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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/75362-0.txt b/75362-0.txt new file mode 100644 index 0000000..aac78ff --- /dev/null +++ b/75362-0.txt @@ -0,0 +1,5626 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75362 *** + + + +======================================================================= + + Anmerkungen zur Transkription: + +Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + +Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt. + +Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + +Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt +worden: + + ~gesperrt gedruckter Text~ =antiqua gedruckter Text= + +======================================================================= + + + + + [Illustration: + _Wiedersehen!_] + + + + + Die + + drei Ostindienfahrer, + + abentheuerliche Reisegeschichten; + + + herausgegeben + + von + + Christian August Fischer. + + + Mit einem Kupfer. + + + Leipzig 1817. + + Hartleben's Verlagsexpedition. + + + + + ~An die Leser.~ + + +Wie jeder Künstler, so hat auch der Schriftsteller seine +eigenthümlichen Studien. Wenn mir die Kraft zu Allem fehlt; hierzu +gebricht sie mir nie. So beschäftigte ich mich auch diesen, für mich so +traurigen, Winter hindurch. + +Ein Theil dieser Reisegeschichten fand vor sieben bis acht Jahren in +einem unserer geschäztesten Tagblätter Plaz. Man erhält jezt das Ganze +in einer neuen, veredelten Form. Es ist eine Ueberarbeitung, bei der +ich in jeder Hinsicht sehr streng gewesen bin. Möchte die kleine Gabe +willkommen seyn! + +Wie mit mir, so hat der thätige Verleger, auch mit andern +Schriftstellern außerhalb Oesterreich, Verbindungen angeknüpft. Man +sieht, wie vortheilhaft dieses, des leichten Tausches wegen, für den +gesammten Buchhandel zu werden verspricht. Darum muntere ihn auf, wer +es zu thun vermag. + +~Würzburg~, O. M. 1817. + + C. A. ~Fischer.~ + + + + + Die + + drei Ostindienfahrer. + + + + + Inhaltsverzeichnis + + + Seite + + Erste Abtheilung, Jacob Haafner. 1 + + Zweite Abtheilung, Ch. Fr. Tombe. 185 + + Dritte Abtheilung, Heinrich Potter. 231 + + + + + Erste Abtheilung, + + ~Jacob Haafner.~ + + + ~Erstes Buch.~ + + + + + ~Quellen.~ + + =L'otgevallen op eene Reize van Madras nar het Eiland Ceilon. Door + Jac. ~Haafner~. Haarlem 1814. 8. 2. Aufl.= + + =Reize in eenen Palankin etc. door Jacob ~Haafner~. Amsterdam + 1814. 2 Bde. 8. 2. Aufl.= + + + + + Erstes Capitel. + + +Ich befand mich als zweiter Steuermannsgehülfe am Bord eines +holländischen Compagnieschiffes, das von Chinsura nach Negapatnam +bestimmt war. Aber nie hatten wir eine so lange und beschwerliche Reise +gehabt. Auf einer Ueberfahrt, die man in fünf Wochen machen kann, +brachten wir eben so viel Monate zu. Dazu kam der heftige, grausame +Charakter des Capitains, der nach den Schiffsgesetzen an seinem Bord +unumschränkt gebot. Eines Tages ließ er unter andern zwei arme schwarze +Matrosen (Lascars) um einer Kleinigkeit willen so lange geißeln, daß +der eine noch denselben Abend, der andere in der folgenden Nacht +verschied. Dies empörte das ganze Schiff. Es ward daher eine förmliche +Klage gegen ihn aufgesetzt, und nach der Ankunft zu Negapatnam bei dem +Fiscal angebracht. Die Folge davon war, daß dieser uns Unteroffiziere +sämmtlich zu sich rufen ließ. Hier ist es, wo meine Geschichte +eigentlich anfängt. + +Nach Unterzeichnung des Protocolles, kam nämlich der Fiscal noch einmal +auf die Klagschrift zurück, und fragte, wer der Concipient davon +gewesen sey. Der Wahrheit gemäß ward ich genannt. Er sprach hierauf +mit Lobe von der Arbeit. -- »Es ist Schade« -- wendet er sich zu mir, +-- »daß Sie in keinen angemessenern Verhältnissen sind. Wenn Sie hier +bleiben wollten, hätte ich wohl eine Stelle für Sie.« -- Ich gestehe +es, dieser Antrag machte nicht wenig Eindruck auf mich. Zwar hatte ich +die Aussicht Steuermann zu werden; allein der Civildienst schien mir +ungleich bequemer und einträglicher zu seyn. Ueberdem hatte ich des +Capitains Rache zu fürchten. -- Mit einem Worte, ich blieb am Lande, +und erhielt eine Stelle auf dem Hauptcomtoir. + +Von meiner frühesten Jugend an, war ich ein Spiel des Zufalles gewesen, +und hatte von dem Leben noch nichts, als das Mühselige desselben kennen +gelernt. Jetzt endlich hoffte ich Ruhe und Genuß zu finden, ja ich +schmeichelte mir sogar mit der baldigen Rückkehr ins Vaterland. Allein +bald sah ich mich in meinen Erwartungen aufs bitterste getäuscht. +Spärliche Besoldung, ekelhafte mechanische Arbeit, und so gut als +keine Aussicht zu einer Verbesserung! Fast sehnte ich mich nach dem +Seeleben zurück. Indessen beschloß ich auszuhalten, und mich auf ein +Fach zu werfen, das mir bedeutende Vortheile versprach; ich meine die +italienische Buchhaltung. + +Dieser Gedanke bot sich mir bei der Lage der holländischen +Compagniecomtoirs sehr natürlich dar. Es fehlte nämlich überall an +Subjekten dazu. Wir, in Negapatnam, z. B. hatten nur einen einzigen +Mann, der die Bücher auf diese Art zu führen verstand, und dafür +allein sechshundert Pagoden (zu 4½ Fl.) bezog. Die Sache von ihm +zu lernen, war freilich keine Möglichkeit; denn seinen Mangel an +Gefälligkeit abgerechnet, stand er überdem viel zu hoch über mir. +Ich mußte mir also selbst zu helfen suchen, was freilich mit vielen +Schwierigkeiten verbunden war. Indessen, da ich keine Arbeit scheute, +ward ich in Jahr und Tag ziemlich vertraut damit. + +Ich hoffte nun nichts Geringeres, als zweiter Buchhalter zu werden; +allein, wie sehr hatte ich mich abermals getäuscht! Zwar ward mein +Fleiß nicht wenig gelobt, und erhielt einen kleinen Monatszuschuß; +allein von einer eigentlichen Beförderung war durchaus die Rede nicht. +Täglich mehr Arbeit; endlich mußte ich beinahe alles thun. Dies war +zu viel, ich verlangte daher meinen Abschied. Da versprach mir der +Buchhalter hundert Pagoden jährlich, und nach drei Jahren die förmliche +Substitur. Ich gieng es ein, allein was geschah? Im ersten Jahr keine +Rupie; im zweiten eben so, im dritten abermals nichts. Ich klagte bei +dem Gouverneur, er gab mir Unrecht. Ich mußte die Bücher noch drei +Jahre, und abermals unentgeldlich führen, dann erst wollte man weiter +sehen. Ich verweigerte es, es sey ganz und gar meine Schuldigkeit nicht. + +»Wie?« -- rief der Gouverneur zornig -- »Ihr wagt es, mir zu +widersprechen? Ihr müßt die Bücher führen, sonst nach Batavia, oder +außer Dienst!« + +»Ich wähle das Letzte, gnädiger Herr!« + +»Ist das euer Ernst?« fragte er erstaunt. -- »Ueberlegt es wohl!« + +»Es ist mein völliger Ernst!« + +»Nun gut!« -- sagte er hastig -- »So seyd ihr hiemit augenblicklich +entlassen -- Sucht euer Glück anderswo!« -- Mit diesen Worten drehte er +sich um, und verließ den Saal. + +So war ich denn endlich wieder frei; allein wegen der Zukunft +allerdings nicht ganz unbesorgt. Ich hatte wenig Geld, und keinen +Credit; meine meisten Freunde verließen mich. Indessen hatte ich mir +neben dem Französischen auch einige Kenntnisse im Englischen erworben; +es schien mir daher am rathsamsten nach ~Madras~ zu gehen. Schon +hatte ich alle Anstalten dazu gemacht, als ich unvermuthet eine +Einladung von Herrn Simons, unserem Magazininspector, erhielt. Dieser +brave Mann hatte von meinem Plane gehört, und wollte mir, wie er sagte, +einen besseren Vorschlag thun. Sein Bruder war nämlich Oberbuchhalter +zu ~Sadras~, und brauchte gerade einen Gehülfen meiner Art. Dieser +Antrag war wirklich aller Ehre werth; doch gestehe ich gern, daß mich +die Nähe von Madras (12 Meilen) auch mit bestimmen half. Leicht kamen +wir daher über die Bedingungen überein. So verließ ich Negapatnam, und +langte wohlbehalten in Sadras an. + + + + + Zweites Capitel. + + +In der That, Herr Simons hatte mich nicht getäuscht; ich fand mich +wirklich in eine sehr angenehme Lage versetzt. Guter Gehalt, mäßige +Arbeit, freundliche Behandlung, herzlicher Umgang; nie hatte ich noch +so zufrieden gelebt. Die Luft war gesund, die Gegend angenehm, Sadras +selbst ein wohlhabender, und sehr lebhafter Ort. Ich hebe aus dem +Ganzen einige Parthien aus. + +Zuerst der ~Bazar~, oder Marktplatz, der aus einer breiten, mit +Bäumen besezten Straße besteht. Schon Morgens um fünf Uhr strömen +von allen Seiten Marktleute herbei. Junge Mädchen und Weiber mit +Gemüsen und Früchten; alte Weiber mit Matten und Töpferwaaren; +Reis- und Getreide-, Betel-, Areka-, Spezerei- und Tabakshändler; +Verkäufer von Palmzucker, Palmblättern und Sandelholz; Korbflechter, +Reiskuchenbäcker, Armringsfabrikanten u. s. w.; alle eilen herbei, +alle stellen sich in Reihen auf. Zu gleicher Zeit erscheinen Gaukler +und Wahrsager, Banianen mit ihren Probiersteinen, Tattowirer mit ihren +Nadeln, endlich Sanias und Foguis (Bettelmönche) mit nackten Fakirs +vermischt. + +So wird es acht Uhr, und alle Buden, und alle Gewölbe öffnen sich. +Die Menschenmasse vermehrt sich, das Getümmel nimmt zu, der ganze +Bazar ertönt von Geschrei. -- Mangas! Reife Mangas! -- Tamarinden! +Tamarinden! -- Areka und Betel! -- Büffelkuhmilch! -- Eingemachte +Früchte! Kauft Früchte in Zucker! -- Reife und frische Cocosnüsse! +Frischer Palmkohl u. dgl. m. Dazu der Gesang der Mönche, mit +Trommeln und Tambourins, die Glöckchen der Putchares (geistliche +Balladensänger), die Hörner der Sarpojans (Schlangenbeschwörer), die +Schellen der Pandoces (geistliche Bänkelsänger) mit dem Lärm der +malabarischen Schulen, dem gellenden hundertstimmigen ~Ana~, +~Awena~, ~Han~, (A. B. C.) und dem fast alles übertäubenden +Gekrächz von tausenden von Raben vermischt. Endlich mitten im dicksten +Getümmel der Beriesocheng, der weiße heilige Stier, dem alles Platz +macht, und alles liebkosend Geschenke reicht. + +Das gesellschaftliche Leben war höchst angenehm. Bald giengen wir in +einen Palmenbusch, um eben gezapften, frischen, blauen Palmsaft zu +trinken; bald machten wir eine Jagd- oder Fischparthie. Ein andermal +ritten wir nach den Austerfelsen, oder brachten unsern Tag in stiller +Ländlichkeit in einer Chauderie (öffentliche Herbergen an den +Landstraßen, in Wäldern u. s. w.) zu. Die hohen, schattigen Pipals, der +Weiher mit Cocosbäumen bepflanzt, der nahe Palmenwald, die Menge von +Pilgrimen und Reisenden -- auch ein solcher »=Dia do campo=« im +noch immer beibehaltenen Portugiesisch so genannt, hatte seinen eigenen +Reiz. + +Dann die Gesellschaften, wo sich alles der Freude und der Lebendigkeit +überließ. Die fröhlichen Abendessen mit allem was Land und Jahrszeit +Auserlesenes zu liefern im Stande war. Die von der Liebe geschlossenen +Vereine, wo jeder zu den Füßen der Auserwählten saß, und ihr ein süßes +Versprechen abgewann. Die blinkenden Becher, die Gesänge, die Tänze und +die vaterländische Kraft mit ostindischer Ueppigkeit gepaart! + + + + + Drittes Capitel. + + +Fast anderthalb Jahre hatte ich auf diese Art höchst vergnügt in +Sadras verlebt, als mein Glück auf einmal vernichtet ward. Es war den +17. Juni 17-- ungefähr um vier Uhr Nachmittags. Wir waren bei dem +Generaldirector Herrn von Neis, zu einem Geburtstagsschmause, und +tranken lustig Gesundheiten herum. »Nun noch eins!« -- rief eben unser +Wirth -- »Noch eins, meine Herren! Auf das Wohlergehen von Sadras!« -- +In dem Augenblicke trat der wachthabende Sergeant herein und meldete, +daß ein englischer Offizier angekommen sey. Er verlange Herrn von Neis +zu sprechen, und habe ein weißes Tuch an seinem Stock. -- Niemand, und +am wenigsten Herrn von Neis fiel das weiße Tuch auch nur im mindesten +auf. -- »Nur herein!« -- antwortete er sehr vergnügt -- »Ein neuer Gast +macht neuen Durst! -- Er soll mit auf das Wohl von Sadras trinken! Nur +herein!« -- + +Der Sergeant gieng, um die Thür zu öffnen, und der Offizier trat +in den Saal. -- »Es thut mir leid« -- hub er an, indem er sich zu +Herrn von Neis wandte -- »Es thut mir leid, der Ueberbringer einer +unangenehmen Botschaft zu seyn. England hat Holland den Krieg erklärt. +Der Commandant von Chenglepet (englisches Fort in der Nachbarschaft) +steht mit seinen Truppen nur noch eine Stunde von hier. Er läßt Sie +hiermit auffordern, das Fort und die Factorei von Sadras auf Diskretion +zu übergeben. Dies mein Auftrag; in zwei Stunden bitte ich mir ihre +Antwort aus!« -- Mit diesen Worten machte er uns eine Verbeugung und +entfernte sich. + +Welche Nachricht! Bleich und sprachlos saßen wir einige Augenblicke wie +vom Donner gerührt. Endlich trug Herr von Neis auf eine Berathschlagung +der fünf Hauptbeamten an. Dies wurde so fort genehmigt, und alle +übrigen Gäste entfernten sich. Lange sannen wir nun hin und her, +was anzufangen sey. Widerstand konnten wir freilich nicht leisten; +dazu waren wir viel zu schwach. Aber uns auf Diskretion ergeben, +dies durften wir ebenfalls nicht. Wir beschlossen daher auf einer +ordentlichen Capitulation zu bestehen. Im Fall dieselbe jedoch +verweigert würde, wollten wir uns in das Fort zurückziehen. Bei diesem +Entschlusse blieb es, und so ward das Ganze zu Papier gebracht. Nach +sechs Uhr gieng ich damit in Begleitung des Oberbuchhalters und des +Parlementärs zu dem englischen Commandanten, einen Capitain Mackay ab. +Sein Lager war wirklich nur eine Stunde von Sadras entfernt. + +Wir kamen an und passirten die Vorposten ohne Schwierigkeit. Alles war +still und finster, nie hatte ich noch ein so ruhiges Lager, ohne das +mindeste Licht gesehen. Doch kaum waren wir angemeldet, als es etwas +lebendiger ward. Man zündete Lichter an und brachte Stühle für uns. +Einige Minuten und wir saßen dem Commandanten gegen über, der uns sehr +stolz ansah. + +»Capitain!« -- hub ich an -- »hier sind die Bedingungen, auf welche das +Fort und die Factorei übergeben werden soll.« + +Hastig riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie durch, und +warf sie mir wieder zu. -- »Sagt eurem Direktor, daß keine seiner +Bedingungen angenommen wird. Es bleibe bei der Aufforderung. Ich habe +Canonen und Leitern bei mir.« + +»Capitain! Sie behandeln uns wie Callouris (indische Räuber). Wir sind +Holländer, wissen Sie das?« + +Er that, als verstünde er mich nicht, und schwieg einige Zeit. Endlich +fuhr er trotzig auf: -- »Nun, habt ihrs gehört, nur auf Discretion! -- +Versteht ihr mich?« + +»Nimmermehr!« -- antwortete ich mit Festigkeit! -- »Lieber das +Aeußerste als dies!« -- + +»Nun so will ich euch denn zeigen, ihr -- ihr!« -- + +»Gut! Wir wollen's erwarten, Capitain! Aber Sie werden für unser Blut +verantwortlich seyn. Eher soll man uns in Stücken hauen!« -- + +Er antwortete nichts, gieng aber mehrere Minuten nachdenkend auf und +ab. Endlich riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie noch +einmal durch, unterzeichnete sie sehr bedächtlich, und gab sie mir ganz +gelassen zurück. Jezt hieß es: Auf nach Sadras! und augenblicklich +war alles mit Lichtern bedeckt, und überall ertönte Trompeten- und +Paukenschall. Wir eilten den Truppen voraus, um unsern Bericht +abzustatten, zufrieden, daß wenigstens so viel erlangt worden war. +Endlich um elf Uhr zogen die Engländer mit klingendem Spiele ein, +besezten das Fort, die Packhäuser u. s. w., und brachten die ganze +Nacht mit Trinken und Lärmen zu. + +Am folgenden Morgen ward unser Schicksal näher bestimmt. Die Garnison +mußte Dienste nehmen, wir Compagniebeamten wurden nach Madras +geschickt. Indessen fehlte es an Platz, um unser Eigenthum mitzunehmen; +alles ward daher vorläufig in die Packhäuser gebracht. Dies war +offenbar Treulosigkeit; keiner von uns hat je das Mindeste wieder davon +gesehen. Ich selbst verlor auf diese Art ungefähr dreitausend Pagoden +an Werth. Eben so kam ich um andere tausende, die mir die Compagnie +schuldig war. Alles, was ich noch retten konnte, mochten hundert und +einige zwanzig seyn. So kam ich mit meinen Unglücksgefährten in Madras +an. + + + + + Viertes Capitel. + + +Aber was nun anfangen? -- Ohne Geld, ohne Freunde, ohne Empfehlungen! +-- Ich fühlte nur zu sehr, wie verlassen ich war. -- Endlich fiel mir +ein gewisser Herr Franck, ein deutscher Landsmann, ein. Ich hatte +ihn zufällig in Sadras kennen gelernt, und ihm selbst einige kleine +Gefälligkeiten erzeigt. Diesen suchte ich auf, und fand die herzlichste +Theilnahme bei ihm. Sehr bereitwillig bot er mir sogleich sein Haus, +seinen Tisch, ja sogar seine Börse an; allein er war selbst nicht +reich; ich machte daher nur einige Tage von seiner Güte Gebrauch. +Eben war ich im Begriff mit einigen unverheiratheten jungen Leuten +zusammen zu ziehen, als ich auf einmal -- doch hierüber muß ich etwas +umständlicher seyn. + +Während meines Aufenthaltes zu Sadras hatte ich einem alten +braven Sergeanten, Namens Winter, gegen über gewohnt, und so die +Bekanntschaft seiner eben so schönen als sittsamen Tochter Sophie +gemacht. Ich wußte, daß der arme kranke Mann bei der Uebergabe nach +Madras eingeschifft worden war. Leider hatte ich ihn aber aus dem +Gesichte verloren, fand ihn jetzt nur mit Mühe wieder, und traf ihn in +den traurigsten Umständen an. Augenblicklich war mein Entschluß gefaßt. +Ich miethete ein malabarisches Häuschen, kaufte die nothwendigsten +Mobilien u. s. w., und nahm die Familie zu mir. Nur wenig Wochen hatten +wir indessen zusammengelebt, als der alte Mann nach einem kurzen +Krankenlager in meinen Armen verschied. Ich liebte Sophien heiß und +innig, leider war sie aber an einen andern verlobt. Sie theilte meine +Empfindungen, sie hatte nur aus Noth eingewilligt, und fürchtete das +verhaßte Band. Ich beschloß sie nicht zu verlassen, und die Mutter +dankte mir mit Thränen dafür. + +Aber um so furchtbarer lag der Gedanke an die Zukunft auf mir. +Mein Geld nahm ab; die Gelegenheit zum Verdienste war bei dem +stockenden Handel ziemlich beschränkt; ich befand mich bald in großer +Verlegenheit. Endlich brachte mich Herr Franck bei einem Mr. Popham als +Schreiber an. Aber auch jezt verschaffte uns meine Einnahme täglich +nur eine Mahlzeit; die Theurung war gar zu groß. In dieser traurigen +Lage ward ich zufällig einen der reichsten portugiesischen Kaufleuten +von Madras, Shor. Antonio de Souza, bekannt. Ich hatte ihm nämlich +einige Papiere zu überbringen, fand ihn gerade mit Shra de Souza beim +Frühstück, und redete ihn englisch (seine Lieblingssprache) an. + +»Wie lange sind Sie aus England?« -- fiel er mir plözlich ein. + +»Ich bin kein Engländer, mein Herr, und war auch niemals dort.« + +»So? -- Also sind Sie in Indien geboren?« + +»Nein! Ich bin ein Holländer, mein Herr, und war Buchhalter zu Sadras.« + +»Können Sie die Bücher englisch führen?« + +Ich verbeugte mich. + +»Gut! Gut!« -- fuhr er mit Lebhaftigkeit fort. »Ich brauche eben +einen Buchhalter. Sie sollen monatlich sechzig Pagoden und freien +Mittagstisch haben, auch das Frühstück, wenn Sie wollen. Jetzt sagen +Sie!« -- + +»Mein Herr! -- Ich bin zu Ihren Diensten. -- Aber wie soll ich Herrn +Popham.« -- + +»Das ist meine Sorge. -- Treten Sie nur in Gottes Namen an. -- Aber Sie +sehen so elend aus? -- Sind Sie krank?« -- + +»Das nicht, mein Herr -- Aber« -- gieng ich aufrichtig über meine Lage +u. s. w. heraus, wobei ich auch Sophien nicht vergaß. + +»Das ist brav!« -- sagte er lebhaft, und schüttelte mir die Hand. -- +»Bei Gott, das ist brav! -- Sie sind ein ehrlicher Mann!« »Hier« -- +fuhr er fort, indem er in die Casse griff -- »Hier sind hundert Pagoden +auf Abschlag -- Und diesen Abend schicke ich Ihnen zehn Säcke Reis. +Gott mit Ihnen, morgen sehen wir uns!« + +War es ein Traum? -- O überglückliche Veränderung! Sophie weinte vor +Freuden. -- Abends wurden mir richtig zehn große Säcke mit Reis, und +überdem mehrere schöne Stücke Zitz und dergl. für Mutter und Tochter +gebracht. Jetzt erst erinnerte ich mich, wie sehr Madame de Souza bei +meiner Erzählung gewesen war. Seliger, unvergeßlicher Abend! So waren +wir denn auf einmal aller unserer Sorgen los! + + + + + Fünftes Capitel. + + +Unterdessen war das Carnatik der Schauplatz des Krieges geworden; +stündlich kamen mehr Flüchtlinge bei uns an, und die Theurung nahm +von Tage zu Tage zu. Vergebens schickte man aus Bengalen eine Menge +Schiffe ab; die Franzosen brachten sie fast vor unsern Augen auf. +Schon wurden wir daher von dem schrecklichsten Mangel bedroht, als +unvermuthet auf der Rhede eine achtzig Segel starke Flotte erschien, +die den Feinden unter Begünstigung eines Nebels entgangen war. +Entzückender Anblick! Alles eilte an den Strand; alles wollte die +kornbeladenen Schiffe sehen; lautes Freudengeschrei erfüllte die ganze +Stadt. + +Der Eintritt des Regenmonßons war nahe; gleichwohl zögerte man, zu +meinem Erstaunen, mit der Ausschiffung. Wirklich wurden, weder den +ersten noch den zweiten Tag, nicht die mindesten Anstalten dazu +gemacht; der dritte vergieng auf gleiche Art; der vierte brach an; +jetzt war es zu spät dazu. Seit zweimal vier und zwanzig Stunden +nämlich hatte man alle Vorzeichen eines Orkans bemerkt. + +Aengstlich drängten sich die Kühe auf der Weide zusammen, und stöhnend +eilte das Wild den dichtesten Büschen zu; die Hunde heulten, die Vögel +flogen unruhig umher, die meisten Thiere verkrochen sich. Stoßweis lief +der Wind alle Compassstriche durch, und rings am Horizonte schossen +feurige Flammen auf. Heftig schien das Meer in seinem Innern zu kochen, +und warf eine Menge Muscheln und Seegewächse aus. Auf den schäumenden +Wellen zeigten sich unbekannte Ungeheuer, und mit ängstlichem Geschrei +flüchteten Tausende von Seevögeln an's Land. + +Heute, als am fünften Tage traten alle diese Anzeichen mit verdoppelter +Stärke ein. Die Luft war glühend heiß, der ganze Himmel mit schwarzen +Wolken bedeckt. Furchtbar, in dumpfem Donnergemurmel, zogen sie gegen +einander; tiefer und immer tiefer senkten sich die ungeheuern Massen, +und feurige Blitze durchkreuzten die wachsende Finsterniß. + +Endlich brach der Orcan mit tausend Donnerschlägen los. Der Regen in +Strömen herab; die Cocos-Wälder wie Binsen zerknickt; die Trümmer wie +Spreu umher; die schäumende Brandung bergehoch; Blitz auf Blitz; Schlag +auf Schlag; ein Donner, eine Flamme; die ganze Natur in Untergang. +Wenig Minuten, und die Rhede war mit treibenden Schiffen bedeckt. Bald +verschwanden sie in den Abgrund; bald flogen sie wieder himmelan. Die +Masten brachen; die Segel zerrissen; die Seiten öffneten sich. Schiff +gegen Schiff geschleudert; ein's an dem andern zerschellt. So wirbelten +sie in immer schnelleren Kreisen, bis sie endlich der schwarze Abgrund +verschlang. Fünf Secunden, und unsere lezte Hoffnung war auf ewig +dahin. -- Welche Nacht! -- Noch jezt denke ich mit Entsetzen daran. +Als der Tag anbrach, war der ganze Strand mit Leichnamen und Trümmern +bedeckt. + + + + + Sechstes Capitel. + + +So brach denn auch diesmal die schrecklichste Hungersnoth aus. Mochten +die armen Hindus auch Alles verkaufen, sie fristeten ihr Leben doch +nur einige Tage damit. Bald lagen Tausende dieser Unglücklichen, ohne +Nahrung, ohne Kleidung, ohne Obdach, bei den heftigsten Regengüssen, +auf den Straßen umher. Fürchterlich wüthete der Tod darunter, jeden +Morgen fuhren an fünfzig Karren mit Leichnamen aus der Stadt. Endlich +trieb man die lezten zweitausend Hindus auf das Glacis. Hier starben +sie den langsamen Hungertod. Drey Tage und Nächte stieg ihr Wimmern zum +Himmel auf. Endlich ward alles still. -- O Menschen, und Menschenleben! +-- Doch, ich kehre zu meinen eigenen Schicksalen zurück. + +Ich hatte meine Stelle bei Herrn de Souza aufgeben müssen; sein Jähzorn +war gar zu groß. Noch keiner hatte so lange bei ihm ausgehalten; ich +weiß am besten, wie viel ich mir gefallen ließ. Endlich aber ward es +gar zu arg, und so brach ich förmlich mit ihm. Dennoch machte er mir +noch hundert Pagoden zum Geschenk. Es war einer der sonderbarsten und +veränderlichsten Menschen, die mir vorgekommen sind. + +Alles machte mir nun den Aufenthalt in Madras unangenehm. Dazu kam +die Furcht vor Hyder Ali, dem die schwarze Stadt -- wo wir wohnten -- +am ersten offen stand. Ich dachte also ernstlich an eine Veränderung. +Endlich lief ein Doppel-Thony (großer Küstenfahrer) unter dänischer +Flagge ein, die nach Tranquebar bestimmt war. Ohne Mühe ward ich mit +dem Tandel (Schiffer) einig, ließ unsere Effekten an Bord bringen, +geleitete am andern Morgen Sophien mit ihrer Mutter selbst dahin, und +kehrte dann, zur Abmachung einer lezten Angelegenheit, noch einmal an's +Land zurück. + +Unerwartet vergieng mir indessen darüber der ganze Vormittag. Jezt war +es drei Uhr, und alles besorgt. Nach einer kurzen Mahlzeit machte +ich mich auf, um noch einmal Freund Sabico Lebewohl zu sagen, dessen +Haus überdem in meinem Wege lag. Plözlich biege ich um eine Ecke +in ein schmales Gäßchen, wo alles mit Leichnamen bedeckt ist. Ein +sterbendes Weib windet sich auf der Erde, und zerfleischt den blutigen +Leichnam ihres Säuglings. Dieser Anblick, der Gestank, die Hitze, meine +Ermüdung, alles überwältigte mich. Ich sank ohnmächtig nieder; ward zu +Sabico getragen; und kam erst nach sechs Stunden wieder zu mir. + +Mein erster Gedanke war Sophie und das Schiff. Mit einem Schreie +raffte ich mich auf, und stürzte durch die finstere Nacht, bei Sturm +und Regen, dem Strande zu. Vergebens, nirgends war ein Schiffslicht zu +sehen. Ich wollte rufen; meine Stimme ward durch die tosende Brandung +übertäubt. So brachte ich eine höchst traurige Nacht im nächsten +Wirthshause zu. Endlich mit grauendem Morgen, eile ich wieder an den +Strand. Der Nebel zerfließt, die Küsten werden sichtbar, das wogende +Meer erhellt sich! -- Kein Schiff, so weit das Auge reicht! + + + + + Siebentes Capitel. + + +Mein Schmerz war grenzenlos; aber zu diesen Seelenleiden kam nun noch +Geldverlegenheit. Meine Coffres waren an Bord, kaum hatte ich achtzig +Pagoden bei mir. Zwar bot mir der gute Sabico Kost und Wohnung an; auch +machte ich wirklich Gebrauch davon; allein wir hatten beide nicht viel. +Mein Herz war unaufhörlich in Tranquebar. Tag und Nacht brütete ich +über meinen Reiseplan. + +Gleichwohl fehlte es immer an Schiffsgelegenheit, denn die +französischen Kaper nahmen alle Küstenfahrer weg. Eben so wenig war +an die Landreise zu denken; Hyder Ali's Reuter durchstreiften den +ganzen Distrikt. Aber die Theurung ward immer größer; ich fühlte, daß +ich meinem Freunde lästig zu werden anfieng. Sichtbar griff mich der +beständige Kummer an. Was war zu thun? Es galt auch diesmal einen +verzweifelten Entschluß. -- Ich mußte nach Tranquebar -- Tot oder +lebendig; ich mußte nach Tranquebar. + +Vergebens rieth mir der gute bedächtige Sabico von diesem -- wie er's +nannte -- entsetzlichen Wagstück ab. Ich blieb unerschütterlich, meine +Liebe gab mir zu allem Muth. Ohne Zeitverlust kaufte ich so eine alte +Chialeng, (Ruderboot) brachte vier Ruderer zusammen, versah mich mit +Reis, Fleisch, Wasser, Natten, u. s. w. und stieß endlich am 24. Nov. +17-- Nachmittags um 3 Uhr -- vom Ufer ab. + +Doch kaum hatten wir uns einige Klaftern weit entfernt, als schon das +Wasser auf allen Seiten in die Chialeng drang. Sie war sehr lange +ungebraucht gewesen, und sog es daher auf allen Fugen ein. Man rieth +mir, sie bis zum andern Morgen verquellen zu lassen, doch dies erlaubte +mir meine Ungeduld nicht. Ich nahm daher noch einen fünften Mann, +einzig zum Ausschöpfen, an, und fuhr so endlich zum zweitenmale ab. + +Glücklich waren wir über die Brandung gekommen; zum erstenmal athmete +ich wieder mit Leichtigkeit. Jeder Ruderschlag, der mich von Madras +entfernte, führte mich der Geliebten zu. Der Himmel war heiter, das +Meer vollkommen ruhig, die nach Süden laufende Strömung uns förderlich. +Freundlich sank die Sonne in's blaue Meer hinab, und die Spitzen +der Pagoden, und die Wipfel der Cocospalmen glänzten im Abendroth. +Zufällig blickte ich auf das Fort St. Georges; man ließ die Flagge +herab. Wenig Minuten darauf geschah ein Schuß, und pfeifend fuhr die +Kugel über die Chialeng hin. + +Mehr verwundernd als erschrocken hielten wir einen Augenblick mit +Rudern ein. Wir waren allein auf der Rhede, und nirgends ein anderes +Fahrzeug zu sehen. -- »Wahrscheinlich ein Signalschuß!« -- sagte ich +ruhig -- »Und ein Mißgriff vom Canonier. Aber bei einem Haar hätte er +uns doch in den Grund gebohrt. Jetzt in Gottes Namen wieder frisch +daran!« -- + +Herzhaft ruderten wir weiter; doch in demselben Augenblicke geschah ein +zweiter Schuß, und die Kugel schlug keine Klafter von uns in's Meer. +Jetzt sah ich deutlich, daß es auf unsere Chialeng angelegt war. -- +»Zurück! -- Zurück!« -- rief ich meinen Leuten zu -- »Arbeitet, was ihr +könnt! Um Gotteswillen, ehe der dritte Schuß geschieht!« -- Wir thaten +nun unser Möglichstes, wiewohl uns die Strömung entgegen war. Man +schien es auf dem Fort zu bemerken, und hielt wirklich mit Schießen ein. + +Nichts von meinen Empfindungen; ich war außer mir. -- Schweigend +ruderten wir fort, bis es immer düsterer ward. Bald hörten wir ein +anderes Fahrzeug auf uns zukommen, und nicht lange darauf lag eine +stark bemannte Chialeng neben uns. -- Zwei Srapoys sprangen herüber -- +»Im Namen des Gouverneurs! -- Ihr seyd arretirt. -- Vorwärts! Frisch +an den Strand!« -- Ich vermochte kein Wort zu sagen, meine Gedanken +verwirrten sich. -- O Sophie! -- O Tranquebar! + + + + + Achtes Capitel. + + +So langten wir, ohngefähr um zehn Uhr Abends, bei dem am Strande +stehenden Hause des Equipagen-Meisters an. Alles war hier mit Menschen +angefüllt, alles wollte den Arrestanten sehen. -- »Da ist er! Da ist +er!« -- rief man von allen Seiten, und der ganze Haufe drängte sich um +mich. -- »Wer seyd ihr?« (=who are you?=) fragten mich hundert +Stimmen zugleich. -- »Es ist ein Spion! Es ist ein Franzos!« (=It +is a spy! It is a French dog!=) schrie man hier. -- »Nein! Es ist +ein Holländer! Ich kenne ihn!« (=It is a Dutchman, I know him=) +antwortete man dort. -- Endlich fiel eine mir wohl bekannte Stimme +ein. -- »Es ist ein ehrlicher Mann, ich bürge dafür!« (=It is an +honest man; I'll answer for it!=) Es war der gute ~Franck~, +er erkannte mich erst in diesem Augenblick. Doch eben trat der +Equipagen-Meister, Mr. ~Hall~, heraus. + +»Wer seyd ihr?« -- fuhr er mich mit barscher Stimme an. + +»Ein Holländer von Sadraspatnam.« + +»Wo ist euer Erlaubnißschein?« + +»Ich habe keinen, weil ich es nicht für nöthig hielt.« + +»Wie? Keinen Erlaubnißschein? -- Also wißt Ihr auch nicht, daß ich der +Equipagen-Meister bin, und daß, ohne mein Wissen, Niemand die Rhede +verlassen darf?« + +»Sir! Haben Sie die Güte zu bedenken, daß ein Fremder« -- + +»Was Fremder? Fremder? -- Ausflüchte! Nichts als Ausflüchte. -- Ihr +müßt die Gesetze von dem Lande kennen, worin ihr lebt. -- Man schleicht +nicht, wie ein Dieb davon, wenn man nichts Böses im Schilde führt. -- +Ich wette, ihr seyd am Ende ein französischer Spion! -- Aber nehmt euch +in Acht -- He Srapoys! führt ihn« -- + +In diesem Augenblicke trat der gute ~Franck~ hinzu, und sagte +ihm etwas in's Ohr. -- »Das ist was anderes« -- fuhr er jetzt etwas +milder fort. -- »Aber, was soll ich machen? -- Melden muß ich es doch +dem Gouverneur! -- Nun gehen Sie unterdessen nur auf die Hauptwache. +-- Nachher wollen wir weiter sehen! Hoffentlich wird es so arg nicht +werden! -- Gehen Sie nur!« + +So gieng ich denn, und brachte ohngefähr eine Stunde auf der Hauptwache +zu. Endlich, nach elf Uhr, trat ein wohlgekleideter Mann herein, und +fragte nach dem »~Gentleman~«, der arretirt worden sey. Ich nahm +dies Wort für eine gute Vorbedeutung an. Wirklich begleitete er mich +auch zum Gouverneur, wo ich in einen großen Saal geführt ward. + +Es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe sich jemand sehen ließ. Endlich +trat der Plazmajor, Mr. Sydenham herein; er kannte mich unter andern +von Herrn Souza her. -- »Wie?« -- fragte er verwundernd -- »Sind Sie +es, Haafner? -- Welche Tollheit ficht sie an, bei Nacht mit einer +Chialeng in See zu gehen? -- Wo wollen Sie hin? Was haben Sie vor?« + +»Ach, Sir!« -- antwortete ich seufzend -- »Mangel und Liebe treiben +mich fort!« -- Zugleich machte ich ihn mit meiner Lage bekannt. -- +»Sprechen Sie für mich!« -- fuhr ich fort -- »Ich weiß, daß ein Wort +von Ihnen hinreichend ist!« -- Meine Erzählung schien ihn gerührt zu +haben; er versprach, sein Möglichstes zu thun, und verließ mich. + +Doch bald darauf kam er lächelnd zurück. -- »Beruhigen Sie sich. Die +Sache wird besser gehen, als Sie denken.« -- »Hier!« indem er mich in +ein Nebenzimmer wies, wo ein kleiner Tisch gedeckt war -- »Hier trinken +Sie unterdessen ein Glas Wein. In einer halben Stunde bin ich wieder +da.« -- Ich dankte ihm auf's herzlichste für seine Güte, denn ich war +wirklich bis zum Aeußersten erschöpft. + +Eben hatte ich das kleine Mahl geendigt, als die Thüre aufgieng, und +der Gouverneur, Lord Macartney, in Begleitung des Plazmajors und eines +Secretärs, in das Zimmer trat. Er schien keinesweges zornig, fixirte +mich indessen mit großer Aufmerksamkeit. + +»Wissen Sie nicht?« hub er endlich an, -- »daß wer sich in Kriegszeiten +heimlich aus einer Stadt zu schleichen sucht, wie ein Spion angesehen +werden muß?« + +»Ich weiß es, Mylord, aber ich bitte Ew. Exc. zu bemerken, daß ich +nichts weniger als heimlich, sondern bei hellem lichten Tage, und in +Beiseyn vieler Zeugen abgefahren bin.« + +»Aber doch immer ohne Erlaubnißschein. -- Warum machten Sie dem +Equipagen-Meister keine Anzeige davon? -- Es ist ein Glück für Sie, daß +Mr. Sydenham Sie kennt. Um seines Zeugnisses willen, mag die Sache auf +sich beruhen!« + +Ich machte eine tiefe Verbeugung. + +»Nun gut! Sie können abreisen; allein es ist eine Bedingung dabei. +Sie müssen einige Briefe für den Obersten Hamilton bei Tranquebar +mitnehmen, die ihm eigenhändig zu übergeben sind.« + +Ich verbeugte mich abermals. + +»Es sind Briefe von der äußersten Wichtigkeit. Sie können leicht +denken, daß mir an der richtigen Bestellung derselben sehr viel gelegen +ist. Bei der Uebergabe werden Ihnen sofort tausend Pagoden ausgezahlt. +Ueberdem werde ich, im Falle ihrer Zurückkunft, auf Ihre Versorgung +bedacht seyn.« -- + +Ich dankte ihm für sein Zutrauen, und versprach mein Möglichstes zu +thun. Hierauf händigte er mir die Briefe, in lauter kleinen Röllchen, +nebst der Ordre für die tausend Pagoden, ein; wünschte mir glückliche +Reise, und entfernte sich. Mr. Sydenham befahl darauf einigen Srapoys, +mich an den Strand zu begleiten, und ein Couti (Träger) folgte mir +mit einem Korbe voll Lebensmittel nach. So trat ich wieder in meine +Chialeng, und kam endlich um zwei Uhr nach Mitternacht glücklich in See. + + + + + Neuntes Capitel. + + +Wunderbare Veränderung! -- Und das alles verdankte ich den Briefen +von Lord Macartney. Aber warum legte er so viel Wichtigkeit darauf? +Weil die Verbindung mit dem englischen Lager schon seit mehreren +Wochen unterbrochen war. Alle Couriers (Harkarrahs) wurden von den +mahrattischen Streifparthien ermordet, oder mit verstümmelten Nasen +und Ohren zurückgeschickt. Niemand wollte sich mehr zu dieser Reise +verstehen. Aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes dienen, oder +sollte ich nicht vielmehr -- Doch das Wetter war vortrefflich, der +Mond stand groß und freundlich am Himmel, und das ruhige Meer glänzte +in Silberschein. Wir spannten unser kleines Segel auf, und steuerten +fröhlich nach Süden zu. + +Als die Sonne aufgieng, befanden wir uns auf der Höhe von Covilom, +und schon um zwei Uhr Nachmittags hatten wir mein liebes Sadras +im Gesichte. Plözlich tagte im Südost eine Fregatte auf, die mir +verdächtig schien. Ich ließ daher zwischen die Brandung rudern, und +lief in eine kleine Sandbucht ein. Jezt, so nahe bei Sadras, mußte ich +diesen freundlichen Ort doch noch einmal sehen. Ich ließ demnach die +Chialeng an den Strand ziehen, und eilte den wohlbekannten Fußsteig +hinan. + +Allein was fand ich? Alles öde, alles mit Schutt und Trümmern bedeckt. +Die Einwohner waren durchs Schwerdt, oder den Hunger umgekommen; die +Engländer, die mahrattischen Streifparthien, die Räuberbanden hatten +allmählich Alles zerstört. Traurig wandelte ich durch die einsamen +Straßen hin, bis ich endlich an mein eigenes Häuschen kam. Noch +breitete der hohe, schattige Tamarindenbaum seine kühlenden Aeste +darüber aus; aber es hatte das Schicksal der übrigen gehabt. Voll +wehmüthiger Erinnerungen eilte ich an den Strand zurück, und beschloß, +wo möglich, noch bis Alamparve zu gehen. Es war ohngefähr vier Uhr +Nachmittags. + +Eine Stunde darauf befanden wir uns auf der Höhe von Arialchery. Aber +inzwischen war der Wind weniger günstig geworden, und der Himmel hatte +sich mit schwarzen Wolken bedeckt. Die See gieng hohl; die Möwen flogen +nach dem Lande; Alles kündigte ein Ungewitter an. Dennoch hoffte ich +Alamparve noch erreichen zu können, und ließ daher die Leute rudern, +was nur möglich war. Bald aber versank die Küste in Nacht, und der +glänzende Schaum der Brandung war das Einzige, was ihre Nähe verrieth. + +Noch eine gute Stunde hatten wir ungefähr in dieser Richtung +fortgesteuert; als der Wind allmählig aus Norden aufzufrischen +anfieng. Bald war er uns völlig entgegen, und Alamparve zu erreichen +pure Unmöglichkeit. Zugleich brach das Ungewitter los, und der Regen +schoß in Strömen herab. »Ans Land! Ans Land!« -- schrien wir alle, und +ruderten muthig in die schäumende Brandung hinein. Die Chialeng stieg +und sank, bis sie endlich von der lezten Welle, wie ein Pfeil ans Ufer +geschnellt ward. + +Die Gegend, wo wir uns befanden, war mit Gebüsch und wilden Palmbäumen +bedeckt, und schien gänzlich unbewohnt. Wir zogen die Chialeng so hoch +als möglich ans Land, nahmen einige Lebensmittel daraus, und verbargen +uns im Gehölz. Der Sturm wüthete mit Heftigkeit fort. Die Palmen +rauschten; der Regen schoß zwischen den Zweigen herab; und furchtbar +tönte die Brandung vom Ufer her. Keiner von uns vermochte ein Auge +zuzuthun. + +Gegen Morgen schien das Wetter etwas besser zu werden; doch gieng die +See entsezlich hoch. Wir beschlossen daher, ruhig am Lande zu bleiben, +worauf sich jeder dem Schlafe überließ. Einige Stunden darauf erwachte +ich plözlich von einem Sonnenstrahl, stand auf, und legte mich an einen +Baum. -- Auf einmal -- Menschenstimmen ganz nahe bei mir. -- Ich warf +mich auf den Boden; der Ton kam vom Strande her -- Mit zurückgehaltenem +Athem kroch ich an den Rand des Gehölzes, da zogen sie hin. -- Zwanzig +Mann von einer mahrattischen Streifparthie. + +So ritten sie vorüber, und eilends weckte ich meine schlafenden Leute +auf. -- Was sollte ich thun? -- In See gehen? -- Der Sturm hielt noch +immer an. -- Am Lande bleiben? -- Die Gefahr nahm mit jedem Augenblick +zu. -- Unterdessen hatte sich der Himmel aufgeklärt. -- Ich beschloß, +mein Schicksal dem Meere anzuvertrauen. -- »In See!« -- rief ich meinen +Leuten zu; sie schüttelten den Kopf. -- »So wißt denn« -- fuhr ich +fort, und theilte ihnen den Vorfall mit. -- Mehr bedurfte es nicht; +augenblicklich war die Chialeng flott gemacht. Muthig ruderten wir +durch die Brandung, und kamen bei dem dritten Versuche glücklich in See. + + + + + Zehntes Capitel. + + +Das Wetter blieb gut, das Meer wurde von Stunde zu Stunde ruhiger, +langsam steuerten wir längs der Küste hin. So hatten wir ungefähr +eine Meile zurückgelegt. Plözlich wurden wir am Strande einen Menschen +gewahr. Er rang die Hände, warf sich auf die Knie, kurz, er schien +unsere Hülfe anzuflehen. -- »Wir müssen ihn aufnehmen!« -- rief ich +meinen Leuten zu, und sie waren sämmtlich dazu bereit. Auf einmal +hören wir Pferde wiehern! -- »Verrath!« -- rief ich heftig -- »Zurück! +Zurück! Um Gotteswillen zurück!« -- Schwer schwebten wir auf der Spitze +der zweiten Welle -- Einige Minuten später, und die Chialeng würde an +den Strand geflogen seyn. Mit gräßlichem Geschrei kam jezt ein Haufen +Räuber aus dem Gebüsche. Einer davon schwang sich auf ein Pferd und +jagte fort. Doch wir waren schon wieder in offener See. + +Gegen Mittag konnten wir bereits das rothe Dach der Chauderie[1] von +Alamparve sehen. Gern wäre ich einen Augenblick gelandet, um Wasser +einzunehmen, allein der Truppen wegen, beschloß ich, es lieber an einer +einsamern Stelle zu thun. Wir ruderten also herzhaft fort, bis wir +ungefähr auf der Höhe des Dorfes waren, das mit seinen Baumgruppen gar +lieblich vor uns lag. Plözlich sahen wir zwei, dann zehn, dann immer +mehr Reiter auf den Strand zueilen, bis er endlich fast ganz damit +bedeckt war. Sie riefen uns zu, ans Land zu kommen -- »Morgen! Morgen!« +(Nalekie! Nalekie!) gaben wir lachend zur Antwort, und hatten nur +unsern Scherz damit. + +Doch mit wüthenden Geberden wiederholten sie ihre Aufforderung, +und legten zu gleicher Zeit ihre Büchsen auf uns an. Jezt fand ich +räthlich vom Lande abzuhalten, und gab sofort das Zeichen dazu. Aber +in demselben Augenblicke schossen sie, und einer meiner Leute that +einen gräßlichen Schrei. -- »O Vater! Vater!« (Are appa! Are appa!) -- +»Wo? Wo?« -- rief ich erschrocken, in der Meinung, daß er verwundet +sey. Doch es war noch viel schrecklicher -- Er zeigte auf zwei +Kattamarans[2] -- Sie waren mit Srapoys bemannt, suchten uns den Weg +abzuschneiden, und ruderten eilig auf uns zu. Wahrscheinlich hatten sie +an einer andern Stelle vom Ufer gestoßen, während uns der Räuberhaufen +beschäftigt hielt. + +Was war zu thun? -- Wir arbeiteten was wir konnten, allein nach wenig +Minuten hatten sie uns eingeholt. -- »Zurück! Ihr Spitzbuben!« (Rirau +Bantjot!) -- riefen sie uns zu, und legten auf uns an. -- Wir waren +verloren; ich sah es vollkommen ein. Einen so schrecklichen Augenblick +hatte ich noch nie gehabt. Doch plözlich faßte ich wieder Muth. -- +»Seyd unbesorgt!« -- sagte ich zu meinen Leuten -- »Ich habe meinen +Plan gemacht; es wird euch nichts zu Leid geschehen. Wir haben uns bei +Nacht von Madras geflüchtet! Vergeßt es nicht, bei Nacht von Madras!« +-- In diesem Augenblick waren die Kattamarans neben uns, und fluchend +sprangen die Srapoys in unsere Chialeng. + +»Ich bin ein Holländer!« -- rief ich ihnen zu, ohne daß es jedoch etwas +zu helfen schien. Einer war besonders so kühn, daß er seinen Säbel +über meinen Kopf schwang -- »Nehmt euch in Acht« -- fuhr ich fort, -- +»und bedenkt, was ihr thun wollt. Ich bin ein Abgesandter; ich habe +eine äußerst wichtige Botschaft an den französischen Admiral, und an +den Nabob Hyder Bahadur. Die geringste Beleidigung, die ihr mir, oder +meinen Leuten zufügt, kostet euch euren Kopf, dafür stehe ich euch!« +-- Dies wirkte, und sie steckten sofort ihre Säbel ein. Zugleich +erfuhr ich, daß ich auf Befehl des Jammedaars (Districtscommandanten) +eingeholt worden war. + +Als ich ans Land trat, ward ich von der ganzen Masse umringt, und mit +den niedrigsten Schimpfwörtern überhäuft -- »Wie?« -- rief ich -- »Ihr +wagts, den Vakirl (Gesandten) an den Nabob zu schmähen? -- Wartet! Es +soll euch gereuen!« -- »Hier!« -- fuhr ich mit gebieterischem Tone zu +einem der Offiziere fort -- »Hier liegt meine Chialeng! Ich übergebe +sie eurer Obhut! Stellt augenblicklich eine Wache dabei! Es sind +Briefschaften und Papiere für den Nabob darin! -- Daß sie kein Mensch +anrührt; hört ihrs! Ich fordere Alles von euch zurück!« -- + +»Und ihr!« -- indem ich mich zu meinen Leuten wandte, -- »Ihr bleibt +hier, bis ich wieder komme, und wehe dem, der euch etwas zu Leide thut!« + +»Jezt!« -- zu den Srapoys -- »Jezt, laßt uns gehen! -- Meine Zeit ist +kostbar!« + + + + + Eilftes Capitel. + + +Wir kamen an, der Jammedaar saß vor der Thüre der Chauderie. Mein +Plan war gemacht; nichts konnte mich retten, als die kühnste +Entschlossenheit. Stolz und ruhig gieng ich auf ihn zu, grüßte ihn, und +sezte mich ohne weiteres neben ihn. Er griff nach seinem Dolche, allein +ich kam ihm mit meiner Anrede zuvor. -- »Jammedaar!« -- sagte ich -- +»Du kennst mich und meinen wichtigen Auftrag nicht; das entschuldigt +dich! Aber ich wünsche um deinetwillen, daß der Nabob nichts davon +erfährt. Bei dem allmächtigen Gott! Er würde dich für diese schnöde +Behandlung zu bestrafen wissen, ich stehe dir dafür!« -- + +Was ich voraus gesehen hatte, geschah. Der Jammedaar war überrascht, +und sah schweigend und unentschlossen vor sich hin. -- »Ich bin +ein Holländer!« -- fuhr ich im vorigen Tone fort -- »Und muß nach +Pondichery, -- der französische Admiral.« -- + +»Jammedaar!« -- rief hier plözlich ein Srapoy, und trat aus dem uns +umgebenden Haufen hervor. -- »Jammedaar! Laß dich nicht von diesem +Prahler hintergehen! Ich habe seine Leute befragt. Sie kommen von +Madras und gehen nach Tranquebar. Es ist gewiß ein englischer Hund, der +nach dem Lager von Cudelore will!« -- Bei diesem Worten gerieth der +ganze Haufen in Wuth -- »Ja! Ja! Es ist ein englischer Hund!« wurde von +allen Seiten wiederholt. + +»Nein!« -- rief ich entrüstet -- »Kein Engländer! -- Ein Holländer von +Sadringapatnam bin ich. -- Warum die giftigen Worte? -- Ihr sagt, daß +ich von Madras komme? Wer läugnet es? -- Aber warum verschweigt ihr, +daß wir bei Nacht von dort geflüchtet sind?« -- + +»Jammedaar!« -- fuhr ich ungeduldig fort, indem ich mich wieder zu ihm +wandte -- »Halt mich nicht länger auf! Ich muß durchaus noch heute in +Pondichery seyn. Die Nachrichten, die ich dem französischen Admiral +zu überbringen habe, sind von der äußersten Wichtigkeit. Jede Stunde, +die du mich aufhältst, kann dem Nabob gefährlicher werden, als eine +verlorne Schlacht!« -- + +Er schien verlegen, stand auf und sprach mit einem seiner Offiziere +einige Minuten zur Seite. Endlich kam er zurück. -- »Du sollst und +kannst abreisen, so bald du bewiesen hast, daß du ein Holländer, und +kein Engländer bist.« + +»Wie, Jammedaar! spottest du meiner? Wie soll ich das beweisen? Sind +wir nicht von einer Farbe? Ist in unsern Zügen, unserer Kleidung, +unseren Manieren irgend ein Unterschied? Ja, wenn du die Sprachen +verständest, aber so? -- Weißt du was, Jammedaar! Laß mich nach +Pondichery bringen, wenn du mir nicht glauben willst! Hörst du, nach +Pondichery!« -- + +Er konnte nichts darauf erwidern, aber mich reisen zu lassen, dazu +hatte er eben so wenig Lust. -- »Es ist am besten« -- sagte er endlich +-- »ich lasse dich zu Nabob bringen, der bei Arcot steht. So bin ich +von aller Verantwortung frei!« -- + +»Ei nicht doch!« -- erwiederte ich, denn diese Reise war ganz und gar +nicht in meinem Sinne. -- »Ich sage dir ja, daß ich noch heute in +Pondichery seyn muß!« -- Allein vergebens. Nur mit der äußersten Mühe +brachte ich ihn am Ende noch auf eine andere Idee. + +»Azoaf!« -- rief er einem seiner Srapoys zu -- »Schwing dich auf +dein Roß, flieg nach Marampette, und sage Rosan Alichan, daß ein +Weißer in meine Hände gefallen ist, der sich für einen Holländer aus +Sadringapatnam ausgiebt.« -- + +»Und sag ihm zu gleicher Zeit« -- fiel ich ein -- »daß es derselbe +Holländer ist, der ihn einmal aus den Händen der Engländer gerettet +hat.« -- + +Bei diesen Worten schrie der Jammedaar auf, während mir der Srapoy zu +Füßen fiel. -- »Maharadja« (Herr) -- rief er -- »Verzeih! Ich erkannte +dich nicht. Ja! ich war damals bei Rosan Alichan, als du unser aller +Retter warst. Jezt flieg ich zu ihm, um ihm zu melden, daß du hier +bist!« -- So sprach er, schwang sich auf sein Pferd, und eilte im +Galopp davon. + +Jezt wendete sich auch der Jammedaar zu mir -- »Freund!« -- sagte er +mit Innigkeit, und legte die linke Hand aufs Herz -- »Freund! Mache +mich zu deinem Sclaven für diese Beleidigung. Ich weiß, welchen +Dienst du Rosan Alichan erzeigt hast; er hat mir oft davon erzählt!« +-- Zu gleicher Zeit bot er mir seine Huka (Pfeife) an, und befahl, +meine Leute augenblicklich frei zu lassen, auch sie reichlich mit +Lebensmitteln zu versehen. + +Nach ungefähr einer Stunde traf Rosan Alichan ein, und begrüßte mich +mit vieler Herzlichkeit. -- »Warlich!« -- rufte er voll Freude aus -- +»Der Fang ist mir lieber als die halbe englische Armee!«-- Hierauf +sezten wir uns zum Pillau (Reis mit Fleisch u. s. w.) hin, wobei es +nicht an Arrac gebrach. Endlich um vier Uhr ward ich in stattlicher +Begleitung ans Ufer getragen, und eine halbe Stunde später befanden +wir uns wieder in See. + + + + + Zwölftes Capitel. + + +Der Abend war still und freundlich; singend ruderten meine Leute längs +der Küste hin, während ich in tiefe Betrachtungen versank. Man erinnert +sich der Briefe von Lord Macartney. Ich hatte geschehen lassen, was +nicht zu ändern war; aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes +dienen? -- Nimmermehr! -- Mich band weder Eid noch Pflicht. -- Ich +beschloß demnach, in Pondichery einzulaufen, die Briefe dort abzugeben, +und dann so fort nach Tranquebar zu gehen. Mit Schrecken bemerkte ich +indessen, daß das Wasser immer stärker in die Chialeng drang. Ich war +daher gezwungen die Nacht am Strande zuzubringen, bis der langersehnte +Morgen anbrach. Jezt ward der Leck entdeckt und sorgfältig verstopft. +Mit erneuerten Kräften ruderten wir nun weiter, und langten endlich um +zehn Uhr auf der Rhede von Pondichery an. + +Als wir ans Land gestiegen waren, versammelte sich Alles um uns her. +-- »Wie, von Madras? Mit dieser Chialeng?« -- Es schien allerdings +ein halbes Wunderwerk, denn alle Cocosstricke an den Planken waren +fast gänzlich verfault. Bei einer schweren Ladung hätten wir dies alte +Fahrzeug sicher nicht so weit gebracht. Ich gab es jezt meinen armen +Leuten Preis, bezahlte ihnen den bedungenen Lohn, und wanderte langsam +in die Stadt hinein. Sofort kam ein Pron (Diener) auf mich zu, und wieß +mich zu dem Equipagenmeister, einen Mr. de Salmiac. + +Als ich in das Zimmer trat, sah ich ein kleines, rundes, dickbäuchigtes +Männchen, bloß in Hemde und Pantalons vor mir. Ich war ein wenig +erstaunt, und glaubte unrecht gegangen zu seyn. -- »Nein! Nein!« -- +fiel er mir lebhaft ins Wort -- »Ich bin es selbst -- Sie sind freilich +nicht der erste, der sich über mein Neglige verwundert; aber so laufe +ich, der Hitze wegen, immer im Hause herum. Es ist doch ein Herzleid, +wenn man so dick ist -- =Mais l'habit ne fait pas le moine= -- Was +haben Sie anzubringen? -- Setzen Sie sich.« + +»Ich habe englische Briefe für den Admiral de Suffroin!« + +»Wie, englische Briefe für den Admiral?« -- rief er mit Verwunderung +und Freude aus -- »Vielleicht Nachricht vom Frieden? -- Sagen Sie, +wissen Sie etwas davon? Haben Sie etwas davon gehört?« -- So ging +es, in einem Athem, wohl eine Viertelstunde lang fort. Er war ganz +begeistert von seiner Friedensidee. Endlich erzählte ich ihm den +Zusammenhang. + +»Bravo! Bravo! « -- rief er in die Hände klatschend -- »Tausend +Pagoden! Warlich, das ist keine Kleinigkeit. Aber Sie haben +wahrscheinlich Vermögen?« -- »Im Gegentheil, ich bin nichts weniger +als reich« -- »=c'est fort!=« -- sagte er halblaut für sich, +und dann mit Lebhaftigkeit zu mir: »=Ma foi, vous êtes un honnête +homme!=« + +»Aber!« -- fiel er plözlich in einem anderen Tone ein -- »An wen denken +Sie Ihre Briefe abzugeben? -- Der Admiral ist abgesegelt, wie Sie +sehen; der Intendant ist auf einige Tage verreist. Sie wollen gern nach +Tranquebar, wie Sie sagen, und da geht eben ein Thony (Küstenfahrer) +hin. Ich erwarte den Capitain jeden Augenblick. Wissen Sie was? lassen +Sie die Briefe bei mir; so ist es gut!« -- + +»Sehr gern!« -- erwiederte ich, und war im Grunde herzlich froh, sie +endlich los zu seyn. Es waren fünf und dreißig zusammen, worüber ich +einen Empfangschein erhielt. Zu gleicher Zeit schrieb Mr. de Salmiac +meinen Namen, nebst der Adresse eines meiner Freunde zu Tranquebar auf. + +Jezt kam der Capitain der Thony, ich ward mit ihm um drey Pagoden +eins. Es war mein leztes Geld; Mr. de Salmiac hörte es, blieb aber ganz +gleichgültig dabei. -- »Essen Sie zu Mittag!« -- sagte der Capitain: +»Sie haben gerade noch zwei Stunden Zeit!« -- Sofort überhäufte mich +Mr. de Salmiac mit tausend Entschuldigungen, daß er heute selbst zu +Gaste gebeten sey. -- »Wenn Sie indessen durchaus Niemand anders +kennen« -- fuhr er fort -- »So werde ich Sie mitnehmen -- Ja! Ja! -- +Ich werde Sie mitnehmen, wenn nämlich der Capitain warten will!« -- + +Sein zweideutiges Wesen misfiel mir; ich nahm daher augenblicklich +Abschied von ihm. -- »=Mais!= -- =Mais!=« -- fiel er ein -- +»=J'en suis fâché! J'en suis an desespoir!=« -- führte mich unter +einer Menge Complimente zur Thüre hinaus, und ließ mich auf der Straße +stehen. Ich darf es sagen, eine Belohnung verlangte ich nicht; aber +ein gutes Mittagsessen hätte mir allerdings Vergnügen gemacht. Ich +verkaufte nun einige kleine Pretiosen, aß in einer Taverne, und begab +mich hierauf an Bord. Der Wind war günstig; schon um acht Uhr Abends +ankerten wir auf der Rhede von Tranquebar. Vor Freude und Ungeduld war +ich außer mir. + +Alle Chialengs waren indessen bereits in Sicherheit gebracht; ich sah +keine Möglichkeit ans Land zu gehen. Endlich vernahm ich Rudergesang. +Es waren Fischer; sie kamen aus der See zurück. -- »He!« -- rief ich +ihnen zu -- »Wollt ihr einen Weißen mit ans Land nehmen?« -- Sie +achteten wenig, oder gar nicht darauf. -- »Eine Rupie, wenn ihr wollt« +-- fuhr ich fort, und in wenig Minuten war ich auf dem Kattamaran +(Floß). Wohl wußte ich, was ich wagte, und wie gefährlich das Landen +war; allein ich dachte an Sophien, und verließ mich auf mein bisheriges +Glück. + +Jezt waren wir bei der glänzenden Brandung, die sich mit dumpfem +Donner am Ufer brach. -- »Noch eine Rupie!« -- rief ich den Fischern +zu, wenn ihr mich glücklich hinüber bringt. Zu gleicher Zeit warf ich +mich nieder, und klammerte mich an die Balken an. Glücklich kamen wir +über die zwei ersten Wellen hinweg, nicht so über die dritte, so groß +auch die Anstrengung der Ruderer war. Sie holte uns ein, hieng, wie +ein schreckliches Gewölbe, einen Augenblick über uns, und stürzte dann +donnernd auf uns herab. Ich verlor das Bewußtseyn. -- Als ich wieder zu +mir kam, lagen wir hoch und trocken auf dem Strande von Tranquebar. + + + + + Dreizehntes Capitel. + + +Ohne Aufenthalt eilte ich nun vollends in die Stadt hinein, und +beschloß bei dem ersten besten nach Sophien Erkundigungen einzuziehen. +Eben kam ich bei dem Zollhause vorbei; es war noch Licht darin. -- +»Guten Abend!« -- sagte ich zu den Kannekas (Schreibern) -- »Könnt ihr +mir nicht sagen, ob die Thony von Maleappa -- so hieß der Schiffer -- +angekommen ist?« -- + +»O ja, schon vor geraumer Zeit! -- Dort liegt sie auf dem Strande -- +Wenn's Tag wäre, könntet ihr sie gleich vor euch sehen. -- Sie wird +reparirt; sie hat einen schweren Sturm auszuhalten gehabt.« -- + +»Wo wohnt Maleappa? Ich muß ihn sprechen.« -- + +»Wo er wohnt? -- Nun vermuthlich bei den Fischern, denn beim Sturme +fiel er über Bord.« -- + +»Und die Frau mit dem jungen Mädchen? -- Sie befanden sich als +Passagiere auf der Tony. -- Sind sie noch in Tranquebar?« -- + +Die Schreiber sahen einander an; keiner hatte ein Wort von diesen +Personen gehört; ich ward leichenblaß. In diesem Augenblicke trat ein +Kuli (Träger) auf mich zu. Er hatte bisher an der Thüre gesessen und +unserem Gespräche zugehört. -- »Aya!« -- sagte er -- »Gieb mir ein +Paar Panams und ich führe dich hin. Ich habe ihre Sachen getragen, und +weiß, wo sie eingekehrt sind.« -- »Du sollst eine Rupie haben!« rief +ich, und eilte mit ihm fort. + +»Hier!« -- sagte er endlich, indem er auf ein malabarisches Häuschen +zeigte -- »Hier Aya, hier wohnen sie! Soll ich anklopfen?« -- »Nein! +Nein!« --sagte ich hastig, und hielt ihn zurück. -- »Hier hast du dein +Geld, und gute Nacht!« -- + +In dem Augenblick gieng die Thür auf, und Sophie trat mit einer Lampe +heraus. -- »O mein Gott!« -- rief sie und flog an meinen Hals. Seliger +und unbeschreiblicher Augenblick. So fand uns die Mutter in stummer +Umarmung. -- »Ach! wie haben wir uns geängstiget« -- sagte sie. -- »Nun +Gott sey hoch gedankt!« -- + +Am andern Morgen dachte ich nun im ganzen Ernste an meine Einrichtung. +Alle meine Sachen waren unversehrt; allein Tranquebar bot wenig, +oder gar keine Hülfsquellen dar. Der dänische Handel ist unbedeutend; +das Comtoir beschäftigt nur wenig Leute! überall herrscht die größte +Sparsamkeit. Ich mußte mir einen bedeutenden Plaz wählen, wo ich +überdem von dem Kriege sicher war. Es schien mir daher am besten, nach +Jaffanapatnam auf Ceylon zu gehen. Die Mutter freute sich über meinen +Entschluß, Sophie aber sagte kein Wort dazu. Erst jezt hörte ich von +jener, daß der Bräutigam zu Trinconomale sey. -- In wenig Tagen hatte +ich eine gute, geräumige Chialeng mit einem Sonnendeck gekauft, und +tüchtige Ruderer u. s. w. besorgt. Da erschien auf einmal ein alter +gutgekleideter Herr bei mir. + +»Ich bin der Graf von Bonvoux« -- hub er französisch an -- »Sie +befrachten eine Chialeng nach Jaffanapatnam; ich suche ebenfalls eine +Gelegenheit dahin -- Wenn Sie mich mitnehmen könnten, wär' es mir +angenehm. -- Ich habe nur ein Paar Coffers, vier Kisten mit Wein, zwei +Ballen Musselin, und zwei weibliche Bedienten bei mir!« -- Ich sah +an seinem Orden, daß er Maltheser war, und lachte herzlich über seine +Dienerschaft. + +»Das ist so einmal meine Art!« -- gab er jovialisch zur Antwort -- »Ich +habe immer zwei Mädchen bei mir. Die eine besorgt die Küche, die andere +meine Person.« -- »=D'ailleurs!=« -- indem er mich sehr bedeutend +ansah -- »=Le nom ne fait rien à la chose. Vous le verrez!=« + +Ich hatte anfangs wenig Lust zu dieser Reisegesellschaft, und +entschuldigte mich durch den Mangel an Plaz, was auch nicht ganz +ungegründet war. Allein der alte Ritter wußte mir alles so leicht +vorzustellen, und schien zugleich so jovialisch zu seyn; daß ich ihm +endlich die Ueberfahrt, und obendrein umsonst zugestand. + +»Nun gut!« -- sagte er -- »So kaufen sie wenigstens keine +Provisionen ein! Das will ich auf mich nehmen, und ich denke zu +ihrer Zufriedenheit. Geben Sie keinen Sous dafür aus, ich bitte Sie! +Verlassen Sie sich ganz auf mich!« -- So gieng er, und ich verließ +mich wirklich auf ihn. + +Beim Mittagsessen erklärte mir die Mutter, daß sie nicht mit zu reisen +willens sey. Sie habe ein treffliches Unterkommen als Haushälterin bei +einem Hollsteiner erhalten, sie vertraue Sophien meiner Rechtlichkeit +an. Zerschlüge sich die Heirath, so hätte ich ihre Einwilligung. Sophie +schien über dies alles äußerst vergnügt; man kann denken, wie sehr ich +es selbst war. + +So schlug es vier Uhr, und wir eilten in die Chialeng. Die gute Mutter +begleitete uns an den Strand; wir nahmen herzlichen Abschied von ihr. +Der Graf befand sich mit seinen beiden Mädchen bereits an Bord, und war +äußerst höflich, wiewohl er einen kleinen Hieb zu haben schien. -- Wir +richteten uns ein, so gut es möglich war. -- Endlich Anker auf! -- Da +segelten wir lustig die Rhede hinaus. + + + + + Vierzehntes Capitel. + + +So verließ ich denn die Küste von Coromandel, wo ferner kein Glück +für mich zu blühen schien. Mit vermischten Gefühlen blickte ich noch +einmal auf das verschwindende Gestade zurück. Die Stadt, das Fort, die +Pagoden, die Cocos-Wälder -- alles glänzte im Dufte des Abendroths; +alles sank allmählich in Dämmerung. + +Bald war es Zeit zum Abendessen, und der Graf öffnete seinen +Speisekorb. Noch jezt sah ich ihn vor mir, wie er vier kleine gebratene +Hühner, zehn Sousbrode, und eine Flasche Madera heraus nahm. Da ich +dies natürlich nur für eine Art Voressen hielt, expedirte ich mein +Huhn, und meine zwei Brode mit gutem Seemannsappetit. + +»=Parbleu!=« -- sagte der Graf -- »Hätte ich das gewußt, ich hätte +mich mit einem Huhn, und einem Paar Broden mehr versehen!« -- + +»Wie, Herr Graf?« fiel ich lebhaft ein -- »Das ist Alles?« -- + +»Wie Sie sehen, ja! -- =Vraiement! J'en suis fâché!= -- Aber +es hat gar nichts zu sagen. Wir frühstücken zu Caix[3], ich stehe +Ihnen dafür. Lassen Sie mich nur machen; ich bin ein alter erfahrner +Steuermann!« + +Ich ließ ihn schwatzen; denn ich merkte wohl, er hatte abermals zu +tief ins Glas gesehen. Im Nothfall gab es überdem längs der Küste noch +kleine Häfen genug. Völlig unbesorgt streckte ich mich also, wie die +ganze Gesellschaft, auf meine Matte hin. + +So mochte ich ungefähr bis fünf Uhr Morgens geschlafen haben, als ich +von dem Tandel (Steuermann) geweckt ward. -- »Steht auf, lieber Herr!« +-- sagte er sehr betrübt. -- »Ich kann keinen Grund mehr finden, und +sehe auch kein Land mehr.« -- + +»Wie?« rief ich erschrocken -- »Kein Land? Wie ist das möglich?« -- +Und mit einem Sprunge war ich auf, und sah leider, daß es gegründet +war. -- »Aber« -- fuhr ich heftig fort -- »Warum hast du die Küste +verlassen?« -- »Um Gotteswillen!« -- antwortete er zitternd -- »Nicht +ich, der Franzose« -- »Wie, der Franzose?« -- »Ja Herr! Er hat es +gethan! -- Er zwang mich dazu, er sezte mir die Pistole auf die Brust!« +-- + +Es war in der That ein entsezlicher Streich. Die See gieng hoch; die +Strömung lief nach Nordost; das Rudern war äußerst beschwerlich; unsere +Richtung gerade entgegengesezt. Hierzu die Hitze, die Windstille, der +Mangel an Proviant -- Ich gestehe es; ich war außer mir vor Zorn. Ich +hätte den gräßlichen Patron über Bord werfen können; so erbittert war +ich auf ihn. -- »Da!« sagte ich, und weckte ihn ziemlich unsanft auf +-- »Da! Sehen Sie ihre verdammte Steuermannnskunst! -- Wir treiben in +offener See.« + +»=Vous êtes une bête!=« -- war seine Antwort -- »Was verstehen +denn Sie davon? Nun ja! Ich habe diese Nacht gesteuert, und danken +sollten Sie mir noch dafür. -- =Parbleu!= -- So an der Küste +hinzuschleichen, wenn man Curs halten kann. In ein Paar Stunden müssen +wir zu Caix seyn. Wenn man die Küste nicht sieht, so ist der Nebel +daran Schuld.« + +Jezt wurde es mir zu arg, und ich bewieß ihm mit der Charte, daß er ein +Windbeutel sey. -- »Treiben wir die Nordspitze von Ceylon vorbei« -- +fuhr ich fort -- »so ist es um uns geschehen. Also ans Ruder, bis der +Wind auffrischt! Geben Sie den Leuten Geld, sonst stehe ich Ihnen für +nichts!« -- + +Er schien mir Recht zu geben, und warf eine Hand voll Rupien hin. Diese +theilte ich sofort unter die Ruderer aus, und machte sie wirklich ganz +munter dadurch. Zu gleicher Zeit theilte ich Reis und Wasser unter sie +aus. Wir andern behalfen uns mit etwas Zwieback und Maderawein. + +So kam der Abend heran; der Wind schien aufzufrischen; die armen +Ruderer konnten wenigstens etwas ruhen. Ich selbst löste den Tandel am +Steuer ab, und war endlich der einzige, der auf der Chialeng wachend +blieb. Zu meiner großen Freude ward der Wind immer stärker, und so +steuerte ich muthig nach Südwest fort. + + + + + Fünfzehntes Capitel. + + +Die Sonne gieng auf. Rings umher nichts als Himmel und Wasser, und bald +gänzliche Stille, wie vorher. Mit kummervollem Herzen rief ich die +armen Malabaren an ihr beschwerliches Tagewerk. -- »Noch kein Land?« +-- fragten sie traurig, als sie die weite, öde Wasserfläche vor sich +sahen. -- »Noch kein Land, lieber Herr?« -- »Diesen Abend gewiß« -- +antwortete ich mit erkünstelter Heiterkeit, und in dem Augenblicke +trieb ein Bananasstamm vorbei. -- »Seht ihr?« -- fuhr ich fort, und +faßte selbst einige Hoffnung -- »Seht ihr? Es kann nicht weit mehr +seyn!« -- + +In diesem Augenblicke stürzte der Graf herbei -- »Hier«! -- schrie er +einem seiner Mädchen aus der Caste der Parias zu -- »Hier! Sag den +armen Leuten, daß der Mensch da ein Betrüger ist, daß er sie nun und +nimmermehr in einen Hafen bringen wird. Von nun an will ich selber +steuern, und wette tausend Rupien, daß wir morgen in Caix sind. Wer mir +nicht gehorcht, dem jage ich den Degen durch den Leib!« -- Mit diesen +Worten stieß er den Tandel auf die Seite, und wollte die Chialeng +wieder nach Osten drehen. + +»Freunde!« -- rief ich mit Heftigkeit -- »Nehmen wir einen andern +Curs, so mag uns Gott beistehen!« -- Zu gleicher Zeit packte ich den +Grafen beim Kragen, und entfernte ihn etwas unsanft von seinem Platz. +Er stolperte, wollte ein Tau fassen, verfehlte es, und flog über Bord. +Augenblicklich sprang ihm aber ein Ruderer nach, und brachte ihn wieder +herauf, so daß er mit der Abkühlung davon kam. + +Nachmittags ward ich in Osten einige Wolken gewahr. Dies versprach +für die Nacht äußerst günstigen Wind. Gegen Abend indessen waren die +Ruderer so ermüdet, daß einer nach dem andern zu Boden sank. Es ward +finster; noch immer frischte kein Lüftchen auf. Jeder Seufzer Sophiens +zerriß mir das Herz. Endlich schlief alles ein, und mir selbst sanken +zulezt die Augen zu. + +Plözlich -- vielleicht nach einigen Stunden -- erwachte ich von einem +heftigen Stoße der Chialeng, und fand, zu meiner unsäglichen Freude, +daß der Wind frisch aus Norden blies. -- »Auf Freunde, auf!« -- rief +ich jezt dem Tandel, und den Ruderern zu -- »Der Wind ist da! Der Wind +ist da! Jezt lustig das Segel auf! Morgen laufen wir in Caix ein!« -- +Alle sprangen in Eile auf; alle waren mit neuem Muthe erfüllt. Ich +steuerte nunmehr mit fester Hand, und rauschend flog die Chialeng durch +die glänzenden Fluthen hin. Sophie kam zu mir, wir sprachen zusammen, +bis der Tag anbrach. + +Die Sterne blühten, in Osten fieng es an heller zu werden; mit +klopfendem Herzen blickte ich nach der ersehnten Küste, die meiner +Rechnung nach, in Süden zu finden war. Da gieng die Sonne auf, und wie +ein bläulich glänzender Nebelstreif stieg das Land aus dem wellenden +Meer empor. -- »Land! Land!« -- rief ich freudig, und zeigte mit der +Hand dahin! -- »Land! Land!« -- tönte es durch die ganze Chialeng. -- +Einige Stunden, und wir konnten schon die dunkeln Waldungen sehen. +Endlich kamen wir näher und näher, und ich erkannte die kleine Insel +~Caradiva~, oder ~Amsterdam~, ungefähr zwei Seemeilen von +Ceylon. + +Gern hätte ich die Chialeng auf den Strand gesezt, allein der +Felsenriffe wegen mußten wir vor Anker gehen. Eilig kletterten wir +nun, den Grafen ausgenommen, vom Fahrzeuge herunter, wadeten über die +Klippen, und langten wohlbehalten am Ufer an. Eine Frau zeigte uns den +nächsten Brunnen, und besorgte uns bald ein gutes Mittagsmahl. Der Graf +ließ seine Sachen in eine andere Chialeng bringen, und befreite mich +so, zu meiner großen Freude, von seiner Gegenwart. Um vier Uhr ankerten +wir bei dem Fort Ham an Hiel, und am andern Morgen kamen wir glücklich +zu Jaffanapatnam an. Hier ward Sophie die meinige, und hier fand ich +auf eine kurze Zeit, ein nie genossenes Glück. + + + + + Erste Abtheilung, + + + Jacob Haafner. + + Zweites Buch. + + + + + Erstes Capitel. + + +Zwei Jahre darauf verlor ich meine geliebte Sophie, und mit ihr meine +ganze Freude auf der Welt. In tiefer Schwermuth brachte ich vier Monate +auf meinem Gartenhause zu, und sah nur einen einzigen Freund. Diesem +gelang es endlich, mich durch einen großen Reiseplan zu zerstreuen. +Es kam auf nichts Geringeres an, als durch das Innere der Insel nach +~Colombo~ zu gehen. Indessen beschlossen wir außer den Sclaven +und Trägern, noch einen europäischen Reisegefährten zu suchen, um +wenigstens unserer drei zu seyn. + +Dies war schwerer, als es scheinen mag; doch mit einiger Mühe fanden +wir endlich unseren Mann. Es war ein verabschiedeter holländischer +Sergeant, Namens Georgi aus Strasburg. Freilich war er ein wenig taub, +und trank für sein Leben gern; aber er kochte vortrefflich, war der +lustigste Kauz von der Welt, und fürchtete sich selbst vor dem Teufel +nicht. Bei so viel guten Eigenschaften drückten wir gern ein Auge zu. +Da er nun überdem selbst nach Colombo wollte, kam der Handel sehr bald +in Richtigkeit. Einige Tage nachher gesellte sich noch ein vierter +Europäer, ein Mr. d'Allemand zu uns. Er hatte Depeschen vom Admiral +Suffrer an den französischen Agenten zu Colombo zu überbringen, und bot +sich uns daher zum Gefährten an. Zwar hätte er die Reise gern längs +des Strandes gemacht, allein es fehlte an Gelegenheit. Nachdem nun +alle Anstalten getroffen waren, wurde der neunte Juni 17-- zur Abreise +festgesezt. + +Unsere ganze Caravane war jezt sechszehn Mann stark; wir vier Europäer, +zwei Sclaven, und zehn Trägern, oder Chivias. Drei der leztern, und +zwar die stärksten, trugen jeder sechszig Pfund Reis, und zwei andere +den Coffre von d'Allemand. Der sechste war mit zwei großen kupfernen +Wassertöpfen, der siebente mit zwei Körben voll Zucker, Caffee, Wein +u. s. w. bepackt. Der achte trug das Tisch- und Küchengeräth; der +eine meine und Templyns[4] Kleider und Wäsche; der zehnte endlich +unsere Matten, und die Fougritos oder Raketen, die man auf die wilden +Thiere wirft. Templyns, d'Allemand, und ich, wir hatten jeder unsern +Hirschfänger an der Seite, eine tüchtige Büchse auf der Schulter, und +ein Paar Pistolen im Gurt. Der Sergeant trug seine ganze Bagage auf dem +Leibe, und schleppte einen großen Husarenpallasch hinter sich drein. +Es versteht sich, daß wir die Oppa nicht vergessen hatten, d. h. den +Generalbefehl an die Majorals oder Dorfältesten, uns gegen Bezahlung +mit Lebensmitteln zu versehen. + +So zogen wir dann am 9. Juni, Nachmittags um drei Uhr, unter einem +gewaltigen Zulaufe aus der Stadt. Vorn die beiden Sclaven, als +Cymbelschläger; dann wir Europäer; zulezt die Träger, oder Chirias. +Um vier Uhr kamen wir zu Colombogamme an. Dies ist ein kleines +Fischerdorf, hart am Meerbusen (Passo de Catchai), wo man nach dem +eigentlichen Ceylon überfährt. Um sechs Uhr machten wir am andern +Ufer unter einem großen Platanus Halt. Es ward beschlossen, hier zu +übernachten, indem das nächste Fischerdorf nur aus elenden Hütten +bestand. + +Unser Sergeant gab uns viel zu lachen, indem er der Flasche gar +gewaltig zusprach. Dabei ergoß er sich in einen Strom von Flüchen gegen +das weibliche Geschlecht. Er war nicht weniger als fünfmal verheirathet +gewesen, und alle seine Weiber hatten ihm entsezlich mitgespielt. +Die eine war ein Hausteufel gewesen, der ihm keinen Augenblick Ruhe +ließ. Die zweite hatte ihn an preußische Werber verkauft. Die dritte +brachte ihn an den Bettelstab. Die vierte hatte ihn holländischen +Seelenverkäufern in die Hände gespielt. Die fünfte, eine Paria +(gemeines indisches Mädchen) hatte ihm nach dem Leben gestellt. Diese +Ehestands-Abentheuer erzählte er uns in einem höchstpossirlichen +Gemische von Holländisch und Hochdeutsch, das durch seinen elsaßischen +Accent nur noch komischer ward. + + + + + Zweites Capitel. + + +Am folgenden Morgen traten wir unsere eigentliche Reise an. Die Luft +war kühl; der herrliche Golf glänzte im Morgenroth. Wir verließen die +gewöhnliche Straße, um längs der Küste hin zu gehen. So kamen wir +gegen neun Uhr, bei einem Ambelan, am Eingange des Dorfes Manur an. +Diese Ambelans sind eine Art Schuppen, mit Stroh gedeckt, und zum +Besten der Reisenden erbaut. Wir nahmen hier ein Frühstück ein, das aus +Reis und Callou, oder Palmwein bestand. Von nun an gieng es wieder +landeinwärts, fast immer zwischen waldigen Hügeln hin. Dörfer wurden +wir keine, sondern nur einige Gehöfte, und einzelne Hütten gewahr. + +Es war gegen elf Uhr, und schon zeigte sich in der Ferne das kleine +verfallene Fort Panoryn, als unsere Mittagsstation. Templyn hatte zu +Manur frische Cocosmilch getrunken, und seitdem über Leibschmerzen +geklagt. Plözlich warf er sich vor einer Hütte nieder, und erklärte, +er könne nicht weiter fort. Vergebens suchten wir ihm durch Arrak u. +s. w. einige Linderung zu verschaffen, die Krämpfe nahmen mit jedem +Augenblick zu. Endlich trat ein alter Mann aus der Hütte, und reichte +ihm eine Art Pflanzensamen auf einem Betelblatt. Dies that sofort die +beste Wirkung, worauf fröhlich nach Panoryn gewandert ward. + +Der Commandant dieses Postens empfieng uns mit vieler Herzlichkeit. Er +hieß König, war sieben und siebenzig Jahr alt, und hatte davon drei und +dreißig hier verlebt. Danke bar nahmen wir gegen vier Uhr Abschied +von ihm. Bald sahen wir nun den ungeheuren Wald in seiner ganzen +Ausdehnung vor uns, und kaum eine Stunde, so hatten wir den Eingang +desselben erreicht. Unser Führer, der erste Chiria, ein alter erfahrner +Elephantenjäger, gieng nun voran. In ungeheuren Massen strebten die +hohen, verschlungenen Bäume empor; kaum fiel hier und da ein schwacher +Schimmer hindurch. Um vorwärts zu kommen, mußten wir häufig das Beil +gebrauchen; bis wir endlich einen schmalen Fußpfad fanden, der sich in +einer Schlangenlinie hinwand. Dies war einer von den drei oder vier +geheimen Wegen, die durch diese Wälder bis in das Innerste der Insel +gehen. Sie sind sämmtlich mit einer dichten Seite eingefaßt. + +Wir mußten hier einer hinter dem andern marschiren, so daß man sich, +bei den vielen Krümmungen häufig aus dem Gesichte verlor. Ich hatte +d'Allemand hinter mir, und sprach über ein gewisses Etwas sehr lebhaft +mit ihm. Plözlich springt links ein ungeheurer Bär aus der Hecke, +und bleibt quer auf dem Fußsteige stehen. Ich falle über ihn weg, er +richtet sich auf, und schlägt seine Tatzen auf mich hin. Schon fühle +ich seinen brennenden Athem an meinem Gesichte; als plözlich ein Schuß +fällt, der Bär sich abkehrt, und die Flucht ergreift. D'Allemand hatte +diesen Schuß gethan; die Kugel sauste mir hart an den Ohren vorbei. + +Um indessen dergleichen Vorfälle künftig zu vermeiden, änderten wir +die Ordnung unseres Zuges, und ließen die Cymbelschläger, nebst zwei +bewaffneten Trägern, zwanzig Schritte vor uns gehen. Ueberdem wurden +mit einbrechender Dämmerung Pechfackeln angezündet, und jeder machte +sich zum Schusse bereit. Von dem Geräusch der Cymbeln und dem Lichte +wurden eine Menge Vögel und Affen munter, so daß alles um uns lebendig +war. + +Gegen neun Uhr kamen wir bei einem Ambelan an, der aber ganz verfallen +war. Da dergleichen Hütten immer voll Schlangen sind, schlugen wir +unser Lager unter freiem Himmel auf. Es ward dabei eine gewisse Methode +beobachtet, die ich beschreiben will, weil sie bei allen übrigen +Nachfolgern dieselbe blieb. Zuerst ward der Platz so weit als möglich +vom Wasser gewählt. Dies geschah der wilden Thiere wegen, die hier zu +saufen gewohnt sind. Dann wurden die Träger zum Holzfällen abgeschickt, +und von zweien von uns escortirt. Hierauf wurden ein großes, und um +dasselbe noch drei kleine Feuer angezündet, worauf die ganze Caravane +Platz dazwischen nahm. Bald war nun das Abendessen verzehrt, und einer +schlief nach dem andern ein. Nur die zwei Wächter mußten sich munter +halten, und fleißig nach den Feuern sehen. Daß sie regelmäßig abgelöst +wurden, versteht sich. + +Als wir Holz zu fällen anfiengen, belebte sich auf einmal der ganze +Wald. Vögel, Affen, Hirsche u. s. w. erfüllten mit ihren Stimmen die +Dunkelheit. Die Affen besonders, die sich zu Tausenden versammelten, +schrien zwei volle Stunden fort. Endlich ward es wieder still. Kein +Blättchen rauschte; kein Lüftchen säuselte; der Wald war todt und öde, +wie ein weites Grab. Doch plözlich vernahmen wir in der Ferne ein +dumpfes Getös, das immer näher kam. Die Erde erbebte; der Wald rauschte +wie vom heftigsten Strome bewegt; krachend stürzten unzählige Bäume +zusammen -- Was war es? --Ein Trupp Elephanten bahnte sich einen Weg +durch den Wald. Sie kamen im heftigsten Trabe, und lautem Geschrei +daher. Es war ein donnerähnliches, wie mit Trompetentönen vermischtes +Getös. Endlich ward es völlig ruhig; nur dann und wann hörte man einen +Tiger brüllen, oder einige Schakals schreien. + + + + + Drittes Capitel. + + +Der Tag brach an, und der ganze Wald war mit Leben und Freude erfüllt. +Auf allen Bäumen wimmelte es von Affen, Papagayen, Pfauen und +unzähligen andern Vögeln von ausgezeichneter Schönheit. Tausende von +bunten Schmetterlingen schwärmten zwischen den Gesträuchen umher. Dabei +der liebliche Duft der blühenden Bäume, der uns bei jedem Schritte +entgegenschwamm. Und welche Kühle und Frischzeit unter dem dichten +grünenden Obdach, nur schwach von der Morgensonne beglänzt. + +So zogen wir fort, voll Muth und Heiterkeit, bis ungefähr gegen elf +Uhr, wo an einem klaren Bache Halt gemacht, und das Mittagsessen +bereitet ward. Templyn hatte hierzu ein Dutzend Hasen geschossen; +denn sie liefen uns im eigentlichen Sinne unter den Füßen herum. Auch +jezt ward bei der Einrichtung unsers Lagers eine gewisse Ordnung +eingeführt; so daß z. B. jeden seine Reihe zum Wachestehen traf. +Ich sage zum Wachestehen, weil natürlich einige Stunden Mittagsruhe +gehalten ward, was für uns alle, besonders für die Träger so nöthig war. + +Erst um drei Uhr Nachmittags brachen wir demnach von diesem Lagerplatze +auf. Anfangs war der Wald außerordentlich verwachsen, und kaum noch +eine Spur des vorigen Weges zu sehen. Wir mußten uns daher nach dem +Compasse richten, und legten es folglich, wie die Schiffer sprachen, +auf Südwest an. So erreichten wir mit sinkendem Abend eine bequeme +Lagerstelle, wo alles auf oben beschriebene Weise eingerichtet ward. +Die Nacht vergieng ohne Abentheuer; nur daß einmal ein Elephant in +unsere Nähe kam. + +Die folgende Tagereise (12. Juni) bot durchaus nichts Merkwürdiges dar, +war aber außerordentlich lang -- Wir kamen erst Abends um zehn Uhr bei +unserem Lagerplatze an. Ich mußte diese Nacht die erste Wache halten, +und mochte vor Müdigkeit wohl ein wenig eingeschlummert seyn. Plözlich +wurde ich durch ein lautes Geschrei geweckt -- »Ein Tiger! Herr! Ein +Tiger!« -- riefen die Träger mit Entsetzen, und zeigten auf ein Paar +glänzende Punkte, die ich mitten durch die Finsterniß, wie zwei kleine +Lichter schimmern sah. Es waren die Augen des Tigers, der auf seine +Beute zu lauern schien. Ich nahm meine Flinte und weckte Freund Templyn +auf, der ein sehr guter Schütze war. Wir beschlossen gerade auf die +Mitte zwischen den beiden Punkten zu zielen, und drückten zu gleicher +Zeit ab. Bald darauf vernahmen wir ein Stöhnen, das uns über den Tod +des Thieres keinen Zweifel übrig ließ. Wirklich fanden wir den Tiger am +andern Morgen, und nahmen seine Haut als Siegeszeichen mit. + +Unser Weg ward immer steinigter, wie der Wald lichter zu werden +anfieng. Wir waren nämlich kaum einige Meilen von den Gebirgen von +Couragahing entfernt. Als wir so einige Zeit fortmarschirt waren, +wurden wir auf einem Baume einen Bienenstock gewahr. Sogleich bot sich +einer unserer Träger an, hinaufzuklettern, und den Ast abzuhauen. +Er thut es, erreicht den Ast, und führt den ersten Streich. Allein +plözlich stürzen die Bienen auf ihn los, und hängen sich an seine +nackten Glieder an. Brüllend von Schmerz will er heruntersteigen, thut +einen Fehltritt, stürzt herab, und bricht das Bein. Um ihm Hülfe zu +verschaffen, beschlossen wir uns östlich nach der Küste zu wenden, wo +allein Dörfer anzutreffen sind. + +Eilends wurde nun der Bienenschwarm mit Rauch vertrieben, eine +Tragbahre von Baumästen gemacht, der arme Träger (Kulie) darauf +gelegt, und der Marsch fortgesezt. Um ein Uhr Nachmittags hielten wir +eine halbe Stunde an, und nahmen etwas Kaltes zu uns. Der Rest der +Tagereise war wegen des schlechten Weges, und des Mangels an Wasser +sehr unangenehm. Gegen acht Uhr Abends kamen wir endlich aus dem Walde +heraus, und gegen zehn Uhr erreichten wir das große Dorf Vedative, +wo ein holländischer Posten ist. Hier brachten wir den armen Träger +zu einem Töpfer[5], versahen ihn mit dem nöthigen Gelde zur Kur und +Heimreise, und nahmen einen andern an seine Stelle an. Hierauf begaben +wir uns zu dem Kommandanten des Postens, wo Gesellschaft von Verwandten +war. + +Wir mußten uns sogleich zum Abendessen niedersetzen, das aus Reis +und vortrefflichem Wildpret bestand. Der gute alte Mann hieß Joseph +~Voit~, und hatte bereits fünf und sechzig Jahre hier gelebt. Sein +Vater und Großvater hatten jeder die Stelle fünfzig Jahre bekleidet, +und er selbst war nicht weit mehr von dieser Zahl. -- O Menschenleben! +-- O Glück der Beschränktheit! -- + + + + + Viertes Capitel. + + +Der Tag brach an (14. Juni); bald war Abschied genommen, und Vedative +blieb hinter uns. Um zwei Uhr Nachmittags erreichten wir das große +und schöne Dorf Mantore, fanden aber keine Lebensmittel daselbst. Ich +schickte daher einen unserer Träger mit einem Briefe nach Manaar, an +meinen alten Freund, den Ingenieurhauptmann Nagel ab. Unterdessen +behalfen wir uns mit einigen übriggebliebenen Rebhühnern, und +beschlossen für heute nicht weiter zu gehen. Gegen Abend kam endlich +mein Bote mit Arrak, Anisliqueur und Lebensmitteln zurück, worauf es +eine recht fröhliche Abendmahlzeit gab. + +Am folgenden Morgen ward die Reise mit erneuerten Kräften fortgesezt. +Wir durchschnitten eine große, sandige Ebene, auf der wir eine Menge +Schakals schwärmen sahen. Bald aber kamen wir an den Strand, wo der +Weg äußerst beschwerlich ward. Wir begegneten drei malabarischen +Reisenden, die von Colombo kamen, und langten Abends gegen fünf Uhr +in Bangala an. Dies ist ein ansehnliches Dorf, das von getauften +Singalesen bewohnt wird. Hier übernachteten wir in der katholischen +Kirche, die uns der Majoral gegen eine billige Vergütung öffnen ließ. + +Unsere ~siebente~ Tagereise war höchst unangenehm, und bot überdem +durchaus nichts Merkwürdiges dar. Wenig Schatten, höchstbeschwerlicher +Fußsteig längs dem Strande hin, und auf dem ganzen langen Wege kein +einziges Dorf. Endlich giengen wir Abends um sechs Uhr über den Calear, +der beinahe ausgetrocknet war, und fanden am andern Ufer eine Pagode, +deren Bramin uns sehr freundlich aufnahm. Wir übernachteten in der Nähe +auf die gewöhnliche Art. + +Am folgenden Morgen sahen wir einem heftigen Kampfe zwischen zwei +Büffeln zu. Sie trafen so gewaltig zusammen, daß jedes Stirn von Eisen +zu seyn schien. Ich fühlte mich unpaß; auch fieng es heftig zu regnen +an. Wir brachen daher erst um zwei Uhr Nachmittags auf, und legten nur +vier Stunden zurück. + +Die nächsten zwei Tagereisen führten uns wieder in den Wald, der in +geringer Entfernung neben dem Strande hinläuft. Wir sahen die Ruinen +einer portugiesischen Kirche und dachten der großen Vergangenheit. Das +Wetter klärte sich auf; ich befand mich wieder vollkommen wohl. + +Fröhlich traten wir nun am 20. Juni unsere elfte Tagereise an, und +erreichten Mittags den Ambelan, Conderipo genannt. Hier sprang uns +ein schöner Jagdhund entgegen, und schmiegte sich liebkosend an uns +an. Mit Sonnenuntergang glaubten wir, wie gewöhnlich uns lagern zu +können, allein diesmal hatte sich unser Wegweiser selbst verirrt. Wir +mußten also noch einige Stunden marschiren, bis endlich in der Nähe +eines Baches Halt zu machen beschlossen ward. Die Luft war äußerst +schwül; endlich brach ein furchtbares Ungewitter los. Der Wald erbebte; +krachend stürzten tausende von Wipfeln und Aesten herab. Da schlug der +Bliz in eine Gruppe von Cocospalmen, und knisternd loderten sie in +hellen Flammen auf. Es war eine schreckliche Nacht, in der keiner von +uns ein Auge zuthat. + +Am folgenden Tage neue Verlegenheit. Der Fluß, den wir zu passiren +hatten, war mit Krokodillen angefüllt. Wir kamen indessen mit Hülfe +unserer Cymbeln glücklich hindurch. Gegen Mittag begegneten wir einer +kleinen singalesischen Caravane, die aus drei und zwanzig Mann mit +siebzehn Stieren bestand. Der Anführer nannte sich Manioppu, und war +ein alter sehr verständiger Mann. Er schenkte mir zwei Kuchen, wogegen +ich ihm, nach seinem Wunsche, einen Bleistift gab. Abends kamen wir bis +zum Dorfe Golgom, wo wir uns mit Lebensmitteln im Ueberflusse versahen. + +Unsere dreizehnte Tagereise (22. Juni) führte uns nach Putlan, wo +ein holländischer Posten ist. Der Commandant, ein Deutscher, Herr +Bodenschatz, war in Colombo; sein Sergeant nahm uns aber sehr gastfrei +auf. Wir mußten zwei Tage bleiben, was uns wirklich gar sehr zu +statten kam. Putlan ist ein sehr nahrhaftes Dorf. Es werden sehr viel +Schaluppen, Thonys, und andere ähnliche Fahrzeuge hier gebaut. Der +Hühnerhund, der uns zugelaufen war, gehörte dem Commandanten, und wurde +seit länger als einem Monate vermißt. Die drei nächsten Tagereisen +waren eben so beschwerlich, als uninteressant. Am 28. Juni hielten wir +abermals einen Rasttag. + +Am 29. Abends erreichten wir Maravilla, ein sehr ansehnliches Dorf, +das nur eine halbe Stunde vom Meere liegt. Alles war hier mit Fremden +angefüllt; wir übernachteten daher in einem ziemlich entfernten +Ambelan. Ich hatte die Wache von ein bis drei Uhr Morgens, und sah +starr in die grause Finsterniß hinaus. Furchtbar tönte das Brüllen der +Schakals, das Rauschen des Waldes, das Tosen der Brandung durch die +stille Nacht zu mir. + +Am 30. Juni marschirten wir abermals längs des Strandes hin. Hier +fanden wir eine Reihe Lascars (Seesoldaten) als Küstenwächter +aufgestellt. Bei der Annäherung eines Feindes haben sie von Posten zu +Posten große Holzhaufen anzuzünden, die deshalb aufgestapelt sind. +Um zwei Uhr giengen wir über den Caimella, fanden das schön gelegene +Dorf Gannipellie, und hielten mit frischem Seefisch ein stattliches +Mittagsmahl. Die Landschaft ward nun äußerst angenehm. Ansehnliche +Dörfer, dichte Cocospflanzungen, üppige Wiesen und Felder wechselten +in lieblicher Mischung ab. Wir nahmen unser Nachtlager in Topture, das +von katholischen, noch aus den Zeiten der Portugiesen herstammenden, +Singalesen bewohnt wird. Der Pfarrer, ein Franziskaner aus Dijon, nahm +uns sehr freundlich auf. + +Unsere folgende Tagereise war eben so angenehm, und die Gegend +entzückend schön. Ein Gewitter trieb uns indessen in großer Eile nach +~Negombo~ hinein. An dem Commandanten fanden wir einen sehr +jovialen Mann. Er machte ganz und gar kein Geheimniß daraus, daß er +früher Haushofmeister des Generalgouverneurs gewesen sey. Negombo ist +ein sehr fester Plaz, und überflüßig mit süssem Wasser versehen. Der +hiesige Zimmet wird für den besten gehalten, die Bäume vermehren sich +ungemein. Man schreibt dies, und nicht mit Unrecht, den ~Raben~ +zu. Diese suchen nämlich die Früchte sehr begierig auf, und geben sie +unverdaut von sich. Daher denn auch die Unverlezlichkeit dieser Vögel +auf Ceylon und ihre unglaubliche Unverschämtheit. + +Am 2. Juli, dieselbe reizende Landschaft; man merkt deutlich, daß man +~Colombo~ immer näher kommt. Endlich am dritten, als dem ~ein +und zwanzigsten~ Tage unserer Reise, langten wir bei guter Zeit +daselbst an. Die herrlichen Umgebungen voll Gärten und Landhäuser; die +schönen Alleen, die breiten Straßen, die prächtigen Häuser -- alles +verkündigt eine Hauptstadt. + + + + + Fünftes Capitel. + + +Drei Monate waren wir bereits in Colombo gewesen, und hatten manchen +fröhlichen Tag mit alten Freunden verlebt. Endlich waren Templyns +Angelegenheiten geordnet, und wir mußten auf unsere Rückkehr bedacht +seyn. Am leichtesten und bequemsten hätte dies zu Wasser geschehen +können; allein es war keine Gelegenheit vorhanden, überdem hielt auch +der Regenmonßon noch an. Es ward daher beschlossen, den gewöhnlichen +Landweg zu nehmen, der längs der Küste hinläuft. Was mich indessen +anlangt, so hätte ich vorher noch gern eine Reise in die Gebirge von +Boucout gemacht. Allein Templyn war durchaus dagegen, und nannte die +ganze Unternehmung abenteuerlich. + +Unter diesen Umständen ward ich mit einem Portugiesen, Namens Don +Manuel de Sylva, bekannt. Es war ein sehr einnehmender Mann, der durch +eine Reihe der sonderbarsten Schicksale nach Colombo verschlagen worden +war. Er hatte, wie er sagte, in den Gebirgen von Candy, eine unbekannte +Diamantengrube entdeckt, dachte auf eine zweite Reise dahin, und lud +mich zur Gesellschaft ein. Allein ich fand die Sache so gefährlich, daß +ich den Vorschlag von mir wieß, worauf er sich seinerseits zu unseren +Reisegefährten anbot. Wir ließen uns dies gern gefallen, nahmen noch +drei Träger an, und brachen endlich Nachmittags um fünf Uhr von Colombo +auf. + +Der Himmel war mit dicken Wolken bedeckt; von Zeit zu Zeit fielen +Regenschauer herab, und der Wind blies mit Heftigkeit. Unsere Träger +hatten ein wenig zu viel Talwag (eine Sorte Arrak) getrunken, und kamen +daher in der Dämmerung vom rechten Wege ab. So irrten wir die halbe +Nacht herum, bis wir endlich das Dorf Werigur erreichten, wo nun den +ganzen folgenden Vormittag ausgeruht ward. + +Die nächsten zwei Märsche waren nicht weniger beschwerlich, auch ward +der angeschwollene Colombo mit vieler Mühe passirt. Abends erreichten +wir Negombo. Um jedoch dem Commandanten nicht beschwerlich zu fallen, +quartierten wir uns in dem benachbarten Dorfe Sunneput, in einer alten +Kirche, ein. + +Die beiden folgenden Tage, weitere Reise, und Nachtlager auf die +gewöhnliche Art. Templyn verließ mich hier; ein Brief von seiner +kranken Frau rufte ihn eilig nach Jaffanapatnam zurück. Don Manuel, der +Portugiese, fieng nun zum zweitenmale von seiner Reise an. Er gestand +mir jezt, daß es keine Diamantengrube, sondern ein Familienschatz sey. +Er hatte die sichersten Anweisungen über die Stelle, wo er vergraben +war. Da dies zu meinem Plane, die Gebirge von Bocour zu bereisen, +vortrefflich paßte, willigte ich ohne viel Mühe ein. So erreichten +wir Chilaw, lohnten unsere Träger ab, machten im Stillen die nöthigen +Einkäufe, und brachen endlich am dritten Tage wieder auf. + +Anfangs, und um die Einwohner zu täuschen, verfolgten wir den nämlichen +Weg; bald aber schlugen wir uns seitwärts in die Wälder, und nahmen +unsere Richtung gegen das Gebirge zu. Unsern Reisevorrath hatte der +Portugiese schon den Abend zuvor in der Nähe versteckt. Das Ganze +bestand aus einem Sacke mit ungefähr zwanzig Pfund Reis; einem Paar +Pistolen nebst Pulver und Blei; zwei Calebassen, die eine mit Arrak +gefüllt, die andere zum Wasser bestimmt; einem Paar kupferner Schüsseln +und Teller; einem Beile und einem kleinen Taue, einigen Feilen und +Brecheisen, und einer großen Bärenhaut. Wir passirten den Manasseran, +und hatten diesen Tag noch einen erträglichen Marsch. + +Am folgenden Morgen erblickten wir die Gipfel der Gebirge in blauem +Nebelduft. Der Wald ward nun mit jedem Schritte dichter; bald mußten +wir uns mit dem Beile durchhauen. Wir richteten uns sorgfältig nach dem +Compasse, und wanderten so immer nach Osten fort. Als es Nacht geworden +war, wimmelte es von wilden Thieren um uns her. Doch hielten wir sie +durch Feuerbrände und Pistolenschüsse von uns ab. + + + + + Sechstes Capitel. + + +Mit unserer fünften Tagereise ward der Weg nun je länger, desto +beschwerlicher. Hier hatte noch nie ein menschlicher Fuß gewandelt; +hier herrschte die Natur noch in ihrer ganzen ursprünglichen Macht. +Mit unsäglicher Mühe arbeiteten wir uns durch das Gebüsch hindurch, wo +jeden Augenblick der Anfall eines Tigers zu befürchten war. Gegen ein +Uhr machten wir Halt, um einige Stunden auszuruhen. Als wir wieder +aufbrachen, nahm der Wald allmählig an Dichtigkeit ab. Bald aber sahen +wir eine ungeheure, hohe Grasmasse gleich einer Mauer vor uns. Keine +Möglichkeit hindurchzudringen, so oft auch der Versuch wiederholt ward. +Unterdessen fieng es an dunkel zu werden, und wir mußten auf unser +Nachtlager bedacht seyn. An ein großes Feuer war nicht zu denken, kaum +hatten wir Holz zum Kochen genug. Wir brachten daher die Nacht auf +einem Baume zu, wobei uns unser Tau vortrefflich zu statten kam. + +Am folgenden Morgen gelang es uns endlich in der Graswand einen Eingang +zu entdecken, der hindurchzuführen schien. Der Schlangen wegen war +indessen große Vorsicht erforderlich. Dabei eine erstickende Hitze, +ein glänzender Sandboden, eine brennendheiße verpestete Luft. Gegen +Mittag fanden wir endlich einen kleinen Raum, verzehrten die Ueberreste +unseres Abendessens, und legten uns dann wechselsweise zum Schlafen +hin. + +Als wir wieder aufbrachen, bemerkten wir mit Freuden, daß die Graswand +immer dünner, und die Anzahl der Oeffnungen immer häufiger ward. Bald +sahen wir wieder Bäume, und bald gewann der Wald wieder völlig die +Oberhand. In glänzendem Sonnenlichte lagen die Gebirge von Bocour +nun ganz vor uns. Nur noch einige Stunden, und der Fuß derselben war +erreicht. Mit beflügelten Schritten eilten wir über den obern Boden +dahin. -- Plözlich! -- O Schreck! o Entsetzen! -- Plözlich sahen wir +einen breiten und tiefen Canal vor uns, der von oben bis unten, mit +dichtem, eng verflochtenem Gebüsch angefüllt war. + +Neue Hindernisse! neuen Schmerz! Endlich beschlossen wir längs des +Ufers abwärts zu gehen, um zu sehen, ob der Uebergang möglich sey. +Doch vergebens! Je weiter wir kamen, desto breiter und tiefer ward +der Canal. So brach der Abend an; ein Glück für uns, daß Holz im +Ueberfluß vorhanden war. Am folgenden Morgen kehrten wir wieder um, +und entdeckten endlich eine Stelle, wo wenigstens meinem Gefährten der +Uebergang möglich schien. Was ich ihm auch sagen mochte, er bestand +darauf. So ließ er sich denn an dem Taue hinab, nachdem es um einen +Baum befestigt worden war. + +Es dauerte indessen ziemlich lange, ehe er eindringen konnte, dann aber +war er mir auch augenblicklich aus dem Gesicht. Unverwandt hatte ich +indessen meine Augen auf das andere Ufer gerichtet; als ich plözlich +in der Mitte des Dickichts ein starkes Geräusch, und bald darauf sein +Angstgeschrei vernahm. Er war in Gefahr; wie wahnsinnig sprang ich die +Tiefe hinab, und drang in der Oeffnung vor. Doch alles vergebens! Kein +Laut; keine Antwort; nichts gewisser, als daß er von einer Schlange +erwürgt worden war. + +Mit zerrissenem Herzen, mit thränenden Augen stieg ich wieder hinauf, +und fühlte das Elend meiner Lage in seiner ganzen Schrecklichkeit. +Ich war allein in dieser Wüste, und auf allen Seiten von Gefahren +umringt. Ich war allein! -- Die Sonne sank tiefer, ich beschloß +in der nämlichen Richtung fortzugehen. War es Instinkt, war es +Gleichgültigkeit? es schien mir am besten so. Zum Glück hatte ich noch +etwas Reis, nebst der Arrakcalabasse, und den Pistolen bei mir. + +Die Nacht brach an; ich machte bei einem Baume Halt, kletterte hinauf, +und band mich mit dem Taue an zwei Aeste fest. Bald schlief ich vor +Ermüdung ein. Doch mein Schlaf war nicht erquickend; das Bild meines +unglücklichen Gefährten schwebte mir unaufhörlich vor. + + + + + Siebentes Capitel. + + +Als ich erwachte, war es hoher Mittag, und ich fühlte mich an allen +Gliedern gelähmt. Nur mit Mühe vermochte ich mich loszubinden, +worauf meine traurige Wanderung weiter gieng. Der Weg war mit feinem +aschfarbenem Sande bedeckt, der mir bei jedem Schritte entgegenflog; +daher ich von heftigem Durste gepeinigt ward. Zum Glück kam ich endlich +an einen Bach, wo ich den Rest meines Arrakes mit Wasser vermischte, +und so ein kühlendes Getränk erhielt. Unterdessen zogen am Horizonte +furchtbare Gewitterwolken auf. Ich eilte daher, einen großen schattigen +Baum zu erreichen, den ich in einiger Entfernung vor mir sah. + +Es mochte ungefähr um sechs Uhr Abends seyn, als ich glücklich auf +dieser Stelle ankam. Sofort bratete ich mir einige gefundene Schnecken, +und kletterte dann auf den Baum, wo ich mich wie gewöhnlich mit dem +Taue anband. Kaum hatte ich indessen einige Stunden geschlafen; als +ich aus einem schrecklichen Traume erwachte, und mich über und über +von Feuer umgeben sah. Das furchtbarste Ungewitter war losgebrochen; +der ganze Himmel ein wallendes Flammenmeer. Mit unsäglicher Heftigkeit +raste der Sturm in den Aesten, und warf mich wie einen Ball hin und +her. Den Kopf auf die Knie gestüzt, schloß ich die Augen, und brachte +den Rest der Nacht in einer Art Betäubung zu. + +Der Tag brach an; der Regen hörte auf, der Himmel ward heiter, und +alles glänzte in goldnem Sonnenlicht. Ich trocknete meine durchnäßten +Kleider, und machte mich auf den Weg. Allmählig lief der Canal nach +Osten, eine Richtung, die sehr erfreulich für mich war. Voll Muth und +Hoffnung wanderte ich so bis Nachmittags um 3 Uhr fort. Plözlich stand +ich vor einer hohen Felsenwand, die mir den Weg verschloß. + +Keine Möglichkeit weiter zu kommen, es mußte denn von Seite des Waldes +gewesen seyn. Ich beschloß es daher zu versuchen, und drang auch +wirklich zwischen zwei Dornengebüschen durch. Doch in dem Augenblicke +schoß eine ungeheure Schlange auf mich los. Wohin sollte ich fliehen? +Nirgends mehr Rettung für mich! Rechts hatte ich den Canal, links das +Ungeheuer, vor mir die hohe Felsenwand. Ohne zu wissen, warum, eilte +ich indessen den vorigen Weg wieder nach derselben zurück. + +Unterdessen war die Schlange immer näher gekommen, und kaum war sie +noch drei bis vier Fuß von mir entfernt. In dieser entsezlichen Lage +folgte ich blos meiner Verzweiflung, und sprang, wie wahnsinnig auf +ein hervorragendes Felsenstück. Von diesem arbeitete ich mich, ohne zu +wissen wie, allmählich höher hinauf, bis ich endlich oben war. Jezt +aber sank ich ermattet zu Boden, und lag eine gute Weile, ehe ich +wieder zu mir kam. + +Als ich die Augen aufschlug, und in die Tiefe richtete, sah ich die +fünfzig Fuß lange Schlange, die sich langsam in den Wald zurück begab. +Aber zu gleicher Zeit bemerkte ich mit großem Schmerze, daß mein ganzes +Reisegeräthe verloren war. Ich fühlte, daß meine Lage doppelt elend +werden mußte, und überließ mich der Verzweiflung. Wohin ich blickte, +sah ich ein Felsenchaos vor mir, in dessen Mitte sich ein furchtbarer +Abgrund befand. + +Der Abend dämmerte; ich suchte in meinen Taschen, und fand zu meiner +großen Freude noch ein Stück Zwieback und mein Feuerzeug. Von wilden +Thieren war in dieser Einöde nichts zu fürchten; ich machte daher blos +Feuer zur Vertreibung des Gewürmes an. So nahm ich mein Lager auf dem +harten Boden, mein Haupt an die Felsen gelehnt. Alles war still und öde +um mich; ach! diese Wüste schien mein eigenes Grab zu seyn. + + + + + Achtes Capitel. + + +Am folgenden Morgen neues Erwachen; neue Noth. Mein ganzes Frühstück +bestand in ein wenig Regenwasser, das ich in einer kleinen +Felsenhöhlung fand. Mühsam schleppte ich mich nun in diesem Labyrinthe +fort; bis ich endlich gegen Mittag an dem Fuße eines hohen steilen +Berges ankam, der mir abermals den Weg verschloß. Indessen nahm ich +allen meinen Muth und meine Kraft zusammen, denselben zu erklimmen, +in der festen Hoffnung, jenseits werde das Ziel meiner Leiden seyn. +Doch wie groß war mein Entsetzen, als ich mich endlich auf dem Gipfel +befand, und nichts erblickte, als ein ödes, wildes, mit Klippen +besäetes Thal! + +Es mochte zwei Uhr Nachmittags seyn; ich war gänzlich erschöpft, und +sah mich vergebens nach etwas Nahrung um. Als ich so da saß, erblickte +ich eine kleine Schlange, die begierig hinter einer Eidechse herschoß. +Ich zerschmetterte die erstere mit einem Steine, schnitt ihr, des +Giftes wegen, den Kopf ab, und bereitete mir ein gutes Mahl von ihr. So +ist die Existenz der Wesen verknüpft; ein ewiger Kampf der Kräfte, wo +eine der andern Opfer ist! + +Der Berg war auf dieser Seite fast senkrecht abgeschnitten, und der +ganze Abhang mit spitzigen Klippen bedeckt. Gleichwohl mußte ich das +Thal zu erreichen suchen, ehe mich auf dem Gipfel die Nacht überfiel. +-- »Nun, wie Gott will!« -- sagte zu mir selbst, sezte den rechten +Fuß vorwärts, klammerte mich mit den Händen an, und fand, daß das +Herabsteigen wenigstens nicht unmöglich war. Mit unsäglicher Mühe +arbeitete ich mich nun immer tiefer und tiefer hinab. Doch die Hand des +Allmächtigen leitete mich sicher neben dem Abgrunde hin. So kam ich +glücklich an dem Fuße des Berges an. + +Als ich das Thal genauer betrachtete, bemerkte ich einen Canal, der +aber blos in der Mitte, und selbst da nur ganz dünn mit Gesträuch +bewachsen war. Allein, da es düster zu werden anfieng, beschloß ich in +einer Felsenhöhle zu übernachten, wo ich zum Glück einige Vogeleier +fand. Am folgenden Morgen erquickte ich mich mit etwas Regenwasser, und +wanderte anfangs eine gute Strecke längs des Canals hin. Endlich kam +ich an eine Stelle, wo der Rand eingestürzt, und die Tiefe zur Hälfte +damit ausgefüllt war. Fröhlich stieg ich hinunter, und kam bald auf +der andern Seite an. Hier schlug ich einen Reiher nieder, der gebraten +wenigstens eßbar war. Von nun an ward der Weg immer ebener, immer +bequemer, so daß ich die Gebirge bald sehr weit hinter mir sah. + +Am andern Morgen, am 16. August, trieb mich die brennende Sonne etwas +tiefer in den Wald, der neben dem Wege hinlief. Unvermuthet finde ich +einen gebahnten Weg, und plözlich werde ich frische Fußtapfen gewahr. +Bald höre ich in der Entfernung Stimmen, und bald vernahm ich, daß es +bekannte Töne sind. -- Gott, welcher Augenblick! Es durchbebte mich, +wie ein elektrischer Schlag. Ich wollte rufen, ich konnte es nicht. +Da stürzte ich fort, und stand in wenig Minuten vor einem Haufen +Singalesen, unter denen mein alter Freund Manioppu war. + +Sie zogen nach Putlan, um Salz zu holen, wir waren nur noch drei +Tagereisen davon entfernt. Nachdem ich daselbst eine Woche ausgeruht +hatte, kehrte ich zu Wasser nach Jaffanapatnam zurück. Hier fand ich +Gelegenheit ein äußerst vorteilhaftes Geschäft zu machen, wodurch mir +mein ausgestandenes Elend sehr reichlich vergütet ward. Als nun endlich +die Nachricht von dem Pariser Frieden ankam, hielt ich's fürs beste, +wieder nach der Küste zurückzukehren, und kam nach einer sehr kurzen +Fahrt, glücklich in Bimilipatnam an. + + + + + Neuntes Capitel. + + +Ein Jahr lang hatte ich hier meine Geschäfte mit vielem Erfolge +betrieben, als ich mich, um dieselben noch mehr zu erweitern, zu +einer Landreise nach Madras veranlaßt sah. Dieses geschah in einem +Palankin. Man kann in der That durchaus nicht sicherer, bequemer und +angenehmer reisen, als auf diese Art. Ein Palankin ist nämlich eine Art +von Canapegestell, das ungefähr sieben Fuß lang, und drei Fuß breit +zu seyn pflegt. Er hat einen mäßig hohen Rand, vier kleine Füße, und +eine gewölbte Decke von Bambusrohr. Inwendig ist er mit einer weißen +Matrazze und einigen Kissen belegt, während die Decke entweder mit Tuch +oder Wachsleinwand überzogen wird. + +In der Mitte dieses zeltartigen Daches, ist außerdem noch ein großes +Stück grüner Cattun befestigt, das nach der Länge des Palankins, +an beiden Seiten bis auf den Boden reichen muß. Bei Tage wird es +aufgerollt, und in eine Wulst zusammengeknüpft; bei Nacht aber, wenn +man in dem Palankin schläft, bildet es eine Art Bettvorhang. Ueberhaupt +braucht man den Palankin gerade wie ein Canape. + +Ein solcher Palankin wird von vier Männern getragen, denen noch vier +andere zum Ablösen beigesellt sind. Zwei der Träger gehen vorn, zwei +andere hinten, und jene wie diese halten den Palankin vermittelst +eines Bambusrohres, das vorn und hinten mitten aus der Decke geht. Sie +marschiren indessen nicht neben, sondern hinter einander, wobei das +Bambusrohr auf der Schulter ruht. Da sie nun eine Art Takt im Schritte +halten, den sie auch von Zeit zu Zeit mit der Stimme angeben, so ist +die Bewegung eben so gleichförmig als angenehm. Man kann dabei lesen, +schreiben, schlafen u. s. w. wie es einem beliebt. Wäsche, Vorräthe u. +s. w. werden theils zu den Füßen, theils unter das Kopfkissen gepackt. + +Es war vier Uhr Morgens -- »Tschollo!« (Marsch!) -- riefen meine +Träger, nahmen den Palankin auf, und wanderten lustig die Straße +entlang. Als wir Bimilipatnam im Rücken hatten, fieng es eben an +vollends Tag zu werden, und überall flogen Schaaren von Krähen von +den hohen schattigen Bäumen auf. Bald kamen wir bei einem schönen +Mangabusche vorbei. Lieblich schimmerten die goldenen Früchte durch die +dunkelgrünen glänzenden Blätter, und zwischen den freundlichen Aesten +flatterten girrende Turteltauben herum. + +Weiterhin holten wir eine Menge indischer Pilgrime von allen Sorten +ein. Sie zogen sämmtlich nach dem heiligen Berge Schiemanchelom, den +ich ebenfalls zu besehen willens war. Lange mußten wir zwischen diesen +betenden und singenden Haufen bleiben, bis wir endlich das große schöne +Thal erreichten, worin sich jener hohe steile Berg erhebt. + +Eben sollte am folgenden Morgen das große Jahresfest beginnen, das +immer neun Tage zu dauern pflegt. Der Zufluß von Menschen war daher +außerordentlich. Nur mit Mühe fand ich noch einen schattigen Platz für +meine Palankin, ruhte daselbst bis fünf Uhr, und stieg endlich den Berg +auf einer breiten bequemen Treppe hinan. Das Thal, das kleine Dörfchen +Chindopillie, der dabei befindliche See, u. s. w. alles bietet die +mannichfaltigsten Aussichten dar. + +Die ersten 430 Stufen hat man nichts als sanfte Abhänge neben sich. +Plözlich aber stößt man auf einen steilen Felsenkranz, den man durch +ein ausgehauenes Portal passirt. Von diesem Thore bis zum Gipfel werden +noch 1160 Stufen gezählt. So wie man diesen erreicht hat, findet man +das Dorf Schiemanchelom, und am südlichen Ende desselben den Tempel, +der dem Gotte Appana geheiligt, und einer der ältesten in ganz Indien +ist. In der Nähe desselben entspringt die heilige Quelle, die nach +der Religion der Hindus für eben so wirksam wie das Wasser des Ganges +gehalten wird. Kein Hindu darf sich dem Tempel nähern, wenn er sich +nicht vorher in diesem Wasser gebadet, oder wenigstens seinen Kopf +einige Minuten unter eine der fünf Adern gehalten hat. Das Gedränge um +dieselben war daher außerordentlich, zumal da der ganze Badeplatz kaum +hundert Schritt lang, und etwa halb so breit ist. Indessen fand dennoch +die größte Ordnung, und das beste Betragen dabei statt. Einer half dem +andern, einer machte dem andern Platz. + +Noch bunter waren die Gruppen längs dem übrigen Wege, und auf dem +Gipfel des Berges selbst. Zu beiden Seiten der Treppe ziehen sich +nämlich schöne schattige Rasenplätze hin, wo die wandernde Masse +von Zeit zu Zeit auszuruhen pflegt. Eben so ist es oben in der Nähe +des Tempels, wo der ganze Haufen zusammentrifft. In dichten Kreisen +knieten Männer und Weiber an dem Eingange des Heiligthums. Einige waren +in tiefer Betrachtung; andere beteten mit stiller Lippenbewegung; +noch andere stimmten Lobgesänge an. Die Luft war mit Weihrauchsdampf +erfüllt; schöne Tänzerinnen scherzten mit ihren Liebhabern, und überall +ertönten die Dools (Trommeln), und die Chelimbies (Becken). + + + + + Zehntes Capitel. + + +Es mochte ungefähr um vier Uhr Morgens seyn, als einer meiner Träger +mich zu wecken kam. Noch war es völlig dunkel; gleichwohl hatte sich +bereits der ganze Haufen Pilgrime in Bewegung gesezt. Das Geräusch +glich dem dumpfen Donner eines Wasserfalles. Alles eilte nach dem +Berge, der aufs prächtigste mit Fackeln und Pechkränzen erleuchtet war. +Ich folgte dem Menschenstrome auf der von tausend Lichtern flammenden +Treppen nach, verließ aber bald das Getümmel, um auf der andern Seite +des Berges die Sonne aufgehen zu sehen. Nie habe ich eines schöneren +Morgens, nie einer entzückenderen Aussicht genossen; alles war Licht +und Klarheit, Leben und Herrlichkeit. Endlich stieg ich auf einem +schattigen Fußpfade wieder in das Thal hinab, wo ich verabredetermaßen +meinen Palankin fand. + +Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen durch eine schön bebaute +Ebene nach Nabob Pette, das zwar ein kleines, aber recht artiges +Dörfchen ist. Hier hielten wir unser Mittagsessen in einem angenehmen +Mangawäldchen, und sezten dann unsere Reise bis Dovigram, einem etwas +seitwärts liegenden Dorfe fort, wo eine große und bequeme Chauderie +befindlich ist. Unter den Reisenden, die sich bereits dort einlogirt +hatten, fielen mir besonders zwei büßende Fakirs auf, wovon der eine +ungefähr dreißig, der andere fünfzig Jahre alt war. Jener gieng völlig +nackend, und trug in seinem Geschlechsgliede einen dicken und großen +eisernen Ring. Der zweite hatte sich die entsezliche Buße aufgelegt, +seine Arme und gefalteten Hände, hoch ausgestreckt, unaufhörlich über +dem Kopfe zu halten, und es wirklich ausgeführt. Die Arme waren nun +völlig steif geworden, und die Hände gleichsam in einander verwachsen, +so daß alles ganz unbeweglich stand. + +Als ich am andern Morgen in meinem Palankin erwachte, befand ich mich +unvermuthet bereits zu Vizagapatnam. Meine Träger hatten ihn nämlich +vorsichtig aufgenommen, und in der Kühle die Paar Stunden schnell +zurückgelegt. Vizagapatnam ist eine Stadt, oder vielmehr ein Dorf mit +einer englischen Factorei. Es ist ein unangenehmer, einsamer, trauriger +Ort, der mitten zwischen kahlen Bergen, wie in einem Kessel liegt. +Indessen hat es einen schiffbaren Fluß, und viele Baumwollenfabriken; +auch sind die Einwohner wegen ihren feinen Elfenbeinarbeiten berühmt. +Eben waren meine Geschäfte abgemacht, und ich wollte weiter reisen, +als ich von einem Begräbnisse in der Nachbarschaft hörte, das ich mit +anzusehen beschloß. + +Es war zu Velur, nur anderthalb Stunden von Vizagapatnam. Eine junge +Wittwe von der Caste der Chetries sollte sich mit dem Leichname ihres +Mannes in einer Grube verbrennen, wie es im südlichen Theile von +Coromandel auf einem Scheiterhaufen geschieht. Bei meiner Ankunft +ward ich sogleich nach einem Hause gewiesen, wo die Wittwe in der +Mitte ihrer sämmtlichen Verwandten, unter einer Art Baldachin saß. +Es war ein junges wohlgebildetes Weib von höchstens ein und zwanzig +Jahren, mit einer äußerst sanften Physiognomie. Sie bewegte die Lippen, +wie eine Betende, theilte dann und wann unter ihre Verwandten Betel +aus, und schien vollkommen gefaßt zu seyn. Ich betrachtete sie mit +innigem Mitleid; bald aber zog mich die Menschenmasse nach dem zur +Feierlichkeit bestimmten Platze fort. + +Dieser lag außerhalb des Dorfes, ungefähr eine Viertelstunde davon. In +der Mitte desselben befand sich eine Grube, die bei zehn Fuß Länge, +acht Fuß breit und tief zu seyn schien. Sie war bereits mit einer +großen Menge Kohlen angefüllt, dennoch warf man noch von allen Seiten +Holz hinein. Endlich rückte der Leichenzug näher, rund um die Grube +wurden Matten aufgehängt, und die ganze Masse der Zuschauer bildete +einen unübersehbaren Kreis. + +Die Wittwe war aufs prächtigste gekleidet, und überall mit Juwelen +bedeckt. In der Hand hielt sie eine kleine, mit Gewürznelken besteckte +Citrone, woran sie bisweilen zu riechen schien. Neben und hinter ihr, +giengen ihre Verwandten, mit mehrern Braminen, und eine Menge Weiber +beschloß den Zug. In einer gewissen Entfernung von der Grube ward Halt +gemacht. Die Wittwe legte ihre Prachtgewänder und Juwelen ab, badete +sich in dem benachbarten Weiher, den ein dichter Kreis von Freundinnen +umschloß, und kam endlich in einem ganz einfachen weißen Gewande +zurück. So gieng der Zug bis in die Nähe der Grube, an deren Rande der +Leichnam des Mannes auf einer Bahre lag. + +Als die Wittwe hier angekommen war, blieb sie einige Augenblicke +davor stehen, sah ihn mit zärtlichen Blicken an, schlug sich vor die +Brust, und brach in Thränen aus. Zulezt verbeugte sie sich, verließ +die Bahre, und gieng dreimal um die Grube herum, wobei sie nie den +Leichnam zu begrüßen vergaß. Jezt bei dem Leztenmale blieb sie wieder +davor stehen; wendete sich zu ihren Verwandten; nahm mit völliger Ruhe +Abschied von ihnen; empfieng von einem Braminen einen Krug mit Oel; goß +etwas davon auf den Leichnam; sezte sich das Gefäß auf den Kopf; rief +dreimal mit lauter Stimme: Naraina! (Gott) und sprang dann muthig in +das brennende Grab hinein. Man hatte in demselben Momente die Matten +fallen lassen; zu gleicher Zeit ward auch der Leichnam hineingeworfen, +und alles mit tausend bereit gehaltenen Bränden bedeckt. Hoch schlugen +die knisternden Flammen in die Lüfte empor, und die Weiber erhoben +unter dem Lärm der Trommeln, Trompeten und Becken, ein gräßliches +Freudengeschrei. + +So sehr ich überzeugt war, daß die Unglückliche sogleich erstickt +seyn mußte; so machte das Ganze dennoch einen sehr schmerzhaften +Eindruck auf mich. Ich verließ den Platz, und trat meinen Rückweg nach +Vizagapatnam an. Schon war es dunkel geworden, und in tiefen Gedanken +wanderte ich wohl eine Stunde fort, bis ich endlich bemerkte, daß +ich auf dem unrechten Wege war. Ein guter alter Mann, den ich eben +einholte, bestätigte mir dieses, rieth mir nach Velur zurückzugehen, +und zeigte mir einen kürzeren Fußsteig dahin. Ich kehrte demnach um, +gieng einige Zeit auf diesem Fußsteige fort, glaubte aber bald in der +Entfernung einige Lichter zu sehen, und beschloß geradesweges darauf +zuzugehen. Doch die Lichter verschwanden, und ich fühlte mit Entsetzen, +daß der Boden unter mir wich. Vergebens suchte ich mich an einem Busche +festzuhalten; der Ast brach, und ich stürzte in einen tiefen Abgrund +hinab. + + + + + Eilftes Capitel. + + +Als ich wieder zu mir kam, spürte ich in meiner Nähe einen scheußlichen +Verwesungsgeruch. Es war ein todter Büffel, auf dem ich lag. +Hastig raffte ich mich auf, und starrte verzweiflungsvoll in die +undurchdringliche Finsterniß. Zorn und Wehmuth, Verdruß und Ungeduld; +alle diese Empfindungen wechselten unaufhörlich in meiner Seele +ab. Doch suchte ich mich endlich zu beruhigen, sezte mich auf den +steinigten Boden nieder, und fiel in einen tiefen Schlaf. + +Der Tag brach an; die finstere Gruft erhellte sich; ich erwachte, +und wurde mit Entsetzen mein ganzes Unglück gewahr. Ich befand mich +nämlich in einer Höhle, die sich zu beiden Seiten tief in die Erde zu +erstrecken schien. Aus dem Gewölbe war ein großes Stück eingebrochen, +und durch diese Oeffnung fiel das Licht hinein. Die hohen Wände waren +völlig steil, und auf allen Seiten gleich weit davon entfernt. + +Was sollte ich thun? Die Gegend schien durchaus menschenleer. Dennoch +beschloß ich zu rufen, und verstärkte die Stimme nach Möglichkeit. +Allein vergebens, sie verhallte in dem ungeheuren Raume, der mich +umgab. Der Tag vergieng, das tröstende Licht verschwand, und Finsterniß +des Grabes hüllte mich abermals ein. Diese zweite Nacht war ungleich +schrecklicher für mich. Tausende von Uhus flogen über meinem Kopfe aus +und ein, und ganze Haufen heulender Schakals umringten die Oeffnung. So +saß ich mehrere Stunden lang, bis endlich ein schwacher Mondstrahl in +die Höhle fiel, und meine Stimmung etwas ruhiger ward. Bald darauf sank +ich in tiefen Schlaf. + +So vergieng die Nacht, und mit dem ersten Sonnenstrahle floß neue +Hoffnung in mein Herz. Durch die Oeffnung aus der Höhle zu kommen, war +unmöglich; aber durch einen der Seitengänge vielleicht einen Ausweg zu +finden, schien, troz der Gefahren, eines Versuches werth. -- »Wohlan!« +-- sagte ich zu mir selbst -- »Wohlan! das Aeußerste gewagt!« -- So +raffte ich mich ungefähr um Mittag auf, und schlug den Weg in einen +der düsteren Seitengänge ein. + +So lange ich noch etwas Tageslicht hatte, gieng es ziemlich gut. Als +aber auch der lezte Schimmer verschwand, hielt ich mit klopfendem +Herzen an. Doch auch diesmal trug die Ueberlegung den Sieg davon, +und so stürzte ich mich muthig in die unermeßliche Nacht hinein. Die +einzige Vorsicht, die ich brauchte, war, mich Schritt vor Schritt an +der Wand zu halten, und allen Biegungen derselben nachzugehen. + +Der Boden war rauh, und ungleich. Steinhaufen, und einzelne +Felsenstücke, Erhebungen und Vertiefungen wechselten unaufhörlich +ab. Ich mußte den Weg unaufhörlich mit dem Hirschfänger untersuchen, +und rückte daher nur langsam fort. So mochte ich mich ohngefähr zwei +Stunden fortgearbeitet haben; als ich plözlich an etwas Bewegliches +stieß. Ich befühlte es mit dem Fuße; es schienen Knochen zu seyn. Ich +griff es an; es war ein Menschenskelett. Welche Entdeckung! -- »Das +Bild meines Schicksals!« -- sagte ich zu mir selbst, und lehnte mich +tief erschüttert an die Wand. + +Unterdessen glaubte ich einiges Geräusch zu hören, und rufte laut durch +die starrende Finsterniß. Zugleich verdoppelte ich meine Schritte, +entschlossen, dem Tode, oder dem Leben entgegen zu gehen. Plözlich ward +ich zwei kleine feurige Punkte gewahr. -- Vielleicht eine Schlange die +auf mich zugeschossen kam. -- Aber die Punkte blieben unbeweglich; es +schien von zwei Lampen zu seyn. In dem Augenblicke machte die Wand +einen starken Abfall, und ich erblickte eine Felsenspalte, die vom +glänzenden Abendrothe beleuchtet war. Eilends kappte ich das Gesträuch +hinweg, zwang mich mit muthiger Brust hindurch, und athmete nun wie +neue geschaffen, in der freien herrlichen Gotteswelt. + +Die Sonne gieng unter, und im Purpurglanze lag die ganze liebliche +Landschaft, und Vizagapatnam in geringer Entfernung vor mir. Ich eilte +dahin, und ward mit großer Freude empfangen; jedermann hatte mich todt +geglaubt. Es zeigte sich jezt, daß ich in einer der Höhlen gewesen war, +die ehedem mit den Pagoden in Verbindung standen, und deren Eingänge +nur noch wenigen Braminen bekannt sind. + + + + + Zwölftes Capitel. + + +Nach einigen Tagen Erholung brach ich von Vizagapatnam weiter auf. Die +Hitze war groß, der Weg beschwerlich; mit Vergnügen hielt ich gegen +Mittag in dem freundlichen Dörfchen Chieriepille an. Es liegt in einem +reizenden Thale, ist mit einer Menge Obst- und Betelgärten umgeben, und +hat eine der schönsten und bequemsten Chauderies, die mir vorgekommen +sind. Wir fanden hier einen Wahrsager, dergleichen sind in Indien sehr +häufig. Zum Spaß ließ ich mir auch die flache Hand besehen, und bekam +eine Menge Glück und Segen gewünscht. + +Man darf diesen Leuten kein Geld anbieten, weil ihnen dergleichen +anzunehmen, nach ihren Geboten nicht erlaubt ist. Man giebt daher +Cattun, Musselin u. s. w., auch wohl eine Portion Reis. Alle diese +Effekten müssen sie aber erst neun Tage an ihrem Leibe herumtragen, +ehe ihnen der Verkauf davon gestattet ist. Was sie dann an Geld dafür +lösen, dürfen sie nehmen, weil es auf indirektem Wege gewonnen wird. +Der arme Teufel in unserer Chauderie schien die lezten neun Tage über, +gewaltig beschäftigt gewesen zu seyn. Er hatte eine solche Menge Zeug, +Schnupftücher, Turbans u. s. w. an seinem Gürtel hängen, daß er wie +eine wandernde Schnittwaaren-Bude aussah. + +Um meine armen Träger zu schonen, beschloß ich erst am andern Morgen +weiter zu gehen. Ich benuzte daher den lieblichen Abend zu einem +Spaziergange in dem schönen Thale, das mit herrlichen grünenden Bergen +eingefaßt ist. Mit einbrechender Dämmerung gieng ich nach meinem +Palankin zurück, fand einen vortrefflichen Pillau von Hühnern, und +Bananas in Eiern gebacken, zum Abendessen, und schlief endlich unter +den Gesängen einiger reisenden Tänzerinnen ein. + +Am andern Morgen gieng es nun rasch über Berg und Thal, durch eine +Menge Dörfer bis zur Chauderie Darma-Oro, wo zu Mittag angehalten +ward. Hier sah ich einen Pandarone oder Mönch, der jedem Reisenden auf +Verlangen, einen Trunk Reiswasser (Canje) gab. Dies geschah, indem er +es ihm aus einem kleinen kupfernen Topfe in die Hände goß. Kein Hindu +pflegt nämlich ein Trinkgefäß an die Lippen zu setzen; er hält es +vielmehr so, daß ihm das Wasser, wie ein kleiner Strahl in den Mund +schießen muß. Da nun aber eine niedere Caste das Gefäß schon durch die +bloße Berührung für eine höhere unrein machen kann, so giebt es der +Pandarone lieber Niemanden in die Hand. + +Wir reisten weiter, bekamen bald das Meer zu Gesicht, und langten +Abends in einem Fischerdorfe hart am Strande an. Hier ward ich für eine +Kleinigkeit mit einem Gericht trefflicher Seefische bewirthet, und +konnte die Ankunft der Kattamarans mit großer Bequemlichkeit sehen. Es +ist dies in der That ein Schauspiel, das der Mühe lohnt. Man erinnert +sich, daß ein Kattamaran ein, fünfzehn bis zwanzig Fuß langes, Floß +ist, das aus fünf Balken besteht. + +Man weiß, daß immer zwei Männer darauf befindlich sind, wovon der eine +vorn, der andere hinten zu rudern pflegt; eben so, daß bei günstigem +Winde ein kleines Segel aufgespannt werden kann. + +Die Sonne sank tiefer, und von allen Seiten eilten diese Fahrzeuge +dem Ufer zu. Es war eine ganze, kleine Flotte, pfeilschnell flog sie +zwischen den purpurnen Fluthen hindurch, von tausenden von Möwen +umringt, und vom fröhlichen Gesange der Ruderer belebt. Bald näherte +sie sich nun der Brandung, die bekanntlich an diesen Küsten ungeheuer +ist. Schnell wurden die Segel gestrichen, und die Ruder eingetaucht; +da flogen die Kattamarans in die tosenden Wogen hinein. Hier sah man +einige auf der Spitze derselben, dort andere wie in einem Abgrunde +schweben, der sich darüber zu schließen schien. Aber wenig Minuten, und +die ganze Flotte flog in einem Augenblicke auf den sandigen Strand. + +Wir hatten unser Nachtlager zwischen den Dünen genommen, wo die +angenehmste Kühlung herrschte, und nichts von Moskitos zu fürchten war. +Am folgenden Morgen fanden wir uns daher außerordentlich gestärkt, und +legten die ganze Tagereise schneller als gewöhnlich zurück. Abends +kamen wir bei einem Mangabusche an. Hier hatte sich bereits ein großer +Haufen Reisender gelagert, um am folgenden Tage zusammen durch einen +Wald zu ziehen, der nicht für ganz sicher gehalten ward. Da ich mit +Schießgewehr versehen, und überdem ein Europäer war, so baten sie +mich, sie anzuführen, wozu ich dann auch ganz willig war. + +Mit Tagesanbruch machten wir uns demnach auf den Weg. Indessen stießen +wir auf nichts, als eine Menge rother Affen, von denen der ganze Wald +bevölkert war. Als wir denselben hinter uns hatten, nahm ich von +meinen Gefährten Abschied, und stieg wieder in den Palankin. Der Weg +gieng nun durch eine sehr reizende Landschaft, Dorf an Dorf, und alles +mit Tamarinden-, Cocos- und ähnlichen Baumpflanzungen, so wie mit +Betelgärten bedeckt. Jezt bekamen wir auch wieder das Meer zu sehen, +und athmeten erquickende Kühlung ein. + +Ich mußte die Nacht im Palankin zubringen; die ganze Chauderie war +mit Kaschie-Kauris angefüllt. Es sind dies eine Art Mönche, die zehn, +zwanzig, und mehrere zusammen, nach Kaschie (oder Bonares) wandern, +dort Wasser aus dem Ganges holen, und damit beladen, in ihre Heimath +zurückgehen. Sie füllen dies heilige Wasser in runde irdene Krüge, +wovon jeder zwanzig bis fünf und zwanzig Kannen halten kann. Diese +Krüge sind mit dickem Netzwerk umflochten, und mit einem kurzen Halse +versehen, der sorgfältig vergipst und versiegelt wird. An dem Siegel +des Oberpriesters von Bonares, so wie an dem Certificate jedes Pilgers, +erkennt man, ob das Wasser ächt ist. Ein jeder Kaschie-Kauris trägt +zwei Krüge, den einen vorn, den andern hinten, an einem Bambusrohr. +Dies Wasser wird entweder an Tempel verschenkt, oder an reiche Hindus +verkauft. Für leztere ist es ein Gegenstand eines religiösen Luxus. Man +benezt Sterbenden Haupt und Lippen damit; giebt es aber auch bei großen +Gastmählern herum. + +Am folgenden Tage passirten wir die Stadt Mongletur, die auf indische +Weise befestigt ist, und langten Abends ziemlich spät in Tallapalar +an. Hier mußten wir die Chauderie einer Abtheilung englischer Srapoys +überlassen, und trieben nur mit Mühe etwas zum Abendessen auf. Am +nächsten Morgen gieng es vollends nach Mazulipatnam. Wir kamen dabei +durch das Dorf Pakaat. Hier sah ich einen Barbier, der einen ziemlich +dicken Bart, auf das allervollkommenste mit zwei -- Glasscherben abnahm. + + + + + Dreizehntes Capitel. + + +Nachdem ich meine Geschäfte besorgt hatte, sezte ich meine Reise ohne +Verzögerung fort. Vorher hatte sich noch ein Gefährte, ein gewisser +holländischer Capitain, Namens Holtrop, zu mir gefunden, der nach +dem Verluste seines Schiffes nach Madras zurückging. Wir kamen durch +die Dörfer Okalgatta und Sorligatta, und nahmen unser Nachtlager in +einer Chauderie hinter Naralcor. Der lezte Theil des Weges war äußerst +angenehm; er lief durch eine fruchtbare Ebene, mit den mannigfaltigsten +Pflanzungen bedeckt. Kaum hatten wir aber die Chauderie erreicht, als +ein heftiges Ungewitter ausbrach. Da sich nun außer uns noch an sechzig +Reisenden darin befanden, konnten wir allerdings nicht ohne Besorgnisse +seyn. Indessen gieng alles glücklich vorüber, und nach einigen Stunden +war der Himmel wieder völlig wolkenleer. + +Unsere harmlosen Hindus hatten inzwischen nicht die mindeste Furcht +gezeigt. Die Männer lasen oder sprachen; die Weiber und Mädchen +schäkerten und kochten; die Kinder spielten mit unbefangener +Fröhlichkeit fort. Nach dem Essen wurde erzählt und getanzt, und alles +war voll Milde und Fröhlichkeit. + +Die folgende Tagereise war entzückend schön; die ganze Landschaft +blühte und grünte in üppiger Fruchtbarkeit. Wir giengen über den +Kischtna, der in dieser Jahrszeit nicht besonders wasserreich war. +Die Ueberfahrt ward wie gewöhnlich, in großen, runden, platten Körben +gemacht. Diese Körbe haben ungefähr zwölf Fuß im Umfange, sind mit +Leder überzogen, und werden mit Pagaien (kurzen Rudern) in Bewegung +gesezt. Man muß sich indessen in diesen Körben sehr ruhig verhalten, +indem sie beständig im Kreise drehen. Einige sind groß genug, um zehn +bis zwölf Personen zu fassen; allein Hokkeries (indisches Fuhrwerk), +Palankins u. s. w. werden niemals auf diese Art übergesezt. Hierzu +bedient man sich der sogenannten Sangaries, welches ausgehölte +Cocosstämme sind. + +Wir ergözten uns während der Ueberfahrt an den herrlichen +Uferansichten, und langten endlich in dem freundlichen Dorfe +Kischtnapatnam an. Die Chauderie lag in der Nähe des Stromes, was uns +der Kühlung wegen höchst willkommen war. Hier hörte ich zum erstenmale +die melodischen Minkurwies (eine Art Wasservögel), die, wie man +behauptet, in dem Kischtna ausschließend zu finden sind. Ich glaubte +die Töne einer Aeolsharfe zu hören, und sank dabei in den süßesten +Schlaf. + +Nach einem stärkenden Morgenbade sezten wir unsere Reise weiter fort. +Die Gegend war eben, und meistens mit Reis- und Gerstenfeldern +bedeckt. Nur hie und da ragten aus den gelblichten Aehrenfluten einige +glänzend grüne Hügel hervor. Dann folgte eine sandige, mit lichtem +Tannengebüsch bedeckte Ebene, von einer Menge Schakals bewohnt. Endlich +zeigte sich eine Reihe düsterer Cocoshaine, von Tausenden von Vögeln +belebt. So langten wir um ein Uhr in Pampeton an. Dies ist ein großes +volkreiches Dorf, das von einer Menge Betelgärten und Baumpflanzungen, +Tamarinden und Arekagebüsche umringt ist. + +Nachmittags kamen wir bei einer neuen Chauderie, und einem dem +Goneisch (Gott der Andacht) geheiligten Tempel vorbei. Das Götzenbild +lag indessen noch auf dem Boden; es fehlte noch das nothwendigste +Erforderniß seiner Göttlichkeit. Dies waren die ~Augen~, die immer +erst der Oberpriester mit vielen Feierlichkeiten einsezt. So lange ein +Götzenbild noch dieser entbehrt, wird es blos für einen gewöhnlichen +Block angesehen. + +Mit einbrechender Dämmerung kamen wir in einem großen, auf einer +Anhöhe gelegenen Dorfe an. Hier quartierten wir uns in einer Trivasel +(der kleinsten Art von Chauderies) ein, und fanden zu unserer Freude +nur wenig Reisende darin. Allein da es bald darauf heftig zu regnen +anfieng, kam in kurzem noch ein ganzer Schwarm dazu. Ich eilte +daher mein Abendessen einzunehmen, ließ den Palankin unter einen +dickblätterigen Baum stellen, streckte mich hinter den Vorhängen auf +meine Matrazze hin, und schlief, troz der Clapper eines Reisfeldhüters, +in wenig Minuten ein. + +Am folgenden Morgen, das herrlichste Wetter, und alles voll Leben und +Heiterkeit. Indessen begegnete mir schon in der ersten Stunde ein +Unfall, der wenigstens meinen armen Trägern den ganzen Tag verdarb. Als +ich nämlich einmal aus dem Palankin steigen wollte, ward ich einige +Schritte vor mir eine ganz still liegende Brillenschlange gewahr; +ich hielt sie für todt, und gieng unbesorgt darauf los. Allein wie +groß war mein Entsetzen, als sie sich auf einmal mit glühenden Augen, +geöffnetem Rachen und blitzender Zunge aufzurichten anfieng! Plözlich +flog ich zurück, ergriff die Flinte und drückte los, worauf die +Schlange nach einem benachbarten Busche kroch. + +Unterdessen war auch Capitain Holtrop und mein Bedienter hinzugeeilt, +jeder mit einem Hirschfänger in der Hand. Wir beschlossen den Busch +anzuzünden, und auf die Schlange, die dann herauskommen mußte, +vereinigt loszugehen. Bald stand der Busch in vollen Flammen, und noch +immer erschien sie nicht. Schon glaubte ich mich geirrt zu haben, +plözlich schoß sie zwischen meinen Füßen hindurch. + +»Herr! Das bedeutet Unglück!« -- riefen meine Träger mit kläglicher +Stimme, und ich selbst war fast außer mir. Aus gleichem Aberglauben +natürlich nicht; nur weil ich einer so großen Gefahr entgangen war. +Meine Träger boten jezt alles auf, um mich zum Umkehren zu bewegen, +allein ich gab durchaus nicht nach. So legten wir unsern gewöhnlichen +Tagesmarsch zurück, und kamen mit Sonnenuntergang Wohlbehalten in +Pariatschirli an. + + + + + Vierzehntes Capitel. + + +Unter der großen Menge anderer Reisenden, die sich allmählig in der +Chauderie zu uns gesellten, befand sich auch ein Trupp herumziehender +Tänzerinnen, Sutred-Haries genannt. Es waren ihrer sieben zusammen, wie +gewöhnlich von ihrem Tanzmeister (Chelcinbikarea) und ihrem Musikanten +(Juntries) begleitet. Nachdem sie sich in dem benachbarten Weiher +gebadet, und ihre Tanzkleider angelegt hatten, kam die erste Tänzerin +auf mich zu, überreichte mir einen Blumenstrauß und fragte, ob es mir +gefällig sey, ihre Gesellschaft tanzen zu sehen. Ich erwiederte ihren +Gruß, bestellte sie nach dem Abendessen wieder, und ward dafür von +allen Anwesenden mit Danksagungen überhäuft. -- »Der gute Herr! Der +große Herr!« -- tönte es in der ganzen Chauderie wieder; denn tanzen zu +sehen, ist für die Hindus, besonders für das weibliche Geschlecht, ein +höchst angenehmer Zeitvertreib. Kaum war ich nun mit dem Essen fertig, +als alles die Matten bei Seite schaffte, und einen großen Kreis um +mich schloß. Bald darauf erschienen die Tänzerinnen, hinter ihnen die +Juntries. Die Musik fieng an; die lieblichen Nymphen entschleierten +sich, und begangen den kunstreichsten Elfentanz. Sie waren aus Surate, +das von jeher für den Geburtsort der schönsten und vorzüglichsten +Tänzerinnen galt. Mit großem Vergnügen sah ich ihnen wohl eine Stunde +zu. + +Aber endlich war es Zeit aufzuhören; ich gab demnach das Zeichen dazu +-- »Genug, schöne Mädchen!« -- sagte ich im indischen Stil -- »Genug +für diesmal! -- Ihr habt mir mit eurem kunstreichen Tanze die höchste +Genüge gethan, und mein Herz mit Entzücken erfüllt. Gewiß, Rhambe (die +Göttin des Tanzes) selbst übertrifft euch nicht. Seyd ihr nicht zu sehr +ermüdet, so vergönnt mir, daß ich nun auch eure lieblichen Stimmen +hören kann!« -- Dieses Lob gefiel ihnen außerordentlich, zumal, da es +von einem Europäer kam. Sofort sezten sie sich in einen Halbkreis, und +sangen mir eine der schönsten indischen Romanzen, die Liebesgeschichte +des Prinzen Sondor, und der Prinzessin Biddrah vor. Dies dauerte bis +Mitternacht. Endlich machte ich der ersten Sängerin ein angenehmes +Geschenk, und entließ die ganze Truppe, höchst vergnügt über meine +Freigebigkeit. + +Alles eilte nun schlafen zu gehen, und ich selbst suchte meinen +Palankin auf. Kaum hatte ich aber einige Minuten geschlummert, als +ich durch ein leichtes Zupfen am Ueberhange wieder geweckt ward. -- +»Wer da?« -- rufte ich, indem ich denselben aufhob. -- »Ich bin es, +mein Herr!« antwortete eine leise Stimme -- »Die Daja (Aufwärterin) +der Sutred-Haries (Tänzerinnen). Ich bringe euch tausend Grüße von +dem lieblichen Mädchen, mit dem Kranze von weißen Rosen im Haar. Eure +Freundlichkeit hat ihr Herz geöffnet, wie sich die Lilie der Sonne +aufschließt. Empfangt diesen Betel; sie bereitete ihn selbst für euch. +Sie sizt zu den Füßen eures Lagers und erwartet euren Befehl!« -- + +Das liebliche Mädchen mit dem Kranze von weißen Rosen war mir +allerdings sehr erinnerlich. Es hatte bei seiner Jugend, Grazie und +Schönheit, einen sehr lebhaften Eindruck auf mich gemacht. Indessen +kannte ich die reisenden Tänzerinnen etwas genauer, beschloß daher auf +meiner Hut zu seyn, und fertigte die Daja mit einer ziemlich kalten +Antwort ab. + +»Wie, mein Herr!« -- erwiederte sie lebhaft -- »Ihr verschmäht die +schöne Mamia? -- Ich glaubte doch bemerkt zu haben, daß sie euch nicht +gleichgültig war. -- Was fürchtet ihr? -- Sie ist mein liebstes Kind, +und ihr seyd der erste, dem sie den Betel der Liebe[6] schickt.« + +Ich mußte lächeln -- »~In Wahrheit?~« -- fragte ich etwas +spöttisch -- »Aber seyd so gut, und laßt mich mit eurem Kampaak in +Ruhe, ich bitte euch darum.« -- Sie verbeugte sich tief und gieng. + +Als ich indessen am folgenden Morgen das schöne Mädchen noch einmal +sah, ward ich in meinem Innersten gerührt. Wie viel Liebreiz! Welche +Sehnsucht! Und welcher stille Schmerz! Ihre Augen schwammen in Thränen; +sie wandte ihr Gesicht von mir ab, und verschleierte sich. Wir brachen +auf, ich hoffte die Tänzerinnen nachkommen zu sehen; allein sie hatten +andere Stationen gewählt. + +Wir aßen Mittags zu Pondipitly, wo wegen eines Festes alles voll +Fröhlichkeit war. Unter andern sahen wir einen Schonir (eine Art +Bettelmönche), der die Flöte durch die ~Nase~ blies. Er steckte +nämlich zwei kleine, ungefähr anderthalb Spannen lange, Flöten in die +Nasenlöcher, und blies Prime und Secunde mit großer Fertigkeit darauf. +Nachmittags kamen wir bei einem schönen Ala[7] vorbei. Er mochte +ungefähr erst hundert Jahre alt seyn; gleichwohl bildete er mit seinen +unzähligen herabhängenden Aesten bereits ein grünendes Gewölbe, das +wenigstens tausend Schritte im Umfange hielt. Abends blieben wir in +Palpatte, wo eine der größten Chauderies von ganz Indien ist. + +Unsere lezte Tagereise bot wenig Merkwürdigkeiten dar. Wir begegneten +einer anderen Truppe Tänzerinnen, und ich dachte lebhaft an die +liebliche Mamia. Gegen fünf Uhr kamen wir in Carraconde an. Die +Chauderie war bereits völlig besezt, wir lagerten uns daher in einem +benachbarten Mangabusch. Um schneller Feuer zu bekommen, raffte ich +einige trockene Baumblätter auf. In dem Augenblicke fühle ich einen +stechenden Schmerz; ziehe die Hand zurück, sehe, daß eine schwärzliche +Schlange daran hängt, und verliehre das Bewußtseyn. + + + + + Fünfzehntes Capitel. + + +Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Feuer, von meinen Trägern +umringt. Sie fuhren fort, meinen Finger gegen die Flamme zu halten, um, +wie sie glaubten, das Gift heraus zu ziehen; während bereits nach dem +Schorpojan, oder Schlangenbeschwörer geschickt worden war. Bald darauf +kam der Bote mit der Nachricht zurück, daß derselbe abwesend sey. +Indessen brachte er dafür einen mohrischen Waitium (Arzt) mit. Dieser +besah meinen Finger mit großer Aufmerksamkeit, und erklärte mir ohne +Umschweife, daß ich allerdings nicht außer Gefahr sey. Indessen gab er +mir einen Löffel von einer höchst bittern Latwerge ein, versprach den +andern Tag wieder zu kommen, und nahm mit den Worten: Gott ist groß! +(Tambrane meharse!) Abschied von mir. + +Es währte keine halbe Stunde, als mich ein allgemeines Frösteln mit +heftigem Schwindel überfiel -- »Freunde!« -- rief ich mit gebrochener +Stimme. -- »Es ist vorbei! Ich sterbe! Lebt wohl! Lebt alle wohl!« -- +Alle schwiegen und weinten; ich fühlte wie es immer düsterer um mich +ward. Auf einmal hörte ich ein lautes Pfeifen neben mir. Ich schlug die +Augen auf, und erblickte dieselbe Schlange, von der ich gebissen worden +war. -- »Das ist sie! Das ist sie!« -- rief ich mit Entsetzen, während +sie langsam an einem vom Feuer beleuchteten Stamme herunterkroch. +Meine Leute betrachteten sie nun genauer, und versicherten einstimmig, +daß sie nicht giftig sey. Mein Schwindel verlor sich; ich athmete mit +leichterer Brust. + +Indessen nahm der Schmerz am Finger außerordentlich zu. Bald zeigte +sich der Anfang einer Entzündung, die allmählig die ganze Hand zu +ergreifen schien. Ich beschloß daher, auf den eigenen Rath des Waitiums +nach Naporlie zu gehen, wo ein berühmter Schorpojan wohnhaft war. Wir +kamen an, aber leider befand er sich nicht mehr daselbst. In dieser +verzweifelten Lage beschloß ich so schnell als möglich nach Madras zu +eilen, und brach auch wirklich am folgenden Morgen in aller Frühe auf. + +Aber welcher Unterschied! Meine Träger niedergeschlagen; ich von den +heftigsten Schmerzen gequält; mein Reisegefährte ebenfalls krank. +Schweigend und traurig zogen wir daher; das einförmige Hei! Hei! Hei! +der Träger[8] war alles, was von Zeit zu Zeit die melancholische +Stille unterbrach. So kamen wir Mittags nach Kalurie, wo wir ganze +Heerden calecuttischer Hühner sahen, und übernachteten bei Madupatte +unter Bäumen in freier Luft. Mein Schmerz war unerträglich; ich konnte +keine Viertelstunde ruhen; wir machten uns daher noch vor Sonnenaufgang +auf den Weg. + +Der Boden ward sandiger, die Landschaft kahler, die Bevölkerung +schwächer; alles kündigte die Nähe des Meeres an. Indessen fanden +wir doch noch ein sehr schönes Dorf, Anenabob genannt, wo zu Mittag +gegessen ward. Nachmittags passirten wir den Gondakama in einem +Sangarie (hohlen Cocosstamme) und kamen Abends nach Pandalur, das +ganz mit Betelgärten umgeben ist. Ich hatte eine sehr traurige +Nacht. Gegen Morgen indessen bekam ich einige Linderung, und durfte +einer erträglichen Tagereise entgegen sehen. Sie bot jedoch nichts +Merkwürdiges dar. Wir hielten Mittags zu Binganapilli an, und +übernachteten zu Aschacoldindi, das in der Nähe des Meeres liegt. +Die Chauderie war völlig leer; ich ließ daher meinen Palankin +hineinbringen, und fiel in einen tiefen Schlaf. + +Als ich am andern Morgen erwachte, war der Schmerz in meiner Hand +beinahe verschwunden, allein der Finger völlig fühllos, folglich der +Brand nur zu gewiß. Eilends rief ich meine Träger herbei. -- »Ich muß +nach Madras, Freunde« -- sagte ich -- »Nach Madras, oder es ist um mich +geschehen. -- Ich muß Tag und Nacht durch reisen, oder es ist keine +Hülfe mehr für mich!« -- + +Meine Kulies sahen einander an, und gaben dann einstimmig ihre +Einwilligung. -- »Ja Herr!« -- riefen sie -- »Wir wollen bei euch +aushalten; wir wollen euch nach Madras bringen, verlaßt euch darauf!« +-- Ich nahm nun noch sechs andere Träger, theils zum Ablösen, theils +zum Fackeltragen an, und die Reise ward fortgesezt. + +Dieser Tag war einer der traurigsten meines Lebens, dessen ich mich +erinnern kann. Er endigte jedoch mit einer Entdeckung, worüber +ich allen meinen Schmerz vergaß. Gegen vier Uhr Nachmittags kamen +wir nämlich durch Nebabpent, ein großes, wegen eines alten Tempels +berühmtes Dorf. Diesem Tempel gegen über war ein schöner Weiher, mit +einer Menge Badender angefüllt, worunter sich an dem einen Ende auch +ein Haufen junger Mädchen befand. Ziemlich flüchtig hatte ich auf diese +Gruppen hingeblickt, als ich plözlich einen durchdringenden Schrei +vernahm. Die Stimme schien mir bekannt, ich sah noch einmal hin, und +sah -- O gütiger Himmel! -- sah Mamia, die liebliche Tänzerin, die eben +aus dem Bade gestiegen war. + +»Halt! Halt!« -- rief ich den Trägern zu, sprang aus dem Palankin, +und flog auf das Mädchen zu. -- »O Mamia! Geliebte Mamia!« -- sagte +ich -- »Wie oft habe ich an dich gedacht!« -- Nie hatte ich sie so +reizend gesehen. Sie glich in ihrem feuchten, die schönen Glieder dicht +umschließenden Gewande, einer dem Meere entstiegenen Huldgöttin. -- +»O mein Herr!« -- erwiederte sie mit holdem Erröthen -- »Aller Augen +sind auf uns gerichtet!« -- »Wohl süße Mamia!« -- gab ich zur Antwort +-- »Ich spreche dich in der Chauderie.« -- Sie bejahte es mit einem +himmlischen Lächeln, und eilte mit ihren Gespielinnen zurück. Wir aber +nahmen so fort von der Chauderie Besiz. + + + + + Sechzehntes Capitel. + + +Indessen war ich nicht wenig verwundert, weder die Juntries +(Spielleute) noch die Bagage der Tänzerinnen daselbst zu sehen. War +es ein Mißverstand? Hatten sie einen andern Lagerplatz? -- Oder waren +sie plözlich abgereist? -- Beinahe fieng ich an ungeduldig zu werden, +als die Daja mit vielen Grüßen von Mamia erschien. Sie waren in einem +Mangabusche gelagert, in wenig Minuten würde sie bei mir seyn. Ich gab +der Alten einige Rupien, ließ noch mehr Lampen anzünden, und harrte des +lieblichen Mädchens am Eingange der Chauderie. Endlich erschien sie, +doch des Wohlstandes halber die Daja mit ihr. + +Sie verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen; allein das Klopfen ihres +Busens verrieth, wie sehr sie in Bewegung war. Ich führte sie sogleich +zu einem Teppich, und bot ihr Betel an. -- »Freue dich, schöne Mamia!« +-- sagte ich -- »Du bist gerächt!« -- Und hiermit erzählte ich ihr die +ganze Geschichte meiner Leidenschaft. + +»O mein Herr!« -- erwiederte sie -- »Ich habe sie längst entschuldigt. +Ich erkenne mein Schicksal, das mich auch in meiner Liebe verfolgt!« +-- So erklärte sie mir mit sanftem Erröthen den ganzen Zusammenhang. +-- »Mein Herz war immer bei Ihnen!« -- fuhr sie fort -- »Ich klage +niemand als mein Unglück an!« -- Sie war aus der Caste der Aerzte, +und nur aus Noth eine Tänzerin geworden[9], da sie sich nach dem Tode +ihrer Eltern gänzlich verlassen sah. Für meine Hand versprach sie mir +einen köstlichen Balsam zu bereiten, und eilte deshalb sofort zu dem +Lagerplatze zurück. + +Während ihrer Abwesenheit unterhielt mich die Daja sehr lebhaft von +ihr. Sie konnte mir nicht beschreiben, wie betrübt das gute Kind über +meine Gleichgültigkeit und meine Abreise gewesen war. Nach einer +kleinen halben Stunde war das liebliche Mädchen schon wieder mit dem +Balsam da, und verband meine Wunde mit vieler Geschicklichkeit. Ich +konnte mich nicht enthalten, sie an mein Herz zu drücken, und sie +erwiederte meinen Kuß mit Zärtlichkeit. + +»Ach!« -- rief sie wehmüthig aus -- »Das ist ja doch das Leztemal, daß +ich sie sehen kann!« -- »Das Leztemal?« -- fragte ich bestürzt -- »Wie +meinst du das lieblichste Mamia?« -- »Ach mein Herr! Ich fürchte es +wenigstens!« -- erwiederte sie, und erzählte nun, wie weder sie, noch +die Daja, noch irgend eine ihrer Gespielinnen jemals in Madras gewesen +sey. -- »Wie werde ich sie wiederfinden können?« -- fuhr sie fort -- +»Ach nimmermehr! -- Ich werde vor Sehnsucht sterben; ich fühle es.« -- +Ihre Thränen flossen; sie verbarg ihr Gesicht an meiner Brust. + +»Nein, bei Gott nicht!« -- rief ich mit Lebhaftigkeit aus -- »Bei Gott +nicht!« -- »Hier Mamia!« -- indem ich eine Ola[10] herausnahm. -- +»Hier Mamia, hast du Namen und Wohnung von drei Freunden, bei denen +du mich aufsuchen kannst.« -- Zu gleicher Zeit schrieb ich ihr noch +mein Speisehaus u. s. w. auf. -- »So wirst du mich nicht verfehlen, +liebstes Herz!« -- fuhr ich fort, und hatte die Freude, sie beruhigt zu +sehen. + +Mein Entschluß war gefaßt, Mamias Zukunft für immer bestimmt. Noch +eine Umarmung, und ich stieg in den Palankin. Meine Träger hatten fünf +Stunden geruht; mit brennenden Fackeln zogen wir zum Dorfe hinaus. Die +Nacht war still und schön; bald schlief ich unter den lieblichsten +Erinnerungen ein. Als ich am andern Morgen erwachte, lag die herrliche +Landschaft schon in vollem Sonnenglanz. Ich war sehr vergnügt; meine +Wunde ließ sich vortrefflich an. Sorgfältig goß ich von Zeit zu Zeit +neuen Balsam darauf. + +Mittags hielten wir in Jasurpalam, in einer etwas kleinen, aber sehr +reinlichen Chauderie an. Bald darauf kamen noch drei andere Reisende +zu uns. Es war ein Mr. Harclay mit seinem Intendanten und Secretär. +Er kam von Madras, und gieng als Gouverneur nach Mazulipatnam. Wider +Gewohnheit der Engländer war er sehr gesprächig, und lud mich zum +Mittagsessen ein. Er gestand mit vieler Offenherzigkeit, daß er blos, +um ein Paar Plumbs[11] zusammenzubringen, nach Ostindien gekommen sey. +Nach einigen Stunden brachen wir wieder auf, und ruhten dann die halbe +Nacht zu Kukenpuron. Am folgenden Morgen kamen wir zu Palliacatta, und +so am vierzehnten Tage zu Madras an. + + + + + Siebenzehntes Capitel. + + +Ich war bei meinem alten Freund ~Frank~ abgetreten, und lernte +durch diesen einen französischen Arzt, Namens ~Beißer~ kennen, +der seiner Geschicklichkeit wegen, in großem Rufe stand. Doctor Beißer +besah meine Wunde, zuckte die Achseln, nahm einige Operationen vor, +und legte einen neuen Verband an. Nur Mamias Balsam mußte ich es +verdanken, wenn noch Möglichkeit zur Rettung vorhanden war. Während +wir so von meinen Abentheuern sprachen, kam endlich Doctor Beißer auf +meinen Namen zurück. + +»Aber Haafner! Haafner!« -- sagte er -- »Der Name kommt mir so bekannt +vor. War ihr Vater vielleicht aus Kolmar?« -- Ich bejahte es. -- »Und +ihr Großvater Bürgermeister daselbst?« -- »Ganz richtig!« -- erwiederte +ich -- »Nun so seyn Sie mir herzlich willkommen, liebster Vetter« -- +rief er auf einmal zu meiner Verwunderung aus, und umarmte mich. -- +»Ihres Vaters Schwester war meine Schwiegermutter; ich bin ebenfalls +aus dem Elsaß.« -- Nun ruhte der gute Mann nicht länger; ich mußte noch +denselben Tag zu ihm ziehen. + +Er war von Isle de France hierher gekommen, und hatte sich durch +einige glückliche Kuren, in kurzer Zeit eine sehr ansehnliche Praxis +verschafft. Dies sezte ihn in den Stand auf einem höchst glänzenden +Fuße zu leben, so daß sein Haus den reichsten Kaufmannshäusern ähnlich +war. Unter seiner Aufsicht ließ sich nun meine Wunde immer besser an, +und heilte endlich vollkommen zu. Auch das hatte ich also im Grunde dem +lieben Mädchen zu danken, deren Ankunft ich sehnsuchtsvoll entgegensah. + +Bald waren indessen vierzehn Tage vergangen, und noch immer hatte +ich keine Nachricht davon. Doch endlich kam ein Juntrie, und brachte +mir tausend Grüße von ihr. Ich folgte ihm außerhalb der Stadt in ein +Wäldchen, wo die ganze Truppe gelagert war. Wenig Minuten und Mamia +sank mit süßem Erröthen an meine Brust. -- Ich erfuhr nun, daß ihre +Ankunft blos durch eine Unpäßlichkeit der Daja verzögert worden war, +und daß sie die Gesellschaft verlassen könnte, so bald ich es für +dienlich hielt. + +»Wohlan denn, liebstes Herz!« -- sagte ich -- »Das soll den Augenblick +geschehen!« -- Und so bat ich sie, mich in die Stadt zu begleiten, +und die für sie bestimmte Wohnung zu besehen. Ich hatte ihr nämlich +in einem malabarischen Hause, bei einer alten Wittwe, ein Paar artige +Zimmer gemiethet, und auch für eine Aufwärterin gesorgt. So brachen +wir auf; ein Juntrie trug die Sachen des lieben Mädchens, und ehe zwei +Stunden vergiengen, war alles in Ordnung gebracht. Noch denselben Tag +nahm ich das erste Abendessen bei dem holden Mädchen ein. -- Von nun an +war der Tag meinen Geschäften, der Abend meiner Liebe geweiht. Doch, +ehe wir Madras verlassen, noch einige Bemerkungen über diese Stadt. + +Madras, von den Eingebornen Tschinepatnam (Chinesenstadt) genannt, wird +in die weiße und schwarze Stadt eingetheilt. Jene von vier bis fünf +hundert Häusern, und mit einer Menge großer Magazingebäude, befindet +sich in der Mitte der starkbefestigten Citadelle, Fort St. George +genannt, das hart am Strande liegt. Diese, durch einen großen Plaz +davon getrennt, hat ungefähr eine Stunde im Umfang. Die weiße Stadt +ist der Siz der Regierung, auch wohnen die vornehmsten und reichsten +Leute daselbst. Die schwarze Stadt wird hauptsächlich von Malabaren, +Armeniern, Mestizen u. s. w. bewohnt, doch trifft man auch hier viel +Engländer an. + +Die englischen Häuser in der weißen, so wie die armenischen in der +schwarzen Stadt, zeichnen sich durch ihren Umfang und ihre Nettigkeit +aus. Sie sind von Quadern oder Backsteinen, glänzend weiß angestrichen, +und mit Balkons, und platten Dächern versehen. Glasfenster findet man +nirgends, wohl aber welche von Bambusfäden, auch sogenannte Jalousien; +die malabarischen Häuser u. s. w. in der schwarzen Stadt sind äußerst +einfach, und haben alle nur ein Erdgeschoß. + +Der Boden von Madras ist dürres Sandland, wo man nur mit Mühe einige +Produkte ziehen kann. Das Wasser ist schlecht. Man muß sich mit +Brunnen- und Teichwasser behelfen, weil das Seewasser alle Quellen +verdirbt. Die Rhede ist unsicher; die Schiffe befinden sich wie +in offener See, zumal bei Veränderung des Moußon (Jahreszeit). +Ehedem mußten daher die englischen Kriegsschiffe, vor Eintritt des +Regenmonßon, immer nach Bombay abgehen, und die englischen Besitzungen +auf der Küste, blieben allen feindlichen Angriffen von Trinconomale +(auf Ceylon) ausgesezt. Seitdem sich aber die Engländer dieses +wichtigen Punktes, so wie der ganzen reichen Insel bemächtigt haben, +können sie nicht nur ihre Flotten in der Nachbarschaft überwintern +lassen, sondern auch vor jedem Angriffe sicher seyn. Die englischen +Einwohner von Madras leben im Allgemeinen auf einem sehr glänzenden +Fuß. Der Gouverneur giebt den Ton an, und alles ahmt ihm nach, so +weit es möglich ist. Dieser asiatische Pomp zeigt sich vorzüglich in +einer zahlreichen Dienerschaft, in glänzenden Equipagen, in prächtigen +Wohnungen, in schönen Gartenhäusern, in einer vortrefflichen Tafel +und einer großen Gastfreiheit. Freilich sezt dies sehr ansehnliche +Einkünfte voraus; allein diese fehlen auch nicht. Sowohl die höhern, +als die niedern Compagniebeamten beziehen sehr hohe Gehalte, und +erwerben überdem durch Handelsgeschäfte außerordentlich viel. Die +eigentlichen Kaufleute, die Mäkler, die Aerzte und Wundärzte, die +Advokaten u. s. w. alle häufen in kurzem ansehnliche Reichthümer auf. + +Mit Anbruch des Tages, d. h. um fünf Uhr Morgens steht man auf, und +fährt oder reitet spazieren bis gegen acht Uhr, wo gefrühstückt wird. +Dies ist zugleich die beste Zeit, wo man jedermann zu Hause treffen, +und Geschäfte machen kann. Die Büreauarbeit hat von neun bis zwei +Uhr statt. Jezt wird gespeist, worauf die Siesta (Nachmittagsschlaf) +folgt. Um fünf Uhr fangen die Assembleen an. Um neun Uhr wird zu +Abend gegessen, was hier die Hauptmahlzeit ist. Selten pflegt man vor +Mitternacht, in der Regel, erst gegen ein Uhr schlafen zu gehen. + +Ein stehendes Theater giebt es nicht, doch finden zuweilen +Vorstellungen von Liebhabern statt. Dafür werden desto mehr +Pferderennen mit indischen und arabischen Pferden gehalten, wozu +man die kühlen Morgenstunden wählt. Gelegenheit zu Landparthien u. +s. w. giebt es mancherlei, z. B. nach dem St. Thomasberge, wo noch +ein portugiesisches Kloster ist, nach Emnore, wo man das Seebad +brauchen kann, nach Meliapar, wo sehr viel artige Landhäuser sind, und +dergleichen mehr. + +Eines der angenehmsten Ereignisse für Madras ist die Ankunft eines +~Indiaman~, oder großen Compagnieschiffes, wovon die meisten auf +vier und dreißig Canonen gebohrt sind. Dann ist alles voll Leben und +Thätigkeit, und überall werden die neu angelangten Waaren zum Verkaufe +ausgestellt. Die Beamten der Compagnie haben dabei den Vortheil, daß +ihnen Tuch und Maderawein für den Facturenpreis überlassen werden +muß. Sehr angenehm ist auch die Ankunft der großen Chinafahrer auf +ihrer Rückreise nach England. Sie bringen die schönsten Seidenzeuge, +Nankins, Frauenzimmerschuhe, Porcellanwaaren, Gemälde, Fächer, +Spielsachen u. s. w. mit. + + + + + Achtzehntes Capitel. + + +Ich kehre zu meiner Geschichte zurück. Meine Verhältnisse erlaubten +mir, meiner Neigung zum Landleben zu folgen, und mich von allen +Geschäften völlig zurückzuziehen. Allein um dieses ausführen zu können, +mußte ich durchaus noch eine Reise nach Pondichery machen, wo ich in +weitläuftigen Verbindungen stand. Theils der Ersparniß, theils der +Schnelligkeit wegen, beschloß ich diesmal zu Wasser zu gehen, und +brachte den Abend vor der Abreise, wie gewöhnlich bei Mamia zu. + +Sie war mit meinen Angelegenheiten bekannt; sie wußte wie nothwendig +diese Reise war. Kaum hörte sie mich aber vom Schiffe sprechen, als +sie zu weinen anfieng. Sie fürchtete das Meer, sie bat mich aufs +zärtlichste, zu Lande zu gehen. Allein es ließ sich nun nicht ändern, +ich suchte sie daher zu beruhigen, und verließ sie endlich nach +Mitternacht. Jezt nach einigen Stunden Ruhe begab ich mich an den +Strand, um mit einer Chialeng (Ruderboot) nach dem Schiffe zu fahren, +das bereits auf der äußeren Rhede lag. + +Indem ich mich der Chialeng näherte, erblickte ich zwei Frauenzimmer +dabei, und erkannte sie bald für Mamia und ihre Begleiterin. -- »Herz +meines Herzens!« -- sagte sie -- »Ich mußte dich noch einmal sehen! Ich +wollte dich um Erlaubniß bitten, dich auf das Schiff zu begleiten; es +ist mir, als würde ich dann ruhiger seyn!« -- + +Vergebens suchte ich ihr dies auszureden, besonders der ungewöhnlich +hohen Brandung wegen; sie bat nun noch dringender darum -- »Gerade +deswegen!« -- fuhr sie fort -- »Wenn dir ein Unglück begegnet, bin ich +wenigstens bei dir!« -- So willigte ich endlich ein, um ihr nicht wehe +zu thun. + +Allein, wie groß war mein Erstaunen, als ich die Chialeng fast ganz mit +Waarenballen angefüllt sah. -- »Was ist das?« -- fragte ich unwillig +-- »Ist das unserm gestrigen Accorde gemäß?« -- Der arme Tandel +(Steuermann) erzählte mir nun, daß die Chialeng von dem Hafenmeister +gepreßt worden sey. Wirklich trat auch in dem Augenblick ein Seecadet +auf uns zu, und befahl ihm ungestüm in See zu gehen. + +Ich fühlte, daß gegen Gewalt nichts auszurichten war, und schränkte +mich daher blos auf Vorstellungen ein. -- »Die Brandung geht zu hoch! +Es ist unmöglich, daß die schwere Chialeng hinüber kommt.« -- Der arme +Tandel bestätigte es -- »Gott ist groß!« -- sezte er bedeutend hinzu -- +Allein vergebens, der junge tollkühne Midshipmann bestand darauf. + +Was sollte ich thun? Alle meine Papiere befanden sich bereits an Bord. +Wenn ich das Schiff absegeln ließ, war ich völlig ruinirt. Noch stand +ich unschlüßig, als Mamia beherzt in die Chialeng sprang, und so alles +entschied. Wir waren nun nebst den sechs Ruderern vier Passagiere +zusammen, indem außer dem Seecadet, noch eine alte Mestize dazu +gekommen war. + +Allein kaum hatten wir uns einige Klaftern vom Ufer entfernt, als die +Chialeng kaum eine Hand breit Bord behielt. Ich winkte daher meinem +Dobasch (Bedienten) der am Ufer stand, uns ein Paar Kattamarans (kleine +Flöße) nachzuschicken, was auch sofort bewerkstelligt ward. Indessen +wälzte sich bereits die erste Woge mit donnerndem Getöse gegen die +Chialeng. Der Tandel that sein möglichstes derselben auszuweichen; +dennoch stürzte sie zum Theil auf uns herab, und die Chialeng sank bis +auf einige Zoll ins Wasser. Jeder Augenblick war kostbar -- »Komm, +Mamia!« -- rief ich, und sprang mit ihr Hand in Hand über Bord. -- +Indem brach die Brandung wie ein niederschmetterndes Gewölbe über mich +her. Als ich wieder empor kam, war die Chialeng verschwunden, und Mamia +befand sich dicht hinter mir. Muthig schwammen wir nunmehr dem Ufer zu, +das ungefähr nur noch hundert Schritte von uns entfernt war. + +Plözlich fühlte ich mich in die Tiefe gezogen, und erblickte mit +Entsetzen die alte Mestize, die sich an meinen Kleidern festhielt. +Vergebens suchte ich mich loszureißen; sie hatte mich im Todeskampfe +gefaßt. -- »O Mamia!« -- rief ich -- »Ich bin verloren! Rette dich!« -- +»Nein!« -- erwiederte sie -- »Ich verlasse dich nicht.« -- In diesem +Augenblicke stürzte die lezte Brandung über uns her, und ich verlor das +Bewußtseyn. + +Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Strande, von einer Menge +Menschen umringt, in einem Palankin. Ich erblickte meinen Dobasch, und +fragte nach Mamia. -- »Sie ist gerettet, lieber Herr!« -- erwiederte +er. -- Freudig hieß ich ihn nach dem Schiffe fahren, um meine Sachen +zu holen, und ward so glücklich nach Hause gebracht. Bald kam mein +Dobasch mit den Coffres zurück. Jezt erfuhr ich, wie alles zugegangen +war. Mamia hatte mich mit unsäglicher Anstrengung emporgehalten, bis +uns der eine Kattamaran zu Hülfe kam. Indem wir so sprachen, flog sie +mit einem lauten Schrei in meine Arme, und drückte mich aufs innigste +an sich. Zu ihrer großen Freude beschloß ich nun zu Lande zu gehen. + +Alle Anstalten waren gemacht; Mamia lag zum leztenmale an meiner Brust. +-- »Ach!« -- sagte sie weinend -- »Ach Freund meiner Seele, komm so +bald als möglich zurück, wenn ich dich noch einmal sehen soll!« -- +»Hier, hier schmerzt es« -- indem sie die Hand an ihr Herz legte +-- »Ich fürchte, du findest mich todt!« -- Es war ein wehmüthiger +Abschied. -- Nach einem langen, heißen Kuße riß ich mich endlich los. + + + + + Neunzehntes Capitel. + + +Es war gerade drei Uhr Nachmittags; langsam zogen wir durch den +Schattengang, der von Madras nach St. Thomas (indisch Maliapur) führt. +Hinter diesem Dorfe fingen die Verwüstungen des lezten Krieges +an, alles war daher mit Ruinen bedeckt. Zum Glück hatten wir uns +hinlänglich mit Lebensmitteln versehen. + +Am dritten Tage kamen wir durch das Thal Maweliewarom, das seiner +wunderbaren Ruinen wegen berühmt ist. Man sieht hier nämlich eine +Reihe von Tempeln, Piramiden, Chauderies, Gewölben u. s. w., die +sämmtlich aus einem Stücke in den Felsen gehauen sind. Mit Ehrfurcht +betrachtet man diese Ueberreste einer eben so kühnen, als romantischen +Architektur, aus den ersten Jahrtausenden der Welt. + +Am merkwürdigsten sind sieben Tempel, die sich in gerader Linie, einer +hinter den andern, vom Strande aus, über eine Meile weit, ins Meer +hinausziehen. Der erste steht beinahe noch ganz auf dem Lande, das +Wasser steigt nur bei sehr hohen Fluthen hinein. Die vier folgenden +ragen immer weniger, die zwei lezten fast gar nicht aus dem Meere empor. + +Noch weiter in den See hinaus, erblickt man eine Menge ähnlicher +Ruinen, die bei hohem Wasser sehr gefährlich sind. Die sieben Pagoden +von Maweliewarom, pflegen daher auf allen Seekarten bemerkt zu seyn. + +Alle diese ungeheuren Gebäude hält man für die Ueberreste einer +der ältesten und größesten Städte von Indien, deren Geschichte +indessen in tiefer Nacht verborgen liegt. Blos ein berühmtes +indisches Heldengedicht (Mahebaroth) erwähnt des mächtigen Königs +Joudishter, der daselbst residirt haben soll. Wie dem indessen +auch seyn mag; die Aufführung solcher Massen beweißt einen hohen +Grad artistisch-scientifischer Cultur. Das Ganze muß übrigens von +unermeßlichem Umfange gewesen seyn, da nicht nur das Thal, sondern +auch ein so beträchtlicher, jezt vom Meere verschlungener, Küstenstrich +damit bedeckt war. Mitten unter diesen Denkmälern längstverschwundener +Generationen, findet man ein kleines, meistens von Braminen bewohntes +Dorf, an dessen Eingange die Chauderie steht. + +Indessen pflegen nur wenig Reisende hier zu übernachten, weil alles +mit Tigern, Schakals u. s. w. angefüllt ist. Da wir uns aber zu lange +aufgehalten hatten, schien es noch weniger räthlich, in der Dämmerung +weiter zu gehen. Wir beschlossen daher, vor der Chauderie ein großes +Feuer anzuzünden, und wechselweis dabei Wache zu halten, wo mich dann +nach dem Abendessen die erste Wache traf. + +Es war fast Mitternacht, der Mond gieng hinter den waldigen Gebirgen +unter, und goß sein schwindendes Licht auf die gigantischen Ruinen +einer Pagode herab. Bald lag nun alles in Dunkelheit; kein Lüftchen +wehte; kein Blättchen rauschte; selbst das Heulen der Schakals +hatte aufgehört. Da starrte ich hinaus in die schwarze Nacht, und +auf das einsame Thal, wie auf das Grab einer entschlafenen Welt. +O Menschenleben! O Menschengröße! Augenblicke -- Jahrtausende! -- +~Ein~ Tropfen aus dem Ocean der Ewigkeit. + +Am sechsten Tage kam ich durch lauter verwüstete Gegenden in Pondichery +an, und fand in dem deshalb bezeichneten Wirthshause bereits einen +Brief von Mamia, der den Tag nach meiner Abreise abgegangen[12] +war. Sie schrieb mir in den zärtlichsten Ausdrücken, und hoffte +mich unverzüglich wieder zu sehen. Ihre Brustbeschwerden schienen +zuzunehmen, doch war sie im übrigen vollkommen wohl. Ich selbst ward +aber leider nunmehr von einem Fieber befallen, das mich nun alle Tage +im Bette hielt. Unterdessen hatte ich dem lieben Mädchen geantwortet, +und ihr versprochen, in zehn, zwölf Tagen wieder in Madras zu seyn. + +Schon stand ich jezt im Begriffe, meine Rückreise anzutreten, als +ich von meinem Dobasch einen Brief mit der Nachricht erhielt, daß +Mamia plözlich verschwunden sey. Ein Gunekare (Wahrsager) hatte ihr +einige Tage vorher, ihren Horoscop gestellt, und ihr die nahe Trennung +von ihrem Geliebten vorhergesagt. Seit diesem Augenblick hatte sie +unaufhörlich geweint, und ihre Brustschmerzen dadurch vermehrt. In +ihrem Zimmer war jedoch nicht die mindeste Anzeige von einer Reise zu +finden; im Gegentheile waren Juwelen, Kleider u. s. w. in der besten +Ordnung. Ich gestehe es, ich erschrack über diese Nachricht so sehr, +daß ich mich kaum zu fassen im Stande war. + +So hatte ich einige Tage in großer Unruhe zugebracht, als eines +Abends ein Malabar bei mir erschien, der gerade von ~Omur~ kam. +Er brachte mir Nachrichten von Mamia; sie war krank, und befand +sich in dem Hause seiner Mutter, die ebenfalls von der Caste der +Tänzerinnen war. -- »Wie?« -- rief ich mit wehmüthiger Freude aus: -- +»Krank, und zu Omur?« -- »Ja Herr!« -- erwiederte der Juntrie, und +erzählte mir den Zusammenhang. Mamia kam wirklich von Madras, und +wollte nach Pondichery. Sie hatte diese Reise so eilig angetreten, daß +sie nun gefährlich darnieder lag. Die Daja hatte den Juntrie auf ihr +ausdrückliches Verlangen abgeschickt: -- »Sie wünsche mich vor ihrem +Tode nur noch einmal zu sehen.« + +Man denke sich meine Empfindungen. -- Soviel Liebe, soviel +Anhänglichkeit! Und ich sollte ~sie~ verlieren, die mein Alles +war! -- Schnell ließ ich einen Palankin kommen, reiste die ganze Nacht, +und kam schon Morgens um sieben Uhr zu Omur an. Da stand ich nun mit +klopfendem Herzen vor dem kleinen malabarischen Häuschen, das meine +geliebte Freundin verbarg, während der Juntrie hineingegangen war, und +der Daja von meiner Ankunft Nachricht gab. + +Die gute alte Frau erschien, und erzählte mit thränenden Augen, wie +alles zugegangen war. Mamia hatte seit meiner Abreise keinen ruhigen +Augenblick gehabt. Nichts war im Stande gewesen, sie von der Reise nach +Pondichery abzubringen; sie wollte, sie mußte mich noch einmal sehen. +Aber am fünften Tage hatte sie ein heftiges Fieber bekommen, und war +halbtodt in Omur angelangt. + +Der Juntrie kam uns jezt zu sagen, daß Mamia aufgewacht sey. Die Daja +gieng hinein, sie auf meine Ankunft vorzubereiten; ich hörte meinen +Namen nennen, und folgte ihr auf dem Fuße nach. Mamia lag auf einer +Matte ausgestreckt. Ihr himmlisches Gesicht war todtenbleich; ihr +ganzes Ansehen zeigte die höchste Erschöpfung an. Aber kaum ward sie +mich gewahr, so richtete sie sich auf, und breitete ihre Arme nach mir +aus. -- »Ach mein bester Freund!« -- rief sie mit heißen Thränen -- +»Wie bist du so gut! -- Nun will ich gern sterben, habe ich dich doch +noch einmal gesehen!« -- + +Ich suchte sie zu trösten, aber vergebens -- »Ach Gott!« -- fuhr sie +fort -- »Nein! Für mich ist keine Hülfe mehr, ich fühle es nur zu gut! +Mein Schmerz ist tödlich; meine Augenblicke sind gezählt! Geliebtester! +Ich habe nur noch eine Bitte an dich!« -- + +»Und was soll ich für dich thun, o Einzige meines Lebens« -- sagte ich. +-- + +»Du bist mir Alles! Ich habe keinen Freund als dich! Zünde du meinen +Scheiterhaufen an!« -- + +Ich versprach es ihr -- Sie legte ihr Haupt an meine Brust, und hob +ihre brechenden Augen noch einmal voll Zärtlichkeit zu mir empor. -- +»Leb wohl, Geliebtester! -- Leb ewig wohl!« -- Dies waren ihre lezten +Worte, und so entschlummerte sie. + +Nichts von meinen Empfindungen; einen solchen Schmerz hatte ich +noch nie gefühlt. Das holde theure Mädchen war das Opfer ihrer +Zärtlichkeit. Erst seit jenem schrecklichen Tage, wo sie mich rettete, +hatte sie über Brustbeschwerden geklagt. + +»Theure, geliebte Seele!« -- rief ich mit heißen Thränen -- »Ach! Ohne +dich ist das Leben nur eine Marter für mich!« -- Traurig vergieng der +Tag; die Braminen richteten alles zum feierlichsten Begräbnisse ein. +-- Zum leztenmal sah ich das himmlische Gesicht -- die Flamme loderte +auf -- der unsterbliche Theil meiner Geliebten stieg zu Brama empor. -- +Lebt wohl, ihr Gestade Ostindiens! -- Ich kehrte nach Pondichery, und +bald darauf nach Europa zurück! + + + + + Zweite Abtheilung. + + + ~Ch. Fr. Tombe.~ + + + + + ~Quelle.~ + + + =Voyage aux Indes Orientales etc. par ~Ch. Franc. Tombe.~ + + Paris VI. Vol. 8. 1810.= + + + + + ~Erstes Capitel.~ + + +Ich war Ingenieur-Capitain, und hatte seit 1796 bei der Nord- und +Rheinarmee alle Feldzüge mitgemacht. Allein nach dem Frieden von Amiens +(1802) ward ich auf Pension gesezt, was für mich, als Familienvater, +sehr traurig war. Ich suchte nun irgend eine passende Stelle zu +erhalten, meine Bemühungen hatten jedoch keinen Erfolg. Endlich ward +ich mit einem Kaufmanne aus Isle de France bekannt, der daselbst +ansehnliche Plantagen besaß. Er that mir den Vorschlag, ihn dahin zu +begleiten, versprach mich als Supercargo nach Ostindien zu senden, und +bestimmte mich ohne viel Mühe zur Annahme seines Antrags. Ich erbat, +und erhielt hierauf den nöthigen unbestimmten Urlaub, wieß meiner +Familie inzwischen meine Pension an, und schiffte mich endlich am 24. +September 1802 mit meinem neuen Freunde, nach unserer Bestimmung ein. + +Unsere Ueberfahrt bis nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung bot wenig +Merkwürdiges dar. Wir waren neun und dreißig Passagiere, worunter +fünfzehn Frauen, an Bord, so daß es gar sehr an Bequemlichkeit gebrach. +Am 25. December Vormittags um 4 Uhr, erreichten wir das Cap, wo noch +die englische Flagge wehte, aber auch eine holländische Flotte vor +Anker lag. Wie gewöhnlich, kamen sofort zwei Gesundheitsbeamten u. s. +w. zu uns, ließen uns sämmtlich die Musterung passiren, und erlaubten +uns, nach einer kurzen Berathschlagung ans Land zu gehen. Wir hörten +jezt, daß der englische Gouverneur, General Dundas, das Cap an die +Holländer zurückzugeben im Begriffe war. + +Was ich über die Capstadt sagen könnte, ist bekannt; überdem war mein +Aufenthalt äußerst kurz. Die Uebergabe war auf den 1. Jan. 1803 +festgesezt, die Einwohner bereiteten eine Menge Feierlichkeiten vor. +Plözlich am 31. December Nachmittags kam eine englische Corvette an. +Sie hatte die Reise von Plymouth in neun und fünfzig Tagen gemacht, +und brachte wichtige Depeschen an den General Dundas mit. Er erhielt +nämlich Befehl, die Uebergabe aufzuschieben, wenn es noch irgend +möglich sey. Schon waren fünfzehnhundert Mann von den englischen +Truppen eingeschifft, und sollten in einigen Tagen nach Ostindien unter +Segel gehen. Vier und zwanzig Stunden später, und Alles hätte eine +andere Gestalt gehabt! So aber wurden die Truppen wieder ausgeschifft, +die Posten verdoppelt, und die Holländer in die Caserne gesperrt. Die +Bestürzung der Einwohner war unbeschreiblich. + +Bald darauf verbreitete sich das Gerücht vom nahen Ausbruche eines +neuen Krieges, und einem provisorischen Embargo. In diesem Falle +wartete unserer förmliche Kriegsgefangenschaft. Zum Glück ward +indessen dem Capitain abzusegeln erlaubt. Wir begaben uns daher +noch denselben Abend wieder an Bord. Endlich am 2. Januar kamen wir +glücklich in See, und am 6. Februar liefen wir in Port Louis, auf Isle +de France ein. So hatten wir die ganze Reise in fünftehalb Monaten +gemacht. + +Während dieser Zeit war mir mein neuer angeblicher Freund bereits nicht +wenig verdächtig geworden, aus Gründen, die ich eher andeuten, als +sagen kann. Wirklich fand ich mich auch bei meiner Ankunft auf Isle de +France sehr bitter getäuscht; jedermann rieth mir von dieser Verbindung +ab. Ich trennte mich daher augenblicklich von ihm, und dachte auf eine +Unternehmung auf eigene Hand. Ein Pariser Freund hatte mir mehrere +Wechsel auf hiesige Häuser anvertraut. Ich beschloß Waaren dafür +einzukaufen, und damit nach Pondichery zu gehen. Allein die Schuldner +waren nicht zahlungsfähig; man denke sich daher meine Verlegenheit. +Noch war ich dem Capitain achtzehnhundert Livres für meine Ueberfahrt +schuldig, und hatte keinen Sol zu meinem Unterhalt. Das einzige, +worauf ich hoffen konnte, war eine Anstellung in Pondichery, zu dessen +Besizergreifung Admiral Linois eben abgegangen war. Unterdessen nahm +ich eine Hofmeisterstelle in einem Hause an, wo ich die liberalste +Behandlung fand. + +So waren an sechstehalb Monate vergangen, als mein Schicksal plözlich +eine andere Wendung bekam. Am 17. August Morgens lief nämlich die +französische Fregatte la belle Poule, Capitain Bouillac, hier ein. +Sie gehörte zur Division des Admirals Linois, und überbrachte die +Nachricht, daß die Uebergabe von Pondichery verweigert worden sey. +Da dies den nahen Ausbruch eines neuen Krieges anzudeuten schien, +ward sofort auf den Batterien Alles in Vertheidigungsstand gesezt. +Nachmittags um zwei Uhr ankerte der Admiral selbst mit seiner ganzen +Division. Wenig Tage nach seiner Ankunft auf der Rhede von Pondichery +hatte er nämlich Depeschen aus Frankreich erhalten, mit dem Befehle, +sogleich nach Isle de France unter Segel zu gehen. Dem zu Folge hatte +er in der Nacht die Anker gekappt. Am Bord des Admiralschiffes, befand +sich der nach Pondichery bestimmte Generalgouverneur Decaen, und der +Colonialpräfect Leger, dessen Familie zu Pondichery zurückgeblieben +war. Niemand zweifelte mehr am Kriege; doch wußte Niemand etwas +Gewisses davon. Endlich am 28. August kam der Cutter le Berceau, +Capitain Holgan von l'Orient an, und brachte die officielle Bestätigung +mit. Zugleich war der General Decaen zum Generalgouverneur aller +französischen Besitzungen, östlich vom Cap, folglich auch von Isle de +France ernannt. Durch ihn, der sich meiner wohl erinnerte, ward ich +wieder bei dem Ingenieurcorps angestellt. Dabei erhielt ich den Befehl, +mich zu einer geheimen Expedition bereit zu halten, die eben im Werke +war. + + + + + Zweites Capitel. + + +Am 9. October bekam ich Befehl mich einzuschiffen, und zwar an Bord +der Corvette Le Berceau, Capitain Helgan. Die Expedition bestand +aus dem Marengo von 80 Kanonen und einigen Fregatten, sämmtlich +unter dem Commando des Admirals Linois. An Landtruppen hatten wir +ein Bataillon bei uns; der Ort unserer Bestimmung indessen war noch +ungewiß. Unterdessen kamen wir glücklich in See. Hier öffneten die +Commandanten ihre versiegelten Befehle, und nun ward alles bekannt. +Der Admiral sollte eine Zeitlang in den indischen Gewässern kreuzen, +die englische Faktorei auf Sumatra zerstören, und dann nach Batavia +gehen. Hier sollten die Truppen, dem Verlangen der Holländer gemäß, als +Hülfstruppen bleiben, wie es schon einmal der Fall gewesen war. + +Unser Kreuzzug war indessen, wie es meistens zu gehen pflegt, einförmig +genug. Wir verloren ein Paar Matrosen; wir hatten einige Windstöße +auszuhalten; wir machten mehrere zum Theil sehr reiche Prisen, und +dergleichen mehr. Am 1. December bekamen wir die Insel Sumatra zu +Gesicht; am 2. näherten wir uns der Bay von Bencoule, am 3. in der +Nacht griffen wir die daselbst befindliche Schiffe an. Drei wurden +genommen, die übrigen fünf verbrannt. Zugleich wurden sämmtliche +Magazine der Faktorei zerstört. Am meisten schien uns zu statten zu +kommen, daß man überrascht ward, und uns anfangs selbst für Landsleute +hielt. + +Am 12. December Morgens näherten wir uns der Rhede von Batavia, +und wurden von dem kleinen Fort auf der Insel Onruß, wo sich die +Kompagniewerfte befinden, sehr feierlich begrüßt. Indessen machten +die Schiffe auf der Rhede eilige Anstalten unter Segel zu gehn. +Wahrscheinlich sahen sie uns für Engländer an, denn ihre Bewegungen +verriethen Aengstlichkeit. Um sie zu beruhigen, schickte der Admiral +unsere Corvette ab. Wir sezten zu diesem Ende Segel auf Segel bei, +und so war in kurzem die Wachtfregatte erreicht. Nachdem wir diese +unterrichtet hatten, machte sie einige Signale, und alle Schiffe zogen +ihre Flaggen auf. Bald war die Ruhe wieder hergestellt, und die ganze +Division konnte vor Anker gehn. + +Wir Offiziere hofften schon den Nachmittag an's Land zu kommen, sahen +uns aber sehr unangenehm getäuscht. Die holländischen Behörden fanden +die Forderungen unseres Kommandanten übertrieben, wollten nichts von +überzählichen Offizieren wissen, und machten Schwierigkeiten aller +Art. Es zeigte sich nachher, daß dies alles von dem holländischen +Oberkommandanten, dem Brigadier Sandoley, einem Schweizer, herkam, +der das ganze Vertrauen des Generalgouverneurs Syberg besaß, und ein +geschworner Feind der Franzosen war. Auf diese Art vergiengen acht +Tage, ehe eine Uebereinkunft wegen des Soldes, der Verpflegung u. s. +w. zu Stande kam. In Folge derselben wurden wir endlich ausgeschifft, +worauf ich meinen Dienst als wirklicher Ingenieur-Capitain antrat. + +Die Lage von Batavia ist bekannt. Eben so weiß jedermann, daß es eine +der größten und reichsten Städte in ganz Asien, und der Mittelpunkt +aller holländisch-ostindischen Besitzungen ist. Endlich giebt es von +der regelmäßigen Bauart, den Kanälen, Alleen, Spaziergängen u. s. +w. Beschreibungen in Ueberfluß. Ich füge daher nur einige, weniger +bekannte Bemerkungen hinzu. Das Clima von Batavia ist an und für sich +selbst nicht ungesund, es wird nur bei der Lage und den Umgebungen der +Stadt so mörderisch. Die vielen Canäle mit stehenden Wasser, worein man +allen Unrath wirft, der morastige Boden, endlich die große Moderbank +vor der Mündung des Jacatra[13], sind die vornehmsten Ursachen davon. +Die kleinste Unordnung in der Diät, die kleinste Erkältung u. dgl. +zieht meistens ein tödtliches Fieber nach sich, der Kranke legt sich, +verliert nach fünf bis sechs Stunden die Besinnung, und ist nach andern +sechs Stunden todt. + +Wahr bleibt indessen, daß man bei einer ungeschwächten Constitution +weit weniger zu fürchten hat, sobald man nur mäßig und vorsichtig +ist. Würden übrigens die Kanäle gereinigt, die Moräste ausgetrocknet, +und die Moderbänke weggeschafft, so würde Batavia ein ganz gesunder +Aufenthalt seyn. Doch, wie es scheint, ist hier holländische Politik +im Spiel. Man wünscht selbst keine Verbesserung. Jene Moräste und +Moderbänke geben nämlich eine natürliche Vertheidigungslinie ab. +Eben so zwingt jene Ungesundheit alle Blokadeflotten zulezt zum +Abzug. Endlich hält die Furcht vor dem mörderischen Clima, eine Menge +Handelsnebenbuhler von der Niederlassung ab. + +Die Bevölkerung von Batavia wird auf 160,000 Seelen geschäzt. Hierunter +sind 100,000 Chinesen, die in den Vorstädten wohnen, während der Rest +aus Armeniern, Arabern, Persern und Europäern besteht. Die leztern, +zwölf bis fünfzehnhundert zusammen, sind theils Kaufleute, theils +Beamte der Compagnie. Sie leben fast alle auf ihren Landhäusern, eine +bis anderthalb Stunden von Batavia, und kommen in der Regel nur Morgens +in die Stadt. Alle Geschäfte werden daher gewöhnlich Vormittags von +sieben bis acht Uhr abgemacht. Nichts fällt anfangs dem Fremden so +sehr auf, als die Gleichgültigkeit, womit man von jenen plözlichen +Todesfällen spricht. -- »~=Mynheer, Mevrouv is overleden=~« +-- der Herr, die Frau ist gestorben -- heißt es, als hätten sie eine +Spazierfahrt gemacht. Jeder Europäer hält übrigens immer sein Testament +bereit. + +Der Handel von Batavia ist sehr bedeutend, so drückend auch für +die Fremden seine Eigenheiten sind. Batavia ist nämlich als die +Hauptniederlage aller Gewürze von den Molucken, und aller Produkte von +Java (Reis, Zucker, Caffee, Pfeffer u. s. w.) anzusehen. Es kommen +daher aus allen Theilen Ostindiens, so wie aus China, Amerika, Afrika, +Isle de France und Europa, Schiffe hier an. Sie führen die Produkte +ihrer Länder ein, und dagegen hiesige aus. Diese Geschäfte werden +aber auf folgende für Fremde höchst beschwerliche Weise abgemacht. +Es ist ein Schabendar, oder General-Handels-Agent vorhanden, der für +alle Nationen den einzigen Mäkler abgiebt. An diesen wenden sich die +Capitains und Supercargo's, und theilen ihm ihre Ladungslisten mit. Er +wählt davon, was der Compagnie anständig ist, besonders Artikel des +Alleinhandels[14] und bietet dagegen andere an. Beide Theile dingen nun +mit einander, und schließen nach gemachter Berechnung ab. Dabei muß +aber fast jeder Capitain immer ein Drittheil oder Viertheil des Werthes +in Gewürzen nehmen, auch wenn es ihm eben nicht anständig ist. Erst +dann erhält er die Erlaubniß, den Rest der Ladung an andere Kaufleute +abzugeben, was durch öffentlichen Anschlag bekannt gemacht wird. In +keinem Falle ist ihm aber die Ausfuhr von baarem Gelde erlaubt. Er +muß vielmehr alles in Waaren, oder Barren umsetzen, wenn er es nicht +verlieren will. Die Chinesen, die den Zoll gepachtet haben, durchsuchen +daher alle abgehende Schiffe mit unglaublicher Genauigkeit. + +Man hat häufig behauptet, daß Batavia äußerst leicht zu nehmen sey. Ich +kann jedoch versichern, daß diese Meinung ganz irrig ist. Einmal sind +die Festungswerke nichts weniger als schlecht; auch wird die Stadt, so +wie die Mündung des Jacatra durch eine gute Citadelle gedeckt. Denn ist +die ganze Küste mit starken Batterien versehen, und die Besatzung nicht +schwächer als fünftausend Mann. Mögen darunter auch immer viel Kranke, +viel Feige, viel Unzufriedene seyn; die Localität bietet dem Feinde +doch stets sehr große Hindernisse dar. + +Er wird die Rhede blokiren; er wird die vorhandenen Schiffe auf den +Strand jagen, und vielleicht verbrennen; aber Batavia selbst wegnehmen, +das wird er ohne geheime Verständnisse sicher nicht. Aber auch das +schlimmste angenommen; er machte sich durch einen Ueberfall u. s. w. +wirklich Meister davon. Was würde geschehen? Der Generalgouverneur +u. s. w. würde sich nach Samarang (auf der Nordküste) begeben; er +würde bei den inländischen Prinzen, die den Holländern keinesweges +abgeneigt sind, alle nur mögliche Unterstützung finden; er würde in +kurzem eine Armee von 25 bis 30,000 Mann zusammenziehen. Unterdessen +hätte es der Feind in Batavia, mit einer ungeheuren, ohnehin höchst +unruhigen Volksmenge zu thun. Man brauchte der Stadt nur die Zufuhren +abzuschneiden, und der Aufstand der hunderttausend Chinesen, die alle +Handwerker, Krämer, Gärtner u. s. w. sind, wäre gewiß. Alles dies wird +beweisen, daß Batavia weder leicht zu erobern, noch leicht zu behaupten +ist. + +Bei den Chinesen fällt mir noch eine artige Bemerkung ein, womit ich +dieses Capitel schließen will. Man weiß, wie sehr die wohlhabenderen +unter ihnen auf lange Nägel und Zöpfe halten, weil sie ein Zeichen des +Ansehens und Reichthums sind. Die holländische Regierung hat dieses +nicht unbeachtet gelassen, und auf beides eine ansehnliche Abgabe +gelegt. Je länger sie ein Chinese tragen will, desto mehr zahlt er +davon. Es ist ein ordentlicher Tarif darüber vorhanden, auch finden von +Zeit zu Zeit die nöthigen Messungen statt. Man muß gestehen, daß solche +Abgaben die allerbilligsten sind. + + + + + Drittes Capitel. + + +So hatte ich ungefähr fünf Monate in Batavia zugebracht, als ich +bei einer beschwerlichen trigonometrischen Arbeit krank ward. Zum +Glück fiel ich in die Hände eines geschickten deutschen Arztes, des +Doctors ~Raspe~ aus dem Preußischen, und wurde in kurzem wieder +hergestellt. Indessen benutzte ich diesen Umstand, um bei dem General +Decaen um meine Zurückberufung anzuhalten, erreichte meinen Zweck, und +wartete nun mit Sehnsucht auf Schiffsgelegenheit. + +Diese fand sich endlich in der Brigg »~=le petite Alphonse=~« +Capitain Souriac, die von Isle de France mit Wein und Hüten gekommen, +und jezt dahin zurückzukehren im Begriffe war. Der Abrede gemäß, begab +ich mich am 14. December 1804 an Bord, und fand noch drei andere +Passagiers. Leider aber waren von unsern vierzehn Matrosen kaum drei +gesund. Nun ist zwar wahr, daß man die Ueberfahrt in dreißig bis fünf +und dreißig Tagen machen kann, ohne daß der beständigen Ostwinde wegen, +viel Schiffsarbeit dabei nöthig ist. Demungeachtet hätten wir auf alle +Fälle wenigstens noch sechs bis 8 Matrosen gebraucht. Dieser Mangel +zeigte sich gleich anfangs, als es am 15. December Nachmittags in See +gieng. Wir sämmtliche Passagiere mußten die Anker mit aufwinden helfen, +denn die meisten Matrosen waren zu schwach dazu. + +Schon in der ersten Nacht kamen wir durch den Eigensinn des wenig +erfahrnen Capitains in große Gefahr. Wir trieben nämlich auf eine der +vielen kleinen Inseln, so daß das Hintertheil des Schiffes kaum zwei +Fuß weit von den zackigten Felsen abstand. Der Capitain gebehrdete sich +wie ein Verzweifelter, und schrie nach dem Boot. Zum Glück erhob sich +aber plözlich ein leichter Landwind, so das Schiff wieder abgebracht +ward. Wir mußten hierauf zwei Tage laviren, und legten in dieser kurzen +Zeit keine drei Seemeilen zurück. + +Noch nicht genug; troz seinen schönen Versprechungen hatte sich auch +der Capitain nur äußerst spärlich mit Vorräthen versehen. Vergebens +drangen wir in ihn, doch nach Batavia zurückzukehren; er fürchtete +zu viel Demüthigungen für seine Eitelkeit. Hartnäckig bestand er +daher darauf, im Gressec, oder Surabaye (an der Nordküste von Java) +einzulaufen, wo er Matrosen und Vorräthe zu besorgen versprach. So +steuerten wir also bis zum 24. December fort. Endlich befanden wir +uns ungefähr zwei Seemeile von der Spitze von Banka, durch welche +der Eingang in die Meerenge von Madure bezeichnet wird. Der Capitain +beschloß, hier einige Zeit vor Anker zu gehen, um einen der Lootsen zu +erwarten, die hier immer vorhanden sind. Da aber keiner davon sichtbar +wurde, glaubte er sich noch wenigstens zehn Seemeilen vom Eingange +der Meerenge entfernt. Er ließ daher die Anker lichten, und steuerte +westwärts. Bald aber ward das Schiff von der heftigen Strömung gegen +die Bank von Madure getrieben, so daß die Gefahr mit jedem Augenblicke +stieg. + +Man hatte uns am vorigen Tage allerdings bei dem Posten von Banka +gesehen. Allein die See gieng gar zu hoch; uns zu Hülfe zu kommen, war +eine Unmöglichkeit. Wir erfuhren dies von dem Lootsen selbst, der jezt +in einer großen Pirogue zu uns kam. Zehn Stunden lang wendete er alles +mögliche zu unserer Rettung an. Doch da Wind und Strömung gleich heftig +waren, blieb ihm nichts übrig, als uns zu verlassen, und nach Banka +zurückzugehen. Wir wurden von nun an, unserer neun zusammen, täglich +auf ein Huhn, und jeder für sich, auf einen Zwieback, zwei Tassen +Caffe, und ein Glas Wasser eingeschränkt. Erst am 1. Januar 1805 gelang +es uns aus der Straße von Baly herauszukommen, worauf längs der Küste +fortgesteuert ward. + +Um fünf Uhr Nachmittags befanden wir uns einem holländischen Posten +gegen über, der mit schönen Pflanzungen bedeckt zu seyn schien. Sobald +uns der Commandant ansichtig ward, schickte er eine Pirogue ab, ließ +uns Erfrischungen anbieten, und lud uns ein, vor Anker zu gehen. Leider +konnten wir aber diese Erlaubniß nicht benutzen, indem selbst unser +lezter Anker verloren gegangen war. Am folgenden Morgen befanden wie +uns auf der Höhe von Balambouang. Jezt bekamen wir Stille, dann höchst +veränderlichen Wind, endlich einen entsezlichen Sturm aus Nordwest. +Wir verloren Segel und Masten, und trieben noch wenig Stunden, wie ein +Wrack herum. Die Pumpen thaten fast keine Dienste mehr. Dabei waren +wir täglich auf ein kleines Glas stinkendes Wasser, und etwas Reis +beschränkt. Endlich beschloß der Capitain, die Ladung anzugreifen, die +aus Zucker bestand. Er ließ daher ein Faß in die Cajüte bringen, wovon +jeder nach Belieben nahm. + +In den zwei folgenden Tagen hatten wir unterdessen einen Nothmast, und +einige Nothsegel zu Stande gebracht. Auf diese Art hofften wir Timor +zu erreichen, wo eine holländische Factorei befindlich ist. Allein vom +dritten Februar an, trieb uns ein zweiter Sturm wieder rückwärts, so +daß wir schon am sechsten die Spitze von Baly sahen. Am 7. Morgens um +fünf Uhr erblickten wir ein großes dreimastiges Schiff, das aus der +Meerenge heraus zu kommen schien. Wir hielten es für ein holländisches, +oder amerikanisches, und wirklich zog es auch die leztere Flagge +auf. Kaum hatte es sich aber etwas genähert, so öffnete es seine +Stückpforten, zeigte englische Flagge, und kam mit vollen Segeln auf +uns zu. + +Jezt sahen wir nur zu deutlich, daß es ein großer englischer Caper war. +Augenblicklich warf ich meine Depeschen und Carten über Bord. Noch +einige Minuten, und der Capercapitain rief uns durch das Sprachrohr +zu -- »~=Strike amain! Strike amain, if you please!=~« -- +»Streicht! Streicht! wenn's beliebt!« -- Dies war in der That eine +satyrische Aufforderung, denn wie konnten wir nur einen Augenblick +widerstehen? Bald darauf kam ein Offizier mit acht Matrosen an Bord, +nahm von dem Schiffe Besitze; stellte an alle Rudern Schildwachen, und +hieß uns an Bord des Capers gehen. + + + + + Viertes Capitel. + + +Als wir daselbst ankamen, hörten wir, daß es ~der Diligent~, +Capitain ~Hall~ von ~Calcutta~ war. Der Capitain sagte uns, +daß er selbst zweimal von französischen Capern[15] genommen worden +sey. Man habe ihn liberal behandelt; er wolle es ebenfalls thun. Alle +unsere Bagage u. s. w. bliebe uns daher. Zu gleicher Zeit sezte er uns +ein vortreffliches Frühstück vor. Die Prise an 60,000 Franken an Werth, +ward auf das Schlepptau genommen, und so lavirten wir längs der Küste +hin. + +Um vier Uhr Nachmittags bekamen wir ein großes dreimastiges Schiff, +und bald darauf noch zwei andere zu Gesicht. Capitain Hall hielt +sie für holländische oder französische Fregatten, von den Divisionen +der Admirale Hartsink oder Linois. Seine Lage ward gefährlich, die +nachzuschleppende Prise hielt ihn im Segeln auf. Er ließ uns daher auf +unser Wrak zurückkehren, rief dagegen seinen Prisenmeister, und seine +Matrosen ab, und eilte mit vollen Segeln davon. Bald darauf erkannten +wir die drei Schiffe für amerikanische Ostindienfahrer, und steuerten +so gut wir konnten, auf die Bay von Balambouang zu. + +Der Tag brach an. Was sahen wir? Unsern Caper, der an der Küste +geblieben war, und nun ganz lustig wieder auf uns zugesegelt kam. +In weniger als einer halben Stunde befanden wir uns wieder am Bord +desselben, und alles war in den vorigen Zustand versezt. Da der +Capitain Wasser einnehmen mußte, behielt er den Curs von Balambouang. +Wir erreichten indessen die Bay erst in der Nacht auf den zehnten +Februar. Mit Anbruche des Tages erblickten wir den holländischen +Posten Bagouwangie, und zogen sofort amerikanische Flagge auf. Zu +gleicher Zeit schickte der Capitain einen Offizier ans Land, um zu +fragen, wo Holz und Wasser zu finden sey. Die Nachricht war sehr +befriedigend, und wir trafen eine vortreffliche Quelle an. + +Unterdessen hatte unser Schiff mit seinen Batterien, und der Prise auf +dem Schlepptaue, troz der amerikanischen Flagge, bei dem Commandanten +von Bagouwangie Verdacht erregt. Er schickte daher zwei seiner +Offiziere zu uns an Bord. Beide sprachen englisch; beide sollten die +nöthigen Nachrichten einziehen. Capitain Hall war indessen auf alles +gefaßt. Er hieß uns in den Raum hinuntersteigen, versicherte sich +unseres Ehrenwortes, und wartete die Ankunft der holländischen Pirogue +ganz ruhig ab. + +Kaum waren die Herren gegen Mittag an Bord angekommen, so lud +er sie zum Essen ein, und sprach ihnen dabei reichlich aus der +Flasche zu. Als er nun das Geschäft auf diese Art eingeleitet hatte, +zeigte er ihnen falsche amerikanische Pässe, und ein eben so ächtes +Schiffsjournal vor, speiste sie in Ansehung der Prise mit einem +Mährchen ab, und verkaufte ihnen zulezt einige ostindische Waaren für +eine Kleinigkeit. Die armen Holländer wurden vollkommen getäuscht, und +fuhren seelenvergnügt ans Land zurück. + +Indessen beschloß der Capitain die reiche Prise in Sicherheit zu +bringen, und gab sofort Befehl zu ihrer Ausrüstung. Es wurde auch so +eifrig daran gearbeitet, daß sie schon am folgenden Tage abzusegeln im +Stande war. Wohin, blieb unbekannt. Unsere Bagage war uns im besten +Zustande übergeben worden, doch brachten wir den ganzen Tag, wegen +unserer künftigen Bestimmung, in großer Ungewißheit zu. + +So mochte es ungefähr acht Uhr Abends seyn, als uns der Capitain zu +sich rufen ließ. Er war sehr höflich, und sagte uns, daß er uns diese +Nacht ans Land zu setzen Willens sey. Unsere Freude darüber war sehr +groß; im Unglück faßt man nur den Augenblick fest. Sofort wurden nun +Anstalten zu unserer Ueberfahrt gemacht. Es fand sich aber, daß die +Schaluppe für uns nicht groß genug war. Wir mußten daher in zwei +Parthien abgehen. Bei der lezten befand ich mich selbst. + +Es war Mitternacht; der Mond gieng auf; der Posten lag nur einen +Büchsenschuß von uns. Unsere Gefährten kamen uns entgegen, in wenig +Minuten langten wir bei dem Commandanten an. Er war ein geborner +Brandenburger, und hatte fünf und zwanzig Mann unter sich. Da ich +ein wenig Deutsch und Malayisch verstand, verständigten wir uns ohne +Schwierigkeit. Rund um ein großes Feuer gelagert, nahmen wir eine derbe +Mahlzeit von Fischen und Eiern ein, wobei uns Capitain Halls Madera und +Genever trefflich zu statten kam. Unser guter alter Sergeant, sein Name +war Bitter, schickte sogleich eine Pirogue mit seinem Berichte nach +Bagouwangie ab. + + + + + Fünftes Capitel. + + +Die Sonne gieng auf, und eine neue Welt voll Leben und voll Hoffnung +breitete sich vor mir aus. Bald langte nun ein Abgeordneter von +dem benachbarten Fürsten von Balambouang an. Er sagte uns, daß der +holländische Commandant zu Bagouwangie bereits von unserer Lage +unterrichtet, und auf der Reise hierher begriffen sey. Indessen verzog +sich seine Ankunft bis Nachmittags um drei Uhr. Unser Anblick schien +ihn zu rühren, wir selbst waren nicht weniger bewegt. Er allein konnte +uns die Mittel zur Rückkehr nach Batavia verschaffen; von ihm allein +hieng unsere Zukunft ab. Er sprach und alles verbürgte uns seinen +Edelmuth. Er war ein Deutscher; ein Herr von ~Winckelmann~. Wir +mußten sogleich seine prächtige Jacht besteigen, wo die Tafel bereits +gedeckt war. Endlich um vier Uhr segelten wir ab, während er unser +Gepäck in einer Pirogue nachzuführen befahl. So hielten wir See bis +Mitternacht, stiegen dann ans Land, und lagerten uns um ein gutes Feuer +herum. + +Um fünf Uhr Morgens ward weiter gesegelt; drei Stunden und wir kamen +zu Bagouwangie an. Sogleich führte uns der Commandant in seine schöne +Wohnung, und stellte uns seiner Gemahlin vor. Sie empfieng uns mit +vieler Höflichkeit, und ließ ein vortreffliches Frühstück auftragen, +das zum Theil aus den herrlichsten Früchten bestand. Am folgenden +Tage wurde nun unser Reiseplan festgesezt; indessen erforderten +die Anstalten einige Zeit. Wir blieben daher fast zwei Wochen in +Bagouwangie. Nach reifer Ueberlegung schien es am besten, bis Surabaye +zu Lande, und dann nach Batavia vollends zu Wasser zu gehen. + +Bis Surabaye werden achtzig Lieuen gerechnet, zum Theil durch ein +wüstes unbewohntes Land. Indessen hatte der treffliche Herr von +Winckelmann für alles gesorgt. Fünf und zwanzig Malayen waren zu +unserer Bedeckung, und fünf und siebenzig zum Tragen unseres Gepäckes +bestimmt. Wir und die Bedeckung waren beritten, und hatten überdem +noch fünfzehn Packpferde mit Lebensmitteln bei uns. Endlich waren +uns als Wegweiser und Anführer, zwei Malayen-Hauptleute oder Mandors +mitgegeben, von denen der eine etwas Deutsch verstand. So traten wir, +nach einem herzlichen Abschiede von unserem edeln Freunde, am 23. +Februar 1805 unsere Reise an. + +Die ersten drei Lieuen gieng es längs der Küste hin. Bald aber kamen +wir in die große Wüste, die drei Tagereisen lang ist. Indessen hat +die Regierung aller zwölf Lieuen, große Scuoppen von Bambus errichten +lassen, die mit Gräben und lebendigen Hecken umgeben sind. Bei jedem +dieser Caravansenai's, wie man sie nennen könnte, befindet sich eine +Wache von Malayen. Diese müssen Tag und Nacht rund um die Einzäumung +große Feuer unterhalten, so daß nichts von wilden Thieren zu fürchten +ist. + +Der erste Posten dieser Art heißt ~Bagnou-Matie~. Der Weg dahin +war blos ein schmaler Fußsteig, der zwischen hohem Grase hinlief. Ich +kann ohne Uebertreibung sagen, daß dieses neun bis zehn Fuß hoch war. +Wir sahen mehrere Tiger und Leoparden darin versteckt, langten indessen +auf unserer Station ohne Unfall an. Als es finster wurde, verdoppelten +wir die Feuer, und hielten auf diese Art die wilden Thiere ab. Indessen +hörten wir die Tiger ziemlich brüllen, sobald nur ein Feuer abgebrennt +war. + +Am folgenden Morgen früh um vier Uhr gieng unser Gepäcke ab; wir +selbst aber folgten erst um zehn Uhr nach. Bei dem zweiten Posten +~Son-bou-rou-arou~, fanden wir einige Häuschen von Bambus, nebst +einer Ziegen- und Damhirsch-Heerde, auch einer Menge Federvieh. Dies +alles gehörte einem Großen am Hofe des Königes von Balambouang. Wir +füllten hier unsere Bambusrohre mit gutem Quellwasser, weil man +von nun an nur schlechtes trifft. Am 25. verließen wir die Wüste, +und kamen durch eine schöne, mit Reisfeldern bedeckte Ebene, nach +~Panaroukan~, was ein kleiner Flecken ist. Hier traten wir bei +dem Oberhaupte, einem reichen Chinesen ab, und wurden zu unserer +Verwunderung ganz auf europäische Art traktirt. Auch nöthigte er uns so +dringend, einen Rasttag bei ihm zu halten, daß es sich durchaus nicht +ablehnen ließ. + + + + + Sechstes Capitel. + + +Am 27. Februar ward nun die Reise fortgesezt. Wir kamen indessen nur +bis ~Besouki~, einem großen Dorfe, das ungefähr drei Lieuen von +der Küste liegt. Der Weg geht fast durch lauter Wald, und ist äußerst +schlecht. Nur in der Nähe von Besouki wird die Landschaft etwas +lichter, und bald sieht man Reisfelder mit Baumgruppen vermischt. Bei +unserer Ankunft, wurden wir in das Haus des Commandanten (Tomogon) +geführt, der eben abwesend war, fanden aber dennoch ein vortreffliches +Mittagsmahl daselbst. Am 28. hatten wir eine sehr starke Tagereise bis +~Bangro~. Auch hier fanden wir bei dem Tomogon eine sehr glänzende +Bewirthung, und tranken zum erstenmale wieder Bordeauxwein. Zimmer und +Betten waren ebenfalls sehr gut. + +Die folgende Tagereise bis ~Paßourang~ war kurz und angenehm. +Die Landschaft ward immer schöner, wir konnten uns nicht satt daran +sehen. Um zehn Uhr begegneten wir einem schönen offenen Wagen, mit +vier Pferden bespannt. Er kam von Paßourang, gehörte dem dortigen +holländischen Commandanten, und war für uns bestimmt. Wir zogen +indessen vor, zu Pferde zu bleiben, und langten so bald bei unserem +freundlichen Wirthe an. Er hieß Heßetaar, und nahm uns mit vieler Güte +auf. Bei einem Einkommen von fünfzehn tausend holländischen Thalern +machte er ein ansehnliches Haus. So hat er z. B. an dreißig Sclaven, +worunter zehn musikalisch sind. Sie lernten die meisten Instrumente von +einem Chinesen spielen, der der Schüler eines ~Deutschen~ gewesen +war. + +Paßourang, an einem schiffbaren Strome gelegen, ist der Hauptort eines +ansehnlichen Fürstentums, und mit schönen Caffe- und Pfeffer-Plantagen +umringt. Die ostindische Compagnie hat ein Werft für Küstenfahrer +daselbst. Zwei Lieuen von Paßourang liegt ein mäßig hoher Berg, an +dessen Anhängen alle ~europäischen~ Gemüse, ohne alle Ausartung +gedeihen, dies giebt zu einem bedeutenden Gemüsehandel nach Surabaye +Gelegenheit. Wenig Tage vor unserer Ankunft war der Oberwundarzt +unseres Bataillons hier durch gereist. Er wollte im Innern der Insel +die Schuzblattern einführen, was von den wohltätigsten Folgen seyn wird. + +Am 3. März gieng es bis Bangall; auch diese Tagereise war sehr +angenehm. Der Fürst, ein siebenzigjähriger Greis, empfieng uns mit +vieler Zuvorkommung. Er sprach viel von Europa, besonders von den +lezten Feldzügen in Italien, und schien ein sehr unterrichteter Mann zu +seyn. Seinem ältesten Sohn und Nachfolger hatte er von einem Holländer +erziehen lassen, daher dieser junge Prinz sehr gute Kenntnisse, +besonders in der Mathematik besaß. + +Am folgenden Morgen brachen wir nach Surabaye auf. Der Weg war gut, +die Gegend schön, der Boden vortrefflich angebaut. ~Surabaye~ +selbst ist eine kleine artige Stadt, und als erster Posten in der +Meerenge von Madure von Wichtigkeit. Sie wird von dem Flusse Calianas +durchschnitten, der für Küstenfahrer landeinwärts ziemlich weit +schiffbar ist. Am Ausflusse desselben befinden sich zwei Hafendämme, +mit Batterien versehen. Gewöhnlich laufen hier alle Schiffe ein, die +nach China und den Philippinen bestimmt sind, besonders wegen des +Wintermonßuns. Sie finden hier alle mögliche Erfrischungen, worunter +auch die vortrefflichen Gemüse von Paßourang. Die Luft von Surabaye ist +sehr gesund, und die Gebend entzückend schön. + +Bei unserer Ankunft wurden wir zu einem Juden geführt, der eine gar +nicht schlechte Herberge hielt. Wir machten die Bekanntschaft eines +holländischen Capitains, des Herrn Rußler, und wurden durch ihn, +am folgenden Morgen, seinem Schwiegervater, dem Gouverneur, Herrn +Rothenthal, vorgestellt. Dieser nahm uns mit vieler Güte auf, und +versprach wegen unserer ferneren Reise sein möglichstes zu thun. Wir +wünschten nämlich bis Batavia zu Lande zu gehen. Dies erforderte jedoch +Bericht an den Generalgouverneur. Ich machte hierauf dem Commandanten, +dem Major von Franquemont, aus dem Würtembergischen, einen Besuch. Er +empfieng mich aufs beste, räumte mir ein Zimmer in seiner Wohnung ein, +und überhäufte mich mit Höflichkeiten aller Art. Dasselbe muß ich von +dem Admiral Hartsink sagen, der hier mit seiner Escadre vor Anker lag. + +Nach ungefähr vierzehn Tagen traf die Antwort des Generalgouverneurs +ein. Sie war, wie wir befürchtet hatten, abschläglich, man fand die +Kosten gar zu groß. Herr Rothenthal bekam daher den Auftrag, uns die +Ueberfahrt nach Samarang, an Bord einer Brigg zu verschaffen, die +ohnehin zu einem Kreuzzuge bestimmt war. + +Plözlich mußte es sich fügen, daß ein Schiff von der Escadre des +Admirals Hartsink nach Batavia abgieng. Sofort suchte ich nebst meinem +Freunde Harsaud um Plätze darauf an. Unsere Bitte ward bewilligt, und +so begaben wir uns an Bord, wo uns der Capitain mit vieler Güte aufnahm +(5. April). + + + + + Siebentes Capitel. + + +Wir waren noch denselben Abend unter Segel gegangen, und kamen bei dem +ziemlich günstigen Winde, schon am folgenden Tage aus der Meerenge +heraus. Capitain ~Ruysch~ hatte uns die Hälfte seiner Cajüte +eingeräumt, und wir speisten regelmäßig Mittags und Abends bei ihm. +So kamen wir ohne weitere Vorfälle am neunten Tage (14. April) auf +der Rhede von ~Samarang~ an, welches der Hauptposten auf der +ganzen Nordküste ist. Samarang giebt nämlich den Mittelpunkt aller +Verbindungen, und die Hauptniederlage aller Erzeugnisse der Insel +ab. Die dortige Gouverneursstelle ist, nach der von Batavia, die +einträglichste im ganzen holländischen Indien. Sie wirft jährlich an +250,000 Piaster ab. Herr Engelhard, der sie jezt bekleidet, macht +daher ein sehr glänzendes Haus. Die Luft von Samarang ist gesund, die +Gegend schön, das gesellschaftliche Leben angenehm. Wir lernten unter +andern einen Major ~Keller~ kennen, der früher General-Adjutant in +französischen Diensten, und schweizerischer Kriegsminister gewesen war. + +Nach einem achttägigen Aufenthalte giengen wir am 23. April wieder +in See, und segelten zwei Tage lang, längs der reizenden Küste hin. +Am 26. Mittags ankerten wir auf der Rhede von ~Tcheribon~, und +begaben uns sogleich ans Land. Hier wurden wir bei dem Wachtposten +sehr feierlich empfangen, und fanden zwei prächtige Wagen bereit. Der +Resident, Herr Roose, der anderthalb Lieuen von der Küste wohnt, hatte +uns dieselben entgegengeschickt. Wir fuhren hierauf durch eine sehr +schöne Landschaft, die einem großen Graben glich, und kamen so bei +Herrn Roose an. Er vereinigt asiatischen Luxus, und europäische Eleganz +auf eine seltene Art. Der Distrikt von Tcheribon liefert den besten +Caffe von ganz Java; die Residentenstelle trägt jährlich an 60,000 +Piaster ein. + +Wir blieben drei Tage in Tcheribon, und giengen dann mit mehreren +kleinen Küstenfahrern, die wir unter Convoy nahmen, in See. Die Küste +wimmelt von Seeräubern aus Banca, Sumatra und Java selbst. Diese +fallen kleine Schiffe, besonders chinesische Junken, mit vieler +Kühnheit an. Europäer werden ermordet, Asiaten zu Sclaven gemacht. +Der Hauptschlupfwinkel dieser Seeräuber ist die Insel Carimon, zehn +Seemeilen von der Küste, auf der Höhe von Samarang. Hier sind ihrer oft +hundert, ja hundert und fünfzig bis zweihundert beisammen, besonders, +wenn ein Hauptschlag ausgeführt werden soll. Vor kurzem hatte man von +Batavia zwei Fregatten, und eine Brigg gegen sie abgeschickt. Diese +Schiffe kamen gerade zu rechter Zeit an, denn eben war die ganze Bay +von Carimon mit Seeräubern angefüllt. Man blokirte daher sogleich den +Eingang, und bereitete den Angriff auf den folgenden Morgen vor. Es +schien um die Räuber geschehen zu seyn, allein zum Unglück war der +Capitain der Brigg nicht wachsam genug. Sie entwischte daher in der +Dunkelheit, und waren am andern Morgen längst aus dem Gesichte der +Division. + +Am 27. April kamen wir endlich auf der Rhede von Batavia an. Kaum +zeigte ich mich in der Stadt, als ich mit Freude und Erstaunen +aufgenommen ward, denn jedermann hatte mich todt geglaubt. Der +Gouverneur wünschte mich von neuem in Dienste zu nehmen; allein alles +rief und zog mich nach Europa zurück. Zum Glück befand sich gerade +ein Caper von jener Insel auf der Rhede, der dahin zurückzugehen im +Begriffe war. Nach einigen Unterhandlungen erhielt ich einen Plaz +darauf, und begab mich demnach am 8. Mai an Bord. Diesmal war unsere +Fahrt glücklicher; am 1. Juni bekamen wir schon die Insel Bourbon zu +Gesicht. + +Der Engländer wegen, hatte der Capitain von seinen Rheden den Befehl, +mit der größten Vorsicht zu Werke zu gehen. Wir suchten daher die Küste +zu gewinnen, um wo möglich Erkundigungen einzuziehen. Allein der Wind +war fortdauernd ungünstig; wir brachten also sechs volle Tage damit zu. +Endlich erhielten wir Nachricht, daß die englische Escadre verschwunden +sey. So sezten wir unsere Fahrt nach Isle de France fort, und erkannten +am 8. Juni Morgens, einen der höchsten Berge dieser Insel, Morne +Brabant genannt. + +Gegen Mittag erblickten wir nicht weit von uns ein dreimastiges Schiff, +zogen die Flagge auf, und riefen es an. Es zog ebenfalls französische +Flagge auf, und zwar dreimal hinter einander, was uns, da es keine +Antwort gab, äußerst verdächtig vorkam. Um acht Uhr Abends waren wir +nur noch einige Seemeilen von der Insel entfernt. Plözlich stiegen von +einem Bergposten zwei Raketen auf; bekanntlich das Signal, wodurch die +Nähe des Feindes angezeigt wird. Wir hielten es indessen für einen +Irrthum, und glaubten nicht daran. Als aber das Signal, nach Verlauf +von zwei Stunden, der Regel gemäß, wiederholt ward, drehten wir +plözlich um, und sezten alle Segel bei. Jezt gieng es abermals auf Isle +de Bourbon zu, wo auch am 10. Morgens der Anker fiel. + +Mein Aufenthalt auf dieser Insel dauerte jedoch nur kurze Zeit. Schon +am 18. gieng ich nämlich, meiner mündlichen Mittheilungen wegen, auf +einem Aviso nach Isle de France ab. Dies Fahrzeug war mit Rudern +versehen, und ganz zu einer schnellen Ueberfahrt geschickt. Wir +entkamen den Engländern glücklich, und liefen am 22. Juni Abends in der +Riviere Noire ein. Bei meiner Ankunft zu Port Louis, ward ich von dem +General Decaen mit großer Freude empfangen; auch er hatte mich auf den +Bericht eines amerikanischen Schiffers todt geglaubt. + +Er machte mir Hoffnung, mich in wenig Monaten nach Europa abzusenden, +und stellte mich inzwischen wieder bei dem Ingenieurscorps an. Allein +es vergieng ein volles Jahr, ehe sich eine passende Gelegenheit zu +meiner Rückreise fand. Erst im August 1806 war endlich das dazu +bestimmte Schiff segelfertig, und alles gehörig in Richtigkeit. Am +11. August schiffte ich mich ein, am 15. November kam ich, nach einer +ziemlich glücklichen Fahrt, in dem spanischen Hafen Passages bei St. +Sebastian an. Von dort sezte ich meine Reise über Bayonne, Bordeaux u. +s. w. nach meinem Geburtsorte, wo meine Familie lebte, zu Lande fort. + + + + + Dritte Abtheilung. + + + ~Heinrich Potter.~ + + + + + ~Quelle.~ + + +=L'otgevallen en Ontmoetingen op eene mislukte Reize naar de Kaap de +Goede Hoop. Door ~H. Potter~. 1807 -- 9. IV. Vol. 8.= + + + + + ~Einleitung.~ + + +Der Verfasser war Prediger zu Peins, in der Nähe von Franken, und +erhielt im Jahre 1804 einen Ruf nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung. +Allein da bald darauf der Krieg wieder ausbrach, so fand sich keine +sichere Gelegenheit zur Reise dahin. Erst zu Ende des genannten Jahres +bot sich eine solche in einem preußischen Hafen dar. Wir haben uns +bemüht, die ~niederländische~ Manier des Verfassers sorgfältig +beizubehalten, überzeugt, daß es den gemüthlichen Lesern gewiß +Vergnügen machen wird. + + + + + ~Erster Brief.~ + + + ~Leer~ Novemb. 1804. + +Liebster Freund. Am 15. October erhielt ich Befehl und Anweisung, +bis zum 10. November an Bord zu seyn. Ich eilte daher sofort nach +Amsterdam, um alle meine Einrichtungen zu treffen, welches Gott sey +Dank, über meine Erwartung von statten gieng. Hierauf kehrte ich am 27. +October nach Peins zurück, wo meine Frau inzwischen alles eingepackt +hatte, und reiste am folgenden Morgen mit ihr und den Kindern nach +Dockum ab. Hier sollte sie bleiben, bis sich bequeme Schiffsgelegenheit +nach der Capstadt fand. + +So war alles in Ordnung gebracht. -- Endlich am 5. Morgens -- Nie werde +ich den Augenblick vergessen, liebster Freund. -- »O bleibe bei uns +Vater! Verlaß uns nicht!« -- riefen meine ältesten drei Kinder, und +klammerten sich an mich an, während der Säugling ruhig in der Wiege +schlief. -- Wäre meine Frau nicht standhafter gewesen, als ich -- Ich +glaube, ich hätte in diesem Augenblicke auf Alles Verzicht gethan. So +riß ich mich endlich mit gepreßtem Herzen los. Meine Sachen wurden jezt +in die Schuit[16] gebracht, und ich folgte mit thränenden Augen nach. +Zu meiner Freude waren nur noch zwei Personen in dem Roef[17] daher ich +ziemlich ungestört blieb. Abends kamen wir so in Gröningen an. + +Ich hatte von Gröningen am nächsten Tage mit der Schuit nach Delfzyl +zu gehen gedacht, wo ich Gelegenheit nach Leer zu finden sicher war. +Allein es fror die Nacht so heftig, daß ich nicht weiter daran denken +konnte. Ich ließ daher meine Sachen auf einen Wagen laden, auf dem sich +zugleich ein Siz für mich und den Fuhrmann befand. Da es schon zwei Uhr +war, als wir abfuhren, kamen wir Abends nicht weiter als Scheemda, ein +großes, schönes Dorf, wo Nachtquartier gemacht ward. + +Am folgenden Morgen gieng es bei schönem hellen Wetter, durch den +reichsten und fruchtbarsten Theil der Provinz, nämlich das Oldampt. +Besonders groß und prächtig sind die Pfarrwohnungen, wie denn die +Geistlichen hier solche Einkünfte haben, wie vielleicht nirgends +anderes in unserem Vaterland. + +In der Nähe von Neuschanz (=de Nieuwe Schans=) war der Weg +außerordentlich schlecht. Indessen kamen wir Abends ohne Unfall an. +Hier lohnte ich meinen Fuhrmann ab, weil mit seinem schweren Wagen +unmöglich weiter zu kommen war. Ich hielt es fürs beste, zwei kleinere +zu nehmen, worauf die Reise am nächsten Tage weiter gieng. + +Bald kamen wir nun auf preußischen Boden, indem der Grenzpfahl ganz +nahe bei Neuschanz steht. Das Land verräth viel Wohlstand, besonders +der Theil, der unter dem Namen, der Preußische Polder bekannt ist. +Ueberall herrliches Wiese- und Ackerland, und die schönsten Bauernhöfe, +von städtischem Ansehen. Dies machte mich den schlechten Weg +vergessen, der bei dem eingetretenen Thauwetter fast ganz ungangbar +war. So kamen wir Nachmittags an dem Wirthshause an, das am rechten +Ufer der Ems, ungefähr eine Viertelstunde von Leer, gelegen ist. + +Ich hätte mich gern noch diesen Abend über den Fluß setzen lassen, +allein es war unmöglich, weil er mit Treibeis gieng, und nur das +kleine Boot mit großer Mühe hin und wieder fuhr. Da ich nun meine +Sachen unmöglich zurücklassen konnte, ließ ich sie abladen, und in +einen Schoppen bringen, wo nach der Versicherung des Wirthes alles in +Sicherheit war. Bei meinem Eintritt in das Zimmer sah ich sogleich an +dem schmutzigen Boden, und der sparsamen Erleuchtung, daß ich mich +außer dem Vaterland befand. Ein Dutzend Münsterländer mit langen blauen +Hemden, und dicken weißen Schlafmützen, saßen mit dampfenden Pfeifen +vor dem Kamine, und erwiederten meinen Gruß in ihrer eigenthümlichen +platten Mundart. + +Nachdem man mir an der einen Ecke Plaz gemacht hatte, brachte mir der +Wirth eine Pfeife, und stellte einen kleinen Tisch mit einer Flasche +Wein vor mich. Hierauf fuhr er in einer Erzählung fort, die durch meine +Ankunft unterbrochen worden war. Sie betraf seine Jugend, Verheiratung, +und Ehe. Nach dem Tode seiner ersten Frau hätte er gern eine zweite +genommen, allein er war zu alt dazu. Eine junge würde ~ihn~ nicht +gewollt haben, und zu einer von seinen Jahren hatte er selbst keine +Lust gehabt. + +Auch schmerzte es ihn bitter, daß er in seiner Jugend nicht hatte +reisen können, es würde etwas ganz anderes, als ein Landwirth aus ihm +geworden seyn. Zum Beweise seiner großen Kenntnisse sprach er dann vom +Vorgebirge der guten Hoffnung, was bei ihm Ostindien hieß, und von der +unerträglichen Hitze, und den hottentottischen Affen daselbst, und +dergleichen mehr. Die guten Münsterländer hörten mit offenen Mäulern +und Ohren zu, ganz erstaunt über die unerhörte Gelehrsamkeit des alten +dicken Wirths. Indessen muß ich ihm lassen, daß er mir ein Abendessen +vorsezte, das gar nicht übel war. Auch bekam ich im oberen Stocke ein +reinliches Zimmer mit einem rechten guten Bett. + +Am andern Morgen ließ ich mich nun mit meinen Sachen übersetzen, und +gelangte in einer Viertelstunde nach Leer, mein vorläufiges Reiseziel. +Hier nahm ich ein Zimmer in einem großen Wirthshause, bei einem +gewissen Wagner, wo es mir aber durchaus nicht gefiel. Besonders +stieß mich der gemeine liederliche Ton des Wirthes ab, den dieser am +Gesellschaftstische angab. Ich sahe mich also noch denselben Tag nach +einer andern Wohnung um, und fand auch bald ein recht artiges Zimmer +mit einer angenehmen Aussicht obendrein. + +Es war bei einer Schiffscapitainsfrau, die mir zugleich Kost, Licht +und Heizung zu geben versprach. Für alles zusammen, das Zimmer mit +eingerechnet, forderte sie nicht mehr als sieben Gulden, die Woche, +was gewiß äußerst billig war. Das Schiff ist leider noch nicht +angekommen, man erwartet es aber, so bald die Ems vom Eise frei +ist. Unterdessen habe ich einen Theil meiner Bücher ausgepackt und +beschäftige mich so gut es gehen will. Leer selbst, mit seinen 4000 +Einwohnern, und seiner jetzigen Handelsstille, bietet so gut als +gar keine gesellschaftlichen Hülfsquellen dar. Indessen kann mein +Aufenthalt nicht lange dauern, und so nehme ich mit allem vorlieb. + + + + + ~Zweiter Brief.~ + + ~Leer~ Febr. 1805. + +»Der harte Frost macht alle Schiffarth unmöglich; drum will ich noch +einmal Frau und Kinder sehn!« -- So rief ich am Neujahrstage aus, und +trat sofort die Reise an. Ich überraschte meine Lieben, brachte noch +einiges im Haag in Ordnung, und kam vor ungefähr acht Tagen wieder +hierher zurück. Seitdem hat es nun so stark getaut, daß die Ems +völlig offen ist. Schon liegt ein Schiff nach dem Cap in Ladung, allein +das unserige kommt erst übermorgen an. Der Himmel gebe, daß kein neuer +Aufenthalt entsteht, damit ich doch endlich einmal meine Gemeinde +begrüßen kann. + +Unterdessen habe ich Leer ziemlich kennen gelernt. Würden Sie +glauben, daß dieser kleine Ort eine lutherische, eine reformirte, +eine katholische und eine mennonitische Kirche, so wie eine Synagoge +hat? Die Ems fließt hinten daran weg, und ist im Flecken selbst nur +von einigen Stellen zu sehen. Indessen trägt sie sehr große Schiffe, +so, daß diese vor den Packhäusern ankern können, die an jener Seite +befindlich sind. + +Als ich gestern fortfahren wollte, kam meine Wirthin, mir zu sagen, +daß eben unser Schiff angekommen sey. Sofort ließ ich mich übersetzen, +stieg auf den Damm, und sahe es in der untergehenden Sonne gerade vor +mir. Bald darauf langte der Capitain mit den übrigen Passagieren an, +und wir machten die erste Bekanntschaft bei einer guten Abendmahlzeit. +Diesen Morgen kam das Schiff vollends an den Wal, wie man hier sagt, +so, daß es die Ladung einnehmen kann. Ich gieng mit einigen Freunden, +es zu besehen, und fand, daß es ein gutes, festes, aber etwas kleines +Fregattenschiff war. Nun, wir werden uns zu behelfen suchen, so gut es +gehen will. Der Capitain, ein geborner Ostfriese, scheint ein recht +guter Mann, und sorgt, dem Vernehmen nach, aufs reichlichste für unsern +Schiffsbedarf. Er ist das freilich wohl im Stande, da jeder von uns +eine sehr ansehnliche Summe für die Ueberfahrt zahlt. Dies ist indessen +seine erste große Reise dieser Art. Doch hat er einen erfahrnen +Steuermann, einen gebornen Holländer, der schon mehrere Reisen nach +Ost-Indien gemacht hat. Eben so erwartet er einen Supercargo, der +gleichfalls sehr gute Kenntnisse von diesen Gegenden haben soll. +Indessen fand ich die Mannschaft, nur sechszehn Köpfe zusammen, für +eine so weite Reise etwas schwach, weil doch immer ein Drittheil davon +erkranken kann. + +Leer ist der vielen Schiffe und Fremden wegen jezt äußerst lebendig, +wobei sich der reiche Theil der Kaufleute besonders in Gastmählern +zu zeigen sucht. Gewöhnlich sind es Abendmahlzeiten, von denen man +aber oft erst Morgens aufsteht. In diesen legt man hier den größten +Luxus zur Schau, besonders was die Weine betrifft. Der Bordeaux macht +dabei den Anfang, und der Champagner den Beschluß. Ueberhaupt ist der +Ostfriese von ruhigem, gutmüthigem, gastfreundlichem Charakter, so, daß +es fast allen Fremden hier sehr wohl zu gefallen pflegt. + +Dazu tragen denn auch in vieler Hinsicht die angenehmen Spaziergänge in +der Nachbarschaft bei. Der besuchteste davon führt nach Bollinghusen, +eine Art Gehöfte mit einem Herrenhause, das dem Baron von Reede gehört. +Dabei befindet sich ein schöner Park und Garten, die jedermann offen +stehn. Ein großes wohleingerichtetes Wirthshaus mit einem Tanzsaal +fehlt ebenfalls nicht. Es ist daher alle Tage, besonders aber Sonntags, +große Gesellschaft hier. + +Ein anderer angenehmer Weg führt nach Loga, ohngefähr eine halbe Stunde +östlich von Leer, auf der großen Straße nach Deutschland. Dieses Loga +ist ein ansehnliches Dorf, das aus einigen Straßen besteht und viele +stattliche Gebäude hat. Unter diesen befinden sich mehrere Landhäuser, +die sehr geschmackvoll eingerichtet sind. Besonders zeichnet sich +das Schloß des Grundherrn, des Grafen ~von Wedel~, aus. Es ist +fürstlich zu nennen, und mit den herrlichsten Park- und Gartenanlagen +versehen. + +Eine Viertelstunde nördlich von Leer erhebt sich mitten im freien Felde +eine nicht unbedeutende Anhöhe, der ~Plettenberg~ genannt. Der +Weg dahin führt zum Theil durch eine hohe Ulmenallee, bei den Ruinen +eines alten Schlosses vorbei. Man hat von diesem Anhöhe eine sehr +ausgebreitete Aussicht auf den schlängelnden Fluß, und einen großen +Theil von Ostfriesland. Bei heiterem Wetter kann man selbst Embden, +und die Schiffe auf der dortigen Rhede sehn. Nun, in kurzem werden wir +selbst dort liegen, und dann mit Gott in offene See. + + + + + ~Dritter Brief.~ + + + An Bord, auf der Rhede von + ~Embden~, April 1808. + +Da bin ich denn an Bord unserer Anna Wilhelmina, dies ist der Name +unseres Fregattenschiffs. Nach Abgang meines lezten blieb ich ohngefähr +noch acht Tage in Leer. Unterdessen nahm das Schiff den Rest seiner +Ladung ein, und segelte den Fluß hinab. Wir Passagiere, acht zusammen, +folgten zu Lande nach. Morgens fuhren wir ab, Mittags kamen wir in +Embden an. Die Rhede von Embden hat das Unbequeme, daß kein großes +Schiff in der Nähe der Stadt vor Anker gehen kann. Man muß daher oft +eine Stunde, ja zwei Stunden fahren, ehe man zu seinem Schiffe kommt. +Dies war leider auch unser Fall, doch endlich hatten wir die gehörige +Höhe erreicht, und konnten unser Schiff gerade vor uns sehn. Da es aber +gerade Ebbe war, entstand ein neuer Aufenthalt. So harrten wir bis +sechs Uhr Abends am Strande, bis endlich die Schaluppe uns abzuholen +kam. + +Sobald wir uns an Bord befanden, wies uns der Capitain, je zwei und +zwei zusammen, unsere Hütten an. Mit meinem Gefährten hatte ich schon +in Leer Bekanntschaft gemacht. Es war ein alter herzensguter Mann, der +als Aufseher der afrikanischen Wallfischfang-Gesellschaft ebenfalls +nach der Kapstadt gieng. Ich übernahm die Mühe, unsere Hütte in Ordnung +zu bringen, was mir denn auch nicht übel gelang. + +Denken Sie sich einen kleinen Verschlag, der höchstens drei Personen +fassen kann, und das Licht nur durch ein kleines Fenster in der Thür +erhält. Denken Sie sich ferner in der einen Wand derselben zwei Koyen, +oder Schlafstellen über einander, so haben Sie unsere Hütte vor sich. +Hier muß man denn nun sehn, wie man seine Sachen unterbringt. Ein +Glück, daß ich beim Einladen unserer Provisionen zugegen war, so ward +alles gleich in die Hütte gesezt. + +Was wir daher am nöthigsten brauchten, wie Wäsche, Bücher u. s. w. +kam unter die Matrazze, oder fand an den Enden der Koye einen Plaz. +Andere Sachen, wie Töpfe mit Eingemachtem, Thee, Kaffee, Zucker, Gläser, +Seife, Liqueur u. s. w. wurden in einen Schrank verschlossen, der +an der entgegengesezten Wand befindlich war. Einige Kleidungsstücke +wurden zwischen die Balken an der Decke der Koye gesteckt. Die größeren +Vorräthe, wie die Weinkisten, das Selteserwasser u. s. w. befanden sich +im Raume, doch oben aufgesetzt. Auf diese Art war unsere Haushaltung +sehr bald in Ordnung gebracht. Wir nahmen hierauf bei dem Capitain das +Abendessen ein, und sanken zulezt unter dem Rauschen des Wassers in +tiefen Schlaf. + + * * * * * + +Diesen Morgen gieng ich nur auf das Verdeck, fand aber dort alles in +der größten Unordnung. Das Schiff ist so voll geladen, daß man die +besten Sachen nicht mehr in den Raum bringen kann. So müssen z. B. die +Fleisch- und Gemüse-Tonnen sämmtlich oben bleiben, was den Platz gar +sehr beengt, und die Schiffsarbeit nicht wenig erschwert. Dazu kommen +die Passagiergüter, alles darunter und darüber, wovon jeder nach dem +Seinigen sucht. Man will versuchen, aufzuräumen, ich fürchte aber, +daß es wenig helfen wird. Von allen den schönen Vorräthen an Hämmeln, +Geflügel u. s. w. die uns der Capitain versprochen hatte, ist nicht das +mindeste zu sehen. Mehrere Passagiere denken daher, mit der Schaluppe +nach Embden zu fahren, und einzukaufen, was zu bekommen ist. Auch für +uns werden Hühner, und einige Ochsenviertel mitgebracht. So eben kommt +unser Rheder zum Abschiedsbesuch. Ich muß schließen, man ruft mich. + + + Morgens 7 Uhr. + +Der Wind ist günstig, der Lootse an Bord. Eben wird das Anker +aufgewunden, wir gehen in See. So leben Sie denn wohl, herzlich wohl. +Die Inlage an meine liebe Frau. Gott gebe, daß wir uns alle glücklich +wieder sehn! Noch einmal, leben Sie herzlich wohl, und denken Sie +meiner mit Freundschaft, wie Ihrer ewig denken wird. + + Ihr P. + + + + + ~Vierter Brief.~ + + + ~In See~ Mai 1805. + +Wir laviren im Kanal; die Küsten von England und Frankreich liegen +deutlich vor uns. Besonders sind wir jener so nahe, daß wir die +herrlichen Landhäuser zu erkennen im Stande sind. Es ist das +herrlichste Wetter von der Welt, nur Schade, daß uns der Wind entgegen +ist. Anfangs gieng es sehr gut, wir kamen schon am zweiten Tag in den +Kanal. Aber seitdem haben wir schon vier verloren, und Gott weiß, wie +lange das dauern kann. Mein Reisegefährte sagt mir, daß auf diese Art +oft drei bis vier Wochen vergehn. + +Unterdessen suche ich mich zu beschäftigen, so gut ich kann. Ich lese, +ich schreibe, ich meditire, bald sitzend, bald stehend, wobei mein +kleines Pult in die Koye gesteckt wird. Meistens wachen wir schon um +vier Uhr auf. Dennoch bleibt jede Parthei allein bis acht Uhr, wo +alles zum Frühstück in der großen Cajüte zusammenkommt. Dann folgt ein +Spaziergang auf dem Verdecke, worauf jeder wieder in seine Hütte geht. +Um elf Uhr versammelt man sich wieder im Caffehause, das von uns selbst +errichtet worden ist. + +Wir haben nämlich die Einrichtung getroffen, daß jeder nach seiner +Reihe den Wirth machen und die andern mit Genever u. s. w. traktiren +muß. Um 12 Uhr wird zu Mittag gegessen, wobei jeder aus seinen +Provisionen etwas zum Nachtisch hergiebt, und so die ewigen Kartoffeln +und das ewige Pökelfleisch etwas erträglicher macht. Wer eine halbe +Stunde Mittagsruhe halten will, mag es thun, ich selbst befinde mich +wohl dabei. Von drei bis sieben Uhr beschäftigen wir uns mit Lesen, +Schreiben, Kommerzspielen und dergl. mehr. Um sieben haben wir das +Abendessen, und dann kleine Wein- oder Punschparthien meistens auf dem +Verdeck. Um zehn Uhr ist Schlafenszeit, wenigstens muß es in allen +Hütten still seyn. Da haben Sie unsere Einrichtung, Tag für Tag, ohne +Abänderung. + + + ~Fünf Tage darauf.~ + +Gott Lob, wir haben endlich günstigen Wind bekommen, und nun geht es im +Fluge den Kanal hinaus. Schon nähern wir uns dem Cap Lezard, oder der +südwestlichsten Spitze von England. Indessen gab es diesen Morgen einen +so heftigen Streit an Bord, daß wenig fehlte, wir wären umgekehrt. Ich +habe ihnen schon gesagt, wie schlecht es mit den frischen Vorräthen +des Capitain bestellt war. Dazu kam, daß er uns bei weitem nicht die +kontraktmäßige Tafel gab. Hieraus entstand nun zwischen ihm, und +dem Supercargo ein heftiger Wortwechsel, wobei natürlich jeder von +uns des lezteren Parthei ergriff. Allein dies sezte den Capitain in +solche Wuth, daß er sofort das Schiff wenden, und gegen den günstigen +Wind anlaviren ließ. Nach einigen Stunden indessen nahm er seinen +unvernünftigen Befehl zurück, und ersäufte seinen Zorn in einigen +Flaschen Portwein, wovon er ein großer Liebhaber ist. Sie können jedoch +leicht glauben, daß dieser Vorfall einen sehr unangenehmen Eindruck auf +uns gemacht hat. + + + 27. Mai. + +Das herrlichste Wetter, der günstigste Wind. Gestern Morgens segelten +wir bei Teneriffa vorbei. Herrlich war der Wiederschein des +majestätischen Pics in der klaren, spiegelnden Fluth. Nachmittags +begegneten wir einem englischen Kaper, der uns beilegen hieß. Hierauf +kam der Capitain desselben mit einiger Mannschaft zu uns an Bord. Er +verlangte die Schiffspapiere, sah sie durch, erklärte sie endlich für +gut, und verließ uns. Wir Passagiere hatten uns inzwischen in unseren +Hütten verborgen gehalten, und kamen so mit dem bloßen Schrecken davon. + + * * * * * + +Die Hitze wird nur täglich stärker, wir fühlen sie besonders des +Nachts. Schon früh um neun Uhr ist das Holzwerk so heiß, daß man die +Hand nicht darauf legen kann. Mit unserem Tische geht es so, so; wir +helfen uns mit dem Mitgebrachten aus. Das Meer ist sehr schön, und +bietet uns eine Menge wunderbarer Erscheinungen dar. Wir bleiben oft +bis Mitternacht auf dem Verdeck. Alles ist dann Glanz und Feuer um das +Schiff. Dazu der sternbedeckte Himmel gleich einem reinen ätherischen +Lichtmeere! Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr dieser Anblick das +Herz erhebt! + + + Eine Stunde darauf. + +Während ich obiges niederschrieb, tagte in Südost ein Fahrzeug auf, +das bald für ein dänisches Schiff erkannt ward. Es hielt auf uns zu, +und kam endlich ganz nahe heran. Es lag drei Wochen in der Tafelbai, +und ist nach Rotterdam bestimmt. Unser Supercargo hat eine lange +Unterredung mit dem Capitain gehabt, und giebt ihm ein Paket mit. Mein +Brief soll darin eingeschlossen werden, daher für diesmal genug. Leben +Sie wohl, verehrter Freund; meinen nächsten erhalten Sie wahrscheinlich +aus der Kapstadt selbst. + + + + + ~Fünfter Brief.~ + + + Insel ~St. Helena~, Juli 1805. + +Erschrecken Sie nicht, mein werthester Freund, unser Schiff ist von +den Engländern genommen, und hier als gute Prise eingebracht. Noch +weiß ich nicht, was aus mir werden soll, fast dürfte die weitere Reise +unmöglich seyn. Doch ich will Ihnen in der Ordnung erzählen, wie Alles +zugegangen ist. Wir hatten den Passatwind bekommen, und rückten nun +immer nach der Linie vor. Sonnenaufgang und Untergang, der Mond und +die Sterne, es war ein neuer glänzender Himmel in der reinsten Pracht. +So sahen wir unter andern einmal einen Regenbogen, der durch den +~Mond~ gebildet ward, und dennoch dem schönsten Sonnenregenbogen +nur wenig nachgab. + +Auf diese Art waren wir ungefähr bis unter den fünften Grad nördlicher +Breite gekommen, als wir am ~sechsten Juni~, Morgens, gerade +in Südwesten ein großes Schiff auftagen sahen. Wir freuten uns sehr +darüber, denn wir hielten es für einen heimkehrenden, holländischen +Ostindienfahrer, dem es auch vollkommen in Bauart und Segelwerk glich. +Jeder beeilte sich nun Briefe an seine Freunde zu schreiben, und ich +selbst fieng einen an Sie Geliebter an. Doch wie schrecklich sahen +wir uns in unserer Hoffnung getäuscht! Das Schiff kam näher, und ward +bald für ein englisches Kriegsschiff erkannt. Jezt erfolgten die zwei +gewöhnlichen Schüsse, das erstemal blind, das zweitemal hinter dem +Schiffe hin, und wir waren gezwungen, beizudrehen. Sofort sezten die +Engländer ein Boot aus, und schickten zwei Offiziere, nebst ungefähr +zwanzig Mann Seesoldaten nach uns ab. Kaum waren nun diese an Bord, so +wurden die Schiffspapiere untersucht, unzulänglich befunden, und Schiff +und Ladung für gute Prise erklärt. + +Denken Sie sich, wie uns Passagieren bei dieser Nachricht zu Muthe war! +Um keinen Argwohn zu erregen, hielten wir uns während der Untersuchung, +troz der erstickenden Hitze, in unsern Hütten auf. Hier brachten wir +zwischen Furcht und Hoffnung wohl eine Stunde zu. Endlich erfuhren wir +unser Schicksal. Unser Supercargo, Herr Van der Pulten, mußte sich an +Bord des Kriegsschiffs begeben; eben so wurden auch unsere sämmtlichen +Matrosen dahin gebracht. Unser Capitain verlor das Commando, und an +seiner Stelle übernahm es ein englischer Lieutenant. Auch erhielten +wir eine englische Schiffsmannschaft. Um uns andere schien man sich +wenig oder gar nicht zu bekümmern, wie uns denn auch nicht das Mindeste +genommen ward. + +Aber welcher Lärm, welche Verwirrung auf dem Verdeck! Alles unter, und +durch einander; ein Schreien, Fluchen und Rasen, daß man sein eigenes +Wort nicht verstand. Dazu das Ueberpacken der Hangmatten, Kisten u. +s. w. Die fremden Gesichter, die fremde Sprache, der ganz veränderte +Zustand. Endlich drangen ein halbes Dutzend englische Matrosen in die +Cajüte, erbrachen die Kisten unseres Capitains, und bemächtigten sich +seines Eigenthums. So gieng es fort bis vier Uhr, wo alles allmählig +wieder in Ordnung kam. Bald darauf gab das Kriegsschiff ein Signal, und +sogleich ward alles zum Weitersegeln in Bereitschaft gesezt. Endlich +steuerte das Kriegsschiff voran, und das unserige hinter demselben +drein. Der Curs war südlich; doch wohin es eigentlich gieng, blieb ein +Geheimniß für uns. + +Am folgenden Tage neue Verwirrung, neue Angst. Die Engländer +beschlossen die Ladung Stück für Stück zu untersuchen, um der Prise +desto gewisser versichert zu seyn. Da sie nämlich unser Schiff durchaus +für ein verkapptes holländisches hielten, vermutheten sie auch Pulver, +Blei, Gewehre u. s. w. unter der Ladung, was bekanntlich gegen die +Kriegsgesetze ist. Zu diesem Ende wurden nun alle Kisten und Fässer +auf das Verdeck gebracht, und theils zerschlagen, theils angebohrt. +Sie wurden dabei so hoch aufgestapelt, daß fast das Umschlagen zu +befürchten war. Man fand indessen nichts, als einige Fässer Harz, was +dann zur Contrebande gestempelt ward. Hierauf ward alles wieder in den +Raum geschafft, wiewohl in größter Unordnung. Diese ganze Untersuchung +dauerte von Morgens sechs, bis Abends acht Uhr, und zwar während +der Himmel mit furchtbaren Gewitterwolken bedeckt war. Ein einziger +Windstoß, ein einziger Wetterschlag, und es würde um uns geschehen +gewesen seyn. + +Die Nacht war still, aber drückend heiß. Endlich gegen Morgen brach das +Ungewitter mit tausend Donnerschlägen los. Das Echo in den Wolken war +fürchterlich; der Regen floß in Strömen herab; der Sturm peitschte die +Wogen himmelan; unzählige Blitze durchkreuzten sich. Zum Glück waren +wir auf diese ~Travate~ -- dies ist der Schiffsausdruck -- schon +seit dem Abende vorbereitet, so daß sie uns nicht den mindesten Schaden +that. + +Am 20. Juni passirten wir die Linie, was mit den gewöhnlichen +Feierlichkeiten geschah, und steuerten immer tiefer nach Süden hinab. +Oft nahm uns das Kriegsschiff nunmehr aufs Schlepptau[18], wobei es +natürlich tüchtige Stöße gab. Am 3. Juli verließ uns das Kriegsschiff +auf eine kurze Zeit. Es beschloß auf einige Schiffe Jagd zu machen, die +man in Osten erblickte, und der Capitain für spanische ansah. Er gab +uns den Curs auf, den wir in der nächsten Nacht halten sollten, und +versprach am andern Morgen wieder bei uns zu seyn. Allein wir harrten +vergebens; selbst am dritten Tage erschien er noch nicht. So kreuzten +wir immer in der Irre herum. + +Das schlimmste dabei war, daß unser Wasser zu Ende gieng, und daß nun +jeder auf eine Kanne täglich gesetzt ward. Zum Unglück hatten sich +die Ratten auch schon längst über unser Selteserwasser gemacht; wir +waren daher auf Wein und Branntewein eingeschränkt. Gekocht konnte +nun durchaus nichts weiter werden, wenigstens in süßem Wasser nicht; +dagegen machte das Seewasser alle Speisen beinahe ungenießbar. + +Um einmal eine gute Tasse Caffe zu haben, gab ich zwei Flaschen +Genever, jede zu sieben bis acht Gulden, für eine einzige Flasche +Wasser hin. Zwar hatten wir zuweilen starke Regenschauer, allein dies +half uns nichts. Segel, Holz- und Tauwerk waren nämlich so stark mit +Salztheilen besezt, daß das herabfließende Wasser durchaus denselben +Geschmack bekam. An unserem Mangel waren indessen die englischen +Offiziere und Matrosen eigentlich selbst Schuld. Bei dem Umladen hatten +sie nämlich mehrere Wasserfässer, die ihnen im Wege waren, zerschlagen; +eben so hatten sie den größten Theil unseres Vorrathes zum Waschen +verbraucht. + +Fünf Tage hatten wir so aufs ungewisse herumgekreuzt, als endlich +unser Lieutenant den Kurs nach ~St. Helena~ zu nehmen beschloß. +Der Wind war heftig, aber auch äußerst günstig für uns. Dies war ein +großes Glück, da jeder nur noch ein einziges Glas Wasser erhielt. So +durchschnitten wir den ungeheuern Ocean ohngefähr vom Rio de la Plata +an bis nach diesem einsamen Eiland. Vierzehn Tage waren vorüber, wir +hatten nur noch Wasser auf einen einzigen, was gestern war. Da sahen +wir mit aufgehender Sonne die schwarze, verbrannte, tausendfach in +sich zerklüftete Felsenmasse vor uns. Aber bald verloren wir den Wind, +und kamen nur mit Mühe heran. Doch als wir endlich um die hohen Felsen +bogen, welch ein erfreulicher Anblick! Es war St. Jamestown, von hohen +tropischen Bäumen beschattet, im Hintergrunde einer herrlichen Bai. +Unvergeßlicher Abend! Meere und Himmel glänzten in Rosenglut. Bald +erkannten wir auch unser Kriegsschiff, das vor 3 Tagen hier eingelaufen +war, und ankerten sofort nicht weit davon. + +Abends erhielten wir einen Besuch von einem Hamburger Capitain, der +unter dänischer Flagge von Ostindien kommt. Er erbot sich, Briefe von +uns mitzunehmen, und so wird ihm auch dieser zugestellt. Eben trifft +die Antwort des Gouverneurs auf unser Bittgesuch ein, an's Land zu +gehen. Sie ist, wie gewöhnlich, bejahend, und wir machen noch heute +Gebrauch davon. -- Ich umarme Sie mit Herzlichkeit; nächstens mehr von +mir. + + + + + ~Sechster Brief.~ + + + ~Bai~ von ~St. Helena~~, + Juli 1805. + +Es ist ein trüber, regnigter Tag, wie immer in dieser Jahrszeit. Ich +bin allein in der Cajüte, alle meine Reisegefährten befinden sich am +Lande, so werde ich denn von Niemanden gestört. In der ersten Nacht, +nachdem wir vor Anker gegangen waren, hatten wir noch einen gewaltigen +Schrecken. Denken Sie, im Vertrauen auf den guten Ankergrund, hatte +sich der Capitain mit einem einzigen Anker begnügt. Dieser »~raakte +los~«, wie es in der Schiffersprache heißt, und wir trieben in die +offene See. Es war kurz vor Mitternacht, als es die Wache zum Glück +noch inne ward. Jezt entstand ein entsezlicher Lärm, und alles mußte +sofort an die Arbeit. Wir Passagiere fuhren aus dem ersten Schlafe +auf, und glaubten anfangs, daß Feuer ausgekommen sey. Mit vieler Mühe +ward nun das Schiff wieder gewendet und in Sicherheit gebracht. Wir +wurden indessen nicht eher ruhig, als bis auf jeder Seite ein großer +Anker gefallen war. + +Nachmittags fuhr ich nun mit dem Supercargo, der uns vom Kriegsschiffe +aus besucht hatte, ans Land. Wir stiegen an einem schattigen Wege +aus, der längs den Batterien bis zu dem Thore hinläuft. Was einem nun +zuerst in die Augen fällt, ist Jamestown, zu deutsch Jacobsstadt. So +heißt der einzige Ort, der auf der Insel befindlich ist. Denken Sie +sich ein schmales, noch keine halbe Stunde langes Thal, auf beiden +Seiten mit 2000 Fuß hohen Bergen eingefaßt. In diesem Thale denken +Sie sich nun 3 bis 4 Straßen mit zierlichen Häusern besezt, und hier +und da mit Bäumen vermischt, und Sie sehen Jamestown in der Natur vor +sich. Die vornehmste Straße geht von Süden nach Norden, und endigt +in einem sehr schönen Graben, der der Regierung gehört. Hier findet +man die besten Häuser, alle in orientalischem Geschmacke, mit platten +Dächern, und Gallerien erbaut. Sie haben sämmtlich kleine Gärten, +wo man die herrlichsten Blumen zieht. Da das Thal aufwärts steigt, +ragen die hintersten Häuser etwas über die vordersten empor, und +haben die Aussicht auf die Bai. In der Mitte der Straße befindet sich +ein Grasplatz mit Bäumen besezt, auf dem ein schöner Brunnen steht. +Ganz am Ende liegt ein schöner schattiger Gottesacker, wo wir einige +geschmackvolle Grabmäler sahen. + +Als wir die Straße wieder herunter giengen, traten wir einen Augenblick +in den oben erwähnten Graben hinein. Er steht jedermann offen, und +ist mit den herrlichsten Pflanzen aller Welttheile bedeckt. Ein +artiges Haus von Bananas, Citronen, Orangen und Palmen beschattet, +zog besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es schien uns der +beneidenswertheste Aufenthalt auf der Welt. Plözlich hörten wir hinter +uns holländisch sprechen, und erfuhren zu unserm Erstaunen, daß ein +großer Theil der gefangenen Garnison von Surinam hier in englische +Dienste getreten sey. Die Soldaten klagten aber sehr über die Theurung, +besonders über den Mangel an frischem Fleisch. Es ist freilich +natürlich, daß man alles für die Schiffe aufhebt, und daß sich folglich +der gemeine Mann mit seinen gesalzenen Rationen begnügen muß. + +Wir giengen nun weiter, um die übrigen merkwürdigen Gebäude von +Jamestown zu besehen. Hier wurde uns zuerst das Haus des Gouverneurs +gezeigt. Es liegt hart am Strande, mit der Vorderseite nach der Bai +gekehrt, wird aber von dem Wege, der an der Batterie hinläuft, durch +eine Mauer getrennt. Es ist unstreitig das schönste und größte Gebäude +auf St. Helena. Die meisten Zimmer sind mit persischen Teppichen, +ostindischen Moußelinbehängen u. s. w. verziert, und mit prächtigen +Mobilien von Ebenholz versehen. In einem derselben sind die Bildnisse +der englischen Könige von Carl =I.= bis Georg =III.= ausgehängt; auch +findet man einen schönen Waffensaal. Der Graben enthält eine Menge +seltner Pflanzen, und zeichnet sich durch seine trefliche Lage aus. +Allein es ist ein eigener Anblick, wenn man die hohen Felsen dahinter +so darüber herhängen sieht. + +Weiter besahen wir die Kirche, die auf einem freien Platze steht. +Sie ist von innen und außen recht zierlich anzusehen, und hat auch +einen schönen Thurm mit Glocke und Uhrwerk. Eben so nimmt sich das +Schauspielhaus, in geringer Entfernung davon, nicht übel aus. Dasselbe +gilt von der Freimaurerloge, der neuen Offizierscaserne, und dem +Billiardhaus. Lezteres ist zugleich ein Wirthshaus, wo ich die Nacht zu +bleiben beschloß, indem der Supercargo zu einem Bekannten eingeladen +war. Mein Abendessen bestand aus Salat, und einem Schinkenbeine, nebst +zwei Gläschen Rum. Mein Bett war nicht das beste, und ein Frühstück +forderte ich nicht. Jezt rathen Sie einmal, was die Zeche war? O nur +eine Kleinigkeit! Nicht mehr als sechs und zwanzig Gulden holl., man +kann nicht billiger seyn! -- So sah ich denn mit einemmale, wie theuer +hier Alles ist. Gegen Mittag fuhren wir an Bord zurück. + + + + + ~Siebenter Brief.~ + + + ~Bai~ von ~St. Helena~, + Juli 1805. + +Vorgestern erhielt ich einen unvermutheten Besuch von einem unserer +Landsleute, der hier ein artiges Haus und einen großen Kaufladen +besizt. Ich mußte ihn an's Land begleiten, und den Sonntag bei ihm +zubringen, was ich natürlich sehr gern annahm. Er bewirthete mich aufs +Beste, und ganz auf vaterländische Art. Bis auf den Roodkorß[19], +nichts, gar nichts fehlte; alles war da. Später nahmen wir den Thee in +seinem Garten unter einem herrlichen Orangenbaume ein. + +Das Innere der guten Häuser ist sich hier fast durchgehends gleich. +Die meisten haben zwei, auch wohl drei Stockwerke, die sehr regelmäßig +eingetheilt sind. Um die beiden ersten Stockwerke pflegen Gallerien +zu laufen, was sehr viel zur Kühlung beiträgt. Verwundert bin ich +indessen, keine steinerne Fußböden zu sehen. Die Möbeln sind alle aus +England; doch werden auch Stühle und Kanapees aus einer Art hiesigen +ostindischen Binsen gemacht. Diese schönen Häuser sind aber einen +großen Theil des Jahrs gänzlich unbewohnt. + +Die Eigenthümer halten sich nämlich im Innern der Insel auf ihren +Landgütern auf. Diese sind als eben so viele Einsiedeleien zu +betrachten, indem jedes von dem andern durch Felsen und Schluchten +getrennt ist. Nur wenn die ostindischen Flotten ankommen, eilt alles +nach der Stadt. Jedes Haus wird dann ein Gasthaus, wo der Fremde Kost +und Wohnung finden kann, sobald er kein Geld zu sparen braucht. St. +Jamestown ist dann äußerst belebt; Concerte, Bälle u. s. w. wechseln +unaufhörlich ab. Auch werden zu dieser Zeit große Geschäfte in +ostindischen und chinesischen Waaren gemacht. Hieraus wird erklärlich, +warum die hiesigen Kaufläden so überflüßig damit versehen sind. + +Man lebt hier im Allgemeinen ganz auf englische Art. Zum Frühstück: +Thee, Butterbrod, kaltes Fleisch, gebackenen Fisch, und Kapwein. Zum +Mittag: Rostbeef, oder Beefsteeck, gesottenen oder gebackenen Fisch, +Gemüse und Pudding. Der Nachtisch von den auserlesensten Früchten; +Kapwein, Madera und Bordeaux. Abends eine Kleinigkeit. Ein kleines +Gebäcke, oder auch nur Brod mit einem Glase Milch, Ale, Groy[20], oder +Wein. Ich finde dies sehr gesund; man schläft vortrefflich darauf. + +Die Insel selbst bringt mancherlei Lebensmittel hervor. Dahin rechne +ich außer etwas Weizen, vorzüglich die vortrefflichen Erdäpfel, die man +das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß hat. Dann die köstlichen Yams, +die mit den Erdäpfeln verbunden das beste Brodsurrogat sind. Eben so +eine Menge herrlicher Früchte, wie Citronen, Orangen, Melonen, Ananasse +u. dgl. mehr. Auch fehlt es nicht an europäischen Gemüsen fast aller +Art. Mehrere antiscorbutische Gewächse und Kräuter, wie z. B. eine +Art Portulak, und Sellerie, die Petersilie, die Wasserkresse u. s. w. +findet man hier das ganze Jahr an der Küste im Ueberfluß. + +Das hiesige Rindfleisch ist vortrefflich, aber freilich so theuer, daß +es nur der Wohlhabende bezahlen kann. Dieß kommt von den Viehseuchen +her, die nicht selten aus Mangel an Wasser entstehen. Noch vor wenig +Jahren z. B. kamen mehr als 2000 Stück schöne Rinder bei einer +anhaltenden Dürre um. Schaafe und Ziegen giebt es viel, doch ist das +Hammelfleisch etwas zäh. Das Schweinefleisch hingegen ist ausnehmend +gut. Wir hatten gestern ein Spanferkel von einzigem Geschmack. + +An Geflügel und kleinem Wildpret fehlt es ebenfalls nicht. Man hat +Rebhühner, Fasanen, Tauben u. s. w. besonders aber Hühner und Enten +in Ueberfluß. Der aus Ostindien eingeführte Reisvogel vermehrt sich +hier außerordentlich, und zwar sonderbar genug auf den Anhöhen. Auch +die Kaninchen und Guineahühner, die der Gouverneur aus Liebhaberei +unterhält, dürften in kurzem sehr zahlreich seyn. Seefische werden in +ungeheurer Menge gefangen; man zählt nicht weniger als 70 Arten davon. +Auch an Schildkröten fehlt es nicht, doch erhält man die größten von +der Insel Ascension. Das Trinkwasser ist das treflichste, das man +finden kann. + +Was St. Helena sonst noch braucht, wird aus Englands vom Kap, aus +Brasilien und von Angola zugeführt. Jährlich kommen nämlich wenigstens +vier, und zuweilen noch mehr Proviantschiffe mit den nöthigen +Artikeln, wie Mehl, Pökelfleisch, Schinken, Zungen, Weizen, Schaafen, +Butter, Wein, Manufakturwaaren u. s. w. an. Es fehlt daher in der Regel +an nichts in St. Helena, nur daß alles, zumal wenn die ostindischen +Flotten da liegen, ungemein theuer ist. + +So kostet z. B. ein Huhn nicht weniger als zwölf Gulden +holländisch[21], während ein kaum jähriges Ferkel mit hundert siebenzig +Gulden bezahlt wird. Ein Pfund Havanah Cigarren kostet 36 Gulden, ein +Glas Liqueur einen Gulden, und so fort. Jeder Verkäufer nimmt hier +180 bis 200 pro Cent. So der Einwohner, der an die Schiffe abgiebt, so +der Schiffer, der seine Waaren absezt. Man sollte gar nicht glauben, +wie viel Geld hier in Umlauf kommt. Vor einigen Tagen z. B. verkaufte +nur ein Capitain in weniger als 2 Stunden für 7000 Pagoden[22] an +Werth. Die Kriegsschiffe, die hier mit Prisen einlaufen, lassen oft +hunderttausende zurück. Auf diese Art leben die Einwohner, wenn man +die Beamten abrechnet, durchgehends von der Landwirtschaft und dem +Schiffsverkehr. + + + + + ~Achter Brief.~ + + + ~Bai~ von ~St. Helena~, + Juli 1805. + +Was ich so oft gehört habe, finde ich nun vollkommen bestätigt: das +Clima von St. Helena ist wirklich sehr angenehm. Dies kommt besonders +von dem Paßatwinde her, der unaufhörlich über die Insel weht, und +die Luft beständig rein und kühl erhält. Erdbeben und Orkane, in den +tropischen Gegenden sonst so häufig, sind hier unbekannt. Es regnet +selten, oft, wie man behauptet, in zehn, zwölf Monaten und darüber +nicht. Als Ursache hiervon giebt man die Stätigkeit des Paßatwindes, +so wie die abgeschnittene Lage, den geringen Umfang, und die +verhältnißmäßige Kahlheit der Insel an. Indessen scheint gewiß, daß +die hiesige Atmosphäre seit ungefähr 50 Jahren etwas feuchter geworden +ist, daß seit dem vermehrten Anbaue ungleich mehr Regen fällt, und daß +man eine anhaltende Dürre immer weniger zu fürchten hat. + +Wichtig scheint die Bemerkung, daß die Luft auf St. Helena überall, in +den Thälern wie auf den Bergen, an den Küsten wie im Innern der Insel, +gleich vortreflich ist. Der Wärmegrad hingegen wechselt natürlich nach +den Höhepunkten ab. Auf den höchsten Punkten fällt der Wärmemesser +bis unter 54° Fahr. herab, während er im St. Jamesthale bis 84° +steigt. Beides wird aber freilich nur selten bemerkt. Der sogenannte +Wintermonat, der halbe Juni und Juli, pflegt hier am kühlsten zu seyn. +Der Himmel ist dann häufig bedeckt, es fallen ziemliche Regenschauer, +und nicht selten ist die ganze Insel in einen leichten Nebel verhüllt. + +Wie gesund die Luft von St. Helena sey, beweißt unter andern auch das +Ansehen der Einwohner, besonders derer, die hier geboren sind. Da +ist keine Spur von jener Totenfarbe, jener Abmagerung und Schwäche, +wie man sie in andern Theilen von Asien und Afrika bemerkt. Ohne +etwas von schweren Krankheiten oder peinigenden chronischen Uebeln +zu wissen, erreichen die meisten Einwohner ein sehr hohes Alter, und +zeigen noch oft im 70, ja 80sten Jahre, ungemeine Kraft und Munterkeit. +Eben so erholen sich die siechsten Personen, an deren Leben man in +Ostindien verzweifelte, auf St. Helena größtentheils mit unglaublicher +Schnelligkeit. + +Von der gefährlichen Nachtluft, die in den tropischen Ländern oft so +tödtlich ist, weiß man hier ebenfalls nichts. Im Gegentheil, man kann +sogar am Strande schlafen, ohne daß man das Mindeste davon zu fürchten +hat. Dies geschieht denn auch von den Matrosen sehr häufig, indem die +Schiffe gerade der Stadt gegenüber vor Anker gehen. So vereinigt sich +denn Alles, um St. Helena zu einem macenarischen Posten zu machen, +der für den englisch-ostindischen Handel sehr wichtig ist. Hier finden +nämlich die nach Europa segelnden Schiffe gleichsam auf halbem Wege, +den besten Erfrischungsort. Ich sage, die nach Europa segelnden, weil +nur diese über St. Helena gehen. Die aus Europa kommenden legen nämlich +am Kap an. Dieser Unterschied wird durch die Abweichung des Paßatwindes +bestimmt. + +Der Umfang der Insel wird auf höchstens 12 Stunden geschäzt. Die +größte Länge soll von 6, die größte Breite von 4 Stunden seyn. Die +Bevölkerung giebt man auf 2300 Seelen an, worunter 5-600 Mann Garnison, +und 7-800 Neger mit begriffen sind. Für die Sicherheit der Insel ist +nach Möglichkeit gesorgt. Nicht genug, daß jede Landung durch die hohen +Felsen und die heftige Brandung sehr erschwert wird; es sind auch auf +den vornehmsten Punkten Batterien und Bollwerke angelegt. + +Zugleich sind auf den benachbarten Felsengipfeln immer große +Steinvorräthe in Bereitschaft. Auf dem höchsten Punkte der Insel, +auf dem Dianenpik, ist ein Wachthaus, von dem man alle Schiffe in +der Entfernung von vielen Stunden signalisirt. Eben so sind rund um +die Insel Telegraphen errichtet, die sämmtlich mit St. Jamestown in +Verbindung stehn. Die Disciplin der Garnison ist sehr gut, und alle +Morgen sorgfältiger Namensaufruf. Sobald man nun einen Mann vermißt, +wird sogleich Embargo auf die Schiffe gelegt. Dies macht das Desertiren +beinahe unmöglich, indem nicht leicht ein Schiffer die Hand dazu bieten +wird. + +Der jetzige Gouverneur ist ein sehr thätiger und einsichtsvoller Mann. +Er hat sich bereits in vielen Hinsichten um St. Helena sehr verdient +gemacht. Unter andern hat er eine Einrichtung getroffen, die äußerst +nüzlich geworden ist. Alle Vergehungen werden nämlich mit einer +verhältnißmäßigen Strafarbeit gebüßt. So wurden mehrere öffentliche +Gebäude aufgeführt, die Inselwege verbessert, wüste Strecken angebaut +u. dgl. mehr. Der schöne Compagniegarten z. B. entstand allein auf +diese Art. Vorher war es ein wüster Platz, wo aller Unrath von St. +Jamestown zusammenfloß. Jezt ist es die herrlichste Pflanzung, die man +sehen kann. + +Die Feldarbeiten werden hier durch Neger verrichtet, die zum Theil +freie Leute sind. Der Sclavenhandel ist schon seit 25 Jahren +und darüber abgeschafft. Dies hat auf den Anbau der Insel den +glücklichsten Einfluß gehabt. Indessen halten sich auch die freien +Neger freiwillig zu den einzelnen Gutsbesitzern, was für beide Theile +gleich vortheilhaft ist. Eben so sieht man deren als Bediente, Jäger, +Aufwärter, theils auf dem Lande, theils in St. Jamestown. Man rechnet +in allem 7-800 zusammen, worunter die Weiber die Mehrzahl sind. + +Von diesen leben sehr viele in der Stadt. Sie werden besonders als +geschickte Näherinnen, Köchinnen und Wäscherinnen gelobt. Die jüngere +und schönere treiben ein bekanntes Nebenhandwerk, das während der +Anwesenheit der ostindischen Flotten sehr einträglich ist. Die meisten +Negerinnen berechnen ihr Alter theils nach dem Monde, theils nach +den Proviantschiffen aus England. -- »Ich bin 300 Proviantschiffe +alt!« -- gab mir eine sehr betagte Frau zur Antwort. Dies macht, 4 +Proviantschiffe auf das Jahr gerechnet, nicht weniger als 75 Jahre. + + + Zwei Tage nachher. + +Werden Sie glauben, theuerster Freund, daß von der Fortsetzung +meiner Reise nach der Kapstadt die Rede gewesen ist? Hören Sie nur! +Vor ungefähr 5 Tagen lief hier ein kleines Kapsches Schiff mit Wein +und Butter ein. Der Capitain hörte von uns, und bot uns gegen gute +Bezahlung sofort die Ueberfahrt an. Meine sämmtlichen Gefährten +entschlossen sich fast augenblicklich dazu, ich aber nahm mir vor, +etwas bedächtlicher zu Werke zu gehn. + +Den andern Tag ward ich zu dem Capitain unseres Kriegsschiffes +eingeladen; was schon mehrmals der Fall gewesen war. Er erklärte mir, +er würde in 5, 6 Tagen unter Segel gehn. Ob ich ihn begleiten, meine +Reise nach dem Kap fortsetzen, oder auf St. Helena bleiben wolle, sey +mir freigestellt. Ich bat um eine Stunde Bedenkzeit, und entschloß mich +zur Reise nach -- England. + +Sie werden erstaunen, verehrter Freund, aber hören Sie meine Gründe an. +Zuerst ist das Kapsche Schiff ein kleines, altes und sehr schlechtes +Fahrzeug, wie sie es in der Regel fast alle sind. Zweitens sind wir +im Regenmonßon, wo es in diesen Gewässern, und gerade in der Nähe des +Kaps, sehr heftige Stürme giebt. Drittens ist die Reise von St. Helena +nach dem Kap ohnehin schon beschwerlich, da man, um den Paßatwind zu +bekommen, einen bedeutenden Umweg machen, und wenigstens einen Monat +darauf rechnen muß. Viertens endlich glaubte ich, allen Umständen +zufolge, durchaus an mein erstes Schiff und dessen Schicksal gebunden +zu seyn. Der Capitain selbst gab mir vollkommen Recht. Ich werde nun +noch eine Rundreise um die Insel machen, wozu die Erlaubniß bereits +ausgewirkt ist, und dann mit vollen Segeln nach Europa zurück! + + + + + ~Neunter Brief.~ + + + ~Bai~ von ~St~. ~Helena~, + August 1805. + +Jezt erst kann ich sagen, daß mir St. Helena in jeder Hinsicht bekannt +geworden ist. Vorgestern in aller Frühe brach ich von St. Jamestown +auf. Mein Führer war ein alter ehrlicher Bootsmann, aber in Wahrheit +noch rüstig genug. Wir stiegen zuerst einen hohen, kahlen Felsen, den +sogenannten Ladderhill, hinan. Von der Bai aus gesehn, faßt er die +rechte Seite des Thales ein. Der ziemlich steile Weg ist in den Basalt +gehauen, und überall mit einer gemauerten Brustwehr versehn. Gewöhnlich +wird bis auf den Gipfel nur eine halbe Stunde abrechnet; wir brauchten +aber an drei Viertelstunden dazu. + +Auf dem höchsten Punkte befindet sich eine Batterie, die einen +beträchtlichen Theil der Bai bestreicht, nebst einem Flaggenbaum. +Daneben sind mehrere Baraken für die Artilleristen, die diesen Posten, +wegen der reinen kühlen Luft, allen andern vorziehn. Sie haben ihre +Weiber und Kinder bei sich, und bauen ihre kleinen Gemüsegärten sehr +sorgfältig an. Die Aufsicht vom Ladderhill ist aber nichts weniger als +schön. Auf der einen Seite hat man nichts als nakte Felsen; auf der +andern das einsame Meer. Die Stadt selbst nimmt sich in der furchtbaren +Tiefe wie ein Haufen Kartenhäuser aus. + +Wir erquickten uns mit einem Glase Rum und stiegen dann einen zweiten, +gleichfalls ganz kahlen Felsen hinan. Aber wie angenehm werden wir +dafür auf dem Gipfel überrascht! Ein liebliches Thal mit grünenden +Bergen eingefaßt, lag im glänzenden Morgenlichte vor uns da. Die +Pisangs, die Cocospalmen, die Orangen und Bananas; weidende Heerden auf +üppigen Wiesen; zierliche Landhäuser zwischen Fruchtbäumen versteckt; +alles blühend und grünend, alles in Schönheit und Herrlichkeit; ein +irdisches Paradies vom liebenden Himmel geküßt. + +Wir wanderten nun am Rande dieses entzückenden Thales immer am Abhange +des Berges hin. Der Weg war mit Lorbeer- und Myrthensträuchen, mit +Citronen-, Orangen- und Feigenbäumen eingefaßt. Sie bildeten einen so +dichten Schattengang, daß uns die Sonne nicht im mindesten beschwerlich +fiel. Ich kaufte von einem alten Neger einige Orangen zu einem halben +Stüber[23] das Stück, und fand dieselben von vortrefflichem Geschmacke. +Gegen Mittag kamen wir an ein schönes Landhaus, das dem Gouverneur +gehört. Wir fanden blos einige Neger und Negerinnen daselbst, und +konnten es also nach Belieben besehen. Es ist ein treffliches Gebäude, +vorn mit einer großen schattigen Kastanienallee, hinten mit einem +herrlichen Garten versehen. Am Ende des Gartens befindet sich ein +Hügel, auf den man Bäume, Gebüsche und Blumen aus China und aus England +vom Kap und von den Südseeinseln beisammen sieht. + +Das Innere dieses Landhauses ist sehr geschmackvoll verziert; überall +sind die schönsten englischen Möbeln, auch eine Menge ostindischer +und chinesischer Kostbarkeiten aufgestellt. Unter andern bemerkte +ich ein schönes Fortepiano von Mahagony. Es war, wie ich hörte, auf +der Insel selbst gebaut, und zwar von einem Deutschen, der mit den +holländischen Truppen aus Surinam hierher gekommen ist. Er besizt +bereits ein schönes Haus zu St. Jamestown, und schickt jährlich eine +Menge musikalischer Instrumente, besonders aber Pianofortes, theils +nach dem Kap, theils nach Batavia. Die wohlfeilsten werden ihm mit +60 Guineen, die theuersten mit 180 bis 200 bezahlt. Leztere sind mit +den feinsten ostindischen Holzarten ausgelegt. Nachdem wir dies alles +besehen hatten, nahmen wir eine ländliche Mahlzeit von Milch und Eiern +zu uns, und sezten nach einem kleinen Mittagsschlafe unsere Wanderung +weiter fort. Der ehrliche alte schwarze Castellan fand sich mit einem +guten Stück Tabak über seine Erwartung bezahlt. + +Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen bald zu einem anderen +schönen Landhause, das einem Herrn Vrangham gehört. Die hier gezogenen +Früchte und Gemüse sollen die besten auf der ganzen Insel seyn. Kein +Wunder, daß daher blos der Obstgarten für 200 Pfund jährlich verpachtet +ist. Ich bemerkte viel herrliches Wiesenland, sah aber nirgends Vieh +darauf. Gleichwohl befindet sich ein starker Bach in der Nähe, der sich +ins Meer ergießt. Das Wasser ist krystallhell, die Ufer sind mit den +schönsten Blumen bedeckt. + +Wir steuerten weiter nach ~Sandybay~, immer längs einer Reihe mit +Lorbeern und Myrthen bedeckter Berge hin. Dies ist der breiteste und +bequemste Weg auf der Insel, so daß man selbst zu Wagen fortkommen +kann. Allmählig stiegen wir aufwärts, und bald sahen wir das große +liebliche Sandybay Thal vor uns. Das Farbenspiel der untergehenden +Sonne war entzückend schön; die ganze Landschaft schien in Rosenglut +getaucht. + +So kamen wir bei dem Landhause eines Herrn Doreton an, das sehr +romantisch an dem Abhange liegt. Ich hatte einige Zeilen an den +Verwalter, und war daher ein sehr willkommener Gast. Augenblicklich +sezte er uns herrliche Milch, frisches Brod und köstliche Früchte +vor, während seine Frau ein vollständiges Abendessen versprach. Ich +erfrischte mich mit einem Paar Stücken Ananas, und betrachtete die +Landschaft, über der jezt der Mond aufgieng. + +Nach ungefähr einer kleinen Stunde rief mich der alte ehrliche Neger +zum Abendessen hinein. Ich trat in einen freundlichen Gartensaal, der +mit den schönsten Kupferstichen verziert war. In der Mitte war ein +ziemlicher Tisch gedeckt, und mit allerhand guten Sachen besezt. Wir +hatten ein treffliches Stück Rostbeef, eine Schüssel mit Lamscerbonade, +zwei andere mit Yams und Erdäpfeln, zwei Teller mit europäischen +Pfeffergurken und Eingemachtem, ein Körbchen voll herrlicher Früchte, +und eine große Flasche Maderasekt. Hungrig, wie wir nach einer +solchen Tagereise waren, langten wir nunmehr herzhaft zu. Es war ein +wunderschöner Abend; ich blieb bis nach zehn Uhr auf. + +Endlich wieß mir der Verwalter ein Schlafzimmer an. Es war äußerst kühl +und reinlich, dennoch that ich die ganze Nacht kein Auge zu. Hieran +war eine Legion von Mäusen Schuld, die ihr Unwesen ins unglaubliche +trieb. Sie liefen über mich hin und her, gänzlich ungenirt. Endlich +kleidete ich mich an, und begab mich auf die Terrasse, wo ich von +zwei bis sechs Uhr vollkommene Ruhe fand. Als es Morgen geworden war, +brachten die guten Leute ein treffliches Frühstück, auf dem feinsten +japanischen Porcellan. Ich beschenkte den Mann mit einem tüchtigen +Stücke Tabak, und die Frau mit einigen Briefen Nadeln, nebst einem +Röllchen Seidenband, was ihre Erwartung übertraf. So war es fast sieben +Uhr geworden; endlich brachen wir auf. + +Wir nahmen nun unsern Curs nach ~Longwood~, ein der Compagnie +gehöriges Gut, das auf der östlichen Seite der Insel liegt. Der fast +zweistündige Weg dahin ist äußerst angenehm, und führt am Fuße des +Dianenpik hin. Dies ist der höchste Gipfel von St. Helena, der sich +fast 2700 Fuß über die Meeresfläche erhebt. Weiterhin sahen wir die +artigen Landhäuser der Herren Pierin und Bazelt mit weitläuftigen +Pflanzungen umringt. Hier wird das meiste und vorzüglichste Gemüse +auf der ganzen Insel gebaut, was den Besitzern große Summen einträgt. +Der Kohl wird für den besten auf der ganzen Welt gehalten, giebt aber +keinen Marktartikel ab. Ich sah auch hier eine schöne Rinderheerde, so +groß und fett, wie bei uns in Holland. + +Zu meinem Erstaunen ward ich auf diesem ganzen Wege eine Menge +Kaninchen gewahr. Sie haben Lager wie die Hasen, und schweifen +unaufhörlich umher. Man fängt sie daher fast auf die nämliche Art. +Zu gleicher Zeit bekamen wir auch sehr viel Tauben, Fasanen und +Rebhühner zu Gesicht. ~Longwood~[24] selbst, ist eine sehr +schöne Besitzung. Sie liegt auf der Fläche eines Berges, der nicht +weniger als drei englische Meilen[25] im Umfange hat. Das Haus ist mit +einem weitläufigen Parke, einem vortrefflich unterhaltenen Garten, +und herrlichen Wiesengründen umringt. Von der Gallerie und aus den +meisten Zimmern hat man eine entzückende Aussicht auf die benachbarten +pittoresken Thäler, auf die Bay von St. James und den Ocean. In der +Regel wird Longwood von dem Vicegouverneur bewohnt. + +Von hier aus führen nun wieder zwei Wege nach St. Jamestown; der +eine mitten durch die Insel; der andere längs der Küste hin. Jener +ist äußerst pittoresk, wegen des beständigen Auf- und Absteigens +aber sehr unbequem. Dieser ist weniger romantisch, ja zuweilen sogar +unangenehm; doch bietet er nur selten beschwerliche Stellen dar. Ich +beschloß den lezteren zu wählen, um auch die minder angebauten Gegenden +des Eylandes zu sehen. In der That fanden wir auch nichts als kleine +einsame Negerhütten mit Frucht- und Gemüsegärten umringt. So wanderten +wir unter Lorbeer- und Cypressenbäumen bis Mittag fort, wo unter einem +Pisang Halt gemacht ward. Mein Führer hatte sich nämlich auf Herrn +Doretons Gute mit Wein, Brod und Schinken versehen, und wir hielten auf +diese Art eine sehr gute Mahlzeit. Auf den benachbarten waldigen Bergen +schwärmten Rehböcke herum, und aus der Ferne donnerte ein herrlicher +Wasserfall. + +Nach einigen Stunden Ruhe machten wir uns wieder auf den Weg, und +bekamen nachher den Wasserfall selbst zu Gesicht. Er stürzt sich an +dreihundert Fuß hoch von einem pittoresken Felsen herab, und bildet +einen crystallhellen ziemlich starken Bach. Das Wasser wird theils in +Röhren nach St. Jamestown geleitet, theils fließt es dem Meere zu, wo +es von den Schiffen benuzt wird. Bald näherten wir uns nun wieder der +St. James-Bay. Auch hier, wie durchaus längs der Küste, war der Weg mit +guten Brustmauern versehen. Endlich ließen wir einen hohen Berg mit +einem Fort seitwärts liegen, und stiegen gerade Ladderhill gegenüber +wieder nach St. Jamestown herab. So hatte ich denn die ganze Rundreise +um die Insel von Westen nach Osten in zwei Tagen gemacht. Morgen und +übermorgen besorge ich noch meine Einkäufe, und dann für wenigstens +zwei Monate wieder an Bord. + + + + + ~Zehnter Brief.~ + + + ~In See~, August 1805. + +Gestern verließen wir St. Helena. Ich schlief noch ganz ruhig in meiner +Koje[26], als ich durch die Signalschüsse geweckt ward. Schnell zog ich +mich an, und eilte auf das Verdeck. Eben stieg die Sonne aus dem Meere +auf, und alle Schiffe glänzten im Morgenroth. Wir hatten deren noch +sechs in unserer Begleitung, lauter große Ostindien- und Chinafahrer +mit Ladungen von unermeßlichem Werth. Der Südostpassat war uns äußerst +günstig, bald lag die Insel gleich einem schwarzen Streifen hinter +uns, und heute sind wir schon viele Meilen davon entfernt. Ich habe +jezt die eine Hütte ganz für mich. So kann ich mich der zweiten Koje +als Vorrathskammer bedienen, und bin in allem weit besser daran, als +ehedem. Die Kost ist erträglich, das beste müssen aber auch diesmal +die eigenen Provisionen thun. + + + 12. August. + +Vorgestern segelten wir die Insel St. Ascension vorbei, sie bietet dem +Auge nichts als kahle Klippen dar. Das Segeln in Convoy hält unsere +Fahrt nicht wenig auf. Immer bleibt ein und das andere Schiff zurück, +auf das gewartet werden muß. Dann ist bald dies, bald jenes zu thun. +Dann ruft bald dieser, bald jener das Kriegsschiff an. So lagen wir oft +drei und mehrere Stunden bei, wobei es nicht an gegenseitigem Besuchen +fehlt. Auf dem einen Ostindienfahrer giebt es fast alle Abende große +Musik. Es sind besonders Blasinstrumente, was auf der See von ganz +eigener Wirkung ist. Morgen passiren wir die Linie, doch finden keine +Feierlichkeiten statt. + + + 30. August. + +Seit 10 Tagen haben wir den Südostpassat verloren, und rücken nur +langsam fort. Der Himmel ist bedeckt, der Barometer gefallen, der Wind +veränderlich. Wir sahen unter der Linie einige Wallfische, sie glichen +von weitem einem großen umgekehrten Schiffe, das mit den Masten nach +unten liegt. Sehr schön nahmen sich die hohen von ihnen ausgeworfenen +Wasserstrahlen aus. Sie bildeten, ehe sie wieder niedersanken, einen +majestätischen Bogen im herrlichsten Farbenspiel. + +Vorige Nacht hätten wir beinahe ein großes Unglück gehabt. Der eine +Ostindienfahrer war nämlich vom Curse abgekommen, und schoß in der +Nacht kaum anderthalb Fuß vor unserm Vorderstewon[27] vorbei. Wir haben +Wassermangel, so eben höre ich aber, daß man uns vom Kriegsschiffe drei +große Fässer zugeschickt hat. Nun so will ich mir denn seit 8 Tagen den +ersten Thee wieder machen, der mir wie Nektar schmecken soll. + + + 9. September. + +Der Capitain hat die Luken öffnen lassen, um nach der Ladung zu sehen. +Es ist viel Seewasser eingedrungen, der Schaden scheint größer als man +geglaubt hat. Dies ist aber sehr natürlich, da alles unter einander +geworfen worden war. So liegen die Kisten mit den feinen Tüchern oben +auf. Auch die meinigen sind bis auf den Grund durchnäßt. Die Bücher +z. B. bilden nichts als eine verschimmelte Masse, so daß ich sie +nur ins Meer werfen kann. Die Matrosen sind jezt beschäftigt, das +Schiff anzumalen, und bringen überall, wo sichs nur schicken will, +eine Stückpforte an. Wir sollen von weitem recht furchtbar aussehn, +damit sich kein französischer Kaper an uns macht. Unsere Fahrt war +bei dem veränderlichen Winde langweilig genug. Allein gegen Ende der +vorigen Woche bekamen wir den Westpassat, und nun geht es fröhlich den +europäischen Gewässern zu. + + + 27. September. + +Gestern war ein angstvoller Tag für uns. Ohngefähr auf der Höhe von +Kap finisterre rief uns am 24. ein englischer Kutter an. Er gab uns +Nachricht, daß der ganze Golf von Biscaya, und besonders die Einfahrt +des Kanals mit französischen Kriegsschiffen bedeckt sey. Sie hätten +den größten Theil eines nach Westindien bestimmten Convoys genommen, +und sich sogar an der englischen Küste gezeigt. Der Capitain unseres +Kriegsschiffes hielt es daher fürs beste, seinen Kurs so nördlich als +möglich zu nehmen, theilte indessen auf jeden Fall die nöthigen Befehle +aus. + +Gestern um 9 Uhr Morgens tauchten in großer Entfernung einige +Kriegsschiffe auf. Man sah sie allgemein für englische an. Allein +um 1 Uhr Nachmittags zeigte sich leider das Gegenteil. Es waren 3 +französische Fregatten, von denen die eine mit vollen Segeln auf unser +Kriegsschiff zukam. Indessen dauerte es doch noch fast eine Stunde, +ehe das eigentliche Gefecht seinen Anfang nahm. Es scheint, daß man +auf beiden Schiffen noch mit den Zurüstungen beschäftigt war. Endlich +schickte die Fregatte dem Kriegsschiffe einige Kugeln und bald darauf +eine ganze Ladung zu, und nun begann der Kampf mit Heftigkeit. + +Unser Kriegsschiff leistete den tapfersten Widerstand, selbst als schon +in der ersten halben Stunde die zweite, und endlich auch die dritte +Fregatte dazu gekommen war. So dauerte das Gefecht, mit einer kleinen +Pause bis gegen Abend fort. Jezt aber mußte das Kriegsschiff streichen, +worauf es von den Franzosen in Besitz genommen ward. Wir sahen jezt die +eine Fregatte auf die Convoy loskommen, benuzten aber den Vortheil des +Windes und der Dämmerung, und entgiengen ihr. Doch zweifle ich, ob dies +allen Schiffen geglückt seyn mag. + +Unsere Offiziere und Matrosen waren über den Sieg der French Dogs[28] +vor Wuth ganz außer sich. Sie schwuren, die Prise bis auf das Aeußerste +zu verteidigen, und sollte es ihr lezter Augenblick seyn. Die Lichter +wurden bedeckt, die Kanonen und Gewehre in Stand gesezt. Jeder +hielt sich auf seinem Posten, und spähte in die düstere See hinaus. +Indessen bekamen wir nur einige Schiffe und diese sämmtlich nur an +der französischen Küste zu Gesicht. Wir erkannten sie in ziemlicher +Entfernung an den drei großen Laternen des Hintertheils. + +Heute Morgens um 8 Uhr aber erblickten wir ein Schiff, das mit vollem +Winde auf uns zugesegelt kam. -- »Jezt gilt es Leben oder Tod!« -- +rief der englische Lieutenant und munterte das Schiffsvolk durch eine +kräftige Anrede zum Gefechte auf. Wir Passagiere, der vorige Capitain, +der Schiffsarzt und ich, mußten uns in den Raum begeben, und brachten +hier eine Stunde in Todesangst zu. Doch endlich hörten wir ein lautes +Freudengeschrei, wurden hinaufgerufen, und sahen, daß jenes Schiff ein +englischer Kutter von 34 Kanonen war. Er kam uns nun in kurzem zur +Seite, und theilte uns allerhand Neuigkeiten mit. + + + 5. October 1805. Morgens. + +Wir haben die Küsten von Cornwallis in Gesicht, der Wind ist südost, +und also in hohem Grade günstig für uns. Die schönen grünenden +Berge mit ihren alten Kastelen glänzen im Sonnenschein, und eine +Menge freundlicher Häuser ragen zwischen Baumgruppen hervor. -- Ein +Amerikaner hat uns mit herrlichem Pökelfleische und Kartoffeln ein +erwünschtes Geschenk gemacht. Auch wird so eben ein Netz mit Sardellen +aufgefischt. Alles auf dem Schiffe ist Leben und Fröhlichkeit. Wir +sehen eine abgehende westindische Kauffartheiflotte von mehr als +hundert Segeln, die von zwei Kriegsschiffen escortirt wird. Es ist ein +unaussprechlich erhabener Anblick. Noch diesen Abend segeln wir um Cap +Lezard herum. + + + ~Plymouth~, 7 October 1805. + +Als ich gestern Morgens erwachte, befanden wir uns in der Cawsandbay. +Welcher Mastenwald! Welches Leben und welche Thätigkeit! Ich sage +nicht zu viel, es lagen hier an 500 Schiffe zusammen, und dazwischen +fuhren unzählige Schaluppen hin und her. Nicht weniger angenehm war der +Landprospect. Ein Halbzirkel von herrlichen angebauten Bergen, in den +Abhängen mit freundlichen Landhäusern, an dem Fuße mit schönen Dörfern +bedeckt. Hier weidende Heerden, dort wohlgekleidete Feldarbeiter, +und im Hintergrunde auf der höchsten Spitze ein Telegraphenthurm. +Bald kamen nun eine Menge Boote mit Lebensmitteln an unser Schiff. +Ich kaufte mir Wasser, Milch, Brod, Butter und Obst, und hielt ein +köstliches Frühstück damit. Wenn man so nach drei Monaten zum erstenmal +wieder einen frischen Trunk reines Quellwasser kostet -- es ist ein +Genuß, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt. + +Unterdessen ward es von Stunde zu Stunde immer lebhafter in der Bay. +Ich zählte an 300 Boote, blos mit Frauenzimmer angefüllt. Alle diese +Damen hatten die Nacht auf der Flotte zugebracht, und kehrten jezt +ans Land zurück. Sie waren in Mäntel und Pelze gehüllt, und schienen +äußerst lustig zu seyn. Aber werden Sie wohl glauben, daß die ganze +Gesellschaft, wohl an 2000 zusammen, aus feilen Mädchen bestand? Dies +gehört zur englischen Marinepolizei. So wie eine Flotte in einem der +fünf Haupthäfen eingelaufen ist, werden die Matrosen abgeholt. Den +meisten brennt das Geld in der Tasche; es muß so bald als möglich +wieder fort. Nun dürfen sie aber nur bei Tage ans Land, also helfen sie +sich auf die obige Art. Es ist sogar ein Gesetz vorhanden, daß es ihnen +kein Admiral u. s. w. verwehren darf. So kommt das Geld durch diese +Mädchen sofort wieder in Umlauf, und die nächtliche Ruhe der Einwohner +bleibt ungestört. + +Unser Prisenmeister hatte sich inzwischen an Bord des Admiralschiffes +begeben, und ließ uns einen ganzen langen Tag in peinlicher +Ungewißheit. Endlich kam er Abends spät zurück, und kündigte uns die +weitere Fahrt nach Portsmouth an. Das Kriegsschiff war aus diesem Hafen +ausgelaufen; also gehörte auch die Prise dahin. Heute früh lavirten +wir demnach wieder aus der Bay heraus, so ungünstig sich auch Wind und +Wetter anließ. + +Vier Stunden waren wir bereits unter Segel gewesen, und hatten doch +kaum zwei Seemeilen zurückgelegt; als die Heftigkeit des Windes zum +Sturme anwuchs. Der Regen floß in Strömen herab, und die Wellen +schlugen unaufhörlich über das Verdeck. Mehrere die Bay einsegelnden +Schiffe riefen uns zu, daß See zu halten unmöglich sey, allein unser +Lieutenant kehrte sich nicht daran. Bald verloren wir das Boogspriet, +und gleich darauf die Stange vom Besaanmast. Jezt erst schien der +Lieutenant die Gefahr einzusehen, befahl das Schiff zu wenden, und rief +durch Nothschüsse einen Lootsen an Bord. So liefen wir vor einigen +Stunden in Plymouth ein, ich erhielt Erlaubniß, mich ans Land zu +begeben, und lasse nun diesen Brief sofort über London an Sie abgehen. + + + + + ~Eilfter Brief.~ + + + ~Plymouth~, 14. October 1805. + +Der preußische Consul hat mich anerkannt, und ich bin nun vollkommen +frei. Es ist ein geborner Engländer, aber ein sehr wohlwollender Mann, +der mir bereits eine Menge Gefälligkeiten erzeigt hat. Ich habe auch +bereits eine Privatwohnung bezogen, mit der ich vollkommen zufrieden +bin. Für Tisch und alles zusammen, zahle ich nicht mehr, als eine +Guinee die Woche, was wirklich sehr billig ist. Meine zwei Coffers habe +ich nun auch vom Bord erhalten, und mit großer Freude gefunden, daß +wenig oder gar nichts davon verdorben ist. Die Bücherlisten aber mögen +in Gottes Namen im Raume liegen bleiben, die verschimmelte Waare ist +keine zehn Gulden mehr werth. Doch genug von mir selbst; ich theile +Ihnen jezt einige Bemerkungen über Plymouth mit. + +~Plymouth~ mit 43,000 Einwohnern liegt am Abhange eines Hügels, +der sich zwischen den Mündungen der Tamor und des Plym in die See +hinaus erstreckt. Die Mündung der Tamor ist unter dem Namen Hamoare, +die des Plym, die zugleich der Stadt den Namen giebt, unter der +Benennung Catwater bekannt; die vor der Stadt selbst befindliche +Bay heißt Plymouth-Sound. Die Mündung der Tamor ist am weitesten +von der See entfernt. In der Regel werden daher alle abgetakelten +Kriegsschiffe, und besonders die erklärten Prisen dahin gebracht; auch +befinden sich die Gefängnißschiffe daselbst. Catwater, oder die Mündung +des Plym ist besonders für Kauffahrer, und noch unter Prozeß liegende +Prisen bestimmt; beide Ankerplätze sind wegen ihrer Sicherheit berühmt. +Plymouth-Sound hingegen, so wie die benachbarte Cadsandbay pflegen bei +stürmischen Wetter gefährlich zu seyn. Was man endlich Sutton Poot +nennt, ist eine Art natürlichen Hafens im Catwater, an der einen Seite +der Stadt. Er ist mit einem Kay eingefaßt, und bietet zum Ein- und +Ausladen der Schiffe große Bequemlichkeiten dar. + +Plymouth liegt also, wie gesagt, am Abhange eines Hügels, so daß +sich die Straßen von oben nach unten ziehen, und die Häuser fast +amphitheatralisch über einander gebaut sind. Die Straßen sind mit wenig +Ausnahmen eng und düster, und wie man denken kann, ziemlich steil; eben +so sind die Häuser fast durchgängig in altväterischem Stile gebaut, +und haben bei den vielen zugemauerten oder mit Brettern vernagelten +Fenstern ein doppelt häßliches Ansehen. Es ist dies eine Folge der +übermäßigen Fenstertaxe, indem für jedes nicht geblendete Fenster, +eine Abgabe von 15 Schillingen[29] bezahlt werden muß. + +In dem niedrigsten Theile von Plymouth sind die Häuser am häßlichsten, +und selten oder nie mit Gärten versehen. In dem mittleren Theile sind +sie schon etwas besser, und haben fast alle jene Annehmlichkeit. Auf +dem höchsten Theile des Hügels endlich, sind sie fast durchgehends +neu und geschmackvoll, auch mit herrlichen Gärten umringt. Sie haben +zu gleicher Zeit eine vortreffliche Aussicht auf die ganze Stadt, die +umliegende Gegend, und die ganze Bay. So schlecht sich indessen auch +der größte Theil der hiesigen Häuser von außen ausnimmt, im Innern sind +sie dennoch sehr bequem eingerichtet, und häufig eben so prächtig, als +geschmackvoll verziert. + +Plymouth wird durch eine Citadelle gedeckt, die eine Viertelstunde +im Umfange hat, und deren 5 Bastionen mit 165 Kanonen vom schwersten +Kaliber besezt sind. Dazu kommt noch eine starke Wasserbatterie, die +mit 18 24pfündern besezt ist. Im Innern der Citadelle befinden sich +unter andern auch die Magazine für die Vorräthe der königlichen Flotte +besonders an Mehl, Zwieback und Brod. Zu gleicher Zeit sind zwei große +Backhäuser vorhanden, wovon jedes vier Oefen hat. Diese Oefen werden +alle 24 Stunden nicht weniger als achtmal geheizt, so daß für 16,000 +Mann darin gebacken werden kann. + +Der Citadelle gegenüber, befindet sich auf einer kleinen Insel, St. +Nicolas genannt, ein anderes Fort, das ebenfalls von großer Wichtigkeit +ist, indem es die Mündungen des Plym, und der Tamor deckt. Hierzu trägt +besonders die Lage desselben gerade vor der Stadt, und in der Mitte von +Plymouth-Sound bei. Auch die Insel selbst wird nicht nur durch ihre +felsige Küste, sondern überdem durch mehrere Batterien vertheidigt, +wovon jede mit einem Roste zu glühenden Kugeln versehen ist. + +Die hiesigen Lebensmittel sind vortrefflich, besonders was Fleisch, +Gemüse und Fische anlangt, ohne eben sehr theuer zu seyn. So wird z. +B. das Pfund Rindfleisch mit 5 bis 6 Stüvern[30], die Maas Kartoffeln +mit einem Stüver; ein großer Schellfisch mit anderthalb bis zwei +Stüvern bezahlt. Das Pfund Waizenbrod kostet einen Stüver, das Pfund +Wachslichter zehn Stüver, das Pfund Thee von vorzüglicher Güte, noch +nicht volle drei Gulden u. dgl. mehr. Ueberhaupt kann man annehmen, daß +die ersten Bedürfnisse ziemlich wohlfeil, Luxusartikel aber, wie Wein, +Liköre u. s. w. sehr theuer sind. Das leztere scheint auch vor allem +zu gelten, was zur männlichen Kleidung gehört, während die gewöhnliche +Frauenzimmerkleidung hingegen, sehr wohlfeil ist. + +Gesellschaftliche Hülfsquellen trifft man zu Plymouth in Menge an. +Zuerst sind mehrere gute Leihbibliotheken vorhanden, worunter ich +besonders die von einem Herrn Bornickel, einem Deutschen auszeichnen +muß; versteht sich, daß man nur nach englischen Büchern fragen darf. +Ferner giebt es eine Menge guter Kaffehäuser und Tavernen, eben so +ein recht artiges Schauspielhaus. Endlich fehlt es auch an Concerten, +Assembleen und Bällen nicht. Wer Spaziergänge liebt, findet in der +umliegenden Gegend hinlängliche Gelegenheit dazu. + +Sehr schöne Aussichten hat man besonders von der Citadelle, die auf +einem hohen, die ganze Bai beherrschenden Felsen liegt, und wohin der +Zugang jedermann offen steht. Eben so auf einem andern hohen Berge, +ungefähr eine halbe Stunde von der Stadt, von dessen Gipfel man weit in +die See hinaussehen kann. Sehr angenehm sind auch die Parthien nach +Catwater, oder der Mündung des Plym, wo man mehrere artige Wirthshäuser +findet, eben so nach Plymouth-Dock, und dergl. mehr. Ich behalte mir +die Beschreibung dieser Abstecher für die Zukunft vor. + +Was meine eigene Lebensart anlangt, so wechsele ich mit Studieren +und Beobachten, mit Arbeiten und Vergnügungen ab. So bringe ich z. +B. den Vormittag bis ungefähr 11 Uhr zu Hause zu. Dann gehe ich +auf eine Viertelstunde in ein Kaffehaus, das der Sammelplatz aller +hier befindlichen holländischen Schiffer ist, und dann entweder auf +das Rathhaus, um dem öffentlichen Gerichte beizuwohnen, oder in +eine Leihbibliothek, oder ins Freie hinaus. Bei diesen öffentlichen +Gerichten nehme ich gar sehr in der Sprache zu. Bemerkenswert ist auch, +mit welchem Selbstgefühl und welcher Unerschrockenheit hier auch der +ärmste Einwohner aus den untersten Classen seine Sache vorzutragen +pflegt. + +Um zwei Uhr ist bei uns Essenszeit, worauf ungefähr eine Stunde +verwendet wird. Gegen 4 Uhr mache ich gewöhnlich allein, zuweilen +auch in Gesellschaft einen großen Spaziergang. Um 6 Uhr komme ich +zurück, trinke Thee, und bringe den Abend meistens mit Lesen, dann +und wann aber auch im Theater zu. Hier ist jedoch immer ein solcher +Lärmen, daß man wenig oder gar nichts vom Stücke verstehen kann. Die +Zuschauer laufen nämlich beständig von einem Platze zum andern, wo +es dann besonders in der Nähe gewisser Damen sehr laut zugeht. Diese +benehmen sich indessen mit vieler Züchtigkeit, weil der Zutritt in das +Theater nur den beiden ersten Klassen gestattet ist. Man erkennt sie +jedoch sehr leicht an ihrer Kleidung, und besonders an ihrer wirklichen +bezaubernden Artigkeit. Nichts reizenderes, als wenn ein solches +Mädchen ihrem Geliebten eine Weintraube oder Orange aufdringt. Doch +genug! denn eben ruft mich unsere gute Wirthin zum Abendessen ab. + + + + + ~Zwölfter Brief.~ + + + ~Plymouth~, 27. October 1805. + +Gestern war hier ein allgemeiner Freudentag. Es liefen nämlich +5 französische, bei Trafalgar genommene, Linienschiffe ein. +Majestätisch wehte die englische Flagge vom Quarterdecke, während die +französische tief ins Wasser hieng. Der Enthusiasmus des Volkes war +unbeschreiblich. Dazu das Glockengeläute, der Donner der Kanonen, +und das Freudengeschrei von allen Schiffen ringsumher! Aber bald +ward nun auch Nelson's Tod bekannt. -- ~Nelson is killd! -- Nelson +is killd!~[31] riefen sich Männer und Frauen, mit Thränen und +Händeringen zu. Lebhaft fühlte ich was Volksgeist und Vaterlandsliebe +ist. + +Seit meinem lezten habe ich nun mehrere Abstecher in die umliegende +Gegend gemacht. Zuerst nach Plymouth-Dock, oder gewöhnlich schlechtweg +~the Dock~, nur eine halbe Stunde von hier. Es ist dies eine neue, weit +größere und volkreichere Stadt, als Plymouth selbst. Ihr Name zeigt +ihren ersten Ursprung, nämlich ein Schiffswerft an. Der Weg dahin +ist sehr belebt und angenehm. Zuerst kommt man durch Stonehouse, ein +artiges Dörfchen, dessen niedliche Häuser sich fast eine Viertelstunde +neben der Straße hinziehen. Dann übersteigt man Stonehouse-Hill, einen +ziemlich beträchtlichen Hügel, von dem man eine ausgebreitete Aussicht +auf die beiden Nachbarstädte hat. Am Fuße desselben kommt man durch das +Dörfchen Stock, und bald tritt man in die schönen, geraden und breiten +Straßen von the Dock ein. + +In der That, ich ward hier äußerst angenehm überrascht. Alles ist +so nett, so freundlich, so lebendig; daß Plymouth wie ein düsteres +Gefängniß dagegen erscheint. Wer daher nicht an jenen Aufenthalt +gebunden ist, oder von seinen Renten leben kann, zieht in der Regel +gewiß diese Stadt vor. Von öffentlichen Gebäuden sind besonders das +außerhalb den Thoren liegende Marinehospital, die neuen Kasernen, +das schöne Wachthaus, und die prächtigen Schiffswerfte sehenswerth. +Die Lebensmittel sind etwas theurer als in Plymouth, man zahlt z. B. +ungefähr ein Viertheil mehr als dort. Uebrigens gehen zwischen beiden +Städten unaufhörlich eine Menge Postkutschen hin und her, die man zu +jeder Stunde des Tages miethen kann. + +Eine angenehme Seefahrt machte ich vor einigen Tagen nach Edystone. +Dies ist der Name einer Klippenreihe, die sich in der offenen See, +gerade vor der Mitte der Bay hinzieht. Auf dem höchsten Punkte +derselben, vorzugsweise Edystone genannt, ist ein Leuchtthurm erbaut, +der auf den englischen Seekarten, unter dem Namen Edystone-Lighthouse +verzeichnet ist, und von den Schiffern sehr sorgfältig beobachtet wird. +Ich fuhr in Gesellschaft einiger Bekannten dahin. Wir wählten natürlich +einen vorzüglich schönen Tag dazu, weil man diesen gefährlichen +Klippen sonst nicht nähern kann. Auch vergaßen wir die nöthigen +Vorräthe an Wein, Rum, Rostbeef, Chesterkäse, Brod und Porter nicht. + +Das Wetter war vortrefflich, das Meer fast spiegelglatt, der Wind +sanfter Ost-Süd-Ost; schon nach einer Stunde langten wir daher bei dem +Leuchtthurme an. Einer der Wächter wartete bereits auf uns, befestigte +unser Boot an einem eisernen Ringe, und half uns dann durch das stille +niedrige Wasser, von Klippe zu Klippe, bis an den Thurm hinan. Hierauf +holte er unsere Vorräthe aus dem Boote, und führte uns eine zwar +dunkle, aber bequeme Treppe hinauf. Bald öffnete er eine Thür, und wir +traten in ein geräumiges Zimmer, das zwar etwas düster, jedoch recht +artig meublirt war. + +Wir fanden hier seinen Kameraden, einen schon ziemlich bejahrten +Mann, der uns mit ungemeiner Freude empfieng. Ein Tag, wo diese +armen Leute Besuch erhalten, ist immer ein Festtag für sie. Nach +einer kleinen Unterhaltung, die wir mit einem Geschenke von Tabak +eröffneten, stiegen wir vollends zur Laterne hinauf, und besahen die +Einrichtung zur Erleuchtung, die jezt mit Lampen geschieht. Hierauf +folgte eine tüchtige Kollation, von der natürlich unser alter Wirth +nicht ausgeschlossen blieb, während dem andern sein Theil zurückgelegt +ward. Dies machte denn den guten Alten so gesprächig, daß er uns nicht +nur eine kurze Geschichte des Leuchtthurms selbst, sondern auch seine +eigenen Lebensumstände zum Besten gab. + +Der Leuchtthurm, wie er jezt dasteht, ist eigentlich schon der dritte +auf Edystone. Der erste ward in den Jahren 1696 bis 1698 gebaut, stand +aber nur bis 1707, wo er bei einem heftigen Herbststurme in einer Nacht +von den Wellen verschlungen ward. Der zweite ward 1708 angefangen, +und im folgenden Jahre vollendet. Er hielt gegen alle Stürme bis +1755 aus. Hier brannte er ab, und die zwei Wächter fanden einen sehr +schrecklichen Tod. Der jetzige Leuchtthurm endlich ward in den Jahren +1756-59 vollendet, und hat seitdem den wüthendsten Orkanen getrozt. + +Was den alten ehrlichen Wächter selbst anlangt, so befand er sich schon +seit 30 Jahren hier, und trieb zugleich das Schuhmacherhandwerk. Er +hatte diese Stelle anfangs aus Bequemlichkeit gesucht, worauf ihm erst +die Arbeit lieb geworden war. Troz seinem geringen Gehalte, der nur 25 +Pfund betrug, war er dennoch vollkommen zufrieden, und wünschte sich +nie von seinem lieben Thurme hinweg. + +Mitunter war es ihm freilich manchmal sehr hart gegangen, besonders im +Winter, wo die Verbindung oft Monate lang mit dem Lande abgeschnitten +ist. So z. B. als einmal sein Mitwächter gestorben war. Sechs und +dreißig Tage mußte er den Leichnam bei sich behalten, und obendrein +den beschwerlichen Dienst allein versehen. An diese fünf schicklichen +Wochen dachte er noch immer mit Entsetzen zurück. Seitdem sind +regelmäßig drei Wächter angestellt. Der dritte war gerade auf einige +Tage in Plymouth. So hörten wir dem guten Alten einige Stunden mit +Vergnügen zu, bis endlich die Nachmittagsfluth eintrat. Jezt machten +wir ihm ein kleines Geschenk an Gelde, und segelten mit dem günstigsten +Winde nach Plymouth zurück. + +Eine andere sehr angenehme Partie machten wir gestern nach Edgecumbe. +Dies ist eine Art hohen Vorgebirges, das am jenseitigen Ufer der Tamor +liegt, und von der Cadsand-Bay bespült wird. Wir ließen uns über die +Tamor setzen, was durch zwei schmucke, rothbäckige Dirnen geschah, +wandelten noch eine halbe Stunde zwischen herrlichen Wiesen hin, und +langten endlich am Fuße des pittoresken Berges an. Edgecumbe gehört +einer der ältesten Familie von England, und bildet im Grunde einen +Park, der über eine Stunde im Umfange hat. + +So wie wir allmählig aufstiegen, fanden wir nun die herrlichsten +Anlagen aller Art. So sah ich z. B. eine Menge Lorbeer- und Myrthen-, +Orangen- und Citronen-Pflanzungen, und glaubte mich plözlich wieder +nach St. Helena versezt. Sie überwintern hier, wie ich höre, in freier +Luft, woraus sich auf die Milde der Temperatur in diesem Theile von +England schließen läßt. Auf dem höchsten Punkte, und in der Mitte des +Ganzen, befindet sich das große schöne Wohnhaus, mit einer Aussicht, +die einen Horizont von 7 bis 8 Stunden, und die herrlichsten Land- und +Seeprospekte umfaßt. Das Innere dieser Villa ist eben so bequem als +geschmackvoll eingerichtet, und mit Kunstwerken aller Art angefüllt. +Der gegenwärtige Besitzer davon ist der einzige Sohn des Grafen von +Edgecumbe, Lord Valleton. Er ist unaufhörlich auf neue Anlagen bedacht, +so daß Edgecumbe in kurzem unter die ersten Merkwürdigkeiten von +England gerechnet werden wird. + +Um auf einem andern Wege nach the Dock zurückzugehen, beschlossen wir +einen Berg zu übersteigen, an dessen Fuße das Dorf Cadsand, an der +Bay gleiches Namens liegt. Auf dem Gipfel jenes Berges fanden wir +eine Kirche, auf deren Thurme ein Telegraph befindlich war. Daneben +stand ein kleines Haus, für die beiden Wächter bestimmt. Nachdem wir +einen sehr beschwerlichen Abhang herunter gestiegen waren, aßen wir zu +Cadsand zu Mittag, und kehrten auf einem sehr angenehmen Fußsteige erst +nach the Dock, und dann nach Plymouth zurück. + + + + + ~Dreizehnter Brief.~ + + + ~Portsmouth~, 7. November 1805. + +Ich verließ Plymouth, um geradesweges nach London zu gehen. Zuerst +nahm ich meinen Weg nach Exeter, das eine gute Tagereise von Plymouth +entfernt ist. Ich that dies in der gewöhnlichen Morning-Coach, deswegen +so genannt, weil sie immer des Abends liegen bleibt, während die +Evening-Coach Tag und Nacht durchfährt. Es war 5 Uhr Morgens; meine +Gesellschaft bestand aus zwei Herren und einer Dame; indessen währte +es geraume Zeit, ehe es zwischen uns zum Gespräche kam. + +Der erste Ort, wo wir anhielten, war Irybridge, ein vortreffliches +Wirthshaus, das nur wenig Schritte von dem Dorfe gleiches Namens, +höchst romantisch zwischen baumreichen Hügeln liegt. Wir fanden +hier das Frühstück schon bereit, und die ganze Einrichtung äußerst +geschmackvoll. Dann fuhren wir durch eine reizende Landschaft bis +nach Aschburton, einem Städtchen, wo in einem gleichguten Wirthshause +zu Mittag gegessen ward, passirten weiterhin Chudleigh, einen +Marktflecken, der seiner Obstgärten wegen berühmt ist, und kamen +endlich Abends um 7 Uhr in Exeter an. + +Ich trat mit meinen Reisegefährten in einem großen Wirthshause ab, wo +auch die Morning-Coach liegen blieb. So einsilbig sie den ganzen Tag +über gewesen waren; so redselig wurden sie nach dem Abendessen, als der +Portwein zu wirken anfieng. Ich habe dies aber bei allen Engländern +bemerkt. Sie pflegen meistens erst bei der Flasche lebendig zu werden, +und scheinen dann wirklich ganz andere Menschen zu seyn. + +Den andern Morgen gieng ich aus, die Stadt zu besehen. Sie liegt an der +schiffbaren Exe, ist im Ganzen nicht übel gebaut, hat mehrere schöne +öffentliche Gebäude, und mag ungefähr 2000 Einwohner zählen, deren +Hauptnahrung in Wollfabriken und Handlung besteht. An der Nordseite +der Stadt befindet sich ein vortrefflicher Spaziergang, Northernhay +genannt, der unter die schönsten von England gehört. Sonst sind die +Umgebungen von Exeter etwas einförmig, denn sie bestehen blos aus +Weideland. Dafür wird aber auch starke Viehzucht getrieben, und sehr +viel Butter verführt. Ein artiges Dörfchen ist Drewstington, man kann +daselbst mehrere alte Denkmäler sehen. Nicht weit davon fließt der +Teign in einer sehr romantischen Gegend, und zwischen hohen Felsen +eingepreßt. Ein anderes schönes Dorf ist Exminster an der Exe, deren +Ufer mit herrlichen Landhäusern eingefaßt sind. + +Am folgenden Abend nahm ich einen Plaz in der großen Londoner +Evening-Coach bis Salisbury. Die Gesellschaft war klein, wir schliefen +überdem sämmtlich in einem Stücke weg. Um Mitternacht indessen hielten +wir an, tranken Thee, und fuhren dann wieder in einem bis Exminster, wo +gefrühstückt ward. Dies ist ein Stätdchen, das seiner schönen Teppiche +wegen bekannt, und nicht mit obigem Dorfe zu verwechseln ist. + +Als der Tag anbrach, befanden wir uns in einer schönen gebirgigen +Landschaft, die vortrefflich angebaut zu seyn schien. Wir kamen durch +eine Menge Städte, Flecken und Dörfer, deren Namen ich vergessen habe, +und erreichten endlich zu Mittag das alte häßliche Dorchester, wo +gegessen ward. Meine bisherigen Gesellschafter giengen hier ab, dafür +stiegen drei neue ein. Es waren drei junge Leute aus London, von denen +besonders der eine mit vieler Selbstgefälligkeit von seiner Vaterstadt +spracht: -- »~=Yer in my town!=~« -- hieß es immer, sobald +die Rede auf London kam. Abends um 5 Uhr waren wir in Salisbury; ich +beschloß hier einen Tag auszuruhen. + +Salisbury liegt am Zusammenflusse des Avon, der Nadder, und des Villey, +und ist eine finstere, häßliche Stadt. Die Straßen sind eng, winklicht +und schlecht gepflastert, die Häuser altväterisch und geschmacklos +gebaut. Sehr sehenswerth indessen ist die Kathedralkirche, die mit +ihrem herrlichen Thurme für das schönste gothische Gebäude in ganz +England gehalten wird. Eine andere Merkwürdigkeit von Salisbury sind +die alten Denkmäler aus den Zeiten der Druiden, auf einer ungeheuern +wüsten Ebene, Stoneheng genannt. + +Ich war jezt willens, ohne weiteren Aufenthalt geradesweges vollends +nach London zu gehen. Unvermuthet aber kam in unserem Wirthshause +eine Postchaise aus Portsmouth an, und bot mir eine eben so bequeme, +als wohlfeile Gelegenheit dahin dar. Ich eilte also davon Gebrauch zu +machen, verließ Salisbury noch denselben Abend, und kam am folgenden +Morgen über Ramsey in Southampton an. Hier beschloß ich den Tag über zu +bleiben, und erst den Abend mit der Evening-Coach weiter zu gehen. + +Southampton liegt eben so vortheilhaft als angenehm zwischen den +Flüssen Test und Itchin, die beide tief in das Land hinein vollkommen +schiffbar sind. Die Stadt ist im Ganzen sehr gut gebaut, und verräth +überall Wohlstand und Lebhaftigkeit. Unter den vielen Kirchen und +Kapellen, befindet sich auch eine französische, zum Dienst der +Einwohner von Jersey und Guernesey, von denen hier immer eine gewisse +Anzahl vorhanden ist. Eine andere Merkwürdigkeit von Southampton ist +der schöne Spaziergang the Beach genannt. Man findet hier mehrere +Reihen herrlicher, schattenreicher Bäume, und hat die Aussicht über die +spiegelnde Bay bis auf die gegenüberliegende Insel Wight. Noch größere +und mannichfaltigere Aussichten aber hat man auf dem in der Nähe der +Stadt befindlichen Bewis-Mount. Hier kann man noch den ganzen Hafen von +Portsmouth, und selbst einen Theil des Kanals übersehen. + +Abends gieng ich nun, wie gesagt, mit der Evening-Coach nach +~Portsmouth~ ab, und kam daselbst am andern Morgen an. Diese +Stadt liegt auf einer Halbinsel, Portsey genannt, und kommt fast in +allen Stücken Plymouth bei. Bei hohem Wasser, d. h. zur Fluthzeit +wird die Halbinsel ganz vom Meere umringt; sie ist daher durch eine +eigene Brücke (Portbridge) mit dem festen Lande verknüpft. Der Hafen +von Portsmouth kann gegen 1000 Linienschiffe fassen, und ist in jeder +Hinsicht einer der ersten in der Welt. Die hiesigen Decken u. s. w. +zeichnen sich daher durch Umfang und erstaunenswürdige Thätigkeit aus. +Portsmouth ist nämlich als der Centralpunkt der englischen Marine zu +betrachten, von wo aus immer die ansehnlichsten Escadern abgehen. +Auf dem Hafen hat man übrigens eine herrliche Aussicht auf das +gegenüberliegende Gesport, das prächtige Seehospital, Spithead, und die +Insel Wight. + + + + + ~Vierzehnter Brief.~ + + + ~London~, December 1805. + +Ich verließ Portsmouth mit der Evening-Coach, und kam am andern Abend +glücklich hier an. Wir fuhren wohl noch eine Stunde lang durch die +Stadt. Endlich kamen wir an der St. Paulskirche vorbei, und hielten +bei dem Wirthshause zum Doppel-Schwane in Ladlane still. Hier nahm ich +ein Zimmer, aß, und schlief vollkommen wohl. Am andern Morgen suchte +ich den Prediger an der holländischen Kirche, Herrn Wernink auf, fand +ihn, und überzeugte mich in wenig Minuten, daß ich bei einem Freunde, +Collegen und Landsmann war. + +Jezt gieng es nun an die Erzählung meiner Abentheuer von meiner Abreise +von Embden an, bis auf den heutigen Tag. Darauf sprachen wir von +meinem Vorhaben, einige Zeit in London zu bleiben, und von der besten +Art meiner Einrichtung. In dieser Absicht führte mich Herr Wernink zu +einer braven Frau in seiner Nachbarschaft, und miethete ein artiges +Zimmer zu einer Guinee monatlich für mich. Von hier giengen wir auf +die Börse, wo ich noch mehrere Landsleute kennen lernte, und aßen +dann ganz auf vaterländische Art bei einem Herrn Backhuis, der unser +erster Kirchenvorsteher ist. Nach Tische, d. h. ungefähr um 7 Uhr +Abends, nahmen wir eine Miethkutsche, fuhren nach meinem Wirthshause, +berichtigten meine Zeche, und holte meine Sachen ab. Ich mußte hierauf +die Nacht bei Herrn Wernink zubringen, und bezog mein neues Logis erst +den andern Tag. Was meine Oekonomie anlangt, so aß ich, gegen eine +billige Vergütung Mittags mit Herrn Wernink, und finde das übrige, wie +Frühstück u. s. w. zu Hause selbst. + +London ist so oft beschrieben worden, daß ich Ihnen in topographischer +Hinsicht lieber gar nichts sagen will. Dafür mögen einige Bemerkungen +über Clima und Lebensart hier stehen. Das Clima ist feucht und +veränderlich. Man rechnet 50 bis 60 Tage, wo die Sonne gar nicht, und +120 bis 130, wo sie nur wenig zum Vorschein kommt. Die Winde wechseln, +besonders in den Herbst- und Wintermonaten, wohl zwanzigmal des Tags +ab; die herrschendsten scheinen indessen die Nordwest und Südwest +zu seyn. Die Winter sind gewöhnlich ziemlich mild, die Felder und +Wiesen bleiben fast immer grün. Der Frühling zeigt sich meistens schon +im Februar, die Temperatur ist dann sehr angenehm. Die Sommer sind +verhältnißmäßig heiß; doch wird die Luft oft nur zu merklich abgekühlt. +Der Herbst ist in der ersten Hälfte, sobald die Stürme vorüber sind, +fast immer von großer Lieblichkeit. + +Was die Lebensmittel anlangt, so finde ich, daß sie im Ganzen zwar +vortrefflich, aber auch äußerst theuer sind. In diesem Augenblicke z. +B. kostet das Pfund Rindfleisch 30 kr. rhein., das Pfund Kalbfleisch 42 +kr. und so fort. Ein guter Kabeljau wird mit 5 Gulden, ein Pfund Lachs +mit 54 kr. bezahlt. Ein Pfund Weißbrod kostet 16 kr., ein Pf. Butter +54 kr., eine Kanne Milch 24 kr., ein Pf. Käse 36 kr. und so alles in +gleichem Verhältniß. Der theuerste Artikel ist das Geflügel (ein Huhn +3-6 Gulden). Der wohlfeilste dürfte das gewöhnliche Gemüse (Erdäpfel, +süße Pasteten und Braunkohl) seyn. Für eine Flasche Bordeauxwein +werden 5 Gulden, für eine Flasche alten Rheinwein 10-12 gezahlt. + +Von den Preisen anderer Artikel führe ich folgende an. Ein Paar +Stiefeln 24 Gulden, ein Paar Schuhe 7-9, ein guter Hut 12-15 Gulden, +ein halbes Dutzend feine Hemder 70-80 Gulden u. dgl. mehr. Ein Fremder, +der in London nur einigermaßen anständig leben will, braucht zwischen +4 bis 5 Pfund die Woche, und muß dabei doch noch haushälterisch +seyn. Für ein meublirtes Zimmer in den besten Theilen der Stadt, wie +Chearside, Falbern u. s. w. zahlt man nebst Aufwartung 24 Gulden den +Monat, in andern Theilen kommt man mit 12-16 Gulden ab. + +Der gewöhnliche Thee zum Frühstück ist sehr mittelmäßig, ob er gleich +mit 4-5 Gulden bezahlt wird. Ich wette, daß man bei uns dieselbe Sorte +für 2-3 Gulden haben kann. Das Brod ist gut, kommt aber dem Fremden +anfangs etwas bitter vor, was von den Hefen herrühren soll. Die Butter +ist frisch vortrefflich, nimmt aber schon nach einigen Tagen einen +ranzigen Geschmack an. Das Wasser ist schlecht, bleifarbig und immer +trüb. Es wird entweder aus der Themse, oder aus dem New River in die +Stadt geleitet, wobei man freilich nicht an die ekelhafte Nachbarschaft +der Schiffsabtritte, der Schlachthäuser u. s. w. denken muß. + +Vorige Woche machte ich auf besondere Veranlassung eine kleine Reise +nach Chislehurst. Dieses ist ein artiges, höchst pittoresk gelegenes +Dorf, nur ungefähr 6 Stunden von hier. Es befindet sich ein großes +Erziehungsinstitut daselbst, das von einem Herrn ~Mace~, einem +sehr würdigen Mann, geleitet wird. Ein Fremder, der die Sprache aus dem +Grunde kennen lernen will, thut sehr wohl, wenn er auf einige Monate in +eine solche Kostschule (Boardings-Schoal) geht. Man nimmt nämlich in +allen solchen Instituten auch erwachsene Pensionäre auf. Diese zahlen +in Chislehurst für alles 6 Guineen monatlich. In den Boardings-Schoals +näher bei London, wie Islington, Chelsea u. s. w. ist man freilich +weniger wohlfeil. Die Luft von dem hochliegenden Chislehurst ist sehr +gesund, auch scheint das Wasser vortrefflich zu seyn. Nach London giebt +es täglich bequeme Postgelegenheiten. -- Ich erwarte nur noch einen +Brief aus Amsterdam, um sofort nach Holland überzugehen. + + + + + ~Fünfzehnter Brief.~ + + + ~In See~, 27. Januar 1806. + +Es ist Abends 5 Uhr, der günstigste Wind treibt uns den vaterländischen +Küsten zu. Gestern Abend begab ich mich nach Gravesand; diesen Morgen +um 11 Uhr segelten wir die Themse hinab. Welche paradiesische Ufer bis +hinter Chatham! Dann aber wird der Strom so breit, daß er fast einer +Rhede gleicht. Man kann in der nämlichen Ferne nur wenig mehr sehen. Um +3 Uhr kamen wir mit 60 andern Schiffen glücklich in See. -- Bald umarme +ich Sie. + + + ~Helvoetsluis~, 28. Jan. Mittag. + +Wir gehen vor Anker, ich gebe diesen Brief einem Fischerboote mit, +damit er noch um 2 Uhr in Rotterdam abgehen kann. Alles ist wohl und +fröhlich an Bord, ich selbst bin höchstvergnügt. Heute vor einem Jahre +und nun! O Freunde! o Vaterland! o Geliebte! Morgen bin ich bei Ihnen, +und dann keine Trennung mehr! + + +Fußnoten: + +[1] Oeffentliches Wirthshaus. + +[2] Flöße, die man mit Ruder und Segel zugleich fortbringt. + +[3] Hafendorf von Jaffanapatnam. + +[4] So hieß der Freund des Verfassers. + +[5] Alle indische Töpfer pflegen zu gleicher Zeit auch Wundärzte zu +seyn. + +[6] ~Kampaak~ genannt. Die Betelblätter sind wie ein ~Herz~ geformt, +und außer der Areka noch mit Cardamom und Catchu gefüllt. Ein solcher +Kampaak ist ein verblümtes Liebesgeständniß. + +[7] Pipal, =Fiscus indica=. Nach der Behauptung der Hindus braucht +dieser Baum zu seinem vollen Wachsthum ~fünfhundert~ Jahre. + +[8] Sie gaben damit den Takt an, um gleichen Schritt zu halten, wie +oben gesagt worden ist. + +[9] Die herumziehenden Tänzerinnen werden in der Regel wenig geachtet. +Ganz anders ist es mit den ~Devodaschis~, die bei den Pagoden +angestellt sind. + +[10] Getrocknetes Feigenblatt. Man braucht diese Olas als Papier. + +[11] Ein Paar hundert Tausend Pfund Sterlings. + +[12] Durch die ~Fußpost~, der einzigen, die in Ostindien gebräuchlich +ist. Die Postboten heißen ~Toppals~ oder ~Dhaabs~. Es gehen immer zwei +zusammen, wovon der eine den Briefsack trägt, während der andere eine +kleine gellende Trommel schlägt. Die Stationen sind nur zwei Stunden +lang, und eigene Hütten dazu erbaut. In Calcutta, Madras, Pondichery, +Negapatnam u. s. w. gehen diese Fußposten alle Abende nach allen +Gegenden Indiens ab. + +[13] Dieser Fluß durchschneidet Batavia. + +[14] Wie z. B. Kampfer, Eisen, Opium u. s. w. + +[15] Aus Isle de France. + +[16] Fahrzeug zur Aufnahme von Personen eingerichtet, das von einem +Pferde gezogen wird. + +[17] Die hintere Cajüte, die sehr nett eingerichtet ist. + +[18] Gerade so, wie an den Donau-, an den Elb-, Main- und Rheinschiffen +hinten Kähne angehängt sind, nur daß der Zwischenraum größer ist. + +[19] Holländischer ~Käse~ von vorzüglicher Güte, mit ~rother~ Rinde. + +[20] Rum mit Wasser vermischt. + +[21] Ein holländischer Gulden ist fl. 1, 4 kr. rhein. + +[22] Ostindische Goldmünze, ~vier~ holländische Gulden an Werth. + +[23] Ungefähr anderthalb Kreuzer rheinisch. + +[24] Bekanntlich befindet sich jezt der General ~Bounaparte~ als +Gefangener daselbst. D. H. + +[25] Ungefähr eine Stunde. + +[26] Schlafstelle in der Wand, mit Schiebbrettern versehen. + +[27] Vordertheil des Schiffs. + +[28] Französische Hunde, was der gewöhnliche englische Schimpfname ist. + +[29] Neun Gulden Rheinisch. + +[30] Ein Stüver ist ungefähr vier Kreuzer Rhein. werth. + +[31] Nelson ist todt! Nelson ist todt! + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die +Korrektur. + +S. 64 + + Das Comtoir befestigt nur wenige Leute + Das Comtoir beschäftigt nur wenige Leute + +S. 121 + + Ich folgte dem Manesenstrom + Ich folgte dem Menschenstrom + +S. 263 + + Vierter Brief. + Sechster Brief. + +S. 297 + + 9 Uhr morgens tagten in großer Entfernung + 9 Uhr morgens tauchten in großer Entfernung + +S. 334 + + 27. Januar 1805 + 27. Januar 1806 + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75362 *** diff --git a/75362-h/75362-h.htm b/75362-h/75362-h.htm new file mode 100644 index 0000000..2cacf6d --- /dev/null +++ b/75362-h/75362-h.htm @@ -0,0 +1,5922 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Die drei Ostindienfahrer | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + +h1,h2,h3,h4 { text-align: center; + clear: both;} + +h1 { font-size: 210%} +h2, .s2 { font-size: 160%} +h3, .s3 { font-size: 130%} +h4, .s4 { font-size: 110%} + +h1 { page-break-before: always} + +h2 { padding-top: 0; + page-break-before: avoid} + +h2.nobreak { + padding-top: 3em; + margin-bottom: 1.5em; + text-align: center;} + +p { text-indent: 1em; + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em;} + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p2 {margin-top: 2em;} +.p4 {margin-top: 4em;} + +.hang {text-indent: -2em; + margin-left: 2em;} + +.lh2 {line-height: 1.8;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.sk {width: 10%; margin-left: 45%; margin-right: 45%; border-width: 2px;} +hr.k {width: 30%; margin-left: 35%; margin-right: 35%; border-width: 2px;} +hr.l {width: 50%; margin-left: 25%; margin-right: 25%; border-width: 3px;} +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } +hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;border-width: 4px; } + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto;} + +table.autotable { border-collapse: collapse; } +table.autotable td, + +.tdl {text-align: left;} +.tdr {text-align: right;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0;} + + +.blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 10%;} + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.r {text-align:right;margin-right: 5%;} + +.gesperrt { letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt { font-style: normal;} + +.antiqua { font-style: italic;} + +.u {text-decoration: underline;} + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + +.footnotes {border: 1px dashed;} +.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} +.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} + +.fnanchor { + vertical-align: super; + font-size: .8em; + text-decoration: + none;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:smaller; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; + page-break-after: always;} + +/* Illustration classes */ +.illowp46 {width: 46%;} +.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;} +.illowp71 {width: 71%;} +.x-ebookmaker .illowp71 {width: 100%;} + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75362 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler wurden korrigiert. Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.</p> +<p class="p0">Eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich <a href="#Anmerkungen_zur_Transkription"> am Ende des Textes</a>.</p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover_2" style="max-width: 100em;"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<figure class="figcenter illowp71" id="frontispiece_2" style="max-width: 43.75em;"> + <img class="w100" src="images/frontispiece.jpg" alt=""> +</figure> + +<h1><b>Die<br> +drei Ostindienfahrer,</b></h1> +<p class="s3 center">abentheuerliche Reisegeschichten;</p><br> +<p class="p2 center">herausgegeben</p> +<p class="center">von</p> +<p class="s2 center"><b>Christian August Fischer.</b></p><br> +<hr class="sk"> +<p class="s4 p2 center">Mit einem Kupfer.</p><br> +<hr class="l"> +<p class="center">Leipzig 1817.<br> +Hartleben's Verlagsexpedition.</p><br> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p class="s3 center"><b>An die Leser.</b></p> +</div> + +<p>Wie jeder Künstler, so hat auch der Schriftsteller seine +eigenthümlichen Studien. Wenn mir die Kraft zu Allem fehlt; hierzu +gebricht sie mir nie. So beschäftigte ich mich auch diesen, für mich so +traurigen, Winter hindurch.</p> + +<p>Ein Theil dieser Reisegeschichten fand vor sieben bis acht Jahren in +einem unserer geschäztesten Tagblätter Plaz. Man erhält jezt das Ganze +in einer neuen, veredelten Form. Es ist eine Ueberarbeitung, bei der +ich in jeder Hinsicht sehr streng gewesen bin. Möchte die kleine Gabe +willkommen seyn!</p> + +<p>Wie mit mir, so hat der thätige Verleger, auch mit andern +Schriftstellern außerhalb Oesterreich, Verbindungen angeknüpft. Man +sieht, wie vortheilhaft dieses, des leichten Tausches wegen, für den +gesammten Buchhandel zu werden verspricht. Darum muntere ihn auf, wer +es zu thun vermag.</p> + +<p><em class="gesperrt">Würzburg</em>, O. M. 1817.</p> +<p class="s4 right"><em class="gesperrt">C. A. Fischer.</em></p><br> + +<hr class="full"> + +<div class="chapter"> + +<p class="p4 s3 center"><b>Die</b></p> +<p class="s2 center"><b>drei Ostindienfahrer.</b></p><br> +</div> + +<p class="s3 center"><b>Inhaltsverzeichnis</b></p> + +<table class="autotable" style="width: 65%"> +<tr> +<td class="tdl"> </td> +<td class="tdr">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Erste Abtheilung, <b>Jacob Haafner</b>.</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_1"> 1</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Zweite Abtheilung,<b> Ch. Fr. Tombe</b>.</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_185">185</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Dritte Abtheilung, <b>Heinrich Potter</b>.</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_231">231</a></td> +</tr> +</table> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="p4 lh2">Erste Abtheilung,<br> +<em class="s3 gesperrt">Jacob Haafner.</em></h2> +<hr class="sk"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> + +<h3>Erstes Buch.</h3> +<hr class="sk"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span></p> + +<p class="s4 center"><b>Quellen.</b></p> +</div> + +<div class="blockquot"> + +<p class="hang"><em class="antiqua">L'otgevallen op eene Reize van Madras nar het Eiland Ceilon. Door +Jac. <em class="gesperrt">Haafner</em>. Haarlem 1814. 8. 2. Aufl.</em></p> + +<p class="p0"><em class="antiqua">Reize in eenen Palankin etc. door Jacob <em class="gesperrt">Haafner</em>. Amsterdam +1814. 2 Bde. 8. 2. Aufl.</em></p> +</div> + +<hr class="sk"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p> + +<h4 class="p2">Erstes Capitel.</h4> + +<p>Ich befand mich als zweiter Steuermannsgehülfe am Bord eines +holländischen Compagnieschiffes, das von Chinsura nach Negapatnam +bestimmt war. Aber nie hatten wir eine so lange und beschwerliche Reise +gehabt. Auf einer Ueberfahrt, die man in fünf Wochen machen kann, +brachten wir eben so viel Monate zu. Dazu kam der heftige, grausame +Charakter des Capitains, der nach den Schiffsgesetzen an seinem Bord +unumschränkt gebot. Eines Tages ließ er unter andern zwei arme schwarze +Matrosen (Lascars) um einer Kleinigkeit willen so lange geißeln, daß +der eine noch denselben Abend, der andere in der folgenden Nacht +verschied. Dies empörte das ganze Schiff. Es ward daher eine förmliche<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> +Klage gegen ihn aufgesetzt, und nach der Ankunft zu Negapatnam bei dem +Fiscal angebracht. Die Folge davon war, daß dieser uns Unteroffiziere +sämmtlich zu sich rufen ließ. Hier ist es, wo meine Geschichte +eigentlich anfängt.</p> + +<p>Nach Unterzeichnung des Protocolles, kam nämlich der Fiscal noch einmal +auf die Klagschrift zurück, und fragte, wer der Concipient davon +gewesen sey. Der Wahrheit gemäß ward ich genannt. Er sprach hierauf +mit Lobe von der Arbeit. — »Es ist Schade« — wendet er sich zu mir, +— »daß Sie in keinen angemessenern Verhältnissen sind. Wenn Sie hier +bleiben wollten, hätte ich wohl eine Stelle für Sie.« — Ich gestehe +es, dieser Antrag machte nicht wenig Eindruck auf mich. Zwar hatte ich +die Aussicht Steuermann zu werden; allein der Civildienst schien mir +ungleich bequemer und einträglicher zu seyn. Ueberdem hatte ich des +Capitains Rache zu fürchten. — Mit einem Worte, ich blieb am Lande, +und erhielt eine Stelle auf dem Hauptcomtoir.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> + +<p>Von meiner frühesten Jugend an, war ich ein Spiel des Zufalles gewesen, +und hatte von dem Leben noch nichts, als das Mühselige desselben kennen +gelernt. Jetzt endlich hoffte ich Ruhe und Genuß zu finden, ja ich +schmeichelte mir sogar mit der baldigen Rückkehr ins Vaterland. Allein +bald sah ich mich in meinen Erwartungen aufs bitterste getäuscht. +Spärliche Besoldung, ekelhafte mechanische Arbeit, und so gut als +keine Aussicht zu einer Verbesserung! Fast sehnte ich mich nach dem +Seeleben zurück. Indessen beschloß ich auszuhalten, und mich auf ein +Fach zu werfen, das mir bedeutende Vortheile versprach; ich meine die +italienische Buchhaltung.</p> + +<p>Dieser Gedanke bot sich mir bei der Lage der holländischen +Compagniecomtoirs sehr natürlich dar. Es fehlte nämlich überall an +Subjekten dazu. Wir, in Negapatnam, z. B. hatten nur einen einzigen +Mann, der die Bücher auf diese Art zu führen verstand, und dafür +allein sechshundert Pagoden (zu<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> 4½ Fl.) bezog. Die Sache von ihm +zu lernen, war freilich keine Möglichkeit; denn seinen Mangel an +Gefälligkeit abgerechnet, stand er überdem viel zu hoch über mir. +Ich mußte mir also selbst zu helfen suchen, was freilich mit vielen +Schwierigkeiten verbunden war. Indessen, da ich keine Arbeit scheute, +ward ich in Jahr und Tag ziemlich vertraut damit.</p> + +<p>Ich hoffte nun nichts Geringeres, als zweiter Buchhalter zu werden; +allein, wie sehr hatte ich mich abermals getäuscht! Zwar ward mein +Fleiß nicht wenig gelobt, und erhielt einen kleinen Monatszuschuß; +allein von einer eigentlichen Beförderung war durchaus die Rede nicht. +Täglich mehr Arbeit; endlich mußte ich beinahe alles thun. Dies war +zu viel, ich verlangte daher meinen Abschied. Da versprach mir der +Buchhalter hundert Pagoden jährlich, und nach drei Jahren die förmliche +Substitur. Ich gieng es ein, allein was geschah? Im ersten Jahr keine +Rupie; im zweiten eben so, im dritten abermals<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> nichts. Ich klagte bei +dem Gouverneur, er gab mir Unrecht. Ich mußte die Bücher noch drei +Jahre, und abermals unentgeldlich führen, dann erst wollte man weiter +sehen. Ich verweigerte es, es sey ganz und gar meine Schuldigkeit nicht.</p> + +<p>»Wie?« — rief der Gouverneur zornig — »Ihr wagt es, mir zu +widersprechen? Ihr müßt die Bücher führen, sonst nach Batavia, oder +außer Dienst!«</p> + +<p>»Ich wähle das Letzte, gnädiger Herr!«</p> + +<p>»Ist das euer Ernst?« fragte er erstaunt. — »Ueberlegt es wohl!«</p> + +<p>»Es ist mein völliger Ernst!«</p> + +<p>»Nun gut!« — sagte er hastig — »So seyd ihr hiemit augenblicklich +entlassen — Sucht euer Glück anderswo!« — Mit diesen Worten drehte er +sich um, und verließ den Saal.</p> + +<p>So war ich denn endlich wieder frei; allein wegen der Zukunft +allerdings nicht ganz unbesorgt. Ich hatte wenig Geld, und keinen +Credit; meine meisten Freunde verließen<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> mich. Indessen hatte ich mir +neben dem Französischen auch einige Kenntnisse im Englischen erworben; +es schien mir daher am rathsamsten nach <em class="gesperrt">Madras</em> zu gehen. Schon +hatte ich alle Anstalten dazu gemacht, als ich unvermuthet eine +Einladung von Herrn Simons, unserem Magazininspector, erhielt. Dieser +brave Mann hatte von meinem Plane gehört, und wollte mir, wie er sagte, +einen besseren Vorschlag thun. Sein Bruder war nämlich Oberbuchhalter +zu <em class="gesperrt">Sadras</em>, und brauchte gerade einen Gehülfen meiner Art. Dieser +Antrag war wirklich aller Ehre werth; doch gestehe ich gern, daß mich +die Nähe von Madras (12 Meilen) auch mit bestimmen half. Leicht kamen +wir daher über die Bedingungen überein. So verließ ich Negapatnam, und +langte wohlbehalten in Sadras an.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p> + +<h4 class="p2">Zweites Capitel.</h4> +</div> + +<p>In der That, Herr Simons hatte mich nicht getäuscht; ich fand mich +wirklich in eine sehr angenehme Lage versetzt. Guter Gehalt, mäßige +Arbeit, freundliche Behandlung, herzlicher Umgang; nie hatte ich noch +so zufrieden gelebt. Die Luft war gesund, die Gegend angenehm, Sadras +selbst ein wohlhabender, und sehr lebhafter Ort. Ich hebe aus dem +Ganzen einige Parthien aus.</p> + +<p>Zuerst der <em class="gesperrt">Bazar</em>, oder Marktplatz, der aus einer breiten, mit +Bäumen besezten Straße besteht. Schon Morgens um fünf Uhr strömen +von allen Seiten Marktleute herbei. Junge Mädchen und Weiber mit +Gemüsen und Früchten; alte Weiber mit Matten und Töpferwaaren; +Reis- und Getreide-, Betel-, Areka-, Spezerei- und Tabakshändler; +Verkäufer von Palmzucker, Palmblättern und Sandelholz; Korbflechter, +Reiskuchenbäcker, Armringsfabrikanten u. s.<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> w.; alle eilen herbei, +alle stellen sich in Reihen auf. Zu gleicher Zeit erscheinen Gaukler +und Wahrsager, Banianen mit ihren Probiersteinen, Tattowirer mit ihren +Nadeln, endlich Sanias und Foguis (Bettelmönche) mit nackten Fakirs +vermischt.</p> + +<p>So wird es acht Uhr, und alle Buden, und alle Gewölbe öffnen sich. +Die Menschenmasse vermehrt sich, das Getümmel nimmt zu, der ganze +Bazar ertönt von Geschrei. — Mangas! Reife Mangas! — Tamarinden! +Tamarinden! — Areka und Betel! — Büffelkuhmilch! — Eingemachte +Früchte! Kauft Früchte in Zucker! — Reife und frische Cocosnüsse! +Frischer Palmkohl u. dgl. m. Dazu der Gesang der Mönche, mit +Trommeln und Tambourins, die Glöckchen der Putchares (geistliche +Balladensänger), die Hörner der Sarpojans (Schlangenbeschwörer), die +Schellen der Pandoces (geistliche Bänkelsänger) mit dem Lärm der +malabarischen Schulen, dem gellenden hundertstimmigen <em class="gesperrt">Ana</em>, +<em class="gesperrt">Awena</em>, <em class="gesperrt">Han</em>, (A. B. C.) und dem fast alles<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> übertäubenden +Gekrächz von tausenden von Raben vermischt. Endlich mitten im dicksten +Getümmel der Beriesocheng, der weiße heilige Stier, dem alles Platz +macht, und alles liebkosend Geschenke reicht.</p> + +<p>Das gesellschaftliche Leben war höchst angenehm. Bald giengen wir in +einen Palmenbusch, um eben gezapften, frischen, blauen Palmsaft zu +trinken; bald machten wir eine Jagd- oder Fischparthie. Ein andermal +ritten wir nach den Austerfelsen, oder brachten unsern Tag in stiller +Ländlichkeit in einer Chauderie (öffentliche Herbergen an den +Landstraßen, in Wäldern u. s. w.) zu. Die hohen, schattigen Pipals, der +Weiher mit Cocosbäumen bepflanzt, der nahe Palmenwald, die Menge von +Pilgrimen und Reisenden — auch ein solcher »<em class="antiqua">Dia do campo</em>« im +noch immer beibehaltenen Portugiesisch so genannt, hatte seinen eigenen +Reiz.</p> + +<p>Dann die Gesellschaften, wo sich alles der Freude und der Lebendigkeit +überließ. Die fröhlichen Abendessen mit allem was Land<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> und Jahrszeit +Auserlesenes zu liefern im Stande war. Die von der Liebe geschlossenen +Vereine, wo jeder zu den Füßen der Auserwählten saß, und ihr ein süßes +Versprechen abgewann. Die blinkenden Becher, die Gesänge, die Tänze und +die vaterländische Kraft mit ostindischer Ueppigkeit gepaart!</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Drittes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Fast anderthalb Jahre hatte ich auf diese Art höchst vergnügt in +Sadras verlebt, als mein Glück auf einmal vernichtet ward. Es war den +17. Juni 17— ungefähr um vier Uhr Nachmittags. Wir waren bei dem +Generaldirector Herrn von Neis, zu einem Geburtstagsschmause, und +tranken lustig Gesundheiten herum. »Nun noch eins!« — rief eben unser +Wirth — »Noch eins, meine Herren! Auf das Wohlergehen von Sadras!«<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> — +In dem Augenblicke trat der wachthabende Sergeant herein und meldete, +daß ein englischer Offizier angekommen sey. Er verlange Herrn von Neis +zu sprechen, und habe ein weißes Tuch an seinem Stock. — Niemand, und +am wenigsten Herrn von Neis fiel das weiße Tuch auch nur im mindesten +auf. — »Nur herein!« — antwortete er sehr vergnügt — »Ein neuer Gast +macht neuen Durst! — Er soll mit auf das Wohl von Sadras trinken! Nur +herein!« —</p> + +<p>Der Sergeant gieng, um die Thür zu öffnen, und der Offizier trat +in den Saal. — »Es thut mir leid« — hub er an, indem er sich zu +Herrn von Neis wandte — »Es thut mir leid, der Ueberbringer einer +unangenehmen Botschaft zu seyn. England hat Holland den Krieg erklärt. +Der Commandant von Chenglepet (englisches Fort in der Nachbarschaft) +steht mit seinen Truppen nur noch eine Stunde von hier. Er läßt Sie +hiermit auffordern, das Fort und die Factorei von Sadras auf Diskretion +zu übergeben.<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> Dies mein Auftrag; in zwei Stunden bitte ich mir ihre +Antwort aus!« — Mit diesen Worten machte er uns eine Verbeugung und +entfernte sich.</p> + +<p>Welche Nachricht! Bleich und sprachlos saßen wir einige Augenblicke wie +vom Donner gerührt. Endlich trug Herr von Neis auf eine Berathschlagung +der fünf Hauptbeamten an. Dies wurde so fort genehmigt, und alle +übrigen Gäste entfernten sich. Lange sannen wir nun hin und her, +was anzufangen sey. Widerstand konnten wir freilich nicht leisten; +dazu waren wir viel zu schwach. Aber uns auf Diskretion ergeben, +dies durften wir ebenfalls nicht. Wir beschlossen daher auf einer +ordentlichen Capitulation zu bestehen. Im Fall dieselbe jedoch +verweigert würde, wollten wir uns in das Fort zurückziehen. Bei diesem +Entschlusse blieb es, und so ward das Ganze zu Papier gebracht. Nach +sechs Uhr gieng ich damit in Begleitung des Oberbuchhalters und des +Parlementärs zu dem englischen Commandanten, einen Capitain<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Mackay ab. +Sein Lager war wirklich nur eine Stunde von Sadras entfernt.</p> + +<p>Wir kamen an und passirten die Vorposten ohne Schwierigkeit. Alles war +still und finster, nie hatte ich noch ein so ruhiges Lager, ohne das +mindeste Licht gesehen. Doch kaum waren wir angemeldet, als es etwas +lebendiger ward. Man zündete Lichter an und brachte Stühle für uns. +Einige Minuten und wir saßen dem Commandanten gegen über, der uns sehr +stolz ansah.</p> + +<p>»Capitain!« — hub ich an — »hier sind die Bedingungen, auf welche das +Fort und die Factorei übergeben werden soll.«</p> + +<p>Hastig riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie durch, und +warf sie mir wieder zu. — »Sagt eurem Direktor, daß keine seiner +Bedingungen angenommen wird. Es bleibe bei der Aufforderung. Ich habe +Canonen und Leitern bei mir.«</p> + +<p>»Capitain! Sie behandeln uns wie Callouris (indische Räuber). Wir sind +Holländer, wissen Sie das?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p> + +<p>Er that, als verstünde er mich nicht, und schwieg einige Zeit. Endlich +fuhr er trotzig auf: — »Nun, habt ihrs gehört, nur auf Discretion! — +Versteht ihr mich?«</p> + +<p>»Nimmermehr!« — antwortete ich mit Festigkeit! — »Lieber das +Aeußerste als dies!« —</p> + +<p>»Nun so will ich euch denn zeigen, ihr — ihr!« —</p> + +<p>»Gut! Wir wollen's erwarten, Capitain! Aber Sie werden für unser Blut +verantwortlich seyn. Eher soll man uns in Stücken hauen!« —</p> + +<p>Er antwortete nichts, gieng aber mehrere Minuten nachdenkend auf und +ab. Endlich riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie noch +einmal durch, unterzeichnete sie sehr bedächtlich, und gab sie mir ganz +gelassen zurück. Jezt hieß es: Auf nach Sadras! und augenblicklich +war alles mit Lichtern bedeckt, und überall ertönte Trompeten- und +Paukenschall. Wir eilten den Truppen voraus, um unsern Bericht +abzustatten, zufrieden, daß wenigstens so viel erlangt worden<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> war. +Endlich um elf Uhr zogen die Engländer mit klingendem Spiele ein, +besezten das Fort, die Packhäuser u. s. w., und brachten die ganze +Nacht mit Trinken und Lärmen zu.</p> + +<p>Am folgenden Morgen ward unser Schicksal näher bestimmt. Die Garnison +mußte Dienste nehmen, wir Compagniebeamten wurden nach Madras +geschickt. Indessen fehlte es an Platz, um unser Eigenthum mitzunehmen; +alles ward daher vorläufig in die Packhäuser gebracht. Dies war +offenbar Treulosigkeit; keiner von uns hat je das Mindeste wieder davon +gesehen. Ich selbst verlor auf diese Art ungefähr dreitausend Pagoden +an Werth. Eben so kam ich um andere tausende, die mir die Compagnie +schuldig war. Alles, was ich noch retten konnte, mochten hundert und +einige zwanzig seyn. So kam ich mit meinen Unglücksgefährten in Madras +an.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> + +<h4 class="p2">Viertes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Aber was nun anfangen? — Ohne Geld, ohne Freunde, ohne Empfehlungen! +— Ich fühlte nur zu sehr, wie verlassen ich war. — Endlich fiel mir +ein gewisser Herr Franck, ein deutscher Landsmann, ein. Ich hatte +ihn zufällig in Sadras kennen gelernt, und ihm selbst einige kleine +Gefälligkeiten erzeigt. Diesen suchte ich auf, und fand die herzlichste +Theilnahme bei ihm. Sehr bereitwillig bot er mir sogleich sein Haus, +seinen Tisch, ja sogar seine Börse an; allein er war selbst nicht +reich; ich machte daher nur einige Tage von seiner Güte Gebrauch. +Eben war ich im Begriff mit einigen unverheiratheten jungen Leuten +zusammen zu ziehen, als ich auf einmal — doch hierüber muß ich etwas +umständlicher seyn.</p> + +<p>Während meines Aufenthaltes zu Sadras hatte ich einem alten +braven Sergeanten, Namens Winter, gegen über gewohnt, und so<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> die +Bekanntschaft seiner eben so schönen als sittsamen Tochter Sophie +gemacht. Ich wußte, daß der arme kranke Mann bei der Uebergabe nach +Madras eingeschifft worden war. Leider hatte ich ihn aber aus dem +Gesichte verloren, fand ihn jetzt nur mit Mühe wieder, und traf ihn in +den traurigsten Umständen an. Augenblicklich war mein Entschluß gefaßt. +Ich miethete ein malabarisches Häuschen, kaufte die nothwendigsten +Mobilien u. s. w., und nahm die Familie zu mir. Nur wenig Wochen hatten +wir indessen zusammengelebt, als der alte Mann nach einem kurzen +Krankenlager in meinen Armen verschied. Ich liebte Sophien heiß und +innig, leider war sie aber an einen andern verlobt. Sie theilte meine +Empfindungen, sie hatte nur aus Noth eingewilligt, und fürchtete das +verhaßte Band. Ich beschloß sie nicht zu verlassen, und die Mutter +dankte mir mit Thränen dafür.</p> + +<p>Aber um so furchtbarer lag der Gedanke an die Zukunft auf mir. +Mein Geld nahm<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> ab; die Gelegenheit zum Verdienste war bei dem +stockenden Handel ziemlich beschränkt; ich befand mich bald in großer +Verlegenheit. Endlich brachte mich Herr Franck bei einem Mr. Popham als +Schreiber an. Aber auch jezt verschaffte uns meine Einnahme täglich +nur eine Mahlzeit; die Theurung war gar zu groß. In dieser traurigen +Lage ward ich zufällig einen der reichsten portugiesischen Kaufleuten +von Madras, Shor. Antonio de Souza, bekannt. Ich hatte ihm nämlich +einige Papiere zu überbringen, fand ihn gerade mit Shra de Souza beim +Frühstück, und redete ihn englisch (seine Lieblingssprache) an.</p> + +<p>»Wie lange sind Sie aus England?« — fiel er mir plözlich ein.</p> + +<p>»Ich bin kein Engländer, mein Herr, und war auch niemals dort.«</p> + +<p>»So? — Also sind Sie in Indien geboren?«</p> + +<p>»Nein! Ich bin ein Holländer, mein Herr, und war Buchhalter zu Sadras.«</p> + +<p>»Können Sie die Bücher englisch führen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p> + +<p>Ich verbeugte mich.</p> + +<p>»Gut! Gut!« — fuhr er mit Lebhaftigkeit fort. »Ich brauche eben +einen Buchhalter. Sie sollen monatlich sechzig Pagoden und freien +Mittagstisch haben, auch das Frühstück, wenn Sie wollen. Jetzt sagen +Sie!« —</p> + +<p>»Mein Herr! — Ich bin zu Ihren Diensten. — Aber wie soll ich Herrn +Popham.« —</p> + +<p>»Das ist meine Sorge. — Treten Sie nur in Gottes Namen an. — Aber Sie +sehen so elend aus? — Sind Sie krank?« —</p> + +<p>»Das nicht, mein Herr — Aber« — gieng ich aufrichtig über meine Lage +u. s. w. heraus, wobei ich auch Sophien nicht vergaß.</p> + +<p>»Das ist brav!« — sagte er lebhaft, und schüttelte mir die Hand. — +»Bei Gott, das ist brav! — Sie sind ein ehrlicher Mann!« »Hier« — +fuhr er fort, indem er in die Casse griff — »Hier sind hundert Pagoden +auf Abschlag — Und diesen Abend<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> schicke ich Ihnen zehn Säcke Reis. +Gott mit Ihnen, morgen sehen wir uns!«</p> + +<p>War es ein Traum? — O überglückliche Veränderung! Sophie weinte vor +Freuden. — Abends wurden mir richtig zehn große Säcke mit Reis, und +überdem mehrere schöne Stücke Zitz und dergl. für Mutter und Tochter +gebracht. Jetzt erst erinnerte ich mich, wie sehr Madame de Souza bei +meiner Erzählung gewesen war. Seliger, unvergeßlicher Abend! So waren +wir denn auf einmal aller unserer Sorgen los!</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Fünftes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Unterdessen war das Carnatik der Schauplatz des Krieges geworden; +stündlich kamen mehr Flüchtlinge bei uns an, und die Theurung nahm +von Tage zu Tage zu. Vergebens schickte man aus Bengalen eine Menge<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> +Schiffe ab; die Franzosen brachten sie fast vor unsern Augen auf. +Schon wurden wir daher von dem schrecklichsten Mangel bedroht, als +unvermuthet auf der Rhede eine achtzig Segel starke Flotte erschien, +die den Feinden unter Begünstigung eines Nebels entgangen war. +Entzückender Anblick! Alles eilte an den Strand; alles wollte die +kornbeladenen Schiffe sehen; lautes Freudengeschrei erfüllte die ganze +Stadt.</p> + +<p>Der Eintritt des Regenmonßons war nahe; gleichwohl zögerte man, zu +meinem Erstaunen, mit der Ausschiffung. Wirklich wurden, weder den +ersten noch den zweiten Tag, nicht die mindesten Anstalten dazu +gemacht; der dritte vergieng auf gleiche Art; der vierte brach an; +jetzt war es zu spät dazu. Seit zweimal vier und zwanzig Stunden +nämlich hatte man alle Vorzeichen eines Orkans bemerkt.</p> + +<p>Aengstlich drängten sich die Kühe auf der Weide zusammen, und stöhnend +eilte das Wild den dichtesten Büschen zu; die Hunde<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> heulten, die Vögel +flogen unruhig umher, die meisten Thiere verkrochen sich. Stoßweis lief +der Wind alle Compassstriche durch, und rings am Horizonte schossen +feurige Flammen auf. Heftig schien das Meer in seinem Innern zu kochen, +und warf eine Menge Muscheln und Seegewächse aus. Auf den schäumenden +Wellen zeigten sich unbekannte Ungeheuer, und mit ängstlichem Geschrei +flüchteten Tausende von Seevögeln an's Land.</p> + +<p>Heute, als am fünften Tage traten alle diese Anzeichen mit verdoppelter +Stärke ein. Die Luft war glühend heiß, der ganze Himmel mit schwarzen +Wolken bedeckt. Furchtbar, in dumpfem Donnergemurmel, zogen sie gegen +einander; tiefer und immer tiefer senkten sich die ungeheuern Massen, +und feurige Blitze durchkreuzten die wachsende Finsterniß.</p> + +<p>Endlich brach der Orcan mit tausend Donnerschlägen los. Der Regen in +Strömen herab; die Cocos-Wälder wie Binsen zerknickt;<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> die Trümmer wie +Spreu umher; die schäumende Brandung bergehoch; Blitz auf Blitz; Schlag +auf Schlag; ein Donner, eine Flamme; die ganze Natur in Untergang. +Wenig Minuten, und die Rhede war mit treibenden Schiffen bedeckt. Bald +verschwanden sie in den Abgrund; bald flogen sie wieder himmelan. Die +Masten brachen; die Segel zerrissen; die Seiten öffneten sich. Schiff +gegen Schiff geschleudert; ein's an dem andern zerschellt. So wirbelten +sie in immer schnelleren Kreisen, bis sie endlich der schwarze Abgrund +verschlang. Fünf Secunden, und unsere lezte Hoffnung war auf ewig +dahin. — Welche Nacht! — Noch jezt denke ich mit Entsetzen daran. +Als der Tag anbrach, war der ganze Strand mit Leichnamen und Trümmern +bedeckt.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> + +<h4 class="p2">Sechstes Capitel.</h4> +</div> + +<p>So brach denn auch diesmal die schrecklichste Hungersnoth aus. Mochten +die armen Hindus auch Alles verkaufen, sie fristeten ihr Leben doch +nur einige Tage damit. Bald lagen Tausende dieser Unglücklichen, ohne +Nahrung, ohne Kleidung, ohne Obdach, bei den heftigsten Regengüssen, +auf den Straßen umher. Fürchterlich wüthete der Tod darunter, jeden +Morgen fuhren an fünfzig Karren mit Leichnamen aus der Stadt. Endlich +trieb man die lezten zweitausend Hindus auf das Glacis. Hier starben +sie den langsamen Hungertod. Drey Tage und Nächte stieg ihr Wimmern zum +Himmel auf. Endlich ward alles still. — O Menschen, und Menschenleben! +— Doch, ich kehre zu meinen eigenen Schicksalen zurück.</p> + +<p>Ich hatte meine Stelle bei Herrn de Souza aufgeben müssen; sein Jähzorn +war gar zu groß. Noch keiner hatte so lange bei<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> ihm ausgehalten; ich +weiß am besten, wie viel ich mir gefallen ließ. Endlich aber ward es +gar zu arg, und so brach ich förmlich mit ihm. Dennoch machte er mir +noch hundert Pagoden zum Geschenk. Es war einer der sonderbarsten und +veränderlichsten Menschen, die mir vorgekommen sind.</p> + +<p>Alles machte mir nun den Aufenthalt in Madras unangenehm. Dazu kam +die Furcht vor Hyder Ali, dem die schwarze Stadt — wo wir wohnten — +am ersten offen stand. Ich dachte also ernstlich an eine Veränderung. +Endlich lief ein Doppel-Thony (großer Küstenfahrer) unter dänischer +Flagge ein, die nach Tranquebar bestimmt war. Ohne Mühe ward ich mit +dem Tandel (Schiffer) einig, ließ unsere Effekten an Bord bringen, +geleitete am andern Morgen Sophien mit ihrer Mutter selbst dahin, und +kehrte dann, zur Abmachung einer lezten Angelegenheit, noch einmal an's +Land zurück.</p> + +<p>Unerwartet vergieng mir indessen darüber der ganze Vormittag. Jezt war +es drei<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Uhr, und alles besorgt. Nach einer kurzen Mahlzeit machte +ich mich auf, um noch einmal Freund Sabico Lebewohl zu sagen, dessen +Haus überdem in meinem Wege lag. Plözlich biege ich um eine Ecke +in ein schmales Gäßchen, wo alles mit Leichnamen bedeckt ist. Ein +sterbendes Weib windet sich auf der Erde, und zerfleischt den blutigen +Leichnam ihres Säuglings. Dieser Anblick, der Gestank, die Hitze, meine +Ermüdung, alles überwältigte mich. Ich sank ohnmächtig nieder; ward zu +Sabico getragen; und kam erst nach sechs Stunden wieder zu mir.</p> + +<p>Mein erster Gedanke war Sophie und das Schiff. Mit einem Schreie +raffte ich mich auf, und stürzte durch die finstere Nacht, bei Sturm +und Regen, dem Strande zu. Vergebens, nirgends war ein Schiffslicht zu +sehen. Ich wollte rufen; meine Stimme ward durch die tosende Brandung +übertäubt. So brachte ich eine höchst traurige Nacht im nächsten +Wirthshause zu. Endlich mit grauendem Morgen, eile ich wieder an den +Strand.<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Der Nebel zerfließt, die Küsten werden sichtbar, das wogende +Meer erhellt sich! — Kein Schiff, so weit das Auge reicht!</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Siebentes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Mein Schmerz war grenzenlos; aber zu diesen Seelenleiden kam nun noch +Geldverlegenheit. Meine Coffres waren an Bord, kaum hatte ich achtzig +Pagoden bei mir. Zwar bot mir der gute Sabico Kost und Wohnung an; auch +machte ich wirklich Gebrauch davon; allein wir hatten beide nicht viel. +Mein Herz war unaufhörlich in Tranquebar. Tag und Nacht brütete ich +über meinen Reiseplan.</p> + +<p>Gleichwohl fehlte es immer an Schiffsgelegenheit, denn die +französischen Kaper nahmen alle Küstenfahrer weg. Eben so wenig war +an die Landreise zu denken; Hyder<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Ali's Reuter durchstreiften den +ganzen Distrikt. Aber die Theurung ward immer größer; ich fühlte, daß +ich meinem Freunde lästig zu werden anfieng. Sichtbar griff mich der +beständige Kummer an. Was war zu thun? Es galt auch diesmal einen +verzweifelten Entschluß. — Ich mußte nach Tranquebar — Tot oder +lebendig; ich mußte nach Tranquebar.</p> + +<p>Vergebens rieth mir der gute bedächtige Sabico von diesem — wie er's +nannte — entsetzlichen Wagstück ab. Ich blieb unerschütterlich, meine +Liebe gab mir zu allem Muth. Ohne Zeitverlust kaufte ich so eine alte +Chialeng, (Ruderboot) brachte vier Ruderer zusammen, versah mich mit +Reis, Fleisch, Wasser, Natten, u. s. w. und stieß endlich am 24. Nov. +17— Nachmittags um 3 Uhr — vom Ufer ab.</p> + +<p>Doch kaum hatten wir uns einige Klaftern weit entfernt, als schon das +Wasser auf allen Seiten in die Chialeng drang. Sie war sehr lange +ungebraucht gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> und sog es daher auf allen Fugen ein. Man rieth +mir, sie bis zum andern Morgen verquellen zu lassen, doch dies erlaubte +mir meine Ungeduld nicht. Ich nahm daher noch einen fünften Mann, +einzig zum Ausschöpfen, an, und fuhr so endlich zum zweitenmale ab.</p> + +<p>Glücklich waren wir über die Brandung gekommen; zum erstenmal athmete +ich wieder mit Leichtigkeit. Jeder Ruderschlag, der mich von Madras +entfernte, führte mich der Geliebten zu. Der Himmel war heiter, das +Meer vollkommen ruhig, die nach Süden laufende Strömung uns förderlich. +Freundlich sank die Sonne in's blaue Meer hinab, und die Spitzen +der Pagoden, und die Wipfel der Cocospalmen glänzten im Abendroth. +Zufällig blickte ich auf das Fort St. Georges; man ließ die Flagge +herab. Wenig Minuten darauf geschah ein Schuß, und pfeifend fuhr die +Kugel über die Chialeng hin.</p> + +<p>Mehr verwundernd als erschrocken hielten<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> wir einen Augenblick mit +Rudern ein. Wir waren allein auf der Rhede, und nirgends ein anderes +Fahrzeug zu sehen. — »Wahrscheinlich ein Signalschuß!« — sagte ich +ruhig — »Und ein Mißgriff vom Canonier. Aber bei einem Haar hätte er +uns doch in den Grund gebohrt. Jetzt in Gottes Namen wieder frisch +daran!« —</p> + +<p>Herzhaft ruderten wir weiter; doch in demselben Augenblicke geschah ein +zweiter Schuß, und die Kugel schlug keine Klafter von uns in's Meer. +Jetzt sah ich deutlich, daß es auf unsere Chialeng angelegt war. — +»Zurück! — Zurück!« — rief ich meinen Leuten zu — »Arbeitet, was ihr +könnt! Um Gotteswillen, ehe der dritte Schuß geschieht!« — Wir thaten +nun unser Möglichstes, wiewohl uns die Strömung entgegen war. Man +schien es auf dem Fort zu bemerken, und hielt wirklich mit Schießen ein.</p> + +<p>Nichts von meinen Empfindungen; ich war außer mir. — Schweigend +ruderten wir fort, bis es immer düsterer ward. Bald<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> hörten wir ein +anderes Fahrzeug auf uns zukommen, und nicht lange darauf lag eine +stark bemannte Chialeng neben uns. — Zwei Srapoys sprangen herüber — +»Im Namen des Gouverneurs! — Ihr seyd arretirt. — Vorwärts! Frisch +an den Strand!« — Ich vermochte kein Wort zu sagen, meine Gedanken +verwirrten sich. — O Sophie! — O Tranquebar!</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Achtes Capitel.</h4> +</div> + +<p>So langten wir, ohngefähr um zehn Uhr Abends, bei dem am Strande +stehenden Hause des Equipagen-Meisters an. Alles war hier mit Menschen +angefüllt, alles wollte den Arrestanten sehen. — »Da ist er! Da ist +er!« — rief man von allen Seiten, und der ganze Haufe drängte sich um +mich. — »Wer seyd ihr?« (<em class="antiqua">who are you?</em>) fragten<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> mich hundert +Stimmen zugleich. — »Es ist ein Spion! Es ist ein Franzos!« (<em class="antiqua">It +is a spy! It is a French dog!</em>) schrie man hier. — »Nein! Es ist +ein Holländer! Ich kenne ihn!« (<em class="antiqua">It is a Dutchman, I know him</em>) +antwortete man dort. — Endlich fiel eine mir wohl bekannte Stimme +ein. — »Es ist ein ehrlicher Mann, ich bürge dafür!« (<em class="antiqua">It is an +honest man; I'll answer for it!</em>) Es war der gute <em class="gesperrt">Franck</em>, +er erkannte mich erst in diesem Augenblick. Doch eben trat der +Equipagen-Meister, Mr. <em class="gesperrt">Hall</em>, heraus.</p> + +<p>»Wer seyd ihr?« — fuhr er mich mit barscher Stimme an.</p> + +<p>»Ein Holländer von Sadraspatnam.«</p> + +<p>»Wo ist euer Erlaubnißschein?«</p> + +<p>»Ich habe keinen, weil ich es nicht für nöthig hielt.«</p> + +<p>»Wie? Keinen Erlaubnißschein? — Also wißt Ihr auch nicht, daß ich der +Equipagen-Meister bin, und daß, ohne mein Wissen, Niemand die Rhede +verlassen darf?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> + +<p>»Sir! Haben Sie die Güte zu bedenken, daß ein Fremder« —</p> + +<p>»Was Fremder? Fremder? — Ausflüchte! Nichts als Ausflüchte. — Ihr +müßt die Gesetze von dem Lande kennen, worin ihr lebt. — Man schleicht +nicht, wie ein Dieb davon, wenn man nichts Böses im Schilde führt. — +Ich wette, ihr seyd am Ende ein französischer Spion! — Aber nehmt euch +in Acht — He Srapoys! führt ihn« —</p> + +<p>In diesem Augenblicke trat der gute <em class="gesperrt">Franck</em> hinzu, und sagte +ihm etwas in's Ohr. — »Das ist was anderes« — fuhr er jetzt etwas +milder fort. — »Aber, was soll ich machen? — Melden muß ich es doch +dem Gouverneur! — Nun gehen Sie unterdessen nur auf die Hauptwache. +— Nachher wollen wir weiter sehen! Hoffentlich wird es so arg nicht +werden! — Gehen Sie nur!«</p> + +<p>So gieng ich denn, und brachte ohngefähr eine Stunde auf der Hauptwache +zu. Endlich, nach elf Uhr, trat ein wohlgekleideter<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Mann herein, und +fragte nach dem »<em class="gesperrt">Gentleman</em>«, der arretirt worden sey. Ich nahm +dies Wort für eine gute Vorbedeutung an. Wirklich begleitete er mich +auch zum Gouverneur, wo ich in einen großen Saal geführt ward.</p> + +<p>Es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe sich jemand sehen ließ. Endlich +trat der Plazmajor, Mr. Sydenham herein; er kannte mich unter andern +von Herrn Souza her. — »Wie?« — fragte er verwundernd — »Sind Sie +es, Haafner? — Welche Tollheit ficht sie an, bei Nacht mit einer +Chialeng in See zu gehen? — Wo wollen Sie hin? Was haben Sie vor?«</p> + +<p>»Ach, Sir!« — antwortete ich seufzend — »Mangel und Liebe treiben +mich fort!« — Zugleich machte ich ihn mit meiner Lage bekannt. — +»Sprechen Sie für mich!« — fuhr ich fort — »Ich weiß, daß ein Wort +von Ihnen hinreichend ist!« — Meine Erzählung schien ihn gerührt zu +haben; er versprach,<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> sein Möglichstes zu thun, und verließ mich.</p> + +<p>Doch bald darauf kam er lächelnd zurück. — »Beruhigen Sie sich. Die +Sache wird besser gehen, als Sie denken.« — »Hier!« indem er mich in +ein Nebenzimmer wies, wo ein kleiner Tisch gedeckt war — »Hier trinken +Sie unterdessen ein Glas Wein. In einer halben Stunde bin ich wieder +da.« — Ich dankte ihm auf's herzlichste für seine Güte, denn ich war +wirklich bis zum Aeußersten erschöpft.</p> + +<p>Eben hatte ich das kleine Mahl geendigt, als die Thüre aufgieng, und +der Gouverneur, Lord Macartney, in Begleitung des Plazmajors und eines +Secretärs, in das Zimmer trat. Er schien keinesweges zornig, fixirte +mich indessen mit großer Aufmerksamkeit.</p> + +<p>»Wissen Sie nicht?« hub er endlich an, — »daß wer sich in Kriegszeiten +heimlich aus einer Stadt zu schleichen sucht, wie ein Spion angesehen +werden muß?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span></p> + +<p>»Ich weiß es, Mylord, aber ich bitte Ew. Exc. zu bemerken, daß ich +nichts weniger als heimlich, sondern bei hellem lichten Tage, und in +Beiseyn vieler Zeugen abgefahren bin.«</p> + +<p>»Aber doch immer ohne Erlaubnißschein. — Warum machten Sie dem +Equipagen-Meister keine Anzeige davon? — Es ist ein Glück für Sie, daß +Mr. Sydenham Sie kennt. Um seines Zeugnisses willen, mag die Sache auf +sich beruhen!«</p> + +<p>Ich machte eine tiefe Verbeugung.</p> + +<p>»Nun gut! Sie können abreisen; allein es ist eine Bedingung dabei. +Sie müssen einige Briefe für den Obersten Hamilton bei Tranquebar +mitnehmen, die ihm eigenhändig zu übergeben sind.«</p> + +<p>Ich verbeugte mich abermals.</p> + +<p>»Es sind Briefe von der äußersten Wichtigkeit. Sie können leicht +denken, daß mir an der richtigen Bestellung derselben sehr viel gelegen +ist. Bei der Uebergabe werden Ihnen sofort tausend Pagoden ausgezahlt.<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> +Ueberdem werde ich, im Falle ihrer Zurückkunft, auf Ihre Versorgung +bedacht seyn.« —</p> + +<p>Ich dankte ihm für sein Zutrauen, und versprach mein Möglichstes zu +thun. Hierauf händigte er mir die Briefe, in lauter kleinen Röllchen, +nebst der Ordre für die tausend Pagoden, ein; wünschte mir glückliche +Reise, und entfernte sich. Mr. Sydenham befahl darauf einigen Srapoys, +mich an den Strand zu begleiten, und ein Couti (Träger) folgte mir +mit einem Korbe voll Lebensmittel nach. So trat ich wieder in meine +Chialeng, und kam endlich um zwei Uhr nach Mitternacht glücklich in See.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Neuntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Wunderbare Veränderung! — Und das alles verdankte ich den Briefen +von Lord Macartney. Aber warum legte er so viel<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> Wichtigkeit darauf? +Weil die Verbindung mit dem englischen Lager schon seit mehreren +Wochen unterbrochen war. Alle Couriers (Harkarrahs) wurden von den +mahrattischen Streifparthien ermordet, oder mit verstümmelten Nasen +und Ohren zurückgeschickt. Niemand wollte sich mehr zu dieser Reise +verstehen. Aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes dienen, oder +sollte ich nicht vielmehr — Doch das Wetter war vortrefflich, der +Mond stand groß und freundlich am Himmel, und das ruhige Meer glänzte +in Silberschein. Wir spannten unser kleines Segel auf, und steuerten +fröhlich nach Süden zu.</p> + +<p>Als die Sonne aufgieng, befanden wir uns auf der Höhe von Covilom, +und schon um zwei Uhr Nachmittags hatten wir mein liebes Sadras +im Gesichte. Plözlich tagte im Südost eine Fregatte auf, die mir +verdächtig schien. Ich ließ daher zwischen die Brandung rudern, und +lief in eine kleine Sandbucht ein. Jezt, so nahe bei Sadras,<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> mußte ich +diesen freundlichen Ort doch noch einmal sehen. Ich ließ demnach die +Chialeng an den Strand ziehen, und eilte den wohlbekannten Fußsteig +hinan.</p> + +<p>Allein was fand ich? Alles öde, alles mit Schutt und Trümmern bedeckt. +Die Einwohner waren durchs Schwerdt, oder den Hunger umgekommen; die +Engländer, die mahrattischen Streifparthien, die Räuberbanden hatten +allmählich Alles zerstört. Traurig wandelte ich durch die einsamen +Straßen hin, bis ich endlich an mein eigenes Häuschen kam. Noch +breitete der hohe, schattige Tamarindenbaum seine kühlenden Aeste +darüber aus; aber es hatte das Schicksal der übrigen gehabt. Voll +wehmüthiger Erinnerungen eilte ich an den Strand zurück, und beschloß, +wo möglich, noch bis Alamparve zu gehen. Es war ohngefähr vier Uhr +Nachmittags.</p> + +<p>Eine Stunde darauf befanden wir uns auf der Höhe von Arialchery. Aber +inzwischen war der Wind weniger günstig geworden,<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> und der Himmel hatte +sich mit schwarzen Wolken bedeckt. Die See gieng hohl; die Möwen flogen +nach dem Lande; Alles kündigte ein Ungewitter an. Dennoch hoffte ich +Alamparve noch erreichen zu können, und ließ daher die Leute rudern, +was nur möglich war. Bald aber versank die Küste in Nacht, und der +glänzende Schaum der Brandung war das Einzige, was ihre Nähe verrieth.</p> + +<p>Noch eine gute Stunde hatten wir ungefähr in dieser Richtung +fortgesteuert; als der Wind allmählig aus Norden aufzufrischen +anfieng. Bald war er uns völlig entgegen, und Alamparve zu erreichen +pure Unmöglichkeit. Zugleich brach das Ungewitter los, und der Regen +schoß in Strömen herab. »Ans Land! Ans Land!« — schrien wir alle, und +ruderten muthig in die schäumende Brandung hinein. Die Chialeng stieg +und sank, bis sie endlich von der lezten Welle, wie ein Pfeil ans Ufer +geschnellt ward.</p> + +<p>Die Gegend, wo wir uns befanden, war<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> mit Gebüsch und wilden Palmbäumen +bedeckt, und schien gänzlich unbewohnt. Wir zogen die Chialeng so hoch +als möglich ans Land, nahmen einige Lebensmittel daraus, und verbargen +uns im Gehölz. Der Sturm wüthete mit Heftigkeit fort. Die Palmen +rauschten; der Regen schoß zwischen den Zweigen herab; und furchtbar +tönte die Brandung vom Ufer her. Keiner von uns vermochte ein Auge +zuzuthun.</p> + +<p>Gegen Morgen schien das Wetter etwas besser zu werden; doch gieng die +See entsezlich hoch. Wir beschlossen daher, ruhig am Lande zu bleiben, +worauf sich jeder dem Schlafe überließ. Einige Stunden darauf erwachte +ich plözlich von einem Sonnenstrahl, stand auf, und legte mich an einen +Baum. — Auf einmal — Menschenstimmen ganz nahe bei mir. — Ich warf +mich auf den Boden; der Ton kam vom Strande her — Mit zurückgehaltenem +Athem kroch ich an den Rand des Gehölzes, da zogen sie hin. — Zwanzig +Mann von einer mahrattischen Streifparthie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p> + +<p>So ritten sie vorüber, und eilends weckte ich meine schlafenden Leute +auf. — Was sollte ich thun? — In See gehen? — Der Sturm hielt noch +immer an. — Am Lande bleiben? — Die Gefahr nahm mit jedem Augenblick +zu. — Unterdessen hatte sich der Himmel aufgeklärt. — Ich beschloß, +mein Schicksal dem Meere anzuvertrauen. — »In See!« — rief ich meinen +Leuten zu; sie schüttelten den Kopf. — »So wißt denn« — fuhr ich +fort, und theilte ihnen den Vorfall mit. — Mehr bedurfte es nicht; +augenblicklich war die Chialeng flott gemacht. Muthig ruderten wir +durch die Brandung, und kamen bei dem dritten Versuche glücklich in See.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Zehntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Das Wetter blieb gut, das Meer wurde von Stunde zu Stunde ruhiger, +langsam<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> steuerten wir längs der Küste hin. So hatten wir ungefähr +eine Meile zurückgelegt. Plözlich wurden wir am Strande einen Menschen +gewahr. Er rang die Hände, warf sich auf die Knie, kurz, er schien +unsere Hülfe anzuflehen. — »Wir müssen ihn aufnehmen!« — rief ich +meinen Leuten zu, und sie waren sämmtlich dazu bereit. Auf einmal +hören wir Pferde wiehern! — »Verrath!« — rief ich heftig — »Zurück! +Zurück! Um Gotteswillen zurück!« — Schwer schwebten wir auf der Spitze +der zweiten Welle — Einige Minuten später, und die Chialeng würde an +den Strand geflogen seyn. Mit gräßlichem Geschrei kam jezt ein Haufen +Räuber aus dem Gebüsche. Einer davon schwang sich auf ein Pferd und +jagte fort. Doch wir waren schon wieder in offener See.</p> + +<p>Gegen Mittag konnten wir bereits das rothe Dach der Chauderie<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> von +Alamparve sehen. Gern wäre ich einen Augenblick gelandet,<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> um Wasser +einzunehmen, allein der Truppen wegen, beschloß ich, es lieber an einer +einsamern Stelle zu thun. Wir ruderten also herzhaft fort, bis wir +ungefähr auf der Höhe des Dorfes waren, das mit seinen Baumgruppen gar +lieblich vor uns lag. Plözlich sahen wir zwei, dann zehn, dann immer +mehr Reiter auf den Strand zueilen, bis er endlich fast ganz damit +bedeckt war. Sie riefen uns zu, ans Land zu kommen — »Morgen! Morgen!« +(Nalekie! Nalekie!) gaben wir lachend zur Antwort, und hatten nur +unsern Scherz damit.</p> + +<p>Doch mit wüthenden Geberden wiederholten sie ihre Aufforderung, +und legten zu gleicher Zeit ihre Büchsen auf uns an. Jezt fand ich +räthlich vom Lande abzuhalten, und gab sofort das Zeichen dazu. Aber +in demselben Augenblicke schossen sie, und einer meiner Leute that +einen gräßlichen Schrei. — »O Vater! Vater!« (Are appa! Are appa!) — +»Wo? Wo?« — rief ich erschrocken, in der Meinung, daß er verwundet +sey. Doch es<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> war noch viel schrecklicher — Er zeigte auf zwei +Kattamarans<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> — Sie waren mit Srapoys bemannt, suchten uns den Weg +abzuschneiden, und ruderten eilig auf uns zu. Wahrscheinlich hatten sie +an einer andern Stelle vom Ufer gestoßen, während uns der Räuberhaufen +beschäftigt hielt.</p> + +<p>Was war zu thun? — Wir arbeiteten was wir konnten, allein nach wenig +Minuten hatten sie uns eingeholt. — »Zurück! Ihr Spitzbuben!« (Rirau +Bantjot!) — riefen sie uns zu, und legten auf uns an. — Wir waren +verloren; ich sah es vollkommen ein. Einen so schrecklichen Augenblick +hatte ich noch nie gehabt. Doch plözlich faßte ich wieder Muth. — +»Seyd unbesorgt!« — sagte ich zu meinen Leuten — »Ich habe meinen +Plan gemacht; es wird euch nichts zu Leid geschehen. Wir haben uns bei +Nacht von Madras geflüchtet! Vergeßt es nicht,<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> bei Nacht von Madras!« +— In diesem Augenblick waren die Kattamarans neben uns, und fluchend +sprangen die Srapoys in unsere Chialeng.</p> + +<p>»Ich bin ein Holländer!« — rief ich ihnen zu, ohne daß es jedoch etwas +zu helfen schien. Einer war besonders so kühn, daß er seinen Säbel +über meinen Kopf schwang — »Nehmt euch in Acht« — fuhr ich fort, — +»und bedenkt, was ihr thun wollt. Ich bin ein Abgesandter; ich habe +eine äußerst wichtige Botschaft an den französischen Admiral, und an +den Nabob Hyder Bahadur. Die geringste Beleidigung, die ihr mir, oder +meinen Leuten zufügt, kostet euch euren Kopf, dafür stehe ich euch!« +— Dies wirkte, und sie steckten sofort ihre Säbel ein. Zugleich +erfuhr ich, daß ich auf Befehl des Jammedaars (Districtscommandanten) +eingeholt worden war.</p> + +<p>Als ich ans Land trat, ward ich von der ganzen Masse umringt, und mit +den niedrigsten Schimpfwörtern überhäuft — »Wie?« —<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> rief ich — »Ihr +wagts, den Vakirl (Gesandten) an den Nabob zu schmähen? — Wartet! Es +soll euch gereuen!« — »Hier!« — fuhr ich mit gebieterischem Tone zu +einem der Offiziere fort — »Hier liegt meine Chialeng! Ich übergebe +sie eurer Obhut! Stellt augenblicklich eine Wache dabei! Es sind +Briefschaften und Papiere für den Nabob darin! — Daß sie kein Mensch +anrührt; hört ihrs! Ich fordere Alles von euch zurück!« —</p> + +<p>»Und ihr!« — indem ich mich zu meinen Leuten wandte, — »Ihr bleibt +hier, bis ich wieder komme, und wehe dem, der euch etwas zu Leide thut!«</p> + +<p>»Jezt!« — zu den Srapoys — »Jezt, laßt uns gehen! — Meine Zeit ist +kostbar!«</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Eilftes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Wir kamen an, der Jammedaar saß vor der Thüre der Chauderie. Mein +Plan war<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> gemacht; nichts konnte mich retten, als die kühnste +Entschlossenheit. Stolz und ruhig gieng ich auf ihn zu, grüßte ihn, und +sezte mich ohne weiteres neben ihn. Er griff nach seinem Dolche, allein +ich kam ihm mit meiner Anrede zuvor. — »Jammedaar!« — sagte ich — +»Du kennst mich und meinen wichtigen Auftrag nicht; das entschuldigt +dich! Aber ich wünsche um deinetwillen, daß der Nabob nichts davon +erfährt. Bei dem allmächtigen Gott! Er würde dich für diese schnöde +Behandlung zu bestrafen wissen, ich stehe dir dafür!« —</p> + +<p>Was ich voraus gesehen hatte, geschah. Der Jammedaar war überrascht, +und sah schweigend und unentschlossen vor sich hin. — »Ich bin +ein Holländer!« — fuhr ich im vorigen Tone fort — »Und muß nach +Pondichery, — der französische Admiral.« —</p> + +<p>»Jammedaar!« — rief hier plözlich ein Srapoy, und trat aus dem uns +umgebenden Haufen hervor. — »Jammedaar! Laß dich nicht von diesem +Prahler hintergehen! Ich<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> habe seine Leute befragt. Sie kommen von +Madras und gehen nach Tranquebar. Es ist gewiß ein englischer Hund, der +nach dem Lager von Cudelore will!« — Bei diesem Worten gerieth der +ganze Haufen in Wuth — »Ja! Ja! Es ist ein englischer Hund!« wurde von +allen Seiten wiederholt.</p> + +<p>»Nein!« — rief ich entrüstet — »Kein Engländer! — Ein Holländer von +Sadringapatnam bin ich. — Warum die giftigen Worte? — Ihr sagt, daß +ich von Madras komme? Wer läugnet es? — Aber warum verschweigt ihr, +daß wir bei Nacht von dort geflüchtet sind?« —</p> + +<p>»Jammedaar!« — fuhr ich ungeduldig fort, indem ich mich wieder zu ihm +wandte — »Halt mich nicht länger auf! Ich muß durchaus noch heute in +Pondichery seyn. Die Nachrichten, die ich dem französischen Admiral +zu überbringen habe, sind von der äußersten Wichtigkeit. Jede Stunde, +die du mich aufhältst, kann dem Nabob gefährlicher werden, als eine +verlorne Schlacht!« —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p> + +<p>Er schien verlegen, stand auf und sprach mit einem seiner Offiziere +einige Minuten zur Seite. Endlich kam er zurück. — »Du sollst und +kannst abreisen, so bald du bewiesen hast, daß du ein Holländer, und +kein Engländer bist.«</p> + +<p>»Wie, Jammedaar! spottest du meiner? Wie soll ich das beweisen? Sind +wir nicht von einer Farbe? Ist in unsern Zügen, unserer Kleidung, +unseren Manieren irgend ein Unterschied? Ja, wenn du die Sprachen +verständest, aber so? — Weißt du was, Jammedaar! Laß mich nach +Pondichery bringen, wenn du mir nicht glauben willst! Hörst du, nach +Pondichery!« —</p> + +<p>Er konnte nichts darauf erwidern, aber mich reisen zu lassen, dazu +hatte er eben so wenig Lust. — »Es ist am besten« — sagte er endlich +— »ich lasse dich zu Nabob bringen, der bei Arcot steht. So bin ich +von aller Verantwortung frei!« —</p> + +<p>»Ei nicht doch!« — erwiederte ich, denn diese Reise war ganz und gar +nicht in meinem<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> Sinne. — »Ich sage dir ja, daß ich noch heute in +Pondichery seyn muß!« — Allein vergebens. Nur mit der äußersten Mühe +brachte ich ihn am Ende noch auf eine andere Idee.</p> + +<p>»Azoaf!« — rief er einem seiner Srapoys zu — »Schwing dich auf +dein Roß, flieg nach Marampette, und sage Rosan Alichan, daß ein +Weißer in meine Hände gefallen ist, der sich für einen Holländer aus +Sadringapatnam ausgiebt.« —</p> + +<p>»Und sag ihm zu gleicher Zeit« — fiel ich ein — »daß es derselbe +Holländer ist, der ihn einmal aus den Händen der Engländer gerettet +hat.« —</p> + +<p>Bei diesen Worten schrie der Jammedaar auf, während mir der Srapoy zu +Füßen fiel. — »Maharadja« (Herr) — rief er — »Verzeih! Ich erkannte +dich nicht. Ja! ich war damals bei Rosan Alichan, als du unser aller +Retter warst. Jezt flieg ich zu ihm, um ihm zu melden, daß du hier +bist!« —<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> So sprach er, schwang sich auf sein Pferd, und eilte im +Galopp davon.</p> + +<p>Jezt wendete sich auch der Jammedaar zu mir — »Freund!« — sagte er +mit Innigkeit, und legte die linke Hand aufs Herz — »Freund! Mache +mich zu deinem Sclaven für diese Beleidigung. Ich weiß, welchen +Dienst du Rosan Alichan erzeigt hast; er hat mir oft davon erzählt!« +— Zu gleicher Zeit bot er mir seine Huka (Pfeife) an, und befahl, +meine Leute augenblicklich frei zu lassen, auch sie reichlich mit +Lebensmitteln zu versehen.</p> + +<p>Nach ungefähr einer Stunde traf Rosan Alichan ein, und begrüßte mich +mit vieler Herzlichkeit. — »Warlich!« — rufte er voll Freude aus — +»Der Fang ist mir lieber als die halbe englische Armee!«— Hierauf +sezten wir uns zum Pillau (Reis mit Fleisch u. s. w.) hin, wobei es +nicht an Arrac gebrach. Endlich um vier Uhr ward ich in stattlicher +Begleitung ans Ufer getragen, und eine halbe<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> Stunde später befanden +wir uns wieder in See.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Zwölftes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Der Abend war still und freundlich; singend ruderten meine Leute längs +der Küste hin, während ich in tiefe Betrachtungen versank. Man erinnert +sich der Briefe von Lord Macartney. Ich hatte geschehen lassen, was +nicht zu ändern war; aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes +dienen? — Nimmermehr! — Mich band weder Eid noch Pflicht. — Ich +beschloß demnach, in Pondichery einzulaufen, die Briefe dort abzugeben, +und dann so fort nach Tranquebar zu gehen. Mit Schrecken bemerkte ich +indessen, daß das Wasser immer stärker in die Chialeng drang. Ich war +daher gezwungen die Nacht am Strande zuzubringen, bis der langersehnte +Morgen anbrach. Jezt ward der Leck entdeckt<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> und sorgfältig verstopft. +Mit erneuerten Kräften ruderten wir nun weiter, und langten endlich um +zehn Uhr auf der Rhede von Pondichery an.</p> + +<p>Als wir ans Land gestiegen waren, versammelte sich Alles um uns her. +— »Wie, von Madras? Mit dieser Chialeng?« — Es schien allerdings +ein halbes Wunderwerk, denn alle Cocosstricke an den Planken waren +fast gänzlich verfault. Bei einer schweren Ladung hätten wir dies alte +Fahrzeug sicher nicht so weit gebracht. Ich gab es jezt meinen armen +Leuten Preis, bezahlte ihnen den bedungenen Lohn, und wanderte langsam +in die Stadt hinein. Sofort kam ein Pron (Diener) auf mich zu, und wieß +mich zu dem Equipagenmeister, einen Mr. de Salmiac.</p> + +<p>Als ich in das Zimmer trat, sah ich ein kleines, rundes, dickbäuchigtes +Männchen, bloß in Hemde und Pantalons vor mir. Ich war ein wenig +erstaunt, und glaubte unrecht gegangen zu seyn. — »Nein! Nein!« —<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> +fiel er mir lebhaft ins Wort — »Ich bin es selbst — Sie sind freilich +nicht der erste, der sich über mein Neglige verwundert; aber so laufe +ich, der Hitze wegen, immer im Hause herum. Es ist doch ein Herzleid, +wenn man so dick ist — <em class="antiqua">Mais l'habit ne fait pas le moine</em> — Was +haben Sie anzubringen? — Setzen Sie sich.«</p> + +<p>»Ich habe englische Briefe für den Admiral de Suffroin!«</p> + +<p>»Wie, englische Briefe für den Admiral?« — rief er mit Verwunderung +und Freude aus — »Vielleicht Nachricht vom Frieden? — Sagen Sie, +wissen Sie etwas davon? Haben Sie etwas davon gehört?« — So ging +es, in einem Athem, wohl eine Viertelstunde lang fort. Er war ganz +begeistert von seiner Friedensidee. Endlich erzählte ich ihm den +Zusammenhang.</p> + +<p>»Bravo! Bravo! « — rief er in die Hände klatschend — »Tausend +Pagoden! Warlich, das ist keine Kleinigkeit. Aber Sie haben +wahrscheinlich Vermögen?« —<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> »Im Gegentheil, ich bin nichts weniger +als reich« — »<em class="antiqua">c'est fort!</em>« — sagte er halblaut für sich, +und dann mit Lebhaftigkeit zu mir: »<em class="antiqua">Ma foi, vous êtes un honnête +homme!</em>«</p> + +<p>»Aber!« — fiel er plözlich in einem anderen Tone ein — »An wen denken +Sie Ihre Briefe abzugeben? — Der Admiral ist abgesegelt, wie Sie +sehen; der Intendant ist auf einige Tage verreist. Sie wollen gern nach +Tranquebar, wie Sie sagen, und da geht eben ein Thony (Küstenfahrer) +hin. Ich erwarte den Capitain jeden Augenblick. Wissen Sie was? lassen +Sie die Briefe bei mir; so ist es gut!« —</p> + +<p>»Sehr gern!« — erwiederte ich, und war im Grunde herzlich froh, sie +endlich los zu seyn. Es waren fünf und dreißig zusammen, worüber ich +einen Empfangschein erhielt. Zu gleicher Zeit schrieb Mr. de Salmiac +meinen Namen, nebst der Adresse eines meiner Freunde zu Tranquebar auf.</p> + +<p>Jezt kam der Capitain der Thony, ich<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> ward mit ihm um drey Pagoden +eins. Es war mein leztes Geld; Mr. de Salmiac hörte es, blieb aber ganz +gleichgültig dabei. — »Essen Sie zu Mittag!« — sagte der Capitain: +»Sie haben gerade noch zwei Stunden Zeit!« — Sofort überhäufte mich +Mr. de Salmiac mit tausend Entschuldigungen, daß er heute selbst zu +Gaste gebeten sey. — »Wenn Sie indessen durchaus Niemand anders +kennen« — fuhr er fort — »So werde ich Sie mitnehmen — Ja! Ja! — +Ich werde Sie mitnehmen, wenn nämlich der Capitain warten will!« —</p> + +<p>Sein zweideutiges Wesen misfiel mir; ich nahm daher augenblicklich +Abschied von ihm. — »<em class="antiqua">Mais!</em> — <em class="antiqua">Mais!</em>« — fiel er ein — +»<em class="antiqua">J'en suis fâché! J'en suis an desespoir!</em>« — führte mich unter +einer Menge Complimente zur Thüre hinaus, und ließ mich auf der Straße +stehen. Ich darf es sagen, eine Belohnung verlangte ich nicht; aber +ein gutes Mittagsessen hätte mir allerdings Vergnügen gemacht. Ich +verkaufte nun einige<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> kleine Pretiosen, aß in einer Taverne, und begab +mich hierauf an Bord. Der Wind war günstig; schon um acht Uhr Abends +ankerten wir auf der Rhede von Tranquebar. Vor Freude und Ungeduld war +ich außer mir.</p> + +<p>Alle Chialengs waren indessen bereits in Sicherheit gebracht; ich sah +keine Möglichkeit ans Land zu gehen. Endlich vernahm ich Rudergesang. +Es waren Fischer; sie kamen aus der See zurück. — »He!« — rief ich +ihnen zu — »Wollt ihr einen Weißen mit ans Land nehmen?« — Sie +achteten wenig, oder gar nicht darauf. — »Eine Rupie, wenn ihr wollt« +— fuhr ich fort, und in wenig Minuten war ich auf dem Kattamaran +(Floß). Wohl wußte ich, was ich wagte, und wie gefährlich das Landen +war; allein ich dachte an Sophien, und verließ mich auf mein bisheriges +Glück.</p> + +<p>Jezt waren wir bei der glänzenden Brandung, die sich mit dumpfem +Donner am Ufer brach. — »Noch eine Rupie!« — rief ich<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> den Fischern +zu, wenn ihr mich glücklich hinüber bringt. Zu gleicher Zeit warf ich +mich nieder, und klammerte mich an die Balken an. Glücklich kamen wir +über die zwei ersten Wellen hinweg, nicht so über die dritte, so groß +auch die Anstrengung der Ruderer war. Sie holte uns ein, hieng, wie +ein schreckliches Gewölbe, einen Augenblick über uns, und stürzte dann +donnernd auf uns herab. Ich verlor das Bewußtseyn. — Als ich wieder zu +mir kam, lagen wir hoch und trocken auf dem Strande von Tranquebar.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Dreizehntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Ohne Aufenthalt eilte ich nun vollends in die Stadt hinein, und +beschloß bei dem ersten besten nach Sophien Erkundigungen einzuziehen. +Eben kam ich bei dem Zollhause vorbei; es war noch Licht darin. —<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> +»Guten Abend!« — sagte ich zu den Kannekas (Schreibern) — »Könnt ihr +mir nicht sagen, ob die Thony von Maleappa — so hieß der Schiffer — +angekommen ist?« —</p> + +<p>»O ja, schon vor geraumer Zeit! — Dort liegt sie auf dem Strande — +Wenn's Tag wäre, könntet ihr sie gleich vor euch sehen. — Sie wird +reparirt; sie hat einen schweren Sturm auszuhalten gehabt.« —</p> + +<p>»Wo wohnt Maleappa? Ich muß ihn sprechen.« —</p> + +<p>»Wo er wohnt? — Nun vermuthlich bei den Fischern, denn beim Sturme +fiel er über Bord.« —</p> + +<p>»Und die Frau mit dem jungen Mädchen? — Sie befanden sich als +Passagiere auf der Tony. — Sind sie noch in Tranquebar?« —</p> + +<p>Die Schreiber sahen einander an; keiner hatte ein Wort von diesen +Personen gehört; ich ward leichenblaß. In diesem Augenblicke trat ein +Kuli (Träger) auf mich zu. Er hatte bisher an der Thüre gesessen und +unserem<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Gespräche zugehört. — »Aya!« — sagte er — »Gieb mir ein +Paar Panams und ich führe dich hin. Ich habe ihre Sachen getragen, und +weiß, wo sie eingekehrt sind.« — »Du sollst eine Rupie haben!« rief +ich, und eilte mit ihm fort.</p> + +<p>»Hier!« — sagte er endlich, indem er auf ein malabarisches Häuschen +zeigte — »Hier Aya, hier wohnen sie! Soll ich anklopfen?« — »Nein! +Nein!« —sagte ich hastig, und hielt ihn zurück. — »Hier hast du dein +Geld, und gute Nacht!« —</p> + +<p>In dem Augenblick gieng die Thür auf, und Sophie trat mit einer Lampe +heraus. — »O mein Gott!« — rief sie und flog an meinen Hals. Seliger +und unbeschreiblicher Augenblick. So fand uns die Mutter in stummer +Umarmung. — »Ach! wie haben wir uns geängstiget« — sagte sie. — »Nun +Gott sey hoch gedankt!« —</p> + +<p>Am andern Morgen dachte ich nun im ganzen Ernste an meine Einrichtung. +Alle meine Sachen waren unversehrt; allein Tranquebar<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> bot wenig, +oder gar keine Hülfsquellen dar. Der dänische Handel ist unbedeutend; +das Comtoir beschäftigt nur wenig Leute! überall herrscht die größte +Sparsamkeit. Ich mußte mir einen bedeutenden Plaz wählen, wo ich +überdem von dem Kriege sicher war. Es schien mir daher am besten, nach +Jaffanapatnam auf Ceylon zu gehen. Die Mutter freute sich über meinen +Entschluß, Sophie aber sagte kein Wort dazu. Erst jezt hörte ich von +jener, daß der Bräutigam zu Trinconomale sey. — In wenig Tagen hatte +ich eine gute, geräumige Chialeng mit einem Sonnendeck gekauft, und +tüchtige Ruderer u. s. w. besorgt. Da erschien auf einmal ein alter +gutgekleideter Herr bei mir.</p> + +<p>»Ich bin der Graf von Bonvoux« — hub er französisch an — »Sie +befrachten eine Chialeng nach Jaffanapatnam; ich suche ebenfalls eine +Gelegenheit dahin — Wenn Sie mich mitnehmen könnten, wär' es mir +angenehm. — Ich habe nur ein Paar Coffers, vier Kisten mit Wein, zwei +Ballen Musselin, und zwei<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> weibliche Bedienten bei mir!« — Ich sah +an seinem Orden, daß er Maltheser war, und lachte herzlich über seine +Dienerschaft.</p> + +<p>»Das ist so einmal meine Art!« — gab er jovialisch zur Antwort — »Ich +habe immer zwei Mädchen bei mir. Die eine besorgt die Küche, die andere +meine Person.« — »<em class="antiqua">D'ailleurs!</em>« — indem er mich sehr bedeutend +ansah — »<em class="antiqua">Le nom ne fait rien à la chose. Vous le verrez!</em>«</p> + +<p>Ich hatte anfangs wenig Lust zu dieser Reisegesellschaft, und +entschuldigte mich durch den Mangel an Plaz, was auch nicht ganz +ungegründet war. Allein der alte Ritter wußte mir alles so leicht +vorzustellen, und schien zugleich so jovialisch zu seyn; daß ich ihm +endlich die Ueberfahrt, und obendrein umsonst zugestand.</p> + +<p>»Nun gut!« — sagte er — »So kaufen sie wenigstens keine +Provisionen ein! Das will ich auf mich nehmen, und ich denke zu +ihrer Zufriedenheit. Geben Sie keinen Sous dafür aus, ich bitte Sie! +Verlassen Sie sich<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> ganz auf mich!« — So gieng er, und ich verließ +mich wirklich auf ihn.</p> + +<p>Beim Mittagsessen erklärte mir die Mutter, daß sie nicht mit zu reisen +willens sey. Sie habe ein treffliches Unterkommen als Haushälterin bei +einem Hollsteiner erhalten, sie vertraue Sophien meiner Rechtlichkeit +an. Zerschlüge sich die Heirath, so hätte ich ihre Einwilligung. Sophie +schien über dies alles äußerst vergnügt; man kann denken, wie sehr ich +es selbst war.</p> + +<p>So schlug es vier Uhr, und wir eilten in die Chialeng. Die gute Mutter +begleitete uns an den Strand; wir nahmen herzlichen Abschied von ihr. +Der Graf befand sich mit seinen beiden Mädchen bereits an Bord, und war +äußerst höflich, wiewohl er einen kleinen Hieb zu haben schien. — Wir +richteten uns ein, so gut es möglich war. — Endlich Anker auf! — Da +segelten wir lustig die Rhede hinaus.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p> + +<h4 class="p2">Vierzehntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>So verließ ich denn die Küste von Coromandel, wo ferner kein Glück +für mich zu blühen schien. Mit vermischten Gefühlen blickte ich noch +einmal auf das verschwindende Gestade zurück. Die Stadt, das Fort, die +Pagoden, die Cocos-Wälder — alles glänzte im Dufte des Abendroths; +alles sank allmählich in Dämmerung.</p> + +<p>Bald war es Zeit zum Abendessen, und der Graf öffnete seinen +Speisekorb. Noch jezt sah ich ihn vor mir, wie er vier kleine gebratene +Hühner, zehn Sousbrode, und eine Flasche Madera heraus nahm. Da ich +dies natürlich nur für eine Art Voressen hielt, expedirte ich mein +Huhn, und meine zwei Brode mit gutem Seemannsappetit.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Parbleu!</em>« — sagte der Graf — »Hätte ich das gewußt, ich hätte +mich mit einem Huhn, und einem Paar Broden mehr versehen!« —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p> + +<p>»Wie, Herr Graf?« fiel ich lebhaft ein — »Das ist Alles?« —</p> + +<p>»Wie Sie sehen, ja! — <em class="antiqua">Vraiement! J'en suis fâché!</em> — Aber +es hat gar nichts zu sagen. Wir frühstücken zu Caix<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>, ich stehe +Ihnen dafür. Lassen Sie mich nur machen; ich bin ein alter erfahrner +Steuermann!«</p> + +<p>Ich ließ ihn schwatzen; denn ich merkte wohl, er hatte abermals zu +tief ins Glas gesehen. Im Nothfall gab es überdem längs der Küste noch +kleine Häfen genug. Völlig unbesorgt streckte ich mich also, wie die +ganze Gesellschaft, auf meine Matte hin.</p> + +<p>So mochte ich ungefähr bis fünf Uhr Morgens geschlafen haben, als ich +von dem Tandel (Steuermann) geweckt ward. — »Steht auf, lieber Herr!« +— sagte er sehr betrübt. — »Ich kann keinen Grund mehr finden, und +sehe auch kein Land mehr.« —</p> + +<p>»Wie?« rief ich erschrocken — »Kein Land? Wie ist das möglich?« — +Und mit<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> einem Sprunge war ich auf, und sah leider, daß es gegründet +war. — »Aber« — fuhr ich heftig fort — »Warum hast du die Küste +verlassen?« — »Um Gotteswillen!« — antwortete er zitternd — »Nicht +ich, der Franzose« — »Wie, der Franzose?« — »Ja Herr! Er hat es +gethan! — Er zwang mich dazu, er sezte mir die Pistole auf die Brust!« +—</p> + +<p>Es war in der That ein entsezlicher Streich. Die See gieng hoch; die +Strömung lief nach Nordost; das Rudern war äußerst beschwerlich; unsere +Richtung gerade entgegengesezt. Hierzu die Hitze, die Windstille, der +Mangel an Proviant — Ich gestehe es; ich war außer mir vor Zorn. Ich +hätte den gräßlichen Patron über Bord werfen können; so erbittert war +ich auf ihn. — »Da!« sagte ich, und weckte ihn ziemlich unsanft auf +— »Da! Sehen Sie ihre verdammte Steuermannnskunst! — Wir treiben in +offener See.«</p> + +<p>»<em class="antiqua">Vous êtes une bête!</em>« — war seine Antwort — »Was verstehen +denn Sie davon? Nun ja! Ich habe diese Nacht gesteuert,<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> und danken +sollten Sie mir noch dafür. — <em class="antiqua">Parbleu!</em> — So an der Küste +hinzuschleichen, wenn man Curs halten kann. In ein Paar Stunden müssen +wir zu Caix seyn. Wenn man die Küste nicht sieht, so ist der Nebel +daran Schuld.«</p> + +<p>Jezt wurde es mir zu arg, und ich bewieß ihm mit der Charte, daß er ein +Windbeutel sey. — »Treiben wir die Nordspitze von Ceylon vorbei« — +fuhr ich fort — »so ist es um uns geschehen. Also ans Ruder, bis der +Wind auffrischt! Geben Sie den Leuten Geld, sonst stehe ich Ihnen für +nichts!« —</p> + +<p>Er schien mir Recht zu geben, und warf eine Hand voll Rupien hin. Diese +theilte ich sofort unter die Ruderer aus, und machte sie wirklich ganz +munter dadurch. Zu gleicher Zeit theilte ich Reis und Wasser unter sie +aus. Wir andern behalfen uns mit etwas Zwieback und Maderawein.</p> + +<p>So kam der Abend heran; der Wind schien aufzufrischen; die armen +Ruderer konnten wenigstens etwas ruhen. Ich selbst löste<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> den Tandel am +Steuer ab, und war endlich der einzige, der auf der Chialeng wachend +blieb. Zu meiner großen Freude ward der Wind immer stärker, und so +steuerte ich muthig nach Südwest fort.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Fünfzehntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Die Sonne gieng auf. Rings umher nichts als Himmel und Wasser, und bald +gänzliche Stille, wie vorher. Mit kummervollem Herzen rief ich die +armen Malabaren an ihr beschwerliches Tagewerk. — »Noch kein Land?« +— fragten sie traurig, als sie die weite, öde Wasserfläche vor sich +sahen. — »Noch kein Land, lieber Herr?« — »Diesen Abend gewiß« — +antwortete ich mit erkünstelter Heiterkeit, und in dem Augenblicke +trieb ein Bananasstamm vorbei. — »Seht ihr?« — fuhr ich fort, und +faßte selbst einige Hoffnung — »Seht ihr? Es kann nicht weit mehr +seyn!« —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p> + +<p>In diesem Augenblicke stürzte der Graf herbei — »Hier«! — schrie er +einem seiner Mädchen aus der Caste der Parias zu — »Hier! Sag den +armen Leuten, daß der Mensch da ein Betrüger ist, daß er sie nun und +nimmermehr in einen Hafen bringen wird. Von nun an will ich selber +steuern, und wette tausend Rupien, daß wir morgen in Caix sind. Wer mir +nicht gehorcht, dem jage ich den Degen durch den Leib!« — Mit diesen +Worten stieß er den Tandel auf die Seite, und wollte die Chialeng +wieder nach Osten drehen.</p> + +<p>»Freunde!« — rief ich mit Heftigkeit — »Nehmen wir einen andern +Curs, so mag uns Gott beistehen!« — Zu gleicher Zeit packte ich den +Grafen beim Kragen, und entfernte ihn etwas unsanft von seinem Platz. +Er stolperte, wollte ein Tau fassen, verfehlte es, und flog über Bord. +Augenblicklich sprang ihm aber ein Ruderer nach, und brachte ihn wieder +herauf, so daß er mit der Abkühlung davon kam.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p> + +<p>Nachmittags ward ich in Osten einige Wolken gewahr. Dies versprach +für die Nacht äußerst günstigen Wind. Gegen Abend indessen waren die +Ruderer so ermüdet, daß einer nach dem andern zu Boden sank. Es ward +finster; noch immer frischte kein Lüftchen auf. Jeder Seufzer Sophiens +zerriß mir das Herz. Endlich schlief alles ein, und mir selbst sanken +zulezt die Augen zu.</p> + +<p>Plözlich — vielleicht nach einigen Stunden — erwachte ich von einem +heftigen Stoße der Chialeng, und fand, zu meiner unsäglichen Freude, +daß der Wind frisch aus Norden blies. — »Auf Freunde, auf!« — rief +ich jezt dem Tandel, und den Ruderern zu — »Der Wind ist da! Der Wind +ist da! Jezt lustig das Segel auf! Morgen laufen wir in Caix ein!« — +Alle sprangen in Eile auf; alle waren mit neuem Muthe erfüllt. Ich +steuerte nunmehr mit fester Hand, und rauschend flog die Chialeng durch +die glänzenden Fluthen hin. Sophie kam zu mir, wir sprachen zusammen, +bis der Tag anbrach.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p> + +<p>Die Sterne blühten, in Osten fieng es an heller zu werden; mit +klopfendem Herzen blickte ich nach der ersehnten Küste, die meiner +Rechnung nach, in Süden zu finden war. Da gieng die Sonne auf, und wie +ein bläulich glänzender Nebelstreif stieg das Land aus dem wellenden +Meer empor. — »Land! Land!« — rief ich freudig, und zeigte mit der +Hand dahin! — »Land! Land!« — tönte es durch die ganze Chialeng. — +Einige Stunden, und wir konnten schon die dunkeln Waldungen sehen. +Endlich kamen wir näher und näher, und ich erkannte die kleine Insel +<em class="gesperrt">Caradiva</em>, oder <em class="gesperrt">Amsterdam</em>, ungefähr zwei Seemeilen von +Ceylon.</p> + +<p>Gern hätte ich die Chialeng auf den Strand gesezt, allein der +Felsenriffe wegen mußten wir vor Anker gehen. Eilig kletterten wir +nun, den Grafen ausgenommen, vom Fahrzeuge herunter, wadeten über die +Klippen, und langten wohlbehalten am Ufer an. Eine Frau zeigte uns den +nächsten Brunnen, und besorgte uns bald ein gutes Mittagsmahl. Der Graf +ließ seine Sachen in eine andere Chialeng bringen, und befreite mich +so, zu meiner großen Freude, von seiner Gegenwart. Um vier Uhr ankerten +wir bei dem Fort Ham an Hiel, und am andern Morgen kamen wir glücklich +zu Jaffanapatnam an. Hier ward Sophie die meinige, und hier fand ich +auf eine kurze Zeit, ein nie genossenes Glück.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p> + +<h2 class="p4 lh2">Erste Abtheilung,<br> +<em class="s3 gesperrt">Jacob Haafner.</em></h2> +<hr class="sk"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p> + +<h3>Zweites Buch.</h3> + +<hr class="sk"> + + + +<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p> +<h4 class="p2">Erstes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Zwei Jahre darauf verlor ich meine geliebte Sophie, und mit ihr meine +ganze Freude auf der Welt. In tiefer Schwermuth brachte ich vier Monate +auf meinem Gartenhause zu, und sah nur einen einzigen Freund. Diesem +gelang es endlich, mich durch einen großen Reiseplan zu zerstreuen. +Es kam auf nichts Geringeres an, als durch das Innere der Insel nach +<em class="gesperrt">Colombo</em> zu gehen. Indessen beschlossen wir außer den Sclaven +und Trägern, noch einen europäischen Reisegefährten zu suchen, um +wenigstens unserer drei zu seyn.</p> + +<p>Dies war schwerer, als es scheinen mag; doch mit einiger Mühe fanden +wir endlich unseren Mann. Es war ein verabschiedeter holländischer +Sergeant, Namens Georgi aus<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Strasburg. Freilich war er ein wenig taub, +und trank für sein Leben gern; aber er kochte vortrefflich, war der +lustigste Kauz von der Welt, und fürchtete sich selbst vor dem Teufel +nicht. Bei so viel guten Eigenschaften drückten wir gern ein Auge zu. +Da er nun überdem selbst nach Colombo wollte, kam der Handel sehr bald +in Richtigkeit. Einige Tage nachher gesellte sich noch ein vierter +Europäer, ein Mr. d'Allemand zu uns. Er hatte Depeschen vom Admiral +Suffrer an den französischen Agenten zu Colombo zu überbringen, und bot +sich uns daher zum Gefährten an. Zwar hätte er die Reise gern längs +des Strandes gemacht, allein es fehlte an Gelegenheit. Nachdem nun +alle Anstalten getroffen waren, wurde der neunte Juni 17— zur Abreise +festgesezt.</p> + +<p>Unsere ganze Caravane war jezt sechszehn Mann stark; wir vier Europäer, +zwei Sclaven, und zehn Trägern, oder Chivias. Drei der leztern, und +zwar die stärksten, trugen jeder sechszig Pfund Reis, und zwei andere<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> +den Coffre von d'Allemand. Der sechste war mit zwei großen kupfernen +Wassertöpfen, der siebente mit zwei Körben voll Zucker, Caffee, Wein +u. s. w. bepackt. Der achte trug das Tisch- und Küchengeräth; der +eine meine und Templyns<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> Kleider und Wäsche; der zehnte endlich +unsere Matten, und die Fougritos oder Raketen, die man auf die wilden +Thiere wirft. Templyns, d'Allemand, und ich, wir hatten jeder unsern +Hirschfänger an der Seite, eine tüchtige Büchse auf der Schulter, und +ein Paar Pistolen im Gurt. Der Sergeant trug seine ganze Bagage auf dem +Leibe, und schleppte einen großen Husarenpallasch hinter sich drein. +Es versteht sich, daß wir die Oppa nicht vergessen hatten, d. h. den +Generalbefehl an die Majorals oder Dorfältesten, uns gegen Bezahlung +mit Lebensmitteln zu versehen.</p> + +<p>So zogen wir dann am 9. Juni, Nachmittags um drei Uhr, unter einem +gewaltigen<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Zulaufe aus der Stadt. Vorn die beiden Sclaven, als +Cymbelschläger; dann wir Europäer; zulezt die Träger, oder Chirias. +Um vier Uhr kamen wir zu Colombogamme an. Dies ist ein kleines +Fischerdorf, hart am Meerbusen (Passo de Catchai), wo man nach dem +eigentlichen Ceylon überfährt. Um sechs Uhr machten wir am andern +Ufer unter einem großen Platanus Halt. Es ward beschlossen, hier zu +übernachten, indem das nächste Fischerdorf nur aus elenden Hütten +bestand.</p> + +<p>Unser Sergeant gab uns viel zu lachen, indem er der Flasche gar +gewaltig zusprach. Dabei ergoß er sich in einen Strom von Flüchen gegen +das weibliche Geschlecht. Er war nicht weniger als fünfmal verheirathet +gewesen, und alle seine Weiber hatten ihm entsezlich mitgespielt. +Die eine war ein Hausteufel gewesen, der ihm keinen Augenblick Ruhe +ließ. Die zweite hatte ihn an preußische Werber verkauft. Die dritte +brachte ihn an den Bettelstab. Die vierte hatte ihn holländischen +Seelenverkäufern in die Hände<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> gespielt. Die fünfte, eine Paria +(gemeines indisches Mädchen) hatte ihm nach dem Leben gestellt. Diese +Ehestands-Abentheuer erzählte er uns in einem höchstpossirlichen +Gemische von Holländisch und Hochdeutsch, das durch seinen elsaßischen +Accent nur noch komischer ward.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Zweites Capitel.</h4> +</div> + +<p>Am folgenden Morgen traten wir unsere eigentliche Reise an. Die Luft +war kühl; der herrliche Golf glänzte im Morgenroth. Wir verließen die +gewöhnliche Straße, um längs der Küste hin zu gehen. So kamen wir +gegen neun Uhr, bei einem Ambelan, am Eingange des Dorfes Manur an. +Diese Ambelans sind eine Art Schuppen, mit Stroh gedeckt, und zum +Besten der Reisenden erbaut. Wir nahmen hier ein Frühstück ein, das aus +Reis und Callou, oder Palmwein bestand.<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Von nun an gieng es wieder +landeinwärts, fast immer zwischen waldigen Hügeln hin. Dörfer wurden +wir keine, sondern nur einige Gehöfte, und einzelne Hütten gewahr.</p> + +<p>Es war gegen elf Uhr, und schon zeigte sich in der Ferne das kleine +verfallene Fort Panoryn, als unsere Mittagsstation. Templyn hatte zu +Manur frische Cocosmilch getrunken, und seitdem über Leibschmerzen +geklagt. Plözlich warf er sich vor einer Hütte nieder, und erklärte, +er könne nicht weiter fort. Vergebens suchten wir ihm durch Arrak u. +s. w. einige Linderung zu verschaffen, die Krämpfe nahmen mit jedem +Augenblick zu. Endlich trat ein alter Mann aus der Hütte, und reichte +ihm eine Art Pflanzensamen auf einem Betelblatt. Dies that sofort die +beste Wirkung, worauf fröhlich nach Panoryn gewandert ward.</p> + +<p>Der Commandant dieses Postens empfieng uns mit vieler Herzlichkeit. Er +hieß König, war sieben und siebenzig Jahr alt, und hatte davon drei und +dreißig hier verlebt. Danke<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> bar nahmen wir gegen vier Uhr Abschied +von ihm. Bald sahen wir nun den ungeheuren Wald in seiner ganzen +Ausdehnung vor uns, und kaum eine Stunde, so hatten wir den Eingang +desselben erreicht. Unser Führer, der erste Chiria, ein alter erfahrner +Elephantenjäger, gieng nun voran. In ungeheuren Massen strebten die +hohen, verschlungenen Bäume empor; kaum fiel hier und da ein schwacher +Schimmer hindurch. Um vorwärts zu kommen, mußten wir häufig das Beil +gebrauchen; bis wir endlich einen schmalen Fußpfad fanden, der sich in +einer Schlangenlinie hinwand. Dies war einer von den drei oder vier +geheimen Wegen, die durch diese Wälder bis in das Innerste der Insel +gehen. Sie sind sämmtlich mit einer dichten Seite eingefaßt.</p> + +<p>Wir mußten hier einer hinter dem andern marschiren, so daß man sich, +bei den vielen Krümmungen häufig aus dem Gesichte verlor. Ich hatte +d'Allemand hinter mir, und sprach über ein gewisses Etwas sehr lebhaft +mit ihm.<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> Plözlich springt links ein ungeheurer Bär aus der Hecke, +und bleibt quer auf dem Fußsteige stehen. Ich falle über ihn weg, er +richtet sich auf, und schlägt seine Tatzen auf mich hin. Schon fühle +ich seinen brennenden Athem an meinem Gesichte; als plözlich ein Schuß +fällt, der Bär sich abkehrt, und die Flucht ergreift. D'Allemand hatte +diesen Schuß gethan; die Kugel sauste mir hart an den Ohren vorbei.</p> + +<p>Um indessen dergleichen Vorfälle künftig zu vermeiden, änderten wir +die Ordnung unseres Zuges, und ließen die Cymbelschläger, nebst zwei +bewaffneten Trägern, zwanzig Schritte vor uns gehen. Ueberdem wurden +mit einbrechender Dämmerung Pechfackeln angezündet, und jeder machte +sich zum Schusse bereit. Von dem Geräusch der Cymbeln und dem Lichte +wurden eine Menge Vögel und Affen munter, so daß alles um uns lebendig +war.</p> + +<p>Gegen neun Uhr kamen wir bei einem Ambelan an, der aber ganz verfallen +war.<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Da dergleichen Hütten immer voll Schlangen sind, schlugen wir +unser Lager unter freiem Himmel auf. Es ward dabei eine gewisse Methode +beobachtet, die ich beschreiben will, weil sie bei allen übrigen +Nachfolgern dieselbe blieb. Zuerst ward der Platz so weit als möglich +vom Wasser gewählt. Dies geschah der wilden Thiere wegen, die hier zu +saufen gewohnt sind. Dann wurden die Träger zum Holzfällen abgeschickt, +und von zweien von uns escortirt. Hierauf wurden ein großes, und um +dasselbe noch drei kleine Feuer angezündet, worauf die ganze Caravane +Platz dazwischen nahm. Bald war nun das Abendessen verzehrt, und einer +schlief nach dem andern ein. Nur die zwei Wächter mußten sich munter +halten, und fleißig nach den Feuern sehen. Daß sie regelmäßig abgelöst +wurden, versteht sich.</p> + +<p>Als wir Holz zu fällen anfiengen, belebte sich auf einmal der ganze +Wald. Vögel, Affen, Hirsche u. s. w. erfüllten mit ihren Stimmen die +Dunkelheit. Die Affen besonders,<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> die sich zu Tausenden versammelten, +schrien zwei volle Stunden fort. Endlich ward es wieder still. Kein +Blättchen rauschte; kein Lüftchen säuselte; der Wald war todt und öde, +wie ein weites Grab. Doch plözlich vernahmen wir in der Ferne ein +dumpfes Getös, das immer näher kam. Die Erde erbebte; der Wald rauschte +wie vom heftigsten Strome bewegt; krachend stürzten unzählige Bäume +zusammen — Was war es? —Ein Trupp Elephanten bahnte sich einen Weg +durch den Wald. Sie kamen im heftigsten Trabe, und lautem Geschrei +daher. Es war ein donnerähnliches, wie mit Trompetentönen vermischtes +Getös. Endlich ward es völlig ruhig; nur dann und wann hörte man einen +Tiger brüllen, oder einige Schakals schreien.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p> + +<h4 class="p2">Drittes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Der Tag brach an, und der ganze Wald war mit Leben und Freude erfüllt. +Auf allen Bäumen wimmelte es von Affen, Papagayen, Pfauen und +unzähligen andern Vögeln von ausgezeichneter Schönheit. Tausende von +bunten Schmetterlingen schwärmten zwischen den Gesträuchen umher. Dabei +der liebliche Duft der blühenden Bäume, der uns bei jedem Schritte +entgegenschwamm. Und welche Kühle und Frischzeit unter dem dichten +grünenden Obdach, nur schwach von der Morgensonne beglänzt.</p> + +<p>So zogen wir fort, voll Muth und Heiterkeit, bis ungefähr gegen elf +Uhr, wo an einem klaren Bache Halt gemacht, und das Mittagsessen +bereitet ward. Templyn hatte hierzu ein Dutzend Hasen geschossen; +denn sie liefen uns im eigentlichen Sinne unter den Füßen herum. Auch +jezt ward bei der Einrichtung unsers Lagers eine gewisse Ordnung<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> +eingeführt; so daß z. B. jeden seine Reihe zum Wachestehen traf. +Ich sage zum Wachestehen, weil natürlich einige Stunden Mittagsruhe +gehalten ward, was für uns alle, besonders für die Träger so nöthig war.</p> + +<p>Erst um drei Uhr Nachmittags brachen wir demnach von diesem Lagerplatze +auf. Anfangs war der Wald außerordentlich verwachsen, und kaum noch +eine Spur des vorigen Weges zu sehen. Wir mußten uns daher nach dem +Compasse richten, und legten es folglich, wie die Schiffer sprachen, +auf Südwest an. So erreichten wir mit sinkendem Abend eine bequeme +Lagerstelle, wo alles auf oben beschriebene Weise eingerichtet ward. +Die Nacht vergieng ohne Abentheuer; nur daß einmal ein Elephant in +unsere Nähe kam.</p> + +<p>Die folgende Tagereise (12. Juni) bot durchaus nichts Merkwürdiges dar, +war aber außerordentlich lang — Wir kamen erst Abends um zehn Uhr bei +unserem Lagerplatze an. Ich mußte diese Nacht die erste Wache<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> halten, +und mochte vor Müdigkeit wohl ein wenig eingeschlummert seyn. Plözlich +wurde ich durch ein lautes Geschrei geweckt — »Ein Tiger! Herr! Ein +Tiger!« — riefen die Träger mit Entsetzen, und zeigten auf ein Paar +glänzende Punkte, die ich mitten durch die Finsterniß, wie zwei kleine +Lichter schimmern sah. Es waren die Augen des Tigers, der auf seine +Beute zu lauern schien. Ich nahm meine Flinte und weckte Freund Templyn +auf, der ein sehr guter Schütze war. Wir beschlossen gerade auf die +Mitte zwischen den beiden Punkten zu zielen, und drückten zu gleicher +Zeit ab. Bald darauf vernahmen wir ein Stöhnen, das uns über den Tod +des Thieres keinen Zweifel übrig ließ. Wirklich fanden wir den Tiger am +andern Morgen, und nahmen seine Haut als Siegeszeichen mit.</p> + +<p>Unser Weg ward immer steinigter, wie der Wald lichter zu werden +anfieng. Wir waren nämlich kaum einige Meilen von den Gebirgen von +Couragahing entfernt. Als<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> wir so einige Zeit fortmarschirt waren, +wurden wir auf einem Baume einen Bienenstock gewahr. Sogleich bot sich +einer unserer Träger an, hinaufzuklettern, und den Ast abzuhauen. +Er thut es, erreicht den Ast, und führt den ersten Streich. Allein +plözlich stürzen die Bienen auf ihn los, und hängen sich an seine +nackten Glieder an. Brüllend von Schmerz will er heruntersteigen, thut +einen Fehltritt, stürzt herab, und bricht das Bein. Um ihm Hülfe zu +verschaffen, beschlossen wir uns östlich nach der Küste zu wenden, wo +allein Dörfer anzutreffen sind.</p> + +<p>Eilends wurde nun der Bienenschwarm mit Rauch vertrieben, eine +Tragbahre von Baumästen gemacht, der arme Träger (Kulie) darauf +gelegt, und der Marsch fortgesezt. Um ein Uhr Nachmittags hielten wir +eine halbe Stunde an, und nahmen etwas Kaltes zu uns. Der Rest der +Tagereise war wegen des schlechten Weges, und des Mangels an Wasser +sehr unangenehm. Gegen acht Uhr Abends kamen wir endlich aus dem Walde<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> +heraus, und gegen zehn Uhr erreichten wir das große Dorf Vedative, +wo ein holländischer Posten ist. Hier brachten wir den armen Träger +zu einem Töpfer<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a>, versahen ihn mit dem nöthigen Gelde zur Kur und +Heimreise, und nahmen einen andern an seine Stelle an. Hierauf begaben +wir uns zu dem Kommandanten des Postens, wo Gesellschaft von Verwandten +war.</p> + +<p>Wir mußten uns sogleich zum Abendessen niedersetzen, das aus Reis +und vortrefflichem Wildpret bestand. Der gute alte Mann hieß Joseph +<em class="gesperrt">Voit</em>, und hatte bereits fünf und sechzig Jahre hier gelebt. Sein +Vater und Großvater hatten jeder die Stelle fünfzig Jahre bekleidet, +und er selbst war nicht weit mehr von dieser Zahl. — O Menschenleben! +— O Glück der Beschränktheit! —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p> + +<h4 class="p2">Viertes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Der Tag brach an (14. Juni); bald war Abschied genommen, und Vedative +blieb hinter uns. Um zwei Uhr Nachmittags erreichten wir das große +und schöne Dorf Mantore, fanden aber keine Lebensmittel daselbst. Ich +schickte daher einen unserer Träger mit einem Briefe nach Manaar, an +meinen alten Freund, den Ingenieurhauptmann Nagel ab. Unterdessen +behalfen wir uns mit einigen übriggebliebenen Rebhühnern, und +beschlossen für heute nicht weiter zu gehen. Gegen Abend kam endlich +mein Bote mit Arrak, Anisliqueur und Lebensmitteln zurück, worauf es +eine recht fröhliche Abendmahlzeit gab.</p> + +<p>Am folgenden Morgen ward die Reise mit erneuerten Kräften fortgesezt. +Wir durchschnitten eine große, sandige Ebene, auf der wir eine Menge +Schakals schwärmen sahen. Bald aber kamen wir an den Strand, wo der +Weg äußerst beschwerlich ward. Wir<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> begegneten drei malabarischen +Reisenden, die von Colombo kamen, und langten Abends gegen fünf Uhr +in Bangala an. Dies ist ein ansehnliches Dorf, das von getauften +Singalesen bewohnt wird. Hier übernachteten wir in der katholischen +Kirche, die uns der Majoral gegen eine billige Vergütung öffnen ließ.</p> + +<p>Unsere <em class="gesperrt">siebente</em> Tagereise war höchst unangenehm, und bot überdem +durchaus nichts Merkwürdiges dar. Wenig Schatten, höchstbeschwerlicher +Fußsteig längs dem Strande hin, und auf dem ganzen langen Wege kein +einziges Dorf. Endlich giengen wir Abends um sechs Uhr über den Calear, +der beinahe ausgetrocknet war, und fanden am andern Ufer eine Pagode, +deren Bramin uns sehr freundlich aufnahm. Wir übernachteten in der Nähe +auf die gewöhnliche Art.</p> + +<p>Am folgenden Morgen sahen wir einem heftigen Kampfe zwischen zwei +Büffeln zu. Sie trafen so gewaltig zusammen, daß jedes<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> Stirn von Eisen +zu seyn schien. Ich fühlte mich unpaß; auch fieng es heftig zu regnen +an. Wir brachen daher erst um zwei Uhr Nachmittags auf, und legten nur +vier Stunden zurück.</p> + +<p>Die nächsten zwei Tagereisen führten uns wieder in den Wald, der in +geringer Entfernung neben dem Strande hinläuft. Wir sahen die Ruinen +einer portugiesischen Kirche und dachten der großen Vergangenheit. Das +Wetter klärte sich auf; ich befand mich wieder vollkommen wohl.</p> + +<p>Fröhlich traten wir nun am 20. Juni unsere elfte Tagereise an, und +erreichten Mittags den Ambelan, Conderipo genannt. Hier sprang uns +ein schöner Jagdhund entgegen, und schmiegte sich liebkosend an uns +an. Mit Sonnenuntergang glaubten wir, wie gewöhnlich uns lagern zu +können, allein diesmal hatte sich unser Wegweiser selbst verirrt. Wir +mußten also noch einige Stunden marschiren, bis endlich in der Nähe +eines Baches Halt zu machen beschlossen ward. Die Luft war äußerst<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> +schwül; endlich brach ein furchtbares Ungewitter los. Der Wald erbebte; +krachend stürzten tausende von Wipfeln und Aesten herab. Da schlug der +Bliz in eine Gruppe von Cocospalmen, und knisternd loderten sie in +hellen Flammen auf. Es war eine schreckliche Nacht, in der keiner von +uns ein Auge zuthat.</p> + +<p>Am folgenden Tage neue Verlegenheit. Der Fluß, den wir zu passiren +hatten, war mit Krokodillen angefüllt. Wir kamen indessen mit Hülfe +unserer Cymbeln glücklich hindurch. Gegen Mittag begegneten wir einer +kleinen singalesischen Caravane, die aus drei und zwanzig Mann mit +siebzehn Stieren bestand. Der Anführer nannte sich Manioppu, und war +ein alter sehr verständiger Mann. Er schenkte mir zwei Kuchen, wogegen +ich ihm, nach seinem Wunsche, einen Bleistift gab. Abends kamen wir bis +zum Dorfe Golgom, wo wir uns mit Lebensmitteln im Ueberflusse versahen.</p> + +<p>Unsere dreizehnte Tagereise (22. Juni)<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> führte uns nach Putlan, wo +ein holländischer Posten ist. Der Commandant, ein Deutscher, Herr +Bodenschatz, war in Colombo; sein Sergeant nahm uns aber sehr gastfrei +auf. Wir mußten zwei Tage bleiben, was uns wirklich gar sehr zu +statten kam. Putlan ist ein sehr nahrhaftes Dorf. Es werden sehr viel +Schaluppen, Thonys, und andere ähnliche Fahrzeuge hier gebaut. Der +Hühnerhund, der uns zugelaufen war, gehörte dem Commandanten, und wurde +seit länger als einem Monate vermißt. Die drei nächsten Tagereisen +waren eben so beschwerlich, als uninteressant. Am 28. Juni hielten wir +abermals einen Rasttag.</p> + +<p>Am 29. Abends erreichten wir Maravilla, ein sehr ansehnliches Dorf, +das nur eine halbe Stunde vom Meere liegt. Alles war hier mit Fremden +angefüllt; wir übernachteten daher in einem ziemlich entfernten +Ambelan. Ich hatte die Wache von ein bis drei Uhr Morgens, und sah +starr in die grause Finsterniß hinaus. Furchtbar tönte das Brüllen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> der +Schakals, das Rauschen des Waldes, das Tosen der Brandung durch die +stille Nacht zu mir.</p> + +<p>Am 30. Juni marschirten wir abermals längs des Strandes hin. Hier +fanden wir eine Reihe Lascars (Seesoldaten) als Küstenwächter +aufgestellt. Bei der Annäherung eines Feindes haben sie von Posten zu +Posten große Holzhaufen anzuzünden, die deshalb aufgestapelt sind. +Um zwei Uhr giengen wir über den Caimella, fanden das schön gelegene +Dorf Gannipellie, und hielten mit frischem Seefisch ein stattliches +Mittagsmahl. Die Landschaft ward nun äußerst angenehm. Ansehnliche +Dörfer, dichte Cocospflanzungen, üppige Wiesen und Felder wechselten +in lieblicher Mischung ab. Wir nahmen unser Nachtlager in Topture, das +von katholischen, noch aus den Zeiten der Portugiesen herstammenden, +Singalesen bewohnt wird. Der Pfarrer, ein Franziskaner aus Dijon, nahm +uns sehr freundlich auf.</p> + +<p>Unsere folgende Tagereise war eben so<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> angenehm, und die Gegend +entzückend schön. Ein Gewitter trieb uns indessen in großer Eile nach +<em class="gesperrt">Negombo</em> hinein. An dem Commandanten fanden wir einen sehr +jovialen Mann. Er machte ganz und gar kein Geheimniß daraus, daß er +früher Haushofmeister des Generalgouverneurs gewesen sey. Negombo ist +ein sehr fester Plaz, und überflüßig mit süssem Wasser versehen. Der +hiesige Zimmet wird für den besten gehalten, die Bäume vermehren sich +ungemein. Man schreibt dies, und nicht mit Unrecht, den <em class="gesperrt">Raben</em> +zu. Diese suchen nämlich die Früchte sehr begierig auf, und geben sie +unverdaut von sich. Daher denn auch die Unverlezlichkeit dieser Vögel +auf Ceylon und ihre unglaubliche Unverschämtheit.</p> + +<p>Am 2. Juli, dieselbe reizende Landschaft; man merkt deutlich, daß man +<em class="gesperrt">Colombo</em> immer näher kommt. Endlich am dritten, als dem <em class="gesperrt">ein +und zwanzigsten</em> Tage unserer Reise, langten wir bei guter Zeit +daselbst an. Die herrlichen Umgebungen voll Gärten<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> und Landhäuser; die +schönen Alleen, die breiten Straßen, die prächtigen Häuser — alles +verkündigt eine Hauptstadt.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Fünftes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Drei Monate waren wir bereits in Colombo gewesen, und hatten manchen +fröhlichen Tag mit alten Freunden verlebt. Endlich waren Templyns +Angelegenheiten geordnet, und wir mußten auf unsere Rückkehr bedacht +seyn. Am leichtesten und bequemsten hätte dies zu Wasser geschehen +können; allein es war keine Gelegenheit vorhanden, überdem hielt auch +der Regenmonßon noch an. Es ward daher beschlossen, den gewöhnlichen +Landweg zu nehmen, der längs der Küste hinläuft. Was mich indessen +anlangt, so hätte ich vorher noch gern eine Reise in die Gebirge von +Boucout gemacht. Allein Templyn war<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> durchaus dagegen, und nannte die +ganze Unternehmung abenteuerlich.</p> + +<p>Unter diesen Umständen ward ich mit einem Portugiesen, Namens Don +Manuel de Sylva, bekannt. Es war ein sehr einnehmender Mann, der durch +eine Reihe der sonderbarsten Schicksale nach Colombo verschlagen worden +war. Er hatte, wie er sagte, in den Gebirgen von Candy, eine unbekannte +Diamantengrube entdeckt, dachte auf eine zweite Reise dahin, und lud +mich zur Gesellschaft ein. Allein ich fand die Sache so gefährlich, daß +ich den Vorschlag von mir wieß, worauf er sich seinerseits zu unseren +Reisegefährten anbot. Wir ließen uns dies gern gefallen, nahmen noch +drei Träger an, und brachen endlich Nachmittags um fünf Uhr von Colombo +auf.</p> + +<p>Der Himmel war mit dicken Wolken bedeckt; von Zeit zu Zeit fielen +Regenschauer herab, und der Wind blies mit Heftigkeit. Unsere Träger +hatten ein wenig zu viel Talwag (eine Sorte Arrak) getrunken, und kamen +daher in der Dämmerung vom rechten<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> Wege ab. So irrten wir die halbe +Nacht herum, bis wir endlich das Dorf Werigur erreichten, wo nun den +ganzen folgenden Vormittag ausgeruht ward.</p> + +<p>Die nächsten zwei Märsche waren nicht weniger beschwerlich, auch ward +der angeschwollene Colombo mit vieler Mühe passirt. Abends erreichten +wir Negombo. Um jedoch dem Commandanten nicht beschwerlich zu fallen, +quartierten wir uns in dem benachbarten Dorfe Sunneput, in einer alten +Kirche, ein.</p> + +<p>Die beiden folgenden Tage, weitere Reise, und Nachtlager auf die +gewöhnliche Art. Templyn verließ mich hier; ein Brief von seiner +kranken Frau rufte ihn eilig nach Jaffanapatnam zurück. Don Manuel, der +Portugiese, fieng nun zum zweitenmale von seiner Reise an. Er gestand +mir jezt, daß es keine Diamantengrube, sondern ein Familienschatz sey. +Er hatte die sichersten Anweisungen über die Stelle, wo er vergraben +war. Da dies zu meinem Plane, die Gebirge von<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Bocour zu bereisen, +vortrefflich paßte, willigte ich ohne viel Mühe ein. So erreichten +wir Chilaw, lohnten unsere Träger ab, machten im Stillen die nöthigen +Einkäufe, und brachen endlich am dritten Tage wieder auf.</p> + +<p>Anfangs, und um die Einwohner zu täuschen, verfolgten wir den nämlichen +Weg; bald aber schlugen wir uns seitwärts in die Wälder, und nahmen +unsere Richtung gegen das Gebirge zu. Unsern Reisevorrath hatte der +Portugiese schon den Abend zuvor in der Nähe versteckt. Das Ganze +bestand aus einem Sacke mit ungefähr zwanzig Pfund Reis; einem Paar +Pistolen nebst Pulver und Blei; zwei Calebassen, die eine mit Arrak +gefüllt, die andere zum Wasser bestimmt; einem Paar kupferner Schüsseln +und Teller; einem Beile und einem kleinen Taue, einigen Feilen und +Brecheisen, und einer großen Bärenhaut. Wir passirten den Manasseran, +und hatten diesen Tag noch einen erträglichen Marsch.</p> + +<p>Am folgenden Morgen erblickten wir die Gipfel der Gebirge in blauem +Nebelduft. Der<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Wald ward nun mit jedem Schritte dichter; bald mußten +wir uns mit dem Beile durchhauen. Wir richteten uns sorgfältig nach dem +Compasse, und wanderten so immer nach Osten fort. Als es Nacht geworden +war, wimmelte es von wilden Thieren um uns her. Doch hielten wir sie +durch Feuerbrände und Pistolenschüsse von uns ab.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Sechstes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Mit unserer fünften Tagereise ward der Weg nun je länger, desto +beschwerlicher. Hier hatte noch nie ein menschlicher Fuß gewandelt; +hier herrschte die Natur noch in ihrer ganzen ursprünglichen Macht. +Mit unsäglicher Mühe arbeiteten wir uns durch das Gebüsch hindurch, wo +jeden Augenblick der Anfall eines Tigers zu befürchten war. Gegen ein +Uhr machten wir Halt, um einige Stunden<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> auszuruhen. Als wir wieder +aufbrachen, nahm der Wald allmählig an Dichtigkeit ab. Bald aber sahen +wir eine ungeheure, hohe Grasmasse gleich einer Mauer vor uns. Keine +Möglichkeit hindurchzudringen, so oft auch der Versuch wiederholt ward. +Unterdessen fieng es an dunkel zu werden, und wir mußten auf unser +Nachtlager bedacht seyn. An ein großes Feuer war nicht zu denken, kaum +hatten wir Holz zum Kochen genug. Wir brachten daher die Nacht auf +einem Baume zu, wobei uns unser Tau vortrefflich zu statten kam.</p> + +<p>Am folgenden Morgen gelang es uns endlich in der Graswand einen Eingang +zu entdecken, der hindurchzuführen schien. Der Schlangen wegen war +indessen große Vorsicht erforderlich. Dabei eine erstickende Hitze, +ein glänzender Sandboden, eine brennendheiße verpestete Luft. Gegen +Mittag fanden wir endlich einen kleinen Raum, verzehrten die Ueberreste +unseres Abendessens, und legten uns dann wechselsweise zum Schlafen +hin.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p> + +<p>Als wir wieder aufbrachen, bemerkten wir mit Freuden, daß die Graswand +immer dünner, und die Anzahl der Oeffnungen immer häufiger ward. Bald +sahen wir wieder Bäume, und bald gewann der Wald wieder völlig die +Oberhand. In glänzendem Sonnenlichte lagen die Gebirge von Bocour +nun ganz vor uns. Nur noch einige Stunden, und der Fuß derselben war +erreicht. Mit beflügelten Schritten eilten wir über den obern Boden +dahin. — Plözlich! — O Schreck! o Entsetzen! — Plözlich sahen wir +einen breiten und tiefen Canal vor uns, der von oben bis unten, mit +dichtem, eng verflochtenem Gebüsch angefüllt war.</p> + +<p>Neue Hindernisse! neuen Schmerz! Endlich beschlossen wir längs des +Ufers abwärts zu gehen, um zu sehen, ob der Uebergang möglich sey. +Doch vergebens! Je weiter wir kamen, desto breiter und tiefer ward +der Canal. So brach der Abend an; ein Glück für uns, daß Holz im +Ueberfluß vorhanden war. Am folgenden Morgen kehrten wir wieder<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> um, +und entdeckten endlich eine Stelle, wo wenigstens meinem Gefährten der +Uebergang möglich schien. Was ich ihm auch sagen mochte, er bestand +darauf. So ließ er sich denn an dem Taue hinab, nachdem es um einen +Baum befestigt worden war.</p> + +<p>Es dauerte indessen ziemlich lange, ehe er eindringen konnte, dann aber +war er mir auch augenblicklich aus dem Gesicht. Unverwandt hatte ich +indessen meine Augen auf das andere Ufer gerichtet; als ich plözlich +in der Mitte des Dickichts ein starkes Geräusch, und bald darauf sein +Angstgeschrei vernahm. Er war in Gefahr; wie wahnsinnig sprang ich die +Tiefe hinab, und drang in der Oeffnung vor. Doch alles vergebens! Kein +Laut; keine Antwort; nichts gewisser, als daß er von einer Schlange +erwürgt worden war.</p> + +<p>Mit zerrissenem Herzen, mit thränenden Augen stieg ich wieder hinauf, +und fühlte das Elend meiner Lage in seiner ganzen Schrecklichkeit. +Ich war allein in dieser Wüste, und auf allen Seiten von Gefahren +umringt. Ich<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> war allein! — Die Sonne sank tiefer, ich beschloß +in der nämlichen Richtung fortzugehen. War es Instinkt, war es +Gleichgültigkeit? es schien mir am besten so. Zum Glück hatte ich noch +etwas Reis, nebst der Arrakcalabasse, und den Pistolen bei mir.</p> + +<p>Die Nacht brach an; ich machte bei einem Baume Halt, kletterte hinauf, +und band mich mit dem Taue an zwei Aeste fest. Bald schlief ich vor +Ermüdung ein. Doch mein Schlaf war nicht erquickend; das Bild meines +unglücklichen Gefährten schwebte mir unaufhörlich vor.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Siebentes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Als ich erwachte, war es hoher Mittag, und ich fühlte mich an allen +Gliedern gelähmt. Nur mit Mühe vermochte ich mich loszubinden, +worauf meine traurige Wanderung weiter gieng. Der Weg war mit feinem +aschfarbenem<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> Sande bedeckt, der mir bei jedem Schritte entgegenflog; +daher ich von heftigem Durste gepeinigt ward. Zum Glück kam ich endlich +an einen Bach, wo ich den Rest meines Arrakes mit Wasser vermischte, +und so ein kühlendes Getränk erhielt. Unterdessen zogen am Horizonte +furchtbare Gewitterwolken auf. Ich eilte daher, einen großen schattigen +Baum zu erreichen, den ich in einiger Entfernung vor mir sah.</p> + +<p>Es mochte ungefähr um sechs Uhr Abends seyn, als ich glücklich auf +dieser Stelle ankam. Sofort bratete ich mir einige gefundene Schnecken, +und kletterte dann auf den Baum, wo ich mich wie gewöhnlich mit dem +Taue anband. Kaum hatte ich indessen einige Stunden geschlafen; als +ich aus einem schrecklichen Traume erwachte, und mich über und über +von Feuer umgeben sah. Das furchtbarste Ungewitter war losgebrochen; +der ganze Himmel ein wallendes Flammenmeer. Mit unsäglicher Heftigkeit +raste der Sturm in den Aesten, und warf mich wie einen Ball hin und +her.<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Den Kopf auf die Knie gestüzt, schloß ich die Augen, und brachte +den Rest der Nacht in einer Art Betäubung zu.</p> + +<p>Der Tag brach an; der Regen hörte auf, der Himmel ward heiter, und +alles glänzte in goldnem Sonnenlicht. Ich trocknete meine durchnäßten +Kleider, und machte mich auf den Weg. Allmählig lief der Canal nach +Osten, eine Richtung, die sehr erfreulich für mich war. Voll Muth und +Hoffnung wanderte ich so bis Nachmittags um 3 Uhr fort. Plözlich stand +ich vor einer hohen Felsenwand, die mir den Weg verschloß.</p> + +<p>Keine Möglichkeit weiter zu kommen, es mußte denn von Seite des Waldes +gewesen seyn. Ich beschloß es daher zu versuchen, und drang auch +wirklich zwischen zwei Dornengebüschen durch. Doch in dem Augenblicke +schoß eine ungeheure Schlange auf mich los. Wohin sollte ich fliehen? +Nirgends mehr Rettung für mich! Rechts hatte ich den Canal, links das +Ungeheuer, vor mir die hohe Felsenwand. Ohne zu wissen, warum, eilte<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> +ich indessen den vorigen Weg wieder nach derselben zurück.</p> + +<p>Unterdessen war die Schlange immer näher gekommen, und kaum war sie +noch drei bis vier Fuß von mir entfernt. In dieser entsezlichen Lage +folgte ich blos meiner Verzweiflung, und sprang, wie wahnsinnig auf +ein hervorragendes Felsenstück. Von diesem arbeitete ich mich, ohne zu +wissen wie, allmählich höher hinauf, bis ich endlich oben war. Jezt +aber sank ich ermattet zu Boden, und lag eine gute Weile, ehe ich +wieder zu mir kam.</p> + +<p>Als ich die Augen aufschlug, und in die Tiefe richtete, sah ich die +fünfzig Fuß lange Schlange, die sich langsam in den Wald zurück begab. +Aber zu gleicher Zeit bemerkte ich mit großem Schmerze, daß mein ganzes +Reisegeräthe verloren war. Ich fühlte, daß meine Lage doppelt elend +werden mußte, und überließ mich der Verzweiflung. Wohin ich blickte, +sah ich ein Felsenchaos vor mir, in dessen Mitte sich ein furchtbarer +Abgrund befand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p> + +<p>Der Abend dämmerte; ich suchte in meinen Taschen, und fand zu meiner +großen Freude noch ein Stück Zwieback und mein Feuerzeug. Von wilden +Thieren war in dieser Einöde nichts zu fürchten; ich machte daher blos +Feuer zur Vertreibung des Gewürmes an. So nahm ich mein Lager auf dem +harten Boden, mein Haupt an die Felsen gelehnt. Alles war still und öde +um mich; ach! diese Wüste schien mein eigenes Grab zu seyn.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Achtes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Am folgenden Morgen neues Erwachen; neue Noth. Mein ganzes Frühstück +bestand in ein wenig Regenwasser, das ich in einer kleinen +Felsenhöhlung fand. Mühsam schleppte ich mich nun in diesem Labyrinthe +fort; bis ich endlich gegen Mittag an dem Fuße eines hohen steilen +Berges ankam, der mir abermals<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> den Weg verschloß. Indessen nahm ich +allen meinen Muth und meine Kraft zusammen, denselben zu erklimmen, +in der festen Hoffnung, jenseits werde das Ziel meiner Leiden seyn. +Doch wie groß war mein Entsetzen, als ich mich endlich auf dem Gipfel +befand, und nichts erblickte, als ein ödes, wildes, mit Klippen +besäetes Thal!</p> + +<p>Es mochte zwei Uhr Nachmittags seyn; ich war gänzlich erschöpft, und +sah mich vergebens nach etwas Nahrung um. Als ich so da saß, erblickte +ich eine kleine Schlange, die begierig hinter einer Eidechse herschoß. +Ich zerschmetterte die erstere mit einem Steine, schnitt ihr, des +Giftes wegen, den Kopf ab, und bereitete mir ein gutes Mahl von ihr. So +ist die Existenz der Wesen verknüpft; ein ewiger Kampf der Kräfte, wo +eine der andern Opfer ist!</p> + +<p>Der Berg war auf dieser Seite fast senkrecht abgeschnitten, und der +ganze Abhang mit spitzigen Klippen bedeckt. Gleichwohl mußte ich das +Thal zu erreichen suchen, ehe<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> mich auf dem Gipfel die Nacht überfiel. +— »Nun, wie Gott will!« — sagte zu mir selbst, sezte den rechten +Fuß vorwärts, klammerte mich mit den Händen an, und fand, daß das +Herabsteigen wenigstens nicht unmöglich war. Mit unsäglicher Mühe +arbeitete ich mich nun immer tiefer und tiefer hinab. Doch die Hand des +Allmächtigen leitete mich sicher neben dem Abgrunde hin. So kam ich +glücklich an dem Fuße des Berges an.</p> + +<p>Als ich das Thal genauer betrachtete, bemerkte ich einen Canal, der +aber blos in der Mitte, und selbst da nur ganz dünn mit Gesträuch +bewachsen war. Allein, da es düster zu werden anfieng, beschloß ich in +einer Felsenhöhle zu übernachten, wo ich zum Glück einige Vogeleier +fand. Am folgenden Morgen erquickte ich mich mit etwas Regenwasser, und +wanderte anfangs eine gute Strecke längs des Canals hin. Endlich kam +ich an eine Stelle, wo der Rand eingestürzt, und die Tiefe zur Hälfte +damit ausgefüllt war. Fröhlich stieg ich hinunter, und kam bald auf +der<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> andern Seite an. Hier schlug ich einen Reiher nieder, der gebraten +wenigstens eßbar war. Von nun an ward der Weg immer ebener, immer +bequemer, so daß ich die Gebirge bald sehr weit hinter mir sah.</p> + +<p>Am andern Morgen, am 16. August, trieb mich die brennende Sonne etwas +tiefer in den Wald, der neben dem Wege hinlief. Unvermuthet finde ich +einen gebahnten Weg, und plözlich werde ich frische Fußtapfen gewahr. +Bald höre ich in der Entfernung Stimmen, und bald vernahm ich, daß es +bekannte Töne sind. — Gott, welcher Augenblick! Es durchbebte mich, +wie ein elektrischer Schlag. Ich wollte rufen, ich konnte es nicht. +Da stürzte ich fort, und stand in wenig Minuten vor einem Haufen +Singalesen, unter denen mein alter Freund Manioppu war.</p> + +<p>Sie zogen nach Putlan, um Salz zu holen, wir waren nur noch drei +Tagereisen davon entfernt. Nachdem ich daselbst eine Woche ausgeruht +hatte, kehrte ich zu Wasser<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> nach Jaffanapatnam zurück. Hier fand ich +Gelegenheit ein äußerst vorteilhaftes Geschäft zu machen, wodurch mir +mein ausgestandenes Elend sehr reichlich vergütet ward. Als nun endlich +die Nachricht von dem Pariser Frieden ankam, hielt ich's fürs beste, +wieder nach der Küste zurückzukehren, und kam nach einer sehr kurzen +Fahrt, glücklich in Bimilipatnam an.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Neuntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Ein Jahr lang hatte ich hier meine Geschäfte mit vielem Erfolge +betrieben, als ich mich, um dieselben noch mehr zu erweitern, zu +einer Landreise nach Madras veranlaßt sah. Dieses geschah in einem +Palankin. Man kann in der That durchaus nicht sicherer, bequemer und +angenehmer reisen, als auf diese Art. Ein Palankin ist nämlich eine Art +von<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> Canapegestell, das ungefähr sieben Fuß lang, und drei Fuß breit +zu seyn pflegt. Er hat einen mäßig hohen Rand, vier kleine Füße, und +eine gewölbte Decke von Bambusrohr. Inwendig ist er mit einer weißen +Matrazze und einigen Kissen belegt, während die Decke entweder mit Tuch +oder Wachsleinwand überzogen wird.</p> + +<p>In der Mitte dieses zeltartigen Daches, ist außerdem noch ein großes +Stück grüner Cattun befestigt, das nach der Länge des Palankins, +an beiden Seiten bis auf den Boden reichen muß. Bei Tage wird es +aufgerollt, und in eine Wulst zusammengeknüpft; bei Nacht aber, wenn +man in dem Palankin schläft, bildet es eine Art Bettvorhang. Ueberhaupt +braucht man den Palankin gerade wie ein Canape.</p> + +<p>Ein solcher Palankin wird von vier Männern getragen, denen noch vier +andere zum Ablösen beigesellt sind. Zwei der Träger gehen vorn, zwei +andere hinten, und jene wie diese halten den Palankin vermittelst +eines<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Bambusrohres, das vorn und hinten mitten aus der Decke geht. Sie +marschiren indessen nicht neben, sondern hinter einander, wobei das +Bambusrohr auf der Schulter ruht. Da sie nun eine Art Takt im Schritte +halten, den sie auch von Zeit zu Zeit mit der Stimme angeben, so ist +die Bewegung eben so gleichförmig als angenehm. Man kann dabei lesen, +schreiben, schlafen u. s. w. wie es einem beliebt. Wäsche, Vorräthe u. +s. w. werden theils zu den Füßen, theils unter das Kopfkissen gepackt.</p> + +<p>Es war vier Uhr Morgens — »Tschollo!« (Marsch!) — riefen meine +Träger, nahmen den Palankin auf, und wanderten lustig die Straße +entlang. Als wir Bimilipatnam im Rücken hatten, fieng es eben an +vollends Tag zu werden, und überall flogen Schaaren von Krähen von +den hohen schattigen Bäumen auf. Bald kamen wir bei einem schönen +Mangabusche vorbei. Lieblich schimmerten die goldenen Früchte durch die +dunkelgrünen glänzenden Blätter, und zwischen<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> den freundlichen Aesten +flatterten girrende Turteltauben herum.</p> + +<p>Weiterhin holten wir eine Menge indischer Pilgrime von allen Sorten +ein. Sie zogen sämmtlich nach dem heiligen Berge Schiemanchelom, den +ich ebenfalls zu besehen willens war. Lange mußten wir zwischen diesen +betenden und singenden Haufen bleiben, bis wir endlich das große schöne +Thal erreichten, worin sich jener hohe steile Berg erhebt.</p> + +<p>Eben sollte am folgenden Morgen das große Jahresfest beginnen, das +immer neun Tage zu dauern pflegt. Der Zufluß von Menschen war daher +außerordentlich. Nur mit Mühe fand ich noch einen schattigen Platz für +meine Palankin, ruhte daselbst bis fünf Uhr, und stieg endlich den Berg +auf einer breiten bequemen Treppe hinan. Das Thal, das kleine Dörfchen +Chindopillie, der dabei befindliche See, u. s. w. alles bietet die +mannichfaltigsten Aussichten dar.</p> + +<p>Die ersten 430 Stufen hat man nichts<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> als sanfte Abhänge neben sich. +Plözlich aber stößt man auf einen steilen Felsenkranz, den man durch +ein ausgehauenes Portal passirt. Von diesem Thore bis zum Gipfel werden +noch 1160 Stufen gezählt. So wie man diesen erreicht hat, findet man +das Dorf Schiemanchelom, und am südlichen Ende desselben den Tempel, +der dem Gotte Appana geheiligt, und einer der ältesten in ganz Indien +ist. In der Nähe desselben entspringt die heilige Quelle, die nach +der Religion der Hindus für eben so wirksam wie das Wasser des Ganges +gehalten wird. Kein Hindu darf sich dem Tempel nähern, wenn er sich +nicht vorher in diesem Wasser gebadet, oder wenigstens seinen Kopf +einige Minuten unter eine der fünf Adern gehalten hat. Das Gedränge um +dieselben war daher außerordentlich, zumal da der ganze Badeplatz kaum +hundert Schritt lang, und etwa halb so breit ist. Indessen fand dennoch +die größte Ordnung, und das beste Betragen dabei statt.<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> Einer half dem +andern, einer machte dem andern Platz.</p> + +<p>Noch bunter waren die Gruppen längs dem übrigen Wege, und auf dem +Gipfel des Berges selbst. Zu beiden Seiten der Treppe ziehen sich +nämlich schöne schattige Rasenplätze hin, wo die wandernde Masse +von Zeit zu Zeit auszuruhen pflegt. Eben so ist es oben in der Nähe +des Tempels, wo der ganze Haufen zusammentrifft. In dichten Kreisen +knieten Männer und Weiber an dem Eingange des Heiligthums. Einige waren +in tiefer Betrachtung; andere beteten mit stiller Lippenbewegung; +noch andere stimmten Lobgesänge an. Die Luft war mit Weihrauchsdampf +erfüllt; schöne Tänzerinnen scherzten mit ihren Liebhabern, und überall +ertönten die Dools (Trommeln), und die Chelimbies (Becken).</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p> + +<h4 class="p2">Zehntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Es mochte ungefähr um vier Uhr Morgens seyn, als einer meiner Träger +mich zu wecken kam. Noch war es völlig dunkel; gleichwohl hatte sich +bereits der ganze Haufen Pilgrime in Bewegung gesezt. Das Geräusch +glich dem dumpfen Donner eines Wasserfalles. Alles eilte nach dem +Berge, der aufs prächtigste mit Fackeln und Pechkränzen erleuchtet war. +Ich folgte dem Menschenstrome auf der von tausend Lichtern flammenden +Treppen nach, verließ aber bald das Getümmel, um auf der andern Seite +des Berges die Sonne aufgehen zu sehen. Nie habe ich eines schöneren +Morgens, nie einer entzückenderen Aussicht genossen; alles war Licht +und Klarheit, Leben und Herrlichkeit. Endlich stieg ich auf einem +schattigen Fußpfade wieder in das Thal hinab, wo ich verabredetermaßen +meinen Palankin fand.</p> + +<p>Wir wendeten uns nun südöstlich, und<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> kamen durch eine schön bebaute +Ebene nach Nabob Pette, das zwar ein kleines, aber recht artiges +Dörfchen ist. Hier hielten wir unser Mittagsessen in einem angenehmen +Mangawäldchen, und sezten dann unsere Reise bis Dovigram, einem etwas +seitwärts liegenden Dorfe fort, wo eine große und bequeme Chauderie +befindlich ist. Unter den Reisenden, die sich bereits dort einlogirt +hatten, fielen mir besonders zwei büßende Fakirs auf, wovon der eine +ungefähr dreißig, der andere fünfzig Jahre alt war. Jener gieng völlig +nackend, und trug in seinem Geschlechsgliede einen dicken und großen +eisernen Ring. Der zweite hatte sich die entsezliche Buße aufgelegt, +seine Arme und gefalteten Hände, hoch ausgestreckt, unaufhörlich über +dem Kopfe zu halten, und es wirklich ausgeführt. Die Arme waren nun +völlig steif geworden, und die Hände gleichsam in einander verwachsen, +so daß alles ganz unbeweglich stand.</p> + +<p>Als ich am andern Morgen in meinem Palankin erwachte, befand ich mich +unvermuthet<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> bereits zu Vizagapatnam. Meine Träger hatten ihn nämlich +vorsichtig aufgenommen, und in der Kühle die Paar Stunden schnell +zurückgelegt. Vizagapatnam ist eine Stadt, oder vielmehr ein Dorf mit +einer englischen Factorei. Es ist ein unangenehmer, einsamer, trauriger +Ort, der mitten zwischen kahlen Bergen, wie in einem Kessel liegt. +Indessen hat es einen schiffbaren Fluß, und viele Baumwollenfabriken; +auch sind die Einwohner wegen ihren feinen Elfenbeinarbeiten berühmt. +Eben waren meine Geschäfte abgemacht, und ich wollte weiter reisen, +als ich von einem Begräbnisse in der Nachbarschaft hörte, das ich mit +anzusehen beschloß.</p> + +<p>Es war zu Velur, nur anderthalb Stunden von Vizagapatnam. Eine junge +Wittwe von der Caste der Chetries sollte sich mit dem Leichname ihres +Mannes in einer Grube verbrennen, wie es im südlichen Theile von +Coromandel auf einem Scheiterhaufen geschieht. Bei meiner Ankunft +ward ich sogleich nach einem Hause gewiesen, wo die Wittwe<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> in der +Mitte ihrer sämmtlichen Verwandten, unter einer Art Baldachin saß. +Es war ein junges wohlgebildetes Weib von höchstens ein und zwanzig +Jahren, mit einer äußerst sanften Physiognomie. Sie bewegte die Lippen, +wie eine Betende, theilte dann und wann unter ihre Verwandten Betel +aus, und schien vollkommen gefaßt zu seyn. Ich betrachtete sie mit +innigem Mitleid; bald aber zog mich die Menschenmasse nach dem zur +Feierlichkeit bestimmten Platze fort.</p> + +<p>Dieser lag außerhalb des Dorfes, ungefähr eine Viertelstunde davon. In +der Mitte desselben befand sich eine Grube, die bei zehn Fuß Länge, +acht Fuß breit und tief zu seyn schien. Sie war bereits mit einer +großen Menge Kohlen angefüllt, dennoch warf man noch von allen Seiten +Holz hinein. Endlich rückte der Leichenzug näher, rund um die Grube +wurden Matten aufgehängt, und die ganze Masse der Zuschauer bildete +einen unübersehbaren Kreis.</p> + +<p>Die Wittwe war aufs prächtigste gekleidet,<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> und überall mit Juwelen +bedeckt. In der Hand hielt sie eine kleine, mit Gewürznelken besteckte +Citrone, woran sie bisweilen zu riechen schien. Neben und hinter ihr, +giengen ihre Verwandten, mit mehrern Braminen, und eine Menge Weiber +beschloß den Zug. In einer gewissen Entfernung von der Grube ward Halt +gemacht. Die Wittwe legte ihre Prachtgewänder und Juwelen ab, badete +sich in dem benachbarten Weiher, den ein dichter Kreis von Freundinnen +umschloß, und kam endlich in einem ganz einfachen weißen Gewande +zurück. So gieng der Zug bis in die Nähe der Grube, an deren Rande der +Leichnam des Mannes auf einer Bahre lag.</p> + +<p>Als die Wittwe hier angekommen war, blieb sie einige Augenblicke +davor stehen, sah ihn mit zärtlichen Blicken an, schlug sich vor die +Brust, und brach in Thränen aus. Zulezt verbeugte sie sich, verließ +die Bahre, und gieng dreimal um die Grube herum, wobei sie nie den +Leichnam zu begrüßen vergaß. Jezt bei dem Leztenmale blieb sie wieder<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> +davor stehen; wendete sich zu ihren Verwandten; nahm mit völliger Ruhe +Abschied von ihnen; empfieng von einem Braminen einen Krug mit Oel; goß +etwas davon auf den Leichnam; sezte sich das Gefäß auf den Kopf; rief +dreimal mit lauter Stimme: Naraina! (Gott) und sprang dann muthig in +das brennende Grab hinein. Man hatte in demselben Momente die Matten +fallen lassen; zu gleicher Zeit ward auch der Leichnam hineingeworfen, +und alles mit tausend bereit gehaltenen Bränden bedeckt. Hoch schlugen +die knisternden Flammen in die Lüfte empor, und die Weiber erhoben +unter dem Lärm der Trommeln, Trompeten und Becken, ein gräßliches +Freudengeschrei.</p> + +<p>So sehr ich überzeugt war, daß die Unglückliche sogleich erstickt +seyn mußte; so machte das Ganze dennoch einen sehr schmerzhaften +Eindruck auf mich. Ich verließ den Platz, und trat meinen Rückweg nach +Vizagapatnam an. Schon war es dunkel geworden, und in tiefen Gedanken +wanderte<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> ich wohl eine Stunde fort, bis ich endlich bemerkte, daß +ich auf dem unrechten Wege war. Ein guter alter Mann, den ich eben +einholte, bestätigte mir dieses, rieth mir nach Velur zurückzugehen, +und zeigte mir einen kürzeren Fußsteig dahin. Ich kehrte demnach um, +gieng einige Zeit auf diesem Fußsteige fort, glaubte aber bald in der +Entfernung einige Lichter zu sehen, und beschloß geradesweges darauf +zuzugehen. Doch die Lichter verschwanden, und ich fühlte mit Entsetzen, +daß der Boden unter mir wich. Vergebens suchte ich mich an einem Busche +festzuhalten; der Ast brach, und ich stürzte in einen tiefen Abgrund +hinab.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Eilftes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Als ich wieder zu mir kam, spürte ich in meiner Nähe einen scheußlichen +Verwesungsgeruch.<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Es war ein todter Büffel, auf dem ich lag. +Hastig raffte ich mich auf, und starrte verzweiflungsvoll in die +undurchdringliche Finsterniß. Zorn und Wehmuth, Verdruß und Ungeduld; +alle diese Empfindungen wechselten unaufhörlich in meiner Seele +ab. Doch suchte ich mich endlich zu beruhigen, sezte mich auf den +steinigten Boden nieder, und fiel in einen tiefen Schlaf.</p> + +<p>Der Tag brach an; die finstere Gruft erhellte sich; ich erwachte, +und wurde mit Entsetzen mein ganzes Unglück gewahr. Ich befand mich +nämlich in einer Höhle, die sich zu beiden Seiten tief in die Erde zu +erstrecken schien. Aus dem Gewölbe war ein großes Stück eingebrochen, +und durch diese Oeffnung fiel das Licht hinein. Die hohen Wände waren +völlig steil, und auf allen Seiten gleich weit davon entfernt.</p> + +<p>Was sollte ich thun? Die Gegend schien durchaus menschenleer. Dennoch +beschloß ich zu rufen, und verstärkte die Stimme nach Möglichkeit. +Allein vergebens, sie verhallte<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> in dem ungeheuren Raume, der mich +umgab. Der Tag vergieng, das tröstende Licht verschwand, und Finsterniß +des Grabes hüllte mich abermals ein. Diese zweite Nacht war ungleich +schrecklicher für mich. Tausende von Uhus flogen über meinem Kopfe aus +und ein, und ganze Haufen heulender Schakals umringten die Oeffnung. So +saß ich mehrere Stunden lang, bis endlich ein schwacher Mondstrahl in +die Höhle fiel, und meine Stimmung etwas ruhiger ward. Bald darauf sank +ich in tiefen Schlaf.</p> + +<p>So vergieng die Nacht, und mit dem ersten Sonnenstrahle floß neue +Hoffnung in mein Herz. Durch die Oeffnung aus der Höhle zu kommen, war +unmöglich; aber durch einen der Seitengänge vielleicht einen Ausweg zu +finden, schien, troz der Gefahren, eines Versuches werth. — »Wohlan!« +— sagte ich zu mir selbst — »Wohlan! das Aeußerste gewagt!« — So +raffte ich mich ungefähr um Mittag auf,<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> und schlug den Weg in einen +der düsteren Seitengänge ein.</p> + +<p>So lange ich noch etwas Tageslicht hatte, gieng es ziemlich gut. Als +aber auch der lezte Schimmer verschwand, hielt ich mit klopfendem +Herzen an. Doch auch diesmal trug die Ueberlegung den Sieg davon, +und so stürzte ich mich muthig in die unermeßliche Nacht hinein. Die +einzige Vorsicht, die ich brauchte, war, mich Schritt vor Schritt an +der Wand zu halten, und allen Biegungen derselben nachzugehen.</p> + +<p>Der Boden war rauh, und ungleich. Steinhaufen, und einzelne +Felsenstücke, Erhebungen und Vertiefungen wechselten unaufhörlich +ab. Ich mußte den Weg unaufhörlich mit dem Hirschfänger untersuchen, +und rückte daher nur langsam fort. So mochte ich mich ohngefähr zwei +Stunden fortgearbeitet haben; als ich plözlich an etwas Bewegliches +stieß. Ich befühlte es mit dem Fuße; es schienen Knochen zu seyn. Ich +griff es an; es war ein Menschenskelett.<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Welche Entdeckung! — »Das +Bild meines Schicksals!« — sagte ich zu mir selbst, und lehnte mich +tief erschüttert an die Wand.</p> + +<p>Unterdessen glaubte ich einiges Geräusch zu hören, und rufte laut durch +die starrende Finsterniß. Zugleich verdoppelte ich meine Schritte, +entschlossen, dem Tode, oder dem Leben entgegen zu gehen. Plözlich ward +ich zwei kleine feurige Punkte gewahr. — Vielleicht eine Schlange die +auf mich zugeschossen kam. — Aber die Punkte blieben unbeweglich; es +schien von zwei Lampen zu seyn. In dem Augenblicke machte die Wand +einen starken Abfall, und ich erblickte eine Felsenspalte, die vom +glänzenden Abendrothe beleuchtet war. Eilends kappte ich das Gesträuch +hinweg, zwang mich mit muthiger Brust hindurch, und athmete nun wie +neue geschaffen, in der freien herrlichen Gotteswelt.</p> + +<p>Die Sonne gieng unter, und im Purpurglanze lag die ganze liebliche +Landschaft, und Vizagapatnam in geringer Entfernung<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> vor mir. Ich eilte +dahin, und ward mit großer Freude empfangen; jedermann hatte mich todt +geglaubt. Es zeigte sich jezt, daß ich in einer der Höhlen gewesen war, +die ehedem mit den Pagoden in Verbindung standen, und deren Eingänge +nur noch wenigen Braminen bekannt sind.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Zwölftes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Nach einigen Tagen Erholung brach ich von Vizagapatnam weiter auf. Die +Hitze war groß, der Weg beschwerlich; mit Vergnügen hielt ich gegen +Mittag in dem freundlichen Dörfchen Chieriepille an. Es liegt in einem +reizenden Thale, ist mit einer Menge Obst- und Betelgärten umgeben, und +hat eine der schönsten und bequemsten Chauderies, die mir vorgekommen +sind. Wir fanden hier einen Wahrsager, dergleichen sind in Indien sehr +häufig. Zum Spaß ließ ich mir auch die<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> flache Hand besehen, und bekam +eine Menge Glück und Segen gewünscht.</p> + +<p>Man darf diesen Leuten kein Geld anbieten, weil ihnen dergleichen +anzunehmen, nach ihren Geboten nicht erlaubt ist. Man giebt daher +Cattun, Musselin u. s. w., auch wohl eine Portion Reis. Alle diese +Effekten müssen sie aber erst neun Tage an ihrem Leibe herumtragen, +ehe ihnen der Verkauf davon gestattet ist. Was sie dann an Geld dafür +lösen, dürfen sie nehmen, weil es auf indirektem Wege gewonnen wird. +Der arme Teufel in unserer Chauderie schien die lezten neun Tage über, +gewaltig beschäftigt gewesen zu seyn. Er hatte eine solche Menge Zeug, +Schnupftücher, Turbans u. s. w. an seinem Gürtel hängen, daß er wie +eine wandernde Schnittwaaren-Bude aussah.</p> + +<p>Um meine armen Träger zu schonen, beschloß ich erst am andern Morgen +weiter zu gehen. Ich benuzte daher den lieblichen Abend zu einem +Spaziergange in dem schönen Thale, das mit herrlichen grünenden Bergen +eingefaßt<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> ist. Mit einbrechender Dämmerung gieng ich nach meinem +Palankin zurück, fand einen vortrefflichen Pillau von Hühnern, und +Bananas in Eiern gebacken, zum Abendessen, und schlief endlich unter +den Gesängen einiger reisenden Tänzerinnen ein.</p> + +<p>Am andern Morgen gieng es nun rasch über Berg und Thal, durch eine +Menge Dörfer bis zur Chauderie Darma-Oro, wo zu Mittag angehalten +ward. Hier sah ich einen Pandarone oder Mönch, der jedem Reisenden auf +Verlangen, einen Trunk Reiswasser (Canje) gab. Dies geschah, indem er +es ihm aus einem kleinen kupfernen Topfe in die Hände goß. Kein Hindu +pflegt nämlich ein Trinkgefäß an die Lippen zu setzen; er hält es +vielmehr so, daß ihm das Wasser, wie ein kleiner Strahl in den Mund +schießen muß. Da nun aber eine niedere Caste das Gefäß schon durch die +bloße Berührung für eine höhere unrein machen kann, so giebt es der +Pandarone lieber Niemanden in die Hand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p> + +<p>Wir reisten weiter, bekamen bald das Meer zu Gesicht, und langten +Abends in einem Fischerdorfe hart am Strande an. Hier ward ich für eine +Kleinigkeit mit einem Gericht trefflicher Seefische bewirthet, und +konnte die Ankunft der Kattamarans mit großer Bequemlichkeit sehen. Es +ist dies in der That ein Schauspiel, das der Mühe lohnt. Man erinnert +sich, daß ein Kattamaran ein, fünfzehn bis zwanzig Fuß langes, Floß +ist, das aus fünf Balken besteht.</p> + +<p>Man weiß, daß immer zwei Männer darauf befindlich sind, wovon der eine +vorn, der andere hinten zu rudern pflegt; eben so, daß bei günstigem +Winde ein kleines Segel aufgespannt werden kann.</p> + +<p>Die Sonne sank tiefer, und von allen Seiten eilten diese Fahrzeuge +dem Ufer zu. Es war eine ganze, kleine Flotte, pfeilschnell flog sie +zwischen den purpurnen Fluthen hindurch, von tausenden von Möwen +umringt, und vom fröhlichen Gesange der Ruderer belebt. Bald näherte +sie sich nun der Brandung,<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> die bekanntlich an diesen Küsten ungeheuer +ist. Schnell wurden die Segel gestrichen, und die Ruder eingetaucht; +da flogen die Kattamarans in die tosenden Wogen hinein. Hier sah man +einige auf der Spitze derselben, dort andere wie in einem Abgrunde +schweben, der sich darüber zu schließen schien. Aber wenig Minuten, und +die ganze Flotte flog in einem Augenblicke auf den sandigen Strand.</p> + +<p>Wir hatten unser Nachtlager zwischen den Dünen genommen, wo die +angenehmste Kühlung herrschte, und nichts von Moskitos zu fürchten war. +Am folgenden Morgen fanden wir uns daher außerordentlich gestärkt, und +legten die ganze Tagereise schneller als gewöhnlich zurück. Abends +kamen wir bei einem Mangabusche an. Hier hatte sich bereits ein großer +Haufen Reisender gelagert, um am folgenden Tage zusammen durch einen +Wald zu ziehen, der nicht für ganz sicher gehalten ward. Da ich mit +Schießgewehr versehen, und überdem ein Europäer war, so<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> baten sie +mich, sie anzuführen, wozu ich dann auch ganz willig war.</p> + +<p>Mit Tagesanbruch machten wir uns demnach auf den Weg. Indessen stießen +wir auf nichts, als eine Menge rother Affen, von denen der ganze Wald +bevölkert war. Als wir denselben hinter uns hatten, nahm ich von +meinen Gefährten Abschied, und stieg wieder in den Palankin. Der Weg +gieng nun durch eine sehr reizende Landschaft, Dorf an Dorf, und alles +mit Tamarinden-, Cocos- und ähnlichen Baumpflanzungen, so wie mit +Betelgärten bedeckt. Jezt bekamen wir auch wieder das Meer zu sehen, +und athmeten erquickende Kühlung ein.</p> + +<p>Ich mußte die Nacht im Palankin zubringen; die ganze Chauderie war +mit Kaschie-Kauris angefüllt. Es sind dies eine Art Mönche, die zehn, +zwanzig, und mehrere zusammen, nach Kaschie (oder Bonares) wandern, +dort Wasser aus dem Ganges holen, und damit beladen, in ihre Heimath +zurückgehen. Sie füllen dies heilige Wasser in<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> runde irdene Krüge, +wovon jeder zwanzig bis fünf und zwanzig Kannen halten kann. Diese +Krüge sind mit dickem Netzwerk umflochten, und mit einem kurzen Halse +versehen, der sorgfältig vergipst und versiegelt wird. An dem Siegel +des Oberpriesters von Bonares, so wie an dem Certificate jedes Pilgers, +erkennt man, ob das Wasser ächt ist. Ein jeder Kaschie-Kauris trägt +zwei Krüge, den einen vorn, den andern hinten, an einem Bambusrohr. +Dies Wasser wird entweder an Tempel verschenkt, oder an reiche Hindus +verkauft. Für leztere ist es ein Gegenstand eines religiösen Luxus. Man +benezt Sterbenden Haupt und Lippen damit; giebt es aber auch bei großen +Gastmählern herum.</p> + +<p>Am folgenden Tage passirten wir die Stadt Mongletur, die auf indische +Weise befestigt ist, und langten Abends ziemlich spät in Tallapalar +an. Hier mußten wir die Chauderie einer Abtheilung englischer Srapoys +überlassen, und trieben nur mit Mühe etwas zum Abendessen auf. Am +nächsten<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Morgen gieng es vollends nach Mazulipatnam. Wir kamen dabei +durch das Dorf Pakaat. Hier sah ich einen Barbier, der einen ziemlich +dicken Bart, auf das allervollkommenste mit zwei — Glasscherben abnahm.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Dreizehntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Nachdem ich meine Geschäfte besorgt hatte, sezte ich meine Reise ohne +Verzögerung fort. Vorher hatte sich noch ein Gefährte, ein gewisser +holländischer Capitain, Namens Holtrop, zu mir gefunden, der nach +dem Verluste seines Schiffes nach Madras zurückging. Wir kamen durch +die Dörfer Okalgatta und Sorligatta, und nahmen unser Nachtlager in +einer Chauderie hinter Naralcor. Der lezte Theil des Weges war äußerst +angenehm; er lief durch eine fruchtbare Ebene, mit den mannigfaltigsten +Pflanzungen<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> bedeckt. Kaum hatten wir aber die Chauderie erreicht, als +ein heftiges Ungewitter ausbrach. Da sich nun außer uns noch an sechzig +Reisenden darin befanden, konnten wir allerdings nicht ohne Besorgnisse +seyn. Indessen gieng alles glücklich vorüber, und nach einigen Stunden +war der Himmel wieder völlig wolkenleer.</p> + +<p>Unsere harmlosen Hindus hatten inzwischen nicht die mindeste Furcht +gezeigt. Die Männer lasen oder sprachen; die Weiber und Mädchen +schäkerten und kochten; die Kinder spielten mit unbefangener +Fröhlichkeit fort. Nach dem Essen wurde erzählt und getanzt, und alles +war voll Milde und Fröhlichkeit.</p> + +<p>Die folgende Tagereise war entzückend schön; die ganze Landschaft +blühte und grünte in üppiger Fruchtbarkeit. Wir giengen über den +Kischtna, der in dieser Jahrszeit nicht besonders wasserreich war. +Die Ueberfahrt ward wie gewöhnlich, in großen, runden, platten Körben +gemacht. Diese Körbe haben ungefähr zwölf Fuß im Umfange, sind mit<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> +Leder überzogen, und werden mit Pagaien (kurzen Rudern) in Bewegung +gesezt. Man muß sich indessen in diesen Körben sehr ruhig verhalten, +indem sie beständig im Kreise drehen. Einige sind groß genug, um zehn +bis zwölf Personen zu fassen; allein Hokkeries (indisches Fuhrwerk), +Palankins u. s. w. werden niemals auf diese Art übergesezt. Hierzu +bedient man sich der sogenannten Sangaries, welches ausgehölte +Cocosstämme sind.</p> + +<p>Wir ergözten uns während der Ueberfahrt an den herrlichen +Uferansichten, und langten endlich in dem freundlichen Dorfe +Kischtnapatnam an. Die Chauderie lag in der Nähe des Stromes, was uns +der Kühlung wegen höchst willkommen war. Hier hörte ich zum erstenmale +die melodischen Minkurwies (eine Art Wasservögel), die, wie man +behauptet, in dem Kischtna ausschließend zu finden sind. Ich glaubte +die Töne einer Aeolsharfe zu hören, und sank dabei in den süßesten +Schlaf.</p> + +<p>Nach einem stärkenden Morgenbade sezten wir unsere Reise weiter fort. +Die Gegend<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> war eben, und meistens mit Reis- und Gerstenfeldern +bedeckt. Nur hie und da ragten aus den gelblichten Aehrenfluten einige +glänzend grüne Hügel hervor. Dann folgte eine sandige, mit lichtem +Tannengebüsch bedeckte Ebene, von einer Menge Schakals bewohnt. Endlich +zeigte sich eine Reihe düsterer Cocoshaine, von Tausenden von Vögeln +belebt. So langten wir um ein Uhr in Pampeton an. Dies ist ein großes +volkreiches Dorf, das von einer Menge Betelgärten und Baumpflanzungen, +Tamarinden und Arekagebüsche umringt ist.</p> + +<p>Nachmittags kamen wir bei einer neuen Chauderie, und einem dem +Goneisch (Gott der Andacht) geheiligten Tempel vorbei. Das Götzenbild +lag indessen noch auf dem Boden; es fehlte noch das nothwendigste +Erforderniß seiner Göttlichkeit. Dies waren die <em class="gesperrt">Augen</em>, die immer +erst der Oberpriester mit vielen Feierlichkeiten einsezt. So lange ein +Götzenbild noch dieser entbehrt, wird es blos für einen gewöhnlichen +Block angesehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p> + +<p>Mit einbrechender Dämmerung kamen wir in einem großen, auf einer +Anhöhe gelegenen Dorfe an. Hier quartierten wir uns in einer Trivasel +(der kleinsten Art von Chauderies) ein, und fanden zu unserer Freude +nur wenig Reisende darin. Allein da es bald darauf heftig zu regnen +anfieng, kam in kurzem noch ein ganzer Schwarm dazu. Ich eilte +daher mein Abendessen einzunehmen, ließ den Palankin unter einen +dickblätterigen Baum stellen, streckte mich hinter den Vorhängen auf +meine Matrazze hin, und schlief, troz der Clapper eines Reisfeldhüters, +in wenig Minuten ein.</p> + +<p>Am folgenden Morgen, das herrlichste Wetter, und alles voll Leben und +Heiterkeit. Indessen begegnete mir schon in der ersten Stunde ein +Unfall, der wenigstens meinen armen Trägern den ganzen Tag verdarb. Als +ich nämlich einmal aus dem Palankin steigen wollte, ward ich einige +Schritte vor mir eine ganz still liegende Brillenschlange gewahr; +ich hielt sie für todt, und gieng unbesorgt<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> darauf los. Allein wie +groß war mein Entsetzen, als sie sich auf einmal mit glühenden Augen, +geöffnetem Rachen und blitzender Zunge aufzurichten anfieng! Plözlich +flog ich zurück, ergriff die Flinte und drückte los, worauf die +Schlange nach einem benachbarten Busche kroch.</p> + +<p>Unterdessen war auch Capitain Holtrop und mein Bedienter hinzugeeilt, +jeder mit einem Hirschfänger in der Hand. Wir beschlossen den Busch +anzuzünden, und auf die Schlange, die dann herauskommen mußte, +vereinigt loszugehen. Bald stand der Busch in vollen Flammen, und noch +immer erschien sie nicht. Schon glaubte ich mich geirrt zu haben, +plözlich schoß sie zwischen meinen Füßen hindurch.</p> + +<p>»Herr! Das bedeutet Unglück!« — riefen meine Träger mit kläglicher +Stimme, und ich selbst war fast außer mir. Aus gleichem Aberglauben +natürlich nicht; nur weil ich einer so großen Gefahr entgangen war. +Meine Träger boten jezt alles auf, um mich zum<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Umkehren zu bewegen, +allein ich gab durchaus nicht nach. So legten wir unsern gewöhnlichen +Tagesmarsch zurück, und kamen mit Sonnenuntergang Wohlbehalten in +Pariatschirli an.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Vierzehntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Unter der großen Menge anderer Reisenden, die sich allmählig in der +Chauderie zu uns gesellten, befand sich auch ein Trupp herumziehender +Tänzerinnen, Sutred-Haries genannt. Es waren ihrer sieben zusammen, wie +gewöhnlich von ihrem Tanzmeister (Chelcinbikarea) und ihrem Musikanten +(Juntries) begleitet. Nachdem sie sich in dem benachbarten Weiher +gebadet, und ihre Tanzkleider angelegt hatten, kam die erste Tänzerin +auf mich zu, überreichte mir einen Blumenstrauß und fragte, ob es mir +gefällig sey,<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> ihre Gesellschaft tanzen zu sehen. Ich erwiederte ihren +Gruß, bestellte sie nach dem Abendessen wieder, und ward dafür von +allen Anwesenden mit Danksagungen überhäuft. — »Der gute Herr! Der +große Herr!« — tönte es in der ganzen Chauderie wieder; denn tanzen zu +sehen, ist für die Hindus, besonders für das weibliche Geschlecht, ein +höchst angenehmer Zeitvertreib. Kaum war ich nun mit dem Essen fertig, +als alles die Matten bei Seite schaffte, und einen großen Kreis um +mich schloß. Bald darauf erschienen die Tänzerinnen, hinter ihnen die +Juntries. Die Musik fieng an; die lieblichen Nymphen entschleierten +sich, und begangen den kunstreichsten Elfentanz. Sie waren aus Surate, +das von jeher für den Geburtsort der schönsten und vorzüglichsten +Tänzerinnen galt. Mit großem Vergnügen sah ich ihnen wohl eine Stunde +zu.</p> + +<p>Aber endlich war es Zeit aufzuhören; ich gab demnach das Zeichen dazu +— »Genug, schöne Mädchen!« — sagte ich im indischen<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Stil — »Genug +für diesmal! — Ihr habt mir mit eurem kunstreichen Tanze die höchste +Genüge gethan, und mein Herz mit Entzücken erfüllt. Gewiß, Rhambe (die +Göttin des Tanzes) selbst übertrifft euch nicht. Seyd ihr nicht zu sehr +ermüdet, so vergönnt mir, daß ich nun auch eure lieblichen Stimmen +hören kann!« — Dieses Lob gefiel ihnen außerordentlich, zumal, da es +von einem Europäer kam. Sofort sezten sie sich in einen Halbkreis, und +sangen mir eine der schönsten indischen Romanzen, die Liebesgeschichte +des Prinzen Sondor, und der Prinzessin Biddrah vor. Dies dauerte bis +Mitternacht. Endlich machte ich der ersten Sängerin ein angenehmes +Geschenk, und entließ die ganze Truppe, höchst vergnügt über meine +Freigebigkeit.</p> + +<p>Alles eilte nun schlafen zu gehen, und ich selbst suchte meinen +Palankin auf. Kaum hatte ich aber einige Minuten geschlummert, als +ich durch ein leichtes Zupfen am Ueberhange wieder geweckt ward. — +»Wer da?« — rufte ich, indem ich denselben aufhob. — »Ich<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> bin es, +mein Herr!« antwortete eine leise Stimme — »Die Daja (Aufwärterin) +der Sutred-Haries (Tänzerinnen). Ich bringe euch tausend Grüße von +dem lieblichen Mädchen, mit dem Kranze von weißen Rosen im Haar. Eure +Freundlichkeit hat ihr Herz geöffnet, wie sich die Lilie der Sonne +aufschließt. Empfangt diesen Betel; sie bereitete ihn selbst für euch. +Sie sizt zu den Füßen eures Lagers und erwartet euren Befehl!« —</p> + +<p>Das liebliche Mädchen mit dem Kranze von weißen Rosen war mir +allerdings sehr erinnerlich. Es hatte bei seiner Jugend, Grazie und +Schönheit, einen sehr lebhaften Eindruck auf mich gemacht. Indessen +kannte ich die reisenden Tänzerinnen etwas genauer, beschloß daher auf +meiner Hut zu seyn, und fertigte die Daja mit einer ziemlich kalten +Antwort ab.</p> + +<p>»Wie, mein Herr!« — erwiederte sie lebhaft — »Ihr verschmäht die +schöne Mamia? — Ich glaubte doch bemerkt zu haben, daß sie euch nicht +gleichgültig war. — Was<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> fürchtet ihr? — Sie ist mein liebstes Kind, +und ihr seyd der erste, dem sie den Betel der Liebe<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> schickt.«</p> + +<p>Ich mußte lächeln — »<em class="gesperrt">In Wahrheit?</em>« — fragte ich etwas +spöttisch — »Aber seyd so gut, und laßt mich mit eurem Kampaak in +Ruhe, ich bitte euch darum.« — Sie verbeugte sich tief und gieng.</p> + +<p>Als ich indessen am folgenden Morgen das schöne Mädchen noch einmal +sah, ward ich in meinem Innersten gerührt. Wie viel Liebreiz! Welche +Sehnsucht! Und welcher stille Schmerz! Ihre Augen schwammen in Thränen; +sie wandte ihr Gesicht von mir ab, und verschleierte sich. Wir brachen +auf, ich hoffte die Tänzerinnen nachkommen zu sehen; allein sie hatten +andere Stationen gewählt.</p> + +<p>Wir aßen Mittags zu Pondipitly, wo wegen eines Festes alles voll +Fröhlichkeit war.<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> Unter andern sahen wir einen Schonir (eine Art +Bettelmönche), der die Flöte durch die <em class="gesperrt">Nase</em> blies. Er steckte +nämlich zwei kleine, ungefähr anderthalb Spannen lange, Flöten in die +Nasenlöcher, und blies Prime und Secunde mit großer Fertigkeit darauf. +Nachmittags kamen wir bei einem schönen Ala<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> vorbei. Er mochte +ungefähr erst hundert Jahre alt seyn; gleichwohl bildete er mit seinen +unzähligen herabhängenden Aesten bereits ein grünendes Gewölbe, das +wenigstens tausend Schritte im Umfange hielt. Abends blieben wir in +Palpatte, wo eine der größten Chauderies von ganz Indien ist.</p> + +<p>Unsere lezte Tagereise bot wenig Merkwürdigkeiten dar. Wir begegneten +einer anderen Truppe Tänzerinnen, und ich dachte lebhaft an die +liebliche Mamia. Gegen fünf Uhr kamen wir in Carraconde an. Die +Chauderie war bereits völlig besezt, wir lagerten<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> uns daher in einem +benachbarten Mangabusch. Um schneller Feuer zu bekommen, raffte ich +einige trockene Baumblätter auf. In dem Augenblicke fühle ich einen +stechenden Schmerz; ziehe die Hand zurück, sehe, daß eine schwärzliche +Schlange daran hängt, und verliehre das Bewußtseyn.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Fünfzehntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Feuer, von meinen Trägern +umringt. Sie fuhren fort, meinen Finger gegen die Flamme zu halten, um, +wie sie glaubten, das Gift heraus zu ziehen; während bereits nach dem +Schorpojan, oder Schlangenbeschwörer geschickt worden war. Bald darauf +kam der Bote mit der Nachricht zurück, daß derselbe abwesend sey. +Indessen brachte er dafür einen mohrischen Waitium (Arzt)<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> mit. Dieser +besah meinen Finger mit großer Aufmerksamkeit, und erklärte mir ohne +Umschweife, daß ich allerdings nicht außer Gefahr sey. Indessen gab er +mir einen Löffel von einer höchst bittern Latwerge ein, versprach den +andern Tag wieder zu kommen, und nahm mit den Worten: Gott ist groß! +(Tambrane meharse!) Abschied von mir.</p> + +<p>Es währte keine halbe Stunde, als mich ein allgemeines Frösteln mit +heftigem Schwindel überfiel — »Freunde!« — rief ich mit gebrochener +Stimme. — »Es ist vorbei! Ich sterbe! Lebt wohl! Lebt alle wohl!« — +Alle schwiegen und weinten; ich fühlte wie es immer düsterer um mich +ward. Auf einmal hörte ich ein lautes Pfeifen neben mir. Ich schlug die +Augen auf, und erblickte dieselbe Schlange, von der ich gebissen worden +war. — »Das ist sie! Das ist sie!« — rief ich mit Entsetzen, während +sie langsam an einem vom Feuer beleuchteten Stamme herunterkroch. +Meine Leute betrachteten sie nun genauer, und versicherten einstimmig, +daß<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> sie nicht giftig sey. Mein Schwindel verlor sich; ich athmete mit +leichterer Brust.</p> + +<p>Indessen nahm der Schmerz am Finger außerordentlich zu. Bald zeigte +sich der Anfang einer Entzündung, die allmählig die ganze Hand zu +ergreifen schien. Ich beschloß daher, auf den eigenen Rath des Waitiums +nach Naporlie zu gehen, wo ein berühmter Schorpojan wohnhaft war. Wir +kamen an, aber leider befand er sich nicht mehr daselbst. In dieser +verzweifelten Lage beschloß ich so schnell als möglich nach Madras zu +eilen, und brach auch wirklich am folgenden Morgen in aller Frühe auf.</p> + +<p>Aber welcher Unterschied! Meine Träger niedergeschlagen; ich von den +heftigsten Schmerzen gequält; mein Reisegefährte ebenfalls krank. +Schweigend und traurig zogen wir daher; das einförmige Hei! Hei! Hei! +der Träger<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> war alles, was von Zeit zu<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> Zeit die melancholische +Stille unterbrach. So kamen wir Mittags nach Kalurie, wo wir ganze +Heerden calecuttischer Hühner sahen, und übernachteten bei Madupatte +unter Bäumen in freier Luft. Mein Schmerz war unerträglich; ich konnte +keine Viertelstunde ruhen; wir machten uns daher noch vor Sonnenaufgang +auf den Weg.</p> + +<p>Der Boden ward sandiger, die Landschaft kahler, die Bevölkerung +schwächer; alles kündigte die Nähe des Meeres an. Indessen fanden +wir doch noch ein sehr schönes Dorf, Anenabob genannt, wo zu Mittag +gegessen ward. Nachmittags passirten wir den Gondakama in einem +Sangarie (hohlen Cocosstamme) und kamen Abends nach Pandalur, das +ganz mit Betelgärten umgeben ist. Ich hatte eine sehr traurige +Nacht. Gegen Morgen indessen bekam ich einige Linderung, und durfte +einer erträglichen Tagereise entgegen sehen. Sie bot jedoch nichts +Merkwürdiges dar. Wir hielten Mittags zu Binganapilli an, und +übernachteten zu Aschacoldindi, das in der<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Nähe des Meeres liegt. +Die Chauderie war völlig leer; ich ließ daher meinen Palankin +hineinbringen, und fiel in einen tiefen Schlaf.</p> + +<p>Als ich am andern Morgen erwachte, war der Schmerz in meiner Hand +beinahe verschwunden, allein der Finger völlig fühllos, folglich der +Brand nur zu gewiß. Eilends rief ich meine Träger herbei. — »Ich muß +nach Madras, Freunde« — sagte ich — »Nach Madras, oder es ist um mich +geschehen. — Ich muß Tag und Nacht durch reisen, oder es ist keine +Hülfe mehr für mich!« —</p> + +<p>Meine Kulies sahen einander an, und gaben dann einstimmig ihre +Einwilligung. — »Ja Herr!« — riefen sie — »Wir wollen bei euch +aushalten; wir wollen euch nach Madras bringen, verlaßt euch darauf!« +— Ich nahm nun noch sechs andere Träger, theils zum Ablösen, theils +zum Fackeltragen an, und die Reise ward fortgesezt.</p> + +<p>Dieser Tag war einer der traurigsten meines Lebens, dessen ich mich +erinnern kann.<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> Er endigte jedoch mit einer Entdeckung, worüber +ich allen meinen Schmerz vergaß. Gegen vier Uhr Nachmittags kamen +wir nämlich durch Nebabpent, ein großes, wegen eines alten Tempels +berühmtes Dorf. Diesem Tempel gegen über war ein schöner Weiher, mit +einer Menge Badender angefüllt, worunter sich an dem einen Ende auch +ein Haufen junger Mädchen befand. Ziemlich flüchtig hatte ich auf diese +Gruppen hingeblickt, als ich plözlich einen durchdringenden Schrei +vernahm. Die Stimme schien mir bekannt, ich sah noch einmal hin, und +sah — O gütiger Himmel! — sah Mamia, die liebliche Tänzerin, die eben +aus dem Bade gestiegen war.</p> + +<p>»Halt! Halt!« — rief ich den Trägern zu, sprang aus dem Palankin, +und flog auf das Mädchen zu. — »O Mamia! Geliebte Mamia!« — sagte +ich — »Wie oft habe ich an dich gedacht!« — Nie hatte ich sie so +reizend gesehen. Sie glich in ihrem feuchten, die schönen Glieder dicht +umschließenden Gewande,<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> einer dem Meere entstiegenen Huldgöttin. — +»O mein Herr!« — erwiederte sie mit holdem Erröthen — »Aller Augen +sind auf uns gerichtet!« — »Wohl süße Mamia!« — gab ich zur Antwort +— »Ich spreche dich in der Chauderie.« — Sie bejahte es mit einem +himmlischen Lächeln, und eilte mit ihren Gespielinnen zurück. Wir aber +nahmen so fort von der Chauderie Besiz.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Sechzehntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Indessen war ich nicht wenig verwundert, weder die Juntries +(Spielleute) noch die Bagage der Tänzerinnen daselbst zu sehen. War +es ein Mißverstand? Hatten sie einen andern Lagerplatz? — Oder waren +sie plözlich abgereist? — Beinahe fieng ich an ungeduldig zu werden, +als die Daja mit vielen Grüßen von Mamia erschien. Sie waren in einem +Mangabusche<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> gelagert, in wenig Minuten würde sie bei mir seyn. Ich gab +der Alten einige Rupien, ließ noch mehr Lampen anzünden, und harrte des +lieblichen Mädchens am Eingange der Chauderie. Endlich erschien sie, +doch des Wohlstandes halber die Daja mit ihr.</p> + +<p>Sie verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen; allein das Klopfen ihres +Busens verrieth, wie sehr sie in Bewegung war. Ich führte sie sogleich +zu einem Teppich, und bot ihr Betel an. — »Freue dich, schöne Mamia!« +— sagte ich — »Du bist gerächt!« — Und hiermit erzählte ich ihr die +ganze Geschichte meiner Leidenschaft.</p> + +<p>»O mein Herr!« — erwiederte sie — »Ich habe sie längst entschuldigt. +Ich erkenne mein Schicksal, das mich auch in meiner Liebe verfolgt!« +— So erklärte sie mir mit sanftem Erröthen den ganzen Zusammenhang. +— »Mein Herz war immer bei Ihnen!« — fuhr sie fort — »Ich klage +niemand als mein Unglück an!« — Sie war aus der Caste der<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> Aerzte, +und nur aus Noth eine Tänzerin geworden<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a>, da sie sich nach dem Tode +ihrer Eltern gänzlich verlassen sah. Für meine Hand versprach sie mir +einen köstlichen Balsam zu bereiten, und eilte deshalb sofort zu dem +Lagerplatze zurück.</p> + +<p>Während ihrer Abwesenheit unterhielt mich die Daja sehr lebhaft von +ihr. Sie konnte mir nicht beschreiben, wie betrübt das gute Kind über +meine Gleichgültigkeit und meine Abreise gewesen war. Nach einer +kleinen halben Stunde war das liebliche Mädchen schon wieder mit dem +Balsam da, und verband meine Wunde mit vieler Geschicklichkeit. Ich +konnte mich nicht enthalten, sie an mein Herz zu drücken, und sie +erwiederte meinen Kuß mit Zärtlichkeit.</p> + +<p>»Ach!« — rief sie wehmüthig aus — »Das ist ja doch das Leztemal, daß +ich sie<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> sehen kann!« — »Das Leztemal?« — fragte ich bestürzt — »Wie +meinst du das lieblichste Mamia?« — »Ach mein Herr! Ich fürchte es +wenigstens!« — erwiederte sie, und erzählte nun, wie weder sie, noch +die Daja, noch irgend eine ihrer Gespielinnen jemals in Madras gewesen +sey. — »Wie werde ich sie wiederfinden können?« — fuhr sie fort — +»Ach nimmermehr! — Ich werde vor Sehnsucht sterben; ich fühle es.« — +Ihre Thränen flossen; sie verbarg ihr Gesicht an meiner Brust.</p> + +<p>»Nein, bei Gott nicht!« — rief ich mit Lebhaftigkeit aus — »Bei Gott +nicht!« — »Hier Mamia!« — indem ich eine Ola<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> herausnahm. — +»Hier Mamia, hast du Namen und Wohnung von drei Freunden, bei denen +du mich aufsuchen kannst.« — Zu gleicher Zeit schrieb ich ihr noch +mein Speisehaus u. s. w. auf. — »So wirst du mich nicht<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> verfehlen, +liebstes Herz!« — fuhr ich fort, und hatte die Freude, sie beruhigt zu +sehen.</p> + +<p>Mein Entschluß war gefaßt, Mamias Zukunft für immer bestimmt. Noch +eine Umarmung, und ich stieg in den Palankin. Meine Träger hatten fünf +Stunden geruht; mit brennenden Fackeln zogen wir zum Dorfe hinaus. Die +Nacht war still und schön; bald schlief ich unter den lieblichsten +Erinnerungen ein. Als ich am andern Morgen erwachte, lag die herrliche +Landschaft schon in vollem Sonnenglanz. Ich war sehr vergnügt; meine +Wunde ließ sich vortrefflich an. Sorgfältig goß ich von Zeit zu Zeit +neuen Balsam darauf.</p> + +<p>Mittags hielten wir in Jasurpalam, in einer etwas kleinen, aber sehr +reinlichen Chauderie an. Bald darauf kamen noch drei andere Reisende +zu uns. Es war ein Mr. Harclay mit seinem Intendanten und Secretär. +Er kam von Madras, und gieng als Gouverneur nach Mazulipatnam. Wider +Gewohnheit der Engländer war er sehr gesprächig,<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> und lud mich zum +Mittagsessen ein. Er gestand mit vieler Offenherzigkeit, daß er blos, +um ein Paar Plumbs<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> zusammenzubringen, nach Ostindien gekommen sey. +Nach einigen Stunden brachen wir wieder auf, und ruhten dann die halbe +Nacht zu Kukenpuron. Am folgenden Morgen kamen wir zu Palliacatta, und +so am vierzehnten Tage zu Madras an.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Siebenzehntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Ich war bei meinem alten Freund <em class="gesperrt">Frank</em> abgetreten, und lernte +durch diesen einen französischen Arzt, Namens <em class="gesperrt">Beißer</em> kennen, +der seiner Geschicklichkeit wegen, in großem Rufe stand. Doctor Beißer +besah meine Wunde, zuckte die Achseln, nahm<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> einige Operationen vor, +und legte einen neuen Verband an. Nur Mamias Balsam mußte ich es +verdanken, wenn noch Möglichkeit zur Rettung vorhanden war. Während +wir so von meinen Abentheuern sprachen, kam endlich Doctor Beißer auf +meinen Namen zurück.</p> + +<p>»Aber Haafner! Haafner!« — sagte er — »Der Name kommt mir so bekannt +vor. War ihr Vater vielleicht aus Kolmar?« — Ich bejahte es. — »Und +ihr Großvater Bürgermeister daselbst?« — »Ganz richtig!« — erwiederte +ich — »Nun so seyn Sie mir herzlich willkommen, liebster Vetter« — +rief er auf einmal zu meiner Verwunderung aus, und umarmte mich. — +»Ihres Vaters Schwester war meine Schwiegermutter; ich bin ebenfalls +aus dem Elsaß.« — Nun ruhte der gute Mann nicht länger; ich mußte noch +denselben Tag zu ihm ziehen.</p> + +<p>Er war von Isle de France hierher gekommen, und hatte sich durch +einige glückliche Kuren, in kurzer Zeit eine sehr ansehnliche Praxis +verschafft. Dies sezte ihn in den<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Stand auf einem höchst glänzenden +Fuße zu leben, so daß sein Haus den reichsten Kaufmannshäusern ähnlich +war. Unter seiner Aufsicht ließ sich nun meine Wunde immer besser an, +und heilte endlich vollkommen zu. Auch das hatte ich also im Grunde dem +lieben Mädchen zu danken, deren Ankunft ich sehnsuchtsvoll entgegensah.</p> + +<p>Bald waren indessen vierzehn Tage vergangen, und noch immer hatte +ich keine Nachricht davon. Doch endlich kam ein Juntrie, und brachte +mir tausend Grüße von ihr. Ich folgte ihm außerhalb der Stadt in ein +Wäldchen, wo die ganze Truppe gelagert war. Wenig Minuten und Mamia +sank mit süßem Erröthen an meine Brust. — Ich erfuhr nun, daß ihre +Ankunft blos durch eine Unpäßlichkeit der Daja verzögert worden war, +und daß sie die Gesellschaft verlassen könnte, so bald ich es für +dienlich hielt.</p> + +<p>»Wohlan denn, liebstes Herz!« — sagte ich — »Das soll den Augenblick +geschehen!« — Und so bat ich sie, mich in die Stadt zu begleiten,<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> +und die für sie bestimmte Wohnung zu besehen. Ich hatte ihr nämlich +in einem malabarischen Hause, bei einer alten Wittwe, ein Paar artige +Zimmer gemiethet, und auch für eine Aufwärterin gesorgt. So brachen +wir auf; ein Juntrie trug die Sachen des lieben Mädchens, und ehe zwei +Stunden vergiengen, war alles in Ordnung gebracht. Noch denselben Tag +nahm ich das erste Abendessen bei dem holden Mädchen ein. — Von nun an +war der Tag meinen Geschäften, der Abend meiner Liebe geweiht. Doch, +ehe wir Madras verlassen, noch einige Bemerkungen über diese Stadt.</p> + +<p>Madras, von den Eingebornen Tschinepatnam (Chinesenstadt) genannt, wird +in die weiße und schwarze Stadt eingetheilt. Jene von vier bis fünf +hundert Häusern, und mit einer Menge großer Magazingebäude, befindet +sich in der Mitte der starkbefestigten Citadelle, Fort St. George +genannt, das hart am Strande liegt. Diese, durch einen großen Plaz +davon getrennt, hat ungefähr eine<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> Stunde im Umfang. Die weiße Stadt +ist der Siz der Regierung, auch wohnen die vornehmsten und reichsten +Leute daselbst. Die schwarze Stadt wird hauptsächlich von Malabaren, +Armeniern, Mestizen u. s. w. bewohnt, doch trifft man auch hier viel +Engländer an.</p> + +<p>Die englischen Häuser in der weißen, so wie die armenischen in der +schwarzen Stadt, zeichnen sich durch ihren Umfang und ihre Nettigkeit +aus. Sie sind von Quadern oder Backsteinen, glänzend weiß angestrichen, +und mit Balkons, und platten Dächern versehen. Glasfenster findet man +nirgends, wohl aber welche von Bambusfäden, auch sogenannte Jalousien; +die malabarischen Häuser u. s. w. in der schwarzen Stadt sind äußerst +einfach, und haben alle nur ein Erdgeschoß.</p> + +<p>Der Boden von Madras ist dürres Sandland, wo man nur mit Mühe einige +Produkte ziehen kann. Das Wasser ist schlecht. Man muß sich mit +Brunnen- und Teichwasser behelfen, weil das Seewasser alle Quellen<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> +verdirbt. Die Rhede ist unsicher; die Schiffe befinden sich wie +in offener See, zumal bei Veränderung des Moußon (Jahreszeit). +Ehedem mußten daher die englischen Kriegsschiffe, vor Eintritt des +Regenmonßon, immer nach Bombay abgehen, und die englischen Besitzungen +auf der Küste, blieben allen feindlichen Angriffen von Trinconomale +(auf Ceylon) ausgesezt. Seitdem sich aber die Engländer dieses +wichtigen Punktes, so wie der ganzen reichen Insel bemächtigt haben, +können sie nicht nur ihre Flotten in der Nachbarschaft überwintern +lassen, sondern auch vor jedem Angriffe sicher seyn. Die englischen +Einwohner von Madras leben im Allgemeinen auf einem sehr glänzenden +Fuß. Der Gouverneur giebt den Ton an, und alles ahmt ihm nach, so +weit es möglich ist. Dieser asiatische Pomp zeigt sich vorzüglich in +einer zahlreichen Dienerschaft, in glänzenden Equipagen, in prächtigen +Wohnungen, in schönen Gartenhäusern, in einer vortrefflichen Tafel +und einer großen Gastfreiheit.<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> Freilich sezt dies sehr ansehnliche +Einkünfte voraus; allein diese fehlen auch nicht. Sowohl die höhern, +als die niedern Compagniebeamten beziehen sehr hohe Gehalte, und +erwerben überdem durch Handelsgeschäfte außerordentlich viel. Die +eigentlichen Kaufleute, die Mäkler, die Aerzte und Wundärzte, die +Advokaten u. s. w. alle häufen in kurzem ansehnliche Reichthümer auf.</p> + +<p>Mit Anbruch des Tages, d. h. um fünf Uhr Morgens steht man auf, und +fährt oder reitet spazieren bis gegen acht Uhr, wo gefrühstückt wird. +Dies ist zugleich die beste Zeit, wo man jedermann zu Hause treffen, +und Geschäfte machen kann. Die Büreauarbeit hat von neun bis zwei +Uhr statt. Jezt wird gespeist, worauf die Siesta (Nachmittagsschlaf) +folgt. Um fünf Uhr fangen die Assembleen an. Um neun Uhr wird zu +Abend gegessen, was hier die Hauptmahlzeit ist. Selten pflegt man vor +Mitternacht, in der Regel, erst gegen ein Uhr schlafen zu gehen.</p> + +<p>Ein stehendes Theater giebt es nicht, doch<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> finden zuweilen +Vorstellungen von Liebhabern statt. Dafür werden desto mehr +Pferderennen mit indischen und arabischen Pferden gehalten, wozu +man die kühlen Morgenstunden wählt. Gelegenheit zu Landparthien u. +s. w. giebt es mancherlei, z. B. nach dem St. Thomasberge, wo noch +ein portugiesisches Kloster ist, nach Emnore, wo man das Seebad +brauchen kann, nach Meliapar, wo sehr viel artige Landhäuser sind, und +dergleichen mehr.</p> + +<p>Eines der angenehmsten Ereignisse für Madras ist die Ankunft eines +<em class="gesperrt">Indiaman</em>, oder großen Compagnieschiffes, wovon die meisten auf +vier und dreißig Canonen gebohrt sind. Dann ist alles voll Leben und +Thätigkeit, und überall werden die neu angelangten Waaren zum Verkaufe +ausgestellt. Die Beamten der Compagnie haben dabei den Vortheil, daß +ihnen Tuch und Maderawein für den Facturenpreis überlassen werden +muß. Sehr angenehm ist auch die Ankunft der großen Chinafahrer auf +ihrer Rückreise nach England. Sie bringen die schönsten<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> Seidenzeuge, +Nankins, Frauenzimmerschuhe, Porcellanwaaren, Gemälde, Fächer, +Spielsachen u. s. w. mit.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Achtzehntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Ich kehre zu meiner Geschichte zurück. Meine Verhältnisse erlaubten +mir, meiner Neigung zum Landleben zu folgen, und mich von allen +Geschäften völlig zurückzuziehen. Allein um dieses ausführen zu können, +mußte ich durchaus noch eine Reise nach Pondichery machen, wo ich in +weitläuftigen Verbindungen stand. Theils der Ersparniß, theils der +Schnelligkeit wegen, beschloß ich diesmal zu Wasser zu gehen, und +brachte den Abend vor der Abreise, wie gewöhnlich bei Mamia zu.</p> + +<p>Sie war mit meinen Angelegenheiten bekannt; sie wußte wie nothwendig +diese Reise war. Kaum hörte sie mich aber vom Schiffe<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> sprechen, als +sie zu weinen anfieng. Sie fürchtete das Meer, sie bat mich aufs +zärtlichste, zu Lande zu gehen. Allein es ließ sich nun nicht ändern, +ich suchte sie daher zu beruhigen, und verließ sie endlich nach +Mitternacht. Jezt nach einigen Stunden Ruhe begab ich mich an den +Strand, um mit einer Chialeng (Ruderboot) nach dem Schiffe zu fahren, +das bereits auf der äußeren Rhede lag.</p> + +<p>Indem ich mich der Chialeng näherte, erblickte ich zwei Frauenzimmer +dabei, und erkannte sie bald für Mamia und ihre Begleiterin. — »Herz +meines Herzens!« — sagte sie — »Ich mußte dich noch einmal sehen! Ich +wollte dich um Erlaubniß bitten, dich auf das Schiff zu begleiten; es +ist mir, als würde ich dann ruhiger seyn!« —</p> + +<p>Vergebens suchte ich ihr dies auszureden, besonders der ungewöhnlich +hohen Brandung wegen; sie bat nun noch dringender darum — »Gerade +deswegen!« — fuhr sie fort — »Wenn dir ein Unglück begegnet, bin ich<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> +wenigstens bei dir!« — So willigte ich endlich ein, um ihr nicht wehe +zu thun.</p> + +<p>Allein, wie groß war mein Erstaunen, als ich die Chialeng fast ganz mit +Waarenballen angefüllt sah. — »Was ist das?« — fragte ich unwillig +— »Ist das unserm gestrigen Accorde gemäß?« — Der arme Tandel +(Steuermann) erzählte mir nun, daß die Chialeng von dem Hafenmeister +gepreßt worden sey. Wirklich trat auch in dem Augenblick ein Seecadet +auf uns zu, und befahl ihm ungestüm in See zu gehen.</p> + +<p>Ich fühlte, daß gegen Gewalt nichts auszurichten war, und schränkte +mich daher blos auf Vorstellungen ein. — »Die Brandung geht zu hoch! +Es ist unmöglich, daß die schwere Chialeng hinüber kommt.« — Der arme +Tandel bestätigte es — »Gott ist groß!« — sezte er bedeutend hinzu — +Allein vergebens, der junge tollkühne Midshipmann bestand darauf.</p> + +<p>Was sollte ich thun? Alle meine Papiere befanden sich bereits an Bord. +Wenn ich<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> das Schiff absegeln ließ, war ich völlig ruinirt. Noch stand +ich unschlüßig, als Mamia beherzt in die Chialeng sprang, und so alles +entschied. Wir waren nun nebst den sechs Ruderern vier Passagiere +zusammen, indem außer dem Seecadet, noch eine alte Mestize dazu +gekommen war.</p> + +<p>Allein kaum hatten wir uns einige Klaftern vom Ufer entfernt, als die +Chialeng kaum eine Hand breit Bord behielt. Ich winkte daher meinem +Dobasch (Bedienten) der am Ufer stand, uns ein Paar Kattamarans (kleine +Flöße) nachzuschicken, was auch sofort bewerkstelligt ward. Indessen +wälzte sich bereits die erste Woge mit donnerndem Getöse gegen die +Chialeng. Der Tandel that sein möglichstes derselben auszuweichen; +dennoch stürzte sie zum Theil auf uns herab, und die Chialeng sank bis +auf einige Zoll ins Wasser. Jeder Augenblick war kostbar — »Komm, +Mamia!« — rief ich, und sprang mit ihr Hand in Hand über Bord. — +Indem brach die Brandung wie<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> ein niederschmetterndes Gewölbe über mich +her. Als ich wieder empor kam, war die Chialeng verschwunden, und Mamia +befand sich dicht hinter mir. Muthig schwammen wir nunmehr dem Ufer zu, +das ungefähr nur noch hundert Schritte von uns entfernt war.</p> + +<p>Plözlich fühlte ich mich in die Tiefe gezogen, und erblickte mit +Entsetzen die alte Mestize, die sich an meinen Kleidern festhielt. +Vergebens suchte ich mich loszureißen; sie hatte mich im Todeskampfe +gefaßt. — »O Mamia!« — rief ich — »Ich bin verloren! Rette dich!« — +»Nein!« — erwiederte sie — »Ich verlasse dich nicht.« — In diesem +Augenblicke stürzte die lezte Brandung über uns her, und ich verlor das +Bewußtseyn.</p> + +<p>Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Strande, von einer Menge +Menschen umringt, in einem Palankin. Ich erblickte meinen Dobasch, und +fragte nach Mamia. — »Sie ist gerettet, lieber Herr!« — erwiederte +er. — Freudig hieß ich ihn nach dem Schiffe fahren, um meine Sachen +zu<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> holen, und ward so glücklich nach Hause gebracht. Bald kam mein +Dobasch mit den Coffres zurück. Jezt erfuhr ich, wie alles zugegangen +war. Mamia hatte mich mit unsäglicher Anstrengung emporgehalten, bis +uns der eine Kattamaran zu Hülfe kam. Indem wir so sprachen, flog sie +mit einem lauten Schrei in meine Arme, und drückte mich aufs innigste +an sich. Zu ihrer großen Freude beschloß ich nun zu Lande zu gehen.</p> + +<p>Alle Anstalten waren gemacht; Mamia lag zum leztenmale an meiner Brust. +— »Ach!« — sagte sie weinend — »Ach Freund meiner Seele, komm so +bald als möglich zurück, wenn ich dich noch einmal sehen soll!« — +»Hier, hier schmerzt es« — indem sie die Hand an ihr Herz legte +— »Ich fürchte, du findest mich todt!« — Es war ein wehmüthiger +Abschied. — Nach einem langen, heißen Kuße riß ich mich endlich los.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p> + +<h4 class="p2">Neunzehntes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Es war gerade drei Uhr Nachmittags; langsam zogen wir durch den +Schattengang, der von Madras nach St. Thomas (indisch Maliapur) führt. +Hinter diesem Dorfe fingen die Verwüstungen des lezten Krieges +an, alles war daher mit Ruinen bedeckt. Zum Glück hatten wir uns +hinlänglich mit Lebensmitteln versehen.</p> + +<p>Am dritten Tage kamen wir durch das Thal Maweliewarom, das seiner +wunderbaren Ruinen wegen berühmt ist. Man sieht hier nämlich eine +Reihe von Tempeln, Piramiden, Chauderies, Gewölben u. s. w., die +sämmtlich aus einem Stücke in den Felsen gehauen sind. Mit Ehrfurcht +betrachtet man diese Ueberreste einer eben so kühnen, als romantischen +Architektur, aus den ersten Jahrtausenden der Welt.</p> + +<p>Am merkwürdigsten sind sieben Tempel, die sich in gerader Linie, einer +hinter den<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> andern, vom Strande aus, über eine Meile weit, ins Meer +hinausziehen. Der erste steht beinahe noch ganz auf dem Lande, das +Wasser steigt nur bei sehr hohen Fluthen hinein. Die vier folgenden +ragen immer weniger, die zwei lezten fast gar nicht aus dem Meere empor.</p> + +<p>Noch weiter in den See hinaus, erblickt man eine Menge ähnlicher +Ruinen, die bei hohem Wasser sehr gefährlich sind. Die sieben Pagoden +von Maweliewarom, pflegen daher auf allen Seekarten bemerkt zu seyn.</p> + +<p>Alle diese ungeheuren Gebäude hält man für die Ueberreste einer +der ältesten und größesten Städte von Indien, deren Geschichte +indessen in tiefer Nacht verborgen liegt. Blos ein berühmtes +indisches Heldengedicht (Mahebaroth) erwähnt des mächtigen Königs +Joudishter, der daselbst residirt haben soll. Wie dem indessen +auch seyn mag; die Aufführung solcher Massen beweißt einen hohen +Grad artistisch-scientifischer Cultur. Das Ganze muß übrigens von +unermeßlichem Umfange gewesen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> seyn, da nicht nur das Thal, sondern +auch ein so beträchtlicher, jezt vom Meere verschlungener, Küstenstrich +damit bedeckt war. Mitten unter diesen Denkmälern längstverschwundener +Generationen, findet man ein kleines, meistens von Braminen bewohntes +Dorf, an dessen Eingange die Chauderie steht.</p> + +<p>Indessen pflegen nur wenig Reisende hier zu übernachten, weil alles +mit Tigern, Schakals u. s. w. angefüllt ist. Da wir uns aber zu lange +aufgehalten hatten, schien es noch weniger räthlich, in der Dämmerung +weiter zu gehen. Wir beschlossen daher, vor der Chauderie ein großes +Feuer anzuzünden, und wechselweis dabei Wache zu halten, wo mich dann +nach dem Abendessen die erste Wache traf.</p> + +<p>Es war fast Mitternacht, der Mond gieng hinter den waldigen Gebirgen +unter, und goß sein schwindendes Licht auf die gigantischen Ruinen +einer Pagode herab. Bald lag nun alles in Dunkelheit; kein Lüftchen +wehte; kein Blättchen rauschte; selbst das Heulen der Schakals +hatte aufgehört. Da starrte<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> ich hinaus in die schwarze Nacht, und +auf das einsame Thal, wie auf das Grab einer entschlafenen Welt. +O Menschenleben! O Menschengröße! Augenblicke — Jahrtausende! — +<em class="gesperrt">Ein</em> Tropfen aus dem Ocean der Ewigkeit.</p> + +<p>Am sechsten Tage kam ich durch lauter verwüstete Gegenden in Pondichery +an, und fand in dem deshalb bezeichneten Wirthshause bereits einen +Brief von Mamia, der den Tag nach meiner Abreise abgegangen<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> +war. Sie schrieb mir in den zärtlichsten Ausdrücken, und hoffte +mich unverzüglich wieder zu sehen. Ihre Brustbeschwerden schienen +zuzunehmen, doch war sie im übrigen vollkommen<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> wohl. Ich selbst ward +aber leider nunmehr von einem Fieber befallen, das mich nun alle Tage +im Bette hielt. Unterdessen hatte ich dem lieben Mädchen geantwortet, +und ihr versprochen, in zehn, zwölf Tagen wieder in Madras zu seyn.</p> + +<p>Schon stand ich jezt im Begriffe, meine Rückreise anzutreten, als +ich von meinem Dobasch einen Brief mit der Nachricht erhielt, daß +Mamia plözlich verschwunden sey. Ein Gunekare (Wahrsager) hatte ihr +einige Tage vorher, ihren Horoscop gestellt, und ihr die nahe Trennung +von ihrem Geliebten vorhergesagt. Seit diesem Augenblick hatte sie +unaufhörlich geweint, und ihre Brustschmerzen dadurch vermehrt. In +ihrem Zimmer war jedoch nicht die mindeste Anzeige von einer Reise zu +finden; im Gegentheile waren Juwelen, Kleider u. s. w. in der besten +Ordnung. Ich gestehe es, ich erschrack über diese Nachricht so sehr, +daß ich mich kaum zu fassen im Stande war.</p> + +<p>So hatte ich einige Tage in großer Unruhe<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> zugebracht, als eines +Abends ein Malabar bei mir erschien, der gerade von <em class="gesperrt">Omur</em> kam. +Er brachte mir Nachrichten von Mamia; sie war krank, und befand +sich in dem Hause seiner Mutter, die ebenfalls von der Caste der +Tänzerinnen war. — »Wie?« — rief ich mit wehmüthiger Freude aus: — +»Krank, und zu Omur?« — »Ja Herr!« — erwiederte der Juntrie, und +erzählte mir den Zusammenhang. Mamia kam wirklich von Madras, und +wollte nach Pondichery. Sie hatte diese Reise so eilig angetreten, daß +sie nun gefährlich darnieder lag. Die Daja hatte den Juntrie auf ihr +ausdrückliches Verlangen abgeschickt: — »Sie wünsche mich vor ihrem +Tode nur noch einmal zu sehen.«</p> + +<p>Man denke sich meine Empfindungen. — Soviel Liebe, soviel +Anhänglichkeit! Und ich sollte <em class="gesperrt">sie</em> verlieren, die mein Alles +war! — Schnell ließ ich einen Palankin kommen, reiste die ganze Nacht, +und kam schon Morgens um sieben Uhr zu Omur an. Da stand ich nun mit +klopfendem Herzen vor dem kleinen<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> malabarischen Häuschen, das meine +geliebte Freundin verbarg, während der Juntrie hineingegangen war, und +der Daja von meiner Ankunft Nachricht gab.</p> + +<p>Die gute alte Frau erschien, und erzählte mit thränenden Augen, wie +alles zugegangen war. Mamia hatte seit meiner Abreise keinen ruhigen +Augenblick gehabt. Nichts war im Stande gewesen, sie von der Reise nach +Pondichery abzubringen; sie wollte, sie mußte mich noch einmal sehen. +Aber am fünften Tage hatte sie ein heftiges Fieber bekommen, und war +halbtodt in Omur angelangt.</p> + +<p>Der Juntrie kam uns jezt zu sagen, daß Mamia aufgewacht sey. Die Daja +gieng hinein, sie auf meine Ankunft vorzubereiten; ich hörte meinen +Namen nennen, und folgte ihr auf dem Fuße nach. Mamia lag auf einer +Matte ausgestreckt. Ihr himmlisches Gesicht war todtenbleich; ihr +ganzes Ansehen zeigte die höchste Erschöpfung an. Aber kaum ward sie +mich gewahr, so richtete sie sich auf, und breitete ihre Arme nach mir +aus. — »Ach<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> mein bester Freund!« — rief sie mit heißen Thränen — +»Wie bist du so gut! — Nun will ich gern sterben, habe ich dich doch +noch einmal gesehen!« —</p> + +<p>Ich suchte sie zu trösten, aber vergebens — »Ach Gott!« — fuhr sie +fort — »Nein! Für mich ist keine Hülfe mehr, ich fühle es nur zu gut! +Mein Schmerz ist tödlich; meine Augenblicke sind gezählt! Geliebtester! +Ich habe nur noch eine Bitte an dich!« —</p> + +<p>»Und was soll ich für dich thun, o Einzige meines Lebens« — sagte ich. +—</p> + +<p>»Du bist mir Alles! Ich habe keinen Freund als dich! Zünde du meinen +Scheiterhaufen an!« —</p> + +<p>Ich versprach es ihr — Sie legte ihr Haupt an meine Brust, und hob +ihre brechenden Augen noch einmal voll Zärtlichkeit zu mir empor. — +»Leb wohl, Geliebtester! — Leb ewig wohl!« — Dies waren ihre lezten +Worte, und so entschlummerte sie.</p> + +<p>Nichts von meinen Empfindungen; einen solchen Schmerz hatte ich +noch nie gefühlt.<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> Das holde theure Mädchen war das Opfer ihrer +Zärtlichkeit. Erst seit jenem schrecklichen Tage, wo sie mich rettete, +hatte sie über Brustbeschwerden geklagt.</p> + +<p>»Theure, geliebte Seele!« — rief ich mit heißen Thränen — »Ach! Ohne +dich ist das Leben nur eine Marter für mich!« — Traurig vergieng der +Tag; die Braminen richteten alles zum feierlichsten Begräbnisse ein. +— Zum leztenmal sah ich das himmlische Gesicht — die Flamme loderte +auf — der unsterbliche Theil meiner Geliebten stieg zu Brama empor. — +Lebt wohl, ihr Gestade Ostindiens! — Ich kehrte nach Pondichery, und +bald darauf nach Europa zurück!</p><br> + +<hr class="full"> +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p> + +<h2 class="p4 lh2">Zweite Abtheilung,<br> +<em class="s3 gesperrt">Ch. Fr. Tombe</em></h2> +<hr class="sk"> +</div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p> + +<p class="s4 center"><b>Quelle.</b></p><div class="blockquot"> +<p><em class="antiqua">Voyage aux Indes Orientales etc. par <em class="gesperrt">Ch. Franc. Tombe.</em> Paris +VI. Vol. 8. 1810.</em></p> +<hr class="sk"> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p> + +<h4 class="p2">Erstes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Ich war Ingenieur-Capitain, und hatte seit 1796 bei der Nord- und +Rheinarmee alle Feldzüge mitgemacht. Allein nach dem Frieden von Amiens +(1802) ward ich auf Pension gesezt, was für mich, als Familienvater, +sehr traurig war. Ich suchte nun irgend eine passende Stelle zu +erhalten, meine Bemühungen hatten jedoch keinen Erfolg. Endlich ward +ich mit einem Kaufmanne aus Isle de France bekannt, der daselbst +ansehnliche Plantagen besaß. Er that mir den Vorschlag, ihn dahin zu +begleiten, versprach mich als Supercargo nach Ostindien zu senden, und +bestimmte mich ohne viel Mühe zur Annahme seines Antrags. Ich erbat, +und erhielt hierauf den nöthigen unbestimmten Urlaub, wieß meiner<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> +Familie inzwischen meine Pension an, und schiffte mich endlich am 24. +September 1802 mit meinem neuen Freunde, nach unserer Bestimmung ein.</p> + +<p>Unsere Ueberfahrt bis nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung bot wenig +Merkwürdiges dar. Wir waren neun und dreißig Passagiere, worunter +fünfzehn Frauen, an Bord, so daß es gar sehr an Bequemlichkeit gebrach. +Am 25. December Vormittags um 4 Uhr, erreichten wir das Cap, wo noch +die englische Flagge wehte, aber auch eine holländische Flotte vor +Anker lag. Wie gewöhnlich, kamen sofort zwei Gesundheitsbeamten u. s. +w. zu uns, ließen uns sämmtlich die Musterung passiren, und erlaubten +uns, nach einer kurzen Berathschlagung ans Land zu gehen. Wir hörten +jezt, daß der englische Gouverneur, General Dundas, das Cap an die +Holländer zurückzugeben im Begriffe war.</p> + +<p>Was ich über die Capstadt sagen könnte, ist bekannt; überdem war mein +Aufenthalt äußerst kurz. Die Uebergabe war auf den<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> 1. Jan. 1803 +festgesezt, die Einwohner bereiteten eine Menge Feierlichkeiten vor. +Plözlich am 31. December Nachmittags kam eine englische Corvette an. +Sie hatte die Reise von Plymouth in neun und fünfzig Tagen gemacht, +und brachte wichtige Depeschen an den General Dundas mit. Er erhielt +nämlich Befehl, die Uebergabe aufzuschieben, wenn es noch irgend +möglich sey. Schon waren fünfzehnhundert Mann von den englischen +Truppen eingeschifft, und sollten in einigen Tagen nach Ostindien unter +Segel gehen. Vier und zwanzig Stunden später, und Alles hätte eine +andere Gestalt gehabt! So aber wurden die Truppen wieder ausgeschifft, +die Posten verdoppelt, und die Holländer in die Caserne gesperrt. Die +Bestürzung der Einwohner war unbeschreiblich.</p> + +<p>Bald darauf verbreitete sich das Gerücht vom nahen Ausbruche eines +neuen Krieges, und einem provisorischen Embargo. In diesem Falle +wartete unserer förmliche Kriegsgefangenschaft. Zum Glück ward +indessen<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> dem Capitain abzusegeln erlaubt. Wir begaben uns daher +noch denselben Abend wieder an Bord. Endlich am 2. Januar kamen wir +glücklich in See, und am 6. Februar liefen wir in Port Louis, auf Isle +de France ein. So hatten wir die ganze Reise in fünftehalb Monaten +gemacht.</p> + +<p>Während dieser Zeit war mir mein neuer angeblicher Freund bereits nicht +wenig verdächtig geworden, aus Gründen, die ich eher andeuten, als +sagen kann. Wirklich fand ich mich auch bei meiner Ankunft auf Isle de +France sehr bitter getäuscht; jedermann rieth mir von dieser Verbindung +ab. Ich trennte mich daher augenblicklich von ihm, und dachte auf eine +Unternehmung auf eigene Hand. Ein Pariser Freund hatte mir mehrere +Wechsel auf hiesige Häuser anvertraut. Ich beschloß Waaren dafür +einzukaufen, und damit nach Pondichery zu gehen. Allein die Schuldner +waren nicht zahlungsfähig; man denke sich daher meine Verlegenheit. +Noch war ich dem Capitain achtzehnhundert Livres für<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> meine Ueberfahrt +schuldig, und hatte keinen Sol zu meinem Unterhalt. Das einzige, +worauf ich hoffen konnte, war eine Anstellung in Pondichery, zu dessen +Besizergreifung Admiral Linois eben abgegangen war. Unterdessen nahm +ich eine Hofmeisterstelle in einem Hause an, wo ich die liberalste +Behandlung fand.</p> + +<p>So waren an sechstehalb Monate vergangen, als mein Schicksal plözlich +eine andere Wendung bekam. Am 17. August Morgens lief nämlich die +französische Fregatte la belle Poule, Capitain Bouillac, hier ein. +Sie gehörte zur Division des Admirals Linois, und überbrachte die +Nachricht, daß die Uebergabe von Pondichery verweigert worden sey. +Da dies den nahen Ausbruch eines neuen Krieges anzudeuten schien, +ward sofort auf den Batterien Alles in Vertheidigungsstand gesezt. +Nachmittags um zwei Uhr ankerte der Admiral selbst mit seiner ganzen +Division. Wenig Tage nach seiner Ankunft auf der Rhede von Pondichery +hatte er nämlich Depeschen<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> aus Frankreich erhalten, mit dem Befehle, +sogleich nach Isle de France unter Segel zu gehen. Dem zu Folge hatte +er in der Nacht die Anker gekappt. Am Bord des Admiralschiffes, befand +sich der nach Pondichery bestimmte Generalgouverneur Decaen, und der +Colonialpräfect Leger, dessen Familie zu Pondichery zurückgeblieben +war. Niemand zweifelte mehr am Kriege; doch wußte Niemand etwas +Gewisses davon. Endlich am 28. August kam der Cutter le Berceau, +Capitain Holgan von l'Orient an, und brachte die officielle Bestätigung +mit. Zugleich war der General Decaen zum Generalgouverneur aller +französischen Besitzungen, östlich vom Cap, folglich auch von Isle de +France ernannt. Durch ihn, der sich meiner wohl erinnerte, ward ich +wieder bei dem Ingenieurcorps angestellt. Dabei erhielt ich den Befehl, +mich zu einer geheimen Expedition bereit zu halten, die eben im Werke +war.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p> + +<h4 class="p2">Zweites Capitel.</h4> +</div> + +<p>Am 9. October bekam ich Befehl mich einzuschiffen, und zwar an Bord +der Corvette Le Berceau, Capitain Helgan. Die Expedition bestand +aus dem Marengo von 80 Kanonen und einigen Fregatten, sämmtlich +unter dem Commando des Admirals Linois. An Landtruppen hatten wir +ein Bataillon bei uns; der Ort unserer Bestimmung indessen war noch +ungewiß. Unterdessen kamen wir glücklich in See. Hier öffneten die +Commandanten ihre versiegelten Befehle, und nun ward alles bekannt. +Der Admiral sollte eine Zeitlang in den indischen Gewässern kreuzen, +die englische Faktorei auf Sumatra zerstören, und dann nach Batavia +gehen. Hier sollten die Truppen, dem Verlangen der Holländer gemäß, als +Hülfstruppen bleiben, wie es schon einmal der Fall gewesen war.</p> + +<p>Unser Kreuzzug war indessen, wie es meistens zu gehen pflegt, einförmig +genug.<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Wir verloren ein Paar Matrosen; wir hatten einige Windstöße +auszuhalten; wir machten mehrere zum Theil sehr reiche Prisen, und +dergleichen mehr. Am 1. December bekamen wir die Insel Sumatra zu +Gesicht; am 2. näherten wir uns der Bay von Bencoule, am 3. in der +Nacht griffen wir die daselbst befindliche Schiffe an. Drei wurden +genommen, die übrigen fünf verbrannt. Zugleich wurden sämmtliche +Magazine der Faktorei zerstört. Am meisten schien uns zu statten zu +kommen, daß man überrascht ward, und uns anfangs selbst für Landsleute +hielt.</p> + +<p>Am 12. December Morgens näherten wir uns der Rhede von Batavia, +und wurden von dem kleinen Fort auf der Insel Onruß, wo sich die +Kompagniewerfte befinden, sehr feierlich begrüßt. Indessen machten +die Schiffe auf der Rhede eilige Anstalten unter Segel zu gehn. +Wahrscheinlich sahen sie uns für Engländer an, denn ihre Bewegungen +verriethen Aengstlichkeit. Um sie zu beruhigen, schickte der Admiral +unsere Corvette<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> ab. Wir sezten zu diesem Ende Segel auf Segel bei, +und so war in kurzem die Wachtfregatte erreicht. Nachdem wir diese +unterrichtet hatten, machte sie einige Signale, und alle Schiffe zogen +ihre Flaggen auf. Bald war die Ruhe wieder hergestellt, und die ganze +Division konnte vor Anker gehn.</p> + +<p>Wir Offiziere hofften schon den Nachmittag an's Land zu kommen, sahen +uns aber sehr unangenehm getäuscht. Die holländischen Behörden fanden +die Forderungen unseres Kommandanten übertrieben, wollten nichts von +überzählichen Offizieren wissen, und machten Schwierigkeiten aller +Art. Es zeigte sich nachher, daß dies alles von dem holländischen +Oberkommandanten, dem Brigadier Sandoley, einem Schweizer, herkam, +der das ganze Vertrauen des Generalgouverneurs Syberg besaß, und ein +geschworner Feind der Franzosen war. Auf diese Art vergiengen acht +Tage, ehe eine Uebereinkunft wegen des Soldes, der Verpflegung u. s. +w. zu Stande kam. In Folge derselben wurden<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> wir endlich ausgeschifft, +worauf ich meinen Dienst als wirklicher Ingenieur-Capitain antrat.</p> + +<p>Die Lage von Batavia ist bekannt. Eben so weiß jedermann, daß es eine +der größten und reichsten Städte in ganz Asien, und der Mittelpunkt +aller holländisch-ostindischen Besitzungen ist. Endlich giebt es von +der regelmäßigen Bauart, den Kanälen, Alleen, Spaziergängen u. s. +w. Beschreibungen in Ueberfluß. Ich füge daher nur einige, weniger +bekannte Bemerkungen hinzu. Das Clima von Batavia ist an und für sich +selbst nicht ungesund, es wird nur bei der Lage und den Umgebungen der +Stadt so mörderisch. Die vielen Canäle mit stehenden Wasser, worein man +allen Unrath wirft, der morastige Boden, endlich die große Moderbank +vor der Mündung des Jacatra<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>, sind die vornehmsten Ursachen davon. +Die kleinste Unordnung in der Diät, die kleinste Erkältung<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> u. dgl. +zieht meistens ein tödtliches Fieber nach sich, der Kranke legt sich, +verliert nach fünf bis sechs Stunden die Besinnung, und ist nach andern +sechs Stunden todt.</p> + +<p>Wahr bleibt indessen, daß man bei einer ungeschwächten Constitution +weit weniger zu fürchten hat, sobald man nur mäßig und vorsichtig +ist. Würden übrigens die Kanäle gereinigt, die Moräste ausgetrocknet, +und die Moderbänke weggeschafft, so würde Batavia ein ganz gesunder +Aufenthalt seyn. Doch, wie es scheint, ist hier holländische Politik +im Spiel. Man wünscht selbst keine Verbesserung. Jene Moräste und +Moderbänke geben nämlich eine natürliche Vertheidigungslinie ab. +Eben so zwingt jene Ungesundheit alle Blokadeflotten zulezt zum +Abzug. Endlich hält die Furcht vor dem mörderischen Clima, eine Menge +Handelsnebenbuhler von der Niederlassung ab.</p> + +<p>Die Bevölkerung von Batavia wird auf 160,000 Seelen geschäzt. Hierunter +sind 100,000 Chinesen, die in den Vorstädten<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> wohnen, während der Rest +aus Armeniern, Arabern, Persern und Europäern besteht. Die leztern, +zwölf bis fünfzehnhundert zusammen, sind theils Kaufleute, theils +Beamte der Compagnie. Sie leben fast alle auf ihren Landhäusern, eine +bis anderthalb Stunden von Batavia, und kommen in der Regel nur Morgens +in die Stadt. Alle Geschäfte werden daher gewöhnlich Vormittags von +sieben bis acht Uhr abgemacht. Nichts fällt anfangs dem Fremden so +sehr auf, als die Gleichgültigkeit, womit man von jenen plözlichen +Todesfällen spricht. — »<em class="gesperrt"><em class="antiqua">Mynheer, Mevrouv is overleden</em></em>« +— der Herr, die Frau ist gestorben — heißt es, als hätten sie eine +Spazierfahrt gemacht. Jeder Europäer hält übrigens immer sein Testament +bereit.</p> + +<p>Der Handel von Batavia ist sehr bedeutend, so drückend auch für +die Fremden seine Eigenheiten sind. Batavia ist nämlich als die +Hauptniederlage aller Gewürze von den Molucken, und aller Produkte von +Java<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> (Reis, Zucker, Caffee, Pfeffer u. s. w.) anzusehen. Es kommen +daher aus allen Theilen Ostindiens, so wie aus China, Amerika, Afrika, +Isle de France und Europa, Schiffe hier an. Sie führen die Produkte +ihrer Länder ein, und dagegen hiesige aus. Diese Geschäfte werden +aber auf folgende für Fremde höchst beschwerliche Weise abgemacht. +Es ist ein Schabendar, oder General-Handels-Agent vorhanden, der für +alle Nationen den einzigen Mäkler abgiebt. An diesen wenden sich die +Capitains und Supercargo's, und theilen ihm ihre Ladungslisten mit. Er +wählt davon, was der Compagnie anständig ist, besonders Artikel des +Alleinhandels<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a> und bietet dagegen andere an. Beide Theile dingen nun +mit einander, und schließen nach gemachter Berechnung ab. Dabei muß +aber fast jeder Capitain immer ein Drittheil oder Viertheil des Werthes +in Gewürzen nehmen, auch wenn es ihm eben nicht anständig<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> ist. Erst +dann erhält er die Erlaubniß, den Rest der Ladung an andere Kaufleute +abzugeben, was durch öffentlichen Anschlag bekannt gemacht wird. In +keinem Falle ist ihm aber die Ausfuhr von baarem Gelde erlaubt. Er +muß vielmehr alles in Waaren, oder Barren umsetzen, wenn er es nicht +verlieren will. Die Chinesen, die den Zoll gepachtet haben, durchsuchen +daher alle abgehende Schiffe mit unglaublicher Genauigkeit.</p> + +<p>Man hat häufig behauptet, daß Batavia äußerst leicht zu nehmen sey. Ich +kann jedoch versichern, daß diese Meinung ganz irrig ist. Einmal sind +die Festungswerke nichts weniger als schlecht; auch wird die Stadt, so +wie die Mündung des Jacatra durch eine gute Citadelle gedeckt. Denn ist +die ganze Küste mit starken Batterien versehen, und die Besatzung nicht +schwächer als fünftausend Mann. Mögen darunter auch immer viel Kranke, +viel Feige, viel Unzufriedene seyn; die Localität<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> bietet dem Feinde +doch stets sehr große Hindernisse dar.</p> + +<p>Er wird die Rhede blokiren; er wird die vorhandenen Schiffe auf den +Strand jagen, und vielleicht verbrennen; aber Batavia selbst wegnehmen, +das wird er ohne geheime Verständnisse sicher nicht. Aber auch das +schlimmste angenommen; er machte sich durch einen Ueberfall u. s. w. +wirklich Meister davon. Was würde geschehen? Der Generalgouverneur +u. s. w. würde sich nach Samarang (auf der Nordküste) begeben; er +würde bei den inländischen Prinzen, die den Holländern keinesweges +abgeneigt sind, alle nur mögliche Unterstützung finden; er würde in +kurzem eine Armee von 25 bis 30,000 Mann zusammenziehen. Unterdessen +hätte es der Feind in Batavia, mit einer ungeheuren, ohnehin höchst +unruhigen Volksmenge zu thun. Man brauchte der Stadt nur die Zufuhren +abzuschneiden, und der Aufstand der hunderttausend Chinesen, die alle +Handwerker, Krämer, Gärtner u. s. w. sind, wäre gewiß.<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> Alles dies wird +beweisen, daß Batavia weder leicht zu erobern, noch leicht zu behaupten +ist.</p> + +<p>Bei den Chinesen fällt mir noch eine artige Bemerkung ein, womit ich +dieses Capitel schließen will. Man weiß, wie sehr die wohlhabenderen +unter ihnen auf lange Nägel und Zöpfe halten, weil sie ein Zeichen des +Ansehens und Reichthums sind. Die holländische Regierung hat dieses +nicht unbeachtet gelassen, und auf beides eine ansehnliche Abgabe +gelegt. Je länger sie ein Chinese tragen will, desto mehr zahlt er +davon. Es ist ein ordentlicher Tarif darüber vorhanden, auch finden von +Zeit zu Zeit die nöthigen Messungen statt. Man muß gestehen, daß solche +Abgaben die allerbilligsten sind.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Drittes Capitel.</h4> +</div> + +<p>So hatte ich ungefähr fünf Monate in Batavia zugebracht, als ich +bei einer beschwerlichen<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> trigonometrischen Arbeit krank ward. Zum +Glück fiel ich in die Hände eines geschickten deutschen Arztes, des +Doctors <em class="gesperrt">Raspe</em> aus dem Preußischen, und wurde in kurzem wieder +hergestellt. Indessen benutzte ich diesen Umstand, um bei dem General +Decaen um meine Zurückberufung anzuhalten, erreichte meinen Zweck, und +wartete nun mit Sehnsucht auf Schiffsgelegenheit.</p> + +<p>Diese fand sich endlich in der Brigg »<em class="gesperrt"><em class="antiqua">le petite Alphonse</em></em>« +Capitain Souriac, die von Isle de France mit Wein und Hüten gekommen, +und jezt dahin zurückzukehren im Begriffe war. Der Abrede gemäß, begab +ich mich am 14. December 1804 an Bord, und fand noch drei andere +Passagiers. Leider aber waren von unsern vierzehn Matrosen kaum drei +gesund. Nun ist zwar wahr, daß man die Ueberfahrt in dreißig bis fünf +und dreißig Tagen machen kann, ohne daß der beständigen Ostwinde wegen, +viel Schiffsarbeit dabei nöthig ist. Demungeachtet hätten wir auf alle +Fälle wenigstens<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> noch sechs bis 8 Matrosen gebraucht. Dieser Mangel +zeigte sich gleich anfangs, als es am 15. December Nachmittags in See +gieng. Wir sämmtliche Passagiere mußten die Anker mit aufwinden helfen, +denn die meisten Matrosen waren zu schwach dazu.</p> + +<p>Schon in der ersten Nacht kamen wir durch den Eigensinn des wenig +erfahrnen Capitains in große Gefahr. Wir trieben nämlich auf eine der +vielen kleinen Inseln, so daß das Hintertheil des Schiffes kaum zwei +Fuß weit von den zackigten Felsen abstand. Der Capitain gebehrdete sich +wie ein Verzweifelter, und schrie nach dem Boot. Zum Glück erhob sich +aber plözlich ein leichter Landwind, so das Schiff wieder abgebracht +ward. Wir mußten hierauf zwei Tage laviren, und legten in dieser kurzen +Zeit keine drei Seemeilen zurück.</p> + +<p>Noch nicht genug; troz seinen schönen Versprechungen hatte sich auch +der Capitain nur äußerst spärlich mit Vorräthen versehen. Vergebens +drangen wir in ihn, doch nach Batavia<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> zurückzukehren; er fürchtete +zu viel Demüthigungen für seine Eitelkeit. Hartnäckig bestand er +daher darauf, im Gressec, oder Surabaye (an der Nordküste von Java) +einzulaufen, wo er Matrosen und Vorräthe zu besorgen versprach. So +steuerten wir also bis zum 24. December fort. Endlich befanden wir +uns ungefähr zwei Seemeile von der Spitze von Banka, durch welche +der Eingang in die Meerenge von Madure bezeichnet wird. Der Capitain +beschloß, hier einige Zeit vor Anker zu gehen, um einen der Lootsen zu +erwarten, die hier immer vorhanden sind. Da aber keiner davon sichtbar +wurde, glaubte er sich noch wenigstens zehn Seemeilen vom Eingange +der Meerenge entfernt. Er ließ daher die Anker lichten, und steuerte +westwärts. Bald aber ward das Schiff von der heftigen Strömung gegen +die Bank von Madure getrieben, so daß die Gefahr mit jedem Augenblicke +stieg.</p> + +<p>Man hatte uns am vorigen Tage allerdings bei dem Posten von Banka +gesehen.<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Allein die See gieng gar zu hoch; uns zu Hülfe zu kommen, war +eine Unmöglichkeit. Wir erfuhren dies von dem Lootsen selbst, der jezt +in einer großen Pirogue zu uns kam. Zehn Stunden lang wendete er alles +mögliche zu unserer Rettung an. Doch da Wind und Strömung gleich heftig +waren, blieb ihm nichts übrig, als uns zu verlassen, und nach Banka +zurückzugehen. Wir wurden von nun an, unserer neun zusammen, täglich +auf ein Huhn, und jeder für sich, auf einen Zwieback, zwei Tassen +Caffe, und ein Glas Wasser eingeschränkt. Erst am 1. Januar 1805 gelang +es uns aus der Straße von Baly herauszukommen, worauf längs der Küste +fortgesteuert ward.</p> + +<p>Um fünf Uhr Nachmittags befanden wir uns einem holländischen Posten +gegen über, der mit schönen Pflanzungen bedeckt zu seyn schien. Sobald +uns der Commandant ansichtig ward, schickte er eine Pirogue ab, ließ +uns Erfrischungen anbieten, und lud uns ein, vor Anker zu gehen. Leider +konnten wir<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> aber diese Erlaubniß nicht benutzen, indem selbst unser +lezter Anker verloren gegangen war. Am folgenden Morgen befanden wie +uns auf der Höhe von Balambouang. Jezt bekamen wir Stille, dann höchst +veränderlichen Wind, endlich einen entsezlichen Sturm aus Nordwest. +Wir verloren Segel und Masten, und trieben noch wenig Stunden, wie ein +Wrack herum. Die Pumpen thaten fast keine Dienste mehr. Dabei waren +wir täglich auf ein kleines Glas stinkendes Wasser, und etwas Reis +beschränkt. Endlich beschloß der Capitain, die Ladung anzugreifen, die +aus Zucker bestand. Er ließ daher ein Faß in die Cajüte bringen, wovon +jeder nach Belieben nahm.</p> + +<p>In den zwei folgenden Tagen hatten wir unterdessen einen Nothmast, und +einige Nothsegel zu Stande gebracht. Auf diese Art hofften wir Timor +zu erreichen, wo eine holländische Factorei befindlich ist. Allein vom +dritten Februar an, trieb uns ein zweiter Sturm wieder rückwärts, so +daß wir schon am sechsten<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> die Spitze von Baly sahen. Am 7. Morgens um +fünf Uhr erblickten wir ein großes dreimastiges Schiff, das aus der +Meerenge heraus zu kommen schien. Wir hielten es für ein holländisches, +oder amerikanisches, und wirklich zog es auch die leztere Flagge +auf. Kaum hatte es sich aber etwas genähert, so öffnete es seine +Stückpforten, zeigte englische Flagge, und kam mit vollen Segeln auf +uns zu.</p> + +<p>Jezt sahen wir nur zu deutlich, daß es ein großer englischer Caper war. +Augenblicklich warf ich meine Depeschen und Carten über Bord. Noch +einige Minuten, und der Capercapitain rief uns durch das Sprachrohr +zu — »<em class="gesperrt"><em class="antiqua">Strike amain! Strike amain, if you please!</em></em>« — +»Streicht! Streicht! wenn's beliebt!« — Dies war in der That eine +satyrische Aufforderung, denn wie konnten wir nur einen Augenblick +widerstehen? Bald darauf kam ein Offizier mit acht Matrosen an Bord, +nahm von dem Schiffe Besitze; stellte an alle Rudern<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Schildwachen, und +hieß uns an Bord des Capers gehen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Viertes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Als wir daselbst ankamen, hörten wir, daß es <em class="gesperrt">der Diligent</em>, +Capitain <em class="gesperrt">Hall</em> von <em class="gesperrt">Calcutta</em> war. Der Capitain sagte uns, +daß er selbst zweimal von französischen Capern<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> genommen worden +sey. Man habe ihn liberal behandelt; er wolle es ebenfalls thun. Alle +unsere Bagage u. s. w. bliebe uns daher. Zu gleicher Zeit sezte er uns +ein vortreffliches Frühstück vor. Die Prise an 60,000 Franken an Werth, +ward auf das Schlepptau genommen, und so lavirten wir längs der Küste +hin.</p> + +<p>Um vier Uhr Nachmittags bekamen wir ein großes dreimastiges Schiff, +und bald darauf<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> noch zwei andere zu Gesicht. Capitain Hall hielt +sie für holländische oder französische Fregatten, von den Divisionen +der Admirale Hartsink oder Linois. Seine Lage ward gefährlich, die +nachzuschleppende Prise hielt ihn im Segeln auf. Er ließ uns daher auf +unser Wrak zurückkehren, rief dagegen seinen Prisenmeister, und seine +Matrosen ab, und eilte mit vollen Segeln davon. Bald darauf erkannten +wir die drei Schiffe für amerikanische Ostindienfahrer, und steuerten +so gut wir konnten, auf die Bay von Balambouang zu.</p> + +<p>Der Tag brach an. Was sahen wir? Unsern Caper, der an der Küste +geblieben war, und nun ganz lustig wieder auf uns zugesegelt kam. +In weniger als einer halben Stunde befanden wir uns wieder am Bord +desselben, und alles war in den vorigen Zustand versezt. Da der +Capitain Wasser einnehmen mußte, behielt er den Curs von Balambouang. +Wir erreichten indessen die Bay erst in der Nacht auf den zehnten +Februar.<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Mit Anbruche des Tages erblickten wir den holländischen +Posten Bagouwangie, und zogen sofort amerikanische Flagge auf. Zu +gleicher Zeit schickte der Capitain einen Offizier ans Land, um zu +fragen, wo Holz und Wasser zu finden sey. Die Nachricht war sehr +befriedigend, und wir trafen eine vortreffliche Quelle an.</p> + +<p>Unterdessen hatte unser Schiff mit seinen Batterien, und der Prise auf +dem Schlepptaue, troz der amerikanischen Flagge, bei dem Commandanten +von Bagouwangie Verdacht erregt. Er schickte daher zwei seiner +Offiziere zu uns an Bord. Beide sprachen englisch; beide sollten die +nöthigen Nachrichten einziehen. Capitain Hall war indessen auf alles +gefaßt. Er hieß uns in den Raum hinuntersteigen, versicherte sich +unseres Ehrenwortes, und wartete die Ankunft der holländischen Pirogue +ganz ruhig ab.</p> + +<p>Kaum waren die Herren gegen Mittag an Bord angekommen, so lud +er sie zum Essen ein, und sprach ihnen dabei reichlich<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> aus der +Flasche zu. Als er nun das Geschäft auf diese Art eingeleitet hatte, +zeigte er ihnen falsche amerikanische Pässe, und ein eben so ächtes +Schiffsjournal vor, speiste sie in Ansehung der Prise mit einem +Mährchen ab, und verkaufte ihnen zulezt einige ostindische Waaren für +eine Kleinigkeit. Die armen Holländer wurden vollkommen getäuscht, und +fuhren seelenvergnügt ans Land zurück.</p> + +<p>Indessen beschloß der Capitain die reiche Prise in Sicherheit zu +bringen, und gab sofort Befehl zu ihrer Ausrüstung. Es wurde auch so +eifrig daran gearbeitet, daß sie schon am folgenden Tage abzusegeln im +Stande war. Wohin, blieb unbekannt. Unsere Bagage war uns im besten +Zustande übergeben worden, doch brachten wir den ganzen Tag, wegen +unserer künftigen Bestimmung, in großer Ungewißheit zu.</p> + +<p>So mochte es ungefähr acht Uhr Abends seyn, als uns der Capitain zu +sich rufen ließ. Er war sehr höflich, und sagte uns, daß er uns diese +Nacht ans Land zu setzen Willens sey. Unsere<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Freude darüber war sehr +groß; im Unglück faßt man nur den Augenblick fest. Sofort wurden nun +Anstalten zu unserer Ueberfahrt gemacht. Es fand sich aber, daß die +Schaluppe für uns nicht groß genug war. Wir mußten daher in zwei +Parthien abgehen. Bei der lezten befand ich mich selbst.</p> + +<p>Es war Mitternacht; der Mond gieng auf; der Posten lag nur einen +Büchsenschuß von uns. Unsere Gefährten kamen uns entgegen, in wenig +Minuten langten wir bei dem Commandanten an. Er war ein geborner +Brandenburger, und hatte fünf und zwanzig Mann unter sich. Da ich +ein wenig Deutsch und Malayisch verstand, verständigten wir uns ohne +Schwierigkeit. Rund um ein großes Feuer gelagert, nahmen wir eine derbe +Mahlzeit von Fischen und Eiern ein, wobei uns Capitain Halls Madera und +Genever trefflich zu statten kam. Unser guter alter Sergeant, sein Name +war Bitter, schickte sogleich eine Pirogue mit seinem Berichte nach +Bagouwangie ab.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span></p> + +<h4 class="p2">Fünftes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Die Sonne gieng auf, und eine neue Welt voll Leben und voll Hoffnung +breitete sich vor mir aus. Bald langte nun ein Abgeordneter von +dem benachbarten Fürsten von Balambouang an. Er sagte uns, daß der +holländische Commandant zu Bagouwangie bereits von unserer Lage +unterrichtet, und auf der Reise hierher begriffen sey. Indessen verzog +sich seine Ankunft bis Nachmittags um drei Uhr. Unser Anblick schien +ihn zu rühren, wir selbst waren nicht weniger bewegt. Er allein konnte +uns die Mittel zur Rückkehr nach Batavia verschaffen; von ihm allein +hieng unsere Zukunft ab. Er sprach und alles verbürgte uns seinen +Edelmuth. Er war ein Deutscher; ein Herr von <em class="gesperrt">Winckelmann</em>. Wir +mußten sogleich seine prächtige Jacht besteigen, wo die Tafel bereits +gedeckt war. Endlich um vier Uhr segelten wir ab, während er unser +Gepäck in einer Pirogue nachzuführen<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> befahl. So hielten wir See bis +Mitternacht, stiegen dann ans Land, und lagerten uns um ein gutes Feuer +herum.</p> + +<p>Um fünf Uhr Morgens ward weiter gesegelt; drei Stunden und wir kamen +zu Bagouwangie an. Sogleich führte uns der Commandant in seine schöne +Wohnung, und stellte uns seiner Gemahlin vor. Sie empfieng uns mit +vieler Höflichkeit, und ließ ein vortreffliches Frühstück auftragen, +das zum Theil aus den herrlichsten Früchten bestand. Am folgenden +Tage wurde nun unser Reiseplan festgesezt; indessen erforderten +die Anstalten einige Zeit. Wir blieben daher fast zwei Wochen in +Bagouwangie. Nach reifer Ueberlegung schien es am besten, bis Surabaye +zu Lande, und dann nach Batavia vollends zu Wasser zu gehen.</p> + +<p>Bis Surabaye werden achtzig Lieuen gerechnet, zum Theil durch ein +wüstes unbewohntes Land. Indessen hatte der treffliche Herr von +Winckelmann für alles gesorgt. Fünf und zwanzig Malayen waren zu +unserer<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> Bedeckung, und fünf und siebenzig zum Tragen unseres Gepäckes +bestimmt. Wir und die Bedeckung waren beritten, und hatten überdem +noch fünfzehn Packpferde mit Lebensmitteln bei uns. Endlich waren +uns als Wegweiser und Anführer, zwei Malayen-Hauptleute oder Mandors +mitgegeben, von denen der eine etwas Deutsch verstand. So traten wir, +nach einem herzlichen Abschiede von unserem edeln Freunde, am 23. +Februar 1805 unsere Reise an.</p> + +<p>Die ersten drei Lieuen gieng es längs der Küste hin. Bald aber kamen +wir in die große Wüste, die drei Tagereisen lang ist. Indessen hat +die Regierung aller zwölf Lieuen, große Scuoppen von Bambus errichten +lassen, die mit Gräben und lebendigen Hecken umgeben sind. Bei jedem +dieser Caravansenai's, wie man sie nennen könnte, befindet sich eine +Wache von Malayen. Diese müssen Tag und Nacht rund um die Einzäumung +große Feuer unterhalten, so daß nichts von wilden Thieren zu fürchten +ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p> + +<p>Der erste Posten dieser Art heißt <em class="gesperrt">Bagnou-Matie</em>. Der Weg dahin +war blos ein schmaler Fußsteig, der zwischen hohem Grase hinlief. Ich +kann ohne Uebertreibung sagen, daß dieses neun bis zehn Fuß hoch war. +Wir sahen mehrere Tiger und Leoparden darin versteckt, langten indessen +auf unserer Station ohne Unfall an. Als es finster wurde, verdoppelten +wir die Feuer, und hielten auf diese Art die wilden Thiere ab. Indessen +hörten wir die Tiger ziemlich brüllen, sobald nur ein Feuer abgebrennt +war.</p> + +<p>Am folgenden Morgen früh um vier Uhr gieng unser Gepäcke ab; wir +selbst aber folgten erst um zehn Uhr nach. Bei dem zweiten Posten +<em class="gesperrt">Son-bou-rou-arou</em>, fanden wir einige Häuschen von Bambus, nebst +einer Ziegen- und Damhirsch-Heerde, auch einer Menge Federvieh. Dies +alles gehörte einem Großen am Hofe des Königes von Balambouang. Wir +füllten hier unsere Bambusrohre mit gutem Quellwasser, weil man +von nun an nur schlechtes trifft. Am 25. verließen<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> wir die Wüste, +und kamen durch eine schöne, mit Reisfeldern bedeckte Ebene, nach +<em class="gesperrt">Panaroukan</em>, was ein kleiner Flecken ist. Hier traten wir bei +dem Oberhaupte, einem reichen Chinesen ab, und wurden zu unserer +Verwunderung ganz auf europäische Art traktirt. Auch nöthigte er uns so +dringend, einen Rasttag bei ihm zu halten, daß es sich durchaus nicht +ablehnen ließ.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Sechstes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Am 27. Februar ward nun die Reise fortgesezt. Wir kamen indessen nur +bis <em class="gesperrt">Besouki</em>, einem großen Dorfe, das ungefähr drei Lieuen von +der Küste liegt. Der Weg geht fast durch lauter Wald, und ist äußerst +schlecht. Nur in der Nähe von Besouki wird die Landschaft etwas +lichter, und bald sieht man Reisfelder mit Baumgruppen vermischt.<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> Bei +unserer Ankunft, wurden wir in das Haus des Commandanten (Tomogon) +geführt, der eben abwesend war, fanden aber dennoch ein vortreffliches +Mittagsmahl daselbst. Am 28. hatten wir eine sehr starke Tagereise bis +<em class="gesperrt">Bangro</em>. Auch hier fanden wir bei dem Tomogon eine sehr glänzende +Bewirthung, und tranken zum erstenmale wieder Bordeauxwein. Zimmer und +Betten waren ebenfalls sehr gut.</p> + +<p>Die folgende Tagereise bis <em class="gesperrt">Paßourang</em> war kurz und angenehm. +Die Landschaft ward immer schöner, wir konnten uns nicht satt daran +sehen. Um zehn Uhr begegneten wir einem schönen offenen Wagen, mit +vier Pferden bespannt. Er kam von Paßourang, gehörte dem dortigen +holländischen Commandanten, und war für uns bestimmt. Wir zogen +indessen vor, zu Pferde zu bleiben, und langten so bald bei unserem +freundlichen Wirthe an. Er hieß Heßetaar, und nahm uns mit vieler Güte +auf. Bei einem Einkommen von fünfzehn tausend holländischen<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Thalern +machte er ein ansehnliches Haus. So hat er z. B. an dreißig Sclaven, +worunter zehn musikalisch sind. Sie lernten die meisten Instrumente von +einem Chinesen spielen, der der Schüler eines <em class="gesperrt">Deutschen</em> gewesen +war.</p> + +<p>Paßourang, an einem schiffbaren Strome gelegen, ist der Hauptort eines +ansehnlichen Fürstentums, und mit schönen Caffe- und Pfeffer-Plantagen +umringt. Die ostindische Compagnie hat ein Werft für Küstenfahrer +daselbst. Zwei Lieuen von Paßourang liegt ein mäßig hoher Berg, an +dessen Anhängen alle <em class="gesperrt">europäischen</em> Gemüse, ohne alle Ausartung +gedeihen, dies giebt zu einem bedeutenden Gemüsehandel nach Surabaye +Gelegenheit. Wenig Tage vor unserer Ankunft war der Oberwundarzt +unseres Bataillons hier durch gereist. Er wollte im Innern der Insel +die Schuzblattern einführen, was von den wohltätigsten Folgen seyn wird.</p> + +<p>Am 3. März gieng es bis Bangall; auch<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> diese Tagereise war sehr +angenehm. Der Fürst, ein siebenzigjähriger Greis, empfieng uns mit +vieler Zuvorkommung. Er sprach viel von Europa, besonders von den +lezten Feldzügen in Italien, und schien ein sehr unterrichteter Mann zu +seyn. Seinem ältesten Sohn und Nachfolger hatte er von einem Holländer +erziehen lassen, daher dieser junge Prinz sehr gute Kenntnisse, +besonders in der Mathematik besaß.</p> + +<p>Am folgenden Morgen brachen wir nach Surabaye auf. Der Weg war gut, +die Gegend schön, der Boden vortrefflich angebaut. <em class="gesperrt">Surabaye</em> +selbst ist eine kleine artige Stadt, und als erster Posten in der +Meerenge von Madure von Wichtigkeit. Sie wird von dem Flusse Calianas +durchschnitten, der für Küstenfahrer landeinwärts ziemlich weit +schiffbar ist. Am Ausflusse desselben befinden sich zwei Hafendämme, +mit Batterien versehen. Gewöhnlich laufen hier alle Schiffe ein, die +nach China und den Philippinen bestimmt sind, besonders wegen des<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> +Wintermonßuns. Sie finden hier alle mögliche Erfrischungen, worunter +auch die vortrefflichen Gemüse von Paßourang. Die Luft von Surabaye ist +sehr gesund, und die Gebend entzückend schön.</p> + +<p>Bei unserer Ankunft wurden wir zu einem Juden geführt, der eine gar +nicht schlechte Herberge hielt. Wir machten die Bekanntschaft eines +holländischen Capitains, des Herrn Rußler, und wurden durch ihn, +am folgenden Morgen, seinem Schwiegervater, dem Gouverneur, Herrn +Rothenthal, vorgestellt. Dieser nahm uns mit vieler Güte auf, und +versprach wegen unserer ferneren Reise sein möglichstes zu thun. Wir +wünschten nämlich bis Batavia zu Lande zu gehen. Dies erforderte jedoch +Bericht an den Generalgouverneur. Ich machte hierauf dem Commandanten, +dem Major von Franquemont, aus dem Würtembergischen, einen Besuch. Er +empfieng mich aufs beste, räumte mir ein Zimmer in seiner Wohnung ein, +und überhäufte mich mit Höflichkeiten aller Art. Dasselbe<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> muß ich von +dem Admiral Hartsink sagen, der hier mit seiner Escadre vor Anker lag.</p> + +<p>Nach ungefähr vierzehn Tagen traf die Antwort des Generalgouverneurs +ein. Sie war, wie wir befürchtet hatten, abschläglich, man fand die +Kosten gar zu groß. Herr Rothenthal bekam daher den Auftrag, uns die +Ueberfahrt nach Samarang, an Bord einer Brigg zu verschaffen, die +ohnehin zu einem Kreuzzuge bestimmt war.</p> + +<p>Plözlich mußte es sich fügen, daß ein Schiff von der Escadre des +Admirals Hartsink nach Batavia abgieng. Sofort suchte ich nebst meinem +Freunde Harsaud um Plätze darauf an. Unsere Bitte ward bewilligt, und +so begaben wir uns an Bord, wo uns der Capitain mit vieler Güte aufnahm +(5. April).</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p> + +<h4 class="p2">Siebentes Capitel.</h4> +</div> + +<p>Wir waren noch denselben Abend unter Segel gegangen, und kamen bei dem +ziemlich günstigen Winde, schon am folgenden Tage aus der Meerenge +heraus. Capitain <em class="gesperrt">Ruysch</em> hatte uns die Hälfte seiner Cajüte +eingeräumt, und wir speisten regelmäßig Mittags und Abends bei ihm. +So kamen wir ohne weitere Vorfälle am neunten Tage (14. April) auf +der Rhede von <em class="gesperrt">Samarang</em> an, welches der Hauptposten auf der +ganzen Nordküste ist. Samarang giebt nämlich den Mittelpunkt aller +Verbindungen, und die Hauptniederlage aller Erzeugnisse der Insel +ab. Die dortige Gouverneursstelle ist, nach der von Batavia, die +einträglichste im ganzen holländischen Indien. Sie wirft jährlich an +250,000 Piaster ab. Herr Engelhard, der sie jezt bekleidet, macht +daher ein sehr glänzendes Haus. Die Luft von Samarang ist gesund, die +Gegend schön, das gesellschaftliche<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Leben angenehm. Wir lernten unter +andern einen Major <em class="gesperrt">Keller</em> kennen, der früher General-Adjutant in +französischen Diensten, und schweizerischer Kriegsminister gewesen war.</p> + +<p>Nach einem achttägigen Aufenthalte giengen wir am 23. April wieder +in See, und segelten zwei Tage lang, längs der reizenden Küste hin. +Am 26. Mittags ankerten wir auf der Rhede von <em class="gesperrt">Tcheribon</em>, und +begaben uns sogleich ans Land. Hier wurden wir bei dem Wachtposten +sehr feierlich empfangen, und fanden zwei prächtige Wagen bereit. Der +Resident, Herr Roose, der anderthalb Lieuen von der Küste wohnt, hatte +uns dieselben entgegengeschickt. Wir fuhren hierauf durch eine sehr +schöne Landschaft, die einem großen Graben glich, und kamen so bei +Herrn Roose an. Er vereinigt asiatischen Luxus, und europäische Eleganz +auf eine seltene Art. Der Distrikt von Tcheribon liefert den besten +Caffe von ganz Java; die Residentenstelle trägt jährlich an 60,000 +Piaster ein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p> + +<p>Wir blieben drei Tage in Tcheribon, und giengen dann mit mehreren +kleinen Küstenfahrern, die wir unter Convoy nahmen, in See. Die Küste +wimmelt von Seeräubern aus Banca, Sumatra und Java selbst. Diese +fallen kleine Schiffe, besonders chinesische Junken, mit vieler +Kühnheit an. Europäer werden ermordet, Asiaten zu Sclaven gemacht. +Der Hauptschlupfwinkel dieser Seeräuber ist die Insel Carimon, zehn +Seemeilen von der Küste, auf der Höhe von Samarang. Hier sind ihrer oft +hundert, ja hundert und fünfzig bis zweihundert beisammen, besonders, +wenn ein Hauptschlag ausgeführt werden soll. Vor kurzem hatte man von +Batavia zwei Fregatten, und eine Brigg gegen sie abgeschickt. Diese +Schiffe kamen gerade zu rechter Zeit an, denn eben war die ganze Bay +von Carimon mit Seeräubern angefüllt. Man blokirte daher sogleich den +Eingang, und bereitete den Angriff auf den folgenden Morgen vor. Es +schien um die Räuber geschehen zu seyn, allein zum Unglück war der<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> +Capitain der Brigg nicht wachsam genug. Sie entwischte daher in der +Dunkelheit, und waren am andern Morgen längst aus dem Gesichte der +Division.</p> + +<p>Am 27. April kamen wir endlich auf der Rhede von Batavia an. Kaum +zeigte ich mich in der Stadt, als ich mit Freude und Erstaunen +aufgenommen ward, denn jedermann hatte mich todt geglaubt. Der +Gouverneur wünschte mich von neuem in Dienste zu nehmen; allein alles +rief und zog mich nach Europa zurück. Zum Glück befand sich gerade +ein Caper von jener Insel auf der Rhede, der dahin zurückzugehen im +Begriffe war. Nach einigen Unterhandlungen erhielt ich einen Plaz +darauf, und begab mich demnach am 8. Mai an Bord. Diesmal war unsere +Fahrt glücklicher; am 1. Juni bekamen wir schon die Insel Bourbon zu +Gesicht.</p> + +<p>Der Engländer wegen, hatte der Capitain von seinen Rheden den Befehl, +mit der größten Vorsicht zu Werke zu gehen. Wir suchten daher die Küste +zu gewinnen, um<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> wo möglich Erkundigungen einzuziehen. Allein der Wind +war fortdauernd ungünstig; wir brachten also sechs volle Tage damit zu. +Endlich erhielten wir Nachricht, daß die englische Escadre verschwunden +sey. So sezten wir unsere Fahrt nach Isle de France fort, und erkannten +am 8. Juni Morgens, einen der höchsten Berge dieser Insel, Morne +Brabant genannt.</p> + +<p>Gegen Mittag erblickten wir nicht weit von uns ein dreimastiges Schiff, +zogen die Flagge auf, und riefen es an. Es zog ebenfalls französische +Flagge auf, und zwar dreimal hinter einander, was uns, da es keine +Antwort gab, äußerst verdächtig vorkam. Um acht Uhr Abends waren wir +nur noch einige Seemeilen von der Insel entfernt. Plözlich stiegen von +einem Bergposten zwei Raketen auf; bekanntlich das Signal, wodurch die +Nähe des Feindes angezeigt wird. Wir hielten es indessen für einen +Irrthum, und glaubten nicht daran. Als aber das Signal, nach Verlauf +von zwei Stunden, der Regel gemäß,<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> wiederholt ward, drehten wir +plözlich um, und sezten alle Segel bei. Jezt gieng es abermals auf Isle +de Bourbon zu, wo auch am 10. Morgens der Anker fiel.</p> + +<p>Mein Aufenthalt auf dieser Insel dauerte jedoch nur kurze Zeit. Schon +am 18. gieng ich nämlich, meiner mündlichen Mittheilungen wegen, auf +einem Aviso nach Isle de France ab. Dies Fahrzeug war mit Rudern +versehen, und ganz zu einer schnellen Ueberfahrt geschickt. Wir +entkamen den Engländern glücklich, und liefen am 22. Juni Abends in der +Riviere Noire ein. Bei meiner Ankunft zu Port Louis, ward ich von dem +General Decaen mit großer Freude empfangen; auch er hatte mich auf den +Bericht eines amerikanischen Schiffers todt geglaubt.</p> + +<p>Er machte mir Hoffnung, mich in wenig Monaten nach Europa abzusenden, +und stellte mich inzwischen wieder bei dem Ingenieurscorps an. Allein +es vergieng ein volles Jahr, ehe sich eine passende Gelegenheit zu +meiner Rückreise fand. Erst im August 1806 war endlich<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> das dazu +bestimmte Schiff segelfertig, und alles gehörig in Richtigkeit. Am +11. August schiffte ich mich ein, am 15. November kam ich, nach einer +ziemlich glücklichen Fahrt, in dem spanischen Hafen Passages bei St. +Sebastian an. Von dort sezte ich meine Reise über Bayonne, Bordeaux u. +s. w. nach meinem Geburtsorte, wo meine Familie lebte, zu Lande fort.</p> + +<hr class="full"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p> + +<h2 class="p4 lh2">Dritte Abtheilung,<br> +<em class="s3 gesperrt">Heinrich Potter.</em></h2> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p> + +<hr class="sk"> + +<p class="s4 center"><b>Quelle.</b></p> +</div> + +<div class="blockquot"> +<p class="hang"><em class="antiqua">L'otgevallen en Ontmoetingen op eene mislukte Reize naar de Kaap de +Goede Hoop. Door <em class="gesperrt">H. Potter</em>. 1807 — 9. IV. Vol. 8.</em></p> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p> + +<p class="s4 center"><b>Einleitung.</b></p> +</div> + +<p>Der Verfasser war Prediger zu Peins, in der Nähe von Franken, und +erhielt im Jahre 1804 einen Ruf nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung. +Allein da bald darauf der Krieg wieder ausbrach, so fand sich keine +sichere Gelegenheit zur Reise dahin. Erst zu Ende des genannten Jahres +bot sich eine solche in einem preußischen Hafen dar. Wir haben uns +bemüht, die <em class="gesperrt">niederländische</em> Manier des Verfassers sorgfältig +beizubehalten, überzeugt, daß es den gemüthlichen Lesern gewiß +Vergnügen machen wird.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p> + +<h4 class="p2">Erster Brief.</h4> +</div> + +<p class="r"><em class="gesperrt">Leer </em> Novemb. 1804.</p> + +<p>Liebster Freund. Am 15. October erhielt ich Befehl und Anweisung, +bis zum 10. November an Bord zu seyn. Ich eilte daher sofort nach +Amsterdam, um alle meine Einrichtungen zu treffen, welches Gott sey +Dank, über meine Erwartung von statten gieng. Hierauf kehrte ich am 27. +October nach Peins zurück, wo meine Frau inzwischen alles eingepackt +hatte, und reiste am folgenden Morgen mit ihr und den Kindern nach +Dockum ab. Hier sollte sie bleiben, bis sich bequeme Schiffsgelegenheit +nach der Capstadt fand.</p> + +<p>So war alles in Ordnung gebracht. — Endlich am 5. Morgens — Nie werde +ich den Augenblick vergessen, liebster Freund. — »O bleibe bei uns +Vater! Verlaß uns nicht!« — riefen meine ältesten drei Kinder, und +klammerten sich an mich an, während der Säugling ruhig in der Wiege +schlief. — Wäre meine Frau nicht standhafter gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> als ich — Ich +glaube, ich hätte in diesem Augenblicke auf Alles Verzicht gethan. So +riß ich mich endlich mit gepreßtem Herzen los. Meine Sachen wurden jezt +in die Schuit<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> gebracht, und ich folgte mit thränenden Augen nach. +Zu meiner Freude waren nur noch zwei Personen in dem Roef<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a> daher ich +ziemlich ungestört blieb. Abends kamen wir so in Gröningen an.</p> + +<p>Ich hatte von Gröningen am nächsten Tage mit der Schuit nach Delfzyl +zu gehen gedacht, wo ich Gelegenheit nach Leer zu finden sicher war. +Allein es fror die Nacht so heftig, daß ich nicht weiter daran denken +konnte. Ich ließ daher meine Sachen auf einen Wagen laden, auf dem sich +zugleich ein Siz für mich und den Fuhrmann befand. Da es schon zwei Uhr +war, als wir abfuhren, kamen wir Abends nicht weiter als Scheemda, ein +großes, schönes Dorf, wo Nachtquartier gemacht ward.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p> + +<p>Am folgenden Morgen gieng es bei schönem hellen Wetter, durch den +reichsten und fruchtbarsten Theil der Provinz, nämlich das Oldampt. +Besonders groß und prächtig sind die Pfarrwohnungen, wie denn die +Geistlichen hier solche Einkünfte haben, wie vielleicht nirgends +anderes in unserem Vaterland.</p> + +<p>In der Nähe von Neuschanz (<em class="antiqua">de Nieuwe Schans</em>) war der Weg +außerordentlich schlecht. Indessen kamen wir Abends ohne Unfall an. +Hier lohnte ich meinen Fuhrmann ab, weil mit seinem schweren Wagen +unmöglich weiter zu kommen war. Ich hielt es fürs beste, zwei kleinere +zu nehmen, worauf die Reise am nächsten Tage weiter gieng.</p> + +<p>Bald kamen wir nun auf preußischen Boden, indem der Grenzpfahl ganz +nahe bei Neuschanz steht. Das Land verräth viel Wohlstand, besonders +der Theil, der unter dem Namen, der Preußische Polder bekannt ist. +Ueberall herrliches Wiese- und Ackerland, und die schönsten Bauernhöfe, +von städtischem Ansehen. Dies machte mich<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> den schlechten Weg +vergessen, der bei dem eingetretenen Thauwetter fast ganz ungangbar +war. So kamen wir Nachmittags an dem Wirthshause an, das am rechten +Ufer der Ems, ungefähr eine Viertelstunde von Leer, gelegen ist.</p> + +<p>Ich hätte mich gern noch diesen Abend über den Fluß setzen lassen, +allein es war unmöglich, weil er mit Treibeis gieng, und nur das +kleine Boot mit großer Mühe hin und wieder fuhr. Da ich nun meine +Sachen unmöglich zurücklassen konnte, ließ ich sie abladen, und in +einen Schoppen bringen, wo nach der Versicherung des Wirthes alles in +Sicherheit war. Bei meinem Eintritt in das Zimmer sah ich sogleich an +dem schmutzigen Boden, und der sparsamen Erleuchtung, daß ich mich +außer dem Vaterland befand. Ein Dutzend Münsterländer mit langen blauen +Hemden, und dicken weißen Schlafmützen, saßen mit dampfenden Pfeifen +vor dem Kamine, und erwiederten meinen Gruß in ihrer eigenthümlichen +platten Mundart.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p> + +<p>Nachdem man mir an der einen Ecke Plaz gemacht hatte, brachte mir der +Wirth eine Pfeife, und stellte einen kleinen Tisch mit einer Flasche +Wein vor mich. Hierauf fuhr er in einer Erzählung fort, die durch meine +Ankunft unterbrochen worden war. Sie betraf seine Jugend, Verheiratung, +und Ehe. Nach dem Tode seiner ersten Frau hätte er gern eine zweite +genommen, allein er war zu alt dazu. Eine junge würde <em class="gesperrt">ihn</em> nicht +gewollt haben, und zu einer von seinen Jahren hatte er selbst keine +Lust gehabt.</p> + +<p>Auch schmerzte es ihn bitter, daß er in seiner Jugend nicht hatte +reisen können, es würde etwas ganz anderes, als ein Landwirth aus ihm +geworden seyn. Zum Beweise seiner großen Kenntnisse sprach er dann vom +Vorgebirge der guten Hoffnung, was bei ihm Ostindien hieß, und von der +unerträglichen Hitze, und den hottentottischen Affen daselbst, und +dergleichen mehr. Die guten Münsterländer hörten mit offenen Mäulern +und Ohren zu, ganz erstaunt über<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> die unerhörte Gelehrsamkeit des alten +dicken Wirths. Indessen muß ich ihm lassen, daß er mir ein Abendessen +vorsezte, das gar nicht übel war. Auch bekam ich im oberen Stocke ein +reinliches Zimmer mit einem rechten guten Bett.</p> + +<p>Am andern Morgen ließ ich mich nun mit meinen Sachen übersetzen, und +gelangte in einer Viertelstunde nach Leer, mein vorläufiges Reiseziel. +Hier nahm ich ein Zimmer in einem großen Wirthshause, bei einem +gewissen Wagner, wo es mir aber durchaus nicht gefiel. Besonders +stieß mich der gemeine liederliche Ton des Wirthes ab, den dieser am +Gesellschaftstische angab. Ich sahe mich also noch denselben Tag nach +einer andern Wohnung um, und fand auch bald ein recht artiges Zimmer +mit einer angenehmen Aussicht obendrein.</p> + +<p>Es war bei einer Schiffscapitainsfrau, die mir zugleich Kost, Licht +und Heizung zu geben versprach. Für alles zusammen, das Zimmer mit +eingerechnet, forderte sie nicht<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> mehr als sieben Gulden, die Woche, +was gewiß äußerst billig war. Das Schiff ist leider noch nicht +angekommen, man erwartet es aber, so bald die Ems vom Eise frei +ist. Unterdessen habe ich einen Theil meiner Bücher ausgepackt und +beschäftige mich so gut es gehen will. Leer selbst, mit seinen 4000 +Einwohnern, und seiner jetzigen Handelsstille, bietet so gut als +gar keine gesellschaftlichen Hülfsquellen dar. Indessen kann mein +Aufenthalt nicht lange dauern, und so nehme ich mit allem vorlieb.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Zweiter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r"><em class="gesperrt">Leer</em> Feb. 1805.</p> + +<p>»Der harte Frost macht alle Schiffarth unmöglich; drum will ich noch +einmal Frau und Kinder sehn!« — So rief ich am Neujahrstage aus, und +trat sofort die Reise an. Ich überraschte meine Lieben, brachte noch +einiges im Haag in Ordnung, und kam vor ungefähr acht Tagen wieder +hierher zurück.<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> Seitdem hat es nun so stark getaut, daß die Ems +völlig offen ist. Schon liegt ein Schiff nach dem Cap in Ladung, allein +das unserige kommt erst übermorgen an. Der Himmel gebe, daß kein neuer +Aufenthalt entsteht, damit ich doch endlich einmal meine Gemeinde +begrüßen kann.</p> + +<p>Unterdessen habe ich Leer ziemlich kennen gelernt. Würden Sie +glauben, daß dieser kleine Ort eine lutherische, eine reformirte, +eine katholische und eine mennonitische Kirche, so wie eine Synagoge +hat? Die Ems fließt hinten daran weg, und ist im Flecken selbst nur +von einigen Stellen zu sehen. Indessen trägt sie sehr große Schiffe, +so, daß diese vor den Packhäusern ankern können, die an jener Seite +befindlich sind.</p> + +<p>Als ich gestern fortfahren wollte, kam meine Wirthin, mir zu sagen, +daß eben unser Schiff angekommen sey. Sofort ließ ich mich übersetzen, +stieg auf den Damm, und sahe es in der untergehenden Sonne gerade vor +mir. Bald darauf langte der Capitain<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> mit den übrigen Passagieren an, +und wir machten die erste Bekanntschaft bei einer guten Abendmahlzeit. +Diesen Morgen kam das Schiff vollends an den Wal, wie man hier sagt, +so, daß es die Ladung einnehmen kann. Ich gieng mit einigen Freunden, +es zu besehen, und fand, daß es ein gutes, festes, aber etwas kleines +Fregattenschiff war. Nun, wir werden uns zu behelfen suchen, so gut es +gehen will. Der Capitain, ein geborner Ostfriese, scheint ein recht +guter Mann, und sorgt, dem Vernehmen nach, aufs reichlichste für unsern +Schiffsbedarf. Er ist das freilich wohl im Stande, da jeder von uns +eine sehr ansehnliche Summe für die Ueberfahrt zahlt. Dies ist indessen +seine erste große Reise dieser Art. Doch hat er einen erfahrnen +Steuermann, einen gebornen Holländer, der schon mehrere Reisen nach +Ost-Indien gemacht hat. Eben so erwartet er einen Supercargo, der +gleichfalls sehr gute Kenntnisse von diesen Gegenden haben soll. +Indessen fand ich die Mannschaft, nur sechszehn<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> Köpfe zusammen, für +eine so weite Reise etwas schwach, weil doch immer ein Drittheil davon +erkranken kann.</p> + +<p>Leer ist der vielen Schiffe und Fremden wegen jezt äußerst lebendig, +wobei sich der reiche Theil der Kaufleute besonders in Gastmählern +zu zeigen sucht. Gewöhnlich sind es Abendmahlzeiten, von denen man +aber oft erst Morgens aufsteht. In diesen legt man hier den größten +Luxus zur Schau, besonders was die Weine betrifft. Der Bordeaux macht +dabei den Anfang, und der Champagner den Beschluß. Ueberhaupt ist der +Ostfriese von ruhigem, gutmüthigem, gastfreundlichem Charakter, so, daß +es fast allen Fremden hier sehr wohl zu gefallen pflegt.</p> + +<p>Dazu tragen denn auch in vieler Hinsicht die angenehmen Spaziergänge in +der Nachbarschaft bei. Der besuchteste davon führt nach Bollinghusen, +eine Art Gehöfte mit einem Herrenhause, das dem Baron von Reede gehört. +Dabei befindet sich ein schöner Park und Garten, die jedermann offen +stehn. Ein<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> großes wohleingerichtetes Wirthshaus mit einem Tanzsaal +fehlt ebenfalls nicht. Es ist daher alle Tage, besonders aber Sonntags, +große Gesellschaft hier.</p> + +<p>Ein anderer angenehmer Weg führt nach Loga, ohngefähr eine halbe Stunde +östlich von Leer, auf der großen Straße nach Deutschland. Dieses Loga +ist ein ansehnliches Dorf, das aus einigen Straßen besteht und viele +stattliche Gebäude hat. Unter diesen befinden sich mehrere Landhäuser, +die sehr geschmackvoll eingerichtet sind. Besonders zeichnet sich +das Schloß des Grundherrn, des Grafen <em class="gesperrt">von Wedel</em>, aus. Es ist +fürstlich zu nennen, und mit den herrlichsten Park- und Gartenanlagen +versehen.</p> + +<p>Eine Viertelstunde nördlich von Leer erhebt sich mitten im freien Felde +eine nicht unbedeutende Anhöhe, der <em class="gesperrt">Plettenberg</em> genannt. Der +Weg dahin führt zum Theil durch eine hohe Ulmenallee, bei den Ruinen +eines alten Schlosses vorbei. Man hat von diesem Anhöhe eine sehr +ausgebreitete Aussicht<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> auf den schlängelnden Fluß, und einen großen +Theil von Ostfriesland. Bei heiterem Wetter kann man selbst Embden, +und die Schiffe auf der dortigen Rhede sehn. Nun, in kurzem werden wir +selbst dort liegen, und dann mit Gott in offene See.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Dritter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r">An Bord, auf der Rhede von<br> +<em class="gesperrt">Embden</em>, April 1808.</p> + +<p>Da bin ich denn an Bord unserer Anna Wilhelmina, dies ist der Name +unseres Fregattenschiffs. Nach Abgang meines lezten blieb ich ohngefähr +noch acht Tage in Leer. Unterdessen nahm das Schiff den Rest seiner +Ladung ein, und segelte den Fluß hinab. Wir Passagiere, acht zusammen, +folgten zu Lande nach. Morgens fuhren wir ab, Mittags kamen wir in +Embden an. Die Rhede von Embden hat das Unbequeme, daß kein großes +Schiff in der Nähe der Stadt vor Anker gehen kann. Man muß daher oft +eine<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> Stunde, ja zwei Stunden fahren, ehe man zu seinem Schiffe kommt. +Dies war leider auch unser Fall, doch endlich hatten wir die gehörige +Höhe erreicht, und konnten unser Schiff gerade vor uns sehn. Da es aber +gerade Ebbe war, entstand ein neuer Aufenthalt. So harrten wir bis +sechs Uhr Abends am Strande, bis endlich die Schaluppe uns abzuholen +kam.</p> + +<p>Sobald wir uns an Bord befanden, wies uns der Capitain, je zwei und +zwei zusammen, unsere Hütten an. Mit meinem Gefährten hatte ich schon +in Leer Bekanntschaft gemacht. Es war ein alter herzensguter Mann, der +als Aufseher der afrikanischen Wallfischfang-Gesellschaft ebenfalls +nach der Kapstadt gieng. Ich übernahm die Mühe, unsere Hütte in Ordnung +zu bringen, was mir denn auch nicht übel gelang.</p> + +<p>Denken Sie sich einen kleinen Verschlag, der höchstens drei Personen +fassen kann, und das Licht nur durch ein kleines Fenster in der Thür +erhält. Denken Sie sich ferner in der<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> einen Wand derselben zwei Koyen, +oder Schlafstellen über einander, so haben Sie unsere Hütte vor sich. +Hier muß man denn nun sehn, wie man seine Sachen unterbringt. Ein +Glück, daß ich beim Einladen unserer Provisionen zugegen war, so ward +alles gleich in die Hütte gesezt.</p> + +<p>Was wir daher am nöthigsten brauchten, wie Wäsche, Bücher u. s. w. +kam unter die Matrazze, oder fand an den Enden der Koye einen Plaz. +Andere Sachen, wie Töpfe mit Eingemachtem, Thee, Kaffee, Zucker, Gläser, +Seife, Liqueur u. s. w. wurden in einen Schrank verschlossen, der +an der entgegengesezten Wand befindlich war. Einige Kleidungsstücke +wurden zwischen die Balken an der Decke der Koye gesteckt. Die größeren +Vorräthe, wie die Weinkisten, das Selteserwasser u. s. w. befanden sich +im Raume, doch oben aufgesetzt. Auf diese Art war unsere Haushaltung +sehr bald in Ordnung gebracht. Wir nahmen hierauf bei dem Capitain das +Abendessen ein, und sanken<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> zulezt unter dem Rauschen des Wassers in +tiefen Schlaf.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Diesen Morgen gieng ich nur auf das Verdeck, fand aber dort alles in +der größten Unordnung. Das Schiff ist so voll geladen, daß man die +besten Sachen nicht mehr in den Raum bringen kann. So müssen z. B. die +Fleisch- und Gemüse-Tonnen sämmtlich oben bleiben, was den Platz gar +sehr beengt, und die Schiffsarbeit nicht wenig erschwert. Dazu kommen +die Passagiergüter, alles darunter und darüber, wovon jeder nach dem +Seinigen sucht. Man will versuchen, aufzuräumen, ich fürchte aber, +daß es wenig helfen wird. Von allen den schönen Vorräthen an Hämmeln, +Geflügel u. s. w. die uns der Capitain versprochen hatte, ist nicht das +mindeste zu sehen. Mehrere Passagiere denken daher, mit der Schaluppe +nach Embden zu fahren, und einzukaufen, was zu bekommen ist. Auch für +uns werden Hühner, und einige Ochsenviertel mitgebracht. So eben<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> kommt +unser Rheder zum Abschiedsbesuch. Ich muß schließen, man ruft mich.</p><br> + +<p class="r">Morgens 7 Uhr.</p> + +<p>Der Wind ist günstig, der Lootse an Bord. Eben wird das Anker +aufgewunden, wir gehen in See. So leben Sie denn wohl, herzlich wohl. +Die Inlage an meine liebe Frau. Gott gebe, daß wir uns alle glücklich +wieder sehn! Noch einmal, leben Sie herzlich wohl, und denken Sie +meiner mit Freundschaft, wie Ihrer ewig denken wird.</p> + +<p class="r">Ihr P.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Vierter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r">In See Mai 1805.</p> + +<p>Wir laviren im Kanal; die Küsten von England und Frankreich liegen +deutlich vor uns. Besonders sind wir jener so nahe, daß wir die +herrlichen Landhäuser zu erkennen im Stande sind. Es ist das +herrlichste Wetter von der Welt, nur Schade, daß uns<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> der Wind entgegen +ist. Anfangs gieng es sehr gut, wir kamen schon am zweiten Tag in den +Kanal. Aber seitdem haben wir schon vier verloren, und Gott weiß, wie +lange das dauern kann. Mein Reisegefährte sagt mir, daß auf diese Art +oft drei bis vier Wochen vergehn.</p> + +<p>Unterdessen suche ich mich zu beschäftigen, so gut ich kann. Ich lese, +ich schreibe, ich meditire, bald sitzend, bald stehend, wobei mein +kleines Pult in die Koye gesteckt wird. Meistens wachen wir schon um +vier Uhr auf. Dennoch bleibt jede Parthei allein bis acht Uhr, wo +alles zum Frühstück in der großen Cajüte zusammenkommt. Dann folgt ein +Spaziergang auf dem Verdecke, worauf jeder wieder in seine Hütte geht. +Um elf Uhr versammelt man sich wieder im Caffehause, das von uns selbst +errichtet worden ist.</p> + +<p>Wir haben nämlich die Einrichtung getroffen, daß jeder nach seiner +Reihe den Wirth machen und die andern mit Genever u. s. w. traktiren +muß. Um 12 Uhr wird zu Mittag<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> gegessen, wobei jeder aus seinen +Provisionen etwas zum Nachtisch hergiebt, und so die ewigen Kartoffeln +und das ewige Pökelfleisch etwas erträglicher macht. Wer eine halbe +Stunde Mittagsruhe halten will, mag es thun, ich selbst befinde mich +wohl dabei. Von drei bis sieben Uhr beschäftigen wir uns mit Lesen, +Schreiben, Kommerzspielen und dergl. mehr. Um sieben haben wir das +Abendessen, und dann kleine Wein- oder Punschparthien meistens auf dem +Verdeck. Um zehn Uhr ist Schlafenszeit, wenigstens muß es in allen +Hütten still seyn. Da haben Sie unsere Einrichtung, Tag für Tag, ohne +Abänderung.</p><br> + +<p class="r">Fünf Tage darauf.</p> + +<p>Gott Lob, wir haben endlich günstigen Wind bekommen, und nun geht es im +Fluge den Kanal hinaus. Schon nähern wir uns dem Cap Lezard, oder der +südwestlichsten Spitze von England. Indessen gab es diesen Morgen einen +so heftigen Streit an Bord,<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> daß wenig fehlte, wir wären umgekehrt. Ich +habe ihnen schon gesagt, wie schlecht es mit den frischen Vorräthen +des Capitain bestellt war. Dazu kam, daß er uns bei weitem nicht die +kontraktmäßige Tafel gab. Hieraus entstand nun zwischen ihm, und +dem Supercargo ein heftiger Wortwechsel, wobei natürlich jeder von +uns des lezteren Parthei ergriff. Allein dies sezte den Capitain in +solche Wuth, daß er sofort das Schiff wenden, und gegen den günstigen +Wind anlaviren ließ. Nach einigen Stunden indessen nahm er seinen +unvernünftigen Befehl zurück, und ersäufte seinen Zorn in einigen +Flaschen Portwein, wovon er ein großer Liebhaber ist. Sie können jedoch +leicht glauben, daß dieser Vorfall einen sehr unangenehmen Eindruck auf +uns gemacht hat.</p><br> + +<p class="r">27. Mai.</p> + +<p>Das herrlichste Wetter, der günstigste Wind. Gestern Morgens segelten +wir bei Teneriffa vorbei. Herrlich war der Wiederschein<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> des +majestätischen Pics in der klaren, spiegelnden Fluth. Nachmittags +begegneten wir einem englischen Kaper, der uns beilegen hieß. Hierauf +kam der Capitain desselben mit einiger Mannschaft zu uns an Bord. Er +verlangte die Schiffspapiere, sah sie durch, erklärte sie endlich für +gut, und verließ uns. Wir Passagiere hatten uns inzwischen in unseren +Hütten verborgen gehalten, und kamen so mit dem bloßen Schrecken davon.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Hitze wird nur täglich stärker, wir fühlen sie besonders des +Nachts. Schon früh um neun Uhr ist das Holzwerk so heiß, daß man die +Hand nicht darauf legen kann. Mit unserem Tische geht es so, so; wir +helfen uns mit dem Mitgebrachten aus. Das Meer ist sehr schön, und +bietet uns eine Menge wunderbarer Erscheinungen dar. Wir bleiben oft +bis Mitternacht auf dem Verdeck. Alles ist dann Glanz und Feuer um das +Schiff. Dazu der sternbedeckte Himmel gleich einem reinen ätherischen +Lichtmeere!<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr dieser Anblick das +Herz erhebt!</p><br> + +<p class="r">Eine Stunde darauf.</p> + +<p>Während ich obiges niederschrieb, tagte in Südost ein Fahrzeug auf, +das bald für ein dänisches Schiff erkannt ward. Es hielt auf uns zu, +und kam endlich ganz nahe heran. Es lag drei Wochen in der Tafelbai, +und ist nach Rotterdam bestimmt. Unser Supercargo hat eine lange +Unterredung mit dem Capitain gehabt, und giebt ihm ein Paket mit. Mein +Brief soll darin eingeschlossen werden, daher für diesmal genug. Leben +Sie wohl, verehrter Freund; meinen nächsten erhalten Sie wahrscheinlich +aus der Kapstadt selbst.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Fünfter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r">Insel <em class="gesperrt">St. Helena</em>, Juli 1805.</p> + +<p>Erschrecken Sie nicht, mein werthester Freund, unser Schiff ist von +den Engländern<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> genommen, und hier als gute Prise eingebracht. Noch +weiß ich nicht, was aus mir werden soll, fast dürfte die weitere Reise +unmöglich seyn. Doch ich will Ihnen in der Ordnung erzählen, wie Alles +zugegangen ist. Wir hatten den Passatwind bekommen, und rückten nun +immer nach der Linie vor. Sonnenaufgang und Untergang, der Mond und +die Sterne, es war ein neuer glänzender Himmel in der reinsten Pracht. +So sahen wir unter andern einmal einen Regenbogen, der durch den +<em class="gesperrt">Mond</em> gebildet ward, und dennoch dem schönsten Sonnenregenbogen +nur wenig nachgab.</p> + +<p>Auf diese Art waren wir ungefähr bis unter den fünften Grad nördlicher +Breite gekommen, als wir am <em class="gesperrt">sechsten Juni</em>, Morgens, gerade +in Südwesten ein großes Schiff auftagen sahen. Wir freuten uns sehr +darüber, denn wir hielten es für einen heimkehrenden, holländischen +Ostindienfahrer, dem es auch vollkommen in Bauart und Segelwerk glich. +Jeder beeilte sich nun Briefe an seine<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> Freunde zu schreiben, und ich +selbst fieng einen an Sie Geliebter an. Doch wie schrecklich sahen +wir uns in unserer Hoffnung getäuscht! Das Schiff kam näher, und ward +bald für ein englisches Kriegsschiff erkannt. Jezt erfolgten die zwei +gewöhnlichen Schüsse, das erstemal blind, das zweitemal hinter dem +Schiffe hin, und wir waren gezwungen, beizudrehen. Sofort sezten die +Engländer ein Boot aus, und schickten zwei Offiziere, nebst ungefähr +zwanzig Mann Seesoldaten nach uns ab. Kaum waren nun diese an Bord, so +wurden die Schiffspapiere untersucht, unzulänglich befunden, und Schiff +und Ladung für gute Prise erklärt.</p> + +<p>Denken Sie sich, wie uns Passagieren bei dieser Nachricht zu Muthe war! +Um keinen Argwohn zu erregen, hielten wir uns während der Untersuchung, +troz der erstickenden Hitze, in unsern Hütten auf. Hier brachten wir +zwischen Furcht und Hoffnung wohl eine Stunde zu. Endlich erfuhren wir +unser Schicksal. Unser Supercargo, Herr Van der Pulten,<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> mußte sich an +Bord des Kriegsschiffs begeben; eben so wurden auch unsere sämmtlichen +Matrosen dahin gebracht. Unser Capitain verlor das Commando, und an +seiner Stelle übernahm es ein englischer Lieutenant. Auch erhielten +wir eine englische Schiffsmannschaft. Um uns andere schien man sich +wenig oder gar nicht zu bekümmern, wie uns denn auch nicht das Mindeste +genommen ward.</p> + +<p>Aber welcher Lärm, welche Verwirrung auf dem Verdeck! Alles unter, und +durch einander; ein Schreien, Fluchen und Rasen, daß man sein eigenes +Wort nicht verstand. Dazu das Ueberpacken der Hangmatten, Kisten u. +s. w. Die fremden Gesichter, die fremde Sprache, der ganz veränderte +Zustand. Endlich drangen ein halbes Dutzend englische Matrosen in die +Cajüte, erbrachen die Kisten unseres Capitains, und bemächtigten sich +seines Eigenthums. So gieng es fort bis vier Uhr, wo alles allmählig +wieder in Ordnung kam. Bald darauf gab das Kriegsschiff ein Signal, und +sogleich ward alles zum<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> Weitersegeln in Bereitschaft gesezt. Endlich +steuerte das Kriegsschiff voran, und das unserige hinter demselben +drein. Der Curs war südlich; doch wohin es eigentlich gieng, blieb ein +Geheimniß für uns.</p> + +<p>Am folgenden Tage neue Verwirrung, neue Angst. Die Engländer +beschlossen die Ladung Stück für Stück zu untersuchen, um der Prise +desto gewisser versichert zu seyn. Da sie nämlich unser Schiff durchaus +für ein verkapptes holländisches hielten, vermutheten sie auch Pulver, +Blei, Gewehre u. s. w. unter der Ladung, was bekanntlich gegen die +Kriegsgesetze ist. Zu diesem Ende wurden nun alle Kisten und Fässer +auf das Verdeck gebracht, und theils zerschlagen, theils angebohrt. +Sie wurden dabei so hoch aufgestapelt, daß fast das Umschlagen zu +befürchten war. Man fand indessen nichts, als einige Fässer Harz, was +dann zur Contrebande gestempelt ward. Hierauf ward alles wieder in den +Raum geschafft, wiewohl in größter Unordnung. Diese ganze Untersuchung +dauerte<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> von Morgens sechs, bis Abends acht Uhr, und zwar während +der Himmel mit furchtbaren Gewitterwolken bedeckt war. Ein einziger +Windstoß, ein einziger Wetterschlag, und es würde um uns geschehen +gewesen seyn.</p> + +<p>Die Nacht war still, aber drückend heiß. Endlich gegen Morgen brach das +Ungewitter mit tausend Donnerschlägen los. Das Echo in den Wolken war +fürchterlich; der Regen floß in Strömen herab; der Sturm peitschte die +Wogen himmelan; unzählige Blitze durchkreuzten sich. Zum Glück waren +wir auf diese <em class="gesperrt">Travate</em> — dies ist der Schiffsausdruck — schon +seit dem Abende vorbereitet, so daß sie uns nicht den mindesten Schaden +that.</p> + +<p>Am 20. Juni passirten wir die Linie, was mit den gewöhnlichen +Feierlichkeiten geschah, und steuerten immer tiefer nach Süden hinab. +Oft nahm uns das Kriegsschiff nunmehr aufs Schlepptau<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>, wobei es +natürlich tüchtige<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Stöße gab. Am 3. Juli verließ uns das Kriegsschiff +auf eine kurze Zeit. Es beschloß auf einige Schiffe Jagd zu machen, die +man in Osten erblickte, und der Capitain für spanische ansah. Er gab +uns den Curs auf, den wir in der nächsten Nacht halten sollten, und +versprach am andern Morgen wieder bei uns zu seyn. Allein wir harrten +vergebens; selbst am dritten Tage erschien er noch nicht. So kreuzten +wir immer in der Irre herum.</p> + +<p>Das schlimmste dabei war, daß unser Wasser zu Ende gieng, und daß nun +jeder auf eine Kanne täglich gesetzt ward. Zum Unglück hatten sich +die Ratten auch schon längst über unser Selteserwasser gemacht; wir +waren daher auf Wein und Branntewein eingeschränkt. Gekocht konnte +nun durchaus nichts weiter werden, wenigstens in süßem Wasser nicht; +dagegen machte das Seewasser alle Speisen beinahe ungenießbar.</p> + +<p>Um einmal eine gute Tasse Caffe zu haben, gab ich zwei Flaschen +Genever, jede zu sieben bis acht Gulden, für eine einzige Flasche<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> +Wasser hin. Zwar hatten wir zuweilen starke Regenschauer, allein dies +half uns nichts. Segel, Holz- und Tauwerk waren nämlich so stark mit +Salztheilen besezt, daß das herabfließende Wasser durchaus denselben +Geschmack bekam. An unserem Mangel waren indessen die englischen +Offiziere und Matrosen eigentlich selbst Schuld. Bei dem Umladen hatten +sie nämlich mehrere Wasserfässer, die ihnen im Wege waren, zerschlagen; +eben so hatten sie den größten Theil unseres Vorrathes zum Waschen +verbraucht.</p> + +<p>Fünf Tage hatten wir so aufs ungewisse herumgekreuzt, als endlich +unser Lieutenant den Kurs nach <em class="gesperrt">St. Helena</em> zu nehmen beschloß. +Der Wind war heftig, aber auch äußerst günstig für uns. Dies war ein +großes Glück, da jeder nur noch ein einziges Glas Wasser erhielt. So +durchschnitten wir den ungeheuern Ocean ohngefähr vom Rio de la Plata +an bis nach diesem einsamen Eiland. Vierzehn Tage waren vorüber, wir +hatten nur noch Wasser auf einen einzigen,<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> was gestern war. Da sahen +wir mit aufgehender Sonne die schwarze, verbrannte, tausendfach in +sich zerklüftete Felsenmasse vor uns. Aber bald verloren wir den Wind, +und kamen nur mit Mühe heran. Doch als wir endlich um die hohen Felsen +bogen, welch ein erfreulicher Anblick! Es war St. Jamestown, von hohen +tropischen Bäumen beschattet, im Hintergrunde einer herrlichen Bai. +Unvergeßlicher Abend! Meere und Himmel glänzten in Rosenglut. Bald +erkannten wir auch unser Kriegsschiff, das vor 3 Tagen hier eingelaufen +war, und ankerten sofort nicht weit davon.</p> + +<p>Abends erhielten wir einen Besuch von einem Hamburger Capitain, der +unter dänischer Flagge von Ostindien kommt. Er erbot sich, Briefe von +uns mitzunehmen, und so wird ihm auch dieser zugestellt. Eben trifft +die Antwort des Gouverneurs auf unser Bittgesuch ein, an's Land zu +gehen. Sie ist, wie gewöhnlich, bejahend, und wir machen noch heute +Gebrauch davon. — Ich umarme<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Sie mit Herzlichkeit; nächstens mehr von +mir.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Sechster Brief.</h4> +</div> + +<p class="r">Bai von <em class="gesperrt">St. Helena</em>,<br> +Juli 1805.</p> + +<p>Es ist ein trüber, regnigter Tag, wie immer in dieser Jahrszeit. Ich +bin allein in der Cajüte, alle meine Reisegefährten befinden sich am +Lande, so werde ich denn von Niemanden gestört. In der ersten Nacht, +nachdem wir vor Anker gegangen waren, hatten wir noch einen gewaltigen +Schrecken. Denken Sie, im Vertrauen auf den guten Ankergrund, hatte +sich der Capitain mit einem einzigen Anker begnügt. Dieser »<em class="gesperrt">raakte +los</em>«, wie es in der Schiffersprache heißt, und wir trieben in die +offene See. Es war kurz vor Mitternacht, als es die Wache zum Glück +noch inne ward. Jezt entstand ein entsezlicher Lärm, und alles mußte +sofort an die Arbeit. Wir Passagiere<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> fuhren aus dem ersten Schlafe +auf, und glaubten anfangs, daß Feuer ausgekommen sey. Mit vieler Mühe +ward nun das Schiff wieder gewendet und in Sicherheit gebracht. Wir +wurden indessen nicht eher ruhig, als bis auf jeder Seite ein großer +Anker gefallen war.</p> + +<p>Nachmittags fuhr ich nun mit dem Supercargo, der uns vom Kriegsschiffe +aus besucht hatte, ans Land. Wir stiegen an einem schattigen Wege +aus, der längs den Batterien bis zu dem Thore hinläuft. Was einem nun +zuerst in die Augen fällt, ist Jamestown, zu deutsch Jacobsstadt. So +heißt der einzige Ort, der auf der Insel befindlich ist. Denken Sie +sich ein schmales, noch keine halbe Stunde langes Thal, auf beiden +Seiten mit 2000 Fuß hohen Bergen eingefaßt. In diesem Thale denken +Sie sich nun 3 bis 4 Straßen mit zierlichen Häusern besezt, und hier +und da mit Bäumen vermischt, und Sie sehen Jamestown in der Natur vor +sich. Die vornehmste Straße geht von Süden nach<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> Norden, und endigt +in einem sehr schönen Graben, der der Regierung gehört. Hier findet +man die besten Häuser, alle in orientalischem Geschmacke, mit platten +Dächern, und Gallerien erbaut. Sie haben sämmtlich kleine Gärten, +wo man die herrlichsten Blumen zieht. Da das Thal aufwärts steigt, +ragen die hintersten Häuser etwas über die vordersten empor, und +haben die Aussicht auf die Bai. In der Mitte der Straße befindet sich +ein Grasplatz mit Bäumen besezt, auf dem ein schöner Brunnen steht. +Ganz am Ende liegt ein schöner schattiger Gottesacker, wo wir einige +geschmackvolle Grabmäler sahen.</p> + +<p>Als wir die Straße wieder herunter giengen, traten wir einen Augenblick +in den oben erwähnten Graben hinein. Er steht jedermann offen, und +ist mit den herrlichsten Pflanzen aller Welttheile bedeckt. Ein +artiges Haus von Bananas, Citronen, Orangen und Palmen beschattet, +zog besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es schien uns der +beneidenswertheste<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> Aufenthalt auf der Welt. Plözlich hörten wir hinter +uns holländisch sprechen, und erfuhren zu unserm Erstaunen, daß ein +großer Theil der gefangenen Garnison von Surinam hier in englische +Dienste getreten sey. Die Soldaten klagten aber sehr über die Theurung, +besonders über den Mangel an frischem Fleisch. Es ist freilich +natürlich, daß man alles für die Schiffe aufhebt, und daß sich folglich +der gemeine Mann mit seinen gesalzenen Rationen begnügen muß.</p> + +<p>Wir giengen nun weiter, um die übrigen merkwürdigen Gebäude von +Jamestown zu besehen. Hier wurde uns zuerst das Haus des Gouverneurs +gezeigt. Es liegt hart am Strande, mit der Vorderseite nach der Bai +gekehrt, wird aber von dem Wege, der an der Batterie hinläuft, durch +eine Mauer getrennt. Es ist unstreitig das schönste und größte Gebäude +auf St. Helena. Die meisten Zimmer sind mit persischen Teppichen, +ostindischen Moußelinbehängen u. s. w. verziert, und mit prächtigen +Mobilien von Ebenholz<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> versehen. In einem derselben sind die Bildnisse +der englischen Könige von Carl <em class="antiqua">I.</em> bis Georg <em class="antiqua">III.</em> +ausgehängt; auch findet man einen schönen Waffensaal. Der Graben +enthält eine Menge seltner Pflanzen, und zeichnet sich durch seine +trefliche Lage aus. Allein es ist ein eigener Anblick, wenn man die +hohen Felsen dahinter so darüber herhängen sieht.</p> + +<p>Weiter besahen wir die Kirche, die auf einem freien Platze steht. +Sie ist von innen und außen recht zierlich anzusehen, und hat auch +einen schönen Thurm mit Glocke und Uhrwerk. Eben so nimmt sich das +Schauspielhaus, in geringer Entfernung davon, nicht übel aus. Dasselbe +gilt von der Freimaurerloge, der neuen Offizierscaserne, und dem +Billiardhaus. Lezteres ist zugleich ein Wirthshaus, wo ich die Nacht zu +bleiben beschloß, indem der Supercargo zu einem Bekannten eingeladen +war. Mein Abendessen bestand aus Salat, und einem Schinkenbeine, nebst +zwei Gläschen Rum. Mein Bett war nicht das beste, und ein Frühstück<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> +forderte ich nicht. Jezt rathen Sie einmal, was die Zeche war? O nur +eine Kleinigkeit! Nicht mehr als sechs und zwanzig Gulden holl., man +kann nicht billiger seyn! — So sah ich denn mit einemmale, wie theuer +hier Alles ist. Gegen Mittag fuhren wir an Bord zurück.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="nobreak">Siebenter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r">Bai von <em class="gesperrt">St. Helena</em>,<br> +Juli 1805.</p> + +<p>Vorgestern erhielt ich einen unvermutheten Besuch von einem unserer +Landsleute, der hier ein artiges Haus und einen großen Kaufladen +besizt. Ich mußte ihn an's Land begleiten, und den Sonntag bei ihm +zubringen, was ich natürlich sehr gern annahm. Er bewirthete mich aufs +Beste, und ganz auf vaterländische Art. Bis auf den Roodkorß<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a>, +nichts, gar nichts fehlte; alles war da.<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> Später nahmen wir den Thee in +seinem Garten unter einem herrlichen Orangenbaume ein.</p> + +<p>Das Innere der guten Häuser ist sich hier fast durchgehends gleich. +Die meisten haben zwei, auch wohl drei Stockwerke, die sehr regelmäßig +eingetheilt sind. Um die beiden ersten Stockwerke pflegen Gallerien +zu laufen, was sehr viel zur Kühlung beiträgt. Verwundert bin ich +indessen, keine steinerne Fußböden zu sehen. Die Möbeln sind alle aus +England; doch werden auch Stühle und Kanapees aus einer Art hiesigen +ostindischen Binsen gemacht. Diese schönen Häuser sind aber einen +großen Theil des Jahrs gänzlich unbewohnt.</p> + +<p>Die Eigenthümer halten sich nämlich im Innern der Insel auf ihren +Landgütern auf. Diese sind als eben so viele Einsiedeleien zu +betrachten, indem jedes von dem andern durch Felsen und Schluchten +getrennt ist. Nur wenn die ostindischen Flotten ankommen, eilt alles +nach der Stadt. Jedes Haus wird dann ein Gasthaus, wo der Fremde Kost +und Wohnung<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> finden kann, sobald er kein Geld zu sparen braucht. St. +Jamestown ist dann äußerst belebt; Concerte, Bälle u. s. w. wechseln +unaufhörlich ab. Auch werden zu dieser Zeit große Geschäfte in +ostindischen und chinesischen Waaren gemacht. Hieraus wird erklärlich, +warum die hiesigen Kaufläden so überflüßig damit versehen sind.</p> + +<p>Man lebt hier im Allgemeinen ganz auf englische Art. Zum Frühstück: +Thee, Butterbrod, kaltes Fleisch, gebackenen Fisch, und Kapwein. Zum +Mittag: Rostbeef, oder Beefsteeck, gesottenen oder gebackenen Fisch, +Gemüse und Pudding. Der Nachtisch von den auserlesensten Früchten; +Kapwein, Madera und Bordeaux. Abends eine Kleinigkeit. Ein kleines +Gebäcke, oder auch nur Brod mit einem Glase Milch, Ale, Groy<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a>, oder +Wein. Ich finde dies sehr gesund; man schläft vortrefflich darauf.</p> + +<p>Die Insel selbst bringt mancherlei Lebensmittel<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> hervor. Dahin rechne +ich außer etwas Weizen, vorzüglich die vortrefflichen Erdäpfel, die man +das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß hat. Dann die köstlichen Yams, +die mit den Erdäpfeln verbunden das beste Brodsurrogat sind. Eben so +eine Menge herrlicher Früchte, wie Citronen, Orangen, Melonen, Ananasse +u. dgl. mehr. Auch fehlt es nicht an europäischen Gemüsen fast aller +Art. Mehrere antiscorbutische Gewächse und Kräuter, wie z. B. eine +Art Portulak, und Sellerie, die Petersilie, die Wasserkresse u. s. w. +findet man hier das ganze Jahr an der Küste im Ueberfluß.</p> + +<p>Das hiesige Rindfleisch ist vortrefflich, aber freilich so theuer, daß +es nur der Wohlhabende bezahlen kann. Dieß kommt von den Viehseuchen +her, die nicht selten aus Mangel an Wasser entstehen. Noch vor wenig +Jahren z. B. kamen mehr als 2000 Stück schöne Rinder bei einer +anhaltenden Dürre um. Schaafe und Ziegen giebt es viel, doch ist das +Hammelfleisch etwas zäh. Das Schweinefleisch<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> hingegen ist ausnehmend +gut. Wir hatten gestern ein Spanferkel von einzigem Geschmack.</p> + +<p>An Geflügel und kleinem Wildpret fehlt es ebenfalls nicht. Man hat +Rebhühner, Fasanen, Tauben u. s. w. besonders aber Hühner und Enten +in Ueberfluß. Der aus Ostindien eingeführte Reisvogel vermehrt sich +hier außerordentlich, und zwar sonderbar genug auf den Anhöhen. Auch +die Kaninchen und Guineahühner, die der Gouverneur aus Liebhaberei +unterhält, dürften in kurzem sehr zahlreich seyn. Seefische werden in +ungeheurer Menge gefangen; man zählt nicht weniger als 70 Arten davon. +Auch an Schildkröten fehlt es nicht, doch erhält man die größten von +der Insel Ascension. Das Trinkwasser ist das treflichste, das man +finden kann.</p> + +<p>Was St. Helena sonst noch braucht, wird aus Englands vom Kap, aus +Brasilien und von Angola zugeführt. Jährlich kommen nämlich wenigstens +vier, und zuweilen noch mehr Proviantschiffe mit den nöthigen +Artikeln,<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> wie Mehl, Pökelfleisch, Schinken, Zungen, Weizen, Schaafen, +Butter, Wein, Manufakturwaaren u. s. w. an. Es fehlt daher in der Regel +an nichts in St. Helena, nur daß alles, zumal wenn die ostindischen +Flotten da liegen, ungemein theuer ist.</p> + +<p>So kostet z. B. ein Huhn nicht weniger als zwölf Gulden +holländisch<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a>, während ein kaum jähriges Ferkel mit hundert siebenzig +Gulden bezahlt wird. Ein Pfund Havanah Cigarren kostet 36 Gulden, ein +Glas Liqueur einen Gulden, und so fort. Jeder Verkäufer nimmt hier +180 bis 200 pro Cent. So der Einwohner, der an die Schiffe abgiebt, so +der Schiffer, der seine Waaren absezt. Man sollte gar nicht glauben, +wie viel Geld hier in Umlauf kommt. Vor einigen Tagen z. B. verkaufte +nur ein Capitain in weniger als 2 Stunden für 7000 Pagoden<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> an +Werth. Die Kriegsschiffe, die hier mit Prisen einlaufen,<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> lassen oft +hunderttausende zurück. Auf diese Art leben die Einwohner, wenn man +die Beamten abrechnet, durchgehends von der Landwirtschaft und dem +Schiffsverkehr.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Achter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r">Bai von <em class="gesperrt">St. Helena</em>,<br> +Juli 1805.</p> + +<p>Was ich so oft gehört habe, finde ich nun vollkommen bestätigt: das +Clima von St. Helena ist wirklich sehr angenehm. Dies kommt besonders +von dem Paßatwinde her, der unaufhörlich über die Insel weht, und +die Luft beständig rein und kühl erhält. Erdbeben und Orkane, in den +tropischen Gegenden sonst so häufig, sind hier unbekannt. Es regnet +selten, oft, wie man behauptet, in zehn, zwölf Monaten und darüber +nicht. Als Ursache hiervon giebt man die Stätigkeit des Paßatwindes, +so wie die abgeschnittene Lage, den geringen Umfang, und die +verhältnißmäßige<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> Kahlheit der Insel an. Indessen scheint gewiß, daß +die hiesige Atmosphäre seit ungefähr 50 Jahren etwas feuchter geworden +ist, daß seit dem vermehrten Anbaue ungleich mehr Regen fällt, und daß +man eine anhaltende Dürre immer weniger zu fürchten hat.</p> + +<p>Wichtig scheint die Bemerkung, daß die Luft auf St. Helena überall, in +den Thälern wie auf den Bergen, an den Küsten wie im Innern der Insel, +gleich vortreflich ist. Der Wärmegrad hingegen wechselt natürlich nach +den Höhepunkten ab. Auf den höchsten Punkten fällt der Wärmemesser +bis unter 54° Fahr. herab, während er im St. Jamesthale bis 84° +steigt. Beides wird aber freilich nur selten bemerkt. Der sogenannte +Wintermonat, der halbe Juni und Juli, pflegt hier am kühlsten zu seyn. +Der Himmel ist dann häufig bedeckt, es fallen ziemliche Regenschauer, +und nicht selten ist die ganze Insel in einen leichten Nebel verhüllt.</p> + +<p>Wie gesund die Luft von St. Helena sey,<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> beweißt unter andern auch das +Ansehen der Einwohner, besonders derer, die hier geboren sind. Da +ist keine Spur von jener Totenfarbe, jener Abmagerung und Schwäche, +wie man sie in andern Theilen von Asien und Afrika bemerkt. Ohne +etwas von schweren Krankheiten oder peinigenden chronischen Uebeln +zu wissen, erreichen die meisten Einwohner ein sehr hohes Alter, und +zeigen noch oft im 70, ja 80sten Jahre, ungemeine Kraft und Munterkeit. +Eben so erholen sich die siechsten Personen, an deren Leben man in +Ostindien verzweifelte, auf St. Helena größtentheils mit unglaublicher +Schnelligkeit.</p> + +<p>Von der gefährlichen Nachtluft, die in den tropischen Ländern oft so +tödtlich ist, weiß man hier ebenfalls nichts. Im Gegentheil, man kann +sogar am Strande schlafen, ohne daß man das Mindeste davon zu fürchten +hat. Dies geschieht denn auch von den Matrosen sehr häufig, indem die +Schiffe gerade der Stadt gegenüber vor Anker gehen. So vereinigt sich +denn Alles, um St. Helena<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> zu einem macenarischen Posten zu machen, +der für den englisch-ostindischen Handel sehr wichtig ist. Hier finden +nämlich die nach Europa segelnden Schiffe gleichsam auf halbem Wege, +den besten Erfrischungsort. Ich sage, die nach Europa segelnden, weil +nur diese über St. Helena gehen. Die aus Europa kommenden legen nämlich +am Kap an. Dieser Unterschied wird durch die Abweichung des Paßatwindes +bestimmt.</p> + +<p>Der Umfang der Insel wird auf höchstens 12 Stunden geschäzt. Die +größte Länge soll von 6, die größte Breite von 4 Stunden seyn. Die +Bevölkerung giebt man auf 2300 Seelen an, worunter 5-600 Mann Garnison, +und 7-800 Neger mit begriffen sind. Für die Sicherheit der Insel ist +nach Möglichkeit gesorgt. Nicht genug, daß jede Landung durch die hohen +Felsen und die heftige Brandung sehr erschwert wird; es sind auch auf +den vornehmsten Punkten Batterien und Bollwerke angelegt.</p> + +<p>Zugleich sind auf den benachbarten Felsengipfeln<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> immer große +Steinvorräthe in Bereitschaft. Auf dem höchsten Punkte der Insel, +auf dem Dianenpik, ist ein Wachthaus, von dem man alle Schiffe in +der Entfernung von vielen Stunden signalisirt. Eben so sind rund um +die Insel Telegraphen errichtet, die sämmtlich mit St. Jamestown in +Verbindung stehn. Die Disciplin der Garnison ist sehr gut, und alle +Morgen sorgfältiger Namensaufruf. Sobald man nun einen Mann vermißt, +wird sogleich Embargo auf die Schiffe gelegt. Dies macht das Desertiren +beinahe unmöglich, indem nicht leicht ein Schiffer die Hand dazu bieten +wird.</p> + +<p>Der jetzige Gouverneur ist ein sehr thätiger und einsichtsvoller Mann. +Er hat sich bereits in vielen Hinsichten um St. Helena sehr verdient +gemacht. Unter andern hat er eine Einrichtung getroffen, die äußerst +nüzlich geworden ist. Alle Vergehungen werden nämlich mit einer +verhältnißmäßigen Strafarbeit gebüßt. So wurden mehrere öffentliche +Gebäude aufgeführt, die Inselwege verbessert,<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> wüste Strecken angebaut +u. dgl. mehr. Der schöne Compagniegarten z. B. entstand allein auf +diese Art. Vorher war es ein wüster Platz, wo aller Unrath von St. +Jamestown zusammenfloß. Jezt ist es die herrlichste Pflanzung, die man +sehen kann.</p> + +<p>Die Feldarbeiten werden hier durch Neger verrichtet, die zum Theil +freie Leute sind. Der Sclavenhandel ist schon seit 25 Jahren +und darüber abgeschafft. Dies hat auf den Anbau der Insel den +glücklichsten Einfluß gehabt. Indessen halten sich auch die freien +Neger freiwillig zu den einzelnen Gutsbesitzern, was für beide Theile +gleich vortheilhaft ist. Eben so sieht man deren als Bediente, Jäger, +Aufwärter, theils auf dem Lande, theils in St. Jamestown. Man rechnet +in allem 7-800 zusammen, worunter die Weiber die Mehrzahl sind.</p> + +<p>Von diesen leben sehr viele in der Stadt. Sie werden besonders als +geschickte Näherinnen, Köchinnen und Wäscherinnen gelobt. Die jüngere +und schönere treiben ein bekanntes<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> Nebenhandwerk, das während der +Anwesenheit der ostindischen Flotten sehr einträglich ist. Die meisten +Negerinnen berechnen ihr Alter theils nach dem Monde, theils nach +den Proviantschiffen aus England. — »Ich bin 300 Proviantschiffe +alt!« — gab mir eine sehr betagte Frau zur Antwort. Dies macht, 4 +Proviantschiffe auf das Jahr gerechnet, nicht weniger als 75 Jahre.</p><br> + +<p class="r">Zwei Tage nachher.</p> + +<p>Werden Sie glauben, theuerster Freund, daß von der Fortsetzung +meiner Reise nach der Kapstadt die Rede gewesen ist? Hören Sie nur! +Vor ungefähr 5 Tagen lief hier ein kleines Kapsches Schiff mit Wein +und Butter ein. Der Capitain hörte von uns, und bot uns gegen gute +Bezahlung sofort die Ueberfahrt an. Meine sämmtlichen Gefährten +entschlossen sich fast augenblicklich dazu, ich aber nahm mir vor, +etwas bedächtlicher zu Werke zu gehn.</p> + +<p>Den andern Tag ward ich zu dem Capitain<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> unseres Kriegsschiffes +eingeladen; was schon mehrmals der Fall gewesen war. Er erklärte mir, +er würde in 5, 6 Tagen unter Segel gehn. Ob ich ihn begleiten, meine +Reise nach dem Kap fortsetzen, oder auf St. Helena bleiben wolle, sey +mir freigestellt. Ich bat um eine Stunde Bedenkzeit, und entschloß mich +zur Reise nach — England.</p> + +<p>Sie werden erstaunen, verehrter Freund, aber hören Sie meine Gründe an. +Zuerst ist das Kapsche Schiff ein kleines, altes und sehr schlechtes +Fahrzeug, wie sie es in der Regel fast alle sind. Zweitens sind wir +im Regenmonßon, wo es in diesen Gewässern, und gerade in der Nähe des +Kaps, sehr heftige Stürme giebt. Drittens ist die Reise von St. Helena +nach dem Kap ohnehin schon beschwerlich, da man, um den Paßatwind zu +bekommen, einen bedeutenden Umweg machen, und wenigstens einen Monat +darauf rechnen muß. Viertens endlich glaubte ich, allen Umständen +zufolge, durchaus an mein erstes Schiff und dessen Schicksal gebunden +zu seyn.<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> Der Capitain selbst gab mir vollkommen Recht. Ich werde nun +noch eine Rundreise um die Insel machen, wozu die Erlaubniß bereits +ausgewirkt ist, und dann mit vollen Segeln nach Europa zurück!</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Neunter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r">Bai von <em class="gesperrt">St. Helena</em>,<br> +August 1805.</p> + +<p>Jezt erst kann ich sagen, daß mir St. Helena in jeder Hinsicht bekannt +geworden ist. Vorgestern in aller Frühe brach ich von St. Jamestown +auf. Mein Führer war ein alter ehrlicher Bootsmann, aber in Wahrheit +noch rüstig genug. Wir stiegen zuerst einen hohen, kahlen Felsen, den +sogenannten Ladderhill, hinan. Von der Bai aus gesehn, faßt er die +rechte Seite des Thales ein. Der ziemlich steile Weg ist in den Basalt +gehauen, und überall mit einer gemauerten Brustwehr versehn. Gewöhnlich +wird bis auf den Gipfel nur eine halbe Stunde abrechnet; wir brauchten +aber an drei Viertelstunden dazu.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p> + +<p>Auf dem höchsten Punkte befindet sich eine Batterie, die einen +beträchtlichen Theil der Bai bestreicht, nebst einem Flaggenbaum. +Daneben sind mehrere Baraken für die Artilleristen, die diesen Posten, +wegen der reinen kühlen Luft, allen andern vorziehn. Sie haben ihre +Weiber und Kinder bei sich, und bauen ihre kleinen Gemüsegärten sehr +sorgfältig an. Die Aufsicht vom Ladderhill ist aber nichts weniger als +schön. Auf der einen Seite hat man nichts als nakte Felsen; auf der +andern das einsame Meer. Die Stadt selbst nimmt sich in der furchtbaren +Tiefe wie ein Haufen Kartenhäuser aus.</p> + +<p>Wir erquickten uns mit einem Glase Rum und stiegen dann einen zweiten, +gleichfalls ganz kahlen Felsen hinan. Aber wie angenehm werden wir +dafür auf dem Gipfel überrascht! Ein liebliches Thal mit grünenden +Bergen eingefaßt, lag im glänzenden Morgenlichte vor uns da. Die +Pisangs, die Cocospalmen, die Orangen und Bananas; weidende Heerden auf +üppigen Wiesen; zierliche<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> Landhäuser zwischen Fruchtbäumen versteckt; +alles blühend und grünend, alles in Schönheit und Herrlichkeit; ein +irdisches Paradies vom liebenden Himmel geküßt.</p> + +<p>Wir wanderten nun am Rande dieses entzückenden Thales immer am Abhange +des Berges hin. Der Weg war mit Lorbeer- und Myrthensträuchen, mit +Citronen-, Orangen- und Feigenbäumen eingefaßt. Sie bildeten einen so +dichten Schattengang, daß uns die Sonne nicht im mindesten beschwerlich +fiel. Ich kaufte von einem alten Neger einige Orangen zu einem halben +Stüber<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a> das Stück, und fand dieselben von vortrefflichem Geschmacke. +Gegen Mittag kamen wir an ein schönes Landhaus, das dem Gouverneur +gehört. Wir fanden blos einige Neger und Negerinnen daselbst, und +konnten es also nach Belieben besehen. Es ist ein treffliches Gebäude, +vorn mit einer großen schattigen Kastanienallee, hinten mit<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> einem +herrlichen Garten versehen. Am Ende des Gartens befindet sich ein +Hügel, auf den man Bäume, Gebüsche und Blumen aus China und aus England +vom Kap und von den Südseeinseln beisammen sieht.</p> + +<p>Das Innere dieses Landhauses ist sehr geschmackvoll verziert; überall +sind die schönsten englischen Möbeln, auch eine Menge ostindischer +und chinesischer Kostbarkeiten aufgestellt. Unter andern bemerkte +ich ein schönes Fortepiano von Mahagony. Es war, wie ich hörte, auf +der Insel selbst gebaut, und zwar von einem Deutschen, der mit den +holländischen Truppen aus Surinam hierher gekommen ist. Er besizt +bereits ein schönes Haus zu St. Jamestown, und schickt jährlich eine +Menge musikalischer Instrumente, besonders aber Pianofortes, theils +nach dem Kap, theils nach Batavia. Die wohlfeilsten werden ihm mit +60 Guineen, die theuersten mit 180 bis 200 bezahlt. Leztere sind mit +den feinsten ostindischen Holzarten ausgelegt. Nachdem wir dies alles +besehen hatten, nahmen<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> wir eine ländliche Mahlzeit von Milch und Eiern +zu uns, und sezten nach einem kleinen Mittagsschlafe unsere Wanderung +weiter fort. Der ehrliche alte schwarze Castellan fand sich mit einem +guten Stück Tabak über seine Erwartung bezahlt.</p> + +<p>Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen bald zu einem anderen +schönen Landhause, das einem Herrn Vrangham gehört. Die hier gezogenen +Früchte und Gemüse sollen die besten auf der ganzen Insel seyn. Kein +Wunder, daß daher blos der Obstgarten für 200 Pfund jährlich verpachtet +ist. Ich bemerkte viel herrliches Wiesenland, sah aber nirgends Vieh +darauf. Gleichwohl befindet sich ein starker Bach in der Nähe, der sich +ins Meer ergießt. Das Wasser ist krystallhell, die Ufer sind mit den +schönsten Blumen bedeckt.</p> + +<p>Wir steuerten weiter nach <em class="gesperrt">Sandybay</em>, immer längs einer Reihe mit +Lorbeern und Myrthen bedeckter Berge hin. Dies ist der breiteste und +bequemste Weg auf der Insel,<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> so daß man selbst zu Wagen fortkommen +kann. Allmählig stiegen wir aufwärts, und bald sahen wir das große +liebliche Sandybay Thal vor uns. Das Farbenspiel der untergehenden +Sonne war entzückend schön; die ganze Landschaft schien in Rosenglut +getaucht.</p> + +<p>So kamen wir bei dem Landhause eines Herrn Doreton an, das sehr +romantisch an dem Abhange liegt. Ich hatte einige Zeilen an den +Verwalter, und war daher ein sehr willkommener Gast. Augenblicklich +sezte er uns herrliche Milch, frisches Brod und köstliche Früchte +vor, während seine Frau ein vollständiges Abendessen versprach. Ich +erfrischte mich mit einem Paar Stücken Ananas, und betrachtete die +Landschaft, über der jezt der Mond aufgieng.</p> + +<p>Nach ungefähr einer kleinen Stunde rief mich der alte ehrliche Neger +zum Abendessen hinein. Ich trat in einen freundlichen Gartensaal, der +mit den schönsten Kupferstichen verziert war. In der Mitte war ein +ziemlicher Tisch gedeckt, und mit allerhand guten<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> Sachen besezt. Wir +hatten ein treffliches Stück Rostbeef, eine Schüssel mit Lamscerbonade, +zwei andere mit Yams und Erdäpfeln, zwei Teller mit europäischen +Pfeffergurken und Eingemachtem, ein Körbchen voll herrlicher Früchte, +und eine große Flasche Maderasekt. Hungrig, wie wir nach einer +solchen Tagereise waren, langten wir nunmehr herzhaft zu. Es war ein +wunderschöner Abend; ich blieb bis nach zehn Uhr auf.</p> + +<p>Endlich wieß mir der Verwalter ein Schlafzimmer an. Es war äußerst kühl +und reinlich, dennoch that ich die ganze Nacht kein Auge zu. Hieran +war eine Legion von Mäusen Schuld, die ihr Unwesen ins unglaubliche +trieb. Sie liefen über mich hin und her, gänzlich ungenirt. Endlich +kleidete ich mich an, und begab mich auf die Terrasse, wo ich von +zwei bis sechs Uhr vollkommene Ruhe fand. Als es Morgen geworden war, +brachten die guten Leute ein treffliches Frühstück, auf dem feinsten +japanischen Porcellan. Ich beschenkte den Mann mit einem<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> tüchtigen +Stücke Tabak, und die Frau mit einigen Briefen Nadeln, nebst einem +Röllchen Seidenband, was ihre Erwartung übertraf. So war es fast sieben +Uhr geworden; endlich brachen wir auf.</p> + +<p>Wir nahmen nun unsern Curs nach <em class="gesperrt">Longwood</em>, ein der Compagnie +gehöriges Gut, das auf der östlichen Seite der Insel liegt. Der fast +zweistündige Weg dahin ist äußerst angenehm, und führt am Fuße des +Dianenpik hin. Dies ist der höchste Gipfel von St. Helena, der sich +fast 2700 Fuß über die Meeresfläche erhebt. Weiterhin sahen wir die +artigen Landhäuser der Herren Pierin und Bazelt mit weitläuftigen +Pflanzungen umringt. Hier wird das meiste und vorzüglichste Gemüse +auf der ganzen Insel gebaut, was den Besitzern große Summen einträgt. +Der Kohl wird für den besten auf der ganzen Welt gehalten, giebt aber +keinen Marktartikel ab. Ich sah auch hier eine schöne Rinderheerde, so +groß und fett, wie bei uns in Holland.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span></p> + +<p>Zu meinem Erstaunen ward ich auf diesem ganzen Wege eine Menge +Kaninchen gewahr. Sie haben Lager wie die Hasen, und schweifen +unaufhörlich umher. Man fängt sie daher fast auf die nämliche Art. +Zu gleicher Zeit bekamen wir auch sehr viel Tauben, Fasanen und +Rebhühner zu Gesicht. <em class="gesperrt">Longwood</em><a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a> selbst, ist eine sehr +schöne Besitzung. Sie liegt auf der Fläche eines Berges, der nicht +weniger als drei englische Meilen<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a> im Umfange hat. Das Haus ist mit +einem weitläufigen Parke, einem vortrefflich unterhaltenen Garten, +und herrlichen Wiesengründen umringt. Von der Gallerie und aus den +meisten Zimmern hat man eine entzückende Aussicht auf die benachbarten +pittoresken Thäler, auf die Bay von St. James und den Ocean. In der +Regel wird Longwood von dem Vicegouverneur bewohnt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p> + +<p>Von hier aus führen nun wieder zwei Wege nach St. Jamestown; der +eine mitten durch die Insel; der andere längs der Küste hin. Jener +ist äußerst pittoresk, wegen des beständigen Auf- und Absteigens +aber sehr unbequem. Dieser ist weniger romantisch, ja zuweilen sogar +unangenehm; doch bietet er nur selten beschwerliche Stellen dar. Ich +beschloß den lezteren zu wählen, um auch die minder angebauten Gegenden +des Eylandes zu sehen. In der That fanden wir auch nichts als kleine +einsame Negerhütten mit Frucht- und Gemüsegärten umringt. So wanderten +wir unter Lorbeer- und Cypressenbäumen bis Mittag fort, wo unter einem +Pisang Halt gemacht ward. Mein Führer hatte sich nämlich auf Herrn +Doretons Gute mit Wein, Brod und Schinken versehen, und wir hielten auf +diese Art eine sehr gute Mahlzeit. Auf den benachbarten waldigen Bergen +schwärmten Rehböcke herum, und aus der Ferne donnerte ein herrlicher +Wasserfall.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span></p> + +<p>Nach einigen Stunden Ruhe machten wir uns wieder auf den Weg, und +bekamen nachher den Wasserfall selbst zu Gesicht. Er stürzt sich an +dreihundert Fuß hoch von einem pittoresken Felsen herab, und bildet +einen crystallhellen ziemlich starken Bach. Das Wasser wird theils in +Röhren nach St. Jamestown geleitet, theils fließt es dem Meere zu, wo +es von den Schiffen benuzt wird. Bald näherten wir uns nun wieder der +St. James-Bay. Auch hier, wie durchaus längs der Küste, war der Weg mit +guten Brustmauern versehen. Endlich ließen wir einen hohen Berg mit +einem Fort seitwärts liegen, und stiegen gerade Ladderhill gegenüber +wieder nach St. Jamestown herab. So hatte ich denn die ganze Rundreise +um die Insel von Westen nach Osten in zwei Tagen gemacht. Morgen und +übermorgen besorge ich noch meine Einkäufe, und dann für wenigstens +zwei Monate wieder an Bord.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p> + +<h4 class="p2">Zehnter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r"><em class="gesperrt">In See, </em> August 1805.</p> + +<p>Gestern verließen wir St. Helena. Ich schlief noch ganz ruhig in meiner +Koje<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a>, als ich durch die Signalschüsse geweckt ward. Schnell zog ich +mich an, und eilte auf das Verdeck. Eben stieg die Sonne aus dem Meere +auf, und alle Schiffe glänzten im Morgenroth. Wir hatten deren noch +sechs in unserer Begleitung, lauter große Ostindien- und Chinafahrer +mit Ladungen von unermeßlichem Werth. Der Südostpassat war uns äußerst +günstig, bald lag die Insel gleich einem schwarzen Streifen hinter +uns, und heute sind wir schon viele Meilen davon entfernt. Ich habe +jezt die eine Hütte ganz für mich. So kann ich mich der zweiten Koje +als Vorrathskammer bedienen, und bin in allem weit besser daran, als +ehedem. Die<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> Kost ist erträglich, das beste müssen aber auch diesmal +die eigenen Provisionen thun.</p><br> + +<p class="r">12. August.</p> + +<p>Vorgestern segelten wir die Insel St. Ascension vorbei, sie bietet dem +Auge nichts als kahle Klippen dar. Das Segeln in Convoy hält unsere +Fahrt nicht wenig auf. Immer bleibt ein und das andere Schiff zurück, +auf das gewartet werden muß. Dann ist bald dies, bald jenes zu thun. +Dann ruft bald dieser, bald jener das Kriegsschiff an. So lagen wir oft +drei und mehrere Stunden bei, wobei es nicht an gegenseitigem Besuchen +fehlt. Auf dem einen Ostindienfahrer giebt es fast alle Abende große +Musik. Es sind besonders Blasinstrumente, was auf der See von ganz +eigener Wirkung ist. Morgen passiren wir die Linie, doch finden keine +Feierlichkeiten statt.</p><br> + +<p class="r">30. August.</p> + +<p>Seit 10 Tagen haben wir den Südostpassat verloren, und rücken nur +langsam fort.<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> Der Himmel ist bedeckt, der Barometer gefallen, der Wind +veränderlich. Wir sahen unter der Linie einige Wallfische, sie glichen +von weitem einem großen umgekehrten Schiffe, das mit den Masten nach +unten liegt. Sehr schön nahmen sich die hohen von ihnen ausgeworfenen +Wasserstrahlen aus. Sie bildeten, ehe sie wieder niedersanken, einen +majestätischen Bogen im herrlichsten Farbenspiel.</p> + +<p>Vorige Nacht hätten wir beinahe ein großes Unglück gehabt. Der eine +Ostindienfahrer war nämlich vom Curse abgekommen, und schoß in der +Nacht kaum anderthalb Fuß vor unserm Vorderstewon<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a> vorbei. Wir haben +Wassermangel, so eben höre ich aber, daß man uns vom Kriegsschiffe drei +große Fässer zugeschickt hat. Nun so will ich mir denn seit 8 Tagen den +ersten Thee wieder machen, der mir wie Nektar schmecken soll.</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span></p> + +<p class="r">9. September.</p> + +<p>Der Capitain hat die Luken öffnen lassen, um nach der Ladung zu sehen. +Es ist viel Seewasser eingedrungen, der Schaden scheint größer als man +geglaubt hat. Dies ist aber sehr natürlich, da alles unter einander +geworfen worden war. So liegen die Kisten mit den feinen Tüchern oben +auf. Auch die meinigen sind bis auf den Grund durchnäßt. Die Bücher +z. B. bilden nichts als eine verschimmelte Masse, so daß ich sie +nur ins Meer werfen kann. Die Matrosen sind jezt beschäftigt, das +Schiff anzumalen, und bringen überall, wo sichs nur schicken will, +eine Stückpforte an. Wir sollen von weitem recht furchtbar aussehn, +damit sich kein französischer Kaper an uns macht. Unsere Fahrt war +bei dem veränderlichen Winde langweilig genug. Allein gegen Ende der +vorigen Woche bekamen wir den Westpassat, und nun geht es fröhlich den +europäischen Gewässern zu.</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p> + +<p class="r">27. September.</p> + +<p>Gestern war ein angstvoller Tag für uns. Ohngefähr auf der Höhe von +Kap finisterre rief uns am 24. ein englischer Kutter an. Er gab uns +Nachricht, daß der ganze Golf von Biscaya, und besonders die Einfahrt +des Kanals mit französischen Kriegsschiffen bedeckt sey. Sie hätten +den größten Theil eines nach Westindien bestimmten Convoys genommen, +und sich sogar an der englischen Küste gezeigt. Der Capitain unseres +Kriegsschiffes hielt es daher fürs beste, seinen Kurs so nördlich als +möglich zu nehmen, theilte indessen auf jeden Fall die nöthigen Befehle +aus.</p> + +<p>Gestern um 9 Uhr Morgens tauchten in großer Entfernung einige +Kriegsschiffe auf. Man sah sie allgemein für englische an. Allein +um 1 Uhr Nachmittags zeigte sich leider das Gegenteil. Es waren 3 +französische Fregatten, von denen die eine mit vollen Segeln auf unser +Kriegsschiff zukam. Indessen dauerte es doch noch fast eine Stunde,<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> +ehe das eigentliche Gefecht seinen Anfang nahm. Es scheint, daß man +auf beiden Schiffen noch mit den Zurüstungen beschäftigt war. Endlich +schickte die Fregatte dem Kriegsschiffe einige Kugeln und bald darauf +eine ganze Ladung zu, und nun begann der Kampf mit Heftigkeit.</p> + +<p>Unser Kriegsschiff leistete den tapfersten Widerstand, selbst als schon +in der ersten halben Stunde die zweite, und endlich auch die dritte +Fregatte dazu gekommen war. So dauerte das Gefecht, mit einer kleinen +Pause bis gegen Abend fort. Jezt aber mußte das Kriegsschiff streichen, +worauf es von den Franzosen in Besitz genommen ward. Wir sahen jezt die +eine Fregatte auf die Convoy loskommen, benuzten aber den Vortheil des +Windes und der Dämmerung, und entgiengen ihr. Doch zweifle ich, ob dies +allen Schiffen geglückt seyn mag.</p> + +<p>Unsere Offiziere und Matrosen waren über<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> den Sieg der French Dogs<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a> +vor Wuth ganz außer sich. Sie schwuren, die Prise bis auf das Aeußerste +zu verteidigen, und sollte es ihr lezter Augenblick seyn. Die Lichter +wurden bedeckt, die Kanonen und Gewehre in Stand gesezt. Jeder +hielt sich auf seinem Posten, und spähte in die düstere See hinaus. +Indessen bekamen wir nur einige Schiffe und diese sämmtlich nur an +der französischen Küste zu Gesicht. Wir erkannten sie in ziemlicher +Entfernung an den drei großen Laternen des Hintertheils.</p> + +<p>Heute Morgens um 8 Uhr aber erblickten wir ein Schiff, das mit vollem +Winde auf uns zugesegelt kam. — »Jezt gilt es Leben oder Tod!« — +rief der englische Lieutenant und munterte das Schiffsvolk durch eine +kräftige Anrede zum Gefechte auf. Wir Passagiere, der vorige Capitain, +der Schiffsarzt und ich, mußten uns in den Raum begeben, und brachten +hier eine Stunde in Todesangst<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> zu. Doch endlich hörten wir ein lautes +Freudengeschrei, wurden hinaufgerufen, und sahen, daß jenes Schiff ein +englischer Kutter von 34 Kanonen war. Er kam uns nun in kurzem zur +Seite, und theilte uns allerhand Neuigkeiten mit.</p><br> + +<p class="r">5. October 1805. Morgens.</p> + +<p>Wir haben die Küsten von Cornwallis in Gesicht, der Wind ist südost, +und also in hohem Grade günstig für uns. Die schönen grünenden +Berge mit ihren alten Kastelen glänzen im Sonnenschein, und eine +Menge freundlicher Häuser ragen zwischen Baumgruppen hervor. — Ein +Amerikaner hat uns mit herrlichem Pökelfleische und Kartoffeln ein +erwünschtes Geschenk gemacht. Auch wird so eben ein Netz mit Sardellen +aufgefischt. Alles auf dem Schiffe ist Leben und Fröhlichkeit. Wir +sehen eine abgehende westindische Kauffartheiflotte von mehr als +hundert Segeln, die von zwei Kriegsschiffen escortirt wird. Es ist ein +unaussprechlich erhabener Anblick.<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> Noch diesen Abend segeln wir um Cap +Lezard herum.</p><br> + +<p class="r"><em class="gesperrt">Plymouth</em>, 7 October 1805.</p> + +<p>Als ich gestern Morgens erwachte, befanden wir uns in der Cawsandbay. +Welcher Mastenwald! Welches Leben und welche Thätigkeit! Ich sage +nicht zu viel, es lagen hier an 500 Schiffe zusammen, und dazwischen +fuhren unzählige Schaluppen hin und her. Nicht weniger angenehm war der +Landprospect. Ein Halbzirkel von herrlichen angebauten Bergen, in den +Abhängen mit freundlichen Landhäusern, an dem Fuße mit schönen Dörfern +bedeckt. Hier weidende Heerden, dort wohlgekleidete Feldarbeiter, +und im Hintergrunde auf der höchsten Spitze ein Telegraphenthurm. +Bald kamen nun eine Menge Boote mit Lebensmitteln an unser Schiff. +Ich kaufte mir Wasser, Milch, Brod, Butter und Obst, und hielt ein +köstliches Frühstück damit. Wenn man so nach drei Monaten zum erstenmal +wieder einen frischen<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> Trunk reines Quellwasser kostet — es ist ein +Genuß, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt.</p> + +<p>Unterdessen ward es von Stunde zu Stunde immer lebhafter in der Bay. +Ich zählte an 300 Boote, blos mit Frauenzimmer angefüllt. Alle diese +Damen hatten die Nacht auf der Flotte zugebracht, und kehrten jezt +ans Land zurück. Sie waren in Mäntel und Pelze gehüllt, und schienen +äußerst lustig zu seyn. Aber werden Sie wohl glauben, daß die ganze +Gesellschaft, wohl an 2000 zusammen, aus feilen Mädchen bestand? Dies +gehört zur englischen Marinepolizei. So wie eine Flotte in einem der +fünf Haupthäfen eingelaufen ist, werden die Matrosen abgeholt. Den +meisten brennt das Geld in der Tasche; es muß so bald als möglich +wieder fort. Nun dürfen sie aber nur bei Tage ans Land, also helfen sie +sich auf die obige Art. Es ist sogar ein Gesetz vorhanden, daß es ihnen +kein Admiral u. s. w. verwehren darf. So kommt das Geld durch diese +Mädchen sofort wieder in<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> Umlauf, und die nächtliche Ruhe der Einwohner +bleibt ungestört.</p> + +<p>Unser Prisenmeister hatte sich inzwischen an Bord des Admiralschiffes +begeben, und ließ uns einen ganzen langen Tag in peinlicher +Ungewißheit. Endlich kam er Abends spät zurück, und kündigte uns die +weitere Fahrt nach Portsmouth an. Das Kriegsschiff war aus diesem Hafen +ausgelaufen; also gehörte auch die Prise dahin. Heute früh lavirten +wir demnach wieder aus der Bay heraus, so ungünstig sich auch Wind und +Wetter anließ.</p> + +<p>Vier Stunden waren wir bereits unter Segel gewesen, und hatten doch +kaum zwei Seemeilen zurückgelegt; als die Heftigkeit des Windes zum +Sturme anwuchs. Der Regen floß in Strömen herab, und die Wellen +schlugen unaufhörlich über das Verdeck. Mehrere die Bay einsegelnden +Schiffe riefen uns zu, daß See zu halten unmöglich sey, allein unser +Lieutenant kehrte sich nicht daran. Bald verloren wir das Boogspriet, +und gleich darauf die Stange vom Besaanmast. Jezt erst<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> schien der +Lieutenant die Gefahr einzusehen, befahl das Schiff zu wenden, und rief +durch Nothschüsse einen Lootsen an Bord. So liefen wir vor einigen +Stunden in Plymouth ein, ich erhielt Erlaubniß, mich ans Land zu +begeben, und lasse nun diesen Brief sofort über London an Sie abgehen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Eilfter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r"><em class="gesperrt">Plymouth</em>, 14 October 1805.</p> + +<p>Der preußische Consul hat mich anerkannt, und ich bin nun vollkommen +frei. Es ist ein geborner Engländer, aber ein sehr wohlwollender Mann, +der mir bereits eine Menge Gefälligkeiten erzeigt hat. Ich habe auch +bereits eine Privatwohnung bezogen, mit der ich vollkommen zufrieden +bin. Für Tisch und alles zusammen, zahle ich nicht mehr, als eine +Guinee die Woche, was wirklich sehr billig ist. Meine zwei Coffers habe +ich nun auch vom Bord erhalten, und mit großer<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> Freude gefunden, daß +wenig oder gar nichts davon verdorben ist. Die Bücherlisten aber mögen +in Gottes Namen im Raume liegen bleiben, die verschimmelte Waare ist +keine zehn Gulden mehr werth. Doch genug von mir selbst; ich theile +Ihnen jezt einige Bemerkungen über Plymouth mit.</p> + +<p><em class="gesperrt">Plymouth</em> mit 43,000 Einwohnern liegt am Abhange eines Hügels, +der sich zwischen den Mündungen der Tamor und des Plym in die See +hinaus erstreckt. Die Mündung der Tamor ist unter dem Namen Hamoare, +die des Plym, die zugleich der Stadt den Namen giebt, unter der +Benennung Catwater bekannt; die vor der Stadt selbst befindliche +Bay heißt Plymouth-Sound. Die Mündung der Tamor ist am weitesten +von der See entfernt. In der Regel werden daher alle abgetakelten +Kriegsschiffe, und besonders die erklärten Prisen dahin gebracht; auch +befinden sich die Gefängnißschiffe daselbst. Catwater, oder die Mündung +des Plym ist besonders für Kauffahrer, und noch unter<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> Prozeß liegende +Prisen bestimmt; beide Ankerplätze sind wegen ihrer Sicherheit berühmt. +Plymouth-Sound hingegen, so wie die benachbarte Cadsandbay pflegen bei +stürmischen Wetter gefährlich zu seyn. Was man endlich Sutton Poot +nennt, ist eine Art natürlichen Hafens im Catwater, an der einen Seite +der Stadt. Er ist mit einem Kay eingefaßt, und bietet zum Ein- und +Ausladen der Schiffe große Bequemlichkeiten dar.</p> + +<p>Plymouth liegt also, wie gesagt, am Abhange eines Hügels, so daß +sich die Straßen von oben nach unten ziehen, und die Häuser fast +amphitheatralisch über einander gebaut sind. Die Straßen sind mit wenig +Ausnahmen eng und düster, und wie man denken kann, ziemlich steil; eben +so sind die Häuser fast durchgängig in altväterischem Stile gebaut, +und haben bei den vielen zugemauerten oder mit Brettern vernagelten +Fenstern ein doppelt häßliches Ansehen. Es ist dies eine Folge der +übermäßigen Fenstertaxe, indem für jedes nicht geblendete Fenster, +eine<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> Abgabe von 15 Schillingen<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> bezahlt werden muß.</p> + +<p>In dem niedrigsten Theile von Plymouth sind die Häuser am häßlichsten, +und selten oder nie mit Gärten versehen. In dem mittleren Theile sind +sie schon etwas besser, und haben fast alle jene Annehmlichkeit. Auf +dem höchsten Theile des Hügels endlich, sind sie fast durchgehends +neu und geschmackvoll, auch mit herrlichen Gärten umringt. Sie haben +zu gleicher Zeit eine vortreffliche Aussicht auf die ganze Stadt, die +umliegende Gegend, und die ganze Bay. So schlecht sich indessen auch +der größte Theil der hiesigen Häuser von außen ausnimmt, im Innern sind +sie dennoch sehr bequem eingerichtet, und häufig eben so prächtig, als +geschmackvoll verziert.</p> + +<p>Plymouth wird durch eine Citadelle gedeckt, die eine Viertelstunde +im Umfange hat, und deren 5 Bastionen mit 165 Kanonen vom schwersten +Kaliber besezt sind. Dazu<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> kommt noch eine starke Wasserbatterie, die +mit 18 24pfündern besezt ist. Im Innern der Citadelle befinden sich +unter andern auch die Magazine für die Vorräthe der königlichen Flotte +besonders an Mehl, Zwieback und Brod. Zu gleicher Zeit sind zwei große +Backhäuser vorhanden, wovon jedes vier Oefen hat. Diese Oefen werden +alle 24 Stunden nicht weniger als achtmal geheizt, so daß für 16,000 +Mann darin gebacken werden kann.</p> + +<p>Der Citadelle gegenüber, befindet sich auf einer kleinen Insel, St. +Nicolas genannt, ein anderes Fort, das ebenfalls von großer Wichtigkeit +ist, indem es die Mündungen des Plym, und der Tamor deckt. Hierzu trägt +besonders die Lage desselben gerade vor der Stadt, und in der Mitte von +Plymouth-Sound bei. Auch die Insel selbst wird nicht nur durch ihre +felsige Küste, sondern überdem durch mehrere Batterien vertheidigt, +wovon jede mit einem Roste zu glühenden Kugeln versehen ist.</p> + +<p>Die hiesigen Lebensmittel sind vortrefflich,<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> besonders was Fleisch, +Gemüse und Fische anlangt, ohne eben sehr theuer zu seyn. So wird z. +B. das Pfund Rindfleisch mit 5 bis 6 Stüvern<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a>, die Maas Kartoffeln +mit einem Stüver; ein großer Schellfisch mit anderthalb bis zwei +Stüvern bezahlt. Das Pfund Waizenbrod kostet einen Stüver, das Pfund +Wachslichter zehn Stüver, das Pfund Thee von vorzüglicher Güte, noch +nicht volle drei Gulden u. dgl. mehr. Ueberhaupt kann man annehmen, daß +die ersten Bedürfnisse ziemlich wohlfeil, Luxusartikel aber, wie Wein, +Liköre u. s. w. sehr theuer sind. Das leztere scheint auch vor allem +zu gelten, was zur männlichen Kleidung gehört, während die gewöhnliche +Frauenzimmerkleidung hingegen, sehr wohlfeil ist.</p> + +<p>Gesellschaftliche Hülfsquellen trifft man zu Plymouth in Menge an. +Zuerst sind mehrere gute Leihbibliotheken vorhanden, worunter<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> ich +besonders die von einem Herrn Bornickel, einem Deutschen auszeichnen +muß; versteht sich, daß man nur nach englischen Büchern fragen darf. +Ferner giebt es eine Menge guter Kaffehäuser und Tavernen, eben so +ein recht artiges Schauspielhaus. Endlich fehlt es auch an Concerten, +Assembleen und Bällen nicht. Wer Spaziergänge liebt, findet in der +umliegenden Gegend hinlängliche Gelegenheit dazu.</p> + +<p>Sehr schöne Aussichten hat man besonders von der Citadelle, die auf +einem hohen, die ganze Bai beherrschenden Felsen liegt, und wohin der +Zugang jedermann offen steht. Eben so auf einem andern hohen Berge, +ungefähr eine halbe Stunde von der Stadt, von dessen Gipfel man weit in +die See hinaussehen kann. Sehr angenehm sind auch die Parthien nach +Catwater, oder der Mündung des Plym, wo man mehrere artige Wirthshäuser +findet, eben so nach Plymouth-Dock, und dergl. mehr. Ich behalte mir +die<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> Beschreibung dieser Abstecher für die Zukunft vor.</p> + +<p>Was meine eigene Lebensart anlangt, so wechsele ich mit Studieren +und Beobachten, mit Arbeiten und Vergnügungen ab. So bringe ich z. +B. den Vormittag bis ungefähr 11 Uhr zu Hause zu. Dann gehe ich +auf eine Viertelstunde in ein Kaffehaus, das der Sammelplatz aller +hier befindlichen holländischen Schiffer ist, und dann entweder auf +das Rathhaus, um dem öffentlichen Gerichte beizuwohnen, oder in +eine Leihbibliothek, oder ins Freie hinaus. Bei diesen öffentlichen +Gerichten nehme ich gar sehr in der Sprache zu. Bemerkenswert ist auch, +mit welchem Selbstgefühl und welcher Unerschrockenheit hier auch der +ärmste Einwohner aus den untersten Classen seine Sache vorzutragen +pflegt.</p> + +<p>Um zwei Uhr ist bei uns Essenszeit, worauf ungefähr eine Stunde +verwendet wird. Gegen 4 Uhr mache ich gewöhnlich allein, zuweilen +auch in Gesellschaft einen großen Spaziergang.<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> Um 6 Uhr komme ich +zurück, trinke Thee, und bringe den Abend meistens mit Lesen, dann +und wann aber auch im Theater zu. Hier ist jedoch immer ein solcher +Lärmen, daß man wenig oder gar nichts vom Stücke verstehen kann. Die +Zuschauer laufen nämlich beständig von einem Platze zum andern, wo +es dann besonders in der Nähe gewisser Damen sehr laut zugeht. Diese +benehmen sich indessen mit vieler Züchtigkeit, weil der Zutritt in das +Theater nur den beiden ersten Klassen gestattet ist. Man erkennt sie +jedoch sehr leicht an ihrer Kleidung, und besonders an ihrer wirklichen +bezaubernden Artigkeit. Nichts reizenderes, als wenn ein solches +Mädchen ihrem Geliebten eine Weintraube oder Orange aufdringt. Doch +genug! denn eben ruft mich unsere gute Wirthin zum Abendessen ab.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p> + +<h4 class="p2">Zwölfter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r"><em class="gesperrt">Plymouth</em>, 27 October 1805.</p> + +<p>Gestern war hier ein allgemeiner Freudentag. Es liefen nämlich +5 französische, bei Trafalgar genommene, Linienschiffe ein. +Majestätisch wehte die englische Flagge vom Quarterdecke, während die +französische tief ins Wasser hieng. Der Enthusiasmus des Volkes war +unbeschreiblich. Dazu das Glockengeläute, der Donner der Kanonen, +und das Freudengeschrei von allen Schiffen ringsumher! Aber bald +ward nun auch Nelson's Tod bekannt. — <em class="gesperrt">Nelson is killd! — Nelson +is killd!</em><a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a> riefen sich Männer und Frauen, mit Thränen und +Händeringen zu. Lebhaft fühlte ich was Volksgeist und Vaterlandsliebe +ist.</p> + +<p>Seit meinem lezten habe ich nun mehrere Abstecher in die umliegende +Gegend gemacht. Zuerst nach Plymouth-Dock, oder gewöhnlich<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> schlechtweg +<em class="gesperrt">the Dock</em>, nur eine halbe Stunde von hier. Es ist dies eine neue, weit +größere und volkreichere Stadt, als Plymouth selbst. Ihr Name zeigt +ihren ersten Ursprung, nämlich ein Schiffswerft an. Der Weg dahin +ist sehr belebt und angenehm. Zuerst kommt man durch Stonehouse, ein +artiges Dörfchen, dessen niedliche Häuser sich fast eine Viertelstunde +neben der Straße hinziehen. Dann übersteigt man Stonehouse-Hill, einen +ziemlich beträchtlichen Hügel, von dem man eine ausgebreitete Aussicht +auf die beiden Nachbarstädte hat. Am Fuße desselben kommt man durch das +Dörfchen Stock, und bald tritt man in die schönen, geraden und breiten +Straßen von the Dock ein.</p> + +<p>In der That, ich ward hier äußerst angenehm überrascht. Alles ist +so nett, so freundlich, so lebendig; daß Plymouth wie ein düsteres +Gefängniß dagegen erscheint. Wer daher nicht an jenen Aufenthalt +gebunden ist, oder von seinen Renten leben kann, zieht in der Regel +gewiß diese Stadt vor. Von öffentlichen<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> Gebäuden sind besonders das +außerhalb den Thoren liegende Marinehospital, die neuen Kasernen, +das schöne Wachthaus, und die prächtigen Schiffswerfte sehenswerth. +Die Lebensmittel sind etwas theurer als in Plymouth, man zahlt z. B. +ungefähr ein Viertheil mehr als dort. Uebrigens gehen zwischen beiden +Städten unaufhörlich eine Menge Postkutschen hin und her, die man zu +jeder Stunde des Tages miethen kann.</p> + +<p>Eine angenehme Seefahrt machte ich vor einigen Tagen nach Edystone. +Dies ist der Name einer Klippenreihe, die sich in der offenen See, +gerade vor der Mitte der Bay hinzieht. Auf dem höchsten Punkte +derselben, vorzugsweise Edystone genannt, ist ein Leuchtthurm erbaut, +der auf den englischen Seekarten, unter dem Namen Edystone-Lighthouse +verzeichnet ist, und von den Schiffern sehr sorgfältig beobachtet wird. +Ich fuhr in Gesellschaft einiger Bekannten dahin. Wir wählten natürlich +einen vorzüglich schönen Tag dazu, weil man diesen gefährlichen +Klippen<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> sonst nicht nähern kann. Auch vergaßen wir die nöthigen +Vorräthe an Wein, Rum, Rostbeef, Chesterkäse, Brod und Porter nicht.</p> + +<p>Das Wetter war vortrefflich, das Meer fast spiegelglatt, der Wind +sanfter Ost-Süd-Ost; schon nach einer Stunde langten wir daher bei dem +Leuchtthurme an. Einer der Wächter wartete bereits auf uns, befestigte +unser Boot an einem eisernen Ringe, und half uns dann durch das stille +niedrige Wasser, von Klippe zu Klippe, bis an den Thurm hinan. Hierauf +holte er unsere Vorräthe aus dem Boote, und führte uns eine zwar +dunkle, aber bequeme Treppe hinauf. Bald öffnete er eine Thür, und wir +traten in ein geräumiges Zimmer, das zwar etwas düster, jedoch recht +artig meublirt war.</p> + +<p>Wir fanden hier seinen Kameraden, einen schon ziemlich bejahrten +Mann, der uns mit ungemeiner Freude empfieng. Ein Tag, wo diese +armen Leute Besuch erhalten, ist immer ein Festtag für sie. Nach +einer kleinen Unterhaltung, die wir mit einem Geschenke von<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> Tabak +eröffneten, stiegen wir vollends zur Laterne hinauf, und besahen die +Einrichtung zur Erleuchtung, die jezt mit Lampen geschieht. Hierauf +folgte eine tüchtige Kollation, von der natürlich unser alter Wirth +nicht ausgeschlossen blieb, während dem andern sein Theil zurückgelegt +ward. Dies machte denn den guten Alten so gesprächig, daß er uns nicht +nur eine kurze Geschichte des Leuchtthurms selbst, sondern auch seine +eigenen Lebensumstände zum Besten gab.</p> + +<p>Der Leuchtthurm, wie er jezt dasteht, ist eigentlich schon der dritte +auf Edystone. Der erste ward in den Jahren 1696 bis 1698 gebaut, stand +aber nur bis 1707, wo er bei einem heftigen Herbststurme in einer Nacht +von den Wellen verschlungen ward. Der zweite ward 1708 angefangen, +und im folgenden Jahre vollendet. Er hielt gegen alle Stürme bis +1755 aus. Hier brannte er ab, und die zwei Wächter fanden einen sehr +schrecklichen Tod. Der jetzige Leuchtthurm endlich ward in den Jahren +1756-59 vollendet,<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> und hat seitdem den wüthendsten Orkanen getrozt.</p> + +<p>Was den alten ehrlichen Wächter selbst anlangt, so befand er sich schon +seit 30 Jahren hier, und trieb zugleich das Schuhmacherhandwerk. Er +hatte diese Stelle anfangs aus Bequemlichkeit gesucht, worauf ihm erst +die Arbeit lieb geworden war. Troz seinem geringen Gehalte, der nur 25 +Pfund betrug, war er dennoch vollkommen zufrieden, und wünschte sich +nie von seinem lieben Thurme hinweg.</p> + +<p>Mitunter war es ihm freilich manchmal sehr hart gegangen, besonders im +Winter, wo die Verbindung oft Monate lang mit dem Lande abgeschnitten +ist. So z. B. als einmal sein Mitwächter gestorben war. Sechs und +dreißig Tage mußte er den Leichnam bei sich behalten, und obendrein +den beschwerlichen Dienst allein versehen. An diese fünf schicklichen +Wochen dachte er noch immer mit Entsetzen zurück. Seitdem sind +regelmäßig drei Wächter angestellt. Der dritte<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> war gerade auf einige +Tage in Plymouth. So hörten wir dem guten Alten einige Stunden mit +Vergnügen zu, bis endlich die Nachmittagsfluth eintrat. Jezt machten +wir ihm ein kleines Geschenk an Gelde, und segelten mit dem günstigsten +Winde nach Plymouth zurück.</p> + +<p>Eine andere sehr angenehme Partie machten wir gestern nach Edgecumbe. +Dies ist eine Art hohen Vorgebirges, das am jenseitigen Ufer der Tamor +liegt, und von der Cadsand-Bay bespült wird. Wir ließen uns über die +Tamor setzen, was durch zwei schmucke, rothbäckige Dirnen geschah, +wandelten noch eine halbe Stunde zwischen herrlichen Wiesen hin, und +langten endlich am Fuße des pittoresken Berges an. Edgecumbe gehört +einer der ältesten Familie von England, und bildet im Grunde einen +Park, der über eine Stunde im Umfange hat.</p> + +<p>So wie wir allmählig aufstiegen, fanden wir nun die herrlichsten +Anlagen aller Art. So sah ich z. B. eine Menge Lorbeer- und<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> Myrthen-, +Orangen- und Citronen-Pflanzungen, und glaubte mich plözlich wieder +nach St. Helena versezt. Sie überwintern hier, wie ich höre, in freier +Luft, woraus sich auf die Milde der Temperatur in diesem Theile von +England schließen läßt. Auf dem höchsten Punkte, und in der Mitte des +Ganzen, befindet sich das große schöne Wohnhaus, mit einer Aussicht, +die einen Horizont von 7 bis 8 Stunden, und die herrlichsten Land- und +Seeprospekte umfaßt. Das Innere dieser Villa ist eben so bequem als +geschmackvoll eingerichtet, und mit Kunstwerken aller Art angefüllt. +Der gegenwärtige Besitzer davon ist der einzige Sohn des Grafen von +Edgecumbe, Lord Valleton. Er ist unaufhörlich auf neue Anlagen bedacht, +so daß Edgecumbe in kurzem unter die ersten Merkwürdigkeiten von +England gerechnet werden wird.</p> + +<p>Um auf einem andern Wege nach the Dock zurückzugehen, beschlossen wir +einen Berg zu übersteigen, an dessen Fuße das Dorf Cadsand, an der +Bay gleiches Namens liegt.<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> Auf dem Gipfel jenes Berges fanden wir +eine Kirche, auf deren Thurme ein Telegraph befindlich war. Daneben +stand ein kleines Haus, für die beiden Wächter bestimmt. Nachdem wir +einen sehr beschwerlichen Abhang herunter gestiegen waren, aßen wir zu +Cadsand zu Mittag, und kehrten auf einem sehr angenehmen Fußsteige erst +nach the Dock, und dann nach Plymouth zurück.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Dreizehnter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r"><em class="gesperrt">Portsmouth</em>, 7. November 1805.</p> + +<p>Ich verließ Plymouth, um geradesweges nach London zu gehen. Zuerst +nahm ich meinen Weg nach Exeter, das eine gute Tagereise von Plymouth +entfernt ist. Ich that dies in der gewöhnlichen Morning-Coach, deswegen +so genannt, weil sie immer des Abends liegen bleibt, während die +Evening-Coach Tag und Nacht durchfährt. Es war 5 Uhr Morgens; meine +Gesellschaft bestand aus zwei Herren und einer Dame; indessen<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> währte +es geraume Zeit, ehe es zwischen uns zum Gespräche kam.</p> + +<p>Der erste Ort, wo wir anhielten, war Irybridge, ein vortreffliches +Wirthshaus, das nur wenig Schritte von dem Dorfe gleiches Namens, +höchst romantisch zwischen baumreichen Hügeln liegt. Wir fanden +hier das Frühstück schon bereit, und die ganze Einrichtung äußerst +geschmackvoll. Dann fuhren wir durch eine reizende Landschaft bis +nach Aschburton, einem Städtchen, wo in einem gleichguten Wirthshause +zu Mittag gegessen ward, passirten weiterhin Chudleigh, einen +Marktflecken, der seiner Obstgärten wegen berühmt ist, und kamen +endlich Abends um 7 Uhr in Exeter an.</p> + +<p>Ich trat mit meinen Reisegefährten in einem großen Wirthshause ab, wo +auch die Morning-Coach liegen blieb. So einsilbig sie den ganzen Tag +über gewesen waren; so redselig wurden sie nach dem Abendessen, als der +Portwein zu wirken anfieng. Ich habe dies aber bei allen Engländern +bemerkt. Sie<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> pflegen meistens erst bei der Flasche lebendig zu werden, +und scheinen dann wirklich ganz andere Menschen zu seyn.</p> + +<p>Den andern Morgen gieng ich aus, die Stadt zu besehen. Sie liegt an der +schiffbaren Exe, ist im Ganzen nicht übel gebaut, hat mehrere schöne +öffentliche Gebäude, und mag ungefähr 2000 Einwohner zählen, deren +Hauptnahrung in Wollfabriken und Handlung besteht. An der Nordseite +der Stadt befindet sich ein vortrefflicher Spaziergang, Northernhay +genannt, der unter die schönsten von England gehört. Sonst sind die +Umgebungen von Exeter etwas einförmig, denn sie bestehen blos aus +Weideland. Dafür wird aber auch starke Viehzucht getrieben, und sehr +viel Butter verführt. Ein artiges Dörfchen ist Drewstington, man kann +daselbst mehrere alte Denkmäler sehen. Nicht weit davon fließt der +Teign in einer sehr romantischen Gegend, und zwischen hohen Felsen +eingepreßt. Ein anderes schönes Dorf<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> ist Exminster an der Exe, deren +Ufer mit herrlichen Landhäusern eingefaßt sind.</p> + +<p>Am folgenden Abend nahm ich einen Plaz in der großen Londoner +Evening-Coach bis Salisbury. Die Gesellschaft war klein, wir schliefen +überdem sämmtlich in einem Stücke weg. Um Mitternacht indessen hielten +wir an, tranken Thee, und fuhren dann wieder in einem bis Exminster, wo +gefrühstückt ward. Dies ist ein Stätdchen, das seiner schönen Teppiche +wegen bekannt, und nicht mit obigem Dorfe zu verwechseln ist.</p> + +<p>Als der Tag anbrach, befanden wir uns in einer schönen gebirgigen +Landschaft, die vortrefflich angebaut zu seyn schien. Wir kamen durch +eine Menge Städte, Flecken und Dörfer, deren Namen ich vergessen habe, +und erreichten endlich zu Mittag das alte häßliche Dorchester, wo +gegessen ward. Meine bisherigen Gesellschafter giengen hier ab, dafür +stiegen drei neue ein. Es waren drei junge Leute aus London, von denen +besonders der eine mit vieler Selbstgefälligkeit<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> von seiner Vaterstadt +spracht: — »<em class="gesperrt"><em class="antiqua">Yer in my town!</em></em>« — hieß es immer, sobald +die Rede auf London kam. Abends um 5 Uhr waren wir in Salisbury; ich +beschloß hier einen Tag auszuruhen.</p> + +<p>Salisbury liegt am Zusammenflusse des Avon, der Nadder, und des Villey, +und ist eine finstere, häßliche Stadt. Die Straßen sind eng, winklicht +und schlecht gepflastert, die Häuser altväterisch und geschmacklos +gebaut. Sehr sehenswerth indessen ist die Kathedralkirche, die mit +ihrem herrlichen Thurme für das schönste gothische Gebäude in ganz +England gehalten wird. Eine andere Merkwürdigkeit von Salisbury sind +die alten Denkmäler aus den Zeiten der Druiden, auf einer ungeheuern +wüsten Ebene, Stoneheng genannt.</p> + +<p>Ich war jezt willens, ohne weiteren Aufenthalt geradesweges vollends +nach London zu gehen. Unvermuthet aber kam in unserem Wirthshause +eine Postchaise aus Portsmouth an, und bot mir eine eben so bequeme,<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> +als wohlfeile Gelegenheit dahin dar. Ich eilte also davon Gebrauch zu +machen, verließ Salisbury noch denselben Abend, und kam am folgenden +Morgen über Ramsey in Southampton an. Hier beschloß ich den Tag über zu +bleiben, und erst den Abend mit der Evening-Coach weiter zu gehen.</p> + +<p>Southampton liegt eben so vortheilhaft als angenehm zwischen den +Flüssen Test und Itchin, die beide tief in das Land hinein vollkommen +schiffbar sind. Die Stadt ist im Ganzen sehr gut gebaut, und verräth +überall Wohlstand und Lebhaftigkeit. Unter den vielen Kirchen und +Kapellen, befindet sich auch eine französische, zum Dienst der +Einwohner von Jersey und Guernesey, von denen hier immer eine gewisse +Anzahl vorhanden ist. Eine andere Merkwürdigkeit von Southampton ist +der schöne Spaziergang the Beach genannt. Man findet hier mehrere +Reihen herrlicher, schattenreicher Bäume, und hat die Aussicht über die +spiegelnde Bay bis auf die gegenüberliegende Insel Wight. Noch größere +und mannichfaltigere<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> Aussichten aber hat man auf dem in der Nähe der +Stadt befindlichen Bewis-Mount. Hier kann man noch den ganzen Hafen von +Portsmouth, und selbst einen Theil des Kanals übersehen.</p> + +<p>Abends gieng ich nun, wie gesagt, mit der Evening-Coach nach +<em class="gesperrt">Portsmouth</em> ab, und kam daselbst am andern Morgen an. Diese +Stadt liegt auf einer Halbinsel, Portsey genannt, und kommt fast in +allen Stücken Plymouth bei. Bei hohem Wasser, d. h. zur Fluthzeit +wird die Halbinsel ganz vom Meere umringt; sie ist daher durch eine +eigene Brücke (Portbridge) mit dem festen Lande verknüpft. Der Hafen +von Portsmouth kann gegen 1000 Linienschiffe fassen, und ist in jeder +Hinsicht einer der ersten in der Welt. Die hiesigen Decken u. s. w. +zeichnen sich daher durch Umfang und erstaunenswürdige Thätigkeit aus. +Portsmouth ist nämlich als der Centralpunkt der englischen Marine zu +betrachten, von wo aus immer die ansehnlichsten Escadern abgehen. +Auf dem Hafen<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> hat man übrigens eine herrliche Aussicht auf das +gegenüberliegende Gesport, das prächtige Seehospital, Spithead, und die +Insel Wight.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h4 class="p2">Vierzehnter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r"><em class="gesperrt">London</em>, December 1805.</p> + +<p>Ich verließ Portsmouth mit der Evening-Coach, und kam am andern Abend +glücklich hier an. Wir fuhren wohl noch eine Stunde lang durch die +Stadt. Endlich kamen wir an der St. Paulskirche vorbei, und hielten +bei dem Wirthshause zum Doppel-Schwane in Ladlane still. Hier nahm ich +ein Zimmer, aß, und schlief vollkommen wohl. Am andern Morgen suchte +ich den Prediger an der holländischen Kirche, Herrn Wernink auf, fand +ihn, und überzeugte mich in wenig Minuten, daß ich bei einem Freunde, +Collegen und Landsmann war.</p> + +<p>Jezt gieng es nun an die Erzählung meiner Abentheuer von meiner Abreise +von Embden<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> an, bis auf den heutigen Tag. Darauf sprachen wir von +meinem Vorhaben, einige Zeit in London zu bleiben, und von der besten +Art meiner Einrichtung. In dieser Absicht führte mich Herr Wernink zu +einer braven Frau in seiner Nachbarschaft, und miethete ein artiges +Zimmer zu einer Guinee monatlich für mich. Von hier giengen wir auf +die Börse, wo ich noch mehrere Landsleute kennen lernte, und aßen +dann ganz auf vaterländische Art bei einem Herrn Backhuis, der unser +erster Kirchenvorsteher ist. Nach Tische, d. h. ungefähr um 7 Uhr +Abends, nahmen wir eine Miethkutsche, fuhren nach meinem Wirthshause, +berichtigten meine Zeche, und holte meine Sachen ab. Ich mußte hierauf +die Nacht bei Herrn Wernink zubringen, und bezog mein neues Logis erst +den andern Tag. Was meine Oekonomie anlangt, so aß ich, gegen eine +billige Vergütung Mittags mit Herrn Wernink, und finde das übrige, wie +Frühstück u. s. w. zu Hause selbst.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span></p> + +<p>London ist so oft beschrieben worden, daß ich Ihnen in topographischer +Hinsicht lieber gar nichts sagen will. Dafür mögen einige Bemerkungen +über Clima und Lebensart hier stehen. Das Clima ist feucht und +veränderlich. Man rechnet 50 bis 60 Tage, wo die Sonne gar nicht, und +120 bis 130, wo sie nur wenig zum Vorschein kommt. Die Winde wechseln, +besonders in den Herbst- und Wintermonaten, wohl zwanzigmal des Tags +ab; die herrschendsten scheinen indessen die Nordwest und Südwest +zu seyn. Die Winter sind gewöhnlich ziemlich mild, die Felder und +Wiesen bleiben fast immer grün. Der Frühling zeigt sich meistens schon +im Februar, die Temperatur ist dann sehr angenehm. Die Sommer sind +verhältnißmäßig heiß; doch wird die Luft oft nur zu merklich abgekühlt. +Der Herbst ist in der ersten Hälfte, sobald die Stürme vorüber sind, +fast immer von großer Lieblichkeit.</p> + +<p>Was die Lebensmittel anlangt, so finde ich, daß sie im Ganzen zwar +vortrefflich, aber<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> auch äußerst theuer sind. In diesem Augenblicke z. +B. kostet das Pfund Rindfleisch 30 kr. rhein., das Pfund Kalbfleisch 42 +kr. und so fort. Ein guter Kabeljau wird mit 5 Gulden, ein Pfund Lachs +mit 54 kr. bezahlt. Ein Pfund Weißbrod kostet 16 kr., ein Pf. Butter +54 kr., eine Kanne Milch 24 kr., ein Pf. Käse 36 kr. und so alles in +gleichem Verhältniß. Der theuerste Artikel ist das Geflügel (ein Huhn +3-6 Gulden). Der wohlfeilste dürfte das gewöhnliche Gemüse (Erdäpfel, +süße Pasteten und Braunkohl) seyn. Für eine Flasche Bordeauxwein +werden 5 Gulden, für eine Flasche alten Rheinwein 10-12 gezahlt.</p> + +<p>Von den Preisen anderer Artikel führe ich folgende an. Ein Paar +Stiefeln 24 Gulden, ein Paar Schuhe 7-9, ein guter Hut 12-15 Gulden, +ein halbes Dutzend feine Hemder 70-80 Gulden u. dgl. mehr. Ein Fremder, +der in London nur einigermaßen anständig leben will, braucht zwischen +4 bis 5 Pfund die Woche, und muß dabei<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> doch noch haushälterisch +seyn. Für ein meublirtes Zimmer in den besten Theilen der Stadt, wie +Chearside, Falbern u. s. w. zahlt man nebst Aufwartung 24 Gulden den +Monat, in andern Theilen kommt man mit 12-16 Gulden ab.</p> + +<p>Der gewöhnliche Thee zum Frühstück ist sehr mittelmäßig, ob er gleich +mit 4-5 Gulden bezahlt wird. Ich wette, daß man bei uns dieselbe Sorte +für 2-3 Gulden haben kann. Das Brod ist gut, kommt aber dem Fremden +anfangs etwas bitter vor, was von den Hefen herrühren soll. Die Butter +ist frisch vortrefflich, nimmt aber schon nach einigen Tagen einen +ranzigen Geschmack an. Das Wasser ist schlecht, bleifarbig und immer +trüb. Es wird entweder aus der Themse, oder aus dem New River in die +Stadt geleitet, wobei man freilich nicht an die ekelhafte Nachbarschaft +der Schiffsabtritte, der Schlachthäuser u. s. w. denken muß.</p> + +<p>Vorige Woche machte ich auf besondere Veranlassung eine kleine Reise +nach Chislehurst.<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> Dieses ist ein artiges, höchst pittoresk gelegenes +Dorf, nur ungefähr 6 Stunden von hier. Es befindet sich ein großes +Erziehungsinstitut daselbst, das von einem Herrn <em class="gesperrt">Mace</em>, einem +sehr würdigen Mann, geleitet wird. Ein Fremder, der die Sprache aus dem +Grunde kennen lernen will, thut sehr wohl, wenn er auf einige Monate in +eine solche Kostschule (Boardings-Schoal) geht. Man nimmt nämlich in +allen solchen Instituten auch erwachsene Pensionäre auf. Diese zahlen +in Chislehurst für alles 6 Guineen monatlich. In den Boardings-Schoals +näher bei London, wie Islington, Chelsea u. s. w. ist man freilich +weniger wohlfeil. Die Luft von dem hochliegenden Chislehurst ist sehr +gesund, auch scheint das Wasser vortrefflich zu seyn. Nach London giebt +es täglich bequeme Postgelegenheiten. — Ich erwarte nur noch einen +Brief aus Amsterdam, um sofort nach Holland überzugehen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p> + +<h4 class="p2">Fünfzehnter Brief.</h4> +</div> + +<p class="r"><em class="gesperrt">In See</em>, 27. Januar 1806.</p> + +<p>Es ist Abends 5 Uhr, der günstigste Wind treibt uns den vaterländischen +Küsten zu. Gestern Abend begab ich mich nach Gravesand; diesen Morgen +um 11 Uhr segelten wir die Themse hinab. Welche paradiesische Ufer bis +hinter Chatham! Dann aber wird der Strom so breit, daß er fast einer +Rhede gleicht. Man kann in der nämlichen Ferne nur wenig mehr sehen. Um +3 Uhr kamen wir mit 60 andern Schiffen glücklich in See. — Bald umarme +ich Sie.</p><br> + +<p class="r"><em class="gesperrt">Helvoetsluis</em>, 28. Jan. Mittag.</p> + +<p>Wir gehen vor Anker, ich gebe diesen Brief einem Fischerboote mit, +damit er noch um 2 Uhr in Rotterdam abgehen kann. Alles ist wohl und +fröhlich an Bord, ich selbst bin höchstvergnügt. Heute vor einem Jahre +und nun! O Freunde! o Vaterland! o Geliebte! Morgen bin ich bei Ihnen, +und dann keine Trennung mehr!</p><br> + + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + + +<p class="s3 p2 center"><b>Fußnoten:</b></p> +</div> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Oeffentliches Wirthshaus.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Flöße, die man mit Ruder und Segel zugleich fortbringt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Hafendorf von Jaffanapatnam.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> So hieß der Freund des Verfassers.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Alle indische Töpfer pflegen zu gleicher Zeit auch +Wundärzte zu seyn.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> <em class="gesperrt">Kampaak</em> genannt. Die Betelblätter sind wie ein +<em class="gesperrt">Herz</em> geformt, und außer der Areka noch mit Cardamom und Catchu +gefüllt. Ein solcher Kampaak ist ein verblümtes Liebesgeständniß.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Pipal, <em class="antiqua">Fiscus indica</em>. Nach der Behauptung +der Hindus braucht dieser Baum zu seinem vollen Wachsthum +<em class="gesperrt">fünfhundert</em> Jahre.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Sie gaben damit den Takt an, um gleichen Schritt zu +halten, wie oben gesagt worden ist.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Die herumziehenden Tänzerinnen werden in der Regel wenig +geachtet. Ganz anders ist es mit den <em class="gesperrt">Devodaschis</em>, die bei den +Pagoden angestellt sind.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Getrocknetes Feigenblatt. Man braucht diese Olas als +Papier.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Ein Paar hundert Tausend Pfund Sterlings.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Durch die <em class="gesperrt">Fußpost</em>, der einzigen, die in +Ostindien gebräuchlich ist. Die Postboten heißen <em class="gesperrt">Toppals</em> oder +<em class="gesperrt">Dhaabs</em>. Es gehen immer zwei zusammen, wovon der eine den +Briefsack trägt, während der andere eine kleine gellende Trommel +schlägt. Die Stationen sind nur zwei Stunden lang, und eigene Hütten +dazu erbaut. In Calcutta, Madras, Pondichery, Negapatnam u. s. w. gehen +diese Fußposten alle Abende nach allen Gegenden Indiens ab.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Dieser Fluß durchschneidet Batavia.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Wie z. B. Kampfer, Eisen, Opium u. s. w.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Aus Isle de France.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Fahrzeug zur Aufnahme von Personen eingerichtet, das von +einem Pferde gezogen wird.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Die hintere Cajüte, die sehr nett eingerichtet ist.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Gerade so, wie an den Donau-, an den Elb-, Main- und +Rheinschiffen hinten Kähne angehängt sind, nur daß der Zwischenraum +größer ist.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Holländischer <em class="gesperrt">Käse</em> von vorzüglicher Güte, mit +<em class="gesperrt">rother</em> Rinde.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Rum mit Wasser vermischt.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Ein holländischer Gulden ist fl. 1, 4 kr. rhein.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Ostindische Goldmünze, <em class="gesperrt">vier</em> holländische Gulden an +Werth.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Ungefähr anderthalb Kreuzer rheinisch.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Bekanntlich befindet sich jezt der General +<em class="gesperrt">Bounaparte</em> als Gefangener daselbst. D. H.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Ungefähr eine Stunde.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Schlafstelle in der Wand, mit Schiebbrettern versehen.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Vordertheil des Schiffs.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Französische Hunde, was der gewöhnliche englische +Schimpfname ist.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> Neun Gulden Rheinisch.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Ein Stüver ist ungefähr vier Kreuzer Rhein. werth.</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> Nelson ist todt! Nelson ist todt!</p> +</div> +</div> +<hr class="k"> + +<div class="transnote"> +<h3><a id="Anmerkungen_zur_Transkription"></a>Anmerkungen zur Transkription</h3> + +<p>Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die +Korrektur.</p> + +<p>S. <a href="#Seite_64">64</a></p> + + <ul><li>Das Comtoir befestigt nur wenige Leute</li> + <li>Das Comtoir <span class="u">beschäftigt</span> nur wenige Leute</li></ul> + +<p>S. <a href="#Seite_121">121</a></p> + <ul><li> Ich folgte dem Manesenstrom</li> + <li>Ich folgte dem <span class="u">Menschenstrom</span></li></ul> + +<p>S. <a href="#Seite_263">263</a></p> + <ul><li>Vierter Brief.</li> + <li><span class="u">Sechster</span> Brief.</li></ul> + +<p>S. <a href="#Seite_297">297</a></p> + <ul><li> 9 Uhr morgens tagten in großer Entfernung</li> + <li> 9 Uhr morgens <span class="u">tauchten</span> in großer Entfernung</li></ul> + +<p>S. <a href="#Seite_334">334</a></p> + <ul><li> 27. Januar 1805</li> + <li>27. Januar <span class="u">1806</span></li></ul> +</div> +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75362 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75362-h/images/cover.jpg b/75362-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..16cc07b --- /dev/null +++ b/75362-h/images/cover.jpg diff --git a/75362-h/images/frontispiece.jpg b/75362-h/images/frontispiece.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d33744a --- /dev/null +++ b/75362-h/images/frontispiece.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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