summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:29:15 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:29:15 -0700
commit3e02bb0b535039dce498573583ca9375c6ce12a9 (patch)
tree5a7021bf60d8549b1f53541da293494039f43c28
initial commit of ebook 7240HEADmain
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--7240-8.txt6343
-rw-r--r--7240-8.zipbin0 -> 83336 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
5 files changed, 6359 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/7240-8.txt b/7240-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..4858ecd
--- /dev/null
+++ b/7240-8.txt
@@ -0,0 +1,6343 @@
+The Project Gutenberg EBook of Das Leben und der Tod des Koenigs Lear
+by William Shakespeare
+#33 in our series by William Shakespeare
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Das Leben und der Tod des Koenigs Lear
+
+Author: William Shakespeare
+
+Release Date: January, 2005 [EBook #7240]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on March 30, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KOENIGS LEAR ***
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Das Leben und der Tod des Königs Lear.
+
+William Shakespeare
+
+Übersetzt von Christoph Martin Wieland
+
+
+Personen des Trauerspiels.
+
+Lear, König von Brittannien.
+König von Frankreich.
+Herzog von Burgund.
+Herzog von Cornwall.
+Herzog von Albanien.
+Graf von Gloster.
+Graf von Kent.
+Edgar, Glosters Sohn.
+Edmund, Bastard von Gloster.
+Curan, ein Höfling.
+Medicus.
+Narr.
+Oswald, Gonerills Haushofmeister.
+Ein Officier.
+Ein Edelmann, der Cordelia begleitet.
+Ein Herold.
+Ein alter Mann von Glosters Unterthanen.
+Ein Bedienter von Cornwall.
+Zwey Bediente von Gloster.
+Gonerill, Regan und Cordelia, Lears Töchter.
+Ritter die dem König aufwarten, Officiers, Boten, Soldaten und
+Bediente etc.
+
+Der Schauplaz ligt in Brittannien.
+
+
+
+
+Erster Aufzug.
+
+
+
+Erster Auftritt.
+(Der Königliche Palast.)
+(Kent, Gloster, und Edmund der Bastard, treten auf.)
+
+
+Kent.
+Ich dachte, der König liebe den Herzog von Albanien mehr als den
+von Cornwall.
+
+Gloster.
+So schien es uns allezeit; allein izt, bey der Theilung seiner
+Königreiche kan man nicht sehen, welchen von beyden er höher schäze;
+das schärfste Auge könnte nichts entdeken, das einem Theil vor dem
+andern den Vorzug gäbe; so genau sind sie nach ihren verschiedenen
+Beschaffenheiten und Vorzügen gegen einander abgewogen.
+
+Kent.
+Ist dieses nicht euer Sohn, Mylord?
+
+Gloster.
+Die Last seiner Erziehung fiel auf mich. Ich habe schon so oft
+erröthet ihn für meinen Sohn zu erkennen, daß ich nicht mehr
+erröthen kan.
+
+Kent.
+Ich begreiffe euch nicht.
+
+Gloster.
+Die Mutter dieses jungen Menschen konnt' es; sie bekam davon eine
+gewisse Geschwulst, und zulezt, Sir, fand sich, daß sie einen Sohn
+für ihrer Wiege hatte, ehe sie einen Gemahl für ihr Bette hatte.
+Riechet ihr den Fehler?
+
+Kent.
+Die Würkung dieses Fehlers ist so schön, daß ich nicht wünschen kan,
+er möchte unterblieben seyn.
+
+Gloster.
+Ich habe zwar auch einen gesezmässigen Sohn, der etliche Jahre
+älter, aber mir nicht werther ist als dieser. Wenn dieser lose
+Junge gleich ein wenig unverschämt auf die Welt kam, eh man ihn
+verlangte, so war doch seine Mutter schön; es gieng kurzweilig zu
+als er gemacht wurde, und der H** Sohn muß erkannt werden. Kennst
+du diesen Edelmann, Edmund?
+
+Edmund.
+Nein, Mylord.
+
+Gloster.
+Es ist Mylord von Kent. Erinnere dich künftig seiner als meines
+würdigen Freundes.
+
+Edmund (zu Kent.)
+Ew. Gnaden geruhen meine Dienste anzunehmen.
+
+Kent.
+Ihr gefallet mir, wir müssen besser mit einander bekannt werden.
+
+Edmund.
+Mylord, ich werde mich bestreben euere Gewogenheit zu verdienen.
+
+Gloster.
+Er ist neun Jahre ausser Landes gewesen, und soll noch länger seyn.
+
+(Man hört Trompeten, der König kömmt.)
+
+
+
+Zweyter Auftritt.
+(König Lear, Cornwall, Albanien, Gonerill, Regan, Cordelia und
+ Gefolge.)
+
+
+Lear.
+Gloster, gehe denen Fürsten von Frankreich und Burgund Gesellschaft
+zu leisten.
+
+Gloster.
+Ich gehe, mein Gebieter.
+
+(Geht ab.)
+
+Lear.
+Nunmehr ist es Zeit, unser geheimes Vorhaben zu entdeken--Gebet mir
+diese Land-Carte--Wisset, wir haben unser Königreich in drey Theile
+getheilt, und es ist unsre erste Absicht, unser Alter aller
+Regierungs-Sorgen und Geschäfte zu entladen, und solche jüngern
+Schultern aufzulegen, indeß daß wir unbelastet dem Tod entgegen
+kriechen--Unser Sohn von Cornwall, und ihr, nicht minder geliebter
+Sohn von Albanien, wir haben den standhaften Schluß gefaßt, in
+dieser Stunde die verschiedenen Morgengaben unsrer Töchter bekannt
+zu machen, damit allem künftigen Streit darüber vorgebogen werde.
+Die Fürsten von Frankreich und Burgund, ansehnliche Nebenbuler um
+die Liebe unsrer jüngern Tochter, haben schon lange ihren
+verliebten Aufenthalt an unserm Hofe gemacht, und sollen izt ihre
+Antworten erhalten. Saget mir, meine Töchter, (da wir uns nun der
+obersten Gewalt, der Landesherrschaft und der Sorge des Staats zu
+begeben willens sind,) von welcher unter euch sollen wir sagen, daß
+sie uns am meisten liebe? damit wir unsre freygebigste Huld dahin
+ergiessen, wo die Natur für das gröste Verdienst Ansprüche macht.
+Gonerill, unsre Erstgebohrne, rede zuerst.
+
+Gonerill.
+Sire, ich liebe euch mehr als Augenlicht, Raum und Freyheit; mehr
+als alles was theuer und selten geschäzt werden mag; nicht minder
+als Leben, Gesundheit, Schönheit und Ehre; so sehr als jemals ein
+Kind geliebt, oder ein Vater geliebt zu seyn verdient hat--mit
+einer Liebe, die den Athem arm, und die Sprache unzulänglich macht,
+die über allen Ausdruk ist, liebe ich euch.
+
+Cordelia (beyseite.)
+Was soll Cordelia thun? Lieben und schweigen.
+
+Lear.
+Von allen diesen Ländereyen, (von dieser Linie bis zu jener,) mit
+schattichten Wäldern und offnen Ebnen, mit fruchtbaren Strömen und
+weit verbreiteten Matten bereichert, machen wir dich zur
+Beherrscherin. Deiner und Albaniens Nachkommenschaft sollen sie
+auf ewig eigen seyn!--Was sagt unsre zweyte Tochter, unsre
+geliebteste Regan, Cornwalls Gemahlin? Rede!
+
+Regan.
+Ich bin von eben dem Metall gemacht wie meine Schwester, und schäze
+mein getreues Herz nach dem Werth des ihrigen. Ich finde, daß sie
+das wahre Wesen meiner Liebe ausgedrükt hat; nur darinn fällt sie
+zu kurz, daß ich mich selbst eine Feindin aller andern Freuden
+erkläre, welche die vier* edelsten Sinnen uns zu geben vermögend
+sind, und finde, daß Eurer Majestät Liebe meine einzige
+Glükseligkeit macht.
+
+{ed.-* Durch diese vier edelsten Sinne sind hier Gesicht, Gehör,
+Geruch, und Geschmak zu verstehen; denn eine junge Dame konnte mit
+Anständigkeit nicht zu verstehen geben, daß sie die Vergnügungen
+des fünften kenne. Warbürton.
+
+Der Übersetzer überläßt dieses dem Ausspruch der jungen Damen, und
+wagt nur die Vermuthung, ob es nicht weit natürlicher sey zu denken,
+Regan nenne eben darum die vier edelsten Sinne, weil sie dem fünften
+nicht entsagen will.}
+
+Cordelia (beyseite.)
+Arme Cordelia!--und doch nicht arm, denn ich bin gewiß, daß meine
+Liebe gewichtiger ist als ihre Zunge.
+
+Lear.
+Dir und den Deinigen bleibe zum ewigen Erbtheil dieser ansehnliche
+Drittheil unsers schönen Königreichs, nicht geringer an Grösse,
+Werth und Schönheit, als derjenige, den wir an Gonerill übertragen
+haben--Nun du, unsre Freude, nicht die geringste, obgleich die
+lezte, deren jugendliche Liebe das weinvolle Frankreich, und das
+milchtrieffende Burgund zu gewinnen streben, was sagst du, ein
+drittes noch reicheres Loos zu ziehen als deine Schwestern?
+
+Cordelia.
+Nichts, Milord!
+
+Lear.
+Nichts?
+
+Cordelia.
+Nichts!
+
+Lear.
+Aus Nichts kan nichts entspringen. Rede noch einmal.
+
+Cordelia.
+Ich Unglükliche, daß ich mein Herz nicht bis in meinen Mund hinauf
+bringen kan! Ich liebe Eu. Majestät so viel als meine
+Schuldigkeit ist, nicht mehr und nicht weniger.
+
+Lear.
+Wie? wie, Cordelia? Verbeßre deine Rede ein wenig, oder du
+möchtest dein Glük verschlimmern.
+
+Cordelia.
+Mein theurer Lord, ihr habet mich gezeugt, erzogen, und geliebt.
+Ich erstatte diese Wohlthaten wie es meine Pflicht erheischet, ich
+gehorche euch, ich liebe und verehre euch. Wofür haben meine
+Schwestern Männer, wenn sie sagen, sie lieben euch allein? Wenn
+ich mich vermählen sollte, so wird der Mann dem ich meine Hand gebe,
+auch die Helfte meiner Liebe und Ergebenheit mit sich nehmen.
+Wahrhaftig, ich will nimmermehr heurathen wie meine Schwestern, um
+allein meinen Vater zu lieben.
+
+Lear.
+Sprichst du aus deinem Herzen?
+
+Cordelia.
+Ja, mein theurer Lord.
+
+Lear.
+So jung, und so unzärtlich?
+
+Cordelia.
+So jung, Mylord, und so aufrichtig.
+
+Lear.
+So laß denn deine Aufrichtigkeit deine Mitgift seyn. Denn bey den
+heiligen Stralen der Sonne, bey den Geheimnissen der Hecate und der
+Nacht, bey allen Würkungen der himmlischen Kreise, durch welche wir
+entstehen und aufhören zu seyn--entsage ich hier aller väterlichen
+Sorge und Blutsverwandschaft, und erkläre dich von diesem Augenblik
+an auf immer für einen Fremdling zu meinem Herzen, und mir. Der
+barbarische Scythe, oder der mit dem Fleische seiner eignen Kinder
+seinen unmenschlichen Hunger stillt, sollen meinem Herzen so nahe
+ligen, und so viel Mitleiden und Hülfe von mir zu erwarten haben
+als du, einst meine Tochter.
+
+Kent.
+Mein theurer Oberherr!
+
+Lear.
+Zurük, Kent! Wage dich nicht zwischen den Drachen und seinen Grimm.
+Ich liebte sie höchlich, und gedachte den Rest meines Eigenthums
+ihren holden Abkömmlingen zu vermachen--Hinweg aus meinem Gesicht!
+
+(zu Cordelia)
+
+--So sey mein Grab meine Ruhe, als ich sie hier aus ihres Vaters
+Herzen verstosse.--Ruffet die Fürsten von Frankreich und Burgund!--
+Cornwall und Albanien, zu meiner beyden Töchter Mitgift, theilet
+auch die dritte unter euch. Der Stolz den sie Aufrichtigkeit nennt,
+mag sie versorgen. Euch belehne ich beyderseits mit meiner
+Oberherrlichkeit, und allen den hohen Gerechtsamen und reichen
+Vortheilen, welche die Majestät begleiten. Wir selbst werden mit
+Vorbehalt von hundert Edelknechten, die ihr unterhalten sollet,
+unsern monatlichen Aufenthalt wechselsweise bey euch nehmen; dieses
+und der königliche Titel mit seinem Zugehör ist alles was wir uns
+ausbedingen; die Regierung, die vollziehende Gewalt, und die
+Einkünfte, geliebte Söhne, sollen euer seyn. Zu dessen
+Bekräftigung theilet diese Crone unter euch.
+
+(Er giebt die Crone hin.)
+
+Kent.
+Königlicher Lear, du, den ich allezeit als meinen König geehrt, als
+meinen Vater geliebt, als meinen Meister begleitet, und als meinen
+Schuz-Engel in meinen Gebeten angeruffen habe--
+
+
+Lear.
+Der Bogen ist gespannt und angezogen, geh dem Pfeil aus dem Wege.
+
+Kent.
+Laß ihn vielmehr fallen, wenn gleich seine Spize mein Herz
+durchbohren sollte. Kent mag unhöflich seyn, wenn Lear wahnwizig
+ist! Was willt du thun, alter Mann? Denkst du, die Pflicht soll
+sich scheuen zu reden, wenn sich die Gewalt vor der Schmeicheley
+bükt? Die Ehre ist zu Aufrichtigkeit verbunden, wenn die Majestät
+zu Thorheit herabsinkt. Behalt deinen Staat, hemme durch reifferes
+Urtheil diese entsezliche Übereilung. Mit meinem Leben stehe ich
+davor, deine jüngste Tochter liebt dich nicht am wenigsten.
+Meynest du, ihr Herz sey weniger voll, weil es einen schwächern
+Klang von sich giebt, als diejenigen, deren hohler Ton ihre
+Leerheit wiederhallt?
+
+Lear.
+Bey deinem Leben, Kent, nicht weiter!
+
+Kent.
+Mein Leben hielt ich nie für etwas anders als ein Pfand, das dir
+meine Treue gegen deine Feinde versichern sollte; und ich fürchte
+nicht es zu verliehren, wenn deine Sicherheit der Beweggrund ist.
+
+Lear.
+Aus meinem Gesicht!
+
+Kent.
+Sieh' besser, Lear, und laß mich immer deinen wahren Augapfel
+bleiben.
+
+Lear.
+Nun, beim Apollo!
+
+Kent.
+Nun, beym Apollo, König, du entehrest deine Götter mit vergeblichen
+Schwüren.
+
+Lear.
+Treuloser Vasall.
+
+(Er legt seine Hand an sein Schwerdt.)
+
+Albanien. Cornwall.
+Theurer Sir, haltet ein!
+
+Kent.
+Tödte deinen Arzt, und nähre deinen Schaden--Wiederruffe deinen
+Urtheilspruch, oder so lang ich einen Ton aus meiner Gurgel athmen
+kan, will ich dir sagen, du thust übel.
+
+Lear.
+Höre mich, Abtrünniger! Weil du uns hast bereden wollen, unsern
+Eyd zu brechen, den wir nimmer brechen dürfen, und dich erfrechet
+hast, mit übermüthigem Stolz zwischen unsern Ausspruch und dessen
+Vollziehung zu treten, welches weder unsre Gemüthsart noch unsre
+Würde gestatten, und selbst unsre Macht nicht gut machen kan; so
+empfange deinen Lohn. Fünf Tage vergönnen wir dir, dich mit
+Mitteln gegen die Unfälle der Welt zu versehen; am sechsten aber
+kehre unserm Reich deinen verhaßten Rüken; denn wenn von izt am
+zehnten Tage dein verbannter Rumpf in unsern Herrschaften noch
+gefunden wird, so ist der Augenblik dein Tod. Hinweg beym Jupiter!
+diß soll nicht wiederruffen werden.
+
+Kent.
+Lebe wohl, König! Seit dem du dich in dieser Gestalt zeigest, lebt
+die Freyheit anderwärts, und die Verbannung ist hier--Die Götter
+schüzen dich, Mädchen, die du richtig denkst und sehr richtig
+gesprochen hast. Ihr aber, mögen eure Thaten eure
+vielversprechenden Reden bewähren! Und hiemit, ihr Fürsten, sagt
+Kent euch allen, lebewohl, und geht, seinen Lauf in einem fremden
+Lande zu vollenden.
+
+(Geht ab.)
+
+(Gloster mit den Fürsten von Frankreich und Burgund, und ihrem
+Gefolge, tritt auf.)
+
+Gloster.
+Hier ist Frankreich und Burgund, mein edler Lord!
+
+Lear.
+Mylord von Burgund, wir wenden uns zuerst an euch, die ihr neben
+diesem Könige um meine Tochter euch beworben habet. Nennet das
+wenigste, was ihr zur Morgengabe mit ihr verlangt, oder stehet von
+euerm verliebten Gesuch ab.
+
+Burgund.
+Königlicher Herr! Ich fordre nicht mehr als Eure Majestät sich
+erboten hat, und weniger werdet ihr nicht geben.
+
+Lear.
+Sehr edler Lord, als sie uns werth war, hielten wir sie so; aber
+nun ist ihr Preiß gefallen. Sir, hier steht sie. Wenn irgend
+etwas an diesem kleinen Scheinding, oder alles zusammen genommen,
+mit unsrer Ungnade beschwert, Eu. Gnaden anständig ist, so ist sie
+hier und ist Euer.
+
+Burgund.
+Ich weiß keine Antwort hierauf.
+
+Lear.
+Wollt ihr sie, mit allen diesen Gebrechen, welche alles sind was
+sie hat, freundlos, zu unserm Haß adoptiert, mit unserm Fluch
+ausgesteurt, und durch unsern Eyd für eine Fremde erklärt, wollt
+ihr sie nehmen oder verlassen?
+
+Burgund.
+Vergebung, Königlicher Herr! Auf solche Bedingungen findet keine
+Wahl Plaz.
+
+Lear.
+So verlasset sie dann, Sir, dann bey der Macht, die mich erschaffen
+hat, ich sagte euch ihren ganzen Reichthum. Was euch betrift,
+grosser König, so schäze ich eure Liebe höher, als daß ich euch mit
+derjenigen vermählen wollte, die ich hasse. Ich bitte euch also,
+wendet eure Neigung auf einen würdigern Gegenstand als eine
+Unglükselige, welche die Natur selbst beschämt ist, für die ihrige
+zu erkennen.
+
+Frankreich.
+Diß ist sehr seltsam, daß Sie, die bisher der Liebling euers
+Herzens, der Inhalt euers Lobes, und die Erquikung euers Alters war,
+in etlichen Augenbliken eine That begangen haben soll, die
+vermögend sey, sie einer so vielfältigen Gunst zu berauben. Denn
+nur irgend ein unnatürliches ungeheures Verbrechen kan eine solche
+Würkung thun. Dieses aber von Ihr zu denken, erfodert einen
+Glauben, zu dem sich meine Vernunft ohne Wunderwerk nicht fähig
+findet.
+
+Cordelia.
+Ich bitte Euer Majestät, (weil mein Verbrechen ist, daß ich diese
+glatte schlüpfrige Kunst nicht besize, etwas zu reden, was ich
+nicht meyne; denn was meine wahre Meynung ist, das gebe ich früher
+durch Thaten als Worte zu erkennen;) bekannt zu machen, daß keine
+lasterhafte Tüke, Mord oder Verrätherey, noch eine unkeusche That,
+oder sonst ein entehrender Schritt mich Eurer Gnade beraubt hat,
+sondern bloß ein Mangel der mich reicher macht, der Mangel eines
+immer bettelnden Auges, und solch einer Zunge, dergleichen ich
+nicht zu haben, mich freue; obgleich sie nicht zu haben, mir den
+Verlust Eurer Zuneigung gebracht hat.
+
+Lear.
+Besser wär' es, du wärest nie gebohren worden, als daß du mir nicht
+besser gefallen hast.
+
+Frankreich.
+Ist es nur diß? Eine Langsamkeit des Temperaments, die manchmal
+nicht ausdrüken kan, was sie im Sinne hat? Mylord von Burgund, was
+sagt ihr zu der Lady? Liebe ist nicht Liebe, wenn sie mit
+Absichten vermengt ist, die neben dem wahren Ziel vorbey gehen.
+Redet, wollt ihr sie haben? Sie selbst ist das gröste Heurathgut.
+
+Burgund.
+Königlicher Herr! Gebet Ihr nur das Erbtheil, das Ihr willens
+waret, so nehme ich hier Cordelias Hand, und erkläre sie zur
+Herzogin von Burgund.
+
+Lear.
+Nichts!--ich habe geschworen.
+
+Burgund.
+So bedaure ich denn, daß ihr einen Vater so verlohren habet, daß
+ihr auch einen Gemahl verlieren müßt.
+
+Cordelia.
+Friede sey mit Burgund! weil Absichten auf Vermögen seine Liebe
+sind, so werde ich nicht sein Weib werden.
+
+Frankreich.
+Schönste Cordelia; desto reicher, weil du arm bist, desto
+wählenswürdiger, weil du vergessen, und desto geliebter, weil du
+verschmähet wirst. Hier bemächtige ich mich deiner und deiner
+Tugenden, wenn es anders erlaubt ist zu nehmen, was andre
+verworffen haben. Ihr Götter! wie seltsam, daß die kälteste
+Gleichgültigkeit meine Liebe zu flammender Ehrfurcht anfachen soll!
+Deine enterbte Tochter, König, von dir verworffen, und meiner
+Willkuhr überlassen, ist Königin von Mir, von Frankreich, und von
+allem was mein ist. Alle Herzoge des wasserreichen Burgunds können
+dieses ungeschäzte theure Mädchen nicht von mir erkauffen. Gieb
+ihnen das lezte Lebewohl, Cordelia, so ungütig sie sind; du
+verlierst hier, anderswo etwas bessers zu finden.
+
+Lear.
+Du hast sie, Frankreich! Laß sie dein seyn, denn wir haben keine
+solche Tochter, noch werden wir dieses ihr Gesicht jemals wieder
+sehen. Gehet also, ohne unsre Gnade, unsre Liebe, und unsern Segen.
+Komm, edler Burgund!
+
+(Lear und Burgund gehen ab.)
+
+Frankreich.
+Beurlaubet euch von euern Schwestern.
+
+Cordelia.
+Ihr Kleinode euers Vaters, mit gebadeten Augen verläßt euch
+Cordelia; ich weiß wer ihr seyd, und bin als eine Schwester gar
+nicht geneigt, eure Fehler mit ihrem eignen Namen zu nennen.
+Liebet unsern Vater in der That. Euerm Liebe-athmenden Busen
+empfehle ich ihn! Und doch, stünde ich in seiner Gnade, ich wollte
+ihm einen bessern Plaz anweisen. So lebet wol!
+
+Regan.
+Ihr habt nicht nöthig, uns unsre Pflicht vorzuschreiben.
+
+Gonerill.
+Laßt ihr eure Sorge seyn, euerm Gemahl zu gefallen, der euch vom
+Allmosen des Glüks aufgenommen; ihr habt durch Mangel an Gehorsam
+den Mangel wol verdienet, auf den ihr noch stolz zu seyn scheint.
+
+Cordelia.
+Die Zeit wird enthüllen, was die gefaltete List verbirgt. Wol mög'
+es gehen!
+
+Frankreich.
+Komm, meine schöne Cordelia.
+
+(Frankreich und Cordelia gehen ab.)
+
+
+
+{ed.-In Wielands Übersetzung blieben dritter und vierter Auftritt
+ohne Überschrift.}
+
+
+
+Fünfter Auftritt.
+
+
+Gonerill.
+Schwester, es ist nicht wenig, was ich über Dinge, die uns beyde
+angehen, zu sagen habe. Ich denke, unser Vater wird diese Nacht
+von hier abgehen.
+
+Regan.
+Das ist gewiß, und mit Euch; den künftigen Monath zu Uns.
+
+Gonerill.
+Ihr sehet, wie veränderlich ihn sein Alter macht; die Gelegenheit
+die wir hatten, diese Beobachtung zu machen, war nicht gering. Er
+liebte unsre Schwester immer vorzüglich, und aus was für einem
+armseligen Grund er sie izt weggeworffen, ist nur allzu offenbar.
+
+Regan.
+Es ist die Schwachheit seines Alters; und doch hat er sich selbst
+allezeit nur obenhin gekannt.
+
+Gonerill.
+Das Beste und Gesundeste was er in seiner Zeit that, war übereilt;
+was können wir also anders erwarten, als nicht nur alle Fehler
+einer lang eingewurzelten Gewohnheit; sondern überall diese
+unlenksame Wunderlichkeit, die ein schwaches und cholerisches Alter
+mit sich bringt.
+
+Regan.
+Wir werden noch manche solche unverständige Grillen von ihm
+erfahren, wie Kents Verbannung war.
+
+Gonerill.
+Der Abschied zwischen ihm und Frankreich ist noch ein solches
+Beyspiel. Ich bitte euch, laßt uns gemeinschaftlich zu Werke gehen.
+Wenn unser Vater das königliche Ansehen mit einer solchen Gemüths-
+Beschaffenheit beybehält, so ist seine lezte Abdankung vielmehr
+etwas beleidigendes.
+
+Regan.
+Wir wollen weiter über diese Sache denken.
+
+Gonerill.
+Wir müssen irgend etwas thun, und das in der ersten Hize.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Sechster Auftritt.
+(Die Scene verändert sich in ein Schloß des Grafen von Gloster.)
+
+
+Edmund (mit einem Briefe.)
+Du, Natur, bist meine Göttin! Deinem Gesez allein will ich
+dienstbar seyn. Warum sollte ich mich selbst in den Cirkel der
+Gewohnheit bannen, warum die ungerechte Gewohnheit der Völker, mich
+des Rechts das du mir giebst, entsezen lassen? Bloß darum, weil
+ich zwölf oder vierzehn Mondscheine vor einem Bruder kam? Warum
+Bastard? Warum unedel? Wenn ich eben so wol gemacht, von Geist so
+edel, von Gestalt so ächt bin als die Geburt der ehrlichen Madam.
+Warum brandmahlen sie uns so mit Namen von böser Ahnung? Unächt,
+ehrlos, Bastard? Wie? Ich unächt? Ich,* der in der verstohlnen
+Lust der üppigen Natur mehr Stoff und Feuer erhielt, als jener der
+in einem abgeschmakten, schaalen, langweiligen Ehebette, bestimmt
+eine ganze Zucht von Dumköpfen auszuheken, zwischen Schlaf und
+Wachen gezeugt ward?--Wohl dann, mein ächter Edgar! Mir fehlt
+nichts als deine Güter. Unsers Vaters Liebe ist zu dem Bastard
+Edmund was zu dem ächten Sohn--ein feines Wort--ächt! Nun wohl,
+mein ächter Herr, laß nur diesen Brief und meinen Anschlag glüken,
+so wird Bastard Edmund der ächte seyn.--Ich wachse, ich gedeyhe!
+Wohlan, ihr Götter, haltet fest auf der Parthey der Bastarde! Ihr
+habt es wol Ursache.**
+
+{ed.-* Diese feinen Zeilen sind ein Beyspiel von unsers Autors
+bewundernswürdiger Kunst, seinen Charaktern gehörige Gesinnungen
+zu geben. Des Bastards seiner ist der Charakter eines völligen
+Gottesläugners; und daß er als ein Spötter über die
+Judicial-Astrologie vorgestellt wird, ist nach der Absicht des
+Poeten, ein Zeichen eines solchen. Denn zu seiner Zeit wurde diese
+gottlose Taschenspielerey mit einer religiösen Ehrfurcht angesehen;
+und daher erkennen die besten Charakter in diesem Stüke die Macht
+des Einflusses der Gestirne. Wie Charaktermässig aber die
+folgenden Zeilen sind, kan aus dem ungeheuren Wunsch des
+Italiänischen Atheisten (Vanini), in seinem Tractat, (de admirandis
+Naturæ & c.) welcher zu Paris 1616. in eben dem Jahr, da unser
+Poet gestorben, heraus gekommen, ersehen werden. (O utinam) (sind
+die Worte des (Vanini) extra legitimum & connubialem thorum
+essem procreatus! Ita enim progenitores mei in Venerem
+incaluissent ardentius, ac cumulatim affatimque generosa semina
+contulissent, è quibus ego formæ blanditiam & elegantiam,
+robustas corporis vires mentemque innubilam consequutus fuissem.
+At quia conjugatorum sum soboles, his orbatus sum bonis.) Wäre
+dieses Buch früher heraus gekommen, wer würde nicht geglaubt haben,
+das Shakespeareauf diese Stelle anspiele? So aber sagte ihm die
+prophetische Kraft seines Genius vorher, was ein solcher Atheist
+wie (Vanini) über diese Materie sagen würde. Warbürton.}
+
+{ed.-** Warum dieses? Das sagt er uns nicht; aber der Poet deutet
+auf die Ausschweiffungen der heidnischen Götter, die aus allen
+ihren Bastarden Helden machten. Warbürton.}
+
+
+
+Siebender Auftritt.
+(Gloster. Edmund.)
+
+
+Gloster.
+Kent verbannt! und Frankreich im Zorn entlassen! und der König
+bey Nacht abgereist! Seine Gewalt abgetreten! Sein Unterhalt
+sogar fremder Willkuhr überlassen!--Alles geht unter über sich--
+Edmund?--Wie steht's? Was Neues?
+
+Edmund.
+Mit Euer Gnaden Erlaubniß, nichts.
+
+Gloster.
+Warum eilt ihr so eifrig, diesen Brief einzusteken?
+
+Edmund.
+Ich weiß nichts neues, Mylord.
+
+Gloster.
+Was für ein Papier laset ihr da?
+
+Edmund.
+Nichts, Mylord.
+
+Gloster.
+Wozu war es denn vonnöthen, mit einer so entsezlichen Eilfertigkeit
+in eure Tasche damit zu fahren? Laßt es sehen!--Kommt, wenn es
+nichts ist, so werde ich keine Brille dazu brauchen.
+
+Edmund.
+Ich bitte Euer Gnaden um Vergebung, es ist ein Brief von meinem
+Bruder, den ich noch nicht ganz überlesen habe; und so viel als ich
+davon gelesen, finde ich ihn nicht so beschaffen, daß Ihr ihn sehen
+dürftet.
+
+Gloster.
+Gebt mir den Brief, Sir.
+
+Edmund.
+Ich vergehe mich, wenn ich ihn zurük behalte, und wenn ich ihn gebe;
+der Inhalt, so viel ich zum theil davon verstehe, ist zu tadeln.
+
+Gloster.
+Laß sehen, laß sehen.
+
+Edmund.
+Ich hoffe zu meines Bruders Rechtfertigung, er schreibe ihn nur,
+meine Tugend auf die Probe zu stellen.
+
+Gloster (ließt.)
+"Diese durch die Geseze eingeführte Ehrfurcht vor dem Alter macht
+die Welt für unsre besten Jahre unbrauchbar, und enthält uns unser
+Vermögen vor, bis wir es nimmer geniessen können. Ich fange an,
+eine alberne und allzu gutherzige Sclaverey in der Unterwerffung
+unter bejahrte Tyranney zu finden, welche nicht herrschet, weil sie
+Gewalt hat, sondern weil sie geduldet wird. Wenn unser Vater so
+lange schliefe bis ich ihn wekte, so solltet ihr auf immer die
+Helfte seiner Einkünfte geniessen, und der Liebling euers Bruders
+Edgar seyn."--Hum!--Verrätherey!--schlieffe, bis ich ihn wekte--
+solltet ihr die Helfte seiner Einkünfte geniessen--Mein Sohn Edgar!
+Hat er eine Hand diß zu schreiben? Ein Herz und ein Gehirn, diß
+auszubrüten? Wenn kam euch diß zu? Wer bracht es euch?
+
+Edmund.
+Es wurde mir nicht gebracht, Mylord; das ist die List davon. Ich
+fand es durch ein Fenster in mein Cabinet geworffen.
+
+Gloster.
+Kennet ihr die Hand, daß sie euers Bruders ist?
+
+Edmund.
+Wenn der Inhalt gut wäre, Mylord, so wollte ich schwören, es wäre
+die seinige; aber so wie er ist, möchte ich gerne denken, es wäre
+nicht so.
+
+Gloster.
+Es ist seine Hand.
+
+Edmund.
+Seine Hand ist es, Mylord, aber ich hoffe sein Herz ist nicht in
+dem Inhalt.
+
+Gloster.
+Hat er euch vorher niemals über diesen Punct ausgeforschet?
+
+Edmund.
+Niemals, Mylord. Doch hab ich ihn oft behaupten gehört, es wäre am
+schiklichsten, wenn Söhne bey reiffen Jahren, und Väter auf der
+Neige seyen, daß der Vater unter der Vormundschaft des Sohnes
+stehen, und dieser das Vermögen verwalten sollte.
+
+Gloster.
+O! Bösewicht! Bösewicht! Eben das ist die Meynung seines Briefes.
+Abscheulicher Bösewicht! Unnatürlicher, entsezlicher, viehischer
+Bösewicht! Geh', suche ihn, ich will ihn fest machen lassen.--
+Schändlicher Bube! wo ist er?
+
+Edmund.
+Ich weiß es nicht eigentlich, Mylord. Wenn es Euer Gnaden belieben
+möchte, Euern Unwillen über meinen Bruder noch zurük zu halten, bis
+Ihr ein gewisseres Zeugniß von seinen Absichten aus ihm heraus
+gebracht hättet, so würdet Ihr desto sicherer gehen; da hingegen,
+wenn Ihr gewaltthätig mit ihm verfahret, und sich's fände, daß Ihr
+über seine Absicht geirret hättet, so würde das Eurer eignen Ehre
+eine grosse Wunde beybringen, und das Herz seines Gehorsams in
+Stüken zerschlagen. Ich wollte mein Leben für ihn verpfänden, daß
+er das nur schrieb, meine Liebe zu Euer Gnaden zu versuchen, und
+daß er nichts böses damit meynte.
+
+Gloster.
+Denket ihr das?
+
+Edmund.
+Wenn Euer Gnaden es gut finden, will ich Euch an einen Ort stellen,
+wo Ihr uns beyde über diese Sache reden hören, und durch das
+Zeugniß Eurer eignen Ohren befriediget werden könnt; und das ohne
+längern Aufschub, diesen Abend noch.
+
+Gloster.
+Nein! er kan nicht ein solches Ungeheuer seyn!
+
+Edmund.
+Auch ist er es gewiß nicht!
+
+Gloster.
+Gegen einen Vater, der ihn so zärtlich liebt--Himmel und Erde!
+Edmund, such ihn auf; mache daß ich ihn ungesehen hören kan,
+veranstalte die Sache nach deiner eignen Klugheit. Ich will den
+Vater ablegen, um nur nach den Gesezen der Gerechtigkeit zu handeln.
+
+Edmund.
+Ich will ihn sogleich aufsuchen; ich will die Sache so einleiten,
+wie es die Umstände erfodern, und euch von allem Nachricht geben.
+
+Gloster.
+Diese neuerlichen Verfinsterungen der Sonne und des Monds bedeuten
+uns nichts Gutes. Wenn schon die Ordnung der allezeit weisen Natur
+nicht dadurch aufgehoben wird, so leidet sie doch unter den Folgen.
+Die Liebe erkaltet, die Freundschaft fällt ab, Brüder trennen sich.
+In Städten Aufruhr; in Provinzen Zwietracht; in Pallästen
+Verrätherey; und das Band zwischen Sohn und Vater aufgelöst.
+Dieser mein Bösewicht fällt unter die Weissagung--Hier ist ein Sohn
+wider den Vater; der König tritt aus dem Gleise der Natur--Hier ist
+ein Vater wider sein Kind. Wir haben das Beste von unsrer Zeit
+schon gesehen. Untreue, Ränke, Verrath und alle verderbliche
+Unordnungen verfolgen uns bis in unser Grab. Suche diesen Buben
+auf, Edmund; es soll dir keinen Schaden bringen--Thu es mit
+Sorgfalt--und der edle treuherzige Kent verbannt! Sein Verbrechen,
+Redlichkeit! das ist wunderlich!
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Achter Auftritt.
+
+
+Edmund (kommt zurük.)
+Es ist doch eine vortreffliche Narrheit der Welt, daß wenn wir
+meistens durch eigne Schuld unglüklich sind, wir auf Sonne, Mond
+und Sterne die Schuld unsrer Unfälle werfen, und uns bereden
+möchten, wir seyen Bösewichter durch fatale Nothwendigkeit, Thoren
+durch himmlischen Antrieb, feige Memmen, Diebe und Spizbuben durch
+die Obermacht der Sphären; Säuffer, Lügner und Ehebrecher durch
+einen unwiderstehlichen Einfluß der Planeten; und alles, worinn wir
+schlimm sind, durch göttliches Verhängniß. Eine unvergleichliche
+Ausflucht für den H** Jäger, den Menschen, seine bökische Neigungen
+auf Rechnung der Gestirne zu schreiben. Mein Vater hielt mit
+meiner Mutter unter dem Drachenschwanz zu, und unter dem Einfluß
+des grossen Bären wurde ich gebohren; folglich kan ich nicht anders
+als rauh und schelmisch seyn. Wahrhaftig, ich würde gewesen seyn
+wer ich bin, wenn gleich der allerjungfräulichste Stern am ganzen
+Firmament über meine Bastardisation gefunkelt hätte.
+
+
+
+
+Neunte Scene.
+(Edgar kömmt zu ihm.)
+
+
+Edmund.
+Husch!--Er kömmt gleich der Entwiklung in der alten Comödie.* Meine
+Rolle ist, spizbübische Melancholie mit einem Seufzer, wie Tom von
+Bedlam--O! diese Finsternisse bedeuten solche Mißhelligkeiten! fa,
+sol, la, mi,--
+
+{ed.-* Das ist, er kömmt recht (a propos.) Ein Compliment, welches
+Shakespeareden regelmässigen Stüken macht.}
+
+Edgar.
+Wie stehts, Bruder Edmund, in was für einer tiefsinnigen
+Betrachtung seyd ihr begriffen?
+
+Edmund.
+Ich denke, Bruder, an eine Weissagung, die ich dieser Tagen las,
+was auf diese Verfinsterungen folgen würde.
+
+Edgar.
+Bekümmert ihr euch um solche Dinge?
+
+Edmund.
+Ich versichre euch, diese Weissagungen treffen zum Unglük nur gar
+zu wol ein. Wenn sahet ihr meinen Vater das lezte mal?
+
+Edgar.
+Verwichne Nacht.
+
+Edmund.
+Sprachet ihr mit ihm?
+
+Edgar.
+Ja, zwey Stunden an einander.
+
+Edmund.
+Schiedet ihr vergnügt von einander? Fandet ihr kein Mißvergnügen
+bey ihm, weder in Worten noch Gebehrden?
+
+Edgar.
+Nicht das geringste.
+
+Edmund.
+Besinnet euch, worinn ihr ihn etwann beleidigt haben möchtet, und
+lasset euch erbitten, seine Gegenwart zu meiden, bis die erste Hize
+seines Unwillens sich verlohren haben wird, welche izt so sehr in
+ihm tobet, daß es ohne Unglük für eure Person schwerlich ablauffen
+könnte.
+
+Edgar.
+Irgend ein schändlicher Bube muß mich bey ihm verläumdet haben.
+
+Edmund.
+Das fürcht' ich eben; ich bitte euch, weichet ihm sorgfältig aus,
+bis sich seine Wuth in etwas gelegt hat; und wie ich sage, kommt
+mit mir in mein Zimmer, wo ich machen will, daß ihr ohne bemerkt zu
+werden, Mylord reden hören könnet. Ich bitte euch, geht; hier ist
+mein Schlüssel; wenn ihr heraus geht, so gehet bewaffnet.
+
+Edgar.
+Bewaffnet, Bruder!
+
+Edmund.
+Bruder, ich rathe euch das beste; ich will kein ehrlicher Mann seyn,
+wenn man etwas gutes gegen euch im Sinn hat. Ich habe euch gesagt,
+was ich gesehen und gehört habe; doch auf die gelindeste Art; es
+kan nichts entsezlichers seyn.--Ich bitte euch, gehet.
+
+Edgar.
+Werde ich bald wieder von euch hören?
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt.
+
+
+Edmund.
+Ich diene euch in diesem Geschäfte. Ein leichtgläubiger Vater, und
+ein edler Bruder, dessen Gemüthsart so entfernt ist jemand ein Leid
+zu thun, daß er auch keines argwöhnen kan, und dessen alberne
+Ehrlichkeit die Helfte meiner Ränke unnöthig macht. Ich sehe
+diesem Geschäft unter die Augen. Wenn mir die Geburt keine
+Ländereyen gab, so soll mein Wiz sie mir verschaffen. Mir ist
+alles recht, was sich machen läßt.
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Eilfter Auftritt.
+(Des Herzogs von Albanien Palast. Gonerill und Haushofmeister
+ treten auf.)
+
+
+Gonerill.
+Wie? mein Vater schlägt meinen Hof-Junker, weil dieser seinen
+Narren ausgescholten hat?
+
+Hofmeister.
+So ist es, Gnädige Frau.
+
+Gonerill.
+Tag und Nacht beleidigt er mich; es vergeht keine Stunde, da er
+nicht in diese oder jene grobe Übelthat aufsprudelt, die uns alle
+an einander hezt; ich will es nicht länger leiden: Seine Ritter
+fangen an ganz ausgelassen zu werden, und er selbst macht uns um
+einer jeden Kleinigkeit willen Vorwürffe. Wenn er von der Jagd
+zurük kömmt, will ich nicht mit ihm reden; sagt, ich befinde mich
+nicht wol. Wenn ihr von euerm vorigen Dienst-Eifer gegen ihn
+nachlasset, werdet ihr wohl thun; ich nehme die Verantwortung auf
+mich.
+
+Hofmeister.
+Er kömmt würklich, Gnädige Frau; ich hör' ihn.
+
+Gonerill.
+Ermüdet seine Geduld durch so viel Nachlässigkeiten, als euch nur
+beliebt, ihr und eure Cameraden; ich möchte gern, daß es zur
+Untersuchung käme. Wenn es ihm nicht ansteht, so mag er zu meiner
+Schwester gehen, deren Sinn mit dem meinigen darinn übereinkömmt,
+sich nicht beherrschen lassen zu wollen; der thörichte alte Mann,
+der alle diese Gewalt immer ausüben will, die er doch weggegeben
+hat. Nun, bey meinem Leben! Alte Leute werden wiederum Kinder,
+und müssen, wie Kinder, ausgescholten und nicht geliebkoset werden,
+wenn man sieht daß sie nur unartiger davon werden.
+
+Hofmeister.
+Euer Gnaden haben vollkommen recht.
+
+Gonerill.
+Seinen Rittern kan man auch kältere Blike zukommen lassen; was
+daraus entstehen mag, das hat nichts zu bedeuten; weiset die
+übrigen Bedienten deshalben an; ich will sogleich an meine
+Schwester schreiben, damit sie eben denselben Weg einschlägt--Macht,
+daß das Mittag-Essen fertig wird.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Zwölfter Auftritt.
+(Die Scene verändert sich in einen offnen Plaz, vor dem Palast.)
+
+
+Kent (tritt auf, verkleidet.)
+Wenn ich eben sowol einen andern Accent und eine langsamere
+Aussprache annehmen kan, als ich meine Gestalt verändert habe, so
+kan meine gute Absicht vielleicht zu dem völligen Endzwek kommen,
+um dessentwillen ich meine Person verläugne. (Man hört Hifthörner.
+Lear, seine Ritter und Bediente treten auf.)
+
+Lear.
+Laßt mich nicht einen Augenblik auf das Mittag-Essen warten. Geht,
+macht es fertig. Wie nun, wer bist du?
+
+(Zu Kent.)
+
+Kent.
+Ein Mann, Sir.
+
+Lear.
+Wofür giebst du dich? was willt du bey uns?
+
+Kent.
+Ich gebe mich für nicht weniger, dann ich scheine; für einen, der
+demjenigen treulich dienen will, der mich in Pflicht nimmt, der
+ehrliche Leute liebt, und mit vernünftigen Leuten gern umgeht; der
+nicht viel spricht, weil er sich vor Tadel fürchtet; der ficht,
+wenn er's nicht vermeiden kan, und keine Fische ißt.*
+
+Lear.
+Wer bist du?
+
+Kent.
+Ein recht ehrlicher gutherziger Kerl, und so arm als der König.
+
+Lear.
+Wenn du für einen Unterthanen so arm bist, als er es für einen
+König ist, so bist du arm genug. Was willt du?
+
+Kent.
+Dienste.
+
+Lear.
+Wem willt du dienen?
+
+Kent.
+Euch.
+
+Lear.
+Kennst du mich, Bursche?
+
+Kent.
+Nein, Sir; aber ihr habt etwas in eurer Person, das ich gerne
+meinen Herrn nennen möchte.
+
+Lear.
+Und was ist das?
+
+Kent.
+Ansehen.
+
+Lear.
+Was für Dienste kanst du thun?
+
+Kent.
+Ich kan ehrliche Geheimnisse bey mir behalten, reiten, lauffen, ein
+lustiges Mährchen auf eine langweilige Art erzählen, und eine
+leichte Commission ungeschikt ausrichten--Wozu ein alltäglicher
+Mensch nur immer tüchtig ist, dazu bin ich der Mann; und das Beste
+an mir, ist Fleiß.
+
+Lear.
+Wie alt bist du?
+
+Kent.
+Nicht jung genug, Sir, um ein Weibsbild, wegen ihres Singens zu
+lieben; und nicht alt genug, um wegen irgend einer Ursache in sie
+vernarrt zu seyn. Ich hab acht und vierzig Jahr auf meinem Rüken.
+
+Lear.
+Folge mir, ich nehme dich in meine Dienste; wenn du mir nach der
+Mahlzeit nicht schlechter gefällst, so werden wir nimmer von
+einander scheiden. Das Mittag-Essen! hO! das Mittag-Essen!--Wo
+ist mein Schlingel? mein Narr? Geht, ruft meinen Narren her. Ihr,
+Ihr, Bengel! Hört ihr, wo ist meine Tochter? (Der Haushofmeister
+kömmt.)
+
+Hofmeister.
+Wenn es beliebt--
+
+(Er geht wieder ab.)
+
+Lear.
+Was sagt der Kerl da? Ruft den Lümmel zurük--Wo ist mein Narr? ho!
+Ich denke, die ganze Welt ligt im Schlaf Was ists? was sagt der
+Maulaffe?
+
+Ritter.
+Mylord, er sagt, eure Tochter befinde sich nicht wohl.
+
+Lear.
+Warum kam der Sclave nicht zurük, als ich ihn rief?
+
+Ritter.
+Er antwortete mir rund heraus, er wolle nicht.
+
+Lear.
+Er wolle nicht?
+
+Ritter.
+Mylord, ich weiß nicht was es zu bedeuten hat; aber meines
+Bedünkens, wird Euer Hoheit nicht mehr mit der ehrfurchtsvollen
+Zuneigung begegnet, wie ehmals--Es zeigt sich eine gewaltige
+Abnahme von Freundlichkeit, sowol bey allen Bedienten, als bey dem
+Herzog und Eurer Tochter selbst.
+
+Lear.
+Ha! sagst du das?
+
+Ritter.
+Ich bitte um Vergebung, Mylord, wenn ich mich irre; aber meine
+Pflicht kan nicht schweigen, wenn ich denke, Eure Hoheit werde
+beleidiget.
+
+Lear.
+Du erinnerst mich nur an meine eigne Beobachtungen. Ich habe seit
+kurzem eine höchst kaltsinnige Nachlässigkeit bemerkt, die ich aber
+mehr meiner eignen allzu eifersüchtigen Aufmerksamkeit, als einer
+Absicht Unfreundlichkeit gegen mich zu zeigen, beymaß. Ich will
+genauer Acht geben. Aber wo ist mein Narr? ich habe ihn diese
+zween Tage nicht gesehen.
+
+Ritter.
+Seitdem meine junge Lady nach Frankreich abgegangen ist, ist er
+ganz niedergeschlagen.
+
+Lear.
+Nichts mehr hievon; ich hab es wol bemerkt. Geht, und sagt meiner
+Tochter, ich möchte mit ihr reden. Und ihr geht, und ruft mir
+meinen Narren her--ha--Sir! kommt ihr hieher, Sir? wer bin ich,
+Sir? (Der Haushofmeister kömmt.)
+
+Hofmeister.
+Milady's Vater.
+
+Lear.
+Milady's Vater? Mylords Schurke! ihr Hurensohn von einem Hund,
+ihr Sclave, ihr Kettenhund!
+
+Hofmeister.
+Ich bin nichts dergleichen, Mylord, ich bitte mir's aus.
+
+Lear.
+Darfst du solche Blike auf mich schiessen, du Galgenschwengel?
+
+(Er giebt ihm eine Ohrfeige.)
+
+Hofmeister.
+Ich will nicht geschlagen seyn, Mylord.
+
+Kent.
+Und gestürzt auch nicht, du nichtswürdiger Ballspieler, du?
+
+(Er unterschlägt ihm ein Bein.)
+
+Lear.
+Ich danke dir, Camerad. Du dienst mir, und ich will dich lieben.
+
+Kent.
+Kommt, Sir, steht auf, fort! Ich will euch einen Unterschied
+machen lehren. Fort, fort! wenn ihr euern grossen Wanst noch
+einmal messen wollt, so versucht es noch einmal; aber fort, pakt
+euch! Seyd ihr gescheidt? So--
+
+(Er schmeißt den Hofmeister hinaus.)
+
+Lear.
+Ich danke dir, mein gutwilliger Bursche! es ist Ernst in deinem
+Dienst. * In Königin Elisabeths Zeiten wurden die Papisten mit
+gutem Grund für Feinde der Regierung gehalten. Daher kam die
+Redensart: (Er ist ein ehrlicher Mann, und ißt keine Fische,) um
+einen Freund der Regierung und Protestanten zu bezeichnen.
+Fletcher zielet hierauf in seinem Weiberfeind, wo er, da Lazarillo
+von der Wache vor der Courtisane Haus gefangen genommen, diese
+leztere sagen läßt: Meine Herren, es freut mich daß ihr ihn entdekt
+habt. Er sollte vor zwanzig Pfund unter meinem Dach nichts zu
+essen gekriegt haben; und wahrhaftig er gefiel mir gleich nicht, da
+er Fische verlangte. Und Marstons Niederländische Courtisane--Ich
+versichre, ich bin keine von den gottlosen Leuten, die am Freytag
+Fische essen.
+
+
+
+Dreyzehnter Auftritt.
+(Der Narr kömmt zu ihnen.)
+
+
+Narr.
+Ich will ihn auch miethen--Hier ist meine Kappe. --
+
+(Er giebt ihm seine Kappe.)
+
+Lear.
+Wie, mein artiger Schurke! was thust du?
+
+Narr.
+Ihr Esel, ihr thätet am besten, wenn ihr meine Kappe--nähmet.
+
+Kent.
+Warum, Junge?
+
+Narr.
+Warum? Weil sich jemands anzunehmen, gefährlich ist; wenn du nicht
+lächeln kanst wie der Wind geht, so wirst du bald den Schnuppen
+kriegen. Hier, nimm meine Schellen-Kappe--Wie, dieser Bursche hier
+hat zwo von seinen Töchtern verbannt, und der dritten einen Segen
+wider seinen Willen gegeben; wenn du ihm folgst, so must du
+nothwendig meine Kappe tragen. Wie gehts, Onkel? Ich wollt, ich
+hätte zwo Kappen und zwo Töchter.
+
+Lear.
+Warum das, Junge?
+
+Narr.
+Wenn ich ihnen alle meine Haab und Gut gebe, so will ich meine
+Kappe für mich selbst behalten. Hier ist meine, bettle du eine von
+deinen Töchtern.
+
+Lear.
+Nimm dich in Acht, Schurke! Die Peitsche--
+
+
+Narr.
+Die Wahrheit ist ein Hund, sie muß in den Hundsstall; muß
+hinausgepeitscht werden, wenn der Lady ihre Brake beym Feuer sizen
+und stinken darf.
+
+Lear.
+Das ist ein verdammter Stich!
+
+Narr (zu Kent.)
+Kerl, ich will dich reden lehren.
+
+Lear.
+Thu es.
+
+Narr.
+Gieb Acht, Nonkel!
+Hab mehr dann du zeigst,
+Sprich minder als du verschweigst,
+Leyh minder als du hast,
+Reit mehr als du gehst,
+Lern mehr als du glaubst,
+Seze minder als du wirfst,
+Laß deinen Wein und dein Mensch,
+Und bleib fein zu Hause,
+So wirst du mehr haben als zwey
+Zehner zu zwanzig.
+
+Kent.
+Das ist nichts, Narr.
+
+Narr.
+So ist es wie der Athem eines unbezahlten Advocaten; ihr gebet mir
+nichts davor; könnt ihr nichts zu nichts gebrauchen, Nonkel?
+
+Lear.
+Wie? Nein, Junge; man kan nichts aus nichts machen.
+
+Narr (zu Kent.)
+Ich bitte dich, sag ihm, so hoch belauffen sich just die Einkünfte
+von seinen Ländern; er würd' es einem Narren nicht glauben.
+
+Lear.
+Ein bittrer Narr!
+
+Narr.
+Junge, weist du den Unterschied zwischen einem bittern Narren, und
+einem süssen?
+
+Lear.
+Nein; sag ihn dann.
+
+Narr.
+Der Lord, der dir rieth dein Land wegzugeben, komm, laß ihn hier zu
+mir hersizen, und du steh vor ihn hin; so wird man den bittern und
+den süßen Narren nicht lange suchen müssen; der ist persönlich hier,
+und der andere dort.
+
+Lear.
+Nennst du mich einen Narren, Junge?
+
+Narr.
+Alle deine andre Titel, mit denen du gebohren warst, hast du
+weggegeben.
+
+Kent.
+Diß ist nicht so ganz und gar närrisch, Mylord.
+
+Narr.
+Nein, mein Treu! Lords und grosse Herren wollen mir's nicht lassen;
+wenn ich ein Monopolium dafür hätte, so würden sie auch einen
+Antheil daran haben wollen; ja die Damen noch dazu, sie würden
+nicht leiden wollen, daß ich alles Närrische für mich allein hätte,
+sie würden mich bemausen. Gieb mir ein Ey, Nonkel, so will ich dir
+zwo Kronen geben.
+
+Lear.
+Was für zwo Kronen sollen das seyn?
+
+Narr.
+Was? Wenn ich das Ey mitten in zwey geschnitten, und was darinn
+ist, aufgegessen habe, so geb ich dir die zwo Kronen von den
+Schaalen. Wie du deine Krone mitten in zwey gespalten, und beyde
+Theile weggegeben hast, da trugst du deinen Esel auf dem Rüken
+durch den Koth; du hattest wenig Wiz in deiner kahlen Krone, wie du
+deine göldne weg gabst; wenn ich hierinn mir selbst gleich rede, so
+laß den peitschen, der es zuerst wahr findet.
+
+(Der Narr singt ein Liedchen.)
+
+Lear.
+Seit wenn seyd ihr so liederreich, Herr Bengel?
+
+Narr.
+Schon lange vorher, eh du deine Töchter zu deinen Müttern machtest;
+denn wie du ihnen die Ruthe gabst, und deine eigne Hosen herunter
+liessest, da--
+
+(Er singt wieder ein Liedchen.)
+
+* Ich bitte dich, Nonkel, halt einen Schulmeister, der den Narren
+lügen lehre; ich habe eine rechte Lust lügen zu lernen.
+
+{ed.-* Der Übersetzer bekennt, daß er sich ausser Stand sieht,
+diese, so wie künftig, noch manche andre Lieder von gleicher Art
+zu übersezen; denn mit dem Reim verliehren sie alles. Er hat sie
+inzwischen hieher sezen wollen, damit andre, wenn sie Lust haben,
+mit mehrerm Erfolg, sich daran versuchen können.
+
+(1.) Fools ne'er had less grace in a Year
+for wise Men art grown foppish;
+And Know not how their Wits to wear
+their Manners are so apish.
+(2.) Then they for sudden joy did weep
+And I for sorrow sung,
+That such a King should play bo-peep
+And go the fools among.}
+
+Lear.
+Wenn du liegst, Schurke, so wirst du gepeitscht.
+
+Narr.
+Mich wundert, von was für einer Art Geschöpfe du und deine Töchter
+sind; sie wollen mich peitschen lassen, wenn ich die Wahrheit sage;
+du willt mich peitschen lassen, wenn ich lüge; und zuweilen werd'
+ich gepeitscht, weil ich gar nichts sage; ich wollte lieber irgend
+etwas anders seyn als ein Narr; und doch wollte ich nicht Du seyn,
+Nonkel! Du hast deinen Wiz an beyden Enden abgeschnitten, und
+nichts in der Mitte gelassen. Hier kömmt eines von den Stüken.
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt.
+(Die Vorigen. Gonerill.)
+
+
+Lear.
+Wie nun, Tochter? was will diß Stirnband hier? Ihr rumpft seit
+kurzem die Stirne ein wenig zu viel.
+
+Narr.
+Du warest ein ganz hübscher Kerl, wie du nicht nöthig hattest, dich
+um ihre Falten zu bekümmern--Nun bist du ein 0 ohne Zahl; ich bin
+besser als du izt bist; ich bin ein Narr, und du bist nichts.--Doch,
+ja, mein Treu! ich will mein Maul halten--
+
+(zu Gonerill)
+
+so befiehlt mir euer Gesicht, ob ihr gleich nichts sagt.
+
+(Er singt wieder.)
+
+(Zu Lear.) Du bist eine gescheelte Bohne.
+
+Gonerill.
+Nicht allein, Sir, dieser euer zaumloser Narr, sondern auch andre
+von euerm übermüthigen Gefolge, fangen hier stündlich Zank und
+Händel an, und brechen in ganz ausgelassene und unerträgliche
+Unordnungen aus. Ich dachte, wenn euch dieses nur bekannt gemacht
+würde unfehlbare Hülfe zu finden; aber nun muß ich allerdings aus
+dem was ihr erst kürzlich gesagt und gethan habt besorgen, daß ihr
+diese Ausschweiffungen in euern Schuz nehmet, und sogar selbst
+aufmuntert; thut ihr's, so wird der Fehler dem Tadel nicht entgehen,
+noch wird es an Mitteln fehlen, Einhalt zu thun; die, obgleich zu
+euerm Besten abgesehen, doch die unangenehme Folge haben möchten,
+daß ihr, nicht ohne Schaam, von der Nothwendigkeit eine
+vorsichtigere Aufführung lernen müßtet.
+
+Narr.
+Denn ihr wißt, Nonkel, der Sperling nährte den Kukuk so lang, bis
+seine Jungen ihm den Kopf abbissen; So löscht das Licht aus, und
+wir sizen im Finstern.
+
+Lear.
+Seyd ihr unsre Tochter?
+
+Gonerill.
+Ich wünschte, ihr möchtet einen Gebrauch von dem guten Verstand
+machen, womit ihr, wie ich weiß, so wol versehen seyd; und diese
+Dispositionen von euch thun, die euch seit kurzem zu etwas ganz
+anderm machen, als ihr ordentlicher Weise seyd.
+
+Narr.
+Kan ein Esel nicht wissen, wenn der Karren das Pferd zieht? Schrey,
+Nachtigall, ich liebe dich.
+
+Lear.
+Kennt mich hier jemand? Diß ist nicht Lear! Geht Lear so?
+spricht er so? wo sind seine Augen? Entweder ist sein Hirn
+geschwächt, sein Verstand in Todesschlaf versunken--Ha! wach ich?--
+Es ist nicht so! wer ist hier, der mir sagen kan, wer ich bin?
+Lear's Schatten? Ich möcht' es gern erfahren; denn nach den
+Kennzeichen der untrüglichen Vernunft zu schliessen, stand ich in
+einem falschen Wahn, da ich Töchter zu haben glaubte. Euer Name,
+schönes Frauenzimmer?
+
+Gonerill.
+Diese Verwundrung, Sir, ist sehr im Geschmak eurer übrigen neuen
+Grillen. Ich bitte euch, meine Absichten recht zu verstehen. So
+wie ihr alt und ehrwürdig seyd, solltet ihr auch weise seyn. Ihr
+haltet hier hundert Ritter und Schildknappen, so ausgelassenes,
+verwegenes und schwelgerisches Volk, daß dieser unser Hof, von
+ihren Sitten angestekt, einer liederlichen Schenke gleich sieht;
+Epicurisches Wesen und Unzucht machen ihn mehr einem Weinhaus und
+Bordel, als einem fürstlichen Palast ähnlich. Die Schaam selbst
+spricht für ungesäumte Hülfe. Lasset euch von einer erbitten, die
+sonst das was sie bittet nehmen wird, euer Gefolge um fünfzig zu
+vermindern; und die übrig bleibenden solche Leute seyn zu lassen,
+die sich für eure Jahre schiken, und sich selbst und euch kennen.
+
+Lear.
+Finsterniß und Teufels! Sattelt meine Pferde! Ruft meine Leute
+zusammen--Ausgearteter Bastard! Ich will dich nicht beunruhigen.
+Ich habe noch eine Tochter übrig.
+
+Gonerill.
+Ihr schlagt meine Leute; und euer zügelloses Gesindel will von
+Leuten bedient seyn, die besser als sie sind.
+
+
+
+Fünfzehnter Auftritt.
+(Zu ihnen, der Herzog von Albanien.)
+
+
+Lear.
+Weh dem, den zu spät die Reue trift! O Sir! seyd ihr gekommen?
+Ist es euer Wille, sprecht, Sir? laßt meine Pferde bereit halten--
+Undankbarkeit! du marmorherziger Teufel; scheußlicher wenn du dich
+in einem Kind zeigst, als in einem Meer-Ungeheuer.
+
+Albanien.
+Ich bitte, Sir, seyn Sie geduldig.
+
+Lear
+
+(zu Gonerill).)
+Verdammter Habicht! Du lügst! Mein Gefolge sind ausgesuchte Leute,
+von den seltensten Gaben, die alles kennen, was die Pflicht von
+einem Ritter fordert, und die den Adel ihrer Namen in allen Stüken
+behaupten--O sehr kleiner Fehler! Wie häßlich schienst du an
+Cordelia! da du, gleich einem Hebel, meine ganze Natur aus ihrer
+gewohnten Stellung hubst, und alle Liebe aus meinem Herzen zogst,
+und zu Galle machtest--O Lear, Lear, Lear! Schlag an diese Thür,
+
+(Er schlägt sich an den Kopf.)
+
+die deine Thorheit ein- und deine Vernunft ausließ--Geht, geht,
+meine Leute.
+
+Albanien.
+Mylord, ich bin so unschuldig, daß ich nicht einmal weiß, was euch
+in diesen Unwillen gesezt hat.
+
+Lear.
+Es mag so seyn, Mylord--Höre mich, Natur, theure Göttin, höre einen
+Vater! Hemme deinen Vorsaz, wenn er war, diß Geschöpf fruchtbar zu
+machen. Banne Unfruchtbarkeit in ihre Schooß, trokne die Werkzeuge
+der Vermehrung in ihr auf, und laß niemals aus diesem geschändeten
+Leib einen Säugling entspringen, der ihr Ehre mache. Muß sie aber
+gebähren, so erschaff ihr Kind aus Galle, und laß es leben, sie
+ohne Rast mit unnatürlicher Bosheit zu peinigen; laß es Runzeln in
+ihre junge Stirne graben, und mit glühenden Thränen Canäle in ihre
+Wangen äzen; laß es alle ihre Mutter-Schmerzen, mit Hohngelächter,
+alle ihre Wohlthaten mit Verachtung erwiedern; damit sie fühle, wie
+viel schärfer als einer Schlange Biß es ist, ein undankbares Kind
+zu haben! Geht, geht, meine Leute!
+
+Albanien.
+Nun, ihr Götter, die wir anbeten, woher kommt diß!
+
+Gonerill.
+Bekümmert euch nicht, es zu wissen, sondern laßt seinem Wahnwiz
+freyen Lauf--
+
+Lear.
+Was? Fünfzig von meinem Gefolge auf einen Streich!--Innerhalb
+vierzehn Tagen! --
+
+
+Albanien.
+Was ist denn die Sache, Mylord?
+
+Lear.
+Ich will dir's sagen--Leben und Tod!--
+
+(zu Gonerill)
+
+ich schäme mich, daß du Macht hast meine Mannheit also zu
+erschüttern!--O! daß diese heissen Thränen, die mit Gewalt aus
+meinen Augen brechen, dich ihrer würdig machen könnten--Stürme und
+Wetter über dich! daß nichts dich gegen die unheilbaren Wunden des
+Fluchs eines Vaters schüze!--Ihr alten unmännlichen Augen, weint
+ihr schon wieder? Ich will euch ausreissen und wegwerffen, um mit
+dem Wasser das ihr verliehrt, Leim zu waschen. Ha! ist es dazu
+gekommen! So sey es dann: Ich habe eine andre Tochter, die, wie
+ich gewiß bin, zärtlich und hülfreich ist; wenn sie diß von dir
+hören wird, sie wird dein wolfisches Gesicht mit ihren Nägeln
+zerkrazen; du sollt finden, daß ich die Gestalt wieder annehmen
+werde, die ich, deiner Einbildung nach, auf ewig abgelegt habe.
+
+(Lear und Gefolge gehen ab.)
+
+
+
+Sechszehnter Auftritt.
+
+
+Gonerill.
+Hörtet ihr das?
+
+Albanien.
+Die grosse Liebe die ich zu euch trage, kan mich nicht so
+partheyisch machen, Gonerill--
+
+
+Gonerill.
+Ich bitte euch, seyd ruhig--Wie? Oswald; hO! Ihr, Sir, mehr
+Spizbube als Narr, folgt euerm Herrn.
+
+Narr.
+Nonkel Lear, Nonkel Lear! warte, nimm den Narren mit dir. Ein
+Fuchs, wenn jemand einen gefangen hat, und eine solche Tochter
+sollten beyde erdrosselt werden, wenn ich für meine Kappe einen
+Strik kauffen könnte; und hiemit zieht der Narr ab.
+
+(Geht ab.)
+
+Gonerill.
+Dieser Mann hat gute Anschläge!--Hundert Ritter? das wäre
+politisch, und sicher, ihn hundert Ritter halten zu lassen--
+Wahrhaftig! damit er wegen eines jeden Traums, einer jeden Grille,
+jeder kleinen Beschwerung oder Unzufriedenheit wegen, seinen
+Aberwiz durch ihre Macht schüzen, und unser Leben in seiner
+Willkühr haben könnte--Oswald, sag ich!
+
+Albanien.
+Eure Furcht kan zu weit gehen--
+
+Gonerill.
+Es ist sicherer, als zuviel trauen. Laßt mich immer die Kränkungen
+die ich befürchte, aus dem Wege räumen, anstatt immer zu fürchten,
+daß ich gekränkt werde. Ich kenne sein Herz; ich habe meiner
+Schwester geschrieben, was für Reden er ausgestossen hat; wenn sie
+ihn mit seinen hundert Rittern unterhalten wird, nachdem ich ihr
+die Unschiklichkeit davon gezeigt haben werde. --
+(Der Haushofmeister kömmt.) Wie steht es, Oswald? Habt ihr den
+Brief an meine Schwester geschrieben?
+
+Hofmeister.
+Ja, Gnädige Frau.
+
+Gonerill.
+Nehmet einige Leute mit euch, und ohne Verzug zu Pferde; berichtet
+sie umständlich von allen meinen Besorgnissen, und füget solche
+Gründe von euern eignen bey, die zu derselben Bestätigung dienen
+können. Eilet, und beschleuniget eure Rükkunft.
+
+(Der Hofmeister geht ab.)
+
+Nein, nein, Mylord, ob ich gleich diese milchigte Gelindigkeit
+eurer Gemüthsart nicht schelten will, so werdet ihr doch, mit
+Erlaubniß, mehr wegen Mangel an Klugheit getadelt, als wegen dieser
+harmlosen Mildigkeit gepriesen.
+
+Albanien.
+Wie weit eure Augen ins Verborgne dringen mögen, kan ich nicht
+sagen; aber die Bestrebung nach etwas besserm, beraubt uns oft
+dessen was gut war.
+
+Gonerill.
+Nun dann--
+
+Albanien.
+Wohl, wohl, der Ausgang--
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Siebenzehnter Auftritt.
+(Ein Vorhof an des Herzogs von Albaniens Palast.)
+(Lear, Kent, Ritter und Narr treten wieder auf.)
+
+
+Lear.
+Geht ihr voraus zu Gloster mit diesen Briefen. Sagt meiner Tochter
+von allem was ihr wißt, nichts weiter, als was sie euch aus dem
+Briefe fragen wird; wenn ihr nicht sehr eilfertig seyn werdet, so
+werde ich vor euch dort seyn.
+
+Kent.
+Ich will nicht schlafen, Mylord, bis ich eure Briefe abgegeben habe.
+
+(Geht ab.)
+
+Narr.
+Wenn jemands Hirn in seinen Fußsolen wäre, wäre es nicht in Gefahr,
+Schwülen zu kriegen?
+
+Lear.
+Freylich, Junge.
+
+Narr.
+So bitt' ich dich, sey nur gutes Muths, dein Wiz wird die Schuhe
+nie zu Pantoffeln machen müssen.
+
+Lear.
+Ha, ha, ha!
+
+Narr.
+Wirst sehen, deine andre Tochter wird freundlich gegen dich seyn;
+denn, wenn sie schon dieser hier so ähnlich sieht als ein Holzapfel
+einem Apfel, so weiß ich doch wol, was ich weiß--
+
+Lear.
+Was weist du denn, Junge?
+
+Narr.
+Sie wird dieser hier so ähnlich schmeken als ein Holzapfel einem
+Holzapfel. Kanst du sagen, warum einer seine Nase mitten im
+Gesichte stehen hat?
+
+Lear.
+Nein.
+
+Narr.
+Warum? Damit er auf jeder Seite seiner Nase ein Auge habe, um das
+was er nicht riechen kan, zu sehen.
+
+Lear (vor sich).
+(Ich that ihr Unrecht)--
+
+Narr.
+Kanst du sagen, wie eine Auster ihre Schaale macht?
+
+Lear.
+Nein.
+
+Narr.
+Ich auch nicht; aber ich kan sagen, warum eine Schneke ihr Haus
+trägt.
+
+Lear.
+Warum?
+
+Narr.
+Warum? ihren Kopf darein zu ziehen, und nicht es an ihre Töchter
+zu verschenken, und ihre Hörner ohne Futteral zu lassen.
+
+Lear.
+Ich will meine Natur vergessen--ein so gütiger Vater! Sind meine
+Pferde fertig?
+
+Narr.
+Deine Esel sind gegangen, darnach zu sehen; die Ursache, warum das
+Sieben-Gestirn nicht mehr als sieben Sterne hat, ist eine artige
+Ursache.
+
+Lear.
+Weil es nicht acht sind.
+
+Narr.
+Das ist es, in der That--du würdest einen feinen Narren abgeben.
+
+Lear.
+Es mit Gewalt wieder zu nehmen!--Ungeheuer von Undankbarkeit!
+
+Narr.
+Nonkel, wenn ihr mein Narr wäret, so würd' ich dich geprügelt haben,
+weil du vor der Zeit alt worden bist.
+
+Lear.
+Wie so?
+
+Narr.
+Du hättest nicht alt werden sollen, bis du klug gewesen wärest.
+
+Lear.
+O! laß mich nicht wahnwizig werden, nicht wahnwizig, gütiger
+Himmel! Erhalte mich gelassen, ich möchte nicht wahnwizig seyn.
+(Ein Ritter kömmt.) Sind die Pferde fertig?
+
+Ritter.
+Ja, Mylord.
+
+Lear.
+Komm, Junge.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+Zweyter Aufzug.
+
+
+
+Erster Auftritt.
+(Ein Schloß des Grafen von Gloster.)
+(Edmund und Curan treten von verschiedenen Seiten auf.)
+
+
+Edmund.
+Glük zu, Curan!
+
+Curan.
+Und euch, Sir. Ich bin bey euerm Vater gewesen, und habe ihm
+angesagt, daß der Herzog von Cornwall und Regan seine Gemahlin,
+heute bey ihm übernachten werden.
+
+Edmund.
+Wie kömmt das?
+
+Curan.
+Das weiß ich nicht; ihr habt ohne Zweifel gehört was Neues vorgeht--
+ich meyne Neuigkeiten, die ins Ohr geflüstert werden; denn es sind
+noch Heimlichkeiten.
+
+Edmund.
+Ich weiß nichts; ich bitte euch, was ist es?
+
+Curan.
+Habt ihr nichts von einem vermuthlichen Krieg zwischen den Herzogen
+von Cornwall und Albanien gehört?
+
+Edmund.
+Nicht ein Wort.
+
+Curan.
+So könnt ihr euch beizeiten anschiken. Lebet wohl, Sir.
+
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Zweyter Auftritt.
+
+
+Edmund.
+Der Herzog auf die Nacht hier! desto besser! ja das Beste! Das
+webt sich selbst mit Gewalt in mein Geschäfte ein. Mein Vater hat
+Wachen ausgestellt, sich meines Bruders zu bemächtigen; und ich
+habe nur noch eine Kleinigkeit zu verrichten--Kürze und Glük!--
+Bruder, ein Wort, kommt herunter; Bruder, sag ich--
+(Edgar kömmt.) Mein Vater wacht--O Sir, flieht diesen Ort. Es ist
+verrathen worden, wo ihr verborgen seyd; ihr habt izt den Vortheil
+der Nacht--Habt ihr nichts wider den Herzog von Cornwall
+gesprochen? Er kömmt noch diese Nacht hieher, in gröster Eile, und
+Regan mit ihm; habt ihr nichts zum Besten seiner Parthey wider den
+Herzog von Albanien gesprochen? Besinnet euch!
+
+Edgar.
+Ich kan euch versichern, kein Wort.
+
+Edmund.
+Ich höre meinen Vater kommen. Verzeihet mir--aus Verstellung muß
+ich meinen Degen gegen euch ziehen.--Ziehet, stellet euch als ob
+ihr euch vertheidiget--Nun ist es genug, weichet--kommt meinem
+Vater zuvor--
+
+(laut)
+
+Licht, he! holla!
+
+(leise)
+
+Flieht, Bruder--
+
+(laut)
+
+Fakeln!
+
+(leise)
+
+lebet wohl!
+
+(Edgar flieht.)
+
+Ein wenig Blut würde die Meynung erweken, daß ich einen härtern
+Stand gehabt hätte,
+
+(er verwundet sich am Arm.)
+
+Ich habe Trunkenbolde gesehen, die nur zum Scherz mehr gethan
+haben als diß;
+
+(laut)
+
+Vater, Vater! Haltet ihn! Haltet ihn! Will mir niemand helfen?
+
+
+
+Dritter Auftritt.
+(Gloster und Bediente mit Fakeln.)
+
+
+Gloster.
+Nun, Edmund, wo ist der Bösewicht?
+
+Edmund.
+Hier stund er im Finstern, sein blosses Schwerdt in der Hand, und
+murmelte verfluchte Zauberwörter um den Mond zu beschwören, seinem
+Vorhaben günstig zu seyn--
+
+Gloster.
+Aber wo ist er dann?
+
+Edmund.
+Sehen Sie, Mylord, ich blute.
+
+Gloster.
+Wo ist der Bösewicht, Edmund?
+
+Edmund.
+Dahinaus floh' er, Mylord, wie er sahe daß es unmöglich war--
+
+Gloster.
+Verfolgt ihn, fort, sezt ihm nach!--daß es unmöglich war--Was?
+
+Edmund.
+Mich zu bereden, Euer Gnaden zu ermorden; sondern ich ihm entgegen
+hielt, daß die rächenden Götter alle ihre Donnerkeile auf
+Vatermörder schiessen, und mit wie vielen und grossen Pflichten ein
+Sohn seinem Vater verbunden sey--Kurz, Mylord, da er sah' wie sehr
+ich seinem unnatürlichen Vorhaben entgegenstund, fiel er mich in
+gröster Wuth an, da ich mich nichts weniger versah', und verwundete
+mich am Arm; wie er aber merkte, daß meine billig aufgebrachte
+Lebensgeister, kühn auf die Gerechtigkeit meiner Sache, sich seinem
+Angriff entgegensezten, oder vielleicht weil ihn der Lerm den ich
+machte, erschrekte, floh' er plözlich davon.
+
+Gloster.
+Laßt ihn fliehen: in diesem Land kan er nicht bleiben, ohne
+gefangen zu werden, und nicht gefangen werden, ohne seinen Lohn zu
+bekommen. Der Herzog, mein Herr, mein würdiger Gebieter und Gönner,
+kommt diese Nacht; unter seinem Namen, will ich ausruffen lassen,
+daß derjenige, der ihn findet, und den meuchelmördrischen Buben zu
+seiner Straffe einliefert, unsern Dank, und wer ihn verbirgt, den
+Tod zum Lohn haben soll.
+
+Edmund.
+Als ich ihn von seinem Vorhaben abmahnte, und ihn so entschlossen
+fand, es zu vollbringen, drohte ich ihm zulezt mit heftigen
+Ausdrüken ihn zu verrathen--Du unverständiger Bastard, antwortete
+er mir, meynst du wenn ich gegen dir stünde, irgend eine Meynung,
+die man von deiner Treue, Tugend oder Rechtschaffenheit gefaßt
+haben kan, würde deinen Worten Glauben verschaffen, wenn ich läugne,
+wie ich thun werde, und wenn du auch meine eigne Handschrift
+aufweisen würdest! Ich wollte machen, daß alles deinem Antrieb,
+deinen geheimen Absichten und verdammten Ränken beygemessen würde;
+und du müßtest einen Dummkopf aus der Welt machen, wenn sie nicht
+denken sollte, die Vortheile die du von meinem Tode hättest, seyen
+stark genug dich anzuspornen, ihn zu suchen.
+
+Gloster.
+O! unerhörter verhärtetet Bösewicht!--Er wollte seinen Brief
+ableugnen?--Nein, ich hab ihn nicht gezeugt.--Höre, des Herzogs
+Trompeten! Ich weiß nicht warum er kömmt--Alle Häven will ich
+sperren--Der Lasterbube soll nicht entrinnen--Das muß mir der
+Herzog bewilligen; auch will ich sein Bildniß allenthalben
+umherschiken, damit das ganze Königreich die nöthige Kenntniß von
+ihm habe; und von allen meinen Ländereyen, will ich dich, mein
+getreuer und natürlicher Sohn, erbfähig zu machen wissen.
+
+
+
+Vierter Auftritt.
+(Cornwall, Regan und Gefolge.)
+
+
+Cornwall.
+Wie geht's, mein edler Freund? Seit ich hier angelangt bin,
+welches doch nur eben izt ist, hab ich seltsame Neuigkeiten gehört.
+
+Regan.
+Wenn sie wahr sind, so fällt alle Rache zu kurz, die den
+Übelthäter verfolgen kan; wie befindet ihr euch, Mylord?
+
+Gloster.
+O, Madam, mein altes Herz ist gebrochen, in Stüken zerschlagen!
+
+Regan.
+Wie? Meines Vaters Taufpathe;* der, dem mein Vater den Namen gab,
+euer Edgar?
+
+{ed.-* Hier vergißt der Poet mit einer ihm sehr gewöhnlichen
+Distraction, daß seine Personen Heiden sind.}
+
+Gloster.
+O Lady, Lady, die Schaam möchte es verbergen können!
+
+Regan.
+War er etwann ein Gespiel von den lüderlichen Rittern, die meinen
+Vater bedienen?
+
+Gloster.
+Ich weiß es nicht, Gnädige Frau; es ist zu arg, zu arg!
+
+Edmund.
+Ja, Gnädige Frau, er war von dieser Cameradschaft.
+
+Regan.
+Kein Wunder also, wenn er so schlimme Dinge vornahm; sie sind es,
+die ihn zur Ermordung des alten Mannes aufgemuntert haben, um seine
+Einkünfte mit ihm verprassen zu können. Ich habe eben diesen Abend
+von meiner Schwester genaue Nachrichten von ihnen erhalten, und mit
+solchen Umständen, daß wenn sie kommen, sich in meinem Haus
+aufzuhalten, ich nicht daheim seyn werde.
+
+Cornwall.
+Noch ich, das versichre ich dich, Regan. Ich höre, Edmund, daß ihr
+euerm Vater eine grosse Probe von kindlicher Liebe gegeben habt.
+
+Edmund.
+Es war meine Pflicht, Mylord.
+
+Gloster.
+Er entdekte seine boshaften Anschläge, und bekam diesen Stoß von
+ihm, wie ihr sehet, da er sich bemühete ihn abzuhalten.
+
+Cornwall.
+Wird er verfolgt?
+
+Gloster.
+Ja, mein gütiger Lord.
+
+Cornwall.
+Wenn er ertappt wird, so soll jedermann seinetwegen ausser Furcht
+gesezt werden: Bedient euch hierinn aller meiner Gewalt nach euerm
+eignen Gefallen. Was euch betrift, Edmund, dessen Tugend und
+kindliche Treue sich in dieser Probe selbst empfiehlt, Ihr sollt
+der Unsrige seyn; Gemüther von so vollkommner Zuverlässigkeit haben
+wir am meisten nöthig; wir bemächtigen uns hiemit Eurer Dienste.
+
+Edmund.
+Aufs wenigste, werde ich Euer Gnaden getreulich dienen.
+
+Gloster.
+Ich danke Euer Gnaden.
+
+Cornwall.
+Ihr wißt nicht, warum wir euch diesen Besuch machen--
+
+Regan.
+Bey so ungewohnter Zeit, und in der finstersten Nacht;--Umstände,
+edler Gloster, von einigem Gewicht, worinn wir euers Raths bedürfen,
+veranlasen uns. Unser Vater, unsre Schwester, haben beyde über
+Zwistigkeiten geschrieben, die ich am füglichsten aus euerm Hause
+beantworten zu können glaubte; die verschiedenen Boten erwarten von
+hier, abgefertiget zu werden. Ihr, unser guter alter Freund,
+helfet zu unsrer Beruhigung, und ertheilet euern nöthigen Rath zu
+unsern Angelegenheiten, welche augenblikliche Besorgung erfodern.
+
+Gloster.
+Ich bin zu Dero Diensten, Madame; Euer Gnaden sind höchlich
+willkommen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt.
+(Kent und der Haushofmeister der Lady Gonerill treten von
+ verschiedenen Seiten auf.)
+
+
+Hofmeister.
+Einen guten Abend, Freund; bist du hier vom Hause?
+
+Kent.
+Ja.
+
+Hofmeister.
+Wo können wir unsre Pferde abstellen?
+
+Kent.
+Im Koth.
+
+Hofmeister.
+Sey so gut und sag mir's, wenn du mich liebst.
+
+Kent.
+Ich liebe dich nicht.
+
+Hofmeister.
+So frag ich auch nichts nach dir.
+
+Kent.
+Wenn ich dich kreuzweise gebunden in Lipsbury hätte, ich wollte
+dich lehren nach mir zu fragen.
+
+Hofmeister.
+Warum begegnest du mir so, der ich dich nicht einmal kenne?
+
+Kent.
+Ich kenne dich, Bursche.
+
+Hofmeister.
+Wofür kennst du mich dann?
+
+Kent.
+Für einen Schlingel, einen Schurken, einen Tellerleker, einen
+niederträchtigen, hochmüthigen, holen, bettlermässigen, drey-
+rokichten, schmuzigen, lumpichten Schurken, einen weißleberichten,
+maußköpfigen Schurken, einen Huren-Sohn von einem glasaugichten,
+überdienstfertigen, abgefeimten Galgenschwengel; einen, der eine
+Kupplerin seyn würde, um jemanden einen Dienst zu thun, und der
+nichts anders ist als eine Composition von einem Spizbuben, einem
+Bettler, einer Memme und einem Hurenwirth, und der Sohn und Erbe
+einer Bastard-Hündin; einen den ich prügeln will, bis du wie ein
+kleiner Junge weinst, wofern du nur eine einzige Sylbe von diesem
+deinem Titel läugnest.
+
+Hofmeister.
+Wie? was für ein ungeheurer Kerl bist du, einen Menschen so zu
+schimpfen, den du nicht kennst, und der dich nicht kennt?
+
+Kent.
+Und was für ein ausgeschämter Raker bist du, zu läugnen, daß du
+mich kennst? Ist es schon zwey Tage, seitdem ich dir ein Bein
+unterschlug, und dich vor dem König prügelte? Zieht vom Leder, ihr
+Schurke; wenn es schon Nacht ist, so scheint doch der Mond; ich
+will machen, daß er durch euch hindurch scheinen soll; ihr
+Hurensohn von einem rakermässigen Bartkrazer, zieht.
+
+Hofmeister.
+Fort, ich habe nichts mit dir zu thun.
+
+Kent.
+Zieht, ihr Halunke! Ihr kommt mit Briefen wider den König, und
+nehmt des Püppchens (Vanitas) Parthey wider die Majestät ihres
+Vaters; zieht, ihr Lumpenhund, oder ich will eure Beine dermassen
+rösten--zieht, sage ich, hieher, Schurke--
+
+Hofmeister.
+Hülfe! ho! Mörder! Mörder! Hülfe!
+
+Kent.
+Wehr dich, du Sclave! Steh, Galgenschwengel, steh, du
+mausköpfichter Sclave, wehre dich.
+
+(Er prügelt ihn.)
+
+Hofmeister.
+Hülfe, ho! Mörder! Mörder!--
+
+
+
+Sechster Auftritt.
+(Edmund, Cornwall, Regan, Gloster und Bediente.)
+
+
+Edmund.
+Was giebts hier? Was habt ihr mit einander?--Hinweg--
+
+
+Kent.
+Mit euch, Herr Bube, wenn es euch beliebt; kommt, ich will euch
+trillen; hieher, junger Herr!
+
+Gloster.
+Waffen? Schwerdter? Was sind das für Händel hier?
+
+Cornwall.
+Haltet Frieden, so lieb euch euer Leben ist; der ist des Todes, der
+noch einmal schlägt; was ist die Sache?
+
+Regan.
+Es sind die Abgeschikten von unsrer Schwester, und vom König.
+
+Cornwall.
+Was ist euer Zwist? redet.
+
+Hofmeister.
+Ich kan kaum Athem holen, Mylord.
+
+Kent.
+Kein Wunder, da ihr eure Dapferkeit so angespornt habt; ihr
+hasenfüssiger Schurke! Die Natur sagt sich von allem Antheil an
+dir los; ein Schneider machte dich.
+
+Cornwall.
+Du bist ein seltsamer Bursche--ein Schneider einen Menschen machen!
+
+Kent.
+Ich, Mylord, ein Schneider, ein Steinmez, oder ein Mahler, könnten
+ihn nicht so schlecht gemacht haben, wenn er auch nur zwo Stunden
+in der Arbeit gewesen wäre.
+
+Cornwall.
+Aber sagt, worüber euer Zank entstanden?
+
+Hofmeister.
+Der alte Jauner, Mylord, dessen Leben ich aus Achtung für seinen
+grauen Bart gesparet habe,--
+
+Kent.
+Du Hurensohn von einem Zet; du unnöthiger Buchstabe! Mylord, wenn
+ihr mir Erlaubniß geben wollt, so will ich diesen ungereiterten
+Galgenschwengel in einem Mörsel stossen, und die Mauer eines
+Secrets mit ihm anstreichen. Meinen grauen Bart sparen--du
+Bachstelze!
+
+Cornwall.
+Halt ein, Flegel! du viehischer Schurke--kennst du keine Ehrfurcht?
+
+Kent.
+Ja, Sir, aber Zorn hat ein Privilegium.
+
+Cornwall.
+Warum bist du zornig?
+
+Kent.
+Daß solch ein Sclave wie dieser, ein Schwerdt tragen soll, der
+keinen ehrlichen Blutstropfen im Leib hat; solche lächelnde
+Schurken wie dieser, beissen oft, gleich den Razen, die heiligen
+Knoten entzwey, die zu verflochten sind um aufgelöst zu werden;
+schmeicheln jeder Leidenschaft die ihre Herren dahinreißt, schütten
+Öl in die Flamme, und Eis in ihren Kaltsinn; verneinen, bejahen,
+und drehen ihren Eisvogels-Schnabel nach jedem veränderlichen
+Lüftchen ihrer Gebieter; als Leute, die gleich den Hunden nichts
+wissen, als andern nachzulauffen. Daß die Pest ein solch
+epileptisches Gesicht!--Ihr lächelt zu meinen Reden als ob ich ein
+Narr sey! Ihr Gänse, hätte ich euch auf der Ebne von Salisbury,
+ich wollte euch schnatternd bis heim nach Camelot* treiben.
+
+{ed.-* Diß war der Ort, wo, nach den Romanzen, König Arthur sein
+Hoflager im Westen hatte; und es scheint also dieses eine
+Anspielung auf irgend eine sprüchwörtliche Redensart in den alten
+Ritterbüchern zu seyn.}
+
+Cornwall.
+Bist du aberwizig, alter Bursche?
+
+Gloster.
+Wie kamet ihr aus? Sagt uns das.
+
+Kent.
+Es ist keine solche Antipathie in der Natur, als die meinige gegen
+einen solchen Schlingel.
+
+Cornwall.
+Warum nennst du ihn einen Schlingel? was ist sein Vergehen?
+
+Kent.
+Ich kan seine Figur nicht leiden.
+
+Cornwall.
+Vielleicht die meinige, oder dieser oder dessen hier nicht besser.
+
+Kent.
+Herr, meine Art ist aufrichtig zu seyn: Ich habe zu meiner Zeit
+bessere Gesichter gesehen, als auf irgend einer Schulter stehen,
+die ich diesen Augenblik vor mir habe.
+
+Cornwall.
+Diß ist einer von den Burschen, die, wenn sie etwann einmal wegen
+einer Brüskerie gelobt worden, eine verdrießliche Grobheit
+affectieren, und sich von allen Gesezen des eingeführten Wohlstands
+los machen--"Er kan nicht schmeicheln, er--ein ehrlicher Mann muß
+aufrichtig seyn, er muß die Wahrheit reden; wollen sie sich's
+gefallen lassen, gut; wo nicht, so ist er aufrichtig." Diese Art
+von Spizbuben kenn ich, die unter dieser Aufrichtigkeit oft mehr
+Arglist und schlimmere Absichten verbergen, als zwanzig solcher
+seidenen untertauchenden Hofschranzen, die so subtil in Ausdehnung
+ihrer Pflichten sind.
+
+Kent.
+Mylord, in vollem Ernst, und nach der lautersten Wahrheit, unter
+der Nachsicht euers grossen Aspects, dessen Einfluß, gleich der
+Crone von stralendem Feuer auf der wallenden Stirne des Phöbus--
+
+Cornwall.
+Was willt du mit diesem Galimathias?
+
+Kent.
+Eine Sprache fahren lassen, die ihr so übel empfehlet: Ich weiß,
+Mylord, daß ich kein Schmeichler bin; der, der euch in einer ganz
+platten Sprache betrogen hat, ist ein platter Spizbube, welches ich
+nicht seyn will, wenn ich mir gleich dadurch euern Unwillen
+zuziehen sollte.
+
+Cornwall (zum Hofmeister).
+Was habt ihr ihm denn zu Leide gethan?
+
+Hofmeister.
+Nicht das mindeste, Mylord. Es gefiel dem König seinem Herrn,
+unlängst mich wegen eines Mißverstands zu schlagen; sogleich nahm
+er sich der Sache an, um dem Unwillen seines Herrn zu schmeicheln,
+unterschlug mir ein Bein, verspottete und beschimpfte mich, da ich
+zu Boden lag, und wurde von dem König gelobt, daß er einen Mann
+anfiel, der aus Respect sich nicht zu wehren begehrte; und von
+dieser dapfern That aufgemuntert, zog er hier wieder gegen mich.
+
+Kent.
+Es ist keiner von diesen Schlingeln und Memmen, der nicht den Ajax
+zu seinem Muster mache.
+
+Cornwall.
+Schafft Fuß-Stöke herbey. Du starrköpfiger alter Schurke, du
+ehrwürdiger Großsprecher, wir wollen dich lehren--
+
+
+Kent.
+Herr, ich bin zu alt zum lernen; fodert eure Fuß-Stöke nicht für
+mich; ich diene dem König; ihr würdet wenig Ehrerbietung und eine
+zu verwegne Bosheit gegen die höchste Person meines Herrn verrathen,
+wenn ihr seinen Abgeordneten in den Stok legen würdet.
+
+Cornwall.
+Fuß-Stöke herbey! So wahr ich Leben und Ehre habe, er soll darinn
+sizen bis Mittag.
+
+Regan.
+Bis Mittag! Bis Nacht, Mylord, und alle übrige Nächte dazu.
+
+Kent.
+Wie, Madame, wenn ich euers Vaters Hund wäre, ihr könntet mir nicht
+so begegnen!
+
+Regan.
+Sir, weil ihr meines Vaters Spizbube seyd, so will ich.
+
+Cornwall.
+Das ist ein Bursche von eben der Gattung, wovon unsre Schwester
+spricht. Kommt, bringt die Fuß-Stöke.
+
+Gloster.
+Euer Gnaden lassen sich erbitten, es nicht zu thun. Sein Vergehen
+ist groß, und der gute König, sein Herr, wird ihn deswegen
+bestraffen; die Straffe, die ihr vorhabet, ist von einer Art, daß
+nur die schlechteste und niedrigste Art von Elenden, wegen
+Mausereyen und dergleichen pöbelhaften Unfugen, damit bestraft
+werden. Der König muß es übel nehmen, daß er in seinem
+Abgeschikten so schlecht geachtet würde--
+
+Cornwall.
+Ich will das verantworten.
+
+Regan.
+Meine Schwester kan es noch weit übler nehmen, daß ihr Edelmann
+wegen Ausrichtung ihrer Befehle so mißhandelt werden soll--Legt
+seine Beine hinein.
+
+(Kent wird in den Stok gelegt.)
+
+Kommt, Mylord, wir wollen gehen.
+
+(Regan und Cornwall gehen ab.)
+
+
+
+Siebender Auftritt.
+
+
+Gloster.
+Ich bin deinetwegen bekümmert, guter Freund; aber es ist des
+Herzogs Wille so, der, wie alle Welt weiß, sich keinen Einhalt thun
+läßt. Ich will für dich bitten.
+
+Kent.
+Ich bitte euch, thut es nicht, Sir. Ich habe lange gewacht und
+gewandert; einen Theil der Zeit kan ich ausschlaffen, und den
+übrigen will ich verpfeiffen. Eines ehrlichen Manns Glük kan
+endlich müde Füsse kriegen. Ich wünsche euch einen guten Morgen.
+
+Gloster.
+Der Herzog ist hierinn zu tadeln; es wird übel aufgenommen werden.
+
+(Geht ab.)
+
+Kent.
+Du guter König must izt das alte Sprüchwort erfahren: Du kommst aus
+des Himmels Segen in die warme Sonne. Komm näher, du Signal-Feuer
+für diese Unterwelt, damit ich bey deinen hülfreichen Stralen
+diesen Brief durchlesen könne:
+
+(indem er den Mond ansieht)
+
+Niemand sieht mehr Wunder als der Elende--Ich kenne ihn, er ist
+von Cordelia, die höchstglüklicher Weise von meinem verdunkelten
+Lauf benachrichtiget worden. Ich werde in diesem ungebührlichen
+Zustand Zeit finden, darauf zu denken, wie unser Verlust ersezt
+werden könne; ihr müden und ausgemachten Augen, bedient euch des
+Vortheils, diese schändliche Wohnung nicht zu sehen. Gute Nacht,
+Glük; lächle noch einmal, dann dreh' dein Rad.
+
+(Er entschläft.)
+
+(Die Scene verwandelt sich in einen Wald.)
+
+(Edgar tritt auf.)
+
+Edgar.
+Ich habe mich selbst ausruffen gehört, und bin, Dank sey einer
+glüklichen Höle in einem Baum, der Jagd entgangen. Kein Seehaven
+ist frey, kein Ort, wo nicht Wachen und ungewöhnliche
+Aufmerksamkeit auf meine Ertappung warten. Da ich nicht entrinnen
+kan, will ich mir auf eine andre Art helfen, und bin entschlossen,
+die niedrigste und armseligste Gestalt anzunehmen, die nur immer
+die Dürftigkeit ersinnen kan, den verachteten Menschen näher zum
+Vieh herab zu sezen. Mein Gesicht will ich mit Schmuz entstellen,
+meine Lenden mit Binden umwikeln, mein Haar in Knoten schlingen,
+und mit dargebotner Naktheit, den Winden und den Verfolgungen des
+Wetters Troz bieten. Die Dörfer zeigen mir ein Muster an den
+Tollhaus-Bettlern, die mit heulenden Stimmen, in ihre gefühllose,
+abgestorbene, nakte Arme, Nädeln, hölzerne Pfriemen, Nägel und
+Rosmarin-Zweige schlagen, und in diesem entsezlichen Aufzug, vor
+kleinen Pacht-Höfen, armen Bauerhütten, Schaaf-Hürden und Mühlen,
+bald durch mondsüchtige Flüche, bald durch Gebete, der
+Mildthätigkeit der Leute Gewalt anthun. Armer Turlupin*! Armer
+Tom! Das ist izt etwas--als Edgar bin ich nichts.
+
+{ed.-* Im vierzehnten Jahrhundert entstand eine Art von Zigäunern,
+Turlupins genannt, eine Brüderschaft von nakenden Bettlern die in
+Europa auf und ab lieffen; dem ungeachtet hat die Römische Kirche
+sie mit dem Kezer-Namen beehrt, und würklich einige von ihnen zu
+Paris verbrannt. Was sie aber für eine Art von Religionisten
+gewesen, sehen wir aus Genebrards Nachricht von ihnen, (Turelupini
+Cynicorum sectam suscitantes, de nuditate pudendorum & publico
+coitu.) In der That nichts anders, als eine Art Tollhaus-Narren.
+Warbürton.}
+
+
+
+{ed.-Bei Wieland folgt, wie schon in der englischen Ausgabe von
+Warburton, der neunte Auftritt auf den siebenten.}
+
+
+
+Neunter Auftritt.
+(Die Scene verwandelt sich wieder in des Grafen von Gloster Schloß.)
+(Lear, Narr, und ein Ritter.)
+
+
+Lear.
+Das ist wunderlich, daß sie von Hause abreisen, ohne mir meinen
+Boten zurük zu schiken.
+
+Ritter.
+So viel ich erfahren habe, war die Nacht vorher noch kein Gedanke
+an diese Entfernung.
+
+Kent.
+Heil dir, mein edler Meister!
+
+Lear.
+Ha! machst du deine Schmach zu deinem Zeitvertreib?
+
+Kent.
+Nein, Mylord.
+
+Narr.
+Ha, ha! er trägt verzweifelte Kniebänder; Pferde werden am Kopf
+gebunden, Hunde und Bären am Hals, Affen um die Lenden, und
+Menschen an den Beinen; wenn ein Mann gar zu lustig auf den Beinen
+ist, so trägt er hölzerne Unterstöke.
+
+Lear.
+Wer ist der, der deinen Plaz so sehr mißkennt, dich hieher zu sezen?
+
+Kent.
+Es ist Er und Sie, euer Sohn und eure Tochter.
+
+Lear.
+Nein.
+
+Kent.
+Ja.
+
+Lear.
+Nein, sag ich.
+
+Kent.
+Ich sage, Ja.
+
+Lear.
+Beym Jupiter, schwör ich, Nein!
+
+Kent.
+Bey Juno, schwör ich, Ja.
+
+Lear.
+Das hätten sie sich nicht unterstanden; sie konnten, sie wollten es
+nicht thun; das ist ärger als Mord, die Ehrerbietung gegen mich so
+gewaltthätig zu verlezen. Sage mir, so schnell als möglich,
+wodurch du eine solche Begegnung verdienen, oder was sie dazu
+bringen konnte, dich so mißzuhandeln, da du von uns kamest?
+
+Kent.
+Mylord, als ich Ihnen in Ihrem Hause, Eurer Hoheit Briefe
+überreichte, kam, eh ich noch vom Boden, wo mich die Ehrfurcht
+knien hieß, aufgestanden war, ein rauchender Postillion an, der
+ganz beschwizt und halb athemlos einen Gruß von Gonerill seiner
+Gebieterin keuchte, und Briefe übergab, die sogleich, ohne auf die
+meinige Acht zu haben, überlesen wurden; dem Inhalt derselben
+zufolge, liessen sie sogleich ihre Leute aufbieten, die Pferde
+fertig halten, befahlen mir ihnen zu folgen und zu warten, bis es
+ihnen gelegen sey mir zu antworten, und gaben mir kalte Blike. Da
+ich nun hier den andern Boten antraf, dessen Willkomm (wie ich
+merkte) den meinigen vergiftet hatte, und sah', daß es eben der
+Gesell war, der sich lezthin so unartig gegen Eu. Hoheit aufführte,
+so zog ich, weil ich mehr Mannheit als Wiz bey mir hatte, den
+Degen gegen ihn; er brachte mit seinem zaghaften Geschrey das Haus
+in Bewegung, und euer Sohn und eure Tochter fanden dieses Vergehen
+der Schmach würdig, die ich hier erdulde.
+
+Lear.
+O! wie schwillt diese Mutter zu meinem Herzen auf! Herunter
+(hysterica passio!) Du klimmender Kummer, dein Element ist unten;
+wo ist diese Tochter?
+
+Kent.
+Bey dem Grafen, Mylord, hier drinnen.
+
+Lear.
+Folget mir nicht--bleibt hier zurük--
+
+(Er geht ab.)
+
+Ritter.
+Verbrachet ihr sonst nichts, als was ihr da gesagt habet?
+
+Kent.
+Nichts. Wie kömmts, daß der König in so kleiner Anzahl anlangt?
+
+Narr.
+Wenn du um dieser Frage willen in den Stok gesezt worden wärest, so
+hättest du es wol verdient.
+
+Kent.
+Warum, Narr?
+
+Narr.
+Man muß dich zu einer Ameise in die Schule thun, zu lernen, daß man
+im Winter nicht arbeitet. Alle die ihrer Nase folgen, werden von
+ihren Augen geleitet, die Blinden ausgenommen; und unter zwanzig
+Nasen ist nicht eine die den nicht röche, der stinkt. Wenn ein
+grosses Rad einen Hügel herunter lauft, so laß es unaufgehalten,
+oder es bricht dir den Hals, wenn du ihm nachlaufst; wenn es aber
+aufwärts geht, so laß dich von ihm nachziehen. Wenn ein weiser
+Mann dir einen bessern Rath giebt, so gieb mir meinen wieder zurük;
+ich möchte nicht, daß ihm jemand andrer folgte als ein Spizbube, da
+ihn ein Narr giebt.
+
+
+
+Zehnter Auftritt.
+(Lear und Gloster treten auf.)
+
+
+Lear.
+Sie wollen nicht mit mir reden? sie sind unpäßlich, sie sind müde,
+sie haben die ganze Nacht durch gereißt? Blosse Ausflüchte!
+Anzeigen von Empörung und Abtrünnigkeit. Bring mir eine bessre
+Antwort--
+
+
+Gloster.
+Mein theurer Lord, Ihr kennet die feurige Gemüthsart des Herzogs!
+Wie unbeweglich und fest er in seinen Entschliessungen ist--
+
+Lear.
+Rache! Pest! Tod! Verderben! feurig? was feurige Gemüthsart?
+Wie? Gloster, ich will mit dem Herzog von Cornwall und seinem
+Weibe reden.
+
+Gloster.
+Gut, Mylord, so habe ich sie berichtet.
+
+Lear.
+Sie berichtet? Verstehst du mich, Mann?
+
+Gloster.
+Ja, mein Gnädiger Lord.
+
+Lear.
+Der König will mit Cornwallen reden, der Vater will mit seiner
+Tochter reden; befiehlt ihr, ihm aufzuwarten--Sind sie dessen
+berichtet?--Mein Athem! Mein Blut!--Feurig? der feurige Herzog?
+Sagt dem heissen Herzog, ich--Nein! izt noch nicht; es mag seyn,
+daß er nicht wohl ist. Krankheit verabsäumt immer alle Pflichten,
+an die unsre Gesundheit gebunden ist; wir sind nicht wir selbst,
+wenn die unterligende Natur der Seele mit dem Leib zu leiden
+befiehlt. Ich will Geduld haben; ich war zu hastig, die Laune
+eines Kranken dem Gesunden zur Last zu legen.--Verwünscht sey mein
+Zustand!--Aber wofür sollte er hier sizen? Diese Handlung
+überführt mich, daß ihre Entfernung von Hause nur ein Kunstgriff
+ist. Gebt mir meinen Diener los--Geht, sagt dem Herzog und seinem
+Weib, ich wolle mit ihnen sprechen, izt gleich; sagt ihnen, sie
+sollen kommen und mich anhören, oder ich will vor ihrer Kammerthüre
+die Trommel schlagen lassen, bis sie schreyt, schlaft zu Tod.
+
+Gloster.
+Ich wollte, es wäre alles gut zwischen euch.
+
+(Geht ab.)
+
+Lear.
+O! mein Herz, mein schwellendes Herz! herunter!
+
+Narr.
+Schrey ihm zu, Nonkel, wie das Küchen-Mädchen den Älen, die sie
+lebendig in die Pastete gethan hatte; sie schlug sie mit einem
+Steken ernstlich auf die Nasen und schrie, zu Boden mit euch, ihr
+Muthwilligen, zu Boden! Es war ihr Bruder, der aus lauter
+Gütigkeit gegen sein Pferd Butter an sein Heu that.
+
+
+
+Eilfter Auftritt.
+(Cornwall, Regan, Gloster und Bediente, zu den vorigen.)
+
+
+Lear.
+Ich wünsche euch beyden einen guten Morgen.
+
+Cornwall.
+Euer Gnaden sind willkommen.
+
+(Kent wird losgemacht.)
+
+Regan.
+Ich bin erfreut Eu. Hoheit zu sehen.
+
+Lear.
+Regan, ich denke, ihr seyd es, ich weiß die Ursachen warum ich es
+denke; wenn du nicht erfreut wärest, ich wollte mich im Grab von
+deiner Mutter als einer Ehebrecherin scheiden.
+(Zu Kent.)
+O! seid ihr frey? Ein andermal hievon. Geliebte Regan, deine
+Schwester ist nichts: O Regan, sie hat ihre Undankbarkeit gleich
+einem Geyer hier
+
+(er zeigt auf sein Herz)
+
+angefesselt, an meinem Herzen zu nagen. Ich kan kaum mit dir
+reden; du kanst nicht glauben, mit was für einer ausgearteten
+Bosheit--o Regan! --
+
+Regan.
+Ich bitte euch, Mylord, habet Geduld; ich hoffe, ihr wisset weniger
+ihren Werth zu schäzen, als sie ihre Pflicht zu vergessen.
+
+Lear.
+Sagst du? Wie ist das?
+
+Regan.
+Ich kan nicht denken, meine Schwester sollte nur im mindesten ihre
+Schuldigkeit beyseite sezen. Wenn sie vielleicht die
+Ausschweiffungen eurer Begleiter eingeschränkt hat, so geschah es
+aus solch einem Grund, und zu einem so heilsamen Zwek, daß sie
+gegen allem Tadel gesichert ist.
+
+Lear.
+Meine Flüche über sie! --
+
+Regan.
+O Sir, ihr seyd alt, die Natur steht bey euch auf der äussersten
+Grenze ihres Gebiets. Ihr solltet euch durch einen Verstand leiten
+lassen, der besser zu unterscheiden wüßte was euch anständig ist,
+als ihr selbst; ich bitte euch also, Mylord, kehret zu meiner
+Schwester zurük, sagt, ihr habet ihr Unrecht gethan--
+
+Lear.
+Sie um Verzeihung zu bitten? Merkt ihr auch, wie wol sich das
+schiken wird? Liebste Tochter, ich bekenne daß ich alt bin, Alter
+ist unvermöglich, ich bitte dich auf meinen Knien, daß du mir
+Kleider, Unterhalt und Bette zukommen lassen wollest.
+
+Regan.
+O Sir, nichts weiter; das sind Launen, die nicht auszustehen sind;
+kehret ihr zu meiner Schwester zurük.
+
+Lear.
+Nimmermehr, Regan. Sie hat mich um die Helfte meines Gefolgs
+geschwächt, mich mit schwarzen Bliken angesehen, mich mit ihrer
+Zunge, recht wie eine Natter, ins Herz gestochen. Alle
+aufgehäuften Raachen des Himmels fallen auf ihren undankbaren Kopf.
+Schlaget, ihr anstekenden Lüfte, ihre jungen Beine mit Lahmheit--
+
+Cornwall.
+Pfui, Sir, Pfui!
+
+Lear.
+Ihr durchdringenden Blize, schiesset eure blendenden Flammen in
+ihre hochmüthigen Augen! Steket ihre Schönheit an ihr aus Sümpfen
+gesaugte Nebel, von der mächtigen Sonn emporgezogen zu fallen, und
+ihren Stolz zu versengen.
+
+Regan.
+O! ihr gütigen Götter!--So werdet ihr mir wünschen, wenn der
+rasche Humor regiert.
+
+Lear.
+Nein, Regan, du sollt niemals meinen Fluch haben; deine zärtliche
+Natur wird dich nicht in Härtigkeit ausarten lassen; ihre Augen
+sind scharf; die deinen erquiken und brennen nicht. Du bist nicht
+fähig mir mein Vergnügen zu mißgönnen, mein Gefolg zu vermindern,
+ein hastiges Wort übel auszulegen, mir an meinem Unterhalt
+abzubrechen, und den Riegel gegen meine Ankunft zu stossen. Du
+kennst die Pflichten der Natur besser, das Band der Kindschaft, die
+Geseze der Höflichkeit, und die Forderungen der Dankbarkeit. Du
+hast noch nicht vergessen, daß ich dir die Helfte meines
+Königreichs geschenkt habe.
+
+Regan.
+Guter Sir, zur Hauptsache--
+
+(Man hört Trompeten.)
+
+Lear.
+Wer legte meinen Mann in den Stok? (Der Haushofmeister kommt.)
+
+Cornwall.
+Was für Trompeten sind das?
+
+Regan.
+Meiner Schwester, ohne Zweifel; ihr Brief sagt, daß sie bald hier
+seyn wolle. Ist eure Lady gekommen?
+
+Lear.
+Diß ist ein Sclave, dessen leicht-geborgter Hochmuth in der
+wankelmüthigen Gnade seiner Gebieterin wohnt. Fort, Schurke, aus
+meinem Gesicht!
+
+Cornwall.
+Was meynten Euer Gnaden hiemit?
+
+
+
+Zwölfter Auftritt.
+(Gonerill tritt auf.)
+
+
+Lear.
+Wer legte meinen Diener in den Stok? Regan, ich habe gute Hoffnung,
+du wußtest nichts davon--Wer kömmt hier? O ihr Himmel! wenn ihr
+alte Leute liebet, wenn eure sanfte väterliche Regierung den
+Gehorsam heiliget, wenn ihr selbst alt seyd,* so macht meine Sache
+zur eurigen, sendet herab und nehmet meine Partey! Schämt euch
+nicht, auf diesen eisgrauen Bart zu sehen--O Regan, du nimmst sie
+bey der Hand?
+
+{ed.-* König Lear deutet hier auf die alte heidnische Theologie,
+welche lehrt, daß (Coelus) oder (Uranus) (der Himmel) von seinem
+Sohn Saturnus abgesezt worden, der sich wider seinen alten Vater
+auflehnte, und ihn durch Gewalt der Waffen austrieb. Da sein Fall
+demjenigen, worinn Lear sich befindet, so ähnlich war, so war es
+natürlich, sich bey diesem Anlas an ihn zu wenden.}
+
+Gonerill.
+Und warum nicht bey der Hand, Sir? Was hab ich gesündiget? Nicht
+alles ist Verbrechen, was Unbesonnenheit tadelt, und Aberwiz so
+benennt.
+
+Lear.
+O! meine Seiten! ihr seyd zu hart! Könnt ihr noch halten?--Wie
+kam mein Mann in den Stok?
+
+Cornwall.
+Ich ließ ihn hineinsezen, Sir; aber seine unordentliche Aufführung
+verdiente eine noch geringere Beförderung.
+
+Lear.
+Ihr? Ihr thatet es?
+
+Regan.
+Ich bitte euch, Vater, erkennet doch eure Schwäche--Wenn ihr bis
+zum Verfluß ihres Monats mit meiner Schwester wieder umkehren, und
+mit Abdankung der Helfte euers Gefolges, bey ihr wohnen wollet, so
+kommet dann zu mir. Izt bin ich nicht zu Hause, und nicht mit so
+vielem versehen, als zu eurer Unterhaltung nöthig ist.
+
+Lear.
+Zu ihr zurük kehren, und fünfzig Mann abdanken? Nein, eher will
+ich allen Aufenthalt unter einem Dach abschwören, lieber gegen die
+Anfälle der Luft kämpfen, und ein Geselle des Wolfs und der Eule
+seyn; so grausam auch ein solcher Zustand ist--Mit ihr zurük
+kehren? Eben so leicht könnte ich dazu gebracht werden, vor den
+Thron des feurigen Franzosen, der unsre Jüngste ohne Erbgut nahm,
+niederzuknien, und wie ein armer Schildknappe um eine Ritterzehrung
+zu betteln--Mit ihr zurük kehren? Überrede mich lieber ein Sclav
+und Karren-Gaul von diesem verfluchten Hofschranzen zu seyn. --
+
+(Er deutet auf den Hofmeister.)
+
+Gonerill.
+Es steht in euerm Belieben, Sir.
+
+Lear.
+Ich bitte dich, Tochter, treib mich nicht zum Wahnwiz. Ich will
+dich nicht beunruhigen, mein Kind. Lebe wohl! Wir wollen nicht
+mehr zusammen kommen, einander nicht mehr sehen. Aber du bist doch
+mein Fleisch, mein Blut, meine Tochter--oder vielmehr ein Schaden
+der in meinem Fleisch ist, und den ich wider Willen mein nennen muß;
+du bist ein Geschwär, eine Pestbeule, eine aufgeschwollene Blatter
+in meinem vergifteten Blute. Doch ich will dich nicht schelten.
+Die Schaam mag kommen wenn sie will, ich ruffe ihr nicht; ich bitte
+den Donnerer nicht, dich zu schlagen, und erzähle dem
+allesrichtenden Jupiter keine Geschichten von dir: Bessre dich wenn
+du kanst, und wenn es dir gelegen ist. Ich kan Geduld haben, ich
+kan bey Regan bleiben, ich und meine hundert Ritter.
+
+Regan.
+Nicht vollkommen so; ich habe izt nicht für euch gesorgt, ich bin
+nicht darauf versehen, euch gehörig zu empfangen; gebt meiner
+Schwester Gehör. Leute die mit Passionen urtheilen, könnten sich
+begnügen zu denken, ihr seyd alt, und so--Aber sie weiß, was sie
+thut.
+
+Lear.
+Ist das wohl gesprochen?
+
+Regan.
+Ich darf es behaupten, Sir. Was? fünfzig Begleiter? Ist es nicht
+genug? Wozu braucht ihr mehr? Ja, wozu so viele? Da beydes,
+Überlast und Gefahr, gegen eine so grosse Anzahl reden. Wie
+könnten so viel Leute in einem Hause unter zweyerley Befehl Friede
+halten? Es ist schwer, es ist ganz unmöglich.
+
+Gonerill.
+Könntet Ihr, Mylord, dann nicht von unsern Bedienten zugleich
+bedient werden?
+
+Regan.
+Warum nicht, Mylord--wenn sie alsdann etwann saumselig seyn sollten,
+so könnten wir sie zur Gebühr weisen. Wenn Ihr zu mir kommen
+wollet, (denn nun merke ich, was die Sache auf sich hat,) so bitte
+ich nicht mehr als fünf und zwanzig mitzubringen; denn ich werde
+nicht mehr als fünf und zwanzigen Plaz und Versorgung geben.
+
+Lear.
+Ich gab euch alles--
+
+Regan.
+Und ihr gabet es zu rechter Zeit.
+
+Lear.
+Machte euch zu meinen Beschirmern, meinen Pflegern, mit dem
+einzigen Vorbehalt einer solchen Anzahl; muß ich mit fünf und
+zwanzig zu euch kommen? Regan, sagtet ihr so?
+
+Regan.
+Und sag es noch einmal, Mylord, ich werde nicht mehr aufnehmen.
+
+Lear.
+Diese runzlichten Geschöpfe sehen doch noch ganz hübsch aus, wenn
+sie neben andern stehen, die noch runzlichter sind. Nicht der
+schlimmste zu seyn, verdient einigen Grad von Lob;
+
+(zu Gonerill)
+
+ich will mit dir gehen, deine Fünfzig sind doch noch einmal so
+viel als fünf und zwanzig, und du liebst mich um die Helfte nicht
+so wenig als sie.
+
+Gonerill.
+Höret mich, Mylord, wozu braucht ihr fünf und zwanzig, zehen oder
+fünf, euch in ein Haus zu folgen, wo zweymal so viel Befehl haben,
+euch aufzuwarten?
+
+Regan.
+Wozu braucht ihr nur einen einzigen?
+
+Lear.
+O! philosophiert nicht über das was man nicht braucht, oder die
+elendesten Bettler haben in ihrer grösten Dürftigkeit noch
+Überfluß. Gestehet der Natur nicht mehr zu, als die Natur bedarf,
+so ist des Menschen Leben so wohlfeil als des Viehes. Du bist eine
+Lady; wenn warm gekleidet gehen schon Pracht ist, so wirf deine
+Kleider weg, die Natur bedarf nicht was du zur Pracht trägst, da es
+dich schwerlich warm halten kan; aber was die wahre Nothdurft
+betrift--Ihr Himmel! Gebt mir die Geduld die ich vonnöthen habe.
+Ihr seht mich hier, ihr Götter, einen armen alten Mann, von Gram so
+gedrükt als von Jahren: Wenn ihr es seyd, die dieser Töchter Herzen
+wider ihren Vater empören--o so treibet euer grausames Spiel nicht
+so weit, mich zahm wie einen Thoren dulden zu machen. Rühret mich
+mit edelm Zorn! o laßt nicht weibische Waffen, Wassertropfen,
+meine männliche Wange befleken!--Nein! Ihr unnatürlichen Unholden,
+ich will solche Raache an euch beyden nehmen, daß alle Welt--ich
+will solche Dinge thun--die meine Seele sich selbst noch nicht
+gestehen darf**--Dinge, worüber der Erdboden sich entsezen soll.--
+Ihr denkt, ich soll weinen? Nein, ich will nicht weinen--ob ich
+gleich Ursache genug zum Weinen habe.--Eh soll diß Herz in tausend
+Stüke brechen eh ich weinen will--O Narr, ich werde wahnsinnig
+werden--
+
+{ed.-**--(Nescio quid ferox Decrevit animus intus & nondum sibi
+audet fateri.) (Seneca in Med.)}
+
+(Lear, Gloster, Kent und Narr gehen ab.)
+
+
+
+Dreyzehnter Auftritt.
+
+
+Cornwall.
+Wir wollen uns wegbegeben; es kömmt ein Ungewitter.
+
+Regan.
+Diß Haus ist klein, der alte Mann und seine Leute können nicht wol
+darinn versorgt werden.
+
+Gonerill.
+Es ist seine eigne Schuld, daß er keine Ruhe hat; er mag die Folgen
+seiner Thorheit kosten.
+
+Regan.
+Ihn für seine Person will ich mit Vergnügen aufnehmen, aber nicht
+einen einzigen Begleiter.
+
+Gonerill.
+Das ist auch mein Vorsaz. Wo ist Mylord von Gloster? (Gloster
+kömmt zurük.)
+
+Cornwall.
+Er begleitete den alten Mann--Hier kommt er wieder.
+
+Gloster.
+Der König ist in der äussersten Wuth, und will fort, ich weiß nicht
+wohin.
+
+Cornwall.
+Das beste ist, ihm den Lauf zu lassen, den er selbst nimmt.
+
+Gonerill (zu Gloster.)
+Mylord, sprechet ihm auf keinerlei Art zu, daß er bleibe.
+
+Gloster.
+Aber, die Nacht bricht an, und die Winde stürmen entsezlich; auf
+manche Meile herum ist kaum ein Busch--
+
+Regan.
+O Sir, eigensinnigen Leuten müssen die Übel die sie sich selbst
+zuziehen, für Lehrmeister dienen. Sperret eure Thüren zu; er hat
+verzweifelte Leute bey sich; und die Klugheit befiehlt zu fürchten,
+wozu sie ihn aufhezen könnten, da es so leicht ist, ihn zu
+verführen.
+
+Cornwall.
+Verschließt eure Thüren, Mylord, es ist eine ungestüme Nacht.
+Meine Regan räth wol; kommt, eh das Wetter angeht.
+
+(Gehen ab.)
+
+
+
+
+Dritter Aufzug.
+
+
+
+Erster Auftritt.
+(Eine Heyde.)
+(Man hört einen Sturm mit Donner und Blizen.)
+(Kent und ein Ritter treten von verschiedenen Seiten auf.)
+
+
+Kent.
+Wer geht hier in diesem schlimmen Wetter?
+
+Ritter.
+Einer dessen Gemüthsfassung diesem Wetter sehr ähnlich ist.
+
+Kent.
+Ich kenne euch; wo ist der König?
+
+Ritter.
+Mit den erzürnten Elementen kämpfend, befiehlt er den Winden die
+Erde in die See zu wehen, oder die krausen Wellen über das feste
+Land aufzuschwellen, damit die Welt eine neue Gestalt bekomme oder
+aufhöre. Er rauft seine weissen Haare, und bemüht sich in sich
+selbst, in seiner innerlichen Welt, die streitenden Sturmwinde und
+die berstenden Wolken zu überrasen. In einer solchen Nacht, wo der
+wüthende Hunger auch die wildesten Thiere nicht aus ihren Hölen zu
+treiben vermochte, rennt er mit unbedektem Haupt hin und wieder,
+und stößt seinen Grimm in Verwünschungen aus--
+
+Kent.
+Aber wer ist bey ihm?
+
+Ritter.
+Niemand als der Narr, der sich bemüht, ihn der Kränkungen, die sein
+Herz zerreissen, durch seine Thorheiten vergessen zu machen.
+
+Kent.
+Sir, ich kenne euch, und wage es unter der Bürgschaft meiner euch
+nicht unbekannten Gesinnungen, euch einen wichtigen Auftrag zu
+machen. Es ist Mißhelligkeit, ob sie gleich aus Staatslist noch
+verborgen wird, zwischen den Herzogen von Albanien und Cornwall:
+Sie haben Bediente, (und welche Grosse haben nicht solche?) die
+unter dem Schein der Treue heimliche Kundschafter sind, und
+Frankreich alles verrathen, was in unserm Staat vorgeht--die
+Zänkereyen der Herzoge, oder die rauhe Art womit beyde dem guten
+alten Könige begegnet sind, oder vielleicht etwas noch tiefferes,
+wozu beydes nur die Vorbereitungen sind--was es auch seyn mag,
+gewiß ist, daß ein Französisches Kriegsheer im Begriff steht in
+dieses geschwächte Königreich einzufallen. Unsre Nachlässigkeit
+hat ihnen schon Zeit gelassen, sich in unsern besten Seehäfen
+Anhänger zu machen, und sie werden nicht lange säumen, ihre
+Feldzeichen öffentlich aufzusteken. Wenn ihr nun anders auf meinen
+Credit so viel wagen wollet, in Eile nach Dover abzugehen, so
+werdet ihr Leute finden, die euch danken werden, wenn ihr ihnen
+eine wahrhafte Nachricht gebet, über was für unnatürliche und
+unsinnigmachende Beleidigungen der König zu klagen Ursach hat. Ich
+bin ein Edelmann von Stand und Bedeutung, und würde euch diesen
+Dienst nicht auftragen, wenn ich nicht wißte, daß ich mich auf euch
+verlassen kan.
+
+Ritter.
+Ich will weiter mit euch hievon reden.
+
+Kent.
+Nein, thut es nicht; zur Bestätigung daß ich weit mehr bin, als
+meine Aussen-Seite, öffnet diesen Beutel und nehmt, was darinn ist.
+Wenn ihr Cordelia sehen werdet, wie ihr nicht zweifeln dürft, so
+zeigt ihr diesen Ring, und sie wird euch sagen wer der gute Freund
+ist, den ihr izt nicht kennt.
+
+Ritter.
+Gebt mir euere Hand, habt ihr sonst nichts zu sagen?
+
+Kent.
+Wenig Worte, aber, der Würkung nach, mehr als alles bisherige. Wir
+wollen uns trennen, um den König zu suchen, und der erste der ihn
+erblikt, soll dem andern ein Zeichen geben.
+
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Zweyter Auftritt.
+(Das Ungewitter daurt immer fort.)
+(Lear und der Narr treten auf.)
+
+
+Lear.
+Blaset ihr Winde, und zersprengt eure Baken, wüthet, blaset! Ihr
+Wolkenbrüche und Orkane, speyet Wasser aus bis ihr unsre
+Glokenthürme überschwemmt und ihre Hahnen ersäuft habet. Ihr
+schweflichten, meine Gedanken ausrichtenden Blize, senget mein
+weisses Haupt; und du allerschütternder Donner, schlage die dike
+Ründe der Welt platt, zerbrich die Form der Natur, und zerstüke auf
+einmal alle die ursprünglichen Keime, woraus der undankbare Mensch
+entsteht.
+
+Narr.
+O Nonkel, Hofweyhwasser in einem trocknen Haus ist besser als
+Regenwasser vor der Thüre. Guter Nonkel, hinein, und bitte deine
+Töchter um ihren Segen; das ist eine Nacht, die weder mit
+Gescheidten noch mit Narren Mitleiden hat.
+
+Lear.
+Brause und lärme nur so laut du kanst, spey Feuer, ströme Regen;
+weder Regen noch Wind, Donner noch Blize sind meine Töchter; ich
+beschuldige euch keiner Unfreundlichkeit, ihr Elemente; ich gab
+euch keine Königreiche, ich nannte euch nie meine Kinder, ihr seyd
+mir keinen Gehorsam schuldig. So laßt denn euer entsezliches
+Vergnügen fallen--Hier steh ich, euer Gegner, ein armer,
+entkräfteter, schwacher, und verachteter alter Mann! Und doch seyd
+ihr nur knechtische Diener, die, in Verständniß mit zwo
+verderblichen Töchtern eure donnernde Schlachtordnungen gegen einen
+so alten und weissen Kopf aufführet--oh! oh! es ist
+niederträchtig.
+
+Narr.
+Wer ein Haus hat, worein er seinen Kopfsteken kan, hat einen guten
+Helm--Wer sein Herz zu seinem Zehen macht, wird über Hüner-Augen
+schreyen und nicht schlaffen können; denn es ist noch nie kein
+hübsches Mädchen gewesen, die nicht Gesichter in einen Spiegel
+gemacht hätte.
+
+
+
+Dritter Auftritt.
+(Kent kommt zu ihnen.)
+
+
+Lear.
+Nein, ich will das Muster aller Geduld seyn, ich will nichts sagen.
+
+Kent.
+Wer ist hier?
+
+Narr.
+------------*
+
+{ed.-* Der Narr sagt hier etwas so elendes, daß der Übersetzer sich
+nicht überwinden kan, es herzusezen. Der Leser darf versichert
+seyn, daß man nichts verliehrt, wenn schon zuweilen Einfälle
+weggelassen werden, deren Absicht bloß war, die Grundsuppe des
+Londner-Pöbels zu König Jacobs Zeiten lachen zu machen.}
+
+Kent.
+Ach! Sir, seyd ihr hier? Geschöpfe die sonst die Nacht lieben,
+lieben keine solche Nächte wie diese; der ergrimmte Himmel schrekt
+sogar die nachtwandernden Gespenster in ihre Hölen zurük. Seit ich
+ein Mann bin, erinnere ich mich nicht solche Feuer-Güsse, solche
+fürchterlich berstende Donner, ein solches Geheul und Geprassel von
+Sturmwinden und Plazregen gehört zu haben. Das ist mehr als die
+menschliche Natur ausstehen kan.
+
+Lear.
+Izt mögen die grossen Götter, die dieses entsezliche Getöse über
+unsern Häuptern machen, ihre Feinde aufsuchen. Zittre, du
+Unglükseliger, dessen unentdekte Verbrechen der Ruthe der
+Gerechtigkeit entgangen sind! Verbirg dich, du blutige Hand, du
+Meineydiger, du blutschänderischer Heuchler der Tugend; zerfall in
+Asche, Bösewicht, der unter dem Schein der Freundschaft nach dem
+Leben eines Menschen getrachtet hat--Ihr geheimen verschlossenen
+Sünden, öffnet euere verbergende Kammern, und bittet diese
+fürchterlichen Aufforderer um Gnade--Ich bin ein Mensch, gegen den
+mehr gesündiget worden, als er selbst gesündiget hat.
+
+Kent.
+O weh! mit blossem Haupt! Mein gütiger Lord, ganz nah an hier ist
+eine Hütte; Irgend ein mitleidiges Geschöpf wird sie euch gegen das
+Ungewitter leihen; ruhet dort aus, indeß daß ich in dieses harte
+Haus (härter als der Fels auf dem es erbaut ist, weil sie nur eben
+izt, da ich nach euch fragte, mir den Eingang versagten) zurük
+kehre, und ihrer kargen Höflichkeit Gewalt anthue.
+
+Lear.
+Mein Kopf fangt an zu schwärmen--Komm mit, Junge. Was machst du,
+Junge? frierst du? Ich friere selbst. Wo ist Stroh, guter
+Freund? Die Kunst der Nothwendigkeit ist wunderbar, daß sie die
+schlechtesten Dinge kostbar machen kan. Kommt, in eure Hütte!--
+Armer Tropf! Ich habe nur noch eine Faser von meinem Herzen übrig,
+und die ist izt für dich bekümmert.
+
+Narr
+(singt ein kahles Liedlein.)
+
+Lear.
+In der That, mein guter Junge; komm, führ uns in die Hütte--
+
+(Geht mit Kent ab.)
+
+Narr.
+Das ist eine hübsche Nacht ein verliebtes Weibsbild abzukühlen.
+Ich will noch eine oder zwo Propheceyungen sagen, eh ich geh. (Die
+folgende Stelle ist im Original in Reimen.) "Wenn Priester reicher
+an Worten als Gedanken sind, und Brauer ihr Malz mit Wasser
+verderben; wenn Edelleute die Lehrmeister ihrer Schneider sind, und
+anstatt der Kezer nur Hurenjäger verbrennt werden, dann kommt die
+Zeit, wer sie erlebt, daß der Gebrauch seyn wird mit den Füssen zu
+gehen. Wenn ein jeder Rechtshandel gerecht seyn wird, kein
+Edelmann voller Schulden, und kein Junker arm, wenn Verleumdungen
+nicht in Zungen leben, und Beutelschneider sich in kein Gedränge
+mischen, wenn Wucherer ihr Gold auf freyem Felde zählen, und
+Kupplerinnen und H**n Kirchen bauen: Dann wird das Reich von Albion
+in grosse Verwirrung gerathen"--Diese Propheceyung soll Merlin
+machen, denn ich lebe vor seiner Zeit.
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Vierter Auftritt.
+(Ein Zimmer in Glosters Schloß.)
+(Gloster und Edmund.)
+
+
+Gloster.
+Edmund, diese unnatürliche Begegnung gefällt mir gar nicht. Wie
+ich sie um Erlaubniß bat, Mitleiden mit ihm zu haben, so nahmen sie
+mir den Gebrauch meines eigenen Hauses, und verboten mir bey
+Straffe einer ewigen Ungnade, weder mit ihm zu reden, noch für ihn
+zu bitten, noch ihn auf irgend eine Weise zu unterstüzen.
+
+Edmund.
+Das ist ja ganz barbarisch und unnatürlich.
+
+Gloster.
+Geht hinein, aber sagt nichts. Es ist Zwiespalt zwischen den
+Herzogen, und noch etwas schlimmers als das; ich habe diese Nacht
+einen Brief bekommen, es ist gefährlich davon zu reden, (ich habe
+den Brief in mein Cabinet verschlossen.) Diese Beleidigungen die
+der König duldet, werden gerochen werden; es ist schon ein Theil
+der Macht auf den Beinen; wir müssen uns zum Könige schlagen; ich
+will zu ihm sehen, und ihm heimlich Beystand thun; geht ihr, und
+unterhaltet ein Gespräch mit dem Herzog, damit er nicht merke was
+ich für den König thun werde; wenn er nach mir fragt, so bin ich
+nicht wohl und zu Bette gegangen. Und wenn ich deßhalb sterben
+müßte, (wie mir dann nicht weniger gedräut ist,) so muß der König,
+mein alter Herr Hülfe haben. Es sind wunderliche Dinge auf dem
+Tapet, Edmund, ich bitte euch, geht und seyd sorgfältig.
+
+(Geht ab.)
+
+Edmund (allein.)
+Diese Großmuth soll mit deiner Erlaubniß der Herzog diesen
+Augenblik erfahren, und den Brief dazu. Das hat das Ansehen eines
+wichtigen Verdiensts, und muß mir geben was mein Vater verliehrt;
+nicht weniger als Alles. Der Jüngere steigt, wenn der Alte fällt.
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt.
+(Die Scene verwandelt sich in einen Theil der Heyde mit einer
+ Hütte.)
+(Lear, Kent und Narr.)
+
+
+Kent.
+Hier ist der Ort, Mylord; mein gütiger Lord, gehet hinein. Es ist
+der Natur unmöglich, die Strenge dieser Nacht im freyen Feld
+auszuhalten.
+
+Lear.
+Laßt mich allein.
+
+Kent.
+Mein gütiger Lord, gehet doch hinein.
+
+Lear.
+Wird es mein Herz brechen?
+
+Kent.
+Ich wollte lieber mein eignes brechen; ich bitte euch, Mylord,
+kommet herein.
+
+Lear.
+Du denkst es sey zuviel, daß dieser wüthende Sturm uns bis auf die
+Haut anfällt; für dich ist es so; aber wenn ein grösserer Schmerz
+tobet, wird der geringere kaum gefühlt. Du würdest dich vor einem
+Bären entsezen; wenn aber deine Flucht gegen das heulende Meer läge,
+würdest du dem Bären in den Rachen lauffen. Wenn das Gemüth frey
+ist, so ist der Leib zärtlich; der Sturm in meinem Gemüth nimmt
+meinen Sinnen alles andre Gefühl, als was hier schlägt.
+
+(Er zeigt auf sein Herz.)
+
+Kindliche Undankbarkeit! Ist es nicht als ob dieser Mund diese
+Hand zerreissen wollte, weil sie ihm Speise gereicht habe?--Doch
+ich will sie abstraffen; Nein, ich will nicht mehr weinen--In einer
+solchen Nacht mich auszustossen--Schütte nur zu, ich will es leiden,
+--In einer Nacht wie diese? O Regan, Gonerill, euern alten guten
+Vater, dessen ehrliches Herz alles gab--O auf diesem Wege ligt
+Wahnwiz; ich muß ihn ausweichen--Nichts mehr hievon--
+
+Kent.
+Mein gütiger Lord, gehet doch hinein.
+
+Lear.
+Ich bitte dich, geh du selbst hinein, sieh wie du dir helfen kanst,--
+dieser Sturm will mir nicht erlauben an Dinge zu denken, die mich
+noch stärker angreiffen würden.--Aber ich will hinein gehen--hinein,
+Junge, geh zuerst. Ihr Dürftigen, die ihr izt ohne Dach seyd--Nun,
+geh doch hinein; ich will beten und dann will ich schlafen--Arme
+nakende Unglükselige, wo ihr auch seyd, der Wuth dieses
+unbarmherzigen Sturms ausgesezt! Wie sollen eure unbedekten
+Häupter, und ausgehungerten Seiten, eure zerlumpte, durchlöcherte
+Blösse euch gegen ein Wetter wie dieses ist schüzen?--O! ich habe
+zu wenig hieran gedacht!--Nimm Arzney ein, Pracht!--Seze dich in
+die Umstände zu fühlen was diese Elenden fühlen, damit du ihnen
+deinen Überfluß zuwerffest, und die Gerechtigkeit des Himmels
+gerettet werde.
+
+Edgar (in der Hütte.)
+Einen Faden und einen halben! Einen Faden und einen halben! Armer
+Tom!
+
+Narr (indem er aus der Hütte herausläuft.)
+Geh nicht hinein, Nonkel, es ist ein Geist drinn; Hülfe, Hülfe!
+
+Kent.
+Gieb mir deine Hand; was ists?
+
+Narr.
+Ein Geist, ein Geist! er sagt, er heisse der arme Tom.
+
+Kent.
+Wer bist du, der hier im Stroh winselt? Hervor!
+
+
+
+Sechster Auftritt.
+(Die vorigen, Edgar in einen tollen Menschen verkleidet.)
+
+
+Edgar.
+Aus dem Wege, der böse Feind folgt mir. Durch den scharfen Hagdorn
+bläßt der kalte Wind. Hans, geh in dein Bett und wärme dich.
+
+Lear.
+Gabst du deinen Töchtern Alles, daß du in diesen Zustand gekommen
+bist?
+
+Edgar.
+Wer giebt dem armen Tom etwas? den der böse Feind durch Feuer und
+Flammen, durch Furthen und Strudel, durch Sumpf und Pfuhl geführt
+hat; der Messer unter sein Küssen und Strike unter seinen Siz
+gelegt hat; der Mäusgift in seine Suppe gethan, und ihn übermüthig
+gemacht hat, auf einem braunrothen Gaul zu trotten, über vier
+zollbreite Brüken seinem eignen Schatten als einem Verräther
+nachzujagen--Gott behüte deine fünf Sinnen; Tom friert. O da, di,
+da, di, da, di,--Gott behüte dich vor Wirbel-Winden, bösen Sternen
+und Gefangenschaft; gebt dem armen Tom etwas Almosen, den der böse
+Feind plagt--Hier möcht ich ihn izt haben, und da, und wieder hier
+und dort.
+
+Lear.
+Wie? Haben seine Töchter ihn dahin gebrach t? Konntest du nichts
+davon bringen? gabst du ihnen Alles?
+
+Narr.
+Nein, er behielt sich eine Windel vor, sonst wären wir alle
+beschämt worden.
+
+Lear.
+Nun, alle die rächenden Plagen, die in der schwebenden Luft über
+den menschlichen Übelthaten hangen, blizen auf deine Töchter!
+
+Kent.
+Er hat keine Töchter, Mylord.
+
+Lear.
+Tod! Verräther, nichts könnte die Natur zu einer solchen
+Erniedrigung heruntergebracht haben, als undankbare Töchter. Ist
+es erhört, daß ausgetriebene Väter so wenig Erbarmung gegen ihr
+eigen Fleisch tragen sollten? Wohlausgesonnene Straffe! Dieses
+Fleisch war es, das diese Pelican-Töchter zeugte.
+
+Edgar.
+Pillicok saß auf Pillicoks Stein; holla, holla, la, la!
+
+Narr.
+Diese kalte Nacht wird uns noch alle zu Narren und Wahnwizigen
+machen.
+
+Edgar.
+Hüte dich vor dem bösen Feind, gehorche deinen Eltern, halte dein
+Versprechen, fluche nicht, halte nicht zu mit eines andern
+geschwornen Weibe, seze dein Herz nicht auf Pracht und Üppigkeit.
+Tom friert!
+
+Lear.
+Wer bist du gewesen?
+
+Edgar.
+Ein Sclave, stolz von Herz und Sinn, der sein Haar kräuselte,
+Handschuh auf dem Hut trug, der bösen Lust seiner Buhlschaft
+frohnte, und das Werk der Finsterniß mit ihr trieb; so viel Schwüre
+that, als Worte aussprach, und sie vor dem milden Antliz des
+Himmels brach. Einer der in unzüchtigen Gedanken einschlief, und
+erwachte um sie auszuüben; den Wein liebt' ich tief, die Karten
+früh, und bey den Weibern übertraf ich den Türken. Falsch von
+Herzen, leicht von Ohr, blutig von Hand, ein Schwein an
+Unreinigkeit, ein Fuchs an Schelmerey, ein Wolf an Gefrässigkeit,
+ein Hund an Tollheit, und ein Löwe an Räuberey. Laß nicht das
+Knarren der Schuhe, und das Rauschen der Seide dein armes Herz an
+Weibsbilder verrathen. Halt deinen Fuß zurük von Hurenhäusern,
+deine Hand von Unterröken, deine Feder von den Zins-Büchern der
+Wucherer, und troze dem bösen Feind. Immer bläßt durch den Hagdorn
+der kalte Wind; sagt, Sum, Mun, Nonny, Delphin, mein Junge, Junge,
+Sessey, laß ihn antraben.
+
+(Der Sturm daurt immer fort.)
+
+Lear.
+Besser du wärst in deinem Grab, als deinen unbedekten Kopf diesem
+Unwetter entgegen zu stellen.--Ist der Mensch nichts mehr als das?
+Betracht ihn recht! Du bist dem Wurm keine Seide schuldig, den
+wilden Thieren keinen Pelz, dem Schaafe keine Wolle, der Bisam-Kaze
+keinen guten Geruch. Ha! hier sind drey von uns solche Sophisten;
+du bist das Ding selbst. Der unaufgeschmükte Mensch ist nichts
+mehr als ein solch armes, naktes, gabelförmiges Thier wie du bist.
+Weg, weg, du geborgter Plunder, kommt, knöpft mich auf--
+
+(Er reißt seine Kleider auf.)
+
+Narr.
+Ich bitte dich, Nonkel, sey ruhig; es ist keine hübsche Nacht zum
+Schwimmen. Ein kleines Feuer in einem Wald wäre izt gerade wie
+eines alten Hurenjägers Herz, ein Fünkchen, und der ganze übrige
+Leib kalt; sieh, hier kömmt ein feuriger Mann.
+
+Edgar.
+Es ist der böse Flibbertigibbet, er fängt an wenn die Nachtgloke
+geläutet wird, und geht bis der Hahn kräht; er verursachet den
+Staar, macht schielende Augen, und Hasen-Scharten, milthaut den
+weissen Weizen, und stoßt die armen Geschöpfe auf der Erde. Sanct
+Withold u.s.w.*
+
+{ed.-* Hier singt Edgar im Original etliche altenglische Reime,
+davon ungefehr der Inhalt, daß Sanct Withold indem er bey Nacht
+herumgespaziert, die Nachtfrau (Night-Mare) angetroffen, und
+genöthiget habe, die Leute welche sie im Schlaf zu drüken pflegt,
+in Ruhe zu lassen. Diese Begebenheit ist aus der Legende dieses
+Heiligen genommen, der deswegen als ein Schuzpatron wider den Alp
+angeruffen zu werden verdiente, so wie diese Reime als eine Art
+von Beschwörung wider die vermeynte Nachtfrau von dem gemeinen
+Volke gebraucht wurden.
+
+
+
+Siebender Auftritt.
+(Gloster kömmt mit einer Fakel.)
+
+
+Lear.
+Wer ist der?
+
+Kent.
+Wer ist hier? was sucht ihr?
+
+Gloster.
+Wer seyd ihr selbst? wie heißt ihr?
+
+Edgar.
+Der arme Tom, der den schwimmenden Frosch ißt, die Kröte, die Mauer-
+Eidexe, und die Wasser-Eidexe, der in der Wuth seines Herzens, wenn
+der böse Feind raset, Kühfladen für Salat ißt, alte Razen und todte
+Hunde verschlukt, und den grünen Mantel des stehenden Sumpfes
+trinkt, der von Haus zu Haus gepeitscht, in den Stok gesezt und
+eingesperrt wird; der drey Kleider für seinen Rüken gehabt hat,
+sechs Hemder für seinen Leib, ein Pferd zum reiten, und einen Degen
+zum tragen;
+
+Aber Razen und Mäuse und solche Waar,
+Sind nun Tom's Speise seit sieben Jahr.
+
+Gloster.
+Wie, hat Eure Hoheit keine bessere Gesellschaft?
+
+Edgar.
+Der Fürst der Finsterniß ist ein Edelmann; er heißt Modo und Mahu.
+
+Gloster.
+Unser Fleisch und Blut, Mylord, ist so sehr verdorben, daß es die
+hasset, die es gezeugt haben.
+
+Edgar.
+Tom friert!
+
+Gloster.
+Kommet mit mir, Mylord; meine Treue kan mir nicht zulassen, eurer
+Töchter grausamen Befehlen in allem zu gehorchen. Ob sie mir
+gleich eingeschärft haben, meine Thüren zu verrigeln, und euch der
+Willkuhr dieser tyrannischen Nacht zu überlassen, so hab ich es
+doch gewagt euch aufzusuchen, um euch an einen Ort zu bringen, wo
+Feuer und etwas zu essen bereit ist.
+
+Lear.
+Zuerst laßt mich mit diesem Philosophen reden; was ist die Ursache
+vom Donner?
+
+Kent.
+Mein gütiger Lord, nehmet sein Erbieten an, geht in das Haus.
+
+Lear.
+Ich will ein Wort mit diesem gelehrten Thebaner hier reden: Was ist
+euer Studium?
+
+Edgar.
+Dem bösen Feind auszuweichen, und Ungeziefer zu tödten.
+
+Lear.
+Laßt uns euch ein Wort in Geheim fragen.
+
+Kent.
+Sezt ihm stärker zu mit euch zu gehen, Mylord; sein Verstand fängt
+an in Unordnung zu kommen.
+
+Gloster.
+Kanst du ihn tadeln? Seine Töchter suchen seinen Tod.--Ach! der
+gute Kent! Er sagte, so würd' es gehen; der arme verbannte Mann!
+Du sagst, der König wird wahnsinnig; ich kan dir sagen, Freund, ich
+bin selbst wahnsinnig; ich hatte einen Sohn, (denn izt ist er aus
+meinem Herzen verbannet) er stand mir nach dem Leben, erst kürzlich,
+ganz neuerlich; ich liebte ihn, Freund, kein Vater hat jemals
+seinen Sohn mehr geliebt; dir die Wahrheit zu sagen, der Schmerz
+hat meinen Verstand angegriffen. Was für eine Nacht ist diß!--
+
+(zu Lear.)
+
+Ich bitte eure Hoheit--
+
+Lear.
+O, ich bitte euch um Vergebung, Sir.
+
+(zu Edgar)
+
+Edler Philosoph, eure Gesellschaft.
+
+Edgar.
+Tom friert.
+
+Gloster.
+Hinein, Bursche, in die Hütte; wärme dich.
+
+Lear.
+Kommt, wir wollen alle hinein.
+
+Kent.
+Diesen Weg, Mylord.
+
+Lear.
+Mit ihm; ich will immer bey meinem Philosophen bleiben.
+
+Kent (zu Gloster.)
+Mein gütiger Lord, seyd ihm zu Willen, laßt ihn den Burschen
+mitnehmen.
+
+Gloster.
+Nehmt ihr ihn mit.
+
+Kent.
+Komm mit, Bursche, mit uns.
+
+Lear.
+Komm, du guter Athenienser.
+
+Gloster.
+Keine Worte, keine Worte, husch!
+
+Edgar.
+Kind Roland kam zum finstern Thurm etc.*
+
+{ed.-* Der Name (Infant) wurde in den alten ritterlichen Zeiten denen
+jungen Leuten von Stande gegeben, eh sie zu würklichen Rittern
+geschlagen wurden. Das was Edgar hier sagt, ist vermuthlich der
+Anfang einer ins alte Englische übersezten Romanze, wo der
+Übersezer das Wort (Infant) durch Kind gegeben.}
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Achter Auftritt.
+(Die Scene verwandelt sich in Glosters Schloß.)
+(Cornwall. Edmund.)
+
+
+Cornwall.
+Ich will Rache haben, eh ich dieses Haus verlasse.
+
+Edmund.
+Ich darf kaum daran denken, Mylord, was man urtheilen wird, daß ich
+die Natur der Treue gegen euch Plaz machen heisse.
+
+Cornwall.
+Nun merke ich, daß es nicht bloß euers Bruders schlimme Gemüthsart
+war, was ihn seinen Tod suchen machte.--Es war vielleicht ein zur
+Rache gereiztes Verdienst, welches nicht ausstehen konnte, von
+einem niederträchtigen Vater vernachlässigst zu werden.
+
+Edmund.
+Wie unglüklich ist mein Stern, daß ich bereuen muß gerecht zu seyn.
+Hier ist der Brief, wovon er mir sagte; er entdekt ihn als einen
+heimlichen Anhänger der Französischen Parthey. O Himmel! möchte
+entweder diese Verrätherey nicht seyn, oder ich nicht der Entdeker!
+
+Cornwall.
+Folget mir zu der Herzogin.
+
+Edmund.
+Wenn der Inhalt dieses Papiers wahr ist, so habt ihr sehr viel zu
+thun.
+
+Cornwall.
+Er mag wahr oder falsch seyn, so hat er dich zum Grafen von Gloster
+gemacht. Suche deinen Vater auf, damit seine Bestraffung vollzogen
+werden könne.
+
+Edmund (vor sich.)
+Wenn ich finde daß er dem König Vorschub thut, so wird der Verdacht
+desto stärker--
+
+(laut.)
+
+Ich will fortfahren euch die Treue zu beweisen, Mylord, die ich
+meinem Oberherrn schuldig bin, so schmerzlich auch der Kampf
+zwischen Schuldigkeit und Natur ist.
+
+Cornwall.
+Ich bin von deiner Treue überzeugt, und du sollt in meiner Liebe
+einen theurern Vater finden.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Neunter Auftritt.
+(Eine Stube in einem Meyer-Hofe.)
+(Kent und Gloster treten auf.)
+
+
+Gloster.
+Hier ist es besser als unter freyem Himmel, nehmt es mit Dank an;
+ich will besorgt seyn euch so viel Vorschub zu thun, als ich kan--
+ich werde bald wieder bey euch seyn.
+
+(Geht ab.)
+
+Kent.
+Alle Kräfte seines Verstandes haben seiner Ungeduld weichen müssen;
+die Götter belohnen euer mitleidiges Herz. (Lear, Edgar und Narr.)
+
+Edgar.
+Frateretto ruft mir und erzählt mir, Nero sey ein Angel-Fischer im
+Pfuhl der Finsterniß. Betet in Unschuld und hütet euch vor dem
+bösen Feind.
+
+Narr.
+Sey so gut, Nonkel, und sag mir, ist ein wahnwiziger Mann ein
+Edelmann oder ein Bauer?
+
+Lear.
+Ein König, ein König.
+
+Narr.
+Nein, er ist ein Bauer, der einen Edelmann zum Sohn hat; denn das
+ist ein wahnwiziger Bauer, der seinen Sohn für einen Edelmann
+ansieht.
+
+Lear*.
+{ed.-* Hier folgen in der ersten Ausgabe etliche Reden im
+tollhäusischen Geschmak, welche Shakespearevermuthlich selbst in
+den folgenden weggelassen hat; und welche, wenn es auch möglich
+wäre sie zu übersezen, den wenigsten Lesern dieser Mühe würdig
+scheinen würden. Die lezte, welche Lear sagt, ist die einzige, in
+der man den Shakespearewieder erkennt.}
+
+--Laßt sie Regan anatomiren--Seht, was in ihrem Herzen ausgebrütet
+wird--Ist irgend eine Ursache in der Natur, die solche harte Herzen
+macht? Euch, Sir, unterhalt' ich für einen von meinen Hundert; nur
+steht mir der Schnitt euerer Kleider nicht an; man sollte denken,
+sie wären persianisch; aber laßt sie ändern. (Gloster kommt zurük.)
+
+Kent.
+Nun, mein gütiger Lord, legt euch hier und ruhet eine Weile.
+
+Lear.
+Macht kein Getöse, macht kein Getöse, zieht die Vorhänge. So, so,
+wir wollen morgen früh zum Nacht-Essen gehen.
+
+Narr.
+Und ich will des Mittags zu Bette gehen.
+
+Gloster.
+Kommt hieher, Freund; wo ist der König, mein Herr?
+
+Kent.
+Hier, Sir, aber beunruhigt ihn nicht; sein Verstand ist dahin.
+
+Gloster.
+Guter Freund, ich bitte dich, nimm ihn in deine Arme; (ich habe
+etwas von einem Anschlag wider sein Leben gehört;) es ist eine
+Sänfte bereit, trag ihn hinein, und eile nach Dover, Freund, wo du
+beydes, Aufnahm und Schuz, finden wirst. Nimm deinen Herrn auf die
+Schultern; wenn du nur eine halbe Stunde säumest, so ist sein Leben
+und deines und eines jeden, der ihn vertheidigen wollte, unfehlbar
+verlohren. Fort, mache fort, nimm ihn auf deine Schultern, und
+folge mir; ich will dir einen Wegweiser mitgeben--
+
+Kent.
+Die unterdrukte Natur schläft. Diese Ruhe möchte ein Balsam für
+deine verwundeten Sinnen gewesen seyn, die, wie ich besorge, ohne
+eine günstige Veränderung der Umstände, unheilbar sind. Komm,
+
+(zum Narren)
+
+hilf deinen Herrn hinweg tragen, du must nicht zurük bleiben.
+
+Gloster.
+Kommt, kommt, hinweg.
+
+(Sie tragen den König fort.)
+
+Edgar (bleibt allein.)
+Wenn wir Bessere als wir sind mit unsern Übeln beladen sehen, so
+vergessen wir beynahe unsers eignen Elends. Wer allein leidet,
+leidet am meisten am Gemüth, indem er mit Menschen umgeben ist, die
+von seinen Übeln frey, durch den beleidigenden Anblik ihrer
+Glükseligkeit seine Pein verdoppeln. Wie leicht, wie erträglich
+scheint mir mein Unglük zu seyn, da der König von gleichem Ungemach
+gedrükt wird! Er hat Kinder, wie ich einen Vater habe--Hinweg, Tom--
+begegne diese Nacht was will, wenn nur der König unversehrt
+entkömmt--
+
+(Edgar geht ab.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt.
+(Cornwall, Regan, Gonerill, Edmund und Bediente.)
+
+
+Cornwall.
+Eilet unverzüglich zu euerm Gemahl und zeigt ihm diesen Brief; die
+französische Armee ist angeländet; sucht den Verräther Gloster.
+
+Regan.
+Laßt ihn auf der Stelle aufhängen.
+
+Gonerill.
+Reißt ihm die Augen aus.
+
+Cornwall.
+Überlasset ihn nur meinem Unwillen. Edmund, leistet unsrer
+Schwester Gesellschaft; die Rache die wir an euerm verräthrischen
+Vater zu nehmen genöthiget sind, leidet eure Gegenwart nicht.
+Überzeuget den Herzog zu dem ihr gehet, von der Nothwendigkeit
+einer schleunigen Kriegs-Zurüstung--wir haben die gleiche
+Obliegenheit; unsre Couriers sollen ein ununterbrochnes Verständniß
+unter uns erhalten. Lebet wohl, liebe Schwester; lebet wohl,
+Mylord von Gloster. (Der Haushofmeister kömmt.) Wie gehts? wo ist
+der König?
+
+Hofmeister.
+Mylord von Gloster hat ihn von hier hinweggebracht. Fünf oder
+sechs und dreissig von seinen Rittern, welche sehr hizig nach ihm
+fragten, haben ihn vor der Pforte angetroffen, und sind nebst
+einigen von des Lords Angehörigen mit ihm nach Dover abgegangen, wo
+sie sich rühmen, wohlbewaffnete Freunde zu haben.
+
+Cornwall.
+Hohlet Pferde für eure Gebieterin.
+
+Gonerill.
+Lebet wohl, mein liebster Lord, und meine Schwester.
+
+(Gonerill und Edmund gehen ab.)
+
+Cornwall.
+Edmund, lebe wohl--Geht, sucht den Verräther Gloster; bindet ihn
+wie einen Dieb, und bringt ihn vor uns: Wir können ihm zwar ohne
+die Förmlichkeiten der Justiz das Leben nicht nehmen; aber dennoch
+soll unsre Macht unserm Zorn eine Gefälligkeit erweisen, welche die
+Leute tadeln mögen ohne sie verhindern zu können.
+
+
+
+Eilfter Auftritt.
+(Gloster wird von einigen Bedienten hereingebracht.)
+
+
+Cornwall.
+Wer ist hier? der Verräther?
+
+Regan.
+Der undankbare Fuchs! Er ists.
+
+Cornwall.
+Bindet ihm seine hagern Arme fest zusammen.
+
+Gloster.
+Was meynen Euer Gnaden damit? Meine guten Freunde, bedenket daß
+ihr meine Gäste seyd; spielet mir keinen schlimmen Streich, Freunde.
+
+Cornwall.
+Bindet ihn, sag ich.
+
+(Sie binden ihn.)
+
+Regan.
+Fester, fester! du nichtswürdiger Verräther.
+
+Gloster.
+Unbarmherzige Lady, ich bin kein Verräther.
+
+Cornwall.
+An diesen Lehnstuhl bindet ihn. Nichtswürdiger, du sollt finden--
+
+
+Gloster.
+Bey den mitleidigen Göttern, das ist höchst unwürdig gehandelt, mir
+so den Bart auszurauffen.
+
+Regan.
+So weiß, und so ein Verräther!
+
+Gloster.
+Boshafte Lady, diese Haare, die du meinem Kinn raubest, werden
+lebendig werden und dich anklagen; ich bin euer Wirth, ihr solltet
+euch schämen, so mit räuberischen Händen mein gastfreundliches
+Gesicht zu zerrauffen! Was wollt ihr aus mir machen?
+
+Cornwall.
+Saget, Sir, was für Briefe hattet ihr lezthin aus Frankreich?
+
+Regan.
+Antwortet gerade zu, denn wir wissen die Wahrheit schon.
+
+Cornwall.
+Und was für ein Bündniß hattet ihr mit den Verräthern, die erst
+kürzlich in dem Königreich angeländet sind?
+
+Regan.
+In wessen Hände schiktet ihr den mondsüchtigen König? Redet!
+
+Gloster.
+Ich habe einen Brief, worinn von blossen Muthmassungen die Rede ist,
+und der von jemanden kam, der neutral, und nicht von einer
+feindlichen Parthey ist.
+
+Cornwall.
+Ausflüchte--
+
+Regan.
+Und falsch.
+
+Cornwall.
+Wo hast du den König hingeschikt?
+
+Gloster.
+Nach Dover.
+
+Regan.
+Warum nach Dover? War dir nicht bey Gefahr deines Lebens verboten--
+
+Cornwall.
+Warum nach Dover? Laßt ihn zuerst auf das antworten.
+
+Gloster.
+Ich bin an den Pfahl gebunden, und muß nun den Anfall aushalten.
+
+Regan.
+Warum nach Dover?
+
+Gloster.
+Weil ich nicht sehen wollte, daß deine grausamen Nägel seine alten
+Augen auskrazten, noch daß deine grimmige Schwester ihre Bären-
+Klauen in sein gesalbtes Fleisch einhakte. Von einem solchen Sturm,
+wie sein kahles Haupt in Hölle-schwarzer Nacht aushalten mußte,
+hätte die kochende See bis an den Himmel aufbrausen, und die
+gestirnten Feuer auslöschen mögen. Und doch, das arme alte Herz!
+half er dem Himmel regnen. Hätten Wölfe in dieser entsezlichen
+Nacht vor deinem Thor geheulet, du würdest dem Pförtner befohlen
+haben, sie zu öffnen; die grausamsten Thiere wurden vor Schreken
+mild--Aber ich werd es noch sehen, wie die geflügelte Rache solche
+Kinder überfallen wird.
+
+Cornwall.
+Sehen sollt du es niemals. Kerls, haltet den Stuhl; auf diese
+deine Augen will ich meinen Fuß sezen.
+
+(Gloster wird auf den Boden gelegt, und Cornwall tritt ihm das eine
+von seinen Augen aus.)
+
+Gloster.
+Wer so lange zu leben gedenkt bis er alt wird, gebe mir einige
+Hülfe--O grausam! O! ihr Götter!
+
+Regan.
+Eine Seite möcht' es der andern vorrüken; das andere auch.
+
+Cornwall.
+Wenn ihr Rache sehet--
+
+Ein Bedienter.
+Haltet ein, Mylord, ich habe euch von meiner Kindheit an gedient,
+aber keinen bessern Dienst hab ich euch nie gethan, als izt, da ich
+euch bitte, einzuhalten.
+
+Regan.
+Was ist das, du Hund?
+
+Bedienter.
+Wenn ihr einen Bart an euerm Kinn trüget, so wollt' ich es mit euch
+aufnehmen--
+
+(indem er sieht, daß Cornwall den Degen gegen ihn zieht:)
+
+Wie? was habt ihr im Sinn?
+
+Cornwall.
+Nichtswürdiger Bube--
+
+Bedienter.
+Nun so kommt dann, weil ihr mich so herausfodert--
+
+(Sie fechten, Cornwall wird verwundet.)
+
+Regan.
+Gieb mir dein Schwerdt--ein Sclave soll sich so auflehnen?
+
+(Sie ersticht ihn.)
+
+Bedienter.
+O! ich bin erschlagen--Mylord, ihr habt noch ein Auge übrig, um
+Unglük über ihm zu sehen--O! --
+
+(Er stirbt.)
+
+Cornwall.
+Wir wollen ihm zuvorkommen; aus, nichtswürdige Sulz--
+
+(Er tritt das andre Aug auch aus.)
+
+Gloster.
+Ganz finster und hülflos--Wo ist mein Sohn Edmund? Edmund, fache
+alle Funken der Natur an, diese greuliche That zu rächen.
+
+Regan.
+Hinaus, verräthrischer Hund! du rufst einem, der dich verabscheuet;
+Edmund war's, der uns deine Verräthereyen entdekte; er ist zu gut,
+Mitleiden mit dir zu haben.
+
+Gloster.
+O meine Thorheiten!--So wurde Edgar fälschlich angeklagt! Ihr
+mitleidigen Götter, vergebet mir das, und segnet ihn!
+
+Regan.
+Geht, führt ihn vor das Thor hinaus, und laßt ihn seinen Weg nach
+Dover durch den Geruch finden.
+
+(Gloster wird weggeführt.)
+
+Wie stehts, Mylord, wie seht ihr so übel aus?
+
+Cornwall.
+Ich habe einen Stoß bekommen; folget mir, Lady; Stosset diesen
+auglosen Buben hinaus--werft diesen Sclaven auf den Mist--Regan,
+ich verblute; dieser Stoß kommt sehr zur Unzeit--
+
+Regan.
+Gebt mir euern Arm--
+
+(Sie gehen ab.)
+
+1. Bedienter.
+Wenn es diesem Mann wohl geht, so will ich mir um keines Bubenstüks
+willen bange seyn lassen.
+
+2. Bedienter.
+Wenn Sie lange lebt, und am Ende so stirbt wie andre Leute, so
+werden alle Weiber zu Ungeheuern werden.
+
+1. Bedienter.
+Wir wollen dem alten Grafen nachlaufen, und irgend einen Bettler
+suchen, der ihn führe--
+
+2. Bedienter.
+Geh du, ich will etwas Flachs und Eyer-Weiß hohlen, es auf seine
+blutenden Augen zu legen. Nun, der Himmel helf ihm!
+
+(Gehen ab.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug.
+
+
+
+Erster Auftritt.
+(Ein freyes Feld.)
+
+
+Edgar (tritt auf)
+Immer besser so, und wissen daß man verachtet wird, als immer
+verachtet und geschmeichelt werden. Das ärmste, niedrigste,
+verworrenste Geschöpf lebt immer in Hoffnung, und hat nichts zu
+befürchten. Klägliche Veränderungen treffen nur die Glüklichsten.
+Wer nichts verliehren kan, kan immer lachen. Willkommen dann, du
+unkörperliche Luft, der Unglükliche, den du unter den Elendesten
+hinunter geweht hast, ist deinen Stürmen nichts mehr schuldig.
+(Gloster tritt auf, von einem alten Manne geführt.) Aber wer kommt
+hier? Mein Vater, von einem fremden Manne geführt?--Welt, Welt, o
+Welt!--Und doch, wenn deine seltsamen Abwechslungen dich nicht
+verhaßt machten, wo ist der Greiß welcher sterben wollte?
+
+Der alte Mann.
+O mein guter Lord, ich bin euer Pachter und euers Vaters Pachter
+gewesen, diese achzig Jahre.
+
+Gloster.
+Gehe, gehe deinen Weg, guter Freund, geh, dein Beystand kan mir
+nichts nüzen, und dir könnt' er schädlich seyn.
+
+Der Alte.
+Ihr könnt ja euern Weg nicht sehen.
+
+Gloster.
+Ich habe keinen Weg, und bedarf also keiner Augen; ich strauchelte,
+da ich noch sah. Wie wahr ist es, was uns die Erfahrung so oft
+lehrt, unsre Mittelmässigkeit ist unsre Sicherheit, und selbst was
+wir entbehren, beweißt, daß wir es nicht nöthig haben--O theurer
+Sohn Edgar, unglüklicher Gegenstand des Zorns deines betrogenen
+Vaters, möcht ich nur leben dich in meinen Armen zu fühlen, dann
+wollt' ich sagen, ich habe wieder Augen.
+
+Der Alte.
+Wie? wer ist der?
+
+Edgar.
+Ihr Götter, wer kan sagen, ich bin der Elendeste? Ich bin elender
+als ich jemals war.
+
+Der Alte.
+Es ist der arme tolle Tom.
+
+Edgar.
+Und doch kan ich noch elender werden; das Ärgste ist noch nicht,
+so lang man noch sagen kan, das ist das Ärgste.
+
+Der Alte.
+Guter Freund, wo gehst du hin?
+
+Gloster.
+Ist es ein Bettelmann?
+
+Der Alte.
+Ein Thor und ein Bettler zugleich.
+
+Gloster.
+Er hat noch einige Vernunft, sonst könnt' er nicht betteln. In dem
+Sturm der lezten Nacht sah ich einen solchen Burschen, der mich
+denken machte, der Mensch sey ein Wurm. Mein Sohn kam mir dabey in
+den Sinn; und doch war er damals fern von meinem Herzen. Seitdem
+hab ich mehr gehört. Was Fliegen für muthwillige Knaben sind, sind
+wir den Göttern; sie tödten uns zu ihrem Zeitvertreib.
+
+Edgar.
+Gott helf dir, Meister.
+
+Gloster.
+Ist das der nakende Bursche?
+
+Der Alte.
+Ja, Mylord.
+
+Gloster.
+Geh doch, oder wenn du mir zu lieb eine Meile oder zwoo uns nach
+Dover zuvorlauffen willt, so thu es um der alten Liebe willen, und
+bring etwas Kleidung für diese nakte Seele, die ich bitten will,
+mich zu führen.
+
+Der Alte.
+Ach, Mylord, es ist wahnwizig.
+
+Gloster.
+Das ist eine böse Zeit, wenn Wahnwizige die Blinden führen; thu was
+ich dir gesagt habe, oder vielmehr thu was du willst; alles
+überlegt, geh deinen Weg.
+
+Der Alte.
+Ich will ihm den besten Anzug bringen, den ich habe; werde daraus
+was will.
+
+(Geht ab.)
+
+Gloster.
+Hieher, nakter Bursche.
+
+Edgar.
+Der arme Tom friert, ich kan es nicht länger verheelen.
+
+Gloster.
+Komm hieher, Bursche.
+
+Edgar.
+Und doch muß ich; Gott behüte deine lieben Augen, sie bluten.
+
+Gloster.
+Kennst du den Weg nach Dover?
+
+Edgar.
+Gatter und Zäune, Postweg und Fußsteg: Der arme Tom ist um seine
+guten Sinnen gekommen. Gott behüte dich vor dem bösen Feind, alter
+Mann. Fünf Feinde sind auf einmal in dem armen Tom gewesen;
+Obidicut, der Hureteufel, Hobbididen, der Fürst der Taubheit; Mahu,
+des Stehlens, Mohu, des Mordens, und Flibbertigibbet, der Grimassen-
+Teufel, der seither die Kammer-Jungfern und Stuben-Mädchen besizt.*
+
+{ed.-* Shakespeare läßt den Edgar in seinen phantastischen Reden
+öfters auf eine niederträchtige Betrügerey etlicher Englischen
+Jesuiten zielen, die um selbige Zeit in Gesellschaften Stoff zur
+Unterredung gab, weil eben damals eine von dem nachmaligen
+Erzbischof von York Dr. Harsenet mit grosser Kunst und Stärke
+geschriebene Geschichte derselben zum Vorschein kam, unter dem
+Titel: Entdekung merkwürdiger Papistischer Betrügereyen, um Ihrer
+Majestät Unterthanen von ihrer Pflicht abzuziehen u.s.w. unter
+dem Vorwand Teufel auszutreiben, gespielt von Edmunds sonst
+Weston genannt, einem Jesuiten, und verschiedenen Römischen
+Priestern, seinen boshaften Gesellen. 1603. Diese Jesuitische
+Comödie wurde zur Zeit der berühmten Spanischen Armada gegen
+England gespielt, und hatte zur Absicht, zu Beförderung des
+Spanischen Vorhabens, Proselyten unter dem Pöbel zu machen.
+Die vornehmste Scene war in der Familie eines Hrn. Edmund Pekham,
+eines Catholiken, wo Marwood, ein Bedienter von Hrn. Anton
+Babington, Trayford, ein Bedienter des Hrn. Pekham und drey
+Kammer-Mädchen in diesem Hause für besessen ausgegeben, und von
+gedachten Priestern in die Cur genommen wurden. Die fünf
+barbarischen Teufel, von denen Edgar spricht, sind eben die, von
+denen ermeldte fünf dienstbare Personen besessen seyn sollten.
+Auszug aus Warbürt. Anmerk.}
+
+Gloster.
+Hier, nimm diesen Beutel, du den des Himmels Plagen allen Streichen
+des Unglüks ausgesezt haben. Daß ich elend bin, macht dich
+glüklicher. Theilet immer so, ihr Götter; Laßt den reichen, von
+Überfluß und Wollust berauschten Mann, der euern Schiksalen Troz
+bietet, und das Elend seiner Nebengeschöpfe nicht sehen kan, weil
+er's nicht fühlt, laßt ihn schleunig eure Allmacht fühlen; so wird
+Freygebigkeit den unmässigen Überfluß dämpfen, und ein jeder
+Mensch genug haben. Kennst du Dover?
+
+Edgar.
+Ja, Herr.
+
+Gloster.
+Es ist ein Hügel dort, dessen hoher und überhangender Gipfel
+fürchterlich über die angrenzende Tieffe herabsieht. Bring mich
+auf die äusserste Spize desselben, und ich will dir etwas geben,
+das deinem armseligen Zustand ein Ende machen wird; von dort aus
+werd' ich keinen Führer mehr nöthig haben.
+
+Edgar.
+Gieb mir deinen Arm, der arme Tom soll dich führen.
+
+
+
+Zweyter Auftritt.
+(Des Herzogs von Albanien Palast.)
+(Gonerill und Edmund.)
+
+
+Gonerill.
+Seyd willkommen, Mylord; mich wundert, daß mein sanftmüthiger Mann
+uns nicht entgegen gegangen ist. (Der Hofmeister kömmt.) Nun, wo
+ist euer Herr?
+
+Hofmeister.
+Gnädige Frau, er ist drinnen; aber so verändert, daß es kaum
+glaublich ist; ich sagte ihm, die Feinde seyen angeländet; er
+lächelte dazu. Ich sagte ihm, Euer Gnaden kommen wieder an; desto
+schlimmer, war seine Antwort. Als ich ihm von Glosters Verrätherey
+und von der Treue seines Sohns Nachricht gab, nannte er mich einen
+Dummkopf, und sagte mir, ich hätte die schlimme Seite herausgekehrt.
+Was ihm am unangenehmsten seyn sollte, scheint ihm zu gefallen;
+und was ihm gefallen sollte, beleidigt ihn.
+
+Gonerill (zu Edmund.)
+So sollt ihr nicht weiter gehen. Es ist nichts, als die feige
+Zaghaftigkeit seines Geistes, welcher nicht Muth genug hat etwas zu
+unternehmen: Er wird keine Beleidigung fühlen, die ihn zu einer
+Antwort nöthigte. Auf diese Art können unsre Wünsche zur Erfüllung
+kommen. Zurük, Edmund, zu meinem Bruder; beschleunige dich, mustre
+seine Völker und führe sie an. Hier zu Hause muß ich die Waffen
+wechseln, und meinem Manne die Spindel in die Hand geben. Dieser
+getreue Diener soll unser Verständniß unterhalten; ihr sollt in
+kurzem von mir hören, wenn ihr Herz genug habt zu euerm eignen
+Vortheil, den Befehl einer Geliebten zu wagen. Traget diß
+
+(sie giebt ihm ich weiß nicht was,)
+
+sparet die Worte,
+
+(leise)
+
+drehet den Kopf ein wenig--Dieser Kuß, wenn er reden dürfte, würde
+deine Lebensgeister in die Höhe treiben--Verstehe mich und lebe
+wohl.
+
+Edmund.
+Der Eurige bis in den Tod.
+
+Gonerill.
+Mein allerliebstes Gloster.
+
+(Edmund geht ab.)
+
+Was für ein Unterscheid ist zwischen Mann und Mann! Du verdienst
+die Gunstbezeugungen einer Dame; mein Thor usurpiert meine Person.
+
+Hofmeister.
+Gnädige Frau, hier kömmt Mylord. (Der Herzog von Albanien kömmt.)
+
+Gonerill.
+Bin ich nicht mehr werth gewesen, als meinem Bedienten zu pfeiffen,
+wie ich ankam?
+
+Albanien.
+O, Gonerill, ihr seyd den Staub nicht werth, den euch der Wind ins
+Gesicht bläßt. Ich fürchte die Folgen eurer Gemüthsart; ein
+Geschöpf das seinen Ursprung verachtet, kan sich nicht in seiner
+eignen Natur erhalten; der Zweig, der sich selbst von seinem
+väterlichen Stamm abreißt, muß verdorren, und zu einem tödtlichen
+Gebrauch kommen.*
+
+{ed.-* Eine Anspielung auf den Gebrauch, welchen, der Sage nach, die
+Hexen und Zauberer von verdorreten Zweigen zu ihren Bezauberungen
+machen sollen. Warbürton.}
+
+Gonerill.
+Nichts mehr, welch ein närrisches Gewäsche!
+
+Albanien.
+Weisheit und Güte scheinen dem Nichtswürdigen verächtlich;
+Tygerthiere, nicht Töchter, was habt ihr gethan? Einen Vater,
+einen höchstgütigen alten Mann habt ihr, auf eine höchst
+barbarische, höchst unnatürliche Weise, zum Wahnwiz getrieben.
+Konnte mein Bruder zulassen, daß ihr es thatet, ein Mann, ein Fürst,
+der ihm soviel zu danken hatte? Wahrlich, wenn die Himmel nicht
+ungesäumt ihre sichtbar werdenden Geister herabsenden, so
+schändliche Übelthaten zu straffen, so muß die Menschheit
+nothwendig, gleich den Meer-Ungeheuern, sich selbst aufzehren.
+
+Gonerill.
+Du Milchleberichter Mann! der eine Wange für Maulschellen und
+einen Kopf für Beleidigungen trägt; der kein Auge hat, den
+Unterschied zwischen deiner Ehre und deiner Beschimpfung zu sehen;
+der nicht weiß, daß nur Thoren mit Bösewichtern Mitleiden haben,
+wenn sie gestraft werden, eh sie ihre Übelthaten ausüben konnten.
+Wo ist deine Trummel? Frankreich spreitet seine Fahnen in unserm
+ruhigen Land aus; in befiederten Helmen beginnst dein künftiger
+Mörder seine Drohungen, während daß du, ein moralischer Narr, still
+sizest und rufst: Ach! warum thut er denn das? --
+
+Albanien.
+Sieh dich selbst, Teufel! Seine ihm natürliche Häßlichkeit scheint
+in einem Teufel nicht so abscheulich, als in einem Weibe.
+
+Gonerill.
+O eitler Thor!
+
+Albanien.
+Du verwandeltes, ausgeartetes Ding! Schäme dich wenigstens, deine
+Bildung mit so ungeheuern Gesinnungen zu schänden! Wenn es sich
+für mich schikte, diese Hände dem Trieb meines kochenden Blutes zu
+überlassen, sie würden fertig genug seyn dein Fleisch von deinen
+Knochen abzureissen--Ob du gleich ein Teufel bist, so schüzt dich
+doch die Gestalt eines Weibes--
+
+Gonerill.
+Wahrhaftig, eine wolangebrachte Mannheit! (Ein Bote kömmt.)
+
+Bote.
+O mein gnädigster Lord, der Herzog von Cornwall ist todt, von
+seinem Bedienten erschlagen, da er im Begriff war, Glosters zweytes
+Auge auszutreten.
+
+Albanien.
+Glosters Augen?
+
+Bote.
+Ein in seinem Haus erzogner Bedienter, von Reue durchbohrt,
+widersezte sich der That, und zog sein Schwerdt gegen seinen Herrn,
+welcher voll Wuth über eine solche Kühnheit, ihn auf der Stelle
+tödtete, vorher aber eine Wunde bekam, die ihn nun das Leben
+gekostet hat.
+
+Albanien.
+Diß zeigt, daß ihr dort oben nicht säumet, ihr himmlischen Richter,
+diese unsre unter euern Augen begangne Verbrechen zu rächen. Aber,
+O! der arme Gloster! Verlohr er das andre Aug auch?
+
+Bote.
+Beyde, beyde, Mylord. Dieses Schreiben, Gnädigste Frau, fodert
+eine schleunige Antwort; es ist von eurer Schwester.
+
+Gonerill (vor sich.)
+Von einer Seite gefällt mir diß ganz wol. Und doch da sie izt
+Wittwe, und mein Gloster bey ihr ist, so könnte leicht das ganze
+Gebäude in meiner Phantasie über mein verhaßtes Leben einstürzen--
+Auf einer andern Seite ist diese Neuigkeit nicht so reizend--Ich
+will lesen und antworten.
+
+(Geht ab.)
+
+Albanien.
+Wo war sein Sohn, als sie ihn seiner Augen beraubten?
+
+Bote.
+Er begleitete die Herzogin hieher.
+
+Albanien.
+Er ist nicht hier.
+
+Bote.
+Nein, Mylord, ich traf ihn unterwegs auf der Rükreise an.
+
+Albanien.
+Weiß er die schändliche That?
+
+Bote.
+Ja, Gnädigster Herr, er war es selbst der seinen Vater anklagte,
+und er verließ das Haus, nur damit ihre Rache freyern Lauf hätte.
+
+Albanien.
+Gloster, ich lebe, dir für deine Liebe zu dem König zu danken, und
+deine Augen zu rächen. Komm mit mir, Freund, und sage mir was du
+noch mehr weissest.
+
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt.
+(Dover.)
+(Kent und ein Edelmann treten auf.)
+
+
+Kent.
+Der König von Frankreich so plözlich wieder umgekehrt! Wißt ihr
+die Ursache?
+
+Edelmann.
+Umstände, welche seine Abwesenheit in seinem Königreiche dem Staat
+gefährlich machen, haben seine schleunige Rükreise nöthig gemacht.
+
+Kent.
+Wen hat er zum Feldherrn zurükgelassen?
+
+Edelmann.
+Den Marschall von Frankreich, Monsieur le Far.
+
+Kent.
+Brachten eure Briefe die Königin zu einiger Äusserung von
+Bekümmerniß?
+
+Edelmann.
+Ja, Sir, sie nahm sie und laß sie in meiner Gegenwart, und zu
+verschiednen malen rollte eine grosse Thräne über ihre sanften
+Wangen; es schien, sie sey Königin über ihren Affect, der auf eine
+ganz rebellische Weise König über sie zu seyn suchte.
+
+Kent.
+So rührte es sie also?
+
+Edelmann.
+Aber nicht zum Zorn. Geduld und Schmerz stritten mit einander,
+welches von beyden ihrem Gesicht den schönsten Ausdruk geben könnte;
+ihr habt Sonnenschein und Regen zugleich gesehen--ihr Lächeln, und
+ihre Thränen schienen wie ein nasser May. Dieses anmuthsvolleste
+Lächeln das um ihre reiffen Lippen spielt, schien nicht zu wissen,
+was für Gäste in ihren Augen wären, die aus denselben wie Perlen
+von Diamanten, herunter tröpfelten--Kurz, der Schmerz würde die
+liebenswürdigste Sache von der Welt werden, wenn er allen so
+anstünde wie ihr.
+
+Kent.
+Aber gab sie ihn nicht in Worten zu erkennen?
+
+Edelmann.
+Ein oder zweymal seufzte sie aus beklemmten, langsam emporathmender
+Brust den Namen Vater hervor, rief zu verschiednen Malen--
+Schwestern! Schwestern!--Schandfleke euers Geschlechts!
+Schwestern! Kent! Vater! Schwestern! wie? Im Sturm? in einer
+solchen Nacht? Laßt die Menschlichkeit es niemals glauben!--Hier
+schüttelte sie das heilige Wasser aus ihren himmlischen Augen; und
+in einer Bewegung, als ob es ihr unmöglich sey, den lautesten
+Ausbruch des Schmerzens zurük zu halten, fuhr sie auf und eilte in
+ihr Cabinet, ihrer Empfindung freyen Lauf zu lassen.
+
+Kent.
+Die Sterne sind's, die Sterne über uns, die unsre Zufälle bestimmen,
+sonst könnte unmöglich eben dasselbige Paar so ungleiche Kinder
+zeugen. Sprach sie mit euch seit diesem?
+
+Edelmann.
+Nein.
+
+Kent.
+Geschah diß noch vor der Rükreise des Königs?
+
+Edelmann.
+Nein, erst hernach.
+
+Kent.
+Gut, Sir, der arme unglükliche Lear ist in der Stadt; in seinen
+bessern Augenbliken erinnert er sich, warum wir hieher gekommen
+sind, und dann will er sich schlechterdings nicht bereden lassen,
+seine Tochter zu sehen.
+
+Edelmann.
+Warum, guter Sir?
+
+Kent.
+Eine demüthigende Schaam überwältigt ihn so; die Härte, mit der er
+sie seines Segens beraubte, sie der Willkuhr fremder Zufälle
+überließ, und ihre theuresten Rechte ihren hündischen Schwestern
+zuwarf: Diese Dinge verwunden ihn mit so giftigen Stichen, daß
+brennende Schaam ihn von seiner Cordelia zurük hält.
+
+Edelmann.
+Der arme alte Herr!
+
+Kent.
+Hörtet ihr nichts von Albaniens und Cornwalls Kriegs-Macht?
+
+Edelmann.
+Man sagt, sie sey auf den Beinen.
+
+Kent.
+Gut, Sir, ich will euch zu unserm Herrn führen, und ihn eurer
+Sorgfalt überlassen. Irgend eine wichtige Ursache wird mich eine
+Weile verborgen halten. Wenn ich euch recht bekannt seyn werde, so
+wird es euch nicht gereuen, so genau mit mir bekannt worden zu seyn.
+Ich bitte, kommt mit mir.
+
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Vierter Auftritt.
+(Ein Lager.)
+(Cordelia, ein Medicus und Soldaten.)
+
+
+Cordelia.
+Ach! es ist er selbst; man fand ihn eben izt so rasend als die von
+Stürmen gepeitschte See; überlaut singend, mit rankichtem
+Daubenkropf, mit Schierling, Nesseln, Kukuk-Blumen, Lülch und allem
+dem Unkraut bekränzt, das in unsern Kornfeldern wächßt. Schiket
+eine Anzahl Leute aus, durchsuchet das ganze Feld, und bringt ihn
+vor unsre Augen. Was vermag die menschliche Weisheit seine
+beraubten Sinnen wieder herzustellen? Der, der ihm hilft, nehme
+alles davor, was ich im Vermögen habe.
+
+Medicus.
+Es sind Mittel dazu da, Madame; der beste Arzt der Natur ist Ruhe;
+diese mangelt ihm; sie ihm zu verschaffen, sind die Kräfte mancher
+Simplicium geschikt, deren Macht das Auge des Kummers zuschliessen
+wird.
+
+Cordelia.
+Möchten alle gesegneten noch unbekannten Heil-Kräfte der Erde, von
+meinen Thränen begossen, hervorsprossen!--Wendet alles an, die
+Krankheit des guten alten Mannes zu heben.--Suchet, suchet ihn auf,
+eh seine unbezähmte Raserey aus Mangel an Mitteln sie zu dämpfen,
+den Rest seines Lebens auflöset. (Ein Bote kömmt.)
+
+Bote.
+Neue Zeitungen, Madame, die Brittischen Völker sind im Anzug hieher.
+
+Cordelia.
+Das wußten wir schon vorher; unsre Zurüstungen warten nur auf ihre
+Ankunft. O theurer Vater, es ist deine Sache die mich hieher
+gebracht hat; für dich haben meine Klagen, meine heissen Thränen
+den grossen Fürsten von Frankreich erweicht; kein aufgeblähter
+Stolz sezt uns in Waffen, sondern Liebe, kindliche Liebe, und
+unsers alten Vaters Recht. O wie verlangt mich ihn zu hören und zu
+sehen!
+
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt.
+(Regans Pallast.)
+(Regan und der Hofmeister.)
+
+
+Regan.
+Sind meines Bruders Völker ausgerükt?
+
+Hofmeister.
+Ja, Gnädige Frau.
+
+Regan.
+Und er ist selbst in Person dabey?
+
+Hofmeister.
+Ja und noch jemand, der mehr zu bedeuten hat; eure Schwester ist
+ein beßrer Soldat als er.
+
+Regan.
+Lord Edmund sprach nicht mit eurer Lady, da sie zu Hause angekommen?
+
+Hofmeister.
+Nein, Madame.
+
+Regan.
+Was mag meiner Schwester Brief an ihn zu sagen haben?
+
+Hofmeister.
+Ich weiß es nicht, Gnädige Frau.
+
+Regan.
+Er ist in wichtigen Geschäften von hier abgegangen. Es war ein
+grosser Unverstand, dem Gloster nur die Augen, und nicht auch das
+Leben zu nehmen; wohin er kömmt, empört er alle Herzen wider uns.
+Edmund, denke ich, ist gegangen, aus Mitleiden über seinen elenden
+Zustand, seinem nächtlichen Leben ein Ende zu machen; und zugleich
+die Stärke der Feinde zu erkundigen.
+
+Hofmeister.
+Ich muß ihn nothwendig aufsuchen, Gnädige Frau; um ihm meinen Brief
+einzuhändigen.
+
+Regan.
+Unsere Truppen rüken morgen vor; bleibet bey uns; die Wege sind so
+unsicher--
+
+Hofmeister.
+Ich darf nicht, Madame; Mylady gab mir dieses Geschäfte auf meine
+Pflicht.
+
+Regan.
+Was konnte sie dem Edmund zu schreiben haben? Konntet ihr ihr
+Geschäfte nicht etwann mündlich ausrichten?--Vielleicht, etwas--ich
+weiß nicht was--Du sollt alle meine Gunst haben--laß mich den Brief
+öffnen.
+
+Hofmeister.
+Gnädige Frau, ich wollte lieber--
+
+Regan.
+Ich weiß, eure Lady liebt ihren Gemahl nicht; und bey ihrem lezten
+Hierseyn, warf sie zärtliche Blike, sehr deutlich redende Blike auf
+den edeln Edmund. Ich weiß, ihr seyd ihr Vertrauter--
+
+Hofmeister.
+Ich, Gnädige Frau?
+
+Regan.
+Ich weiß was ich sage--ihr seyd's--ich weiß es; merkt euch also,
+was ich euch izt sagen will. Mein Gemahl ist todt; Edmund und ich
+haben uns miteinander besprochen; er schikt sich besser für meine
+Hand, als für eure Lady. Das übrige könnt ihr selbst schliessen.
+Wenn ihr ihn findet, so gebt ihm dieses, ich ersuche euch; und wenn
+ihr eurer Lady diese Nachrichten bringt, ich bitte, so rathet ihr,
+ihre Weisheit zurük zu ruffen. Hiemit lebet wohl. Wenn ihr etwann
+von diesem blinden Verräther hören solltet, so wißt, daß der eine
+reiche Belohnung zu erwarten hat, der ihm den Kopf abschneiden wird.
+
+Hofmeister.
+Ich wollte ich träfe ihn an, Madame, ich wollte bald zeigen, was
+für eine Parthey ich halte.
+
+Regan.
+Lebet wohl.
+
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Sechster Auftritt.
+(Die Gegend um Dover.)
+(Gloster, und Edgar als ein Bauer.)
+
+
+Gloster.
+Wenn kommen wir dann zu dem Hügel, wovon ich sagte?
+
+Edgar.
+Eben izt steigen wir hinauf. Sehet, wie wir arbeiten.
+
+Gloster.
+Mich däucht, der Grund ist eben.
+
+Edgar.
+Entsezlich steil. Horcht, hört ihr das Meer?
+
+Gloster.
+Nein, wahrhaftig.
+
+Edgar.
+Wie denn, so greift die Verderbniß eurer Augen auch eure übrigen
+Sinnen an.
+
+Gloster.
+In der That es kan wol seyn. Mich däucht, deine Stimme ist
+verändert, und du sprichst bessere Sachen, und in bessern Ausdrüken
+als zuvor.
+
+Edgar.
+Ihr irret euch sehr, ich bin in nichts verändert als in meinem
+Anzug.
+
+Gloster.
+Ganz gewiß, du sprichst besser.
+
+Edgar.
+Folget mir, das ist der Ort--Stehet still. Wie entsezlich und
+schwindlicht ist es, die Augen in eine solche Tieffe herab zu
+senken! Die Krähen und Wasser-Raben die in der mittlern Luft
+fliegen, scheinen kaum so groß als die Schröter; an der Mitte des
+Felsen hängt einer, der Meerfenchel sucht, ein fürchterliches
+Handwerk; mich dünkt, er ist nicht diker als sein Kopf. Die
+Fischer die am Ufer herum gehen, kommen mir vor wie Mäuse, jene
+lange vor Anker ligende Barke nicht grösser als ihr Hahn, und ihr
+Hahn so klein, daß ihn das Auge nicht mehr fassen kan. Die
+murmelnde Welle, die um die unzählbaren nakten Kieselsteine keift,
+kan in dieser Höhe nicht mehr gehört werden. Ich will nicht mehr
+hinab schauen, sonst möchte das schwindelnde Hirn und das
+gebrechende Gesicht mich überwälzend in die Tieffe hinab stürzen.
+
+Gloster.
+Stelle mich dahin, wo du stehest.
+
+Edgar.
+Gebt mir eure Hand; izt seyd ihr nur eines Fusses Breite von der
+äussersten Spize entfernt; um alles was unter dem Mond ligt, wollte
+ich hier keinen Sprung vorwärts thun.
+
+Gloster.
+Laß meine Hand gehen; Hier, Freund, ist noch ein andrer Beutel, und
+in demselben ein Juweel, das wol werth ist von einem armen Mann
+angenommen zu werden. Götter und Feen mögen es dir gedeyhen lassen.
+Geh du izt weiter, sag mir Lebewohl, und laß mich hören, daß du
+gehst.
+
+Edgar (stellt sich als geh er fort.)
+Nun, so lebet wohl, mein guter Sir.
+
+Gloster.
+Ich danke dir.
+
+Edgar (vor sich.)
+Warum treibe ich dieses Spiel mit seiner Verzweiflung? Meine
+Absicht ist, sie zu heilen.
+
+Gloster.
+O! ihr mächtigen Götter, dieser Welt entsag' ich hiemit, und
+schüttle vor euern Augen mein schweres Leiden geduldig ab. Könnte
+ich es länger tragen, ohne über euere grossen unwidersezlichen
+Schlüsse zu murren, so wollt' ich, bis der schwache Docht meines
+grauenvollen Lebens sich vollends ausgebrannt hätte--Wenn Edgar
+lebet, o so segnet ihn!--Nun, Camerade, lebe wohl!
+
+(Er thut einen Sprung, und fällt der Länge nach vor sich hin.)
+
+Edgar (in einiger Entfernung, und vor sich.)
+Guter Alter, lebe wohl! Wäre er da gewesen, wo er zu seyn gedachte,
+so hätte er izt aufgehört zu denken.
+
+(Er nähert sich dem Gloster, und verändert seine Stimme.)
+
+Lebendig oder todt? He, hört ihr, guter Freund! Sir! Sir!
+Redet!--So könnt' er sterben, in der That--Doch er lebt wieder auf.
+Wer seyd ihr, Sir?
+
+Gloster.
+Hinweg, und laß mich sterben.
+
+Edgar.
+Wärst du gleich nichts anders gewesen als Spinneweben, Federn und
+Luft, du würdest durch einen Fall von so vielen Klaftern wie ein Ey
+zersplittert seyn: Aber du athmest, bist noch ganz und blutest
+nicht. Rede, bist du unverwundet? Zehen auf einandergesezte
+Mastbäume machen die Höhe noch nicht aus, die du senkelrecht
+herunter gefallen bist. Dein Leben ist ein Wunderwerk. Rede doch!
+
+Gloster.
+Bin ich gefallen oder nicht?
+
+Edgar.
+Von dem fürchterlichen Gipfel dieses kreideweissen Felsens. Schau
+in die Höhe, die hellgurgelnde Lerche kan aus dieser Höhe weder
+gesehen noch gehört werden; sieh nur auf!
+
+Gloster.
+Ach, ich habe keine Augen--Ist das äusserste Elend so gar der
+Wohlthat beraubt, sich durch den Tod zu enden? Es wäre doch
+einiger Trost gewesen, wenn mein Jammer die Wuth des Tyrannen
+betrügen, und seinen trozigen Willen hätte vereiteln können.
+
+Edgar.
+Gebt mir euern Arm. Auf, so--wie ists? Fühlt ihr eure Beine noch?
+Ihr steht doch?
+
+Gloster.
+Nur allzuwohl, nur allzuwohl.
+
+Edgar.
+Diß übertrift alles Wunderbare. Was für ein Ding war das, das auf
+der Spize des Felsen von euch weggieng?
+
+Gloster.
+Ein armer unglüklicher Bettler.
+
+Edgar.
+Wie ich hier unten stand, däuchte mich, seine Augen wären zween
+Vollmonde, er hatte tausend Nasen, krumme Hörner, und bäumte sich
+auf wie die aufschwellende See; Es war irgend ein böser Geist.
+Zweifle also nicht, du glüklicher alter Vater, daß die Götter, die
+sich aus dem was Menschen unmöglich ist, eine Ehre machen dich
+sichtbarlich errettet haben.
+
+Gloster.
+Izt erinnere ich mich einiger Umstände. Künftig will ich mein
+Elend tragen, bis es sich zu tode schreyt, genug, genug, und stirbt.
+Ich hielt das Ding wovon ihr redet, für einen Menschen--öfters
+rief es aus, der Feind, der böse Feind--Es führte mich an diesen
+Ort.
+
+Edgar.
+Unterhaltet euch mit geduldigen Gedanken--
+
+
+
+Siebender Auftritt.
+(Lear, auf eine phantastische Art mit Blumen geziert, tritt auf.)
+
+
+Edgar.
+Aber wer kömmt hier? Ein nüchterner Verstand wird seinen Besizer
+nimmermehr so ausstaffieren.
+
+Lear.
+Nein, sie können mir des Münzens wegen nichts thun, ich bin der
+König selbst.
+
+Edgar.
+O herzdurchbohrender Anblik!
+
+Lear.
+In diesem Stük ist die Natur über die Kunst. Hier ist euer
+Handgeld. Dieser Bursche trägt seinen Bogen, wie ein Krähen-Mann;
+spannt mir einen Ellen-Stab--Schaut, schaut, eine Maus. Still,
+still!--dieses Stükchen von geröstetem Käse wird es thun--Hier ist
+mein eiserner Handschuh, ich will ihn gegen einen Riesen probieren.
+Bringt die Pfeile her--O! wohl geflogen, Kiel! Im Schwarzen, im
+Schwarzen!--Hey da; Gebt das Wortzeichen.
+
+Edgar.
+Der liebliche Majoran.
+
+Lear.
+Passiert.
+
+Gloster.
+Ich kenne diese Stimme.
+
+Lear.
+Ha! Gonerill! ha, Regan! Sie streichelten mich wie einen Hund,
+und sagten mir, ich hätte weisse Haare in meinem Bart, eh noch die
+schwarzen da waren.--Ja und Nein zu allem zu sagen, was ich sagte--
+Ja und Nein, aber es war unächte Münze. Wie der Regen kam und mich
+durch und durch nezte, wie der Wind mich schaudern machte, und der
+Donner auf meinen Befehl nicht schweigen wollte; da fand ich sie,
+da spürt' ich sie aus. Geht, geht, sie sind keine Leute die auf
+ihr Wort halten; Sie sagten mir, ich sey alles; es ist eine Lüge,
+ich halte die Fieber-Probe nicht.
+
+Gloster.
+Ich erinnere mich des Tons dieser Stimme. Ist es nicht der König?
+
+Lear.
+Ja, jeden Zolls lang ein König. Wenn ich sauer sehe, seht wie
+meine Unterthanen zittern. Ich schenke diesem Mann das Leben. Was
+war seine Sache? Ehebruch? du sollt nicht sterben! wegen
+Ehebruchs sterben? Nein, der Zaunschlupfer thut es, und die kleine
+vergüldete Fliege buhlet unter meinen Augen. Laßt das Vermehrungs-
+Werk gehen wie es will; denn Glosters Bastard war zärtlicher gegen
+seinen Vater, als meine ehlichgezeugte Töchter. Nur zu, Üppigkeit,
+alles durcheinander, ich brauche Soldaten. Sehet jene lächelnde
+Matrone, deren Gesicht hinter ihren ausgebreiteten Fingern Schnee
+weissagt, die so tugendhafte Grimassen macht, und vor dem blossen
+Namen der Wollust den Kopf schüttelt. Die Meer-Kaze und die
+brünstige Stutte bringt keinen so heißhungrigen Appetit dazu; von
+der Hüfte herab sind sie Centauren, obgleich von obenher ganz
+weiblich: Bis zum Gürtel wohnen lauter Götter; weiter unten ist
+alles mit Teufeln angefüllt. Hier ist die Hölle, hier ist
+Finsterniß, hier ist der brennende, siedende Schwefelpfuhl--pfuy,
+pfuy! Gieb mir eine Unze Zibeth, guter Apotheker, meine
+Imagination zu versüssen; hier hast du Geld.
+
+Gloster.
+O! laß mich diese Hande küssen.
+
+Lear.
+Ich will sie vorher abwischen, sie hat einen Todten-Geruch.
+
+Gloster.
+O! zertrümmertes Meisterstük der Natur! So wird einst diese
+grosse Welt sich zu nichts abnüzen. Kennest du mich?
+
+Lear.
+Ich erinnere mich deiner Augen ganz wohl; schielst du nach mir?
+Nein? du magst dein ärgstes thun, blinder Cupido, ich will nicht
+lieben. Ließ du diese Ausforderung, bemerke nur die Schrift davon.
+
+Gloster.
+Wären alle Buchstaben darinnen Sonnen, so könnte ich doch keinen
+sehen.
+
+Edgar.
+Ich hab' es dem Bericht nicht glauben wollen, aber es ist, und mein
+Herz bricht darüber in Stüke.
+
+Lear.
+Ließ.
+
+Gloster.
+Wie, mit diesen Augen-Dekeln?
+
+Lear.
+O ho, steht es so mit euch? Keine Augen in euerm Kopf, und kein
+Geld in euerm Beutel. Eure Augen sind in einem schweren Zustand,
+und euer Beutel in einem leichten; aber ihr seht, wie diese Welt
+geht.
+
+Gloster.
+Ich seh es fühlend.
+
+Lear.
+Wie! bist du wahnwizig? Es kan jemand sehen wie diese Welt geht,
+wenn er gleich keine Augen hat. Sieh mit deinen Ohren; sieh wie
+jener Richter jenen einfältigen Dieb ausschilt! Verändre den Ort,
+und die Hand auf, die Hand zu, sag mir einmal, wer ist der Richter,
+wer ist der Dieb? du hast gesehen, daß ein Pachtershund einen
+Bettler anbellte?
+
+Gloster.
+Ja, Sir.
+
+Lear.
+Und der arme Tropf lief vor dem Hund? Da hättest du das grosse
+Sinnbild des Ansehens beobachten können; man gehorcht einem Hund,
+wenn er sein Amt thut--Du ruchloser Büttel, halt deine Hand zurük!
+Warum peitschest du diese Hure? Streiche deinen eignen Rüken; du
+keuchest vor viehischer Begierde sie eben dazu zu gebrauchen, wofür
+du sie streichest. Der Wucherer hängt den Spizbuben. Durch
+zerlumpte Kleider sieht man die kleinsten Laster; Magistrats-Mäntel
+und Pelz-Röke verbergen alles. Deke die Sünde mit Gold und die
+starke Lanze der Gerechtigkeit wird brechen, ohne sie verwunden zu
+können. Kleide sie in Lumpen, so ist eines Pygmäen Strohhalm
+hinreichend sie zu durchbohren. Niemand sündiget, niemand, sag ich,
+niemand, nimm das von mir, mein Freund, niemand sündiget, wer die
+Macht hat seines Anklägers Lippen zu versiegeln. Kauf dir gläserne
+Augen, und stelle dich, wie ein Stümper in der Politik, als ob du
+Dinge sähest, die du nicht siehst. Nun, nun, nun, zieht meine
+Stifel ab, stärker, stärker, so.
+
+Edgar.
+O welch eine Mischung von Vernunft und Unsinn!
+
+Lear.
+Wenn du mein Unglük beweinen willst, so nimm meine Augen. Ich
+kenne dich ganz wol, dein Name ist Gloster. Du weissest, in dem
+ersten Augenblik da wir die Luft schmeken, winseln und weinen wir.
+Ich will dir predigen, horch--
+
+Gloster.
+Ach, ach! der Tag!
+
+Lear.
+Wenn wir gebohren sind, so weinen wir, daß wir auf diese grosse
+Schaubühne von Thoren gekommen sind--Es ist ein guter Kloz! Das
+wär' ein feines Stratagema, einen Trupp Pferde mit Filz zu
+beschuhen; ich will die Probe davon machen, und wenn ich denn diese
+Tochtermänner überrascht haben werde, dann schlagt todt, schlagt
+todt, schlagt todt, schlagt todt etc.
+
+
+
+Achter Auftritt.
+(Ein Edelmann, und sein Begleit.)
+
+
+Edelmann.
+O hier ist er, legt Hand an ihn. Mylord, eure theureste Tochter--
+
+Lear.
+Keinen Entsaz? wie, ein Gefangener? Ich bin recht dazu gebohren,
+der Narr des Glüks zu seyn. Begegnet mir wohl, ihr sollt Lösegeld
+haben. Laßt mir Wundärzte kommen, ich bin bis ins Gehirn gehauen
+worden.
+
+Edelmann.
+Ihr sollt alles haben--
+
+Lear.
+Keine Helfer? Bin ichs allein? Wie, das könnte aus einem Mann
+einen Mann von Salz machen, der seine Augen für Garten-Sprengkrüge
+brauchte, den Staub des Herbstes zu legen. Ich will wie ein
+tapfrer Mann sterben, wie ein schmuker Bräutigam. Was? Ich will
+jovialisch seyn; Kommt, kommt, ich bin ein König. Meine Herren,
+Wissen Sie das?
+
+Edelmann.
+Ihr seyd ein König, und wir gehorchen euch.
+
+Lear.
+So schenk ich euch das Leben. Kommt, wenn ihr es davon tragen
+wollt, so müßt ihr lauffen. Sa, sa, sa, sa.
+
+(Er geht ab.)
+
+Edelmann.
+Ein Anblik der an dem niedrigsten Menschen erbärmlich, aber an
+einem König über allen Ausdruk ist. Du hast eine Tochter, welche
+die Natur von dem allgemeinen Fluch befreyt, den zwo über sie
+gebracht haben.
+
+Edgar.
+Heil euch, mein edler Herr.
+
+Edelmann.
+Sir, macht es kurz; was ist euer Begehren?
+
+Edgar.
+Hörtet ihr etwas von einem bevorstehenden Treffen, Sir?
+
+Edelmann.
+Das ist etwas unfehlbares, und landkündiges; das hört jedermann,
+der einen Ton hören kan.
+
+Edgar.
+Aber mit eurer Erlaubniß, wie nähert sich die feindliche Armee?
+
+Edelmann.
+Sehr eilfertig; der völlige Bericht wird jede Stunde erwartet.
+
+Edgar.
+Ich danke euch, Sir; das ist alles, was ich wollte.
+
+Edelmann.
+Ob die Königin gleich einer besondern Ursache wegen hier, so ist
+ihre Armee doch vorgerükt.
+
+(Geht ab.)
+
+Edgar.
+Ich danke euch, Sir.
+
+Gloster.
+Ihr allgütigen Götter, nehmt meinen Athem von mir; laßt meine böse
+Seele mich nicht noch einmal versuchen, zu sterben eh es euch
+gefällt.
+
+Edgar.
+Ihr betet recht, Vater.
+
+Gloster.
+Nun, guter Sir, wer seyd ihr?
+
+Edgar.
+Ein sehr armer Mann, zu den Streichen des Glüks zahm gemacht, den
+die Kenntniß und das Gefühl aller Arten von Elend gegen andre
+mitleidig macht.
+
+Gloster.
+Herzlicher Dank! die Güte und der Segen des Himmels vergelt es dir
+--
+
+
+
+Neunter Auftritt.
+(Der Haushofmeister mit einem Brief.)
+
+
+Hofmeister (indem er den Gloster gewahr wird.)
+Eine öffentliche ausgeruffene Belohnung! Das ist höchstglüklich.
+Dieses dein augenloses Haupt ist dazu ausersehen, mein Glük zu
+machen. Alter, unglükseliger Verräther, befiehl deine Seele dem
+Himmel, das Schwerdt ist gezogen, das dich tödten soll.
+
+Gloster.
+Laß nur deine freundschaftliche Hand Stärke genug dazu anwenden.
+
+Hofmeister.
+Woher, verwegner Bauer, darfst du dich unterstehen, einen
+öffentlichen Verräther zu unterstüzen? Hinweg, oder sein Schiksal
+soll das deinige seyn. Laß seinen Arm gehen.
+
+Edgar.
+Ick werd en nit gahn laaten, Herre, mit juhr Verlöf.
+
+Hofmeister.
+Laß ihn gehen, Sclave, oder du stirbst.
+
+Edgar.
+Myn leeve Heer, loopt mant uers Pades und latet arme Luite met
+Freeden. Wann ma vo Grootspreken stärve so wurd myn Leven um
+viertein Täg nit so verjahet zyn als es is. Komt mant den verjahet
+Mann nit tau näh, seeg ick: taurück! ick will jau verwarnt hebben,
+oder ich well proeven, ob jue Bratspiet oder myn Steecken mehre
+duret, ick wells ganz kort metju maaken. Ick will euk jue Thäne
+wyß maaken, komt Man, es brukt jue Finten kar nit.
+
+(Er schlägt ihn zu Boden.)
+
+Hofmeister.
+Sclave, du hast mich erschlagen; Nimm meinen Beutel, und wenn du
+willt, daß es dir jemals wohl gehen soll, so begrabe meinen Leib,
+und gieb die Briefe die du bey mir findst Edmunden, Grafen von
+Gloster: such ihn bey der Englischen Partey auf--O! unzeitiger Tod!
+
+(Er stirbt.)
+
+Edgar.
+Ich kenne dich wol, ein dienstfertiger Spizbube, so pflichtvoll
+gegen die Laster deiner Gebieterin, als Bosheit es nur immer
+wünschen kan.
+
+Gloster.
+Wie, ist er todt?
+
+Edgar.
+Sezt euch nieder, Vater; ruhet aus. Ich will sehen, was in seinen
+Taschen ist; die Briefe von denen er spricht, mögen vielleicht
+meine Freunde seyn: er ist todt; es verdrießt mich nur, daß er
+keine Begleiter hat. Laßt sehen--Mit eurer Erlaubniß, mein schönes
+Sigel--die Höflichkeit kan uns nicht tadeln. Wir reissen unsern
+Feinden das Herz auf, um in ihr Herz zu sehen; ihre Briefe zu
+erbrechen ist nicht so grausam.
+
+(Er ließt den Brief.)
+
+"Erinnert euch unsrer gegenseitigem Gelübde. Ihr habt viele
+Gelegenheiten, ihn aus dem Wege zu räumen; wenn es an euerm Willen
+nicht fehlt, so werden sich Zeit und Ort von selbst anbieten.
+Kommt er als Sieger zurük--so ist nichts gethan; dann bin ich die
+Gefangene und sein Bette ist mein Kerker; befreyet mich von
+desselben ekelhafter Wärme, und entsezet den Plaz zur Belohnung
+eurer Mühe. Eure (Gemahlin wünschte ich zu sagen) geneigte Dienerin
+Gonerill." Welch ein veränderliches Ding ist ein Weib! Ein
+Anschlag wider ihres Mannes Leben, um meinen Bruder dafür
+einzutauschen! Hier, in diesem Sand will ich dir ein Grab
+aufscharren, zum Denkmal für mörderische Hurenjäger, und, wenn es
+Zeit seyn wird, dieses schnöde Blat vor die Augen des zum Tode
+bestimmten Herzogs legen; es ist sein Glük, das ich ihm von deinem
+Tod und von deiner Verrichtung Nachricht geben kan.
+
+Gloster.
+Der König ist wahnwizig. Verwünscht sey die Härte meiner Sinnen,
+und eine Vernunft, die mich nur für mein Elend fühlend macht!
+Besser ich wäre verrükt, so würden doch meine Gedanken von meinen
+Leiden entwöhnt, und Schmerzen durch seltsame Einbildungen die
+Empfindung ihrer selbst verliehren.
+
+Edgar.
+Gebt mir eure Hand, mich dunkt ich höre von fern die Trummel rühren.
+Kommt Vater, ich will euch zu einem Freund führen.
+
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt.
+(Cordelia, Kent, ein Arzt.)
+
+
+Cordelia.
+O du redlicher Kent! Wie kan ich lange genug leben, und bemüht
+genug seyn, deine Güte zu erwiedern!
+
+Kent.
+Erkannt zu werden, Gnädigste Frau, ist überflüssig bezahlt; alles
+was ich Ihnen berichtet habe, ist die bescheidne Wahrheit, weder
+mehr noch weniger, sondern so.
+
+Cordelia.
+Kleidet euch besser an; dieser Habit erinnert uns an diese bösen
+Stunden; ich bitte, leget ihn ab.
+
+Kent.
+Um Vergebung, Madame; Mein Vorhaben erlaubt mir noch nicht erkannt
+zu werden. Ich bitte mirs zur Gnade aus, daß Sie mich nicht kennen,
+bis Zeit und ich es rathsam finden.
+
+Cordelia.
+So sey es dann also, Mylord--
+
+(zum Arzt)
+
+Was macht der König?
+
+Arzt.
+Madame, er schläft noch.
+
+Cordelia.
+O! Ihr gütigen Götter, heilet diesen grossen Bruch in seiner
+zerrütteten Natur! O! windet auf die tonlosen verstimmten Sinne
+dieses in ein Kind verwandelten Vaters!
+
+Arzt.
+Gefällt es Euer Majestät, daß wir den König weken? Er hat lange
+geschlafen.
+
+Cordelia.
+Folget hierinn der Vorschrift eurer Wissenschaft, und handelt nach
+euerm eignen Gutdünken; ist er angezogen?
+
+(Lear wird von einigen Bedienten in einem Lehnsessel schlaffend
+hereingetragen.)
+
+Arzt.
+Ja, Madam; da er im tiefsten Schlaf lag, zogen wir ihm frische
+Kleider an. Bleiben Sie, Gnädigste Frau, wenn wir ihn weken; ich
+zweifle nicht an seiner Mässigung.
+
+Cordelia.
+O! mein theurer Vater! Möchte die Göttin der Gesundheit deine
+Arzney auf meine Lippen legen, und dieser Kuß den stürmischen Gram
+besänftigen, den meine zwo Schwestern deinem ehrwürdigen Alter
+verursacht haben.
+
+Kent.
+Zärtliche und theuerste Princessin!
+
+Cordelia.
+Wäret ihr auch nicht ihr Vater gewesen, so hätten diese weissen
+Loken Mitleiden von ihnen fodern sollen. War diß ein Gesicht, den
+kämpfenden Winden ausgesezt zu werden? Dem tiefbrüllenden
+furchtbaren Donner entgegenzustehen? Unter den entsezlichsten
+Schlägen fliegender sich durchkreuzender Blize? Wie ein armer
+Verlohrner in diesem dünnen Helm zu wachen? Meines ärgsten Feindes
+Hund, wenn er mich gleich gebissen hätte, sollte in einer solchen
+Nacht bey meinem Feuer Plaz bekommen haben; und du, armer Vater,
+warst genöthiget, in einer armseligen Hütte bey Schweinen und
+verworfnen Elenden auf kurzem halbverfaultem Stroh zu übernachten.
+O Jammer! Jammer! Es ist ein Wunder, daß dein Leben sich nicht
+zugleich mit deiner Vernunft geendiget hat. Ach! er erwacht--
+redet mit ihm--
+
+Arzt.
+Reden Sie selbst, Madame, izt ist es am gelegensten.
+
+Cordelia.
+Wie befindet sich mein Königlicher Herr? wie steht es um Euer
+Majestät?
+
+Lear.
+Ihr handelt nicht recht an mir, mich so aus meinem Grabe zu nehmen;
+du bist ein seliger Geist, und ich bin an ein feuriges Rad gebunden,
+welches meine eignen Thränen gleich zerschmolznem Bley erhizen.
+
+Cordelia.
+Mylord, kennet ihr mich?
+
+Lear.
+Du bist ein Geist, ich weiß es; wenn starbest du?
+
+Cordelia.
+Immer, immer, noch weit--
+
+Arzt.
+Er ist noch nicht recht erwacht; lassen Sie ihn eine Weile allein.
+
+Lear.
+Wo bin ich gewesen? Wer bin ich? Schönes Tageslicht! Ich bin
+übel zugerichtet--einen andern so zu sehen, könnte mich vor
+Mitleiden sterben machen. Ich weiß nicht was ich sagen soll; ich
+wollte nicht schwören, daß dieses meine Hände sind; laßt sehen, ich
+fühle diesen Nadelstich--Ich wollte, ich wäre gewiß was ich bin.
+
+Cordelia.
+O sehet mich an, Mylord, und streket eure Hand zum Segen über mich
+aus. Nein, Mylord, ihr müßt nicht knien.
+
+Lear.
+Ich bitte euch, spottet meiner nicht. Ich bin ein sehr thörichter
+weichherziger alter Mann, achtzig und drüber, und, aufrichtig zu
+seyn, ich fürchte, ich bin nicht bey meinem völligen Verstande.
+Mich dünkt, ich sollte euch und diesen Mann kennen, und doch
+zweifle ich; denn ich weiß gar nicht was für ein Ort diß ist, und
+so sehr ich auch mich besinne, kenne ich diese Kleider nicht; nein,
+ich weiß nicht, wo ich in der lezten Nacht übernachtete. Lacht
+nicht über mich, denn, so wahr ich ein Mann bin, ich denke diese
+Dame ist mein Kind Cordelia.
+
+Cordelia.
+Und das bin ich, ich bins--
+
+(weinend.)
+
+Lear.
+Sind eure Thränen naß? Ja, bey meiner Treue; ich bitte euch,
+weinet nicht. Wenn ihr Gift für mich habt, so will ichs trinken;
+ich weiß ihr liebet mich nicht; denn eure Schwestern haben, wie ich
+mich erinnre, mir übel begegnet; ihr habt einige Ursache, sie nicht.
+
+Cordelia.
+Keine Ursache, keine Ursache.
+
+Lear.
+Bin ich in Frankreich?
+
+Cordelia.
+In euerm eignen Königreich, Mylord.
+
+Lear.
+Betrüget mich nicht.
+
+Arzt.
+Beruhigen Sie sich, Madame; die gröste Wuth hat, wie Sie sehen,
+sich bey ihm gelegt. Und doch wäre es gefährlich ihn an Sachen zu
+erinnern, die sich auf das Vergangne beziehen. Bitten Sie ihn,
+hinein zu gehen. Beunruhigen Sie ihn nicht länger, bis er sich
+besser erholt hat.
+
+Cordelia.
+Gefällt es Eurer Majestät nicht, sich eine Bewegung zu machen?
+
+Lear.
+Ihr müßt Geduld mit mir haben. Nun, ich bitte euch, vergeßt und
+vergebt; ich bin alt und albern.
+
+(Lear, Cordelia, Arzt und Bediente gehen ab.)
+
+(Kent und der Edelmann bleiben.)
+
+Edelmann.
+Bestätiget es sich, daß der Herzog von Cornwall so ermordet worden?
+
+Kent.
+Ja, Sir, es ist gewiß.
+
+Edelmann.
+Wer ist der Anführer dieses feindlichen Heers?
+
+Kent.
+Man sagt, der unehliche Sohn des Grafen von Gloster.
+
+Edelmann.
+Sein verbannter Sohn Edgar soll mit dem Grafen von Kent sich in
+Deutschland befinden.
+
+Kent.
+Das Gerüchte ist unbeständig; es ist Zeit uns umzusehen; die Macht
+des Königreichs rükt mit grossen Schritten uns entgegen.
+
+Edelmann.
+Dem Ansehen nach wird die Entscheidung blutig seyn--Lebet wohl, Sir.
+
+(Geht ab.)
+
+Kent.
+Mein ganzer Entwurf wird heute zu Ende gebracht, wol oder übel, je
+nachdem die Sache ausfallen wird.
+
+(ab.)
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug.
+
+
+
+Erster Auftritt.
+(Ein Lager.)
+(Edmund, Regan, ein Edelmann und Soldaten.)
+
+
+Edmund (zum Edelmann.)
+Erkundiget euch, ob der Herzog bey seinem lezten Entschluß
+verharret, oder ob er indeß sich durch irgend etwas bewegen lassen,
+einen andern Weg einzuschlagen? Er ist sehr wankelmüthig und
+mißbilligt jeden Augenblik was er im vorigen beliebt hatte. Bringt
+uns seinen standhaften Willen.
+
+(Der Edelmann geht ab.)
+
+Regan.
+Unsrer Schwester Mann ist ganz gewiß auf dem Wege, sich zu Grunde
+zu richten.
+
+Edmund.
+Es ist möglich, Madame.
+
+Regan.
+Nun, mein angenehmster Lord; ihr kennet die Gewogenheit die ich für
+euch habe. Sagt mir aufrichtig, liebet ihr meine Schwester nicht?
+
+Edmund.
+Mit einer pflichtmässigen Liebe.
+
+Regan.
+Aber habt ihr niemals--*
+
+{ed.-* Das Original ist hier kühner als die Übersetzung. Shakespeare
+läßt Regan fragen: (have you never found my brothers way to the
+fore-fended place?)}
+
+Edmund.
+Nein, bey meiner Ehre, Madame.
+
+Regan.
+Ich werde sie nimmermehr leiden können; mein liebster Lord,
+enthaltet euch aller Vertraulichkeit mit ihr.
+
+Edmund.
+Fürchten Sie nichts; sie und der Herzog, ihr Gemahl--
+(Der Herzog von Albanien, Gonerill und Soldaten treten auf.)
+
+Gonerill (für sich.)
+Lieber wollt' ich die Schlacht verliehren als zugeben, daß diese
+Schwester mich von ihm trenne.
+
+Albanien.
+Ich erfreue mich meine liebe Schwester, euch anzutreffen--Sir, der
+König ist wie ich höre bey seiner Tochter angekommen, mit noch mehr
+andern, welche die Strenge unsrer Maaßregeln genöthigt hat, eine
+andre Partey zu nehmen. Wo ich kein ehrlicher Mann seyn kan, bin
+ich niemals tapfer. Frankreich thut einen Einfall in unser Land,
+in so ferne ist es billig ihn abzutreiben. Aber er führt die Sache
+des Königs und andrer, die, wie ich besorge, durch gerechte und
+höchstwichtige Ursachen wider uns aufgebracht worden--
+
+Edmund.
+Mylord, Sie sprechen sehr edel.
+
+Regan.
+Was für eine Betrachtung ist das?
+
+Gonerill.
+Laßt uns gegen den Feind uns vereinigen; von diesen Familien- und
+Privat-Händeln ist izt die Rede nicht.
+
+Edmund.
+Ich werde Eurer Gnaden sogleich in dero Zelt aufwarten.
+
+Albanien.
+Wir wollen uns daselbst mit unsern ältesten Kriegsmännern berathen,
+was zu thun sey.
+
+Regan.
+Schwester, ihr geht ja mit uns?
+
+Gonerill.
+Nein.
+
+Regan.
+Das würde sich nicht wol schiken; ich bitte euch, geht mit uns.
+
+Gonerill.
+O ho, ich verstehe das Räzel, ich will gehen.
+
+
+
+Zweyter Auftritt.
+(Indem sie hinausgehen, tritt Edgar verkleidet auf.)
+
+
+Edgar (zu Albanien.)
+Wenn Euer Gnaden jemals mit einem so armen Mann gesprochen haben,
+so hören Sie mich nur ein Wort.
+
+Albanien (zu den übrigen.)
+Ich werde euch wieder einholen--
+
+(zu Edgar)
+
+Rede!
+
+(Edmund, Regan, Gonerill und Gefolge gehen ab.)
+
+Edgar.
+Ehe Sie das Treffen beginnen, eröffnen Sie diesen Brief. Wenn der
+Sieg auf Ihre Seite fällt, so lassen Sie durch den Schall der
+Trompeten denjenigen auffodern, der ihn gebracht hat. So armselig
+ich scheine, so kan ich einen Ritter aufstellen, der beweisen soll,
+was hier vorgegeben wird. Verliehren Sie, so hat Ihr Geschäfte in
+der Welt ohnehin ein Ende, und die Anschläge der Übelgesinnten
+sind zu nichte. Das Glük stehe Ihnen bey!
+
+Albanien.
+Verweile nur, bis ich den Brief gelesen habe.
+
+Edgar.
+Es ist mir verboten worden. Wenn die Zeit es erfodert, so lassen
+Sie nur den Herold rufen, und ich werde wieder sichtbar werden.
+
+(Geht ab.)
+
+Albanien.
+So lebe wol; ich will das Papier übersehen. (Edmund kommt zurük.)
+
+Edmund.
+Der Feind läßt sich sehen; lassen Sie Ihre Völker ausrüken, Mylord.
+Seine eigentliche Stärke ist, aller gebrauchten Sorgfalt
+ungeachtet, schwer zu entdeken. Aber Ihre Gegenwart, Mylord, ist
+izt das nöthigste.
+
+Albanien.
+Wir wollen der Zeit entgegen gehen.
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+
+Edmund.
+Beyden Schwestern habe ich meine Liebe zugeschworen, jede ist auf
+die andre so eifersüchtig als die Gestochenen über die Schlange.
+Welche von beyden soll ich nehmen? Beyde? Eine? oder keine von
+beyden? Keine kan genossen werden, wenn beyde beym Leben bleiben.
+Nehme ich die Wittwe, so wird Gonerill bis zum Unsinn aufgebracht,
+und so lange ihr Gemahl lebt, werd ich schwerlich meine Absicht
+ausführen können. Wohlan dann, wir bedörfen seines Ansehens bey
+dem Treffen; ist dieses geendiget, so mag diejenige, die seiner los
+seyn möchte, zusehen wie sie ihm beykommen kan. Was die Gnade
+betrift, die er gegen Lear und Cordelia im Sinn hat, wofern sie in
+unsre Gewalt kommen, so sollen sie gewiß nichts davon sehen; denn
+mein Interesse ist auszuparieren, nicht anzugreiffen.
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Vierter Auftritt.
+(Ein Getümmel und Trompeten-Stoß hinter der Schaubühne.)
+(Lear, Cordelia und Soldaten ziehen mit Trummeln und Fahnen über
+ die Scene, und gehen wieder ab.)
+
+(Edgar und Gloster treten auf.)
+
+
+Edgar.
+Hier, Vater, ruhet unter dieses Baumes wirthlichem Schatten aus,
+und bittet für den Fortgang der gerechten Sache. Ich komme gar
+nicht wieder zurük, oder ich bringe euch eine tröstliche Zeitung
+mit.
+
+Gloster.
+Gott steh euch bey, Sir.
+
+(Edgar geht ab.)
+
+(Trompeten-Schall, Gefecht und Flucht hinter der Bühne.)
+Edgar tritt wieder auf.)
+
+Edgar.
+Laß uns fliehen, alter Mann; gieb mir deine Hand, laß uns fliehen.
+König Lear hat verlohren, er und seine Tochter sind gefangen; Gieb
+mir deine Hand, komm!
+
+Gloster.
+Nicht weiter, Sir; ich kan hier so gut verfaulen als an einem
+andern Ort.
+
+Edgar.
+Wie? schon wieder in schwermüthigen Gedanken? Die Menschen müssen
+bey ihrem Ausgang aus der Welt, wie bey ihrem Eintritt, die
+natürliche Zeit erwarten; sie müssen zu beyden reif werden; kommet
+mit.
+
+Gloster.
+Ihr habt würklich recht.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt.
+(Edmund zieht mit Lear, und Cordelia, als Gefangenen im Triumph
+ auf.)
+
+
+Edmund.
+Einige Officiers können sie hinweg führen. Bewachet sie genau, bis
+uns der hohe Wille derjenigen, die über sie zu entscheiden haben,
+bekannt seyn wird.
+
+Cordelia.
+Wir sind nicht die ersten, die sich mit der besten Absicht das
+schlimmste Glük zugezogen haben. Nur um deinetwillen, unterdrükter
+König, bin ich niedergeschlagen. Träfe unser Unglük mich allein,
+ich würde ihm Troz bieten--Werden wir diese Töchter, und diese
+Schwestern nicht zu sehen kriegen?
+
+Lear.
+Nein, nein, nein, nein! komm, laß uns ins Gefängniß gehen; Wir
+beyde allein wollen singen wie Vögel im Keficht: Wenn du mich um
+meinen Segen bittest, will ich niederknien, und dich um deine
+Verzeihung bitten. So wollen wir leben, und beten und singen, und
+uns alte Mährchen erzehlen, und über vergüldete Sommer-Fliegen
+lachen, und armselige Schurken von Hofneuigkeiten reden hören, und
+dann wollen wir mit ihnen schwazen, wer gewinnt, wer verliehrt, wer
+drinnen ist, wer draussen, und so zuversichtlich von den geheimen
+Angelegenheiten reden, als ob wir Gottes Kundschafter wären. Und
+so wollen wir in einen Kerker eingemaurt, die Banden und Secten der
+Grossen überleben, die, gleich der Ebbe und Fluth, je nachdem das
+Glük wächst oder abnimmt, sich zusammendrängen oder zurükfliessen.
+
+Edmund.
+Führt sie hinweg.
+
+Lear.
+Auf solche Opfer, meine Cordelia, möchten die Götter selbst
+Weyhrauch herabstreuen.
+
+(Er umarmt sie.)
+
+Hab ich dich in meinen Armen? Der uns trennen will, muß einen
+Brand vom Himmel bringen, und uns wie Füchse von einander feuern.
+Wische deine Augen; ehe soll der Aussaz ihnen das Fleisch von den
+Knochen nagen, eh sie uns weinen machen sollen. Wir wollen sie
+eher verhungern sehen.
+
+(Lear und Cordelia werden abgeführt.)
+
+Edmund.
+Tritt näher, Hauptmann, und höre. Nimm dieses Papier; geh, folge
+ihnen ins Gefängniß. Ich habe dich erst um eine Stuffe befördert;
+wenn du thust, was dich dieses anweißt, so machst du deinen Weg zu
+einem glänzenden Glük. Wisse, daß die Menschen sind wie die Zeit
+ist; ein zärtliches Herz schikt sich nicht zu einem Degen an der
+Seite--der wichtige Auftrag der dir gemacht wird, leidet keine
+Einwürfe; versprich entweder, daß du es thun willt, oder suche dein
+Glük auf einem anderen Wege.
+
+Hauptmann.
+Ich will es thun, Mylord.
+
+Edmund.
+So beschleunige dich, und schreibe mir in dem Augenblik da du es
+gethan hast. Merke daß ich sage, im gleichen Augenblik, und führe
+die Sache aus, wie ich's aufgesezt habe.
+
+(Der Hauptmann geht ab.)
+
+
+
+Sechster Auftritt.
+(Trompeten--Der Herzog von Albanien.)
+(Gonerill, Regan und Soldaten treten auf.)
+
+
+Albanien.
+Sir, ihr habt an diesem Tage eure angestammte Tapferkeit bewiesen,
+und das Glük hat euch wol geführt. Ihr habt die Gefangenen, die in
+dem Streit dieses Tages unsre Gegner waren; wir fodern sie von euch
+zurük, um so mit ihnen zu verfahren, wie beydes ihr Verdienst und
+unsre Sicherheit von uns erheischen wird.
+
+Edmund.
+Sir, ich hielt es für rathsam, den alten elenden König unter guter
+Aufsicht, irgends in Verwahrung zu bringen, da sein hohes Alter,
+und noch mehr sein Titel eine Zauberkraft in sich hat, die Herzen
+des Volks auf seine Seiten zu ziehen, und unsre eingelegte Lanzen
+in unsre eigne Augen zu stossen. Ich schikte die Königin mit ihm;
+meine Ursache ist eben dieselbe; sie sind aber bereit, morgen oder
+zu einer andern Zeit, wenn ihr euer Gericht halten werdet, zu
+erscheinen. Izo schwizen und bluten wir; der Freund hat seinen
+Freund verlohren, und die besten Händel werden in der ersten Hize
+von denen verflucht, die ihre Schärfe fühlen. Das Verhör der
+Cordelia und ihres Vaters erfordert bessere Gelegenheit.
+
+Albanien.
+Sir, mit eurer Erlaubniß, ich hielt euch in diesem Krieg nur für
+einen Unterthanen, nicht für einen Bruder.
+
+Regan.
+Und das ist die Ehre die wir ihm zugedacht haben. Mich dünkt, ihr
+hättet uns gar wol um unsre Gedanken fragen mögen, eh ihr euch so
+weit herausgelassen hättet. Er führte unsre Völker an, er war mit
+dem Ansehen meines Plazes und meiner Person bekleidet, und diese
+unmittelbare Vorstellung ist wol berechtiget aufzustehen und sich
+euern Bruder zu nennen.
+
+Gonerill.
+Nicht so hizig; seine persönlichen Verdienste erhöhen ihn mehr als
+eure Beförderung.
+
+Regan.
+In dem Recht womit ich ihn bekleidet, kan er die Besten seines
+gleichen nennen.
+
+Albanien.
+Das wäre nicht weniger, als wenn er euch heurathen würde.
+
+Regan.
+Spötter werden oft Propheten.
+
+Gonerill.
+Holla, holla! Das Auge das euch so berichtete, schielte ein wenig.
+
+Regan.
+Lady, ich befinde mich nicht wohl, sonst wollte ich euch aus
+überfliessendem Herzen antworten. Feldherr, nimm du meine
+Kriegsleute, meine Gefangene, mein Erbgut, und mich selbst; schalte
+damit nach deinem belieben! Die ganze Welt sey Zeuge, daß ich dich
+hier zu meinem Herrn und Meister ernenne.
+
+Gonerill.
+Bildet ihr euch ein, daß ihr ihn besizen werdet?
+
+Albanien.
+Die gröste Hinderniß ligt nicht in euerm guten Willen.
+
+Edmund.
+Noch in deinem, Lord.
+
+Albanien.
+Allerdings, du nichtswürdiger Bube.
+
+Regan.
+So laßt die Trummel schlagen, und beweisen, daß mein Recht das
+deinige ist.
+
+Albanien.
+Haltet noch und höret: Edmund, ich bemächtige mich deiner Person
+wegen Hochverraths, und zugleich mit dir, dieser vergoldeten
+Schlange. Was euern Anspruch betrift, schöne Schwester, so parire
+ich ihn zu Gunsten meiner Gemahlin, die mit diesem Herrn bereits in
+Tractaten begriffen ist. Als ihr Ehmann widerspreche ich euerm
+Ausruf; wenn ihr heurathen wollt, so bewerbet euch um mich, meine
+Gemahlin ist schon bestellt.
+
+Gonerill.
+Ein Zwischenspiel--
+
+Albanien.
+Du bist bewafnet, Gloster; laß die Trompete blasen; wenn niemand
+erscheint, deine schändliche, offenbare und manchfaltige
+Verrätherey an deiner Person zu erweisen, so ist hier mein
+Handschuh; auf dein Herz will ich beweisen, und eher keinen Bissen
+Brodt zu mir nehmen, daß du nichts weniger bist, als wovor ich dich
+hier ausgeruffen habe.
+
+Regan.
+O! wie übel wird mir--
+
+Gonerill (für sich.)
+Wenn es nicht so wäre, so wollt' ich keinem Gift mehr trauen.
+
+Edmund.
+Hier ist mein Gegenpfand; wer der auch in der Welt ist, der mich
+einen Verräther nennt, der lügt es wie ein Nichtswürdiger: Laßt die
+Trompete schallen. Erscheine, wer es wagen will; an ihm, an euch,
+an einem jeden, will ich meine Ehre und Treue standhaft behaupten.
+
+Albanien.
+Einen Herold, he! (Ein Herold kömmt.)
+
+Albanien (zu Edmund.)
+Du hast nichts worauf du dich verlassen kanst, als deine eigne
+Tapferkeit; denn deine Soldaten, die alle in meinem Namen
+aufgeboten worden, haben auch in meinem Namen ihre Entlassung
+erhalten.
+
+Regan.
+Es wird mir immer schlimmer--
+
+Albanien.
+Sie ist nicht wohl, führet sie in ihr Zelt.
+
+(Regan geht ab.)
+
+
+
+Siebender Auftritt.
+
+
+Albanien (zum Herold.)
+Hieher, Herold, laß die Trompete schallen, und ließ dieses ab.
+
+(Ein Trompeten-Stoß. Der Herold ließt.)
+
+Herold.
+Wenn irgend ein Mann von Ritterlichem Stand und Würde unter diesem
+Heer gegen Edmund anmaßlichen Grafen von Gloster behaupten will,
+daß er ein vielfacher Verräther ist, der erscheine bey dem dritten
+Trompeten-Stoß; er steht fertig, sich zu vertheidigen. (1.
+Trompeter.)
+
+Herold.
+Abermal! (2. Trompeter.)
+
+Herold.
+Zum drittenmal. (3. Trompeter.)
+
+
+(Eine Trompete antwortet von innen.)
+Edgar, tritt bewafnet auf.)
+
+Albanien.
+Frag ihn sein Vorhaben, warum er auf diesen Ruf der Trompete
+erscheint?
+
+Herold.
+Wer bist du? Was ist dein Name und dein Stand? Und warum
+antwortest du auf diese Ausforderung?
+
+Edgar.
+Wisse, meinen Namen habe ich durch den giftigen Zahn der
+Verrätherey verlohren; dennoch bin ich so edel als der Gegner, mit
+dem ich es aufnehmen will.
+
+Albanien.
+Wer ist dieser Gegner?
+
+Edgar.
+Wer ist der, der für Edmund Grafen von Gloster das Wort führt?
+
+Edmund.
+Er selbst; was hast du ihm zu sagen?
+
+Edgar.
+Zieh deinen Degen, damit wenn meine Rede ein edles Herz beleidigt,
+dein Arm dir Recht verschaffen könne. Hier ist der meine. Ich
+thue, was mein ritterlicher Stand, mein Eyd und mein Beruf von mir
+fordern. Deiner Stärke, Ehren-Stelle, Jugend und Würde ungeachtet,
+troz deinem siegreichen Schwerdt und deinem nagelneuen Glük,
+behaupte ich daß du ein Verräther bist, treuloß gegen die Götter,
+deinen Vater und deinen Bruder, verschworen wider diesen hohen
+ruhmwürdigen Fürsten, und von dem äussersten Wirbel deines Hauptes
+bis zu dem Staub an deiner Fußsole, durchaus ein Kröten-flekichter
+Verräther. Sagst du, nein, so ist dieses Schwerdt und dieser Arm
+gezükt, und meine besten Lebensgeister gesammelt, es auf dein Herz,
+zu dem ich rede, zu beweisen, daß du lügst.
+
+Edmund.
+Die Klugheit erforderte nach deinem Namen zu fragen; jedoch, da
+dein Ansehen so schön und ritterlich ist, und in deiner Sprache ein
+Ton von Erziehung athmet, so verachte ich die Bedenklichkeiten,
+wodurch ich nach den Gesezen der Ritterschaft deine Ausforderung
+ablehnen könnte. Ich schleudre also alle diese Verräthereyen auf
+dein Haupt zurük, und überwälze mit denen hölle-verhaßten Lügen
+dein Herz, durch welches ihnen dieses mein Schwerdt einen Weg
+machen soll, wo du auf ewig ruhen sollst.* Trompeten, redet!
+
+{ed.-* Dieses Nonsensicalische Gewäsche hat man beynahe so
+verworren, als es im Original ist, zu einer Probe stehen lassen
+wollen, von einer dem Shakespeare sehr gewöhnlichen Untugend,
+seine Gedanken nur halb auszudrüken, übel-passende Metaphern
+durcheinander zu werffen, und sich von allen Regeln der
+Grammatik zu dispensieren.}
+
+(Die Trompeten erschallen. Sie fechten.)
+
+Gonerill.
+O rettet ihn, rettet ihn; diß ist ein angestelltes Spiel, Gloster:
+Nach den Gesezen des Zweykampfs warst du nicht verbunden einem
+unbekannten Gegner zu antworten; du bist nicht überwunden, sondern
+betrogen.
+
+Albanien.
+Schließt euern Mund, Dame, oder ich will ihn mit diesem Papier
+stopfen--Du ärgstes unter allen Dingen, ließ deine eigne Schande--
+Es nüzt nichts, es zu zerreissen, Lady; ich merke ihr kennt es.
+
+Gonerill.
+Sag, ob ich es kenne; die Geseze sind mein, nicht dein; wer kan
+mich dafür zu Rede stellen?
+
+Albanien.
+Ungeheuer, kennst du dieses Papier?
+
+Gonerill.
+Fragt mich nicht, was ich kenne--
+
+(Gonerill geht ab.)
+
+Albanien (zu einem Hofbedienten.)
+Geht ihr nach sie ist in Verzweiflung, habt Acht auf sie.
+
+
+
+Achter Auftritt.
+
+
+Edmund.
+Alles, wessen ihr mich bezüchtiget habt, das hab ich gethan, und
+noch weit mehr, das die Zeit ans Licht bringen wird. Es ist nun
+vorbey, und ich auch. Aber wer bist du, dem das Glük diesen
+Vortheil über mich gegeben hat? Wenn du edel bist, so vergeb ich
+dir.
+
+Edgar.
+Diese Gesinnung verdient erwiedert zu werden. Ich bin von Geburt
+nicht weniger als du bist, Edmund, und wenn ich mehr bin, so ist
+das Unrecht desto grösser, das du mir gethan hast. Mein Name ist
+Edgar und deines Vaters Sohn. Die Götter sind gerecht, und machen
+aus unsern wollüstigen Verbrechen Werkzeuge uns damit zu peitschen.
+Der finstre und unzüchtige Plaz, wo er dich zeugte, hat ihm seine
+Augen gekostet.
+
+Edmund.
+Du hast recht gesprochen; es ist wahr, das Rad ist ganz umgelauffen,
+und ich bin hier.
+
+Albanien (zu Edgar.)
+Mich däuchte, dein Ansehen weissage einen königlichen Adel. Laß
+dich umarmen--Kummer möge mein Herz zersplittern, wenn ich jemals
+dich oder deinen Vater gehasset habe.
+
+Edgar.
+Würdiger Prinz, ich weiß es.
+
+Albanien.
+Wo habt ihr euch dann verborgen gehalten, und woher erfuhret ihr
+den elenden Zustand euers Vaters?
+
+Edgar.
+Indem ich ihn nährte, Mylord. Höret einer kurzen Erzählung zu, und
+wenn sie erzählt ist, o daß dann mein Herz bersten möchte!--Der
+blutige Ausruf, der so nah auf meine Flucht folgte, lehrte mich
+(wie süß ist das Leben, daß wir lieber stündlich die Pein des Todes
+ertragen, als einmal sterben wollen!) lehrte mich in die Lumpen
+eines wahnwizigen Bettlers mich zu verkleiden, die Ähnlichkeit
+eines verschmähten Hundes anzunehmen; und in dieser Gestalt
+begegnete ich meinem Vater mit seinen blutenden Augen-Ringen, die
+nur erst ihre kostbaren Brillianten verlohren hatten; ich wurde
+sein Führer, leitete ihn, bettelte für ihn, rettete ihn vor der
+Verzweiflung, und entdekte ihm niemalen (o daß ich es gethan hätte!)
+wer ich sey, bis ungefehr vor einer halben Stunde da ich mich
+bewafnet hatte, und zwar in Hoffnung dieses glüklichen Ausgangs,
+doch nicht ohne Zweifel, um seinen Segen bat, und ihm meine
+Pilgramschaft von Anfang bis zu End erzählte. Aber ach! sein
+verwundetes Herz, zu schwach den Kampf entgegengesezter
+Leidenschaften auszuhalten, brach lächelnd zwischen Freude und
+Schmerz.
+
+Edmund.
+Diese eure Rede hat mich gerührt, und wird vielleicht eine gute
+Würkung haben; aber fahret fort, ihr sehet aus, als ob ihr noch
+mehr zu sagen hättet.
+
+Albanien.
+Wenn es noch traurigere Sachen sind, so haltet ein; denn das was
+ihr erzählt habt, ist schon bereit mein Herz aufzulösen.
+
+Edgar.
+Für menschliche Gemüther möchte dieses zum äussersten Grad des
+Elends genug seyn; aber diejenigen, die ein Vergnügen an grausamen
+Schauspielen haben, möchten gern immer mehr dazu thun, und nur ein
+Jammer der sich nicht grösser denken läßt, kan ihr Mitleiden rege
+machen. Während daß ich vor Schmerz laut winselte, kam ein Mann,
+der mich in meinem schlimmern Zustand gesehen und meine
+verabscheute Gesellschaft geflohen hatte; izt aber, da er fand wer
+es war, der so viel erlidten hatte, heftete er seine starken Arme
+um meinen Hals, und schrie, so laut als ob er den Himmel zerspalten
+wollte; warf sich auf meinen Vater, erzählete die Geschichte von
+Lear und ihm, die kläglichste, die je ein Ohr gehört hat; und
+machte durch diese Vorstellung seinen Schmerz von neuem so heftig,
+daß die Stränge des Lebens zu reissen anfiengen--Indeß erklang die
+Trompete zum zweiten mal, und ich verließ ihn ohne Gefühl seiner
+selbst.
+
+Albanien.
+Wer war dann dieser?
+
+Edgar.
+Mylord, es war Kent, der verbannete Kent, der in unkenntlicher
+Verkleidung seinem König folgte, und ihm Dienste that, die eines
+Sclaven unwürdig gewesen wären.
+
+
+
+Neunter Auftritt.
+(Ein Edelmann zu den Vorigen.)
+
+
+Edelmann.
+Hülfe! Hülfe!
+
+Edgar.
+Was für Hülfe?
+
+Albanien.
+Rede.
+
+Edgar.
+Was will dieses blutige Messer?
+
+Edelmann.
+Es ist heiß, es raucht; es kommt eben aus dem Herzen--O! sie ist
+todt!
+
+Albanien.
+Wer ist todt? Rede, Mann.
+
+Edelmann.
+Eure Gemahlin, Mylord, eure Gemahlin, und ihre Schwester ist von
+ihr vergiftet worden; sie bekennt es.
+
+Edmund.
+Ich war mit beyden versprochen; bald werden wir alle drey zusammen
+kommen.
+
+Edgar.
+Hier kommt Kent.
+
+(Kent tritt auf.)
+
+Albanien.
+Bringt die Leichname herbey, todt oder lebend.
+
+(Gonerills und Regans Leichen werden auf die Bühne gebracht.)
+
+Dieses Gericht des Himmels macht uns zittern, ohne unser Mitleid
+zu erregen--
+
+(indem er Kent ansichtig wird)
+
+O! er ists! Vergebet, Mylord. Die Umstände worinn wir sind,
+erlauben nicht an die Beobachtung der Höflichkeit zu denken.
+
+Kent.
+Ich bin gekommen, meinem König und Herrn das lezte Lebwohl zu sagen.
+Ist er nicht hier?
+
+Albanien.
+Wir haben das Wichtigste vergessen. Sprich, Edmund, wo ist der
+König? Wo ist Cordelia? Siehst du dieses Schauspiel, Kent?
+
+Kent.
+Himmel! was ist das?
+
+Edmund.
+So wurde Edmund geliebt; Die eine vergiftete die andre um
+meinetwillen, und ermordete sich sodann selbst.
+
+Albanien.
+So ist es; verhüllet ihre Gesichter.
+
+Edmund.
+Ich schnappe nach Leben, um troz meiner eignen Natur, noch etwas
+Gutes zu thun. Sendet eilends in das Schloß, ich habe einen Befehl
+gegen das Leben Lears und Cordelias ausgestellt; schiket, eh es zu
+spät ist.
+
+Albanien.
+Rennet, rennet, O! rennet--
+
+
+Edgar.
+Zu wem, Mylord? Wer hat die Aufsicht im Schlosse? Schike ihm ein
+Merkmal, woraus er deinen geänderten Willen erkennen kan.
+
+Edmund.
+Du hast wohl hieran gedacht; nimm meinen Degen, gieb ihn dem
+Hauptmann--
+
+
+Edgar.
+Eile, so lieb dir dein Leben ist.
+
+(Der Bote geht ab.)
+
+Edmund.
+Er hatte von eurer Gemahlin und mir Befehl, Cordelia im Gefängniß
+zu erhängen, und die Schuld ihrer eignen Verzweiflung beyzumessen.
+
+Albanien.
+Die Götter beschüzen sie!--Traget ihn indessen hinweg.
+
+(Edmund wird fortgetragen.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt.
+(Lear tritt auf, Cordelia todt in seinen Armen tragend.)
+
+
+Lear.
+Heult, heult, heult, heult--O! ihr seyd Menschen von Stein; hätt'
+ich eure Zungen und Augen, ich wollte sie so brauchen, daß des
+Himmels Gewölbe krachen sollte: Sie ist auf ewig dahin. Ich
+verstehe mich darauf, ob einer todt ist oder ob einer lebt; Sie ist
+todt wie Erde. Leiht mir einen Spiegel; wenn ihr Athem das Glas
+trübe macht, dann will ich sagen, sie lebt.
+
+Kent.
+Ist das der gehoffte Ausgang?
+
+Lear.
+Diese Feder regt sich, sie lebt; wenn es so ist, so ist es ein
+Wechsel, der allen Kummer bezahlt, den ich jemals gefühlt habe.
+
+Kent (kniend.)
+O mein guter Meister.
+
+Lear.
+Ich bitte dich, hinweg.
+
+Edgar.
+Es ist der edle Kent, euer Freund.
+
+Lear.
+Das Verderben über euch alle, ihr Verräther! Ich hätte sie noch
+retten können; izt ist sie auf immer dahin. Cordelia, Cordelia,
+bleibe noch ein wenig. Ha!--Was sagtest du?--Ihre Stimme war immer
+sanft, anmuthig und gelassen; ein vortrefliches Ding an einem
+Weibsbilde! Ich tödtete den Sclaven der dich erdrosselte.
+
+Der Edelmann.
+Es ist wahr, Mylords, er that es.
+
+Lear.
+That ichs nicht, Bursche? Ich weiß die Zeit, da ich sie mit meinem
+guten krummen Weidmesser wollte springen gemacht haben: Izt bin ich
+alt, und alle diese Widerwärtigkeiten sezen mir zu--Wer seyd ihr?
+Meine Augen sind keine von den besten; ich kan es euch nicht
+verheelen--Seyd ihr nicht Kent?
+
+Kent.
+Ich bin es, euer Diener Kent; wo ist euer Diener Cajus?
+
+Lear.
+Es war ein guter Bursche, das kan ich euch sagen; er konnte
+zuschlagen, und das ohne sich lange zu besinnen--Nun ist er todt
+und verfault.
+
+Kent.
+Nein, mein guter Lord, ich bin dieser Mann.
+
+Lear.
+Das will ich gleich sehen.
+
+Kent.
+Der vom Anfang eurer Unglüksfälle euren traurigen Fußstapfen
+gefolget ist.
+
+Lear.
+Ihr seyd willkommen.
+
+Kent.
+Aber gewiß sonst kein andrer--Alles ist hier freudenlos, finster
+und todt. Eure ältesten Töchter haben sich selbst abgethan, und
+sind in Verzweiflung gestorben.
+
+Lear.
+Ja, so denke ich.
+
+Albanien.
+Er weiß nicht, was er sagt; und es ist izt vergeblich, daß wir uns
+ihm vorstellen.
+
+Edgar.
+Ganz vergeblich. (Ein Bote zu den Vorigen.)
+
+Der Bote.
+Edmund ist todt.
+
+Albanien.
+Das ist nur eine Kleinigkeit. Ihr Lords und edle Freunde höret
+unsre Entschliessung: Was uns übrig gelassen ist, den grossen
+Jammer dieses Tages zu lindern, das soll angewendet werden. Was
+uns betrift, so treten wir, so lang diese alte Majestät leben wird,
+ihm unsre oberste Gewalt, und euch
+
+(zu Edgar)
+
+unsre Rechte ab, mit allen den Vorzügen, die eure Tugend mehr als
+verdient hat. Alle Freunde sollen die Belohnung ihrer Tugend, und
+alle Feinde den bittern Kelch ihrer Übelthaten schmeken--O seht,
+seht--
+
+Lear.
+Und meine arme Seele ist gehangen Nein, nein, nichts mehr von Leben.
+Wie, soll ein Hund, ein Roß, eine Raze leben, und du sollst nur
+nicht Athem holen? Du wirst nimmer wieder kommen, nimmer, nimmer,
+nimmer, nimmermehr--Ich bitte euch, macht diesen Knopf auf. Ich
+danke euch, Sir.
+
+(Er deutet auf Cordelias Leiche.)
+
+Seht ihr das? Sehet hieher, seht auf ihre Lippen, seht hieher,
+seht hieher--
+
+(Er stirbt.)
+
+Edgar.
+Er wird ohnmächtig.
+
+Kent.
+Brich, Herz, ich bitte dich, brich.
+
+Edgar.
+Sehet auf, Mylord.
+
+(zu Lear.)
+
+Kent.
+Plage seinen Geist nicht: O! laß ihn seinen Weg gehen; er würde
+den hassen, der ihn länger auf die Folter dieser unbarmherzigen
+Welt ausspannen wollte.
+
+Edgar.
+In der That, er ist todt.
+
+Kent.
+Das Wunder ist, daß er so lange ausgedaurt hat; er usurpirte nur
+sein Leben.
+
+Albanien.
+Traget sie von hinnen; unser iziges Geschäfte ist allgemeines Weh.
+Freunde meiner Seele, regieret ihr beyde das Reich, und erhaltet
+den einstürzenden Staat.
+
+Kent.
+Mylord, ich bin am Ende meiner Tagreise: Mein Meister ruft mir, ich
+darf nicht sagen nein.
+
+(Er stirbt.)
+
+Albanien.
+Vom Gewicht dieser jammervollen Zeit zu Boden gedrükt, reden wir
+was wir fühlen, nicht was wir sollten. Der Älteste hat am meisten
+gelidten: Wir, die wir jung sind, werden nicht lange genug leben,
+um wieder soviel zu sehen.
+
+
+Das Leben und der Tod des Königs Lear, von William Shakespeare
+(Übersetzt von Christoph Martin Wieland).
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das Leben und der Tod des Koenigs Lear
+by William Shakespeare
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KOENIGS LEAR ***
+
+This file should be named 7240-8.txt or 7240-8.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8gs3311.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8gs3310a.txt
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+https://gutenberg.org or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+https://www.gutenberg.org/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
+This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
+Among other things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
+under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.
+
+Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
+any commercial products without permission.
+
+To create these eBooks, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
+medium they may be on may contain "Defects". Among other
+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
+[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
+all liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
+
+THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
+PARTICULAR PURPOSE.
+
+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
+
+INDEMNITY
+You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
+and its trustees and agents, and any volunteers associated
+with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
+texts harmless, from all liability, cost and expense, including
+legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
+following that you do or cause: [1] distribution of this eBook,
+[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
+or [3] any Defect.
+
+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this eBook electronically, or by
+disk, book or any other medium if you either delete this
+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
+or:
+
+[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ eBook or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this eBook in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
diff --git a/7240-8.zip b/7240-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..e9d996b
--- /dev/null
+++ b/7240-8.zip
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..9cd7ca7
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #7240 (https://www.gutenberg.org/ebooks/7240)