann
+sogar am Strande schlafen, ohne daß man das Mindeste davon zu fürchten
+hat. Dies geschieht denn auch von den Matrosen sehr häufig, indem die
+Schiffe gerade der Stadt gegenüber vor Anker gehen. So vereinigt sich
+denn Alles, um St. Helena zu einem macenarischen Posten zu machen,
+der für den englisch-ostindischen Handel sehr wichtig ist. Hier finden
+nämlich die nach Europa segelnden Schiffe gleichsam auf halbem Wege,
+den besten Erfrischungsort. Ich sage, die nach Europa segelnden, weil
+nur diese über St. Helena gehen. Die aus Europa kommenden legen nämlich
+am Kap an. Dieser Unterschied wird durch die Abweichung des Paßatwindes
+bestimmt.
+
+Der Umfang der Insel wird auf höchstens 12 Stunden geschäzt. Die
+größte Länge soll von 6, die größte Breite von 4 Stunden seyn. Die
+Bevölkerung giebt man auf 2300 Seelen an, worunter 5-600 Mann Garnison,
+und 7-800 Neger mit begriffen sind. Für die Sicherheit der Insel ist
+nach Möglichkeit gesorgt. Nicht genug, daß jede Landung durch die hohen
+Felsen und die heftige Brandung sehr erschwert wird; es sind auch auf
+den vornehmsten Punkten Batterien und Bollwerke angelegt.
+
+Zugleich sind auf den benachbarten Felsengipfeln immer große
+Steinvorräthe in Bereitschaft. Auf dem höchsten Punkte der Insel,
+auf dem Dianenpik, ist ein Wachthaus, von dem man alle Schiffe in
+der Entfernung von vielen Stunden signalisirt. Eben so sind rund um
+die Insel Telegraphen errichtet, die sämmtlich mit St. Jamestown in
+Verbindung stehn. Die Disciplin der Garnison ist sehr gut, und alle
+Morgen sorgfältiger Namensaufruf. Sobald man nun einen Mann vermißt,
+wird sogleich Embargo auf die Schiffe gelegt. Dies macht das Desertiren
+beinahe unmöglich, indem nicht leicht ein Schiffer die Hand dazu bieten
+wird.
+
+Der jetzige Gouverneur ist ein sehr thätiger und einsichtsvoller Mann.
+Er hat sich bereits in vielen Hinsichten um St. Helena sehr verdient
+gemacht. Unter andern hat er eine Einrichtung getroffen, die äußerst
+nüzlich geworden ist. Alle Vergehungen werden nämlich mit einer
+verhältnißmäßigen Strafarbeit gebüßt. So wurden mehrere öffentliche
+Gebäude aufgeführt, die Inselwege verbessert, wüste Strecken angebaut
+u. dgl. mehr. Der schöne Compagniegarten z. B. entstand allein auf
+diese Art. Vorher war es ein wüster Platz, wo aller Unrath von St.
+Jamestown zusammenfloß. Jezt ist es die herrlichste Pflanzung, die man
+sehen kann.
+
+Die Feldarbeiten werden hier durch Neger verrichtet, die zum Theil
+freie Leute sind. Der Sclavenhandel ist schon seit 25 Jahren
+und darüber abgeschafft. Dies hat auf den Anbau der Insel den
+glücklichsten Einfluß gehabt. Indessen halten sich auch die freien
+Neger freiwillig zu den einzelnen Gutsbesitzern, was für beide Theile
+gleich vortheilhaft ist. Eben so sieht man deren als Bediente, Jäger,
+Aufwärter, theils auf dem Lande, theils in St. Jamestown. Man rechnet
+in allem 7-800 zusammen, worunter die Weiber die Mehrzahl sind.
+
+Von diesen leben sehr viele in der Stadt. Sie werden besonders als
+geschickte Näherinnen, Köchinnen und Wäscherinnen gelobt. Die jüngere
+und schönere treiben ein bekanntes Nebenhandwerk, das während der
+Anwesenheit der ostindischen Flotten sehr einträglich ist. Die meisten
+Negerinnen berechnen ihr Alter theils nach dem Monde, theils nach
+den Proviantschiffen aus England. -- »Ich bin 300 Proviantschiffe
+alt!« -- gab mir eine sehr betagte Frau zur Antwort. Dies macht, 4
+Proviantschiffe auf das Jahr gerechnet, nicht weniger als 75 Jahre.
+
+
+ Zwei Tage nachher.
+
+Werden Sie glauben, theuerster Freund, daß von der Fortsetzung
+meiner Reise nach der Kapstadt die Rede gewesen ist? Hören Sie nur!
+Vor ungefähr 5 Tagen lief hier ein kleines Kapsches Schiff mit Wein
+und Butter ein. Der Capitain hörte von uns, und bot uns gegen gute
+Bezahlung sofort die Ueberfahrt an. Meine sämmtlichen Gefährten
+entschlossen sich fast augenblicklich dazu, ich aber nahm mir vor,
+etwas bedächtlicher zu Werke zu gehn.
+
+Den andern Tag ward ich zu dem Capitain unseres Kriegsschiffes
+eingeladen; was schon mehrmals der Fall gewesen war. Er erklärte mir,
+er würde in 5, 6 Tagen unter Segel gehn. Ob ich ihn begleiten, meine
+Reise nach dem Kap fortsetzen, oder auf St. Helena bleiben wolle, sey
+mir freigestellt. Ich bat um eine Stunde Bedenkzeit, und entschloß mich
+zur Reise nach -- England.
+
+Sie werden erstaunen, verehrter Freund, aber hören Sie meine Gründe an.
+Zuerst ist das Kapsche Schiff ein kleines, altes und sehr schlechtes
+Fahrzeug, wie sie es in der Regel fast alle sind. Zweitens sind wir
+im Regenmonßon, wo es in diesen Gewässern, und gerade in der Nähe des
+Kaps, sehr heftige Stürme giebt. Drittens ist die Reise von St. Helena
+nach dem Kap ohnehin schon beschwerlich, da man, um den Paßatwind zu
+bekommen, einen bedeutenden Umweg machen, und wenigstens einen Monat
+darauf rechnen muß. Viertens endlich glaubte ich, allen Umständen
+zufolge, durchaus an mein erstes Schiff und dessen Schicksal gebunden
+zu seyn. Der Capitain selbst gab mir vollkommen Recht. Ich werde nun
+noch eine Rundreise um die Insel machen, wozu die Erlaubniß bereits
+ausgewirkt ist, und dann mit vollen Segeln nach Europa zurück!
+
+
+
+
+ ~Neunter Brief.~
+
+
+ ~Bai~ von ~St~. ~Helena~,
+ August 1805.
+
+Jezt erst kann ich sagen, daß mir St. Helena in jeder Hinsicht bekannt
+geworden ist. Vorgestern in aller Frühe brach ich von St. Jamestown
+auf. Mein Führer war ein alter ehrlicher Bootsmann, aber in Wahrheit
+noch rüstig genug. Wir stiegen zuerst einen hohen, kahlen Felsen, den
+sogenannten Ladderhill, hinan. Von der Bai aus gesehn, faßt er die
+rechte Seite des Thales ein. Der ziemlich steile Weg ist in den Basalt
+gehauen, und überall mit einer gemauerten Brustwehr versehn. Gewöhnlich
+wird bis auf den Gipfel nur eine halbe Stunde abrechnet; wir brauchten
+aber an drei Viertelstunden dazu.
+
+Auf dem höchsten Punkte befindet sich eine Batterie, die einen
+beträchtlichen Theil der Bai bestreicht, nebst einem Flaggenbaum.
+Daneben sind mehrere Baraken für die Artilleristen, die diesen Posten,
+wegen der reinen kühlen Luft, allen andern vorziehn. Sie haben ihre
+Weiber und Kinder bei sich, und bauen ihre kleinen Gemüsegärten sehr
+sorgfältig an. Die Aufsicht vom Ladderhill ist aber nichts weniger als
+schön. Auf der einen Seite hat man nichts als nakte Felsen; auf der
+andern das einsame Meer. Die Stadt selbst nimmt sich in der furchtbaren
+Tiefe wie ein Haufen Kartenhäuser aus.
+
+Wir erquickten uns mit einem Glase Rum und stiegen dann einen zweiten,
+gleichfalls ganz kahlen Felsen hinan. Aber wie angenehm werden wir
+dafür auf dem Gipfel überrascht! Ein liebliches Thal mit grünenden
+Bergen eingefaßt, lag im glänzenden Morgenlichte vor uns da. Die
+Pisangs, die Cocospalmen, die Orangen und Bananas; weidende Heerden auf
+üppigen Wiesen; zierliche Landhäuser zwischen Fruchtbäumen versteckt;
+alles blühend und grünend, alles in Schönheit und Herrlichkeit; ein
+irdisches Paradies vom liebenden Himmel geküßt.
+
+Wir wanderten nun am Rande dieses entzückenden Thales immer am Abhange
+des Berges hin. Der Weg war mit Lorbeer- und Myrthensträuchen, mit
+Citronen-, Orangen- und Feigenbäumen eingefaßt. Sie bildeten einen so
+dichten Schattengang, daß uns die Sonne nicht im mindesten beschwerlich
+fiel. Ich kaufte von einem alten Neger einige Orangen zu einem halben
+Stüber[23] das Stück, und fand dieselben von vortrefflichem Geschmacke.
+Gegen Mittag kamen wir an ein schönes Landhaus, das dem Gouverneur
+gehört. Wir fanden blos einige Neger und Negerinnen daselbst, und
+konnten es also nach Belieben besehen. Es ist ein treffliches Gebäude,
+vorn mit einer großen schattigen Kastanienallee, hinten mit einem
+herrlichen Garten versehen. Am Ende des Gartens befindet sich ein
+Hügel, auf den man Bäume, Gebüsche und Blumen aus China und aus England
+vom Kap und von den Südseeinseln beisammen sieht.
+
+Das Innere dieses Landhauses ist sehr geschmackvoll verziert; überall
+sind die schönsten englischen Möbeln, auch eine Menge ostindischer
+und chinesischer Kostbarkeiten aufgestellt. Unter andern bemerkte
+ich ein schönes Fortepiano von Mahagony. Es war, wie ich hörte, auf
+der Insel selbst gebaut, und zwar von einem Deutschen, der mit den
+holländischen Truppen aus Surinam hierher gekommen ist. Er besizt
+bereits ein schönes Haus zu St. Jamestown, und schickt jährlich eine
+Menge musikalischer Instrumente, besonders aber Pianofortes, theils
+nach dem Kap, theils nach Batavia. Die wohlfeilsten werden ihm mit
+60 Guineen, die theuersten mit 180 bis 200 bezahlt. Leztere sind mit
+den feinsten ostindischen Holzarten ausgelegt. Nachdem wir dies alles
+besehen hatten, nahmen wir eine ländliche Mahlzeit von Milch und Eiern
+zu uns, und sezten nach einem kleinen Mittagsschlafe unsere Wanderung
+weiter fort. Der ehrliche alte schwarze Castellan fand sich mit einem
+guten Stück Tabak über seine Erwartung bezahlt.
+
+Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen bald zu einem anderen
+schönen Landhause, das einem Herrn Vrangham gehört. Die hier gezogenen
+Früchte und Gemüse sollen die besten auf der ganzen Insel seyn. Kein
+Wunder, daß daher blos der Obstgarten für 200 Pfund jährlich verpachtet
+ist. Ich bemerkte viel herrliches Wiesenland, sah aber nirgends Vieh
+darauf. Gleichwohl befindet sich ein starker Bach in der Nähe, der sich
+ins Meer ergießt. Das Wasser ist krystallhell, die Ufer sind mit den
+schönsten Blumen bedeckt.
+
+Wir steuerten weiter nach ~Sandybay~, immer längs einer Reihe mit
+Lorbeern und Myrthen bedeckter Berge hin. Dies ist der breiteste und
+bequemste Weg auf der Insel, so daß man selbst zu Wagen fortkommen
+kann. Allmählig stiegen wir aufwärts, und bald sahen wir das große
+liebliche Sandybay Thal vor uns. Das Farbenspiel der untergehenden
+Sonne war entzückend schön; die ganze Landschaft schien in Rosenglut
+getaucht.
+
+So kamen wir bei dem Landhause eines Herrn Doreton an, das sehr
+romantisch an dem Abhange liegt. Ich hatte einige Zeilen an den
+Verwalter, und war daher ein sehr willkommener Gast. Augenblicklich
+sezte er uns herrliche Milch, frisches Brod und köstliche Früchte
+vor, während seine Frau ein vollständiges Abendessen versprach. Ich
+erfrischte mich mit einem Paar Stücken Ananas, und betrachtete die
+Landschaft, über der jezt der Mond aufgieng.
+
+Nach ungefähr einer kleinen Stunde rief mich der alte ehrliche Neger
+zum Abendessen hinein. Ich trat in einen freundlichen Gartensaal, der
+mit den schönsten Kupferstichen verziert war. In der Mitte war ein
+ziemlicher Tisch gedeckt, und mit allerhand guten Sachen besezt. Wir
+hatten ein treffliches Stück Rostbeef, eine Schüssel mit Lamscerbonade,
+zwei andere mit Yams und Erdäpfeln, zwei Teller mit europäischen
+Pfeffergurken und Eingemachtem, ein Körbchen voll herrlicher Früchte,
+und eine große Flasche Maderasekt. Hungrig, wie wir nach einer
+solchen Tagereise waren, langten wir nunmehr herzhaft zu. Es war ein
+wunderschöner Abend; ich blieb bis nach zehn Uhr auf.
+
+Endlich wieß mir der Verwalter ein Schlafzimmer an. Es war äußerst kühl
+und reinlich, dennoch that ich die ganze Nacht kein Auge zu. Hieran
+war eine Legion von Mäusen Schuld, die ihr Unwesen ins unglaubliche
+trieb. Sie liefen über mich hin und her, gänzlich ungenirt. Endlich
+kleidete ich mich an, und begab mich auf die Terrasse, wo ich von
+zwei bis sechs Uhr vollkommene Ruhe fand. Als es Morgen geworden war,
+brachten die guten Leute ein treffliches Frühstück, auf dem feinsten
+japanischen Porcellan. Ich beschenkte den Mann mit einem tüchtigen
+Stücke Tabak, und die Frau mit einigen Briefen Nadeln, nebst einem
+Röllchen Seidenband, was ihre Erwartung übertraf. So war es fast sieben
+Uhr geworden; endlich brachen wir auf.
+
+Wir nahmen nun unsern Curs nach ~Longwood~, ein der Compagnie
+gehöriges Gut, das auf der östlichen Seite der Insel liegt. Der fast
+zweistündige Weg dahin ist äußerst angenehm, und führt am Fuße des
+Dianenpik hin. Dies ist der höchste Gipfel von St. Helena, der sich
+fast 2700 Fuß über die Meeresfläche erhebt. Weiterhin sahen wir die
+artigen Landhäuser der Herren Pierin und Bazelt mit weitläuftigen
+Pflanzungen umringt. Hier wird das meiste und vorzüglichste Gemüse
+auf der ganzen Insel gebaut, was den Besitzern große Summen einträgt.
+Der Kohl wird für den besten auf der ganzen Welt gehalten, giebt aber
+keinen Marktartikel ab. Ich sah auch hier eine schöne Rinderheerde, so
+groß und fett, wie bei uns in Holland.
+
+Zu meinem Erstaunen ward ich auf diesem ganzen Wege eine Menge
+Kaninchen gewahr. Sie haben Lager wie die Hasen, und schweifen
+unaufhörlich umher. Man fängt sie daher fast auf die nämliche Art.
+Zu gleicher Zeit bekamen wir auch sehr viel Tauben, Fasanen und
+Rebhühner zu Gesicht. ~Longwood~[24] selbst, ist eine sehr
+schöne Besitzung. Sie liegt auf der Fläche eines Berges, der nicht
+weniger als drei englische Meilen[25] im Umfange hat. Das Haus ist mit
+einem weitläufigen Parke, einem vortrefflich unterhaltenen Garten,
+und herrlichen Wiesengründen umringt. Von der Gallerie und aus den
+meisten Zimmern hat man eine entzückende Aussicht auf die benachbarten
+pittoresken Thäler, auf die Bay von St. James und den Ocean. In der
+Regel wird Longwood von dem Vicegouverneur bewohnt.
+
+Von hier aus führen nun wieder zwei Wege nach St. Jamestown; der
+eine mitten durch die Insel; der andere längs der Küste hin. Jener
+ist äußerst pittoresk, wegen des beständigen Auf- und Absteigens
+aber sehr unbequem. Dieser ist weniger romantisch, ja zuweilen sogar
+unangenehm; doch bietet er nur selten beschwerliche Stellen dar. Ich
+beschloß den lezteren zu wählen, um auch die minder angebauten Gegenden
+des Eylandes zu sehen. In der That fanden wir auch nichts als kleine
+einsame Negerhütten mit Frucht- und Gemüsegärten umringt. So wanderten
+wir unter Lorbeer- und Cypressenbäumen bis Mittag fort, wo unter einem
+Pisang Halt gemacht ward. Mein Führer hatte sich nämlich auf Herrn
+Doretons Gute mit Wein, Brod und Schinken versehen, und wir hielten auf
+diese Art eine sehr gute Mahlzeit. Auf den benachbarten waldigen Bergen
+schwärmten Rehböcke herum, und aus der Ferne donnerte ein herrlicher
+Wasserfall.
+
+Nach einigen Stunden Ruhe machten wir uns wieder auf den Weg, und
+bekamen nachher den Wasserfall selbst zu Gesicht. Er stürzt sich an
+dreihundert Fuß hoch von einem pittoresken Felsen herab, und bildet
+einen crystallhellen ziemlich starken Bach. Das Wasser wird theils in
+Röhren nach St. Jamestown geleitet, theils fließt es dem Meere zu, wo
+es von den Schiffen benuzt wird. Bald näherten wir uns nun wieder der
+St. James-Bay. Auch hier, wie durchaus längs der Küste, war der Weg mit
+guten Brustmauern versehen. Endlich ließen wir einen hohen Berg mit
+einem Fort seitwärts liegen, und stiegen gerade Ladderhill gegenüber
+wieder nach St. Jamestown herab. So hatte ich denn die ganze Rundreise
+um die Insel von Westen nach Osten in zwei Tagen gemacht. Morgen und
+übermorgen besorge ich noch meine Einkäufe, und dann für wenigstens
+zwei Monate wieder an Bord.
+
+
+
+
+ ~Zehnter Brief.~
+
+
+ ~In See~, August 1805.
+
+Gestern verließen wir St. Helena. Ich schlief noch ganz ruhig in meiner
+Koje[26], als ich durch die Signalschüsse geweckt ward. Schnell zog ich
+mich an, und eilte auf das Verdeck. Eben stieg die Sonne aus dem Meere
+auf, und alle Schiffe glänzten im Morgenroth. Wir hatten deren noch
+sechs in unserer Begleitung, lauter große Ostindien- und Chinafahrer
+mit Ladungen von unermeßlichem Werth. Der Südostpassat war uns äußerst
+günstig, bald lag die Insel gleich einem schwarzen Streifen hinter
+uns, und heute sind wir schon viele Meilen davon entfernt. Ich habe
+jezt die eine Hütte ganz für mich. So kann ich mich der zweiten Koje
+als Vorrathskammer bedienen, und bin in allem weit besser daran, als
+ehedem. Die Kost ist erträglich, das beste müssen aber auch diesmal
+die eigenen Provisionen thun.
+
+
+ 12. August.
+
+Vorgestern segelten wir die Insel St. Ascension vorbei, sie bietet dem
+Auge nichts als kahle Klippen dar. Das Segeln in Convoy hält unsere
+Fahrt nicht wenig auf. Immer bleibt ein und das andere Schiff zurück,
+auf das gewartet werden muß. Dann ist bald dies, bald jenes zu thun.
+Dann ruft bald dieser, bald jener das Kriegsschiff an. So lagen wir oft
+drei und mehrere Stunden bei, wobei es nicht an gegenseitigem Besuchen
+fehlt. Auf dem einen Ostindienfahrer giebt es fast alle Abende große
+Musik. Es sind besonders Blasinstrumente, was auf der See von ganz
+eigener Wirkung ist. Morgen passiren wir die Linie, doch finden keine
+Feierlichkeiten statt.
+
+
+ 30. August.
+
+Seit 10 Tagen haben wir den Südostpassat verloren, und rücken nur
+langsam fort. Der Himmel ist bedeckt, der Barometer gefallen, der Wind
+veränderlich. Wir sahen unter der Linie einige Wallfische, sie glichen
+von weitem einem großen umgekehrten Schiffe, das mit den Masten nach
+unten liegt. Sehr schön nahmen sich die hohen von ihnen ausgeworfenen
+Wasserstrahlen aus. Sie bildeten, ehe sie wieder niedersanken, einen
+majestätischen Bogen im herrlichsten Farbenspiel.
+
+Vorige Nacht hätten wir beinahe ein großes Unglück gehabt. Der eine
+Ostindienfahrer war nämlich vom Curse abgekommen, und schoß in der
+Nacht kaum anderthalb Fuß vor unserm Vorderstewon[27] vorbei. Wir haben
+Wassermangel, so eben höre ich aber, daß man uns vom Kriegsschiffe drei
+große Fässer zugeschickt hat. Nun so will ich mir denn seit 8 Tagen den
+ersten Thee wieder machen, der mir wie Nektar schmecken soll.
+
+
+ 9. September.
+
+Der Capitain hat die Luken öffnen lassen, um nach der Ladung zu sehen.
+Es ist viel Seewasser eingedrungen, der Schaden scheint größer als man
+geglaubt hat. Dies ist aber sehr natürlich, da alles unter einander
+geworfen worden war. So liegen die Kisten mit den feinen Tüchern oben
+auf. Auch die meinigen sind bis auf den Grund durchnäßt. Die Bücher
+z. B. bilden nichts als eine verschimmelte Masse, so daß ich sie
+nur ins Meer werfen kann. Die Matrosen sind jezt beschäftigt, das
+Schiff anzumalen, und bringen überall, wo sichs nur schicken will,
+eine Stückpforte an. Wir sollen von weitem recht furchtbar aussehn,
+damit sich kein französischer Kaper an uns macht. Unsere Fahrt war
+bei dem veränderlichen Winde langweilig genug. Allein gegen Ende der
+vorigen Woche bekamen wir den Westpassat, und nun geht es fröhlich den
+europäischen Gewässern zu.
+
+
+ 27. September.
+
+Gestern war ein angstvoller Tag für uns. Ohngefähr auf der Höhe von
+Kap finisterre rief uns am 24. ein englischer Kutter an. Er gab uns
+Nachricht, daß der ganze Golf von Biscaya, und besonders die Einfahrt
+des Kanals mit französischen Kriegsschiffen bedeckt sey. Sie hätten
+den größten Theil eines nach Westindien bestimmten Convoys genommen,
+und sich sogar an der englischen Küste gezeigt. Der Capitain unseres
+Kriegsschiffes hielt es daher fürs beste, seinen Kurs so nördlich als
+möglich zu nehmen, theilte indessen auf jeden Fall die nöthigen Befehle
+aus.
+
+Gestern um 9 Uhr Morgens tauchten in großer Entfernung einige
+Kriegsschiffe auf. Man sah sie allgemein für englische an. Allein
+um 1 Uhr Nachmittags zeigte sich leider das Gegenteil. Es waren 3
+französische Fregatten, von denen die eine mit vollen Segeln auf unser
+Kriegsschiff zukam. Indessen dauerte es doch noch fast eine Stunde,
+ehe das eigentliche Gefecht seinen Anfang nahm. Es scheint, daß man
+auf beiden Schiffen noch mit den Zurüstungen beschäftigt war. Endlich
+schickte die Fregatte dem Kriegsschiffe einige Kugeln und bald darauf
+eine ganze Ladung zu, und nun begann der Kampf mit Heftigkeit.
+
+Unser Kriegsschiff leistete den tapfersten Widerstand, selbst als schon
+in der ersten halben Stunde die zweite, und endlich auch die dritte
+Fregatte dazu gekommen war. So dauerte das Gefecht, mit einer kleinen
+Pause bis gegen Abend fort. Jezt aber mußte das Kriegsschiff streichen,
+worauf es von den Franzosen in Besitz genommen ward. Wir sahen jezt die
+eine Fregatte auf die Convoy loskommen, benuzten aber den Vortheil des
+Windes und der Dämmerung, und entgiengen ihr. Doch zweifle ich, ob dies
+allen Schiffen geglückt seyn mag.
+
+Unsere Offiziere und Matrosen waren über den Sieg der French Dogs[28]
+vor Wuth ganz außer sich. Sie schwuren, die Prise bis auf das Aeußerste
+zu verteidigen, und sollte es ihr lezter Augenblick seyn. Die Lichter
+wurden bedeckt, die Kanonen und Gewehre in Stand gesezt. Jeder
+hielt sich auf seinem Posten, und spähte in die düstere See hinaus.
+Indessen bekamen wir nur einige Schiffe und diese sämmtlich nur an
+der französischen Küste zu Gesicht. Wir erkannten sie in ziemlicher
+Entfernung an den drei großen Laternen des Hintertheils.
+
+Heute Morgens um 8 Uhr aber erblickten wir ein Schiff, das mit vollem
+Winde auf uns zugesegelt kam. -- »Jezt gilt es Leben oder Tod!« --
+rief der englische Lieutenant und munterte das Schiffsvolk durch eine
+kräftige Anrede zum Gefechte auf. Wir Passagiere, der vorige Capitain,
+der Schiffsarzt und ich, mußten uns in den Raum begeben, und brachten
+hier eine Stunde in Todesangst zu. Doch endlich hörten wir ein lautes
+Freudengeschrei, wurden hinaufgerufen, und sahen, daß jenes Schiff ein
+englischer Kutter von 34 Kanonen war. Er kam uns nun in kurzem zur
+Seite, und theilte uns allerhand Neuigkeiten mit.
+
+
+ 5. October 1805. Morgens.
+
+Wir haben die Küsten von Cornwallis in Gesicht, der Wind ist südost,
+und also in hohem Grade günstig für uns. Die schönen grünenden
+Berge mit ihren alten Kastelen glänzen im Sonnenschein, und eine
+Menge freundlicher Häuser ragen zwischen Baumgruppen hervor. -- Ein
+Amerikaner hat uns mit herrlichem Pökelfleische und Kartoffeln ein
+erwünschtes Geschenk gemacht. Auch wird so eben ein Netz mit Sardellen
+aufgefischt. Alles auf dem Schiffe ist Leben und Fröhlichkeit. Wir
+sehen eine abgehende westindische Kauffartheiflotte von mehr als
+hundert Segeln, die von zwei Kriegsschiffen escortirt wird. Es ist ein
+unaussprechlich erhabener Anblick. Noch diesen Abend segeln wir um Cap
+Lezard herum.
+
+
+ ~Plymouth~, 7 October 1805.
+
+Als ich gestern Morgens erwachte, befanden wir uns in der Cawsandbay.
+Welcher Mastenwald! Welches Leben und welche Thätigkeit! Ich sage
+nicht zu viel, es lagen hier an 500 Schiffe zusammen, und dazwischen
+fuhren unzählige Schaluppen hin und her. Nicht weniger angenehm war der
+Landprospect. Ein Halbzirkel von herrlichen angebauten Bergen, in den
+Abhängen mit freundlichen Landhäusern, an dem Fuße mit schönen Dörfern
+bedeckt. Hier weidende Heerden, dort wohlgekleidete Feldarbeiter,
+und im Hintergrunde auf der höchsten Spitze ein Telegraphenthurm.
+Bald kamen nun eine Menge Boote mit Lebensmitteln an unser Schiff.
+Ich kaufte mir Wasser, Milch, Brod, Butter und Obst, und hielt ein
+köstliches Frühstück damit. Wenn man so nach drei Monaten zum erstenmal
+wieder einen frischen Trunk reines Quellwasser kostet -- es ist ein
+Genuß, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt.
+
+Unterdessen ward es von Stunde zu Stunde immer lebhafter in der Bay.
+Ich zählte an 300 Boote, blos mit Frauenzimmer angefüllt. Alle diese
+Damen hatten die Nacht auf der Flotte zugebracht, und kehrten jezt
+ans Land zurück. Sie waren in Mäntel und Pelze gehüllt, und schienen
+äußerst lustig zu seyn. Aber werden Sie wohl glauben, daß die ganze
+Gesellschaft, wohl an 2000 zusammen, aus feilen Mädchen bestand? Dies
+gehört zur englischen Marinepolizei. So wie eine Flotte in einem der
+fünf Haupthäfen eingelaufen ist, werden die Matrosen abgeholt. Den
+meisten brennt das Geld in der Tasche; es muß so bald als möglich
+wieder fort. Nun dürfen sie aber nur bei Tage ans Land, also helfen sie
+sich auf die obige Art. Es ist sogar ein Gesetz vorhanden, daß es ihnen
+kein Admiral u. s. w. verwehren darf. So kommt das Geld durch diese
+Mädchen sofort wieder in Umlauf, und die nächtliche Ruhe der Einwohner
+bleibt ungestört.
+
+Unser Prisenmeister hatte sich inzwischen an Bord des Admiralschiffes
+begeben, und ließ uns einen ganzen langen Tag in peinlicher
+Ungewißheit. Endlich kam er Abends spät zurück, und kündigte uns die
+weitere Fahrt nach Portsmouth an. Das Kriegsschiff war aus diesem Hafen
+ausgelaufen; also gehörte auch die Prise dahin. Heute früh lavirten
+wir demnach wieder aus der Bay heraus, so ungünstig sich auch Wind und
+Wetter anließ.
+
+Vier Stunden waren wir bereits unter Segel gewesen, und hatten doch
+kaum zwei Seemeilen zurückgelegt; als die Heftigkeit des Windes zum
+Sturme anwuchs. Der Regen floß in Strömen herab, und die Wellen
+schlugen unaufhörlich über das Verdeck. Mehrere die Bay einsegelnden
+Schiffe riefen uns zu, daß See zu halten unmöglich sey, allein unser
+Lieutenant kehrte sich nicht daran. Bald verloren wir das Boogspriet,
+und gleich darauf die Stange vom Besaanmast. Jezt erst schien der
+Lieutenant die Gefahr einzusehen, befahl das Schiff zu wenden, und rief
+durch Nothschüsse einen Lootsen an Bord. So liefen wir vor einigen
+Stunden in Plymouth ein, ich erhielt Erlaubniß, mich ans Land zu
+begeben, und lasse nun diesen Brief sofort über London an Sie abgehen.
+
+
+
+
+ ~Eilfter Brief.~
+
+
+ ~Plymouth~, 14. October 1805.
+
+Der preußische Consul hat mich anerkannt, und ich bin nun vollkommen
+frei. Es ist ein geborner Engländer, aber ein sehr wohlwollender Mann,
+der mir bereits eine Menge Gefälligkeiten erzeigt hat. Ich habe auch
+bereits eine Privatwohnung bezogen, mit der ich vollkommen zufrieden
+bin. Für Tisch und alles zusammen, zahle ich nicht mehr, als eine
+Guinee die Woche, was wirklich sehr billig ist. Meine zwei Coffers habe
+ich nun auch vom Bord erhalten, und mit großer Freude gefunden, daß
+wenig oder gar nichts davon verdorben ist. Die Bücherlisten aber mögen
+in Gottes Namen im Raume liegen bleiben, die verschimmelte Waare ist
+keine zehn Gulden mehr werth. Doch genug von mir selbst; ich theile
+Ihnen jezt einige Bemerkungen über Plymouth mit.
+
+~Plymouth~ mit 43,000 Einwohnern liegt am Abhange eines Hügels,
+der sich zwischen den Mündungen der Tamor und des Plym in die See
+hinaus erstreckt. Die Mündung der Tamor ist unter dem Namen Hamoare,
+die des Plym, die zugleich der Stadt den Namen giebt, unter der
+Benennung Catwater bekannt; die vor der Stadt selbst befindliche
+Bay heißt Plymouth-Sound. Die Mündung der Tamor ist am weitesten
+von der See entfernt. In der Regel werden daher alle abgetakelten
+Kriegsschiffe, und besonders die erklärten Prisen dahin gebracht; auch
+befinden sich die Gefängnißschiffe daselbst. Catwater, oder die Mündung
+des Plym ist besonders für Kauffahrer, und noch unter Prozeß liegende
+Prisen bestimmt; beide Ankerplätze sind wegen ihrer Sicherheit berühmt.
+Plymouth-Sound hingegen, so wie die benachbarte Cadsandbay pflegen bei
+stürmischen Wetter gefährlich zu seyn. Was man endlich Sutton Poot
+nennt, ist eine Art natürlichen Hafens im Catwater, an der einen Seite
+der Stadt. Er ist mit einem Kay eingefaßt, und bietet zum Ein- und
+Ausladen der Schiffe große Bequemlichkeiten dar.
+
+Plymouth liegt also, wie gesagt, am Abhange eines Hügels, so daß
+sich die Straßen von oben nach unten ziehen, und die Häuser fast
+amphitheatralisch über einander gebaut sind. Die Straßen sind mit wenig
+Ausnahmen eng und düster, und wie man denken kann, ziemlich steil; eben
+so sind die Häuser fast durchgängig in altväterischem Stile gebaut,
+und haben bei den vielen zugemauerten oder mit Brettern vernagelten
+Fenstern ein doppelt häßliches Ansehen. Es ist dies eine Folge der
+übermäßigen Fenstertaxe, indem für jedes nicht geblendete Fenster,
+eine Abgabe von 15 Schillingen[29] bezahlt werden muß.
+
+In dem niedrigsten Theile von Plymouth sind die Häuser am häßlichsten,
+und selten oder nie mit Gärten versehen. In dem mittleren Theile sind
+sie schon etwas besser, und haben fast alle jene Annehmlichkeit. Auf
+dem höchsten Theile des Hügels endlich, sind sie fast durchgehends
+neu und geschmackvoll, auch mit herrlichen Gärten umringt. Sie haben
+zu gleicher Zeit eine vortreffliche Aussicht auf die ganze Stadt, die
+umliegende Gegend, und die ganze Bay. So schlecht sich indessen auch
+der größte Theil der hiesigen Häuser von außen ausnimmt, im Innern sind
+sie dennoch sehr bequem eingerichtet, und häufig eben so prächtig, als
+geschmackvoll verziert.
+
+Plymouth wird durch eine Citadelle gedeckt, die eine Viertelstunde
+im Umfange hat, und deren 5 Bastionen mit 165 Kanonen vom schwersten
+Kaliber besezt sind. Dazu kommt noch eine starke Wasserbatterie, die
+mit 18 24pfündern besezt ist. Im Innern der Citadelle befinden sich
+unter andern auch die Magazine für die Vorräthe der königlichen Flotte
+besonders an Mehl, Zwieback und Brod. Zu gleicher Zeit sind zwei große
+Backhäuser vorhanden, wovon jedes vier Oefen hat. Diese Oefen werden
+alle 24 Stunden nicht weniger als achtmal geheizt, so daß für 16,000
+Mann darin gebacken werden kann.
+
+Der Citadelle gegenüber, befindet sich auf einer kleinen Insel, St.
+Nicolas genannt, ein anderes Fort, das ebenfalls von großer Wichtigkeit
+ist, indem es die Mündungen des Plym, und der Tamor deckt. Hierzu trägt
+besonders die Lage desselben gerade vor der Stadt, und in der Mitte von
+Plymouth-Sound bei. Auch die Insel selbst wird nicht nur durch ihre
+felsige Küste, sondern überdem durch mehrere Batterien vertheidigt,
+wovon jede mit einem Roste zu glühenden Kugeln versehen ist.
+
+Die hiesigen Lebensmittel sind vortrefflich, besonders was Fleisch,
+Gemüse und Fische anlangt, ohne eben sehr theuer zu seyn. So wird z.
+B. das Pfund Rindfleisch mit 5 bis 6 Stüvern[30], die Maas Kartoffeln
+mit einem Stüver; ein großer Schellfisch mit anderthalb bis zwei
+Stüvern bezahlt. Das Pfund Waizenbrod kostet einen Stüver, das Pfund
+Wachslichter zehn Stüver, das Pfund Thee von vorzüglicher Güte, noch
+nicht volle drei Gulden u. dgl. mehr. Ueberhaupt kann man annehmen, daß
+die ersten Bedürfnisse ziemlich wohlfeil, Luxusartikel aber, wie Wein,
+Liköre u. s. w. sehr theuer sind. Das leztere scheint auch vor allem
+zu gelten, was zur männlichen Kleidung gehört, während die gewöhnliche
+Frauenzimmerkleidung hingegen, sehr wohlfeil ist.
+
+Gesellschaftliche Hülfsquellen trifft man zu Plymouth in Menge an.
+Zuerst sind mehrere gute Leihbibliotheken vorhanden, worunter ich
+besonders die von einem Herrn Bornickel, einem Deutschen auszeichnen
+muß; versteht sich, daß man nur nach englischen Büchern fragen darf.
+Ferner giebt es eine Menge guter Kaffehäuser und Tavernen, eben so
+ein recht artiges Schauspielhaus. Endlich fehlt es auch an Concerten,
+Assembleen und Bällen nicht. Wer Spaziergänge liebt, findet in der
+umliegenden Gegend hinlängliche Gelegenheit dazu.
+
+Sehr schöne Aussichten hat man besonders von der Citadelle, die auf
+einem hohen, die ganze Bai beherrschenden Felsen liegt, und wohin der
+Zugang jedermann offen steht. Eben so auf einem andern hohen Berge,
+ungefähr eine halbe Stunde von der Stadt, von dessen Gipfel man weit in
+die See hinaussehen kann. Sehr angenehm sind auch die Parthien nach
+Catwater, oder der Mündung des Plym, wo man mehrere artige Wirthshäuser
+findet, eben so nach Plymouth-Dock, und dergl. mehr. Ich behalte mir
+die Beschreibung dieser Abstecher für die Zukunft vor.
+
+Was meine eigene Lebensart anlangt, so wechsele ich mit Studieren
+und Beobachten, mit Arbeiten und Vergnügungen ab. So bringe ich z.
+B. den Vormittag bis ungefähr 11 Uhr zu Hause zu. Dann gehe ich
+auf eine Viertelstunde in ein Kaffehaus, das der Sammelplatz aller
+hier befindlichen holländischen Schiffer ist, und dann entweder auf
+das Rathhaus, um dem öffentlichen Gerichte beizuwohnen, oder in
+eine Leihbibliothek, oder ins Freie hinaus. Bei diesen öffentlichen
+Gerichten nehme ich gar sehr in der Sprache zu. Bemerkenswert ist auch,
+mit welchem Selbstgefühl und welcher Unerschrockenheit hier auch der
+ärmste Einwohner aus den untersten Classen seine Sache vorzutragen
+pflegt.
+
+Um zwei Uhr ist bei uns Essenszeit, worauf ungefähr eine Stunde
+verwendet wird. Gegen 4 Uhr mache ich gewöhnlich allein, zuweilen
+auch in Gesellschaft einen großen Spaziergang. Um 6 Uhr komme ich
+zurück, trinke Thee, und bringe den Abend meistens mit Lesen, dann
+und wann aber auch im Theater zu. Hier ist jedoch immer ein solcher
+Lärmen, daß man wenig oder gar nichts vom Stücke verstehen kann. Die
+Zuschauer laufen nämlich beständig von einem Platze zum andern, wo
+es dann besonders in der Nähe gewisser Damen sehr laut zugeht. Diese
+benehmen sich indessen mit vieler Züchtigkeit, weil der Zutritt in das
+Theater nur den beiden ersten Klassen gestattet ist. Man erkennt sie
+jedoch sehr leicht an ihrer Kleidung, und besonders an ihrer wirklichen
+bezaubernden Artigkeit. Nichts reizenderes, als wenn ein solches
+Mädchen ihrem Geliebten eine Weintraube oder Orange aufdringt. Doch
+genug! denn eben ruft mich unsere gute Wirthin zum Abendessen ab.
+
+
+
+
+ ~Zwölfter Brief.~
+
+
+ ~Plymouth~, 27. October 1805.
+
+Gestern war hier ein allgemeiner Freudentag. Es liefen nämlich
+5 französische, bei Trafalgar genommene, Linienschiffe ein.
+Majestätisch wehte die englische Flagge vom Quarterdecke, während die
+französische tief ins Wasser hieng. Der Enthusiasmus des Volkes war
+unbeschreiblich. Dazu das Glockengeläute, der Donner der Kanonen,
+und das Freudengeschrei von allen Schiffen ringsumher! Aber bald
+ward nun auch Nelson's Tod bekannt. -- ~Nelson is killd! -- Nelson
+is killd!~[31] riefen sich Männer und Frauen, mit Thränen und
+Händeringen zu. Lebhaft fühlte ich was Volksgeist und Vaterlandsliebe
+ist.
+
+Seit meinem lezten habe ich nun mehrere Abstecher in die umliegende
+Gegend gemacht. Zuerst nach Plymouth-Dock, oder gewöhnlich schlechtweg
+~the Dock~, nur eine halbe Stunde von hier. Es ist dies eine neue, weit
+größere und volkreichere Stadt, als Plymouth selbst. Ihr Name zeigt
+ihren ersten Ursprung, nämlich ein Schiffswerft an. Der Weg dahin
+ist sehr belebt und angenehm. Zuerst kommt man durch Stonehouse, ein
+artiges Dörfchen, dessen niedliche Häuser sich fast eine Viertelstunde
+neben der Straße hinziehen. Dann übersteigt man Stonehouse-Hill, einen
+ziemlich beträchtlichen Hügel, von dem man eine ausgebreitete Aussicht
+auf die beiden Nachbarstädte hat. Am Fuße desselben kommt man durch das
+Dörfchen Stock, und bald tritt man in die schönen, geraden und breiten
+Straßen von the Dock ein.
+
+In der That, ich ward hier äußerst angenehm überrascht. Alles ist
+so nett, so freundlich, so lebendig; daß Plymouth wie ein düsteres
+Gefängniß dagegen erscheint. Wer daher nicht an jenen Aufenthalt
+gebunden ist, oder von seinen Renten leben kann, zieht in der Regel
+gewiß diese Stadt vor. Von öffentlichen Gebäuden sind besonders das
+außerhalb den Thoren liegende Marinehospital, die neuen Kasernen,
+das schöne Wachthaus, und die prächtigen Schiffswerfte sehenswerth.
+Die Lebensmittel sind etwas theurer als in Plymouth, man zahlt z. B.
+ungefähr ein Viertheil mehr als dort. Uebrigens gehen zwischen beiden
+Städten unaufhörlich eine Menge Postkutschen hin und her, die man zu
+jeder Stunde des Tages miethen kann.
+
+Eine angenehme Seefahrt machte ich vor einigen Tagen nach Edystone.
+Dies ist der Name einer Klippenreihe, die sich in der offenen See,
+gerade vor der Mitte der Bay hinzieht. Auf dem höchsten Punkte
+derselben, vorzugsweise Edystone genannt, ist ein Leuchtthurm erbaut,
+der auf den englischen Seekarten, unter dem Namen Edystone-Lighthouse
+verzeichnet ist, und von den Schiffern sehr sorgfältig beobachtet wird.
+Ich fuhr in Gesellschaft einiger Bekannten dahin. Wir wählten natürlich
+einen vorzüglich schönen Tag dazu, weil man diesen gefährlichen
+Klippen sonst nicht nähern kann. Auch vergaßen wir die nöthigen
+Vorräthe an Wein, Rum, Rostbeef, Chesterkäse, Brod und Porter nicht.
+
+Das Wetter war vortrefflich, das Meer fast spiegelglatt, der Wind
+sanfter Ost-Süd-Ost; schon nach einer Stunde langten wir daher bei dem
+Leuchtthurme an. Einer der Wächter wartete bereits auf uns, befestigte
+unser Boot an einem eisernen Ringe, und half uns dann durch das stille
+niedrige Wasser, von Klippe zu Klippe, bis an den Thurm hinan. Hierauf
+holte er unsere Vorräthe aus dem Boote, und führte uns eine zwar
+dunkle, aber bequeme Treppe hinauf. Bald öffnete er eine Thür, und wir
+traten in ein geräumiges Zimmer, das zwar etwas düster, jedoch recht
+artig meublirt war.
+
+Wir fanden hier seinen Kameraden, einen schon ziemlich bejahrten
+Mann, der uns mit ungemeiner Freude empfieng. Ein Tag, wo diese
+armen Leute Besuch erhalten, ist immer ein Festtag für sie. Nach
+einer kleinen Unterhaltung, die wir mit einem Geschenke von Tabak
+eröffneten, stiegen wir vollends zur Laterne hinauf, und besahen die
+Einrichtung zur Erleuchtung, die jezt mit Lampen geschieht. Hierauf
+folgte eine tüchtige Kollation, von der natürlich unser alter Wirth
+nicht ausgeschlossen blieb, während dem andern sein Theil zurückgelegt
+ward. Dies machte denn den guten Alten so gesprächig, daß er uns nicht
+nur eine kurze Geschichte des Leuchtthurms selbst, sondern auch seine
+eigenen Lebensumstände zum Besten gab.
+
+Der Leuchtthurm, wie er jezt dasteht, ist eigentlich schon der dritte
+auf Edystone. Der erste ward in den Jahren 1696 bis 1698 gebaut, stand
+aber nur bis 1707, wo er bei einem heftigen Herbststurme in einer Nacht
+von den Wellen verschlungen ward. Der zweite ward 1708 angefangen,
+und im folgenden Jahre vollendet. Er hielt gegen alle Stürme bis
+1755 aus. Hier brannte er ab, und die zwei Wächter fanden einen sehr
+schrecklichen Tod. Der jetzige Leuchtthurm endlich ward in den Jahren
+1756-59 vollendet, und hat seitdem den wüthendsten Orkanen getrozt.
+
+Was den alten ehrlichen Wächter selbst anlangt, so befand er sich schon
+seit 30 Jahren hier, und trieb zugleich das Schuhmacherhandwerk. Er
+hatte diese Stelle anfangs aus Bequemlichkeit gesucht, worauf ihm erst
+die Arbeit lieb geworden war. Troz seinem geringen Gehalte, der nur 25
+Pfund betrug, war er dennoch vollkommen zufrieden, und wünschte sich
+nie von seinem lieben Thurme hinweg.
+
+Mitunter war es ihm freilich manchmal sehr hart gegangen, besonders im
+Winter, wo die Verbindung oft Monate lang mit dem Lande abgeschnitten
+ist. So z. B. als einmal sein Mitwächter gestorben war. Sechs und
+dreißig Tage mußte er den Leichnam bei sich behalten, und obendrein
+den beschwerlichen Dienst allein versehen. An diese fünf schicklichen
+Wochen dachte er noch immer mit Entsetzen zurück. Seitdem sind
+regelmäßig drei Wächter angestellt. Der dritte war gerade auf einige
+Tage in Plymouth. So hörten wir dem guten Alten einige Stunden mit
+Vergnügen zu, bis endlich die Nachmittagsfluth eintrat. Jezt machten
+wir ihm ein kleines Geschenk an Gelde, und segelten mit dem günstigsten
+Winde nach Plymouth zurück.
+
+Eine andere sehr angenehme Partie machten wir gestern nach Edgecumbe.
+Dies ist eine Art hohen Vorgebirges, das am jenseitigen Ufer der Tamor
+liegt, und von der Cadsand-Bay bespült wird. Wir ließen uns über die
+Tamor setzen, was durch zwei schmucke, rothbäckige Dirnen geschah,
+wandelten noch eine halbe Stunde zwischen herrlichen Wiesen hin, und
+langten endlich am Fuße des pittoresken Berges an. Edgecumbe gehört
+einer der ältesten Familie von England, und bildet im Grunde einen
+Park, der über eine Stunde im Umfange hat.
+
+So wie wir allmählig aufstiegen, fanden wir nun die herrlichsten
+Anlagen aller Art. So sah ich z. B. eine Menge Lorbeer- und Myrthen-,
+Orangen- und Citronen-Pflanzungen, und glaubte mich plözlich wieder
+nach St. Helena versezt. Sie überwintern hier, wie ich höre, in freier
+Luft, woraus sich auf die Milde der Temperatur in diesem Theile von
+England schließen läßt. Auf dem höchsten Punkte, und in der Mitte des
+Ganzen, befindet sich das große schöne Wohnhaus, mit einer Aussicht,
+die einen Horizont von 7 bis 8 Stunden, und die herrlichsten Land- und
+Seeprospekte umfaßt. Das Innere dieser Villa ist eben so bequem als
+geschmackvoll eingerichtet, und mit Kunstwerken aller Art angefüllt.
+Der gegenwärtige Besitzer davon ist der einzige Sohn des Grafen von
+Edgecumbe, Lord Valleton. Er ist unaufhörlich auf neue Anlagen bedacht,
+so daß Edgecumbe in kurzem unter die ersten Merkwürdigkeiten von
+England gerechnet werden wird.
+
+Um auf einem andern Wege nach the Dock zurückzugehen, beschlossen wir
+einen Berg zu übersteigen, an dessen Fuße das Dorf Cadsand, an der
+Bay gleiches Namens liegt. Auf dem Gipfel jenes Berges fanden wir
+eine Kirche, auf deren Thurme ein Telegraph befindlich war. Daneben
+stand ein kleines Haus, für die beiden Wächter bestimmt. Nachdem wir
+einen sehr beschwerlichen Abhang herunter gestiegen waren, aßen wir zu
+Cadsand zu Mittag, und kehrten auf einem sehr angenehmen Fußsteige erst
+nach the Dock, und dann nach Plymouth zurück.
+
+
+
+
+ ~Dreizehnter Brief.~
+
+
+ ~Portsmouth~, 7. November 1805.
+
+Ich verließ Plymouth, um geradesweges nach London zu gehen. Zuerst
+nahm ich meinen Weg nach Exeter, das eine gute Tagereise von Plymouth
+entfernt ist. Ich that dies in der gewöhnlichen Morning-Coach, deswegen
+so genannt, weil sie immer des Abends liegen bleibt, während die
+Evening-Coach Tag und Nacht durchfährt. Es war 5 Uhr Morgens; meine
+Gesellschaft bestand aus zwei Herren und einer Dame; indessen währte
+es geraume Zeit, ehe es zwischen uns zum Gespräche kam.
+
+Der erste Ort, wo wir anhielten, war Irybridge, ein vortreffliches
+Wirthshaus, das nur wenig Schritte von dem Dorfe gleiches Namens,
+höchst romantisch zwischen baumreichen Hügeln liegt. Wir fanden
+hier das Frühstück schon bereit, und die ganze Einrichtung äußerst
+geschmackvoll. Dann fuhren wir durch eine reizende Landschaft bis
+nach Aschburton, einem Städtchen, wo in einem gleichguten Wirthshause
+zu Mittag gegessen ward, passirten weiterhin Chudleigh, einen
+Marktflecken, der seiner Obstgärten wegen berühmt ist, und kamen
+endlich Abends um 7 Uhr in Exeter an.
+
+Ich trat mit meinen Reisegefährten in einem großen Wirthshause ab, wo
+auch die Morning-Coach liegen blieb. So einsilbig sie den ganzen Tag
+über gewesen waren; so redselig wurden sie nach dem Abendessen, als der
+Portwein zu wirken anfieng. Ich habe dies aber bei allen Engländern
+bemerkt. Sie pflegen meistens erst bei der Flasche lebendig zu werden,
+und scheinen dann wirklich ganz andere Menschen zu seyn.
+
+Den andern Morgen gieng ich aus, die Stadt zu besehen. Sie liegt an der
+schiffbaren Exe, ist im Ganzen nicht übel gebaut, hat mehrere schöne
+öffentliche Gebäude, und mag ungefähr 2000 Einwohner zählen, deren
+Hauptnahrung in Wollfabriken und Handlung besteht. An der Nordseite
+der Stadt befindet sich ein vortrefflicher Spaziergang, Northernhay
+genannt, der unter die schönsten von England gehört. Sonst sind die
+Umgebungen von Exeter etwas einförmig, denn sie bestehen blos aus
+Weideland. Dafür wird aber auch starke Viehzucht getrieben, und sehr
+viel Butter verführt. Ein artiges Dörfchen ist Drewstington, man kann
+daselbst mehrere alte Denkmäler sehen. Nicht weit davon fließt der
+Teign in einer sehr romantischen Gegend, und zwischen hohen Felsen
+eingepreßt. Ein anderes schönes Dorf ist Exminster an der Exe, deren
+Ufer mit herrlichen Landhäusern eingefaßt sind.
+
+Am folgenden Abend nahm ich einen Plaz in der großen Londoner
+Evening-Coach bis Salisbury. Die Gesellschaft war klein, wir schliefen
+überdem sämmtlich in einem Stücke weg. Um Mitternacht indessen hielten
+wir an, tranken Thee, und fuhren dann wieder in einem bis Exminster, wo
+gefrühstückt ward. Dies ist ein Stätdchen, das seiner schönen Teppiche
+wegen bekannt, und nicht mit obigem Dorfe zu verwechseln ist.
+
+Als der Tag anbrach, befanden wir uns in einer schönen gebirgigen
+Landschaft, die vortrefflich angebaut zu seyn schien. Wir kamen durch
+eine Menge Städte, Flecken und Dörfer, deren Namen ich vergessen habe,
+und erreichten endlich zu Mittag das alte häßliche Dorchester, wo
+gegessen ward. Meine bisherigen Gesellschafter giengen hier ab, dafür
+stiegen drei neue ein. Es waren drei junge Leute aus London, von denen
+besonders der eine mit vieler Selbstgefälligkeit von seiner Vaterstadt
+spracht: -- »~=Yer in my town!=~« -- hieß es immer, sobald
+die Rede auf London kam. Abends um 5 Uhr waren wir in Salisbury; ich
+beschloß hier einen Tag auszuruhen.
+
+Salisbury liegt am Zusammenflusse des Avon, der Nadder, und des Villey,
+und ist eine finstere, häßliche Stadt. Die Straßen sind eng, winklicht
+und schlecht gepflastert, die Häuser altväterisch und geschmacklos
+gebaut. Sehr sehenswerth indessen ist die Kathedralkirche, die mit
+ihrem herrlichen Thurme für das schönste gothische Gebäude in ganz
+England gehalten wird. Eine andere Merkwürdigkeit von Salisbury sind
+die alten Denkmäler aus den Zeiten der Druiden, auf einer ungeheuern
+wüsten Ebene, Stoneheng genannt.
+
+Ich war jezt willens, ohne weiteren Aufenthalt geradesweges vollends
+nach London zu gehen. Unvermuthet aber kam in unserem Wirthshause
+eine Postchaise aus Portsmouth an, und bot mir eine eben so bequeme,
+als wohlfeile Gelegenheit dahin dar. Ich eilte also davon Gebrauch zu
+machen, verließ Salisbury noch denselben Abend, und kam am folgenden
+Morgen über Ramsey in Southampton an. Hier beschloß ich den Tag über zu
+bleiben, und erst den Abend mit der Evening-Coach weiter zu gehen.
+
+Southampton liegt eben so vortheilhaft als angenehm zwischen den
+Flüssen Test und Itchin, die beide tief in das Land hinein vollkommen
+schiffbar sind. Die Stadt ist im Ganzen sehr gut gebaut, und verräth
+überall Wohlstand und Lebhaftigkeit. Unter den vielen Kirchen und
+Kapellen, befindet sich auch eine französische, zum Dienst der
+Einwohner von Jersey und Guernesey, von denen hier immer eine gewisse
+Anzahl vorhanden ist. Eine andere Merkwürdigkeit von Southampton ist
+der schöne Spaziergang the Beach genannt. Man findet hier mehrere
+Reihen herrlicher, schattenreicher Bäume, und hat die Aussicht über die
+spiegelnde Bay bis auf die gegenüberliegende Insel Wight. Noch größere
+und mannichfaltigere Aussichten aber hat man auf dem in der Nähe der
+Stadt befindlichen Bewis-Mount. Hier kann man noch den ganzen Hafen von
+Portsmouth, und selbst einen Theil des Kanals übersehen.
+
+Abends gieng ich nun, wie gesagt, mit der Evening-Coach nach
+~Portsmouth~ ab, und kam daselbst am andern Morgen an. Diese
+Stadt liegt auf einer Halbinsel, Portsey genannt, und kommt fast in
+allen Stücken Plymouth bei. Bei hohem Wasser, d. h. zur Fluthzeit
+wird die Halbinsel ganz vom Meere umringt; sie ist daher durch eine
+eigene Brücke (Portbridge) mit dem festen Lande verknüpft. Der Hafen
+von Portsmouth kann gegen 1000 Linienschiffe fassen, und ist in jeder
+Hinsicht einer der ersten in der Welt. Die hiesigen Decken u. s. w.
+zeichnen sich daher durch Umfang und erstaunenswürdige Thätigkeit aus.
+Portsmouth ist nämlich als der Centralpunkt der englischen Marine zu
+betrachten, von wo aus immer die ansehnlichsten Escadern abgehen.
+Auf dem Hafen hat man übrigens eine herrliche Aussicht auf das
+gegenüberliegende Gesport, das prächtige Seehospital, Spithead, und die
+Insel Wight.
+
+
+
+
+ ~Vierzehnter Brief.~
+
+
+ ~London~, December 1805.
+
+Ich verließ Portsmouth mit der Evening-Coach, und kam am andern Abend
+glücklich hier an. Wir fuhren wohl noch eine Stunde lang durch die
+Stadt. Endlich kamen wir an der St. Paulskirche vorbei, und hielten
+bei dem Wirthshause zum Doppel-Schwane in Ladlane still. Hier nahm ich
+ein Zimmer, aß, und schlief vollkommen wohl. Am andern Morgen suchte
+ich den Prediger an der holländischen Kirche, Herrn Wernink auf, fand
+ihn, und überzeugte mich in wenig Minuten, daß ich bei einem Freunde,
+Collegen und Landsmann war.
+
+Jezt gieng es nun an die Erzählung meiner Abentheuer von meiner Abreise
+von Embden an, bis auf den heutigen Tag. Darauf sprachen wir von
+meinem Vorhaben, einige Zeit in London zu bleiben, und von der besten
+Art meiner Einrichtung. In dieser Absicht führte mich Herr Wernink zu
+einer braven Frau in seiner Nachbarschaft, und miethete ein artiges
+Zimmer zu einer Guinee monatlich für mich. Von hier giengen wir auf
+die Börse, wo ich noch mehrere Landsleute kennen lernte, und aßen
+dann ganz auf vaterländische Art bei einem Herrn Backhuis, der unser
+erster Kirchenvorsteher ist. Nach Tische, d. h. ungefähr um 7 Uhr
+Abends, nahmen wir eine Miethkutsche, fuhren nach meinem Wirthshause,
+berichtigten meine Zeche, und holte meine Sachen ab. Ich mußte hierauf
+die Nacht bei Herrn Wernink zubringen, und bezog mein neues Logis erst
+den andern Tag. Was meine Oekonomie anlangt, so aß ich, gegen eine
+billige Vergütung Mittags mit Herrn Wernink, und finde das übrige, wie
+Frühstück u. s. w. zu Hause selbst.
+
+London ist so oft beschrieben worden, daß ich Ihnen in topographischer
+Hinsicht lieber gar nichts sagen will. Dafür mögen einige Bemerkungen
+über Clima und Lebensart hier stehen. Das Clima ist feucht und
+veränderlich. Man rechnet 50 bis 60 Tage, wo die Sonne gar nicht, und
+120 bis 130, wo sie nur wenig zum Vorschein kommt. Die Winde wechseln,
+besonders in den Herbst- und Wintermonaten, wohl zwanzigmal des Tags
+ab; die herrschendsten scheinen indessen die Nordwest und Südwest
+zu seyn. Die Winter sind gewöhnlich ziemlich mild, die Felder und
+Wiesen bleiben fast immer grün. Der Frühling zeigt sich meistens schon
+im Februar, die Temperatur ist dann sehr angenehm. Die Sommer sind
+verhältnißmäßig heiß; doch wird die Luft oft nur zu merklich abgekühlt.
+Der Herbst ist in der ersten Hälfte, sobald die Stürme vorüber sind,
+fast immer von großer Lieblichkeit.
+
+Was die Lebensmittel anlangt, so finde ich, daß sie im Ganzen zwar
+vortrefflich, aber auch äußerst theuer sind. In diesem Augenblicke z.
+B. kostet das Pfund Rindfleisch 30 kr. rhein., das Pfund Kalbfleisch 42
+kr. und so fort. Ein guter Kabeljau wird mit 5 Gulden, ein Pfund Lachs
+mit 54 kr. bezahlt. Ein Pfund Weißbrod kostet 16 kr., ein Pf. Butter
+54 kr., eine Kanne Milch 24 kr., ein Pf. Käse 36 kr. und so alles in
+gleichem Verhältniß. Der theuerste Artikel ist das Geflügel (ein Huhn
+3-6 Gulden). Der wohlfeilste dürfte das gewöhnliche Gemüse (Erdäpfel,
+süße Pasteten und Braunkohl) seyn. Für eine Flasche Bordeauxwein
+werden 5 Gulden, für eine Flasche alten Rheinwein 10-12 gezahlt.
+
+Von den Preisen anderer Artikel führe ich folgende an. Ein Paar
+Stiefeln 24 Gulden, ein Paar Schuhe 7-9, ein guter Hut 12-15 Gulden,
+ein halbes Dutzend feine Hemder 70-80 Gulden u. dgl. mehr. Ein Fremder,
+der in London nur einigermaßen anständig leben will, braucht zwischen
+4 bis 5 Pfund die Woche, und muß dabei doch noch haushälterisch
+seyn. Für ein meublirtes Zimmer in den besten Theilen der Stadt, wie
+Chearside, Falbern u. s. w. zahlt man nebst Aufwartung 24 Gulden den
+Monat, in andern Theilen kommt man mit 12-16 Gulden ab.
+
+Der gewöhnliche Thee zum Frühstück ist sehr mittelmäßig, ob er gleich
+mit 4-5 Gulden bezahlt wird. Ich wette, daß man bei uns dieselbe Sorte
+für 2-3 Gulden haben kann. Das Brod ist gut, kommt aber dem Fremden
+anfangs etwas bitter vor, was von den Hefen herrühren soll. Die Butter
+ist frisch vortrefflich, nimmt aber schon nach einigen Tagen einen
+ranzigen Geschmack an. Das Wasser ist schlecht, bleifarbig und immer
+trüb. Es wird entweder aus der Themse, oder aus dem New River in die
+Stadt geleitet, wobei man freilich nicht an die ekelhafte Nachbarschaft
+der Schiffsabtritte, der Schlachthäuser u. s. w. denken muß.
+
+Vorige Woche machte ich auf besondere Veranlassung eine kleine Reise
+nach Chislehurst. Dieses ist ein artiges, höchst pittoresk gelegenes
+Dorf, nur ungefähr 6 Stunden von hier. Es befindet sich ein großes
+Erziehungsinstitut daselbst, das von einem Herrn ~Mace~, einem
+sehr würdigen Mann, geleitet wird. Ein Fremder, der die Sprache aus dem
+Grunde kennen lernen will, thut sehr wohl, wenn er auf einige Monate in
+eine solche Kostschule (Boardings-Schoal) geht. Man nimmt nämlich in
+allen solchen Instituten auch erwachsene Pensionäre auf. Diese zahlen
+in Chislehurst für alles 6 Guineen monatlich. In den Boardings-Schoals
+näher bei London, wie Islington, Chelsea u. s. w. ist man freilich
+weniger wohlfeil. Die Luft von dem hochliegenden Chislehurst ist sehr
+gesund, auch scheint das Wasser vortrefflich zu seyn. Nach London giebt
+es täglich bequeme Postgelegenheiten. -- Ich erwarte nur noch einen
+Brief aus Amsterdam, um sofort nach Holland überzugehen.
+
+
+
+
+ ~Fünfzehnter Brief.~
+
+
+ ~In See~, 27. Januar 1806.
+
+Es ist Abends 5 Uhr, der günstigste Wind treibt uns den vaterländischen
+Küsten zu. Gestern Abend begab ich mich nach Gravesand; diesen Morgen
+um 11 Uhr segelten wir die Themse hinab. Welche paradiesische Ufer bis
+hinter Chatham! Dann aber wird der Strom so breit, daß er fast einer
+Rhede gleicht. Man kann in der nämlichen Ferne nur wenig mehr sehen. Um
+3 Uhr kamen wir mit 60 andern Schiffen glücklich in See. -- Bald umarme
+ich Sie.
+
+
+ ~Helvoetsluis~, 28. Jan. Mittag.
+
+Wir gehen vor Anker, ich gebe diesen Brief einem Fischerboote mit,
+damit er noch um 2 Uhr in Rotterdam abgehen kann. Alles ist wohl und
+fröhlich an Bord, ich selbst bin höchstvergnügt. Heute vor einem Jahre
+und nun! O Freunde! o Vaterland! o Geliebte! Morgen bin ich bei Ihnen,
+und dann keine Trennung mehr!
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Oeffentliches Wirthshaus.
+
+[2] Flöße, die man mit Ruder und Segel zugleich fortbringt.
+
+[3] Hafendorf von Jaffanapatnam.
+
+[4] So hieß der Freund des Verfassers.
+
+[5] Alle indische Töpfer pflegen zu gleicher Zeit auch Wundärzte zu
+seyn.
+
+[6] ~Kampaak~ genannt. Die Betelblätter sind wie ein ~Herz~ geformt,
+und außer der Areka noch mit Cardamom und Catchu gefüllt. Ein solcher
+Kampaak ist ein verblümtes Liebesgeständniß.
+
+[7] Pipal, =Fiscus indica=. Nach der Behauptung der Hindus braucht
+dieser Baum zu seinem vollen Wachsthum ~fünfhundert~ Jahre.
+
+[8] Sie gaben damit den Takt an, um gleichen Schritt zu halten, wie
+oben gesagt worden ist.
+
+[9] Die herumziehenden Tänzerinnen werden in der Regel wenig geachtet.
+Ganz anders ist es mit den ~Devodaschis~, die bei den Pagoden
+angestellt sind.
+
+[10] Getrocknetes Feigenblatt. Man braucht diese Olas als Papier.
+
+[11] Ein Paar hundert Tausend Pfund Sterlings.
+
+[12] Durch die ~Fußpost~, der einzigen, die in Ostindien gebräuchlich
+ist. Die Postboten heißen ~Toppals~ oder ~Dhaabs~. Es gehen immer zwei
+zusammen, wovon der eine den Briefsack trägt, während der andere eine
+kleine gellende Trommel schlägt. Die Stationen sind nur zwei Stunden
+lang, und eigene Hütten dazu erbaut. In Calcutta, Madras, Pondichery,
+Negapatnam u. s. w. gehen diese Fußposten alle Abende nach allen
+Gegenden Indiens ab.
+
+[13] Dieser Fluß durchschneidet Batavia.
+
+[14] Wie z. B. Kampfer, Eisen, Opium u. s. w.
+
+[15] Aus Isle de France.
+
+[16] Fahrzeug zur Aufnahme von Personen eingerichtet, das von einem
+Pferde gezogen wird.
+
+[17] Die hintere Cajüte, die sehr nett eingerichtet ist.
+
+[18] Gerade so, wie an den Donau-, an den Elb-, Main- und Rheinschiffen
+hinten Kähne angehängt sind, nur daß der Zwischenraum größer ist.
+
+[19] Holländischer ~Käse~ von vorzüglicher Güte, mit ~rother~ Rinde.
+
+[20] Rum mit Wasser vermischt.
+
+[21] Ein holländischer Gulden ist fl. 1, 4 kr. rhein.
+
+[22] Ostindische Goldmünze, ~vier~ holländische Gulden an Werth.
+
+[23] Ungefähr anderthalb Kreuzer rheinisch.
+
+[24] Bekanntlich befindet sich jezt der General ~Bounaparte~ als
+Gefangener daselbst. D. H.
+
+[25] Ungefähr eine Stunde.
+
+[26] Schlafstelle in der Wand, mit Schiebbrettern versehen.
+
+[27] Vordertheil des Schiffs.
+
+[28] Französische Hunde, was der gewöhnliche englische Schimpfname ist.
+
+[29] Neun Gulden Rheinisch.
+
+[30] Ein Stüver ist ungefähr vier Kreuzer Rhein. werth.
+
+[31] Nelson ist todt! Nelson ist todt!
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die
+Korrektur.
+
+S. 64
+
+ Das Comtoir befestigt nur wenige Leute
+ Das Comtoir beschäftigt nur wenige Leute
+
+S. 121
+
+ Ich folgte dem Manesenstrom
+ Ich folgte dem Menschenstrom
+
+S. 263
+
+ Vierter Brief.
+ Sechster Brief.
+
+S. 297
+
+ 9 Uhr morgens tagten in großer Entfernung
+ 9 Uhr morgens tauchten in großer Entfernung
+
+S. 334
+
+ 27. Januar 1805
+ 27. Januar 1806
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75362 ***
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+/* Transcriber's notes */
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+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75362 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler wurden korrigiert. Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.</p>
+<p class="p0">Eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich <a href="#Anmerkungen_zur_Transkription"> am Ende des Textes</a>.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="cover_2" style="max-width: 100em;">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<figure class="figcenter illowp71" id="frontispiece_2" style="max-width: 43.75em;">
+ <img class="w100" src="images/frontispiece.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<h1><b>Die<br>
+drei Ostindienfahrer,</b></h1>
+<p class="s3 center">abentheuerliche Reisegeschichten;</p><br>
+<p class="p2 center">herausgegeben</p>
+<p class="center">von</p>
+<p class="s2 center"><b>Christian August Fischer.</b></p><br>
+<hr class="sk">
+<p class="s4 p2 center">Mit einem Kupfer.</p><br>
+<hr class="l">
+<p class="center">Leipzig 1817.<br>
+Hartleben's Verlagsexpedition.</p><br>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p class="s3 center"><b>An die Leser.</b></p>
+</div>
+
+<p>Wie jeder Künstler, so hat auch der Schriftsteller seine
+eigenthümlichen Studien. Wenn mir die Kraft zu Allem fehlt; hierzu
+gebricht sie mir nie. So beschäftigte ich mich auch diesen, für mich so
+traurigen, Winter hindurch.</p>
+
+<p>Ein Theil dieser Reisegeschichten fand vor sieben bis acht Jahren in
+einem unserer geschäztesten Tagblätter Plaz. Man erhält jezt das Ganze
+in einer neuen, veredelten Form. Es ist eine Ueberarbeitung, bei der
+ich in jeder Hinsicht sehr streng gewesen bin. Möchte die kleine Gabe
+willkommen seyn!</p>
+
+<p>Wie mit mir, so hat der thätige Verleger, auch mit andern
+Schriftstellern außerhalb Oesterreich, Verbindungen angeknüpft. Man
+sieht, wie vortheilhaft dieses, des leichten Tausches wegen, für den
+gesammten Buchhandel zu werden verspricht. Darum muntere ihn auf, wer
+es zu thun vermag.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Würzburg</em>, O. M. 1817.</p>
+<p class="s4 right"><em class="gesperrt">C. A. Fischer.</em></p><br>
+
+<hr class="full">
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="p4 s3 center"><b>Die</b></p>
+<p class="s2 center"><b>drei Ostindienfahrer.</b></p><br>
+</div>
+
+<p class="s3 center"><b>Inhaltsverzeichnis</b></p>
+
+<table class="autotable" style="width: 65%">
+<tr>
+<td class="tdl">&nbsp;</td>
+<td class="tdr">Seite</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Erste Abtheilung, <b>Jacob Haafner</b>.</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_1">&nbsp;&nbsp;&nbsp;1</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Zweite Abtheilung,<b> Ch. Fr. Tombe</b>.</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_185">185</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Dritte Abtheilung, <b>Heinrich Potter</b>.</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_231">231</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="p4 lh2">Erste Abtheilung,<br>
+<em class="s3 gesperrt">Jacob Haafner.</em></h2>
+<hr class="sk">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+
+<h3>Erstes Buch.</h3>
+<hr class="sk">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span></p>
+
+<p class="s4 center"><b>Quellen.</b></p>
+</div>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="hang"><em class="antiqua">L'otgevallen op eene Reize van Madras nar het Eiland Ceilon. Door
+Jac. <em class="gesperrt">Haafner</em>. Haarlem 1814. 8. 2. Aufl.</em></p>
+
+<p class="p0"><em class="antiqua">Reize in eenen Palankin etc. door Jacob <em class="gesperrt">Haafner</em>. Amsterdam
+1814. 2 Bde. 8. 2. Aufl.</em></p>
+</div>
+
+<hr class="sk">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Erstes Capitel.</h4>
+
+<p>Ich befand mich als zweiter Steuermannsgehülfe am Bord eines
+holländischen Compagnieschiffes, das von Chinsura nach Negapatnam
+bestimmt war. Aber nie hatten wir eine so lange und beschwerliche Reise
+gehabt. Auf einer Ueberfahrt, die man in fünf Wochen machen kann,
+brachten wir eben so viel Monate zu. Dazu kam der heftige, grausame
+Charakter des Capitains, der nach den Schiffsgesetzen an seinem Bord
+unumschränkt gebot. Eines Tages ließ er unter andern zwei arme schwarze
+Matrosen (Lascars) um einer Kleinigkeit willen so lange geißeln, daß
+der eine noch denselben Abend, der andere in der folgenden Nacht
+verschied. Dies empörte das ganze Schiff. Es ward daher eine förmliche<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span>
+Klage gegen ihn aufgesetzt, und nach der Ankunft zu Negapatnam bei dem
+Fiscal angebracht. Die Folge davon war, daß dieser uns Unteroffiziere
+sämmtlich zu sich rufen ließ. Hier ist es, wo meine Geschichte
+eigentlich anfängt.</p>
+
+<p>Nach Unterzeichnung des Protocolles, kam nämlich der Fiscal noch einmal
+auf die Klagschrift zurück, und fragte, wer der Concipient davon
+gewesen sey. Der Wahrheit gemäß ward ich genannt. Er sprach hierauf
+mit Lobe von der Arbeit. — »Es ist Schade« — wendet er sich zu mir,
+— »daß Sie in keinen angemessenern Verhältnissen sind. Wenn Sie hier
+bleiben wollten, hätte ich wohl eine Stelle für Sie.« — Ich gestehe
+es, dieser Antrag machte nicht wenig Eindruck auf mich. Zwar hatte ich
+die Aussicht Steuermann zu werden; allein der Civildienst schien mir
+ungleich bequemer und einträglicher zu seyn. Ueberdem hatte ich des
+Capitains Rache zu fürchten. — Mit einem Worte, ich blieb am Lande,
+und erhielt eine Stelle auf dem Hauptcomtoir.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p>
+
+<p>Von meiner frühesten Jugend an, war ich ein Spiel des Zufalles gewesen,
+und hatte von dem Leben noch nichts, als das Mühselige desselben kennen
+gelernt. Jetzt endlich hoffte ich Ruhe und Genuß zu finden, ja ich
+schmeichelte mir sogar mit der baldigen Rückkehr ins Vaterland. Allein
+bald sah ich mich in meinen Erwartungen aufs bitterste getäuscht.
+Spärliche Besoldung, ekelhafte mechanische Arbeit, und so gut als
+keine Aussicht zu einer Verbesserung! Fast sehnte ich mich nach dem
+Seeleben zurück. Indessen beschloß ich auszuhalten, und mich auf ein
+Fach zu werfen, das mir bedeutende Vortheile versprach; ich meine die
+italienische Buchhaltung.</p>
+
+<p>Dieser Gedanke bot sich mir bei der Lage der holländischen
+Compagniecomtoirs sehr natürlich dar. Es fehlte nämlich überall an
+Subjekten dazu. Wir, in Negapatnam, z. B. hatten nur einen einzigen
+Mann, der die Bücher auf diese Art zu führen verstand, und dafür
+allein sechshundert Pagoden (zu<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> 4½ Fl.) bezog. Die Sache von ihm
+zu lernen, war freilich keine Möglichkeit; denn seinen Mangel an
+Gefälligkeit abgerechnet, stand er überdem viel zu hoch über mir.
+Ich mußte mir also selbst zu helfen suchen, was freilich mit vielen
+Schwierigkeiten verbunden war. Indessen, da ich keine Arbeit scheute,
+ward ich in Jahr und Tag ziemlich vertraut damit.</p>
+
+<p>Ich hoffte nun nichts Geringeres, als zweiter Buchhalter zu werden;
+allein, wie sehr hatte ich mich abermals getäuscht! Zwar ward mein
+Fleiß nicht wenig gelobt, und erhielt einen kleinen Monatszuschuß;
+allein von einer eigentlichen Beförderung war durchaus die Rede nicht.
+Täglich mehr Arbeit; endlich mußte ich beinahe alles thun. Dies war
+zu viel, ich verlangte daher meinen Abschied. Da versprach mir der
+Buchhalter hundert Pagoden jährlich, und nach drei Jahren die förmliche
+Substitur. Ich gieng es ein, allein was geschah? Im ersten Jahr keine
+Rupie; im zweiten eben so, im dritten abermals<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> nichts. Ich klagte bei
+dem Gouverneur, er gab mir Unrecht. Ich mußte die Bücher noch drei
+Jahre, und abermals unentgeldlich führen, dann erst wollte man weiter
+sehen. Ich verweigerte es, es sey ganz und gar meine Schuldigkeit nicht.</p>
+
+<p>»Wie?« — rief der Gouverneur zornig — »Ihr wagt es, mir zu
+widersprechen? Ihr müßt die Bücher führen, sonst nach Batavia, oder
+außer Dienst!«</p>
+
+<p>»Ich wähle das Letzte, gnädiger Herr!«</p>
+
+<p>»Ist das euer Ernst?« fragte er erstaunt. — »Ueberlegt es wohl!«</p>
+
+<p>»Es ist mein völliger Ernst!«</p>
+
+<p>»Nun gut!« — sagte er hastig — »So seyd ihr hiemit augenblicklich
+entlassen — Sucht euer Glück anderswo!« — Mit diesen Worten drehte er
+sich um, und verließ den Saal.</p>
+
+<p>So war ich denn endlich wieder frei; allein wegen der Zukunft
+allerdings nicht ganz unbesorgt. Ich hatte wenig Geld, und keinen
+Credit; meine meisten Freunde verließen<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> mich. Indessen hatte ich mir
+neben dem Französischen auch einige Kenntnisse im Englischen erworben;
+es schien mir daher am rathsamsten nach <em class="gesperrt">Madras</em> zu gehen. Schon
+hatte ich alle Anstalten dazu gemacht, als ich unvermuthet eine
+Einladung von Herrn Simons, unserem Magazininspector, erhielt. Dieser
+brave Mann hatte von meinem Plane gehört, und wollte mir, wie er sagte,
+einen besseren Vorschlag thun. Sein Bruder war nämlich Oberbuchhalter
+zu <em class="gesperrt">Sadras</em>, und brauchte gerade einen Gehülfen meiner Art. Dieser
+Antrag war wirklich aller Ehre werth; doch gestehe ich gern, daß mich
+die Nähe von Madras (12 Meilen) auch mit bestimmen half. Leicht kamen
+wir daher über die Bedingungen überein. So verließ ich Negapatnam, und
+langte wohlbehalten in Sadras an.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Zweites Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>In der That, Herr Simons hatte mich nicht getäuscht; ich fand mich
+wirklich in eine sehr angenehme Lage versetzt. Guter Gehalt, mäßige
+Arbeit, freundliche Behandlung, herzlicher Umgang; nie hatte ich noch
+so zufrieden gelebt. Die Luft war gesund, die Gegend angenehm, Sadras
+selbst ein wohlhabender, und sehr lebhafter Ort. Ich hebe aus dem
+Ganzen einige Parthien aus.</p>
+
+<p>Zuerst der <em class="gesperrt">Bazar</em>, oder Marktplatz, der aus einer breiten, mit
+Bäumen besezten Straße besteht. Schon Morgens um fünf Uhr strömen
+von allen Seiten Marktleute herbei. Junge Mädchen und Weiber mit
+Gemüsen und Früchten; alte Weiber mit Matten und Töpferwaaren;
+Reis- und Getreide-, Betel-, Areka-, Spezerei- und Tabakshändler;
+Verkäufer von Palmzucker, Palmblättern und Sandelholz; Korbflechter,
+Reiskuchenbäcker, Armringsfabrikanten u. s.<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> w.; alle eilen herbei,
+alle stellen sich in Reihen auf. Zu gleicher Zeit erscheinen Gaukler
+und Wahrsager, Banianen mit ihren Probiersteinen, Tattowirer mit ihren
+Nadeln, endlich Sanias und Foguis (Bettelmönche) mit nackten Fakirs
+vermischt.</p>
+
+<p>So wird es acht Uhr, und alle Buden, und alle Gewölbe öffnen sich.
+Die Menschenmasse vermehrt sich, das Getümmel nimmt zu, der ganze
+Bazar ertönt von Geschrei. — Mangas! Reife Mangas! — Tamarinden!
+Tamarinden! — Areka und Betel! — Büffelkuhmilch! — Eingemachte
+Früchte! Kauft Früchte in Zucker! — Reife und frische Cocosnüsse!
+Frischer Palmkohl u. dgl. m. Dazu der Gesang der Mönche, mit
+Trommeln und Tambourins, die Glöckchen der Putchares (geistliche
+Balladensänger), die Hörner der Sarpojans (Schlangenbeschwörer), die
+Schellen der Pandoces (geistliche Bänkelsänger) mit dem Lärm der
+malabarischen Schulen, dem gellenden hundertstimmigen <em class="gesperrt">Ana</em>,
+<em class="gesperrt">Awena</em>, <em class="gesperrt">Han</em>, (A. B. C.) und dem fast alles<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> übertäubenden
+Gekrächz von tausenden von Raben vermischt. Endlich mitten im dicksten
+Getümmel der Beriesocheng, der weiße heilige Stier, dem alles Platz
+macht, und alles liebkosend Geschenke reicht.</p>
+
+<p>Das gesellschaftliche Leben war höchst angenehm. Bald giengen wir in
+einen Palmenbusch, um eben gezapften, frischen, blauen Palmsaft zu
+trinken; bald machten wir eine Jagd- oder Fischparthie. Ein andermal
+ritten wir nach den Austerfelsen, oder brachten unsern Tag in stiller
+Ländlichkeit in einer Chauderie (öffentliche Herbergen an den
+Landstraßen, in Wäldern u. s. w.) zu. Die hohen, schattigen Pipals, der
+Weiher mit Cocosbäumen bepflanzt, der nahe Palmenwald, die Menge von
+Pilgrimen und Reisenden — auch ein solcher »<em class="antiqua">Dia do campo</em>« im
+noch immer beibehaltenen Portugiesisch so genannt, hatte seinen eigenen
+Reiz.</p>
+
+<p>Dann die Gesellschaften, wo sich alles der Freude und der Lebendigkeit
+überließ. Die fröhlichen Abendessen mit allem was Land<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> und Jahrszeit
+Auserlesenes zu liefern im Stande war. Die von der Liebe geschlossenen
+Vereine, wo jeder zu den Füßen der Auserwählten saß, und ihr ein süßes
+Versprechen abgewann. Die blinkenden Becher, die Gesänge, die Tänze und
+die vaterländische Kraft mit ostindischer Ueppigkeit gepaart!</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Drittes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Fast anderthalb Jahre hatte ich auf diese Art höchst vergnügt in
+Sadras verlebt, als mein Glück auf einmal vernichtet ward. Es war den
+17. Juni 17— ungefähr um vier Uhr Nachmittags. Wir waren bei dem
+Generaldirector Herrn von Neis, zu einem Geburtstagsschmause, und
+tranken lustig Gesundheiten herum. »Nun noch eins!« — rief eben unser
+Wirth — »Noch eins, meine Herren! Auf das Wohlergehen von Sadras!«<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> —
+In dem Augenblicke trat der wachthabende Sergeant herein und meldete,
+daß ein englischer Offizier angekommen sey. Er verlange Herrn von Neis
+zu sprechen, und habe ein weißes Tuch an seinem Stock. — Niemand, und
+am wenigsten Herrn von Neis fiel das weiße Tuch auch nur im mindesten
+auf. — »Nur herein!« — antwortete er sehr vergnügt — »Ein neuer Gast
+macht neuen Durst! — Er soll mit auf das Wohl von Sadras trinken! Nur
+herein!« —</p>
+
+<p>Der Sergeant gieng, um die Thür zu öffnen, und der Offizier trat
+in den Saal. — »Es thut mir leid« — hub er an, indem er sich zu
+Herrn von Neis wandte — »Es thut mir leid, der Ueberbringer einer
+unangenehmen Botschaft zu seyn. England hat Holland den Krieg erklärt.
+Der Commandant von Chenglepet (englisches Fort in der Nachbarschaft)
+steht mit seinen Truppen nur noch eine Stunde von hier. Er läßt Sie
+hiermit auffordern, das Fort und die Factorei von Sadras auf Diskretion
+zu übergeben.<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> Dies mein Auftrag; in zwei Stunden bitte ich mir ihre
+Antwort aus!« — Mit diesen Worten machte er uns eine Verbeugung und
+entfernte sich.</p>
+
+<p>Welche Nachricht! Bleich und sprachlos saßen wir einige Augenblicke wie
+vom Donner gerührt. Endlich trug Herr von Neis auf eine Berathschlagung
+der fünf Hauptbeamten an. Dies wurde so fort genehmigt, und alle
+übrigen Gäste entfernten sich. Lange sannen wir nun hin und her,
+was anzufangen sey. Widerstand konnten wir freilich nicht leisten;
+dazu waren wir viel zu schwach. Aber uns auf Diskretion ergeben,
+dies durften wir ebenfalls nicht. Wir beschlossen daher auf einer
+ordentlichen Capitulation zu bestehen. Im Fall dieselbe jedoch
+verweigert würde, wollten wir uns in das Fort zurückziehen. Bei diesem
+Entschlusse blieb es, und so ward das Ganze zu Papier gebracht. Nach
+sechs Uhr gieng ich damit in Begleitung des Oberbuchhalters und des
+Parlementärs zu dem englischen Commandanten, einen Capitain<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Mackay ab.
+Sein Lager war wirklich nur eine Stunde von Sadras entfernt.</p>
+
+<p>Wir kamen an und passirten die Vorposten ohne Schwierigkeit. Alles war
+still und finster, nie hatte ich noch ein so ruhiges Lager, ohne das
+mindeste Licht gesehen. Doch kaum waren wir angemeldet, als es etwas
+lebendiger ward. Man zündete Lichter an und brachte Stühle für uns.
+Einige Minuten und wir saßen dem Commandanten gegen über, der uns sehr
+stolz ansah.</p>
+
+<p>»Capitain!« — hub ich an — »hier sind die Bedingungen, auf welche das
+Fort und die Factorei übergeben werden soll.«</p>
+
+<p>Hastig riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie durch, und
+warf sie mir wieder zu. — »Sagt eurem Direktor, daß keine seiner
+Bedingungen angenommen wird. Es bleibe bei der Aufforderung. Ich habe
+Canonen und Leitern bei mir.«</p>
+
+<p>»Capitain! Sie behandeln uns wie Callouris (indische Räuber). Wir sind
+Holländer, wissen Sie das?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p>
+
+<p>Er that, als verstünde er mich nicht, und schwieg einige Zeit. Endlich
+fuhr er trotzig auf: — »Nun, habt ihrs gehört, nur auf Discretion! —
+Versteht ihr mich?«</p>
+
+<p>»Nimmermehr!« — antwortete ich mit Festigkeit! — »Lieber das
+Aeußerste als dies!« —</p>
+
+<p>»Nun so will ich euch denn zeigen, ihr — ihr!« —</p>
+
+<p>»Gut! Wir wollen's erwarten, Capitain! Aber Sie werden für unser Blut
+verantwortlich seyn. Eher soll man uns in Stücken hauen!« —</p>
+
+<p>Er antwortete nichts, gieng aber mehrere Minuten nachdenkend auf und
+ab. Endlich riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie noch
+einmal durch, unterzeichnete sie sehr bedächtlich, und gab sie mir ganz
+gelassen zurück. Jezt hieß es: Auf nach Sadras! und augenblicklich
+war alles mit Lichtern bedeckt, und überall ertönte Trompeten- und
+Paukenschall. Wir eilten den Truppen voraus, um unsern Bericht
+abzustatten, zufrieden, daß wenigstens so viel erlangt worden<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> war.
+Endlich um elf Uhr zogen die Engländer mit klingendem Spiele ein,
+besezten das Fort, die Packhäuser u. s. w., und brachten die ganze
+Nacht mit Trinken und Lärmen zu.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen ward unser Schicksal näher bestimmt. Die Garnison
+mußte Dienste nehmen, wir Compagniebeamten wurden nach Madras
+geschickt. Indessen fehlte es an Platz, um unser Eigenthum mitzunehmen;
+alles ward daher vorläufig in die Packhäuser gebracht. Dies war
+offenbar Treulosigkeit; keiner von uns hat je das Mindeste wieder davon
+gesehen. Ich selbst verlor auf diese Art ungefähr dreitausend Pagoden
+an Werth. Eben so kam ich um andere tausende, die mir die Compagnie
+schuldig war. Alles, was ich noch retten konnte, mochten hundert und
+einige zwanzig seyn. So kam ich mit meinen Unglücksgefährten in Madras
+an.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Viertes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Aber was nun anfangen? — Ohne Geld, ohne Freunde, ohne Empfehlungen!
+— Ich fühlte nur zu sehr, wie verlassen ich war. — Endlich fiel mir
+ein gewisser Herr Franck, ein deutscher Landsmann, ein. Ich hatte
+ihn zufällig in Sadras kennen gelernt, und ihm selbst einige kleine
+Gefälligkeiten erzeigt. Diesen suchte ich auf, und fand die herzlichste
+Theilnahme bei ihm. Sehr bereitwillig bot er mir sogleich sein Haus,
+seinen Tisch, ja sogar seine Börse an; allein er war selbst nicht
+reich; ich machte daher nur einige Tage von seiner Güte Gebrauch.
+Eben war ich im Begriff mit einigen unverheiratheten jungen Leuten
+zusammen zu ziehen, als ich auf einmal — doch hierüber muß ich etwas
+umständlicher seyn.</p>
+
+<p>Während meines Aufenthaltes zu Sadras hatte ich einem alten
+braven Sergeanten, Namens Winter, gegen über gewohnt, und so<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> die
+Bekanntschaft seiner eben so schönen als sittsamen Tochter Sophie
+gemacht. Ich wußte, daß der arme kranke Mann bei der Uebergabe nach
+Madras eingeschifft worden war. Leider hatte ich ihn aber aus dem
+Gesichte verloren, fand ihn jetzt nur mit Mühe wieder, und traf ihn in
+den traurigsten Umständen an. Augenblicklich war mein Entschluß gefaßt.
+Ich miethete ein malabarisches Häuschen, kaufte die nothwendigsten
+Mobilien u. s. w., und nahm die Familie zu mir. Nur wenig Wochen hatten
+wir indessen zusammengelebt, als der alte Mann nach einem kurzen
+Krankenlager in meinen Armen verschied. Ich liebte Sophien heiß und
+innig, leider war sie aber an einen andern verlobt. Sie theilte meine
+Empfindungen, sie hatte nur aus Noth eingewilligt, und fürchtete das
+verhaßte Band. Ich beschloß sie nicht zu verlassen, und die Mutter
+dankte mir mit Thränen dafür.</p>
+
+<p>Aber um so furchtbarer lag der Gedanke an die Zukunft auf mir.
+Mein Geld nahm<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> ab; die Gelegenheit zum Verdienste war bei dem
+stockenden Handel ziemlich beschränkt; ich befand mich bald in großer
+Verlegenheit. Endlich brachte mich Herr Franck bei einem Mr. Popham als
+Schreiber an. Aber auch jezt verschaffte uns meine Einnahme täglich
+nur eine Mahlzeit; die Theurung war gar zu groß. In dieser traurigen
+Lage ward ich zufällig einen der reichsten portugiesischen Kaufleuten
+von Madras, Shor. Antonio de Souza, bekannt. Ich hatte ihm nämlich
+einige Papiere zu überbringen, fand ihn gerade mit Shra de Souza beim
+Frühstück, und redete ihn englisch (seine Lieblingssprache) an.</p>
+
+<p>»Wie lange sind Sie aus England?« — fiel er mir plözlich ein.</p>
+
+<p>»Ich bin kein Engländer, mein Herr, und war auch niemals dort.«</p>
+
+<p>»So? — Also sind Sie in Indien geboren?«</p>
+
+<p>»Nein! Ich bin ein Holländer, mein Herr, und war Buchhalter zu Sadras.«</p>
+
+<p>»Können Sie die Bücher englisch führen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p>
+
+<p>Ich verbeugte mich.</p>
+
+<p>»Gut! Gut!« — fuhr er mit Lebhaftigkeit fort. »Ich brauche eben
+einen Buchhalter. Sie sollen monatlich sechzig Pagoden und freien
+Mittagstisch haben, auch das Frühstück, wenn Sie wollen. Jetzt sagen
+Sie!« —</p>
+
+<p>»Mein Herr! — Ich bin zu Ihren Diensten. — Aber wie soll ich Herrn
+Popham.« —</p>
+
+<p>»Das ist meine Sorge. — Treten Sie nur in Gottes Namen an. — Aber Sie
+sehen so elend aus? — Sind Sie krank?« —</p>
+
+<p>»Das nicht, mein Herr — Aber« — gieng ich aufrichtig über meine Lage
+u. s. w. heraus, wobei ich auch Sophien nicht vergaß.</p>
+
+<p>»Das ist brav!« — sagte er lebhaft, und schüttelte mir die Hand. —
+»Bei Gott, das ist brav! — Sie sind ein ehrlicher Mann!« »Hier« —
+fuhr er fort, indem er in die Casse griff — »Hier sind hundert Pagoden
+auf Abschlag — Und diesen Abend<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> schicke ich Ihnen zehn Säcke Reis.
+Gott mit Ihnen, morgen sehen wir uns!«</p>
+
+<p>War es ein Traum? — O überglückliche Veränderung! Sophie weinte vor
+Freuden. — Abends wurden mir richtig zehn große Säcke mit Reis, und
+überdem mehrere schöne Stücke Zitz und dergl. für Mutter und Tochter
+gebracht. Jetzt erst erinnerte ich mich, wie sehr Madame de Souza bei
+meiner Erzählung gewesen war. Seliger, unvergeßlicher Abend! So waren
+wir denn auf einmal aller unserer Sorgen los!</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Fünftes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Unterdessen war das Carnatik der Schauplatz des Krieges geworden;
+stündlich kamen mehr Flüchtlinge bei uns an, und die Theurung nahm
+von Tage zu Tage zu. Vergebens schickte man aus Bengalen eine Menge<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span>
+Schiffe ab; die Franzosen brachten sie fast vor unsern Augen auf.
+Schon wurden wir daher von dem schrecklichsten Mangel bedroht, als
+unvermuthet auf der Rhede eine achtzig Segel starke Flotte erschien,
+die den Feinden unter Begünstigung eines Nebels entgangen war.
+Entzückender Anblick! Alles eilte an den Strand; alles wollte die
+kornbeladenen Schiffe sehen; lautes Freudengeschrei erfüllte die ganze
+Stadt.</p>
+
+<p>Der Eintritt des Regenmonßons war nahe; gleichwohl zögerte man, zu
+meinem Erstaunen, mit der Ausschiffung. Wirklich wurden, weder den
+ersten noch den zweiten Tag, nicht die mindesten Anstalten dazu
+gemacht; der dritte vergieng auf gleiche Art; der vierte brach an;
+jetzt war es zu spät dazu. Seit zweimal vier und zwanzig Stunden
+nämlich hatte man alle Vorzeichen eines Orkans bemerkt.</p>
+
+<p>Aengstlich drängten sich die Kühe auf der Weide zusammen, und stöhnend
+eilte das Wild den dichtesten Büschen zu; die Hunde<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> heulten, die Vögel
+flogen unruhig umher, die meisten Thiere verkrochen sich. Stoßweis lief
+der Wind alle Compassstriche durch, und rings am Horizonte schossen
+feurige Flammen auf. Heftig schien das Meer in seinem Innern zu kochen,
+und warf eine Menge Muscheln und Seegewächse aus. Auf den schäumenden
+Wellen zeigten sich unbekannte Ungeheuer, und mit ängstlichem Geschrei
+flüchteten Tausende von Seevögeln an's Land.</p>
+
+<p>Heute, als am fünften Tage traten alle diese Anzeichen mit verdoppelter
+Stärke ein. Die Luft war glühend heiß, der ganze Himmel mit schwarzen
+Wolken bedeckt. Furchtbar, in dumpfem Donnergemurmel, zogen sie gegen
+einander; tiefer und immer tiefer senkten sich die ungeheuern Massen,
+und feurige Blitze durchkreuzten die wachsende Finsterniß.</p>
+
+<p>Endlich brach der Orcan mit tausend Donnerschlägen los. Der Regen in
+Strömen herab; die Cocos-Wälder wie Binsen zerknickt;<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> die Trümmer wie
+Spreu umher; die schäumende Brandung bergehoch; Blitz auf Blitz; Schlag
+auf Schlag; ein Donner, eine Flamme; die ganze Natur in Untergang.
+Wenig Minuten, und die Rhede war mit treibenden Schiffen bedeckt. Bald
+verschwanden sie in den Abgrund; bald flogen sie wieder himmelan. Die
+Masten brachen; die Segel zerrissen; die Seiten öffneten sich. Schiff
+gegen Schiff geschleudert; ein's an dem andern zerschellt. So wirbelten
+sie in immer schnelleren Kreisen, bis sie endlich der schwarze Abgrund
+verschlang. Fünf Secunden, und unsere lezte Hoffnung war auf ewig
+dahin. — Welche Nacht! — Noch jezt denke ich mit Entsetzen daran.
+Als der Tag anbrach, war der ganze Strand mit Leichnamen und Trümmern
+bedeckt.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Sechstes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>So brach denn auch diesmal die schrecklichste Hungersnoth aus. Mochten
+die armen Hindus auch Alles verkaufen, sie fristeten ihr Leben doch
+nur einige Tage damit. Bald lagen Tausende dieser Unglücklichen, ohne
+Nahrung, ohne Kleidung, ohne Obdach, bei den heftigsten Regengüssen,
+auf den Straßen umher. Fürchterlich wüthete der Tod darunter, jeden
+Morgen fuhren an fünfzig Karren mit Leichnamen aus der Stadt. Endlich
+trieb man die lezten zweitausend Hindus auf das Glacis. Hier starben
+sie den langsamen Hungertod. Drey Tage und Nächte stieg ihr Wimmern zum
+Himmel auf. Endlich ward alles still. — O Menschen, und Menschenleben!
+— Doch, ich kehre zu meinen eigenen Schicksalen zurück.</p>
+
+<p>Ich hatte meine Stelle bei Herrn de Souza aufgeben müssen; sein Jähzorn
+war gar zu groß. Noch keiner hatte so lange bei<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> ihm ausgehalten; ich
+weiß am besten, wie viel ich mir gefallen ließ. Endlich aber ward es
+gar zu arg, und so brach ich förmlich mit ihm. Dennoch machte er mir
+noch hundert Pagoden zum Geschenk. Es war einer der sonderbarsten und
+veränderlichsten Menschen, die mir vorgekommen sind.</p>
+
+<p>Alles machte mir nun den Aufenthalt in Madras unangenehm. Dazu kam
+die Furcht vor Hyder Ali, dem die schwarze Stadt — wo wir wohnten —
+am ersten offen stand. Ich dachte also ernstlich an eine Veränderung.
+Endlich lief ein Doppel-Thony (großer Küstenfahrer) unter dänischer
+Flagge ein, die nach Tranquebar bestimmt war. Ohne Mühe ward ich mit
+dem Tandel (Schiffer) einig, ließ unsere Effekten an Bord bringen,
+geleitete am andern Morgen Sophien mit ihrer Mutter selbst dahin, und
+kehrte dann, zur Abmachung einer lezten Angelegenheit, noch einmal an's
+Land zurück.</p>
+
+<p>Unerwartet vergieng mir indessen darüber der ganze Vormittag. Jezt war
+es drei<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Uhr, und alles besorgt. Nach einer kurzen Mahlzeit machte
+ich mich auf, um noch einmal Freund Sabico Lebewohl zu sagen, dessen
+Haus überdem in meinem Wege lag. Plözlich biege ich um eine Ecke
+in ein schmales Gäßchen, wo alles mit Leichnamen bedeckt ist. Ein
+sterbendes Weib windet sich auf der Erde, und zerfleischt den blutigen
+Leichnam ihres Säuglings. Dieser Anblick, der Gestank, die Hitze, meine
+Ermüdung, alles überwältigte mich. Ich sank ohnmächtig nieder; ward zu
+Sabico getragen; und kam erst nach sechs Stunden wieder zu mir.</p>
+
+<p>Mein erster Gedanke war Sophie und das Schiff. Mit einem Schreie
+raffte ich mich auf, und stürzte durch die finstere Nacht, bei Sturm
+und Regen, dem Strande zu. Vergebens, nirgends war ein Schiffslicht zu
+sehen. Ich wollte rufen; meine Stimme ward durch die tosende Brandung
+übertäubt. So brachte ich eine höchst traurige Nacht im nächsten
+Wirthshause zu. Endlich mit grauendem Morgen, eile ich wieder an den
+Strand.<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Der Nebel zerfließt, die Küsten werden sichtbar, das wogende
+Meer erhellt sich! — Kein Schiff, so weit das Auge reicht!</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Siebentes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Mein Schmerz war grenzenlos; aber zu diesen Seelenleiden kam nun noch
+Geldverlegenheit. Meine Coffres waren an Bord, kaum hatte ich achtzig
+Pagoden bei mir. Zwar bot mir der gute Sabico Kost und Wohnung an; auch
+machte ich wirklich Gebrauch davon; allein wir hatten beide nicht viel.
+Mein Herz war unaufhörlich in Tranquebar. Tag und Nacht brütete ich
+über meinen Reiseplan.</p>
+
+<p>Gleichwohl fehlte es immer an Schiffsgelegenheit, denn die
+französischen Kaper nahmen alle Küstenfahrer weg. Eben so wenig war
+an die Landreise zu denken; Hyder<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Ali's Reuter durchstreiften den
+ganzen Distrikt. Aber die Theurung ward immer größer; ich fühlte, daß
+ich meinem Freunde lästig zu werden anfieng. Sichtbar griff mich der
+beständige Kummer an. Was war zu thun? Es galt auch diesmal einen
+verzweifelten Entschluß. — Ich mußte nach Tranquebar — Tot oder
+lebendig; ich mußte nach Tranquebar.</p>
+
+<p>Vergebens rieth mir der gute bedächtige Sabico von diesem — wie er's
+nannte — entsetzlichen Wagstück ab. Ich blieb unerschütterlich, meine
+Liebe gab mir zu allem Muth. Ohne Zeitverlust kaufte ich so eine alte
+Chialeng, (Ruderboot) brachte vier Ruderer zusammen, versah mich mit
+Reis, Fleisch, Wasser, Natten, u. s. w. und stieß endlich am 24. Nov.
+17— Nachmittags um 3 Uhr — vom Ufer ab.</p>
+
+<p>Doch kaum hatten wir uns einige Klaftern weit entfernt, als schon das
+Wasser auf allen Seiten in die Chialeng drang. Sie war sehr lange
+ungebraucht gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> und sog es daher auf allen Fugen ein. Man rieth
+mir, sie bis zum andern Morgen verquellen zu lassen, doch dies erlaubte
+mir meine Ungeduld nicht. Ich nahm daher noch einen fünften Mann,
+einzig zum Ausschöpfen, an, und fuhr so endlich zum zweitenmale ab.</p>
+
+<p>Glücklich waren wir über die Brandung gekommen; zum erstenmal athmete
+ich wieder mit Leichtigkeit. Jeder Ruderschlag, der mich von Madras
+entfernte, führte mich der Geliebten zu. Der Himmel war heiter, das
+Meer vollkommen ruhig, die nach Süden laufende Strömung uns förderlich.
+Freundlich sank die Sonne in's blaue Meer hinab, und die Spitzen
+der Pagoden, und die Wipfel der Cocospalmen glänzten im Abendroth.
+Zufällig blickte ich auf das Fort St. Georges; man ließ die Flagge
+herab. Wenig Minuten darauf geschah ein Schuß, und pfeifend fuhr die
+Kugel über die Chialeng hin.</p>
+
+<p>Mehr verwundernd als erschrocken hielten<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> wir einen Augenblick mit
+Rudern ein. Wir waren allein auf der Rhede, und nirgends ein anderes
+Fahrzeug zu sehen. — »Wahrscheinlich ein Signalschuß!« — sagte ich
+ruhig — »Und ein Mißgriff vom Canonier. Aber bei einem Haar hätte er
+uns doch in den Grund gebohrt. Jetzt in Gottes Namen wieder frisch
+daran!« —</p>
+
+<p>Herzhaft ruderten wir weiter; doch in demselben Augenblicke geschah ein
+zweiter Schuß, und die Kugel schlug keine Klafter von uns in's Meer.
+Jetzt sah ich deutlich, daß es auf unsere Chialeng angelegt war. —
+»Zurück! — Zurück!« — rief ich meinen Leuten zu — »Arbeitet, was ihr
+könnt! Um Gotteswillen, ehe der dritte Schuß geschieht!« — Wir thaten
+nun unser Möglichstes, wiewohl uns die Strömung entgegen war. Man
+schien es auf dem Fort zu bemerken, und hielt wirklich mit Schießen ein.</p>
+
+<p>Nichts von meinen Empfindungen; ich war außer mir. — Schweigend
+ruderten wir fort, bis es immer düsterer ward. Bald<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> hörten wir ein
+anderes Fahrzeug auf uns zukommen, und nicht lange darauf lag eine
+stark bemannte Chialeng neben uns. — Zwei Srapoys sprangen herüber —
+»Im Namen des Gouverneurs! — Ihr seyd arretirt. — Vorwärts! Frisch
+an den Strand!« — Ich vermochte kein Wort zu sagen, meine Gedanken
+verwirrten sich. — O Sophie! — O Tranquebar!</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Achtes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>So langten wir, ohngefähr um zehn Uhr Abends, bei dem am Strande
+stehenden Hause des Equipagen-Meisters an. Alles war hier mit Menschen
+angefüllt, alles wollte den Arrestanten sehen. — »Da ist er! Da ist
+er!« — rief man von allen Seiten, und der ganze Haufe drängte sich um
+mich. — »Wer seyd ihr?« (<em class="antiqua">who are you?</em>) fragten<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> mich hundert
+Stimmen zugleich. — »Es ist ein Spion! Es ist ein Franzos!« (<em class="antiqua">It
+is a spy! It is a French dog!</em>) schrie man hier. — »Nein! Es ist
+ein Holländer! Ich kenne ihn!« (<em class="antiqua">It is a Dutchman, I know him</em>)
+antwortete man dort. — Endlich fiel eine mir wohl bekannte Stimme
+ein. — »Es ist ein ehrlicher Mann, ich bürge dafür!« (<em class="antiqua">It is an
+honest man; I'll answer for it!</em>) Es war der gute <em class="gesperrt">Franck</em>,
+er erkannte mich erst in diesem Augenblick. Doch eben trat der
+Equipagen-Meister, Mr. <em class="gesperrt">Hall</em>, heraus.</p>
+
+<p>»Wer seyd ihr?« — fuhr er mich mit barscher Stimme an.</p>
+
+<p>»Ein Holländer von Sadraspatnam.«</p>
+
+<p>»Wo ist euer Erlaubnißschein?«</p>
+
+<p>»Ich habe keinen, weil ich es nicht für nöthig hielt.«</p>
+
+<p>»Wie? Keinen Erlaubnißschein? — Also wißt Ihr auch nicht, daß ich der
+Equipagen-Meister bin, und daß, ohne mein Wissen, Niemand die Rhede
+verlassen darf?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p>
+
+<p>»Sir! Haben Sie die Güte zu bedenken, daß ein Fremder« —</p>
+
+<p>»Was Fremder? Fremder? — Ausflüchte! Nichts als Ausflüchte. — Ihr
+müßt die Gesetze von dem Lande kennen, worin ihr lebt. — Man schleicht
+nicht, wie ein Dieb davon, wenn man nichts Böses im Schilde führt. —
+Ich wette, ihr seyd am Ende ein französischer Spion! — Aber nehmt euch
+in Acht — He Srapoys! führt ihn« —</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke trat der gute <em class="gesperrt">Franck</em> hinzu, und sagte
+ihm etwas in's Ohr. — »Das ist was anderes« — fuhr er jetzt etwas
+milder fort. — »Aber, was soll ich machen? — Melden muß ich es doch
+dem Gouverneur! — Nun gehen Sie unterdessen nur auf die Hauptwache.
+— Nachher wollen wir weiter sehen! Hoffentlich wird es so arg nicht
+werden! — Gehen Sie nur!«</p>
+
+<p>So gieng ich denn, und brachte ohngefähr eine Stunde auf der Hauptwache
+zu. Endlich, nach elf Uhr, trat ein wohlgekleideter<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Mann herein, und
+fragte nach dem »<em class="gesperrt">Gentleman</em>«, der arretirt worden sey. Ich nahm
+dies Wort für eine gute Vorbedeutung an. Wirklich begleitete er mich
+auch zum Gouverneur, wo ich in einen großen Saal geführt ward.</p>
+
+<p>Es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe sich jemand sehen ließ. Endlich
+trat der Plazmajor, Mr. Sydenham herein; er kannte mich unter andern
+von Herrn Souza her. — »Wie?« — fragte er verwundernd — »Sind Sie
+es, Haafner? — Welche Tollheit ficht sie an, bei Nacht mit einer
+Chialeng in See zu gehen? — Wo wollen Sie hin? Was haben Sie vor?«</p>
+
+<p>»Ach, Sir!« — antwortete ich seufzend — »Mangel und Liebe treiben
+mich fort!« — Zugleich machte ich ihn mit meiner Lage bekannt. —
+»Sprechen Sie für mich!« — fuhr ich fort — »Ich weiß, daß ein Wort
+von Ihnen hinreichend ist!« — Meine Erzählung schien ihn gerührt zu
+haben; er versprach,<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> sein Möglichstes zu thun, und verließ mich.</p>
+
+<p>Doch bald darauf kam er lächelnd zurück. — »Beruhigen Sie sich. Die
+Sache wird besser gehen, als Sie denken.« — »Hier!« indem er mich in
+ein Nebenzimmer wies, wo ein kleiner Tisch gedeckt war — »Hier trinken
+Sie unterdessen ein Glas Wein. In einer halben Stunde bin ich wieder
+da.« — Ich dankte ihm auf's herzlichste für seine Güte, denn ich war
+wirklich bis zum Aeußersten erschöpft.</p>
+
+<p>Eben hatte ich das kleine Mahl geendigt, als die Thüre aufgieng, und
+der Gouverneur, Lord Macartney, in Begleitung des Plazmajors und eines
+Secretärs, in das Zimmer trat. Er schien keinesweges zornig, fixirte
+mich indessen mit großer Aufmerksamkeit.</p>
+
+<p>»Wissen Sie nicht?« hub er endlich an, — »daß wer sich in Kriegszeiten
+heimlich aus einer Stadt zu schleichen sucht, wie ein Spion angesehen
+werden muß?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span></p>
+
+<p>»Ich weiß es, Mylord, aber ich bitte Ew. Exc. zu bemerken, daß ich
+nichts weniger als heimlich, sondern bei hellem lichten Tage, und in
+Beiseyn vieler Zeugen abgefahren bin.«</p>
+
+<p>»Aber doch immer ohne Erlaubnißschein. — Warum machten Sie dem
+Equipagen-Meister keine Anzeige davon? — Es ist ein Glück für Sie, daß
+Mr. Sydenham Sie kennt. Um seines Zeugnisses willen, mag die Sache auf
+sich beruhen!«</p>
+
+<p>Ich machte eine tiefe Verbeugung.</p>
+
+<p>»Nun gut! Sie können abreisen; allein es ist eine Bedingung dabei.
+Sie müssen einige Briefe für den Obersten Hamilton bei Tranquebar
+mitnehmen, die ihm eigenhändig zu übergeben sind.«</p>
+
+<p>Ich verbeugte mich abermals.</p>
+
+<p>»Es sind Briefe von der äußersten Wichtigkeit. Sie können leicht
+denken, daß mir an der richtigen Bestellung derselben sehr viel gelegen
+ist. Bei der Uebergabe werden Ihnen sofort tausend Pagoden ausgezahlt.<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span>
+Ueberdem werde ich, im Falle ihrer Zurückkunft, auf Ihre Versorgung
+bedacht seyn.« —</p>
+
+<p>Ich dankte ihm für sein Zutrauen, und versprach mein Möglichstes zu
+thun. Hierauf händigte er mir die Briefe, in lauter kleinen Röllchen,
+nebst der Ordre für die tausend Pagoden, ein; wünschte mir glückliche
+Reise, und entfernte sich. Mr. Sydenham befahl darauf einigen Srapoys,
+mich an den Strand zu begleiten, und ein Couti (Träger) folgte mir
+mit einem Korbe voll Lebensmittel nach. So trat ich wieder in meine
+Chialeng, und kam endlich um zwei Uhr nach Mitternacht glücklich in See.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Neuntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Wunderbare Veränderung! — Und das alles verdankte ich den Briefen
+von Lord Macartney. Aber warum legte er so viel<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> Wichtigkeit darauf?
+Weil die Verbindung mit dem englischen Lager schon seit mehreren
+Wochen unterbrochen war. Alle Couriers (Harkarrahs) wurden von den
+mahrattischen Streifparthien ermordet, oder mit verstümmelten Nasen
+und Ohren zurückgeschickt. Niemand wollte sich mehr zu dieser Reise
+verstehen. Aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes dienen, oder
+sollte ich nicht vielmehr — Doch das Wetter war vortrefflich, der
+Mond stand groß und freundlich am Himmel, und das ruhige Meer glänzte
+in Silberschein. Wir spannten unser kleines Segel auf, und steuerten
+fröhlich nach Süden zu.</p>
+
+<p>Als die Sonne aufgieng, befanden wir uns auf der Höhe von Covilom,
+und schon um zwei Uhr Nachmittags hatten wir mein liebes Sadras
+im Gesichte. Plözlich tagte im Südost eine Fregatte auf, die mir
+verdächtig schien. Ich ließ daher zwischen die Brandung rudern, und
+lief in eine kleine Sandbucht ein. Jezt, so nahe bei Sadras,<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> mußte ich
+diesen freundlichen Ort doch noch einmal sehen. Ich ließ demnach die
+Chialeng an den Strand ziehen, und eilte den wohlbekannten Fußsteig
+hinan.</p>
+
+<p>Allein was fand ich? Alles öde, alles mit Schutt und Trümmern bedeckt.
+Die Einwohner waren durchs Schwerdt, oder den Hunger umgekommen; die
+Engländer, die mahrattischen Streifparthien, die Räuberbanden hatten
+allmählich Alles zerstört. Traurig wandelte ich durch die einsamen
+Straßen hin, bis ich endlich an mein eigenes Häuschen kam. Noch
+breitete der hohe, schattige Tamarindenbaum seine kühlenden Aeste
+darüber aus; aber es hatte das Schicksal der übrigen gehabt. Voll
+wehmüthiger Erinnerungen eilte ich an den Strand zurück, und beschloß,
+wo möglich, noch bis Alamparve zu gehen. Es war ohngefähr vier Uhr
+Nachmittags.</p>
+
+<p>Eine Stunde darauf befanden wir uns auf der Höhe von Arialchery. Aber
+inzwischen war der Wind weniger günstig geworden,<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> und der Himmel hatte
+sich mit schwarzen Wolken bedeckt. Die See gieng hohl; die Möwen flogen
+nach dem Lande; Alles kündigte ein Ungewitter an. Dennoch hoffte ich
+Alamparve noch erreichen zu können, und ließ daher die Leute rudern,
+was nur möglich war. Bald aber versank die Küste in Nacht, und der
+glänzende Schaum der Brandung war das Einzige, was ihre Nähe verrieth.</p>
+
+<p>Noch eine gute Stunde hatten wir ungefähr in dieser Richtung
+fortgesteuert; als der Wind allmählig aus Norden aufzufrischen
+anfieng. Bald war er uns völlig entgegen, und Alamparve zu erreichen
+pure Unmöglichkeit. Zugleich brach das Ungewitter los, und der Regen
+schoß in Strömen herab. »Ans Land! Ans Land!« — schrien wir alle, und
+ruderten muthig in die schäumende Brandung hinein. Die Chialeng stieg
+und sank, bis sie endlich von der lezten Welle, wie ein Pfeil ans Ufer
+geschnellt ward.</p>
+
+<p>Die Gegend, wo wir uns befanden, war<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> mit Gebüsch und wilden Palmbäumen
+bedeckt, und schien gänzlich unbewohnt. Wir zogen die Chialeng so hoch
+als möglich ans Land, nahmen einige Lebensmittel daraus, und verbargen
+uns im Gehölz. Der Sturm wüthete mit Heftigkeit fort. Die Palmen
+rauschten; der Regen schoß zwischen den Zweigen herab; und furchtbar
+tönte die Brandung vom Ufer her. Keiner von uns vermochte ein Auge
+zuzuthun.</p>
+
+<p>Gegen Morgen schien das Wetter etwas besser zu werden; doch gieng die
+See entsezlich hoch. Wir beschlossen daher, ruhig am Lande zu bleiben,
+worauf sich jeder dem Schlafe überließ. Einige Stunden darauf erwachte
+ich plözlich von einem Sonnenstrahl, stand auf, und legte mich an einen
+Baum. — Auf einmal — Menschenstimmen ganz nahe bei mir. — Ich warf
+mich auf den Boden; der Ton kam vom Strande her — Mit zurückgehaltenem
+Athem kroch ich an den Rand des Gehölzes, da zogen sie hin. — Zwanzig
+Mann von einer mahrattischen Streifparthie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p>
+
+<p>So ritten sie vorüber, und eilends weckte ich meine schlafenden Leute
+auf. — Was sollte ich thun? — In See gehen? — Der Sturm hielt noch
+immer an. — Am Lande bleiben? — Die Gefahr nahm mit jedem Augenblick
+zu. — Unterdessen hatte sich der Himmel aufgeklärt. — Ich beschloß,
+mein Schicksal dem Meere anzuvertrauen. — »In See!« — rief ich meinen
+Leuten zu; sie schüttelten den Kopf. — »So wißt denn« — fuhr ich
+fort, und theilte ihnen den Vorfall mit. — Mehr bedurfte es nicht;
+augenblicklich war die Chialeng flott gemacht. Muthig ruderten wir
+durch die Brandung, und kamen bei dem dritten Versuche glücklich in See.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Zehntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Das Wetter blieb gut, das Meer wurde von Stunde zu Stunde ruhiger,
+langsam<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> steuerten wir längs der Küste hin. So hatten wir ungefähr
+eine Meile zurückgelegt. Plözlich wurden wir am Strande einen Menschen
+gewahr. Er rang die Hände, warf sich auf die Knie, kurz, er schien
+unsere Hülfe anzuflehen. — »Wir müssen ihn aufnehmen!« — rief ich
+meinen Leuten zu, und sie waren sämmtlich dazu bereit. Auf einmal
+hören wir Pferde wiehern! — »Verrath!« — rief ich heftig — »Zurück!
+Zurück! Um Gotteswillen zurück!« — Schwer schwebten wir auf der Spitze
+der zweiten Welle — Einige Minuten später, und die Chialeng würde an
+den Strand geflogen seyn. Mit gräßlichem Geschrei kam jezt ein Haufen
+Räuber aus dem Gebüsche. Einer davon schwang sich auf ein Pferd und
+jagte fort. Doch wir waren schon wieder in offener See.</p>
+
+<p>Gegen Mittag konnten wir bereits das rothe Dach der Chauderie<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> von
+Alamparve sehen. Gern wäre ich einen Augenblick gelandet,<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> um Wasser
+einzunehmen, allein der Truppen wegen, beschloß ich, es lieber an einer
+einsamern Stelle zu thun. Wir ruderten also herzhaft fort, bis wir
+ungefähr auf der Höhe des Dorfes waren, das mit seinen Baumgruppen gar
+lieblich vor uns lag. Plözlich sahen wir zwei, dann zehn, dann immer
+mehr Reiter auf den Strand zueilen, bis er endlich fast ganz damit
+bedeckt war. Sie riefen uns zu, ans Land zu kommen — »Morgen! Morgen!«
+(Nalekie! Nalekie!) gaben wir lachend zur Antwort, und hatten nur
+unsern Scherz damit.</p>
+
+<p>Doch mit wüthenden Geberden wiederholten sie ihre Aufforderung,
+und legten zu gleicher Zeit ihre Büchsen auf uns an. Jezt fand ich
+räthlich vom Lande abzuhalten, und gab sofort das Zeichen dazu. Aber
+in demselben Augenblicke schossen sie, und einer meiner Leute that
+einen gräßlichen Schrei. — »O Vater! Vater!« (Are appa! Are appa!) —
+»Wo? Wo?« — rief ich erschrocken, in der Meinung, daß er verwundet
+sey. Doch es<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> war noch viel schrecklicher — Er zeigte auf zwei
+Kattamarans<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> — Sie waren mit Srapoys bemannt, suchten uns den Weg
+abzuschneiden, und ruderten eilig auf uns zu. Wahrscheinlich hatten sie
+an einer andern Stelle vom Ufer gestoßen, während uns der Räuberhaufen
+beschäftigt hielt.</p>
+
+<p>Was war zu thun? — Wir arbeiteten was wir konnten, allein nach wenig
+Minuten hatten sie uns eingeholt. — »Zurück! Ihr Spitzbuben!« (Rirau
+Bantjot!) — riefen sie uns zu, und legten auf uns an. — Wir waren
+verloren; ich sah es vollkommen ein. Einen so schrecklichen Augenblick
+hatte ich noch nie gehabt. Doch plözlich faßte ich wieder Muth. —
+»Seyd unbesorgt!« — sagte ich zu meinen Leuten — »Ich habe meinen
+Plan gemacht; es wird euch nichts zu Leid geschehen. Wir haben uns bei
+Nacht von Madras geflüchtet! Vergeßt es nicht,<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> bei Nacht von Madras!«
+— In diesem Augenblick waren die Kattamarans neben uns, und fluchend
+sprangen die Srapoys in unsere Chialeng.</p>
+
+<p>»Ich bin ein Holländer!« — rief ich ihnen zu, ohne daß es jedoch etwas
+zu helfen schien. Einer war besonders so kühn, daß er seinen Säbel
+über meinen Kopf schwang — »Nehmt euch in Acht« — fuhr ich fort, —
+»und bedenkt, was ihr thun wollt. Ich bin ein Abgesandter; ich habe
+eine äußerst wichtige Botschaft an den französischen Admiral, und an
+den Nabob Hyder Bahadur. Die geringste Beleidigung, die ihr mir, oder
+meinen Leuten zufügt, kostet euch euren Kopf, dafür stehe ich euch!«
+— Dies wirkte, und sie steckten sofort ihre Säbel ein. Zugleich
+erfuhr ich, daß ich auf Befehl des Jammedaars (Districtscommandanten)
+eingeholt worden war.</p>
+
+<p>Als ich ans Land trat, ward ich von der ganzen Masse umringt, und mit
+den niedrigsten Schimpfwörtern überhäuft — »Wie?« —<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> rief ich — »Ihr
+wagts, den Vakirl (Gesandten) an den Nabob zu schmähen? — Wartet! Es
+soll euch gereuen!« — »Hier!« — fuhr ich mit gebieterischem Tone zu
+einem der Offiziere fort — »Hier liegt meine Chialeng! Ich übergebe
+sie eurer Obhut! Stellt augenblicklich eine Wache dabei! Es sind
+Briefschaften und Papiere für den Nabob darin! — Daß sie kein Mensch
+anrührt; hört ihrs! Ich fordere Alles von euch zurück!« —</p>
+
+<p>»Und ihr!« — indem ich mich zu meinen Leuten wandte, — »Ihr bleibt
+hier, bis ich wieder komme, und wehe dem, der euch etwas zu Leide thut!«</p>
+
+<p>»Jezt!« — zu den Srapoys — »Jezt, laßt uns gehen! — Meine Zeit ist
+kostbar!«</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Eilftes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Wir kamen an, der Jammedaar saß vor der Thüre der Chauderie. Mein
+Plan war<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> gemacht; nichts konnte mich retten, als die kühnste
+Entschlossenheit. Stolz und ruhig gieng ich auf ihn zu, grüßte ihn, und
+sezte mich ohne weiteres neben ihn. Er griff nach seinem Dolche, allein
+ich kam ihm mit meiner Anrede zuvor. — »Jammedaar!« — sagte ich —
+»Du kennst mich und meinen wichtigen Auftrag nicht; das entschuldigt
+dich! Aber ich wünsche um deinetwillen, daß der Nabob nichts davon
+erfährt. Bei dem allmächtigen Gott! Er würde dich für diese schnöde
+Behandlung zu bestrafen wissen, ich stehe dir dafür!« —</p>
+
+<p>Was ich voraus gesehen hatte, geschah. Der Jammedaar war überrascht,
+und sah schweigend und unentschlossen vor sich hin. — »Ich bin
+ein Holländer!« — fuhr ich im vorigen Tone fort — »Und muß nach
+Pondichery, — der französische Admiral.« —</p>
+
+<p>»Jammedaar!« — rief hier plözlich ein Srapoy, und trat aus dem uns
+umgebenden Haufen hervor. — »Jammedaar! Laß dich nicht von diesem
+Prahler hintergehen! Ich<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> habe seine Leute befragt. Sie kommen von
+Madras und gehen nach Tranquebar. Es ist gewiß ein englischer Hund, der
+nach dem Lager von Cudelore will!« — Bei diesem Worten gerieth der
+ganze Haufen in Wuth — »Ja! Ja! Es ist ein englischer Hund!« wurde von
+allen Seiten wiederholt.</p>
+
+<p>»Nein!« — rief ich entrüstet — »Kein Engländer! — Ein Holländer von
+Sadringapatnam bin ich. — Warum die giftigen Worte? — Ihr sagt, daß
+ich von Madras komme? Wer läugnet es? — Aber warum verschweigt ihr,
+daß wir bei Nacht von dort geflüchtet sind?« —</p>
+
+<p>»Jammedaar!« — fuhr ich ungeduldig fort, indem ich mich wieder zu ihm
+wandte — »Halt mich nicht länger auf! Ich muß durchaus noch heute in
+Pondichery seyn. Die Nachrichten, die ich dem französischen Admiral
+zu überbringen habe, sind von der äußersten Wichtigkeit. Jede Stunde,
+die du mich aufhältst, kann dem Nabob gefährlicher werden, als eine
+verlorne Schlacht!« —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p>
+
+<p>Er schien verlegen, stand auf und sprach mit einem seiner Offiziere
+einige Minuten zur Seite. Endlich kam er zurück. — »Du sollst und
+kannst abreisen, so bald du bewiesen hast, daß du ein Holländer, und
+kein Engländer bist.«</p>
+
+<p>»Wie, Jammedaar! spottest du meiner? Wie soll ich das beweisen? Sind
+wir nicht von einer Farbe? Ist in unsern Zügen, unserer Kleidung,
+unseren Manieren irgend ein Unterschied? Ja, wenn du die Sprachen
+verständest, aber so? — Weißt du was, Jammedaar! Laß mich nach
+Pondichery bringen, wenn du mir nicht glauben willst! Hörst du, nach
+Pondichery!« —</p>
+
+<p>Er konnte nichts darauf erwidern, aber mich reisen zu lassen, dazu
+hatte er eben so wenig Lust. — »Es ist am besten« — sagte er endlich
+— »ich lasse dich zu Nabob bringen, der bei Arcot steht. So bin ich
+von aller Verantwortung frei!« —</p>
+
+<p>»Ei nicht doch!« — erwiederte ich, denn diese Reise war ganz und gar
+nicht in meinem<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> Sinne. — »Ich sage dir ja, daß ich noch heute in
+Pondichery seyn muß!« — Allein vergebens. Nur mit der äußersten Mühe
+brachte ich ihn am Ende noch auf eine andere Idee.</p>
+
+<p>»Azoaf!« — rief er einem seiner Srapoys zu — »Schwing dich auf
+dein Roß, flieg nach Marampette, und sage Rosan Alichan, daß ein
+Weißer in meine Hände gefallen ist, der sich für einen Holländer aus
+Sadringapatnam ausgiebt.« —</p>
+
+<p>»Und sag ihm zu gleicher Zeit« — fiel ich ein — »daß es derselbe
+Holländer ist, der ihn einmal aus den Händen der Engländer gerettet
+hat.« —</p>
+
+<p>Bei diesen Worten schrie der Jammedaar auf, während mir der Srapoy zu
+Füßen fiel. — »Maharadja« (Herr) — rief er — »Verzeih! Ich erkannte
+dich nicht. Ja! ich war damals bei Rosan Alichan, als du unser aller
+Retter warst. Jezt flieg ich zu ihm, um ihm zu melden, daß du hier
+bist!« —<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> So sprach er, schwang sich auf sein Pferd, und eilte im
+Galopp davon.</p>
+
+<p>Jezt wendete sich auch der Jammedaar zu mir — »Freund!« — sagte er
+mit Innigkeit, und legte die linke Hand aufs Herz — »Freund! Mache
+mich zu deinem Sclaven für diese Beleidigung. Ich weiß, welchen
+Dienst du Rosan Alichan erzeigt hast; er hat mir oft davon erzählt!«
+— Zu gleicher Zeit bot er mir seine Huka (Pfeife) an, und befahl,
+meine Leute augenblicklich frei zu lassen, auch sie reichlich mit
+Lebensmitteln zu versehen.</p>
+
+<p>Nach ungefähr einer Stunde traf Rosan Alichan ein, und begrüßte mich
+mit vieler Herzlichkeit. — »Warlich!« — rufte er voll Freude aus —
+»Der Fang ist mir lieber als die halbe englische Armee!«— Hierauf
+sezten wir uns zum Pillau (Reis mit Fleisch u. s. w.) hin, wobei es
+nicht an Arrac gebrach. Endlich um vier Uhr ward ich in stattlicher
+Begleitung ans Ufer getragen, und eine halbe<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> Stunde später befanden
+wir uns wieder in See.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Zwölftes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Der Abend war still und freundlich; singend ruderten meine Leute längs
+der Küste hin, während ich in tiefe Betrachtungen versank. Man erinnert
+sich der Briefe von Lord Macartney. Ich hatte geschehen lassen, was
+nicht zu ändern war; aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes
+dienen? — Nimmermehr! — Mich band weder Eid noch Pflicht. — Ich
+beschloß demnach, in Pondichery einzulaufen, die Briefe dort abzugeben,
+und dann so fort nach Tranquebar zu gehen. Mit Schrecken bemerkte ich
+indessen, daß das Wasser immer stärker in die Chialeng drang. Ich war
+daher gezwungen die Nacht am Strande zuzubringen, bis der langersehnte
+Morgen anbrach. Jezt ward der Leck entdeckt<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> und sorgfältig verstopft.
+Mit erneuerten Kräften ruderten wir nun weiter, und langten endlich um
+zehn Uhr auf der Rhede von Pondichery an.</p>
+
+<p>Als wir ans Land gestiegen waren, versammelte sich Alles um uns her.
+— »Wie, von Madras? Mit dieser Chialeng?« — Es schien allerdings
+ein halbes Wunderwerk, denn alle Cocosstricke an den Planken waren
+fast gänzlich verfault. Bei einer schweren Ladung hätten wir dies alte
+Fahrzeug sicher nicht so weit gebracht. Ich gab es jezt meinen armen
+Leuten Preis, bezahlte ihnen den bedungenen Lohn, und wanderte langsam
+in die Stadt hinein. Sofort kam ein Pron (Diener) auf mich zu, und wieß
+mich zu dem Equipagenmeister, einen Mr. de Salmiac.</p>
+
+<p>Als ich in das Zimmer trat, sah ich ein kleines, rundes, dickbäuchigtes
+Männchen, bloß in Hemde und Pantalons vor mir. Ich war ein wenig
+erstaunt, und glaubte unrecht gegangen zu seyn. — »Nein! Nein!« —<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span>
+fiel er mir lebhaft ins Wort — »Ich bin es selbst — Sie sind freilich
+nicht der erste, der sich über mein Neglige verwundert; aber so laufe
+ich, der Hitze wegen, immer im Hause herum. Es ist doch ein Herzleid,
+wenn man so dick ist — <em class="antiqua">Mais l'habit ne fait pas le moine</em> — Was
+haben Sie anzubringen? — Setzen Sie sich.«</p>
+
+<p>»Ich habe englische Briefe für den Admiral de Suffroin!«</p>
+
+<p>»Wie, englische Briefe für den Admiral?« — rief er mit Verwunderung
+und Freude aus — »Vielleicht Nachricht vom Frieden? — Sagen Sie,
+wissen Sie etwas davon? Haben Sie etwas davon gehört?« — So ging
+es, in einem Athem, wohl eine Viertelstunde lang fort. Er war ganz
+begeistert von seiner Friedensidee. Endlich erzählte ich ihm den
+Zusammenhang.</p>
+
+<p>»Bravo! Bravo! « — rief er in die Hände klatschend — »Tausend
+Pagoden! Warlich, das ist keine Kleinigkeit. Aber Sie haben
+wahrscheinlich Vermögen?« —<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> »Im Gegentheil, ich bin nichts weniger
+als reich« — »<em class="antiqua">c'est fort!</em>« — sagte er halblaut für sich,
+und dann mit Lebhaftigkeit zu mir: »<em class="antiqua">Ma foi, vous êtes un honnête
+homme!</em>«</p>
+
+<p>»Aber!« — fiel er plözlich in einem anderen Tone ein — »An wen denken
+Sie Ihre Briefe abzugeben? — Der Admiral ist abgesegelt, wie Sie
+sehen; der Intendant ist auf einige Tage verreist. Sie wollen gern nach
+Tranquebar, wie Sie sagen, und da geht eben ein Thony (Küstenfahrer)
+hin. Ich erwarte den Capitain jeden Augenblick. Wissen Sie was? lassen
+Sie die Briefe bei mir; so ist es gut!« —</p>
+
+<p>»Sehr gern!« — erwiederte ich, und war im Grunde herzlich froh, sie
+endlich los zu seyn. Es waren fünf und dreißig zusammen, worüber ich
+einen Empfangschein erhielt. Zu gleicher Zeit schrieb Mr. de Salmiac
+meinen Namen, nebst der Adresse eines meiner Freunde zu Tranquebar auf.</p>
+
+<p>Jezt kam der Capitain der Thony, ich<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> ward mit ihm um drey Pagoden
+eins. Es war mein leztes Geld; Mr. de Salmiac hörte es, blieb aber ganz
+gleichgültig dabei. — »Essen Sie zu Mittag!« — sagte der Capitain:
+»Sie haben gerade noch zwei Stunden Zeit!« — Sofort überhäufte mich
+Mr. de Salmiac mit tausend Entschuldigungen, daß er heute selbst zu
+Gaste gebeten sey. — »Wenn Sie indessen durchaus Niemand anders
+kennen« — fuhr er fort — »So werde ich Sie mitnehmen — Ja! Ja! —
+Ich werde Sie mitnehmen, wenn nämlich der Capitain warten will!« —</p>
+
+<p>Sein zweideutiges Wesen misfiel mir; ich nahm daher augenblicklich
+Abschied von ihm. — »<em class="antiqua">Mais!</em> — <em class="antiqua">Mais!</em>« — fiel er ein —
+»<em class="antiqua">J'en suis fâché! J'en suis an desespoir!</em>« — führte mich unter
+einer Menge Complimente zur Thüre hinaus, und ließ mich auf der Straße
+stehen. Ich darf es sagen, eine Belohnung verlangte ich nicht; aber
+ein gutes Mittagsessen hätte mir allerdings Vergnügen gemacht. Ich
+verkaufte nun einige<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> kleine Pretiosen, aß in einer Taverne, und begab
+mich hierauf an Bord. Der Wind war günstig; schon um acht Uhr Abends
+ankerten wir auf der Rhede von Tranquebar. Vor Freude und Ungeduld war
+ich außer mir.</p>
+
+<p>Alle Chialengs waren indessen bereits in Sicherheit gebracht; ich sah
+keine Möglichkeit ans Land zu gehen. Endlich vernahm ich Rudergesang.
+Es waren Fischer; sie kamen aus der See zurück. — »He!« — rief ich
+ihnen zu — »Wollt ihr einen Weißen mit ans Land nehmen?« — Sie
+achteten wenig, oder gar nicht darauf. — »Eine Rupie, wenn ihr wollt«
+— fuhr ich fort, und in wenig Minuten war ich auf dem Kattamaran
+(Floß). Wohl wußte ich, was ich wagte, und wie gefährlich das Landen
+war; allein ich dachte an Sophien, und verließ mich auf mein bisheriges
+Glück.</p>
+
+<p>Jezt waren wir bei der glänzenden Brandung, die sich mit dumpfem
+Donner am Ufer brach. — »Noch eine Rupie!« — rief ich<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> den Fischern
+zu, wenn ihr mich glücklich hinüber bringt. Zu gleicher Zeit warf ich
+mich nieder, und klammerte mich an die Balken an. Glücklich kamen wir
+über die zwei ersten Wellen hinweg, nicht so über die dritte, so groß
+auch die Anstrengung der Ruderer war. Sie holte uns ein, hieng, wie
+ein schreckliches Gewölbe, einen Augenblick über uns, und stürzte dann
+donnernd auf uns herab. Ich verlor das Bewußtseyn. — Als ich wieder zu
+mir kam, lagen wir hoch und trocken auf dem Strande von Tranquebar.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Dreizehntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Ohne Aufenthalt eilte ich nun vollends in die Stadt hinein, und
+beschloß bei dem ersten besten nach Sophien Erkundigungen einzuziehen.
+Eben kam ich bei dem Zollhause vorbei; es war noch Licht darin. —<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>
+»Guten Abend!« — sagte ich zu den Kannekas (Schreibern) — »Könnt ihr
+mir nicht sagen, ob die Thony von Maleappa — so hieß der Schiffer —
+angekommen ist?« —</p>
+
+<p>»O ja, schon vor geraumer Zeit! — Dort liegt sie auf dem Strande —
+Wenn's Tag wäre, könntet ihr sie gleich vor euch sehen. — Sie wird
+reparirt; sie hat einen schweren Sturm auszuhalten gehabt.« —</p>
+
+<p>»Wo wohnt Maleappa? Ich muß ihn sprechen.« —</p>
+
+<p>»Wo er wohnt? — Nun vermuthlich bei den Fischern, denn beim Sturme
+fiel er über Bord.« —</p>
+
+<p>»Und die Frau mit dem jungen Mädchen? — Sie befanden sich als
+Passagiere auf der Tony. — Sind sie noch in Tranquebar?« —</p>
+
+<p>Die Schreiber sahen einander an; keiner hatte ein Wort von diesen
+Personen gehört; ich ward leichenblaß. In diesem Augenblicke trat ein
+Kuli (Träger) auf mich zu. Er hatte bisher an der Thüre gesessen und
+unserem<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Gespräche zugehört. — »Aya!« — sagte er — »Gieb mir ein
+Paar Panams und ich führe dich hin. Ich habe ihre Sachen getragen, und
+weiß, wo sie eingekehrt sind.« — »Du sollst eine Rupie haben!« rief
+ich, und eilte mit ihm fort.</p>
+
+<p>»Hier!« — sagte er endlich, indem er auf ein malabarisches Häuschen
+zeigte — »Hier Aya, hier wohnen sie! Soll ich anklopfen?« — »Nein!
+Nein!« —sagte ich hastig, und hielt ihn zurück. — »Hier hast du dein
+Geld, und gute Nacht!« —</p>
+
+<p>In dem Augenblick gieng die Thür auf, und Sophie trat mit einer Lampe
+heraus. — »O mein Gott!« — rief sie und flog an meinen Hals. Seliger
+und unbeschreiblicher Augenblick. So fand uns die Mutter in stummer
+Umarmung. — »Ach! wie haben wir uns geängstiget« — sagte sie. — »Nun
+Gott sey hoch gedankt!« —</p>
+
+<p>Am andern Morgen dachte ich nun im ganzen Ernste an meine Einrichtung.
+Alle meine Sachen waren unversehrt; allein Tranquebar<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> bot wenig,
+oder gar keine Hülfsquellen dar. Der dänische Handel ist unbedeutend;
+das Comtoir beschäftigt nur wenig Leute! überall herrscht die größte
+Sparsamkeit. Ich mußte mir einen bedeutenden Plaz wählen, wo ich
+überdem von dem Kriege sicher war. Es schien mir daher am besten, nach
+Jaffanapatnam auf Ceylon zu gehen. Die Mutter freute sich über meinen
+Entschluß, Sophie aber sagte kein Wort dazu. Erst jezt hörte ich von
+jener, daß der Bräutigam zu Trinconomale sey. — In wenig Tagen hatte
+ich eine gute, geräumige Chialeng mit einem Sonnendeck gekauft, und
+tüchtige Ruderer u. s. w. besorgt. Da erschien auf einmal ein alter
+gutgekleideter Herr bei mir.</p>
+
+<p>»Ich bin der Graf von Bonvoux« — hub er französisch an — »Sie
+befrachten eine Chialeng nach Jaffanapatnam; ich suche ebenfalls eine
+Gelegenheit dahin — Wenn Sie mich mitnehmen könnten, wär' es mir
+angenehm. — Ich habe nur ein Paar Coffers, vier Kisten mit Wein, zwei
+Ballen Musselin, und zwei<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> weibliche Bedienten bei mir!« — Ich sah
+an seinem Orden, daß er Maltheser war, und lachte herzlich über seine
+Dienerschaft.</p>
+
+<p>»Das ist so einmal meine Art!« — gab er jovialisch zur Antwort — »Ich
+habe immer zwei Mädchen bei mir. Die eine besorgt die Küche, die andere
+meine Person.« — »<em class="antiqua">D'ailleurs!</em>« — indem er mich sehr bedeutend
+ansah — »<em class="antiqua">Le nom ne fait rien à la chose. Vous le verrez!</em>«</p>
+
+<p>Ich hatte anfangs wenig Lust zu dieser Reisegesellschaft, und
+entschuldigte mich durch den Mangel an Plaz, was auch nicht ganz
+ungegründet war. Allein der alte Ritter wußte mir alles so leicht
+vorzustellen, und schien zugleich so jovialisch zu seyn; daß ich ihm
+endlich die Ueberfahrt, und obendrein umsonst zugestand.</p>
+
+<p>»Nun gut!« — sagte er — »So kaufen sie wenigstens keine
+Provisionen ein! Das will ich auf mich nehmen, und ich denke zu
+ihrer Zufriedenheit. Geben Sie keinen Sous dafür aus, ich bitte Sie!
+Verlassen Sie sich<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> ganz auf mich!« — So gieng er, und ich verließ
+mich wirklich auf ihn.</p>
+
+<p>Beim Mittagsessen erklärte mir die Mutter, daß sie nicht mit zu reisen
+willens sey. Sie habe ein treffliches Unterkommen als Haushälterin bei
+einem Hollsteiner erhalten, sie vertraue Sophien meiner Rechtlichkeit
+an. Zerschlüge sich die Heirath, so hätte ich ihre Einwilligung. Sophie
+schien über dies alles äußerst vergnügt; man kann denken, wie sehr ich
+es selbst war.</p>
+
+<p>So schlug es vier Uhr, und wir eilten in die Chialeng. Die gute Mutter
+begleitete uns an den Strand; wir nahmen herzlichen Abschied von ihr.
+Der Graf befand sich mit seinen beiden Mädchen bereits an Bord, und war
+äußerst höflich, wiewohl er einen kleinen Hieb zu haben schien. — Wir
+richteten uns ein, so gut es möglich war. — Endlich Anker auf! — Da
+segelten wir lustig die Rhede hinaus.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Vierzehntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>So verließ ich denn die Küste von Coromandel, wo ferner kein Glück
+für mich zu blühen schien. Mit vermischten Gefühlen blickte ich noch
+einmal auf das verschwindende Gestade zurück. Die Stadt, das Fort, die
+Pagoden, die Cocos-Wälder — alles glänzte im Dufte des Abendroths;
+alles sank allmählich in Dämmerung.</p>
+
+<p>Bald war es Zeit zum Abendessen, und der Graf öffnete seinen
+Speisekorb. Noch jezt sah ich ihn vor mir, wie er vier kleine gebratene
+Hühner, zehn Sousbrode, und eine Flasche Madera heraus nahm. Da ich
+dies natürlich nur für eine Art Voressen hielt, expedirte ich mein
+Huhn, und meine zwei Brode mit gutem Seemannsappetit.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Parbleu!</em>« — sagte der Graf — »Hätte ich das gewußt, ich hätte
+mich mit einem Huhn, und einem Paar Broden mehr versehen!« —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p>
+
+<p>»Wie, Herr Graf?« fiel ich lebhaft ein — »Das ist Alles?« —</p>
+
+<p>»Wie Sie sehen, ja! — <em class="antiqua">Vraiement! J'en suis fâché!</em> — Aber
+es hat gar nichts zu sagen. Wir frühstücken zu Caix<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>, ich stehe
+Ihnen dafür. Lassen Sie mich nur machen; ich bin ein alter erfahrner
+Steuermann!«</p>
+
+<p>Ich ließ ihn schwatzen; denn ich merkte wohl, er hatte abermals zu
+tief ins Glas gesehen. Im Nothfall gab es überdem längs der Küste noch
+kleine Häfen genug. Völlig unbesorgt streckte ich mich also, wie die
+ganze Gesellschaft, auf meine Matte hin.</p>
+
+<p>So mochte ich ungefähr bis fünf Uhr Morgens geschlafen haben, als ich
+von dem Tandel (Steuermann) geweckt ward. — »Steht auf, lieber Herr!«
+— sagte er sehr betrübt. — »Ich kann keinen Grund mehr finden, und
+sehe auch kein Land mehr.« —</p>
+
+<p>»Wie?« rief ich erschrocken — »Kein Land? Wie ist das möglich?« —
+Und mit<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> einem Sprunge war ich auf, und sah leider, daß es gegründet
+war. — »Aber« — fuhr ich heftig fort — »Warum hast du die Küste
+verlassen?« — »Um Gotteswillen!« — antwortete er zitternd — »Nicht
+ich, der Franzose« — »Wie, der Franzose?« — »Ja Herr! Er hat es
+gethan! — Er zwang mich dazu, er sezte mir die Pistole auf die Brust!«
+—</p>
+
+<p>Es war in der That ein entsezlicher Streich. Die See gieng hoch; die
+Strömung lief nach Nordost; das Rudern war äußerst beschwerlich; unsere
+Richtung gerade entgegengesezt. Hierzu die Hitze, die Windstille, der
+Mangel an Proviant — Ich gestehe es; ich war außer mir vor Zorn. Ich
+hätte den gräßlichen Patron über Bord werfen können; so erbittert war
+ich auf ihn. — »Da!« sagte ich, und weckte ihn ziemlich unsanft auf
+— »Da! Sehen Sie ihre verdammte Steuermannnskunst! — Wir treiben in
+offener See.«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Vous êtes une bête!</em>« — war seine Antwort — »Was verstehen
+denn Sie davon? Nun ja! Ich habe diese Nacht gesteuert,<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> und danken
+sollten Sie mir noch dafür. — <em class="antiqua">Parbleu!</em> — So an der Küste
+hinzuschleichen, wenn man Curs halten kann. In ein Paar Stunden müssen
+wir zu Caix seyn. Wenn man die Küste nicht sieht, so ist der Nebel
+daran Schuld.«</p>
+
+<p>Jezt wurde es mir zu arg, und ich bewieß ihm mit der Charte, daß er ein
+Windbeutel sey. — »Treiben wir die Nordspitze von Ceylon vorbei« —
+fuhr ich fort — »so ist es um uns geschehen. Also ans Ruder, bis der
+Wind auffrischt! Geben Sie den Leuten Geld, sonst stehe ich Ihnen für
+nichts!« —</p>
+
+<p>Er schien mir Recht zu geben, und warf eine Hand voll Rupien hin. Diese
+theilte ich sofort unter die Ruderer aus, und machte sie wirklich ganz
+munter dadurch. Zu gleicher Zeit theilte ich Reis und Wasser unter sie
+aus. Wir andern behalfen uns mit etwas Zwieback und Maderawein.</p>
+
+<p>So kam der Abend heran; der Wind schien aufzufrischen; die armen
+Ruderer konnten wenigstens etwas ruhen. Ich selbst löste<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> den Tandel am
+Steuer ab, und war endlich der einzige, der auf der Chialeng wachend
+blieb. Zu meiner großen Freude ward der Wind immer stärker, und so
+steuerte ich muthig nach Südwest fort.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Fünfzehntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Die Sonne gieng auf. Rings umher nichts als Himmel und Wasser, und bald
+gänzliche Stille, wie vorher. Mit kummervollem Herzen rief ich die
+armen Malabaren an ihr beschwerliches Tagewerk. — »Noch kein Land?«
+— fragten sie traurig, als sie die weite, öde Wasserfläche vor sich
+sahen. — »Noch kein Land, lieber Herr?« — »Diesen Abend gewiß« —
+antwortete ich mit erkünstelter Heiterkeit, und in dem Augenblicke
+trieb ein Bananasstamm vorbei. — »Seht ihr?« — fuhr ich fort, und
+faßte selbst einige Hoffnung — »Seht ihr? Es kann nicht weit mehr
+seyn!« —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p>
+
+<p>In diesem Augenblicke stürzte der Graf herbei — »Hier«! — schrie er
+einem seiner Mädchen aus der Caste der Parias zu — »Hier! Sag den
+armen Leuten, daß der Mensch da ein Betrüger ist, daß er sie nun und
+nimmermehr in einen Hafen bringen wird. Von nun an will ich selber
+steuern, und wette tausend Rupien, daß wir morgen in Caix sind. Wer mir
+nicht gehorcht, dem jage ich den Degen durch den Leib!« — Mit diesen
+Worten stieß er den Tandel auf die Seite, und wollte die Chialeng
+wieder nach Osten drehen.</p>
+
+<p>»Freunde!« — rief ich mit Heftigkeit — »Nehmen wir einen andern
+Curs, so mag uns Gott beistehen!« — Zu gleicher Zeit packte ich den
+Grafen beim Kragen, und entfernte ihn etwas unsanft von seinem Platz.
+Er stolperte, wollte ein Tau fassen, verfehlte es, und flog über Bord.
+Augenblicklich sprang ihm aber ein Ruderer nach, und brachte ihn wieder
+herauf, so daß er mit der Abkühlung davon kam.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p>
+
+<p>Nachmittags ward ich in Osten einige Wolken gewahr. Dies versprach
+für die Nacht äußerst günstigen Wind. Gegen Abend indessen waren die
+Ruderer so ermüdet, daß einer nach dem andern zu Boden sank. Es ward
+finster; noch immer frischte kein Lüftchen auf. Jeder Seufzer Sophiens
+zerriß mir das Herz. Endlich schlief alles ein, und mir selbst sanken
+zulezt die Augen zu.</p>
+
+<p>Plözlich — vielleicht nach einigen Stunden — erwachte ich von einem
+heftigen Stoße der Chialeng, und fand, zu meiner unsäglichen Freude,
+daß der Wind frisch aus Norden blies. — »Auf Freunde, auf!« — rief
+ich jezt dem Tandel, und den Ruderern zu — »Der Wind ist da! Der Wind
+ist da! Jezt lustig das Segel auf! Morgen laufen wir in Caix ein!« —
+Alle sprangen in Eile auf; alle waren mit neuem Muthe erfüllt. Ich
+steuerte nunmehr mit fester Hand, und rauschend flog die Chialeng durch
+die glänzenden Fluthen hin. Sophie kam zu mir, wir sprachen zusammen,
+bis der Tag anbrach.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p>
+
+<p>Die Sterne blühten, in Osten fieng es an heller zu werden; mit
+klopfendem Herzen blickte ich nach der ersehnten Küste, die meiner
+Rechnung nach, in Süden zu finden war. Da gieng die Sonne auf, und wie
+ein bläulich glänzender Nebelstreif stieg das Land aus dem wellenden
+Meer empor. — »Land! Land!« — rief ich freudig, und zeigte mit der
+Hand dahin! — »Land! Land!« — tönte es durch die ganze Chialeng. —
+Einige Stunden, und wir konnten schon die dunkeln Waldungen sehen.
+Endlich kamen wir näher und näher, und ich erkannte die kleine Insel
+<em class="gesperrt">Caradiva</em>, oder <em class="gesperrt">Amsterdam</em>, ungefähr zwei Seemeilen von
+Ceylon.</p>
+
+<p>Gern hätte ich die Chialeng auf den Strand gesezt, allein der
+Felsenriffe wegen mußten wir vor Anker gehen. Eilig kletterten wir
+nun, den Grafen ausgenommen, vom Fahrzeuge herunter, wadeten über die
+Klippen, und langten wohlbehalten am Ufer an. Eine Frau zeigte uns den
+nächsten Brunnen, und besorgte uns bald ein gutes Mittagsmahl. Der Graf
+ließ seine Sachen in eine andere Chialeng bringen, und befreite mich
+so, zu meiner großen Freude, von seiner Gegenwart. Um vier Uhr ankerten
+wir bei dem Fort Ham an Hiel, und am andern Morgen kamen wir glücklich
+zu Jaffanapatnam an. Hier ward Sophie die meinige, und hier fand ich
+auf eine kurze Zeit, ein nie genossenes Glück.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p>
+
+<h2 class="p4 lh2">Erste Abtheilung,<br>
+<em class="s3 gesperrt">Jacob Haafner.</em></h2>
+<hr class="sk">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p>
+
+<h3>Zweites Buch.</h3>
+
+<hr class="sk">
+
+
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p>
+<h4 class="p2">Erstes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Zwei Jahre darauf verlor ich meine geliebte Sophie, und mit ihr meine
+ganze Freude auf der Welt. In tiefer Schwermuth brachte ich vier Monate
+auf meinem Gartenhause zu, und sah nur einen einzigen Freund. Diesem
+gelang es endlich, mich durch einen großen Reiseplan zu zerstreuen.
+Es kam auf nichts Geringeres an, als durch das Innere der Insel nach
+<em class="gesperrt">Colombo</em> zu gehen. Indessen beschlossen wir außer den Sclaven
+und Trägern, noch einen europäischen Reisegefährten zu suchen, um
+wenigstens unserer drei zu seyn.</p>
+
+<p>Dies war schwerer, als es scheinen mag; doch mit einiger Mühe fanden
+wir endlich unseren Mann. Es war ein verabschiedeter holländischer
+Sergeant, Namens Georgi aus<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Strasburg. Freilich war er ein wenig taub,
+und trank für sein Leben gern; aber er kochte vortrefflich, war der
+lustigste Kauz von der Welt, und fürchtete sich selbst vor dem Teufel
+nicht. Bei so viel guten Eigenschaften drückten wir gern ein Auge zu.
+Da er nun überdem selbst nach Colombo wollte, kam der Handel sehr bald
+in Richtigkeit. Einige Tage nachher gesellte sich noch ein vierter
+Europäer, ein Mr. d'Allemand zu uns. Er hatte Depeschen vom Admiral
+Suffrer an den französischen Agenten zu Colombo zu überbringen, und bot
+sich uns daher zum Gefährten an. Zwar hätte er die Reise gern längs
+des Strandes gemacht, allein es fehlte an Gelegenheit. Nachdem nun
+alle Anstalten getroffen waren, wurde der neunte Juni 17— zur Abreise
+festgesezt.</p>
+
+<p>Unsere ganze Caravane war jezt sechszehn Mann stark; wir vier Europäer,
+zwei Sclaven, und zehn Trägern, oder Chivias. Drei der leztern, und
+zwar die stärksten, trugen jeder sechszig Pfund Reis, und zwei andere<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span>
+den Coffre von d'Allemand. Der sechste war mit zwei großen kupfernen
+Wassertöpfen, der siebente mit zwei Körben voll Zucker, Caffee, Wein
+u. s. w. bepackt. Der achte trug das Tisch- und Küchengeräth; der
+eine meine und Templyns<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> Kleider und Wäsche; der zehnte endlich
+unsere Matten, und die Fougritos oder Raketen, die man auf die wilden
+Thiere wirft. Templyns, d'Allemand, und ich, wir hatten jeder unsern
+Hirschfänger an der Seite, eine tüchtige Büchse auf der Schulter, und
+ein Paar Pistolen im Gurt. Der Sergeant trug seine ganze Bagage auf dem
+Leibe, und schleppte einen großen Husarenpallasch hinter sich drein.
+Es versteht sich, daß wir die Oppa nicht vergessen hatten, d. h. den
+Generalbefehl an die Majorals oder Dorfältesten, uns gegen Bezahlung
+mit Lebensmitteln zu versehen.</p>
+
+<p>So zogen wir dann am 9. Juni, Nachmittags um drei Uhr, unter einem
+gewaltigen<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Zulaufe aus der Stadt. Vorn die beiden Sclaven, als
+Cymbelschläger; dann wir Europäer; zulezt die Träger, oder Chirias.
+Um vier Uhr kamen wir zu Colombogamme an. Dies ist ein kleines
+Fischerdorf, hart am Meerbusen (Passo de Catchai), wo man nach dem
+eigentlichen Ceylon überfährt. Um sechs Uhr machten wir am andern
+Ufer unter einem großen Platanus Halt. Es ward beschlossen, hier zu
+übernachten, indem das nächste Fischerdorf nur aus elenden Hütten
+bestand.</p>
+
+<p>Unser Sergeant gab uns viel zu lachen, indem er der Flasche gar
+gewaltig zusprach. Dabei ergoß er sich in einen Strom von Flüchen gegen
+das weibliche Geschlecht. Er war nicht weniger als fünfmal verheirathet
+gewesen, und alle seine Weiber hatten ihm entsezlich mitgespielt.
+Die eine war ein Hausteufel gewesen, der ihm keinen Augenblick Ruhe
+ließ. Die zweite hatte ihn an preußische Werber verkauft. Die dritte
+brachte ihn an den Bettelstab. Die vierte hatte ihn holländischen
+Seelenverkäufern in die Hände<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> gespielt. Die fünfte, eine Paria
+(gemeines indisches Mädchen) hatte ihm nach dem Leben gestellt. Diese
+Ehestands-Abentheuer erzählte er uns in einem höchstpossirlichen
+Gemische von Holländisch und Hochdeutsch, das durch seinen elsaßischen
+Accent nur noch komischer ward.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Zweites Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Am folgenden Morgen traten wir unsere eigentliche Reise an. Die Luft
+war kühl; der herrliche Golf glänzte im Morgenroth. Wir verließen die
+gewöhnliche Straße, um längs der Küste hin zu gehen. So kamen wir
+gegen neun Uhr, bei einem Ambelan, am Eingange des Dorfes Manur an.
+Diese Ambelans sind eine Art Schuppen, mit Stroh gedeckt, und zum
+Besten der Reisenden erbaut. Wir nahmen hier ein Frühstück ein, das aus
+Reis und Callou, oder Palmwein bestand.<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Von nun an gieng es wieder
+landeinwärts, fast immer zwischen waldigen Hügeln hin. Dörfer wurden
+wir keine, sondern nur einige Gehöfte, und einzelne Hütten gewahr.</p>
+
+<p>Es war gegen elf Uhr, und schon zeigte sich in der Ferne das kleine
+verfallene Fort Panoryn, als unsere Mittagsstation. Templyn hatte zu
+Manur frische Cocosmilch getrunken, und seitdem über Leibschmerzen
+geklagt. Plözlich warf er sich vor einer Hütte nieder, und erklärte,
+er könne nicht weiter fort. Vergebens suchten wir ihm durch Arrak u.
+s. w. einige Linderung zu verschaffen, die Krämpfe nahmen mit jedem
+Augenblick zu. Endlich trat ein alter Mann aus der Hütte, und reichte
+ihm eine Art Pflanzensamen auf einem Betelblatt. Dies that sofort die
+beste Wirkung, worauf fröhlich nach Panoryn gewandert ward.</p>
+
+<p>Der Commandant dieses Postens empfieng uns mit vieler Herzlichkeit. Er
+hieß König, war sieben und siebenzig Jahr alt, und hatte davon drei und
+dreißig hier verlebt. Danke<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> bar nahmen wir gegen vier Uhr Abschied
+von ihm. Bald sahen wir nun den ungeheuren Wald in seiner ganzen
+Ausdehnung vor uns, und kaum eine Stunde, so hatten wir den Eingang
+desselben erreicht. Unser Führer, der erste Chiria, ein alter erfahrner
+Elephantenjäger, gieng nun voran. In ungeheuren Massen strebten die
+hohen, verschlungenen Bäume empor; kaum fiel hier und da ein schwacher
+Schimmer hindurch. Um vorwärts zu kommen, mußten wir häufig das Beil
+gebrauchen; bis wir endlich einen schmalen Fußpfad fanden, der sich in
+einer Schlangenlinie hinwand. Dies war einer von den drei oder vier
+geheimen Wegen, die durch diese Wälder bis in das Innerste der Insel
+gehen. Sie sind sämmtlich mit einer dichten Seite eingefaßt.</p>
+
+<p>Wir mußten hier einer hinter dem andern marschiren, so daß man sich,
+bei den vielen Krümmungen häufig aus dem Gesichte verlor. Ich hatte
+d'Allemand hinter mir, und sprach über ein gewisses Etwas sehr lebhaft
+mit ihm.<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> Plözlich springt links ein ungeheurer Bär aus der Hecke,
+und bleibt quer auf dem Fußsteige stehen. Ich falle über ihn weg, er
+richtet sich auf, und schlägt seine Tatzen auf mich hin. Schon fühle
+ich seinen brennenden Athem an meinem Gesichte; als plözlich ein Schuß
+fällt, der Bär sich abkehrt, und die Flucht ergreift. D'Allemand hatte
+diesen Schuß gethan; die Kugel sauste mir hart an den Ohren vorbei.</p>
+
+<p>Um indessen dergleichen Vorfälle künftig zu vermeiden, änderten wir
+die Ordnung unseres Zuges, und ließen die Cymbelschläger, nebst zwei
+bewaffneten Trägern, zwanzig Schritte vor uns gehen. Ueberdem wurden
+mit einbrechender Dämmerung Pechfackeln angezündet, und jeder machte
+sich zum Schusse bereit. Von dem Geräusch der Cymbeln und dem Lichte
+wurden eine Menge Vögel und Affen munter, so daß alles um uns lebendig
+war.</p>
+
+<p>Gegen neun Uhr kamen wir bei einem Ambelan an, der aber ganz verfallen
+war.<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Da dergleichen Hütten immer voll Schlangen sind, schlugen wir
+unser Lager unter freiem Himmel auf. Es ward dabei eine gewisse Methode
+beobachtet, die ich beschreiben will, weil sie bei allen übrigen
+Nachfolgern dieselbe blieb. Zuerst ward der Platz so weit als möglich
+vom Wasser gewählt. Dies geschah der wilden Thiere wegen, die hier zu
+saufen gewohnt sind. Dann wurden die Träger zum Holzfällen abgeschickt,
+und von zweien von uns escortirt. Hierauf wurden ein großes, und um
+dasselbe noch drei kleine Feuer angezündet, worauf die ganze Caravane
+Platz dazwischen nahm. Bald war nun das Abendessen verzehrt, und einer
+schlief nach dem andern ein. Nur die zwei Wächter mußten sich munter
+halten, und fleißig nach den Feuern sehen. Daß sie regelmäßig abgelöst
+wurden, versteht sich.</p>
+
+<p>Als wir Holz zu fällen anfiengen, belebte sich auf einmal der ganze
+Wald. Vögel, Affen, Hirsche u. s. w. erfüllten mit ihren Stimmen die
+Dunkelheit. Die Affen besonders,<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> die sich zu Tausenden versammelten,
+schrien zwei volle Stunden fort. Endlich ward es wieder still. Kein
+Blättchen rauschte; kein Lüftchen säuselte; der Wald war todt und öde,
+wie ein weites Grab. Doch plözlich vernahmen wir in der Ferne ein
+dumpfes Getös, das immer näher kam. Die Erde erbebte; der Wald rauschte
+wie vom heftigsten Strome bewegt; krachend stürzten unzählige Bäume
+zusammen — Was war es? —Ein Trupp Elephanten bahnte sich einen Weg
+durch den Wald. Sie kamen im heftigsten Trabe, und lautem Geschrei
+daher. Es war ein donnerähnliches, wie mit Trompetentönen vermischtes
+Getös. Endlich ward es völlig ruhig; nur dann und wann hörte man einen
+Tiger brüllen, oder einige Schakals schreien.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Drittes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Der Tag brach an, und der ganze Wald war mit Leben und Freude erfüllt.
+Auf allen Bäumen wimmelte es von Affen, Papagayen, Pfauen und
+unzähligen andern Vögeln von ausgezeichneter Schönheit. Tausende von
+bunten Schmetterlingen schwärmten zwischen den Gesträuchen umher. Dabei
+der liebliche Duft der blühenden Bäume, der uns bei jedem Schritte
+entgegenschwamm. Und welche Kühle und Frischzeit unter dem dichten
+grünenden Obdach, nur schwach von der Morgensonne beglänzt.</p>
+
+<p>So zogen wir fort, voll Muth und Heiterkeit, bis ungefähr gegen elf
+Uhr, wo an einem klaren Bache Halt gemacht, und das Mittagsessen
+bereitet ward. Templyn hatte hierzu ein Dutzend Hasen geschossen;
+denn sie liefen uns im eigentlichen Sinne unter den Füßen herum. Auch
+jezt ward bei der Einrichtung unsers Lagers eine gewisse Ordnung<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span>
+eingeführt; so daß z. B. jeden seine Reihe zum Wachestehen traf.
+Ich sage zum Wachestehen, weil natürlich einige Stunden Mittagsruhe
+gehalten ward, was für uns alle, besonders für die Träger so nöthig war.</p>
+
+<p>Erst um drei Uhr Nachmittags brachen wir demnach von diesem Lagerplatze
+auf. Anfangs war der Wald außerordentlich verwachsen, und kaum noch
+eine Spur des vorigen Weges zu sehen. Wir mußten uns daher nach dem
+Compasse richten, und legten es folglich, wie die Schiffer sprachen,
+auf Südwest an. So erreichten wir mit sinkendem Abend eine bequeme
+Lagerstelle, wo alles auf oben beschriebene Weise eingerichtet ward.
+Die Nacht vergieng ohne Abentheuer; nur daß einmal ein Elephant in
+unsere Nähe kam.</p>
+
+<p>Die folgende Tagereise (12. Juni) bot durchaus nichts Merkwürdiges dar,
+war aber außerordentlich lang — Wir kamen erst Abends um zehn Uhr bei
+unserem Lagerplatze an. Ich mußte diese Nacht die erste Wache<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> halten,
+und mochte vor Müdigkeit wohl ein wenig eingeschlummert seyn. Plözlich
+wurde ich durch ein lautes Geschrei geweckt — »Ein Tiger! Herr! Ein
+Tiger!« — riefen die Träger mit Entsetzen, und zeigten auf ein Paar
+glänzende Punkte, die ich mitten durch die Finsterniß, wie zwei kleine
+Lichter schimmern sah. Es waren die Augen des Tigers, der auf seine
+Beute zu lauern schien. Ich nahm meine Flinte und weckte Freund Templyn
+auf, der ein sehr guter Schütze war. Wir beschlossen gerade auf die
+Mitte zwischen den beiden Punkten zu zielen, und drückten zu gleicher
+Zeit ab. Bald darauf vernahmen wir ein Stöhnen, das uns über den Tod
+des Thieres keinen Zweifel übrig ließ. Wirklich fanden wir den Tiger am
+andern Morgen, und nahmen seine Haut als Siegeszeichen mit.</p>
+
+<p>Unser Weg ward immer steinigter, wie der Wald lichter zu werden
+anfieng. Wir waren nämlich kaum einige Meilen von den Gebirgen von
+Couragahing entfernt. Als<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> wir so einige Zeit fortmarschirt waren,
+wurden wir auf einem Baume einen Bienenstock gewahr. Sogleich bot sich
+einer unserer Träger an, hinaufzuklettern, und den Ast abzuhauen.
+Er thut es, erreicht den Ast, und führt den ersten Streich. Allein
+plözlich stürzen die Bienen auf ihn los, und hängen sich an seine
+nackten Glieder an. Brüllend von Schmerz will er heruntersteigen, thut
+einen Fehltritt, stürzt herab, und bricht das Bein. Um ihm Hülfe zu
+verschaffen, beschlossen wir uns östlich nach der Küste zu wenden, wo
+allein Dörfer anzutreffen sind.</p>
+
+<p>Eilends wurde nun der Bienenschwarm mit Rauch vertrieben, eine
+Tragbahre von Baumästen gemacht, der arme Träger (Kulie) darauf
+gelegt, und der Marsch fortgesezt. Um ein Uhr Nachmittags hielten wir
+eine halbe Stunde an, und nahmen etwas Kaltes zu uns. Der Rest der
+Tagereise war wegen des schlechten Weges, und des Mangels an Wasser
+sehr unangenehm. Gegen acht Uhr Abends kamen wir endlich aus dem Walde<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span>
+heraus, und gegen zehn Uhr erreichten wir das große Dorf Vedative,
+wo ein holländischer Posten ist. Hier brachten wir den armen Träger
+zu einem Töpfer<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a>, versahen ihn mit dem nöthigen Gelde zur Kur und
+Heimreise, und nahmen einen andern an seine Stelle an. Hierauf begaben
+wir uns zu dem Kommandanten des Postens, wo Gesellschaft von Verwandten
+war.</p>
+
+<p>Wir mußten uns sogleich zum Abendessen niedersetzen, das aus Reis
+und vortrefflichem Wildpret bestand. Der gute alte Mann hieß Joseph
+<em class="gesperrt">Voit</em>, und hatte bereits fünf und sechzig Jahre hier gelebt. Sein
+Vater und Großvater hatten jeder die Stelle fünfzig Jahre bekleidet,
+und er selbst war nicht weit mehr von dieser Zahl. — O Menschenleben!
+— O Glück der Beschränktheit! —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Viertes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Der Tag brach an (14. Juni); bald war Abschied genommen, und Vedative
+blieb hinter uns. Um zwei Uhr Nachmittags erreichten wir das große
+und schöne Dorf Mantore, fanden aber keine Lebensmittel daselbst. Ich
+schickte daher einen unserer Träger mit einem Briefe nach Manaar, an
+meinen alten Freund, den Ingenieurhauptmann Nagel ab. Unterdessen
+behalfen wir uns mit einigen übriggebliebenen Rebhühnern, und
+beschlossen für heute nicht weiter zu gehen. Gegen Abend kam endlich
+mein Bote mit Arrak, Anisliqueur und Lebensmitteln zurück, worauf es
+eine recht fröhliche Abendmahlzeit gab.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen ward die Reise mit erneuerten Kräften fortgesezt.
+Wir durchschnitten eine große, sandige Ebene, auf der wir eine Menge
+Schakals schwärmen sahen. Bald aber kamen wir an den Strand, wo der
+Weg äußerst beschwerlich ward. Wir<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> begegneten drei malabarischen
+Reisenden, die von Colombo kamen, und langten Abends gegen fünf Uhr
+in Bangala an. Dies ist ein ansehnliches Dorf, das von getauften
+Singalesen bewohnt wird. Hier übernachteten wir in der katholischen
+Kirche, die uns der Majoral gegen eine billige Vergütung öffnen ließ.</p>
+
+<p>Unsere <em class="gesperrt">siebente</em> Tagereise war höchst unangenehm, und bot überdem
+durchaus nichts Merkwürdiges dar. Wenig Schatten, höchstbeschwerlicher
+Fußsteig längs dem Strande hin, und auf dem ganzen langen Wege kein
+einziges Dorf. Endlich giengen wir Abends um sechs Uhr über den Calear,
+der beinahe ausgetrocknet war, und fanden am andern Ufer eine Pagode,
+deren Bramin uns sehr freundlich aufnahm. Wir übernachteten in der Nähe
+auf die gewöhnliche Art.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen sahen wir einem heftigen Kampfe zwischen zwei
+Büffeln zu. Sie trafen so gewaltig zusammen, daß jedes<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> Stirn von Eisen
+zu seyn schien. Ich fühlte mich unpaß; auch fieng es heftig zu regnen
+an. Wir brachen daher erst um zwei Uhr Nachmittags auf, und legten nur
+vier Stunden zurück.</p>
+
+<p>Die nächsten zwei Tagereisen führten uns wieder in den Wald, der in
+geringer Entfernung neben dem Strande hinläuft. Wir sahen die Ruinen
+einer portugiesischen Kirche und dachten der großen Vergangenheit. Das
+Wetter klärte sich auf; ich befand mich wieder vollkommen wohl.</p>
+
+<p>Fröhlich traten wir nun am 20. Juni unsere elfte Tagereise an, und
+erreichten Mittags den Ambelan, Conderipo genannt. Hier sprang uns
+ein schöner Jagdhund entgegen, und schmiegte sich liebkosend an uns
+an. Mit Sonnenuntergang glaubten wir, wie gewöhnlich uns lagern zu
+können, allein diesmal hatte sich unser Wegweiser selbst verirrt. Wir
+mußten also noch einige Stunden marschiren, bis endlich in der Nähe
+eines Baches Halt zu machen beschlossen ward. Die Luft war äußerst<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span>
+schwül; endlich brach ein furchtbares Ungewitter los. Der Wald erbebte;
+krachend stürzten tausende von Wipfeln und Aesten herab. Da schlug der
+Bliz in eine Gruppe von Cocospalmen, und knisternd loderten sie in
+hellen Flammen auf. Es war eine schreckliche Nacht, in der keiner von
+uns ein Auge zuthat.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage neue Verlegenheit. Der Fluß, den wir zu passiren
+hatten, war mit Krokodillen angefüllt. Wir kamen indessen mit Hülfe
+unserer Cymbeln glücklich hindurch. Gegen Mittag begegneten wir einer
+kleinen singalesischen Caravane, die aus drei und zwanzig Mann mit
+siebzehn Stieren bestand. Der Anführer nannte sich Manioppu, und war
+ein alter sehr verständiger Mann. Er schenkte mir zwei Kuchen, wogegen
+ich ihm, nach seinem Wunsche, einen Bleistift gab. Abends kamen wir bis
+zum Dorfe Golgom, wo wir uns mit Lebensmitteln im Ueberflusse versahen.</p>
+
+<p>Unsere dreizehnte Tagereise (22. Juni)<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> führte uns nach Putlan, wo
+ein holländischer Posten ist. Der Commandant, ein Deutscher, Herr
+Bodenschatz, war in Colombo; sein Sergeant nahm uns aber sehr gastfrei
+auf. Wir mußten zwei Tage bleiben, was uns wirklich gar sehr zu
+statten kam. Putlan ist ein sehr nahrhaftes Dorf. Es werden sehr viel
+Schaluppen, Thonys, und andere ähnliche Fahrzeuge hier gebaut. Der
+Hühnerhund, der uns zugelaufen war, gehörte dem Commandanten, und wurde
+seit länger als einem Monate vermißt. Die drei nächsten Tagereisen
+waren eben so beschwerlich, als uninteressant. Am 28. Juni hielten wir
+abermals einen Rasttag.</p>
+
+<p>Am 29. Abends erreichten wir Maravilla, ein sehr ansehnliches Dorf,
+das nur eine halbe Stunde vom Meere liegt. Alles war hier mit Fremden
+angefüllt; wir übernachteten daher in einem ziemlich entfernten
+Ambelan. Ich hatte die Wache von ein bis drei Uhr Morgens, und sah
+starr in die grause Finsterniß hinaus. Furchtbar tönte das Brüllen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> der
+Schakals, das Rauschen des Waldes, das Tosen der Brandung durch die
+stille Nacht zu mir.</p>
+
+<p>Am 30. Juni marschirten wir abermals längs des Strandes hin. Hier
+fanden wir eine Reihe Lascars (Seesoldaten) als Küstenwächter
+aufgestellt. Bei der Annäherung eines Feindes haben sie von Posten zu
+Posten große Holzhaufen anzuzünden, die deshalb aufgestapelt sind.
+Um zwei Uhr giengen wir über den Caimella, fanden das schön gelegene
+Dorf Gannipellie, und hielten mit frischem Seefisch ein stattliches
+Mittagsmahl. Die Landschaft ward nun äußerst angenehm. Ansehnliche
+Dörfer, dichte Cocospflanzungen, üppige Wiesen und Felder wechselten
+in lieblicher Mischung ab. Wir nahmen unser Nachtlager in Topture, das
+von katholischen, noch aus den Zeiten der Portugiesen herstammenden,
+Singalesen bewohnt wird. Der Pfarrer, ein Franziskaner aus Dijon, nahm
+uns sehr freundlich auf.</p>
+
+<p>Unsere folgende Tagereise war eben so<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> angenehm, und die Gegend
+entzückend schön. Ein Gewitter trieb uns indessen in großer Eile nach
+<em class="gesperrt">Negombo</em> hinein. An dem Commandanten fanden wir einen sehr
+jovialen Mann. Er machte ganz und gar kein Geheimniß daraus, daß er
+früher Haushofmeister des Generalgouverneurs gewesen sey. Negombo ist
+ein sehr fester Plaz, und überflüßig mit süssem Wasser versehen. Der
+hiesige Zimmet wird für den besten gehalten, die Bäume vermehren sich
+ungemein. Man schreibt dies, und nicht mit Unrecht, den <em class="gesperrt">Raben</em>
+zu. Diese suchen nämlich die Früchte sehr begierig auf, und geben sie
+unverdaut von sich. Daher denn auch die Unverlezlichkeit dieser Vögel
+auf Ceylon und ihre unglaubliche Unverschämtheit.</p>
+
+<p>Am 2. Juli, dieselbe reizende Landschaft; man merkt deutlich, daß man
+<em class="gesperrt">Colombo</em> immer näher kommt. Endlich am dritten, als dem <em class="gesperrt">ein
+und zwanzigsten</em> Tage unserer Reise, langten wir bei guter Zeit
+daselbst an. Die herrlichen Umgebungen voll Gärten<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> und Landhäuser; die
+schönen Alleen, die breiten Straßen, die prächtigen Häuser — alles
+verkündigt eine Hauptstadt.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Fünftes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Drei Monate waren wir bereits in Colombo gewesen, und hatten manchen
+fröhlichen Tag mit alten Freunden verlebt. Endlich waren Templyns
+Angelegenheiten geordnet, und wir mußten auf unsere Rückkehr bedacht
+seyn. Am leichtesten und bequemsten hätte dies zu Wasser geschehen
+können; allein es war keine Gelegenheit vorhanden, überdem hielt auch
+der Regenmonßon noch an. Es ward daher beschlossen, den gewöhnlichen
+Landweg zu nehmen, der längs der Küste hinläuft. Was mich indessen
+anlangt, so hätte ich vorher noch gern eine Reise in die Gebirge von
+Boucout gemacht. Allein Templyn war<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> durchaus dagegen, und nannte die
+ganze Unternehmung abenteuerlich.</p>
+
+<p>Unter diesen Umständen ward ich mit einem Portugiesen, Namens Don
+Manuel de Sylva, bekannt. Es war ein sehr einnehmender Mann, der durch
+eine Reihe der sonderbarsten Schicksale nach Colombo verschlagen worden
+war. Er hatte, wie er sagte, in den Gebirgen von Candy, eine unbekannte
+Diamantengrube entdeckt, dachte auf eine zweite Reise dahin, und lud
+mich zur Gesellschaft ein. Allein ich fand die Sache so gefährlich, daß
+ich den Vorschlag von mir wieß, worauf er sich seinerseits zu unseren
+Reisegefährten anbot. Wir ließen uns dies gern gefallen, nahmen noch
+drei Träger an, und brachen endlich Nachmittags um fünf Uhr von Colombo
+auf.</p>
+
+<p>Der Himmel war mit dicken Wolken bedeckt; von Zeit zu Zeit fielen
+Regenschauer herab, und der Wind blies mit Heftigkeit. Unsere Träger
+hatten ein wenig zu viel Talwag (eine Sorte Arrak) getrunken, und kamen
+daher in der Dämmerung vom rechten<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> Wege ab. So irrten wir die halbe
+Nacht herum, bis wir endlich das Dorf Werigur erreichten, wo nun den
+ganzen folgenden Vormittag ausgeruht ward.</p>
+
+<p>Die nächsten zwei Märsche waren nicht weniger beschwerlich, auch ward
+der angeschwollene Colombo mit vieler Mühe passirt. Abends erreichten
+wir Negombo. Um jedoch dem Commandanten nicht beschwerlich zu fallen,
+quartierten wir uns in dem benachbarten Dorfe Sunneput, in einer alten
+Kirche, ein.</p>
+
+<p>Die beiden folgenden Tage, weitere Reise, und Nachtlager auf die
+gewöhnliche Art. Templyn verließ mich hier; ein Brief von seiner
+kranken Frau rufte ihn eilig nach Jaffanapatnam zurück. Don Manuel, der
+Portugiese, fieng nun zum zweitenmale von seiner Reise an. Er gestand
+mir jezt, daß es keine Diamantengrube, sondern ein Familienschatz sey.
+Er hatte die sichersten Anweisungen über die Stelle, wo er vergraben
+war. Da dies zu meinem Plane, die Gebirge von<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Bocour zu bereisen,
+vortrefflich paßte, willigte ich ohne viel Mühe ein. So erreichten
+wir Chilaw, lohnten unsere Träger ab, machten im Stillen die nöthigen
+Einkäufe, und brachen endlich am dritten Tage wieder auf.</p>
+
+<p>Anfangs, und um die Einwohner zu täuschen, verfolgten wir den nämlichen
+Weg; bald aber schlugen wir uns seitwärts in die Wälder, und nahmen
+unsere Richtung gegen das Gebirge zu. Unsern Reisevorrath hatte der
+Portugiese schon den Abend zuvor in der Nähe versteckt. Das Ganze
+bestand aus einem Sacke mit ungefähr zwanzig Pfund Reis; einem Paar
+Pistolen nebst Pulver und Blei; zwei Calebassen, die eine mit Arrak
+gefüllt, die andere zum Wasser bestimmt; einem Paar kupferner Schüsseln
+und Teller; einem Beile und einem kleinen Taue, einigen Feilen und
+Brecheisen, und einer großen Bärenhaut. Wir passirten den Manasseran,
+und hatten diesen Tag noch einen erträglichen Marsch.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen erblickten wir die Gipfel der Gebirge in blauem
+Nebelduft. Der<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Wald ward nun mit jedem Schritte dichter; bald mußten
+wir uns mit dem Beile durchhauen. Wir richteten uns sorgfältig nach dem
+Compasse, und wanderten so immer nach Osten fort. Als es Nacht geworden
+war, wimmelte es von wilden Thieren um uns her. Doch hielten wir sie
+durch Feuerbrände und Pistolenschüsse von uns ab.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Sechstes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Mit unserer fünften Tagereise ward der Weg nun je länger, desto
+beschwerlicher. Hier hatte noch nie ein menschlicher Fuß gewandelt;
+hier herrschte die Natur noch in ihrer ganzen ursprünglichen Macht.
+Mit unsäglicher Mühe arbeiteten wir uns durch das Gebüsch hindurch, wo
+jeden Augenblick der Anfall eines Tigers zu befürchten war. Gegen ein
+Uhr machten wir Halt, um einige Stunden<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> auszuruhen. Als wir wieder
+aufbrachen, nahm der Wald allmählig an Dichtigkeit ab. Bald aber sahen
+wir eine ungeheure, hohe Grasmasse gleich einer Mauer vor uns. Keine
+Möglichkeit hindurchzudringen, so oft auch der Versuch wiederholt ward.
+Unterdessen fieng es an dunkel zu werden, und wir mußten auf unser
+Nachtlager bedacht seyn. An ein großes Feuer war nicht zu denken, kaum
+hatten wir Holz zum Kochen genug. Wir brachten daher die Nacht auf
+einem Baume zu, wobei uns unser Tau vortrefflich zu statten kam.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen gelang es uns endlich in der Graswand einen Eingang
+zu entdecken, der hindurchzuführen schien. Der Schlangen wegen war
+indessen große Vorsicht erforderlich. Dabei eine erstickende Hitze,
+ein glänzender Sandboden, eine brennendheiße verpestete Luft. Gegen
+Mittag fanden wir endlich einen kleinen Raum, verzehrten die Ueberreste
+unseres Abendessens, und legten uns dann wechselsweise zum Schlafen
+hin.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p>
+
+<p>Als wir wieder aufbrachen, bemerkten wir mit Freuden, daß die Graswand
+immer dünner, und die Anzahl der Oeffnungen immer häufiger ward. Bald
+sahen wir wieder Bäume, und bald gewann der Wald wieder völlig die
+Oberhand. In glänzendem Sonnenlichte lagen die Gebirge von Bocour
+nun ganz vor uns. Nur noch einige Stunden, und der Fuß derselben war
+erreicht. Mit beflügelten Schritten eilten wir über den obern Boden
+dahin. — Plözlich! — O Schreck! o Entsetzen! — Plözlich sahen wir
+einen breiten und tiefen Canal vor uns, der von oben bis unten, mit
+dichtem, eng verflochtenem Gebüsch angefüllt war.</p>
+
+<p>Neue Hindernisse! neuen Schmerz! Endlich beschlossen wir längs des
+Ufers abwärts zu gehen, um zu sehen, ob der Uebergang möglich sey.
+Doch vergebens! Je weiter wir kamen, desto breiter und tiefer ward
+der Canal. So brach der Abend an; ein Glück für uns, daß Holz im
+Ueberfluß vorhanden war. Am folgenden Morgen kehrten wir wieder<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> um,
+und entdeckten endlich eine Stelle, wo wenigstens meinem Gefährten der
+Uebergang möglich schien. Was ich ihm auch sagen mochte, er bestand
+darauf. So ließ er sich denn an dem Taue hinab, nachdem es um einen
+Baum befestigt worden war.</p>
+
+<p>Es dauerte indessen ziemlich lange, ehe er eindringen konnte, dann aber
+war er mir auch augenblicklich aus dem Gesicht. Unverwandt hatte ich
+indessen meine Augen auf das andere Ufer gerichtet; als ich plözlich
+in der Mitte des Dickichts ein starkes Geräusch, und bald darauf sein
+Angstgeschrei vernahm. Er war in Gefahr; wie wahnsinnig sprang ich die
+Tiefe hinab, und drang in der Oeffnung vor. Doch alles vergebens! Kein
+Laut; keine Antwort; nichts gewisser, als daß er von einer Schlange
+erwürgt worden war.</p>
+
+<p>Mit zerrissenem Herzen, mit thränenden Augen stieg ich wieder hinauf,
+und fühlte das Elend meiner Lage in seiner ganzen Schrecklichkeit.
+Ich war allein in dieser Wüste, und auf allen Seiten von Gefahren
+umringt. Ich<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> war allein! — Die Sonne sank tiefer, ich beschloß
+in der nämlichen Richtung fortzugehen. War es Instinkt, war es
+Gleichgültigkeit? es schien mir am besten so. Zum Glück hatte ich noch
+etwas Reis, nebst der Arrakcalabasse, und den Pistolen bei mir.</p>
+
+<p>Die Nacht brach an; ich machte bei einem Baume Halt, kletterte hinauf,
+und band mich mit dem Taue an zwei Aeste fest. Bald schlief ich vor
+Ermüdung ein. Doch mein Schlaf war nicht erquickend; das Bild meines
+unglücklichen Gefährten schwebte mir unaufhörlich vor.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Siebentes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Als ich erwachte, war es hoher Mittag, und ich fühlte mich an allen
+Gliedern gelähmt. Nur mit Mühe vermochte ich mich loszubinden,
+worauf meine traurige Wanderung weiter gieng. Der Weg war mit feinem
+aschfarbenem<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> Sande bedeckt, der mir bei jedem Schritte entgegenflog;
+daher ich von heftigem Durste gepeinigt ward. Zum Glück kam ich endlich
+an einen Bach, wo ich den Rest meines Arrakes mit Wasser vermischte,
+und so ein kühlendes Getränk erhielt. Unterdessen zogen am Horizonte
+furchtbare Gewitterwolken auf. Ich eilte daher, einen großen schattigen
+Baum zu erreichen, den ich in einiger Entfernung vor mir sah.</p>
+
+<p>Es mochte ungefähr um sechs Uhr Abends seyn, als ich glücklich auf
+dieser Stelle ankam. Sofort bratete ich mir einige gefundene Schnecken,
+und kletterte dann auf den Baum, wo ich mich wie gewöhnlich mit dem
+Taue anband. Kaum hatte ich indessen einige Stunden geschlafen; als
+ich aus einem schrecklichen Traume erwachte, und mich über und über
+von Feuer umgeben sah. Das furchtbarste Ungewitter war losgebrochen;
+der ganze Himmel ein wallendes Flammenmeer. Mit unsäglicher Heftigkeit
+raste der Sturm in den Aesten, und warf mich wie einen Ball hin und
+her.<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Den Kopf auf die Knie gestüzt, schloß ich die Augen, und brachte
+den Rest der Nacht in einer Art Betäubung zu.</p>
+
+<p>Der Tag brach an; der Regen hörte auf, der Himmel ward heiter, und
+alles glänzte in goldnem Sonnenlicht. Ich trocknete meine durchnäßten
+Kleider, und machte mich auf den Weg. Allmählig lief der Canal nach
+Osten, eine Richtung, die sehr erfreulich für mich war. Voll Muth und
+Hoffnung wanderte ich so bis Nachmittags um 3 Uhr fort. Plözlich stand
+ich vor einer hohen Felsenwand, die mir den Weg verschloß.</p>
+
+<p>Keine Möglichkeit weiter zu kommen, es mußte denn von Seite des Waldes
+gewesen seyn. Ich beschloß es daher zu versuchen, und drang auch
+wirklich zwischen zwei Dornengebüschen durch. Doch in dem Augenblicke
+schoß eine ungeheure Schlange auf mich los. Wohin sollte ich fliehen?
+Nirgends mehr Rettung für mich! Rechts hatte ich den Canal, links das
+Ungeheuer, vor mir die hohe Felsenwand. Ohne zu wissen, warum, eilte<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span>
+ich indessen den vorigen Weg wieder nach derselben zurück.</p>
+
+<p>Unterdessen war die Schlange immer näher gekommen, und kaum war sie
+noch drei bis vier Fuß von mir entfernt. In dieser entsezlichen Lage
+folgte ich blos meiner Verzweiflung, und sprang, wie wahnsinnig auf
+ein hervorragendes Felsenstück. Von diesem arbeitete ich mich, ohne zu
+wissen wie, allmählich höher hinauf, bis ich endlich oben war. Jezt
+aber sank ich ermattet zu Boden, und lag eine gute Weile, ehe ich
+wieder zu mir kam.</p>
+
+<p>Als ich die Augen aufschlug, und in die Tiefe richtete, sah ich die
+fünfzig Fuß lange Schlange, die sich langsam in den Wald zurück begab.
+Aber zu gleicher Zeit bemerkte ich mit großem Schmerze, daß mein ganzes
+Reisegeräthe verloren war. Ich fühlte, daß meine Lage doppelt elend
+werden mußte, und überließ mich der Verzweiflung. Wohin ich blickte,
+sah ich ein Felsenchaos vor mir, in dessen Mitte sich ein furchtbarer
+Abgrund befand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p>
+
+<p>Der Abend dämmerte; ich suchte in meinen Taschen, und fand zu meiner
+großen Freude noch ein Stück Zwieback und mein Feuerzeug. Von wilden
+Thieren war in dieser Einöde nichts zu fürchten; ich machte daher blos
+Feuer zur Vertreibung des Gewürmes an. So nahm ich mein Lager auf dem
+harten Boden, mein Haupt an die Felsen gelehnt. Alles war still und öde
+um mich; ach! diese Wüste schien mein eigenes Grab zu seyn.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Achtes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Am folgenden Morgen neues Erwachen; neue Noth. Mein ganzes Frühstück
+bestand in ein wenig Regenwasser, das ich in einer kleinen
+Felsenhöhlung fand. Mühsam schleppte ich mich nun in diesem Labyrinthe
+fort; bis ich endlich gegen Mittag an dem Fuße eines hohen steilen
+Berges ankam, der mir abermals<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> den Weg verschloß. Indessen nahm ich
+allen meinen Muth und meine Kraft zusammen, denselben zu erklimmen,
+in der festen Hoffnung, jenseits werde das Ziel meiner Leiden seyn.
+Doch wie groß war mein Entsetzen, als ich mich endlich auf dem Gipfel
+befand, und nichts erblickte, als ein ödes, wildes, mit Klippen
+besäetes Thal!</p>
+
+<p>Es mochte zwei Uhr Nachmittags seyn; ich war gänzlich erschöpft, und
+sah mich vergebens nach etwas Nahrung um. Als ich so da saß, erblickte
+ich eine kleine Schlange, die begierig hinter einer Eidechse herschoß.
+Ich zerschmetterte die erstere mit einem Steine, schnitt ihr, des
+Giftes wegen, den Kopf ab, und bereitete mir ein gutes Mahl von ihr. So
+ist die Existenz der Wesen verknüpft; ein ewiger Kampf der Kräfte, wo
+eine der andern Opfer ist!</p>
+
+<p>Der Berg war auf dieser Seite fast senkrecht abgeschnitten, und der
+ganze Abhang mit spitzigen Klippen bedeckt. Gleichwohl mußte ich das
+Thal zu erreichen suchen, ehe<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> mich auf dem Gipfel die Nacht überfiel.
+— »Nun, wie Gott will!« — sagte zu mir selbst, sezte den rechten
+Fuß vorwärts, klammerte mich mit den Händen an, und fand, daß das
+Herabsteigen wenigstens nicht unmöglich war. Mit unsäglicher Mühe
+arbeitete ich mich nun immer tiefer und tiefer hinab. Doch die Hand des
+Allmächtigen leitete mich sicher neben dem Abgrunde hin. So kam ich
+glücklich an dem Fuße des Berges an.</p>
+
+<p>Als ich das Thal genauer betrachtete, bemerkte ich einen Canal, der
+aber blos in der Mitte, und selbst da nur ganz dünn mit Gesträuch
+bewachsen war. Allein, da es düster zu werden anfieng, beschloß ich in
+einer Felsenhöhle zu übernachten, wo ich zum Glück einige Vogeleier
+fand. Am folgenden Morgen erquickte ich mich mit etwas Regenwasser, und
+wanderte anfangs eine gute Strecke längs des Canals hin. Endlich kam
+ich an eine Stelle, wo der Rand eingestürzt, und die Tiefe zur Hälfte
+damit ausgefüllt war. Fröhlich stieg ich hinunter, und kam bald auf
+der<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> andern Seite an. Hier schlug ich einen Reiher nieder, der gebraten
+wenigstens eßbar war. Von nun an ward der Weg immer ebener, immer
+bequemer, so daß ich die Gebirge bald sehr weit hinter mir sah.</p>
+
+<p>Am andern Morgen, am 16. August, trieb mich die brennende Sonne etwas
+tiefer in den Wald, der neben dem Wege hinlief. Unvermuthet finde ich
+einen gebahnten Weg, und plözlich werde ich frische Fußtapfen gewahr.
+Bald höre ich in der Entfernung Stimmen, und bald vernahm ich, daß es
+bekannte Töne sind. — Gott, welcher Augenblick! Es durchbebte mich,
+wie ein elektrischer Schlag. Ich wollte rufen, ich konnte es nicht.
+Da stürzte ich fort, und stand in wenig Minuten vor einem Haufen
+Singalesen, unter denen mein alter Freund Manioppu war.</p>
+
+<p>Sie zogen nach Putlan, um Salz zu holen, wir waren nur noch drei
+Tagereisen davon entfernt. Nachdem ich daselbst eine Woche ausgeruht
+hatte, kehrte ich zu Wasser<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> nach Jaffanapatnam zurück. Hier fand ich
+Gelegenheit ein äußerst vorteilhaftes Geschäft zu machen, wodurch mir
+mein ausgestandenes Elend sehr reichlich vergütet ward. Als nun endlich
+die Nachricht von dem Pariser Frieden ankam, hielt ich's fürs beste,
+wieder nach der Küste zurückzukehren, und kam nach einer sehr kurzen
+Fahrt, glücklich in Bimilipatnam an.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Neuntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Ein Jahr lang hatte ich hier meine Geschäfte mit vielem Erfolge
+betrieben, als ich mich, um dieselben noch mehr zu erweitern, zu
+einer Landreise nach Madras veranlaßt sah. Dieses geschah in einem
+Palankin. Man kann in der That durchaus nicht sicherer, bequemer und
+angenehmer reisen, als auf diese Art. Ein Palankin ist nämlich eine Art
+von<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> Canapegestell, das ungefähr sieben Fuß lang, und drei Fuß breit
+zu seyn pflegt. Er hat einen mäßig hohen Rand, vier kleine Füße, und
+eine gewölbte Decke von Bambusrohr. Inwendig ist er mit einer weißen
+Matrazze und einigen Kissen belegt, während die Decke entweder mit Tuch
+oder Wachsleinwand überzogen wird.</p>
+
+<p>In der Mitte dieses zeltartigen Daches, ist außerdem noch ein großes
+Stück grüner Cattun befestigt, das nach der Länge des Palankins,
+an beiden Seiten bis auf den Boden reichen muß. Bei Tage wird es
+aufgerollt, und in eine Wulst zusammengeknüpft; bei Nacht aber, wenn
+man in dem Palankin schläft, bildet es eine Art Bettvorhang. Ueberhaupt
+braucht man den Palankin gerade wie ein Canape.</p>
+
+<p>Ein solcher Palankin wird von vier Männern getragen, denen noch vier
+andere zum Ablösen beigesellt sind. Zwei der Träger gehen vorn, zwei
+andere hinten, und jene wie diese halten den Palankin vermittelst
+eines<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Bambusrohres, das vorn und hinten mitten aus der Decke geht. Sie
+marschiren indessen nicht neben, sondern hinter einander, wobei das
+Bambusrohr auf der Schulter ruht. Da sie nun eine Art Takt im Schritte
+halten, den sie auch von Zeit zu Zeit mit der Stimme angeben, so ist
+die Bewegung eben so gleichförmig als angenehm. Man kann dabei lesen,
+schreiben, schlafen u. s. w. wie es einem beliebt. Wäsche, Vorräthe u.
+s. w. werden theils zu den Füßen, theils unter das Kopfkissen gepackt.</p>
+
+<p>Es war vier Uhr Morgens — »Tschollo!« (Marsch!) — riefen meine
+Träger, nahmen den Palankin auf, und wanderten lustig die Straße
+entlang. Als wir Bimilipatnam im Rücken hatten, fieng es eben an
+vollends Tag zu werden, und überall flogen Schaaren von Krähen von
+den hohen schattigen Bäumen auf. Bald kamen wir bei einem schönen
+Mangabusche vorbei. Lieblich schimmerten die goldenen Früchte durch die
+dunkelgrünen glänzenden Blätter, und zwischen<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> den freundlichen Aesten
+flatterten girrende Turteltauben herum.</p>
+
+<p>Weiterhin holten wir eine Menge indischer Pilgrime von allen Sorten
+ein. Sie zogen sämmtlich nach dem heiligen Berge Schiemanchelom, den
+ich ebenfalls zu besehen willens war. Lange mußten wir zwischen diesen
+betenden und singenden Haufen bleiben, bis wir endlich das große schöne
+Thal erreichten, worin sich jener hohe steile Berg erhebt.</p>
+
+<p>Eben sollte am folgenden Morgen das große Jahresfest beginnen, das
+immer neun Tage zu dauern pflegt. Der Zufluß von Menschen war daher
+außerordentlich. Nur mit Mühe fand ich noch einen schattigen Platz für
+meine Palankin, ruhte daselbst bis fünf Uhr, und stieg endlich den Berg
+auf einer breiten bequemen Treppe hinan. Das Thal, das kleine Dörfchen
+Chindopillie, der dabei befindliche See, u. s. w. alles bietet die
+mannichfaltigsten Aussichten dar.</p>
+
+<p>Die ersten 430 Stufen hat man nichts<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> als sanfte Abhänge neben sich.
+Plözlich aber stößt man auf einen steilen Felsenkranz, den man durch
+ein ausgehauenes Portal passirt. Von diesem Thore bis zum Gipfel werden
+noch 1160 Stufen gezählt. So wie man diesen erreicht hat, findet man
+das Dorf Schiemanchelom, und am südlichen Ende desselben den Tempel,
+der dem Gotte Appana geheiligt, und einer der ältesten in ganz Indien
+ist. In der Nähe desselben entspringt die heilige Quelle, die nach
+der Religion der Hindus für eben so wirksam wie das Wasser des Ganges
+gehalten wird. Kein Hindu darf sich dem Tempel nähern, wenn er sich
+nicht vorher in diesem Wasser gebadet, oder wenigstens seinen Kopf
+einige Minuten unter eine der fünf Adern gehalten hat. Das Gedränge um
+dieselben war daher außerordentlich, zumal da der ganze Badeplatz kaum
+hundert Schritt lang, und etwa halb so breit ist. Indessen fand dennoch
+die größte Ordnung, und das beste Betragen dabei statt.<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> Einer half dem
+andern, einer machte dem andern Platz.</p>
+
+<p>Noch bunter waren die Gruppen längs dem übrigen Wege, und auf dem
+Gipfel des Berges selbst. Zu beiden Seiten der Treppe ziehen sich
+nämlich schöne schattige Rasenplätze hin, wo die wandernde Masse
+von Zeit zu Zeit auszuruhen pflegt. Eben so ist es oben in der Nähe
+des Tempels, wo der ganze Haufen zusammentrifft. In dichten Kreisen
+knieten Männer und Weiber an dem Eingange des Heiligthums. Einige waren
+in tiefer Betrachtung; andere beteten mit stiller Lippenbewegung;
+noch andere stimmten Lobgesänge an. Die Luft war mit Weihrauchsdampf
+erfüllt; schöne Tänzerinnen scherzten mit ihren Liebhabern, und überall
+ertönten die Dools (Trommeln), und die Chelimbies (Becken).</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Zehntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Es mochte ungefähr um vier Uhr Morgens seyn, als einer meiner Träger
+mich zu wecken kam. Noch war es völlig dunkel; gleichwohl hatte sich
+bereits der ganze Haufen Pilgrime in Bewegung gesezt. Das Geräusch
+glich dem dumpfen Donner eines Wasserfalles. Alles eilte nach dem
+Berge, der aufs prächtigste mit Fackeln und Pechkränzen erleuchtet war.
+Ich folgte dem Menschenstrome auf der von tausend Lichtern flammenden
+Treppen nach, verließ aber bald das Getümmel, um auf der andern Seite
+des Berges die Sonne aufgehen zu sehen. Nie habe ich eines schöneren
+Morgens, nie einer entzückenderen Aussicht genossen; alles war Licht
+und Klarheit, Leben und Herrlichkeit. Endlich stieg ich auf einem
+schattigen Fußpfade wieder in das Thal hinab, wo ich verabredetermaßen
+meinen Palankin fand.</p>
+
+<p>Wir wendeten uns nun südöstlich, und<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> kamen durch eine schön bebaute
+Ebene nach Nabob Pette, das zwar ein kleines, aber recht artiges
+Dörfchen ist. Hier hielten wir unser Mittagsessen in einem angenehmen
+Mangawäldchen, und sezten dann unsere Reise bis Dovigram, einem etwas
+seitwärts liegenden Dorfe fort, wo eine große und bequeme Chauderie
+befindlich ist. Unter den Reisenden, die sich bereits dort einlogirt
+hatten, fielen mir besonders zwei büßende Fakirs auf, wovon der eine
+ungefähr dreißig, der andere fünfzig Jahre alt war. Jener gieng völlig
+nackend, und trug in seinem Geschlechsgliede einen dicken und großen
+eisernen Ring. Der zweite hatte sich die entsezliche Buße aufgelegt,
+seine Arme und gefalteten Hände, hoch ausgestreckt, unaufhörlich über
+dem Kopfe zu halten, und es wirklich ausgeführt. Die Arme waren nun
+völlig steif geworden, und die Hände gleichsam in einander verwachsen,
+so daß alles ganz unbeweglich stand.</p>
+
+<p>Als ich am andern Morgen in meinem Palankin erwachte, befand ich mich
+unvermuthet<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> bereits zu Vizagapatnam. Meine Träger hatten ihn nämlich
+vorsichtig aufgenommen, und in der Kühle die Paar Stunden schnell
+zurückgelegt. Vizagapatnam ist eine Stadt, oder vielmehr ein Dorf mit
+einer englischen Factorei. Es ist ein unangenehmer, einsamer, trauriger
+Ort, der mitten zwischen kahlen Bergen, wie in einem Kessel liegt.
+Indessen hat es einen schiffbaren Fluß, und viele Baumwollenfabriken;
+auch sind die Einwohner wegen ihren feinen Elfenbeinarbeiten berühmt.
+Eben waren meine Geschäfte abgemacht, und ich wollte weiter reisen,
+als ich von einem Begräbnisse in der Nachbarschaft hörte, das ich mit
+anzusehen beschloß.</p>
+
+<p>Es war zu Velur, nur anderthalb Stunden von Vizagapatnam. Eine junge
+Wittwe von der Caste der Chetries sollte sich mit dem Leichname ihres
+Mannes in einer Grube verbrennen, wie es im südlichen Theile von
+Coromandel auf einem Scheiterhaufen geschieht. Bei meiner Ankunft
+ward ich sogleich nach einem Hause gewiesen, wo die Wittwe<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> in der
+Mitte ihrer sämmtlichen Verwandten, unter einer Art Baldachin saß.
+Es war ein junges wohlgebildetes Weib von höchstens ein und zwanzig
+Jahren, mit einer äußerst sanften Physiognomie. Sie bewegte die Lippen,
+wie eine Betende, theilte dann und wann unter ihre Verwandten Betel
+aus, und schien vollkommen gefaßt zu seyn. Ich betrachtete sie mit
+innigem Mitleid; bald aber zog mich die Menschenmasse nach dem zur
+Feierlichkeit bestimmten Platze fort.</p>
+
+<p>Dieser lag außerhalb des Dorfes, ungefähr eine Viertelstunde davon. In
+der Mitte desselben befand sich eine Grube, die bei zehn Fuß Länge,
+acht Fuß breit und tief zu seyn schien. Sie war bereits mit einer
+großen Menge Kohlen angefüllt, dennoch warf man noch von allen Seiten
+Holz hinein. Endlich rückte der Leichenzug näher, rund um die Grube
+wurden Matten aufgehängt, und die ganze Masse der Zuschauer bildete
+einen unübersehbaren Kreis.</p>
+
+<p>Die Wittwe war aufs prächtigste gekleidet,<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> und überall mit Juwelen
+bedeckt. In der Hand hielt sie eine kleine, mit Gewürznelken besteckte
+Citrone, woran sie bisweilen zu riechen schien. Neben und hinter ihr,
+giengen ihre Verwandten, mit mehrern Braminen, und eine Menge Weiber
+beschloß den Zug. In einer gewissen Entfernung von der Grube ward Halt
+gemacht. Die Wittwe legte ihre Prachtgewänder und Juwelen ab, badete
+sich in dem benachbarten Weiher, den ein dichter Kreis von Freundinnen
+umschloß, und kam endlich in einem ganz einfachen weißen Gewande
+zurück. So gieng der Zug bis in die Nähe der Grube, an deren Rande der
+Leichnam des Mannes auf einer Bahre lag.</p>
+
+<p>Als die Wittwe hier angekommen war, blieb sie einige Augenblicke
+davor stehen, sah ihn mit zärtlichen Blicken an, schlug sich vor die
+Brust, und brach in Thränen aus. Zulezt verbeugte sie sich, verließ
+die Bahre, und gieng dreimal um die Grube herum, wobei sie nie den
+Leichnam zu begrüßen vergaß. Jezt bei dem Leztenmale blieb sie wieder<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span>
+davor stehen; wendete sich zu ihren Verwandten; nahm mit völliger Ruhe
+Abschied von ihnen; empfieng von einem Braminen einen Krug mit Oel; goß
+etwas davon auf den Leichnam; sezte sich das Gefäß auf den Kopf; rief
+dreimal mit lauter Stimme: Naraina! (Gott) und sprang dann muthig in
+das brennende Grab hinein. Man hatte in demselben Momente die Matten
+fallen lassen; zu gleicher Zeit ward auch der Leichnam hineingeworfen,
+und alles mit tausend bereit gehaltenen Bränden bedeckt. Hoch schlugen
+die knisternden Flammen in die Lüfte empor, und die Weiber erhoben
+unter dem Lärm der Trommeln, Trompeten und Becken, ein gräßliches
+Freudengeschrei.</p>
+
+<p>So sehr ich überzeugt war, daß die Unglückliche sogleich erstickt
+seyn mußte; so machte das Ganze dennoch einen sehr schmerzhaften
+Eindruck auf mich. Ich verließ den Platz, und trat meinen Rückweg nach
+Vizagapatnam an. Schon war es dunkel geworden, und in tiefen Gedanken
+wanderte<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> ich wohl eine Stunde fort, bis ich endlich bemerkte, daß
+ich auf dem unrechten Wege war. Ein guter alter Mann, den ich eben
+einholte, bestätigte mir dieses, rieth mir nach Velur zurückzugehen,
+und zeigte mir einen kürzeren Fußsteig dahin. Ich kehrte demnach um,
+gieng einige Zeit auf diesem Fußsteige fort, glaubte aber bald in der
+Entfernung einige Lichter zu sehen, und beschloß geradesweges darauf
+zuzugehen. Doch die Lichter verschwanden, und ich fühlte mit Entsetzen,
+daß der Boden unter mir wich. Vergebens suchte ich mich an einem Busche
+festzuhalten; der Ast brach, und ich stürzte in einen tiefen Abgrund
+hinab.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Eilftes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Als ich wieder zu mir kam, spürte ich in meiner Nähe einen scheußlichen
+Verwesungsgeruch.<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Es war ein todter Büffel, auf dem ich lag.
+Hastig raffte ich mich auf, und starrte verzweiflungsvoll in die
+undurchdringliche Finsterniß. Zorn und Wehmuth, Verdruß und Ungeduld;
+alle diese Empfindungen wechselten unaufhörlich in meiner Seele
+ab. Doch suchte ich mich endlich zu beruhigen, sezte mich auf den
+steinigten Boden nieder, und fiel in einen tiefen Schlaf.</p>
+
+<p>Der Tag brach an; die finstere Gruft erhellte sich; ich erwachte,
+und wurde mit Entsetzen mein ganzes Unglück gewahr. Ich befand mich
+nämlich in einer Höhle, die sich zu beiden Seiten tief in die Erde zu
+erstrecken schien. Aus dem Gewölbe war ein großes Stück eingebrochen,
+und durch diese Oeffnung fiel das Licht hinein. Die hohen Wände waren
+völlig steil, und auf allen Seiten gleich weit davon entfernt.</p>
+
+<p>Was sollte ich thun? Die Gegend schien durchaus menschenleer. Dennoch
+beschloß ich zu rufen, und verstärkte die Stimme nach Möglichkeit.
+Allein vergebens, sie verhallte<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> in dem ungeheuren Raume, der mich
+umgab. Der Tag vergieng, das tröstende Licht verschwand, und Finsterniß
+des Grabes hüllte mich abermals ein. Diese zweite Nacht war ungleich
+schrecklicher für mich. Tausende von Uhus flogen über meinem Kopfe aus
+und ein, und ganze Haufen heulender Schakals umringten die Oeffnung. So
+saß ich mehrere Stunden lang, bis endlich ein schwacher Mondstrahl in
+die Höhle fiel, und meine Stimmung etwas ruhiger ward. Bald darauf sank
+ich in tiefen Schlaf.</p>
+
+<p>So vergieng die Nacht, und mit dem ersten Sonnenstrahle floß neue
+Hoffnung in mein Herz. Durch die Oeffnung aus der Höhle zu kommen, war
+unmöglich; aber durch einen der Seitengänge vielleicht einen Ausweg zu
+finden, schien, troz der Gefahren, eines Versuches werth. — »Wohlan!«
+— sagte ich zu mir selbst — »Wohlan! das Aeußerste gewagt!« — So
+raffte ich mich ungefähr um Mittag auf,<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> und schlug den Weg in einen
+der düsteren Seitengänge ein.</p>
+
+<p>So lange ich noch etwas Tageslicht hatte, gieng es ziemlich gut. Als
+aber auch der lezte Schimmer verschwand, hielt ich mit klopfendem
+Herzen an. Doch auch diesmal trug die Ueberlegung den Sieg davon,
+und so stürzte ich mich muthig in die unermeßliche Nacht hinein. Die
+einzige Vorsicht, die ich brauchte, war, mich Schritt vor Schritt an
+der Wand zu halten, und allen Biegungen derselben nachzugehen.</p>
+
+<p>Der Boden war rauh, und ungleich. Steinhaufen, und einzelne
+Felsenstücke, Erhebungen und Vertiefungen wechselten unaufhörlich
+ab. Ich mußte den Weg unaufhörlich mit dem Hirschfänger untersuchen,
+und rückte daher nur langsam fort. So mochte ich mich ohngefähr zwei
+Stunden fortgearbeitet haben; als ich plözlich an etwas Bewegliches
+stieß. Ich befühlte es mit dem Fuße; es schienen Knochen zu seyn. Ich
+griff es an; es war ein Menschenskelett.<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Welche Entdeckung! — »Das
+Bild meines Schicksals!« — sagte ich zu mir selbst, und lehnte mich
+tief erschüttert an die Wand.</p>
+
+<p>Unterdessen glaubte ich einiges Geräusch zu hören, und rufte laut durch
+die starrende Finsterniß. Zugleich verdoppelte ich meine Schritte,
+entschlossen, dem Tode, oder dem Leben entgegen zu gehen. Plözlich ward
+ich zwei kleine feurige Punkte gewahr. — Vielleicht eine Schlange die
+auf mich zugeschossen kam. — Aber die Punkte blieben unbeweglich; es
+schien von zwei Lampen zu seyn. In dem Augenblicke machte die Wand
+einen starken Abfall, und ich erblickte eine Felsenspalte, die vom
+glänzenden Abendrothe beleuchtet war. Eilends kappte ich das Gesträuch
+hinweg, zwang mich mit muthiger Brust hindurch, und athmete nun wie
+neue geschaffen, in der freien herrlichen Gotteswelt.</p>
+
+<p>Die Sonne gieng unter, und im Purpurglanze lag die ganze liebliche
+Landschaft, und Vizagapatnam in geringer Entfernung<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> vor mir. Ich eilte
+dahin, und ward mit großer Freude empfangen; jedermann hatte mich todt
+geglaubt. Es zeigte sich jezt, daß ich in einer der Höhlen gewesen war,
+die ehedem mit den Pagoden in Verbindung standen, und deren Eingänge
+nur noch wenigen Braminen bekannt sind.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Zwölftes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Nach einigen Tagen Erholung brach ich von Vizagapatnam weiter auf. Die
+Hitze war groß, der Weg beschwerlich; mit Vergnügen hielt ich gegen
+Mittag in dem freundlichen Dörfchen Chieriepille an. Es liegt in einem
+reizenden Thale, ist mit einer Menge Obst- und Betelgärten umgeben, und
+hat eine der schönsten und bequemsten Chauderies, die mir vorgekommen
+sind. Wir fanden hier einen Wahrsager, dergleichen sind in Indien sehr
+häufig. Zum Spaß ließ ich mir auch die<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> flache Hand besehen, und bekam
+eine Menge Glück und Segen gewünscht.</p>
+
+<p>Man darf diesen Leuten kein Geld anbieten, weil ihnen dergleichen
+anzunehmen, nach ihren Geboten nicht erlaubt ist. Man giebt daher
+Cattun, Musselin u. s. w., auch wohl eine Portion Reis. Alle diese
+Effekten müssen sie aber erst neun Tage an ihrem Leibe herumtragen,
+ehe ihnen der Verkauf davon gestattet ist. Was sie dann an Geld dafür
+lösen, dürfen sie nehmen, weil es auf indirektem Wege gewonnen wird.
+Der arme Teufel in unserer Chauderie schien die lezten neun Tage über,
+gewaltig beschäftigt gewesen zu seyn. Er hatte eine solche Menge Zeug,
+Schnupftücher, Turbans u. s. w. an seinem Gürtel hängen, daß er wie
+eine wandernde Schnittwaaren-Bude aussah.</p>
+
+<p>Um meine armen Träger zu schonen, beschloß ich erst am andern Morgen
+weiter zu gehen. Ich benuzte daher den lieblichen Abend zu einem
+Spaziergange in dem schönen Thale, das mit herrlichen grünenden Bergen
+eingefaßt<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> ist. Mit einbrechender Dämmerung gieng ich nach meinem
+Palankin zurück, fand einen vortrefflichen Pillau von Hühnern, und
+Bananas in Eiern gebacken, zum Abendessen, und schlief endlich unter
+den Gesängen einiger reisenden Tänzerinnen ein.</p>
+
+<p>Am andern Morgen gieng es nun rasch über Berg und Thal, durch eine
+Menge Dörfer bis zur Chauderie Darma-Oro, wo zu Mittag angehalten
+ward. Hier sah ich einen Pandarone oder Mönch, der jedem Reisenden auf
+Verlangen, einen Trunk Reiswasser (Canje) gab. Dies geschah, indem er
+es ihm aus einem kleinen kupfernen Topfe in die Hände goß. Kein Hindu
+pflegt nämlich ein Trinkgefäß an die Lippen zu setzen; er hält es
+vielmehr so, daß ihm das Wasser, wie ein kleiner Strahl in den Mund
+schießen muß. Da nun aber eine niedere Caste das Gefäß schon durch die
+bloße Berührung für eine höhere unrein machen kann, so giebt es der
+Pandarone lieber Niemanden in die Hand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p>
+
+<p>Wir reisten weiter, bekamen bald das Meer zu Gesicht, und langten
+Abends in einem Fischerdorfe hart am Strande an. Hier ward ich für eine
+Kleinigkeit mit einem Gericht trefflicher Seefische bewirthet, und
+konnte die Ankunft der Kattamarans mit großer Bequemlichkeit sehen. Es
+ist dies in der That ein Schauspiel, das der Mühe lohnt. Man erinnert
+sich, daß ein Kattamaran ein, fünfzehn bis zwanzig Fuß langes, Floß
+ist, das aus fünf Balken besteht.</p>
+
+<p>Man weiß, daß immer zwei Männer darauf befindlich sind, wovon der eine
+vorn, der andere hinten zu rudern pflegt; eben so, daß bei günstigem
+Winde ein kleines Segel aufgespannt werden kann.</p>
+
+<p>Die Sonne sank tiefer, und von allen Seiten eilten diese Fahrzeuge
+dem Ufer zu. Es war eine ganze, kleine Flotte, pfeilschnell flog sie
+zwischen den purpurnen Fluthen hindurch, von tausenden von Möwen
+umringt, und vom fröhlichen Gesange der Ruderer belebt. Bald näherte
+sie sich nun der Brandung,<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> die bekanntlich an diesen Küsten ungeheuer
+ist. Schnell wurden die Segel gestrichen, und die Ruder eingetaucht;
+da flogen die Kattamarans in die tosenden Wogen hinein. Hier sah man
+einige auf der Spitze derselben, dort andere wie in einem Abgrunde
+schweben, der sich darüber zu schließen schien. Aber wenig Minuten, und
+die ganze Flotte flog in einem Augenblicke auf den sandigen Strand.</p>
+
+<p>Wir hatten unser Nachtlager zwischen den Dünen genommen, wo die
+angenehmste Kühlung herrschte, und nichts von Moskitos zu fürchten war.
+Am folgenden Morgen fanden wir uns daher außerordentlich gestärkt, und
+legten die ganze Tagereise schneller als gewöhnlich zurück. Abends
+kamen wir bei einem Mangabusche an. Hier hatte sich bereits ein großer
+Haufen Reisender gelagert, um am folgenden Tage zusammen durch einen
+Wald zu ziehen, der nicht für ganz sicher gehalten ward. Da ich mit
+Schießgewehr versehen, und überdem ein Europäer war, so<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> baten sie
+mich, sie anzuführen, wozu ich dann auch ganz willig war.</p>
+
+<p>Mit Tagesanbruch machten wir uns demnach auf den Weg. Indessen stießen
+wir auf nichts, als eine Menge rother Affen, von denen der ganze Wald
+bevölkert war. Als wir denselben hinter uns hatten, nahm ich von
+meinen Gefährten Abschied, und stieg wieder in den Palankin. Der Weg
+gieng nun durch eine sehr reizende Landschaft, Dorf an Dorf, und alles
+mit Tamarinden-, Cocos- und ähnlichen Baumpflanzungen, so wie mit
+Betelgärten bedeckt. Jezt bekamen wir auch wieder das Meer zu sehen,
+und athmeten erquickende Kühlung ein.</p>
+
+<p>Ich mußte die Nacht im Palankin zubringen; die ganze Chauderie war
+mit Kaschie-Kauris angefüllt. Es sind dies eine Art Mönche, die zehn,
+zwanzig, und mehrere zusammen, nach Kaschie (oder Bonares) wandern,
+dort Wasser aus dem Ganges holen, und damit beladen, in ihre Heimath
+zurückgehen. Sie füllen dies heilige Wasser in<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> runde irdene Krüge,
+wovon jeder zwanzig bis fünf und zwanzig Kannen halten kann. Diese
+Krüge sind mit dickem Netzwerk umflochten, und mit einem kurzen Halse
+versehen, der sorgfältig vergipst und versiegelt wird. An dem Siegel
+des Oberpriesters von Bonares, so wie an dem Certificate jedes Pilgers,
+erkennt man, ob das Wasser ächt ist. Ein jeder Kaschie-Kauris trägt
+zwei Krüge, den einen vorn, den andern hinten, an einem Bambusrohr.
+Dies Wasser wird entweder an Tempel verschenkt, oder an reiche Hindus
+verkauft. Für leztere ist es ein Gegenstand eines religiösen Luxus. Man
+benezt Sterbenden Haupt und Lippen damit; giebt es aber auch bei großen
+Gastmählern herum.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage passirten wir die Stadt Mongletur, die auf indische
+Weise befestigt ist, und langten Abends ziemlich spät in Tallapalar
+an. Hier mußten wir die Chauderie einer Abtheilung englischer Srapoys
+überlassen, und trieben nur mit Mühe etwas zum Abendessen auf. Am
+nächsten<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Morgen gieng es vollends nach Mazulipatnam. Wir kamen dabei
+durch das Dorf Pakaat. Hier sah ich einen Barbier, der einen ziemlich
+dicken Bart, auf das allervollkommenste mit zwei — Glasscherben abnahm.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Dreizehntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Nachdem ich meine Geschäfte besorgt hatte, sezte ich meine Reise ohne
+Verzögerung fort. Vorher hatte sich noch ein Gefährte, ein gewisser
+holländischer Capitain, Namens Holtrop, zu mir gefunden, der nach
+dem Verluste seines Schiffes nach Madras zurückging. Wir kamen durch
+die Dörfer Okalgatta und Sorligatta, und nahmen unser Nachtlager in
+einer Chauderie hinter Naralcor. Der lezte Theil des Weges war äußerst
+angenehm; er lief durch eine fruchtbare Ebene, mit den mannigfaltigsten
+Pflanzungen<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> bedeckt. Kaum hatten wir aber die Chauderie erreicht, als
+ein heftiges Ungewitter ausbrach. Da sich nun außer uns noch an sechzig
+Reisenden darin befanden, konnten wir allerdings nicht ohne Besorgnisse
+seyn. Indessen gieng alles glücklich vorüber, und nach einigen Stunden
+war der Himmel wieder völlig wolkenleer.</p>
+
+<p>Unsere harmlosen Hindus hatten inzwischen nicht die mindeste Furcht
+gezeigt. Die Männer lasen oder sprachen; die Weiber und Mädchen
+schäkerten und kochten; die Kinder spielten mit unbefangener
+Fröhlichkeit fort. Nach dem Essen wurde erzählt und getanzt, und alles
+war voll Milde und Fröhlichkeit.</p>
+
+<p>Die folgende Tagereise war entzückend schön; die ganze Landschaft
+blühte und grünte in üppiger Fruchtbarkeit. Wir giengen über den
+Kischtna, der in dieser Jahrszeit nicht besonders wasserreich war.
+Die Ueberfahrt ward wie gewöhnlich, in großen, runden, platten Körben
+gemacht. Diese Körbe haben ungefähr zwölf Fuß im Umfange, sind mit<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span>
+Leder überzogen, und werden mit Pagaien (kurzen Rudern) in Bewegung
+gesezt. Man muß sich indessen in diesen Körben sehr ruhig verhalten,
+indem sie beständig im Kreise drehen. Einige sind groß genug, um zehn
+bis zwölf Personen zu fassen; allein Hokkeries (indisches Fuhrwerk),
+Palankins u. s. w. werden niemals auf diese Art übergesezt. Hierzu
+bedient man sich der sogenannten Sangaries, welches ausgehölte
+Cocosstämme sind.</p>
+
+<p>Wir ergözten uns während der Ueberfahrt an den herrlichen
+Uferansichten, und langten endlich in dem freundlichen Dorfe
+Kischtnapatnam an. Die Chauderie lag in der Nähe des Stromes, was uns
+der Kühlung wegen höchst willkommen war. Hier hörte ich zum erstenmale
+die melodischen Minkurwies (eine Art Wasservögel), die, wie man
+behauptet, in dem Kischtna ausschließend zu finden sind. Ich glaubte
+die Töne einer Aeolsharfe zu hören, und sank dabei in den süßesten
+Schlaf.</p>
+
+<p>Nach einem stärkenden Morgenbade sezten wir unsere Reise weiter fort.
+Die Gegend<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> war eben, und meistens mit Reis- und Gerstenfeldern
+bedeckt. Nur hie und da ragten aus den gelblichten Aehrenfluten einige
+glänzend grüne Hügel hervor. Dann folgte eine sandige, mit lichtem
+Tannengebüsch bedeckte Ebene, von einer Menge Schakals bewohnt. Endlich
+zeigte sich eine Reihe düsterer Cocoshaine, von Tausenden von Vögeln
+belebt. So langten wir um ein Uhr in Pampeton an. Dies ist ein großes
+volkreiches Dorf, das von einer Menge Betelgärten und Baumpflanzungen,
+Tamarinden und Arekagebüsche umringt ist.</p>
+
+<p>Nachmittags kamen wir bei einer neuen Chauderie, und einem dem
+Goneisch (Gott der Andacht) geheiligten Tempel vorbei. Das Götzenbild
+lag indessen noch auf dem Boden; es fehlte noch das nothwendigste
+Erforderniß seiner Göttlichkeit. Dies waren die <em class="gesperrt">Augen</em>, die immer
+erst der Oberpriester mit vielen Feierlichkeiten einsezt. So lange ein
+Götzenbild noch dieser entbehrt, wird es blos für einen gewöhnlichen
+Block angesehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p>
+
+<p>Mit einbrechender Dämmerung kamen wir in einem großen, auf einer
+Anhöhe gelegenen Dorfe an. Hier quartierten wir uns in einer Trivasel
+(der kleinsten Art von Chauderies) ein, und fanden zu unserer Freude
+nur wenig Reisende darin. Allein da es bald darauf heftig zu regnen
+anfieng, kam in kurzem noch ein ganzer Schwarm dazu. Ich eilte
+daher mein Abendessen einzunehmen, ließ den Palankin unter einen
+dickblätterigen Baum stellen, streckte mich hinter den Vorhängen auf
+meine Matrazze hin, und schlief, troz der Clapper eines Reisfeldhüters,
+in wenig Minuten ein.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen, das herrlichste Wetter, und alles voll Leben und
+Heiterkeit. Indessen begegnete mir schon in der ersten Stunde ein
+Unfall, der wenigstens meinen armen Trägern den ganzen Tag verdarb. Als
+ich nämlich einmal aus dem Palankin steigen wollte, ward ich einige
+Schritte vor mir eine ganz still liegende Brillenschlange gewahr;
+ich hielt sie für todt, und gieng unbesorgt<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> darauf los. Allein wie
+groß war mein Entsetzen, als sie sich auf einmal mit glühenden Augen,
+geöffnetem Rachen und blitzender Zunge aufzurichten anfieng! Plözlich
+flog ich zurück, ergriff die Flinte und drückte los, worauf die
+Schlange nach einem benachbarten Busche kroch.</p>
+
+<p>Unterdessen war auch Capitain Holtrop und mein Bedienter hinzugeeilt,
+jeder mit einem Hirschfänger in der Hand. Wir beschlossen den Busch
+anzuzünden, und auf die Schlange, die dann herauskommen mußte,
+vereinigt loszugehen. Bald stand der Busch in vollen Flammen, und noch
+immer erschien sie nicht. Schon glaubte ich mich geirrt zu haben,
+plözlich schoß sie zwischen meinen Füßen hindurch.</p>
+
+<p>»Herr! Das bedeutet Unglück!« — riefen meine Träger mit kläglicher
+Stimme, und ich selbst war fast außer mir. Aus gleichem Aberglauben
+natürlich nicht; nur weil ich einer so großen Gefahr entgangen war.
+Meine Träger boten jezt alles auf, um mich zum<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Umkehren zu bewegen,
+allein ich gab durchaus nicht nach. So legten wir unsern gewöhnlichen
+Tagesmarsch zurück, und kamen mit Sonnenuntergang Wohlbehalten in
+Pariatschirli an.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Vierzehntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Unter der großen Menge anderer Reisenden, die sich allmählig in der
+Chauderie zu uns gesellten, befand sich auch ein Trupp herumziehender
+Tänzerinnen, Sutred-Haries genannt. Es waren ihrer sieben zusammen, wie
+gewöhnlich von ihrem Tanzmeister (Chelcinbikarea) und ihrem Musikanten
+(Juntries) begleitet. Nachdem sie sich in dem benachbarten Weiher
+gebadet, und ihre Tanzkleider angelegt hatten, kam die erste Tänzerin
+auf mich zu, überreichte mir einen Blumenstrauß und fragte, ob es mir
+gefällig sey,<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> ihre Gesellschaft tanzen zu sehen. Ich erwiederte ihren
+Gruß, bestellte sie nach dem Abendessen wieder, und ward dafür von
+allen Anwesenden mit Danksagungen überhäuft. — »Der gute Herr! Der
+große Herr!« — tönte es in der ganzen Chauderie wieder; denn tanzen zu
+sehen, ist für die Hindus, besonders für das weibliche Geschlecht, ein
+höchst angenehmer Zeitvertreib. Kaum war ich nun mit dem Essen fertig,
+als alles die Matten bei Seite schaffte, und einen großen Kreis um
+mich schloß. Bald darauf erschienen die Tänzerinnen, hinter ihnen die
+Juntries. Die Musik fieng an; die lieblichen Nymphen entschleierten
+sich, und begangen den kunstreichsten Elfentanz. Sie waren aus Surate,
+das von jeher für den Geburtsort der schönsten und vorzüglichsten
+Tänzerinnen galt. Mit großem Vergnügen sah ich ihnen wohl eine Stunde
+zu.</p>
+
+<p>Aber endlich war es Zeit aufzuhören; ich gab demnach das Zeichen dazu
+— »Genug, schöne Mädchen!« — sagte ich im indischen<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Stil — »Genug
+für diesmal! — Ihr habt mir mit eurem kunstreichen Tanze die höchste
+Genüge gethan, und mein Herz mit Entzücken erfüllt. Gewiß, Rhambe (die
+Göttin des Tanzes) selbst übertrifft euch nicht. Seyd ihr nicht zu sehr
+ermüdet, so vergönnt mir, daß ich nun auch eure lieblichen Stimmen
+hören kann!« — Dieses Lob gefiel ihnen außerordentlich, zumal, da es
+von einem Europäer kam. Sofort sezten sie sich in einen Halbkreis, und
+sangen mir eine der schönsten indischen Romanzen, die Liebesgeschichte
+des Prinzen Sondor, und der Prinzessin Biddrah vor. Dies dauerte bis
+Mitternacht. Endlich machte ich der ersten Sängerin ein angenehmes
+Geschenk, und entließ die ganze Truppe, höchst vergnügt über meine
+Freigebigkeit.</p>
+
+<p>Alles eilte nun schlafen zu gehen, und ich selbst suchte meinen
+Palankin auf. Kaum hatte ich aber einige Minuten geschlummert, als
+ich durch ein leichtes Zupfen am Ueberhange wieder geweckt ward. —
+»Wer da?« — rufte ich, indem ich denselben aufhob. — »Ich<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> bin es,
+mein Herr!« antwortete eine leise Stimme — »Die Daja (Aufwärterin)
+der Sutred-Haries (Tänzerinnen). Ich bringe euch tausend Grüße von
+dem lieblichen Mädchen, mit dem Kranze von weißen Rosen im Haar. Eure
+Freundlichkeit hat ihr Herz geöffnet, wie sich die Lilie der Sonne
+aufschließt. Empfangt diesen Betel; sie bereitete ihn selbst für euch.
+Sie sizt zu den Füßen eures Lagers und erwartet euren Befehl!« —</p>
+
+<p>Das liebliche Mädchen mit dem Kranze von weißen Rosen war mir
+allerdings sehr erinnerlich. Es hatte bei seiner Jugend, Grazie und
+Schönheit, einen sehr lebhaften Eindruck auf mich gemacht. Indessen
+kannte ich die reisenden Tänzerinnen etwas genauer, beschloß daher auf
+meiner Hut zu seyn, und fertigte die Daja mit einer ziemlich kalten
+Antwort ab.</p>
+
+<p>»Wie, mein Herr!« — erwiederte sie lebhaft — »Ihr verschmäht die
+schöne Mamia? — Ich glaubte doch bemerkt zu haben, daß sie euch nicht
+gleichgültig war. — Was<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> fürchtet ihr? — Sie ist mein liebstes Kind,
+und ihr seyd der erste, dem sie den Betel der Liebe<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> schickt.«</p>
+
+<p>Ich mußte lächeln — »<em class="gesperrt">In Wahrheit?</em>« — fragte ich etwas
+spöttisch — »Aber seyd so gut, und laßt mich mit eurem Kampaak in
+Ruhe, ich bitte euch darum.« — Sie verbeugte sich tief und gieng.</p>
+
+<p>Als ich indessen am folgenden Morgen das schöne Mädchen noch einmal
+sah, ward ich in meinem Innersten gerührt. Wie viel Liebreiz! Welche
+Sehnsucht! Und welcher stille Schmerz! Ihre Augen schwammen in Thränen;
+sie wandte ihr Gesicht von mir ab, und verschleierte sich. Wir brachen
+auf, ich hoffte die Tänzerinnen nachkommen zu sehen; allein sie hatten
+andere Stationen gewählt.</p>
+
+<p>Wir aßen Mittags zu Pondipitly, wo wegen eines Festes alles voll
+Fröhlichkeit war.<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> Unter andern sahen wir einen Schonir (eine Art
+Bettelmönche), der die Flöte durch die <em class="gesperrt">Nase</em> blies. Er steckte
+nämlich zwei kleine, ungefähr anderthalb Spannen lange, Flöten in die
+Nasenlöcher, und blies Prime und Secunde mit großer Fertigkeit darauf.
+Nachmittags kamen wir bei einem schönen Ala<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> vorbei. Er mochte
+ungefähr erst hundert Jahre alt seyn; gleichwohl bildete er mit seinen
+unzähligen herabhängenden Aesten bereits ein grünendes Gewölbe, das
+wenigstens tausend Schritte im Umfange hielt. Abends blieben wir in
+Palpatte, wo eine der größten Chauderies von ganz Indien ist.</p>
+
+<p>Unsere lezte Tagereise bot wenig Merkwürdigkeiten dar. Wir begegneten
+einer anderen Truppe Tänzerinnen, und ich dachte lebhaft an die
+liebliche Mamia. Gegen fünf Uhr kamen wir in Carraconde an. Die
+Chauderie war bereits völlig besezt, wir lagerten<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> uns daher in einem
+benachbarten Mangabusch. Um schneller Feuer zu bekommen, raffte ich
+einige trockene Baumblätter auf. In dem Augenblicke fühle ich einen
+stechenden Schmerz; ziehe die Hand zurück, sehe, daß eine schwärzliche
+Schlange daran hängt, und verliehre das Bewußtseyn.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Fünfzehntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Feuer, von meinen Trägern
+umringt. Sie fuhren fort, meinen Finger gegen die Flamme zu halten, um,
+wie sie glaubten, das Gift heraus zu ziehen; während bereits nach dem
+Schorpojan, oder Schlangenbeschwörer geschickt worden war. Bald darauf
+kam der Bote mit der Nachricht zurück, daß derselbe abwesend sey.
+Indessen brachte er dafür einen mohrischen Waitium (Arzt)<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> mit. Dieser
+besah meinen Finger mit großer Aufmerksamkeit, und erklärte mir ohne
+Umschweife, daß ich allerdings nicht außer Gefahr sey. Indessen gab er
+mir einen Löffel von einer höchst bittern Latwerge ein, versprach den
+andern Tag wieder zu kommen, und nahm mit den Worten: Gott ist groß!
+(Tambrane meharse!) Abschied von mir.</p>
+
+<p>Es währte keine halbe Stunde, als mich ein allgemeines Frösteln mit
+heftigem Schwindel überfiel — »Freunde!« — rief ich mit gebrochener
+Stimme. — »Es ist vorbei! Ich sterbe! Lebt wohl! Lebt alle wohl!« —
+Alle schwiegen und weinten; ich fühlte wie es immer düsterer um mich
+ward. Auf einmal hörte ich ein lautes Pfeifen neben mir. Ich schlug die
+Augen auf, und erblickte dieselbe Schlange, von der ich gebissen worden
+war. — »Das ist sie! Das ist sie!« — rief ich mit Entsetzen, während
+sie langsam an einem vom Feuer beleuchteten Stamme herunterkroch.
+Meine Leute betrachteten sie nun genauer, und versicherten einstimmig,
+daß<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> sie nicht giftig sey. Mein Schwindel verlor sich; ich athmete mit
+leichterer Brust.</p>
+
+<p>Indessen nahm der Schmerz am Finger außerordentlich zu. Bald zeigte
+sich der Anfang einer Entzündung, die allmählig die ganze Hand zu
+ergreifen schien. Ich beschloß daher, auf den eigenen Rath des Waitiums
+nach Naporlie zu gehen, wo ein berühmter Schorpojan wohnhaft war. Wir
+kamen an, aber leider befand er sich nicht mehr daselbst. In dieser
+verzweifelten Lage beschloß ich so schnell als möglich nach Madras zu
+eilen, und brach auch wirklich am folgenden Morgen in aller Frühe auf.</p>
+
+<p>Aber welcher Unterschied! Meine Träger niedergeschlagen; ich von den
+heftigsten Schmerzen gequält; mein Reisegefährte ebenfalls krank.
+Schweigend und traurig zogen wir daher; das einförmige Hei! Hei! Hei!
+der Träger<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> war alles, was von Zeit zu<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> Zeit die melancholische
+Stille unterbrach. So kamen wir Mittags nach Kalurie, wo wir ganze
+Heerden calecuttischer Hühner sahen, und übernachteten bei Madupatte
+unter Bäumen in freier Luft. Mein Schmerz war unerträglich; ich konnte
+keine Viertelstunde ruhen; wir machten uns daher noch vor Sonnenaufgang
+auf den Weg.</p>
+
+<p>Der Boden ward sandiger, die Landschaft kahler, die Bevölkerung
+schwächer; alles kündigte die Nähe des Meeres an. Indessen fanden
+wir doch noch ein sehr schönes Dorf, Anenabob genannt, wo zu Mittag
+gegessen ward. Nachmittags passirten wir den Gondakama in einem
+Sangarie (hohlen Cocosstamme) und kamen Abends nach Pandalur, das
+ganz mit Betelgärten umgeben ist. Ich hatte eine sehr traurige
+Nacht. Gegen Morgen indessen bekam ich einige Linderung, und durfte
+einer erträglichen Tagereise entgegen sehen. Sie bot jedoch nichts
+Merkwürdiges dar. Wir hielten Mittags zu Binganapilli an, und
+übernachteten zu Aschacoldindi, das in der<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Nähe des Meeres liegt.
+Die Chauderie war völlig leer; ich ließ daher meinen Palankin
+hineinbringen, und fiel in einen tiefen Schlaf.</p>
+
+<p>Als ich am andern Morgen erwachte, war der Schmerz in meiner Hand
+beinahe verschwunden, allein der Finger völlig fühllos, folglich der
+Brand nur zu gewiß. Eilends rief ich meine Träger herbei. — »Ich muß
+nach Madras, Freunde« — sagte ich — »Nach Madras, oder es ist um mich
+geschehen. — Ich muß Tag und Nacht durch reisen, oder es ist keine
+Hülfe mehr für mich!« —</p>
+
+<p>Meine Kulies sahen einander an, und gaben dann einstimmig ihre
+Einwilligung. — »Ja Herr!« — riefen sie — »Wir wollen bei euch
+aushalten; wir wollen euch nach Madras bringen, verlaßt euch darauf!«
+— Ich nahm nun noch sechs andere Träger, theils zum Ablösen, theils
+zum Fackeltragen an, und die Reise ward fortgesezt.</p>
+
+<p>Dieser Tag war einer der traurigsten meines Lebens, dessen ich mich
+erinnern kann.<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> Er endigte jedoch mit einer Entdeckung, worüber
+ich allen meinen Schmerz vergaß. Gegen vier Uhr Nachmittags kamen
+wir nämlich durch Nebabpent, ein großes, wegen eines alten Tempels
+berühmtes Dorf. Diesem Tempel gegen über war ein schöner Weiher, mit
+einer Menge Badender angefüllt, worunter sich an dem einen Ende auch
+ein Haufen junger Mädchen befand. Ziemlich flüchtig hatte ich auf diese
+Gruppen hingeblickt, als ich plözlich einen durchdringenden Schrei
+vernahm. Die Stimme schien mir bekannt, ich sah noch einmal hin, und
+sah — O gütiger Himmel! — sah Mamia, die liebliche Tänzerin, die eben
+aus dem Bade gestiegen war.</p>
+
+<p>»Halt! Halt!« — rief ich den Trägern zu, sprang aus dem Palankin,
+und flog auf das Mädchen zu. — »O Mamia! Geliebte Mamia!« — sagte
+ich — »Wie oft habe ich an dich gedacht!« — Nie hatte ich sie so
+reizend gesehen. Sie glich in ihrem feuchten, die schönen Glieder dicht
+umschließenden Gewande,<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> einer dem Meere entstiegenen Huldgöttin. —
+»O mein Herr!« — erwiederte sie mit holdem Erröthen — »Aller Augen
+sind auf uns gerichtet!« — »Wohl süße Mamia!« — gab ich zur Antwort
+— »Ich spreche dich in der Chauderie.« — Sie bejahte es mit einem
+himmlischen Lächeln, und eilte mit ihren Gespielinnen zurück. Wir aber
+nahmen so fort von der Chauderie Besiz.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Sechzehntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Indessen war ich nicht wenig verwundert, weder die Juntries
+(Spielleute) noch die Bagage der Tänzerinnen daselbst zu sehen. War
+es ein Mißverstand? Hatten sie einen andern Lagerplatz? — Oder waren
+sie plözlich abgereist? — Beinahe fieng ich an ungeduldig zu werden,
+als die Daja mit vielen Grüßen von Mamia erschien. Sie waren in einem
+Mangabusche<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> gelagert, in wenig Minuten würde sie bei mir seyn. Ich gab
+der Alten einige Rupien, ließ noch mehr Lampen anzünden, und harrte des
+lieblichen Mädchens am Eingange der Chauderie. Endlich erschien sie,
+doch des Wohlstandes halber die Daja mit ihr.</p>
+
+<p>Sie verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen; allein das Klopfen ihres
+Busens verrieth, wie sehr sie in Bewegung war. Ich führte sie sogleich
+zu einem Teppich, und bot ihr Betel an. — »Freue dich, schöne Mamia!«
+— sagte ich — »Du bist gerächt!« — Und hiermit erzählte ich ihr die
+ganze Geschichte meiner Leidenschaft.</p>
+
+<p>»O mein Herr!« — erwiederte sie — »Ich habe sie längst entschuldigt.
+Ich erkenne mein Schicksal, das mich auch in meiner Liebe verfolgt!«
+— So erklärte sie mir mit sanftem Erröthen den ganzen Zusammenhang.
+— »Mein Herz war immer bei Ihnen!« — fuhr sie fort — »Ich klage
+niemand als mein Unglück an!« — Sie war aus der Caste der<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> Aerzte,
+und nur aus Noth eine Tänzerin geworden<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a>, da sie sich nach dem Tode
+ihrer Eltern gänzlich verlassen sah. Für meine Hand versprach sie mir
+einen köstlichen Balsam zu bereiten, und eilte deshalb sofort zu dem
+Lagerplatze zurück.</p>
+
+<p>Während ihrer Abwesenheit unterhielt mich die Daja sehr lebhaft von
+ihr. Sie konnte mir nicht beschreiben, wie betrübt das gute Kind über
+meine Gleichgültigkeit und meine Abreise gewesen war. Nach einer
+kleinen halben Stunde war das liebliche Mädchen schon wieder mit dem
+Balsam da, und verband meine Wunde mit vieler Geschicklichkeit. Ich
+konnte mich nicht enthalten, sie an mein Herz zu drücken, und sie
+erwiederte meinen Kuß mit Zärtlichkeit.</p>
+
+<p>»Ach!« — rief sie wehmüthig aus — »Das ist ja doch das Leztemal, daß
+ich sie<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> sehen kann!« — »Das Leztemal?« — fragte ich bestürzt — »Wie
+meinst du das lieblichste Mamia?« — »Ach mein Herr! Ich fürchte es
+wenigstens!« — erwiederte sie, und erzählte nun, wie weder sie, noch
+die Daja, noch irgend eine ihrer Gespielinnen jemals in Madras gewesen
+sey. — »Wie werde ich sie wiederfinden können?« — fuhr sie fort —
+»Ach nimmermehr! — Ich werde vor Sehnsucht sterben; ich fühle es.« —
+Ihre Thränen flossen; sie verbarg ihr Gesicht an meiner Brust.</p>
+
+<p>»Nein, bei Gott nicht!« — rief ich mit Lebhaftigkeit aus — »Bei Gott
+nicht!« — »Hier Mamia!« — indem ich eine Ola<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> herausnahm. —
+»Hier Mamia, hast du Namen und Wohnung von drei Freunden, bei denen
+du mich aufsuchen kannst.« — Zu gleicher Zeit schrieb ich ihr noch
+mein Speisehaus u. s. w. auf. — »So wirst du mich nicht<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> verfehlen,
+liebstes Herz!« — fuhr ich fort, und hatte die Freude, sie beruhigt zu
+sehen.</p>
+
+<p>Mein Entschluß war gefaßt, Mamias Zukunft für immer bestimmt. Noch
+eine Umarmung, und ich stieg in den Palankin. Meine Träger hatten fünf
+Stunden geruht; mit brennenden Fackeln zogen wir zum Dorfe hinaus. Die
+Nacht war still und schön; bald schlief ich unter den lieblichsten
+Erinnerungen ein. Als ich am andern Morgen erwachte, lag die herrliche
+Landschaft schon in vollem Sonnenglanz. Ich war sehr vergnügt; meine
+Wunde ließ sich vortrefflich an. Sorgfältig goß ich von Zeit zu Zeit
+neuen Balsam darauf.</p>
+
+<p>Mittags hielten wir in Jasurpalam, in einer etwas kleinen, aber sehr
+reinlichen Chauderie an. Bald darauf kamen noch drei andere Reisende
+zu uns. Es war ein Mr. Harclay mit seinem Intendanten und Secretär.
+Er kam von Madras, und gieng als Gouverneur nach Mazulipatnam. Wider
+Gewohnheit der Engländer war er sehr gesprächig,<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> und lud mich zum
+Mittagsessen ein. Er gestand mit vieler Offenherzigkeit, daß er blos,
+um ein Paar Plumbs<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> zusammenzubringen, nach Ostindien gekommen sey.
+Nach einigen Stunden brachen wir wieder auf, und ruhten dann die halbe
+Nacht zu Kukenpuron. Am folgenden Morgen kamen wir zu Palliacatta, und
+so am vierzehnten Tage zu Madras an.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Siebenzehntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Ich war bei meinem alten Freund <em class="gesperrt">Frank</em> abgetreten, und lernte
+durch diesen einen französischen Arzt, Namens <em class="gesperrt">Beißer</em> kennen,
+der seiner Geschicklichkeit wegen, in großem Rufe stand. Doctor Beißer
+besah meine Wunde, zuckte die Achseln, nahm<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> einige Operationen vor,
+und legte einen neuen Verband an. Nur Mamias Balsam mußte ich es
+verdanken, wenn noch Möglichkeit zur Rettung vorhanden war. Während
+wir so von meinen Abentheuern sprachen, kam endlich Doctor Beißer auf
+meinen Namen zurück.</p>
+
+<p>»Aber Haafner! Haafner!« — sagte er — »Der Name kommt mir so bekannt
+vor. War ihr Vater vielleicht aus Kolmar?« — Ich bejahte es. — »Und
+ihr Großvater Bürgermeister daselbst?« — »Ganz richtig!« — erwiederte
+ich — »Nun so seyn Sie mir herzlich willkommen, liebster Vetter« —
+rief er auf einmal zu meiner Verwunderung aus, und umarmte mich. —
+»Ihres Vaters Schwester war meine Schwiegermutter; ich bin ebenfalls
+aus dem Elsaß.« — Nun ruhte der gute Mann nicht länger; ich mußte noch
+denselben Tag zu ihm ziehen.</p>
+
+<p>Er war von Isle de France hierher gekommen, und hatte sich durch
+einige glückliche Kuren, in kurzer Zeit eine sehr ansehnliche Praxis
+verschafft. Dies sezte ihn in den<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Stand auf einem höchst glänzenden
+Fuße zu leben, so daß sein Haus den reichsten Kaufmannshäusern ähnlich
+war. Unter seiner Aufsicht ließ sich nun meine Wunde immer besser an,
+und heilte endlich vollkommen zu. Auch das hatte ich also im Grunde dem
+lieben Mädchen zu danken, deren Ankunft ich sehnsuchtsvoll entgegensah.</p>
+
+<p>Bald waren indessen vierzehn Tage vergangen, und noch immer hatte
+ich keine Nachricht davon. Doch endlich kam ein Juntrie, und brachte
+mir tausend Grüße von ihr. Ich folgte ihm außerhalb der Stadt in ein
+Wäldchen, wo die ganze Truppe gelagert war. Wenig Minuten und Mamia
+sank mit süßem Erröthen an meine Brust. — Ich erfuhr nun, daß ihre
+Ankunft blos durch eine Unpäßlichkeit der Daja verzögert worden war,
+und daß sie die Gesellschaft verlassen könnte, so bald ich es für
+dienlich hielt.</p>
+
+<p>»Wohlan denn, liebstes Herz!« — sagte ich — »Das soll den Augenblick
+geschehen!« — Und so bat ich sie, mich in die Stadt zu begleiten,<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span>
+und die für sie bestimmte Wohnung zu besehen. Ich hatte ihr nämlich
+in einem malabarischen Hause, bei einer alten Wittwe, ein Paar artige
+Zimmer gemiethet, und auch für eine Aufwärterin gesorgt. So brachen
+wir auf; ein Juntrie trug die Sachen des lieben Mädchens, und ehe zwei
+Stunden vergiengen, war alles in Ordnung gebracht. Noch denselben Tag
+nahm ich das erste Abendessen bei dem holden Mädchen ein. — Von nun an
+war der Tag meinen Geschäften, der Abend meiner Liebe geweiht. Doch,
+ehe wir Madras verlassen, noch einige Bemerkungen über diese Stadt.</p>
+
+<p>Madras, von den Eingebornen Tschinepatnam (Chinesenstadt) genannt, wird
+in die weiße und schwarze Stadt eingetheilt. Jene von vier bis fünf
+hundert Häusern, und mit einer Menge großer Magazingebäude, befindet
+sich in der Mitte der starkbefestigten Citadelle, Fort St. George
+genannt, das hart am Strande liegt. Diese, durch einen großen Plaz
+davon getrennt, hat ungefähr eine<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> Stunde im Umfang. Die weiße Stadt
+ist der Siz der Regierung, auch wohnen die vornehmsten und reichsten
+Leute daselbst. Die schwarze Stadt wird hauptsächlich von Malabaren,
+Armeniern, Mestizen u. s. w. bewohnt, doch trifft man auch hier viel
+Engländer an.</p>
+
+<p>Die englischen Häuser in der weißen, so wie die armenischen in der
+schwarzen Stadt, zeichnen sich durch ihren Umfang und ihre Nettigkeit
+aus. Sie sind von Quadern oder Backsteinen, glänzend weiß angestrichen,
+und mit Balkons, und platten Dächern versehen. Glasfenster findet man
+nirgends, wohl aber welche von Bambusfäden, auch sogenannte Jalousien;
+die malabarischen Häuser u. s. w. in der schwarzen Stadt sind äußerst
+einfach, und haben alle nur ein Erdgeschoß.</p>
+
+<p>Der Boden von Madras ist dürres Sandland, wo man nur mit Mühe einige
+Produkte ziehen kann. Das Wasser ist schlecht. Man muß sich mit
+Brunnen- und Teichwasser behelfen, weil das Seewasser alle Quellen<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span>
+verdirbt. Die Rhede ist unsicher; die Schiffe befinden sich wie
+in offener See, zumal bei Veränderung des Moußon (Jahreszeit).
+Ehedem mußten daher die englischen Kriegsschiffe, vor Eintritt des
+Regenmonßon, immer nach Bombay abgehen, und die englischen Besitzungen
+auf der Küste, blieben allen feindlichen Angriffen von Trinconomale
+(auf Ceylon) ausgesezt. Seitdem sich aber die Engländer dieses
+wichtigen Punktes, so wie der ganzen reichen Insel bemächtigt haben,
+können sie nicht nur ihre Flotten in der Nachbarschaft überwintern
+lassen, sondern auch vor jedem Angriffe sicher seyn. Die englischen
+Einwohner von Madras leben im Allgemeinen auf einem sehr glänzenden
+Fuß. Der Gouverneur giebt den Ton an, und alles ahmt ihm nach, so
+weit es möglich ist. Dieser asiatische Pomp zeigt sich vorzüglich in
+einer zahlreichen Dienerschaft, in glänzenden Equipagen, in prächtigen
+Wohnungen, in schönen Gartenhäusern, in einer vortrefflichen Tafel
+und einer großen Gastfreiheit.<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> Freilich sezt dies sehr ansehnliche
+Einkünfte voraus; allein diese fehlen auch nicht. Sowohl die höhern,
+als die niedern Compagniebeamten beziehen sehr hohe Gehalte, und
+erwerben überdem durch Handelsgeschäfte außerordentlich viel. Die
+eigentlichen Kaufleute, die Mäkler, die Aerzte und Wundärzte, die
+Advokaten u. s. w. alle häufen in kurzem ansehnliche Reichthümer auf.</p>
+
+<p>Mit Anbruch des Tages, d. h. um fünf Uhr Morgens steht man auf, und
+fährt oder reitet spazieren bis gegen acht Uhr, wo gefrühstückt wird.
+Dies ist zugleich die beste Zeit, wo man jedermann zu Hause treffen,
+und Geschäfte machen kann. Die Büreauarbeit hat von neun bis zwei
+Uhr statt. Jezt wird gespeist, worauf die Siesta (Nachmittagsschlaf)
+folgt. Um fünf Uhr fangen die Assembleen an. Um neun Uhr wird zu
+Abend gegessen, was hier die Hauptmahlzeit ist. Selten pflegt man vor
+Mitternacht, in der Regel, erst gegen ein Uhr schlafen zu gehen.</p>
+
+<p>Ein stehendes Theater giebt es nicht, doch<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> finden zuweilen
+Vorstellungen von Liebhabern statt. Dafür werden desto mehr
+Pferderennen mit indischen und arabischen Pferden gehalten, wozu
+man die kühlen Morgenstunden wählt. Gelegenheit zu Landparthien u.
+s. w. giebt es mancherlei, z. B. nach dem St. Thomasberge, wo noch
+ein portugiesisches Kloster ist, nach Emnore, wo man das Seebad
+brauchen kann, nach Meliapar, wo sehr viel artige Landhäuser sind, und
+dergleichen mehr.</p>
+
+<p>Eines der angenehmsten Ereignisse für Madras ist die Ankunft eines
+<em class="gesperrt">Indiaman</em>, oder großen Compagnieschiffes, wovon die meisten auf
+vier und dreißig Canonen gebohrt sind. Dann ist alles voll Leben und
+Thätigkeit, und überall werden die neu angelangten Waaren zum Verkaufe
+ausgestellt. Die Beamten der Compagnie haben dabei den Vortheil, daß
+ihnen Tuch und Maderawein für den Facturenpreis überlassen werden
+muß. Sehr angenehm ist auch die Ankunft der großen Chinafahrer auf
+ihrer Rückreise nach England. Sie bringen die schönsten<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> Seidenzeuge,
+Nankins, Frauenzimmerschuhe, Porcellanwaaren, Gemälde, Fächer,
+Spielsachen u. s. w. mit.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Achtzehntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Ich kehre zu meiner Geschichte zurück. Meine Verhältnisse erlaubten
+mir, meiner Neigung zum Landleben zu folgen, und mich von allen
+Geschäften völlig zurückzuziehen. Allein um dieses ausführen zu können,
+mußte ich durchaus noch eine Reise nach Pondichery machen, wo ich in
+weitläuftigen Verbindungen stand. Theils der Ersparniß, theils der
+Schnelligkeit wegen, beschloß ich diesmal zu Wasser zu gehen, und
+brachte den Abend vor der Abreise, wie gewöhnlich bei Mamia zu.</p>
+
+<p>Sie war mit meinen Angelegenheiten bekannt; sie wußte wie nothwendig
+diese Reise war. Kaum hörte sie mich aber vom Schiffe<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> sprechen, als
+sie zu weinen anfieng. Sie fürchtete das Meer, sie bat mich aufs
+zärtlichste, zu Lande zu gehen. Allein es ließ sich nun nicht ändern,
+ich suchte sie daher zu beruhigen, und verließ sie endlich nach
+Mitternacht. Jezt nach einigen Stunden Ruhe begab ich mich an den
+Strand, um mit einer Chialeng (Ruderboot) nach dem Schiffe zu fahren,
+das bereits auf der äußeren Rhede lag.</p>
+
+<p>Indem ich mich der Chialeng näherte, erblickte ich zwei Frauenzimmer
+dabei, und erkannte sie bald für Mamia und ihre Begleiterin. — »Herz
+meines Herzens!« — sagte sie — »Ich mußte dich noch einmal sehen! Ich
+wollte dich um Erlaubniß bitten, dich auf das Schiff zu begleiten; es
+ist mir, als würde ich dann ruhiger seyn!« —</p>
+
+<p>Vergebens suchte ich ihr dies auszureden, besonders der ungewöhnlich
+hohen Brandung wegen; sie bat nun noch dringender darum — »Gerade
+deswegen!« — fuhr sie fort — »Wenn dir ein Unglück begegnet, bin ich<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span>
+wenigstens bei dir!« — So willigte ich endlich ein, um ihr nicht wehe
+zu thun.</p>
+
+<p>Allein, wie groß war mein Erstaunen, als ich die Chialeng fast ganz mit
+Waarenballen angefüllt sah. — »Was ist das?« — fragte ich unwillig
+— »Ist das unserm gestrigen Accorde gemäß?« — Der arme Tandel
+(Steuermann) erzählte mir nun, daß die Chialeng von dem Hafenmeister
+gepreßt worden sey. Wirklich trat auch in dem Augenblick ein Seecadet
+auf uns zu, und befahl ihm ungestüm in See zu gehen.</p>
+
+<p>Ich fühlte, daß gegen Gewalt nichts auszurichten war, und schränkte
+mich daher blos auf Vorstellungen ein. — »Die Brandung geht zu hoch!
+Es ist unmöglich, daß die schwere Chialeng hinüber kommt.« — Der arme
+Tandel bestätigte es — »Gott ist groß!« — sezte er bedeutend hinzu —
+Allein vergebens, der junge tollkühne Midshipmann bestand darauf.</p>
+
+<p>Was sollte ich thun? Alle meine Papiere befanden sich bereits an Bord.
+Wenn ich<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> das Schiff absegeln ließ, war ich völlig ruinirt. Noch stand
+ich unschlüßig, als Mamia beherzt in die Chialeng sprang, und so alles
+entschied. Wir waren nun nebst den sechs Ruderern vier Passagiere
+zusammen, indem außer dem Seecadet, noch eine alte Mestize dazu
+gekommen war.</p>
+
+<p>Allein kaum hatten wir uns einige Klaftern vom Ufer entfernt, als die
+Chialeng kaum eine Hand breit Bord behielt. Ich winkte daher meinem
+Dobasch (Bedienten) der am Ufer stand, uns ein Paar Kattamarans (kleine
+Flöße) nachzuschicken, was auch sofort bewerkstelligt ward. Indessen
+wälzte sich bereits die erste Woge mit donnerndem Getöse gegen die
+Chialeng. Der Tandel that sein möglichstes derselben auszuweichen;
+dennoch stürzte sie zum Theil auf uns herab, und die Chialeng sank bis
+auf einige Zoll ins Wasser. Jeder Augenblick war kostbar — »Komm,
+Mamia!« — rief ich, und sprang mit ihr Hand in Hand über Bord. —
+Indem brach die Brandung wie<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> ein niederschmetterndes Gewölbe über mich
+her. Als ich wieder empor kam, war die Chialeng verschwunden, und Mamia
+befand sich dicht hinter mir. Muthig schwammen wir nunmehr dem Ufer zu,
+das ungefähr nur noch hundert Schritte von uns entfernt war.</p>
+
+<p>Plözlich fühlte ich mich in die Tiefe gezogen, und erblickte mit
+Entsetzen die alte Mestize, die sich an meinen Kleidern festhielt.
+Vergebens suchte ich mich loszureißen; sie hatte mich im Todeskampfe
+gefaßt. — »O Mamia!« — rief ich — »Ich bin verloren! Rette dich!« —
+»Nein!« — erwiederte sie — »Ich verlasse dich nicht.« — In diesem
+Augenblicke stürzte die lezte Brandung über uns her, und ich verlor das
+Bewußtseyn.</p>
+
+<p>Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Strande, von einer Menge
+Menschen umringt, in einem Palankin. Ich erblickte meinen Dobasch, und
+fragte nach Mamia. — »Sie ist gerettet, lieber Herr!« — erwiederte
+er. — Freudig hieß ich ihn nach dem Schiffe fahren, um meine Sachen
+zu<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> holen, und ward so glücklich nach Hause gebracht. Bald kam mein
+Dobasch mit den Coffres zurück. Jezt erfuhr ich, wie alles zugegangen
+war. Mamia hatte mich mit unsäglicher Anstrengung emporgehalten, bis
+uns der eine Kattamaran zu Hülfe kam. Indem wir so sprachen, flog sie
+mit einem lauten Schrei in meine Arme, und drückte mich aufs innigste
+an sich. Zu ihrer großen Freude beschloß ich nun zu Lande zu gehen.</p>
+
+<p>Alle Anstalten waren gemacht; Mamia lag zum leztenmale an meiner Brust.
+— »Ach!« — sagte sie weinend — »Ach Freund meiner Seele, komm so
+bald als möglich zurück, wenn ich dich noch einmal sehen soll!« —
+»Hier, hier schmerzt es« — indem sie die Hand an ihr Herz legte
+— »Ich fürchte, du findest mich todt!« — Es war ein wehmüthiger
+Abschied. — Nach einem langen, heißen Kuße riß ich mich endlich los.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Neunzehntes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Es war gerade drei Uhr Nachmittags; langsam zogen wir durch den
+Schattengang, der von Madras nach St. Thomas (indisch Maliapur) führt.
+Hinter diesem Dorfe fingen die Verwüstungen des lezten Krieges
+an, alles war daher mit Ruinen bedeckt. Zum Glück hatten wir uns
+hinlänglich mit Lebensmitteln versehen.</p>
+
+<p>Am dritten Tage kamen wir durch das Thal Maweliewarom, das seiner
+wunderbaren Ruinen wegen berühmt ist. Man sieht hier nämlich eine
+Reihe von Tempeln, Piramiden, Chauderies, Gewölben u. s. w., die
+sämmtlich aus einem Stücke in den Felsen gehauen sind. Mit Ehrfurcht
+betrachtet man diese Ueberreste einer eben so kühnen, als romantischen
+Architektur, aus den ersten Jahrtausenden der Welt.</p>
+
+<p>Am merkwürdigsten sind sieben Tempel, die sich in gerader Linie, einer
+hinter den<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> andern, vom Strande aus, über eine Meile weit, ins Meer
+hinausziehen. Der erste steht beinahe noch ganz auf dem Lande, das
+Wasser steigt nur bei sehr hohen Fluthen hinein. Die vier folgenden
+ragen immer weniger, die zwei lezten fast gar nicht aus dem Meere empor.</p>
+
+<p>Noch weiter in den See hinaus, erblickt man eine Menge ähnlicher
+Ruinen, die bei hohem Wasser sehr gefährlich sind. Die sieben Pagoden
+von Maweliewarom, pflegen daher auf allen Seekarten bemerkt zu seyn.</p>
+
+<p>Alle diese ungeheuren Gebäude hält man für die Ueberreste einer
+der ältesten und größesten Städte von Indien, deren Geschichte
+indessen in tiefer Nacht verborgen liegt. Blos ein berühmtes
+indisches Heldengedicht (Mahebaroth) erwähnt des mächtigen Königs
+Joudishter, der daselbst residirt haben soll. Wie dem indessen
+auch seyn mag; die Aufführung solcher Massen beweißt einen hohen
+Grad artistisch-scientifischer Cultur. Das Ganze muß übrigens von
+unermeßlichem Umfange gewesen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> seyn, da nicht nur das Thal, sondern
+auch ein so beträchtlicher, jezt vom Meere verschlungener, Küstenstrich
+damit bedeckt war. Mitten unter diesen Denkmälern längstverschwundener
+Generationen, findet man ein kleines, meistens von Braminen bewohntes
+Dorf, an dessen Eingange die Chauderie steht.</p>
+
+<p>Indessen pflegen nur wenig Reisende hier zu übernachten, weil alles
+mit Tigern, Schakals u. s. w. angefüllt ist. Da wir uns aber zu lange
+aufgehalten hatten, schien es noch weniger räthlich, in der Dämmerung
+weiter zu gehen. Wir beschlossen daher, vor der Chauderie ein großes
+Feuer anzuzünden, und wechselweis dabei Wache zu halten, wo mich dann
+nach dem Abendessen die erste Wache traf.</p>
+
+<p>Es war fast Mitternacht, der Mond gieng hinter den waldigen Gebirgen
+unter, und goß sein schwindendes Licht auf die gigantischen Ruinen
+einer Pagode herab. Bald lag nun alles in Dunkelheit; kein Lüftchen
+wehte; kein Blättchen rauschte; selbst das Heulen der Schakals
+hatte aufgehört. Da starrte<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> ich hinaus in die schwarze Nacht, und
+auf das einsame Thal, wie auf das Grab einer entschlafenen Welt.
+O Menschenleben! O Menschengröße! Augenblicke — Jahrtausende! —
+<em class="gesperrt">Ein</em> Tropfen aus dem Ocean der Ewigkeit.</p>
+
+<p>Am sechsten Tage kam ich durch lauter verwüstete Gegenden in Pondichery
+an, und fand in dem deshalb bezeichneten Wirthshause bereits einen
+Brief von Mamia, der den Tag nach meiner Abreise abgegangen<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a>
+war. Sie schrieb mir in den zärtlichsten Ausdrücken, und hoffte
+mich unverzüglich wieder zu sehen. Ihre Brustbeschwerden schienen
+zuzunehmen, doch war sie im übrigen vollkommen<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> wohl. Ich selbst ward
+aber leider nunmehr von einem Fieber befallen, das mich nun alle Tage
+im Bette hielt. Unterdessen hatte ich dem lieben Mädchen geantwortet,
+und ihr versprochen, in zehn, zwölf Tagen wieder in Madras zu seyn.</p>
+
+<p>Schon stand ich jezt im Begriffe, meine Rückreise anzutreten, als
+ich von meinem Dobasch einen Brief mit der Nachricht erhielt, daß
+Mamia plözlich verschwunden sey. Ein Gunekare (Wahrsager) hatte ihr
+einige Tage vorher, ihren Horoscop gestellt, und ihr die nahe Trennung
+von ihrem Geliebten vorhergesagt. Seit diesem Augenblick hatte sie
+unaufhörlich geweint, und ihre Brustschmerzen dadurch vermehrt. In
+ihrem Zimmer war jedoch nicht die mindeste Anzeige von einer Reise zu
+finden; im Gegentheile waren Juwelen, Kleider u. s. w. in der besten
+Ordnung. Ich gestehe es, ich erschrack über diese Nachricht so sehr,
+daß ich mich kaum zu fassen im Stande war.</p>
+
+<p>So hatte ich einige Tage in großer Unruhe<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> zugebracht, als eines
+Abends ein Malabar bei mir erschien, der gerade von <em class="gesperrt">Omur</em> kam.
+Er brachte mir Nachrichten von Mamia; sie war krank, und befand
+sich in dem Hause seiner Mutter, die ebenfalls von der Caste der
+Tänzerinnen war. — »Wie?« — rief ich mit wehmüthiger Freude aus: —
+»Krank, und zu Omur?« — »Ja Herr!« — erwiederte der Juntrie, und
+erzählte mir den Zusammenhang. Mamia kam wirklich von Madras, und
+wollte nach Pondichery. Sie hatte diese Reise so eilig angetreten, daß
+sie nun gefährlich darnieder lag. Die Daja hatte den Juntrie auf ihr
+ausdrückliches Verlangen abgeschickt: — »Sie wünsche mich vor ihrem
+Tode nur noch einmal zu sehen.«</p>
+
+<p>Man denke sich meine Empfindungen. — Soviel Liebe, soviel
+Anhänglichkeit! Und ich sollte <em class="gesperrt">sie</em> verlieren, die mein Alles
+war! — Schnell ließ ich einen Palankin kommen, reiste die ganze Nacht,
+und kam schon Morgens um sieben Uhr zu Omur an. Da stand ich nun mit
+klopfendem Herzen vor dem kleinen<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> malabarischen Häuschen, das meine
+geliebte Freundin verbarg, während der Juntrie hineingegangen war, und
+der Daja von meiner Ankunft Nachricht gab.</p>
+
+<p>Die gute alte Frau erschien, und erzählte mit thränenden Augen, wie
+alles zugegangen war. Mamia hatte seit meiner Abreise keinen ruhigen
+Augenblick gehabt. Nichts war im Stande gewesen, sie von der Reise nach
+Pondichery abzubringen; sie wollte, sie mußte mich noch einmal sehen.
+Aber am fünften Tage hatte sie ein heftiges Fieber bekommen, und war
+halbtodt in Omur angelangt.</p>
+
+<p>Der Juntrie kam uns jezt zu sagen, daß Mamia aufgewacht sey. Die Daja
+gieng hinein, sie auf meine Ankunft vorzubereiten; ich hörte meinen
+Namen nennen, und folgte ihr auf dem Fuße nach. Mamia lag auf einer
+Matte ausgestreckt. Ihr himmlisches Gesicht war todtenbleich; ihr
+ganzes Ansehen zeigte die höchste Erschöpfung an. Aber kaum ward sie
+mich gewahr, so richtete sie sich auf, und breitete ihre Arme nach mir
+aus. — »Ach<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> mein bester Freund!« — rief sie mit heißen Thränen —
+»Wie bist du so gut! — Nun will ich gern sterben, habe ich dich doch
+noch einmal gesehen!« —</p>
+
+<p>Ich suchte sie zu trösten, aber vergebens — »Ach Gott!« — fuhr sie
+fort — »Nein! Für mich ist keine Hülfe mehr, ich fühle es nur zu gut!
+Mein Schmerz ist tödlich; meine Augenblicke sind gezählt! Geliebtester!
+Ich habe nur noch eine Bitte an dich!« —</p>
+
+<p>»Und was soll ich für dich thun, o Einzige meines Lebens« — sagte ich.
+—</p>
+
+<p>»Du bist mir Alles! Ich habe keinen Freund als dich! Zünde du meinen
+Scheiterhaufen an!« —</p>
+
+<p>Ich versprach es ihr — Sie legte ihr Haupt an meine Brust, und hob
+ihre brechenden Augen noch einmal voll Zärtlichkeit zu mir empor. —
+»Leb wohl, Geliebtester! — Leb ewig wohl!« — Dies waren ihre lezten
+Worte, und so entschlummerte sie.</p>
+
+<p>Nichts von meinen Empfindungen; einen solchen Schmerz hatte ich
+noch nie gefühlt.<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> Das holde theure Mädchen war das Opfer ihrer
+Zärtlichkeit. Erst seit jenem schrecklichen Tage, wo sie mich rettete,
+hatte sie über Brustbeschwerden geklagt.</p>
+
+<p>»Theure, geliebte Seele!« — rief ich mit heißen Thränen — »Ach! Ohne
+dich ist das Leben nur eine Marter für mich!« — Traurig vergieng der
+Tag; die Braminen richteten alles zum feierlichsten Begräbnisse ein.
+— Zum leztenmal sah ich das himmlische Gesicht — die Flamme loderte
+auf — der unsterbliche Theil meiner Geliebten stieg zu Brama empor. —
+Lebt wohl, ihr Gestade Ostindiens! — Ich kehrte nach Pondichery, und
+bald darauf nach Europa zurück!</p><br>
+
+<hr class="full">
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p>
+
+<h2 class="p4 lh2">Zweite Abtheilung,<br>
+<em class="s3 gesperrt">Ch. Fr. Tombe</em></h2>
+<hr class="sk">
+</div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p>
+
+<p class="s4 center"><b>Quelle.</b></p><div class="blockquot">
+<p><em class="antiqua">Voyage aux Indes Orientales etc. par <em class="gesperrt">Ch. Franc. Tombe.</em> Paris
+VI. Vol. 8. 1810.</em></p>
+<hr class="sk">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Erstes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Ich war Ingenieur-Capitain, und hatte seit 1796 bei der Nord- und
+Rheinarmee alle Feldzüge mitgemacht. Allein nach dem Frieden von Amiens
+(1802) ward ich auf Pension gesezt, was für mich, als Familienvater,
+sehr traurig war. Ich suchte nun irgend eine passende Stelle zu
+erhalten, meine Bemühungen hatten jedoch keinen Erfolg. Endlich ward
+ich mit einem Kaufmanne aus Isle de France bekannt, der daselbst
+ansehnliche Plantagen besaß. Er that mir den Vorschlag, ihn dahin zu
+begleiten, versprach mich als Supercargo nach Ostindien zu senden, und
+bestimmte mich ohne viel Mühe zur Annahme seines Antrags. Ich erbat,
+und erhielt hierauf den nöthigen unbestimmten Urlaub, wieß meiner<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span>
+Familie inzwischen meine Pension an, und schiffte mich endlich am 24.
+September 1802 mit meinem neuen Freunde, nach unserer Bestimmung ein.</p>
+
+<p>Unsere Ueberfahrt bis nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung bot wenig
+Merkwürdiges dar. Wir waren neun und dreißig Passagiere, worunter
+fünfzehn Frauen, an Bord, so daß es gar sehr an Bequemlichkeit gebrach.
+Am 25. December Vormittags um 4 Uhr, erreichten wir das Cap, wo noch
+die englische Flagge wehte, aber auch eine holländische Flotte vor
+Anker lag. Wie gewöhnlich, kamen sofort zwei Gesundheitsbeamten u. s.
+w. zu uns, ließen uns sämmtlich die Musterung passiren, und erlaubten
+uns, nach einer kurzen Berathschlagung ans Land zu gehen. Wir hörten
+jezt, daß der englische Gouverneur, General Dundas, das Cap an die
+Holländer zurückzugeben im Begriffe war.</p>
+
+<p>Was ich über die Capstadt sagen könnte, ist bekannt; überdem war mein
+Aufenthalt äußerst kurz. Die Uebergabe war auf den<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> 1. Jan. 1803
+festgesezt, die Einwohner bereiteten eine Menge Feierlichkeiten vor.
+Plözlich am 31. December Nachmittags kam eine englische Corvette an.
+Sie hatte die Reise von Plymouth in neun und fünfzig Tagen gemacht,
+und brachte wichtige Depeschen an den General Dundas mit. Er erhielt
+nämlich Befehl, die Uebergabe aufzuschieben, wenn es noch irgend
+möglich sey. Schon waren fünfzehnhundert Mann von den englischen
+Truppen eingeschifft, und sollten in einigen Tagen nach Ostindien unter
+Segel gehen. Vier und zwanzig Stunden später, und Alles hätte eine
+andere Gestalt gehabt! So aber wurden die Truppen wieder ausgeschifft,
+die Posten verdoppelt, und die Holländer in die Caserne gesperrt. Die
+Bestürzung der Einwohner war unbeschreiblich.</p>
+
+<p>Bald darauf verbreitete sich das Gerücht vom nahen Ausbruche eines
+neuen Krieges, und einem provisorischen Embargo. In diesem Falle
+wartete unserer förmliche Kriegsgefangenschaft. Zum Glück ward
+indessen<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> dem Capitain abzusegeln erlaubt. Wir begaben uns daher
+noch denselben Abend wieder an Bord. Endlich am 2. Januar kamen wir
+glücklich in See, und am 6. Februar liefen wir in Port Louis, auf Isle
+de France ein. So hatten wir die ganze Reise in fünftehalb Monaten
+gemacht.</p>
+
+<p>Während dieser Zeit war mir mein neuer angeblicher Freund bereits nicht
+wenig verdächtig geworden, aus Gründen, die ich eher andeuten, als
+sagen kann. Wirklich fand ich mich auch bei meiner Ankunft auf Isle de
+France sehr bitter getäuscht; jedermann rieth mir von dieser Verbindung
+ab. Ich trennte mich daher augenblicklich von ihm, und dachte auf eine
+Unternehmung auf eigene Hand. Ein Pariser Freund hatte mir mehrere
+Wechsel auf hiesige Häuser anvertraut. Ich beschloß Waaren dafür
+einzukaufen, und damit nach Pondichery zu gehen. Allein die Schuldner
+waren nicht zahlungsfähig; man denke sich daher meine Verlegenheit.
+Noch war ich dem Capitain achtzehnhundert Livres für<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> meine Ueberfahrt
+schuldig, und hatte keinen Sol zu meinem Unterhalt. Das einzige,
+worauf ich hoffen konnte, war eine Anstellung in Pondichery, zu dessen
+Besizergreifung Admiral Linois eben abgegangen war. Unterdessen nahm
+ich eine Hofmeisterstelle in einem Hause an, wo ich die liberalste
+Behandlung fand.</p>
+
+<p>So waren an sechstehalb Monate vergangen, als mein Schicksal plözlich
+eine andere Wendung bekam. Am 17. August Morgens lief nämlich die
+französische Fregatte la belle Poule, Capitain Bouillac, hier ein.
+Sie gehörte zur Division des Admirals Linois, und überbrachte die
+Nachricht, daß die Uebergabe von Pondichery verweigert worden sey.
+Da dies den nahen Ausbruch eines neuen Krieges anzudeuten schien,
+ward sofort auf den Batterien Alles in Vertheidigungsstand gesezt.
+Nachmittags um zwei Uhr ankerte der Admiral selbst mit seiner ganzen
+Division. Wenig Tage nach seiner Ankunft auf der Rhede von Pondichery
+hatte er nämlich Depeschen<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> aus Frankreich erhalten, mit dem Befehle,
+sogleich nach Isle de France unter Segel zu gehen. Dem zu Folge hatte
+er in der Nacht die Anker gekappt. Am Bord des Admiralschiffes, befand
+sich der nach Pondichery bestimmte Generalgouverneur Decaen, und der
+Colonialpräfect Leger, dessen Familie zu Pondichery zurückgeblieben
+war. Niemand zweifelte mehr am Kriege; doch wußte Niemand etwas
+Gewisses davon. Endlich am 28. August kam der Cutter le Berceau,
+Capitain Holgan von l'Orient an, und brachte die officielle Bestätigung
+mit. Zugleich war der General Decaen zum Generalgouverneur aller
+französischen Besitzungen, östlich vom Cap, folglich auch von Isle de
+France ernannt. Durch ihn, der sich meiner wohl erinnerte, ward ich
+wieder bei dem Ingenieurcorps angestellt. Dabei erhielt ich den Befehl,
+mich zu einer geheimen Expedition bereit zu halten, die eben im Werke
+war.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Zweites Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Am 9. October bekam ich Befehl mich einzuschiffen, und zwar an Bord
+der Corvette Le Berceau, Capitain Helgan. Die Expedition bestand
+aus dem Marengo von 80 Kanonen und einigen Fregatten, sämmtlich
+unter dem Commando des Admirals Linois. An Landtruppen hatten wir
+ein Bataillon bei uns; der Ort unserer Bestimmung indessen war noch
+ungewiß. Unterdessen kamen wir glücklich in See. Hier öffneten die
+Commandanten ihre versiegelten Befehle, und nun ward alles bekannt.
+Der Admiral sollte eine Zeitlang in den indischen Gewässern kreuzen,
+die englische Faktorei auf Sumatra zerstören, und dann nach Batavia
+gehen. Hier sollten die Truppen, dem Verlangen der Holländer gemäß, als
+Hülfstruppen bleiben, wie es schon einmal der Fall gewesen war.</p>
+
+<p>Unser Kreuzzug war indessen, wie es meistens zu gehen pflegt, einförmig
+genug.<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Wir verloren ein Paar Matrosen; wir hatten einige Windstöße
+auszuhalten; wir machten mehrere zum Theil sehr reiche Prisen, und
+dergleichen mehr. Am 1. December bekamen wir die Insel Sumatra zu
+Gesicht; am 2. näherten wir uns der Bay von Bencoule, am 3. in der
+Nacht griffen wir die daselbst befindliche Schiffe an. Drei wurden
+genommen, die übrigen fünf verbrannt. Zugleich wurden sämmtliche
+Magazine der Faktorei zerstört. Am meisten schien uns zu statten zu
+kommen, daß man überrascht ward, und uns anfangs selbst für Landsleute
+hielt.</p>
+
+<p>Am 12. December Morgens näherten wir uns der Rhede von Batavia,
+und wurden von dem kleinen Fort auf der Insel Onruß, wo sich die
+Kompagniewerfte befinden, sehr feierlich begrüßt. Indessen machten
+die Schiffe auf der Rhede eilige Anstalten unter Segel zu gehn.
+Wahrscheinlich sahen sie uns für Engländer an, denn ihre Bewegungen
+verriethen Aengstlichkeit. Um sie zu beruhigen, schickte der Admiral
+unsere Corvette<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> ab. Wir sezten zu diesem Ende Segel auf Segel bei,
+und so war in kurzem die Wachtfregatte erreicht. Nachdem wir diese
+unterrichtet hatten, machte sie einige Signale, und alle Schiffe zogen
+ihre Flaggen auf. Bald war die Ruhe wieder hergestellt, und die ganze
+Division konnte vor Anker gehn.</p>
+
+<p>Wir Offiziere hofften schon den Nachmittag an's Land zu kommen, sahen
+uns aber sehr unangenehm getäuscht. Die holländischen Behörden fanden
+die Forderungen unseres Kommandanten übertrieben, wollten nichts von
+überzählichen Offizieren wissen, und machten Schwierigkeiten aller
+Art. Es zeigte sich nachher, daß dies alles von dem holländischen
+Oberkommandanten, dem Brigadier Sandoley, einem Schweizer, herkam,
+der das ganze Vertrauen des Generalgouverneurs Syberg besaß, und ein
+geschworner Feind der Franzosen war. Auf diese Art vergiengen acht
+Tage, ehe eine Uebereinkunft wegen des Soldes, der Verpflegung u. s.
+w. zu Stande kam. In Folge derselben wurden<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> wir endlich ausgeschifft,
+worauf ich meinen Dienst als wirklicher Ingenieur-Capitain antrat.</p>
+
+<p>Die Lage von Batavia ist bekannt. Eben so weiß jedermann, daß es eine
+der größten und reichsten Städte in ganz Asien, und der Mittelpunkt
+aller holländisch-ostindischen Besitzungen ist. Endlich giebt es von
+der regelmäßigen Bauart, den Kanälen, Alleen, Spaziergängen u. s.
+w. Beschreibungen in Ueberfluß. Ich füge daher nur einige, weniger
+bekannte Bemerkungen hinzu. Das Clima von Batavia ist an und für sich
+selbst nicht ungesund, es wird nur bei der Lage und den Umgebungen der
+Stadt so mörderisch. Die vielen Canäle mit stehenden Wasser, worein man
+allen Unrath wirft, der morastige Boden, endlich die große Moderbank
+vor der Mündung des Jacatra<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>, sind die vornehmsten Ursachen davon.
+Die kleinste Unordnung in der Diät, die kleinste Erkältung<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> u. dgl.
+zieht meistens ein tödtliches Fieber nach sich, der Kranke legt sich,
+verliert nach fünf bis sechs Stunden die Besinnung, und ist nach andern
+sechs Stunden todt.</p>
+
+<p>Wahr bleibt indessen, daß man bei einer ungeschwächten Constitution
+weit weniger zu fürchten hat, sobald man nur mäßig und vorsichtig
+ist. Würden übrigens die Kanäle gereinigt, die Moräste ausgetrocknet,
+und die Moderbänke weggeschafft, so würde Batavia ein ganz gesunder
+Aufenthalt seyn. Doch, wie es scheint, ist hier holländische Politik
+im Spiel. Man wünscht selbst keine Verbesserung. Jene Moräste und
+Moderbänke geben nämlich eine natürliche Vertheidigungslinie ab.
+Eben so zwingt jene Ungesundheit alle Blokadeflotten zulezt zum
+Abzug. Endlich hält die Furcht vor dem mörderischen Clima, eine Menge
+Handelsnebenbuhler von der Niederlassung ab.</p>
+
+<p>Die Bevölkerung von Batavia wird auf 160,000 Seelen geschäzt. Hierunter
+sind 100,000 Chinesen, die in den Vorstädten<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> wohnen, während der Rest
+aus Armeniern, Arabern, Persern und Europäern besteht. Die leztern,
+zwölf bis fünfzehnhundert zusammen, sind theils Kaufleute, theils
+Beamte der Compagnie. Sie leben fast alle auf ihren Landhäusern, eine
+bis anderthalb Stunden von Batavia, und kommen in der Regel nur Morgens
+in die Stadt. Alle Geschäfte werden daher gewöhnlich Vormittags von
+sieben bis acht Uhr abgemacht. Nichts fällt anfangs dem Fremden so
+sehr auf, als die Gleichgültigkeit, womit man von jenen plözlichen
+Todesfällen spricht. — »<em class="gesperrt"><em class="antiqua">Mynheer, Mevrouv is overleden</em></em>«
+— der Herr, die Frau ist gestorben — heißt es, als hätten sie eine
+Spazierfahrt gemacht. Jeder Europäer hält übrigens immer sein Testament
+bereit.</p>
+
+<p>Der Handel von Batavia ist sehr bedeutend, so drückend auch für
+die Fremden seine Eigenheiten sind. Batavia ist nämlich als die
+Hauptniederlage aller Gewürze von den Molucken, und aller Produkte von
+Java<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> (Reis, Zucker, Caffee, Pfeffer u. s. w.) anzusehen. Es kommen
+daher aus allen Theilen Ostindiens, so wie aus China, Amerika, Afrika,
+Isle de France und Europa, Schiffe hier an. Sie führen die Produkte
+ihrer Länder ein, und dagegen hiesige aus. Diese Geschäfte werden
+aber auf folgende für Fremde höchst beschwerliche Weise abgemacht.
+Es ist ein Schabendar, oder General-Handels-Agent vorhanden, der für
+alle Nationen den einzigen Mäkler abgiebt. An diesen wenden sich die
+Capitains und Supercargo's, und theilen ihm ihre Ladungslisten mit. Er
+wählt davon, was der Compagnie anständig ist, besonders Artikel des
+Alleinhandels<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a> und bietet dagegen andere an. Beide Theile dingen nun
+mit einander, und schließen nach gemachter Berechnung ab. Dabei muß
+aber fast jeder Capitain immer ein Drittheil oder Viertheil des Werthes
+in Gewürzen nehmen, auch wenn es ihm eben nicht anständig<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> ist. Erst
+dann erhält er die Erlaubniß, den Rest der Ladung an andere Kaufleute
+abzugeben, was durch öffentlichen Anschlag bekannt gemacht wird. In
+keinem Falle ist ihm aber die Ausfuhr von baarem Gelde erlaubt. Er
+muß vielmehr alles in Waaren, oder Barren umsetzen, wenn er es nicht
+verlieren will. Die Chinesen, die den Zoll gepachtet haben, durchsuchen
+daher alle abgehende Schiffe mit unglaublicher Genauigkeit.</p>
+
+<p>Man hat häufig behauptet, daß Batavia äußerst leicht zu nehmen sey. Ich
+kann jedoch versichern, daß diese Meinung ganz irrig ist. Einmal sind
+die Festungswerke nichts weniger als schlecht; auch wird die Stadt, so
+wie die Mündung des Jacatra durch eine gute Citadelle gedeckt. Denn ist
+die ganze Küste mit starken Batterien versehen, und die Besatzung nicht
+schwächer als fünftausend Mann. Mögen darunter auch immer viel Kranke,
+viel Feige, viel Unzufriedene seyn; die Localität<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> bietet dem Feinde
+doch stets sehr große Hindernisse dar.</p>
+
+<p>Er wird die Rhede blokiren; er wird die vorhandenen Schiffe auf den
+Strand jagen, und vielleicht verbrennen; aber Batavia selbst wegnehmen,
+das wird er ohne geheime Verständnisse sicher nicht. Aber auch das
+schlimmste angenommen; er machte sich durch einen Ueberfall u. s. w.
+wirklich Meister davon. Was würde geschehen? Der Generalgouverneur
+u. s. w. würde sich nach Samarang (auf der Nordküste) begeben; er
+würde bei den inländischen Prinzen, die den Holländern keinesweges
+abgeneigt sind, alle nur mögliche Unterstützung finden; er würde in
+kurzem eine Armee von 25 bis 30,000 Mann zusammenziehen. Unterdessen
+hätte es der Feind in Batavia, mit einer ungeheuren, ohnehin höchst
+unruhigen Volksmenge zu thun. Man brauchte der Stadt nur die Zufuhren
+abzuschneiden, und der Aufstand der hunderttausend Chinesen, die alle
+Handwerker, Krämer, Gärtner u. s. w. sind, wäre gewiß.<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> Alles dies wird
+beweisen, daß Batavia weder leicht zu erobern, noch leicht zu behaupten
+ist.</p>
+
+<p>Bei den Chinesen fällt mir noch eine artige Bemerkung ein, womit ich
+dieses Capitel schließen will. Man weiß, wie sehr die wohlhabenderen
+unter ihnen auf lange Nägel und Zöpfe halten, weil sie ein Zeichen des
+Ansehens und Reichthums sind. Die holländische Regierung hat dieses
+nicht unbeachtet gelassen, und auf beides eine ansehnliche Abgabe
+gelegt. Je länger sie ein Chinese tragen will, desto mehr zahlt er
+davon. Es ist ein ordentlicher Tarif darüber vorhanden, auch finden von
+Zeit zu Zeit die nöthigen Messungen statt. Man muß gestehen, daß solche
+Abgaben die allerbilligsten sind.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Drittes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>So hatte ich ungefähr fünf Monate in Batavia zugebracht, als ich
+bei einer beschwerlichen<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> trigonometrischen Arbeit krank ward. Zum
+Glück fiel ich in die Hände eines geschickten deutschen Arztes, des
+Doctors <em class="gesperrt">Raspe</em> aus dem Preußischen, und wurde in kurzem wieder
+hergestellt. Indessen benutzte ich diesen Umstand, um bei dem General
+Decaen um meine Zurückberufung anzuhalten, erreichte meinen Zweck, und
+wartete nun mit Sehnsucht auf Schiffsgelegenheit.</p>
+
+<p>Diese fand sich endlich in der Brigg »<em class="gesperrt"><em class="antiqua">le petite Alphonse</em></em>«
+Capitain Souriac, die von Isle de France mit Wein und Hüten gekommen,
+und jezt dahin zurückzukehren im Begriffe war. Der Abrede gemäß, begab
+ich mich am 14. December 1804 an Bord, und fand noch drei andere
+Passagiers. Leider aber waren von unsern vierzehn Matrosen kaum drei
+gesund. Nun ist zwar wahr, daß man die Ueberfahrt in dreißig bis fünf
+und dreißig Tagen machen kann, ohne daß der beständigen Ostwinde wegen,
+viel Schiffsarbeit dabei nöthig ist. Demungeachtet hätten wir auf alle
+Fälle wenigstens<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> noch sechs bis 8 Matrosen gebraucht. Dieser Mangel
+zeigte sich gleich anfangs, als es am 15. December Nachmittags in See
+gieng. Wir sämmtliche Passagiere mußten die Anker mit aufwinden helfen,
+denn die meisten Matrosen waren zu schwach dazu.</p>
+
+<p>Schon in der ersten Nacht kamen wir durch den Eigensinn des wenig
+erfahrnen Capitains in große Gefahr. Wir trieben nämlich auf eine der
+vielen kleinen Inseln, so daß das Hintertheil des Schiffes kaum zwei
+Fuß weit von den zackigten Felsen abstand. Der Capitain gebehrdete sich
+wie ein Verzweifelter, und schrie nach dem Boot. Zum Glück erhob sich
+aber plözlich ein leichter Landwind, so das Schiff wieder abgebracht
+ward. Wir mußten hierauf zwei Tage laviren, und legten in dieser kurzen
+Zeit keine drei Seemeilen zurück.</p>
+
+<p>Noch nicht genug; troz seinen schönen Versprechungen hatte sich auch
+der Capitain nur äußerst spärlich mit Vorräthen versehen. Vergebens
+drangen wir in ihn, doch nach Batavia<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> zurückzukehren; er fürchtete
+zu viel Demüthigungen für seine Eitelkeit. Hartnäckig bestand er
+daher darauf, im Gressec, oder Surabaye (an der Nordküste von Java)
+einzulaufen, wo er Matrosen und Vorräthe zu besorgen versprach. So
+steuerten wir also bis zum 24. December fort. Endlich befanden wir
+uns ungefähr zwei Seemeile von der Spitze von Banka, durch welche
+der Eingang in die Meerenge von Madure bezeichnet wird. Der Capitain
+beschloß, hier einige Zeit vor Anker zu gehen, um einen der Lootsen zu
+erwarten, die hier immer vorhanden sind. Da aber keiner davon sichtbar
+wurde, glaubte er sich noch wenigstens zehn Seemeilen vom Eingange
+der Meerenge entfernt. Er ließ daher die Anker lichten, und steuerte
+westwärts. Bald aber ward das Schiff von der heftigen Strömung gegen
+die Bank von Madure getrieben, so daß die Gefahr mit jedem Augenblicke
+stieg.</p>
+
+<p>Man hatte uns am vorigen Tage allerdings bei dem Posten von Banka
+gesehen.<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Allein die See gieng gar zu hoch; uns zu Hülfe zu kommen, war
+eine Unmöglichkeit. Wir erfuhren dies von dem Lootsen selbst, der jezt
+in einer großen Pirogue zu uns kam. Zehn Stunden lang wendete er alles
+mögliche zu unserer Rettung an. Doch da Wind und Strömung gleich heftig
+waren, blieb ihm nichts übrig, als uns zu verlassen, und nach Banka
+zurückzugehen. Wir wurden von nun an, unserer neun zusammen, täglich
+auf ein Huhn, und jeder für sich, auf einen Zwieback, zwei Tassen
+Caffe, und ein Glas Wasser eingeschränkt. Erst am 1. Januar 1805 gelang
+es uns aus der Straße von Baly herauszukommen, worauf längs der Küste
+fortgesteuert ward.</p>
+
+<p>Um fünf Uhr Nachmittags befanden wir uns einem holländischen Posten
+gegen über, der mit schönen Pflanzungen bedeckt zu seyn schien. Sobald
+uns der Commandant ansichtig ward, schickte er eine Pirogue ab, ließ
+uns Erfrischungen anbieten, und lud uns ein, vor Anker zu gehen. Leider
+konnten wir<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> aber diese Erlaubniß nicht benutzen, indem selbst unser
+lezter Anker verloren gegangen war. Am folgenden Morgen befanden wie
+uns auf der Höhe von Balambouang. Jezt bekamen wir Stille, dann höchst
+veränderlichen Wind, endlich einen entsezlichen Sturm aus Nordwest.
+Wir verloren Segel und Masten, und trieben noch wenig Stunden, wie ein
+Wrack herum. Die Pumpen thaten fast keine Dienste mehr. Dabei waren
+wir täglich auf ein kleines Glas stinkendes Wasser, und etwas Reis
+beschränkt. Endlich beschloß der Capitain, die Ladung anzugreifen, die
+aus Zucker bestand. Er ließ daher ein Faß in die Cajüte bringen, wovon
+jeder nach Belieben nahm.</p>
+
+<p>In den zwei folgenden Tagen hatten wir unterdessen einen Nothmast, und
+einige Nothsegel zu Stande gebracht. Auf diese Art hofften wir Timor
+zu erreichen, wo eine holländische Factorei befindlich ist. Allein vom
+dritten Februar an, trieb uns ein zweiter Sturm wieder rückwärts, so
+daß wir schon am sechsten<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> die Spitze von Baly sahen. Am 7. Morgens um
+fünf Uhr erblickten wir ein großes dreimastiges Schiff, das aus der
+Meerenge heraus zu kommen schien. Wir hielten es für ein holländisches,
+oder amerikanisches, und wirklich zog es auch die leztere Flagge
+auf. Kaum hatte es sich aber etwas genähert, so öffnete es seine
+Stückpforten, zeigte englische Flagge, und kam mit vollen Segeln auf
+uns zu.</p>
+
+<p>Jezt sahen wir nur zu deutlich, daß es ein großer englischer Caper war.
+Augenblicklich warf ich meine Depeschen und Carten über Bord. Noch
+einige Minuten, und der Capercapitain rief uns durch das Sprachrohr
+zu — »<em class="gesperrt"><em class="antiqua">Strike amain! Strike amain, if you please!</em></em>« —
+»Streicht! Streicht! wenn's beliebt!« — Dies war in der That eine
+satyrische Aufforderung, denn wie konnten wir nur einen Augenblick
+widerstehen? Bald darauf kam ein Offizier mit acht Matrosen an Bord,
+nahm von dem Schiffe Besitze; stellte an alle Rudern<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Schildwachen, und
+hieß uns an Bord des Capers gehen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Viertes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Als wir daselbst ankamen, hörten wir, daß es <em class="gesperrt">der Diligent</em>,
+Capitain <em class="gesperrt">Hall</em> von <em class="gesperrt">Calcutta</em> war. Der Capitain sagte uns,
+daß er selbst zweimal von französischen Capern<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> genommen worden
+sey. Man habe ihn liberal behandelt; er wolle es ebenfalls thun. Alle
+unsere Bagage u. s. w. bliebe uns daher. Zu gleicher Zeit sezte er uns
+ein vortreffliches Frühstück vor. Die Prise an 60,000 Franken an Werth,
+ward auf das Schlepptau genommen, und so lavirten wir längs der Küste
+hin.</p>
+
+<p>Um vier Uhr Nachmittags bekamen wir ein großes dreimastiges Schiff,
+und bald darauf<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> noch zwei andere zu Gesicht. Capitain Hall hielt
+sie für holländische oder französische Fregatten, von den Divisionen
+der Admirale Hartsink oder Linois. Seine Lage ward gefährlich, die
+nachzuschleppende Prise hielt ihn im Segeln auf. Er ließ uns daher auf
+unser Wrak zurückkehren, rief dagegen seinen Prisenmeister, und seine
+Matrosen ab, und eilte mit vollen Segeln davon. Bald darauf erkannten
+wir die drei Schiffe für amerikanische Ostindienfahrer, und steuerten
+so gut wir konnten, auf die Bay von Balambouang zu.</p>
+
+<p>Der Tag brach an. Was sahen wir? Unsern Caper, der an der Küste
+geblieben war, und nun ganz lustig wieder auf uns zugesegelt kam.
+In weniger als einer halben Stunde befanden wir uns wieder am Bord
+desselben, und alles war in den vorigen Zustand versezt. Da der
+Capitain Wasser einnehmen mußte, behielt er den Curs von Balambouang.
+Wir erreichten indessen die Bay erst in der Nacht auf den zehnten
+Februar.<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Mit Anbruche des Tages erblickten wir den holländischen
+Posten Bagouwangie, und zogen sofort amerikanische Flagge auf. Zu
+gleicher Zeit schickte der Capitain einen Offizier ans Land, um zu
+fragen, wo Holz und Wasser zu finden sey. Die Nachricht war sehr
+befriedigend, und wir trafen eine vortreffliche Quelle an.</p>
+
+<p>Unterdessen hatte unser Schiff mit seinen Batterien, und der Prise auf
+dem Schlepptaue, troz der amerikanischen Flagge, bei dem Commandanten
+von Bagouwangie Verdacht erregt. Er schickte daher zwei seiner
+Offiziere zu uns an Bord. Beide sprachen englisch; beide sollten die
+nöthigen Nachrichten einziehen. Capitain Hall war indessen auf alles
+gefaßt. Er hieß uns in den Raum hinuntersteigen, versicherte sich
+unseres Ehrenwortes, und wartete die Ankunft der holländischen Pirogue
+ganz ruhig ab.</p>
+
+<p>Kaum waren die Herren gegen Mittag an Bord angekommen, so lud
+er sie zum Essen ein, und sprach ihnen dabei reichlich<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> aus der
+Flasche zu. Als er nun das Geschäft auf diese Art eingeleitet hatte,
+zeigte er ihnen falsche amerikanische Pässe, und ein eben so ächtes
+Schiffsjournal vor, speiste sie in Ansehung der Prise mit einem
+Mährchen ab, und verkaufte ihnen zulezt einige ostindische Waaren für
+eine Kleinigkeit. Die armen Holländer wurden vollkommen getäuscht, und
+fuhren seelenvergnügt ans Land zurück.</p>
+
+<p>Indessen beschloß der Capitain die reiche Prise in Sicherheit zu
+bringen, und gab sofort Befehl zu ihrer Ausrüstung. Es wurde auch so
+eifrig daran gearbeitet, daß sie schon am folgenden Tage abzusegeln im
+Stande war. Wohin, blieb unbekannt. Unsere Bagage war uns im besten
+Zustande übergeben worden, doch brachten wir den ganzen Tag, wegen
+unserer künftigen Bestimmung, in großer Ungewißheit zu.</p>
+
+<p>So mochte es ungefähr acht Uhr Abends seyn, als uns der Capitain zu
+sich rufen ließ. Er war sehr höflich, und sagte uns, daß er uns diese
+Nacht ans Land zu setzen Willens sey. Unsere<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Freude darüber war sehr
+groß; im Unglück faßt man nur den Augenblick fest. Sofort wurden nun
+Anstalten zu unserer Ueberfahrt gemacht. Es fand sich aber, daß die
+Schaluppe für uns nicht groß genug war. Wir mußten daher in zwei
+Parthien abgehen. Bei der lezten befand ich mich selbst.</p>
+
+<p>Es war Mitternacht; der Mond gieng auf; der Posten lag nur einen
+Büchsenschuß von uns. Unsere Gefährten kamen uns entgegen, in wenig
+Minuten langten wir bei dem Commandanten an. Er war ein geborner
+Brandenburger, und hatte fünf und zwanzig Mann unter sich. Da ich
+ein wenig Deutsch und Malayisch verstand, verständigten wir uns ohne
+Schwierigkeit. Rund um ein großes Feuer gelagert, nahmen wir eine derbe
+Mahlzeit von Fischen und Eiern ein, wobei uns Capitain Halls Madera und
+Genever trefflich zu statten kam. Unser guter alter Sergeant, sein Name
+war Bitter, schickte sogleich eine Pirogue mit seinem Berichte nach
+Bagouwangie ab.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Fünftes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Die Sonne gieng auf, und eine neue Welt voll Leben und voll Hoffnung
+breitete sich vor mir aus. Bald langte nun ein Abgeordneter von
+dem benachbarten Fürsten von Balambouang an. Er sagte uns, daß der
+holländische Commandant zu Bagouwangie bereits von unserer Lage
+unterrichtet, und auf der Reise hierher begriffen sey. Indessen verzog
+sich seine Ankunft bis Nachmittags um drei Uhr. Unser Anblick schien
+ihn zu rühren, wir selbst waren nicht weniger bewegt. Er allein konnte
+uns die Mittel zur Rückkehr nach Batavia verschaffen; von ihm allein
+hieng unsere Zukunft ab. Er sprach und alles verbürgte uns seinen
+Edelmuth. Er war ein Deutscher; ein Herr von <em class="gesperrt">Winckelmann</em>. Wir
+mußten sogleich seine prächtige Jacht besteigen, wo die Tafel bereits
+gedeckt war. Endlich um vier Uhr segelten wir ab, während er unser
+Gepäck in einer Pirogue nachzuführen<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> befahl. So hielten wir See bis
+Mitternacht, stiegen dann ans Land, und lagerten uns um ein gutes Feuer
+herum.</p>
+
+<p>Um fünf Uhr Morgens ward weiter gesegelt; drei Stunden und wir kamen
+zu Bagouwangie an. Sogleich führte uns der Commandant in seine schöne
+Wohnung, und stellte uns seiner Gemahlin vor. Sie empfieng uns mit
+vieler Höflichkeit, und ließ ein vortreffliches Frühstück auftragen,
+das zum Theil aus den herrlichsten Früchten bestand. Am folgenden
+Tage wurde nun unser Reiseplan festgesezt; indessen erforderten
+die Anstalten einige Zeit. Wir blieben daher fast zwei Wochen in
+Bagouwangie. Nach reifer Ueberlegung schien es am besten, bis Surabaye
+zu Lande, und dann nach Batavia vollends zu Wasser zu gehen.</p>
+
+<p>Bis Surabaye werden achtzig Lieuen gerechnet, zum Theil durch ein
+wüstes unbewohntes Land. Indessen hatte der treffliche Herr von
+Winckelmann für alles gesorgt. Fünf und zwanzig Malayen waren zu
+unserer<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> Bedeckung, und fünf und siebenzig zum Tragen unseres Gepäckes
+bestimmt. Wir und die Bedeckung waren beritten, und hatten überdem
+noch fünfzehn Packpferde mit Lebensmitteln bei uns. Endlich waren
+uns als Wegweiser und Anführer, zwei Malayen-Hauptleute oder Mandors
+mitgegeben, von denen der eine etwas Deutsch verstand. So traten wir,
+nach einem herzlichen Abschiede von unserem edeln Freunde, am 23.
+Februar 1805 unsere Reise an.</p>
+
+<p>Die ersten drei Lieuen gieng es längs der Küste hin. Bald aber kamen
+wir in die große Wüste, die drei Tagereisen lang ist. Indessen hat
+die Regierung aller zwölf Lieuen, große Scuoppen von Bambus errichten
+lassen, die mit Gräben und lebendigen Hecken umgeben sind. Bei jedem
+dieser Caravansenai's, wie man sie nennen könnte, befindet sich eine
+Wache von Malayen. Diese müssen Tag und Nacht rund um die Einzäumung
+große Feuer unterhalten, so daß nichts von wilden Thieren zu fürchten
+ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p>
+
+<p>Der erste Posten dieser Art heißt <em class="gesperrt">Bagnou-Matie</em>. Der Weg dahin
+war blos ein schmaler Fußsteig, der zwischen hohem Grase hinlief. Ich
+kann ohne Uebertreibung sagen, daß dieses neun bis zehn Fuß hoch war.
+Wir sahen mehrere Tiger und Leoparden darin versteckt, langten indessen
+auf unserer Station ohne Unfall an. Als es finster wurde, verdoppelten
+wir die Feuer, und hielten auf diese Art die wilden Thiere ab. Indessen
+hörten wir die Tiger ziemlich brüllen, sobald nur ein Feuer abgebrennt
+war.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen früh um vier Uhr gieng unser Gepäcke ab; wir
+selbst aber folgten erst um zehn Uhr nach. Bei dem zweiten Posten
+<em class="gesperrt">Son-bou-rou-arou</em>, fanden wir einige Häuschen von Bambus, nebst
+einer Ziegen- und Damhirsch-Heerde, auch einer Menge Federvieh. Dies
+alles gehörte einem Großen am Hofe des Königes von Balambouang. Wir
+füllten hier unsere Bambusrohre mit gutem Quellwasser, weil man
+von nun an nur schlechtes trifft. Am 25. verließen<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> wir die Wüste,
+und kamen durch eine schöne, mit Reisfeldern bedeckte Ebene, nach
+<em class="gesperrt">Panaroukan</em>, was ein kleiner Flecken ist. Hier traten wir bei
+dem Oberhaupte, einem reichen Chinesen ab, und wurden zu unserer
+Verwunderung ganz auf europäische Art traktirt. Auch nöthigte er uns so
+dringend, einen Rasttag bei ihm zu halten, daß es sich durchaus nicht
+ablehnen ließ.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Sechstes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Am 27. Februar ward nun die Reise fortgesezt. Wir kamen indessen nur
+bis <em class="gesperrt">Besouki</em>, einem großen Dorfe, das ungefähr drei Lieuen von
+der Küste liegt. Der Weg geht fast durch lauter Wald, und ist äußerst
+schlecht. Nur in der Nähe von Besouki wird die Landschaft etwas
+lichter, und bald sieht man Reisfelder mit Baumgruppen vermischt.<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> Bei
+unserer Ankunft, wurden wir in das Haus des Commandanten (Tomogon)
+geführt, der eben abwesend war, fanden aber dennoch ein vortreffliches
+Mittagsmahl daselbst. Am 28. hatten wir eine sehr starke Tagereise bis
+<em class="gesperrt">Bangro</em>. Auch hier fanden wir bei dem Tomogon eine sehr glänzende
+Bewirthung, und tranken zum erstenmale wieder Bordeauxwein. Zimmer und
+Betten waren ebenfalls sehr gut.</p>
+
+<p>Die folgende Tagereise bis <em class="gesperrt">Paßourang</em> war kurz und angenehm.
+Die Landschaft ward immer schöner, wir konnten uns nicht satt daran
+sehen. Um zehn Uhr begegneten wir einem schönen offenen Wagen, mit
+vier Pferden bespannt. Er kam von Paßourang, gehörte dem dortigen
+holländischen Commandanten, und war für uns bestimmt. Wir zogen
+indessen vor, zu Pferde zu bleiben, und langten so bald bei unserem
+freundlichen Wirthe an. Er hieß Heßetaar, und nahm uns mit vieler Güte
+auf. Bei einem Einkommen von fünfzehn tausend holländischen<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Thalern
+machte er ein ansehnliches Haus. So hat er z. B. an dreißig Sclaven,
+worunter zehn musikalisch sind. Sie lernten die meisten Instrumente von
+einem Chinesen spielen, der der Schüler eines <em class="gesperrt">Deutschen</em> gewesen
+war.</p>
+
+<p>Paßourang, an einem schiffbaren Strome gelegen, ist der Hauptort eines
+ansehnlichen Fürstentums, und mit schönen Caffe- und Pfeffer-Plantagen
+umringt. Die ostindische Compagnie hat ein Werft für Küstenfahrer
+daselbst. Zwei Lieuen von Paßourang liegt ein mäßig hoher Berg, an
+dessen Anhängen alle <em class="gesperrt">europäischen</em> Gemüse, ohne alle Ausartung
+gedeihen, dies giebt zu einem bedeutenden Gemüsehandel nach Surabaye
+Gelegenheit. Wenig Tage vor unserer Ankunft war der Oberwundarzt
+unseres Bataillons hier durch gereist. Er wollte im Innern der Insel
+die Schuzblattern einführen, was von den wohltätigsten Folgen seyn wird.</p>
+
+<p>Am 3. März gieng es bis Bangall; auch<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> diese Tagereise war sehr
+angenehm. Der Fürst, ein siebenzigjähriger Greis, empfieng uns mit
+vieler Zuvorkommung. Er sprach viel von Europa, besonders von den
+lezten Feldzügen in Italien, und schien ein sehr unterrichteter Mann zu
+seyn. Seinem ältesten Sohn und Nachfolger hatte er von einem Holländer
+erziehen lassen, daher dieser junge Prinz sehr gute Kenntnisse,
+besonders in der Mathematik besaß.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen brachen wir nach Surabaye auf. Der Weg war gut,
+die Gegend schön, der Boden vortrefflich angebaut. <em class="gesperrt">Surabaye</em>
+selbst ist eine kleine artige Stadt, und als erster Posten in der
+Meerenge von Madure von Wichtigkeit. Sie wird von dem Flusse Calianas
+durchschnitten, der für Küstenfahrer landeinwärts ziemlich weit
+schiffbar ist. Am Ausflusse desselben befinden sich zwei Hafendämme,
+mit Batterien versehen. Gewöhnlich laufen hier alle Schiffe ein, die
+nach China und den Philippinen bestimmt sind, besonders wegen des<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span>
+Wintermonßuns. Sie finden hier alle mögliche Erfrischungen, worunter
+auch die vortrefflichen Gemüse von Paßourang. Die Luft von Surabaye ist
+sehr gesund, und die Gebend entzückend schön.</p>
+
+<p>Bei unserer Ankunft wurden wir zu einem Juden geführt, der eine gar
+nicht schlechte Herberge hielt. Wir machten die Bekanntschaft eines
+holländischen Capitains, des Herrn Rußler, und wurden durch ihn,
+am folgenden Morgen, seinem Schwiegervater, dem Gouverneur, Herrn
+Rothenthal, vorgestellt. Dieser nahm uns mit vieler Güte auf, und
+versprach wegen unserer ferneren Reise sein möglichstes zu thun. Wir
+wünschten nämlich bis Batavia zu Lande zu gehen. Dies erforderte jedoch
+Bericht an den Generalgouverneur. Ich machte hierauf dem Commandanten,
+dem Major von Franquemont, aus dem Würtembergischen, einen Besuch. Er
+empfieng mich aufs beste, räumte mir ein Zimmer in seiner Wohnung ein,
+und überhäufte mich mit Höflichkeiten aller Art. Dasselbe<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> muß ich von
+dem Admiral Hartsink sagen, der hier mit seiner Escadre vor Anker lag.</p>
+
+<p>Nach ungefähr vierzehn Tagen traf die Antwort des Generalgouverneurs
+ein. Sie war, wie wir befürchtet hatten, abschläglich, man fand die
+Kosten gar zu groß. Herr Rothenthal bekam daher den Auftrag, uns die
+Ueberfahrt nach Samarang, an Bord einer Brigg zu verschaffen, die
+ohnehin zu einem Kreuzzuge bestimmt war.</p>
+
+<p>Plözlich mußte es sich fügen, daß ein Schiff von der Escadre des
+Admirals Hartsink nach Batavia abgieng. Sofort suchte ich nebst meinem
+Freunde Harsaud um Plätze darauf an. Unsere Bitte ward bewilligt, und
+so begaben wir uns an Bord, wo uns der Capitain mit vieler Güte aufnahm
+(5. April).</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Siebentes Capitel.</h4>
+</div>
+
+<p>Wir waren noch denselben Abend unter Segel gegangen, und kamen bei dem
+ziemlich günstigen Winde, schon am folgenden Tage aus der Meerenge
+heraus. Capitain <em class="gesperrt">Ruysch</em> hatte uns die Hälfte seiner Cajüte
+eingeräumt, und wir speisten regelmäßig Mittags und Abends bei ihm.
+So kamen wir ohne weitere Vorfälle am neunten Tage (14. April) auf
+der Rhede von <em class="gesperrt">Samarang</em> an, welches der Hauptposten auf der
+ganzen Nordküste ist. Samarang giebt nämlich den Mittelpunkt aller
+Verbindungen, und die Hauptniederlage aller Erzeugnisse der Insel
+ab. Die dortige Gouverneursstelle ist, nach der von Batavia, die
+einträglichste im ganzen holländischen Indien. Sie wirft jährlich an
+250,000 Piaster ab. Herr Engelhard, der sie jezt bekleidet, macht
+daher ein sehr glänzendes Haus. Die Luft von Samarang ist gesund, die
+Gegend schön, das gesellschaftliche<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Leben angenehm. Wir lernten unter
+andern einen Major <em class="gesperrt">Keller</em> kennen, der früher General-Adjutant in
+französischen Diensten, und schweizerischer Kriegsminister gewesen war.</p>
+
+<p>Nach einem achttägigen Aufenthalte giengen wir am 23. April wieder
+in See, und segelten zwei Tage lang, längs der reizenden Küste hin.
+Am 26. Mittags ankerten wir auf der Rhede von <em class="gesperrt">Tcheribon</em>, und
+begaben uns sogleich ans Land. Hier wurden wir bei dem Wachtposten
+sehr feierlich empfangen, und fanden zwei prächtige Wagen bereit. Der
+Resident, Herr Roose, der anderthalb Lieuen von der Küste wohnt, hatte
+uns dieselben entgegengeschickt. Wir fuhren hierauf durch eine sehr
+schöne Landschaft, die einem großen Graben glich, und kamen so bei
+Herrn Roose an. Er vereinigt asiatischen Luxus, und europäische Eleganz
+auf eine seltene Art. Der Distrikt von Tcheribon liefert den besten
+Caffe von ganz Java; die Residentenstelle trägt jährlich an 60,000
+Piaster ein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p>
+
+<p>Wir blieben drei Tage in Tcheribon, und giengen dann mit mehreren
+kleinen Küstenfahrern, die wir unter Convoy nahmen, in See. Die Küste
+wimmelt von Seeräubern aus Banca, Sumatra und Java selbst. Diese
+fallen kleine Schiffe, besonders chinesische Junken, mit vieler
+Kühnheit an. Europäer werden ermordet, Asiaten zu Sclaven gemacht.
+Der Hauptschlupfwinkel dieser Seeräuber ist die Insel Carimon, zehn
+Seemeilen von der Küste, auf der Höhe von Samarang. Hier sind ihrer oft
+hundert, ja hundert und fünfzig bis zweihundert beisammen, besonders,
+wenn ein Hauptschlag ausgeführt werden soll. Vor kurzem hatte man von
+Batavia zwei Fregatten, und eine Brigg gegen sie abgeschickt. Diese
+Schiffe kamen gerade zu rechter Zeit an, denn eben war die ganze Bay
+von Carimon mit Seeräubern angefüllt. Man blokirte daher sogleich den
+Eingang, und bereitete den Angriff auf den folgenden Morgen vor. Es
+schien um die Räuber geschehen zu seyn, allein zum Unglück war der<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span>
+Capitain der Brigg nicht wachsam genug. Sie entwischte daher in der
+Dunkelheit, und waren am andern Morgen längst aus dem Gesichte der
+Division.</p>
+
+<p>Am 27. April kamen wir endlich auf der Rhede von Batavia an. Kaum
+zeigte ich mich in der Stadt, als ich mit Freude und Erstaunen
+aufgenommen ward, denn jedermann hatte mich todt geglaubt. Der
+Gouverneur wünschte mich von neuem in Dienste zu nehmen; allein alles
+rief und zog mich nach Europa zurück. Zum Glück befand sich gerade
+ein Caper von jener Insel auf der Rhede, der dahin zurückzugehen im
+Begriffe war. Nach einigen Unterhandlungen erhielt ich einen Plaz
+darauf, und begab mich demnach am 8. Mai an Bord. Diesmal war unsere
+Fahrt glücklicher; am 1. Juni bekamen wir schon die Insel Bourbon zu
+Gesicht.</p>
+
+<p>Der Engländer wegen, hatte der Capitain von seinen Rheden den Befehl,
+mit der größten Vorsicht zu Werke zu gehen. Wir suchten daher die Küste
+zu gewinnen, um<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> wo möglich Erkundigungen einzuziehen. Allein der Wind
+war fortdauernd ungünstig; wir brachten also sechs volle Tage damit zu.
+Endlich erhielten wir Nachricht, daß die englische Escadre verschwunden
+sey. So sezten wir unsere Fahrt nach Isle de France fort, und erkannten
+am 8. Juni Morgens, einen der höchsten Berge dieser Insel, Morne
+Brabant genannt.</p>
+
+<p>Gegen Mittag erblickten wir nicht weit von uns ein dreimastiges Schiff,
+zogen die Flagge auf, und riefen es an. Es zog ebenfalls französische
+Flagge auf, und zwar dreimal hinter einander, was uns, da es keine
+Antwort gab, äußerst verdächtig vorkam. Um acht Uhr Abends waren wir
+nur noch einige Seemeilen von der Insel entfernt. Plözlich stiegen von
+einem Bergposten zwei Raketen auf; bekanntlich das Signal, wodurch die
+Nähe des Feindes angezeigt wird. Wir hielten es indessen für einen
+Irrthum, und glaubten nicht daran. Als aber das Signal, nach Verlauf
+von zwei Stunden, der Regel gemäß,<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> wiederholt ward, drehten wir
+plözlich um, und sezten alle Segel bei. Jezt gieng es abermals auf Isle
+de Bourbon zu, wo auch am 10. Morgens der Anker fiel.</p>
+
+<p>Mein Aufenthalt auf dieser Insel dauerte jedoch nur kurze Zeit. Schon
+am 18. gieng ich nämlich, meiner mündlichen Mittheilungen wegen, auf
+einem Aviso nach Isle de France ab. Dies Fahrzeug war mit Rudern
+versehen, und ganz zu einer schnellen Ueberfahrt geschickt. Wir
+entkamen den Engländern glücklich, und liefen am 22. Juni Abends in der
+Riviere Noire ein. Bei meiner Ankunft zu Port Louis, ward ich von dem
+General Decaen mit großer Freude empfangen; auch er hatte mich auf den
+Bericht eines amerikanischen Schiffers todt geglaubt.</p>
+
+<p>Er machte mir Hoffnung, mich in wenig Monaten nach Europa abzusenden,
+und stellte mich inzwischen wieder bei dem Ingenieurscorps an. Allein
+es vergieng ein volles Jahr, ehe sich eine passende Gelegenheit zu
+meiner Rückreise fand. Erst im August 1806 war endlich<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> das dazu
+bestimmte Schiff segelfertig, und alles gehörig in Richtigkeit. Am
+11. August schiffte ich mich ein, am 15. November kam ich, nach einer
+ziemlich glücklichen Fahrt, in dem spanischen Hafen Passages bei St.
+Sebastian an. Von dort sezte ich meine Reise über Bayonne, Bordeaux u.
+s. w. nach meinem Geburtsorte, wo meine Familie lebte, zu Lande fort.</p>
+
+<hr class="full">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p>
+
+<h2 class="p4 lh2">Dritte Abtheilung,<br>
+<em class="s3 gesperrt">Heinrich Potter.</em></h2>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p>
+
+<hr class="sk">
+
+<p class="s4 center"><b>Quelle.</b></p>
+</div>
+
+<div class="blockquot">
+<p class="hang"><em class="antiqua">L'otgevallen en Ontmoetingen op eene mislukte Reize naar de Kaap de
+Goede Hoop. Door <em class="gesperrt">H. Potter</em>. 1807 — 9. IV. Vol. 8.</em></p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p>
+
+<p class="s4 center"><b>Einleitung.</b></p>
+</div>
+
+<p>Der Verfasser war Prediger zu Peins, in der Nähe von Franken, und
+erhielt im Jahre 1804 einen Ruf nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung.
+Allein da bald darauf der Krieg wieder ausbrach, so fand sich keine
+sichere Gelegenheit zur Reise dahin. Erst zu Ende des genannten Jahres
+bot sich eine solche in einem preußischen Hafen dar. Wir haben uns
+bemüht, die <em class="gesperrt">niederländische</em> Manier des Verfassers sorgfältig
+beizubehalten, überzeugt, daß es den gemüthlichen Lesern gewiß
+Vergnügen machen wird.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Erster Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r"><em class="gesperrt">Leer </em> Novemb. 1804.</p>
+
+<p>Liebster Freund. Am 15. October erhielt ich Befehl und Anweisung,
+bis zum 10. November an Bord zu seyn. Ich eilte daher sofort nach
+Amsterdam, um alle meine Einrichtungen zu treffen, welches Gott sey
+Dank, über meine Erwartung von statten gieng. Hierauf kehrte ich am 27.
+October nach Peins zurück, wo meine Frau inzwischen alles eingepackt
+hatte, und reiste am folgenden Morgen mit ihr und den Kindern nach
+Dockum ab. Hier sollte sie bleiben, bis sich bequeme Schiffsgelegenheit
+nach der Capstadt fand.</p>
+
+<p>So war alles in Ordnung gebracht. — Endlich am 5. Morgens — Nie werde
+ich den Augenblick vergessen, liebster Freund. — »O bleibe bei uns
+Vater! Verlaß uns nicht!« — riefen meine ältesten drei Kinder, und
+klammerten sich an mich an, während der Säugling ruhig in der Wiege
+schlief. — Wäre meine Frau nicht standhafter gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> als ich — Ich
+glaube, ich hätte in diesem Augenblicke auf Alles Verzicht gethan. So
+riß ich mich endlich mit gepreßtem Herzen los. Meine Sachen wurden jezt
+in die Schuit<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> gebracht, und ich folgte mit thränenden Augen nach.
+Zu meiner Freude waren nur noch zwei Personen in dem Roef<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a> daher ich
+ziemlich ungestört blieb. Abends kamen wir so in Gröningen an.</p>
+
+<p>Ich hatte von Gröningen am nächsten Tage mit der Schuit nach Delfzyl
+zu gehen gedacht, wo ich Gelegenheit nach Leer zu finden sicher war.
+Allein es fror die Nacht so heftig, daß ich nicht weiter daran denken
+konnte. Ich ließ daher meine Sachen auf einen Wagen laden, auf dem sich
+zugleich ein Siz für mich und den Fuhrmann befand. Da es schon zwei Uhr
+war, als wir abfuhren, kamen wir Abends nicht weiter als Scheemda, ein
+großes, schönes Dorf, wo Nachtquartier gemacht ward.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p>
+
+<p>Am folgenden Morgen gieng es bei schönem hellen Wetter, durch den
+reichsten und fruchtbarsten Theil der Provinz, nämlich das Oldampt.
+Besonders groß und prächtig sind die Pfarrwohnungen, wie denn die
+Geistlichen hier solche Einkünfte haben, wie vielleicht nirgends
+anderes in unserem Vaterland.</p>
+
+<p>In der Nähe von Neuschanz (<em class="antiqua">de Nieuwe Schans</em>) war der Weg
+außerordentlich schlecht. Indessen kamen wir Abends ohne Unfall an.
+Hier lohnte ich meinen Fuhrmann ab, weil mit seinem schweren Wagen
+unmöglich weiter zu kommen war. Ich hielt es fürs beste, zwei kleinere
+zu nehmen, worauf die Reise am nächsten Tage weiter gieng.</p>
+
+<p>Bald kamen wir nun auf preußischen Boden, indem der Grenzpfahl ganz
+nahe bei Neuschanz steht. Das Land verräth viel Wohlstand, besonders
+der Theil, der unter dem Namen, der Preußische Polder bekannt ist.
+Ueberall herrliches Wiese- und Ackerland, und die schönsten Bauernhöfe,
+von städtischem Ansehen. Dies machte mich<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> den schlechten Weg
+vergessen, der bei dem eingetretenen Thauwetter fast ganz ungangbar
+war. So kamen wir Nachmittags an dem Wirthshause an, das am rechten
+Ufer der Ems, ungefähr eine Viertelstunde von Leer, gelegen ist.</p>
+
+<p>Ich hätte mich gern noch diesen Abend über den Fluß setzen lassen,
+allein es war unmöglich, weil er mit Treibeis gieng, und nur das
+kleine Boot mit großer Mühe hin und wieder fuhr. Da ich nun meine
+Sachen unmöglich zurücklassen konnte, ließ ich sie abladen, und in
+einen Schoppen bringen, wo nach der Versicherung des Wirthes alles in
+Sicherheit war. Bei meinem Eintritt in das Zimmer sah ich sogleich an
+dem schmutzigen Boden, und der sparsamen Erleuchtung, daß ich mich
+außer dem Vaterland befand. Ein Dutzend Münsterländer mit langen blauen
+Hemden, und dicken weißen Schlafmützen, saßen mit dampfenden Pfeifen
+vor dem Kamine, und erwiederten meinen Gruß in ihrer eigenthümlichen
+platten Mundart.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p>
+
+<p>Nachdem man mir an der einen Ecke Plaz gemacht hatte, brachte mir der
+Wirth eine Pfeife, und stellte einen kleinen Tisch mit einer Flasche
+Wein vor mich. Hierauf fuhr er in einer Erzählung fort, die durch meine
+Ankunft unterbrochen worden war. Sie betraf seine Jugend, Verheiratung,
+und Ehe. Nach dem Tode seiner ersten Frau hätte er gern eine zweite
+genommen, allein er war zu alt dazu. Eine junge würde <em class="gesperrt">ihn</em> nicht
+gewollt haben, und zu einer von seinen Jahren hatte er selbst keine
+Lust gehabt.</p>
+
+<p>Auch schmerzte es ihn bitter, daß er in seiner Jugend nicht hatte
+reisen können, es würde etwas ganz anderes, als ein Landwirth aus ihm
+geworden seyn. Zum Beweise seiner großen Kenntnisse sprach er dann vom
+Vorgebirge der guten Hoffnung, was bei ihm Ostindien hieß, und von der
+unerträglichen Hitze, und den hottentottischen Affen daselbst, und
+dergleichen mehr. Die guten Münsterländer hörten mit offenen Mäulern
+und Ohren zu, ganz erstaunt über<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> die unerhörte Gelehrsamkeit des alten
+dicken Wirths. Indessen muß ich ihm lassen, daß er mir ein Abendessen
+vorsezte, das gar nicht übel war. Auch bekam ich im oberen Stocke ein
+reinliches Zimmer mit einem rechten guten Bett.</p>
+
+<p>Am andern Morgen ließ ich mich nun mit meinen Sachen übersetzen, und
+gelangte in einer Viertelstunde nach Leer, mein vorläufiges Reiseziel.
+Hier nahm ich ein Zimmer in einem großen Wirthshause, bei einem
+gewissen Wagner, wo es mir aber durchaus nicht gefiel. Besonders
+stieß mich der gemeine liederliche Ton des Wirthes ab, den dieser am
+Gesellschaftstische angab. Ich sahe mich also noch denselben Tag nach
+einer andern Wohnung um, und fand auch bald ein recht artiges Zimmer
+mit einer angenehmen Aussicht obendrein.</p>
+
+<p>Es war bei einer Schiffscapitainsfrau, die mir zugleich Kost, Licht
+und Heizung zu geben versprach. Für alles zusammen, das Zimmer mit
+eingerechnet, forderte sie nicht<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> mehr als sieben Gulden, die Woche,
+was gewiß äußerst billig war. Das Schiff ist leider noch nicht
+angekommen, man erwartet es aber, so bald die Ems vom Eise frei
+ist. Unterdessen habe ich einen Theil meiner Bücher ausgepackt und
+beschäftige mich so gut es gehen will. Leer selbst, mit seinen 4000
+Einwohnern, und seiner jetzigen Handelsstille, bietet so gut als
+gar keine gesellschaftlichen Hülfsquellen dar. Indessen kann mein
+Aufenthalt nicht lange dauern, und so nehme ich mit allem vorlieb.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Zweiter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r"><em class="gesperrt">Leer</em> Feb. 1805.</p>
+
+<p>»Der harte Frost macht alle Schiffarth unmöglich; drum will ich noch
+einmal Frau und Kinder sehn!« — So rief ich am Neujahrstage aus, und
+trat sofort die Reise an. Ich überraschte meine Lieben, brachte noch
+einiges im Haag in Ordnung, und kam vor ungefähr acht Tagen wieder
+hierher zurück.<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> Seitdem hat es nun so stark getaut, daß die Ems
+völlig offen ist. Schon liegt ein Schiff nach dem Cap in Ladung, allein
+das unserige kommt erst übermorgen an. Der Himmel gebe, daß kein neuer
+Aufenthalt entsteht, damit ich doch endlich einmal meine Gemeinde
+begrüßen kann.</p>
+
+<p>Unterdessen habe ich Leer ziemlich kennen gelernt. Würden Sie
+glauben, daß dieser kleine Ort eine lutherische, eine reformirte,
+eine katholische und eine mennonitische Kirche, so wie eine Synagoge
+hat? Die Ems fließt hinten daran weg, und ist im Flecken selbst nur
+von einigen Stellen zu sehen. Indessen trägt sie sehr große Schiffe,
+so, daß diese vor den Packhäusern ankern können, die an jener Seite
+befindlich sind.</p>
+
+<p>Als ich gestern fortfahren wollte, kam meine Wirthin, mir zu sagen,
+daß eben unser Schiff angekommen sey. Sofort ließ ich mich übersetzen,
+stieg auf den Damm, und sahe es in der untergehenden Sonne gerade vor
+mir. Bald darauf langte der Capitain<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> mit den übrigen Passagieren an,
+und wir machten die erste Bekanntschaft bei einer guten Abendmahlzeit.
+Diesen Morgen kam das Schiff vollends an den Wal, wie man hier sagt,
+so, daß es die Ladung einnehmen kann. Ich gieng mit einigen Freunden,
+es zu besehen, und fand, daß es ein gutes, festes, aber etwas kleines
+Fregattenschiff war. Nun, wir werden uns zu behelfen suchen, so gut es
+gehen will. Der Capitain, ein geborner Ostfriese, scheint ein recht
+guter Mann, und sorgt, dem Vernehmen nach, aufs reichlichste für unsern
+Schiffsbedarf. Er ist das freilich wohl im Stande, da jeder von uns
+eine sehr ansehnliche Summe für die Ueberfahrt zahlt. Dies ist indessen
+seine erste große Reise dieser Art. Doch hat er einen erfahrnen
+Steuermann, einen gebornen Holländer, der schon mehrere Reisen nach
+Ost-Indien gemacht hat. Eben so erwartet er einen Supercargo, der
+gleichfalls sehr gute Kenntnisse von diesen Gegenden haben soll.
+Indessen fand ich die Mannschaft, nur sechszehn<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> Köpfe zusammen, für
+eine so weite Reise etwas schwach, weil doch immer ein Drittheil davon
+erkranken kann.</p>
+
+<p>Leer ist der vielen Schiffe und Fremden wegen jezt äußerst lebendig,
+wobei sich der reiche Theil der Kaufleute besonders in Gastmählern
+zu zeigen sucht. Gewöhnlich sind es Abendmahlzeiten, von denen man
+aber oft erst Morgens aufsteht. In diesen legt man hier den größten
+Luxus zur Schau, besonders was die Weine betrifft. Der Bordeaux macht
+dabei den Anfang, und der Champagner den Beschluß. Ueberhaupt ist der
+Ostfriese von ruhigem, gutmüthigem, gastfreundlichem Charakter, so, daß
+es fast allen Fremden hier sehr wohl zu gefallen pflegt.</p>
+
+<p>Dazu tragen denn auch in vieler Hinsicht die angenehmen Spaziergänge in
+der Nachbarschaft bei. Der besuchteste davon führt nach Bollinghusen,
+eine Art Gehöfte mit einem Herrenhause, das dem Baron von Reede gehört.
+Dabei befindet sich ein schöner Park und Garten, die jedermann offen
+stehn. Ein<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> großes wohleingerichtetes Wirthshaus mit einem Tanzsaal
+fehlt ebenfalls nicht. Es ist daher alle Tage, besonders aber Sonntags,
+große Gesellschaft hier.</p>
+
+<p>Ein anderer angenehmer Weg führt nach Loga, ohngefähr eine halbe Stunde
+östlich von Leer, auf der großen Straße nach Deutschland. Dieses Loga
+ist ein ansehnliches Dorf, das aus einigen Straßen besteht und viele
+stattliche Gebäude hat. Unter diesen befinden sich mehrere Landhäuser,
+die sehr geschmackvoll eingerichtet sind. Besonders zeichnet sich
+das Schloß des Grundherrn, des Grafen <em class="gesperrt">von Wedel</em>, aus. Es ist
+fürstlich zu nennen, und mit den herrlichsten Park- und Gartenanlagen
+versehen.</p>
+
+<p>Eine Viertelstunde nördlich von Leer erhebt sich mitten im freien Felde
+eine nicht unbedeutende Anhöhe, der <em class="gesperrt">Plettenberg</em> genannt. Der
+Weg dahin führt zum Theil durch eine hohe Ulmenallee, bei den Ruinen
+eines alten Schlosses vorbei. Man hat von diesem Anhöhe eine sehr
+ausgebreitete Aussicht<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> auf den schlängelnden Fluß, und einen großen
+Theil von Ostfriesland. Bei heiterem Wetter kann man selbst Embden,
+und die Schiffe auf der dortigen Rhede sehn. Nun, in kurzem werden wir
+selbst dort liegen, und dann mit Gott in offene See.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Dritter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r">An Bord, auf der Rhede von<br>
+<em class="gesperrt">Embden</em>, April 1808.</p>
+
+<p>Da bin ich denn an Bord unserer Anna Wilhelmina, dies ist der Name
+unseres Fregattenschiffs. Nach Abgang meines lezten blieb ich ohngefähr
+noch acht Tage in Leer. Unterdessen nahm das Schiff den Rest seiner
+Ladung ein, und segelte den Fluß hinab. Wir Passagiere, acht zusammen,
+folgten zu Lande nach. Morgens fuhren wir ab, Mittags kamen wir in
+Embden an. Die Rhede von Embden hat das Unbequeme, daß kein großes
+Schiff in der Nähe der Stadt vor Anker gehen kann. Man muß daher oft
+eine<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> Stunde, ja zwei Stunden fahren, ehe man zu seinem Schiffe kommt.
+Dies war leider auch unser Fall, doch endlich hatten wir die gehörige
+Höhe erreicht, und konnten unser Schiff gerade vor uns sehn. Da es aber
+gerade Ebbe war, entstand ein neuer Aufenthalt. So harrten wir bis
+sechs Uhr Abends am Strande, bis endlich die Schaluppe uns abzuholen
+kam.</p>
+
+<p>Sobald wir uns an Bord befanden, wies uns der Capitain, je zwei und
+zwei zusammen, unsere Hütten an. Mit meinem Gefährten hatte ich schon
+in Leer Bekanntschaft gemacht. Es war ein alter herzensguter Mann, der
+als Aufseher der afrikanischen Wallfischfang-Gesellschaft ebenfalls
+nach der Kapstadt gieng. Ich übernahm die Mühe, unsere Hütte in Ordnung
+zu bringen, was mir denn auch nicht übel gelang.</p>
+
+<p>Denken Sie sich einen kleinen Verschlag, der höchstens drei Personen
+fassen kann, und das Licht nur durch ein kleines Fenster in der Thür
+erhält. Denken Sie sich ferner in der<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> einen Wand derselben zwei Koyen,
+oder Schlafstellen über einander, so haben Sie unsere Hütte vor sich.
+Hier muß man denn nun sehn, wie man seine Sachen unterbringt. Ein
+Glück, daß ich beim Einladen unserer Provisionen zugegen war, so ward
+alles gleich in die Hütte gesezt.</p>
+
+<p>Was wir daher am nöthigsten brauchten, wie Wäsche, Bücher u. s. w.
+kam unter die Matrazze, oder fand an den Enden der Koye einen Plaz.
+Andere Sachen, wie Töpfe mit Eingemachtem, Thee, Kaffee, Zucker, Gläser,
+Seife, Liqueur u. s. w. wurden in einen Schrank verschlossen, der
+an der entgegengesezten Wand befindlich war. Einige Kleidungsstücke
+wurden zwischen die Balken an der Decke der Koye gesteckt. Die größeren
+Vorräthe, wie die Weinkisten, das Selteserwasser u. s. w. befanden sich
+im Raume, doch oben aufgesetzt. Auf diese Art war unsere Haushaltung
+sehr bald in Ordnung gebracht. Wir nahmen hierauf bei dem Capitain das
+Abendessen ein, und sanken<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> zulezt unter dem Rauschen des Wassers in
+tiefen Schlaf.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Diesen Morgen gieng ich nur auf das Verdeck, fand aber dort alles in
+der größten Unordnung. Das Schiff ist so voll geladen, daß man die
+besten Sachen nicht mehr in den Raum bringen kann. So müssen z. B. die
+Fleisch- und Gemüse-Tonnen sämmtlich oben bleiben, was den Platz gar
+sehr beengt, und die Schiffsarbeit nicht wenig erschwert. Dazu kommen
+die Passagiergüter, alles darunter und darüber, wovon jeder nach dem
+Seinigen sucht. Man will versuchen, aufzuräumen, ich fürchte aber,
+daß es wenig helfen wird. Von allen den schönen Vorräthen an Hämmeln,
+Geflügel u. s. w. die uns der Capitain versprochen hatte, ist nicht das
+mindeste zu sehen. Mehrere Passagiere denken daher, mit der Schaluppe
+nach Embden zu fahren, und einzukaufen, was zu bekommen ist. Auch für
+uns werden Hühner, und einige Ochsenviertel mitgebracht. So eben<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> kommt
+unser Rheder zum Abschiedsbesuch. Ich muß schließen, man ruft mich.</p><br>
+
+<p class="r">Morgens 7 Uhr.</p>
+
+<p>Der Wind ist günstig, der Lootse an Bord. Eben wird das Anker
+aufgewunden, wir gehen in See. So leben Sie denn wohl, herzlich wohl.
+Die Inlage an meine liebe Frau. Gott gebe, daß wir uns alle glücklich
+wieder sehn! Noch einmal, leben Sie herzlich wohl, und denken Sie
+meiner mit Freundschaft, wie Ihrer ewig denken wird.</p>
+
+<p class="r">Ihr P.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Vierter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r">In See Mai 1805.</p>
+
+<p>Wir laviren im Kanal; die Küsten von England und Frankreich liegen
+deutlich vor uns. Besonders sind wir jener so nahe, daß wir die
+herrlichen Landhäuser zu erkennen im Stande sind. Es ist das
+herrlichste Wetter von der Welt, nur Schade, daß uns<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> der Wind entgegen
+ist. Anfangs gieng es sehr gut, wir kamen schon am zweiten Tag in den
+Kanal. Aber seitdem haben wir schon vier verloren, und Gott weiß, wie
+lange das dauern kann. Mein Reisegefährte sagt mir, daß auf diese Art
+oft drei bis vier Wochen vergehn.</p>
+
+<p>Unterdessen suche ich mich zu beschäftigen, so gut ich kann. Ich lese,
+ich schreibe, ich meditire, bald sitzend, bald stehend, wobei mein
+kleines Pult in die Koye gesteckt wird. Meistens wachen wir schon um
+vier Uhr auf. Dennoch bleibt jede Parthei allein bis acht Uhr, wo
+alles zum Frühstück in der großen Cajüte zusammenkommt. Dann folgt ein
+Spaziergang auf dem Verdecke, worauf jeder wieder in seine Hütte geht.
+Um elf Uhr versammelt man sich wieder im Caffehause, das von uns selbst
+errichtet worden ist.</p>
+
+<p>Wir haben nämlich die Einrichtung getroffen, daß jeder nach seiner
+Reihe den Wirth machen und die andern mit Genever u. s. w. traktiren
+muß. Um 12 Uhr wird zu Mittag<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> gegessen, wobei jeder aus seinen
+Provisionen etwas zum Nachtisch hergiebt, und so die ewigen Kartoffeln
+und das ewige Pökelfleisch etwas erträglicher macht. Wer eine halbe
+Stunde Mittagsruhe halten will, mag es thun, ich selbst befinde mich
+wohl dabei. Von drei bis sieben Uhr beschäftigen wir uns mit Lesen,
+Schreiben, Kommerzspielen und dergl. mehr. Um sieben haben wir das
+Abendessen, und dann kleine Wein- oder Punschparthien meistens auf dem
+Verdeck. Um zehn Uhr ist Schlafenszeit, wenigstens muß es in allen
+Hütten still seyn. Da haben Sie unsere Einrichtung, Tag für Tag, ohne
+Abänderung.</p><br>
+
+<p class="r">Fünf Tage darauf.</p>
+
+<p>Gott Lob, wir haben endlich günstigen Wind bekommen, und nun geht es im
+Fluge den Kanal hinaus. Schon nähern wir uns dem Cap Lezard, oder der
+südwestlichsten Spitze von England. Indessen gab es diesen Morgen einen
+so heftigen Streit an Bord,<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> daß wenig fehlte, wir wären umgekehrt. Ich
+habe ihnen schon gesagt, wie schlecht es mit den frischen Vorräthen
+des Capitain bestellt war. Dazu kam, daß er uns bei weitem nicht die
+kontraktmäßige Tafel gab. Hieraus entstand nun zwischen ihm, und
+dem Supercargo ein heftiger Wortwechsel, wobei natürlich jeder von
+uns des lezteren Parthei ergriff. Allein dies sezte den Capitain in
+solche Wuth, daß er sofort das Schiff wenden, und gegen den günstigen
+Wind anlaviren ließ. Nach einigen Stunden indessen nahm er seinen
+unvernünftigen Befehl zurück, und ersäufte seinen Zorn in einigen
+Flaschen Portwein, wovon er ein großer Liebhaber ist. Sie können jedoch
+leicht glauben, daß dieser Vorfall einen sehr unangenehmen Eindruck auf
+uns gemacht hat.</p><br>
+
+<p class="r">27. Mai.</p>
+
+<p>Das herrlichste Wetter, der günstigste Wind. Gestern Morgens segelten
+wir bei Teneriffa vorbei. Herrlich war der Wiederschein<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> des
+majestätischen Pics in der klaren, spiegelnden Fluth. Nachmittags
+begegneten wir einem englischen Kaper, der uns beilegen hieß. Hierauf
+kam der Capitain desselben mit einiger Mannschaft zu uns an Bord. Er
+verlangte die Schiffspapiere, sah sie durch, erklärte sie endlich für
+gut, und verließ uns. Wir Passagiere hatten uns inzwischen in unseren
+Hütten verborgen gehalten, und kamen so mit dem bloßen Schrecken davon.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Hitze wird nur täglich stärker, wir fühlen sie besonders des
+Nachts. Schon früh um neun Uhr ist das Holzwerk so heiß, daß man die
+Hand nicht darauf legen kann. Mit unserem Tische geht es so, so; wir
+helfen uns mit dem Mitgebrachten aus. Das Meer ist sehr schön, und
+bietet uns eine Menge wunderbarer Erscheinungen dar. Wir bleiben oft
+bis Mitternacht auf dem Verdeck. Alles ist dann Glanz und Feuer um das
+Schiff. Dazu der sternbedeckte Himmel gleich einem reinen ätherischen
+Lichtmeere!<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr dieser Anblick das
+Herz erhebt!</p><br>
+
+<p class="r">Eine Stunde darauf.</p>
+
+<p>Während ich obiges niederschrieb, tagte in Südost ein Fahrzeug auf,
+das bald für ein dänisches Schiff erkannt ward. Es hielt auf uns zu,
+und kam endlich ganz nahe heran. Es lag drei Wochen in der Tafelbai,
+und ist nach Rotterdam bestimmt. Unser Supercargo hat eine lange
+Unterredung mit dem Capitain gehabt, und giebt ihm ein Paket mit. Mein
+Brief soll darin eingeschlossen werden, daher für diesmal genug. Leben
+Sie wohl, verehrter Freund; meinen nächsten erhalten Sie wahrscheinlich
+aus der Kapstadt selbst.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Fünfter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r">Insel <em class="gesperrt">St. Helena</em>, Juli 1805.</p>
+
+<p>Erschrecken Sie nicht, mein werthester Freund, unser Schiff ist von
+den Engländern<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> genommen, und hier als gute Prise eingebracht. Noch
+weiß ich nicht, was aus mir werden soll, fast dürfte die weitere Reise
+unmöglich seyn. Doch ich will Ihnen in der Ordnung erzählen, wie Alles
+zugegangen ist. Wir hatten den Passatwind bekommen, und rückten nun
+immer nach der Linie vor. Sonnenaufgang und Untergang, der Mond und
+die Sterne, es war ein neuer glänzender Himmel in der reinsten Pracht.
+So sahen wir unter andern einmal einen Regenbogen, der durch den
+<em class="gesperrt">Mond</em> gebildet ward, und dennoch dem schönsten Sonnenregenbogen
+nur wenig nachgab.</p>
+
+<p>Auf diese Art waren wir ungefähr bis unter den fünften Grad nördlicher
+Breite gekommen, als wir am <em class="gesperrt">sechsten Juni</em>, Morgens, gerade
+in Südwesten ein großes Schiff auftagen sahen. Wir freuten uns sehr
+darüber, denn wir hielten es für einen heimkehrenden, holländischen
+Ostindienfahrer, dem es auch vollkommen in Bauart und Segelwerk glich.
+Jeder beeilte sich nun Briefe an seine<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> Freunde zu schreiben, und ich
+selbst fieng einen an Sie Geliebter an. Doch wie schrecklich sahen
+wir uns in unserer Hoffnung getäuscht! Das Schiff kam näher, und ward
+bald für ein englisches Kriegsschiff erkannt. Jezt erfolgten die zwei
+gewöhnlichen Schüsse, das erstemal blind, das zweitemal hinter dem
+Schiffe hin, und wir waren gezwungen, beizudrehen. Sofort sezten die
+Engländer ein Boot aus, und schickten zwei Offiziere, nebst ungefähr
+zwanzig Mann Seesoldaten nach uns ab. Kaum waren nun diese an Bord, so
+wurden die Schiffspapiere untersucht, unzulänglich befunden, und Schiff
+und Ladung für gute Prise erklärt.</p>
+
+<p>Denken Sie sich, wie uns Passagieren bei dieser Nachricht zu Muthe war!
+Um keinen Argwohn zu erregen, hielten wir uns während der Untersuchung,
+troz der erstickenden Hitze, in unsern Hütten auf. Hier brachten wir
+zwischen Furcht und Hoffnung wohl eine Stunde zu. Endlich erfuhren wir
+unser Schicksal. Unser Supercargo, Herr Van der Pulten,<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> mußte sich an
+Bord des Kriegsschiffs begeben; eben so wurden auch unsere sämmtlichen
+Matrosen dahin gebracht. Unser Capitain verlor das Commando, und an
+seiner Stelle übernahm es ein englischer Lieutenant. Auch erhielten
+wir eine englische Schiffsmannschaft. Um uns andere schien man sich
+wenig oder gar nicht zu bekümmern, wie uns denn auch nicht das Mindeste
+genommen ward.</p>
+
+<p>Aber welcher Lärm, welche Verwirrung auf dem Verdeck! Alles unter, und
+durch einander; ein Schreien, Fluchen und Rasen, daß man sein eigenes
+Wort nicht verstand. Dazu das Ueberpacken der Hangmatten, Kisten u.
+s. w. Die fremden Gesichter, die fremde Sprache, der ganz veränderte
+Zustand. Endlich drangen ein halbes Dutzend englische Matrosen in die
+Cajüte, erbrachen die Kisten unseres Capitains, und bemächtigten sich
+seines Eigenthums. So gieng es fort bis vier Uhr, wo alles allmählig
+wieder in Ordnung kam. Bald darauf gab das Kriegsschiff ein Signal, und
+sogleich ward alles zum<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> Weitersegeln in Bereitschaft gesezt. Endlich
+steuerte das Kriegsschiff voran, und das unserige hinter demselben
+drein. Der Curs war südlich; doch wohin es eigentlich gieng, blieb ein
+Geheimniß für uns.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage neue Verwirrung, neue Angst. Die Engländer
+beschlossen die Ladung Stück für Stück zu untersuchen, um der Prise
+desto gewisser versichert zu seyn. Da sie nämlich unser Schiff durchaus
+für ein verkapptes holländisches hielten, vermutheten sie auch Pulver,
+Blei, Gewehre u. s. w. unter der Ladung, was bekanntlich gegen die
+Kriegsgesetze ist. Zu diesem Ende wurden nun alle Kisten und Fässer
+auf das Verdeck gebracht, und theils zerschlagen, theils angebohrt.
+Sie wurden dabei so hoch aufgestapelt, daß fast das Umschlagen zu
+befürchten war. Man fand indessen nichts, als einige Fässer Harz, was
+dann zur Contrebande gestempelt ward. Hierauf ward alles wieder in den
+Raum geschafft, wiewohl in größter Unordnung. Diese ganze Untersuchung
+dauerte<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> von Morgens sechs, bis Abends acht Uhr, und zwar während
+der Himmel mit furchtbaren Gewitterwolken bedeckt war. Ein einziger
+Windstoß, ein einziger Wetterschlag, und es würde um uns geschehen
+gewesen seyn.</p>
+
+<p>Die Nacht war still, aber drückend heiß. Endlich gegen Morgen brach das
+Ungewitter mit tausend Donnerschlägen los. Das Echo in den Wolken war
+fürchterlich; der Regen floß in Strömen herab; der Sturm peitschte die
+Wogen himmelan; unzählige Blitze durchkreuzten sich. Zum Glück waren
+wir auf diese <em class="gesperrt">Travate</em> — dies ist der Schiffsausdruck — schon
+seit dem Abende vorbereitet, so daß sie uns nicht den mindesten Schaden
+that.</p>
+
+<p>Am 20. Juni passirten wir die Linie, was mit den gewöhnlichen
+Feierlichkeiten geschah, und steuerten immer tiefer nach Süden hinab.
+Oft nahm uns das Kriegsschiff nunmehr aufs Schlepptau<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>, wobei es
+natürlich tüchtige<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Stöße gab. Am 3. Juli verließ uns das Kriegsschiff
+auf eine kurze Zeit. Es beschloß auf einige Schiffe Jagd zu machen, die
+man in Osten erblickte, und der Capitain für spanische ansah. Er gab
+uns den Curs auf, den wir in der nächsten Nacht halten sollten, und
+versprach am andern Morgen wieder bei uns zu seyn. Allein wir harrten
+vergebens; selbst am dritten Tage erschien er noch nicht. So kreuzten
+wir immer in der Irre herum.</p>
+
+<p>Das schlimmste dabei war, daß unser Wasser zu Ende gieng, und daß nun
+jeder auf eine Kanne täglich gesetzt ward. Zum Unglück hatten sich
+die Ratten auch schon längst über unser Selteserwasser gemacht; wir
+waren daher auf Wein und Branntewein eingeschränkt. Gekocht konnte
+nun durchaus nichts weiter werden, wenigstens in süßem Wasser nicht;
+dagegen machte das Seewasser alle Speisen beinahe ungenießbar.</p>
+
+<p>Um einmal eine gute Tasse Caffe zu haben, gab ich zwei Flaschen
+Genever, jede zu sieben bis acht Gulden, für eine einzige Flasche<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span>
+Wasser hin. Zwar hatten wir zuweilen starke Regenschauer, allein dies
+half uns nichts. Segel, Holz- und Tauwerk waren nämlich so stark mit
+Salztheilen besezt, daß das herabfließende Wasser durchaus denselben
+Geschmack bekam. An unserem Mangel waren indessen die englischen
+Offiziere und Matrosen eigentlich selbst Schuld. Bei dem Umladen hatten
+sie nämlich mehrere Wasserfässer, die ihnen im Wege waren, zerschlagen;
+eben so hatten sie den größten Theil unseres Vorrathes zum Waschen
+verbraucht.</p>
+
+<p>Fünf Tage hatten wir so aufs ungewisse herumgekreuzt, als endlich
+unser Lieutenant den Kurs nach <em class="gesperrt">St. Helena</em> zu nehmen beschloß.
+Der Wind war heftig, aber auch äußerst günstig für uns. Dies war ein
+großes Glück, da jeder nur noch ein einziges Glas Wasser erhielt. So
+durchschnitten wir den ungeheuern Ocean ohngefähr vom Rio de la Plata
+an bis nach diesem einsamen Eiland. Vierzehn Tage waren vorüber, wir
+hatten nur noch Wasser auf einen einzigen,<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> was gestern war. Da sahen
+wir mit aufgehender Sonne die schwarze, verbrannte, tausendfach in
+sich zerklüftete Felsenmasse vor uns. Aber bald verloren wir den Wind,
+und kamen nur mit Mühe heran. Doch als wir endlich um die hohen Felsen
+bogen, welch ein erfreulicher Anblick! Es war St. Jamestown, von hohen
+tropischen Bäumen beschattet, im Hintergrunde einer herrlichen Bai.
+Unvergeßlicher Abend! Meere und Himmel glänzten in Rosenglut. Bald
+erkannten wir auch unser Kriegsschiff, das vor 3 Tagen hier eingelaufen
+war, und ankerten sofort nicht weit davon.</p>
+
+<p>Abends erhielten wir einen Besuch von einem Hamburger Capitain, der
+unter dänischer Flagge von Ostindien kommt. Er erbot sich, Briefe von
+uns mitzunehmen, und so wird ihm auch dieser zugestellt. Eben trifft
+die Antwort des Gouverneurs auf unser Bittgesuch ein, an's Land zu
+gehen. Sie ist, wie gewöhnlich, bejahend, und wir machen noch heute
+Gebrauch davon. — Ich umarme<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Sie mit Herzlichkeit; nächstens mehr von
+mir.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Sechster Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r">Bai von <em class="gesperrt">St. Helena</em>,<br>
+Juli 1805.</p>
+
+<p>Es ist ein trüber, regnigter Tag, wie immer in dieser Jahrszeit. Ich
+bin allein in der Cajüte, alle meine Reisegefährten befinden sich am
+Lande, so werde ich denn von Niemanden gestört. In der ersten Nacht,
+nachdem wir vor Anker gegangen waren, hatten wir noch einen gewaltigen
+Schrecken. Denken Sie, im Vertrauen auf den guten Ankergrund, hatte
+sich der Capitain mit einem einzigen Anker begnügt. Dieser »<em class="gesperrt">raakte
+los</em>«, wie es in der Schiffersprache heißt, und wir trieben in die
+offene See. Es war kurz vor Mitternacht, als es die Wache zum Glück
+noch inne ward. Jezt entstand ein entsezlicher Lärm, und alles mußte
+sofort an die Arbeit. Wir Passagiere<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> fuhren aus dem ersten Schlafe
+auf, und glaubten anfangs, daß Feuer ausgekommen sey. Mit vieler Mühe
+ward nun das Schiff wieder gewendet und in Sicherheit gebracht. Wir
+wurden indessen nicht eher ruhig, als bis auf jeder Seite ein großer
+Anker gefallen war.</p>
+
+<p>Nachmittags fuhr ich nun mit dem Supercargo, der uns vom Kriegsschiffe
+aus besucht hatte, ans Land. Wir stiegen an einem schattigen Wege
+aus, der längs den Batterien bis zu dem Thore hinläuft. Was einem nun
+zuerst in die Augen fällt, ist Jamestown, zu deutsch Jacobsstadt. So
+heißt der einzige Ort, der auf der Insel befindlich ist. Denken Sie
+sich ein schmales, noch keine halbe Stunde langes Thal, auf beiden
+Seiten mit 2000 Fuß hohen Bergen eingefaßt. In diesem Thale denken
+Sie sich nun 3 bis 4 Straßen mit zierlichen Häusern besezt, und hier
+und da mit Bäumen vermischt, und Sie sehen Jamestown in der Natur vor
+sich. Die vornehmste Straße geht von Süden nach<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> Norden, und endigt
+in einem sehr schönen Graben, der der Regierung gehört. Hier findet
+man die besten Häuser, alle in orientalischem Geschmacke, mit platten
+Dächern, und Gallerien erbaut. Sie haben sämmtlich kleine Gärten,
+wo man die herrlichsten Blumen zieht. Da das Thal aufwärts steigt,
+ragen die hintersten Häuser etwas über die vordersten empor, und
+haben die Aussicht auf die Bai. In der Mitte der Straße befindet sich
+ein Grasplatz mit Bäumen besezt, auf dem ein schöner Brunnen steht.
+Ganz am Ende liegt ein schöner schattiger Gottesacker, wo wir einige
+geschmackvolle Grabmäler sahen.</p>
+
+<p>Als wir die Straße wieder herunter giengen, traten wir einen Augenblick
+in den oben erwähnten Graben hinein. Er steht jedermann offen, und
+ist mit den herrlichsten Pflanzen aller Welttheile bedeckt. Ein
+artiges Haus von Bananas, Citronen, Orangen und Palmen beschattet,
+zog besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es schien uns der
+beneidenswertheste<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> Aufenthalt auf der Welt. Plözlich hörten wir hinter
+uns holländisch sprechen, und erfuhren zu unserm Erstaunen, daß ein
+großer Theil der gefangenen Garnison von Surinam hier in englische
+Dienste getreten sey. Die Soldaten klagten aber sehr über die Theurung,
+besonders über den Mangel an frischem Fleisch. Es ist freilich
+natürlich, daß man alles für die Schiffe aufhebt, und daß sich folglich
+der gemeine Mann mit seinen gesalzenen Rationen begnügen muß.</p>
+
+<p>Wir giengen nun weiter, um die übrigen merkwürdigen Gebäude von
+Jamestown zu besehen. Hier wurde uns zuerst das Haus des Gouverneurs
+gezeigt. Es liegt hart am Strande, mit der Vorderseite nach der Bai
+gekehrt, wird aber von dem Wege, der an der Batterie hinläuft, durch
+eine Mauer getrennt. Es ist unstreitig das schönste und größte Gebäude
+auf St. Helena. Die meisten Zimmer sind mit persischen Teppichen,
+ostindischen Moußelinbehängen u. s. w. verziert, und mit prächtigen
+Mobilien von Ebenholz<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> versehen. In einem derselben sind die Bildnisse
+der englischen Könige von Carl <em class="antiqua">I.</em> bis Georg <em class="antiqua">III.</em>
+ausgehängt; auch findet man einen schönen Waffensaal. Der Graben
+enthält eine Menge seltner Pflanzen, und zeichnet sich durch seine
+trefliche Lage aus. Allein es ist ein eigener Anblick, wenn man die
+hohen Felsen dahinter so darüber herhängen sieht.</p>
+
+<p>Weiter besahen wir die Kirche, die auf einem freien Platze steht.
+Sie ist von innen und außen recht zierlich anzusehen, und hat auch
+einen schönen Thurm mit Glocke und Uhrwerk. Eben so nimmt sich das
+Schauspielhaus, in geringer Entfernung davon, nicht übel aus. Dasselbe
+gilt von der Freimaurerloge, der neuen Offizierscaserne, und dem
+Billiardhaus. Lezteres ist zugleich ein Wirthshaus, wo ich die Nacht zu
+bleiben beschloß, indem der Supercargo zu einem Bekannten eingeladen
+war. Mein Abendessen bestand aus Salat, und einem Schinkenbeine, nebst
+zwei Gläschen Rum. Mein Bett war nicht das beste, und ein Frühstück<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span>
+forderte ich nicht. Jezt rathen Sie einmal, was die Zeche war? O nur
+eine Kleinigkeit! Nicht mehr als sechs und zwanzig Gulden holl., man
+kann nicht billiger seyn! — So sah ich denn mit einemmale, wie theuer
+hier Alles ist. Gegen Mittag fuhren wir an Bord zurück.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="nobreak">Siebenter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r">Bai von <em class="gesperrt">St. Helena</em>,<br>
+Juli 1805.</p>
+
+<p>Vorgestern erhielt ich einen unvermutheten Besuch von einem unserer
+Landsleute, der hier ein artiges Haus und einen großen Kaufladen
+besizt. Ich mußte ihn an's Land begleiten, und den Sonntag bei ihm
+zubringen, was ich natürlich sehr gern annahm. Er bewirthete mich aufs
+Beste, und ganz auf vaterländische Art. Bis auf den Roodkorß<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a>,
+nichts, gar nichts fehlte; alles war da.<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> Später nahmen wir den Thee in
+seinem Garten unter einem herrlichen Orangenbaume ein.</p>
+
+<p>Das Innere der guten Häuser ist sich hier fast durchgehends gleich.
+Die meisten haben zwei, auch wohl drei Stockwerke, die sehr regelmäßig
+eingetheilt sind. Um die beiden ersten Stockwerke pflegen Gallerien
+zu laufen, was sehr viel zur Kühlung beiträgt. Verwundert bin ich
+indessen, keine steinerne Fußböden zu sehen. Die Möbeln sind alle aus
+England; doch werden auch Stühle und Kanapees aus einer Art hiesigen
+ostindischen Binsen gemacht. Diese schönen Häuser sind aber einen
+großen Theil des Jahrs gänzlich unbewohnt.</p>
+
+<p>Die Eigenthümer halten sich nämlich im Innern der Insel auf ihren
+Landgütern auf. Diese sind als eben so viele Einsiedeleien zu
+betrachten, indem jedes von dem andern durch Felsen und Schluchten
+getrennt ist. Nur wenn die ostindischen Flotten ankommen, eilt alles
+nach der Stadt. Jedes Haus wird dann ein Gasthaus, wo der Fremde Kost
+und Wohnung<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> finden kann, sobald er kein Geld zu sparen braucht. St.
+Jamestown ist dann äußerst belebt; Concerte, Bälle u. s. w. wechseln
+unaufhörlich ab. Auch werden zu dieser Zeit große Geschäfte in
+ostindischen und chinesischen Waaren gemacht. Hieraus wird erklärlich,
+warum die hiesigen Kaufläden so überflüßig damit versehen sind.</p>
+
+<p>Man lebt hier im Allgemeinen ganz auf englische Art. Zum Frühstück:
+Thee, Butterbrod, kaltes Fleisch, gebackenen Fisch, und Kapwein. Zum
+Mittag: Rostbeef, oder Beefsteeck, gesottenen oder gebackenen Fisch,
+Gemüse und Pudding. Der Nachtisch von den auserlesensten Früchten;
+Kapwein, Madera und Bordeaux. Abends eine Kleinigkeit. Ein kleines
+Gebäcke, oder auch nur Brod mit einem Glase Milch, Ale, Groy<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a>, oder
+Wein. Ich finde dies sehr gesund; man schläft vortrefflich darauf.</p>
+
+<p>Die Insel selbst bringt mancherlei Lebensmittel<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> hervor. Dahin rechne
+ich außer etwas Weizen, vorzüglich die vortrefflichen Erdäpfel, die man
+das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß hat. Dann die köstlichen Yams,
+die mit den Erdäpfeln verbunden das beste Brodsurrogat sind. Eben so
+eine Menge herrlicher Früchte, wie Citronen, Orangen, Melonen, Ananasse
+u. dgl. mehr. Auch fehlt es nicht an europäischen Gemüsen fast aller
+Art. Mehrere antiscorbutische Gewächse und Kräuter, wie z. B. eine
+Art Portulak, und Sellerie, die Petersilie, die Wasserkresse u. s. w.
+findet man hier das ganze Jahr an der Küste im Ueberfluß.</p>
+
+<p>Das hiesige Rindfleisch ist vortrefflich, aber freilich so theuer, daß
+es nur der Wohlhabende bezahlen kann. Dieß kommt von den Viehseuchen
+her, die nicht selten aus Mangel an Wasser entstehen. Noch vor wenig
+Jahren z. B. kamen mehr als 2000 Stück schöne Rinder bei einer
+anhaltenden Dürre um. Schaafe und Ziegen giebt es viel, doch ist das
+Hammelfleisch etwas zäh. Das Schweinefleisch<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> hingegen ist ausnehmend
+gut. Wir hatten gestern ein Spanferkel von einzigem Geschmack.</p>
+
+<p>An Geflügel und kleinem Wildpret fehlt es ebenfalls nicht. Man hat
+Rebhühner, Fasanen, Tauben u. s. w. besonders aber Hühner und Enten
+in Ueberfluß. Der aus Ostindien eingeführte Reisvogel vermehrt sich
+hier außerordentlich, und zwar sonderbar genug auf den Anhöhen. Auch
+die Kaninchen und Guineahühner, die der Gouverneur aus Liebhaberei
+unterhält, dürften in kurzem sehr zahlreich seyn. Seefische werden in
+ungeheurer Menge gefangen; man zählt nicht weniger als 70 Arten davon.
+Auch an Schildkröten fehlt es nicht, doch erhält man die größten von
+der Insel Ascension. Das Trinkwasser ist das treflichste, das man
+finden kann.</p>
+
+<p>Was St. Helena sonst noch braucht, wird aus Englands vom Kap, aus
+Brasilien und von Angola zugeführt. Jährlich kommen nämlich wenigstens
+vier, und zuweilen noch mehr Proviantschiffe mit den nöthigen
+Artikeln,<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> wie Mehl, Pökelfleisch, Schinken, Zungen, Weizen, Schaafen,
+Butter, Wein, Manufakturwaaren u. s. w. an. Es fehlt daher in der Regel
+an nichts in St. Helena, nur daß alles, zumal wenn die ostindischen
+Flotten da liegen, ungemein theuer ist.</p>
+
+<p>So kostet z. B. ein Huhn nicht weniger als zwölf Gulden
+holländisch<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a>, während ein kaum jähriges Ferkel mit hundert siebenzig
+Gulden bezahlt wird. Ein Pfund Havanah Cigarren kostet 36 Gulden, ein
+Glas Liqueur einen Gulden, und so fort. Jeder Verkäufer nimmt hier
+180 bis 200 pro Cent. So der Einwohner, der an die Schiffe abgiebt, so
+der Schiffer, der seine Waaren absezt. Man sollte gar nicht glauben,
+wie viel Geld hier in Umlauf kommt. Vor einigen Tagen z. B. verkaufte
+nur ein Capitain in weniger als 2 Stunden für 7000 Pagoden<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> an
+Werth. Die Kriegsschiffe, die hier mit Prisen einlaufen,<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> lassen oft
+hunderttausende zurück. Auf diese Art leben die Einwohner, wenn man
+die Beamten abrechnet, durchgehends von der Landwirtschaft und dem
+Schiffsverkehr.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Achter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r">Bai von <em class="gesperrt">St. Helena</em>,<br>
+Juli 1805.</p>
+
+<p>Was ich so oft gehört habe, finde ich nun vollkommen bestätigt: das
+Clima von St. Helena ist wirklich sehr angenehm. Dies kommt besonders
+von dem Paßatwinde her, der unaufhörlich über die Insel weht, und
+die Luft beständig rein und kühl erhält. Erdbeben und Orkane, in den
+tropischen Gegenden sonst so häufig, sind hier unbekannt. Es regnet
+selten, oft, wie man behauptet, in zehn, zwölf Monaten und darüber
+nicht. Als Ursache hiervon giebt man die Stätigkeit des Paßatwindes,
+so wie die abgeschnittene Lage, den geringen Umfang, und die
+verhältnißmäßige<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> Kahlheit der Insel an. Indessen scheint gewiß, daß
+die hiesige Atmosphäre seit ungefähr 50 Jahren etwas feuchter geworden
+ist, daß seit dem vermehrten Anbaue ungleich mehr Regen fällt, und daß
+man eine anhaltende Dürre immer weniger zu fürchten hat.</p>
+
+<p>Wichtig scheint die Bemerkung, daß die Luft auf St. Helena überall, in
+den Thälern wie auf den Bergen, an den Küsten wie im Innern der Insel,
+gleich vortreflich ist. Der Wärmegrad hingegen wechselt natürlich nach
+den Höhepunkten ab. Auf den höchsten Punkten fällt der Wärmemesser
+bis unter 54° Fahr. herab, während er im St. Jamesthale bis 84°
+steigt. Beides wird aber freilich nur selten bemerkt. Der sogenannte
+Wintermonat, der halbe Juni und Juli, pflegt hier am kühlsten zu seyn.
+Der Himmel ist dann häufig bedeckt, es fallen ziemliche Regenschauer,
+und nicht selten ist die ganze Insel in einen leichten Nebel verhüllt.</p>
+
+<p>Wie gesund die Luft von St. Helena sey,<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> beweißt unter andern auch das
+Ansehen der Einwohner, besonders derer, die hier geboren sind. Da
+ist keine Spur von jener Totenfarbe, jener Abmagerung und Schwäche,
+wie man sie in andern Theilen von Asien und Afrika bemerkt. Ohne
+etwas von schweren Krankheiten oder peinigenden chronischen Uebeln
+zu wissen, erreichen die meisten Einwohner ein sehr hohes Alter, und
+zeigen noch oft im 70, ja 80sten Jahre, ungemeine Kraft und Munterkeit.
+Eben so erholen sich die siechsten Personen, an deren Leben man in
+Ostindien verzweifelte, auf St. Helena größtentheils mit unglaublicher
+Schnelligkeit.</p>
+
+<p>Von der gefährlichen Nachtluft, die in den tropischen Ländern oft so
+tödtlich ist, weiß man hier ebenfalls nichts. Im Gegentheil, man kann
+sogar am Strande schlafen, ohne daß man das Mindeste davon zu fürchten
+hat. Dies geschieht denn auch von den Matrosen sehr häufig, indem die
+Schiffe gerade der Stadt gegenüber vor Anker gehen. So vereinigt sich
+denn Alles, um St. Helena<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> zu einem macenarischen Posten zu machen,
+der für den englisch-ostindischen Handel sehr wichtig ist. Hier finden
+nämlich die nach Europa segelnden Schiffe gleichsam auf halbem Wege,
+den besten Erfrischungsort. Ich sage, die nach Europa segelnden, weil
+nur diese über St. Helena gehen. Die aus Europa kommenden legen nämlich
+am Kap an. Dieser Unterschied wird durch die Abweichung des Paßatwindes
+bestimmt.</p>
+
+<p>Der Umfang der Insel wird auf höchstens 12 Stunden geschäzt. Die
+größte Länge soll von 6, die größte Breite von 4 Stunden seyn. Die
+Bevölkerung giebt man auf 2300 Seelen an, worunter 5-600 Mann Garnison,
+und 7-800 Neger mit begriffen sind. Für die Sicherheit der Insel ist
+nach Möglichkeit gesorgt. Nicht genug, daß jede Landung durch die hohen
+Felsen und die heftige Brandung sehr erschwert wird; es sind auch auf
+den vornehmsten Punkten Batterien und Bollwerke angelegt.</p>
+
+<p>Zugleich sind auf den benachbarten Felsengipfeln<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> immer große
+Steinvorräthe in Bereitschaft. Auf dem höchsten Punkte der Insel,
+auf dem Dianenpik, ist ein Wachthaus, von dem man alle Schiffe in
+der Entfernung von vielen Stunden signalisirt. Eben so sind rund um
+die Insel Telegraphen errichtet, die sämmtlich mit St. Jamestown in
+Verbindung stehn. Die Disciplin der Garnison ist sehr gut, und alle
+Morgen sorgfältiger Namensaufruf. Sobald man nun einen Mann vermißt,
+wird sogleich Embargo auf die Schiffe gelegt. Dies macht das Desertiren
+beinahe unmöglich, indem nicht leicht ein Schiffer die Hand dazu bieten
+wird.</p>
+
+<p>Der jetzige Gouverneur ist ein sehr thätiger und einsichtsvoller Mann.
+Er hat sich bereits in vielen Hinsichten um St. Helena sehr verdient
+gemacht. Unter andern hat er eine Einrichtung getroffen, die äußerst
+nüzlich geworden ist. Alle Vergehungen werden nämlich mit einer
+verhältnißmäßigen Strafarbeit gebüßt. So wurden mehrere öffentliche
+Gebäude aufgeführt, die Inselwege verbessert,<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> wüste Strecken angebaut
+u. dgl. mehr. Der schöne Compagniegarten z. B. entstand allein auf
+diese Art. Vorher war es ein wüster Platz, wo aller Unrath von St.
+Jamestown zusammenfloß. Jezt ist es die herrlichste Pflanzung, die man
+sehen kann.</p>
+
+<p>Die Feldarbeiten werden hier durch Neger verrichtet, die zum Theil
+freie Leute sind. Der Sclavenhandel ist schon seit 25 Jahren
+und darüber abgeschafft. Dies hat auf den Anbau der Insel den
+glücklichsten Einfluß gehabt. Indessen halten sich auch die freien
+Neger freiwillig zu den einzelnen Gutsbesitzern, was für beide Theile
+gleich vortheilhaft ist. Eben so sieht man deren als Bediente, Jäger,
+Aufwärter, theils auf dem Lande, theils in St. Jamestown. Man rechnet
+in allem 7-800 zusammen, worunter die Weiber die Mehrzahl sind.</p>
+
+<p>Von diesen leben sehr viele in der Stadt. Sie werden besonders als
+geschickte Näherinnen, Köchinnen und Wäscherinnen gelobt. Die jüngere
+und schönere treiben ein bekanntes<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> Nebenhandwerk, das während der
+Anwesenheit der ostindischen Flotten sehr einträglich ist. Die meisten
+Negerinnen berechnen ihr Alter theils nach dem Monde, theils nach
+den Proviantschiffen aus England. — »Ich bin 300 Proviantschiffe
+alt!« — gab mir eine sehr betagte Frau zur Antwort. Dies macht, 4
+Proviantschiffe auf das Jahr gerechnet, nicht weniger als 75 Jahre.</p><br>
+
+<p class="r">Zwei Tage nachher.</p>
+
+<p>Werden Sie glauben, theuerster Freund, daß von der Fortsetzung
+meiner Reise nach der Kapstadt die Rede gewesen ist? Hören Sie nur!
+Vor ungefähr 5 Tagen lief hier ein kleines Kapsches Schiff mit Wein
+und Butter ein. Der Capitain hörte von uns, und bot uns gegen gute
+Bezahlung sofort die Ueberfahrt an. Meine sämmtlichen Gefährten
+entschlossen sich fast augenblicklich dazu, ich aber nahm mir vor,
+etwas bedächtlicher zu Werke zu gehn.</p>
+
+<p>Den andern Tag ward ich zu dem Capitain<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> unseres Kriegsschiffes
+eingeladen; was schon mehrmals der Fall gewesen war. Er erklärte mir,
+er würde in 5, 6 Tagen unter Segel gehn. Ob ich ihn begleiten, meine
+Reise nach dem Kap fortsetzen, oder auf St. Helena bleiben wolle, sey
+mir freigestellt. Ich bat um eine Stunde Bedenkzeit, und entschloß mich
+zur Reise nach — England.</p>
+
+<p>Sie werden erstaunen, verehrter Freund, aber hören Sie meine Gründe an.
+Zuerst ist das Kapsche Schiff ein kleines, altes und sehr schlechtes
+Fahrzeug, wie sie es in der Regel fast alle sind. Zweitens sind wir
+im Regenmonßon, wo es in diesen Gewässern, und gerade in der Nähe des
+Kaps, sehr heftige Stürme giebt. Drittens ist die Reise von St. Helena
+nach dem Kap ohnehin schon beschwerlich, da man, um den Paßatwind zu
+bekommen, einen bedeutenden Umweg machen, und wenigstens einen Monat
+darauf rechnen muß. Viertens endlich glaubte ich, allen Umständen
+zufolge, durchaus an mein erstes Schiff und dessen Schicksal gebunden
+zu seyn.<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> Der Capitain selbst gab mir vollkommen Recht. Ich werde nun
+noch eine Rundreise um die Insel machen, wozu die Erlaubniß bereits
+ausgewirkt ist, und dann mit vollen Segeln nach Europa zurück!</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Neunter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r">Bai von <em class="gesperrt">St. Helena</em>,<br>
+August 1805.</p>
+
+<p>Jezt erst kann ich sagen, daß mir St. Helena in jeder Hinsicht bekannt
+geworden ist. Vorgestern in aller Frühe brach ich von St. Jamestown
+auf. Mein Führer war ein alter ehrlicher Bootsmann, aber in Wahrheit
+noch rüstig genug. Wir stiegen zuerst einen hohen, kahlen Felsen, den
+sogenannten Ladderhill, hinan. Von der Bai aus gesehn, faßt er die
+rechte Seite des Thales ein. Der ziemlich steile Weg ist in den Basalt
+gehauen, und überall mit einer gemauerten Brustwehr versehn. Gewöhnlich
+wird bis auf den Gipfel nur eine halbe Stunde abrechnet; wir brauchten
+aber an drei Viertelstunden dazu.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p>
+
+<p>Auf dem höchsten Punkte befindet sich eine Batterie, die einen
+beträchtlichen Theil der Bai bestreicht, nebst einem Flaggenbaum.
+Daneben sind mehrere Baraken für die Artilleristen, die diesen Posten,
+wegen der reinen kühlen Luft, allen andern vorziehn. Sie haben ihre
+Weiber und Kinder bei sich, und bauen ihre kleinen Gemüsegärten sehr
+sorgfältig an. Die Aufsicht vom Ladderhill ist aber nichts weniger als
+schön. Auf der einen Seite hat man nichts als nakte Felsen; auf der
+andern das einsame Meer. Die Stadt selbst nimmt sich in der furchtbaren
+Tiefe wie ein Haufen Kartenhäuser aus.</p>
+
+<p>Wir erquickten uns mit einem Glase Rum und stiegen dann einen zweiten,
+gleichfalls ganz kahlen Felsen hinan. Aber wie angenehm werden wir
+dafür auf dem Gipfel überrascht! Ein liebliches Thal mit grünenden
+Bergen eingefaßt, lag im glänzenden Morgenlichte vor uns da. Die
+Pisangs, die Cocospalmen, die Orangen und Bananas; weidende Heerden auf
+üppigen Wiesen; zierliche<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> Landhäuser zwischen Fruchtbäumen versteckt;
+alles blühend und grünend, alles in Schönheit und Herrlichkeit; ein
+irdisches Paradies vom liebenden Himmel geküßt.</p>
+
+<p>Wir wanderten nun am Rande dieses entzückenden Thales immer am Abhange
+des Berges hin. Der Weg war mit Lorbeer- und Myrthensträuchen, mit
+Citronen-, Orangen- und Feigenbäumen eingefaßt. Sie bildeten einen so
+dichten Schattengang, daß uns die Sonne nicht im mindesten beschwerlich
+fiel. Ich kaufte von einem alten Neger einige Orangen zu einem halben
+Stüber<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a> das Stück, und fand dieselben von vortrefflichem Geschmacke.
+Gegen Mittag kamen wir an ein schönes Landhaus, das dem Gouverneur
+gehört. Wir fanden blos einige Neger und Negerinnen daselbst, und
+konnten es also nach Belieben besehen. Es ist ein treffliches Gebäude,
+vorn mit einer großen schattigen Kastanienallee, hinten mit<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> einem
+herrlichen Garten versehen. Am Ende des Gartens befindet sich ein
+Hügel, auf den man Bäume, Gebüsche und Blumen aus China und aus England
+vom Kap und von den Südseeinseln beisammen sieht.</p>
+
+<p>Das Innere dieses Landhauses ist sehr geschmackvoll verziert; überall
+sind die schönsten englischen Möbeln, auch eine Menge ostindischer
+und chinesischer Kostbarkeiten aufgestellt. Unter andern bemerkte
+ich ein schönes Fortepiano von Mahagony. Es war, wie ich hörte, auf
+der Insel selbst gebaut, und zwar von einem Deutschen, der mit den
+holländischen Truppen aus Surinam hierher gekommen ist. Er besizt
+bereits ein schönes Haus zu St. Jamestown, und schickt jährlich eine
+Menge musikalischer Instrumente, besonders aber Pianofortes, theils
+nach dem Kap, theils nach Batavia. Die wohlfeilsten werden ihm mit
+60 Guineen, die theuersten mit 180 bis 200 bezahlt. Leztere sind mit
+den feinsten ostindischen Holzarten ausgelegt. Nachdem wir dies alles
+besehen hatten, nahmen<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> wir eine ländliche Mahlzeit von Milch und Eiern
+zu uns, und sezten nach einem kleinen Mittagsschlafe unsere Wanderung
+weiter fort. Der ehrliche alte schwarze Castellan fand sich mit einem
+guten Stück Tabak über seine Erwartung bezahlt.</p>
+
+<p>Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen bald zu einem anderen
+schönen Landhause, das einem Herrn Vrangham gehört. Die hier gezogenen
+Früchte und Gemüse sollen die besten auf der ganzen Insel seyn. Kein
+Wunder, daß daher blos der Obstgarten für 200 Pfund jährlich verpachtet
+ist. Ich bemerkte viel herrliches Wiesenland, sah aber nirgends Vieh
+darauf. Gleichwohl befindet sich ein starker Bach in der Nähe, der sich
+ins Meer ergießt. Das Wasser ist krystallhell, die Ufer sind mit den
+schönsten Blumen bedeckt.</p>
+
+<p>Wir steuerten weiter nach <em class="gesperrt">Sandybay</em>, immer längs einer Reihe mit
+Lorbeern und Myrthen bedeckter Berge hin. Dies ist der breiteste und
+bequemste Weg auf der Insel,<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> so daß man selbst zu Wagen fortkommen
+kann. Allmählig stiegen wir aufwärts, und bald sahen wir das große
+liebliche Sandybay Thal vor uns. Das Farbenspiel der untergehenden
+Sonne war entzückend schön; die ganze Landschaft schien in Rosenglut
+getaucht.</p>
+
+<p>So kamen wir bei dem Landhause eines Herrn Doreton an, das sehr
+romantisch an dem Abhange liegt. Ich hatte einige Zeilen an den
+Verwalter, und war daher ein sehr willkommener Gast. Augenblicklich
+sezte er uns herrliche Milch, frisches Brod und köstliche Früchte
+vor, während seine Frau ein vollständiges Abendessen versprach. Ich
+erfrischte mich mit einem Paar Stücken Ananas, und betrachtete die
+Landschaft, über der jezt der Mond aufgieng.</p>
+
+<p>Nach ungefähr einer kleinen Stunde rief mich der alte ehrliche Neger
+zum Abendessen hinein. Ich trat in einen freundlichen Gartensaal, der
+mit den schönsten Kupferstichen verziert war. In der Mitte war ein
+ziemlicher Tisch gedeckt, und mit allerhand guten<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> Sachen besezt. Wir
+hatten ein treffliches Stück Rostbeef, eine Schüssel mit Lamscerbonade,
+zwei andere mit Yams und Erdäpfeln, zwei Teller mit europäischen
+Pfeffergurken und Eingemachtem, ein Körbchen voll herrlicher Früchte,
+und eine große Flasche Maderasekt. Hungrig, wie wir nach einer
+solchen Tagereise waren, langten wir nunmehr herzhaft zu. Es war ein
+wunderschöner Abend; ich blieb bis nach zehn Uhr auf.</p>
+
+<p>Endlich wieß mir der Verwalter ein Schlafzimmer an. Es war äußerst kühl
+und reinlich, dennoch that ich die ganze Nacht kein Auge zu. Hieran
+war eine Legion von Mäusen Schuld, die ihr Unwesen ins unglaubliche
+trieb. Sie liefen über mich hin und her, gänzlich ungenirt. Endlich
+kleidete ich mich an, und begab mich auf die Terrasse, wo ich von
+zwei bis sechs Uhr vollkommene Ruhe fand. Als es Morgen geworden war,
+brachten die guten Leute ein treffliches Frühstück, auf dem feinsten
+japanischen Porcellan. Ich beschenkte den Mann mit einem<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> tüchtigen
+Stücke Tabak, und die Frau mit einigen Briefen Nadeln, nebst einem
+Röllchen Seidenband, was ihre Erwartung übertraf. So war es fast sieben
+Uhr geworden; endlich brachen wir auf.</p>
+
+<p>Wir nahmen nun unsern Curs nach <em class="gesperrt">Longwood</em>, ein der Compagnie
+gehöriges Gut, das auf der östlichen Seite der Insel liegt. Der fast
+zweistündige Weg dahin ist äußerst angenehm, und führt am Fuße des
+Dianenpik hin. Dies ist der höchste Gipfel von St. Helena, der sich
+fast 2700 Fuß über die Meeresfläche erhebt. Weiterhin sahen wir die
+artigen Landhäuser der Herren Pierin und Bazelt mit weitläuftigen
+Pflanzungen umringt. Hier wird das meiste und vorzüglichste Gemüse
+auf der ganzen Insel gebaut, was den Besitzern große Summen einträgt.
+Der Kohl wird für den besten auf der ganzen Welt gehalten, giebt aber
+keinen Marktartikel ab. Ich sah auch hier eine schöne Rinderheerde, so
+groß und fett, wie bei uns in Holland.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span></p>
+
+<p>Zu meinem Erstaunen ward ich auf diesem ganzen Wege eine Menge
+Kaninchen gewahr. Sie haben Lager wie die Hasen, und schweifen
+unaufhörlich umher. Man fängt sie daher fast auf die nämliche Art.
+Zu gleicher Zeit bekamen wir auch sehr viel Tauben, Fasanen und
+Rebhühner zu Gesicht. <em class="gesperrt">Longwood</em><a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a> selbst, ist eine sehr
+schöne Besitzung. Sie liegt auf der Fläche eines Berges, der nicht
+weniger als drei englische Meilen<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a> im Umfange hat. Das Haus ist mit
+einem weitläufigen Parke, einem vortrefflich unterhaltenen Garten,
+und herrlichen Wiesengründen umringt. Von der Gallerie und aus den
+meisten Zimmern hat man eine entzückende Aussicht auf die benachbarten
+pittoresken Thäler, auf die Bay von St. James und den Ocean. In der
+Regel wird Longwood von dem Vicegouverneur bewohnt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p>
+
+<p>Von hier aus führen nun wieder zwei Wege nach St. Jamestown; der
+eine mitten durch die Insel; der andere längs der Küste hin. Jener
+ist äußerst pittoresk, wegen des beständigen Auf- und Absteigens
+aber sehr unbequem. Dieser ist weniger romantisch, ja zuweilen sogar
+unangenehm; doch bietet er nur selten beschwerliche Stellen dar. Ich
+beschloß den lezteren zu wählen, um auch die minder angebauten Gegenden
+des Eylandes zu sehen. In der That fanden wir auch nichts als kleine
+einsame Negerhütten mit Frucht- und Gemüsegärten umringt. So wanderten
+wir unter Lorbeer- und Cypressenbäumen bis Mittag fort, wo unter einem
+Pisang Halt gemacht ward. Mein Führer hatte sich nämlich auf Herrn
+Doretons Gute mit Wein, Brod und Schinken versehen, und wir hielten auf
+diese Art eine sehr gute Mahlzeit. Auf den benachbarten waldigen Bergen
+schwärmten Rehböcke herum, und aus der Ferne donnerte ein herrlicher
+Wasserfall.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span></p>
+
+<p>Nach einigen Stunden Ruhe machten wir uns wieder auf den Weg, und
+bekamen nachher den Wasserfall selbst zu Gesicht. Er stürzt sich an
+dreihundert Fuß hoch von einem pittoresken Felsen herab, und bildet
+einen crystallhellen ziemlich starken Bach. Das Wasser wird theils in
+Röhren nach St. Jamestown geleitet, theils fließt es dem Meere zu, wo
+es von den Schiffen benuzt wird. Bald näherten wir uns nun wieder der
+St. James-Bay. Auch hier, wie durchaus längs der Küste, war der Weg mit
+guten Brustmauern versehen. Endlich ließen wir einen hohen Berg mit
+einem Fort seitwärts liegen, und stiegen gerade Ladderhill gegenüber
+wieder nach St. Jamestown herab. So hatte ich denn die ganze Rundreise
+um die Insel von Westen nach Osten in zwei Tagen gemacht. Morgen und
+übermorgen besorge ich noch meine Einkäufe, und dann für wenigstens
+zwei Monate wieder an Bord.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Zehnter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r"><em class="gesperrt">In See, </em> August 1805.</p>
+
+<p>Gestern verließen wir St. Helena. Ich schlief noch ganz ruhig in meiner
+Koje<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a>, als ich durch die Signalschüsse geweckt ward. Schnell zog ich
+mich an, und eilte auf das Verdeck. Eben stieg die Sonne aus dem Meere
+auf, und alle Schiffe glänzten im Morgenroth. Wir hatten deren noch
+sechs in unserer Begleitung, lauter große Ostindien- und Chinafahrer
+mit Ladungen von unermeßlichem Werth. Der Südostpassat war uns äußerst
+günstig, bald lag die Insel gleich einem schwarzen Streifen hinter
+uns, und heute sind wir schon viele Meilen davon entfernt. Ich habe
+jezt die eine Hütte ganz für mich. So kann ich mich der zweiten Koje
+als Vorrathskammer bedienen, und bin in allem weit besser daran, als
+ehedem. Die<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> Kost ist erträglich, das beste müssen aber auch diesmal
+die eigenen Provisionen thun.</p><br>
+
+<p class="r">12. August.</p>
+
+<p>Vorgestern segelten wir die Insel St. Ascension vorbei, sie bietet dem
+Auge nichts als kahle Klippen dar. Das Segeln in Convoy hält unsere
+Fahrt nicht wenig auf. Immer bleibt ein und das andere Schiff zurück,
+auf das gewartet werden muß. Dann ist bald dies, bald jenes zu thun.
+Dann ruft bald dieser, bald jener das Kriegsschiff an. So lagen wir oft
+drei und mehrere Stunden bei, wobei es nicht an gegenseitigem Besuchen
+fehlt. Auf dem einen Ostindienfahrer giebt es fast alle Abende große
+Musik. Es sind besonders Blasinstrumente, was auf der See von ganz
+eigener Wirkung ist. Morgen passiren wir die Linie, doch finden keine
+Feierlichkeiten statt.</p><br>
+
+<p class="r">30. August.</p>
+
+<p>Seit 10 Tagen haben wir den Südostpassat verloren, und rücken nur
+langsam fort.<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> Der Himmel ist bedeckt, der Barometer gefallen, der Wind
+veränderlich. Wir sahen unter der Linie einige Wallfische, sie glichen
+von weitem einem großen umgekehrten Schiffe, das mit den Masten nach
+unten liegt. Sehr schön nahmen sich die hohen von ihnen ausgeworfenen
+Wasserstrahlen aus. Sie bildeten, ehe sie wieder niedersanken, einen
+majestätischen Bogen im herrlichsten Farbenspiel.</p>
+
+<p>Vorige Nacht hätten wir beinahe ein großes Unglück gehabt. Der eine
+Ostindienfahrer war nämlich vom Curse abgekommen, und schoß in der
+Nacht kaum anderthalb Fuß vor unserm Vorderstewon<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a> vorbei. Wir haben
+Wassermangel, so eben höre ich aber, daß man uns vom Kriegsschiffe drei
+große Fässer zugeschickt hat. Nun so will ich mir denn seit 8 Tagen den
+ersten Thee wieder machen, der mir wie Nektar schmecken soll.</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span></p>
+
+<p class="r">9. September.</p>
+
+<p>Der Capitain hat die Luken öffnen lassen, um nach der Ladung zu sehen.
+Es ist viel Seewasser eingedrungen, der Schaden scheint größer als man
+geglaubt hat. Dies ist aber sehr natürlich, da alles unter einander
+geworfen worden war. So liegen die Kisten mit den feinen Tüchern oben
+auf. Auch die meinigen sind bis auf den Grund durchnäßt. Die Bücher
+z. B. bilden nichts als eine verschimmelte Masse, so daß ich sie
+nur ins Meer werfen kann. Die Matrosen sind jezt beschäftigt, das
+Schiff anzumalen, und bringen überall, wo sichs nur schicken will,
+eine Stückpforte an. Wir sollen von weitem recht furchtbar aussehn,
+damit sich kein französischer Kaper an uns macht. Unsere Fahrt war
+bei dem veränderlichen Winde langweilig genug. Allein gegen Ende der
+vorigen Woche bekamen wir den Westpassat, und nun geht es fröhlich den
+europäischen Gewässern zu.</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p>
+
+<p class="r">27. September.</p>
+
+<p>Gestern war ein angstvoller Tag für uns. Ohngefähr auf der Höhe von
+Kap finisterre rief uns am 24. ein englischer Kutter an. Er gab uns
+Nachricht, daß der ganze Golf von Biscaya, und besonders die Einfahrt
+des Kanals mit französischen Kriegsschiffen bedeckt sey. Sie hätten
+den größten Theil eines nach Westindien bestimmten Convoys genommen,
+und sich sogar an der englischen Küste gezeigt. Der Capitain unseres
+Kriegsschiffes hielt es daher fürs beste, seinen Kurs so nördlich als
+möglich zu nehmen, theilte indessen auf jeden Fall die nöthigen Befehle
+aus.</p>
+
+<p>Gestern um 9 Uhr Morgens tauchten in großer Entfernung einige
+Kriegsschiffe auf. Man sah sie allgemein für englische an. Allein
+um 1 Uhr Nachmittags zeigte sich leider das Gegenteil. Es waren 3
+französische Fregatten, von denen die eine mit vollen Segeln auf unser
+Kriegsschiff zukam. Indessen dauerte es doch noch fast eine Stunde,<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span>
+ehe das eigentliche Gefecht seinen Anfang nahm. Es scheint, daß man
+auf beiden Schiffen noch mit den Zurüstungen beschäftigt war. Endlich
+schickte die Fregatte dem Kriegsschiffe einige Kugeln und bald darauf
+eine ganze Ladung zu, und nun begann der Kampf mit Heftigkeit.</p>
+
+<p>Unser Kriegsschiff leistete den tapfersten Widerstand, selbst als schon
+in der ersten halben Stunde die zweite, und endlich auch die dritte
+Fregatte dazu gekommen war. So dauerte das Gefecht, mit einer kleinen
+Pause bis gegen Abend fort. Jezt aber mußte das Kriegsschiff streichen,
+worauf es von den Franzosen in Besitz genommen ward. Wir sahen jezt die
+eine Fregatte auf die Convoy loskommen, benuzten aber den Vortheil des
+Windes und der Dämmerung, und entgiengen ihr. Doch zweifle ich, ob dies
+allen Schiffen geglückt seyn mag.</p>
+
+<p>Unsere Offiziere und Matrosen waren über<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> den Sieg der French Dogs<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a>
+vor Wuth ganz außer sich. Sie schwuren, die Prise bis auf das Aeußerste
+zu verteidigen, und sollte es ihr lezter Augenblick seyn. Die Lichter
+wurden bedeckt, die Kanonen und Gewehre in Stand gesezt. Jeder
+hielt sich auf seinem Posten, und spähte in die düstere See hinaus.
+Indessen bekamen wir nur einige Schiffe und diese sämmtlich nur an
+der französischen Küste zu Gesicht. Wir erkannten sie in ziemlicher
+Entfernung an den drei großen Laternen des Hintertheils.</p>
+
+<p>Heute Morgens um 8 Uhr aber erblickten wir ein Schiff, das mit vollem
+Winde auf uns zugesegelt kam. — »Jezt gilt es Leben oder Tod!« —
+rief der englische Lieutenant und munterte das Schiffsvolk durch eine
+kräftige Anrede zum Gefechte auf. Wir Passagiere, der vorige Capitain,
+der Schiffsarzt und ich, mußten uns in den Raum begeben, und brachten
+hier eine Stunde in Todesangst<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> zu. Doch endlich hörten wir ein lautes
+Freudengeschrei, wurden hinaufgerufen, und sahen, daß jenes Schiff ein
+englischer Kutter von 34 Kanonen war. Er kam uns nun in kurzem zur
+Seite, und theilte uns allerhand Neuigkeiten mit.</p><br>
+
+<p class="r">5. October 1805. Morgens.</p>
+
+<p>Wir haben die Küsten von Cornwallis in Gesicht, der Wind ist südost,
+und also in hohem Grade günstig für uns. Die schönen grünenden
+Berge mit ihren alten Kastelen glänzen im Sonnenschein, und eine
+Menge freundlicher Häuser ragen zwischen Baumgruppen hervor. — Ein
+Amerikaner hat uns mit herrlichem Pökelfleische und Kartoffeln ein
+erwünschtes Geschenk gemacht. Auch wird so eben ein Netz mit Sardellen
+aufgefischt. Alles auf dem Schiffe ist Leben und Fröhlichkeit. Wir
+sehen eine abgehende westindische Kauffartheiflotte von mehr als
+hundert Segeln, die von zwei Kriegsschiffen escortirt wird. Es ist ein
+unaussprechlich erhabener Anblick.<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> Noch diesen Abend segeln wir um Cap
+Lezard herum.</p><br>
+
+<p class="r"><em class="gesperrt">Plymouth</em>, 7 October 1805.</p>
+
+<p>Als ich gestern Morgens erwachte, befanden wir uns in der Cawsandbay.
+Welcher Mastenwald! Welches Leben und welche Thätigkeit! Ich sage
+nicht zu viel, es lagen hier an 500 Schiffe zusammen, und dazwischen
+fuhren unzählige Schaluppen hin und her. Nicht weniger angenehm war der
+Landprospect. Ein Halbzirkel von herrlichen angebauten Bergen, in den
+Abhängen mit freundlichen Landhäusern, an dem Fuße mit schönen Dörfern
+bedeckt. Hier weidende Heerden, dort wohlgekleidete Feldarbeiter,
+und im Hintergrunde auf der höchsten Spitze ein Telegraphenthurm.
+Bald kamen nun eine Menge Boote mit Lebensmitteln an unser Schiff.
+Ich kaufte mir Wasser, Milch, Brod, Butter und Obst, und hielt ein
+köstliches Frühstück damit. Wenn man so nach drei Monaten zum erstenmal
+wieder einen frischen<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> Trunk reines Quellwasser kostet — es ist ein
+Genuß, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt.</p>
+
+<p>Unterdessen ward es von Stunde zu Stunde immer lebhafter in der Bay.
+Ich zählte an 300 Boote, blos mit Frauenzimmer angefüllt. Alle diese
+Damen hatten die Nacht auf der Flotte zugebracht, und kehrten jezt
+ans Land zurück. Sie waren in Mäntel und Pelze gehüllt, und schienen
+äußerst lustig zu seyn. Aber werden Sie wohl glauben, daß die ganze
+Gesellschaft, wohl an 2000 zusammen, aus feilen Mädchen bestand? Dies
+gehört zur englischen Marinepolizei. So wie eine Flotte in einem der
+fünf Haupthäfen eingelaufen ist, werden die Matrosen abgeholt. Den
+meisten brennt das Geld in der Tasche; es muß so bald als möglich
+wieder fort. Nun dürfen sie aber nur bei Tage ans Land, also helfen sie
+sich auf die obige Art. Es ist sogar ein Gesetz vorhanden, daß es ihnen
+kein Admiral u. s. w. verwehren darf. So kommt das Geld durch diese
+Mädchen sofort wieder in<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> Umlauf, und die nächtliche Ruhe der Einwohner
+bleibt ungestört.</p>
+
+<p>Unser Prisenmeister hatte sich inzwischen an Bord des Admiralschiffes
+begeben, und ließ uns einen ganzen langen Tag in peinlicher
+Ungewißheit. Endlich kam er Abends spät zurück, und kündigte uns die
+weitere Fahrt nach Portsmouth an. Das Kriegsschiff war aus diesem Hafen
+ausgelaufen; also gehörte auch die Prise dahin. Heute früh lavirten
+wir demnach wieder aus der Bay heraus, so ungünstig sich auch Wind und
+Wetter anließ.</p>
+
+<p>Vier Stunden waren wir bereits unter Segel gewesen, und hatten doch
+kaum zwei Seemeilen zurückgelegt; als die Heftigkeit des Windes zum
+Sturme anwuchs. Der Regen floß in Strömen herab, und die Wellen
+schlugen unaufhörlich über das Verdeck. Mehrere die Bay einsegelnden
+Schiffe riefen uns zu, daß See zu halten unmöglich sey, allein unser
+Lieutenant kehrte sich nicht daran. Bald verloren wir das Boogspriet,
+und gleich darauf die Stange vom Besaanmast. Jezt erst<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> schien der
+Lieutenant die Gefahr einzusehen, befahl das Schiff zu wenden, und rief
+durch Nothschüsse einen Lootsen an Bord. So liefen wir vor einigen
+Stunden in Plymouth ein, ich erhielt Erlaubniß, mich ans Land zu
+begeben, und lasse nun diesen Brief sofort über London an Sie abgehen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Eilfter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r"><em class="gesperrt">Plymouth</em>, 14 October 1805.</p>
+
+<p>Der preußische Consul hat mich anerkannt, und ich bin nun vollkommen
+frei. Es ist ein geborner Engländer, aber ein sehr wohlwollender Mann,
+der mir bereits eine Menge Gefälligkeiten erzeigt hat. Ich habe auch
+bereits eine Privatwohnung bezogen, mit der ich vollkommen zufrieden
+bin. Für Tisch und alles zusammen, zahle ich nicht mehr, als eine
+Guinee die Woche, was wirklich sehr billig ist. Meine zwei Coffers habe
+ich nun auch vom Bord erhalten, und mit großer<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> Freude gefunden, daß
+wenig oder gar nichts davon verdorben ist. Die Bücherlisten aber mögen
+in Gottes Namen im Raume liegen bleiben, die verschimmelte Waare ist
+keine zehn Gulden mehr werth. Doch genug von mir selbst; ich theile
+Ihnen jezt einige Bemerkungen über Plymouth mit.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Plymouth</em> mit 43,000 Einwohnern liegt am Abhange eines Hügels,
+der sich zwischen den Mündungen der Tamor und des Plym in die See
+hinaus erstreckt. Die Mündung der Tamor ist unter dem Namen Hamoare,
+die des Plym, die zugleich der Stadt den Namen giebt, unter der
+Benennung Catwater bekannt; die vor der Stadt selbst befindliche
+Bay heißt Plymouth-Sound. Die Mündung der Tamor ist am weitesten
+von der See entfernt. In der Regel werden daher alle abgetakelten
+Kriegsschiffe, und besonders die erklärten Prisen dahin gebracht; auch
+befinden sich die Gefängnißschiffe daselbst. Catwater, oder die Mündung
+des Plym ist besonders für Kauffahrer, und noch unter<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> Prozeß liegende
+Prisen bestimmt; beide Ankerplätze sind wegen ihrer Sicherheit berühmt.
+Plymouth-Sound hingegen, so wie die benachbarte Cadsandbay pflegen bei
+stürmischen Wetter gefährlich zu seyn. Was man endlich Sutton Poot
+nennt, ist eine Art natürlichen Hafens im Catwater, an der einen Seite
+der Stadt. Er ist mit einem Kay eingefaßt, und bietet zum Ein- und
+Ausladen der Schiffe große Bequemlichkeiten dar.</p>
+
+<p>Plymouth liegt also, wie gesagt, am Abhange eines Hügels, so daß
+sich die Straßen von oben nach unten ziehen, und die Häuser fast
+amphitheatralisch über einander gebaut sind. Die Straßen sind mit wenig
+Ausnahmen eng und düster, und wie man denken kann, ziemlich steil; eben
+so sind die Häuser fast durchgängig in altväterischem Stile gebaut,
+und haben bei den vielen zugemauerten oder mit Brettern vernagelten
+Fenstern ein doppelt häßliches Ansehen. Es ist dies eine Folge der
+übermäßigen Fenstertaxe, indem für jedes nicht geblendete Fenster,
+eine<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> Abgabe von 15 Schillingen<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> bezahlt werden muß.</p>
+
+<p>In dem niedrigsten Theile von Plymouth sind die Häuser am häßlichsten,
+und selten oder nie mit Gärten versehen. In dem mittleren Theile sind
+sie schon etwas besser, und haben fast alle jene Annehmlichkeit. Auf
+dem höchsten Theile des Hügels endlich, sind sie fast durchgehends
+neu und geschmackvoll, auch mit herrlichen Gärten umringt. Sie haben
+zu gleicher Zeit eine vortreffliche Aussicht auf die ganze Stadt, die
+umliegende Gegend, und die ganze Bay. So schlecht sich indessen auch
+der größte Theil der hiesigen Häuser von außen ausnimmt, im Innern sind
+sie dennoch sehr bequem eingerichtet, und häufig eben so prächtig, als
+geschmackvoll verziert.</p>
+
+<p>Plymouth wird durch eine Citadelle gedeckt, die eine Viertelstunde
+im Umfange hat, und deren 5 Bastionen mit 165 Kanonen vom schwersten
+Kaliber besezt sind. Dazu<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> kommt noch eine starke Wasserbatterie, die
+mit 18 24pfündern besezt ist. Im Innern der Citadelle befinden sich
+unter andern auch die Magazine für die Vorräthe der königlichen Flotte
+besonders an Mehl, Zwieback und Brod. Zu gleicher Zeit sind zwei große
+Backhäuser vorhanden, wovon jedes vier Oefen hat. Diese Oefen werden
+alle 24 Stunden nicht weniger als achtmal geheizt, so daß für 16,000
+Mann darin gebacken werden kann.</p>
+
+<p>Der Citadelle gegenüber, befindet sich auf einer kleinen Insel, St.
+Nicolas genannt, ein anderes Fort, das ebenfalls von großer Wichtigkeit
+ist, indem es die Mündungen des Plym, und der Tamor deckt. Hierzu trägt
+besonders die Lage desselben gerade vor der Stadt, und in der Mitte von
+Plymouth-Sound bei. Auch die Insel selbst wird nicht nur durch ihre
+felsige Küste, sondern überdem durch mehrere Batterien vertheidigt,
+wovon jede mit einem Roste zu glühenden Kugeln versehen ist.</p>
+
+<p>Die hiesigen Lebensmittel sind vortrefflich,<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> besonders was Fleisch,
+Gemüse und Fische anlangt, ohne eben sehr theuer zu seyn. So wird z.
+B. das Pfund Rindfleisch mit 5 bis 6 Stüvern<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a>, die Maas Kartoffeln
+mit einem Stüver; ein großer Schellfisch mit anderthalb bis zwei
+Stüvern bezahlt. Das Pfund Waizenbrod kostet einen Stüver, das Pfund
+Wachslichter zehn Stüver, das Pfund Thee von vorzüglicher Güte, noch
+nicht volle drei Gulden u. dgl. mehr. Ueberhaupt kann man annehmen, daß
+die ersten Bedürfnisse ziemlich wohlfeil, Luxusartikel aber, wie Wein,
+Liköre u. s. w. sehr theuer sind. Das leztere scheint auch vor allem
+zu gelten, was zur männlichen Kleidung gehört, während die gewöhnliche
+Frauenzimmerkleidung hingegen, sehr wohlfeil ist.</p>
+
+<p>Gesellschaftliche Hülfsquellen trifft man zu Plymouth in Menge an.
+Zuerst sind mehrere gute Leihbibliotheken vorhanden, worunter<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> ich
+besonders die von einem Herrn Bornickel, einem Deutschen auszeichnen
+muß; versteht sich, daß man nur nach englischen Büchern fragen darf.
+Ferner giebt es eine Menge guter Kaffehäuser und Tavernen, eben so
+ein recht artiges Schauspielhaus. Endlich fehlt es auch an Concerten,
+Assembleen und Bällen nicht. Wer Spaziergänge liebt, findet in der
+umliegenden Gegend hinlängliche Gelegenheit dazu.</p>
+
+<p>Sehr schöne Aussichten hat man besonders von der Citadelle, die auf
+einem hohen, die ganze Bai beherrschenden Felsen liegt, und wohin der
+Zugang jedermann offen steht. Eben so auf einem andern hohen Berge,
+ungefähr eine halbe Stunde von der Stadt, von dessen Gipfel man weit in
+die See hinaussehen kann. Sehr angenehm sind auch die Parthien nach
+Catwater, oder der Mündung des Plym, wo man mehrere artige Wirthshäuser
+findet, eben so nach Plymouth-Dock, und dergl. mehr. Ich behalte mir
+die<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> Beschreibung dieser Abstecher für die Zukunft vor.</p>
+
+<p>Was meine eigene Lebensart anlangt, so wechsele ich mit Studieren
+und Beobachten, mit Arbeiten und Vergnügungen ab. So bringe ich z.
+B. den Vormittag bis ungefähr 11 Uhr zu Hause zu. Dann gehe ich
+auf eine Viertelstunde in ein Kaffehaus, das der Sammelplatz aller
+hier befindlichen holländischen Schiffer ist, und dann entweder auf
+das Rathhaus, um dem öffentlichen Gerichte beizuwohnen, oder in
+eine Leihbibliothek, oder ins Freie hinaus. Bei diesen öffentlichen
+Gerichten nehme ich gar sehr in der Sprache zu. Bemerkenswert ist auch,
+mit welchem Selbstgefühl und welcher Unerschrockenheit hier auch der
+ärmste Einwohner aus den untersten Classen seine Sache vorzutragen
+pflegt.</p>
+
+<p>Um zwei Uhr ist bei uns Essenszeit, worauf ungefähr eine Stunde
+verwendet wird. Gegen 4 Uhr mache ich gewöhnlich allein, zuweilen
+auch in Gesellschaft einen großen Spaziergang.<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> Um 6 Uhr komme ich
+zurück, trinke Thee, und bringe den Abend meistens mit Lesen, dann
+und wann aber auch im Theater zu. Hier ist jedoch immer ein solcher
+Lärmen, daß man wenig oder gar nichts vom Stücke verstehen kann. Die
+Zuschauer laufen nämlich beständig von einem Platze zum andern, wo
+es dann besonders in der Nähe gewisser Damen sehr laut zugeht. Diese
+benehmen sich indessen mit vieler Züchtigkeit, weil der Zutritt in das
+Theater nur den beiden ersten Klassen gestattet ist. Man erkennt sie
+jedoch sehr leicht an ihrer Kleidung, und besonders an ihrer wirklichen
+bezaubernden Artigkeit. Nichts reizenderes, als wenn ein solches
+Mädchen ihrem Geliebten eine Weintraube oder Orange aufdringt. Doch
+genug! denn eben ruft mich unsere gute Wirthin zum Abendessen ab.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Zwölfter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r"><em class="gesperrt">Plymouth</em>, 27 October 1805.</p>
+
+<p>Gestern war hier ein allgemeiner Freudentag. Es liefen nämlich
+5 französische, bei Trafalgar genommene, Linienschiffe ein.
+Majestätisch wehte die englische Flagge vom Quarterdecke, während die
+französische tief ins Wasser hieng. Der Enthusiasmus des Volkes war
+unbeschreiblich. Dazu das Glockengeläute, der Donner der Kanonen,
+und das Freudengeschrei von allen Schiffen ringsumher! Aber bald
+ward nun auch Nelson's Tod bekannt. — <em class="gesperrt">Nelson is killd! — Nelson
+is killd!</em><a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a> riefen sich Männer und Frauen, mit Thränen und
+Händeringen zu. Lebhaft fühlte ich was Volksgeist und Vaterlandsliebe
+ist.</p>
+
+<p>Seit meinem lezten habe ich nun mehrere Abstecher in die umliegende
+Gegend gemacht. Zuerst nach Plymouth-Dock, oder gewöhnlich<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> schlechtweg
+<em class="gesperrt">the Dock</em>, nur eine halbe Stunde von hier. Es ist dies eine neue, weit
+größere und volkreichere Stadt, als Plymouth selbst. Ihr Name zeigt
+ihren ersten Ursprung, nämlich ein Schiffswerft an. Der Weg dahin
+ist sehr belebt und angenehm. Zuerst kommt man durch Stonehouse, ein
+artiges Dörfchen, dessen niedliche Häuser sich fast eine Viertelstunde
+neben der Straße hinziehen. Dann übersteigt man Stonehouse-Hill, einen
+ziemlich beträchtlichen Hügel, von dem man eine ausgebreitete Aussicht
+auf die beiden Nachbarstädte hat. Am Fuße desselben kommt man durch das
+Dörfchen Stock, und bald tritt man in die schönen, geraden und breiten
+Straßen von the Dock ein.</p>
+
+<p>In der That, ich ward hier äußerst angenehm überrascht. Alles ist
+so nett, so freundlich, so lebendig; daß Plymouth wie ein düsteres
+Gefängniß dagegen erscheint. Wer daher nicht an jenen Aufenthalt
+gebunden ist, oder von seinen Renten leben kann, zieht in der Regel
+gewiß diese Stadt vor. Von öffentlichen<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> Gebäuden sind besonders das
+außerhalb den Thoren liegende Marinehospital, die neuen Kasernen,
+das schöne Wachthaus, und die prächtigen Schiffswerfte sehenswerth.
+Die Lebensmittel sind etwas theurer als in Plymouth, man zahlt z. B.
+ungefähr ein Viertheil mehr als dort. Uebrigens gehen zwischen beiden
+Städten unaufhörlich eine Menge Postkutschen hin und her, die man zu
+jeder Stunde des Tages miethen kann.</p>
+
+<p>Eine angenehme Seefahrt machte ich vor einigen Tagen nach Edystone.
+Dies ist der Name einer Klippenreihe, die sich in der offenen See,
+gerade vor der Mitte der Bay hinzieht. Auf dem höchsten Punkte
+derselben, vorzugsweise Edystone genannt, ist ein Leuchtthurm erbaut,
+der auf den englischen Seekarten, unter dem Namen Edystone-Lighthouse
+verzeichnet ist, und von den Schiffern sehr sorgfältig beobachtet wird.
+Ich fuhr in Gesellschaft einiger Bekannten dahin. Wir wählten natürlich
+einen vorzüglich schönen Tag dazu, weil man diesen gefährlichen
+Klippen<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> sonst nicht nähern kann. Auch vergaßen wir die nöthigen
+Vorräthe an Wein, Rum, Rostbeef, Chesterkäse, Brod und Porter nicht.</p>
+
+<p>Das Wetter war vortrefflich, das Meer fast spiegelglatt, der Wind
+sanfter Ost-Süd-Ost; schon nach einer Stunde langten wir daher bei dem
+Leuchtthurme an. Einer der Wächter wartete bereits auf uns, befestigte
+unser Boot an einem eisernen Ringe, und half uns dann durch das stille
+niedrige Wasser, von Klippe zu Klippe, bis an den Thurm hinan. Hierauf
+holte er unsere Vorräthe aus dem Boote, und führte uns eine zwar
+dunkle, aber bequeme Treppe hinauf. Bald öffnete er eine Thür, und wir
+traten in ein geräumiges Zimmer, das zwar etwas düster, jedoch recht
+artig meublirt war.</p>
+
+<p>Wir fanden hier seinen Kameraden, einen schon ziemlich bejahrten
+Mann, der uns mit ungemeiner Freude empfieng. Ein Tag, wo diese
+armen Leute Besuch erhalten, ist immer ein Festtag für sie. Nach
+einer kleinen Unterhaltung, die wir mit einem Geschenke von<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> Tabak
+eröffneten, stiegen wir vollends zur Laterne hinauf, und besahen die
+Einrichtung zur Erleuchtung, die jezt mit Lampen geschieht. Hierauf
+folgte eine tüchtige Kollation, von der natürlich unser alter Wirth
+nicht ausgeschlossen blieb, während dem andern sein Theil zurückgelegt
+ward. Dies machte denn den guten Alten so gesprächig, daß er uns nicht
+nur eine kurze Geschichte des Leuchtthurms selbst, sondern auch seine
+eigenen Lebensumstände zum Besten gab.</p>
+
+<p>Der Leuchtthurm, wie er jezt dasteht, ist eigentlich schon der dritte
+auf Edystone. Der erste ward in den Jahren 1696 bis 1698 gebaut, stand
+aber nur bis 1707, wo er bei einem heftigen Herbststurme in einer Nacht
+von den Wellen verschlungen ward. Der zweite ward 1708 angefangen,
+und im folgenden Jahre vollendet. Er hielt gegen alle Stürme bis
+1755 aus. Hier brannte er ab, und die zwei Wächter fanden einen sehr
+schrecklichen Tod. Der jetzige Leuchtthurm endlich ward in den Jahren
+1756-59 vollendet,<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> und hat seitdem den wüthendsten Orkanen getrozt.</p>
+
+<p>Was den alten ehrlichen Wächter selbst anlangt, so befand er sich schon
+seit 30 Jahren hier, und trieb zugleich das Schuhmacherhandwerk. Er
+hatte diese Stelle anfangs aus Bequemlichkeit gesucht, worauf ihm erst
+die Arbeit lieb geworden war. Troz seinem geringen Gehalte, der nur 25
+Pfund betrug, war er dennoch vollkommen zufrieden, und wünschte sich
+nie von seinem lieben Thurme hinweg.</p>
+
+<p>Mitunter war es ihm freilich manchmal sehr hart gegangen, besonders im
+Winter, wo die Verbindung oft Monate lang mit dem Lande abgeschnitten
+ist. So z. B. als einmal sein Mitwächter gestorben war. Sechs und
+dreißig Tage mußte er den Leichnam bei sich behalten, und obendrein
+den beschwerlichen Dienst allein versehen. An diese fünf schicklichen
+Wochen dachte er noch immer mit Entsetzen zurück. Seitdem sind
+regelmäßig drei Wächter angestellt. Der dritte<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> war gerade auf einige
+Tage in Plymouth. So hörten wir dem guten Alten einige Stunden mit
+Vergnügen zu, bis endlich die Nachmittagsfluth eintrat. Jezt machten
+wir ihm ein kleines Geschenk an Gelde, und segelten mit dem günstigsten
+Winde nach Plymouth zurück.</p>
+
+<p>Eine andere sehr angenehme Partie machten wir gestern nach Edgecumbe.
+Dies ist eine Art hohen Vorgebirges, das am jenseitigen Ufer der Tamor
+liegt, und von der Cadsand-Bay bespült wird. Wir ließen uns über die
+Tamor setzen, was durch zwei schmucke, rothbäckige Dirnen geschah,
+wandelten noch eine halbe Stunde zwischen herrlichen Wiesen hin, und
+langten endlich am Fuße des pittoresken Berges an. Edgecumbe gehört
+einer der ältesten Familie von England, und bildet im Grunde einen
+Park, der über eine Stunde im Umfange hat.</p>
+
+<p>So wie wir allmählig aufstiegen, fanden wir nun die herrlichsten
+Anlagen aller Art. So sah ich z. B. eine Menge Lorbeer- und<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> Myrthen-,
+Orangen- und Citronen-Pflanzungen, und glaubte mich plözlich wieder
+nach St. Helena versezt. Sie überwintern hier, wie ich höre, in freier
+Luft, woraus sich auf die Milde der Temperatur in diesem Theile von
+England schließen läßt. Auf dem höchsten Punkte, und in der Mitte des
+Ganzen, befindet sich das große schöne Wohnhaus, mit einer Aussicht,
+die einen Horizont von 7 bis 8 Stunden, und die herrlichsten Land- und
+Seeprospekte umfaßt. Das Innere dieser Villa ist eben so bequem als
+geschmackvoll eingerichtet, und mit Kunstwerken aller Art angefüllt.
+Der gegenwärtige Besitzer davon ist der einzige Sohn des Grafen von
+Edgecumbe, Lord Valleton. Er ist unaufhörlich auf neue Anlagen bedacht,
+so daß Edgecumbe in kurzem unter die ersten Merkwürdigkeiten von
+England gerechnet werden wird.</p>
+
+<p>Um auf einem andern Wege nach the Dock zurückzugehen, beschlossen wir
+einen Berg zu übersteigen, an dessen Fuße das Dorf Cadsand, an der
+Bay gleiches Namens liegt.<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> Auf dem Gipfel jenes Berges fanden wir
+eine Kirche, auf deren Thurme ein Telegraph befindlich war. Daneben
+stand ein kleines Haus, für die beiden Wächter bestimmt. Nachdem wir
+einen sehr beschwerlichen Abhang herunter gestiegen waren, aßen wir zu
+Cadsand zu Mittag, und kehrten auf einem sehr angenehmen Fußsteige erst
+nach the Dock, und dann nach Plymouth zurück.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Dreizehnter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r"><em class="gesperrt">Portsmouth</em>, 7. November 1805.</p>
+
+<p>Ich verließ Plymouth, um geradesweges nach London zu gehen. Zuerst
+nahm ich meinen Weg nach Exeter, das eine gute Tagereise von Plymouth
+entfernt ist. Ich that dies in der gewöhnlichen Morning-Coach, deswegen
+so genannt, weil sie immer des Abends liegen bleibt, während die
+Evening-Coach Tag und Nacht durchfährt. Es war 5 Uhr Morgens; meine
+Gesellschaft bestand aus zwei Herren und einer Dame; indessen<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> währte
+es geraume Zeit, ehe es zwischen uns zum Gespräche kam.</p>
+
+<p>Der erste Ort, wo wir anhielten, war Irybridge, ein vortreffliches
+Wirthshaus, das nur wenig Schritte von dem Dorfe gleiches Namens,
+höchst romantisch zwischen baumreichen Hügeln liegt. Wir fanden
+hier das Frühstück schon bereit, und die ganze Einrichtung äußerst
+geschmackvoll. Dann fuhren wir durch eine reizende Landschaft bis
+nach Aschburton, einem Städtchen, wo in einem gleichguten Wirthshause
+zu Mittag gegessen ward, passirten weiterhin Chudleigh, einen
+Marktflecken, der seiner Obstgärten wegen berühmt ist, und kamen
+endlich Abends um 7 Uhr in Exeter an.</p>
+
+<p>Ich trat mit meinen Reisegefährten in einem großen Wirthshause ab, wo
+auch die Morning-Coach liegen blieb. So einsilbig sie den ganzen Tag
+über gewesen waren; so redselig wurden sie nach dem Abendessen, als der
+Portwein zu wirken anfieng. Ich habe dies aber bei allen Engländern
+bemerkt. Sie<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> pflegen meistens erst bei der Flasche lebendig zu werden,
+und scheinen dann wirklich ganz andere Menschen zu seyn.</p>
+
+<p>Den andern Morgen gieng ich aus, die Stadt zu besehen. Sie liegt an der
+schiffbaren Exe, ist im Ganzen nicht übel gebaut, hat mehrere schöne
+öffentliche Gebäude, und mag ungefähr 2000 Einwohner zählen, deren
+Hauptnahrung in Wollfabriken und Handlung besteht. An der Nordseite
+der Stadt befindet sich ein vortrefflicher Spaziergang, Northernhay
+genannt, der unter die schönsten von England gehört. Sonst sind die
+Umgebungen von Exeter etwas einförmig, denn sie bestehen blos aus
+Weideland. Dafür wird aber auch starke Viehzucht getrieben, und sehr
+viel Butter verführt. Ein artiges Dörfchen ist Drewstington, man kann
+daselbst mehrere alte Denkmäler sehen. Nicht weit davon fließt der
+Teign in einer sehr romantischen Gegend, und zwischen hohen Felsen
+eingepreßt. Ein anderes schönes Dorf<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> ist Exminster an der Exe, deren
+Ufer mit herrlichen Landhäusern eingefaßt sind.</p>
+
+<p>Am folgenden Abend nahm ich einen Plaz in der großen Londoner
+Evening-Coach bis Salisbury. Die Gesellschaft war klein, wir schliefen
+überdem sämmtlich in einem Stücke weg. Um Mitternacht indessen hielten
+wir an, tranken Thee, und fuhren dann wieder in einem bis Exminster, wo
+gefrühstückt ward. Dies ist ein Stätdchen, das seiner schönen Teppiche
+wegen bekannt, und nicht mit obigem Dorfe zu verwechseln ist.</p>
+
+<p>Als der Tag anbrach, befanden wir uns in einer schönen gebirgigen
+Landschaft, die vortrefflich angebaut zu seyn schien. Wir kamen durch
+eine Menge Städte, Flecken und Dörfer, deren Namen ich vergessen habe,
+und erreichten endlich zu Mittag das alte häßliche Dorchester, wo
+gegessen ward. Meine bisherigen Gesellschafter giengen hier ab, dafür
+stiegen drei neue ein. Es waren drei junge Leute aus London, von denen
+besonders der eine mit vieler Selbstgefälligkeit<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> von seiner Vaterstadt
+spracht: — »<em class="gesperrt"><em class="antiqua">Yer in my town!</em></em>« — hieß es immer, sobald
+die Rede auf London kam. Abends um 5 Uhr waren wir in Salisbury; ich
+beschloß hier einen Tag auszuruhen.</p>
+
+<p>Salisbury liegt am Zusammenflusse des Avon, der Nadder, und des Villey,
+und ist eine finstere, häßliche Stadt. Die Straßen sind eng, winklicht
+und schlecht gepflastert, die Häuser altväterisch und geschmacklos
+gebaut. Sehr sehenswerth indessen ist die Kathedralkirche, die mit
+ihrem herrlichen Thurme für das schönste gothische Gebäude in ganz
+England gehalten wird. Eine andere Merkwürdigkeit von Salisbury sind
+die alten Denkmäler aus den Zeiten der Druiden, auf einer ungeheuern
+wüsten Ebene, Stoneheng genannt.</p>
+
+<p>Ich war jezt willens, ohne weiteren Aufenthalt geradesweges vollends
+nach London zu gehen. Unvermuthet aber kam in unserem Wirthshause
+eine Postchaise aus Portsmouth an, und bot mir eine eben so bequeme,<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span>
+als wohlfeile Gelegenheit dahin dar. Ich eilte also davon Gebrauch zu
+machen, verließ Salisbury noch denselben Abend, und kam am folgenden
+Morgen über Ramsey in Southampton an. Hier beschloß ich den Tag über zu
+bleiben, und erst den Abend mit der Evening-Coach weiter zu gehen.</p>
+
+<p>Southampton liegt eben so vortheilhaft als angenehm zwischen den
+Flüssen Test und Itchin, die beide tief in das Land hinein vollkommen
+schiffbar sind. Die Stadt ist im Ganzen sehr gut gebaut, und verräth
+überall Wohlstand und Lebhaftigkeit. Unter den vielen Kirchen und
+Kapellen, befindet sich auch eine französische, zum Dienst der
+Einwohner von Jersey und Guernesey, von denen hier immer eine gewisse
+Anzahl vorhanden ist. Eine andere Merkwürdigkeit von Southampton ist
+der schöne Spaziergang the Beach genannt. Man findet hier mehrere
+Reihen herrlicher, schattenreicher Bäume, und hat die Aussicht über die
+spiegelnde Bay bis auf die gegenüberliegende Insel Wight. Noch größere
+und mannichfaltigere<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> Aussichten aber hat man auf dem in der Nähe der
+Stadt befindlichen Bewis-Mount. Hier kann man noch den ganzen Hafen von
+Portsmouth, und selbst einen Theil des Kanals übersehen.</p>
+
+<p>Abends gieng ich nun, wie gesagt, mit der Evening-Coach nach
+<em class="gesperrt">Portsmouth</em> ab, und kam daselbst am andern Morgen an. Diese
+Stadt liegt auf einer Halbinsel, Portsey genannt, und kommt fast in
+allen Stücken Plymouth bei. Bei hohem Wasser, d. h. zur Fluthzeit
+wird die Halbinsel ganz vom Meere umringt; sie ist daher durch eine
+eigene Brücke (Portbridge) mit dem festen Lande verknüpft. Der Hafen
+von Portsmouth kann gegen 1000 Linienschiffe fassen, und ist in jeder
+Hinsicht einer der ersten in der Welt. Die hiesigen Decken u. s. w.
+zeichnen sich daher durch Umfang und erstaunenswürdige Thätigkeit aus.
+Portsmouth ist nämlich als der Centralpunkt der englischen Marine zu
+betrachten, von wo aus immer die ansehnlichsten Escadern abgehen.
+Auf dem Hafen<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> hat man übrigens eine herrliche Aussicht auf das
+gegenüberliegende Gesport, das prächtige Seehospital, Spithead, und die
+Insel Wight.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h4 class="p2">Vierzehnter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r"><em class="gesperrt">London</em>, December 1805.</p>
+
+<p>Ich verließ Portsmouth mit der Evening-Coach, und kam am andern Abend
+glücklich hier an. Wir fuhren wohl noch eine Stunde lang durch die
+Stadt. Endlich kamen wir an der St. Paulskirche vorbei, und hielten
+bei dem Wirthshause zum Doppel-Schwane in Ladlane still. Hier nahm ich
+ein Zimmer, aß, und schlief vollkommen wohl. Am andern Morgen suchte
+ich den Prediger an der holländischen Kirche, Herrn Wernink auf, fand
+ihn, und überzeugte mich in wenig Minuten, daß ich bei einem Freunde,
+Collegen und Landsmann war.</p>
+
+<p>Jezt gieng es nun an die Erzählung meiner Abentheuer von meiner Abreise
+von Embden<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> an, bis auf den heutigen Tag. Darauf sprachen wir von
+meinem Vorhaben, einige Zeit in London zu bleiben, und von der besten
+Art meiner Einrichtung. In dieser Absicht führte mich Herr Wernink zu
+einer braven Frau in seiner Nachbarschaft, und miethete ein artiges
+Zimmer zu einer Guinee monatlich für mich. Von hier giengen wir auf
+die Börse, wo ich noch mehrere Landsleute kennen lernte, und aßen
+dann ganz auf vaterländische Art bei einem Herrn Backhuis, der unser
+erster Kirchenvorsteher ist. Nach Tische, d. h. ungefähr um 7 Uhr
+Abends, nahmen wir eine Miethkutsche, fuhren nach meinem Wirthshause,
+berichtigten meine Zeche, und holte meine Sachen ab. Ich mußte hierauf
+die Nacht bei Herrn Wernink zubringen, und bezog mein neues Logis erst
+den andern Tag. Was meine Oekonomie anlangt, so aß ich, gegen eine
+billige Vergütung Mittags mit Herrn Wernink, und finde das übrige, wie
+Frühstück u. s. w. zu Hause selbst.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span></p>
+
+<p>London ist so oft beschrieben worden, daß ich Ihnen in topographischer
+Hinsicht lieber gar nichts sagen will. Dafür mögen einige Bemerkungen
+über Clima und Lebensart hier stehen. Das Clima ist feucht und
+veränderlich. Man rechnet 50 bis 60 Tage, wo die Sonne gar nicht, und
+120 bis 130, wo sie nur wenig zum Vorschein kommt. Die Winde wechseln,
+besonders in den Herbst- und Wintermonaten, wohl zwanzigmal des Tags
+ab; die herrschendsten scheinen indessen die Nordwest und Südwest
+zu seyn. Die Winter sind gewöhnlich ziemlich mild, die Felder und
+Wiesen bleiben fast immer grün. Der Frühling zeigt sich meistens schon
+im Februar, die Temperatur ist dann sehr angenehm. Die Sommer sind
+verhältnißmäßig heiß; doch wird die Luft oft nur zu merklich abgekühlt.
+Der Herbst ist in der ersten Hälfte, sobald die Stürme vorüber sind,
+fast immer von großer Lieblichkeit.</p>
+
+<p>Was die Lebensmittel anlangt, so finde ich, daß sie im Ganzen zwar
+vortrefflich, aber<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> auch äußerst theuer sind. In diesem Augenblicke z.
+B. kostet das Pfund Rindfleisch 30 kr. rhein., das Pfund Kalbfleisch 42
+kr. und so fort. Ein guter Kabeljau wird mit 5 Gulden, ein Pfund Lachs
+mit 54 kr. bezahlt. Ein Pfund Weißbrod kostet 16 kr., ein Pf. Butter
+54 kr., eine Kanne Milch 24 kr., ein Pf. Käse 36 kr. und so alles in
+gleichem Verhältniß. Der theuerste Artikel ist das Geflügel (ein Huhn
+3-6 Gulden). Der wohlfeilste dürfte das gewöhnliche Gemüse (Erdäpfel,
+süße Pasteten und Braunkohl) seyn. Für eine Flasche Bordeauxwein
+werden 5 Gulden, für eine Flasche alten Rheinwein 10-12 gezahlt.</p>
+
+<p>Von den Preisen anderer Artikel führe ich folgende an. Ein Paar
+Stiefeln 24 Gulden, ein Paar Schuhe 7-9, ein guter Hut 12-15 Gulden,
+ein halbes Dutzend feine Hemder 70-80 Gulden u. dgl. mehr. Ein Fremder,
+der in London nur einigermaßen anständig leben will, braucht zwischen
+4 bis 5 Pfund die Woche, und muß dabei<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> doch noch haushälterisch
+seyn. Für ein meublirtes Zimmer in den besten Theilen der Stadt, wie
+Chearside, Falbern u. s. w. zahlt man nebst Aufwartung 24 Gulden den
+Monat, in andern Theilen kommt man mit 12-16 Gulden ab.</p>
+
+<p>Der gewöhnliche Thee zum Frühstück ist sehr mittelmäßig, ob er gleich
+mit 4-5 Gulden bezahlt wird. Ich wette, daß man bei uns dieselbe Sorte
+für 2-3 Gulden haben kann. Das Brod ist gut, kommt aber dem Fremden
+anfangs etwas bitter vor, was von den Hefen herrühren soll. Die Butter
+ist frisch vortrefflich, nimmt aber schon nach einigen Tagen einen
+ranzigen Geschmack an. Das Wasser ist schlecht, bleifarbig und immer
+trüb. Es wird entweder aus der Themse, oder aus dem New River in die
+Stadt geleitet, wobei man freilich nicht an die ekelhafte Nachbarschaft
+der Schiffsabtritte, der Schlachthäuser u. s. w. denken muß.</p>
+
+<p>Vorige Woche machte ich auf besondere Veranlassung eine kleine Reise
+nach Chislehurst.<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> Dieses ist ein artiges, höchst pittoresk gelegenes
+Dorf, nur ungefähr 6 Stunden von hier. Es befindet sich ein großes
+Erziehungsinstitut daselbst, das von einem Herrn <em class="gesperrt">Mace</em>, einem
+sehr würdigen Mann, geleitet wird. Ein Fremder, der die Sprache aus dem
+Grunde kennen lernen will, thut sehr wohl, wenn er auf einige Monate in
+eine solche Kostschule (Boardings-Schoal) geht. Man nimmt nämlich in
+allen solchen Instituten auch erwachsene Pensionäre auf. Diese zahlen
+in Chislehurst für alles 6 Guineen monatlich. In den Boardings-Schoals
+näher bei London, wie Islington, Chelsea u. s. w. ist man freilich
+weniger wohlfeil. Die Luft von dem hochliegenden Chislehurst ist sehr
+gesund, auch scheint das Wasser vortrefflich zu seyn. Nach London giebt
+es täglich bequeme Postgelegenheiten. — Ich erwarte nur noch einen
+Brief aus Amsterdam, um sofort nach Holland überzugehen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p>
+
+<h4 class="p2">Fünfzehnter Brief.</h4>
+</div>
+
+<p class="r"><em class="gesperrt">In See</em>, 27. Januar 1806.</p>
+
+<p>Es ist Abends 5 Uhr, der günstigste Wind treibt uns den vaterländischen
+Küsten zu. Gestern Abend begab ich mich nach Gravesand; diesen Morgen
+um 11 Uhr segelten wir die Themse hinab. Welche paradiesische Ufer bis
+hinter Chatham! Dann aber wird der Strom so breit, daß er fast einer
+Rhede gleicht. Man kann in der nämlichen Ferne nur wenig mehr sehen. Um
+3 Uhr kamen wir mit 60 andern Schiffen glücklich in See. — Bald umarme
+ich Sie.</p><br>
+
+<p class="r"><em class="gesperrt">Helvoetsluis</em>, 28. Jan. Mittag.</p>
+
+<p>Wir gehen vor Anker, ich gebe diesen Brief einem Fischerboote mit,
+damit er noch um 2 Uhr in Rotterdam abgehen kann. Alles ist wohl und
+fröhlich an Bord, ich selbst bin höchstvergnügt. Heute vor einem Jahre
+und nun! O Freunde! o Vaterland! o Geliebte! Morgen bin ich bei Ihnen,
+und dann keine Trennung mehr!</p><br>
+
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+
+<p class="s3 p2 center"><b>Fußnoten:</b></p>
+</div>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Oeffentliches Wirthshaus.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Flöße, die man mit Ruder und Segel zugleich fortbringt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Hafendorf von Jaffanapatnam.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> So hieß der Freund des Verfassers.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Alle indische Töpfer pflegen zu gleicher Zeit auch
+Wundärzte zu seyn.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> <em class="gesperrt">Kampaak</em> genannt. Die Betelblätter sind wie ein
+<em class="gesperrt">Herz</em> geformt, und außer der Areka noch mit Cardamom und Catchu
+gefüllt. Ein solcher Kampaak ist ein verblümtes Liebesgeständniß.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Pipal, <em class="antiqua">Fiscus indica</em>. Nach der Behauptung
+der Hindus braucht dieser Baum zu seinem vollen Wachsthum
+<em class="gesperrt">fünfhundert</em> Jahre.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Sie gaben damit den Takt an, um gleichen Schritt zu
+halten, wie oben gesagt worden ist.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Die herumziehenden Tänzerinnen werden in der Regel wenig
+geachtet. Ganz anders ist es mit den <em class="gesperrt">Devodaschis</em>, die bei den
+Pagoden angestellt sind.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Getrocknetes Feigenblatt. Man braucht diese Olas als
+Papier.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Ein Paar hundert Tausend Pfund Sterlings.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Durch die <em class="gesperrt">Fußpost</em>, der einzigen, die in
+Ostindien gebräuchlich ist. Die Postboten heißen <em class="gesperrt">Toppals</em> oder
+<em class="gesperrt">Dhaabs</em>. Es gehen immer zwei zusammen, wovon der eine den
+Briefsack trägt, während der andere eine kleine gellende Trommel
+schlägt. Die Stationen sind nur zwei Stunden lang, und eigene Hütten
+dazu erbaut. In Calcutta, Madras, Pondichery, Negapatnam u. s. w. gehen
+diese Fußposten alle Abende nach allen Gegenden Indiens ab.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Dieser Fluß durchschneidet Batavia.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Wie z. B. Kampfer, Eisen, Opium u. s. w.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Aus Isle de France.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Fahrzeug zur Aufnahme von Personen eingerichtet, das von
+einem Pferde gezogen wird.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Die hintere Cajüte, die sehr nett eingerichtet ist.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Gerade so, wie an den Donau-, an den Elb-, Main- und
+Rheinschiffen hinten Kähne angehängt sind, nur daß der Zwischenraum
+größer ist.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Holländischer <em class="gesperrt">Käse</em> von vorzüglicher Güte, mit
+<em class="gesperrt">rother</em> Rinde.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Rum mit Wasser vermischt.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Ein holländischer Gulden ist fl. 1, 4 kr. rhein.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Ostindische Goldmünze, <em class="gesperrt">vier</em> holländische Gulden an
+Werth.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Ungefähr anderthalb Kreuzer rheinisch.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Bekanntlich befindet sich jezt der General
+<em class="gesperrt">Bounaparte</em> als Gefangener daselbst. &nbsp; D. H.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Ungefähr eine Stunde.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Schlafstelle in der Wand, mit Schiebbrettern versehen.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Vordertheil des Schiffs.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Französische Hunde, was der gewöhnliche englische
+Schimpfname ist.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> Neun Gulden Rheinisch.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Ein Stüver ist ungefähr vier Kreuzer Rhein. werth.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> Nelson ist todt! Nelson ist todt!</p>
+</div>
+</div>
+<hr class="k">
+
+<div class="transnote">
+<h3><a id="Anmerkungen_zur_Transkription"></a>Anmerkungen zur Transkription</h3>
+
+<p>Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die
+Korrektur.</p>
+
+<p>S. <a href="#Seite_64">64</a></p>
+
+ <ul><li>Das Comtoir befestigt nur wenige Leute</li>
+ <li>Das Comtoir <span class="u">beschäftigt</span> nur wenige Leute</li></ul>
+
+<p>S. <a href="#Seite_121">121</a></p>
+ <ul><li> Ich folgte dem Manesenstrom</li>
+ <li>Ich folgte dem <span class="u">Menschenstrom</span></li></ul>
+
+<p>S. <a href="#Seite_263">263</a></p>
+ <ul><li>Vierter Brief.</li>
+ <li><span class="u">Sechster</span> Brief.</li></ul>
+
+<p>S. <a href="#Seite_297">297</a></p>
+ <ul><li> 9 Uhr morgens tagten in großer Entfernung</li>
+ <li> 9 Uhr morgens <span class="u">tauchten</span> in großer Entfernung</li></ul>
+
+<p>S. <a href="#Seite_334">334</a></p>
+ <ul><li> 27. Januar 1805</li>
+ <li>27. Januar <span class="u">1806</span></li></ul>
+</div>
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75362 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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