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+Project Gutenberg's Hamlet, Prinz von Dannemark, by William Shakespeare
+#26 in our series by William Shakespeare
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+Title: Hamlet, Prinz von Dannemark
+
+Author: William Shakespeare
+
+Release Date: January, 2005 [EBook #7276]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on April 6, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HAMLET, PRINZ VON DANNEMARK ***
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+Produced by Delphine Lettau
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
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+
+
+Hamlet, Prinz von Dännemark.
+
+William Shakespeare
+
+Übersetzt von Christoph Martin Wieland
+
+Ein Trauerspiel.
+
+
+Personen.
+
+Claudius, König in Dännemark.
+Fortinbras, Prinz von Norwegen.
+Hamlet, Sohn des vorigen, und Neffe des gegenwärtigen Königs.
+Polonius, Ober-Kämmerer.
+Horatio, Freund von Hamlet.
+Laertes, Sohn des Polonius.
+Voltimand, Cornelius, Rosenkranz und Güldenstern, Hofleute.
+Oßrich, ein Hofnarr.
+Marcellus, ein Officier.
+Bernardo und Francisco, zween Soldaten.
+Reinoldo, ein Bedienter des Polonius.
+Der Geist von Hamlets Vater.
+Gertrude, Königin von Dännemark, und Hamlets Mutter.
+Ophelia, Tochter des Polonius, von Hamlet geliebt.
+Verschiedene Damen, welche der Königin aufwarten.
+Comödianten, Todtengräber, Schiffleute, Boten, und andre stumme
+Personen.
+
+Der Schau-Plaz ist Elsinoor.
+
+Die Geschichte ist aus der Dänischen Historie des Saxo
+Grammaticus genommen.
+
+
+
+
+
+Erster Aufzug.
+
+
+Erste Scene.
+(Eine Terrasse vor dem Palast.)
+(Bernardo und Francisco, zween Schildwachen, treten auf.)
+
+
+Bernardo.
+Wer da?
+
+Francisco.
+Nein, gebt Antwort: Halt, und sagt wer ihr seyd.
+
+Bernardo.
+Lang lebe der König!
+
+Francisco.
+Seyd ihr Bernardo?
+
+Bernardo.
+Er selbst.
+
+Francisco.
+Ihr kommt recht pünktlich auf eure Stunde.
+
+Bernardo.
+Es hat eben zwölfe geschlagen; geh du zu Bette, Francisco.
+
+Francisco.
+Ich danke euch recht sehr, daß ihr mich so zeitig ablöset: Es ist
+bitterlich kalt, und mir ist gar nicht wohl.
+
+Bernardo.
+Habt ihr eine ruhige Wache gehabt?
+
+Francisco.
+Es hat sich keine Maus gerührt.
+
+Bernardo.
+Wohl; gute Nacht. Wenn ihr den Horatio und Marcellus antreffet,
+welche die Wache mit mir bezogen haben, so saget ihnen, daß sie
+sich nicht säumen sollen. (Horatio und Marcellus treten auf.)
+
+Francisco.
+Mich däucht, ich höre sie. halt! he! Wer da?
+
+Horatio.
+Freunde von diesem Lande.
+
+Marcellus.
+Und Vasallen des Königs der Dähnen.
+
+Francisco.
+Ich wünsche euch eine gute Nacht.
+
+Marcellus.
+Ich euch desgleichen, wakerer Kriegs-Mann; wer hat euch abgelößt?
+
+Francisco.
+Bernardo hat meinen Plaz; gute Nacht.
+
+(Er geht ab.)
+
+Marcellus.
+Holla, Bernardo!--
+
+Bernardo.
+He, wie, ist das Horatio?
+
+Horatio. (Indem er ihm die Hand reicht)
+Ein Stük von ihm.
+
+Bernardo.
+Willkommen, Horatio; willkommen, wakrer Marcellus.
+
+Marcellus.
+Sagt, hat sich dieses Ding diese Nacht wieder sehen lassen?
+
+Bernardo.
+Ich sah nichts.
+
+Marcellus.
+Horatio sagt, es sey nur eine Einbildung von uns, und will nicht
+glauben, daß etwas wirkliches an diesem furchtbaren Gesichte sey,
+das wir zweymal gesehen haben; ich habe ihn deßwegen ersucht, diese
+Nacht mit uns zu wachen, damit er, wenn die Erscheinung wieder
+kömmt, unsern Augen ihr Recht wiederfahren lasse; und mit dem
+Gespenste rede, wenn er Lust dazu hat.
+
+Horatio.
+Gut, gut; es wird nicht wiederkommen.
+
+Bernardo.
+Sezt euch ein wenig, wir wollen noch einmal einen Angriff auf eure
+Ohren wagen, welche so stark gegen unsre Erzählung befestigt sind,
+deren Inhalt wir doch zwo Nächte nach einander mit unsern Augen
+gesehen haben.
+
+Horatio.
+Gut, wir wollen uns sezen, und hören was uns Bernardo davon sagen
+wird.
+
+Bernardo.
+In der leztverwichnen Nacht, da jener nemliche Stern, der westwärts
+dem Polar-Stern der nächste ist, den nemlichen Theil des Himmels wo
+er izt steht, erleuchtete, sahen Marcellus und ich--die Gloke hatte
+eben eins geschlagen--
+
+Marcellus.
+Stille, brecht ab--Seht, da kommt es wieder. (Der Geist tritt auf.)
+
+Bernardo.
+In der nemlichen Gestalt, dem verstorbnen König ähnlich.
+
+Marcellus.
+Du bist ein Gelehrter, Horatio, rede mit ihm.
+
+Bernardo.
+Sieht es nicht dem Könige gleich? Betrachte es recht, Horatio.
+
+Horatio.
+Vollkommen gleich; ich schauere vor Schreken und Erstaunung.
+
+Marcellus.
+Red' es an, Horatio.
+
+Horatio.
+Wer bist du, der du dieser nächtlichen Stunde, zugleich mit dieser
+schönen Helden-Gestalt, worinn die Majestät des begrabnen Dähnen-
+Königs einst einhergieng, dich anmassest? Beym Himmel beschwör'
+ich dich, rede!
+
+Marcellus.
+Es ist unwillig.
+
+Bernardo.
+Seht! es schreitet hinweg.
+
+Horatio.
+Steh; rede; ich beschwöre dich, rede!
+
+(Der Geist geht ab.)
+
+Marcellus.
+Es ist weg, und will nicht antworten.
+
+Bernardo.
+Was sagt ihr nun, Horatio? Ihr zittert und seht bleich aus. Ist
+das nicht mehr als Einbildung? Was haltet ihr davon?
+
+Horatio.
+So wahr Gott lebt, ich würde es nicht glauben, wenn ich dem
+fühlbaren Zeugniß meiner eignen Augen nicht glauben müßte.
+
+Marcellus.
+Gleicht es nicht dem Könige?
+
+Horatio.
+Wie du dir selbst. So war die nemliche Rüstung die er anhatte, als
+er den ehrsüchtigen Norweger schlug; so faltete er die Augbraunen,
+als er in grimmigem Zweykampf den Prinzen von Pohlen aufs Eis
+hinschleuderte. Es ist seltsam--
+
+Marcellus.
+So ist es schon zweymal, und in dieser nemlichen Stunde, mit
+kriegerischem Schritt, bey unsrer Wache vorbey gegangen.
+
+Horatio.
+Was ich mir für einen bestimmten Begriff davon machen soll, weiß
+ich nicht; aber so viel ich mir überhaupt einbilde, bedeutet es
+irgend eine ausserordentliche Veränderung in unserm Staat.
+
+Marcellus.
+Nun, Freunde, sezt euch nieder, und saget mir, wer von euch beyden
+es weißt, warum eine so scharfe nächtliche Wache den Unterthanen
+dieser ganzen Insel geboten ist? Wozu diese Menge von Geschüz und
+Kriegs-Bedürfnissen, welche täglich aus fremden Landen anlangen?
+Wozu diese Gedränge von Schiffs-Bauleuten, deren rastloser Fleiß
+den Sonntag nicht vom Werk-Tag unterscheidet? Was mag bevorstehen,
+daß die schwizende Eilfertigkeit die Nacht zum Tage nehmen muß, um
+bald genug fertig zu werden? Wer kan mir hierüber Auskunft geben?
+
+Horatio.
+Das kan ich; wenigstens kan ich dir sagen, was man sich davon in
+die Ohren flüstert. Unser verstorbner König, dessen Gestalt uns
+nur eben erschienen ist, wurde, wie ihr wisset, von Fortinbras, dem
+König der Norwegen, seinem Nebenbuhler um Macht und Ruhm, zum
+Zweykampf herausgefodert: Unser tapfrer Hamlet (denn dafür hielt
+ihn dieser Theil der bekannten Welt) erschlug seinen Gegner in
+diesem Kampf, und dieser verlohr dadurch vermög eines vorher
+besiegelten und nach Kriegs-Recht förmlich bekräftigten Vertrages,
+alle seine Länder, als welche nun dem Sieger verfallen waren; eben
+so wie ein gleichmässiger Theil von den Landen unsers Königs dem
+Fortinbras und seinen Erben zugefallen seyn würde, wenn der Sieg
+sich für ihn erklärt hätte. Nunmehro vernimmt man, daß sein Sohn,
+der junge Fortinbras, in der gährenden Hize eines noch
+ungebändigten Muthes, hier und da, an den Küsten von Norwegen einen
+Hauffen heimathloser Wage-Hälse zusammengebracht, und um Speise und
+Sold, zur Ausführung irgend eines kühnen Werkes gedungen habe:
+Welches dann, wie unser Hof gar wol einsieht, nichts anders ist,
+als die besagten von seinem Vater verwürkten Länder uns durch
+Gewalt der Waffen wieder abzunehmen: Und dieses, denke ich, ist die
+Ursach unsrer Zurüstungen, dieser unsrer Wache, und dieses hastigen
+Gewühls im ganzen Lande.
+
+Bernardo.
+Vermuthlich ist es keine andre; und es mag wol seyn, daß eben darum
+dieses schrekliche Gespenst, in Waffen, und in der Gestalt des
+Königs, der an diesen Kriegen Ursach war und ist, durch unsre Wache
+geht.
+
+Horatio.
+Es ist ein Zufall, welchem es schwer ist auf den Grund zu sehen.
+In dem höchsten und siegreichesten Zeit-Punkt der Römischen
+Republik, kurz zuvor eh der grosse Julius fiel, thaten die Gräber
+sich auf; die eingeschleyerten Todten schrien in gräßlichen
+ungeheuren Tönen durch die Strassen von Rom; Sterne zogen Schweiffe
+von Feuer nach sich; es fiel blutiger Thau; der allgemeine Unstern
+hüllte die Sonne ein, und der feuchte Stern, unter dessen
+Einflüssen das Reich des Meer-Gottes steht, verfinsterte sich wie
+zum Tage des Welt-Gerichts. Ähnliche Vorboten schrekenvoller
+Ereignisse, Wunder-Zeichen, welche die gewöhnliche Vorredner
+bevorstehender trauriger Auftritte sind, haben an Himmel und Erde
+sich vereiniget, dieses Land in furchtsam Erwartung irgend eines
+allgemeinen Unglüks zu sezen. (Der Geist tritt wieder auf.)
+
+Aber stille, seht! Hier kommt es wieder zurük! Ich will ihm in
+den Weg stehen, wenn es mir gleich alle meine Haare kosten sollte.
+Steh, Blendwerk!
+
+(Er breitet die Arme gegen den Geist aus.)
+
+Wenn du fähig bist, einen vernehmlichen Ton von dir zu geben, so
+rede mit mir. Wenn irgend etwas gutes gethan werden kan, das dir
+Erleichterung und Ruhe, und mir das Verdienst eines guten Werkes
+geben mag, so rede! Wenn du Wissenschaft von dem Schiksal deines
+Landes hast, und es vielleicht, durch deine Vorhersagung noch
+abgewendet werden könnte, o so rede!--Oder wenn du, in deinem Leben
+unrechtmässig erworbene Schäze in den Mutterleib der Erde
+aufgehäuft hast, um derentwillen, wie man glaubt, die Geister oft
+nach dem Tode umgehen müssen, so entdek es.
+
+(Ein Hahn kräht.)
+
+Steh, und rede--Halt es auf, Marcellus--
+
+Marcellus.
+Soll ich mit meiner Partisane darnach schlagen?
+
+Horatio.
+Thu es, wenn es nicht stehen will.
+
+Bernardo.
+Hier ist es--
+
+Horatio.
+Izt ists hier--
+
+Marcellus.
+Weg ist's.
+
+(Der Geist geht ab.)
+
+Wir beleidigen die Majestätische Gestalt, die es trägt, wenn wir
+Mine machen, als ob wir Gewalt dagegen brauchen wollen; und da es
+nichts als Luft ist, so ist es ja ohnehin unverwundbar, und unsre
+eiteln Streiche beweisen ihm nur unsern bösen Willen, ohne ihm
+würklich etwas anzuhaben.
+
+Bernardo.
+Es war im Begriff zu reden, als der Hahn krähete.
+
+Horatio.
+Und da zitterte es hinweg, wie einer der sich eines Verbrechens
+bewußt ist, bey einer fürchterlichen Aufforderung. Ich habe sagen
+gehört, der Hahn, der die Trompete des Morgens ist, weke mit seiner
+schmetternden, scharftönenden Gurgel den Gott des Tages auf, und,
+auf sein Warnen, entfliehe in Wasser oder Feuer, Luft oder Erde,
+jeder herumwandernde Geist in sein Bezirk zurük: Und daß dieses
+wahr sey, beweiset was wir eben erfahren haben.
+
+Marcellus.
+Er verschwand sobald der Hahn krähete. Einige sagen, allemal um
+die Zeit, wenn die Geburt unsers Erlösers gefeyert wird, krähe der
+Vogel des Morgens die ganze Nacht durch: Und dann, sagen sie, gehe
+kein Geist um; die Nächte seyen gesund, und die Planeten ohne
+schädliche Influenzen; keine Fee könne einem beykommen, keine Hexe
+habe Gewalt zu Zauber-Wirkungen; so heilig und segensvoll sey diese
+Zeit.
+
+Horatio.
+Das hab ich auch gehört, und glaub es auch zum Theil. Aber seht,
+der Morgen, in einen rothen Mantel eingehüllt, wandelt über jenen
+emporragenden östlichen Hügel durch den Thau; wir wollen von unsrer
+Wache abziehen; und wenn ihr meiner Meynung seyd, so laßt uns dem
+jungen Hamlet entdeken, was wir diese Nacht gesehen haben. Ich
+wollte mein Leben dran sezen, dieser Geist, so stumm er für uns ist,
+wird für ihn eine Sprache bekommen. Seyd ihrs zufrieden, daß wir
+ihm, aus Antrieb unsrer Liebe und Pflicht gegen ihn, Nachricht
+davon geben?
+
+Marcellus.
+Thut es, ich bitte euch: Wir werden diesen Morgen schon erfahren,
+wo wir ihn zur gelegensten Zeit sprechen können.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Verwandelt sich in den Palast.)
+(Claudius, König von Dännemark, Gertrude die Königin, Hamlet,
+ Polonius, Laertes, Voltimand, Cornelius, und andre Herren vom Hofe,
+ nebst Trabanten und Gefolge treten auf.)
+
+
+König.
+Ungeachtet, bey dem noch frischen Andenken von Hamlets, unsers
+theuren Bruders, Tode, sichs geziemen will, daß wir unsre Herzen in
+Trauer hüllen, und das Antliz unsers ganzen Königreichs in
+allgemeinen Schmerz zusammengezogen sey: So haben wir doch der
+Klugheit so viel über die Natur verstattet, daß wir, unter dem
+gerechten Schmerz über seinen Verlust, nicht gänzlich unsrer selbst
+vergessen. Wir haben also unsre vormalige Schwester, nunmehr unsre
+Königin, als die gebietende Mitregentin dieses kriegerischen
+Reiches, wiewol mit niedergeschlagner Freude, das eine Auge von
+hochzeitlicher Freude glänzend, das andere von Thränen
+überfliessend, und mit einer in gleichen Waag-Schalen gegen unsern
+Schmerz abgewognen Lust, zur Gemahlin erkießt. Auch haben wir
+nicht unterlassen, uns hierinn euers guten Raths zu bedienen, und
+erkennen mit gebührendem Danke, daß ihr uns in diesem ganzen
+Geschäfte durch eure einsichtsvollen Rathschläge so frey und
+gutwillig unterstüzt habt. Nun ist noch übrig euch zu eröffnen,
+daß der junge Fortinbras, aus einer allzuleichtsinnigen Berechnung
+unsrer Kräfte, oder weil er sich vielleicht einbildet, daß der Tod
+unsers abgelebten Bruders unsern Staat verrenkt und aus seiner
+Fassung gesezt habe, ohne einen andern Beystand als diesen Traum
+eines eingebildeten Vortheils über uns, sich hat zu Sinne kommen
+lassen, uns durch eine Abschikung zu behelligen, welche nichts
+geringers als die Zurükgabe aller der Länder fordert, die sein
+Vater, nach allen Gesezen des Kriegs-Rechts, an unsern
+heldenmüthigen Bruder verlohren hatte. So viel von ihm--Nunmehr zu
+uns selbst, und dem besondern Zwek der gegenwärtigen Versammlung!--
+Wir haben hier an den alten Prinzen von Norwegen, den Oheim des
+jungen Fortinbras (welcher, unvermögend und bettlägerig wie er ist,
+nichts von diesem Vorhaben seines Neffen weiß) zu dem Ende
+geschrieben, damit er dessen weitern Fortgang hintertreiben möge:
+Es sind alle Umstände, die Anzahl seiner angeworbnen Truppen, die
+Namen der angesehensten Theilnehmer seines Vorhabens, und seine
+ganze Stärke hierinn enthalten: Und nunmehr ernennen wir euch,
+Voltimand, und euch, wakrer Cornelius, dem alten Norwegen diesen
+unsern Gruß zu überbringen. Die persönliche Vollmacht die wir euch
+ertheilen, mit diesem Prinzen zu handeln, erstrekt sich nicht
+weiter, als die besondern Artikel dieser schriftlichen Instruction
+euch anweisen werden. Gehabt euch also wol, und beweiset uns eure
+Treue durch eine schleunige Ausrichtung.
+
+Voltimand.
+Hierinn, so wie bey allen andern Gelegenheiten, werden wir unsre
+Schuldigkeit thun.
+
+König.
+Wir zweifeln nicht daran; gehabt euch wol.
+
+(Voltimand und Cornelius gehen ab.)
+
+Und nun, Laertes, was bringt ihr uns neues? Ihr sagtet uns was
+von einer Bitte. Was ist es, Laertes? Ihr könnet nichts billiges
+von euerm Könige begehren, das euch versagt werden sollte. Was
+kanst du verlangen, Laertes, das ich dir nicht schon bewilligen
+sollte, eh du es begehrt hast? Das Haupt ist dem Herzen nicht
+unentbehrlicher, noch dem Mund der Dienst der Hand, als es dein
+Vater dem Throne von Dännemark ist. Was willst du haben, Laertes?
+
+Laertes.
+Mein gebietender Herr, eure gnädige Bewilligung nach Frankreich
+zurükkehren zu dürfen, von wannen ich zwar aus eigner Bewegung nach
+Dännemark gekommen bin, um bey Eurer Krönung meine Schuldigkeit zu
+beweisen; nun aber, ich gesteh es, da diese Pflicht erstattet ist,
+drehen sich alle meine Gedanken und Wünsche wieder nach Frankreich
+um, und beugen sich, um Eurer Majestät Gnädigste Erlaubniß und
+Vergebung zu erhalten.
+
+König.
+Habt ihr euers Vaters Einwilligung? Was sagt Polonius dazu?
+
+Polonius.
+Gnädigster Herr, er hat mir durch unablässiges Bitten meine
+Erlaubniß abgedrungen; und, weil ich nicht anders konnte, so drükte
+ich seinem Willen endlich das Siegel meiner Einwilligung auf. Ich
+bitte euch, ihm auch die eurige zu ertheilen.
+
+König.
+Reise in einer glüklichen Stunde ab, Laertes, und bestimme die Zeit
+deiner Abwesenheit nach deinem Willen, und der Erforderniß deiner
+lobenswürdigen Absichten--Und nun ein Wort mit euch, Vetter Hamlet--
+Mein geliebter Sohn--
+
+Hamlet (vor sich.)
+Lieber nicht so nah befreundt, und weniger geliebt.
+
+König.
+Woher kommt es, daß immer solche Wolken über euch hangen?
+
+Hamlet.
+Es ist nicht das, Gnädigster Herr; ich bin zuviel in der Sonne.
+
+Königin.
+Lieber Hamlet, leg einmal diese nächtliche Farbe ab, und sieh aus,
+wie ein Freund von Dännemark. Geh nicht immer so mit gesenkten
+halbgeschlossnen Augen, als ob du deinen edeln Vater im Staube
+suchest. Du weissest ja, es ist das allgemeine Schiksal; alle,
+welche leben, müssen sterben--
+
+Hamlet.
+Ja, Madame, es ist das allgemeine Schiksal.
+
+Königin.
+Wenn es denn so ist, warum scheint es dir denn so ausserordentlich?
+
+Hamlet.
+Scheint, Madame? Nein, es ist; bey mir scheint nichts. Es ist
+nicht bloß dieser schwarze Rok, meine liebe Mutter, nicht das
+Gepränge einer Gewohnheits-mässigen Trauer, noch das windichte
+Zischen erkünstelter Seufzer, nicht das immer-thränende Auge, noch
+das niedergeschlagene Gesicht, noch irgend ein anders äusserliches
+Zeichen der Traurigkeit, was den wahren Zustand meines Herzens
+sichtbar macht. Diese Dinge scheinen, in der That; denn es sind
+Handlungen, die man durch Kunst nachmachen kan; aber was ich
+innerlich fühle, ist über allen Ausdruk; jenes sind nur die Kleider
+und Verzierungen des Schmerzens.
+
+König.
+Es ist ein rühmlicher Beweis eurer guten Gemüths-Art, Hamlet, daß
+ihr euern abgelebten Vater so beweinet: Aber ihr müsset nicht
+vergessen, daß euer Vater auch einen Vater verlohr, und dieser
+Vater den seinigen; den überlebenden verband die kindliche Pflicht,
+mit Ziel und Maaß um seinen verstorbnen zu trauern: Aber in
+hartnäkiger Betrübniß immerfort zu beharren, ist unmännliche
+Schwachheit oder gottlose Unzufriedenheit mit den Fügungen des
+Himmels; ein Zeichen eines ungeduldigen, feigen Gemüths, oder eines
+schwachen und ungebildeten Verstandes. Denn warum sollen wir etwas,
+wovon wir wissen daß es seyn muß, und daß es so gemein ist als
+irgend eine von den alltäglichen Sachen die immer vor unsern Sinnen
+schweben, aus verkehrtem kindischem Eigensinn, zu Herzen nehmen?
+Fy! Es ist ein Vergehen gegen den Himmel, ein Vergehen gegen den
+Gestorbnen, ein Vergehen gegen die Natur; höchst ungereimt in den
+Augen der Vernunft, welche kein gemeineres Thema kennt, als den Tod
+von Vätern, und von der ersten Leiche bis zu dem der eben izt
+gestorben ist, uns immer zugeruffen hat, es müsse so seyn. Wir
+bitten euch also, werfet diese zu nichts dienende Traurigkeit in
+sein Grab, und sehet künftig uns als euern Vater an; denn die Welt
+soll es wissen, daß ihr unserm Thron der nächste seyd, und daß die
+Liebe, die der zärtlichste Vater zu seinem Sohne tragen kan, nicht
+grösser ist als diejenige, welche wir euch gewiedmet haben. Was
+euer Vorhaben, nach der Schule zu Wittenberg zurük zu gehen betrift,
+so stimmt es gar nicht mit unsern Wünschen ein, und wir bitten
+euch davon abzustehen, und unter unsern liebesvollen Augen hier zu
+bleiben, unser erster Höfling, unser Neffe, und unser Sohn.
+
+Königin.
+Laß deine Mutter keine Fehlbitte thun, Hamlet; ich bitte dich,
+bleibe bey uns, geh nicht nach Wittenberg.
+
+Hamlet.
+Ich gehorche euch mit dem besten Willen, Madame.
+
+König.
+Nun, das ist eine schöne liebreiche Antwort; seyd wie wir selbst in
+Dännemark! Kommet, Madame; diese gefällige und ungezwungne
+Einstimmung Hamlets ist mir so angenehm, daß dieser Tag ein
+festlicher Tag der Freude seyn soll--Kommt, folget mir--
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+
+Hamlet (bleibt allein.)
+O daß dieses allzu--allzu--feste Fleisch schmelzen und in Thränen
+aufgelöst zerrinnen möchte! Oder daß Er, der Immerdaurende, seinen
+Donner nicht gegen den Selbst-Mord gerichtet hätte! O Gott! o
+Gott! Wie ekelhaft, schaal, abgestanden und ungeschmakt kommen mir
+alle Freuden dieser Welt vor! Fy, fy, mir graut davor! Es ist ein
+ungesäuberter Garten, wo alles in Saamen schießt, und mit Unkraut
+und Disteln überwachsen ist. Daß es dahin gekommen seyn soll! Nur
+zween Monate todt! Nein, nicht einmal so viel; nicht so viel--Ein
+so vortrefflicher König--gegen diesen, wie Apollo gegen einen Satyr:
+Der meine Mutter so zärtlich liebte, daß kein rauhes Lüftchen sie
+anwehen durfte--Himmel und Erde! Warum muß mir mein Gedächtniß so
+getreu seyn? Wie, hieng sie nicht an ihm, als ob selbst die
+Nahrung ihrer Zärtlichkeit ihren Hunger vermehre?--und doch, binnen
+einem Monat--Ich will, ich darf nicht dran denken--Gebrechlichkeit,
+dein Nam' ist Weib! Ein kleiner Monat! Eh noch die Schuhe
+abgetragen waren, in denen sie meines armen Vaters Leiche folgte,
+gleich der Niobe lauter Thränen--Wie? Sie--eben sie--(o Himmel!
+ein vernunftloses Thier würde länger getraurt haben) mit meinem
+Oheim verheyrathet--Meines Vaters Bruder; aber meinem Vater gerade
+so gleich als ich dem Hercules. Binnen einem Monat!--Eh noch das
+Salz ihrer heuchelnden Thränen ihre rothen Augen zu jüken aufgehört,
+verheyrathet!--So eilfertig, und in ein blutschänderisches Bette!--
+Nein, es ist nichts Gutes, und kan zu nichts Gutem ausschlagen.
+Aber--o brich du, mein Herz, denn meine Zunge muß ich schweigen
+heissen.
+
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Horatio, Bernardo und Marcellus treten auf.)
+
+
+Horatio.
+Heil, Gnädigster Prinz!
+
+Hamlet.
+Ich erfreue mich, euch wohl zu sehen--Ihr seyd Horatio, oder ich
+vergesse mich selbst.
+
+Horatio.
+Ich bin Horatio, Gnädiger Herr, und euer demüthiger Diener auf ewig.
+
+Hamlet.
+Sir, mein guter Freund; das soll künftig das Verhältniß unter uns
+seyn. Und was führt euch von Wittenberg hieher, Horatio?--Ist das
+nicht Marcellus? --
+
+Marcellus.
+Ja, Gnädigster Herr.
+
+Hamlet.
+Ich bin erfreut euch zu sehen; guten Morgen, Sir
+
+(zu Bernardo)
+
+--Aber, im Ernste, Horatio, was bringt euch von Wittenberg hieher?
+
+Horatio.
+Ein Anstoß von Landstreicherey, mein Gnädigster Herr.
+
+Hamlet.
+Das möchte ich euern Feind nicht sagen hören, auch sollt ihr meinen
+Ohren die Gewalt nicht anthun, sie zu Zeugen einer solchen Aussage
+gegen euch selbst zu machen. Ich weiß, ihr seyd kein Müssiggänger.
+Was ist euer Geschäfte in Elsinoor? Wir müssen euch trinken
+lehren, eh ihr wieder abreiset.
+
+Horatio.
+Gnädigster Herr, ich kam, euers Vaters Leichenbegängniß zu sehen.
+
+Hamlet.
+Ich bitte dich, spotte meiner nicht, Schul-Camerade: ich denke, du
+kamst vielmehr auf meiner Mutter Hochzeit.
+
+Horatio.
+Die Wahrheit zu sagen, Gnädigster Herr, sie folgte schnell hinter
+drein.
+
+Hamlet.
+Das war aus lauter Häuslichkeit, mein guter Horatio--Um die Braten,
+die von dem Leichenmahl übrig geblieben, bey der Hochzeit kalt
+auftragen zu können--O Horatio, lieber wollt' ich meinen ärgsten
+Feind im Himmel gesehen, als diesen Tag erlebt haben--Mein Vater--
+mich däucht, ich sehe meinen Vater--
+
+Horatio (lebhaft.)
+Wo, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+In den Augen meines Gemüths, Horatio.
+
+Horatio.
+Ich sah ihn einmal; er war ein stattlicher Fürst.
+
+Hamlet.
+Sag', er war ein Mann, in allen Betrachtungen ein Mann, so hast du
+alles gesagt; seines gleichen werd' ich niemal sehen.
+
+Horatio.
+Gnädigster Herr, ich denke ich sah ihn verwichne Nacht.
+
+Hamlet.
+Du sahest ihn? Wen?
+
+Horatio.
+Den König, euern Vater.
+
+Hamlet.
+Den König, meinen Vater?
+
+Horatio.
+Mässiget eure Verwunderung nur so lange, und leihet mir ein
+aufmerksames Ohr, bis ich, auf das Zeugniß dieser wakern Männer
+hier, euch das Wunder erzählt haben werde.
+
+Hamlet.
+Um des Himmels willen, laß mich's hören.
+
+Horatio.
+Zwo Nächte auf einander haben diese beyden Officiers, Marcellus und
+Bernardo, auf der Wache, in der todten Stille der Mitternacht,
+diesen Zufall gehabt: Eine Gestalt, die euerm Vater glich, vom Kopf
+zu Fuß, Stük vor Stük bewaffnet, erscheint vor ihnen, und geht mit
+feyerlichem Gang, langsam und majestätisch bey ihnen vorbey;
+dreymal gieng er vor ihren von Furcht starrenden Augen, mit seinem
+langen Stok in der Hand, hin und her; indeß daß sie, von Schreken
+beynahe in Gallerte aufgelöst, ganz unbeweglich stuhnden, und den
+Muth nicht hatten ihn anzureden. Sie entdekten mir diesen Zufall
+in Geheim, und bewogen mich dadurch in vergangner Nacht mit ihnen
+auf die Wache zu ziehen; und hier sah ich um die nemliche Zeit,
+diese nemliche Erscheinung, von Wort zu Wort, wie sie mir selbige
+beschrieben hatten. Ich erkannte euern Vater: Diese Hände sind
+einander nicht ähnlicher.
+
+Hamlet.
+Und wo geschahe das?
+
+Horatio.
+Gnädiger Herr, auf der Terrasse, wo wir die Wache hatten.
+
+Hamlet.
+Habt ihr es nicht angeredet?
+
+Horatio.
+Ich that es, Gnädiger Herr, aber es gab mir keine Antwort; nur ein
+einziges mal kam mir's vor, es hebe den Kopf auf, und mache eine
+Bewegung als ob es reden wolle: Aber in dem nemlichen Augenblik
+krähte der Hahn, und da zittert' es plözlich weg, und verschwand
+aus unserm Gesicht.
+
+Hamlet.
+Das ist was sehr Wunderbares!
+
+Horatio.
+So wahr ich lebe, Gnädiger Herr, so ist es; und wir hielten es für
+unsre Schuldigkeit, euch Nachricht davon zu geben.
+
+Hamlet.
+In der That, ihr Herren, ich muß es bekennen, ich bin unruhig
+hierüber.
+
+(Zu Marcellus und Bernardo.)
+
+Habt ihr die Wache diese Nacht?
+
+Beyde.
+Ja, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Es war bewaffnet, sagt ihr?
+
+Beyde.
+Bewaffnet, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Von Fuß zu Kopf?
+
+Beyde.
+Ja, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+So konntet ihr ja sein Gesicht nicht sehen?
+
+Horatio.
+O ja, Gnädiger Herr; er trug sein Visier aufgezogen.
+
+Hamlet.
+Sagt mir, sah er ungehalten aus?
+
+Horatio.
+Seine Gebehrdung schien mehr Traurigkeit als Zorn auszudrüken.
+
+Hamlet.
+Bleich oder roth?
+
+Horatio.
+Sehr bleich.
+
+Hamlet.
+Und sah er euch ins Gesicht?
+
+Horatio.
+Sehr starr.
+
+Hamlet.
+Ich wollte, daß ich dabey gewesen wäre.
+
+Horatio.
+Es würde euch in kein geringes Schreken gesezt haben.
+
+Hamlet.
+Sehr vermuthlich; blieb es lange?
+
+Horatio.
+So lange man brauchte, um mit mässiger Geschwindigkeit Hundert zu
+zählen.
+
+Beyde.
+Länger, Länger.
+
+Horatio.
+Als ich es sah, nicht.
+
+Hamlet.
+War sein Bart grau? Nein--
+
+
+Horatio.
+Das war er, so wie ich ihn in seinem Leben gesehen habe, silbergrau.
+
+Hamlet.
+Ich will mit euch auf die Wache, diese Nacht; vielleicht geht es
+wieder.
+
+Horatio.
+Ich bin euch gut dafür, das wird es.
+
+Hamlet.
+Wenn es meines ehrwürdigen Vaters Gestalt annimmt, so will ich mit
+ihm reden, wenn gleich die Hölle selbst ihren Schlund aufreissen
+und mich schweigen heissen würde. Ich bitte euch, wofern ihr diese
+Erscheinung bisher geheim gehalten habet, so laßt es immer ein
+Geheimniß unter uns bleiben; es mag heute Nacht begegnen was da
+will, beobachtet es, aber schweigt. Ich will erkenntlich für eure
+Freundschaft seyn: Nun, gehabt euch wol. Zwischen eilf und zwölf
+Uhr, auf der Terrasse, will ich euch besuchen.
+
+Alle.
+Eure demüthige Knechte, Gnädiger Herr--
+
+(Sie gehen ab.)
+
+Hamlet.
+Meine Freunde, wie ich der eurige: Lebet wohl.
+
+(Allein.)
+
+Meines Vaters Geist in Waffen! Es ist nicht alles wie es seyn
+soll! Ich besorge irgend eine verdekte Übelthat: Wenn nur die
+Nacht schon da wäre! Bis dahin, size still, meine Seele:
+Schändliche Thaten müssen ans Licht kommen, und wenn der ganze
+Erdboden über sie hergewälzt wäre.
+
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Verwandelt sich in ein Zimmer in Polonius Hause.)
+(Laertes und Ophelia treten auf.)
+
+
+Laertes.
+Mein Geräthe ist eingepakt, lebet wohl Schwester, und wenn die
+Winde meiner Reise günstig sind, so verschlaft mein Andenken nicht,
+sondern laßt mich Nachrichten von euch haben.
+
+Ophelia.
+Wie könnt ihr daran zweifeln?
+
+Laertes.
+Was den Hamlet und die Tändeley seiner Liebe betrift, haltet sie
+für einen flüchtigen Geschmak, und ein Spiel des jugendlichen
+Blutes; ein Veilchen in den ersten Frühlings-Tagen der Natur,
+frühzeitig aber nicht dauerhaft; angenehm, aber hinfällig; ein
+lieblicher Geruch für eine Minute; nicht mehr--
+
+Ophelia.
+Nicht mehr als das?
+
+Laertes.
+Glaubt mir, nicht mehr, liebe Schwester. Wir nehmen in unsrer
+Jugend nicht nur an Grösse und Stärke zu; die Seele wächßt mit, und
+ihre innerliche Verrichtungen und Pflichten dehnen sich mit ihrem
+Tempel aus. Vielleicht liebt er euch izt aufrichtig, mit der
+reinen Zuneigung eines noch unverdorbnen Herzens: Aber ihr müßt
+bedenken, daß, sobald er seine Grösse in Erwägung ziehen wird,
+seine Neigung nicht mehr in seiner Gewalt ist: Denn er selbst hangt
+von seiner Geburt ab; er darf nicht für sich selbst wählen, wie
+gemeine Leute: Die Sicherheit und das Wohl des Staats hängt an
+seiner Wahl, und daher muß sich seine Wahl nach der Stimme und den
+Wünschen des Körpers, wovon er das Haupt ist, bestimmen. Wenn er
+also sagt, er liebe euch, so kömmt es eurer Klugheit zu, ihm in so
+weit zu glauben, als er nach seiner Geburt und künftigen Würde,
+seinen Worten Kraft geben kan; und das ist nicht mehr, als wozu er
+die Einwilligung des Königs erhalten kan. Überleget also wol, was
+für einen grossen Verlust eure Ehre leiden kan, wenn ihr seinem
+lokenden Gesang ein zu leichtgläubiges Ohr verleihet; entweder ihr
+verliehrt euer Herz, oder sein Ungestüm, den zulezt nichts mehr
+zurükhalten wird, sieget gar über eure Keuschheit. Fürchtet es,
+Ophelia, fürchtet es, meine theure Schwester; steuret einer noch
+unschuldigen Neigung, die so gefährlich ist, und überlaßt euch
+nicht dem Strom schmeichelnder Wünsche. Das gefälligste Mädchen
+ist verschwenderisch genug, wenn sie ihre keusche Schönheit dem
+Mond entschleyert: Die Tugend selbst ist vor den Bissen der
+Verläumdung nicht sicher; nur allzu oft frißt ein verborgner Wurm
+die Kinder des Frühlings, bevor ihre Knospen sich entwikelt haben;
+und mengender Meel-Thau ist nie mehr zu besorgen als im Thauvollen
+Morgen der Jugend. Seyd also vorsichtig; hier giebt Furcht die
+beste Sicherheit; die Jugend hat einen Feind in sich selbst, wenn
+sie auch keinen von aussen hat.
+
+Ophelia.
+Ich werde diese guten Erinnerungen zu immer wachsamen Hütern meines
+Herzens machen. Aber, mein lieber Bruder, macht es ja nicht, wie
+manche ungeheiligte Seelen-Hirten, die euch den engen und
+dornichten Pfad zum Himmel weisen, indessen daß sie selbst, ihrer
+eignen Lehren uneingedenk, in ruchloser Freyheit auf dem breiten
+Frühlings-Wege der Üppigkeit dahertraben.
+
+Laertes.
+O, davor seyd unbekümmert.
+
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Polonius zu den Vorigen.)
+
+
+Laertes.
+Ich halte mich zulang auf--Aber hier kommt mein Vater: Desto besser;
+ich werde seinen Abschieds-Segen gedoppelt erhalten.
+
+Polonius.
+Du bist noch hier, Laertes! Zu Schiffe, zu Schiffe, mein Sohn; der
+Wind schwellt eure Segel schon, und man wartet auf euch. Hier,
+empfange meinen Segen,
+
+(Er legt seine Hand auf Laertes Haupt)
+
+und diese wenigen Lebens-Regeln, womit ich ihn begleite, schreib
+in dein Gedächtniß ein. Gieb deinen Gedanken keine Zunge, und wenn
+du je von unregelmässigen überrascht wirst, so hüte dich wenigstens,
+sie zu Handlungen zu machen: Sey gegen jedermann leutselig, ohne
+dich mit jemand gemein zu machen: Hast du bewährte Freunde gefunden,
+so hefte sie unzertrennlich an deine Seele; aber gieb deine
+Freundschaft nicht jeder neuausgebruteten, unbefiederten
+Bekanntschaft preiß. Hüte dich vor den Gelegenheiten zu Händeln;
+bist du aber einmal darinn, so führe dich so auf, daß dein Gegner
+nicht hoffen könne, dich ungestraft zu beleidigen. Leih' dein Ohr
+einem jeden, aber wenigen deinen Mund; nimm jedermanns Tadel an,
+aber dein Urtheil halte zurük. Kleide dich so kostbar als es dein
+Beutel bezahlen kan, aber nicht phantastisch; reich, nicht
+comödiantisch: Denn der Anzug verräth oft den Mann, und in
+Frankreich pflegen Leute von Stand und Ansehen sich gleich dadurch
+anzukündigen, daß sie sich mit Geschmak und Anstand kleiden. Sey
+weder ein Leiher noch ein Borger; denn durch Leihen richtet man oft
+sich selbst und seinen Freund zu Grunde; und borgen untergräbt das
+Fundament einer guten Haushaltung. Vor allem, sey redlich gegen
+dich selbst, denn daraus folget so nothwendig als das Licht dem
+Tage, daß du es auch gegen jedermann seyn wirst. Lebe wohl, mein
+Sohn; mein Segen befruchte diese Erinnerungen in deinem Gemüthe!
+
+Laertes.
+Ich beurlaube mich demüthigst von euch, Gnädiger Herr Vater.
+
+Polonius.
+Du hast hohe Zeit; geh, deine Bediente warten--
+
+
+Laertes.
+Lebet wohl, Ophelia, und erinnert euch dessen was ich gesagt habe.
+
+Ophelia.
+Es ist in mein Gedächtniß verschlossen, und ihr sollt den Schlüssel
+dazu mit euch nehmen.
+
+Laertes.
+Lebet wohl.
+
+(Er geht ab.)
+
+Polonius.
+Was sagte er denn zu euch, Ophelia?
+
+Ophelia.
+Mit Eu. Gnaden Erlaubniß, etwas, das den Prinzen Hamlet angieng.
+
+Polonius.
+Wahrhaftig, ein guter Gedanke! Ich habe mir sagen lassen, daß er
+euch seit einiger Zeit ziemlich oft allein gesprochen habe, und daß
+ihr ihm einen sehr freyen Zutritt verstattet, und geneigtes Gehör
+gegeben habt. Wenn es so ist, (wie es mir dann von sichrer Hand
+zukommt) so muß ich euch sagen, daß ihr euch selbst nicht so gut
+versteht, als es meiner Tochter und eurer Ehre geziemt. Was ist
+denn zwischen euch? Sagt mir die reine Wahrheit.
+
+Ophelia.
+Gnädiger Herr Vater, er hat mir zeither verschiedene Erklärungen
+von seiner Zuneigung gemacht.
+
+Polonius.
+Von seiner Zuneigung? He! Ihr sprecht wie ein junges Ding, das
+noch keine Erfahrung von dergleichen gefährlichen Dingen hat.
+Glaubt ihr denn seine Erklärungen, wie ihr es nennt?
+
+Ophelia.
+Ich weiß nicht was ich denken soll, Herr Vater.
+
+Polonius.
+Potz hundert! Das will ich dich lehren; denk du seyst ein
+Kindskopf, daß du seine Erklärungen für baar Geld genommen hast, da
+sie doch falsche Münze sind. Du must bessere Sorge zu dir selbst
+haben, oder ich werde wenig Freude an dir erleben--
+
+Ophelia.
+Gnädiger Herr Vater, er bezeugt zwar eine heftige Liebe zu mir,
+aber in Ehren--
+
+Polonius.
+Ja, in Thorheit solltest du sagen; geh, geh--
+
+Ophelia.
+Und hat seine Worte durch die feyrlichsten und heiligsten Schwüre
+bekräftiget.
+
+Polonius.
+Ja, Schlingen, um Schnepfen zu fangen. Ich weiß wie
+verschwendrisch das Herz in Schwüre aussprudelt, wenn das Blut in
+Flammen ist. Mein gutes Kind, du must diese Aufwallungen nicht für
+wahres Feuer halten; sie sind wie das Wetterleuchten an einem
+kühlen Sommer-Abend, sie leuchten ohne Hize, und verlöschen so
+schnell als sie auffahren. Von dieser Stunde an seyd etwas
+sparsamer mit dem Zutritt zu eurer Person; sezt eure Conversationen
+auf einen höhern Preiß als einen Befehl, daß man euch sprechen
+wolle. Was den Prinzen Hamlet betrift, so glaubt so viel von ihm,
+daß er jung ist; und daß er sich mehr Freyheit herausnehmen darf,
+als der Wolstand euch zuläßt. Mit einem Wort, Ophelia, trauet
+seinen Schwüren nicht; desto weniger, je feyrlicher sie sind; sie
+hüllen sich, gleich den Gelübden, die oft dem Himmel dargebracht
+werden, in Religion ein, um desto sichrer zu betrügen. Einmal für
+allemal: Ich möchte nicht gern, deutlich zu reden, daß du nur einen
+einzigen deiner Augenblike in den Verdacht seztest, als wißtest du
+ihn nicht besser anzuwenden, als mit dem Prinzen Hamlet Worte zu
+wechseln. Merk dir das, ich sag dir's; und geh in dein Zimmer.
+
+Ophelia.
+Ich will gehorsam seyn, Gnädiger Herr Vater.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+
+
+Siebende Scene.
+(Verwandelt sich in die Terrasse vor dem Palast.)
+(Hamlet, Horatio und Marcellus treten auf.)
+
+
+Hamlet.
+Die Luft schneidt entsezlich; es ist grimmig kalt.
+
+Horatio.
+Es ist eine beissende, scharfe Luft.
+
+Hamlet.
+Wie viel ist die Gloke?
+
+Horatio.
+Ich denke, es ist bald zwölfe.
+
+Marcellus.
+Nein, es hat schon geschlagen.
+
+Horatio.
+Ich hörte es nicht: Es ist also nah um die Zeit, da der Geist zu
+gehen pflegt.
+
+(Man hört eine kriegrische Musik hinter der Scene.)
+
+Was hat das zu bedeuten, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Der König hält Tafel, und verlängert den Schmaus, wie es scheint,
+in die tiefe Nacht, und so oft er den vollen Becher mit Rhein-Wein
+auf einen Zug ausleert, verkündigen Trompeten und Kessel-Pauken den
+Sieg, den Seine Majestät davon getragen hat.
+
+Horatio.
+Ist das so der Gebrauch?
+
+Hamlet.
+Ja, zum Henker, das ist es; aber nach meiner Meynung, ob ich gleich
+ein Dähne und zu diesem Gebrauch gebohren bin, ein Gebrauch der mit
+größrer Ehre gebrochen als gehalten wird. Diese taumelnden Trink-
+Gelage machen uns in Osten und Westen verächtlich, und werden uns
+von den übrigen Völkern als ein National-Laster vorgeworffen: Sie
+nennen uns Säuffer, und sezen schweinische Beywörter dazu, die uns
+wenig Ehre machen; und in der That, der Ruf worinn wir deßwegen
+stehen, nimmt unsern Thaten, so groß und rühmlich sie sonst sind,
+ihren schönsten Glanz. In diesem Stüke geht es oft ganzen Völkern
+wie einzelnen Leuten, welche um irgend eines Natur-Fehlers willen,
+als etwann wegen der angebohrnen Obermacht eines gewissen
+Temperaments (woran sie doch keine Schuld haben, da sich niemand
+seine ursprüngliche Anlage selber auswählen kan,) welches sie
+manchmal durch den Zaun der Vernunft durchbrechen macht; oder wegen
+irgend einer angewöhnten Manier, einer Grimasse oder so etwas,
+welches mit dem eingeführten Wohlstand einen allzugrossen Absaz
+macht--ich sage, daß solche Leute um eines einzigen solchen Fehlers
+willen, es mag nun seyn, daß die Natur oder ein Zufall Schuld daran
+habe, sich's gefallen lassen müssen, ihre guten Eigenschaften, so
+groß und zahlreich sie immer seyn mögen, in dem Urtheil der Welt
+abgewürdiget zu sehen. (Der Geist tritt auf.)
+
+Horatio.
+Hier, Gnädiger Herr; seht, es kommt.
+
+Hamlet.
+Ihr Engel und himmlischen Mächte alle, schüzet uns! Du magst nun
+ein guter Geist oder ein verdammter Kobolt seyn, du magst
+himmlische Lüfte oder höllische Dämpfe mit dir bringen, und in
+wohlthätiger oder schädlicher Absicht gekommen seyn; die Gestalt
+die du angenommen hast, ist so ehrwürdig, daß ich mit dir reden
+will. Ich will dich Hamlet, ich will dich meinen König, meinen
+Vater nennen: O, antworte mir; laß mich nicht in einer Unwissenheit,
+die mir das Leben kosten würde: Sage, warum haben deine
+geheiligten Gebeine ihr Behältniß durchbrochen? Warum hat das Grab,
+worein wir dich zu deiner Ruhe bringen sahen, seinen schweren
+marmornen Rachen aufgethan, um dich wieder auszuwerfen? Was mag
+das bedeuten, daß du, ein todter Leichnam, in vollständiger Rüstung
+den Mondschein wieder besuchst, um die Nacht mit Schreknissen zu
+erfüllen, und unser Wesen auf eine so entsezliche Art mit Gedanken
+zu erschüttern, die über die Schranken unsrer Natur gehen.
+
+(Der Geist winkt dem Hamlet.)
+
+Horatio.
+Es winkt euch, mit ihm zu gehen, als ob es euch etwas allein zu
+sagen habe.
+
+Marcellus.
+Seht, wie freundlich es euch an einen entferntern Ort winkt: Aber
+geht ja nicht mit ihm.
+
+Horatio (Den Hamlet zurükhaltend.)
+Nein, um alles in der Welt nicht.
+
+Hamlet.
+Weil es nicht reden will, so will ich ihm folgen.
+
+Horatio.
+Das thut nicht, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Und warum nicht? Wofür sollt' ich mir fürchten? Mein Leben ist
+mir um eine Stek-Nadel feil, und was kan es meiner Seele thun, die
+ein unsterbliches Wesen ist wie es selbst?--Es winkt mir wieder weg--
+ich will ihm folgen--
+
+Horatio.
+Und wie dann, Gnädiger Herr, wenn es euch an die Spize des Felsens
+führte, der sich dort über die See hinaus bükt, und dann eine noch
+fürchterlichere Gestalt annähme, welche euern Verstand verwirren
+und in sinnloser Betäubung euch in die Tiefe hinunter stürzen
+könnte? Denket an diß! Der Ort allein, ohne daß noch andere
+Ursachen dazu kommen dürfen, könnte einem, der so viele Faden tief
+in die See hinab schaute, und sie von unten herauf so gräßlich
+heulen hörte, einen Anstoß von Schwindel geben.
+
+Hamlet.
+Es winkt mir noch immer: Geh nur voran, ich will dir folgen.
+
+Marcellus.
+Wir lassen euch nicht gehen, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Zurük mit euern Händen!
+
+Marcellus.
+Laßt euch rathen, ihr sollt nicht gehen.
+
+Hamlet.
+Mein Verhängniß ruft; seine Stimme macht jede kleine Ader in diesem
+Körper so stark, als den Nerven des Nemeischen Löwens: Er ruft mir
+noch immer: Laßt eure Hände von mir ab, ihr Herren--
+
+(Er reißt sich von ihnen los.)
+
+Beym Himmel, ich will ein Gespenst aus dem machen, der mich halten
+will--Weg, sag ich--Geht--Ich will mit dir gehen--
+
+(Hamlet und der Geist gehen ab.)
+
+Horatio.
+Seine Einbildung ist so erhizt, daß er nicht weiß was er thut.
+
+Marcellus.
+Wir wollen ihm folgen; bey einer solchen Gelegenheit wär' es wider
+unsre Pflicht, gehorsam zu seyn.
+
+Horatio.
+Das wollen wir--Was wird noch endlich daraus werden?
+
+Marcellus.
+Es muß ein verborgnes Übel im Staat von Dännemark liegen.
+
+Horatio.
+Der Himmel wird alles leiten.
+
+Marcellus.
+Fort, wir wollen ihm nachgehen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+
+
+Achte Scene.
+(Verwandelt sich in einen entferntern Theil der Terrasse.)
+(Der Geist und Hamlet treten wieder auf.)
+
+
+Hamlet.
+Wohin willt du mich fuhren? Rede; ich gehe nicht weiter.
+
+Geist.
+Höre mich an.
+
+Hamlet.
+Das will ich.
+
+Geist.
+Die Stunde rükt nah herbey, da ich in peinigende Schwefel-Flammen
+zurükkehren muß.
+
+Hamlet.
+Du daurst mich, armer Geist!
+
+Geist.
+Bedaure mich nicht, sondern höre aufmerksam an, was ich dir
+entdeken werde.
+
+Hamlet.
+Rede, ich bin schuldig, zu hören--
+
+Geist.
+Und zu rächen, was du hören wirst.
+
+Hamlet.
+Was?
+
+Geist.
+Ich bin der Geist deines Vaters, verurtheilt eine bestimmte Zeit
+bey Nacht herum zu irren, und den Tag über eng eingeschlossen in
+Flammen zu schmachten, bis die Sünden meines irdischen Lebens
+durchs Feuer ausgebrannt und weggefeget sind. Wäre mirs nicht
+verboten, die Geheimnisse meines Gefängnisses zu entdeken, ich
+könnte eine Erzählung machen, wovon das leichteste Wort deine Seele
+zermalmen, dein Blut erstarren, deine zwey Augen, wie Sterne, aus
+ihren Kreisen taumeln, deine krause dichtgedrängte Loken trennen,
+und jedes einzelne Haar wie die Stacheln des ergrimmten Igels
+emporstehen machen würde: Aber diese Scenen der Ewigkeit sind nicht
+für Ohren von Fleisch und Blut--Horch, horch, o horch auf! Wenn du
+jemals Liebe zu deinem Vater getragen hast--
+
+Hamlet.
+O Himmel!
+
+Geist.
+So räche seine schändliche, höchst unnatürliche Ermordung.
+
+Hamlet.
+Ermordung?
+
+Geist.
+Jeder Mord ist höchst schändlich; aber dieser ist mehr als
+schändlich, unnatürlich, und unglaublich.
+
+Hamlet.
+Eile, mir den Thäter zu nennen, damit ich schneller als die Flügel
+der Betrachtung oder die Gedanken der Liebe, zu meiner Rache fliege.
+
+Geist.
+So bist du, wie ich dich haben will; auch müßtest du gefühlloser
+seyn, als das fette Unkraut, das seine Wurzeln ungestört an Lethe's
+Werft verbreitet, wenn du nicht in diese Bewegung kämest. Nun,
+Hamlet, höre. Es ist vorgegeben worden, eine Schlange habe mich
+gestochen, da ich in meinem Garten geschlaffen hätte. Mit dieser
+erdichteten Ursach meines Todes ist ganz Dännemark hintergangen
+worden: Aber wisse, edelmüthiger Jüngling, die Schlange, die deinen
+Vater zu tode stach, trägt izt seine Krone.
+
+Hamlet.
+O, meine weissagende Seele! Mein Oheim?
+
+Geist.
+Ja, dieser ehrlose blutschändrische Unmensch verführte durch die
+Zauberey seines Wizes, und durch verräthrische Geschenke (o!
+verflucht sey der Wiz und die Geschenke, welche die Macht haben, so
+zu verführen,) das Herz meiner so tugendhaft scheinenden Königin.
+O Hamlet, was für ein Abfall war das! Von mir, dessen Liebe, in
+unbeflekter Würde Hand in Hand mit dem Ehe-Gelübde gieng, so ich
+ihr gethan hatte--zu einem Elenden abzufallen, dessen natürliche
+Gaben gegen die meinigen nicht einmal in Vergleichung kamen!
+Allein, so wie die Tugend sich niemals verführen lassen wird, wenn
+das Laster gleich in himmlischer Gestalt käme, sie zu versuchen; so
+würde die Unzucht, und wenn sie an einen stralenden Engel
+angeschlossen wäre, sich nicht enthalten können, selbst in einem
+himmlischen Bette ihre heißhungrige Lust an Luder-Fleisch zu büssen.
+Doch sachte! Mich däucht, ich wittre die Morgen-Luft--Ich muß
+kurz seyn. Ich lag, wie es nachmittags immer meine Gewohnheit war,
+unter einer Sommer-Laube in meinem Garten, und schlief unbesorgt,
+als dein Oheim sich ingeheim mit einer Phiole voll Gift
+herbeyschlich, welches eine so gewaltsame Wirkung thut, daß es
+schnell wie Queksilber alle Adern durchdringt, und das sonst
+flüssige und gesunde Blut gerinnen macht, wie Milch wenn etwas
+Saures darein gegossen wird; dieses Gift schüttete er mir in die
+Ohren, und es wirkte so gut, daß es mir eine plözliche
+Schwindeflechte verursachte, die meinen ganzen Leib mit einem
+ekelhaften Aussaz überzog, und in einem Augenblik in ein gräßliches
+Scheusal verwandelte. Solchergestalt wurde ich dann schlafend,
+durch die Hand eines Bruders, auf einmal des Lebens, der Krone und
+meiner Königin beraubt; mitten in meinen Sünden weggerissen, ohne
+Vorbereitung, ohne Sacrament, ohne Fürbitte; eh ich meine Rechnung
+gemacht, mit allen meinen Vergehungen beladen, zur Rechenschaft
+fortgeschikt. O, es ist entsezlich, entsezlich, höchst entsezlich!
+Wenn du einen Bluts-Tropfen von mir in deinen Adern hast, so duld'
+es nicht; laß das Königliche Bette von Dännemark nicht zu einem
+Tummel-Plaz der Üppigkeit und blutschändrischer Unzucht gemacht
+werden. Doch, so strenge du auch immer diese Greuel-That rächen
+magst, so befleke deine Seele nicht mit einem blutigen Gedanken
+gegen deine Mutter; überlaß sie dem Himmel und dem nagenden Wurm,
+der in ihrem Busen wühlet. Lebe wohl! Der Feuer-Wurm kündigt den
+herannahenden Morgen an, und beginnt sein unwesentliches Feuer
+auszustralen. Adieu, adieu, adieu--Gedenke meiner, Sohn!
+
+(Er verschwindet.)
+
+Hamlet.
+O du ganzes Heer des Himmels! O Erde! Und was noch mehr?--Soll
+ich auch noch die Hölle aufruffen?--O Fy, halte dich, mein Herz!
+Und ihr, meine Nerven, werdet nicht plözlich alt, sondern traget
+mich aufrecht--Deiner gedenken? Ja, du armer unglüklicher Geist,
+so lange das Gedächtniß in diesem betäubten Rund
+
+(er schlägt an seinen Kopf)
+
+seinen Siz behalten wird!--Deiner gedenken? Ja, ja, ich will sie
+alle von der Tafel meines Gedächtnisses wegwischen, alle diese
+alltägliche läppische Erinnerungen, alles was ich in Büchern
+gelesen habe, alle andern Ideen und Eindrüke, welche Jugend und
+Beobachtung darinn eingezeichnet haben; ich will sie auslöschen,
+und dein Befehl allein, unvermischt mit geringerer Materie, soll
+den ganzen Raum meines Gehirns ausfüllen. Ja, beym Himmel!--O!
+abscheuliches Weib! O Bösewicht, Bösewicht, lächelnder verdammter
+Bösewicht!--Meine Schreib-Tafel--ich will es niederschreiben--daß
+einer lächeln und immer lächeln, und doch ein Bösewicht seyn kan--
+wenigstens weiß ich nun, daß es in Dännemark so seyn kan--
+
+(Er schreibt.)
+
+So, Oheim, da steht ihr; izt zu meinem Wortzeichen; es ist: Adieu,
+adieu, gedenke meiner: Ich hab' es beschworen--
+
+
+
+
+
+Neunte Scene.
+(Horatio und Marcellus treten auf.)
+
+
+Horatio.
+Gnädiger Herr, Gnädiger Herr--
+
+Marcellus.
+Prinz Hamlet--
+
+Horatio.
+Der Himmel schüze ihn!
+
+Marcellus.
+Amen!
+
+Horatio.
+Holla, ho! ho! Gnädiger Herr--
+
+Hamlet.
+Hillo, ho, ho; Junge; komm, Vogel, komm--
+
+
+Marcellus. Horatio.
+Wie geht es, Gnädiger Herr? Was habt ihr Neues gehört?
+
+Hamlet.
+O, Wunderdinge!
+
+Horatio.
+Entdekt sie uns, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Nein, ihr würdet es ausbringen.
+
+Horatio.
+Ich nicht, Gnädiger Herr, beym Himmel!
+
+Marcellus.
+Ich auch nicht, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Nun, sagt mir denn einmal, könnte sich ein Mensch zu Sinne kommen
+lassen--Aber wollt ihr schweigen?
+
+Beyde.
+Ja, beym Himmel, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Es wohnt nirgends im ganzen Dännemark kein Bösewicht, der nicht ein
+ausgemachter Schurke ist.
+
+Horatio.
+Es braucht keinen Geist, Gnädiger Herr, der aus seinem Grabe
+aufstehe, uns das zu sagen.
+
+Hamlet.
+Richtig, so ist's; ihr habt recht; und also ohne weitere Umstände,
+hielt ich für rathsam, daß wir einander die Hände geben und
+scheiden; ihr, wohin euch eure Geschäfte und Absichten weisen,
+(denn jedermann hat seine Geschäfte und Absichten, wie es geht) und
+was mich selbst betrift, ich will beten gehen.
+
+Horatio.
+Gnädiger Herr, das sind nichts als wunderliche und schnurrende
+Reden.
+
+Hamlet.
+Es ist mir leid, daß sie euch beleidigen, herzlich leid; in der
+That, herzlich.
+
+Horatio.
+Die Rede ist von keiner Beleidigung, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Ja, bey Sanct Patriz! Die Rede ist hier von einer Beleidigung,
+Gnädiger Herr, und von einer schweren, das glaubt mir. Was diese
+Erscheinung hier betrift--Es ist ein ehrlicher Geist, das kan ich
+euch sagen: Aber euer Verlangen zu wissen was zwischen uns
+vorgegangen ist, das übermeistert so gut ihr könnet. Und nun,
+meine guten Freunde, wenn wir Freunde, Schul- und Spieß-Gesellen
+sind, so gewährt mir eine einzige arme Bitte.
+
+Horatio.
+Was ist es, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Saget niemanden nichts von dem, was ihr heute Nacht gesehen habt.
+
+Beyde.
+Wir versprechen es Euer Gnaden.
+
+Hamlet.
+Das ist nicht genug, ihr müßt mir's zuschwören.
+
+Horatio.
+Auf meine Treu, Gnädiger Herr, ich will nichts sagen.
+
+Marcellus.
+Ich auch nicht, Gnädiger Herr, bey meiner Treue.
+
+Hamlet.
+Schwört auf mein Schwerdt.
+
+Marcellus.
+Wir haben ja schon geschworen, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Auf mein Schwerdt sollt ihr schwören, in der That.
+
+Der Geist (ruft hinter der Bühne:)
+Schwört.
+
+Hamlet.
+Ha, ha, Junge, sagst du das? Bist du noch da?--Kommt, kommt, ihr
+hört ja was der Bursche dahinten sagt--Schwört!
+
+Horatio.
+Was sollen wir dann beschwören, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Daß ihr niemals von dem was ihr gesehen habet, reden wollt.
+Schwört bey meinem Schwerdt.*
+
+{ed.-* Eine Anspielung auf die Gewohnheit der alten Dähnen, auf ihr
+Schwerdt zu schwören, wenn sie den feyrlichsten Eid thun wollten.
+Sehet den Bartholinus, (de Causis contemp. mort. apud Dan.)
+Warburton.}
+
+Geist
+Schwört!
+
+Hamlet.
+Hier und überall? So wollen wir uns einen andern Plaz suchen.
+Kommt hieher, ihr Herren, leget eure Hände nochmals auf mein
+Schwerdt, und schwört, daß ihr gegen niemand sagen wollt, was ihr
+gehört habt. Schwört bey meinem Schwerdt.
+
+Geist.
+Schwört bey seinem Schwerdt.
+
+Hamlet.
+Wolgesprochen, alter Maulwurf, kanst du so schnell in den Boden
+arbeiten? Das heiß' ich einen geschikten Schanz-Gräber!--Noch ein
+wenig weiter weg, gute Freunde.
+
+Horatio.
+O Tag und Nacht, aber das ist ausserordentlich seltsam.
+
+Hamlet.
+Eben darum, weil es euch so fremd vorkommt, so heißt es als einen
+Fremdling willkommen. Mein guter Horatio, es giebt Sachen im
+Himmel und auf Erden, wovon sich unsre Philosophie nichts träumen
+läßt. Aber kommt; schwört mir, wie zuvor, daß ihr niemals (so wahr
+euch Gott gnädig sey!) So seltsam und widersinnisch ich mich auch
+immer anstellen und betragen mag (wie ich, vielleicht, künftig vor
+gut befinden könnte, zu thun) daß ihr, wenn ihr mich alsdann sehen
+werdet, niemals durch eine solche Stellung der Arme, oder ein
+solches Kopfschütteln, oder durch irgend eine geheimnisvolle
+abgebrochne Redensart, als gut--wir wissen was wir wissen--oder,
+wir könnten, wenn wir wollten--oder, wenn wir reden möchten--oder,
+es könnte wol vielleicht--oder andere solche zweideutige
+Andeutungen zu erkennen geben wollet, daß ihr mehr von mir wisset
+als andre; das schwört mir, als euch der Himmel in eurer höchsten
+Noth helfen wolle! Schwört!
+
+Geist.
+Schwört!
+
+(Sie schwören.)
+
+Hamlet.
+Gieb dich zur Ruh, gieb dich zur Ruh, unglüklicher Geist. So, ihr
+Herren; ich empfehle und überlasse mich euch wie ein Freund seinen
+Freunden, und was ein so armer Mann als Hamlet ist, thun kan, euch
+seine Liebe und Freundschaft auszudrüken, das soll, ob Gott will,
+nicht fehlen. Wir wollen gehen, aber immer eure Finger auf dem
+Mund, ich bitte euch: Die Zeit ist aus ihren Fugen gekommen; o!
+unseliger Zufall! daß ich gebohren werden mußte, sie wieder
+zurecht zu sezen! Nun, kommt, wir wollen mit einander gehen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+Zweyter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Ein Zimmer in Polonius Hause.)
+(Polonius und Reinoldo treten auf.)
+
+
+Polonius.
+Übergieb ihm dieses Geld und diese Papiere.
+
+Reinoldo.
+Ich werde nicht ermangeln, Gnädiger Herr.
+
+Polonius.
+Es würde überaus klug von euch gehandelt seyn, ehrlicher Reinold,
+wenn ihr euch vorher, eh ihr zu ihm geht, nach seiner Aufführung
+erkundigen würdet.
+
+Reinoldo.
+Das war auch mein Vorsaz, Gnädiger Herr.
+
+Polonius.
+Meiner Treu, das war ein guter Gedanke; ein sehr guter Gedanke.
+Seht ihr, Herr, zuerst erkundiget euch, was für Dähnen in Paris
+seyen, und wie, und wer, und wie bemittelt, und wo sie sich
+aufhalten, und was sie für Gesellschaft sehen, und was sie für
+einen Aufwand machen; und findet ihr aus ihren Antworten auf diese
+Präliminar-Fragen, daß sie meinen Sohn kennen, so kommt ein wenig
+näher; stellt euch, als ob ihr ihn so von weitem her kenntet--zum
+Exempel, so--Ich kenne seinen Vater und seine Freunde, und zum
+Theil, ihn selbst--Merkt ihr was ich damit will, Reinoldo?
+
+Reinoldo.
+Ja, sehr wohl, Gnädiger Herr.
+
+Polonius.
+Und zum Theil ihn selbst--Doch könnt ihr hinzu sezen--nicht sehr
+genau; aber wenn es der ist, den ich meyne, so ist er ein ziemlich
+wilder junger Mensch--Solchen und solchen Ausschweiffungen ergeben--
+Und da könnt ihr über ihn sagen, was ihr wollt; doch nichts was
+seiner Ehre nachtheilig seyn könnte; auf das müßt ihr wol Acht
+geben; aber wol solche gewöhnliche Excesse von Muthwillen und
+Wildheit, welche gemeiniglich Gefährten der Jugend und Freyheit zu
+seyn pflegen--
+
+Reinoldo.
+Als wie Spielen, Gnädiger Herr--
+
+Polonius.
+Ja, oder trinken, fluchen, Händel machen, den Weibsbildern
+nachlaufen--So weit dürft ihr schon gehen.
+
+Reinoldo.
+Aber das würde ja seiner Ehre nachtheilig seyn.
+
+Polonius.
+Das nicht, wenn ihr euch in den Ausdrüken ein wenig vorsehet: Ihr
+müßt eben nicht so weit gehen, und ihn beschuldigen, daß er ein
+öffentlicher Huren-Jäger sey, das ist nicht meine Meynung; ihr müßt
+so von seinen Fehlern reden, daß sie für Fehler der Freyheit,
+Ausbrüche eines feurigen Blutes, einer noch ungebändigten Jugend-
+Hize, die allen jungen Leuten gemein sind, angesehen werden können.
+
+Reinoldo.
+Aber, warum, Gnädiger Herr--
+
+Polonius.
+Warum ihr das thun sollt?
+
+Reinoldo.
+Ja, Gnädiger Herr, das wollt' ich fragen.
+
+Polonius.
+Gut, Herr, das will ich euch sagen; es ist ein Kunstgriff, Herr,
+und, beym Element, ich denke einer von den feinen. Seht ihr, wenn
+ihr meinem Sohn dergleichen kleinen Fehler beyleget, daß man denken
+kan, es sey ein junger Bursche, der ein wenig im Machen mißgerathen
+sey--versteht ihr mich, so wird derjenige, mit dem ihr in
+Conversation seyd, und den ihr gern ausholen möchtet, wenn er den
+jungen Menschen, von dem die Rede ist, gelegenheitlich etwann einer
+oder der andern von vorbesagten Ausschweiffungen sich schuldig
+machen, gesehen hat, so zählt darauf, daß er sich folgender massen
+gegen euch herauslassen wird: Mein werther Herr, oder Herr
+schlechtweg, oder mein Freund, oder wie er dann sagen mag--
+
+Reinoldo.
+Sehr wohl, Gnädiger Herr--
+
+Polonius.
+Und dann, Herr, thut er das--thut er--was wollt ich sagen--Ich
+wollte da was sagen--wo blieb ich?
+
+Reinoldo.
+Bey dem, wie er sich gegen mich herauslassen würde--
+
+Polonius.
+Wie er sich herauslassen würde--ja, meiner Six--er würde sich so
+herauslassen--Ich kenne den jungen Herrn, ich sah ihn gestern oder
+vorgestern, oder einen andern Tag mit dem und dem; und wie ihr sagt,
+da spielte er, da gerieth er in Hize, da fieng er beym Ballspiel
+Händel an; oder vielleicht, ich sah ihn in diß oder jenes
+verdächtige Haus gehen, Videlicet in ein Bordell, oder dergleichen--
+Seht ihr nun, daß auf diese Weise der Angel eurer Lüge diesen
+Karpen der Wahrheit fangen könnt--Das sind die Wege, wie wir andern
+Gelehrten und Staatisten, durch Winden und Sondiren, (per
+indirectum), hinter die wahre Beschaffenheit der Sachen zu kommen
+pflegen: Ich mache euch kein Geheimniß aus dieser Frucht meiner
+ehmaligen Lectur und Erfahrung, damit ihr sie nun bey meinem Sohn
+applicieren könnt--Ihr habt mich doch begriffen; habt ihr nicht?
+
+Reinoldo.
+Ja wohl, Gnädiger Herr.
+
+Polonius.
+So behüt euch Gott; lebt wohl.
+
+Reinoldo.
+Mein Gnädiger Herr--
+
+Polonius.
+Ihr müßt trachten, daß ihr durch euch selbst hinter seine Neigungen
+kommt.
+
+Reinoldo.
+Das will ich, Gnädiger Herr.
+
+Polonius.
+Und macht, daß er seine Musik fleissig exerciert.
+
+Reinoldo.
+Wohl, Gnädiger Herr.
+
+(Reinold geht ab.)
+
+
+
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Ophelia tritt auf.)
+
+
+Polonius.
+Lebt wohl--Ha, was giebts, Ophelia? Was wollt ihr?
+
+Ophelia.
+Ach, Gnädiger Herr Vater, ich bin so erschrekt worden!
+
+Polonius.
+Womit, womit, ums Himmel willen?
+
+Ophelia.
+Gnädiger Herr Vater, weil ich in meinem Zimmer saß und nähte, da
+kam der Prinz Hamlet, sein Wammes von oben an bis unten ungeknöpft,
+keinen Hut auf dem Kopf, seine Strümpfe nicht aufgezogen, ohne
+Kniebänder, bis auf die Zehen herunter gerollt, so bleich wie sein
+Hemde, zitternd, daß seine Kniee an einander anschlugen, und mit
+einem Blik von so erbärmlicher Bedeutung, als ob er aus der Hölle
+herausgelassen worden wäre, damit er von ihren Schreknissen reden
+sollte; in dieser Gestalt stellte er sich vor mich hin.
+
+Polonius.
+Er wird doch nicht aus Liebe zu dir toll worden seyn?
+
+Ophelia.
+Ich weiß es nicht, Gnädiger Herr Vater, aber, auf meine Ehre, ich
+besorg es.
+
+Polonius.
+Was sagte er dann?
+
+Ophelia.
+Er nahm mich bey der Hand, und hielt mich fest; hernach trat er um
+die ganze Länge seines Arms zurük, und die andre Hand hielt er so
+über seine Stirne, und dann sah er mir scharf ins Gesicht, als ob
+er es abzeichnen wollte. So stuhnd er eine gute Weile; zulezt
+schüttelte er mir den Arm ein wenig, wankte dreymal so mit dem Kopf
+auf und nieder, und holte dann einen so tiefen und erbärmlichen
+Seufzer, daß ich nicht anders dachte, als er würde den Geist
+aufgeben. Drauf ließ er mich gehen, drehte seinen Kopf über die
+Schulter, und schien seinen Rükweg ohne Augen zu finden; denn, er
+kam ohne ihre Hülfe zur Thür hinaus, und heftete sie zulezt noch
+mit einem traurigen Blik auf mich.
+
+Polonius.
+Komm mit mir, ich will den König aufsuchen. Das ist nichts anders,
+als die Wirkung einer übermässigen und ausser sich selbst
+gebrachten Liebe; denn die Gewalt der Liebe ist so heftig, daß sie
+den Menschen zu so verzweifelten Handlungen treiben kan, als irgend
+eine andre Leidenschaft, womit unsre Natur behaftet ist. Es ist
+mir Leid dafür; habt ihr ihn etwa kürzlich hart angelassen?
+
+Ophelia.
+Nein, Gnädiger Herr Vater; alles was ich that, war bloß, daß ich
+nach euerm Befehl keine Briefe von ihm annahm, und ihn nicht vor
+mich kommen ließ.
+
+Polonius.
+Und darüber ist er närrisch worden. Es ist mir leid, daß ich die
+Natur seiner Zuneigung zu dir nicht besser beobachtet habe. Ich
+besorgte, er kurzweile nur so, und suche dich zu verführen; aber
+der Henker hole meine voreilige Besorgniß; es scheint es sey eine
+Eigenschaft des Alters, die Vorsichtigkeit zu weit zu treiben, so
+wie bey jungen Leuten nichts gemeiners ist als gar keine zu haben.
+Kommt, wir wollen zum Könige gehen. Er muß Nachricht hievon
+bekommen; die Entdekung dieses Geheimnisses kan uns lange nicht so
+viel Verdruß zuziehen, als wir davon haben könnten, wenn wir länger
+schweigen würden.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Verwandelt sich in den Palast.)
+(Der König, die Königin, Rosenkranz, Güldenstern, Edle und andre
+ vom Königlichen Gefolge.)
+
+
+König.
+Willkommen, Rosenkranz und Güldenstern. Ausserdem, daß wir ein
+besonderes Verlangen getragen haben euch zu sehen, hat uns noch die
+Nothwendigkeit, Gebrauch von euch zu machen, zu dieser eilfertigen
+Beschikung vermocht. Ihr habet vermuthlich etwas von Hamlets
+Verwandlung gehört; so muß ich es nennen, da er weder dem
+Äusserlichen noch Innerlichen, noch sich selbst mehr ähnlich ist.
+Was das seyn mag, was, ausser seines Vaters Tod, ihn zu dieser
+Entfremdung von sich selbst gebracht hat, kan ich mir nicht träumen
+lassen. Ich bitte euch also beyde, da ihr von eurer ersten Jugend
+an mit ihm auferzogen worden, und die Gleichheit des Alters euch zu
+seiner Vertraulichkeit mehr Recht als andern giebt, so haltet euch
+nur eine kleine Zeitlang an unserm Hofe auf, um ihm Gesellschaft zu
+leisten, ihn in allerley Lustbarkeiten zu ziehen, und zu versuchen,
+ob ihr nicht Gelegenheit findet von ihm heraus zu loken, was die
+uns unbekannte Ursache seiner ungewöhnlichen Schwermuth ist, und ob
+sie so beschaffen ist, daß wir derselben abzuhelfen im Stande sind.
+
+Königin.
+Meine liebe Herren, er hat viel von euch gesprochen, und ich bin
+gewiß daß niemand in der Welt ist, auf den er mehr hält als auf
+euch beyde. Wenn ihr uns so viele Gefälligkeit und guten Willen
+erweisen, und euch so lange hier bey uns aufhalten wollet, als zu
+Erreichung unsrer Absicht und Erwartung nöthig seyn mag, so seyd
+versichert, daß euer Besuch einen Dank erhalten soll, wie es der
+Erkenntlichkeit eines Königs anständig ist.
+
+Rosenkranz.
+Eure Majestäten haben beiderseits eine so unumschränkte Macht über
+uns, daß sie da befehlen können, wo es ihnen beliebt zu bitten.
+
+Güldenstern.
+Wir gehorchen also beyde, und geben alles was wir sind zum Pfand
+des Eifers, womit wir uns bestreben werden, unsre Dienste zu euern
+Füssen zu legen.
+
+König.
+Ich danke euch, werther Rosenkranz und Güldenstern.
+
+Königin.
+Ich danke euch, werther Güldenstern und Rosenkranz, und ersuche
+euch, sogleich zu gehen, und meinem ganz unkenntlich gewordnen Sohn
+einen Besuch zu geben. Geh einer von euch, und führe diese Herren
+zu Hamlet.
+
+Güldenstern.
+Gebe der Himmel, daß ihm unsre Gegenwart und unsre Verwendungen
+angenehm und heilsam sey!
+
+(Rosenkranz und Güldenstern gehen ab.)
+
+Königin.
+Amen! (Polonius zu den Vorigen.)
+
+Polonius.
+Gnädigster Herr; die Abgesandten nach Norwegen sind glüklich wieder
+angelangt.
+
+König.
+Du bist immer der Vater guter Zeitungen gewesen.
+
+Polonius.
+Bin ich, Gnädigster Herr? Seyd versichert, mein Gebieter, ich
+halte auf meine Pflicht wie auf meine Seele, beydes gegen meinen
+Gott und gegen meinen huldreichesten König; und ich denke, (oder
+mein Kopf müßte alle die Mühe, die ich in meinem Leben auf die
+politische Wahrsager-Kunst gewandt, vergebens gehabt haben,) ich
+denke, ich habe die wahre Ursache von Hamlets Wahnwiz ausfündig
+gemacht.
+
+König.
+O, so redet von dem, was mich am meisten verlangt zu hören.
+
+Polonius.
+Gebet vorher den Abgesandten Audienz; meine Neuigkeit soll der
+Nachtisch von diesem grossen Schmause seyn.
+
+König.
+So erweiset ihnen die Ehre, und führet sie selbst ein.
+
+(Polonius geht ab.)
+
+Er sagt mir, meine liebste Königin, er habe die wahre Quelle von
+unsers Sohnes Krankheit ausfindig gemacht.
+
+Königin.
+Ich besorge, es ist im Grunde keine andre, als seines Vaters Tod
+und unsre übereilte Vermählung.
+
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Polonius kommt mit Voltimand und Cornelius zurük.)
+
+
+König.
+Gut, wir wollen ihm die Würmer schon aus der Nase ziehen--
+Willkommen, meine guten Freunde! Redet, Voltimand, was bringt ihr
+uns von unserm Bruder Norwegen?
+
+Voltimand.
+Die verbindlichste Erwiederung euers Grusses mit allen
+freundschaftlichen Erbietungen. Auf unsre erste Anzeige schikte er
+aus, die Werbungen seines Neffen abzustellen, welche er für eine
+Zurüstung gegen Pohlen gehalten hatte; wie er aber besser zur Sache
+sah, befand sich's, daß es in der That gegen Eu. Majestät
+abgesehen war: Bey dieser Entdekung führte er grosse Klagen, daß
+seine Alters-Schwachheit und Unvermögenheit so mißbraucht werde,
+und ließ den Fortinbras sogleich in Verhaft nehmen; dieser (damit
+wir unsre Erzählung kurz zusammen fassen) unterwarf sich, nahm von
+seinem Oheim einen scharfen Verweiß ein, und gelobete demselben
+zulezt in die Hand, daß er die Waffen niemals gegen Eu. Majestät
+ergreifen wolle. Hierüber hatte der alte Norwegen eine so grosse
+Freude, daß er ihm auf der Stelle ein jährliches Gehalt von
+dreytausend Kronen ausmachte, mit dem Auftrag, die bereits
+angeworbnen Truppen gegen den König in Pohlen zu gebrauchen; zu
+welchem Ende er dann Eu. Majestät in gegenwärtigem Schreiben
+ersucht, daß es ihr gefallen möchte, selbigen den ruhigen Durchzug
+durch ihre Staaten zu dieser Unternehmung zu gestatten, unter
+denjenigen Bedingnissen und Sicherheits-Clausuln, welche in
+bemeldtem Schreiben enthalten sind.
+
+König.
+Wir sind es ganz wol zufrieden, und werden, bey gelegnerer Zeit
+dieses Schreiben lesen, überdenken und beantworten. Inzwischen
+danken wir euch für eure glüklich angewandte Bemühung. Gehet izt
+und ruhet aus; auf die Nacht wollen wir uns mit einander lustig
+machen. Seyd nochmals freundlich willkommen!
+
+(Die Gesandten gehen ab.)
+
+Polonius.
+Dieses Geschäfte ist nun glüklich geendigt. Mein Gnädigst
+gebietender Herr, und meine Gnädigste Frau; weitläufig zu
+exponieren, was Majestät und was Pflicht ist, warum der Tag Tag,
+die Nacht Nacht, und die Zeit Zeit ist, wäre nichts anders als Tag,
+Nacht und Zeit verderben. Demnach und alldieweilen dann die Kürze
+die Seele des Wizes, und Weitläufigkeit im Vortrag nur den Leib und
+die äusserliche Auszierung desselben ausmacht, so will ich mich der
+Kürze befleissen: Euer edler Sohn ist toll; toll, nenn ich es, denn
+um von der wahren Tollheit eine Definition zu geben, was ist sie
+anders, als sonst nichts zu seyn als toll? Doch das wollen wir izo
+beyseite sezen--
+
+Königin.
+Mehr Stoff mit weniger Kunst, wenn es euch beliebig wäre.
+
+Polonius.
+Gnädigste Frau, ich kan drauf schwören, daß ich vor dißmal gar
+keine Kunst gebrauche. Daß er toll ist, ist wahr; daß es wahr ist,
+ist zu bedauren--eine drollige Figur--Aber sie mag reisen; denn ich
+will hier gar keine Kunst gebrauchen. Wir wollen also zum Grund
+legen, daß er toll ist; nun ist übrig, daß wir die Ursache von
+diesem Effect, oder richtiger zu reden, die Ursache von diesem
+Defect ausfindig machen. Das bleibt übrig, und dieses Residuum ist
+diß--Überleget die Sache. Ich habe eine Tochter; habe, sag' ich,
+so lange sie mein ist; und diese hat, aus schuldiger Pflicht und
+Gehorsam, merket wol, mir dieses zugestellt; nun rathet einmal,
+oder bildet euch ein was es seyn mag.
+
+(Er öffnet einen Brief und ließt:)
+
+"An den himmlischen Abgott meiner Seele, die reizerfüllteste
+Ophelia"--Das ist eine schlimme Redensart, eine abgeschmakte
+Redensart: Reizerfüllteste ist eine abgeschmakte Art zu reden: Aber
+ihr werdet's erst noch hören--"Diese Zeilen auf ihren
+unvergleichlichen weissen Busen, diese--
+
+Königin.
+Kommt das von Hamlet an sie?
+
+Polonius.
+Gnädigste Frau, nur eine kleine Geduld, ich will meine Schuldigkeit
+thun.
+
+(Er ließt:)
+
+Zweifle an des Feuers Hize,
+Zweifle an der Sonne Licht,
+Zweifle ob die Wahrheit Lüge,
+Schönste, nur an deinem Siege
+Und an meiner Liebe nicht. O, meine liebste Ophelia, ich bin böse
+über diese Verse; ich verstehe die Kunst nicht meine Seufzer an den
+Fingern abzuzählen, aber daß ich dich so vollkommen liebe als du
+liebenswürdig bist, das glaube. Adieu. Der deinige so lange diese
+Maschine sein ist, Hamlet." Dieses hat mir also meine Tochter aus
+pflichtschuldigem Gehorsam gezeigt, und überdas noch weiters meine
+Ohren mit allen seinen Nachstellungen, so wie sie nach Zeit, Ort
+und Umständen sich begeben haben, bekannt gemacht.
+
+König.
+Aber wie hat sie seine Liebe aufgenommen?
+
+Polonius.
+Was denket ihr von mir?
+
+König.
+Daß ihr ein ehrlicher und pflichtvoller Mann seyd.
+
+Polonius.
+So möchte ich in der Probe gerne bestehen. Aber was könntet ihr
+denken? Wie ich diese feurige Liebe gewahr wurde, (und ich muß
+euch gestehen, daß ich sie merkte, eh mir meine Tochter was davon
+sagte,) was hätten Eu. Königliche Majestäten denken können? Wenn
+ich einen Pult oder eine Schreib-Tafel vorgestellt, oder aus
+weitaussehenden Absichten den Tauben und Stummen gemacht, oder über
+diese Liebe mit gleichgültigen Augen hingesehen hätte, was würdet
+ihr denken? Aber nein, ich gieng fein gerade durch, und besprach
+mein junges Frauenzimmer folgender maassen: Prinz Hamlet ist ein
+Prinz, und also über deiner Sphäre; es kan nicht seyn; und dann gab
+ich ihr Regeln, wie sie sich vor ihm unsichtbar machen, keine
+Bottschaften von ihm vor sich lassen, und weder Briefchen noch
+Geschenke annehmen sollte--Das that sie nun; aber sehet was die
+Früchte meines Raths gewesen sind. Denn, daß ich es kurz mache,
+wie er abgewiesen wurde, so gerieht er in Traurigkeit, hernach
+verlohr er den Appetit, darauf den Schlaf, dadurch verfiel er in
+Schwachheit, aus dieser in ein Delirium, und so von Grad zu Grad,
+endlich in die Tollheit, worinn er nun raset, und welche wir alle
+beweinen.
+
+König.
+Denkt ihr das?
+
+Königin.
+Es kan gar wol möglich seyn.
+
+Polonius.
+Ist jemals eine Zeit gewesen, das möcht' ich doch gerne wissen, wo
+ich positive gesagt habe, es ist so, und es hat sich anders
+befunden?
+
+König.
+Meines Wissens nicht.
+
+Polonius.
+Wenn es anders ist, will ich meinen Kopf verlohren haben. Wenn ich
+nur einige Umstände weiß, so will ich allemal finden, wo die
+Wahrheit verstekt liegt, und wenn sie im Mittelpunkt der Erde
+stekte.
+
+König.
+Aber wie könnten wir der Sache gewisser werden?
+
+Polonius.
+Ihr wißt, daß er manchmal vier Stunden hinter einander hier in der
+Galerie auf- und abgeht.
+
+Königin.
+Es ist so.
+
+Polonius.
+Um eine solche Zeit will ich meine Tochter zu ihm lassen: Ihr und
+ich wollen uns hinter eine Tapete versteken, und da wollen wir
+beobachten, was vorgehen wird: Liebt er sie nicht, und hat seine
+Vernunft nicht darüber verlohren, so will ich meine Minister-Stelle
+aufgeben, ein Bauer werden und Mist auf meine Felder führen.
+
+König.
+Wir wollen die Sache näher erkundigen.
+
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Hamlet, in einem Buche lesend, tritt auf.)
+
+
+Königin.
+Seht, da kommt der arme Tropf daher, in einem Buch lesend--wie
+schwermüthig er aussieht!
+
+Polonius.
+Ich bitte euch, entfernt euch beyde. Ich will ihn anreden.
+
+(Der König und die Königin gehen ab.)
+
+O, mit Erlaubniß--Wie befindet sich mein Gnädigster Prinz Hamlet?
+--
+
+Hamlet.
+Wohl, Gott sey Dank.
+
+Polonius.
+Kennt ihr mich, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Sehr wol; ihr seyd ein Fisch-Händler.
+
+Polonius.
+Das bin ich nicht, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+So wollt' ich, ihr wäret so ein ehrlicher Mann.
+
+Polonius.
+Ehrlich, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Ja, Herr; ehrlich seyn, das ist, so wie die heutige Welt geht, so
+viel als aus Zehntausenden ausgeschlossen seyn.
+
+Polonius.
+Das ist wol wahr, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Denn wenn die Sonne Maden in einem todten Hunde zeugt, die doch ein
+Gott ist, aber sobald sie ein Aaß küßt--Habt ihr eine Tochter?
+
+Polonius.
+Ja, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Laßt sie nicht in der Sonne gehen; Empfängniß ist ein Segen, aber
+wie eure Tochter empfangen könnte, ist keiner; gebt Acht auf das.
+
+Polonius.
+Was wollt ihr damit sagen?--
+
+(vor sich.)
+
+Immer die gleiche Leyer, von meiner Tochter; und doch kannte er
+mich anfangs nicht; er hielt mich für einen Fisch-Händler. Es ist
+weit mit ihm gekommen; aber ich erinnre mich wol, daß ich in meiner
+Jugend erschreklich viel von der Liebe ausgestanden habe, es war
+diesem ziemlich nahe--Ich will ihn noch einmal anreden. Was leset
+ihr, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Worte, Worte, Worte.
+
+Polonius.
+Wovon ist die Rede, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Zwischen wem?
+
+Polonius.
+Ich meyne, was der Inhalt dessen, was ihr leset, sey?
+
+Hamlet.
+Calumnien, Herr; denn der satirische Bube da sagt, alte Männer
+hätten graue Bärte, und runzlichte Gesichter, ihr Augen trieften
+Amber und Pflaumen-Baum-Harz, und sie hätten vollen Mangel an
+Verstand mit sehr schwachen Schinken. Welches alles, mein Herr,
+ich zwar mächtiglich und festiglich glaube; aber doch halt' ich es
+für Unhöflichkeit, daß es so niedergeschrieben worden; denn ihr
+selbst, Herr, würdet so alt als ich seyn, wenn ihr wie ein Krebs
+rükwärts gehen könntet.
+
+Polonius (vor sich.)
+Wenn das Tollheit ist, wie es dann ist, so ist doch Methode drinn--
+Wollt ihr nicht ein wenig aus der freyen Luft gehen, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+In mein Grab.
+
+Polonius.
+In der That, das wäre aus der freyen Luft--
+
+(vor sich.)
+
+wie nachdrüklich manchmal seine Antworten sind! Das ist ein
+Vortheil der unsinnigen Leute, daß sie zuweilen Einfälle haben, die
+einem der bey seinen Sinnen ist, nicht so schnell und leicht von
+statten giengen--Ich will ihn verlassen, und sogleich Anstalt zu
+einer Zusammenkunft zwischen ihm und meiner Tochter machen--
+
+(laut)
+
+Gnädigster Herr, ich nehme meinen unterthänigen Abschied von euch.
+
+Hamlet.
+Mein Leben ausgenommen, könnt ihr mir in der Welt nichts nehmen,
+dessen ich so leicht entrathen kan.
+
+Polonius.
+Lebet wohl, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet (vor sich.)
+Die verdrießlichen alten Narren!
+
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)
+
+
+Polonius.
+Ihr sucht vermuthlich den Prinzen Hamlet; hier ist er.
+
+(Er geht ab.)
+
+Rosenkranz.
+Gott erhalte euch, Gnädiger Herr.
+
+Güldenstern.
+Mein theurester Prinz!
+
+Hamlet.
+Ah, meine werthen guten Freunde! Wie lebst du, Güldenstern? Ha,
+Rosenkranz, ihr ehrlichen Jungens, wie geht's euch beyden?
+
+Rosenkranz.
+Wie es so unbedeutenden Erden-Söhnen zu gehen pflegt.
+
+Güldenstern.
+Eben darinn glüklich, daß wir nicht gar zu glüklich sind--Wir sind
+eben nicht der Knopf auf Fortunens Kappe.
+
+Hamlet.
+Doch nicht die Solen an ihren Schuhen?
+
+Rosenkranz.
+Das auch nicht, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Ihr hangt also an ihrem Gürtel--Gut; was bringt ihr denn neues?
+
+Rosenkranz.
+Nichts, Gnädiger Herr, als daß die Welt ehrlich worden ist.
+
+Hamlet.
+So ist der jüngste Tag im Anzug; aber eure Zeitung ist falsch.
+Verstattet mir einmal eine vertrauliche Frage: Womit habt ihr euch
+an der Göttin Fortuna versündiget, meine guten Freunde, daß sie
+euch hieher in den Kerker geschikt hat?
+
+Güldenstern.
+In den Kerker, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Dännemark ist ein Kerker.
+
+Rosenkranz.
+So ist die ganze Welt einer.
+
+Hamlet.
+Ein recht stattlicher, worinn viele Thürme, Gefängnisse und Löcher
+sind, unter denen Dännemark eines der ärgsten ist.
+
+Rosenkranz.
+Wir denken nicht so, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Nicht? Nun so ist es auch nicht so für euch: Es ist nichts so gut
+oder so schlimm, das nicht durch unsre Meynung dazu gemacht wird:
+Für mich ist es ein Gefängniß.
+
+Rosenkranz.
+Wenn das ist, so macht es euer Ehrgeiz dazu; es ist zu enge für
+euern Geist.
+
+Hamlet.
+O Gott, ich wollte mich in eine Nußschale einsperren lassen, und
+mir einbilden, daß ich König über einen unendlichen Raum sey; wenn
+ich nur nicht so schlimme Träume hätte.
+
+Güldenstern.
+Welche Träume im Grunde nichts anders als Ehrgeiz sind; denn was
+ist das ganze Wesen des Ehrsüchtigen, als ein Schatten von einem
+Traum?
+
+Hamlet.
+Ein Traum ist selbst nur ein Schatten.
+
+Rosenkranz.
+Allerdings, und ich halte den Ehrgeiz für etwas so leichtes und
+unwesentliches, daß er nur der Schatten eines Schattens genennt zu
+werden verdient.
+
+Hamlet.
+Nach dieser Art zu urtheilen, sind unsre Bettler, Körper; und unsre
+Monarchen und aufgespreißten Helden, der Bettler Schatten. Wollen
+wir nach Hofe? Denn, auf meine Ehre, raisonnieren ist meine Sache
+nicht.
+
+Beyde.
+Wir sind zu Euer Gnaden Aufwartung.
+
+Hamlet.
+Keine solche Complimente: Ich möchte euch nicht zu meinen übrigen
+Bedienten rechnen: Denn wenn ichs euch als ein ehrlicher Mann sagen
+soll, ich habe ein sehr fürchterliches Gefolge; aber in vollem
+Vertrauen, was thut ihr hier in Elsinoor?
+
+Rosenkranz.
+Wir sind blos hieher gekommen, euch unsern Besuch abzustatten.
+
+Hamlet.
+Ich bin so bettelarm, daß ich so gar an Dank arm bin; doch dank ich
+euch, und versichert euch, meine theuren Freunde, mein Dank ist zu
+theuer um einen Halb-Pfenning. Seyd ihr nicht beruffen worden?
+war es euer eigner Gedanke? Ist es ein Besuch aus freyem gutem
+Willen? Kommt, geht mit der Sprache heraus--Kommt, kommt; nun so
+sagt dann--
+
+Güldenstern.
+Was sollen wir sagen, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Das gilt mir gleich, wenn es nur zur Sache taugt. Man hat euch
+holen lassen; ich sehe eine Art von Geständniß in euern Augen,
+welches eure Bescheidenheit nicht Kunst genug hat zu maskieren.
+Ich bin gewiß, der gute König und die Königin haben euch holen
+lassen.
+
+Rosenkranz.
+Zu was Ende, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Daß ihr mich ausforschen sollt; aber laßt mich euch bey den Rechten
+unsrer Cameradschaft, bey der Übereinstimmung unsrer Jugend, bey
+den Banden unsrer niemals unterbrochnen Liebe, und bey allem was
+ein beßrer Redner als ich bin, euch noch theurers vorhalten könnte,
+beschwören, mir aufrichtig und gerade heraus zu sagen, ob man euch
+nicht habe holen lassen?
+
+Rosenkranz (zu Güldenstern.)
+Was sagt ihr hiezu?
+
+Hamlet.
+Nicht so, denn ich hab' ein Aug auf euch; wenn ihr mich liebet so
+haltet nicht zurük.
+
+Güldenstern.
+Man hat uns ruffen lassen, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Ich will euch sagen wofür; so habt ihr euch doch keine Verrätherey
+vorzuwerfen, und eure Treue gegen den König und die Königin wird um
+keine Feder leichter. Ich habe, seit einiger Zeit, warum weiß ich
+selbst nicht, alle meine Munterkeit verlohren, alle meine gewohnten
+Übungen aufgegeben; und in der That es ist mit meiner Schwermuth
+so weit gekommen, daß diese anmuthige Erde mir nur ein kahles
+Vorgebürge; dieses prächtige Baldachin die Luft, seht ihr, dieses
+stolze über uns hangende Firmament, diese majestätische Deke mit
+goldnen Sphären eingelegt, mir nicht anders vorkommt, als wie ein
+stinkender Sammelplaz pestilenzischer Ausdünstungen. Was für ein
+Meisterstük ist der Mensch! Wie edel durch die Vernunft! Wie
+unbegrenzt in seinen Fähigkeiten! An Gestalt und Bewegungs-Kraft
+wie vollendet und bewundernswürdig! Im Würken wie ähnlich einem
+Engel! Im Denken wie ähnlich einem Gott! Die schönste Zier der
+Schöpfung! Das vollkommenste aller sichtbaren Wesen! Und doch,
+was ist in meinen Augen diese Quintessenz von Staub? Der Mensch
+gefällt mir nicht, und das Weib eben so wenig; ohngeachtet ihr es
+durch euer Lächeln zu verstehen zu geben scheint.
+
+Rosenkranz.
+Gnädiger Herr, ich hatte keinen Gedanken an das.
+
+Hamlet.
+Warum lachtet ihr dann, wie ich sagte, der Mensch gefalle mir nicht?
+
+Rosenkranz.
+Ich lachte, weil mir dabey einfiel, was für einen magern Unterhalt,
+bey solchen Umständen, die Comödianten, bey Euer Gnaden finden
+werden; wir stiessen unterwegs auf sie, und sie sind im Begriff
+hieher zu kommen, um euch ihre Dienste anzubieten.
+
+Hamlet.
+Derjenige, der den König macht, soll mir willkommen seyn; seine
+Majestät soll Tribut von mir empfangen; der irrende Ritter soll
+sein Rappier und seine Tarsche brauchen; der Liebhaber soll nicht
+gratis seufzen; die lustige Person soll ihre Rolle ruhig bis zu
+Ende spielen; der Hans Wurst soll alle lachen machen, deren Lunge
+ohnehin von scharfen Feuchtigkeiten gekizelt wird, und die Damen
+sollen sagen was sie denken, oder die reimlosen Verse sollen es
+entgelten. Was für Comödianten sind es?
+
+Rosenkranz.
+Die nemlichen, welche sonst euern Beyfall hatten, die Schauspieler
+von der Stadt.
+
+Hamlet.
+Wie kommt es, daß sie reisen? Ihre Residenz war für ihren Ruhm und
+ihren Beutel vorteilhafter.
+
+Rosenkranz.
+Ich denke, ihre Abdankung ist die Folge einiger Veränderungen,
+welche neuerlich gemacht worden sind.
+
+Hamlet.
+Stehen sie noch in dem nemlichen Credit wie vormals, als ich in der
+Stadt war? Haben sie noch so viel Zulauf?
+
+Rosenkranz.
+Nein in der That, den haben sie nicht.
+
+Hamlet.
+Wie kommt das, fangen sie an rostig zu werden?
+
+Rosenkranz.
+Nein, sie geben sich noch immer so viele Mühe als zuvor; aber es
+ist ein Nest voll Kinder zum Vorschein gekommen, kleine Kichelchen,
+die beym Haupt-Wort eines Sazes aus allen Kräften ausgrillen, und
+auch jämmerlich genug geschlagen werden, bis sie es so gut gelernt
+haben; die sind izt Mode, und überplappern die gemeinen
+Schauspieler (so nennen sie's) dermassen, daß manche, die einen
+Degen an der Seite tragen, vor Gänsespulen erschraken, und das Herz
+nicht haben, sie zu besuchen.*
+
+{ed.-* Diese ganze Stelle bezieht sich auf einen damaligen
+theatralischen Streit, durch gewisse Schauspiele veranlaßt, welche
+von den Chor-Knaben von des Königs Jacob I. Capelle aufgeführt
+wurden.}
+
+Hamlet.
+Kinder, sagt ihr, seyen es? Und wer unterhält sie? Wie werden sie
+salariert? Werden sie das Handwerk nur so lange treiben, als sie
+singen können? Und wenn sie sich endlich zu gemeinen Comödianten
+ausgewachsen haben, (wie sie doch zulezt werden müssen, wenn sie
+keine Mittel haben,) werden sie sich alsdann nicht beschweren, daß
+ihre Autoren ihnen vormals so schöne Exclamationen gegen ihre eigne
+künftige Profession in den Mund gelegt haben?
+
+Rosenkranz.
+Bey meiner Ehre, es wurde auf beyden Seiten grosser Lerm gemacht,
+und die Nation hält es für keine Sünde, sie noch mehr zum Streit
+aufzureizen. Es war eine geraume Zeit lang mit dem schönsten Stük
+von der Welt kein Geld zu verdienen, wenn der Poet und der
+Schauspieler diese wichtige Streitfrage nicht mit hineinbrachten,
+und ihren Gegnern links und rechts Ohrfeigen austheilten.
+
+Hamlet.
+Ist's möglich?
+
+Güldenstern.
+O, ich kan Euer Gnaden versichern, es ist hizig hergegangen.
+
+Hamlet.
+Und tragen die Jungens es davon?**
+
+{ed.-** Man hat diese Redensart, welche auch im Französischen
+gewöhnlich ist,
+
+(est-ce que les Enfans l'emportent?)
+
+um der Antwort willen beybehalten müssen.}
+
+Güldenstern.
+Das thun sie, Gnädiger Herr; den Hercules mit samt seiner Ladung.
+
+Hamlet.
+Mich wundert es nicht; denn mein Oheim ist König in Dännemark, und
+die Nemlichen, welche bey meines Vaters Leben Frazen-Gesichter
+gegen ihn geschnitten hätten, geben izt zwanzig, vierzig, fünfzig,
+ja hundert Ducaten, um sein Bildniß in Miniatur zu haben.*** Es ist
+etwas mehr als natürliches hierinn, das wol werth wäre, daß die
+Philosophen sich Mühe gäben, es zu erforschen.
+
+{ed.-*** Ein Stich über den Beyfall den die Chor-Knaben bey dem
+König und dem Hofe fanden.}
+
+(Man hört ein Getöse.)
+
+Güldenstern.
+Da kommen die Comödianten.
+
+Hamlet (zu Güldenstern und Rosenkranz.)
+Meine Herren, ihr seyd willkommen in Elsinoor, gebt mir eure Hände;
+kommt, kommt; wir wollen die Ceremonien bey Seite legen. Das muß
+unter uns ausgemacht seyn, sonst würde mein Betragen gegen diese
+Comödianten (gegen welche ich, gewisser Ursachen wegen, höflich
+seyn werde,) mehr Verbindliches zu haben scheinen, als mein
+Bezeugen gegen euch. Ihr seyd willkommen; aber mein Oheim-Vater,
+und meine Tante-Mutter haben sich betrogen.
+
+Güldenstern.
+Wie so, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Ich bin nur toll bey Nord oder Nord-West; wenn der Wind von Suden
+bläßt, kan ich einen Falken sehr wol von einer Hand-Säge
+unterscheiden.****
+
+{ed.-**** Ein damals gewöhnliches Sprüchwort. Eigentlich soll es
+heissen, einen Falken von einem Reyger-Nest; allein das gemeine
+Volk machte aus (Hern-shaw, (I know a hawk from a hern-shaw)
+hand-saw) eine Hand-Säge, vermuthlich, damit die Redensart
+possierlicher klinge, wie es vielen Sprüchwörtern zu gehen pflegt.}
+
+
+
+
+
+Siebende Scene.
+(Polonius zu den Vorigen.)
+
+
+Polonius.
+Ich wünsche euch viel Gutes, meine Herren.
+
+Hamlet.
+Hört ihr, Güldenstern, und ihr auch; diß grosse Wiegen-Kind, das
+ihr hier vor euch seht, ist noch nie aus seinen Windeln gekommen.
+
+Rosenkranz.
+Vielleicht ist er zum andern mal drein gekommen, denn man sagt,
+alte Leute zweymal Kinder.
+
+Hamlet.
+Ich seh es ihm an, daß er kommt, mir von den Comödianten zu
+sprechen--Gebt Acht darauf--Ihr habt recht, mein Herr; lezten
+Montag früh war es so, in der That.
+
+Polonius.
+Gnädiger Herr, ich habe euch was neues zu sagen.
+
+Hamlet.
+Gnädiger Herr, ich habe (euch) was neues zu sagen; als Roscius ein
+Comödiant zu Rom war--
+
+
+Polonius.
+Die Comödianten sind hier angekommen, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Was?
+
+Polonius.
+Auf meine Ehre--
+
+Hamlet.
+Jeder Comödiant kam also auf seinem Esel--
+
+Polonius.
+Die besten Schauspieler in der Welt, es sey nun für Tragödie,
+Comödie, Historie, Pastoral, Tragi-Comödie, Comical-Pastoral, oder
+was ihr immer wollt; für sie ist Seneca nicht zu schwer, und
+Plautus nicht zu leicht. Wenn Wiz und Freyheit das einzige Gesez
+sind, so findet man ihres gleichen nicht in der Welt.
+
+Hamlet.
+(O Jephta, Richter in Israel)*, was für einen Schaz hast du!
+
+{ed.-* Dieses und was Hamlet dem Polonius antwortet, scheinen
+Bruchstüke aus alten Balladen zu seyn.}
+
+Polonius.
+Was hatte er für einen Schaz, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+(Ein' Tochter hatt' er, und nicht mehr,
+Ein hübsches Mädchen, das liebt er sehr.)
+
+Polonius (vor sich.)
+Immer stekt ihm meine Tochter im Kopf
+
+Hamlet.
+Hab' ich nicht recht, alter Jephta?
+
+Polonius.
+Wenn ich der Jephta bin, den ihr meynt, Gnädiger Herr, so hab ich
+eine Tochter, die ich sehr liebe.
+
+Hamlet.
+Nein, das folgt nicht.
+
+Polonius.
+Was folgt denn, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Was? Zum Exempel,
+
+(Da trug sich zu, wie ich sagen thu--) ihr kennt ja das Liedchen?
+Aber da kommen die ehrlichen Leute, die mir heraushelfen--
+(Vier oder fünf Schauspieler treten auf.) Willkommen, ihr Herren,
+willkommen allerseits--Es freut mich, dich wohl zu sehen--
+Willkommen meine guten Freunde--Ha! Alter Freund! Du hast ja
+einen hübschen Bart bekommen, seit dem wir uns gesehen haben--wie,
+meine hübsche Jungfer, ihr seyd ja um eine Pantoffel-Höhe
+gewachsen? Ich will hoffen, daß es eurer schönen Stimme nichts
+geschadet haben werde--Ihr Herren, ihr seyd alle willkommen; wir
+wollen nur gleich zur Sache--eine hübsche Scene, wenn ich bitten
+darf; kommt, kommt; eine kleine Probe von eurer Kunst, eine Rede,
+worinn recht viel Affect ist--
+
+1. Schauspieler.
+Was für eine Rede, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Ich hörte dich einmal eine declamieren, aber auf die Schaubühne kam
+sie nicht; wenigstens nicht mehr als einmal; denn das Stük, so viel
+ich mich erinnere, gefiel dem grossen Hauffen nicht; es war Stör-
+Rogen (Caviar) für den Pöbel; aber, wie ich und andre, deren
+Urtheil ich in solchen Sachen traue, es ansahen, war es ein
+vortreffliches Stük; viel Einfalt und doch viel Kunst in der Anlage
+des Plans, und die Scenen wol disponiert; nichts affectiertes in
+der Schreibart; kein Salz, (sagte jemand) in den Worten, um der
+Mattigkeit der Gedanken nachzuhelfen; keine Redensarten noch
+Schwünge, worinn man statt der redenden Person den sich selbst
+gefallenden Autor hört; kurz, ein natürlicher, ungeschminkter Styl,
+wie der Kenner sagte. Ich erinnre mich sonderheitlich einer Rede,
+die mir vorzüglich gefiel; es war in einem Dialoge des Äneas mit
+der Dido, die Stelle, wo er von Priams Tochter sprach. Wenn ihr's
+noch im Gedächtniß habt, so fangt bey der Zeile an--Laßt sehen,
+laßt sehen--"Der rauhe Pyrrhus, gleich dem Hyrcanischen Tyger"--
+Nein, so heißt es nicht--es fangt mit dem Pyrrhus an--"Der rauhe
+Pyrrhus, dessen Rüstung, schwarz wie sein unmenschliches Herz,
+jener Nacht glich, da er auf Verderben laurend, im Bauch des
+fatalen Pferdes verborgen lag, hatte nun die furchtbare Schwärze
+seiner Waffen mit einer noch gräßlichern Farbe beflekt; nun ist er
+von Kopf zu Fuß ganz blutroth; entsezlich besprizt mit Blut von
+Vätern, Müttern, Söhnen, Töchtern, in die düstre Flamme gehüllt,
+deren verdammter Schein den Weg schnöder Mörder beleuchtet--So von
+Wuth und Hize lechzend, so mit gestoktem Blut überzogen, sucht mit
+funkelnden Augen der höllische Pyrrhus den alten Anherrn Priam auf."
+
+Polonius.
+Bey Gott, Gnädiger Herr, das war gut declamirt; mit einem guten
+Accent, und mit einer geschikten Action.
+
+1. Schauspieler.
+Er findet ihn, von Griechen umringt, die er aber mit zu
+kurzgeführten Streichen, zurükzutreiben sucht. Sein altes Schwerd,
+ungehorsam dem kraftlosen Arm, führt lauter unschädliche Hiebe und
+bleibt liegen, wohin es fällt--welch ein Gegner, die Wuth des
+daherstürzenden Pyrrhus aufzuhalten, der Wütrich hohlt zu einem
+tödtlichen Streich weit aus; aber von dem blossen Zischen seines
+blutigen Schwerds fällt der nervenlose Vater zu Boden. Das
+gefühllose Ilion selbst schien diesen Streich zu fühlen, seine
+flammenden Thürme stürzten ein, und der entsezliche Ruin macht
+sogar den Pyrrhus stuzen; denn, seht, sein Schwerd, im Begriff, auf
+das milchweisse Haupt des ehrwürdigen Priams herab zu fallen, blieb,
+so schien es, in der Luft steken; Pyrrhus stuhnd, wie ein
+gemahlter Tyrann, unthätig, dem Unentschloßnen gleich, der zwischen
+seinem Willen und dem Gegenstand im Gleichgewicht schwebt; aber, so,
+wie wir oft wenn ein Sturm bevorsteht, ein tiefes Schweigen durch
+die Himmel wahrnehmen das Rad der Natur scheint zu stehen, die
+trozigen Winde schweigen, und unter ihnen liegt der Erdkreis in
+banger Todes-Stille; auf einmal stürzt der krachende Donner,
+Verderben auf die Gegend herab: So feurt den unmenschlichen Pyrrhus,
+nach dieser kleinen Pause, ein plözlicher Sturm von Rachsucht
+wieder zur blutigen Arbeit an: Gefühlloser fielen nie die Hämmer
+der Cyclopen auf die glühende Masse herab, woraus sie des Kriegs-
+Gottes undurchdringliche Waffen schmieden; als nun des Pyrrhus
+Schwerdt auf den hülflosen Greisen fällt--Hinaus, hinaus, du Meze,
+Fortuna! O ihr Götter alle, vereiniget euch, stehet alle zusammen,
+sie ihrer Gewalt zu berauben: Zerbrechet alle Speichen und Felgen
+ihres Rades, und rollet die zirkelnde Nabe von dem Hügel des
+Himmels bis in den Abgrund der Hölle hinab!
+
+Polonius.
+Das ist zu lang.
+
+Hamlet.
+Es soll mit euerm Bart zum Barbier--Ich bitte dich, fahre fort; er
+muß Wortspiele oder schmuzige Mährchen haben, oder er schläft ein--
+Weiter fort, zur Hecuba--
+
+1. Schauspieler.
+Aber wer, o wer izt die vermummte Königin gesehn hätte--
+
+Hamlet.
+Die vermummte Königin?
+
+Polonius.
+Das ist gut, vermummte Königin, ist gut.
+
+Schauspieler.
+Wie sie, in Verzweiflung, mit nakten Füssen auf- und nieder rannte,
+und weinte, daß die Flammen von ihren Thränen hätten verlöschen
+mögen; ein besudelter Lumpe auf diesem Haupt, wo kürzlich noch das
+Diadem funkelte; und statt des Königlichen Purpurs ein Bettlaken,
+das erste was sie im betäubenden Schreken ergriff, um ihre
+schlappen, von häufigem Gebähren ganz ausgemergelte Lenden
+hergeworffen; wer das gesehen hätte, würde mit in Gift getauchter
+Zunge Verwünschungen gegen das Glük ausgestossen haben--Doch, wenn
+die Götter selbst sie gesehen hätten, in dem Augenblik sie gesehen
+hätten, da Pyrrhus, mit unmenschlichem Muthwillen, die Glieder
+ihres Gemahls vor ihren Augen in kleine Stüke zerhakte, das
+ausberstende Geschrey, das sie da machte, würde sie, (es wäre dann,
+daß sie von sterblichen Dingen gar nicht gerührt werden,) würde die
+brennenden Augen des Himmels in Thränen aufgelöst, und die Götter
+in Leidenschaft gesezt haben.
+
+Polonius.
+Seht nur, ob er nicht seine Farbe verändert, und ob er nicht
+Thränen in den Augen hat? Ich bitte dich, laß es genug seyn.
+
+Hamlet.
+Gut, wir wollen den Rest dieser Rede auf ein andermal sparen--Mein
+guter Herr,
+
+(zu Polonius)
+
+wollt ihr dafür sorgen, daß diese Schauspieler wohl besorgt
+werden? Hört ihr's, laßt ihnen nichts abgehen; es sind Leute, die
+man in Acht nehmen muß; sie sind lebendige Chroniken ihrer Zeit; es
+wäre euch besser, eine schlechte Grabschrift nach euerm Tod zu
+haben, als ihre üble Nachrede, weil ihr lebt.
+
+Polonius.
+Gnädiger Herr, ich will ihnen begegnen, wie sie es verdienen.
+
+Hamlet.
+Behüt uns Gott, Mann, weit besser! Wenn ihr einem jeden begegnen
+wolltet, wie er's verdient, wer würde dem Staup-Besen entgehen?
+Begegnet ihnen, wie es eurer eignen Ehre und Würde gemäß ist. Je
+weniger sie verdienen, je mehr Verdienst ist in eurer Gütigkeit.
+Nehmt sie mit euch hinein.
+
+Polonius.
+Kommt, ihr Herren.
+
+(Polonius geht ab.)
+
+Hamlet.
+Folget ihm, meine guten Freunde: Morgen wollen wir ein Stük hören--
+Hörst du mich, alter Freund, kanst du die Ermordung des Gonzago
+aufführen?
+
+Schauspieler.
+Ja, Gnädigster Herr.
+
+Hamlet.
+So wollen wir's Morgen auf die Nacht haben. Ihr könnt doch, im
+Nothfall eine Rede von einem Duzend oder sechszehn Zeilen studieren,
+die ich noch aufsezen, und hinein bringen möchte? Könnt ihr nicht?
+
+Schauspieler.
+Ja wohl, Gnädigster Herr.
+
+Hamlet.
+Das ist mir lieb. Geht diesem Herrn nach, aber nehmt euch in Acht,
+daß ihr ihn nicht zum besten habt.
+
+(Zu Rosenkranz und Güldenstern.)
+
+Meine guten Freunde, ich verlasse euch bis diese Nacht; ihr seyd
+willkommen in Elsinoor.
+
+Rosenkranz.
+Wir empfehlen uns zu Gnaden--
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+
+Achte Scene.
+
+
+Hamlet (allein).
+Ja, so behüt euch Gott: endlich bin ich allein--O, was für ein
+Schurke, für ein nichtswürdiger Sclave bin ich! Ist es nicht was
+ungeheures, daß dieser Comödiant hier, in einer blossen Fabel, im
+blossen Traum einer Leidenschaft, soviel Gewalt über seine Seele
+haben soll, daß durch ihre Würkung sein ganzes Gesicht sich
+entfärbt, Thränen seine Augen füllen, seine Stimme bricht, jeder
+Gesichtszug, jedes Gliedmaß, jede Muskel die Heftigkeit der
+Leidenschaft, die doch bloß in seinem Hirn ist, mit solcher
+Wahrheit ausdrükt--und das alles um nichts? Um Hecuba--Was ist
+Hecuba für ihn, oder er für Hecuba, daß er um sie weinen soll? Was
+würd er thun, wenn er die Ursache zur Leidenschaft hätte, die ich
+habe? Er würde den Schauplaz in Thränen ersäuffen, und mit
+entsezlichen Reden jedes Ohr durchbohren; die Schuldigen würden von
+Sinnen kommen, und die Schuldlosen selbst wie Verbrecher erblassen--
+und ich, träger schwermüthiger Tropf, härme mich wie ein
+milzsüchtiger Grillenfänger ab, fühle die Grösse meiner Sache nicht,
+und kan nichts sagen--nein, nichts, nichts für einen König, der
+auf eine so verruchte Art seiner Crone und seines Lebens beraubt
+worden ist!--Bin ich vielleicht eine Memme? Wer darf mich einen
+Schurken nennen, mir ein Loch in den Kopf schlagen, mir den Bart
+ausrauffen, und ins Gesicht werfen? Wer zwikt mich bey der Nase,
+oder wirft mir eine Lüge in den Hals, so tief bis in die Lunge
+hinab? Wer thut mir das? Und doch sollt' ich es leiden--Denn es
+kan nicht anders seyn, ich bin ein Daubenherziger Mensch, der keine
+Galle hat, die ihm seine Unterdrükung bitter mache; wenn es nicht
+so wäre, hätte ich nicht bereits alle Geyer der Gegend mit dem
+vorgeworfnen Aas dieses Sclaven gemästet? Der blutige kupplerische
+Bube! Der gewissenlose, verräthrische, unzüchtige, unbarmherzige
+Bösewicht!--Wie, was für eine niederträchtige Geduld hält mich
+zurük? Ich, der Sohn eines theuren ermordeten Vaters, von Himmel
+und Hölle zur Rache aufgefodert, ich soll wie eine feige Meze, mein
+Herz durch Worte erleichtern, wie eine wahre Gassen-Hure in Schimpf-
+Worte und Flüche ausbrechen--und es ist Hirn in diesem Schedel! Fy,
+der Niederträchtigkeit! Es muß anders werden!--Ich habe gehört,
+daß Verbrecher unter einem Schauspiel durch die blosse Kunst des
+Poeten und des Schauspielers so in die Seele getroffen worden, daß
+sie auf der Stelle ihre Übelthaten bekennt haben. Wenn ein Mord
+gleich keine Zunge hat, so muß doch ehe das lebloseste Ding Sprache
+bekommen, als daß er unentdekt bleiben sollte. Ich will diese
+Comödianten etwas der Ermordung meines Vaters ähnliches vor meinem
+Oheim aufführen lassen. Ich will sein Gesicht dabey beobachten;
+ich will ihm die Wike bis aufs Fleisch in die Wunde bohren; wenn er
+nur erblaßt, so weiß ich was ich zu thun habe. Der Geist, den ich
+gesehen habe, kan der Teufel seyn; denn der Teufel hat die Macht
+eine gefällige Gestalt anzunehmen; vielleicht mißbraucht er meine
+Schwermuth und Trübsinnigkeit (Geister, durch die er eine besondere
+Gewalt hat) mich zu einer verdammlichen That zu verleiten. Ich
+will einen überzeugendern Grund haben als diese Erscheinung; und im
+Schauspiel soll die Falle seyn, worinn ich das Gewissen des Königs
+fangen will.
+
+
+
+Dritter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Der Pallast.)
+(Der König, die Königin, Polonius, Ophelia, Rosenkranz,
+ Güldenstern, und Herren vom Hofe treten auf.)
+
+
+König.
+Ihr habt also nicht von ihm herausbringen können, was die Ursache
+ist, warum er in den schönsten Tagen seines Lebens in diese
+stürmische und Gefahr-drohende Raserey gefallen?
+
+Rosenkranz.
+Er gesteht, daß er sich in einem ausserordentlichen Gemüths-
+Zustande fühle; aber was die Ursache davon sey, darüber will er
+sich schlechterdings nicht herauslassen.
+
+Güldenstern.
+Auch giebt er nirgends keine Gelegenheit, wo man ihn ausholen
+könnte, und wenn man würklich ganz nahe dabey zu seyn glaubt, ihn
+zum Geständniß seines wahren Zustands zu bringen, so hat er, seiner
+vorgeblichen Tollheit ungeachtet, doch List genug, sich immer
+wieder aus der Schlinge zu ziehen.
+
+Königin.
+Empfieng er euch freundlich?
+
+Rosenkranz.
+Mit vieler Höflichkeit.
+
+Güldenstern.
+Doch so, daß man die Gewalt die er seinem Humor anthun mußte, sehr
+deutlich merken konnte.
+
+Rosenkranz.
+Mit Fragen war er sehr frey, aber überaus zurükhaltend, wenn er auf
+die unsrigen antworten sollte.
+
+Königin.
+Schluget ihr ihm keinen Zeitvertreib vor?
+
+Rosenkranz.
+Gnädigste Frau, es begegnete von ungefehr, daß wir unterwegs auf
+eine Schauspieler-Gesellschaft stiessen; von dieser sagten wir ihm,
+und es schien, als ob er eine Art von Freude darüber hätte: Sie
+befinden sich würklich bey Hofe, und (wie ich glaube,) haben sie
+bereits Befehl, diese Nacht vor ihm zu spielen.
+
+Polonius.
+Es ist nichts gewissers, und er ersucht Eure Majestäten, Zuschauer
+dabey abzugeben.
+
+König.
+Von Herzen gern, es erfreut mich ungemein, zu hören, daß er so gut
+disponiert ist. Erhaltet ihn bey dieser Laune, meine guten Freunde,
+und seyd darauf bedacht, daß er immer mehr Geschmak an dergleichen
+Zeitvertreib finde.
+
+Rosenkranz.
+Wir wollen nichts ermangeln lassen, Gnädigster Herr.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+König.
+Liebste Gertrude, verlaßt ihr uns auch; wir haben heimliche
+Anstalten gemacht, daß Hamlet hieher komme, damit er Ophelien, als
+ob es von ungefehr geschähe, hier antreffe. Ihr Vater und ich
+wollen einen solchen Plaz nehmen, daß wir, ungesehn, Zeugen von
+allem was zwischen ihnen vorgehen wird, seyn, und also durch uns
+selbst urtheilen können, ob die Liebe die Ursache seines Trübsinns
+ist oder nicht.
+
+Königin.
+Ich gehorche euch; und an meinem Theil, Ophelia, wünsch' ich, daß
+eure Reizungen die glükliche Ursach von Hamlets Zustande seyn mögen:
+Denn das würde mir Hoffnung machen, daß eure Tugend ihn, zu euer
+beyder Ehre, wieder auf den rechten Weg bringen würde.
+
+Ophelia.
+Gnädigste Frau, ich wünsch' es so.
+
+(Die Königin geht ab.)
+
+Polonius.
+Ophelia, geht ihr hier auf und ab--Gnädigster Herr, wenn es
+beliebig ist, wollen wir uns hier verbergen--
+
+(Zu Ophelia.)
+
+Thut, als ob ihr in diesem Buche leset; damit das Ansehn einer
+geistlichen Übung eure Einsamkeit beschönige. Es begegnet nur gar
+zu oft, daß wir mit der andächtigsten Mine und der frömmsten
+Gebehrde an dem Teufel selbst saugen.
+
+König (vor sich.)
+Das ist nur gar zu wahr. Was für einen scharfen Geissel-Streich
+giebt diese Rede meinem Gewissen! Die Wangen einer Hure durch
+Kunst mit betrügerischen Rosen bemahlt, sind nicht häßlicher unter
+ihrer Schminke, als meine That unter der schönen Larve meiner Worte--
+O schwere Bürde!
+
+Polonius.
+Ich hör' ihn kommen; wir wollen uns entfernen, Gnädigster Herr.
+
+(Alle, bis auf Ophelia gehen ab.)
+
+
+
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Hamlet tritt auf, mit sich selbst redend.)
+
+
+Hamlet.
+Seyn oder nicht seyn--Das ist die Frage--Ob es einem edeln Geist
+anständiger ist, sich den Beleidigungen des Glüks geduldig zu
+unterwerfen, oder seinen Anfällen entgegen zu stehen, und durch
+einen herzhaften Streich sie auf einmal zu endigen? Was ist
+sterben?--Schlafen--das ist alles--und durch einen guten Schlaf
+sich auf immer vom Kopfweh und allen andern Plagen, wovon unser
+Fleisch Erbe ist, zu erledigen, ist ja eine Glükseligkeit, die man
+einem andächtiglich zubeten sollte--Sterben--Schlafen--Doch
+vielleicht ist es was mehr--wie wenn es träumen wäre?--Da stekt der
+Haken--Was nach dem irdischen Getümmel in diesem langen Schlaf des
+Todes für Träume folgen können, das ist es, was uns stuzen machen
+muß. Wenn das nicht wäre, wer würde die Mißhandlungen und Staupen-
+Schläge der Zeit, die Gewaltthätigkeiten des Unterdrükers, die
+verächtlichen Kränkungen des Stolzen, die Quaal verschmähter Liebe,
+die Schicanen der Justiz, den Übermuth der Grossen, ertragen, oder
+welcher Mann von Verdienst würde sich von einem Elenden, dessen
+Geburt oder Glük seinen ganzen Werth ausmacht, mit Füssen stossen
+lassen, wenn ihm frey stühnde, mit einem armen kleinen Federmesser
+sich Ruhe zu verschaffen? Welcher Taglöhner würde unter Ächzen
+und Schwizen ein mühseliges Leben fortschleppen wollen?--Wenn die
+Furcht vor etwas nach dem Tode--wenn dieses unbekannte Land, aus
+dem noch kein Reisender zurük gekommen ist, unsern Willen nicht
+betäubte, und uns riehte, lieber die Übel zu leiden, die wir
+kennen, als uns freywillig in andre zu stürzen, die uns desto
+furchtbarer scheinen, weil sie uns unbekannt sind. Und so macht
+das Gewissen uns alle zu Memmen; so entnervet ein blosser Gedanke
+die Stärke des natürlichen Abscheues vor Schmerz und Elend, und die
+grössesten Thaten, die wichtigsten Entwürfe werden durch diese
+einzige Betrachtung in ihrem Lauf gehemmt, und von der Ausführung
+zurükgeschrekt--Aber sachte!--wie? Die schöne Ophelia?--Nymphe,
+erinnre dich aller meiner Sünden in deinem Gebete.
+
+Ophelia.
+Mein Gnädiger Prinz, wie habt ihr euch diese vielen Tage über
+befunden?
+
+Hamlet.
+Ich danke euch demüthigst; wohl--
+
+Ophelia.
+Gnädiger Herr, ich habe verschiedne Sachen zum Andenken von euch,
+die ich euch gerne zurükgegeben hätte; ich bitte euer Gnaden, sie
+bey dieser Gelegenheit zurük zu nehmen.
+
+Hamlet.
+Ich? ich wißte nicht, daß ich euch jemals was gegeben hätte.
+
+Ophelia.
+Ihr wißt es gar wohl, Gnädiger Herr, und daß ihr eure Geschenke mit
+Worten, von so süssem Athem zusammengesezt, begleitet habt, daß sie
+dadurch einen noch grössern Werth erhielten. Da sich dieser Parfüm
+verlohren hat, so nehmt sie wieder zurük. Geschenke verliehren für
+ein edles Gemüth ihren Werth, wenn das Herz des Gebers geändert ist.
+
+Hamlet.
+Ha, ha! Seyd ihr tugendhaft?
+
+Ophelia.
+Gnädiger Herr--
+
+Hamlet.
+Seyd ihr schön?
+
+Ophelia.
+Was sollen diese Fragen bedeuten?
+
+Hamlet.
+Das will ich euch sagen. Wenn ihr tugendhaft und schön seyd, so
+soll eure Tugend nicht zugeben, daß man eurer Schönheit
+Schmeicheleyen vorschwaze.
+
+Ophelia.
+Machen Schönheit und Tugend nicht eine gute Gesellschaft mit
+einander aus, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Nicht die beste; denn es wird allemal der Schönheit leichter seyn,
+die Tugend in eine Kupplerin zu verwandeln, als der Tugend, die
+Schönheit sich ähnlich zu machen. Das war ehmals ein paradoxer Saz,
+aber in unsern Tagen ist seine Wahrheit unstreitig--Es war eine
+Zeit, da ich euch liebte.
+
+Ophelia.
+In der That; Gnädiger Herr, ihr machtet mich's glauben.
+
+Hamlet.
+Ihr hättet mir nicht glauben sollen. Denn Tugend kan sich unserm
+alten Stamme nie so gut einpfropfen, daß wir nicht noch immer einen
+Geschmak von ihm behalten sollten. Ich liebte euch nicht.
+
+Ophelia.
+Desto schlimmer, daß ich so betrogen wurde.
+
+Hamlet.
+Geh in ein Nonnenkloster. Warum wolltest du eine Mutter von
+Sündern werden? Ich bin selbst keiner von den Schlimmsten; und
+doch könnt' ich mich solcher Dinge anklagen, daß es besser wäre,
+meine Mutter hätte mich nicht zur Welt gebracht. Ich bin sehr
+stolz, rachgierig, ehrsüchtig, zu mehr Sünden aufgelegt, als ich
+Gedanken habe sie zu namsen, Einbildungs-Kraft sie auszubilden, und
+Zeit sie zu vollbringen. Wozu sollen solche Bursche, wie ich bin,
+zwischen Himmel und Erde herumkriechen? Wir sind alle ausgemachte
+Taugenichts; traue keinem von uns--Geh in ein Nonnen-Kloster--Wo
+ist euer Vater?
+
+Ophelia.
+Zu Hause, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Laß die Thür hinter ihm zuschliessen, damit er den Narren nirgends
+als in seinem eignen Hause spielen könne--Adieu.
+
+Ophelia.
+O hilf ihm, Gütiger Himmel!
+
+Hamlet.
+Wenn du einen Mann nimmst, so will ich dir diesen Fluch zur Mitgift
+geben--Sey so keusch wie Eis, so rein wie Schnee, du wirst doch der
+Verläumdung nicht entgehen--Geh in ein Nonnen-Kloster--Adieu--Oder
+wenn du es ja nicht vermeiden kanst, so nimm einen Narren; denn
+gescheidte Leute wissen gar zu wohl, was für Ungeheuer ihr aus
+ihnen macht.--In ein Nonnen-Kloster, sag ich und das nur bald:
+Adieu.
+
+Ophelia.
+Ihr himmlischen Mächte, stellet ihn wieder her!
+
+Hamlet.
+Ich habe auch von eurer Mahler-Kunst gehört; eine feine Kunst!
+Gott hat euch ein Gesicht gegeben, und ihr macht euch ein anders.
+Ihr verhunzt unserm Herrn Gott sein Geschöpf durch eure tändelhafte
+Manieren, durch eure Ziererey, euer affektiertes Stottern, euern
+tanzenden Gang, eure kindische Launen; und seyd unwissend genug
+euch auf diese Armseligkeiten noch wer weiß wie viel einzubilden.
+Geh, geh, ich will nichts mehr davon, es hat mich toll gemacht.
+Ich meyne, keine Heyrathen mehr! Diejenigen die nun einmal
+verheyrathet sind, alle bis an einen, mögen leben; die übrigen
+sollen bleiben wie sie sind. In ein Nonnen-Kloster, geh.
+
+(Hamlet geht ab.)
+
+Ophelia.
+O was für ein edles Gemüth ist hier zu Grunde gerichtet! Das Aug
+eines Hofmanns, die Zunge eines Gelehrten, der Degen eines Helden!
+Die Erwartung, die blühende Hoffnung des Staats! Der Spiegel,
+worinn sich jeder besah, der gefallen wollte; das Modell von allem
+was groß, schön und liebenswürdig ist, gänzlich, gänzlich
+zernichtet! Ich unglükselige! Die einst den Honig seiner
+Schmeicheleyen, die Musik seiner Gelübde so begierig in mich sog;
+und izt sehen muß, wie der schönste Geist, gleich einem verstimmten
+Glokenspiel, lauter falsche, mißklingende Töne von sich giebt, und
+diese unvergleichliche Tugend-Blühte in finstrer Schwermuth
+hinwelkt! O! wehe mir! daß ich leben mußte, um zu sehen, was ich
+gesehen habe.
+
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Der König und Polonius treten auf.)
+
+
+König.
+Liebe, sagt ihr? Nein, sein Gemüth ist von ganz andern Dingen
+eingenommen, und was er sagte, ob es gleich ein wenig seltsam klang,
+war auch nicht Wahnwiz. Es liegt ihm etwas im Gemüth, worüber
+seine Melancholie brütend sizt, und ich besorge es möchte
+gefährlich seyn, es zeitig werden zu lassen. Es ist mir in der
+Geschwindigkeit ein Mittel beygefallen, wie diesem Übel vorgebogen
+werden kan. Ich will ihn ohne Aufschub nach England schiken, um
+den Tribut zu fodern, der uns zurükgehalten wird: Vielleicht, daß
+die See-Luft, ein anders Land und andre Gegenstände, diese böse
+Materie zerstreuen mögen, die sich in seinem Herzen gesezt, und
+sein Gehirn mit schwarzen Vorstellungen angefüllt hat, denen er
+nachhängt, und darüber in diesen seltsamen Humor verfallen ist.
+Was denkt ihr davon?
+
+Polonius.
+Es wird eine gute Wirkung thun. Und doch glaub ich noch immer, daß
+verachtete Liebe die erste Quelle und Ursach dieser Schwermuth
+gewesen--Wie steht's, Ophelia? Ihr habt nicht nöthig uns zu
+erzählen, was Prinz Hamlet sagte; wir haben alles gehört--
+
+(Ophelia geht ab.)
+
+Gnädigster Herr, handelt nach euerm Gefallen; wenn es euch aber
+nicht entgegen ist, so laßt die Königin seine Frau Mutter nach der
+Comödie in einer geheimen Unterredung einen Versuch machen, die
+Ursache seines Grams von ihm zu erfahren; laßt sie mit der Sprache
+gerad gegen ihn herausgehen; und ich will mich, wenn ihr's für gut
+anseht, an einen Ort stellen, wo ich alles was sie mit einander
+reden, hören kan. Will er sich nicht erklären, so schikt ihn nach
+England, oder verwahrt ihn sonst irgendwo; was eure Klugheit das
+rathsamste finden wird.
+
+König.
+Wir wollen es so machen--Wahnwiz ist an den Grossen allemal was
+verdächtiges das man nicht unbewacht lassen soll.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+(Hamlet mit zween oder dreyen Schauspielern tritt auf.)
+
+Hamlet.
+Sprecht eure Rede, ich bitte euch, so wie ich sie euch vorgesagt
+habe, mit dem natürlichen Ton und Accent, wie man im gemeinen Leben
+spricht. Denn wenn ihr das Maul so voll nehmen wolltet, wie manche
+von unsern Schauspielern zu thun pflegen, so wäre mir eben so lieb,
+wenn der Ausruffer meine Verse hersagte. Und sägt auch die Luft
+nicht so mit eurer Hand, sondern macht es manierlich; denn selbst
+in dem heftigsten Strom, Sturm und Wirbelwind einer Leidenschaft
+müßt ihr eure Bewegungen so gut in eurer Gewalt haben, daß sie
+etwas edels und anständiges behalten. O, es ist mir in der Seele
+zuwider, wenn ich einen breitschultrichten Lümmel in einer grossen
+Perüke vor mir sehe, der eine Leidenschaft zu Fezen zerreißt, und
+um pathetisch zu seyn, sich nicht anderst gebehrdet, als wie ein
+toller Mensch; aber gemeiniglich sind solche Gesellen auch nichts
+anders fähig als Lerm und seltsame unnatürliche Gesticulationen zu
+machen. Ich könnte einen solchen Burschen prügeln lassen, wenn er
+die Rolle eines Helden kriegt, und einen Dragoner in der Schenke
+daraus macht; Herodes selbst ist nur ein Kind dagegen. Ich bitte
+euch, nehmt euch davor in Acht.
+
+Schauspieler.
+Dafür stehe ich Euer Gnaden.
+
+Hamlet.
+Indessen müßt ihr auch nicht gar zu zahm seyn; in diesem Stüke muß
+eure Beurtheilungs-Kraft euer Lehrmeister seyn. Laßt die Action zu
+den Worten, und die Worte zur Action passen, mit der einzigen
+Vorsicht, daß ihr nie über die Grenzen des Natürlichen hinausgehst--
+Denn alles Übertriebne ist gegen den Endzwek der Schauspieler-
+Kunst, der zu allen Zeiten, von Anfang und izt, nichts anders war
+und ist, als der Natur gleichsam einen Spiegel vorzuhalten, der
+Tugend ihre eigne wahre Gestalt und Proportion zu zeigen, und die
+Sitten der Zeit, bis auf ihre kleinsten Züge und Schattierungen
+nach dem Leben gemahlt darzustellen. Wird hierinn etwas
+übertrieben, oder auch zu matt und unter dem wahren Leben gemacht,
+so kan es zwar die Unverständigen zum Lachen reizen; aber
+Vernünftigen wird es desto anstössiger seyn; und das Urtheil von
+diesen soll in euern Augen allemal ein ganzes Theater voll von
+jenen überwiegen. Ich kenne Schauspieler, und sie wurden von
+gewissen Leuten gelobt (so sehr man loben kan,) die ihre Rollen so
+abscheulich heulten, sich so ungebehrdig dazu spreißten, daß ich
+dachte, irgend einer von der Natur ihren Tagwerks-Jungen habe
+Menschen machen wollen, und sie seyen ihm nicht gerathen; so
+abscheulich-grotesk ahmten sie die menschliche Natur nach.
+
+Schauspieler.
+Ich hoffe, wir haben diesen Unform so ziemlich bey uns abgeschaft.
+
+Hamlet.
+O, schaft ihn durchaus ab. Und denen, die eure lustigen Bauren
+machen sollen, schärfet ein, daß sie nicht mehr sagen sollen, als
+in ihrer Rolle steht; denn es giebt einige unter ihnen, die sich
+selbst einen Spaß damit machen wollen, daß sie eine Anzahl alberner
+Zuschauer zum Lachen bringen können, wenn gleich in dem nemlichen
+Augenblik die Aufmerksamkeit auf eine wichtige Stelle des Stüks
+geheftet seyn sollte: Das ist was infames, und zeigt eine
+erbärmliche Art von Ambition an dem Narren, der es so macht. Geht,
+macht euch fertig.
+
+(Die Schauspieler gehen ab.)
+
+
+
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Polonius, Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)
+
+
+Hamlet.
+Wie ists, mein Herr? Will der König dieses Stük hören?
+
+Polonius.
+Und die Königin dazu, und das sogleich.
+
+Hamlet.
+So seht, daß die Schauspieler hurtig machen.
+
+(Polonius geht ab.)
+
+Wollt ihr beyde nicht auch gehen, und ihnen helfen, daß sie fertig
+werden?
+
+Beyde.
+Wir wollen, Gnädiger Herr.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+Hamlet.
+He, holla, Horatio--(Horatio zu Hamlet.)
+
+Horatio.
+Hier, liebster Prinz, was habt ihr zu befehlen?
+
+Hamlet.
+Horatio, du bist durchaus so ein ehrlicher Mann, als ich jemals in
+meinem Leben einen gefunden habe.
+
+Horatio.
+O, mein Gnädigster Herr--
+
+Hamlet.
+Nein, bilde dir nicht ein, ich schmeichle; denn was für Interesse
+könnt' ich von dir hoffen, dessen ganzer Reichthum darinn besteht,
+daß du Verstand genug hast, dir Nahrung und Kleider zu verschaffen?
+Die Zunge der Schmeicheley lekt nur um die Füsse der Grossen, und
+beugt ihre kupplerische Kniee nur, wo sie Belohnung hofft. Hörst
+du? Seitdem meine Seele fähig ist zu wählen, und Menschen von
+Menschen zu unterscheiden, hat sie dich aus allen für sich selbst
+auserkohren. Denn ich habe dich als einen Mann kennen gelernt, der
+gutes und böses Glük mit gleicher Mässigung annahm, und wenn alle
+Widerwärtigkeiten sich gegen ihn vereinigten, so gutes Muthes war,
+als ob er nichts zu leiden hätte. Und glüklich sind diejenigen,
+deren Blut und Gemüths-Art so wol gemischt ist, daß sie keine
+Pfeiffe für Fortunens Finger sind, und tönen müssen, wie sie greift.
+Zeigt mir den Mann, der kein Sclave der Leidenschaft ist, ich
+will ihn im Kern meines Herzens tragen; ja, in meines Herzens
+Herzen, wie ich dich trage--Genug, und ein wenig mehr als genug
+hievon!--Es soll diese Nacht ein Schauspiel vor dem König
+aufgeführt werden, worinn eine Scene demjenigen sehr nahe kommt,
+was ich dir von den besondern Umständen von meines Vaters Tod
+erzählt habe. Ich bitte dich, wenn diese Scene kommt, so beobachte
+meinen Oheim mit dem äussersten Grade der Aufmerksamkeit, der
+deiner Seele möglich ist. Wenn bey einer gewissen Rede seine
+geheime Schuld sich nicht selbst verräth, so ist der Geist den wir
+gesehen haben, aus der Hölle, und meine Einbildungen auf des
+Teufels Ambose geschmiedet. Verwende kein Auge von ihm, ich will
+es auch so machen, und hernach wollen wir unsre Beobachtungen
+zusammentragen, und ein Urtheil über sein Bezeugen festsezen.
+
+Horatio.
+Gut, Gnädiger Herr. Wenn er was stiehlt, während daß die Comödie
+gespielt wird, und der Entdekung entgeht, will ich den Diebstahl
+bezahlen.
+
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Der König, die Königin, Polonius, Ophelia, Rosenkranz,
+ Güldenstern, und andere Herren von Hofe, mit Bedienten, welche
+ Fakeln vortragen. Ein dänischer Marsch, mit Trompeten.)
+
+
+Hamlet.
+Da kommen sie zur Comödie--ich muß hier den Geken machen--
+
+(zu Horatio.)
+
+Sieh dich um einen Plaz um.
+
+König.
+Wie steht's um unsern Neffen Hamlet?
+
+Hamlet.
+Unvergleichlich, in der That, nach Cameleons Art; ich esse Luft,
+mit Versprechungen gefüllt; eure Capunen werden nicht fett dabey
+werden.
+
+König.
+Ich weiß nichts mit dieser Antwort zu machen, Hamlet--
+
+Hamlet.
+Ich auch nicht--
+
+(Zu Polonius.)
+
+Nun, mein Herr; ihr spieltet ja ehmals auch Comödien auf der
+Universität, sagtet ihr?
+
+Polonius.
+Das that ich, Gnädiger Herr, und man hielt mich für einen guten
+Schauspieler.
+
+Hamlet.
+Und was machtet ihr für Rollen?
+
+Polonius.
+Ich machte den Julius Cäsar, ich wurde im Capitol umgebracht;
+Brutus brachte mich um.
+
+Hamlet.
+Das war brutal von ihm gehandelt, ein solches Capital-Kalb da
+umzubringen--Sind die Comödianten fertig?
+
+Rosenkranz.
+Ja, Gnädiger Herr, sie warten auf euern Befehl.
+
+Königin.
+Komm hieher, mein liebster Hamlet; seze dich zu mir.
+
+Hamlet.
+Um Vergebung, Frau Mutter, hier ist ein Magnet der stärker zieht.
+
+Polonius (zur Königin.)
+O, ho, habt ihr das bemerkt?
+
+Hamlet.
+Fräulein, wollt ihr mich in euerm Schooß ligen lassen?
+
+(Er sezt sich zu ihren Füssen auf den Boden hin.)
+
+Ophelia.
+Nein, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Ich meyne, meinen Kopf auf euerm Schooß?
+
+Ophelia.
+Ja, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Denkt ihr, ich habe was anders gemeynt?
+
+Ophelia.
+Ich denke nichts, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet (etwas leise.)
+Das ist ein hübscher Gedanke, zwischen eines Mädchens Beinen zu
+ligen--
+
+Ophelia.
+Was ist's, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Nichts.
+
+Ophelia.
+Ihr seyd aufgeräumt, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Wer, ich?
+
+Ophelia.
+Ja.
+
+Hamlet.
+O Gott! ein Spaßmacher, wie ihr keinen mehr sehen werdet. Was
+sollte einer thun, als aufgeräumt seyn? Denn, seht ihr, was meine
+Mutter für ein vergnügtes Gesicht macht, und es ist doch kaum zwo
+Stunden, daß mein Vater todt ist.
+
+Ophelia.
+Um Vergebung, es sind zweymal zween Monate, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Schon so lange? O, wenn das ist, so mag der Teufel schwarz gehen,
+ich will meinen Hermelin-Pelz wieder umwerfen. O Himmel! schon
+zween Monat todt, und noch nicht vergessen! So kan man doch hoffen,
+daß eines grossen Mannes Andenken sein Leben ein halbes Jahr
+überleben werde: Aber, bey unsrer Frauen! in diesem Fall muß einer
+wenigstens eine Kirche gebaut haben; sonst mag er leiden, daß man
+nicht mehr an ihn denkt, wie das Steken-Pferd; dessen Grabschrift
+ist:
+
+Au weh! das ist beklagens werth,
+Man denkt nicht mehr ans Steken-Pferd.*
+
+{ed.-* Ein satyrischer Stich auf die damaligen Puritaner, welche man
+in den Gassen-Liedern, die über sie gemacht und gesungen wurden,
+ihren bekannten scheinheiligen Eifer gegen alle Spiele bis gegen das
+Steken-Pferd treiben ließ, auf welchem doch sie, und ihres gleichen,
+bis auf den heutigen Tag, so weydlich herumtraben.}
+
+
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Musik von Hautbois. Die Pantomime tritt auf.)
+(Ein Herzog und eine Herzogin mit Cronen auf den Häuptern, treten
+ sehr liebreich mit einander auf; die Herzogin umarmt ihn, und er
+ sie; sie kniet nieder, er hebt sie auf und neigt seinen Kopf auf
+ ihren Hals; er legt sich auf einen Blumenbank hin; sie sieht daß er
+ eingeschlafen ist, und verläßt ihn. Darauf kommt ein Kerl hervor,
+ nimmt seine Crone weg, küßt sie, schüttet dem Herzog Gift ins Ohr,
+ und geht ab. Die Herzogin kommt zurük, und da sie den Herzog todt
+ findet, gebehrdet sie sich gar kläglich. Der Vergifter kommt mit
+ zween oder drey Stummen wieder, und stellt sich, als ob er mit ihr
+ jammere. Der Leichnam wird weggetragen. Der Vergifter buhlt
+ hierauf um die Herzogin, und bietet ihr Geschenke an; sie scheint
+ eine Zeit lang unwillig, und unschlüssig; doch zulezt nimmt sie
+ seine Liebe an.)
+
+(Die Pantomime geht ab.)
+
+
+Ophelia.
+Was soll das bedeuten?
+
+Hamlet.
+Poz Stern, Fräulein, es bedeutet Unheil.
+
+Ophelia.
+Vermuthlich wird es den Inhalt des Stüks vorstellen sollen? (Der
+Vorredner tritt auf.)
+
+Hamlet.
+Das werden wir von diesem Burschen hören: Die Comödianten können
+nichts Geheimes bey sich behalten; sie werden alles sagen.
+
+Ophelia.
+Wird er uns sagen, was das stumme Schauspiel bedeutet?
+
+Hamlet.
+Ja, oder irgend ein Schauspiel das ihr ihm zu schauen gebt. Schämt
+euch nicht, es ihn sehen zu lassen, so wird er sich nicht schämen,
+euch zu sagen was es bedeutet.
+
+Ophelia.
+Ihr seyd unartig, sehr unartig; ich will auf die Comödie Acht geben.
+
+Vorredner.
+Der Prologus tritt hier hervor
+Und bittet eure Huld
+Um ein nicht allzu-critisch Ohr
+Und ziemlich viel Geduld.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+Hamlet.
+Ist das ein Prologus, oder Poesie auf einen Ring?
+
+Ophelia.
+Es war ziemlich kurz.
+
+Hamlet.
+Wie Weiber-Treue.
+
+(Der Herzog und die Herzogin des Schauspiels treten auf.)
+
+Herzog.*
+Dreissig male schon hat Phöbus seinen glänzenden Lauf durch den
+Himmel vollbracht, und zwölfmal dreissigmal der Mond seinen Silber-
+Wagen um den Erdkreis getrieben, seit Amor unsre Herzen und Hymen
+unsre Hände durch das Band geheiligter Liebe vereinigt hat.
+
+{ed.-* Dieses ganze kleine Schauspiel ist im Original in Reimen von
+unübersezlicher Schlechtigkeit abgefaßt.}
+
+Herzogin.
+Und eben so viele Reisen möge Sonne und Mond uns noch zählen lassen,
+eh das unerbittliche Geschik dieses theure Band zertrennen dürfe.
+Aber ach! weh mir! ihr befindet euch Zeit her so übel, und eure
+Gesundheit hat einen so starken Abfall erlidten, daß ich nicht
+anders als zittern kan: Doch lasset euch meine zärtliche
+Besorgnisse nicht erschreken, liebster Gemahl: Weiber fürchten
+allezeit wie sie lieben, in beydem mit Übermaaß. Wie weit meine
+Liebe geht, hat euch die Erfahrung gelehrt; und so wie meine Liebe,
+ist meine Furcht. Wo die Liebe groß ist, werden die kleinsten
+Zweifel zu ängstlichen Besorgnissen--
+
+Herzog.
+Deine Besorgnisse täuschen dich nicht, meine Liebe; ich werde dich
+verlassen müssen, und das bald: Ich fühle es, daß meine Lebens-
+Kräfte ihren Verrichtungen nicht mehr gewachsen sind; ich werde
+dich verlassen, und den Trost haben dich in dieser schönen Welt
+geehrt und geliebt zurük zu lassen; und vielleicht wirst du bald in
+den Armen eines eben so zärtlichen Ehegatten--
+
+Herzogin.
+O haltet ein, liebster Gemahl, vollendet den entsezlichen Gedanken
+nicht! Diese auf ewig eurer Liebe geheiligte Brust, ist keiner
+Verrätherey fähig. Der Fluch falle auf den Tag, der mich in die
+Arme eines andern Mannes legen wird! Nur diejenige heyrathet den
+zweyten Mann, die den ersten ermordet hat--
+
+Hamlet.
+Wurmsaamen, Wurmsaamen!
+
+Herzogin.
+Die Betrachtungen, wodurch man sich zur zweyten Ehe bewegen läßt,
+sind niederträchtiges Interesse, niemals Liebe. Mir würde es seyn,
+ich stösse allemal den Dolch in meines ersten Mannes Herz, so oft
+mich der zweyte küßte.
+
+Herzog.
+Ich zweifle nicht, daß alles was ihr izt sagt, euer wahrer Ernst
+ist: Aber wie oft brechen wir was wir uns selbst versprochen haben!
+Unsre Vorsäze sind den zu frühzeitigen Früchten gleich, die zwar
+eine Zeit lang fest am Baume steken, aber zulezt faulen, und dann
+ungeschüttelt fallen. Wir vergessen nichts leichter zu bezahlen,
+als was wir uns selbst schuldig sind; und es ist natürlich, daß
+Vorsäze, die wir aus Leidenschaft fassen, zugleich mit ihrer
+Ursache aufhören. Übermaaß in Vergnügen und Schmerz reibt sich
+allezeit selber auf; und es ist billig, daß in einer Welt, die
+nicht für immer gemacht ist, Schmerz und Lust ihr Ziel haben. Es
+ist gar nichts befremdliches darinn, wenn unsre Liebe mit unsern
+Umständen sich ändert, und es ist noch immer eine unausgemachte
+Frage, ob die Liebe das Glük, oder das Glük die Liebe leite. Ihr
+seht, wenn ein Grosser fällt, so fliehen seine Günstlinge, und der
+Arme, der emporkommt, macht seine Feinde zu Freunden; wie hingegen
+derjenige, der in der Noth einen hohlen Freund auf die Probe sezen
+will, sich geradezu einen Feind macht. Um also zum Schluß dessen
+was ich angefangen habe zu kommen, so däucht mich, unsre Wünsche
+und unsre Umstände durchkreuzen einander so oft, daß unsre Vorsäze
+selten in unsrer Gewalt bleiben; unsre Gedanken sind unser, aber
+nicht ihre Ausführung. Denke also immer, meine Liebe, daß du
+keinen zweyten Gemahl nehmen wollest, aber laß diese Gedanken
+sterben, sobald dein erster Mann gestorben ist.
+
+Herzogin.
+O! dann gebe mir weder die Erde Nahrung, noch der Himmel Licht!
+Dann komme bey Tag und bey Nacht weder Freude in mein Herz noch
+Ruhe auf meine Auglieder! Elender sey mein Leben als das Leben des
+büssenden Einsiedlers, ein fortdaurender Tod; jeder meiner Wünsche
+begegne dem was ihm am meisten entgegen ist, und ewige Qual
+verfolge mich hier und dort, wenn ich aus einer Wittwe, jemals
+wieder eine Vermählte werde.
+
+Hamlet.
+Wenn sie diese Schwüre bricht--
+
+Herzog.
+Das sind grosse Schwüre! Meine Geliebteste, verlaß mich izt eine
+Weile; meine Geister werden matt; ich will versuchen, ob ich
+schlafen kan--
+
+(Er entschläft.)
+
+Herzogin.
+Ruhe sanft, und niemals, niemals komme Unglük zwischen uns beyde!
+
+(Sie geht ab.)
+
+Hamlet (zur Königin.)
+Gnädige Frau, wie gefällt euch dieses Stük?
+
+Königin.
+Mich däucht, die Dame verspricht zu viel.
+
+Hamlet.
+O, wir werden sehen, wie sie ihr Wort halten wird.
+
+König.
+Kennt ihr den Inhalt des Stüks? Ist nichts anstössiges darinn?
+
+Hamlet.
+Nein, gar nichts; es ist alles nur Spaß; sie vergiften nicht im
+Ernst; auf der Welt nichts anstössiges.
+
+König.
+Wie nennt sich das Stük?
+
+Hamlet.
+Die (Maus-Falle;)--In der That, in einem figürlichen Verstande,
+vermuthlich--Das Stük ist die Vorstellung eines Mords der in Wien
+begegnet ist; Gonzago ist des Herzogs Name, seine Gemahlin heißt
+Baptista; ihr werdet gleich sehen, daß es ein schelmisches Stük
+Arbeit ist; aber was thut das uns? Eure Majestät und andre, die
+ein gutes Gewissen haben, geht es nichts an; der mag sich krazen,
+den es jukt; wir haben eine glatte Haut. (Lucianus tritt auf.)
+
+Das ist einer, Namens Lucianus, ein Neffe des Herzogs.
+
+Ophelia.
+Man kan den Chor mit euch ersparen, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.**
+--Nun, fang einmal an, Mörder. Hör auf, deine verteufelte
+Gesichter zu schneiden, und fang an. Komm, der krächzende Rabe
+schreyt um Rache.
+
+{ed.-** Hier hat man zwey Scherz-Reden Hamlets weglassen müssen,
+wovon die erste dem Übersezer unverständlich, und die andre eine
+zweydeutige Zote ist.}
+
+Lucianus
+Schwarze Gedanken; willige Hände; schnellwürkendes Gift, und
+gelegne Zeit--Alles stimmt zusammen, und kein Mensch ist da, der
+mich sehen könnte. Ergiesse, du fatale Mixtur, aus
+mitternächtlichen Kräutern gezogen, und dreyfach mit Hecates Zauber-
+Fluch geschwängert, ergiesse deine verderbliche Natur und magische
+Eigenschaft, und mach' einem mir verhaßten Leben ein plözliches
+Ende!
+
+(Er gießt dem schlaffenden Herzog das Gift in die Ohren.)
+
+
+
+Hamlet
+
+(zum Könige.)
+
+
+Er vergiftet ihn in seinem Garten, um Herr von seinem Vermögen zu
+werden; sein Nam' ist Gonzago; die Historie davon ist im Druk, sie
+ist im besten Toscanischen geschrieben. Sogleich werdet ihr sehen,
+wie der Mörder auch die Liebe von Gonzago's Gemahlin gewinnt--
+
+
+Ophelia.
+Der König steht auf.
+
+Hamlet.
+Wie, von einem blinden Lermen erschrekt?
+
+Königin.
+Was fehlt meinem Gemahl?
+
+Polonius.
+Hört auf zu spielen!
+
+König.
+Gebt mir Licht. Weg! weg!
+
+Alle.
+Lichter, Lichter, Lichter!
+
+(Sie gehen in Verwirrung ab.)
+
+
+
+
+
+Siebende Scene.
+(Hamlet und Horatio bleiben.)
+
+
+Hamlet.
+Laßt weinen den verwundten Hirsch,
+Der unverlezte scherzt:
+Denn billig wacht die Missethat
+Indem die Unschuld schläft. Würde das, Herr, (wenn alles andre
+fehlschlüge) und ein Wald von Federn auf dem Hut, und ein paar
+ungeheure Rosen auf meinen gestreiften Schuhen, mir nicht einen
+Plaz unter einen Kuppel von Comödianten verschaffen?
+
+Horatio.
+Ich mache mit, wenn's dazu kommt.
+
+Hamlet.
+O mein guter Horatio, ich wollte des Geists Wort für zehntausend
+Thaler annehmen. Hast du's gesehen?
+
+Horatio.
+Nur gar zu wohl, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Wie die Rede vom Vergiften war?
+
+Horatio.
+Ich hab' es sehr wol beobachtet. (Rosenkranz und Güldenstern
+treten auf.)
+
+Hamlet.
+He! holla! kommt, spielt uns eins auf. Kommt, wo sind die
+Flöten? Wenn die Comödie dem König nicht gefällt, nun, so gefällt
+sie ihm eben nicht, und er muß wissen warum. Kommt, spielt auf,
+sag ich.
+
+Güldenstern.
+Mein Gnädiger Prinz, erlaubet mir ein Wort mit euch zu reden--
+
+Hamlet.
+Eine ganze Historie, Herr.
+
+Güldenstern.
+Der König, mein Herr--
+
+Hamlet.
+So, mein Herr, was giebt's von ihm?
+
+Güldenstern.
+Hat sich in sein Cabinet verschlossen, und befindet sich
+ausserordentlich übel--
+
+
+Hamlet.
+Vielleicht von zu vielem Wein?
+
+Güldenstern.
+Nein, Gnädiger Herr, von Galle--
+
+Hamlet.
+Eure gewöhnliche Weisheit hat euch nicht wohl gerathen, mein Herr,
+da sie euch zu mir gewiesen hat; zum Doctor hättet ihr gehen sollen;
+ich kan hier nichts; denn wenn ich ihm auch ein Purgier-Mittel
+eingeben wollte, so möcht' es ihm leicht noch mehr Galle machen.
+
+Güldenstern.
+Gnädiger Herr, höret mich an, anstatt durch solche seltsame
+Absprünge meinem Vortrag auszuweichen.
+
+Hamlet.
+Ich will stehen bleiben, Herr--Sprecht!
+
+Güldenstern.
+Die Königin, eure Frau Mutter, schikt mich in grössester Betrübniß
+ihres Herzens zu euch.
+
+Hamlet.
+Ihr seyd willkommen.
+
+Güldenstern.
+Nein, Gnädiger Herr, dieses Compliment ist hier ausser seinem Plaz.
+Wenn es euch beliebig ist, mir eine gesunde Antwort zu geben, so
+will ich mich des Auftrags entledigen, den mir eure Mutter
+aufgegeben hat; wo nicht, so werdet ihr mir verzeihen, wenn ich
+gehe, und mein Geschäft für geendigt halte.
+
+Hamlet.
+Herr, das kan ich nicht--
+
+Güldenstern.
+Was, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Euch eine gesunde Antwort geben; mein Wiz ist gar nicht wohl auf
+Aber, Herr, so gut als ich eine Antwort geben kan, steht sie euch
+zu Diensten; oder vielmehr wie ihr sagt, meiner Mutter--also nur
+ohne fernern Umschweif zur Sache!--Meine Mutter, sagt ihr--
+
+Rosenkranz.
+Nun dann, das sagt sie; euer Betragen hat sie in das äusserste
+Befremden und Erstaunen gesezt.
+
+Hamlet.
+O erstaunlicher Sohn, der seine Mutter so in Erstaunen sezen kan!
+Aber stolpert nicht etwann eine Folge hinter dieser Erstaunung her?
+
+Rosenkranz.
+Sie wünscht, eh ihr zu Bette geht, in ihrem Cabinet mit euch zu
+sprechen.
+
+Hamlet.
+Wir werden gehorchen, und wenn sie zehnmal unsre Mutter wäre. Habt
+ihr noch weiter was mit uns zu handeln?
+
+Rosenkranz.
+Gnädiger Herr, ihr liebtet mich einst--
+
+Hamlet.
+Das thu ich noch--
+
+Rosenkranz.
+Nun, dann, liebster Prinz, um unsrer alten Freundschaft willen, was
+ist die Ursache dieses euers seltsamen Humor's? Seyd versichert,
+ihr sezt eure eigne Freyheit in Gefahr, wenn ihr euch länger
+weigert, eure Beschwerden einem Freunde zu vertrauen.
+
+Hamlet.
+Mein Herr, ich möchte gern Befördrung.
+
+Rosenkranz.
+Wie kan das seyn, da ihr das Königliche Wort für eure Thronfolge in
+Dännemark habt?
+
+Hamlet.
+Schon gut, aber, (weil das Gras wächßt)--Das Sprüchwort ist ein
+wenig schmuzig. (Einer mit einer Flöte tritt auf.) O, die Flöten;
+laßt mich eine sehen--Wir gehen mit einander, mein Herr--Wie, warum
+geht ihr so um mich herum, mir den Wind abzugewinnen, als ob ihr
+mich in ein Garn treiben wolltet?
+
+Güldenstern.
+O mein Gnädiger Prinz, wenn mich meine Pflicht zu kühn macht, so
+zwingt mich meine Liebe so gar unhöflich zu seyn.
+
+Hamlet.
+Das versteh' ich nicht allzuwol. Wollt ihr auf dieser Flöte
+spielen?
+
+Güldenstern.
+Ich kan nicht, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Ich bitte euch.
+
+Güldenstern.
+Glaubt mir, auf mein Wort, ich kan nicht.
+
+Hamlet.
+Ich bitte recht sehr.
+
+Güldenstern.
+Ich kenne keinen Griff, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Es ist eine so leichte Sache als Lügen; regiert die Windlöcher mit
+euern Fingern und dem Daumen, blaßt mit euerm Mund darein, und es
+wird die beredteste Musik von der Welt von sich geben. Seht ihr,
+hier sind die Griff-Löcher.
+
+Güldenstern.
+Aber das ist eben der Fehler, daß ich sie nicht zu greiffen weiß,
+damit eine Harmonie heraus komme; ich verstehe die Kunst nicht.
+
+Hamlet.
+So? seht ihr nun, was für ein armseliges Ding ihr aus mir machen
+wollt; ihr möchtet gern auf mir spielen; ihr möchtet dafür
+angesehen seyn, als ob ihr meine Griffe kennet; ihr möchtet mir
+gern mein Geheimniß aus dem Herzen herausziehen; ihr wollt daß ich
+euch von der untersten Note an bis zur höchsten angeben soll; das
+wollt ihr; und es ist so viel Musik, ein so reizender Gesang in
+diesem kleinen Stüke Holz, und doch könnt ihr sie nicht
+herausbringen? Wie, bildet ihr euch ein, daß ich leichter zu
+spielen bin als eine Pfeiffe? Nennt mich welches Instrument ihr
+wollt, aber wenn ihr schon auf mir herumpfuschen könnt, so könnt
+ihr doch nicht auf mir spielen--Grüß euch Gott, mein Herr--
+
+Polonius (zu den Vorigen).
+Gnädiger Herr, die Königin möchte gern mit euch sprechen, und das
+sogleich.
+
+Hamlet.
+Seht ihr dort jene Wolke, die beynahe wie ein Camel aussieht?
+
+Polonius.
+Bey Sct. Veit, in der That, vollkommen wie ein Camel.
+
+Hamlet.
+Mich däucht, sie gleicht eher einer Amsel.
+
+Polonius.
+Sie ist schwarz wie eine Amsel.
+
+Hamlet.
+Oder einem Wallfisch?
+
+Polonius.
+Sie hat viele Ähnlichkeit mit einem Wallfisch, das ist wahr.
+
+Hamlet.
+Nun, so will ich gleich zu meiner Mutter kommen--
+
+(vor sich.)
+
+--Die Kerls werden mich noch toll machen--Ich will kommen,
+augenbliklich.
+
+Polonius.
+Ich will es so sagen.
+
+Hamlet.
+Augenbliklich ist bald gesagt. Laßt mich allein, gute Freunde.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+Es ist nun Mitternacht, die Zeit wo Zauberer und Unholden hinter
+dem Vorhang der Finsterniß ihre abscheulichen Künste treiben; die
+Zeit, wo Kirchhöfe ihre Todten auslassen, und die Hölle selbst
+verpestete Seuchen in die Oberwelt aufdünstet. Nun könnt ich
+heisses Blut trinken, Dinge thun, von deren Anblik der bessere Tag
+zurükschauern würde. Stille! Nun zu meiner Mutter--O mein Herz,
+verliehre deine Natur nicht! Laß nicht, o! nimmermehr! die Seele
+des Nero in diesen entschlossenen Busen fahren; ich will grausam
+seyn, nicht unnatürlich; ich will Dolche mit ihr reden, aber keinen
+gebrauchen. Hierinn sollen meine Zunge und mein Herz nicht
+zusammen stimmen. So unbarmherzig immer meine Worte mit ihr
+verfahren werden, so fern sey es doch auf ewig von meiner Seele,
+sie ins Werk zu sezen.
+
+(Er geht ab.)
+
+
+
+
+
+
+Achte Scene.
+(Der König, Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)
+
+
+König.
+Er gefällt mir gar nicht, und es würde auch nicht sicher für uns
+seyn, diese Tollheit so ungebunden fortschwärmen zu lassen. Macht
+euch also reisefertig; ich will euch unverzüglich eure Instruction
+aufsezen, und er soll mit euch nach England. Die Umstände
+gestatten nicht, uns den Gefahren bloß zu stellen, welche stündlich
+aus seinen Mondsüchtigen Launen entstehen können.
+
+Güldenstern.
+Wir wollen uns anschiken; es ist eine höchst gerechte und heilige
+Furcht, für so vieler tausend Personen Sicherheit besorgt zu seyn,
+die in Eu. Majestät leben.
+
+Rosenkranz.
+Es ist die Privat-Pflicht eines jeden Menschen, alle Kräfte seines
+Verstands dazu anzustrengen, sich selbst vor Schaden zu bewahren:
+Aber vielmehr ist es eine Pflicht deßjenigen Geists, der die Seele
+des ganzen Staats-Körpers ist, und von dessen Wohl das Leben so
+vieler andern abhängt. Der Tod eines Königs ist nicht der Tod
+eines einzigen, sondern zieht, wie ein Strudel alles was ihm nahe
+kommt, in sich. Er ist wie ein Rad, das von dem Gipfel des
+höchsten Bergs herunter gewälzt, unter seinen ungeheuren Speichen
+tausend kleinere Dinge die daran hangen zertrümmert. Ein König
+seufzt nie allein; wenn er leidet, leiden alle.
+
+König.
+Rüstet euch, ich bitte euch, aufs eilfertigste zu dieser Reise; wir
+müssen dieser Gefahr Fesseln anlegen, die bisher so frey herum
+gegangen ist.
+
+Beyde.
+Wir wollen unser äusserstes thun.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+(Polonius tritt auf.)
+
+Polonius.
+Gnädigster Herr, er ist im Begriff, in seiner Frau Mutter Cabinet
+zu gehen; ich will mich hinter die Tapeten versteken, um zu hören,
+wie sie ihm den Text lesen wird. Denn wie Euer Majestät sagte,
+(und es war weislich gesagt) es ist nicht überflüssig, daß noch
+jemand andrer als eine Mutter, (die das mütterliche Herz immer
+partheyisch zu machen pflegt) mit anhöre, was er zu seiner
+Verantwortung sagen wird. Lebet wohl, mein Gebieter, ich will euch
+wieder aufwarten, eh ihr zu Bette geht, und euch erzählen, was ich
+gehört haben werde.
+
+(Er geht ab.)
+
+König.
+Ich danke euch, mein ehrlicher Polonius.
+
+(allein.)
+
+O! Mein Verbrechen ist stinkend; es riecht zum Himmel hinauf; es
+ist mit dem ältesten Fluche beladen; ein Bruder-Mord--Beten kan ich
+nicht--wie könnt' ich, da ich, in innerlichem Streit zwischen
+meiner Neigung und meinem Vorsaz demjenigen gleich bin, der zwey
+Geschäfte vor sich liegen hat, und unterm Zweifel, welches er
+zuerst thun soll, beyde versäumt.--Wie, wenn diese verbrecherische
+Hand diker als sie ist, mit Bruder-Blut überzogen wäre? Hat der
+allgütige Himmel nicht Regen genug, sie schneeweiß zu waschen?
+Wozu dient Barmherzigkeit, als dem Verschuldeten Gnade zu erweisen?
+Hat nicht das Gebet diese doppelte Kraft, uns Unterstüzung zu
+verschaffen, eh wir fallen, oder Vergebung, wenn wir gefallen sind?
+So will ich dann aufschauen--Mein Verbrechen ist hinweg. Aber, o!
+was für eine Formul von Gebet kan ich gebrauchen?--"Vergieb mir
+meinen schändlichen Mord!"--Das kan nicht seyn, da ich noch immer
+im Besiz der Vortheile bin, um derentwillen ich diesen Mord begieng--
+meiner Krone, und meiner Königin? Wie kan ein Verbrecher
+Vergebung hoffen, so lang er sich den Gewinn seiner Übelthat
+vorbehält? Ja, nach dem verkehrten Lauf dieser Welt kan es seyn,
+kan des Verbrechens übergüldete Hand das Auge der Gerechtigkeit
+zuschliessen; hier, wo oft der Lohn der Ungerechtigkeit selbst das
+Gesez auskauft; aber so ist es nicht dort oben: Dort gelten keine
+Ausflüchte; dort liegt die That in ihrer natürlichen Blösse da, und
+wir sind gezwungen, ihr Zeugniß wieder uns, im Angesicht unsrer
+Sünden, zu bekräftigen. Wie dann? Was bleibt übrig?--Versuchen,
+was Reue vermag: Was vermag sie nicht?--Aber was vermag blosse
+unfruchtbare Reue?--O unseliger Zustand! O, im Schlamme versunkene
+Seele! die du desto tiefer versinkst, je mehr du dich losarbeiten
+willst. Helft mir, ihr Engel! helfet! Zur Erde, ihr
+ungeschmeidigen Kniee! Und du, Herz mit Fibern von Stahl, enthärte
+dich, und werde so weich wie die Sehnen eines neugebohrnen Kinds!--
+Es kan noch alles gut werden.
+
+(Er begiebt sich in den hintersten Theil der Scene und kniet nieder.)
+
+
+
+
+
+
+Neunte Scene.
+(Hamlet tritt auf.)
+
+
+Hamlet.
+Izt könnt' ich's am füglichsten thun, izt da er betet, und izt will
+ich's thun--so fährt er doch gen Himmel--Und das sollte meine Rache
+seyn? Das würde fein lauten!--Ein Bösewicht ermordet meinen Vater,
+und davor schik ich sein einziger Sohn, diesen nemlichen Bösewicht
+gen Himmel--O, das wäre Belohnung nicht Rache! Er überfiel meinen
+Vater unversehens, bey vollem Magen, mit allen seinen in voller
+Blüthe stehenden Sünden--und wie es nun um ihn steht, weiß allein
+der Himmel--Unsern Begriffen nach übel genug. Wär ich also
+gerochen, wenn ich ihm in dem Augenblik wegnähme, da sich seine
+Seele ihrer Schulden entladen hat, da sie zu diesem Übergang
+geschikt ist?--Hinein, mein Schwerdt; du bist zu einem
+schreklichern Dienst bestimmt! Wenn er betrunken ist und schläft,
+oder im Ausbruch des Zorns, oder mitten in den blutschänderischen
+Freuden seines Bettes, wenn er spielt, flucht, oder sonst etwas
+thut, das keine Hoffnung der Seligkeit übrig läßt, dann gieb ihm
+einen Stoß, daß er seine Beine gen Himmel streke, indem seine
+schwarze Seele zur Hölle fährt--Meine Mutter wartet auf mich--eine
+Arzney, die zu nichts dient, als eine unheilbare Krankheit zu
+verlängern.
+
+(Er geht ab.)
+
+(Der König steht auf, und tritt vorwärts.)
+
+König.
+Meine Worte fliegen auf, meine Gedanken bleiben zurük; und Worte
+ohne Gedanken langen nie im Himmel an.
+
+(Er geht ab.)
+
+
+
+
+
+
+Zehnte Scene.
+(Verwandelt sich in das Cabinet der Königin.)
+(Die Königin und Polonius treten auf.)
+
+Polonius.
+Er wird sogleich da seyn; seht, daß ihr rund mit ihm zu Werke geht;
+sagt ihm, die Streiche die er gespielt habe seyen zu grob, zum
+Ausstehen; der König sey sehr ungehalten darüber, und wenn ihr
+nicht seine Fürsprecherin gewesen wäret, so hätte es Folgen haben
+können--Ich will mich hier verbergen; ich bitte euch, sagt ihm die
+Meynung fein scharf.
+
+Hamlet (hinter der Scene.)
+Mutter! Mutter!--
+
+Königin.
+Seyd deßwegen ohne Sorge; verlaßt euch auf mich--Entfernt euch, ich
+hör' ihn kommen.
+
+(Polonius verbirgt sich hinter die Tapeten.)
+
+(Hamlet tritt auf.)
+
+Hamlet.
+Nun, Mutter, was ist die Sache?
+
+Königin.
+Hamlet, du hast deinen Vater sehr beleidiget.
+
+Hamlet.
+Mutter, ihr habt (meinen) Vater sehr beleidiget.
+
+Königin.
+Kommt, kommt, ihr gebt mir eine verkehrte Antwort.
+
+Hamlet.
+Sie schikt sich auf eine boshafte Anrede.
+
+Königin.
+Wie, was soll das seyn, Hamlet?
+
+Hamlet.
+Was wollt ihr dann?
+
+Königin.
+Kennst du mich nicht mehr?
+
+Hamlet.
+Nein, beym Himmel, das nicht; ihr seyd die Königin, euers Gemahls
+Bruders Weib, aber ich wollte, ihr wäret es nicht!--Ihr seyd meine
+Mutter.
+
+Königin.
+Gut, wenn du aus diesem Ton anfängst, so will ich dir jemand
+antworten lassen, der reden kan--
+
+Hamlet.
+Kommt, kommt, und sezt euch nieder; ihr sollt mir nicht von der
+Stelle: Ich laß euch nicht gehen, bis ich euch einen Spiegel
+vorgehalten habe, worinn ihr euch bis auf den Grund eurer Seele
+sehen sollt.
+
+Königin.
+Was hast du im Sinn? Du wirst mich doch nicht ermorden wollen?
+Hülfe! ho!
+
+Polonius (hinter der Tapete.)
+Wie? He, Hülfe!
+
+Hamlet.
+Was giebt's da? Eine Maus? Todt um einen Ducaten, todt.
+
+(Er ersticht den Polonius.)
+
+Polonius.
+O, ich bin ein Mann des Todes.
+
+Königin.
+Weh mir! Was hast du gethan?
+
+Hamlet.
+In der That, ich weiß es nicht: Ist es der König?
+
+Königin.
+O, was für eine rasche und blutige That ist das!
+
+Hamlet.
+Eine blutige That; beynahe so schlimm, meine gute Mutter, als einen
+König ermorden und seinen Bruder heyrathen.
+
+Königin.
+Einen König ermorden?
+
+Hamlet.
+Ja, Gnädige Frau, das war mein Wort.
+
+(Zu Polonius.)
+
+Du unglüklicher, unbesonnener, unzeitig-geschäftiger Thor, fahr du
+wohl! Ich hielt dich für einen Grössern als du bist; habe nun, was
+du dir zugezogen hast; du erfährst nun, daß es gefährlich ist, sich
+gar zu viel zu thun zu machen--
+
+(Zur Königin.)
+
+Macht nicht so viel Hände-Ringens, still, sezt euch nieder, und
+laßt mich euer Herz in die Presse nehmen; denn das will ich thun,
+wenn es anders von lasterhafter Gewohnheit nicht so eisenhart
+worden ist, daß es alles Gefühl verlohren hat.
+
+Königin.
+Was hab ich gethan, das dich vermessen genug macht, mich so rauh
+anzulassen?
+
+Hamlet.
+Eine That, welche die keusche Röthe der Unschuld selbst verdächtig
+macht, und die Tugend eine Heuchlerin nennt; die Rose von der
+schönen Stirne einer rechtmäßigen Liebe wegreißt und eine Eyter-
+Beule an ihre Stelle sezt; eine That, die den Ehgelübden nicht mehr
+Glauben übrig läßt, als die Schwüre falscher Würfel-Spieler haben--
+O! so eine That, die den ehrwürdigsten Verträgen die Seele
+ausreißt, und die holde Religion in leeren Wörter-Schall verwandelt.
+Des Himmels Angesicht sieht, seit dem diese That geschehen ist,
+mit trübem Auge auf diesen Erdball herab; so düster und traurig,
+wie beym Anbruch des Welt-Gerichts.
+
+Königin.
+Weh mir, was für eine That?
+
+Hamlet.
+Die so laut brüllt, daß sie bis in die Indien donnert--Seht hieher,
+seht auf dieses Gemählde, und auf dieses, die Abbildungen zwoer
+Brüder: seht, was für eine Würde saß auf dieser Stirne--Hyperions
+Loken--die Stirne des Jupiters selbst--ein Auge, wie des Kriegs-
+Gottes, zu schreken oder Befehle zu herrschen; eine Stellung, wie
+des Herolds der Götter, der sich eben auf einen himmelküssenden
+Hügel herabgeschwungen hat; eine Gestalt, auf welche jeder Gott
+sein Siegel gesezt zu haben schien um der Welt zu urkunden, daß das
+ein Mann sey. Das war euer Gemahl--Seht nun hieher; hier ist euer
+Gemahl, er, der wie der Mihlthau eine gesunde Ähre, seinen Bruder
+vergiftete. Habt ihr Augen? Konntet ihr die gute Weyde auf diesem
+schönen Berge verlassen, um euch in diesem Morast zu wälzen? Ha!
+habt ihr Augen? Ihr könnt es nicht Liebe heissen; denn, in euerm
+Alter, ist das Blut zahm, und läßt sich von der Vernunft leiten;
+und welche Vernunft würde von (diesem) zu (diesem) übergehen?
+Sinnlichkeit habt ihr, das ist gewiß; sonst könntet ihr keine
+Vorstellung haben; aber diese Sinnen sind vom Schlage getroffen:
+Wahnwiz könnte sich nicht so sehr verirrt haben; so toll wird
+niemand, daß ihm nicht noch immer so viel Unterscheidungs-Kraft
+übrig bleibe, eine solche Verschiedenheit wahrzunehmen--Was für ein
+Teufel hat euch denn die Augen verbunden, wie ihr diese Wahl
+machtet? Augen ohne Gefühl, Gefühl ohne Augen, Ohren ohne Hände
+oder Augen, oder nur ein kranker Rest eines einzigen unverblendeten
+Sinn's hätte sich nicht so verfehlen können--O Schaam! wo ist
+deine Röthe? Rebellische Hölle, wenn du in den Gebeinen einer
+Matrone einen solchen Aufruhr machst, so laß immer die Keuschheit
+der Jugend Wachs seyn, und in ihrem eignen Feuer wegschmelzen.
+Ruft keine Schande aus, wenn der ungestüme Trieb der Jugend-Hize in
+Ausschweiffung auflodert, da der Frost selbst eben so ungezähmt
+brennt, und Vernunft die Kupplerin schnöder Lüste wird.
+
+Königin.
+O Hamlet, halte ein! Du drehst meine Augen in meine innerste Seele,
+und da seh ich so schwarze, so häßliche Fleken, daß sie nimmermehr
+ihre Farbe verliehren werden.
+
+Hamlet.
+Gewiß nicht, so lang ihr fähig seyd in dem stinkenden Schweiß eines
+blutschändrischen Bettes zu leben, der Liebe in einem unflätigen
+Schwein-Stalle zu pflegen--
+
+
+Königin.
+O höre auf; diese Reden dringen wie Dolche in meine Ohren--Nichts
+mehr, lieber Hamlet.
+
+Hamlet.
+Ein Mörder, und ein schlechter Kerl oben drauf!--Ein Sclave, der
+nicht der zwanzigste Theil eines Zehentheils von euerm ersten Herrn
+ist, der Pikelhäring unter den Königen, ein feiger Schurke und
+Gaudieb, der die Krone von einem Küssen wegstahl, und sie in seinen
+Schnapsak stekte--
+
+Königin.
+Genug, genug--
+
+(Der Geist läßt sich sehen.)
+
+Hamlet.
+Ein zusammengeflikter Lumpen-König--Himmel!
+
+(Er starrt mit Entsezen auf.)
+
+umschwebet mich mit euern Flügeln, ihr himmlischen Wächter!--Was
+will deine ehrwürdige Erscheinung?
+
+Königin.
+O weh! er ist wahnsinnig--
+
+Hamlet.
+Kommt ihr nicht, euern trägen Sohn zu beschelten, der die Zeit in
+unthätigem Gram verliehrend, das grosse Werk, das ihr ihm
+anbefohlen habt, liegen läßt?
+
+Geist.
+Vergiß es nicht: Dieser Besuch hat sonst keine Absicht, als deinen
+fast stumpfen Vorsaz zu wezen. Aber, siehe! Erstaunen ergreift
+deine Mutter! O tritt zwischen sie und ihre kämpfende Seele: In
+den schwächsten Körpern wirkt die Einbildung am stärksten. Rede
+mit ihr, Hamlet.
+
+Hamlet.
+Wie steht es um euch, Gnädige Frau?
+
+Königin.
+O weh! wie steht es um dich? daß du deine Augen so auf einen Ort
+ohne Gegenstand heftest, und mit der unkörperlichen Luft Gespräche
+führst? Deine Geister schauen wild aus deinen Augen heraus, und
+gleich schläfernden Soldaten bey einem plözlichen Alarm, starren
+deine Haare, wie beseelt, empor, und stehen unbeweglich auf ihren
+Enden--O mein lieber Sohn, sprize kalte Geduld auf das Feuer deiner
+Leidenschaft--Was schauest du so an?
+
+Hamlet.
+Ihn! Ihn selbst!--Seht ihr den düstern Schein, den er von sich
+giebt? Seine Gestalt und seine Sache zusammengenommen, könnten
+Steine in Bewegung und Leidenschaft sezen--O sieh mich nicht an,
+oder dieser traurige Blik verwandelt meinen frömmern Vorsaz in Wuth--
+und macht hier Blut für Thränen fliessen.
+
+Königin.
+Mit wem redet ihr?
+
+Hamlet.
+Seht ihr denn nichts hier?
+
+(Er zeigt mit dem Finger auf den Geist.)
+
+Königin.
+Nicht das geringste; und doch seh ich alles was ist.
+
+Hamlet.
+Hört ihr auch nichts?
+
+Königin.
+Nein, nichts als uns beyde.
+
+Hamlet.
+Wie, seht nur dorthin! Seht, wie es hinweg gleitet! Mein Vater in
+seiner leibhaften Gestalt! Seht, eben izt geht es durch die Thüre
+hinaus.
+
+(Der Geist verschwinde.)
+
+Königin.
+Es ist ein blosses Gespenst euers Hirns, ein unwesentliches
+Geschöpf der schwärmenden Phantasie.
+
+Hamlet.
+Was Phantasie? Mein Puls schlägt so regelmässig als der eurige--
+Ich habe nicht in tollem Muth gesprochen; sezt mich auf die Probe;
+ich will euch alles von Wort zu Wort wieder hersagen; das kan der
+Wahnwiz nicht--Mutter, um des Himmels willen, legt diese
+schmeichlerische Salbe nicht auf eure Seele, als ob nicht euer
+Verbrechen, sondern meine Tollheit rede: Das würde nur den
+eyternden Schaden mit einer Haut überziehen, indeß das fäulende
+Gift inwendig um sich frässe und das Übel unheilbar machte.
+Beichtet eure Sünde dem Himmel; bereuet, was geschehen ist, und
+vermeidet, was noch geschehen kan--Leget keine Düngung auf Unkraut,
+um es noch üppiger zu machen. Vergebet mir diese meine Tugend;
+weil doch in dieser verdorbnen Zeit die Tugend das Laster um
+Vergebung bitten, und sich noch büken und krümmen muß, um Erlaubniß
+zu erhalten, ihm Gutes zu thun.
+
+Königin.
+O Hamlet! Du hast mir das Herz entzwey gebrochen.
+
+Hamlet.
+O werft den schadhaften Theil weg, und lebt desto gesünder mit der
+andern Hälfte. Gute Nacht; aber geht nicht in meines Oheims Bette:
+Zwingt euch zur Tugend, wenn ihr sie nicht in euerm Herzen findet.
+Die Gewohnheit, dieses Ungeheuer, welches das Gefühl aller bösen
+Fertigkeiten wegfrißt, ist doch darinn ein Engel, daß sie auch die
+Ausübung schöner und guter Handlungen erleichtert: Thut euch diese
+Nacht Gewalt an; das wird die folgende Enthaltung schon weniger
+mühsam machen; die nächstfolgende wird schon leichter seyn: Denn
+Übung im Guten kan sogar den Stempel der Natur auslöschen, ja den
+Teufel selbst überwältigen und austreiben, so sehr er sich entgegen
+sträubt. Noch einmal, gute Nacht! und wenn ihr selbst nach dem
+himmlischen Segen begierig seyd, denn will ich euch um euern Segen
+bitten--Was diesen ehrlichen Mann betrift,
+
+(er zeigt auf die Leiche des Polonius)
+
+so ist mir's leid; aber es hat nun dem Himmel so gefallen, einen
+durch den andern zu straffen, und mich zur Geisel zu machen, um sie
+zu züchtigen. Ich will für ihn sorgen, und für den Tod, den ich
+ihm gab, soll sein Geist Genugthüung von mir haben; hiemit noch
+einmal gute Nacht! Ich muß grausam seyn, um eine gute Absicht zu
+erhalten--Der Anfang ist nun gemacht, aber das Schlimmste steht
+noch bevor.
+
+Königin (in Verlegenheit.)
+Was soll ich thun?
+
+Hamlet (entrüstet und spöttisch.)
+Ja bey Leibe nichts von allem, warum ich euch gebeten habe--Euch
+von euerm strozenden König wieder in sein Bette loken, in die Baken
+zwiken, sein Mäuschen nennen lassen; um ein paar stinkende Küsse,
+oder dafür, daß er euch mit seinen verdammten Fingern am Halse
+herum krabbelt, euch den ganzen Inhalt unsrer Unterredung abtändeln
+lassen, und daß ich nicht wirklich, sondern nur verstellter Weise
+toll bin. Es wäre recht gut, wenn ihr ihn das wissen liesset.
+Denn warum sollte auch eine so schöne, kluge, tugendsame Königin
+Sachen von solcher Wichtigkeit vor einer Kröte, vor einer
+Fledermaus, vor einer Meer-Kaze geheim halten? Wer wollte das
+thun? Nein, troz der Vernunft und Verschwiegenheit! Zieht den
+Nagel aus dem Korb auf dem Dach, laßt die Vögel ausfliegen, und
+kriecht, wie der Affe in der Fabel, dafür in den Korb hinein, und
+wenn ihr euern eignen Hals darüber brechen solltet.
+
+Königin.
+Sey du versichert, wenn Worte aus Athem, und Athem aus Leben
+gemacht sind, so hab ich kein Leben, um zu athmen was du mir gesagt
+hast.
+
+Hamlet.
+Ich muß nach England, das wißt ihr doch?
+
+Königin.
+Ach ja, das hatt' ich vergessen; so ist's beschlossen worden.
+
+Hamlet.
+Die Briefe sind schon gesiegelt, und meine zween Schul-Cameraden
+(denen ich trauen will, wie ich einer Otter in meiner Hand trauen
+wollte) tragen die Instruction; sie sollen mit mir reisen, und
+meine Wegweiser in die Grube seyn, die mir gegraben ist: Wir wollen
+sehen, was daraus wird--Denn das ist eben der Spaß, wenn der
+Artillerist in seiner eignen Mine in die Luft gesprengt wird; und
+es muß hart hergehen, wenn ich nicht eine Ruthe tiefer als sie
+grabe und sie in den Mond hinein blase. O es ist ein Vergnügen,
+wenn eine List in gerader Linie auf die andre stößt!--Diesen wakern
+Mann hier will ich aufpaken--Er ist zu schwer; ich will den Wanst
+in das nächste Zimmer schleppen; gute Nacht, Mutter--In der That,
+dieser geheime Rath, der in seinem Leben ein alberner plauderhafter
+Bube war, ist nun auf einmal gesezt, gravitätisch und verschwiegen
+worden. Kommt, Sir, wir wollen euch an Ort und Stelle bringen--
+Gute Nacht, Mutter.
+
+(Hamlet geht ab, und schleppt den Polonius nach.)
+
+
+
+
+
+Vierter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Das Königliche Zimmer.)
+(Der König, die Königin, Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)
+
+
+Der König (zur Königin.)
+Diese Seufzer sind von Inhalt schwer; es ist nöthig, daß wir ihre
+Bedeutung verstehen. Wo ist euer Sohn?
+
+Königin.
+Laßt uns auf einen Augenblik allein.
+
+(zu Rosenkranz und Güldenstern welche sich entfernen.)
+
+König.
+Was ist's, Gertrude? Was macht Hamlet?
+
+Königin.
+Er ist rasender als die See und der Wind, wenn beyde kämpfen,
+welches das mächtigste sey; in einem solchen Anstoß von unbändiger
+Wuth hört er etwas hinter den Tapeten sich rühren, zieht den Degen,
+ruft, eine Maus! und ersticht in dieser Einbildung den ungesehenen
+guten alten Mann.
+
+König.
+Himmel! welch ein Unfall--So würde es (uns) gegangen seyn, wenn
+wir an des Alten Plaz gewesen wären: Seine Freyheit drohet
+allgemeine Gefahr, euch selbst und jederman. Wehe uns! Wie werden
+wir diese blutige That rechtfertigen können? Sie wird uns zur Last
+gelegt werden, weil wir die Vorsicht hätten haben sollen, diesen
+rasenden jungen Menschen eingesperrt zu halten. Aber so weit gieng
+unsre Liebe zu ihm; wir verblendeten uns selbst gegen das was die
+Klugheit erforderte, und glichen hierinn einem Menschen, der mit
+einem bösen Schaden behaftet ist, und ihn aus Furcht daß er bekannt
+werden möchte, so lange nährt, bis er das Mark seines Lebens
+weggefressen hat. Wo ist er hingegangen?
+
+Königin.
+Den Leichnam des Ermordeten wegzuschaffen, bey dem er sich so
+gebehrdet, daß man deutlich siehet, wie sein Wille keinen Theil an
+dem Werk seiner Raserey habe. Er beweint, was er gethan hat.
+
+König.
+O Gertrude, kommt mit mir; die Sonne soll nicht bälder die Gebirge
+berühren, als wir ihn von hier zu Schiffe senden wollen: Und was
+diese böse That betrift, so werden wir alles unsers Ansehens und
+unsrer Klugheit nöthig haben, um ihren Folgen vorzubauen--He!
+Güldenstern! (Rosenkranz und Güldenstern kommen zurük.) Meine
+Freunde, geht, und nehmet noch einige Leute mit euch; Hamlet hat in
+einem Anfall von Raserey den Polonius erschlagen, und ihn aus
+seiner Mutter Cabinet weggeschleppt; geht, sucht ihn auf, redet
+freundlich mit ihm, und bringt den Leichnam in die Schloß-Capelle.
+Ich bitte euch, säumt euch keinen Augenblik.
+
+(Rosenkranz und Güldenstern gehen ab.)
+
+Kommt, Gertrude, wir wollen die Klügste von unsern Freunden
+zusammenberuffen lassen, und ihnen anzeigen, sowol was wir zu thun
+vorhaben, als was Hamlet unglüklicher Weise gethan hat. Es ist nur
+allzu besorglich, daß das Gerücht diese That in kurzem durch die
+ganze Welt flüstern, und vielleicht unsern Namen durch heimliche
+Anschuldungen vergiften wird--Kommt, kommt; mein Gemüth ist voller
+Unruh und innerlichem Streit--
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Hamlet tritt auf.)
+
+Hamlet.
+Nun liegt er wo er hin gehört--
+
+(Hinter der Scene: Hamlet! Prinz Hamlet!)
+
+Hamlet.
+Was für ein Lerm? Wer ruft Hamlet? Ha, da kommen sie angestochen--
+
+(Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)
+
+Rosenkranz.
+Was habt ihr mit dem todten Körper angefangen, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Ihn dem Staub gegeben, zu dem er ein Anverwandter ist.
+
+Rosenkranz.
+Sagt uns, wo er liegt, damit wir ihn abholen und in die Capelle
+tragen können.
+
+Hamlet.
+Das bildet euch nicht ein--
+
+Rosenkranz.
+Was einbilden?
+
+Hamlet.
+Daß ich euer Geheimniß verschweigen könnte und mein eignes nicht.
+Zudem, wenn der Fräger ein Erdschwamm ist, was für eine Antwort kan
+der Sohn eines Königs geben?
+
+Rosenkranz.
+Seht ihr mich für einen Schwamm an, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Ja Herr, für einen Schwamm, der des Königs Blike, Winke und Minen
+aufsaugt; aber solche Diener thun einem König den besten Dienst
+erst am Ende; wenn er dessen bedarf, was ihr eingeschlukt habt, so
+drukt er euch aus, und ihr werdet wieder der trokne löchrichte
+Schwamm, der ihr vorher waret.
+
+Rosenkranz.
+Ich weiß nicht was ihr damit sagen wollt, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Das ist mir lieb; eine spizige Rede schläft in einem närrischen Ohr.
+
+Rosenkranz.
+Gnädiger Herr, ihr müßt uns sagen, wo der Leichnam ist, und mit uns
+zum Könige gehen.
+
+Hamlet.
+Der Leichnam ist schon beym Könige, aber der König nicht bey dem
+Leichnam. Der König ist ein Ding--
+
+
+Güldenstern.
+Ein Ding, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Von--Nichts: fährt mich zu ihm; Verstek dich, Fuchs, und alle
+hinten drein.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Der König tritt auf.)
+
+
+König.
+Ich habe Befehl gegeben, ihn zu mir führen, und den Leichnam
+aufsuchen zu lassen; wie gefährlich es ist, diesen Menschen so frey
+herumgehen zu lassen! Und doch dürfen wir ihn nicht nach der
+Strenge des Gesezes behandeln; der Pöbel, der seine Neigungen nicht
+nach seiner Vernunft, sondern nach seinen Augen abmißt; der Pöbel,
+der ihn liebt, würde in seiner Bestraffung, nicht ihr Verhältniß
+gegen sein Verbrechen, sondern nur die Härte der Straffe sehen.
+Glüklicher Weise fügt es sich, daß dieser Vorfall zu seiner
+plözlichen Verschikung einen Vorwand giebt. Gegen verzweifelt
+gewordene Schäden muß man verzweifelte Mittel gebrauchen oder gar
+keine. (Rosenkranz tritt auf.) Was giebts? Was ist vorgefallen?
+
+Rosenkranz.
+Gnädigster Herr, wir können nicht von ihm heraus bringen, wo der
+Leichnam hingekommen ist.
+
+König.
+Wo ist dann er?
+
+Rosenkranz.
+Draussen, Gnädigster Herr, mit einer Wache, euern Befehl erwartend.
+
+König.
+Führt ihn herein.
+
+Rosenkranz.
+He! Güldenstern, fährt den Prinzen herein. (Hamlet und
+Güldenstern treten auf.)
+
+König.
+Nun, Hamlet, wo ist Polonius?
+
+Hamlet.
+Beym Essen.
+
+König.
+Beym Essen? wo dann?
+
+Hamlet.
+Nicht wo (er) ißt, sondern wo er gegessen wird; eine gewisse
+Versammlung von politischen Würmern ist wirklich an ihm. Wo es
+aufs Schmausen ankommt, ist in der Welt nichts über einen Wurm.
+Wir mästen alle Creaturen damit sie uns mästen sollen, und für wen
+mästen wir uns als für Maden? Euer fetter König, und euer magrer
+Bettler sind nur verschiedne Gerichte; zwey Schüsseln auf eine
+Tafel; das ist das Ende vom Liede.
+
+König.
+O weh! o weh!
+
+Hamlet.
+Ein Mensch, kan mit dem Wurm der einen König gegessen hat, einen
+Fisch angeln, und den Fisch essen, der diesen Wurm gegessen hat.
+
+König.
+Was willst du damit sagen?
+
+Hamlet.
+Nichts, als daß ich euch zeigen will, wie es mit einem König so
+weit kommen kan, daß er eine Reise durch die Gedärme eines Bettlers
+machen muß.
+
+König.
+Wo ist Polonius?
+
+Hamlet.
+Im Himmel, schikt nur hin, und laßt nach ihm fragen. Wenn ihn euer
+Abgesandter dort nicht findt, so sucht ihn an dem andern Orte
+selbst. Aber, im Ernst zu reden, wenn ihr ihn binnen diesem Monat
+nicht findet, so werdet ihr ihn riechen, wenn ihr die Treppe in die
+Galerie hinauf geht.
+
+König.
+Geht, sucht ihn dort.
+
+Hamlet.
+Er wird euch gewiß nicht davon lauffen.
+
+König.
+Hamlet, diese deine That macht zu deiner eignen Sicherheit (für
+welche wir eben so sehr besorgt sind, als höchlich wir das was du
+gethan hast, mißbilligen) nothwendig, daß du in feuriger Eile nach
+England abgehest. Schike dich also dazu an; das Schiff liegt
+fertig, der Wind ist günstig, deine Gefährten warten, und alles
+kehrt sich schon nach England hin.
+
+Hamlet.
+Nach England?
+
+König.
+Ja, Hamlet.
+
+Hamlet.
+Gut.
+
+König.
+So ist es, wenn du unsre Absichten kennnest.
+
+Hamlet.
+Ich sehe einen Cherub, der sie sieht; aber kommt, nach England!
+Lebet wohl, liebe Mutter.
+
+König.
+Dein liebender Vater, Hamlet.
+
+Hamlet.
+Meine Mutter; Vater und Mutter ist Mann und Weib; Mann und Weib ist
+Ein Fleisch, und also seyd ihr meine Mutter--Kommt nach England!
+
+(Er geht ab.)
+
+König.
+Folgt ihm auf dem Fusse; lokt ihn mit guten Worten an Bord; keinen
+Aufschub! Ich will ihn noch in dieser Nacht fort haben. Hinweg,
+es ist alles schon fertig und gesegelt, was sonst zur Sache gehört;
+ich bitte euch, macht hurtig--
+
+(Rosenkranz und Güldenstern gehen ab.)
+
+Und, England, wenn du meine Freundschaft werth hältst, wie du in
+Ansehung meiner Macht thun solltest, da die Narben noch so rauh und
+roth aussehen, die das dänische Schwerdt dir gegraben hat: So magst
+du dich hüten, unsern Auftrag, der nichts geringere als den
+unfehlbaren Tod Hamlets zum Gegenstand hat, kaltsinnig auszuführen.
+Thu es England; Denn er raßt in meinem Blut wie ein zehrendes
+Fieber, und du must mich curieren. Bis ich weiß daß es geschehen
+ist, werde ich, so groß mein Glüks-Stand ist, keines frohen
+Augenbliks geniessen.
+
+(Er geht ab.)
+
+
+
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Ein Lager an den Grenzen von Dännemark.)
+(Fortinbras zieht mit einem Kriegs-Heer auf.)
+
+
+Fortinbras.
+Geh Hauptmann, vermelde dem dänischen Könige meinen Gruß; sag ihm,
+daß seiner Bewilligung gemäß, Fortinbras um den freyen Durchzug
+durch sein Reich ansuche; und sag ihm, wofern seine Majestät uns zu
+sehen verlange, so würden wir ihm persönlich unsre Aufwartung
+machen.
+
+Hauptmann.
+Ich werde es ausrichten, Gnädiger Herr.
+
+Fortinbras.
+Marschiert weiter--
+
+(Fortinbras geht mit der Armee wieder ab.)
+
+(Hamlet, Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)
+
+Hamlet.
+Mein guter Herr, wessen Völker sind das?
+
+Hauptmann.
+Sie sind aus Norwegen, mein Herr.
+
+Hamlet.
+Was ist ihr Vorhaben, mein Herr, wenn ich bitten darf?
+
+Hauptmann.
+Gegen einen Theil von Pohlen.
+
+Hamlet.
+Wer commandiert sie, mein Herr?
+
+Hauptmann.
+Fortinbras, des alten Norwegen Neffe.
+
+Hamlet.
+Gilt es dem ganzen Pohlen, oder ist die Frage nur von einem
+District an den Grenzen?
+
+Hauptmann.
+Wenn ich euch die runde Wahrheit sagen soll, so gehen wir um einen
+kleinen Flek Landes einzunehmen, wovon der Name das einträglichste
+ist--wenn er fünf Ducaten einträgt--Fünf? Ich möcht' es nicht
+darum in Pacht nehmen, auch würde es weder den Norwegen noch den
+Pohlen mehr abwerfen, wenn es versteigert werden sollte.
+
+Hamlet.
+Wenn das ist, so wird sich der Polak wenig bekümmern, es euch
+streitig zu machen.
+
+Hauptmann.
+Allerdings; er hat es schon mit einer starken Mannschaft besezt.
+
+Hamlet.
+Zweytausend Seelen und zwanzigtausend Ducaten werden nicht
+zureichend seyn, diesen Streit um einen Stroh-Halm auszumachen.
+Das ist das Apostem von übermässiger Grösse und Ruhe, das inwendig
+aufbricht, ohne von aussen eine Ursache zu zeigen, warum der Mann
+sterben muß. Ich danke euch, mein Herr, für eure Nachrichten.
+
+Hauptmann.
+Gott behüte euch, mein Herr.
+
+Rosenkranz.
+Gefällt's euch weiter zu gehen, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Ich will gleich wieder bey euch seyn; geht nur ein wenig voraus.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+Hamlet (allein.)
+Müssen nicht alle Gelegenheiten gegen mich auftreten, und meine
+edle Saumseligkeit beschämen? Was ist ein Mann, wenn alles was er
+mit seiner Zeit gewinnt, Essen und Schlaffen ist? Ein Thier,
+nichts bessers. O gewiß, Er, der uns mit einer Denkungs-Kraft
+erschuf, die in einem so weiten Umkreis zurük und vor sich sieht,
+gab uns dieses Vermögen, diese Gott-ähnliche Vernunft nicht, sie
+ungebraucht rosten zu lassen. Wie dann? Ist es thierische
+Unachtsamkeit, oder sind es Bedenklichkeiten; ist es eine zu genaue
+Erwegung des Ausgangs, (ein Gedanke, der, wenn er geviertheilet
+wird, nur einen Theil Weisheit und drey Viertel von einer feigen
+Memme in sich hat:) was die Ursache ist daß ich noch lebe, um von
+diesen Dingen als von solchen zu reden, die erst noch geschehen
+sollen? Da ich doch Ursache, Willen, Vermögen und Mittel habe, sie
+auszuführen--Was für ein Beyspiel! Ein so zahlreiches Heer, von
+einem zarten jungen Prinzen angeführt, dessen Geist, von göttlicher
+Ruhm-Begierde geschwellt, einem unsichtbaren Ausgang Troz bietet,
+und alles was sterblich und ungewiß ist, allem was Zufall, Gefahr
+und Tod vermögen, aussezt, und das um eine Eyer-Schaale--Das ist
+nicht ein grosses Herz, das nur durch grosse Gegenstände in
+Bewegung gesezt werden kan; auf eine edle Art die Gelegenheit zu
+Händeln in einem Stroh-Halm finden, wenn es die Ehre fodert--Das
+nenn' ich groß. Was steh' ich dann, ich, der einen ermordeten
+Vater, eine entehrte Mutter habe, (Betrachtungen, meine Vernunft
+und mein Blut zugleich aufzureizen!) was steh ich, und laß alles
+schlaffen? Indeß ich, zu meiner Schande, zusehe, wie der Tod über
+zwanzigtausend Männern herabhängt, die um einer Grille, um eines
+vermeynten Ehren-Punkts willen, so ruhig in ihr Grab wie in ihr
+Bette gehen; für ein Stükchen Boden fechten, das nicht weit genug
+zu einem Grab für die Erschlagnen wäre. O meine Seele! So seyen
+dann, von diesem Augenblik an, deine Gedanken blutig, oder höre auf
+zu denken!
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Verwandelt sich in den Palast.)
+(Die Königin, Horatio, und ein Hof-Bedienter.)
+
+
+Königin.
+Ich will sie nicht sprechen.
+
+Hofbedienter
+Sie ist ausser sich, in der That, nicht recht bey sich selbst; ihr
+Zustand verdient Mitleiden.
+
+Königin.
+Was will sie dann?
+
+Hofbedienter
+Sie spricht immer von ihrem Vater; sagt, sie höre, es gehe alles
+bunt über Ek in der Welt; ruft ach und oh, schlägt sich auf die
+Brust; stößt einen Stroh-Halm unwillig vor sich her; sagt Dinge,
+die nur einen halben Sinn haben--die an sich nichts sind, aber dem
+Hörer Anlaß zu Schlüssen geben, und mit den Winken, dem Kopf-
+Schütteln und andern Gebehrden, die sie dazu macht, zwar ihre wahre
+Meynung nicht deutlich machen, aber gerade so viel zu verstehen
+geben, daß man sie mißverstehen kan.
+
+Horatio.
+Es wäre gut, wenn man mit ihr redete, denn sie könnte in
+übelgesinnten Gemüthern seltsame Muthmassungen erweken. Laßt sie
+herein kommen--
+
+Königin (vor sich.)
+Meiner kranken Seele scheint jeder Kinder-Tand das Vorspiel irgend
+einer tragischen Begebenheit--So ist die Natur der Sünde; so
+verräth sie sich selbst durch ihre immerwährende Furcht verrathen
+zu werden. (Ophelia tritt auf.)
+
+Ophelia.
+Wo ist die schöne Majestät von Dännemark?
+
+Königin.
+Was macht ihr, Ophelia?
+
+Ophelia (singend.)
+Woran erkenn ich deinen Freund, wenn ich ihn finden thu?
+An seinem Muschel-Hut und Stab und seinem hölzern Schuh.
+
+Königin.
+Ach! das arme Mädchen! was willt du mit diesem Liede?
+
+Ophelia.
+Sagt ihr das? Nein, ich bitte euch, hört zu.
+
+(singend.)
+
+(Er ist todt, Fräulein, er ist todt und dahin,
+Ein grüner Wasen dekt sein Haupt, und seinen Leib ein Stein.)
+
+(Der König tritt auf.)
+
+Königin.
+Aber meine liebe Ophelia--
+
+Ophelia.
+Ich bitte euch, horcht auf--
+(Weiß ist dein Hemd, wie frischer Schnee.)
+
+Königin.
+O weh! Seht hieher, mein Herr.
+
+Ophelia. Mit Blumen rings umstekt;
+Sie gehn mit ihm ins Grab, benezt
+Mit treuer Liebe Thau.
+
+König.
+Wie steht's um euch, junges Fräulein?
+
+Ophelia.
+Wohl, Gott sey bey euch! Die Leute sagen, die Eule sey vorher eine
+Bekers-Tochter gewesen. Herr Gott! wir wissen was wir sind, aber
+wir wissen nicht, was wir werden können. Gott segne euch das
+Mittag-Essen!
+
+König.
+Traurigkeit über ihren Vater--
+
+Ophelia.
+Ich bitte euch, nichts mehr von dieser Materie; wenn sie euch
+fragen, was es bedeuten sollte, so sagt ihnen das:
+
+(Auf Morgen ist Sant Valentins Tag, und früh vor Sonnenschein
+Ich, Mädchen, komm ans Fenster zu dir, und will dein Valentin seyn.
+Da stuhnd er auf, und zog sich an, und ließ sie in sein Haus;
+Sie gieng als Mädchen ein zu ihm, doch nicht als Mädchen aus.)
+
+König.
+Holdselige Ophelia!
+
+Ophelia.
+In der That, und ohne einen Eid, das soll das lezte seyn:
+
+Bey Kilian und Sanct Charitas,
+Das garstige Geschlecht!
+Sie thun's sobald der Anlaß kommt;
+Beym Hahn, es ist nicht recht.
+Sie sprach: Bevor ihr mich ertappt,
+Verspracht ihr mir die Eh;
+Bey jener Sonn', ich hätt's gethan,
+Was gabst du dich umsonst?
+
+König.
+Wie lang ist sie schon in diesem Zustande?
+
+Ophelia.
+Ich hoffe, alles soll gut gehen. Wir müssen Geduld haben; und doch
+kan ich nicht anders als weinen, wenn ich denke, daß sie ihn in den
+kalten Boden hineinlegen sollen; mein Bruder soll es erfahren, und
+hiemit dank' ich euch für euern guten Rath. Kommt, wo ist meine
+Kutsche?--Gute Nacht, meine Damen; gute Nacht, schöne Damen; gute
+Nacht, gute Nacht.
+
+(Sie geht ab.)
+
+König (zu Horatio.)
+Folgt ihr, und laßt genau auf sie Acht geben, ich bitte euch--
+
+(Horatio geht ab.)
+
+Das ist der Gift eines tiefen Grams, eine Folge von ihres Vaters
+Tod. O Gertrude, Gertrude, wenn Unglük kommt, so kommt es nicht
+einzeln, wie Kundschafter, sondern Schaaren-weis. Erst der
+gewaltsame Tod ihres Vaters--Dann die Entfernung euers Sohns, die
+er sich durch jene Mordthat gerechtest zugezogen--Das Volk von
+ungesunden Muthmassungen über den Tod des guten Polonius, die von
+einem Ohr ins andre geflüstert werden, aufgebracht und zur Empörung
+bereit--Es war unvorsichtig von uns gehandelt, daß wir ihn heimlich
+bestatten liessen--Die arme Ophelia ihres schönen Verstandes
+beraubt--und was noch das schlimmste ist, so ist ihr Bruder in
+geheim aus Frankreich zurükgekommen, hält sich verborgen, zieht
+Erkundigung ein, und wird Ohrenbläser genug finden, die ihn mit
+giftigen Reden über die Ursache von seines Vaters Tod ansteken
+werden--O meine liebste Gertrude, das ist mehr als nöthig ist, mich
+das Schlimmste besorgen zu machen.
+
+(Man hört ein Getöse hinter der Scene.)
+
+Königin.
+Himmel, was für ein Getöse ist das?
+
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Ein Hof-Bedienter zu den Vorigen.)
+
+
+König.
+Wo sind meine Schweizer? Laßt sie die Thüre bewachen--Was willst
+du?
+
+Hofbedienter
+Rettet euch, Gnädigster Herr. Der über seine Ufer schwellende
+Ocean frißt nicht mit reissenderm Ungestüm die Furten und Sandbänke
+weg, als der junge Laertes, an der Spize eines aufrührischen
+Hauffens eure Wachen zu Boden wirft; das Lumpenvolk nennt ihn Lord,
+und nicht anders als ob die Welt erst izt anfienge, und Geseze,
+Gebrauch und alles was die Bande der Gesellschaft befestiget, auf
+einmal vergessen wären, ruffen sie: Machen wir den Laertes zu
+unserm König! Kappen, Hände und Zungen geben ihren Beyfall bis in
+die Wolken; alles schreyt: "Laertes soll unser König seyn, Laertes
+König."
+
+Königin. (Man hört das Getümmel näher)
+Wie sie schreyen! Mit welcher Wuth von Freude! O, das sind nur
+Rechen-Pfenninge, ihr falschen Dänischen Hunde--
+(Laertes tritt auf, mit einer Partey vor der Thüre.)
+
+König.
+Die Thüren sind erbrochen.
+
+Laertes.
+Wo ist dieser König?--Ihr Herren! Bleibt ihr alle draussen stehen.
+
+Alle.
+Nein, wir wollen auch hinein.
+
+Laertes.
+Ich bitte euch, laßt mich gewähren.
+
+Alle.
+Wir wollen, wir wollen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+Laertes.
+Ich danke euch; bewachet die Thüre. O du schändlicher König,
+schaffe mir meinen Vater her.
+
+Königin.
+Ruhiger, guter Laertes.
+
+Laertes.
+Der Tropfe Bluts, der ruhig in mir ist, ruft mich zum Bastart aus;
+nennt meinen Vater einen Hahnreyh; und brennt die Hure hier, hier
+mitten zwischen die keusche und unbeflekte Augbraunen meiner
+ehrlichen Mutter.
+
+König.
+Was ist die Ursache, Laertes, daß deine Empörung sich dieses
+Riesenmässige Ansehen giebt? Laßt ihn gehen, Gertrude; besorget
+nichts für eure Person; es ist etwas so Göttliches um einen König
+hergezäunt, daß Verrätherey zu dem was sie gerne wollte, durch die
+Vergitterung nur hineinguken kan; ohne die Kraft zu haben ihren
+Willen ins Werk zu sezen. Sagt mir, Laertes, warum seyd ihr so
+aufgebracht? Laßt ihn gehen, Gertrude--Redet, Mann!
+
+Laertes.
+Wo ist mein Vater?
+
+König.
+Todt ist er.
+
+Königin.
+Aber nicht durch seine Schuld.
+
+König.
+Laßt ihn fragen, bis er genug hat.
+
+Laertes.
+Warum ist er todt? Wie gieng es zu, daß er todt ist? Ich werde
+mich nicht durch Ausflüchte abweisen lassen! Zur Hölle, Lehens-
+Pflicht! Zum schwärzesten Teufel, du Eyd, den ich schwur!
+Gewissen und Religion selbst in den tiefsten Brunnen! Ich troze
+der Verdammniß; auf dem Punkt wo ich stehe, sind beyde Welten
+nichts in meinen Augen; laß kommen was kommt; ich will Rache haben,
+Rache für meinen Vater, volle überfliessende Rache!
+
+König.
+Wer soll euch denn aufhalten?
+
+Laertes.
+Nicht die ganze Welt; und was mein Vermögen betrift, so will ich so
+damit haushalten, daß ich mit wenigem weit kommen will.
+
+König.
+Mein lieber Laertes, wenn ihr von dem Schiksal euers Vaters gewisse
+Nachricht einziehen wollt, ist es bey euch beschlossen, daß ihr
+beydes Freund und Feind, ohne Unterschied, eurer Rache aufopfern
+wollt?
+
+Laertes.
+Niemand als seine Feinde.
+
+König.
+Wollt ihr wissen wer sie sind?
+
+Laertes.
+Seinen Freunden will ich mit ofnen Armen entgegen eilen, und sie
+gleich dem Pelican mit meinem eignen Blut erhalten.
+
+König.
+Nun, das heißt wie ein gutes Kind und wie ein Edelmann gesprochen.
+Daß ich an euers Vaters Tod unschuldig bin, und daß ich aufs
+empfindlichste dadurch betrübt worden, das soll euerm Verstand so
+klar werden, als der Tag euerm Auge ist.
+
+(Man hört hinter der Scene ein Geschrey: Laßt sie hinein.)
+
+Laertes.
+Nun, was giebt's, was für ein Lerm ist das?
+
+
+
+
+Siebende Scene.
+(Ophelia, auf eine phantastische Art mit Stroh und Blumen
+ geschmükt, tritt auf.)
+
+
+Laertes.
+O Hize, trokne mein Gehirn auf! Thränen, siebenmal gesalzen,
+brennet die Empfindung und Sehens-Kraft meiner Augen aus! Beym
+Himmel, diese Verfinsterung deiner Vernunft soll mir so vollwichtig
+bezahlt werden, bis die Wagschale an den Balken stößt--O Rose des
+Mayen! Holdes Mädchen, liebe Schwester, angenehmste Ophelia!--
+Himmel! ists möglich daß der Verstand eines jungen Mädchens so
+sterblich seyn soll, als das Leben eines alten Mannes? Die Natur
+ist in Liebe verfallen, und sendet dem geliebten Gegenstand das
+Kostbarste was sie hat zum Andenken nach.
+
+Ophelia (singend.)
+Sie senkten ihn in kalten Grund hinab,
+Und manche Thräne blieb auf seinem Grab.
+Fahr wohl, mein Täubchen!
+
+Laertes.
+Hättest du deinen Verstand, und strengtest ihn an, mich zur Rache
+zu bereden, er könnte nicht halb so viel rühren--
+
+Ophelia.
+Ihr müßt singen--Hinab, hinab--Ihr wißt ja das Lied?--Es war der
+ungetreue Hausmeister, der seines Herrn Tochter entführte--Hier ist
+Rosmarin, es ist zum Angedenken; ich bitte dich, Liebe, denk' an
+mich; und hier sind Vergiß nicht mein--Hier ist Fenchel für euch,
+und Agley--Hier ist Raute für euch,
+
+(sie theilt im Reden ihre Blumen aus.)
+
+und hier ist welche für mich. Wir könnten sie Gnaden-Kraut oder
+Sonntags-Kraut nennen; ihr dürft eure Raute wol mit einigem
+Unterschied tragen. Hier ist eine Maaß-Liebe; ich wollte euch gern
+einige Veylchen geben, aber sie verwelkten alle, da mein Vater
+starb: Sie sagen, er hab' ein schönes Ende genommen:
+
+(singend:)
+
+(Denn der Hanserl ist doch mein einziges Leben.)
+
+Laertes.
+Wer könnte bey einem solchen Anblik geduldig bleiben!
+
+Ophelia. Und kommt er dann nicht wieder zurük?
+Und kommt er dann nicht wieder zurük?
+Nein, nein, er ist todt, geh in dein Tod-Bett!
+Er kommt nicht wieder zurük.
+Sein Bart war so weiß als Schnee
+Ganz Silber-farb sein Haupt;
+Er ist weg, er ist weg, und wir seufzen umsonst;
+Friede sey mit seiner Seele!
+Und mit allen Christen-Seelen--Gott behüte euch.
+
+(Sie geht ab.)
+
+Laertes.
+Seht ihr das, ihr Götter?
+
+König.
+Laertes, laßt mich euern Schmerz theilen, oder ihr versagt mir mein
+Recht: Geht wenn ihr zweifelt, leset eure verständigsten Freunde
+aus, sie sollen Richter zwischen mir und euch seyn: Finden sie daß
+wir auf irgend eine Art, geradezu oder verdekter Weise, in diese
+Sache eingeflochten sind--so soll unser Königreich, unsre Krone,
+unser Leben, und alles was wir unser nennen, euch zur Genugthüung
+verfallen seyn. Ist es aber nicht, so leihet uns eure Geduld, und
+wir wollen gemeinschaftlich mit einander arbeiten, eure Rache zu
+befriedigen.
+
+Laertes.
+Laßt es so seyn. Die Art seines Todes, seine heimliche Bestattung,
+ohne Ehren-Zeichen, ohne einiges Gepränge, das seinem Stand gebührt
+hatte, alle Umstände ruffen so laut, als ob sie von der Erde bis in
+Himmel gehört werden wollten, daß ich sie in Untersuchung ziehen
+solle.
+
+König.
+Das thut: und wo ihr die Beleidigung findet, dahin lasset die
+Straffe fallen. Ich bitte euch, folget mir.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+
+
+Achte Scene.
+(Horatio mit einem Bedienten tritt auf.)
+
+
+Horatio.
+Wer sind diese Leute, die mit mir sprechen wollen?
+
+Bedienter.
+Matrosen, mein Herr; sie sagen, sie haben Briefe für euch.
+
+Horatio.
+Laß sie hereinkommen--Ich kan nicht begreiffen, aus welchem Theil
+der Welt ich Briefe bekommen sollte, wenn sie nicht vom Prinzen
+Hamlet sind. (Einige Matrosen treten auf.)
+
+Matrosen.
+Gott helfe euch, Herr.
+
+Horatio.
+Dir auch.
+
+Matrosen.
+Das wird er auch, wenn er will, Herr--Hier ist ein Brief an euch,
+Herr--wenn ihr euch Horatio nennt, wie man mir gesagt hat; er kommt
+von dem Abgesandten, der nach England geschikt wurde.
+
+Horatio (überließt den Brief.)
+Horatio, wenn du dieses überlesen haben wirst, so verschaffe diesen
+Leuten Gelegenheit vor den König zu kommen; sie haben Briefe an ihn.
+Eh wir noch zween Tage auf dem Meere waren, verfolgte uns ein See-
+Räuber von sehr stattlichem Ansehen. Da wir uns von ihm übersegelt
+sahen, entschlossen wir uns zur Gegenwehr, und währendem Handgemeng
+sprang ich zu ihnen an Bord--Augenbliklich liessen sie unser Schiff
+fahren, und so blieb ich ihr Gefangner. Sie haben mir begegnet,
+wie Diebe die zu leben wissen; das macht, sie wußten warum, und sie
+sollen mir's nicht umsonst gethan haben. Mache, daß der König
+seinen Brief überkommt, und suche mich dann so eilfertig auf, als
+ob du vor dem Tode lieffest. Ich habe dir Worte ins Ohr zu sagen,
+die dich taub machen werden; und doch sind sie viel zu leicht für
+ihren Inhalt. Diese guten Bursche werden dich zu mir bringen.
+Rosenkranz und Güldenstern sezen ihren Lauf nach England fort. Ich
+habe dir viel von ihnen zu erzählen. Lebe wohl. "Dein Hamlet."
+Kommt, ich will für die Bestellung eurer Briefe sorgen; und desto
+eilfertiger, damit ihr mich ohne Verzug zu demjenigen führen könnet,
+der euch geschikt hat.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+
+
+Neunte Scene.
+(Der König und Laertes treten auf.)
+
+
+König.
+Nunmehr muß dann euer Gewissen selbst meine Freysprechung sigeln,
+und ihr müsset überzeugt seyn, daß ich euer Freund bin, da ihr
+gesehen habt, daß eben derjenige, von dessen Hand euer edler Vater
+fiel, mir selbst nach dem Leben getrachtet hat.
+
+Laertes.
+Die Beweise reden. Aber erlaubet mir zu fragen, warum ihr gegen
+Übelthaten von so ungeheurer Beschaffenheit nicht gerichtlich
+procedirt habet; da doch eure eigne Sicherheit, Klugheit, und alles
+in der Welt euch rathen mußte, den Thäter zur Rechenschaft zu
+ziehen?
+
+König.
+Zwoo besondre Ursachen haben mich davon abgehalten, die in euren
+Augen vielleicht weniger Stärke haben als in den meinigen. Die
+Königin seine Mutter lebt, so zu sagen, fast von seinen Bliken, und
+ich selbst (es mag nun eine Tugend oder eine Schwachheit seyn:)
+liebe sie so zärtlich, daß ich ihren Wünschen nichts versagen kan.
+Der andre Grund ist die allgemeine Zuneigung, welche das Volk zu
+ihm trägt, und die so weit geht, daß sie seine Fehler selbst
+übergülden und seine Verbrechen zu Tugenden machen würden: so daß
+meine Pfeile, zu schwach befiedert für einen so starken Wind, auf
+mich selbst zurük gefallen, und nicht dahin gekommen wären, wohin
+ich gezielt hätte.
+
+Laertes.
+Und so muß ich einen edlen Vater verlohren haben, und eine
+Schwester zu Grund gerichtet sehen, deren Vortreflichkeit unser
+ganzes Zeitalter herausfoderte, ihres gleichen zu zeigen--Aber
+meine Rache soll nicht ausbleiben.
+
+König.
+Laßt euch das nichts von euerm Schlafe nehmen. Ihr müßt mich nicht
+für einen so phlegmatischen milchlebrichten Mann halten, der sich
+den Bart mit Gewalt ausrauffen läßt, und es für Kurzweil aufnimmt.
+Ihr sollt bald mehr hören. Ich liebte euern Vater, und liebe mich
+selbst, und dieses, hoff ich, wird euch nicht zweifeln lassen--Was
+giebts? Was Neues? (Ein Bote.)
+
+Bote.
+Briefe, Gnädigster Herr, vom Prinzen Hamlet. Diesen an Eu.
+Majestät, und diesen, an die Königin.
+
+König.
+Von Hamlet? Wer brachte sie?
+
+Bote.
+Matrosen, sagt man; ich sah sie nicht; die Briefe wurden mir von
+Claudio gegeben, der sie von ihnen empfieng.
+
+König.
+Laertes, ihr sollt sie hören--Verlaßt uns, ihr--
+
+(Der Bote geht ab.)
+
+"Durchlauchtiger und Großmächtiger! Dieses soll euch
+benachrichtigen, daß ich nakend in euer Königreich ausgesezt worden
+bin. Auf Morgen werd' ich mir die Erlaubniß ausbitten, eure
+Königliche Augen zu sehen; wo ich dann (in Hoffnung Verzeihung
+deßwegen zu erhalten) erzählen werde, was die Gelegenheit zu dieser
+schleunigen Wiederkunft gegeben hat." Was soll dieses bedeuten?
+Sind die andern auch zurükgekommen? Ist es ein Kunstgriff--oder
+ist gar nichts an der Sache?
+
+Laertes.
+Kennt ihr die Hand?
+
+König.
+Es ist Hamlets Handschrift--Nakend, und hier sagt er in einem
+Postscript, allein--Könnt ihr mir sagen, was ich davon denken soll?
+
+Laertes.
+Ich begreiffe nichts davon, Gnädigster Herr; aber laßt ihn kommen;
+mein Herz lebt wieder auf von dem Gedanken, daß ich es erleben
+werde, ihm in seine Zähne zu sagen, das thatest du--
+
+König.
+Wenn es so ist, Laertes--ob ich gleich eben so wenig begreiffe daß
+es ist, als wie es anders seyn kan--wollt ihr euch von mir weisen
+lassen?
+
+Laertes.
+Ja, nur nicht daß ich ruhig bleiben soll.
+
+König.
+Was ich vorhabe, wird dir zu deiner eignen Gemüths-Ruhe verhelfen;
+Wenn er nun wieder gekommen ist, weil ihm die Reise nicht anständig
+war, und er nicht gesinnt ist, sie von neuem zu unternehmen; so
+habe ich so eben etwas ausgedacht, das ihn unfehlbar zu seinem Fall
+befördern soll, ohne daß sein Tod den mindesten Vorwurf nach sich
+ziehen, noch seine Mutter selbst den Kunstgriff merken, sondern ihn
+dem blossen Zufall beymessen soll.
+
+Laertes.
+Ich will mich weisen lassen, und desto lieber, wenn ihr es so
+einrichten könnet, daß ich das Werkzeug bin.
+
+König.
+Das ist auch meine Meynung: Es ist seitdem ihr auf Reisen seyd, und
+zwar in Hamlets Gegenwart, oft von einer gewissen Geschiklichkeit
+gesprochen worden, worinn ihr ausserordentlich groß seyn sollt:
+Alle eure übrigen Gaben zusammengenommen, erwekten nicht so viel
+Eifersucht in ihm als diese einzige, die in meinen Augen die
+geringste unter allen ist.
+
+Laertes.
+Was kan das seyn, Gnädigster Herr?
+
+König.
+Eine blosse Feder auf dem Hute der Jugend, aber doch nöthig; denn
+die Jugend hat in der leichten und nachlässigen Liverey die sie
+trägt, nicht weniger Anstand als das gesezte Alter in seinen Pelzen
+und langen Ceremonien-Kleidern--Es sind ungefehr zween Monate, daß
+ein junger Cavalier aus der Normandie hier war; die Normänner
+werden für gute Reiter gehalten; wie ich selbst gesehen habe, da
+ich ehmals gegen die Franzosen diente; aber bey diesem jungen
+Menschen dachte man, daß es nicht natürlich zugehe; er schien mit
+seinem Pferd zusammengewachsen, und wie ein Centaur, halb Mensch
+und halb Pferd zu seyn, so bewundernswürdig hatte er sich zum
+Meister desselben gemacht. Er übertraf alles, was man sich davon
+einbilden kan.
+
+Laertes.
+Es war ein Normann?
+
+König.
+Ein Normann.
+
+Laertes.
+So soll's mein Leben gelten, wenn es nicht Lamond war.
+
+König.
+Der war's.
+
+Laertes.
+Ich kenne ihn wohl; er ist in der That der Ausbund und die Zierde
+der ganzen Nation.
+
+König.
+Dieser erzehlte uns von euch, und legte euch eine so bewunderns-
+würdige Geschiklichkeit in der Vertheidigungs-Kunst, besonders mit
+dem Rappier, bey, daß er behauptete, es würde ein Wunder seyn, wenn
+sich jemand finden sollte, der es mit euch aufnehmen dürfte. Er
+schwur die besten Fechter seiner Nation hätten weder Behendigkeit,
+Auge noch Kunst, so bald sie es mit euch zu thun hätten--Mein Herr,
+diese Erzählung vergiftete den Hamlet mit solchem Neid, daß er den
+ganzen Tag nichts anders that als wünschen und beten, daß ihr bald
+zurük kommen möchtet, um mit ihm zu fechten. Nun aus diesem--
+
+Laertes.
+Was wollt ihr aus diesem machen, Gnädigster Herr?
+
+König.
+Laertes, war euch euer Vater lieb? Oder seyd ihr nur ein Gemählde
+von einem Traurenden, ein Gesicht ohne Herz?
+
+Laertes.
+Warum diese Fragen?
+
+König.
+Nicht als ob ich denke, ihr liebtet euern Vater nicht, sondern weil
+ich weiß, daß die Liebe, wie alles andre, der Gewalt der Zeit
+unterworfen ist, daß sie in ihrer Flamme selbst eine Art von Dacht
+oder Wike hat, wovon sie endlich geschwächt und verdunkelt wird,
+und kurz, daß sie, wenn sie zu ihrer Stärke angewachsen ist, an
+ihrer eignen Vollblütigkeit sterben muß. Was wir thun wollen,
+sollten wir sogleich thun, wann wir es wollen; denn dieses Wollen
+ist veränderlich, und hat so viele Abfälle und Hindernisse als es
+Zungen, Hände und Umstände giebt, welche uns, wenn die Gelegenheit
+einmal versäumt ist, die Ausführung vielleicht so schwer machen,
+daß wir auch den Willen verliehren, so vielen Schwierigkeiten troz
+zu bieten. Doch, um das Geschwür aufzustechen--Hamlet kommt zurük;
+was wäret ihr fähig zu unternehmen, um mehr durch Thaten als Worte
+zu zeigen, daß ihr euers Vaters Sohn seyd?
+
+Laertes.
+Ihm die Gurgel in der Kirche abzuschneiden.
+
+König.
+In der That sollte kein Plaz einen Mörder schüzen, noch der Rache
+Grenzen sezen; aber mein guter Laertes, wollt ihr das thun?
+Schließt euch in euer Zimmer ein. Hamlet soll bey seiner
+Wiederkunft hören, daß ihr nach Hause gekommen seyd: Wir wollen ihm
+Leute zuschiken, welche ein so grosses Lob von eurer
+Geschiklichkeit im Fechten machen, und so viel und so lange davon
+reden sollen, biß er es auf eine Wette ankommen lassen wird. Da er
+selbst edelmüthig, zuversichtlich, und von allen Kunstgriffen fern
+ist, wird er nicht daran denken, die Rappiere genau zu besehen, so
+daß ihr leicht durch ein bißchen Taschenspielerey einen Degen ohne
+Knopf mit euerm Rappier verwechseln, und durch einen geschikten
+Stoß euern Vater rächen könnt.
+
+Laertes.
+Ich will es thun, und zu diesem Gebrauch meinen Degen mit einem
+Saft beschmieren, den ich von einem Marktschreyer gekauft habe; der
+so tödtlich ist, daß wenn man ein Messer nur darein taucht, keine
+Salbe, und wenn sie aus den heilsamsten Kräutern die unter dem Mond
+sind, gezogen wäre, denjenigen vom Tod erretten kan, der nur damit
+gerizt wird; mit diesem Gift will ich die Spize meines Degens nezen,
+damit auch die leichteste Wunde, die ich ihm beybringe, Tod sey.
+
+König.
+Wir wollen diese Sache besser überlegen; Zeit und Umstände müssen
+abgewogen werden; und auf den Fall, daß uns dieser Anschlag in der
+Ausführung mißlingen sollte, müssen wir einen andern zum
+Rükenhalter haben. Sachte--Laßt sehen--Es soll eine feyrliche
+Wette über eure Geschiklichkeit angestellt werden--Nun hab' ichs--
+wenn ihr euch unterm Kampf erhizt habt, und er zu trinken begehrt,
+will ich einen Becher für ihn bereit halten; wovon er nur schlürfen
+darf, um unsre Absicht zu erfüllen, wofern er euerm Rappier entgeht.
+
+
+
+
+Zehnte Scene.
+(Die Königin zu den Vorigen.)
+
+
+König.
+Was giebt's, meine liebste Königin?
+
+Königin.
+Ein Unglük tritt dem andern auf die Fersen, so schnell folgen sie
+auf einander: Eure Schwester ist ertrunken, Laertes.
+
+Laertes.
+Ertrunken? Oh, wo?
+
+Königin.
+Es ist eine gewisse Weide, am Abhang eines Wald-Stroms gewachsen,
+die ihr behaartes Laub in dem gläsernen Strom besieht. Hieher kam
+sie mit phantastischen Kränzen von Hahnen-Füssen, Nesseln, Gänse-
+Blümchen und diesen langen rothen Blumen, denen unsre ehrlichen
+Schäfer einen natürlichen Namen geben, unsre kalten Mädchens aber
+nennen sie Todten-Finger; wie sie nun an diesem Baum hinankletterte,
+um ihre Grasblumen-Kränze an die herabhängende Zweige zu hängen,
+glitschte der Boden mit ihr, und sie fiel mit ihren Kränzen in der
+Hand ins Wasser; ihre weitausgebreiteten Kleider hielten sie eine
+Zeit lang wie eine Wasser-Nymphe empor; und so lange das währte,
+sang sie abgebrochene Stüke aus alten Balladen, als eine die keine
+Empfindung ihres Unglüks hatte, oder als ob sie in diesem Element
+gebohren wäre; aber länger konnte es nicht seyn, als bis ihre
+Kleider so viel Wasser geschlukt hatten, daß sie durch ihre Schwere
+die arme Unglükliche von ihrem Schwanen-Gesang in einen nassen Tod
+hinabzogen.
+
+Laertes.
+O Gott! So ist sie ertrunken!
+
+Königin.
+Es ist allzuwahr.
+
+Laertes.
+--Lebet wohl, mein Gebieter--meine weibische Thränen erstiken eine
+Rede von Feuer, welche eben auflodern wollte--
+
+(Er geht ab.)
+
+König.
+Kommt mit mir, Gertrude--Wie viel hatte ich zu thun, seine Wuth zu
+besänftigen! Nun besorg ich, dieser Umstand wird sie von neuem
+anflammen--Wir wollen ihm folgen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Ein Kirch-Hof.)
+(Zween Todtengräber mit Grabscheitern und Spaten treten auf.)
+
+
+1. Todtengräber.
+Kan sie denn in ein Christliches Begräbniß gelegt werden, wenn sie
+eigenmächtig ihre (Salvation) gesucht hat?
+
+2. Todtengräber.
+Ich sage dir's ja, sie kan; mach also ihr Grab unverzüglich; die
+Obrigkeit hat es durch einen Commissarius und Geschworne
+untersuchen lassen, und gefunden, daß sie wie andre Christen
+begraben werden soll.
+
+1. Todtengräber.
+Das kan nicht seyn, sie müßte sich denn zu ihrer
+Selbstvertheidigung ertränkt haben?
+
+2. Todtengräber.
+So hat sich's eben befunden.
+
+1. Todtengräber.
+Es muß (se offendendo) geschehen seyn, anders ist's nicht möglich.
+Denn da stekt der Knoten: Wenn ich mich selbst wissentlich ertränke,
+so zeigt das einen (Actum) an; ein (Actus) aber hat drey Zweige:
+Beginnen, thun und vollbringen; (ergel), ersäufte sie sich selbst
+wissentlich.
+
+2. Todtengräber.
+Nein, hört mich nur an, Gevatter--
+
+1. Todtengräber.
+Mit Erlaubniß; seht einmal, hier liegt das Wasser, gut; hier steht
+der Mann, gut: Wenn nun der Mann zu diesem Wasser geht und ertränkt
+sich, so muß er eben, woll' er oder woll' er nicht, dran glauben;
+gebt wol Acht auf das: Aber wenn das Wasser zu ihm kommt und
+ertränkt ihn, so ertränkt er sich nicht selbst; (ergel), hat der,
+der keine Schuld an seinem eignen Tode hat, sich das Leben nicht
+selbst abgekürzt.
+
+2. Todtengräber.
+Aber sagt das Gesez das?
+
+1. Todtengräber.
+Sapperment, ja wohl, sagt es: Das müssen ja die Geschwornen
+verstehen, die es untersucht haben--
+
+2. Todtengräber.
+Willt du wissen, wo der Hase im Pfeffer liegt? Wenn sie kein
+Gnädiges Fräulein gewesen wäre, sie würde gewiß ihre Lebtage in
+kein Christliches Grab gekommen seyn.
+
+1. Todtengräber.
+Wie, du magst mir wol recht haben. Aber desto schlimmer, daß die
+vornehmen Leute in der Welt mehr Recht haben sollen, sich zu hängen
+oder zu ersäuffen als ihre Neben-Christen! Komm, meine Spate, her!
+es sind doch keine ältere Edelleute als Gärtner, und Todten-Gräber;
+sie haben ihre Profession von Adam her.
+
+2. Todtengräber.
+War der ein Edelmann?
+
+1. Todtengräber.
+Der erste, der jemals armirt gewesen ist.
+
+2. Todtengräber.
+Wie so, das?
+
+1. Todtengräber.
+Wie, bist du denn ein Heid? Verstehst du die Schrift nicht? Die
+Schrift sagt, Adam habe gegraben: Hätt' er graben können, wenn er
+keine Arme gehabt hätte? Ich will dir noch eine Frage vorlegen;
+wenn du mir die rechte Antwort darauf giebst, so bekenne--
+
+2. Todtengräber.
+Was ist's dann?
+
+1. Todtengräber.
+Wer ist der, der stärker baut als Maurer und Zimmermann?
+
+2. Todtengräber.
+Das ist der Galgen-Macher; denn dessen sein Gebäu überlebt tausend
+Innhaber.
+
+1. Todtengräber.
+Dein Einfall gefällt mir nicht übel, in der That; der Galgen schikt
+sich wol: Aber wie schikt er sich wol? Er schikt sich wol für
+diejenigen die Übels thun; nun thust du übel zu sagen, der Galgen
+sey stärker gebaut als die Kirche; (ergel), mag sich der Galgen wol
+für dich schiken. Zur Sache, komm.
+
+2. Todtengräber.
+Wer stärker baue als Maurer und Zimmermann?
+
+1. Todtengräber.
+Ja, wenn du mir das sagen kanst, so will ich dich gelten lassen.
+
+2. Todtengräber.
+Beym Element, nun kan ich dir's sagen.
+
+1. Todtengräber.
+Nun, so sage--
+
+2. Todtengräber.
+Nein, Sakerlot, ich kan nicht. (Hamlet und Horatio treten in
+einiger Entfernung von den Todtengräbern auf.)
+
+1. Todtengräber.
+Gieb's lieber auf, dein Esel wird doch nicht schneller gehen, du
+magst ihn schlagen wie du willt; und wenn dich einer einmal wieder
+fragt, so sage, der Todtengräber. Denn die Häuser, die er macht,
+dauren bis zum jüngsten Tag: Geh einmal zum rothen Roß, und hol mir
+ein Glas Brandtwein.
+
+(Der 2te Todtengräber geht ab.)
+
+(Der erste Todtengräber gräbt und singt ein Liedchen dazu.)
+
+Hamlet.
+Hat dieser Bursche kein Gefühl von seinem Geschäfte, daß er zum
+Grabmachen singen kan?
+
+Horatio.
+Die Gewohnheit hat ihn so verhärtet, daß er bey einer solchen
+Arbeit gutes Muths seyn kan.
+
+Hamlet. (Indem der Todtengräber immer singend einen Schedel aufgräbt.)
+
+Dieser Schedel hatte einst eine Zunge, und konnte singen--wie ihn
+der Schurke in den Boden hinein schlägt, als ob es Cains des ersten
+Mörders Kinnbaken wäre! und doch war der Schedel mit dem dieser
+Esel izt so übermüthig zu Werke geht, vielleicht der Hirnkasten
+eines Staatsmanns, eines von diesen Herren, die unserm Herrn Gott
+selbst einen Nebel vormachen möchten; nicht so?
+
+Horatio.
+Es ist möglich, Gnädiger Herr--
+
+Hamlet.
+Oder eines Höflings, der sagen konnte: Guten Morgen, mein liebster
+Lord; wie befindet sich Euer Herrlichkeit? Es kan Milord der und
+der gewesen seyn, der Milord dessen seinem Pferd eine Lobrede
+halten konnte, wenn er's ihm gerne abgebettelt hätte; nicht so?
+
+Horatio.
+Ja, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Nicht anders; und nun ist Milady Wurm von allen ihren Anbetern
+verlassen, und muß sich von eines Todtengräbers Spate aus dem Boden
+herausschlagen lassen. Hier ist eine hübsche Revolution, wenn wir
+den Verstand hätten sie zu sehen--Hier ist ein andrer: Kan das
+nicht der Schedel eines Rechtsgelehrten gewesen seyn? Wo sind nun
+seine Quidditäten und Qualitäten? Seine (Casus?) Seine Tituls?
+Seine Ränke? Warum leidet er, daß ihn dieser grobe Geselle mit
+seiner kothigen Schaufel aus seiner Retirade herausklopfen darf,
+ohne eine Action gegen ihn anzustellen?--* Ich muß mit diesem
+Burschen reden. Wessen Grab ist das, Bursche?
+
+{ed.-* Hamlet sezt im Original diese kühlen Betrachtungen noch länger
+fort, indem er sich vorstellt, daß es der Schädel eines reichen
+Landsässen gewesen sey; man hat es aber unmöglich gefunden, diese
+Stelle, deren gröster Nachdruk in etlichen Wortspielen besteht, zu
+übersezen; und man würde diese ganze Scene eben sogern ausgelassen
+haben, wenn man dem Leser nicht eine Idee von der berüchtigten
+Todtengräber-Scene hätte geben wollen.}
+
+Todtengräber.
+Meines, Herr--
+
+(er fängt wieder an zu singen.)
+
+Hamlet.
+Ich denk' es ist dein, denn du lügst darinn.
+
+Todtengräber.
+Und ihr lügt daraus, Herr, und also ist es nicht euers--
+
+(Hier folgen noch etliche elende Reden, wovon das sinnreiche in dem
+Wortspiel mit lie, welches Liegen und Lügen bedeutet, liegt.)
+
+Hamlet.
+Ich frage, wie der Mann heißt, für den du das Grab machst?
+
+Todtengräber.
+Ich mach es für keinen Mann, Herr.
+
+Hamlet.
+Für was für eine Frau dann?
+
+Todtengräber.
+Auch für keine Frau.
+
+Hamlet.
+Wer soll dann darinn begraben werden?
+
+Todtengräber.
+Eine die in ihrem Leben ein Weibsbild war, aber, Gott tröst ihre
+Seele! nun ist sie todt.
+
+Hamlet.
+Was für ein determinierter Schurke das ist! In was für einer
+Sprache müssen wir mit ihm reden, daß er uns nicht mit
+Zweydeutigkeiten stumm mache? Bey Gott, Horatio, ich habe diese
+drey Jahre her beobachtet, daß die Welt so spizfündig worden ist,
+daß der Bauer seinen plumpen Wiz eben so hoch springen und so
+seltsame Gambaden machen läßt, als der wizigste von unsern
+Hofschranzen--Wie lange bist du schon ein Todtengräber?
+
+Todtengräber.
+Unter allen Tagen im Jahr kam ich an dem Tag dazu, da unser
+verstorbner König Hamlet über den Fortinbras Meister wurde.
+
+Hamlet.
+Wie lang ist das?
+
+Todtengräber.
+Könnt ihr das nicht sagen? Das kan ein jeder Narr sagen: Es war
+auf den nemlichen Tag, da der junge Hamlet auf die Welt kam, der
+närrisch wurde, und nach England geschikt worden ist.
+
+Hamlet.
+Was, zum Henker! und warum wurde er nach England geschikt?
+
+Todtengräber.
+Warum? weil er närrisch worden ist; er soll dort seine fünf Sinnen
+wieder kriegen; oder wenn er sie nicht wieder kriegt, so hat es
+dort nicht viel zu bedeuten.
+
+Hamlet.
+Warum das?
+
+Todtengräber.
+Man wird es nicht an ihm gewahr werden; denn dort sind die Leute
+eben so närrisch als er.
+
+Hamlet.
+Wie wurde er dann närrisch?
+
+Todtengräber.
+Auf eine gar seltsame Art, sagt man.
+
+Hamlet.
+Wie so, seltsam?
+
+Todtengräber.
+Sapperment, er wurde eben ein Narr, weil er seinen Verstand verlohr.
+
+Hamlet.
+Aus was für einem Grund?
+
+Todtengräber.
+Wie, hier, in Dännemark. Ich bin hier Todtengräber gewesen, von
+meinen jungen Jahren an bis izt, diese dreissig Jahre.
+
+Hamlet.
+Wie lange kan wol ein Mensch in der Erde liegen, bis er verfault?
+
+Todtengräber.
+Wenn er nicht schon faul ist, eh er stirbt (wie wir denn heut zu
+Tag manche Leichen haben, die kaum so lange halten, bis sie unterm
+Boden sind) so kan er euch acht bis neun Jahre dauren; ein Loh-
+Gerber dauert euch seine neun Jahre.
+
+Hamlet.
+Warum ein Loh-Gerber länger als andre Leute?
+
+Todtengräber.
+Warum, Herr? weil seine Haut von seiner Profession so gegerbt ist,
+daß sie das Wasser länger aushält. Denn es ist nichts das einem
+todten Körper eher den Garaus macht als Wasser. Hier ist ein
+Schedel, der nun bereits drey und zwanzig Jahre im Boden liegt.
+
+Hamlet.
+Wessen war er?
+
+Todtengräber.
+Es war ein vertrakter Bursche, dem er gehörte; wer denkt ihr daß es
+war?
+
+Hamlet.
+Ich weiß es nicht.
+
+Todtengräber.
+Daß die Pestilenz den Schurken! Er goß mir einmal eine Flasche mit
+Rheinwein über den Kopf. Dieser nemliche Schedel, Herr, war Yoriks
+Schedel, des Königlichen Hofnarrens.
+
+Hamlet.
+Dieser?
+
+Todtengräber.
+Dieser nemliche.
+
+Hamlet.
+Ach der arme Yorik. Ich kannte ihn, Horatio, es war der
+kurzweiligste Kerl von der Welt; von einer unvergleichlichen
+Einbildungs-Kraft: Er hat mich viel hundertmal auf seinem Rüken
+getragen: Und nun, was für ein grausenhafter Anblik! Mein Magen
+kehrt sich davon um. Hier hiengen diese Lippen, die ich wer weiß
+wie oft küßte. Wo sind nun deine Scherze? Deine Sprünge? Deine
+Liedchen? Wo sind die schnakischen Einfälle, welche die Tafel mit
+brüllendem Gelächter zu erschüttern pflegten? Ist dir nicht ein
+einziger übrig geblieben, um über dein eignes Grinsen zu spotten?
+Nun geh mir einer in Mylady's Schlaf-Zimmer, und sag ihr; und wenn
+sie sich einen Daumen dik übermahle, so müß' es doch zulezt (dazu)
+mit ihr kommen--Ich bitte dich, Horatio, antworte mir nur auf Eine
+Frage--
+
+Horatio.
+Was ist es, Gnädiger Herr?
+
+Hamlet.
+Denkst du, Alexander habe auch so im Boden ausgesehen?
+
+Horatio.
+Eben so.
+
+Hamlet.
+Und so gerochen? Fy!
+
+(Er riecht an dem Schedel.)
+
+Horatio.
+Ja, Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Zu was für einer unedeln Bestimmung können wir endlich herabsinken,
+Horatio! Können wir nicht in unsrer Einbildung Alexanders edlem
+Staube folgen, bis wir ihn an einem Ort finden, wo er ein Spund-
+Loch stoppt?
+
+Horatio.
+Eine solche Betrachtung wäre gar zu spizfündig.
+
+Hamlet.
+Nein, gar nicht, im geringsten nicht: Die Betrachtung ist ganz
+natürlich: Alexander starb, Alexander wurde begraben, Alexander
+wurde zu Staub; der Staub ist Erde; aus der Erde machen wir Laim;
+und konnte mit diesem Laim, worein er verwandelt wurde, nicht eine
+Bier-Tonne gestoppt werden? Und so kan der Welt-Bezwinger Cäsar
+eine Spalte in einer Mauer gegen den Wind gestoppt haben. Aber
+sachte! Sachte eine Weile--da kommt der König--
+
+
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Der König, die Königin, Laertes, und ein Sarg mit einem Trauer-
+ Gefolge von Hofleuten, Priestern, u.s.w.)
+
+
+Hamlet.
+Die Königin--ein Gefolge von Hofleuten--Was ist das, was sie
+begleiten? und warum mit so wenig Ceremonien? Das zeigt, daß die
+Leiche, so sie begleiten von jemand ist, der gewaltthätige Hand an
+sich selbst gelegt hat--Es muß eine Person von Stande gewesen seyn--
+wir wollen uns ein wenig entfernt halten und acht geben.
+
+Laertes.
+Die übrigen Ceremonien?
+
+Hamlet.
+Das ist Laertes, ein sehr edler junger Mann: gieb acht--
+
+Laertes.
+Die übrigen Ceremonien?
+
+Priester.
+Ihre Obsequien sind so weit ausgedehnt worden, als wir ermächtigst
+sind; ihr Tod war zweifelhaft; und hätte der Königliche Befehl die
+Ordnung nicht übermocht, so sollte sie in einem ungeweihten Boden
+bis zum Schall der lezten Trompete ihr Lager gehabt haben; statt
+mildherziger Fürbitten sollten Scherben, und Kieselsteine auf sie
+geworfen worden seyn; nun wird sie mit jungfräulichen Ehrenzeichen,
+unter Gesang und Gloken-Geläut bestattet.
+
+Laertes.
+Und ist das alles was gethan werden soll?
+
+Priester.
+Es ist alles was gethan werden kan; es würde Entheiligung seyn, ihr
+ein (requiem) zu singen und ihr die lezte Ehre die nur Seelen die
+im Frieden abgeschieden sind, gebührt, zu erstatten.
+
+Laertes.
+Legt sie in die Erde; und aus ihrem schönen und unbeflekten Fleisch
+mögen Violen hervorkeimen! Ich sage dir, hartherziger Priester,
+meine Schwester wird ein Engel des himmlischen Thrones seyn, wenn
+du heulend im Abgrund liegst.
+
+Hamlet.
+Wie? die schöne Ophelia?
+
+Königin.
+Das lezte lebe wohl, angenehme Schöne! Ich hoffte, du solltest
+meines Hamlets Weib werden; ich dachte einst dein Braut-Bette zu
+deken, holdes Mädchen, nicht dein Grab mit Blumen zu bestreuen.
+
+Laertes.
+O dreyfaches Weh falle zehnfältig dreymal über das verfluchte Haupt,
+dessen gottlose That dich deiner schönen Vernunft beraubte.
+Haltet noch ein, bis ich sie noch einmal in meine Arme geschlossen
+habe.
+
+(Er springt in das Grab.)
+
+Nun werft euern Staub über den Lebenden und Todten, bis ihr aus
+dieser Ebne ein Gebürge gemacht habt, das den alten Pelion und den
+Himmelberührenden Olimpus übergipfle.
+
+Hamlet, (der sich zu erkennen giebt.)
+Wer ist der, dessen Schmerz sich so emphatisch ausdrukt? Dessen
+Trauer-Töne die irrenden Sterne beschwören und sie zwingen, von
+Erstaunen gefesselt, stille zu stehn und zu horchen? Der bin ich,
+Hamlet, der Dähne.
+
+(Er springt in das Grab.)
+
+Laertes.
+Der Teufel hole deine Seele!
+
+(Er ringt mit ihm.)
+
+Hamlet.
+Du betest nicht schön. Ich bitte dich, deine Finger von meiner
+Gurgel weg!--Wenn ich gleich nicht splenetisch und jähzornig bin,
+so hab ich doch etwas gefährliches in mir, wovor du dich hüten
+magst, wenn du klug bist. Deine Hand zurük.
+
+König.
+Reißt sie von einander--
+
+Königin.
+Hamlet, Hamlet--
+
+Horatio.
+Mein gnädigster Prinz, halltet euch zurük--
+
+(Die Umstehenden machen sie von einander loß.)
+
+Hamlet.
+Was, ich will über diese Materie mit ihm fechten, bis meine
+Auglider nicht länger niken können.
+
+Königin.
+O mein Sohn! was für eine Materie?
+
+Hamlet.
+Ich liebte Ophelien; vierzigtausend Brüder könnten mit aller ihrer
+Liebe zusammen genommen die Summe der meinigen nicht aufbringen.
+Was willt du für sie thun?
+
+König.
+O er ist rasend, Laertes--
+
+Königin.
+Um Gottes willen, habt Geduld mit ihm.
+
+Hamlet.
+Komm, zeig mir, was du thun willt. Willt du weinen? Willt du
+fechten? Willt du fasten? Dich selbst zerfezen? Willt du Wein-
+Essig trinken, ein Crocodil verschlingen? Ich will es thun--Kamst
+du nur hieher, zu weinen? Vor meinen Augen in ihr Grab zu
+springen? Laß dich lebendig mit ihr begraben; ich will es auch;
+und wenn du von Bergen schwazest, so laß sie Millionen Jaucharten
+auf uns werfen, bis die auf uns liegende Erde, den Ossa zu einem
+Maulwurfs-Hauffen macht! Wahrhaftig! Wenn du großsprechen willt,
+so kan ich das Maul so voll nehmen wie du.
+
+Königin.
+Er spricht in tollem Muth, und so wird der Paroxismus eine Weile
+auf ihn würken; aber auf einmal wird, so geduldig als die weibliche
+Daube, eh ihre goldbehaarten Jungen ausgekrochen sind, sein
+Stillschweigen brütend sizen.
+
+Hamlet.
+Hört ihr, Herr--was ist die Ursache, daß ihr mir so begegnet? Ich
+liebte euch allezeit: Aber es hat nichts zu sagen. Laßt den
+Hercules selbst thun was er kan, die Kaze muß mauen und der Hund
+seinen Lauf haben--
+
+(Er geht ab.)
+
+König.
+Ich bitte euch, guter Horatio, habet acht auf ihn.
+
+(Horatio geht ab.) (zu Laertes.)
+
+Stärket eure Geduld durch unsre lezte Abrede. Wir wollen uns
+nicht länger säumen, die Hand an die Ausführung zu legen--Liebe
+Gertrude, gebet eurem Sohn einige Hüter zu--Dieses Grab soll ein
+würdiges Denkmal bekommen--Und nun wollen wir unsrer Ruhe eine
+Stunde schenken.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Verwandelt sich in eine Halle im Palast.)
+(Hamlet und Horatio treten auf.)
+
+(Hamlet erzehlt seinem Vertrauten,auf was Weise er den Inhalt der
+ königlichen Commission, womitRosenkranz und Güldenstern beladen
+ waren, entdekt und vereitelthabe. Da diese ganze Scene nur zur
+ Benachrichtigung der Zuhörerdient, so wären zwey Worte hinlänglich
+ gewesen, ihnen zu sagen wassie ohnehin leicht erraten könnten.
+ Hamlet hatte Ursache einMißtrauen in die Absichten des Königs bey
+ seiner Versendung nachEngland zu sezen. Er schlich sich also
+ während daß die beydenGesandten schliefen, in ihre Cajute, fingerte
+ ihr Pakett weg, zogsich damit in sein eigenes Zimmer zurük, erbrach
+ das königlicheSigel und fand einen gemeßnen Befehl an den
+ Englischen König,vermöge dessen dem Hamlet sobald er angelangt seyn
+ würde, der Kopfabgeschlagen werden sollte--Er stekte dieses Papier
+ zu sich, undsezte sich hin, eine andre Commission zu schreiben,
+ worinn derKönig aufs ernstlichste beschwohren wurde, so lieb ihm
+ dieFreundschaft Dännemarks (von welchem England damals abhängig
+ war)sey, die Überbringer dieses Schreibens unverzüglich aus dem
+ Wegeräumen zu lassen. Zu gutem Glüke hatte er seines Vater Signet
+ inder Tasche; und zu noch grösserm Glük war es dem grossen
+ dähnischenSigel vollkommen gleich; er faltete also dieses Schreiben
+ eben sowie das erste, unterschrieb und sigelte es, und legte es
+ sogeschikt an die Stelle des andern, daß Rosenkranz und
+ Güldensterndie Verwechslung nicht gewahr wurden, und also bey ihrer
+ Ankunft inEngland wie Bellerophon, ihr eigenes Todesurtheil
+ überlieferten.Horatio findet hiebey bedenklich, daß dieser
+ mißlungene Ausgang desKöniglichen Bubenstüks nicht lange verborgen
+ bleiben könne. Hamletberuhigst sich hierüber daß doch die Zwischen-
+ Zeit sein sey, undnicht mehr als ein Augenblik erfordert werde, dem
+ Leben einesMenschen ein Ende zu machen. Indessen bedaurt er, daß
+ er sichdurch den Affect habe hinreissen lassen, den Laertes zu
+ beleidigen,und nimmt sich vor, daß er sich bemühen wolle, seine
+ Freundschaftwieder zu erlangen.)*
+
+{ed.-* Man kan hieraus schliessen, daß HamletAbsichten gegen den
+König gehabt habe; es war aber doch nichtsbestimmtes, kein Entwurf,
+wobey er sich seiner eignen Sicherheitund eines glüklichen Ausgangs
+hätte versichert halten können--Hamlet soll und will seinen Vater
+rächen--Dieser Wille beherrschtihn vom ersten Actus des Stüks bis
+zum Ende, ohne daß er jemalsselbst weiß, oder nur daran denkt wie
+er dabey zu Werke gehen wolle--Allein wir haben längst gesehen, daß
+die Anlegung der Fabel, dieVerwiklung und die Entwiklung derselben
+gerade die Stüke sind,worinn unser Poet schwerlich jemand unter
+sich hat. Indessengefällt doch dem Englischen Parterre kein Stük
+ihres Shakespearsmehr als dieses. Man sollte sagen, es
+simpathisiere mit ihnen.Der Humor des Hamlet (Denn das was ihn in
+dem ganzen Lauf des Stüksbeherrscht, ist viel weniger Leidenschaft
+als Laune,) diese kalte,raisonnirende oder richtiger zu reden,
+phantasirende Melancholie,die nur dann und wann in plözliche und
+eben so schnell wiedersinkende Wind-Stösse von Leidenschaft
+ausbricht, dieseGleichgültigkeit gegen sein eigens Leben, welche
+das grosseVorhaben der Rache, wovon seine Seele geschwellt ist,
+demungefehren Zufall überlaßt, und es nicht der Mühe werth hält
+einenPlan anzulegen oder Präcautionen zu nehmen, um nicht selbst in
+denFall seines Feindes verwikelt zu werden--Alles dieses sind Züge,
+worinn Engländer ihr eignes Bild zu sehr erkennen, um nicht
+weitstärker davon interessiert zu werden, als durch die
+idealischenCharakters und die starken soutenierten Leidenschaften
+der Heldendes Corneille. Shakespears Helden, zumal seine Lieblings-
+Helden,sind alle (Humoristen), und vermuthlich ist dieses eine
+Haupt-Ursache, warum ungeachtet Sprache, Sitten und Geschmak sich
+seitseiner Zeit so sehr verändert haben, dieser Autor doch für
+seineLandsleute immer neu bleibt, und etwas weit anzügelichers für
+siehat, als alle die neuern, welche nach französischen
+Modellengearbeitet haben.}
+
+
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Oßrik des Königs Hofnarr, kommt dem Hamlet zu melden, der König
+ habe eine Wette mit Laertes angestellt, daß ihm Hamlet im Fechten
+ überlegen sey. Diese Scene ist mit der unübersezlichen Art von Wiz,
+ Wortspielen und Fopperey angefüllt, worinn unser Autor seine
+ damaligen Rivalen eben so weit als an Genie und an wahren
+ Schönheiten hinter sich ließ. Nach einem langen Ball-Spiel mit Wiz,
+ unter welchen einige Satyrische Züge gegen die gezwungene und)
+ precieuse(Hof-Sprache der damaligen Zeit mit einlauffen, fertigt
+ Hamlet den Narren mit der Antwort an den König ab, daß er auf der
+ Stelle bereit sey, den Wett-Kampf mit Laertes zu unternehmen. Bald
+ darauf tritt ein Herr vom Hofe auf, und kündigt an, daß der König,
+ die Königin, und der ganze Hof im Begriff seyen zu kommen und dem
+ Wett-Kampf beyzuwohnen. Er sezt hinzu: Die Königin ersuche den
+ Prinzen, vor Anfang des Gefechts sich eine Weile mit Laertes auf
+ einen freundschaftlichen Fuß zu unterhalten. Hamlet verspricht es
+ zu thun, und der Höfling geht ab.)
+
+
+Horatio.
+Ich besorge ihr verliehret die Wette Gnädiger Herr.
+
+Hamlet.
+Ich glaub es nicht; ich bin, seit dem er nach Frankreich gieng, in
+beständiger Übung gewesen, ich halte mich des Siegs gewiß. Aber
+du kanst dir nicht vorstellen, wie übel mir allenthalben hier ums
+Herz ist--Allein das hat nichts zu bedeuten.
+
+Horatio.
+Ich denke nicht so, mein liebster Prinz.
+
+Hamlet.
+Es ist nichts, blosse Kinderey; und doch wär es vielleicht genug,
+um ein Weibsbild unruhig zu machen.
+
+Horatio.
+Wenn euch euer Herz eine geheime Warnung giebt, so folgt ihm. Ich
+will ihnen entgegen gehen, und sagen, ihr seyd izo nicht disponiert.
+
+Hamlet.
+Nein, nein, ich halte nichts auf Ahnungen; die Vorsehung erstrekt
+sich bis über den Fall eines Sperlings. Ist es izt, so ist es
+nicht ein andermal; ist es nicht ein andermal, so ist es izt; und
+ist es nicht izt, so wird es ein andermal seyn--Alles kommt darauf
+an, daß man bereit sey.
+
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Der König, die Königin, Laertes und eine Anzahl Herren vom Hofe,
+ Oßrik und einige Bedienten mit Rappieren und Fecht-Handschuhen.
+ Ein Tisch und Flaschen mit Wein darauf.)
+
+
+König.
+Kommt, Hamlet, kommt, und nemmt diese Hand von mir.
+
+(Er giebt ihm des Laertes Hand.)
+
+Hamlet.
+Ich bitte um eure Vergebung, mein Herr, ich habe euch bleidiget;
+aber vergebet mirs und versichert mich dessen als ein Edelmann.
+Alle Gegenwärtigen wissen, und ihr müßt es gehört haben, mit was
+für einer unglüklichen Gemüths-Krankheit ich gestraft bin. Was ich
+gethan habe, das in euch Natur, Ehre und Rache gegen mich aufreizen
+möchte, hat, ich erklär' es hier öffentlich, meine Raserey gethan;
+Es war nicht Hamlet der euch beleidigte--Hamlet war nicht er selbst,
+da er es that, er verabscheut die That seiner Raserey; sie ist der
+Beleidiger, er auf der Seite der Beleidigten; seine Raserey ist des
+armen Hamlets Feind. Laßt also meine feyerliche Erklärung daß ich
+keinen Vorsaz hatte, übels zu thun, mich so fern in euern
+edelmüthigen Gedanken frey sprechen, als ob ich meinen Pfeil über
+ein Haus geschossen, und meinen Bruder verwundet hätte.
+
+Laertes.
+Ich bin befriedigt, in so fern ich Sohn und Bruder bin, Namen, die
+in diesem Fall mich am meisten zur Rache auffordern; Aber als ein
+Edelmann, kan und will ich keine Versöhnung eingehen, bis ich von
+einigen ältern und bewährten Richtern dessen was die Ehre fodert,
+die Versicherung erhalten habe, daß ich es ohne meinen Namen zu
+entehren thun könne. Inzwischen nehme ich, bis dahin, eure
+angebotene Freundschaft als Freundschaft an, und will sie nicht
+mißbrauchen.
+
+Hamlet.
+Ich bin zufrieden, und auf diesen Fuß bin ich bereit, diesen
+freundschaftlichen Wett-Kampf zuversichtlich zu bestehen. Gebt uns
+die Rappiere.
+
+Laertes.
+Kommt, eins für mich.
+
+Hamlet.
+Ich werde eure Folie seyn, Laertes; eure Kunst wird aus meiner
+Unwissenheit desto feuriger hervorstralen, wie ein Stern aus der
+Finsterniß der Nacht; in der That.
+
+Laertes.
+Ihr scherzet, mein Herr.
+
+Hamlet.
+Nein, bey dieser Hand.
+
+König.
+Gebt ihnen Rappiere, Oßrik. Hamlet, ihr wisset, worauf ich
+gewettet habe?
+
+Hamlet.
+Ich weiß es, Gnädigster Herr; Eure Majestät hat sich in Gefahr
+gesezt, zu verliehren.
+
+König.
+Ich besorge nichts; ich habe euch beyde fechten gesehen, weil er
+aber indessen stärker worden ist, so haben wir das Gewette
+angestellt.
+
+Laertes.
+Dieses Rappier ist zu schwer, laßt mich ein anders sehen.
+
+Hamlet.
+Das meine ist mir ganz recht; diese Rappiere haben alle die rechte
+Länge.
+
+König.
+Füllt mir diese Dekel-Gläser mit Wein! Wenn Hamlet den ersten oder
+zweyten Stoß beybringt, oder bis zum dritten sogleich erwiedert, so
+laßt alle Canonen loßfeuren; der König wird auf Hamlets bessern
+Athem trinken, und in den Becher soll eine Perle geworfen werden,
+reicher als die kostbarste die jemals ein dänischer König in seiner
+Crone getragen hat. Gebt mir die Becher: Und laßt es die Kessel-
+Pauken den Trompeten kundmachen, die Trompeten den Canonieren
+draussen, die Canonen dem Himmel, die Himmel der Erde, daß der
+König auf Hamlets Gesundheit trinke--Komt, fangt an, und ihr Herren
+Richter, habt gute Acht.
+
+Hamlet.
+Kommt dann, mein Herr.
+
+Laertes.
+Wohlan, Gnädiger Herr--
+
+(Sie fechten.)
+
+Hamlet.
+Einer--
+
+Laertes.
+Nein--
+
+Hamlet.
+Thut den Ausspruch--
+
+Oßrik.
+Ein Stoß, und das ein ziemlich fühlbarer.
+
+Laertes.
+Gut--Noch einmal--
+
+König.
+Haltet ein--zu trinken! Hamlet, diese Perle ist dein--Auf deine
+Gesundheit!--Gebt ihm den Becher--
+
+(Trompeten und Pauken und mit Salve von Geschüz.)
+
+Hamlet.
+Ich will diesen Gang erst ausfechten--Sezt ihn indessen hin--
+
+(sie fechten)
+
+--Wohlan--wieder einen Stoß--was sagt ihr?
+
+Laertes.
+Gestreift, gestreift, ich gesteh' es.
+
+König.
+Unser Sohn wird gewinnen.
+
+Königin.
+Er ist zu fett und von zu kurzem Athem. Hier Hamlet, nimm mein
+Schnupftuch und wische dir die Stirne--Die Königin trinkt dirs zu,
+Hamlet, auf dein gutes Glük! --
+
+(Sie trinkt aus dem Becher, der für Hamlet bestimmt war.)
+
+Hamlet.
+Gütige Mutter--
+
+König.
+Gertrude trinkt nicht--
+
+Königin.
+Ich will, mein Herr; ich bitte euch um Vergebung.
+
+König (vor sich.)
+Es ist der vergiftete Becher; nun ist's zu spät--
+
+Hamlet.
+Ich darf noch nicht trinken, Gnädige Frau; eine kleine Geduld--
+
+Königin.
+Komm, laß mich dein Gesicht abwischen.
+
+Laertes.
+Diesesmal will ich ihm gewiß eins anbringen.
+
+König.
+Ich glaub es nicht.
+
+Laertes (bey Seite.)
+Und doch ist es fast gegen mein Gewissen.
+
+Hamlet.
+Kommt, den dritten Gang, Laertes; ihr tändelt nur; ich bitte euch,
+gebraucht euch eurer äussersten Stärke; ich sorge ihr wollt mich
+nur zu sicher machen.
+
+Laertes.
+Sagt ihr das? Wohlan dann.
+
+(Sie fechten.)
+
+Oßrik.
+Es hat noch keiner nichts--
+
+Laertes.
+Da habt es dann--
+
+(Laertes verwundet Hamleten; hernach verwechseln sie in der Hize
+des Gefechts die Rappiere, und Hamlet verwundet den Laertes.)
+
+König.
+Trennet sie, sie gerathen in Hize.
+
+Hamlet.
+Nein, noch einmal--
+
+Oßrik.
+Seht zu der Königin hier, ho!
+
+Horatio.
+Sie bluten beyde--Wie geht's euch, Gnädigster Herr?
+
+Oßrik.
+Wie steht's um euch, Laertes?
+
+Laertes.
+Wie eine Schneppe in meiner eignen Schlinge, Ossrik; billig sterb'
+ich durch das Werkzeug meiner schnöden Verrätherey.
+
+Hamlet.
+Was macht die Königin--
+
+König.
+Es ist nur eine Ohnmacht, weil sie Blut gesehen hat.
+
+Königin.
+Nein, nein, der Trank, der Trank--O mein theurer Hamlet! der Trank,
+der Trank--Ich bin vergiftet--
+
+(Die Königin stirbt.)
+
+Hamlet.
+O Abscheulichkeit! he! laßt die Thüren verrigelt werden:
+Verrätherey! wer ist der Thäter--
+
+Laertes.
+Hier ist er; Hamlet, du bist des Todes, kein Arzneymittel in der
+Welt kan dich retten. Du hast für keine halbe Stunde mehr Leben in
+dir, das verräthrische Werkzeug ist in deiner Hand, ohne Knopf und
+vergiftet; der schändliche Kunstgriff ist mein eignes Verderben
+worden. Sieh, hier lieg ich, um nicht mehr aufzustehen; deine
+Mutter ist vergiftet; ich kan nicht mehr--Der König, der König hat
+die Schuld.
+
+Hamlet.
+Und diß Rappier auch vergiftet? Nun, Gift, so thu was du kanst--
+
+(Er ersticht den König.)
+
+Alle.
+Verrätherey! Verrätherey!
+
+König.
+O helft, meine Freunde, vertheidiget mich, ich bin nur verwundet--
+
+Hamlet.
+Hier, du blutschändrischer, mördrischer, verdammter Dähne, trink
+diesen Becher aus--ist die Perle hier? Folge meiner Mutter--
+
+(Der König stirbt.)
+
+Laertes.
+Er hat empfangen was er verdient hat. Er selbst mischete das Gift.
+Laß uns einander verzeihen, edler Hamlet; mein und meines Vaters
+Tod komme nicht über dich, noch deiner über mich!
+
+(Er stirbt.)
+
+Hamlet.
+Der Himmel mög' ihn dir nicht zurechnen! Ich bin des Todes,
+Horatio--Unglükliche Königin, Adieu!--Ihr, die ihr mit erblaßten
+Gesichtern umhersteht, und vor Entsezen über diesen Vorfall zittert;
+ihr, die ihr nur die stummen Personen oder die Zuhörer bey diesem
+Trauerspiel seyd--hätte ich nur Zeit--aber der Tod liegt zu hart
+auf mir--oh, ich könnte euch Dinge sagen--laß es seyn!--Horatio,
+ich sterbe; du lebst, dir überlaß ich meine Ehre und meine
+Rechtfertigung bey den Unberichteten.
+
+Horatio.
+Das glaubt nicht, daß ich leben werde--Ich bin mehr ein alter Römer
+als ein Dähne--Hier ist noch von dem Trank übrig.
+
+Hamlet.
+Wenn du ein Mann bist, so gieb mir den Becher; laß gehen; beym
+Himmel, ich will ihn haben. O mein redlicher Horatio, was für
+einen verwundeten Namen, werd' ich bey diesen Umständen hinter mir
+lassen! Wenn du mich jemals in deinem Herzen getragen hast, so
+verbanne dich selbst noch eine Weile von der Glükseligkeit, und
+schleppe dich noch so lange in dieser mühseligen Welt, bis du mein
+Andenken gerechtfertiget hast.
+
+(Man hört einen Marsch und bald darauf ein Salve hinter der Scene.)
+
+Was für ein kriegrisches Getöse ist das?
+
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Oßrik tritt auf.)
+
+
+Oßrik.
+Der junge Fortinbras, welcher siegreich von Pohlen zurük kommt,
+beehrt die Abgesandten von England mit diesem kriegerischen Gruß.
+
+Hamlet.
+O ich sterbe, Horatio; die Stärke des Gifts überwältigt meinen
+Geist: Ich kan nicht so lange leben, die Nachrichten aus England zu
+hören. Aber ich sehe vorher, daß die Wahl auf Fortinbras fallen
+wird; er hat meine sterbende Stimme: Das sag ihm mit allen den
+Umständen, die diesen Ausgang--Es ist vorbey--
+
+(Er stirbt.)
+
+Horatio.
+Nun bricht ein edles Herz; gute Nacht, liebster Prinz, und Engels-
+Schwingen mögen dich zu deiner Ruhe tragen!--Wie, die Trummeln
+kommen näher? (Fortinbras und die Englischen Gesandten, mit
+Trummeln, Fahnen, und Gefolge treten auf.)
+
+Fortinbras.
+Was für ein Anblik ist das?
+
+Horatio.
+Der kläglichste und ausserordentlichste, den eure Augen jemals
+sehen werden.
+
+Fortinbras.
+Vier fürstliche Leichen, todt und in ihrem Blut liegend--O stolzer
+Tod, was für ein Gastmal giebst du in deiner höllischen Grotte, daß
+du so viele Prinzen mit einem Streich geschlachtet hast.
+
+Abgesandten.
+Der Anblik ist entsezlich, und unsre Commission aus England kommt
+zu späte. Die Ohren sind fühlloß, die uns Audienz geben sollten.
+Wir sollten ihm melden, daß sein Befehl an Rosenkranz und
+Güldenstern vollzogen worden: Von wem werden wir nun unsern Dank
+erhalten?
+
+Horatio.
+Nicht von diesem Munde (des Königs), hätte er noch das Vermögen zu
+reden: Denn er gab niemals keinenBefehl daß sie sterben sollten.
+Allein, nachdem es sich nungefüget hat, daß ihr beyderseits so
+schiklich, ihr von demPolnischen Krieg und ihr von England, zu
+dieser blutigen Sceneangekommen seyd; so gebet Befehl, daß diese
+Leichen auf einemerhöheten Gerüste ausgesezt werden, damit ich der
+Welt, für welchealles noch ein Geheimniß ist, sagen könne, wie
+diese Dinge sichzugetragen haben. Ihr werdet dann von grausamen,
+blutigen undunnatürlichen Thaten hören, wie einige durch
+verrätherische Ränke,andre durch den blossen Zufall, und wie am
+Ende die mißlungenenAnschläge auf ihrer Erfinder eignen Kopf
+gefallen sind. Von allemdiesem kan ich umständliche und echte
+Nachricht geben.
+
+Fortinbras.
+Mich verlangt es zu hören--Die Anstalten sollen gemacht, und der
+Adel zusammen beruffen werden. Was mich betrift so umarme ich mein
+Glük mit traurigem Herzen; ich habe einiges Recht an dieses
+Königreich, welches ich durch diese Zufälle nun geltend zu machen
+veranlaßt bin.
+
+Horatio.
+Auch hievon hab ich zu reden, und aus einem Munde, dessen Stimme
+manche andre nach sich ziehen wird: Aber lasset die Anstalten
+unverzüglich gemacht werden, izt, da die Gemüther noch bestürzt und
+unfähig sind Entwürfe zu machen, die zu neuen Verwirrungen Anlaß
+geben könnten. (Fortinbras giebt Befehl, daß Hamlets Leiche unter
+kriegerischer Musik, von vier Hauptmännern auf das Gerüste getragen
+werde--(Sie marschieren ab, und das Stük hört mit einem abermaligen
+Salve aus dem kleinen Geschüz auf.)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Hamlet, Prinz von Dännemark,
+von William Shakespeare (Übersetzt von Christoph Martin Wieland).
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Hamlet, Prinz von Dannemark, by William Shakespeare
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HAMLET, PRINZ VON DANNEMARK ***
+
+This file should be named 7276-8.txt or 7276-8.zip
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+https://gutenberg.org or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
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+PMB 113
+1739 University Ave.
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+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
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+(Three Pages)
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