diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:29:15 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:29:15 -0700 |
| commit | 3e02bb0b535039dce498573583ca9375c6ce12a9 (patch) | |
| tree | 5a7021bf60d8549b1f53541da293494039f43c28 | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 7240-8.txt | 6343 | ||||
| -rw-r--r-- | 7240-8.zip | bin | 0 -> 83336 bytes | |||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
5 files changed, 6359 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/7240-8.txt b/7240-8.txt new file mode 100644 index 0000000..4858ecd --- /dev/null +++ b/7240-8.txt @@ -0,0 +1,6343 @@ +The Project Gutenberg EBook of Das Leben und der Tod des Koenigs Lear +by William Shakespeare +#33 in our series by William Shakespeare + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Das Leben und der Tod des Koenigs Lear + +Author: William Shakespeare + +Release Date: January, 2005 [EBook #7240] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on March 30, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-Latin-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KOENIGS LEAR *** + + + +Produced by Delphine Lettau + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Das Leben und der Tod des Königs Lear. + +William Shakespeare + +Übersetzt von Christoph Martin Wieland + + +Personen des Trauerspiels. + +Lear, König von Brittannien. +König von Frankreich. +Herzog von Burgund. +Herzog von Cornwall. +Herzog von Albanien. +Graf von Gloster. +Graf von Kent. +Edgar, Glosters Sohn. +Edmund, Bastard von Gloster. +Curan, ein Höfling. +Medicus. +Narr. +Oswald, Gonerills Haushofmeister. +Ein Officier. +Ein Edelmann, der Cordelia begleitet. +Ein Herold. +Ein alter Mann von Glosters Unterthanen. +Ein Bedienter von Cornwall. +Zwey Bediente von Gloster. +Gonerill, Regan und Cordelia, Lears Töchter. +Ritter die dem König aufwarten, Officiers, Boten, Soldaten und +Bediente etc. + +Der Schauplaz ligt in Brittannien. + + + + +Erster Aufzug. + + + +Erster Auftritt. +(Der Königliche Palast.) +(Kent, Gloster, und Edmund der Bastard, treten auf.) + + +Kent. +Ich dachte, der König liebe den Herzog von Albanien mehr als den +von Cornwall. + +Gloster. +So schien es uns allezeit; allein izt, bey der Theilung seiner +Königreiche kan man nicht sehen, welchen von beyden er höher schäze; +das schärfste Auge könnte nichts entdeken, das einem Theil vor dem +andern den Vorzug gäbe; so genau sind sie nach ihren verschiedenen +Beschaffenheiten und Vorzügen gegen einander abgewogen. + +Kent. +Ist dieses nicht euer Sohn, Mylord? + +Gloster. +Die Last seiner Erziehung fiel auf mich. Ich habe schon so oft +erröthet ihn für meinen Sohn zu erkennen, daß ich nicht mehr +erröthen kan. + +Kent. +Ich begreiffe euch nicht. + +Gloster. +Die Mutter dieses jungen Menschen konnt' es; sie bekam davon eine +gewisse Geschwulst, und zulezt, Sir, fand sich, daß sie einen Sohn +für ihrer Wiege hatte, ehe sie einen Gemahl für ihr Bette hatte. +Riechet ihr den Fehler? + +Kent. +Die Würkung dieses Fehlers ist so schön, daß ich nicht wünschen kan, +er möchte unterblieben seyn. + +Gloster. +Ich habe zwar auch einen gesezmässigen Sohn, der etliche Jahre +älter, aber mir nicht werther ist als dieser. Wenn dieser lose +Junge gleich ein wenig unverschämt auf die Welt kam, eh man ihn +verlangte, so war doch seine Mutter schön; es gieng kurzweilig zu +als er gemacht wurde, und der H** Sohn muß erkannt werden. Kennst +du diesen Edelmann, Edmund? + +Edmund. +Nein, Mylord. + +Gloster. +Es ist Mylord von Kent. Erinnere dich künftig seiner als meines +würdigen Freundes. + +Edmund (zu Kent.) +Ew. Gnaden geruhen meine Dienste anzunehmen. + +Kent. +Ihr gefallet mir, wir müssen besser mit einander bekannt werden. + +Edmund. +Mylord, ich werde mich bestreben euere Gewogenheit zu verdienen. + +Gloster. +Er ist neun Jahre ausser Landes gewesen, und soll noch länger seyn. + +(Man hört Trompeten, der König kömmt.) + + + +Zweyter Auftritt. +(König Lear, Cornwall, Albanien, Gonerill, Regan, Cordelia und + Gefolge.) + + +Lear. +Gloster, gehe denen Fürsten von Frankreich und Burgund Gesellschaft +zu leisten. + +Gloster. +Ich gehe, mein Gebieter. + +(Geht ab.) + +Lear. +Nunmehr ist es Zeit, unser geheimes Vorhaben zu entdeken--Gebet mir +diese Land-Carte--Wisset, wir haben unser Königreich in drey Theile +getheilt, und es ist unsre erste Absicht, unser Alter aller +Regierungs-Sorgen und Geschäfte zu entladen, und solche jüngern +Schultern aufzulegen, indeß daß wir unbelastet dem Tod entgegen +kriechen--Unser Sohn von Cornwall, und ihr, nicht minder geliebter +Sohn von Albanien, wir haben den standhaften Schluß gefaßt, in +dieser Stunde die verschiedenen Morgengaben unsrer Töchter bekannt +zu machen, damit allem künftigen Streit darüber vorgebogen werde. +Die Fürsten von Frankreich und Burgund, ansehnliche Nebenbuler um +die Liebe unsrer jüngern Tochter, haben schon lange ihren +verliebten Aufenthalt an unserm Hofe gemacht, und sollen izt ihre +Antworten erhalten. Saget mir, meine Töchter, (da wir uns nun der +obersten Gewalt, der Landesherrschaft und der Sorge des Staats zu +begeben willens sind,) von welcher unter euch sollen wir sagen, daß +sie uns am meisten liebe? damit wir unsre freygebigste Huld dahin +ergiessen, wo die Natur für das gröste Verdienst Ansprüche macht. +Gonerill, unsre Erstgebohrne, rede zuerst. + +Gonerill. +Sire, ich liebe euch mehr als Augenlicht, Raum und Freyheit; mehr +als alles was theuer und selten geschäzt werden mag; nicht minder +als Leben, Gesundheit, Schönheit und Ehre; so sehr als jemals ein +Kind geliebt, oder ein Vater geliebt zu seyn verdient hat--mit +einer Liebe, die den Athem arm, und die Sprache unzulänglich macht, +die über allen Ausdruk ist, liebe ich euch. + +Cordelia (beyseite.) +Was soll Cordelia thun? Lieben und schweigen. + +Lear. +Von allen diesen Ländereyen, (von dieser Linie bis zu jener,) mit +schattichten Wäldern und offnen Ebnen, mit fruchtbaren Strömen und +weit verbreiteten Matten bereichert, machen wir dich zur +Beherrscherin. Deiner und Albaniens Nachkommenschaft sollen sie +auf ewig eigen seyn!--Was sagt unsre zweyte Tochter, unsre +geliebteste Regan, Cornwalls Gemahlin? Rede! + +Regan. +Ich bin von eben dem Metall gemacht wie meine Schwester, und schäze +mein getreues Herz nach dem Werth des ihrigen. Ich finde, daß sie +das wahre Wesen meiner Liebe ausgedrükt hat; nur darinn fällt sie +zu kurz, daß ich mich selbst eine Feindin aller andern Freuden +erkläre, welche die vier* edelsten Sinnen uns zu geben vermögend +sind, und finde, daß Eurer Majestät Liebe meine einzige +Glükseligkeit macht. + +{ed.-* Durch diese vier edelsten Sinne sind hier Gesicht, Gehör, +Geruch, und Geschmak zu verstehen; denn eine junge Dame konnte mit +Anständigkeit nicht zu verstehen geben, daß sie die Vergnügungen +des fünften kenne. Warbürton. + +Der Übersetzer überläßt dieses dem Ausspruch der jungen Damen, und +wagt nur die Vermuthung, ob es nicht weit natürlicher sey zu denken, +Regan nenne eben darum die vier edelsten Sinne, weil sie dem fünften +nicht entsagen will.} + +Cordelia (beyseite.) +Arme Cordelia!--und doch nicht arm, denn ich bin gewiß, daß meine +Liebe gewichtiger ist als ihre Zunge. + +Lear. +Dir und den Deinigen bleibe zum ewigen Erbtheil dieser ansehnliche +Drittheil unsers schönen Königreichs, nicht geringer an Grösse, +Werth und Schönheit, als derjenige, den wir an Gonerill übertragen +haben--Nun du, unsre Freude, nicht die geringste, obgleich die +lezte, deren jugendliche Liebe das weinvolle Frankreich, und das +milchtrieffende Burgund zu gewinnen streben, was sagst du, ein +drittes noch reicheres Loos zu ziehen als deine Schwestern? + +Cordelia. +Nichts, Milord! + +Lear. +Nichts? + +Cordelia. +Nichts! + +Lear. +Aus Nichts kan nichts entspringen. Rede noch einmal. + +Cordelia. +Ich Unglükliche, daß ich mein Herz nicht bis in meinen Mund hinauf +bringen kan! Ich liebe Eu. Majestät so viel als meine +Schuldigkeit ist, nicht mehr und nicht weniger. + +Lear. +Wie? wie, Cordelia? Verbeßre deine Rede ein wenig, oder du +möchtest dein Glük verschlimmern. + +Cordelia. +Mein theurer Lord, ihr habet mich gezeugt, erzogen, und geliebt. +Ich erstatte diese Wohlthaten wie es meine Pflicht erheischet, ich +gehorche euch, ich liebe und verehre euch. Wofür haben meine +Schwestern Männer, wenn sie sagen, sie lieben euch allein? Wenn +ich mich vermählen sollte, so wird der Mann dem ich meine Hand gebe, +auch die Helfte meiner Liebe und Ergebenheit mit sich nehmen. +Wahrhaftig, ich will nimmermehr heurathen wie meine Schwestern, um +allein meinen Vater zu lieben. + +Lear. +Sprichst du aus deinem Herzen? + +Cordelia. +Ja, mein theurer Lord. + +Lear. +So jung, und so unzärtlich? + +Cordelia. +So jung, Mylord, und so aufrichtig. + +Lear. +So laß denn deine Aufrichtigkeit deine Mitgift seyn. Denn bey den +heiligen Stralen der Sonne, bey den Geheimnissen der Hecate und der +Nacht, bey allen Würkungen der himmlischen Kreise, durch welche wir +entstehen und aufhören zu seyn--entsage ich hier aller väterlichen +Sorge und Blutsverwandschaft, und erkläre dich von diesem Augenblik +an auf immer für einen Fremdling zu meinem Herzen, und mir. Der +barbarische Scythe, oder der mit dem Fleische seiner eignen Kinder +seinen unmenschlichen Hunger stillt, sollen meinem Herzen so nahe +ligen, und so viel Mitleiden und Hülfe von mir zu erwarten haben +als du, einst meine Tochter. + +Kent. +Mein theurer Oberherr! + +Lear. +Zurük, Kent! Wage dich nicht zwischen den Drachen und seinen Grimm. +Ich liebte sie höchlich, und gedachte den Rest meines Eigenthums +ihren holden Abkömmlingen zu vermachen--Hinweg aus meinem Gesicht! + +(zu Cordelia) + +--So sey mein Grab meine Ruhe, als ich sie hier aus ihres Vaters +Herzen verstosse.--Ruffet die Fürsten von Frankreich und Burgund!-- +Cornwall und Albanien, zu meiner beyden Töchter Mitgift, theilet +auch die dritte unter euch. Der Stolz den sie Aufrichtigkeit nennt, +mag sie versorgen. Euch belehne ich beyderseits mit meiner +Oberherrlichkeit, und allen den hohen Gerechtsamen und reichen +Vortheilen, welche die Majestät begleiten. Wir selbst werden mit +Vorbehalt von hundert Edelknechten, die ihr unterhalten sollet, +unsern monatlichen Aufenthalt wechselsweise bey euch nehmen; dieses +und der königliche Titel mit seinem Zugehör ist alles was wir uns +ausbedingen; die Regierung, die vollziehende Gewalt, und die +Einkünfte, geliebte Söhne, sollen euer seyn. Zu dessen +Bekräftigung theilet diese Crone unter euch. + +(Er giebt die Crone hin.) + +Kent. +Königlicher Lear, du, den ich allezeit als meinen König geehrt, als +meinen Vater geliebt, als meinen Meister begleitet, und als meinen +Schuz-Engel in meinen Gebeten angeruffen habe-- + + +Lear. +Der Bogen ist gespannt und angezogen, geh dem Pfeil aus dem Wege. + +Kent. +Laß ihn vielmehr fallen, wenn gleich seine Spize mein Herz +durchbohren sollte. Kent mag unhöflich seyn, wenn Lear wahnwizig +ist! Was willt du thun, alter Mann? Denkst du, die Pflicht soll +sich scheuen zu reden, wenn sich die Gewalt vor der Schmeicheley +bükt? Die Ehre ist zu Aufrichtigkeit verbunden, wenn die Majestät +zu Thorheit herabsinkt. Behalt deinen Staat, hemme durch reifferes +Urtheil diese entsezliche Übereilung. Mit meinem Leben stehe ich +davor, deine jüngste Tochter liebt dich nicht am wenigsten. +Meynest du, ihr Herz sey weniger voll, weil es einen schwächern +Klang von sich giebt, als diejenigen, deren hohler Ton ihre +Leerheit wiederhallt? + +Lear. +Bey deinem Leben, Kent, nicht weiter! + +Kent. +Mein Leben hielt ich nie für etwas anders als ein Pfand, das dir +meine Treue gegen deine Feinde versichern sollte; und ich fürchte +nicht es zu verliehren, wenn deine Sicherheit der Beweggrund ist. + +Lear. +Aus meinem Gesicht! + +Kent. +Sieh' besser, Lear, und laß mich immer deinen wahren Augapfel +bleiben. + +Lear. +Nun, beim Apollo! + +Kent. +Nun, beym Apollo, König, du entehrest deine Götter mit vergeblichen +Schwüren. + +Lear. +Treuloser Vasall. + +(Er legt seine Hand an sein Schwerdt.) + +Albanien. Cornwall. +Theurer Sir, haltet ein! + +Kent. +Tödte deinen Arzt, und nähre deinen Schaden--Wiederruffe deinen +Urtheilspruch, oder so lang ich einen Ton aus meiner Gurgel athmen +kan, will ich dir sagen, du thust übel. + +Lear. +Höre mich, Abtrünniger! Weil du uns hast bereden wollen, unsern +Eyd zu brechen, den wir nimmer brechen dürfen, und dich erfrechet +hast, mit übermüthigem Stolz zwischen unsern Ausspruch und dessen +Vollziehung zu treten, welches weder unsre Gemüthsart noch unsre +Würde gestatten, und selbst unsre Macht nicht gut machen kan; so +empfange deinen Lohn. Fünf Tage vergönnen wir dir, dich mit +Mitteln gegen die Unfälle der Welt zu versehen; am sechsten aber +kehre unserm Reich deinen verhaßten Rüken; denn wenn von izt am +zehnten Tage dein verbannter Rumpf in unsern Herrschaften noch +gefunden wird, so ist der Augenblik dein Tod. Hinweg beym Jupiter! +diß soll nicht wiederruffen werden. + +Kent. +Lebe wohl, König! Seit dem du dich in dieser Gestalt zeigest, lebt +die Freyheit anderwärts, und die Verbannung ist hier--Die Götter +schüzen dich, Mädchen, die du richtig denkst und sehr richtig +gesprochen hast. Ihr aber, mögen eure Thaten eure +vielversprechenden Reden bewähren! Und hiemit, ihr Fürsten, sagt +Kent euch allen, lebewohl, und geht, seinen Lauf in einem fremden +Lande zu vollenden. + +(Geht ab.) + +(Gloster mit den Fürsten von Frankreich und Burgund, und ihrem +Gefolge, tritt auf.) + +Gloster. +Hier ist Frankreich und Burgund, mein edler Lord! + +Lear. +Mylord von Burgund, wir wenden uns zuerst an euch, die ihr neben +diesem Könige um meine Tochter euch beworben habet. Nennet das +wenigste, was ihr zur Morgengabe mit ihr verlangt, oder stehet von +euerm verliebten Gesuch ab. + +Burgund. +Königlicher Herr! Ich fordre nicht mehr als Eure Majestät sich +erboten hat, und weniger werdet ihr nicht geben. + +Lear. +Sehr edler Lord, als sie uns werth war, hielten wir sie so; aber +nun ist ihr Preiß gefallen. Sir, hier steht sie. Wenn irgend +etwas an diesem kleinen Scheinding, oder alles zusammen genommen, +mit unsrer Ungnade beschwert, Eu. Gnaden anständig ist, so ist sie +hier und ist Euer. + +Burgund. +Ich weiß keine Antwort hierauf. + +Lear. +Wollt ihr sie, mit allen diesen Gebrechen, welche alles sind was +sie hat, freundlos, zu unserm Haß adoptiert, mit unserm Fluch +ausgesteurt, und durch unsern Eyd für eine Fremde erklärt, wollt +ihr sie nehmen oder verlassen? + +Burgund. +Vergebung, Königlicher Herr! Auf solche Bedingungen findet keine +Wahl Plaz. + +Lear. +So verlasset sie dann, Sir, dann bey der Macht, die mich erschaffen +hat, ich sagte euch ihren ganzen Reichthum. Was euch betrift, +grosser König, so schäze ich eure Liebe höher, als daß ich euch mit +derjenigen vermählen wollte, die ich hasse. Ich bitte euch also, +wendet eure Neigung auf einen würdigern Gegenstand als eine +Unglükselige, welche die Natur selbst beschämt ist, für die ihrige +zu erkennen. + +Frankreich. +Diß ist sehr seltsam, daß Sie, die bisher der Liebling euers +Herzens, der Inhalt euers Lobes, und die Erquikung euers Alters war, +in etlichen Augenbliken eine That begangen haben soll, die +vermögend sey, sie einer so vielfältigen Gunst zu berauben. Denn +nur irgend ein unnatürliches ungeheures Verbrechen kan eine solche +Würkung thun. Dieses aber von Ihr zu denken, erfodert einen +Glauben, zu dem sich meine Vernunft ohne Wunderwerk nicht fähig +findet. + +Cordelia. +Ich bitte Euer Majestät, (weil mein Verbrechen ist, daß ich diese +glatte schlüpfrige Kunst nicht besize, etwas zu reden, was ich +nicht meyne; denn was meine wahre Meynung ist, das gebe ich früher +durch Thaten als Worte zu erkennen;) bekannt zu machen, daß keine +lasterhafte Tüke, Mord oder Verrätherey, noch eine unkeusche That, +oder sonst ein entehrender Schritt mich Eurer Gnade beraubt hat, +sondern bloß ein Mangel der mich reicher macht, der Mangel eines +immer bettelnden Auges, und solch einer Zunge, dergleichen ich +nicht zu haben, mich freue; obgleich sie nicht zu haben, mir den +Verlust Eurer Zuneigung gebracht hat. + +Lear. +Besser wär' es, du wärest nie gebohren worden, als daß du mir nicht +besser gefallen hast. + +Frankreich. +Ist es nur diß? Eine Langsamkeit des Temperaments, die manchmal +nicht ausdrüken kan, was sie im Sinne hat? Mylord von Burgund, was +sagt ihr zu der Lady? Liebe ist nicht Liebe, wenn sie mit +Absichten vermengt ist, die neben dem wahren Ziel vorbey gehen. +Redet, wollt ihr sie haben? Sie selbst ist das gröste Heurathgut. + +Burgund. +Königlicher Herr! Gebet Ihr nur das Erbtheil, das Ihr willens +waret, so nehme ich hier Cordelias Hand, und erkläre sie zur +Herzogin von Burgund. + +Lear. +Nichts!--ich habe geschworen. + +Burgund. +So bedaure ich denn, daß ihr einen Vater so verlohren habet, daß +ihr auch einen Gemahl verlieren müßt. + +Cordelia. +Friede sey mit Burgund! weil Absichten auf Vermögen seine Liebe +sind, so werde ich nicht sein Weib werden. + +Frankreich. +Schönste Cordelia; desto reicher, weil du arm bist, desto +wählenswürdiger, weil du vergessen, und desto geliebter, weil du +verschmähet wirst. Hier bemächtige ich mich deiner und deiner +Tugenden, wenn es anders erlaubt ist zu nehmen, was andre +verworffen haben. Ihr Götter! wie seltsam, daß die kälteste +Gleichgültigkeit meine Liebe zu flammender Ehrfurcht anfachen soll! +Deine enterbte Tochter, König, von dir verworffen, und meiner +Willkuhr überlassen, ist Königin von Mir, von Frankreich, und von +allem was mein ist. Alle Herzoge des wasserreichen Burgunds können +dieses ungeschäzte theure Mädchen nicht von mir erkauffen. Gieb +ihnen das lezte Lebewohl, Cordelia, so ungütig sie sind; du +verlierst hier, anderswo etwas bessers zu finden. + +Lear. +Du hast sie, Frankreich! Laß sie dein seyn, denn wir haben keine +solche Tochter, noch werden wir dieses ihr Gesicht jemals wieder +sehen. Gehet also, ohne unsre Gnade, unsre Liebe, und unsern Segen. +Komm, edler Burgund! + +(Lear und Burgund gehen ab.) + +Frankreich. +Beurlaubet euch von euern Schwestern. + +Cordelia. +Ihr Kleinode euers Vaters, mit gebadeten Augen verläßt euch +Cordelia; ich weiß wer ihr seyd, und bin als eine Schwester gar +nicht geneigt, eure Fehler mit ihrem eignen Namen zu nennen. +Liebet unsern Vater in der That. Euerm Liebe-athmenden Busen +empfehle ich ihn! Und doch, stünde ich in seiner Gnade, ich wollte +ihm einen bessern Plaz anweisen. So lebet wol! + +Regan. +Ihr habt nicht nöthig, uns unsre Pflicht vorzuschreiben. + +Gonerill. +Laßt ihr eure Sorge seyn, euerm Gemahl zu gefallen, der euch vom +Allmosen des Glüks aufgenommen; ihr habt durch Mangel an Gehorsam +den Mangel wol verdienet, auf den ihr noch stolz zu seyn scheint. + +Cordelia. +Die Zeit wird enthüllen, was die gefaltete List verbirgt. Wol mög' +es gehen! + +Frankreich. +Komm, meine schöne Cordelia. + +(Frankreich und Cordelia gehen ab.) + + + +{ed.-In Wielands Übersetzung blieben dritter und vierter Auftritt +ohne Überschrift.} + + + +Fünfter Auftritt. + + +Gonerill. +Schwester, es ist nicht wenig, was ich über Dinge, die uns beyde +angehen, zu sagen habe. Ich denke, unser Vater wird diese Nacht +von hier abgehen. + +Regan. +Das ist gewiß, und mit Euch; den künftigen Monath zu Uns. + +Gonerill. +Ihr sehet, wie veränderlich ihn sein Alter macht; die Gelegenheit +die wir hatten, diese Beobachtung zu machen, war nicht gering. Er +liebte unsre Schwester immer vorzüglich, und aus was für einem +armseligen Grund er sie izt weggeworffen, ist nur allzu offenbar. + +Regan. +Es ist die Schwachheit seines Alters; und doch hat er sich selbst +allezeit nur obenhin gekannt. + +Gonerill. +Das Beste und Gesundeste was er in seiner Zeit that, war übereilt; +was können wir also anders erwarten, als nicht nur alle Fehler +einer lang eingewurzelten Gewohnheit; sondern überall diese +unlenksame Wunderlichkeit, die ein schwaches und cholerisches Alter +mit sich bringt. + +Regan. +Wir werden noch manche solche unverständige Grillen von ihm +erfahren, wie Kents Verbannung war. + +Gonerill. +Der Abschied zwischen ihm und Frankreich ist noch ein solches +Beyspiel. Ich bitte euch, laßt uns gemeinschaftlich zu Werke gehen. +Wenn unser Vater das königliche Ansehen mit einer solchen Gemüths- +Beschaffenheit beybehält, so ist seine lezte Abdankung vielmehr +etwas beleidigendes. + +Regan. +Wir wollen weiter über diese Sache denken. + +Gonerill. +Wir müssen irgend etwas thun, und das in der ersten Hize. + +(Sie gehen ab.) + + + +Sechster Auftritt. +(Die Scene verändert sich in ein Schloß des Grafen von Gloster.) + + +Edmund (mit einem Briefe.) +Du, Natur, bist meine Göttin! Deinem Gesez allein will ich +dienstbar seyn. Warum sollte ich mich selbst in den Cirkel der +Gewohnheit bannen, warum die ungerechte Gewohnheit der Völker, mich +des Rechts das du mir giebst, entsezen lassen? Bloß darum, weil +ich zwölf oder vierzehn Mondscheine vor einem Bruder kam? Warum +Bastard? Warum unedel? Wenn ich eben so wol gemacht, von Geist so +edel, von Gestalt so ächt bin als die Geburt der ehrlichen Madam. +Warum brandmahlen sie uns so mit Namen von böser Ahnung? Unächt, +ehrlos, Bastard? Wie? Ich unächt? Ich,* der in der verstohlnen +Lust der üppigen Natur mehr Stoff und Feuer erhielt, als jener der +in einem abgeschmakten, schaalen, langweiligen Ehebette, bestimmt +eine ganze Zucht von Dumköpfen auszuheken, zwischen Schlaf und +Wachen gezeugt ward?--Wohl dann, mein ächter Edgar! Mir fehlt +nichts als deine Güter. Unsers Vaters Liebe ist zu dem Bastard +Edmund was zu dem ächten Sohn--ein feines Wort--ächt! Nun wohl, +mein ächter Herr, laß nur diesen Brief und meinen Anschlag glüken, +so wird Bastard Edmund der ächte seyn.--Ich wachse, ich gedeyhe! +Wohlan, ihr Götter, haltet fest auf der Parthey der Bastarde! Ihr +habt es wol Ursache.** + +{ed.-* Diese feinen Zeilen sind ein Beyspiel von unsers Autors +bewundernswürdiger Kunst, seinen Charaktern gehörige Gesinnungen +zu geben. Des Bastards seiner ist der Charakter eines völligen +Gottesläugners; und daß er als ein Spötter über die +Judicial-Astrologie vorgestellt wird, ist nach der Absicht des +Poeten, ein Zeichen eines solchen. Denn zu seiner Zeit wurde diese +gottlose Taschenspielerey mit einer religiösen Ehrfurcht angesehen; +und daher erkennen die besten Charakter in diesem Stüke die Macht +des Einflusses der Gestirne. Wie Charaktermässig aber die +folgenden Zeilen sind, kan aus dem ungeheuren Wunsch des +Italiänischen Atheisten (Vanini), in seinem Tractat, (de admirandis +Naturæ & c.) welcher zu Paris 1616. in eben dem Jahr, da unser +Poet gestorben, heraus gekommen, ersehen werden. (O utinam) (sind +die Worte des (Vanini) extra legitimum & connubialem thorum +essem procreatus! Ita enim progenitores mei in Venerem +incaluissent ardentius, ac cumulatim affatimque generosa semina +contulissent, è quibus ego formæ blanditiam & elegantiam, +robustas corporis vires mentemque innubilam consequutus fuissem. +At quia conjugatorum sum soboles, his orbatus sum bonis.) Wäre +dieses Buch früher heraus gekommen, wer würde nicht geglaubt haben, +das Shakespeareauf diese Stelle anspiele? So aber sagte ihm die +prophetische Kraft seines Genius vorher, was ein solcher Atheist +wie (Vanini) über diese Materie sagen würde. Warbürton.} + +{ed.-** Warum dieses? Das sagt er uns nicht; aber der Poet deutet +auf die Ausschweiffungen der heidnischen Götter, die aus allen +ihren Bastarden Helden machten. Warbürton.} + + + +Siebender Auftritt. +(Gloster. Edmund.) + + +Gloster. +Kent verbannt! und Frankreich im Zorn entlassen! und der König +bey Nacht abgereist! Seine Gewalt abgetreten! Sein Unterhalt +sogar fremder Willkuhr überlassen!--Alles geht unter über sich-- +Edmund?--Wie steht's? Was Neues? + +Edmund. +Mit Euer Gnaden Erlaubniß, nichts. + +Gloster. +Warum eilt ihr so eifrig, diesen Brief einzusteken? + +Edmund. +Ich weiß nichts neues, Mylord. + +Gloster. +Was für ein Papier laset ihr da? + +Edmund. +Nichts, Mylord. + +Gloster. +Wozu war es denn vonnöthen, mit einer so entsezlichen Eilfertigkeit +in eure Tasche damit zu fahren? Laßt es sehen!--Kommt, wenn es +nichts ist, so werde ich keine Brille dazu brauchen. + +Edmund. +Ich bitte Euer Gnaden um Vergebung, es ist ein Brief von meinem +Bruder, den ich noch nicht ganz überlesen habe; und so viel als ich +davon gelesen, finde ich ihn nicht so beschaffen, daß Ihr ihn sehen +dürftet. + +Gloster. +Gebt mir den Brief, Sir. + +Edmund. +Ich vergehe mich, wenn ich ihn zurük behalte, und wenn ich ihn gebe; +der Inhalt, so viel ich zum theil davon verstehe, ist zu tadeln. + +Gloster. +Laß sehen, laß sehen. + +Edmund. +Ich hoffe zu meines Bruders Rechtfertigung, er schreibe ihn nur, +meine Tugend auf die Probe zu stellen. + +Gloster (ließt.) +"Diese durch die Geseze eingeführte Ehrfurcht vor dem Alter macht +die Welt für unsre besten Jahre unbrauchbar, und enthält uns unser +Vermögen vor, bis wir es nimmer geniessen können. Ich fange an, +eine alberne und allzu gutherzige Sclaverey in der Unterwerffung +unter bejahrte Tyranney zu finden, welche nicht herrschet, weil sie +Gewalt hat, sondern weil sie geduldet wird. Wenn unser Vater so +lange schliefe bis ich ihn wekte, so solltet ihr auf immer die +Helfte seiner Einkünfte geniessen, und der Liebling euers Bruders +Edgar seyn."--Hum!--Verrätherey!--schlieffe, bis ich ihn wekte-- +solltet ihr die Helfte seiner Einkünfte geniessen--Mein Sohn Edgar! +Hat er eine Hand diß zu schreiben? Ein Herz und ein Gehirn, diß +auszubrüten? Wenn kam euch diß zu? Wer bracht es euch? + +Edmund. +Es wurde mir nicht gebracht, Mylord; das ist die List davon. Ich +fand es durch ein Fenster in mein Cabinet geworffen. + +Gloster. +Kennet ihr die Hand, daß sie euers Bruders ist? + +Edmund. +Wenn der Inhalt gut wäre, Mylord, so wollte ich schwören, es wäre +die seinige; aber so wie er ist, möchte ich gerne denken, es wäre +nicht so. + +Gloster. +Es ist seine Hand. + +Edmund. +Seine Hand ist es, Mylord, aber ich hoffe sein Herz ist nicht in +dem Inhalt. + +Gloster. +Hat er euch vorher niemals über diesen Punct ausgeforschet? + +Edmund. +Niemals, Mylord. Doch hab ich ihn oft behaupten gehört, es wäre am +schiklichsten, wenn Söhne bey reiffen Jahren, und Väter auf der +Neige seyen, daß der Vater unter der Vormundschaft des Sohnes +stehen, und dieser das Vermögen verwalten sollte. + +Gloster. +O! Bösewicht! Bösewicht! Eben das ist die Meynung seines Briefes. +Abscheulicher Bösewicht! Unnatürlicher, entsezlicher, viehischer +Bösewicht! Geh', suche ihn, ich will ihn fest machen lassen.-- +Schändlicher Bube! wo ist er? + +Edmund. +Ich weiß es nicht eigentlich, Mylord. Wenn es Euer Gnaden belieben +möchte, Euern Unwillen über meinen Bruder noch zurük zu halten, bis +Ihr ein gewisseres Zeugniß von seinen Absichten aus ihm heraus +gebracht hättet, so würdet Ihr desto sicherer gehen; da hingegen, +wenn Ihr gewaltthätig mit ihm verfahret, und sich's fände, daß Ihr +über seine Absicht geirret hättet, so würde das Eurer eignen Ehre +eine grosse Wunde beybringen, und das Herz seines Gehorsams in +Stüken zerschlagen. Ich wollte mein Leben für ihn verpfänden, daß +er das nur schrieb, meine Liebe zu Euer Gnaden zu versuchen, und +daß er nichts böses damit meynte. + +Gloster. +Denket ihr das? + +Edmund. +Wenn Euer Gnaden es gut finden, will ich Euch an einen Ort stellen, +wo Ihr uns beyde über diese Sache reden hören, und durch das +Zeugniß Eurer eignen Ohren befriediget werden könnt; und das ohne +längern Aufschub, diesen Abend noch. + +Gloster. +Nein! er kan nicht ein solches Ungeheuer seyn! + +Edmund. +Auch ist er es gewiß nicht! + +Gloster. +Gegen einen Vater, der ihn so zärtlich liebt--Himmel und Erde! +Edmund, such ihn auf; mache daß ich ihn ungesehen hören kan, +veranstalte die Sache nach deiner eignen Klugheit. Ich will den +Vater ablegen, um nur nach den Gesezen der Gerechtigkeit zu handeln. + +Edmund. +Ich will ihn sogleich aufsuchen; ich will die Sache so einleiten, +wie es die Umstände erfodern, und euch von allem Nachricht geben. + +Gloster. +Diese neuerlichen Verfinsterungen der Sonne und des Monds bedeuten +uns nichts Gutes. Wenn schon die Ordnung der allezeit weisen Natur +nicht dadurch aufgehoben wird, so leidet sie doch unter den Folgen. +Die Liebe erkaltet, die Freundschaft fällt ab, Brüder trennen sich. +In Städten Aufruhr; in Provinzen Zwietracht; in Pallästen +Verrätherey; und das Band zwischen Sohn und Vater aufgelöst. +Dieser mein Bösewicht fällt unter die Weissagung--Hier ist ein Sohn +wider den Vater; der König tritt aus dem Gleise der Natur--Hier ist +ein Vater wider sein Kind. Wir haben das Beste von unsrer Zeit +schon gesehen. Untreue, Ränke, Verrath und alle verderbliche +Unordnungen verfolgen uns bis in unser Grab. Suche diesen Buben +auf, Edmund; es soll dir keinen Schaden bringen--Thu es mit +Sorgfalt--und der edle treuherzige Kent verbannt! Sein Verbrechen, +Redlichkeit! das ist wunderlich! + +(Geht ab.) + + + +Achter Auftritt. + + +Edmund (kommt zurük.) +Es ist doch eine vortreffliche Narrheit der Welt, daß wenn wir +meistens durch eigne Schuld unglüklich sind, wir auf Sonne, Mond +und Sterne die Schuld unsrer Unfälle werfen, und uns bereden +möchten, wir seyen Bösewichter durch fatale Nothwendigkeit, Thoren +durch himmlischen Antrieb, feige Memmen, Diebe und Spizbuben durch +die Obermacht der Sphären; Säuffer, Lügner und Ehebrecher durch +einen unwiderstehlichen Einfluß der Planeten; und alles, worinn wir +schlimm sind, durch göttliches Verhängniß. Eine unvergleichliche +Ausflucht für den H** Jäger, den Menschen, seine bökische Neigungen +auf Rechnung der Gestirne zu schreiben. Mein Vater hielt mit +meiner Mutter unter dem Drachenschwanz zu, und unter dem Einfluß +des grossen Bären wurde ich gebohren; folglich kan ich nicht anders +als rauh und schelmisch seyn. Wahrhaftig, ich würde gewesen seyn +wer ich bin, wenn gleich der allerjungfräulichste Stern am ganzen +Firmament über meine Bastardisation gefunkelt hätte. + + + + +Neunte Scene. +(Edgar kömmt zu ihm.) + + +Edmund. +Husch!--Er kömmt gleich der Entwiklung in der alten Comödie.* Meine +Rolle ist, spizbübische Melancholie mit einem Seufzer, wie Tom von +Bedlam--O! diese Finsternisse bedeuten solche Mißhelligkeiten! fa, +sol, la, mi,-- + +{ed.-* Das ist, er kömmt recht (a propos.) Ein Compliment, welches +Shakespeareden regelmässigen Stüken macht.} + +Edgar. +Wie stehts, Bruder Edmund, in was für einer tiefsinnigen +Betrachtung seyd ihr begriffen? + +Edmund. +Ich denke, Bruder, an eine Weissagung, die ich dieser Tagen las, +was auf diese Verfinsterungen folgen würde. + +Edgar. +Bekümmert ihr euch um solche Dinge? + +Edmund. +Ich versichre euch, diese Weissagungen treffen zum Unglük nur gar +zu wol ein. Wenn sahet ihr meinen Vater das lezte mal? + +Edgar. +Verwichne Nacht. + +Edmund. +Sprachet ihr mit ihm? + +Edgar. +Ja, zwey Stunden an einander. + +Edmund. +Schiedet ihr vergnügt von einander? Fandet ihr kein Mißvergnügen +bey ihm, weder in Worten noch Gebehrden? + +Edgar. +Nicht das geringste. + +Edmund. +Besinnet euch, worinn ihr ihn etwann beleidigt haben möchtet, und +lasset euch erbitten, seine Gegenwart zu meiden, bis die erste Hize +seines Unwillens sich verlohren haben wird, welche izt so sehr in +ihm tobet, daß es ohne Unglük für eure Person schwerlich ablauffen +könnte. + +Edgar. +Irgend ein schändlicher Bube muß mich bey ihm verläumdet haben. + +Edmund. +Das fürcht' ich eben; ich bitte euch, weichet ihm sorgfältig aus, +bis sich seine Wuth in etwas gelegt hat; und wie ich sage, kommt +mit mir in mein Zimmer, wo ich machen will, daß ihr ohne bemerkt zu +werden, Mylord reden hören könnet. Ich bitte euch, geht; hier ist +mein Schlüssel; wenn ihr heraus geht, so gehet bewaffnet. + +Edgar. +Bewaffnet, Bruder! + +Edmund. +Bruder, ich rathe euch das beste; ich will kein ehrlicher Mann seyn, +wenn man etwas gutes gegen euch im Sinn hat. Ich habe euch gesagt, +was ich gesehen und gehört habe; doch auf die gelindeste Art; es +kan nichts entsezlichers seyn.--Ich bitte euch, gehet. + +Edgar. +Werde ich bald wieder von euch hören? + +(Geht ab.) + + + +Zehnter Auftritt. + + +Edmund. +Ich diene euch in diesem Geschäfte. Ein leichtgläubiger Vater, und +ein edler Bruder, dessen Gemüthsart so entfernt ist jemand ein Leid +zu thun, daß er auch keines argwöhnen kan, und dessen alberne +Ehrlichkeit die Helfte meiner Ränke unnöthig macht. Ich sehe +diesem Geschäft unter die Augen. Wenn mir die Geburt keine +Ländereyen gab, so soll mein Wiz sie mir verschaffen. Mir ist +alles recht, was sich machen läßt. + +(Geht ab.) + + + +Eilfter Auftritt. +(Des Herzogs von Albanien Palast. Gonerill und Haushofmeister + treten auf.) + + +Gonerill. +Wie? mein Vater schlägt meinen Hof-Junker, weil dieser seinen +Narren ausgescholten hat? + +Hofmeister. +So ist es, Gnädige Frau. + +Gonerill. +Tag und Nacht beleidigt er mich; es vergeht keine Stunde, da er +nicht in diese oder jene grobe Übelthat aufsprudelt, die uns alle +an einander hezt; ich will es nicht länger leiden: Seine Ritter +fangen an ganz ausgelassen zu werden, und er selbst macht uns um +einer jeden Kleinigkeit willen Vorwürffe. Wenn er von der Jagd +zurük kömmt, will ich nicht mit ihm reden; sagt, ich befinde mich +nicht wol. Wenn ihr von euerm vorigen Dienst-Eifer gegen ihn +nachlasset, werdet ihr wohl thun; ich nehme die Verantwortung auf +mich. + +Hofmeister. +Er kömmt würklich, Gnädige Frau; ich hör' ihn. + +Gonerill. +Ermüdet seine Geduld durch so viel Nachlässigkeiten, als euch nur +beliebt, ihr und eure Cameraden; ich möchte gern, daß es zur +Untersuchung käme. Wenn es ihm nicht ansteht, so mag er zu meiner +Schwester gehen, deren Sinn mit dem meinigen darinn übereinkömmt, +sich nicht beherrschen lassen zu wollen; der thörichte alte Mann, +der alle diese Gewalt immer ausüben will, die er doch weggegeben +hat. Nun, bey meinem Leben! Alte Leute werden wiederum Kinder, +und müssen, wie Kinder, ausgescholten und nicht geliebkoset werden, +wenn man sieht daß sie nur unartiger davon werden. + +Hofmeister. +Euer Gnaden haben vollkommen recht. + +Gonerill. +Seinen Rittern kan man auch kältere Blike zukommen lassen; was +daraus entstehen mag, das hat nichts zu bedeuten; weiset die +übrigen Bedienten deshalben an; ich will sogleich an meine +Schwester schreiben, damit sie eben denselben Weg einschlägt--Macht, +daß das Mittag-Essen fertig wird. + +(Sie gehen ab.) + + + +Zwölfter Auftritt. +(Die Scene verändert sich in einen offnen Plaz, vor dem Palast.) + + +Kent (tritt auf, verkleidet.) +Wenn ich eben sowol einen andern Accent und eine langsamere +Aussprache annehmen kan, als ich meine Gestalt verändert habe, so +kan meine gute Absicht vielleicht zu dem völligen Endzwek kommen, +um dessentwillen ich meine Person verläugne. (Man hört Hifthörner. +Lear, seine Ritter und Bediente treten auf.) + +Lear. +Laßt mich nicht einen Augenblik auf das Mittag-Essen warten. Geht, +macht es fertig. Wie nun, wer bist du? + +(Zu Kent.) + +Kent. +Ein Mann, Sir. + +Lear. +Wofür giebst du dich? was willt du bey uns? + +Kent. +Ich gebe mich für nicht weniger, dann ich scheine; für einen, der +demjenigen treulich dienen will, der mich in Pflicht nimmt, der +ehrliche Leute liebt, und mit vernünftigen Leuten gern umgeht; der +nicht viel spricht, weil er sich vor Tadel fürchtet; der ficht, +wenn er's nicht vermeiden kan, und keine Fische ißt.* + +Lear. +Wer bist du? + +Kent. +Ein recht ehrlicher gutherziger Kerl, und so arm als der König. + +Lear. +Wenn du für einen Unterthanen so arm bist, als er es für einen +König ist, so bist du arm genug. Was willt du? + +Kent. +Dienste. + +Lear. +Wem willt du dienen? + +Kent. +Euch. + +Lear. +Kennst du mich, Bursche? + +Kent. +Nein, Sir; aber ihr habt etwas in eurer Person, das ich gerne +meinen Herrn nennen möchte. + +Lear. +Und was ist das? + +Kent. +Ansehen. + +Lear. +Was für Dienste kanst du thun? + +Kent. +Ich kan ehrliche Geheimnisse bey mir behalten, reiten, lauffen, ein +lustiges Mährchen auf eine langweilige Art erzählen, und eine +leichte Commission ungeschikt ausrichten--Wozu ein alltäglicher +Mensch nur immer tüchtig ist, dazu bin ich der Mann; und das Beste +an mir, ist Fleiß. + +Lear. +Wie alt bist du? + +Kent. +Nicht jung genug, Sir, um ein Weibsbild, wegen ihres Singens zu +lieben; und nicht alt genug, um wegen irgend einer Ursache in sie +vernarrt zu seyn. Ich hab acht und vierzig Jahr auf meinem Rüken. + +Lear. +Folge mir, ich nehme dich in meine Dienste; wenn du mir nach der +Mahlzeit nicht schlechter gefällst, so werden wir nimmer von +einander scheiden. Das Mittag-Essen! hO! das Mittag-Essen!--Wo +ist mein Schlingel? mein Narr? Geht, ruft meinen Narren her. Ihr, +Ihr, Bengel! Hört ihr, wo ist meine Tochter? (Der Haushofmeister +kömmt.) + +Hofmeister. +Wenn es beliebt-- + +(Er geht wieder ab.) + +Lear. +Was sagt der Kerl da? Ruft den Lümmel zurük--Wo ist mein Narr? ho! +Ich denke, die ganze Welt ligt im Schlaf Was ists? was sagt der +Maulaffe? + +Ritter. +Mylord, er sagt, eure Tochter befinde sich nicht wohl. + +Lear. +Warum kam der Sclave nicht zurük, als ich ihn rief? + +Ritter. +Er antwortete mir rund heraus, er wolle nicht. + +Lear. +Er wolle nicht? + +Ritter. +Mylord, ich weiß nicht was es zu bedeuten hat; aber meines +Bedünkens, wird Euer Hoheit nicht mehr mit der ehrfurchtsvollen +Zuneigung begegnet, wie ehmals--Es zeigt sich eine gewaltige +Abnahme von Freundlichkeit, sowol bey allen Bedienten, als bey dem +Herzog und Eurer Tochter selbst. + +Lear. +Ha! sagst du das? + +Ritter. +Ich bitte um Vergebung, Mylord, wenn ich mich irre; aber meine +Pflicht kan nicht schweigen, wenn ich denke, Eure Hoheit werde +beleidiget. + +Lear. +Du erinnerst mich nur an meine eigne Beobachtungen. Ich habe seit +kurzem eine höchst kaltsinnige Nachlässigkeit bemerkt, die ich aber +mehr meiner eignen allzu eifersüchtigen Aufmerksamkeit, als einer +Absicht Unfreundlichkeit gegen mich zu zeigen, beymaß. Ich will +genauer Acht geben. Aber wo ist mein Narr? ich habe ihn diese +zween Tage nicht gesehen. + +Ritter. +Seitdem meine junge Lady nach Frankreich abgegangen ist, ist er +ganz niedergeschlagen. + +Lear. +Nichts mehr hievon; ich hab es wol bemerkt. Geht, und sagt meiner +Tochter, ich möchte mit ihr reden. Und ihr geht, und ruft mir +meinen Narren her--ha--Sir! kommt ihr hieher, Sir? wer bin ich, +Sir? (Der Haushofmeister kömmt.) + +Hofmeister. +Milady's Vater. + +Lear. +Milady's Vater? Mylords Schurke! ihr Hurensohn von einem Hund, +ihr Sclave, ihr Kettenhund! + +Hofmeister. +Ich bin nichts dergleichen, Mylord, ich bitte mir's aus. + +Lear. +Darfst du solche Blike auf mich schiessen, du Galgenschwengel? + +(Er giebt ihm eine Ohrfeige.) + +Hofmeister. +Ich will nicht geschlagen seyn, Mylord. + +Kent. +Und gestürzt auch nicht, du nichtswürdiger Ballspieler, du? + +(Er unterschlägt ihm ein Bein.) + +Lear. +Ich danke dir, Camerad. Du dienst mir, und ich will dich lieben. + +Kent. +Kommt, Sir, steht auf, fort! Ich will euch einen Unterschied +machen lehren. Fort, fort! wenn ihr euern grossen Wanst noch +einmal messen wollt, so versucht es noch einmal; aber fort, pakt +euch! Seyd ihr gescheidt? So-- + +(Er schmeißt den Hofmeister hinaus.) + +Lear. +Ich danke dir, mein gutwilliger Bursche! es ist Ernst in deinem +Dienst. * In Königin Elisabeths Zeiten wurden die Papisten mit +gutem Grund für Feinde der Regierung gehalten. Daher kam die +Redensart: (Er ist ein ehrlicher Mann, und ißt keine Fische,) um +einen Freund der Regierung und Protestanten zu bezeichnen. +Fletcher zielet hierauf in seinem Weiberfeind, wo er, da Lazarillo +von der Wache vor der Courtisane Haus gefangen genommen, diese +leztere sagen läßt: Meine Herren, es freut mich daß ihr ihn entdekt +habt. Er sollte vor zwanzig Pfund unter meinem Dach nichts zu +essen gekriegt haben; und wahrhaftig er gefiel mir gleich nicht, da +er Fische verlangte. Und Marstons Niederländische Courtisane--Ich +versichre, ich bin keine von den gottlosen Leuten, die am Freytag +Fische essen. + + + +Dreyzehnter Auftritt. +(Der Narr kömmt zu ihnen.) + + +Narr. +Ich will ihn auch miethen--Hier ist meine Kappe. -- + +(Er giebt ihm seine Kappe.) + +Lear. +Wie, mein artiger Schurke! was thust du? + +Narr. +Ihr Esel, ihr thätet am besten, wenn ihr meine Kappe--nähmet. + +Kent. +Warum, Junge? + +Narr. +Warum? Weil sich jemands anzunehmen, gefährlich ist; wenn du nicht +lächeln kanst wie der Wind geht, so wirst du bald den Schnuppen +kriegen. Hier, nimm meine Schellen-Kappe--Wie, dieser Bursche hier +hat zwo von seinen Töchtern verbannt, und der dritten einen Segen +wider seinen Willen gegeben; wenn du ihm folgst, so must du +nothwendig meine Kappe tragen. Wie gehts, Onkel? Ich wollt, ich +hätte zwo Kappen und zwo Töchter. + +Lear. +Warum das, Junge? + +Narr. +Wenn ich ihnen alle meine Haab und Gut gebe, so will ich meine +Kappe für mich selbst behalten. Hier ist meine, bettle du eine von +deinen Töchtern. + +Lear. +Nimm dich in Acht, Schurke! Die Peitsche-- + + +Narr. +Die Wahrheit ist ein Hund, sie muß in den Hundsstall; muß +hinausgepeitscht werden, wenn der Lady ihre Brake beym Feuer sizen +und stinken darf. + +Lear. +Das ist ein verdammter Stich! + +Narr (zu Kent.) +Kerl, ich will dich reden lehren. + +Lear. +Thu es. + +Narr. +Gieb Acht, Nonkel! +Hab mehr dann du zeigst, +Sprich minder als du verschweigst, +Leyh minder als du hast, +Reit mehr als du gehst, +Lern mehr als du glaubst, +Seze minder als du wirfst, +Laß deinen Wein und dein Mensch, +Und bleib fein zu Hause, +So wirst du mehr haben als zwey +Zehner zu zwanzig. + +Kent. +Das ist nichts, Narr. + +Narr. +So ist es wie der Athem eines unbezahlten Advocaten; ihr gebet mir +nichts davor; könnt ihr nichts zu nichts gebrauchen, Nonkel? + +Lear. +Wie? Nein, Junge; man kan nichts aus nichts machen. + +Narr (zu Kent.) +Ich bitte dich, sag ihm, so hoch belauffen sich just die Einkünfte +von seinen Ländern; er würd' es einem Narren nicht glauben. + +Lear. +Ein bittrer Narr! + +Narr. +Junge, weist du den Unterschied zwischen einem bittern Narren, und +einem süssen? + +Lear. +Nein; sag ihn dann. + +Narr. +Der Lord, der dir rieth dein Land wegzugeben, komm, laß ihn hier zu +mir hersizen, und du steh vor ihn hin; so wird man den bittern und +den süßen Narren nicht lange suchen müssen; der ist persönlich hier, +und der andere dort. + +Lear. +Nennst du mich einen Narren, Junge? + +Narr. +Alle deine andre Titel, mit denen du gebohren warst, hast du +weggegeben. + +Kent. +Diß ist nicht so ganz und gar närrisch, Mylord. + +Narr. +Nein, mein Treu! Lords und grosse Herren wollen mir's nicht lassen; +wenn ich ein Monopolium dafür hätte, so würden sie auch einen +Antheil daran haben wollen; ja die Damen noch dazu, sie würden +nicht leiden wollen, daß ich alles Närrische für mich allein hätte, +sie würden mich bemausen. Gieb mir ein Ey, Nonkel, so will ich dir +zwo Kronen geben. + +Lear. +Was für zwo Kronen sollen das seyn? + +Narr. +Was? Wenn ich das Ey mitten in zwey geschnitten, und was darinn +ist, aufgegessen habe, so geb ich dir die zwo Kronen von den +Schaalen. Wie du deine Krone mitten in zwey gespalten, und beyde +Theile weggegeben hast, da trugst du deinen Esel auf dem Rüken +durch den Koth; du hattest wenig Wiz in deiner kahlen Krone, wie du +deine göldne weg gabst; wenn ich hierinn mir selbst gleich rede, so +laß den peitschen, der es zuerst wahr findet. + +(Der Narr singt ein Liedchen.) + +Lear. +Seit wenn seyd ihr so liederreich, Herr Bengel? + +Narr. +Schon lange vorher, eh du deine Töchter zu deinen Müttern machtest; +denn wie du ihnen die Ruthe gabst, und deine eigne Hosen herunter +liessest, da-- + +(Er singt wieder ein Liedchen.) + +* Ich bitte dich, Nonkel, halt einen Schulmeister, der den Narren +lügen lehre; ich habe eine rechte Lust lügen zu lernen. + +{ed.-* Der Übersetzer bekennt, daß er sich ausser Stand sieht, +diese, so wie künftig, noch manche andre Lieder von gleicher Art +zu übersezen; denn mit dem Reim verliehren sie alles. Er hat sie +inzwischen hieher sezen wollen, damit andre, wenn sie Lust haben, +mit mehrerm Erfolg, sich daran versuchen können. + +(1.) Fools ne'er had less grace in a Year +for wise Men art grown foppish; +And Know not how their Wits to wear +their Manners are so apish. +(2.) Then they for sudden joy did weep +And I for sorrow sung, +That such a King should play bo-peep +And go the fools among.} + +Lear. +Wenn du liegst, Schurke, so wirst du gepeitscht. + +Narr. +Mich wundert, von was für einer Art Geschöpfe du und deine Töchter +sind; sie wollen mich peitschen lassen, wenn ich die Wahrheit sage; +du willt mich peitschen lassen, wenn ich lüge; und zuweilen werd' +ich gepeitscht, weil ich gar nichts sage; ich wollte lieber irgend +etwas anders seyn als ein Narr; und doch wollte ich nicht Du seyn, +Nonkel! Du hast deinen Wiz an beyden Enden abgeschnitten, und +nichts in der Mitte gelassen. Hier kömmt eines von den Stüken. + + + +Vierzehnter Auftritt. +(Die Vorigen. Gonerill.) + + +Lear. +Wie nun, Tochter? was will diß Stirnband hier? Ihr rumpft seit +kurzem die Stirne ein wenig zu viel. + +Narr. +Du warest ein ganz hübscher Kerl, wie du nicht nöthig hattest, dich +um ihre Falten zu bekümmern--Nun bist du ein 0 ohne Zahl; ich bin +besser als du izt bist; ich bin ein Narr, und du bist nichts.--Doch, +ja, mein Treu! ich will mein Maul halten-- + +(zu Gonerill) + +so befiehlt mir euer Gesicht, ob ihr gleich nichts sagt. + +(Er singt wieder.) + +(Zu Lear.) Du bist eine gescheelte Bohne. + +Gonerill. +Nicht allein, Sir, dieser euer zaumloser Narr, sondern auch andre +von euerm übermüthigen Gefolge, fangen hier stündlich Zank und +Händel an, und brechen in ganz ausgelassene und unerträgliche +Unordnungen aus. Ich dachte, wenn euch dieses nur bekannt gemacht +würde unfehlbare Hülfe zu finden; aber nun muß ich allerdings aus +dem was ihr erst kürzlich gesagt und gethan habt besorgen, daß ihr +diese Ausschweiffungen in euern Schuz nehmet, und sogar selbst +aufmuntert; thut ihr's, so wird der Fehler dem Tadel nicht entgehen, +noch wird es an Mitteln fehlen, Einhalt zu thun; die, obgleich zu +euerm Besten abgesehen, doch die unangenehme Folge haben möchten, +daß ihr, nicht ohne Schaam, von der Nothwendigkeit eine +vorsichtigere Aufführung lernen müßtet. + +Narr. +Denn ihr wißt, Nonkel, der Sperling nährte den Kukuk so lang, bis +seine Jungen ihm den Kopf abbissen; So löscht das Licht aus, und +wir sizen im Finstern. + +Lear. +Seyd ihr unsre Tochter? + +Gonerill. +Ich wünschte, ihr möchtet einen Gebrauch von dem guten Verstand +machen, womit ihr, wie ich weiß, so wol versehen seyd; und diese +Dispositionen von euch thun, die euch seit kurzem zu etwas ganz +anderm machen, als ihr ordentlicher Weise seyd. + +Narr. +Kan ein Esel nicht wissen, wenn der Karren das Pferd zieht? Schrey, +Nachtigall, ich liebe dich. + +Lear. +Kennt mich hier jemand? Diß ist nicht Lear! Geht Lear so? +spricht er so? wo sind seine Augen? Entweder ist sein Hirn +geschwächt, sein Verstand in Todesschlaf versunken--Ha! wach ich?-- +Es ist nicht so! wer ist hier, der mir sagen kan, wer ich bin? +Lear's Schatten? Ich möcht' es gern erfahren; denn nach den +Kennzeichen der untrüglichen Vernunft zu schliessen, stand ich in +einem falschen Wahn, da ich Töchter zu haben glaubte. Euer Name, +schönes Frauenzimmer? + +Gonerill. +Diese Verwundrung, Sir, ist sehr im Geschmak eurer übrigen neuen +Grillen. Ich bitte euch, meine Absichten recht zu verstehen. So +wie ihr alt und ehrwürdig seyd, solltet ihr auch weise seyn. Ihr +haltet hier hundert Ritter und Schildknappen, so ausgelassenes, +verwegenes und schwelgerisches Volk, daß dieser unser Hof, von +ihren Sitten angestekt, einer liederlichen Schenke gleich sieht; +Epicurisches Wesen und Unzucht machen ihn mehr einem Weinhaus und +Bordel, als einem fürstlichen Palast ähnlich. Die Schaam selbst +spricht für ungesäumte Hülfe. Lasset euch von einer erbitten, die +sonst das was sie bittet nehmen wird, euer Gefolge um fünfzig zu +vermindern; und die übrig bleibenden solche Leute seyn zu lassen, +die sich für eure Jahre schiken, und sich selbst und euch kennen. + +Lear. +Finsterniß und Teufels! Sattelt meine Pferde! Ruft meine Leute +zusammen--Ausgearteter Bastard! Ich will dich nicht beunruhigen. +Ich habe noch eine Tochter übrig. + +Gonerill. +Ihr schlagt meine Leute; und euer zügelloses Gesindel will von +Leuten bedient seyn, die besser als sie sind. + + + +Fünfzehnter Auftritt. +(Zu ihnen, der Herzog von Albanien.) + + +Lear. +Weh dem, den zu spät die Reue trift! O Sir! seyd ihr gekommen? +Ist es euer Wille, sprecht, Sir? laßt meine Pferde bereit halten-- +Undankbarkeit! du marmorherziger Teufel; scheußlicher wenn du dich +in einem Kind zeigst, als in einem Meer-Ungeheuer. + +Albanien. +Ich bitte, Sir, seyn Sie geduldig. + +Lear + +(zu Gonerill).) +Verdammter Habicht! Du lügst! Mein Gefolge sind ausgesuchte Leute, +von den seltensten Gaben, die alles kennen, was die Pflicht von +einem Ritter fordert, und die den Adel ihrer Namen in allen Stüken +behaupten--O sehr kleiner Fehler! Wie häßlich schienst du an +Cordelia! da du, gleich einem Hebel, meine ganze Natur aus ihrer +gewohnten Stellung hubst, und alle Liebe aus meinem Herzen zogst, +und zu Galle machtest--O Lear, Lear, Lear! Schlag an diese Thür, + +(Er schlägt sich an den Kopf.) + +die deine Thorheit ein- und deine Vernunft ausließ--Geht, geht, +meine Leute. + +Albanien. +Mylord, ich bin so unschuldig, daß ich nicht einmal weiß, was euch +in diesen Unwillen gesezt hat. + +Lear. +Es mag so seyn, Mylord--Höre mich, Natur, theure Göttin, höre einen +Vater! Hemme deinen Vorsaz, wenn er war, diß Geschöpf fruchtbar zu +machen. Banne Unfruchtbarkeit in ihre Schooß, trokne die Werkzeuge +der Vermehrung in ihr auf, und laß niemals aus diesem geschändeten +Leib einen Säugling entspringen, der ihr Ehre mache. Muß sie aber +gebähren, so erschaff ihr Kind aus Galle, und laß es leben, sie +ohne Rast mit unnatürlicher Bosheit zu peinigen; laß es Runzeln in +ihre junge Stirne graben, und mit glühenden Thränen Canäle in ihre +Wangen äzen; laß es alle ihre Mutter-Schmerzen, mit Hohngelächter, +alle ihre Wohlthaten mit Verachtung erwiedern; damit sie fühle, wie +viel schärfer als einer Schlange Biß es ist, ein undankbares Kind +zu haben! Geht, geht, meine Leute! + +Albanien. +Nun, ihr Götter, die wir anbeten, woher kommt diß! + +Gonerill. +Bekümmert euch nicht, es zu wissen, sondern laßt seinem Wahnwiz +freyen Lauf-- + +Lear. +Was? Fünfzig von meinem Gefolge auf einen Streich!--Innerhalb +vierzehn Tagen! -- + + +Albanien. +Was ist denn die Sache, Mylord? + +Lear. +Ich will dir's sagen--Leben und Tod!-- + +(zu Gonerill) + +ich schäme mich, daß du Macht hast meine Mannheit also zu +erschüttern!--O! daß diese heissen Thränen, die mit Gewalt aus +meinen Augen brechen, dich ihrer würdig machen könnten--Stürme und +Wetter über dich! daß nichts dich gegen die unheilbaren Wunden des +Fluchs eines Vaters schüze!--Ihr alten unmännlichen Augen, weint +ihr schon wieder? Ich will euch ausreissen und wegwerffen, um mit +dem Wasser das ihr verliehrt, Leim zu waschen. Ha! ist es dazu +gekommen! So sey es dann: Ich habe eine andre Tochter, die, wie +ich gewiß bin, zärtlich und hülfreich ist; wenn sie diß von dir +hören wird, sie wird dein wolfisches Gesicht mit ihren Nägeln +zerkrazen; du sollt finden, daß ich die Gestalt wieder annehmen +werde, die ich, deiner Einbildung nach, auf ewig abgelegt habe. + +(Lear und Gefolge gehen ab.) + + + +Sechszehnter Auftritt. + + +Gonerill. +Hörtet ihr das? + +Albanien. +Die grosse Liebe die ich zu euch trage, kan mich nicht so +partheyisch machen, Gonerill-- + + +Gonerill. +Ich bitte euch, seyd ruhig--Wie? Oswald; hO! Ihr, Sir, mehr +Spizbube als Narr, folgt euerm Herrn. + +Narr. +Nonkel Lear, Nonkel Lear! warte, nimm den Narren mit dir. Ein +Fuchs, wenn jemand einen gefangen hat, und eine solche Tochter +sollten beyde erdrosselt werden, wenn ich für meine Kappe einen +Strik kauffen könnte; und hiemit zieht der Narr ab. + +(Geht ab.) + +Gonerill. +Dieser Mann hat gute Anschläge!--Hundert Ritter? das wäre +politisch, und sicher, ihn hundert Ritter halten zu lassen-- +Wahrhaftig! damit er wegen eines jeden Traums, einer jeden Grille, +jeder kleinen Beschwerung oder Unzufriedenheit wegen, seinen +Aberwiz durch ihre Macht schüzen, und unser Leben in seiner +Willkühr haben könnte--Oswald, sag ich! + +Albanien. +Eure Furcht kan zu weit gehen-- + +Gonerill. +Es ist sicherer, als zuviel trauen. Laßt mich immer die Kränkungen +die ich befürchte, aus dem Wege räumen, anstatt immer zu fürchten, +daß ich gekränkt werde. Ich kenne sein Herz; ich habe meiner +Schwester geschrieben, was für Reden er ausgestossen hat; wenn sie +ihn mit seinen hundert Rittern unterhalten wird, nachdem ich ihr +die Unschiklichkeit davon gezeigt haben werde. -- +(Der Haushofmeister kömmt.) Wie steht es, Oswald? Habt ihr den +Brief an meine Schwester geschrieben? + +Hofmeister. +Ja, Gnädige Frau. + +Gonerill. +Nehmet einige Leute mit euch, und ohne Verzug zu Pferde; berichtet +sie umständlich von allen meinen Besorgnissen, und füget solche +Gründe von euern eignen bey, die zu derselben Bestätigung dienen +können. Eilet, und beschleuniget eure Rükkunft. + +(Der Hofmeister geht ab.) + +Nein, nein, Mylord, ob ich gleich diese milchigte Gelindigkeit +eurer Gemüthsart nicht schelten will, so werdet ihr doch, mit +Erlaubniß, mehr wegen Mangel an Klugheit getadelt, als wegen dieser +harmlosen Mildigkeit gepriesen. + +Albanien. +Wie weit eure Augen ins Verborgne dringen mögen, kan ich nicht +sagen; aber die Bestrebung nach etwas besserm, beraubt uns oft +dessen was gut war. + +Gonerill. +Nun dann-- + +Albanien. +Wohl, wohl, der Ausgang-- + +(Sie gehen ab.) + + + +Siebenzehnter Auftritt. +(Ein Vorhof an des Herzogs von Albaniens Palast.) +(Lear, Kent, Ritter und Narr treten wieder auf.) + + +Lear. +Geht ihr voraus zu Gloster mit diesen Briefen. Sagt meiner Tochter +von allem was ihr wißt, nichts weiter, als was sie euch aus dem +Briefe fragen wird; wenn ihr nicht sehr eilfertig seyn werdet, so +werde ich vor euch dort seyn. + +Kent. +Ich will nicht schlafen, Mylord, bis ich eure Briefe abgegeben habe. + +(Geht ab.) + +Narr. +Wenn jemands Hirn in seinen Fußsolen wäre, wäre es nicht in Gefahr, +Schwülen zu kriegen? + +Lear. +Freylich, Junge. + +Narr. +So bitt' ich dich, sey nur gutes Muths, dein Wiz wird die Schuhe +nie zu Pantoffeln machen müssen. + +Lear. +Ha, ha, ha! + +Narr. +Wirst sehen, deine andre Tochter wird freundlich gegen dich seyn; +denn, wenn sie schon dieser hier so ähnlich sieht als ein Holzapfel +einem Apfel, so weiß ich doch wol, was ich weiß-- + +Lear. +Was weist du denn, Junge? + +Narr. +Sie wird dieser hier so ähnlich schmeken als ein Holzapfel einem +Holzapfel. Kanst du sagen, warum einer seine Nase mitten im +Gesichte stehen hat? + +Lear. +Nein. + +Narr. +Warum? Damit er auf jeder Seite seiner Nase ein Auge habe, um das +was er nicht riechen kan, zu sehen. + +Lear (vor sich). +(Ich that ihr Unrecht)-- + +Narr. +Kanst du sagen, wie eine Auster ihre Schaale macht? + +Lear. +Nein. + +Narr. +Ich auch nicht; aber ich kan sagen, warum eine Schneke ihr Haus +trägt. + +Lear. +Warum? + +Narr. +Warum? ihren Kopf darein zu ziehen, und nicht es an ihre Töchter +zu verschenken, und ihre Hörner ohne Futteral zu lassen. + +Lear. +Ich will meine Natur vergessen--ein so gütiger Vater! Sind meine +Pferde fertig? + +Narr. +Deine Esel sind gegangen, darnach zu sehen; die Ursache, warum das +Sieben-Gestirn nicht mehr als sieben Sterne hat, ist eine artige +Ursache. + +Lear. +Weil es nicht acht sind. + +Narr. +Das ist es, in der That--du würdest einen feinen Narren abgeben. + +Lear. +Es mit Gewalt wieder zu nehmen!--Ungeheuer von Undankbarkeit! + +Narr. +Nonkel, wenn ihr mein Narr wäret, so würd' ich dich geprügelt haben, +weil du vor der Zeit alt worden bist. + +Lear. +Wie so? + +Narr. +Du hättest nicht alt werden sollen, bis du klug gewesen wärest. + +Lear. +O! laß mich nicht wahnwizig werden, nicht wahnwizig, gütiger +Himmel! Erhalte mich gelassen, ich möchte nicht wahnwizig seyn. +(Ein Ritter kömmt.) Sind die Pferde fertig? + +Ritter. +Ja, Mylord. + +Lear. +Komm, Junge. + +(Sie gehen ab.) + + + + +Zweyter Aufzug. + + + +Erster Auftritt. +(Ein Schloß des Grafen von Gloster.) +(Edmund und Curan treten von verschiedenen Seiten auf.) + + +Edmund. +Glük zu, Curan! + +Curan. +Und euch, Sir. Ich bin bey euerm Vater gewesen, und habe ihm +angesagt, daß der Herzog von Cornwall und Regan seine Gemahlin, +heute bey ihm übernachten werden. + +Edmund. +Wie kömmt das? + +Curan. +Das weiß ich nicht; ihr habt ohne Zweifel gehört was Neues vorgeht-- +ich meyne Neuigkeiten, die ins Ohr geflüstert werden; denn es sind +noch Heimlichkeiten. + +Edmund. +Ich weiß nichts; ich bitte euch, was ist es? + +Curan. +Habt ihr nichts von einem vermuthlichen Krieg zwischen den Herzogen +von Cornwall und Albanien gehört? + +Edmund. +Nicht ein Wort. + +Curan. +So könnt ihr euch beizeiten anschiken. Lebet wohl, Sir. + +(Gehen ab.) + + + +Zweyter Auftritt. + + +Edmund. +Der Herzog auf die Nacht hier! desto besser! ja das Beste! Das +webt sich selbst mit Gewalt in mein Geschäfte ein. Mein Vater hat +Wachen ausgestellt, sich meines Bruders zu bemächtigen; und ich +habe nur noch eine Kleinigkeit zu verrichten--Kürze und Glük!-- +Bruder, ein Wort, kommt herunter; Bruder, sag ich-- +(Edgar kömmt.) Mein Vater wacht--O Sir, flieht diesen Ort. Es ist +verrathen worden, wo ihr verborgen seyd; ihr habt izt den Vortheil +der Nacht--Habt ihr nichts wider den Herzog von Cornwall +gesprochen? Er kömmt noch diese Nacht hieher, in gröster Eile, und +Regan mit ihm; habt ihr nichts zum Besten seiner Parthey wider den +Herzog von Albanien gesprochen? Besinnet euch! + +Edgar. +Ich kan euch versichern, kein Wort. + +Edmund. +Ich höre meinen Vater kommen. Verzeihet mir--aus Verstellung muß +ich meinen Degen gegen euch ziehen.--Ziehet, stellet euch als ob +ihr euch vertheidiget--Nun ist es genug, weichet--kommt meinem +Vater zuvor-- + +(laut) + +Licht, he! holla! + +(leise) + +Flieht, Bruder-- + +(laut) + +Fakeln! + +(leise) + +lebet wohl! + +(Edgar flieht.) + +Ein wenig Blut würde die Meynung erweken, daß ich einen härtern +Stand gehabt hätte, + +(er verwundet sich am Arm.) + +Ich habe Trunkenbolde gesehen, die nur zum Scherz mehr gethan +haben als diß; + +(laut) + +Vater, Vater! Haltet ihn! Haltet ihn! Will mir niemand helfen? + + + +Dritter Auftritt. +(Gloster und Bediente mit Fakeln.) + + +Gloster. +Nun, Edmund, wo ist der Bösewicht? + +Edmund. +Hier stund er im Finstern, sein blosses Schwerdt in der Hand, und +murmelte verfluchte Zauberwörter um den Mond zu beschwören, seinem +Vorhaben günstig zu seyn-- + +Gloster. +Aber wo ist er dann? + +Edmund. +Sehen Sie, Mylord, ich blute. + +Gloster. +Wo ist der Bösewicht, Edmund? + +Edmund. +Dahinaus floh' er, Mylord, wie er sahe daß es unmöglich war-- + +Gloster. +Verfolgt ihn, fort, sezt ihm nach!--daß es unmöglich war--Was? + +Edmund. +Mich zu bereden, Euer Gnaden zu ermorden; sondern ich ihm entgegen +hielt, daß die rächenden Götter alle ihre Donnerkeile auf +Vatermörder schiessen, und mit wie vielen und grossen Pflichten ein +Sohn seinem Vater verbunden sey--Kurz, Mylord, da er sah' wie sehr +ich seinem unnatürlichen Vorhaben entgegenstund, fiel er mich in +gröster Wuth an, da ich mich nichts weniger versah', und verwundete +mich am Arm; wie er aber merkte, daß meine billig aufgebrachte +Lebensgeister, kühn auf die Gerechtigkeit meiner Sache, sich seinem +Angriff entgegensezten, oder vielleicht weil ihn der Lerm den ich +machte, erschrekte, floh' er plözlich davon. + +Gloster. +Laßt ihn fliehen: in diesem Land kan er nicht bleiben, ohne +gefangen zu werden, und nicht gefangen werden, ohne seinen Lohn zu +bekommen. Der Herzog, mein Herr, mein würdiger Gebieter und Gönner, +kommt diese Nacht; unter seinem Namen, will ich ausruffen lassen, +daß derjenige, der ihn findet, und den meuchelmördrischen Buben zu +seiner Straffe einliefert, unsern Dank, und wer ihn verbirgt, den +Tod zum Lohn haben soll. + +Edmund. +Als ich ihn von seinem Vorhaben abmahnte, und ihn so entschlossen +fand, es zu vollbringen, drohte ich ihm zulezt mit heftigen +Ausdrüken ihn zu verrathen--Du unverständiger Bastard, antwortete +er mir, meynst du wenn ich gegen dir stünde, irgend eine Meynung, +die man von deiner Treue, Tugend oder Rechtschaffenheit gefaßt +haben kan, würde deinen Worten Glauben verschaffen, wenn ich läugne, +wie ich thun werde, und wenn du auch meine eigne Handschrift +aufweisen würdest! Ich wollte machen, daß alles deinem Antrieb, +deinen geheimen Absichten und verdammten Ränken beygemessen würde; +und du müßtest einen Dummkopf aus der Welt machen, wenn sie nicht +denken sollte, die Vortheile die du von meinem Tode hättest, seyen +stark genug dich anzuspornen, ihn zu suchen. + +Gloster. +O! unerhörter verhärtetet Bösewicht!--Er wollte seinen Brief +ableugnen?--Nein, ich hab ihn nicht gezeugt.--Höre, des Herzogs +Trompeten! Ich weiß nicht warum er kömmt--Alle Häven will ich +sperren--Der Lasterbube soll nicht entrinnen--Das muß mir der +Herzog bewilligen; auch will ich sein Bildniß allenthalben +umherschiken, damit das ganze Königreich die nöthige Kenntniß von +ihm habe; und von allen meinen Ländereyen, will ich dich, mein +getreuer und natürlicher Sohn, erbfähig zu machen wissen. + + + +Vierter Auftritt. +(Cornwall, Regan und Gefolge.) + + +Cornwall. +Wie geht's, mein edler Freund? Seit ich hier angelangt bin, +welches doch nur eben izt ist, hab ich seltsame Neuigkeiten gehört. + +Regan. +Wenn sie wahr sind, so fällt alle Rache zu kurz, die den +Übelthäter verfolgen kan; wie befindet ihr euch, Mylord? + +Gloster. +O, Madam, mein altes Herz ist gebrochen, in Stüken zerschlagen! + +Regan. +Wie? Meines Vaters Taufpathe;* der, dem mein Vater den Namen gab, +euer Edgar? + +{ed.-* Hier vergißt der Poet mit einer ihm sehr gewöhnlichen +Distraction, daß seine Personen Heiden sind.} + +Gloster. +O Lady, Lady, die Schaam möchte es verbergen können! + +Regan. +War er etwann ein Gespiel von den lüderlichen Rittern, die meinen +Vater bedienen? + +Gloster. +Ich weiß es nicht, Gnädige Frau; es ist zu arg, zu arg! + +Edmund. +Ja, Gnädige Frau, er war von dieser Cameradschaft. + +Regan. +Kein Wunder also, wenn er so schlimme Dinge vornahm; sie sind es, +die ihn zur Ermordung des alten Mannes aufgemuntert haben, um seine +Einkünfte mit ihm verprassen zu können. Ich habe eben diesen Abend +von meiner Schwester genaue Nachrichten von ihnen erhalten, und mit +solchen Umständen, daß wenn sie kommen, sich in meinem Haus +aufzuhalten, ich nicht daheim seyn werde. + +Cornwall. +Noch ich, das versichre ich dich, Regan. Ich höre, Edmund, daß ihr +euerm Vater eine grosse Probe von kindlicher Liebe gegeben habt. + +Edmund. +Es war meine Pflicht, Mylord. + +Gloster. +Er entdekte seine boshaften Anschläge, und bekam diesen Stoß von +ihm, wie ihr sehet, da er sich bemühete ihn abzuhalten. + +Cornwall. +Wird er verfolgt? + +Gloster. +Ja, mein gütiger Lord. + +Cornwall. +Wenn er ertappt wird, so soll jedermann seinetwegen ausser Furcht +gesezt werden: Bedient euch hierinn aller meiner Gewalt nach euerm +eignen Gefallen. Was euch betrift, Edmund, dessen Tugend und +kindliche Treue sich in dieser Probe selbst empfiehlt, Ihr sollt +der Unsrige seyn; Gemüther von so vollkommner Zuverlässigkeit haben +wir am meisten nöthig; wir bemächtigen uns hiemit Eurer Dienste. + +Edmund. +Aufs wenigste, werde ich Euer Gnaden getreulich dienen. + +Gloster. +Ich danke Euer Gnaden. + +Cornwall. +Ihr wißt nicht, warum wir euch diesen Besuch machen-- + +Regan. +Bey so ungewohnter Zeit, und in der finstersten Nacht;--Umstände, +edler Gloster, von einigem Gewicht, worinn wir euers Raths bedürfen, +veranlasen uns. Unser Vater, unsre Schwester, haben beyde über +Zwistigkeiten geschrieben, die ich am füglichsten aus euerm Hause +beantworten zu können glaubte; die verschiedenen Boten erwarten von +hier, abgefertiget zu werden. Ihr, unser guter alter Freund, +helfet zu unsrer Beruhigung, und ertheilet euern nöthigen Rath zu +unsern Angelegenheiten, welche augenblikliche Besorgung erfodern. + +Gloster. +Ich bin zu Dero Diensten, Madame; Euer Gnaden sind höchlich +willkommen. + +(Sie gehen ab.) + + + +Fünfter Auftritt. +(Kent und der Haushofmeister der Lady Gonerill treten von + verschiedenen Seiten auf.) + + +Hofmeister. +Einen guten Abend, Freund; bist du hier vom Hause? + +Kent. +Ja. + +Hofmeister. +Wo können wir unsre Pferde abstellen? + +Kent. +Im Koth. + +Hofmeister. +Sey so gut und sag mir's, wenn du mich liebst. + +Kent. +Ich liebe dich nicht. + +Hofmeister. +So frag ich auch nichts nach dir. + +Kent. +Wenn ich dich kreuzweise gebunden in Lipsbury hätte, ich wollte +dich lehren nach mir zu fragen. + +Hofmeister. +Warum begegnest du mir so, der ich dich nicht einmal kenne? + +Kent. +Ich kenne dich, Bursche. + +Hofmeister. +Wofür kennst du mich dann? + +Kent. +Für einen Schlingel, einen Schurken, einen Tellerleker, einen +niederträchtigen, hochmüthigen, holen, bettlermässigen, drey- +rokichten, schmuzigen, lumpichten Schurken, einen weißleberichten, +maußköpfigen Schurken, einen Huren-Sohn von einem glasaugichten, +überdienstfertigen, abgefeimten Galgenschwengel; einen, der eine +Kupplerin seyn würde, um jemanden einen Dienst zu thun, und der +nichts anders ist als eine Composition von einem Spizbuben, einem +Bettler, einer Memme und einem Hurenwirth, und der Sohn und Erbe +einer Bastard-Hündin; einen den ich prügeln will, bis du wie ein +kleiner Junge weinst, wofern du nur eine einzige Sylbe von diesem +deinem Titel läugnest. + +Hofmeister. +Wie? was für ein ungeheurer Kerl bist du, einen Menschen so zu +schimpfen, den du nicht kennst, und der dich nicht kennt? + +Kent. +Und was für ein ausgeschämter Raker bist du, zu läugnen, daß du +mich kennst? Ist es schon zwey Tage, seitdem ich dir ein Bein +unterschlug, und dich vor dem König prügelte? Zieht vom Leder, ihr +Schurke; wenn es schon Nacht ist, so scheint doch der Mond; ich +will machen, daß er durch euch hindurch scheinen soll; ihr +Hurensohn von einem rakermässigen Bartkrazer, zieht. + +Hofmeister. +Fort, ich habe nichts mit dir zu thun. + +Kent. +Zieht, ihr Halunke! Ihr kommt mit Briefen wider den König, und +nehmt des Püppchens (Vanitas) Parthey wider die Majestät ihres +Vaters; zieht, ihr Lumpenhund, oder ich will eure Beine dermassen +rösten--zieht, sage ich, hieher, Schurke-- + +Hofmeister. +Hülfe! ho! Mörder! Mörder! Hülfe! + +Kent. +Wehr dich, du Sclave! Steh, Galgenschwengel, steh, du +mausköpfichter Sclave, wehre dich. + +(Er prügelt ihn.) + +Hofmeister. +Hülfe, ho! Mörder! Mörder!-- + + + +Sechster Auftritt. +(Edmund, Cornwall, Regan, Gloster und Bediente.) + + +Edmund. +Was giebts hier? Was habt ihr mit einander?--Hinweg-- + + +Kent. +Mit euch, Herr Bube, wenn es euch beliebt; kommt, ich will euch +trillen; hieher, junger Herr! + +Gloster. +Waffen? Schwerdter? Was sind das für Händel hier? + +Cornwall. +Haltet Frieden, so lieb euch euer Leben ist; der ist des Todes, der +noch einmal schlägt; was ist die Sache? + +Regan. +Es sind die Abgeschikten von unsrer Schwester, und vom König. + +Cornwall. +Was ist euer Zwist? redet. + +Hofmeister. +Ich kan kaum Athem holen, Mylord. + +Kent. +Kein Wunder, da ihr eure Dapferkeit so angespornt habt; ihr +hasenfüssiger Schurke! Die Natur sagt sich von allem Antheil an +dir los; ein Schneider machte dich. + +Cornwall. +Du bist ein seltsamer Bursche--ein Schneider einen Menschen machen! + +Kent. +Ich, Mylord, ein Schneider, ein Steinmez, oder ein Mahler, könnten +ihn nicht so schlecht gemacht haben, wenn er auch nur zwo Stunden +in der Arbeit gewesen wäre. + +Cornwall. +Aber sagt, worüber euer Zank entstanden? + +Hofmeister. +Der alte Jauner, Mylord, dessen Leben ich aus Achtung für seinen +grauen Bart gesparet habe,-- + +Kent. +Du Hurensohn von einem Zet; du unnöthiger Buchstabe! Mylord, wenn +ihr mir Erlaubniß geben wollt, so will ich diesen ungereiterten +Galgenschwengel in einem Mörsel stossen, und die Mauer eines +Secrets mit ihm anstreichen. Meinen grauen Bart sparen--du +Bachstelze! + +Cornwall. +Halt ein, Flegel! du viehischer Schurke--kennst du keine Ehrfurcht? + +Kent. +Ja, Sir, aber Zorn hat ein Privilegium. + +Cornwall. +Warum bist du zornig? + +Kent. +Daß solch ein Sclave wie dieser, ein Schwerdt tragen soll, der +keinen ehrlichen Blutstropfen im Leib hat; solche lächelnde +Schurken wie dieser, beissen oft, gleich den Razen, die heiligen +Knoten entzwey, die zu verflochten sind um aufgelöst zu werden; +schmeicheln jeder Leidenschaft die ihre Herren dahinreißt, schütten +Öl in die Flamme, und Eis in ihren Kaltsinn; verneinen, bejahen, +und drehen ihren Eisvogels-Schnabel nach jedem veränderlichen +Lüftchen ihrer Gebieter; als Leute, die gleich den Hunden nichts +wissen, als andern nachzulauffen. Daß die Pest ein solch +epileptisches Gesicht!--Ihr lächelt zu meinen Reden als ob ich ein +Narr sey! Ihr Gänse, hätte ich euch auf der Ebne von Salisbury, +ich wollte euch schnatternd bis heim nach Camelot* treiben. + +{ed.-* Diß war der Ort, wo, nach den Romanzen, König Arthur sein +Hoflager im Westen hatte; und es scheint also dieses eine +Anspielung auf irgend eine sprüchwörtliche Redensart in den alten +Ritterbüchern zu seyn.} + +Cornwall. +Bist du aberwizig, alter Bursche? + +Gloster. +Wie kamet ihr aus? Sagt uns das. + +Kent. +Es ist keine solche Antipathie in der Natur, als die meinige gegen +einen solchen Schlingel. + +Cornwall. +Warum nennst du ihn einen Schlingel? was ist sein Vergehen? + +Kent. +Ich kan seine Figur nicht leiden. + +Cornwall. +Vielleicht die meinige, oder dieser oder dessen hier nicht besser. + +Kent. +Herr, meine Art ist aufrichtig zu seyn: Ich habe zu meiner Zeit +bessere Gesichter gesehen, als auf irgend einer Schulter stehen, +die ich diesen Augenblik vor mir habe. + +Cornwall. +Diß ist einer von den Burschen, die, wenn sie etwann einmal wegen +einer Brüskerie gelobt worden, eine verdrießliche Grobheit +affectieren, und sich von allen Gesezen des eingeführten Wohlstands +los machen--"Er kan nicht schmeicheln, er--ein ehrlicher Mann muß +aufrichtig seyn, er muß die Wahrheit reden; wollen sie sich's +gefallen lassen, gut; wo nicht, so ist er aufrichtig." Diese Art +von Spizbuben kenn ich, die unter dieser Aufrichtigkeit oft mehr +Arglist und schlimmere Absichten verbergen, als zwanzig solcher +seidenen untertauchenden Hofschranzen, die so subtil in Ausdehnung +ihrer Pflichten sind. + +Kent. +Mylord, in vollem Ernst, und nach der lautersten Wahrheit, unter +der Nachsicht euers grossen Aspects, dessen Einfluß, gleich der +Crone von stralendem Feuer auf der wallenden Stirne des Phöbus-- + +Cornwall. +Was willt du mit diesem Galimathias? + +Kent. +Eine Sprache fahren lassen, die ihr so übel empfehlet: Ich weiß, +Mylord, daß ich kein Schmeichler bin; der, der euch in einer ganz +platten Sprache betrogen hat, ist ein platter Spizbube, welches ich +nicht seyn will, wenn ich mir gleich dadurch euern Unwillen +zuziehen sollte. + +Cornwall (zum Hofmeister). +Was habt ihr ihm denn zu Leide gethan? + +Hofmeister. +Nicht das mindeste, Mylord. Es gefiel dem König seinem Herrn, +unlängst mich wegen eines Mißverstands zu schlagen; sogleich nahm +er sich der Sache an, um dem Unwillen seines Herrn zu schmeicheln, +unterschlug mir ein Bein, verspottete und beschimpfte mich, da ich +zu Boden lag, und wurde von dem König gelobt, daß er einen Mann +anfiel, der aus Respect sich nicht zu wehren begehrte; und von +dieser dapfern That aufgemuntert, zog er hier wieder gegen mich. + +Kent. +Es ist keiner von diesen Schlingeln und Memmen, der nicht den Ajax +zu seinem Muster mache. + +Cornwall. +Schafft Fuß-Stöke herbey. Du starrköpfiger alter Schurke, du +ehrwürdiger Großsprecher, wir wollen dich lehren-- + + +Kent. +Herr, ich bin zu alt zum lernen; fodert eure Fuß-Stöke nicht für +mich; ich diene dem König; ihr würdet wenig Ehrerbietung und eine +zu verwegne Bosheit gegen die höchste Person meines Herrn verrathen, +wenn ihr seinen Abgeordneten in den Stok legen würdet. + +Cornwall. +Fuß-Stöke herbey! So wahr ich Leben und Ehre habe, er soll darinn +sizen bis Mittag. + +Regan. +Bis Mittag! Bis Nacht, Mylord, und alle übrige Nächte dazu. + +Kent. +Wie, Madame, wenn ich euers Vaters Hund wäre, ihr könntet mir nicht +so begegnen! + +Regan. +Sir, weil ihr meines Vaters Spizbube seyd, so will ich. + +Cornwall. +Das ist ein Bursche von eben der Gattung, wovon unsre Schwester +spricht. Kommt, bringt die Fuß-Stöke. + +Gloster. +Euer Gnaden lassen sich erbitten, es nicht zu thun. Sein Vergehen +ist groß, und der gute König, sein Herr, wird ihn deswegen +bestraffen; die Straffe, die ihr vorhabet, ist von einer Art, daß +nur die schlechteste und niedrigste Art von Elenden, wegen +Mausereyen und dergleichen pöbelhaften Unfugen, damit bestraft +werden. Der König muß es übel nehmen, daß er in seinem +Abgeschikten so schlecht geachtet würde-- + +Cornwall. +Ich will das verantworten. + +Regan. +Meine Schwester kan es noch weit übler nehmen, daß ihr Edelmann +wegen Ausrichtung ihrer Befehle so mißhandelt werden soll--Legt +seine Beine hinein. + +(Kent wird in den Stok gelegt.) + +Kommt, Mylord, wir wollen gehen. + +(Regan und Cornwall gehen ab.) + + + +Siebender Auftritt. + + +Gloster. +Ich bin deinetwegen bekümmert, guter Freund; aber es ist des +Herzogs Wille so, der, wie alle Welt weiß, sich keinen Einhalt thun +läßt. Ich will für dich bitten. + +Kent. +Ich bitte euch, thut es nicht, Sir. Ich habe lange gewacht und +gewandert; einen Theil der Zeit kan ich ausschlaffen, und den +übrigen will ich verpfeiffen. Eines ehrlichen Manns Glük kan +endlich müde Füsse kriegen. Ich wünsche euch einen guten Morgen. + +Gloster. +Der Herzog ist hierinn zu tadeln; es wird übel aufgenommen werden. + +(Geht ab.) + +Kent. +Du guter König must izt das alte Sprüchwort erfahren: Du kommst aus +des Himmels Segen in die warme Sonne. Komm näher, du Signal-Feuer +für diese Unterwelt, damit ich bey deinen hülfreichen Stralen +diesen Brief durchlesen könne: + +(indem er den Mond ansieht) + +Niemand sieht mehr Wunder als der Elende--Ich kenne ihn, er ist +von Cordelia, die höchstglüklicher Weise von meinem verdunkelten +Lauf benachrichtiget worden. Ich werde in diesem ungebührlichen +Zustand Zeit finden, darauf zu denken, wie unser Verlust ersezt +werden könne; ihr müden und ausgemachten Augen, bedient euch des +Vortheils, diese schändliche Wohnung nicht zu sehen. Gute Nacht, +Glük; lächle noch einmal, dann dreh' dein Rad. + +(Er entschläft.) + +(Die Scene verwandelt sich in einen Wald.) + +(Edgar tritt auf.) + +Edgar. +Ich habe mich selbst ausruffen gehört, und bin, Dank sey einer +glüklichen Höle in einem Baum, der Jagd entgangen. Kein Seehaven +ist frey, kein Ort, wo nicht Wachen und ungewöhnliche +Aufmerksamkeit auf meine Ertappung warten. Da ich nicht entrinnen +kan, will ich mir auf eine andre Art helfen, und bin entschlossen, +die niedrigste und armseligste Gestalt anzunehmen, die nur immer +die Dürftigkeit ersinnen kan, den verachteten Menschen näher zum +Vieh herab zu sezen. Mein Gesicht will ich mit Schmuz entstellen, +meine Lenden mit Binden umwikeln, mein Haar in Knoten schlingen, +und mit dargebotner Naktheit, den Winden und den Verfolgungen des +Wetters Troz bieten. Die Dörfer zeigen mir ein Muster an den +Tollhaus-Bettlern, die mit heulenden Stimmen, in ihre gefühllose, +abgestorbene, nakte Arme, Nädeln, hölzerne Pfriemen, Nägel und +Rosmarin-Zweige schlagen, und in diesem entsezlichen Aufzug, vor +kleinen Pacht-Höfen, armen Bauerhütten, Schaaf-Hürden und Mühlen, +bald durch mondsüchtige Flüche, bald durch Gebete, der +Mildthätigkeit der Leute Gewalt anthun. Armer Turlupin*! Armer +Tom! Das ist izt etwas--als Edgar bin ich nichts. + +{ed.-* Im vierzehnten Jahrhundert entstand eine Art von Zigäunern, +Turlupins genannt, eine Brüderschaft von nakenden Bettlern die in +Europa auf und ab lieffen; dem ungeachtet hat die Römische Kirche +sie mit dem Kezer-Namen beehrt, und würklich einige von ihnen zu +Paris verbrannt. Was sie aber für eine Art von Religionisten +gewesen, sehen wir aus Genebrards Nachricht von ihnen, (Turelupini +Cynicorum sectam suscitantes, de nuditate pudendorum & publico +coitu.) In der That nichts anders, als eine Art Tollhaus-Narren. +Warbürton.} + + + +{ed.-Bei Wieland folgt, wie schon in der englischen Ausgabe von +Warburton, der neunte Auftritt auf den siebenten.} + + + +Neunter Auftritt. +(Die Scene verwandelt sich wieder in des Grafen von Gloster Schloß.) +(Lear, Narr, und ein Ritter.) + + +Lear. +Das ist wunderlich, daß sie von Hause abreisen, ohne mir meinen +Boten zurük zu schiken. + +Ritter. +So viel ich erfahren habe, war die Nacht vorher noch kein Gedanke +an diese Entfernung. + +Kent. +Heil dir, mein edler Meister! + +Lear. +Ha! machst du deine Schmach zu deinem Zeitvertreib? + +Kent. +Nein, Mylord. + +Narr. +Ha, ha! er trägt verzweifelte Kniebänder; Pferde werden am Kopf +gebunden, Hunde und Bären am Hals, Affen um die Lenden, und +Menschen an den Beinen; wenn ein Mann gar zu lustig auf den Beinen +ist, so trägt er hölzerne Unterstöke. + +Lear. +Wer ist der, der deinen Plaz so sehr mißkennt, dich hieher zu sezen? + +Kent. +Es ist Er und Sie, euer Sohn und eure Tochter. + +Lear. +Nein. + +Kent. +Ja. + +Lear. +Nein, sag ich. + +Kent. +Ich sage, Ja. + +Lear. +Beym Jupiter, schwör ich, Nein! + +Kent. +Bey Juno, schwör ich, Ja. + +Lear. +Das hätten sie sich nicht unterstanden; sie konnten, sie wollten es +nicht thun; das ist ärger als Mord, die Ehrerbietung gegen mich so +gewaltthätig zu verlezen. Sage mir, so schnell als möglich, +wodurch du eine solche Begegnung verdienen, oder was sie dazu +bringen konnte, dich so mißzuhandeln, da du von uns kamest? + +Kent. +Mylord, als ich Ihnen in Ihrem Hause, Eurer Hoheit Briefe +überreichte, kam, eh ich noch vom Boden, wo mich die Ehrfurcht +knien hieß, aufgestanden war, ein rauchender Postillion an, der +ganz beschwizt und halb athemlos einen Gruß von Gonerill seiner +Gebieterin keuchte, und Briefe übergab, die sogleich, ohne auf die +meinige Acht zu haben, überlesen wurden; dem Inhalt derselben +zufolge, liessen sie sogleich ihre Leute aufbieten, die Pferde +fertig halten, befahlen mir ihnen zu folgen und zu warten, bis es +ihnen gelegen sey mir zu antworten, und gaben mir kalte Blike. Da +ich nun hier den andern Boten antraf, dessen Willkomm (wie ich +merkte) den meinigen vergiftet hatte, und sah', daß es eben der +Gesell war, der sich lezthin so unartig gegen Eu. Hoheit aufführte, +so zog ich, weil ich mehr Mannheit als Wiz bey mir hatte, den +Degen gegen ihn; er brachte mit seinem zaghaften Geschrey das Haus +in Bewegung, und euer Sohn und eure Tochter fanden dieses Vergehen +der Schmach würdig, die ich hier erdulde. + +Lear. +O! wie schwillt diese Mutter zu meinem Herzen auf! Herunter +(hysterica passio!) Du klimmender Kummer, dein Element ist unten; +wo ist diese Tochter? + +Kent. +Bey dem Grafen, Mylord, hier drinnen. + +Lear. +Folget mir nicht--bleibt hier zurük-- + +(Er geht ab.) + +Ritter. +Verbrachet ihr sonst nichts, als was ihr da gesagt habet? + +Kent. +Nichts. Wie kömmts, daß der König in so kleiner Anzahl anlangt? + +Narr. +Wenn du um dieser Frage willen in den Stok gesezt worden wärest, so +hättest du es wol verdient. + +Kent. +Warum, Narr? + +Narr. +Man muß dich zu einer Ameise in die Schule thun, zu lernen, daß man +im Winter nicht arbeitet. Alle die ihrer Nase folgen, werden von +ihren Augen geleitet, die Blinden ausgenommen; und unter zwanzig +Nasen ist nicht eine die den nicht röche, der stinkt. Wenn ein +grosses Rad einen Hügel herunter lauft, so laß es unaufgehalten, +oder es bricht dir den Hals, wenn du ihm nachlaufst; wenn es aber +aufwärts geht, so laß dich von ihm nachziehen. Wenn ein weiser +Mann dir einen bessern Rath giebt, so gieb mir meinen wieder zurük; +ich möchte nicht, daß ihm jemand andrer folgte als ein Spizbube, da +ihn ein Narr giebt. + + + +Zehnter Auftritt. +(Lear und Gloster treten auf.) + + +Lear. +Sie wollen nicht mit mir reden? sie sind unpäßlich, sie sind müde, +sie haben die ganze Nacht durch gereißt? Blosse Ausflüchte! +Anzeigen von Empörung und Abtrünnigkeit. Bring mir eine bessre +Antwort-- + + +Gloster. +Mein theurer Lord, Ihr kennet die feurige Gemüthsart des Herzogs! +Wie unbeweglich und fest er in seinen Entschliessungen ist-- + +Lear. +Rache! Pest! Tod! Verderben! feurig? was feurige Gemüthsart? +Wie? Gloster, ich will mit dem Herzog von Cornwall und seinem +Weibe reden. + +Gloster. +Gut, Mylord, so habe ich sie berichtet. + +Lear. +Sie berichtet? Verstehst du mich, Mann? + +Gloster. +Ja, mein Gnädiger Lord. + +Lear. +Der König will mit Cornwallen reden, der Vater will mit seiner +Tochter reden; befiehlt ihr, ihm aufzuwarten--Sind sie dessen +berichtet?--Mein Athem! Mein Blut!--Feurig? der feurige Herzog? +Sagt dem heissen Herzog, ich--Nein! izt noch nicht; es mag seyn, +daß er nicht wohl ist. Krankheit verabsäumt immer alle Pflichten, +an die unsre Gesundheit gebunden ist; wir sind nicht wir selbst, +wenn die unterligende Natur der Seele mit dem Leib zu leiden +befiehlt. Ich will Geduld haben; ich war zu hastig, die Laune +eines Kranken dem Gesunden zur Last zu legen.--Verwünscht sey mein +Zustand!--Aber wofür sollte er hier sizen? Diese Handlung +überführt mich, daß ihre Entfernung von Hause nur ein Kunstgriff +ist. Gebt mir meinen Diener los--Geht, sagt dem Herzog und seinem +Weib, ich wolle mit ihnen sprechen, izt gleich; sagt ihnen, sie +sollen kommen und mich anhören, oder ich will vor ihrer Kammerthüre +die Trommel schlagen lassen, bis sie schreyt, schlaft zu Tod. + +Gloster. +Ich wollte, es wäre alles gut zwischen euch. + +(Geht ab.) + +Lear. +O! mein Herz, mein schwellendes Herz! herunter! + +Narr. +Schrey ihm zu, Nonkel, wie das Küchen-Mädchen den Älen, die sie +lebendig in die Pastete gethan hatte; sie schlug sie mit einem +Steken ernstlich auf die Nasen und schrie, zu Boden mit euch, ihr +Muthwilligen, zu Boden! Es war ihr Bruder, der aus lauter +Gütigkeit gegen sein Pferd Butter an sein Heu that. + + + +Eilfter Auftritt. +(Cornwall, Regan, Gloster und Bediente, zu den vorigen.) + + +Lear. +Ich wünsche euch beyden einen guten Morgen. + +Cornwall. +Euer Gnaden sind willkommen. + +(Kent wird losgemacht.) + +Regan. +Ich bin erfreut Eu. Hoheit zu sehen. + +Lear. +Regan, ich denke, ihr seyd es, ich weiß die Ursachen warum ich es +denke; wenn du nicht erfreut wärest, ich wollte mich im Grab von +deiner Mutter als einer Ehebrecherin scheiden. +(Zu Kent.) +O! seid ihr frey? Ein andermal hievon. Geliebte Regan, deine +Schwester ist nichts: O Regan, sie hat ihre Undankbarkeit gleich +einem Geyer hier + +(er zeigt auf sein Herz) + +angefesselt, an meinem Herzen zu nagen. Ich kan kaum mit dir +reden; du kanst nicht glauben, mit was für einer ausgearteten +Bosheit--o Regan! -- + +Regan. +Ich bitte euch, Mylord, habet Geduld; ich hoffe, ihr wisset weniger +ihren Werth zu schäzen, als sie ihre Pflicht zu vergessen. + +Lear. +Sagst du? Wie ist das? + +Regan. +Ich kan nicht denken, meine Schwester sollte nur im mindesten ihre +Schuldigkeit beyseite sezen. Wenn sie vielleicht die +Ausschweiffungen eurer Begleiter eingeschränkt hat, so geschah es +aus solch einem Grund, und zu einem so heilsamen Zwek, daß sie +gegen allem Tadel gesichert ist. + +Lear. +Meine Flüche über sie! -- + +Regan. +O Sir, ihr seyd alt, die Natur steht bey euch auf der äussersten +Grenze ihres Gebiets. Ihr solltet euch durch einen Verstand leiten +lassen, der besser zu unterscheiden wüßte was euch anständig ist, +als ihr selbst; ich bitte euch also, Mylord, kehret zu meiner +Schwester zurük, sagt, ihr habet ihr Unrecht gethan-- + +Lear. +Sie um Verzeihung zu bitten? Merkt ihr auch, wie wol sich das +schiken wird? Liebste Tochter, ich bekenne daß ich alt bin, Alter +ist unvermöglich, ich bitte dich auf meinen Knien, daß du mir +Kleider, Unterhalt und Bette zukommen lassen wollest. + +Regan. +O Sir, nichts weiter; das sind Launen, die nicht auszustehen sind; +kehret ihr zu meiner Schwester zurük. + +Lear. +Nimmermehr, Regan. Sie hat mich um die Helfte meines Gefolgs +geschwächt, mich mit schwarzen Bliken angesehen, mich mit ihrer +Zunge, recht wie eine Natter, ins Herz gestochen. Alle +aufgehäuften Raachen des Himmels fallen auf ihren undankbaren Kopf. +Schlaget, ihr anstekenden Lüfte, ihre jungen Beine mit Lahmheit-- + +Cornwall. +Pfui, Sir, Pfui! + +Lear. +Ihr durchdringenden Blize, schiesset eure blendenden Flammen in +ihre hochmüthigen Augen! Steket ihre Schönheit an ihr aus Sümpfen +gesaugte Nebel, von der mächtigen Sonn emporgezogen zu fallen, und +ihren Stolz zu versengen. + +Regan. +O! ihr gütigen Götter!--So werdet ihr mir wünschen, wenn der +rasche Humor regiert. + +Lear. +Nein, Regan, du sollt niemals meinen Fluch haben; deine zärtliche +Natur wird dich nicht in Härtigkeit ausarten lassen; ihre Augen +sind scharf; die deinen erquiken und brennen nicht. Du bist nicht +fähig mir mein Vergnügen zu mißgönnen, mein Gefolg zu vermindern, +ein hastiges Wort übel auszulegen, mir an meinem Unterhalt +abzubrechen, und den Riegel gegen meine Ankunft zu stossen. Du +kennst die Pflichten der Natur besser, das Band der Kindschaft, die +Geseze der Höflichkeit, und die Forderungen der Dankbarkeit. Du +hast noch nicht vergessen, daß ich dir die Helfte meines +Königreichs geschenkt habe. + +Regan. +Guter Sir, zur Hauptsache-- + +(Man hört Trompeten.) + +Lear. +Wer legte meinen Mann in den Stok? (Der Haushofmeister kommt.) + +Cornwall. +Was für Trompeten sind das? + +Regan. +Meiner Schwester, ohne Zweifel; ihr Brief sagt, daß sie bald hier +seyn wolle. Ist eure Lady gekommen? + +Lear. +Diß ist ein Sclave, dessen leicht-geborgter Hochmuth in der +wankelmüthigen Gnade seiner Gebieterin wohnt. Fort, Schurke, aus +meinem Gesicht! + +Cornwall. +Was meynten Euer Gnaden hiemit? + + + +Zwölfter Auftritt. +(Gonerill tritt auf.) + + +Lear. +Wer legte meinen Diener in den Stok? Regan, ich habe gute Hoffnung, +du wußtest nichts davon--Wer kömmt hier? O ihr Himmel! wenn ihr +alte Leute liebet, wenn eure sanfte väterliche Regierung den +Gehorsam heiliget, wenn ihr selbst alt seyd,* so macht meine Sache +zur eurigen, sendet herab und nehmet meine Partey! Schämt euch +nicht, auf diesen eisgrauen Bart zu sehen--O Regan, du nimmst sie +bey der Hand? + +{ed.-* König Lear deutet hier auf die alte heidnische Theologie, +welche lehrt, daß (Coelus) oder (Uranus) (der Himmel) von seinem +Sohn Saturnus abgesezt worden, der sich wider seinen alten Vater +auflehnte, und ihn durch Gewalt der Waffen austrieb. Da sein Fall +demjenigen, worinn Lear sich befindet, so ähnlich war, so war es +natürlich, sich bey diesem Anlas an ihn zu wenden.} + +Gonerill. +Und warum nicht bey der Hand, Sir? Was hab ich gesündiget? Nicht +alles ist Verbrechen, was Unbesonnenheit tadelt, und Aberwiz so +benennt. + +Lear. +O! meine Seiten! ihr seyd zu hart! Könnt ihr noch halten?--Wie +kam mein Mann in den Stok? + +Cornwall. +Ich ließ ihn hineinsezen, Sir; aber seine unordentliche Aufführung +verdiente eine noch geringere Beförderung. + +Lear. +Ihr? Ihr thatet es? + +Regan. +Ich bitte euch, Vater, erkennet doch eure Schwäche--Wenn ihr bis +zum Verfluß ihres Monats mit meiner Schwester wieder umkehren, und +mit Abdankung der Helfte euers Gefolges, bey ihr wohnen wollet, so +kommet dann zu mir. Izt bin ich nicht zu Hause, und nicht mit so +vielem versehen, als zu eurer Unterhaltung nöthig ist. + +Lear. +Zu ihr zurük kehren, und fünfzig Mann abdanken? Nein, eher will +ich allen Aufenthalt unter einem Dach abschwören, lieber gegen die +Anfälle der Luft kämpfen, und ein Geselle des Wolfs und der Eule +seyn; so grausam auch ein solcher Zustand ist--Mit ihr zurük +kehren? Eben so leicht könnte ich dazu gebracht werden, vor den +Thron des feurigen Franzosen, der unsre Jüngste ohne Erbgut nahm, +niederzuknien, und wie ein armer Schildknappe um eine Ritterzehrung +zu betteln--Mit ihr zurük kehren? Überrede mich lieber ein Sclav +und Karren-Gaul von diesem verfluchten Hofschranzen zu seyn. -- + +(Er deutet auf den Hofmeister.) + +Gonerill. +Es steht in euerm Belieben, Sir. + +Lear. +Ich bitte dich, Tochter, treib mich nicht zum Wahnwiz. Ich will +dich nicht beunruhigen, mein Kind. Lebe wohl! Wir wollen nicht +mehr zusammen kommen, einander nicht mehr sehen. Aber du bist doch +mein Fleisch, mein Blut, meine Tochter--oder vielmehr ein Schaden +der in meinem Fleisch ist, und den ich wider Willen mein nennen muß; +du bist ein Geschwär, eine Pestbeule, eine aufgeschwollene Blatter +in meinem vergifteten Blute. Doch ich will dich nicht schelten. +Die Schaam mag kommen wenn sie will, ich ruffe ihr nicht; ich bitte +den Donnerer nicht, dich zu schlagen, und erzähle dem +allesrichtenden Jupiter keine Geschichten von dir: Bessre dich wenn +du kanst, und wenn es dir gelegen ist. Ich kan Geduld haben, ich +kan bey Regan bleiben, ich und meine hundert Ritter. + +Regan. +Nicht vollkommen so; ich habe izt nicht für euch gesorgt, ich bin +nicht darauf versehen, euch gehörig zu empfangen; gebt meiner +Schwester Gehör. Leute die mit Passionen urtheilen, könnten sich +begnügen zu denken, ihr seyd alt, und so--Aber sie weiß, was sie +thut. + +Lear. +Ist das wohl gesprochen? + +Regan. +Ich darf es behaupten, Sir. Was? fünfzig Begleiter? Ist es nicht +genug? Wozu braucht ihr mehr? Ja, wozu so viele? Da beydes, +Überlast und Gefahr, gegen eine so grosse Anzahl reden. Wie +könnten so viel Leute in einem Hause unter zweyerley Befehl Friede +halten? Es ist schwer, es ist ganz unmöglich. + +Gonerill. +Könntet Ihr, Mylord, dann nicht von unsern Bedienten zugleich +bedient werden? + +Regan. +Warum nicht, Mylord--wenn sie alsdann etwann saumselig seyn sollten, +so könnten wir sie zur Gebühr weisen. Wenn Ihr zu mir kommen +wollet, (denn nun merke ich, was die Sache auf sich hat,) so bitte +ich nicht mehr als fünf und zwanzig mitzubringen; denn ich werde +nicht mehr als fünf und zwanzigen Plaz und Versorgung geben. + +Lear. +Ich gab euch alles-- + +Regan. +Und ihr gabet es zu rechter Zeit. + +Lear. +Machte euch zu meinen Beschirmern, meinen Pflegern, mit dem +einzigen Vorbehalt einer solchen Anzahl; muß ich mit fünf und +zwanzig zu euch kommen? Regan, sagtet ihr so? + +Regan. +Und sag es noch einmal, Mylord, ich werde nicht mehr aufnehmen. + +Lear. +Diese runzlichten Geschöpfe sehen doch noch ganz hübsch aus, wenn +sie neben andern stehen, die noch runzlichter sind. Nicht der +schlimmste zu seyn, verdient einigen Grad von Lob; + +(zu Gonerill) + +ich will mit dir gehen, deine Fünfzig sind doch noch einmal so +viel als fünf und zwanzig, und du liebst mich um die Helfte nicht +so wenig als sie. + +Gonerill. +Höret mich, Mylord, wozu braucht ihr fünf und zwanzig, zehen oder +fünf, euch in ein Haus zu folgen, wo zweymal so viel Befehl haben, +euch aufzuwarten? + +Regan. +Wozu braucht ihr nur einen einzigen? + +Lear. +O! philosophiert nicht über das was man nicht braucht, oder die +elendesten Bettler haben in ihrer grösten Dürftigkeit noch +Überfluß. Gestehet der Natur nicht mehr zu, als die Natur bedarf, +so ist des Menschen Leben so wohlfeil als des Viehes. Du bist eine +Lady; wenn warm gekleidet gehen schon Pracht ist, so wirf deine +Kleider weg, die Natur bedarf nicht was du zur Pracht trägst, da es +dich schwerlich warm halten kan; aber was die wahre Nothdurft +betrift--Ihr Himmel! Gebt mir die Geduld die ich vonnöthen habe. +Ihr seht mich hier, ihr Götter, einen armen alten Mann, von Gram so +gedrükt als von Jahren: Wenn ihr es seyd, die dieser Töchter Herzen +wider ihren Vater empören--o so treibet euer grausames Spiel nicht +so weit, mich zahm wie einen Thoren dulden zu machen. Rühret mich +mit edelm Zorn! o laßt nicht weibische Waffen, Wassertropfen, +meine männliche Wange befleken!--Nein! Ihr unnatürlichen Unholden, +ich will solche Raache an euch beyden nehmen, daß alle Welt--ich +will solche Dinge thun--die meine Seele sich selbst noch nicht +gestehen darf**--Dinge, worüber der Erdboden sich entsezen soll.-- +Ihr denkt, ich soll weinen? Nein, ich will nicht weinen--ob ich +gleich Ursache genug zum Weinen habe.--Eh soll diß Herz in tausend +Stüke brechen eh ich weinen will--O Narr, ich werde wahnsinnig +werden-- + +{ed.-**--(Nescio quid ferox Decrevit animus intus & nondum sibi +audet fateri.) (Seneca in Med.)} + +(Lear, Gloster, Kent und Narr gehen ab.) + + + +Dreyzehnter Auftritt. + + +Cornwall. +Wir wollen uns wegbegeben; es kömmt ein Ungewitter. + +Regan. +Diß Haus ist klein, der alte Mann und seine Leute können nicht wol +darinn versorgt werden. + +Gonerill. +Es ist seine eigne Schuld, daß er keine Ruhe hat; er mag die Folgen +seiner Thorheit kosten. + +Regan. +Ihn für seine Person will ich mit Vergnügen aufnehmen, aber nicht +einen einzigen Begleiter. + +Gonerill. +Das ist auch mein Vorsaz. Wo ist Mylord von Gloster? (Gloster +kömmt zurük.) + +Cornwall. +Er begleitete den alten Mann--Hier kommt er wieder. + +Gloster. +Der König ist in der äussersten Wuth, und will fort, ich weiß nicht +wohin. + +Cornwall. +Das beste ist, ihm den Lauf zu lassen, den er selbst nimmt. + +Gonerill (zu Gloster.) +Mylord, sprechet ihm auf keinerlei Art zu, daß er bleibe. + +Gloster. +Aber, die Nacht bricht an, und die Winde stürmen entsezlich; auf +manche Meile herum ist kaum ein Busch-- + +Regan. +O Sir, eigensinnigen Leuten müssen die Übel die sie sich selbst +zuziehen, für Lehrmeister dienen. Sperret eure Thüren zu; er hat +verzweifelte Leute bey sich; und die Klugheit befiehlt zu fürchten, +wozu sie ihn aufhezen könnten, da es so leicht ist, ihn zu +verführen. + +Cornwall. +Verschließt eure Thüren, Mylord, es ist eine ungestüme Nacht. +Meine Regan räth wol; kommt, eh das Wetter angeht. + +(Gehen ab.) + + + + +Dritter Aufzug. + + + +Erster Auftritt. +(Eine Heyde.) +(Man hört einen Sturm mit Donner und Blizen.) +(Kent und ein Ritter treten von verschiedenen Seiten auf.) + + +Kent. +Wer geht hier in diesem schlimmen Wetter? + +Ritter. +Einer dessen Gemüthsfassung diesem Wetter sehr ähnlich ist. + +Kent. +Ich kenne euch; wo ist der König? + +Ritter. +Mit den erzürnten Elementen kämpfend, befiehlt er den Winden die +Erde in die See zu wehen, oder die krausen Wellen über das feste +Land aufzuschwellen, damit die Welt eine neue Gestalt bekomme oder +aufhöre. Er rauft seine weissen Haare, und bemüht sich in sich +selbst, in seiner innerlichen Welt, die streitenden Sturmwinde und +die berstenden Wolken zu überrasen. In einer solchen Nacht, wo der +wüthende Hunger auch die wildesten Thiere nicht aus ihren Hölen zu +treiben vermochte, rennt er mit unbedektem Haupt hin und wieder, +und stößt seinen Grimm in Verwünschungen aus-- + +Kent. +Aber wer ist bey ihm? + +Ritter. +Niemand als der Narr, der sich bemüht, ihn der Kränkungen, die sein +Herz zerreissen, durch seine Thorheiten vergessen zu machen. + +Kent. +Sir, ich kenne euch, und wage es unter der Bürgschaft meiner euch +nicht unbekannten Gesinnungen, euch einen wichtigen Auftrag zu +machen. Es ist Mißhelligkeit, ob sie gleich aus Staatslist noch +verborgen wird, zwischen den Herzogen von Albanien und Cornwall: +Sie haben Bediente, (und welche Grosse haben nicht solche?) die +unter dem Schein der Treue heimliche Kundschafter sind, und +Frankreich alles verrathen, was in unserm Staat vorgeht--die +Zänkereyen der Herzoge, oder die rauhe Art womit beyde dem guten +alten Könige begegnet sind, oder vielleicht etwas noch tiefferes, +wozu beydes nur die Vorbereitungen sind--was es auch seyn mag, +gewiß ist, daß ein Französisches Kriegsheer im Begriff steht in +dieses geschwächte Königreich einzufallen. Unsre Nachlässigkeit +hat ihnen schon Zeit gelassen, sich in unsern besten Seehäfen +Anhänger zu machen, und sie werden nicht lange säumen, ihre +Feldzeichen öffentlich aufzusteken. Wenn ihr nun anders auf meinen +Credit so viel wagen wollet, in Eile nach Dover abzugehen, so +werdet ihr Leute finden, die euch danken werden, wenn ihr ihnen +eine wahrhafte Nachricht gebet, über was für unnatürliche und +unsinnigmachende Beleidigungen der König zu klagen Ursach hat. Ich +bin ein Edelmann von Stand und Bedeutung, und würde euch diesen +Dienst nicht auftragen, wenn ich nicht wißte, daß ich mich auf euch +verlassen kan. + +Ritter. +Ich will weiter mit euch hievon reden. + +Kent. +Nein, thut es nicht; zur Bestätigung daß ich weit mehr bin, als +meine Aussen-Seite, öffnet diesen Beutel und nehmt, was darinn ist. +Wenn ihr Cordelia sehen werdet, wie ihr nicht zweifeln dürft, so +zeigt ihr diesen Ring, und sie wird euch sagen wer der gute Freund +ist, den ihr izt nicht kennt. + +Ritter. +Gebt mir euere Hand, habt ihr sonst nichts zu sagen? + +Kent. +Wenig Worte, aber, der Würkung nach, mehr als alles bisherige. Wir +wollen uns trennen, um den König zu suchen, und der erste der ihn +erblikt, soll dem andern ein Zeichen geben. + +(Gehen ab.) + + + +Zweyter Auftritt. +(Das Ungewitter daurt immer fort.) +(Lear und der Narr treten auf.) + + +Lear. +Blaset ihr Winde, und zersprengt eure Baken, wüthet, blaset! Ihr +Wolkenbrüche und Orkane, speyet Wasser aus bis ihr unsre +Glokenthürme überschwemmt und ihre Hahnen ersäuft habet. Ihr +schweflichten, meine Gedanken ausrichtenden Blize, senget mein +weisses Haupt; und du allerschütternder Donner, schlage die dike +Ründe der Welt platt, zerbrich die Form der Natur, und zerstüke auf +einmal alle die ursprünglichen Keime, woraus der undankbare Mensch +entsteht. + +Narr. +O Nonkel, Hofweyhwasser in einem trocknen Haus ist besser als +Regenwasser vor der Thüre. Guter Nonkel, hinein, und bitte deine +Töchter um ihren Segen; das ist eine Nacht, die weder mit +Gescheidten noch mit Narren Mitleiden hat. + +Lear. +Brause und lärme nur so laut du kanst, spey Feuer, ströme Regen; +weder Regen noch Wind, Donner noch Blize sind meine Töchter; ich +beschuldige euch keiner Unfreundlichkeit, ihr Elemente; ich gab +euch keine Königreiche, ich nannte euch nie meine Kinder, ihr seyd +mir keinen Gehorsam schuldig. So laßt denn euer entsezliches +Vergnügen fallen--Hier steh ich, euer Gegner, ein armer, +entkräfteter, schwacher, und verachteter alter Mann! Und doch seyd +ihr nur knechtische Diener, die, in Verständniß mit zwo +verderblichen Töchtern eure donnernde Schlachtordnungen gegen einen +so alten und weissen Kopf aufführet--oh! oh! es ist +niederträchtig. + +Narr. +Wer ein Haus hat, worein er seinen Kopfsteken kan, hat einen guten +Helm--Wer sein Herz zu seinem Zehen macht, wird über Hüner-Augen +schreyen und nicht schlaffen können; denn es ist noch nie kein +hübsches Mädchen gewesen, die nicht Gesichter in einen Spiegel +gemacht hätte. + + + +Dritter Auftritt. +(Kent kommt zu ihnen.) + + +Lear. +Nein, ich will das Muster aller Geduld seyn, ich will nichts sagen. + +Kent. +Wer ist hier? + +Narr. +------------* + +{ed.-* Der Narr sagt hier etwas so elendes, daß der Übersetzer sich +nicht überwinden kan, es herzusezen. Der Leser darf versichert +seyn, daß man nichts verliehrt, wenn schon zuweilen Einfälle +weggelassen werden, deren Absicht bloß war, die Grundsuppe des +Londner-Pöbels zu König Jacobs Zeiten lachen zu machen.} + +Kent. +Ach! Sir, seyd ihr hier? Geschöpfe die sonst die Nacht lieben, +lieben keine solche Nächte wie diese; der ergrimmte Himmel schrekt +sogar die nachtwandernden Gespenster in ihre Hölen zurük. Seit ich +ein Mann bin, erinnere ich mich nicht solche Feuer-Güsse, solche +fürchterlich berstende Donner, ein solches Geheul und Geprassel von +Sturmwinden und Plazregen gehört zu haben. Das ist mehr als die +menschliche Natur ausstehen kan. + +Lear. +Izt mögen die grossen Götter, die dieses entsezliche Getöse über +unsern Häuptern machen, ihre Feinde aufsuchen. Zittre, du +Unglükseliger, dessen unentdekte Verbrechen der Ruthe der +Gerechtigkeit entgangen sind! Verbirg dich, du blutige Hand, du +Meineydiger, du blutschänderischer Heuchler der Tugend; zerfall in +Asche, Bösewicht, der unter dem Schein der Freundschaft nach dem +Leben eines Menschen getrachtet hat--Ihr geheimen verschlossenen +Sünden, öffnet euere verbergende Kammern, und bittet diese +fürchterlichen Aufforderer um Gnade--Ich bin ein Mensch, gegen den +mehr gesündiget worden, als er selbst gesündiget hat. + +Kent. +O weh! mit blossem Haupt! Mein gütiger Lord, ganz nah an hier ist +eine Hütte; Irgend ein mitleidiges Geschöpf wird sie euch gegen das +Ungewitter leihen; ruhet dort aus, indeß daß ich in dieses harte +Haus (härter als der Fels auf dem es erbaut ist, weil sie nur eben +izt, da ich nach euch fragte, mir den Eingang versagten) zurük +kehre, und ihrer kargen Höflichkeit Gewalt anthue. + +Lear. +Mein Kopf fangt an zu schwärmen--Komm mit, Junge. Was machst du, +Junge? frierst du? Ich friere selbst. Wo ist Stroh, guter +Freund? Die Kunst der Nothwendigkeit ist wunderbar, daß sie die +schlechtesten Dinge kostbar machen kan. Kommt, in eure Hütte!-- +Armer Tropf! Ich habe nur noch eine Faser von meinem Herzen übrig, +und die ist izt für dich bekümmert. + +Narr +(singt ein kahles Liedlein.) + +Lear. +In der That, mein guter Junge; komm, führ uns in die Hütte-- + +(Geht mit Kent ab.) + +Narr. +Das ist eine hübsche Nacht ein verliebtes Weibsbild abzukühlen. +Ich will noch eine oder zwo Propheceyungen sagen, eh ich geh. (Die +folgende Stelle ist im Original in Reimen.) "Wenn Priester reicher +an Worten als Gedanken sind, und Brauer ihr Malz mit Wasser +verderben; wenn Edelleute die Lehrmeister ihrer Schneider sind, und +anstatt der Kezer nur Hurenjäger verbrennt werden, dann kommt die +Zeit, wer sie erlebt, daß der Gebrauch seyn wird mit den Füssen zu +gehen. Wenn ein jeder Rechtshandel gerecht seyn wird, kein +Edelmann voller Schulden, und kein Junker arm, wenn Verleumdungen +nicht in Zungen leben, und Beutelschneider sich in kein Gedränge +mischen, wenn Wucherer ihr Gold auf freyem Felde zählen, und +Kupplerinnen und H**n Kirchen bauen: Dann wird das Reich von Albion +in grosse Verwirrung gerathen"--Diese Propheceyung soll Merlin +machen, denn ich lebe vor seiner Zeit. + +(Geht ab.) + + + +Vierter Auftritt. +(Ein Zimmer in Glosters Schloß.) +(Gloster und Edmund.) + + +Gloster. +Edmund, diese unnatürliche Begegnung gefällt mir gar nicht. Wie +ich sie um Erlaubniß bat, Mitleiden mit ihm zu haben, so nahmen sie +mir den Gebrauch meines eigenen Hauses, und verboten mir bey +Straffe einer ewigen Ungnade, weder mit ihm zu reden, noch für ihn +zu bitten, noch ihn auf irgend eine Weise zu unterstüzen. + +Edmund. +Das ist ja ganz barbarisch und unnatürlich. + +Gloster. +Geht hinein, aber sagt nichts. Es ist Zwiespalt zwischen den +Herzogen, und noch etwas schlimmers als das; ich habe diese Nacht +einen Brief bekommen, es ist gefährlich davon zu reden, (ich habe +den Brief in mein Cabinet verschlossen.) Diese Beleidigungen die +der König duldet, werden gerochen werden; es ist schon ein Theil +der Macht auf den Beinen; wir müssen uns zum Könige schlagen; ich +will zu ihm sehen, und ihm heimlich Beystand thun; geht ihr, und +unterhaltet ein Gespräch mit dem Herzog, damit er nicht merke was +ich für den König thun werde; wenn er nach mir fragt, so bin ich +nicht wohl und zu Bette gegangen. Und wenn ich deßhalb sterben +müßte, (wie mir dann nicht weniger gedräut ist,) so muß der König, +mein alter Herr Hülfe haben. Es sind wunderliche Dinge auf dem +Tapet, Edmund, ich bitte euch, geht und seyd sorgfältig. + +(Geht ab.) + +Edmund (allein.) +Diese Großmuth soll mit deiner Erlaubniß der Herzog diesen +Augenblik erfahren, und den Brief dazu. Das hat das Ansehen eines +wichtigen Verdiensts, und muß mir geben was mein Vater verliehrt; +nicht weniger als Alles. Der Jüngere steigt, wenn der Alte fällt. + +(Geht ab.) + + + +Fünfter Auftritt. +(Die Scene verwandelt sich in einen Theil der Heyde mit einer + Hütte.) +(Lear, Kent und Narr.) + + +Kent. +Hier ist der Ort, Mylord; mein gütiger Lord, gehet hinein. Es ist +der Natur unmöglich, die Strenge dieser Nacht im freyen Feld +auszuhalten. + +Lear. +Laßt mich allein. + +Kent. +Mein gütiger Lord, gehet doch hinein. + +Lear. +Wird es mein Herz brechen? + +Kent. +Ich wollte lieber mein eignes brechen; ich bitte euch, Mylord, +kommet herein. + +Lear. +Du denkst es sey zuviel, daß dieser wüthende Sturm uns bis auf die +Haut anfällt; für dich ist es so; aber wenn ein grösserer Schmerz +tobet, wird der geringere kaum gefühlt. Du würdest dich vor einem +Bären entsezen; wenn aber deine Flucht gegen das heulende Meer läge, +würdest du dem Bären in den Rachen lauffen. Wenn das Gemüth frey +ist, so ist der Leib zärtlich; der Sturm in meinem Gemüth nimmt +meinen Sinnen alles andre Gefühl, als was hier schlägt. + +(Er zeigt auf sein Herz.) + +Kindliche Undankbarkeit! Ist es nicht als ob dieser Mund diese +Hand zerreissen wollte, weil sie ihm Speise gereicht habe?--Doch +ich will sie abstraffen; Nein, ich will nicht mehr weinen--In einer +solchen Nacht mich auszustossen--Schütte nur zu, ich will es leiden, +--In einer Nacht wie diese? O Regan, Gonerill, euern alten guten +Vater, dessen ehrliches Herz alles gab--O auf diesem Wege ligt +Wahnwiz; ich muß ihn ausweichen--Nichts mehr hievon-- + +Kent. +Mein gütiger Lord, gehet doch hinein. + +Lear. +Ich bitte dich, geh du selbst hinein, sieh wie du dir helfen kanst,-- +dieser Sturm will mir nicht erlauben an Dinge zu denken, die mich +noch stärker angreiffen würden.--Aber ich will hinein gehen--hinein, +Junge, geh zuerst. Ihr Dürftigen, die ihr izt ohne Dach seyd--Nun, +geh doch hinein; ich will beten und dann will ich schlafen--Arme +nakende Unglükselige, wo ihr auch seyd, der Wuth dieses +unbarmherzigen Sturms ausgesezt! Wie sollen eure unbedekten +Häupter, und ausgehungerten Seiten, eure zerlumpte, durchlöcherte +Blösse euch gegen ein Wetter wie dieses ist schüzen?--O! ich habe +zu wenig hieran gedacht!--Nimm Arzney ein, Pracht!--Seze dich in +die Umstände zu fühlen was diese Elenden fühlen, damit du ihnen +deinen Überfluß zuwerffest, und die Gerechtigkeit des Himmels +gerettet werde. + +Edgar (in der Hütte.) +Einen Faden und einen halben! Einen Faden und einen halben! Armer +Tom! + +Narr (indem er aus der Hütte herausläuft.) +Geh nicht hinein, Nonkel, es ist ein Geist drinn; Hülfe, Hülfe! + +Kent. +Gieb mir deine Hand; was ists? + +Narr. +Ein Geist, ein Geist! er sagt, er heisse der arme Tom. + +Kent. +Wer bist du, der hier im Stroh winselt? Hervor! + + + +Sechster Auftritt. +(Die vorigen, Edgar in einen tollen Menschen verkleidet.) + + +Edgar. +Aus dem Wege, der böse Feind folgt mir. Durch den scharfen Hagdorn +bläßt der kalte Wind. Hans, geh in dein Bett und wärme dich. + +Lear. +Gabst du deinen Töchtern Alles, daß du in diesen Zustand gekommen +bist? + +Edgar. +Wer giebt dem armen Tom etwas? den der böse Feind durch Feuer und +Flammen, durch Furthen und Strudel, durch Sumpf und Pfuhl geführt +hat; der Messer unter sein Küssen und Strike unter seinen Siz +gelegt hat; der Mäusgift in seine Suppe gethan, und ihn übermüthig +gemacht hat, auf einem braunrothen Gaul zu trotten, über vier +zollbreite Brüken seinem eignen Schatten als einem Verräther +nachzujagen--Gott behüte deine fünf Sinnen; Tom friert. O da, di, +da, di, da, di,--Gott behüte dich vor Wirbel-Winden, bösen Sternen +und Gefangenschaft; gebt dem armen Tom etwas Almosen, den der böse +Feind plagt--Hier möcht ich ihn izt haben, und da, und wieder hier +und dort. + +Lear. +Wie? Haben seine Töchter ihn dahin gebrach t? Konntest du nichts +davon bringen? gabst du ihnen Alles? + +Narr. +Nein, er behielt sich eine Windel vor, sonst wären wir alle +beschämt worden. + +Lear. +Nun, alle die rächenden Plagen, die in der schwebenden Luft über +den menschlichen Übelthaten hangen, blizen auf deine Töchter! + +Kent. +Er hat keine Töchter, Mylord. + +Lear. +Tod! Verräther, nichts könnte die Natur zu einer solchen +Erniedrigung heruntergebracht haben, als undankbare Töchter. Ist +es erhört, daß ausgetriebene Väter so wenig Erbarmung gegen ihr +eigen Fleisch tragen sollten? Wohlausgesonnene Straffe! Dieses +Fleisch war es, das diese Pelican-Töchter zeugte. + +Edgar. +Pillicok saß auf Pillicoks Stein; holla, holla, la, la! + +Narr. +Diese kalte Nacht wird uns noch alle zu Narren und Wahnwizigen +machen. + +Edgar. +Hüte dich vor dem bösen Feind, gehorche deinen Eltern, halte dein +Versprechen, fluche nicht, halte nicht zu mit eines andern +geschwornen Weibe, seze dein Herz nicht auf Pracht und Üppigkeit. +Tom friert! + +Lear. +Wer bist du gewesen? + +Edgar. +Ein Sclave, stolz von Herz und Sinn, der sein Haar kräuselte, +Handschuh auf dem Hut trug, der bösen Lust seiner Buhlschaft +frohnte, und das Werk der Finsterniß mit ihr trieb; so viel Schwüre +that, als Worte aussprach, und sie vor dem milden Antliz des +Himmels brach. Einer der in unzüchtigen Gedanken einschlief, und +erwachte um sie auszuüben; den Wein liebt' ich tief, die Karten +früh, und bey den Weibern übertraf ich den Türken. Falsch von +Herzen, leicht von Ohr, blutig von Hand, ein Schwein an +Unreinigkeit, ein Fuchs an Schelmerey, ein Wolf an Gefrässigkeit, +ein Hund an Tollheit, und ein Löwe an Räuberey. Laß nicht das +Knarren der Schuhe, und das Rauschen der Seide dein armes Herz an +Weibsbilder verrathen. Halt deinen Fuß zurük von Hurenhäusern, +deine Hand von Unterröken, deine Feder von den Zins-Büchern der +Wucherer, und troze dem bösen Feind. Immer bläßt durch den Hagdorn +der kalte Wind; sagt, Sum, Mun, Nonny, Delphin, mein Junge, Junge, +Sessey, laß ihn antraben. + +(Der Sturm daurt immer fort.) + +Lear. +Besser du wärst in deinem Grab, als deinen unbedekten Kopf diesem +Unwetter entgegen zu stellen.--Ist der Mensch nichts mehr als das? +Betracht ihn recht! Du bist dem Wurm keine Seide schuldig, den +wilden Thieren keinen Pelz, dem Schaafe keine Wolle, der Bisam-Kaze +keinen guten Geruch. Ha! hier sind drey von uns solche Sophisten; +du bist das Ding selbst. Der unaufgeschmükte Mensch ist nichts +mehr als ein solch armes, naktes, gabelförmiges Thier wie du bist. +Weg, weg, du geborgter Plunder, kommt, knöpft mich auf-- + +(Er reißt seine Kleider auf.) + +Narr. +Ich bitte dich, Nonkel, sey ruhig; es ist keine hübsche Nacht zum +Schwimmen. Ein kleines Feuer in einem Wald wäre izt gerade wie +eines alten Hurenjägers Herz, ein Fünkchen, und der ganze übrige +Leib kalt; sieh, hier kömmt ein feuriger Mann. + +Edgar. +Es ist der böse Flibbertigibbet, er fängt an wenn die Nachtgloke +geläutet wird, und geht bis der Hahn kräht; er verursachet den +Staar, macht schielende Augen, und Hasen-Scharten, milthaut den +weissen Weizen, und stoßt die armen Geschöpfe auf der Erde. Sanct +Withold u.s.w.* + +{ed.-* Hier singt Edgar im Original etliche altenglische Reime, +davon ungefehr der Inhalt, daß Sanct Withold indem er bey Nacht +herumgespaziert, die Nachtfrau (Night-Mare) angetroffen, und +genöthiget habe, die Leute welche sie im Schlaf zu drüken pflegt, +in Ruhe zu lassen. Diese Begebenheit ist aus der Legende dieses +Heiligen genommen, der deswegen als ein Schuzpatron wider den Alp +angeruffen zu werden verdiente, so wie diese Reime als eine Art +von Beschwörung wider die vermeynte Nachtfrau von dem gemeinen +Volke gebraucht wurden. + + + +Siebender Auftritt. +(Gloster kömmt mit einer Fakel.) + + +Lear. +Wer ist der? + +Kent. +Wer ist hier? was sucht ihr? + +Gloster. +Wer seyd ihr selbst? wie heißt ihr? + +Edgar. +Der arme Tom, der den schwimmenden Frosch ißt, die Kröte, die Mauer- +Eidexe, und die Wasser-Eidexe, der in der Wuth seines Herzens, wenn +der böse Feind raset, Kühfladen für Salat ißt, alte Razen und todte +Hunde verschlukt, und den grünen Mantel des stehenden Sumpfes +trinkt, der von Haus zu Haus gepeitscht, in den Stok gesezt und +eingesperrt wird; der drey Kleider für seinen Rüken gehabt hat, +sechs Hemder für seinen Leib, ein Pferd zum reiten, und einen Degen +zum tragen; + +Aber Razen und Mäuse und solche Waar, +Sind nun Tom's Speise seit sieben Jahr. + +Gloster. +Wie, hat Eure Hoheit keine bessere Gesellschaft? + +Edgar. +Der Fürst der Finsterniß ist ein Edelmann; er heißt Modo und Mahu. + +Gloster. +Unser Fleisch und Blut, Mylord, ist so sehr verdorben, daß es die +hasset, die es gezeugt haben. + +Edgar. +Tom friert! + +Gloster. +Kommet mit mir, Mylord; meine Treue kan mir nicht zulassen, eurer +Töchter grausamen Befehlen in allem zu gehorchen. Ob sie mir +gleich eingeschärft haben, meine Thüren zu verrigeln, und euch der +Willkuhr dieser tyrannischen Nacht zu überlassen, so hab ich es +doch gewagt euch aufzusuchen, um euch an einen Ort zu bringen, wo +Feuer und etwas zu essen bereit ist. + +Lear. +Zuerst laßt mich mit diesem Philosophen reden; was ist die Ursache +vom Donner? + +Kent. +Mein gütiger Lord, nehmet sein Erbieten an, geht in das Haus. + +Lear. +Ich will ein Wort mit diesem gelehrten Thebaner hier reden: Was ist +euer Studium? + +Edgar. +Dem bösen Feind auszuweichen, und Ungeziefer zu tödten. + +Lear. +Laßt uns euch ein Wort in Geheim fragen. + +Kent. +Sezt ihm stärker zu mit euch zu gehen, Mylord; sein Verstand fängt +an in Unordnung zu kommen. + +Gloster. +Kanst du ihn tadeln? Seine Töchter suchen seinen Tod.--Ach! der +gute Kent! Er sagte, so würd' es gehen; der arme verbannte Mann! +Du sagst, der König wird wahnsinnig; ich kan dir sagen, Freund, ich +bin selbst wahnsinnig; ich hatte einen Sohn, (denn izt ist er aus +meinem Herzen verbannet) er stand mir nach dem Leben, erst kürzlich, +ganz neuerlich; ich liebte ihn, Freund, kein Vater hat jemals +seinen Sohn mehr geliebt; dir die Wahrheit zu sagen, der Schmerz +hat meinen Verstand angegriffen. Was für eine Nacht ist diß!-- + +(zu Lear.) + +Ich bitte eure Hoheit-- + +Lear. +O, ich bitte euch um Vergebung, Sir. + +(zu Edgar) + +Edler Philosoph, eure Gesellschaft. + +Edgar. +Tom friert. + +Gloster. +Hinein, Bursche, in die Hütte; wärme dich. + +Lear. +Kommt, wir wollen alle hinein. + +Kent. +Diesen Weg, Mylord. + +Lear. +Mit ihm; ich will immer bey meinem Philosophen bleiben. + +Kent (zu Gloster.) +Mein gütiger Lord, seyd ihm zu Willen, laßt ihn den Burschen +mitnehmen. + +Gloster. +Nehmt ihr ihn mit. + +Kent. +Komm mit, Bursche, mit uns. + +Lear. +Komm, du guter Athenienser. + +Gloster. +Keine Worte, keine Worte, husch! + +Edgar. +Kind Roland kam zum finstern Thurm etc.* + +{ed.-* Der Name (Infant) wurde in den alten ritterlichen Zeiten denen +jungen Leuten von Stande gegeben, eh sie zu würklichen Rittern +geschlagen wurden. Das was Edgar hier sagt, ist vermuthlich der +Anfang einer ins alte Englische übersezten Romanze, wo der +Übersezer das Wort (Infant) durch Kind gegeben.} + +(Sie gehen ab.) + + + +Achter Auftritt. +(Die Scene verwandelt sich in Glosters Schloß.) +(Cornwall. Edmund.) + + +Cornwall. +Ich will Rache haben, eh ich dieses Haus verlasse. + +Edmund. +Ich darf kaum daran denken, Mylord, was man urtheilen wird, daß ich +die Natur der Treue gegen euch Plaz machen heisse. + +Cornwall. +Nun merke ich, daß es nicht bloß euers Bruders schlimme Gemüthsart +war, was ihn seinen Tod suchen machte.--Es war vielleicht ein zur +Rache gereiztes Verdienst, welches nicht ausstehen konnte, von +einem niederträchtigen Vater vernachlässigst zu werden. + +Edmund. +Wie unglüklich ist mein Stern, daß ich bereuen muß gerecht zu seyn. +Hier ist der Brief, wovon er mir sagte; er entdekt ihn als einen +heimlichen Anhänger der Französischen Parthey. O Himmel! möchte +entweder diese Verrätherey nicht seyn, oder ich nicht der Entdeker! + +Cornwall. +Folget mir zu der Herzogin. + +Edmund. +Wenn der Inhalt dieses Papiers wahr ist, so habt ihr sehr viel zu +thun. + +Cornwall. +Er mag wahr oder falsch seyn, so hat er dich zum Grafen von Gloster +gemacht. Suche deinen Vater auf, damit seine Bestraffung vollzogen +werden könne. + +Edmund (vor sich.) +Wenn ich finde daß er dem König Vorschub thut, so wird der Verdacht +desto stärker-- + +(laut.) + +Ich will fortfahren euch die Treue zu beweisen, Mylord, die ich +meinem Oberherrn schuldig bin, so schmerzlich auch der Kampf +zwischen Schuldigkeit und Natur ist. + +Cornwall. +Ich bin von deiner Treue überzeugt, und du sollt in meiner Liebe +einen theurern Vater finden. + +(Sie gehen ab.) + + + +Neunter Auftritt. +(Eine Stube in einem Meyer-Hofe.) +(Kent und Gloster treten auf.) + + +Gloster. +Hier ist es besser als unter freyem Himmel, nehmt es mit Dank an; +ich will besorgt seyn euch so viel Vorschub zu thun, als ich kan-- +ich werde bald wieder bey euch seyn. + +(Geht ab.) + +Kent. +Alle Kräfte seines Verstandes haben seiner Ungeduld weichen müssen; +die Götter belohnen euer mitleidiges Herz. (Lear, Edgar und Narr.) + +Edgar. +Frateretto ruft mir und erzählt mir, Nero sey ein Angel-Fischer im +Pfuhl der Finsterniß. Betet in Unschuld und hütet euch vor dem +bösen Feind. + +Narr. +Sey so gut, Nonkel, und sag mir, ist ein wahnwiziger Mann ein +Edelmann oder ein Bauer? + +Lear. +Ein König, ein König. + +Narr. +Nein, er ist ein Bauer, der einen Edelmann zum Sohn hat; denn das +ist ein wahnwiziger Bauer, der seinen Sohn für einen Edelmann +ansieht. + +Lear*. +{ed.-* Hier folgen in der ersten Ausgabe etliche Reden im +tollhäusischen Geschmak, welche Shakespearevermuthlich selbst in +den folgenden weggelassen hat; und welche, wenn es auch möglich +wäre sie zu übersezen, den wenigsten Lesern dieser Mühe würdig +scheinen würden. Die lezte, welche Lear sagt, ist die einzige, in +der man den Shakespearewieder erkennt.} + +--Laßt sie Regan anatomiren--Seht, was in ihrem Herzen ausgebrütet +wird--Ist irgend eine Ursache in der Natur, die solche harte Herzen +macht? Euch, Sir, unterhalt' ich für einen von meinen Hundert; nur +steht mir der Schnitt euerer Kleider nicht an; man sollte denken, +sie wären persianisch; aber laßt sie ändern. (Gloster kommt zurük.) + +Kent. +Nun, mein gütiger Lord, legt euch hier und ruhet eine Weile. + +Lear. +Macht kein Getöse, macht kein Getöse, zieht die Vorhänge. So, so, +wir wollen morgen früh zum Nacht-Essen gehen. + +Narr. +Und ich will des Mittags zu Bette gehen. + +Gloster. +Kommt hieher, Freund; wo ist der König, mein Herr? + +Kent. +Hier, Sir, aber beunruhigt ihn nicht; sein Verstand ist dahin. + +Gloster. +Guter Freund, ich bitte dich, nimm ihn in deine Arme; (ich habe +etwas von einem Anschlag wider sein Leben gehört;) es ist eine +Sänfte bereit, trag ihn hinein, und eile nach Dover, Freund, wo du +beydes, Aufnahm und Schuz, finden wirst. Nimm deinen Herrn auf die +Schultern; wenn du nur eine halbe Stunde säumest, so ist sein Leben +und deines und eines jeden, der ihn vertheidigen wollte, unfehlbar +verlohren. Fort, mache fort, nimm ihn auf deine Schultern, und +folge mir; ich will dir einen Wegweiser mitgeben-- + +Kent. +Die unterdrukte Natur schläft. Diese Ruhe möchte ein Balsam für +deine verwundeten Sinnen gewesen seyn, die, wie ich besorge, ohne +eine günstige Veränderung der Umstände, unheilbar sind. Komm, + +(zum Narren) + +hilf deinen Herrn hinweg tragen, du must nicht zurük bleiben. + +Gloster. +Kommt, kommt, hinweg. + +(Sie tragen den König fort.) + +Edgar (bleibt allein.) +Wenn wir Bessere als wir sind mit unsern Übeln beladen sehen, so +vergessen wir beynahe unsers eignen Elends. Wer allein leidet, +leidet am meisten am Gemüth, indem er mit Menschen umgeben ist, die +von seinen Übeln frey, durch den beleidigenden Anblik ihrer +Glükseligkeit seine Pein verdoppeln. Wie leicht, wie erträglich +scheint mir mein Unglük zu seyn, da der König von gleichem Ungemach +gedrükt wird! Er hat Kinder, wie ich einen Vater habe--Hinweg, Tom-- +begegne diese Nacht was will, wenn nur der König unversehrt +entkömmt-- + +(Edgar geht ab.) + + + +Zehnter Auftritt. +(Cornwall, Regan, Gonerill, Edmund und Bediente.) + + +Cornwall. +Eilet unverzüglich zu euerm Gemahl und zeigt ihm diesen Brief; die +französische Armee ist angeländet; sucht den Verräther Gloster. + +Regan. +Laßt ihn auf der Stelle aufhängen. + +Gonerill. +Reißt ihm die Augen aus. + +Cornwall. +Überlasset ihn nur meinem Unwillen. Edmund, leistet unsrer +Schwester Gesellschaft; die Rache die wir an euerm verräthrischen +Vater zu nehmen genöthiget sind, leidet eure Gegenwart nicht. +Überzeuget den Herzog zu dem ihr gehet, von der Nothwendigkeit +einer schleunigen Kriegs-Zurüstung--wir haben die gleiche +Obliegenheit; unsre Couriers sollen ein ununterbrochnes Verständniß +unter uns erhalten. Lebet wohl, liebe Schwester; lebet wohl, +Mylord von Gloster. (Der Haushofmeister kömmt.) Wie gehts? wo ist +der König? + +Hofmeister. +Mylord von Gloster hat ihn von hier hinweggebracht. Fünf oder +sechs und dreissig von seinen Rittern, welche sehr hizig nach ihm +fragten, haben ihn vor der Pforte angetroffen, und sind nebst +einigen von des Lords Angehörigen mit ihm nach Dover abgegangen, wo +sie sich rühmen, wohlbewaffnete Freunde zu haben. + +Cornwall. +Hohlet Pferde für eure Gebieterin. + +Gonerill. +Lebet wohl, mein liebster Lord, und meine Schwester. + +(Gonerill und Edmund gehen ab.) + +Cornwall. +Edmund, lebe wohl--Geht, sucht den Verräther Gloster; bindet ihn +wie einen Dieb, und bringt ihn vor uns: Wir können ihm zwar ohne +die Förmlichkeiten der Justiz das Leben nicht nehmen; aber dennoch +soll unsre Macht unserm Zorn eine Gefälligkeit erweisen, welche die +Leute tadeln mögen ohne sie verhindern zu können. + + + +Eilfter Auftritt. +(Gloster wird von einigen Bedienten hereingebracht.) + + +Cornwall. +Wer ist hier? der Verräther? + +Regan. +Der undankbare Fuchs! Er ists. + +Cornwall. +Bindet ihm seine hagern Arme fest zusammen. + +Gloster. +Was meynen Euer Gnaden damit? Meine guten Freunde, bedenket daß +ihr meine Gäste seyd; spielet mir keinen schlimmen Streich, Freunde. + +Cornwall. +Bindet ihn, sag ich. + +(Sie binden ihn.) + +Regan. +Fester, fester! du nichtswürdiger Verräther. + +Gloster. +Unbarmherzige Lady, ich bin kein Verräther. + +Cornwall. +An diesen Lehnstuhl bindet ihn. Nichtswürdiger, du sollt finden-- + + +Gloster. +Bey den mitleidigen Göttern, das ist höchst unwürdig gehandelt, mir +so den Bart auszurauffen. + +Regan. +So weiß, und so ein Verräther! + +Gloster. +Boshafte Lady, diese Haare, die du meinem Kinn raubest, werden +lebendig werden und dich anklagen; ich bin euer Wirth, ihr solltet +euch schämen, so mit räuberischen Händen mein gastfreundliches +Gesicht zu zerrauffen! Was wollt ihr aus mir machen? + +Cornwall. +Saget, Sir, was für Briefe hattet ihr lezthin aus Frankreich? + +Regan. +Antwortet gerade zu, denn wir wissen die Wahrheit schon. + +Cornwall. +Und was für ein Bündniß hattet ihr mit den Verräthern, die erst +kürzlich in dem Königreich angeländet sind? + +Regan. +In wessen Hände schiktet ihr den mondsüchtigen König? Redet! + +Gloster. +Ich habe einen Brief, worinn von blossen Muthmassungen die Rede ist, +und der von jemanden kam, der neutral, und nicht von einer +feindlichen Parthey ist. + +Cornwall. +Ausflüchte-- + +Regan. +Und falsch. + +Cornwall. +Wo hast du den König hingeschikt? + +Gloster. +Nach Dover. + +Regan. +Warum nach Dover? War dir nicht bey Gefahr deines Lebens verboten-- + +Cornwall. +Warum nach Dover? Laßt ihn zuerst auf das antworten. + +Gloster. +Ich bin an den Pfahl gebunden, und muß nun den Anfall aushalten. + +Regan. +Warum nach Dover? + +Gloster. +Weil ich nicht sehen wollte, daß deine grausamen Nägel seine alten +Augen auskrazten, noch daß deine grimmige Schwester ihre Bären- +Klauen in sein gesalbtes Fleisch einhakte. Von einem solchen Sturm, +wie sein kahles Haupt in Hölle-schwarzer Nacht aushalten mußte, +hätte die kochende See bis an den Himmel aufbrausen, und die +gestirnten Feuer auslöschen mögen. Und doch, das arme alte Herz! +half er dem Himmel regnen. Hätten Wölfe in dieser entsezlichen +Nacht vor deinem Thor geheulet, du würdest dem Pförtner befohlen +haben, sie zu öffnen; die grausamsten Thiere wurden vor Schreken +mild--Aber ich werd es noch sehen, wie die geflügelte Rache solche +Kinder überfallen wird. + +Cornwall. +Sehen sollt du es niemals. Kerls, haltet den Stuhl; auf diese +deine Augen will ich meinen Fuß sezen. + +(Gloster wird auf den Boden gelegt, und Cornwall tritt ihm das eine +von seinen Augen aus.) + +Gloster. +Wer so lange zu leben gedenkt bis er alt wird, gebe mir einige +Hülfe--O grausam! O! ihr Götter! + +Regan. +Eine Seite möcht' es der andern vorrüken; das andere auch. + +Cornwall. +Wenn ihr Rache sehet-- + +Ein Bedienter. +Haltet ein, Mylord, ich habe euch von meiner Kindheit an gedient, +aber keinen bessern Dienst hab ich euch nie gethan, als izt, da ich +euch bitte, einzuhalten. + +Regan. +Was ist das, du Hund? + +Bedienter. +Wenn ihr einen Bart an euerm Kinn trüget, so wollt' ich es mit euch +aufnehmen-- + +(indem er sieht, daß Cornwall den Degen gegen ihn zieht:) + +Wie? was habt ihr im Sinn? + +Cornwall. +Nichtswürdiger Bube-- + +Bedienter. +Nun so kommt dann, weil ihr mich so herausfodert-- + +(Sie fechten, Cornwall wird verwundet.) + +Regan. +Gieb mir dein Schwerdt--ein Sclave soll sich so auflehnen? + +(Sie ersticht ihn.) + +Bedienter. +O! ich bin erschlagen--Mylord, ihr habt noch ein Auge übrig, um +Unglük über ihm zu sehen--O! -- + +(Er stirbt.) + +Cornwall. +Wir wollen ihm zuvorkommen; aus, nichtswürdige Sulz-- + +(Er tritt das andre Aug auch aus.) + +Gloster. +Ganz finster und hülflos--Wo ist mein Sohn Edmund? Edmund, fache +alle Funken der Natur an, diese greuliche That zu rächen. + +Regan. +Hinaus, verräthrischer Hund! du rufst einem, der dich verabscheuet; +Edmund war's, der uns deine Verräthereyen entdekte; er ist zu gut, +Mitleiden mit dir zu haben. + +Gloster. +O meine Thorheiten!--So wurde Edgar fälschlich angeklagt! Ihr +mitleidigen Götter, vergebet mir das, und segnet ihn! + +Regan. +Geht, führt ihn vor das Thor hinaus, und laßt ihn seinen Weg nach +Dover durch den Geruch finden. + +(Gloster wird weggeführt.) + +Wie stehts, Mylord, wie seht ihr so übel aus? + +Cornwall. +Ich habe einen Stoß bekommen; folget mir, Lady; Stosset diesen +auglosen Buben hinaus--werft diesen Sclaven auf den Mist--Regan, +ich verblute; dieser Stoß kommt sehr zur Unzeit-- + +Regan. +Gebt mir euern Arm-- + +(Sie gehen ab.) + +1. Bedienter. +Wenn es diesem Mann wohl geht, so will ich mir um keines Bubenstüks +willen bange seyn lassen. + +2. Bedienter. +Wenn Sie lange lebt, und am Ende so stirbt wie andre Leute, so +werden alle Weiber zu Ungeheuern werden. + +1. Bedienter. +Wir wollen dem alten Grafen nachlaufen, und irgend einen Bettler +suchen, der ihn führe-- + +2. Bedienter. +Geh du, ich will etwas Flachs und Eyer-Weiß hohlen, es auf seine +blutenden Augen zu legen. Nun, der Himmel helf ihm! + +(Gehen ab.) + + + + +Vierter Aufzug. + + + +Erster Auftritt. +(Ein freyes Feld.) + + +Edgar (tritt auf) +Immer besser so, und wissen daß man verachtet wird, als immer +verachtet und geschmeichelt werden. Das ärmste, niedrigste, +verworrenste Geschöpf lebt immer in Hoffnung, und hat nichts zu +befürchten. Klägliche Veränderungen treffen nur die Glüklichsten. +Wer nichts verliehren kan, kan immer lachen. Willkommen dann, du +unkörperliche Luft, der Unglükliche, den du unter den Elendesten +hinunter geweht hast, ist deinen Stürmen nichts mehr schuldig. +(Gloster tritt auf, von einem alten Manne geführt.) Aber wer kommt +hier? Mein Vater, von einem fremden Manne geführt?--Welt, Welt, o +Welt!--Und doch, wenn deine seltsamen Abwechslungen dich nicht +verhaßt machten, wo ist der Greiß welcher sterben wollte? + +Der alte Mann. +O mein guter Lord, ich bin euer Pachter und euers Vaters Pachter +gewesen, diese achzig Jahre. + +Gloster. +Gehe, gehe deinen Weg, guter Freund, geh, dein Beystand kan mir +nichts nüzen, und dir könnt' er schädlich seyn. + +Der Alte. +Ihr könnt ja euern Weg nicht sehen. + +Gloster. +Ich habe keinen Weg, und bedarf also keiner Augen; ich strauchelte, +da ich noch sah. Wie wahr ist es, was uns die Erfahrung so oft +lehrt, unsre Mittelmässigkeit ist unsre Sicherheit, und selbst was +wir entbehren, beweißt, daß wir es nicht nöthig haben--O theurer +Sohn Edgar, unglüklicher Gegenstand des Zorns deines betrogenen +Vaters, möcht ich nur leben dich in meinen Armen zu fühlen, dann +wollt' ich sagen, ich habe wieder Augen. + +Der Alte. +Wie? wer ist der? + +Edgar. +Ihr Götter, wer kan sagen, ich bin der Elendeste? Ich bin elender +als ich jemals war. + +Der Alte. +Es ist der arme tolle Tom. + +Edgar. +Und doch kan ich noch elender werden; das Ärgste ist noch nicht, +so lang man noch sagen kan, das ist das Ärgste. + +Der Alte. +Guter Freund, wo gehst du hin? + +Gloster. +Ist es ein Bettelmann? + +Der Alte. +Ein Thor und ein Bettler zugleich. + +Gloster. +Er hat noch einige Vernunft, sonst könnt' er nicht betteln. In dem +Sturm der lezten Nacht sah ich einen solchen Burschen, der mich +denken machte, der Mensch sey ein Wurm. Mein Sohn kam mir dabey in +den Sinn; und doch war er damals fern von meinem Herzen. Seitdem +hab ich mehr gehört. Was Fliegen für muthwillige Knaben sind, sind +wir den Göttern; sie tödten uns zu ihrem Zeitvertreib. + +Edgar. +Gott helf dir, Meister. + +Gloster. +Ist das der nakende Bursche? + +Der Alte. +Ja, Mylord. + +Gloster. +Geh doch, oder wenn du mir zu lieb eine Meile oder zwoo uns nach +Dover zuvorlauffen willt, so thu es um der alten Liebe willen, und +bring etwas Kleidung für diese nakte Seele, die ich bitten will, +mich zu führen. + +Der Alte. +Ach, Mylord, es ist wahnwizig. + +Gloster. +Das ist eine böse Zeit, wenn Wahnwizige die Blinden führen; thu was +ich dir gesagt habe, oder vielmehr thu was du willst; alles +überlegt, geh deinen Weg. + +Der Alte. +Ich will ihm den besten Anzug bringen, den ich habe; werde daraus +was will. + +(Geht ab.) + +Gloster. +Hieher, nakter Bursche. + +Edgar. +Der arme Tom friert, ich kan es nicht länger verheelen. + +Gloster. +Komm hieher, Bursche. + +Edgar. +Und doch muß ich; Gott behüte deine lieben Augen, sie bluten. + +Gloster. +Kennst du den Weg nach Dover? + +Edgar. +Gatter und Zäune, Postweg und Fußsteg: Der arme Tom ist um seine +guten Sinnen gekommen. Gott behüte dich vor dem bösen Feind, alter +Mann. Fünf Feinde sind auf einmal in dem armen Tom gewesen; +Obidicut, der Hureteufel, Hobbididen, der Fürst der Taubheit; Mahu, +des Stehlens, Mohu, des Mordens, und Flibbertigibbet, der Grimassen- +Teufel, der seither die Kammer-Jungfern und Stuben-Mädchen besizt.* + +{ed.-* Shakespeare läßt den Edgar in seinen phantastischen Reden +öfters auf eine niederträchtige Betrügerey etlicher Englischen +Jesuiten zielen, die um selbige Zeit in Gesellschaften Stoff zur +Unterredung gab, weil eben damals eine von dem nachmaligen +Erzbischof von York Dr. Harsenet mit grosser Kunst und Stärke +geschriebene Geschichte derselben zum Vorschein kam, unter dem +Titel: Entdekung merkwürdiger Papistischer Betrügereyen, um Ihrer +Majestät Unterthanen von ihrer Pflicht abzuziehen u.s.w. unter +dem Vorwand Teufel auszutreiben, gespielt von Edmunds sonst +Weston genannt, einem Jesuiten, und verschiedenen Römischen +Priestern, seinen boshaften Gesellen. 1603. Diese Jesuitische +Comödie wurde zur Zeit der berühmten Spanischen Armada gegen +England gespielt, und hatte zur Absicht, zu Beförderung des +Spanischen Vorhabens, Proselyten unter dem Pöbel zu machen. +Die vornehmste Scene war in der Familie eines Hrn. Edmund Pekham, +eines Catholiken, wo Marwood, ein Bedienter von Hrn. Anton +Babington, Trayford, ein Bedienter des Hrn. Pekham und drey +Kammer-Mädchen in diesem Hause für besessen ausgegeben, und von +gedachten Priestern in die Cur genommen wurden. Die fünf +barbarischen Teufel, von denen Edgar spricht, sind eben die, von +denen ermeldte fünf dienstbare Personen besessen seyn sollten. +Auszug aus Warbürt. Anmerk.} + +Gloster. +Hier, nimm diesen Beutel, du den des Himmels Plagen allen Streichen +des Unglüks ausgesezt haben. Daß ich elend bin, macht dich +glüklicher. Theilet immer so, ihr Götter; Laßt den reichen, von +Überfluß und Wollust berauschten Mann, der euern Schiksalen Troz +bietet, und das Elend seiner Nebengeschöpfe nicht sehen kan, weil +er's nicht fühlt, laßt ihn schleunig eure Allmacht fühlen; so wird +Freygebigkeit den unmässigen Überfluß dämpfen, und ein jeder +Mensch genug haben. Kennst du Dover? + +Edgar. +Ja, Herr. + +Gloster. +Es ist ein Hügel dort, dessen hoher und überhangender Gipfel +fürchterlich über die angrenzende Tieffe herabsieht. Bring mich +auf die äusserste Spize desselben, und ich will dir etwas geben, +das deinem armseligen Zustand ein Ende machen wird; von dort aus +werd' ich keinen Führer mehr nöthig haben. + +Edgar. +Gieb mir deinen Arm, der arme Tom soll dich führen. + + + +Zweyter Auftritt. +(Des Herzogs von Albanien Palast.) +(Gonerill und Edmund.) + + +Gonerill. +Seyd willkommen, Mylord; mich wundert, daß mein sanftmüthiger Mann +uns nicht entgegen gegangen ist. (Der Hofmeister kömmt.) Nun, wo +ist euer Herr? + +Hofmeister. +Gnädige Frau, er ist drinnen; aber so verändert, daß es kaum +glaublich ist; ich sagte ihm, die Feinde seyen angeländet; er +lächelte dazu. Ich sagte ihm, Euer Gnaden kommen wieder an; desto +schlimmer, war seine Antwort. Als ich ihm von Glosters Verrätherey +und von der Treue seines Sohns Nachricht gab, nannte er mich einen +Dummkopf, und sagte mir, ich hätte die schlimme Seite herausgekehrt. +Was ihm am unangenehmsten seyn sollte, scheint ihm zu gefallen; +und was ihm gefallen sollte, beleidigt ihn. + +Gonerill (zu Edmund.) +So sollt ihr nicht weiter gehen. Es ist nichts, als die feige +Zaghaftigkeit seines Geistes, welcher nicht Muth genug hat etwas zu +unternehmen: Er wird keine Beleidigung fühlen, die ihn zu einer +Antwort nöthigte. Auf diese Art können unsre Wünsche zur Erfüllung +kommen. Zurük, Edmund, zu meinem Bruder; beschleunige dich, mustre +seine Völker und führe sie an. Hier zu Hause muß ich die Waffen +wechseln, und meinem Manne die Spindel in die Hand geben. Dieser +getreue Diener soll unser Verständniß unterhalten; ihr sollt in +kurzem von mir hören, wenn ihr Herz genug habt zu euerm eignen +Vortheil, den Befehl einer Geliebten zu wagen. Traget diß + +(sie giebt ihm ich weiß nicht was,) + +sparet die Worte, + +(leise) + +drehet den Kopf ein wenig--Dieser Kuß, wenn er reden dürfte, würde +deine Lebensgeister in die Höhe treiben--Verstehe mich und lebe +wohl. + +Edmund. +Der Eurige bis in den Tod. + +Gonerill. +Mein allerliebstes Gloster. + +(Edmund geht ab.) + +Was für ein Unterscheid ist zwischen Mann und Mann! Du verdienst +die Gunstbezeugungen einer Dame; mein Thor usurpiert meine Person. + +Hofmeister. +Gnädige Frau, hier kömmt Mylord. (Der Herzog von Albanien kömmt.) + +Gonerill. +Bin ich nicht mehr werth gewesen, als meinem Bedienten zu pfeiffen, +wie ich ankam? + +Albanien. +O, Gonerill, ihr seyd den Staub nicht werth, den euch der Wind ins +Gesicht bläßt. Ich fürchte die Folgen eurer Gemüthsart; ein +Geschöpf das seinen Ursprung verachtet, kan sich nicht in seiner +eignen Natur erhalten; der Zweig, der sich selbst von seinem +väterlichen Stamm abreißt, muß verdorren, und zu einem tödtlichen +Gebrauch kommen.* + +{ed.-* Eine Anspielung auf den Gebrauch, welchen, der Sage nach, die +Hexen und Zauberer von verdorreten Zweigen zu ihren Bezauberungen +machen sollen. Warbürton.} + +Gonerill. +Nichts mehr, welch ein närrisches Gewäsche! + +Albanien. +Weisheit und Güte scheinen dem Nichtswürdigen verächtlich; +Tygerthiere, nicht Töchter, was habt ihr gethan? Einen Vater, +einen höchstgütigen alten Mann habt ihr, auf eine höchst +barbarische, höchst unnatürliche Weise, zum Wahnwiz getrieben. +Konnte mein Bruder zulassen, daß ihr es thatet, ein Mann, ein Fürst, +der ihm soviel zu danken hatte? Wahrlich, wenn die Himmel nicht +ungesäumt ihre sichtbar werdenden Geister herabsenden, so +schändliche Übelthaten zu straffen, so muß die Menschheit +nothwendig, gleich den Meer-Ungeheuern, sich selbst aufzehren. + +Gonerill. +Du Milchleberichter Mann! der eine Wange für Maulschellen und +einen Kopf für Beleidigungen trägt; der kein Auge hat, den +Unterschied zwischen deiner Ehre und deiner Beschimpfung zu sehen; +der nicht weiß, daß nur Thoren mit Bösewichtern Mitleiden haben, +wenn sie gestraft werden, eh sie ihre Übelthaten ausüben konnten. +Wo ist deine Trummel? Frankreich spreitet seine Fahnen in unserm +ruhigen Land aus; in befiederten Helmen beginnst dein künftiger +Mörder seine Drohungen, während daß du, ein moralischer Narr, still +sizest und rufst: Ach! warum thut er denn das? -- + +Albanien. +Sieh dich selbst, Teufel! Seine ihm natürliche Häßlichkeit scheint +in einem Teufel nicht so abscheulich, als in einem Weibe. + +Gonerill. +O eitler Thor! + +Albanien. +Du verwandeltes, ausgeartetes Ding! Schäme dich wenigstens, deine +Bildung mit so ungeheuern Gesinnungen zu schänden! Wenn es sich +für mich schikte, diese Hände dem Trieb meines kochenden Blutes zu +überlassen, sie würden fertig genug seyn dein Fleisch von deinen +Knochen abzureissen--Ob du gleich ein Teufel bist, so schüzt dich +doch die Gestalt eines Weibes-- + +Gonerill. +Wahrhaftig, eine wolangebrachte Mannheit! (Ein Bote kömmt.) + +Bote. +O mein gnädigster Lord, der Herzog von Cornwall ist todt, von +seinem Bedienten erschlagen, da er im Begriff war, Glosters zweytes +Auge auszutreten. + +Albanien. +Glosters Augen? + +Bote. +Ein in seinem Haus erzogner Bedienter, von Reue durchbohrt, +widersezte sich der That, und zog sein Schwerdt gegen seinen Herrn, +welcher voll Wuth über eine solche Kühnheit, ihn auf der Stelle +tödtete, vorher aber eine Wunde bekam, die ihn nun das Leben +gekostet hat. + +Albanien. +Diß zeigt, daß ihr dort oben nicht säumet, ihr himmlischen Richter, +diese unsre unter euern Augen begangne Verbrechen zu rächen. Aber, +O! der arme Gloster! Verlohr er das andre Aug auch? + +Bote. +Beyde, beyde, Mylord. Dieses Schreiben, Gnädigste Frau, fodert +eine schleunige Antwort; es ist von eurer Schwester. + +Gonerill (vor sich.) +Von einer Seite gefällt mir diß ganz wol. Und doch da sie izt +Wittwe, und mein Gloster bey ihr ist, so könnte leicht das ganze +Gebäude in meiner Phantasie über mein verhaßtes Leben einstürzen-- +Auf einer andern Seite ist diese Neuigkeit nicht so reizend--Ich +will lesen und antworten. + +(Geht ab.) + +Albanien. +Wo war sein Sohn, als sie ihn seiner Augen beraubten? + +Bote. +Er begleitete die Herzogin hieher. + +Albanien. +Er ist nicht hier. + +Bote. +Nein, Mylord, ich traf ihn unterwegs auf der Rükreise an. + +Albanien. +Weiß er die schändliche That? + +Bote. +Ja, Gnädigster Herr, er war es selbst der seinen Vater anklagte, +und er verließ das Haus, nur damit ihre Rache freyern Lauf hätte. + +Albanien. +Gloster, ich lebe, dir für deine Liebe zu dem König zu danken, und +deine Augen zu rächen. Komm mit mir, Freund, und sage mir was du +noch mehr weissest. + +(Gehen ab.) + + + +Dritter Auftritt. +(Dover.) +(Kent und ein Edelmann treten auf.) + + +Kent. +Der König von Frankreich so plözlich wieder umgekehrt! Wißt ihr +die Ursache? + +Edelmann. +Umstände, welche seine Abwesenheit in seinem Königreiche dem Staat +gefährlich machen, haben seine schleunige Rükreise nöthig gemacht. + +Kent. +Wen hat er zum Feldherrn zurükgelassen? + +Edelmann. +Den Marschall von Frankreich, Monsieur le Far. + +Kent. +Brachten eure Briefe die Königin zu einiger Äusserung von +Bekümmerniß? + +Edelmann. +Ja, Sir, sie nahm sie und laß sie in meiner Gegenwart, und zu +verschiednen malen rollte eine grosse Thräne über ihre sanften +Wangen; es schien, sie sey Königin über ihren Affect, der auf eine +ganz rebellische Weise König über sie zu seyn suchte. + +Kent. +So rührte es sie also? + +Edelmann. +Aber nicht zum Zorn. Geduld und Schmerz stritten mit einander, +welches von beyden ihrem Gesicht den schönsten Ausdruk geben könnte; +ihr habt Sonnenschein und Regen zugleich gesehen--ihr Lächeln, und +ihre Thränen schienen wie ein nasser May. Dieses anmuthsvolleste +Lächeln das um ihre reiffen Lippen spielt, schien nicht zu wissen, +was für Gäste in ihren Augen wären, die aus denselben wie Perlen +von Diamanten, herunter tröpfelten--Kurz, der Schmerz würde die +liebenswürdigste Sache von der Welt werden, wenn er allen so +anstünde wie ihr. + +Kent. +Aber gab sie ihn nicht in Worten zu erkennen? + +Edelmann. +Ein oder zweymal seufzte sie aus beklemmten, langsam emporathmender +Brust den Namen Vater hervor, rief zu verschiednen Malen-- +Schwestern! Schwestern!--Schandfleke euers Geschlechts! +Schwestern! Kent! Vater! Schwestern! wie? Im Sturm? in einer +solchen Nacht? Laßt die Menschlichkeit es niemals glauben!--Hier +schüttelte sie das heilige Wasser aus ihren himmlischen Augen; und +in einer Bewegung, als ob es ihr unmöglich sey, den lautesten +Ausbruch des Schmerzens zurük zu halten, fuhr sie auf und eilte in +ihr Cabinet, ihrer Empfindung freyen Lauf zu lassen. + +Kent. +Die Sterne sind's, die Sterne über uns, die unsre Zufälle bestimmen, +sonst könnte unmöglich eben dasselbige Paar so ungleiche Kinder +zeugen. Sprach sie mit euch seit diesem? + +Edelmann. +Nein. + +Kent. +Geschah diß noch vor der Rükreise des Königs? + +Edelmann. +Nein, erst hernach. + +Kent. +Gut, Sir, der arme unglükliche Lear ist in der Stadt; in seinen +bessern Augenbliken erinnert er sich, warum wir hieher gekommen +sind, und dann will er sich schlechterdings nicht bereden lassen, +seine Tochter zu sehen. + +Edelmann. +Warum, guter Sir? + +Kent. +Eine demüthigende Schaam überwältigt ihn so; die Härte, mit der er +sie seines Segens beraubte, sie der Willkuhr fremder Zufälle +überließ, und ihre theuresten Rechte ihren hündischen Schwestern +zuwarf: Diese Dinge verwunden ihn mit so giftigen Stichen, daß +brennende Schaam ihn von seiner Cordelia zurük hält. + +Edelmann. +Der arme alte Herr! + +Kent. +Hörtet ihr nichts von Albaniens und Cornwalls Kriegs-Macht? + +Edelmann. +Man sagt, sie sey auf den Beinen. + +Kent. +Gut, Sir, ich will euch zu unserm Herrn führen, und ihn eurer +Sorgfalt überlassen. Irgend eine wichtige Ursache wird mich eine +Weile verborgen halten. Wenn ich euch recht bekannt seyn werde, so +wird es euch nicht gereuen, so genau mit mir bekannt worden zu seyn. +Ich bitte, kommt mit mir. + +(Gehen ab.) + + + +Vierter Auftritt. +(Ein Lager.) +(Cordelia, ein Medicus und Soldaten.) + + +Cordelia. +Ach! es ist er selbst; man fand ihn eben izt so rasend als die von +Stürmen gepeitschte See; überlaut singend, mit rankichtem +Daubenkropf, mit Schierling, Nesseln, Kukuk-Blumen, Lülch und allem +dem Unkraut bekränzt, das in unsern Kornfeldern wächßt. Schiket +eine Anzahl Leute aus, durchsuchet das ganze Feld, und bringt ihn +vor unsre Augen. Was vermag die menschliche Weisheit seine +beraubten Sinnen wieder herzustellen? Der, der ihm hilft, nehme +alles davor, was ich im Vermögen habe. + +Medicus. +Es sind Mittel dazu da, Madame; der beste Arzt der Natur ist Ruhe; +diese mangelt ihm; sie ihm zu verschaffen, sind die Kräfte mancher +Simplicium geschikt, deren Macht das Auge des Kummers zuschliessen +wird. + +Cordelia. +Möchten alle gesegneten noch unbekannten Heil-Kräfte der Erde, von +meinen Thränen begossen, hervorsprossen!--Wendet alles an, die +Krankheit des guten alten Mannes zu heben.--Suchet, suchet ihn auf, +eh seine unbezähmte Raserey aus Mangel an Mitteln sie zu dämpfen, +den Rest seines Lebens auflöset. (Ein Bote kömmt.) + +Bote. +Neue Zeitungen, Madame, die Brittischen Völker sind im Anzug hieher. + +Cordelia. +Das wußten wir schon vorher; unsre Zurüstungen warten nur auf ihre +Ankunft. O theurer Vater, es ist deine Sache die mich hieher +gebracht hat; für dich haben meine Klagen, meine heissen Thränen +den grossen Fürsten von Frankreich erweicht; kein aufgeblähter +Stolz sezt uns in Waffen, sondern Liebe, kindliche Liebe, und +unsers alten Vaters Recht. O wie verlangt mich ihn zu hören und zu +sehen! + +(Gehen ab.) + + + +Fünfter Auftritt. +(Regans Pallast.) +(Regan und der Hofmeister.) + + +Regan. +Sind meines Bruders Völker ausgerükt? + +Hofmeister. +Ja, Gnädige Frau. + +Regan. +Und er ist selbst in Person dabey? + +Hofmeister. +Ja und noch jemand, der mehr zu bedeuten hat; eure Schwester ist +ein beßrer Soldat als er. + +Regan. +Lord Edmund sprach nicht mit eurer Lady, da sie zu Hause angekommen? + +Hofmeister. +Nein, Madame. + +Regan. +Was mag meiner Schwester Brief an ihn zu sagen haben? + +Hofmeister. +Ich weiß es nicht, Gnädige Frau. + +Regan. +Er ist in wichtigen Geschäften von hier abgegangen. Es war ein +grosser Unverstand, dem Gloster nur die Augen, und nicht auch das +Leben zu nehmen; wohin er kömmt, empört er alle Herzen wider uns. +Edmund, denke ich, ist gegangen, aus Mitleiden über seinen elenden +Zustand, seinem nächtlichen Leben ein Ende zu machen; und zugleich +die Stärke der Feinde zu erkundigen. + +Hofmeister. +Ich muß ihn nothwendig aufsuchen, Gnädige Frau; um ihm meinen Brief +einzuhändigen. + +Regan. +Unsere Truppen rüken morgen vor; bleibet bey uns; die Wege sind so +unsicher-- + +Hofmeister. +Ich darf nicht, Madame; Mylady gab mir dieses Geschäfte auf meine +Pflicht. + +Regan. +Was konnte sie dem Edmund zu schreiben haben? Konntet ihr ihr +Geschäfte nicht etwann mündlich ausrichten?--Vielleicht, etwas--ich +weiß nicht was--Du sollt alle meine Gunst haben--laß mich den Brief +öffnen. + +Hofmeister. +Gnädige Frau, ich wollte lieber-- + +Regan. +Ich weiß, eure Lady liebt ihren Gemahl nicht; und bey ihrem lezten +Hierseyn, warf sie zärtliche Blike, sehr deutlich redende Blike auf +den edeln Edmund. Ich weiß, ihr seyd ihr Vertrauter-- + +Hofmeister. +Ich, Gnädige Frau? + +Regan. +Ich weiß was ich sage--ihr seyd's--ich weiß es; merkt euch also, +was ich euch izt sagen will. Mein Gemahl ist todt; Edmund und ich +haben uns miteinander besprochen; er schikt sich besser für meine +Hand, als für eure Lady. Das übrige könnt ihr selbst schliessen. +Wenn ihr ihn findet, so gebt ihm dieses, ich ersuche euch; und wenn +ihr eurer Lady diese Nachrichten bringt, ich bitte, so rathet ihr, +ihre Weisheit zurük zu ruffen. Hiemit lebet wohl. Wenn ihr etwann +von diesem blinden Verräther hören solltet, so wißt, daß der eine +reiche Belohnung zu erwarten hat, der ihm den Kopf abschneiden wird. + +Hofmeister. +Ich wollte ich träfe ihn an, Madame, ich wollte bald zeigen, was +für eine Parthey ich halte. + +Regan. +Lebet wohl. + +(Gehen ab.) + + + +Sechster Auftritt. +(Die Gegend um Dover.) +(Gloster, und Edgar als ein Bauer.) + + +Gloster. +Wenn kommen wir dann zu dem Hügel, wovon ich sagte? + +Edgar. +Eben izt steigen wir hinauf. Sehet, wie wir arbeiten. + +Gloster. +Mich däucht, der Grund ist eben. + +Edgar. +Entsezlich steil. Horcht, hört ihr das Meer? + +Gloster. +Nein, wahrhaftig. + +Edgar. +Wie denn, so greift die Verderbniß eurer Augen auch eure übrigen +Sinnen an. + +Gloster. +In der That es kan wol seyn. Mich däucht, deine Stimme ist +verändert, und du sprichst bessere Sachen, und in bessern Ausdrüken +als zuvor. + +Edgar. +Ihr irret euch sehr, ich bin in nichts verändert als in meinem +Anzug. + +Gloster. +Ganz gewiß, du sprichst besser. + +Edgar. +Folget mir, das ist der Ort--Stehet still. Wie entsezlich und +schwindlicht ist es, die Augen in eine solche Tieffe herab zu +senken! Die Krähen und Wasser-Raben die in der mittlern Luft +fliegen, scheinen kaum so groß als die Schröter; an der Mitte des +Felsen hängt einer, der Meerfenchel sucht, ein fürchterliches +Handwerk; mich dünkt, er ist nicht diker als sein Kopf. Die +Fischer die am Ufer herum gehen, kommen mir vor wie Mäuse, jene +lange vor Anker ligende Barke nicht grösser als ihr Hahn, und ihr +Hahn so klein, daß ihn das Auge nicht mehr fassen kan. Die +murmelnde Welle, die um die unzählbaren nakten Kieselsteine keift, +kan in dieser Höhe nicht mehr gehört werden. Ich will nicht mehr +hinab schauen, sonst möchte das schwindelnde Hirn und das +gebrechende Gesicht mich überwälzend in die Tieffe hinab stürzen. + +Gloster. +Stelle mich dahin, wo du stehest. + +Edgar. +Gebt mir eure Hand; izt seyd ihr nur eines Fusses Breite von der +äussersten Spize entfernt; um alles was unter dem Mond ligt, wollte +ich hier keinen Sprung vorwärts thun. + +Gloster. +Laß meine Hand gehen; Hier, Freund, ist noch ein andrer Beutel, und +in demselben ein Juweel, das wol werth ist von einem armen Mann +angenommen zu werden. Götter und Feen mögen es dir gedeyhen lassen. +Geh du izt weiter, sag mir Lebewohl, und laß mich hören, daß du +gehst. + +Edgar (stellt sich als geh er fort.) +Nun, so lebet wohl, mein guter Sir. + +Gloster. +Ich danke dir. + +Edgar (vor sich.) +Warum treibe ich dieses Spiel mit seiner Verzweiflung? Meine +Absicht ist, sie zu heilen. + +Gloster. +O! ihr mächtigen Götter, dieser Welt entsag' ich hiemit, und +schüttle vor euern Augen mein schweres Leiden geduldig ab. Könnte +ich es länger tragen, ohne über euere grossen unwidersezlichen +Schlüsse zu murren, so wollt' ich, bis der schwache Docht meines +grauenvollen Lebens sich vollends ausgebrannt hätte--Wenn Edgar +lebet, o so segnet ihn!--Nun, Camerade, lebe wohl! + +(Er thut einen Sprung, und fällt der Länge nach vor sich hin.) + +Edgar (in einiger Entfernung, und vor sich.) +Guter Alter, lebe wohl! Wäre er da gewesen, wo er zu seyn gedachte, +so hätte er izt aufgehört zu denken. + +(Er nähert sich dem Gloster, und verändert seine Stimme.) + +Lebendig oder todt? He, hört ihr, guter Freund! Sir! Sir! +Redet!--So könnt' er sterben, in der That--Doch er lebt wieder auf. +Wer seyd ihr, Sir? + +Gloster. +Hinweg, und laß mich sterben. + +Edgar. +Wärst du gleich nichts anders gewesen als Spinneweben, Federn und +Luft, du würdest durch einen Fall von so vielen Klaftern wie ein Ey +zersplittert seyn: Aber du athmest, bist noch ganz und blutest +nicht. Rede, bist du unverwundet? Zehen auf einandergesezte +Mastbäume machen die Höhe noch nicht aus, die du senkelrecht +herunter gefallen bist. Dein Leben ist ein Wunderwerk. Rede doch! + +Gloster. +Bin ich gefallen oder nicht? + +Edgar. +Von dem fürchterlichen Gipfel dieses kreideweissen Felsens. Schau +in die Höhe, die hellgurgelnde Lerche kan aus dieser Höhe weder +gesehen noch gehört werden; sieh nur auf! + +Gloster. +Ach, ich habe keine Augen--Ist das äusserste Elend so gar der +Wohlthat beraubt, sich durch den Tod zu enden? Es wäre doch +einiger Trost gewesen, wenn mein Jammer die Wuth des Tyrannen +betrügen, und seinen trozigen Willen hätte vereiteln können. + +Edgar. +Gebt mir euern Arm. Auf, so--wie ists? Fühlt ihr eure Beine noch? +Ihr steht doch? + +Gloster. +Nur allzuwohl, nur allzuwohl. + +Edgar. +Diß übertrift alles Wunderbare. Was für ein Ding war das, das auf +der Spize des Felsen von euch weggieng? + +Gloster. +Ein armer unglüklicher Bettler. + +Edgar. +Wie ich hier unten stand, däuchte mich, seine Augen wären zween +Vollmonde, er hatte tausend Nasen, krumme Hörner, und bäumte sich +auf wie die aufschwellende See; Es war irgend ein böser Geist. +Zweifle also nicht, du glüklicher alter Vater, daß die Götter, die +sich aus dem was Menschen unmöglich ist, eine Ehre machen dich +sichtbarlich errettet haben. + +Gloster. +Izt erinnere ich mich einiger Umstände. Künftig will ich mein +Elend tragen, bis es sich zu tode schreyt, genug, genug, und stirbt. +Ich hielt das Ding wovon ihr redet, für einen Menschen--öfters +rief es aus, der Feind, der böse Feind--Es führte mich an diesen +Ort. + +Edgar. +Unterhaltet euch mit geduldigen Gedanken-- + + + +Siebender Auftritt. +(Lear, auf eine phantastische Art mit Blumen geziert, tritt auf.) + + +Edgar. +Aber wer kömmt hier? Ein nüchterner Verstand wird seinen Besizer +nimmermehr so ausstaffieren. + +Lear. +Nein, sie können mir des Münzens wegen nichts thun, ich bin der +König selbst. + +Edgar. +O herzdurchbohrender Anblik! + +Lear. +In diesem Stük ist die Natur über die Kunst. Hier ist euer +Handgeld. Dieser Bursche trägt seinen Bogen, wie ein Krähen-Mann; +spannt mir einen Ellen-Stab--Schaut, schaut, eine Maus. Still, +still!--dieses Stükchen von geröstetem Käse wird es thun--Hier ist +mein eiserner Handschuh, ich will ihn gegen einen Riesen probieren. +Bringt die Pfeile her--O! wohl geflogen, Kiel! Im Schwarzen, im +Schwarzen!--Hey da; Gebt das Wortzeichen. + +Edgar. +Der liebliche Majoran. + +Lear. +Passiert. + +Gloster. +Ich kenne diese Stimme. + +Lear. +Ha! Gonerill! ha, Regan! Sie streichelten mich wie einen Hund, +und sagten mir, ich hätte weisse Haare in meinem Bart, eh noch die +schwarzen da waren.--Ja und Nein zu allem zu sagen, was ich sagte-- +Ja und Nein, aber es war unächte Münze. Wie der Regen kam und mich +durch und durch nezte, wie der Wind mich schaudern machte, und der +Donner auf meinen Befehl nicht schweigen wollte; da fand ich sie, +da spürt' ich sie aus. Geht, geht, sie sind keine Leute die auf +ihr Wort halten; Sie sagten mir, ich sey alles; es ist eine Lüge, +ich halte die Fieber-Probe nicht. + +Gloster. +Ich erinnere mich des Tons dieser Stimme. Ist es nicht der König? + +Lear. +Ja, jeden Zolls lang ein König. Wenn ich sauer sehe, seht wie +meine Unterthanen zittern. Ich schenke diesem Mann das Leben. Was +war seine Sache? Ehebruch? du sollt nicht sterben! wegen +Ehebruchs sterben? Nein, der Zaunschlupfer thut es, und die kleine +vergüldete Fliege buhlet unter meinen Augen. Laßt das Vermehrungs- +Werk gehen wie es will; denn Glosters Bastard war zärtlicher gegen +seinen Vater, als meine ehlichgezeugte Töchter. Nur zu, Üppigkeit, +alles durcheinander, ich brauche Soldaten. Sehet jene lächelnde +Matrone, deren Gesicht hinter ihren ausgebreiteten Fingern Schnee +weissagt, die so tugendhafte Grimassen macht, und vor dem blossen +Namen der Wollust den Kopf schüttelt. Die Meer-Kaze und die +brünstige Stutte bringt keinen so heißhungrigen Appetit dazu; von +der Hüfte herab sind sie Centauren, obgleich von obenher ganz +weiblich: Bis zum Gürtel wohnen lauter Götter; weiter unten ist +alles mit Teufeln angefüllt. Hier ist die Hölle, hier ist +Finsterniß, hier ist der brennende, siedende Schwefelpfuhl--pfuy, +pfuy! Gieb mir eine Unze Zibeth, guter Apotheker, meine +Imagination zu versüssen; hier hast du Geld. + +Gloster. +O! laß mich diese Hande küssen. + +Lear. +Ich will sie vorher abwischen, sie hat einen Todten-Geruch. + +Gloster. +O! zertrümmertes Meisterstük der Natur! So wird einst diese +grosse Welt sich zu nichts abnüzen. Kennest du mich? + +Lear. +Ich erinnere mich deiner Augen ganz wohl; schielst du nach mir? +Nein? du magst dein ärgstes thun, blinder Cupido, ich will nicht +lieben. Ließ du diese Ausforderung, bemerke nur die Schrift davon. + +Gloster. +Wären alle Buchstaben darinnen Sonnen, so könnte ich doch keinen +sehen. + +Edgar. +Ich hab' es dem Bericht nicht glauben wollen, aber es ist, und mein +Herz bricht darüber in Stüke. + +Lear. +Ließ. + +Gloster. +Wie, mit diesen Augen-Dekeln? + +Lear. +O ho, steht es so mit euch? Keine Augen in euerm Kopf, und kein +Geld in euerm Beutel. Eure Augen sind in einem schweren Zustand, +und euer Beutel in einem leichten; aber ihr seht, wie diese Welt +geht. + +Gloster. +Ich seh es fühlend. + +Lear. +Wie! bist du wahnwizig? Es kan jemand sehen wie diese Welt geht, +wenn er gleich keine Augen hat. Sieh mit deinen Ohren; sieh wie +jener Richter jenen einfältigen Dieb ausschilt! Verändre den Ort, +und die Hand auf, die Hand zu, sag mir einmal, wer ist der Richter, +wer ist der Dieb? du hast gesehen, daß ein Pachtershund einen +Bettler anbellte? + +Gloster. +Ja, Sir. + +Lear. +Und der arme Tropf lief vor dem Hund? Da hättest du das grosse +Sinnbild des Ansehens beobachten können; man gehorcht einem Hund, +wenn er sein Amt thut--Du ruchloser Büttel, halt deine Hand zurük! +Warum peitschest du diese Hure? Streiche deinen eignen Rüken; du +keuchest vor viehischer Begierde sie eben dazu zu gebrauchen, wofür +du sie streichest. Der Wucherer hängt den Spizbuben. Durch +zerlumpte Kleider sieht man die kleinsten Laster; Magistrats-Mäntel +und Pelz-Röke verbergen alles. Deke die Sünde mit Gold und die +starke Lanze der Gerechtigkeit wird brechen, ohne sie verwunden zu +können. Kleide sie in Lumpen, so ist eines Pygmäen Strohhalm +hinreichend sie zu durchbohren. Niemand sündiget, niemand, sag ich, +niemand, nimm das von mir, mein Freund, niemand sündiget, wer die +Macht hat seines Anklägers Lippen zu versiegeln. Kauf dir gläserne +Augen, und stelle dich, wie ein Stümper in der Politik, als ob du +Dinge sähest, die du nicht siehst. Nun, nun, nun, zieht meine +Stifel ab, stärker, stärker, so. + +Edgar. +O welch eine Mischung von Vernunft und Unsinn! + +Lear. +Wenn du mein Unglük beweinen willst, so nimm meine Augen. Ich +kenne dich ganz wol, dein Name ist Gloster. Du weissest, in dem +ersten Augenblik da wir die Luft schmeken, winseln und weinen wir. +Ich will dir predigen, horch-- + +Gloster. +Ach, ach! der Tag! + +Lear. +Wenn wir gebohren sind, so weinen wir, daß wir auf diese grosse +Schaubühne von Thoren gekommen sind--Es ist ein guter Kloz! Das +wär' ein feines Stratagema, einen Trupp Pferde mit Filz zu +beschuhen; ich will die Probe davon machen, und wenn ich denn diese +Tochtermänner überrascht haben werde, dann schlagt todt, schlagt +todt, schlagt todt, schlagt todt etc. + + + +Achter Auftritt. +(Ein Edelmann, und sein Begleit.) + + +Edelmann. +O hier ist er, legt Hand an ihn. Mylord, eure theureste Tochter-- + +Lear. +Keinen Entsaz? wie, ein Gefangener? Ich bin recht dazu gebohren, +der Narr des Glüks zu seyn. Begegnet mir wohl, ihr sollt Lösegeld +haben. Laßt mir Wundärzte kommen, ich bin bis ins Gehirn gehauen +worden. + +Edelmann. +Ihr sollt alles haben-- + +Lear. +Keine Helfer? Bin ichs allein? Wie, das könnte aus einem Mann +einen Mann von Salz machen, der seine Augen für Garten-Sprengkrüge +brauchte, den Staub des Herbstes zu legen. Ich will wie ein +tapfrer Mann sterben, wie ein schmuker Bräutigam. Was? Ich will +jovialisch seyn; Kommt, kommt, ich bin ein König. Meine Herren, +Wissen Sie das? + +Edelmann. +Ihr seyd ein König, und wir gehorchen euch. + +Lear. +So schenk ich euch das Leben. Kommt, wenn ihr es davon tragen +wollt, so müßt ihr lauffen. Sa, sa, sa, sa. + +(Er geht ab.) + +Edelmann. +Ein Anblik der an dem niedrigsten Menschen erbärmlich, aber an +einem König über allen Ausdruk ist. Du hast eine Tochter, welche +die Natur von dem allgemeinen Fluch befreyt, den zwo über sie +gebracht haben. + +Edgar. +Heil euch, mein edler Herr. + +Edelmann. +Sir, macht es kurz; was ist euer Begehren? + +Edgar. +Hörtet ihr etwas von einem bevorstehenden Treffen, Sir? + +Edelmann. +Das ist etwas unfehlbares, und landkündiges; das hört jedermann, +der einen Ton hören kan. + +Edgar. +Aber mit eurer Erlaubniß, wie nähert sich die feindliche Armee? + +Edelmann. +Sehr eilfertig; der völlige Bericht wird jede Stunde erwartet. + +Edgar. +Ich danke euch, Sir; das ist alles, was ich wollte. + +Edelmann. +Ob die Königin gleich einer besondern Ursache wegen hier, so ist +ihre Armee doch vorgerükt. + +(Geht ab.) + +Edgar. +Ich danke euch, Sir. + +Gloster. +Ihr allgütigen Götter, nehmt meinen Athem von mir; laßt meine böse +Seele mich nicht noch einmal versuchen, zu sterben eh es euch +gefällt. + +Edgar. +Ihr betet recht, Vater. + +Gloster. +Nun, guter Sir, wer seyd ihr? + +Edgar. +Ein sehr armer Mann, zu den Streichen des Glüks zahm gemacht, den +die Kenntniß und das Gefühl aller Arten von Elend gegen andre +mitleidig macht. + +Gloster. +Herzlicher Dank! die Güte und der Segen des Himmels vergelt es dir +-- + + + +Neunter Auftritt. +(Der Haushofmeister mit einem Brief.) + + +Hofmeister (indem er den Gloster gewahr wird.) +Eine öffentliche ausgeruffene Belohnung! Das ist höchstglüklich. +Dieses dein augenloses Haupt ist dazu ausersehen, mein Glük zu +machen. Alter, unglükseliger Verräther, befiehl deine Seele dem +Himmel, das Schwerdt ist gezogen, das dich tödten soll. + +Gloster. +Laß nur deine freundschaftliche Hand Stärke genug dazu anwenden. + +Hofmeister. +Woher, verwegner Bauer, darfst du dich unterstehen, einen +öffentlichen Verräther zu unterstüzen? Hinweg, oder sein Schiksal +soll das deinige seyn. Laß seinen Arm gehen. + +Edgar. +Ick werd en nit gahn laaten, Herre, mit juhr Verlöf. + +Hofmeister. +Laß ihn gehen, Sclave, oder du stirbst. + +Edgar. +Myn leeve Heer, loopt mant uers Pades und latet arme Luite met +Freeden. Wann ma vo Grootspreken stärve so wurd myn Leven um +viertein Täg nit so verjahet zyn als es is. Komt mant den verjahet +Mann nit tau näh, seeg ick: taurück! ick will jau verwarnt hebben, +oder ich well proeven, ob jue Bratspiet oder myn Steecken mehre +duret, ick wells ganz kort metju maaken. Ick will euk jue Thäne +wyß maaken, komt Man, es brukt jue Finten kar nit. + +(Er schlägt ihn zu Boden.) + +Hofmeister. +Sclave, du hast mich erschlagen; Nimm meinen Beutel, und wenn du +willt, daß es dir jemals wohl gehen soll, so begrabe meinen Leib, +und gieb die Briefe die du bey mir findst Edmunden, Grafen von +Gloster: such ihn bey der Englischen Partey auf--O! unzeitiger Tod! + +(Er stirbt.) + +Edgar. +Ich kenne dich wol, ein dienstfertiger Spizbube, so pflichtvoll +gegen die Laster deiner Gebieterin, als Bosheit es nur immer +wünschen kan. + +Gloster. +Wie, ist er todt? + +Edgar. +Sezt euch nieder, Vater; ruhet aus. Ich will sehen, was in seinen +Taschen ist; die Briefe von denen er spricht, mögen vielleicht +meine Freunde seyn: er ist todt; es verdrießt mich nur, daß er +keine Begleiter hat. Laßt sehen--Mit eurer Erlaubniß, mein schönes +Sigel--die Höflichkeit kan uns nicht tadeln. Wir reissen unsern +Feinden das Herz auf, um in ihr Herz zu sehen; ihre Briefe zu +erbrechen ist nicht so grausam. + +(Er ließt den Brief.) + +"Erinnert euch unsrer gegenseitigem Gelübde. Ihr habt viele +Gelegenheiten, ihn aus dem Wege zu räumen; wenn es an euerm Willen +nicht fehlt, so werden sich Zeit und Ort von selbst anbieten. +Kommt er als Sieger zurük--so ist nichts gethan; dann bin ich die +Gefangene und sein Bette ist mein Kerker; befreyet mich von +desselben ekelhafter Wärme, und entsezet den Plaz zur Belohnung +eurer Mühe. Eure (Gemahlin wünschte ich zu sagen) geneigte Dienerin +Gonerill." Welch ein veränderliches Ding ist ein Weib! Ein +Anschlag wider ihres Mannes Leben, um meinen Bruder dafür +einzutauschen! Hier, in diesem Sand will ich dir ein Grab +aufscharren, zum Denkmal für mörderische Hurenjäger, und, wenn es +Zeit seyn wird, dieses schnöde Blat vor die Augen des zum Tode +bestimmten Herzogs legen; es ist sein Glük, das ich ihm von deinem +Tod und von deiner Verrichtung Nachricht geben kan. + +Gloster. +Der König ist wahnwizig. Verwünscht sey die Härte meiner Sinnen, +und eine Vernunft, die mich nur für mein Elend fühlend macht! +Besser ich wäre verrükt, so würden doch meine Gedanken von meinen +Leiden entwöhnt, und Schmerzen durch seltsame Einbildungen die +Empfindung ihrer selbst verliehren. + +Edgar. +Gebt mir eure Hand, mich dunkt ich höre von fern die Trummel rühren. +Kommt Vater, ich will euch zu einem Freund führen. + +(Gehen ab.) + + + +Zehnter Auftritt. +(Cordelia, Kent, ein Arzt.) + + +Cordelia. +O du redlicher Kent! Wie kan ich lange genug leben, und bemüht +genug seyn, deine Güte zu erwiedern! + +Kent. +Erkannt zu werden, Gnädigste Frau, ist überflüssig bezahlt; alles +was ich Ihnen berichtet habe, ist die bescheidne Wahrheit, weder +mehr noch weniger, sondern so. + +Cordelia. +Kleidet euch besser an; dieser Habit erinnert uns an diese bösen +Stunden; ich bitte, leget ihn ab. + +Kent. +Um Vergebung, Madame; Mein Vorhaben erlaubt mir noch nicht erkannt +zu werden. Ich bitte mirs zur Gnade aus, daß Sie mich nicht kennen, +bis Zeit und ich es rathsam finden. + +Cordelia. +So sey es dann also, Mylord-- + +(zum Arzt) + +Was macht der König? + +Arzt. +Madame, er schläft noch. + +Cordelia. +O! Ihr gütigen Götter, heilet diesen grossen Bruch in seiner +zerrütteten Natur! O! windet auf die tonlosen verstimmten Sinne +dieses in ein Kind verwandelten Vaters! + +Arzt. +Gefällt es Euer Majestät, daß wir den König weken? Er hat lange +geschlafen. + +Cordelia. +Folget hierinn der Vorschrift eurer Wissenschaft, und handelt nach +euerm eignen Gutdünken; ist er angezogen? + +(Lear wird von einigen Bedienten in einem Lehnsessel schlaffend +hereingetragen.) + +Arzt. +Ja, Madam; da er im tiefsten Schlaf lag, zogen wir ihm frische +Kleider an. Bleiben Sie, Gnädigste Frau, wenn wir ihn weken; ich +zweifle nicht an seiner Mässigung. + +Cordelia. +O! mein theurer Vater! Möchte die Göttin der Gesundheit deine +Arzney auf meine Lippen legen, und dieser Kuß den stürmischen Gram +besänftigen, den meine zwo Schwestern deinem ehrwürdigen Alter +verursacht haben. + +Kent. +Zärtliche und theuerste Princessin! + +Cordelia. +Wäret ihr auch nicht ihr Vater gewesen, so hätten diese weissen +Loken Mitleiden von ihnen fodern sollen. War diß ein Gesicht, den +kämpfenden Winden ausgesezt zu werden? Dem tiefbrüllenden +furchtbaren Donner entgegenzustehen? Unter den entsezlichsten +Schlägen fliegender sich durchkreuzender Blize? Wie ein armer +Verlohrner in diesem dünnen Helm zu wachen? Meines ärgsten Feindes +Hund, wenn er mich gleich gebissen hätte, sollte in einer solchen +Nacht bey meinem Feuer Plaz bekommen haben; und du, armer Vater, +warst genöthiget, in einer armseligen Hütte bey Schweinen und +verworfnen Elenden auf kurzem halbverfaultem Stroh zu übernachten. +O Jammer! Jammer! Es ist ein Wunder, daß dein Leben sich nicht +zugleich mit deiner Vernunft geendiget hat. Ach! er erwacht-- +redet mit ihm-- + +Arzt. +Reden Sie selbst, Madame, izt ist es am gelegensten. + +Cordelia. +Wie befindet sich mein Königlicher Herr? wie steht es um Euer +Majestät? + +Lear. +Ihr handelt nicht recht an mir, mich so aus meinem Grabe zu nehmen; +du bist ein seliger Geist, und ich bin an ein feuriges Rad gebunden, +welches meine eignen Thränen gleich zerschmolznem Bley erhizen. + +Cordelia. +Mylord, kennet ihr mich? + +Lear. +Du bist ein Geist, ich weiß es; wenn starbest du? + +Cordelia. +Immer, immer, noch weit-- + +Arzt. +Er ist noch nicht recht erwacht; lassen Sie ihn eine Weile allein. + +Lear. +Wo bin ich gewesen? Wer bin ich? Schönes Tageslicht! Ich bin +übel zugerichtet--einen andern so zu sehen, könnte mich vor +Mitleiden sterben machen. Ich weiß nicht was ich sagen soll; ich +wollte nicht schwören, daß dieses meine Hände sind; laßt sehen, ich +fühle diesen Nadelstich--Ich wollte, ich wäre gewiß was ich bin. + +Cordelia. +O sehet mich an, Mylord, und streket eure Hand zum Segen über mich +aus. Nein, Mylord, ihr müßt nicht knien. + +Lear. +Ich bitte euch, spottet meiner nicht. Ich bin ein sehr thörichter +weichherziger alter Mann, achtzig und drüber, und, aufrichtig zu +seyn, ich fürchte, ich bin nicht bey meinem völligen Verstande. +Mich dünkt, ich sollte euch und diesen Mann kennen, und doch +zweifle ich; denn ich weiß gar nicht was für ein Ort diß ist, und +so sehr ich auch mich besinne, kenne ich diese Kleider nicht; nein, +ich weiß nicht, wo ich in der lezten Nacht übernachtete. Lacht +nicht über mich, denn, so wahr ich ein Mann bin, ich denke diese +Dame ist mein Kind Cordelia. + +Cordelia. +Und das bin ich, ich bins-- + +(weinend.) + +Lear. +Sind eure Thränen naß? Ja, bey meiner Treue; ich bitte euch, +weinet nicht. Wenn ihr Gift für mich habt, so will ichs trinken; +ich weiß ihr liebet mich nicht; denn eure Schwestern haben, wie ich +mich erinnre, mir übel begegnet; ihr habt einige Ursache, sie nicht. + +Cordelia. +Keine Ursache, keine Ursache. + +Lear. +Bin ich in Frankreich? + +Cordelia. +In euerm eignen Königreich, Mylord. + +Lear. +Betrüget mich nicht. + +Arzt. +Beruhigen Sie sich, Madame; die gröste Wuth hat, wie Sie sehen, +sich bey ihm gelegt. Und doch wäre es gefährlich ihn an Sachen zu +erinnern, die sich auf das Vergangne beziehen. Bitten Sie ihn, +hinein zu gehen. Beunruhigen Sie ihn nicht länger, bis er sich +besser erholt hat. + +Cordelia. +Gefällt es Eurer Majestät nicht, sich eine Bewegung zu machen? + +Lear. +Ihr müßt Geduld mit mir haben. Nun, ich bitte euch, vergeßt und +vergebt; ich bin alt und albern. + +(Lear, Cordelia, Arzt und Bediente gehen ab.) + +(Kent und der Edelmann bleiben.) + +Edelmann. +Bestätiget es sich, daß der Herzog von Cornwall so ermordet worden? + +Kent. +Ja, Sir, es ist gewiß. + +Edelmann. +Wer ist der Anführer dieses feindlichen Heers? + +Kent. +Man sagt, der unehliche Sohn des Grafen von Gloster. + +Edelmann. +Sein verbannter Sohn Edgar soll mit dem Grafen von Kent sich in +Deutschland befinden. + +Kent. +Das Gerüchte ist unbeständig; es ist Zeit uns umzusehen; die Macht +des Königreichs rükt mit grossen Schritten uns entgegen. + +Edelmann. +Dem Ansehen nach wird die Entscheidung blutig seyn--Lebet wohl, Sir. + +(Geht ab.) + +Kent. +Mein ganzer Entwurf wird heute zu Ende gebracht, wol oder übel, je +nachdem die Sache ausfallen wird. + +(ab.) + + + + +Fünfter Aufzug. + + + +Erster Auftritt. +(Ein Lager.) +(Edmund, Regan, ein Edelmann und Soldaten.) + + +Edmund (zum Edelmann.) +Erkundiget euch, ob der Herzog bey seinem lezten Entschluß +verharret, oder ob er indeß sich durch irgend etwas bewegen lassen, +einen andern Weg einzuschlagen? Er ist sehr wankelmüthig und +mißbilligt jeden Augenblik was er im vorigen beliebt hatte. Bringt +uns seinen standhaften Willen. + +(Der Edelmann geht ab.) + +Regan. +Unsrer Schwester Mann ist ganz gewiß auf dem Wege, sich zu Grunde +zu richten. + +Edmund. +Es ist möglich, Madame. + +Regan. +Nun, mein angenehmster Lord; ihr kennet die Gewogenheit die ich für +euch habe. Sagt mir aufrichtig, liebet ihr meine Schwester nicht? + +Edmund. +Mit einer pflichtmässigen Liebe. + +Regan. +Aber habt ihr niemals--* + +{ed.-* Das Original ist hier kühner als die Übersetzung. Shakespeare +läßt Regan fragen: (have you never found my brothers way to the +fore-fended place?)} + +Edmund. +Nein, bey meiner Ehre, Madame. + +Regan. +Ich werde sie nimmermehr leiden können; mein liebster Lord, +enthaltet euch aller Vertraulichkeit mit ihr. + +Edmund. +Fürchten Sie nichts; sie und der Herzog, ihr Gemahl-- +(Der Herzog von Albanien, Gonerill und Soldaten treten auf.) + +Gonerill (für sich.) +Lieber wollt' ich die Schlacht verliehren als zugeben, daß diese +Schwester mich von ihm trenne. + +Albanien. +Ich erfreue mich meine liebe Schwester, euch anzutreffen--Sir, der +König ist wie ich höre bey seiner Tochter angekommen, mit noch mehr +andern, welche die Strenge unsrer Maaßregeln genöthigt hat, eine +andre Partey zu nehmen. Wo ich kein ehrlicher Mann seyn kan, bin +ich niemals tapfer. Frankreich thut einen Einfall in unser Land, +in so ferne ist es billig ihn abzutreiben. Aber er führt die Sache +des Königs und andrer, die, wie ich besorge, durch gerechte und +höchstwichtige Ursachen wider uns aufgebracht worden-- + +Edmund. +Mylord, Sie sprechen sehr edel. + +Regan. +Was für eine Betrachtung ist das? + +Gonerill. +Laßt uns gegen den Feind uns vereinigen; von diesen Familien- und +Privat-Händeln ist izt die Rede nicht. + +Edmund. +Ich werde Eurer Gnaden sogleich in dero Zelt aufwarten. + +Albanien. +Wir wollen uns daselbst mit unsern ältesten Kriegsmännern berathen, +was zu thun sey. + +Regan. +Schwester, ihr geht ja mit uns? + +Gonerill. +Nein. + +Regan. +Das würde sich nicht wol schiken; ich bitte euch, geht mit uns. + +Gonerill. +O ho, ich verstehe das Räzel, ich will gehen. + + + +Zweyter Auftritt. +(Indem sie hinausgehen, tritt Edgar verkleidet auf.) + + +Edgar (zu Albanien.) +Wenn Euer Gnaden jemals mit einem so armen Mann gesprochen haben, +so hören Sie mich nur ein Wort. + +Albanien (zu den übrigen.) +Ich werde euch wieder einholen-- + +(zu Edgar) + +Rede! + +(Edmund, Regan, Gonerill und Gefolge gehen ab.) + +Edgar. +Ehe Sie das Treffen beginnen, eröffnen Sie diesen Brief. Wenn der +Sieg auf Ihre Seite fällt, so lassen Sie durch den Schall der +Trompeten denjenigen auffodern, der ihn gebracht hat. So armselig +ich scheine, so kan ich einen Ritter aufstellen, der beweisen soll, +was hier vorgegeben wird. Verliehren Sie, so hat Ihr Geschäfte in +der Welt ohnehin ein Ende, und die Anschläge der Übelgesinnten +sind zu nichte. Das Glük stehe Ihnen bey! + +Albanien. +Verweile nur, bis ich den Brief gelesen habe. + +Edgar. +Es ist mir verboten worden. Wenn die Zeit es erfodert, so lassen +Sie nur den Herold rufen, und ich werde wieder sichtbar werden. + +(Geht ab.) + +Albanien. +So lebe wol; ich will das Papier übersehen. (Edmund kommt zurük.) + +Edmund. +Der Feind läßt sich sehen; lassen Sie Ihre Völker ausrüken, Mylord. +Seine eigentliche Stärke ist, aller gebrauchten Sorgfalt +ungeachtet, schwer zu entdeken. Aber Ihre Gegenwart, Mylord, ist +izt das nöthigste. + +Albanien. +Wir wollen der Zeit entgegen gehen. + +(Geht ab.) + + + +Dritter Auftritt. + + +Edmund. +Beyden Schwestern habe ich meine Liebe zugeschworen, jede ist auf +die andre so eifersüchtig als die Gestochenen über die Schlange. +Welche von beyden soll ich nehmen? Beyde? Eine? oder keine von +beyden? Keine kan genossen werden, wenn beyde beym Leben bleiben. +Nehme ich die Wittwe, so wird Gonerill bis zum Unsinn aufgebracht, +und so lange ihr Gemahl lebt, werd ich schwerlich meine Absicht +ausführen können. Wohlan dann, wir bedörfen seines Ansehens bey +dem Treffen; ist dieses geendiget, so mag diejenige, die seiner los +seyn möchte, zusehen wie sie ihm beykommen kan. Was die Gnade +betrift, die er gegen Lear und Cordelia im Sinn hat, wofern sie in +unsre Gewalt kommen, so sollen sie gewiß nichts davon sehen; denn +mein Interesse ist auszuparieren, nicht anzugreiffen. + +(Geht ab.) + + + +Vierter Auftritt. +(Ein Getümmel und Trompeten-Stoß hinter der Schaubühne.) +(Lear, Cordelia und Soldaten ziehen mit Trummeln und Fahnen über + die Scene, und gehen wieder ab.) + +(Edgar und Gloster treten auf.) + + +Edgar. +Hier, Vater, ruhet unter dieses Baumes wirthlichem Schatten aus, +und bittet für den Fortgang der gerechten Sache. Ich komme gar +nicht wieder zurük, oder ich bringe euch eine tröstliche Zeitung +mit. + +Gloster. +Gott steh euch bey, Sir. + +(Edgar geht ab.) + +(Trompeten-Schall, Gefecht und Flucht hinter der Bühne.) +Edgar tritt wieder auf.) + +Edgar. +Laß uns fliehen, alter Mann; gieb mir deine Hand, laß uns fliehen. +König Lear hat verlohren, er und seine Tochter sind gefangen; Gieb +mir deine Hand, komm! + +Gloster. +Nicht weiter, Sir; ich kan hier so gut verfaulen als an einem +andern Ort. + +Edgar. +Wie? schon wieder in schwermüthigen Gedanken? Die Menschen müssen +bey ihrem Ausgang aus der Welt, wie bey ihrem Eintritt, die +natürliche Zeit erwarten; sie müssen zu beyden reif werden; kommet +mit. + +Gloster. +Ihr habt würklich recht. + +(Sie gehen ab.) + + + +Fünfter Auftritt. +(Edmund zieht mit Lear, und Cordelia, als Gefangenen im Triumph + auf.) + + +Edmund. +Einige Officiers können sie hinweg führen. Bewachet sie genau, bis +uns der hohe Wille derjenigen, die über sie zu entscheiden haben, +bekannt seyn wird. + +Cordelia. +Wir sind nicht die ersten, die sich mit der besten Absicht das +schlimmste Glük zugezogen haben. Nur um deinetwillen, unterdrükter +König, bin ich niedergeschlagen. Träfe unser Unglük mich allein, +ich würde ihm Troz bieten--Werden wir diese Töchter, und diese +Schwestern nicht zu sehen kriegen? + +Lear. +Nein, nein, nein, nein! komm, laß uns ins Gefängniß gehen; Wir +beyde allein wollen singen wie Vögel im Keficht: Wenn du mich um +meinen Segen bittest, will ich niederknien, und dich um deine +Verzeihung bitten. So wollen wir leben, und beten und singen, und +uns alte Mährchen erzehlen, und über vergüldete Sommer-Fliegen +lachen, und armselige Schurken von Hofneuigkeiten reden hören, und +dann wollen wir mit ihnen schwazen, wer gewinnt, wer verliehrt, wer +drinnen ist, wer draussen, und so zuversichtlich von den geheimen +Angelegenheiten reden, als ob wir Gottes Kundschafter wären. Und +so wollen wir in einen Kerker eingemaurt, die Banden und Secten der +Grossen überleben, die, gleich der Ebbe und Fluth, je nachdem das +Glük wächst oder abnimmt, sich zusammendrängen oder zurükfliessen. + +Edmund. +Führt sie hinweg. + +Lear. +Auf solche Opfer, meine Cordelia, möchten die Götter selbst +Weyhrauch herabstreuen. + +(Er umarmt sie.) + +Hab ich dich in meinen Armen? Der uns trennen will, muß einen +Brand vom Himmel bringen, und uns wie Füchse von einander feuern. +Wische deine Augen; ehe soll der Aussaz ihnen das Fleisch von den +Knochen nagen, eh sie uns weinen machen sollen. Wir wollen sie +eher verhungern sehen. + +(Lear und Cordelia werden abgeführt.) + +Edmund. +Tritt näher, Hauptmann, und höre. Nimm dieses Papier; geh, folge +ihnen ins Gefängniß. Ich habe dich erst um eine Stuffe befördert; +wenn du thust, was dich dieses anweißt, so machst du deinen Weg zu +einem glänzenden Glük. Wisse, daß die Menschen sind wie die Zeit +ist; ein zärtliches Herz schikt sich nicht zu einem Degen an der +Seite--der wichtige Auftrag der dir gemacht wird, leidet keine +Einwürfe; versprich entweder, daß du es thun willt, oder suche dein +Glük auf einem anderen Wege. + +Hauptmann. +Ich will es thun, Mylord. + +Edmund. +So beschleunige dich, und schreibe mir in dem Augenblik da du es +gethan hast. Merke daß ich sage, im gleichen Augenblik, und führe +die Sache aus, wie ich's aufgesezt habe. + +(Der Hauptmann geht ab.) + + + +Sechster Auftritt. +(Trompeten--Der Herzog von Albanien.) +(Gonerill, Regan und Soldaten treten auf.) + + +Albanien. +Sir, ihr habt an diesem Tage eure angestammte Tapferkeit bewiesen, +und das Glük hat euch wol geführt. Ihr habt die Gefangenen, die in +dem Streit dieses Tages unsre Gegner waren; wir fodern sie von euch +zurük, um so mit ihnen zu verfahren, wie beydes ihr Verdienst und +unsre Sicherheit von uns erheischen wird. + +Edmund. +Sir, ich hielt es für rathsam, den alten elenden König unter guter +Aufsicht, irgends in Verwahrung zu bringen, da sein hohes Alter, +und noch mehr sein Titel eine Zauberkraft in sich hat, die Herzen +des Volks auf seine Seiten zu ziehen, und unsre eingelegte Lanzen +in unsre eigne Augen zu stossen. Ich schikte die Königin mit ihm; +meine Ursache ist eben dieselbe; sie sind aber bereit, morgen oder +zu einer andern Zeit, wenn ihr euer Gericht halten werdet, zu +erscheinen. Izo schwizen und bluten wir; der Freund hat seinen +Freund verlohren, und die besten Händel werden in der ersten Hize +von denen verflucht, die ihre Schärfe fühlen. Das Verhör der +Cordelia und ihres Vaters erfordert bessere Gelegenheit. + +Albanien. +Sir, mit eurer Erlaubniß, ich hielt euch in diesem Krieg nur für +einen Unterthanen, nicht für einen Bruder. + +Regan. +Und das ist die Ehre die wir ihm zugedacht haben. Mich dünkt, ihr +hättet uns gar wol um unsre Gedanken fragen mögen, eh ihr euch so +weit herausgelassen hättet. Er führte unsre Völker an, er war mit +dem Ansehen meines Plazes und meiner Person bekleidet, und diese +unmittelbare Vorstellung ist wol berechtiget aufzustehen und sich +euern Bruder zu nennen. + +Gonerill. +Nicht so hizig; seine persönlichen Verdienste erhöhen ihn mehr als +eure Beförderung. + +Regan. +In dem Recht womit ich ihn bekleidet, kan er die Besten seines +gleichen nennen. + +Albanien. +Das wäre nicht weniger, als wenn er euch heurathen würde. + +Regan. +Spötter werden oft Propheten. + +Gonerill. +Holla, holla! Das Auge das euch so berichtete, schielte ein wenig. + +Regan. +Lady, ich befinde mich nicht wohl, sonst wollte ich euch aus +überfliessendem Herzen antworten. Feldherr, nimm du meine +Kriegsleute, meine Gefangene, mein Erbgut, und mich selbst; schalte +damit nach deinem belieben! Die ganze Welt sey Zeuge, daß ich dich +hier zu meinem Herrn und Meister ernenne. + +Gonerill. +Bildet ihr euch ein, daß ihr ihn besizen werdet? + +Albanien. +Die gröste Hinderniß ligt nicht in euerm guten Willen. + +Edmund. +Noch in deinem, Lord. + +Albanien. +Allerdings, du nichtswürdiger Bube. + +Regan. +So laßt die Trummel schlagen, und beweisen, daß mein Recht das +deinige ist. + +Albanien. +Haltet noch und höret: Edmund, ich bemächtige mich deiner Person +wegen Hochverraths, und zugleich mit dir, dieser vergoldeten +Schlange. Was euern Anspruch betrift, schöne Schwester, so parire +ich ihn zu Gunsten meiner Gemahlin, die mit diesem Herrn bereits in +Tractaten begriffen ist. Als ihr Ehmann widerspreche ich euerm +Ausruf; wenn ihr heurathen wollt, so bewerbet euch um mich, meine +Gemahlin ist schon bestellt. + +Gonerill. +Ein Zwischenspiel-- + +Albanien. +Du bist bewafnet, Gloster; laß die Trompete blasen; wenn niemand +erscheint, deine schändliche, offenbare und manchfaltige +Verrätherey an deiner Person zu erweisen, so ist hier mein +Handschuh; auf dein Herz will ich beweisen, und eher keinen Bissen +Brodt zu mir nehmen, daß du nichts weniger bist, als wovor ich dich +hier ausgeruffen habe. + +Regan. +O! wie übel wird mir-- + +Gonerill (für sich.) +Wenn es nicht so wäre, so wollt' ich keinem Gift mehr trauen. + +Edmund. +Hier ist mein Gegenpfand; wer der auch in der Welt ist, der mich +einen Verräther nennt, der lügt es wie ein Nichtswürdiger: Laßt die +Trompete schallen. Erscheine, wer es wagen will; an ihm, an euch, +an einem jeden, will ich meine Ehre und Treue standhaft behaupten. + +Albanien. +Einen Herold, he! (Ein Herold kömmt.) + +Albanien (zu Edmund.) +Du hast nichts worauf du dich verlassen kanst, als deine eigne +Tapferkeit; denn deine Soldaten, die alle in meinem Namen +aufgeboten worden, haben auch in meinem Namen ihre Entlassung +erhalten. + +Regan. +Es wird mir immer schlimmer-- + +Albanien. +Sie ist nicht wohl, führet sie in ihr Zelt. + +(Regan geht ab.) + + + +Siebender Auftritt. + + +Albanien (zum Herold.) +Hieher, Herold, laß die Trompete schallen, und ließ dieses ab. + +(Ein Trompeten-Stoß. Der Herold ließt.) + +Herold. +Wenn irgend ein Mann von Ritterlichem Stand und Würde unter diesem +Heer gegen Edmund anmaßlichen Grafen von Gloster behaupten will, +daß er ein vielfacher Verräther ist, der erscheine bey dem dritten +Trompeten-Stoß; er steht fertig, sich zu vertheidigen. (1. +Trompeter.) + +Herold. +Abermal! (2. Trompeter.) + +Herold. +Zum drittenmal. (3. Trompeter.) + + +(Eine Trompete antwortet von innen.) +Edgar, tritt bewafnet auf.) + +Albanien. +Frag ihn sein Vorhaben, warum er auf diesen Ruf der Trompete +erscheint? + +Herold. +Wer bist du? Was ist dein Name und dein Stand? Und warum +antwortest du auf diese Ausforderung? + +Edgar. +Wisse, meinen Namen habe ich durch den giftigen Zahn der +Verrätherey verlohren; dennoch bin ich so edel als der Gegner, mit +dem ich es aufnehmen will. + +Albanien. +Wer ist dieser Gegner? + +Edgar. +Wer ist der, der für Edmund Grafen von Gloster das Wort führt? + +Edmund. +Er selbst; was hast du ihm zu sagen? + +Edgar. +Zieh deinen Degen, damit wenn meine Rede ein edles Herz beleidigt, +dein Arm dir Recht verschaffen könne. Hier ist der meine. Ich +thue, was mein ritterlicher Stand, mein Eyd und mein Beruf von mir +fordern. Deiner Stärke, Ehren-Stelle, Jugend und Würde ungeachtet, +troz deinem siegreichen Schwerdt und deinem nagelneuen Glük, +behaupte ich daß du ein Verräther bist, treuloß gegen die Götter, +deinen Vater und deinen Bruder, verschworen wider diesen hohen +ruhmwürdigen Fürsten, und von dem äussersten Wirbel deines Hauptes +bis zu dem Staub an deiner Fußsole, durchaus ein Kröten-flekichter +Verräther. Sagst du, nein, so ist dieses Schwerdt und dieser Arm +gezükt, und meine besten Lebensgeister gesammelt, es auf dein Herz, +zu dem ich rede, zu beweisen, daß du lügst. + +Edmund. +Die Klugheit erforderte nach deinem Namen zu fragen; jedoch, da +dein Ansehen so schön und ritterlich ist, und in deiner Sprache ein +Ton von Erziehung athmet, so verachte ich die Bedenklichkeiten, +wodurch ich nach den Gesezen der Ritterschaft deine Ausforderung +ablehnen könnte. Ich schleudre also alle diese Verräthereyen auf +dein Haupt zurük, und überwälze mit denen hölle-verhaßten Lügen +dein Herz, durch welches ihnen dieses mein Schwerdt einen Weg +machen soll, wo du auf ewig ruhen sollst.* Trompeten, redet! + +{ed.-* Dieses Nonsensicalische Gewäsche hat man beynahe so +verworren, als es im Original ist, zu einer Probe stehen lassen +wollen, von einer dem Shakespeare sehr gewöhnlichen Untugend, +seine Gedanken nur halb auszudrüken, übel-passende Metaphern +durcheinander zu werffen, und sich von allen Regeln der +Grammatik zu dispensieren.} + +(Die Trompeten erschallen. Sie fechten.) + +Gonerill. +O rettet ihn, rettet ihn; diß ist ein angestelltes Spiel, Gloster: +Nach den Gesezen des Zweykampfs warst du nicht verbunden einem +unbekannten Gegner zu antworten; du bist nicht überwunden, sondern +betrogen. + +Albanien. +Schließt euern Mund, Dame, oder ich will ihn mit diesem Papier +stopfen--Du ärgstes unter allen Dingen, ließ deine eigne Schande-- +Es nüzt nichts, es zu zerreissen, Lady; ich merke ihr kennt es. + +Gonerill. +Sag, ob ich es kenne; die Geseze sind mein, nicht dein; wer kan +mich dafür zu Rede stellen? + +Albanien. +Ungeheuer, kennst du dieses Papier? + +Gonerill. +Fragt mich nicht, was ich kenne-- + +(Gonerill geht ab.) + +Albanien (zu einem Hofbedienten.) +Geht ihr nach sie ist in Verzweiflung, habt Acht auf sie. + + + +Achter Auftritt. + + +Edmund. +Alles, wessen ihr mich bezüchtiget habt, das hab ich gethan, und +noch weit mehr, das die Zeit ans Licht bringen wird. Es ist nun +vorbey, und ich auch. Aber wer bist du, dem das Glük diesen +Vortheil über mich gegeben hat? Wenn du edel bist, so vergeb ich +dir. + +Edgar. +Diese Gesinnung verdient erwiedert zu werden. Ich bin von Geburt +nicht weniger als du bist, Edmund, und wenn ich mehr bin, so ist +das Unrecht desto grösser, das du mir gethan hast. Mein Name ist +Edgar und deines Vaters Sohn. Die Götter sind gerecht, und machen +aus unsern wollüstigen Verbrechen Werkzeuge uns damit zu peitschen. +Der finstre und unzüchtige Plaz, wo er dich zeugte, hat ihm seine +Augen gekostet. + +Edmund. +Du hast recht gesprochen; es ist wahr, das Rad ist ganz umgelauffen, +und ich bin hier. + +Albanien (zu Edgar.) +Mich däuchte, dein Ansehen weissage einen königlichen Adel. Laß +dich umarmen--Kummer möge mein Herz zersplittern, wenn ich jemals +dich oder deinen Vater gehasset habe. + +Edgar. +Würdiger Prinz, ich weiß es. + +Albanien. +Wo habt ihr euch dann verborgen gehalten, und woher erfuhret ihr +den elenden Zustand euers Vaters? + +Edgar. +Indem ich ihn nährte, Mylord. Höret einer kurzen Erzählung zu, und +wenn sie erzählt ist, o daß dann mein Herz bersten möchte!--Der +blutige Ausruf, der so nah auf meine Flucht folgte, lehrte mich +(wie süß ist das Leben, daß wir lieber stündlich die Pein des Todes +ertragen, als einmal sterben wollen!) lehrte mich in die Lumpen +eines wahnwizigen Bettlers mich zu verkleiden, die Ähnlichkeit +eines verschmähten Hundes anzunehmen; und in dieser Gestalt +begegnete ich meinem Vater mit seinen blutenden Augen-Ringen, die +nur erst ihre kostbaren Brillianten verlohren hatten; ich wurde +sein Führer, leitete ihn, bettelte für ihn, rettete ihn vor der +Verzweiflung, und entdekte ihm niemalen (o daß ich es gethan hätte!) +wer ich sey, bis ungefehr vor einer halben Stunde da ich mich +bewafnet hatte, und zwar in Hoffnung dieses glüklichen Ausgangs, +doch nicht ohne Zweifel, um seinen Segen bat, und ihm meine +Pilgramschaft von Anfang bis zu End erzählte. Aber ach! sein +verwundetes Herz, zu schwach den Kampf entgegengesezter +Leidenschaften auszuhalten, brach lächelnd zwischen Freude und +Schmerz. + +Edmund. +Diese eure Rede hat mich gerührt, und wird vielleicht eine gute +Würkung haben; aber fahret fort, ihr sehet aus, als ob ihr noch +mehr zu sagen hättet. + +Albanien. +Wenn es noch traurigere Sachen sind, so haltet ein; denn das was +ihr erzählt habt, ist schon bereit mein Herz aufzulösen. + +Edgar. +Für menschliche Gemüther möchte dieses zum äussersten Grad des +Elends genug seyn; aber diejenigen, die ein Vergnügen an grausamen +Schauspielen haben, möchten gern immer mehr dazu thun, und nur ein +Jammer der sich nicht grösser denken läßt, kan ihr Mitleiden rege +machen. Während daß ich vor Schmerz laut winselte, kam ein Mann, +der mich in meinem schlimmern Zustand gesehen und meine +verabscheute Gesellschaft geflohen hatte; izt aber, da er fand wer +es war, der so viel erlidten hatte, heftete er seine starken Arme +um meinen Hals, und schrie, so laut als ob er den Himmel zerspalten +wollte; warf sich auf meinen Vater, erzählete die Geschichte von +Lear und ihm, die kläglichste, die je ein Ohr gehört hat; und +machte durch diese Vorstellung seinen Schmerz von neuem so heftig, +daß die Stränge des Lebens zu reissen anfiengen--Indeß erklang die +Trompete zum zweiten mal, und ich verließ ihn ohne Gefühl seiner +selbst. + +Albanien. +Wer war dann dieser? + +Edgar. +Mylord, es war Kent, der verbannete Kent, der in unkenntlicher +Verkleidung seinem König folgte, und ihm Dienste that, die eines +Sclaven unwürdig gewesen wären. + + + +Neunter Auftritt. +(Ein Edelmann zu den Vorigen.) + + +Edelmann. +Hülfe! Hülfe! + +Edgar. +Was für Hülfe? + +Albanien. +Rede. + +Edgar. +Was will dieses blutige Messer? + +Edelmann. +Es ist heiß, es raucht; es kommt eben aus dem Herzen--O! sie ist +todt! + +Albanien. +Wer ist todt? Rede, Mann. + +Edelmann. +Eure Gemahlin, Mylord, eure Gemahlin, und ihre Schwester ist von +ihr vergiftet worden; sie bekennt es. + +Edmund. +Ich war mit beyden versprochen; bald werden wir alle drey zusammen +kommen. + +Edgar. +Hier kommt Kent. + +(Kent tritt auf.) + +Albanien. +Bringt die Leichname herbey, todt oder lebend. + +(Gonerills und Regans Leichen werden auf die Bühne gebracht.) + +Dieses Gericht des Himmels macht uns zittern, ohne unser Mitleid +zu erregen-- + +(indem er Kent ansichtig wird) + +O! er ists! Vergebet, Mylord. Die Umstände worinn wir sind, +erlauben nicht an die Beobachtung der Höflichkeit zu denken. + +Kent. +Ich bin gekommen, meinem König und Herrn das lezte Lebwohl zu sagen. +Ist er nicht hier? + +Albanien. +Wir haben das Wichtigste vergessen. Sprich, Edmund, wo ist der +König? Wo ist Cordelia? Siehst du dieses Schauspiel, Kent? + +Kent. +Himmel! was ist das? + +Edmund. +So wurde Edmund geliebt; Die eine vergiftete die andre um +meinetwillen, und ermordete sich sodann selbst. + +Albanien. +So ist es; verhüllet ihre Gesichter. + +Edmund. +Ich schnappe nach Leben, um troz meiner eignen Natur, noch etwas +Gutes zu thun. Sendet eilends in das Schloß, ich habe einen Befehl +gegen das Leben Lears und Cordelias ausgestellt; schiket, eh es zu +spät ist. + +Albanien. +Rennet, rennet, O! rennet-- + + +Edgar. +Zu wem, Mylord? Wer hat die Aufsicht im Schlosse? Schike ihm ein +Merkmal, woraus er deinen geänderten Willen erkennen kan. + +Edmund. +Du hast wohl hieran gedacht; nimm meinen Degen, gieb ihn dem +Hauptmann-- + + +Edgar. +Eile, so lieb dir dein Leben ist. + +(Der Bote geht ab.) + +Edmund. +Er hatte von eurer Gemahlin und mir Befehl, Cordelia im Gefängniß +zu erhängen, und die Schuld ihrer eignen Verzweiflung beyzumessen. + +Albanien. +Die Götter beschüzen sie!--Traget ihn indessen hinweg. + +(Edmund wird fortgetragen.) + + + +Zehnter Auftritt. +(Lear tritt auf, Cordelia todt in seinen Armen tragend.) + + +Lear. +Heult, heult, heult, heult--O! ihr seyd Menschen von Stein; hätt' +ich eure Zungen und Augen, ich wollte sie so brauchen, daß des +Himmels Gewölbe krachen sollte: Sie ist auf ewig dahin. Ich +verstehe mich darauf, ob einer todt ist oder ob einer lebt; Sie ist +todt wie Erde. Leiht mir einen Spiegel; wenn ihr Athem das Glas +trübe macht, dann will ich sagen, sie lebt. + +Kent. +Ist das der gehoffte Ausgang? + +Lear. +Diese Feder regt sich, sie lebt; wenn es so ist, so ist es ein +Wechsel, der allen Kummer bezahlt, den ich jemals gefühlt habe. + +Kent (kniend.) +O mein guter Meister. + +Lear. +Ich bitte dich, hinweg. + +Edgar. +Es ist der edle Kent, euer Freund. + +Lear. +Das Verderben über euch alle, ihr Verräther! Ich hätte sie noch +retten können; izt ist sie auf immer dahin. Cordelia, Cordelia, +bleibe noch ein wenig. Ha!--Was sagtest du?--Ihre Stimme war immer +sanft, anmuthig und gelassen; ein vortrefliches Ding an einem +Weibsbilde! Ich tödtete den Sclaven der dich erdrosselte. + +Der Edelmann. +Es ist wahr, Mylords, er that es. + +Lear. +That ichs nicht, Bursche? Ich weiß die Zeit, da ich sie mit meinem +guten krummen Weidmesser wollte springen gemacht haben: Izt bin ich +alt, und alle diese Widerwärtigkeiten sezen mir zu--Wer seyd ihr? +Meine Augen sind keine von den besten; ich kan es euch nicht +verheelen--Seyd ihr nicht Kent? + +Kent. +Ich bin es, euer Diener Kent; wo ist euer Diener Cajus? + +Lear. +Es war ein guter Bursche, das kan ich euch sagen; er konnte +zuschlagen, und das ohne sich lange zu besinnen--Nun ist er todt +und verfault. + +Kent. +Nein, mein guter Lord, ich bin dieser Mann. + +Lear. +Das will ich gleich sehen. + +Kent. +Der vom Anfang eurer Unglüksfälle euren traurigen Fußstapfen +gefolget ist. + +Lear. +Ihr seyd willkommen. + +Kent. +Aber gewiß sonst kein andrer--Alles ist hier freudenlos, finster +und todt. Eure ältesten Töchter haben sich selbst abgethan, und +sind in Verzweiflung gestorben. + +Lear. +Ja, so denke ich. + +Albanien. +Er weiß nicht, was er sagt; und es ist izt vergeblich, daß wir uns +ihm vorstellen. + +Edgar. +Ganz vergeblich. (Ein Bote zu den Vorigen.) + +Der Bote. +Edmund ist todt. + +Albanien. +Das ist nur eine Kleinigkeit. Ihr Lords und edle Freunde höret +unsre Entschliessung: Was uns übrig gelassen ist, den grossen +Jammer dieses Tages zu lindern, das soll angewendet werden. Was +uns betrift, so treten wir, so lang diese alte Majestät leben wird, +ihm unsre oberste Gewalt, und euch + +(zu Edgar) + +unsre Rechte ab, mit allen den Vorzügen, die eure Tugend mehr als +verdient hat. Alle Freunde sollen die Belohnung ihrer Tugend, und +alle Feinde den bittern Kelch ihrer Übelthaten schmeken--O seht, +seht-- + +Lear. +Und meine arme Seele ist gehangen Nein, nein, nichts mehr von Leben. +Wie, soll ein Hund, ein Roß, eine Raze leben, und du sollst nur +nicht Athem holen? Du wirst nimmer wieder kommen, nimmer, nimmer, +nimmer, nimmermehr--Ich bitte euch, macht diesen Knopf auf. Ich +danke euch, Sir. + +(Er deutet auf Cordelias Leiche.) + +Seht ihr das? Sehet hieher, seht auf ihre Lippen, seht hieher, +seht hieher-- + +(Er stirbt.) + +Edgar. +Er wird ohnmächtig. + +Kent. +Brich, Herz, ich bitte dich, brich. + +Edgar. +Sehet auf, Mylord. + +(zu Lear.) + +Kent. +Plage seinen Geist nicht: O! laß ihn seinen Weg gehen; er würde +den hassen, der ihn länger auf die Folter dieser unbarmherzigen +Welt ausspannen wollte. + +Edgar. +In der That, er ist todt. + +Kent. +Das Wunder ist, daß er so lange ausgedaurt hat; er usurpirte nur +sein Leben. + +Albanien. +Traget sie von hinnen; unser iziges Geschäfte ist allgemeines Weh. +Freunde meiner Seele, regieret ihr beyde das Reich, und erhaltet +den einstürzenden Staat. + +Kent. +Mylord, ich bin am Ende meiner Tagreise: Mein Meister ruft mir, ich +darf nicht sagen nein. + +(Er stirbt.) + +Albanien. +Vom Gewicht dieser jammervollen Zeit zu Boden gedrükt, reden wir +was wir fühlen, nicht was wir sollten. Der Älteste hat am meisten +gelidten: Wir, die wir jung sind, werden nicht lange genug leben, +um wieder soviel zu sehen. + + +Das Leben und der Tod des Königs Lear, von William Shakespeare +(Übersetzt von Christoph Martin Wieland). + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Leben und der Tod des Koenigs Lear +by William Shakespeare + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KOENIGS LEAR *** + +This file should be named 7240-8.txt or 7240-8.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8gs3311.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8gs3310a.txt + +Produced by Delphine Lettau + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +https://gutenberg.org or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +https://www.gutenberg.org/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this eBook +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these eBooks, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any +medium they may be on may contain "Defects". Among other +things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged +disk or other eBook medium, a computer virus, or computer +codes that damage or cannot be read by your equipment. + +LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES +But for the "Right of Replacement or Refund" described below, +[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may +receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims +all liability to you for damages, costs and expenses, including +legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR +UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT, +INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE +OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE +POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES. + +If you discover a Defect in this eBook within 90 days of +receiving it, you can receive a refund of the money (if any) +you paid for it by sending an explanatory note within that +time to the person you received it from. If you received it +on a physical medium, you must return it with your note, and +such person may choose to alternatively give you a replacement +copy. If you received it electronically, such person may +choose to alternatively give you a second opportunity to +receive it electronically. + +THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS +TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A +PARTICULAR PURPOSE. + +Some states do not allow disclaimers of implied warranties or +the exclusion or limitation of consequential damages, so the +above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you +may have other legal rights. + +INDEMNITY +You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation, +and its trustees and agents, and any volunteers associated +with the production and distribution of Project Gutenberg-tm +texts harmless, from all liability, cost and expense, including +legal fees, that arise directly or indirectly from any of the +following that you do or cause: [1] distribution of this eBook, +[2] alteration, modification, or addition to the eBook, +or [3] any Defect. + +DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm" +You may distribute copies of this eBook electronically, or by +disk, book or any other medium if you either delete this +"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg, +or: + +[1] Only give exact copies of it. Among other things, this + requires that you do not remove, alter or modify the + eBook or this "small print!" statement. You may however, + if you wish, distribute this eBook in machine readable + binary, compressed, mark-up, or proprietary form, + including any form resulting from conversion by word + processing or hypertext software, but only so long as + *EITHER*: + + [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and + does *not* contain characters other than those + intended by the author of the work, although tilde + (~), asterisk (*) and underline (_) characters may + be used to convey punctuation intended by the + author, and additional characters may be used to + indicate hypertext links; OR + + [*] The eBook may be readily converted by the reader at + no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent + form by the program that displays the eBook (as is + the case, for instance, with most word processors); + OR + + [*] You provide, or agree to also provide on request at + no additional cost, fee or expense, a copy of the + eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC + or other equivalent proprietary form). + +[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this + "Small Print!" statement. + +[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the + gross profits you derive calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. If you + don't derive profits, no royalty is due. Royalties are + payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation" + the 60 days following each date you prepare (or were + legally required to prepare) your annual (or equivalent + periodic) tax return. Please contact us beforehand to + let us know your plans and to work out the details. + +WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO? +Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of +public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form. + +The Project gratefully accepts contributions of money, time, +public domain materials, or royalty free copyright licenses. +Money should be paid to the: +"Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +If you are interested in contributing scanning equipment or +software or other items, please contact Michael Hart at: +hart@pobox.com + +[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only +when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by +Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be +used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be +they hardware or software or any other related product without +express permission.] + +*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END* + diff --git a/7240-8.zip b/7240-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e9d996b --- /dev/null +++ b/7240-8.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..9cd7ca7 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #7240 (https://www.gutenberg.org/ebooks/7240) |
